Project Gutenberg's Die Sternbuben in der Großstadt, by Josephine Siebe

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Title: Die Sternbuben in der Großstadt
       Eine heitere Geschichte

Author: Josephine Siebe

Illustrator: Ernst Kutzer

Release Date: March 28, 2016 [EBook #51582]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STERNBUBEN IN DER GROßSTADT ***




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Die Sternbuben in der Großstadt

Die Sternbuben
in der Großstadt

Eine heitere Geschichte
von
Josephine Siebe

Mit vier farbigen Vollbildern von Ernst Kutzer

Stuttgart
Verlag von Levy & Müller

Nachdruck verboten.
Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten.

Druck: Christliches Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart.


Erstes Kapitel.

Reisepläne auf der Löwengasse.

Im Silbernen Stern zu Breitenwert stand Mina in der großen Küche und — wunderte sich.

Mina, die schon zwanzig Jahre in dem altberühmten Gasthaus diente, war eigentlich nie eine Minute müßig, aber jetzt stand sie am Herd, ließ die Töpfe überkochen und sagte nur immerzu: „Jemine, nein, so etwas, jemine, jemine!“

Käthle, die Zweitmagd, hielt beim Hühnerrupfen inne und sah ihre ältere Genossin verdutzt an. So ein Gewundere war ihr noch nicht vorgekommen. „Sag doch, was ist, was soll das Jeminegerufe?“ fragte sie neugierig.

Da tat Mina einen kellertiefen Seufzer und sprach mit einer Stimme wie eine Brummglocke: „Unsere Bübles sollen nächste Woche verreisen!“

„Waaas?“ Käthle sperrte Augen und Mund weit auf, vergaß das Hühnerrupfen und schüttelte vor Verwunderung den Kopf, als wäre sie ein Apfelbaum, von dem just ein paar Äpfel herunterpurzeln müßten.

„Ja, ja, guck mich nur net an, als wäre ich ein Gespenst!“ rief Mina barsch. „Unsere Bübles verreisen — nach Leipzig.“

Mina seufzte, Käthle seufzte. Mina aus Sorgen, Käthle, weil sie die Sache nicht verstand, auch nicht wußte, wo dies Leipzig lag. Auf dem Monde vielleicht! Wer konnte alle Städte in der Welt kennen. Aber schließlich schwätzte Käthle lieber als zu seufzen; sie ermahnte daher Mina: „Erzähl doch, warum müssen sie verreisen? Ist’s gar eine Strafe?“

„Bewahre, eine Belohnung! Eingeladen sind sie von einer reichen, vornehmen Dame. Mathes ist ihr Patchen. Ach jemine, die kennt doch unsere Bübles net, die weiß net, was das für Stricke sind!“

„Jetzt sind sie doch brav!“ rief Käthle entrüstet.

„Na, na!“ Mina sah gar nicht aus, als glaube sie sehr an der Bübles Bravheit, und das war nicht nett von Mina, denn die ganze Löwengasse, in der der Silberne Stern stand, fand, die Sternbübles, Mathes und Peter Hinz, wären jetzt sehr brav. Früher, na ja, da war es etwas anders gewesen, aber seit einem halben Jahre ließ sich gegen die beiden wahrlich nichts sagen. Und jetzt behaupteten die Buben sogar, sie würden ein gutes Zeugnis aus der Schule heimbringen. Und dann durften sie reisen.

Während Mina seufzte, Käthle fragte und die Töpfe zischten und brodelten, standen die beiden Buben mitten auf der Löwengasse und erzählten ihren Kameraden von der großen Reise.

Es herbstelte schon, aber der Tag war noch warm, und die Sonne schien hell in die Löwengasse hinein. Die gute Dame freute sich einmal wieder an den schönen, alten Häusern und an den jungen, lustigen Kindern, die es in der Löwengasse gab. Sie dachte vielleicht, ich sehe doch in viele, viele Gassen hinein, aber so eine wie die Löwengasse gibt es nicht wieder. Ein bissel krumm und schmal ist sie freilich und manchmal auch etwas schmutzig, aber sie ist und bleibt doch eine liebe Gasse. Wenn ich nicht Madame Sonne wäre, weiß der Himmel, ich möchte drin wohnen! Und weil die Sonne gerade Zeit hatte und mit dem Schlafengehen noch warten wollte, blinkerte sie ein paar Kindern neckend auf den Nasen herum. Das störte die wenig; die hörten den Sternbübles zu und riefen gerade: „Reist ihr wirklich ganz alleine?“

„Freilich, freilich, ganz alleine!“ Es war ein Wunder, daß Mathes und Peter nicht jeder flugs einen Meter größer wurden, so stolz reckten sie sich. Die anderen Kinder, es waren Veit, Steffen, Trinle und Kasperle Grill aus der Linde und Alette Amhag aus der Rose, neben der Gundele Hinz, der Sternbuben lahmes Schwesterchen, stand, sagten alle miteinander, so eine weite Reise, das wäre eine feine Sache.

„Und allein reisen wir!“ schrieen die Sternbuben noch einmal.

„Ich hab’ Angst, ihr kommt net hin,“ rief Trinle Grill. Da seufzte Gundel gleich verzagt und klagte: „Mir ist so bang um die beiden!“

Heisa, da schauten aber Mathes und Peter gekränkt drein! „Wir kommen schon hin,“ schrieen sie entrüstet, „und gleich schreiben wir, wenn wir da sind. Och je, wenn’s doch erst so weit wäre!“

Es standen noch zwei auf der Löwengasse, die auch dem Geschwätz über die Reise zuhörten, es waren dies Herr August Baldan, Provisor in der Lindenapotheke, und der immer freundliche Herr August Häferlein, der sein Lädchen neben dem schönen alten Haus zur Rose hatte. Herr Baldan, der immer etwas grillig war, brummte über das Geschrei der Kinder, und Herr Häferlein lächelte dazu, aber plötzlich taten sie alle beide ihren Mund zugleich auf und fragten: „Sagt mal, Sternbuben, warum reist ihr gerade nach Leipzig?“

„Weil — weil —“ Mathes sah Peter an und Peter sah Mathes an, und dann schrieen sie wie aus einem Munde: „Weil wir da eingeladen sind.“

„Na ja, aber von wem denn?“ brummte Herr Baldan.

„Von unserer Pate!“ Die Buben schrieen es wieder zusammen. Eigentlich war Frau Geheimrat von Ringewald in Leipzig nur die Patin von Mathes, aber das nahmen die Bübles nicht so genau. Und ehe Herr Baldan nur Luft schnappen konnte zu einer neuen Frage, erzählten sie so geschwind, wie ein Hase rennt, von der Frau Pate. Furchtbar reich sei sie und furchtbar vornehm, und mal wäre sie in Breitenwert gewesen und im Silbernen Stern krank geworden. Frau Hinz, die Sternwirtin, hatte sie gut und treulich gepflegt, und weil Mathes gerade ein wunderfitziges kleines Büblein war, hatte sie viel Spaß an ihm gehabt und hatte den Kleinen noch am Tage vor ihrer Abreise aus der Taufe gehoben. Und alle Jahre zu Weihnachten kam eine Kiste mit Spielsachen drin, aber selbst war die Frau Patin nie wieder in Breitenwert erschienen. „Aber jetzt hat sie geschrieben, wir sollen kommen,“ rief Peter, und Mathes fügte stolz hinzu: „Sie möcht’ uns arg gern kennenlernen!“

„Na, die wird sich schön wundern, wenn ihr zwei Löwengäßler ankommt!“ brummte Herr Baldan. Der hatte heute Regenwetterlaune, aber den Sternbuben verdarb er mit seinem Gebrumme nicht ihre purzelvergnügte Sonnenscheinlaune. Die beiden schwätzten so lustig weiter, als säße der grillige Herr Baldan irgendwo auf dem Glasberg im Märchen. Sie zählten die Tage bis zur Abfahrt und berichteten allerlei furchtbar wichtige Dinge; so sagte Mathes: „Wir kriegen neue Hösle.“

„Ja, und neue Hüte und neue Schuhe,“ schrie Peter.

„Alles neu, sogar neue Sacktüchles!“ Dabei fiel es Mathes ein: ein Sacktuch kann man manchmal brauchen; er fuhr in seine Tasche und brachte ein schwärzliches, zusammengeklebtes Lappending zum Vorschein.

„Pfui, aber pfui!“ riefen die drei Mädel entsetzt, und Trinle, die neben Mathes stand, sprang gleich ein paar Schritte weit. Sie rümpfte ihre kleine Nase verächtlich und sagte ganz spitzweis: „Soll das ein neues Tüchle sein?“

„In Leipzig werden sie sich ja recht über die Saubarteles wundern!“ brummte Herr Baldan wieder. Doch diese Rede kränkte Mathes nicht so sehr wie Trinles Verachtung. Er seufzte tief und versenkte sein mißachtetes Taschentuch wieder in die Tiefe seiner Tasche.

Und just da fiel Peter etwas ein, über das er ganz plötzlich in ein unbändiges Lachen ausbrach. Er kreischte vor Vergnügen, tat einen Luftsprung, krümmte sich wie eine Sichel, wollte etwas sagen, schluckte und prustete und brachte vor Lachen doch kein Wort heraus.

Die andern sahen ihn verdutzt an, auch Mathes sah erst verwundert drein, doch auf einmal fiel ihm ein, an was der Bruder denken könnte, und er stürzte auf ihn zu und tuschelte ihm etwas ins Ohr.

„Freilich, freilich!“ Peter nickte und kicherte, prustete und schluckte, hielt sich sein Bäuchlein vor Lachen, und Mathes tat ihm alles nach. An jedem Ende der Löwengasse war das Gelächter der beiden zu hören.

„Sagt’s doch, was habt ihr denn?“ Die andern wurden ungeduldig, sie wollten auch das große, furchtbar wichtige Geheimnis erfahren. Aber die Sternbübles brachten kein ganzes Wort heraus. Die schnappten nach Luft wie ein paar Fischlein, die man auf ein Sofa gesetzt hat, und Herr Baldan tippte mit dem Finger an seine Stirn und sagte ärgerlich: „Übergeschnappt, übergeschnappt. Das kommt von der Reise.“

Da dachten Veit und Steffen Grill, hier hilft nur ein handfester Stoß, um die beiden wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Und sie pufften die beiden von rechts und links, klatschten sie auf die Rücken, und das half wirklich. Mathes gelang es endlich, die große wichtige Neuigkeit zu verraten; er platzte heraus: „Wir sollen — sollen — Handschuhe kriegen!“

Potzwetter ja, die Sternbübles und Handschuhe!

Selbst Herr Baldan rutschte aus seiner Schlechtwetterlaune heraus und in das allergrößte Vergnügen hinein. Er lachte mit seinem Freund August Häferlein um die Wette, und wenn die beiden sich einmal verpusteten, lachten die andern umso lauter.

Die Sternbübles strahlten. Sie kamen sich ungeheuer wichtig vor, und es tat ihnen nur leid, daß sie die Handschuhe noch nicht hatten und sich noch nicht im ungewohnten Staat ihren Kamerädles zeigen konnten. Sie sagten das auch, und da fiel auf einmal Alette Amhag etwas ein, und sie rannte eilfertig in die Rose und kehrte nach zwei Minuten mit einem Kästchen voll Handschuhe zurück. Feine, zarte Lederhandschuhe waren es, die Alette noch zu groß waren, und die, wie sie meinte, Mathes und Peter wohl passen würden. Außer Fäustlingen im Winter bei der allerbittersten Kälte hatten die Sternbübles noch nie Handschuhe besessen, und als sie jetzt die feinen rehbraunen Dinger sahen, erschraken sie ordentlich. Die sollten sie anziehen? Sie sträubten sich heftig, wie Zahnausziehen erschien ihnen das.

„Ihr müßt!“ riefen Alette und Trinle, und Alette, die schon weit in der Welt herumgekommen war, sagte ernsthaft: „In der großen Stadt trägt man eben Handschuhe.“

„Flink hinein,“ schrie Herr Baldan, „wir wollen doch mal sehen, wie aus unsern ruppigen, struppigen Sternbuben ein paar feine Herrles werden!“ Die feinen Herrle stiegen den Buben arg in die Nasen, und jeder streckte flugs seine Hände nach den Handschuhen aus.

Aber wie Mädels nun mal sind, alle drei zugleich riefen sie entrüstet: „Pfui, aber pfui, sind eure Hände schmutzig!“

„Wir haben sie doch gewaschen!“ brummte Mathes gekränkt.

„Wann denn?“

„Na, heut früh!“

O jemine, und jetzt war es Nachmittag!

„Ihr müßt an das Brünnle gehen,“ riet Trinle; „wir helfen!“

Da entschlossen sich die Sternbübles zu dem schweren Werk, aber an den Brunnen brauchten sie nicht zu gehen. Alette nahm sie in die Rose mit hinein, und nach ein paar Minuten kamen sie mit blitzblank gewaschenen Händen wieder heraus, und die Handschuhprobe begann.

Das war ein schweres Werk!

Die Finger der Sternbübles, die so gelenkig für allerlei unnütze Dinge waren, schienen plötzlich steif gefroren zu sein, und die drei Mädels hatten ihre liebe Not, ehe die Handschuhe saßen. Aber schließlich gelang die Sache doch, und mit weit gespreizten Fingern standen Mathes und Peter da; die Handschuhe saßen wunderfein.

„Ich schenke sie euch für die Reise,“ sagte Alette.

„Ich schenke euch auch was,“ schrie Trinle, vom guten Beispiel der Freundin angesteckt. Sie stürzte in die Linde hinein und kam nach wenigen Minuten zurück, und doch meinten die Sternbuben, sie wäre ewiglange geblieben, so erwartungsvoll waren sie. Sie dachten schon, Trinle würde mit einem Reisekorb voll Geschenken ankommen, und sie waren herzlich enttäuscht, als Trinle bei ihrer Rückkehr nur zwei winzige Seidentüchlein in der Hand hielt.

„Das sind Tüchle für Mädles,“ schrieen sämtliche Buben verächtlich, selbst Kasperle, der doch erst ein rechter Dreikäsehoch war, schrie mit.

„Unsinn!“ Trinle faßte Peter geschwind beim obersten Jackenknopf und stopfte dem Buben — eins, zwei, drei — das eine Tüchlein, es war himmelblau, in die Brusttasche. „Herr Häferlein trägt auch immer da ein Tüchle,“ sagte sie, „und dann ist’s fein!“

Alle schauten auf Herrn Häferlein. Wirklich, dem guckte ein seidenes Zipfelchen aus der Brusttasche heraus, und da erklärte Mathes flugs: „Ich will auch ein Tüchle!“ Er bekam auch eins eingesteckt, das war zur Abwechslung rosenrot. Und wie die Buben nun mit den Handschuhen an den weitgespreizten Händen und den seidenen Zipfeln in den Brusttäschchen einherschritten, auf und ab, sehr würdevoll und feierlich, da sagten alle, fein sähen sie aus, arg fein! Aber freilich, fein müßten sie in der großen Stadt einhergehen, sonst machten sie Breitenwert und der Löwengasse Schande.

„Von mir kriegt ihr noch eine Tüte von den großen Zuckerhimbeeren zum Abschied,“ versprach Herr Häferlein.

„Ich schenke euch Schokolade,“ rief Alette, und Gundel nickte dazu und versprach: „Ich auch!“

„Von uns kriegt ihr Malzzucker,“ riefen die Lindenkinder. Den gab nämlich ihr Vater manchmal her, wenn sie ihn recht darum baten.

„Von mir bekommt ihr Bauchwehtröpfles.“ Herr Baldan lachte. „Ihr verderbt euch doch den Magen unterwegs, ich kenne das schon! Kinder tun das immer, zumal wenn sie allein fahren. Da sind Bauchwehtröpfles die beste Reisegabe,“ versicherte er.

Ein Sturm erhob sich.

Die Kinder fanden alle miteinander, das wäre nicht recht von Herrn Baldan, so etwas zu sagen. Und alle erzählten sie von Reisen, die sie schon gemacht hätten, und bei denen sie putzmunter geblieben und ohne Bauchwehtröpfle ans Ziel gekommen waren.

Alette Amhag war weit in der Welt herumgekommen; die Grills waren schon etliche Male zur Großmutter gefahren, zwei Stunden weit, und selbst die Sternbuben hatten schon mal eine halbe Stunde in einem Zug gesessen. Und wie sie das alles mit viel Lärm und Geschrei Herrn Baldan erzählten und der immer entgegnete: „Ja, aber allein seid ihr net gereist,“ da kamen plötzlich zwei die Löwengasse entlang, die gewöhnlich den langsamen Schritt liebten. Doch diesmal rannten sie.

Wer kann auch immer wissen, was einem Esel einfällt! Und Bäckermeisters Esel waren es, die angerannt kamen. Der leere Brotwagen rasselte und rumpelte hinter ihnen her, und am Gassenende tauchte der dicke Bäckermeister Hering auf, der laut schrie: „Halten, halten!“

Wenn was los war, mußten die Sternbübles immer dabei sein. Sie vergaßen Handschuhe und seidene Tüchlein und stellten sich kampfbereit den Eseln entgegen. Aber die hatten nun mal keine Lust, stehen zu bleiben. Nach links flog Mathes, nach rechts Peter, Veit und Steffen leisteten ihnen Gesellschaft, die Mädels kreischten, Herr Häferlein schrie höflich: „Bitte, stehen bleiben!“ Aber Esel sind sonderbar, die hören nicht immer auf höfliche Leute.

Herr Baldan machte es gescheiter. Der schrie nicht, bat nicht, drohte nicht, der stellte sich einfach den Ausreißern entgegen und hielt sie fest. Bums, da standen sie, bis der Bäckermeister kam und sie heimholte.

Auf der Löwengasse gab es ein großes Wehklagen. Die Sternbübles stimmten es an, denn weder den alten Hösles noch den neuen Handschuhen war der Kampf mit den Eseln gut bekommen. Jammernd standen beide da und hielten die Hände weit ausgestreckt; gerade in den Gassenschmutz hatten sie damit gegriffen, hin war alle Pracht.

Doch Alette, die sich besser auf Handschuhe verstand, tröstete, die könnten gereinigt werden, und Gundel versprach: „Ich flick euch die Hösle,“ und Herr Baldan versicherte: „Ihr werdet noch manchmal in den Schmutz fallen, ehe ihr nach Leipzig kommt.“

Die Sternbübles sahen sich an. Nun, so etwas kam freilich öfter vor, und immer war es wieder gut geworden. Warum also weinen?

„So ist’s recht!“ rief Herr Häferlein. „Lacht nur wieder, dann bekommt ihr auch die Zuckerhimbeeren.“

„Und reisen dürft ihr so weit!“ sagte Trinle Grill sehnsüchtig.

Die Reise, o jemine, wenn’s nur erst so weit wäre!

Mathes und Peter vergaßen die Esel, die beschmutzten Handschuhe, die zerrissenen Hösle, alles, und plötzlich stimmten sie, nicht gerade sehr lieblich, ein Lied an, das Gundel ihnen zur Freude und Übung wohl schon zwanzigmal vorgesungen hatte.

„Wir reisen in die weite Welt,

Juchheissassa!

Wir haben einen großen Beutel Geld,

Juchheissassa!

Mit Stock und Hut

Und frohem Mut,

Mit ’nem großen Reisesack

Huckepack

Geht’s in die Welt hinaus,

Juchheissassa!

Haben wir genug, kommen wir wieder nach Haus.

Juchheissassa!“

Zweites Kapitel.
Eine Reise, die keine Reise ist.

Am nächsten Morgen hing den Sternbuben der Himmel voller Geigen. Es bekümmerte sie kein bißchen, daß es draußen regnete, plitsch, platsch, immerzu. Sie merkten auch nichts davon, daß unter den Geigen am Himmel etliche dicke, brummige Baßgeigen waren, bereit, ihnen mit Gebrumme und Gesumme auf den Kopf zu fallen. Beim Aufstehen schwätzten sie, als müßten sie an diesem Tage eine Million Wörter und etliche darüber verbrauchen, und sie merkten gar nicht Minas Jammermiene, als die in das Zimmer trat. Gleich ein Dutzend Fragen auf einmal purzelten Mina entgegen, doch die gab darauf keine Antwort, sondern sagte knurrig: „Seid still, schreit net so, Gundele ist krank. Der Hals tut ihr weh, das kommt von dem dummen Herumgestehe auf dem Gäßle.“

Plumps! da lag die erste Brummgeige am Boden.

Gundele krank! Ja, das ging doch gar nicht an! Die Buben mußten doch auf dem Schulweg mit der sanften Schwester von der Reise reden; dies war doch das Allerwichtigste auf der ganzen Welt!

Just in diesem Augenblick krabbelte dem Peter ein Nieser ins Näslein, und er nieste laut und vernehmlich: haizih! „Ich bin auch krank, ich muß zu Hause bleiben!“ schrie er.

„Haizih, haizih!“ antwortete Mathes. Bei dem klangen die Nieser etwas sonderbar, aber er schrie doch gewaltig: „Ich bin auch krank, ich kann net in die Schule gehen.“

„Wir unterhalten Gundele!“ schlug Peter vor.

Aber so ein paar Nieser machten auf Mina keinen Eindruck. Die sagte kaltblütig: „Wer krank ist, muß ins Bett und Süpple essen, nur Süpple. Na, und mit der Reise wird es dann wohl nichts werden.“

Haizih! Peter nieste vor Schreck gleich noch einmal, aber er rief doch sehr flink: „Ich bin net krank, pah, ein Schnüpfle ist net schlimm!“

„Na denn marsch in die Schule! Gundele laßt ihr jetzt in Ruh, die soll noch schlafen!“

Die Buben seufzten schwer, aber sie wagten kein Widerwort, denn mit Mina war schlecht verhandeln an diesem Morgen. Dies merkten sie schon. Ein paar Minuten später trabten sie der Schule zu, und sie hielten dabei Ausschau nach den Kameraden. Auch nach Herrn Häferleins Laden schielten sie hinüber, vielleicht stand der freundliche Kaufmann an der Türe und war zu einem Schwätzlein bereit. Doch niemand ließ sich blicken. Nicht einmal Bäckers Esel ging heute auf der Gasse spazieren, es sah auch niemand zu einem Fenster heraus. Weil nun die Sternbuben nicht mit jemand anderm von ihrer Reise reden konnten, redeten sie mitsammen. Sie taten dies so eifrig, als hätten sie sich tausend und einen Tag nicht gesehen, und darüber vergaßen sie ihren Schulweg.

Bumbum! hub da plötzlich die große Uhr der Marktkirche zu schlagen an. Lieber Himmel, schon so spät! Der Schreck fuhr den Sternbuben gewaltig in die Beine, sie begannen zu rennen und rasten mit gesenkten Köpfen vorwärts, weil sie meinten, es ginge so schneller. Auf einmal stießen sie aber dabei auf ein unerwartetes Hindernis. Jemand stellte sich ihnen entgegen, breitete die Arme aus und sagte gemütlich: „Euch laß ich net vorbei, ihr rennt sonst noch das Kirchtürmle um.“

Die Butterfrau Greinle, die allwöchentlich die Butter in den Silbernen Stern brachte, war es, die die Buben aufhielt. Sie wollte ein Späßle machen und dachte nicht an die Schule. Und weil Frau Greinle ein bißchen schwerhörig war, verstand sie auch nicht gleich, was Mathes und Peter ihr zuriefen. Die große, dicke Frau hielt die zappelnden Büblein fest und sagte neckend: „Euch nehm ich mit, euch kann ich gut zur Kartoffelernte brauchen.“

„Schule!“ schrie Mathes, und Peter kreischte: „Wir müssen rein, wir müssen rein!“

„Lieber Himmel, Frau Greinle, was machen Sie denn da!“ klang’s von der Schultreppe her. „Lassen Sie doch die Buben los, es hat ja schon angefangen!“ Der Schuldiener Hupp rief das sehr laut, und diesmal verstand es Frau Greinle, und sie gab erschrocken die Buben frei, die heulend die Treppe emporhasteten. Oben blieben sie aber stehen und klagten: „Jetzt kriegen wir ’n Strichle, huhuuuh!“

Schuldiener Hupp, der viel zu gut zu allen unnützen Buben und Mädeln war, tröstete die beiden Schelme. „Ich sag’s eurem Lehrer, nun geht nur!“

„Ich werd’s sagen!“ Trapp, trapp, kam die große, dicke Butterfrau die Treppe empor, und da rannten die Buben erschrocken hinein, denn der Gedanke, von Frau Greinle begleitet in die Klasse zu treten, war ihnen sehr unangenehm. Sie ahnten schon, sie würden ausgelacht werden, und sie wurden wirklich ausgelacht. Ihren Kameraden erschien die Geschichte sehr spaßhaft, selbst der Lehrer lächelte ein wenig, er meinte aber doch: „Etwas spät scheint ihr aber doch gekommen zu sein.“

Mathes und Peter sahen sich an, eigentlich war’s doch gut gewesen, daß Frau Greinle sie aufgehalten hatte, denn nun kamen sie ohne Strich oder Nachsitzen über das Zuspätkommen hinweg.

Aber ach, von den dicken Brummgeigen am Himmel purzelten an diesem Tage doch noch etliche auf der Sternbuben Köpfe. Sie hatten über der Reise vergessen, ihre Ranzen richtig zu packen, das Lesebuch fehlte, und Peters Schreibheft war nicht zu finden, auch hatten beide ein falsches Gedicht gelernt, und dies konnten sie noch nicht einmal, und in der Geographiestunde warfen sie beide die Länder, Meere, Städte und Flüsse durcheinander wie Nüsse in einem Säcklein. Lobstriche gab es darum nicht an diesem Tage, und Mathes und Peter rutschten gerade noch so knapp am Nachbleiben vorbei, und sie zogen nach der Schule recht bedrückt heim.

Der Regen hatte nachgelassen, aber Gundel lag immer noch im Bett. Sie war zwar nicht sehr krank, aber die Mutter gebot doch: „Ihr Buben bleibt draußen, Gundel muß Ruhe haben.“

Dies war sehr betrüblich, denn die Buben hätten himmelgern mit der Schwester geschwätzt und hätten mit ihr Reisepläne geschmiedet, auch machten ihnen die Schularbeiten wenig Spaß ohne Gundels Hilfe. Sie wollten schon das Arbeiten vergessen, als ihnen noch zur rechten Zeit einfiel, nur wenn sie bis zuletzt fleißig waren, durften sie reisen. Darum setzten sie sich gleich nach dem Mittagessen hin und arbeiteten ganz brav und emsig. Mina, die es sah, sagte zu Käthle: „Wirklich, unsere Buben sind jetzt arg fleißig, an solchen Tagen haben sie sonst immer ein Dummheitle gemacht, und heute hört man sie kaum.“

An Dummheiten dachten die Sternbuben auch wirklich nicht; wenn sie mal ihre Nasen von den Büchern aufhoben, lachten sie sich an, und Mathes wußte, Peter denkt an die Reise, und Peter wußte dies ebenso von Mathes. Und kaum waren sie fertig, da redeten sie auch von der Reise. Und da jemand, der reisen will, einen Koffer haben muß, dachten die Buben auch an den Koffer. Sie hätten gern einen gehabt, der funkelnagelneu und blitzeblank gewesen wäre, doch ihre Mutter meinte, zwei Büble wie sie brauchten keinen neuen Koffer, oben auf dem Boden würde schon noch ein Köfferlein stehen, das gut genug für sie wäre.

Mina solle den Koffer herunterholen, verlangten die Buben. Doch Mina hatte keine Zeit, auch sagte sie: „Das hat noch gute Wege; ehe ihr reist, rinnt noch viel Wasser vom Berge, und der Koffer kann noch ein paar Tage auf dem Boden bleiben.“

Mina, die nie reiste, wußte eben nicht, was Reiseungeduld ist. Sie sah ihre Gurken an, die sie einlegen wollte, und ließ die Buben stehen. Doch die dachten, pah, ein Köfferle können wir uns allein vom Boden holen! Und weil gerade niemand auf das Schlüsselbrett achtete, an dem alle die großen, dicken Schlüssel des Hauses hingen, nahm Mathes flugs das rechte Bund, und beide erstiegen tatenlustig die Bodentreppe.

Das Sternenhaus war weitläufig gebaut. Es hatte viele Zimmer, Ecken und Winkel, und neben dem riesengroßen Wäscheboden gab es noch allerlei geheimnisvolle Kammern, in denen die Kinder gern etwas herumkramten. Urväterhausrat war da aufgehoben, Wertvolles und Wertloses stand da untereinander, und Staub gab es auch genug. Der focht die Buben nicht weiter an, sie stülpten alles durcheinander, guckten in alle Schränke und Kästen hinein und entdeckten endlich ein braunes Köfferlein und eine große, buntgestickte Reisetasche. Beides gefiel ihnen ungemein; namentlich die Tasche, auf der ein Haus, eine Kuh, Bäume und Rosen gestickt waren, fanden sie sehr schön, und sie beschlossen, Köfferlein und Tasche zu wählen. Es sah sie aber auch niemand ein Weilchen später mit Köfferlein und Tasche das Haus verlassen und das Löwengäßle entlang streichen.

Der Regen hatte aufgehört, der Himmel war wieder hell geworden, und in der Löwengasse tat sich eine Tür nach der andern auf, und große und kleine Leute spazierten aus den Häusern heraus. Mathes und Peter fanden bald ihre Kameraden. Alette Amhag und Trinle Grill kamen zuerst; die wollten Gundel besuchen und waren sehr betrübt zu hören, dies sei verboten. Sie lachten beide sehr über der Sternbuben Reisegepäck; das Köfferlein fanden sie schäbig, die Tasche altmodisch. Auch Veit und Steffen Grill, die sich bald dazu gesellten, lachten und sagten, schön wären Tasche und Koffer freilich nicht, aber sie reisten lieber damit als gar nicht.

„Sternbuben, wo soll’s denn hingehen?“ Vor den Kindern blieb ein kleines, schmales Frauchen stehen. Es war die Schwester vom Bäckermeister Hering, in der ganzen Nachbarschaft wurde sie das Bäckerfräulein genannt. Alle Kinder liebten sie sehr, und alle Kinder neckten sie, weil das Bäckerfräulein auf jeden Spaß hereinfiel und dann selbst so herzhaft darüber lachen konnte.

„Nach Leipzig fahren wir,“ schrien die Sternbuben stolz.

„Jemine, jetzt gleich?“

„Ja freilich, jetzt gleich!“

„In einer halben Stunde geht der Zug!“ rief Veit.

„Jemine, da müßt ihr euch aber eilen!“

Die Kinder lachten, und das Bäckerfräulein regte sich auf. Es gehörte nämlich zu den Menschen, die immer Angst haben, sie könnten zu spät auf die Bahn kommen. „Geht nur, geht, eilt euch! Jemine, und so allein sollt ihr fahren?“ Das Bäckerfräulein sah so ängstlich drein, daß den Kindern ihre Neckerei leid zu werden begann. Aber dann war es doch wieder sehr lustig, so auf der Löwengasse einen herzbewegenden Abschied zu nehmen, mit dem heimlichen Gedanken, wir gehen nachher in den Laden und erzählen alles.

„Sputet euch nur, sputet euch nur!“

Die Kinder rannten wirklich die Löwengasse hinab, und das Bäckerfräulein winkte und nickte ihnen noch zu, wünschte glückliche Reise, eine gute Heimkehr, und dabei wuchs der Sternbuben Reiselust noch mehr. „Wir wollen auf den Bahnhof gehen,“ riefen sie.

„Ha, fein!“ Die andern Kinder waren damit einverstanden, und alle sechs marschierten nun miteinander nach dem kleinen Bahnhof. Das war ein Spaß! Sie wurden unterwegs ein paarmal gefragt, wohin die Reise gehen sollte, und jedesmal antworteten Mathes und Peter keck: „Wir reisen nach Leipzig, jetzt gleich!“

Breitenwert hatte nur einen kleinen Bahnhof. Viele Züge hielten da nicht, und die großen Schnellzüge fuhren immer sehr hochmütig an dem Städtchen vorbei, und nur die Bummelzüge ruhten sich behaglich ein Weilchen aus, ehe sie weiterdampften. Und just als die sechs Löwengäßler auf dem Bahnhof anlangten, stand so ein gemächliches Zügle da, und seine Lokomotive pustete, als wollte sie sagen: „Kommt mit, liebe Leute, kommt, kommt!“

O die Glücklichen, die dem Ruf folgen konnten! Sehnsüchtig sahen die Kinder auf den Bahnsteig hinaus, sie wären gern alle miteinander in den Zug gestiegen, nur mal hinein und wieder hinaus!

„Macht doch, daß ihr hier wegkommt!“ brummte der Beamte an der Sperre. „Kinder haben hier nichts zu suchen.“

Oho, wenn man in sieben Tagen nach Leipzig reisen will, da kann man sich den Bahnhof doch genau ansehen! Die Sternbuben sahen aus wie der leibhaftige Widerspruch, und Peter krabbelte in seiner Hosentasche herum, vielleicht fand sich doch ein Gröschle, um eine Bahnsteigkarte zu lösen. Doch das Gröschle — es war längst ausgegeben — fand sich nicht, auch die Grills hatten kein Geld, und sie brummten auch: „Mal so raus könnte uns der Schaffner doch lassen!“

Alette Amhag sah die Sehnsucht ihrer Freunde, und sie konnte helfen. Sie hatte von ihrem Vater Geld bekommen, um ihrer Puppe ein neues Kleid zu kaufen. Doch Puppen müssen nicht so eitel sein und immer neue Kleider haben wollen, dachte sie und zog ihr Geldbeutelchen heraus. Vier Groschen waren drin und eine blanke Mark, vier Groschen — damit kamen vier Buben auf den Bahnsteig. Sie flüsterte Trinle ihren Plan zu, und obgleich Trinle auch gern hinausgegangen wäre, sagte sie doch: „Ja, die Buben sollen gehen.“

Und ein paar Augenblicke später marschierten vier Buben stolz durch die Sperre an dem erstaunten Beamten vorbei. Mathes und Veit trugen den Koffer, Peter die bunte Tasche, und Steffen sagte hochmütig: „Ich werde Plätze suchen.“

Sie kletterten auch wirklich alle vier in ein Abteil zweiter Klasse hinein, klapp! flog die Türe zu, und Trinle und Alette bekamen Grüße zugewinkt. Sie nickten wieder und riefen: „Gute Reise!“ bis sie sahen, wie der Schaffner am Zuge entlang lief und die Türen schloß. Da erschraken sie. „Kommt raus, kommt raus!“ schrieen sie laut.

Doch die Buben hatten auch gemerkt, es geht fort, und sie wollten eiligst aussteigen. Steffen suchte die Türe zu öffnen, es ging nicht. Veit versuchte sein Heil, Mathes half, Peter half, pffpffpff, tat da die Lokomotive und — fort ging der Zug.

Die beiden Mädels schrieen verzweifelt: „Sie fahren weg, sie fahren weg!“

„Brüllt doch net so!“ rief der Mann an der Sperre unwirsch.

„Was fehlt euch denn?“ fragte der Bahnvorsteher milder.

Da erzählten Alette und Trinle, und der Beamte runzelte die Stirn und sagte, die Buben müßten Strafe zahlen, viel.

„Aber sie sind doch gar nicht da!“ jammerte Alette.

„In Himmelsberg hält der Zug schon, bis dahin ist’s ein halbes Stündle, da werden sie schon wiederkommen! Aber nachher müssen sie zahlen, sonst werden sie eingesperrt.“

Das war ein schlechter Trost.

„Aber wenn sie nun immer weiter fahren?“ rief Trinle weinend.

„Dürfen sie gar nicht. In Himmelsberg werden sie aus dem Zug geholt; ich bestelle das gleich mit dem Fernsprecher! Und nun geht heim, Kinder haben auf ’nem Bahnhof nichts zu tun. Den Buben ist Strafe gesund.“

Die Mädel seufzten und weinten, weinten und seufzten, das Heimgehen ohne die Buben machte ihnen wenig Spaß. Sie beschrieben allerlei Umwege und gingen um die Löwengasse herum wie die Katzen um einen heißen Hirsebrei, sie fürchteten die Frage: Wo sind die Buben?

Diese fuhren unterdessen ein Stücklein in das Land hinein, ohne gerade viel Vergnügen von der Fahrt zu haben. Daß der Zug in Himmelsberg hielt, wußten Veit und Steffen wohl, aber wie sollten sie dort ohne Fahrkarten vom Bahnhof herunterkommen? Und Geld hatten sie alle vier nicht, um die Fahrkarten zu bezahlen, darum ahnten sie alle vier, es würde bös werden.

Es wurde auch bös. In Himmelsberg öffnete der Herr Bahnvorsteher den vieren selbst das Abteil, er ließ ein kräftiges Donnerwetter auf die vier Schelme niedersausen, und dann verlangte er Geld, viel Geld. Die vier dachten an ihre schlecht gefütterten Spartöpflein, o weh, wenn sie die bis auf den Grund leerten, so viel war nicht drin!

Was war da zu tun?

„Geht einstweilen hinaus, nachher reden wir noch zusammen.“ Des Herrn Bahnvorstehers Stimme grollte, er sah bitterböse aus, dabei war aber doch so ein heimliches Blinken in seinen Augen, daß Steffen, der es sah, ein wenig Hoffnung schöpfte. Er ging aber auch neben den andern wie ein begossenes Pudelchen durch die Sperre, trapp, trapp, und dann waren sie draußen, niemand sah nach ihnen, niemand fragte sie.

Ein Weilchen standen die vier beisammen, bis sie begriffen, daß, wenn sie jetzt recht liefen, sie in einer halben Stunde in Breitenwert sein konnten. Würde man sie nicht zurückhalten?

Kein Mensch ließ sich blicken. Der Zug fuhr fort, und da machten es die vier ihm nach, sie rannten auch fort. Fünf Minuten lang rannten sie und redeten kein Wörtchen, bis endlich Peter den Mund auftat und rief: „Ich hab’ das Täschle liegen lassen!“

Die schöne, buntgestickte Tasche fuhr mit dem Zug in die weite Welt. —

Alette Amhag und Trinle Grill bogen gerade beim Obermarkt in die Löwengasse ein, als vom Untermarkt her die vier Buben angerast kamen. Heil und unversehrt, nur etwas niedergeschlagen wegen der verlorenen Tasche.

„Und der Koffer, wo ist denn der?“ fragte Trinle emsig.

„Veit hat ihn!“

„Nein, du hast ihn, Mathes!“

„Ich net!“

„Ich auch net!“

Ja, wo war er? Auf dem Bahnhof in Himmelsberg hatten die Buben das Köfferle noch gehabt, später auch noch, als sie sich ausgeruht hatten, aber dann war Mathes davongelaufen und Peter davongelaufen, und weil der Koffer keine Beine hatte, war er stehengeblieben.

Tasche weg, Koffer weg, was würde die Mutter dazu sagen!

„Ihr dürft vielleicht net reisen!“ Trinle sah äußerst bekümmert drein, Alette weinte ein bißchen vor Mitleid, die Buben stöhnten, und der Abschied von der Löwengasse fiel nicht so vergnügt aus wie die Begrüßung. Die Sternbübles ließen die Nasen hängen, als sie den Silbernen Stern betraten, und Mathes tuschelte Peter zu: „Wir sagen’s morgen Gundele, und vielleicht sagt’s Gundele der Mutter und vielleicht —“

„Wer hat denn heute den Bodenschlüssel gehabt?“ Die Frage dröhnte den beiden entgegen wie ein Kanonenschuß. Mina stand im Hausflur und sah sehr grimmig drein. „Na, raus mit der Sprache, wer ist auf dem Boden gewesen?“

Nun kam alles heraus.

„Die dürfen net reisen!“ rief Mina entrüstet. „Das schöne, bunte Täschle haben sie verschleppt und ’s Köfferle von ihrem Großvater dazu. Die müssen daheimbleiben.“

Ganz so streng sprach die Mutter nicht, aber sie redete auch von Zuhausebleiben, wenn die Buben in den nächsten Tagen noch ein Dummheitle machten.

„Dann müssen die gerade alle sieben Tage im Bett bleiben,“ schalt Mina. „Frau Hinz, lassen sie die net reisen, die stellen ganz Leipzig auf den Kopf, zwei solche Unnützle, wie die sind.“

Mathes und Peter gelobten wieder einmal der Mutter reumütig, sie würden schrecklich brav sein, und kein Bube legte sich in Breitenwert an diesem Abend mit besseren Vorsätzen in das Bett, als es Mathes und Peter Hinz taten. Lobstriche wollten sie noch in der Schule bekommen, sich nicht einmal mehr die Hösle zerreißen, ganz wunderbar sollte es werden. Und dann schliefen sie ein und träumten seltsame Dinge: dem Peter fuhr eine Lokomotive ins Bett hinein, und das Bäckerfräulein war Lokomotivführer, und Mathes saß mit der bunten Reisetasche irgendwo mutterseelenallein in der Welt, und er schrie vor Angst laut nach der Mutter. Er schrie und schrie, bis er der Mutter Stimme hörte, die beruhigend an sein Ohr klang: „Buben, aufstehen, es ist Zeit!“

Hurra, wieder eine Nacht vorbei!

„In sechs Tagen reisen wir!“ schrieen die Buben.

„Wenn ihr brav seid und keine Dummheitles macht,“ sagte Mina von der Türe her.

„Pah, wir sind nie —“

Mehr sagten die Buben nicht, sie steckten die Köpfe in die Waschschüsseln; Mina machte so ein sonderbares Gesicht, das war recht unbehaglich.

„In sechs Tagen reisen wir!“ Die Buben riefen es Gundele zu, der es wieder besser ging. „In sechs Tagen!“

„Wenn — wenn ...!“ echote da Mina wieder.

Drittes Kapitel.
Die Ankunft.

Es war sechs Tage später. Auf einem der vielen Bahnsteige des großen Leipziger Bahnhofes schritten zwei Damen auf und ab. Die ältere der beiden, die Frau Geheimrätin von Ringewald, sah sehr blaß und traurig aus, und ihre Tochter Eva bemühte sich, sie durch allerlei lustige Worte zu erheitern. „Paß auf, Mutter,“ sagte sie, „die beiden Buben werden uns viel Spaß machen.“

„Ich weiß nicht recht, Eva,“ antwortete die Geheimrätin, „ob es nicht eine Torheit war, die Buben einzuladen. Was sollen wir mit ihnen anfangen?“

„O, ich spiele mit ihnen und zeige ihnen unsere Stadt,“ rief Eva vergnügt, und ihr liebliches Gesicht strahlte wie ein junger Frühlingsmorgen. „In das Museum führe ich sie, in den zoologischen Garten, überall hin, ich freue mich schon darauf!“

Die Geheimrätin lächelte wehmütig. Sie wußte genau, daß sich ihre Tochter nur auf den Besuch freute, weil sie ihr damit eine Zerstreuung zu schaffen gedachte. „Mein gutes Kind, du,“ flüsterte sie leise, „wenn ich dich nicht hätte!“

Die schöne Eva von Ringewald unterdrückte einen tiefen Seufzer. Der galt dem großen Leid, das der Mutter und ihr Leben trübte, und sie sagte tapfer, sich zum Fröhlichsein zwingend: „Jetzt werden sie gleich kommen, in einer Minute werden sie da sein; wir wollen sie schon heiter empfangen, gelt, mein Goldmuttel?“

Die Geheimrätin konnte nicht mehr antworten, denn der Zug, der die Sternbübles nach Leipzig bringen sollte, fuhr just ein. Mit Puffpaff und lautem Gepfeife lief er in den Bahnhof ein. Die Türen wurden aufgerissen, Menschen stiegen aus, da und dort ertönten frohe Willkommrufe, Gepäckträger wurden herangewinkt, und ein paar Minuten war der Bahnsteig von lautem Getöse erfüllt. Doch alle hasteten, so schnell sie konnten, dem Ausgang zu. Der Bahnsteig leerte sich, und nach ein paar Minuten stand die Geheimrätin mit ihrer Tochter nur noch allein am Zug, dessen Türen ein paar Schaffner schlossen.

