The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 8: Vermischte Schriften
und Aufstze, by Johann Gottlieb Fichte

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Title: Smmtliche Werke 8: Vermischte Schriften und Aufstze
       Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen / Deducirter Plan
       einer zu Berlin zu errichtenden hheren Lehranstalt /
       Beweis der Unrechtmssigkeit des Bchernachdrucks und
       andere Aufstze / Recensionen / Poesien und metrische
       Uebersetzungen

Author: Johann Gottlieb Fichte

Editor: Immanuel Hermann Fichte

Release Date: March 5, 2016 [EBook #51359]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 8: ***




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                       Johann Gottlieb Fichte's
                          smmtliche Werke.


                            Herausgegeben
                                 von
                            I. H. FICHTE.

                             Achter Band.

                            Berlin, 1846.
                      Verlag von Veit und Comp.

                       Johann Gottlieb Fichte's
                          smmtliche Werke.

                            Herausgegeben
                                 von
                            I. H. FICHTE.

                          Dritte Abtheilung.
                   Populrphilosophische Schriften.

                            Dritter Band:
                  Vermischte Schriften und Aufstze.

                            Berlin, 1846.
                      Verlag von Veit und Comp.




                            Inhaltsanzeige
                          des achten Bandes.


                                                                   Seite
   1)  Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801               3-93
   2)  Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden hheren    97-204
          Lehranstalt, 1807
       Beilagen zum Universittsplane (ungedruckt):
       a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke  207-216
          an einer deutschen Universitt, 1805
       b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universitt zu    216-219
          Berlin, am 16. April 1811
   3)  Vermischte Aufstze:
       A. Beweis der Unrechtmssigkeit des Bchernachdrucks,     223-244
          ein Rsonnement und eine Parabel, 1791
       B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (ungedruckt)         245-269
       C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794      270-300
       D. Von der Sprachfhigkeit und dem Ursprunge der          301-341
          Sprache, 1795
       E. Ueber Belebung und Erhhung des Interesse an           342-352
          Wahrheit, 1795
       F. Aphorismen ber Erziehung, 1804 (ungedruckt)           353-360
       G. Bericht ber die Wissenschaftslehre und die            361-407
          bisherigen Schicksale derselben, 1806 (ungedruckt)
   4)  Recensionen:
       A. Von Creuzers skeptischen Betrachtungen ber die        411-417
          Freiheit des Willens, 1793
       B. Von Gebhard ber sittliche Gte, 1793                  418-426
       C. Von Kant zum ewigen Frieden, 1796                      427-436
   5)  Poesien und metrische Uebersetzungen:
       A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (ungedruckt)     439-459
       B. Kleinere Gedichte (meist ungedruckt)                   460-471
       C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen     472-479
          und Italinischen (meist ungedruckt)




                      Vorrede des Herausgebers.


Der vorliegende achte Band der Werke enthlt Alles, was von gedruckten
und von ungedruckten Aufstzen vermischten Inhaltes der Aufbewahrung
werthgehalten wurde, und was im dritten Theile der Nachgelassenen
Werke noch nicht erschienen ist. Diese beiden Bnde stehen daher in
nchster ergnzender Beziehung zueinander.

Die Schrift, welche hier die Reihe erffnet: Nicolai's Leben und
sonderbare Meinungen (1801), wird bei ihrem Wiedererscheinen, da ihr
Gegenstand unserer unmittelbaren Erinnerung und unserem parteinehmenden
Interesse entrckt ist, wohl so heiter und so objectiv aufgenommen
werden, als sie ursprnglich entworfen ward. Gleichwie wir aus den
Selbstbekenntnissen des Dichters wissen, dass er sich mit dem ihm
Feindlichen am Sichersten vershnt habe, indem er es zum Gegenstande
poetischer Darstellung machte: so ist es die chte, berwindende und
abschliessende Polemik des Denkers, wenn er das Gegnerische aus seinem
Principe begreift und in der unwillkrlichen Consequenz seiner
Verkehrtheit erschpfend darlegt. Als Beispiel dieses Humors der
Grndlichkeit wird das kleine Werk eine eigenthmliche Stelle behaupten
neben den wenigen polemischen Musterstcken unserer Literatur. Das
dreizehnte oder Schlusscapitel aus demselben: Von den letzten Thaten,
dem Tode und der wunderbaren Wiederbelebung unseres Helden, (Bd. VIII.
S. 89 ff.) welches der ursprngliche Abdruck nur bruchstckweise enthlt
(S. 128 ff.), ist zwar im Manuscripte noch vollstndig vorhanden; doch
bleibt es, aristophanischer Derbheiten voll, auch jetzt kaum
mitzutheilen.

Der Universittsplan gehrt in jene Reihe von Entwrfen zur
Umgestaltung der gesammten Nationalbildung, von denen wir in der Vorrede
zum siebenten Bande Bericht erstattet. Er schrieb ihn auf Anregung des
damaligen preussischen Cabinetsraths Beyme, der in Betreff desselben
sein ganzes Vertrauen auf ihn setzte und bei dem Entwurfe selbst ihn
davon lossprach, an das Alte und Ueberlieferte sich zu binden (Worte
aus einem ungedruckten Briefe des Letzteren).

So entstand jener Plan auf einer vllig neuen Grundlage des Begriffes
einer Universitt, und war ebenso auf ein neues Ziel gerichtet. In
ersterer Beziehung wurde geltend gemacht, dass die Universitt weit
weniger Lehranstalt seyn solle, als Bildungsschule des freien
Verstandesgebrauches: leitender Grundsatz sey, durchaus nichts mndlich
zu lehren, was auch im Drucke vorliege und auf diese Weise weit besser
und sicherer an den Zgling gebracht werden knne; vielmehr solle der
akademische Unterricht nur in dem ununterbrochenen und innigen
Wechselverkehr zwischen Lehrer und Lernenden bestehen, in
Modificationen, welche der Plan ausfhrlich darlegt, um eben dadurch zur
Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches sich zu
erheben. Als Ziel aber wurde gezeigt, dass dem Zglinge dieser
Kunstschule nach dem Eigenthmlichen seines Talentes und nach dem
Ergebnisse seines Fleisses und seiner Ausbildung, auch die sichere
Aussicht auf die hchsten Staatsmter erffnet werde, ohne dass dabei,
wie bisher, dem Stande oder sonstigen zuflligen Unterschieden der
geringste Einfluss bleibe, damit der auch von daher neu umgestalteten
Staatsverwaltung (auf Preussen wurde nemlich dabei zuerst gerechnet) die
hchste Blthe der Wissenschaft und des Talentes zu steter Erfrischung
und Selbsterneuerung immerfort zu Gute komme.

Es ist leicht erklrbar, nachdem zugleich die oberste Leitung der
Universittsangelegenheiten in andere Hnde gekommen war, warum unter
den damaligen Umstnden, die guten Theiles noch jetzt fortdauern, ein
solcher Plan, sowohl in seinem Ausgangspuncte, als in seiner letzten
Absicht, unausfhrbar befunden werden musste. Berlin wurde eine
Hochschule, wie jede andere auch; und was ihr hheren Glanz verlieh, war
nicht das Vollkommene oder Rationellere ihrer ursprnglichen
Organisation, sondern der Ruf einzelner Lehrer, die verschwenderische
Flle der Lehrmittel, welche sie darbot, endlich das ussere Ansehen,
das ihre eigenthmliche Stellung in der Nhe der obersten
Regierungsgewalten ihr verlieh.

Dies Verhltniss erzeugte jedoch im weiteren Verlaufe eine andere, also
noch nie dagewesene Erscheinung. Man sah vor Augen, wie mchtig der
Einfluss der Wissenschaft sey auf die geistigen Bewegungen der Zeit, und
so empfahl es sich als hchste Maxime der Staatsklugheit, eine
Universitt vor allen Dingen zur Bildungsanstalt knftiger Beamten zu
stempeln, und den Geist derselben den jedesmal herrschenden Wnschen und
Absichten der Regierung anzupassen. Htte man bedacht, was eigentlich in
diesem Grundsatze liegt, und knnte es gelingen, consequent ihn
durchzufhren, so wrde ans Licht kommen, dass er in Wahrheit nichts
Geringeres fordert, als jeden Keim der Zukunft der jedesmaligen
Gegenwart aufzuopfern und so den Stillstand zu verewigen!

Wird nun irgend einmal unter den Gegenstnden, welche in unserem
Vaterlande einer nothwendigen Umgestaltung entgegengehen, die Reihe auch
an unsere Universitten kommen; wird man sich sodann die Frage zur
klaren Entscheidung bringen mssen, ob sie auch knftig bloss
Pflanzschulen fr Beamte seyn sollen, oder wirklich und ungeschmlert
freie Pflegerinnen der Wissenschaft, von denen der erste Antrieb zu
jedem Weiterschreiten im Staate selber ausgehen msse: so wird man
gewiss auf denselben hchsten Grundsatz und wenigstens auf hnliche
Einrichtungen zurckkommen mssen, wie sie in Fichte's Universittsplane
vorgeschlagen sind, und dieser nheren oder ferneren Zukunft mag dann
eine erneuerte Erwgung desselben vorbehalten bleiben. --

Von den nun folgenden vermischten Aufstzen schien uns jeder
beachtenswerth in verschiedener Beziehung, als Zeugniss von den
Interessen, welchen sich Fichte's Geist zu verschiedenen Zeiten
zugewandt. Ehe er ganz von der Kantschen Philosophie dahingenommen
wurde, war es sein hchstes Ziel, sich zum Kanzelredner zu bilden: was
er darin erstrebte und fr das Rechte hielt, mgen die abgedruckten
Predigten zeigen, zusammengehalten mit der schon frher, im dritten
Bande der Nachgelassenen Werke (S. 209.), mitgetheilten. Alle drei
scheinen uns nicht ohne urkundliche Kraft und Eigenthmlichkeit, den
knftigen wissenschaftlich-popularen Redner ankndigend.

Von den weiteren Abhandlungen mssen wir die Briefe ber Geist und
Buchstab in der Philosophie (1794, ursprnglich fr Schillers Horen
bestimmt) auszeichnen. Sie stammen aus der ersten, frischesten Zeit der
Erfindung seines Systemes, und geben zugleich am Ausfhrlichsten von
seinen sthetischen Principien Kunde. Der sthetische Trieb wird darin
als das Mittlere zwischen dem Erkenntniss- und dem praktischen Triebe
bezeichnet, als das Ideelle, die Vernunft, aber in Form der Natur, der
^Unmittelbarkeit^ des Bewusstseyns, wodurch der sthetische Sinn, beiden
Welten angehrend, beide eben vermitteln kann, weil Vernunft und Natur
in ihm auf ursprngliche Weise als Eins gesetzt sind. So htte, diesem
unmittelbarsten Entwurfe seines Systemes nach, die Aesthetik die
dritte vermittelnde Disciplin zwischen den beiden Theilen der
Wissenschaftslehre, dem theoretischen und dem praktischen, seyn sollen,
-- eine Auffassung, welcher indess keine weitere Folge gegeben worden
ist, wiewohl sie auch in Fichte's Sittenlehre (Bd. IV. S. 353.) noch dem
Begriffe des Schnen und der Kunst zu Grunde gelegt wird, indem er das
Princip derselben dort also bezeichnet: dass die schne Kunst den
^transscendentalen Gesichtspunct^ (den der Vernunft) zum gemeinen
(unmittelbaren) mache. Wir finden in dieser Bestimmung keinen
wesentlichen Unterschied von der in den spteren Systemen, das Schne
sey die Idee in sinnlicher Unmittelbarkeit, vielmehr dasselbe, wiewohl
noch unausgefhrt und in unbestimmtem Umrisse. Nur dies hinderte bei
Fichte die fruchtbare Entfaltung dieses Gedankens, dass ihm das
eigentlich nchste und unmittelbarste Gebiet dieses Sinnlichwerdens der
Idee, die Natur, fortwhrend ^blosse^ Sinnenwelt, ein schematisches, der
Idee untheilhaftes Bewusstseyn blieb. Er konnte kein ^Naturschnes^
anerkennen, und ^deshalb^ musste er auf die Frage, wo die Welt des
schnen Geistes sey, antworten: Innerlich in der Menschheit, ^und sonst
nirgends^ (S. 354.). Diese Ausschliesslichkeit gegen die Natur tritt
nun in jener Abhandlung noch nicht hervor: das neue Princip sucht noch
das Reich der Wahrheit sich zu gewinnen, ohne genau die Grenzen
abzustecken oder Etwas von sich auszuschliessen, und solche
ursprnglichen Urtheile mssen immer fr die bezeichnendsten und dem
eigentlichen Sinne des Principes gemssesten gehalten werden.[1]
Vielleicht auch eines Kunsturtheils wegen kann der Aufsatz fr
merkwrdig gelten. In jener Zeit, als ganz andere Dichter das Publicum
beherrschten, verkndete er, als einer der frhesten, die Grsse des
Goetheschen Dichtergeistes, nicht in seinen damals allein etwa beliebten
Jugendwerken, sondern in seinen spteren Dichtungen, indem es ihnen
gelungen sey, gerade durch Mssigung der hchsten Kraft, die in sich
harmonische Schnheit darzustellen. --

Die Abhandlung: ber Sprachfhigkeit und Ursprung der Sprache wird auf
den ersten Anblick vielleicht merkwrdig erscheinen durch das
befremdliche Resultat, auf welches sie hinausgeht. Entschieden ist
wenigstens, dass Fichte spterhin die Sprache nicht bloss mehr fr
freies Erzeugniss einer schon ausgebildeten Vernunftthtigkeit hielt,
wiewohl zuzugeben ist, dass er die volle Bedeutung der Sprache berhaupt
zur Verwirklichung des Vernunftbewusstseyns im ^Einzelsubjecte^, in
keiner von seinen wissenschaftlichen Darstellungen vollstndig gewrdigt
hat.

[Funote 1: Bekanntlich hat Solger im Erwin (I. S. 77.) Fichte's
sthetisches Princip einer Kritik unterworfen; ebenso ist es neuerdings
von Th. W. Danzel charakterisirt worden in einer sehr beachtenswerthen
Abhandlung: ber den gegenwrtigen Zustand der Philosophie der Kunst
(in des Herausgebers Zeitschrift fr Philosophie etc. Bd. XIV. S. 165
ff.). Das Obenangedeutete und Fichte's hier wiederabgedruckte Abhandlung
mgen dafr zur Ergnzung und Berichtigung dienen.]

Dennoch war der Grund von diesem Allem, wie eben aus jener Abhandlung
deutlich erhellt, ein tiefer und cht idealistischer. Die Vernunft ist
das Ursprnglichste, Selbststndigste, Unabhngigste im Menschen; sie
bedarf zu ihrer Wirklichkeit nicht, sich an Tonbildern zu befestigen,
die sie vielmehr -- (so sah man berhaupt damals dies Verhltniss an) --
nur in zufllig willkrlicher Gestaltung aus sich hervorbringt. Statt
sprechend, kann sie sich daher auch in der stolzen Innerlichkeit des
Schweigens gengen. Deshalb behauptete er, dass man die Tonsprache fr
viel zu wichtig gehalten habe, wenn geglaubt worden sey, dass ohne sie
kein Vernunftgebrauch habe stattfinden knnen. So war er auch bei
anderer Gelegenheit auf die Frage: ob man nur in Worten zu denken
vermge, geneigt, darauf mit Nein zu antworten, wo jedoch die genauere
Selbstbeobachtung ihn im Stiche lsst.

Es sey daher gestattet auf den gegenwrtigen Standpunct dieser Frage
einen Blick zu werfen, um das Verhltniss jener Abhandlung zur
philosophischen Sprachwissenschaft der Gegenwart bestimmter
festzustellen. Seit W. von Humboldts Untersuchungen ber diesen
Gegenstand steht fest, dass von der Vorstellung, die auch Fichte hier
vertritt, die Tonsprache sey erst ein Product des Bedrfnisses bei schon
erwachter Vernunftthtigkeit gewesen, vllig abgesehen werden msse. Das
tonbildende Vermgen, so zeigte Humboldt, ist ein durchaus
ursprngliches, vom Seyn des Menschen unabtrennliches, mit
unwillkrlicher Kraft, aber in tiefer Gesetzlichkeit, sich Luft machend:
-- was er nun an einer vergleichenden Physiologie und Semiotik der Laute
weiter durchfhrt und mit grossem Reichthume der Beobachtung im
Einzelnen begrndet. Bis so weit nun, als Humboldt hierin fhrt, und von
dieser Seite, ist der Grund und Ursprung der Sprachbildung aufgedeckt;
aber die eigentliche Mitte des Problems ist damit noch nicht erreicht
worden. Dies zum Bewusstseyn zu bringen, ist Fichte's Abhandlung
geeignet, die zugleich noch eine andere, von jener unabtrennliche Frage
anregt, die Frage ber das Verhltniss der Zeichen- zur Tonsprache.

Die erstere macht er zur ^Ursprache^, und fgt hinzu, dass sich diese
vielleicht erst nach Jahrtausenden in Gehrsprache verwandelt habe, weil
fr Ausbildung der letzteren schon eine wirkliche Thtigkeit der
Vernunft vorauszusetzen sey, wie er dies im weiteren Verlaufe der
Abhandlung an der Erzeugung der grammatischen Formen ausfhrlich
nachweist. Dies ist ein bedeutender Wink, der nur weiter auszubilden
wre, und auch der dabei geforderte Zeitverlauf ist ein wichtiges, wohl
zu beachtendes Moment.

Zunchst jedoch muss es als ungerechtfertigt erscheinen, Zeichen- und
Tonsprache in ihrem unmittelbaren Ursprunge berhaupt von einander zu
trennen, und diese spter entstehen zu lassen. Unstreitig treten beide
ursprnglich ^mit^ einander hervor, und gehen sogar noch immer, wie wir
tglich bei lebhaft Sprechenden bemerken knnen, sich ergnzend und
untersttzend nebeneinander her; ja bei Armuth der Tonsprache (wie im
Chinesischen), oder bei dem Mangel derselben (wie in Taubstummheit),
kann die Zeichensprache durch Reflexion und Absicht ebenso zur
articulirten gesteigert werden, wie jene. Dennoch hat Fichte recht: nur
allmhlig, im Zeitverlaufe, wird die Tonsprache zum gegliederten
Sprachorganismus, indem die bewusstwerdende Vernunft, das Denken, immer
reicher in sie sich einbildet.

Hier sind wir nun, dem unmittelbaren Anscheine nach, in einen Cirkel
gerathen, zu dessen Vermeidung Fichte eben seine Hypothese von dem
allmhligen Uebergange der Zeichen- in Tonsprache ersann. Ohne
Vernunftgebrauch keine Sprache; aber wie vermag umgekehrt die Vernunft
sich auszubilden, wenn sie nicht eine Sprache vorfindet, als das
gefgige Element ihrer eigenen Verwirklichung? Was ist hier das Erste,
was das Letzte? Fichte hat, seinem Principe gemss, der Vernunft den
Primat gegeben, und was schon seine nchsten Vorgnger behaupteten, in
der Abhandlung mit neuen, in ihrer Begrenzung schwer zu widerlegenden
Grnden durchgefhrt: die Sprache kann nur allmhlig entwickelt seyn
durch die steigende Vernunftthtigkeit. Die entgegengesetzte Ansicht
(Bonalds, Franz Baders, Fr. Schlegels u. A.) legt den Nachdruck auf die
andere Seite: die Sprache kann dem Menschen nur verliehen seyn, weil
erst durch sie vermittelt die eigene Vernunft ihm objectiv, er ihrer
bewusst wird. Am Sprechen lernt der Mensch erst zu denken; -- was nicht
minder richtig und unstreitig bleibt. Humboldt endlich hat die
natrliche Grundlage hervorgehoben, aus deren unmittelbarer, aber tief
gesetzmssiger Wirksamkeit alle Lautsprache hervorgeht, das ursprnglich
tonbildende Vermgen des Menschen. Und so kann jetzt abschliessend
ausgesprochen werden, dass zwischen jenen beiden Gegenstzen gar kein
Widerstreit obwaltet, dass beide Geltung haben, aber in gegenseitig sich
beschrnkendem Sinne, der jedem daher seine scharfbegrenzte Wahrheit
giebt. Die Sprache ist ebenso eingeboren, -- ^Ursprache^, usserlich
bedingt durch das tonbildende Vermgen des Menschen, innerlich durch die
Immanenz der Vernunft im Menschengeiste -- als sie zu ihrer Ausbildung
und Gliederung doch des steten Fortwirkens jener beiden Factoren bedarf.
Es ist derselbe Process, nur energischer und reicher, der sich auch in
den schon gebildeten Sprachen fortwhrend entdecken lsst, indem die
Denkweise eines Zeitalters unwillkrlich in den Vernderungen der
Sprache sich abbildet, sie erweiternd oder verengend, vergeistigend oder
entgeistend. Ebenso scheint von hier aus die Frage nach der Einheit und
Verwandtschaft aller Sprachen von selbst sich zu lsen. Jene Ursprache
ist als vollendete und fr sich bestehende, nicht geredet worden bei
irgend einem Volke oder in einer bestimmten Zeit: sie wird noch immer
geredet und spricht sich hinein in alle individuellen Sprachen, deren
grssere oder geringere Verwandtschaft von daher stammt; denn sie ist
nur jene im tonbildenden Vermgen liegende Gesetzmssigkeit alles
Sprechens. --

Das philosophische Fragment endlich, Bericht ber den Begriff der
Wissenschaftslehre und die bisherigen Schicksale derselben (1806),
dessen erster Abschnitt bereits in den Nachgelassenen Werken
erschienen war, glaubten wir jetzt, trotz seines polemischen Inhaltes,
in seiner Vollstndigkeit nicht mehr zurckhalten zu drfen, indem es
als Actenstck in der Geschichte des Fichteschen und Schellingschen
Systemes eine wesentliche Stelle einnimmt. Wenn es aber berhaupt
mitgetheilt wurde, so musste dies in ungeschmlerter Ursprnglichkeit
geschehen. Was dagegen zu erinnern wre, verschwindet grossentheils vor
der Betrachtung, dass hierbei die Erneuerung alter Kmpfe nicht zu
besorgen steht: beide Systeme in ihrer damaligen Gestalt gehren der
Geschichte an, und sind uns zu parteilosem Urtheile schon in eine so
bedeutende Ferne gerckt, dass der Kundige, nach der einen wie der
anderen Seite hin des Rechten nicht verfehlen oder aus anderen Quellen
es leicht sich aneignen kann.

                   *       *       *       *       *

Unter den wiederabgedruckten Recensionen machen wir namentlich auf die
beiden letzten aufmerksam. Die eine (von Gebhards Schrift ber sittliche
Gte, 1793) stellt an ihrem Schlusse, hier am Frhesten und zum
Erstenmale, das neue Princip auf, mit welchem Fichte ber Kants
Idealismus hinausging. Es wird in der Wendung ausgedrckt: die
praktische Vernunft habe nicht bloss, wie bei Kant, den Primat ber die
theoretische, sondern das Praktische, die That, sey als die Eine
Grundbestimmung aller Vernunft und als Fundament alles ^Wissens^ zu
bezeichnen. -- Ebenso ist die kurze Recension von Kants Schrift zum
ewigen Frieden (1796), gedankenreich und bedeutend: sie enthlt in
gedrngter Darstellung das Unterscheidende der eigenen Rechtslehre von
der Kantischen, und kann so zur Ergnzung des dritten Bandes der Werke
und unserer Vorrede desselben dienen. Aber sie erhebt sich auch zu
weiteren Fragen ber die Zukunft der Geschichte; und hier werden
Ansichten ber die nothwendige Fortbildung der Gegenwart zum wahren
Staate angedeutet, welche schon im Keime die Ideen seiner spteren
Staatslehre zeigen.

                   *       *       *       *       *

In Betreff der am Schlusse des Bandes mitgetheilten poetischen Versuche
sind wir nicht frei von der Besorgniss, dass mancher Leser einen anderen
Maassstab des Urtheiles zu ihnen hinzubringe, als hier zulssig wre.
Nicht eigentlich als dichterische Erzeugnisse sind sie aufzufassen, --
ob berhaupt nemlich poetische Productivitt zum Talente des Denkers
sich gesellen knne, welcher in der bildlosen Reine des Begriffes und in
der Virtuositt der Abstraction waltet, ist durchaus zu bezweifeln, --
sondern um das Bild von Fichte's Charakter nach einer Seite hin zu
vollenden, die in diesen Werken bisher am Wenigsten hervortreten konnte;
-- wir meinen die gesammte Gemthsweise, welche in solchen Productionen
am Unverkennbarsten sich darstellt, und die in ihm allezeit ebenso
entschieden zur Einheit ausgeprgt war, wie seine wissenschaftliche
Denkart, ja in dieser nur ihr bereinstimmendes Gegenbild fand. Jene
nun, der tief religise Ernst, das kraftvolle Erfassen des Lebens auch
in seinen usseren und scheinbar gleichgltigen Spitzen, aus diesem
hchsten Mittelpuncte, ist der gemeinsame Faden, der sich auch durch
seine Poesien zieht, selbst bis in den Humor hinein; darum schienen sie
uns charakteristisch und aufbehaltenswerth, und so mge auch die
Aufnahme seines ltesten poetischen Versuches (einer Novelle aus dem
Jahre 1786, berhaupt des Frhesten, was im Nachlasse briggeblieben
ist) erklrt und gerechtfertigt seyn. Vielleicht verdient sie als
literarische Merkwrdigkeit selbst einige Beachtung, wenn man sie mit
dem damals herrschenden Geiste in solchen Erzhlungen vergleichen will.

Von hier aus knnen wir zugleich auf seine sthetischen Neigungen noch
einen Blick werfen. Wie er in der neueren Poesie dem objectiven Werthe
nach Goethe unbedingt am Hchsten stellte und unter seinen Werken, gegen
die gewhnliche, auch bis jetzt noch geltende Annahme, seine natrliche
Tochter, knnte aus seinem Briefwechsel bekannt seyn (Leben und
Briefwechsel, Bd. II. S. 326 ff.). Dennoch war er auch der Romantik,
namentlich der religisen, bis in ihre Nebenabsenker mit Vorliebe
zugethan, whrend ihm Jean Pauls Gefhlsweichheit ebenso, wie sein
geschraubter Humor, ungeniessbar blieb. In Novalis, besonders seinen
geistlichen Liedern, sah er neue Quellen chter, tieferfrischender
Poesie seinem Zeitalter geffnet, und Tiecks heilige Genoveva erregte
bei ihrem ersten Erscheinen ein so nachhaltiges Interesse in ihm, dass
er diese Gattung romantisch religiser Dramen selbst zur Darstellung
philosophischer Ideen glaubte erheben zu knnen. Es ist noch von ihm der
ausfhrliche Entwurf eines romantischen Trauerspiels: der Tod des
heiligen Bonifacius vorhanden, in welchem er den Sieg der Idee eben
dadurch, dass sie usserlich sich opfert und in sinnlicher Gegenwart
untergeht, zu schildern gedachte. -- In spteren Jahren endlich, als ihn
das Studium des Italinischen, Spanischen und Portugiesischen
beschftigte, war es besonders Dante, der ihn mchtig ergriff und zu
dessen Betrachtung er mit immer neuem Interesse zurckkehrte. Von seinem
^Purgatorio^ ist eine zum Theil metrische Uebersetzung mit Commentar im
Nachlasse vorhanden (wovon ein Fragment in der Zeitschrift: Vesta,
Knigsberg 1807 abgedruckt ist). Die anderen grossen Dichter jener
Nationen, Petrarca, Cervantes, Calderon, Camoens schlossen sich in
diesen Studien an, und von vielen Uebersetzungsversuchen aus ihren
Werken haben wir einige zum Abdruck ausgewhlt, welche uns die nach Wahl
eigenthmlichsten, nach Ausfhrung gelungensten schienen.




                         Friedrich Nicolai's
                   Leben und sonderbare Meinungen.


      Ein Beitrag zur Literargeschichte des vergangenen und zur
                Pdagogik des angehenden Jahrhunderts.

                                 Von
                       Johann Gottlieb Fichte.

                            Herausgegeben
                                 von
                           A. W. Schlegel.

    Erste Ausgabe: Tbingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung.
                                1801.




                      Vorrede des Herausgebers.


Der Verfasser dieser Schrift hatte anfnglich die Absicht, sie unter
seinen Augen dem Drucke zu bergeben. Da hiebei zufllige Hindernisse
eintraten, und der nchste Zweck derselben durch die Unterhaltung,
welche er bei ihrer Abfassung gefunden und seinen Freunden durch die
Mittheilung verschafft hatte, eigentlich schon erreicht war, so wollte
er von keiner weiteren Bemhung damit etwas wissen und zog seine Hand
gnzlich von ihr ab. Das Manuscript kam in dem Kreise seiner Freunde
auch an mich; ich bin durch keine Bevorwortung des Verfassers bei dem
Gebrauche, den ich etwa davon mchte machen wollen, eingeschrnkt, und
so gestehe ich, dass ich mir ein Gewissen daraus machen wrde, diese
bndige und erschpfende Charakteristik eines in seiner Art merkwrdigen
Individuums dem Publicum vorzuenthalten. Der Wrde Fichte's wre es
vielleicht angemessener, sein bisheriges verachtendes Stillschweigen
auch jetzt nicht zu brechen: allein da er einmal die gutgelaunte
Grossmuth gehabt hat, so viel Worte und Federzge an Nicolai zu wenden,
so muthe ich ihm auf meine Gefahr auch die zweite zu, die Welt seine
ausgebte Herablassung erfahren zu lassen. Was Nicolai betrifft, so
weiss ich wohl, dass ich ihm durch die Herausgabe dieser Schrift die
grsste Wohlthat erweise. Was knnte ihm, der seine hauptschlichen
Gegner nicht einmal dahin bringen kann, seine weitlufigen
Streitschriften zu lesen, geschweige denn zu beantworten, der ihnen
hchstens nur einige hingeworfene Sarkasmen abgelockt, glorreicheres
begegnen, als dass Fichte auf ihn, als auf ein wirklich existirendes
Wesen, sich frmlich einlsst, ihn aus Principien construirt, und ihn wo
mglich sich selbst begreiflich macht? Der Tag, wo diese Schrift
erscheint, ist unstreitig der ruhmbekrnteste seines langen Lebens, und
man knnte besorgen, er werde bei seinem ohnehin schon schwachen Alter
ein solches Uebermaass von Freude und Herrlichkeit nicht berleben.
Verdient hat er es ganz und gar nicht um mich, dass ich ihm ein solches
Fest bereite, da er mir die Schmach angethan, mich in frheren Schriften
ordentlich zu loben, und noch in den letzten mir Kenntnisse und Talente
zuzugestehen. Indessen die Lesung der folgenden Schrift hat mich in die
darin herrschende grossmthige Stimmung versetzt, und wenn er sich diese
Anmaassung nicht wieder zu Schulden kommen lassen will, so sey das
bisherige vergeben und vergessen.




                             Einleitung.


Ich habe zu Friedrich Nicolai's zahllosen Schmhungen und Verdrehungen
meiner Schriften stillgeschwiegen, so lange es lediglich die Schriften
traf; indem ich in demjenigen Theile des Publicums, wenn es einen
solchen noch giebt, in welchem Nicolai ber literarische Angelegenheiten
eine Stimme hat, keine zu haben begehre. Nunmehro hat Nicolai auch meine
persnliche Ehre angegriffen; -- denn dass er der Verfasser sey von der
in der neuen deutschen Bibliothek, 56. B. 1. St. zu Ende des zweiten und
zu Anfange des dritten Heftes befindlichen Anzeige, in welcher jene
Angriffe geschehen, leidet keinen Zweifel und bedarf keines Beweises.
Selbst auf den unerwarteten Fall, dass Nicolai seine Autorschaft
ablugnete, werde ich diesen Beweis nicht fhren; denn es ist jedem, der
die lebenden Schriftsteller kennt, unmittelbar klar, dass nur Einer, nur
Friedrich Nicolai, dies schreiben konnte. -- Ich bin es zwar nicht dem
Herrn Nicolai, der die gegen mich vorgebrachten Beschuldigungen entweder
selbst nicht glaubt, oder durch den Leichtsinn, mit welchem er sie
vorbringt, auf alle persnliche Achtung Verzicht thut, -- wohl aber dem
Publicum, welches dieselben ganz oder halb glauben drfte, schuldig,
mich vor ihm zu stellen und mich zu verantworten. --

Nachdem es nun Nicolai endlich erzwungen, dass ich noch whrend seines
Lebens von ihm spreche, so fhre ich hiebei zugleich, frher als ich
gerechnet hatte, einen alten Vorsatz aus. Nemlich ich scheue mich nicht
zu gestehen, dass, seitdem ich die mich umgebende Welt kenne und selbst
eine Meinung habe, nichts mir verhasster und verchtlicher gewesen ist,
als die elende Behandlung der Wissenschaften, da man allerlei ^Facta^
und Meinungen, wie sie uns unter die Hnde kommen, zusammenrafft, ohne
irgend einen Zusammenhang oder einen Zweck, ausser dem, sie
zusammenzuraffen und ber sie hin und her zu schwatzen; da man ber
alles fr und wider disputirt, ohne sich fr irgend etwas zu
interessiren, oder es ergrnden auch nur zu wollen, und in allen
menschlichen Kenntnissen nichts erblickt, als den Stoff fr ein mssiges
Geplauder, dessen Haupterforderniss dies ist, dass es ebenso
verstndlich sey am Putztische, als auf dem Katheder; jene schaale
Wisserei und Stmperei, Eklekticismus genannt, die ehemals beinahe
allgemein waren, und auch gegenwrtig noch sehr hufig angetroffen
werden. -- Ausser eignen Arbeiten und Untersuchungen, die fr einen
ernsthaften Zweck unternommen, und mit einem bessern Geiste gefhrt
wrden, und die immer das Gegenmittel gegen jenen verderblichen Hang
bleiben mssen, schien mir auch noch ein zweites Gegenmittel sehr
zweckmssig zu seyn: die lebendige Darstellung der unausbleiblichen
Folgen jener Behandlung der Wissenschaft zur absoluten Ertdtung alles
Sinnes fr Wahrheit, Ernst und Grndlichkeit, und zur radicalen
Verkehrung und Zerrttung des Geistes. Das vollendetste Beispiel einer
solchen radicalen Geisteszerrttung und Verrckung in unserm Zeitalter
war mir, seitdem ich ihn gekannt habe -- ich lernte ihn in dem Streite
zwischen Mendelssohn und Jacobi kennen -- Friedrich Nicolai. Sein Bild
wollte ich, wenn er seine verkehrte Laufbahn geschlossen haben wrde,
welches er freilich nur mit seinem Tode thun wird, allen studirenden
Jnglingen, in denen ein Hang seyn knnte, seine Bahn zu betreten, und
allen, die auf die Bildung dieser Jnglinge Einfluss htten, zum
warnenden Beispiele hinstellen.

Diesen alten Vorsatz werde ich gleich bei der gegenwrtigen Gelegenheit
ausfhren; und dadurch einem Geschfte, an welches ich, wenn es fr eine
blosse Vertheidigung meiner selbst gegen Nicolai angesehen wrde, nicht
ohne tiefe Beschmung gehen knnte, eine liberalere und allgemeinere
Richtung zu geben suchen. Nicolai selbst, wenn darnach gefragt werden
knnte, kann dies nicht belnehmen. Er hat Zeit seines Lebens die
grssten und verdientesten Mnner der Nation auf eine Weise behandelt,
dass er selbst, wenn er nur fhig wre einen Augenblick lang andern
dieselben Rechte gegen sich zuzuschreiben, die er sich gegen andere
zuschreibt, es ganz billig finden msste, dass man eine Rcksicht, die
er nie gekannt hat, auch gegen ihn nicht beobachtet, keine Notiz davon
nimmt, dass er noch unter den Lebendigen existirt, und ohne Bedenken
eine Untersuchung, die ihn zum blossen Thema macht, unter seinen Augen
anstellt.

Zwar sehe ich bei diesem Unternehmen den Tadel zweier durchaus
entgegengesetzter Parteien voraus. Zuvrderst den Tadel derjenigen,
welche ber Kunst und Wissenschaft im Wesentlichen mit mir gleich
denken. Ihnen ist, so viel ich habe bemerken knnen, Nicolai ein so
unbedeutender und verchtlicher Gegenstand, dass man in ihren Augen nur
sich selbst herabsetzt, wenn man ihn einer Erwhnung und Beachtung
wrdigt. Sie haben vollkommen recht, und ich bin ganz ihrer Meinung,
wenn von Nicolai als von einer Person geredet werden sollte. Als Object
aber, als vollendete Darstellung einer absoluten Geistesverkehrtheit ist
er, meines Erachtens, dem Literarhistoriker und Pdagogen wichtig, und
so interessant, als dem Psychologen ein origineller Narr, oder dem
Physiologen eine seltene Misgeburt nur immer seyn kann. Ich bekenne,
dass es meine Schuld seyn wrde, wenn ich dieses Interesse fr meinen
Gegenstand nicht zu erregen vermchte.

Sodann habe ich mich auf den Tadel der gutmthigen Mittelmssigkeit
gefasst zu halten, welche, seit die Urtheile der grssten deutschen
Mnner, eines Kant, Goethe, Schiller, ber jenen Gegenstand in das
Publicum gekommen, aus mehrern Winkeln der Literatur uns erinnern, denn
doch auch die bedeutenden Verdienste des Mannes nicht zu vergessen. Ich
werde tiefer unten meine Ueberzeugung, dass Nicolai fr seine Person
sein ganzes Leben hindurch nie etwas Kluges, sondern eitel Verkehrtes
und Thrichtes angefangen habe, und dass auf ihm nicht das mindeste
Verdienst, sondern eitel Schuld ruhe, weder verlugnen, noch sie zu
begrnden vergessen. Dass jene Stimmfhrer der Mittelmssigkeit wirklich
zu wissen whnen, was sie von jenen Verdiensten sagen, will ich glauben.
Nicolai und sein Anhang haben es ja ber ein Vierteljahrhundert lang
genugsam wiederholt, dass Nicolai Verdienste habe, so dass endlich in
dem Gedchtnisse jener wohl hangengeblieben seyn mag, dass so etwas
gesagt worden. Sollten sie dieselbe Behauptung auch bei der
gegenwrtigen Veranlassung wiederholen wollen, so ersuche ich sie, nur
diesmal nicht so, wie sie immer zu thun pflegen, bloss ins unbestimmte
hin zu versichern, sondern mir eines jener Verdienste namentlich
anzugeben; mir irgend ein richtiges, treffendes Urtheil, das Nicolai
gefllt, irgend eine grndliche Abhandlung, die er ber etwas, das des
Wissens werth ist, geschrieben, nachzuweisen, damit ich sie auch kennen
lerne. Ich ersuche jene Stimmfhrer bei dieser Gelegenheit, sich
zugleich vor sich selbst die Frage zu beantworten, welche Geisteskraft,
oder welches Talent sie denn etwa Herrn Nicolai in einem vorzglichen
Grade zuschreiben mchten, ob Phantasie, oder Witz, oder Scharfsinn,
oder Tiefsinn, oder, ich sage nicht eine vorzgliche, sondern auch nur
richtige Schreibart; ob sie irgend etwas Eigenthmliches an ihm finden,
als ein unversiegbares Geschwtz und die Kunstfertigkeit, alles, was ihm
unter die Hnde kommt, zu verdrehen; ich ersuche sie, diese Frage
zuvrderst sich selbst, und sodann auch mir zu beantworten. Da ich sehr
wohl wusste, dass sie keins von beiden befriedigend leisten wrden, so
mgen sie mir immer verzeihen, dass ich so gethan, als ob sie gar nichts
sagen wrden, und als ob sie berhaupt nicht vorhanden wren.

Wir gehen an unser Vorhaben.

Sollen das Leben und die sonderbaren Meinungen unsers Helden nicht
rhapsodisch, so wie jedes uns in den Wurf kommt, oder chronologisch,
sondern systematisch, in einer festen Charakterschilderung dargestellt
werden: so mssen wir ein Grundprincip dieses Charakters nachweisen, aus
welchem, und aus welchem allein, alle Phnomene in dem Leben unsers
Helden sich befriedigend erklren lassen. Es kommt hierbei nicht auf
Hufung der Phnomene an. Ein einziges, das sich durchaus nicht erklren
lsst, ausser aus dem vorausgesetzten Princip, beweist so gut, wie
tausende, dass dieses Princip und kein anderes dem zu erklrenden Leben
zum Grunde gelegen habe.

Jedem nur festen und ausgebildeten Charakter liegt ein solches Princip
der Einheit zum Grunde; und der Unterschied dabei ist nur der: ob der
Besitzer dieses Charakters wisse, dass dies sein Princip sey, oder ob er
es nicht wisse. Ist der Charakter mit Freiheit und Bewusstseyn nach
jenem Grundsatze gebildet, so ist dieser Grundsatz freilich dem Besitzer
des Charakters bekannt; ist er ihm durch das Ungefhr, durch Natur und
Schicksal angebildet, so ist ihm dieses Princip nicht bekannt. Unser
Held befand sich in dem letztern Falle; es ist daher gar nicht zu
glauben, dass ihm der Grundsatz alles seines Denkens und Handelns je
bekannt geworden.

Wir haben nach allem Gesagten zuvrderst das Grundprincip von unsers
Helden intellectuellem Charakter (denn von diesem allein soll hier die
Rede seyn) aufzustellen, und von gewissen Phnomenen zu zeigen, dass sie
durchaus nur aus jenem Princip erschpfend und vollkommen hinreichend zu
erklren sind. Auf diesem Puncte der absoluten Unmglichkeit jeder
andern Erklrung beruht die Richtigkeit unserer Angabe des Princips; wir
ersuchen daher unsere Leser, darauf vorzglich ihre Aufmerksamkeit zu
richten. Wir werden sodann noch einige originelle Grundzge des
Charakters unsers Helden, die sich nur aus jenem Princip erklren
lassen, anfhren, sie mit ihren Phnomenen belegen, und so den Beweis
der Richtigkeit unsers Grundprincips vollenden.

Wir werden in dieser ganzen Schilderung unsern Helden betrachten als
einen todten Mann, und von ihm reden, wie von einer Person aus der
vergangenen Zeit. Dies ist jeder Charakterschilderung eigen. Der Grund,
warum anderwrts man den Charakter eines Mannes whrend seines noch
fortdauernden Lebens nicht zu schildern vermag, -- weil nemlich die
Reihe der Erscheinungen noch nicht geschlossen und es nie sicher ist,
dass nicht neue Phnomene eintreten, die auf ein anderes Princip der
Erklrung fhren drften, auch man nicht wissen kann, ob nicht etwa die
Person noch durch Freiheit ihre Maximen ndern werde -- fllt bei
Nicolai ganz weg. Es wird sich hoffentlich in der folgenden Schilderung
zeigen, dass das Princip seiner Denkweise die Unabnderlichkeit
unmittelbar in sich selbst enthlt. Unser Held ist befestigt, er kann
sich nicht mehr ndern oder gendert werden; ist auch die Reihe der
Phnomene seines Lebens nicht beschlossen, so ist es doch der Charakter.
Der Verfasser dieser Beschreibung ist dessen so innig berzeugt, dass er
sehr gern allen seinen Anspruch auf Menschenkenntniss aufgeben will,
wenn sich finden sollte, dass Friedrich Nicolai vor seinem Ende noch
irgend einen der ihm hier als charakteristisch beigelegten Grundzge und
Handelsweisen abnderte.




                           Erstes Capitel.
    Hchster Grundsatz, von welchem alle Geistesoperationen unsers
                       Helden ausgegangen sind.


Unser Held war seit seinen reifen Jahren der festen Meinung, dass alles
mgliche menschliche Wissen in seinem Gemthe umfasst, erschpft und
aufbewahrt sey, dass sein Urtheil ber die Ansicht, die Behandlung, den
Inhalt und den Werth aller Wissenschaft untrglich und unfehlbar sey,
und dem Urtheile aller andern vernnftigen Wesen zur Richtschnur und zum
Kriterium ihrer eignen Vernnftigkeit dienen msse; mit Einem Worte,
dass er alles, was in irgend einem Fache richtig und ntzlich sey,
gedacht habe, und alles dasjenige unrichtig und unntz sey, was er nicht
gedacht htte, oder nicht denken wrde.

Diese Meinung setzte ihn nicht nur vor sich selbst ber alle Zweifel,
alle sptere Untersuchung und alle Besorgniss hinweg, dass er sich doch
etwa ber dieses oder jenes im Irrthume befinden mchte; sondern er war
noch berdies von allen andern Menschen ebenso fest berzeugt, und
muthete es ihnen an, dass sie ber alle Zweifel hinausseyn mssten,
sobald sie nur recht wssten, wie er selbst eine Sache fnde. Alle seine
Widerlegungen gingen von dem Hauptsatze aus: ich bin anderer Meinung;
daher er denn zu diesem Hauptgrunde noch andre Nebengrnde hinzuzufgen
gewhnlich unterliess. Die Gegner, glaubte er, knnten schon daraus
sattsam ersehen, dass sie unrecht htten. Bei allen Verweisen und
Zchtigungen, die er in seinen sptern Jahren an das ausser der Art
schlagende Zeitalter ergehen zu lassen genthigt wurde, hob er nur immer
davon an, dass er zeigte, man habe nicht nach seinem Rathe gehandelt;
dies allein, glaubte er, wrde sie schon dahin bringen, dass sie sich
schmten und in sich gingen.

In dieser Voraussetzung liess er sich denn auch durch keinen noch so
sonderbaren Vorfall, der sich etwa ereignen mochte, irre machen. Sogar
wenn ihm, wie dies in seinem sptern Alter hufig begegnete, von allen
Seiten her einmthig zugerufen wurde: er werde wohl selbst eines
Urtheils ber gewisse Dinge sich bescheiden, oder auch -- er sey ein
geborner Dummkopf, ein Salbader, ein alter Geck, und was man noch alles
fr Freiheiten sich mit ihm herausnahm, mochte er doch immer lieber
voraussetzen, man sage dies bloss aus Schalkheit, und um sich fr die
empfangenen Zchtigungen zu rchen, als dass er irgend einem Menschen
die Verkehrtheit zugetraut htte, dass er fhig wre, in allem Ernste
und im Herzen einen Nicolai nicht anzuerkennen.

Diese Meinung von ihm selbst war ihm nach und nach so zur fixen Idee
geworden, hatte sich so mit seinem Selbst verwebt und war selbst zu
seinem innersten eigensten Selbst geworden, dass man keine Spur hat, er
habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten
Bewusstseyn erhoben. Er rsonnirte, urtheilte, richtete ^von ihr aus^,
als seinem einzig mglichen Standpuncte, niemals ^ber sie^. Er starb
daher alt und lebenssatt, ohne je mit seinem Denken, auch nur in sich
selbst zu Ende gekommen zu seyn.




                           Zweites Capitel.
       Wie unser Held zu diesem sonderbaren hchsten Grundsatze
                         gekommen seyn mge.


Gleiche Ursachen bringen allenthalben die gleichen Wirkungen hervor. Nun
haben die ausser unserm Helden selbst liegenden Umstnde, welche unsers
Erachtens die beschriebene sonderbare Meinung in ihm erzeugt, sich auch
bei andern Menschen gefunden, und haben auch bei ihnen in einem gewissen
Grade denselben Erfolg gehabt. Aber so unerschtterlich auf jenem
Princip beharrt, so allumfassend und so consequent durchgefhrt hat es,
so viel uns bekannt ist, keiner, ausser unserm Helden; und dies eben ist
es, was ihm die Ehre erwirbt, als Muster seiner Gattung aufgestellt und
der Nachwelt berliefert zu werden. Es muss sonach bei ihm, zu jenen
anzufhrenden ussern Umstnden der Entwickelung jenes Princips, noch
eine vorzgliche innere Empfnglichkeit seiner Natur dafr hinzugekommen
seyn. Zum grssten Glcke fr die Menschheit hat unser Held selbst --
denn warum sollte ich nicht ebensowohl wie Klopstock, in seiner
Zueignungsschrift vor Herrmanns Schlacht, als schon geschehen
ankndigen, was geschehen wird, und weit sicherer geschehen wird, als
das durch Klopstock Verkndigte geschehen konnte -- er selbst hat,
nachdem im Jahre 1803 sein letzter Feind, der transscendentale
Idealismus, ausgetilgt, und die A. D. B. wiederum gehrig in den Gang
gebracht war[2], seine glorreich errungene Musse dazu angewendet, die
Geschichte seiner Bildung bis in seine Knaben- und Kindesjahre, und bis
zu seiner Wiege zurckzufhren; hat diese Krone seiner Werke vollendet,
und dann seinen Geist dem Himmel wiedergegeben. In den ersten drei
Bnden dieses klassischen Werks knnen die Leser sich unterrichten, wie
der erste Schrei des Neugebornen die Schriftstellerwelt erschtterte und
alle Snder in ihr erbeben machte, und wie schon seine Windeln von dem
attischen Salze dufteten, das er seitdem in unsterblichen Worten
ausgehaucht und angesetzt hat, so dass alle Umstehenden sich
verwunderten, und sprachen: was will aus dem Kindlein werden? In den
folgenden Bnden knnen sie finden, wie er, seitdem er sich seiner
erinnern kann -- und er kann sich seiner seit den frhesten Jahren
erinnern -- durch seine lebhafte Phantasie, einen Trieb zu lernen und
eine Fassungskraft, weit ber alle Kinder seiner Gesellschaft und seines
Alters in sich versprt, so dass er von seinen Eltern und seinen Lehrern
als ein wahres Wunderkind ausgerufen worden. Aber wir berlassen den
Lesern, dieses in der ausfhrlichen und grazienvollen Beschreibung des
Helden selbst nachzulesen, und schrnken uns, sowohl hier als ins
knftige, auf dasjenige ein, was der berhmte Verfasser bergeht, und
was wir nur aus andern Denkmlern jenes Zeitalters schpfen knnen.

Ich will hier nicht untersuchen, ob es nothwendig sey, dass der
Uebergang der Schriftstellerei einer Nation aus der gelehrten in die
lebende Sprache eine Epoche des Verfalls der wahren grndlichen
Gelehrsamkeit bei sich fhre. Bei den Deutschen wenigstens war dies der
Erfolg. Man bildete sich etwas ein darauf, endlich deutsch schreiben
gelernt zu haben; man wollte, dass es auch fr Deutsch anerkannt wrde,
und bemhte sich daher, ber alle Gegenstnde so zu schreiben, dass denn
auch in der That nichts weiter zum Verstehen gehre, als die Kenntniss
der deutschen Sprache. Der Vortrag wurde die Hauptsache, das
Vorzutragende mochte sich bequemen; was sich nicht so sagen liess, dass
die halbschlummernde Schne an ihrem Putztische es auch verstnde, wurde
eben nicht gesagt; -- und da man nur um sagen zu knnen lernte, auch
nicht weiter gelernt, -- spterhin verachtet, als elende Spitzfindigkeit
und Pedanterie: kurz, das elende Popularisiren kam an die Tagesordnung
und von nun an wurde Popularitt der Maassstab des Wahren, des
Ntzlichen und des Wissenswrdigen. In diese Epoche fiel unsers Helden
erste Bildung. Er wollte schon frh etwas bedeuten, und dnkte sich
schon frh etwas zu bedeuten; ohne alle klassische Gelehrsamkeit, wie er
damals war, und trotz des Anscheins derselben, mit dem er spterhin sich
behngte, immer blieb, musste dieser Dnkel bei ihm um so verderblicher
werden. Zu seinem Unglcke kam er in die Bekanntschaft zweier Mnner,
deren erster ohne Zweifel weit mehr Ernst und Reinheit der Gesinnung
hatte, als Nicolai; aber dieselbe Beschrnktheit des Geistes, der
Einsicht und des Zwecks. -- Hatte wohl im Grunde einer von diesen beiden
anfangs eine hhere Tendenz, als die, dieses und jenes Aberglaubens
ihrer Kirchen sich zu erwehren, ihre Confessionen so vernnftig zu
machen, als sie selbst wren, und, wenn das Glck gut wre, sich eine
natrliche Religion zu bauen, bei der sie jener Confessionen ganz
entbehren knnten; nur dass es der Andere auch hierin ernstlicher und
herzlicher meinte, als unser Held? -- Der zweite dieser Mnner, in deren
Bekanntschaft unser Held kam, war ein allumfassender, lebendiger,
rastloser Geist, und ein Charakter, fr das Wahre, Rechte und Gute
gebildet; nur dass er damals in der Unendlichkeit seines Wesens noch
nichts Bestimmtes zu ergreifen und festzuhalten vermochte. Unser Held,
der damals noch nicht alle Fhigkeit verloren hatte, eine Superioritt
ausser sich anzuerkennen, anerkannte die dieses gewaltigen Geistes; aber
nachdem er sich mit Mhe und Noth einiges Vermgen erworben hatte,
mitzutreiben, womit dieser noch nicht fixirte Geist sein Spiel trieb,
hielt er dieses Spielwerk fr das Hchste, und sich selbst fr jenes
Geistes gleichen.

Mit diesem Augenblicke war er vollendet und fiel. Er ist seitdem nicht
weiter gekommen, und nicht zur Besinnung. Spter hat er sich noch fr
einen weit hhern Geist gehalten als jenen, den er nun fr ein, gutem
Rathe nicht folgendes, berspanntes Genie ausgab.

Unser Held hatte, mit jenen vereinigt, einen kritischen Kreuzzug gethan;
entscheidend gegen einige schlechte Reimer, in andern Fchern, z. B. dem
der Philosophie, nicht ganz so glorreich. Sein grosser Mitkmpfer wurde
allmhlig inne, dass dies ein schlechtes Geschft sey, und dass er es
nicht in der besten Gesellschaft treibe. Er zog sich zurck, und unser
Held beschloss nunmehro, die Sache in das Weitere zu treiben, und sich
selbst, sich allein, zum Mittelpuncte der deutschen Literatur und Kunst
zu constituiren. Die allgemeine deutsche Bibliothek entstand, schon an
sich ein widersinniges Unternehmen, verderblich durch die Art, wie es
ausgefhrt wurde, am allerverderblichsten fr den Urheber selbst.

Unser Held mag von dem sehr richtigen Vordersatze ausgegangen seyn: der
Redacteur eines die ganze Literatur und Kunst umfassenden periodischen
Werks muss selbst die ganze Literatur und Kunst umfassen; muss, und zwar
in jedem besonderen Fache, hher stehen und alles besser wissen, als
irgend einer seiner Zeitgenossen. Er muss in jedem Fache die grssten
Meister, zu Beurtheilung derer, die unter ihnen sind, whlen, sie zu
finden, sie sich zu verbinden wissen; er muss aber sogar diese grssten
Meister der Fcher bersehen, um ihre eingesendeten Beurtheilungen zu
prfen und ersehen zu knnen, ob sie mit dem gewohnten Fleisse und
Grndlichkeit bearbeitet sind, ob nicht etwa diese Mnner sinken, ob
nicht jngere grssere neben ihnen aufkommen.

Anstatt nun von diesem richtigen Vordersatze aus weiter so zu folgern:
Ich wenigstens habe diese notwendigen Erfordernisse nicht an mir, und
von mir wird jene Idee einer allgemeinen deutschen Bibliothek wohl
unausgefhrt bleiben; schloss er umgekehrt: da ich nun jene Idee
ausfhren will, so muss ich annehmen und mich betragen, als ob ich alle
jene Erfordernisse an mir htte; als ob ich ein allumfassender
Polyhistor und der geistreichste und geschmackvollste Mann meines
Zeitalters und aller vergangenen und knftigen Zeitalter wre. Ich muss
Untrglichkeit mir krftigst zueignen. Da ein Ausfhrer jener Idee die
grssten Mnner aller Fcher erkennen, whlen und mit sich verbinden
muss, so muss ich den Satz umkehren und annehmen, dass diejenigen, die
ich erkennen, whlen und mit mir verbinden werde, die grssten Mnner in
ihren Fchern sind.

Es ist schwer auszumachen, ob unser Held schon damals im ganzen Ernste
von sich selbst geglaubt, was er von nun an freilich gegen alle Welt
behaupten und unerschtterlich voraussetzen musste. Das
Wahrscheinlichste ist, dass es ihm ergangen, wie allen, die in die Lage
kommen, unaufhrlich eine Aussage zu wiederholen, von der sie selbst
nicht recht berzeugt sind. Am Ende glauben sie selbst an ihre Wahrheit.
Fr mglich konnte Nicolai jene Voraussetzung von sich immer halten; er
fand nirgends ausser sich eine hhere Weisheit, als die seinige, indem
er nur die seinige begriff, derjenigen Seelenkraft aber, die da Ahnung
eines Hhern heisst, von jeher gnzlich ermangelte. Auf die Wirklichkeit
dieser Voraussetzung htte er damals vielleicht noch nicht geschworen.
Aber seitdem er die Redaction seiner Bibliothek ergriff, musste er alle
Stunden seines Lebens jene Meinung voraussetzen, sie behaupten, jeden
Zweifel dagegen krftigst niederschlagen, und kam von dieser Arbeit nie
zur ruhigen Besinnung; so dass es durchaus begreiflich wird, wie dieser
Glaube diese langen Jahre hindurch sich ihm fest einverleiben und mit
ihm zusammenwachsen musste.

Das Unternehmen jener Bibliothek ergriff das Zeitalter. Die leichte
Weisheit und die wohlfeile Gelehrsamkeit, welche durch das grosse Werk
herbeigefhrt, und schnell von einem Ende Deutschlands bis zum andern
verbreitet wurden, fand Beifall. Der geringste unter den Lesern glaubte
sich selbst zu lesen; gerade so hatte er die Sache sich auch von jeher
gedacht, und nur nicht den Muth gehabt, es sich laut zu gestehen. Die
Unmndigen erhielten die Sprache, und das gefiel ihnen. Unser Held sahe
diese grosse Revolution, deren Stifter, die schnelle allgemeine
Erleuchtung, deren Urheber er war. Warum htte nicht der Glaube andrer
an sein Werk seinen eignen Glauben an sich bestrken sollen?

Schriftsteller, denen an dem Beifalle des grossen Volks gelegen war,
versammelten sich um den Ausspender dieses Beifalls, gaben ihm Beitrge,
liessen sich von ihm berathen und erziehen, und schmeichelten auf jede
Weise seiner Eitelkeit[3]. Man glaubt leicht, was man wnscht; Nicolai
nahm in aller Unbefangenheit alles fr baare Mnze, und ihm fiel nicht
bei, dass diese Lobeserhebungen vielleicht nur dem Redacteur der
allgemeinen deutschen Bibliothek, keinesweges aber seinen persnlichen
Verdiensten gelten mchten. Jene Mnner waren seinem Princip nach
ohnehin, als Mitarbeiter an der Bibliothek, die ersten Kpfe der Nation.
Er fand sich sonach von den ersten Mnnern der Nation gelobt, anerkannt,
zu ihrem Meister erhoben. Wer konnte es ihm verargen, dass er ihnen
glaubte?

Und so verschmolz allmhlig in seiner Seele der Begriff von deutscher
Literatur und Kunst mit dem Begriffe seiner Bibliothek; diese mit dem
Begriffe von ihm selbst. Die Bibliothek wurde ihm zum Mittelpuncte des
deutschen Geistes, er selbst zur innersten Seele dieses Mittelpuncts. An
den Recensionen dieser Bibliothek mussten alle literarische und
artistische Bestrebungen der Nation, und hinwiederum an seiner Einsicht
-- diese Recensionen sich orientiren. Ausser jener Bibliothek war ihm
jetzt und zu ewigen Zeiten kein Heil und keine Wahrheit fr die
Wissenschaft; und fr die Bibliothek selbst kein Heil und keine Wahrheit
ausser ihm. Jene war seine Welt, und er die Seele dieser Welt; was er
erblickte, erblickte er durch jene hindurch, jene aber erblickte er
durch sich hindurch. In dieser beruhigenden Stimmung lebte er und starb
im frohen Glauben an die Unsterblichkeit seines Werks.


                             Anmerkungen.

[Funote 2: Mit dem im Texte erwhnten Jahre 1803 verhlt es sich so:
Nicolai hatte im 11. Bande seiner Reisebeschreibung vorher verkndigt,
dass Fichte und alle seine Schriften im Jahre 1840 rein vergessen seyn
wrden. Er wurde hierber, wie ber so manches andere, in gewissen
^Briefen ber die Guckkastenphilosophie des ewigen Juden^ verspottet. In
dem Aerger hierber decretirte und enuncirte er, -- in der Schrift gegen
die Xenien, wo ich nicht irre, -- es solle nunmehr mit Fichte nicht
einmal bis zum Jahre 1840 Frist haben, sondern schon Anno 1804 solle er
vergessen seyn. Das Jahr 1800 ist verflossen, das 1801 angebrochen; das
fatale Jahr der Vorhersagung tritt nher, und noch zeigen sich keine
Spuren, dass die Weissagung anfange in Erfllung zu gehen. Dies fiel
unserem Helden bei Abfassung der im Eingange erwhnten Anzeige aufs
Gewissen; er fand nun doch, dass ^andere^ Gelehrte wohl etwa glauben
mchten, hinter den Spitzfindigkeiten der neuen Philosophie u. s. w.
stecke etwas, dass ^er^ aber sagen knne, dass es durchaus eine Nullitt
sey, und dass i. J. 1803 sich darber mehr werde reden lassen.
Freilich, wenn i. J. 1804 diese Philosophie rein vergessen seyn sollte,
so msste wenigstens i. J. 1803 die Nullitt derselben dargethan
werden.]

[Funote 3: Damit ja niemand in Zweifel stelle, ob deutsche Gelehrte
sich so weit herabgelassen, unserm Helden zu schmeicheln, hat er selbst,
in seiner Schrift gegen die Xenien, bezeugt: ihm sey von jeher sehr
geschmeichelt worden.]




                           Drittes Capitel.
     Wie im allgemeinen dieser hchste Grundsatz im Leben unsers
                     Helden sich geussert habe.


Theils nach den ffentlichen Handlungen und Aeusserungen unsers Helden,
theils nach mehreren Anekdoten von ihm, die zu seiner Zeit im
allgemeinen Umlaufe waren, schrieb er sich selbst ausschliessend die
Fhigkeit zu, alle Gegenstnde des menschlichen Wissens mustermssig zu
bearbeiten. Er pflegte, so oft in seiner Gegenwart das Gesprch auf
irgend einen solchen Gegenstand fiel, nur das zu beklagen, dass seine
brigen Geschfte ihm nicht Zeit liessen, ein Muster der Behandlung
desselben zu liefern. Alles, zu dessen Bearbeitung er ohnerachtet dieser
berhuften Geschfte denn doch noch Zeit fand, bearbeitete er auch
wirklich mustermssig. So war seine Topographie von Berlin das Muster,
wornach alle Arbeiten dieser Art gemacht werden sollten, und er ergriff
jede Gelegenheit, sie als solches zu empfehlen; keinesweges, wie er
hinzuzusetzen pflegte, aus Eigenlob, sondern weil sich die Sache
wirklich so verhielt[4]. Wozu er nicht Zeit fand, mochten seine
Zeitgenossen bearbeiten. Dass sie ihr Muster nie erreichen, dass sie nie
es so machen wrden, wie unser Held es gemacht htte, wenn er nur die
Zeit dazu gefunden, das verstand sich. Aber sie hatten ja ihn bei sich;
und er ertheilte gern Rath, wenn man ihn bescheiden darum ersuchte.

Diesen Rath sollten sie lehrbegierig und folgsam annehmen, fortarbeiten
und sich bestreben, seine Idee immer besser zu treffen. Sie sollten ja
nur die Zeit zur Ausfhrung hergeben, die ihm mangelte; den Geist und
die Uebersicht wollte er hergeben. So wrden sie immer hher steigen,
und ihm, ihrem Muster, stets nher kommen. Auf diese Weise hatte er in
der Schule seiner Bibliothek und seines handschriftlichen Rathes die
grssten Schriftsteller der Nation gebildet: einen Lessing, der nur
leider in seinen sptern Jahren umschlug, rechthaberisch und unfolgsam
wurde, und dafr zur wohlverdienten Strafe in Zweifel an der
Grndlichkeit der bibliothekarischen Aufklrung und an der Evidenz der
Mendelssohnschen Demonstrationen verfiel; einen Mendelssohn; einen
Justus Mser, und so viele noch Lebende, deren Bescheidenheit mir
verbietet, sie zu nennen: -- hat er nicht Schriftsteller allein, sondern
durch die vortrefflichen Bildnisse deutscher Gelehrten vor der
Bibliothek und der Berliner Monatsschrift in seinem Verlage, welche, wie
ich als Augenzeuge betheuren kann, in Berlin noch immer regelmssig
ausgegeben wird -- hat er dadurch auch junge bildende Knstler
herangezogen, ermuntert und untersttzt. Die Bildung ging von ihm aus,
als ihrem Centrum, und verbreitete sich regelmssig umher.

Dieser gesetzte, geordnete, gemssigte Gang wurde nun durch einige
excentrische Kpfe gestrt. In der Kunst erschien Goethe, Schiller, in
der Philosophie Jacobi, Kant, die transscendentalen Idealisten. Was
htte an ihnen daran seyn knnen? -- Hatten sie sich denn erst in der A.
D. B. unter Nicolai's Aufsicht im Schreiben gebt? Oder hatten sie ihm
ihre Plne vor der Ausfhrung vorher vorgelegt, und mit ihm darber
correspondirt, wie Lessing in seiner guten Zeit, und Mendelssohn, und
alle die, welche Meisterwerke geliefert haben? Keins von diesen allen
hatten sie gethan; sie hatten ein so bses Gewissen gehabt, dass sie ihm
ihre Arbeiten nicht einmal zum Verlage angeboten; die letzte
Gelegenheit, bei der sie htten erfahren knnen, wie sie mit denselben
daran wren, und was sie darber zu urtheilen htten.

Dass an ihren vermeinten Kunstwerken und Entdeckungen durchaus nichts
seyn konnte, war sonach ohne weitere Untersuchung und Prfung, mit der
man nur die ohnedies so beschrnkte Zeit verloren haben wrde,
unmittelbar klar; und man konnte ohne weiteres mit den Waffen des
Lcherlichen, welche unser Held zu fhren glaubte, wie kein andrer,
dagegen vorschreiten. So entstanden Freuden Werthers, die witzige
Schrift gegen die Xenien, der dicke Mann, Sempronius Gundibert, die
spasshaften Theile der Reisebeschreibung; und was weiss ich, was noch
alles entstand.

Zwar liess sich einigen jener excentrischen Subjecte und Querkpfe nicht
alles Talent und alle Kenntniss ganz absprechen, nur verhinderte sie
ihre eigenliebige Meinung, dass sie ausser dem Umkreise der richtigen
Schule fr sich allein fortkommen knnten, daran, diesem Talente die
wahre Richtung zu geben. Man musste suchen, diese etwanigen Gaben doch
noch ntzlich zu machen und sie der deutschen Literatur, d. i. dem
Umkreise der allgemeinen deutschen Bibliothek, wiederzugeben. Unser Held
fand sich sonach in der Nothwendigkeit, jene Menschen scharf zu
zchtigen, ob sie nicht etwa in sich gehen und den rechten Weg
einschlagen mchten. Man sah es ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt
dies an seiner Urne mit der vollsten Ueberzeugung -- man sah es ihm an,
dass nie persnlicher Hass oder Feindschaft, sondern immer der
redlichste Eifer fr die Literatur ihn trieb; dass er mit einer Art von
Wehmuth an das Amtsgeschft einer solennen und ausfhrlichen Ausstupung
ging (mit kleinen beilufigen Hieben nahm er freilich es etwas
leichter); man bemerkte, wie ein geheimes vterliches Wohlwollen gegen
die Bestraften selbst seinem Feuereifer fr die Literatur eine gewisse
rhrende Milde beimischte, und wie er schon ein Vorgefhl von dem Danke
hatte, den ihm die Gezchtigten selbst, wenn sie einst zu Verstande
kmen, bringen wrden. Er war daher nicht leicht zu bewegen, alle
Hoffnung an einem Menschen aufzugeben, und er wusste geschickt diese
Hoffnung zu zeigen, um dem Snder nicht allen Muth zur Besserung zu
benehmen.

Traf es sich nun, dass einer wirklich sich besserte, so war die Milde
rhrend, mit der er ihn wieder zu Gnaden annahm. So gab es in diesen
Tagen einen gewissen hchst perfectibeln Krug, welcher freilich in der
allgemeinen Achtserklrung gegen die philosophischen Querkpfe
mitbegriffen war. Dieser ging in sich und gab unserm Helden eine
Aehrenlese von den Feldern anderer Philosophen zum Verlage, worber er
vermuthlich auch Nicolai's Rath eingezogen; -- denn den pflegte dieser
keinem, der bei ihm verlegen liess, vorzuenthalten. Dafr segnete auch
Gott diesen Krug, dass ihm auf eignem Boden eine Rechtslehre erwuchs,
die einem philosophischen Recensenten an der allgemeinen deutschen
Bibliothek wie aus der Seele geschrieben ist[5]. Jederman war damals der
Meinung, dass wenn der junge Mann nur so fortfhre, er es mit der Zeit
wohl selbst bis zum ordentlichen Recensenten an der allgemeinen
deutschen Bibliothek unter Nicolai's eigener Redaction bringen knnte.


                             Anmerkungen.

[Funote 4: M. s. z. B. den 6ten Band der Nicolai'schen Reisen. S. 337
ff.]

[Funote 5: M. s. in demselben Hefte der N. D. B., in welchem die
Eingangs erwhnte Anzeige sich befindet (56. B. St. 1. Heft 2.), kurz
vor derselben die Recension des Krugschen Buches.]




                           Viertes Capitel.
    Worauf es, zufolge dieses hchsten Grundsatzes, unserm Helden
              bei allen seinen Disputen angekommen sey.


So oft unser Held im Begriff war, seinen Mund ffentlich aufzuthun, um
dem Zeitalter einen Rath zu geben, oder eine Thorheit zu misbilligen und
zu zchtigen, so trieb ihn seine liebenswrdige Bescheidenheit immer an,
zuvrderst sich zu entschuldigen, dass er gerade die Sache zur Sprache
bringe, dass er sie jetzt, in diesem Zeitpuncte, bei dieser Veranlassung
zur Sprache bringe. Hierber gab er immer seine guten Grnde an. Dass er
aber die Sache, wovon die Rede war, verstehe, und dass er die Wahrheit,
die pure lautere Wahrheit sagen knne, darber gab er nie einen Beweis,
indem es ihm gar nicht beikam, dass ber diesen Punct irgend ein Leser
oder Gegner den mindesten Zweifel hegen wrde.

So hub er, als er im 11. Bande seiner Reisebeschreibung von Tbingen aus
auf die Horen, und von diesen aus auf die neue Philosophie schmlen
wollte, damit an, dass er beklagte: es scheine nun einmal sein Beruf,
dem Zeitalter unangenehme Wahrheiten zu sagen; und fuhr dann fort und
sagte seine unangenehme Wahrheit; und alle Leser waren berzeugt und
alle Gegner beschmt. Entweder hatten die letzten bisher, mit dem eignen
guten Bewusstseyn, dass sie unrecht hatten, ihr Wesen getrieben,
lediglich um etwas Neues, in der allgemeinen deutschen Bibliothek
Unerhrtes anzubringen und Aufsehen zu erregen, und Nicolai wollte dies
nun offenbaren; oder, wenn sie wirklich geglaubt hatten, recht zu haben,
so sollten sie jetzt aus Nicolai's Versicherung, dass er ihnen die
wahrste Wahrheit sage, vernehmen, dass sie denn also doch unrecht
htten.

So sagt man, dass er allen mndlich geusserten Vorstellungen und
Bedenklichkeiten seiner Freunde, besonders wegen seiner sptern
philosophischen Streitigkeiten, immer so zu begegnen gepflegt habe: man
msse berall mit der Sprache gerade herausgehn und die Wahrheit sagen.
Ob sie gefalle oder nicht, ob man sich dadurch Feinde mache oder nicht,
darnach knne nicht gefragt werden. Wenn die entgegengesetzte Maxime
gelten solle, so htten auch die Literaturbriefe nicht geschrieben
werden mssen. So war er auf ewig gegen die Vermuthung befestigt und
gesichert, dass irgend jemand glauben knne, er habe in der Sache selbst
unrecht, und hielt jene Warnungen fr nichts weiter, als fr die
zrtlichen Besorgnisse seiner schchternen Freunde, durch die sie ihn
verleiten wollten, aus Sorgfalt fr seine persnliche Ruhe die Sache der
Wahrheit zu verlugnen.




                           Fnftes Capitel.
     Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus diesem hchsten
                             Grundsatze.


Kam es nun wirklich zum Dispute, so machte unser Held es sich zum
einzigen Augenmerk, die Wahrheit des Factums zu constatiren und dem
Gegner den Ausweg des Ablugnens seiner That oder seiner Aeusserung
abzuschneiden. Hierbei verfuhr er mit seiner gewhnlichen Sorgfalt und
Genauigkeit. Hatte er nur diesen Punct erst ins Reine gebracht, so
schritt er ohne weiteres zum Endurtheile; denn er konnte den Glauben an
den gesunden Menschenverstand seiner Gegner nie so weit aufgeben, um
anzunehmen, dass sie der Thaten oder Aeusserungen, die sie aus seinem
Munde wieder hren mssten, und von denen sie leicht abnehmen knnten,
dass er sie misbillige, nicht sogleich sich innigst schmen, die
Unrichtigkeit derselben einsehen und sie bereuen sollten.

So kam in jenen Tagen zu Jena eine gewisse auch allgemeine
Literaturzeitung heraus, welche sogleich in ihr Nichts verschwand,
nachdem unser Held die Zgel der allgemeinen deutschen Bibliothek mit
starken Hnden wieder ergriffen hatte, und jener Zeitung die, bei
Gelegenheit des Schellingschen und Schlegelschen Streits mit ihr zu Tage
gekommene Abhngigkeit vorrckte. Dieser Zeitung sagte er in der oben
angefhrten unsterblichen Besitzergreifungsacte[6], zwar mit
grossmthigem Bedauern, dass dieses ihr Factum gewesen, jedoch brigens
kurz, fest und entschlossen, auf den Kopf zu, dass sie Kant gelobt
htte, und Reinhold gelobt htte, er fgte jedesmal in Schwabacher
hinzu, ^dass dies nicht zu lugnen wre^. Freilich hatte jene Zeitung
gehofft und geglaubt, dass kein Mensch als Nicolai jenen Verstoss
entdeckt habe, und dass dieser es nicht weitersagen werde.

So muss in jenen Tagen ein gewisser Fichte, von dem seit dem Jahre 1804
alle Nachrichten verschwinden, sein Wesen getrieben haben. Diesem fhrt
unser Held in derselben klassischen Acte mehrere seiner
hchststrflichen Aeusserungen kurz und gut zu Gemthe; dass z. B.
dieser Fichte, und noch dazu vom Anfange an, und noch dazu ganz laut
gesagt habe, kein einziger von Kants zahlreichen Nachfolgern habe
verstanden, wovon eigentlich die Rede sey, -- ausser er, Fichte, wie
sich verstehe, setzt unser Held dazu. (Wenn dieser Fichte nur die
gemeinste Logik hatte, so versteht sich dies freilich; wie htte er
urtheilen knnen, dass alle brigen es nicht verstnden, wenn er nicht
selbst es zu verstehen geglaubt htte?) Um allen Zweifel ber die
Strflichkeit und Absurditt dieser Aeusserungen zu heben, versichert
er, ^es seyen dies wirklich Fichte's eigne Worte^, und citirt
allenthalben Buch und Seite; und in einigen Blttern, welche dem
allgemeinen Austilgungskriege gegen Fichte vom Jahre 1803 entgangen,
findet sich auch wirklich, dass diese Citationen richtig sind.

Unser Held war ein unbarmherziger Gegner. Wie muss es den armen Fichte
niedergedrckt haben, durch Nicolai an den Tag gebracht zu sehen, was
von ihm zum Drucke befrdert sey.


                              Anmerkung.

[Funote 6: Wir nennen die oft erwhnte Anzeige eine
Besitzergreifungsacte; denn lasst uns nur in einer Note, die mancher
Leser vielleicht auch nicht liest, bekennen, dass alle die getroffenen
Anstalten nicht lediglich um der Herren Schelling, W. und F. Schlegel,
Tieck, Fichte, und wie die Gezchtigten noch alle heissen, unternommen
sind; dass diese nur das Mittel sind zum hhern Zwecke, und die gegen
sie aufgestellten Truppen nur dazu dienen, den Punct des eigentlichen
Angriffs zu verdecken. Dieser geht, dass wir es nur zu unsrer eigenen
Demthigung gerade heraussagen, eigentlich -- ^gegen die Jenaische
Literaturzeitung^.

Nicht von den anzuzeigenden Schriften -- eigentlich den zwischen
Schelling, A. W. Schlegel und der A. L. Z. gewechselten Streitschriften
-- nein, vom unsterblichen Stifter der A. D. B. hebt die Rede an, wie
dieser zuerst die Idee gefasst, zur Verhtung aller Einseitigkeit und
Parteilichkeit (!) Mitarbeiter aus allen deutschen Lndern und Provinzen
einzuladen. S. 145. lsst sich zwar nicht lugnen, dass ^auch die
Redactoren der A. L. Z. dieser Idee gefolgt^. S. 150 aber sind bei ihr
gerade die unangenehmen Flle eingetreten, ^welche der Stifter der A.
D. B. eben durch die Einladung von Mitarbeitern aus allen deutschen
Lndern und Provinzen -- vom Anfange an -- so vorsichtig zu vermeiden
wusste^. Es bekamen nemlich ^nun^ -- wie denn ^nun^? folgten denn nun
die Redactoren der ^A. L. Z.^ nicht mehr der Idee des unsterblichen
Stifters der A. D. B.? Ei, was weiss ichs: kurz -- es bekamen ^nun^
durch die individuelle Lage der Redactoren der ^A. L. Z.^ gegen
Mitarbeiter, die mit ihnen in zu naher Verbindung an Einem Orte lebten,
und gegen deren Freunde, persnliche Rcksichten einen merklichen
Einfluss auf das Werk, welcher demselben sicher nicht vortheilhaft war,
und -- ^bei unparteiischen Lesern _das Vertrauen zu demselben sicher
verminderte_^. -- In der ganzen Anzeige kann man weiter ersehen, wie
eben durch jene Streitschriften der ^A. L. Z.^ und ihrer Gegner, die
freilich keinem von beiden Theilen vortheilhaft sind und deren
^deswegen^, gegen die sonstige Gewohnheit der D. B., in anderen
gelehrten Zeitschriften erhobene Streitigkeiten aufzunehmen und
fortzufhren, allerdings erwhnt werden musste -- wie, sage ich, durch
jene Streitschriften so recht an den Tag gekommen, dass die Schlegel und
Schelling in die ^L. Z.^ Einfluss gehabt, dass diese von ihnen
^abgehangen^. Nun kann der scharfsinnige Leser selbst ermessen, welch'
ein erbrmlicher Wicht die ^L. Z.^ seyn mge, da sie von so erbrmlichen
Wichten, deren und ihrer Freunde Personalien eben deswegen hier wieder
in frisches und geschrftes Gedchtniss gebracht werden mussten,
abgehangen; -- diese ^L. Z.^, von der sich ohnedies nicht lugnen lsst,
dass sie Kant gelobt, und Reinhold gelobt.

Dagegen kann jeder Leser wissen, dass die D. B. der neuen und neusten
Philosophie von jeher im Wege gestanden; die unartigen Schleifwege, auf
denen sich doch einmal ein gutes Wrtchen ber sie in diese B.
eingeschlichen, sind nun auch entdeckt und, besonders seit Nicolai
wieder das Regiment fhrt, sicherlich verhauen. Es ist der
Bescheidenheit, die alles Selbstlob verschmht, angemessen, dieses
anonym in den letzten Heften der bei Bohn herauskommenden neuen B. zu
der Zeit, da die ersten Bnde der wieder alt gewordenen B. bei Nicolai
erscheinen, und das Vertrauen der Leser zur ^A. L. Z.^ durch den
Schellingschen Streit in frischer Verminderung begriffen ist, gehrig
auseinanderzusetzen, damit die Leser wissen, wohin sie sich nun mit
ihrem Vertrauen zu wenden haben.

Jene Anzeige ist sonach, ihrer wahren Bestimmung nach, eine
Besitzergreifungsacte des alten Vertrauens fr die alte Bibliothek, von
dessen Verminderung der alte Herausgeber doch einige Spur haben muss.

Wir wnschen sehr, dass der scharfsinnige und scharftreffende Herr
Hofrath Schtz diese wahre Tendenz jener Anzeige ja nicht merke, sondern
sie unbefangen als eine blosse Ausstupung dieser Schlegel, dieses
Schellings, dieses Fichte hinunterschlucke; auch, dass nicht etwa diese
unsere Note ihm zu Gesichte komme: denn sonst -- mchten wir nicht an
Herrn Nicolai's Stelle seyn. Auch drfte sodann vielleicht uns selbst
unser Eifer fr die Ehre und den Flor jenes grossen literarischen
Instituts nicht zum Besten bekommen.]




                          Sechstes Capitel.
     Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers Helden, zufolge
                     jenes hchsten Grundsatzes.


Mag der Grund in einer ursprnglichen Unfhigkeit der Natur unsers
Helden, oder in einer frhern Verbildung desselben gelegen haben, kurz,
es war unter seinen grssten Verehrern und wrmsten Freunden darber nur
Eine Stimme, dass er fr die Philosophie ganz untauglich sey. Sein Geist
war ein drrer Chronikengeist. Nie vermochte er sich ber die Erfahrung,
und zwar ber die Erfahrung im allerniedrigsten Sinne des Worts, ber
das blosse Aneinanderknpfen von Sinneseindrcken und den Erzhlungen
davon hinweg, bis zum Begriffe eines allgemeinen Gesetzes, nach dem jene
Erscheinungen erfolgten, oder erfolgen sollten, als dem ^Materiale^
aller Philosophie, zu erheben. Doch was rede ich von dem Begriffe eines
Gesetzes? Nicht einmal zu dem Begriffe eines Vordersatzes wusste er sich
zu erheben; wie htte er sonach jemals die leiseste Ahnung, auch nur von
dem ^Formalen^ der Philosophie, von dem Zusammenhange der Gedanken in
einer philosophischen Untersuchung, von dem Werthe und der Bestimmung,
die sie von der Stelle erhalten, da sie stehen, von einem organischen
Ganzen des Denkens, haben knnen? Jeden mglichen Gedanken, den er
usserte, trug er vor als unmittelbar gewiss, und durch sich selbst
klar; ob, weil er ihn sagte, oder durch die Art, wie er ihn sagte,
lassen wir an seinen Ort gestellt. Diese alle gleich unmittelbar
gewissen Gedanken setzte er nun zusammen, wie sie ihm unter die Hnde
kamen, jeden mglichen an jeden andern mglichen, und so verwandelte
sich ihm alles menschliche Denken in einen grossen Sandhaufen, in
welchem jedes Krnchen fr sich besteht, und alle durcheinander geworfen
werden knnen, ohne dass in dem Einzelnen etwas verndert wird. Wir
werden tiefer unten Belege dieses Verfahrens anfhren.

Nun ist zwar demjenigen, der zu einer gewissen Sache absolut unfhig
ist, nicht fglich anzumuthen, dass er diese seine Unfhigkeit erkenne;
denn gerade dasselbe, was ihn zur Sache unfhig macht, macht ihn auch
unfhig, seine Fhigkeit zur Sache zu beurtheilen. Aber bei gewhnlichen
Menschen wird durch ein dunkles Gefhl ersetzt, was ihnen an klarem
Urtheil abgeht. So ist es in Absicht des Faches, wovon wir hier
sprechen, nichts Seltenes, Personen, wenn sie nur nicht als Professoren
der Metaphysik, oder als philosophische Recensenten an der A. D. B. ihr
Brot verdienen mssen, gestehen zu hren, dass Metaphysik ihr wahres
Kreuz sey, dass es ihnen damit noch nie recht habe gelingen wollen, oder
wenn sie mehr Eigendnkel haben, dass dies leere Spitzfindigkeiten
seyen, mit denen sie sich den Kopf zerbrechen, -- nur nicht mchten. --
Ferner hat ja jeder Mensch irgend einen vertrautern Bekannten oder
Freund; und Nicolai hatte deren so viele unter seinen Zeitgenossen, die
sich doch auch ein Urtheil ber Philosophie zuschrieben. Sollte denn
niemals einer von diesen unserm Helden mit aller Bescheidenheit zu
verstehen gegeben haben, dass er zwar in andern Geschften des
menschlichen Scharfsinns, in der Fhigkeit, die feinsten Machinationen
der Jesuiten zu wittern, den seltensten Zuschnitt eines
Predigerberschlags oder einer Perrcke auszuspren, seines Gleichen
nicht habe; dass er aber in der eigentlich sogenannten hhern
Philosophie nicht dieselbe Strke besitze? Setzte nicht Kant, dem unser
Held doch auch nicht allen Scharfsinn absprach, zutrauungsvoll von ihm
voraus, er werde wohl selbst eines Urtheils ber Gegenstnde der hhern
Speculation sich bescheiden?

Was that unser Held? Leistete er etwa, durch jenes dunkle Gefhl
gewarnt, gleich von vornherein Verzicht auf dieses ihm durch seine Natur
verschlossene Fach, oder achtete er auf jene Warnungen, und gab
spterhin seine Theilnahme an demselben auf?

Wie konnte er? Gehrt denn nicht die Philosophie zum Umfange der
menschlichen Kenntnisse, und ist sie nicht von jeher von allen Besitzern
dieser Kenntnisse sogar an die Spitze derselben gestellt worden? Hatte
nicht die Bibliothek von jeher auch das Fach der Philosophie umfasst?
War es denn mglich, dass jemand Redacteur dieser Bibliothek, sonach die
Seele derselben, sonach die Seele aller Geistesbildung wre, der nicht
eben darum der erste untrglichste und allumfassendste aller Philosophen
sey? Das Hchste, was er aus Herablassung gegen den alten Mann, den
Kant, thun konnte, war, dass er einen historischen Bericht ber seine
philosophische Bildung abstattete. Aber gerade das, dass man fhig
gewesen war, jenen Zweifel ber unsers Helden Fhigkeit zu erheben,
zeigte am deutlichsten den tiefen Verfall und die schreckliche
Verwilderung in diesem Fache, und machte es ihm zur dringendsten
Pflicht, von nun an alle seine Krfte der Wiederherstellung desselben zu
widmen.

Auch hier, so wie allenthalben ging unser Held von dem Princip aus: ich,
Friedrich Nicolai, bin anderer Meinung als ihr; und daraus knnt ihr
ersehen, dass ihr unrecht habt. Er hat diesen hchsten Grundsatz seines
speculativen Systems mehrere Male in bestimmten Worten ausgesprochen,
ohnerachtet er sonst mehr fr den rhapsodischen als fr den
systematischen Gang war. Es gehrt zur Geschichte des Helden, wenigstens
einige jener Aussprche anzufhren.

Jacobi hatte geussert, und durch eine mit Lessing gehabte Unterredung
belegt, dass der letztere in der hhern Speculation den Spinozischen
Principien zugethan gewesen. Jene Aeusserung Jacobi's musste -- so
wollten es die Freunde und -- Ehrenretter des Verstorbenen -- nicht wahr
seyn; Lessing musste von den gesunden und moderaten Begriffen eines
Nicolai und Mendelssohn nicht abgewichen seyn. Auch unser Held brachte
seinen Beweis gegen Jacobi an. Und was fr einen Beweis brachte er an?
-- ^Er, Nicolai, knne am gewissesten sagen, dass Jacobi Lessing
sicherlich misverstanden htte, indem er sagen knne, dass -- _Er selbst
mit Lessing ber jene Materie disserirt htte_^[7]. Freilich war Jacobi
nun hinlnglich beschmt. Welcher Leser htte nach einem solchen
Zeugnisse noch ein Wort von ihm angehrt; und was htte er auch
vorbringen knnen, ohne vor sich ^selbst^ bis in die innerste Seele zu
errthen? -- Auf dieselbe Weise frchtete er in der erwhnten berhmten
Acte, dass freilich wohl ^andere^ Gelehrte glauben mchten, hinter den
spitzfindigen Grbeleien der Ichphilosophie und der daraus gefolgerten
speculativen Physik und Poetik stecke vielleicht etwas Wichtiges
verborgen. ^Er^ aber, ^Er Nicolai^ wusste sehr wohl und verkndigte
laut, dass die Nullitt jener Philosophie nur immer deutlicher erhellen
werde, und dass man im Jahre 1803 darber mehr wrde sprechen knnen[8].

Aus diesem hier und da deutlich ausgesprochenen Princip fhrte nun unser
Held unverrckt sein Richteramt in der Philosophie; auch da, wo er jenes
Princip nicht deutlich aussprach. Alle seine Beweise beruhten allein
darauf. Er hatte, seiner ^Bildung^ zufolge, einst gleichfalls
Philosophie studirt, die philosophische Wahrheit ausgemessen, umfasst
und in sich aufgenommen. Was damit bereinstimmte, -- war freilich nie
so stark, so durchgefhrt, so trefflich gesagt, als er es gesagt haben
wrde, wenn er nur Zeit dazu gehabt htte, aber da er diese nun einmal
nicht hatte -- mochte es doch existiren! Was damit nicht bereinstimmte,
bei jener allgemeinen Ausmessung des philosophischen Gebiets von Nicolai
nicht mit ermessen war, -- Jacobi's, Kants, der transscendentalen
Idealisten Philosopheme -- welche Frage, ob sie falsch seyen? Wie
konnten sie anders? -- indem ja, wenn sie wahr wren, Nicolai sie schon
ehedem, eh' von allen diesen Menschen etwas gehrt wurde, gefunden haben
msste. Falsch waren sie, das verstand sich, und unser Held musste,
seinem bestndigen Kriegsplane nach, ohne weiteres mit den Waffen des
Lcherlichen dagegen vorschreiten.

Kant war, als er mit seinem Systeme hervortrat, schon bejahrt, und
dieses Verdienst blieb in den reifern Jahren unsers Helden nie ohne
Wirkung auf ihn. Auch mochte vielleicht jener Philosoph, der bekanntlich
sehr verschiedene Stufen der Bildung durchgegangen war, auf einer der
frhern dieser Stufen einigen Wohlgefallen an der Aufklrerei der
Bibliothekare gefunden und geussert haben. Kant war daher ein brigens
(inwiefern er Nicolai's Grundprincip anzuerkennen schien) vernnftiger
und gelehrter Mann, an welchem es umsomehr zu bewundern war, dass er
Stze als wahr behaupten knne, die Nicolai nicht aufgefunden. Die
Streiche des Lcherlichen konnten ihm freilich nicht geschenkt, sondern
mussten vielmehr, gerade weil er ein brigens vernnftiger Mann war, von
dem noch am ersten Besserung sich hoffen liess, wo mglich geschrft
werden.

Jacobi, als er als Schriftsteller auftrat, eben so die transscendentalen
Idealisten, waren jnger als Nicolai; und in Rcksicht des jungen
Anwuchses hatte unser Held die Maxime, sie scharf zu zchtigen, damit er
in reiferen Jahren Ehre und Freude an ihnen erlebe. Daher war Jacobi
einer jener mittelmssigen Kpfe, die alles drucken lassen, was sie etwa
im Discurs gehrt haben, oder vielmehr halb gehrt haben, um sich ein
Ansehn zu geben, ein Mann, der seine Materie nie recht durchdacht hatte,
der nicht einmal schreiben konnte[9]. Die transscendentalen Idealisten
waren Querkpfe, und wer weiss was sie noch alles waren.

Und so benahm unserm Helden bis an sein Ende niemand die selige
Ueberzeugung, dass im Umrtteln des oben erwhnten Sandhaufens das wahre
Philosophiren bestehe; dass dies keiner besser knne, als er; und dass
er sonach nicht nur der erste Philosoph aller Zeiten, sondern zugleich
auch der gewaltigste philosophische Streiter sey. Die in seinen letzten
Jahren hufiger an ihn ergehenden Zurufe, dass er in diesem Fache gar
nichts verstehe, und hierber am wenigsten eine Stimme habe, dienten ihm
zum ussern, seiner innern Ueberzeugung freilich entbehrlichen Beweise,
dass jene seine Meinung, von seiner philosophischen Superioritt, von
jederman im Herzen anerkannt werde. Denn, sagte er bei sich selbst, wenn
sie hoffen knnten, gegen meine Grnde etwas auszurichten, so wrden sie
ja diese zu entkrften suchen. Aber, da der blosse Anblick dieser Grnde
sie zur Verzweiflung bringt (welches sich auch allerdings also
verhielt): so bleibt ihnen nichts brig, als einen Machtspruch zu thun,
und zu sagen: ich verstehe nichts von der Sache. Dies aber beweist mir,
dass sie wohl einsehen, ich allein verstehe die Sache.


                             Anmerkungen.

[Funote 7: M. s. ^Jacobi wider Mendelssohns Beschuldigungen etc.^
(Leipzig bei Goeschen 1786, eine Schrift, deren Inhalt noch immer zur
Tagesordnung gehrt) S. 99., wo Jacobi die A. D. B. 65. B. 2. St. S.
630. citirt. -- Eben daselbst sind die Beschuldigungen nachgewiesen,
dass Jacobi nicht schreiben knne, seiner Materie nie mchtig sey, u. s.
w.]

[Funote 8: M. s. S. 167 der oft angefhrten Anzeige in der N. D. B.]

[Funote 9: In dem von ihm selbst herausgegebenen Lessingschen
Briefwechsel mit Ramler, Eschenburg, Ihm (bei Ihm 1794) sagt Nicolai in
der Vorrede, nachdem er beklagt, dass Mendelssohn Lessings
Charakteristik nicht herausgegeben, -- woran bekanntermaassen diesen
Freunden Lessings zufolge Jacobi's Notiz ber Lessings wahres
speculatives System ihn verhindert haben sollte: dies ist nicht der
erste Schaden, den die in Deutschland so bliche Anekdotenjgerei --
oder vielmehr Klatscherei (gab es in Deutschland wohl je eine rgere
Klatsche, als der Verfasser der bekannten Reisen?) angerichtet hat,
^da^ jeder mittelmssige Kopf, was er etwa im Discurse hrt, -- oder
halb hrt, ^gleich^ drucken lsst -- um (Nicolai's bekannte pragmatische
Methode) sich ein Ansehen zu geben. Jacobi eben sollte nur halb gehrt
haben; er war es, durch dessen Druckenlassen die allein heilbringende
Philosophie so aufgebracht war. Er war dieser Eine unter den
mittelmssigen Kpfen.

Armer Wicht, ahnete dir denn gar nicht von den Versuchungen des Teufels,
als du diese Stelle niederschriebst? Hattest du denn gar keinen Freund,
der dir in die Ohren geraunt htte, dass wenn die Geisteskraft dieses
mittelmssigen Kopfes, Friedrich Heinrich Jacobi, unter zehnmalzehnmal
zehn Nicolai zu gleichen Theilen vertheilt wrde, jeder dieser Nicolai
seinen Kopf doch noch mit weit mehr Ehre durch die Welt tragen wrde,
als du, allererbrmlichster Friedrich Nicolai?

                   *       *       *       *       *

Und hiebei denn fr mehrere Stellen dieser Schrift folgende Bemerkung.
Ohnerachtet zwischen Jacobi und mir sich merkliche Differenzen erhoben
haben, deren Hauptgrund ich darin finde, dass Jacobi ber sehr
wesentliche Puncte mich nicht genug verstanden, oder, wenn der Fehler an
meinem Ausdrucke liegt, diese Puncte nicht in den Zusammenhang
hineindenkt, aus welchem sie in meinem Denken hervorgehen, und in
welchen ich sie sobald als mglich fr alle Denker deutlich hineinsetzen
werde -- vielleicht auch mit darin, dass Jacobi in seinem Kriege gegen
den Nicolaismus sich gewhnt hat, bei jedem seiner Gegner wenigstens
eine kleine Portion dieses Nicolaismus, d. i. der leeren zwecklosen
Denkerei, vorauszusetzen; -- ferner, wie Jacobi ber mich und meine
Unternehmungen auch je sich ussern, und ich nthig finden mchte,
diesen Aeusserungen zu begegnen; endlich, wenn es sich auch zutragen
sollte, dass Jacobi nach dem allgemeinen menschlichen Schicksale
spterhin durch Altersschwche herabsnke, es selbst nicht bemerkte,
keinen Freund htte, der ihn warnte, und so vor dem Publicum seinem
ehemaligen Selbst unhnlich erschiene: so soll mich doch dieses alles
nicht abhalten, ihn fr das Vergangene fr einen der ersten Mnner
seines Zeitalters, fr eines der wenigen Glieder in der
Ueberlieferungskette der wahren Grndlichkeit, laut anzuerkennen: und
dies nicht, um irgend jemandes Neigung mir zu erhalten, sondern weil es
sich so gebhrt. Hochachtung vor Mnnern grndet sich nicht auf
zufllige Beziehungen, sondern auf Erkenntniss ihrer Verdienste; und es
giebt des Achtungswrdigen wahrlich nicht so viel, dass man Ursache
htte, selbst dieses noch um kleiner Verstsse, oder wohl gar aus
persnlichen Grnden, herabzusetzen. Ich erinnere dieses einmal fr
immer fr diesen und hnliche Flle zur Vermeidung alles Anstosses und
Misverstndnisses, in unserm Zeitalter der Parteien. Es giebt nur Eine
Partei, die man zu ergreifen hat, die fr das Talent und die
Grndlichkeit, und gegen die Dummheit und die Bosheit; von dieser Partei
zu seyn, hat der Verfasser immer gewnscht.]




                          Siebentes Capitel.
    Eine andere fast noch unglaublichere Meinung unsers Helden von
           sich selbst, zufolge jenes hchsten Grundsatzes.


Ein anderes, beinahe unerklrliches Misgeschick unsers Helden war dies,
dass, obgleich er allein mehr Papier beschrieben, als ein Dutzend seiner
schreibseligsten Zeitgenossen, er doch bis an sein Ende nicht schreiben
lernte. Man fand keine Zeile bei ihm, in welcher nicht ein oder ein paar
unrecht angewendete Wrter und einige berflssige vorgekommen wren. Am
deutlichsten konnte man dies sehen, wenn man etwa das Unglck hatte,
einiges aus seinen Druckschriften abschreiben zu mssen. Der Verfasser
dieser seiner Geschichte sieht mit Schrecken vorher, dass tiefer unten
diese Nothwendigkeit ohnedies ihn treffen werde. Er knnte es ber das
Herz bringen, grausamen Lesern, die ihm wohl gar anmuthen drften, auch
hier besondere Belege fr seine Behauptung beizubringen, dafr
anzuwnschen, dass sie selbst ein paar Seiten von Nicolai abschreiben
mssten.

Das Ganze seines Vortrages aber war so beschaffen: Es lag ihm stets
innig am Herzen, dass seine Leser ihn doch ganz vernehmen und recht
verstehen mchten. Es kam ihm daher, so wie er den ersten Perioden
geendet hatte, immer so vor, als ob er noch was vergessen und noch nicht
deutlich genug geredet hatte. Er fing sonach in einem zweiten wieder von
vorn an, um zu sehen, ob ihm nicht im Reden das Vergessene beifallen,
und ob es ihm mit der Deutlichkeit diesmal nicht noch besser gelingen
mchte. Da es ihm nun aber mit dem zweiten Perioden eben so ergangen
seyn knnte, wie bei dem erstern, so musste er nun freilich in einem
dritten, und nach Endigung dieses in einem vierten wiederum von vorn
anfangen, und so immerfort. So rang er rastlos nach immer hherer
Deutlichkeit und Vollstndigkeit; und wenn er endlich doch einmal
aufhrte, wie er denn wirklich zuletzt noch immer aufgehrt hat, so
geschah dies lediglich darum, weil seine brigen wichtigen Geschfte ihn
abriefen und ihm die nthige Zeit zur vollkommenen Ausfhrung seines
Themas nicht verstatteten.

Dabei hatte er eine grosse Liebhaberei zum Witze, und seinen Geist schon
frh bei den geistreichen Englndern, den Shaftsbury, Buttler, Smollet,
den Verfassern des John Bunkel u. a. in die Nahrung gethan. Dennoch
behielten bis in sein goldenstes Zeitalter, -- das der Gundiberte und
der witzigen Theile von den Reisen -- seine Spsse eine gewisse dicke
Zhheit, Plattheit und Gemeinheit. -- Da man in Nicolai's Witze den
grssten Theil des polemischen Witzes seines Zeitalters zugleich mit
charakterisirt, so drfte vielleicht eine kurze Classification dieses
Witzes hier nicht an der unrechten Stelle stehen.

Wir theilen diesen Witz trichotomisch ein, und finden an ihm eine
vollstndige Synthesis. Die erstere Art ist der ^repetirende^ Witz; wenn
am Markte einer aus dem Pbel vor dem ganzen herumstehenden Haufen einer
Hkerin sagt: du bist eine Diebin; und diese sich zu dem Haufen wendet
und schreit: Ich bin eine Diebin; sagt er: ^Absolute Thesis des
Witzes.^ Mit dieser Art pflegte unser Held seinen Widersachern die
tiefsten Wunden zu schlagen; und die Schule der transscendentalen
Philosophen soll allein daran sich zu Tode geblutet haben. -- Die zweite
Art des Witzes ist die ^der einfachen Retorsion^; wenn jener sein Wort:
du bist eine Diebin wiederholt, und die Hkerin ihm nun antwortet:
nein du, du bist ein Dieb: ^Antithesis des Witzes.^ Auch diese Art
wusste unser Held vortrefflich zu handhaben, und bediente sich derselben
hufig. Endlich, die dritte Sorte ist die ^der spttischen Retorsion^;
wenn unser Mann sein Wort nochmals wiederholt, und die Hkerin ihm
antwortet: ja du wrst mir der Rechte, dass du mir das sagen solltest,
du shst mir so aus, du httest es auf dem Leibe: ^Synthesis des
Witzes.^ Man muss es unserm Helden zum Ruhme nachsagen, dass er dieser
letzten beissenden Sorte, ohnerachtet er auch sie sehr geschickt zu
behandeln verstand, sich doch nur selten, und nur gegen sehr
eingewurzelte Schden bediente. Dies war der Umfang seiner Schalkheit,
und andere Sorten haben in seinen zahlreichen Schriften sich nicht
gefunden.

So war es mit Nicolai's Talent zur Schriftstellerei nach der Wahrheit
beschaffen.

Was glaubte nun er selbst ber dieses Talent? -- Lasset uns auch hier
billig seyn. Wenn ein alter, misgeschaffener, von Gicht und Podagra
zerrissener Faun, der in einem vorberfliessenden Bache seine Gestalt
erblickte, dieselbe mnnlich anstndig und ehrwrdig fnde: wer wrde es
ihm so sehr verdenken? Gehren doch die Augen, durch welche er sieht,
auch zu ihm selbst. Wenn aber derselbe die krampfhaften Zuckungen der
Gicht in seinem behaarten Gesichte fr ein Lcheln der himmlischen
Venus, und das Schlottern seiner verdorrten Schenkel und die Bebungen
seiner spitzigen Bocksfsse fr die Tanzbung einer Grazie anshe: so
wrde dies doch zu sehr das Mittelmaass der einem Faun allenfalls zu
verstattenden Eigenliebe berschreiten.

Es erging unserm Helden nicht viel besser als diesem Faune. Dass er sich
fr einen Richter und Meister ber Sachen des Stils gehalten, beweisen
theils der Tadel, den er so oft gegen anderer Schreibart ergehen lassen,
wenn er z. B. Jacobi, ohne Zweifel einem der besten Stilisten seines
Zeitalters, vorrckte: er knne nicht schreiben; theils die
Liebkosungen, die er von Zeit zu Zeit ganz unverhohlen seinem eignen
Vortrage machte, indem er sagte: die blossen Bchergelehrten wssten gar
nicht, wie man dem Publicum etwas vortragen msse; er aber, ein Mann,
der in der Welt gelebt, wisse es, und darauf Proben von dieser
Fertigkeit gab[10]. Fr welchen satirischen Kopf und durchtriebenen
Schalk er sich gehalten, ist daraus zu ersehen, dass er die
Horazisch-Shaftsburysche Maxime, durch das Lcherliche die Thorheit an
den Tag zu bringen, zu der seinigen gemacht, und bis an sein Ende
geglaubt, dass er der geborne und bestellte Verfolger aller Thorheit
durch jene Waffen des Lcherlichen sey. Diese Meinung, da sie durchaus
ohne alle ussere Veranlassung und von aller Wahrscheinlichkeit
entblsst war, konnte durch nichts Anderes entstanden und befestigt
seyn, ausser durch die Begriffe, welche unser Held von seinen Talenten
berhaupt hatte.


                              Anmerkung.

[Funote 10: In sehr vielen Stellen der Nicolaischen Reisebeschreibung.]




                           Achtes Capitel.
    Sonderbare Begriffe unsers Helden ber seine und seiner Gegner
         gegenseitige Rechte, aus jenem hchsten Grundsatze.


Da, wie gesagt, unser Held voraussetzte, dass er nie anders als recht
haben knnte, und dass alle Welt gleichfalls, wenigstens im Herzen,
derselben Ueberzeugung wre, dass er nie unrecht haben knnte: so
begegnete es ihm nicht selten, dass er seinem Gegner gerade dasselbe
ernstlich verwies, was er selbst immer that, und vielleicht in demselben
Augenblicke that, da er es jenem verwies. Sie sollten nemlich denken: ja
dem Nicolai ist das wohl erlaubt, denn der hat recht; uns aber ist es
nicht erlaubt, denn wir haben ja unrecht.

So, nachdem er in der berhmten Acte mit grossmthigem Bedauern
gemeldet, dass es das Schicksal der Jenaischen allgemeinen Literatur
geworden, Kant zu loben, und Reinhold: sagt er einige Seiten spter ohne
Bedauern, vielmehr mit Ruhme, dass seine allgemeine Literatur der neuen
und neuesten Philosophie stets im Wege gewesen[11]. Man sollte meinen,
Parteilichkeit ^fr^ und Parteilichkeit ^wider^ sey doch immer beides
Parteilichkeit, und eine der andern werth. -- Ja, aber die neue und
neueste Philosophie ist ja falsch, denn sonst knnte die alte
Nicolaische nicht wahr seyn; und es ist sonach allerdings ruhmwrdig,
der ersten im Wege zu stehen, und sehr tadelnswrdig, sie zu loben.

In derselben Acte beschuldigte er die Herren Schelling, A. W. Schlegel,
Fichte, dass sie gnstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die
Jenaische Allgemeinheit zu bringen, ja, dass der letztere sogar die
bibliothekarische Allgemeinheit sich geneigt zu machen gesucht habe.
Wenn sich dies auch nun so verhalten htte (mikrologische
Geschichtsforscher jener Zeiten, die ihren Fleiss sogar ber die
Lebensumstnde jener nun vergessenen Schriftsteller verbreiten,
versichern einstimmig, diese htten die Wahrheit jener Beschuldigung
bestndig abgelugnet), wenn es sich nun auch so verhalten htte, htte
es ihnen denn Nicolai so sehr verdenken sollen, der sich rhmt, in
seiner Bibliothek nur ungnstige Recensionen jener Philosophie, die eben
darum seiner eigenen gnstig sind, zuzulassen; und von welchem es in
jenen Tagen bekannt war, dass er auch der Jenaischen allgemeinen
Literatur dasselbe Princip angemuthet, und einem der Statthalter jener
Literatur derb den Kopf dafr gewaschen, dass man ein paar Schriften von
Fichte durch Reinhold habe recensiren lassen, und nicht vielmehr durch
einen Mann, -- der die Blssen jener Fichteschen Philosophie so recht
an den Tag gebracht htte? -- Aber, war es denn jenen Mnnern noch
nicht gesagt worden, dass sie unrecht htten, von Nicolai selbst gesagt
worden? War es nicht eine Schande, dass sie das Gift ihrer verworfenen
Meinungen, mit dem sie fr ihre Person leider angesteckt waren, nun auch
durch die geheiligten Quellen der ffentlichen Literaturen in das
Publicum zu bringen suchten, anstatt in die Einsamkeit sich
zurckzuziehen und sich selbst heilen zu lassen?

Dem Fichte besonders wird in jener Acte ein schweres Sndenregister zu
Gemthe gefhrt[11]. Er habe sich in Jena auf Reinholds Stuhl gesetzt
(man hat mehrere Erklrungen der Antiquittenkenner von dieser wichtigen
Stelle, keine aber befriedigt uns, und wir mssen daher sie, die sehr
leicht das grsste Verbrechen jenes Mannes enthalten mag, als
unverstndlich bergehen); er habe gewusst, diesen so ungemein
verehrten Lehrer bei den Studenten in Jena in kurzer Zeit fast in
Vergessenheit zu bringen. Unser Held hat nicht hinzugesetzt, welcher
Mittel sich hierbei der Mann bedient; auf jeden Fall aber sollte man
hieraus beinahe schliessen, dass es demselben nicht an allem
Lehrertalente gefehlt haben msse. Dies ist doch wohl nicht sein
Vergehen? -- Vielleicht nur der ble Gebrauch, den er von jenem Talente
machte? Aber der Reinhold, den er in Vergessenheit brachte, war ja, nach
den Nachrichten der besten Geschichtschreiber, selbst ein Kantianer, und
weit davon entfernt, in den Umkreis der allein wahren Bibliothek zu
gehren. Diesen in Vergessenheit gebracht zu haben, kann Fichte's
Vergehen nicht seyn. -- Lesen wir weiter. ^Nun^ (hier mildert der
grossmthige Mann ganz offenbar die Schuld des Angeklagten. Nach den
besten Nachrichten hatte Fichte nicht erst, nachdem es ihm bei den
Studenten gelungen war, Reinhold in Vergessenheit zu bringen, sondern
sogar schon vor seiner Ankunft in Jena eine Schrift verfasst und dem
Drucke bergeben, in welcher er geradezu die Kantische Philosophie fr
unvollendet erklrt, von den Reinholdschen Bemhungen bloss schonend
gesprochen, und seinen Vorsatz, die Sache zu vollenden, bestimmt
angekndigt.) -- ^nun^ habe es jenem Manne ein Leichtes geschienen,
auch Kant von dem hohen Stuhle, der ihm als dem ^ersten Philosophen
Deutschlands^ gesetzt worden, herunterzustossen. Unser Held sprach nie
und spricht auch hier nicht mit Billigung davon, dass Kant dieser hohe
Stuhl gesetzt worden. Es war das unablssige Bestreben aller
literarischen Thtigkeit seiner letzten Tage, ihn von diesem Stuhle
herunterzustossen. Sonach wren ja Nicolai und Fichte einiger gewesen,
als man glaubt, und der erstere htte den letztern nimmermehr darber
tadeln knnen, dass er mit ihm fr Einen Zweck arbeite. Lesen wir also
weiter -- ^und sich selbst darauf zu setzen^. Ja so, dies wollte
Fichte, und hierin liegt sein Verbrechen! Dass er Reinhold in
Vergessenheit brachte, war brav: dass er Kant vom hohen Stuhle
herunterzustossen suchte, verdienstlich. Nur htte er von da an in die
Gemeine der Bibliothek, wo der wahre hohe Stuhl mit dem wahren ersten
Philosophen Deutschlands schon lngst besetzt war, selbst zurckkehren
und die Seinigen dahin leiten sollen. Dann htte man ihm seinen
akademischen Beifall wohl gnnen mgen; er wre vor seinen verderblichen
Irrthmern bewahrt geblieben, htte Reinholds Stuhl behalten bis an sein
Ende, und sein Name lebte noch jetzt unter den andern berhmten Namen
der Bibliothekare.

In derselben Acte, und sonst noch an mehreren Orten, verweist Nicolai
Schelling und Fichte die Unanstndigkeit sehr ernstlich, dass ihnen
zuweilen ihren Gegnern gegenber so ein Wort von Halbkpfigkeit
entschlpft sey. Zwar war dieses, so viel man weiss, immer nur
geschehen, wenn sie im Allgemeinen sprachen, und nie gegen bestimmte
genannte Personen. Zwar hatten diese Schriftsteller seit Jahren ein
System dem Publicum vorgelegt, das seinen Grundtheilen nach vollendet
und vollstndig bewiesen und begrndet war. Warum man nun auf dasselbe
sich nicht ernstlich einlasse, darber hatten sie bis zu jener Epoche
noch das erste vernnftige Wort aus dem Publicum zu vernehmen. Keiner
ihrer Gegner verstand sie, und alles schwatzte, und muthete ihnen an,
zehnmal abgewiesene Misverstndnisse zum eilftenmale abzuweisen. Es wre
ihnen vielleicht zu verzeihen gewesen, wenn ihnen im Unwillen zuweilen
etwas Menschliches begegnete. Nicolai hatte sie unter ihrem Namen, und
mit ihnen zugleich noch eine Menge anderer genannter Mnner in
ffentlichen Schriften Querkpfe genannt, und noch mancherlei andere
Schimpfworte ihnen angeworfen. Man htte denken sollen, eine
Zusammensetzung mit Kopf sey der andern werth, und die Benennung des
Halbkopfs, der ja wohl noch wachsen kann, sey immer milder, als die
eines vllig in die Quere gedrehten Kopfes; und Nicolai htte sonach
recht gut gleiches mit gleichem aufgehen lassen knnen.

Aber wie knnen wir uns auch nur einfallen lassen, hier eine Gleichheit
des Verhltnisses zu setzen? Hatte nicht zuvrderst Nicolai recht, und
die Wahrheit auf seiner Seite? und war es an ihm zu tadeln, wenn im
hohen Eifer fr die Wahrheit ihm auch wohl ein derbes Scheltwort
entfuhr? Vertheidigten die Gegner nicht den Irrthum, und war ihnen dies
nicht etwa gesagt? Jemanden auch noch dazu zu schimpfen, weil er unsern
Irrthum nicht gegen die Wahrheit vertauschen will: welche Verkehrtheit
und Impertinenz! War nicht ferner Nicolai ein alter Mann, und jene
Schriftsteller junge Leute; und ist es nicht eine ausgemachte Wahrheit
unter allen alten Schriftstellern des Nicolaischen Kreises, dass die
Alten auf die Jungen schimpfen drfen, so viel sie wollen, diese aber
nicht wiederschimpfen, sondern sich ziehen lassen mssen? Respect fr
das Alter! heisst es in dieser Schule; sogar wenn der alte Mann ein
alter Narr ist. -- War Nicolai nicht der angestellte Altmeister aller
Schriftsteller, und war es nicht sein ausdrcklicher besonderer Beruf,
die Jugend durch jedes Mittel zum Guten zu ziehen; und konnten nicht
auch harte Scheltworte unter diese Mittel gehren? Und diese Jugend,
statt sich weisen zu lassen, schimpfte wieder. Welche Insubordination!
Kurz, wenn Nicolai schimpfte, so that er es immer am rechten Orte, zu
rechter Zeit, und schimpfte mit Grazie. Wenn andere schimpften, so war
es gemein und pbelhaft. Nicolai allein verstand zu schimpfen, und darum
musste man es ihm allein berlassen.


                              Anmerkung.

[Funote 11: M. s. S. 147 der angefhrten Anzeige in der N. D. B.]




                           Neuntes Capitel.
     Wie unser Held, zufolge seines hchsten Grundsatzes, sich zu
          nehmen gepflegt, wenn derselbe angefochten worden.


So fest und unerschtterlich unsers Helden Meinung war, dass ihn
jederman fr den ersten Menschen des Zeitalters anerkenne, so beharrlich
war, wie jeder andere bemerken musste, sein Misgeschick, dass man ihn
nicht einmal so recht im Mittelschlage mit wollte gelten lassen. So
beliebt auch sehr bald seine Bibliothek wurde, so wusste man doch im
grssern Publicum nicht viel anderes darber, als dass er sie eben
drucken liesse. Man hielt ihn hchstens fr einen industrisen
Buchhndler, und fr einen Dilettanten in der Wissenschaft, der, weil
viele Bcher durch seine Hnde gingen, glaubte, wie eben jeder andere
Buchhndler auch, ber Bcher mitsprechen zu knnen. Fr einen
unstudirten Buchhndler, meinte man, mchten seine Rsonnements noch so
hingehen. Er hat es in seinen alten Tagen dem Publicum oft genug in die
Ohren rufen mssen, dass er sich wirklich und in der That nicht fr
einen blossen unstudirten Buchhndler, sondern in allem Ernste fr einen
wirklichen und wahren Gelehrten gehalten. Dennoch hat er es in keinem
Zeitpuncte seines Lebens im Publicum zu derjenigen Reputation gebracht,
welche in seinem Zeitalter jeder Gelehrte sich erwarb, der nur ungefhr
ein Jahrzehend hindurch fleissig und anhaltend Bcher schrieb.

Dies war wohl zum Theil Misgeschick, zum Theil aber auch eigene Schuld.
Htte er, nachdem er den Verstoss des Publicums merkte, nur mit seiner
Emphase in der Welt verbreitet, dass er die Bibliothek nicht nur drucke,
dass er auch an ihr recensire, ja, dass er sie redigire; htte er sich
vor aller eigenen Schreiberei unter seinem Namen sorgfltig gehtet: so
wrde er bald in dasselbe Ansehen gekommen seyn, welches so mancher
andere hchst mittelmssige Redacteur berhmter gelehrter Zeitschriften
geniesst, der der eigenen Autorschaft sorgfltiger aus dem Wege geht;
und wir, sein Geschichtschreiber, wren der Hinzufgung des
gegenwrtigen Capitels berhoben. Unser Held aber schrieb Bcher, dicke
Bcher, unter eignem Namen, und dadurch verdarb er alles.

Sein Sebaldus zwar htte hingehen mgen. Dieser war dem Zeitalter seiner
Erscheinung so angemessen, dass man ihn der Fhigkeit unsers Helden
sogar nicht zutrauen wollte. Es sind wohl nicht viel unter meinen
Lesern, denen ein zu jener Zeit ziemlich allgemein verbreitetes Gercht
nicht zu Ohren gekommen seyn sollte: Nicolai sey gar nicht der Verfasser
des Sebaldus, er habe sich unrechtmssigerweise dafr ausgegeben; der
wahre Verfasser, ein immer Geld bedrfender Gelehrter, bediene sich
dieses Nicolaischen Plagiats, um durch die Drohung, es bekannt zu
machen, in jedem Bedrfnisse Geld von ihm zu erpressen. -- Wir haben
dieses Gercht nicht angefhrt, als ob wir selbst ihm Glauben
zustellten; jenes Werk trgt zu unverkennbar das Geprge der
Nicolaischen Feder; sondern um zu zeigen, wie das Publicum von jeher
ber unsern Helden gedacht.

Es folgte John Bunkel. Diesen hatte unser Held, seiner eigenen
Versicherung nach, nicht selbst gemacht, sondern bersetzt. Aber das
Buch fiel auf als schlecht; und darum stritt man ihm hier die
Autorschaft auf, die man dort ihm abstritt; er sollte und musste mit
aller Gewalt nicht der blosse Uebersetzer, sondern der Urheber selbst
seyn. Und als man nun nicht lnger lugnen konnte, dass er es bersetzt
habe, war er darum um nichts gebessert. Der Verfasser der durchaus
originellen, leider nicht sehr bekannt gewordenen ^Geschichte einiger
Esel^ fing schon damals an, treffliche Beitrge zur Geschichte unsers
Helden zu liefern.

Jetzt trat unser Held seine Reisen an. Sein Weg fhrte den Berliner, der
bisher zwischen dem protestantischen Berlin und dem protestantischen
Leipzig und seiner Buchhndlermesse sein Wesen getrieben hatte, durch
katholische Provinzen. Da sahe er Crucifixe an den Strassen,
Heiligenbilder, Amulete, Votivtafeln; hrte, dass gewisse Heilige die
Schutzpatrone gegen gewisse Landplagen oder Krankheiten wren; hrte,
dass ein wohlmeinender Katholik, da seine Religion ihm allein
seligmachend ist, jeden Menschen in den Schooss derselben zu bringen
suchen msse u. s. w. -- Dergleichen hatte er in Berlin und Leipzig
nicht gesehen; hatte er ja von andern, die es gesehen hatten, etwas der
Art erzhlen gehrt, so hatte er es fr Aufschneiderei und fr
schlechten Spass gehalten; denn wie knnte doch irgendwo etwas anders
seyn, als zu Berlin oder zu Leipzig; wie in aller Welt knnte man doch
ein katholischer Katholik seyn? Jetzt sah er es mit seinen Augen, und
rief athemlos durch das heilige rmische Reich: hrts, Deutsche hrts,
das Unglck -- die Entdeckung meines Scharfsinns; es giebt, o es giebt
Katholiken, die da katholisch sind -- und damit man es ihm doch ja
glauben mchte, brachte er alle Bilder und Gebetzettel aus allen
Gegenden zu Hauf, und gab sie in den Kauf obenein.

Nicht lange nachher begegnete ihm ein Verdruss mit seiner Bibliothek.
Sie sollte -- welches, dass ich es im Vorbeigehen sage, nur zu wahr,
offenbar und klar ist -- sie sollte ein der ^Religion^ gefhrliches Werk
seyn. Das war ihm zu hoch. Athmete doch dieses Werk seinem besten Wissen
nach durchaus das, was er den reinsten Protestantismus nannte. Nur dem
nunmehro seit seinen Reisen an den Tag gekommenen Antiprotestantismus,
nur der ^katholischen^ Religion konnte es gefhrlich seyn. Beide
Visionen vermengten sich in seinem schwachen Kopfe, und dazu mischte
sich noch eine dritte, die allein schon fhig gewesen wre, ihn zu
verwirren, die der geheimen Orden, der Gold- und Rosenkreuzerei. Nun
konnten die Gegner seiner Bibliothek nichts Anderes seyn, als
Kryptokatholiken, welche durch geheime Orden und andere Machinationen
die Protestanten in den Schooss der rmischen Kirche zurckzufhren
suchten, und denen er durch seine Bibliothek und durch die wichtigen
Entdeckungen seiner Reisen im Wege stand: und es musste von nun an alles
von solchen Machinationen wimmeln. Noch im Jahre 1800 erzhlte Nicolai
in der Vorrede zum ersten Stck der von ihm wieder herausgegebenen
Bibliothek sehr ernsthaft das alte Mhrchen, und verrieth in aller
Unbefangenheit den wahren Grund, der ihn auf diese Vision gebracht, die
Anfechtungen nemlich, welche er und seine Bibliothek von einem Minister
und einigen geistlichen Rthen unter der vorigen Regierung erdulden
mssen. Jene vorgeblichen Verbreiter des Katholicismus thaten unserem
Helden nur nicht die Liebe an, dass sie selbst katholisch geworden
wren, geschweige, dass sie andere bedeutende Personen dazu gemacht
htten. Diejenigen, welche vielleicht anfangs durch das heftige Geschrei
mit fortgerissen wurden, mussten sich denn doch nun, nachdem von allem
Prophezeiten nichts erfolgte, und sie klter wurden, erinnern, dass sie
ja alles, was Nicolai ihnen erzhlt, schon vorher auch gewusst und
gesehen htten, und dass beinahe alle Welt es gewusst und gesehen htte,
sie mussten sich wundern, dass es unserm Helden allein vorbehalten
gewesen, diese Sachen so bedeutend zu nehmen, und so scharfsinnige
Schlsse daraus zu entwickeln, sich fragen, warum sie denn nicht selbst
auch von denselben Prmissen aus auf dieselben Entdeckungen gekommen,
und das Ganze konnte sich nur durch ein lautes und allgemeines Gelchter
ber unsern Helden beschliessen.

Noch stand ihm eine andere traurige Epoche seines Lebens bevor: seine
Feldzge gegen die neuere Philosophie. Zwar waren seine Einwendungen
gegen diese Philosophie, -- etwa, dass ja die Erscheinung der Sinnenwelt
so gar nicht vor Blutigeln weiche, vor denen doch sonst jede Erscheinung
verschwinde, oder dass, wenn alles, was da ist, das Ich selbst sey, ein
Mensch, der eine wilde Schweinskeule sse, sich selbst sse, -- diese
Einwendungen waren smmtlich von der Art, dass jeder Knecht und jede
Magd im rmischen Reiche, die sie vernahmen, finden mussten, sie htten
dieselben wohl auch vorbringen knnen. Aber dadurch, dass unser Held sie
ihnen so vor dem Munde wegnahm, empfahl er sich schlecht ihrer
Zuneigung. Ueberdies hrten sie auch nicht, dass man jene Philosophen
von Obrigkeitswegen in die Tollhuser gebracht, welches doch, wenn ihre
Behauptungen durch jene Einwendungen getroffen wrden, nothwendig htte
geschehen mssen. Sie blieben also immer geneigter, anzunehmen, dass
jene Stze wohl noch einen andern Sinn haben drften, den Nicolai nur
nicht verstnde, oder hmischerweise verdrehe; und so that selbst bei
den gemeinsten Lesern diese Art der Polemik der Ehre unsers Helden weit
grssern Abbruch, als der Ehre jener Philosophen.

Diese zusammenhngende Reihe von Unglcksfllen musste nothwendig unsern
Helden, der nie einen befestigten Credit besessen, immer verchtlicher
und lcherlicher machen. Er kam in seinen letzten Tagen nach dem Jahre
1803 so herab, dass jeder Muthwillige, der gerade keinen spasshaftern
Zeitvertreib hatte, den alten Steinbock zu Berlin neckte und am Barte
zupfte, um sich an seinen Capriolen zu belustigen.

Wie benahm sich nun unser Held dabei? Ging ihm denn noch kein Licht
darber auf, dass das Zeitalter ihn nicht fr seinen ersten Mann hielte?
Keinesweges. Gegen diese Ahnung hatte er schon frher sich befestigt
gezeigt.

War es irgend mglich zu hoffen, dass man eine gegen ihn ergangene
Schmhung berhrt habe, so pflegte er derselben lieber gar nicht zu
erwhnen, sondern sie mit grossmthigem Stillschweigen zu bergehen. So
hatten allerdings mehrere aus der Schule der transscendentalen
Idealisten ihn oft etwas respectwidrig behandelt. Fichte hatte das
einzige Mal, da er seiner erwhnt, ihn als die ^seufzende Creatur^
charakterisirt; Schelling hatte ihn einmal ^einen alten Californier^,
und ein andermal ^einen alten Geck^ gescholten; Niethammer hatte gar die
-- zwar ungegrndete, und tiefer unten zu widerlegende Hypothese
geussert: Nicolai sey nun wirklich bergeschnappt, und er sey der Gott
Vater zu Bedlam, der gegen seinen Nachbar Jesus Christus, -- etwa den
Ritter Zimmermann, die Zhne fletsche. Dennoch hat Nicolai, so oft er
auch hinterher veranlasst worden, diesen Mnnern ihr briges Unrecht
hart zu verweisen, dieser ihm selbst widerfahrenen Beleidigungen nie
auch nur erwhnen mgen. Er hat vielmehr immer standhaft vorausgesetzt,
dass jene Mnner seiner Weisungen allerdings achteten, und lehrbegierig
darauf hrten, und durch dieselben schon noch zur Besinnung gebracht
werden wrden. Tieck hatte ihn beinahe in allen seinen Schriften auf
eine sehr empfindliche Weise durch wahren, tief eingreifenden Witz
angezapft; besonders aber erschien im ersten Hefte seines poetischen
Journals ein alter Mann, der unserm Helden wie aus den Augen geschnitten
war; auch stellte im jngsten Gerichte desselben Hefts Nicolai
namentlich sich in einer hchst possirlichen Gestalt dar. Dadurch wurde
unser Held so wenig beleidigt, dass er Kaltbltigkeit genug beibehielt,
in eigner Person jenes Heft zu recensiren[12]. Zwar konnte er es nicht
verbergen, dass die beiden Aufstze, in denen er angegriffen war, nichts
taugten; war aber schonend genug, den eigentlichen faulen Fleck in
denselben nur ganz leise, wie wir unten sehen werden, zu berhren.

War aber der Verstoss in zu grosser und guter Gesellschaft gemacht, und
liess sich nicht annehmen, dass er auf die Erde gefallen sey, so wusste
unser Held immer gut nachzuweisen, warum die Gegner so sprechen mssten,
wie sie sprachen. Es fand sich immer, dass er sie schon frher
angegriffen, und ihre Eigenliebe gekrnkt habe, dass sie nur dafr sich
rchen wollten, und deswegen Dinge vorbrchten, denen ihre wahre
Herzensmeinung widersprche. So war in den bekannten Xenien der Spass
mit unserm Nicolai wirklich weit gegangen, auch liess sich die Kunde
davon nicht gut ablugnen. Unser Held aber zeigte, dass die Verfasser
jene Gedichte nur deswegen publicirt htten, um die tiefen Wunden, die
er ihnen durch den 11. Band seiner Reisen geschlagen, zu rchen.
Freilich hre niemand gern die Wahrheiten, die er ihnen dort sage, es
sey ihnen eben nicht zu verdenken, dass sie sich rchten, so gut sie
vermchten. Uebrigens wusste er, dass sie ihn im Herzen doch verehrten,
ihn fr einen Meister anerkannten, und gewaltige Furcht vor ihm
hatten[13].

So sagte er von den transscendentalen Idealisten, dass sie die D. B. zu
verachten nur affectirten[14]. Freilich waren sie eine rohe,
ungeschlachte Rotte, jene Idealisten, die fr manches Geachtete wenig
Achtung bezeigten. Aber die Bibliothek, dieses grsste Werk unsers
Helden, wirklich und in der That nicht zu achten -- diese Verkehrtheit
konnte selbst ihnen Nicolai nicht zutrauen. Nein, sie stellten sich nur
so, sie affectirten nur Nichtachtung, weil ihnen die Trauben des
schmackhaften Lobes jener Bibliothek zu hoch hingen.

So setzte er bei der oben erwhnten Recension des Tieckschen Journals
hinzu: Tieck ussere da sein Misfallen an einigen Personen, denen er
selbst und seine Verse wohl auch nicht gefallen haben mchten. --
Mochte doch diese Stelle denjenigen, die dieses Journal nicht gelesen
hatten, dunkel bleiben. Was sollte doch er selbst durch seine Bibliothek
das leider erhobene Skandal weiter verbreiten? Waren aber welche unter
den Lesern, die jenes Journal gesehen hatten, so konnten diese nur
glauben, Nicolai mchte Herrn Tieck frher etwas zu Leide gethan haben,
dieser habe dafr sein Mthchen an ihm khlen wollen; nicht, als ob er
im Herzen nicht voller Achtung und Respect fr ihn sey, sondern
lediglich aus dem boshaften Grunde, sich an ihm zu rchen.

Auf diese Weise entging unser Held dem, was in jedem andern Falle sicher
zu erwarten gewesen wre, dem sichtbar erscheinenden und im brgerlichen
Leben sich ussernden Wahnsinne. Mit dem Ritter Zimmermann, welchem
Nicolai seine Eitelkeit nicht verzeihen konnte, ohnerachtet er selbst
daran einen grssern Antheil hatte, und mit demselben Wohlgefallen von
seinem Schachspielen mit dem Minister Wllner, und von der witzigen
Abfertigung, die er ihm gegeben, erzhlte, als jener von seinen
Unterredungen mit Friedrich dem Zweiten erzhlt hatte -- mit dem armen
Ritter endete es traurig, und auch dem unglcklichen Wetzel bekam seine
Gttlichkeit bel. Es glaubten deswegen viele, dass es auch mit unserm
Helden auf dieselbe Weise enden wrde; und der oben angefhrte Gelehrte
glaubte sogar einstmals, dass dieser Fall wirklich eingetreten sey.
Diesen Mnnern entging nur folgendes, dass man, um wahnsinnig werden zu
knnen, doch noch irgend einen wahren und richtigen Gedanken
unaustilgbar in sich haben muss, welcher mit den ebenso fest
eingewurzelten unrichtigen und falschen in einen nie zu entscheidenden
Widerstreit gerth, und dadurch das Phnomen der Geistesverwirrung
erzeugt. Totale und radicale Verkehrtheit aber, mit welcher auch nicht
Ein richtiger Gedanke verbunden ist, stimmt mit sich selbst innig
zusammen, und macht das Verfahren ebenso fest und unerschtterlich und
gleichmssig, als die Wahrheit. Ein solcher ist in seinem Ideenkreise
beschlossen, und kein Gott wrde einen Gedanken in denselben
hineinbringen, der nicht darein passte. -- Hierzu kommt, dass besonders
diejenige Art der Verrcktheit, welche aus Eigendnkel entsteht, und in
welcher die Menschen sich fr ganz etwas Anderes halten, als sie sind,
eigentlich nur durch den Widerspruch anderer erhitzt, erbittert, und zu
den wilden Aeusserungen, in die sie fters ausbricht, bewogen wird. Bete
man nur jenen Gott Vater zu Bedlam, und seinen Sohn Jesus Christus
glubig an; lasse man sie nur ruhig bei der Meinung, dass sie die Welt
regieren und alle Tage das Wetter machen, und sie werden sehr sanfte
wohlthtige Gottheiten bleiben. Nur der Widerspruch reizt sie. Gegen
diese Reizung war unser Gott Vater durch ein in seiner Narrheit selbst
liegendes Mittel gesichert: er glaubte nie, dass der Widerspruch
ernstlich gemeint sey. Die Schnippchen, die man gegen seinen papiernen
Olymp heraufschlug, hielt er fr eigen gestaltete Dmpfe des Weihrauchs.
Handelten die Sterblichen unter ihm nicht nach seinem Sinne, so griff er
zu etwas, das er treuherzig fr seinen Donnerkeil hielt, schleuderte es,
und war nun fest berzeugt, dass alles um ihn herum zerschmettert und
vernichtet wre.

Ein Narr war er freilich; denn es ist ohne Zweifel ebenso nrrisch, wenn
ein einfltiger unstudirter Buchhndler, der nie eines systematischen
Unterrichts genossen, und nie die entfernteste Idee davon gehabt, was
eine Wissenschaft sey, sich fr den ersten aller Gelehrten, ein geborner
stumpfer Kopf, der es nie dahin bringen knnen, auch nur einen Perioden
sprachrichtig und logisch zu schreiben, sich fr einen Mann von
allgemeinem und ausserordentlichem Talent, und ein ausgemachter Berliner
Badaud[15] und ungezogener tlpelhafter Schwtzer sich fr einen grossen
Weltkenner und Weltmann hlt: als es nrrisch ist, wenn ein armer
Schuhflicker sich fr den Knig von Jerusalem ansieht. Aber in dieser
Verrcktheit blieb er sich so unerschtterlich gleich und alles sein
Handeln, Glauben und Denken stimmte mit ihr, und unter sich so wohl
berein, dass, wenn man bloss seine Aeusserungen unter einander
verglich, und mit der ungeheuren Falschheit der ersten Voraussetzung
nicht bekannt war, man bis an sein Ende nicht die geringste Spur einer
Verstandesverwirrung an ihm entdecken konnte.


                             Anmerkungen.

[Funote 12: M. s. 3. Heft. 1. St. 56. B. der neuen deutschen
Bibliothek.]

[Funote 13: M. s. Nicolai's Schrift gegen die Xenien.]

[Funote 14: M. s. das 2. Heft des oben angefhrten Stcks der N. D. B.]

[Funote 15: Wir erklren uns ber diese Benennung in der 4ten Beilage.]




                           Zehntes Capitel.
      Ein Grundzug des Geistescharakters unsers Helden, der aus
             jenem hchsten Grundsatze natrlich folgte.


Wer bei aller Geistesthtigkeit keinen andern Zweck hat, als den, sich
geltend zu machen und sein Uebergewicht zu zeigen, weil er ein solches
Uebergewicht zu haben vermeint, der verliert sehr bald durchaus allen
Sinn fr jeden mglichen andern Zweck der Geistesthtigkeit. Ihm ist
alles Forschen und Nachdenken lediglich Mittel zum Disputiren,
keinesweges aber zur Auffindung einer bleibenden Wahrheit, die allem
weitern Disput ein Ende mache. Eine solche Wahrheit, die da nun wahr sey
und bleibe, ist ihm ein Greuel, er hasst sie und wthet gegen ihre Idee;
denn wenn sie gefunden wrde, so msste ja auch er sich ihr unterwerfen
und drfte nichts gegen sie sagen.

Dieser Hass gegen alle positive bleibende Wahrheit musste also ein
Grundzug unsers Helden seyn, der von dem nun sattsam beschriebenen
Princip ausging. Gab er ja eine fr sich bestehende und bleibende
Wahrheit zu, so war es die der Anekdote; und sogar das ist zweifelhaft,
ob er auch diese zugab. In allem, was ber diesen Standpunct hinauslag,
und ganz besonders in philosophischen und religisen Materien, erblickte
er nichts weiter, als einen Gegenstand des Disputs, wo jede Meinung so
viel werth wre, als jede andere, und der berall keinen Gebrauch htte,
als den, den Scharfsinn zu ben. Seine Maxime war: man msse jedem, was
ber dergleichen Gegenstnde zuletzt vorgebracht wre, widersprechen,
damit es nicht etwa dabei sein Bewenden behielte, und die einzige wahre
Bestimmung des menschlichen Geistes, der Disput, ins Stocken geriethe.

Darum waren ^Protestantismus^, ^Denkfreiheit^, ^Freiheit des Urtheils^
seine bestndigen Stichworte. Sein ^Protestantismus^ nemlich war die
Protestation gegen alle Wahrheit, die da Wahrheit bleiben wollte; gegen
alles Uebersinnliche und alle Religion, die durch Glauben dem
Dispute ein Ende machte. Nach ihm war das eben der Zweck der
Kirchenverbesserung, jeden Laien in den Stand zu setzen, ber religise
Gegenstnde ins unbedingte hin und her zu disputiren, wie ein
allgemeiner Bibliothekar, keinesweges aber irgend etwas glubig zu
ergreifen und in diesem Glauben zu handeln. Ihm war alle Religion nur
Bildungsmittel des Kopfs zum unversiegbaren Geschwtz, keinesweges aber
Sache des Herzens und des Wandels. Seine ^Denkfreiheit^ war die
Befreiung von allem ^Gedachten^; die Ungezhmtheit des leeren Denkens,
ohne Inhalt und Ziel. ^Freiheit des Urtheils^ war ihm die Berechtigung
fr jeden Stmper und Ignoranten, ber alles sein Urtheil abzugeben, er
mochte etwas davon verstehen oder nicht, und was er vorbrachte, mochte
gehauen seyn oder gestochen. So fragt er in jener berhmten Acte
Schelling, der sich ber die Aufnahme zweier ungeschickten Recensionen
einer seiner naturphilosophischen Schriften in die Jenaische gelehrte
Zeitung beschwerte: ob denn der Mann gar keinen Begriff von der
Freiheit des Urtheils der Gelehrten habe? Wohl mochte Schelling und
alle seines Gleichen keinen Begriff haben von der Unverschmtheit, mit
welcher jeder Stmper in Dinge hineintappte, von denen er recht wohl
wusste, dass er sie nie gelernt htte, und jeder Esel seinen Mund zur
Antwort ffnete, ohne gefragt zu seyn.

Und so brachte Nicolai sein Leben hin, gegen Papismus, ebenso wie gegen
Kriticismus und Idealismus zu disputiren; denn gegen beides disputirte
er aus demselben Grunde, -- als gegen eine fremde Autoritt, die sich
den Menschen aufdringen wollte, zum Nachtheil der unbegrenzten
Disputirfreiheit, genannt Protestantismus, und seiner eigenen
wohlerworbenen Autoritt. Mit der eklektischen Philosophie hatte er sich
wohl vertragen knnen; diese hatte auch sein protestantisches Princip,
ber alles hin und her zu meinen, nichts aber zu ergrnden und
auszumachen. Die neuere Philosophie aber wollte ergrnden und ausmachen
und entscheiden; es war ihr Ernst, das Zeitalter zum Redestehen und zur
Entscheidung zwischen Ja oder Nein zu bringen, und dass es dabei sein
Bewenden habe. Diese Anmuthung erschien unserem Helden als eine
strfliche Anmaassung. Dass jemand in allem Ernste an eine fr sich
bestehende Wahrheit glauben und berzeugt seyn knne, derselben auf die
Spur gekommen zu seyn, setzte er nur nicht voraus. Diese Verkehrtheit
selbst seinem verhasstesten Gegner zuzutrauen, war er doch zu
grossmthig. Er sahe sonach in den Stzen jener Philosophen nichts als
Meinungen, ihrem eigenen guten Bewusstseyn nach nur Meinungen, die nicht
besser seyn wollen drften, als andere Meinungen; und in dem Ernste und
dem entscheidenden Tone, mit dem sie dieselben vortrugen, nichts, als
die Bemhung, dem Publicum zu imponiren. Drum schrie er ber Autoritt.
Fr den, der keine Kraft hat, selbststndig aus sich Wahrheit zu
erzeugen, giebt es auch wirklich nirgend etwas Anderes als Autoritt.




                           Eilftes Capitel.
    Ein paar andere Grundzge, welche aus dem ersten Grundzuge und
           hchsten Grundsatze unseres Helden erfolgt sind.


Wer die Rede des anderen hrt, oder seine Schrift liest, lediglich um
etwas daran auszusetzen und ihm zu widersprechen, und dem es, da er gar
nichts Anderes zu thun hat, leid thun wrde, jenen noch einen Augenblick
fortreden zu lassen, nachdem er Gelegenheit zum Widerspruche gefunden,
ergreift immer die nchste Gelegenheit. Diese aber kann jeder, dem es
nur ernstlich um das Widersprechen zu thun ist, immer auf der Oberflche
finden. Da es ihm nun nur darum zu thun ist, so hat er nie ein
Bedrfniss, ber diese Oberflche hinauszugehen; es wird ihm habituell,
nie ber sie hinauszugehen, und so entsteht in ihm und verwchst mit
seinem Selbst das Phnomen ^der absoluten Oberflchlichkeit und totalen
Seichtigkeit^. Dies war das Schicksal unseres Helden. Es war
schlechterdings unmglich, bei irgend einem Gegenstande ihn auch nur um
eine Linie unter die Oberflche in das Innere zu bringen.

Die absolute Oberflche ist das nackte abgerissene Factum, als solches.
Daher war der Kreis, in welchen das Nicolaische Vermgen gebannt blieb,
der der Anekdote und der Curiositt. Es war ihm Herzensfreude, wenn die
Untersuchung sich dahin lenkte. Welch ein Fest fr ihn, als Friedrich
der zweite starb, und Anekdoten in Flle ber ihn erschienen! Da war er
in seinem Felde; da gab es zu widerlegen, zu berichtigen, zu ergnzen.

Das blosse Wissen der geringfgigsten Anekdote war ihm Zweck an sich:
durch dergleichen Wisserei erfllte er, seiner Meinung nach, den Zweck
des menschlichen Daseyns, und stillte sein unendliches Sehnen nach
Wahrheit. Je seltener diese Wisserei war, desto lieber war sie ihm, denn
dann konnte er am meisten damit prahlen; und diese Seltenheit der
Wisserei war die einzige Art der Grndlichkeit, die er kannte. Daher
sein Hang nach Curiositten, nach Predigerberschlgen, Perrcken und
Haartouren, den leichtesten Angelhaken; -- und wer mchte die
Kleinigkeiten alle aufzhlen, mit denen er seinen Forschungsgeist
nhrte. -- Dass er die entfernteste Ahnung gehabt, wozu die genaue
Erforschung dieser einzelnen an sich geringfgig erscheinenden Dinge im
^Ganzen^ gebraucht werden knnte; -- dass dieser Anekdotengeist sich je
auch nur zum dunkelsten Begriffe von Geschichte erhoben habe, davon
findet in seinen Schriften sich nicht die geringste Spur.

Vor dieses ihm allein sichtbare Forum der Anekdote zog er nun alles
andere, was ihm unter die Hnde kam, und selbst die Philosophie. Die
seinige, bei der es, ihm zufolge, eben sein Bewenden haben sollte, war
selbst nichts Anderes, als eine Sammlung von Anekdoten ber die Sprche
und Meinungen ehemaliger Philosophen. Und so widerlegte er denn auch die
Speculation anderer durch Anekdoten, wahre oder erfundene Geschichte;
und ein Sempronius Gundibert schlug eine Kritik der reinen Vernunft.
Gegen den kategorischen Imperativ erinnerte er, und erinnerte wieder,
dass es nach demselben im Leben nicht herginge, und glaubte bis an sein
Ende, jenem Imperativ dadurch den Garaus gemacht zu haben.

Dies ist die absolute Seichtigkeit, welche man die ^materiale^ nennen
knnte. Ebenso innig mit unserem Helden verwachsen, und aus demselben
Grundzuge hervorgegangen, war eine zweite, die wir die Seichtigkeit ^in
der Form^ nennen wollen.

Wem es nur darum zu thun ist, den anderen in die Rede zu fallen, und mit
seinem Widerspruche schnell anzukommen, dem ist jeder Gedanke, der ihm
zuerst in den Sinn kommt, recht. In welchem Zusammenhange des Denkens
der Andere seine Meinung vortrage, ^woraus^ er sie beweise, und ^was^ er
hinwiederum aus ihr erweisen wolle, wie sie daher durch dieses
Vorhergehende und Nachfolgende bestimmt, und dieser Bestimmung nach
eigentlich zu verstehen sey, -- dies zu bedenken, hat er nicht Zeit; und
wenn er berhaupt nur hrt, und von jeher nur gehrt hat, um zu
widersprechen, kommt er nie zu dem Begriffe von einem solchen
Zusammenhange. Ihm hngt absolut alles Denkbare unmittelbar zusammen,
weil man mit jedem jedem widersprechen kann; und es entsteht ihm das
schon oben beschriebene System des aus unmittelbar gewissen Krpern
bestehenden grossen Sandhaufens; denn dieses ist das tauglichste zum
eilfertigen Widerspruche.

So war es unserem Helden ein Leichtes, dem Princip des transscendentalen
Idealismus ein halbes Dutzend Blutigel, eine Schweinskeule, eine ^chaise
perce^ in den Weg zu werfen, sowie eins dieser Dinge ihm zuerst unter
die Hnde kam; ohne abzuwarten, wie es etwa jenes System machen wrde,
um den Blutigeln und den Schweinskeulen auszuweichen. Bei ihm entstand
durchaus kein Zweifel, ob diese Einwrfe auch wohl passen mchten. Warum
sollten sie denn nicht passen? Hatte er sie doch angepasst.

Aus dieser absoluten Seichtigkeit entsteht nun schon an und fr sich
^Schiefheit^ fr alles, was da hher liegt, als die blosse Anekdote,
oder durch seinen Zusammenhang bestimmt wird. --

Aber zu dieser aus der Seichtigkeit natrlich erfolgenden Schiefheit
hatte Nicolai noch eine andere durch Kunst sich erworben, und durch
Uebung sich angebildet und zur zweiten Natur gemacht. Damit verhielt es
sich so. Wer den anderen bloss darum anhrt, um ihm zu widersprechen,
dem ist es immer Hauptaugenmerk, die Dinge nicht in dem Lichte zu sehen,
in welchem der andere sie zeigen will, denn dann drfte er einig mit ihm
seyn, sondern in dem, in welchem der andere sie nicht zeigen will;
sonach alles zu verdrehen, aus seiner natrlichen Lage zu richten und
auf den Kopf zu stellen. Wer dieses Handwerk eine Zeitlang treibt,
dessen Sehorgane wird durch die bestndige schiefe Richtung, die man ihm
giebt, diese Richtung endlich natrlich: sein Auge wird zum Schalke. Er
will nicht mehr verdrehen und schief sehen; es stellt sich ihm schon von
selbst alles verkehrt, verdreht und auf dem Kopfe stehend dar. So war es
unserem Helden ergangen, und daher entstanden die zusammengesetzten
Schiefheiten, die Schiefheiten der Schiefen von den Schiefen, die sich
in allen seinen Ansichten befanden. Die einfache und ihm natrliche:
dass er die Dinge aus ihrem Standpuncte und dem Zusammenhange des
Denkens riss; die zweite knstliche: dass er, sogar in dieser Lage, sie
noch ein oder einige Male verrckte. Es lsst sich ihm nachweisen, dass
er z. B. in seinen philosophischen Streiten weit plausiblere Dinge gegen
die angegriffenen Systeme htte vorbringen knnen, wenn er, wie andere
seiner Zeitgenossen, sich mit dem ersten einfachen, jedem
unphilosophischen Kopfe natrlichen und jedem anderen unphilosophischen
Kopfe leicht mitzutheilenden Misverstndnisse htte begngen wollen.
Aber das war ihm zu einfach, zu wenig originell; es musste
mannigfaltiger und knstlicher verdreht werden; und so arbeitete er oft
selbst seinem Zwecke entgegen. -- Es gereicht vielleicht zur Ergtzung
des Lesers, diese Grundschiefheit unseres Helden in einem Beispiele
dargestellt zu sehen. Wir whlen das erste, das uns unter die Hnde
fllt.

Nicolai unternimmt in jener berhmten Acte, das Fichtesche System aus
seinen Grnden zu prfen und zu widerlegen. Wie mag er zuvrderst wohl
bei der historischen Aufstellung des Inhalts dieses Systems zu Werke
gegangen seyn? Nun, ohne Zweifel hat er eine speculative Schrift jenes
Schriftstellers, in der dieser die Principien seiner Philosophie am
deutlichsten vorzutragen behauptet, -- etwa die ersten . der Grundlage
der Wissenschaftslehre, oder das erste Capitel einer neuen Darstellung
dieser Wissenschaft im philosophischen Journale, angefhrt und einen
wrtlichen Auszug davon seiner Prfung zu Grunde gelegt? -- Falsch
gerathen! Aus abgerissenen Stzen sehr vieler Schriften jenes
Schriftstellers hat er seinen Bericht zusammengeflickt. -- Nun so wird
er bei dieser Arbeit sich doch wenigstens auf eigentlich strenge
scientifische Schriften des Mannes eingeschrnkt haben? -- Wiederum
falsch gerathen. Dann bliebe es ja bei der einfachen Schiefheit. -- Oder
hat er die angefhrten Stellen aus populren Schriften des Verfassers
herausgerissen? -- Nun das wre allerdings etwas; aber doch noch nicht
genug fr unseren Helden. Aus populren und scientifischen Schriften,
aus abgerissenen Phrasen der Appellation, der Wissenschaftslehre, der
Bestimmung des Menschen, des Naturrechts des Verfassers, im buntesten
Gemisch nebeneinandergestellt, hat er seinen Bericht zusammengeflickt;
und hat so wenig Ahnung, dass jemand gegen dieses Verfahren etwas haben
knne, dass er hchst pnktlich ber historische Wahrheit zu wachen
glaubt, indem er bei jedem Citat hinzusetzt: es seyen Fichte's eigene
Worte, und die Seitenzahl angiebt.

Und wie geht es mit der Prfung und Widerlegung des Systems? -- Wir
wollen unsere Leser nicht vergeblich mit Rathen auf die Folter spannen;
indem wir sehr wohl wissen, dass schlechthin keiner, und sey er der
wiedererwachte Oedipus, fhig ist zu errathen, wie es damit geht. Wer
mchte auf den Grad der Schiefheit rathen, dass unser Held in einem
Athemzuge die Wahrheit und Richtigkeit des Systems durchaus anerkennt,
und in demselben Athemzuge sie wieder ablugnet? Und doch hat es sich
wirklich also begeben. Er lsst sich vernehmen: -- Das Ich ist Subject
und Object zugleich; nun dies ist richtig und giebt eine gute
Beschreibung des Bewusstseyns. -- So? wenn dies richtig ist, so richtig
ist, als F. es nahm, als ein absolut identischer Satz, so dass man ihn
auch umkehren knne: Identitt des Subjects und Objects = dem Ich, oder
auf die gewhnlichere Weise ausgedrckt, das Ich ist durchaus nichts
anderes, als Identitt des Subjects und Objects: so ist das ganze System
richtig, denn dieses System besteht durchaus in nichts anderem, als in
einer vollstndigen Analyse des zugestandenen Satzes.

Wie fngt es denn nun Nicolai an, um in demselben Athemzuge wieder
zurckzunehmen, was er hier zugesteht? Auch hier sind wir sicher, dass
kein Leser auf das rth, was sich wirklich zutrgt. Es trgt sich
nemlich nichts geringeres zu, als dies, dass Nicolai den ^eigentlichen
Inhalt^ dieser Philosophie, in dessen vollstndigem und durchgefhrtem
Beweise eben jenes System bestand, fr eine der ^Prmissen^ dieses
Systems, und zwar fr eine willkrlich und ohne allen Beweis
vorgebrachte Prmisse ansieht; das Gebude selbst fr die Kelle, womit
das Gebude gemauert worden, die Erde fr die Schildkrte, von welcher
die Erde getragen wird. Denn so lsst er sich vernehmen:

   ^der Satz, dass das Ich die Intelligenz, und die Intelligenz das
   Ich sey, sey lediglich eine willkrliche Terminologie: es werde
   nichts fr den Beweis dieses Satzes vorgebracht, auf welchen doch
   der ganze transscendentale Idealismus sich grnde^ --

schreibe: ^sich grnde^. -- Damit ja kein Zweifel brig bleibe, wie dies
zu nehmen sey, setzt er tiefer unten hinzu: ^man (nemlich Nicolai) wende
gegen jenen Satz ein: mein Ich ist nicht blosse Intelligenz, sondern
Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft, krperliche Kraft gehrt dazu^,
schreibe: ^gehrt dazu^.

Also: die lediglich auf eine willkrliche Terminologie sich grndende,
durch nichts bewiesene Prmisse des Fichteschen Idealismus ist der Satz:
Ich, ^oder^ Intelligenz, ^oder^ Vernunft, Sinnlichkeit, Denkkraft,
krperliche Kraft sind durchaus identisch. -- Diesem Satze stellt
Nicolai als unmittelbar gewissen Satz entgegen: ^Mein Ich ist freilich
unter anderen auch Intelligenz^ (denn indem er sagt, dass es nicht
^blosse^ Intelligenz sey, sagt er ohne Zweifel, dass es diese doch auch
mit sey); aber es gehren noch ausser der ^Intelligenz^ mit dazu,
^Vernunft^, ^Sinnlichkeit^, ^Denkkraft^, ^krperliche Kraft^. -- Durch
diese Gegensetzung nun hebt er jene Fichtesche Prmisse auf, und
sprengt, da ganz allein auf diese sich der ganze transscendentale
Idealismus grndet, diesen zugleich mit in die Luft; denn ^cessante
fundamento cessat fundatum^.

Es ist zu beklagen, dass Nicolai nicht unmittelbar darauf, als er diese
Widerlegung zu Ende gebracht hatte, aufgehenkt worden, damit er im
Bewusstseyn dieses glorreichen Arguments seine speculative Laufbahn
beschlossen htte, und die Nachkommen hierbei seiner gedenken mchten.
Zuvrderst ist sehr merkwrdig, dass in jenem Gegensatze, ausser und
neben der ^Intelligenz^, auch noch ^Vernunft^, ^Denkkraft^,
^Sinnlichkeit^ (denn die krperliche Kraft knnen wir ihm hier erlassen)
aufgezhlt wird. Htte Nicolai seinen Fleiss auf eine Beschreibung der
preussischen Armee gerichtet, so wrde er bemerkt haben, dass der Knig
ausser seiner Armee auch noch Infanterie gehalten htte, und Husaren und
Pfeifer.

Ferner stellt Nicolai, wie er immer thut, seinen Gegensatz so hin, als
ob sich die Wahrheit desselben von selbst verstnde. Also er fhrt ihn
als eine Thatsache des unmittelbaren Bewusstseyns. Hatte denn Nicolai
gar keinen philosophischen Freund -- er selbst freilich konnte dies
nicht wissen, ohnerachtet er sich zum Richter in Sachen der Philosophie
aufwarf -- der ihm gesagt htte, dass es wohl etwa Thatsache genannt
werden knne, dass man in einem bestimmten Falle vernehme, denke,
empfinde, sinnlich wirke, dass aber Vernunft in Bausch und Bogen, und
die Sinnlichkeit, und die Denk- oder krperliche Kraft, ^als Kraft^, fr
Thatsachen des Bewusstseyns auszugeben, in jenem Zeitalter nur noch
einem durchaus unkritischen Ignoranten zu verzeihen war?

Endlich war der Satz, dass das Ich, inwiefern es Subject-Object sey, die
Intelligenz selbst, also Vernunft, Denkkraft, Willensvermgen, sinnliche
Anschauung, physische Kraft sey, so wenig eine Prmisse jenes Systems,
dass er vielmehr das System selbst war; und dieses in seinem ganzen
Umfange nichts anderes zu thun hatte, als zu zeigen, dass alle jene
Erscheinungen im Gemthe nichts wren, denn die verschieden gebrochene
und sich zu einander verhaltende Subject-Objectivitt selbst. Auf diese
Beweise und Ableitungen musste sich ein Gegner dieses Systems einlassen,
und sie zu entkrften, oder Lcken und Mngel in ihnen zu entdecken
suchen. Statt dessen zu widersprechen, wie unser Held es that, war
gerade so, als ob ein Physiker aufgetreten wre, und gesagt htte: mir
ist es ausgemacht, dass alle mgliche Farben nichts sind, als
verschiedene Brechungen des Einen farblosen Lichtstrahls; und Euch
anderen will ich dieses durch eine Reihe von Experimenten beweisen,
indem ich durch bestimmte Brechungen desselben farblosen Lichtstrahls
alle andere Farben vor euren eigenen Augen entstehen lasse; und einer
aus dem Pbel, ohne nach seinen Experimenten nur zu sehen, die Zunge
herausgesteckt, dem Physiker Esel gebohrt, und geschrien htte: der Narr
denkt, alle Khe sind weiss, er weiss noch nicht, dass es auch schwarze
und gefleckte Khe giebt. So wurde beim Hindurchgehen durch das Sehorgan
unseres Helden alles schief, verzerrt und gar wunderlich. Es ist ihm
whrend seines Lebens sehr hufig vorgeworfen worden, dass er alles, was
er unter die Hnde bekme, hmischerweise verdrehe, und schmutzigerweise
besudle. Wir nehmen ihn gegen diese Beschuldigung in Schutz. Es war sehr
wahr, dass aus seinen Hnden alles beschmutzt und verdreht herausging;
aber es war nicht wahr, dass er es beschmutzen und verdrehen wollte. Es
ward ihm nur so durch die Eigenschaft seiner Natur. Wer mchte ein
Stinkthier beschuldigen, dass es boshafterweise alles, was es zu sich
nehme, in Gestank, -- oder die Natter, dass sie es in Gift verwandle.
Diese Thiere sind daran sehr unschuldig; sie folgen nur ihrer Natur.
Ebenso unser Held, der nun einmal zum literarischen Stinkthiere und der
Natter des achtzehnten Jahrhunderts bestimmt war, verbreitete Stank um
sich, und spritzte Gift, nicht aus Bosheit, sondern lediglich durch
seine Bestimmung getrieben.




                          Zwlftes Capitel.
        Wie es zugegangen, dass unser Held unter allen diesen
    Umstnden dennoch einigen Einfluss auf sein Zeitalter gehabt.


Wir wrden ein grosses Mistrauen in die Penetration unseres Lesers
setzen, wenn wir nthig fnden, nach allem Gesagten hinzuzusetzen, dass
wir Friedrich Nicolai fr den einfltigsten Menschen seines Zeitalters
halten, und nicht glauben, dass irgend etwas recht Menschliches an ihm
gewesen, ausser der Sprache.

Dass er nun von dieser seiner grossen Geistesgebrechlichkeit selbst
durchaus nichts gesprt, und mit der Meinung aus der Welt gegangen, er,
der allereinfltigste, sey gerade der allerklgste, ist kein
Wunder; denn diese Meinung von sich selbst, und diese totale
Unerschtterlichkeit durch irgend ein fremdes Urtheil, folgte aus seiner
extremen Dummheit selbst, und er htte um ein gutes Theil weniger dumm
seyn knnen, ehe er begriffen htte, dass er dumm sey.

Aber er hat auf seine Zeitgenossen gewirkt, und ist, zwar nicht
ffentlich anerkannt, aber wie der unparteiische Forscher gestehen wird,
wirklich und in der That, der Urheber eines grossen Theils des
Meinungssystems gewesen, welches in seinem Zeitalter die
Mittelmssigkeit zu dem ihrigen gemacht hatte. Wir geben wohl etwa in
einer Beilage nhere Nachweisung ber dieses Meinungssystem[16].

Wie in aller Welt ging es nun zu, dass diesmal die Armuth ihr Eigenthum
beim Bettel, die Einfalt ihre Weisheit bei der Dummheit, die Schielenden
ihre Einsichten beim Stockblinden holten, da sie doch dieses alles auf
eigenem Boden, und durch ihre eigenen Augen weit besser htten erzeugen
knnen?

Den Menschenkenner kann dies sonderbare Phnomen nicht befremden, wenn
er nur weiss, dass unser Held bei seiner extremen Dummheit zugleich
einer der rhrigsten und der allerunverschmteste unter seinen
Zeitgenossen war. Er trug kein Bedenken, alles, was ihm durch den Kopf
ging, sogleich auf allen Dchern zu predigen, und es unaufhrlich an
allen Ecken den Leuten in die Ohren zu rufen; und liess sich schlechthin
durch nichts irre machen oder aus der Rede bringen. Das Volk, das nicht
selbst arbeiten mag, und dem von allen Seelenkrften beinahe nur das
Gedchtniss zu Theil geworden, konnte nicht umhin, jene Weisheit sich
endlich zu merken. Sie hatten nun lngst vergessen, von wem sie dieses
alles zuerst gehrt htten, sie erinnerten sich nur noch dunkel, dass
sie es einmal gewusst, und glaubten nach und nach, sie htten es selbst
entdeckt und wahr befunden. Es fiel ihnen in den Gemeinschatz der
ausgemachten Wahrheiten und Thatsachen: und es war allerdings Thatsache,
dass sie es oft genug gehrt hatten. Und so ward unser Held der Urheber
eines grossen Theils der Denkart seines Zeitalters, ohne dass eben
jemand ihm sonderlich dafr dankte, noch wusste, woher diese Denkart
eigentlich wre. Er aber wusste es; und die schreiende Unerkenntlichkeit
der Zeitgenossen, um die er sich doch so sehr verdient gemacht, mag sehr
viel zu der blen Laune seines hheren Alters beigetragen haben.

Es ist kein Zweifel, dass auch ein Hund, wenn man ihm nur das Vermgen
der Sprache und Schrift beibringen knnte, und die Nicolaische
Unverschmtheit und das Nicolaische Lebensalter ihm garantiren knnte,
mit demselben Erfolge arbeiten wrde, als unser Held. Mchte man sich
immer anfangs an seiner Hundenatur stossen, wie man sich eben auch an
die Nicolainatur unseres Helden stiess. Wenn er sich nur nicht irre und
schchtern machen liesse, dieser Hund, wenn er nur das Gesagte immer
wieder sagte und fest dabei bliebe, und unermdet schrie und schriebe,
er habe doch recht, und alle Andern htten unrecht; wenn er sich wohl
gar noch durch den Gedanken begeistern liesse, und sich damit brstete,
dass er schon als ein blosser unstudirter Hund dies einshe, wie Nicolai
sich auch immer damit gebrstet, dass er als ein unstudirter Brgersmann
alles dies wisse: so wre uns gar nicht bange, dass nicht dieser Hund
sich einen sehr verbreiteten Einfluss verschaffen sollte. Seine Theorien
wrden das Zeitalter ergreifen, ohne dass man sich eben erinnerte, dass
sie von unserem Hunde herkmen; es wrde eine Aesthetik entstehen, nach
welcher jeder Spitz die Schnheit einer Emilia Galotti kunstmssig
zerlegen, und die Fehler in Herrmann und Dorothea so fertig nachweisen
knnte, als es jetzt nur Gottfried Merkel vermag; und die Bibel wrde
endlich von allem noch brigen Aberglauben gereinigt und so ausgelegt
werden, wie ein aufgeklrter Pudel sie verstndig finden, und wie er
selbst sie geschrieben haben knnte.


                              Anmerkung.

[Funote 16: Der Leser kann die in der dritten Beilage gelieferte
Charakteristik des Geistes der deutschen Bibliothek zugleich fr eine
solche Nachweisung nehmen.]




                            Erste Beilage.
                          (Zur Einleitung.)


   Angriffe Nicolai's auf die persnliche Ehre und den Charakter des
             Verfassers enthalten die folgenden Stellen:


                                  1.

Nachdem Nicolai die Herren Schelling und Schlegel beschuldigt, dass sie
gnstige Beurtheilungen ihrer Schriften in die Jenaische
Literaturzeitung zu bringen gesucht, fhrt er (S. 159. der oben
angefhrten Anzeige) so fort: Es ist der Schule der Ich-Philosophen
schon lnger (dem Zusammenhange nach ^frher^, ehe die obengenannten
gethan, dessen Nicolai sie beschuldigt, und ehe sie zu dieser Schule zu
rechnen gewesen) eigen gewesen, dass sie, wenn es nicht anders zu
beschaffen war (welch ekelhaftes Geschft, dergleichen Schreiberei
abschreiben zu mssen!), fr ihren transscendentalen Idealismus
Anpreisung zu ^erschleichen^ suchte. Sie affectirten zwar bei aller
Gelegenheit, die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten, ^aber
arbeiteten nicht wenig unter der Hand^, sie sich geneigt zu machen (1).
Sie versuchten Mitarbeiter anzubieten, welche eben Herrn Fichte's Schule
verlassen hatten, und da dieses nicht ging, so (2) suchten sie durch
einen Mitarbeiter der allgemeinen deutschen Bibliothek, der gar nicht im
philosophischen Fache arbeitete, ^unverlangt^ solche Recensionen
einzuschicken, wie sie ihren Absichten dienten, die, wie allenfalls
durch gewisse Kennzeichen zu zeigen wre, aus ^Jena^ kamen. Die damalige
Direction der neuen deutschen Bibliothek war auf solchen ^unartigen
Schleifweg^ nicht gleich aufmerksam genug u. s. w. (3). Man sahe nun
also wirklich in der neuen deutschen Bibliothek XVIII. B. S. 355. eine
solche heimlich eingeschwrzte Recension von Fichte's Grundriss der
gesammten Wissenschaftslehre, in welcher ein in die allgemeine deutsche
Bibliothek sich unverlangt eingeschlichener Fichtianer schlau so anhebt
u. s. w.

Wer sind denn diese ^Sie^ aus der ichphilosophischen ^Schule^ (der
verstndige Leser verzeiht mir wohl, dass ich, sowohl hier als im
folgenden, um der Krze willen, die Ausdrcke dieses Schulmeisters
beibehalte, der allenthalben nur Schulen erblickt, so innig auch mir
diese Ausdrcke zuwider sind), wer sind, sage ich, diese Sie, die
^frher^ noch, als Schelling an dieser Art des Philosophirens ffentlich
Theil nahm, ^frher^, als jene Recension des Fichteschen Grundrisses
eingeschwrzt wurde, -- der erste Streich, nach Herrn Nicolai, der ihnen
gelang, -- offenbar ^um ein betrchtliches frher^, denn durch die
vorhergegangenen vereitelten Machinationen mssen sie doch auch Zeit
verloren haben -- welche, sage ich, zu dieser Zeit das thaten, dessen
Nicolai sie unter (1) und (2) beschuldigt; diese ^Sie^ von der
Ichschule, die damals die allgemeine deutsche Bibliothek zu verachten
affectirten, -- ohne Zweifel ^ffentlich^, da ihre entgegengesetzten
Bestrebungen ^unter der Hand^ geschahen, in ^ffentlichen Schriften^
also (wie knnte auch sonst Nicolai um jene Affectationen wissen?),
diese Sie also, die schon damals in ffentlichen Schriften sich als
Ichphilosophen zeigten? Wer knnen sie seyn, diese Sie? Weiss Nicolai
aus diesem Zeitalter irgend einen Schriftsteller mir zu nennen, der sich
fr das System der Wissenschaftslehre erklrt htte, ausser mir selbst?
Kann er aus jenem Zeitpuncte irgend jemand zu seiner Ichschule rechnen,
ausser mir und meinen Zuhrern, deren keiner Schriftsteller war, und die
wohl nur durch mich literarische Connexionen htten erhalten knnen?

Will etwa Nicolai insinuiren, dass ich an der Spitze der vorgegebenen
geheimen Machinationen gestanden, oder wenigstens an ihnen Theil
genommen? Das muss er wohl wollen; denn seine Beschuldigung muss doch
irgend jemanden treffen sollen; sie muss doch einen von den frher
genannten und angegriffenen Mnnern treffen sollen, und da sie die
anderen, den Herrn Prof. Schelling, die beiden Schlegel, Herrn Tieck
nicht treffen soll, indem das Factum in eine frhere Zeit gesetzt wird,
-- sie muss den einzigen, welcher noch brig bleibt, sie muss ^mich^
treffen sollen. Auf mich wird sie auch jeder Leser, der die Stelle in
ihrem Zusammenhange liest, beziehen. Dies musste Nicolai vorhersehen;
und da er es vorhersah, und doch redete, wie er geredet hat, musste er
beabsichtigen, dass es geschehen mchte. Oder, wollte er nicht, dass
jene Beschuldigung auf mich bezogen wrde, wollte er nur berhaupt in
das blaue Feld hin, so dass kein bestimmter Mensch getroffen wrde,
beschuldigen, so musste er ausdrcklich erklren, dass er mich nicht
meine, dass er keinen Grund habe zu glauben, dass ich fr meine Person
an jenem Getreibe Theil genommen, von demselben gewusst habe und
dergleichen.

Dies hat Nicolai nicht gethan; er hat sonach gewollt, dass die
Beschuldigung auf mich bezogen werde.

Das Betragen, dessen er mich beschuldigt, ist Nicolai's eigenem guten
Bewusstseyn, Vortrage und Sinne nach, ein hchst verchtliches und
nichtswrdiges Betragen; er will, dass die Leser es ebenso ansehen, und
bedient sich der Ausdrcke, die es als ein solches beschreiben. Er redet
von ^Erschleichungen^, ^unartigen Schleifwegen, heimlichem
Einschwrzen^, von Versuchen, ^unter der Hand sich geneigt zu machen,
was man ffentlich zu verachten affectirt^.

Dasselbe Betragen ist nach meinen Begriffen und nach den Begriffen aller
Leser, deren Achtung Werth fr mich hat, noch unendlich nichtswrdiger,
verchtlicher -- und dmmer dazu, als Nicolai verstehen und begreifen
kann. Denn ich und alle die, mit welchen und auf welche zu wirken ich
wnschen kann, haben berhaupt gar wenig Respect fr die gewhnlichen
gelehrten Zeitungen, ihre Urtheile, und das Urtheil derer, die auf jene
Urtheile etwas geben.

Was aber insbesondere die allgemeine deutsche Bibliothek anbelangt, ob
sie in Bohns oder in Nicolai's Verlage herauskomme, so affectire ich
nicht dieselbe zu verachten, sondern ich verachte sie wirklich und im
ganzen Ernste, wegen ihrer allgemeinen Tendenz, und in dem besonderen
Fache, in welchem ich mir ein Urtheil zuschreiben darf, in dem der
Philosophie.[17]

[Funote 17: Und wie knnte ich anders, als sie verachten, von der Seite
ihres Geistes versteht sich, diese Recensenten, denen nicht einmal der
Nicolaische Kunsttrieb zu Theil wurde, miszuverstehen, zu verdrehen, und
sodann sich das Ansehen zu geben, als ob sie widerlegten; sondern die
sich geradezu hinstellen, bekennen und bejammern, wie der Schulknabe,
der seine Lection aufsagen soll, und sie nicht gelernt hat, dass sie das
Vorgebrachte denn doch gar nicht verstehen und klar kriegen knnten;
dass philosophische Schriften denn doch zum allerwenigsten so deutlich
seyn sollten, dass sie ^von Philosophen^ (sie sind wohl auch welche,
diese Recensenten? ein Philosoph ist wohl ein Mensch, der im
philosophischen Fache an der A. D. B. recensirt?), dass sie, sage ich,
von Philosophen verstanden werden knnten; die denn doch bei alle dem
ihre Abneigung gegen das, was sie nicht zu verstehen bekennen, nicht
bergen knnen, und zuletzt mit dem Troste fr ihren Redacteur, ihre
Leser und sich selbst, abtreten, dass noch zeitig genug die Zeit kommen
werde, da diese verzweifelte neueste Philosophie widerlegt seyn werde;
diese Recensenten, mit deren Belesenheit es so beschaffen ist, dass sie
aus Citaten Druckfehler abdrucken lassen, und sich hinterher ber den
sonderbaren Ausdruck verwundern. So lsst neulich einer aus Heydenreichs
Vesta unbefangen folgenden Satz als den meinigen abdrucken: Das
eheliche Verhltniss ist die von der Natur geforderte ^Masse^ (^Weise^
steht in meinem Texte, m. s. mein Naturrecht Bd. III. 316. [2. Th. 174])
des erwachsenen Menschen von beiden Geschlechtern zu existiren.
Allerdings eine sonderbare Art sich auszudrcken, ruft der Recensent in
einer Parenthese aus.

Jeder, der in den neuesten Stcken der N. D. B. unter den
philosophischen Recensionen herumblttern will, wird auf die oben
angefhrten Aeusserungen stossen.

Nun wird zwar Nicolai, der bei der Wiederbernehmung der Herausgabe
jener Bibliothek die bisherigen Recensenten beizubehalten verspricht
(auch nimmermehr andere bekommen wrde), versichern, dass jene
Recensenten unter die ersten deutschen Schriftsteller gehrten, wie er
dies von dem Recensenten der Schellingschen Weltseele in der Jenaischen
Literaturzeitung versichert, und wohl gar so grossmthig seyn, sich in
meine Seele, ebenso wie in Schellings zu schmen, dass ich von diesen
Mnnern spreche, wie von einfltigen Schulknaben; wie ich denn auch
allerdings thue.]

Dieselbe Verachtung habe ich ohne Ausnahme bei allen angetroffen, deren
Gesinnungen ber diesen Punct ich zu erfahren Gelegenheit hatte. Und nun
will Nicolai, dass man von mir glaube, ich habe dieses Blatt, dessen
Verchtlichkeit unter die gemeingeltenden Dinge gehrt, mir geneigt zu
machen gesucht.

Ein solches Betragen wre, sagte ich unter anderen, auch dmmer, als
Nicolai begreifen kann. In der Gegend, in welcher ich damals mich
aufhielt und in dem noch sdlicheren Deutschlande ist die Verachtung
gegen die allgemeine deutsche Bibliothek, selbst bei den gemeinsten
Lesern, sogar zum Vorurtheile geworden; sieht man sie ja noch an, so
thut man es in den Stunden der Verdauung, um sich an den wunderlichen
Wendungen und Renkungen der Trivialitt und Nullitt, die es selbst zu
merken anfngt, dass sie Nullitt ist, zu belustigen. Wer in jenen
Gegenden lebt, hlt ein Lob in dieser Bibliothek fr eine schlechte
Empfehlung. Auf dieses Blatt giebt man nur noch in einigen finsteren
Provinzen Deutschlands etwas, wo man im Ganzen noch auf der Stufe der
Bildung steht, auf der wir vor 40 Jahren standen, und noch aus dem
Grundtexte berichtet zu seyn wnscht, ob in einer Stelle des neuen
Testaments vom Teufel wirklich die Rede sey, oder nicht, oder gegen die
Furcht vor dem Umsturze der theuren protestantischen Denkfreiheit durch
die Machinationen der Jesuiten Beruhigung sucht.

Also das Betragen, dessen Nicolai mich beschuldigt, ist nichtswrdig,
verchtlich, dumm. Er fhrt nichts an, um seine Beschuldigung zu
beweisen. Ich kann einen nicht gefhrten Beweis nicht widerlegen. -- Da
ich im Ernste nicht wieder zu Nicolai zurckkommen mag, so muss ich mich
begngen, ehrliebende Leser zu versichern, dass die ganze Beschuldigung
rein erdichtet ist, dass ich nie in freundschaftlichem Umgange oder
Verbindung mit irgend einem Menschen gestanden, der mir als Mitarbeiter
an der allgemeinen deutschen Bibliothek oder als zusammenhngend mit der
Redaction derselben bekannt gewesen, dass ich um die Urtheile in der
allgemeinen deutschen Bibliothek mich nie bekmmert, und nie das
Geringste gethan habe, um auf dieselben einen Einfluss zu erhalten. --

Der Verweis, den ich dem damaligen Verleger derselben, Herrn Bohn, zu
geben genthigt wurde, wegen der Imbecillitt, mit welcher er Pasquille
auf mich im Intelligenzblatte jener Zeitschrift abdrucken liess, und als
ich hierber Nachfrage anstellte, nicht wusste, wovon die Rede war, war
doch ohne Zweifel keine Gunstbewerbung.

Es ist jetzt an den Lesern, die meiner Versicherung nicht glauben,
Nicolai zum ffentlichen Beweise seiner Beschuldigung anzuhalten. Ich
weiss sicher, dass er nichts als Erdichtungen und Lgen wird vorbringen
knnen, und diese werden hoffentlich von der Art seyn, dass man, ohne
vor dem Publicum sich mit ihm abzugeben, ihn vor dem brgerlichen
Gerichtshofe belangen, und diesem das Urtheil bergeben knne.

Jedoch, ist es denn nicht Factum, was Nicolai Nr. 3 anfhrt, dass eine,
wie Nicolai meint, lobpreisende Recension meiner Grundlage der
Wissenschaftslehre in der neuen deutschen Bibliothek abgedruckt worden?
Fr Nr. 1 und 2 hat Nicolai vielleicht gar keine Beweise; er hat es
vielleicht aus Nr. 3 durch seine bekannte Conjecturalkritik nur
gefolgert, und kein Bedenken getragen, seine Folgerungen als historische
Thatsachen hinzustellen.

Welche Folgerungen! Weil eine Anzeige, die meine Gedanken nur nicht
sogleich weggeworfen haben will, sondern sie einem weiteren Nachdenken
empfiehlt, in die neue deutsche Bibliothek, deren Grundmaxime es ist,
alles Neue ohne weiteres wegzuwerfen, sich verluft; muss sie von einem
ausgemachten Fichtianer seyn, muss sie in Jena verfertigt seyn, muss ich
an der Einsendung derselben Theil haben, muss ich schon seit langem
hnliche Versuche vergebens gemacht haben?

Wre denn nicht auch etwa ^der^ Fall mglich, dass jene Anzeige von
einem Gelehrten herkme, der ^nicht^ zu Jena lebte, der mich nie
persnlich gekannt, und bis diese Stunde mich nicht persnlich kennt,
der kein Interesse fr mich haben konnte, als das, welches ihm die
angezeigte Schrift einflsste, und von dessen Existenz sogar ich erst
durch die Existenz jener Anzeige unterrichtet wurde? Wre es nicht
mglich, dass dieser Gelehrte diese Anzeige ohne alle Bestellung irgend
eines Redacteurs, lediglich aus Interesse fr die Sache, und in der
gutmthigen Meinung, dass dieser durch eine Recension nachgeholfen
werden knnte, abgefasst, und sie zuerst an eine andere wirklich
gangbare gelehrte Zeitschrift eingesendet; dass sie von da aus, etwa
weil man sie, wofr auch Nicolai sie erkannt haben will, fr einen
blossen trockenen Auszug gehalten, zurckgesendet worden, und nun erst
-- Nicolai mag wissen auf welchem Wege, ich weiss es nicht -- an die N.
D. B. gekommen, bloss damit sie nicht vergebens geschrieben wre; dass
ich von diesem letztern Schicksale jener Anzeige durchaus nichts vorher
gewusst oder erfahren, und mit einer hnlichen Befremdung, als Nicolai,
sie in dem angefhrten Hefte der N. D. B. abgedruckt gefunden? Wre
dieser Fall nicht ebenso mglich? Aber warum soll ich es nicht gerade
heraussagen: durch ein Ungefhr bin ich hierin besser unterrichtet, als
der sonst immer so wohl unterrichtete Nicolai; -- der als mglich
vorausgesetzte Fall ist wirklich; gerade so, wie ich es oben angegeben,
hat es sich zugetragen. Nicolai will wissen, dass jene Anzeige durch
einen Mitarbeiter an der A. D. B., der gar nicht im philosophischen
Fache arbeitete, der ihm sonach sehr wohl bekannt seyn muss, eingesandt
worden; und hierin weiss er mehr, als ich. Er hatte sonach einen festen
Punct, um seine sorgfltigen und wichtigen Untersuchungen anzuknpfen.
Htte er doch, er, der auf manchem Blatte[18] seinen Lesern erzhlt, wie
weit herum er correspondire, um grndlichen Bericht abstatten zu knnen,
wo die leichtesten Angelhaken verfertigt wrden, -- htte er doch auch
hier ein paar Briefe sich nicht gereuen lassen! Oder ist er vielleicht
auch ber diesen Gegenstand besser unterrichtet, als er sichs will
abmerken lassen, und diente es nur nicht in seinen Kram, zu verrathen,
dass die von ihm wieder aufgenommene A. D. B. frlieb genommen, was eine
andere gelehrte Zeitschrift abgewiesen, und auf mein eigenes Anrathen
abgewiesen hatte?


                                  2.

Ich komme zu Nicolai's zweitem ehrenrhrigen Angriffe. Er beschuldigt
mich (S. 176), ich habe, in Beziehung auf einen Gegner, ^der mir
gezeigt habe, was offenbar aus meinen Stzen folge^, von Schurkerei und
Bberei gesprochen.

Ich weiss nicht, ob Nicolai selbst begreift, wessen er dadurch mich
beschuldigt, und ich zweifle, dass er es begreift. Er wirft diese
Schmhung zusammen, und bringt sie in Einem Athemzuge vor mit einer
anderen Anklage, mit der, dass ich von gewissen Gegnern als von
Halbkpfen gesprochen. Dnkt ihm etwa dieses letztere und jenes erstere
so ohngefhr gleich?

Dnke ihm, was da wolle, es kommt nicht darauf an, was Er von mir
glaubt, sondern darauf, was er andere von mir glauben machen will. In
den Augen desjenigen Theils des Publicums, an dessen Achtung mir etwas
liegt, und in meinen eigenen Augen, ist dieses letztere und jenes
erstere nicht gleich.

Einen literarischen Angriff durch einen Angriff auf die persnliche
moralische Ehre des Gegners erwiedern, und die Anfhrung von Grnden
Schurkerei und Bberei nennen, ist nach meinem Urtheile, und wie ich
hoffe nach dem Urtheile aller verstndigen und ehrliebenden Mnner, nur
das Betragen eines wthenden Narren, oder tckischen und hmischen
Wahrheitsfeindes und Bsewichts.

[Funote 18: S. die Vorrede zum XI. Theile seiner Reisebeschreibung.]

Htte der Gegner nur wirklich aus ^meinen^ Stzen gefolgert, gesetzt
auch, er htte diese Stze falsch verstanden, oder er htte unrichtig
aus ihnen gefolgert, und ich htte ihm das Misverstndniss oder die
Fehlschlsse handgreiflich darthun knnen, so htte ich ihm allerdings
Unverstand, Inconsequenz und dergleichen Verstandesgebrechen vorrcken,
aber ich htte nimmermehr von Schurkerei und Bberei sprechen drfen, so
lange noch die mindeste Mglichkeit brig gewesen, anzunehmen, dass er
ehrlicherweise ^selbst glaube^, was er behauptet.

Wie verhlt sich denn nun die Sache? Zum Glcke lsst in diesem Handel
das Factum, worauf Nicolai seine Beschuldigung baut, sich zu Tage
liefern. Er giebt die Stelle richtig an (Philos. Journal v. J. 1798,
Heft 8, S. 386.[19] --) Hier ist sie im Zusammenhange.

[Funote 19: Smmtliche Werke Bd. V. S. 394. -- Die im Folgenden
erwhnte Note ist dort weggelassen worden, als lngst vergessenen
polemischen Beziehungen angehrig. (Anmerk. des Herausgebers.)]

Ich sage S. 385 oben im Texte: ich habe die lgenhaften Verdrehungen,
die z. B. Hr. Heusinger mit dem Gesagten vornimmt, weder verdient, noch
veranlasst; und setze in einer Note hinzu: Ich sage (S. 10 meines
Aufsatzes ber den Grund unseres Glaubens an eine moralische
Weltregierung, im 1. Hefte des Phil. Journals desselben Jahrganges), um
die nothwendige Consequenz beider Gedanken auszudrcken: Ich muss, wenn
ich nicht mein eigenes Wesen verlugnen will, die Ausfhrung jenes
Zwecks (der Moralitt) mir vorsetzen; -- habe diesen Satz zu analysiren,
wiederhole ihn daher auf der folgenden Seite ^verkrzt^ mit
Hinweglassung der Merkmale, die keiner Analyse bedrfen, so: ich muss
schlechthin den Zweck der Moralitt mir vorsetzen, ^heisst^: u. s. w. --
Die Rede ist sonach gleich der folgenden: In einem rechtwinkligen
Triangel ist das Quadrat der Hypotenuse gleich dem Quadrate der beiden
Katheten. In ^einem Triangel^ ist das Quadrat der Hypotenuse etc.
^heisst^: u. s. w. -- Hr. Heusinger aber[20] hlt sich an den letzten
Ausdruck des Satzes, als den ^directen^, erklrt meine ganze Theorie aus
diesem unbedingt gesetzten ^Muss^, um mich eines Fatalismus zu
bezchtigen (da doch jedem, der nur eine Sylbe von mir gelesen, bekannt
seyn muss, dass auf die Freiheit des Willens mein ganzes Denken
aufgebaut ist), und es recht klar darzulegen, wie nach mir die
moralische Ordnung ^sich selbst mache^, und wie ich mit meinem guten
Bewusstseyn ein offenbarer Atheist sey. -- Im gemeinen Leben nennt jeder
Ehrliebende ein solches Benehmen Schurkerei, Bberei, Lge. Wie soll man
es in der Literatur nennen? -- Dies ists, was ich geschrieben hatte.
Ich bitte den verstndigen und ehrliebenden Leser sich folgende Fragen
zu beantworten:

1) Heisst das, ^aus meinen Stzen folgern^, wie Nicolai es nennt, wenn
man mir einen ^bedingten Satz^ in einen ^unbedingten^ verwandelt, um mir
eine Meinung anzudichten, von welcher jeder, der in der neuen
philosophischen Literatur bewandert ist, wissen muss, und Hr. Heusinger
sicher wusste, dass ich mich von jeher auf das strkste gegen sie
erklrt habe? Es ist also nicht von ^Folgerungen^, es ist von
^Verdrehungen und Erdichtungen^ die Rede.

2) Kann man umhin, anzunehmen, dass diese Verdrehung nicht aus Irrthum,
sondern mit gutem Wissen und Bedacht gemacht worden, wenn der Verfasser
seinen Zweck, eine dem Gegner gemachte Beschuldigung (die des Atheismus)
als gegrndet zu erweisen, gleich von vornherein angiebt, und wenn
dieser Zweck ^nur durch dieses Mittel^ zu erreichen ist?

3) Wie wrde man ein hnliches Benehmen im brgerlichen Leben nennen?
Wenn ich z. B. im Gesprche gesagt htte: wenn Nicolai nicht ein
grundschiefer und zerrtteter Kopf ist, so ist er ein hmischer
Bsewicht: und Nicolai htte mehr zu bedeuten, als er hat, und es ginge
einer zu ihm, und erzhlte ihm, ich, Fichte, habe gesagt, er, Nicolai,
sey ein hmischer Bsewicht; und dieser Erzhler thte es in der laut
zugestandenen Absicht, einer Anklage, durch welche ein unauslschliches
Brandmal auf meinen Charakter gebracht werden sollte, und durch deren
Erfolg ich aus meiner Laufbahn geworfen worden, die ffentliche
Beistimmung zu verschaffen: wrde man dieses Benehmen anders bezeichnen
knnen, ausser durch die Benennung der Lge, der Schurkerei und Bberei?

4) Ist die Anfrage: im brgerlichen Leben nennt man dies Schurkerei,
Bberei, Lge, wie soll man es in der Literatur nennen? -- gleich ^dem^
Satze: man soll es in der Literatur ebenso nennen, und ich will es
hiermit also genannt haben? Zwar bin ich, damit nicht etwa jemand
glaube, dass ich mich zurckziehen wolle, ich bin allerdings der
Ueberzeugung, dass man es auch in der Literatur so nennen solle, wenn es
nur ber literarische Rechtlichkeit eine ebenso befestigte und
verbreitete allgemeine Meinung gbe, wie ber brgerliche Ehre. Ich bin
allerdings der Ueberzeugung, und scheue mich nicht, es laut zu erklren,
dass dieser Herr Heusinger sehr nichtswrdig gehandelt hat.

5) Nicolai's Betragen, der, wenn er nicht von so immensem Gedchtnisse
ist, dass er darin sogar die Seitenzahlen unseres philosophischen
Journals gegenwrtig hat, die oben angefhrte Stelle, welche er richtig
citirt, aufgeschlagen und vor Augen haben musste, und dennoch fhig war
niederzuschreiben: ich habe darber, dass ^ein Gegner mir gezeigt, was
aus meinen Stzen folge^, von Schurkerei und Bberei gesprochen, --
dieses Betragen Nicolai's zu beurtheilen und zu benennen, berlasse ich
ganz allein dem ehrliebenden Leser.

[Funote 20: In seiner Schrift: ber das idealistisch-atheistische
System des Herrn Prof. Fichte.]

Soviel ber diese ehrenrhrigen Angriffe Nicolai's, die auf erdichtete
Thatsachen sich grnden. Was er (S. 154 u. S. 177) ber mein Benehmen
bei der Niederlegung meines Lehramtes an der Universitt Jena urtheilt,
bergehe ich mit Stillschweigen, indem er hierin wenigstens nicht
offenbar falsche Thatsachen erdichtet, obgleich er mir Empfindungen und
Gesinnungen zuschreibt, welche nie die meinigen waren. Das Urtheil eines
Nicolai ist mir zu unbedeutend und zu verchtlich, als dass ich mich
dagegen vertheidigen oder annehmen sollte, dass irgend jemand, an dessen
Achtung mir liegen knnte, dieses Urtheil theilte. Es drfte vielleicht,
ausser dem, was ber jene Sache bekannt worden, noch andere Umstnde
geben, die da unbekannt geblieben, und welche mein Betragen dabei in ein
anderes Licht stellen wrden, als dasjenige ist, in welchem Nicolai
zweckmssig findet, dieses Betragen erscheinen zu lassen; aber Nicolai
gerade ist der letzte, der ber diese Dinge mich zur Rede bringen soll.




                           Zweite Beilage.
                        (Zum zweiten Capitel.)


Gegen die Schilderung Mendelssohns im Texte, dass er ein Mann von dem
besten Willen, aber von eingeschrnkten Einsichten und Zwecken gewesen
sey, wird ohne Zweifel niemand etwas einwenden, der diesen Mann aus
seinen Schriften und ffentlichen Verhandlungen, aus dem Lessingschen
Briefwechsel, und etwa auch aus mndlichen Erzhlungen kennt; -- wenn
nemlich der Beurtheiler nicht etwa selbst von eingeschrnkten Einsichten
und Zwecken ist. Mit Beurtheilern der Art aber wollen wir hier nicht die
Zeit verlieren.

Dass Lessing -- wir beziehen uns hier allenthalben auf die frheren
Schriften desselben und die von seinem Bruder herausgegebene
Lebensbeschreibung und Briefwechsel, und wnschten, dass der Leser, der
ein Urtheil in dieser Sache begehrt, damit sehr bekannt wre, -- dass,
sage ich, Lessing in seiner frhen Jugend sich in einer unbestimmten
literarischen Thtigkeit herumgeworfen, dass alles ihm recht war, was
nur seinen Geist beschftigte und bte, und dass er hierbei zuweilen auf
unrechte Bahnen gekommen, wird kein Verstndiger lugnen. Die
eigentliche Epoche der Bestimmung und Befestigung seines Geistes scheint
in seinen Aufenthalt in Breslau zu fallen, whrend dessen dieser Geist,
ohne literarische Richtung nach aussen, unter durchaus heterogenen
Amtsgeschften, die bei ihm nur auf der Oberflche hingleiteten, sich
auf sich selbst besann, und in sich selbst Wurzel schlug. Von da an
wurde ein rastloses Hinstreben nach der Tiefe und dem Bleibenden in
allem menschlichen Wissen an ihm sichtbar; und eine der deutlichsten
Erscheinungen dieser Vernderung war eine sich durchaus nicht
verbergende Verachtung gegen Nicolai's Person, und ganzes Werk und
Wesen, indess er die gutmthige Beschrnktheit Mendelssohns fortdauernd
mit schonendem Stillschweigen trug.

Schon frher hatte er unserem Helden die Verweise seiner Unwissenheit,
Ungeschicktheit und Suffisance nicht erlassen. (M. s. S. 98 ff. u. S.
109 ff. des von Nicolai selbst edirten Briefwechsels.) Von jetzt an
correspondirte er mit ihm nur noch ber Verlagsangelegenheiten, um ihm
Auftrge zu geben, z. B. dass er ihm Schuhe berschicken solle, und um
Neuigkeiten von der Buchhndlermesse durch ihn zu erhalten. Sein
Vertrauen hatte Nicolai so wenig, dass Lessing unverhohlen ber einen
gewissen Plan ihm schrieb: den knne er ihm nicht mittheilen, der msse
unter ^den Freunden^ (Klopstock, Bode u. a.) bleiben; ohnerachtet er
freilich frchtete, dass ihm beim Herumgehen um das Thor zu Leipzig ein
Wink darber entschlpft seyn mchte (S. 177 des angefhrten
Briefwechsels); seine literarische Untersttzung und Billigung der
Unternehmungen so wenig, dass Lessing nie eine Recension in die D. B.
verfertigt, so sehr auch Nicolai suchte, ihm dergleichen abzuschmeicheln
(S. 147), und sich genthigt fand, dies ffentlich zu erklren (S. 255),
und dass er nicht dazu zu bringen war, ihm Beitrge aus der
Wolfenbttelschen Bibliothek fr seine (Nicolai's) Volkslieder zu
senden, indem doch der ganze Spass nur auf Verwechselung des Pbels mit
dem Volke hinauslaufe (S. 393). Man sehe dagegen, mit welcher
Dienstfertigkeit und innigen Achtung derselbe Mann Conrad Arnold Schmid
(29. Theil der Lessingschen Schriften) und den fleissigen, biederen
Reiske (28. Theil) behandelte. Einen Zug in einer Nicolaischen Recension
nannte Lessing, kurz und gut, sowie er es wirklich war, ihm unter die
Augen ^hmisch^ (S. 213 d. a. Briefwechsels). Nicht nur Nicolai's
Person, sein ganzes Werk und Wesen verachtete er. So war ihm die
Aufklrerei und der Neologismus in der Theologie, wie er in der D. B.
getrieben wurde, ein wahrer Gruel, und er drckte unter vier Augen sich
oft krftig darber aus. So schreibt er seinem Bruder (30. Theil S.
286): was ist sie anders, unsere neumodische Theologie gegen die
Orthodoxie, als Mistjauche gegen unreines Wasser? Und auf der folgenden
Seite: Flickwerk von Stmpern und Halbphilosophen ist das
Religionssystem, welches man jetzt (wo anders als in der D. B.?) an die
Stelle des alten setzen will, und mit weit mehr Einfluss auf Vernunft
und Philosophie, als sich das alte anmaasst.

Wielands Plsanterie ber den Bunkel findet er so gerecht als lustig
(29. Theil S. 495). Was er daselbst noch weiter hinzusetzt, --
ohnerachtet es auf eine unseres Erachtens sehr unrichtige Voraussetzung
sich grndet, -- um Nicolai zu entschuldigen, zeigt doch wenigstens an,
zu welcherlei Handwerk Lessing diesen Mann allenfalls noch tauglich
gefunden: zu Verbreitung -- ^solcher^ Ideen, die fr ein gewisses
Publicum, das doch auch mit diese Stufe besteigen msse, wenn es weiter
kommen solle, ihren Werth htten, durch -- ^so einen Roman^.

Und Nicolai, der sich mit Lessings Freundschaft brstete, der die Ehre
des Todten gegen den Vorwurf vertheidigte, dass er -- kein so seichter
Kopf gewesen sey, als ein Nicolai, hat die Stirn, seinen Briefwechsel
mit Lessing, aus dem wir oben Auszge geliefert, selbst herauszugeben?
Warum nicht? Er hat lange Noten dazu gemacht, in denen er sich
herausredet, Lessing fr einen wunderlichen Kopf, fr einen bellaunigen
Brummer, fr ein berspanntes Genie ausgiebt, und seine ihm (dem
Nicolai) selbst ungelegenen Meinungen aus der leidigen Paradoxie und
Disputirsucht erklrt.

Heiliger Schatten, vergieb uns, dass wir in demselben Zusammenhange von
dir redeten und von ihm. Wenn auch keine deiner Behauptungen, wie du sie
in Worte fasstest, die Probe halten, keines deiner Werke bestehen
sollte, so bleibe doch dein Geist des Eindringens in das innere Mark der
Wissenschaft, deine Ahnung einer Wahrheit, die da Wahrheit bleibt, dein
tiefer inniger Sinn, deine Freimthigkeit, dein feuriger Hass gegen alle
Oberflchlichkeit und leichtfertige Absprecherei unvertilgbar unter
deiner Nation!




                           Dritte Beilage.
                        (Zum zweiten Capitel.)


Ich nenne die deutsche Bibliothek ^ein an sich widersinniges
Unternehmen^. Dies ist unter einer Nation, die in ihrer eigenen Sprache
schreibt, ihre eigene Literatur und einen sehr verbreiteten Buchhandel
hat, und viel liest, der Strenge nach ^jedes allgemeine Recensionswerk^.

Es ist zu beklagen, dass ich daran ein Paradoxon sage; denn dies ist
jede einem jedem gerade vor den Fssen liegende Wahrheit jedem
verknstelten Zeitalter. Knnte ich nur einige Augenblicke auf
unbefangene Leser rechnen, so wrde ich sie bitten, folgendes mit mir zu
berlegen.

Der Leser will doch ohne Zweifel ein richtiges Urtheil ber die Producte
der Kunst und der Wissenschaft, auf das er sich auch verlassen knne.
Wer kann denn nun, und wer soll diese Urtheile fllen? Doch wohl die
ersten Meister in jedem Fache der Kunst und der Wissenschaft?

Wenn nun zuvrderst der einige grsste Meister in einem Fache -- denn es
ist doch wohl nicht anzunehmen, dass die Grossen wie Pilze aus der Erde
wachsen -- etwas schriebe, wer soll denn diesem sein Urtheil fllen? Wer
soll gegenwrtig in der Kunst ber Goethe, wer sollte zu seiner Zeit in
der Philosophie ber Leibnitz, wer sollte, als Kant mit seiner Kritik
der reinen Vernunft hervortrat, ber Kant urtheilen? Ueber den letzten
etwa die Garve, die Eberharde? Nun, sie haben es gethan, und es ist
darnach. Diesen Fall aber abgerechnet: sollten denn die grssten Meister
die Geneigtheit haben, dieses Richteramt ber die Schriften zu
bernehmen; sollten sie nicht etwas Besseres thun knnen, das dem
gemeinen Wesen noch erspriesslicher sey? -- Der Lebenslauf jedes
wahrhaften Knstlers oder wissenschaftlichen Kopfs ist eine fortgehende
Entwickelung seiner eigenen Originalitt. Seine Kunst oder seine
Wissenschaft erlernt, und auf den Punct sich erhoben, wo das Zeitalter
stand, hat er; das versteht sich, und dies ist nun vorbei. Er geht
^seinen^ Gang, entwickelt sich selbst in eigenen Schriften, die er bei
der vorausgesetzten Ausbreitung des Buchhandels leicht ins Publicum
bringen kann; von den Arbeiten anderer nimmt er Notiz, nur inwiefern sie
gerade seinen Gang berhren, und ihm im oder am Wege liegen, und er wird
ohne Zweifel in seinen eigenen Werken die nthige Rcksicht darauf
nehmen. Sollte er sich wohl in diesem Kreise unterbrechen lassen, um
sich alle Wochen in einen ganz anderen Kreis eines ihm zur Recension
zugesandten Buches zu versetzen? Es ist nicht wahrscheinlich.

Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem Ernste geglaubt,
dass es zwei Klassen grosser Gelehrten habe: die eine, deren Namen es
kennt, und die die Bcher schreiben; und die zweite, wohl ebenso
bedeutende, deren Namen es nicht kennt, und die die Recensionen
schreiben?

Wer selbst ein Buch schreiben kann, der schreibt ein Buch und keine
Recension, und fr die Recensionen bleiben ^in der Regel^ nur diejenigen
brig, die kein Buch schreiben knnen: hinter ihrem Zeitalter
zurckgebliebene ^Invaliden^, deren Bcher keinen Absatz, und also
keinen Verleger finden, und ^Schler^, die zwar ein Aufstzchen in
Grsse einer Recension zusammenbringen, aber nicht den Plan eines Buchs
entwerfen knnen. Dafr, meine Leser, dafr ist die Anonymitt der
Recensenten. Das Publicum wrde ein schnes Schauspiel erhalten, wenn
die Redactoren der recensirenden Institute pltzlich genthigt wrden,
die Verfasser aller seit 5 Jahren erschienenen Recensionen zu nennen. --
^In der Regel^ ist es so, habe ich gesagt: denn es ist mglich, dass ein
wirklicher Schriftsteller etwas in seinen gegenwrtigen Gedankenkreis
Fallendes beurtheile, und da er gerade kein Buch unter der Feder hat, in
welches diese Beurtheilung passe, sie vorlufig in einem recensirenden
Blatte abdrucken lasse. Auf dergleichen Beitrge aber rechnet ganz
gewiss kein Redacteur, der seinen Messkatalog herunterrecensiren lassen,
und sein Blatt alle Tage voll haben muss: er muss bestellte, pnctliche
Arbeiter haben. Oder es drfte sich, ^da das leidige Vorurtheil fr
Recensionen einmal in der Welt ist, und vor der Hand wohl nicht leicht
auszurotten seyn drfte^, eine Gesellschaft von Mnnern, die allerdings
selbst Meisterwerke liefern knnten, verbinden, sich selbst zu
verlugnen, und auf dem Wege des Recensirens in das Zeitalter
einzugreifen. Die Redaction der Erlanger Literaturzeitung leistet in
einer neuerlichen Ankndigung Versprechungen dieser Art, und zeigt, dass
sie durchaus wisse, worauf es dabei ankomme; so dass sich billigerweise
annehmen lsst, sie sey im Besitze des Mittels, diese Versprechungen zu
halten, und grnde sich auf eine solche patriotische Verbindung; auch
berechtigt der Anfang zu immer grsseren Hoffnungen auf die Zukunft.
Diese Zeitung wrde sodann eine hchst seltene und hchst ehrenvolle
Ausnahme von dem obigen allgemeinen Urtheile machen.

Ein ^Invalid^ also, oder ein ^Schler^ wird in den ^8 oder 14 Tagen^, da
er das Buch flchtig durchluft, und recensirt, sich ber den Autor
erheben, der ^Jahre lang^, oder vielmehr, da jede seiner Arbeiten doch
immer Resultat seines ganzen Lebenslaufes ist, ^sein ganzes Leben^ an
diese Materie ausschliessend verwendete? Es ist nicht wahrscheinlich.

Der ^Invalid^ -- mit ihnen sind diejenigen literarischen Institute, die
auf Reputation halten, am meisten besetzt, damit sie im Falle der Noth
sich mit einem Namen decken knnen, der vor 20 Jahren galt -- der
Invalid wird das Zeitalter, in welchem er etwas bedeutete, in seinen
Recensionen zurckzufhren suchen, und alles neue verurtheilen, weil es
neu ist. Der ^Schler^ wird, wenn er noch am unbefangensten ist, auf
seinem Richterstuhle herumtappen, und vor den Lesern, die ein Urtheil
von ihm erwarten, zu begreifen suchen, worber er richtet. Seine
Recension wird eine seiner Schulbungen werden.[21]

[Funote 21: Ein Beispiel aus tausenden, um es dem Leser recht vor die
Augen zu stellen, in welche Verlegenheiten heutzutage ein ehrlicher
Redacteur kommen kann, und wie klglich sich dieselben oftmals behelfen
mssen!

Die Jenasche Literaturzeitung fand sich genthiget, noch ein
Ergnzungsblatt, gleichsam einen Beiwagen zu der immer zu stark
besetzten ordinren Landkutsche, anzulegen. Es wurde ausdrcklich und
namentlich angekndigt, dass dieses Ergnzungsblatt unter anderen auch
einen Bericht ber die durch die Fichteschen Religionslehren
entstandenen Bewegungen enthalten wrde. Jeder Leser musste glauben,
dass dieser Bericht ein vorzgliches Meisterwerk, und ein wahres
Bravourstck des Recensionswesens seyn wrde, von dessen
Vortrefflichkeit er auf das Ganze schliessen knnte, da es ihm schon im
voraus so bedeutend angekndigt wurde; und hchstwahrscheinlich hatte
der Herr Hofrath Schtz wirklich auf ein solches Meisterstck Bestellung
gemacht und erwartete tglich die Ankunft desselben. Und was hat er
erhalten!

Zwar so lange der Recensent Gefahr ahnt und deswegen auf seiner Hut ist,
zieht er sich listig genug aus dem Handel. Statt irgend eine
Eigenthmlichkeit der angefochtenen Lehre anzugeben, sagt er nur kurz:
was im Forbergschen Aufsatze richtig sey, sey Kantisch, und auch
Fichte's Lehre sey Kantisch, ausser dass der letztere diese Lehre an
seine Wissenschaftslehre anzuknpfen suche. Nun thue ihm einer etwas!
Fragt ihr, was denn nun richtig sey in diesen Aufstzen, so ist die
Antwort: das Kantische; und fragt ihr wiederum, was denn das Kantische
sey, so ist die Antwort: dasjenige was richtig ist.

Dagegen aber fllt ihn sein Unglck da an, wo er keine Gefahr weiter
ahnet. Von der Substanz, meint er, habe noch kein Philosoph einen
bestimmten Begriff aufgestellt. -- Welcher Philosoph weiss nicht, dass
seit Locke eine sehr bestimmte Nominalerklrung der Substanz vorhanden
ist: die, dass sie sey ^der Trger der Accidenzen^? Auch wrde der
Recensent gerade in dieser Wissenschaftslehre, von welcher er zu sagen
weiss, dass Fichte sein Religionssystem daran anzuknpfen suche, eine,
wie wir glauben, sehr bestimmte Real- und genetische Erklrung der
Substanz gefunden haben; dass sie nemlich sey ^die^ (allein im Denken
geschiedenen) ^Accidenzen selbst, in sinnlicher Anschauung zusammen- und
als Eins aufgefasst^, wenn er diese Wissenschaftslehre jemals
durchblttert htte: und er htte sodann den Lesern der ^A. L. Z.^
berichten knnen, warum Gott, der in sinnlicher Anschauung nicht
vorkomme, das Prdicat der Substanz sich nicht beilegen lasse; welches
den Lesern zu grosser Erbauung, und der Literaturzeitung zu grossem
Ruhme gereicht haben wrde. Von diesem allen hat er nichts gethan und
nichts gewusst. Man sieht, die Philosophie ist dieses Recensenten Fach
nicht.

Nun, was ist er denn also, und welches ist sein Fach?

Er frchtet, Fichte mge sich im Ausdrucke vergriffen haben, und geht
daran herum, ihm denselben zu verbessern. Man sieht, dass er gewohnt
ist, ^exercitia stili^ zu corrigiren. Ein Sprachmeister ist er.

Und was fr ein Sprachmeister! -- Fichte hat gesagt, dass man Gott das
Prdicat der Substanz nicht beilegen knne, und fhrt darauf fort: es
ist erlaubt, dieses aufrichtig zu sagen, und das Schulgeschwtz
niederzuschlagen, damit die Religion des freudigen Rechtthuns ^sich
erhebe^. Unser Sprachmeister nimmt von diesem letzteren Ausdrucke die
Gelegenheit, Fichte dem Verfasser des ^Schreibens eines Vaters etc.^,
welcher Verfasser Forberg und Fichte zuerst ffentlich des Atheismus
bezchtigt, -- so ungefhr gleichzustellen (denn dieser Sprachmeister
hat zugleich ein sehr gutes Gemth gegen Fichte, und zeigt es in diesem
einzigen Blatte, das die Langweiligkeit des Ganzen uns zugelassen hat,
durchzulaufen, auch noch an anderen Stellen), indem auch Fichte, nur
freilich etwas feiner, in der Speculation anders Denkende ohne weiteres
der Irreligiositt beschuldige, und hier insinuire, dass der Begriff von
Gott als Substanz erst niedergeschlagen werden msse, ehe die wahre
Religion stattfinde. Ihm sind sonach ^sich erheben^ (ber Hindernisse
und Zweifel) und ^entstehen^ Synonyme.

Forbergs Benehmen, das er hher oben als petulant, und der Wichtigkeit
der Sache nicht angemessen beschreibt, nennt er tiefer unten, um doch
auch seine Kenntniss des Franzsischen zu zeigen, ^niaiserie^. Er mag
wohl dieses Wort in seinem Dictionnre durch ^lppisches Wesen^
bersetzt finden, und es seinen Schlern immer so bersetzt haben, ohne
einen Unterschied zu bemerken zwischen einem ^unschicklichen^ Betragen
aus Muthwillen (dessen er ohne Zweifel Forberg beschuldigen will) und
einem ^ungeschickten^ und tppischen aus Unbeholfenheit, dessen weder er
noch irgend jemand Forberg beschuldigen wird, und welches allein doch
durch das Wort ^niaiserie^ bezeichnet wird. (^Niais^, hchst
wahrscheinlich von ^nidus^, eigentlich, ein junger Vogel, der, noch ehe
er fliegen konnte, aus dem Neste genommen worden und dessen Flug daher
unbeholfen bleibt.)

Der Recensent ist sonach ein verdorbener, heruntergekommener
Sprachmeister, der bei dieser Unwissenheit freilich seine Kunden
verlieren musste, und nun durch Recensionen an der Literaturzeitung sich
seinen Unterhalt zu erwerben sucht.

Kein Mensch, und am allerwenigsten der Verfasser, wird glauben, dass ein
so berhmter Philolog, als der Herr Hofrath Schtz, diese argen
Verstsse nicht bemerkt habe. Aber was konnte er machen? Der Abgang des
Beiwagens war angekndigt, die Stunde war da, und kein anderes Gut
vorhanden. Er musste eben aufladen, was er hatte.]