„Sie sind nicht gekommen,“ rief Eva traurig.

„Aber ihre Mutter hat doch heute gedrahtet, sie wären abgefahren.“ Frau von Ringewald sah sehr besorgt drein. „Wenn ihnen nur nichts zugestoßen ist!“ sagte sie ängstlich.

„Vielleicht sind sie irgendwo sitzengeblieben.“ Eva lief noch einmal den Zug entlang, und in diesem Augenblick rief ein Schaffner in ein Abteil hinein: „Hallo, hallo! Was macht denn ihr da drinnen?“

Neugierig blickte Eva in das Abteil und sah darinnen auf den Bänken zwei Büblein liegen, die so fest schliefen, als lägen sie um Mitternacht in ihren Betten.

„Das sind sie,“ rief Eva, „ganz sicher, das sind sie!“

Der Schaffner grinste. „Wollen Sie die abholen, Freileinchen?“

„Ja,“ antwortete Eva, „die Beschreibung paßt.“ Und sie rief laut die Namen: „Mathes, Peter, wacht auf!“

„Rrrrrr“ schnarchte der eine, „pff, pff“ schnaufte der andere.

Der Schaffner lachte. „Na, die haben einen gesegneten Schlaf,“ meinte er, „die muß man anders wecken!“

Und geschwinde kletterte er in das Abteil hinein und hob eins, zwei die Buben von den Bänken und stellte sie hin. „Aufwachen!“ schrie er.

Da rissen die Sternbübles, denn sie waren es wirklich, ihre Augen so weit auf, so weit es ging. Weil ihnen die Umgebung aber gar zu fremd vorkam, dachten sie, sie träumten noch, und fanden, ausgeschlafen hätten sie noch nicht, und, pardauz, lag der Peter rechts auf der Bank und Mathes links auf der Bank und rrrrrr, pff, pff schnarchten und pusteten alle beide weiter.

Ein zweiter Schaffner und ein Gepäckträger waren inzwischen herbeigekommen, auch die Geheimrätin stand vor dem Abteil, und alle miteinander lachten über die verschlafenen Büblein.

„Die können’s!“ sagte der zweite Schaffner, und flugs kletterte er auch in den Wagen, er packte Peter, sein Kamerad packte Mathes, und beide trugen die Buben auf den Bahnsteig, und dort setzten sie sie so fest auf den Boden, daß die Sternbübles nun wirklich munter wurden.

Sie gähnten, sahen sich an, sahen sich um, und weil ihnen die ganze Sache etwas sonderbar vorkam, brachen sie in ein lautes Geschrei aus. Das Brüllen nun verstanden die Sternbübles ausgezeichnet. Daheim in Breitenwert, in der Löwengasse, sagten die Leute nicht: „Der brüllt wie ein Ochse,“ sondern: „Der brüllt wie die Sternbübles,“ wenn jemand zu arg schrie.

Und wenn die beiden schrieen, dann sah Mathes den Peter an und Peter sah den Mathes an, und bei allem Schmerz und Kummer dachten sie meist: Ich kann’s noch lauter.

So ein mörderliches Geschrei war man aber auf dem Bahnhof von Leipzig nicht gewöhnt. Ein paar Beamte liefen noch herbei, der Zeitungsmann, einer, der Früchte und Keks verkaufte, alle kamen sie, und alle fragten sie: „Was ist los, was fehlt den beiden?“

Eva versuchte die Buben zu trösten. „Seid doch ruhig!“ bat sie. „Ihr seid ja am rechten Ort. Kommt, wir fahren jetzt mit einem Wagen zu uns!“

Doch Eva konnte viel reden, die beiden brüllten weiter.

„Mit denen muß man deutsch reden,“ brummte der erste Schaffner. Und plötzlich brüllte er die beiden mit einer wahren Donnerstimme an: „Himmeldonnerwetter, still sollt ihr sein, sonst stecke ich euch in die Lokomotive!“

Schwapp! tat Mathes seinen Mund zu, schwapp! tat ihn Peter zu, und still waren sie beide.

„Endlich!“ sagte Eva, und ihre Mutter seufzte tief. Wie soll das mit den beiden werden! dachte sie bekümmert. Wären die nur erst wieder da, wo sie hergekommen sind!

Vorläufig schienen die Sternbübles aber gar nicht an die Rückreise zu denken. Nun sie den ersten Schreck überwunden hatten, wurden sie ganz zutraulich, und treuherzig sagten sie zu allen, die sie umstanden, guten Tag und streckten ihnen ihre Hände hin. An denen klebte viel Kohlenstaub und Reiseschmutz, und Eva von Ringewald erschrak etwas. Fein säuberlich sahen die Sternbübles eigentlich nicht aus, denn auch die Gesichter waren so schwärzlich, als hätten die Buben schon in der Lokomotive gesteckt.

„Na, nun kommt nur!“ sagte die Geheimrätin bedrückt. Ihre Freude über den Besuch war nicht sehr groß. Trotzdem nahm sie freundlich Mathes an der Hand, Eva führte Peter, ein Träger trug das Köfferlein der beiden, und so gelangten sie alle an die Sperre.

„Eure Fahrkarten,“ mahnte Eva, „die müßt ihr hier abgeben.“

Daheim hatte die Sternwirtin ihren Bübles sehr dringlich eingeschärft, die Karten zu hüten und sie ja und ja nicht zu verlieren. Da hatten die beiden, weil zweimal Schaffner so neugierig gewesen waren, ihre Karten zu verlangen, diese zuletzt sehr gut versteckt, und sie erklärten jetzt beide wie aus einem Munde: „Die Fahrkärtle können wir net zeigen.“

„Aber ihr müßt sie doch abgeben!“ rief Eva.

„Nur heraus damit!“ sagte der Beamte an der Sperre. „Schnell, schnell, ich mache hier gleich zu!“

„Die Fahrkärtle wollen wir behalten,“ behaupteten die Buben ganz unverzagt.

„Nein, die müßt ihr abgeben, sonst — sonst —“

„Kommt ihr in die Lokomotive,“ half der Schaffner Eva, die nicht wußte, was sie den Buben androhen sollte.

Das half wieder. Plautz setzten sich Mathes und Peter auf den Boden nieder, und schripp schrapp zogen sie beide ihre Schuhe aus, und da waren die Fahrkarten. Etwas zerbeult freilich, und der Beamte schüttelte ein wenig den Kopf, aber dann sagte er doch lachend: „Na, euch merkt man’s an, daß ihr noch nicht viel gereist seid!“

„Viel Vergnügen in der großen Stadt!“ rief ihnen der Zeitungsmann noch spöttisch nach. Und eilends drehten sich die beiden um und sagten so fröhlich und freundlich: „Danke schön!“ daß Frau von Ringewald dachte, sie sind doch lieb, die Buben; na, und der Schmutz geht ja ab!

Mathes und Peter hatten an diesem Tag schon viel erlebt, und sie waren vor lauter Sehen und Sichwundern so müde geworden, daß sie zuletzt eingeschlafen waren. Hier in Leipzig aber wurden sie wieder putzmunter.

Tausendnochmal, was gab es alles zu sehen!

Die Sternbübles hatten in ihrem Leben noch nie eine elektrische Bahn gesehen, denn so etwas gab es in Breitenwert noch nicht, nun sahen sie gleich recht viele auf einmal.

Und so groß waren die Häuser, so viele Menschen gab es, und die rannten alle so eilig einher, wie es die Breitenwerter nur taten, wenn es irgendwo brannte oder sonst etwas los war.

Die Bübles drehten sich wie Windmühlenflügel, sie schauten nach rechts, nach links, blieben stehen, wurden geschubst und gestoßen, und Eva und ihre Mutter atmeten auf, als sie die beiden endlich in einer Droschke drin hatten. O je, das war eine mühsame Sache, mit den beiden vorwärts zu kommen!

Das Gepäck wurde aufgeladen, der Kutscher rief hüh, und im rechten Zotteltrab, wie das die Leipziger Droschken so tun, ging die Fahrt los. Durch viele Straßen rollte der Wagen, und die Augen der Sternbübles wurden immer größer, immer ängstlicher schauten die beiden drein, und als der Kutscher endlich vor einem hohen, stattlichen Hause hielt und Eva sagte: „Hier wohnen wir,“ da ergriff die beiden eine unbeschreibliche Sehnsucht nach der Löwengasse, und Mathes rief jammernd: „Ich möcht’ heim!“

„Ich auch,“ schrie Peter nicht minder ängstlich.

Eva von Ringewald dachte erschrocken an das Gebrüll auf dem Bahnhof, und sie sagte rasch: „Erst müßt ihr doch etwas essen, ihr seid doch gewiß hungrig. Steigt nur aus, drinnen gibt es Schokolade!“

Das war ein Wort!

Die Sternbübles merkten gleich, hungrig waren sie wirklich, und darüber vergaßen sie ihr Heimweh und kletterten nun ganz vergnügt aus dem Wagen.

Aus dem Hause kam ein älteres Mädchen in schwarzem Kleid mit weißer Schürze und weißem Häubchen. Es war die Köchin Hulda. Die sah Mathes und Peter an, als traute sie ihnen nicht recht, und als die beiden über die Schwelle stolperten, brummte Hulda: „Na, die sehen aus, als machten sie lieber zehn Dummheiten als eine.“

„Aber Hulda!“ sagte Eva von Ringewald vorwurfsvoll. „Die Buben sind so nett und bescheiden und nur ein bißchen schüchtern; die werden sicher nicht viel Mühe machen.“

„Naaa!“ Hulda sagte nichts weiter. Sie half Frau von Ringewald beim Aussteigen, nahm das Gepäck und folgte den andern in das Haus hinein.

Ringewalds bewohnten das Erdgeschoß, das sehr groß und geräumig war, und zu dem auch ein mäßig großer Garten gehörte, der auf der Rückseite des Hauses lag. Den Sternbübles aber, die an ihr geräumiges Heimathaus gewöhnt waren, erschien der Flur, in dem sie ihre Sachen ablegen mußten, recht klein und nicht sehr prächtig; Verstecken spielen ließ sich schwer darin.

„Erst mal waschen!“ sagte da Hulda, denn die mochte schmutzige Hände gar nicht leiden. Sie schob die Buben rasch in ein Zimmer, in dem alles schneeweiß und blitzsauber war. Zwei Betten standen darin und zwei Waschtische, und das allerschönste war ein weißes Schränkchen, hinter dessen Scheiben allerlei Spielzeug bunt hervorschimmerte.

„Das ist für euch, wenn ihr recht artig seid,“ erklärte Hulda, als sie sah, wie verlangend die Bübles nach dem Schränkchen schielten. „Aber erst wird gewaschen.“

Nun waren die Sternbübles gar nicht gegen eine tüchtige Wasserplantscherei eingenommen; warum sie sich aber gerade am hellichten Tage waschen sollten, während ihnen ein Schrank mit allerlei wundersamen Spielsachen vor der Nase stand, das begriffen sie nicht. Kaum also hatte Hulda das Zimmer verlassen, da witschten sie zum Schrank hin, um dessen Herrlichkeiten zu bewundern. Leider war der Schrank verschlossen, und Mathes und Peter konnten nichts weiter tun, als ihre Nasen an die Scheiben pressen und alles von außen ansehen.

Sie sahen ein paar geheimnisvolle bunte Kisten, einige kleine Wagen und Pferde, und just überlegten sie, was sie damit spielen wollten, als Hulda wieder in das Zimmer trat. „Jemine,“ schrie die, „ihr seht ja immer noch wie ein paar Feuerrüpel aus, und, ach du meine Güte, den Schrank habt ihr ja ganz beschmiert! Ich dacht’ es mir gleich, mit euch beiden kommt nur Ärger ins Haus.“

Ehe Mathes und Peter noch recht begriffen wie und was, hatte sie Hulda gepackt und zog sie nicht sehr sanft zum Waschtisch. „Jacken aus,“ befahl sie grob, und dann strählte und striegelte sie an den Buben herum, daß denen wirklich Hören und Sehen verging. Da war Mina daheim im Silbernen Stern doch freundlicher, wenn die auch mal schalt, so grob faßte sie nicht zu. Die Buben ahnten freilich nicht, wie unwillkommen Hulda ihr Besuch war. Buben konnte die nämlich kein bißchen leiden, sie behauptete es wenigstens immer, meinte, die wären alle unnütz, und seit Frau von Ringewald die Sternbübles eingeladen hatte, war Hulda immer in einer sehr unholden Laune. An diesem Tage war noch dazu das Stubenmädchen Ida krank, also mußte Hulda allein für die Gäste sorgen. Wohl wurde es denen nicht dabei, und am liebsten wären sie eiligst entwischt.

Sie folgten ganz verdattert dem Mädchen ein paar Minuten später in das Speisezimmer, in dem die Geheimrätin und Eva auf sie warteten.

Das Zimmer war groß und schön eingerichtet. Ein reich geschmückter Tisch, mit allerlei guten Sachen bestellt, stand in der Mitte. Um aber zu dem Tische zu gelangen, mußten Mathes und Peter über spiegelblanken Boden schreiten, und daran waren die Breitenwerter Buben nicht gewöhnt. Sie taten einen Schritt, noch einen Schritt, dann rutschten sie.

Mathes griff zuerst nach Huldas Rock, Peter tat es ihm nach, Hulda wehrte sich, und klatsch, saßen sie alle drei auf dem Boden, und die Teller und Gläser auf dem Tisch klirrten von dem Fall.

Die Geheimrätin sprang erschrocken auf, Eva lief zur Hilfe herbei, Hulda schimpfte gewaltig, und die Buben taten und sagten nichts, die waren viel zu verdutzt dazu.

„Ich sag’s ja, ich sag’s ja, die Bengels bringen nur Verdruß ins Haus!“ zeterte Hulda und sah die beiden so bitterböse an, daß denen himmelangst wurde. Sie dachten gerade, es wäre vielleicht am besten, unter den Tisch zu kriechen, als Eva von Ringewald sie aufhob. Die wußte mit sanften Worten lind zu trösten, und den Sternbuben kam das blonde Fräulein so holdselig wie eine schöne Märchenfee vor. Sie standen auf und gingen an ihrer Hand an den Tisch, und weil Hulda, die sich über ihr Gezeter etwas schämte, nun auch stilleschwieg, tauten die kleinen Gäste allmählich auf und gaben Bescheid auf allerlei Fragen. Freilich, ein wenig kurz gerieten die Antworten; ja und nein, mehr sagten beide nicht, aber dafür aßen sie unglaublich viel. Eva fragte mitleidig: „Ihr hattet unterwegs wohl gar nichts mit?“

„Doch, zehn Bröter!“ antwortete Mathes.

„Und viele Äpfel!“ ergänzte Peter.

„Und Schokolade!“

„Und Zuckerhimbeeren von Herrn Häferlein!“

„Und Kuchen!“

„Und —“

„Lieber Himmel, und das habt ihr alles aufgegessen?“ rief Eva ganz entsetzt. „Euch wird es übel werden.“

Die Buben rissen ihre Münder weit auf. „Übel wird uns net,“ versicherten sie, verwundert über Evas Entsetzen. „So arg viel war’s doch auch net!“ fügte Peter kleinlaut hinzu.

„Halt nur jedem sein Rucksäckle voll!“ sagte Mathes.

Eva lachte, und selbst über das ernste Gesicht ihrer Mutter glitt ein fröhliches Lächeln, und ihre Heiterkeit fand das allerfröhlichste Echo bei den Sternbübles; die lächelten nicht, die lachten so herzhaft, daß sie hin und her wackelten vor Vergnügen. Sie erfüllten den weiten Raum mit fröhlichem Lärm, und Mutter und Tochter dachten beide: Gut, daß die Buben gekommen sind! Nur Hulda dachte das nicht. Die hörte aber auch das Lachen nicht; sie saß in der Küche, brummte und knurrte wie ein Bär, dem es in seiner Höhle nicht gefällt, und sie sagte wohl zum zwanzigsten Male zur kranken Ida: „Paß auf, von den Jungen kommt uns Ärger ins Haus; wenn’s noch Mädel wären, aber Jungen! Was fängt man mit denen an!“ Und dabei seufzte sie tief und dachte an einen Jungen, den sie so lieb gehabt hatte wie fast nichts auf der Welt.

Ida lachte. „Hulda,“ rief sie, „wenn Sie keine Jungen leiden können, warum sind Sie denn mit jedem Betteljungen so freundlich, der ins Haus kommt?“

„Schnickschnack, ich kann freundlich sein mit wem ich will!“ Damit war das Gespräch zu Ende. Hulda nahm ihr Strickzeug, strickte und sagte kein Wörtlein mehr an diesem Abend.

Viertes Kapitel.
Die Trostbuben.

Reisen, Schmausen und Lachen macht müde. Unversehens trat der Sandmann hinter Mathes und Peter; denen fielen die Augen zu, und sie waren recht froh, als Fräulein Eva vom Zubettgehen sprach. Sie sagten schon halb schlafend gute Nacht, und in ihrem Zimmer sahen sie nicht einmal mehr nach dem Spielschrank. Sie purzelten beinahe in ihre Betten. Als Frau von Ringewald ein Weilchen später nachsehen kam, fand sie die beiden schon im festen Schlaf liegen.

Eva saß neben den Betten, und sie flüsterte der Mutter heiter zu: „Ich wollte ihnen noch ein Märchen erzählen, ich habe aber nur gesagt: ‚Es war einmal —‘ da schliefen sie schon.“

Frau von Ringewald sah sinnend auf die Buben nieder. Sonderlich schön waren sie nicht, aber wie sie so mit roten Backen in ihren weißen Betten lagen, waren sie doch lieblich anzuschauen.

Die Frau seufzte tief. So sanft und friedlich hatte auch einst ihr Bube geschlafen, und viele Stunden hatte sie an seinem Bett gesessen und seinen Schlaf treu bewacht. Ihr Liebling, wo war er jetzt?

Tränen kamen in die Augen der Mutter, und Eva, die das sah, legte zärtlich ihre Arme um der Mutter Hals. „Sei nicht traurig,“ bat sie, „unser Fritz kommt wieder. Er muß ja wiederkommen!“

„Er muß ja wiederkommen!“ wiederholte die Geheimrätin, und eine leise Hoffnung durchzitterte ihre Stimme.

„Wie könnte er die beste Mutter je vergessen!“ Eva zog die Mutter auf den Stuhl zwischen den Betten nieder, kauerte zu ihren Füßen, und so, während die Sternbübles schliefen, Mathes im Traume lächelte und Peter etwas grimmig dreinsah, redeten Mutter und Tochter leise miteinander von dem Sohn des Hauses, der ohne Abschied vor zwei Jahren in die weite Welt gezogen war.

„Wäre der Onkel doch nicht so streng gewesen!“ klagte Eva.

„Darum durfte er uns doch nicht verlassen!“ Frau von Ringewald hatte dies Wort schon oft und oft gesagt, denn sie konnte es nicht verstehen, daß ihr Junge, ihr zärtlich geliebtes Kind, so von ihr gegangen war. Heimlich, ohne Abschied, ohne jemals zu schreiben.

Freilich, ihr Bruder, der Vormund ihrer Kinder, war sehr hart gewesen. Der Konsul Bucher war ein strenger Mann, und besonders Fritz von Ringewald hatte seine Strenge zu fühlen bekommen. Der sollte studieren wie sein verstorbener Vater oder Buchhändler werden wie sein Onkel. Zu beidem hatte Fritz keine Lust gehabt. Musik wollte er studieren, Geiger werden, nichts anderes.

Der Mutter war es recht. Aber ihr Bruder sagte nein, und er zwang seinen Neffen, in seine Buchhandlung einzutreten. Ein halbes Jahr hielt der es aus, dann — Mutter und Schwester waren gerade auf einer weiten Reise — ging er davon, ohne Abschied.

Es wäre wohl anders gekommen, wäre die Mutter dagewesen. Die erfuhr nie, was zwischen ihrem Bruder und ihrem Sohn eigentlich vorgegangen war. Der Konsul schwieg darüber, und Fritz schrieb nicht, nie, seit zwei langen Jahren nicht.

Eva tröstete alle Tage die Mutter mit dem gleichen Wort: „Unser Fritz kommt wieder; wenn er etwas erreicht hat, kommt er wieder.“

Er kommt wieder! Die Mutter hoffte es, aber zwei Jahre sind lang für die Sehnsucht einer Mutter. Eva sah das liebe, gütige Antlitz täglich blässer werden. Die Geheimrätin mochte nicht mehr ausgehen, ihr Gram war wie eine Spinne, die ein dichtes graues Netz spinnt, das Licht und Freude absperrt.

Eva schlug allerlei Reisen vor, aber die Mutter war zu müde dazu. Auch nach Breitenwert in den Silbernen Stern wollte Eva reisen, und wie auch da die Geheimrätin nein sagte, fiel es Eva eines Tages ein, sie könnte die Sternbuben einladen, der Mutter zum Trost und zur Freude.

Mathes und Peter Hinz als Trostbübles! Dies Amt ihnen zuzutrauen, darauf wäre in Breitenwert wohl niemand gekommen. Aber als Eva von Ringewald die beiden so friedlich schlafen sah, dachte sie: Es war schon recht, die beiden einzuladen, Mutter wird gewiß ihre Freude an ihnen haben.

Von ihrem hohen Amt, Trostbübles zu sein, ahnten die beiden nichts. Denen raubte kein Kummer den Schlaf, auch die vielen Bröter, Äpfel und anderen guten Dinge lagen ihnen nicht im Magen, die schliefen wie zwei Murmeltiere, ohne nur einmal aufzuwachen.

Nun hatten die Sternbuben aber eine dumme Angewohnheit. War Schule, dann schliefen sie wenn möglich bis Mittag, waren Ferien, dann wachten sie in aller Herrgottsfrühe auf. Daheim schalt Mina oft über diese dumme Angewohnheit, denn sie meinte, Buben wären in den Ferien am besten im Bett aufgehoben, da richteten sie am wenigsten Unheil an.

Weil in Leipzig die Breitenwerter Schule den Buben so entfernt lag wie Afrika, wachten sie natürlich sehr früh auf und wußten gar nicht, wo sie waren.

Sie blickten sich eine Weile höchst verdutzt an, meinten, sie tummelten sich noch in einem Träumchen herum, aber da knurrten ihnen auf einmal ihre Magen sehr vernehmlich. Na, und so etwas pflegt man meist nicht zu träumen.

„Wir sind verreist!“ schrie Mathes plötzlich.

Peter stopfte nachdenklich seinen Bettzipfel in den Mund. Das Verreistsein so am frühen Morgen war ihm etwas ungemütlich, er hätte lieber daheim in seinem Bett gelegen. Eben wollte er darüber stöhnen und knurren, als sein Blick auf den Spielschrank fiel. „Das Schlüssele steckt,“ schrie er, und hops! da war er auch schon aus dem Bett.

Hops! sprang Mathes ihm nach. Beide kauerten am Schrank nieder und begannen höchst vergnügt seine Herrlichkeiten auszuräumen. Nur mal ansehen, dachten beide.

Zuerst kamen ein paar Geduldspiele zum Vorschein. Die legten die beiden schnell wieder weg; Geduld war nichts für sie, und daheim nahmen sie diese Spiele auch nur vor, wenn sie vor Langeweile gar nicht wußten, was anfangen. Ein bißchen Puppenkram, der noch aus Eva von Ringewalds Kindheit stammte, betrachteten Mathes und Peter sehr von oben herab. Sie verrenkten und verdrehten den Gliederpüppchen die Glieder, und dann räumten sie weiter. Ein Baukasten und einer mit allerlei Getier gefiel ihnen schon besser, aber dann packten sie noch ein paar Tiere aus, bei deren Anblick sie in das hellste Entzücken gerieten. Es waren ein paar Mäuse, eine Ente und ein Hahn, die laufen konnten, wenn man sie aufzog. Ähnliche Tiere hatten die Sternbübles letztes Jahr zu Weihnachten bekommen, die hatten aber so viel im Silbernen Stern und auf der Löwengasse herumlaufen müssen, daß ihnen sehr bald die Eingeweide entzweigegangen waren.

Die Buben drehten nun flink Mäuse, Hahn und Ente auf. Da krähte der Hahn und schlug mit den Flügeln, die Ente schnatterte, und die ganze Gesellschaft lief lustig in der Stube herum. Sie rannten, standen still, Mathes und Peter drehten sie wieder auf, und sie vergaßen über dem Spiel ganz und gar, sich anzuziehen. Auf einmal, just als die Mäuse wieder frisch aufgezogen herumrannten, tat sich die Türe auf, und herein spazierte Hulda, die eine Kanne warmes Wasser brachte.

Eine lebendige Maus wäre vielleicht vor so einer wichtigen Person, wie es Hulda war, ausgerissen. Die Spielmaus aber war höchst frech, die lief dem Mädchen gerade zwischen die Füße.

Hulda schrie fürchterlich. Sie tat wahrhaftig, als wäre ein Löwe im Zimmer, und die Buben, die das Geschrei für Spaß ansahen, lachten laut und tapsten in ihren Nachthemden hin und her.

Da schnurrte auch die zweite Maus daher, und Hulda, die sich ganz entsetzlich vor Mäusen fürchtete, hielt beide für lebendig. Klatsch! warf sie den Wasserkrug hin und rannte jammernd aus dem Zimmer.

Draußen durchgellte ihr Geschrei die Wohnung, und die Geheimrätin, Eva, selbst die kranke Ida liefen herbei, alle meinten sie, irgendein Unglück sei geschehen.

„Was ist mit den Jungen?“ fragte Frau von Ringewald.

„Brennt es? Soll ich die Feuerwehr holen?“ quiekte Ida, die sich noch ihren Rock zuheftete.

„Mäuse, Mäuse! Die Bengels haben Mäuse mitgebracht, und nu lachen se noch!“ Hulda schüttelte ihre Röcke, sie fürchtete, die Mäuse wären an ihr heraufgekrochen. „Sie beißen, sie beißen!“ stöhnte sie.

„Die Jungen sind an den Spielschrank gegangen,“ rief Eva. „Hulda, schämen Sie sich, Sie sind ein rechter Hasenfuß, laufen vor ein paar Spielmäusen davon!“

Sie ging in das Zimmer, und dort fand sie die Hemdenmätze mitten in der Überschwemmung stehen. Die Mäuse, Hahn und Ente hatten das Laufen eingestellt; Wasser vertrugen sie nicht, selbst der Ente war es zu viel. Mathes und Peter waren sehr verdutzt über Huldas Davonlaufen. Und als sie die draußen schluchzen und jammern hörten, denn Evas Wort vom Hasenfuß hatte die treue Seele bitter gekränkt, dachten sie, das Klagen gelte dem Kruge, und sie riefen Eva eifrig entgegen: „Das Krügle ist net ganz entzwei!“

„Nur der Henkel ist ab!“ erklärte Mathes.

„Ein paar Sprüngle hat’s,“ fügte Peter hinzu.

„Und laufen tut es vielleicht auch.“ Eva nahm lachend Mathes den Krug aus der Hand; sie sah den ausgeräumten Spielschrank, die Tiere in der Wasserflut, und sie zwang sich zu einem ernsten Gesicht und sagte: „Spielt ihr in Breitenwert auch erst, ehe ihr euch anzieht? Das ist bei uns nicht Mode!“

Den Buben fuhr der Schreck gewaltig in die Glieder, und sie stürzten sich eilfertig auf ihre Sachen. Das liebliche Fräulein Eva mochten sie gewiß nicht kränken.

Rips, raps, rups — ging es. Mathes zog zwei Strümpfe über ein Bein, Peter versuchte verkehrt in seine Hosen zu schlüpfen, und dann schrie Mathes: „Das sind meine!“ und Peter schrie noch lauter: „Meine sind’s!“ Einer zog nach rechts, einer nach links, dann gab einer dem andern einen Puff, und die Hösles flogen hoch im Bogen durch das Zimmer.

„Streitet euch doch nicht!“ Eva mahnte es, aber da sah sie, wie sich die Brüder vor Lachen krümmten, und sie ahnte, so machten die es oft. Sie räumte flink den Spielschrank ein, zog vorsichtig wieder den Schlüssel ab und sagte plötzlich gelassen zu den beiden, die sich noch immer um ihre Kleidungsstücke rauften: „So, wer jetzt nicht in fünf Minuten fertig ist, der bekommt kein Frühstück!“

Das Wort half wunderbar gut. Jetzt fuhr auf einmal jeder Bube ins rechte Hosenbein, und bald standen beide blitzblank und fertig da, und Eva führte sie in das Frühstückszimmer. Dort wartete Frau von Ringewald schon am zierlich gedeckten Tisch. Und Hulda stand da, bereit, Kaffee einzugießen, aber mit einer Miene wie eine Pulvertonne, die in die Luft fliegen will.

Das kleine, behagliche Zimmer lag nach dem Garten hinaus, der jetzt im bunten Herbstschmuck prangte. Freilich waren der Staub und der Ruß der großen Stadt auf Büsche und Bäume niedergesunken; alles sah ein bißchen schwärzlich aus, und dann gab es auch nur ein paar wohlgepflegte Beete und sorglich geglättete Wege in dem mäßig großen Garten.

Spielen kann man da nicht drin, dachten die Sternbuben, und gerade da fragte Fräulein Eva, die sehr stolz auf den grünen Winkel war: „Gefällt euch unser Garten?“

„Noi!“ riefen die Buben wie aus einem Munde, und beide schüttelten so heftig die Köpfe, damit auch gar kein Zweifel an ihrem Mißfallen blieb.

„Na, solch freche Jungen! Finden unsern Garten nicht schön!“ brauste Hulda empört auf. „Ihr habt wohl gleich ’nen Park am Hause, he?“

„Aber Hulda!“ Evas Stimme klang vorwurfsvoll, und dann fragte sie freundlich: „Was gefällt euch denn nicht an unserem Garten?“

Die Buben sahen sich verlegen an. Was ihnen eigentlich an dem sauberen Gärtchen nicht gefiel, wußten sie selbst nicht zu sagen. Sie dachten eben nur an die Gärten, die sich daheim hinter den Häusern der Löwengasse hinzogen, und die so ganz anders waren, so viel lustiger und freier.

„Man kann net drin spielen,“ platzte endlich Mathes heraus.

„Er ist so — so fein!“ stotterte Peter.

„Natürlich, für euch zwei ist er zu fein!“ Es war gut, daß draußen die Flurglocke ertönte und Hulda das Zimmer verlassen mußte, sie hätte sonst gewiß noch allerlei gesagt, was den Buben recht unangenehm gewesen wäre. Fräulein Eva war viel netter, die schwieg von dem Garten. Sie sah nur wehmütig hinab. Ach, was wußten so ein paar dumme Breitenwerter Buben davon, wie froh ein Großstadtkind über so ein grünes Fleckchen sein kann!

„Erzählt einmal von eurem Garten!“ forderte die Geheimrätin auf, während sie Semmeln recht dick und lecker mit Mus für ihre Gäste bestrich.

Von ihrem Garten sollten sie erzählen! Die Sternbuben dachten nach. Am meisten ließ sich vom Lindengarten erzählen, der ein Räuberschlößle hatte, und gerade wollten sie den Garten ihrer Freunde preisen, als Hulda wieder das Zimmer betrat. Die brachte Briefe, und darüber vergaßen Mutter und Tochter den Garten und ihre Gäste, denn jedesmal, wenn Briefe kamen, schlugen ihnen die Herzen, sie dachten: Vielleicht ist einer von unserm Fritz dabei!

Auch Hulda, die schon viele Jahre im Hause war, dachte das, sie blieb darum mitten im Zimmer stehen und wartete, ob die Geheimrätin oder Eva nicht etwas sagten. Sie blickte still und fragend zu beiden hinüber, die Sternbuben aber meinten, Hulda blicke sie so unentwegt an. Das machte sie arg verlegen, und weil sie nicht recht wußten, wie sie sich helfen sollten, begannen sie ihre Mussemmeln zu essen.

Nun kümmerte sich daheim im Silbernen Stern, wo es alle immer recht eilig hatten, niemand viel darum, wie die Bübles aßen. Die pflegten daher oft von ihren Brötern erst das Mus abzuschlecken und dann das nackte Brot zu essen, wie das Gundel nannte, die oft über diese Art zu essen schalt.

Schön war es auch nicht, niemand konnte das finden. Daheim hatte Trinle Grill auch schon mal gesagt: „Ihr seid die reinen Saubarteles!“ was auch nicht schön war, aber in Breitenwert redete man halt so. Doch kein Mensch hätte dort so ein ungeheures Geschrei erhoben, wie dies Hulda plötzlich tat. Die vergaß Briefe und alles, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und schrie wohl zwanzigmal hintereinander: „Pfui, pfui!“

Mathes und Peter erschraken heftig, und Peter klatschte sich seine Semmel vor Schreck an die Nase, und da sah er nun aus wie ein rechter kleiner Schmierfink.

Fräulein Eva, die über einem Brief ihrer liebsten Freundin die kleinen Gäste ganz vergessen hatte, sah auf und rief auch erschrocken: „Pfui!“

Dieser Ruf des lieblichen Fräuleins bekümmerte die Buben sehr. Mathes stopfte vor Schreck seine Semmel in seine Tasse, schwapp! lief die über; Peter wollte dem Bruder helfen, dabei riß er seine eigene Tasse um, und über den zierlich gedeckten Tisch rann ein braunes Flüßlein.

„Sagt’ ich’s nicht, von denen kommt nur Ärger?“ kreischte Hulda. „Auf, marsch, raus, ihr Schmierfinken, ihr!“

„Halt!“ Frau von Ringewald legte sacht ihre Hand auf die Huldas, die eben mit hartem Griff Mathes von seinem Stuhle herabzerren wollte. „Mit Gästen geht man sanfter um, Hulda, und mit Kindern hat man Geduld.“ Über das feine, traurige Gesicht der Geheimrätin lief ein Lächeln, als sie den Buben die beschmierten, erschrockenen Gesichter streichelte. „Jetzt geht mit Eva, die wird euch waschen,“ sagte sie tröstend.

Hulda schwieg muckstill, und Eva stand rasch auf, nahm die Buben an die Hand und führte sie in das Schlafzimmer zurück. Sie dachte dabei, wie gut doch Mutter ist, und so gut war sie auch immer gegen den wilden Bruder. Ist’s möglich, kann der eine so gute Mutter wirklich vergessen?

Mathes und Peter waren die Herzen schwer. Die Patentante gefiel ihnen so gut, und Fräulein Eva gefiel ihnen so gut, und nun waren sie gewiß alle beide sehr böse, und weil sie das bedrückte, darum seufzte erst Mathes schauerlich tief und dann Peter noch tiefer. Da kehrten Evas Gedanken zu den beiden zurück, und sie fragte: „Warum seufzt ihr denn so?“

„Weil — weil du uns böse bist,“ stammelte Mathes.

„Jaa!“ seufzte Peter.

Eva lachte. „Ich bin schon wieder gut,“ versicherte sie, „wenn ihr jetzt nur brav sein wollt.“

Bei den Sternbübles wurde sehr rasch aus schlecht Wetter gut Wetter. Im Umsehen stellten sie das Geseufze ein, und Hulda machte ein ganz verwundertes Gesicht, als ein paar Augenblicke später die Buben blitzblank und purzelvergnügt wieder zurückkamen und nun ganz säuberlich und manierlich aßen und tranken. Sie benahmen sich so nett, daß Eva nach dem Frühstück sagte, nun würde sie den beiden die Stadt zeigen.

„Mit ’nem Schutzmann als Begleiter, sonst bringen Sie die beiden doch nicht heil und ganz wieder zurück,“ brummte Hulda.

Aber weder Eva noch die Sternbuben taten, als hörten sie Huldas Unkenruf. Eva sagte: „Nun macht euch fein, ich tue das auch; in einer Viertelstunde gehen wir.“

Und schon nach fünf Minuten standen Mathes und Peter im Flur. Sie hatten sich äußerst fein gemacht, Alettes Handschuhe hatten sie angezogen und Trinles Tüchle in ihre Brusttaschen gesteckt, und sie waren ein bißchen geärgert, als Fräulein Eva darüber lachte und meinte, dies alles wäre nicht nötig.

„Man sieht ihnen eben die Kleinstädter an der Nasenspitze an.“ Das war Huldas letztes Wort, das den Spaziergängern noch nachhallte. Es kränkte sie aber nicht, denn draußen sagte Eva: „Wir fahren nun zuerst mit der Elektrischen in die Stadt hinein; flink, dort oben hält sie, und ich höre sie schon klingeln!“

Da liefen die Buben wie zwei Windhunde und vergaßen Hulda und ihren Zorn. Zum erstenmal in einer elektrischen Bahn fahren, das war doch noch eine Sache!

Fünftes Kapitel.
Verloren und wiedergefunden.

Manchmal ist doch so eine elektrische Bahn recht boshaft. Da klingelt sie freundlich und einladend, tut, als würde sie warten und jeden mitnehmen, und wenn dann einer denkt: Ha, die erreiche ich noch! dann — schwuppdiwupp! saust sie ihm an der Nase vorbei.

Genau so erging es Fräulein Eva, Mathes und Peter an diesem Morgen mit der bösen Elektrischen. Nun war das ja nicht weiter schlimm, denn sie hatten alle drei keine Eile. Fräulein Eva wollte auch gerade sagen: „Die nächste Bahn kommt bald,“ als sie die beiden Buben heidi! dem Wagen nachrennen sah.

„So dumm!“ dachte Eva und rief, aber den Buben schienen die Ohren zugemauert zu sein, und es blieb ihr nichts weiter übrig, als den Ausreißern nachzurennen; die konnten ja in der wildfremden Stadt wer weiß wohin laufen! So rasten denn alle drei eine Weile die lange, stille Straße entlang, und da die Sternbübles flinke Beine hatten, hätte Eva sie sicher nicht erreicht, wenn ein daherkommender Mann die beiden nicht festgehalten hätte. Und der ließ nicht los, soviel die beiden sich auch wehrten, strampelten und zappelten. Als Eva herankam, rief er ihr entgegen: „Ich hab’ sie. Na, die haben wohl was Nettes ausgefressen?“

Eva, die ganz atemlos war, erzählte, der Mann lachte über die dummen Kleinstadtbuben, und die schämten sich entsetzlich. Und just da sauste ihnen allen eine zweite Bahn an den Nasen vorbei.

„Seht ihr, wäret ihr stehengeblieben!“ Der Mann sagte es, und Fräulein Eva sagte es, und Mathes und Peter senkten reumütig die Nasen, und dazu ärgerten sie sich gewaltig, denn der Fremde sagte noch, ehe er sie losließ: „Mit denen nehmen Sie sich nur in acht, Fräulein! Die sehen aus, als machten sie an jedem Tag drei dumme Streiche und am Sonntag sechs!“

O, wie nur jemand so reden kann!

Die Buben waren tiefgekränkt, und ganz still stiegen sie, als nun endlich wieder eine Bahn kam, hinein und saßen feierlich und steif auf ihren Plätzen.

Ein bißchen wirbelig wurde ihnen dabei zumute. Die Bahn fuhr durch viele, viele Straßen, und alle hatten sie hohe Häuser; wie die Löwengasse daheim sah keine Straße aus.

Endlich stiegen sie aus. Auf einem freien Platz war es, der ein wenig einem Ameisenhaufen glich, so viele Menschen liefen da hin und her, Wagen rollten, die Schaffner der Bahnen klingelten, und die Buben wußten gar nicht, wohin zuerst schauen.

„Der Platz heißt der Augustusplatz,“ sagte Fräulein Eva, die den kleinen Gästen alles recht genau erklären wollte.

„So heißt Herr Häferlein,“ rief Mathes, froh, daß er an Breitenwert denken konnte.

„Wer?“ fragte Eva erstaunt.

„Herr Baldan auch,“ sagte Peter. Und vielleicht hätten beide noch alle Breitenwerter Auguste aufgezählt, wenn nicht ein Mann sehr grob geschrieen hätte: „Platz da, ihr dummen Bengels!“ Und puff! bekam Mathes einen Stoß und Peter einen, und Fräulein Eva zerrte rasch die beiden vom Fahrdamm herab. „Hier darf man nicht stehen bleiben,“ erklärte sie erschrocken und ging ein paar Schritte über den Platz hin.

„So, nun seht euch einmal um! Dort drüben, das ist unser Museum.“

In ganz Breitenwert gab es kein Museum, und Mathes und Peter wußten nicht, war das eine Petroleumlampe oder sonst etwas. Sie starrten aber dahin, wohin Fräulein Eva blickte, und da sahen sie einen großen Brunnen, hoch aufgebaut und mit vielen Figuren schön geziert. Die Wasser sprangen lustig aus vielerlei Röhren, und die Buben meinten, ein Springbrunnen würde vielleicht in Leipzig Museum genannt. Sie riefen daher vergnügt: „Das ist fein, arg fein!“

Die Freude der Buben freute Fräulein Eva, denn sie liebte es sehr, in das Museum zu gehen. Sie versprach darum: „Morgen oder übermorgen gehen wir zusammen hinein.“

„Kann man das?“ Mathes sah ungeheuer erstaunt drein, und Peter wußte auch nicht recht, sollte er lachen oder verwundert sein.

„Natürlich kann man das, warum nicht? Da gehen viele Menschen hinein.“

„Muß man da Badehösle anziehen?“ forschte Mathes, dem die Sache doch sehr bedenklich schien. In Breitenwert dachte doch kein Mensch daran, in einen Brunnen zu steigen.

„Ba—dehösle?“ Nun schaute Fräulein Eva aber verdutzt drein. Sie schüttelte den Kopf, sah die Buben an, sah nach dem Museum hinüber, und da ging ihr auf einmal ein Lichtlein auf. Die springenden Wasser glitzerten in der Sonne, und sie ahnte die Verwechslung. „O ihr Dummerles!“ rief sie. „Ihr denkt wohl, der Brunnen ist das Museum, und wir wollen zusammen in den Brunnen steigen?“

Weil Fräulein Eva lachte, lachten die Bübles auch; sie taten es sehr herzhaft und laut, und ein paar Vorübergehende lachten mit. Unter ihnen war auch ein junger Mann, sehr einfach, fast ärmlich gekleidet. Der blieb plötzlich stehen und sah unverwandt zu dem fröhlichen Mädchen und ihren kleinen Begleitern hinüber. Und als die nun in die Grimmaische Straße einbogen, die den Augustusplatz mit dem Marktplatz verbindet, folgte er den dreien.

Eva von Ringewald wollte den Buben nun doch erklären, was eigentlich ein Museum sei, aber sie konnte viel reden, die beiden hörten nicht. Die sahen sich nur immerfort um. War das ein Getriebe in der ziemlich engen Straße! Den Sternbübles war es zumute, als wären sie in ein buntes Geschichtenbuch hineinspaziert, und weil man sich in Geschichten laut und nachdrücklich verwundern kann, verwunderten sie sich auch sehr laut. Einmal schrie Mathes: „Peter, guck!“ Dann schrie Peter: „Mathes, guck!“ Und dann zeigten sie mit den Fingern, klebten beinahe vor Schaufenstern fest, drückten sich die Nasen an den Spiegelscheiben platt, rannten die Vorübergehenden an, ließen sich selber ein paarmal umrennen, und sie wären gewiß noch auf den Fahrdamm gepurzelt, wenn Fräulein Eva sie nicht fest bei den Händen genommen hätte. Es war freilich schwer, in dem Straßengewühl zu dreien zu gehen, und manch ein Vorübergehender schalt über das Breitmachen. Aber schließlich kamen doch alle drei auf dem Marktplatz an, wo es freier war. Hier blieb Eva aufatmend stehen, und sie wollte eben ihren Schützlingen das Rathaus zeigen, als jemand ihren Namen rief.