Und welche verchtliche Leidenschaften werden durch diese ganze
Verfassung erregt und genhrt! Welcher Eigendnkel bei guten Jnglingen,
welche grsstentheils dergleichen Einrichtungen wirklich fr das halten,
was sie seyn mssten, wenn sie berhaupt seyn sollten! Der Wahl
tappender und schielender Redactoren vertrauend, glauben sie vom Tage
ihrer Einladung zur Mitgliedschaft einer berhmten Recensentengilde
wirklich die Fhigkeiten zu besitzen, die sie in ihrer Unbefangenheit
den Recensenten zuschreiben, zrnen auf ihre redlichen Lehrer, welche
vielleicht diese Fhigkeiten in ihnen noch nicht bemerken wollten, und
ergreifen die Gelegenheit, diesen ihre Uebermacht fhlbar werden zu
lassen![22] Welche schne Aussichten fr Literaten aller Art, ihre
gelehrte Eifersucht, ihren Neid, ihre Rachsucht gegen jeden, der ihnen
irgendwo im Wege gestanden, zu befriedigen, ohne dass jemand wisse,
woher die Streiche kommen! Jeder Gedrckte trstet sich in aller Stille
damit: ei, ich will ihm schon einmal in einer Recension eins versetzen;
und er hlt Wort. -- Welches Schauspiel wrde das Publicum auch in
dieser Rcksicht erhalten, wenn die Redactoren pltzlich genthigt
wrden, die Verfasser der bisher erschienenen Recensionen anzugeben; und
die recensirten oder gelegentlich angezapften Schriftsteller hierauf
anfingen, Particularia und Personalia zu erzhlen!

Welch ein ganz eigener Ton, der besonders in den Verantwortungen
angefochtener Redactoren und noch strker in den Antworten der durch die
Anonymitt gedeckten Recensenten auf Antikritiken, in seiner ganzen
Originalitt erscheint! Da stsst ein Mann, der im Grunde weder witzig
noch hitzig ist, und es sehr gut weiss, dass er unrecht hat, sich bei
jedem Athemzuge in die Rippen, um die Langmthigkeit seiner Natur zum
Zorne, zur Grobheit, zur Pbelhaftigkeit zu reizen; jener lediglich, um
sein Blatt beim Publicum, dieser, um sich beim Redacteur, der allein ihn
kennt, in Respect zu erhalten. Ei, die verstehns; die wissen recht
einem jeden eins zu versetzen, soll der Lesepbel denken.

[Funote 22: Der Verfasser kann zwar nicht ganz in der beschriebenen,
aber doch in einer hnlichen Weise aus eigener Erfahrung sprechen.
Nachdem er ein -- von ihm selbst schon damals dafr erkanntes --
schlechtes Buch geschrieben hatte, dafr in einer berhmten Zeitung
mchtig gelobt, und gleich darauf zur Mitarbeit an dieser Zeitung
eingeladen wurde -- ei, dachte er, gehrt dazu nichts weiter? und hatte
einige Freude, und wurde auch wirklich, so lange er selbst in seiner
Wissenschaft noch keinen festen Standpunct hatte, zum Ritter an ein paar
jungen Schriftstellern, die noch weniger feststanden als er selbst.
Seitdem er diesen Standpunct gefunden und bessere Schriften schreiben zu
knnen glaubte, hat er jene Mitgliedschaft aufgegeben. Er kann nicht
dafr stehen, dass er nicht einst, wenn er etwa durch Altersschwche
herunterkommen sollte, wieder zu derselben greifen werde, und will fr
diesen Fall jener berhmten Zeitung, und ihrem berhmten Redacteur,
welche ohne Zweifel dann noch fortdauern werden, sich hiermit schon im
voraus zu gutem Andenken und zu brderlicher Schonung empfohlen haben.
--]

Welch ein abenteuerliches System von Begriffen und Meinungen, das aus
dieser Einrichtung hervorgegangen ist! Zuvrderst der Begriff einer
^Kritik^, die ausserhalb der Meister und der Meisterschaft und von ihnen
abgesondert wohnen soll! Eine Partei, die die Werke liefert, ohne
Kritik; eine andere Partei, die die Kritik besitzt, und sie ber die
Werke anderer hingiesst, ohne selbst Werke hervorzubringen. Dann der
Begriff von einer ^Urtheilsfreiheit der Gelehrten^: d. h. dass es jedem,
der einige Perioden deutsch zu schreiben vermag, erlaubt seyn msse,
ber alles Geschriebene in den Tag hineinzuschreiben, ob er davon etwas
gelernt habe, oder nicht, und dass ber sein Geschwtz kein anderer
lachen drfe. Dann die Meinung, dass jedes erscheinende Buch ein ^corpus
delicti^ sey, das sogleich vor den Richterstuhl gezogen werden msse;
dass die Bcher eigentlich nur darum geschrieben wrden, um recensirt zu
werden; und dass die Recensenten weit vornehmere Wesen seyen, als die
Schriftsteller; dass nur schlechte Schriftsteller sich gegen die --
Kritik, verstehe die Recensenten, auflehnen, gute aber sich ihr demthig
unterwerfen und sich bessern. -- Armes Publicum, dass du dir dergleichen
Dinge aufbinden lassen! Wisse, dass jedes Werk, das da werth war zu
erscheinen, sogleich bei seiner Erscheinung gar keinen Richter finden
kann; es soll sich erst sein Publicum erziehen, und einen Richterstuhl
fr sich bilden; es ist eine Lection an dich, gutes Publicum, und kein
^corpus delicti^. Spinoza hat ber ein Jahrhundert gelegen, ehe ein
treffendes Wort ber ihn gesagt wurde; ber Leibnitz ist vielleicht das
erste treffende Wort noch zu erwarten, ber Kant ganz gewiss. Findet ein
Buch sogleich bei seiner Erscheinung seinen competenten Richter, so ist
dies der treffendste Beweis, dass dieses Buch ebensowohl auch
ungeschrieben htte bleiben knnen.

So mit den ^allgemeinen^ Recensionsanstalten, die auf Universalitt der
Wissenschaft und auf Mitarbeiter aus allen Provinzen des deutschen
Vaterlandes Anspruch machen. Ein wenig unschuldiger sind die kleinen
Particular-Recensionsfabriken. Mit diesen will man entweder den Ort, wo
sie erscheinen, ehren, und beweisen, dass derselbe auch Gelehrte habe,
die ein Wort mitsprechen knnen. Unseres Erachtens ein sehr mislicher
Beweis; es wre dem Orte mehr Ehre, er htte viele Gelehrte, die etwas
besseres zu thun htten, als zu recensiren. Oder dergleichen kleine
Zeitungen enthalten die Ausreden der vornehmen Herren Professoren an die
gelehrten Mitbrger, denen durch alle Mhe, die man sich darum giebt,
doch das Lesen auswrtiger Schriftsteller sich nicht ganz verkmmern
lsst, warum sie von ihren Kathedern herab nicht ebenso belehrt werden,
als es in dieser eingefhrten literarischen Contrebande geschieht; auch
krftige Anpreisungen der eigenen Producte dieser vornehmen Professoren.
Solche Recensionen zeichnen sich durch die Formeln aus: Rec. trug dies
immer so vor; oder: was der Verfasser da sagt, ist zwar wahr, doch
aber sind wir auch der Ueberzeugung, dass auch die entgegengesetzte
Ansicht, welche der Rec. immer gegeben hat, richtig ist; oder: wie
kann der Mann nur das rhmen, wovon wir immer gesagt haben, dass es
nichts tauge; so er etwas rhmen will, so rhme er unsere Apodiktik.
Das unsterbliche Muster in dieser Art werden immer die Gelehrtenanzeigen
der Gttingischen Universitt bleiben, deren Lehrer sehr oft mit
auswrtigen Schriftstellern in Collision kommen mgen. Sie sind
lediglich auf die gelehrten Mitbrger berechnet; und wer sie fr mehr
hlt, auf dessen Kopf falle der Schade!

Aber es ist doch so bequem fr das grssere Publicum, und selbst fr die
wirklichen Gelehrten, beim Durchblttern einer einzigen Zeitschrift zu
erfahren, was in jedem Fache Neues erschienen, welches der Inhalt
desselben sey, und nun zu beurtheilen, ob sie das Buch sich selbst
anzuschaffen haben, oder ob sie es entbehren knnen. --

Ohne Zweifel; und dieser Vortheil soll beibehalten werden; nur die
unbefugte Richterei und Urtheilerei soll wegfallen.

Wie man Petersilie, Pilze und Bcklinge auf den Strassen ausruft, ebenso
sollen auch die Bcher ausgerufen werden; nicht durch die ersten
Erzeuger, wie sich versteht, sondern durch die Verkufer, die
Buchhndler. Das Verfahren hierbei ist durch die Natur der Sache
bestimmt und ist sehr einfach. Vereinigen sich die deutschen
Buchhndler, und bertragen einem aus ihrer Mitte, ebenso wie sie
ehemals der Weidmannschen Buchhandlung die Herausgabe des Messkatalogs
berliessen, die Herausgabe eines ausfhrlichen Messkatalogs; -- oder
sey dabei auch durchaus freie Concurrenz. Dieser Messkatalog enthalte
den Titel des Buches, die Verlagshandlung, den Ladenpreis, einen
verhltnissmssigen Auszug des Inhalts, -- wo es hingehrt, Proben der
Schreibart. Um dergleichen Anzeigen zu verfertigen, bedarf es nur
einiger Commis, die da lesen knnen und schreiben, hchstens auf einer
lateinischen Schule bis in Secunda gekommen sind. Man hat ja berdies in
einer jeden wohl eingerichteten Druckerei einen Corrector, der ein
Literatus ist; dieser sey der Redacteur des Blattes; ihm gebe man mit
dem Correcturbogen zugleich das angezeigte Buch mit ein, damit er
urtheilen knne, ob der Auszug richtig und zweckmssig ist. Es mag ihm
auch verstattet werden, sich als Herausgeber auf dem Titelblatte zu
nennen. --

Alles eigenen Urtheils enthalten diese Commis und dieser Corrector sich
gnzlich; oder wollen sie ja etwas von ihrem Eigenen hinzuthun, so loben
sie ^alle^ Bcher, die sie anzeigen, aus gleich vollen Backen. Sie
schreiben im Namen der smmtlichen Verleger, und es ist sehr natrlich
und sehr unschuldig, dass ein Verkufer seine Waare lobt. Wer dadurch
getuscht wird, der schreibe es lediglich seiner eigenen Unerfahrenheit
zu. Mehrere Buchhndler, welche die Fertigkeiten der beschriebenen
Commis in sich vereinigen, haben dies schon recht gut angefangen, und es
knnte den Verfassern solcher Anzeigen, wie wir sie meinen, keinesweges
an Mustern fehlen.

^Zweitens^ habe ich gesagt, die allgemeine deutsche Bibliothek sey
verderblich geworden -- durch die Art ihrer Ausfhrung. Jene Bibliothek
wurde nemlich, wie wir jedem, der nicht selbst zu den Seichten gehrt,
zu finden anmuthen -- sie wurde der Mittelpunct der Seichtigkeit, der
Popularitt, des leeren Geschwtzes. Eine Philosophie, die hinber und
herberschwatzte, ohne Regel und feste Bahn, eine Theologie, deren
Hauptzweck war, die Bibel so vernnftig zu machen, als diese seichten
philosophischen Schwtzer selbst waren, eine Kunstkritik, die auf nichts
sah, als auf die Wahrscheinlichkeit der Fabel, und die moralische
Erbaulichkeit, eine Gelehrsamkeit, die im Zusammenschleppen seltener
Raritten auf einen confusen Haufen bestand, eine flache breite
Schreiberei: dies war von jeher der Geist dieses Werkes. Dieser Geist
hat der Cultur der Wissenschaften in unserem Vaterlande unendlich
geschadet; er lebt noch und fhrt noch fort zu schaden. -- Man irrt sich
sehr ber den eigentlichen Zweck derer, die Nicolai und seinem Anhange
so sehr zuwider sind. Sie wollen nicht gerade diese oder jene
Philosophie herrschend machen. Nur den Geist der Seichtigkeit und
Popularitt mchten sie durch den Geist wahrer Grndlichkeit und
Wissenschaftlichkeit verdrngen; -- durch den Geist, der durch die
Lessinge, die Jacobi, die Kante, aus der besseren alten Welt durch die
Zeit der Ueberschwemmung hindurch in die neue Welt herber gerettet
worden. Sodann mag auch ber Philosophie, Aesthetik, Naturlehre etwas
ausgemacht werden.

Dass, wie ich ^drittens^ gesagt habe, dieses Unternehmen der Bibliothek
keinem verderblicher gewesen, als dem Urheber selbst, ist in dieser
Schrift zur Genge erwiesen.




                           Vierte Beilage.
                        (Zum neunten Capitel.)


Das im Texte erwhnte Geschwtz ber Katholicismus und
Kryptokatholicismus ist ein trauriger Beweis, was dem guten deutschen
Volke jeder Schwtzer anmuthen kann, wenn er nur krftig schreit. Mchte
es doch auch ein abschreckender Beweis fr die Zukunft seyn!

Nicolai war und ist eigentlich seines Zeichens ein ausgemachter Berliner
^Badaud^, so sehr er sich auch fr einen Weltkenner hlt. Es gehrt eben
mit zum Charakter eines ^Badaud^, dass er sich fr einen Weltkenner
halte. Ein ^Berliner Badaud^, habe ich gesagt; nicht, als ob man nicht
ebensowohl ein Wiener, oder Pariser, oder auch ein Golitzer und
Kohlgartenscher ^Badaud^ seyn knnte, oder als ob die Berliner mehr Hang
htten, es zu seyn, als die Bewohner anderer grossen Stdte, sondern
weil ^der Badaud^, von welchem ich hier rede, nun einmal aus Berlin ist.
Ein ^Badaud^ ist nemlich ein Mensch, der, um ganz populr davon zu
sprechen, nie hinter seinem Backofen hervorgekommen ist, daher sich
einbildet, es msse allenthalben in der Welt so aussehen, wie hinter
seinem Backofen, und, wenn er doch einmal hervorkommt, alles, was er
erblickt, maulaufsperrend bewundert. Mein Dictionnre bersetzt dieses
Wort durch ^Maulaffe^. Nicolai's ganze Reise ist die Reise eines solchen
Maulaffen. Alles, von den heiligen Bildern an bis zu den geflochtenen
Zpfen der Tbinger Mdchen begafft er voll Verwunderung. Und lediglich
aus dieser bewundernden Gafferei des Berliner ^Badaud^ entstand das
Geschrei ber Katholicismus, und hinterher, da seine Bibliothek
angefochten wurde, ber Kryptokatholicismus.

Was hat man denn durch alles dieses Geschrei der Welt entdeckt, das
nicht jeder, der weitergekommen als Nicolai, oder der auch nur die
Geschichte und einige Reisebeschreibungen gelesen, oder einige Fremde
gesprochen, schon vorher auch gewusst htte? Es sey mit der Aufklrung
(es war immer nur von der Nicolaischen negativen Aufklrung, der
Befreiung von diesem oder jenem Aberglauben, die Rede) der Katholiken
noch gar nicht so weit gekommen, als etwa gutmthige Protestanten
glauben drften. Ei, wer waren denn diese gutmthigen Protestanten?
Doch wohl nur Nicolai und seine Bibliothekare, welche ^ihr^ Licht in
jene Lnder verbreitet zu haben hofften. Es werde in den katholischen
Lndern durch die Mnche noch immer der alte Aberglauben
aufrechterhalten, auch wohl noch neuer hinzugebracht. Wer hatte es denn
je anders gewusst oder gesagt? Der Papst nehme seine Behauptungen in
der Regel nie zurck; er rechne auch die protestantischen Lnder
gewissermaassen noch immer unter seinen Sprengel, und suche sie
besonders durch Bekehrungen in den deutschen frstlichen Familien in den
Schooss der Kirche zurckzufhren. Wer hat denn die Geschichte gelesen
und dies nicht gewusst; wer hat aber auch nicht gewusst, dass in Absicht
der Unterthanen dies nichts fruchtet, und sie sich ihre
Religionsprivilegien nur noch fester versichern lassen? Woher denn nun
jetzt auf einmal der Lrm, nachdem Friedrich Nicolai auf Reisen ging?
War denn alles dies etwas Neues, erst jetzt Entdecktes? Ich knnte nicht
sagen; ausser etwa fr Nicolai und seines Gleichen. Oder wurden etwa
jetzt jene Bemhungen krftiger und glcklicher? Keinesweges, vielmehr
geschah ihnen gerade in diesem Zeitpuncte durch die Unternehmungen
Kaiser Josephs des Zweiten grosser Abbruch.

Ja; aber die eifrige Verbreitung der geheimen Orden, die Ceremonien in
denselben, das Ruchern, Salben, Hndeauflegen! Sind dies nicht offenbar
katholische Ceremonien? Sieht man da nicht -- so nemlich connectirt
Nicolai -- offenbar die Tendenz der Katholiken, die Protestanten an ihre
kirchlichen Gebruche zu gewhnen, und dadurch u. s. w.? -- Jedes
Zeitalter hat sein besonderes Steckenpferd. Das des abgelaufenen
Jahrhunderts waren geheime Ordensverbindungen. Es ist aus tausend
Grnden begreiflich, dass hhere Grade entstanden, und dass diese durch
besondere Ceremonien ausgezeichnet wurden. Warum sollen diese Ceremonien
denn gerade katholisch seyn; warum nicht ebensowohl jdisch und
heidnisch? denn von daher sind sie erst in die christliche Kirche
gekommen. Kurz, sie sind aus dem Alterthume. -- Htte Nicolai diesen
Lrm erhoben, als der Baron Hund, der in Frankreich wirklich katholisch
geworden, sein Tempelherrnsystem einfhrte, als Stark mit seinem
allerdings sonderbaren Klerikate auftrat, so htte die Sache einigen
Anschein fr sich gehabt. Aber zu ^der^ Zeit ihn zu erheben, da er ihn
erhob, so lange nach dem Mittagsessen mit seinem Senfe zu kommen! Zeige
er doch aus diesen Zeiten Ein Beispiel, dass jemand in geheimen Orden
zur katholischen Religion gebracht worden!

Nicolai ist zwar stets bereit, jedem Gelehrten, der ihm in dieser Sache
widerspricht, zu antworten: auf der Studirstube freilich erfahre man so
etwas nicht, und durch Schlsse ^a priori^ lasse es sich nicht
herausbringen: das erfhren nur Weltleute seiner Art; denn fr einen
solchen hlt er sich, weil er ber Wien und Mnchen nach Zrich gereist,
und mit dem Minister von Wllner Schach gespielt. Der Verfasser dieses
hat ber acht Jahre in Lndern, wo Protestanten und Katholiken vermischt
sind, gelebt, und ist in ihnen gereist: in der Lausitz, im sdlichen
Deutschlande, in der Schweiz, in Polen, in Westpreussen. Er ist diese
Lnder nicht durchflogen, um sie in der Eile zu beschreiben, zu lauern
und, wie es Leuten dieser Art geht, zu sehen und sich aufbinden zu
lassen, was man gern sehen und hren will; er hat in ihnen gelebt,
Geschfte gehabt, und selbst mitgehandelt, wo man ohne Zweifel besser
sieht, als wenn man nur durchreiset; hat Umgang gehabt mit Leuten von
allerlei Confessionen und Meinungen, und glaubt seine Augen eben auch
offen gehabt zu haben, ob er gleich keine seiner Beobachtungen so neu
und so interessant gefunden, um sie dem Publicum vorzulegen. Das
Sichtbare, was Nicolai gesehen, hat er eben auch gesehen; aber er hat
keine Veranlassung gefunden, darauf die Schlsse zu bauen, die Nicolai
aufbaut. Ebenso ist er mit dem Innern der geheimen Orden vielleicht so
gut bekannt, als Nicolai, vielleicht besser. Er wrde nie darauf
gefallen seyn, ihnen die Wichtigkeit und die Tendenz zuzuschreiben, die
Nicolai ihnen zuschreibt.

Halte doch Nicolai sich nicht so sehr auf ber den Abt Barruel! Die
Jacobinerriecherei ist das chte Gegenstck zur Jesuitenriecherei, und
Barruel ist in der erstern ganz dasselbe, was Nicolai in der zweiten
war.




                           Fnfte Beilage.
                        (Zum neunten Capitel.)


Die A. d. B. war allerdings ein der Religiositt der Nation hchst
schdliches Unternehmen. Religiositt ist Tiefe des Sinns, und geht aus
ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf
Oberflchlichkeit; Religion deutet auf das bersinnliche hhere Leben;
der ganze Zweck jenes Unternehmens ist unmittelbare Brauchbarkeit und
Ntzlichkeit fr das Grbste dieses Lebens. Die von dieser Clique haben
die Religionsaufklrung und einen Volkslehrer sattsam gelobt, wenn sie
erzhlt haben, dass die Bauern weniger Processe fhren, sich seltener
betrinken, und die Stallftterung eingefhrt haben.

Doch was soll ich hier noch viel Worte ber diesen Gegenstand machen?
Jene ^Appellation an das Publicum^ etc., die Nicolai auch so zuwider
ist, und von der er glaubt, dass sie nur im Zorne geschrieben seyn knne
(der arme Mann!), redet, indem sie von wahren Gotteslugnern,
Gtzendienern, Dienern eines bsen Weltgeistes spricht, ganz eigentlich
von Nicolai und denen, die ihm gleichen. Wem diese nicht bewiesen hat,
was hier zu beweisen wre, fr den ist jeder andere Beweis verloren.




                          Noch eine Beilage
                                 oder
                         Dreizehntes Capitel.
         Von den letzten Thaten, dem Tode und der wunderbaren
                    Wiederbelebung unsers Helden.


Die Betriebsamkeit gewisser Buchhndler ging in jenen Tagen so weit,
dass sie, nachdem beim Nachdrucken nicht genug mehr zu gewinnen war, die
Kunst erfanden, Vordrucke zu veranstalten. Auf diese Weise erschien noch
bei Nicolai's Lebzeiten ein unrechtmssiger Vordruck der gegenwrtigen
Lebensbeschreibung unsers Helden, die wir jetzt in der ersten, einzig
rechtmssigen Ausgabe den rechtlichen und gewissenhaften Lesern
mitgetheilt haben.

Nicolai verwendete gegen diese also erschienene Lebensbeschreibung seine
ganze polemische Taktik. Zuerst versuchte er, dieselbe zu ignoriren, und
an der Erziehung Fichte's und seiner Genossen so unbefangen, wie bisher,
fortzuarbeiten. Als dieses sich nicht thun liess, griff er zum Fache des
Erhabenen, verbreitete selbst die Schrift durch seinen Buchhandel,
erklrte ffentlich, dass der Spass so bel nicht sey, und dass er
selbst bei mehreren Stellen gelacht habe; -- nur htte, fgte er hinzu,
der Autor sich krzer fassen sollen. Hierauf begab er sich mitten in das
Grndliche und Ausfhrliche hinein; erzhlte, zur Widerlegung des
Vorgebens, dass er nie eines gelehrten Unterrichts genossen, seine ganze
Jugendgeschichte, wie er erst die Buchstaben kennen gelernt, darauf
buchstabiren, dann lesen, sodann schreiben; wiederholte alle Lectionen,
die er von Jugend auf erhalten, vollstndig, legte zum Beweise seiner
Wahrhaftigkeit seine Schreibebcher, in einem saubern Holzschnitte
nachgestochen, und abgedruckt, und alle seine ^exercitia stili^ bei.
Dies gab 4 Alphabete; Format und Druck, wie in den Beilagen zu seinen
Reisen. Er setzte hierauf sein wahres Verhltniss mit Lessing durch
ausfhrlichere und deutlichere Noten zu dem schon gedruckten
Briefwechsel, und durch die Erzhlung aller Discurse, die er in seinem
Leben mit jenem gefhrt, auseinander; ebenso bewies er durch die
vollstndige und ausfhrliche Auffhrung aller Discurse, die er mit
Moses Mendelssohn gefhrt, dass derselbe keinesweges ein Mann von
eingeschrnkten Begriffen und Zwecken gewesen. Dies gab abermals 4
Alphabete, in besagtem Format und Druck. Er erzhlte ferner alle die
Gedanken, die er so bei sich gefhrt, als er mit der Stiftung der
allgemeinen deutschen Bibliothek umgegangen; erzhlte die pragmatische
Geschichte jeder in dieser Bibliothek befindlichen Recension, so wie
jeder seiner eignen Schriften; brachte, um zu beweisen, wie er ehedessen
geschtzt worden sey, alle Briefe der Gelehrten an ihn bei;
bewies nochmals, noch einleuchtender als ehemals, die fr den
Kryptokatholicismus beigebrachten Facta; zhlte, um zu zeigen, dass er
kein Badaud und Tlpel, sondern ein Mann von Welt und Lebensart sey,
alle knigliche und frstliche Personen, Minister, Generale, Gesandte u.
s. w. auf, die er in seinem Leben gesehen, und mit ihnen gesprochen,
erzhlte, was er mit ihnen gesprochen, bei ihnen gegessen und getrunken,
welche witzige Einflle er gehabt, legte alle die Schachpartien vor, die
er in seinem Leben mit hohen Personen gespielt: -- und wir mssten die
Geduld haben, die er hatte, oder die Inhaltsanzeige seines Werks
nachdrucken lassen, um vollstndig zu verzeichnen, was er alles
beibrachte. Das Ganze belief sich auf 16 Alphabete, in besagtem Format
und Druck, und war um einen usserst civilen Preis in seiner Handlung zu
haben. Kein Mensch las oder kaufte diese 16 Alphabete.

Unser Held stutzte; aber bescheiden, wie er immer gewesen, sahe er bald
ein, wo der Fehler lge, und war aufrichtig genug gegen sich selbst,
sich denselben zu gestehen. Er fand, dass er noch nicht deutlich,
ausfhrlich, krftig, lebhaft und witzig genug geschrieben habe. Er
verfasste daher 32 Alphabete in demselben Format, um auf die ersten 16
aufmerksam zu machen; erluterte, ergnzte, verstrkte, und brachte noch
weit mehr Spsse an. Diese 32 Alphabete waren um einen noch civilern
Preis in seiner Buchhandlung zu haben; aber kein Mensch kaufte oder las
diese 32 Alphabete, ebensowenig, als die sechszehn.

^Noch^ nicht deutlich genug! sagte er bei sich selbst. Das sind die
fatalen Geschfte, die einem alle Zeit rauben. Aber ich will mich
endlich frei machen. So bergab er seine Handlung und die Redaction
seiner geliebten allgemeinen Bibliothek in treue Verwaltung, zog auf das
Land, schloss sich ein, und dictirte unablssig Tag und Nacht fort einem
Dutzend Schreibern. Aber auch die nunmehrige Deutlichkeit und
Vollstndigkeit gengte ihm nicht, und sein Stndlein berfiel ihn, ehe
er vollendet hatte und mit sich selbst zufrieden war.[23]

Sein alter Freund hatte die Besorgung der Verlassenschaft bernommen.
Gern htte er den schriftstellerischen Nachlass des Vollendeten durch
den Druck der Welt mitgetheilt; aber es fand sich, dass das Unternehmen
einiger Tausende von starken Bnden die Krfte des Zeitalters
bersteige, er beschloss daher auf einem ganz andern Wege diesen
kostbaren Nachlass aufzulsen, den Geist desselben zu entbinden und in
das Universum hineinstrmen zu lassen.

[Funote 23: Es findet sich hier ein Dissensus der Geschichtschreiber.
Einige sagen, dass auch das gegenwrtige dreizehnte Capitel in dem
erwhnten diebischen Vordrucke mit abgedruckt gewesen, Nicolai daher
unmglich habe thun knnen, wovon ihm vorhergesagt worden, dass er es
thun werde. Er habe bloss kurz gesagt: der zuknftige Verfasser dieser
vorgedruckten Schrift msse sehr eitel und einbildisch seyn, um zu
glauben, dass man gegen seine leidenschaftliche und schmutzige Broschre
sich ernsthaft vertheidigen werde; so etwas bergehe ein Ehrenmann, wie
er sey, mit stillschweigender Verachtung. -- Die 48 Alphabete, das
unablssige Dictiren und der Tod, welches alles an sich wohl guten Grund
habe, habe sich auf eine andere Veranlassung begeben. Ein anderer Theil
der Geschichtschreiber berichtet, dass entweder das gegenwrtige
dreizehnte Capitel nicht mit vorgedruckt worden, oder dass Nicolai doch
gethan, was er nicht lassen knnen, unerachtet man es ihm vorausgesagt,
und dass alles sich durchaus so zugetragen habe, wie wir es oben
erzhlen. Hieraus ersieht sonach der geliebte Leser, dass das letztere
die allein wahre und richtige Meinung ist; und wir wollen keinem rathen,
das Gegentheil anzunehmen, widrigenfalls es ihm in der nchsten
Recension, die wir verfertigen, bel ergehen soll.

            Der erste einzig wahre Verfasser dieser Lebensbeschreibung
                            im Jahre 1840 -- zugleich Recensent an der
                          weltberhmten allgemeinen Literaturzeitung.]

Es wurde auf seinen Befehl unter freiem Himmel folgendes Denkmal
errichtet. Man gab den hinterlassenen Handschriften die Form eines
ruhenden Kolossen, dessen ussere Gestalt und Bildung dem Seligen so
nahe kam, als mglich. Zur Unterlage diente ihm die allgemeine deutsche
Bibliothek, zum Kopfkissen die alte und neue Berliner Monatsschrift, die
Backenseiten waren durch die neuern Hefte der Jenaischen
Literaturzeitung untersttzt. Der alte Freund hatte von allen Parteien
einige zur Einweihung des Denkmals eingeladen, damit sie unter der
Beschattung desselben sich brderlich vereinigen mchten. Da standen,
durch das gemeinschaftliche Leid endlich vertrglich gemacht, und
insgesammt Ein Herz und Eine Seele, Reinhard und Zllner, Gedike, die
beiden Schlegel, Biester, Tieck, Jacobi, der Hofrath Schtz, Reinhold,
die Jesuiten, die Bibliothekare, und die Grossen alle.

Durch eine wunderbare Fgung hatten Fichte und Schelling, die unter den
Eingeladenen sich befanden, und mit den Rcken an das papierne Denkmal
sich angelehnt hatten, sich gerade,[24] jener mit Hasenbraten, dieser
mit einer wilden Schweinskeule ^allzuvoll gestopft^, -- wie denn dies
dem ernsthaftesten Philosophen unvermerkt begegnen kann -- und der eine
konnte nun schlechterdings nicht, er mochte sich anstrengen, wie er
wollte, an der Bestimmung des Menschen, noch der andere an der Deduction
der Kategorien der Physik weiter fortarbeiten, sondern sie mussten
endlich die Feder wegwerfen und zum Rhabarber greifen. -- -- -- --

[Funote 24: Das Folgende sind Herrn Nicolai's eigne Worte, S. 174. f.
der angefhrten Anzeige; und selbst diese Citation geschieht in
Nicolai's eignen Worten.]

                   *       *       *       *       *

O, nie genug zu beweinender Schade! Gerade von dieser Stelle an, wo man
nun das Interessanteste erwartet, ist unsre Handschrift so zerfressen,
dass wir mit aller Conjecturalkritik keinen Sinn herausbringen knnen,
und uns durchaus ausser Stand befinden, anzugeben, was es mit der in der
Aufschrift gemeldeten Wiederbelebung unsers Helden fr eine Bewandtniss
gehabt, durch welches wunderbare Mittel sie erfolgt, und ob es der
eigentliche wahre fleischliche Leib desselben, oder der beschriebne
papierne gewesen, in welchen die Seele zurckgekehrt. So viel wird uns
aus einigen briggebliebenen Sylben wahrscheinlich, dass alle die
genannten, und noch mehrere an dem Wunder Antheil gehabt; und nach
manchen ganz unleserlichen Seiten bringen wir gegen das Ende der Schrift
noch folgendes heraus:

-- vordere Mund, den der Freund so inbrnstig ksste. -- Indessen
dehnten und reckten sich die zwei fest umschlungenen Heroen aus ber das
ganze Land, die Umrisse ihrer Glieder verschwanden, so wie sie selbst,
und es blieb an ihrer Stelle nur eine lieblich dmmernde Aufklrung
brig. Alle Umste -- --

Von da an ist das Manuscript wieder vllig zerfressen und unleserlich.

Es wre gewiss eine interessante Untersuchung anzustellen, wie dieses
kostbare Ueberbleibsel des Alterthums in einen solchen Zustand gekommen,
und wir muntern alle unsere jungen Kritikbeflissenen auf, an dieser
Untersuchung ihre Krfte zu ben. Zwar behauptet ein grosser Gelehrter,
dessen wir mit hoher Ehrerbietung erwhnen, dass diese Handschrift von
den berhmten Blutigeln, welche Friedrich Nicolai von aller
Geisteserscheinung auf immer geheilt, so zerfressen worden: eine hchst
scharfsinnige Muthmaassung. Jederman aber sieht ein, dass dieselbe
ungereimt ist; denn die Blutigel fressen kein Papier.

Indessen gebe ich dem Leser mein Wort, dass ich dieses Capitel aus
Handschriften sicher wiederherstellen, und es zu seiner Zeit durch den
Druck bekannt machen werde. Ich schlage dafr den Weg der Prnumeration
ein. Liebhaber haben die Gte sich im Comptoir der Allgemeinen
Literaturzeitung zu melden.

                       Der erste wahre Autor dieser Lebensbeschreibung
                                                        im Jahre 1840.




                                Inhalt


                                                                   Seite
   Einleitung                                                          4
   Erstes Capitel. Hchster Grundsatz, von welchem alle               10
      Geistesoperationen unsers Helden ausgegangen sind
   Zweites Capitel. Wie unser Held zu diesem sonderbaren hchsten     11
      Grundsatze gekommen seyn mge
   Drittes Capitel. Wie im allgemeinen dieser hchste Grundsatz       18
      im Leben unsers Helden sich geussert habe
   Viertes Capitel. Worauf es, zufolge dieses hchsten                21
      Grundsatzes, unserm Helden bei allen seinen Disputen
      angekommen sey
   Fnftes Capitel. Wirkliche Disputirmethode unsers Helden, aus      23
      diesem hchsten Grundsatze
   Sechstes Capitel. Eine der allersonderbarsten Meinungen unsers     26
      Helden, zufolge jenes hchsten Grundsatzes
   Siebentes Capitel. Eine andere fast noch unglaublichere            32
      Meinung unsers Helden von sich selbst, zufolge jenes
      hchsten Grundsatzes
   Achtes Capitel. Sonderbare Begriffe unsers Helden ber seine       36
      und seiner Gegner gegenseitige Rechte, aus jenem hchsten
      Grundsatze
   Neuntes Capitel. Wie unser Held, zufolge seines hchsten           40
      Grundsatzes, sich zu nehmen gepflegt, wenn derselbe
      angefochten worden
   Zehntes Capitel. Ein Grundzug des Geistescharakters unsers         49
      Helden, der aus jenem hchsten Grundsatze natrlich folgte
   Eilftes Capitel. Ein paar andere Grundzge, welche aus dem         51
      ersten Grundzuge und hchsten Grundsatze unsers Helden
      erfolgt sind
   Zwlftes Capitel. Wie es zugegangen, dass unser Held unter         59
      allen diesen Umstnden dennoch einigen Einfluss auf sein
      Zeitalter gehabt
   Beilagen                                                           61




                           Deducirter Plan
                                einer
            zu Berlin zu errichtenden hheren Lehranstalt.


                      Geschrieben im Jahre 1807
                                 von
                       Johann Gottlieb Fichte.

       Erste Ausgabe: Stuttgart und Tbingen, in der Cottaschen
                         Buchhandlung. 1817.

                           Deducirter Plan
     einer zu Berlin zu errichtenden hheren Lehranstalt, die in
      gehriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften
                                stehe.




                          Erster Abschnitt.
     Begriff einer durch die Zeitbedrfnisse geforderten hheren
                        Lehranstalt berhaupt.


                                . 1.

Als die Universitten zuerst entstanden, war das wissenschaftliche
Gebude der neueren Welt grossentheils noch erst zu errichten. ^Bcher^
gab es berhaupt nicht viel; die ^wenigen^, die es gab, waren selten,
und schwer zu erhalten; und wer etwas Neues mitzutheilen hatte, kam
zunchst in Versuchung, es auf dem schwierigeren Wege der
Schriftstellerei zu thun. So wurde die ^mndliche Fortpflanzung^ das
allgemein brauchbarste Mittel zu der Erbauung, der Aufrechterhaltung und
der Bereicherung des wissenschaftlichen Gebudes, und die Universitten
wurden der Ersatz der nicht vorhandenen oder seltenen Bcher.


                                . 2.

Auch nachdem durch Erfindung der Buchdruckerkunst die Bcher hchst
gemein worden, und die Ausbreitung des Buchhandels jedwedem es sogar
weit leichter gemacht hat, durch Schriften sich mitzutheilen, als durch
mndliche Lehrvortrge; nachdem es keinen Zweig der Wissenschaft mehr
giebt, ber welchen nicht sogar ein Ueberfluss von Bchern vorhanden
sey, hlt man dennoch noch immer sich fr verbunden, durch Universitten
dieses gesammte Buchwesen der Welt ^noch einmal zu setzen^, und
ebendasselbe, was schon ^gedruckt^ vor jedermans Augen liegt, auch noch
durch Professoren ^recitiren^ zu lassen. Da auf diese Weise dasselbe
Eine in zwei verschiedenen Formen vorhanden ist, so ermangelt die
Trgheit nicht, sowohl den ^mndlichen^ Unterricht zu versumen, indem
sie ja dasselbe irgend einmal auch aus dem Buche werde lernen knnen,
als den durch ^Bcher^ zu vernachlssigen, indem sie dasselbige ja auch
^hren^ knne, wodurch es denn dahin gekommen, dass, wenige Ausnahmen
abgerechnet, gar nichts mehr gelernt worden, als was durch das Ohngefhr
auf einem der beiden Wege an uns hngen geblieben, sonach berhaupt
nichts im Ganzen, sondern nur abgerissene Bruchstcke; zuletzt hat es
sich zugetragen, dass die Wissenschaft, -- als etwas nach Belieben
immerfort auf die leichteste Weise an sich zu bringendes, bei der Menge
der Halbgelehrten, die auf diese Weise entstanden, in tiefe Verachtung
gerathen. Nun ist von den genannten zwei Mitteln der Belehrung das
eigene Studiren der Bcher sogar das vorzglichere, indem das Buch der
frei zu richtenden Aufmerksamkeit Stand hlt, und das, wobei diese sich
zerstreute, noch einmal ^gelesen^, das aber, was man nicht sogleich
versteht, bis zum erfolgten Verstndnisse hin und her berlegt werden,
auch die Lectre nach Belieben fortgesetzt werden kann, so lange man
Kraft fhlt, oder abgebrochen werden, wo diese uns verlsst; dagegen in
der Regel der Professor seine Stunde lang seinen Spruch fortredet, ohne
zu achten, ob irgend jemand ihm folge, ihn abbricht, da wo die Stunde
schlgt, und ihn nicht eher wieder anknpft, als bis abermals seine
Stunde geschlagen. Es wird durch diese Lage des Schlers, in der es ihm
unmglich ist, in den Fluss der Rede seines Lehrers auf irgend eine
Weise einzugreifen und ihn nach seinem Bedrfnisse zum Stehen zu
bringen, das leidende Hingeben als Regel eingefhrt, der Trieb der
eigenen Thtigkeit vernichtet, und so dem Jnglinge sogar die
Mglichkeit genommen, des zweiten Mittels der Belehrung, der Bcher, mit
freithtiger Aufmerksamkeit sich zu bedienen. Und so sind wir denn, um
von der Kostspieligkeit dieser Einrichtung fr das gemeine und das
Privatwesen, und von der dadurch bewirkten Verwilderung der Sitten hier
zu schweigen, durch die Beibehaltung des ^Nothmittels^, nachdem die Noth
lngst aufgehoben, auch noch fr den Gebrauch des ^wahren und besseren
Mittels^ verdorben worden.


                                . 3.

Um nicht ungerecht, zugleich auch oberflchlich zu seyn, mssen wir
jedoch hinzusetzen, dass die neueren Universitten ^mehr^ oder ^weniger^
ausser dieser blossen ^Wiederholung^ des vorhandenen Buchinhalts noch
einen anderen edleren Bestandtheil gehabt haben, nemlich das Princip der
Verbesserung dieses Buchinhalts. Es gab selbstthtige Geister, welche in
irgend einem Fache des Wissens durch den ihnen wohlbekannten
Bcherinhalt nicht befriedigt wurden, ohne doch das Befriedigende hierin
sogleich bei der Hand zu haben, und es in einem neuen und besseren
Buche, als die bisherigen waren, niederlegen zu knnen. Diese theilten
ihr Ringen nach dem Vollkommneren vorlufig mndlich mit, um entweder in
dieser Wechselwirkung mit anderen in sich selber bis zu dem
beabsichtigten Buche klar zu werden, oder, falls auch sie selbst in
diesem Streben von geistiger Kraft oder dem Leben verlassen wrden,
Stellvertreter hinter sich zu lassen, welche das beabsichtigte Buch,
oder auch statt desselben, und aus diesen Prmissen, ein noch besseres
hinstellten. Aber selbst in Absicht dieses Bestandtheiles lsst sich
nicht lugnen, dass er von jeher der bei weitem kleinere auf allen
Universitten gewesen, dass keine Verwaltung ein Mittel in den Hnden
gehabt, auch nur berhaupt den Besitz eines solchen Bestandtheiles sich
zu garantiren, oder auch nur deutlich zu wissen, ob sie ihn habe, oder
nicht, und dass selbst dieser kleine Bestandtheil, wenn er durch gutes
Glck irgendwo vorhanden gewesen, selten mit einiger klaren Erkenntniss
seines Strebens und der Regeln, nach denen er zu verfahren htte,
gewirkt und gewaltet.


                                . 4.

Eine solche zunchst berflssige, sodann in ihren Folgen auch
schdliche Wiederholung desselben, was in einer anderen Form weit besser
da ist, soll nun gar nicht existiren; es mssten daher die
Universitten, wenn sie nichts Anderes zu seyn vermchten, sofort
abgeschafft, und die Lehrbedrftigen an das Studium der vorhandenen
Schriften gewiesen werden. Auch knnte es diesen Instituten zu keinem
Schutze gereichen, dass sie den soeben berhrten edleren Bestandtheil
fr sich anfhrten, indem in keinem bestimmten Falle (auf keiner
gegebenen Universitt) dieser edlere Theil Rechenschaft von sich zu
geben, noch sein Daseyn zu beweisen, noch die Fortdauer desselben zu
garantiren vermag; und sogar, wenn dies nicht so wre, doch immer der
schlechtere Theil, die blosse Wiederholung des Buchwesens, weggeworfen
werden msste. Sowie Alles, was auf das Recht der Existenz Anspruch
macht, ^seyn^ und ^leisten^ muss, was ^nichts^ ausser ihm zu seyn und zu
leisten vermag, zugleich sein Beharren in diesem seinem Wesen, und seine
unvergngliche Fortdauer verbrgend: so muss dies auch die Universitt,
oder wie wir vorlufig im antiken Sinne des Wortes sagen wollen, die
^Akademie^, oder sie muss vergehen.


                                . 5.

Was, im Sinne dieser hheren Anforderung an ihre Existenz, die Akademie
seyn knne, und, falls sie seyn soll, seyn msse, geht sogleich hervor,
wenn man die Beziehung der Wissenschaft auf das wirkliche Leben
betrachtet.

Man studirt ja nicht, um lebenslnglich und stets dem Examen bereit das
Erlernte in Worten wieder von sich zu geben, sondern um dasselbe auf die
vorkommenden Flle des Lebens anzuwenden, und so es in ^Werke^ zu
verwandeln; es nicht bloss zu wiederholen, sondern etwas Anderes daraus
und damit zu machen: es ist demnach auch hier letzter Zweck keinesweges
das Wissen, sondern vielmehr die Kunst, das Wissen zu gebrauchen. Nun
setzt diese Kunst der Anwendung der Wissenschaft im Leben noch andere
der Akademie fremde Bestandtheile voraus, Kenntniss des Lebens nemlich
und Uebung der Beurtheilungsfhigkeit der Flle der Anwendung, und es
ist demnach von ihr zunchst nicht die Rede. Wohl aber gehrt hierher
die Frage, auf welche Weise man denn die Wissenschaft selbst so zum
freien und auf unendliche Weise zu gestaltenden Eigenthume und Werkzeuge
erhalte, dass eine fertige Anwendung derselben auf das, freilich auf
anderem Wege zu erkennende, Leben mglich werde?

Offenbar geschieht dies nur dadurch, dass man jene Wissenschaft gleich
anfangs mit klarem und freiem Bewusstseyn erhalte. Man verstehe uns
also. Es macht sich vieles von selbst in unserem Geiste, und legt sich
demselben gleichsam an durch einen blinden und uns selber verborgen
bleibenden Mechanismus. Was also entstanden, ist nicht mit klarem und
freiem Bewusstseyn durchdrungen, es ist auch nicht unser sicheres und
stets wieder herbeizurufendes Eigenthum, sondern es kommt wieder oder
verschwindet nach den Gesetzen desselben verborgenen Mechanismus, nach
welchem es sich erst in uns anlegte. Was wir hingegen mit dem
Bewusstseyn, ^dass^ wir es thtig erlernen, und dem Bewusstseyn der
^Regeln^ dieser erlernenden Thtigkeit, auffassen: das wird, zufolge
dieser eigenen Thtigkeit und des Bewusstseyns ihrer Regeln, ein
eigenthmlicher Bestandtheil unserer Persnlichkeit, und unseres frei
und beliebig zu entwickelnden Lebens.

Die freie Thtigkeit des Auffassens heisst Verstand. Bei dem zuerst
erwhnten mechanischen Erlernen wird der Verstand gar nicht angewendet,
sondern es waltet allein die blinde Natur. Wenn jene Thtigkeit des
Verstandes und die bestimmten Weisen, wie dieselbe verfhrt, um etwas
aufzufassen, ^wiederum zu klarem Bewusstseyn erhoben^ werden, so wird
dadurch entstehen eine besonnene Kunst des Verstandesgebrauches im
Erlernen. Eine kunstmssige Entwickelung jenes Bewusstseyns der Weise
des Erlernens -- im Erlernen irgend eines Gegebenen -- wrde somit,
unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, zunchst nicht auf das
Lernen, sondern auf die Bildung des Vermgens zum Lernen ausgehen.
Unbeschadet des jetzt aufgegebenen Lernens, habe ich gesagt, vielmehr zu
seinem grossen Vortheile; denn man weiss grndlich und unvergesslich nur
das, wovon man weiss, wie man dazu gelangt ist. Sodann wird, indem nicht
bloss das zuerst Gegebene gelernt, sondern an ihm zugleich die Kunst des
Erlernens berhaupt gelernt und gebt wird, die ^Fertigkeit^ entwickelt,
ins Unendliche fort nach Belieben leicht und sicher alles Andere zu
lernen; und es entstehen ^Knstler^ im Lernen. Endlich wird dadurch
alles Erlernte oder zu Erlernende ein sicheres Eigenthum des Menschen,
womit er nach Belieben schalten knne, und es ist somit die erste und
ausschliessende Bedingung des praktischen Kunstgebrauches der
Wissenschaft im Leben herbeigefhrt und erfllet. Eine Anstalt, in
welcher mit Besonnenheit und nach Regeln das beschriebene Bewusstseyn
entwickelt, und die dabei beabsichtigte Kunst gebt wrde, wre, was
folgende Benennung ausspricht: ^eine Schule der Kunst des
wissenschaftlichen Verstandesgebrauches^.

Ohnerachtet auf den bisherigen Universitten von ohngefhr zuweilen
geistreiche Mnner aufgetreten, die im Geiste des obigen Begriffes in
einem besonderen Fache des Wissens Schler gezogen, so hat doch sehr
viel gefehlt, dass die Realisirung dieses Begriffes im Allgemeinen mit
Sicherheit, Festigkeit und nach unfehlbaren Gesetzen auch nur deutlich
gedacht und vorgeschlagen, geschweige denn, dass sie irgendwo ausgefhrt
worden. Dadurch aber ist die Erhaltung und Steigerung der
wissenschaftlichen Bildung im Menschengeschlechte dem guten Glcke und
blinden Zufalle preisgegeben gewesen, aus dessen Hnden sie unter die
Aufsicht des klaren Bewusstseyns lediglich durch die Darstellung des
erwhnten Begriffes gebracht werden knnte. Und so ist es die Ausfhrung
dieses Begriffes, die in Beziehung auf das wissenschaftliche Wesen in
dem Abfluss der Zeit dermalen an der Tagesordnung ist, und die sogar in
ihrer Existenz angegriffene Akademie wrde wohlthun, diese Ausfhrung zu
bernehmen, da das, was sie bis jetzt gewesen, gar nicht lnger das
Recht hat, dazuseyn.


                                . 6.

Aber sogar dieses Anspruches alleinigen und ausschliessenden Besitz wird
etwas Anderes der Akademie streitig machen, die niedere Gelehrtenschule
nemlich. Diese, vielleicht selbst erst bei dieser Gelegenheit ber ihr
wahres Wesen klar geworden, wird anfhren, dass sie, bis auf die Zeiten
der neueren verseichtenden Pdagogik, weit besser und vorzglicher eine
solche Kunstschule des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches gewesen,
denn irgend eine Universitt. Somit wird die Akademie zuvrderst mit
dieser niederen Gelehrtenschule eine Grenzberichtigung treffen mssen.

Diese Grenzberichtigung wird ohne Zweifel zur Zufriedenheit beider
Theile dahin zu Stande kommen, dass der niederen Schule die Kunstbung
des allgemeinen Instrumentes aller Verstndigung, der Sprache, und von
dem wissenschaftlichen Gebude das allgemeine Gerst und Geripp des
vorhandenen Stoffes, ohne Kritik, anheimfalle; dagegen die hhere
Gelehrtenschule die Kunst der Kritik, des Sichtens des Wahren vom
Falschen, des Ntzlichen vom Unntzen, und das Unterordnen des minder
Wichtigen unter das Wichtige, zum ausschliessenden Eigenthum
erhalte; somit die erste: Kunstschule des wissenschaftlichen
Verstandesgebrauches, als blossen Auffassungsvermgens oder
Gedchtnisses, die letzte: Kunstschule des Verstandesgebrauches, als
Beurtheilungsvermgens, wrde.


                                . 7.

Kunstfertigkeit kann nur also gebildet werden, dass der Lehrling nach
einem bestimmten Plane des Lehrers unter desselben Augen selber arbeite,
und die Kunst, in der er Meister werden soll, auf ihren verschiedenen
Stufen von ihren ersten Anfngen an bis zur Meisterschaft, ohne
Ueberspringen regelmssig fortschreitend, ausbe. Bei unserer Aufgabe
ist es die Kunst wissenschaftlichen Verstandesgebrauches, welche gebt
werden soll. Der Lehrer giebt nur den Stoff und regt an die Thtigkeit;
diesen Stoff bearbeite der Lehrling selbst; der Lehrer muss aber in der
Lage bleiben, zusehen zu knnen, ob und wie der Lehrling diesen Stoff
bearbeite, damit er aus dieser Art der Bearbeitung ermesse, auf welcher
Stufe der Fertigkeit jener stehe, und auf diese den neuen Stoff, den er
geben wird, berechnen knne.

Nicht bloss der Lehrer, sondern auch der Schler muss fortdauernd sich
ussern und mittheilen, so dass ihr gegenseitiges Lehrverhltniss werde
eine fortlaufende Unterredung, in welcher jedes Wort des Lehrers sey
Beantwortung einer durch das unmittelbar Vorhergegangene aufgeworfenen
Frage des Lehrlings, und Vorlegung einer neuen Frage des Lehrers an
diesen, die er durch seine nchstfolgende Aeusserung beantworte; und so
der Lehrer seine Rede nicht richte an ein ihm vllig unbekanntes
Subject, sondern an ein solches, das sich ihm immerfort bis zur vlligen
Durchschauung enthllt; dass er wahrnehme dessen unmittelbares
Bedrfniss, verweilend und in anderen und wieder anderen Formen sich
aussprechend, wo der Lehrling ihn nicht gefasst hat, ohne Verzug zum
nchsten Gliede schreitend, wenn dieser ihn gefasst hat; wodurch denn
der wissenschaftliche Unterricht aus der Form einfach fortfliessender
Rede, die er im Buchwesen auch hat, sich verwandelt in die dialogische
Form, und eine wahrhafte Akademie im Sinne der Sokratischen Schule, an
welche zu erinnern wir gerade dieses Wortes uns bedienen wollten,
errichtet werde.


                                . 8.

Der Lehrer muss ein ihm immer bekannt bleibendes festes und bestimmtes
Subject im Auge behalten, sagten wir. Falls nun, wie zu erwarten, dieses
Subject nicht zugleich auch aus Einem Individuum, sondern aus mehreren
bestnde, so mssen, da das Subject des Lehrers Eins und ein bestimmtes
seyn muss, diese Individuen selber zu einer geistigen Einheit und zu
einem bestimmten organischen Lehrlingskrper zusammenschmelzen. Sie
mssen darum auch unter sich in fortgesetzter Mittheilung und in einem
wissenschaftlichen Wechselleben verbleiben, in welchem jeder allen die
Wissenschaft von derjenigen Seite zeige, von welcher er, als Individuum,
sie erfasst, der leichtere Kopf dem schwerflligeren etwas von seiner
Schnelligkeit, und der letzte dem ersten etwas von seiner ruhigen
Schwerkraft abtrete.


                                . 9.

Um unsern Grundbegriff durch weitere Auseinandersetzung noch
anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der Meister dem Zglinge
seiner Kunst giebt, sind theils seine eigenen Lehrvortrge, theils
gedruckte Bcher, deren geordnetes und kunstmssiges Studium er ihm
aufgiebt; indem in Absicht des letzteren es ja ein Haupttheil der
wissenschaftlichen Kunst ist, durch den Gebrauch von Bchern sich
belehren zu knnen, und es sonach eine Anfhrung auch zu dieser Kunst
geben muss; sodann aber auf einer solchen Akademie der bei weitem
grsste Theil des wissenschaftlichen Stoffes aus Bchern wird erlernt
werden mssen, wie dies an seinem Orte sich finden wird.

Die Weisen aber, wie der Meister seinem Lehrlinge sich enthllt, sind
folgende:

^Examina^, nicht jedoch im Geiste des Wissens, sondern in dem der Kunst.
In diesem letztern Geiste ist jede Frage des Examinators, wodurch das
Wiedergeben dessen, was der Lehrling gehrt oder gelesen hat, als
Antwort begehrt wird, ungeschickt und zweckwidrig. Vielmehr muss die
Frage das Erlernte zur Prmisse machen, und eine Anwendung dieser
Prmisse in irgend einer Folgerung als Antwort begehren.

^Conversatoria^, in denen der Lehrling fragt, und der Meister
zurckfragt ber die Frage, und so ein expresser Sokratischer Dialog
entstehe, innerhalb des unsichtbar immer fortgehenden Dialogs des ganzen
akademischen Lebens.

^Durch schriftliche Ausarbeitungen zu lsende _Aufgaben_ an den
Lehrling^, immer im Geiste der Kunst, und also, dass nicht das Gelernte
wiedergegeben, sondern etwas Anderes damit und daraus gemacht werden
solle, also, dass erhelle, ob und inwieweit der Lehrling jenes zu seinem
Eigenthum und zu seinem Werkzeuge fr allerlei Gebrauch bekommen habe.
Der natrliche Erfinder solcher Aufgaben ist zwar der Meister; es soll
aber auch der gebtere Lehrling aufgefordert werden, dergleichen sich
auszusinnen, und sie fr sich oder fr andere in Vorschlag zu bringen.
-- Es wird durch diese schriftlichen Ausarbeitungen zugleich die Kunst
des schriftlichen Vortrages eines wissenschaftlichen Stoffes gebt, und
es soll darum der Meister in der Beurtheilung auch ber die Ordnung, die
Bestimmtheit und die sinnliche Klarheit der Darstellung sich
ussern.[25]


                                . 10.
                 Vom Lehrlinge einer solchen Anstalt.

Die ussern Bedingungen, wodurch derselbe theils zu Stande kommt, theils
in seinem Zustande verharrt, sind die folgenden:

1) ^Gehrige Vorbereitung auf der niederen Gelehrtenschule fr die
hhere.^ Welche Leistungen fr die Bildung des Kopfs zur Wissenschaft
der niederen Schule anzumuthen sind, haben wir schon oben (. 6.)
ersehen. Dies muss nun, wenn die hhere Schule mit sicherm Schritt
einhergehen soll, von der niedern nicht wie bisher, wie gutes Glck und
Ohngefhr es geben, sondern nach einem festen Plane, und so, dass man
immer wisse, was gelungen sey und was nicht, geschehen. Die Verbesserung
der hheren Lehranstalten setzt sonach die der niedern nothwendig
voraus, wiewohl wiederum auch umgekehrt eine grndliche Verbesserung der
letzten nur durch die Verbesserung der ersten, und indem auf ihnen die
Lehrer der niedern Schule die ihnen jetzt grossentheils abgehende Kunst
des Lehrens erlernen, mglich wird; dass daher schon hier erhellet, dass
wir nicht mit Einem Schlage das Vollkommene werden hinstellen knnen,
sondern uns demselben nur allmhlig und in mancherlei Vorschritten
werden annhern mssen.

[Funote 25: Es drfte vielleicht nicht berflssig seyn, der Erwhnung
solcher Aufgaben noch ausdrcklich die Bemerkung hinzuzufgen, dass
nicht bloss in dem apriorischen Theile der Wissenschaft, sondern auch in
ganz empirischen Scienzen solche, die Selbstthtigkeit des Auffassens
erkundende, Aufgaben mglich seyen. In der Philologie, der Theologie u.
s. w. ist ja wohlbekannt, dass diese Fcher der eignen Combinationsgabe
und Conjecturalkritik ein fast unermessliches Feld darbieten, wobei,
gesetzt auch die Ausbeute wre nicht von Bedeutung, dennoch die
Selbstthtigkeit des Geistes gebt und documentirt wird. Aber auch der
Lehrer der Universalgeschichte knnte, meines Erachtens, ein nicht
wirklich eingetretenes Ereigniss fingiren, mit der Aufgabe an sein
Auditorium, zu zeigen, was bei diesem oder diesem von ihnen erlernten
Zustande der Welt daraus am wahrscheinlichsten erfolgt seyn wrde; oder
der des rmischen Rechts irgend einen Fall, mit der Aufgabe an sein
Auditorium, das aus dem Ganzen der rmischen Gesetzgebung hervorgehende,
und in dasselbe organisch einpassende Gesetz fr diesen Fall anzugeben.
Es wrde aus dem Versuche der Lsung dieser Aufgaben ohne Zweifel klar
hervorgehen, zuvrderst, ob seine Zuhrer die Geschichte oder das
rmische Recht wirklich wssten, sodann, ob und inwieweit sie diese
Scienzen in ihrem Geiste durchdrungen, oder dieselben nur mechanisch
auswendig gelernt htten.]

Zur Verbreitung hherer Klarheit ber unsern Grundbegriff fge ich hier
noch folgendes hinzu. Dass der fr ein wissenschaftliches Leben
bestimmte Jngling zuvrderst mit dem allgemeinen Sprachschatze der
wissenschaftlichen Welt, als dem Werkzeuge, vermittelst dessen allein
er, so zu verstehen, wie sich verstndlich zu machen vermag, vertraut
werden msse, ist unmittelbar klar. Diese positive Kenntniss der Sprache
aber, so unentbehrlich sie auch ist, erscheint als leichte Zugabe, wenn
wir bedenken, dass besonders durch Erlernung der Sprachen einer andern
Welt, welche die Merkmale ganz anders zu Wortbegriffen gestaltet, der
Jngling ber den Mechanismus, womit die angeborne moderne Sprache,
gleichsam als ob es nicht anders seyn knnte, ihn fesselt, unvermerkt
hinweggehoben, und im leichten Spiele zur Freiheit der Begriffebildung
angefhrt wird; ferner, dass beim Interpretiren der Schriftsteller er an
dem leichtesten und schon fertig ihm hingelegten Stoffe lernt, seine
Betrachtung willkrlich zu bewegen, dahin und dorthin zu richten fr
einen ihm bekannten Zweck, und nicht eher abzulassen in dieser Arbeit,
als bis der Zweck erreicht dastehe. Es wird nun, um dieses Verhltnisses
willen der ^niedern^ Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauches
zu der ^hhern^, nothwendig seyn, dass die Schule in ihrem
Sprachunterrichte also verfahre, dass nicht bloss der erste Zweck der
historischen Sprachkenntniss, sondern zugleich auch der letzte der
Verstandesbildung an ihr sicher, allgemein und fr klare Documentation
ausreichend erfllt werde; dass z. B. der Schler auf jeder Stufe des
Unterrichts verstehen lerne, was er verstehen soll, vollkommen und bis
zum Ende, und wissen lerne, ^ob^ er also verstanden, und den Beweis
davon fhren lerne; keinesweges aber, wie es bisher so oft geschehen,
hierber vom guten Glcke abhnge, und im Dunkeln tappe, indem sehr oft
sein Lehrer selbst keinen rechten Begriff vom Verstehen berhaupt hat,
und gar nicht weiss, welche Fragen alle mssen beantwortet werden
knnen, wenn man sagen will, man habe z. B. eine Stelle eines Autors
verstanden.

Betreffend das Grundgerst des vorhandenen wissenschaftlichen Stoffes,
als das zweite Stck der nthigen Vorbereitung, die der Schule zukommt,
mache ich durch folgende Wendung mich klarer. Man hat wohl, um den
Forderungen einer solchen geistigen Kunstbildung, wie sie auch in diesem
Aufsatze gemacht werden, auszuweichen, die Bemerkung gemacht: eine
solche besonnene Ausbildung der Geistesvermgen sey wohl bei den alten
klassischen Vlkern mglich gewesen, weil das sehr beschrnkte Feld der
positiven Kenntnisse, die sie zu erlernen gehabt, ihnen Zeit genug
briggelassen htte; dagegen unsere Zeit und Vermgen durch das
unermessliche Gebiet des zu Erlernenden gnzlich aufgezehrt werde, und
fr keine anderen Zwecke uns ein Theil derselben brigbleibe. Als ob
nicht vielmehr gerade darum, weil wir mit ihm weit mehr zu leisten
haben, eine kunstmssige Ausbildung des Vermgens um so nthiger wrde,
und wir nicht um so mehr auf Fertigkeit und Gewandtheit im Lernen
bedacht seyn mssten, da wir eine so grosse Aufgabe des Lernens vor uns
haben. In der That kommt jenes Erschrecken vor der Unermesslichkeit
unsers wissenschaftlichen Stoffes daher, dass man ihn ohne einen
ordnenden Geist und ohne eine mit Besonnenheit gebte Gedchtnisskunst,
deren Hauptmittel jener ordnende Geist ist, erfasset; vielmehr blind
sich hineinstrzt in das Chaos, und ohne Leitfaden in das Labyrinth, und
so im Herumirren bei jedem Schritte Zeit verliert; also, dass die
wenigen, welche in diesem ungeheuren Oceane, vom Versinken gerettet,
noch oben schwimmen, beim Rckblicke auf ihren Weg erschrecken vor der
eigenen Arbeit und dem gehabten Glcke, und, die noch immer vorhandenen
Lcken in ihrem Wissen entdeckend, glauben, es habe ihnen nichts weiter
gemangelt, denn ^Zeit^, -- da doch die ordnende Kunst, die sie nicht
kennen, indem sie keinen Schritt vergebens thut, die Zeit ins Unendliche
vervielfltigt und eine kurze Spanne von Menschenleben ausdehnt zu einer
Ewigkeit. Wenn schon die erste Schule fr den Anfnger nicht lnger das
fhige Gedchtniss des einen Knaben fr einen glcklichen Zufall, das
langsamere eines andern fr ein unabwendbares Naturunglck halten,
sondern lernen wird, das Gedchtniss sowohl berhaupt, als in seinen
besonderen, fr besondere Zweige passenden, Fertigkeiten kunstmssig zu
entwickeln und zu bilden; wenn sie diesem Gedchtnisse erst ein ganz ins
Kurze und Kleine gezogenes, aber lebendiges und klares Bild des Ganzen
eines bestimmten wissenschaftlichen Stoffes (z. B. fr die Geschichte
ein allgemeines Bild der Umwandlungen im Menschengeschlechte durch die
Hauptbegebenheiten der herrschenden Vlker, neben einem Bilde von der
allgemeinen Gestalt der Oberflche des Erdbodens, als dem Schauplatze
jener Umwandlungen 1) hingeben, und unaustilgbar fest in die innere
Anschauung einprgen wird; sodann diese Bilder Tag fr Tag wieder
hervorrufen lassen, und sie allmhlig, aber verhltnissmssig nach allen
ihren Theilen, nach einer gewissen Regel der nothwendigen Folge der
^Gesichtspuncte^, und so, dass kein einzelner zum Schaden der brigen
ungebhrlich anwachse, vergrssern wird: so wird jenes Entsetzen vor der
Unermesslichkeit gnzlich verschwinden, und die also gebildeten Kpfe
werden leicht und sicher alles, was ihnen vorkommt, auf jene mit ihrer
Persnlichkeit verwachsenen Grundbilder, jedes an seiner Stelle
auftragen, nicht auf ein unbekanntes Weltmeer versprengt, sondern in
ihrer vterlichen Wohnung die ihnen wohlbekannten Kammern mit Schtzen
ausfllend, die sie nach jedesmaligem Bedrfnisse wieder da hinwegnehmen
knnen, wo sie dieselben vorher hingestellt.

Somit fllt die Vorbereitung, welche der Lehrling einer hhern
Kunstschule auf der niedern erhalten haben muss, die Rechenschaft, die
er vor der Aufnahme von seiner Tchtigkeit zu geben hat, und die
Vollkommenheit, bis zu welcher die niedere Schule verbessert werden
muss, zu folgenden zwei Stcken zusammen. Zuvrderst muss der Adspirant
eine seinen Fhigkeiten angemessene, ihm vorgelegte Stelle eines Autors
in gegebener Zeit grndlich verstehen lernen, und den Beweis fhren
knnen, dass er sie recht verstehe, indem sie gar nicht anders
verstanden werden knne. Sodann muss er zeigen, dass er ein allgemeines
Bild des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, erhoben und bereichert
bis zu derjenigen Potenz des Gesichtspunctes, an welche die hhere
Schule ihren Unterricht anknpft, in freier Gewalt und zu beliebigem
Gebrauche als sein Eigenthum besitze.

2) ^Aufgehen seines gesammten Lebens in seinem Zwecke, darum Absonderung
desselben von aller andern Lebensweise, und vollkommene Isolirung.^ Der
Sohn eines Brgers, welcher ein brgerliches Gewerbe treibt, besucht
vielleicht auch des Tages mehrere Stunden eine gute Brgerschule, worin
mancherlei gelehrt wird, das die gelehrte Schule gleichfalls vortrgt.
Dennoch ist die Schule nicht der Sitz seines wahren, eigentlichen
Lebens, und er ist nicht daselbst zu Hause, sondern sein wahres Leben
ist sein Familienleben, und der Beistand, den er seinen Eltern in ihrem
Gewerbe leistet; die Schule aber ist Nebensache und blosses Mittel fr
den bessern Fortgang des brgerlichen Gewerbes, als den eigentlichen
Zweck. Dem Gelehrten aber muss die Wissenschaft nicht Mittel fr irgend
einen Zweck, sondern sie muss ihm selbst Zweck werden; er wird einst,
als vollendeter Gelehrter, in welcher Weise er auch knftig seine
wissenschaftliche Bildung im Leben anwende, in jedem Falle allein in der
Idee die Wurzel seines Lebens haben, und nur von ihr aus die
Wirklichkeit erblicken, und nach ihr sie gestalten und fgen,
keinesweges aber zugeben, dass die Idee nach der Wirklichkeit sich fge;
und er kann nicht zu frh in dieses sein eigenthmliches Element sich
hineinleben und das widerwrtige Element abstossen.

Es ist eine bekannte Bemerkung, dass bisher auf Universitten, die in
einer kleinern Stadt errichtet waren, bei einigem Talente der Lehrer,
sehr leicht ein allgemeiner wissenschaftlicher Geist und Ton unter den
Studirenden sich erzeugt habe, was in grssern Stdten selten oder
niemals also gelungen. Sollten wir davon den Grund angeben, so wrden
wir sagen, dass es deswegen also erfolge, weil in dem ersten Falle die
Studirenden auf den Umgang unter sich selber, und den Stoff, den dieser
zu gewhren vermag, eingeschrnkt werden; dagegen sie im zweiten Falle
immerfort verfliessen in die allgemeine Masse des Brgerthums, und
zerstreut werden ber den gesammten Stoff, den dieses liefert, und so
das Studiren ihnen niemals zum eigentlichen Leben, ausser welchem man
ein anderes gar nicht an sich zu bringen vermag, sondern wo es noch am
besten ist, zu einer Berufspflicht wird. Jener bekannte Einwurf gegen
grosse Universittsstdte, dass in ihnen die Studirenden von einem
Hrsaale zum andern weit zu gehen htten, mchte sonach nicht der
tiefste seyn, den man vorbringen knnte, und er mchte sich eher
beseitigen lassen, als das hhere Uebel der Verschmelzung des
studirenden Theiles des gemeinen Wesens mit der allgemeinen Masse des
gewerbtreibenden oder dumpfgeniessenden Brgerthumes; indem, ganz davon
abgesehen, dass bei einem solchen nur als Nebensache getriebenen
Studiren wenig oder nichts gelernt wird, auf diese Weise die ganze Welt
verbrgern, und eine ber die Wirklichkeit hinausliegende Ansicht der
Wirklichkeit, bei welcher allein die Menschheit Heilung finden kann
gegen jedes ihrer Uebel, ausgetilgt werden wrde in dem
Menschengeschlechte; und mehr als jemals wrde hierauf Rcksicht zu
nehmen seyn in einem solchen Zeitalter, welches in dringendem Verdachte
einer beinahe allgemeinen Verbrgerung steht.

3) ^Sicherung vor jeder Sorge um das Aeussere, vermittelst einer
angemessenen Unterhaltung frs Gegenwrtige, und Garantie einer
gehrigen Versorgung in der Zukunft.^ Dass das Detail der kleinen
Sorgfltigkeiten um die tglichen Bedrfnisse des Lebens zum Studiren
nicht passt; dass Nahrungssorgen den Geist niederdrcken; Nebenarbeiten
ums Brot die Thtigkeit zerstreuen, und die Wissenschaft als einen
Broterwerb hinstellen; Zurcksetzung von Begterten Drftigkeits halber,
oder die Demuth, der man sich unterzieht, um jener Zurcksetzung
auszuweichen, den Charakter herabwrdigen: dieses alles ist, wenn auch
nicht allenthalben sattsam erwogen, denn doch ziemlich allgemein
zugestanden. Aber man kann von demselben Gegenstande auch noch eine
tiefere Ansicht nehmen. Es wird nemlich ohnedies gar bald sehr klar die
Nothwendigkeit sich zeigen, dass im Staate, und besonders bei den
hheren Dienern desselben, recht fest einwurzele die Denkart, nach
welcher man nicht der Gesellschaft dienen will, um leben zu knnen,
sondern leben mag, allein um der Gesellschaft dienen zu knnen, und in
welcher man durch kein Erbarmen mit dem eigenen, oder irgend eines
Anderen, Lebensgenusse bewegt wird, zu thun, zu rathen, oder, wo man
hindern knnte, zuzulassen, was nicht auch gnzlich ohne diese Rcksicht
durch sich selber sich gebhrt; aber es kann diese Denkart Wurzel fassen
nur in einem durch das Leben in der Wissenschaft veredelten Geiste.
Mchtig aber wird dieser Veredelung und dieser Unabhngigkeit von der
erwhnten Rcksicht vorgearbeitet werden, wenn die knftigen Gelehrten,
aus deren Mitte ja wohl die Staatsmter werden besetzt werden, von
frher Jugend an gewhnt werden, die Bedrfnisse des Lebens nicht als
Beweggrund irgend einer Thtigkeit, sondern als etwas, das fr sich
selbst seinen eigenen Weg geht, anzusehen, indem es ihnen, sogar ohne
Rcksicht auf ihren gegenwrtigen zweckmssigen Fleiss, der aus der
Liebe zur Sache hervorgehen soll, zugesichert ist.


                                . 11.
    Wie muss der Lehrer an einer solchen Anstalt beschaffen seyn,
                          und ausgestattet?

Zuvrderst, wie sich von selbst versteht, indem keiner lehren kann, was
er selbst nicht weiss, muss er sich im Besitze der Wissenschaft
befinden, und zwar auf die oben angegebene Weise, als freier Knstler,
so dass er sie zu jedem gegebenen Zwecke anzuwenden und in jede mgliche
Gestalt hinberzubilden vermge. Aber auch diese Kunstfertigkeit muss
ihn nicht etwa mechanisch leiten, und bloss als natrliches Talent und
Gabe ihm beiwohnen, sondern er muss auch sie wiederum mit klarem
Bewusstseyn durchdrungen haben, bis zur Erkenntniss im Allgemeinen
sowohl, als in den besonderen individuellen Bestimmungen, die sie bei
Einzelnen annimmt, indem er ja jeden Schler dieser Kunst soll
beobachten, beurtheilen und leiten knnen.

Aber sogar dieses klare Bewusstseyn und dieses Auffassen der
wissenschaftlichen Kunst, als eines organischen Ganzen, reicht ihm noch
nicht hin, denn auch dieses knnte, wie alles blosse Wissen, todt seyn,
hchstens bis zur historischen Niederlegung in einem Buche ausgebildet.
Er bedarf noch berdies fr die wirkliche Ausbung der Fertigkeit, jeden
Augenblick diejenige Regel, die hier Anwendung findet, hervorzurufen,
und der Kunst, das Mittel ihrer Anwendung auf der Stelle zu finden. Zu
diesem hohen Grade der Klarheit und Freiheit muss die wissenschaftliche
Kunst sich in ihm gesteigert haben. Sein Wesen ist die Kunst, den
wissenschaftlichen Knstler selber zu bilden, welche Kunst eine
Wissenschaft der wissenschaftlichen Kunst auf ihrer ersten Stufe
voraussetzt, fr deren Mglichkeit wiederum der eigene Besitz dieser
Kunst auf der ersten Stufe vorausgesetzt wird; in dieser Vereinigung und
Folge sonach besteht das Wesen eines Lehrers an einer Kunstschule des
wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs.

Das Princip, durch welches die wissenschaftliche Kunst zu dieser Hhe
sich steigert, ist die Liebe zur Kunst.

Dieselbe Liebe ist es auch, die die wirklich entstandene Kunst der
Knstlerbildung immerfort von neuem beleben, und in jedem besonderen
Falle sie anregen und sie auf das Rechte leiten muss. Sie ist, wie alle
Liebe, gttlichen Ursprungs und genialischer Natur, und erzeugt sich
frei aus sich selber; fr sie ist die brige wissenschaftliche
Kunstbildung ein sicher zu berechnendes Product, sie selbst aber, die
Kunst dieser Kunstbildung, lsst sich nicht jederman anmuthen, noch
lsst sie selbst da, wo sie war, sich erhalten, falls ihr freier
Geniusflgel sich hinwegwendet.

Diese Liebe jedoch pflanzt auf eine unsichtbare Weise sich fort, und
regt unbegreiflich den Umkreis an. Nichts gewhrt hheres Vergngen, als
das Gefhl der Freiheit und zweckmssigen Regsamkeit des Geistes, und
des Wachsthums dieser Freiheit, und so entsteht das liebevollste und
freudenvollste Leben des Lehrlings in diesen Uebungen, und in dem Stoffe
derselben.

Diese Liebe fr die Kunst ist in Beziehung auf andere ^achtend^, und
richtet vom Lehrer, als dem eigentlichen Focus, ausgegangen mit dieser
Achtung aus dem Individuum heraus sich auf die anderen, welche
gemeinschaftlich mit ihm diese Kunst treiben, und zieht jeden hin zu
allen brigen, wodurch die . 8 geforderte wechselseitige Mittheilung
Aller, und die Verschmelzung der Einzelnen zu einem lernenden
organischen Ganzen, wie es gerade nur aus diesen lernenden Individuen
sich bilden kann, entstehet, deren Mglichkeit noch zu erklren war.

(Ein geistiges Zusammenleben, das ^zunchst^ der schnelleren,
fruchtbareren und in den Formen sehr vielseitigen Geistesentwickelung,
^spter^ im brgerlichen Leben der Entstehung eines Corps von
Geschftsleuten dient, in welchem nicht, wie bisher, der eigentliche
Gelehrte, der dem Geschftsmanne fr einen Quer- und verrckenden Kopf
gilt, diesem meist mit Recht den stumpfen Kopf und den empirischen
Stmper zurckgiebt, -- sondern, die einander frhzeitig durchaus kennen
und achten gelernt haben, und die von einer Allen gleichbekannten und
unter ihnen gar nicht streitigen Basis in allen ihren Berathungen
ausgehen.)


                                . 12.

Diese Kunst der wissenschaftlichen Knstlerbildung, falls sie etwa in
irgend einem Zeitalter zum deutlichen Bewusstseyn hervorbrechen und zu
irgend einem Grade der Ausbung gedeihen sollte, muss, in Absicht ihrer
Fortdauer und ihres Erwachsens zu hherer Vollkommenheit, keinesweges
dem blinden Ohngefhr berlassen werden; sondern es muss, und dieses am
schicklichsten an der schon bestehenden Kunstschule selbst, eine feste
Einrichtung getroffen werden, dieselbe mit Besonnenheit und nach einer
festen Regel zu erhalten, und zu hherer Vollkommenheit zu bilden;
wodurch diese Kunstschule, so wie jedes mit wahrhaftem Leben existirende
Wesen soll, ihre ewige Fortdauer verbrgen wrde.

Sie ist, wie oben gesagt, selbst der hchste Grad der wissenschaftlichen
Kunst, erfordernd die hchste Liebe und die hchste Fertigkeit und
Geistesgewandtheit. Es ist darum klar, dass sie nicht allen angemuthet
werden knne, wie man denn auch nur weniger, die sie ausben, bedarf;
aber sie muss allen angeboten und mit ihnen der Versuch gemacht werden,
damit man sicher sey, dass nirgends dieses seltene Talent, aus Mangel an
Kunde seiner, ungebraucht verloren gehe.

Fr diesen Zweck wre demnach der Lehrling, doch ohne Ueberspringen und
nach erlangter hinlnglicher Gewandtheit in den niederen Graden der
Kunst, zur Ausbung aller der oben erwhnten Geschfte des Lehrers
anzuhalten, unter Aufsicht und mit der Beurtheilung des eigentlichen
Lehrers, so wie der anderen, in demselben Grade befindlichen Lehrlinge.
So denselben Weg zurcklegend unter der Leitung des schon gebten
Lehrers, und vertraut gemacht mit dessen Kunstgriffen, welchen Weg der
Lehrer selbst, von keinem geholfen und im Dunkeln tappend, gehen musste,
wird dieser Lehrling es ohne Zweifel noch viel weiter bringen in gebter
und klarer Kunst, denn sein Lehrer, und einst selber nach demselben
Gesetze eine noch gebtere und klarere Generation hinterlassen.

(Es geht hieraus hervor, dass eine solche Pflanzschule
wissenschaftlicher Knstler berhaupt, nach den verschiedenen Graden
dieser Kunst, auf ihrer hchsten Spitze ein Professor-Seminarium seyn
wrde, und also genannt werden knnte. Man hat homiletische Uebungen
gehabt, um zur Kunst des Vortrages fr das Volk, man hat
Schullehrer-Seminaria gehabt, um den Vortrag fr die niedere Schule zu
bilden; an eine besondere Uebung oder Prfung in der Kunst des
akademischen Vortrages aber hat unseres Wissens niemand gedacht, gleich
als ob es sich von selbst verstnde, dass man, was man nur wisse, auch
werde sagen knnen: zum schlagenden Beweise, dass man mit deutlichem
Bewusstseyn, so weit dieses in dieser Region gedrungen, mit der
Universitt durchaus nichts mehr beabsichtigt, als dem gedruckten
Buchwesen noch ein zweites redendes Buchwesen an die Seite zu setzen;
wodurch unsere Rede wieder in ihren Ausgangspunct hineinfllt, zum
Beweise, dass sie ihren Kreis durchlaufen hat.


                                . 13.
                             Corollarium.

Der bis hierher entwickelte Begriff, selbst angesehen in einem
wissenschaftlichen Ganzen, giebt der Kunst der Menschenbildung oder der
Pdagogik den Gipfel, dessen sie bisher ermangelte. Ein anderer Mann hat
in unserem Zeitalter die ebenfalls vorher ermangelnde Wurzel derselben
Pdagogik gefunden. Jener Gipfel macht mglich die hchste und letzte
Schule der wissenschaftlichen Kunst; diese Wurzel macht mglich die
erste und allgemeine Schule des Volks, das letzte Wort nicht fr Pbel
genommen, sondern fr die Nation. Der mittlere Stamm der Pdagogik ist
die niedere Gelehrtenschule.

Aber der Gipfel ruht fest nur auf dem Stamme, und dieser zieht seinen
Lebenssaft nur aus der Wurzel; alle insgesammt haben nur an-, in- und
durcheinander Leben und versicherte Dauer. Ebenso verhlt es sich auch
mit der hheren und der niederen Gelehrtenschule, und mit der
Volksschule. Wir unseres Ortes, die wir die erstere beabsichtigen,
gehen, so gut wir es unter diesen Umstnden vermgen, aus unserem
besonderen und abgeschnittenen Mittelpuncte aus, unseren Weg fort, nur
auf die niedere Gelehrtenschule, mit der wir allernchst zusammenhngen,
und ohne deren Beihlfe wir nicht fglich auch nur einen Anfang machen
knnen, die nthige Rcksicht nehmend. Ebenso geht ihres Orts, und
unser, die wir nur selbst erst unser eigenes Daseyn suchen, unserer
Hlfe und unseres leitenden Lichtes entbehrend, die allgemeine Pdagogik
ihren Weg fort, so gut sie es vermag. Aber arbeiten wir nur redlich
fort, jeder an seinem Ende: wir werden mit der Zeit zusammenkommen, und
insgesammt in einander eingreifen; denn jedweder Theil, der nur in sich
selber etwas Rechtes ist, ist Theil zu einem grsseren ewigen Ganzen,
das in der Erscheinung nur aus der Zusammenfgung der einzelnen Theile
zusammentritt. Da aber, wo wir zusammenkommen werden, wird der armen,
jetzt in ihrer ganzen Hlfslosigkeit dastehenden Menschheit Hlfe und
Rettung bereit seyn; denn diese Rettung hngt lediglich davon ab, dass
die Menschenbildung im Grossen und Ganzen aus den Hnden des blinden
Ohngefhrs unter das leuchtende Auge einer besonnenen Kunst komme.

Diese Einsicht und das Bewusstseyn, dass uns ein grosser Moment gegeben
ist, der, ungenutzt verstrichen, nicht leicht wiederkehrt, bringe
heiligen Ernst und Andacht in unsere Berathungen.


                              Anmerkung.

Da man oft unerwartet auf Verkennung jenes hchsten Grundsatzes alles
unseres Lebens und Treibens stsst, so ist es vielleicht nicht
berflssig, hierber noch einige Worte hinzuzufgen.

Ein blindes Geschick hat die menschlichen Angelegenheiten ertrglich,
und obgleich langsam, dennoch zu einiger Verbesserung des ganzen
Zustandes geleitet, so lange in diese Dunkelheit das gute und bse
Princip in der Menschheit gemeinschaftlich und mit einander verwachsen
eingehllt war. Diese Lage der Dinge hat sich verndert, durch diese
Vernderung ist eben ein durchaus neues Zeitalter, gegen dessen
Anerkenntniss man sich noch so hufig strubt, und es sind durchaus neue
Aufgaben an die Zeit entstanden. Das bse Princip hat nemlich aus jener
Mischung sich entbunden zum Lichte; es ist sich selbst vollkommen klar
geworden, und schreitet frei und besonnen und ohne alle Scheu und Scham
vorwrts. Klarheit siegt allemal ber die Dunkelheit; und so wird denn
das bse Princip ohne Zweifel Sieger bleiben so lange, bis auch das gute
sich zur Klarheit und besonnenen Kunst erhebt.

In allen menschlichen Verhltnissen, besonders aber in der
Menschenbildung, ist das Alte und Hergebrachte das Dunkele; eine Region,
die mit dem klaren Begriffe zu durchdringen und mit besonnener Kunst zu
bearbeiten man Verzicht leistet, und aus welcher herab man den Segen
Gottes ohne sein eigenes Zuthun erwartet. Setzt man in diesem
Glaubenssysteme jenem gttlichen Segen etwa noch eine menschliche
Direction und Oberaufsicht an die Seite, so ist das eine blosse
Inconsequenz. Das Alte ist ja jedermnniglich bekannt, diesem soll
gefolgt werden, es giebt darum keine Plne auszudenken; der Erfolg kommt
von oben herab, und keine menschliche Klugheit kann hier etwas
ausrichten; es giebt darum auch nichts zu leiten, und die Oberaufsicht
ist ein vllig berflssiges Glied. Nur in dem Falle, dass Behauptungen,
wie die unsrige, von freier und besonnener Kunst sich vernehmen liessen
und einen Einfluss begehrten, erhielte sie eine Bestimmung, die, der
Neuerung sich krftig zu widersetzen, und festzuhalten ber dem alten
hergebrachten Dunkel.

Es ist nicht zu hren, wenn die Sicherheit dieses alten und
ausgetretenen Weges gepriesen, dagegen das Unsichere und Gewagte aller
Neuerungen gefrchtet wird. Bleibt man beim Alten, so wird der Erfolg
schlecht seyn, darauf kann man sich verlassen; denn es kann, nachdem die
Welt einmal ist, wie sie ist, aus dem Dunkeln nichts Anderes mehr
hervorgehen, denn Bses. Hofft man etwa dabei das zu gewinnen, dass man
sich sagen knne, man habe das Bse wenigstens nicht durch sein thtiges
Handeln herbeigefhrt, es sey eben von selbst gekommen, und man wrde
nichts dagegen gehabt haben, wenn statt dessen das Gute gekommen wre?
Man muss leicht zu trsten seyn, wenn man damit sich beruhigt. Und warum
sollte es denn ein so grosses Wagstck seyn, nach einem klaren und
festen Begriffe einherzugehen? Wagen wird man allein in den beiden
Fllen, wenn man entweder seines Begriffes nicht Meister ist, oder nicht
schon im voraus entschlossen, sein Alles an die Ausfhrung desselben zu
setzen. Aber nichts nthigt uns, uns in einem dieser beiden Flle zu
befinden.

Am wenigsten wrden wir den Grundbegriff von einer Universitt gelten
lassen, dass dieselbe sey keinesweges eine Erziehungsanstalt, deren
unfehlbaren Erfolg man soviel mglich sichern msse, sondern eine im
Grunde berflssige und nur als freie Gabe zu betrachtende
Bildungsanstalt, die jeder, der in der Lage sey, mit Freiheit gebrauchen
knne, wie er eben wolle. Giebt es solche Anstalten, als da etwa wre
das Werkmeistersche Museum u. dergl., so knnen dieselben nur seyn fr
weise Mnner und gemachte Brger, die in Absicht einer persnlichen
Bestimmung und eines festen Berufes mit dem Staate sich schon abgefunden
haben, keinesweges fr Jnglinge, die einen Beruf noch suchen. Auch hat
bisher der Staat, -- und dies ist auch ein Altes und Wohlhergebrachtes,
bei welchem es ohne Zweifel sein Bewenden wird haben mssen, -- es hat
der Staat allerdings auf die Universitten gerechnet, als eine
nothwendige und bisher durch nichts Anderes ersetzte Erziehungsanstalt
eines Standes, an dem ihm viel gelegen ist: und es wre zu erwarten, was
erfolgen wrde, wenn nur drei Jahre hintereinander es der Freiheit aller
Studirenden gefiele, die Universitt nicht auf die rechte Weise zu
benutzen. Oder soll man voraussetzen, dass es mitten in unseren
gebildeten Staaten noch einen Haufen von Menschen gebe, deren
angeborenes Privilegium dies ist, dass kein Mensch Anspruch auf ihre
Krfte und die Bildung derselben habe, und denen es freistehen muss, ob
sie zu etwas oder zu nichts taugen wollen, weil sie ausserdem zu leben
haben? Soll fr diese vielleicht jene freie und auf gar nichts rechnende
Bildungsanstalt angelegt werden, damit sie, wenn sie wollen, hier die
Mittel erwerben, ihr einstiges mssiges Leben mit weniger Langeweile
hinzubringen? Alles zugegeben, mchten wenigstens diese Klassen selbst
fr die Befriedigung dieses ihres Bedrfnisses sorgen; aber dem Staate
liessen die Kosten einer solchen Anstalt sich keinesweges aufbrden.




                          Zweiter Abschnitt.
    Wie unter den gegebenen Bedingungen der Zeit und des Orts der
             aufgegebene Begriff realisirt werden knne.


                                . 14.

Soll unsere Lehranstalt keinesweges etwa eine in sich selbst
abgeschlossene Welt bilden, sondern soll sie eingreifen in die wirklich
vorhandene Welt, und soll sie insbesondere das gelehrte Erziehungswesen
dieser Welt umbilden, so muss sie sich anschliessen an dasselbe, so wie
es ist und sie dasselbe vorfindet. Dieses muss ihr erster Standpunct
seyn; dies der von ihr anzueignende und durch sie zu organisirende
Stoff; sie aber das geistige Ferment dieses Stoffes. Sie muss sich
erzeugen und sich fortbilden innerhalb einer gewhnlichen Universitt,
weil wir dies nicht vermeiden knnen, so lange bis die letztere in die
erste aufgehend gnzlich verschwinde: keinesweges aber mssen wir von
dem Gedanken ausgehen, dass wir eine ganz gewhnliche Universitt und
nichts weiter bilden wollen.


                                . 15.

Diese nothwendige Sttigkeit des Fortgangs in der Zeit sogar
abgerechnet, vermgen wir in dieses Vorhabens Ausfhrung um so weniger
anders, denn also zu verfahren, da die freie ^Kunst der besonderen
Wissenschaft sowohl berhaupt, als in ihren einzelnen Fchern^ dermalen
noch gar nicht also vorhanden ist, dass sie sicher und nach einer Regel
aufbehalten und fortgepflanzt werden knnte; sondern diese freie Kunst
der ^besonderen^ Wissenschaft erst selber in der schon vorhandenen
Kunstschule zu deutlichem Bewusstseyn und zu gebter Fertigkeit erhoben
werden, und so die Kunstschule einem ihrer wesentlichen Theile nach sich
selber erst erschaffen muss. So nun nicht wenigstens der Ausgangspunct
dieser Kunst in der Wissenschaft berhaupt, und unabhngig von dem
Vorhandenseyn der Schule, irgendwo und irgendwann zu existiren
vermchte, so wrde es niemals zu einer solchen Kunstschule, ja sogar
nicht zu dem Gedanken und der Aufgabe derselben kommen.


                                . 16.

Mit diesem Ausgangspuncte der wissenschaftlichen Kunst verhlt es sich
nun also. Kunst wird (. 4) dadurch erzeugt, dass man deutlich versteht,
^was^ man und ^wie^ man es macht. Die besondere Wissenschaft aber ist in
allen ihren einzelnen Fchern ein besonderes Machen und Verfahren mit
dem Geistesvermgen; und man hat dies von jeher anerkannt, wenn man z.
B. vom historischen Genie, Tact und Sinne, oder von Beobachtungsgabe u.
dergl., als von besonderen, ihren eigenthmlichen Charakter tragenden
Talenten gesprochen. Nun ist ein solches Talent allemal Naturgabe, und
da es ein besonderes Talent ist, so ist der Besitzer desselben eine
besondere und auf diesen Standpunct beschrnkte Natur, die nicht
wiederum ber diesen Punct sich erheben, ihn frei anschauen, ihn mit dem
Begriffe durchdringen und so aus der blossen Naturgabe eine freie Kunst
machen knnte. Und so wrde denn die besondere Wissenschaft entweder gar
nicht getrieben werden knnen, weil es an Talent fehlte, oder, wo sie
getrieben wrde, knnte es, eben weil dazu Talent, das eben nur Talent
sey, gehrt, niemals zu einer besonnenen Kunst derselben kommen. So ist
es denn auch wirklich. Der Geist jeder besonderen Wissenschaft ist ein
beschrnkter und beschrnkender Geist, der zwar in sich selber lebt und
treibet, und kstliche Frchte gewhrt, der aber weder sich selbst, noch
andere Geister ausser ihm zu verstehen vermag. Sollte es nun doch zu
einer solchen Kunst in der besonderen Wissenschaft kommen, so msste
dieselbe, unabhngig von ihrer Ausbung, und noch ehe sie getrieben
wrde, verstanden, d. i. die Art und Weise der geistigen Thtigkeit,
deren es dazu bedarf, erkannt werden, und so der allgemeine ^Begriff^
ihrer Kunst der ^Ausbung^ dieser Kunst selbst vorhergehen knnen. Nun
ist dasjenige, was die ^gesammte^ geistige Thtigkeit, mithin auch alle
besonderen und weiter bestimmten Aeusserungen derselben wissenschaftlich
erfasst, die Philosophie: von philosophischer Kunstbildung aus msste
sonach den besonderen Wissenschaften ihre Kunst gegeben, und das, was in
ihnen bisher blosse, vom guten Glcke abhngende Naturgabe war, zu
besonnenem Knnen und Treiben erhoben werden; der Geist der Philosophie
wre derjenige, welcher zuerst sich selbst, und sodann in sich selber
alle anderen Geister verstnde; der Knstler in einer besonderen
Wissenschaft msste vor allen Dingen ein philosophischer Knstler
werden, und seine besondere Kunst wre lediglich eine weitere Bestimmung
und einzelne Anwendung seiner allgemeinen philosophischen Kunst.

(Dies dunkel fhlend hat man, wenigstens bis auf die letzten durch und
durch verworrenen und seichten Zeiten, geglaubt, dass alle hhere
wissenschaftliche Bildung von der Philosophie ausgehen, und dass auf
Universitten die philosophischen Vorlesungen von Allen und zuerst
gehrt werden mssten. Ferner hat man in den besonderen Wissenschaften
z. B. von philosophischen Juristen oder Geschichtsforschern oder Aerzten
gesprochen, und man wird finden, dass von denen, welche sich selber
verstanden, immer diejenigen mit dieser Benennung bezeichnet wurden, die
mit der grssten Fertigkeit und Gewandtheit ihre Wissenschaft vielseitig
anzuwenden wussten, sonach die ^Knstler^ in der Wissenschaft. Denn
diejenigen, welche ^a priori^ phantasirten, wo es galt Facta
beizubringen, sind ebenso, wie diejenigen, die sich auf die wirkliche
Beschaffenheit der Dinge beriefen, wo das apriorische Ideal dargestellt
werden sollte, von den Verstndigen mit der gebhrenden Verachtung
angesehen worden.)


                                . 17.

Die erste und ausschliessende Bedingung der Mglichkeit, eine
wissenschaftliche Kunstschule zu errichten, wrde demnach diese seyn,
dass man einen Lehrer fnde, der da fhig wre, das Philosophiren selber
als eine Kunst zu treiben, und der es verstnde, eine Anzahl seiner
Schler zu einer bedeutenden Fertigkeit in dieser Kunst zu erheben, mit
welcher nun einige dieser wiederum den ihnen anderwrts herzugebenden
positiven Stoff der besonderen Wissenschaften durchdrngen, und sich
auch in diesen zu Knstlern bildeten; von welchen letzteren wiederum
diejenigen, die es zu dem Grade der Klarheit dieser Kunst gebracht
htten, dass sie selbst Knstler zu bilden vermchten, ihre Kunst
fortpflanzten. Nachdem dieses Letztere ber das ganze Gebiet der
Wissenschaften mglich geworden, in einer solchen Ausdehnung, dass man
auf die sichere Fortpflanzung der gesammten wissenschaftlichen Kunst bis
ans Ende der Tage rechnen knnte: alsdann stnde die beabsichtigte
wissenschaftliche Kunstschule da, und wre errichtet.


                                . 18.

Dieser philosophische Knstler muss, beim Beginnen der Anstalt, ein
einziger seyn, ausser welchem durchaus kein anderer auf die Entwickelung
des Lehrlings zum Philosophiren Einfluss habe. Wer dagegen einwenden
wollte, dass es, um die Jnglinge vor Einseitigkeit und blindem Glauben
an Einen Lehrer zu verwahren, auf einer hheren Lehranstalt vielmehr
eine Mannigfaltigkeit der Ansichten und Systeme, und eben darum der
Lehrer geben msse, wrde dadurch verrathen, dass er weder von der
Philosophie berhaupt, noch vom Philosophiren, als einer Kunst, einen
Begriff habe. Denn obwohl, falls es Gewissheit giebt und dieselbe dem
Menschen erreichbar ist (wer ber diesen Punct sich noch in Zweifel
befnde, der wre nicht ausgestattet, um mit uns ber die Einrichtung
eines ^wissenschaftlichen^ Instituts zu berathschlagen), der Lehrer, den
wir suchen, selber in sich seiner Sache gewiss seyn und ein System haben
muss, indem im entgegengesetzten Falle er mit seinem Philosophiren nicht
zu Ende gekommen wre, mithin die ganze Kunst des Philosophirens nicht
einmal selber ausgebt htte und so durchaus unfhig wre, dieselbe in
ihrem ganzen Umfange mit Bewusstseyn zu durchdringen, und sie anderen
mitzutheilen, und wir uns daher in der Wahl der Person vergriffen htten
-- obwohl, sage ich, dies also ist, so wird er dennoch in seinem
Bestreben, selbstthtige, die Gewissheit in sich selbst erzeugende und
das System selbst erfindende Knstler zu bilden, nicht von seinem
Systeme, noch berhaupt von irgend einer positiven Behauptung
^ausgehen^; sondern nur ihr systematisches Denken anregen, freilich in
der sehr natrlichen Voraussetzung, dass sie am Ende desselben bei
demselben Resultate ankommen werden, bei dem auch er angekommen, und
dass, wenn sie bei einem anderen ankommen, irgendwo in der Ausbung der
Kunst ein Fehler begangen worden. Wre irgend ein anderer neben ihm, der
ihm widersprche, so msste dieser etwas ^behaupten^; liesse er sich
verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so msste nun auch er
behaupten, und es entstnde Polemik. Wo aber Polemik ist, da ist Thesis,
und wo Thesis ist, da wird nicht mehr thtig philosophirt, sondern es
wird nur das Resultat des, so Gott will, vorher ausgebten thtigen
Philosophirens historisch erzhlt; somit hebt die Polemik das Wesen
einer philosophischen Kunstschule gnzlich auf, und es ist ihr darum
aller Eingang in diese abzuschneiden. --

(Dieselbe Unbekanntschaft mit dem Wesen der Philosophie wrde verrathen
eine andere Bemerkung, die folgende: es msse auf einer solchen Anstalt
die Vollstndigkeit der sogenannten philosophischen Wissenschaften
beabsichtigt werden, und dies, da sie einem Einzigen nicht wohl
anzumuthen sey, werde eine Mehrheit der Lehrer der Philosophie
verlangen. Denn wenn nur wirklich der philosophische Geist und die Kunst
des Philosophirens entwickelt ist, so wird ganz von selbst diese sich
ber die gesammte Sphre des Philosophirens ausbreiten, und diese in
Besitz nehmen; sollte aber fr andere, an welchen das Streben, sie in
diese Kunst einzuweihen, mislingt, die wir aber dennoch, aus Mangel
besserer Subjecte, in den brgerlichen Geschften anstellen und brauchen
mssten, irgend ein historisch zu erlernender ^philosophischer
Katechismus^, als Rechtslehre, Moral u. dergl. nthig seyn, so wird ja
wohl dieser in gedruckten Bchern irgendwo vorliegen, an deren eigenes
Studium auch hier, so wie in den anderen Fchern, dergleichen Subjecte
vom Lehrer der Philosophie hingewiesen, und erforderlichenfalles darber
examinirt wrden.)


                                . 19.

Mit diesem also entwickelten philosophischen Geiste, als der reinen Form
des Wissens, ^msste nun der gesammte wissenschaftliche Stoff in seiner
organischen Einheit^ auf der hheren Lehranstalt aufgefasst und
durchdrungen werden, also dass man genau wsste, was zu ihm gehre oder
nicht, und so die strenge Grenze zwischen Wissenschaft und
Nichtwissenschaft gezogen wrde; dass man ferner das organische
Eingreifen der Theile dieses Stoffes ineinander, und das gegenseitige
Verhltniss derselben unter sich allseitig verstnde, damit man daraus
ermessen knnte, ob dieser Stoff am Lehrinstitute vollstndig bearbeitet
werde, oder nicht; in welcher ^Folge^ oder ^Gleichzeitigkeit^ am
vortheilhaftesten diese einzelnen Theile zu bearbeiten seyen; bis zu
welcher Potenz die ^niedere^ Schule denselben zu erheben, und wo
eigentlich die hhere einzugreifen habe; ferner, bis zu welcher
Potenz auch auf der letzteren ^alle^, die auf den Titel eines
wissenschaftlichen Knstlers Anspruch machen wollten, ihn auszubilden
htten, und wie viel dagegen der ^besonderen^ Ausbildung fr ein
^bestimmtes praktisches^ Fach anheimfiele und vorbehalten bleiben msse.
Dies gbe eine philosophische Encyklopdie der gesammten Wissenschaft,
als stehendes Regulativ fr die Bearbeitung aller besonderen
Wissenschaften.

(Wenn auch allenfalls die Philosophie schon jetzt fhig seyn sollte, zu
einer solchen encyklopdischen Ansicht der gesammten Wissenschaft in
ihrer organischen Einheit einige Auskunft zu geben, so ist doch die
brige wissenschaftliche Welt viel zu abgeneigt, der Philosophie die
Gesetzgebung, die sie dadurch in Anspruch nhme, zuzugestehen, oder
dieselbe in dergleichen Aeusserungen auch nur nothdrftig zu begreifen,
als dass sich hiervon einiger Erfolg sollte erwarten lassen. Auch
mssten, da es hier nicht um theoretische Behauptung einiger Stze,
sondern um Einfhrung einer Kunst zu thun ist, erst eine betrchtliche
Anzahl von Mnnern gebildet werden, die da fhig wren, eine solche
Encyklopdie nicht bloss zu verstehen und wahr zu finden, sondern auch
nach den Regeln derselben die besonderen Fcher der Wissenschaft
wirklich zu bearbeiten; dass es daher am schicklichsten seyn wird,
hierber sich vorlufig gar nicht auszusprechen, sondern jene
Encyklopdie durch das wechselseitige Eingreifen der Philosophie und der
philosophisch kunstmssigen Bearbeitung der nun eben vorhandenen
besonderen Fcher der Wissenschaft, allmhlig von selber erwachsen zu
lassen; dass mithin in Absicht dieses ihr sehr wesentlichen
Bestandtheiles die Kunstschule sich selbst innerhalb ihrer selbst
erschaffen msste.)


                                . 20.

Beim Anfange und so lange, bis es dahin gekommen, mssen wir uns
begngen, die vorliegenden Fcher ohne organischen Einheitspunct bloss
historisch aufzufassen, nur dasjenige, wovon wir schon bei dem
gegenwrtigen Grade der allgemeinen philosophischen Bildung darthun
knnen, dass es dem wissenschaftlichen Verstandesgebrauche entweder
geradezu widerspreche, oder nicht zu demselben gehre, von uns
ausscheidend, das Uebrige aufnehmend, und es in seiner Wrde und an
seinem Platze bis zur besseren allgemeinen Verstndigung stehen lassend;
ferner in diesen Fchern die am meisten ^philosophischen^, d. i. die mit
der grssten Freiheit, Kunstmssigkeit und Selbststndigkeit in
denselben verfahrenden unter den Zeitgenossen, zu Lehrern uns
anzueignen; endlich, diese zu der am meisten philosophischen, d. i. zu
der, Selbstthtigkeit und Klarheit am sichersten entwickelnden,
Mittheilung ihres Faches anzuhalten und sie darauf zu verpflichten.


                                . 21.