Eine Freundin war es, die ihr nachgelaufen kam. Die wollte sich gleich die Breitenwerter Gäste ansehen. Das hübsche, lustige Mädchen redete freundlich zu Mathes und Peter, doch die waren von all dem Neuen, das sie sahen, so verwirrt, daß sie nur karge Antworten gaben.

„Seht euch ein bißchen um!“ rief Eva von Ringewald, die gern mit ihrer Freundin etwas bereden wollte. Die beiden Mädchen schwatzten zusammen, und die Sternbübles standen auf dem Marktplatz von Leipzig und sahen sich um. Der Platz war sehenswert, und an dem Rathaus konnte einer schon seine besondere Freude haben. Aber schöne Häuser waren den Buben noch recht gleichgültig, die sahen ganz andere Dinge. Die vielen Gefährte aller Art gefielen ihnen vor allem, und dann geschah auf einmal etwas ganz Wunderbares. Eine der vielen Straßen entlang, die alle auf den Marktplatz einmündeten, kam jemand anspaziert, den Mathes und Peter bislang nur aus Bilderbüchern kannten.

Ein Neger war es, einer, der dunkelbraun aussah wie ein Schokoladenplätzchen.

Die Buben kreischten laut vor Verwunderung. Eva von Ringewald hörte es, aber ihre Gedanken waren bei dem, was die Freundin ihr erzählte, und da sagte sie nur: „Seid doch still, man schreit hier nicht auf der Straße!“

Patsch! waren die Bübles still, merkwürdig still sogar.

Eva hörte kein Wörtlein mehr von ihnen, und darum vergaß sie die beiden über dem lebhaften Geplauder mit der Freundin ganz und gar. Leider aber vergaßen Mathes und Peter ihre Beschützerin auch. Schon ihr Gebot, stille zu sein, hatten sie kaum noch gehört, sie dachten nur an den Neger und sahen nur den.

Dieser, der eine rote Mütze und dunkelblaue Jacke trug, war sonst auf dem großen Meßplatz Türsteher bei einer Schaubude. Vormittags aber war es in Leipzig auf dem Meßplatz meist sehr stille, also konnten Schaubudenleute auch mal spazierengehen. Weil nun in Leipzig im Frühling und Herbst alljährlich Messe war, erstaunten die Leute nicht sonderlich, wenn Meßleute durch die Stadt gingen. Ein Neger schien niemand etwas Besonderes zu sein, niemand riß darum den Mund so sperrangelweit auf, wie es die Sternbübles taten.

Als der Neger in eine Seitenstraße einbog, hatten sie nur den einen Wunsch, ihm nachzulaufen. Das taten sie auch. Sie fragten nichts und sagten nichts, sie rannten einfach spornstreichs hinter dem Schwarzen einher, rannten, bis sie neben ihm waren und ihm recht genau ins Gesicht starren konnten.

Der gute Neger nun war das Anstaunen gewöhnt, die beiden Buben aber, die so trapp trapp neben ihm herliefen, wurden ihm doch lästig. Er rollte seine Augen, zeigte seine weißen Zähne und rief auf einmal mit rauher Stimme: „Fort, ich fresse euch!“

Die Vorübergehenden lachten, aber Mathes und Peter erschraken ungeheuer; sie schrieen laut auf und wichen entsetzt zurück. Ein paar Leute blieben lachend stehen, auch der Neger lachte, aber alles das sahen Mathes und Peter nicht mehr, die rissen einfach aus.

Heidi, husch! ging es die Straße entlang. Einer lief hinter dem andern her, aber statt zurück rannten sie vorwärts, sie kamen an eine Querstraße, liefen die entlang und wären wohl noch wer weiß wohin gelaufen, wenn sie nicht über eine Kiste, die ein Fuhrmann vor einem Torweg ablud, gestolpert wären.

„Himmeldonnerwetter! Nä, ihr Bengels, gennt ihr denn niche sähen!“ schalt der. „’ne Kiste ist doch nich ’n Wassertroppen, den man nich sieht!“

Da kamen die beiden zur Besinnung. An ihren Knieen spürten sie es, daß die Kiste wirklich kein Wassertropfen war; braun und blau hatten sie sich geschlagen. Sie sahen sich verwirrt an und sahen sich ebenso verwirrt um. Wo waren sie eigentlich, und wo war Fräulein Eva?

Der Neger war verschwunden. Kein Mensch ringsum bedrohte die beiden, nur der Fuhrmann, der sich noch immer mit seiner schweren Kiste abmühte, brummte weiter. Als er aber die tieferschrockenen Gesichter der beiden sah, fragte er gutmütig: „Nä, warum seid er denn erst gerannt wie ’n baar Bürstenbinder und steht nu da wie ’n baar Esel im Tanzsaal?“

„Der — der Mohr wollte uns fressen!“ stotterte Mathes, und Peter redete ihm nach: „Ja, er wollte uns fressen!“

„Herrjeses!“ Der Fuhrmann lachte dröhnend auf. „Nä, so was! Bei uns da laufen doch die Menschenfresser nich auf der Straße herum! Hört mal, ihr seid wohl nich aus Leipzig, wo seid ihr denn her?“

Weil der Mann so herzhaft lachte und so gutmütig dreinsah, faßten die Sternbuben Zutrauen zu ihm; sie drängten sich an ihn heran und fingen an, ihm ihr Abenteuer zu erzählen. Leider erzählten sie etwas durcheinander, und der Fuhrmann wußte nicht recht, wie er Fräulein Eva von Ringewald und den Neger zusammenbringen sollte, auch verstand er nicht, warum Peter immer versicherte, Hulda würde böse werden.

Endlich kam dem Mann ein Gedanke; er fragte: „Die sind wohl alle von der Messe, und ihr gehört wohl auch dahin?“

Nun hatten die Buben wieder keine Ahnung, was eigentlich die Messe war, und sie starrten den Frager mit offenem Munde an. Der tippte mit dem Finger an seine Stirn und brummelte: „Da rappelt’s wohl? Geht mal lieber heim zur Mutter!“

„Das ist zu weit,“ schrieen alle beide erschrocken, und Peter fügte klagend hinzu: „Wir sind doch auf Besuch, und Fräulein Eva ist doch mit uns spazierengegangen!“

„So so, spazierengehen nennt ihr das, wenn ihr auf meiner Kiste rumtrampelt! Na nu, wo ist denn Freilein Eva?“

Da kam Mathes ein Gedanke. „Auf dem Marktplatz steht sie,“ schrie er aus Leibeskräften, als wäre der Fuhrmann ganz taub.

Der schrak ordentlich zusammen. „Nä, ihr Schafsköppe,“ murrte er endlich, „wenn die da steht und ihr hier seid, dann geht ihr doch nich spazieren! Nach dem Marktplatz ist das schon ’n Stück. Da geht mal die Straße immer geradeaus und dann links und wieder immer geradeaus, un am besten ist, ihr fragt noch dreimal, denn sonst rennt ihr gar noch auf den Thomasturm. Und dann sagt Freilein Eva ’nen scheenen Gruß, un ihr wäret viel zu dämlich, um alleine zu laufen.“

Nach dieser überaus freundlichen Abschiedsrede schob der Fuhrmann seine Kiste in den Hausflur, und Mathes und Peter rannten sehr eilfertig davon. Furchtbar nett fanden sie den Fuhrmann freilich nicht, aber er hatte ihnen doch wenigstens den Weg gesagt. —

Eva von Ringewald hatte bald das Verschwinden ihrer Schützlinge gemerkt. Die Freundin nahm Abschied, und sie sah sich nach den beiden um. Aber alles Umsehen half nichts; von den Buben war kein Zipfelchen zu sehen. Sie lief die Straße zurück, durch die sie mit den beiden gekommen war, denn dort hatte ein Spielwarenladen die beiden arg gelockt. Aber vor dem standen fremde Kinder, die beiden waren nicht dabei.

Eva fragte ängstlich einen Schutzmann; der hatte die Buben nicht gesehen. Nun rannte sie in eine andere Straße hinein, fragte dort wieder einen Schutzmann. Doch der wußte auch nichts von den Verschwundenen.

Da kehrte sie zum Marktplatz zurück, lief auf und ab in immer wachsender Angst, bis ihr endlich der Gedanke kam, die beiden könnten vielleicht heimgelaufen sein. So recht glaubte sie es zwar nicht, aber wenn jemand in rechter Herzensangst ist, klammert er sich an die kleinste Hoffnung. So erging es Eva von Ringewald an diesem Morgen. Sie setzte sich in einen Wagen und fuhr heim, und trotzdem immerzu in ihrem Herzen eine Stimme redete: Sie sind nicht da, können nicht den Weg gefunden haben, sagte sie immer wieder zu sich selbst: Gewiß sitzen sie zu Hause, sicher ist es so.

Endlich, endlich hielt der Wagen vor ihrem Wohnhause. Sie drückte auf die Klingel, wie sie es sonst nie tat, und schrie Hulda, die öffnete, entgegen: „Sind sie da?“

Erst begriff Hulda gar nicht, was Eva wollte. „Besuch ist nicht gekommen,“ brummte sie. Doch als sie niemand nachfolgen sah, rief sie aufgeregt: „Herrjee, die Jungen sinn weg!“ Und ordentlich stolz über ihre eigene Klugheit fügte sie hinzu: „Das hab’ ich doch gleich gesagt, mit denen geht’s schief!“

Hulda wollte noch viel sagen, was man alles für schreckliche Dinge mit zwei so unnützen Jungen erleben könnte, und daß sie sich niemals welche einladen würde, als Frau von Ringewald herbeikam. Die sah Evas verstörtes Gesicht, sah sie allein und fragte erschrocken: „Die Kinder sind weg, die uns anvertrauten Kinder?“

Eva sank schluchzend in der Mutter Arme, und da begriff Hulda auf einmal, daß dies eine recht betrübliche Geschichte war. Sie schrie: „Ich lauf’ zur Polizei,“ und wupps! war sie weg.

In Hausschuhen, so wie sie ging und stand, lief sie die Straße entlang, und sie ließ sich die elektrische Bahn nicht an der Nase vorbeifahren, obgleich die die allergrößte Lust dazu hatte. Hulda rannte ihr nach, sprang auf, bumste einem etwas dicken Herrn vor den Magen, und als der zu schimpfen anfing, sagte sie gelassen: „Schimpfen Sie nur nicht, uns sind zwei Jungen verschwunden, so was, das ist viel schlimmer als so ’n bißchen Gestoße!“

Da fragten gleich vier Leute zusammen erschrocken: „Jungen sind verlorengegangen? Ja wo denn, wie denn, wann denn?“

Nun erzählte Hulda sehr gern gruselige Geschichten, auch tat sie sich sehr gern wichtig. Also erzählte sie allen Leuten im Wagen von den Sternbuben, und daß sie auf einmal — haste nicht gesehen! — verschwunden wären. Weil sie dabei an Frau von Ringewalds Angst und Fräulein Evas Tränen dachte, wuchs ihr Groll gegen die Buben, und die wurden immer unnützer in ihrer Erzählung. Max und Moritz waren die reinen weißgewaschenen Engelchen gegen die beiden. Schließlich sagte der dicke Herr, den Hulda erst so gestoßen hatte: „I du meine Güte, die müssen Haue haben, wenn sie gefunden werden!“

„Die dürfte man gar nicht einladen,“ rief eine ältere Frau. „Zwei solche Rangen im Haus, na, ich danke!“

Hulda wollte gerade sagen, sie meinte das auch, als der Schaffner rief: „Wächterstraße!“ Das war die Haltestelle, an der sie aussteigen mußte, und sie rannte sehr eilfertig hinaus. Dabei trat sie drei Leuten auf die Füße und purzelte fast vom Wagen, und als sie das Polizeigebäude erreicht hatte, stolperte sie über die Schwelle und rief dem wachthabenden Schutzmann zu: „Sind se da?“

„Ich bin da,“ antwortete der gelassen. „Wer soll denn noch da sein?“

Hulda erzählte und fügte gleich hinzu: „Aber Haue kriegen se tüchtig!“

„Nun, dazu muß man erst die Buben haben!“ meinte der Schutzmann; „alleweile sind se noch nicht da!“

So war es auch. Von Mathes und Peter war kein Zipfelchen zu sehen; niemand wußte etwas von ihnen, Hulda konnte fragen, soviel sie wollte.

Nach einer halben Stunde machte sie sich tiefbetrübt auf den Heimweg, denn weil sie Frau von Ringewald und Eva sehr lieb hatte, hätte sie, schon um denen eine Freude zu machen, die Buben gern gefunden.

Unterwegs fiel ihr zu allem Unheil noch ein, der Braten würde gewiß verbrannt sein; da brach sie in Tränen aus, und bitterlich weinend stieg sie wieder aus der Bahn. Wer weint, braucht ein Taschentuch, aber auch das hatte Hulda vergessen, so hielt sie sich die Schürze vor das Gesicht, schluchzte und schluchzte, und es war noch ein Wunder, daß sie dabei nicht die Häuser und die Gartenzäune umrannte. Auf einmal aber gab es doch einen Zusammenstoß. Bums! rannte Hulda mit jemand zusammen, und erschrocken ließ sie die Schürze sinken und sah vor sich — die Sternbübles stehen, alle beide unversehrt und putzmunter.

Hulda schrie laut vor Überraschung. Ehe sie aber noch fragen konnte: „Woher kommt ihr?“ kam Fräulein Eva aus dem Hause gelaufen. Die rief: „Gott sei Dank, da seid ihr! Wo waret ihr, wie habt ihr heimgefunden?“

Ein paar Fragen auf einmal zu beantworten, ist immer etwas schwer, und Mathes und Peter wußten auch nicht recht, was sie gleich sagen sollten, darum schwiegen sie und ließen sich in das Haus hineinziehen. Drinnen redete zuerst Hulda; die schrie: „Auf der Polizei waren sie nicht.“

„Noi,“ sagte Mathes entrüstet, „wir haben doch nur auf dem Marktplätzle gestanden!“

„Und dann hat uns der Mann hergebracht,“ erklärte Peter.

„Ja, und ’n Stückle Kuchen hat er uns gekauft.“

„Aber viel war’s net.“ Peter hielt es für besser, das gleich zu sagen, denn satt war er noch lange nicht.

Weder Fräulein Eva noch Hulda aber waren mit dieser Auskunft zufrieden. Sie fragten zugleich dies und das, bis Frau von Ringewald sagte: „Ihr macht die Kinder ja ganz verwirrt, laßt sie einmal erzählen!“

Da kam es denn heraus, daß Mathes und Peter wirklich den Marktplatz wiedergefunden hatten. Freilich, fragen hatten sie oft müssen, aber dann hatten sie auf dem Marktplatz Eva nicht mehr gesehen. Sie hatten gewartet und gewartet und schließlich angefangen zu weinen. Da war ein Mann gekommen, der hatte sie nach ihrem Kummer gefragt und gleich gesagt, als sie nur Evas Namen nannten: „Ach, Eva von Ringewald! Wo die wohnt, weiß ich, kommt nur mit!“ Er hatte die Buben durch viele Straßen geführt und ihnen unterwegs, als sie arg über Hunger geklagt, in einem Bäckerladen ein Stück Kuchen gekauft. Am Anfang der Straße hier hatte er dann plötzlich gesagt, er müßte gehen, Nummer 14 wohnten Ringwalds, sie könnten nun nicht mehr fehlgehen.

„Wer mag das wohl gewesen sein?“ Mutter und Tochter sahen sich erstaunt an, und beide forschten: „Wie sah der Mann denn aus?“

„Wie ’n Herr!“ behauptete Mathes.

„Net wie ’n Herr!“ widersprach Peter.

Und mehr wußten die Buben von dem unbekannten Helfer nicht zu sagen. Nur von seiner Freundlichkeit erzählten sie, und daß er sie bereits auf dem Augustusplatz gesehen hätte, als sie den Springbrunnen anschauten, den sie für das Museum hielten.

Ein bißchen rätselhaft war die Sache, aber schließlich waren alle im Hause nur froh, die Buben wieder zu haben, und diese waren froh, als Hulda vom Mittagessen redete, denn sie hatten gewaltigen Hunger. Und da Ida aufgepaßt hatte und alles gut geraten war, gab es ein vergnügtes Mahl. Es focht die Buben auch nicht weiter an, daß Frau von Ringewald erklärte, heute wären sie lange genug draußen gewesen, nachmittags müßten sie in ihrem Zimmer spielen. Sie begriffen dies nicht recht, denn in Breitenwert waren sie oft den ganzen langen Tag draußen, und niemand redete davon, es wäre zu viel. Aber in der großen Stadt war dies wohl anders, und schließlich war der Spielschrank verlockender als der winzige Garten und die fremde Straße mit den hohen Häusern. Mathes und Peter sagten darum sehr eifrig, sie blieben gern daheim, und als Eva sie ermahnte, ein paar Zeilen müßten sie auch an die Mutter schreiben, erklärten sie: „Wir schreiben ein Briefle, wir haben’s versprochen.“

Und dann zogen sie nach Tisch vergnügt und froh und sehr tatenlustig in ihr helles Zimmer, und selbst Hulda redete hinter ihnen her: „Wenn man’s recht ansieht, so schlimm sind se nicht, nur eben Jungen; man ist da nie sicher, was rauskommt. Wenn das halbe Spielzeug entzwei geht, mich soll’s nicht wundern.“

Sechstes Kapitel.
Der böse Brief.

Eva hatte den kleinen Gästen noch ein paar feine, bunte Briefböglein gebracht und sie ermahnt: „Vergeßt nicht, an die Mutter zu schreiben!“ Dann war sie gegangen, und die Buben blieben allein.

Es war sehr still in der Wohnung. Die Küche war im Kellergeschoß, von da drang kein Lärm herauf, Frau von Ringewald ruhte um diese Zeit, und Eva saß in ihrem Zimmer und las. Sie wollte ab und zu nach den Gästen sehen, aber das Buch, in dem sie las, fesselte sie mehr und mehr, und sie vergaß die beiden vollständig. Die fühlten sich auch ganz behaglich in ihrer Einsamkeit. Sie räumten erst wieder einmal den Spielschrank aus und wollten gerade ein Spiel beginnen, als Mathes mahnte: „Erst das Briefle.“

Arg viel Lust hatte Peter nicht dazu, er folgte aber dem Bruder, und als er die hübschen Bogen sah, erschien ihm das Schreiben ganz kurzweilig. „Weißt was,“ sagte er, „wir schreiben zusammen, du ein Sätzle, ich ein Sätzle!“

„Fein,“ erwiderte Mathes, „fang an!“

„Noi, fang du an, du bist älter!“

„Du hast’s gesagt.“

Ein paar Minuten stritten sie miteinander, dann kamen sie auf den Gedanken, der sollte anfangen, der über beide Betten hinwegspringen könne. Die standen dicht zusammen, und das Kunststück schien leicht, aber es mißlang beiden, und erst kollerte sich Mathes, dann Peter in den Betten herum. Ein Weilchen machte ihnen das den größten Spaß, dann mahnte Mathes wieder: „Das Briefle dürfen wir net vergessen.“ Er hatte es nämlich der Mutter daheim fest und heilig versprochen, er würde schreiben.

„Fang an!“ rief Peter.

„Noi, fang du an!“

Wieder stritten sie, bis sie den Ausweg fanden, sich anzusehen; wer zuerst lachte, sollte anfangen. Kaum aber sah einer dem andern in die blitzblanken Schelmenaugen, da lachten beide los, als sollten sie platzen. Sie lachten und lachten, bis sie ganz atemlos waren, und dann stritten sie noch kichernd miteinander: „Du hast zuerst gelacht!“

„Noi, du!“

„Du!“

„Du du du!“

Schließlich fiel Mathes eines der vielen Sprichwörter ein, die Frau Tippelmann daheim in der Löwengasse zu sagen pflegt, und er rief stolz: „Der Klügere gibt nach. Ich fang’ an.“

„Noi, ich fang’ an!“ Peter wollte nun doch der Klügere sein.

„Ich hab’s zuerst gesagt.“

„Wir wollen losen!“

Diesen Ausweg schlug in strittigen Fällen immer Schwester Gundel zu Hause vor, und darum ging auch Mathes auf Peters Vorschlag ein. Sie nahmen also flink zwei Papierstreifen, einen langen und einen kurzen, falteten die zusammen, und Peter warf beide in die Luft, jeder sollte einen fangen. Die Lose ließen sich jedoch nicht fangen, die verkrochen sich höchst verschmitzt, und ein paar Minuten rutschten die Buben nach ihnen im Zimmer herum. Ein Stuhl fiel dabei um, der Handtuchständer begann zu tanzen, bis endlich Mathes ein Los fand und gleich darauf Peter das andere in der Waschschüssel entdeckte. Da gab es keinen Streit mehr, Mathes mußte anfangen, und er malte eifrig auf den schönsten rosafarbenen Bogen: „Liebe Mutter!“ „Wir sind hier,“ schrieb Peter darunter, und Mathes fügte hinzu: „Die Reise war fein.“

„Es geht uns immer gut.“ Peter seufzte über das lange Sätzle, und Mathes, der schon ganz schwarze Klecksfinger hatte, schalt ihn faul und schrieb: „Wir haben uns schon färlaufen.“

„Das erzähl ich,“ schrie Peter und riß dem Bruder die Feder aus der Hand. Die spritzte zornig die Tinte weit über den weißen Tisch, und das rosa Böglein bekam auch ein paar Flecke. Ohne solche ging es bei den Sternbübles auch selten ab, beide grämten sich daher nicht weiter darum, und Peter schlug vor: „Wir machen Küßle draus.“ Da er die Feder hatte, schrieb er auch gleich: „Die Klecksle sollen net Klecksle sein, sie sind Küßle.“

Puuh! Peter tat einen Seufzer. War das ein langer Satz gewesen! Mathes kaute nachdenklich an der Feder. Was sollte er noch schreiben? Wenn etwas von Küssen dastand, war doch ein Brief eigentlich fertig. Also schrieb er flink: „Fiele Grüße, und heute hat’s Schokklatenbuhding gegeben. Dein lieber Sohn Mathes.“

„Fein!“ rief Peter und malte noch seinen Namen darunter.

Das Briefschreiben erschien ihnen aber ganz spaßhaft, und da es auch noch ein himmelblaues Böglein gab, beschlossen sie, auf diese Weise auch noch an Gundel zu schreiben. Sie taten es, wurden sehr flink fertig, und kein Mensch konnte den Brief lang und ausführlich nennen. Mühsam zu lesen war er nicht. Drei Zeilen, fertig! Sie hatten schon ihre Namen darunter gemalt, als Mathes noch etwas einfiel. „Das muß ich schreiben,“ schrie er, „du darfst es aber net sehen.“

„Doch,“ beharrte Peter, „ich muß es sehen.“

„Erst nachher, halt die Augen zu,“ gebot Mathes, „es wird fein.“

Peter hielt sich wirklich die Augen zu, er blinzelte zwar zwischen den Fingern hindurch, er konnte aber doch nicht sehen, was der Bruder schrieb, bis der ihm seine fertige Schrift vor die Nase hielt. Da stand: „Die Huhldah hier ist ein äklicher Affe!“

Peter quiekte vor Vergnügen. Das war fein! Gundel mußte das wissen, und grob fand er es auch nicht, denn im Silbernen Stern brauchte ihr guter Freund, der Hausknecht, oftmals solche nette Worte.

„Wir stecken’s schnell ein, das darf niemand lesen.“ Er begann die Umschläge zu suchen. Fräulein Eva hatte sie doch mitgebracht; aber so viel sie auch suchten, die waren auf einmal verschwunden. Über dem Suchen kamen sie auch wieder an den Spielschrank, und über den Herrlichkeiten darin vergaßen sie ihre Briefe. Sie begannen zu spielen, spielten und spielten. Die Zeit verging, und die Kaffeestunde nahte. Eva kam selbst, die kleinen Gäste zu rufen, und als sie die Tintenklecksfinger sah, schalt sie: „Aber pfui, nun flink, wascht euch!“

Sie klingelte nach warmem Wasser, das Hulda selbst herbeibrachte, und während Eva half, mit der Bürste die schwarzen Finger zu reinigen, sah sich Hulda streng im Zimmer um. So eine Unordnung! Die Betten zerwühlt, das Spielzeug verstreut, ein Stuhl lag am Boden, und sie sagte: „Fräulein Eva, sehen Sie nur, wie die’s treiben!“

Eva von Ringewald seufzte. Ja, schön sah es nicht aus, aber schelten mochte sie auch nicht wieder, sie dachte: Ich hätte nachsehen müssen.

Mathes und Peter am Waschtisch wurde die Sache unheimlich. Huldas Umherschauen war doch recht ungemütlich. Wenn die nun die Briefe erblickte! Da rief Hulda schon: „Nä, und der gute weiße Tisch, so viele Kleckse. Wie kann man die nur alle machen!“

Dumme Frage, dachten Mathes und Peter ungefähr, Kleckse macht man doch nicht, die kommen von selbst!

Wenn Fräulein Eva sie nur freigelassen hätte. Aber die scheuerte mal an der, mal an jener Hand herum, und geradezu ausreißen ging doch nicht.

Mathes seufzte und Peter seufzte, und da rief Hulda vom Tisch her: „Jemine, die haben wirklich Briefe geschrieben!“

„Net lesen!“ schrie Mathes erschrocken, und Hulda sagte: „I wo, so was tut man doch nicht!“

Dabei war nun aber Hulda ein etwas neugieriges Frauenzimmerchen. Sie legte den rosa Brief auf den blauen und den blauen wieder auf den rosa, tat, als ob sie den Tisch abwischen wollte, und schielte doch immer zu den Briefen hin.

„Net lesen,“ schrie da auch Peter. Seine Stimme klang so ängstlich, daß Fräulein Eva und Hulda beide aufhorchten und beide sagten: „Was steht denn so Geheimnisvolles drin?“

„Ich leg’ die Wische nur zusammen,“ brummelte Hulda, aber sie hielt dabei doch den himmelblauen Brief merkwürdig lange in der Hand, und plötzlich riß Mathes seine Hände aus der Waschschlüssel und rannte durch das Zimmer, um Hulda den blauen Brief zu entreißen.

Doch das Unglück war schon geschehen.

Hulda hatte das Wort über sich schon gelesen. Sie wurde puterrot, warf den Brief auf den Tisch und kreischte zornig: „Mit den Bengels, Fräulein Eva, will ich nichts mehr zu tun haben, die sind zu frech! Ekliger Affe nennen se mich, und noch nich mal richtig meinen Namen können se schreiben. So was, jemine, in meinem ganzen Leben hat mich noch niemals nich jemand so geschimpft!“

Hulda brach in Tränen aus, und Eva sah hilflos auf die halbgewaschenen Bübles: „Was habt ihr getan?“ fragte sie traurig.

Die beiden blieben ganz stumm, sie wußten wirklich nicht, was sie sagen sollten. Und bei aller Verlegenheit waren sie doch auch ein bißchen wütend; warum war Hulda auch so neugierig gewesen!

„Gebt mir einmal den Brief her,“ sagte Eva, die nicht einmal so recht verstanden hatte, über was für ein Wort Hulda so böse gewesen war.

Da ging Mathes stumm an den Tisch, holte den unglückseligen Brief, und weil er den Bruder nicht in falschen Verdacht bringen wollte, sagte er ehrlich: „Ich war’s, ich hab’s geschrieben.“

„Wir haben zusammen geschrieben, immer jeder ein Sätzle,“ rief Peter eifrig, denn ihm war’s zumute, als hätte er den schlimmen Satz mitgeschrieben.

Eva von Ringewald sah sehr ernsthaft drein. „Jetzt trocknet euch ab, dann räumt den Spielschrank ein, und nachher kommt ihr vor,“ gebot sie kurz. Sie ging mit einem so nachdenklichen Gesicht hinaus, daß die Buben ihr bedrückt nachschauten. Nun war sie gewiß bitterböse, o je!

Eva ging zu ihrer Mutter, denn sie wußte nicht recht genau, sollte sie lachen oder sich ärgern. Eigentlich ärgerte sie sich, und im Grunde hatte sie den Besuch schon etwas satt. Trostbuben sollten die beiden sein, ach, das war ein Reinfall gewesen! Ärger und Unordnung brachten sie ins Haus, mehr nicht.

Frau von Ringewald saß bleich und müde in ihrem Sessel am Kaffeetisch, als die Tochter zu ihr trat. Ihre Gedanken reisten wieder einmal wie so oft Tag und Nacht in der weiten Welt herum und suchten den verlorenen Sohn. Wo war er, lebte er noch?

Da legte ihr Eva Mathes’ Brief auf den Tisch. „Lies, was die beiden wieder angerichtet haben; Hulda hat’s gesehen und ist wütend. Sie sind doch arg unnütz die beiden.“

Frau von Ringewald las den himmelblauen Brief, und dabei erhellte ein sachtes, liebes Lächeln ihr blasses Gesicht. „Es sind halt Kinder!“ erwiderte sie. „Erzähle einmal, wie kam’s, daß Hulda den Brief gelesen hat?“

Eva erzählte, und dabei blieb das Lächeln auf dem Gesicht der Mutter, es wurde glänzender, schelmischer, und endlich sagte diese gütig: „Und meine Eva hat die kleinen Gäste schon herzlich satt, gelt?“

„Ein bißchen, ja,“ bekannte Eva. „Ich habe sie mir artiger vorgestellt und dachte, es würde lustiger mit ihnen sein.“

„Kinder brauchen Geduld, mein Mädel. Und sage mir einmal, was haben denn die Schelme so Schlimmes getan? Das Wort hier ist grob, freilich. Sie reden aber in Breitenwert etwas gröber, und Hulda hat die beiden ja auch unfreundlich behandelt, und zu lesen brauchte sie den Brief auch nicht. Na, und heute früh?“

Frau von Ringewald lächelte noch immer, und Eva sah die Mutter unverwandt an; plötzlich schlang sie stürmisch ihre Arme um sie und sagte zärtlich: „Es sind doch liebe Buben, Mutterle; sie haben dich lachen gemacht, und darum will ich auch nicht die Geduld verlieren.“

Und just da trappelte es draußen, und die armen Sünderlein kamen anmarschiert. Sie waren etwas verblüfft, daß Fräulein Eva sie ganz freundlich begrüßte. Sie schielten aber doch verlegen nach dem Unglücksbrief hin, der vor Frau von Ringewald lag. Vor der Tante Pate hatten sie noch eine große Scheu, aber da begann die zu reden, und das klang gar nicht böse. Sie sagte ihnen, sie müßten Hulda freilich um Verzeihung bitten, und ob sie nicht an die Schwester einen andern Brief schreiben wollten.

„Ja,“ rief Mathes eifrig, „ich schreib ihn.“

„Das feine Bögle!“ Peter sah bedauernd drein. „Wir streichen’s durch.“

„Das geht auch!“ Eva brachte flugs ein Tintenfaß und strich selbst das schlimme Sätzle durch, und dann rief sie Hulda, die nach zwei Minuten wie eine Gewitterwolke daherkam. „Den beiden tut’s leid, was sie geschrieben haben, Hulda,“ sagte Frau von Ringewald, „und sehen Sie, es ist durchgestrichen.“

„Hm!“ Hulda seufzte tief und sah ihrer Herrin ins Gesicht. Und auch sie sah, daß diese lächelte, daß ihre Augen ganz froh blickten. Da drehte sie sich blitzschnell um, streckte den Buben ihre Hand hin und verkündigte ihnen: „Ich bin nu nich mehr böse, aber Stricke seid ihr, und irgend ’ne Geschichte wird’s schon noch, solange ihr da seid. Und nu bring’ ich den Kaffee!“

Hulda trabte hinaus, holte den Kaffee, und die Bübles atmeten auf, als wäre jedem ein Vierpfundbrot vom Herzen gefallen. Danach wurde es sehr gemütlich, und der Tag voller Unruhe und Abenteuer nahm ein höchst friedliches Ende. Die Briefe wurden in Umschläge gesteckt, Eva schrieb die Aufschrift, und die Buben durften allein bis zur nächsten Straßenecke gehen und die Briefe in den Kasten werfen. Sie kamen von diesem Ausgang schnell zurück, denn Eva hatte gesagt: „Nachher spielen wir zusammen.“

Und sie spielten zusammen, lachten zusammen, und Frau von Ringewald saß dabei und lachte mit. Hulda ging so oft durch das Zimmer, als hätte sie Wunder was darin zu tun, und dabei hatte sie eigentlich gar nichts zu suchen oder zu fragen. Und nach dem Abendessen erzählte Eva eine Geschichte von Prinzessinnen und Feen, von einem goldenen Schloß, einem rosenroten Vogel, einem dottergelben Zwerg und einem feuerroten Schaf. Es war eine sehr lustige Geschichte, über die selbst Hulda lachte, weil sie nämlich gerade wieder durch das Zimmer ging und ein bißchen zuhörte.

Als die Buben an diesem Abend in ihren Betten lagen, schliefen sie nicht so fix ein wie am Tage vorher. Sie redeten noch ein paar Wörtlein über dies und das, aber dann kuschelte sich Peter in seine Kissen und seufzte: „Bin müde.“

„Weißt was?“ schrie ihn da Mathes an, der noch ganz munter war.

„Wa—aaas denn?“ Peter gähnte schauerlich.

„Wie der Mann aussah, der uns heute geführt hat? Der sah aus, wie —“

„Nuuu!“ Peter pustete laut, er war eingeschlafen.

„Nun sag’ ich’s net,“ knurrte Mathes, kuschelte sich auch in die Kissen und schlief auch ein.

Siebentes Kapitel.
Gartenfreundschaft.

Am andern Morgen zogen graue Wolken am Himmel hin und her, und wer ausgehen wollte, fragte sich: „Nehme ich nun einen Regenschirm mit oder nicht?“

Die Sternbübles dachten an keinen Regenschirm der Welt, sie standen höchst munter und vergnügt auf und schwätzten den Tag an wie zwei Spatzen auf der Dachrinne. Sie erwarteten von dem Tag vielerlei an Lust und Freude. Als sie aber in das Frühstückszimmer kamen, sah es da eher nach Regenwetter aus. Frau von Ringewald lehnte sehr bleich in ihrem Stuhl, und Fräulein Eva ermahnte gleich: „Seid stille, Mutter fühlt sich nicht wohl.“

Die Buben erschraken. Sie kannten das gar nicht, daß eine Mutter krank war. Die ihre war immer gesund und immer tätig. Also wußten sie auch nicht recht, was sie tun sollten, vergaßen das Gutenmorgensagen und blieben verdattert in der Mitte des Zimmers stehen.

„So schlimm ist es nicht,“ sagte die Frau Pate linde, „kommt nur her und sagt mir guten Morgen, ihr könnt auch reden, soviel ihr wollt.“

Wenn nun auch das Reden erlaubt war, mit dem Gang in die Stadt wurde es an diesem Morgen nichts. Mathes und Peter bekamen weder das riesengroße Denkmal zu sehen, das zur Erinnerung an die Leipziger Völkerschlacht erbaut wurde, noch das Museum, das wie ein großes Bilderbuch sein sollte. Eva, die sehr besorgt um ihre Mutter war, wollte nicht weggehen, ehe nicht der Arzt dagewesen war; sie riet also den Gästen, sie möchten sich etwas im Garten umschauen.

Garten ist Garten, dachten die beiden; wenn er auch klein war, spielen ließ sich schon drin. Also zogen sie ganz vergnügt hinein und durchschritten ihn erst einmal vom Anfang bis zum Ende, guckten in alle Winkel hinein, und dann begannen sie zu zählen, was es alles drin gab. Erst die Bäume, dann die Büsche, und dabei stellten sie fest, es gab nur einen einzigen Birnbaum im Garten und keinen Beerenstrauch.

So ein Garten! Lieber Himmel, da waren die Breitenwerter Gärten andere Kerle!

Selbst in Amhags Garten, der doch klein war, hatte es diesen Sommer Johannisbeeren wie kleine Kirschen so groß gegeben. Verächtlich sahen beide lange und angestrengt zu dem Birnbaum auf, und endlich sagten sie enttäuscht: „Es hängt nichts dran.“

„Was soll denn dranhängen? Zuckerwerk vielleicht wie an einem Weihnachtsbaum?“ fragte über den Zaun hinüber ein spitzes Stimmchen.

Verwundert blickten Mathes und Peter dem Klange nach, und da sahen sie zwei Mädel, ungefähr in ihrem Alter, im Nachbargarten stehen, die sehr spöttisch dreinsahen und kicherten, als wären die Sternbuben ein paar Hampelmänner. „Was macht ihr denn da?“ fragte die eine, die eine rosa Schleife wie eine Taube so groß im blonden Haar trug.

„Ihr seid wohl Gärtnerjungen, weil ihr die Bäume so anseht?“ fragte die andere, deren braune Zöpfe mit weißen Schleifen verziert waren.

„Noi!“ riefen die Buben, denen wirklich nichts anderes zu sagen einfiel.

„Nein, wie ihr sprecht!“ Die Mädel kicherten wieder, und die Blonde fragte weiter:

„Woher seid ihr denn?“

„Aus Breitenwert.“

„Aus —?“

„Breitenwert,“ wiederholten die Buben laut.

„Den Ort gibt’s gar nicht,“ rief die Braune hochmütig, „den haben wir noch nicht in der Geographie gehabt. Oder ist’s ein Dorf?“

„Noi, eine Stadt!“

„Pah, wie groß denn? So groß wie Leipzig?“

„Beinahe,“ riefen die Buben alle beide, denn im Augenblick erschien ihnen ihre Heimatstadt wirklich sehr groß und weit.

„Und wie seid ihr denn hierhergekommen? Was macht ihr denn in dem fremden Garten?“ Die kleine Braune sah aus, als wäre sie der Herr Schuldirektor und sollte eine Prüfung abhalten.

„Wir sind doch Besuch!“ Den Buben fing das Gefrage an unangenehm zu werden, außerdem kamen ihnen die Mädchen höchst wunderlich vor; so fein geputzt ging selbst Alette Amhag nicht auf der Löwengasse einher. Die beiden sahen aus wie die großen Wachspuppen, die sie gestern in einem Geschäft gesehen hatten.

„Besuch, bei wem denn?“

„Bei meiner Pate,“ bemerkte Mathes, „sie hat uns eingeladen.“

„Ist das Frau von Ringewald?“ Die Braune sah auf einmal sehr freundlich aus. „Die ist reich,“ flüsterte sie wichtig. „Aber wie heißt ihr denn?“

So ein Gefrage! Schon wollten die Buben davonlaufen, aber dann besannen sie sich und sagten ganz sittsam ihre Namen. Doch damit waren die Nachbarinnen noch immer nicht zufrieden, die wollten auch wissen, was ihr Vater wäre, und ob sie in einem feinen Hause wohnen.

Nun erschien der Silberne Stern in Breitenwert den Buben schon als ein Haus, von dem man erzählen kann, und sie erzählten unbefangen von der Heimat und merkten nicht, wie die fremden Mädel ihre Näslein immer höher reckten, just als käme von den Sternbuben her ein übles Gerüchlein.

„Ein Wirtshaus, puh!“ rief die Braune.

„Gasthausjungen seid ihr und zu Besuch bei Ringewalds? Wie komisch!“ Die Blonde kicherte spöttisch, und dann fragte sie hochmütig: „Dann werdet ihr wohl mal Kellner?“

Über das Wort brach die andere in ein lautes Lachen aus, und sie höhnte verächtlich: „Kellnerjungen, Kellnerjungen!“

Was zu viel ist, ist zu viel. Die Sternbübles waren zwar sehr harmlos und zutraulich, den bitterbösen Spott fühlten sie aber doch, und ein gewaltiger Zorn stieg in ihnen auf. Gribsch, grabsch! packte Mathes die Blonde an der rosa Schleife und Peter griff über das Gitter nach den Zöpfen der Braunen, und ehe es sich die beiden versahen, beutelten die Buben sie tüchtig hin und her.

Und Breitenwerter Bubenfäuste können schon zufassen. Den Mädeln wurde himmelangst, und sie schrieen ganz jämmerlich.

Es kam aber keine Hilfe. In Breitenwert hätte sich bei solchem Geschrei sicher schon da und dort ein Fenster aufgetan, hier sah niemand aus einem der vielen, vielen Fenster, die auf die kleinen Gärten hinaussahen. Doch Mathes und Peter wurde über dem Geschrei selbst Angst, und sie ließen ihre kleinen Feindinnen los. Die rannten davon, blieben in ihrem Garten in der Mitte stehen und schalten zornig hinüber: „Pfui, pfui, ihr frechen Kellnerjungen!“ Und dann begannen sie bitterlich zu weinen; es klang, als wäre ihnen das größte Unrecht geschehen. Sie kauerten am Boden nieder und schluchzten erbärmlich, und den Sternbuben wurde es selbst dabei ganz wind und weh zumute. So etwas konnten sie nicht vertragen.

„Flennt doch net so!“ riefen sie über das Gitter.

„Ihr — ihr — seid — so — so — grob!“ schluchzten die beiden.

„Und ihr habt uns geschimpft.“

„Es war doch nicht so schlimm!“

„Doch!“ schrieen die Sternbuben.

„Nein,“ schluchzten die Mädel, „ihr seid doch Wirtshausjungen.“

„Das ist was Feines!“ Mathes reckte und streckte sich, und plötzlich schrie er die Mädel an, als wären sie taub. „Bei uns hat schon mal ’n König gewohnt.“

„Ja, und ’n Herzog und furchtbar viele Grafen,“ fügte Peter hinzu.

Ein König, ein Herzog und Grafen! Die Mädel hörten auf zu weinen, sie sahen ihre Nachbarn halb eifersüchtig, halb mißtrauisch an. „Wirklich?“ fragten sie.

„Wir lügen doch net!“ Mathes warf ganz hochmütig den Kopf zurück, er fühlte, er mußte den Silbernen Stern ordentlich herausstreichen. „Fein ist’s bei uns,“ lobte er, „viele, viele Stuben haben wir, und in einer steht ein Bett mit goldenen Engeles drauf, da hat der König drin geschlafen.“

„Ja, und in unserm Gärtle gibt es viele, viele Beeren und Kirschen und Birnen,“ rühmte Peter.

Der Silberne Stern, der so viele Köstlichkeiten barg, stieg in der Achtung der beiden Mädel. Sie dachten an die großen Prunkhotels, die sie kannten, und sie zupften an ihren Haarschleifen herum und gaben das Weinen auf; mit den Buben da drüben ließ es sich vielleicht doch unterhalten. Noch zögerten sie, dann kamen sie ein paar Schritte näher, und die Braune sagte halb verlegen, halb herablassend: „Erzählt doch mal, wie ist’s denn bei euch?“

„Na, fein!“ Mathes und Peter, die sich doch ob der Haarrauferei ein wenig schuldig fühlten, begannen zu erzählen. Und wunderbar war das, das Heimathaus und die Löwengasse bekamen goldenen Glanz in der Erinnerung. Das kleine Gäßle schien ihnen viel länger und breiter als die Straße, in der sie jetzt wohnten, der Sterngarten, der eigentlich nicht groß war, wuchs und wuchs und wuchs zehnmal größer als all die grünen Winkel, die da von Häusern umschlossen lagen. Na, und der Silberne Stern erst! Kein Palast konnte schöner sein. Und die Freunde auf der Gasse, die Spiele, die sie miteinander spielten, ganz wundersam war alles.