Ueber den ersten Punct, betreffend die Ausscheidung, werden wir
demnchst beim Durchgehen der vorhandenen wissenschaftlichen Fcher uns
erklren. Ueber den zweiten merke ich hier im allgemeinen nur das an,
dass wir den Vortheil haben, in einigen der Hauptfcher diejenigen,
welche als die freisten und selbstthtigsten allgemein anerkannt sind,
schon jetzt die unserigen zu nennen, und dass, falls nicht etwa einige
fr die Herablassung und fr das Wechselleben mit ihren Schlern, das
dieser Plan ihnen anmuthet, sich zu vornehm dnken, wir hoffen drfen,
sie fr unseren Zweck zu gewinnen, und dass in anderen Fchern, in denen
wir nicht mit derselben Zuversichtlichkeit dasselbe rhmen knnen, der
Unterschied zwischen den Zeitgenossen in Absicht des angegebenen
Gesichtspunctes berhaupt nicht sehr gross ist, und wir darum hoffen
drfen, ohne grosse Schwierigkeit die nothwendigen Stellen so gut zu
besetzen, als sie unter den gegenwrtigen Umstnden berhaupt besetzt
werden knnen; dass es aber ausschliessende Bedingung sey, dass
dieselben schon vor ihrer Berufung und Anstellung sowohl ber unseren
Hauptplan, als ber den dritten Punct in Absicht des zu whlenden
Vortrages unterrichtet, und aufrichtig mit uns einverstanden seyen. In
Absicht dieses dritten Punctes endlich, stellen wir als eine Folge aus
allem Bisherigen fest, dass -- die oben erwhnten Examina,
Conversatorien und Aufgaben, als die erste charakteristische Eigenheit
unserer Methode, deren Anwendung im besonderen Falle am gehrigen Orte
nher wird beschrieben werden, noch abgerechnet, -- alle mndliche
Mittheilung ber ein besonderes Fach ausgehen msse von der
^Encyklopdie^ dieses Faches, und dass dieses die allererste Vorlesung
jedes bei uns anzustellenden Lehrers seyn und von jedem Schler zu
allererst gehrt werden msse. Denn die bis zur hchsten Klarheit
gesteigerten einzelnen Encyklopdien der besonderen Fcher, besonders
wenn sie alle zusammen den Lehrern und Zglingen der Anstalt bekannt
sind, sind das zunchst in die von der Philosophie ausgehen sollende
^allgemeine Encyklopdie^ (. 19. am Schlusse) eingreifende Glied,
arbeiten derselben mchtig vor, und werden der letzteren, wenn sie
entstehen wird, die vollkommene Verstndlichkeit ertheilen mssen, indem
auch sie selber umgekehrt von ihr neue Festigkeit und Klarheit erhalten
werden. Sodann ist Einheit und Ansicht der Sache aus Einem
Gesichtspuncte heraus der Charakter der Philosophie und der freien
Kunstmssigkeit, die wir anstreben; dagegen unverbundene
Mannigfaltigkeit und mit nichts zusammenhngende Einzelheit der
Charakter der Unphilosophie, der Verworrenheit und der Unbehlflichkeit,
welche wir eben aus der ganzen Welt austilgen mchten, und sie darum
nicht in uns selbst aufnehmen mssen. Endlich, wenn auch dieses alles
nicht so wre, knnen wir aus Mangelhaftigkeit der niederen Schule zu
Anfange bei unseren Schlern nicht auf ein solches schon fertiges Gerst
des gesammten wissenschaftlichen Stoffes, wie es oben (. 10.)
beschrieben worden, rechnen, und mssen zu allererst diesen Mangel in
unseren besonderen Encyklopdien ersetzen. Die Hauptgesichtspuncte einer
solchen auf eine wissenschaftliche Kunstschule berechneten Encyklopdie
sind die folgenden: ^dass sie zuvrderst die eigentliche
charakteristische Unterscheidung des Verstandesgebrauches^ in diesem
Fache, und die besonderen Kunstgriffe oder Vorsichtsregeln in ihm mit
aller dem Lehrer selbst beiwohnenden Klarheit angebe, und sie mit
Beispielen belege (und so eben z. B. das ^historische Talent^, oder die
^Beobachtungsgabe^ mit dem Begriffe durchdringe); dass sie die Theile
dieser Wissenschaft vollstndig und umfassend vorlege, und zeige, auf
welche besondere Weise jeder, und in welcher Zeitfolge sie studirt
werden mssen; endlich, dass sie die fr den Zweck des Lehrlings nthige
Literaturkenntniss des Faches gebe, und ihn berathe, ^was^, und in
^welcher Ordnung^ und etwa mit welchen Vorsichtsmaassregeln, er zu lesen
habe. Besonders in der letzten Rcksicht ist der Lehrer dem Lehrlinge
ein allgemeines Register und Repertorium des ^gesammten Buchwesens^ in
diesem Fache, inwieweit dasselbe dem Lehrlinge nthig ist, schuldig;
welches nun der Lehrling selber, nach der ihm gegebenen Anleitung, zu
lesen, keinesweges aber vom Lehrer zu erwarten hat, dass auch dieser es
ihm noch einmal recitire. Gehrt nun ferner, wie wir hoffen, der Lehrer
zu dem oben erwhnten edleren Bestandtheile der bisherigen
Universitten, dass er mit dem gesammten Buchwesen seines Faches nicht
allerdings zufrieden und fhig sey, dasselbe hier und da zu verbessern,
so zeige er in seiner Encyklopdie diese fehlerhaften Stellen des
grossen Buches an, und lege dar seinen Plan, wie er in besonderen
Vorlesungen diese fehlerhaften Stellen verbessern wolle, und in welcher
Ordnung diese besonderen Vorlesungen, die insgesammt auf der festen
Unterlage seiner Encyklopdie ruhen, und auf ihr geordnet sind, zu hren
seyen. Ist dessen so viel, dass er es allein nicht bestreiten kann, so
whle er sich einen Unterlehrer, der verbunden ist, in seinem Plane zu
arbeiten. Nur sage er nicht, was im Buche auch steht, sondern nur das,
was in keinem Buche steht. (Als Beispiel: dass in den Schler der
niederen Schule sehr frh ein Inbegriff der Universalgeschichte
hineingebildet werden msse, versteht sich, und ist oben gesagt; wozu
aber, ausser der Anweisung, wie man die gesammte Menschengeschichte zu
^verstehen^ habe, welche wohl am schicklichsten dem Philosophen
anheimfallen drfte, auf der hheren Schule ein Cursus der
Universalgeschichte solle, bekenne ich nicht zu begreifen; dagegen aber
wrde ich es fr sehr schicklich und alles Dankes werth halten, wenn ein
Professor der Geschichte ein Collegium ankndigte ber besondere Data
aus der Weltgeschichte, ^die keiner vor ihm so richtig gewusst habe, wie
er^, und er mit diesem Versprechen Wort hielte.)

(Wir setzen der Erwhnung dieser von vielen so sehr angefeindeten
Encyklopdien, zur Vorbauung mglichen Misverstndnisses, noch folgendes
hinzu. Mit derselben vollkommenen Ueberzeugung, mit welcher wir zugeben,
dass das Bestreben, bei solchen allgemeinen Uebersichten und Resultaten
^stehenzubleiben^, von Seichtigkeit, Trgheit und Sucht nach wohlfeilem
Glanze zeuge, und diese Schlechtigkeiten befrdere, sehen wir zugleich
auch ein, dass das Widerstreben, ^von ihnen auszugehen^, den Lehrling
ohne Steuerruder und Compass in den verworrenen Ocean strze, dass,
obwohl einige sich rhmen hierbei ohne Ertrinken davongekommen zu seyn,
man darum doch nicht das Recht habe, jederman derselben Gefahr
auszusetzen, dass selbst die Geretteten gesunder seyn wrden, wenn sie
der Gefahr sich nicht ausgesetzt htten; und dass die Quellen dieses
Widerstrebens keinesweges aus einer besseren Einsicht, sondern dass sie
grsstentheils aus dem persnlichen Unvermgen hervorgehen, solche
encyklopdische Rechenschaft ber das eigene Fach zu geben, indem diese,
nur gross im Einzelnen, niemals zur Ansicht eines Ganzen sich erhoben
haben. Wer nun eine solche Encyklopdie seines Faches geben nicht knnte
oder nicht wollte, der wre fr uns nicht bloss unbrauchbar, sondern
sogar verderblich, indem durch seine Wirksamkeit der Geist unseres
Institutes sogleich im Beginne getdtet wrde.)


                                . 22.

Wir gehen an die historische Auffassung des auf den bisherigen
Universitten vorliegenden Stoffes, und schicken folgende zwei
allgemeine Bemerkungen voraus. Eine Schule des wissenschaftlichen
Verstandesgebrauches setzt voraus, dass verstanden und bis in seinen
letzten Grund durchdrungen werden knne, was sie sich aufgiebt; sonach
wre ein solches, das den Verstandesgebrauch sich verbittet, und sich
als ein unbegreifliches Geheimniss gleich von vornherein aufstellt,
durch das Wesen derselben von ihr ausgeschlossen. Wollte also etwa die
Theologie noch fernerhin auf einem Gotte bestehen, der etwas wollte ohne
allen Grund; welches Willens Inhalt kein Mensch durch sich selber
begreifen, sondern Gott selbst unmittelbar durch besondere Abgesandte
ihm mittheilen msste; dass eine solche Mittheilung geschehen sey, und
das Resultat derselben in gewissen heiligen Bchern, die brigens in
einer sehr dunklen Sprache geschrieben sind, vorliege, von deren
richtigem Verstndnisse die Seligkeit des Menschen abhange: so knnte
wenigstens eine Schule des Verstandesgebrauches sich mit ihr nicht
befassen. Nur wenn sie diesen Anspruch auf ihr allein bekannte
Geheimnisse und Zaubermittel durch eine unumwundene Erklrung aufgiebt,
laut bekennend, dass der Wille Gottes ohne alle besondere Offenbarung
erkannt werden knne, und dass jene Bcher durchaus nicht
^Erkenntnissquelle^, sondern nur ^Vehiculum des Volksunterrichtes^
seyen, welche, ganz unabhngig von dem, was die Verfasser etwa wirklich
gesagt haben, beim wirklichen Gebrauche also erklrt werden mssen, wie
die Verfasser htten sagen sollen; welches letztere, wie sie htten
sagen sollen, darum schon vor ihrer Erklrung anderwrtsher bekannt seyn
msse: nur unter dieser Bedingung kann der Stoff, den sie bisher
besessen hat, von unserer Anstalt aufgenommen und jener Voraussetzung
gemss bearbeitet werden. Ferner haben mehrere bisher auf den
Universitten bearbeitete Fcher (als die soeben erwhnte Theologie, die
Jurisprudenz, die Medicin) einen Theil, der nicht zur wissenschaftlichen
Kunst, sondern zu der sehr verschiedenen praktischen Kunst der Anwendung
im Leben gehrt. Es gereicht sowohl einestheils zum Vortheile dieser
praktischen Kunst, die am besten in unmittelbarer und ernstlich
gemeinter Ausbung unter dem Auge des schon gebten Meisters erlernt
wird, als anderentheils zum Vortheile der wissenschaftlichen Kunst
selbst, welche zu mglichster Reinheit sich abzusondern und in sich
selbst sich zu concentriren hat: dass jener Theil von unserer
Kunstschule abgesondert, und in Beziehung auf ihn andere fr sich
bestehende Einrichtungen gemacht werden. Was inzwischen auch in dieser
Rcksicht von der wissenschaftlichen Kunstschule zu beobachten sey,
werden wir bei Erwhnung der einzelnen Flle beibringen.


                                . 23.

Nchst der Philosophie macht die ^Philologie^, als das allgemeine
Kunstmittel aller Verstndigung, mit Recht den meisten Anspruch auf
Universalitt. Ob auch wohl berhaupt ^fr das gesammte studirende
Publicum^ auf der hheren Schule es eines philologischen Unterrichtes
bedrfen, oder vielmehr dieser schon auf der niederen Schule beendigt
seyn solle, ob insbesondere fr diejenigen, ^die sich zu Schullehrern^
bestimmen, und fr die es allerdings einer weiteren Anfhrung bedarf,
die dahingehrigen Anstalten nicht schicklicher mit den niederen Schulen
selbst vereinigt werden wrden: -- die Beantwortung dieser Frage knnen
wir fr jetzt ^dem^ Zeitalter, da die allgemeine Encyklopdie geltend
gemacht seyn, und die niedere Schule seyn wird, was sie soll,
anheimgeben, und vorlufig es beim Alten lassen.


                                . 24.

Von der ^Mathematik^ sollte unseres Erachtens der reine Theil bis zu
einer gewissen Potenz schon auf der niederen Schule vollkommen abgethan
seyn; und es wre hierdurch das, was oben ber das Pensum dieser Schule
gesagt worden, zu ergnzen. Da auch hierauf im Anfange nicht zu rechnen
ist, so wre vorlufig ein auf diesen gegenwrtigen Zustand der niederen
Schule berechneter Plan des mathematischen Studiums zu entwerfen. --

Auf allen Fall ist mein Vorschlag, dass ein ^Comit^ aus unseren
tchtigsten Mathematikern ernannt, diesen unser Plan im Ganzen
vorgelegt, und ihnen aufgegeben wrde, die Beziehung ihrer Wissenschaft
auf denselben zu ermessen, und demzufolge durch allgemeine Uebereinkunft
^Einen^ aus ihrer Mitte zu ernennen, oder auch einen Fremden zur
Vocation vorzuschlagen, dem die Encyklopdie, der Plan und die Direction
dieses ganzen Studiums bertragen wrde.


                                . 25.

Die gesammte Geschichte theilt sich in die Geschichte der ^fliessenden^
Erscheinung, und in die der ^dauernden^. Die erste ist die vorzglich
also genannte Geschichte oder Historie, mit ihren Hlfswissenschaften;
die zweite die Naturgeschichte, -- welche ihren theoretischen Theil hat,
die Naturlehre.

In der ersten ist der zu berufende Ober- und encyklopdische Lehrer ber
unseren Grundplan zu verstndigen; worber er vorlufig mit uns einig
seyn muss.

Das ausgedehnte Fach der ^Naturwissenschaft^ betreffend, welche durchaus
als ein organisches Ganze behandelt werden muss, kann ich nur ein
^Comit^, so wie oben bei der Mathematik, in Vorschlag bringen, das aus
seiner Mitte, oder auch einen Fremden rufend, den Encyklopdisten,
Entwerfer des Lehrplans, und Director des ganzen Studiums erwhle, und
falls es so nthig befunden wrde, nach seinem Plane den Vortrag
desselben, auch hier mit der bestndigen Rcksicht, dass nicht mndlich
mitgetheilt werde, was so gut oder besser sich aus dem Buche lernen
lsst, ^unter sich vertheile^. Das Haupterforderniss eines solchen
Planes ist Vollstndigkeit und organische Ganzheit der Encyklopdie.
Zugleich hat sie fr ihr Fach sich mit der niederen Schule ber die
Grenze zu berichtigen, und dieser die Potenz, die sie hervorbringen
soll, als ihr knftiges Pensum aufzugeben, welches auch fr die oben
erwhnten, sowie fr alle folgenden Fcher gilt, und hier einmal fr
immer erinnert wird. Bloss die Philosophie verbittet die directe
Vorbereitung der niederen Schule, und ist nur ausschliessend eine Kunst
der hheren.


                                . 26.

Die drei sogenannten hheren Facultten wrden schon frher wohlgethan
haben, wenn sie sich, in Absicht ihres wahren Wesens, in dem ganzen
Zusammenhange des Wissens deutlich erkannt, und sich darum nicht,
pochend auf ihre praktische Unentbehrlichkeit und ihre Gltigkeit beim
Haufen, als ein abgesondertes und vornehmeres Wesen hingestellt, sondern
lieber jenem Zusammenhange sich untergeordnet und mit schuldiger Demuth
ihre Abhngigkeit erkannt htten; indem sie nemlich verachteten, wurden
sie verachtet, und die Studirenden anderer Fcher nahmen keine Notiz von
dem, was jene ausschliessend fr sich zu besitzen begehrten, wodurch
sowohl ihrem Studium, als der Wissenschaft im Grossen und Ganzen sehr
geschadet wurde. Wir werden auf Belege dieser Angabe stossen. Eine
wissenschaftliche Kunstschule muthet ihnen sogleich bei ihrem Eintritte
in ihren Umkreis diese Bescheidenheit zu.

Der wissenschaftliche Stoff der ^Jurisprudenz^ ist ein Capitel aus der
Geschichte; sogar nur ein Fragment dieses Capitels, wie sie bisher
behandelt worden. Sie sollte seyn ^eine Geschichte der Ausbildung und
Fortgestaltung des Rechtsbegriffes unter den Menschen^, welcher
^Rechtsbegriff^ selber, unabhngig von dieser Geschichte, und als
^Herrscher^, keinesweges als ^Diener^, schon vorher durch Philosophiren
gefunden seyn msste. In ihrer gewhnlichen ersten, lediglich
praktischen Absicht, -- nur ^Richter^, welches ein untergeordnetes
Geschft ist, zu bilden, wird sie Geschichte jener Ausbildung in dem
Lande, in welchem wir leben, und wenn es hoch geht, unter den Rmern,
und so Fragment; aber ihr letzter praktischer Zweck ist der, den
^Gesetzgeber^ zu bilden; und fr diesen Behuf mchte ihr wohl das ganze
Capitel rathsam seyn; denn obwohl, was berhaupt Gesetz seyn solle,
schlechthin ^a priori^ erkannt wird, so drfte doch die Kunst, die
besondere Gestalt dieses Gesetzes fr jede gegebene Zeit zu finden und
es ihr anzuschmiegen, der Erfahrung der gesammten bekannten Zeit in
demselben Geschfte bedrfen. Richteramt sowohl als Gesetzgebung sind
praktische Anwendung ^der Geschichte^; und so hat die Jurisprudenz zu
ihrer ersten Encyklopdie die Encyklopdie der Geschichte, indem dieses
der Boden ist, auf welchem sie und der wissenschaftliche
Verstandesgebrauch in ihr ruhet, und die Ausbung derselben in ihrer
hchsten Potenz eigentlich die Kunst ist, eine Geschichte, und zwar eine
erfreulichere, als die bisherige, hervorzubringen. Die Anfhrung aber
zur praktischen Anwendung im Leben fllt ganz ausser den Umkreis der
Schule, und wren hierin die Schler an die ausbenden Collegia zu
verweisen, unter deren Augen, aber auf die ^Verantwortung^ der Beamten,
denen sie anvertraut worden, sie fr die knftige Geschftsfhrung sich
vorbereiteten. Ich schlage daher fr dieses Fach ein ^Comit^ vor, in
welchem aber der oben beschriebene Encyklopdist der Geschichte Sitz,
und fr seinen Antheil entscheidende Stimme htte. Dieses htte einen
besonderen Encyklopdisten fr die ^Theile^ und die Literatur des
beschriebenen Capitels anzustellen, den Studienplan vorzuzeichnen, und
die Anstalten fr praktische Bildung unabhngig von der
wissenschaftlichen Kunstschule zu organisiren. Ich hoffe, dass bei
entschiedener Durchfhrung des Satzes, nicht mndlich zu lehren, was im
Buche steht, der Lectionskatalog dieser Facultt krzer werden wird, als
er bisher war; wiewohl durch unsere Grundstze des zu Erlernenden mehr
geworden ist.

Die ^Heilkunde^ ruht auf dem zweiten Theile des positiv zu Erlernenden,
der ^Naturwissenschaft^; jedoch erlaubt ihr gegenwrtiger Zustand den
Zweifel, in welchem auch der Schreiber dieses sich zu befinden gern
bekennt, ob aus jener unstreitig wissenschaftlichen Basis in der
wirklichen Heilkunde auch nur ein einziger ^positiver Schluss^ zu
machen, und somit, ob diese Basis ^Leiterin^ sey in der Ausbung, wie in
der Jurisprudenz dies offenbar der Fall ist, oder ob nur gewissen
allgemeinen Resultaten jener Basis bloss nicht ^widersprochen werden
drfe^ durch die Ausbung; jene daher (die Wissenschaft) fr diese (die
Ausbung) nur ^negatives Regulativ^ und ^Correctiv^ wre? Sollte, wie
wir befrchten, das Letzte der Fall seyn, und wie wir gleichfalls
befrchten, immerfort bleiben mssen, so gbe es von der Wissenschaft in
irgend einem ihrer Zweige zu der ausbenden Heilkunde gar keinen
sttigen positiven Uebergang, sondern die letztere htte ihren
eigenthmlichen Boden in einer ^besonderen^, niemals auf ^positive
Principien zurckzufhrenden Beobachtung^; sie wre somit von der
wissenschaftlichen Schule, welche alle Zweige der Naturwissenschaft bis
zu Anatomie, Botanik u. dergl. ohne alle Rcksicht auf Heilkunde, und
als jedem wissenschaftlich gebildeten Menschen berhaupt durchaus
anzumuthende Kenntnisse, sorgfltig triebe, abzusondern, und in einem
fr sich bestehenden Institute, rein und ohne wissenschaftliche
Beimischung, die als in der Schule erlernt vorausgesetzt wird, von der
^materia medica^ z. B. an, die ja nichts ist, als die Anwendung der
rztlichen Empirie auf die Botanik und dergl., zu treiben. Welche
unermesslichen Vortheile eine solche Verselbststndigung der
Naturwissenschaft, die bisher hufig nur als Magd der Heilkunde
betrachtet und bearbeitet wurde, und an ihrem Theile auch der Heilkunde,
dadurch aber dem ganzen wissenschaftlichen Gemeinwesen bringen wrde,
leuchtet wohl von selbst ein. Es wre daher aus Sachkundigen ein Comit
zu Beantwortung der oben aufgeworfenen Frage und zu Organisirung
derjenigen Anstalten, welche das Resultat dieser Beantwortung
erforderte, zu ernennen. Dass ein solches selbststndiges Institut der
Heilkunde den ihm anheimgefallenen Stoff nach einem festen, auf seine
Encyklopdie begrndeten Plane, nach der Maxime, nicht zu lehren, was im
Buche schon steht, behandelte, wre auch ihm zu wnschen, und es wrde
sich von selbst verstehen.

Nun aber, welches ja nicht aus der Acht zu lassen, haben auch die
wichtigsten Resultate der fortgesetzten rztlichen Beobachtung, deren
wirkliche Vollziehung ihr allein berlassen wird, als ein Theil der
gesammten Naturbeobachtung, Einfluss auf den Fortgang der ganzen
Naturwissenschaft, und so muss auch die wissenschaftliche Schule sie
keinesweges verschmhen, sondern sich in den Stand setzen, fortdauernd
von ihr Notiz zu haben und bei ihr zu lernen. Jedoch wird die Ausbeute
davon niemals sofort und auf der Stelle eingreifen in das Ganze, und so
in den encyklopdischen Unterricht gehren; es wird drum eine andere, an
ihrem Orte anzugebende Maassregel getroffen werden mssen, dieselbe
aufzunehmen, und sie bis zur Eintragung in die Encyklopdie
aufzubewahren.

Dass die ^Theologie^, falls sie nicht den ehemals laut gemachten und
auch neuerlich nie frmlich zurckgenommenen Anspruch auf ein Geheimniss
feierlich aufgeben wollte, in eine Schule der Wissenschaft nicht
aufgenommen werden knne, ist schon oben gezeigt. Giebt sie ihn auf, so
bequemt sie sich dadurch zugleich zu der bisher auch nicht so recht
zugegebenen Trennung ihres praktischen Theiles von ihrem
wissenschaftlichen.

Um zuvrderst den ersten abzuhandeln: der Volkslehrer, den sie bisher zu
bilden sich vorsetzte, ist in seinem Wesen der Vermittler zwischen dem
hheren, dem wissenschaftlich ausgebildeten Stande (denn einen anderen
hheren Stand giebt es nicht, und was nicht wissenschaftlich ausgebildet
ist, ist Volk), und dem niederen, oder dem Volke. Zunchst zwar, und
dies mit vollem Rechte, knpft er sein Bildungsgeschft an die Wurzel
und das Allgemeinste aller hheren menschlichen Bildung, an die Religion
an; aber nicht bloss diese, sondern alles, was von der hheren Bildung
an das Volk zu bringen und seinem Zustande anzupassen ist, soll er
immerfort demselben zufhren.

Nichts verhindert, dass er nicht noch neben diesem Berufe ein die
Wissenschaft selbst in ihrer Wurzel selbstthtig bearbeitender und sie
weiter bringender Gelehrter sey, wenn er ^will^ und ^kann^; aber es ist
ihm fr diesen Beruf nicht nothwendig, und drum ihm nicht anzumuthen. Es
ist fr ihn hinlnglich, dass er berhaupt die Kunst besitze,
wissenschaftliche Gegenstnde zu ^verstehen^ und sich ber sie
^verstndlich zu machen^, die er ja schon in der niederen Schule, welche
er auf alle Flle durchzumachen hat, gelernt haben wird; ferner von dem
gesammten wissenschaftlichen Umfange die allgemeinsten Resultate, und
das Vermgen, erforderlichen Falles durch Nachlesen sich weiter zu
belehren, worin ihm die an der wissenschaftlichen Schule eingefhrten
Encyklopdien den Unterricht und die nthigen Literaturkenntnisse geben.
Die nthige Anfhrung zum Philosophiren hat er beim Philosophen zu
holen. Fr sein nchstes Geschft der religisen Volksbildung hat er zu
allererst sein Religionssystem in der Schule des Philosophen zu bilden.
Fr das Anknpfen seines Unterrichtes an die biblischen Bcher wird es
vollkommen hinreichen, dass ein Buch geschrieben und ihm in die Hnde
gegeben werde, in welchem aus diesen Bchern der Inhalt chter Religion
und Moral entwickelt werde, wobei nun weder die Verfasser dieses Buches,
noch der dadurch zur Bibel^anwendung^ anzuleitende knftige Volkslehrer
sehr bekmmert zu seyn brauchen ber die Frage, ob die biblischen
Schriftsteller es wirklich also gemeint haben, wie sie dieselben
erklren; das Volk aber vor dieser, durchaus nicht in seinen
Gesichtskreis gehrigen Frage sorgfltig zu bewahren ist. Der
Volkslehrer hat darum durchaus nicht nthig, die biblischen
Schriftsteller nach ^ihrem wahren, von ihnen beabsichtigten Sinne^ zu
verstehen; wie denn ohne Zweifel auch bisher, ohngeachtet es
beabsichtiget und hufig vorgegeben worden, weder bei ihm, noch auch oft
bei seinem Professor in der Exegese, dies der Fall gewesen; und wir
somit nicht einmal eine Neuerung, sondern nur das Gestndniss der wahren
Beschaffenheit der Sache, und das besonnene Aufgeben eines unnthigen
und vergeblichen Strebens begehren. Ueber ^Pastoralklugheit^, d. i. ber
seine eigentliche Bestimmung als Volkslehrer im Ganzen eines
Menschengeschlechts, und die Kunstmittel, dieselbe zu erfllen, wird er
ohne Zweifel auch beim Philosophen einige Auskunft finden knnen. Sein
eigenthmlich ihm anzumuthender Charakter, die ^Kunst^ der
^Popularitt^, und die Uebungen derselben durch katechetische,
homiletische, auch ^Umgangsinstitute^ mit Gliedern aus dem Volke, sind
der wissenschaftlichen Schule, welche den scientifischen Vortrag
beabsichtigt, entgegengesetzt, drum von ihm abzusondern, und am
schicklichsten den ausbenden Volkslehrern, wie bei den Juristen, zu
bertragen. Das eigentliche Genie fr den knftigen Volkslehrer ist ein
frommes, Menschen und besonders das Volk liebendes Herz; hierauf wre
bei der Zulassung zu diesem Berufe hauptschlich zu sehen, und besonders
bei Besetzung der Consistorien, als etwa der knftigen Schulen solcher
Lehrer, wrde weit mehr auf diese Eigenschaften, als auf andere
glnzende Talente oder auf ausgebreitete Kenntnisse Rcksicht genommen
werden mssen.

Der wissenschaftliche Nachlass dieser, als einer priesterlichen
Vermittlerin zwischen Gott und den Menschen mit Tode abgegangenen
Theologie an die wissenschaftliche Schule wrde durch eine solche
Vernderung seine ganze bisherige Natur ausziehen und eine neue anlegen.
Es hat derselbe zwei Theile: ein von der Philologie abgerissenes Stck,
und ein Capitel aus der Geschichte. Die morgenlndischen Sprachen, zu
denen der den Theologen bis jetzt fast ausschliessend berlassene
hebrische Dialekt einen leichten und schicklichen Eingang darbietet,
machen einen sehr wesentlichen Theil der Sprachentwickelung des
menschlichen Geschlechts aus, und sind bei einer einst zu hoffenden
organischen Uebersicht derselben ja nicht auszulassen; die
hellenistische Form nun vollends der griechischen biblischen
Schriftsteller gehrt zur Kenntniss der griechischen Sprache im Ganzen,
welche Sprache ja auf unseren Schulen getrieben wird. Beide erhalten
gegen den aufgegebenen hchst zweideutigen Anspruch, heilige Sprachen zu
seyn, den weit bedeutenderen, dass sie menschliche Sprachen sind,
zurck, und fallen der niederen Schule, die sich ja der Trgheit schmen
wird, die beschrnkte hebrische Sprache nicht allgemein bearbeiten zu
knnen, da sie die sehr reiche griechische Sprache mit Glck bearbeitet,
wiederum anheim. Ferner sind die biblischen Schriftsteller ja hchst
bedeutende Formen der Entwickelung des menschlichen Geistes, deren
wahrer Werth bloss darum nicht beachtet worden, weil ein erdichteter
falscher alle Aufmerksamkeit der einen Partei anzog, und den Hass und
die unbedingte Nichtbeachtung der anderen Partei erregte. Von nun an,
^sine ira et studio^ in dieser Sache urtheilend, werden wir es ebenso
belehrend und ergtzend finden, den Jesaias zu lesen, als den Aeschylos,
und den Johannes als den Plato, und es wird uns mit dem richtigen
Wortverstndnisse derselben, ^welches das gelehrte Studium allerdings
anstreben wird^, weit besser gelingen, wenn auch die ersten ebensowohl
als die zweiten zuweilen auch ^unrecht^ haben drften, als vorher, da
sie immer, und fr die besondere Ansicht jedes neuen Exegeten, recht
haben sollten, welches ohne mancherlei Zwang und ohne nie endenden
Streit nicht zu bewerkstelligen war. Diese Exegese wird redlich seyn,
auch redlich gestehen, was sie nicht versteht, dagegen die vom
theologischen Principe ausgehende hchst unredlich war; (das oben
Vorgeschlagene aber gleichfalls keine unredliche Exegese ist, da es
berhaupt nicht Exegese ist, noch sich dafr giebt, indem eine solche
eine gelehrte Aufgabe ist, die durchaus vor das Volk nicht gehrt).

Das Capitel aus der Historie, wovon die bisherige Theologie einen
Haupttheil sich fast ausschliessend zugeeignet, ist die ^Geschichte der
Entwickelung der religisen Begriffe unter den Menschen^. Es geht aus
dem gebrauchten Ausdrucke hervor, dass die Aufgabe umfassender ist, als
die Theologie sie genommen, indem auch ber die Religionsbegriffe der
sogenannten Heiden Auskunft gegeben werden msste, und dass die
wissenschaftliche Schule sie in dieser Ausdehnung nehmen wird. Mit
diesen zu ihr gehrigen und sie erklrenden Bestandtheilen versehen,
ferner ohne alles Interesse fr irgend ein Resultat, und mit redlicher
Wahrheitsliebe bearbeitet, wird auch die eigentliche Kirchengeschichte
eine ganz andere Gestalt gewinnen, und man wird der Lsung mehrerer
Probleme (z. B. ber die wahren Verfasser mancher biblischen Schriften,
ber die chten oder unchten Theile derselben, die Geschichte des
Kanon, u. s. w.), die dem Unbefangenen noch immer nicht grndlich gelst
zu seyn scheinen knnten, nher kommen, oder auch genau finden und
bekennen, was in dieser Region sich ausmitteln lasse, und was nicht. Es
wre, wie sich versteht, dieser Theil der Geschichte dem Encyklopdisten
der gesammten Geschichte, zur Verflechtung in seinen Studienplan,
anheimzugeben. --

Zur Entscheidung ber die oben vorgelegte Hauptfrage, und falls die
Antwort darauf befriedigend ausfiele, zur Entwerfung eines festen Planes
und Errichtung eines besonderen Institutes zur Bildung knftiger
Volkslehrer wre ein aus sachverstndigen und guten Theologen und
Predigern bestehendes Comit niederzusetzen.


                                . 27.

Diesen zu beauftragenden einzelnen Mnnern und Comits wre, ausser den
schon angefhrten Geschften, auch noch folgendes aufzugeben, dass sie
vollstndig untersuchten, was an gelehrtem Apparate fr jedes Fach
(Bcher, Kunst- und Naturaliensammlungen, physikalische Instrumente, und
dergl.) vorhanden sey, welche Notwendigkeiten dagegen uns abgingen und
angeschafft werden mssten; fr vollstndige Kataloge und Repertorien
dieser Schtze sorgten; und in ihre Studienplne den zweckmssigen,
folgegemssen Gebrauch derselben aufnhmen. Falls die beauftragten
einzelnen Mnner neben ihrem ersten Geschfte zu diesem nicht Zeit
fnden, so wren sie zu ersuchen, einen anderen tchtigen Mann fr
dasselbe zu ernennen.

In diesem Geschfte htten sie von einer Seite sich sorgfltig zu hten,
dass sie, etwa um nichts umkommen zu lassen, oder aus Streben nach
usserem Glanze und Rivalitt mit anderen gelehrten Anstalten, durch
Beibehaltung berflssiger Dinge der Reinheit und Einfachheit unserer
Anstalt Abbruch thten; sowie von der anderen Seite nichts zu sparen am
wirklich Nthigen. Was den usseren Glanz betrifft, so wird uns dieser,
falls wir nur das innere Wesen redlich ausbilden, von selbst zufallen;
die bedachte Beachtung desselben aber, und die Nachahmung anderer, von
denen wir nicht Beispiele annehmen, sondern sie ihnen geben wollen,
wrde uns wiederum in die Verworrenheit hineinwerfen, welche ja von uns
abzuhalten unser erstes Bestreben seyn muss.


                                . 28.

Durch die allseitige Lsung der aufgestellten Aufgaben wre nun frs
erste zu Stande gebracht das ^lehrende Subject^ der wissenschaftlichen
Kunstschule. Wir knnten mit den encyklopdischen Vorlesungen eine, frs
erste in ihren brigen Bestimmungen ^ganz gewhnliche Universitt^
erffnen. Es wren jedoch diese gesammten Vorlesungen, in denen, immer
nach dem Ermessen des Lehrers, der fortfliessende Vortrag mit Examinibus
und Conversatorien, deren Besuchung jedem Studirenden ^freistnde^,
keiner aber dazu ^verbunden^ wre, abwechselte, ber das erste
Unterrichtsjahr also zu vertheilen, dass die Studenten, und wenn sie es
wollten, auch die Lehrer, diese Vorlesungen alle hren knnten, dennoch
aber den ersteren zum aufgegebenen Bcherlesen und zur Ausarbeitung der
Aufstze, -- von welchem demnchst, -- den letzteren zu Beurtheilung
dieser Aufstze Zeit brig bliebe. Es mchte in dieser Zeitberechnung
bei beiden Theilen in Gottes Namen auf noch mehr als den blichen Fleiss
und Berufstreue gerechnet werden; indem diese Eigenschaften ohnedies an
unserer Schule an die Tagesordnung kommen sollen, und drum nicht zu frh
eingefhrt werden knnen.


                                . 29.

^Whrend^ dieser encyklopdischen Vorlesungen des ersten Lehrjahres
stellen der philosophische Lehrer sowohl, als die brigen
encyklopdischen eine ^Aufgabe^ an ihr Auditorium, in dem oben sattsam
charakterisirten Geiste; so dass das aus dem mndlichen Vortrage oder
dem Buche Erlernte nicht bloss wiedergegeben, sondern dass es zur
Prmisse gemacht werde, damit sich zeige, ob der Jngling es zu seinem
freien Eigenthume erhalten habe, und als anhebender Knstler etwas
Anderes daraus zu gestalten vermge. Diese Aufgabe bearbeitet jeder
Studirende, der da will, in einem Aufsatze, den er zu einem bestimmten
Termine vor Beendigung des Lehrjahres, mit einem versiegelten Zettel,
der den Namen des Verfassers enthalte, bei dem aufgebenden Lehrer
einsendet. Der Lehrer prft diese Aufstze und hebt die vorzglichsten
heraus.

In dieser Beurtheilung der Aufstze ist bei rein philosophischem Inhalte
der Lehrer der Philosophie unbeschrnkt: zur Krnung anderer aber, die
einen positiv wissenschaftlichen Stoff haben, mssen der encyklopdische
Lehrer des Faches und der Philosoph (spter, wenn wir eine solche haben
werden, die philosophische Klasse) sich vereinigen, der ^erstere^
entscheidend ber die Richtigkeit und die auf dieser Stufe des
Unterrichts anzumuthende Tiefe und Vollstndigkeit der historischen
Erkenntniss, der zweite ber den philosophischen und Knstlergeist, mit
welchem jener Stoff verarbeitet worden. Ein von ^Einem^ dieser beiden
verworfener Aufsatz bleibt verworfen, obschon der andere Theil ihn
billigte. Die Nothwendigkeit dieser Mitwirkung der philosophischen
Klasse liegt im Wesen einer Kunstschule: die Mitwirkung des historischen
Wissens aber soll uns dagegen verwahren, dass nicht in empirischen
Fchern ^a priori^ phantasirt werde, statt grndlicher Gelehrsamkeit.

Am ^Schlusse^ des ersten Lehrjahres wird das Resultat der also
vollzogenen Beurtheilung der eingegebenen Aufstze, und die Namen derer,
deren Ausarbeitungen gebilligt sind, bekannt gemacht; und es treten von
ihnen diejenigen, ^welche wollen^, zusammen, als der erste Anfang eines
^lernenden Subjects^, in hherem und vorzglicherem Sinne, an unserer
wissenschaftlichen Kunstschule. Welche wollen, sagte ich; denn obwohl
die Ausfertigung eines Aufsatzes, und die Unterwerfung desselben unter
die Beurtheilung des lehrenden Corps, diesen Willen vorauszusetzen
scheint: so knnen mit dem ersten doch auch mancherlei andere Zwecke
beabsichtigt werden, von denen zu seiner Zeit; alle Studirenden an
unserer Universitt knnen auch fr diese Zwecke berechtiget werden; und
es muss darum jedem, der sogar beitreten ^drfte^, berlassen werden, ob
er ^will^. Inzwischen wird die Fortsetzung unseres Entwurfes ohne
Zweifel die sichere Vermuthung begrnden, dass jeder wollen werde, der
da drfe.


                                . 30.

Sie treten zusammen zu einer einzigen grossen Haushaltung, zu
gemeinschaftlicher Wohnung und Kost, unter einer angemessenen liberalen
Aufsicht. Ihre Bedrfnisse ohne alle Ausnahme, nicht ausgeschlossen
Bcher, Kleider, Schreibmaterialien u. s. f. werden ihnen von der
Oekonomieverwaltung in Natur gereicht, und sie haben, die Verwaltung
eines mssigen Taschengeldes abgerechnet, wofr ein Maximum festgesetzt
werden knnte, whrend ihrer Studienjahre mit keinem anderen
konomischen Geschfte zu thun. (Der Grund dieser Einrichtung ist schon
oben angegeben worden; und auf die Einwendung, dass junge Leute auf der
Universitt zugleich das Haushalten mitlernen mssten, ist zu erwiedern,
dass, falls dieselben bei uns das Ehrgefhl, die Gewissenhaftigkeit und
die intellectuelle Bildung erhalten, die wir anstreben, es sich mit dem
knftigen Haushalten von selbst finden werde; erhalten sie aber bei dem
Grade der Sorgfalt, den wir anwenden werden, dieselbe nicht, so ist gar
kein Schaden dabei, dass sie auch usserlich verderben, und mag dies
immer je eher je lieber geschehen.) Inwiefern aber diese Verpflegung
^ihnen frei auf Kosten des Staates^, oder auf ihre eigenen Kosten
gereicht werden solle, davon behalten wir uns vor, tiefer unten zu
sprechen; und wollen wir mit dem Gesagten keinesweges unbedingt das
Erste gesagt haben.

Mit diesem also zu Stande gebrachten Stamme tritt nun das lehrende Corps
in das oben beschriebene innige Wechselleben. Sie werden fortdauernd
erforscht und in ihrem Geistesgange beobachtet, sie haben den ersten
Zutritt zu den Examinibus, Conversatorien, dem Umgange und der Berathung
der Lehrer, und stehen in der Benutzung der vorhandenen literarischen
Hlfsmittel jedem Anderen vor; auf ihre nchsten unmittelbaren und
wohlbekannten Bedrfnisse rechnet immerfort der gesammte mndliche
Vortrag der Kunstschule. Im Falle der wrdigen Benutzung dieser Schule,
die durch eine tiefer unten zu beschreibende Prfung documentirt wird,
stehen sie bei Besetzung der hchsten Aemter des Staates allen Anderen
vor (und tragen den von Gottes Gnaden durch ein vorzgliches Talent
ihnen geschenkten, und durch wrdige Ausbildung jenes ersteren
verdienten Adel).

Immerhin mgen neben ihnen andere Studirende an den vorhandenen
Bildungsmitteln der Anstalt, welche recht eigentlich doch nur fr jene
sind, nach allem ihren Vermgen theilnehmen, und in freier Bildung jenen
den Rang abzulaufen suchen, welches, falls es ihnen gelnge, auch nicht
unanerkannt bleiben soll. Diese wachsen gewissermaassen wild, wie im
Walde; jene sind eine sorgfltig gepflegte Baumschule, welche in alle
Wege doch auch seyn soll, und aus welcher sogar dem Walde manches edlere
Saamenkorn zufliegen wird. Jene sind ^regulares^, und es wird wohl auch
eine anstndige deutsche Benennung fr sie sich finden lassen; diese
sind ^irregulares^, blosse ^Socii^ und ^Zugewandte^; und dies wren die
beiden Hauptklassen, in die unser studirendes Publicum zerfiele.


                                . 31.

Es wrde auch fernerhin nach jedem abgelaufenen Lehrjahre denen, die bis
jetzt noch unter den Zugewandten sich befnden, freistehen, durch
gelungene Ausarbeitungen (indem gegen das Ende jedes Lehrjahres Aufgaben
fr dergleichen gegeben werden) ihre Aufnahme unter die Regularen
nachzusuchen. Ausserdem wrden diejenigen der jungen Inlnder, welche
vorzgliches Talent und Progressen von der niederen Schule zu
documentiren vermchten (ber deren Grad und die Art der Beweisfhrung
spter etwas Festes bestimmt werden kann), gleich bei ihrem Eintritte
auf die Universitt ein Recht haben auf einen Platz unter den Regularen.


                                . 32.

Es wre zu veranlassen, dass gleich bei der Erffnung der Universitt,
da es noch keine Regulare giebt, diejenigen, welche die Aufnahme unter
sie durch Ausarbeitungen zu suchen gedchten, ebenso wie spterhin die
Regularen es sollen, zu einem gemeinschaftlichen Haushalt
zusammentrten. Diese, obwohl unter besonderer Aufsicht des
Lehrinstituts stehend, wre dennoch keine eigentliche ffentliche,
sondern eine Privatanstalt, und die Mitglieder lebten nicht, wie es mit
den Regularen unter gewissen Bedingungen wohl der Fall seyn kann, auf
Kosten des Staates, sondern auf die eigenen, die jedoch, ganz wie bei
den Regularen, gemeinschaftlich verwaltet wrden. Es knnte auch
denjenigen unter diesen Vereinigten, welche beim Anfange des zweiten
Lehrjahres nicht unter die Regularen aufgenommen, und so aus dieser
ersten Verbindung in eine neue hinbergenommen wrden, nicht verwehrt
werden, in dieser ihrer ersten Verbindung fortzuleben, indem sie zufolge
des vorhergehenden . beim Anfange des knftigen Lehrjahres glcklicher
seyn knnen, und so ^Candidaten^ der ^Regel^ zu bleiben. Es knnten zu
ihnen hinzutreten, um denselben Anspruch zu bezeichnen, andere, die
bisher unter den Zugewandten sich befanden, desgleichen die von der
niederen Schule Kommenden, die nicht schon von daher das Recht,
unmittelbar unter die Regularen zu treten, mitbringen. Diese machen nun
eine dritte Klasse der bei uns Studirenden, ein Verbindungsglied
zwischen den Regularen und den Zugewandten: ^Novizen^. Sie sind schon
durch die Natur der Sache, indem die Lehrer wissen, dass vorzglich aus
ihrer Mitte beim Anfange des neuen Lehrjahres sie das Collegium der
Regularen zu ergnzen haben werden, der besonderen Beachtung derselben
empfohlen.


                                . 33.

Damit nun nicht etwa die Zugewandten, -- denn von den Novizen, die ihren
Anspruch auf die Regel durch ihr Zusammenleben bekennen, ist dies nicht
zu befrchten -- um der grsseren Licenz willen, jemals versucht werden,
sich fr vornehmer zu halten, denn die Regularen, soll der Vorzug der
letzteren sogar usserlich anschaubar gemacht werden durch eine
^Uniform^, die kein Anderer zu tragen berechtigt sey, denn sie und ihre
ordentlichen Lehrer. Damit dieser Rock gleich anfangs die rechte
Bedeutung erhalte, sollen sogleich von Erffnung der Universitt an die
ordentlichen Lehrer diese Uniform gewhnlich tragen, also dass im ersten
Lehrjahre nur sie, und diejenigen, die in demselben Verhltnisse mit
ihnen zur Universitt stehen, damit bekleidet seyen; spter, nach
Ernennung des ersten Collegiums von Regularen, sie auf diese fortgehe,
und so ferner bei allen folgenden Ergnzungen des letzteren. --


                                . 34.

Diese Einrichtung soll zugleich die ussere sittliche Bildung unserer
Zglinge untersttzen, und die Achtung derselben bei dem brigen
Publicum befrdern und sicherstellen. Grndliches und geistreiches
Treiben der Wissenschaft veredelt ohnedies ganz von sich selbst;
berdies wird fr die Entwickelung der Ehrliebe und des Gefhls fr das
Erhabene, als das eigentliche Vehiculum der sittlichen Bildung des
Jnglings, durch Beispiel und Lehre gesorgt werden; die Ordnung aber
kommt durch die getroffene Einrichtung von selber in seinen Lebenslauf:
und so ist fr die innere Bildung gesorgt.

Die ussere wird, bei entwickelter Ehrliebe, der Gedanke untersttzen,
dass sein Rock ihn bezeichne, und dass dieses Kleid nicht im Mssiggange
auf den Strassen sich herumtreiben, oder wohl gar an gemeinen Orten und
bei Zusammenlufen sichtbar werden, sondern dass es, als Mitglied der
Gesellschaft, nur in Ehrenhusern erscheinen drfe. Was aber Ehrenhuser
sind, wird man ihm sagen, und auf alle Weise die Erlaubniss, in solchen
Husern ihn zu empfehlen, zu verdienen suchen. (Z. B. mag immerhin beim
jetzigen Zustande der Dinge unter gewissen Umstnden ein ehrliebender
Jngling, der in ein Duell verflochten worden, Entschuldigung verdienen,
so soll doch unser Zgling durchaus keine finden ^darber^, dass er sich
erst unter Pbel, von welcher Geburt derselbe auch brigens seyn mge,
begeben, wo dergleichen mglich war. Dahin werde der ^point d'honneur^
des ganzen Corps gerichtet. Feige brigens sollen sie nicht werden.)

Nach aussen hin ist gegen die Hauptquelle der Verachtung im Leben,
Unordnung im Haushalt und Schuldenmachen, unser Zgling gesichert. Dass
bei Excessen, deren Urheber unbekannt bleiben sollten, nicht auch
unschuldig, wie dies in den Universittsstdten wohl zu geschehen
pflegt, dies Corps als der stets vorauszusetzende allgemeine Snder
aufgestellt werde, dagegen werden die Lehrer sich durch die Vorstellung
schtzen: Habt ihr unsern Ehrenrock bei dem Excesse gesehen? Habt ihr
dies nun nicht, so verleumdet nicht unsere Zglinge, denn diese gehen
nie aus, ausser in diesem Rocke: und sie (diese Lehrer) werden berhaupt
alles Ernstes auf die Ehre ihrer Zglinge und auf alle die Einrichtungen
halten, die ihnen mglich machen, dies mit ihrer eigenen Ehre zu thun.


                                . 35.

Die ^Zugewandten^ stehen, da sie weder eigentliche Mitglieder unserer
Anstalt, noch eigentliche angesessene Brger sind, unter der allgemeinen
Polizei, und es muss diese, ohne alle Mitwirkung von Seiten der Anstalt,
und ganz auf ihre eigene Verantwortung, die Einrichtungen, wodurch den
brigen Brgern die gehrige Garantie in Hinsicht dieser Fremden
geleistet werde, treffen. Nicht anders wrde es sich mit den Novizen
verhalten; welche jedoch, da sie eine Einheit bilden, und ein sichtbares
Band dieser Einheit an ihrer konomischen Verwaltung haben, eine
tchtigere Garantie zu geben, auch durch diesen ihren Reprsentanten in
Unterhandlung mit der Polizei zu treten vermgen, und so, in Absicht der
Individuen, einer liberaleren Gesetzgebung unterworfen werden knnen,
als die ersteren. Nun aber steht die Lehranstalt mit diesen beiden
Klassen noch in einem engeren Verhltnisse, denn die brigen Brger, und
es ist der allgemeinen Polizei vllig fremd, dasjenige, was aus diesem
engeren Verhltnisse hervorgeht, zu ordnen. Demnach fielen die dahin
gehrigen Anordnungen dem Institute, als dem einen und vorzglichsten
Theilnehmer des abzuschliessenden Contractes anheim. -- Diese Klassen
haben zu allen von der Schule getroffenen Lehranstalten den Zutritt; da
aber ferner die Schule weder um ihre wissenschaftlichen Fortschritte,
noch um ihre Auffhrung sich im mindesten bekmmert, so beschrnkt sich
ihr Recht an diese lediglich auf den Punct, ^sich gegen die
Verletzungen, welche aus der Ertheilung dieses Zutrittes entstehen
knnten^ (denn gegen andere Verletzungen schtzt auch sie die allgemeine
Polizei), ^zu schtzen^.

Dergleichen Verletzungen wrden seyn: Strung der Ruhe und Ordnung in
den Lehrbungen, zu denen sie den Zutritt erhalten; Verletzung der
Achtung, die das Verhltniss des Lernenden zum Lehrer, oder der
Zugewandten zu denen, um deren willen die Anstalt eigentlich da ist,
erfordert; endlich knnten, bei dem bekannten Eigendnkel und der
verkehrten Reizbarkeit der gewhnlichen Studirenden, aus dem, Dingen der
ersten und zweiten Art entgegengesetzten Widerstande der Lehrer andere
grblichere Beleidigungen und Angriffe erfolgen, welche, als erfolgt
lediglich aus dem verstatteten Zutritte, nicht nach allgemeinen
polizeilichen Grundstzen, sondern nach strengeren beurtheilt werden
mssten.

Es msste demzufolge zwischen der Lehranstalt und jedem Individuum der
Contract, durch den das letztere das Recht des Zutrittes erhlt und sich
auf die Bedingungen, unter denen es dasselbe erhlt, verpflichtet, durch
einen ausdrcklichen Act abgemacht werden. Dieser Act ist die
^Inscription^; die Bedingungen aber sind die ^Gesetzgebung^ fr den
Zugewandten, welche, da das brige Verhltniss desselben zu anderen
Brgern eine Sache der Polizei ist, durchaus nur sein Verhltniss zur
Lehranstalt, ^als solcher^, zu bestimmen hat. Die Novizen knnen, aus
dem schon der Polizei gegenber angegebenen Grunde, auch in dieser
Beziehung unter eine mildere Gesetzgebung gesetzt werden.

Der Act der Inscription und Verpflichtung auf die Gesetze ist ein
juridischer, und wird drum am schicklichsten, sowie die unten zu
bezeichnenden Justizgeschfte einem besonders zu ernennenden
^Justitiarius^ der Lehranstalt anheimfallen.

Da die Anstalt in gar kein anderes Verhltniss mit den Zugewandten
eingeht, als auf die Erlaubniss des Zutrittes, so bleibt ihr auch kein
anderes Zwangsmittel brig, als die Zurcknahme dieser Erlaubniss.
Dieses kann geschehen im ^Besonderen^ oder im ^Allgemeinen^. In Absicht
des ersteren muss es jedem einzelnen Lehrer, auf seine eigene
Verantwortung vor seinem Gewissen, freistehen, einen Zugewandten, dessen
Unruhe und Zerstreutheit ihn oder sein Auditorium strt, oder der ihn
oder seine mit ihm enger verbundenen Schler beleidigt hat, den Zutritt
zu seinen Lehrbungen fr eine gewisse Zeit, oder auch auf immer, zu
untersagen; und das ganze lehrende Corps muss ihn hiebei, durch die
Verwarnung vor grsserem Uebel, auf seine blosse Anzeige untersttzen.
Das zweite erklrt sich selbst; und sind die Flle, -- unter die der,
dass jemand der Verweisung eines einzelnen Lehrers aus seinem Auditorium
nicht Folge geleistet htte, mit gehrt, -- durch das Gesetz
festzustellen. Sollte, bei Verborgenheit der Urheber beleidigender
Attentate, etwas erst ausgemittelt werden mssen, so fllt diese
Untersuchung dem Justitiarius der Universitt anheim, vor dessen Gericht
sich der Inscribirte, bei Strafe der Relegation ^in contumaciam^, zu
stellen hat. Bisherige Universitten, z. B. die Nutritoren der
Jenaischen Universitt und derselben Senat, haben angenommen, dass es in
solchen Fllen fr die Verurtheilung keinesweges des strengen
juridischen Beweises bedrfe, sondern dass ein dringender Verdacht dazu
hinreiche; indem ja nicht irgend eine Strafe zugefgt, sondern nur eine
frei ertheilte Erlaubniss wiederum zurckgenommen werde, weil deren
Fortdauer gefhrlich scheine; und der Verfasser dieses ist der Meinung,
dass diese recht haben, und dass auch wir denselben Grundsatz
aufzunehmen htten. Der Justitiarius ist in dieser Qualitt, als
Verwalter des Rechtes des Institutes, sich selbst zu schtzen, demselben
verantwortlich.

Mit der Zurcknehmung der Inscription ist, theils um die Mitglieder der
Universitt gegen den ferneren Ueberlauf und die Rache der Entlassenen
zu sichern, theils, weil ein solcher gar keinen Grund mehr aufweisen
kann, seinen Aufenthalt an diesem Orte fortzusetzen, die Verweisung aus
der Universittsstadt und ihrer nchsten Nachbarschaft, oder die
^Relegation^ natrlich verknpft. Die Pflicht, ber diese zu halten,
fllt der Polizei, die in dieser Rcksicht gar nicht Richter oder
Revisor des Urtheils, sondern lediglich Executor des schon gesprochenen
Urtheils ist, anheim; und msste gegen diese, falls sie ihre Pflicht
lssig betriebe, die Universitt als Klger auftreten.

(Sollte in dieser Ansicht einige Richtigkeit seyn, so wrde daraus auch
erhellen, wie die bisherige Justizverwaltung auf Universitten, bald in
der Voraussetzung, dass die Universitt nicht mehr drfe, als eine
Erlaubniss zurcknehmen, die sie selbst gegeben, bald, indem sie
zugleich das ihr fremde Geschft der Polizei und der Civiljustiz ausben
sollte, endlich, indem ihr auch ein Gefhl ihrer Vater- und
Erzieherpflichten entstand, geschwankt, und bald zu viel, bald zu wenig
gethan habe. Hier ist durch die Trennung zwei sehr verschiedener Klassen
von Studirenden der Widerspruch gelst; und durch die anheimgegebene
Freiheit, zu welcher Klasse jemand gehren wolle, das persnliche Recht
behauptet.)


                                . 36.

In Absicht der Verknpfung der Relegation mit der Zurcknahme der
Inscription, die bei Fremden ganz unbedenklich ist, drfte in dem Falle,
da die zu Relegirenden ihren elterlichen Wohnplatz in der
Universittsstadt htten, billig das Bedenken eintreten, ob die
Universitt, sowie sie ohne Zweifel das Recht hat, diese aus ihren
Hrslen zu verweisen, auch das Recht habe, sie aus ihrem vterlichen
Hause zu vertreiben. Da inzwischen, falls man ihr dieses Recht
absprechen msste, sie gegen diese durchaus nicht weniger gefhrlichen
Jnglinge ohne eine besondere Einrichtung nicht gesichert werden knnte,
so wre als eine solche besondere Einrichtung vorzuschlagen: 1) dass
Shne aus der Universittsstadt, falls sie nicht etwa schon als
Mitglieder einer niederen Schule das gute Zeugniss dieser ihrer Lehrer
fr sich htten, sich einige Zeit vor der Inscription zu derselben
anmelden mssten, und von da an beobachtet wrden, und dass man ihnen,
falls diese Beobachtung Bedenklichkeit gegen sie einflsste, die
Inscription verweigern knne. 2) Dass ihre Eltern eine namhafte Summe
als Caution fr sie stellten, deren erste Hlfte im Falle der
Zurcknahme der Inscription, statt der Relegationsstrafe, mit der sie
dermalen verschont blieben, verfiele; dass aber, falls sie hinfhro von
neuem sich einiger Excesse gegen die Lehranstalt schuldig machten, auch
die andere Hlfte verfiele, und sie dennoch relegirt wrden. Sollten
Eltern diese Caution stellen nicht knnen oder wollen, so mssen sie
sich es eben gefallen lassen, dass auch ihre Shne im Falle der
Verschuldung relegirt werden; sowie bisher zuweilen sogar Professoren
sich haben gefallen lassen mssen, dass ihren unfertigen Shnen dieses
begegnet; indem es gnzlich in dem freien Vermgen aller Studenten in
der Welt beruhet, diejenigen Handlungen, welche Relegation nach sich
ziehen, und deren Katalog bei uns, die wir der Polizei und dem
Civilgerichte berlassen wrden, was ihres Amtes ist, gar nicht gross
seyn wrde, zu unterlassen.


                                . 37.

Die Regularen werden vom Staate und seinem Organe, der allgemeinen
Polizei (denn mit der Civiljustiz knnte wohl die Oekonomieverwaltung
derselben, keinesweges aber ein Einzelner von ihnen zu thun bekommen),
betrachtet als ein Familienganzes, das als solches fr seine Mitglieder
einsteht. Wre von den letzteren gesndigt, so ist freilich das Ganze
zur Verantwortung und Strafe zu ziehen; dagegen bleibt die Bestrafung
des einzelnen Mitgliedes der Familie selbst berlassen und wird im
Schoosse derselben vollzogen, und ist vterlich und brderlich, und soll
dienen als Erziehungs-, keinesweges aber als schreckendes Mittel. Nur
wenn ein Individuum vom Krper abgesondert und ausgestossen werden
msste, knnte es wieder als Einzelner dastehen, und dem Forum, fr
welches es sodann gehrte, anheimfallen.

Es erhellt, dass ohne vorhergegangene Degradation und Ausstossung keine
der bisher aufgestellten gesetzlichen Verfgungen auf die Regularen
passen, und dass fr sie weder Justitiarius oder Relegation, oder dass
etwas stattfinde. Durch die blosse Ausstossung knnten sie doch nicht
weniger werden, als das, was sie ohne Einverleibung in das Corps der
Regularen gewesen seyn wrden, ^Zugewandte^, und erst als solche mssten
sie von neuem sich vergehen, um der Polizei oder dem Justitiarius,
welchem sie ja von nun an erst anheimfallen, verantwortlich zu werden.
Dass die Flle, in denen ein Familienganzes seine Mitglieder nicht
vertreten kann, z. B. Criminalflle, ausgenommen sind, dass aber auch
sodann die Degradation der Auslieferung an den Richter vorhergehen
msse, ist unmittelbar klar.

Die Regularen htten sonach zuvrderst fr sich eine Regel zu finden,
nach der die Mglichkeit solcher Flle so gut als aufgehoben, und
berhaupt alle Vorkehrungen so getroffen wrden, dass die Polizei keine
Gelegenheit fnde, von ihnen Notiz zu nehmen: sodann ein Ephorat und
Gericht zu errichten, das ber die Ausbung dieser Regel hielte. Ohne
dies wrde in dem Hause, in welchem sie beisammen wohnten, ein alter
ehrwrdiger Gelehrter, der selbst einst mit Ruhm und Verdienst Lehrer am
Institut gewesen wre, als der unmittelbarste Hausvater der Familie, mit
ihnen wohnen und leben. (Sollte spterhin die Gesellschaft also
anwachsen, dass sie in mehrere Huser vertheilt werden msste, so msste
diese nicht etwa durch die Benennung verschiedener Collegia getrennt,
sondern das Einheitsband msste durch die Gemeinschaftlichkeit Eines
Hausvaters und durch andere Mittel auch usserlich sichtbar bleiben.)
Dieser wre der natrliche Prsident dieses Familiengerichts. Ferner
sind natrliche Beisitzer desselben alle ordentlichen Lehrer an der
Anstalt, indem ja deren eigene Ehre von der Ehre ihres Zglings abhngt;
und knnten dieselben, zur Sparung ihrer Zeit, ^abwechselnd^ in
demselben sitzen. Endlich wren, damit ein wahrhaftes Familien- und
Brudergericht entstnde, aus den Regularen selbst, nach einer leicht zu
findenden Regel, Beisitzer zu ernennen. Deren richterliche Verwaltung
trge nun den oben angegebenen Grundcharakter, die Verhandlungen aber
und Richtersprche derselben blieben durchaus im Schoosse dieses Corps;
hierber anderen etwas mitzutheilen, wrde betrachtet als eine
Ehrlosigkeit, die unmittelbar die Ausstossung nach sich ziehen msste.

Eine hnliche Einrichtung knnen die Novizen, falls sie eine Verwaltung
finden, deren Garantie die Polizei annehmen will, treffen. Nur haben sie
keinen Anspruch auf den Beisitz der ordentlichen Lehrer in ihrem
Familiengerichte; es kann ihnen aber erlaubt werden, ausserordentliche
Professoren, von denen zu seiner Zeit, oder auch andere brave Gelehrte,
zu diesem Beisitze einzuladen. Ueberhaupt, so hnlich auch das Noviziat
jetzt oder knftig dem Collegium der Regularen werden mchte, so bleibt
doch immer der Hauptunterschied, dass das letztere unter ffentlicher
Autoritt und Garantie steht, das erste aber ein mit Privatfreiheit zu
Stande gebrachtes Institut ist, dessen Mitglieder von Rechtswegen keinen
grsseren Anspruch haben, denn die Zugewandten, und die die
Begnstigungen, welche Polizei und Universitt ihnen etwa geben, nur
anzusehen haben als ein freies Geschenk, das ihnen auch wieder entzogen
werden kann.


                                . 38.

Durch das Bisherige ist nun auch die Entstehung des ^lernenden
Subjectes^ in seinen verschiedenen Abstufungen, und wie dasselbe
immerfort ergnzt und erneuert werden solle, beschrieben. Wir knnen
nunmehro auch an eine weitere Bestimmung des schon oben im Allgemeinen
aufgestellten lehrenden Subjectes gehen.

Auf den bisherigen Universitten war es Doctoren und ausserordentlichen
Professoren erlaubt, sich im Lesen zu versuchen und zu erwarten, ob ein
Publicum sich um sie herum versammeln werde. Haben dieselben schon auf
einer anderen Universitt das Recht, Vorlesungen zu halten, gehabt, so
knnen auch wir es ihnen erlauben. Im entgegengesetzten Falle mgen sie
das anderwrts Gebruchliche auch bei uns leisten. Die eigentlichen
Lehrer fr die Regularen und die, so es zu werden streben, sind freilich
die encyklopdischen Lehrer, die ja auch die entscheidenden Aufgaben
geben, sowie die von diesen etwa eingesetzten Lehrer des Theils eines
Faches, welche, obwohl Unterlehrer, dennoch ^ordentliche^ Lehrer sind.
Fr diese, die wir immer insgesammt ^ausserordentliche^ Professoren
nennen knnten, blieben demnach die Zugewandten brig, an denen sie sich
versuchen knnten. Dennoch sollen auch nicht nur Regulare, und zwar die
gebtesten und befestigtsten, von dem encyklopdischen Lehrer des Faches
zur Besuchung ihrer Vorlesungen ernannt werden, sondern auch dieser
Lehrer selbst und andere Lehrer befugt seyn, denselben insoweit
beizuwohnen, bis sie einen bestimmten Begriff von den Kenntnissen und
dem Lehrertalent des Mannes sich erworben.

Die erste Erlaubniss zu lesen geht nur auf Ein Lehrjahr. Nach Verfluss
desselben muss abermals um dieselbe eingekommen werden, und es kann
diese nach Befinden der Umstnde erneuert oder verweigert werden; oder
auch der zweckmssig befundene Lehrer kann als ordentlicher Unterlehrer
oder auch als Encyklopdist, wenn der vorherige abgehen will, ernannt
werden.

Die Entscheidung ber beide Gegenstnde hngt, wie bei Beurtheilung der
Aufstze, ab von der Klasse des Faches, so wie von der philosophischen
Klasse, wo die erstere ber die Grndlichkeit der empirischen
Erkenntniss, die zweite ber die philosophische Freiheit und Klarheit
entscheidet. Auch hier mssen fr ein bejahendes Urtheil beide Stimmen
sich vereinigen, indem jede Klasse erst unter sich und fr sich einig
seyn muss, und ihre Stimme hier nur fr eine gezhlt wird. Da jedoch, so
wie das Alter beschuldigt wird, jeder Neuerung zuweilen sich feindselig
zu zeigen, ebenso die krftigere Jugend von Eifersucht gegen fremdes
Verdienst nicht immer ganz frei zu sprechen ist, so msste bei einem die
Erlaubniss zu lesen, oder die Anstellung eines Lehrers betreffenden
Falle frs erste jede besondere Klasse (die hier requirirte empirische,
so wie die philosophische) zuvrderst in sich selber in zwei Theile
getheilt werden, den ^Rath der Alten^, und den ^der ausbenden Lehrer^,
und nur wenn diese beiden Theile Nein sagten, htte die Klasse Nein
gesagt, dagegen auch das einseitige Ja des einen Rathes zum Ja der
Klasse wrde. Dadurch wrde hervorgebracht, dass weder die
Neuerungsfurcht des einen, noch die Eifersucht des anderen Theiles den
Fortschritt zum Besseren hindern knnte, und diesen beiden Dingen an
einander selber ein wirksames Gegengewicht gegeben; wo aber beide Theile
Nein sagten, da wrde wohl ohne Zweifel das Nein die richtige Antwort
seyn.

(Uebrigens wird eine solche Eintheilung unseres gelehrten Corps in einen
Senat der Alten und der Lehrer zu seiner Zeit aus dem Wesen des Ganzen,
ganz ohne Rcksicht auf das soeben erwhnte besondere Bedrfniss, sich
sehr natrlich ergeben.)


                                . 39.

Eine Auswahl der Regularen in jedem Fache wird beim Fortgange der
Anstalt, als ein Professorseminarium, ohnedies unter der Aufsicht der
ordentlichen Lehrer zu den Geschften des Lehrers angehalten werden.
Diesen knnte, wenn sie aus der Klasse der Studirenden herausgetreten
und zu ^Meistern^ ernannt worden, das Recht zu lesen auf dieselbe Weise
ertheilt werden, so wie aus ihnen die Lehrstellen nach derselben Regel
sehr leicht besetzt werden. Doch wrden uns immerfort auf jeder Stufe
unserer Vollendung zu uns kommende fremde Lehrer, auf die . ^praeced.^
erwhnte Weise, willkommen seyn, und wir dadurch gegen jede
Einseitigkeit des Tones uns zu verwahren suchen.


                                . 40.

Die Verwaltung des Lehramtes, besonders nach unseren Grundstzen,
erfordert jugendliche Kraft und Gewandtheit. Nun ist wenigen die
Fortdauer dieser jugendlichen Frischheit bis in ein hheres Alter hinein
zugesichert; auch fllt die Neigung der meisten originellen Bearbeiter
der Wissenschaft in reiferen Jahren dahin, ihre Bildung in einer festen
und vollendeten Gestalt niederzulegen in das Archiv des allgemeinen
Buchwesens, und es ist sehr zu wnschen, dass dies geschehe, und ihnen
die Zeit und Ruhe dazu zu gnnen. Wir mssen darum nicht anders rechnen,
als dass wir die Lehrer an unserer Anstalt nur auf eine bestimmte Zeit
beibehalten wollen. Alle diejenigen, mit denen das Institut zuerst
beginnt, werden sich bald nach der ehrenvoll verdienten Ruhe sehnen, und
gern den Zeitpunct ergreifen, da unter ihnen ein jngeres Talent sich
gebildet hat, das ihren Platz wrdig besetze. Alle whrend des
Fortganges des Instituts neu angestellte Lehrer sind nur auf einen
bestimmten Zeitraum (etwa fr die Periode, innerhalb welcher das
studirende Publicum sich zu erneuern pflegt) anzunehmen, nach dessen
Ablaufe beide Theile, die Universitt und der Lehrer, auf die . 38
beschriebene Weise, den Contract erneuern oder auch aufheben knnen.


                                . 41.

Um im konomischen Theile solcher Verhandlungen dem bisher oft
stattgefundenen anstssigen Markten zwischen Regierungen und Gelehrten,
indem die ersteren zuweilen von der Verlegenheit eines wackeren Mannes
Vortheil zu ziehen suchten, um seine Kraft und sein Talent wohlfeilen
Kaufes an sich zu bringen, die letzteren zuweilen auch mit dem Gehrigen
sich nicht begngen mochten, und ihre bertriebenen Forderungen durch
theils mit List an sich gebrachte auswrtige Vocationen untersttzen, in
der Zukunft und fr unser Lehrinstitut vorzubauen, mache ich folgenden
Vorschlag:

Entweder sind diese Lehrer Inlnder, und auf unserem Institute, wohl gar
als Regulare, wie zu erwarten, gebildet, so hat das Vaterland ohnedies
den ersten Anspruch auf ihre Krfte, so wie ^sie^ Anspruch auf die
Frsorge desselben, in jedem Falle und ihr ganzes Leben hindurch, haben;
oder sie sind Fremde, welche bei uns auch ihre Bildung nicht erhalten
haben. Im letzten Falle fordere man von ihnen, dass sie, beim Eingehen
irgend eines Verhltnisses mit uns, oder bei der Erneuerung eines
solchen, sich erklren, ob sie ihr Fremdenrecht beibehalten, oder ob sie
das vllige Brgerrecht haben (sich ^nostrificiren^ lassen) wollen. Im
ersten Falle mssen wir uns freilich gefallen lassen, dass, falls sie
uns unentbehrlich sind, sie sich uns so theuer verkaufen, als sie irgend
knnen; jedoch wird diese Verbindung immer nur auf einen Zeitraum
eingegangen; und knnen wir etwa nach dessen Abfluss sie entbehren, so
sollen sie wissen, dass wir uns sodann um sie durchaus nicht weiter
kmmern werden, und sie gehen knnen, wohin es ihnen gefllt. Im zweiten
Falle erhlt der Staat an sie, und sie an den Staat alle Ansprche, die
zwischen ihm und den bei uns gebildeten Eingebornen stattfinden. Um nun
in diesem letzteren Verhltnisse zugleich die persnliche Freiheit des
Individuums sicher zu stellen, zugleich eine rechtliche Gleichheit des
Individuums mit dem Staate, der bisher seinem Diener lebenslnglichen
Unterhalt zusichern, von ihm aber zu jeder Stunde sich den Dienst
aufkndigen lassen musste, hervorzubringen, und besonders, um dem
Gelehrtenstande zu grsserer Moralitt und Ehrliebe in Dingen dieser Art
zu verhelfen, setze man den Anspruch auf lebenslange Versorgung,
verhltnissmssig nach dem Fache, als ^gleich einem gewissen bestimmten
Capital^, das der des vollkommenen Brgerrechts Theilhaftige dem Staate
zurckzahle, wenn er dessen bisherige Dienste verlassen will. Ist er nun
dem auswrtigen Berufer dieser Summe werth, so mag derselbe sie
bezahlen, und er ist frei; aber es ist zu hoffen, dass dieser Fall nicht
sehr hufig eintreten, und auf diese Weise wir mit der Beseitigung so
mannigfacher Vocationen verschont bleiben werden.


                                . 42.

Es ist, in der Voraussetzung dieser Einrichtung, bei der Frage, wie
abgetretene Professoren zu versorgen seyen, nur von solchen die Rede,
denen das vollkommene Brgerrecht angeboren, oder von ihnen angenommen
ist; indem diejenigen, welche dasselbe abgelehnt, nach ihrem Austritte
nicht nur nicht versorgt werden, sondern es sogar eine feste Maxime
unserer Politik seyn soll, dieselben sobald wie mglich entbehrlich zu
machen.

Die bei uns erzogenen und beim Austritte aus den Studirenden des
^Meisterthums^ wrdig befundenen Regularen haben ohnedies den ersten
Anspruch auf die ersten Aemter des Staats, und man knnte auch immerhin
den Lehrern, die das Institut beginnen werden, denselben Anspruch
ertheilen, den man ihren spteren Zglingen nicht wird versagen knnen.
Dieser Anspruch und die Fhigkeit, dergleichen Aemter zu bekleiden,
werden dadurch ohne Zweifel nicht vermindert, dass der Mann durch einige
Jahre Lehramt es zu noch grsserer Gewandtheit in demjenigen
wissenschaftlichen Fache, dessen Anwendung im Leben das erledigte
Staatsamt fordert, und nebenbei zu grsserer Reife des Alters und der
Erfahrung gebracht hat; es wre vielmehr zu wnschen, dass alle diesen
Weg gingen, und das Leben der ersten Brger in der Regel in die drei
Epochen des lernenden, des lehrenden und des ausbenden
wissenschaftlichen Knstlers zerfiele. Weit entfernt daher, um die
Anstellung ausgetretener Lehrer verlegen zu seyn, mssten wir, wenn wir
auch sonst keines Corps der Lehrer bedrften, ein solches schon als
Pflanzschule und Repertorium hherer Geschftsmnner errichten, und bei
eintretendem Bedrfnisse aus diesem Behlter zuweilen sogar den, der
lieber darin bliebe, herausheben.

Dieses Bedrfniss austretender Lehrer fr den Staat und den hheren
Geschftskreis desselben noch abgerechnet, bedarf auch fr sich selbst
als literarisches Institut solcher Mnner. -- Es giebt sehr weit von der
Wurzel des wissenschaftlichen Systems abliegende, in ein sehr genaues
Detail eines Faches gehende Kenntnisse, welche in die allgemeine
Encyklopdie und den gewhnlichen Kreis des Unterrichts an der
wissenschaftlichen Schule nicht eingreifen, und ohne deren Kenntniss
jemand ein sehr trefflicher Lehrer seyn kann. Doch kann das Bedrfniss
auch dieser Kenntniss fr Lehrer und Lernende eintreten; es muss daher
das Mittel vorhanden seyn, sie irgendwo zu schpfen. Dies seyen frs
erste die ausgetretenen Lehrer. Vielleicht arbeiten sie ohnedies an
einem Werke, in welchem sie ihre individuelle Bildung in das allgemeine
Archiv des Buches niederlegen wollen, zu dem ihnen die Musse zu gnnen
ist. Nebenbei mgen auch Lehrer und Lernende sich bei ihnen Raths
erholen ber das, worin sie vorzglich stark sind; oder auch
vorkommenden Falles beide sie um einige Vorlesungen ersuchen, in Gottes
Namen ber ein orientalisches Wurzelwort, oder die Naturgeschichte eines
einzelnen Mooses. Sie sind mit einem Worte Rath und Hlfe der jngeren
bei eintretenden Nothfllen im Wissen sowohl als der Kunst.

Indem sie nun doch nicht mehr eigentliche und ordentliche Lehrer an der
Universitt, und ihre noch fortdauernden Leistungen nur frei begehrte
und frei gewhrte Gaben sind, sind sie eine ^Akademie der Wissenschaft^,
im ^modernen^ (eigentlich franzsischen) Sinne dieses Wortes; und fr
die Universittsangelegenheiten der oben erwhnte ^Rath^ der ^Alten^.
Mit ihnen tritt bei dergleichen Berathschlagungen das Corps der
wirklichen Lehrer, als ^Rath der ausbenden Lehrer^ zusammen; daher sind
auch die letzteren natrliche Mitglieder der Akademie; und die gesammte
Akademie ist, in Beziehung auf die Universitt, der ^Senat^ derselben,
nach den erwhnten beiden Haupttheilen in allen festzusetzenden
besonderen Klassen.

Freie Mitglieder der Akademie bleiben auch die zu anderen Staatsmtern
befrderten ausgetretenen Lehrer, und sie sind befugt, und, inwiefern es
ihre anderen Geschfte erlauben, ersucht an den Berathschlagungen
derselben, als Mitglieder des Rathes der Alten, Theil zu nehmen (und sie
werden gebeten werden, welche Decorationen auch sonst ihnen zu Theil
geworden seyn drften, dennoch zuweilen auch unsere Uniform, welche
berhaupt jeder Akademiker trgt, mit ihren Personen zu beehren).

In dieser Akademie Schooss bleibt ihnen auch immer, welche Schicksale
auch sonst auf ihrer politischen Laufbahn sie betroffen haben mchten,
der ehrenvolle Rckzug, und ist ihnen da ein sorgenfreies, geehrtes
Alter bereitet, indem der Charakter eines Akademikers ^character
indelebilis^ wird.


                                . 43.

Noch wre, in derselben Rcksicht, um sichern Rath und Hlfe in jeder
literarischen Noth zu finden, eine andere Art von Akademikern, die sogar
niemals ordentliche Lehrer gewesen, anzustellen; ich meine jene
lebendigen Repertorien der Bcherwelt, und die, welche gross und einzig
sind in irgend einer seltenen Wisserei, obwohl sie es niemals zu einer
encyklopdischen Einheit der Ansicht ihres Faches, oder zu einer
lebendigen Kunst in demselben, gebracht haben, und darum als ordentliche
Lehrer fr uns nicht taugen. Wir wollen sie nur dazu, dass unser
ordentlicher Lehrer diese lebendigen Bcher zuweilen nachschlage; die
Klarheit und Kunstmssigkeit wird er dem bei ihm geschpften Stoffe fr
die Mittheilung an seine Schler schon selber geben.

(So starb vor mehreren Jahren zu Jena ein gewisser B.[26], der mehrere
Hunderte von Sprachen zu wissen sich rhmte, und von dem andere, auch
nicht mit Unrecht, sagten, er besitze keine einzige. Dessenohnerachtet,
glaube ich, wrde auch der Besitz eines solchen uns wnschenswrdig
seyn. Denn falls etwa, wie es denn in der That dergleichen Leute giebt,
jemand glaubte, das gesammte menschliche Sprachvermgen sey im Grunde
Eins, und die mancherlei besonderen Sprachen seyen nur, nach einem
gewissen Naturgesetze, ohne einige Einmischung der Willkr
fortschreitende weitere Bestimmungen und Ausbildungen jener Einen
Wurzel, und es lasse sich sowohl diese Wurzel, als jenes Naturgesetz
finden; und etwa einer unserer Akademiker an die Lsung dieser Aufgabe
ginge, so wrde diesem aus anderen Grnden nicht fglich anzumuthen
seyn, dass er alle Sprachen der Welt wisse; es mchte sie aber neben ihm
und fr seinen Gebrauch ein solcher B. wissen, der wiederum immer
unfhig seyn mchte, ein solches Problem zu denken und sein Wissen fr
die Lsung desselben zu gebrauchen. -- So mssen wir denn den ganzen
vorhandenen historischen Schatz aller Wissenschaft bei uns
aufzuspeichern suchen, nicht um ihn todt liegen zu lassen, sondern um
ihn einst mit organisirendem Geiste zu bearbeiten. Ist dies geschehen,
dann wird es Zeit seyn, das ^caput mortuum^ wegzuschaffen; bis dahin
wollen wir nichts wegwerfen oder verschmhen.)

[Funote 26: Bttner (?).]

So ist, nachdem der Theologie der Alleinbesitz der orientalischen
Sprachkunde und der der Kirchengeschichte abgenommen worden, kaum zu
erwarten, dass beides, bis auf seinen letzten bekannten Detail, in den
gesammten encyklopdischen Unterricht der Philologie oder der Geschichte
an unserer Kunstschule werde aufgenommen werden; dass wir sonach eines
ordentlichen Lehrers der orientalischen Sprachen oder der
Kirchengeschichte kaum bedrfen werden. Dennoch mssen immerfort Mnner
in unserer Mitte seyn, bei welchen jeder, der aus irgend einem Grunde
das Bedrfniss hat, ber das Encyklopdische hinaus bis zu dem
ussersten Detail dieser Fcher fortzugehen, sein durch das blosse Buch
nicht also zu befriedigendes Bedrfniss zu befriedigen vermag.

Uebrigens sind diese Anfhrungen nur als Beispiele zu verstehen. Eine
systematische Uebersicht der Summe unserer Bedrfnisse in dieser
Rcksicht, so wie die Angabe der bestimmten Mnner, die wir zu diesem
Behuf fr den Anfang mit uns zu vereinigen htten, werden die
Berathschlagungen der oben erwhnten einzelnen Mnner und Comits,
welche auch ber diesen Theil unseres Plans zu instruiren wren, an die
Hand geben.

Auch diese Art von Akademikern besitzt alle Rechte eines solchen, und
sitzt im ^Rathe der Alten^.


                                . 44.

Betreffend den Uebergang aus dem Corps der Lehrlinge in das der
Lehrenden oder praktisch Ausbenden:

Der Regulare msse am Ende seines Studirens documentiren, dass der Zweck
desselben bei ihm erreicht worden, sagten wir oben. Da nun der letzte
Zweck unserer Anstalt keinesweges die Mittheilung eines Wissens, sondern
die Entwicklung einer Kunst ist, der in einer Kunst Vollendete aber
Meister heisst, so wrde jene Documentation darin bestehen, dass er sich
als Meister bewhre.

Das Meisterstck wrde am schicklichsten in einer zu liefernden
Probeschrift bestehen, nicht ber ein Thema freier Wahl, sondern ber
ein vom Lehrer seines Faches ihm gegebenes und ^darauf^ berechnetes,
dass daran sich zeigen msse, ^ob der Lehrling die in seiner
individuellen Natur liegende grsste Schwierigkeit^, die dem Lehrer ja
wohlbekannt seyn muss, durch die kunstmssige Bildung seines Selbst
besiegt habe. (Whlt er selbst, so whlt er das, wozu er am meisten
Leichtigkeit und Lust hat; daran aber zeigt sich nicht der Triumph der
Kunst; der Lehrer soll ihm das aufgeben, was fr seine Natur das
Schwerste ist, denn das Schwere mit Leichtigkeit thun, ist Sache des
Meisters.) Ueber diese seine eigene Schrift nun, und auf den Grund
derselben werde er, bis zur vlligen Genge des Lehrers, ffentlich
examinirt.

Es sind zwei Flle. Entweder wird in einem besonderen empirischen Fache
das Meisterthum begehrt. In diesem Falle giebt der Lehrer dieses Fachs
das Thema; die Prfung aber, und das ^tentamen^ zerfllt in zwei Theile,
von denen, wie auch bei den frheren Beurtheilungen der Aufstze der
Studenten, der Lehrer des Faches nach der Erkenntniss, und beim
Candidaten des Meisterthums insbesondere darnach forscht, ob er sie in
der Vollstndigkeit und bis zu demjenigen Detail, bis zu welchem der
mndliche und Bcherunterricht an der Kunstschule fortgeht, gefasst
habe; die philosophische Klasse aber ber die lebendige Klarheit dieser
Erkenntniss die Prfung nach allen Seiten hinwendet und versucht.

Oder der Candidat begehrte bloss in der Philosophie das Meisterthum: so
wrde er in Absicht des Themas sowohl, als der Prfung auf den ersten
Anblick lediglich der philosophischen Klasse anheimfallen, und die
Empirie an ihn keine Ansprche haben. Da inzwischen die Philosophie gar
keinen eigentlichen Stoff hat, sondern nur das allen Stoff der
Wissenschaft und des Lebens in Klarheit und Besonnenheit auflsende
Mittel ist; und derjenige, der sich fr einen grossen Philosophen
ausgbe, dabei aber bekennte, dass er weder etwas Anderes gelernt,
vermittelst dessen, als eines Mittelgliedes, er seinen philosophischen
Geist ins Leben einzufhren vermchte, noch auch seine Philosophie
unmittelbar von sich zu geben und sie anderen mitzutheilen verstnde,
ohne Zweifel der Gesellschaft vllig unbrauchbar, und keinesweges ein
Knstler, sondern ein todtes Stck Gut seyn wrde: so muss der, der sich
auf die Philosophie beschrnkt, wenigstens sein Vermgen sie
mitzutheilen, und einen kunstmssigen Lehrer in derselben abzugeben,
documentiren. Und so kann keiner als Meister in der Philosophie
anerkannt werden, der sich nicht auch zugleich als ^Doctor^ derselben
bewhrt hat.

Nun ist es ferner gar nicht hinlnglich, dass er in dieser Fertigkeit
des Vortrages seiner Klasse genge; er soll auch Nichtphilosophen,
dergleichen ja, wenn er das Lehramt einst im Ernste verwaltet, alle
seine Lehrlinge anfangs seyn werden, verstndlich werden knnen; und so
fllt denn in dieser Rcksicht das Endurtheil von seiner eigenen Klasse
an die empirischen Klassen insgesammt, die es durch aus ihrer Mitte
ernannte Stellvertreter verwalten knnen. Hier also entscheidet
umgekehrt die philosophische Klasse ber die Richtigkeit des Inhalts,
als Resultat der erlernten Kunst, die Gesetze des Denkens im
Philosophiren frei zu befolgen, die empirischen ber die Gewandtheit und
Klarheit in dieser Kunst, die er durch den Vortrag darlegt. Mgen diese
immerhin ber das Vorgetragene kein Urtheil haben; der Vortrag selbst
wenigstens muss ihnen als meistermssig einleuchten. -- Es werden darum
diejenigen, welche um das Meisterthum in der Philosophie nachzusuchen
gedenken, sich schon frher in dem Lehrerseminarium gebt haben, da der
philosophische Vortrag ohnedies der vollkommenste und das Vorbild alles
anderen Vortrages bleiben muss, und darber an unserer Kunstschule alles
Ernstes zu halten ist.

Dagegen kann der empirische Gelehrte, der seine Kenntnisse vielleicht
nur praktisch anzuwenden gedenkt, Meister seyn, ohne gerade Doctor seyn
zu knnen. Macht er auch auf das Letztere Anspruch, und begehrt er an
unserem Institute zu lehren, so muss er seine Fertigkeit darin noch
besonders darthun, und hat er hierber beiden, sowohl der
philosophischen Klasse, als der seines Faches, Genge zu leisten.

Es lsst sich auch den Zugewandten das Recht, das Meisterthum in
Anspruch zu nehmen, nicht durchaus versagen. Da jedoch hierbei die, den
Lehrern auch von allen schwachen Seiten ihrer individuellen Natur oder
Erkenntniss weit besser bekannten, Regularen in Nachtheil kommen wrden,
so wre von den Zugewandten in diesem Falle, fr Herstellung der
Gleichheit, zu fordern, dass sie wenigstens Ein Lehrjahr vor ihrer
Erhebung zu Meistern ihren Anspruch dem Lehrer des Faches, so wie dem
der Philosophie, bekannt machten, und dieses Jahr hindurch sich dem
allseitigen Studium dieser Lehrer blossstellten. Knnten nicht diese
beiden Lehrer am Ende des Jahres mit gutem Gewissen erklren, dass ihnen
diese jungen Mnner fr die Absicht hinlnglich erkundet seyen, so
msste die Berathung ber ihr Gesuch abermals ein Lehrjahr hinausgesetzt
werden, whrend dessen sie zu diesen beiden in demselben Verhltnisse
blieben, wie im ersten Jahre. Sie mchten auch an diese Lehrer fr diese
eigentlich nicht im Kreise ihres Berufs liegende Mhe einen Ersatz
auszahlen, der in jedem Falle, ob sie nun des Meisterthums wrdig
befunden wren oder nicht, verfiele.

Erst durch die Erlangung des Meisterthums beweist der Regulare seine
wrdige Benutzung des Instituts, und tritt ein in sein Recht des ersten
Anspruchs auf die ersten Wrden des Staats. Ganz gleich lsst sich ihm
hierin nun einmal nicht setzen der Meister aus den Zugewandten, der uns
die nhere Bekanntschaft mit seinem moralischen Charakter und seiner
bisherigen sittlichen Auffhrung versagt hat. Jedoch auch hierber das
Beste hoffend, und da er denn doch auch der Kunst Meister ist, knnte
man ihm den ersten Anspruch da, wo kein Meister aus den Regularen sich
gemeldet, zugestehen.

Den Regularen, die etwa in dem Gesuche des Meisterthums durchfielen, so
wie Zugewandten, die keinen Anspruch darauf machten, mchte man immerhin
den gewhnlichen ^Doctor^grad ertheilen, und mgen die empirischen
Klassen ber die dabei nthigen Leistungen etwas festsetzen. Ein
gewhnlicher und gemeiner Doctor nemlich ist derjenige, der nicht
zugleich auch, wie die frher oben angefhrten, Meister ist; und es ist
in diesem Falle mit den beiden letzten Buchstaben nicht eigentlich
Ernst, indem wirklich Doctor zu seyn nur derjenige vermag, der Meister
ist, sondern es ist jenes Wort nur euphemistisch gesetzt, statt
^doctus^, einer der etwas erlernt hat.

Die rechten heissen Meister schlechtweg, und kann man den Doctor
weglassen; wiewohl man auch, um den Unterschied noch schrfer zu
bezeichnen, die letzten Titular-Doctoren nennen knnte. Die
philosophische Klasse hat bei dergleichen Promotionen gar kein Geschft;
denn in ihr selber giebt es nur Meister und Doctor in Vereinigung; um
die anderen Klassen aber bekmmert sie sich nur, wenn diese Anspruch auf
den Rang des Knstlers machen, dessen diese letzte Art der Doctoren sich
bescheidet.

Aus ihnen werden im Staate die subalternen Aemter besetzt. (Man creirte
^magistros artium^, und in den neueren Zeiten, da der Magistertitel in
Verachtung gerathen, hat man nur noch den fr vornehmer geachteten
Doctortitel fhren mgen, da es doch offenbar weit mehr bedeutet ein
Meister zu seyn, denn ein Lehrer. Wir haben mit jenen ^magistris artium^
gar nicht zu thun, da wir keinesweges ^Knste^ annehmen, und in
denselben etwa bis auf Sieben zhlen, sondern nur Eine, die Kunst
schlechtweg, und diese zwar als unendlich, kennen; sondern unser Meister
ist ^artis magister^ schlechtweg, der Kunst Meister, und es ist zu
erwarten, dass die, die dieses Namens werth sind, sich seiner nicht
schmen werden. Und so mgen sie denn immer Meister, schlechtweg ohne
Beisatz und ohne das, auch nur verringernde, Herr, angeredet werden, und
sich schreiben: der Kunst Meister.

Vor der Neuerung haben wir uns auch nicht zu frchten, denn auch andere
Universitten machen Neuerungen, wie die Jenaische, die anfing gar keine
^magistros artium^ mehr, sondern nur Doctoren der Philosophie, zu
creiren, oder die zu Landshut, die dermalen Doctoren der Aesthetik
creirt.

Nun ist dieser ^gradus magistri^ dermalen nirgends vorhanden, und wir
knnen uns denselben nicht ertheilen lassen. Ohne Zweifel aber wird das
Meisterstck der die Kunstschule anfangenden Lehrer dann geliefert seyn,
wenn sie andere Knstler gebildet haben. Indem sie nun mit gutem
Gewissen diese fr Meister erklren drfen, erklren sie zugleich sich
selbst dafr; sie erhalten den Grad, indem sie ihn ertheilen, und knnen
ihn darum von da an auch fhren.)


                                . 45.

In allen den erwhnten Aufstzen, so wie in denen ber das Meisterthum
und den damit zusammenhngenden ^tentaminibus^ wird die ^deutsche^
Sprache gebraucht, keinesweges etwa die lateinische. Der in diesem oft
angeregten Streite dennoch niemals deutlich ausgesprochene entscheidende
Grund ist der:

Lebendige Kunst kann ausgebt und documentirt werden lediglich in einer
Sprache, die nicht schon durch sich den Kreis einengt, sondern in
welcher man ^neu^ und ^schpferisch^ seyn darf, einer lebendigen, und in
welche, als unsere Muttersprache, unser eigenes Leben verwebt ist. Als
die Scholastiker in der lateinischen Sprache mit freiem und originellem
Denken sich regen wollten, mussten sie eben die Grenzen dieser Sprache
erweitern, wodurch es nun nicht mehr dieselbe Sprache blieb, und ihr
Latein eigentlich nicht Latein, sondern eine der mehreren im Mittelalter
entstehenden neulateinischen Sprachen wurde.

Wir haben fr diese freie Regung unsere vortreffliche deutsche Sprache:
das Latein studiren wir ausdrcklich als das abgeschlossene Resultat der
Sprachbildung eines untergegangenen Volkes, und wir mssen es darum in
dieser Abgeschlossenheit lassen.

Der Philolog, eben weil er sein Geschft in diesem fest abgeschlossenen
Kreise treibt, kann bei Interpretation der Klassiker sich der rmischen,
und, wie in Gottes Namen zu wnschen wre, auch der griechischen Sprache
bedienen; und es wre den Zglingen unseres Institutes anzumuthen, dass
sie schon beim Austritte aus der niederen Schule diese Fertigkeit, auch
lateinisch zu reden und sich zu unterreden, gelernt htten. Sollte man
in gewissen Fllen, z. B. wo der Anspruch auf ein Schulamt ginge, nthig
finden, dass auch der Candidat des Meisterthums die Fortdauer und noch
hhere Ausbildung dieser Fertigkeit zeigte, so knnte er dies thun, aber
nur an Gegenstnden jenes historisch geschlossenen Cyklus; wo aber
ursprnglich schpferisches Denken gezeigt werden soll, da wird die
schon fertige Phrasis bald fr uns denken, bald unser Denken hemmen; und
darum bleibe bei diesem Geschfte die todte Sprache ferne von uns.


                                . 46.

Wir gehen ber zur Oekonomieverwaltung unseres Instituts.

Es ist vor allem klar, dass ein zu ^fester Einheit^ organisirtes
Verwaltungscorps dieser Geschfte eingesetzt werden msse, dessen
hchste Mitglieder wenigstens aus dem Schoosse der Akademie selbst
seyen, etwa ausgetretene Lehrer, indem nur diesen die gebhrende Liebe
sich zutrauen lsst, die brigen aber diesen und der gesammten Akademie
verantwortlich sind.

Um den Folgen aus der Vernderlichkeit des Geldwerthes fr ewige Tage
vorzubeugen, wren die Einknfte des Institutes nicht auf Geld, sondern
auf Naturalien festzusetzen, also, dass es z. B. zu einem bestimmten
Termine von einem bestimmten Bezahler so und so viel Scheffel Korn zu
ziehen htte, die allerdings nicht in Natur, sondern in klingender Mnze
abgeliefert wrden; nicht jedoch nach einem fr immer festgesetzten
Preise, sondern nach dem, den dieses Korn am Termine der Zahlung auf dem
Markte wirklich htte. Ebenso htte es nun auch an seine Besoldeten
terminlich so und so viel Scheffel Korn zu bezahlen.


                                . 47.

Die beiden Hauptquellen von Einknften, auf die wir frs erste zu
rechnen htten, wren die Einknfte des Kalenderstempels von der
Akademie, sodann die der eingegangenen Universitt Halle, inwiefern
dieselben uns verbleiben, wozu noch die Verwaltung der ^Zahlstellen^ im
Corps der Regularen, und spterhin andere, tiefer unten zu erwhnende,
Hlfsquellen kommen wrden. Nicht bloss darum, weil die Nation zahlt,
sondern aus noch weit tieferen Grnden, soll dieselbe innigst mit dieser
Angelegenheit verflochten werden, und unser Institut sehr deutlich als
ein Nationalinstitut dastehen.

Wir werden dies auf folgende Weise erreichen. Da den eigentlichen
wesentlichen Theil unserer Anstalt, um dessenwillen alles Andere da ist,
das Corps der Regularen bildet, so werden die Stellen in diesem Corps
vertheilt auf die ^Kreise^ und ^Stdte^ der Monarchie,[27] nach dem
Maassstabe, wie jeder, gezwungen oder freiwillig, beitrgt. ^Stellen^,
nicht in dem Sinne, dass nur der aus dem Kreise oder der Stadt Gebrtige
diese Stelle haben knne, sondern jeder, dem eine solche Stelle zukommt
und sie begehrt, erhlt sie ohne Verzug; sondern also, dass zwischen dem
Besitzer der Stelle und dem Kreise oder der Stadt, dem sie zufllt, ein
Verhltniss entstehe, wie zwischen Clienten und Patron; dass der Erstere
glaube, so wie sein eigentlicher Geburtsort ihm zu dem natrlichen
Leben, so habe dieser Kreis oder diese Stadt ihm zu dem hheren
wissenschaftlichen Leben verholfen; dass die letztere an den Successen
dieses ihres Alumnus den Antheil von Ruhm nehme, den die griechischen
Stdte an den aus ihnen stammenden Siegern in den olympischen
Wettkmpfen nahmen; endlich, dass der Erstere, wie hoch er auch jemals
emporsteige, dennoch zeitlebens zu dankbarem Gegendienste bei jeder
Gelegenheit bereit sey, und aus dem Clienten ein Patron werde. Mehrere
zarte sittliche Verhltnisse, die daher entspringen, abgerechnet, wird
sich auch ein Interesse und eine Achtung fr Wissenschaft durch die
Nation als ein sie ehrenvoll auszeichnender Charakterzug verbreiten, der
wiederum die Quelle grosser Ereignisse werden kann. Stellen ferner,
nicht in dem Sinne, dass die Zahl derselben jemals geschlossen sey,
vielmehr soll jeder, der es werth ist und es begehrt, aufgenommen
werden; sondern dass die vorhandenen und besetzten nach diesem
bestimmten Maassstabe unter die Kreise u. s. w. vertheilt werden. Auch
dem ^deutschen^ Auslnder (wer von anderer Nation wre, qualificirt sich
wegen Abgang der Sprache nicht zum Wechselleben mit uns) soll, wenn er
wrdig ist, besonders wenn er beim Eintritte zugleich der Verpflichtung,
die das vollkommene Brgerrecht (. 40.) mit sich fhrt, sich
unterwrfe, die Aufnahme unter die Regularen nicht abgeschlagen werden.
Doch wrde, nach dem Grundsatze, dass mit dem Auslande nur der
Reprsentant der Einheit des Staates zu verhandeln htte, diese
Erlaubniss nur der Knig ertheilen knnen, und wren somit alle an
Auslnder gegebene Pltze ^knigliche^, keinesweges aber
^Landes^-Stellen. Doch wre der Knig zu ersuchen, diese Erlaubniss den
von dem Lehrercorps vorgeschlagenen nicht leicht, und nicht ohne hchst
bewegende Grnde zu versagen; indem, anderer Rcksichten zu schweigen,
hierdurch die preussische Nation recht laut ihre Anerkennung des
allgemeinen deutschen Bruderthumes documentirt, und auch dies in der
Zukunft wichtige Ereignisse nach sich ziehen kann.

[Funote 27: Wie es z. B. mit den Stellen an den schsischen
Frstenschulen die Einrichtung ist; auch mit den weiterhin beschriebenen
Modificationen.]


                                . 48.

Nach Maassgabe, wie jeder Theil des Landes beitrgt, sollten auf ihn die
Stellen vertheilt werden, sagte ich. So mchte, ohne alle Rcksicht, ob
dadurch die Verwaltung vereinfacht werde oder nicht, indem weit hhere
Dinge (die wirkliche Beschftigung der Nation mit diesem Gegenstande und
derselben Folgen) zu beabsichtigen sind, der bisherige Kalenderpacht
ganz aufgehoben werden, dagegen aber die Kreise und Stdte sich selber
taxiren, wie viele Scheffel Korn fr diesen Stempel sie zahlen wollten,
die sie hernach durch eigene Distribution der Kalender wieder
beitrieben; wobei ihnen vorbehalten bleiben msste, die Stempelgebhr
nach Steigen oder Fallen der Kornpreise zu steigern oder zu verringern.
Nach dieser ihrer Quote am Beitrage zum Ganzen richtete sich ihr Antheil
an der Berechtigung auf Stellen. Falls nicht, was der Schreiber dieses
in seiner dermaligen Lage nicht erkunden kann, dadurch eine andere,
schon eingefhrte Stempeltaxe aufgehoben wrde, so knnte diese Einnahme
noch auf folgende Weise vermehrt werden: dass durch alle Theile der
Monarchie dasselbe Eine Maass und Gewicht eingefhrt werde, was ohnedies
seit langem sehr zu wnschen war. Die Bestimmung eines solchen, und des
Mittels, es unwandelbar zu erhalten, ist ein natrlich einer Akademie
der Wissenschaften anheimfallendes Geschft. Die Uebereinstimmung mit
diesem Grundmaasse und Gewicht wre nun allen Maassen und Gewichten
durch einen Stempel zu attestiren, dessen Ertrag dem Institute zu gut
kme, und auf dieselbe Weise beigetrieben wrde.

Ebenso wrde das, woraus der bisherige Fonds der Universitt Halle
bestanden, auf Naturalien gesetzt, und denen, die es abzutragen schuldig
sind, als Quote ihrer Berechtigung zur Besetzung der Stellen
angerechnet.


                                . 49.

Da die bei uns gebildeten Regularen den ersten Anspruch auf die ersten
Stellen des Staates haben sollen, so wrden, wenn noch andere
Universitten ausser uns in der Monarchie bestehen sollten, dieselben
entweder auch sich zur Kunstschule, und zu diesem Behufe ein Corps von
Regularen in ihrer Mitte bilden mssen; oder sie wrden als reine
Zugewandtheiten, in denen auch nicht einmal ein besserer Kern wirkte, zu
betrachten seyn, und derselben Zglinge ebenso am Verdienste wie am
Rechte den unserigen nachstehen. Es ist zu befrchten, dass das erstere
ihnen nicht sonderlich gelingen werde, indem wir, die wir ohnedies im
Anfange nicht einmal auf Vollstndigkeit fr unseren Bedarf rechnen
knnen, ihnen ohne Zweifel weder im Inlande noch im Auslande etwas fr
eine Kunstschule Taugliches briglassen werden; dass sie sonach, bei dem
besten Bestreben, dennoch in die zweite hchst nachtheilige Lage kommen
wrden. Und so drfte denn vielleicht das in Anregung Gebrachte zugleich
die Veranlassung werden, um ber eine tiefere, bisher mannigfaltig
verkannte Wahrheit die Augen zu ffnen.

Das Bestreben, die Schule und Universitt recht nahe am vterlichen
Hause zu haben, und in dem Kreise, in welchem man dumpf und bewusstlos
aufwuchs, ebenso dumpf fortzuwachsen und in ihm sein Leben hinzubringen,
ist unseres Erachtens zuvrderst entwrdigend fr den Menschen; -- denn
dieser soll einmal herausgehoben werden aus allen den Gngelbndern, mit
denen die Familien-, Nachbar- und Landsmannsverhltnisse ihn immerfort
tragen und heben, und in einem Kreise von Fremden, denen er durchaus
nichts mehr gilt, als was er persnlich werth ist, ein neues und eigenes
Leben beginnen, und dieses Recht, das Leben einmal selbststndig von
vorn anzufangen, soll keinem geschmlert werden; -- sodann streitet es
insbesondere mit dem Charakter des wissenschaftlichen Mannes, dem
freier, ber Zeit und Ort erhabener Ueberblick zukommt, den das Kleben
an der Scholle aber, das hchstens dem gewerbtreibenden Brger zu
verzeihen, entehrt; endlich wird dadurch sogar die organische
Verwachsung aller zu Einem und demselben Brgerthume gehindert, und
lediglich daher entstehen die Absonderungen einzelner Provinzen und
Stdte vom grossen Ganzen des Staates; daher, dass z. B. der Ostpreusse
dem Brandenburger, der Thringer dem Meissner, als etwas fr sich
bedeuten wollend, gegenbertritt, und man sich nicht wundern muss, dass
z. B. der Baier dem Preussen gegenber sich der gemeinsamen Deutschheit
nicht entsinnt, da ja sogar der Ostpreusse zuweilen des gemeinsamen
Preussens vergisst. Aus keinem in solcher Beschrnktheit Aufgewachsenen
ist jemals ein tchtiger Mensch oder ein umfassender Staatsmann
geworden. Wre dieses Bestreben einmal in seiner wahren Natur erkannt,
und so eingesehen, dass dasselbe keinesweges geschont, sondern ohne
Barmherzigkeit weggeworfen werden msse: so wre auch kein Grund
mehr vorhanden, warum mehrere Universitten in derselben
Staatseinheit bestehen sollten; es wrde erhellen, dass der Ausdruck
^Provincialuniversitt^ einen Widerspruch enthalte, indem die
Universalitt das Besondere aufhebt, und dass Ein Staat von Rechtswegen
auch nur Eine Universitt haben sollte. Sollen und mssen einmal
diejenigen Brger des gemeinsamen Staates, die nicht bestimmt sind,
aus der unbeweglichen Scholle den Nahrungsstoff zu ziehen,
durcheinandergerttelt werden zu allseitiger Belebung: so ist dazu die
Universitt der einzig schickliche Ort, und mgen sie von da an wiederum
nach allen Richtungen verbreitet werden, jeder, nicht dahin, wo er
geboren ist, sondern wohin er passt, damit wenigstens an dieser edleren
Klasse ein Geschlecht entstehe, das nichts weiter ist, denn Brger, und
das auf der ganzen Oberflche des Staates zu Hause ist.

Nach diesen Principien mssten die anderen in der preussischen Monarchie
vorhandenen Universitten eingehen, und die Fonds derselben zu unserer
Anstalt gezogen werden. Die in die neue Anstalt nicht herbergezogenen
Lehrer knnten ihre Gehalte fortziehen, oder auch nach Maassgabe ihrer
Brauchbarkeit anderwrts versorgt werden. (Einen Theil derselben wrden
wir, als die . 42. beschriebene Art von Mitgliedern des Rathes der
Alten, sogar nothwendig brauchen.) Diese herbergezogenen Fonds wrden
auf die Provinzen der eingegangenen Universitten, als Quoten ihrer
Berechtigung auf Stellen, vertheilt, zum Ersatze des verlorenen Rechtes
im Schoosse der Familie den gelehrten Hausbedarf an sich zu bringen.
Ueber unseren Plan gehrig verstndiget, ist sogar zu hoffen, dass sie
sich diese Abnderung gern werden gefallen lassen.

(Als Einwrfe dagegen erwhne ich zuvrderst einen, den man kaum fr
mglich halten wrde, wenn er nicht wirklich gemacht wrde, den ^von der
weiten Reise^. Gerade die Mglichkeit, junge Menschen vorauszusetzen,
welche die Unbequemlichkeit eines Transportes scheuen, wie Bume, oder
vor den Gefhrlichkeiten einer Reise, z. B. von Knigsberg nach Berlin,
sich frchten, beweiset, wie nothwendig es seyn mge, dem Muthe mancher
in der Nation hierin ein wenig zu Hlfe zu kommen. Oder ist der
Kostenaufwand fr ordinre Post und Zehrung auf dieser kurzen Reise
ihnen so frchterlich, so knnte man ja den sich berechtigt glaubenden
Provinzen aus den Fonds eine Reisestipendienkasse zugestehen, aus denen
sie fr die gar zu Drftigen diese kleine Ausgabe bezahlten.

Sodann meint man: es knnte doch etwa einmal auf einer solchen
Universitt ein besonderer und interessanter Geist und Ton entstehen,
den wir durch eine Aufhebung dieser Universitt ganz unschuldig viele
Jahre vor seiner Geburt morden wrden, und man befrchtet, dass wir der
Entwickelung der herrlichen Originalitt innerhalb solcher kleinen
Beschrnkungen Eintrag thun wrden. Hierauf dienet zur Antwort: dass
zufolge der Zeit, in welcher die Wissenschaft steht, es in derselben
nicht mehr Legionen Geister, die jeder fr sich ihr Wesen treiben,
sondern nur Einen, in seiner Einheit klar zu durchdringenden Geist
giebt, fr dessen ewige allseitige Anfrischung gerade an unserem
Institute durch die sehr hufige Erneuerung des lehrenden Corps, und
durch den offen gefhrten edlen Wettstreit aller miteinander, vorzglich
gesorgt ist; dass aber diese vorgebliche Originalitt innerhalb localer
Beschrnkung nicht Originalitt, sondern vielmehr ^Caricatur^ sey,
welche, so wie den schlechten Geschmack, der an ihr sich labt, immermehr
verschwinden zu machen, auch ein Zweck unserer Anstalt ist. Es bliebe
nach Beseitigung dieser sich aussprechenden Einwrfe kein anderer brig,
als das dunkle Gefhl des Strebens, doch ja nichts umkommen zu lassen,
indem allerhand, uns freilich nicht bekanntes Heil durch irgend eine
Zauberkraft daraus sich entwickeln knne, mit welchem, als selbst nicht
auf deutliche Begriffe zu Bringendem, man in der Region deutlicher
Begriffe nicht reden kann.)


                                . 50.

Die Stellen der Kanoniker an den Hochstiften waren ursprnglich fr den
Unterricht eingesetzt, und die Einknfte knnten diesem ersten Zwecke
fglich zurckgegeben werden. Auf die gleiche Weise ist der Streit gegen
die Unglubigen, wozu die Johanniter-Maltheserritter gestiftet worden,
nicht mehr an der Tagesordnung, wohl aber der geistige Krieg gegen
Unwissenheit, Unverstand und alle die traurigen Folgen derselben; und
knnten so auch diese Gter diesem Zwecke gewidmet werden. Sie wrden
auf dieselbe Weise, wie die frher erwhnten Einknfte, als Recht auf
Stellen unter die Beitragenden vertheilt.

Ich sage nicht, dass unser einiges Institut diese ohne Zweifel sehr
grossen Hlfsquellen verschlingen solle. Dieses Institut muss fr sich
den Grundsatz der Verwaltung haben, dass ihm alles dasjenige, dessen es
fr die Erreichung seiner Zwecke bedarf, unfehlbar werde, dass es aber
auch durchaus nichts begehre, dessen es nicht bedarf; noch kann es einen
anderen haben, ohne durch berflssiges Geschlepp und Gepck sich selbst
zur Last zu werden. Sodann wird zu bedenken seyn, dass auch der,
demnchst sogleich zu reformirenden niederen Schule ihr Antheil zukomme;
ferner, dass wenn es ber kurz oder lang zu einer ernstlichen Reform der
Volkserziehung kommen sollte, auch fr die Untersttzung dieses Zweckes
das Nthige vorhanden seyn msse. Wir wollen nur sagen, dass gerade die
gegenwrtige Zeit der Verlegenheit benutzt werden knne, um jene bisher
anders angewendete Gter fr diesen grsseren Zweck des gesammten
Erziehungswesens in Beschlag zu nehmen, und dass es unter anderen auch
der Kunstschule freistehen msste, von ihnen Gebrauch zu machen, falls
einmal ihre anderen Quellen nicht ausreichend befunden wrden. Selbst
auf den Fall, dass zunchst, oder irgend ein andermal, der Staat fr
eigene Zwecke dieser Einknfte bedrfe, worber tiefer unten: so wrde
es immer ein freundlicheres Ansehen haben, wenn er sie zuerst fr
diesen, als Zweck der Nation unmittelbar einleuchtenden Zweck der
Nationalerziehung in Beschlag genommen htte.


                                . 51.

Wie in Absicht der regularen Stellen berhaupt der Grundsatz feststeht,
dass jedwedes Individuum, das zu einer solchen sich qualificirt, und sie
begehrt, sie haben msse, so steht in Absicht ^der Zahlung^ der
Grundsatz fest, dass, wer zahlen knne, zahlen msse, wer aber nicht
zahlen knne, dieselbe, ^inwiefern er nicht zahlen kann^, unweigerlich
frei erhalte. Nicht die Zahlung qualificirt, sondern die anderweitige
Leistung; und so soll auch der doppelt oder dreifach Zahlende dennoch,
als Auslnder, bei dem Knige, als Inlnder, bei einem Kreise, eine
Stelle als freie Gunst nachsuchen, damit er wisse, dass es in unserer
Anstalt noch etwas giebt, das fr Geld nicht zu haben ist, und soll der
etwanigen konomischen Rcksicht, dass man den Zahlung Anbietenden in
Absicht der Proben der Wrdigkeit gelinder behandle, durchaus kein
Einfluss gestattet werden. Ebenso schliesst auch nicht das Unvermgen zu
zahlen aus, sondern das geistige Unvermgen.

Die zu leistende Zahlung ist zu berechnen im Durchschnitte (am besten
auch nach Scheffeln Getreide) auf die eben erwhnten, dem Zglinge in
Natur zu liefernden Bedrfnisse, auf Honorar an die Lehrer fr
Unterricht und Prfung bei Ertheilung des Meisterthums, auf Gebrauch der
ffentlichen literarischen Schtze u. s. w., und haben die Eltern oder
Vormnder des zahlenden Zglings der Oekonomieverwaltung Caution zu
leisten auf die Zeit, fr welche der Zgling in das Institut aufgenommen
wird, indem man ihn, um spterhin ausbleibender Zahlung willen, ja nicht
ausstossen knnte, dennoch aber die Verwaltung auf ihn als Zahler
rechnet. Die Form dieser Sicherstellung wird leicht sich finden lassen.
Und zwar werden alle jene in Rechnung kommende Gegenstnde also
berechnet, wie sie dem Zglinge zu stehen kommen wrden, wenn er einen
Privathaushalt fhrte, keinesweges aber also, wie sie der alles im
Ganzen an sich bringenden Verwaltung zu stehen kommen: wie denn dies, da
dieser grosse Haushalt ohne Zutritt des Einzelnen als eine Einrichtung
des Staates besteht, ganz billig ist, und schon dadurch zu Deckung der
Freistellen ein Betrchtliches gewonnen werden kann.

Es ist zu hoffen, dass unsere reichen Huser, deren Glanz ja sonst bei
also getroffenen Einrichtungen in ihrer Nachkommenschaft erlschen
wrde, den Zutritt zu unseren Regularen fleissig nachsuchen, und dass
besonders unser Adel diese Gelegenheit mit Freuden ergreifen werde, um
zu zeigen, dass es nicht bloss die versagte Concurrenz war, die ihn bei
seinem bisherigen Range erhielt, sondern dass er auch bei erffneter
freier Concurrenz mit dem Brgerstande denselben zu behaupten vermge.
Es knnte hierbei festgesetzt werden, dass die ^Grafen^ doppelte Zahlung
leisteten, wie dies in Absicht der Collegienhonorarien auch bisher also
gehalten worden; andere Adelige noch die Hlfte des ganzen Quantums
zuschssen.

Freistellen mssen nicht nothwendig ^ganze^ Freistellen seyn, indem eine
Familie, die zwar nicht alle diese Kosten zu tragen vermchte, doch
vielleicht einen Theil derselben tragen kann. Es kann also Viertel-,
Halbe-, Dreiviertelfreistellen geben, nach Maassgabe des Vermgens der
Familie.

Doch sollen ganz Unvermgende auch ganz freie Station erhalten; und es
soll in Rcksicht dieser sogar eine Veranstaltung getroffen werden,
wodurch sie beim einstigen Austritte aus dem Collegium der Regularen,
wie dieser auch brigens ausfallen mge, fr die erste Zeit und bis zu
einiger Anstellung gedeckt seyen.

Die Entscheidung ber diese theilweisen oder ganzen Befreiungen fllt
der konomischen Verwaltung des Institutes zu, welchem zu diesem Behufe
die Eltern oder Vormnder des Zglings gengende Einsicht in die
Vermgensumstnde desselben zu geben haben. Es muss bei dieser Einsicht
Genauigkeit stattfinden, indem hierber das Ehrgefhl der Nation selbst
geschrft werden soll, und so, wie Armuth keine Schande, das
Sicharmstellen und die Raubgier, welche den Ertrag milder Stiftungen
wirklich Unvermgenden wegzunehmen sucht, zur grossen Schande werden
sollen. Hinwiederum ist mild und freundlich dem wirklichen Unvermgen
das Gebhrende zu erlassen, und es ist darum klar, dass diese Verwalter
fr den Fortgang der Wissenschaften redlich interessirte, und
talentvolle Jnglinge, auch wenn sie arm sind, herzlich liebende Mnner,
und also selbst ^Akademiker^, wo mglich ^ausgetretene Lehrer^ seyn
mssen.

Welcher nun unter den Zglingen seine Stelle ganz, oder theilweise frei
habe, braucht niemand zu wissen, ausser die Eltern oder Vormnder eines
solchen und die erwhnten Verwalter; indem dieses die beiden Theile
sind, welche die Abkunft geschlossen, und sind diese allerseits zur
Verschwiegenheit zu verpflichten. Denn obwohl Armuth fernerhin keine
Schande seyn soll, so soll doch so lange, bis es allgemein
dahingekommen, dem zahlenden Zglinge auch die Versuchung erspart
werden, sich ber den ihm bekannten Nichtzahler neben ihm zu erheben.
Alle sollen in solche Gleichheit gesetzt werden, dass dem Reichsten das
wenige, Anstndigkeitshalber vielleicht nthige Taschengeld von der
Verwaltung nicht reichlicher gereicht werde, als dem ganz freien Armen.
Nicht einmal der freigehaltene Zgling selbst braucht diesen Umstand zu
wissen; denn obwohl wir fr das Daseyn der Anstalt berhaupt die
Dankbarkeit Aller, Zahler oder Nichtzahler, in Anspruch nehmen, so
wollen wir doch dafr, dass jedes Talent, auch ohne Aequivalent in
Gelde, bei uns Entwickelung findet, keinen besonderen Dank, indem wir
dies fr Pflicht, so wie fr den eigenen Vortheil des Vaterlandes
erkennen. Und so sind denn die an die Kreise zu vertheilenden Stellen
keinesweges Kost- oder Freistellen, sondern es sind Stellen berhaupt.
Jede mgliche Stelle kann auch Freistelle werden; nur weiss der Kreis
selber nicht, wie es sich damit verhlt, sondern nimmt unbefangen
Antheil an den wissenschaftlichen Fortschritten seines Clienten, ohne zu
wissen, auf welche besondere konomischen Bedingungen er dieses ist.


                                . 52.

Indem der Ausfall, der durch diese ertheilten Befreiungen in der
Oekonomie des Regulats entsteht, aus der Gesammtheit der oben
verzeichneten Quellen bestritten werden muss, dieser Ausfall aber,
jenachdem das vorzglichere Talent aus den reichen oder aus den
unbegterten Klassen der Nation hervorgeht, sehr wandelbar und
vernderlich seyn drfte: so ist klar, dass in diesem Haupttheile der
Ausgaben keine Fixirung stattfinde, dass der Verwaltung grosse
Hlfsmittel zur Disposition stehen mssen, dass dieselbe durchaus kein
Interesse hat, dieselben ohne Noth zu verschwenden, dass sie demnach die
etwanigen Ersparnisse getreulich den Hnden der Regierung zurckliefern
wird, welche ber die Wahrhaftigkeit des Resultates der gefhrten
Verwaltung durch eine, gleichfalls auf Stillschweigen zu verpflichtende
Behrde Einsicht nehmen kann; endlich, dass dieser ganze Theil der
Verwaltung dem brigen Publicum ein dasselbe nicht angehendes und ihm
undurchdringliches Geheimniss bleibe. Das lehrende Corps ist es
eigentlich, das nach den gelieferten Aufstzen oder der von der niederen
Schule gebrachten Tchtigkeit, ohne alle Rcksicht oder Notiz von den
Vermgensumstnden, das Regulat ertheilt: dies ist das Erste und
Wesentliche. In dieser Ertheilung knnen sie, nach dem aufgestellten
Grundsatze, dass durchaus kein vorzgliches Talent ausgeschlossen werden
solle, nicht beschrnkt werden. Wie es mit dem also zum Regularen
unwiederbringlich Ernannten in konomischer Rcksicht gehalten werden
solle, ist die zweite ausserwesentliche Frage, deren Beantwortung der
Oekonomieverwaltung anheimfllt. Dieser verbietet Gerechtigkeitsgefhl
und Rcksicht auf Ehrliebe der Nation, Befreiung ohne Noth zu
begnstigen; die Natur der ganzen Einrichtung aber, sie der dargelegten
Noth zu versagen; und so kann auch diese auf keine Weise eingeschrnkt
werden.

Ebensowenig findet im zweiten Haupttheile der Ausgaben, der Besoldung
der Lehrer und anderer Akademiker, der Erhaltung oder neuen Anschaffung
von Literaturschtzen, und anderer den Fortgang der Wissenschaften
befrdern sollender Einrichtungen, eine Fixirung statt. Denn obwohl sich
auch etwa ein Maximum des Gehaltes fr einen einzigen festsetzen liesse,
so lsst sich doch durchaus nichts festsetzen ber die Anzahl der zu
Besoldenden, von so hchst verschiedenen Arten und Klassen, sondern es
richtet sich diese, sowie die anderen angegebenen Veranlassungen von
Ausgaben, nach dem jedesmaligen Zustande der Wissenschaft, und ist
wandelbar wie dieser. Die Mitglieder der Anstalt knnen in diesen
Beurtheilungen nur das Heil der Wissenschaft und ihrer Anstalt als
hchstes Gesetz anerkennen, und sie sind diejenigen, denen grndliche
Durchschauung desselben, sowie herzliche Liebe dafr sich am
vorzglichsten zutrauen lsst; auch verbietet die Erwgung dieses Heils
selbst ihnen ebenso unnthige Verschwendung in allen den erwhnten
Zweigen, als schdliche und unwrdige Sucht zu sparen. Und so geht denn
auch fr diesen Theil dasselbe Resultat hervor, das wir oben fr den
ersten Theil aufstellten; es gilt dasselbe demnach frs Ganze.


                                . 53.

In Absicht des Besoldungssystems mchte festgesetzt werden 1) ein
Gehalt, der dem Akademiker, als solchem, gereicht wird, und der dem des
vollkommenen Brgerrechtes Theilhaftigen unter keiner Bedingung entzogen
werden kann. Da nicht so leicht jemand bloss Akademiker seyn wird, so
ist dieser Gehalt nur als ein Beitrag, keinesweges aber als das, woraus
der ganze anstndige Unterhalt des Mannes zu bestreiten sey, zu
betrachten. 2) Das Mitglied des Rathes der Alten hat entweder ein
anderweitiges Staatsamt, oder eine von den mannigfaltigen konomischen
oder Aufseherstellen, die aus der Natur unseres Instituts hervorgehen,
wofr er besonders besoldet wird; auch wre er fr die Weisen, wie er
durch vorbergehende Vorlesungen oder andere Leistungen uns ntzlich
wird, durch vorbergehende Remunerationen zu entschdigen. Arbeitet er
an einem gelehrten Werke, so knnte ihm auch fr diesen Behuf die
Oekonomieverwaltung Untersttzung oder Vorschsse leisten. 3) Der
ausbende Lehrer wird nach Maassgabe seiner Arbeit an Vorlesungen und
anderen Uebungen und Prfungen besonders besoldet. Die Zugewandten
zahlen fr alle diese Gegenstnde, inwiefern sie an denselben Antheil
nehmen wollen, ein festzusetzendes Honorar, und zwar ^voraus^. Denn es
wird dadurch eines solchen Zugewandten, der sein vorausbezahltes Geld
nun auch wiederum abhren will, Fleiss und Regelmssigkeit sehr
befrdert; und mgen wir ihm diese Art der Ermunterung gern gnnen. Der
Regulare ist hierin frei, und wird eben der Gehalt des Lehrers als sein
von der Verwaltung fr ihn bezahlter Beitrag, der ja bei Zahlstellen
auch angerechnet wird, betrachtet. Dieses von den Zugewandten zu
ziehende Honorar ist jedoch dem Lehrer bei Fixirung seines Gehaltes
nicht eben in Rechnung zu bringen, sondern derselbe also zu setzen, als
ob er neben seinem Gehalte als Akademiker von diesem leben msste; um
ihn von dem Beifalle dieser Zugewandten ganz unabhngig zu erhalten.

Dasselbe Honorar von den Zugewandten haben auch die ausserordentlichen
Professoren zu beziehen.

Eigentlich ist es die Akademie selbst, welche als unumschrnkte
Oekonomieverwaltung (. 52.) sich selbst aus ihrer Mitte besoldet. So
wie die anderen Stnde nicht verlangen sollen, dass diese in
Anstndigkeit des Auskommens ihnen nachstehen, so wird auch ihnen von
ihrer Seite gerade jenes nicht zu vermeidende Verhltniss die Pflicht
auflegen, vor den Augen der Nation nicht als unersttliche und
habschtige, sondern als edle und sich bescheidende Mnner dazustehen;
und ist diese Denkart auf alle Weise in sie hineinzubringen.


                                . 54.

Fr das erste Lehrjahr mchte es zweckmssig seyn, den encyklopdischen
Lehrern, sowie etwa den anderen nthig befundenen Unterlehrern, wenn,
wie es grsstentheils der Fall seyn drfte, sie schon ausserdem, als
Akademiker oder dergl., einen fixirten lebenslnglichen Gehalt haben,
eine besondere Remuneration fr die Arbeiten dieses ersten Lehrjahres
zuzugestehen, und fr die folgenden Lehrjahre sich ein weiteres Bedenken
vorzubehalten; unter anderen auch, damit man erst she, wie sich jedes
machte, und ob nicht indessen etwas Anderes sich findet, das sich noch
besser macht. In Bestimmung dieser Remuneration wre, inwiefern nicht
etwa der Mann schon sonst ausreichend besoldet ist, und man in dieser
Rcksicht schon ohnedies einen Anspruch hat auf seine ganze Kraft,
billig als Maassstab unterzulegen, was in dieser Zeit durch
Schriftstellerei htte erworben werden knnen. Denn obwohl das bisweilen
auch bliche Ablesen eines vor langen Jahren angefertigten Heftes etwas
hchst Bequemes ist, und kaum eine andere Kraft fordert, als die der
Lunge, so drfte doch eine solche Verwaltung des Lehramts, wie wir sie
gefordert haben, und die unter anderen auch den grssten Theil der alten
Hefte unbrauchbar macht, alle Kraft und Zeit des Lehrers in Anspruch
nehmen; und wer diese Verhltnisse kennt, weiss, dass Collegienlesen auf
die gewhnlichen Bedingungen fr einen nicht ungewandten Schriftsteller
in konomischer Rcksicht ein Opfer ist, das zwar der wackere Mann gern
bringt, der auch wackere aber nicht ohne Noth fordert.


                                . 55.

Fr dieses erste Jahr knnte nun der Universitt vom Staate ein
ffentlicher Hrsaal eingegeben werden. Die Studirenden lseten gegen
ihr Honorar, etwa bei dem, um der Inscriptionen willen auch gleich
anfangs anzustellenden Justitiarius der Universitt, ^Belege^
(Zutrittskarten), nach welchen ihnen, durch einen gleichfalls
anzustellenden ^famulus communis^, auf eine zu Jena seit 1790 bliche,
dem Schreiber dieses wohlbekannte Weise, ihre Pltze im Auditorium
angewiesen werden. Da wir im ersten Jahre noch keine Regulare haben
(Novizen knnen wir haben, die aber doch immer nur als Zugewandte zu
betrachten sind), sonach diese etwa knftigen Regularen, denen
vielleicht auch knftig Freistellen gegeben werden, in der allgemeinen
Masse der Zugewandten noch unentdeckt liegen: so soll der Justitiarius,
nach einem ihm etwa anzugebenden Kanon, diese erwhnten Belege auch frei
geben knnen, worber er sich hernach mit dem Lehrer, der das Collegium
liest, zu berechnen hat. Ebenso wre ein Plan zu entwerfen, wie man
whrend dieses ersten Jahres unvermgende Studirende durch Stipendien,
Freitische und dergl. untersttzen knnte. Doch ist die Einfhrung des
gewhnlichen Convictoren-, Stipendiaten-Examens und dergl., durch welche
der Unvermgende herausgehoben und bezeichnet wird, als mit unserm
allerersten Grundsatze ber diesen Gegenstand streitend, auch im ersten
Jahre zu vermeiden. Sollte man nicht etwa spterhin ber den Grundsatz
sich einverstndigen, ^dass bei solchen, die da Regulare werden weder
knnten, noch wollten^ (wo bei Bejahung des letzten Falles die
einigermaassen frei zu haltenden wenigstens ^Novizen^ seyn mssten, und
es im Noviziate ber diesen Punct eben also gehalten werden knnte, wie
oben (. 51.) fr das Regulat vorgeschlagen worden), und da die zu
subalternen Geschften nthigen Handwerksfertigkeiten weit sicherer und
schicklicher ausserhalb der Universitt erlernt werden, ^das Studiren
ein blosser Luxus sey, der, wenn er ja statthaben solle, aus eigenen
Mitteln, keinesweges aber auf Kosten des Staates, bestritten werden
msse^; sondern sollte man darauf bestehen, die milden Stiftungen der
ber diese Dinge freilich nicht so scharf sehenden Vorwelt, auf die
bisherige Weise zu verwenden: so kann man freilich nichts dagegen haben,
dass dergleichen Beneficiaten unter den blossen Zugewandten auf alle
Weise bezeichnet werden, und, so Gott will, ihnen sogar eine metallene
Nummer an den Aermel geheftet werde, damit die Liebeswerke doch auch
recht in die Augen fallen! Nur soll man den nicht also behandeln, der
einmal ein Ehrenjngling und Regularer werden knnte.


                                . 56.

Diese also zu einem organischen Ganzen verwachsene Akademie der
Wissenschaften, wissenschaftliche Kunstschule und Universitt muss ein
Jahresfest haben, an welchem sie sich dem brigen Publicum in ihrer
Existenz und Gesammtheit darstelle. Der natrlich sich ergebende Act
dieses Festes ist die Ablegung der Rechenschaft ber ihre Verhandlungen
das ganze Jahr ber; und es sollten hiebei zugegen seyn Reprsentanten
der Nation, gewhlt aus den zu den Stellen Berechtigten, und des Knigs,
beider, als der Behrde, der die Rechenschaft abgelegt wird. Zu diesem
Feste wre der Geburtstag Friedrich Wilhelms des Dritten, als dessen
Stiftung jener Krper existiren wird, falls er jemals zur Existenz
kommt, unabnderlich und auf ewige Zeiten festzusetzen.


                                . 57.
                             Corollarium.

Die einzelnen Vorschlge dieses Entwurfes sind keineswegs unerhrte
Neuerungen; sondern sie sind, wie sich bei einem so viele Jahrhunderte
hindurch in so vielen Lndern bearbeiteten Gegenstande erwarten lsst,
insgesammt einzeln irgendwo wirklich dagewesen, und lassen sich bis
diesen Augenblick in mehreren Einrichtungen der Universitten Tbingen,
Oxford, Cambridge, der schsischen Frstenschulen, in ihrem sehr guten,
das Gewhnliche weit bertreffenden Erfolge, darlegen. Lediglich darin
knnte der gegenwrtige Entwurf auf Originalitt Anspruch machen, dass
er alle diese einzelnen Einrichtungen durch einen klaren Begriff in
ihrer eigentlichen Absicht verstanden, sie aus diesem Begriffe heraus
wiederum vollstndig abgeleitet, und sie so zu einem organischen Ganzen
verwebt habe; welches, wenn es sich also verhielte, demselben
keinesweges zum Tadel gereichen wrde.

Den Haupteinwurf betreffend, den derselbe zu befrchten hat, den der
Unausfhrbarkeit, muss in der Berathschlagung hierber nur nicht die im
Verlaufe von allen Seiten hinlnglich charakterisirte, brigens
ehrenwerthe und von uns herzlich geehrte Klasse gefragt werden, welche,
wenn nur sie allein in der Welt vorhanden wre, mit ihrer Behauptung der
absoluten Unausfhrbarkeit recht behalten wrde. Wir selbst geben zu,
dass im Anfange die Ausfhrung am allerunvollkommensten ausfallen werde,
glauben aber sicher rechnen zu drfen, dass, wenn es berhaupt nur zu
einigem Anfange kommen knne, der Fortgang immer besser gerathen werde;
selbst aber auf den Fall, dass wir befrchten mssten, es werde sogar
nicht zu einem rechten Anfange kommen, mssten wir dennoch den Versuch
nicht unterlassen, indem im allerschlimmsten Falle wir doch nichts
Schlimmeres werden knnen, denn eine Universitt nach hergebrachtem
deutschem Schlage.

Die allgemeinen Merkmale der Grndlichkeit eines Planes, der sich nicht
bescheiden mag, ein blosser schner Traum zu seyn, sondern der auf
wirkliche und alsbaldige Ausfhrung Anspruch macht, sind diese: dass er
zuvrderst nicht etwa die wirkliche Welt liegen lasse und fr sich
seinen Weg fortzugehen begehre, sondern dass er durchaus auf sie
Rcksicht nehme, wiewohl allerdings nicht in der Voraussetzung, dass sie
bleiben solle, wie sie ist, sondern dass sie anders werden solle, und
dass im Fortgange nicht Er sich ihr, sondern Sie sich ihm bequeme; und
dass er, nach Maassgabe der Verwandtschaft, eingreife auch in die
brigen Verhltnisse des Lebens, und wiederum von diesen getragen und
gehoben werde; sodann, dass er, einmal in Gang gebracht, nicht der immer
fortgesetzten neuen Anstsse seines Meisters bedrfe, sondern fr sich
selbst fortgehe, und, so ers braucht, zu hherer Vollkommenheit sich
bilde. Nach diesen Merkmalen sonach ist jeder Entwurf zu prfen, wenn
die Frage ber seine Ausfhrbarkeit entschieden werden soll.




                          Dritter Abschnitt.
    Von den Mitteln, durch welche unsere wissenschaftliche Anstalt
    auf ein wissenschaftliches Universum Einfluss gewinnen solle.


                                . 58.

Das in unserer Kunstschule einmal begonnene wissenschaftliche Leben soll
nicht etwa in jeder knftigen Generation, sowie es schon da war, nur
sich ^wiederholen^, viel weniger noch soll es ungewiss herumtappen, und
so selbst Rckfllen ins Schlimmere ausgesetzt seyn; sondern es soll mit
sicherem Bewusstseyn und nach einer Regel zu hherer Vollkommenheit
fortschreiten. Damit dies mglich werde, muss die Schule die in einem
gewissen Zeitpuncte errungene Vollkommenheit irgendwo deutlich und
verstndlich niederlegen; an welche also niedergelegte Stufe der
Vollkommenheit dieses Zeitpunctes das beginnende frische Leben sich
selber und seine Entwickelung anknpfe. Am besten wird diese
Aufbewahrung geschehen vermittelst eines ^Buches^.


                                . 59.

Da aber das wirkliche, in unmittelbarer Ausbung befindliche Leben der
wissenschaftlichen Kunst fortschreitet von jeder errungenen Entwickelung
zu einer neuen, jede dieser Entwickelungen aber, als die feste Grundlage
der auf sie folgenden neuen, niedergelegt werden soll im Buche: so folgt
daraus, dass dieses Buch selbst ein fortschreitendes, ein ^periodisches^
Werk seyn werde. Es sind ^Jahrbcher^ der Fortschritte der
wissenschaftlichen Kunst an der Kunstschule; welche Jahrbcher, wie ein
solcher Fortschritt erfolgt ist, ihn bestimmt bezeichnet niederlegen fr
die nchste und alle folgende Zeit, und welche, wenn die
wissenschaftliche Kunst nicht unendlich wre, einst nach Vollendung
derselben begrnden wrden eine ^Geschichte^ dieser -- sodann
vollendeten Kunst.


                                . 60.

Die Kunst schreitet fort auf zwiefache Weise: theils berhaupt, wie
alles Leben, dass sie eben lebendig bleibe, und niemals erstarre oder
versteine; theils dass dieses berhaupt also fort^gehende^ Leben auch
fort^schreite^ zu hherer Kraft und Entwickelung. Dies Letztere
geschieht wiederum auf doppelte Weise: nemlich zuerst in ihm selber und
intensive, in Absicht des ^Grades^, sodann nach aussen hin und
extensive, indem es immer mehr des ihm angemessenen Stoffes in sich
aufnimmt, und ihn mit sich ihn durchdringend organisirt, also in Absicht
der Ausdehnung. -- Todt ist ein wissenschaftlicher Stoff, so lange er
einzeln und ohne sichtbares Band mit einem Ganzen des Wissens dasteht,
und lediglich dem Gedchtnisse, in Hoffnung eines knftigen Gebrauches,
anheimgegeben wird. Belebt und organisirt wird er, wenn er mit einem
andern verknpft, und so zu einem unentbehrlichen Theile eines
entdeckten grsseren Ganzen wird; und jetzt erst ist er der Kunst
anheimgefallen. Wird dieses schon entdeckte und in den Jahrbchern
vorliegende Ganze mit einem klaren Begriffe durchdrungen (die Klarheit
ist aber ein ins Unendliche zu steigerndes), dass die Theile sich noch
enger an einander anschliessen und durch einander verwachsen: so hat die
Kunst intensiv gewonnen; greift der vorhandene Einheitsbegriff weiter,
und erfasst ein bis jetzt noch einzeln dastehendes Glied, so gewinnt sie
extensive. Beide Arten des Fortschrittes untersttzen sich
wechselseitig, und arbeiten einander vor. Die ^Erweiterung^ des
Begriffes macht seine ^Verklrung^, seine ^Verklrung^ seine
^Erweiterung^ leichter.

In Absicht der zuerst erwhnten periodischen ^Anfrischung^ des
wissenschaftlichen Lebens aber, die an sich kein Fortschreiten ist weder
intensiv noch extensiv, verhlt es sich also: -- Unabhngig in Absicht
der Materie von der besonnenen und kunstmssigen Entwickelung, und
gerade um so mehr, in je hherem Grade die letztere vorhanden ist,
schreitet das geistige Leben des Menschengeschlechtes durch sich selber,
wie nach einem unbewussten Naturgesetze fort. Die Sprache concentrirt,
die Phantasie erhht sich, die Schnelligkeit des Fassungsvermgens
steigt, der Geschmack wird zarter; und so ^ersterben^ in einem spteren
Zeitalter Formen, die der wahrhafte Ausdruck des Lebens eines frheren
waren, und so muss oft das, dem in keiner Weise eine hhere innere
Vollkommenheit sich geben liesse, dennoch aus der erstorbenen usseren
Form in die des dermaligen Menschengeschlechtes aufgenommen werden. (Wir
machen an folgendem Beispiele unseren Gedanken klarer. -- Selber die
Philosophie, als die reinste, stoffloseste Form, die auch im mndlichen
Vortrage immer also, als reines Entwickelungsmittel der Kunst des
Philosophirens, sich behandelt, geht dennoch in Beziehung auf sttigen
Fortschritt der Wissenschaft auf ^ein Buch^ aus, welches ^die
durchgefhrte richtige Anwendung der Denkgesetze^, als festes und
stehendes Resultat, absetze. Frs erste nun, was nicht unmittelbar
dasjenige ist, was wir sagen wollen, sondern wodurch wir uns
vorbereiten: -- wre nun ein solches Buch vorhanden, so wrde bis ans
Ende der Tage jedwedes Individuum, das ein Philosoph seyn wollte,
vielleicht jenes Buch als Leitfaden brauchend, dennoch jene Anwendung
der Denkgesetze ^selbst^ und in eigener ^Person^ durchfhren mssen, und
von dieser Arbeit jenes Buch ihn auf keine Weise entbinden. Dagegen
htte er davon folgenden Vortheil: fhrte sein Denken ihn auf ein
anderes Resultat, als in jenem Buche vorliegt, so msste er entweder
deutlich und bestimmt nachweisen knnen, welcher Fehler in Anwendung der
Denkgesetze im Buche begangen worden, der dieses von dem seinigen
verschiedene Resultat hervorgebracht htte; oder er wsste, so lange er
dies nicht knnte, sicher, dass er mit seinem eigenen Denken noch nicht
im Klaren sey, er msste annehmen, dass sein Resultat ebensowohl irrig
seyn knnte, als das im Buche vorliegende, und htte kein Recht, seinen
Satz, der mglicherweise irrig seyn knnte, an die Stelle eines andern,
der freilich auch irrig seyn kann, in dem allgemeinen Buchwesen zu
setzen. Mchte er hchstens diesen seinen Satz, ausdrcklich als nicht
sattsam begrndet, fr die weitere Untersuchung eines knftigen klareren
Denkers aufbewahren. Und dies wre denn in dem ersten, wie in dem
zweiten Falle der Erfolg des vorhandenen Buches fr die Wissenschaft,
dort sichere Erweiterung, hier Verwahrung vor blindem Herumtappen und
dem Eigendnkel, der da will, dass seine unbewiesenen Behauptungen mehr
seyen, als anderer vielleicht bewiesene Behauptungen, indem er nur
unfhig ist, den Beweis zu fassen. Hiervon reden wir nun zunchst nicht,
sondern davon. Ob nun wohl auch jenes niedergelegte philosophische Buch
also beschaffen wre, dass es weder in seinem Inhalte, noch im Grade der
Klarheit berhaupt eine Verbesserung erhalten knnte, so mchte es doch
immer einer ^Erfrischung^ durch das neue Leben der Zeit bedrfen.)


                                . 61.

Das bisher beschriebene gbe nun das ^Kunstbuch^ der Schule. Nun zeigt
sich diese Kunst, und ihr Leben schreitet fort, in Organisation eines
Stoffes. Inwiefern dieser Stoff wirklich schon organisirt ist, ist er
aufgenommen in die Kunst und in derselben Buch, und es bedarf fr ihn
keines besonderen Buches; inwiefern er aber noch nicht durchdrungen ist,
und er also die weitere Aufgabe fr die Kunstschule enthlt, muss diese
Aufgabe irgendwo in fester Gestalt niedergelegt seyn, und die Schule
bedarf, ausser ihrem Kunstbuche, auch eines ^Stoffbuches^. Dies ist nun
zum Theil schon vorhanden an dem ganzen vorliegenden Buchwesen, und muss
nur die Schule dieses ^kennen^. Die dahin gehrigen Einrichtungen sind
schon im vorigen Abschnitte angegeben, und es lsst in dieser Kenntniss
ein Fortschritt nur so sich denken, dass diese Kenntniss des vorhandenen
Buchwesens vervollstndiget, und das allgemeine Repertorium desselben
besser geordnet und einer leichteren Uebersicht im Ganzen zugnglicher
gemacht werde, auf welchen Zweck auch unsere Schule in alle Wege
anzuweisen ist. Jenes auf diese Weise schon vorhandene grosse Stoffbuch
selber soll nun fortschreiten: zuvrderst, indem es seiner usseren Form
nach erfrischt und erneuert wird, sodann, indem in Absicht des Inhaltes
es theils berichtigt und von den darin vorhandenen Fehlern gereinigt,
theils immerfort ergnzt und erweitert wird. Das Letzte geschieht durch
neue Entdeckungen auf dem Gebiete der Geschichte und der Naturkunde;
welche Entdeckungen immerhin bei ihrer ersten Erscheinung zur Aufnahme
in die Einheit sich nicht qualificiren mgen, dennoch aber, bis ein
Mehreres zu ihnen hinzukommt, aufbehalten werden mssen. Durch diese
neuen Entdeckungen verlngert sich wiederum das Stoffbuch nach der
Peripherie hin, das nach der Seite seines Centrums immer mehr verkrzt
und von dem Kunstbuche aufgenommen wird.

Dieser Fortschritt, des Stoffbuches sowohl wie auch des Kunstbuches,
kann sich nun begeben entweder ^bei uns^, oder ^bei anderen^; wo wir im
letztern Falle die Ausbeute in unsere Schule und unser Buch aufzunehmen
haben, damit das gesammte Buch des Menschengeschlechtes und sein
wissenschaftlicher Fortschritt Einheit behalte.

Zum Fortschritte dieses gesammten Buches gehren auch diejenigen
Bestrebungen, dasselbe zu verbessern, die nur noch Versuche und noch
nicht zu der Festigkeit gediehen sind, dass man sie in einem Buche
niederlegen knne. Auch diese Versuche, wenn sie bei anderen angestellt
werden, kennen zu lernen, wenn wir sie anstellen, uns dabei der
Beobachtung anderer nicht zu entziehen, mssen wir Anstalt treffen.


                                . 62.

Um ber den Fortschritt der wissenschaftlichen Kunst, die im Kunstbuche
dargelegt werden soll, ganz verstndlich zu werden, legen wir unsere
Gedanken dar an einem Beispiele.

Wenn also z. B. mit der Universalgeschichte es dahin zu kommen bestimmt
wre, dass man einshe, sie sey nicht ein Zuflliges, das auch entbehrt
werden knne, sondern sie habe eine bestimmte, dem Menschengeschlechte
sich aufdringende Frage nach bestimmten gleichfalls im menschlichen
Geiste schon vorliegenden Frageartikeln zu beantworten, als etwa: wie
unser Geschlecht zu menschlicher Lebensweise, zu Gesetzlichkeit, zu
Weisheit, zur Religion, und worin noch etwa sonst die Ausbildung zum
wahren Menschen bestehen mag, sich allmhlig erhoben habe, -- hier
einseitig, dann zurckfallend, um auch andere, bisher vernachlssigte
Bildungsweisen in sich aufzunehmen; -- und man ber diese Fragen zu
einigen bestimmten und unvernderlichen Resultaten gekommen wre: so
wrde man sodann auch einsehen, dass die bisher abgesteckten Epochen
nach Entstehung oder Untergang grosser Reiche, nach Schlachten und
Friedensschlssen, die Regententafeln u. dergl. nur provisorische
Hlfsmittel, berechnet auf eine Denkart, die nur durch die Erschtterung
des usseren Sinnes berhrt wird, gewesen seyen, um die Sphre jener
besseren Ausbeute indessen zu erhalten; und man wrde nur an jene,
inniger an das Interesse der menschlichen Wissbegier sich anschmiegenden
Epochen die Geschichte anknpfen, welche nun allerdings auch jene ersten
weniger bedeutenden mit sich fortfhren wrden, damit das Gemlde sein
vollkommenes Leben bis auf den wirklichen Boden herab bekme. Man wrde
z. B. nicht mehr sagen: unter der Regierung des und des wurde der Pflug
erfunden, sondern umgekehrt: als der Pflug erfunden wurde, regierte der
und der, dessen Leben vielleicht auf die weiteren Begebenheiten des
Pfluges, auf welches letzteren Geschichte es hier doch allein ankommt,
Einfluss hatte. Die Kunst der Geschichte wre dadurch ohne Zweifel
fortgeschritten, indem man nunmehro erst recht wsste, wonach man in
derselben zu fragen, und worauf in ihr zu sehen habe; sie wre mit einem
klaren Begriffe durchdrungen.

Dadurch wre auch die ganze Bearbeitung derselben an unserer Kunstschule
verndert. Vorher bestand ihre eigentliche Aufgabe darin, jenen klaren
Begriff und die festen Data, die eine Uebersicht der Begebenheiten nach
seiner Leitung giebt, ^zu finden^, und in diesem Finden bestand die
gemeinschaftliche Arbeit unserer Kunstschule. Jetzt ist dies da: es wird
abgesetzt im Buche, das unser Zgling selber lesen mag. Vorher musste er
ein nach anderen Epochen eingetheiltes Buch lesen, das ihm jetzt auch in
alle Wege nicht ganz erlassen werden kann, das aber ihm, der einen
Leitfaden von hherer Potenz hat, weit leichter haften wird, als seinem
frheren Vorgnger. Die unmittelbar zu treibende Kunst an unserer Schule
erhlt in Beziehung auf die Geschichte eine andere Aufgabe; ohne Zweifel
die, jene Data weiter auszuarbeiten und zu verbinden, und so mehr des
bisher noch nicht durchdrungenen Stoffes der Facta durch den
Grundbegriff zu durchdringen.

So in allen anderen Fchern. Die Kunst grbt fortgehend sich tiefer in
bisher unsichtbare Welten; die in dem nunmehr ausgegrabenen Schachte
gewonnene Ausbeute legt sie im Kunstbuche nieder, als Ausgangspunct und
als Instrument ihres weiteren Verfahrens.

Und so wre denn 1) in unseren Jahrbchern des Fortschrittes der Kunst
an unserer Schule, als Hauptbestandtheile und als Epoche machend,
niederzulegen die encyklopdischen Ansichten jedes unserer Lehrer von
seinem Fache; kurz, versteht sich, und im Grossen und Ganzen. Sollte
ihm, wie dies also zu erwarten, diese klare und ewig dauernde
Rechenschaft auch nicht whrend der Ausbung seines Lehramtes angemuthet
werden knnen, so kann sie dennoch nach dem Austritte ihm nicht fglich
erlassen werden, und hat er darauf schon whrend der Ausbung zu
rechnen.

2) Da unsere Schler auch Bcher lesen sollen, und wir ihnen berhaupt
nichts zu sagen gedenken, was ebenso gut im Buche steht, so gehrt zu
jener encyklopdischen Rechenschaft eines Lehrers allerdings auch die
Angabe, welche Lectre er vorschreibe. Diese Lectre mag fr den Anfang
in schon vorhandenen Bchern bestehen, und es wird in diesem Falle genug
seyn, diese zu citiren.

Spterhin aber werden wir, theils um die allenfalls veraltete ussere
Form anzufrischen, theils aber und vorzglich, wegen des durch den
Fortschritt der Kunst ganz vernderten Ausgangspunctes der von uns
wirklich zu ^treibenden^ Kunst, Lesebcher fr unsere Zglinge (ein
^corpus^ jedes einzelnen Faches, wie es bisher nur ein ^corpus juris^
gab) eigens drucken lassen mssen. In Absicht des ersten -- des
Auffrischens -- wird zu beachten seyn, dass dies nicht von dem Ermessen
des Einzelnen abhngen knne, sondern mehrere die Tchtigkeit eines
Einzelnen fr diesen Behuf anerkennen mssen, indem nicht in jedem der
gesammte lebendige Zeitgeist sich ausspricht, und mancher versucht wird,
seinen individuellen Geist fr jenen zu halten. In Absicht des zweiten
haben wir, sowie im Lehren, den Grundsatz, nicht zu sagen, was schon
gedruckt ist, im Schreiben den, nicht zum zweitenmale drucken zu lassen,
was einmal gedruckt ist. -- Wird einmal das Bedrfniss solcher eigenen
Lesebcher eintreten, so werden uns die Mittel nicht abgehen, demselben
abzuhelfen, und knnen wir recht fglich von denen, die bei uns Meister
oder Doctor zu werden verlangen, dergleichen Probestcke begehren.

Wir erhielten an jenen encyklopdischen Rechenschaften, von denen jede
knftige die vorhergegangene entweder ^formaliter^, durch Klarheit und
Leichtigkeit, oder ^materialiter^, durch weitere Umfassung des Stoffes,
bertreffen msste, -- oder sie knnte nicht aufgenommen werden, und
dies wre ein Beweis, dass die Kunst dermalen bei uns stille stnde --
eine ^fortgehende und eng zusammenhngende Reihe^ von Fortschritten in
der Wissenschaft, welche der Nachwelt, die einen betrchtlichen Theil
derselben bersehen, und vielleicht das ^Gesetz^ dieses Fortschrittes
entdecken knnte, wiederum als Mittel weit hherer Fortschritte dienen
knnte. Wir erhielten an dem, mit jener und ihrem Gesetze gemss
fortschreitenden ^Lesebuche^, das nicht gerade in den Context jener
Jahrbcher eingewoben seyn msste, sondern selbststndig existiren
knnte, ein usserliches Document und einen Exponenten der Jahrbcher.

Dieses Lesebuch wrde, sowie es von einer Seite durch Steigerung der
Gesichtspuncte anwchse, von der anderen durch Auswerfung des sattsam
bearbeiteten Stoffes abnehmen. Wir machen dies deutlich an demselben
Beispiele der Geschichte. Wenn man durch Erfassung etwa des angegebenen
Standpunctes fr diese -- die Geschichte -- vielleicht auch den Zweck
aufgeben wird, in derselben ^Psychologie^ oder ^Staatswissenschaft^ zu
lernen -- Zwecke, die man leicht fr Vorspiegelungen halten drfte, um
dem Philosophen gegenber sich aus der Verlegenheit zu ziehen, einen
Zweck ihres Studiums deutlich anzugeben, -- begreifend, dass man diese
Zwecke weit wohlfeileren Kaufes mit der Philosophie erreichen knne;
dass aber die Regierungs^kunst^, die durchaus etwas Anderes ist, denn
die durch Philosophiren zu schpfende Regierungs^wissenschaft^, eine
leichte und sich von selbst findende Zugabe des rechten Studiums der
Geschichte sey: -- wenn man, sage ich, diese Zwecke aufgeben wird,
alsdann wird man einer Menge Untersuchungen, die nur dem psychologischen
oder politischen Zwecke unter die Arme greifen sollen, sich gern
berheben. -- (So lange es, um ber die Aechtheit eines gewissen
Documents urtheilen zu knnen, auf die Untersuchung, welchen Zuschnitt
der Bart eines gewissen Kaisers gehabt habe, ankommt, muss man in alle
Wege diese Untersuchung grndlich treiben. Sollte aber durch einstige
Vollendung dieser Untersuchung die Aechtheit oder Unchtheit des
Documents, gemeingltig fr alle knftige Zeit, ausgemittelt seyn, so
mag man nun den Bart immer fahren lassen; ja dieses um so mehr, wenn
sogar an der Aechtheit oder Unchtheit des Documents selber uns nichts
mehr liegen sollte, indem, was dadurch entschieden werden soll, indess
anderwrtsher entschieden worden. Freilich msste man zu diesem Behufe
auch darber mit sich einig seyn, dass es in allen Fchern Gewissheit
und eine feste, unwidersprechliche Beweisfhrung gebe, und nicht etwa
gerade in das blinde Herumtappen, und in die Wiederholung desselben
Kreislaufes durch jegliche Generation, die Perfectibilitt des
Menschengeschlechtes setzen.)

So, wenn nun jemand durchaus kein anderes Mittel hat, um ber den Werth
einer gewissen Meinung zu entscheiden, ausser daraus, dass sie die
Meinung eines gewissen alten Philosophen gewesen, dabei aber doch noch
immer Zweifel hegt, ob dieselbe nicht vielmehr die Folge der
Gesundheitsbeschaffenheit dieses Philosophen, als seiner Speculation
gewesen: so ist diesem die Frage ber die Hypochondrie oder
Nichthypochondrie des Mannes allerdings hchst bedeutend; wer aber auf
anderem Wege ber den in Frage gestellten Werth Bescheid htte, der
knnte jenen Philosophen sammt seinem Gesundheitszustande ruhig an
seinen Ort gestellt seyn lassen.


                                . 63.

Neben diesem ersten und wesentlichen Theile der Jahrbcher, den
encyklopdischen Rechenschaften der Lehrer, giebt es noch einen zweiten,
zum ersten nothwendig gehrenden Theil, die Ausarbeitungen der Schler.
Denn es soll ja nicht bloss die Kunst der gesammten Schule in
Bearbeitung des wissenschaftlichen Stoffes, es soll auch die besondere
Kunst der Lehrer gezeigt werden, selber Knstler aus dem ihnen gegebenen
Stoffe der Zglinge zu bilden, und, so Gott will, der Fortgang auch
dieser Kunst. Ueber die Lehrmethode derselben wird schon ihre
encyklopdische Rechenschaft, auch ohne ausdrckliches Vermelden, die
nthige Auskunft geben. Ueber so viele andere, in Worten auch nicht
fglich zu beschreibende Kunstmittel mgen sie schweigen, und dieselben
eben ben; aber ihr ^Werk^, den Knstler, der aus ihren Hnden
hervorgeht, mgen sie vorzeigen.

Im Anfange zwar, und in den ersten Jahren werden wir noch nichts dieser
Art vorzuweisen haben; einen sicheren Anfang aber mssen dennoch auch
die Jahrbcher sich setzen, indem es ausserdem wohl immer bei dem
Versprechen bleiben knnte. Dieser Anfang knnte erscheinen zu Anfang
des zweiten Lehrjahres, und er msste enthalten: 1) die encyklopdischen
Ansichten der angestellten Lehrer jedes Faches, die sie ja ohne Zweifel
bei der Vorbereitung auf dieses ihnen grossentheils neue Collegium
schriftlich entworfen, und whrend des mndlichen Vortrages und der mit
den Lehrlingen angestellten Uebungen verbessert haben werden. 2) Die
Probeaufstze der Studirenden, welche gebilligt, und deren Verfassern
die Befugniss, das Regulat nachzusuchen, gegeben worden. Sollte das
Letztere zu weitlufig ausfallen, so knnten aus den gelungenen nur die
gelungensten ausgewhlt, der anderen aber nur im allgemeinen mit dem
gebhrenden Lobe gedacht werden.

(Der zweite Punct wre zugleich die den Lehrern, die das Regulat zuerst
besetzen, allerdings nicht zu erlassende ffentliche Rechenschaft, dass
sie hierbei nach festen Grundstzen und keinesweges willkrlich
verfahren; ingleichen die Weisung an Studirende und deren Eltern, was
bei knftigem Anspruche auf dasselbe Regulat von ihnen ^wenigstens^
gefordert werden wrde. Wenigstens; denn es knnte so kommen, dass das
erstemal, um denn doch berhaupt ein an Personal nicht gar zu schwaches
Regulat einzusetzen, nach ein wenig milderen Grundstzen verfahren
werden msste, denn spterhin.)

Aus denselben Bestandtheilen, Nachtrgen der Lehrer zu ihren
encyklopdischen Ansichten, und Probeaufstzen neuer Candidaten des
Regulats wrden die Jahrbcher auch zu Anfange des dritten, vierten etc.
Lehrjahres bestehen, so lange bis wir Aufstze von solchen, die bei uns
das Meisterthum erhalten htten, mittheilen und so die Aufstze der
Schler ungedruckt lassen knnten. Erst mit diesen ginge die eigentliche
Rechenschaftsablegung des Lehrers ber seine Lehrkunst an.

Hier auch hebt die eigentliche Rechenschaft der gesammten Kunstschule
ber den Fortschritt des Lehrtalentes und der Knstlerbildung an ihr an.
Werden, noch abgerechnet die Steigerung des Begriffes selbst (wovon in
. ^praeced.^), in der ^Form^ die Aufstze der knftigen Meister klarer,
gewandter, freier, leichter, denn die der frheren, so steigt die Kunst;
das Gegentheil davon wre ein Beweis, dass sie wenigstens in dieser
Rcksicht fiele, und die gesammte Akademie htte zusammenzutreten und
Anstalten zu treffen, ^ne detrimenti quid capiat respublica^.

Schon in den anderen mit den Lehrlingen anzustellenden Uebungen, recht
eigentlich aber, und auch andern sichtbar in diesen Jahrbchern, kann
ein Lehrer sehen, ob ein anderes, jugendlicheres und gewandteres
Lehrertalent neben ihm aufkomme, und er hat sodann ohne Sumen
auszutreten, und diesem seinen Lehrstuhl zu berlassen. Der eigentliche
Vater dieses Studiums, und der fortdauernde Berather und Warner in
demselben bleibt er immerfort.

Der hier entworfene Begriff solcher Jahrbcher wre dem ersten
anhebenden Theile derselben in einer, das grosse Publicum befriedigenden
Deutlichkeit voranzusetzen, und htten wir in dieser Einleitung uns auf
alle hier aufgestellten Grundstze fr uns und unsere Nachkommen, vor
Welt und Nachwelt, auf ewig zu verpflichten.


                                . 64.

Betreffend den Fortgang insbesondere des Stoffbuches durch uns, geht
dieser, wie sich versteht, auch bei uns, sowie in der brigen Welt,
seinen Weg fort. Es wre hierbei nur folgendes anzumerken. Zuvrderst
ist wohl von keinem unserer Akademiker zu erwarten, dass er, entweder um
das Daseyn seiner Person kund zu thun, oder um an den Ehrensold irgend
eines schlecht unterrichteten Buchhndlers zu kommen, Geschriebenes
schreibe, und compilirend aus zehn Bchern ein eilftes mache, und htte,
falls dergleichen doch einem beikme, die gesammte Akademie die
gemeinschaftliche Ehre zu retten, und die Schmach des Einzelnen von sich
abzuwehren. Sodann: dergleichen Vermehrungen des Stoffbuches von Seiten
unserer Akademiker mssten zunchst auf das gegenwrtige Bedrfniss
unserer Kunstschule gehen und bestimmt seyn, diesem abzuhelfen; und es
wre den Arbeiten von dieser Beziehung der Vorzug vor anderen zu geben.
Im Falle eines solchen Bedrfnisses knnten wir auch Auswrtige zur
Mithlfe durch Aussetzung eines ^Preises^ auffordern; der Akademiker
selbst ist fr den Preis zu hoch; dem Bedrfnisse der Familie
abzuhelfen, wenn er kann, ist ihm ohnedies Pflicht wie Freude, und sind
die vom Rathe der Alten recht eigentlich fr dieses Geschft, auch in
Absicht des Buchwesens, eingesetzt.

Einen Theil des fortschreitenden Stoffbuches jedoch mssen wir als ein
nothwendiges Glied in unseren Plan aufnehmen, und die regelmssige
Fortsetzung desselben organisiren; ich meine die Niederlegung der an
unserer Akademie gemachten neuen Entdeckungen fr Geschichte und
Naturwissenschaft, zu welcher letzteren auch das in der rztlichen
Praxis Entdeckte, das einen wissenschaftlichen Aufschluss ber die Natur
verspricht, gehrt, und wir deswegen auch, ohnerachtet wir die rztliche
Praxis ganz von uns auszuschliessen gedenken, fr diesen letzteren Behuf
einen, oder etliche Mnner unter unseren Akademikern haben mssen. Es
ist unsere Pflicht sowohl, als unser Vortheil, dass diese Entdeckungen,
sobald sie zu einer bestimmten schriftlichen Relation haltbar genug
geworden, nicht innerhalb unserer Gesellschaft bleiben, sondern auch das
auswrtige Publicum, das uns ja auch diesen neuen Stoff bearbeiten
helfen soll, Kunde davon erhalte. Es mssten drum angelegt werden
^Jahrbcher der Wissenschaftlichen Entdeckungen an unserer Akademie^. Ob
der Stoff so reich ausfalle, dass er einer selbststndigen periodischen
Schrift bedrfe, oder ob diese Jahrbcher mit dem tiefer unten zu
erwhnenden Werke, der Bibliothek der Akademie, vereinigt werden
sollten, mag entschieden werden, wenn es an die wirkliche Ausfhrung
geht. So viel ist klar, dass wir kein Bndchen der Fortsetzung solcher
Jahrbcher liefern knnen, wenn wir innerhalb der Zeit nichts Neues
entdeckt haben, dass sie somit keinesweges bestimmte Termine ihrer
Erscheinung halten knnen.


                                . 65.

Noch ein Hauptgegenstand der Beachtung unserer Akademie ist die
Benutzung des ausserhalb unser, und anderwrts fortschreitenden
^Stoff^-, sowie auch ^Kunstbuches^; und die Nutzbarmachung desselben fr
diejenigen unserer Mitglieder, die wegen anderer Geschfte nicht Zeit
haben aufs blosse Gerathewohl zu lesen (die ausbenden Lehrer und
Studirenden), von denjenigen aus uns, die diese Zeit haben (dem Rathe
der Alten).

Es ist dazu erforderlich zuvrderst, dass man diesen Fortschritt, d. h.
die neu erschienenen Schriften historisch kenne. Fr diesen Behuf
erscheint nun zu Leipzig der bekannte Messkatalog, als das Verzeichniss
ihrer zu Markte gebrachten Waare, dessen Besorgung, wie sich versteht,
eine Sache des Verkufers der Waare ist. Es mochte gut seyn, dass sich
fertigere Federn fanden, welche diesen Messkatalog paraphrasirten; doch
war und blieb dies immer eine rein mercantilische Sache, zum Dienste des
Kufers und Verkufers; und eine allgemeine Literaturzeitung kann
durchaus auf keinen hheren Werth Anspruch machen, als auf den eines
Journals des Luxus und der Moden. Dass diese subalternen Handarbeiter
durch schlecht unterrichtete Schmeichler sich berreden liessen, sie
verwalteten zugleich das Geschft der Kritik, und dieses lasse sich eben
mit der durchaus mercantilischen Rcksicht, ^den ganzen Messkatalog
herunter zu recensiren^, vereinigen; dass, nachdem die Meinung einmal
entstanden, sogar solche, die da wohl fhig gewesen wren, das Amt der
Kritik zu verwalten, sich verleiten liessen, zuweilen ein treffenderes
Wort in jenen unwrdigen Context hineinzuwerfen, ist in unseren Tagen
eine der ergiebigsten Quellen des literarischen und anderen Verderbens
geworden, und es ist darber auf Handlanger und Unternehmer solcher
Paraphrasen des Messkatalogs ein grsseres Maass von Spott gefallen, als
sie Kraft hatten, zu verdienen. Da die Liebhaberei unserer Leser noch
immer nach dergleichen Literaturzeitungen sich hinzuwenden scheint, und,
so viel dem Schreiber dieses bekannt ist, der eigentliche Grund ihrer
Verwerflichkeit selten rein ausgesprochen und ins Auge gefasst wird, so
sagen wir noch bestimmt, dass dieser unser Entwurf anmuthe, zu begreifen
folgendes: dass, wenn auch etwa berhaupt, was wir hier an seinen Ort
gestellt seyn lassen, die Zeit sich herausnehmen drfe, die Zeit zu
kritisiren, diese Kritik wenigstens nicht an ^der Allheit der
erscheinenden Bcher^, sowie die einzelnen uns unter die Hnde fallen,
gebt werden knne, indem ein solcher Vorsatz selbst einen absolut
unkritischen, unphilosophischen, der Einheit unempfnglichen, planlosen
Geist voraussetzt, und nur eine planlose und verworrene Geburt erzeugen
kann; sondern dass sie an ^ganzen Klassen und Arten von Bchern^, die
nach inneren Kriterien schon vorher unterschieden worden, gebt werden
msse; dass jener Vorsatz, alles aus der Presse Hervorgegangene zu
recensiren, offenbar die Rcksicht auf gleiche Gerechtigkeit gegen alle
Verleger, als Waarenlieferanten, darthue, wie es denn auch die Verleger
sind, welche auf die Vollstndigkeit der Literaturzeitungen am meisten
dringen, und ber Vergewaltigung laut klagen, wenn einer ihrer Artikel
unangezeigt geblieben; dass demnach der mercantilische Zweck der
wesentliche, den Plan und das Grundgesetz solcher Unternehmungen
bestimmende, der kritische aber nur hinterher als Vorwand hinzugekommen
ist, und dass man sogar auch darber sich niemals ernsthaft
berathschlagt, ob eine Vereinigung dieser beiden Zwecke auch wohl
mglich sey.

Mge wenigstens von unserer Akademie eine solche Verwirrung, welche ihr
und der Kunstschule Wesen sogleich im Beginn zerstren wrde, fern
bleiben!

Uebrigens mag in Gottes Namen, und es wre dieses sogar hchst rathsam,
in der Hauptstadt unserer Monarchie, neben dem Sitze der Akademie, auch
eine solche vollstndige Paraphrase des Messkatalogs erscheinen; wre es
auch nur darum, um die anderwrts erscheinenden aufgeblasenen
Zwitternaturen von unseren weniger unterrichteten Mitbrgern abzuhalten.
Es sey dies ein Privatunternehmen eines, etwa des akademischen
Buchhndlers. Die Sache ist Handarbeit, welcher der Leipziger
unparaphrasirte Messkatalog zur Basis diene. Der Referent versichert als
Augenzeuge, dass das Buch wirklich erschienen sey, und er es unter den
Augen gehabt habe; das sey sein Titel, so viel koste es, und hierauf
lsst er die Inhaltsanzeige und irgend eine Stelle aus dem Buche
abdrucken. Ueber die Wahl dieser Stellen, auch etwa ber ganz
auszulassende Schriften, mag er die Akademie derjenigen Klassen, die
ohnedies aus anderen Grnden diese Bcher durchzulaufen haben, befragen
drfen, und wre diesen eine allgemeine Aufsicht und Censur dieses
Messcatalogus, jedem in seinem Fache, zu bertragen. -- Halte zu diesem
Behuf der Unternehmer sich einige Zugewandte, wiewohl auch ganz
unstudirte Kaufmannsbursche das Geschft versehen knnten.

Was dagegen der Akademie als solcher in Beziehung auf die auswrtige
Vermehrung des Buchwesens recht eigentlich zukommen wrde, wre
folgendes:

1) Die Mitglieder des Rathes der Alten nehmen, jeder fr sein Fach, die
durch die letzte Messe erfolgte Vermehrung des Buches fr dieses Fach
vollstndig in Augenschein, welches, wenn die Literatur der Deutschen
ihren bisherigen Charakter noch lange behlt, grossentheils mit
Durchsicht der Inhaltsanzeigen, der Register, der Vorreden, und einigem
Durchblttern sich wird abthun lassen. Sollte in dieser Durchsicht dem
Einen etwas vor die Augen kommen, das nicht eigentlich zur Competenz
seines Faches gehrte, und hier sich nur in dasselbe verloren htte, so
macht er den, in dessen Fach es eigentlich gehrt, aufmerksam.

2) Was nun in dieser dermaligen Vermehrung des Buches sich findet als
Fortschritt, d. i. als Verbesserung oder Erweiterung des Stoffbuches in
diesem Fache, oder auch als Erhhung des Kunstbuches, nach dem oben
angegebenen Maassstabe einer solchen Erhhung, wird niedergelegt in
einem anderen periodischen Werke, welches man ^Jahrbcher der
Fortschritte des Buchwesens^, oder auch die ^Bibliothek der Akademie^,
nennen knnte. Was blosse Wiederholung des schon Bekannten ist, wird mit
Stillschweigen bergangen. Rckflle in schon widerlegte Irrthmer
mgen, falls nemlich zu befrchten wre, dass ein Mitglied unserer
Akademie dadurch geirrt werden knnte, angezeigt werden. Da eine solche
Uebersicht ausgeht von der bisherigen Literatur des Faches, die ihre
feststehenden Abtheilungen schon haben wird, so kann sie recht fglich
an diese, als den Grundleitfaden sich halten, zeigend, wie jeder dieser
Theile bereichert worden sey, und so das Buch, wo diese Bereicherung
sich vorfindet, auf Veranlassung des Inhalts, keinesweges aber den
Inhalt auf Veranlassung des Buches, wie dies die Paraphrase des
Messkatalogs thut, anfhren.

Bcher, in denen gar nichts Neues steht, ohne dass sie doch auch als
eine Auffrischung des bisherigen Buchwesens in diesem Fache gelten
knnten, und die daher gar nicht existiren sollten, werden in dieser
Bibliothek ganz bergangen. Es wrde ganz zweckmssig seyn, dass
dergleichen, nach Angabe dieser Referenten in der Bibliothek, die man
darber zu befragen htte, auch in dem Messkatalog bergangen wrden,
damit, sowie wir selbst auf die blosse Buchmacherei Verzicht thun, wir
auch die Untersttzung der auswrtigen Buchfabriken durch den Ankauf
unserer weniger unterrichteten Mitbrger verhindern. Das Publicum wisse,
dass es desjenigen, das sogar unser Messkatalog bergeht, sicherlich
nicht bedarf.

Diese Bibliothek ist ^unserer Akademie^ Bibliothek, und zunchst fr
deren Gebrauch geschrieben. Mit dem ersterwhnten Durchwhlen des
ganzen, durch die Messe herbeigefhrten Schuttes braucht keiner unserer
Lehrer oder unserer Schler sich zu bemhen; selber der alte Akademiker
und Mitarbeiter an der Bibliothek braucht es nur mit dem, der auf seinen
Theil gefallen ist; die brigen Theile haben andere fr ihn bernommen.
Und so hat denn unser Akademiker nur diese Bibliothek zu lesen, und
findet in ihr die bestimmte Nachweisung, was er etwa noch ausserdem neu
Erschienenes zu lesen habe. Fr ihn ist daher diese Bibliothek
allerdings ^Kritik^, Scheidung des zu Lesenden von dem nicht zu
Lesenden, des ganzen neuesten Buches.

Will auch das auswrtige Publicum, und unter ihnen die Verfasser und
Verleger dieses gesammten neuesten Buches, diese Bibliothek, die
durchaus nicht ihnen zu Liebe geschrieben ist, dennoch lesen, so steht
ihnen dies ganz frei. Wollen sie ferner dieselbe als allgemeine und so
auch fr sie geltende Kritik ansehen, so thun sie das auf ihre eigene
Verantwortung. Wir wenigstens uns auf die unsrigen beschrnkend, haben
niemals einen solchen arroganten Anspruch gemacht, unsern Richterspruch
der ganzen Welt aufzudringen; dringt er sich ihnen aber etwa von selbst
in ihrem eigenen Bewusstseyn auf, so ist dies ein desto ehrenvolleres
Zeugniss fr uns. Was daraus entstehen mge, so haben wir mit Verfassern
oder Verlegern nichts abzuthun, indem wir uns diesen niemals fr etwas
verbunden haben.

(Dass, weil wir nicht blind herumtappen, sondern nach einem festen Plane
einhergehen, wir gar bald zu grossem Ansehen gelangen werden und dass
dies mchtig zur Verbesserung des ganzen Literaturwesens wirken werde,
lsst sich voraussehen. Jedoch ist sogar diese grosse Folge nur eine
zufllige, die wir nicht beabsichtigen; denn zu bescheiden, das Heil der
ganzen Welt auf unsere Schultern laden zu wollen, denken wir zunchst
nur auf unser eigenes Heil.)


                                . 66.

Noch sind allein brig die oben erwhnten Anstalten, wodurch wir von den
Bemhungen anderer wissenschaftlicher Krper, welche Bemhungen noch
nicht Festigkeit genug erhalten haben, um im Buche niedergelegt zu
werden, zeitig Notiz erhalten, und diese Krper in die Lage setzen, von
den gleichen Bemhungen bei uns Notiz zu nehmen. Es wre in dieser
Rcksicht vorzuschlagen: 1) dass wir an allen bedeutenden Akademien und
Universitten des deutschen Vaterlandes sowohl, als des Auslandes, uns
einen besonderen Freund und Reprsentanten erwhlten aus den Mitgliedern
eines solchen Corps; gegenseitig diesen erlaubend und sie einladend,
dasselbe bei uns zu thun. Diese Reprsentanten wren ersucht, alles, was
an ihrem Orte von der eben erwhnten Art sich zutrge, davon sie
glaubten, dass es die befreundete Akademie interessiren knnte,
derselben durch Correspondenz zu melden. 2) Damit wir jedoch, tiefer
denn diese fremden Berichte, die nur die erste Aufmerksamkeit erregen
sollen, und selbst dasjenige, was diese etwa mit Stillschweigen
bergehen, mit eigenen Augen zu sehen uns in den Stand setzen, sollen,
wo mglich ununterbrochen, junge Mnner aus unserer Mitte zu ihnen
gesendet werden und bei ihnen einige Zeit sich aufhalten; die nach
erfolgter Rckkehr uns mndlichen Bericht abstatten, wie sie alles
befunden. Diese sind zu allernchst an unseren Reprsentanten adressirt,
der ihnen mit Rath und That an die Hand gehe. Es versteht sich, dass wir
dasselbe den verbndeten Gesellschaften zugestehen, und die ihrigen also
behandeln, wie wir wollen, dass die unsrigen von ihnen behandelt werden.
So wnschen wir ohne Zweifel, dass die unsrigen den unbeschrnktesten
Zutritt zu allen wissenschaftlichen Uebungen der Auswrtigen erhalten,
und mssen drum diesen denselben Zutritt bei uns geben. Keinesweges aber
wnschen wir, dass den unsern bei diesen Besuchen etwa das Sehwerkzeug
des Auslandes untergeschoben werde, sondern dass sie sich ihres eigenen
Auges, sowie es bei uns gebildet worden, bedienen; wir sind darum
ebensowenig befugt, oder, falls wir unseren Augpunct fr besser zu
halten berechtigt seyn sollten, verpflichtet, ihn unseren Gsten zu
leihen, sondern mgen sie das Vermgen zu sehen eben schon mitgebracht
haben. Der hierber nthigen Politik mgen sich sowohl unsere zu diesen
Gesandtschaften gebrauchten Mitbrger, als alle unsere Akademiker
befleissigen; und es haben z. B. die ersten nicht gerade nthig, dem
Auslnder gegenber laut ber ihn zu denken, sondern sie mgen sich
berichten lassen, ihres Herzens wahre Gedanken aber, bis zu ihrer
Rckkehr in unsere Mitte, fr sich behalten.

Die zu diesen wissenschaftlichen Gesandtschaften am besten sich
qualificirenden Subjecte wren bei uns gezogene und gelungene Regulare,
und knnten sie damit sehr fglich die Zeit zwischen ihrem Austritte aus
dem Regulat und ihrem Eintritte in die Akademie ausfllen.

Vorzglich wrden zu diesen Geschften gebraucht werden und, falls sie
nur gerade so gut wie andere sich dazu qualificirten, diesen sogar
vorgezogen werden mssen die Shne aus der Universittsstadt, und
besonders die unserer Akademiker; es versteht sich, wenn die
Hauptbedingung, dass sie gelungene Regulare wren, von ihnen erfllt
wre. Dieses zwar keinesweges als ein ^persnliches Vorrecht^,
dergleichen bei uns keine Geburt giebt, sondern vielmehr als
^Gleichstellung^ mit den brigen, und ^Entschdigung^ dafr, dass sie
die Universittsstadt an ihrem Geburtsorte finden, und im Grunde aus dem
Umkreise der Ihrigen zu einem vllig selbststndigen Leben noch niemals
herausgekommen sind, und so die hiermit verknpften, oben erwhnten
Vortheile bisher verloren haben.


                                . 67.
                             Corollarium.

Unsere Akademie, an und fr sich betrachtet, giebt in der von uns
angegebenen Ausfhrung das Bild eines vollkommenen Staates: redliches
Ineinandergreifen der verschiedensten Krfte, die zu organischer Einheit
und Vollstndigkeit verschmolzen sind, zur Befrderung eines gemeinsamen
Zweckes. An ihr sieht der wirkliche Staatsknstler immerfort dieselbe
Form gegenwrtig und vorhanden, welche er auch seinem Stoffe zu geben
strebt, und er gewhnt an sie sein, von nun an durch nichts Anderes zu
befriedigendes Auge.

Dieselbe Akademie stellt in ihrer Verbindung mit den brigen, ausser ihr
vorhandenen wissenschaftlichen Krpern dar das Bild des vollendet
rechtlichen Staatenverhltnisses. Alle, in sich brigens allein,
geschlossen und selbststndig bleibend, kmpfen aus aller ihrer Kraft um
denselben Preis, die Befrderung der Wissenschaft und der
wissenschaftlichen Kunst; aber ihr Wettkampf ist nothwendig redlich, und
keiner kann den errungenen Sieg verkennen oder schmlern, ohne sich
selbst der, allen gemeinschaftlichen und bei unendlicher Theilung
dennoch immer ganz bleibenden Ausbeute des Sieges zu berauben. Ihr
Wettkampf ist liebend; das beleidigte Selbstgefhl des Ueberwundenen
hebt sogleich sich wieder empor an der Freude ber den gemeinsamen
Gewinn, und die augenblickliche Eifersucht geht schnell ber in Dank an
den Frderer des gemeinen Wesens.

Diese Form einer organischen Vereinigung der aus lauter verschiedenen
Individuen bestehenden Menschheit vermag in ihrer Sphre die
Wissenschaft zu allererst, und dem Kreise der brigen menschlichen
Angelegenheiten lange zuvorkommend, zu realisiren. Als einzelne Republik
darum, weil zuvrderst das Interesse, das in dieser Sphre scheiden,
trennen und das zu Vereinigende voneinanderhalten knnte, hier bei
weitem nicht so dringend und gebieterisch herrscht, als das der
sinnlichen Selbsterhaltung, welches im Gebiete des Staates entzweiet und
sich befeindet; sodann weil selber das Element, das die Wissenschaft
bearbeitet, die Denkart veredelt und die Selbstsucht schmhlich macht.
Als ein Verein von Republiken darum, weil alle genau wissen und
verstehen, was sie eigentlich wollen; dagegen die politischen
Entzweiungen der Vlker und weltverheerende Kriege sich sehr oft auf die
verworrensten und finstersten unter allen mglichen Vorstellungen
grnden. In dieser frheren Realisirung der fr alle menschlichen
Verhltnisse eben also angestrebten Form ist sie Weissagung, Brge und
Unterpfand, dass auch das Uebrige einst also gestaltet seyn werde, der
strahlende Bogen des Bundes, der in lichten Hhen ber den Huptern der
bangen Vlker sich wlbt.

Aber selbst, indem sie noch verheisset, erfllet sie schon und ist
gedrungen zu erfllen. Die einzige Quelle aller menschlichen Schuld, wie
alles Uebels, ist die Verworrenheit derselben ber den eigentlichen
Gegenstand ihres Wollens; ihr einiges Rettungsmittel daher Klarheit ber
denselben Gegenstand; eine Klarheit, welche, da sie nicht uns fremd
bleibende Dinge erfasst, sondern die innerste Wurzel unseres Lebens,
unser Wollen ergreift, auch unmittelbar einfliesst in das Leben. Diese
Klarheit muss nun jeder wissenschaftliche Krper rund um sich herum,
schon um seines eigenen Interesse willen, wollen und aus aller Kraft
befrdern; er muss daher, sowie er nur in sich selbst einige Consistenz
bekommen, unaufhaltsam fortfliessen zu Organisation einer Erziehung der
Nation, als seines eigenen Bodens, zu Klarheit und Geistesfreiheit, und
so die Erneuerung aller menschlichen Verhltnisse vorbereiten und
mglich machen; durch welche Erwhnung der Nationalerziehung wir wieder
am Schlusse unseres ersten Abschnittes niedergesetzt werden, und so den
bis ans Ende durchlaufenen Kreis schliessen.




                   Beilagen zum Universittsplane.


                            (Ungedruckt.)


                                  I.
    Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an einer
                      deutschen Universitt.[28]

1) Soll ein solches Werk der Universitt Ehre machen und zugleich den
steigenden Flor derselben befrdern, so muss dasselbe auf dem Gipfel der
wissenschaftlichen Bildung der deutschen Nation anheben, und seine
Fortsetzung kann nichts Anderes seyn, als das fortlaufende Document des
ununterbrochenen Fortschreitens jener Bildung auf der vorausgesetzten
Universitt.

2) Es muss wirklich das Werk der Lehrer und Mitglieder dieser
Universitt, und das Resultat des wissenschaftlichen Geistes und seiner
Leistungen auf derselben seyn, und das ffentliche Urtheil muss darber
nicht in Zweifel bleiben knnen. Es ist daher nicht hinlnglich, dass
jenes Werk etwa nur in der Stadt, wo auch die Universitt sich befindet,
gedruckt oder auch von Gelehrten, die zugleich Lehrer an derselben sind,
geschrieben werde: es muss die Rechenschaftsablegung enthalten ber den
Geist und die Resultate ihres Treibens. Die Ehre, welche bei
Vernnftigen dadurch der Universitt zu Theil wrde, drfte sonst
vielleicht der jenes Glockenziehers, der zu einer vortrefflichen Predigt
eingelutet zu haben sich rhmte, nicht ungleich seyn: die Rechnung auf
das Vorurtheil der Unvernnftigen aber ist, wenn man sich auch
herablassen wollte, darauf Rcksicht zu nehmen, nicht sicher auf die
Dauer.

[Funote 28: Geschrieben im Jahre 1805, mit Bezug auf die Universitt
Erlangen. Vergl. Nachgelassene Werke Bd. III. S. 277. ff.]

3) Der dadurch zu liefernde Beweis der Superioritt des
wissenschaftlichen Geistes auf der vorausgesetzten Universitt muss
nicht ^indirect^ gefhrt werden, so dass man sich nur zeige, als fhig
die Schwchen oder auch die Vorzge Anderer einzusehen, durch welche
unabhngig von uns die Wissenschaften bearbeitet werden; denn das ist
seinem Wesen nach untergeordnete und Schlerarbeit.

(Dergleichen sind alle Recensiranstalten, Bibliotheken,
Literaturzeitungen, und wie sie Namen haben mgen. Sie tragen das
Geprge ihrer Unselbststndigkeit und Inferioritt dadurch an sich, dass
sie fr die Mglichkeit ihrer eigenen Existenz Bcher voraussetzen, und
grnden sich auf den Wahn des Zeitalters, dass die einzige und rechte
Bearbeitung der Wissenschaften die Buchmacherei sey. Entweder das Buch
wird herabgesetzt in der Recension: welche Ehre aber ist es fr den
vorauszusetzenden Professor-Recensenten, dass er mehr ist, als der arme
Stmper, den er uns vorfhrt? Oder es wird erhoben: entweder der
Verfasser ist ein Fremder. Welche Ehre erwchst sodann durch sein gutes
Buch unserer Universitt, als die sehr untergeordnete der Anerkennung
fremden Verdienstes? Oder er ist einer unser gelehrten Mitbrger: wer
wird uns recht glauben?

In Deutschland waren diese Unternehmungen in neueren Zeiten gar nicht
fr den Flor der Universitten ersonnen, sondern bloss ein
mercantilisches Institut, das den Buchfhrern zum Absatz ihrer Waare
verhelfen sollte, zuerst selbst von einem Buchfhrer, sodann von einem
bekannten industrisen Schriftsteller, der einen drftig besoldeten
Professor fr seinen Plan gewonnen. Von ohngefhr und durch ganz andere
Ursachen -- die Lehrer, denen Jena vorzglich seinen Ruf verdankt, sind
nie fleissige Recensenten, noch die Redactoren der Literaturzeitung je
vorzgliche Lehrer gewesen, -- gewann die verfallene Universitt, an
deren Spitze das letzterwhnte Werk dieser Art gedruckt wurde, eine neue
Blthe; und nun machte der grosse Haufen den gewhnlichen Fehlschluss
vom Zugleichseyenden auf das Verhltniss von Ursache und Wirkung;
welcher Fehlschluss denn auch, da ihn der grosse Haufen gemacht, einige
Zeitlang gute Dienste geleistet hat. Dennoch fing Jena schon vorher an
zu verfallen, ehe es die Schtzsche Literaturzeitung verlor, und jetzt
hilft es ihm nichts, dass es sogleich wieder eine andere errichtet hat,
welche unstreitig an innerem Werthe die alte bei weitem bertrifft. Auch
hat zu Leipzig, Erlangen u. s. w. durch den Abdruck von Recensionen, die
meist von Lehrern dieser Universitten verfasst sind, wie in den
Gttinger Anzeigen, sich kein grsserer Flor dieser Universitten
ergeben wollen, als wie sie ohne dergleichen Literaturzeitungen auch
besitzen wrden.

Ueberdies, falls wir uns auch auf das Alte und Mittelmssige bescheiden
wollten, ist sogar dies nicht einmal mehr uns zugnglich. Aus unseren
eigenen Mitteln, ohne fremde Beitrge, vermgen wir eine
Literaturzeitung nicht einmal auch nur zum Scheine anzufllen: durch den
Conflict der alten und der neuen Jenaischen Literaturzeitung aber sind
alle Federn schon in Beschlag genommen, und es giebt gewiss keinen
Gelehrten von einigem Verdienste, welcher zu Arbeiten dieser Art sich
nicht fr zu gut hlt, der nicht bei einer dieser beiden, oder auch wohl
bei beiden in Diensten stehe.

Ahmen wir lieber dies Bestreben in dem einzigen Puncte nach, dass wir,
so wie jene zu ihrer Zeit, etwas Neues unternehmen, wobei sie uns meines
Erachtens zugleich den Vortheil gelassen haben, dass das Rechte noch neu
ist.)

4) Der zu fhrende Beweis muss ^direct^ gefhrt werden, -- sagten wir:
also, dass das periodische Werk der Universitt den steten Fortschritt
der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Geistes auf derselben,
unmittelbar und aus der ersten Hand darlege. Jenes Werk enthalte ganz
eigentlich, was die ltere Benennung: ^acta literaria Universitatis N.
N.^ ausdrckt.

Den Fortschritt der ^Wissenschaft^ und des ^wissenschaftlichen Geistes^
aus der ersten Hand, sagten wir ferner. Die Wissenschaft ist ja nicht
zunchst das Buch, noch lebt sie im Buche, sondern sie lebt in dem, was
im wirklichen Forschen, im Conflicte der Geister und im Vortrage sich
ergiebt. Dieses nun werde zum Buche und Buchstaben zunchst in jener
Relation. Die akademischen Lehrer sind ja als Lehrer angestellt, und
nichts verhindert, dass sie nicht auch berdies noch unter sich selber,
gleich einer Akademie, in geistigen Wechselverkehr treten; nicht aber
werden sie vom Staate dazu besoldet, dass sie in die weite Welt hinein
Bcher schreiben. Jene literarischen Acten der Universitt wrden nun
ihr gemeinschaftliches Buch, wenn sie von Amtswegen zu schreiben htten,
und wohin Alles, was sie des Druckes fr wrdig achteten, zunchst
gehrte.

(Es bliebe ihnen dabei unbenommen, auch noch auf eigene Hand Bcher zu
ediren. Vom ehrenvollen Falle tiefer unten. Als Buchfabricanten oder
Compilatoren aber im Dienste von betriebsamen Verlegern Sachen drucken
zu lassen, die nur die Masse des bedruckten Papieres, keinesweges aber
die Wissenschaft vermehren, ist ohnedies unter der Wrde eines Lehrers
an einer solchen Universitt, und wre durchaus den sogenannten
Privatgelehrten zu berlassen.)

Den ^Fortschritt^ der Wissenschaften sollten diese literarischen Acten
documentiren. Es gehrte daher in sie nur das ^Neue, Weiterbringende^,
keinesweges aber blosse Wiederholungen oder neue Aufstutzungen des
Alten, Bekannten.

Die Wissenschaft kann fortschreiten, theils in der ^Materie^ durch neue
Entdeckungen und Ansichten, theils in der ^Form^ durch bessere
Lehrmethoden und immer begriffsmssige Beherrschung und Durchdringung
des Lehrstoffes. Alles dieser Art von den Lehrern Erfundene in allen
Zweigen der Wissenschaften, welche auf dieser Universitt bearbeitet
werden, wre in den Acten niederzulegen.

Ausgezeichnete und den Standpunct des wissenschaftlichen Unterrichts an
der Universitt durch den Erfolg bezeichnende Arbeiten der Zglinge des
Instituts wren nicht auszuschliessen. Bringen sie auch die Wissenschaft
nicht weiter, so knnen sie doch einen bei Jnglingen nicht gewhnlichen
Grad der wissenschaftlichen Ausbildung documentiren, und sollen es.
Keiner derselben msste der gelehrten Wrden der Universitt theilhaftig
werden, welcher nicht einen, nach jenem Grundsatze wenigstens
^aufnehmbaren^ Beitrag zu den Acten geliefert htte; wodurch die von
dieser Universitt ertheilten Wrden Achtung gewinnen wrden vor denen
anderer Universitten, wo dieser Maassstab nicht angelegt werden kann.

Es wrde solchen Acten nicht zum Vorwurfe gereichen, wenn selbst
widerstreitende Ansichten derselben Gegenstnde von verschiedenen
Verfassern in ihnen nebeneinander stnden. Denn es kommt hierbei frs
Erste nicht darauf an, ob die Ansichten wahr, sondern nur ob sie neu
sind, und ob man sich von ihnen versprechen kann, dass sie auch zu einer
neuen Wahrheit fhren knnten. Ueber die Wahrheit soll erst die Zukunft
und die fortgesetzte Forschung entscheiden, und so kann selbst ein neuer
Irrthum ein Fortschritt auf einem wissenschaftlichen Gebiete werden,
wenn er auf eine neue Wahrheit leitet, welche allein ihn zu widerlegen
vermag. Aus demselben Grunde wrde es dem Werke auch nicht zum Vorwurfe
gereichen, wenn etwa die Fortsetzung die frheren Lieferungen zum Theil
widerlegte; denn dadurch wrde ja gerade der Fortschritt bewiesen.

5) Zur Lieferung von Beitrgen wren die Lehrer nur insofern zu
verbinden:

^a.^ dass sie ihre auf Erweiterung der Wissenschaften gerichteten
Bestrebungen, die so weit gereift sind, dass sie einer Berichterstattung
durch den Druck fhig geworden, zuerst den Acten anbten;

^b.^ dass jeder Lehrer im Verlaufe seines Wirkens denn doch etwas
liefere und dadurch seine Berechtigung, an diesem Platze zu stehen,
darthte. Spterhin, nach Einfhrung der Acten, knnte es
ausschliessende Bedingung der Berufung zu einer Stelle an dieser
Universitt werden, dass man einen bedeutenden, im Geiste des Instituts
verfassten Beitrag geliefert htte. Wer seinen fortschreitenden Geist
nicht schon bewhrt hat, der taugt nicht zum Mitgliede einer
Gesellschaft, die lediglich fr den Fortschritt der Wissenschaft
arbeitet. Keinesweges aber wren sie

^c.^ also zu verbinden, dass sie binnen halbjhriger oder Jahresfrist so
viel Neues in ihrer Wissenschaft entdeckt haben mssten, dass der
zweckmssige Bericht darber so und so viel gedruckte Bogen fllen
knne. Vielmehr liegt es in dem Begriffe solcher Acten, dass ihr
Erscheinen durchaus an keine bestimmten Zeitrume gebunden ist: sie
mgen fortgesetzt werden, sobald Stoff dazu sich gesammelt hat;
keinesweges aber soll ihre Erscheinung an das Kalenderdatum oder an die
Buchhndlermessen gebunden seyn.

6) Unter den, keinesweges von den Beitragenden selbst, sondern von
Anderen, die sodann fr diesen Fall eine Direction bildeten, zu
entscheidenden Fragen ist die erste: ob eine Ansicht oder eine
Verbesserung wirklich neu sey und der Wissenschaft einen Fortschritt
verspreche? (Was keinesweges gleichbedeutend mit der Frage ist: ob sie
wahr sey?) Die Beantwortung dieser Frage wrde fr jeden besonderen
Beitrag der Facultt (dem bestimmten Lehr- und Erkenntnissfache) des
Beitragenden anheimfallen. Diese htte ihre verneinende Antwort mit
Grnden zu belegen und diese dem Beitragenden zu eigener reifer
Ueberlegung schriftlich mitzutheilen. Dies wre die erste Instanz. Wrde
er durch diese Grnde nicht berzeugt und zur Rcknahme bewogen, so
sollte es noch eine hhere Instanz fr Entscheidung dieser Frage geben,
wofr in einem grossen Staate eine zweckmssig besetzte Akademie der
Wissenschaften in der Hauptstadt sich am besten qualificiren wrde. Es
mchte im Falle der Billigung des Beitrags in dieser Instanz, im
ffentlichen Drucke bemerkt werden, dass die locale Facultt des
Beitragenden denselben verworfen, die Akademie der Wissenschaften aber
ihn gebilligt habe. Im Falle der Verwerfung auch in dieser Instanz htte
die Akademie ihre Grnde dem Beitragenden gleichfalls schriftlich
mitzutheilen. Von dieser Instanz verworfen, knnte sein Aufsatz nun
freilich nicht in den Acten der Universitt erscheinen; es msste ihm
aber erlaubt bleiben, denselben nebst den angefhrten Grnden der
Verwerfung in beiden Instanzen, auf eigene Verantwortung vor das
Publicum zu bringen, und die Mit- und Nachwelt zum Richter des erhobenen
Streites zu machen. Selbst seine Verhltnisse zur Universitt und zu den
Acten derselben bei anderen, den Streitpunct nicht berhrenden
Gegenstnden mssten dadurch nicht gestrt, vielmehr seine brgerliche
und persnliche Sicherheit, sein ffentlicher guter Name, seine Schrift-
und Lehrfreiheit unter den besonderen Schutz des Staates genommen
werden; denn das gelehrte Publicum seines Staates in seiner sichtbaren
Reprsentation ist ihm gegenber zur Partei geworden, und das Richteramt
zwischen ihnen ist einer hheren Instanz bergeben, welche zu ihrer Zeit
Ehre und Schande austheilen wird. Und insbesondere halte die ffentliche
Gewalt sich fern von der Mglichkeit der Berhrung mit dieser Schande.

Man sage nicht, dass durch dieses Hindurchgehen durch verschiedene
Instanzen Zeit verloren gehe. Der einem respectabelen Corps anderer
Gelehrten einzeln gegenberstehende Gelehrte soll Veranlassung und Zeit
gewinnen, seine Sache reiflich zu berlegen; auch bedarf es bei wahrhaft
originalen Ansichten keiner Eile, etwa aus Furcht, dass etwa Andere sie
uns vorweg nehmen drften.

7) Eine zweite von einer Direction zu entscheidende Frage wird seyn ber
die Form des Vortrages; denn auch der Vortrag eines solchen Werkes muss
mustermssig seyn und auf der Spitze der Kunst des Vortrages im
Zeitalter stehen.

Zur Entscheidung darber msste ein bewhrter und zwar philosophischer
Schriftsteller herbeigezogen werden, welcher mit dem ursprnglich
Beitragenden so lange den Aufsatz verbesserte, bis dieser seine Gedanken
durchaus als wiedergegeben anerkennte, und jener mit der Form zufrieden
wre. Ohne die Approbation der Form durch diesen Schriftsteller, welcher
ber diesen Punct ganz allein dem Curatorium und dem Publicum
verantwortlich wre, drfte kein Aufsatz in den Acten abgedruckt werden.

8) Die Untersttzung, deren ein solches Werk von der Regierung bedrfte,
wrde, falls nur das Personal der Lehrer richtig gewhlt wre, sich auf
den ersten Vorschuss zum Verlage, und auf die Direction der Verlags- und
Debitsgeschfte, mit denen die Gelehrten durchaus nichts zu thun haben
mssten, ferner auf den Schutz derselben gegen Nachdruck berhaupt und
gegen Wiederabdruck einzelner Aufstze, beschrnken. Ein solches Werk
wrde in kurzer Zeit eine Abnahme finden, die die Zurcknahme des
vorgeschossenen Capitals mit den Interessen erlaubte, die Kosten des
mercantilischen Geschfts dabei deckte, und dennoch einen ansehnlichen
Ueberschuss zur Vertheilung an die Beitragenden brig liesse. Dieser
Ueberschuss wre, nach Abzug der Correctionsgebhren, welche bei jedem
besonderen Aufsatze nach Verhltniss der aufgewendeten Mhe besonders zu
bestimmen wren, nach der Bogenzahl der gelieferten Beitrge an die
Beitragenden gleich zu vertheilen, und ihnen und ihren Erben und
Erbnehmern, auf ewige Zeiten, so lange noch ein Exemplar des Bandes, in
welchem ihre Beitrge stehen, verkauft wird, als unantastbares Eigenthum
zuzusichern. Dass die Regierung diesen Gegenstand zu einer
Finanzoperation mache, wre unter ihrer Wrde. Wiederum lsst von der
anderen Seite von anstndig besoldeten und an einer zahlreich besuchten
Universitt, deren Studirende auf eine zweckmssige Weise angehalten
werden, die gebhrenden Honorarien zu entrichten, arbeitenden Gelehrten
sich nicht erwarten, dass sie nach dem Schriftstellersolde eilen werden,
so wie der Bogen abgedruckt ist. Vielmehr wrden sie das allmhlige
Eingehen ihres Antheils ruhig abwarten; auch wohl dieses Nebeneinkommen
gern fr die Ihrigen, die sie mglicherweise doch als unversorgte
Wittwen und Waisen hinterlassen knnten, stehen lassen.


                          Schlussanmerkung.

1) Vor diesem Plane mchte mancher Bescheidene erschrecken und das Ziel
zu hoch gesteckt finden. Es ist dabei zu erwgen, dass, wie bei allen im
blossen Begriffe vorgezeichneten Plnen, also auch hier, die Ausfhrung
hinter dem Vorsatze zurckbleiben werde, und dass dieses ohne alles
unser Vorhaben sich schon von selbst findet. Es ist daher um so
nthiger, sich sogleich den einzig rechten Zweck in seiner ganzen
Klarheit zu setzen, weil man sodann doch immer hoffen kann, mehr zu
erreichen, als wenn man sich gleich von vornherein vornimmt, mit dem
Mittelmssigen oder Falschen sich abfinden zu lassen.

2) Besonders knnte bei Erwhnung des Neuen und des Erfindens nach
Inhalt oder nach Form gesagt werden: wenn nun aber auf der
vorausgesetzten Universitt nichts Neues in beiderlei Richtung erfunden
wird? Ich antworte, dass jene Acten dadurch desto nthiger werden, um
ber die eigentliche Beschaffenheit des Gelehrtenpersonals an der
Universitt aufzuklren. Sie knnen dem Curatorium derselben deutlich
einen Maassstab geben, an welcher Stelle es eigentlich fehle, und wo
nachgeholfen werden msse. Ein solcher nicht mehr fortstrebender, weder
in Erweiterung des Inhaltes seiner Wissenschaft, noch in Bewltigung
ihres Stoffes zu geistigerer Form Neues leistender Gelehrter kann auch
nicht mehr zu den guten Universittslehrern gezhlt werden; er msste
durch einen anderen ersetzt werden. Im Ganzen aber msste einer
Universitt, welche dergleichen Acten herausgbe, kein einziges, im
gemeinsamen Vaterlande aufblhendes Talent entgehen, welches sie nicht
wenigstens fr die Zeit seiner besten Blthe sich aneignete. Ein
Curatorium knnte auch sodann besser beurtheilen und dem Zweifelnden
augenscheinlich nachweisen, welche Personen in den ehrwrdigen Rang der
Veteranen zu versetzen wren, die von nun an entweder bloss zur
Tradition des Erlernten oder zur Anwendung desselben im praktischen
Wirken zu gebrauchen, aus dem Umkreise des wachsenden Lebens aber zu
entfernen sind. Ueberhaupt hngt dieser Plan zusammen mit einem
grsseren Plane zur Errichtung einer wahrhaft deutschen
Nationaluniversitt, durch welchen er, und welcher wiederum durch ihn,
erklrt und die Ausfhrung erleichtert wrde.


                                 II.
     Rede von Fichte, als Decan der philosophischen Facultt, bei
    Gelegenheit einer Ehrenpromotion an der Universitt zu Berlin,
                          am 16. April 1811.

                         Hochgeehrte Herren!

Ich weiss nicht, ob es der Universitt anstndig seyn wrde, sich zu
verwundern, dass sie in Berlin ist, so wie viele ausser ihr dermaassen
darber erstaunt sind, dass sie um der Wunderbarkeit willen die Wahrheit
der Sache noch immer nicht recht glauben knnen. Einer Facultt
inzwischen, die nun gar allhier Doctoren creirt, wird diese Verwunderung
ber sich selbst oft so aufgedrungen, dass es in der That sehr nthig
wird, sich wohl zu besinnen, was man eigentlich thue, und, so man kann,
in sich selbst Fuss zu fassen, um ernsthafte Haltung zu gewinnen nach
Aussen.

Erlauben Sie mir daher, dass, ehe wir zu dem angesetzten Promotionsact
gehen, ich diese nthige Selbstbesinnung laut vor Ihnen vollziehe.

Als im neueren Europa zuerst Universitten entstanden, stellten sich
diese eine Aufgabe, welche ihnen keinesweges von der Gesellschaft oder
vom Staate, welche dafr blind waren, bertragen wurde, sondern die sie
allein erblickten und mit hochherziger Freiwilligkeit auf sich nahmen,
-- die Aufgabe, den menschlichen Geist zu befreien und ihn nach allen
Richtungen hin und durch alle Mittel, die ihnen bekannt werden mchten,
zu bilden. Wem diese akademische Wrden ertheilten, den erklrten sie
dadurch fr tchtig, an der Erreichung dieses Zweckes mitzuarbeiten und
nahmen ihn auf in ihren grossen, freien Bund. Von ihnen sind die
akademischen Wrden aus Hand in Hand bis auf uns herabgekommen, und es
giebt Keinen unter den jetzt lebenden Graduirten, auf den sie nicht
durch eine stete Reihe der Ueberlieferung von jenem ersten Bunde aus
gekommen sey.

Auch dauert das Bedrfniss eines solchen freien Bundes noch immer fort.
Uncultur und Barbarei umgiebt uns noch allenthalben; wie derselben
beizukommen sey, welcher Punct jedesmal in dem Fortgange der geistigen
Menschenbildung an die Tagesordnung komme, wer ein tauglicher Mitgehlfe
sey an dieser grossen Arbeit: dieses Alles zu bestimmen mchte wohl noch
immer der Staat ebenso unfhig seyn, als er es vor Jahrhunderten war,
und es mchte die Lsung dieser Fragen wohl noch immer anheimfallen
jenem grossen Bunde. Unser Staat, bei der Stellung unserer Universitt
in die hchste Leichtigkeit versetzt, von allem Althergebrachten
abzugehen, und von Stimmungen umgeben, die nicht geneigt sind, irgend
eine Auszeichnung anzuerkennen, welche nicht unmittelbar vom Staate
herkommt, -- hat dennoch, zu seinem ewigen Ruhme, durch die trefflichen
Mnner, die ihn hierin vertreten, jenen Grundsatz ausdrcklich
anerkannt, indem er die vorhergegangene feierliche Aufnahme in den
grossen europischen Gelehrtenbund zur Bedingung der ffentlichen
Anstellung an der Universitt gemacht hat, die freilich nur Er ertheilt.
Tiefer bekennt er sich daher auch zu dem Grundsatz, dass die neue
Universitt ihm nicht bloss eine Pflanzschule seyn soll fr knftige
Beamte, sondern eine freie Pflegerin in jeglicher Richtung und im
weitesten, von ihm ungeschmlerten Sinne.

Die akademische Wrde ist darum noch immer, was sie ursprnglich war:
feierliches Symbol der Aufnahme in den grossen Bund der Veredlung des
Menschengeschlechts durch wissenschaftliche Bildung; und wer sie
annimmt, bernimmt dadurch feierlich vor Gott und Menschen die
Verpflichtung, dieser Bestimmung allein sein Leben zu widmen, und alle
andern Zwecke desselben aufzugeben.

Mag doch nun immer diese Wrde oft an Unwrdige ertheilt worden seyn!
Der Unwrdige hat sie in der That nicht empfangen, sondern nur die
ussere Benennung. Es kann sie Keiner erhalten, der sie nicht schon
trgt in sich selbst. Der Promotionsact fgt bloss die ussere
Anerkennung hinzu: es kann aber Keiner anerkannt werden fr das, was er
nicht ist. Auch wird der Wrdige von dem, der selber wrdig ist,
sicherlich anerkannt. Was der, der Ideen unfhige, Pbel dazu sage, und
ob dieser unseren Grad auch ehre oder seiner zu spotten sich bestrebe,
darnach fragt der Eingeweihte nicht; denn dieser Pbel ist fr ihn
berhaupt nur da, als ein Gegenstand, der entpbelt werden soll. Der
rechte Doctor, der von seiner akademischen Wrde, von der Wrde eines
geistigen Bildners der Menschheit innig durchdrungene, wrde sich sogar
entehrt finden, wenn er auf einmal anfinge, dem Pbel wohlzugefallen: er
wrde in sich gehen und sich ernstlich prfen, ob ihm nicht etwa eine
Leichtfertigkeit angeflogen sey.

Dass es der Eine grosse, im neueren Europa zur Verbreitung der
Wissenschaften geschlossene Bund ist, welcher die akademischen Wrden
ertheilt, spricht sich auch dadurch aus, dass jede dieser Wrden in
ihrer Art nur Eine ist und dieselbige, die auch berall als die Eine und
selbige anerkannt wird. Die besonderen Universitten und Facultten sind
in dieser Beziehung nur Glieder und Bevollmchtigte des ganzen Bundes,
und bertragen die Wrde in seinem Namen. Um dies deutlich auszusprechen
und den Promovirenden sogar zu nthigen, nicht etwa den rtlichen Grad
des Doctors, sondern den Grad schlechthin zu ertheilen, haben die
Universitten eine gemeinsame Form dieser Ertheilung verfgt und auch
die Sprache als die gemeinsame aller Gelehrten dabei gewhlt, u. s. w.

   Joannes     Friderice   Guilelme  Himly,
   Joannes     Alberte               Eytelwein,
   Sigismunde  Friderice             Hermbstaedt,
   Auguste     Ferdinande            Bernhardi,

                             ^etc. etc.^

      ^creo, creatum renuncio, renunciatum proclamo, et publice
                              confirmo!^




                         Vermischte Aufstze.




                                  A.
          Beweis der Unrechtmssigkeit des Bchernachdrucks.
                  Ein Rsonnement und eine Parabel.


             (Berliner Monatsschrift Bd. 21. S. 443-483.)

Wer schlechte Grnde verdrngt, macht bessern Platz. So urtheilte
unlngst ein durch seinen Rang, und mehr noch durch seine Gerechtigkeit
ehrwrdiges Gericht; und so dachte der Verfasser des Aufsatzes: Der
Bcherverlag in Betrachtung der Schriftsteller, der Verleger und des
Publicums, nochmals erwogen im Deutschen Magaz., April 1791. Die
Unrechtmssigkeit des Bchernachdrucks schien nemlich Herrn Reimarus
durch die bis jetzt angefhrten Grnde noch nicht erwiesen; und er
wollte durch eine scheinbare Vertheidigung desselben die Gelehrten
auffordern, auf bessere gegen denselben zu denken. Denn unmglich konnte
es ihm dabei Ernst seyn; unmglich konnte er wollen, dass die
Vertheidigung eines Verfahrens sich behaupte, gegen welches jeder
Wohldenkende einen inneren Abscheu fhlt.

Seine Abhandlung theilt sich, der Natur der Sache gemss, in die zwei
Fragen: ber die ^Rechtmssigkeit^, und ber die ^Ntzlichkeit^ des
Bchernachdrucks. In Absicht der ersteren behauptet er: dass bis jetzt
noch kein, offenbar nur aus einem fortdauernden Eigenthume des Gelehrten
an seinem Buche abzuleitendes Recht desselben, oder seines
Stellvertreters, des rechtmssigen Verlegers, den Nachdruck zu
verhindern, nachgewiesen sey; woraus natrlich eine Befugniss zum
Nachdrucke folgen wrde: mithin die Frage: ob der Nachdruck in
policirten Staaten zu dulden sey? nach ihrer Abweisung vom Richterstuhle
der vollkommenen Rechte, von der Beantwortung der weiteren Frage
abhngen wrde: ob er ntzlich sey? Herr Reimarus beantwortet diese
Frage bejahend, mithin auch die erste; schlgt jedoch zum Vortheile des
Verfassers und seines rechtmssigen Verlegers einige Einschrnkungen der
allgemeinen Erlaubniss des Bchernachdruckes vor.

Herr Reimarus -- denn wir gestehen, dass wir nicht nthig gefunden
haben, die Verfasser, welche er fr eben diese Meinung anfhrt,
nachzulesen, da wir natrlicherweise voraussetzen konnten, dass er ihre
Grnde benutzt, und dass die letzte Schrift dafr, die seinige, auch die
strkste seyn werde, -- Herr Reimarus also hat nicht erwiesen, noch zu
erweisen gesucht, dass berhaupt kein dergleichen fortdauerndes
Eigenthum des Verfassers mglich sey; sondern nur gesagt, dass man bis
jetzt es noch nicht klar dargelegt habe, und einige Instanzen angefhrt,
die seiner Meinung nach gegen die Allgemeinheit, und mithin auch
Vollkommenheit eines solchen vom Eigenthume abgeleiteten Rechts streiten
wrden. Wir haben also gar nicht nthig ihm Schritt vor Schritt zu
folgen, und uns auf seine Grnde einzulassen. Knnen wir nur ein
dergleichen fortdauerndes Eigenthum des Verfassers an seine Schrift
wirklich beweisen, so ist geschehen, was er verlangte, und er mag nun
seine Instanzen selbst mit demselben zu vereinigen suchen. Ferner haben
wir dann auch seinen Erweis der Ntzlichkeit des Bchernachdrucks nicht
zu beantworten; denn es kmmt sodann darauf gar nicht mehr an, da nie
geschehen darf, was schlechthin unrecht ist; sey es so ntzlich es
wolle.