Den Mädeln klang es wie ein Märchen. Und dieses Märchen lockte und lockte; sie vergaßen, daß die Buben sie gerauft hatten, sie standen plötzlich wieder am Gitter, und als Peter beschrieb, wie wundervoll es wäre, Räuber und Prinzessin zu spielen, rief die Braune: „Wir können’s ja mal zusammen spielen!“

Aber da war das Gitter dazwischen, das böse Gitter!

„Lauft auf die Straße; um die Ecke herum wohnen wir, da kommt ihr durch das Haus zu uns,“ riet die Blonde.

„Wir dürfen net auf die Straße.“ Der Vorschlag lockte, aber Mathes und Peter fanden es doch etwas bedenklich. „Wir klettern über das Gitter,“ schlugen sie vor.

„Könnt ihr das?“ Solche Kletterkünste waren den Mädeln noch nicht vorgekommen, aber ihr Zweifel spornte die Buben zu kühnem Tun an. Eins, zwei, drei! stiegen sie am Gitter empor, und erst plumpste Peter, dann Mathes drüben wie eine reife Pflaume in den Nachbargarten, und ihr Kommen wurde mit großem Jubel begrüßt.

Die beiden Mädel, die ihren neuen Freunden ihre Namen nannten, — die Blonde hieß Irene, die Braune Herta — vergaßen ganz und gar, daß es ihr allerhöchster Ehrgeiz war, sich wie kleine Damen zu benehmen. Aus ein paar Wachspuppen wurden im Umsehen ein paar wilde lustige Mädel.

Mathes und Peter sahen sich erst einmal in dem Garten um und fanden, ein großes Leinenzelt könnte zur Not eine Rauberhöhle sein. „Recht passen tut’s net,“ erklärte Mathes verächtlich, und Herta und Irene sahen ganz betrübt auf das zierliche Zelt mit den weißen Biedermeierstühlen darin. Warum war das nur kein Räuberschlößle wie das im Lindengarten in Breitenwert?

Und dann befahlen die erst so verachteten Wirtshausbuben: „So wird’s gemacht und so,“ und Herta und Irene gehorchten ohne Widerrede. Ein paar Minuten später war das vergnüglichste Spiel im Gang. Alle vier tobten in dem Gärtchen herum, hopsten auch einmal über die Beete, rissen beinahe die Räuberhöhle um, und als Fräulein Eva in den Garten kam, um ihren kleinen Gästen Frühstücksbrote zu bringen, sah sie die Bescherung.

„Aber wie seid ihr denn hinübergekommen?“ fragte sie verdutzt.

„Über das Gitter.“ Und flugs kletterte Mathes am Gitter empor, und flugs war er wieder drüben, Peter tat es ihm nach, und Herta und Irene erhoben ein großes Geschrei: „Geht noch nicht fort, geht noch nicht fort!“

Eva lachte. „Meinetwegen steigt wieder rüber, nur zerreißt euch die Hosen nicht,“ sagte sie, „und verpaßt das Frühstück nicht über eurem Spiel!“

Das Frühstück vergessen!

Die Sternbuben waren ganz baff, wie nur jemand auf diesen Gedanken kommen konnte, und da Fräulein Eva auch noch nicht so lange die Kinderschuhe ausgetreten hatte, fiel es ihr ein, wie frühstückshungrig sie und ihr Bruder stets gewesen waren, und sie lachte herzhaft über ihre eigene Mahnung. Lachend kehrte sie in das Haus zurück, und Mathes und Peter kletterten samt den Frühstücksbroten und den Birnen, die dabei lagen, wieder zu ihren neuen Freundinnen hinüber.

Dann schmausten sie alle vier zusammen sehr vergnügt in der Räuberhöhle, denn Mathes und Peter waren edelmütig genug, von ihrem Überfluß etwas, doch nicht allzuviel, abzugeben. Dabei erzählten sie sich dies und das, und es gab ein gegenseitiges Verwundern und Erstaunen. Was Herta und Irene, die zwei sehr verwöhnte einzige Kinder waren, aus ihrer Schule von ihren Freundinnen, von Theater und Gesellschaften erzählten, kam den Sternbübles höchst sonderbar vor, und die Mädel wieder hörten den Geschichten aus der Löwengasse zu wie einem Märchen. Sie saßen beide auf einer weißen Bank, und trotzdem sie etwas zerzaust waren vom wilden Spiel, kamen sie den Buben doch wieder vor wie zwei Puppen. Aber freilich, diese Puppen konnten reden wie ein paar erwachsene Damen. Von Schulgeschichten und Freundinnenklatsch kamen sie auf die Geschichten, die sich die Dienstboten auf der Straße erzählten, und Herta, die noch naseweiser war als Irene, erzählte auch den erstaunten Bübles, Fräulein Evas Bruder, Fritz von Ringewald, sei durchgebrannt.

Erst kam Mathes und Peter das Durchbrennen ungemein spaßig vor, aber als Herta weiter erzählte, daß Frau von Ringewald vor Kummer immer krank sei, wurde ihnen die Sache bedenklich. Auch erschien es ihnen unmöglich, daß Fräulein Evas Bruder ausreißen sollte, und Peter schüttelte heftig seinen Kopf und rief: „Noi, das ist net wahr, ich glaub’s net.“

„Ich auch net,“ schrie Mathes, „ihr flunkert.“

Herta und Irene waren über diesen Widerspruch so verdutzt, daß ihnen wirklich die Mäulchen stillestanden; ein paar Sekunden wußten sie kein Wörtlein zu sagen, dann rief endlich Herta: „Es ist aber doch wahr!“

„Noi, wir glauben’s net.“

„Aber doch, fragt doch Hulda danach!“

Doch davon wollten die Buben nichts wissen, und eine Weile stritten sie sich alle vier hin und her, die Mädel schrieen laut, die Buben noch lauter, und vielleicht wäre noch eine schlimme Geschichte draus geworden, gar wieder eine Haarrauferei, wenn nicht ein sehr zierlich gekleidetes Dienstmädchen erschienen wäre, um Herta zu holen. „Aber Herta!“ rief dieses entsetzt. „Was sind denn das für Jungen, die sind wohl von der Straße?“

Die Sternbübles sahen zwar ein bißchen beschmutzt aus, denn sie waren als Räuber auf der Erde herumgekrochen, so wüst aber doch nicht, wie das Mädchen tat, und sie sahen darum auch gleich ganz bitterböse drein.

Nun hatten sich Mädel und Buben zwar eben noch tüchtig gestritten, und Herta besonders war sehr wütend auf die widerborstigen Bübles gewesen, doch in diesem Augenblick dachte sie an ihr schönes Spielen zusammen, und sie rief gekränkt: „Das sind meine Freunde, Frieda! Und die sind furchtbar vornehm, die wohnen im Silbernen Stern, und morgen spielen wir wieder zusammen, nicht wahr?“

Mathes und Peter nickten eifrig. „Wir klettern wieder über das Gitterle,“ sagte Mathes, „und vielleicht spielen wir Indianer; da müßt ihr euch aber ein bissele anstreichen und die Haare aufmachen.“

„Um Himmelswillen!“ schrie Frieda. „Das ist ja gräßlich!“

„Das wird fein,“ jauchzten Herta und Irene, und dann nahmen sie den allerherzlichsten Abschied von ihren neuen Freunden, gar nicht als wären ihnen die in die Haare gefahren und als hätten sie sich miteinander gezankt. Mathes und Peter kletterten zu Friedas Entsetzen wieder über das Gitter und winkten und nickten noch von drüben herüber, bis die Mädel im Hause verschwunden waren, und dann sagte Peter nachdenklich: „Manchmal sind’s Äffles und manchmal sind sie’s net.“

Sie standen noch und sahen nachdenklich in den Nachbargarten hinein, überlegten noch immer, ob ihnen ihre neuen Freundinnen eigentlich gefielen oder nicht, als Eva von Ringewald wieder zu ihnen kam. Der Arzt war inzwischen dagewesen, und er hatte leise gesagt: „Hier kann nur eins helfen.“

Eva wußte wohl, es war die Rückkehr des Bruders an das Herz der Mutter, was der Arzt meinte. Ach, würde das jemals geschehen?

Mathes und Peter dachten just auch an den ausgerissenen Bruder, aber nicht gerade mit Trauer, sondern mit sehr viel Neugier. Ob das wirklich wahr war? Hulda trauten sie sich nicht zu fragen, und Fräulein Eva erst recht nicht, darum hingen sie ganz verlegen die Köpfe, als diese zu ihnen trat.

Eva merkte das wohl, und sie dachte: Ei, die beiden haben etwas angestellt! Sie sah sich im Garten um, da war alles in Ordnung, nichts zertreten, nichts abgerissen; sie sah sich auch die Bübles selbst an, ein bißchen schmutzig waren sie, aber Hosen und Jacken waren heil. „Wo sind denn Herta und Irene?“ fragte sie.

Mathes gab Antwort. Er erzählte von dem Dienstmädchen, das gemeint hätte, sie wären Straßenjungen.

„Seid ihr darum so niedergeschlagen?“ fragte Eva lächelnd.

Mathes und Peter schüttelten die Köpfe, sie sahen sich an, wurden rot, aber nach dem ausgerissenen Bruder wagten sie doch nicht zu fragen.

Eva bekam nichts aus den beiden heraus, und doch spürte sie, die haben etwas, die verbergen etwas vor mir. „Kommt nun herein,“ sagte sie ein wenig kurz und streng, das Heimlichtun ärgerte sie.

Als alle drei das Gartenzimmer betraten, klingelte gerade Frau von Ringewald in ihrem Schlafzimmer, und darum rief Eva eilig: „Geht in eure Stube oder seht euch noch hier ein bißchen um.“ Dann lief sie davon, und die beiden blieben allein.

Denen gefiel das ganz gut. An den Wänden des hübschen Zimmers hingen allerlei Bilder, die sahen sie sich an, und als sie fertig waren, gingen sie in das Nebenzimmer, von da auf den Flur, und auf einmal standen sie an einer kleinen Treppe, die abwärts führte. Von da herauf war Hulda manchmal gekommen, also mußte es da unten auch noch Räume geben. Entdeckungsreisen liebten sie beide sehr, und sie stiegen darum hurtig die Treppe hinab und fanden es unten wie oben. Auf einen kleinen Flur mündeten verschiedene Türen, und aus einer, die nur angelehnt war, zog den beiden ein Düftlein entgegen wie von frischem Kuchen. Und dieses Düftlein glich einer Angelschnur, es zog und zog, und auf einmal standen Mathes und Peter in der Küche und waren selbst höchst verwundert darüber.

Noch mehr war es Hulda, die gerade ein Blech voll kleiner goldgelber Kuchen aus dem Ofen zog. „Hm,“ brummte sie, „was wollt denn ihr hier?“

Das wußten die Buben nun selbst nicht.

„Die Jungen kommen,“ rief Ida, die auch in der Küche war, „weil Sie immer so schrecklich freundlich sind und nie nich schimpfen.“

Das ärgerte Hulda und sie knurrte: „Quitschquatsch, ich bin auch freundlich, sehr sogar, und wenn die Jungen mich besuchen wollen, ist mir’s allemal recht. Kommt rein!“ schrie sie Mathes und Peter an, als wollte sie die verschlingen.

Die Buben zögerten. Diese Einladung klang doch nicht sehr verlockend, aber da schrie Hulda noch lauter: „Kommt rein, macht die Türe zu; es zieht mir die Kuchen zum Ofen raus. Ihr wollt wohl kosten?“

Das wollten die Buben schon, und sie kamen langsam näher. Weil Ida immer lachte, erschien ihnen Huldas Schreien nicht so schlimm zu sein. Und dann saßen sie plötzlich auf der Küchenbank, und zwischen ihnen stand ein Tellerchen voll Kuchen, und Hulda brummte: „Eßt, eßt, in so ’n Jungenmagen geht viel und noch was rein.“

„Na, Hulda, wie Sie aber nett zu Gästen sind!“ Ida lachte und lachte, die Sternbuben lachten auch, und Hulda grollte: „Gehen Sie man nach oben, wir hier unten unterhalten uns schon! Das sind jetzt meine Gäste. Nicht wahr, wir unterhalten uns?“ brüllte sie die Sternbübles an.

Die verschluckten sich beinahe vor Schreck, nickten nur mit den Köpfen, blieben aber doch sitzen, als Ida ging. Und es war sonderbar, ein paar Minuten später unterhielten sie sich wirklich höchst vergnügt mit Hulda, und zwar hatte eigentlich die Küche vom Silbernen Stern die Unterhaltung begonnen. Nach der fragte Hulda, die Buben antworteten, sie erzählten dies und das, und als Hulda sagte, der Silberne Stern möchte ihr schon gefallen, wurden Mathes und Peter sehr vergnügt und redelustig. Sie erzählten auch von ihrer Gartenbekanntschaft, was Herta und Irene gesagt hatten, und unversehens waren sie bei der Geschichte von dem ausgerissenen Bruder Fräulein Evas und wußten nicht wie.

„Herrje!“ schrie Hulda erschrocken. „Davon dürft ihr nie ein Sterbenswörtchen sagen. O du lieber Himmel, der Kummer!“ Sie vergaß ihren Kuchen im Ofen, hockte sich auf dem Kohlenkasten nieder und brach in ein bitterliches Schluchzen aus. „Der Junge, der Junge, wenn man an den denkt, bricht’s einem das Herz,“ klagte sie.

Den Buben wurde es seltsam weh, jeder hielt einen Kuchen in der Hand und vergaß das Hineinbeißen, Huldas Weinen klang auch gar zu traurig. Aber wie sollten sie ihr helfen? Sie wagten nicht einmal recht zu ihr hinzugehen, und so hätten sie wohl noch eine lange Weile stumm dagesessen, wenn nicht aus dem Ofen ein verdächtiges Gerüchlein gekommen wäre.

„Die Küchles brennen!“ schrie Mathes erschrocken.

„Herrje!“ Hulda sprang auf, riß die Ofentüre auf und zerrte ein Blech voll dunkelbrauner Küchlein aus dem Ofen. Ehe sie noch in neue Klagen ausbrechen konnte, rief Peter: „Das ist net schlimm, so schmecken sie fein.“

„Ach du meine Güte, gerade das hat er auch immer gesagt, unser Fritz!“

Huldas Tränen flossen aufs neue. Unter Tränen nahm sie die Kuchen vom Blech, unter Tränen legte sie welche auf den Teller der Buben, und dieser Kummer rührte Mathes so sehr, daß er plötzlich aufsprang und rief: „Wenn ich groß bin, geh’ ich ihn suchen.“

„Ich auch!“ Der Peter hatte aber vergessen, erst seinen Bissen runterzuschlucken, er verschluckte sich, hustete und hustete, Hulda schlug ihn auf den Rücken, erzählte etwas von einem Storch, der an der Küchendecke zu sehen wäre, darob mußte Mathes fürchterlich lachen, und ein paar Minuten lachten, husteten und weinten alle drei durcheinander, und im Ofen zischten und brodelten ein paar Töpfe, als wollten sie mittun.

Einige Zeit später kam Ida wieder in die Küche und sah zu ihrem Erstaunen Hulda inmitten der Sternbuben auf der Küchenbank sitzen. Sie schälte Kartoffeln, und ihre Gäste hatten sich ganz dicht an sie angeschmiegt, und als Ida etwas schnippisch fragte: „Ich störe wohl?“ rief Hulda laut „Ja!“ und — die Buben nickten dazu.

So etwas! Ida ging ein bißchen gekränkt wieder hinaus, und Hulda erzählte weiter. Sie erzählte von Fritz von Ringewald, dem entlaufenen Sohn des Hauses. Ihr Liebling war er gewesen, seiner Mutter stolze Freude. Immer heiter, immer fleißig, am frohesten aber, wenn er seine Geige im Arm hatte oder mitsingen durfte im altberühmten Thomaschor. Wie schön das sei, wenn die Buben oben auf der Orgelbrüstung der alten Thomaskirche ständen und sängen, erzählte Hulda. „Wie unser Fritz noch dabei war, bin ich oft hingegangen,“ sagte sie, „und unser Fräulein Eva konnte sich gar nich satt hören an dem lieblichen Gesinge. Es wäre auch alles anders geworden, wenn unser Herr Geheimrat am Leben geblieben wäre, doch der starb so rasch, und unsere gnädige Frau nahm sich das so zu Herzen, sie vergaß beinahe die ganze Welt über ihrem Kummer. Damals hat’s angefangen mit unserem Fritz. Sein Vormund wollte ihm die Musik verbieten, der Fritz trotzte, er hätte sich sonst wohl seiner Mutter anvertraut, aber er wollte ihren Kummer nicht vergrößern. Ach du lieber Himmel, und hat ihr nachher noch viel größeres Herzeleid zugefügt!“

Hulda seufzte tief, und die Bübles seufzten mit. Das Ausreißen erschien ihnen noch immer etwas unverständlich, und Hulda merkte wohl, hatte sie so weit erzählt, mußte sie die Geschichte auch zu Ende führen. Sie fuhr also fort: „Es wäre alles nich so schlimm geworden, wenn unsere gnädige Frau nich hätte fortreisen müssen. Weit weg, nach Italien runter hat sie der Doktor geschickt, und Fräulein Eva hat mitgemußt. Ich sollt’ auch mit, aber ich hab’ mich gegrault vor ’n Land, wo die Leute anders reden als wir. Na, so was, das liebe ich nich. Also ich bin hiergeblieben und wollt’ für unsern Fritz sorgen. Doch das litt der Herr Vormund nich, der Junge mußte zu ihm; er wollt’ ihm die Musik austreiben, hat er gesagt. Zu dumm, daß ich das nich der gnädigen Frau geschrieben habe! Denn die hat von alledem keine Ahnung gehabt, der Vormund war doch ihr Bruder, bei dem, meinte sie, wäre der Fritz gut aufgehoben. Es sind aber zwei harte Köpfe zusammengekommen, und eines schönen Tages, sechs Monate war die Mutter weg, ist der Fritz auf und davon gegangen. Haste nich gesehen, da siehste, weg war er! Hinterher hat’s dem Herrn Onkel schon leid getan, er hat suchen lassen, aber ’ne Stecknadel hätte man leichter gefunden als unsern Fritz. Weg war er, und weg ist er geblieben. Ich denk’ immer, der ist in Amerika bei den Schwarzen.“

„Ich such’ ihn,“ schrie Mathes.

„Ich auch!“ Und beide Buben schmiegten sich ganz fest an Hulda an, die wieder in schmerzliches Weinen ausbrach. „Ihr seid gute Jungen,“ murmelte sie. „Ist schon recht, daß ihr gekommen seid. Ich mag euch auch gut leiden, ganz gewiß.“

„Wir dich auch,“ schrieen die Buben.

Und so wurde die Freundschaft unter Tränen besiegelt, und als die Buben ein Weilchen später wieder nach oben kamen, antworteten sie stolz auf Fräulein Evas Frage, wo sie gewesen wären: „Bei Hulda.“

„Da war’s fein!“ rief Peter, und Mathes nickte bedächtig dazu: „Sie sagt, nun wären wir befreundet.“

Achtes Kapitel.
Auf der Messe.

Hulda zeigte ihre neue Freundschaft für die Sternbuben gleich an diesem Nachmittag. Sie erbot sich nämlich, mit den beiden auf die Messe zu gehen, und Eva, die gern bei der Mutter bleiben wollte, war sehr froh darüber. Hulda versprach, die Buben wie ihre Augäpfel zu hüten, stellte ihnen alle Wunder der Messe in Aussicht und sagte: „Die werden Augen machen! Aber auf die Luftschaukel dürfen sie nich. Denn da fallen sie mir gar kopskegel in meinen Marktkorb und brechen jeder noch drei Arme und sechs Beine.“

Wie die Buben so viele Gliedmaßen brechen sollten, sagte Hulda nicht dazu. Eva lachte, Mathes und Peter lachten, und dann trabten sie auf ihren zwei Beinen sehr vergnügt mit ihrer neuen Freundin davon. Natürlich fuhr ihnen wieder die elektrische Bahn an der Nase vorbei, aber Hulda sagte: „Warten ist gesund.“ Also warteten sie, denn die Messe lief ja auch nicht gleich weg nach Huldas Ansicht.

Von der Messe selbst hatten die Sternbuben keine rechte Vorstellung. Sie wußten nicht, daß seit Jahrhunderten die Leipziger Messen Weltruf haben, und daß neben vielen, vielen Kaufleuten aus aller Herren Ländern auch viele lustige, fröhliche Leute zur Messe kommen, um ihre Künste zu zeigen. Dort, wo einst die Straße nach Frankfurt am Main führte, wo nach der großen Völkerschlacht Napoleon mit seinem geschlagenen Heer flüchtend dahinzog, befindet sich jetzt der große Marktplatz. Hulda hatte gesagt: „Es ist wie ein großer Jahrmarkt,“ und Mathes und Peter dachten daher an den Breitenwerter Jahrmarkt, den sie für sehr groß und bedeutend hielten. Als sie aber auf dem Meßplatz anlangten, da wünschten sie sich zwar nicht sechs Beine, doch sechs Augen, um alles recht zu sehen, was es zu sehen gab.

Potztausend ja! Was war der Breitenwerter Jahrmarkt mit seinen fünf Buden und einem Karussell gegen die Messe von Leipzig! Wie eine kleine Stadt war die mit langen Budenstraßen. Und in den Buden schimmerte es in allen Farben, es glänzte und gleißte darin, und wenn einer nur Geld im Beutel hatte, der konnte mehr kaufen, als er heimzutragen vermochte. Da gab es Spielzeug und Musikinstrumente, Spitzen und Bänder, Seidenstoffe und Blecheimer, Töpfe, Tassen, Teller, Gläser und Pfefferkuchen, Schuhe, Schürzen, Bücher, Bilder und Holzsachen, Schmucksachen und lustige Schnurrpfeifereien. Dazu waren die Leute alle sehr freundlich, Hulda wurde immer Madamchen genannt, und Mathes und Peter brauchten nur etwas anzusehen, gleich fragte jemand: „Na, junger Herr, was ist gefällig?“

„Ihr dürft auch nachher was kaufen; eine Mark für jeden hat mir Fräulein Eva geschenkt,“ sagte Hulda. „Aber erst überlegen, denn sonst kommt ’n Unsinn raus. Nu gehen wir erst zur Schaumesse.“

Das war erst etwas! Ein Dutzend Augen hätten die Buben hier haben mögen, das halbe Dutzend genügte nicht mehr. Was war das Breitenwerter Karussell gegen die Prachtbauten hier! Die hatten gleich ein paar Stockwerke, und ihre Pferde und Wagen, ihre Schlitten und Schaukeln stammten gewiß alle aus einem Königsschloß. Das glitzerte wie von tausend Edelsteinen, und Hulda erzählte: „Abends, wenn die Lampen brennen, dann ist so viel Licht, daß ich allemal denke, unsere liebe Sonne muß sich recht ärgern über das Gefunkle. Na, und nu seht mal dahin, das ist ’n Ding! Wenn man da mal drauf fährt, ist’s einem nachher, als hätte man die Drehkrankheit und Stecknadeln in den Beinen.“

Ganz erschrocken sahen Mathes und Peter zu dem hohen, wundersamen Aufbau empor, den Hulda ihnen zeigte. Es war eine Luftschaukel. In kleinen Gondeln sausten die Menschen durch die Luft, sie lachten und winkten, es sah gar nicht aus, als fänden sie das Fahren so schrecklich wie Hulda. Doch die brummte: „Erst soll’n die mal runterkommen, nä, da laß ich euch nich drauf. Seht mal dort, da ist ’n Zaubertheater.“

Neben dem Zaubertheater stand noch ein Gebäude, neben dem wieder eins und so fort. Buden konnte man diese stattlichen Holzbauten gar nicht mehr nennen. Und während sich die Buben umschauten, und es ein Wunder war, daß ihre Hälse dies viele Hinundherdrehen aushielten, krähte unweit von ihnen eine heisere Stimme: „Seht wohl, ich bin auch da!“

„Kasperle!“ schrieen Mathes und Peter und sahen dahin und dorthin, und dann stürzten sie, ohne sich um Hulda zu kümmern, auf ein kleines Budchen zu, das wie ein verhutzeltes Fraule zwischen einer Schaubude und einem Karussell stand. Das Budchen hatte einen kleinen roten Vorhang, und aus einer Luke blickte wirklich Kasperle hervor, genau so wie er es auf dem Breitenwerter Jahrmarkt tat.

„Kasperle,“ riefen die Buben noch einmal, „bist du auch da?“

„Nu freilich!“ antwortete Kasperle, der hier in Leipzig Sächsisch redete. Seine Stimme klang recht kläglich, denn dem armen Kasperle ging es auch sehr schlecht hier. Seine Nachbarn machten so viel Musik und Getöse, daß die meisten Leute ihn gar nicht hörten. Auch Hulda schalt: „Hier bleiben wir nich stehen, das ist ja nur ’ne kleine Schmierbude!“

„Allerschönstes Madamchen, laufen Se man nich fort!“ flehte Kasperle. „Ich hole auch gleich meine Frau und den Teufel und den König, und wen Se noch wollen.“

„Unsinn!“ brummte Hulda. Aber da bettelten Mathes und Peter mit glänzenden Augen: „Wir wollen doch bleiben! Der Kasperle ist auch immer bei uns.“

Komisch, dachte Hulda, nu sollen die sich die Messe ansehen, und dann bleiben sie vor so ’n Jammerding stehen, weil das in Breitenwert so ist.

Kein Bemühen und Seufzen half, wo Mathes und Peter einmal standen, da standen sie, und Kasperle gab sich auch alle Mühe, seinen Zuhörern Freude zu machen. Er schlug Purzelbäume, zankte sich mit dem Teufel und haute sich mit ihm, machte die tollsten Späße, und der Teufel wurde fuchswild darob.

Mathes und Peter lachten hellauf, sie wackelten vor Lachen hin und her, und Hulda wackelte mit; sie hatte das Grollen rasch aufgegeben und lachte, ohne freilich zu wissen, ob über Kasperle oder die Buben. Und diese jauchzende Fröhlichkeit der drei übertönte schließlich doch den Lärm der stattlichen Nachbarn. Immer mehr Leute kamen herbei, zuletzt gab es ein richtiges Gedränge vor dem Budchen. Da wurde Kasperle immer lustiger, und gerade als er seine besten Späße machte, fing ein altes Frauchen an, vor der Bude einzusammeln. Es gab jeder etwas, Kupferpfennige und Nickelmünzen, und als das Frauchen zu Hulda trat, war der Teller schon ganz voll. Hulda legte ganz hochmütig fünfzig Pfennig auf den Teller, und die kleine Kasperlefrau knickste tief. „Allerschönsten Dank!“ murmelte sie. „Ach, ich wollte, die Herrschaften kämen jeden Tag! Wenn zweie so lachen können wie die Jungen da, dann ist das besser, als wenn Kasperle noch so laut schreit: „Ich bin da!“

Die Frau ging, die Leute zerstreuten sich, der rote Vorhang wurde für ein Weilchen wieder geschlossen, und Hulda und die Buben gingen auch.

„Das war fein!“ sagte Mathes, und Peter stieß einen Seufzer aus: „Kasperle ist was Feines!“

„Kasperle hat’s arg gut!“ Mathes seufzte auch.

„Dummer Junge!“ brummte Hulda, „den Leuten geht es schlecht, das konnte man doch sehen, und es war schon recht, daß wir dastanden und so gelacht haben, sonst wär’ keine Katze weiter gekommen.“

Kasperle sollte es schlecht gehen? Ja wieso denn?

Mathes und Peter starrten Hulda tief erschrocken an, und die mußte ihnen erst erklären, wie schwer es so ein kleines Budchen zwischen den andern Prachtbauten hätte, um nur gesehen zu werden. Und Kasperle hatte eine heisere Stimme gehabt und konnte nicht laut schreien, darum hörte ihn selten jemand. In Breitenwert mochte das anders sein. Aber hier, lieber Himmel, wer sah viel nach dem Budchen, wo es so viel Schöneres zu sehen gab!

Die Buben senkten die Köpfe. Kasperle, dem lieben Kasperle ging es nicht gut, das beschwerte ihre Herzen sehr.

„Mathes!“ rief da plötzlich Peter, und „Peter!“ rief Mathes, und beide steckten die Köpfe zusammen, tuschelten etwas, nickten sich zu, lachten, und als Hulda sie ganz verwundert ansah, sagten sie rasch: „Wir wünschen uns was.“

„Na, was denn? Wohl für die Mark von Fräulein Eva?“

Die Buben nickten lebhaft. „Wir wollen sie — Kasperle geben.“

Unsinn, hätte Hulda beinahe gesagt, aber sie tat es nicht, sie besann sich auch nicht lange, sondern nickte bedächtig mit dem Kopf: „Meinetwegen, mir ist’s recht. Ist ja auch wahr, Spielzeug habt ihr genug, und — Kasperle kann es gewiß brauchen.“

Einige Augenblicke später standen die drei wieder vor dem Budchen, und Mathes und Peter brüllten den Vorhang an: „Kasperle, komm raus, wir wollen dir was schenken!“

Zwei, dreimal wiederholten sie ihren Ruf, bis das Zipfelmützchen aus dem Vorhang herauslugte und eine klägliche Stimme fragte: „Vielleicht ’ne Wurst?“

„Noi, das hier!“ Mathes und Peter reichten jeder seine Mark hinaus, und Hulda gab auch eine, und Kasperle purzelte vor Verwunderung über die reiche Gabe beinahe aus dem Budchen heraus. „Ich freu’ mich, ich freu’ mich!“ schrie er und wackelte mit Kopf und Beinen, und dann setzte er sich auf die Brüstung der kleinen Bühne und begann zu singen, und es klang, als ob ein Hahn krähte:

„Kasperle ist ’n armer Mann,

Hat nur sein Flick-Flickröcklein an,

Hat nicht Bett, hat nicht Tisch,

Hat nicht Braten und nicht Fisch.

Trocken Brot am Morgen,

Abends Kummer und Sorgen,

Das ist ’n bißchen wenig,

Doch tauscht er mit kein’ König;

Denn allzeit lustig, allzeit froh

Ist Kasperle, hussaholdrioh!“

Zuletzt schrie Kasperle und zappelte immer toller, die Buben jauchzten, und der Lärm lockte neue Zuschauer herbei. Als Hulda und ihre Schützlinge gingen, drängten sich die Menschen vor dem Budchen ganz dicht zusammen; Kasperles Stimme übergellte selbst das Karussell, und Hulda sagte befriedigt: „Heute geht’s dem mal gut, aber nun gehen wir hier rein und trinken Kaffee.“

Gegen diesen Vorschlag erhoben die Buben keinen Widerspruch. Freilich, so flink kamen sie nicht zu ihrem Kaffee. Ein Schwarzer lief ihnen über den Weg, der sah genau so aus wie der von gestern, und aufgeregt rissen sie Hulda von der Tür der Kaffeeschenke weg: „Da ist er, da ist er!“

„Wer denn?“ Hulda sah sich rundum, sie sah viele, viele Menschen, aber den Schwarzen sah sie nicht, der war in eine Bude hineingegangen, und Mathes und Peter konnten nur von ihm erzählen.

Hulda war gar nicht verwundert, sie sagte gelassen: „Solche laufen hier oft rum, und hier drin spielen sogar Zigeuner. Ja, ja, bei uns gibt’s was zu sehen!“

Die drei traten nun in einen großen, hellen Saal ein, in dem viele kleine Tische standen. Fast alle waren sie schon besetzt, aber schließlich fand sich neben einer kleinen Treppe noch ein freier Tisch für die neuen Gäste. Das Treppchen führte zu einer kleinen Bühne empor, auf der ein paar Männer in bunten, seltsamen Gewändern saßen und Geige spielten.

„Das sind die Zigeuner,“ erklärte Hulda. Sie selbst sah kaum zu den Spielern auf, sie sah sich lieber um, sah sich die Menschen an, die im Saal saßen, und außerdem dachte sie ungeduldig an Kaffee und Kuchen.

Mathes und Peter aber starrten unentwegt zu den Zigeunern empor. Durch Breitenwert waren einmal solche gezogen, die hatten freilich nicht so bunt und sauber ausgesehen, sondern recht zerlumpt und schmutzig. Käthle im Silbernen Stern hatte allerlei wunderbare Geschichten von ihnen erzählt, hatte gesagt, sie könnten wahrsagen, es ginge aber nie in Erfüllung. Auch Kinder sollten sie rauben, stehlen und sonst allerlei unbehagliche Taten tun. Alles hatte ein bißchen graulich geklungen, und Mina hatte alles dumme Räubergeschichten genannt. Jedenfalls waren Zigeuner Leute, die sich für zwei Buben schon des richtigen Ansehens lohnten, zumal wenn die Buben selbst gemütlich am Kaffeetisch saßen.

Mathes und Peter besorgten darum das Anschauen auch recht gründlich und suchten allerlei Räuberhaftes an den Zigeunern zu entdecken. Dies war ein vergebliches Bemühen. Die vier Männer sahen nämlich sehr gutmütig aus, kein bißchen grimmig, und so braun und dunkelhaarig, wie eigentlich Zigeuner sein sollten, waren sie auch nicht. Ja, sonderbar genug, der eine hatte zwar schwarze Haare, dazu aber kornblumenblaue Augen, solche, wie Fräulein Eva sie hatte. Er wandte den Buben halb den Rücken zu, aber jedesmal, wenn er sich etwas drehte, stießen die beiden sich an, und endlich tuschelte Mathes dem Bruder zu: „Das ist er!“

Peter sah etwas zweifelhaft drein, so ganz klar war ihm die Sache nicht. Doch als der Zigeuner einmal nach ihnen hinsah, nickte er ihm zutraulich zu, und Mathes nickte auch.

„Herrje! Wem nickt ihr denn da zu?“ fragte Hulda erstaunt. „Kennt ihr denn jemanden?“

„Ja, den Zigeuner oben,“ flüsterte Mathes, „der hat uns gestern heimgebracht.“ Und sein Fingerlein wies Huldas Blicken den Weg.

„I nä!“ Hulda starrte nun auch zur Bühne empor, aber da hatte sich der Zigeuner gerade umgedreht, und nur sein Rücken war noch zu sehen. Da murmelten die Buben auf einmal höchst erstaunt: „Gestern war er aber blond!“

„Dann ist er’s eben nich!“ Hulda lachte. „Ihr seid schon ’n paar Dummchen; wie soll denn ’n Zigeuner wissen, wo ihr hingehört, die sind doch fremd hier. Und wenn einer einen Tag blond ist und den anderen schwarz, dann ist er eben ein anderer.“

Und nach dieser Rede Huldas kam der Kaffee und der Kuchen, und alle drei vergaßen ein Weilchen die Zigeuner vollständig. Erst beim Weggehen dachten die Buben wieder an den geheimnisvollen Mann, und gerade als sie hinsahen, blickte sie der Zigeuner an. Sein Blick war freundlich und vertraut, und alle beide pufften Hulda gelinde, und Peter schrie laut: „Er ist’s doch! Da, er sieht uns.“

Schwapp! drehte der Zigeuner ihnen wieder den Rücken zu, und Hulda brummte ärgerlich: „So ’n dummer Kerl, mal ansehen kann er sich doch lassen! Aber nun kommt, jetzt könnt ihr auf dem gräßlichen Drehding fahren, nur schlecht darf’s euch nich werden.“

Die Bübles versicherten eifrig, ihnen würde es nicht schlecht, es wäre ihnen noch niemals schlecht geworden vom Karussellfahren, und sie purzelten auch ganz bestimmt nicht runter.

Das richtige Karussell zu finden, war gar nicht leicht. Den Buben gefiel eins immer besser als das andere, und sie wählten und wählten, bis endlich Hulda sagte: „Entweder fahrt ihr jetzt oder nicht.“ Da entschlossen sich die beiden, ein Karussell zu besteigen, auf dem es Löwen und Tiger und noch viele andere Tiere gab. Hulda bezahlte gleich für drei Fahrten, und dann sagte sie, sie würde rasch einige Töpfe kaufen, inzwischen sollten die Buben fahren und sie wieder hier am Karussell erwarten. Dies versprachen die beiden, und sie erstiegen vergnügt ein paar Wüstentiere, und dideldum! ging die Fahrt los.

Hulda kaufte Töpfe, die Buben fuhren, zuletzt auf ein paar Schwänen, und als diese dritte Fahrt begann, sahen sie plötzlich unter den Zuschauern den Zigeuner stehen. Als sie an ihm vorbeikamen, nickten sie ihm zu, und diesmal nickte er wieder. Rundum ging’s, da war wieder der Zigeuner, sie nickten, er nickte, und wieder rundum; da stand er noch immer, und wieder nickten sie, und wieder nickte er.

„Wenn’s alle ist, gehen wir zu ihm,“ sagte Peter.

„Da ist Hulda,“ rief Mathes.

Und da stand wirklich Hulda, nickte, winkte und lachte, die Musik brach ab, die Fahrt war zu Ende.

„Schon!“ sagten die Bübles seufzend, und dann kletterten sie von ihrem köstlichen Sitz herab und wurden unten von Hulda empfangen. Die hatte ihre Töpfe gekauft, und den Buben drehte sich ein Weilchen alles im Kreise herum, und erst als sie wieder fest auf den Beinen standen, konnten sie Umschau nach dem Zigeuner halten. Doch von dem war selbst die Nasenspitze nicht mehr zu erblicken, und Hulda lachte sie beide noch obendrein aus. „Das ist doch so,“ erklärte sie, „wenn eins auf dem Karussell fährt und nickt, dann nicken die Zuschauer wieder. Doch nun kommt, jetzt gehen wir noch ins Affentheater und dann nach Hause!“

Affenbekanntschaften hatten die Sternbübles in ihrem Leben noch nicht viele gemacht, sie gingen sehr neugierig und erwartungsvoll in das Theater hinein und dachten, wenn die Äffles so lustig sind wie Alette Amhags Augustle, der leider so schnell gestorben war, dann wird’s fein. Es wurde aber noch feiner als fein, es wurde herrlich!

Hulda nahm ersten Platz, und dann saßen alle drei nebeneinander auf roten Samtstühlen, und das Spiel begann. Wie Menschen waren die Affen gekleidet, und wie Menschen benahmen sie sich; sie aßen und tranken, fuhren spazieren, gingen wie vornehme Damen und Herren einher, machten allerlei Kunststücke, warfen den jauchzenden Kindern im Zuschauerraum Kußhände zu, zankten sich und versöhnten sich, zuletzt gab es sogar eine Hochzeit, und damit war das Spiel aus.

„Kommt!“ mahnte Hulda.

Doch die Buben rührten sich nicht. Die starrten wie verzaubert auf den bunten Vorhang der kleinen Bühne. Dahinter waren nun die lustigen, drolligen Spieler verschwunden, und als Hulda wieder zum Aufbruch drängte, da riefen beide: „Es war so kurz!“

„Je, ihr wollt wohl sechs Stunden mit ’ner Draufgabe hier sitzen!“ murmelte Hulda. „Nächstes Mal da gehen wir wieder her, nu kommt, wir müssen nach Hause gehen. Fräulein Eva denkt sonst, sie haben uns gleich dabehalten.“

Da lösten endlich die Bübles mit einem tiefen Seufzer ihre Blicke von dem Vorhang los. Es war wirklich eine schwere Trennung, und als sie durch das Theater schritten, das schon ganz leer war, und in dem nur noch ein paar Lampen brannten, drehten sie sich so häufig um, daß Hulda sagte: „Ihr werdet noch mit den Augen rückwärts heimkommen! Jetzt aufgepaßt, hier geht’s raus!“

Und da waren sie draußen. Der Spätsommertag neigte sich schon seinem Ende zu, und nur ein breiter roter Streifen am Himmel erzählte vom Tag, der vergangen war. Nach diesem schönen Himmelsschein sah aber niemand; auf dem Meßplatz war es hell genug. Alle Buden und Karussells hatten flink ihre Lampen angezündet; rote, blaue, gelbe, grüne Lichter glänzten auf. Das funkelte, schimmerte und flimmerte wie in einem Märchenland. Die Schaubuden hatten sich in Feenpaläste verwandelt, und die Karussells glitzerten, als trügen sie Edelsteine zum Schmuck. Und immer neue Lichter flammten auf, immer heller wurde der Glanz, und immer fröhlicher klang das Dudeln der Leierkasten, das Geigen und Blasen der Instrumente.

Die Luftschaukel stieg auf und ab, die Karussells drehten sich, die Menschen lachten und jauchzten, und immer mehr und mehr kamen und füllten den weiten Platz.

Der rote Streifen am Himmel verlosch; blaß, fein und noch ein wenig schief ließ der Mond sich sehen. Sehr vergnügt sah er gerade nicht auf das Lichtergewirr herab; das ärgerte ihn tüchtig. Er dachte wohl: Ihr dummen, dummen Menschen, was braucht ihr den vielen Glanz? Habt ihr nicht uns, die schönen, sanften Himmelslichter?

Es war wirklich gut, daß der Mond seine betrübte Frage nicht an die Sternbübles richtete, denn die hätten ihm sicher in diesem Augenblick eine blitzdumme Antwort gegeben. Die meinten nämlich, es könnte auf der ganzen Welt nichts Wundervolleres geben als dies blitzende, bunte, funkelnde Durcheinander; sie hätten hinten, zu Seiten, oben auf dem Kopf und gar noch an jeder Fingerspitze Augen haben mögen, um nur alles recht genau zu sehen. Sie rissen ihre Äuglein zwar weit genug auf, es langte aber immer noch nicht, und darum stießen sie da und dort an, stolperten, drehten sich wie Kreisel, so daß Hulda immer wieder mahnen mußte: „Kommt, kommt, es ist Zeit!“

Bums! rannte Peter an einen Mann an, der ein großes Plakat trug und mit lauter Stimme irgend etwas schrie.

„Dummer Bengel!“ schalt er, und Hulda ergriff ihren Schützling. „Junge, sieh dich doch vor!“ mahnte sie. „Komm! Herrje, wo ist denn Mathes?“

Sie blickte nach rechts, schaute nach links, da sah sie ein paar Schritte weit Mathes mit weit offenen Augen vor einer Bude stehen, vor der ein Mann in scharlachrotem Anzug stand, der immer brüllte: „Hier gibt’s das größte Wunder der Welt zu sehen, das allergrrrrößte!“ Hulda packte Mathes und zog ihn mit fort. „Nun komm endlich! Herrje, wo ist denn Peter?“

Da war Peter wieder verschwunden! Diesmal half kein Rechts- und Linkssehen, und es blieb Hulda nichts weiter übrig, als laut des Vermißten Namen zu rufen: „Peter, Peter!“

„Peter, Peter!“ riefen gleich ein paar andere Leute mit.

„Peter!“ gröhlte ein langer Bengel, „Peter!“ quiekte ein stubsnäsiges Fräulein von einer Schaubude herab, und da kam Peter, atemlos und froh, Hulda und Mathes wiederzusehen. Er war gestoßen worden, weggedrängt, er wußte kaum wie, und Hulda, froh, ihn wieder zu haben, rief etwas überlaut: „Na endlich, nu gehen wir aber nach Hause!“

„Is recht, die Kleenen müssen ins Bette!“ schrie der lange Bengel, der vorher laut nach Peter gerufen hatte. „Das sind ja noch Wickelkinder, und man ’n Schnuller nich vergessen!“

So eine Beleidigung!

Mathes und Peter vergaßen Messe, Lichterglanz, fremde Menschen, die große Stadt, Hulda und alles; sie taten, als wären sie daheim in Breitenwert auf der Löwengasse, wo sie sich auch nicht Hohn und Spott gefallen ließen. Ehe der fremde Junge noch wußte, wie ihm geschah, rannten die beiden wütend gegen ihn an und puff, platsch! sausten die kleinen, derben Bubenfäuste auf ihn nieder.

Eine Prügelei auf dem Meßplatz!

Hulda schrie laut und versuchte ihre Schützlinge fortzuziehen. Neben dem großen Jungen aber erschienen plötzlich drei, vier andere, die sich drohend gegen die Sternbübles wandten, und die hätten beinahe recht tüchtige Haue bekommen, wenn nicht irgend jemand sie gepackt und fortgezogen hätte. Ganz rasch ging das; eins, zwei, drei! Da standen sie auf einmal im Winkel am Kasperletheater, Hulda kam angelaufen, und in der Ferne verschwand ein buntgekleideter Mann.

„Der Zigeuner,“ sagte Mathes, als er wieder zu Atem kam.

„Jemine, was ihr mir für ’n Schreck eingejagt habt!“ Hulda sah sich nach dem Retter um, doch der war im Gewühle verschwunden, und sie nahm nun die Buben fest an den Händen und eilte im Sturmschritt mit ihnen dem Ausgang zu. Stehenbleiben litt sie nicht mehr, aber dann blieb sie auf einmal selbst wie erstarrt stehen, als Peter fragte: „Wo hast du denn die Töpfe?“

Ja, wo waren die!

„Im Affentheater hab’ ich sie vergessen, du meine Güte!“ jammerte Hulda. „Den ganzen Korb hab’ ich stehen lassen!“

Es half nichts, sie mußten noch einmal zurück. Wieder ging’s in Hast und Eile über den Platz, wieder drehten die Buben die Köpfe wie die Wetterfahnen dahin und dorthin, und immer heller, strahlender schienen ihnen die Lichter zu glänzen, und auch das Affentheater, das sie bald erreichten, erschien ihnen größer, prunkvoller als beim Tageslicht. Wie gut, daß sie wieder hinein mußten, den Korb zu holen; den hatte Hulda nämlich neben ihrem Platz stehen lassen. Die seufzte schwer: „Nun muß ich gar noch Eintritt bezahlen,“ sagte sie, „und dann müssen wir das Geld absitzen. Jemine, wann werden wir nach Hause kommen!“

Mathes und Peter sahen gar nicht so betrübt aus wie Hulda. Der Gedanke, noch einmal ins Affentheater gehen zu müssen, machte ihnen den größten Spaß. Doch die Geschichte kam anders. Neben der Kasse stand groß und breit Huldas Korb, und der Mann, der die Karten verkaufte, sagte freundlich: „Freilein, da ist er. Na, Ihnen hat’s gut gefallen bei uns, wenn Sie sogar den Korb vergessen haben.“

Da war es nichts mit dem Hineingehen. Hulda dankte sehr, versprach das Wiederkommen beim nächsten Mal, und dann gebot sie: „Jetzt faßt ihr mich unter und nu flink, sonst schickt Fräulein Eva noch auf die Polizei nach uns und weint so sehr wie gestern!“

Wieder ging’s im Sturmschritt über den Platz der Haltestelle der elektrischen Bahn zu. Die drei stiegen ein, und erst als sie drin saßen, merkten die Buben, daß sie eigentlich rechtschaffen müde waren. Sie lehnten sich etwas an Hulda an, blinkerten mit den Augen, und wenn ihnen ihre Beschützerin nicht dann und wann einen kleinen Stoß gegeben hätte, wären sie vielleicht eingeschlafen.

Daheim empfing Fräulein Eva wirklich schon etwas besorgt alle drei. „Endlich!“ rief sie. „Es ist schon so spät!“

Aus dem Erzählen wurde an diesem Abend nicht mehr viel. Frau von Ringewald war eingeschlafen, und alles sollte still im Hause sein, um den leisen Schlaf der Kranken nicht zu stören. Mathes und Peter durften in ihrem Zimmer Abendbrot essen, und dann half ihnen Hulda den Weg ins Bett finden, wie sie sagte. Wenn einer so müde ist und beinahe über seine eigenen Beine fällt, ist das nicht so leicht, und den Bübles ging es an diesem Abend so.

Peter schlief ein, ehe er noch drin lag; Mathes aber hielt noch die Augen offen, und als Hulda zur Türe hinausging, rief er ihr nach: „Hulda, der Zigeuner sieht aus wie —“

„Denk’ jetzt mal nicht an den schwarzen Kerl,“ unterbrach ihn Hulda, „sonst träumste von ihm und schreist in der Nacht. Denk’ lieber ans Karussell, so ’n bißchen rundum fahren im Traum schadet nichts.“

Die Tür klappte, Hulda war hinausgegangen. Mathes steckte den Kopf in die Kissen und brummte noch: „Und er sieht doch so aus!“ Dann schlief er auch ein.

Neuntes Kapitel.
Noch einmal die Messe.

Nichts störte den Schlaf der Sternbuben in dieser Nacht. Sie träumten von der Messe und dem Zigeuner, von der Heimat, dem Affentheater und von sonst noch allerlei. Alles hopste im Traum kunterbunt durcheinander, und einmal murmelte Peter halblaut: „Die Schule fängt an, es klingelt schon.“

Mathes hörte nicht darauf. Der saß gerade im Traum auf einem Tiger und ritt auf dem die Löwengasse entlang; sollte er da vielleicht von seinem wunderbaren Reitpferd absteigen um der Schulklingel willen? Es waren doch Ferien, also blieb er sitzen, ritt im Traumland herum und fand es sehr sonderbar, daß plötzlich jemand immer seinen Namen rief. Endlich wurde ihm das Rufen zu bunt, er klappte die Augen auf, bums! fiel die Türe vom Traumland zu, und er sah nun Hulda am Bett stehen und sah den lichten Tag ins Zimmer scheinen.

„Nä, ihr seid ein paar gesegnete Faulpelze!“ rief Hulda. „Sechsmal habe ich nun schon gerufen, und der Peter da ist noch immer nicht wach.“

„Uahuah!“ Peter gähnte, er reckte und streckte sich, und dann erkannte er auch Hulda und merkte, es war Tag.

Und was für ein Tag! Es gab einen tiefblauen Himmel und eine goldene Sonne, als wären noch die Hundstage. Aber zu einem Spaziergang kam es auch an diesem Vormittag nicht. Frau von Ringewald war kränker geworden, und was Peter in der Nacht für die Schulklingel gehalten hatte, war die Glocke gewesen, um Hulda herbeizurufen. Die hatte mit Eva ein paar Stunden gewacht, und obgleich die Mutter nun schlief, hatte keine von ihnen Lust, den Buben die Stadt zu zeigen. Doch denen war auch das Gärtchen recht. Über der Messe hatten sie Herta und Irene völlig vergessen, nun fielen ihnen die neuen Freundinnen wieder ein, und sie rannten nach dem Frühstück vergnügt in den Garten, um beide zu sehen.

Erst waren diese nicht da, aber lange brauchten die Sternbuben nicht auf die Nachbarinnen zu warten. Fein und zierlich angetan kamen die bald durch den Garten. Sie hatten heute Hüte auf und Handschuhe an und erzählten, sie würden spaziergehen. Herta nickte den Buben sehr herablassend zu und sagte gnädig wie eine Prinzessin: „Ihr dürft mitkommen. Geht nur hinein und fragt; wir warten auf der Straße auf euch.“

Da waren die Buben flink dabei. Der helle Tag voll Sonne lockte, und sie rannten schnell in das Haus zurück und brachten drinnen ihr Anliegen vor. Fräulein Eva sagte aber nicht so schnell ja, wie daheim die Mutter in solchen Fällen es tat; die machte ein gar bedenkliches Gesicht, redete etwas von Verlaufen, aber Hulda sagte: „Ach, mit den beiden Zierpuppen von drüben können sie schon gehen, die sind wie Damen und machen sicher keine dummen Streiche.“

Eva nickte. Die feingeputzten Mädel würden schon nichts Unrechtes tun. Auch taten ihr die Buben leid. Sie dachte, gewiß langweilen sie sich sonst, und sie sind doch zur Ferienfreude hier. Sie packte ihnen selbst leckere Frühstücksbrote ein und brachte sie an die Flurtüre, dann ging sie noch in den Erker, der sich nach der Straße hin ausbuchtete, und sah den beiden nach. Da liefen der Mutter Trostbübles, und die Mutter selbst lag krank und hatte keine Freude von dem Besuch. In Evas Augen traten Tränen. Das junge Herz war ihr schwer, die Sonne lockte auch sie hinaus, und am liebsten wäre sie den Buben nachgelaufen und mit ihnen durch die herbstbunten Wälder getrabt, die die Stadt Leipzig im Halbkreis freundlich umschmiegen.

Von diesen Gedanken ahnten die Sternbuben nichts. Die hatten ihre Freundinnen aus dem Garten getroffen und gingen mit ihnen steif und feierlich die Straße auf und ab. Eva sah es und dachte beruhigt, wenn sie mit den beiden zusammen sind, geschieht ihnen sicher nichts. Dann verließ sie das Fenster und ging zu ihrer Mutter, setzte sich still an deren Bett und bewachte den Schlummer der Kranken.

Unten auf der Straße sagte Herta in diesem Augenblick: „Jetzt sieht uns niemand mehr nach, nun flink, wir gehen auf die Messe!“ Und husch! drehte sie sich um und rannte in eine Nebenstraße hinein, und die drei andern folgten ihr, die Buben etwas erstaunt, aber gar nicht ungern.

Am Ende der Straße blieb Herta stehen. Sie war ganz atemlos. Der Hut war ihr etwas schief gerutscht, die Haare waren zerzaust, und sie sah auf einmal gar nicht mehr aus, als könnte sie kein Wässerlein trüben, sondern viel eher etwas frech und unnütz. „Paßt auf,“ sagte sie zu den Sternbuben, „wir gehen zusammen auf die Messe und fahren Karussell immerzu. Habt ihr Geld?“

Das hatten Mathes und Peter, denn zum Reisen und Mitbringen gehört doch Geld. Die Mutter hatte ihnen darum jedem noch ein paar Markstücke in funkelnagelneue Beutelchen getan und freilich gemahnt: „Haltet gut damit Haus!“ Aber schließlich Karussell fahren durften die Buben in Breitenwert auch, und wenn Jahrmarkt war, liefen sie sechsmal am Tage hin, um sich alles recht anzusehen; sie fanden darum das Messegehen auch sehr spaßhaft.

„Annedore wollte mitgehen,“ sagte Irene etwas zaghaft.

„Pah, die! Sie fragt ja erst, und dann darf sie nicht.“ Herta sah aus, als machte ihr Annedores Mitgehen nicht viel Freude, und schon wollten alle vier weiterlaufen, als plötzlich ein Mädel um die Ecke bog, ein bißchen wie der Sturmwind, der alles umreißt, denn Mathes, der am nächsten stand, bekam einen tüchtigen Puff.

„Hallo, da bin ich! Ich darf.“

„Gefragt? Pah, du Tugendspiegel!“ Herta rümpfte verächtlich die kleine Nase.

„Ohne Erlaubnis macht’s mir keinen Spaß.“ Annedore zuckte die Achseln, dann drehte sie sich um und musterte die Sternbuben. „Sind das die?“ fragte sie. Und ohne eine Antwort abzuwarten, streckte sie Mathes und Peter die Hand hin und sagte: „Ich heiße Annedore Reinach. Habt ihr wirklich einen richtigen silbernen Stern auf eurem Haus oder hat das Herta nur geflunkert?“

Auf dem Heimathaus in Breitenwert saß der silberne Stern nun freilich nicht, aber im Wirtshausschild prangte er; doch ob er echt oder unecht war, darüber hatten sich die Buben auch noch nicht den Kopf zerbrochen. Sie sahen sich also etwas ratlos an, und gerade wollte Mathes etwas vom Silbernen Stern und seinem Stern erzählen, als Herta ungeduldig rief: „Wir müssen gehen, sonst haben wir dort keine Zeit.“ Und flink ergriff sie Mathes und Peters Hände und rannte mit beiden voran, Irene und Annedore folgten.

Solange die Straßen noch menschenleer waren, rannte Herta; als sie aber in eine belebtere Straße einbogen, ging sie auf einmal gemessen und feierlich und kümmerte sich auch nicht darum, daß Annedore und Irene lachend voraus liefen. „Es ist unpassend, zu rennen,“ sagte sie zu den Buben; „vornehme Kinder tun das nicht. Annedore ist schrecklich wild und ungezogen.“

Mathes und Peter blieben stumm. Sie wären viel lieber mit Annedore und Irene gerannt, denn eigentlich gefiel ihnen Annedore am besten. Und warum das flinke Laufen unpassend sein sollte, begriffen sie nicht.

„Wir rennen oft bei uns,“ sagte endlich Mathes.

„Na ja, in einer kleinen Stadt!“ Herta sah sehr hochmütig drein. „Ich habe nämlich gestern meinen Vater gefragt, wie groß Breitenwert ist; der hat gesagt, es wäre ein Nest, und wenn man aus einem Nest stammt, weiß man natürlich nicht, was sich schickt.“ Und da ihr die Buben auf diese Rede die Antwort schuldig blieben, begann sie eifrig zu erzählen von ihrem Zuhause, wie reich der Vater wäre, wie viele Kleider sie selbst hätte, sie redete von Theater und Konzerten, von Sommerreisen und Kaffeegesellschaften, spottete über ihre Lehrer und klatschte über ihre Freundinnen Irene und Annedore. Wie ein Wasserfall ging es. Mathes und Peter kamen gar nicht dazu, auch nur den Mund aufzutun, aber je länger die Unterhaltung dauerte, desto unbehaglicher wurde es ihnen, und sie waren froh, als der Meßplatz erreicht war.

Am Eingang warteten Annedore und Irene schon etwas ungeduldig auf die drei, und Annedore rief: „Ihr geht ja wie Schnecken!“

„Es schickt sich nicht, durch belebte Straßen so zu rennen.“ Herta sagte es sehr spitz, und dann erzählte sie: „Wir haben uns unterhalten; nicht wahr, Jungen, es war sehr fein!“

„Noi!“ riefen die beiden sehr flink, und Mathes fügte hinzu: „Du hast alleweil allein geschwätzt, wie — wie — ’ne Elster.“

„Pfui, ihr seid aber frech!“ Herta war tief gekränkt, sie brach gleich in Tränen aus und sagte, sie würde allein gehen. Die andern Mädel lachten, und die Sternbuben wußten nicht recht, ob sie lachen oder ernsthaft dreinschauen sollten. Schließlich lachten sie auch, und das ärgerte Herta noch mehr. Ein Weilchen drohte der Meßbesuch ins Wasser zu fallen, aber die Musik von dem großen Platz dudelte gar so lustig herüber. Dumdumdidellallalla! Das lockte und zog. Annedore hüpfte voran, die Buben folgten, Irene lief mit, da folgte denn auch Herta, denn allein mochte sie nicht bleiben; bei sich dachte sie freilich: Die Elster streiche ich ihnen noch an.

So bunt und vielfarbig wie am Tage vorher war es jetzt nicht auf der Messe. Die sah eigentlich ein bißchen verschlafen aus, denn viele Buden hatten noch geschlossen; selbst die Karussells drehten sich nicht alle. Dafür aber lag der Platz im Sonnenlicht, die Luft wehte sommerlich warm, und weil nicht so viele Menschen da waren, konnten sich die Kinder alles recht ansehen. Die Meßleute, mitunter bunt und seltsam aufgeputzt, trödelten vor ihren eigenen Buden herum, sie unterhielten sich miteinander, ließen sich von den Kindern gutmütig anstarren, ja einer, der himmelblaue Strümpfe und einen sonderbaren Kittel von rotem Samt trug, fing an, sich mit den Fünfen zu unterhalten. Er sagte, er wäre ein Herold und rufe immer das größte Weltwunder aus, aber jetzt schliefe das größte Weltwunder, da könnte er spazierengehen.

In diesem Augenblick rief eine rauhe Stimme: „Ludwig, Ludwig, der Kaffee kocht!“ Da rannte der Mann mit den himmelblauen Strümpfen spornstreichs davon, und eine Frau, die neben den Kindern stand, sagte: „Das war sie.“

„Wer denn?“ fragte Herta.

„Na, das größte Weltwunder! Die Frau mit dem langen Bart.“ Die Frau, die klein und sehr dick war, schüttelte den Kopf. „Es lohnt sich nicht sehr, sie anzusehen,“ meinte sie; „meine Wachsfiguren sind schöner, kommt doch zu mir rein, ich mach’s billig; weil Vormittag ist, kostet es nur ’nen Groschen.“

Die Kinder kamen gar nicht dazu, der Budenfrau eine Antwort zu geben, denn jemand schrie sie an: „Karussell gleich fährt. Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“

Die fünf drehten sich um, und die Sternbuben schrieen laut auf vor Verwunderung. Da stand leibhaftig so ein Schwarzer vor ihnen, wie sie ihm vorgestern nachgelaufen waren. Er grinste, seine weißen Zähne blitzten, und dann sagte er noch einmal: „Wolle Sie mit, ßöne Kinder?“

„Die sollen erst bei mich reinkommen,“ rief die Frau mit den Wachsfiguren ärgerlich, aber da klingelte das Karussell nebenan; es sah sehr stattlich und verlockend aus, und Annedore hüpfte von einem Bein auf das andere. „Wir wollen fahren, wir wollen fahren,“ bettelte sie.

Eine Minute später saßen sie alle auf dem Karussell, das drehte sich, die Musik spielte, die Buden, der ganze Platz schien zu tanzen, und dann war das Vergnügen zu Ende, die Kinder kletterten herab und liefen weiter. Es gab immer mehr zu sehen. Die Sonne glänzte, alles stand bunt und lustig in ihrem Schein. Da und dort tat sich eine Bude auf, Kasperle fing an zu rufen, die Luftschaukel drehte sich, und die fünf vergaßen die Zeit, vergaßen den Heimweg, das Mittagessen und alles. Einmal surrten und brummten seltsame Stimmen durch die Luft. Die Buben horchten auf; was war das?

„Die Fabrikpfeifen sind’s, es ist zwölf, wir müssen bald heim,“ sagte Annedore und zeigte hinüber. Am Rande weiter Wiesen erhoben sich dort dunkle Häusermassen, und aus vielen hohen, schlanken Schornsteinen stieg dunkler Rauch empor. Die Buben sahen hin, wie Fleißfinger, die anzeigen: Hier wird gearbeitet, waren diese vielen, vielen Essen, aber an Fleiß und Arbeit dachten Mathes und Peter nicht. Sie ließen die Fabriken pfeifen, soviel sie wollten, und lauschten auf das Gedudle und Gelärme um sich herum.

Aber auch die Mädel vergaßen die mahnenden Stimmen in der Luft.

„Nur noch ein Weilchen,“ sagte Herta. „Noch einmal Karussell und dann noch Luftschaukel.“

„So viel Geld hab’ ich nicht mehr,“ erklärte Annedore.

Doch Herta hatte Geld, und Herta hatte noch keine Lust heimzugehen. Sie war jetzt auch keine kleine Dame mehr, sondern ein sehr wilder, sehr ausgelassener Irrwisch. Sie ging nicht, sie hopste, lief an die Buden heran und fragte: „Was kostet dies, was kostet das?“ und rannte dann lachend wieder weg. Sie saß auch zuerst wieder auf dem Karussell, ritt auf einem Panther, und kaum hatte die Dreherei aufgehört, da rannte sie schon zur Luftschaukel hin. „Jetzt wird’s fein!“ schrie sie. „Kommt flink!“

„Ich fahr nicht mit,“ sagte Irene, „mir wird’s schwindlig.“

Annedore zögerte, und Herta ergriff Peters Hand: „Komm du mit!“ Peter folgte und Mathes folgte, und schließlich kam Annedore auch mit, und kaum saßen alle vier, da drehte sich die Schaukel, die Wagen stiegen höher und höher, schon konnten die Kinder auf die Köpfe der Zuschauer sehen, nun auf die Budendächer, noch höher ging’s hinauf, da schrie Herta plötzlich: „Ich falle, ich falle!“

Mathes packte sie, Annedore umklammerte sie, Peter faßte sogar zur Sicherheit ihr Kleid. Herta konnte nun wirklich nicht fallen, und doch schrie sie unausgesetzt und wurde so weiß wie ein Blättlein Papier.

Die Buben bekamen Angst. Auch sie meinten, alles drehe sich unter ihnen, auch sie dachten, wir fallen. Aber da ging es schon wieder abwärts, schnapp! stand die Schaukel, und ein Mann rief: „Bitte aussteigen!“

Die vier Luftfahrer wollten das auch tun. Annedore zog Herta, die Buben schoben, und plötzlich purzelten alle vier aus dem kleinen Wagen heraus, sie wußten nicht wie.

Lautes Lachen brauste ringsum auf. Ein paar Stimmen riefen: „Ihr Diener, meine Herrschaften, nicht zu höflich!“

Und dann griffen etliche Hände zu, und endlich standen die vier wieder auf ihren Beinen. Zwar drehte sich noch alles um sie herum, aber ein Mann klopfte ihnen freundlich den Staub von den Kleidern und tröstete sie: „Das geht bald vorbei. So, nun ist’s gut; na, da sitzt noch Staub.“ Er klopfte an Mathes herum und an Peter und sagte zu Herta: „Du verlierst dein Taschentuch, kleines Fräulein.“ Er war überhaupt so freundlich, wie nur einer sein kann. Er brachte auch noch alle vier zu Irene, wünschte ihnen noch viel Vergnügen, und ehe sich die Kinder bedanken konnten, war er verschwunden.

„Der war nett!“ Herta sah sich nach nach dem freundlichen Helfer um, auch die Sternbuben drehten sich nach allen Seiten um. Da war er nicht und dort war er nicht, aber — sie jauchzten laut auf — dort war der Zigeuner.

„Da ist er, da ist er!“ Mathes zeigte mit dem Finger und Peter zeigte mit dem Finger, und obgleich Herta und Irene dies sehr unschicklich fanden, sahen sie doch den Fingern nach und fragten neugierig: „Wer ist da?“

„Der Zigeuner von gestern.“

„Ein echter Zigeuner!“ Peter sah stolz drein. „Ganz echt ist er,“ versicherte er noch.

„Kennt ihr ihn?“

„Hm, vielleicht!“ Mathes machte ein Gesicht, als hätte er die ganze Tasche voller Geheimnisse, und Herta fragte ein bissel unwirsch: „Sag’s doch, woher kennt ihr ihn?“

Mathes erzählte und Peter erzählte, und dabei schauten alle fünf unverwandt den Zigeuner an, und als die Buben mit ihrer Geschichte fertig waren, rief Annedore: „Ihr müßt ihm guten Tag sagen, da merkt ihr’s gleich, ob er es ist.“

„Ja, fein! Und wir gehen mit.“ Herta zappelte vor Ungeduld, den Zigeuner zu sehen, aber Irene blieb stehen und erklärte: „Ich graule mich.“

„Hier kann er uns doch nichts tun!“ Annedore und Herta zogen die Freundin mit fort, die Buben gingen voran, gingen auf den Zigeuner zu und blieben vor ihm stehen. „Guten Tag!“ Mathes zog seine Mütze, Peter zog seine Mütze, aber der Zigeuner blieb unbeweglich stehen, er sah über sie beide hinweg, als wären sie zwei Mücklein.

„Guten Tag!“ Die Buben schrieen es ganz laut, da endlich sah sie der Zigeuner an. „Was wollt ihr?“ fragte er, und seine Stimme schnarrte wie eine alte Kastenuhr. So hatte ihr freundlicher Begleiter neulich nicht geschnarrt.

„Er ist’s net!“ rief Mathes enttäuscht. Aber da drängte sich keck und flink und ein bissel frech Herta heran und fragte: „Haben Sie die Jungen neulich nach Hause gebracht?“

„Wohin denn?“ Der Zigeuner kniff die Augen zu, und Herta fand ihn nun auch greulich. „Zu Ringewalds,“ sagte sie kleinlaut und wich langsam zurück.

„Nix kennen! Wer sein das?“ Sonderbarerweise sprach der Mann jetzt wieder ganz anders, aber Peter stieß den Bruder an und tuschelte ihm zu: „Er ist’s doch!“

In diesem Augenblick summten und tönten wieder die Fabrikpfeifen, ein paar laut und gellend, ein paar dumpf, wie klagend, und Annedore schrie erschrocken: „Jetzt ist’s eins, wir müssen nach Hause.“

„Ach was, wir essen erst gegen zwei!“ Herta sah ganz unbekümmert aus, aber Annedore und Irene sagten beide ängstlich: „Wir müssen furchtbar schnell nach Hause und die Jungen auch. Die sagen, Frau von Ringewald wäre krank; wenn die sich nun sorgt!“

Den Buben selbst fuhr der Schreck über die späte Stunde arg in die Beine. Sie vergaßen den Zigeuner, der sie auf einmal sehr aufmerksam anblickte, und alles Drumrum und begannen zu rennen. Die Mädel folgten, im Galopp ging es den breiten Mittelweg entlang, und Herta, der nun doch ihr Fortlaufen das Gewissen beschwerte, rief unterwegs: „Wir fahren alle, dann geht es flink.“

„Dort ist unsere Bahn, sie fährt gleich fort.“

Annedore winkte. Herta und Irene schrieen: „Halt, halt!“ und die Buben ächzten und pusteten wie Lokomotiven vor Eile. Sie erreichten aber noch alle ohne Unfall den Wagen, kletterten hinauf, und fort ging es.

„Zahlen!“ sagte der Schaffner und sah sie brummig an.

Die Buben griffen in ihre Hosentaschen, die Mädel suchten in ihren Handtäschchen nach, da schrie Herta: „Mein Täschchen ist weg!“

„In meinem ist nichts mehr drin,“ klagte Irene.

Mathes und Peter suchten und suchten, sie drehten ihre Hosensäckle um und um, allerlei kam zum Vorschein, die neuen Geldbeutel fehlten.

„Na, wird’s bald!“ brummte der Schaffner, der aussah, als wäre er mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden.

Nur Annedore hatte noch ihren Groschen; es war der letzte. Sie bettelte: „Die haben ihr Geld verloren, aber wir haben’s so eilig, lassen Sie uns mitfahren.“

„Geht nicht,“ knurrte der Schaffner und zog an der Klingel, „wer kein Geld hat, muß aussteigen.“

„Fahr du, Herta,“ rief Annedore rasch, „geh zu Frau von Ringewald und sag, wo die Buben sind, wir kommen nach.“

„Nein, nein!“ Herta schluchzte laut. „Das kann ich nicht, das kann ich nicht.“

Schnurrr! hielt der Wagen, und der Schaffner mahnte: „Aussteigen, flink! Nur wer Geld hat, kann bleiben.“

Hops! sprang Annedore auch vom Wagen. „Ich geh mit euch,“ sagte sie, „ich lasse euch nicht im Stich.“

Die fünf standen unten, der Wagen fuhr weiter, und Herta begann zu weinen. Irene fiel ein, und die Buben weinten nicht, die heulten laut und schauerlich, heulten, wie sie es schon manchmal in Breitenwert auf dem Löwengäßle getan hatten. Über das Gebrüll erschraken nicht nur die Mädel, auch viele Vorübergehende sahen sich um, ein paar Leute blieben gar stehen, und Herta und Irene bogen eilig in eine Seitenstraße ein. Dort schalt Herta böse: „Schämt euch doch, so weint man nicht, das schickt sich nicht!“

„Unsere Beuteles!“ klagte Mathes. „Ganz neu waren sie, und so schrecklich viel Geld war drin!“

„Ich will — su — suchen gehen,“ schluchzte Peter. Der meinte, es könnte nicht schwer sein, auf dem Meßplatz zu suchen.

„Ihr seid zu dumm!“ Herta hatte schon wieder die Tränen getrocknet, und sie, die draußen so wild gewesen war, ging nun wieder einher wie eine kleine Dame. „Seid stille,“ fuhr sie die Buben an, „so ein Geschrei schickt sich nicht!“

So schnell wurden die Buben aber mit ihrem Kummer nicht fertig, die heulten weiter. Da verlor Herta die Geduld. Als eine Frau gar fragte: „Was fehlt euch, Kinder?“ rief sie heftig: „Das schickt sich nicht, ich schäme mich mit euch zu gehen; komm, Irene!“ Und blitzschnell bogen beide in eine andere Straße ein und riefen von dort: „Komm mit uns, Annedore!“

„Nein!“ Annedore schüttelte den Kopf sehr nachdrücklich, und ihre rostbraunen Zöpfe flogen hin und her. „Ich lasse die Jungen nicht im Stich, die kennen den Weg noch nicht,“ rief sie ärgerlich den Freundinnen nach.

Im Augenblick hörten Mathes und Peter auf zu weinen. Hertas und Irenes feiges Davonlaufen kränkte sie, und Mathes sagte trotzig zu Annedore: „Kannst auch gehen, wir finden den Weg schon!“

Aber Annedore lachte über den trotzigen Bubenstolz. „Mitgefangen, mitgehangen, sagt mein Vater immer,“ antwortete sie. „Ihr wißt den Weg doch nicht, und würdet ihr mich denn im Stich lassen?“

„Noi!“ riefen beide Buben, und Mathes fügte wichtig hinzu: „Seine Kamerädles läßt man net im Stich!“

„Kamerädles!“ jauchzte Annedore. „Wie fein das klingt! Wir sind Kamerädles, hurra, und kommt, jetzt rennen wir; da kommen wir noch eher heim als die andern.“

Den Buben war das sehr recht. Sie faßten sich alle drei an den Händen und rannten die Straßen entlang, und Annedore erzählte dabei von ihrem Zuhause und fragte die Buben nach Breitenwert. Darüber vergaßen die beinahe ihre verlorenen Schätze. Atemlos kamen sie alle bei Ringewalds an. Dort standen Hulda und Ida auf der Straße und hielten Umschau nach den Verlorenen, und oben am Fenster erschien Evas verweintes Gesicht.

„Herrje!“ schrie Hulda böse, „ihr —“

„Wir sind schuld,“ unterbrach Annedore sie rasch, und dann erzählte sie, flinker als ein Regentröpflein fällt, von dem gemeinsamen Meßbesuch und dem verlorenen Geld. „Ich glaube, das hat uns der Mann gestohlen, der an der Luftschaukel stand,“ schloß sie.

„Jemine, damit seid ihr gefahren und kommt heil und lebendig nach Hause!“ schrie Hulda. „Ihr seid doch —“

„Sie können nichts dafür,“ unterbrach sie Annedore wieder, und ihre blauen Augen sahen flehend zu Hulda auf. Schilt nicht! bettelte der Blick.

Das war noch ein Kamerädle! Mathes reckte sich und rief: „Sie kann auch net dafür, sie hat gedurft, und ein Gröschle hat sie und ist net mit dem Bähnle gefahren ohne uns, und sie ist net davongelaufen, und sie sagt, sie wär’ unser Kamerädle.“

„Ja, und die Jungen müssen mich besuchen, und ich besuche sie, und wenn sie wieder abreisen, dann schreiben sie mir.“

„Na, dann ist ja die Freundschaft im besten Gange!“ brummelte Hulda. „Aber wo sind denn die andern, ich denke, die sind auch dabei?“ fragte sie.

„Davongelaufen sind sie!“ Und nun ging das Erzählen an, und Hulda hätte wohl den Meßbesuch von Anfang bis zu Ende erzählt bekommen, wenn sie nicht gesagt hätte: „Das Mittagessen ist längst fertig.“

„Ich muß heim; morgen auf Wiedersehen!“ Annedore lief davon, daß ihre Zöpfe flogen, und die Sternbuben hasteten die Treppe hinauf, und oben an der Türe stand Fräulein Eva und hatte verweinte Augen, und sie sagte traurig: „Nun habe ich mich wieder um euch gesorgt!“

Da hingen Mathes und Peter die Köpfe wie zwei Schneemännlein, wenn der Tauwind bläst, Hulda aber sagte: „Lassen Sie sich nur erst erzählen, Fräulein Eva, wie’s war; ihr Kamerädle, wie sie’s nennen, sagt, sie wären nich schuld daran. Wenn sie aber was Dummes gemacht haben, dann gibt’s keine Kirschenspeise nachher.“

Zehntes Kapitel.
Herr Brummerjan und der Fahrstuhl.

Noch ehe die Kirschenspeise kam, wußte Eva von Ringewald alles. Mathes und Peter erzählten, zusammen und allein; einer redete von der Luftschaukel, der andere von dem verlorenen Geld, sie schwätzten vom größten Weltwunder und dem merkwürdigen Zigeuner, und als Hulda selbst die süße Speise brachte, da gab es gerade ein fröhliches Gelächter am Tisch, und Eva sagte: „Sie sollen beide Nachtisch bekommen, Hulda. Ein bissel unnütz war zwar das Fortlaufen, aber sie sagen, sie wollen es bestimmt nicht wiedertun.“

„Bestimmt net!“ rief Mathes.

„Du mußt immer mitkommen, Fräulein Eva,“ bat Peter.

„Sagt Tante Eva!“ Es fiel Eva ganz plötzlich ein, daß sie den Bübles eigentlich gern eine gute Tante sein wollte, und sie merkte auch an den strahlenden Augen, denen gefiel dies ausnehmend gut. „Na also, dann ist das ’ne Tantenspeise!“ Hulda setzte das leckere Gericht auf den Tisch, und ehe sie aus dem Zimmer ging, sagte sie noch, fast ein bißchen eifersüchtig: „Mir müßt ihr aber auch noch von der Messe erzählen!“

Mathes und Peter versprachen das gern, und nachdem sie sich noch die Mäglein mit der süßen Speise gefüllt hatten, riet ihnen die liebliche Tante selbst, sie sollten jetzt zu Hulda gehen, wenn nicht etwa ihre Briefschreibelust groß wäre.

Doch die Lust war weder groß noch klein, sie war gar nicht da, und so stiegen denn die Buben zu Hulda hinab und erzählten ihr und Ida die Abenteuer des Morgens. Darüber verging die Zeit geschwinde. Die Kaffeestunde kam. Mathes und Peter stiegen wieder die Treppe hinauf, und oben im Gartenzimmer gab es eine große Überraschung. Frau von Ringewald saß wieder in ihrem Sessel. Es ging ihr besser, und auch sie wollte nun von dem Meßbesuch hören. Da mußten die Gäste zum drittenmal ihre Abenteuer erzählen. Sie fanden dies höchst vergnüglich, und wenn noch drei Zuhörer und dann wieder drei Zuhörer gekommen wären, den beiden hätte es den größten Spaß gemacht.

Frau von Ringewald hörte mit einem so heiteren Gesicht zu, daß Eva in ihrem Herzen dachte, vielleicht werden sie doch noch Trostbübles für die Mutter. Mathes und Peter selbst fanden, die Pate höre noch besser zu als Hulda. Die hatte immer von der Luftschaukel hören wollen und den merkwürdigen Zigeuner langweilig gefunden, während Frau von Ringewald gerade von dem etwas wissen wollte. „Geige spielt er,“ murmelte sie, und das frohe Lachen erlosch wieder auf ihrem Gesicht.

Einen Augenblick war’s ganz still im Zimmer.

„Er ist aber kein richtiger Zigeuner,“ erklärte Mathes.

„Warum denn nicht?“ fragte Eva rasch, die gern die Mutter auf andere Gedanken bringen wollte.

„Weil die schwarz sind, sagt Mina, und weil der blaue Augen hat, und manchmal macht er so.“ Mathes kniff seine Äuglein ganz klein zusammen, hielt den Kopf schief, und Peter machte ihm das flink nach. „So sieht er aus,“ riefen beide.

Eva und ihre Mutter lachten, weil die Buben mit ihren runden rosigen Gesichtern gar nicht zigeunermäßig aussahen, und über dem Lachen überhörten sie das schrille Tönen der Klingel draußen, Stimmen und Schritte. Und just als Mathes sagen wollte, der Zigeuner wäre bestimmt ihr Führer von vorgestern, tat sich die Türe auf, und Hulda ließ einen älteren Herrn eintreten. „Nun, so lustig?“ fragte der mit einem Gesicht, als krame er das Lachen nur höchstens alle Jahre einmal aus seiner Kommodenschublade heraus.

„Ach, Albert, du bist es!“ Frau von Ringewalds eben noch so heiteres Gesicht wurde ernst und still, auch Eva lachte nicht mehr, und die Buben standen verlegen auf. Sie hörten, wie Eva den Fremden Onkel nannte, und sie ahnten, es war der Onkel, von dem ihnen Hulda erzählt hatte.

Sehr freundlich schaute Herr Albert Buchner die beiden Buben eben nicht an. Er fand, seine Schwester habe sich mit dem Besuch eine recht unnütze Last aufgeladen, und verdrießlich fragte er: „Das sind nun wohl deine Patenkinder, Renate? Hm, hm! Sehen recht unnütz aus!“

„Sie sind recht brav,“ rief Eva rasch. „Flink, Mathes, Peter, gebt meinem Onkel die Hand.“

Die Buben erinnerten sich rechtzeitig der guten Vermahnungen, die ihnen daheim die Mutter, Mina, Herr Häferlein und viele andere noch gegeben hatten, und so verbeugten sie sich vor dem Herrn tief und streckten ihm dann treuherzig ihre Hände hin. Die höfliche Verbeugung gefiel diesem, er sah um ein Scheinchen freundlicher aus und fragte herablassend: „Nun, wißt ihr denn auch, wer ich bin?“

Mathes und Peter nickten nur stumm und sahen sich gegenseitig an. Sie fanden den Namen des Onkels nämlich höchst komisch und dachten, man könnte ihn nicht sagen, ohne zu lachen.

„Ihr seid wohl stumm? Antwortet doch!“ Herr Buchner konnte Nicken und Kopfschütteln nicht leiden, er war Gehorsam gewöhnt. Wenn er fragte, wollte er Antwort haben, und da die Buben noch immer stumm blieben, herrschte er sie streng an: „Nun sagt, wer bin ich!“

„Herr Brummerjan!“ riefen Mathes und Peter, und es kam, wie sie gedacht hatten: sie platzten heraus.

Wer nicht lachte, war Herr Buchner, auch Frau von Ringewald sah tief erschrocken drein, während Eva es beinahe den Buben nachmachte. Sie schwieg aber, als der Onkel erstaunt rief: „Wie soll ich heißen? Sagt’s noch einmal!“

„Herr Brummerjan!“ Diesmal brachte nur noch Mathes das Wort heraus, Peter hatte den Kopf ganz tief gesenkt und kicherte in seine Jacke hinein.

„So, so, Herr Brummerjan werde ich in deinem Hause genannt, Renate! Das ist ja sehr erfreulich!“ Herr Albert Buchner sah bitterböse drein, und Frau von Ringewald rief ängstlich: „Aber Jungen, was redet ihr da, wer hat euch das denn gesagt?“

„Hulda,“ antwortete Mathes verlegen, dem nun auch das Lachen vergangen war. Vielleicht stimmte der dumme Name gar nicht.

„So, Hulda, natürlich! Du hast wirklich sehr liebenswürdige Dienstboten, Renate; es wäre nun wohl Zeit, daß diese Hulda aus dem Hause käme.“

„Geht hinaus, geht in die Küche!“ Eva war tief erblaßt, sie schob die Buben zum Zimmer hinaus, dann ging sie rasch zurück, und den beiden tönte ihre Stimme nach; wie Weinen klang sie. Und als die Buben schon auf der Treppe waren, hörten sie oben noch den Onkel laut und böse reden, dann dröhnte sein Schritt über den Flur, und die Türe klappte laut.

Ganz verstört kamen die beiden unten an, und weil nur ein mattes Licht Treppe und Flur erhellte, stolperten sie und bumsten laut an die Küchentüre an. Hulda öffnete erstaunt. „Na nu, da kommen wohl Stolperhans und Purzelwu-die-Treppe-runter!“ rief sie. „Ihr seid wohl vor Herrn Brummerjan ausgerissen?“

„Er heißt ja net so!“ schrieen Mathes und Peter vorwurfsvoll. „Er ist schlimm bös geworden, weil ich das gesagt habe.“ Mathes sah Hulda ordentlich strafend an, und Hulda sank tief erschrocken auf einen Küchenstuhl nieder.

„Furchtbar bös,“ klagte auch Peter.

„Das habt ihr gesagt, ihm gesagt?“ jammerte sie.

Die Buben nickten kummervoll. „Du hast es uns doch heute erzählt, und wie wir’s net haben glauben wollen, hast du gesagt: doch, doch!“

„Das stimmt, Hulda, na, ist das nu eine Geschichte!“ Ida hatte nebenan in der Wäschestube das Gespräch mit angehört, und sie kam, das Bügeleisen in der Hand, rasch herein.

Hulda saß ganz vernichtet auf ihrem Stuhl. Dreimal wiederholte sie: „Ihr habt ihn wirklich Herr Brummerjan genannt?“ Und jedesmal antworteten Peter und Mathes kläglich: „Ja, wir haben’s gesagt.“ Und Peter fügte hinzu: „Und alleweil schrecklich gelacht haben wir!“

„Kann man glauben, daß Jungen so ’ne Dummheit glauben!“ Hulda stöhnte und wickelte verzweifelt ihre Schürze um die Arme. „Was wird nur meine liebe gnädige Frau sagen!“ klagte sie.

„Er hat gesagt, du mußt nun fort,“ berichtete Mathes.

„Aus dem Haus!“ Peter nickte mitleidig dazu.

„Ich — aus — dem Haus, hier fort?“ Hulda wurde kreideweiß, und plötzlich sprang sie auf, rannte aus der Küche und polterte in großer Hast die Treppe hinauf.

„Jetzt hat sie aber einen Schreck gekriegt!“ murmelte Ida ein wenig schadenfroh. Aber gleich darauf tat ihr Hulda wieder sehr leid, und sie begann den Buben zu erzählen, wie gut Hulda wäre, und schon so lange sei sie im Hause; wie Fräulein Eva und ihr Bruder noch ganz klein gewesen wären, sei sie gekommen, und Fräulein Eva habe selbst gesagt, Hulda wäre wie eine zweite Mutter zu ihnen gewesen. „Und wenn sie den Herrn Buchner Brummerjan nennt, gar so unrecht hat sie nicht,“ rief Ida. „Er hat sie immer nicht leiden können, ist nie freundlich zu ihr gewesen, immer hat er gesagt, sie verwöhne die Kinder zu sehr. Meine Schwester hat mir das alles gesagt, die vor mir hier im Hause war,“ schloß Ida.

Da öffnete sich sacht die Türe, und Eva von Ringewald trat ein. Sie lächelte ein wenig über die verlegenen Gesichter der Buben. „Kommt mit,“ sagte sie freundlich, „wir gehen noch zusammen in die Stadt, ich muß noch etwas besorgen. Hulda bleibt bei der Mutter.“

„Dann bleibt Hulda,“ flüsterte Ida vor sich hin, aber Eva hörte es doch. „Ja, sie bleibt, unsere gute, treue Hulda darf nicht fort,“ sagte sie und nickte Ida zu.