Die Schwierigkeit, welche man fand, ein fortdauerndes Eigenthum des
Verfassers an sein Buch zu beweisen, kam daher, weil wir gar nichts
hnliches haben, und das, was demselben einigermaassen hnlich zu seyn
scheint, wieder in Vielem sich gar sehr davon unterscheidet. Ebendaher
kmmt es, dass unser Beweis ein etwas spitzfindiges Ansehen bekommen
muss, welches wir aber so gut als mglich zu poliren suchen werden. Aber
der Leser lasse sich ihn dadurch nicht verdchtig werden; denn es wird
sehr leicht mglich seyn, ihn ^in concreto^ klarzumachen und zu
erhrten. -- Es sind nemlich eine Menge Maximen ber diesen Gegenstand
im Umlaufe, welche jeder von der Sache Unterrichtete, Wohldenkende und
fr das Gegentheil nicht Interessirte annimmt, anderer Verhalten in
Dingen der Art darnach beurtheilt, und das seinige selbst einrichtet.
Lassen sich diese alle leicht und natrlich auf unseren als Princip
aufgestellten Satz zurckfhren, so ist dies gleichsam seine Probe; und
es wird dadurch klar, dass er der Grundsatz ist, welcher allen unseren
Urtheilen ber diesen Gegenstand, obgleich dunkel und unentwickelt, zum
Grunde lag.

Zuerst der Grundsatz: Wir behalten nothwendig das Eigenthum eines
Dinges, dessen Zueignung durch einen Anderen physisch unmglich ist. Ein
Satz, der unmittelbar gewiss ist und keines weiteren Beweises bedarf.
Und jetzt die Frage: Giebt es etwas von der Art in einem Buche?

Wir knnen an einem Buche zweierlei unterscheiden: das ^Krperliche^
desselben, das bedruckte Papier; und sein ^Geistiges^. Das Eigenthum des
ersteren geht durch den Verkauf des Buches unwidersprechlich auf den
Kufer ber. Er kann es lesen und es verleihen so oft er will,
wiederverkaufen an wen er will, und so theuer oder so wohlfeil er will
oder kann, es zerreissen, verbrennen: wer knnte darber mit ihm
streiten? Da man jedoch ein Buch selten auch darum, am seltensten bloss
darum kauft, um mit seinem Papier und Drucke Staat zu machen, und damit
die Wnde zu tapeziren: so muss man durch den Ankauf doch auch ein Recht
auf sein Geistiges zu berkommen meinen. Dieses Geistige ist nemlich
wieder einzutheilen: in das ^Materielle^, den Inhalt des Buches, die
Gedanken, die es vortrgt; und in die ^Form^ dieser Gedanken, die Art
wie, die Verbindung in welcher, die Wendungen und die Worte, mit denen
es sie vortrgt. Das erste wird durch die blosse Uebergabe des Buches an
uns offenbar noch nicht unser Eigenthum. Gedanken bergeben sich nicht
von Hand in Hand, werden nicht durch klingende Mnze bezahlt, und nicht
dadurch unser, dass wir ein Buch, worin sie stehen, an uns nehmen, es
nach Hause tragen und in unserem Bcherschranke aufstellen. Um sie uns
zuzueignen, gehrt noch eine Handlung dazu: wir mssen das Buch lesen,
seinen Inhalt, wofern er nur nicht ganz gemein ist, durchdenken, ihn von
mehreren Seiten ansehen, und so ihn in unsere eigene Ideenverbindung
aufnehmen. Da man indess, ohne das Buch zu besitzen, dies nicht konnte,
und um des blossen Papiers willen dasselbe nicht kaufte, so muss der
Ankauf desselben uns doch auch hierzu ein Recht geben: wir erkauften uns
nemlich dadurch die Mglichkeit, uns die Gedanken des Verfassers zu
eigen zu machen; diese Mglichkeit aber zur Wirklichkeit zu erheben,
dazu bedurfte es unserer eigenen Arbeit. -- So waren die Gedanken des
ersten Denkers dieses und der vergangenen Jahrhunderte, und
hchstwahrscheinlich eines der ersten aller knftigen, vor der
Bekanntmachung seiner merkwrdigen Werke, und noch eine geraume Zeit
nachher sein ausschliessendes Eigenthum; und kein Kufer bekam fr das
Geld, welches er fr die Kritik der reinen Vernunft hingab, ihren Geist.
Jetzt aber hat mancher hellsehende Mann sich denselben zugeeignet, und
das wahrlich nicht durch Ankauf des Buches, sondern durch fleissiges und
vernnftiges Studium desselben. Dieses Mitdenken ist denn auch, im
Vorbeigehen sey es gesagt, das einzig passende Aequivalent fr
Geistesunterricht, sey er mndlich oder schriftlich. Der menschliche
Geist hat einen ihm angeborenen Hang, Uebereinstimmung mit seiner
Denkungsart hervorzubringen; und jeder Anschein der Befriedigung
desselben ist ihm die ssseste Belohnung aller angewandten Mhe. Wer
wollte lehren vor leeren Wnden, oder Bcher schreiben, die niemand
lse? Das, was fr dergleichen Unterricht an Gelde entrichtet wird, fr
Aequivalent anzusehen, wre widersinnig. Es ist nur Ersatz dessen, was
der Lehrer denen geben muss, die whrend der Zeit, dass er fr andere
denkt, fr ihn jagen, fischen, sen und ernten.

Was also frs erste durch die Bekanntmachung eines Buches sicherlich
feilgeboten wird, ist ^das bedruckte Papier^, fr jeden, der Geld hat es
zu bezahlen, oder einen Freund, es von ihm zu borgen; und der Inhalt
desselben, fr jeden, der Kopf und Fleiss genug hat, sich desselben zu
bemchtigen. Das erstere hrt durch den Verkauf unmittelbar auf, ein
Eigenthum des Verfassers (den wir hier noch immer als Verkufer
betrachten knnen) zu seyn, und wird ausschliessendes des Kufers, weil
es nicht mehrere Herren haben kann; das letztere aber, dessen Eigenthum
vermge seiner geistigen Natur Vielen gemein seyn kann, so, dass doch
jeder es ganz besitze, hrt durch die Bekanntmachung eines Buches
freilich auf, ^ausschliessendes^ Eigenthum des ersten Herrn zu seyn
(wenn es dasselbe nur vorher war, wie dies mit manchem heurigen Buche
der Fall nicht ist), bleibt aber sein mit Vielen gemeinschaftliches
Eigenthum. -- Was aber schlechterdings nie jemand sich zueignen kann,
weil dies physisch unmglich bleibt, ist die ^Form^ dieser Gedanken, die
Ideenverbindung, in der, und die Zeichen, mit denen sie vorgetragen
werden.

Jeder hat seinen eigenen Ideengang, seine besondere Art, sich Begriffe
zu machen und sie untereinander zu verbinden: dies wird, als allgemein
anerkannt, und von jedem, der es versteht, sogleich anzuerkennend, von
uns vorausgesetzt, da wir hier keine empirische Seelenlehre schreiben.
Alles, was wir uns denken sollen, mssen wir uns nach der Analogie
unserer brigen Denkart denken; und bloss durch dieses Verarbeiten
fremder Gedanken, nach der Analogie unserer Denkart, werden sie die
unsrigen: ohne dies sind sie etwas Fremdartiges in unserem Geiste, das
mit nichts zusammenhngt und auf nichts wirkt. Es ist unwahrscheinlicher
als das Unwahrscheinlichste, dass zwei Menschen ber einen Gegenstand
vllig das Gleiche, in eben der Ideenreihe und unter eben den Bildern,
denken sollen, wenn sie nichts voneinander wissen, doch ist es nicht
absolut unmglich; dass aber der eine, welchem die Gedanken erst durch
einen anderen gegeben werden mssen, sie in eben der Form in sein
Gedankensystem aufnehme, ist absolut unmglich. Da nun reine Ideen ohne
sinnliche Bilder sich nicht einmal denken, vielweniger anderen
darstellen lassen, so muss freilich jeder Schriftsteller seinen Gedanken
eine gewisse Form geben, und kann ihnen keine andere geben als die
seinige, weil er keine andere hat; aber er kann durch die Bekanntmachung
seiner Gedanken gar nicht Willens seyn, auch diese ^Form^ gemein zu
machen: denn niemand kann seine Gedanken sich zueignen, ohne dadurch,
dass er ihre Form verndere. Die letztere also bleibt auf immer sein
ausschliessendes Eigenthum.

Hieraus fliessen zwei Rechte der Schriftsteller: nemlich nicht bloss,
wie Herr R. will, das Recht zu verhindern, dass niemand ihm berhaupt
das Eigenthum dieser Form abspreche (zu fordern, dass jeder ihn fr den
Verfasser des Buches anerkenne); sondern auch das Recht, zu verhindern,
dass niemand in sein ausschliessendes Eigenthum dieser Form Eingriffe
thue und sich des Besitzes derselben bemchtige.

Doch ehe wir weitere Folgerungen aus diesen Prmissen ziehen, lasst sie
uns erst ihrer Probe unterwerfen! -- Noch bis jetzt haben die
Schriftsteller es nicht bel empfunden, dass wir ihre Schriften
verbrauchen, dass wir sie anderen zum Gebrauch mittheilen, dass wir
sogar Leihbibliotheken davon errichten, ungeachtet dies (denn wir sehen
sie hier noch immer als Verkufer an) offenbar zu ihrem Schaden
gereichet; und wenn wir sie zerreissen oder verbrennen, so beleidigt
dies den Vernnftigen nur alsdann, wenn es wahrscheinlich in der Absicht
geschieht, ihm dadurch Verachtung zu bezeugen. Noch haben sie uns also
bis jetzt durchgngig das vllige Eigenthum des ^Krperlichen^ ihrer
Schriften zugestanden. -- Ebensowenig sind sie dadurch beleidigt worden,
wenn man, bei wissenschaftlichen Werken, sich ihre Grundstze eigen
machte, sie aus verschiedenen Gesichtspuncten darstellte und auf
verschiedene Gegenstnde anwendete; oder bei Werken des Geschmackes ihre
Manier, welches ganz etwas anderes ist als ihre Form, nachahmte. Sie
haben dadurch eingestanden, dass das ^Gedankeneigenthum^ auf andere
bergehen knne.

Aber immer ist es allgemein fr verchtlich angesehen worden, wrtlich
auszuschreiben, ohne den eigentlichen Verfasser zu nennen; und man hat
dergleichen Schriftsteller mit dem entehrenden Namen eines Plagiars
gebrandmarkt. Dass diese allgemeine Misbilligung nicht auf die
Geistesarmuth des Plagiars, sondern auf etwas in seiner Handlung
liegendes Unmoralisches gehe: ist daraus klar, weil wir im ersten Falle
ihn bloss bemitleiden, aber nicht verachten wrden. Dass dieses
Unmoralische, und der Grund des Namens, den man ihm giebt, gar nicht
darin gesetzt werde, weil er durch den Verkauf eines Dinges, welches
Kufer schon besitzt, diesen um sein Geld bringt: ergiebt sich daraus,
dass unsere schlechte Meinung von ihm nicht um das Geringste gemildert
wird, wenn er ein hchstseltenes, etwa nur auf grossen Bibliotheken
vorzufindendes Buch ausgeschrieben hat. Dass endlich diese
Ungerechtigkeit nicht etwa darin bestehe, dass er, wie Herr R. meinen
knnte, dem Verfasser seine Autorschaft abspreche: folgt daraus, weil er
diese gar nicht lugnet, sondern sie nur ignorirt. Auch wrde man sie
vergeblich darauf zurckfhren, dass er dem Verfasser die rechtmssige
Ehre nicht erzeige, indem er ihn nicht nenne, wo er ihn htte nennen
sollen: indem der Plagiar nicht weniger Plagiar genannt wird, wenn er
auch das Buch eines Anonymus ausgeschrieben hat. Wir knnen sicher jeden
ehrliebenden Mann fragen: ob er sich nicht in sich selbst schmen wrde,
wenn er es sich nur als mglich dchte, dass er etwa eines unbekannten
verstorbenen Mannes Handschrift, oder ein Buch, dessen einziger Besitzer
er wre, ausschreiben knnte? ... Diese Empfindungen knnen, nach allem
Gesagten, in nichts, als in dem Gedanken liegen: dass der Plagiar sich
eines Dinges bemchtiget, welches nicht sein ist. -- Warum denkt man nun
ber den Gebrauch der ^eigenen Worte^ eines Schriftstellers ganz anders,
als ber die Anwendung seiner ^Gedanken^? Im letzteren Falle bedienen
wir uns dessen, was unser mit ihm gemeinschaftliches Eigenthum seyn
kann, und beweisen, dass es dieses sey, dadurch, dass wir ihm unsere
Form geben; im ersten Falle bemchtigen wir uns seiner Form, welche
nicht unser, sondern sein ausschliessendes Eigenthum ist.

Eine Ausnahme macht man mit den Citaten: nemlich nicht nur solchen, wo
von einem Verfasser bloss gesagt wird, dass er irgend etwas entdeckt,
erwiesen, dargestellt habe, wobei man sich weder seiner Form bemchtigt,
noch eigentlich seine Gedanken vortrgt, sondern auf sie nur weiter
fortbaut; sondern auch solchen, wo die eigenen Worte des Verfassers
angefhrt werden. Im letzten Falle bemchtigt man sich wirklich der Form
des Verfassers, die man zwar nicht fr die seinige ausgiebt, welches
jedoch hier nichts zur Sache thut. Diese Befugniss scheint sich auf
einen stillschweigenden Vertrag der Schriftsteller untereinander zu
grnden, einander gegenseitig mit Anfhrung der eigenen Worte zu
citiren; doch wrde auch hier es niemand billigen, wenn ein anderer,
ohne sichtbares Bedrfniss, besonders grosse Stellen ausschriebe. Mit
nur halbem Rechte stehen unter den Ausnahmen die Blumenlesen, die
^Geiste (esprits)^, zu deren Verfertigung gemeinhin nicht viel Geist
gehrt, und dergleichen kleine Diebereien, die niemand sehr bemerkt,
weil sie niemandem viel helfen, noch viel schaden.

Kein Docent duldet es, dass jemand seine Vorlesungen abdrucken lasse;
noch nie aber hat einer etwas dagegen gehabt, wenn seine Zuhrer sich
seinen Geist und seine Grundstze eigen zu machen gesucht, und sie
mndlich oder schriftlich weiter verbreitet haben. -- Worauf grndet
sich dieser Unterschied? Im letzten Falle tragen sie seine Gedanken vor,
die durch ihr eigenes Nachdenken, und die Aufnahme derselben in ihre
Ideenreihe, die ihrigen geworden sind; im ersteren bemchtigen sie sich
seiner Form, die nie ihr Eigenthum werden kann, krnken ihn also in
seinem vollkommenen Rechte.

Und jetzt diese ^a priori^ erwiesenen und ^a posteriori^ durch die aus
ihnen mgliche Erklrbarkeit dessen, was in Sachen der Art fr recht
gehalten wird, erprobten Grundstze auf das Verhltniss des Verfassers
und des Verlegers angewandt! Was bertrgt der Erstere an den Letzteren,
indem er ihm seine Handschrift bergiebt? ... Ein Eigenthum: etwa das
der ^Handschrift^? Aber die Gelehrten werden gestehen, dass diese
grsstentheils des Geldes nicht werth sey; und warum verzeihen sie es
sich denn nicht, mehrere von eben der Schrift an mehrere Verleger zu
verkaufen? Das Eigenthum der darin enthaltenen Gedanken: dies bertrgt
sich nicht durch eine blosse Uebergabe; und selten wrde dem Verleger
viel damit gedient seyn. -- Noch weniger das der ^Form^ dieser Gedanken:
denn diese ist und bleibt auf immer ausschliessendes Eigenthum des
Verfassers. -- Der Verleger bekommt also durch den Contract mit dem
Verfasser berhaupt kein Eigenthum, sondern unter gewissen Bedingungen
nur das Recht eines gewissen ^Niessbrauches^ des Eigenthums des
Verfassers, d. i. seiner Gedanken in ihre bestimmte Form eingekleidet.
Er darf, an wen er will und kann, verkaufen -- nicht die Gedanken des
Verfassers und ihre Form, sondern nur die durch den Druck derselben
hervorgebrachte ^Mglichkeit^, sich die ersteren zuzueignen. Er handelt
also allenthalben nicht in seinem Namen, sondern im Namen und aus
Auftrag des Verfassers.

Auch diese Begriffe zeigen sich in allgemein angenommenen Maximen. Warum
wird selbst der rechtmssige Verleger allgemein getadelt, wenn er eine
grssere Anzahl Exemplare abdrucken lsst, als er mit dem Verfasser
verabredet hat? Das Recht des Verfassers, dies zu hindern, grndet sich
zwar auf einen Contract, der aber nicht ber das Eigenthum, sondern den
Niessbrauch abgeschlossen ist. Der Verleger kann hchstens Eigenthmer
dieses Niessbrauchs heissen. -- Warum dann, wenn er eine zweite Auflage
besorgt, ohne Erlaubniss des Verfassers? Wie kann der Verfasser bei
einer zweiten Auflage, wenn er nichts Neues hinzusetzt noch umarbeitet,
von neuem Honorar vom Verleger fr die blosse Erlaubniss der neuen
Auflage fordern? Wren diese Maximen nicht widersprechend, wenn man
annhme, dass das Buch ein Eigenthum des Verlegers wrde, und nicht
bestndiges Eigenthum des Verfassers bliebe, so dass der Verleger
fortdauernd nichts ist, als sein Stellvertreter? Wre es nicht
widersprechend, dass das Publicum, wenn es, durch einen prchtigen Titel
getuscht, ein Buch gekauft hat, in welchem es nichts, als das
Lngstbekannte, aus den bekanntesten Bchern rmlich zusammengestoppelt,
findet, an dem Verfasser des Buches Regress nimmt, und nicht an seinen
Verleger sich hlt? Ein Recht, uns zu beklagen, haben wir allerdings;
wir wollten nicht bloss ein paar Alphabete gedrucktes Papier, wir
wollten zugleich die ^Mglichkeit^ erkaufen, uns ber gewisse
Gegenstnde zu belehren. Diese ward uns versprochen, und nicht gegeben.
Wir sind getuscht, wir sind um unser Geld. Aber gaben wir dies nicht
dem Verleger? War er es nicht, der uns das leere Buch dagegen gab? Warum
halten wir uns nicht an ihn, als an den letzten Verkufer, wie wir es
sonst bei jedem Kaufe thun? Was sndigte der arme Verfasser? ... So
mssten wir nothwendig denken, wenn wir den erstern nicht als blossen
Stellvertreter des letztern betrachteten, der bloss in jenes Namen mit
uns handelte, und, wenn wir betrogen wurden, in jenes Namen, auf jenes
Geheiss, und oft ohne selbst das geringste Arge daraus zu haben, uns
betrog. --

So verhalten sich Schriftsteller, Verleger und Publicum. Und wie verhlt
sich zu ihnen der ^Nachdrucker^? Er bemchtigt sich -- nicht des
Eigenthums des Verfassers, nicht seiner Gedanken (das kann er
grsstentheils nicht; denn wenn er kein Ignorant wre, so wrde er eine
ehrlichere Handthierung treiben), nicht der Form derselben (das knnte
er nicht; auch wenn er kein Ignorant wre); -- sondern des
^Niessbrauches^ seines Eigenthums. Er handelt im Namen des Verfassers,
ohne von ihm Auftrge zu haben, ohne mit ihm bereingekommen zu seyn,
und bemchtigt sich der Vortheile, die aus dieser Stellvertretung
entstehen; er maasset sich dadurch ein Recht an, das ihm nicht zusteht,
und strt den Verfasser in der Ausbung seines vollkommenen Rechtes.

Ehe wir das endliche Resultat ziehen, mssen wir noch ausdrcklich
erinnern, dass die Frage gar nicht von dem ^Schaden^ ist, welchen der
Nachdrucker hierdurch dem Verfasser entweder unmittelbar, oder mittelbar
in der Person seines Stellvertreters zufge. Man zeige, soviel man will,
dass dadurch weder dem Verfasser, noch dem Verleger ein Nachtheil
entstehe; dass es sogar der Vortheil des Schriftstellers sey, recht viel
nachgedruckt zu werden, dass dadurch sein Ruhm ber alle Staaten
Deutschlands, von der Stapelstadt der Gelehrsamkeit bis in das
entfernteste Drfchen der Provinz, und von der Studirstube des Gelehrten
bis in die Werksttte des Handwerkers verbreitet werde: wird dadurch
^recht^, was einmal unrecht ist? Darf man jemandem wider seinen Willen
und sein Recht Gutes thun? Ein jeder hat die vollkommene Befugniss,
seinem Rechte nichts zu vergeben; sey es ihm auch so schdlich als es
wolle. Wann wird man doch ein Gefhl fr die erhabene Idee des Rechts,
ohne alle Rcksicht auf Nutzen, bekommen? -- Man merke ferner, dass
dieses Recht des Verfassers, welches der Nachdrucker krnkt, sich nicht,
wie Herr Reimarus glaubt, auf einen vermeinten Contract desselben mit
dem Publicum und auf eine jesuitische Mentalreservation in demselben
grndet; sondern dass es sein natrliches, angebornes, unzuverusserndes
Eigenthumsrecht ist. Dass man ein solches Recht nicht verletzt sehen
wolle, wird wohl ohne ausdrckliche Erinnerung vorausgesetzt; vielmehr
msste man dann es sagen, wenn man auf die Ausbung desselben Verzicht
thun wollte.

Dies alles als erwiesen vorausgesetzt, muss, wenn jeder ein Dieb ist,
der um Gewinnstes willen den Genuss des Eigenthums anderer an sich
reisst, der Nachdrucker ohne Zweifel einer seyn. Wenn ferner jeder
Diebstahl dadurch, dass er an Dingen geschieht, die ihrer Natur nach
nicht unter Verwahrung gehalten werden knnen, strflicher wird, so ist
der des Nachdruckers, welcher an einer Sache verbt wird, die jedem
offenstehen muss, wie Luft und Aether, einer der strflichsten. Wird er
es endlich dadurch noch mehr, an je edleren Dingen er geschieht, so ist
der an Dingen, die zur Geistescultur gehren, der allerstrflichste:
daher man denn auch schon den Namen des Plagiats, der zuerst Diebstahl
an Menschen bedeutete, auf Bcherdiebereien bertragen hat.

Und jetzt zu einigen Instanzen des Herrn Reimarus! Wer es denn sey, der
den Niessbrauch des fortdauernden Eigenthums der Verfasser bei den alten
Autoren, der es bei Luthers Bibelbersetzung habe? fragt derselbe. --
Wenn der Eigenthmer einer Sache, und seine Erben und Erbnehmer
ausgestorben, oder nicht auszumitteln sind, so erbt die Gesellschaft.
Will diese ihr Recht aufgeben, und es gemein werden lassen; will es der
Eigenthmer selbst: -- wer kann es wehren?

Ob das auch ein Raub des Bchereigenthums seyn wrde, fragt Herr R.
weiter, wenn jemand ein Buch einzeln oder in grsserer Anzahl
abschreiben und die Abschriften verkaufen wolle? Da die Liebhaber,
welche ein Buch lieber in Handschrift, als gedruckt besitzen wollten,
selten seyn, mithin durch diese Vervielfltigung der Exemplare weder dem
Verfasser noch dem Verleger grosser Nachtheil entstehen mchte; da der
Gewinn bei dieser mhsamen Arbeit nicht gross, und der Verkaufswerth
wohl grsstentheils kmmerliche Bezahlung der angewandten Mhe seyn,
mithin die ungerechte Habsucht des Abschreibers weniger auffallen wrde:
so mchten vielleicht der Erstere und der Zweite dazu schweigen. Sind
aber unsere eben ausgefhrten Stze erwiesen, so bleibt an sich jeder
Niessbrauch des Buches, sey er so wenig eintrglich als er wolle,
ungerecht; und diejenigen, welche das Buch in Abschrift zu besitzen
wnschten, oder der Abschreiber, mssten darber in Unterhandlung mit
dem Verfasser treten. -- Wenn die alten Schriftsteller ber den
mglichen Niessbrauch der Autorschaft nicht nachgedacht hatten, oder,
weil sie sein nicht begehrten, das Abschreiben ihrer Bcher jedem
freistellten, dem es beliebte, und durch ihr Stillschweigen die
Einwilligung dazu gaben: so hatten sie das vollkommenste Recht, -- wie
jeder es hat -- ihr Recht aufzugeben; wenn sie aber gewollt htten, so
htten sie es ebensowohl geltend machen knnen, als die unsrigen: denn
was heute recht ist, war es ewig.

Diese Grundstze werden durch Anwendung auf Dinge, die man oft mit ihnen
verglichen und verwechselt hat, noch deutlicher werden. So hat man
^Producte der mechanischen Kunst^ mit Bchern, und das Nachmachen
derselben zum Nachtheil des Erfinders mit dem Nachdrucke verglichen; --
wie passend oder unpassend, werden wir sogleich sehen. Auch ein solches
Werk hat etwas Krperliches: die Materie, aus der es verfertigt ist,
Stahl, Gold, Holz und dergleichen; und etwas Geistiges: den Begriff, der
ihm zum Grunde liegt (die Regel, nach der es verfertigt ist). Von diesem
Geistigen kann man nicht sagen, dass es eine dem Verfertiger
eigenthmliche Form habe, weil es selbst ein Begriff einer ^bestimmten^
Form ist -- die Form der Materie, das Verhltniss ihrer einzelnen Theile
zur Hervorbringung des beabsichtigten Zwecks; -- welches folglich nur
auf einerlei Art, einem deutlich gedachten Begriffe gemss, bestimmt
seyn kann. Hier ist es das Krperliche, welches, ^insofern es nicht
durch den Begriff bestimmt wird^, eine besondere Form annimmt, von
welcher die Nettigkeit, die Eleganz, die Schnheit des Kunstwerkes,
insofern sie nicht auf den hervorzubringenden Zweck bezogen wird,
abhngt: an welcher man z. B. die Arbeiten der Englnder, die Arbeiten
eines gewissen bestimmten Meisters, von jeder andern unterscheidet, ohne
eigentlich und deutlich angeben zu knnen, worin der Unterschied liege.
Diese Form des Krperlichen kann auch ein Buch haben, und durch sie wird
die Reinheit und Eleganz des Druckes bestimmt; in dieser Rcksicht ist
es Product der mechanischen Kunst, und gehrt unter die nun leicht zu
entwickelnden Regeln derselben.

Angenommen, was allgemein anzunehmen ist, dass durch den Verkauf einer
Sache dem Kufer das Eigenthum alles desjenigen bertragen werde, dessen
Zueignung physisch mglich ist: was wird durch den Verkauf eines solchen
Kunstwerkes dem Kufer bertragen? Jedem ohne Zweifel das Eigenthum des
materiellen Krperlichen, nebst der Mglichkeit, das Werk zu dem
verlangten Zwecke zu gebrauchen, wenn er will, ihn kennt und ihn dadurch
zu erreichen weiss. Die Mglichkeit, sich den dem Werke zu Grunde
liegenden Begriff (nemlich die Regel, nach der es verfertigt ist)
zuzueignen, ist nicht die Absicht des Verkaufs, und gemeinhin auch nicht
des Kaufs, wie bei einem Buche, wo dies offenbar die Absicht ist. Auch
wird sie durch den Verkauf nicht jedem, sondern bloss dem, der dazu die
nthigen Kenntnisse hat, bergeben. Das Eigenthum dieses Begriffs aber
wird durch den Verkauf gar nicht bergeben; sondern zur Zueignung
desselben gehrt noch die Handlung des Kufers, dass er das Werk
untersuche, es vielleicht zerlege, darber nachdenke u. s. w. Aber
dennoch ist es nicht nur physisch mglich, sondern auch oft sehr leicht,
die Regel der Verfertigung des Werkes zu finden. Diesen Begriffen nun
seine Form zu geben, muss man selbst Knstler, und zwar Knstler in
dieser Kunst seyn. Die Form des ersten Verfertigers wird man dem
Krperlichen nie geben; aber es kommt darauf nicht an, der Unterschied
ist meistens ganz unbemerkbar, und oft wird der zweite Verfertiger ihm
eine weit schnere geben. Man kann folglich nicht nur das Eigenthum der
Materie, sondern unter gewissen Bedingungen auch das des Begriffs, nach
welchem sie bearbeitet ist, sich erwerben; und da man das Recht hat,
sein Eigenthum auf jede beliebige Art zu benutzen, so hat man ohne
Zweifel auch das, dies Kunstwerk nachzumachen. Allein, die Ausbung
dieses Rechtes ist nicht billig: es ist nicht billig, dass der Mann,
welcher Jahre lang Fleiss, Mhe und Kosten aufwendete, durch die erste
Bekanntmachung des Resultats seiner jahrelangen Arbeit, welches von der
Art, dass jeder desselben sich bemchtigen kann, der es siehet, um alle
Frucht dieser Arbeit gebracht werde. Da aber in Sachen des Gewinnstes
auf die Billigkeit anderer nicht sehr zu rechnen ist, so tritt der Staat
ins Mittel, und macht durch ein ausdrckliches Gesetz, genannt
^Privilegium^, dasjenige Rechtens, was vorher nur Sache der Billigkeit
war. Weil indess durch ein solches Gesetz das natrliche Recht anderer
allerdings eingeschrnkt, und sie dessen beraubt werden, besonders
dadurch beraubt werden, dass man das, was von ihrem guten Willen abhing,
und ihnen ein Verdienst geben konnte, ihnen abnthigt, und sie dadurch
wenigstens der Entdeckung dieses Verdienstes beraubt: so hebt der Staat
dieses Gesetz wieder auf, sobald seine Absicht, den ersten Erfinder zu
entschdigen, erreicht ist, und giebt den Menschen ihr angebornes und
durch Nachdenken und Studium behauptetes Recht wieder.

Ein solches Privilegium geht also auf den Gebrauch des erworbenen
Begriffs; und nur dasjenige Bcherprivilegium wrde mit ihm zu
vergleichen seyn, welches verbte, innerhalb zehn Jahren nichts ber
^gewisse Materien^, als z. B. keine Metaphysik, keine Naturlehre, zu
schreiben. -- Verwechselte etwa Herr R., dessen Vorschlge bei
Bcherprivilegien eben dahin auslaufen, Bcher mit mechanischen
Kunstwerken, als ob zu ihrer Verfertigung nichts weiter gehre, als etwa
ein Recept, ein Buch zu machen im Kopfe, und brigens gelenke Finger,
Papier und Dinte?

Das Recht des Kufers, das Gekaufte nachzumachen, geht, soweit die
physische Mglichkeit geht, es sich zuzueignen; und diese nimmt ab, je
mehr das Werk von der Form abhngt, welche wir uns nie eigen machen
knnen. Diese Gradation geht in unmerklichen Abstufungen von der
gemeinen Studirlampe bis zu Correggio's Nacht. Letztere hat nie um ein
Privilegium nachgesucht, und ist darum doch nicht nachgemacht worden.
Zwar Farben auftragen, Licht und Schatten, und ein Kind und eine junge
Frau malen, kann jeder Pinsler; aber es ist uns nicht darum, es ist uns
um die nicht zu beschreibende, aber zu fhlende Form des Vortrags zu
thun. -- Kupferstiche von Gemlden sind keine Nachdrcke: sie verndern
die Form. Sie liefern Kupferstiche, und keine Gemlde; und wem sie den
letzteren gleich gelten, dem bleibt es unbenommen. Auch Nachstechen
schon abgestochener Gemlde ist nicht Nachdruck; denn jeder giebt seinem
Stiche seine eigene Form. Nachdruck wre nur das, wenn jemand sich der
Platte des Andern bemchtigte und sie abdruckte.

Und nach dieser Unterscheidung nun die Frage: Was ist ein
Bcherprivilegium? Ein Privilegium berhaupt ist Ausnahme von einem
allgemein geltenden Gesetze der natrlichen oder der brgerlichen
Gesetzgebung. Ueber Bchereigenthum ist bis jetzt kein brgerliches
Gesetz vorhanden; also muss ein Bcherprivilegium eine Ausnahme von
einem Naturgesetze seyn sollen. Ein dergleichen Privilegium sagt, ein
gewisses Buch solle nicht nachgedruckt werden; es setzt mithin ein
Gesetz der Natur voraus, welches so lauten msste: Jeder hat ein Recht,
jedes Buch nachzudrucken. -- Es ist also doch wahr, dass das
Nachdruckerrecht selbst von denen, in deren Hnde die Menschheit alle
ihre Rechte zur Aufbewahrung berlieferte, von den Regenten, als ein
allgemein gltiges Naturrecht anerkannt werde? Doch wahr, dass selbst
die Gelehrten es dafr anerkennen; denn was kann die Bitte um ein
Privilegium anders heissen, als: Ich erkenne an, dass vom Tage der
Publication meines Werkes jeder, wer will, das unbezweifelte Recht hat,
sich das Eigenthum und jeden mglichen Nutzen desselben anzumaassen,
bitte aber um meines Vortheils willen, die Rechte der Menschheit
einzuschrnken. -- Hat man sich je einen Freibrief gegen Strassenruber
geben lassen? -- Aber ein Bcherprivilegium ist kein Freibrief gegen
Strassenruber; es ist eine Bedeckung von Husaren, sagt man mir. Wenn
dies wahr wre, wenn es in Lndern wahr seyn knnte, wo die
Strassenruber nicht, wie in Arabien, ungebndigt in den Wldern
herumstreifen, sondern zu jeder Stunde durch die obrigkeitliche Gewalt
abgelangt werden knnen: so stnden wir vor einer andern Untersuchung.

Die Tr... nemlich, Sch..., die W... sind freilich Ruber; aber sie sind
privilegirte Ruber. Sie haben -- denn die Bemerkung, dass eins von
beiden, entweder das Privilegium, welches den Nachdruck verbietet, oder
das, welches ihn erlaubt, widersinnig seyn muss, wollen wir schenken --
sie, sage ich, haben nicht die mindeste Schuld. Unbekannt mit dem, was
Recht oder Unrecht sey, weil es fr sie zu tief lag, fragten sie die,
welche es wissen sollten. Man sagte es ihnen, und sie glaubten. Freilich
gefiel es dem englischen Kaufmanne nie wohl, wenn ein franzsischer
Kaper ihm sein Schiff und seine Waaren wegnahm. Er beklagte sich ber
diese Ungerechtigkeit. Das ist nicht Unrecht, das ist Kriegsrecht,
sagte der Kaper, und zeigte ihm seinen Kaperschein vor; und whrend der
Englnder diesen untersuchte, um sich von der Rechtmssigkeit der
Behandlung, die er erfuhr, zu berzeugen, durchsuchte ihm jener die
Taschen, und er hatte darin recht.

Aber, mit welchem Rechte nur berhaupt die Hummeln den Bienen den Krieg
ankndigen? ... Welcher Vertheidiger des Bchernachdrucks wird uns dies
erklren? -- Es wrde doch von einem Staate viel verlangt heissen, sagt
man, dass er befehlen solle, fremde theure Waare in sein Land
einzufhren. Das wrde allerdings viel verlangt heissen; aber die
Forderung, dass er sich dann, wann sie ihm zu theuer ist, ganz ohne sie
behelfen mge, wre so unbillig eben nicht. Joseph II. hatte allerdings
das vollkommene Recht, die Einfuhr der hollndischen Hringe in seine
Staaten zu verbieten: wer knnte ihm dies abstreiten? Aber htte er
darum auch wohl das Recht gehabt -- da hollndische Hringe sich nun
einmal nicht nachdrucken lassen -- Kaper auszusenden, welche den
Hollndern aufpassen und ihnen ihre Hringe abnhmen? Und wenn diese
fremde theure Waare -- denn Bcher sind in diesem System freilich nicht
mehr und nicht weniger Waare, als Hringe und Kse -- berhaupt nicht
eingefhrt werden soll, wovon soll man sie denn im Lande abdrucken? ...
Ei ja! wir werden uns wohl hten, die Einfuhr fremder Bcher eher zu
verbieten, als bis wir sie erst nachgedruckt haben.

Es sey ja fr den Vortheil des Verfassers vllig gleichgltig, ob in
einem Lande, wo die Einfuhr seiner rechtmssigen Ausgabe verboten sey,
ein Nachdruck verkauft werde oder nicht, da er aus diesem Lande einmal
keinen Gewinn ziehen knne, sagt man auch noch. Und man hat recht, und
brig recht, in einem Systeme, in welchem nichts unrecht ist, als das
was schadet.

Ist jetzt Alles klrlich erwiesen, was erwiesen werden sollte: -- dass
der Verfasser ein fortdauerndes Eigenthum an sein Buch behalte, und das
vollkommene Recht habe, jeden zu verhindern, wider seinen Willen Nutzen
aus dem, was der Natur der Sache nach sein bleibt, zu ziehen; dass
mithin der Nachdruck eine offenbare, und zwar eine der strflichsten
Ungerechtigkeiten sey, -- so ist bei Untersuchung seiner Zulssigkeit
davon gar nicht mehr die Frage, ob er ntzlich sey; und wir knnen uns
gnzlich enthalten, sie zu beantworten. Weder Herr R. noch das Publicum
wird also etwas dagegen haben, wenn wir statt dieser Untersuchung eine
^Parabel^ erzhlen. Was sie, da wir nach obiger Erinnerung mit Bchern
gar nichts Aehnliches haben, erlutern knne, was sie nach allem schon
Erwiesenen noch zu erlutern habe, wird jeder einsehen.

Zur Zeit des Khalifen Harun al Raschid, der wegen seiner Weisheit in der
Tausend und Einen Nacht und sonst berhmt ist, lebte, oder knnte gelebt
haben, ein Mann, der wer weiss aus welchen Salzen und Krutern einen
Extract verfertigte, der gegen alle Krankheiten, ja gegen den Tod selbst
helfen sollte. Ohne nun eben alle die Wirkungen zu haben, welche sein
Verfertiger von ihm rhmte, -- er war selbst ein wenig krnklich -- war
er doch immer eine treffliche Arznei. Um in seinen chemischen Arbeiten
durch nichts gestrt zu werden, wollte er sich nicht selbst mit dem
Handel befassen, sondern gab ihn in die Hnde eines Kaufmanns, der
allein im ganzen Lande damit handelte und einen betrchtlichen Gewinn
dadurch erwarb. Darber wurden nun seine Mitbrder, die brigen
Arzneihndler, neidisch, und verschrien ihn und seinen Extract. Ganz
anders aber benahm sich dabei Einer unter ihnen. Dieser passte den
Leuten des Alleinhndlers auf, wenn sie das Arcanum vom Chemiker
brachten, nahm es ihnen ab, raubte es wohl gar aus dem Waarenlager
selbst; und das vermochte er, denn er war ein handfester Kerl. Er
vereinzelte es darauf auf allen Jahrmrkten, in allen Flecken und
Drfern, und weil er es wohlfeil gab und den Leuten sehr einlobte, so
hatte er reissenden Abgang. Darber erhob dann der Alleinhndler ein
Geschrei im ganzen Lande; und es fielen mitunter auch wohl Diebe, Ruber
und dergleichen Benennungen, die bei solchen Gelegenheiten zu fallen
pflegen und die dem Andern auch richtig berbracht wurden. Gern htte
der Alleinhndler ihm wieder etwas abgenommen, aber jener hatte nichts,
das der Mhe des Nehmens werth war. Schon lange hatte er ihm
nachgestellt, um seiner habhaft zu werden; aber jener war schlauer als
er und entging allen seinen Schlingen. Endlich, wie denn das stete Glck
unvorsichtig macht, fiel er doch noch durch Unachtsamkeit in die Hnde
seines Feindes, und ward von ihm vor den Khalifen gefhrt. Hier brachte
der Arzneihndler seine Klage gegen jenen an, die mit der Klage unserer
Buchhndler gegen die Nachdrucker ziemlich gleichlautend war. Jener,
ohne sich bange werden zu lassen, -- er hatte bei seinem
Marktschreiergewerbe seine Dreistigkeit vermehrt und eine gewisse
Beredsamkeit sich eigen gemacht -- fhrte seine Verteidigung
folgendermaassen:

Glorwrdigster Nachfolger des Propheten! ich liebe nach Principien zu
verfahren. Der einzig richtige Maassstab der Gte unserer Handlungen ist
bekanntermaassen ihre Ntzlichkeit. Je ausgebreitetere und je wichtigere
Vortheile eine Handlung stiftet, desto besser ist sie. Es giebt zwar
noch einige finstere Kpfe, die sich etwas erknsteln, was sie, glaub
ich, Recht nennen: ein Hirngespinnst, das sich im Leben nicht realisiren
lsst; denn kann man nicht bei aller Rechtschaffenheit verhungern? Doch
fern sey es, dass dergleichen altfrnkische Ideen die aufgeklrten
Zeiten von Eurer Majestt glorwrdiger Regierung entweihen sollten! --
Wenn ich mithin beweise, dass mein Verfahren den ausgebreitetsten Nutzen
stiftet, so beweise ich dadurch ohne Zweifel, dass es lobenswrdig ist;
und dies ist so leicht zu erweisen. Dass meine Handlung von den
vortheilhaftesten Folgen fr das Publicum sey, sollte man das erst
zeigen mssen? Ich verkaufe das Arcanum weit wohlfeiler, als der Klger;
der gemeinste Mann wird also dadurch in den Stand gesetzt, es sich
anzuschaffen, was er bei dem hohen Preise des Alleinhndlers nicht kann;
ich nthige es dem unaufgeklrten Haufen durch meine Betriebsamkeit und
durch alle Knste der Beredsamkeit auf, und brenne so von Eifer fr das
Beste Anderer, dass ich sie fast zwinge, sich durch diese heilsame
Arznei gesund zu machen. Welch ein Verdienst um die leidende Menschheit!
Knnte ich doch Eurer Majestt das Aechzen der Leidenden, das Rcheln
der Sterbenden recht lebhaft malen, die durch die von mir gekaufte
Arznei gerettet worden sind! Wie vielen Kindern habe ich ihre Vter, die
bereits in den Hnden des Todes waren, wieder zurckgegeben, ihnen
selbst aber die Mglichkeit, zu guten Staatsbrgern gebildet zu werden,
und einst wieder ihre Kinder, und vermittelst dieser ihre ganze
Nachkommenschaft zu guten Staatsbrgern zu bilden, dadurch erhalten! Man
berechne die Arbeiten, welche jeder, dem durch diese wunderthtige
Arznei einige Jahre zu seinem Leben hinzugesetzt werden, in diesen
Jahren noch zur Cultur des Landes verrichten kann; die noch grssere
Cultur desselben, die hierdurch wieder mglich wird, und so ins
Unendliche fort; berechne die Menge der Kinder, die er in diesen Jahren
noch zeugen kann, und die Kinder dieser Kinder: und ziehe das Resultat
der vergrsserten Volksmenge und Cultur, die dadurch erfolgt, und welche
schlechterdings nicht mglich war, wenn ich nicht dem Klger seine
wohlthtigen Tropfen raubte.

Es sagen zwar freilich verleumderische Zungen, dass das Arcanum
gemeinhin ein wenig verdorben bei mir gekauft worden; und wenn ich ihnen
auch -- ich liebe die Wahrheit -- sollte zugestehen mssen, dass an der
Sache etwas sey: so ist das wahrlich nicht meine Schuld. Ich wrde
lieber, wenn ich knnte, ihm noch grssere Kraft geben, damit man es
allein bei mir kaufte, und mein Klger alle seine Kunden verlre; und
das bloss aus Liebe zum allgemeinen Besten. Aber wie sollte es mir bei
der bestndigen Flucht, auf der ich vor meinem Gegner seyn muss, und bei
der Beschimpfung, die er meiner Handthierung anthut, und die mich
nthigt, die lockersten Gesellen anzunehmen, mglich seyn, es mit der
gehrigen Sorgfalt aufzubewahren? Wenn nur einmal meinem Gewerbe vllige
Ehre und Sicherheit zugesprochen seyn wird, wie ich um der grossen
Ntzlichkeit desselben hoffe, so werde ich dadurch zugleich in Stand
gesetzt werden, auf die Conservation desselben mehr Sorgfalt zu wenden.

Ich werde angeklagt, dem Verfertiger des Arcanums, und dadurch mittelbar
dem Publicum zu schaden, weil Klger, wenn ich in die Lnge fortfahre,
ihm seine Tropfen wegzunehmen, nothwendig verarmen und ausser Stand
gesetzt werden msse, den Chemiker weiter zu bezahlen, weshalb denn
dieser nothwendig die Arbeit werde einstellen mssen. -- Allein, da
kennt man den Mann nicht. Er wird sie darum nicht einstellen; denn es
ist einmal seine Liebhaberei, und er arbeitet ja so nur um der Ehre
willen. Im Gegentheil, je mehr ich seinem Unterhndler wegnehme, und je
weniger dieser ihm fr die Arznei wird bezahlen knnen; desto mehr wird
er arbeiten mssen, um kmmerlich zu leben: desto mehr wird folglich
diese heilsame Arznei vervielfltiget werden. Und wird nicht sein Ruhm
durch mich in die entferntesten Drfer verbreitet? posaune ich ihn nicht
mit lauter Stimme an jedem Jahrmarkte aus meiner Bude? steht nicht sein
Name auf allen meinen Bchsen und Glsern mit grossen Buchstaben in
Golde? Ist ihm das nicht Ehre genug? braucht er dazu noch Brot? Er mag
von der Ehre leben!

Endlich soll ich Klgern Nachtheil verursachen. -- Aber ich muss
gestehen, dass hier mich mein kaltes Blut verlsst. Ich muss Ihnen
sagen, mein Herr, dass Sie sich der Unbilligkeit dieser Anklage schmen
sollten. Haben Sie nicht schon genug durch Ihren Alleinhandel gewonnen?
Ach! drfte ich doch den Verlust, den Sie zu haben vorgeben, mit Ihnen
theilen! Warum wollen Sie mir denn nicht erlauben, Ihnen zu stehlen, was
ich fortbringen kann? Warum wollen Sie mir denn nicht erlauben, eine
kleine Nachlese zu halten? Giebt es nicht noch jetzt, seitdem ich diese
reichlich halte, Leute genug, die entweder um der vermeinten grsseren
Gte Ihrer Arznei willen, die doch wenig betragen kann, oder aus einem
altfrnkischen Vorurtheile fr rechtmssigen Besitz, und vermeinter
Theilnahme an der Dieberei Anderer, lieber Ihre theure Waare kaufen, als
meine wohlfeile; -- als ob ich nicht auch, wenn man denn einmal von
Rechtmssigkeit reden will, dadurch das rechtmssige Eigenthum Ihrer
Waare erhielte, dass ich mir die Mhe gebe, sie zu stehlen?

Vielmehr habe ich, wenn Sie kalt darber nachdenken wollen, eben um Sie
selbst das grsste Verdienst. Sie kennen noch Ihren Chemiker nicht.
Schon lngst dachte er, voll Neid ber den Gewinn, den Sie durch sein
Arcanum machen, darauf, sich des Handels mit demselben selbst zu
bemchtigen. Er hat zwar seine Zeit weit nthiger zur Verfertigung
desselben; er versteht zwar nichts vom Arzneihandel; er ist zwar bei
einigen Versuchen im Kleinen schon sehr bel angekommen: aber dennoch --
glauben Sie mirs auf mein Wort -- er htte Sie des Handels beraubt. Nur,
schlau wie er ist, merkte er meinen Anschlag auf Ihren Waarenkasten, und
wollte lieber Sie, als sich selbst bestehlen lassen. Wenn Sie also
berhaupt noch in einigem Besitze des Handels sind, so haben Sie es mir
zu verdanken.

Dies sind die betrchtlichen Dienste, Glorwrdigster Nachfolger des
Propheten, die ich dem glubigen Volke, die ich dem ntzlichen
Verfertiger des Extracts, die ich dem Klger selbst leiste. Und ich nun,
was habe ich dafr? Wenn man den geringen Preis, um den ich das Arcanum
verkaufe, gegen die Kosten, die ich auf desselben Conservation doch
wende, die Reisen, die ich mache, berechnen will; so wird man finden,
dass mir die Mhe, sie zu stehlen, sehr gering bezahlt wird, und dass
ich die Verleumdungen meines Gegners, die Schurken und Diebe, die er
gegen mich ausstsst, fast ganz umsonst hinnehmen, oder nur sehr niedrig
in Anschlag bringen muss. Durch diese Verunglimpfungen wird mir nun mein
ehrlicher Name, auf welchen die Menschen einen so grossen Werth setzen
sollen, jmmerlich abgeschnitten, so dass rechtliche Leute schon
anfangen, sich sehr zu bedenken, ob sie mir abkaufen wollen. Ich bin
also ein Mrtyrer fr das Beste der Welt; und wenn eine Handlung dadurch
gewinnt, dass man recht viel bei ihr aufopfert, so ist die meinige eine
der verdienstlichsten. Dies Verdienst mchte ich mir nun nicht gern
rauben lassen, wenn nicht durch die Ehrlosigkeit, die dadurch auf mein
Gewerbe fllt, der Fortgang desselben gehindert, und dem allgemeinen
Besten Abbruch gethan wrde. Ich bitte demnach Eure Majestt
anzubefehlen, dass hinfro jeder mein Gewerbe fr ein ehrliches halte,
bei namhafter Strafe; und dass Klger gehalten sey, mir nicht nur
Abbitte und Ehrenerklrung zu thun, und ffentlichen Dank fr den
geleisteten Dienst abzustatten, sondern auch insknftige sich von mir
bestehlen zu lassen, so viel ich will.

So redete der Marktschreier. Wie wrde Herr Reimarus, wie wrde jeder
Gerechtigkeitsliebende hierbei geurtheilt haben? -- Ebenso urtheilte der
Khalif. Er liess den ntzlichen Mann aufhngen.




                                  B.
                  Zwei Predigten aus dem Jahre 1791.


                          Statt der Vorrede.

                    Der Verfasser und sein Freund.

D. V. Sie bringen die Handschrift zurck? Haben Sie sie durchgelesen?

D. Fr. Ja.

D. V. Und Ihr Urtheil?

D. Fr. Sie haben Ihre Zeit nicht ganz bel angewendet. Es bt die Feder,
wenn man sich bemht, etwas grndlicher, als gewhnlich, und doch plan,
wie es fr die Kanzel seyn soll, zu arbeiten; es macht unsere eigene
Erkenntniss lebendiger, wenn man sie berdies mit einiger Wrme
vortrgt.

D. V. Ich verstehe. -- Und ein Exercitium hat seine Bestimmung erreicht,
wenn es unsere eigenen Krfte gebt hat. Es gehrt vor die Augen des
Lehrmeisters, oder des gutmthigen Freundes, wenn man ber die Jahre
hinaus ist, einen Lehrmeister zu haben; nicht vor das Publicum.

D. Fr. Wenn Sie es so nehmen wollen! -- Doch erlauben Sie mir eine
Frage: auf welche Art der Leser rechnen Sie?

D. V. Auf Leser aller Art, welche moralische und religise Wahrheit, und
das Nachdenken darber lieben.

D. Fr. -- Die das Nachdenken lieben, mithin dasselbe kennen, aus
Erfahrung kennen, die in einem Stande leben, der ihnen ehemals
Unterricht, jetzt Musse gewhrt. -- Vielleicht finden diese etwas noch
Besseres zu lesen, als Ihre Predigten.

D. V. Und warum sollten sie nicht auch in Stnden gelesen werden, die
auf einer tieferen Stufe der Cultur stehen, die ihnen weniger Quellen
erffnet? -- Sie haben doch nicht vergessen, was ich Ihnen sagte, dass
der grsste Theil dieser Predigten in mancherlei Lndern, vor sehr
gemischten Zuhrern, nicht ohne merklichen Eindruck gehalten worden?

D. Fr. Abgerechnet, dass Sie allenthalben Fremder und Gastprediger waren
-- angenommen, dass Ihre Eigenliebe diesen merklichen Eindruck sich
nicht um eines Haares Breite grsser vorgestellt habe -- alles, was Sie
wollen, abgerechnet und angenommen: so wissen Sie doch gewiss, welch ein
Unterschied es ist, Predigten hren oder Predigten lesen.

D. V. Aber es werden doch darum noch hufig Predigten gelesen, in
hheren und niederen Stnden.

D. Fr. Welcher innere Unterschied zwischen jenen hufig gelesenen
Predigten und den Ihrigen sey, werden Ihnen die Recensenten sagen; auf
den Unterschied in den Personen bernehme ich es, Sie aufmerksam zu
machen. -- Gehen Sie hin, und werden der Lieblingsprediger des feineren
Publicums in einer volkreichen, Ton angebenden, von Fremden hufig
besuchten Stadt; dann sammeln Sie Ihre Predigten und setzen Ihren Namen
vor. Wird man sie auch nicht immer lesen, so wird man sie doch kaufen,
sauber binden und in seine Bcherschrnke aufstellen. Aber -- anonyme
Predigten -- das ist unerhrt! Oder wollen Sie Ihren unbekannten Namen
vorsetzen?

D. V. Und wre er berhmt, so wrde ich desto mehr Anstand nehmen, ihn
zu nennen. Ich mchte die Aufmerksamkeit dem Inhalte verdanken, und
nicht dem Namen.

D. Fr. Dem Inhalte? So htten Sie entweder weniger gewhnliche
Gegenstnde behandeln, oder die behandelten gewhnlichen von einer
gewhnlichen Seite darstellen sollen! Sie haben der Sache beides, zu
wenig und zu viel, gethan. Wer Ihre Predigten verstehen, beurtheilen,
schtzen knnte, liest keine Predigten; und wer Predigten liest,
versteht die Ihrigen nicht.

D. V. Wenn nicht etwa hier und da ein Prediger.

D. Fr. -- Welche Predigten lesen, um entweder sie fr die ihrigen zu
gebrauchen, oder sich darnach zu bilden. Sie gestehen mir wohl zu, dass
derjenige, der der Bildung fhig ist, bessere Muster findet. -- Wegen
des Gebrauchens -- wer Ihre Predigten desselben werth findet, macht
bessere; und wer keine besseren macht, hlt die Ihrigen fr schlecht und
vllig unbrauchbar. -- Noch habe ich Ihnen geschenkt, dass sich
dieselben sehr ungleich sind; gleichsam eine bunte Musterkarte der
Vernderung Ihres Systems seit zehn Jahren, oder lnger.

D. V. Nach allem also wre Ihr Rath?

D. Fr. Mein aufrichtiger Rath, dass Sie sie ruhen liessen, wo sie zum
Theil schon lange genug geruht zu haben scheinen.

D. V. Sie haben mir die Sache nach Ihrer Art vorgestellt; ich zeige sie
Ihnen jetzt nach der meinigen. -- Gesetzt nun, ich htte einen Versuch
machen wollen, Darstellungsarten, die bis jetzt nur fr die Schule
gewhnlich waren, auf die Kanzel zu bringen; und ich legte diese
Versuche darum dem Publicum vor, um zu erfahren, ob es der Mhe lohnte,
sie fortzusetzen?

D. Fr. Aber so htten Sie diesen Versuchen wenigstens die Predigtform
nehmen sollen, die doch einmal nicht die einladendste ist; und dann sind
noch einige Predigten beibehalten, die diese Entschuldigung nicht fr
sich haben.

D. V. Und wenn ich nun anderweitige, vielleicht persnliche Grnde
gehabt htte, eben die Predigtform, und eben jene Predigten, auf die Sie
zielen, beizubehalten?

D. Fr. Dann msste freilich das gutwillige Publicum, das etwa noch
Predigten kauft, Ihre Ankndigung, dass Sie unter andern auch predigen,
mit seinem Gelde bezahlen. -- Und wie wollen Sie das, was Sie zu Ihrer
Entschuldigung mir jetzt gesagt haben, dem Publicum auf eine schickliche
Art sagen?

D. V. Ich darf nur gerade unser Gesprch vordrucken lassen.

D. Fr. Mit allem, was ich zum Nachtheile Ihrer Predigten gesagt habe?

D. V. Mit allem. Dann bin ich wenigstens sicher, dass nichts Schlimmeres
ber sie gesagt werden knne, als schon gesagt ist.

D. Fr. Aber einen schngeisterischen Dialog vor Predigten! Das ist
wieder unerhrt. Sie sind nicht Rousseau, und schrieben keine Heloise.

D. V. So muss ich denn auch schon diesen Uebelstand mit den brigen
verantworten.


                  Ueber die Pflichten gegen Feinde.


                               Eingang.

Die Auswege, die das menschliche Herz nimmt, m. th. Fr., um der Pflicht
auszuweichen, sind unzhlbar, in ihren Wendungen verschieden, und nur
darin kommen sie berein, dass alle auf irgend eine Art die Strenge des
Gesetzes zu umgehen suchen. -- Man zieht die Pflicht zu seinen Neigungen
herab, wie wir einst an dieser Stelle an dem Beispiele der Ehrlichkeit
und der Menschenliebe zeigten: man bertreibt sie auch wohl im
Gegentheile zu einer Hhe, auf der sie der menschlichen Natur
widerstreitet, um nur, wenn einmal zugestanden ist, dass in der
erdichteten Vollkommenheit sie dem Menschen unmglich sey, gar nichts
thun zu drfen, sondern unter dem gerumigen, viel fassenden Mantel der
menschlichen Schwachheit seinen Mangel an gutem Willen verbergen zu
knnen.

So ist es mit der durch das Christenthum gebotenen Pflicht der
Feindesliebe ergangen. Zu bequem, oder unfhig nachzudenken, was durch
diesen Ausdruck gefordert werden ^knne^, hat man das Wort in seiner
ersten scheinbarsten Bedeutung genommen, und nun, wie zu erwarten war,
die Ausbung dieser Pflicht unmglich gefunden, weil es der menschlichen
Natur widerstreitet, sich ber Beleidigungen zu freuen, wie ber
Wohlthaten, und bei dem Anblicke des Feindes eben das Vergngen zu
empfinden, wie bei dem des Freundes. -- Des ^Handelns^ berhoben, meinte
man sich nun durchs ^Reden^ hervorzuthun, und wollte sich gegen ein
Gebot, dem man den Gehorsam versagte, durch Lobeserhebungen abfinden.
Daher die prahlenden Lobpreisungen so vieler Christen ber die
Erhabenheit ihrer Sittenlehre, als der einzigen, welche Feindesliebe
empfehle; so vieler Christen, welche noch wenig Neigung zeigen, ihr
Vaterland, ihre Freunde, ihre Wohlthter zu lieben -- Lobpreisungen,
welche, wenn auch die Anempfehlung dieser Pflicht der christlichen
Sittenlehre ausschliessend eigen wre, doch immer eine sehr zweideutige
Schmeichelei seyn wrden. Viel verlangen ist keine so grosse Kunst, und
es gereicht keiner Sittenlehre zur Empfehlung, Dinge zu fordern, die der
menschlichen Natur widerstreiten.

Wir, m. Br., wollen unsere vortreffliche Religion nicht so verfnglich
loben, sondern lieber mit Lernbegierde und Folgsamkeit ihre Vorschriften
anhren, und sie zu ihrer wahreren Ehre in unserem Leben darzustellen
suchen. In gegenwrtiger Stunde werden wir uns von den Pflichten gegen
Feinde unterrichten.

^Text.^ Die gewhnliche Epistel am ersten Advents-Sonntage, Rm. 12, v.
17-21.


                             Abhandlung.

Das zwlfte Capitel des Briefes an die Rmer, woraus unsere Epistel
genommen ist, enthlt christliche Sittenlehren mancherlei Gehalts in
einer leichten Verbindung. Auf die Pflichten gegen Feinde wird der
Apostel zweimal gebracht: einmal durch ein Wortspiel[29] v. 14. ^Segnet,
die euch verfolgen^ u. s. w., einmal bei Gelegenheit der allgemeinen
Menschenliebe, v. 19. 20. 21. Wir wollen jetzo, ohne seinen Ausdrcken
genau zu folgen, im allgemeinen sehen, welche Pflichten gegen die Feinde
Gewissen und christliche Religion uns auflege.

[Funote 29: Nemlich im Grundtexte: Die Ausbung der Gastfreiheit
verfolget; die ^Euch^ verfolgen, segnet.]

Wenn man eine so grosse Menge von Menschen ber eine so grosse Menge von
Feinden klagen hrt, so sollte man glauben, der Hass der Widersacher sey
eines der grssten Erdenleiden, und die Pflichten gegen Feinde seyen
nicht nur an sich die schwersten, sondern auch ihre Ausbung sey von der
weitesten Ausdehnung. Es scheint also unserem Vorhaben nicht
unangemessen, zuvrderst zu untersuchen: ^Wen wir einen Feind zu nennen
berechtiget sind^, um zu finden, ob von der Summe dieses Leidens nicht
ebensowohl, wie von der Summe mancher anderen Leiden etwas abgehe, und
ob die Pflichten, die es uns auflegt, -- wenn sie auch so schwer seyn
sollten, als man glaubt -- in der Ausbung oft vorkommen.

In der allgemeinsten Bedeutung nennen wir alle diejenigen unsere Feinde,
die an der Ausfhrung unserer Unternehmungen uns hinderlich sind. Dies
aber kann aus zweierlei Ursachen entstehen, nemlich, entweder weil
^unsere Unternehmungen^, oder weil ^wir selbst^ ihnen misfllig sind;
der dritte mgliche Fall, dass sie beiden abgeneigt seyen, gehrt mit
unter die zwei ersten. --

Unser Vorhaben kann Anderen zuwider seyn, entweder weil es ungerecht
^ist^, oder weil es ihnen nur so ^scheint^. -- Im ^ersteren Falle^ also
wollen wir ungerecht seyn; wollen handeln, als ob die ganze Schpfung
nur fr uns, und ihre vernnftigen Bewohner nur zu Werkzeugen unserer
Einflle da seyen: und wenn dann Einer sich unterfngt, zu glauben, dass
es noch etwas gebe, was er von uns nicht ertragen msse -- Einer sich
nur in den Weg stellt, und unseren Anmaassungen Grenzen setzt: so
schreien wir ber Verfolgung, und nennen jenen muthigen Vertheidiger des
Rechts unseren Feind. -- Und mit welchem Rechte? Wollen wir ihn bloss
^an sich^ seinem persnlichen Werthe nach betrachten, so nthigt unser
Herz, sey es so verdorben es wolle, uns das Bekenntniss ab, dass ^der^
Mann -- fordere es nun bloss die allgemeine Menschenpflicht, oder
fordere es berdies noch seine besondere Pflicht in der Gesellschaft von
ihm -- dass ^der^ Mann, der ohne Kummer um unseren Verdruss und unsere
Feindschaft sich der Ungerechtigkeit muthig entgegenstellt, und dem die
unvertheidigte Sache des heiligen Rechtes theurer ist, als unsere
Freundschaft, unendlich mehr werth ist, als wir, und dass wir nicht viel
Ehre haben, unsere Klagen ber ihn laut werden zu lassen; -- oder wollen
wir ihn ^in Beziehung auf uns^ betrachten, so werden wir in dem Manne,
der uns die unvertilgbare Schande, und die blutige Reue, und das
unauslschbare Andenken, und die nie endenden Folgen einer ungerechten
That erspart, und uns zwingt, besser und glckseliger zu seyn, als wir
wollten, unseren wahrsten Wohlthter anerkennen mssen. Solche Gegner
also gehren gar nicht in die Zahl unserer Feinde.

In ^dem zweiten Falle^ waren die Feinde der Jnger Jesu, und berhaupt
der ersten Christen, an welche die Ermahnungen des Apostels gerichtet
sind. Sie widersetzten sich dem Vorhaben der Apostel und ihrer Anhnger,
weil es ihnen ungerecht schien. -- Es war damals eben wie jetzt. Die
Juden, deren grsster Beweis fr die Wahrheit ihrer Religionsgrundstze
der war, dass ihre Vter und Grossvter auch so geglaubt, auch so
geopfert, auch mit den Formeln gebetet hatten, hassten, verfolgten,
tdteten, wenn sie konnten, die ersten Christen, weil sie eine
aufgeklrtere Gottesverehrung einfhren wollten, welches jene fr ein
sehr strfliches Unternehmen hielten. -- So wurde das Vorhaben der
ersten Christen verkannt, und darum angefeindet, und so kann es auch das
unsrige werden, von welcher Natur es auch sey. -- Auch solche Gegner
knnen wir nicht mit Recht Feinde nennen; ihr Widerstand entsteht nicht
aus boshaften Absichten gegen unsere Personen; sie meinen fr das Recht
zu kmpfen, und ihre Triebfeder wenigstens ist edel. Sollten wir uns
darber erzrnen, dass wir erleuchteter sind, als sie? Diese Gegner
sinds, von denen der Apostel sagt: ^segnet sie^ -- wnscht ihnen von
ganzer Seele alles Gute, und besonders dasjenige Gute, dessen sie am
meisten bedrfen -- Erleuchtung. Wnscht sie ihnen nicht bloss, sondern
sucht werkthtig durch weise Belehrung und durch das, was krftiger
wirkt als alle Belehrung, durch einen reinen Wandel ihre Begriffe zu
berichtigen. Fhret einen guten Wandel unter den Heiden, auf dass die,
so von euch afterreden, als von Uebelthtern, eure guten Werke sehen und
euren Vater im Himmel preisen.

Endlich kann Jemand, ohne unser persnlicher Feind zu seyn, unser
Widersacher auch bloss darum werden, weil wir seinem Eigennutzen im Wege
stehen, weil ^unsere^ Erniedrigung ^ihn^ heben soll. Wir finden uns
einmal auf seinem Wege, und er rennt uns nieder -- nicht etwa -- aus
besonderer Abneigung gegen uns; er htte jeden anderen, der auf unserem
Platze gestanden htte, auch niedergerannt. Er schreitet seinen Schritt
einher -- es kommt ein Wurm unter seine Fsse -- er zertritt ihn. Aber
warum musste auch der Wurm unter seinen Fuss kommen; er htte ihm sonst
sein Leben wohl gnnen mgen. -- -- Ohne das Frchterliche einer solchen
Sinnesart mildern zu wollen, drfen wir doch sagen, dass auch ein
solcher Gegner nicht unser Feind zu nennen sey. Er ist freilich auch
nicht unser Freund: er ist Niemandes Freund, als der seiner eigenen
geliebten Person. Er ist freilich ein Feind des Rechts und der
Menschheit, und der unsrige, weil wir zu ihr gehren; aber er hasst doch
keinen weniger, als uns, und das, was uns trifft, ist nichts, als das
allgemeine Loos. Wir haben freilich nicht nur das Recht, sondern auch
die Pflicht ihn zu behandeln, wie jeden Feind der Gerechtigkeit; aber
wenn wir ihn mit persnlicher Erbitterung hassen wollten, so wrden wir
selbst ungerecht und ihm hnlich werden.

Es ist also Niemand brig, den wir mit Recht unseren Feind nennen
knnten, als derjenige, der eine persnliche Abneigung gegen uns hat,
und unser Vorhaben hindert, bloss darum, weil es das ^unsrige^ ist.
Solche Gegner eigentlich, und nur in einem gewissen Sinne die der beiden
letzteren Klassen, sind der Gegenstand der Pflichten gegen Feinde.

Da nichts in der Welt ganz ohne Ursache geschieht, und folglich auch der
Hass unserer persnlichen Feinde nicht vllig ohne Grund seyn mchte, so
ist es hierbei die erste Regel der Sittenlehre, sich sorgfltig und
unparteiisch zu prfen, ^ob^ man, und ^wodurch^ man Gelegenheit zu
dieser Abneigung gegeben habe. Die Menge der Freunde oder Feinde ist
zwar nie ein richtiger Maassstab zur Schtzung des sittlichen Charakters
eines Menschen; wenn aber so gar viele aus dem Haufen treten und sagen:
du habest sie gedrckt, so kannst du mit hoher Wahrscheinlichkeit
vermuthen, dass du eine harte Seite habest. Jede uns bekannt gewordene
Abneigung legt uns die Pflicht auf, uns sorgfltig zu prfen, ob
wir vielleicht durch unsere Ungerechtigkeit, durch unsere
Unterdrckungssucht uns hassenswrdig gemacht haben; -- und dann wren
wir ja wahrlich nicht werth, unsere Augen gegen unsere Gegner
aufzuheben; -- oder ob wir vielleicht bei wirklich guten Absichten durch
unser unzweckmssiges Benehmen, durch eine rauhe, unfreundliche
Steifigkeit, durch einen Mangel der Schonung gegen Anderer Schwachheiten
ihnen einen Verdacht gegen den Baum beigebracht haben, der so herbe
Frchte trgt. Sollten wir in dieser Prfung, bei der wir uns ja nicht
schmeicheln mssen, etwas von der Art finden, so bleibt uns nichts
brig, als die Folgen unserer eigenen Unklugheit geduldig zu tragen,
hinzugehen und uns zu bessern.

Finden wir aber an uns keine Schuld, so tritt unsere erste heiligste
Pflicht ein: die, dem Unrechte zu widerstehen, insoweit wir knnen, ohne
selbst ungerecht zu werden, und die Ordnung zu zerstren. -- Irret euch
nicht, m. Br.: alles sich gefallen zu lassen, alles gut zu heissen,
alles zu dulden, fordert kein Christenthum; und die Vernunft erklrt
dies fr Unverstand und Mangel an wahrer Abneigung gegen das Bse, wenn
sie es bloss an sich -- und fr Untersttzung und Verewigung der
Unordnung, wenn sie es in Rcksicht seiner Folgen fr das Ganze
betrachtet. Wer das Bse an Anderen nicht hasst, der hasst es gewiss
auch nicht an sich selbst; und wer keiner Empfindlichkeit gegen
zugefgtes Unrecht fhig ist, ist ebensowenig der Dankbarkeit fr
erzeugte Wohlthaten fhig. -- Zwar sagt Jesus: ^Ich sage euch, dass ihr
allerdings nicht^, berhaupt und in keinem Falle nicht, ^widerstreben
sollt dem Uebel^. ^Nimmt dir jemand den Rock, dem lass auch den Mantel^,
u. s. w. Aber es ist bei diesen und hnlichen Stellen zu bemerken, dass
die Evangelisten uns nicht nur diejenigen Aussprche Jesu, welche er als
Dolmetscher des Willens der Gottheit an die Menschen zu gltigen
Gesetzen fr alle Zeiten und Vlker aufstellte, sondern auch solche
Reden aufbehalten haben, in denen er als klgerer Freund, bloss seinen
Jngern einen guten Rath fr ihre besondere Lage giebt. Ob eine
Vorschrift zu der ersteren oder zu der letzteren Art gehre, ist nur
daraus zu ersehen, ob sie durch unsere Vernunft, als ein
allgemeingltiges Gesetz besttigt werde oder nicht. Die Jnger Jesu
wrden vor jdischen oder heidnischen Richtersthlen nicht nur keine
Genugthuung erlangt haben, sondern auch dadurch in ihrem ersten Berufe,
die christliche Religion zu predigen, gestrt, und vielleicht weit eher,
als es fr ihre Bestimmung seyn sollte, getdtet worden seyn. Ihnen
blieb also kein Mittel brig, um sich ihren mhseligen Zustand
ertrglicher zu machen, als alles geduldig zu ertragen, und durch die
hchste Sanftmuth ihre Feinde wenigstens zu einiger Schonung zu
erweichen. Spterhin, nachdem ganze christliche Gemeinen errichtet
waren, sagt schon Johannes: ^Sndigt dein Bruder an dir, so strafe ihn
alleine^; so verweise es ihm unter vier Augen; ^hret er dich nicht, so
sage es der Gemeine; hret er die Gemeine nicht, so halte ihn als einen
Zllner und Snder^. Fr uns aber, die wir in ganzen christlichen
Staaten leben, tritt die allgemeingltige, durch die Vernunft besttigte
Bemerkung Paulus in ihre volle Wirksamkeit ein: ^dass die Obrigkeit^,
als Stellvertreterin der ganzen Gesellschaft, ^das Schwert nicht umsonst
tragen, sondern dass sie des allvergeltenden Gottes Dienerin auf der
Erde, und eine Rcherin seyn msse ber jeden, der Uebeles thut^; dass
wir mithin, wenn dieser Satz nicht aufgehoben werden, und unseren
brigen Pflichten nicht widersprechen soll, sie zur Ausbung dieser
Stellvertretung Gottes bei uns zugefgtem Unrechte auffordern mssen,
mit dem Zutrauen, dass sie stets bereit seyn werde, das unterdrckte
Recht zu rchen; ein Zutrauen, das sie, und Gott, dessen Bild sie ist,
ehrt. -- Eben daraus aber, dass wir unsere Sache ihr bertragen sollen,
folgt, dass wir uns nicht selbst rchen drfen; sondern es lediglich
ihr, ^als ihre eigene Sache^ berlassen mssen.

Diese Genugthuung aber werde gesucht ^mit^ und ^aus Liebe^. Nicht das
sey unser Zweck, dem Feinde wieder Bses zuzufgen, sondern bloss und
einzig das, das Bse in ihm, und durch das Beispiel seiner Bestrafung
auch in anderen krftigst zu hindern. Wer irgend einer anderen Absicht
sich bewusst ist; wer in seinem Herzen den geringsten Zug von
Lieblosigkeit, die leiseste Freude ber die gehoffte Bestrafung seines
Beleidigers aufsprt; wer nicht sogar Schmerz empfindet, dass seine
Pflicht ihn nthigt, um desselben Bestrafung anzusuchen, verliert jenes
Recht gnzlich, weil er durch Bestrafung seines Widersachers die
Obrigkeit nicht zur Dienerin des Rechts, sondern zum Werkzeuge seiner
Rachsucht und seiner Feindseligkeit machen, und in ihr Gott, dessen Bild
sie ist, entweihen wrde: -- durch welche Regel denn jene Erlaubniss
Genugthuung zu suchen, wieder genau in ihre gehrigen Grenzen
eingeschlossen wird. -- Man sey der Sache Feind, und der Person Freund.
Man arbeite, kmpfe, ringe, das Unrecht zu verhindern; aber man sey in
allen brigen gerechten Dingen dem Gegner zu jedem Dienste und jeder
Aufopferung bereit. Man ringe darnach, ihm zu dienen: -- zwar nicht
ausgezeichnet vor allen anderen Menschen, und ebendarum, ^weil^ er der
Feind ist; eine Warnung, die nur fr wenige seltene Menschen noth thut.
-- Es giebt nemlich Menschen, die, mit einer Anlage zur Erhabenheit und
Strke der Seele geboren, dieselbe durch harte Selbstkmpfe erhht
haben, und aus diesem Kraftgefhl eben das Schwerste in ihren Pflichten
begierig an sich reissen, und die unter zweien ihrer Hlfe gleich
bedrfenden Gegenstnden eben den Feind, und das eben um seiner
Beleidigungen willen gegen sie, vorziehen wrden; bloss um das erhabene
Gefhl zu empfinden, die Bitterkeit in ihrer Seele besiegt zu haben. So
edel und erhaben diese Triebfeder auch ist, so verbietet doch eine reine
Sittenlehre, die Wahl der Gegenstnde unserer Wohlthtigkeit dadurch
bestimmen zu lassen. -- Die einzige allgemeingeltende Regel der
Sittenlehre hierber ist die: der Feind werde in vllige Gleichheit mit
allen bedrftigen Gegenstnden gesetzt; der ^Feind^ werde ^im
Bedrfniss^ vergessen; unser hlfsbedrftiger, hungernder, unbekleideter
Feind sey nicht mehr Feind, sey bloss hlfsbedrftig, hungernd,
unbekleidet. Alle jene Ausdrcke von Verzeihung, von Vershnlichkeit
gegen den Feind sagen viel zu wenig; wo wir helfen und dienen knnen,
mssen wir unserem Feinde nicht verzeihen; wir mssen keinen Feind
haben, wir mssen nur den Hlfsbedrftigen sehen. Jeder Dienst, der sich
auf etwas Anderes grndet, hat kein Verdienst.

Die Liebenswrdigkeit solcher Gesinnungen brauche ich nicht erst zu
zeigen: aber den Einwurf befrchte ich von vielen, dass dies nur schne
Gemlde seyen, die sich zwar gut darstellen und beschauen, aber nie ins
menschliche Leben einfhren liessen; und dass man die Welt und das
menschliche Herz schlecht kenne, wenn man ihnen im Ernste so etwas
anmuthen wolle. Wenn es hierbei bloss aufs Widerlegen ankme, so drfte
ich nur das Beispiel Jesu, der im Angesichte des ungerechtesten und
schmerzhaftesten Todes fr seine Verfolger betete; oder, wenn euch das
zu erhaben dnkte, das Beispiel seiner Jnger anfhren, die gewiss
schwache Menschen waren, wie wir, und eben das thaten. Zweckmssiger
aber wrde es seyn, die Mittel zu entwickeln, durch deren Gebrauch es
leicht, sehr leicht wird, so gegen seine Feinde zu handeln. Sie sind --
sorgfltige Selbstprfung und lebhafte Erkenntniss seiner eigenen
Schwachheiten, das daraus entstehende Gefhl der Gebrechlichkeit der
menschlichen Natur berhaupt, und besonders die Ueberzeugung, dass das
wenigste Bse in der Welt erweislich aus Bosheit, und bei weitem das
meiste aus Unverstand geschehe: eine Betrachtung, die vor jetzt die
Krze der Zeit mir verbietet.

Dies sind die allgemeinen Pflichten, die wir gegen unsern Feind, so wie
gegen alle Menschen haben. Es giebt aber noch eine besondere gegen den
ersteren, die: sie zu bessern und zu unseren Freunden zu machen; welche
gleichsam die Probe enthlt, ob wir alle unsere brige Pflichten gegen
sie redlich erfllt haben. Haben wir alles weggerumt, was dem Feinde
Veranlassung geben knnte, uns zu hassen; haben wir ihn stets mit Liebe
und Edelmuth behandelt, so kann es nicht fehlen, er wird endlich -- sey
es so spt, als es wolle -- er wird endlich gewiss unser Freund werden.
Und welch Vergngen wird uns dann berstrmen!

Ich habe, theure Freunde, durch eine Schilderung der Ruhe und
Heiterkeit, und des wahrsten Selbstgenusses, den solche Gesinnungen
unserer Seele geben, ebensowenig, als durch eine Darstellung der
Bitterkeit und der unangenehmen Empfindungen, welche Hass und
Unduldsamkeit ber unser Herz verbreiten, diese Betrachtung unterbrechen
wollen, um nicht durch Vorstellung eures eigenen Nutzens euch zur
Anerkennung eurer Pflicht zu bestechen zu scheinen. Jetzt aber, nach
vollendeter Untersuchung, erlaubt mir einige Fragen an euer Herz zu
legen.

Ich will euch nicht fragen, ob ihr persnliche Feinde, -- solche Feinde
habt, denen alles zuwider ist, was von euch kommt, die alle eure
Unternehmungen zu hintertreiben suchen, die euer Unglck und euren
Untergang geschworen zu haben scheinen? Solche Feinde sind berhaupt
selten, und sind es besonders gegen eine stille, anspruchslose
Lebensart. Aber das lasst euch fragen, ob ihr nie beleidigt worden seyd?
und wer unter uns mchte wohl diese Frage mit Nein beantworten, da das
menschliche Herz berhaupt nur zu leicht beleidigt wird? Ich mag auch
nicht untersuchen, ob ihr euch nicht vielleicht durch eure eigene Schuld
diese Beleidigung zuzoget -- ihr sollt vllig recht, euer Beleidiger
vllig unrecht haben. Denkt euch jetzt einmal diese Beleidigung mit
allen ihren Umstnden; denkt euch den Beleidiger gegenwrtig; oder
vielleicht ist er es, vielleicht ist er mit euch in diesem Gotteshause,
und ihr knnt ihn erblicken.

Wie wird euch bei seinem Anblick zu Muthe? was wnscht ihr ihm? wenn ihr
ihm in diesem Augenblicke einen betrchtlichen Schaden zufgen knntet,
wrdet ihrs thun? wenn ihr in diesem Augenblicke ihm einen sehr
wesentlichen Dienst erzeigen knntet, wrdet ihr eilen? wrdet ihrs
willig und mit Freuden thun, oder wrde es euch einen grossen Kampf
kosten? wrdet ihr vielleicht vorher eure Bitterkeit gegen ihn auslassen
mssen?

Wie? ihr httet Feindschaft mit euch in dieses Haus des Friedens
gebracht? indem ihr eure Stimmen mit den Stimmen eurer brigen
Mitchristen zur Anbetung Gottes vereinigtet, htte in einem der
geheimsten Winkel eures Herzens sich Abneigung gegen diejenigen
verborgen, die ihre Stimmen mit den eurigen vereinigten? unter den
Wnschen, die aus eurem Herzen zum Vater aller emporwallten, htte sein
allsehendes Auge Wnsche fr das Elend derer entdeckt, die seine Kinder
sind, wie ihr? Msset ihr euch dann nicht vor Gott, dessen Auge wahrlich
in diesem Augenblicke das Innerste eurer Herzen durchschaut, schmen?

Seyd ihr bei diesen Gesinnungen bisher glcklich gewesen? Habt ihr euch
nie der Schwachheit geschmt, eure Ruhe von gewissen Anblicken, gewissen
Erinnerungen abhangen lassen zu mssen? eure ganze Seele als einen
Schauplatz der niedrigsten Empfindungen erblicken zu mssen, sobald eure
Gedanken auf gewisse Begebenheiten eures Lebens fielen?

Empfindet ihr diese Scham -- fhlt ihr diese Unannehmlichkeit eures
bisherigen Lebens -- o mchte es dann doch in dieser Stunde in allen
Seelen, in denen es bisher trbe war, helle werden; mchte doch allen
Freude aufgehen! Ihr knnt in diesem Augenblicke nicht hingehen zu eurem
Beleidiger, ihm nicht die Hand drcken, und ihn versichern, dass aller
Hass aus eurer Seele rein weggetilgt ist; -- dies ist nicht in eurer
Macht, aber euer Herz ist in eurer Macht. -- O mchten sie doch, diese
eure Herzen, in dieser Minute sich vereinigen, so wie ihr hier vereinigt
vor Gott sitzt; mchten sie doch in dieser Minute, Gott, und
alle seligen Geister, die uns hier umringen, zu Zeugen, den
unzertrennlichsten Bund des Friedens schliessen!

Du aber, o Gott, der du wahrlich hier zugegen bist, und unser aller Herz
siehst -- sey unser Zeuge -- wir wollen uns lieben, und nie hassen, wir
wollen von nun an allen Hass und Bitterkeit aus unserer Seele tilgen.
Amen.


                      Ueber die Wahrheitsliebe.


                               Eingang.

^A. Z.^ Das Wort ^Wahrheit^ wird in einer doppelten Bedeutung gebraucht,
und bezieht sich entweder auf die Erkenntnisse unseres Verstandes, oder
auf die Gesinnungen unseres Herzens. Wenn in Absicht unseres Verstandes
unsere Vorstellungen von den Dingen mit den Dingen an sich
bereinstimmen,[30] wenn z. B. dasjenige, was wir fr ein Glck halten,
wirklich ein Glck, und dasjenige, was wir fr ein Unglck halten,
wirklich ein Unglck ist, so ist Wahrheit in unserer ^Erkenntniss^, und
dieser Wahrheit Gegentheil heisst ^Irrthum^. -- Wenn in Absicht unseres
Herzens alle unsere Aeusserungen mit unseren inneren Gesinnungen
bereinkommen, so ist dies Wahrheit in der zweiten Bedeutung, welcher
wir ^Falschheit^ und ^Lge^ entgegensetzen. Wenn man von Wahrhaftigkeit,
von der Pflicht sich der Wahrheit zu befleissigen u. s. w. redet, so
wird dies Wort in der letzteren Bedeutung gebraucht; denn Wahrheit in
der ersteren, oder die Richtigkeit unserer Vorstellungen von den Dingen
hngt von dem Maasse unserer Fhigkeiten und unserer Bildung, nicht aber
von unserem freien Willen ab, und lsst sich mithin weder durch
gttliche, noch durch menschliche Gesetze anbefehlen.

Wer wissentlich falsch und ein Lgner ist, wird dadurch nicht nur ein
sehr schdlicher Gegenstand fr die Gesellschaft, sondern auch ein sehr
schndlicher fr sich selbst: denn wie niedertrchtig feige muss sich
derjenige erscheinen, der sich nie getrauen darf, seines Herzens Meinung
zu entdecken, und der im Innern seines Herzens ohne Unterlass eine
Schande sieht, die er vor jedes Anderen Auge sorgfltig verbergen muss!
Diese Pein der Selbstverachtung, oft um eines sehr geringen Vortheils
willen, auf sich zu nehmen -- dazu, sollte man meinen, wrden die
wenigsten Menschen Entschlossenheit genug haben; und es msste mithin
der Falschheit und der Lgen weit weniger unter ihnen seyn, wenn sie
nicht meistentheils damit angefangen htten, sich selbst zu betrgen,
ehe sie andere betrogen, wenn ihr Herz in der Falschheit gegen andere
sich nicht erst an ihnen selbst gebt, und dieser unselige Selbstbetrug
sie nicht gegen die Schande, Betrger Anderer zu seyn, abgehrtet htte.
-- Ich habe jetzt, a. Z., ich habe die giftige Quelle genannt, aus
welcher unser ganzes sittliches Verderben herfliesst. Nur diese lasst
uns, wenigstens in uns selbst, zu verstopfen suchen. Hrt mich deswegen
aufmerksam an, wenn ich heute von der Gemthsverfassung, welche vor
jenem unseligen Selbstbetruge verwahrt -- wenn ich von ^Wahrheitsliebe^
mit euch rede.

[Funote 30: Man wird mir fr die Kanzel diese Namenerklrung verzeihen,
und die Untersuchung, ob so etwas sich berhaupt nicht etwa widerspreche
und nichts gesagt sey, schenken. -- Wenigstens ist das hier Gesagte
nicht aus Unwissenheit gesagt.]

Du aber, o Gott, lautere Quelle aller Wahrheit, erwrme mich heute mit
einem Strahle deines Lichtes, da ich zu deinem Ebenbilde von dem, was
dein Wesen ausmacht, und wodurch allein der Sterbliche dir hnlich wird,
von Wahrheitsliebe, reden soll. Geuss Licht und Wrme ber meinen
Vortrag, und Verstand ber den Geist meiner Zuhrer herab, die sich mit
mir vereinigen Dich darum anzurufen, u. s. w.

^Text.^ Das Evangelium am Sonntage Exaudi, besonders Joh. 15. v. 26.


                             Abhandlung.

Die verlesenen Worte sind aus der Abschiedsrede Jesu an seine Jnger.
Jesus, der sorgfltige Fhrer derselben, sollte sie, eben im Begriffe
ihr fr die Menschheit so wichtiges, fr sie selbst so schwieriges
Lehramt anzutreten, noch berhuft von Vorurtheilen des Verstandes, und
noch grosser Schwachheiten des Herzens fhig, verlassen. Um sie hierber
zu beruhigen, versprach er ihnen einen anderen Trster, oder richtiger
^Fhrer^, der ihre Vorurtheile ebenso berichtige, und sie vor
Schwachheiten ebenso sorgfltig warne, als er selbst es bisher gethan
hatte, den ^Geist der Wahrheit^. Ich lasse ununtersucht, was man in
diesen Worten etwa alles finden kann, wenn man recht begierig etwas
recht Wunderbares sucht. Ungeknstelt erklrt sagen sie das, was ein
zrtlicher Vater sagen wrde, wenn er in der Todesstunde seine noch
nicht vllig ausgebildeten Kinder um sich her versammelte, und zu ihnen
sprche: Bisher habe ich eure Handlungen geleitet; jetzt muss ich euch
verlassen, und das ist gut fr euch, damit ihr endlich euch selbst
regieren lernt.[31] Statt meiner verweise ich euch an einen erhabenern
Fhrer, ^an euer Gewissen^. Wie ihr bisher auf meine Warnungen horchtet,
ebenso horcht hinfhro auf die Warnungen dieses; und wie bisher mein
Beifall euer hchstes Ziel war, ebenso sey es hinfhro der Beifall eures
eigenen Herzens: und dass dieses euch nie tuschen werde, dafr brgt
mir die ^Wahrheitsliebe^, die ich in euch bemerkt und gepflegt habe. --
Jesus sagt, dass er ihnen diesen Wahrheitsgeist ^senden^ wolle, nicht
als ob sie etwa erst jetzt durch irgend ein Wunderwerk umgeschaffen die
Wahrheit wrden lieben lernen, -- die Jnger Jesu, die an sich weder
besser unterrichtet, noch tugendhafter waren, als die brigen Juden
ihrer Zeit, zeichneten sich eben durch Wahrheitsliebe, und bloss durch
sie von anderen aus, und wurden bloss um dieser willen Schler Jesu --
sondern, weil sie erst jetzt, nach dem Verluste ihres usseren Fhrers,
dieses inneren Fhrers bedrfen wrden.

Wir alle, meine th. Fr., sind eben so, wie die Jnger Jesu, an unser
Gewissen gewiesen, und eben so nthig, als Jene, bedrfen wir ^der
Wahrheitsliebe^, um seine Stimme zu hren. Es ist also der Mhe werth,
diese Wahrheitsliebe genauer kennen zu lernen.

Die Wahrheitsliebe, ^von der wir hier und heute reden^, besteht krzlich
darin: ^dass man sich in seiner Meinung von seiner eigenen Tugend nicht
betrgen wolle^. Dies nun scheint Anfangs widersprechend; denn es
scheint auf den ersten Anblick unmglich, ^sich selbst^ zu hintergehen,
und hintergehen zu ^wollen^.

[Funote 31: Joh. 16, 7.]

Wenn man aber daran denkt, dass der menschliche Wille durch zwei sehr
verschiedene Haupttriebe in Bewegung gesetzt wird, deren einer ihn
antreibt, sich vor Beschdigungen seines Leibes und Lebens zu sichern,
und die Mittel aufzusuchen, dieses Leben unter so vielen angenehmen
Empfindungen hinzubringen, als mglich; -- ein Trieb, den wir
^Eigenliebe^ nennen, und den wir mit den Thieren des Feldes gemein
haben: -- deren zweiter aber ihn drngt, das Gute zu verehren und das
Laster zu verabscheuen; -- ein Trieb, der uns in den Rang hherer
Geister und zum Ebenbilde der Gottheit erhebt, und den wir das
^Gewissen^ nennen; -- -- Triebe, die so verschieden sind, dass daher
einige zwei Seelen im Menschen angenommen haben; eine Bemerkung, welche
allein es schon hinreichend erklrt, wie Jesus von dem verheissenen
Geiste der Wahrheit, als von etwas ^ausser den Jngern^ reden konnte, so
wie auch schon ein Weiser einer anderen Nation das Gute und Edle, das er
that oder sagte, den Eingebungen eines hheren Geistes zugeschrieben
hatte: --

wenn man ferner bedenkt, dass diese beiden Antriebe, -- der der
Eigenliebe und der des Gewissens -- sich oft geradezu widerstreiten,
indem der erstere den Menschen antreibt, etwas als angenehm und ntzlich
zu begehren, was der zweite als schndlich und ungerecht ihn zu
verabscheuen nthigt:

wenn man dieses beides bedenkt, so lsst sich sehr leicht einsehen, wie
der Mensch, dem die Tugend nicht lieb genug ist, um alles fr sie
aufzuopfern, in dem Gedrnge, in welches er bei diesem Widerstreite
gerth, und in der Wahl, entweder die Befriedigung seiner liebsten
Neigungen aufzugeben, oder sich selbst fr einen ungerechten und
schndlichen Menschen zu halten, einen Ausweg suchen und ihn darin
finden werde, dass er sich berrede, sein Vergehen sey so gross noch
nicht, und er knne demohngeachtet doch noch ein guter Mensch seyn.

Solche Menschen sind nicht einmal stark genug, um ganz Bsewichter zu
seyn, und begierig, die Lust des Lasters und die Freuden des guten
Gewissens mit einander zu vereinigen, betrgen sie sich selbst, oder die
schlechtere Seele in ihnen verflscht die Aussagen der besseren. Der
trglichen Vorspiegelungen, deren sie sich dazu bedienen, sind
unzhlige.

Jetzt berreden sie sich, andere ^Bewegungsgrnde^ bei ihren Handlungen
gehabt zu haben, als sie wirklich hatten, und glauben es sich z. B. im
Ernste, dass Gerechtigkeits- und Pflichtliebe, oder Wohlthtigkeit sie
da geleitet habe, wo sie doch ihrer angeborenen Hrte oder ihrer
Eitelkeit frhnten. -- So waren die, von denen Jesus in unserem
Evangelium sagt (Cap. 16, 2): sie werden, indem sie euch tdten, Gott
einen Dienst damit zu thun meinen. -- Eigentlich war wohl beleidigter
Stolz und Rechthaberei dasjenige, was die verfolgungsschtigen Juden, so
wie die Verfolger aller Zeiten und Vlker, trieb, nicht aber die
Begierde, Gott einen Dienst zu thun. Das letztere banden sie sich wohl
nur so auf; denn es ist sehr zweifelhaft, ob sie, wenn ^sie^ an ihrer
Seite die Gemarterten, und ^ihre Gegner^ die Marterer gewesen wren,
unter den Qualen des schmerzlichsten Todes gerufen haben wrden: o, was
fr liebe fromme Leute sind doch unsere Mrder! Es ist wahr, dass uns
der Tod schwer, und die Qualen desselben schmerzhaft ankommen; aber sie
meinen es dabei doch so herzlich gut, und martern uns aus brennender
Andacht und sehr thtiger Menschenliebe zu Tode.

Jetzt rechnen sie sich gewisse gute Handlungen, die sie darum thaten,
weil sie ihnen die wenigste Aufopferung kosteten, so hoch als mglich
an, und meinen damit alle ihre brigen Vergehungen zu vergtigen. So
soll etwa ein schweres Almosen, mit langsamer widerstrebender Hand
dargereicht, fr alle Ausbrche unreiner Lste, oder fr eine Menge
schreiender Ungerechtigkeiten genugthun.

Das ist Selbstbetrug in der ^Anwendung^ der Aussprche unseres Gewissens
auf ^unsere Handlungen^; ein Betrug, der sich Keinem, dem es ein Ernst
ist, sich selbst recht kennen zu lernen, lange verbergen kann; denn aus
ihm entstehen die schreiendsten Widersprche in den Grundstzen, wonach
wir ^uns^, und in denen, wonach wir ^andere^ beurtheilen. Wir wollen
dann immer die Ausnahme von allen brigen Menschen seyn, und was fr
alle andere ungerecht ist, soll fr uns erlaubt, was bei allen anderen
hchst zweideutig ist, soll bei uns schn und edel seyn.

Da nun bei einem so groben Selbstbetruge unser Herz immer in der Gefahr
ist, auf seiner Falschheit ergriffen zu werden; da ferner gewisse
Handlungen nach allen mglichen Milderungen und Beschnigungen doch noch
immer ein sehr hssliches Aussehen behalten, so fllt der Mensch aus
diesem gefhrlichen Selbstbetruge leicht in einen noch gefhrlicheren:
er sucht sich nemlich des einzigen hchsten Gesetzes fr seine
Handlungen, seines Gewissens, das ihm so lstig geworden ist, ganz zu
entledigen, und beruft sich, -- ein Jeder nach Maassgabe seines
Scharfsinnes -- auf ein anderes: der Schwache auf das Beispiel der
grsseren, oder der vom Schicksale begnstigteren Menge; der
Scharfsinnigere geradezu auf seine Neigung, die er statt des zum
Vorurtheile herabgewrdigten inneren Gefhls durch tausend
Spitzfindigkeiten als hchstes Gesetz fr die freien Handlungen
vernnftiger Wesen aufzustellen sucht; endlich ganze Zeitalter -- o
unseligste Ausgeburt des menschlichen Verderbens! -- auf erdichtete oder
verflschte Offenbarungen der Gottheit, die, unter der Gewhrleistung
eben des Gottes, der seinen Willen unauslschlich in unser Herz schrieb,
diesem in unser Herz geschriebenen Willen geradezu widersprechen und in
seinem Namen das Laster in Tugend verwandeln. -- Sehet da, m. Br., in
dem Verderben der Menschen, und in ihrer Begierde, dieses Verderben vor
sich selbst zu verbergen, die wahre Urquelle Jenes: andere, die es doch
besser verstehen sollten, machen es eben so -- das man so oft hrt;
jener Gebude von Sittenvorschriften, die jetzt feiner, jetzt grber
unsere Neigung als hchstes Sittengesetz aufstellen, und nach denen
nichts unerlaubt ist, als wozu es uns an Kraft fehlt; jener
Religionsgrundstze, die uns dort durch Tausender, hier durch Eines
fremdes Verdienst -- nicht etwa ^das Fehlende^ eigener Verdienste bei
dem mglichst thtigen guten Willen -- eine solche Hoffnung bietet die
Religion, und verstattet die Vernunft Jedem, der ihrer bedarf -- sondern
den gnzlichen Mangel an eigenem guten Willen ersetzen lehren, und uns
am Ende eines gemisbrauchten Lebens dort in eine Mnchskutte, und hier
an ein kaltes: Herr, ich glaube, verweisen!

Dies sind die Wege, die das menschliche Herz nimmt, um sich der
Erkenntniss der Wahrheit zu entziehen. Um allen diesen Fallstricken, die
der schlauste Verfhrer, unser eigenes Ich, uns legt, zu entgehen,
bedarf es der ^Wahrheitsliebe: -- der entschiedenen vorherrschenden
Neigung, die Wahrheit _bloss um ihrer selbst willen_ -- sie falle fr
uns auch aus, wie sie wolle -- anzuerkennen^. -- Diese Wahrheitsliebe,
oder mit Jesu zu reden, dieser Geist der Wahrheit treibt uns frs erste,
unser Gewissen als den einzigen Richter ber das, was recht oder unrecht
ist, und als das hchste Gesetz anzuerkennen, dem wir immer und ohne
Ausnahme zu gehorchen, schlechterdings schuldig sind. -- Die schnste
Uebersetzung des allgemeinen Ausspruchs dieses Gesetzes ist die, welche
Jesus gegeben hat: ^Was ihr nicht wollt, dass es euch die Leute thun,
das thut auch ihr ihnen nicht^, oder allgemeiner: ^was euch an anderen
ungerecht und schndlich vorkommt, das ists gewiss auch an euch; denn
ebendieselbe Stimme in euch, die es an andern verdammt, verdammt es auch
an euch^.

Es ist also der erste und der Hauptgrundsatz der Wahrheitsliebe: ^nichts
sich fr erlaubt zu halten, was man nicht allen anderen stets und immer
erlauben mchte^. -- Die Vernunftmssigkeit dieses Grundsatzes ist ^so^
einleuchtend, und es ist ^so^ unvernnftig, zu glauben, dass ein
Einziger eine Ausnahme vom ganzen Menschengeschlechte und allen
vernnftigen Wesen machen solle; dass Ihm allein erlaubt seyn solle, was
er allen anderen nicht erlaubt, und fr ihn allein gerecht und edel seyn
solle, was er an allen anderen ungerecht und schndlich findet: dass es
schwer wird, es zu glauben, dass der grsste Haufen der Menschen sein
eigenes geliebtes Ich in diesen Rang setze, und diesem Gedanken gemss
handele.

Diese Wahrheitsliebe treibt frs zweite den, in welchem sie herrschend
geworden ist, ^sich nach den Vorschriften seines Gewissens unparteiisch
zu prfen^. -- Es ist ihm nur um die Wahrheit zu thun; nur sie ist ihm
werth und willkommen; sie ist ihm weit theurer als Er sich selbst; laute
sie, wie sie wolle, wenn es nur Wahrheit ist. Er wird also, weit
entfernt nach Entschuldigungen und Beschnigungen zu haschen, vielmehr
sehr sorgfltig ber sein betrgerisches Herz wachen. Er wird seine
Fehler nicht geringer, seine Tugenden nicht grsser machen wollen, als
sie sind. Er wird sich, wenn die Stimme der Wahrheit, -- das heiligste,
was er kennt -- ihn verurtheilt, dem Schmerze der Reue und dem Gefhle
der Scham vor sich selbst edelmthig unterwerfen.

Diese Wahrheitsliebe nun treibt unwiderstehlich zur Tugend. Anerkennt
man das Gewissen fr sein hchstes Gesetz; prft man sich unparteiisch
nach demselben, so wird man die Pein, sich selbst verachten zu mssen,
nicht lnger ertragen, sich nicht entschliessen knnen, sich selbst fr
ungerecht und bse zu halten, und -- es bleiben zu wollen. So ein
Zustand ist wider die menschliche Natur. Sich fr verdorben halten, und
sich entschliessen, es zu bleiben, ist widernatrlich.

Dieser Wahrheitsgeist zeugt, laut unseres Textes, von Jesu. Er berzeugt
Jeden, in dem er herrschend geworden, durch eigene Erfahrung, dass die
Sittenlehre Jesu die reinste Darstellung der Aussprche unseres
Gewissens sey. ^So jemand will den Willen thun des, der mich gesandt
hat, der wird inne werden, ob diese Lehre von Gott sey, oder ob ich von
mir selber rede^, konnte er mit seinem vollen Rechte sagen.

Doch hrt noch, a. Z., die eigenen Worte dieses Jesus ber
Wahrheitsliebe, damit ihr euch noch mehr berzeugt, dass ich euch jetzt
nicht etwa philosophische Untersuchungen, sondern reine Bibellehre
vorgetragen habe, die jeden Christen angeht. So sagt Jesus Joh. 3,
19-21.

^Das ist das Gericht^, d. h. das ist der wesentliche Unterschied, der
zwei sehr verschiedene Arten von Menschen ihrer Denkungsart, und ihren
damit genau verbundenen Schicksalen nach unterscheidet, dass einige,
^obgleich das Licht in die Welt gekommen ist, die Finsterniss mehr
lieben, als das Licht^, d. h. dass sie, obgleich die Stimme der Wahrheit
laut genug in ihrem Gewissen redet, und sie auch von aussen aufmerksam
auf dieselbe gemacht werden, dennoch die Wahrheit nicht anerkennen
^wollen^, sie hassen und meiden, und nur den Betrug lieben, der ihnen
schmeichelt, ^da ihre Werke bse sind^. -- ^Wer Arges thut, hasset das
Licht^, oder die Wahrheit, ^und er kmmt nicht an das Licht^, er weicht
der Erkenntniss der Wahrheit sorgfltig aus, ^damit seine Werke nicht
gestraft werden^, damit er nicht von seiner Verdorbenheit berfhrt, und
vor sich selbst beschmt werde. -- -- Die von dieser Menschenklasse sehr
Verschiedenen sind diejenigen, ^welche die Wahrheit thun^, welche ihr
Gewissen fr das hchste Gesetz ihres Verhaltens anerkennen, und fest
entschlossen sind, der Stimme desselben in allem zu gehorchen: -- ^diese
kommen an das Licht^, sie mgen sich gern in ihrer wahren Gestalt
erblicken, ^damit ihre Werke offenbar werden^, und sie dadurch sich
selbst kennen lernen, wie weit sie in der Tugend gekommen sind, und was
ihnen zu thun noch brig ist.

Dieser Geist der Wahrheit ^geht^, nach den Worten Jesu in unserem Texte,
^vom Vater aus^; er ist ein Geschenk der Gottheit, von welcher alle gute
Gaben kommen, und das Edelste, was sie der Menschheit gab. Aber Gott gab
dieses Geschenk nicht etwa nur einigen, und versagte es anderen, er gab
die Anlage dazu allen; gab sie gewiss auch Jedem, der hier gegenwrtig
ist. -- -- O, m. Br., warum kann ich nicht mit Jedem unter euch in die
geheime Geschichte seines Herzens zurckgehen; warum kann ich nicht
Jedem, Schritt vor Schritt, die Vorflle aufzhlen, bei denen die
bessere Seele in ihm lauter wurde? --

Denkt zurck an die innige Bewegung, mit der die meisten unter euch das
erste Mal beim Nachtmahle erschienen; an die Thrnen der Rhrung, mit
denen ihr damals vor den Augen Gottes und den Augen der Gemeine
angelobtet, der Stimme eures Gewissens stets zu gehorchen; an die
ernsthaften Vorstze der Besserung, mit denen ihr diese Handlung oft
wiederholt habt; an die noch ernsthafteren Vorstze, die ihr fasstet,
wenn Krankheit oder eine andere Noth euch veranlasste, einen Blick in
euer Innerstes zu thun; an den Schauder und das Herzklopfen, das auch
den Verdorbensten unter uns bermannte, wenn er eine Snde thun wollte,
die ihm neu und grsser war, als seine vorhergehenden; an das Entsetzen,
das uns alle befllt, wenn wir von einer harten Ungerechtigkeit, von
einer grossen Schandthat hren -- alles das waren und sind Spuren dieser
besseren Seele in uns.

Und nun ist es unsere Sache, uns zu prfen, wie viel von dieser
ursprnglichen Wahrheitsliebe wir in uns briggelassen haben. Und diese
Prfung, m. Br., ist nicht schwer; auf der Stelle knnen wir unser Herz
auf dem Betruge ergreifen, wenn es uns betrgt.

Der gemeinste Begriff, den selbst der unausgebildetste von seiner
Bestimmung hat, ist der, ^Gott zu gefallen und in den Himmel zu kommen^.
Wer ist unter uns, der das nicht hoffe? Worauf grnden wir nun diese
Hoffnung, -- nicht von ^Gottes^ Seite, davon ist hier nicht die Rede, --
sondern von ^der unsrigen^, oder, was denken ^wir^ zu thun, um in den
Himmel zu kommen? Trstet ihr euch etwa eures Kirchen- und eures
Nachtmahlsgehens -- oder wohl gar einer kalten Reue, die ihr einst auf
eurem Sterbebette empfinden wollt -- trstet ihr euch irgend eines
Dinges, ausser der gewissenhaften Erfllung aller eurer Pflichten, und
des ernstesten Entschlusses nichts zu thun, was ihr fr unrecht haltet:
so hat euch bisher euer Herz betrogen, denn es hat euch an ein ander
Gesetz angewiesen, als an euer Gewissen.

Ihr habt alle irgend ein Vorhaben; ihr habt vielleicht ohnlngst irgend
ein anderes ausgefhrt. -- Knnt ihr im Ernste wnschen, dass jeder
eurer Nebenmenschen stets und immer so handle, dass er auch gegen euch
so handle, wie ihr gehandelt habt, oder zu handeln im Begriffe steht;
knnt ihr wnschen, in einer Welt zu leben, wo jeder so handelt? Solltet
ihr dieses nicht wnschen knnen, -- haltet ihr demohngeachtet eure
Handlung noch fr gerecht und billig? Haltet ihr sie dafr, so seyd
versichert, dass euer Herz euch betrgt, und dass die Entschuldigungen,
die es euch darbietet, eitel Tuschungen sind.

Es ist, wenn wir in dieser Prfung unser Herz nicht ganz lauter befunden
haben sollten, nun unsere Sache, zu sehen, wie wir diese Wahrheitsliebe
in uns wieder herstellen wollen, -- wenn wir anders nicht lnger jeden
Blick, den wir in unseren Busen werfen, mit Errthen wieder
zurckreissen wollen; nicht lnger von dem Auge des ehrlichen Mannes uns
gedrckt fhlen, und schchtern suchen wollen, unser Herz vor ihm zu
verbergen, dass er nicht durch irgend eine Spalte desselben unsere
Schande entdecke; nicht lnger dem Gedanken an Gott, den
Herzenskndiger, und an die Zukunft, mit Angst ausweichen wollen.

Dazu giebt es nun leider kein Mittel, was nicht wenigstens einen Theil
dieser Wahrheitsliebe voraussetzte, die dadurch erst hervorgebracht
werden soll. Wer gar keine mehr hat, der ist ohne Rettung verloren;
treibt ihn in die Enge, soviel ihr wollt, -- er wird stets recht haben,
und nie wird es ihm an Entschuldigungen und Ausflchten fehlen; er wird,
wie Jesus sagt, nicht glauben, und wenn die Todten auferstnden, und ihm
die Wahrheit predigten; daher denn auch die Gottesgelehrten diesen
Zustand sehr passend das ^Gericht der Verstockung^ genannt haben. --
Aber sollte es viele, sollte es berhaupt Menschen geben, die ^so^ tief
verfallen seyen? Auf das verdorbenste Herz geschehen zuweilen noch gute
Eindrcke; wenn ihnen ihr ganzer trauriger Zustand recht nach dem Leben
vor Augen gemalt wird; oder, wenn sie in ein grosses Unglck verfallen,
aus dem sie mit ihrer ganzen Kraft sich nicht retten knnen; oder wenn
sie das Schauspiel einer grossen Unthat erblicken, und sich gestehen
mssen, dass sie auf dem geraden Wege zu dem gleichen Verbrechen sind;
oder, welches das letzte und hrteste Rettungsmittel in der Hand der
Vorsehung ist, -- wenn sie selbst in eine grosse Missethat fallen, ber
die sie hinterher sich selbst entsetzen.

Gott gebe, dass keiner in unserer Mitte sey, der solcher Mittel bedrfe;
er gebe, dass keiner, der ihrer bedarf, auch diese ungentzt lasse.
Amen.




                                  C.
     Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie. In einer Reihe
                        von Briefen. 1794.[32]


        (Phil. Journal 1798. Bd. IX. S. 199-232. S. 292-305.)


                            Erster Brief.

Sie haben Ihre Erwartungen von der Philosophie noch nicht aufgegeben,
mein theurer Freund; Sie fahren fort, an unseren Bemhungen um dieselbe
Antheil zu nehmen, und fllen noch immer einen Theil Ihrer
Erholungsstunden mit philosophischer Lectre. Aber, so schreiben Sie
mir, der Nachbar drfte fast durch die Vorstellung einer neuen Gefahr
Sie beunruhigen. Ihn macht der Unterschied bedenklich, den ein oder zwei
neuere Schriftsteller zwischen Geist und Buchstaben in der Philosophie
berhaupt, und insbesondere einer gewissen Philosophie und gewisser
philosophischer Werke gemacht haben. Wo es hinauswolle, und was aus dem
unermdetsten Studiren werden knne, wenn es dem ersten dem besten
erlaubt seyn solle, die mit saurer Mhe zusammengebrachten Kenntnisse im
ersten Andrange des Kraftgenies zu streichen: unter dem Vorwande, dass
dies doch nur der Buchstabe sey, und nicht der Geist? -- Der Nachbar
denkt auf Sicherheit, und Sie wnschen eine klare Einsicht in die
Beruhigungsgrnde, die Sie schon jetzt dunkel fhlen. Sie haben bemerkt,
dass ich auch mit fr diese Unterscheidung stimme, und verlangen von mir
eine grndliche und gemeinfassliche Auseinandersetzung: was Geist ^der^
Philosophie, und Geist ^in^ der Philosophie heisse, und wie sich
derselbe vom Buchstaben, und vom blossen Buchstaben unterscheide.

[Funote 32: Die folgenden drei Briefe, deren Fortsetzung in einem der
knftigen Hefte erscheinen wird, sind schon vor vier Jahren abgefasst
worden. -- Ich erinnere dies, um das Stillschweigen ber neuere Vorflle
und Aeusserungen, an die man durch diese Ueberschrift erinnert wird, zu
erklren.

                                               (Anm. des Verfassers.)]

Ich hoffe, dass Sie durch die Forderung der Grndlichkeit mich nicht
ber Vermgen verpflichten wollen: dass Sie durch dieselbe nicht mehr
andeuten, als dass ich nach bestem Wissen und Gewissen, soweit ich
selbst auf den Grund sehe, jenen Unterschied aus ihm ableite. Das wrde
denn auch in der Krze geschehen knnen, wenn ich alles, was die
unmittelbare Beantwortung Ihrer Frage voraussetzt, voraussetzen drfte.
Da dies aber Ihre Rechnung nicht zu seyn scheint, indem Sie zugleich
Gemeinfasslichkeit fordern, so muss ich Sie einen lngeren Weg fhren,
von welchem ich wnsche, dass er Ihnen nie als ein Umweg erscheinen
mge. Sie sollen auf demselben langsam gehen, und zuweilen ruhen und
Aussicht nehmen; aber mit ein wenig Geduld hoffe ich Sie an das Ziel zu
bringen und ihre Besorgnisse zu heben. -- Was die Belehrung des Nachbars
anbelangt -- doch, die Erfahrung, die Sie dabei zu machen haben, kann
wenigstens fr Sie selbst belehrend seyn.

Ehe ich Ihnen deutlich machen kann, was ich unter Geist in der
Philosophie verstehe, mssen wir uns darber vereinigen, was wir
berhaupt Geist nennen.

Sie erinnern sich der Klagen, die Sie fhrten, als Sie ein gewisses, von
einigen hochgepriesenes Buch lasen. Sie konnten sich in dasselbe nicht
hineinlesen. Sie hatten es vor sich und Ihre Augen fest darauf geheftet;
aber Sie fanden, so oft Sie auf sich selbst reflectirten, sich weit von
dem Buche; jeder Ihrer Angriffe auf den Inhalt und den Gang desselben
gleitete ab, und so oft auch Sie den sprden Geist desselben ergriffen
zu haben glaubten, entschlpfte er Ihnen unter den Hnden. Sie hatten
nthig, immer und immer wieder sich selbst zu erinnern, dass Sie dieses
Buch studiren wollten, es studiren mssten; und es bedurfte der oft
wiederholten Vorstellung des Nutzens und der Belehrung, die Sie daraus
erwarteten, um den fortdauernden Widerstand auszuhalten; bis Sie endlich
aus anderen Grnden berzeugt wurden, dass Sie es ebensowohl ungelesen
lassen knnten, und dass selbst die Ausbeute nur geringe und der
aufgewandten Mhe nicht werth seyn werde. -- Lag dabei die Schuld
lediglich an Ihnen, an Ihrem Mangel an Aufmerksamkeit, an dem
Nichtverhltnisse Ihres Talents gegen die Tiefe und Grndlichkeit jenes
Buches? Sie schienen das nicht zu glauben; die Stimmung, in der Sie sich
bei der Lectre anderer, nicht minder grndlicher Schriften fanden,
erlaubte Ihnen, eine gnstigere Meinung von sich zu fassen. Sie fhlten
von diesen sich angezogen und gefesselt; es bedurfte keiner Erinnerung
an Ihren Vorsatz, das Buch zu studiren, und an den Vortheil, den Sie
sich aus dem Studium desselben versprachen. Sie brauchten bei einer
Lectre, die allein Ihren ganzen Geist ausfllte, keinen Zweck
ausserhalb derselben aufzusuchen, und nur das kostete Ihnen Mhe, sich
davon loszureissen, wenn andere Geschfte Sie abriefen. Sie waren
vielleicht mehrmals in einem hnlichen Falle, wie eine gewisse
franzsische Frau. Die Stunde, da der Hofball erffnet wurde, traf
dieselbe bei der Lectre der neuen Heloise. Man meldete ihr, dass
angespannt sey; aber es war noch zu frh, nach Hofe zu fahren. Nach zwei
Stunden, da man sie wieder erinnerte, war es noch immer Zeit genug; und
zwei Stunden darauf fand sie es zu spt. Sie las die ganze Nacht durch,
und opferte fr dieses Mal den Ball auf.

So gehts mit Bchern, so geht es mit anderen Producten der Kunst sowohl,
als der Natur. Das eine lsst uns kalt und ohne Interesse, oder stsst
uns wohl gar zurck; ein anderes zieht uns an, ladet uns ein, bei seiner
Betrachtung zu verweilen und uns selbst in ihm zu vergessen.

Diese Erfahrung ist um so merkwrdiger, da die Grnde, aus denen man sie
etwa auf den ersten Anblick drfte erklren wollen, nicht auslangen. Der
weniger ernsthafte und oberflchliche Leser, der nur Vergngen sucht,
und an den die Belehrung fast nur durch einen feinen Betrug unter der
Gestalt des ersten gelangen kann, mag im ganzen freilich lieber durch
Erzhlungen unterhalten seyn, als mit dem Schriftsteller nachdenken und
forschen. Aber oft gelingt es der reichsten Erzhlung, wo Begebenheiten
auf Begebenheiten folgen, die eine immer abenteuerlicher als die andere,
nicht, die Aufmerksamkeit des Lesers anzuziehen; und es giebt ihrer in
Menge, die, ohne alle Rcksicht auf Belehrung, lieber mit Voltaire
rsonniren, oder mit Lessing polemisiren, als die Begebenheiten der
schwedischen Grfin sich erzhlen lassen. Es scheint daher allerdings
der Mhe werth, und liegt vielleicht auf unserem Wege, zu untersuchen:
was es doch eigentlich seyn mge, das uns hier, es sey zu Frivolitten
oder zu ernsthaften und wichtigen Untersuchungen, so mchtig hinzieht;
dort, so wichtig und ntzlich auch der abgehandelte Gegenstand sey, so
unwiderstehlich zurckstsst?

So viel ist klar, dass ein Werk der erstern Art unsern Sinn selbst fr
seinen Gegenstand anregen, beleben, strken mge; dass ein solches Werk
uns nicht bloss das Object unserer geistigen Beschftigung, sondern
zugleich das Talent gebe, uns mit demselben zu beschftigen, uns nicht
das Geschenk allein, sondern sogar die Hand darreiche, mit der wir es
ergreifen sollen; dass es das Schauspiel und die Zuschauer zugleich
erschaffe, und, wie die Lebenskraft im Weltall, mit demselben Hauche der
todten Materie Bewegung und Organisation, und der organisirten geistiges
Leben mittheile: da hingegen ein Product von der letztern Klasse gerade
denjenigen Sinn, dessen man zu seinem Genusse bedrfte, aufhlt und
hemmt, und durch den fortdauernden Widerstand ermdet und tdtet; so
dass der in jedem Augenblicke abgelaufene Mechanismus des Geistes durch
einen neuen Druck der Haupttriebfeder in ihm, der absoluten
Selbstthtigkeit, wieder hergestellt werden muss, um im nchsten
Augenblicke wieder unterbrochen zu werden. Im ersten Falle denkt unser
Verstand, oder dichtet unsere Einbildungskraft von selbst mit dem
Knstler zugleich, und sowie er es will, ohne dass wir ihr gebieten; die
gehrigen Begriffe, oder die beabsichtigten Gestalten bilden und ordnen
sich vor unserem geistigen Auge, ohne dass wir die Hand daran gelegt zu
haben glauben. Im zweiten Falle mssen wir immer ber uns selbst wachen
und uns in strenger Aufsicht haben, stets das Gebot der Aufmerksamkeit
wiederholen und ber seine Beobachtung halten. Wie wir unser geistiges
Auge wegwenden, entfleucht unsere Aufmerksamkeit vom Ziele, die
unbewachte Phantasie sucht wieder ihre gewohnte Bahn, oder auch der
Geist fllt in sein dumpfes Hinbrten zurck. Mit einem Worte: Producte
der erstern Art scheinen eine belebende Kraft zu haben fr den innern
Sinn, und insbesondere jedesmal fr denjenigen besonderen Sinn, fr den
ihre Auffassung gehrt; Producte der letztern Art mgen Ordnung und
Grndlichkeit und Nutzbarkeit, sie mgen alles haben, was man will, jene
Kraft haben sie nicht.

Wir nennen diese belebende Kraft an einem Kunstproducte Geist, den
Mangel derselben Geistlosigkeit, und stehen sonach gerade vor dem
Gegenstande, welchen wir zu untersuchen haben.

Wie erhlt ein menschliches Product jene belebende Kraft, und woher hat
der geistvolle Knstler das Geheimniss, sie ihm einzuhauchen? Mit
angenehmem Befremden entdecke ich bei Betrachtung seines Werkes Anlagen
und Talente in mir, die ich selbst nicht kannte. Hat er auf diese
Anlagen in mir die Wirkung seiner Kunst berechnet? Ohne Zweifel; denn
woher sonst dieser Erfolg? Aber wer hat ihm mein Inneres aufgedeckt, in
welchem ich selbst ein Fremdling war? Wenn er noch allenfalls durch hohe
Vorstellungen aus der Religion mich in berirdische Welten erhbe, oder
durch die Schrecken des Weltgerichts erschtterte, oder durch die Leiden
der sanftduldenden Unschuld mir Thrnen entlockte, mchte es seyn;
unerachtet es noch immer wunderbar bliebe, wie er es dahin bringt, dass
ich auf seine Dichtungen, die ich fr nichts als Dichtungen halte, mich
nur einlasse und ihnen Empfindungen widme, die nur zu wahr sind. Aber
mit der gleichen Zuversicht schildert sein Griffel einen lndlichen
Tanz, wirft sein Pinsel eine Feldblume auf die Leinwand, und mein Herz
ist immer seine gewisse Beute. Wo liegt der unbegreifliche Zusammenhang
dieser Mittel mit jenem Zwecke, und durch welche Kunst hat er errathen,
was durch kein Nachdenken sich drfte finden lassen?


                            Zweiter Brief.

Sie nehmen die am Ende meines vorigen Briefes hingeworfene Frage auf,
und beantworten sie folgendermaassen:

Nirgends als in der Tiefe seiner eigenen Brust kann der geistvolle
Knstler aufgefunden haben, was meinen und Aller Augen verborgen in der
meinigen liegt. Er rechnet auf die Uebereinstimmung anderer mit ihm; und
rechnet richtig. Wir sehen, dass unter seinem Einflusse die Menge, wenn
sie nur ein wenig gebildet ist, wirklich in Eine Seele zusammenfliesst,
dass alle individuelle Unterschiede der Sinnesart verschwinden, dass die
gleiche Furcht, oder das gleiche Mitleid, oder das gleiche geistige
Vergngen Aller Herzen hebt und bewegt. Er muss demnach, inwiefern er
Knstler ist, dasjenige, was allen gebildeten Seelen gemein ist, in sich
haben, und anstatt des individuellen Sinnes, der uns andere trennt und
unterscheidet, muss in der Stunde der Begeisterung gleichsam der
Universalsinn der gesammten Menschheit, und nur dieser, in ihm wohnen.
-- Wir alle sind auf mannigfaltige Weise von einander verschieden; kein
Einzelner ist irgend einem andern Einzelnen, dem Geistescharakter so
wenig, als dem krperlichen nach, vollkommen gleich.

Dennoch mssen wir alle, nher oder entfernter, nach Maassgabe der
Gleichfrmigkeit oder der Verschiedenheit unserer Ausbildung, schon auf
der Oberflche unseres Geistes, oder in seinen geheimeren Tiefen gewisse
Vereinigungspuncte haben; denn wir verstehen uns, wir knnen uns
einander mittheilen, und aller menschliche Umgang ist von Anbeginn an
nichts anderes gewesen, als ein ununterbrochener Wechselkampf aller
Einzelnen, jeden Einzelnen, mit dem sie im Gange des Lebens
Berhrungspuncte bekamen, mit sich selbst bereinstimmig zu machen. Was
keinem so leicht, und keinem ganz gelingt, gelingt dem Knstler, indem
er das Ziel verndert, und es aufgiebt, seine Individualitt in andern
darzustellen; vielmehr diese selbst aufopfert, und statt ihrer jene
Vereinigungspuncte, die in allen Einzelnen sich wiederfinden, zum
individuellen Charakter seines Geistes und seines Werkes macht. Daher
heisst das, was ihn begeistert, Genius, und hoher Genius: ein Wesen aus
einer hheren Sphre, in welcher alle niedere und irdische Grenzlinien,
die den individuellen Charakter der Erdenmenschen bestimmen, nicht mehr
unterschieden werden und in einen leichten Nebel zusammenfliessen.

Da die Mittel, deren er sich bedient, um jenen Gemeinsinn in uns
anzuregen und zu beschftigen, und die Individualitt, so lange er uns
unter seinem Einflusse hlt, verstummen zu machen, -- da diese Mittel
und ihr nothwendiger Zusammenhang mit der Wirkung durch kein Nachdenken,
durch keine Beziehung auf ihren Zweck durch Begriffe, so leicht drften
aufgefunden werden, wenigstens alle bisherigen Bemhungen, sie auf diese
Art aufzufinden, gescheitert sind: so kann er nur durch Erfahrung, durch
eigene innere Erfahrung an sich selbst, zur Kenntniss derselben gelangt
seyn. Er hat einst selbst empfunden, was er uns nachempfinden lsst, und
dieselben Gestalten, die er jetzt vor unser Auge hinzaubert, --
ununtersucht, auf welchem Wege sie vor das seinige kamen, -- haben ihn
einst selbst in jene ssse Trunkenheit, in jenen holden Wahnsinn
eingewiegt, der uns alle bei seinem Gesange, oder vor seiner belebten
Leinwand, oder bei dem Tone seiner Flte ergreift. Er ist wieder zur
kalten Besonnenheit gekommen, und stellt mit nchterner Kunst dar, was
er in der Entzckung erblickte, um in seine Verirrung, deren geliebtes
Andenken ihn noch mit sanfter Rhrung erfllt, das ganze Geschlecht
hineinzuziehen, und die Schuld, welche die Einrichtung seiner Gattung
auf ihn lud, unter die ganze Gattung zu vertheilen. Wo gebildete
Menschen wohnen, wird bis an das Ende der Tage das Andenken seiner
lngst erloschenen Begeisterung durch ihre Wiederholung gefeiert
werden.

So lsen Sie die vorgelegte Aufgabe; und ich glaube, Sie haben recht.
Aber erlauben Sie, dass wir gemeinschaftlich uns Ihre Meinung weiter
aufklren, sie in ihre feineren Bestandtheile zerlegen, sie aus ihren
Grnden entwickeln, um uns etwas Bestimmtes zu denken unter jenem
Universalsinne, den Sie Ihrer Erklrung zum Grunde legen; um klar
einzusehen, wie jener Eindruck entstehe, den sie auf diesen Sinn in der
Seele des Knstlers geschehen lassen; um zu begreifen, so gut es sich
begreifen lsst, warum sich derselbe so leicht und so allgemein
mittheile.

Vollkommen unabhngig von aller usseren Erfahrung, und ohne alles
fremde Hinzuthun soll der Knstler aus der Tiefe seines eigenen Gemthes
entwickeln, was, Aller Augen verborgen, in der menschlichen Seele liegt;
er soll nur unter Anleitung seines Divinationsvermgens
Vereinigungspuncte fr die gesammte Menschheit aufstellen, die sich in
keiner bisherigen Erfahrung als solche bewhrt haben. Aber das einzige
Unabhngige und aller Bestimmung von aussen vllig Unfhige im Menschen
nennen wir den Trieb. Dieser, und dieser allein ist das hchste und
einzige Princip der Selbstthtigkeit in uns; er allein ist es, der uns
zu selbststndigen, beobachtenden und handelnden Wesen macht. -- So weit
der Einfluss der usseren Dinge auf uns sich auch immer erstrecken mge,
so erstreckt er sicher sich doch nicht so weit, dass er dasjenige in uns
hervorbringe, was jene selbst nicht haben, und dass in ihrer Einwirkung
gerade das Gegentheil von demjenigen liege, was in ihnen selbst, als in
der Ursache, enthalten ist. Die Selbstthtigkeit im Menschen, die seinen
Charakter ausmacht, ihn von der gesammten Natur unterscheidet und
ausserhalb ihrer Grenzen setzt, muss sich auf etwas ihm Eigenthmliches
grnden; und dieses Eigenthmliche eben ist der Trieb. Durch seinen
Trieb ist der Mensch berhaupt Mensch, und von der grssern oder
geringern Kraft und Wirksamkeit des Triebes, des innern Lebens und
Strebens, hngt es ab, was fr ein Mensch jeder ist.

Lediglich durch den Trieb ist der Mensch vorstellendes Wesen. Knnten
wir ihm auch, wie einige Philosophen wollen, den Stoff seiner
Vorstellung durch die Objecte geben, die Bilder durch die Dinge von
allen Seiten her ihm zustrmen lassen: so bedrfte es doch immer der
Selbstthtigkeit, um dieselben aufzufassen und sie auszubilden zu einer
Vorstellung, dergleichen die leblosen Geschpfe im Raume um uns herum,
denen die durch das ganze Weltall herumschweifenden Bilder so wohl als
uns zustrmen mssen, nicht besitzen. Es bedarf dieser Selbstthtigkeit,
um diese Vorstellungen nach willkrlichen Gesichtspuncten zu ordnen:
jetzt die ussere Gestalt einer Pflanze zu betrachten, um sie
wiederzuerkennen und von allen hnlichen zu unterscheiden; jetzt den
Gesetzen nachzuspren, nach denen die Natur diese Bildung bewirkt haben
mag; jetzt zu untersuchen, wie man jene Pflanze etwa zur Speise, oder
zur Kleidung, oder zur Arznei gebrauchen knne. Es bedarf der
Selbstthtigkeit, um unsere Erkenntniss von den Gegenstnden
unaufhrlich zu steigern und zu erweitern; und lediglich durch sie wird
derselbe Stern fr den Astronomen ein grosser, fester, in unermesslicher
Entfernung nach unverbrchlichen Gesetzen sich bewegender Weltkrper,
der fr den unbelehrten Naturmenschen immerfort ein Lmpchen bleibt, bei
dessen Scheine er sein Ackergerth zusammensuche.

Inwiefern der Trieb solchergestalt auf Erzeugung einer Erkenntniss
ausgeht, in welcher Rcksicht wir ihn auch um der Deutlichkeit und der
Krze willen den Erkenntnisstrieb nennen knnen, gleichsam, als ob er
ein besonderer ^Grundtrieb^ wre -- welches er doch nicht ist; sondern
er und alle besonderen Triebe und Krfte, die wir noch so nennen
drften, sind lediglich besondere Anwendungen der einzigen untheilbaren
Grundkraft im Menschen, und man hat sich sorgfltig zu hten,
dergleichen Ausdrcke in dieser oder in irgend einer philosophischen
Schrift anders, als so zu deuten; -- der Erkenntnisstrieb demnach wird
in gewissem Maasse immer befriedigt; in jedem Menschen sind
Erkenntnisse, und ohne sie wre er kein Mensch, sondern etwas anderes.
Dieser Trieb ussert also im allgemeinen sich durch seine Wirkung; von
dieser schliessen wir auf die Ursache im selbstthtigen Subject zurck,
und lediglich auf diese Weise gelangen wir sowohl zur Idee vom Daseyn
jenes Triebes, als zur Erkenntniss seiner Gesetze.

Nicht immer befriedigt wird der Trieb, inwiefern er nicht auf blosse
Erkenntniss des Dinges, wie es ist, sondern auf Bestimmung, Vernderung
und Ausbildung desselben, wie es seyn sollte, ausgeht, und praktisch
heisst; dieses in engster Bedeutung, denn der Strenge nach ist aller
Trieb praktisch, da er zur Selbstthtigkeit treibt, und in diesem Sinne
grndet alles im Menschen sich auf den praktischen Trieb, da nichts in
ihm ist, ausser durch Selbstthtigkeit: -- oder, inwiefern er ausgeht
auf eine gewisse bestimmte Vorstellung, bloss um der Vorstellung willen,
keinesweges aber um eines Dinges willen, das ihr entspreche, oder auch
nur um der Erkenntniss dieses Dinges willen; welchen letzteren Trieb, da
er in seiner Allgemeinheit noch keinen Namen hat, wir vorlufig so
bezeichnen wollen, wie man bisher einen Zweig desselben bezeichnet hat,
und ihn den sthetischen nennen. Es ist klar, dass man zur Kenntniss
dieser Triebe nicht auf dem gleichen Wege, wie zu der des
Erkenntnisstriebes, durch eine Folgerung von der Wirkung auf die
Ursache, gelangen knne; und es fragt sich demnach, wie man zu derselben
gelangt sey. Aber ehe wir diese Frage beantworten, lassen Sie uns die
soeben aufgestellten Triebe noch ein wenig schrfer unterscheiden.

Der Erkenntnisstrieb zielt ab auf Erkenntniss, als solche, um der
Erkenntniss willen. Ueber das Wesen, die usseren oder inneren
Beschaffenheiten des Dinges lsst er uns vllig uninteressirt; unter
seiner Leitung wollen wir nichts, als wissen, welches diese
Beschaffenheiten sind: wir wissen es und sind befriedigt. Auf seinem
Gebiete hat die Vorstellung keinen andern Werth und kein anderes
Verdienst, als das, dass sie der Sache vollkommen angemessen sey. Der
praktische Trieb geht auf die Beschaffenheit des Dinges selbst, um
seiner Beschaffenheit willen. Wir kennen dieselbe, wenn eine Anregung
jenes Triebes eintritt, nur zu wohl; aber wir sind mit ihr nicht
zufrieden: sie sollte anders und auf eine gewisse bestimmte Art anders
seyn. Im erstern Falle wird ein durch sich selbst und ohne alles unser
Zuthun vollstndig bestimmtes Ding vorausgesetzt, und der Trieb geht
darauf, es mit diesen Bestimmungen, und schlechterdings mit keinen
andern, in unserem Geiste durch freie Selbstthtigkeit nachzubilden. Im
zweiten Falle liegt eine, nicht nur ihrem Daseyn, sondern auch ihrem
Inhalte nach durch freie Selbstthtigkeit erschaffene Vorstellung in der
Seele zum Grunde, und der Trieb geht darauf aus, ein ihr entsprechendes
Product in der Sinnenwelt hervorzubringen. In beiden Fllen geht der
Trieb weder auf die Vorstellung allein, noch auf das Ding allein,
sondern auf eine Harmonie zwischen beiden; nur dass im ersten Falle die
Vorstellung sich nach dem Dinge, und im zweiten das Ding sich nach der
Vorstellung richten soll. Ganz anders verhlt es sich mit dem Triebe,
den wir soeben den sthetischen nannten. Er zielt auf eine Vorstellung,
und auf eine bestimmte Vorstellung, lediglich um ihrer Bestimmung und um
ihrer Bestimmung als blosser Vorstellung willen. Auf dem Gebiete dieses
Triebes ist die Vorstellung ihr eigner Zweck: sie entlehnt ihren Werth
nicht von ihrer Uebereinstimmung mit dem Gegenstande, auf welchen
hierbei nicht gesehen wird, sondern sie hat ihn in sich selbst; es wird
nicht nach dem Abgebildeten, sondern nach der freien unabhngigen Form
des Bildes selbst gefragt. Ohne alle Wechselbestimmung mit einem Objecte
steht eine solche Vorstellung isolirt, als letztes Ziel des Triebes, da,
und wird auf kein Ding bezogen, nach welchem sie, oder welches nach ihr
sich richte. Wie der praktischen Bestimmung eine Vorstellung zum Grunde
liegt, die selbst ihrem Gehalte nach durch absolute Selbstthtigkeit
entworfen ist, so liegt der sthetischen Bestimmung eine auf die gleiche
Weise entworfene Vorstellung zum Grunde; nur mit dem Unterschiede, dass
der letztern, nicht so wie der erstern, etwas Entsprechendes in der
Sinnenwelt gegeben werden soll. Wie der Erkenntnisstrieb eine
Vorstellung zu seinem letzten Ziele hat, und befriedigt ist, nachdem
diese gebildet worden, so der sthetische; nur mit dem Unterschiede,
dass die Vorstellung der ersteren Art mit dem Dinge bereinkommen, die
der letztern Art mit gar nichts bereinkommen soll. -- Es ist mglich,
dass eine Darstellung des sthetischen Bildes in der Sinnenwelt
gefordert werde; aber das geschieht nicht durch den sthetischen Trieb,
dessen Geschft mit der blossen Entwerfung des Bildes in der Seele
vollkommen geschlossen ist, sondern durch den praktischen, der dann aus
irgend einem Grunde in die Reihenfolge der Vorstellungen eingreift, und
einen mglichen usserlichen und fremden Zweck jener Nachbildung in der
Wirklichkeit aufstellt. So kann es gleichfalls geschehen, dass die
Vorstellung eines wirklich vorhandenen Gegenstandes dem sthetischen
Triebe vollkommen angemessen sey; nur bezieht sich die dann eintretende
Befriedigung dieses Triebes schlechterdings nicht auf die ussere
Wahrheit der Vorstellung; das entworfene Bild wrde nicht minder
gefallen, wenn es leer wre, und es gefllt nicht mehr, weil es
zuflligerweise zugleich Erkenntniss enthlt. -- So musste es denn auch
seyn -- woran ich Sie hier nur im Vorbeigehen erinnere, und um mich noch
deutlicher zu machen, nicht aber um daraus vorlufig weiter zu folgern
-- so musste es denn auch seyn, wenn beide unvertrgliche Triebe, der,
die Dinge zu lassen, wie sie sind, und der, sie berall und ins
Unendliche hinaus umzuschaffen, sich vereinigen und einen einzigen
untheilbaren Menschen darstellen sollten, nach unserer gegenwrtigen
Ansicht der Sache; oder auch nach unserer obigen Weise sie anzusehen,
welche der Strenge nach die einzig richtige ist, -- wenn beide Triebe
Ein und ebenderselbe Trieb seyn, und nur die Bedingungen seiner
Aeusserung verschieden seyn sollten. Der Trieb konnte nicht auf die
Vorstellung des Dinges gehen, ohne berhaupt auf die Vorstellung um
ihrer selbst willen zu gehen, und ebenso unmglich war ein Trieb, auf
das Ding selbst einzuwirken und es umzuarbeiten, nach einer Vorstellung,
die ausser aller Erfahrung, und ber alle mgliche Erfahrung
hinausliegen sollte, wenn es nicht berhaupt Trieb und Vermgen gab,
unabhngig von der wirklichen Beschaffenheit der Dinge Vorstellungen zu
entwerfen.

Wie mgen nun diese beiden zuletzt genannten Triebe sich ussern, wenn
der sthetische Trieb gar nicht, der praktische wenigstens nicht immer
Handlungen hervorbringt, in denen sie der Beobachtung dargestellt
wrden? Auch dann noch bleibt folgendes Mittel brig, um ihnen auf die
Spur zu kommen. Da der Trieb, so wie sein Wirken im Menschen eintritt
und berwiegend wird, die gesammte Selbstthtigkeit desselben anregen
und aufreizen, und dieselbe auf etwas Bestimmtes, es sey nun ein Ding
ausser ihm, oder eine Vorstellung in ihm, gnzlich hinrichten soll: so
muss nothwendig die zufllige Harmonie des Gegebenen mit jener Richtung
des Selbstthtigen, in einem fhlenden Wesen, wie der Mensch doch wohl
seyn soll, sich durch ein berwiegendes Gefhl seiner selbst, seiner
Kraft und Ausbreitung, welches man ein Gefhl der Lust nennt; die
zufllige Disharmonie des Gegebenen mit jener Richtung sich durch ein
ebenso berwiegendes Gefhl seiner Ohnmacht und Einengung offenbaren,
welches letztere man ein Gefhl der Unlust nennt. So denken wir uns im
Magnete eine Kraft, und als Grund dieser Kraft einen Trieb, alles Eisen
anzuziehen, das in seine Wirkungssphre kommt. Lassen wir ihn wirklich
ein Stck Eisen anziehen -- sein Trieb ussert sich, er ist befriedigt,
und geben wir dem Magnete das Gefhlsvermgen, so wird in ihm nothwendig
ein Gefhl dieser Befriedigung, d. i. ein Gefhl der Lust entstehen.
Lassen wir dagegen das Gewicht des Eisens seine Kraft berwiegen, so
bleibt darum in ihm noch immer der vorige Trieb; denn er wrde dasselbe
Stck Eisen wirklich anziehen, wenn wir vom Gewichte desselben so viel
wegnhmen, als seine Kraft berwiegt; aber er wird nicht befriedigt; und
wenn wir dem Magnete das Gefhlsvermgen zuschreiben, so msste er
nothwendig einen Widerstand, eine Einschrnkung und Einengung seiner
Kraft, mit Einem Worte, Unlust empfinden. Dieses ist die einzige Quelle
aller Lust und Unlust.

Beide Triebe, der praktische sowohl, als der sthetische, ussern sich
auf diese Weise, nur mit Unterschied. Der praktische Trieb geht, wie
gesagt worden, auf einen Gegenstand ausser dem Menschen, dessen Daseyn,
inwiefern keine Handlung erfolgt, noch erfolgen kann, als unabhngig von
ihm betrachtet werden muss. Der freilich leere Begriff von diesem
Gegenstande ist in der Seele vorhanden. Es kommt demnach allerdings
etwas im Gemthe vor, wodurch der Trieb fr das Bewusstseyn ausgedrckt
und bezeichnet wird, nemlich der Begriff dessen, worauf er geht: die
Bestimmung des Triebes ist dadurch charakterisirt, sie kann gefhlt
werden, und wird gefhlt, und heisst in diesem Falle ein Begehren -- ein
Begehren, inwiefern die Bedingungen, unter denen der Gegenstand wirklich
werden kann, als nicht in unserer Gewalt stehend betrachtet werden.
Kommen sie in unsere Gewalt, und wir entschliessen uns zu der Mhe und
zu den Aufopferungen, die es uns etwa kosten wird, sie wirklich zu
machen, so erhebt sich das Begehren zum Wollen. -- Man kann hier vor dem
Daseyn des Gegenstandes vorherwissen, was Lust oder Unlust erregen
werde, denn nur das wirkliche Daseyn des Gegenstandes erregt ein solches
Gefhl; man kann daher die Bestimmung des praktischen Triebes von dem
Gegenstande, und mithin von der Befriedigung oder Nichtbefriedigung
desselben unterscheiden; der menschliche Geist bekommt gleichsam etwas
ihm Angehriges, einen Ausdruck seines eigenen Handelns ausser sich, und
sieht mit Leichtigkeit in den Gegenstnden, wie in einem Spiegel, seine
eigene Gestalt. Ganz anders verhlt es sich mit dem sthetischen Triebe.
Er geht auf nichts ausser dem Menschen, sondern auf etwas, das lediglich
in ihm selbst ist. Es ist keine Vorstellung von seinem Gegenstande vor
dem Gegenstande vorher mglich, denn sein Gegenstand ist selbst nur eine
Vorstellung. Die Bestimmung des Triebes wird also durch nichts
bezeichnet, als lediglich durch die Befriedigung oder Nichtbefriedigung.
Die erstere lsst von der letztern sich durch nichts unterscheiden,
sondern beide fallen zusammen. Das, was durch den sthetischen Trieb in
uns ist, entdeckt sich durch kein Begehren, sondern lediglich durch ein
uns unerwartet berraschendes, in keinem begreiflichen Zusammenhange mit
den brigen Verrichtungen unseres Gemthes stehendes, sondern vllig
zweckloses und absichtloses Behagen oder Misbehagen. So gebe man dem
Magnete zu dem Triebe, ein bestimmtes, seine Kraft berwiegendes, Stck
Eisen anzuziehen, die Vorstellung dieses Eisens: so wird er ^begehren^,
dasselbe anzuziehen; und wenn er sich ber seine Anziehungskraft auch
noch die Kraft zuschreiben kann, so viel, als sein Anziehungsvermgen
berwiegt, von dem Gewichte des Eisens hinwegzunehmen, und der Trieb,
jenes Eisen anzuziehen, strker ist, als etwa seine Abneigung, die Last
desselben zu verringern: so wird er es anziehen ^wollen^.[45] Nehmen Sie
dem Magnete das Vermgen, sich das Eisen ausser sich, mithin auch sein
Anziehen dieses Eisens vorzustellen, und lassen ihm lediglich Trieb,
Kraft und Selbstgefhl: er wird, wenn die Schwere des Eisens seine Kraft
berwiegt, eine Unlust; wenn Sie die Last wegnehmen, und er, sich selbst
unbewusst, das Eisen selbst anzieht, eine Lust empfinden, die er sich
durch nichts erklren kann, die fr ihn mit nichts zusammenhngt, und
die unserm sthetischen Behagen oder Misbehagen vllig hnlich ist --
aber nicht aus dem gleichen Grunde entstanden. Aber, denken Sie sich, um
ein passendes Bild der sthetischen Stimmung zu haben, die liebliche
Sngerin der Nacht; denken Sie sich, wie Sie es mit dem Dichter gar wohl
knnen, die Seele derselben als reinen Gesang, ihren Geist als ein
Streben, den vollkommensten Accord zu bilden, und ihre einzelnen Tne
als die Vorstellungen dieser Seele. Durch die ganze Tonleiter herauf und
herab treibt die Sngerin, ihr selbst unbewusst, die Richtung ihres
Geistes, und er entwickelt durch die mannigfaltigsten Accorde hindurch
allmhlig sein ganzes Vermgen. Jeder neue Accord liegt auf der
Stufenleiter dieser Entwickelung, und stimmt mit dem Urtriebe der
Sngerin zusammen, den sie nicht kennt, weil wir ihr keine anderen
Vorstellungen als Tne gegeben haben, und dessen Zusammenhang mit dem
fr sie zuflligen Accorde sie nicht beurtheilen kann; gerade so, wie
unserem Auge die Richtung des sthetischen Triebes verborgen liegt, und
wie wir die -- ganz anderen Gesetzen zufolge sich in uns entwickelnden
Vorstellungen nicht mit derselben vergleichen knnen. Doch muss jene
Zusammenstimmung eine Lust in ihr erwecken, die ihr ganzes Wesen
ausfllt, und deren Grnde sie sich auch schon darum nicht angeben
knnte. -- Aber ihr inneres und verborgenes Leben treibt sie weiter zum
folgenden Tone; die Entwickelung desselben ist also noch nicht
vollendet, dieser Accord drckt noch nicht ihr ganzes Wesen aus, und
jene Lust wird daher blitzschnell durch eine Unlust aufgefasst, welche
mit dem nchsten Tone sich in hhere Lust auflsen, aber wiederkehren,
und die Sngerin abermals weiter treiben wird. Ihr Leben schwebt hin auf
den sich drngenden Wellen des sthetischen Gefhls, wie das
Knstlerleben jedes wahren Genies.

So kommt der praktische Trieb gar leicht und auf mancherlei Weise in
seinen mannigfaltigen Bestimmungen zum Bewusstseyn, und es scheint sehr
mglich, ihn selbst von der inneren Erfahrung aus vollstndig kennen zu
lernen und zu erschpfen. In Absicht des sthetischen Triebes zeigen
sich mehrere Schwierigkeiten, und es scheint kein Mittel zu seyn, um bis
zu ihm in die Tiefe unseres Geistes einzudringen, als dass man entweder
ohne alle Rcksicht auf ihn in der usseren Erfahrung fortschreite, und
abwarte, ^ob^ er sich etwa, und ^wie^ er sich unter derselben zufllig
ussern werde, oder dass man auf gut Glck und blindlings sich seiner
Einbildungskraft berlasse, und erwarte, wie die mannigfaltigen
Ausgeburten derselben auf uns wirken werden. In beiden Fllen ist man
berdies noch in der Gefahr, eine Lust, die sich auf ein dunkles,
unentwickeltes, vielleicht vllig empirisches und individuelles
praktisches Bewusstseyn grndet, mit einem sthetischen zu verwechseln.
Und so blieben wir denn immer in der Ungewissheit, ob es auch berhaupt
einen solchen Trieb gebe, wie wir den sthetischen beschrieben haben,
oder ob nicht alles, was wir fr Aeusserungen desselben halten, auf
einer feinen Tuschung beruhe; vor der wirklichen Erfahrung vorher
knnten wir nie mit Sicherheit ahnen, was gefallen werde, und die
Folgerung, dass das, was uns gefallen habe, allen gefallen msse, bliebe
ganz grundlos.

Bedenken Sie hierbei noch den Umstand, dass sthetische Vorstellungen
zuvorderst nur in und vermittelst der Erfahrung, die auf Erkenntniss
ausgeht, sich entwickeln knnen, so sehen Sie eine neue Schwierigkeit;
von der anderen Seite aber eine Erleichterung, und die einzige, die den
Uebergang aus dem Gebiete der Erkenntniss in das Feld der sthetischen
Gefhle ffnet.

Sie sehen eine neue Schwierigkeit. -- Selbst die Erkenntniss wird
zunchst nicht um ihrer selbst willen, sondern fr einen Zweck ausser
ihr gesucht. Auf der ersten Stufe der Bildung, des Individuums sowohl,
als der Gattung, berschreit der praktische Trieb, und zwar in seiner
niederen, auf die Erhaltung und das ussere Wohlseyn des animalischen
Lebens gehenden Aeusserung, alle brigen Triebe; und so fngt denn auch
der Erkenntnisstrieb damit an, bei jenem zu dienen, um in diesem Dienste
sich zum Vermgen einer selbststndigen Subsistenz auszubilden. Mit der
Kargheit der Natur, oder mit dem Andringen unseres eigenen Geschlechtes
gegen uns im Kampfe, haben wir nicht Zeit, bei der Betrachtung der Dinge
um uns herum zu verweilen; emsig fassen wir die brauchbaren
Beschaffenheiten derselben auf, um Nutzen von ihnen zu ziehen, unter
unaufhrlicher Besorgniss der Nachtheile in der Ausbung, die uns eine
unrichtige Ansicht derselben zuziehen mchte; mit Hastigkeit eilen wir
fort von dieser erstrmten Erkenntniss zur Bearbeitung der Dinge, und
hten uns sehr, einen Augenblick bei der Erwerbung des Mittels zu
verlieren, den wir zur unmittelbaren Erreichung des Zweckes anwenden
knnten. Das Menschengeschlecht muss erst zu einem gewissen usseren
Wohlstande und zur Ruhe gekommen, die Stimme des Bedrfnisses von innen,
und der Krieg von aussen muss erst beschwichtigt und beigelegt seyn, ehe
dasselbe auch nur mit Kaltbltigkeit, ohne Absicht auf das gegenwrtige
Bedrfniss und selbst mit der Gefahr sich zu irren, beobachten, bei
seinen Betrachtungen verweilen, und unter dieser mssigen und liberalen
Betrachtung den sthetischen Eindrcken sich hingeben kann. So fasst die
ruhige Flche des Wassers das schne Bild der Sonne; auf der bewegten
werden die mit reinem Lichte gezeichneten Umrisse desselben
untereinander geworfen und verschlungen in die gewaltsame Figur der
unsteten Wellen.

Daher sind die Zeitalter und Lnderstriche der Knechtschaft zugleich die
der Geschmacklosigkeit; und wenn es von der einen Seite nicht rathsam
ist, die Menschen, frei zu lassen, ehe ihr sthetischer Sinn entwickelt
ist, so ist es von der anderen Seite unmglich, diesen zu entwickeln,
ehe sie frei sind; und die Idee, durch sthetische Erziehung die
Menschen zur Wrdigkeit der Freiheit, und mit ihr zur Freiheit selbst zu
erheben, fhrt uns in einem Kreise herum, wenn wir nicht vorher ein
Mittel finden, in Einzelnen von der grossen Menge den Muth zu erwecken,
Niemandes Herren und Niemandes Knechte zu seyn. In einem solchen
Zeitalter hat der Unterdrckte zu thun, um unter dem Fusse des
Unterdrckers sich lebendig zu erhalten, die nothwendige Luft zu
schpfen und nicht vllig zertreten zu werden, und der Unterdrcker, bei
den mannigfaltigen Krmmungen und Wendungen des ersteren im
Gleichgewichte zu bleiben und nicht umgeworfen zu werden; durch die
gezwungene und unbehlfliche Lage des letzteren vermehrt sich noch seine
Last und sein Druck; dadurch werden die Wendungen des ersteren nur noch
ngstlicher und gewagter, und der Druck des letzteren abermals
lastender, und so steigt durch eine sehr begreifliche Wechselwirkung das
Uebel in einer unseligen Progression; keiner von beiden behlt Zeit, und
er wird sie immer weniger behalten, zu athmen, ruhig um sich zu sehen,
und seine Sinne dem schnen Einflusse der freundlichen Natur offen zu
lassen. Beide behalten lebenslnglich den Geschmack, den sie damals
annahmen, als noch nichts, denn ihre Windeln sie fesselte: den Geschmack
an greller, das stumpfe Auge gewaltsam reizender Farbe, und am Glanze
reicher Metalle; und der drftige Handarbeiter eilt, dies dem einzigen
Vermgenden zu fertigen, um den krglichen Lohn, dessen er zum Leben
bedarf, bald einzunehmen. So sank im rmischen Reiche die Kunst mit der
Freiheit zu gleichen Schritten, bis sie unter Constantin dem
barbarischen Geprnge frhnen lernte. So werden die Elephanten der
Kaiser von China mit schweren Goldstoffen bekleidet, und die Pferde der
Knige von Persien trinken aus gediegenem Golde.

Nur nicht niederdrckender, aber widerlicher und beunruhigender fr die
Kunst ist der Anblick, wenn unter freieren Himmelsstrichen und milderen
Gewalthabern diejenigen, welche in der Mitte zwischen beiden Enden
stehen, und denen alle Welt erlaubt, frei zu seyn, dieses letzten Restes
der Freiheit, welchen ein ber die Menschheit waltender Genius als ein
Saatkorn fr die Ernte knftiger Generationen in die Verfassung geworfen
zu haben scheint, sich nicht bedienen; sondern den der ewigen
Einfrmigkeit mden Herrschern wider ihren Dank ihre Dienste aufdringen,
und sich grmen, dass ihre wunderlichen Verbeugungen und Adorationen
keiner zu Herzen nimmt, und dass es ihnen nicht gelingen will, denselben
eine politische Wichtigkeit zu geben, die sie an sich nicht haben. Dann
wiegt man mit haarscharfer Richtigkeit alle Art der Bildung gegen den
knftigen Dienst ab; fragt die harmlos lustwandelnde Speculation, ehe
sie uns ber die Schwelle tritt, was sie mitbringe; durchsucht Romane
und Schauspiele nach ihrer schnen Moral; hat kein Arges daraus,
ffentlich zu bekennen, dass man eine Iphigenie, oder eine Epistel in
derselben Stimmung, unpoetisch finde; und wrde muthmaasslich den Homer
einen schaalen Reimer nennen, wenn man ihm nicht um seines reinen
Griechischen willen verziehe.

Aber gerade der angefhrte Umstand, dass wir mit der Erfahrung unser
Leben anfangen mssen, erffnet uns, wie oben gesagt worden, den einzig
mglichen Uebergang zum geistigen Leben. Sowie jene dringende Noth
gehoben ist, und nichts mehr uns treibt, den mglichen Geisteserwerb
gierig zusammenzuraffen, um ihn sogleich wieder fr den nothwendigen
Gebrauch ausgeben zu knnen, erwacht der Trieb nach Erkenntniss um der
Erkenntniss willen. Wir fangen an, unser geistiges Auge auf den
Gegenstnden hingleiten zu lassen, und erlauben ihm dabei zu verweilen;
wir betrachten sie von mehreren Seiten, ohne gerade auf einen mglichen
Gebrauch derselben zu rechnen; wir wagen die Gefahr einer zweifelhaften
Voraussetzung, um in Ruhe den richtigen Aufschluss abzuwarten. Es
bemchtigt sich unser der einzige Geiz, der edel ist, Geistesschtze zu
sammeln, bloss um sie zu haben, und uns an ihrem Anblicke zu ergtzen,
gesetzt auch, wir bedrften ihrer nicht zum Leben, oder sie wren nicht
mit dem Stempel ausgeprgt, welcher allein Cours hat; wir wagen es, bei
unserem Reichthume gleichgltiger gegen den mglichen Verlust, etwas
anzulegen an Versuche, die uns mislingen knnen. Wir haben den ersten
Schritt gethan, uns von der Thierheit in uns zu trennen. Es entsteht
Liberalitt der Gesinnungen, -- die erste Stufe der Humanitt.

Unter dieser ruhigen und absichtslosen Betrachtung der Gegenstnde,
indess unser Geist sicher ist und nicht ber sich wacht, entwickelt sich
ohne alles unser Zuthun unser sthetischer Sinn an dem Leitfaden der
Wirklichkeit. Aber nachdem der Pfad beider eine Strecke weit
zusammengegangen ist, reisst sich am Scheidewege wohl auch der erstere
los, und geht seinen Gang unabhngig und ungeleitet von der
Wirklichkeit. So ruhte oft Ihr Auge auf der Gegend an der Abendseite
Ihrer lndlichen Wohnung. Wenn Sie dieselbe, nicht um zu sehen, wie Sie
den nchtlichen Anfllen des Raubgesindels entfliehen knnten, sondern
ohne alle Absicht betrachteten, erkannten Sie nicht bloss die grne
Saat, und hinter ihr die mancherlei Kleearten, und hinter diesen das
hohe Korn, und fassten in das Gedchtniss, was da wre; sondern Ihre
Betrachtung verweilte mit Vergngen auf dem frischen Grn des ersteren,
und verbreitete sich ber die mannigfaltigen Blthen des zweiten, und
gleitete sanft ber die kruselnden Wellen des dritten die Anhhe hinan.
Es sollte, sagten Sie dann, dort auf der Hhe ein Drfchen unter Bumen
oder ein Hain liegen. Sie begehrten nicht in dem ersteren eine Wohnung
zu haben, oder in dem Schatten des letzteren zu wandern; und es wrde
Ihnen gerade so viel gewesen seyn, wenn man, ohne dass Sie es eben
wssten, durch ein optisches Kunststck Ihnen nur den Anschein dessen
hervorgebracht htte, was Sie wnschten. Woher kam das? Ihr sthetischer
Sinn war unter dem Anblicke der ersteren Gegenstnde, indem ihn
dieselben unvermuthet befriedigten, schon geweckt worden; aber es
beleidigte ihn, dass diese Aussicht sich so pltzlich abreissen, und Ihr
Auge hinter der Anhhe in den leeren Raum versinken sollte. Nach seiner
Forderung htte sich die Ansicht in ein passendes Ende schliessen
sollen, um das angefangene schne Ganze zu vollenden und abzurunden: und
Ihre bis jetzt an seiner Hand geleitete Einbildungskraft war vermgend,
diese Forderung desselben aufzufassen.

Sehen Sie in diesem Beispiele eine kurze Geschichte der Entwickelung
unseres ganzen sthetischen Vermgens. Whrend der ruhigen Betrachtung,
die nicht mehr auf die Erkenntniss dessen, was lngst erkannt ist,
absieht, sondern die gleichsam noch einmal zum Ueberflusse an den
Gegenstand geht, -- entwickelt, unter der Ruhe der Wissbegierde und des
befriedigten Erkenntnisstriebes, in der unbeschftigten Seele sich der
sthetische Sinn. Der eine Gegenstand hat unsere Billigung ohne alles
Interesse, d. i. wir urtheilen alle, dass er so recht, und einer
gewissen Regel, der wir nicht weiter nachspren, gemss sey, ohne dass
wir darum gerade einen grsseren Werth auf ihn legen; ein anderer erhlt
diese Billigung nicht, ohne dass wir gerade viel Mhe anwenden wrden,
um ihn anders zu machen. Es scheint uns lediglich darum zu thun, zu
zeigen, dass wir einen gewissen Sinn gleichfalls besitzen, und dass wir
einer gewissen Kenntniss mchtig sind, die nichts weiter ist, denn
Kenntniss, und die zu nichts fhren und zu nichts gebraucht werden soll.

Dieses Vermgen heisst Geschmack; auch die Fertigkeit, richtig
und gemeingltig in dieser Rcksicht zu urtheilen, wird
vorzugsweise Geschmack genannt: und das Gegentheil desselben heisst
Geschmacklosigkeit.

Von dieser noch an dem Faden der Wirklichkeit fortlaufenden Betrachtung,
wo es uns schon nicht mehr um die wirkliche Beschaffenheit der Dinge,
sondern um ihre Uebereinstimmung mit unserem Geiste zu thun ist, erhebt
sich denn bald die dadurch zur Freiheit erzogene Einbildungskraft zur
vlligen Freiheit; einmal im Gebiete des sthetischen Triebes angelangt,
bleibt sie in demselben, auch da, wo er von der Natur abweicht, und
stellt Gestalten dar, wie sie gar nicht sind, aber nach der Forderung
jenes Triebes seyn sollten: und dieses freie Schpfungsvermgen heisst
Geist. Der Geschmack beurtheilt das Gegebene, der Geist erschafft. Der
Geschmack ist die Ergnzung der Liberalitt, der Geist die des
Geschmackes. Man kann Geschmack haben ohne Geist, nicht aber Geist ohne
Geschmack. Durch den Geist wird die an sich in die Grenzen der Natur
eingeschlossene Sphre des Geschmacks erweitert; seine Producte
erschaffen ihm durch Kunst neue Gegenstnde, und entwickeln ihn weiter,
ohne ihn darum allemal zu sich emporzuheben. Seinen Geschmack bilden
kann jeder; ob aber jeder sich zur Geistigkeit erheben knne, ist
zweifelhaft.

Das unendliche, unbeschrnkte Ziel unseres Triebes heisst Idee, und
inwiefern ein Theil desselben in einem sinnlichen Bilde dargestellt
wird, heisst dasselbe ein Ideal. Der Geist ist demnach ein Vermgen der
Ideale.

Der Geist lsst die Grenzen der Wirklichkeit hinter sich zurck, und in
seiner eigenthmlichen Sphre giebt es keine Grenzen. Der Trieb, dem er
berlassen ist, geht ins Unendliche; durch ihn wird er fortgefhrt von
Aussicht zu Aussicht, und wie er das Ziel erreicht hat, das er im
Gesichte hatte, erffnen sich ihm neue Felder. Im reinen ungetrbten
Aether seines Geburtslandes giebt es keine anderen Schwingungen, als die
er selbst durch seinen Fittig erregt.


                          Dritter Brief.[46]

Nur der Sinn fr das Aesthetische ist es, der in unserem Innern uns den
ersten festen Standpunct giebt; das Genie kehrt darin ein, und deckt
durch die Kunst, die dasselbe begleitet, auch uns anderen die
verborgenen Tiefen desselben auf. Derselbe Sinn ist es auch, der
zugleich dem wohlerkannten und gebildeten Innern den lebendigen Ausdruck
giebt.

Der Geist geht auf die Entwickelung eines Innern in dem Menschen, des
Triebes, und zwar eines Triebes, der ihn als Intelligenz ber die ganze
Sinnenwelt erhebt, und von dem Einflusse derselben losreisst. Aber die
Sinnenwelt allein ist mannigfaltig, und nur inwiefern wir durch einen
uns schlechterdings unsichtbaren Berhrungspunct mit derselben
zusammenhangen und ihren Einwirkungen offen stehen, sind wir als
Individuen verschieden; der Geist ist Einer, und was durch das Wesen der
Vernunft gesetzt ist, ist in allen vernnftigen Individuen dasselbe. Dem
einen mag diese Speise besser schmecken, dem anderen eine andere; der
eine mag diese, der andere jene Farbe vorzglich lieben. Aber die
Wirkungen der Geistesproducte sind fr alle Menschen, in allen
Zeitaltern, und unter allen Himmelsstrichen gemeingltig, wenn auch
nicht immer gemeingeltend. Fr alle liegt auf der Stufenleiter ihrer
Geistesbildung ein Punct, auf welchen dieses Werk den beabsichtigten
Eindruck machen wrde, und nothwendig machen msste; wenn sie auch etwa
bis jetzt diesen Punct noch nicht erstiegen htten, oder ihn, wegen der
niedrigen Stufe, auf der sie anheben, bei der Krze des menschlichen
Lebens, diesseits des Grabes gar nicht ersteigen knnten. Was der
Begeisterte in seinem Busen findet, liegt in jeder menschlichen Brust,
und sein Sinn ist der Gemeinsinn des gesammten Geschlechts.

Theils um diesen Sinn an anderen zu versuchen, theils um ihnen
mitzutheilen, was fr ihn selbst so anziehend ist, kleidet das Genie die
Gestalten, die sich seinem geistigen Auge unverhllt zeigten, in festere
Krper, und stellt sie so auf vor seinen Zeitgenossen.

Um seinen Sinn zu ^versuchen^ zuvrderst: nicht, als ob er der
Beistimmung der Menge bedrfte, um in der Stunde der Begeisterung zu
glauben, was sich ihm durch ein unwiderstehliches Gefhl, -- so
unwiderstehlich als das seines Daseyns, -- offenbart; sondern um auf die
Stunde der Erkltung und des Zweifels sich seines Glaubens im voraus zu
versichern. Mein Werk ist aus der Flle der menschlichen Natur
geschpft, darum muss und soll es Allen gefallen, die derselben
theilhaftig sind, und wird unsterblich seyn wie sie: so schliesst er;
der geistlose Schreiber, der nicht die leiseste Ahnung seines hohen
Berufes hat, kehrt es um, und folgert: mein Product wird von der Menge
gelesen, es bereichert die Buchhndler, und die Recensenten wetteifern,
dasselbe zu lobpreisen, darum ist es vortrefflich: aber dennoch wird der
Glaube des ersteren an sich selbst den Beifall gebildeter Menschen, als
eine Zugabe, nicht verschmhen. So ist der Glubige sicher, dass das
Auge der Frsehung ber ihm walte, und dass jenseits des Grabes ein
besseres Leben seiner warte; und in gewissen Stimmungen wrde der
Widerspruch des gesammten Reichs der vernnftigen Wesen ihn nicht um
eines Haares Breite bewegen: denn sein Glaube kmmt ihm nicht von
aussen, sondern er hat ihn in seinem eigenen Herzen gefunden. Dennoch
fragt und forscht er sorgsam, ob andere dasselbe glauben, in dunklem
Vorgefhle banger Stunden, wo er einer sonst so gering geschtzten
Sttze, als die Beistimmung anderer ist, doch bedrfen knnte. So wird
das wahre Genie durch die kaltsinnige Aufnahme seiner Meisterwerke oder
durch den lautesten Tadel derselben nie aus seiner Fassung gebracht: er
ist seiner Sache sicher und gewiss des Geistes, der ohne sein Verdienst
in ihm wohnt; aber er will aus Achtung fr denselben ihn auch von
anderen anerkannt und geehrt wissen. -- Es verhlt sich so mit allem,
was wir bloss zufolge unseres Gefhls annehmen und nur glauben knnen.
Wenn alle Anwesende einstimmig versichern, dass ein Gegenstand, den wir
zu erblicken glauben, nicht vorhanden sey, so werden wir, wenn wir nur
ein wenig mit den Tuschungen unserer Sinne und unserer Einbildungskraft
bekannt sind, leicht irre, und fangen an, den Grund der Erscheinung in
uns selbst zu suchen. An unser inneres Gefhl glauben wir schon weit
fester; doch sehen wir auch dieses gern durch das Gefhl anderer
untersttzt.

Um seine Stimmung ^mitzutheilen^. Es ist, wie Sie selbst angemerkt
haben, in allen Menschen der Trieb, andere um sich herum sich selbst so
hnlich zu machen, als mglich, und sich selbst in ihnen, so vollkommen
als es gehen will, zu wiederholen; und dies um desto mehr, je mehr wir
zu diesem Wunsche durch eigene hhere Bildung berechtigt sind. Nur der
ungerechte Egoist will der einzige seiner Art seyn, und kann seines
Gleichen ausser sich nicht dulden; aber der edle Mensch mchte, dass
alle ihm glichen, und thut, so viel an ihm ist, um es dahin zu bringen.
So der begeisterte Liebling der Natur. Er mchte, dass aus allen Seelen
sein eigenes liebliches Bild ihm zurckstrahlte. Drum drckt er die
Stimmung seines Geistes ein in eine krperliche Gestalt. Was in der
Seele des Knstlers vorgeht, die mannigfaltigen Biegungen und
Schwingungen seines inneren Lebens und seiner selbstthtigen Kraft sind
nicht zu beschreiben; keine Sprache hat Worte dafr gefunden, und wenn
sie gefunden wren, so wrde die gedrungene Flle des Lebens in der
allmhligen, und zu einem einfachen Faden ausgedehnten Beschreibung
verhauchen. Leben wird nur in lebendigem Handeln dargestellt; und sowie
alle gesetzmssige Thtigkeit des menschlichen Geistes, so muss auch
diese freie Geschftigkeit desselben einen Gegenstand bekommen, den sie
bearbeite, und in welchem durch die Weise ihres Verfahrens sie ihre
innere Natur verrathe. So besteht das Wesen, das Grundprincip des ^Tons^
in den harmonischen Bebungen und Schwingungen der Saite, die im
luftleeren Raume nicht minder einander hervorbringen und bestimmen, ihre
innere Wirksamkeit erfllen, und fr die Saite selbst den Ton bilden
wrden; aber nur in der umgebenden Luft bekommen dieselben einen
usseren Wirkungskreis, drcken sich selbst in sie ein, und pflanzen
sich fort bis zum Ohre des entzckten Hrers, und lediglich aus jener
Vermhlung wird der Ton geboren, der in unserer Seele wiederhallt. So
drckt der begeisterte Knstler die Stimmung seines Gemthes aus in
einem beweglichen Krper, und die Bewegung, der Gang, der Fortfluss
seiner Gestalten ist der Ausdruck der inneren Schwingungen seiner Seele.
Diese Bewegung soll in uns die gleiche Stimmung hervorbringen, welche in
ihm war; er lieh der todten Masse seine Seele, dass diese sie auf uns
bertragen mchte; unser Geist ist das letzte Ziel seiner Kunst, und
jene Gestalten sind die Vermittler zwischen ihm und uns, wie die Luft es
ist zwischen unserem Ohre und der Saite.

Diese innere Stimmung des Knstlers ist der Geist seines Products; und
die zuflligen Gestalten, in denen er sie ausdrckt, sind der Krper
oder der Buchstabe desselben.

Hier ist es, wo das Bedrfniss der mechanischen Kunst eintritt.

Wer die Dinge einer gewissen Stimmung gemss bearbeiten will, der muss
es berhaupt verstehen, sie zu bearbeiten, und sie mit Leichtigkeit zu
bearbeiten, so dass kein Widerstand sichtbar sey, und dass die todte
Masse unter seinen Hnden von selbst Bildung und Organisation angenommen
zu haben scheine. Sobald die Materie widerstrebt, und es der Anstrengung
bedarf, sie zu besiegen, ist die sthetische Stimmung abgebrochen, und
es bleibt uns anderen nichts brig, als der Anblick des Arbeiters, der
seinen Zweck zu erreichen strebt; ein nicht unwrdiger Anblick, den wir
aber nur hier nicht haben wollten. Man hat diese Leichtigkeit der
mechanischen Kunst sehr oft mit dem Geiste selbst verwechselt; und sie
ist allerdings die ausschliessende Bedingung seiner Aeusserung, und
jeder, der an das Werk geht, muss sie schon erworben haben; aber sie ist
nicht der Geist selbst. Durch sie allein wird nichts hervorgebracht, als
ein leeres Geklimper, -- ein Spiel, das auch nichts weiter ist, denn
Spiel, -- das nicht zu Ideen erhebt, und hchstens einen Muthwillen und
eine verschwendete Kraft ausdrckt, der man in der Stille eine bessere
Anwendung wnscht. Zwar wird der leichteste und muthwilligste
Pinselstrich des wahren Genies einen Anstrich von den Ideen haben; aber
der blosse Mechaniker wird durch seine hchste Kunst nie etwas anderes
hervorbringen, als ein mechanisches Werk, ber dessen Bau man hchstens
sich wundern wird.

So ist in den letzten Meisterwerken des begnstigten Lieblings der Natur
unter unserer Nation, -- im Tasso, in der Iphigenie, und in den
leichtesten Pinselstrichen desselben Knstlers seitdem, -- es ist in
ihnen, sage ich, nicht die so einfache Erzhlung, nicht die ohne allen
Schwulst so sanft hingleitende Sprache, durch welche der gebildete Leser
so mchtig angezogen wird. Es ist nicht der Buchstabe, sondern der
Geist. Mit der gleichen Einfachheit der Fabel, der gleichen
Leichtigkeit, dem gleichen Adel der Sprache ist es mglich, ein sehr
schaales, sehr schmackloses, sehr unkrftiges Werk zu verfertigen. Die
Stimmung ist es, welche in diesen Werken herrscht: diese edelste Blthe
der Humanitt, welche durch die Natur nur einmal unter dem griechischen
Himmel hervorgetrieben und durch eins ihrer Wunder im Norden wiederholt
wurde. Es schmiegt sich an unsere Seele das lebendige Bild jener
geendigten Cultur, die den Angriffen des Schicksals nicht mehr mit
gewaltsamen Anstrengungen und Renkungen entgegengeht, und die eher
alles, als die reine Ebenheit ihres Charakters und die leichte Grazie in
den Bewegungen ihres Gemths, verliert: jenes Beruhens in sich selbst
und auf sich selbst, das es nicht mehr bedarf, durch Anstrengung seine
Kraft aufzuregen und gegen den Widerstand anzustemmen, sondern das auf
seiner eigenen natrlichen Last sicher steht; jener Unbefangenheit des
Geistes, welche die Dinge, auch bei ihrem gewaltsamsten Andringen auf
uns, dennoch keiner anderen Schtzung wrdigt, als der, die ihnen
gebhrt, dass sie Gegenstnde unserer Betrachtung sind, und welche auch
dann noch den geflligen Formen derselben ein sthetisches Vergngen,
den Verzerrungen derselben ein leichtes Lcheln, wie Grazien lcheln,
abzugewinnen vermag; jener Vollendung der Menschheit, die sich von der
Sinnenwelt nicht losgerissen, sondern abgelst fhlt, und die mit
gleicher Leichtigkeit derselben ohne Misvergngen entbehren, oder ihrer
mit Freude auf ihre Weise geniessen kann. Wir finden uns mit Vergngen
in eine Welt versetzt, in der allein eine solche Stimmung mglich ist,
unter eine Gesellschaft, deren Mitglieder alle gerecht und wohlwollend
sind, und deren Trennungen nicht durch bsen Willen verursacht, sondern
selbst nur Strme des widrigen Schicksals sind; -- (denn
Ungerechtigkeiten freier Wesen knnen uns nie gleichgltig seyn, und
werden immer ernste Misbilligung, keinesweges aber das leichte Lcheln
erregen, wie die Verstsse der vernunftlosen Natur). Wir entdecken mit
befriedigter Selbstliebe unter dem Einflusse des Knstlers eine Fassung
in uns, die wir im Laufe des Lebens gewhnlich nicht behalten; wir
fhlen uns hher gehoben und veredelt, und innige Liebe ist der Lohn des
Dichters, der uns so sanft schmeichelt, um uns zu bessern.

Jeder hat den feinsten Sinn fr diejenige Art der Ausbildung, der er
zunchst bedrfte, und mag in der Stunde der Tuschung am liebsten das
an sich finden, wovon eine leise Ahnung ihm sagt, dass es auf der
nchsten Stufe der Cultur liege, die er zu ersteigen hat. Ein
betrchtlicher Theil unseres Publicums ist noch nicht so weit, dass ihm
nichts mehr, als die Grazie in seinen Bewegungen, die Leichtigkeit und
Ungezwungenheit in seiner Kraftusserung abgehe. Vielen fehlt es an der
Kraft selbst. Fr diese sind Darstellungen, wie die, von welchen wir
redeten, unschmackhaft; sie verwechseln die durch die Flle der Kraft
gehaltene Kraft, die sie nicht kennen, mit der Kraftlosigkeit, die sie
nur zu wohl kennen. Diese mgen im Bilde lieber die rohe, aber
kraftvolle Sitte unserer Urahnen sich angetuscht sehen -- eine Art, die
so vorzglich ist, als jede andere, wenn sie mit Geist behandelt wird --
oder vergngen sich wohl auch an den wunderlichen Renkungen in unsern
gewhnlichen Ritterromanen, und an hochtnenden und vermessenen Reden.

Dem Dichter, von dem ich rede, war es gegeben, zwei verschiedene Epochen
der menschlichen Cultur mit allen ihren Abstufungen auszumessen. Er nahm
sein Zeitalter bei der letzteren Stufe auf, um es bei der ersteren
niederzusetzen. Aber sein Genius berflog, wie es seyn musste, den
langsamen Gang desselben. Er bildete, wie jeder wahre Knstler soll,
sein Publicum selbst, arbeitete fr die Nachwelt, und wenn unser
Geschlecht hher steigt, so ist es nicht ohne sein Zuthun.

Jene beiden Zustnde, der der ersten ursprnglichen Begeisterung, und
der der Darstellung derselben in krperlicher Hlle, sind in der Seele
des Knstlers nicht immer verschieden, obwohl sie durch den genauen
Forscher sorgfltig unterschieden werden mssen. Es giebt Knstler, die
ihre Begeisterung auffassen und festhalten, unter den Materialien um
sich herumsuchen, und das geschickteste fr den Ausdruck whlen; die
unter der Arbeit sorgfltig ber sich wachen; die zuerst den Geist
fassen, und dann den Erdkloss suchen, dem sie die lebendige Seele
einhauchen. Es giebt andere, in denen der Geist zugleich mit der
krperlichen Hlle geboren wird, und aus deren Seele zugleich das ganze
volle Leben sich losreisst. Die ersteren erzeugen die gebildetsten,
berechnetsten Producte, deren Theile alle das feinste Ebenmaass unter
sich und zum Ganzen halten: aber das feinere Auge kann in der
Zusammenfgung des Geistes und des Krpers hier und da die Hand des
Knstlers bemerken. In den Werken der letzteren sind Geist und Krper,
wie in der Werksttte der Natur, innigst zusammengeflossen, und das
volle Leben geht bis in die ussersten Theile; aber wie an den Werken
der Natur entdeckt man hier und da kleine Auswchse, deren Absicht man
nicht angeben kann, die man aber nicht wegnehmen knnte, ohne dem Ganzen
zu schaden. Von beiden Arten hat unsere Nation Meister.

Gewisse hhere Stimmungen sind, wie soeben gesagt worden, nicht fr
gemeine Augen, und lassen sich denselben nicht mittheilen; bei anderen,
die mittheilbar sind, ist wenigstens unsichtbar, woher es komme, dass
das Werk zu ihnen erhebe; und nicht sehr feine Beobachter sind daher
versucht, der Gestalt und dem Baue des Krpers die bewegende Kraft
zuzuschreiben, die nur der Geist hat. Die Verhltnisse dieses Krpers
und die Regeln, nach denen er gebildet ist, sind zu berechnen, zu lernen
und durch Kunst auszuben, da, wie oben zugestanden worden, der Krper
des geistreichsten Werkes selbst nur durch Kunst hervorgebracht ist. Es
giebt mancherlei Ursachen, die den geistlosesten Menschen bewegen
knnen, auf diese Weise den mechanischen Theil eines geistvollen
Products nachzubilden; und da auch dieser sein Gutes hat, verlieren
manche Zuschauer nichts dabei. Solche Arbeiter sind Buchstbler.
Derjenige, der ohne Geist selbst der mechanischen Kunst nicht mchtig
ist, heisst ein Stmper. -- Stelle Pygmalion seine beseelte Bildsule
hin vor die Augen des jauchzenden Volkes; er soll ihr, -- da nichts uns
verhindert, die Fabel zu ergnzen, -- mit dem Leben zugleich den
geheimen Vorzug ertheilt haben, nur von geistvollen Augen als lebend
erblickt zu werden, fr gemeine und stumpfe aber kalt und todt zu
bleiben. Kostet es nicht mehr, um berhmt zu werden? denkt, -- indess
das ganze Volk dem Knstler huldigt, ein Mann, der seinen Meissel auch
zu fhren versteht, misst mit Cirkel und Lineal genau die Verhltnisse
der Bildsule, geht hin, fertigt sein Werk, stellt es neben das Werk des
Knstlers, und es sind viele, die keinen Unterschied zwischen beiden
finden knnen.

Die Regeln der Kunst, die sich in den Lehrbchern finden, beziehen sich
meist auf das Mechanische der Kunst. Sie mssen im Geiste gedeutet
werden, und nicht nach dem Buchstaben. So lehren sie uns, wie wir die
Fabel erfinden, mittheilen, allmhlig entwickeln sollen, und es thut dem
Knstler allerdings noth, dies zu verstehen. Versteht er aber auch
nichts weiter, als die Beobachtung dieser Regeln, so hat er am Ende eine
gute Fabel, die die Neugier reizt, unterhlt, befriedigt; aber wir
forderten noch etwas mehr von ihm. Die Einheit der geistigen Stimmung,
die in seinem Werke herrscht, und die dem Gemthe des Lesers mitgetheilt
werden soll, ist die Seele des Werkes; ist diese Stimmung angedeutet,
entwickelt, durchaus gehalten und siegend, dann ist das Werk vollendet,
ob die ussere Begebenheit fr die leere Neugier geschlossen sey, oder
nicht; der Triumph dieser Stimmung ber die mannigfaltigen Strungen
derselben ist die wahre Entwickelung, obschon der gedankenlose Leser,
der ein Mhrchen hren wollte, frage, wie es nun weiter geworden sey.

Sie rathen uns, zu tuschen; durch die Erzhlung, meint der Buchstbler,
bietet er alle seine Knste auf, um uns sein Mhrchen fr eine wirkliche
Begebenheit aufzubinden, und wenn alles mislingt, versichert er uns auf
sein Ehrenwort, dass er eine wahre Geschichte erzhle. Nun wohl, so
erzhle er, bis alle Gaffer sich wundern; aber er glaube nicht ein
Kunstwerk geliefert zu haben. Unsere Erhebung zu einer ganz anderen, uns
fremden Stimmung, in welcher wir unsere Individualitt vergessen: -- das
ist die wahre Tuschung, und fr diesen Endzweck reicht diejenige
Wahrheit der Geschichte, die er allein als Wahrheit kennt, nicht hin. In
dieser handeln Erdenmenschen, wie wir unter den gleichen Umstnden
ungefhr auch handeln wrden.

Sie halten ber reine Moral; und so thue denn wer kann und will das gute
Werk, uns wichtige moralische Lehren durch Erzhlungen anschaulich und
eindringend zu machen. Er will uns dahin bringen, dass wir durch eigenen
freien Entschluss das Bessere whlen; er ist unseres Dankes werth, und
seine Bemhungen sind nicht allemal an uns verloren. Nur wisse er, was
er ist, und stelle sich nicht in eine ihm fremde Klasse. Der begeisterte
Knstler wendet sich gar nicht an unsere Freiheit, er rechnet auf
dieselbe so wenig, dass vielmehr sein Zauber erst anfngt, nachdem wir
sie aufgegeben haben. Er hebt durch seine Kunst uns ohne alles unser
Zuthun auf Augenblicke in eine hhere Sphre. Wir werden um nichts
besser; aber die unangebauten Felder unseres Gemths werden doch
geffnet, und wenn wir einst aus anderen Grnden uns mit Freiheit
entschliessen, sie in Besitz zu nehmen, so finden wir die Hlfte des
Widerstandes gehoben, die Hlfte der Arbeit gethan.[33]

[Funote 33: Die Fortsetzung ist nicht erschienen.]




                                  D.
        Von der Sprachfhigkeit und dem Ursprunge der Sprache.


        (Philos. Journal Bd. I. S. 255-273, S. 287-326. 1795.)

In einer Untersuchung ber den Ursprung der Sprache darf man sich nicht
mit Hypothesen, nicht mit willkrlicher Aufstellung besonderer Umstnde,
unter welchen etwa eine Sprache entstehen ^konnte^, behelfen; denn da
der Flle, welche den Menschen bei Erfindung und Ausbildung der Sprache
leiten konnten, so mancherlei sind, dass sie keine Forschung ganz
erschpfen kann: so wrden wir auf diesem Wege ebensoviel halbwahre
Erklrungen des Problems erhalten, als Untersuchungen darber angestellt
wrden. Man darf sich daher nicht damit begngen, zu zeigen, dass und
wie etwa eine Sprache erfunden werden ^konnte^: man muss aus der Natur
der menschlichen Vernunft die Nothwendigkeit dieser Erfindung ableiten;
man muss darthun, dass und wie die Sprache erfunden werden ^musste^.

Man hte sich insbesondere bei dieser Untersuchung, so wie bei jeder
anderen, das Resultat, das man etwa zu finden hofft, schon zum voraus im
Auge zu haben. Man denke sich in den Gesichtspunct der Menschen hinein,
welche noch berhaupt keine Sprache hatten, sondern sie erst erfinden
sollten; welche noch nicht wussten, wie die Sprache gebaut seyn msse,
sondern die Regeln darber erst aus sich selbst schpfen mussten. Jedem,
der dem Ursprunge der Sprache nachforscht, muss die Sprache so gut als
nicht erfunden seyn: er muss sich denken, dass er sie erst durch seine
Untersuchung erfinden soll.

Ferner hat man bei allen Untersuchungen ber Entstehung der Sprache es
auch darin versehen, dass man zuviel auf willkrliche Verabredung baute;
dass man z. B. meinte: da ich ein Buch ^liber^, [Griechisch: biblion],
book u. s. w. nennen kann, so mssen die Nationen einig geworden seyn,
die eine, dieser bestimmte Gegenstand solle ^Buch^ -- die andere, er
solle ^liber^, u. s. w. heissen. Aber auf eine solche Uebereinkunft
drfen wir wenig rechnen, da sie sich nur mit der grssten
Unwahrscheinlichkeit denken lsst, und wir mssen daher selbst den
Gebrauch der willkrlichen Zeichen aus den wesentlichen Anlagen der
menschlichen Natur ableiten.

^Sprache^, im weitesten Sinne des Wortes, ist der ^Ausdruck unserer
Gedanken durch willkrliche Zeichen^.

Durch ^Zeichen^, sage ich, also nicht durch Handlungen. -- Allerdings
offenbaren sich unsere Gedanken auch durch die Folgen, welche sie in der
Sinnenwelt haben: ich denke und handle nach den Resultaten dieses
Denkens. Ein vernnftiges Wesen kann aus diesen meinen Handlungen auf
das, was ich gedacht habe, schliessen. Dies heisst aber nicht ^Sprache^.
Bei allem, was ^Sprache^ heissen soll, wird schlechterdings nichts
weiter beabsichtigt, als die Bezeichnung des Gedankens; und die Sprache
hat ausser dieser Bezeichnung ganz und gar keinen Zweck. Bei einer
Handlung hingegen ist der Ausdruck des Gedankens nur zufllig, ist
durchaus nicht Zweck. Ich handle nicht, um anderen meine Gedanken zu
erffnen; ich esse z. B. nicht, um anderen anzudeuten, dass ich Hunger
fhle. Jede Handlung ist selbst Zweck: ich handle, weil ich handeln
will.

Ich habe mich bei der Erklrung der Sprache des Ausdruckes:
^willkrliche Zeichen^ bedient. Darunter verstehe ich hier solche
Zeichen, welche ausdrcklich dazu bestimmt sind, diesen oder jenen
Begriff anzudeuten. Ob dieselben mit dem Bezeichneten natrliche
Aehnlichkeit haben, oder nicht, das ist hier vllig gleichgltig. Ich
mag zu dem anderen das Wort ^Fisch^ sagen -- ein Zeichen, das mit dem
Gegenstande, welchen es ausdrcken soll, gar keine Aehnlichkeit hat --
oder ich mag ihm einen Fisch vorzeichnen; ein Zeichen, das mit dem
Bezeichneten allerdings Aehnlichkeit hat -- in beiden Fllen habe ich
keinen Zweck, als den, die Vorstellung eines bestimmten Gegenstandes bei
dem anderen zu veranlassen; -- folglich kommen beide Zeichen darin
berein, dass sie ^willkrlich^ sind.

^Sprachfhigkeit^ ist das Vermgen, seine Gedanken willkrlich zu
bezeichnen. Ich drcke mich absichtlich so allgemein aus, damit man
nicht gleich an eine ^Sprache fr das Gehr^ denke. Von der ^Ursprache^
lsst sich gar nicht behaupten, dass sie bloss aus Tnen bestanden habe,
bloss Gehrsprache gewesen sey. Diese letztere kann erst weit spter
entstanden seyn, und lsst sich nur unter Voraussetzung der Ursprache
und auf eine weit verwickeltere Art deduciren.

Die Frage, die sich uns zunchst darbietet, ist folgende: ^Wie ist der
Mensch auf die Idee gekommen, seine Gedanken durch willkrliche Zeichen
anzudeuten?^ Diese enthlt unter sich folgende zwei: 1) Was brachte den
Menschen berhaupt auf den Gedanken, eine Sprache zu erfinden? 2) In
welchen Naturgesetzen liegt der Grund, dass diese Idee gerade ^so^ und
nicht anders ausgefhrt wurde? Lassen sich Gesetze auffinden, welche den
Menschen bei der Ausfhrung leiteten?

Ich mache mich deutlicher. Die Sprache ist das Vermgen, seine Gedanken
^willkrlich^ zu bezeichnen. Sie setzt demnach eine Willkr voraus.
Unwillkrliche Erfindung, unwillkrlicher Gebrauch der Sprache enthlt
einen inneren Widerspruch. Man hat sich zwar auf unwillkrliche Tne
beim Ausbruche der Freude, des Schmerzes u. s. w. berufen, und daraus
gar manches ber Erfindung und Gesetze der Sprache ableiten wollen; aber
beides ist vllig verschieden. Unwillkrlicher Ausbruch der Empfindung
ist nicht ^Sprache^.

Um die Willkr zur Erfindung einer Sprache zu bestimmen, wurde eine Idee
derselben vorausgesetzt. Daher die Frage: wie entwickelte sich in den
Menschen die Idee, ihre Gedanken sich gegenseitig durch Zeichen
mitzutheilen?

Allein daraus, dass sie sich die Aufgabe aufstellten, eine Sprache zu
erfinden, folgt noch nicht, dass ihnen berhaupt, und durch welche
Mittel ihnen die Ausfhrung gelang. Daher die zweite schon angefhrte
Frage: giebt es in der menschlichen Natur Mittel, welche man nothwendig
ergreifen musste, um die Idee einer Sprache zu realisiren? Kann man
diesen Mitteln nachspren, und wie mussten sie gebraucht werden, wenn
durch sie der Zweck erreicht werden sollte? Fnden sich solche Mittel,
so liesse sich wohl eine Geschichte der Sprache ^a priori^ entwerfen.
Und sie finden sich allerdings.

Zuvrderst: auf welchem Wege wurde die Idee von einer Sprache in dem
Menschen entwickelt? -- Es ist im Wesen des Menschen gegrndet, dass er
sich die Naturkraft zu unterwerfen sucht. Die erste Aeusserung seiner
Kraft ist gerichtet auf die Natur, um sie fr seine Zwecke zu bilden.
Selbst der roheste Mensch trifft irgend eine Vorkehrung fr seine
Bequemlichkeit und seine Sicherheit; er grbt sich Hhlen, bedeckt sich
mit Laub, und wenn er des Feuers etwa habhaft werden kann, zndet er
Holz an, um sich so gegen den Frost zu schtzen. Er wird von allen
Seiten arbeiten, die feindselige Natur zu bezwingen, und wo er das nicht
kann, wird er sie scheuen. So frchtet der Mensch den Donner, weil er
sich ausser Stande sieht, die Natur in dieser Aeusserung ihrer Kraft zu
beherrschen. Sollten wir Mittel finden, dieselbe auch hier zu bezwingen,
so wrde sich jene Furcht bald verlieren. Der Mensch macht sich die
Thiere dienstbar, oder flieht sie, wenn er das erstere nicht vermag. So
war gewiss, ehe man die Kunst erfand, Pferde zu zhmen, dieses grosse
starke Thier dem Menschen ein Gegenstand des Schreckens: jetzt, da er es
sich unterworfen hat, frchtet er es nicht mehr.

In diesem Verhltnisse steht der Mensch mit der belebten und leblosen
^Natur^: er geht darauf aus, sie nach seinen Zwecken zu modificiren;
aber diese widerstrebt der Einwirkung, und nimmt oft genug sie gar nicht
an. Daher sind wir mit der Natur in stetem Kampfe, sind bald Sieger,
bald Besiegte, -- unterjochen oder fliehen.

Wie verhlt sich dagegen der Mensch ursprnglich gegen den ^Menschen
selbst^? Sollte wohl zwischen ihnen im rohen Naturzustande dasselbe
Verhltniss stattfinden, welches zwischen dem Menschen und der Natur
ist? Sollten sie wohl darauf ausgehen, sich selbst untereinander zu
unterjochen, oder, wenn sie sich dazu nicht Kraft genug zutrauen,
einander gegenseitig fliehen?

Wir wollen annehmen, es wre so: so wrden gewiss nicht zwei Menschen
nebeneinander leben knnen; der Strkere wrde den Schwcheren
bezwingen, wenn dieser nicht flhe, sobald er jenen erblickte. Wrden
sie aber auf solche Art wohl jemals in Gesellschaft getreten, wrde
durch sie die Erde bevlkert worden seyn? Ihr Verhltniss wrde ganz so
gewesen seyn, wie es Hobbes im Naturstande schildert: Krieg aller gegen
alle. Und doch finden wir, dass die Menschen sich miteinander vertragen,
dass sie sich gegenseitig untersttzen, dass sie in gesellschaftlicher
Verbindung miteinander stehen. Der Grund dieser Erscheinung muss wohl in
dem Menschen selbst liegen: in dem ursprnglichen Wesen desselben muss
sich ein Princip aufzeigen lassen, welches ihn bestimmt, sich gegen
seinesgleichen anders zu betragen, als gegen die Natur.

Ich weiss recht wohl, dass viele behaupten, die Menschen gingen von
Natur darauf aus, einander zu unterjochen. Was auch immer gegen diese
Behauptung sich einwenden lassen mge, so ist doch soviel gewiss: dass
sich aus der Erfahrung mancherlei scheinbare Grnde fr dieselbe
auffinden lassen, und dass sie folglich der entgegengesetzten
Behauptung, wiefern diese auch nur als Erfahrungssatz aufgestellt wrde,
in Rcksicht auf Gltigkeit gleichgesetzt werden knnte. Diese
entgegengesetzte Behauptung muss also eben darum, damit ihre Gltigkeit
entschieden sey, aus einem in der Natur des Menschen selbst liegenden
Principe abgeleitet werden. Wir wollen dieses Princip aufsuchen.

Der Mensch geht darauf aus, die rohe oder thierische Natur nach seinen
Zwecken zu modificiren. Dieser Trieb muss untergeordnet seyn dem
hchsten Principe im Menschen, dem: sey immer einig mit dir selbst; nach
welchem Principe er in den allgemeinsten Aeusserungen seiner Kraft
bestndig forthandelt, auch ohne sich desselben bewusst zu seyn. Der
Mensch sucht also -- nicht gerade aus einem deutlich gedachten, aber aus
einem durch sein ganzes Wesen verwebten, und dasselbe ohne alles
Hinzuthun seines freien Willens bestimmenden Princip -- die nicht
vernnftige Natur sich deswegen zu unterwerfen, damit alles mit seiner
Vernunft bereinstimme, weil nur unter dieser Bedingung er selbst mit
sich selbst bereinstimmen kann. Denn da er ein vorstellendes Wesen ist,
und in einer gewissen Rcksicht, die wir hier nicht zu bestimmen haben,
die Dinge vorstellen muss, wie sie sind: so gerth er dadurch, dass die
Dinge, die er vorstellt, mit seinem Triebe nicht bereinstimmen, in
einen Widerspruch mit sich selbst. Daher der Trieb, die Dinge so zu
bearbeiten, dass sie mit unseren Neigungen bereinstimmen, dass die
Wirklichkeit dem Ideale entspreche. Der Mensch geht nothwendig darauf
aus, alles, so gut er es weiss, ^vernunftmssig^ zu machen.

Wenn er nun in diesen Versuchen auf einen Gegenstand stossen sollte, an
welchem sich die gesuchte Vernunftmssigkeit ohne seine Mitwirkung schon
usserte, so wird er sich in Rcksicht auf diesen aller Bearbeitung wohl
enthalten, da er dasjenige, was einzig und allein durch sie
hervorgebracht werden soll, an dem entdeckten Gegenstande schon findet.
Er hat etwas gefunden, was mit ihm bereinstimmt; wrde es nicht
ungereimt seyn, einen Gegenstand seinem Triebe entsprechend machen zu
wollen, der schon, ohne sein Zuthun, demselben entspricht? Das Gefundene
wird ihm ein Gegenstand des Wohlgefallens seyn: er wird sich freuen, ein
mit ihm gleichgestimmtes Wesen -- einen ^Menschen^ angetroffen zu haben.

Aber woran soll er diese Vernunftmssigkeit des gefundenen
Gegenstandes erkennen? An nichts anderem, als woran er seine eigene
Vernunftmssigkeit erkennt -- am ^Handeln nach Zwecken^. -- Die blosse
Zweckmssigkeit des Handelns aber an sich allein wrde zu einer solchen
Beurtheilung noch nicht hinreichen; sondern es bedarf noch der Idee des
Handelns nach vernderter Zweckmssigkeit, und zwar von einem Handeln,
das verndert ist nach unserer eigenen Zweckmssigkeit. Gesetzt, der
Naturmensch handle auf einen Gegenstand, der entweder nach gewissen
Regeln aufwchst, Frchte trgt u. s. w., oder einen, der nach einem
gewissen Instincte auf Nahrung ausgeht, schlft, erwacht u. s. w., und
den er deshalb als nach Zwecken handelnd beurtheilt. Sobald ein solcher
Gegenstand, auf den der Naturmensch seinen Zwecken gemss gehandelt hat,
seinen Gang fortgeht, ohne nach Maassgabe jener Einwirkung eine
Vernderung in seinem Zwecke anzunehmen, so erkennt er ihn nicht fr
vernnftig. Als zweckmssig und freihandelnd werde ich nur das Wesen
ansehen, das seinen Zweck, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe
anwende, auch ndert. Z. B., ich brauche Gewalt auf ein Wesen, und es
braucht sie auch, ich erzeige ihm eine Wohlthat, es erwiedert sie; so
ist immer Vernderung des Zweckes nach dem Zwecke, den ich fr dasselbe
habe: mit anderen Worten, es ist eine ^Wechselwirkung^ zwischen mir und
diesem Wesen. Nur ein Wesen, das, nachdem ich meinen Zweck auf dasselbe
usserte, den seinigen in Beziehung auf diese Aeusserung ndert, das z.
B. Gewalt braucht, wenn ich gegen dasselbe Gewalt brauche, das mir
wohlthut, wenn ich ihm wohlthue: nur ein solches Wesen kann ich als
vernnftig erkennen. Denn ich kann aus der Wechselwirkung, welche
zwischen ihm und mir eingetreten ist, schliessen, dass dasselbe eine
Vorstellung von meiner Handlungsweise gefasst, sie seinem eigenen Zwecke
angepasst habe, und nun nach dem Resultate dieser Vergleichung seinen
Handlungen durch Freiheit eine andere Richtung gebe. Hier zeigt sich
offenbar ein Wechsel zwischen Freiheit und Zweckmssigkeit, und an
diesem Wechsel erkennen wir die Vernunft.

Der Mensch geht also nothwendig darauf aus, Vernunftmssigkeit ausser
sich zu finden; er hat einen Trieb dazu, der sich deutlich genug dadurch
offenbart, dass der Mensch sogar geneigt ist, leblosen Dingen Leben und
Vernunft zuzuschreiben. Beweise davon finden sich hufig genug in den
Mythologien und den Religionsmeinungen aller Vlker u. s. w. Wie wir
gesehen haben, ist es der Trieb nach Uebereinstimmung mit sich selbst,
welcher den Menschen anleitet, Vernunftmssigkeit ausser sich
aufzusuchen.

Eben dieser Trieb musste in dem Menschen, sobald er wirklich mit Wesen
seiner Art in Wechselwirkung getreten war, den Wunsch erzeugen, seine
Gedanken dem anderen, der sich mit ihm verbunden hatte, auf eine
bestimmte Weise andeuten, und dagegen von demselben eine deutliche
Mittheilung seiner Gedanken erhalten zu knnen. Denn ohne diese Auskunft
musste es sich hufig ereignen, dass der eine die Handlung des anderen
misverstand und auf eine Art erwiederte, die ganz gegen die Erwartung
des Handelnden war; ein Fall, der den Menschen in offenbaren Widerspruch
mit seinen Zwecken versetzte, und folglich geradezu gegen die
Uebereinstimmung mit sich selbst stritt, welche er bei der Aufsuchung
vernnftiger Wesen beabsichtigte. -- Ich meine es vielleicht mit jemand
gut, und will ihm mein Wohlwollen durch Handlungen zu erkennen geben.
Allein jener deutet diese Handlungen unrichtig und erwiedert sie durch
Feindseligkeiten. Ein solches Betragen muss nothwendig bei mir den
Gedanken veranlassen, dass der andere meine Absichten verkenne; und
diesem Gedanken muss bald der Wunsch folgen, ihm meine Gesinnungen auf
eine weniger zweideutige Art ankndigen zu knnen.

So wie es mir mit anderen geht, so anderen mit mir. Wie leicht kann ich
die wohlmeinende Handlung eines anderen misverstehen und mit Undank
vergelten? So wie ich aber seine Absicht besser einsehe, so werde ich
wnschen mein Vergehen wieder gut zu machen, und um deswillen von seinen
Gedanken knftig besser unterrichtet zu seyn. -- Ich wnsche also, dass
der andere meine Absicht wissen mge, damit er mir nicht zuwiderhandle,
und aus gleichem Grunde wnsche ich, die Absichten des anderen zu
wissen. Daher die Aufgabe zur Erfindung gewisser Zeichen, wodurch wir
anderen unsere Gedanken mittheilen knnen.

Bei diesen Zeichen wird indessen einzig und allein der ^Ausdruck^
unserer Gedanken beabsichtiget. Wenn ich auf jemand erzrnt bin, so
zeigt sich ihm dieser Zorn allerdings durch feindliche Behandlung. Aber
da ist die Absicht bloss, meine Gedanken ^auszufhren^, nicht aber, ihm
ein ^Zeichen^ davon zu geben. Bei der Sprache aber ist lediglich die
^Bezeichnung^ Absicht, nicht als Ausdruck der Leidenschaft, sondern zum
Behufe einer gegenseitigen Wechselwirkung unserer Gedanken, ohne welche,
wie soeben bemerkt wurde, eine unserem Triebe angemessene Wechselwirkung
der Handlungen nicht bestehen kann.

Durch die Verbindung mit Menschen wird also in uns die Idee geweckt,
unsere Gedanken einander durch willkrliche Zeichen anzudeuten -- mit
Einem Worte: ^die Idee der Sprache^. Demnach liegt in dem, in der Natur
des Menschen gegrndeten Triebe, Vernunftmssigkeit ausser sich zu
finden, der besondere ^Trieb, eine Sprache zu realisiren^, und die
Nothwendigkeit, ihn zu befriedigen, tritt ein, wenn vernnftige Wesen
miteinander in Wechselwirkung treten.

Wir denken uns bei der Sprache gewhnlich nur ^Zeichen frs Gehr^. Wie
es gekommen ist, dass wir uns mit unserer Sprache eben an diesen Sinn
wenden, wird in der Folge erklrt werden. ^Hier^ ist kein mgliches
Zeichen ausgeschlossen; so wie in der Ursprache sicher ebensowenig
irgend eins ausgeschlossen war.[34]

Die Aufgabe zur Sprache ist jetzt vorhanden: wie soll ihr aber nun
Genge geschehen?

Die Natur offenbart sich uns besonders durch Gesicht und Gehr. Zwar
kndigt sie sich uns auch durch Gefhl, Geschmack und Geruch an: aber
die Eindrcke, welche wir auf diesen Wegen erhalten, sind theils nicht
lebhaft, theils nicht bestimmt genug, und wir lassen uns daher bei
usseren Wahrnehmungen vorzglich durch Gesicht und Gehr leiten, wenn
und wo uns der Gebrauch dieser Sinne nicht versagt ist. So wie die Natur
den Menschen etwas durch Gehr und Gesicht bezeichnete, gerade so
mussten sie es einander durch Freiheit bezeichnen. -- Man knnte
eine auf diese Grundregel aufgebaute Sprache die ^Ur-^ oder
^Hieroglyphensprache^ nennen.

[Funote 34: Ich beweise hier nicht, dass der Mensch ohne Sprache nicht
denken, und ohne sie keine allgemeinen abstracten Begriffe haben knne.
Das kann er allerdings vermittelst der Bilder, die er durch die
Phantasie sich entwirft. Die Sprache ist meiner Ueberzeugung nach fr
viel zu wichtig gehalten worden, wenn man geglaubt hat, dass ohne sie
berhaupt kein Vernunftgebrauch stattgefunden haben wrde.]

Die ersten Zeichen der Dinge waren, nach diesen Grundstzen, hergenommen
von den Wirkungen der Natur: sie waren nichts weiter, als eine
Nachahmung derselben. Hier war die Mittheilung der Gedanken selbst
willkrlich, wie sie es bei jeder Sprache seyn muss, aber nicht die Art
dieser Mittheilung: es stand in meiner Willkr, ob ich dem anderen meine
Gedanken bezeichnen wollte, oder nicht; aber im Zeichen selbst war keine
Willkr.

Diese Bezeichnung der Dinge durch die Nachahmung ihrer in die Sinne
fallenden Eigenschaften gab sich leicht. Der Lwe wurde z. B. durch die
Nachahmung seines Gebrlles, der Wind durch die Nachahmung seines
Sausens ausgedrckt. So wurden Gegenstnde, die sich durch das Gehr
offenbaren, durch Tne ausgedrckt: andere, die sich durchs Gesicht
ankndigen, konnten im leichten Umriss etwa im Sande nachgebildet
werden. Z. B. Fische, Netze, mit einigen Gesticulationen und Winken
gegen das Ufer hin begleitet, waren fr den, an welchen diese Zeichen
gerichtet waren, eine Aufforderung zum Fischen.

Diese Sprache war leicht erfunden, und hinreichend, wenn etwa zwei
beisammen waren, um sich zu unterhalten, oder in der Nhe zusammen
arbeiteten. Jeder giebt auf des anderen Zeichen Acht: der eine ahmt
einen Ton nach, der andere auch; der eine zeichnet etwas mit dem Finger,
der andere auch. So verstehen sie einander: der eine weiss, was der
andere denkt, und dieser weiss, was jener will, dass er denken solle.
Man stelle sich aber vor, dass diese zwei fr sich arbeiten und entfernt
von einander sind, z. B. auf der Jagd. Einer will dem anderen einen
Gedanken mittheilen, der sich nur durch ein Zeichen frs Gesicht
ausdrcken lsst; aber zum Unglck richtet der andere seine Blicke nicht
auf ihn, oder kann seine Zeichen wegen der grossen Entfernung nicht
bestimmt erkennen. Hier ist die Unterredung unmglich.

Ferner: man denke sich mehrere, die um sich zu berathschlagen versammelt
sind. -- Dies wird bei rohen und uncultivirten Menschen, wie wir hier
sie uns denken, oft der Fall seyn, weil sie oft des gegenseitigen Rathes
bedrfen. -- Man erwge, ob die angenommene Hieroglyphensprache fr eine
so grosse Gesellschaft bequem seyn werde. Gesetzt, es sind ihrer zehn
beisammen; whrend einer redet und acht zuhren, fllt es dem zehnten
ein, auch etwas vorzutragen. Aber alle seine Zeichen werden nicht
beobachtet, weil die brigen auf den ersten merken. Wie soll er es
anfangen, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Man erinnere sich einer Bemerkung, welche die tgliche Erfahrung
besttigt. -- Das Gehr leitet unwillkrlich die Augen: man richtet sich
nach der Gegend, wo ein Schall herkam, selbst ohne sich mit Bewusstseyn
die Absicht zu denken, der Ursache dieses Schalles nachzuspren; ja, man
hat oft Mhe, sich des Hinsehens zu erwehren. Da es der vorausgesetzten
Person in der Ursprache freisteht, sich sowohl frs Gesicht, als frs
Gehr auszudrcken, so wird er, unserer, nicht gerade deutlich
gedachten, aber dunkel gefhlten Bemerkung zufolge, auf den letzteren
Sinn zu wirken suchen, um die Gesellschaft frs erste nur aufmerksam auf
sich zu machen, und mag vielleicht zuerst einen unarticulirten Ton, etwa
ein ^Hm!^ von sich geben. Jetzt werden die anderen ihre Blicke auf ihn
richten, und er kann durch Zeichen fr das Gesicht mit ihnen sprechen.
Aber sie sind vielleicht in den Gedankenkreis desjenigen, der zuerst zu
ihnen sprach, und der jetzt unterbrochen ist, unwiderstehlich
hineingerissen, er allein interessirt sie, und sie wenden ihre Blicke
von dem Zehnten wieder hinweg. Dies wird demselben nicht gleichgltig
seyn. Er ist berzeugt, dass das, was er vortragen will, von der
grssten Bedeutung sey, -- und wird sich nicht so ruhig gefallen lassen,
dass seine Rede so wenig Eingang findet. Je strker in ihm das Verlangen
ist, sich mitzutheilen, desto lebhafter muss er auch sein Unvermgen
fhlen, durch Zeichen frs Gesicht der Versammlung seine Gedanken
bemerkbar zu machen: und dieses Unvermgen, verbunden mit der Erinnerung
an die Wirkung, welche der Laut, den er gleich anfangs von sich gab, auf
die Gesellschaft machte, muss nothwendig die Vorstellung in ihm
veranlassen, dass er die Gesellschaft nthigen wrde, auf seine ganze
Rede zu achten, wenn sein Vortrag aus blossen Gehrzeichen bestehen
wrde.

Noch mehr. Man verwandle die vorausgesetzte Gesellschaft in eine solche,
wo jeder reden will -- jeder wird wnschen, dass er die
Hieroglyphensprache, in welcher Zeichen frs Gesicht mit Gehrzeichen
abwechseln, in eine blosse Gehrsprache umschaffen knnte, um mehr
Eingang und Aufmerksamkeit zu finden. Durch eine solche Auskunft wrde
auch derjenige, der sich in dem zuerst angefhrten Falle befand, in den
Stand gesetzt werden, dem anderen auch in der Entfernung, oder in der
Dunkelheit seine Gedanken anzuzeigen.

Durch diese Mngel der Ursprache, dass sie die Aufmerksamkeit nicht
erregt, sondern sie schon voraussetzt, dass sie nur in der Nhe und am
Tage anwendbar ist, entstand nothwendig ^die Aufgabe, dieselbe in eine
blosse Gehrsprache zu verwandeln^.

Wie soll nun aber diese Aufgabe gelst werden? Wie soll der Mensch
Gegenstnde, die sich durch den Ton nicht charakterisiren, durch Tne
bezeichnen? Der Hirt wird sein Vieh, und die Feinde desselben, den
Lwen, den Tiger, den Wolf, durch die Nachahmung ihrer Stimmen
bezeichnen. Aber wie soll er einen Fisch, Vegetabilien und andere
Gegenstnde, welche uns die Natur nicht durch Tne ankndigt, frs Gehr
bezeichnen?