Den Buben war es, als fiele ihnen ein kleiner Mühlstein vom Herzen, und sie kletterten vergnügt die Treppe wieder empor, zogen sich eilfertig an, und wenige Minuten später wanderten sie mit Fräulein Eva der elektrischen Bahn zu. „Ihr dürft aber nicht einen Schritt auf der Straße von mir fort gehen; versprecht ihr das?“ fragte die junge Tante.

„Ja!“ brüllte Mathes, und Peter antwortete ganz feierlich: „Net ein Schrittle lauf’ ich fort.“

Es dämmerte schon, und auf den Straßen und in den Läden wurden bereits die Lichter angezündet. Wenn man nun in Breitenwert abends durch das Löwengäßle ging, glänzten auch Lichter; in jedem Haus gab es zwei, drei helle Fenster, der Kaufmann Häferlein hatte seinen Laden erleuchtet, und in der Lindenapotheke brannte Licht. Aber was war das alles gegen das Lichtmeer der großen Stadt! Licht glänzte neben Licht. In manchen Häusern gab es kein dunkles Fenster, und in den Läden blitzte und schimmerte es noch viel heller und verlockender als draußen auf der Messe. Vor einem Riesenhaus, das viele Schaufenster hatte, und das von unten bis oben erleuchtet war, blieb Fräulein Eva stehen. „Es ist ein Warenhaus,“ sagte sie, „kommt, wir gehen hinein.“

Drinnen hätten die Buben vor Erstaunen nun wirklich einen Hopser gemacht; sie wußten nicht, wohin zuerst sehen, so viel gab es anzuschauen. Es war wie ein riesengroßer Laden, und doch waren es eigentlich viele, viele kleine Läden nebeneinander, nur gab es keine Mauern dazwischen. Und hoch war das Haus, bis zur Decke konnte man sehen. Aber Treppen schienen gar nicht da zu sein, denn Eva sagte: „Jetzt fahren wir hinauf,“ und sie schob die Buben geschwinde in eine Kammer, ein Mann schloß die Türe, es wackelte ein bißchen, und dann machte der Mann wieder die Türe auf und sagte: „Zweiter Stock.“

Und wieder lagen hier unzählige Dinge ausgebreitet, manches lockte zum Kauf, und vor einem Stand mit bunten Krügen, Vasen und ähnlichen Dingen tat Mathes plötzlich einen tiefen Seufzer und klagte: „Mein Geld!“

„Uuh!“ ächzte Peter, der nun auch an diesen schweren Verlust dachte, und er tippte mit seinem Finger an ein buntes Porzellanpüppchen: „Das würd’ Gundel freuen!“

„Bitte, nichts anfassen!“ rief die Verkäuferin streng. „Die Figur kostet fünfunddreißig Mark.“

„O Gott,“ sagte jemand, „können die zwei dort ihre Münder aufreißen, schrecklich!“ Eine Dame ging vorüber und lächelte. Die Verkäuferin lächelte, und Eva wurde verlegen. „Kommt rasch weiter,“ sagte sie, „hier sind die Sachen zu teuer; für Gundel kauft ihr etwas auf der Messe.“

„Wir haben doch kein Geld mehr!“ Die Sternbuben redeten wie daheim in der Löwengasse; da fand kein Mensch etwas dabei, wenn sie mal ein bißchen brüllten, hier drehten sich aber gleich etliche Leute um, und die beiden erschraken selbst, wie laut ihre Klage geklungen hatte.

„Wenn ihr brav seid, schenke ich euch Geld, damit ihr Gundel etwas kaufen könnt,“ versprach Eva und zog die Buben weiter. Sie selbst kaufte einige Dinge, und Mathes und Peter wunderten sich sehr, daß sie erst sagte, dies will ich haben und das, und es nie mitnahm. Bezahlen tat sie auch nie, nur einen Zettel bekam sie, das war alles.

Sie fuhren noch ein Stockwerk höher, und wieder kaufte Eva, und wieder vergaß sie die Sachen mitzunehmen. Endlich sagte sie: „Nun bin ich fertig!“

Der Fahrstuhl oder die kleine Stube, wie ihn Mathes und Peter nannten, war aber auch fertig, kein Mensch ging mehr hinein, nur Peter, der dachte, ich komm schon rein, quetschte sich noch durch; er war drin, die Fahrt ging los, aber — Tante Eva und der Bruder fehlten.

„Nun ist Peter allein gefahren!“ rief Eva oben erschrocken. „Komm, da geht ein anderer Fahrstuhl, wir fahren gleich nach.“

Sie kamen auch glücklich in die zweite kleine Stube hinein, und abwärts ging’s. „Erdgeschoß!“ rief der Mann, und beide stiegen aus, aber kein Peter war da.

„Er ist gewiß wieder hinaufgefahren.“ Eva begann ängstlich zu werden. „Geschwind komm, da geht der dritte Fahrstuhl!“ Sie schob Mathes hinein, und es ging wieder aufwärts — doch kein Peter war da.

„Vielleicht ist er ganz nach oben gefahren.“ Eva rannte auf den ersten Fahrstuhl zu, der eben wieder die Fahrt nach oben antrat, und drinnen sagte sie zu dem Führer: „Haben Sie nicht einen Jungen mitgenommen, der ähnlich wie der hier aussieht?“

Der Mann guckte Mathes an und nickte: „Freilich, freilich, so einer war dabei,“ versicherte er, „der ist erst mit runtergefahren und dann mit rauf.“

Eva erzählte nun, wie sie Peter verloren hatten, und der Führer lachte. „Den finden wir schon,“ versicherte er. „Wie ich die Jungen kenne, fährt der jetzt immer rauf und runter. Fahren Sie mit zurück und warten Sie unten, er kommt schon wieder.“

Eva befolgte den Rat. Sie fuhr mit Mathes zurück, der Führer sah an jeder Aussteigstelle nach, doch kein Peter war da. Sie kamen unten an, und auch da stand kein Peter.

Etwas unruhig warteten beide. Der zweite Fahrstuhl kam an: kein Peter stieg aus, der dritte hielt: wieder war Peter nicht darin. Nun kam der erste wieder, und als erster entstieg demselben Peter, und der Führer rief: „Na, das ist wohl der richtige, dem hört man’s gleich an, wenn er nur schon den Mund auftut, er ist vom Lande.“

Peter war ein bißchen verlegen, denn er war wirklich auf- und abgefahren, mal im zweiten, mal im dritten Stockwerk ausgestiegen. „Hast dich wohl gefürchtet?“ fragte Eva linde.

„Noi!“ Peter sah sie strahlend an. „Erst war’s ’n bißchen komisch, aber dann war’s fein. Mathes, mach’s auch mal!“

„Ja!“ schrie Mathes begeistert, und schwuppdiwupp! war er im Fahrstuhl drin, und ehe Eva ihn halten konnte, klappte die Türe: hinauf ging es.

„Ihr seid ja schrecklich!“ rief Eva, nun wirklich erzürnt. „Ihr habt mir doch versprochen, nicht einen Schritt von mir fortzugehen, und nun haltet ihr nicht Wort.“

„Hier ist doch net ’s Gäßle!“ murmelte Peter bedrückt. „Und — und — er ist doch net fortgelaufen!“

„Nein, nur fortgefahren!“ Evas Ärger hatte sich schon gelegt. Zur Sicherheit hielt sie aber Peter fest an der Hand, der sollte ihr nicht wieder ausreißen. So lange wie auf ihn brauchte sie aber auf Mathes nicht zu warten. Dem war das Hinauffahren nicht so gut gelungen; oben hatte ihn der Führer erkannt und ihn einfach wieder mitgenommen. „Da ist der zweite,“ schrie er Eva zu. „Die Jungen müssen sie anbinden, Fräulein!“ Dabei gab er Mathes einen gelinden Stoß, Eva fing den Ausreißer auf, dankte dem Führer, und dann sagte sie: „Jetzt aber schnell heim. Und wehe euch, wenn ihr nur einen Schritt von mir fortgeht! Bitterbitterböse werde ich dann.“

Sie ging erst noch an die Zahlstelle, da bekam sie nun doch alle ihre Sachen, und mit Paketen beladen kehrten die drei, ein wenig spät zwar, doch noch zu rechter Zeit, heim. Sie fanden Frau von Ringewald noch in ihrem Lehnstuhl sitzen. Hulda saß neben ihr, sie sah verweint aus, aber doch ganz vergnügt, und als Eva von den Fahrten im Fahrstuhl erzählte, lachte sie sogar ein bißchen. „Nä, nä,“ rief sie, „früh auf der Luftschaukel, nachmittags im Fahrstuhl, das gibt bestimmt schlechte Träume. Eßt nur nich viel zum Abendbrot, die Fahrerei und ’n voller Magen, das gibt ’ne schlechte Nacht.“

Hulda meinte es gewiß gut mit ihrem Rat; trotzdem befolgten ihn die Buben nicht. Die vergaßen ihn schon nach einundeinerhalben Minute, und nachher ließen sie sich das Abendbrot besonders gut schmecken, und als sie in ihre Betten stiegen, dachten sie an keine bösen Träume. Und doch behielt Hulda recht. Peter schlief zwar wie ein Mehlsäcklein, Mathes dagegen träumte wunderliche Dinge. Mit dem größten Weltwunder zusammen fuhr er immerzu Karussell, und vielleicht wäre er noch bis zum Morgen gefahren, wenn nicht plötzlich der Zigeuner ihn vom Pferd herabgezogen hätte. Mathes bekam Angst, der Mann sah ihn so bitterböse an und schalt wie der Führer vom Fahrstuhl. Da dachte Mathes im Traum wie manchmal im Leben: Ausreißen ist gut, und riß aus.

Doch trapp trapp! lief der Zigeuner hinter ihm her.

Mathes lief zu Kasperle, der zog rasch seinen Vorhang zu, und plötzlich rief da der brummige Schaffner und schrie: „Zahlen! Wer kein Geld hat, darf nicht herein.“

Und da war der Zigeuner ganz nahe, und auf einmal sah er aus wie Herr Brummerjan. Mathes schrie, er rannte fort und der Zigeuner immer hinter ihm her; da war die Luftschaukel, und in seiner Angst kletterte Mathes an dem Gerüst empor, höher und höher und — plumps! da fiel er herunter.

Mathes rieb sich die Augen. Er war nun nicht mehr auf dem Meßplatz. Ganz verwundert sah er sich um. Das Zimmer war matt erhellt, denn draußen stand der Mond klar und rein am Himmel, und sein sanfter Schein füllte das Bubenstübchen. Auch brannte auf der Straße, gerade vor dem Fenster, noch eine Laterne und gab Licht. Mathes erkannte nach und nach seine Umgebung und merkte auch allmählich, daß er nicht in seinem Bett, sondern auf dem Fußboden lag. Nun war es für die Sternbuben etwas höchst Erstaunliches, wenn einer von ihnen einmal in der Nacht aufwachte. Darum besann sich Mathes auch lange, ob er nicht doch träumte. Erst als es ihm ein wenig kühl wurde, merkte er, daß er wirklich wach war.

„Peter!“ stöhnte er endlich, „Peter!“ Aber er konnte oft Peter rufen, der hörte ihn nicht. „Wach auf!“ schrie Mathes, aber Peter wachte eben nicht auf.

Schließlich gab Mathes das Rufen auf und schickte sich an, in sein Bett zu steigen. In diesem Augenblick wurden auf der Straße Schritte laut; trapp, trapp! ging es, genau so, wie vorhin das Laufen des Zigeuners geklungen hatte.

Trapp, trapp, trapp! In der nächtlichen Stille hallten die Schritte laut.

Mathes stand nun schon auf seinen Beinen. Furchtsam war er nicht, aber neugierig. Wer mochte da gehen? Geschwind lief er zum Fenster, schob die Vorhänge zurück und schaute hinaus.

Die Schritte verstummten plötzlich, ganz still war es nun.

Daheim im Silbernen Stern schliefen die Buben stets bei offenem Fenster, und Mathes dachte, dabei kann man doch besser hinaussehen. Er riegelte also das Fenster auf und sah hinaus. Die Straße lag ganz im weißen Licht des Mondes, dazu leuchtete die Laterne wie eine Lampe. Mathes sah niemand auf der Straße gehen, doch da —

Ein gellender Schrei durchhallte das Zimmer. Neben der Laterne stand ein Mann, und Mathes sah gerade — dem Zigeuner in das Gesicht.

Der Bube brüllte fürchterlich vor Schreck, und Peter, der nun doch wach wurde und den Bruder schreien hörte, schrie gleich mit. Davon konnte jemand schon munter werden.

Eva hörte das Geschrei. Hulda hörte es, und beide kamen fast zu gleicher Zeit angelaufen. Sie fanden Peter schreiend im Bette sitzen und Mathes auf einem Stuhl stehend; auf den war er in seiner Angst hinaufgeklettert. Es dauerte ein Weilchen, ehe die beiden Helferinnen erfahren konnten, was eigentlich geschehen war. Sie sahen das offene Fenster und blickten hinaus; still und friedsam lag die Straße im Mondlicht, kein Mensch war zu sehen.

„Sie haben geträumt; ich hab’s ja gesagt, von der vielen Fahrerei ist es ihnen duselig geworden,“ erklärte Hulda. „Geben Sie ihnen Zuckerwasser, Fräulein Eva, und dann rasch ins Bett. So was, bei nachtschlafender Zeit!“

Eva fand den Rat der alten Dienerin gut. Mathes und Peter erhielten jeder ein Glas Zuckerwasser. Mathes kletterte in sein Bett zurück, Hulda ließ zur Sicherheit noch die Rolläden herab, dann löschte sie das Licht, und einige Minuten später schliefen die Buben wieder fest.

Draußen sagte Hulda: „Sie haben geträumt.“

„Sicher!“ Eva nickte. „Es war zu viel, morgen dürfen sie nicht wieder auf die Messe,“ erklärte sie.

Aber als Mathes am Morgen beim Frühstück saß, da behauptete er: „Ich hab’ net geträumt, der Zigeuner ist auf dem Gäßle gestanden.“

Und dabei blieb er.

Elftes Kapitel.
Die vielen Bilder.

Offenbar dachte die Sonne auch an diesem Tag, weil die Breitenwerter Sternbübles nun doch einmal nach Leipzig gefahren sind, muß ich auch dort scheinen. Sie glänzte wieder frühlingsschön am blauen Himmel, und Mathes und Peter sahen nach dem Frühstück ein wenig betrübt auf die sonnige Straße hinab. Tante Eva hatte gesagt: „Heute früh wird daheimgeblieben; ihr mögt im Garten spielen. Allzuviel ist ungesund.“

Der kleine Garten lockte nicht sehr, und auf Herta und Irene waren die Buben noch böse, also schien ihnen der Vormittag ein bißchen langweilig. Aber Tanten, zumal wenn sie ein so weiches Herz haben wie Eva von Ringewald, sehen nicht gern betrübte Kindergesichter, und sie ändern dann wohl ihre Meinung.

Eva sah die Buben am Fenster stehen und etwas trübselig hinausschauen, da dachte sie, es sind doch Ferien und die beiden sind zum Besuch hier, was haben sie da vom Daheimbleiben am lichten Tag? Sie ging zu ihrer Mutter und fragte die, und diese gute Mutter sagte sanft: „Geh mit ihnen aus, zeig ihnen etwas, vielleicht den Zoologischen Garten.“

„Nein,“ rief Eva, „heute nicht, dort erleben sie sicher wieder ein Abenteuer und schreien in der Nacht. Ich führe sie ins Museum.“

„Auch recht!“ Frau von Ringewald lächelte ein wenig. „Ich bin neugierig, wie es ihnen dort gefällt.“

Husch! lag der Sonnenschein auch auf den Gesichtern der Buben, als Eva ihnen sagte: „Wir gehen doch spazieren, ins Museum.“

„Hurra! Wo die vielen Bildles sind?“ Mathes und Peter konnten sich nicht schnell genug zum Ausgang richten; sie waren fertig, ehe Eva auch nur den Hut aufgesetzt hatte. Die sagte: „So schnell geht das nicht, ich habe noch für Mutter allerlei zu besorgen. Gehet aber einstweilen hinaus, ihr müßt mir freilich versprechen, kein Schrittlein weiter als bis ans Nachbarhaus zu gehen.“

Die Buben gaben das Versprechen, und sie hielten es auch. Und dies war nicht einmal leicht, denn die Straße entlang kam mit flatternden Zöpfen Annedore. Die winkte und nickte schon von großer Weite, und sie wunderte sich arg über die Buben, warum die ihr nicht entgegenkamen.

Die standen und taten kein Schrittlein über die Hausgrenze hinaus. Sie wollten brav sein, und als Peter noch einen Hopser wagen wollte, hielt Mathes ihn fest: „Wir dürfen net.“ Danach sahen sich beide an und nickten sich zu, sie waren nämlich über ihre eigene ungeheure Bravheit selbst erstaunt.

„Hallo, hallo!“ schrie Annedore.

„Hallo, hallo!“ antworteten die Buben und blieben stehen.

„Seid ihr angewachsen?“

„Noi! Wir dürfen net weiter.“

Da war Annedore schon neben ihnen, und es gab eine sehr herzliche Begrüßung.

„Ich will euch nämlich einladen,“ sagte Annedore vergnügt. „Meine Mutter hat’s erlaubt, obgleich sie euch noch nicht kennt, aber sie kennt Frau von Ringewald, also geht es. Halb fünf dürft ihr kommen.“

Den Sternbuben kam nun freilich die Einladungsgeschichte etwas umständlich vor; in Breitenwert lud man feierlich nur zu Geburtstagen ein, sonst lief ein Kamerädle dem andern ohne Umstände ins Haus. Immerhin, der Gedanke, am Nachmittag zu Annedore zu gehen, war verlockend. Sie sagten daher sehr laut zu, und Annedore erklärte, sie würde nun gleich auf Tante Eva warten, um diese zu fragen. „Fein, fein!“ jauchzte sie und hüpfte hin und her.

„Fein, fein, fein!“ schrieen die Buben laut. Wer am Ende der Straße wohnte, konnte gewiß ihr Rufen hören.

„Was ist denn fein?“ Ein dunkler Schatten fiel über die sonnige Straße, und als die drei aufblickten, sahen sie — den Zigeuner vor sich stehen. Nur nicht so bunt angezogen wie auf der Messe war er. Mathes erschrak fürchterlich. Gerade wie in der Nacht war es. Aber doch wieder nicht so unheimlich, denn Annedore war ja da, und Peter schlief nicht, ja alle beide schauten den Zigeuner mehr neugierig als erschrocken an.

„Was ist fein?“ fragte der Zigeuner noch einmal, und sein Blick glitt dabei scheu am Hause entlang.

„Wir sind eingeladen,“ antwortete Peter.

Der Zigeuner lächelte ein wenig. „Und jetzt geht ihr wohl spazieren — allein?“

„Noi, mit Tante Eva!“

Peter blieb die Antwort halb im Munde stecken, denn Annedore zog ihn heftig am Kittel. „Man darf nicht mit fremden Leuten reden,“ tuschelte sie ihm zu.

Ob der Zigeuner das gehört hatte? Er kniff die Augen ein wenig zu, schielte wieder nach dem Hause hin und sagte langsam: „Dann ist — eure Tante wohl wieder — gesund?“

Weil nach Peters Meinung jemand, der im Bett lag, sehr krank war, rief er eifrig, ohne sich an Annedores Zerren und Ziehen zu kehren: „Noi, die ist alleweil noch krank, furchtbar krank!“

Der Zigeuner lief plötzlich davon. Mit langen Schritten rannte er die Straße hinab, und gerade als Eva von Ringewald aus dem Hause kam, bog er in eine andere Straße ein.

„Der Zigeuner war da.“

„Annedore hat uns eingeladen.“

„Er hat mit uns geredet.“

„Ihre Mutter hat’s erlaubt.“

„Er hat die Augen zugekniffen und so gemacht.“ Mathes drehte den Kopf, schielte nach dem Hause hin, und Eva von Ringewald stand da und wußte nicht recht, was alle diese Reden bedeuten sollten. Sie sah den Zigeuner nicht mehr, aber Annedore sah sie stehen; sie fing daher von der Einladung an, und Annedore knickste und richtete mit so wohlgesetzten Worten die Bestellung ihrer Mutter aus, daß die Sternbuben sie darob anstaunten. Wie Alette Amhag, das Prinzeßchen der Löwengasse, kam sie ihnen vor, und doch war sie eigentlich eher wild und lustig wie Trinle Grill. Eva gab die Erlaubnis zu dem Nachmittagsbesuch, sie redete noch ein paar Worte mit Annedore, dann fragte sie nach dem Zigeuner.

Mathes rief: „Wie in der Nacht ist er dagestanden, genau so!“

„Ach, das hast du ja geträumt!“

„Noi, ich hab’s net geträumt!“

Mathes blieb dabei, und da auch Annedore und Peter von dem Zigeuner erzählten und Annedore ihn als sehr unheimlich schilderte, sagte Eva, doch etwas ängstlich geworden: „Ihr dürft gar nicht mit ihm sprechen; das nächste Mal lauft ihr gleich in das Haus zurück, wenn er noch einmal kommen sollte. Und nun schnell, sonst wird es zu spät für das Museum.“

Es gab einen kurzen Abschied von Annedore, die wieder heim mußte, und dann trabten die Buben neben Tante Eva her in die Stadt hinein. Durch breite, schöne Straßen ging’s, über weite Plätze, auch durch ein paar enge Gäßlein. Selbst durch etliche Häuser hindurch führte Eva ihre Schützlinge. Diese langgestreckten, hohen Häuser, die manchmal zwei, drei Höfe hatten, glichen eher Gassen, und sie gefielen den Sternbuben sehr. Noch besser gefiel es ihnen freilich dann, mit ihrer jungen Tante in einer Konditorei zu sitzen und Kuchen zu schmausen. Wie sie so an einem Marmortischchen saßen und von einem Kellner bedient wurden, kamen sie sich ungeheuer wichtig vor. Sie dachten, alle Leute müßten sehen: Da sitzen die Sternbuben aus Breitenwert und essen Kuchen; nein, wie vornehm!

Sie waren in ihrem ganzen Leben noch nicht in einer Konditorei zum Kuchenessen gewesen, denn in Breitenwert gab es nur eine einzige, und in die gingen nur die großen Leute; für Kinder war da kein Platz. Einzig schade war, daß die Freunde aus der Löwengasse nicht zuschauen konnten, um sie beide zu bewundern. Die hätten Augen gemacht, o je!

Doch es kam niemand und wunderte sich, und dem Kuchen ging es, wie es Kuchen einmal geht, er wurde alle, das Vergnügen war zu Ende. Ein Weilchen später stiegen Mathes und Peter die breite Freitreppe zum Museum empor. Eva öffnete die schwere Eingangstür, und drinnen umfing kühle Stille die drei. Der hohe, weite Raum, die breite Treppe innen, alles kam den Buben ungeheuer prächtig vor, und Peter wagte die schüchterne Frage: „Ist das ein Schloß?“

„Ein Schloß ist’s nicht, aber schön ist’s, gelt?“

Die Buben nickten nur. Die Feierlichkeit des Raumes bedrückte sie fast, und die vielen Bilder an den Wänden verwirrten sie. Doch Eva führte sie zuallererst vor ein Bild, das ihnen beiden ausnehmend gefiel. Da saß der Herr Jesus in einer hellen, sonnigen Stube, und viele Kinder umdrängten ihn, Kinder, wie sie daheim in Breitenwert herumliefen. Fein und lieblich war das Bild, recht zum Freuen. Nach diesem gab es andere Bilder zu sehen; manche fanden Mathes und Peter langweilig, manche gefielen ihnen, eigentlich aber fanden sie, es wären zu viele Bildles da. Unten hingen welche, oben hingen welche, und wenn man dachte, nun ist’s zu Ende, da kam wieder ein Saal, ein Zimmer und wieder Bildles, große und kleine.

Eva von Ringewald liebte ein Bild besonders. Eine Berggruppe stellte es dar, die im ersten Schein der Morgensonne glänzte. Dieses Bild war für sie eine Erinnerung. Diese schönen Schweizer Berge hatte sie einmal so glänzen sehen mit dem verlorenen Bruder zusammen. Damals hatten sie lustige Pläne geschmiedet; nach Indien wollten sie reisen, nach China, weit, weit in die schöne Welt hinaus.

An all das dachte Eva, während sie mit den Buben auf der Polsterbank vor dem Bilde saß, und sie vergaß ihre beiden Schützlinge darüber etwas. Ganz still waren die, merkwürdig still.

Menschen kamen und gingen vorüber, hinter sich hörte Eva ein leises Kichern, und dann blieb ein alter Herr vor ihr stehen und sagte gutmütig: „Die beiden da sind recht müde.“

Eva erschrak und sah sich um. Neben ihr lagen die Sternbübles und — schliefen. Mathes saß noch halb, aber Peter hatte sich auf der Polsterbank ausgestreckt, und ein Bein baumelte herab.

„Aber Jungen!“ Eva zupfte die beiden verlegen an ihren Kitteln. „Steht auf!“ flüsterte sie ihnen zu, aber ihre sanfte Mahnung half gar nichts, die beiden schliefen vergnügt weiter.

„Die müssen kräftiger geweckt werden,“ sagte der alte Herr, und er beugte sich selbst zu Mathes herab, schüttelte ihn tüchtig und rief ihm halblaut ins Ohr: „Wach auf!“

Ein paar Backfische, die zusahen, lachten hell auf, und von der fremden Stimme und dem Lachen erwachten die Buben. Peter, der meinte, in seinem Bett zu liegen, wollte sich umdrehen und kollerte dabei auf den Boden. Es gab einen dumpfen Fall, und ein Aufseher eilte erschrocken herbei. „Herrjeses, nee!“ rief der, „man kugelt sich doch hier niche auf dem Boden herum, so was, das schickt sich doch nich!“

„Sie sind müde,“ riefen die Backfische mitleidig.

Eva von Ringewald war so verlegen geworden, als wäre sie selbst hingefallen. Als nun aber die Buben wieder auf ihren Beinen standen und sich noch verschlafen und grenzenlos erstaunt umsahen und das Lachen ringsum lauter wurde, seufzte sie tief. Es war doch recht schwer, den Sternbuben die große Stadt zu zeigen. „Kommt heim,“ murmelte sie und zog die beiden rasch mit sich fort dem Ausgang zu. Die beiden folgten halb im Traum, und erst als sie draußen standen im Sonnenlicht, wurden sie wieder munter.

Vor ihnen lag der weite, schöne Platz im hellen Glanz. Der Springbrunnen rauschte, seine Wasserstrahlen glitzerten in der Sonne, über den Platz liefen viele Leute, die Wagen rollten, die Klingeln der elektrischen Bahnen schrillten, es war schon ein Leben und Getöse, von dem ein paar Kleinstadtbuben müde werden konnten.

Eva überlegte sich das gerade, als Mathes sie sacht am Kleid zog. „Jetzt bist du wohl bös, Tante?“ flüsterte er bedrückt.

„Ich konnt’ doch net dafür!“ klagte Peter auf der andern Seite.

„Nein, ich bin nicht böse.“ Eva beugte sich ein wenig vor und fragte neckend: „Ihr armen Schelme, es war wohl recht langweilig?“

„Noi, fein war’s!“ riefen beide, und Mathes fügte ehrlich hinzu: „Nur zu viel Bildles sind drin.“

Der Zoologische Garten wäre wohl besser gewesen, dachte Eva, und sie begann auf dem Heimweg von den Löwen, Bären, den Affen und vielerlei Tieren zu erzählen, die sie sich morgen zusammen ansehen wollten.

Da wurden die Buben blitzmunter, und die Fragen purzelten nur so heraus. Kaum hatte Mathes etwas gefragt, da tat Peter seinen Mund auf, und Eva hatte dem noch keine Antwort gegeben, da wollte schon Mathes wieder etwas wissen. Sie fragten noch, als Eva schon die Türe zur Wohnung aufschloß, und Hulda, die ihnen auf dem Flur entgegenkam, dachte nicht anders, als die Buben wären im Zoologischen Garten gewesen, so viel redeten die von den Tieren dort. Wenn Hulda fragte, ob es ihnen denn gefallen hätte, antwortete Mathes, ein Elefant sei auch drin, Tante Eva habe es gesagt; und Peter erzählte von den Bären.

Auch bei Tische redeten sie mehr von den Tieren, die sie sehen wollten, als von den Bildern, die sie gesehen hatten. Frau von Ringewald lachte dazu, und Eva freute sich über das Lachen der Mutter; sie dachte, es ist doch gut, daß die Buben da sind. Und sie war lieb und gütig zu ihnen und begleitete sie am Nachmittag selbst zu Annedore. Die wohnte in einem schönen Hause drei Treppen hoch, und Eva schärfte unten Mathes und Peter ein, wie sie oben zu klingeln hätten. Sie sollten auch fein höflich sein, der Mutter Gruß nicht vergessen, nicht zu viel Kuchen nehmen und auch nicht zu wild sein.

So mit guten Ermahnungen beladen, kletterten die Buben die drei Treppen hinauf. Ein bißchen bänglich war ihnen freilich zumute. Aber oben ging es dann vergnügter zu, als sie es gedacht hatten. Annedores Mutter war eine fröhliche, gütige Frau, die wohl wußte, Buben sind mal laut, Buben essen gern Kuchen und vergessen es manchmal, so fein höflich zu sein wie Erwachsene. Annedores einziger Bruder war freilich schon beinahe ein junger Herr, er saß in Obersekunda und hielt es natürlich unter seiner Würde, mit der jüngeren Schwester und ihren Freunden zu spielen. Denen gefiel das Spielen zu dreien aber auch sehr gut, sie waren ungemein lustig, und die Sternbuben vergaßen darüber die große Stadt; sie spielten so, wie sie in Breitenwert mit ihren Kamerädles spielten. Wie sie so mitten drin in Spiel, Lust und Freude waren, horchte Annedore auf einmal auf; sie hörte Stimmen draußen, doch die verhallten wieder, und nach ein paar Minuten kam Marie, das Zimmermädchen, herein und sagte: „Annedore, Herta und Irene waren da, sie sind aber wieder fortgegangen, als ich erzählte, wer bei dir ist.“

„Mögen sie!“ brummte Annedore nur, und dann spielten die drei weiter und vergaßen die beiden, die sie im Stich gelassen hatten.

Unterdessen stiegen Herta und Irene sehr niedergeschlagen die Treppen hinunter, und Irene sagte: „Du bist schuld, warum bist du fortgelaufen.“

„Du bist schuld, du hast gesagt, wir sollen die Jungen mitnehmen,“ rief Herta.

„Du hast es zuerst gewollt.“

„Nein, du!“

So stritten sich die beiden und gingen verstimmt miteinander heim, denn sie ärgerten sich, daß Annedore nur die Sternbuben eingeladen hatte und nicht sie dazu. Annedore liebten sie eigentlich beide, auch war Annedore Klassenerste, und es galt als Ehre, mit ihr zu verkehren. „Sie ist böse mit uns,“ klagte Irene.

„Daran sind nur die Jungen schuld,“ schalt Herta.

„Wir reden nicht mehr mit ihnen.“

„Nein, nie mehr! Es schickt sich gar nicht, mit ihnen zu verkehren.“

Als die beiden nach Hause kamen, waren sie entschlossen, nie mehr mit diesen groben, ungezogenen Buben zu spielen, ja, nie mehr. Und zeigen wollten sie es ihnen, sie wollten morgen und alle Tage in den Garten gehen und tun, als wären ihnen ihre neuen Nachbarn ganz unbekannt. Sie dachten sich allerlei aus, womit sie die beiden ärgern wollten, und dabei weinten sie selber vor Ärger auf der Treppe, während just zur gleichen Zeit Annedore und ihre Gäste lachten, daß Marie warnte: „Ihr werdet noch platzen vor Lachen!“

Hulda fand aber die Sternbuben noch ungeplatzt, als sie kam, die beiden heimzuholen. „So früh?“ riefen Annedore und ihre Gäste. „Viel zu früh!“

„Nich zu früh, spät ist’s schon. Aber morgen oder übermorgen mögt ihr weiterspielen bei uns. Fräulein Eva hat’s gesagt, ich soll’s bestellen.“

Das war noch ein Trost, der den Abschied versüßte.

Vergnügt trennten sich die neuen Freunde, und die Buben wanderten vergnügt mit Hulda heimwärts. Für alles, was sie zu erzählen hatten, war der Weg zu kurz; vor dem Hause blieben sie darum noch stehen, weil Peter durchaus eine Geschichte fertig erzählen wollte, die Annedore ihnen erzählt hatte, und die furchtbar komisch war.

Er kam jedoch mit seiner Erzählung nicht zu Ende, denn Mathes schrie plötzlich: „Da war er wieder!“

„Wer denn? Aber Junge, schrei doch nicht so!“ mahnte Hulda.

„Der Zigeuner da, da!“

Ein Mann ging sehr eilig dicht an den Häusern entlang, er glich in der tiefen Dämmerung nur noch einem Schatten, als Hulda ihn erblickte.

„I Junge, du siehst Gespenster! Du hast wieder geträumt.“ Hulda brummte es ziemlich unwirsch, der Zigeuner fing an, sie zu ärgern.

„Noi, ich hab’s net geträumt,“ behauptete Mathes genau wie am Morgen. „Er war’s wieder, er war es ganz bestimmt!“

Hulda schwieg, nachher aber sagte sie zu Eva: „Fräulein Eva, mit dem Zigeuner das ist ’ne sonderbare Sache. Graulen kann man sich. Ich glaube, wir müssen auf die Jungen achtgeben. Am Ende raubt sie uns der Zigeuner noch und macht Meßleute draus. Man kann nie wissen, was so ’n Zigeuner denkt. Heute nacht aber schlafe ich in der Schrankstube neben den Jungen, damit ich gleich dabei bin, wenn sie schreien.“

Und Hulda schlief wirklich in der Schrankstube. Doch Mathes schrie nicht und Peter schrie nicht, niemand und nichts störte Huldas Schlaf. Sie stand darum auch nicht auf und sah auch nicht den Mann vor dem Hause stehen, der lange, lange unverwandt zu den dunklen Fenstern emporstarrte. Nur der Mond sah ihn, und der Mond dachte: Da steht wirklich der Zigeuner wieder da, was der nur will?

Zwölftes Kapitel.
Kasperle muß das Heimweh vertreiben.

Herta und Irene gingen am nächsten Vormittag wirklich in den Garten, nur um die Buben zu ärgern. So meinten sie; heimlich hofften sie aber, Mathes und Peter würden sehr nett sein, und sie würden sich wieder miteinander vertragen, und sie würden sich auch mit Annedore versöhnen, alles würde gut sein. Doch sie kamen weder dazu, ihre Nachbarn zu ärgern noch sich mit ihnen zu versöhnen. Die erschienen gar nicht. Im Garten blieb es still, und als die beiden Mädel zur Mittagstunde mißmutig ihre schönen Spielsachen zusammenpackten und wieder hinaufgingen, kamen die Sternbuben gerade mit ihrer jungen Tante heim. Sie waren im Zoologischen Garten gewesen. Dort waren sie nicht eingeschlafen, ja sie wären gern noch einmal so lange dort geblieben, so gut hatte es ihnen gefallen.

An diesem Nachmittag ging es in der Ringewaldschen Küche wie in einer Menagerie zu. Mathes und Peter brüllten, brummten, kreischten und schrieen wie die Tiere, die sie am Morgen gesehen. Hulda mußte doch alles hören! Peter ahmte einen Affen nach, Mathes brüllte wie ein Löwe, und Hulda sagte, fürchterlich sei es.

Die Buben dachten nicht daran, in den Garten zu gehen; erst als Annedore kam, stiegen sie mit der hinab, und die war gern bereit, Zoologischen Garten mitzuspielen. Natürlich mußten sie wieder brüllen, kreischen und quieken, und dieser Lärm lockte Herta und Irene in den Garten. Und nun konnten sie nicht einmal tun, als wären die da drüben nicht zu sehen und zu hören, dazu war der Lärm zu groß. Und Annedore war ja auch dabei, um deren Freundschaft sie bangten.

Sie standen erst von fern, dann kamen sie näher und sagten nun doch zuerst guten Tag. Annedore nickte ihnen zu. „Wir spielen,“ rief sie vergnügt.

Mathes vergaß seinen Groll, er fand nämlich, der Zoologische Garten könnte reicher besetzt sein, und darum rief er über das Gitter den beiden zu: „Wollt ihr mitspielen?“

„Ja — wir können, ja!“ Herta sagte es sehr zögernd, und dabei hatte sie doch die allergrößte Lust mitzutun.

„Na, dann kommt! Herta kann Kamel sein und Irene Stachelschwein.“

„Pfui, seid ihr grob!“

„Wir sind doch net grob!“

„Ja, grob seid ihr — ihr Kellnerjungen!“

Mathes, der ohnehin ein Löwe sein wollte, brüllte laut vor Zorn; er war drauf und dran, über das Gitter zu steigen, doch Annedore hielt ihn zurück. „Die haben gedacht, du schimpfst sie,“ erklärte sie.

„Sie haben uns geschimpft!“

Annedore war sehr friedfertig. Zank und Streit mochte sie nicht leiden, darum rief sie über das Gitter:

„Das war doch nicht geschimpft!“

„Ich bin kein Kamel!“

„Ich bin kein Stachelschwein!“

„Es ist abscheulich, das zu sagen!“

Annedore lachte, und da erst begriffen die Sternbuben den Irrtum; sie lachten mit, lachten so herzhaft, daß ihre gekränkten Nachbarinnen angesteckt wurden. Sie kamen näher, Annedore erklärte, und über das Gitter hinweg versöhnten sich alle. Das Gitter trennte sie; und doch spielten sie zusammen. Diesseits waren die Käfige, und jenseits wanderten Herta und Irene einher und bewunderten die brüllenden wilden Tiere drüben. Sie waren lieber Zuschauerinnen als Kamel und Stachelschwein.

Es wurde nach aller Ansicht viel zu früh dunkel, und viel zu früh mußte Annedore heimwandern. Doch den frohen Nachmittag beschloß ein froher Abend, und die Sternbuben schliefen mit dem seligen Gedanken ein: morgen ist Sonntag.

Wenn schon die Wochentage so vergnügt waren, wie würde da erst der Sonntag sein!

Als Mathes und Peter erwachten, hörten sie ein sachtes, sanftes Rauschen. Unablässig erklang das, und im Zimmer war es auch nicht so hell wie in den vergangenen Tagen.

Es regnete! Plitsch platsch! tropfte es draußen, grau der Himmel, naß die Straße. Die Buben starrten ganz verdutzt hinaus. Auf Regenwetter hatten sie nicht gerechnet. Sie hatten den Sonnenschein hingenommen, als müßte es so sein; der Gedanke, es könnte ein solcher Regentag kommen, der hatte ihnen himmelfern gelegen.

„Vielleicht hört’s auf,“ sagte Mathes.

„Und wir können doch auf die Messe gehen!“ Peter erriet des Bruders Gedanken, denn auch er hatte an die Messe gedacht. Hulda hatte nämlich gestern gesagt: „Am Sonntag ist es am allerfeinsten auf der Messe.“ Und nun hofften beide, Hulda würde mit ihnen gehen.

Doch als Hulda in das Zimmer kam, sah sie gar nicht aus, als hätte sie Lust dazu. Sie machte ein höchst verdrießliches Gesicht und brummte: „Es regnet.“

„Es hört sicher bald auf,“ antwortete Peter hoffnungsvoll.

„I nä, das hört nicht auf! Wenn’s so träscht, dann dauert’s immer ’n paar Tage.“

Das war keine schöne Aussicht. Aber das Regenwetter war es nicht allein, was Hulda die Laune verdorben hatte. Herr Buchner kam heute zum Mittagessen. Und obgleich sie sich vorgenommen hatte, ihn niemals mehr Herr Brummerjan zu nennen, sagte sie doch zu den Buben: „Herr Brummerjan kommt heute, da nehmt euch nur zusammen, mit dem ist nicht gut Kirschen essen!“

„Wir besuchen dich in der Küche,“ riefen die Buben etwas kleinlaut, denn ihre Freude über diesen Sonntagsbesuch war nicht groß.

„Nä, gibt’s nich! Bleibt ihr heute nur oben! Wenn heute was am Essen nicht gerät, denkt meine liebe Frau gar, ich hätt’s absichtlich gemacht. Heute muß ich meinen Kopf zusammennehmen. Und nachmittag geh ich zu meiner Schwester.“

„Net auf die Messe?“ fragte Peter enttäuscht.

„Bewahre, bei dem Wetter doch nicht! Heute heißt’s zu Hause bleiben.“

Dies sagte ein Weilchen später auch Tante Eva. Und weil sie selbst allerlei zu tun hatte, riet sie den Gästen: „Spielt recht fein! Ihr dürft auch den Spielschrank ganz und gar ausräumen.“

Für Ausräumen nun waren die Buben mehr eingenommen als für Einräumen. Sie ließen auch wirklich kein Stück im Schrank, sie spielten dies und das, und zuletzt entdeckten sie noch einen kleinen Tuschkasten und ein Bilderheft dazu. Ausmalen liebten Mathes und Peter sehr. Namentlich Peter setzte gern die Farben recht kunterbunt durcheinander, und eine rosenrote Kuh oder ein himmelblaues Schaf waren bei ihm nichts Seltenes. Sie räumten schnell den Tisch ab und begannen zu malen. „Das feinste Blättle kriegt Tante Eva,“ sagten sie zueinander, aber auch für Hulda suchten sie ein Bild aus, und Peter malte einen zitronengelben Hirtenjungen, der zuletzt aussah wie ein Papagei.

Draußen schrillte ein paarmal die Klingel, Stimmen ertönten und Schritte. Die beiden achteten nicht darauf. Sie erschraken daher sehr, als Ida die Türe aufriß und ihnen zurief: „Schnell, schnell, ihr sollt mal vor ins Gartenzimmer kommen!“

Klapp! schlug Ida die Türe wieder zu. Es hatte draußen wieder geklingelt, darüber vergaß sie zu sagen, was Fräulein Eva ihr aufgetragen hatte.

Schnell sollten sie kommen! Die Sternbübles ließen Bilder, Farben, Pinsel, alles liegen und rannten hinaus. Schnell kommen hieß rennen, hieß die Türen kräftig zuschlagen und ordentlich trapsen. Wie der Sturmwind kamen sie beide ins Gartenzimmer hinein, aber sie blieben erschrocken an der Türe stehen, denn das Zimmer war voll fremder Menschen.

Da saßen ein paar Damen, da saß auch Herr Brummerjan.

„Kommt nur näher!“ sagte Frau von Ringewald. Und Ida, die hinter beiden die Türe öffnete, schob sie vor. „Geht nur, geht!“ mahnte sie.

„Jungen, was habt ihr gemacht!“ rief Eva tief erschrocken.

In diesem Augenblick sahen sich die Buben selbst in einem großen, der Türe gegenüberhängenden Spiegel. Jemine, was war das!

Wie eigentlich alle Farben aus dem Tuschkasten auf ihre Gesichter und Hände gekommen waren, das wußten sie nicht, aber da waren sie. Besonders Peter sah beinahe wie sein zitronengelber Hirtenjunge selbst aus, ganz papageienbunt.

Und die Hände, ach die Hände erst!

Mathes und Peter wären arg gern in ein Mauslöchle oder Fingerhütle gekrochen, doch keins von beiden war da. Sie blieben daher vor Schreck wie angewurzelt stehen, hörten Gelächter, hörten auch Herrn Brummerjans verdrießliche Stimme: „Deine Schützlinge sehen nicht gerade sonntäglich aus, Eva!“

„Geht hinaus!“ Eva von Ringewald sagte es dreimal, sagte es so streng, wie sie sonst nie sprach. Aber Mathes und Peter waren zu verdattert, die rührten sich nicht.

„Ärgern Sie sich nicht, Fräulein von Ringewald, die beiden haben gemalt, da kommt so etwas vor.“ Die Stimme klang den Buben hold in die Ohren, und sie sahen flehend zu der schlanken, hübschen Frau auf, die neben sie getreten war. „Ich muß euch doch einmal anschauen, denn sonst ist meine Annedore betrübt.“

Und sacht schob Annedores Mutter Mathes und Peter in das Nebenzimmer. An der Türe drehte sie sich um und bat: „Ich darf, nicht wahr? Ich möchte doch meiner Annedore neue Freunde kennenlernen!“

Und dann waren die Buben allein mit Frau Reinach, sie hörten die gütige, frohe Stimme, und da wagten sich allmählich ein paar Wörtlein aus ihren Mündern. Annedores Mutter wußte gut, wie man Bübles und Mädles, wenn der Mund zugefroren scheint, auftaut. Ihre Stimme klang wirklich wie ein sanfter, warmer Sommerwind. Die Sternbuben hatten in den letzten lustigen Tagen, an denen vielerlei im bunten Wechsel an ihnen vorübergezogen war, herzlich wenig an Breitenwert, an den Silbernen Stern, ihre Mutter und an Gundel gedacht. Plötzlich fiel ihnen alles ein. Ihre Mutter sprach anders als Frau Reinach, und doch meinten sie, die Mutter zu hören. Irgend etwas zwickte und zwackte da an ihren Herzlein herum, tat weh und machte sie traurig.

Annedores Mutter strich ihnen sacht über die beschmierten Gesichter. „Nun geht, ihr zwei, und wascht euch und seid wieder vergnügt. Übermorgen müßt ihr wieder zu uns kommen. Annedore freut sich schon darauf. Soll ich sie grüßen?“

Mathes und Peter nickten, und weil ihnen nichts zu sagen einfiel, nickten sie wieder und wieder. Endlich murmelte Peter schüchtern: „Kann sie net morgen kommen?“

„Nein, morgen ist sie zu ihrer Freundin Herta eingeladen, da darf sie nicht mehr absagen.“

Im Nebenzimmer tönten die Stimmen lauter, Schritte erklangen, da sagte Frau Reinach noch rasch: „Jetzt muß ich auch gehen, Kinder. Lebt wohl und vergeßt das Waschen nicht vor dem Essen.“

Bedrückt schlichen sich Mathes und Peter in ihr Zimmer. Da lag ihre schöne, bunte Malerei auf dem Tisch, und sie sahen fast böse darauf hin. Die dummen Farben, warum klebten die auch so an! Seufzend gingen sie beide an den Waschtisch und begannen eine große Rumpelei. Sie wollten sich sehr schön machen und nahmen dazu ihre Bürstlein zu Hilfe; sie rieben und rieben, bis Gesichter und Hände krebsrot waren, da endlich fanden sie, es sei genug geschehen. Just da kam Ida ins Zimmer. Die rief schon an der Türe ärgerlich: „Buben, was habt ihr denn gemacht? Schelte hab’ ich noch um euretwillen gekriegt. Na, seid ihr nun rein? Je, je, ihr glänzt ja wie ’n paar Tomaten!“

So eine stille Mahlzeit wie diese hatten die Sternbuben im Hause der Pate noch nicht erlebt. Frau von Ringewald fühlte sich matt, sie sprach kaum, nur manchmal warf sie den Buben einen freundlichen Blick zu. Auch Eva tat das. Deren Groll war rasch vergangen, weil aber Mathes und Peter mit ihren Nasen beinahe auf den Tellern lagen, sahen sie die guten Blicke nicht. Sie hörten nur immer Herrn Brummerjan reden. Der hatte eine heisere Stimme, die immer verdrießlich klang, immer so, als tadele er. Wie gut er es eigentlich im tiefsten Herzen meinte, das wußte nur seine Schwester. Die wußte auch, daß der Bruder mit ihr um den verlorenen Sohn litt, wußte, daß er seine Strenge längst bereute. Eva dagegen grollte dem Onkel bitter, und darum war sie wie immer in seiner Gegenwart schweigsam.

In diese Stille hinein klang ein paarmal ein lautes Klirren und Klappern. Erst fiel Peter seine Gabel auf den Fußboden, dann warf Mathes beinahe den Teller hinab. Jedesmal sagte Herr Brummerjan ärgerlich: „Nicht so laut!“ und jedesmal klapperten die Buben vor Schreck noch lauter.

„Die Buben sind schrecklich unerzogen!“ rief der Onkel gereizt. „Sie sollten wirklich nicht mit am Tisch essen.“

Und das sagte er gerade, als Ida eine schöne rosenrote süße Speise brachte, die gar lieblich duftete.

Die Sternbuben erschraken. Und wie es kam, wußte Mathes selbst nicht: sein Teller begann zu rutschen, er wollte ihn halten, Peter wollte helfen, und da sprang Peters Teller hops! vom Tisch, es klirrte, und das feine Gerät lag zerbrochen am Boden.

„Unausstehlich ist’s!“

Eva stand rasch auf, sagte leise zu den Buben: „Kommt!“ und führte die zwei still aus dem Zimmer. „Ida bringt euch den Nachtisch in euer Zimmer, geht jetzt,“ sagte sie draußen, und dann kehrte sie selbst schnell in das Speisezimmer zurück. Sie wollte um der Mutter willen den Onkel nicht ärgern.

Vom Mittagstisch weggeschickt!

Als Ida mit dem Nachtisch ins Bubenstüble kam, fand sie die beiden bitterlich weinend am Fenster stehen.

„Heult nur nicht!“ tröstete sie gutmütig. „Fräulein Eva hat euch ordentlich viel süße Speise geschickt und da auch noch kleine Kuchen dazu, kommt nur und eßt!“

Ida ging wieder aus dem Zimmer, und die Sternbuben aßen den Nachtisch. Aber Tränen sind keine gute Würze. Das köstliche Gericht schmeckte ihnen nicht, die Herzen waren ihnen schwer, sie fühlten sich einsam und unglücklich, und Mathes sagte endlich mit tiefem Seufzer: „Ich möcht’ heim!“

„Ich auch!“ Peters Tränen salzten die süße Speise. Bissen um Bissen stopfte er in den Mund, und als er fertig war, heulte er laut: „Ich will heim!“

Als Eva von Ringewald nach einem Weilchen kam, um nach ihren Schützlingen zu sehen, fand sie zwei rechte Jammerbübles am Fenster stehen. Sie tröstete linde, sagte, sie wäre nicht böse, ließ sich sogar die Malerei zeigen, das Bildle, das sie haben sollte, ermahnte, es fertig zu machen, und meinte, als sie ihre Gäste verließ, um mit dem Onkel, während die Mutter schlief, Schach zu spielen, alles sei nun gut.

Heimweh ist aber ein böses Ding. Wenn es einmal da ist, spaziert es nicht so geschwind wieder zum Herztürlein hinaus. Und in den Herzen der Sternbübles saß das schlimme Ding und erzählte an diesem Regensonntag immer vom Silbernen Stern und der Löwengasse.

Am liebsten wären beide rutsch! mit der Bahn heimwärts gefahren. An Regentagen war’s auch lustig in der Löwengasse; da platschte man im Gäßle herum, ließ Schiffchen schwimmen, lief zu den Nachbarn. Da rannte man husch! husch! und sagte dann stolz: „Ich bin unter dem Regen weggelaufen, kein Tröpfle hat mich getroffen.“ Man sagte das nämlich auch, wenn man quitschquatschnaß war.

Ja, das Löwengäßle, wenn man doch gleich mal hätte dort sein können!

Und vor Heimweh kamen die beiden in eine bitterböse Streitlaune.

„Wir wollen malen,“ sagte Peter.

Mathes brummte: „Ich mag net.“

„Du mußt, deine Bildles sind noch net fertig.“

„Ich mag net.“

„Du bist dumm!“

„Du bist ’n Esel!“

„Ich hau dich!“

„Ich hau wieder!“

Und rips raps! lagen sich beide in den Haaren. Sie pufften und knufften sich, zerrten sich durch das Zimmer, ein Stuhl flog um, auf dem Tisch schwappte das Wasser über die Malerei, sie merkten es nicht. Aber Hulda merkte es gleich. Die kam nämlich, um Abschied zu nehmen, ehe sie zu ihrer Schwester ging. „Buben!“ schrie sie, „rappelt’s bei euch, daß ihr euch am lieben Sonntagnachmittag prügelt? Na, so was!“ Sie packte beide und schüttelte sie tüchtig.

„Ich möcht’ heim!“ jammerte Peter.

„Ich auch!“

„I nä, auf einmal! Ihr habt wohl Heimweh?“

„Noi, ich hab’ net Heimweh,“ klagte Mathes, „aber ich möcht’ heim.“

„Ich will auch heim!“

„Also habt ihr doch Heimweh! Ja, aber warum haut ihr euch denn?“ Hulda schüttelte immerzu den Kopf. „Das soll nun jemand begreifen!“

Sie begriff es nicht, und die Sternbübles begriffen auch nicht, was da so in ihren Herzen zwickte und zwackte, sie unfroh machte; sie sagten nur immerzu: „Wir haben net Heimweh!“

„Ach was, papperlapapp! Natürlich habt ihr Heimweh!“ Hulda sah sich nachdenklich im Zimmer um. „Wißt ihr was?“ rief sie plötzlich und holte aus dem Schrank die bunten Briefbogen heraus. „Darauf schreibt ihr wieder an eure Mutter und an Gundel und an alle eure Freunde.“

Schreiben! Mathes dehnte das Wort ganz lang, sehr viel Lust hatte er nicht. Doch Hulda wußte gut zuzureden, und so entschlossen sich die Buben wirklich, Briefles zu schreiben.

Hulda räumte noch selbst den Tisch ab, stellte alles zurecht, ermahnte die Buben, mit den Tintenklecksen sparsam zu sein, und dann ging sie. Unterwegs dachte sie: Bin neugierig, ob sie mich nun wieder ekliger Affe nennen!

Doch diesmal kam Hulda in den Briefen sehr gut weg. Vielerlei stand in den Schreiben: von der Messe, dem Zoologischen Garten, vom Zigeuner, von Annedore und der Konditorei. Eva, die den beiden selbst ihr Vesper brachte, war froh, sie so gut beschäftigt zu finden. Sie versprach ihnen: „Wenn der Onkel fort ist, spielen wir noch Lotto zusammen.“

Draußen rann und rauschte der Regen unablässig nieder. Der Tag erlosch frühe. Der Onkel ging, und er verlangte sogar beim Abschied, noch die Buben zu sehen. Hinterher tat es ihm doch leid, daß er sie verjagt hatte, und er lud sie sogar ein, sie sollten ihn besuchen. Er erhielt freilich keine Antwort. Denn wenn ein Kirchturm gekommen wäre und gesagt hätte: „Wir wollen zusammen Haschen spielen,“ verwunderter hätten die Sternbuben nicht sein können. Da brummte Herr Brummerjan: „Kleinstädter sind’s, man merkt es!“

Kaum war der Onkel weg, da kam Hulda wieder. Tante Eva sagte: „Nun spielen wir noch Lotto.“

Vor dem hübschen Bilderlotto riß das Heimweh ein bißchen aus; die Buben wurden wieder ganz vergnügt. Während Eva mit ihren Gästen im Wohnzimmer spielte, sagte Hulda gnädig zu Ida: „Ich will mal bei den Buben aufräumen!“ Und dann ging Hulda in das Bubenzimmer, räumte auf und — las die drei Briefe, die Mathes und Peter geschrieben hatten.

Die gute Hulda war nämlich neugierig wie eine Elster, sie wollte wissen, was diesmal von ihr in den Briefen stand.

Sie las und freute sich. Da stand: „Hulda liben wir fuhrchbar.“ Na, das hörte sich doch anders an als „ekliger Affe“. Hulda las die Briefe von Anfang bis zu Ende, und obgleich sie auch mit der Rechtschreibung ein wenig auf Kriegsfuß stand, dachte sie doch: Na, na, Buben, Fehler macht ihr aber arg viele!

Doch was stand denn da?

Hulda las den Satz einmal, zweimal, ja, sie las ihn zum drittenmal, und ganz bestimmt, er lautete: „Der Ziehgeuner siht aus wie Tante Efa, und erst hat er mal blond ausgesän.“

„Dumme Jungen!“ brummelte Hulda. Sie legte den Brief weg, nahm ihn wieder auf, schüttelte immer mehr den Kopf, und dann setzte sie sich plötzlich auf einen Stuhl; sie konnte nicht mehr stehen bleiben, so sehr war sie vor ihren eigenen Gedanken erschrocken. „So was, das ist doch nicht möglich!“ Hulda hatte die Gewohnheit, manchmal mit sich selbst zu sprechen; sie tat das jetzt auch und sagte tief seufzend vor sich hin: „Dumme Jungen! Der Zigeuner unserm Fräulein Eva ähnlich! O du lieber Himmel, auf was für närrische Gedanken kommt man noch! Nä nä, so was, so was!“

Hulda vergaß, daß sie das Abendessen herrichten wollte, sie vergaß den grauen Regentag, die Sternbuben und noch vielerlei, sie dachte nur immer an einen blonden Buben, den sie so lieb gehabt hatte wie ein eigenes Kind. „Fritz, mein Fritz,“ klagte sie, „wärst du doch nicht in die weite Welt gegangen!“

Draußen regnete es immerfort, doch auch innen im Zimmer gab es ein Regengüßlein. Hulda weinte, sie hielt sich die Schürze vor das Gesicht und weinte bittere Tränen hinein, und ein paar tropften auf Mathes Brief, und es wurden große Flecke daraus. So weinend fand sie Ida, die kam, an das Abendessen zu erinnern.

„Hulda!“ rief sie erstaunt, „was ist denn los? Haben gar die Jungen wieder frech geschrieben?“

„I wo!“ Hulda trocknete sich seufzend die Tränen ab, nahm Mathes’ Brief, steckte ihn schnell in den Umschlag und klebte den zu. „Nett haben sie geschrieben, ich — ich dachte ..., na eben, ich dachte nur so allerlei.“

Ida schielte nach den Briefen hin, zwei lagen noch da, und sie wollte gerade danach greifen, als sie Mathes und Peter draußen trapsen hörten. „Schnell, schnell, Hulda, das Abendbrot! Wann soll denn die gnädige Frau ihre Suppe bekommen, wohl um Mitternacht?“

„Herrje!“ Hulda rannte zur Türe hinaus, stieß dort mit den Sternbuben zusammen, die sie ganz verdutzt ansahen. Hulda hatte geweint!

Zwei Minuten später wußte es die Pate und Tante Eva: Hulda hat geweint!

„Habt ihr sie geärgert?“ fragte Eva erschrocken.

Aber die Buben hatten ein gutes Gewissen, und darum stiegen sie auch unverzagt zu Hulda in die Küche hinab und fragten Hulda sehr eindringlich nach ihrem Kummer.

„Mir fehlt nichts,“ brummte diese. „Ich war nur mal ’n bißchen traurig, weil — weil —“

„Weil’s geregnet hat?“ fragte Peter.

„Ja, darum, und nu ist’s wieder gut. Geht nur rauf!“

Viel war mit Hulda an diesem Abend nicht anzufangen. Sie blieb wortkarg, behauptete, das Regenwetter wäre ihr in die Glieder gefahren, und sicher würde es noch drei Tage lang regnen.

Das war kein guter Trost. Mathes und Peter gingen nicht so vergnügt wie sonst zu Bett, und als sie allein im Dunklen lagen, kam das böse Heimweh wieder und quälte sie, und sie machten es wie Hulda, sie weinten. Sie taten dies freilich nicht still, sondern ziemlich laut, und Eva hörte plötzlich wieder ein schauerliches Gebrüll. Erschrocken lief sie zu ihren kleinen Gästen hinüber, drehte das Licht an und sah nun beide heulend in ihren Betten sitzen.

„Aber Buben, was fehlt euch denn?“

„Ich möcht’ heim!“

„Ich will auch heim!“

„Meine Mu—mutter!“

„Mu—u—“ Peter konnte das Wort gar nicht mehr zu Ende sagen, er wühlte schluchzend den Struwwelkopf in seine Kissen.

Sie haben Heimweh, dachte Eva mitleidig und versuchte die beiden Schelme zu trösten. Erst mit guten Worten. Morgen würde die Mutter schreiben, und morgen würde sie ihnen wieder etwas Neues zeigen. Als das nicht half, fragte sie: „Soll ich euch vielleicht eine Geschichte erzählen?“

Wutsch! lief das Heimweh zur Türe hinaus; Mathes und Peter wischten sich die Tränen aus den Augen, und beide riefen: „Ja, aber eine lange!“

„Eine von der Messe,“ bat Mathes.

„Vom Affentheater,“ verlangte Peter.

„Nein, davon nicht, aber eine von einem Karussell will ich euch erzählen,“ sagte Eva, „und so lang ist sie, wie sie lang ist. Also hört!“

„Es war einmal eine alte Frau. Die besaß ein Karussell. Das war ihr einziger Besitz. Damit mußte sie für sich und ihre drei Enkelkinder den Lebensunterhalt erwerben. Nun war das aber kein großes, schönes Karussell, sondern ein kleines, altes Ding, verschlissen und wacklig. Und wenn die Frau damit auf die Messe oder auch nur auf einen Jahrmarkt kam, da lachten die Leute, und niemand wollte auf dem alten Karussell fahren. Die Kinder spotteten, nannten es den alten Klapperkasten und gingen lieber zu den großen, neuen Karussells. Da hatte denn die arme Frau nur immer geringe Einnahmen, und wenn es auf dem Jahrmarkt recht lustig zuging, dann saß sie manchmal mit ihren Enkelkindern traurig im Winkel, und der Hunger quälte sie. Sie sah, wie sich die andern Karussells lustig drehten, wie sie gar nicht leer wurden, und ihr kleines, schäbiges Karussell stand da, und niemand mochte damit fahren.

Einmal, es war auf einer großen Messe —“

„Hier in Leipzig?“ fragte Peter eifrig.

„Ja, es kann sein, daß es in Leipzig war, genau hat dies der Mann, der meiner Großmutter die Geschichte erzählt hat, nicht gesagt, wo es war. Also, die alte Frau war wieder einmal auf einer großen Messe. Gerade neben der Kasperlebude stand ihr Karussell, und es ging, wie es immer ging. Kleine und große Leute liefen an ihr vorbei, Lust zu fahren hatten nur wenige. Ich werde mein liebes, altes Karussell als Brennholz verkaufen müssen, dachte die Frau traurig, und dann kann ich mit meinen drei Enkelkindern betteln gehen. Was soll ich nur anfangen in meiner großen Not!

Es war gerade Sonnabendnachmittag, als die Frau Katharina so verzweifelt neben ihrem Karussell saß. Viele Leute waren auf der Messe, überall war es voll, nur sie hatte noch nicht einen einzigen Groschen eingenommen. Und morgen war der letzte Sonntag; dann konnte sie wieder zusammenpacken und mit ihrem grünen Wäglein, den ein altersschwaches, mageres Pferdchen zog, und ihren Enkelkindern in die weite Welt hinausziehen.

Wie die Frau so trübe vor sich hinsann, hörte sie plötzlich neben sich den Kasperlemann furchtbar schreien. Das war ein grober Kerl, der keinem Menschen ein gutes Wort gönnte. Mit allen Meßleuten stritt und zankte er sich. Vor seiner Bude aber war es immer voll, denn der Mann hatte ein so drolliges Kasperle wie keiner sonst. Selbst alte, würdige Leute blieben vor der Kasperlebude stehen, und sie lachten manchmal wie noch nie in ihrem Leben über den kleinen Hopsassa. An diesem Nachmittag nun war das Kasperle auf einmal verschwunden, und sein Besitzer schrie, es sei ihm gewiß gestohlen worden.

Doch es war niemand in der Bude gewesen, denn die hielt der Mann immer sorgsam verschlossen. Auch hatte er die ganze Zeit auf einer Bank daneben gesessen und sich über die vielen Leute gefreut, die alle auf den Anfang vom Kasperlespiel warteten. Wer sollte also das Kasperle gestohlen haben?

‚Es liegt vielleicht irgendwo in einer Ecke,‘ riefen ein paar Buben. ‚Wir wollen suchen helfen.‘

Doch davon wollte der grobe Kerl nichts wissen. ‚Bleibt draußen,‘ schrie er, ‚ich suche ihn allein, er muß doch da sein!‘

Aber Kasperle war nicht da.

Sein Besitzer suchte die ganze Bude um und um, er fluchte und schrie; dies half aber gar nichts, das drollige Kasperle war und blieb verschwunden.

Die Leute draußen murrten: ‚Ohne Kasperle gibt es keinen Spaß, dann gehen wir lieber wieder.‘ Und nach und nach wurde es leer vor der Bude, nur ein paar Kinder standen noch und warteten; vielleicht kam ihr kleiner Freund doch wieder. Sie warteten aber vergeblich, und schließlich liefen sie auch fort, und da schloß der Mann seine Bude zu und rannte weg. Er wollte sich irgendwo ein anderes Kasperle holen; am liebsten aber hätte er alle Meßbuden eingerissen, so wütend war er.

Die ganze Zeit über hatte die kleine Karussellfrau still dagesessen und immer nur daran gedacht, wie sie am Abend ihre Enkelkinder satt machen könnte. Es wird nichts helfen, dachte sie, ich werde meine Nachbarn bitten müssen, mir einige Groschen zu leihen. O wie bitter ist das, wie schwer habe ich es doch im Leben!

In diesem Augenblick war es ihr, als höre sie ein leises Flüstern, oder war es ein Vogel, der sang, oder ein Mäuslein, das pfiff? Sie schaute sich um, und da sah sie zu ihrem Erstaunen das vermißte Kasperle auf ihrem Karussell sitzen. Es bammelte mit den Beinchen und tat ganz so, als wäre es keine Holzpuppe, sondern ein richtiges, lebendiges Kasperle.

‚Du, schrei nicht, sei ganz still! Der drüben darf mich nicht sehen.‘

Wirklich, das sagte das Kasperle, die Karussellfrau verstand es ganz deutlich. Und nun sah sie auch, wie des Kasperles Augen funkelten; wie zwei kleine, schwarze Stecknadelköpfe glitzerten sie.

‚Lieber Himmel! Du bist wohl lebendig?‘ fragte die Frau erschrocken.

‚Schwipp schwapp! Freilich bin ich lebendig! Ganz und gar bin ich ein richtiges Kasperle aus der Familie Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Schrei nur nicht, Karussellfrau, sei ganz stille, es darf niemand wissen, wo ich bin.‘

Die gute kleine Frau konnte gar nicht schreien, sie war viel zu erstaunt über den wunderfitzigen kleinen Kerl, und der wartete auch gar keine Frage von ihr ab. Der redete weiter und erzählte, drüben der grobe Kerl hätte ihn seinem eigentlichen Herrn und Meister, einem weltberühmten Puppenspieler, gestohlen. ‚Ich war dem sein Liebling,‘ klagte Kasperle, ‚er nannte mich immer sein Zuckerherzele, und ich hatte ein seidenes Bettchen bei ihm, und immer wieder zog er mir neue, schöne Kleider an. Dieser Mann hatte mich von seinem Großvater geerbt, der noch wußte, wo wir echten, richtigen Kasperle herkommen. Ich bin schon seit mehr als hundert Jahren auf Messen und Märkten herumgezogen, habe viel von der Welt gesehen, bin immer sehr geehrt worden, aber ach! ich hätte nie gedacht, daß es einem armen Kasperle so schlecht gehen könnte wie mir. Drüben, dein Nachbar, Karussellfrau, das ist ein böser Mann. Der weiß wohl, daß ich lebendig bin, und da quält er mich, wenn wir allein sind. Er sperrt mich in einen dunklen Kasten ein mit Mäusen zusammen, und er weiß doch, wie sehr ich mich vor Mäusen fürchte. Auch einen Hund hat er mit scharfen Zähnen, und oftmals nimmt er mich und wirft mich in eine Ecke; dann muß mich der Hund holen, und ich zittere immer, daß mich der zerbeißt.‘

‚Du armes, armes Kasperle!‘ sagte die Karussellfrau mitleidig.

‚Nenne mich Zuckerherzele!‘ bat der kleine Kerl. ‚Das hör’ ich so gern, aber nur von guten Menschen. Doch du bist gut; ich habe dich schon die ganze Zeit über beobachtet und immer gedacht, wenn ich ausreißen kann, dann fliehe ich zur Karussellfrau, die verrät mich nicht.‘

‚Nein, sicher nicht, du armes, kleines, liebes Zuckerherzele, du!‘ rief die Frau.

‚Siehst du, so nennst du mich recht.‘ Kasperle schlug vor Freude die Beinchen über dem Kopf zusammen. ‚Ausgerissen, fein!‘ kicherte er, ‚und nun bleibe ich bei dir und — bimmelbammel! drüben rennt Schnauz, wenn der mich sieht, bin ich verloren.‘

‚Schnell, versteck dich im Musikkasten.‘ Die Frau ergriff flink Kasperle und steckte ihn schnell in den Kasten. ‚Es sind ganz bestimmt keine Mäuse drin,‘ sagte sie.

Es war aber auch die höchste Zeit. Schnauz kam angerast. Er stellte sich vor das Karussell, schnupperte und kläffte laut.

‚Geh weg,‘ rief Frau Katharina erschrocken, ‚ich habe keine Knochen und Wurststücke für dich, geh, geh!‘

Doch Schnauz rührte sich nicht. Von ferne sah nun die Frau auch noch ihren groben Nachbar kommen, und es wurde ihr himmelangst, Kasperle, das kleine, liebe Zuckerherzele, könnte entdeckt werden.

‚Dreh flink dein Karussell!‘ wisperte da ein Stimmchen, und Schnauz, der das wohl gehört hatte, kläffte noch lauter.

In ihrer Angst begann die Frau wirklich das Karussell zu drehen, und ihre drei Enkelkinder, die es hörten, kamen angesprungen. ‚Ich will das Geld einnehmen,‘ rief Hans, der älteste Bub, ‚ich stelle mich hier hin.‘

Ach du lieber Himmel, es kommt doch niemand! dachte die Frau traurig. Doch erstaunt horchte sie auf. Die Musik, die sonst immer so kläglich war, so recht dünn und jämmerlich, die klang auf einmal, als kichere jemand immer dabei. Die Töne hüpften und tanzten. Didididihoppela, dumdumdumdumtrallalla! Lustig war es anzuhören.

Die Vorübergehenden horchten, blieben stehen, ein paar Buben kamen zuerst angerannt.

‚Wir wollen fahren, wir wollen fahren! Wie lustig das klingt!‘

‚Wir auch!‘ riefen auch ein paar Mädel und klirr! rollten die Groschen und Sechser in den Hut von Hans.

Und o Wunder! Immer mehr kleine und auch große Leute kamen, und alle wollten sie fahren, alle sagten sie, so eine lustige Musik sei auf der ganzen Messe nicht zu hören. Die Frau nahm mehr ein als sonst in einem Monat, und ihr grober Nachbar, der seine Bude wieder aufgetan hatte, schaute neidisch zu ihr hinüber. Er ließ seine Puppen springen und tanzen, er hatte auch wirklich ein neues, sehr schön gekleidetes Kasperle, doch wenn ein paar Kinder stehen blieben und zuhörten, sagten sie gewiß: ‚Heute gefällt uns Kasperle gar nicht, heute ist er langweilig.‘

Und sogar Schnauz läuft heute hinüber, dachte der Mann grimmig, lockte den Hund und sperrte ihn ein. Da steckte Kasperle ein ganz, ganz klein wenig die Nase zum Musikkasten heraus. ‚Karussellfrau,‘ fragte er, ‚ist Schnauz fort?‘

Die Frau nickte. ‚Eingesperrt!‘ tuschelte sie.

‚O lirum larum, dummer Schnauz!‘ jubelte Kasperle. ‚Eingesperrt, eingesperrt! Ich platze vor Lachen, wie mein Großvater Schnurzelpurzelwuppdiwupp. Bei meiner Nase, jetzt soll die Musik noch vergnügter klingen!‘

Wutsch! war er wieder drinnen im Kasten, und wieder ertönte sein Kichern.

Auf dem Platz draußen erzählten es sich die Leute. ‚Da, in der Ecke, neben der Kasperlebude steht ein kleines, altes Karussell, es ist gar nicht schön, aber so lustig fährt’s sich’s darauf, nicht zu sagen wie!‘

Und wer das hörte, rannte hin und fuhr auch, und am Abend war Hansens Hut voll Geld, und für eine Weile hatte die bittere Not ein Ende.

‚Großmutter Karussellfrau,‘ wisperte Kasperle, ‚schick erst die Kinder schlafen, die dürfen mich nicht sehen; Kinder haben Plappermäulchen, die verraten mich sonst, und dem Schnauz da drüben ist doch nicht zu trauen.‘

Am nächsten Tag kamen wieder viele Leute, die mit dem lustigen Karussell fahren wollten. Hansens Hut wurde zweimal schwippvoll. Schnauz lief bellend immer rundherum, Kasperle fand er aber nicht. Der grobe Nachbar ärgerte sich, doch das half ihm nichts; sein echtes Kasperle war und blieb verschwunden.

Fortan zog nun Zuckerherzele mit Frau Katharina von Jahrmarkt zu Jahrmarkt, von Stadt zu Stadt. Sie kamen in fremde Länder, und immer sahen die großen und kleinen Leute zuerst verächtlich auf das wackelige, alte Karussell, und manchmal sagten sie auch: ‚So etwas sollte man doch gar nicht mehr aufstellen!‘ Wenn aber dann die Töne hüpften und kicherten, dann wurden selbst die verdrießlichsten Griesgrame lustig und lachten; sie wußten freilich nicht, warum sie so vergnügt wurden.

Ein paar Jahre waren vergangen. Frau Katharina war nun keine arme Karussellfrau mehr, sie hatte sich ein stattliches Sümmchen erspart, und sie dachte manchmal: Es wäre wohl gut, wenn ich jetzt immer an einem Ort bliebe, damit die Kinder ordentlich in die Schule gehen könnten. Doch der Gedanke, sich von ihrem Karussell und gar von Zuckerherzele zu trennen, wurde ihr zu schwer. Einmal kam nun Frau Katharina auf ihrer Wanderung auch in eine Stadt hoch oben im Norden, in der sie noch nie gewesen war. Eine uralte Stadt war es mit dicken Mauern, riesengroßen Kirchen, eine Stadt, in der alles ein bißchen eingeschlafen zu sein schien. Selten öffnete sich eine der schweren alten Haustüren, selten ging ein Mensch durch die engen, düsteren Gassen.

Als der grüne Wagen in die Stadt einfuhr, liefen wohl die Kinder zusammen, aber man merkte es gleich, die hatten so etwas noch nie gesehen. Und ein Mann, der Frau Katharina beim Aufstellen half, erzählte ihr, es kämen selten Jahrmarktsleute zu ihnen. ‚In meiner Jugend, da war es lustiger,‘ sagte er. ‚Da gab es hier oft ein Kasperletheater, über das alle Menschen lachen mußten. Der alte Mann, dem es gehörte, der lebt noch hier, aber er spielt nicht mehr. Man sagt, sein Kasperle sei ihm gestohlen worden, und das sei ein echtes, lebendiges Kasperle gewesen. Na, ich begreif’s ja nicht, wie man sein Herz an so ’n Klapperbalg hängen kann. Au weh!‘ Der Mann faßte sich erschrocken an die Nase, denn eine von den dicken Perlen, die das Karussell schmückten, war ihm daran geflogen. ‚So was! Wo kommt denn die her?‘ brummte er unwirsch.

Die Karussellfrau aber sah, wie ihr Zuckerherzele mit einem bitterbösen Gesicht zum Musikkasten hinaussah. ‚Wart, du Grobian!‘ schalt er. ‚Ein echtes Kasperle ist kein Klipperklapperbalg, ich werde dir gleich eine ganze Troddel an deine dicke Nase werfen. Bimmelbammel! bin ich böse, hui!‘

‚Ich glaube, hier ist irgendwo ’n Vogel,‘ brummte der Mann. ‚Aber wissen Sie, Frau, schön ist ihr Karussell eigentlich nicht; na, für unsere Stadt mag’s gut sein.‘

Der Mann ging. Die Frau drehte das Karussell, es kamen auch Kinder und fuhren darauf, Frau Katharina jedoch dachte: Was macht nur mein Zuckerherzele, es klingt doch heute gar nicht so lustig wie sonst!

Sie ging und öffnete den Musikkasten. Da saß Kasperle, seine Beinchen hatte er um den Kopf gelegt, und sein kleines Gesicht sah ganz betrübt aus. ‚Karussellfrau,‘ sagte er, ‚es geht nicht mehr, ich muß fort.‘

‚Zuckerherzele, Goldpünktchen, mein allerliebstes Schnuckerle, tu das nicht! Bitte, bitte, nicht! Bleib bei mir!‘

‚Es geht nicht, Karussellfrau. Siehst du, hier ist mein alter Herr. Der ist’s, von dem der Mann vorhin erzählt hat, und nun ich ihn gefunden habe, muß ich zu ihm. Er ist mein rechter Herr, und wir Kasperles sind treu. Leb wohl, liebe, gute Karussellfrau!‘

Kasperle drehte sich wie eine Kugel zusammen und rollte so aus dem Musikkasten heraus. ‚Vergiß mich nicht,‘ rief er noch einmal, und dann war er verschwunden.

Und er kam auch nie wieder.

Frau Katharina verkaufte ihr Karussell nun als Brennholz, zog in eine kleine Stadt, und wenn sie nicht gestorben ist, lebt sie noch heute dort.“

Dreizehntes Kapitel.
Der Zigeuner.

Mit Kasperle Zuckerherzele zusammen war auch das Heimweh davonspaziert. Die Buben schliefen vergnügt ein und wachten vergnügt auf. Sie dachten an Sonnenschein, Messegehen und ähnliche erfreuliche Dinge, aber das Wetter sagte am Morgen: „Platsch! ich regne noch.“

Es seufzte niemand so sehr darüber wie Hulda. Die tat, als wäre die Sonne besonders boshaft gegen sie, und sie lief immer wieder nachsehen, ob es nicht heller würde. So gegen elf Uhr war das wirklich der Fall. Ein blaues Fetzchen hing am Himmel, wie eine Bratenschüssel so groß, und Hulda erklärte: „Es macht sich, nachmittags scheint die Sonne. Wir können auf die Messe gehen.“

„Nein,“ erwiderte Eva, „heute nicht, ich werde den Buben unser großes Völkerschlachtdenkmal zeigen.“

„Messe ist besser,“ rief Hulda. „Sie sollten mit ihnen hingehen.“

„Die Buben waren ja schon zweimal draußen, und von der Stadt haben sie noch so wenig gesehen.“

„Die haben von der Messe mehr. Ob die Häuser ein Stockwerk haben oder zehne, ist denen gleich, Fräulein Eva, die Messe ist besser.“

„Dann gehen Sie meinetwegen mit ihnen hin.“

„Nee, Sie müssen mit, Fräulein Eva, ohne Sie geht das heute nicht.“

Eva lachte. „Das ist Unsinn, Hulda,“ sagte sie. „Sie wissen doch, ich gehe nie auf die Messe.“

„Aber heute, einmal geht’s doch!“ Hulda bettelte um das Messegehen, wie es Kinder um ein Weihnachtsgeschenk tun. Sie redete immer wieder davon, und als Mathes und Peter aus dem Garten heraufkamen und berichteten, jetzt wäre es schon beinahe trocken, und der blaue Fetzen am Himmel sei viel größer als eine Bratenschüssel, da bat Hulda wieder: „Gelt, Fräulein Eva, Sie gehen mit auf die Messe?“

„Unsinn!“ Eva sagte es zum zweiten Male. „Sie wissen doch, ich mag die Messe nicht leiden!“ Ganz ärgerlich ging sie in ihr Zimmer hinauf, und da geschah etwas höchst Verwunderliches, die Sternbuben waren ganz verdutzt darüber. Hulda setzte sich hin und weinte so bitterlich, als wäre das größte Unglück geschehen.

„Du mußt net so arg flennen.“ Mathes schüttelte sehr mißbilligend seinen Kopf, und Peter schüttelte auch, und dann stiegen beide die Treppe hinauf, suchten Tante Eva und erzählten ihr von Huldas Kummer.

„Sie sagt, sie müßt’ noch mehr Töpfle holen, und ohne die Töpfle wäre sie unglücklich,“ berichtete Peter wichtig.

Da gab Eva nach. Sie lachte sogar über die Töpfle und Huldas Unglück und sagte: „Meinetwegen, aber warum ich durchaus Töpfle mitkaufen muß, weiß ich nicht.“

„Die werden wohl arg teuer sein,“ erklärte Mathes weise. „Alleweil, wenn’s arg teuer ist auf dem Jahrmärktle, sagt Mina auch, Mutter soll gehen.“

„Also gut, mag es heute beim Töpflekauf bleiben, das Denkmal sehen wir uns morgen an!“

Mathes und Peter stiegen vergnügt wieder abwärts in die Küchentiefe und erzählten Hulda strahlend, Tante Eva würde mitgehen. Von Rechts wegen hätte nun Hulda höchst vergnügt und fröhlich sein müssen, vielleicht auch einen kleinen Hopser tun oder doch wenigstens den Buben ein Küchlein als Botenlohn geben müssen, doch nichts von allem geschah. Sie lachte nicht, sie freute sich nicht, sie seufzte nur, und zwar so schwer, als müßte sie einen Mühlstein aus einem tiefen, tiefen Brunnen heraufholen, just als wäre Töpfle kaufen bitterschwer.

Das war doch sonderbar!

Und reden tat Hulda auch nicht, außerdem wollte sie noch Zucker in die Fleischsuppe schütten, und es war gut, daß Ida rechtzeitig zu Hilfe kam.

Auch Ida sagte es, mit Hulda sei heute nichts anzufangen.

Da gingen die Buben wieder in den Garten zurück und schielten hinüber nach dem Nachbarhaus. Herta und Irene gefielen ihnen zwar immer noch nicht sehr, kurzweiliger waren sie aber doch als die seufzende Hulda.

Herta und Irene sahen von oben herab die Buben im Garten herumwandern, und sie sagten zueinander: „Sollen wir sie einladen? Ach ja, vielleicht laden sie uns dann auch ein!“

Ein paar Minuten vergingen, da erschienen die beiden Mädchen im Garten, und Herta rief gleich den Buben zu: „Heute spielen wir nicht, wir haben sehr viel zu tun.“

Nun taten ihnen die Sternbuben aber nicht den Gefallen zu fragen, was sie zu tun hätten; die dachten: Na, dann nicht, und kümmerten sich nicht weiter um die Nachbarinnen.

Die warteten und warteten, endlich rief Herta über das Gitter: „Ihr Jungen, wir haben heute Gesellschaft!“

„Wir gehen auf die Messe!“ riefen Mathes und Peter zurück.

„Aber bei uns wird’s fein! Es gibt auch Eis.“

„Wir gehen ins Zaubertheater!“

„Wir spielen Lotterie; jetzt gehen wir noch Gewinne kaufen.“

„Tante Eva schenkt uns Geld, wir dürfen uns kaufen, was wir wollen.“

„Wir tanzen auch.“

„Das ist dumm, da fällt man hin!“ rief Peter, dem dies meist geschah.

„Es ist fein, ach, himmlisch ist’s!“

„Noi, dumm ist’s!“

„Pah, ihr ärgert euch nur, weil wir euch nicht einladen!“

„Wir wollen gar net kommen!“

„Doch, ihr ärgert euch.“

„Noi, wir gehen auf die Messe!“

Vom Gartenzimmer her erklang Tante Evas Stimme, und die Buben ließen ihre Spielsachen und ihre streitlustigen Nachbarinnen im Stich und liefen in das Haus zurück.

Herta und Irene sahen sich enttäuscht an. „Sie kommen wieder,“ sagte Herta. Aber die Buben kamen nicht wieder, die Zeit verging, die Mädel mußten einkaufen gehen; ihre Einladung hatten sie gar nicht angebracht. Wenn wir zurückkommen, sind sie vielleicht da, dachten sie, liefen fort, sputeten sich und fanden den Garten leer. Nun war es zu spät. Kleinlaut kehrten sie in das Haus zurück, sie ärgerten sich über die dummen Buben und hätten sie doch so gern eingeladen, denn Annedore kam und zwei Freundinnen mit ihren Brüdern, und allen hatten sie erzählt, die Buben würden kommen, denn sie hatten gemeint, die würden nur zu gern zu ihnen kommen.

Mathes und Peter aber hatten ihre Nachbarinnen mitsamt ihrer Gesellschaft schon wieder vergessen. Die waren mit Tante Eva schnell noch allerlei einkaufen gegangen und mit einem tüchtigen Mittagshunger heimgekommen. Und nach dem Essen rüsteten sie sich zum Messegang.

Und wieder benahm sich Hulda sehr sonderbar.

Die ging mit einem Gesicht einher, als sollte sie zehn Pfund Kieselsteine zerbeißen. Sie seufzte, als sie in die Bahn stieg, und sie seufzte, als sie wieder ausstieg, sie seufzte auch, als sie den Messeplatz betraten, und dann hatte sie gar keine Lust zum Töpflekauf, auch keine, sich etwas anzusehen, sondern erklärte, Kaffeetrinken wäre am besten.

„Dazu braucht man doch nicht auf die Messe zu gehen, das hat noch Zeit!“ Eva schlug vor, erst in ein Zaubertheater zu gehen, aber Hulda seufzte nur und klagte, sie fiele nächstens gleich um vor Kaffeedurst.

Eva von Ringewald ärgerte sich wirklich. Huldas üble Laune begriff sie gar nicht. So war Hulda doch sonst nie. Was hatte sie nur! „Fehlt Ihnen etwas?“ fragte sie.

„Ach du lieber Himmel, mir ist das Herz so schwer!“

„Ja, aber dann hätten wir doch nicht hierhergehen sollen!“

„Doch doch, gerade hierher! Nur mit dem Kaffeetrinken dürfen wir nicht warten, ja nicht, ich halt’s nicht mehr aus.“

Daraus sollte nun einer klug werden. „Hulda kann ja Kaffee trinken, und wir holen sie ab,“ schlug Mathes vor, den das Zaubertheater just mehr lockte als die Kaffeeschenke.

„Nee, nee, alle müssen mit. Und — vielleicht ist auch der Zigeuner da, den sehen wir uns an.“

Eva gab wieder nach. Sie fühlte, Hulda hatte irgend etwas auf dem Herzen, irgend etwas bedrückte sie, und sie wollte die treue Seele nicht kränken. Sie schlugen also den Weg zur Kaffeeschenke ein, und bald betraten sie den Raum, Hulda seufzend, die Buben verdrießlich und Eva mit dem Gedanken: Es wäre wirklich besser gewesen, gar nicht auf die Messe zu gehen.

Es war noch ziemlich leer, doch die Zigeuner saßen wirklich schon mit ihren Instrumenten da und spielten.

Da horchte Eva auf. Eine der Geigen sang und klang so schön und traurig, daß ihr das Herz zu zittern begann. Jetzt schwiegen die andern, und nur diese eine Geige tönte, leise, zart, unendlich süß; es klang, als weine ein Mensch vor Heimweh und Leid bitterlich.

Eva ließ sich von Hulda sacht vorwärtsschieben, immer näher der kleinen Bühne, auf der die Zigeuner saßen. Der, der spielte, drehte dem Saal ziemlich den Rücken zu, sein Gesicht hielt er tief geneigt, nur seine dunklen Haare waren zu sehen.

Den Buben kollerten die Augen beinahe aus dem Kopf, so sehr mühten sie sich, ihren Zigeuner herauszufinden. Aber da Hulda immer tuschelte: „Leise, leise!“ gingen sie ängstlich auf den Fußspitzen, und es war schon merkwürdig, daß sie so einen Tisch erreichten, ohne über etwas zu stolpern. Auch setzen taten sie sich ohne viel Lärm, dann aber wollten sie sprechen, und wieder mahnte Hulda: „Still, still!“ Ja, sie hielt ihnen sogar den Mund zu, was beide furchtbar ärgerte. Solche kleine Hosenmätze waren sie doch wirklich nicht mehr. Sie sahen Tante Eva bittend an, die sah aber nichts, die hörte nur die Geige klingen und singen. Ihr liebes Gesicht wurde blaß, und ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie mußte an den Bruder denken, an den fernen, verlorenen, der ein Künstler hatte werden wollen. Und die Geige sang und klang immerzu.

„Das da ist er!“

Trotz Huldas Mahnungen, trotz dem Mundzuhalten schrie Mathes laut, und sein Finger zeigte dahin, wo die Zigeuner saßen. Auch Peter hob den Finger, und Eva wollte ihnen dies gerade verweisen, als der Zigeuner sich umdrehte und nach dem Tisch hinübersah.

„Er kennt uns!“ riefen die Buben.

Die Geige gab einen wunderlichen Ton. Srrr! Wie ein Schrei klang’s; zwei Saiten waren gesprungen, und der Zigeuner ließ den Bogen sinken.

Er starrte unverwandt Eva von Ringewald an, und die sah zu ihm auf. Totenbleich war sie geworden.

„Er ist’s wirklich und wahrhaftig, Fräulein Eva!“ murmelte Hulda. „Der dumme Junge, der Mathes, hat doch recht gehabt.“

Eva stand auf. Sie ging durch den Saal an den Tischen vorbei, an denen fremde Menschen saßen, dem Ausgang zu. Und oben auf der kleinen Bühne nahm der Zigeuner die Geige unter den Arm und lief auch hinaus.

Nun geschah etwas sehr Merkwürdiges, was Mathes und Peter in die allerhöchste Aufregung versetzte. An der Türe gaben sich Eva und der Zigeuner die Hand, und dann gingen sie beide so Hand in Hand hinaus, und draußen nahm das bunte Gewühl der Messe sie auf — fort waren sie.

„Der Zigeuner hat Tante Eva geholt,“ schrie Peter. Er sprang auf, Mathes auch, beide dachten, wir müssen nachlaufen. Doch Hulda dachte anders. „Bleibt!“ rief sie, „bleibt!“ Und dabei hielt sie die Buben fest.

„Er nimmt Tante Eva mit.“ Mathes wehrte sich, aber Hulda hielt ihn fest. Doch Peter entschlüpfte und lief auch dem Ausgang zu.

„Jemine, was hat man mit euch für ’ne Not!“ jammerte Hulda, und sie schrie ganz laut: „Peter, Peter, hierbleiben!“

Peter kümmerte sich nicht darum, doch andere Gäste hatten den Ruf gehört, und ein Mann hielt Peter den Stock vor die Füße. Bums! da lag er, und der Mann sagte lachend: „Geh du nur zurück, ausreißen auf der Messe gibt es nicht!“

Beschämt stand Peter auf und sah sich um. Mathes saß neben Hulda am Tisch, Tante Eva und der Zigeuner waren verschwunden. Da kehrte er kleinlaut zu den beiden andern zurück, er dachte: Nun gibt’s Schelte. Doch diesmal gab es Kaffee und Kuchen, und Hulda sagte ganz sanft: „Setz dich nur! Ach du lieber Himmel, das ist ’n Wunder, ’n richtiges Wunder!“

Nun fing auch Hulda noch an zu weinen, die Tränen kollerten ihr richtig in die Kaffeetasse hinein, und dabei sagte sie nur immer: „Jemine!“ und „Ach, du lieber Himmel!“

Für die Neugier der Buben war das zu wenig, sie wollten wissen, warum Tante Eva mit dem Zigeuner davongegangen war, und sie drängten: „Hulda, wir wollen Tante Eva nachgehen.“

„Die findet ihren Weg schon allein!“

Hulda sah zur Decke auf, als liefe dort oben Tante Eva herum, und dann fing sie auf einmal an, Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, und dabei lachte und weinte sie, und wenn die Buben sagten: „Wir wollen Tante Eva suchen,“ dann nickte sie und redete davon, was sie alles sehen wollten. „Wir gehen ins Zaubertheater,“ sagte sie, „und ins Lichtspiel und meinetwegen zu den Affen und dem Messerfresser, oder ich weiß nicht was er frißt; irgend einer, der irgend etwas Komisches frißt, ist immer da.“

„Aber Tante Eva —“

„Ja, ja, Jungchens, die finden wir schon! Und vielleicht ist sie auch nach Hause gegangen, und ihr wollt doch noch Luftschaukel, Karussell und Rutschbahn fahren und Kasperle sehen, auch ’ne Trommel könnt ihr kaufen und ’ne Trompete oder sonst was. Wenn’s auch lärmt, das schadet nichts. Und dann gehen wir noch zum Mann mit zwei Köpfen. Nee, vielleicht ist das ’n Kalb, oder vielleicht sind’s vier Beine und nicht zwei Köpfe, was auch erstaunlich wunderbar ist.“

„Aber Hulda,“ schrie Mathes, „ein Kalb hat doch immer vier Beine!“

„Ja, ja, meinetwegen sechse!“ Hulda trank und trank aus ihrer Tasse, dabei hatte sie gar keinen Kaffee mehr drin, und als die Buben darob lachten, lachte sie ganz laut mit, aber dann liefen ihr doch wieder die Tränen über die Backen, und sie brummelte vor sich hin: „Das ist ’n Tag, ach du lieber Himmel, was wird meine liebe gnädige Frau sagen!“

Mathes und Peter fanden Hulda sehr sonderbar, aber die verheißenen Herrlichkeiten lockten sehr, und sie bettelten: „Komm doch, vielleicht finden wir Tante Eva dort!“

„Ja, ja, wir wollen gehen. Vielleicht wollt ihr auch noch die Wachsfiguren sehen.“ Etwas viel hatte sich Hulda schon für diesen Nachmittag vorgenommen. Der hätte von Gummi sein und sich über drei Tage hinziehen müssen, um alle Pläne ausführbar zu machen. Und nachher hatte Hulda im Zaubertheater nicht einmal bis zum Ende Geduld. Es sei langweilig, behauptete sie, und als die Vorstellung zu Ende war und die nun dachten, jetzt kommen die Affen, der fressende Mann, Kasperle, die Lichtspiele und die Luftschaukel dran, rief Hulda: „Jemine, schon so spät! Wir müssen jetzt rasch nach Hause gehen, und überhaupt, ohne Fräulein Eva ist es doch nichts!“

Es blieb kaum noch Zeit, um Trommel und Trompete zu kaufen. Hurlebusch! ging das, und die Sternbuben liebten doch das lange Aussuchen sehr. „Sputet euch, schnell, schnell, wir müssen nach Hause, es wird dunkel!“

„Nee, Madamchen, das wird nicht so schnell dunkel,“ sagte die Trommelfrau, „das bleibt noch lange hell.“

„Unsinn, gleich wird’s dunkel!“

„Na, so was!“ Die Trommelfrau ärgerte sich. „Sie sind wohl dem heiligen Petrus seine Tante, daß Sie das besser wissen als unsereins?“ brummte sie. „Die jungen Herren wollen sich doch ordentlich was aussuchen für ihr Geld. Vielleicht noch ’ne kleine Drehorgel gefällig und für jeden ’ne Mundharmonika?“

Die „jungen Herren“ fuhren den Sternbuben gewaltig in die Nase. So waren sie noch nie genannt worden, und vor lauter Dankbarkeit hätten sie der Frau am liebsten ein Dutzend Musikinstrumente abgekauft. Doch darüber ließ sich mit Hulda nicht reden; die tippte einfach auf eine Trommel und eine Trompete, sagte: „Die sind gut!“, zahlte geschwind, und fort ging es.

Hulda machte Siebenmeilenschritte, Mathes konnte nicht trommeln, Peter nicht blasen, und sehr mißvergnügt stiegen beide in den Bahnwagen. Der bunte, lustige Platz lag noch im lichten Tagesschein, die Musik dudelte herüber, und die Buben dachten niedergeschlagen an alles, was sie hatten sehen sollen und nun nicht gesehen hatten. Rrrr! rasselten sie davon, der Meßgang war vorbei.

Bum! tönte es. Alle Leute im Wagen sahen verwundert auf, und ein junges Mädchen rief erschrocken: „Aber man stellt doch auch nicht eine Trommel auf den Sitz!“

Beim Anfahren hatte es einen Ruck gegeben, und das junge Mädchen hatte sich auf die Trommel gesetzt.

Mathes wollte ein großes Klagegeschrei erheben, aber Hulda sagte: „Sei nur still, in Leipzig gibt’s noch mehr Trommeln, und zum Vergnügen hat sich das Fräulein ja nicht hineingesetzt.“

„Nein, wirklich nicht!“ Das junge Mädchen war so rot geworden wie der Trommelrand, und als in der Ecke ein Platz frei wurde, lief es rasch hinüber und warf von da aus bitterböse Blicke auf Mathes. Dazu sagte auch noch eine alte Dame laut: „Ich finde es recht überflüssig, Kindern solche Marterwerkzeuge zu kaufen; sie quälen damit nur ihre Umgebung. Ich würde das nie tun; man müßte so etwas verbieten.“ Streng sah sie zu den Buben hin.

„Na, ’ne Trommel geht noch, aber ’ne Trompete!“ brummte aus einer Ecke heraus ein Herr. Er hatte eine Brille auf, und Peter meinte, hinter der ein paar Augen zornig funkeln zu sehen.

Erschrocken preßte er seine Trompete fest an sich, und da lachte jemand, und es war wirklich der Herr in der Ecke. „Der hat nur Spaß gemacht!“ tuschelte Mathes Peter zu.

„Er freut sich über das Trompetle,“ tuschelte Peter zurück. „Weißt du was?“

„Na, was denn?“

„Ich blas ihm was vor.“

„Aber hier net!“ Mathes sah den kühnen Bruder ganz entsetzt an.

„Doch, hier!“ Peter schielte wieder zu dem Herrn hinüber, wirklich, der lachte, und die Brillengläser funkelten.

„Wir müssen aussteigen.“ Hulda sprang auf. „Schnell, schnell!“ mahnte sie, obgleich der Wagen noch nicht hielt.

Die Buben sprangen flink auf, und während sie an der Türe standen und auf das Halten warteten, bewies Peter, daß der alte, unnütze Sternbüblessinn noch da war: er setzte blitzschnell die Trompete an den Mund und tutete los.

Greulich klang es.

„Um Himmelswillen!“ Die Dame, die vorher gescholten hatte, hielt sich die Ohren zu, ein paar Leute riefen laut: „So was ist nicht erlaubt.“

„Tutuut, tututuut!“

„Blasen ist verboten!“ schrie der Schaffner.

Der Herr in der Ecke lachte, die Dame rief: „Das muß man anzeigen.“

Doch da standen Hulda und die Buben schon draußen, und der Wagen rasselte weiter.

„Tutuut, tututuut!“ klang es ihm nach.

„Junge, bei dir rappelt’s wohl!“ Weiter sagte Hulda nichts, und als in der stillen Straße, durch die sie nun gingen, Peter noch einmal blies und Mathes auf seiner Trommel versuchte, doch noch etwas zu lärmen, schwieg Hulda dazu. Ja, sie schien es gar nicht zu hören; sie rannte erst, doch kurz vor dem Hause ging sie langsam, blieb vor der Türe stehen und flüsterte vor sich hin: „Der liebe Gott mög’s gut gemacht haben!“

Den Buben wurde es ganz feierlich zumute. Hulda sah so seltsam aus. Und dann schloß sie innen leise die Türe auf und sagte halblaut: „Macht keinen Lärm, Jungen, und geht gleich in eure Stube, ich will erst mal sehen, ob —“

Hulda konnte nicht weiter sprechen, die Türe vom Wohnzimmer tat sich auf, und Eva von Ringewald kam heraus.

„Tante Eva,“ riefen die Buben, „warum bist du mit dem Zigeuner weggegangen?“

Eva gab keine Antwort. Sie fiel der alten treuen Hulda um den Hals und machte es wie diese draußen auf der Messe, sie lachte und weinte durcheinander.

„Hulda, o Hulda, du hast es gewußt!“

„Der da war’s.“ Hulda zeigte auf Mathes, und dieser, der meinte, er würde angeklagt, schrie erschrocken, denn er war sich keiner Schuld bewußt: „Ich war’s net.“

„In deinem Brief hat’s gestanden.“

Mathes und Peter schwiegen vor Staunen. Sie verstanden kein Wort von dem, was Tante Eva und Hulda zusammen redeten; von Mathes’ Brief sprachen sie, und Hulda sagte, der wäre für sie wie ein Blitz gewesen, und Mathes hatte dabei doch nichts von einem Gewitter geschrieben.

Und dann mußten die Buben in ihr Zimmer gehen, und Tante Eva sagte, sie würde sie gleich holen, aber erst müßte Hulda hineingehen.

Nach einer Weile kam Tante Eva und rief die Buben. Ihre Stimme klang dabei so feierlich und so glückselig, als hätte sie eben ein Weihnachtslied gesungen. Sie schob die Buben sacht in das Wohnzimmer hinein und sagte: „Hier sind die beiden.“

Ja, da waren die Sternbuben, aber wer saß denn da drinnen neben der Tante Pate und lächelte ihnen entgegen? — Der Zigeuner war es!

Niemand anders als der Zigeuner!

Und wie sah die Tante Pate aus! Als hätte die liebe Sonne selbst ihr sanft und linde das bleiche Gesicht geküßt, ihre Augen glänzten, und der Zigeuner saß neben ihr und hielt ihre Hände fest.

„Kennt ihr mich?“ fragte der Zigeuner. Er lachte die Buben an, und wie er so lachte, schaute Mathes flink zu Tante Eva hinüber, auch sie lachte, und wirklich, jetzt sah er’s wieder, Tante Eva sah aus wie der Zigeuner.

„Das ist dein Bruder,“ rief Mathes, dem Huldas Erzählung einfiel.

„Aber ich bin doch ein Zigeuner!“

„Noi!“ Mathes schüttelte heftig den Kopf, während Peter etwas zweifelnd dreinsah, aber da schob sie Tante Eva schon beide zu dem Fremden hin und sagte innig: „Ja, er ist mein Bruder, mein lieber, lieber Bruder!“

Der Zigeuner war wirklich der heimgekehrte Sohn des Hauses, Fritz von Ringewald. Warum er inzwischen ein Zigeuner gewesen war, erfuhren Mathes und Peter erst später von Hulda. Die saß bei ihnen in ihrem Zimmer und erzählte ihnen, während sie schmausten, denn das mußten sie allein tun; drinnen wollte die Mutter mit ihren Kindern an diesem Abend allein sein.

Übel genug war es Fritz von Ringewald gegangen. Er hatte sich mühsam durchgeschlagen, hatte Not und Sorge kennengelernt, und gerade als es anfing, ihm besser zu gehen, als er drüben in Amerika eine Stellung gefunden hatte, war das Heimweh so gewaltig über ihn gekommen, daß er es nicht mehr ausgehalten hatte. Mutter und Schwester hatte er sehen wollen, und dann hatte er doch nicht den Mut gefunden, vor sie zu treten. Arm und unberühmt, wie er gegangen war, kam er ja heim.

„Es ist ein rechtes Glück, daß ihr gekommen seid,“ schloß Hulda ihre Erzählung. „Und wenn ich gestern nicht deinen dummen Brief gelesen hätte, Mathes, wo drin stand, der Zigeuner sieht aus wie Tante Eva, dann säße der Junker Trotzkopf noch jetzt als Zigeuner verkleidet auf der Messe, und meine arme, liebe gnädige Frau grämte sich weiter. Na, ich sage nichts mehr gegen Jungenbesuch, meinetwegen könnt ihr alle Ferien kommen; mir soll’s nur recht sein.“

Das klang gut und verlockend. Auch sagte Hulda an diesem Abend noch allerlei liebe und freundliche Worte, erzählte von schönen Tagen, die noch kommen sollten, von viel Ferienfreude für Herz und Magen. Dann kam auch noch Tante Eva, küßte Mathes und Peter und nannte sie ihre lieben Trostbuben. Sie holte beide noch einmal zum Gutenachtsagen hinüber, und als die Buben dann wieder ihr Zimmer betraten, da lief trotz aller Freude dieses Tages doch das Heimweh geschwinde hinterdrein und setzte sich Mathes auf sein Herzelein, und dies nur, weil Mathes die Tante Pate so viel angesehen hatte, und dabei hatte er immerzu an seine Mutter denken müssen.

Warum Mathes auf einmal so widerborstig und schweigsam wurde an diesem Abend, begriff Hulda erst gar nicht. Er tat seinen Mund nicht mehr auf, knurrte, wenn Peter etwas sagte, und als Hulda, der die Trommel einfiel, ihn tröstete: „Morgen kriegst du eine andere,“ da murrte er: „Will keine!“

Unausstehlich war der Bub. Wenn Hulda nicht so glückselig gewesen wäre, dann hätte sie sich geärgert. So redete sie noch freundlich zu dem Murrkopf, als der schon im Bett lag, und fragte: „Hast noch Hunger? Tut dir was weh?“

„Noi — ich will heim!“

Hulda dachte an den Sohn des Hauses, den das Heimweh zurückgetrieben hatte, und sie strich dem betrübten Büble über das heiße Gesicht und erzählte ihm von der Heimreise und sagte: „Aber wenn du fährst, dann weine ich.“

Dies tröstete Mathes ungemein, und er meinte, auch er müßte Hulda etwas trösten; darum brummte er: „Morgen fahr ich doch noch net, sei nur net traurig!“

Vierzehntes Kapitel.
Letzte Tage.

Die Sternbuben fuhren noch manchen Tag nicht heimwärts. Sie verlebten noch helle Tage und auch etliche Regentage in dem großen Leipzig. Schön waren sie alle, wie Tage es nur sein können in einem Haus, in das die Freude eingekehrt ist. Und wenn eine Mutter sich freut über die Heimkehr eines verloren geglaubten Kindes, das ist dann eine ganz besondere Freude, eine, die auch andere froh macht.

Hulda sagte am nächsten Morgen: „Es ist heute wie Feiertag.“

„Ja, wie ein Osterfeiertag,“ antwortete Eva von Ringewald, „ein Ostertag, an dem man den Frühling schon auf allen Wegen kommen sieht und meint, so hell habe die Sonne nie geglänzt und so köstlich haben die Veilchen nie geduftet.“

In den Herzen der Sternbuben bimmelten an diesem Tage auch kleine Freudenglocken sehr lustig, und sie kamen aus dem Lachen und Vergnügtsein gar nicht heraus. Gleich am Morgen fing es an. Da saß der Zigeuner am Frühstückstisch, und er war wieder blond und nicht mehr schwarz, denn er hatte sich die Farbe aus den Haaren herausgewaschen. Er wollte Onkel Fritz genannt sein und schloß mit den Buben gleich eine feste, gute Freundschaft. Und dann sagte die Tante Pate, heute früh müßten die Buben das große Denkmal sehen, sie wolle zu Hause bleiben.

„Das will sie nur, weil der Herr Brummerjan kommt, sie will ihn erst versöhnen,“ murmelte Hulda. Sie dachte gewiß, hören kann das kein Mensch, aber Mathes und Peter hörten manchmal Dinge, die sie eigentlich nicht hören sollten. Also verstanden sie auch Huldas Rede. Herrn Brummerjan gingen sie gern aus dem Wege, doch Eva und Fritz von Ringewald sagten beide: „Heute gehen wir nicht.“ Aber dann kam gerade, als die Buben in den Garten geschickt werden sollten, Annedore und bat, sie sollten mit ihr in den Zoologischen Garten gehen.

„Allein?“ Die alte und die junge Tante machten beide höchst bedenkliche Gesichter, doch Annedore erklärte flink und froh, sie würde schon auf die Buben aufpassen und sie gut wieder heimbringen; man könne ganz ohne Sorge sein.

„Hoho!“ Onkel Fritz lachte dazu. „Das sind mir Buben, müssen sich beschützen lassen!“ neckte er.

Mathes und Peter ärgerten sich. Sie steckten beide trotzige Mienen auf und wollten eben sagen: „Wir können allein gehen,“ als Tante Eva dazwischenredete. „Sie sind doch fremd hier, und wenn ich fremd in einer Stadt bin, dann lasse ich mich auch führen.“

„Wir passen gegenseitig auf uns auf.“ Annedores freundliches Lachen verscheuchte allen Bubenzorn. Mathes und Peter wurden wieder vergnügt, und beide sagten sie gnädig: „Wir passen auf dich auf.“

In schönster Eintracht zogen sie von dannen. Unterwegs erzählte Annedore, bei Herta wäre es gestern langweilig gewesen, furchtbar langweilig. Die Buben bedauerten sie darob sehr, und in diesem Augenblick kamen schwipp, schwapp! Herta und Irene wie zwei Bachstelzen die Straße entlang gewippt.

„Da kommen sie!“ rief Herta.

„Wo?“ fragte Irene.

Sie sah die Straße entlang, doch von den drei guten Kameraden war nichts mehr zu erblicken; die rasten schon eine Seitenstraße entlang, bogen um eine Ecke, und da erst standen sie still und freuten sich, den beiden Zierpüppchen entwischt zu sein.

Im Zoologischen Garten wollten Mathes und Peter zuerst das Affenhaus sehen. Peter behauptete kühn: „Die freuen sich, die kennen uns wieder.“

Ob Löwen und Bären, Kamele und Elefanten die Breitenwerter Sternbuben auch wieder erkannten, war nicht genau zu unterscheiden, jedenfalls waren die drei Freunde sehr lustig mitsammen. Es war eigentlich ein Wunder, daß sie das Heimkommen zur rechten Zeit nicht vergaßen. Hulda redete gerade in der Küche von Zuspätkommen, so was täten Buben meist, als die Klingel ertönte. Die Buben waren da. „Wascht euch gut und geht hinein, es ist ein Gast da,“ flüsterte Ida ihnen zu.

Und als die beiden in das Speisezimmer traten, sahen sie zu ihrem Erstaunen Herrn Brummerjan am Fenster stehen. Neben ihm stand Fritz von Ringewald. Sein Gesicht war bleich, aber seine Augen leuchteten. Es war ein ernstes Aussprechen zwischen Onkel und Neffen gewesen, es war manch bitteres Wort gefallen, zuletzt hatte aber doch Herr Buchner dem Neffen die Hand gegeben und gesagt: „So geh denn deinen Weg! Ich hab’ es eingesehen, man soll niemand von einem Beruf abbringen, zu dem ihn seines Herzens Sehnsucht treibt.“

Er sagte nichts von dem großen Herzeleid, das Fritz durch seine Flucht Mutter und Schwester angetan hatte, er meinte auch im Herzen, es sei eine bittere Strafe für den Neffen gewesen, auf der Messe als Zigeuner verkleidet spielen zu müssen.

Ja, bitter war das gewesen und noch schwerer die Stunden, in denen Fritz von Ringewald nächtlich vor dem Hause gestanden hatte in Angst um die kranke Mutter. Wenn er aber jetzt in das blasse Gesicht der Mutter sah, dann dachte er doch, seine Strafe wäre noch zu leicht gewesen für all das Leid der gütigen Mutter. Er fühlte, er mußte ein sehr liebevoller Sohn sein, um seine Schuld wieder gutzumachen.

Von den ernsten Gesprächen und Gedanken merkten Mathes und Peter nichts. Die merkten nur die stille, selige Freude und fanden, Herr Brummerjan wäre wirklich kein Herr Brummerjan. Sehr lustig war er freilich nicht, aber er redete doch sehr freundlich mit ihnen, dachte sogar, sie gingen schon ins Gymnasium, während sie doch noch auf der Vorschule saßen, auch nannte er sie nicht Buben oder Jungen, sondern Knaben, und das fanden sie beide sehr vornehm. Er lud sie auch ein, ihn zu besuchen, und als er hörte, was sie alles schon gesehen hatten, erklärte er, dies wäre zu wenig, sie müßten noch viel, viel mehr sehen.

Damit waren nun Mathes und Peter sehr einverstanden. Wenn nur nicht die Ferientage davongelaufen wären wie Mäuse, wenn die Katze kommt. Wirklich, die Tage purzelten beinahe über ihre eigenen Beine vor Eilfertigkeit. Es war nur gut, daß die Tanten immer sagten: „Ihr müßt bald wiederkommen,“ und damit meinten sie die Buben und die Ferientage dazu.

Was gab es auch nicht alles zu sehen in der großen Stadt! Onkel Fritz sagte: „Einer großen Stadt muß man in das Herz sehen. Wenn man immer auf die Messe läuft und in den Zoologischen Garten, dann kennt man sie nicht.“ Er führte die Buben durch viele Straßen, über viele Plätze. Er führte sie dahin, wo die Fabriken ihre großen roten und gelben Fleißfinger in die Luft streckten. Und die Buben hörten das schrille Pfeifen in der Nähe, sie sahen Hunderte von Arbeitern und Arbeiterinnen die Fabriken verlassen. Sie sahen auch Häuser mit vielen, vielen Fenstern; hinter denen bauschten sich nicht luftige weiße Vorhänge, dort arbeiteten von früh bis abends rastlos die fleißigen Männer und Frauen.

In diesen Vororten, im Umkreis der Fabriken, hatten die Straßen meist lange, einreihige Häuserreihen; wie das Breitenwärter Löwengäßle sah keine aus. Und als die Buben seufzten und sich nach Gärten umsahen, guckten, ob nicht ein paar Bäume hinter einem Mäuerlein schatteten, da führten Tante Eva und Onkel Fritz sie in andere Straßen. Da lagen still und verträumt Eigenhäuser in schönen Gärten; manch eins sah wie ein kleines Schloß aus, und die Buben vergaßen beinahe den Silbernen Stern und wünschten sich, in einem solchen Haus zu wohnen. An der nächsten Straßenecke hatten sie dann freilich den Wunsch schon wieder vergessen, weil Fritz von Ringewald versprach: „Morgen führ’ ich euch zum Onkel, dort werdet ihr ein Stück unserer Bücherstadt sehen.“

Das Wort machte Mathes und Peter sehr neugierig, denn eine Bücherstadt konnten sie sich nicht gut vorstellen. Sie fragten Hulda später, was es bedeute, und Hulda, die lieber kochte und strickte als las, sagte ein bißchen von oben herab: „Ach, da sind eben die Häuser mit Büchern vollgestopft wie mein Wäschesack mit Flickwäsche!“

In ganz Breitenwert gab es eine Buchhandlung, außerdem hatte der Onkel Adam nur noch Schulbücher zu verkaufen, und als die Sternbuben am nächsten Morgen in die Bücherstadt wanderten, dachten sie sich die wie den Breitenwerter Buchladen. Es gab aber nur Häuser und wieder Häuser zu sehen. Vor vielen standen Wagen, auf die große Pakete geladen wurden, und die Buben waren schon ein bissel enttäuscht, als Tante Eva in eins der großen Häuser eintrat. Eine Treppe ging’s hinauf, oben gab es ein paar Türen mit allerlei Aufschriften; an einer klopfte Onkel Fritz, und als er sie öffnete, sahen die Buben drinnen ein paar Herren sitzen, die eifrig schrieben. Der Onkel war noch nicht zu sprechen, aber einer der Herren führte die Besucher durch allerlei Räume. Zimmer neben Zimmer, und in allen lagen Bücher hochaufgestapelt bis zur Decke.

„Wenn ihr das alles lesen müßtet!“ sagte Tante Eva neckend.

Mathes und Peter erschraken, und sie waren froh, als ein Fräulein kam und meldete, Herr Buchner hätte jetzt keine Zeit, er schickte aber eine Karte mit, dort sollten sich die Knaben umschauen.

„Dann sehen wir uns also noch nach mehr Büchern um,“ sagte Tante Eva.

Noch mehr Bücher!

Gab es denn die?

Onkel Fritz lachte über die erstaunten Gesichter der Buben. „Ja, ja, wir gehen in ein Haus, das ist vollgestopft mit Bilderbüchern.“

Aber Onkel Fritz hatte etwas geflunkert. Das Haus war eigentlich eine Straße, und wie in einer Straße liefen die Menschen drin hin und her, hinaus, herein; es hatten’s alle eilig. Ein Mann stand an einem breiten Fenster und gab immer Pakete hinaus; drinnen waren Bücher, nur Bücher. Große Ballen Bücher wurden verladen und ausgeladen. Bücher waren in Sälen aufgestapelt, und wenn Tausende von Büchern auf zwei Beinen dahergelaufen wären, die Sternbuben hätten sich nicht mehr gewundert.

Es war doch anders als im Breitenwerter Buchladen!

Onkel Fritz sagte: „Wenn ihr beide nun alles lernen müßtet, was in den Büchern steht!“

Schon vor dem Lesen hatten die Buben Angst gekriegt, aber nun auch noch lernen, was in den Büchern stand! Jemine, das wäre schrecklich!

Mathes seufzte tief. Doch plötzlich fiel ihm etwas ein, und er rief: „Ich werd’ mal Wirt vom Silbernen Stern, und Mutter sagt, da braucht man net so arg lange lernen.“

Peter schwieg. Die vielen Bücher machten einen gewaltigen Eindruck auf ihn, er wurde sehr still, es war ihm ordentlich ein bißchen feierlich zumute, und als er wieder auf die Straße trat, sah er sich ehrfurchtsvoll nach dem großen Haus um. Ein Stückchen weiter ging’s, da stand wieder so ein Riesengebäude, und Onkel Fritz erklärte: „Dort innen werden die Bücher gedruckt.“

Er ging auf das Haus zu, gab seines Onkels Karte ab, und ein Mann führte sie alle miteinander in einen großen Saal. Nur hier könnten sie hineinsehen, sagte er, aber für die Sternbuben war das schon genug. In dem Saal surrten und sausten große Maschinen, die arbeiteten flinker als hundert Hände. Weißes Papier kam hinein, gedruckte Bogen kamen heraus, klipp klapp! Stoß um Stoß. Die Maschinen sahen wie lebendig aus. Sie redeten ganz emsig, schienen immer zu sagen: Flink, flink, flink! Sputet euch, sputet euch! Und die Arbeiter und Arbeiterinnen, die daran standen, sputeten sich auch. Es war gar nicht zu unterscheiden, wer in dem Saal zur Arbeit antrieb, die Maschinen oder die Menschen.

Und doch waren es die Menschen. Auf einmal durchzitterte ein schriller Klang den großen Raum und klapp, klapp! da standen die Maschinen stille. Sie riefen nicht mehr „Flink!“ und „Sputet euch!“ sie waren stumm geworden. Aber die Menschen redeten miteinander, ein paar lachten, viele liefen eilig davon. Es war Mittagspause, und auch Fritz und Eva traten den Heimweg an. Unterwegs führten sie die Buben noch in einen großen Buchladen. Gegen den wäre nun freilich der Breitenwerter Buchladen fast wie ein Zwerg erschienen, wenn er sich daneben gesetzt hätte. Tante Eva kaufte ein Buch, bunte Bilder hatte es, und zur Kurzweil für der Buben Heimreise sollte es sein. Während sie kaufte, konnten sich Mathes und Peter recht umschauen. Mathes seufzte wieder, die vielen Bücher wurden ihm langweilig, sie ängstigten ihn, aber Peter bekam Kulleraugen. Er dachte, es müßte behaglich sein, in so einem großen Buchladen zu sitzen und jedem, der kam, ein wunderfeines Büchlein zu verkaufen. Tante Eva mußte ihn dreimal rufen, ehe er sich zum Hinausgehen entschloß, und kaum war er draußen, da rief er: „So ein Lädle will ich mal haben; das gefällt mir.“

Fritz von Ringewald, der kein Buchhändler hatte werden wollen, weil er seine Geige zu sehr liebte, sagte doch: „Dann wirst du etwas Tüchtiges, Peter. Halt dran fest! Auf meiner Wanderschaft bin ich weit herumgekommen; so viele Buchläden wie in Deutschland habe ich kaum irgendwo gefunden. Das hat mich immer stolz gemacht, weil ich daran erkannte, daß wir vorangehen in der Welt.“ Und ganz leise, nur Eva konnte es hören, fügte er hinzu: „Dem Onkel hab’ ich manch bitteres, trotziges Wort im stillen abgebeten. Doch nun heim, und heute nachmittag —“

„Das Denkmal sehen,“ fiel Eva ein, „sonst fahren sie ab und haben es nicht gesehen.“

Es war schon beinahe eine Reise hinaus zum Völkerschlachtdenkmal, das weit draußen im Osten der Stadt liegt. Unterwegs erzählte Eva den Buben von der gewaltigen Schlacht der Völker, von dem großen Befreiungskampf gegen Napoleon. Und die Buben verrenkten sich bald die Hälse, um das riesengroße Denkmal ja bald zu sehen. Sie dachten, bis zum Himmel müßte es reichen, und als sie dann ausstiegen und vor dem großen Steinkoloß standen, schwiegen sie muckstill.

Die junge Tante, die diesmal allein mit ihren Schützlingen hinausgefahren war, wartete auf etliche Ah- und Ohrufe, und als die nicht kamen, fragte sie: „Nun, was sagt ihr, gefällt es euch?“

Da guckten die wunderfitzigen kleinen Buben aus dem Breitenwerter Löwengäßle das große Steindenkmal von oben bis unten an und riefen geringschätzig: „Arg groß ist das aber net, unser Kirchturm ist höher!“

Und dabei blieben sie. Eva erstieg mit ihnen die hohen Steintreppen, ließ sie das Denkmal von innen und außen beschauen, und die Bübles nickten und freuten sich, aber weil das Denkmal nicht bis zum Himmel reichte, fanden sie es doch nicht so groß wie den Turm der Breitenwerter Stadtkirche. Es war auch ein Tag, an dem die Ferne im feinen Nebeldunst verschleiert lag, und dieser graue Schleier über der Stadt gefiel den Buben noch weniger. Eva war ganz ärgerlich. Sie hatte erwartet, die Buben würden vergehen vor Staunen, und nun taten sie, als wäre so ein gewaltiges Denkmal ein Pappenstiel.

Auf dem Heimweg — es dämmerte noch, als sie am Hause ankamen, — trafen sie Annedore mit Herta und Irene. Mit den beiden waren Mathes und Peter noch nicht wieder zusammengekommen, und die Mädel rächten sich für Nichtbeachtung, taten hochmütig, und Herta fragte, als Eva in das Haus hineingegangen war: „Nun, ihr staunt wohl immer noch Leipzig an! Wo ward ihr denn?“

„Beim Denkmal waren sie,“ rief Annedore. „Nicht wahr, das ist fein? So schrecklich groß!“

„Noi,“ sagte Mathes geringschätzig, „so arg groß ist das doch net!“

„Unser Kirchturm ist viel, viel höher.“ Peter sah in die Luft, als erblicke er oben neben den Wolken des Kirchturms Spitze.

Dies war den beiden kleinen Leipzigerinnen aber doch zu arg. Was, diese Kleinstadtbuben wollten nicht ihr großes, berühmtes Denkmal anerkennen? Das war zu frech! Sie fingen an, wie zwei Rohrspätzlein zu schelten und zu streiten, nannten die Buben dumm und eingebildet und wer weiß noch was.

Doch Mathes und Peter blieben die Antwort nicht schuldig. Sie riefen manches Wort, das von ihrem Freunde, dem Hausknecht im Silbernen Stern, stammte. Immer heftiger wurde das Streiten. Annedore bat und schalt, sie sollten Frieden halten, aber vergebens. Die Buben zischten wie ein paar Dampfkessel, die Mädel kreischten wie die schönen bunten Papageien im Zoologischen Garten, und plötzlich rannten Mädel und Buben fuchswild auseinander. Die Gartenfreundschaft war für immer vorbei.

Annedore stand allein auf der stillen Straße. Sie weinte und dachte grollend: Die Jungen waren zu grob. Nun geh’ ich auch nicht auf den Bahnhof, wenn sie abfahren.

Am übernächsten Tag aber stand Annedore dann doch an dem Zug, in den die Sternbübles stiegen, um heimzufahren, und der Abschied wurde ihr bitterschwer. Den Buben auch. Trotzdem taten sie, als wäre Abschiednehmen eine höchst vergnügliche Sache. Onkel Fritz hatte nämlich gesagt: „Buben weinen nicht auf Bahnhöfen.“ Und weil Mathes und Peter nicht weinen wollten, lachten sie; sie grinsten ganz fürchterlich und seufzten schwer, denn die dummen Tränen saßen ihnen schon in den Augen und wollten rinnen.

Tante Eva war ein bißchen ängstlich, das Alleinreisen gefiel ihr nicht. Sie gab allerlei Ermahnungen, aber zwei Buben, die vierzehn Tage in einer großen Stadt waren, können doch allein wer weiß wohin fahren! Mathes und Peter hatten das Gefühl, ungeheuer klug und welterfahren zu sein; sie kletterten in das Abteil hinein, wieder heraus, wieder hinein, wie zwei, die jeden Tag eine Reise tun. Doch nun ertönte ein schriller Pfiff. Der Schaffner schrie: „Einsteigen!“

Die Türen wurden zugeschlagen, der Zug setzte sich in Bewegung.

In diesem Augenblick erschien den Buben der Abschied doch eine schreckliche Sache zu sein, sie heulten laut, winkten mit den Taschentüchern, und Eva lief erschrocken am Zuge entlang. „Fallt nicht heraus, fallt nicht heraus!“ mahnte sie.

Mathes und Peter fielen nicht heraus, sie hörten auch auf zu weinen, und weil es ihnen aus Kummer sehr unbehaglich ums Herz war, fingen sie an zu schmausen. Hulda hatte gut vorgesorgt, sie hatte gedacht, mit dem Vorrat können die beiden wohl bis nach Amerika reisen. Doch es langte gerade bis nach Breitenwert. Mathes schluckte just das letzte Krümchen hinunter, als die Heimatstadt vor den Blicken der beiden auftauchte.

Aller Abschiedschmerz war längst vergessen, sie freuten sich beide auf die Ankunft. Wer wohl alles am Bahnhof war, um sie einzuholen? Die Mutter sicher und Gundel dazu. Vielleicht kamen aber auch die Freunde aus der Löwengasse, Alette Amhag und die Grills. Ja, vielleicht selbst Frau Tippelmann und Herr Häferlein! Vielleicht stand der ganze Bahnsteig voll Menschen, die alle die Sternbuben begrüßen wollten, denn sicher wußten es in Breitenwert alle: „Heute kommen sie!“

Und der Silberne Stern war sicher mit einem Kranzgewinde geschmückt, und Mina hatte Kuchen gebacken, und wer nicht auf dem Bahnhof war, schaute zum Fenster hinaus; vielleicht riefen sie auch: „Hurra, sie kommen!“

Da hielt der Zug, der Schaffner rief: „Breitenwert!“ Doch wenn eine Dame die Buben nicht ermahnt hätte: „Jetzt müßt ihr aussteigen, schnell, es ist nur eine Minute Zeit,“ die beiden wären vor lauter Ankunftsfreude sitzen geblieben.

Sie kamen aber noch zur rechten Zeit aus dem Wagen, der Zug fuhr weiter, und Mathes und Peter sahen sich um.

Es war niemand da!

Es war überhaupt ziemlich still auf dem Bahnhof. Die paar Leute, die angekommen waren, eilten fort, und schließlich entschlossen sich die Buben auch durch die Sperre zu gehen. Der Beamte nahm ihre Karten und sagte — nichts. Er wunderte sich nicht über ihre Heimkehr, es wunderte sich überhaupt niemand auf dem Bahnhof darüber. Fragend blickten die Buben jeden an; niemand fragte nach dem Woher und Wohin. Zu einer Frau, die manchmal in den Silbernen Stern kam, sagten die Buben: „Guten Tag!“ Da nickte sie, sah auf ihr Köfferlein und fragte so nebenhin: „Ihr holt wohl Fremde ab?“

Ganz verdattert machten sich die Buben auf den Heimweg. Es war still im Städtchen, ganz sonderbar kam es den beiden vor. Sie trafen nur wenig Menschen auf der Gasse, und von diesen wunderte sich auch niemand über ihre Heimkehr, niemand fiel vor Erstaunen um, niemand sah die Weitgereisten ehrfürchtig an. Nun bogen sie in die Löwengasse ein. Es dämmerte schon, und auf der ganzen Gasse ging nur Bäckermeister Herings Hund spazieren. Aus der Linde und Rose kamen nicht die Kamerädles herausgestürzt, Herr Häferlein trat nicht vor seine Ladentür, Frau Tippelmann sah nicht zum Fenster hinaus. Und da war der Silberne Stern.

Kein Kranzgewinde schmückte sein großes, rundes Tor, ganz still lag das stattliche alte Haus da. Die Buben setzten ihr Köfferlein ab und sahen sich um; kam denn wirklich niemand, sie zu begrüßen? Sie wollten rufen, aber sie brachten kein Wort hervor.

Denn plötzlich erfaßte sie beide eine furchtbare Angst. Vielleicht waren alle aus Breitenwert weggezogen, gestorben oder sonst etwas. Sie ließen ihren Koffer stehen, rasten durch den Flur, rissen die Küchentüre aus und schrieen: „Wir sind da!“

„Alle guten Geister! Unsere Bübles!“

„Mathes! Peter!“

Da waren die Mutter und Gundel, Mina, Käthle — alle waren da. Von einer Bank hopsten Trinle und Kasperle Grill und Alette Amhag herab, Frau Tippelmann stand auch mitten in der Küche, und alle miteinander fragten: „Aber wo kommt ihr denn auf einmal her, warum habt ihr nicht geschrieben?“

Nicht geschrieben?

Mathes griff erschrocken in seine Tasche. Da knisterte ein Brieflein; vor drei Tagen hatte er es in Leipzig in den Kasten stecken sollen. In dem Brieflein aber stand: „Wir kommen Montag!“

„Es flog ein Gänslein über den Rhein und kam als Gickgack wieder heim,“ sagte Frau Tippelmann.

„Zum Kuckuck, welcher Esel hat denn da draußen seinen Koffer auf der Gasse stehen lassen!“ brüllte Friedrich plötzlich im Flur. Er steckte den Kopf zur Türe hinein. „Herr Baldan ist eben darüber hingefallen. So ’ne Dummheit!“

Da sah er die Buben, und plötzlich ging ihm ein Lichtlein auf. „Ihr seid ’s gewesen!“ rief er. „Na ja, man merkt’s, gescheiter seid ihr net heimgekommen!“

Die Buben hörten es und hörten es nicht, denn die Mutter hielt sie fest umschlungen, und Gundel zerrte an ihnen herum, und beide sagten: „Gott sei Dank, daß ihr wieder da seid, wir haben uns schrecklich gebangt!“

„Wir auch!“ riefen die Kamerädles alle.

„Ich auch!“ sagten Mina und Käthle. —

Das Heimkommen ist eben doch eine schöne Sache, selbst wenn es keinen feierlichen Empfang gibt!

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):






End of Project Gutenberg's Die Sternbuben in der Großstadt, by Josephine Siebe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STERNBUBEN IN DER GROßSTADT ***

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exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.