Dazu kommt noch, dass, so wie sich allmhlig die Bedrfnisse der
Menschen vermehren, auch immer mehr Dinge in Gebrauch kommen, z. B.
Zelte, Netze und andere Werkzeuge, die, ihrer Natur nach, keinen Ton von
sich geben. Und doch soll auch fr diese ein bezeichnender Laut gefunden
werden.

Man beruft sich gewhnlich, um die Erfindung solcher Bezeichnungen zu
erklren, auf Verabredung: man nimmt an, die Menschen, in einer Lage,
die ihnen eine Gehrsprache nothwendig machte, wren bereingekommen,
diesen Gegenstand ^Fisch^, jenen ^Netz^ zu nennen u. s. w. Allein dies
ist grundlos. Denn erstlich: wie sollte man auch nur auf den Einfall
gekommen seyn, Gegenstnde durch willkrliche Tne bezeichnen zu wollen,
nachdem man sie bisher immerfort durch natrliche Zeichen ausgedrckt
hatte? Dann: wie kam es, dass derjenige, welcher die Tne vorschlug, sie
selbst nicht wieder vergass, oder noch mehr -- dass sie von der ganzen
Horde behalten wurden? Endlich: wie wre es denkbar, dass eine Menge
ungebundener Menschen sich dem Ansehen eines Einzigen unbedingt
unterworfen -- dass sie einen Vorschlag, der sich auf nichts, als die
Willkr dieses Einzigen grndete, so willig angenommen htten?

Noch ist bei der ganzen Deduction der Sprache, und insbesondere bei der
gegenwrtigen Untersuchung, wohl zu merken, dass die verschiedenen
Momente der Erfindung und Modification einer Sprache nicht so schnell
auf einander gefolgt sind, als sie hier erzhlt werden. Wer weiss, wie
viel tausend Jahre verflossen sind, ehe die Ursprache Sprache frs Gehr
wurde?

Ferner ist es durch die Erfahrung besttigt, dass die Sprachen sich
immer ndern, immer neue Modificationen annehmen; dass aber diese
Vernderlichkeit nach Maassgabe der Cultur, welche eine bestimmte
Sprache hat, sich strker oder schwcher ussert. Vorzglich zeigt sich
durch Erfahrung, dass die Sprache sich am meisten bei einem Volk ndert,
das noch nicht schreibt, sondern bloss spricht; weil der ursprngliche
Ton eines Zeichens, wenn er einmal verloren gegangen ist, nirgends
wieder aufgefunden werden kann. Wo aber geschrieben wird, da wird der
Ton festgehalten, und es lsst sich immer wieder bestimmen, wie ein Wort
ausgesprochen werden muss. Durch Erfindung der Buchstaben wurde also die
Sprache sehr befestigt.

Eine lebende Sprache verndert sich demnach immer im umgekehrten
Verhltniss mit ihrer Cultur: je mehr Ausbildung sie erhalten hat, desto
weniger rckt sie vorwrts, je uncultivirter sie noch ist, desto mehr
modificirt sie sich; und sie verndert sich am strksten, wenn ihre
Laute noch nicht durch Schriftzeichen festgehalten werden. Diese
Bemerkung brauchen wir, um uns zu erklren, wie die Ursprache sich in
Gehrsprache verwandelt hat.

Nach diesen Vorerinnerungen kommen wir zur Beantwortung der Frage
selbst: wie liess sich ^Hieroglyphensprache^ in ^Gehrsprache^
umschaffen?

In der Ursprache mussten bald die Zeichen frs Gehr, welche Nachahmung
natrlicher Tne waren, z. B. die Bezeichnung des Lwen, des Tigers u.
s. w., die durch das ihnen eigenthmliche Gebrll ausgedrckt wurden,
merkliche Vernderungen leiden. Bei einem Volke, das -- wie von den
Stmmen der Wilden bekannt ist -- die Zusammenknfte liebt, in
Gesellschaft arbeitet und schmaust u. s. w., wird es leicht dahin
kommen, dass Ein Mensch durch die Ueberlegenheit seines Geistes einen
Vorzug vor den brigen behauptet, und, ohne durch Stimmen dazu erwhlt
zu werden, den Heerfhrer im Kriege, und in ihren Versammlungen den
Sprecher vorstellt. Ein solcher Mensch, auf dessen Reden man vorzglich
achtet, wird sich durch Gewohnheit eine Gelufigkeit im Sprechen
erwerben, und durch diese Gelufigkeit bald dahin kommen, dass er die
Dinge nur flchtig bezeichnet, sich es nicht bel nimmt, den oder jenen
Ton im Reden zu berspringen. Man wird sich an diese Abweichung bald
gewhnen, und diese flchtigere Bezeichnung leicht verstehen lernen.
Allmhlig wird er sich von der eigentlichen Nachahmung der natrlichen
Tne immer mehr entfernen, seine Bezeichnung wird nach und nach
flchtiger, krzer und leichter werden; so dass sich -- vielleicht nach
einem Zeitraum von einigen Jahrzehnden schon -- zwischen seiner
Bezeichnung eines Gegenstandes und dem natrlichen Ton, durch welchen
sich dieser dem Gehr ankndigt, kaum noch eine Aehnlichkeit wird
entdecken lassen. Die Anderen, die sich bemhen, diese leichteren
Gehrzeichen verstehen zu lernen, werden es bald bequemer finden, diese
Art zu sprechen, die sich durch ihre grssere Leichtigkeit empfiehlt,
auch nachzuahmen.

Je weiter nun die Menschen in dieser von der Natur sich entfernenden
Bezeichnungsart fortgingen, desto lebhafter musste sich ihnen, selbst
bei der flchtigsten Aufmerksamkeit auf sich selbst und ihre Art, sich
auszudrcken, die Bemerkung aufdringen, dass, da man Dinge frs Gehr
auf eine andere Art, als sie von Natur tnen, ausdrcken knne, man
vielleicht auch Dinge, die an sich tonlos sind, durch einen Ton
bezeichnen knnte. -- Welchen Weg musste man nun einschlagen, um diesen
Gedanken zu realisiren?

Wenn auch gewisse Dinge sich nicht ausdrcklich unserem Ohr ankndigen,
so kmmt ihnen doch zuflligerweise, unter besonderen Umstnden, ein Ton
zu. Z. B. der ^Reif^ hat an sich keinen Ton, wenn man aber ber
denselben weggeht, so entsteht ein gewisses charakteristisches Rauschen,
von welchem er leicht benannt werden konnte: der ^Wald^ tnt an sich
nicht, wohl aber, wenn man durchs Gestruche geht, u. s. w. Oft konnte
auch ein Zufall, welcher sich ereignete, als gerade ein Mensch mit der
Betrachtung eines Gegenstandes sich beschftigte, die Erfindung eines
Tons fr denselben veranlassen. Z. B. jemand sah eine Blume, indem flog
eine Biene, welche Honig aus derselben gesaugt hatte, sumsend davon; er
sah beides noch nie, in seiner Phantasie vereinigte sich jetzt das
Sumsen mit dem Gedanken an die Blume, und diese Verbindung leitete ihn
sehr natrlich darauf, fr die Blume und Biene eine Bezeichnung zu
finden.

Auf diese Weise kam man darauf, Dinge nach gewissen, zufllig mit ihnen
verbundenen, oder auf sie bezogenen Tnen zu benennen. Man denke sich
nun den Trieb, eine Zeichensprache in Gehrsprache umzuschaffen, selbst
dann noch in fortdauernder Wirksamkeit, als schon die bekanntesten
Gegenstnde -- diejenigen, die im Kreise der tglichen Beschftigungen
des Menschen lagen, fr das Ohr bezeichnet waren: so ist es sehr
begreiflich, wie man endlich darauf geleitet wurde, auch Tne zu
Bezeichnung eines Gegenstandes festzusetzen, zu welchen auch nicht
einmal ein zuflliger Laut Veranlassung gab. Um die Bedeutung eines
solchen Tones zu erklren, musste der Erfinder ihn durch andere schon
bekannte Tne erlutern, durch deren Zusammensetzung er selbst neue
Worte bilden konnte. So war es ihm leicht mglich, durch
Zusammenstellung mehrerer Tne, deren Gegenstnde mit dem zu
bezeichnenden Objecte in gewisser Beziehung standen, seine Sprache mit
neuen Bezeichnungen zu ^bereichern^.

Aber wer war es denn, der fr die Erfindung und Ausbildung einer
Gehrsprache zu sorgen hatte? und wie konnte eine solche willkrliche
Bezeichnung, die von einem Individuum aufgestellt wurde und wozu in dem
Gegenstande entweder gar keine oder nur eine zufllige Veranlassung war,
als ein allgemeinverstndlicher Ausdruck in Umlauf gebracht werden? Der
Natur der Sache nach musste dieses Geschft vorzglich dem Hausvater und
der Hausmutter einer Familie angehren, die bei ihren huslichen
Geschften oft Gelegenheit hatten, mancherlei neue Tne zu erfinden,
womit sie ihren Hausgenossen die Bearbeitung eines Gegenstandes in einem
Ausdrucke auftragen konnten, den sie anfnglich durch Vorzeigung des
Gegenstandes erklrten. Durch den hufigen Gebrauch wurden diese
Ausdrcke dem Vater und der Mutter selbst gelufiger.

Allein, wenn auch der Hausvater sich durch die von ihm erfundenen
Bezeichnungen seiner Familie verstndlich machte; wenn ihm auch z. B.
sein Sohn, wenn er eine ^Rose^ verlangt hatte, die Blume brachte, welche
er mit diesem Ausdruck meinte: wie sollte dies Wort in der ganzen Horde
gemeinbekannt werden? Warum sollte doch der zweite und dritte Nachbar
nicht die Freiheit gehabt haben, die ^Rose^ anders zu benennen? Mithin
liesse sich aus dem Vorgetragenen nur erklren, wie die ^Sprache der
Familie^ gebildet und erweitert wurde; nicht aber, wie die Sprache der
ganzen Horde sich entwickeln konnte. -- Dieser Einwurf lsst sich auf
folgende Art auflsen.

Es wird unter uncultivirten Vlkern immer wenige geben, welche Kopf und
Lust genug besitzen, sich mit Ausbildung der Sprache vorzglich zu
beschftigen. Daher werden diejenigen, welche Fhigkeit und Neigung zu
diesem mhsamen Geschfte zeigen, schon dadurch bald ber die Horde
grossen Einfluss gewinnen. Wenn nun dieselbigen Menschen ausser diesem
Verdienste auch noch andere Talente besitzen, die sie zur Besorgung der
ffentlichen Angelegenheiten ihres Volkes geschickt machen (und dies
lsst sich um so leichter annehmen, da die Menschen, wie wir sie hier
uns denken, noch nicht durch ussere Verhltnisse zu einer einseitigen
Bildung verleitet, leicht von mehreren Seiten zugleich sich auszeichnen
konnten): so werden sie bald an der Spitze der Horde stehen, und in
ihren Rathsversammlungen das Wort fhren. Diese werden nun die
Bezeichnungen, die sie fr die Bedrfnisse ihrer Familie erfunden
hatten, in die Volksversammlung bringen; man wird sie annehmen und
fortbrauchen. Auf diese Art wird sich die Erfindung eines Hausvaters
bald durch die ganze Horde verbreiten.

Aber wie sollte man diese Ausdrcke immer verstehen und behalten? -- Man
muss sich nur nicht vorstellen, dass dies alles auf einmal und pltzlich
geschehen sey. Der Sprecher brachte nicht etwa ganze Reihen neuer Tne
vor, die er auf einmal zu behalten ausdrcklich aufgab; sondern die
Ausdrcke kamen im Fluss der Rede einzeln vor, und waren, wenn auch
nicht an sich, doch durch den Zusammenhang mit anderen bekannten Worten
verstndlich. Aller Augen und Ohren sind auf den Redner gerichtet; man
merkt genau auf ihn, prgt sich das Gehrte sorgfltig ein, und
gebraucht die gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie.

Bisher waren wir beschftigt, zu zeigen, wie ^einzelne Gegenstnde^ frs
Gehr bezeichnet wurden. Mit mehreren Schwierigkeiten wird die uns nun
bevorstehende Untersuchung ber Bezeichnung ^allgemeiner Begriffe^
verbunden seyn. Es giebt in der Wirklichkeit keinen Gegenstand, der,
ausser dem Merkmale seines Geschlechts, nicht auch das Merkmal einer
besonderen Gattung dieses Geschlechts an sich trge. Es giebt zum
Beispiel keinen Gegenstand, von welchem sich weiter nichts sagen liesse,
als dass er ein ^Baum^, und nicht zugleich, dass er etwa eine ^Birke^,
^Eiche^, ^Linde^ u. s. w. sey. Wie kam man demnach darauf, ^allgemeine
Begriffe^, z. B. den des Baumes, auszudrcken?

Zu Bezeichnungen der ^Gattungsbegriffe^ gelangte man sehr leicht. Ein
Hausvater zeigte einem seiner Kinder eine Blume, die er ^Rose^ nannte.
Bald darauf schickt er es, ihm die Rose zu holen. Das Kind hatte mit
diesem Tone gewiss den Begriff jener bestimmten individuellen Blume
verbunden, welche ihm der Vater gezeigt hatte. Es findet aber die
bestimmte Blume nicht mehr, doch erblickt es daneben eine Blume von
gleicher Gestalt, welche dem Kinde nun auch Rose heisst. Es reisst sie
ab und bringt sie dem Vater, der die Blume als Rose anerkennt. So kommen
beide berein, dass der Schall Rose nicht bloss jenen einzelnen
Gegenstand auf jener bestimmten Stelle, sondern berhaupt alle Blumen
von derselben Gestalt, derselben Farbe, demselben Geruche bedeute. -- So
war vielleicht in der gleichen Zeitreihe mit dem ersten Versuche einer
Gehrsprache die Bezeichnung der Gattungsbegriffe mglich. -- Richtig
ist berhaupt, dass die Gattungsbegriffe sich eher entwickelten, als die
des Geschlechts, weil, um sich die letzteren zu denken, ein hherer Grad
von Abstraction erfordert wird. Folglich mussten auch wohl die
Bezeichnungen fr jene frher entstanden seyn, als die Bezeichnungen fr
die letzteren. Auch ist kein so dringendes Bedrfniss da, den
^Geschlechtsbegriff^ -- z. B. den des ^Baums^ zu bezeichnen, als etwa
die ^Gattungsbegriffe Birke, Eiche^ u. s. w.

Diejenigen Namen von ^Gattungsbegriffen^, denen das Zeichen des
Geschlechtsbegriffs, zu welchem sie gehren, nicht angehngt ist,
sind gewiss frher erfunden worden, als die Namen ihrer
^Geschlechtsbegriffe^; hingegen, wo man den Ausdrucke eines
Gattungsbegriffs die Bezeichnung seines Geschlechts beigefgt findet, da
ist der erstere gewiss spter erfunden worden. So sagt man nicht
Birken^baum^, Fichten^baum^, weil die Namen dieser Gattungen von Bumen
frher waren, als die Bezeichnung des Geschlechts. Hingegen sagt man
Birn^baum^, Apfel^baum^, Nuss^baum^ u. s. w., weil hier der
Gattungsbegriff spter zu unserer Kenntniss kam, als der seines
Geschlechts. Denn es ist bekannt, dass diese Gattungen von Bumen in
Deutschland nicht einheimisch, sondern erst zu uns gebracht worden sind,
da schon die wilden Baumarten, und das Geschlecht selbst bezeichnet war.
Man nannte demnach die nun eingefhrten fremden Bume, ehe man einen
bestimmten Namen fr sie wusste, mit dem Geschlechtsworte: ^Bume^. Die
Frucht hatte indess schon vorher einen Namen, den man vielleicht durch
die Kaufleute erfahren hatte, und so entstand denn der Ausdruck:
Apfelbaum, Birnbaum u. s. w.

Sehr abstracte Begriffe wurden erst ganz spt benannt, und die Zeichen
derselben sind fters vorher Zeichen der Gattung gewesen. -- Einer der
allerabstractesten Begriffe ist der eines ^Dinges^; durch welches Wort
ein ^Seyendes berhaupt^ bezeichnet wird. Im Deutschen ist die Ableitung
dieses Wortes weniger verwickelt, als im Lateinischen, da das Wort ^Ens^
in dieser Sprache nicht das Existiren, sondern den reinen Begriff des
Seyns ausdrckt. Im Deutschen hiess wohl anfnglich alles, was als
Werkzeug zu etwas gebraucht wird, ein ^Ding^. Dies sieht man bei Kindern
und ungebildeten Menschen, die anstatt des eigentlichen Ausdrucks (wenn
sie etwas entweder noch nicht kennen, oder sich dessen nicht sogleich
entsinnen knnen) z. B. fr ^Feder^ sagen: ein ^Ding^, womit man
schreibt. -- Diese Bedeutung des Wortes ^Ding^ besttigt sich dadurch,
dass es sehr nahe mit ^Dng^ und ^Dung^ zusammenhngt, und auch sonst
oft damit verwechselt wurde. Z. B. bei Luther kommt das Wort Ding hufig
als Endung eines Wortes vor; als, statt ^Deutung^ -- ^Deutding^ u. s.
w., und wenn man in den lteren Denkmlern unserer Sprache nachforschen
wollte, so wrde man es noch fter in dieser Gestalt finden. Nach und
nach schob man nun diesem Worte einen hheren Sinn unter, und so wurde
endlich aus der Bezeichnung eines Gattungsbegriffs, aus dem Ausdrucke
fr ein Etwas, das zum Behuf eines anderen da ist, die Bezeichnung eines
der allgemeinsten Begriffe, die Bezeichnung eines ^Etwas berhaupt^.

Noch mehr Schwierigkeit findet sich bei der Erklrung des Wortes ^seyn^.
^Seyn^ drckt den hchsten Charakter der Vernunft aus, und der Mensch
muss sehr ausgebildet seyn, um sich zu der reinen Vorstellung desselben
erheben zu knnen. Da wir indess die Worte: ^seyn^, ich ^bin^, du ^bist^
u. s. w. auch in den Sprachen uncultivirter Vlker antreffen, so kann es
wohl jene hohe, nur der schrfsten Abstraction zugngliche Idee nicht
seyn, was ursprnglich durch diese Zeichen ausgedrckt wurde. Sie
bezeichnen in jenen frheren Perioden einer Sprache -- was sie auch uns
in den meisten Fllen, wo wir uns ihrer bedienen, bedeuten -- das
^Dauernde^ im Gegensatz des ^Wandelbaren^, oder den ^sinnlichen Begriff
der Substanz^. Es versteht sich, dass ich dieses Wort hier in dem Sinne
nehme, in welchem man es vor der Wissenschaftslehre genommen hat, und
nehmen musste. Ich erklre den Begriff der ^Substanz^ transscendental
nicht durch das ^Dauernde^, sondern durch ^synthetische Vereinigung
aller Accidenzen^. Die Dauer ist nur ein sinnliches Merkmal der
Substanz, welches man aus dem Zeitbegriff hineintrgt. Offenbar ist
nicht das Dauernde, sondern nur das Wandelbare Gegenstand unserer
Wahrnehmungen. Denn da jede ussere Vorstellung nur durch ein
Afficirtwerden entsteht, welches nur dadurch mglich ist, dass ein
Eindruck auf unser Gefhl geschieht, folglich eine Vernderung in uns
veranlasst wird: so ist klar, dass jeder Gegenstand, dessen wir uns
bewusst werden sollen, sich uns durch und in einer Vernderung
ankndigen msse. Etwas Bleibendes ist demnach nicht wahrnehmbar; aber
wir mssen alle Verwandlung auf etwas Bleibendes beziehen -- auf ein
dauerndes Substrat, welches aber nur ein Product der Einbildungskraft
ist. Auf dieses Substrat wird nun das Wort ^seyn^ oder ^ist^ angewendet.
Keine Handlung unseres Geistes wre ohne ein solches Substrat, und ohne
eine Bezeichnung fr dasselbe keine Sprache mglich. Daher kmmt das
Wort ^seyn^ in einer Sprache vor, sobald sie nur anfngt, sich zu
entwickeln. Aber es kmmt unter keiner anderen Bedeutung vor, als dass
es das ^Dauernde^, welches allem Wechsel zum Grunde liegt, anzeigt.

Eine andere noch schwierigere Untersuchung, welche wir anzustellen
haben, betrifft die Erfindung von Zeichen fr ^geistige Begriffe^. Zuvor
muss der Begriff dagewesen seyn, ehe man eine Bezeichnung fr ihn suchen
konnte. Wir wollen also zuerst versuchen, den Weg, auf welchem jene
Ideen sich entwickelten, ausfindig zu machen.

So lange der Mensch, durch Nothdurft getrieben, nur um Befriedigung
sinnlicher Bedrfnisse bekmmert ist, wird er zum Nachdenken, und
insbesondere zur Entwickelung geistiger Begriffe keine Zeit haben.
Sobald aber die Sinnlichkeit bis zu einem gewissen Grade ausgebildet
ist, und der Mensch sich eine Geschicklichkeit erworben hat, sich seine
Bedrfnisse leicht zu verschaffen, wird er auch durch den der Seele
einwohnenden Trieb des Fortschreitens angeleitet werden, geistigen Ideen
nachzuforschen. Er wird gewohnt, eine sinnliche Erscheinung sich aus
einer anderen, und diese wieder aus einer dritten zu erklren. Wenn ihm
nun bei diesem Erklrungsgeschft eine und dieselbe Erscheinung sehr oft
vorkommt, so wird er diese, als die letzte Ursache aller brigen,
annehmen. Hier wird seine Forschung vielleicht eine Zeitlang befriedigt
stillestehen; aber bald wird er auch von der Erscheinung, welche ihm bis
jetzt letzte Ursache war, wieder den Grund aufsuchen, und so zuletzt aus
dem Sinnlichen zum Uebersinnlichen bergehen mssen. -- So ist nach und
nach das Urtheil entstanden: es ^ist^ eine Welt, mithin ^auch^ ein
Gott.[35]

[Funote 35: Dieses Urtheil ist durch die kritische Philosophie
angefochten worden, als eine Tuschung. -- Aus dem Gesichtspuncte des
philosophischen Rsonnements knnen wir nicht sagen: es ^ist^ eine Welt.
Das, was ausser mir ist, kann ich bloss fhlen, und in dieser Rcksicht
nur ^glauben^. Dass Dinge ausser mir sind, ist also blosser
Glaubensartikel; und wie will man aus etwas, das bloss geglaubt werden
kann, etwas Erweisbares, einen demonstrativen Vernunftsatz machen? --
Dieser Einwurf geht aber nur gegen den Philosophen, der -- anstatt, wie
er sollte, das Theoretische von dem Praktischen, das, was innerhalb der
Grenzen des Gefhls geglaubt wird, von dem was ber diese Grenzen
hinaus, im Gebiete des Verstandes erkannt wird, scharf zu unterscheiden
-- etwas bloss zu ^Glaubendes^ fr etwas ^Erkennbares^ annimmt, und auf
dieses vermeintlich Erkennbare einen Beweis grnden will, der ^seinem
Gehalte nach^ fr den Verstand gltig seyn soll. Dass Dinge ausser uns
sind, ^erkennen^ wir nicht; das Daseyn dieser Dinge wird uns nur ^durchs
Gefhl^ und im Gefhl gegeben, und ist also bloss Gegenstand des
^Glaubens^. Nun ist es wohl ein einleuchtender Widerspruch, aus einem
solchen ^Glauben^ die Existenz irgend eines Uebersinnlichen ^erweisen^,
aus etwas Geglaubtem auf ein Uebersinnliches einen Schluss machen zu
wollen, der fr den Verstand, und nicht bloss fr das Gefhl
berzeugende Kraft htte. Ein solcher Schluss wrde die Forderung
enthalten: entweder, dass der ^Verstand^, der, inwiefern er Verstand
ist, nur erkennen, und nur durch Erkanntes berzeugt werden kann,
^glauben^; oder, dass das ^Gefhl^, welches, als Gefhl, uns nur etwas
zum glauben geben kann, ^erkennen^ soll. -- Also aus dem bloss gefhlten
Daseyn der Dinge ausser uns knnen wir nicht erweisen, dass ein Gott
^sey^.

Aber aus einem Gefhle lsst sich leicht ein anderes entwickeln: wir
knnen von einem Gefhle auf die Annehmbarkeit eines anderen, mithin von
dem Glauben an die Dinge ausser uns, auf die Glaubwrdigkeit des Daseyns
eines hchsten bersinnlichen Wesens schliessen. Diesen Schluss macht
der ^gemeine Menschenverstand^; und, da es ihm nicht obliegt, Gefhl und
Erkenntniss streng zu unterscheiden, er auch gar nicht vorgiebt, sie
unterschieden zu haben: so wre es ein blosser Misverstand, wenn man
gegen das Urtheil des gemeinen Verstandes, dass ein Gott ^sey^, jenen
Einwurf der Kritik geltend machen wollte.]

Hat sich aber der gemeine Verstand einmal zu der Idee einer
bersinnlichen Ursache der Welt erhoben, so entdeckt er von diesem hohen
Gesichtspuncte aus bald auch die brigen geistigen Ideen: der ^Seele^,
^Unsterblichkeit^, u. s. w.

So wie sich nun bei einem Menschen diese Ideen mehr und mehr aufklrten,
regte sich auch in ihm der Trieb, andere mit dem, was er erforscht
hatte, bekannt zu machen; denn nie ist der Trieb, sich mitzutheilen,
lebhafter, als bei neuen und erhabenen Gedanken. Es mussten also auch
Zeichen fr jene Vorstellungen aufgefunden werden. Diese Zeichen finden
sich bei bersinnlichen Ideen aus einem in der Seele des Menschen
liegenden Grunde sehr leicht. Es giebt nemlich in uns eine Vereinigung
sinnlicher und geistiger Vorstellungen durch die Schemata, welche von
der Einbildungskraft hervorgebracht werden. Von diesen Schematen wurden
Bezeichnungen fr geistige Begriffe entlehnt. Nemlich das Zeichen, das
der sinnliche Gegenstand, von welchem das Schema hergenommen wurde, in
der Sprache schon hatte, wurde auf den bersinnlichen Begriff selbst
bergetragen. Diesem Zeichen lag nun freilich eine Tuschung zum Grunde,
aber durch dieselbe Tuschung wurde es auch verstanden, weil bei dem
anderen, welchem der geistige Begriff mitgetheilt wurde, an dem gleichen
Schema auch der gleiche Gedanke hing. -- So muss, um ein recht
auffallendes Beispiel zu geben, die Seele, das Ich, als unkrperlich
gedacht werden, insofern es der Krperwelt entgegengesetzt ist. Wenn es
aber vorgestellt werden soll, so muss es ausser uns gesetzt, folglich
unter die Gesetze, nach welchen Gegenstnde ausser uns vorgestellt
werden, unter die Formen der Sinnlichkeit gebracht, und mithin im Raume
vorgestellt werden. Hier ist ein offenbarer Widerstreit des Ich mit sich
selbst: die Vernunft will, dass das Ich als unkrperlich vorgestellt
werde, und die Einbildungskraft will, dass es nur als den Raum
erfllend, als krperlich erscheine. Diesen Widerspruch sucht der
menschliche Geist dadurch zu heben, dass er etwas, als Substrat des Ich,
annimmt, das er allem, was er als grobkrperlich kennt, entgegensetzt.
Also wird der Mensch, wenn er noch gewohnt ist, Materialien zu seinen
Vorstellungen vorzglich durch den Sinn des Gesichts zu erhalten, zu
einer Vorstellung des Ich einen solchen Stoff whlen, der nicht in die
Augen fllt, den er aber sonst wohl sprt, z. B. die ^Luft^, und wird
die Seele ^Spiritus^ nennen.

Diese Art der Bezeichnung verfeinert sich nach Maassgabe der
Verfeinerung der Begriffe. Eine Philosophie, die alles aus Wasser
entstehen lsst, und folglich Wasser fr das erste und feinste Element
hlt, wrde die Seele durch ^Wasser^ bezeichnen. Bei zunehmender
Verfeinerung der Begriffe wird sie durch Luft, ^anima^, ^spiritus^,
ausgedrckt; und bei noch hherer Cultur, wenn man schon von Aether
hrt, wird man sie durch ^Aether^ bezeichnen. -- Auf diese Art werden
fr geistige Begriffe Bezeichnungen gefunden.

Die Uebertragung sinnlicher Zeichen auf bersinnliche Begriffe ist
indess Ursache einer Tuschung. Der Mensch wird nemlich durch diese
Bezeichnungsart leicht veranlasst, den geistigen Begriff, welcher auf
eine solche Weise ausgedrckt worden ist, mit dem sinnlichen
Gegenstande, von welchem das Zeichen entlehnt wird, zu verwechseln. Der
Geist wurde z. B. durch ein Wort bezeichnet, welches den ^Schatten^
ausdrckt: sogleich denkt sich der ungebildete Mensch den Geist als
etwas, das aus Schatten bestehe. Daher der Glaube an Gespenster, und
vielleicht die ganze Mythologie von ^Schatten im Orcus^.

Die Tuschung war aber unvermeidlich; man konnte jene Begriffe nicht
anders bezeichnen. Wer demnach seine Denkkraft noch nicht genug gebt
hatte, um dem gebildeten Geiste des Forschers, der zuerst jene geistigen
Ideen in sich entwickelte, in seinen schrferen Abstractionen folgen zu
knnen, der konnte auch unmglich den Sinn fassen, in welchem jener die
bildlichen Ausdrcke verstand. Ein solcher glaubte also, es wre bloss
von den sinnlichen Gegenstnden, von welchen die vorgetragenen Zeichen
entlehnt waren, die Rede, und dachte sich also die geistigen Gegenstnde
sehr materiell. -- Daher entsteht auch nicht aller Aberglaube durch
Betrgerei, sondern dadurch, dass geistige Ideen nicht anders, als durch
sinnliche Worte ausgedrckt werden konnten, und dass derjenige, der sich
nicht bis zum Bezeichneten erheben konnte, bei dem ersten rohen Zeichen
stehen blieb.

Bisher beschftigte sich unsere Untersuchung bloss mit der Frage: wie
kamen die Menschen darauf, einzelne Gegenstnde durch in die Sinne
fallende Zeichen auszudrcken? Wir haben also bloss die Entstehung der
^Worte^ untersucht. Aber Worte allein machen noch keine Sprache aus.
Sprache besteht aus der Zusammenfgung mehrerer Worte zur Bezeichnung
eines bestimmten Sinnes. Auch erhalten die einzelnen Worte erst durch
diese Zusammenfgung, durch den Ort, welchen sie in der Verbindung mit
mehreren anderen einnehmen, vllige Verstndlichkeit und Brauchbarkeit
zur Bezeichnung unserer Gedanken. Wenn ich zu jemand sage: ^Rose^ -- so
wird bei ihm nichts, als die blosse Vorstellung der Rose hervorgebracht
werden. Wenn ich ihm aber sage: ^bringe mir die Rose^; so weiss er
bestimmt, was ich gedacht habe, und was ich will, dass er thun soll. --
Zu einer vollstndigen Erklrung des Ursprungs der Sprache ist daher
auch erforderlich, die Entstehung jener Zusammenfgung mehrerer Worte,
d. h. der ^Grammatik^ zu zeigen.

So irrig es ist, zu glauben, dass die willkrlichen Bezeichnungen der
Gegenstnde durch eine besondere Uebereinkunft der miteinander
vereinigten Menschen gebildet worden seyen, so irrig ist es auch,
anzunehmen, dass Grammatik durch Verabredung entstanden sey. Eine
Verabredung zu einem solchen Zweck setzt einen Grad von Geistesbildung,
und insbesondere von Philosophie der Sprache voraus, der bei den
Menschen auf der Stufe der Cultur, auf der wir sie hier uns denken
mssen, gar nicht stattfinden konnte. -- Vielmehr muss die Ableitung der
Grammatik ebenfalls von einem, in dem Wesen des Menschen liegenden
Grunde, von der natrlichen Anlage zum Sprechen ausgehen, und zeigen,
wie diese Anlage durch das Bedrfniss geweckt, und nach und nach auf die
Erfindung der verschiedenen Arten der Wortfgung geleitet wurde.

Die ersten Wrter waren gewiss ganze Stze: sie fassten, vielleicht in
einer einzigen Sylbe, welche wiederholt werden konnte, ein Substantiv
und ein Zeitwort in sich. Z. B. die Nachahmung des Lwengebrlls deutete
der Horde an, es komme ein Lwe. -- Man hat behauptet: die ersten Worte
seyen ^Zeichen des Vergangenen^ gewesen. Dies lsst sich aber nicht wohl
annehmen: denn, wenn diese Worte das Geschehene htten bezeichnen
sollen, so mssten vergangene und gegenwrtige Zeit schon genau von
einander abgesondert gewesen seyn, und zum Behuf dieser Unterscheidung
beide ein bestimmtes Zeichen gehabt haben. Die ersten Worte waren
vielmehr so unbestimmt als mglich; sie bezeichneten keine bestimmte
Zeit, sondern waren bloss ^aoristisch^: es wurde das Vergangene und
Gegenwrtige zugleich ausgedrckt. Z. B. ein Lwe will eine Horde
anfallen. Dies kndigt der, welcher es sieht, durch ein Geschrei an, und
drckt dadurch die ^vergangene^, ^gegenwrtige^ und ^zuknftige^ Zeit
zugleich aus; denn er zeigt dadurch an, dass er den Lwen gesehen habe,
dass er sie darauf aufmerksam machen, und ihnen die Folgen von dessen
Annherung anzeigen wolle, damit sie sich zu gemeinschaftlicher
Vertheidigung rsten knnen.

Also die ersten Worte fassten in sich ein Substantiv und ein Zeitwort:
das Tempus war der Aorist, die Person ganz gewiss die dritte; denn die
Ursprache fngt an mit dem Erzhlen, und der Ton der Erzhlung redet in
der dritten Person. -- Die ersten Zeitwrter waren weder Activa, noch
Passiva, sondern Neutra. Denn das Neutrum bezeichnet einen Zustand, der
durch sich selbst bestimmt ist, der folglich auch, seiner Einfachheit
wegen, am frhesten zum Bewusstseyn und zur Bezeichnung kommen musste.

Fr alles das, was wir hier ber die ursprngliche Gestalt der
Zeitwrter sagen, knnen die Wurzelwrter der orientalischen Sprachen
zur Besttigung dienen; diese sind Neutra, haben aoristische
Zeitbedeutung, und gehen von der dritten Person aus.

Jedes Ding wurde in der Ursprache durch seine hchste Eigenthmlichkeit
ausgedrckt. Diese hchste Eigenthmlichkeit eines Gegenstandes bestand
wohl in demjenigen, wodurch sich dieser Gegenstand dem Bewusstseyn der
rohen Naturmenschen am lebhaftesten ankndigte. Dieses Auffallende an
einem Dinge konnte nun schon an sich ein Ton seyn, und dann ahmte man
denselben nach, um den Gegenstand, dem er angehrte, zu bezeichnen. Wenn
es sich aber ursprnglich einem anderen Sinne, als dem Gehr entdeckte,
so suchte man auf die oben beschriebene Art einen Ton, welcher mit jener
ausgezeichneten Eigenschaft in Beziehung stand, um auf diese Art
wenigstens mittelbar den Gegenstand durch seine Eigenthmlichkeit zu
bezeichnen. Nun sollten aber noch andere Eigenschaften, die einem
Gegenstande zukommen, auf Veranlassung der Umstnde, auch ausgedrckt,
als demselben zugehrig dargestellt werden. So wurde der ^Lwe^ durch
Nachahmung seines Gebrlls angedeutet. Jetzt sollte ihm aber noch ein
anderes Prdicat zugeschrieben werden, welches ihm zufllig zukam. In
diesem Falle musste der Ton, welcher den Lwen bezeichnete, verbunden
werden mit einem anderen, durch welchen die zweite Eigenschaft
bezeichnet werden sollte. Z. B. es sollte ausgedrckt werden: ^der Lwe
schlft^: hier musste das Zeichen des Lwen mit dem des Schlafs (etwa
mit dem Tone des Schnarchens) zusammengesetzt werden; und dies hiess
denn: der Lwe, der sonst brllet, schlft. -- Bei dieser
Zusammensetzung konnte aber nicht so lange auf dem Tone des Lwen in der
Aussprache verweilt werden, als sonst geschah, da man, unserer
Voraussetzung zufolge, durch den Ton des Lwen den ganzen Satz: ^der
Lwe kmmt^, ausgedrckt hatte, wo freilich der Ton, welcher hier den
ganzen mitzutheilenden Gedanken bezeichnete, gedehnt und mit Nachdruck
ausgesprochen werden musste. Allein wenn dieses Zeichen mit einem
anderen, auf welchem der Hauptsinn des ganzen vorzutragenden Satzes
liegt, und welches also auch in der Aussprache durch einen lngeren und
strkeren Ton unterschieden werden musste, verbunden werden sollte, so
musste jenes erste Zeichen krzer und leichter ausgedrckt werden, so
dass es mit dem folgenden gleichsam in Ein Wort zusammenfloss. Auf diese
Art entsteht aus einem Zeitworte ein Particip, das durch fteren
Gebrauch, vielleicht auch durch Hinzukunft einiger usserer Zeichen sich
leicht in ein Substantiv verwandeln kann. Es gehrt also zum
ursprnglichen Charakter des Substantivs, dass ein solches Wort krzer
und zusammenfliessend mit dem folgenden Worte vorgetragen wurde.

Daraus erhellt auch -- was man sonst ebenfalls aus einer besonderen
Verabredung erklren zu mssen glaubte -- wie man darauf kommen musste,
die Zeitwrter durch bestimmte Endsylben zu bezeichnen, und durch andere
Endungen, z. B. ^us^, ^os^ u. s. w., die Substantive zu charakterisiren.
Nach unserer Deduction musste ein Wort, welches als Substantiv gebraucht
werden sollte, den Satz erffnen: und da das Wort, welches den Satz
schloss, durchgngig den strksten Ton erhielt, weil es denjenigen
Begriff ausdrckte, auf dessen Mittheilung es hauptschlich abgesehen
war; so musste, weil unsere Kehle bei mehreren zugleich vorzutragenden
Tnen nur Einen strker aussprechen kann, nothwendig das Substantiv, als
das vorangehende Wort, leichter und mit dem folgenden zusammenfliessend
ausgedrckt werden; da hingegen das Zeitwort, welches, unserer Theorie
gemss, immer das letzte Wort in einem Satze war, sich dadurch
auszeichnete, dass auf ihm der volle Ton ruhte.

Wir gehen jetzt zu einer anderen Untersuchung fort, bei welcher uns, wie
bei allen folgenden ber die verschiedenen Arten der Wortfgung, die
Aufschlsse leiten werden, welche das soeben gefundene Resultat uns ber
die Entstehungsart fast aller Formen der Wortverbindung giebt. In dem
vorher angefhrten Falle sollte ein Gegenstand durch zwei Bestimmungen
bezeichnet werden. Gesetzt nun aber, ein Gegenstand soll mit drei oder
mehreren Bestimmungen zugleich ausgedrckt werden, es soll z. B.
angedeutet werden: der schlafende Lwe ruht aus, so muss hier nach der
von uns aufgestellten Regel der ^Lwe^, als der Hauptbegriff im ganzen
Satze, zuerst bezeichnet werden: hierauf folgt die nhere Bestimmung des
Lwen, nemlich, dass er ^schlft^: und zuletzt kmmt eine besondere
Bestimmung dieses Schlafs -- das ^Ausruhen^. In dieser Verbindung muss
demnach das Zeichen des Schlafs, welches in der vorher angefhrten
Zusammensetzung als das Hauptwort einen starken und gedehnten Ton hatte,
abgekrzt, und zusammenfliessend mit dem Zeichen des Ausruhens, das hier
den Hauptsinn des ganzen Satzes enthlt, auf dem folglich in der
Aussprache am lngsten verweilt werden muss, vorgetragen werden.

Man sieht ohne meine Erinnerung ein, dass in dieser Zusammensetzung die
Bezeichnung des ^Schlafs^, welche vorher ein ^Zeitwort^ war, auf
dieselbe Art, wie in dem vorher aufgestellten Satze die Bezeichnung des
Lwen, zu einem ^Particip^ geworden ist; woraus sich leicht, etwa durch
einige ussere Modificationen, ein Adjectiv bilden kann. -- So entstehen
^Participien^, ^Substantive^ und ^Adjective^. Aber man knnte fragen:
warum ist aus manchen Bezeichnungen ein ^Substantiv^, aus anderen ein
^Adjectiv^ entsprungen, da doch sowohl das eine, als das andere, sich
aus einem Zeitworte, und durch die Zusammensetzung desselben mit einem
anderen Zeitworte gebildet hat? -- Die Antwort darauf liegt sehr nahe.
Bei den ersten rohen Versuchen einer Wortfgung mochten nemlich Adjectiv
und Substantiv nicht so streng unterschieden seyn, als wir sie jetzt in
unseren Sprachen unterschieden finden: zumal, da die Verschiedenheit
beider Bezeichnungsarten nicht sowohl auf inneren Merkmalen, als auf dem
besonderen Gebrauche beruht, der von der einen und von der anderen
gemacht wird. ^Substantiv^ war der Natur der Sache nach dasjenige Wort,
welches den Hauptbegriff, oder das Subject eines Satzes bezeichnete:
^Adjectiv^ hingegen war jedes Wort, sobald es eine nhere Bestimmung des
Hauptbegriffes auszudrcken gebraucht wurde. Auf diese Art konnte
dasselbe Wort, wenn es in dem einen Satze das Subject der Rede, in dem
anderen nur ein Prdicat dieses Subjects ausdrckte, bald in
substantiver, bald in adjectiver Bedeutung vorkommen. -- Die
eigenthmliche Unterscheidung zwischen Substantiv und Adjectiv ist auch
wohl erst spter hinzugekommen. Fr uns sind sie nun, nachdem durch
gewisse ussere Merkzeichen der schwankende Unterschied zwischen beiden
fixirt ist, scharf von einander abgeschnitten; aber in der Ursprache
drfen wir sie uns noch nicht ebenso von einander unterschieden denken.

Aus dieser Gleichartigkeit ergiebt es sich auch, warum sich Substantiv
und Adjectiv fast immer in den Endungen gleichen. Da beide durch
Abkrzung des Stammwortes und durch Verkettung desselben mit einem
anderen strker und gedehnter auszudrckenden Worte entstehen, so folgt,
dass sowohl das eine, als das andere mit einem Tone enden muss, der sich
leicht dem folgenden Worte anschliessen lsst: da hingegen die
Zeitwrter einen rauhen, harten Ton haben mussten, weil sie den Satz
schliessen, und ihm den Nachdruck geben mussten. In cultivirten Sprachen
werden freilich die Zeitwrter diesen rauhen Ton mehr oder weniger
verlieren, weil sie dann ebenso oft in der Mitte, als am Ende eines
Satzes vorkommen. Denn der gebildete Mensch begngt sich nicht mit
Stzen, wie sie hier aufgestellt sind: mit der einfachen
Zusammenstellung eines Substantivs, Adjectivs und Zeitworts. Sowie sich
sein Geist mehr und mehr mit Vorstellungen bereichert, wird auch durch
die mancherlei Bestimmungen, die er den vorgetragenen Begriffen als
Erluterungen beifgt, die Zusammensetzung verwickelter, der schlichte
Satz zur Periode erweitert, und die ursprngliche Wortfgung folglich
verndert.

Durch diese Zusammenfgung mehrerer Worte bildete sich auch allmhlig
ein eigenthmlicher Unterschied des Substantivs von dem Zeitwort, welche
ursprnglich ein gemeinschaftliches Stammwort ausmachten, das einen
Gegenstand und eine Handlung zugleich andeutete (wie nach dem oben
angefhrten Beispiele der ursprngliche Ton, der den ^Lwen^
bezeichnete, zugleich auch die ^Ankunft^ des Lwen ausdrckte). In der
Verbindung mit anderen Worten, wo es nicht mehr den ganzen Gedanken
ausdrcken sollte, musste ein solches Wort nicht mit dem vollen Ton,
sondern leicht und fliessend ausgesprochen werden, weil ein anderes
Zeichen folgte, auf welches der Nachdruck gelegt werden musste. Durch
einen solchen leichteren und krzeren Ton konnte sich das Substantiv in
der Folge berhaupt recht wohl von dem Zeitworte, von welchem es
abstammte, unterscheiden, ohne dass im Ganzen die Aehnlichkeit verloren
ging, welche selbst noch in unseren Sprachen zwischen Substantiv und
Zeitwort, wenn sie aus derselben Quelle entsprungen sind, stattfindet.

Hier noch etwas ber die Stellung der Worte, welche zusammengefgt
werden sollen. Wenn ausgedrckt werden soll: der Lwe schlft und ruht
aus; so wird zuerst der ursprngliche Ton des ^Lwen^, hier in
^substantiver^ Bedeutung, d. h. nicht mit der ganzen Strke des Tons als
Hauptwort, sondern krzer abgebrochen mit dem folgenden Ton
zusammenfliessend, vorgetragen: zu diesem wird, als ein ^Adjectiv^, der
Ton des ^Schlafens^ hinzugefgt, und zuletzt kmmt das Zeitwort
^ausruhen^. Der ursprnglichen Wortfgung gemss, gehrt also dem
Substantiv der erste Platz. Wie kmmt es zu dieser Stelle? -- Der
Naturmensch hlt sich im Vortrage seiner Gedanken genau an die Ordnung,
in welcher die Vorstellungen in der Seele auf einander folgen. Immer
kmmt aber im Denken das am wenigsten Bestimmte zuerst, und hierauf
folgen die nheren und noch nheren Bestimmungen. Folglich musste auch
in der Natursprache das fr uns Unbestimmte, oder am wenigsten Bestimmte
zuerst gesetzt werden, und die nheren Bestimmungen erst nachfolgen. Nun
ist das ^Substantiv^ immer das Unbestimmteste: durch ein Adjectiv, das
hinzukmmt, wird es nher, und durch das Zeitwort endlich nach der
Absicht hinlnglich bestimmt.

Dieser Ordnung zufolge steht also in der Ursprache das Adjectiv immer
nach dem Substantiv. Aber wir finden, dass diese Ordnung nach Maassgabe
der Cultur der Sprachen sich ndert. Sobald eine Sprache nicht mehr
bloss Natursprache ist und sich der Sprache der Vernunftcultur nhert,
wird in ihr das Adjectiv bald vor bald nach gesetzt. Bei Homer z. B.
finden wir meistens das Adjectiv nach dem Substantiv. In der
lateinischen Sprache stehen die Adjective schon hufig voran. In der
deutschen Sprache aber kann das Adjectiv niemals nach dem Substantiv
gesetzt werden. Im Franzsischen setzt man auch das Adjectiv mehr vor
als nach; wenn aber mehrere Adjective mit dem Substantiv verbunden
werden sollen, so lsst man immer jene auf das letztere folgen, z. B.
^un homme vertueux et bienfaisant^; welche Verbindungsart, um des
Nachdrucks willen, der auf jedes der Adjective gelegt werden kann,
allerdings einen entschiedenen Vorzug vor der deutschen hat. -- Wie kann
es in einer Sprache dahin kommen, dass das Adjectiv, jener Ordnung des
Denkens gerade entgegen, zuerst gesetzt wird? -- In dem Fortschritt der
Cultur einer Sprache mssen die Wrter nicht mehr als einzelne gedacht
werden, sondern mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden als
Ein Begriff gedacht. So wird auch das Substantiv nicht mehr als
einzelner Begriff gedacht, der nachher durch Adjective bestimmt werden
solle, sondern er wird mit diesen sogleich zusammen gedacht als Ein
Begriff, und jene knnen ihm also auch vorhergehen.

Eine andere Frage, die wir jetzt zu untersuchen haben, betrifft die
Entstehung des ^Activs^ und ^Passivs^. Die ersten Zeitwrter waren
^Neutra^. Aus dem ursprnglichen Neutrum lsst sich das ^Activ^ leicht
entwickeln. Das ^Neutrum^ bezeichnet, wie wir schon bemerkt haben, einen
^Zustand^, in welchem sich der Gegenstand der Rede befindet: bezieht man
nun diesen Zustand auf ein anderes Object, welches mit demselben in
Verbindung steht, so wird auch das Neutrum in ein ^Activ^ verwandelt. Z.
B. in dem Satze: ^der Lwe frisst^ -- drckt das Wort ^fressen^ einen
durch sich selbst vllig bestimmten Zustand des Lwen aus, und hat also
eine vllig neutrale Bedeutung. Sage ich aber: der ^Lwe frisst das
Schaaf^, so ist dieses Zeitwort ein ^Activ^: denn hier wird die durch
dasselbe dem Lwen zugeschriebene Handlung auf ihr Object bezogen.

Aus eben diesem Beispiele erhellt auch, dass das Wort fr den
Gegenstand, welcher mit der Handlung des Subjects in Verbindung gesetzt
werden soll, schon als ^Substantiv^ gebraucht seyn, und ein festes
Merkzeichen seiner substantiven Bedeutung haben musste, wenn die
erwhnte Wortfgung, und folglich auch die Verwandlung des Neutrums in
ein Activ zu Stande kommen sollte. Der ^Lwe^, welcher hier Subject des
Satzes ist, wird durch den gewhnlichen Laut, der eine Nachahmung seines
Brllens ist, ausgedrckt. Dieser Lwe ^frisst^. Auch dies kann durch
den eigentlichen Ausdruck bezeichnet werden. Aber wie soll ich nun das
^Schaaf^ ausdrcken? Wenn ich dieses auch durch seinen eigentlichen Ton
andeuten will, so kann dieser Ton, welcher zugleich das Zeitwort des
^Blkens^ ausdrckt, fr dieses Zeitwort genommen werden, und dann
bedeutete der ganze Satz: ^der fressende Lwe blkt^. Nun haben wir zwar
weiter oben gesehen, dass das Substantiv sich von dem Zeitworte, von
welchem es abgeleitet wurde, durch den leichteren Ton, in welchem es
vorgetragen wurde, unterschied. Allein dieses Merkmal ist hier nicht
anwendbar, da das Substantiv hier nicht den Satz anfngt, sondern
beschliesst, und folglich nach unserer Theorie einen gedehnten und
starken Ton erhalten muss. Diesem mglichen Misverstndnisse ist also
nicht eher abzuhelfen, als bis fr das Wort, durch welches das Schaaf in
substantiver Bedeutung bezeichnet werden soll, ein bleibendes
Unterscheidungszeichen gefunden worden ist. Dies konnte aber auf die
oben angegebene Art leicht geschehen, indem die Abkrzung, mit welcher
ein solches Wort, wo es ein Substantiv ausdrckte, ausgesprochen wurde,
bald in einen fixen eigenthmlichen Laut verwandelt werden musste; wobei
sehr leicht auch noch ein Mittelton eingeschoben werden konnte, um
dasselbe mit dem darauf folgenden Worte leichter zu verbinden. Solche
Modificationen des ursprnglichen Tons wurden durch wiederholten
Gebrauch so mit dem Worte verwebt, dass sie zuletzt einen Bestandtheil
desselben ausmachten, und zu Merkzeichen der substantiven Bedeutung
eines Wortes dienten. Ehe aber dergleichen Bestimmungen vorhanden waren,
war der ganze Satz nicht auszudrcken, und eher war kein ^Activ^,
sondern alle Zeitwrter blieben, was sie ursprnglich waren -- ^Neutra^.

Um die Entstehung des ^Passivs^ zu erklren, muss ein Bedrfniss
aufgezeigt werden, welches die Menschen zur Erfindung dieser
Sprachbestimmung leitete; denn, dass in der Ursprache irgend etwas ohne
Noth, bloss zur Verschnerung des Vortrags erfunden worden sey, lsst
sich nicht annehmen. Um diese mchte man sich wohl bei den ersten rohen
Versuchen einer Sprache nicht sehr bekmmert haben; da sagte man wohl
eher: ^man schmhet mich^, als -- ich werde geschmhet; der Lwe
zerreisst das Schaaf, als -- das Schaaf wird vom Lwen zerrissen.

Ein solches Bedrfniss des Passivs tritt ein, wenn eine Handlung
vorkmmt, welche, nach unseren Einsichten, einen Urheber hat, den wir
aber auf keine Weise entdecken knnen. Sie muss ^erstlich^ einen Urheber
haben; denn hat sie keinen, oder knnen wir keinen annehmen, so drcken
wir uns durch das ^Impersonale^ aus -- wir sagen: ^es donnert, regnet^,
u. s. w. ^Zweitens^ muss der Urheber unbekannt seyn, und gar nicht
errathen werden knnen; denn, gesetzt der Wolf htte ein Schaaf geraubt,
so wird der noch ungebildete Naturmensch, auch selbst wenn er nicht
Augenzeuge von dem Vorgange gewesen ist, doch nicht sagen: ^das Schaaf
ist mir geraubt worden^; sondern: ^der Wolf hat das Schaaf weggenommen^;
weil er schon aus Erfahrung weiss, dass dieser Schaafe raubt. Das
Bedrfniss des Passivs trat also erst dann ein, wenn eine Handlung da
war, bei der man ebenso klar sah, dass sie einen Urheber haben musste,
als man sich bewusst war, dass man diesen Urheber nicht errathen knne.
Ursprnglich wurde daher auch wohl das Passiv durch ein Zeichen
ausgedrckt, wodurch der Redende andeutete, dass ein Urheber da sey und
dass er ihn nicht kenne. Man hngte vielleicht den Worten, welche die
That selbst ausdrckten, den Satz an: ^ich weiss nicht, wer es gethan
hat^. Wenn nun diese Worte bei gleicher Gelegenheit mehrmals gebraucht
wurden, so musste es bald dahin kommen, dass sie geschwinder
ausgesprochen wurden, mit dem Zeitworte, welches die Handlung
bezeichnete, enger zusammenflossen, und zuletzt einen Bestandtheil
desselben ausmachten. Ob ein solcher Zusatz ursprnglich dem Zeitworte
vorgesetzt, oder angehngt wurde, lsst sich nicht bestimmen. Im Ganzen
aber folgt so viel, dass ursprnglich das ^Passiv^ wohl durch einen
kleinen Zusatz zum Zeitwort ausgedrckt wurde, welcher eigentlich das
Zeichen der Unbekanntheit des Urhebers war.

Das ^Verbum medium^ bezeichnet eine Handlung, welche auf uns selbst
zurckgeht: es grndet sich auf hhere Abstraction, und kann daher in
einer Ursprache nicht wohl vorkommen.

Die Entstehung des ^Numerus^ lsst sich auf folgende Art erklren. --
Der ^Singular^ fand sich von selbst; er war der ursprngliche Numerus;
die ersten Wrter wurden alle im Singular gebraucht. Nun sollte aber der
Horde eine Mehrheit angezeigt werden; es wollte z. B. einer sagen: es
kommen mehrere Lwen! wie sollte er das andeuten? Durch das natrliche
Bild einer Heerde: durch Dehnung und Wiederholung des Tons, und dadurch,
dass dieser Ton immer fortschallte. Um wie viel oder wenig man den Ton
dehnen, oder wie oft man ihn wiederholen sollte, um die mehrere Zahl
anzudeuten, war vermuthlich nicht bestimmt. Der ^Pluralis^ wurde demnach
durch Verlngerung des Wortes ausgedrckt.

Der ^Pluralis^ war aber anfangs nur nthig bei ^Zeitwrtern^,
keinesweges bei Substantiven und Adjectiven; denn es verstand sich von
selbst, dass auch sie, wenn sie von einem Zeitworte im Plural begleitet
wurden, in der mehreren Zahl zu nehmen waren. Der Numerus der
Substantive und Adjective ist daher in der Ursprache nicht zu suchen: er
ist keinesweges eine durch Nothwendigkeit geforderte Sprachbestimmung,
sondern eine Erfindung, welche das Streben nach Bestimmtheit und Eleganz
im knstlichen Vortrage nthig machte. Aber bei Zeitwrtern war der
Plural unentbehrlich.

Die ^verschiedenen Personen^ der ^Zeitwrter^ wurden ohne Zweifel in
folgender Ordnung gebildet. Diejenige ^Person^, welche zuerst in der
Sprache bezeichnet wurde, war gewiss die ^dritte^; denn urprnglich
wurde in keiner anderen, als in der dritten Person geredet. Man nannte
einen jeden bei seinem eigenthmlichen Namen: N. N. solle das thun! Die
folgende, welche zunchst der dritten ihre besondere Bezeichnung
erhielt, war die ^zweite Person^; weil man bei Verabredungen und
Vertrgen bald das Bedrfniss fhlte, dem anderen zu sagen: das sollst
Du thun. Das ^Ich^, als die ^erste Person^, zeugt (besonders wo es an
der Endung des Zeitwortes selbst angehngt ist) von hherer
Vernunftcultur, und wurde also auch zuletzt bezeichnet. Bei Kindern
sehen wir, dass sie immer in der dritten Person von sich sprechen, und
sich, als das Subject, von welchem sie etwas sagen wollen, durch ihren
Namen ausdrcken, weil sie sich bis zum Begriff des Ich, bis zur
Absonderung des selben von allem ausser ihnen noch nicht erhoben haben.
^Ich^ drckt den hchsten Charakter der Vernunft aus.

Wie eine ^dritte^, ^zweite^, und ^erste Person^ im ^Plural^ gebildet
werden konnte, ergiebt sich leicht, wenn der Plural schon vorhanden war.

Die ^Tempora der Zeitwrter^ wurden wahrscheinlich auf folgende Art
erfunden. Die ersten Zeitwrter wurden bloss ^aoristisch^ gebraucht: aus
dem ^Aorist^ konnte leicht das ^Prsens^ gebildet werden, oder vielmehr
-- man musste den Aorist bald selbst als Prsens verstehen, weil die
Bestimmungen bei rohen Nationen sich fast immer auf die gegenwrtige
Zeit beziehen. Mehr Mhe mochte wohl die Erfindung der Bezeichnungen fr
vergangene und zuknftige Zeiten kosten. Als man zuerst das Bedrfniss
fhlte, ^Vergangenes^ und ^Zuknftiges^ auszudrcken, gab man wohl die
Zeit, in welcher etwas geschehen war, oder geschehen sollte, ganz genau
an; es wurde z. B. nicht gesagt: ^es hat sich zugetragen^, sondern: ^es
trgt sich vor so und so viel Tagen zu^; nicht: ^es wird sich ereignen^,
sondern ^es ereignet sich nach so viel Tagen^. Diese Art sich
auszudrcken, war dem noch ungebildeten Menschen sehr natrlich.
Vollkommene Prcision im Ausdrucke kndigt eine hhere Verstandescultur
an, als man den ersten Erfindern der Sprache zuschreiben kann. Der
ungebildete Mensch theilt nicht bloss das mit, was der andere von einer
Sache wissen soll, oder will, sondern auch was er selbst davon weiss.
Daher giebts in den uncultivirten Sprachen eine Menge berflssiger
Bestimmungen, eine Menge Ausdrcke, die, der Verstndlichkeit des Ganzen
unbeschadet, weggelassen werden knnten. So auch mit den Bestimmungen
der Zeit. Die Zeit, in welcher etwas vorgegangen war, oder kommen
sollte, wurde, so weit man ^zhlen^ konnte, bestimmt hinzugesetzt. Wo
man aber auf einen Zeitraum stiess, welcher eine so genaue Bestimmung
nicht zuliess, da bediente man sich, wie uns noch einige Spuren in alten
Sprachen zeigen, der Worte: ^morgen^, ^gestern^ u. s. w., um die
^verflossene^ oder ^zuknftige^ Zeit unbestimmt auszudrcken.

Aus dieser Bezeichnungsart mussten aber bald mehrere Misverstndnisse
entstehen. Wie leicht konnte es Zwist verursachen, wenn der zweideutige
Ausdruck ^morgen^ fr den besonderen Fall, in welchem er gebraucht
wurde, nicht gehrig bestimmt war? Z. B. es sagte einer zum andern: ich
gebe dir das morgen. Hier konnte morgen ebensowohl den nchstknftigen,
als jeden anderen folgenden Tag bedeuten. Der andere legt es von dem
nchstknftigen Tage aus, und kmmt, um die Sache abzuholen: jener
weigert sich aber, das Versprochene abzuliefern, weil er es nicht auf
morgen, sondern berhaupt auf die Zukunft zugesagt htte. Durch Flle
dieser Art konnten leicht Mishelligkeiten entstehen, an welchen sich das
Bedrfniss einer bestimmten Bezeichnung fr Vergangenheit und Zukunft
deutlich offenbaren musste. Diesem Bedrfniss konnte vielleicht schon
dadurch abgeholfen werden, dass man solche allgemeine Worte, wie
^morgen^, ^gestern^ u. s. w., wenn sie die ^verflossene^ oder ^kommende^
Zeit ^berhaupt^ ausdrcken sollten, mit dem Zeitwort zusammenfassender,
schneller und krzer aussprach, und im Gegentheil dieselben Worte, wenn
sie bestimmt den ^zunchst vergangenen^ oder ^zuknftigen^ Tag
bezeichnen sollten, durch einen festen, lngeren Ton ausdrckte. So
wurde zum Ausdrucke der vergangenen und zuknftigen Zeit ein Zusatz zum
Zeitworte gefunden, welcher nach und nach inniger mit demselben
zusammenfloss, und das ^Perfectum^ und ^Futurum^ in seiner jetzigen
Gestalt bildete.

Es fragt sich noch: wie entstanden die verschiedenen ^Casus^? -- Der
^Nominativ^ und ^Accusativ^ sind wohl diejenigen, auf welche man am
frhesten kam. Man bedurfte sie auch bei der einfachsten Wortfgung, und
sie liessen sich auch leicht durch die Stelle, welche sie in einem Satze
bekommen mussten, charakterisiren. Das Subject einer Rede musste, als
der unbestimmteste Begriff, immer die erste Stelle in einem Satze
einnehmen. Bei jeder Wortfgung musste also ein Substantiv vorangehen;
darauf folgte das Zeitwort, der Ausdruck des Zustandes, in welchem sich
das Subject befand. Sollte nun dieses Zeitwort bezogen werden auf einen
Gegenstand, welcher mit der durch dasselbe bezeichneten Handlung des
Subjects in Verbindung stand, so musste dieses seinen Platz gleich
hinter dem Zeitworte erhalten. Dieser Anordnung der Worte gemss muss
das Substantiv, da es das Subject des Satzes anzeigen, gleichsam
^nennen^ soll, im ^Nominativ^, das Object aber, welches auf die Handlung
des Subjects bezogen wird, im ^Accusativ^ stehen; folglich der Nominativ
den Satz anfangen, der Accusativ denselben beschliessen. -- Der
Accusativ musste mithin auch, weil kein Wort weiter auf ihn folgte, den
lngsten und strksten Ton haben, der Nominativ aber flchtig
ausgesprochen und mit dem Zeitworte verflochten werden. Es musste sich
also bei einem und demselben Worte leicht unterscheiden lassen, ob es im
Nominativ, oder Accusativ stehe, indem in dem letzteren Falle entweder
eine Verlngerung, durch Zusetzung mehrerer Buchstaben oder Sylben, oder
doch eine Verstrkung des Tones stattfand.

Der ^Genitiv^ wurde als nhere Bestimmung des Substantivs angehngt, und
ich glaube wohl, dass der Name, den er fhrt, den ursprnglichen
Gebrauch bezeichnet, welchen man von diesem Casus machte. Man bediente
sich seiner zur Bezeichnung der Abstammung eines Menschen, indem man
erst den Sohn, und dann den Vater nannte. Spterhin wendete man diese
Bestimmung auch auf das Besitzthum an, man sagte z. B. das Schaaf des
Marcus u. s. w. Der Genitiv hatte deshalb auch seine Stelle, durch die
er bezeichnet wurde, unmittelbar nach dem Substantiv, zu dessen nherer
Bestimmung er diente. Z. B. man wollte unter einer Horde einen
bezeichnen, der mit mehreren anderen einen gleichen Namen hatte; so
setzte man, um ihn nicht mit einem von diesen Anderen zu verwechseln,
den Namen seines Vaters hinzu, als: Marcus Caji, u. s. w. Da nun, nach
den Grundstzen, welchen wir bei der Ableitung der Grammatik gefolgt
sind, jedes Wort, je weiter es in der Reihe der Zeichen zurckstand,
einen desto lngeren und strkeren Accent erhielt: so musste auch der
Genitiv einen lngeren oder strkeren Ton bekommen, als der Nominativ,
hinter welchem er seinen Platz hatte.

Auch der ^Ablativ^ ist, wie der Genitiv, entstanden, um ein Wort nher
zu bestimmen, und drckte vielleicht anfangs das ^von einem Orte Nehmen^
aus. Er ist mit dem Genitiv gewissermaassen gleichartig; beide drcken
die Beziehung mehrerer Nennwrter auf einander aus. Die Entstehung
dieser beiden Casus ist allerdings in der Ursprache zu suchen. Es war
unter rohen Vlkern sehr nothwendig, dergleichen Beziehungen recht
verstndlich auszudrcken. Wie leicht konnte man einem verdrsslichen
Misverstndnisse vorbeugen, wenn man, um einen Menschen desto genauer
kenntlich zu machen, den Namen seines Vaters zu dem seinigen hinzufgte;
sowie man auch in allen alten Geschichtschreibern zur nheren Bestimmung
des Sohnes den Namen des Vaters hinzugesetzt findet.

Aber um alle die verschiedenen Beziehungen der Gegenstnde auf einander
zu bezeichnen, ist weder der Genitiv noch der Ablativ hinreichend; es
bedarf also auch noch der ^Prpositionen^. Eine der gewhnlichsten
solcher Beziehungen ist z. B. die ^Local^beziehung, als: das Haus ^im^
Dorfe, u. s. w. Diese Beziehungen wurden ursprnglich wohl dadurch
ausgedrckt, dass man einen Buchstaben, eine Sylbe oder einen fast
unmerklichen Ton einem von den beiden Nennwrtern, welche auf einander
bezogen werden sollten, beifgte. Da dieser Zusatz, den man sich
brigens als Prfix oder Affix denken kann, nicht geschrieben, sondern
ausgesprochen wurde, so liess sich auch nicht bestimmen, ob er einen
besonderen Ton ausmachte, sondern er floss in der Aussprache mit dem
Zeichen, welchem er vor- oder nachgesetzt wurde, zusammen.

Der ^Dativ^ bezeichnet die Beziehung einer Handlung auf ein Drittes, auf
etwas ausser dem Subject und Object, auf welches die Handlung eigentlich
abzweckt. Z. B. ich gebe das Brot, ich nehme das Brot: hier fehlt
offenbar die Beziehung auf ein Drittes, um dessen willen die Handlung
vorgenommen, dem das Brot gegeben, oder genommen wird. Setze ich diese
Beziehung hinzu, sage ich z. B. ich gebe oder nehme das Brot dem Hunde,
so habe ich auch den ^Dativ^. Da der Gegenstand, mit welchem eigentlich
die Handlung vorgenommen wird, zur Bestimmung der Handlung unmittelbar
gehrt, so muss auch der Accusativ, welcher dieses Verhltniss des
behandelten Gegenstandes zu der Handlung bezeichnet, unmittelbar nach
dem Zeitwort stehen; und der ^Dativ^, welcher den Gegenstand bezeichnet,
um dessenwillen die Handlung eigentlich geschieht, folgt jenem nach. Er
wird also den Satz schliessen, und folglich einen volleren Ton bekommen,
als der Accusativ selbst.

So entstand ^Grammatik^ bloss durch das Bedrfniss der Sprache, und
durch die Fortschritte, welche die menschliche Vernunft nach und nach
machte. Denn selbst bei der einfachsten Mittheilung der Gedanken musste
sehr vieles durch Beziehung der Worte auf einander ausgedrckt werden,
und der natrliche, durch die Vernunft geleitete Gang der Sprache
brachte den Menschen, ohne dass Verabredung erforderlich gewesen wre,
auf die Bestimmung der verschiedenen Arten jener Beziehung.

Man knnte gegen diese Theorie einwenden, dass es verschiedene Sprachen
gebe, denen man ihre Entstehung nach den von uns vorgetragenen Regeln
nicht ansehe. So soll, unserer Darstellung gemss, das Wurzelwort immer
ein Zeitwort seyn, und dieses Zeitwort soll ursprnglich in Einem Tone
mehrere Begriffe ausdrcken, soll ursprnglich in der dritten Person
vorgetragen werden, und aoristische Bedeutung haben. Nun zeigt sich in
der griechischen und lateinischen Sprache offenbar das Gegentheil. In
den Zeitwrtern derselben ist augenscheinlich nicht die dritte, sondern
die erste Person diejenige, aus welcher alle brigen gebildet sind, ist
nicht der Aorist, sondern das Prsens die Wurzel. Woher also diese
Verschiedenheit, wenn unsere Theorie richtig ist? Nehmen wir auch an,
dass die genannten Sprachen keine Ursprachen gewesen sind, sondern sich
aus schon entstandenen gebildet haben; so mssen wir doch zugeben, dass
sie zuletzt aus solchen hervorgehen mussten, welche auf die hier
vorgetragene Art entstanden waren. Warum zeigt sich nun in ihnen auch
nicht die leichteste Spur von jener Ursprache? Denn, mag sich eine
Sprache noch so sehr cultiviren, mag eine gebildetere Grammatik noch so
viel Modificationen in sie hineintragen: so mssen sich doch in ihr noch
Ueberreste von dem ersten rohen Zuschnitte finden, z. B. aus der dritten
Person, und nicht aus der ersten, die Form der brigen abgeleitet, und
der Aorist, nicht das Prsens das Wurzelwort seyn.

Auf diesen Einwurf lsst sich folgendes antworten. Man sah sich bald
genthigt, neue Worte zu erfinden, weil der menschliche Geist, bei
seinen Fortschritten zur Cultur, sich immer mit neuen Vorstellungen
bereicherte, und neue Bestimmungen in alte Begriffe hineintrug. Die
Worte, welche man zu Bezeichnung dieser Vorstellungen erfand, -- man
mochte nun dazu entweder ganz neue, in der Sprache bisher noch nicht
vorgekommene Tne, oder eine Verbindung mehrerer, schon bekannter Tne
gebrauchen, -- mussten auf jeden Fall das Geprge der Bildung tragen,
welche der menschliche Geist in dem Zeitpunct jener erfundenen neuen
Bezeichnungen hatte. Nun geht der gebildete Mensch vom Ich aus, und
betrachtet alles aus dem Gesichtspuncte des Ich: er wird also auf dieser
Stufe der Cultur auch bei der Aufstellung eines neuen Zeitwortes von der
ersten Person ausgehen. Daher kann es nicht fehlen, dass ein neues Wort,
gebildet in Zeiten hherer Cultur, von den ursprnglichen Formen
derselben Sprache abweichen musste. Im Anfange wurden nun solche Worte
mit den alten, von welchen sie abstammten, zugleich gebraucht; aber bald
wurden jene allgemein und verdrngten die letzteren. Denn, sowie die
Nation in ihrer Cultur weiter vorrckte, musste sie nothwendig die
neueren Formen ihren Begriffen angemessener finden, und ber dem
Gebrauche derselben die lteren bald vergessen.

So wird selbst bei einem Volke, das von allen usseren Einflssen frei
bleibt, sich mit keinem anderen Volke vermischt, seinen Wohnplatz nie
verndert u. s. w., die rohe Natursprache nach und nach untergehen, und
an deren Stelle eine andere treten, die von jener auch nicht die
leichteste Spur an sich trgt. Man wrde sich also irren, wenn man
glaubte, die Griechen, Rmer und andere htten nie eine Ursprache
gehabt, weil sich keine Ueberreste davon bei ihnen fnden. Jene Urtne
sind nach und nach aus der Ursprache verschwunden, als sie sich durch
Zeichen ersetzt sahen, die dem cultivirten Geiste des Volkes besser
entsprachen.

Eine eigene Erscheinung in den neueren Sprachen sind die Hlfswrter;
das: ^ich bin, werden u. s. w.^ Diese Bezeichnungen, wo sie sich in
einer Sprache finden, beweisen einen hohen Grad der Abstraction. Man
fand vermuthlich bald einen besonderen Nachdruck in der auszeichnenden
Endung des Perfectum und Futurum, wodurch die Sprache an Rundung gewann.
Aber immer ist es Zeichen einer noch hheren Cultur, wenn einzelne
Begriffe erfunden werden, um Einen Gedanken desto bestimmter
auszudrcken. Die Aufstellung dieser Bezeichnungen ist aber in einer
Sprache wenigstens nicht frher mglich, bis in ihr der Begriff des
Leidens oder das Passiv schon ausgedrckt ist.




                                  E.
    Ueber Belebung und Erhhung des reinen Interesse fr Wahrheit.


              (Aus Schillers Horen Bd. I, St. I. 1795.)

Vergebens erwartet man durch irgend ein glckliches Ohngefhr die
Wahrheit zu finden, wenn man sich nicht von einem lebhaften Interesse
begeistert fhlt, mit Verlugnung alles Andern ausser ihr, sie zu
suchen. Es ist demnach eine wichtige Frage fr jeden, der die Wrde der
Vernunft in sich behaupten will: was habe ich zu thun, um reines
Interesse fr Wahrheit in mir zu erwecken, oder wenigstens dasselbe zu
erhalten, zu erhhen und zu beleben?

Wie jedes Interesse berhaupt, so grndet sich auch das Interesse fr
Wahrheit auf einen ursprnglich in uns liegenden Trieb. Unter unseren
reinen Trieben aber ist auch ein Trieb nach Wahrheit. Niemand ^will^
irren, und jeder Irrende hlt seinen Irrthum fr Wahrheit. Knnte man
ihm auf eine fr ihn berzeugende Art darthun, dass er irre, so wrde er
sogleich den Irrthum aufgeben, und statt desselben die entgegengesetzte
Wahrheit ergreifen.

Kommt etwas hinzu, das sich auf diesen Trieb bezieht, entdeckt man in
unserm Fall eine Wahrheit als solche, oder erkennt einen Irrthum fr
einen Irrthum, so entsteht nothwendig ein Gefhl des Beifalls fr die
erstere, eine Abneigung gegen den letztern; und beides vllig unabhngig
von dem Inhalte und den Folgen jener Wahrheit und dieses Irrthums. Aus
wiederholten Gefhlen der gleichen Art entsteht ein Interesse fr
Wahrheit berhaupt. Ein solches Interesse lsst sich daher nicht
^hervorbringen^; es grndet sich der Anlage nach auf das Wesen der
Vernunft, und wird seinen Aeusserungen nach in der Erfahrung durch die
Welt ausser uns ohne unser wissentliches Zuthun geweckt; aber man kann
dieses Interesse ^erhhen^.

Dies geschieht durch Freiheit, wie jede sittliche Handlung. Aber alle
Regeln fr Anwendung der Freiheit setzen die Anwendung derselben schon
voraus; und man kann vernnftigerweise nur demjenigen zurufen: gebrauche
deine Freiheit, der dieselbe schon gebraucht hat. Dieser erste Act der
Freiheit, dieses Losreissen aus den Ketten der Nothwendigkeit geschieht,
ohne dass wir selbst wissen wie. So wenig wir uns des ersten Schrittes
in das Reich des Bewusstseyns berhaupt bewusst werden, ebensowenig
werden wir uns unseres Uebertrittes in das Reich der Moralitt bewusst.
Irgend woher fllt ein Feuerfunke in unsere Seele, der vielleicht lange
in heimlichem Dunkel glht. Er erhebt sich, er greift umher, er wird zur
Flamme, bis er endlich die ganze Seele entzndet.

Jedes praktische Interesse im Menschen erhlt und belebt sich selbst;
darin besteht sein Wesen. Jede Befriedigung verstrkt es, erneuert es,
hebt es mehr hervor im Bewusstseyn. Gefhl des erweiterten Bedrfnisses
ist der einzige Genuss fr das endliche Wesen. Die Hauptvorschrift zu
Erhhung jedes Interesse im Menschen, mithin auch des Interesse fr
Wahrheit, heisst demnach: ^befriedige deinen Trieb^! woraus fr den
gegenwrtigen Fall sich folgende zwei Regeln ergeben: entferne jedes
Interesse, das dem reinen Interesse fr Wahrheit entgegen ist, und suche
jeden Genuss, der das reine Interesse fr Wahrheit befrdert!

Man nehme keinen Anstoss an der sonst mit Recht verdchtigen Empfehlung
des Genusses. Dass durch den Genuss, und allein durch diesen jeder
Trieb, der in der vernnftigen Natur des Menschen gegrndet ist,
ausgebildet werde, ist einmal wahr. Genuss, der sich bloss auf
Befriedigung der animalischen Sinnlichkeit grndet, verzehrt und
vernichtet sich in sich selbst, und von ihm ist hier nicht die Rede.
Geistiger Genuss, wie z. B. der sthetische, erhht sich durch sich
selbst. Es ist demnach ebenso wahr, dass die obenaufgestellte Regel die
einzige ist, die zur Erhhung eines geistigen Interesse gegeben werden
kann. Die Beantwortung einer ganz anderen Frage: ob nemlich irgend ein
geistiger Genuss ganz unbedingt zu empfehlen sey? hngt ab von der
Beantwortung einer hheren Frage: ob der Trieb, auf den jener Genuss
sich bezieht, ins unbedingte zu erhhen? und diese von der noch hheren:
ob dieser Trieb irgend einem andern unterzuordnen sey? So ist der
sthetische Trieb im Menschen allerdings dem Triebe nach Wahrheit, und
dem hchsten aller Triebe, dem nach sittlicher Gte, unterzuordnen. Ob
der Trieb nach Wahrheit mit einem hheren Triebe in Streit kommen knne,
wird sich aus unserer Untersuchung von selbst ergeben. -- Irgend einen
Ausdruck aber zu vermeiden, weil er gemisbraucht worden, glaube ich
wenigstens hier nicht nthig zu haben.

Unser Interesse fr Wahrheit soll ^rein^ seyn; die Wahrheit, bloss weil
sie Wahrheit ist, soll der letzte Endzweck alles unseres Lernens,
Denkens und Forschens seyn.

Die Wahrheit an sich aber ist bloss ^formal^. Uebereinstimmung und
Zusammenhang in allem, was wir annehmen, ist Wahrheit, sowie Widerspruch
in unserem Denken Irrthum und Lge ist. Alles im Menschen, mithin auch
seine Wahrheit, steht unter diesem hchsten Gesetze: sey stets einig mit
dir selbst! Heisst jenes Gesetz in der Anwendung auf unsere ^Handlungen^
berhaupt: handle so, dass die Art deines Handelns, deinem besten Wissen
nach, ewiges Gesetz fr alles dein Handeln seyn kann; so heisst
dasselbe, wenn es insbesondere auf unser ^Urtheilen^ angewendet wird:
urtheile so, dass du die Art deines jetzigen Urtheilens als ewiges
Gesetz fr dein gesammtes Urtheilen denken knnest. Wie du
vernnftigerweise in allen Fllen kannst urtheilen wollen, so urtheile
in diesem bestimmten Falle. Mache nie eine Ausnahme in deiner
Folgerungsart. Alle Ausnahmen sind sicherlich Sophistereien. -- Darin
unterscheidet sich der Wahrheitsfreund vom Sophisten: Beider
Behauptungen an sich betrachtet kann vielleicht der erstere irren, und
der letztere recht haben; und dennoch ist der erstere ein
Wahrheitsfreund, auch wenn er irrt, und der letztere ein Sophist, auch
da, wo er die Wahrheit sagt, weil sie etwa zu seinem Zwecke dient. Aber
in den Aeusserungen des Wahrheitsfreundes ist nichts Widersprechendes,
er geht seinen geraden Gang fort, ohne sich weder rechts noch links zu
wenden; der Sophist ndert stets seinen Weg, und beschreibt seine krumme
Schlangenlinie, sowie der Punct sich verrckt, bei welchem er gern
ankommen mchte. Der erstere hat gar keinen Punct im Gesichte, sondern
zieht seine gerade Linie, welcher Punct auch immer hineinfallen mge.

Diesem Interesse fr Wahrheit um ihrer blossen ^Form^ willen ist gerade
entgegengesetzt alles Interesse fr den ^bestimmten Inhalt^ der Stze.
Einem solchen materiellen Interesse ist es nicht darum zu thun, ^wie^
etwas gefunden sey, sondern nur was gefunden sey.

Wir haben schon etwa einen Satz ehemals behauptet, vielleicht Beifall
damit gefunden und Ehre eingeerntet, und meinten es damals aufrichtig.
Damals war unsere Behauptung zwar nicht ^allgemeine^ Wahrheit, die sich
auf das Wesen der Vernunft, aber doch Wahrheit ^fr uns^, die sich auf
unsere damalige individuelle Denk- und Empfindungsart grndete. Wir
irrten, aber wir tuschten nicht, weder uns noch andere. Seitdem haben
wir entweder selbst weiter geforscht, wir haben unsere individuelle
Denkart dem Ideale der allgemeinen und nothwendigen Denkart mehr
genhert, oder auch andere haben uns unseren Irrthum gezeigt. Derselbe
materielle Satz, der ehemals formale Wahrheit fr uns war, ist uns
jetzt, aus dem nemlichen Grunde, aus dem er dieses war, formaler
Irrthum; und sind wir uns selbst treu, so werden wir ihn sogleich
aufgeben. Aber dann mssten wir erkennen, dass wir geirrt haben;
vielleicht dass ein anderer weiter gesehen habe, als wir. Ist unser
Interesse fr Wahrheit nicht rein und nicht stark genug, so werden wir
gegen die auf uns eindringende Ueberzeugung uns vertheidigen, so lange
wir knnen; und nun ist es uns nicht mehr um die Form zu thun, sondern
um die Materie des Satzes; wir vertheidigen denselben, weil er der
unsrige ist, und weil ein eitler Ruhm uns mehr gilt, denn Wahrheit.

Eine Meinung schmeichelt unserm Stolze, unseren Anmaassungen, unserer
Unterdrckungssucht. Man erschttert sie mit den strksten Grnden,
gegen die wir nichts aufbringen knnen. Werden wir uns berzeugen
lassen? Aber wir mssten dann entweder unsere gerechten Ansprche
aufgeben, oder uns fr wohlbedchtige und berlegte Ungerechte
anerkennen. Es ist zu erwarten, dass wir gegen die Ueberzeugung uns
verwahren werden, so lange wir knnen, und dass wir in allen
Schlupfwinkeln unseres Herzens nach Ausflchten suchen werden, um ihr
auszuweichen.

Ein zweites Hinderniss des reinen Interesse fr Wahrheit ist die
Trgheit des Geistes, die Scheu vor der Mhe des Nachdenkens. Der Mensch
ist von Natur ein vorstellendes Wesen, aber er ist durch sie auch nichts
weiter. Die Natur bestimmt die Reihe seiner Vorstellungen, wie sie die
Verkettung seiner krperlichen Theile bestimmt. Sein Geist ist eine
Maschine, wie sein Krper; nur eine Maschine anderer Art, eine
vorstellende Maschine, bestimmt durch Einwirkung von aussen und durch
seine nothwendigen Naturgesetze von innen. Man kann viel wissen, viel
studiren, viel lesen, viel hren, und ist doch nichts weiter. Man lsst
durch Schriftsteller oder Redner sich bearbeiten, und sieht mit
behaglicher Ruhe zu, wie eine Vorstellung in uns mit der andern
abwechselt. Sowie die Weichlinge des Orients in ihren Bdern durch
besondere Knstler ihre Gelenke durchkneten lassen, so lassen diese
durch Knstler anderer Art ihren Geist durchkneten, und ihr Genuss ist
um weniges edler, als der Genuss jener.

Diesem blinden Hange thtig widerstreben, eingreifen in den Mechanismus
der Ideenfolge, und ihr gebieten, ihr mit Freiheit eine Richtung geben
auf ein bestimmtes Ziel, und von dieser Richtung nicht abweichen, bis
das Ziel erreicht ist: das ist der rohen Natur zuwider, und kostet
Anstrengung und Verlugnung.

Jedes unthtige Hingeben ist dem Interesse fr Wahrheit geradezu
entgegen. Es wird dabei gar nicht auf Wahrheit oder Nichtwahrheit,
sondern lediglich auf die Ergtzung geachtet, die jener Wechsel der
Vorstellungen uns gewhrt. Wir kommen dadurch auch nicht zur Wahrheit;
denn Wahrheit ist Einheit, und diese muss thtig und mit Freiheit
hervorgebracht werden, durch Anstrengung und eigene Kraftanwendung.
Gesetzt, man kme durch ein glckliches Ohngefhr auf diesem Wege
wirklich zu Vorstellungen, die an sich wahr wren, so wren sie es doch
nicht ^fr uns^, denn wir htten von der Wahrheit derselben uns nicht
durch eigenes Nachdenken berzeugt.

Beide Unarten vereinigen sich in denjenigen, welche alle Untersuchung
fliehen, aus Furcht, dadurch in ihrer Ruhe und in ihrem Glauben gestrt
zu werden. Was kann eines vernnftigen Wesens unwrdiger seyn, als eine
solche Ausrede? Entweder ist ihre Ruhe, ihr Glaube gegrndet; und was
frchten sie dann die Untersuchung? Die Gte ihrer Sache muss ja
nothwendig durch die hellste Beleuchtung gewinnen. -- Aber sie frchten
vielleicht bloss unsere Trugschlsse, unsere Ueberredungsknste? Wenn
sie unsere Folgerungen nicht gehrt haben, noch hren wollen: woher
mgen sie doch wissen, dass es Trugschlsse sind? Und setzen sie in
ihren Verstand nicht das Vertrauen, dass er allen falschen Schein, der
sich gegen ihre Ueberzeugung auflehnt, zerstreuen werde, da sie ihm doch
das ungleich grssere zutrauen, dass er die einzig mgliche reine
Wahrheit ohne sonderliches Nachdenken aufgefunden habe? -- Oder ihre
Ruhe, ihr Glaube ist grundlos; und also ist es ihnen berhaupt nicht
darum zu thun, ob er gegrndet sey oder nicht, wenn sie nur nicht in
ihrer sssen Behaglichkeit gestrt werden. Es liegt ihnen gar nicht an
der Wahrheit, sondern bloss an der Vergnstigung, dasjenige fr wahr zu
halten, was sie bisher dafr gehalten haben; sey es um der Gewohnheit
willen, sey es, weil der Inhalt desselben ihrer Trgheit und
Verdorbenheit schmeichelt. Sie erhalten etwa dadurch die Hoffnung, ohne
alles ihr Zuthun, tugendhaft und glckselig, oder wohl gar ohne Tugend
glckselig zu werden, recht viel zu geniessen, ohne etwas zu thun;
andere fr sich arbeiten zu lassen, wo sie Lust haben, trge und
verdorben zu seyn.

Alles Interesse von der angezeigten Art ist uncht, und in Ausrottung
desselben besteht der erste Schritt zu Erhhung des reinen Interesse fr
Wahrheit. Der zweite ist: man berlasse sich jedem Genusse, den das
reine Interesse fr Wahrheit gewhrt. Die ^Wahrheit an sich selbst^,
wiefern sie bloss in der Harmonie alles unseres Denkens besteht, gewhrt
Genuss, und einen reinen, edlen, hohen Genuss.

Das ist eine gemeine Seele, der es gleichgltig ist, ob sie, so
geringfgig der Gegenstand auch seyn mge, irre, oder im Besitz der
Wahrheit sey. Es ist hierbei nemlich gar nicht um den Inhalt und um die
Folgen eines Satzes zu thun, sondern lediglich um Einheit und
Uebereinstimmung in dem gesammten System des menschlichen Geistes. Aber
der Mensch ^soll^ einig mit sich selbst seyn; er soll ein eigenes, fr
sich bestehendes Ganzes bilden. Nur unter dieser Bedingung ist er
Mensch. Mithin ist das Bewusstseyn der vlligen Uebereinstimmung mit uns
selbst in unserem Denken, oder doch des redlichen Strebens nach einer
solchen Uebereinstimmung, unmittelbares Bewusstseyn unserer behaupteten
Menschenwrde, und gewhrt einen moralischen Genuss.

Man bezeugt es sich durch jenes Streben, und durch die vermittelst
desselben hervorgebrachte Harmonie, dass man ein selbststndiges, von
allem, was nicht unser Selbst ist, unabhngiges Wesen bilde. Man wird
des erhabenen Gefhls theilhaftig: ich bin, was ich bin, weil ich es
habe seyn wollen. Ich htte mich knnen forttreiben lassen durch die
Rder der Nothwendigkeit; ich htte meine Ueberzeugung knnen bestimmen
lassen durch die Eindrcke, die ich von der Natur berhaupt erhielt,
durch den Hang meiner Leidenschaften und Neigungen, durch die Meinungen,
die mir meine Zeitgenossen beibringen wollten: aber ich habe nicht
gewollt. Ich habe mich losgerissen, ich habe durch eigene Thtigkeit
nach einer durch mich selbst bestimmten Richtung hin untersucht; ich
stehe jetzt auf diesem bestimmten Puncte, und ich bin durch mich selbst,
durch eigenen Entschluss und eigene Kraft darauf gekommen. -- Man wird
des erhabenen Gefhls theilhaftig: ich werde immer seyn, was ich jetzt
bin, weil ich es immer wollen werde. Der ^Inhalt^ meiner Ueberzeugungen
zwar wird durch fortgesetztes Nachforschen sich ndern, aber um ihn ist
es mir auch nicht zu thun. Die ^Form^ derselben wird sich nie ndern.
Ich werde nie der Sinnlichkeit, noch irgend einem Dinge, das ausser mir
ist, Einfluss auf die Bildung meiner Denkart verstatten; ich werde, so
weit mein Gesichtskreis sich erstreckt, immer einig mit mir selbst seyn,
weil ich es immer wollen werde.

Diese strenge und scharfe Unterscheidung unseres reinen Selbst von
allem, was nicht wir selbst sind, ist der wahre Charakter der
Menschheit; die Strke und der Umfang dieses Selbstgefhls ist bestimmt
durch den Grad unserer Humanitt; dieser unsere ganze Wrde und unsere
ganze Glckseligkeit.

Mit dieser sichern Ueberzeugung, stets einig mit sich selbst zu seyn,
geht der entschiedene Freund der Wahrheit auf dem Wege der Untersuchung
ruhig fort; er geht muthig allem entgegen, was ihm auf demselben
aufstossen mchte. Es ist fr denjenigen, der mit sich selbst noch nicht
recht eins geworden ist, was er denn eigentlich suche und wolle,
usserst bengstigend, wenn er auf seinem Wege auf Stze stsst, die
allen seinen bisherigen Meinungen, und den Meinungen seiner
Zeitgenossen, und der Vorwelt widersprechen; und gewiss ist diese
Aengstlichkeit eine der Hauptursachen, warum die Menschheit auf dem Wege
zur Wahrheit so langsame Fortschritte gemacht hat. Von ihr ist
derjenige, der die Wahrheit um ihrer selbst willen sucht, vllig frei.
Er blickt jeder noch so befremdenden Folgerung khn in das Gesicht. Ob
sie ein befremdendes oder bekanntes Aussehen habe, ob sie seiner und
aller bisherigen Meinung widerspreche oder nicht, darnach war nicht die
Frage. Die Frage war: ob sie, seinem besten Wissen nach, mit den
Gesetzen des Denkens bereinstimme oder nicht, und das wird er
untersuchen. Wird sich finden, dass sie damit bereinstimme, so wird er
sie als heilige, ehrwrdige Wahrheit aufnehmen; wird sie nicht damit
bereinstimmen, so wird er sie als Irrthum verwerfen, nicht weil sie der
gemeinen Meinung, sondern weil sie seinem besten Wissen nach den
Gesetzen des Denkens widerspricht. Bis dahin ist er vllig gleichgltig
gegen sie; ber ihren Inhalt hat er die Frage nicht erhoben; derselbe
ist ihm bekannt; ihre Form hat er noch zu untersuchen.

Mit dieser kalten Ruhe und festen Entschlossenheit blickt er hinein in
das Gewhl der menschlichen Meinungen berhaupt und seiner eigenen
Einflle und Zweifel. Es wirbelt und strmt ^um ihn herum^, aber nicht
^in ihm^. Er selbst sieht aus seiner unerreichbaren Burg ruhig dem
Sturme zu. Er wird ihm zu seiner Zeit gebieten, und eine Welle nach der
anderen wird sich legen. -- Er will nur Harmonie mit sich selbst, und er
bringt sie hervor, so weit er bis jetzt gekommen ist. Dort ist noch
Verwirrung in seinen Meinungen; das ist nicht seine Schuld, denn bis
dahin hat er noch nicht kommen knnen. Er wird auch dahin kommen, und
dann wird jene Unordnung in die schnste Ordnung sich auflsen. -- Was
wre denn wohl endlich das hrteste, was ihm begegnen knnte? Gesetzt,
er fnde, entweder weil die Schranken der endlichen Vernunft berhaupt,
welches unmglich ist, oder weil die Schranken seines Individuums
solches mit sich bringen, als letztes Resultat seines Strebens nach
Wahrheit, dass es berhaupt gar keine Wahrheit und Gewissheit gebe. Er
wrde auch diesem Schicksale, dem hrtesten, das ihn treffen knnte,
sich unterwerfen; denn er ist zwar unglcklich, aber schuldlos; er ist
seines redlichen Forschens sich bewusst, und das ist statt alles Glcks,
dessen er nun noch theilhaftig werden kann.

Ebenso ruhig -- wenn dieser Umstand der Erwhnung werth ist -- bleibt
der entschiedene Freund der Wahrheit darber, was ^andere^ zunchst zu
seinen Ueberzeugungen sagen werden, wenn er in der Lage seyn sollte, sie
mittheilen zu mssen; und der Gelehrte ist immer in dieser Lage, da er
nicht bloss fr sich selbst, sondern zugleich fr andere forscht. Die
Frage ist ja gar nicht, ob wir mit anderen, sondern ob wir mit uns
selbst bereinstimmend denken. Ist das letztere, so knnen wir des
erstern ohne unser Zuthun, und ohne erst die Stimmen zu sammeln, bei
allen denen gewiss seyn, die mit sich selbst in Uebereinstimmung stehen;
denn das Wesen der Vernunft ist in allen vernnftigen Wesen Eins und
ebendasselbe. Wie ^andere^ denken, wissen wir nicht, und wir knnen
davon nicht ausgehen. Wie ^wir^ denken sollen, wenn wir vernnftig
denken wollen, knnen wir finden; und so, wie wir denken sollen, sollen
alle vernnftige Wesen denken. Alle Untersuchung muss von innen heraus,
nicht von aussen herein, geschehen. ^Ich^ soll nicht denken, wie
^andere^ denken; sondern wie ^ich^ denken soll, so, soll ich annehmen,
denken auch andere. -- Mit denen bereinstimmend zu seyn, die es mit
sich selbst nicht sind, wre das wohl ein wrdiges Ziel fr ein
vernnftiges Wesen?

Das Gefhl der fr formale Wahrheit angewendeten ^Kraft^ gewhrt einen
reinen, edlen, dauernden Genuss.

Einen solchen Genuss kann uns berhaupt nur dasjenige gewhren, was
unser eigen ist, und was wir durch wrdigen Gebrauch unserer Freiheit
uns selbst erworben haben. Was uns hingegen ohne unser Zuthun von aussen
gegeben worden ist, gewhrt keinen reinen Selbstgenuss. Es ist nicht
unser, und es kann uns ebenso wieder genommen werden, wie es uns gegeben
wurde; wir geniessen an demselben nicht uns selbst, nicht unser eigenes
Verdienst und unsern eigenen Werth. So verhlt es sich auch insbesondere
mit Geisteskraft. Das, was man guten Kopf, angebornes Talent, glckliche
Naturanlage nennt, ist gar kein Gegenstand eines vernnftigen
Selbstgenusses, denn es ist dabei gar kein eigenes Verdienst. Wenn ich
eine reizbarere, thtigere Organisation erhielt, wenn dieselbe gleich
bei meinem Eintritte ins Leben strker und zweckmssiger afficirt wurde,
was habe ^ich^ dazu beigetragen? Habe ich jene Organisation entworfen,
unter mehreren sie ausgewhlt und mir zugeeignet? Habe ich jene
Eindrcke, die mich bei meinem Eintritte ins Leben empfingen, berechnet
und geleitet?

Meine Kraft ist ^mein^, lediglich inwiefern ich sie durch Freiheit
hervorgebracht habe; ich kann aber nichts in ihr hervorbringen, als ihre
Richtung; und in dieser besteht denn auch die wahre Geisteskraft. Blinde
Kraft ist keine Kraft, vielmehr Ohnmacht. Die Richtung aber gebe ich ihr
durch Freiheit, deren Regel ist, stets bereinstimmend mit sich selbst
zu wirken; vorher war sie eine fremde Kraft, Kraft der willenlosen und
zwecklosen Natur in mir.

Diese Geisteskraft wird durch den Gebrauch verstrkt und erhht; und
diese Erhhung giebt Genuss, denn sie ist Verdienst. Sie gewhrt das
erhebende Bewusstseyn: ich war Maschine, und konnte Maschine bleiben;
durch eigene Kraft, aus eigenem Antriebe habe ich mich zum
selbststndigen Wesen gemacht. Dass ich jetzt mit Leichtigkeit, frei,
nach meinem eigenen Zwecke fortschreite, verdanke ich mir selbst; dass
ich fest, frei und khn an jede Untersuchung mich wagen darf, verdanke
ich mir selbst. Dieses Zutrauen auf mich, dieser Muth, mit welchem ich
unternehme, was ich zu unternehmen habe, diese Hoffnung des Erfolgs, mit
der ich an die Arbeit gehe, verdanke ich mir selbst.

Durch diese Geisteskraft wird zugleich das moralische Vermgen gestrkt,
und sie ist selbst moralisch. Beide hngen innig zusammen, und wirken
gegenseitig auf einander. Wahrheitsliebe bereitet vor zur moralischen
Gte, und ist selbst schon an sich eine Art derselben. Dadurch, dass man
alle seine Neigungen, Lieblingsmeinungen, Rcksichten, alles, was ausser
uns ist, den Gesetzen des Denkens frei unterwirft, wird man gewhnt, vor
der Idee des Gesetzes berhaupt sich niederzubeugen und zu verstummen;
und diese freie Unterwerfung ist selbst eine moralische Handlung.
Herrschende Sinnlichkeit schwcht in gleichem Grade das Interesse fr
Wahrheit, wie fr Sittlichkeit. Durch den Sieg, den das erstere ber
dieselbe erkmpft, wird zugleich fr die Tugend ein Sieg erfochten.
Freiheit des Geistes in ^Einer^ Rcksicht entfesselt in allen brigen.
Wer alles, was ausser ihm liegt, in der Erforschung der Wahrheit
verachtet, der wird es auch in allem seinem Handeln berhaupt verachten
lernen. Entschlossenheit im Denken fhrt nothwendig zur moralischen Gte
und zur moralischen Strke.

Ich setze kein Wort hinzu, um die Wrde dieser Denkart fhlbar zu
machen. Wer ihrer fhig ist, der fhlt sie durch die blosse
Beschreibung; wer sie nicht fhlt, dem wird sie ewig unbekannt bleiben.
--




                                  F.
                              Aphorismen
                ber Erziehung aus dem Jahre 1804.[36]


                                  1.

Einen Menschen erziehen heisst: ihm Gelegenheit geben, sich zum
vollkommenen Meister und Selbstherrscher seiner ^gesammten^ Kraft zu
machen. Der ^gesammten^ Kraft, sage ich; denn die Kraft des Menschen ist
Eine und ist ein zusammenhngendes Ganze. Sogleich in der Erziehung
einen abgesonderten Gebrauch dieser Kraft als Ziel ins Auge fassen, --
den Zgling fr seinen Stand erziehen, wie man dies wohl genannt hat,
wrde nur berflssig seyn, wenn es nicht verderblich wre. Es verengt
die Kraft und macht sie zum Sklaven des angebildeten Standes, da sie
doch sein Herrscher seyn sollte. Der vllig und harmonisch ausgebildeten
Kraft kann man es berlassen, von welcher Seite her sie sich der Welt
und der Praxis in ihr nhern werde; oder: in allen Stnden kommt es
nicht darauf an, wozu man ^erzogen^ sey und was man ^gelernt^ habe,
sondern was man ^sey^? Wer berhaupt nur wirklich ^ist^, ein
vernnftiges und in jedem Augenblicke selbstthtiges Wesen, wird immer
mit Leichtigkeit sich zu dem ^machen^, was er in seiner Lage seyn soll.
Wer aber durch irgend eine usserliche Einbung (Dressur) den leider
ermangelnden Thierinstinct ersetzt hat, der bleibt eben in dieser
Schranke befangen, die ihn wie eine zweite, ihm undurchdringliche Natur
umgiebt, und die Erziehung, der Unterricht hat ihn gerade beschrnkt,
getdtet, statt ihn zu befreien und zum lebendigen Fortwachsen aus sich
selbst fhig zu machen.

[Funote 36: Als Rechenschaftsablegung bei Gelegenheit eines damals
gefassten Planes geschrieben, einige Shne ihm befreundeter Familien,
zur Erziehung mit dem eigenen, in sein Haus aufzunehmen.

                                          (Anmerk. des Herausgebers.)]


                                  2.

Fr Entwickelung der ^Geistes^kraft in diesem allgemeinsten Sinne haben
wir Neueren nichts Zweckmssigeres, als die Erlernung der alten
klassischen Sprachen. Ob man frs Leben jemals dieser Sprachen bedrfen
werde, davon sey nicht die Frage: ja sogar davon werde abgesehen, ob es
dem aufkeimenden Geiste rthlicher sey, in der gepressten Luft der
modernen Denkart, oder in dem heiteren Wehen der Schriftsteller des
Alterthums zu athmen. Folgende Frage aber kann nicht geschenkt werden:
wie der Zgling ber den Nebel nicht von ihm geschaffener und deshalb
nicht verstandener Worte, der nur den Geist, welcher ihm unbewusst in
der Sprache umherwankt, keinesweges aber seinen eigenen, in ihm
aufkommen lsst, -- ber diesen Nebel, der den grssten Theil selbst der
angeblich gebildeten Menschen zeitlebens gefesselt hlt, zur lebendigen
Anschauung der Sache selbst gelangen solle?

Ich halte dafr, dass dies geschehen knne nur durch das Studium ^der^
Sprachen, deren ganze ^Begriffsgestaltung^ von der Modernitt vllig
abweicht und jeden, der es in dieser Region bis zum ^eigentlichen
Verstehen^ bringen soll -- was freilich mehr ist, als was der
gewhnliche Unterricht in den alten Sprachen bezweckt und in der Regel
auch erreicht, der sich mit dem ungefhren Dolmetschen des Sinnes
begngt, -- entschieden nthiget, ber alle Zeichen hinweg zu etwas
Hherem, als das Sprachzeichen ist, zu dem Begriffe der Sache sich zu
erheben: -- ein Studium, welches ebendarum durch die Erlernung keiner
neueren Sprache zu ersetzen ist, weil hierin mit nichtverstandenen
Phrasen, gegen andere gleichgeltende, nur anderstnende, welche
ebenfalls nicht verstanden werden, d. h. in denen niemals vom Ausdrucke
und Bilde zum Begriffe vorgedrungen wird, -- ein Tauschhandel getrieben
werden kann und getrieben wird. Daher nun die Nebelwelt
halbverstandener, nie bis auf ihren Kern untersuchter Vorstellungen, in
der das gewhnliche Bewusstseyn, auch der sogenannten Gebildeten, lebt,
und die ihre Wahrheit sind, nach der zuflligen Gestaltung des sie
umgebenden Sprachgeistes und nach dem ebenso zuflligen Anfluge aus
ihren specielleren Umgebungen, wo also nirgends das Bewusstseyn mit dem
Realen und Wahren zu thun hat, sondern mit den Schattenbildern
desselben.


                                  3.

Es liegt in der Sache, dass die ^Form^ des Unterrichtes und der Uebungen
auf den beschriebenen Zweck berechnet seyn muss; eine Form, mit welcher
ich aus alter Uebung im Unterrichte sehr bekannt zu seyn glaube. Eine
Nebenrcksicht hierbei wird die seyn, den grssten Theil der Zeit und
der Mhe, der in dem hergebrachten Unterrichte auf das Lateinische, eine
sehr nachstehende Tochter des Griechischen, gewidmet wird, der Mutter
selbst zuzuwenden, mit dem Griechischen, so viel dies mglich ist,
anzufangen, dies als Hauptsache zu nehmen und bis zu Stil- und sogar
Sprechbungen zu treiben, indem aus der fr den geborenen Deutschen,
wegen der sehr nahen Verwandtschaft des Griechischen mit seiner
Muttersprache ohnedies leicht zu erlangenden Fertigkeit, eine Ansicht
von der Sprache berhaupt und so auch eine Vorbereitung auf das weit
ferner fr uns liegende Lateinische erfolgt; welche auf umgekehrtem Wege
nicht so sicher zu erreichen wre.


                                  4.

Es versteht sich, dass ber dieser Erlernung der alten Sprachen und der
Ansichten der alten Welt, der alten Geschichte, Geographie u. s. w., die
Kenntniss der umgebenden Welt nicht vergessen werde. Dies ist nun aber,
weil es das Umgebende betrifft, mehr durch Leben und mglichst zu
vermittelnde Anschauung, als durch todtes Studium und Ueberlieferung,
mehr durch unmittelbare Erfahrung und Conversation darber, als durch
besondere Lehrstunden zu befrdern. Ein lebendiger, durch seine tgliche
Arbeit an Verknpfung und Ordnung gewhnter Knabe wird nicht ermangeln,
von dem, was er erblickt, aufzusteigen zu dem, was er nicht erblickt,
und darnach, so wie nach dem Zusammenhange beider zu fragen, und er wird
Befriedigung erhalten, wenn diejenigen, die ihn umgeben, theils selber
die Sache wissen, theils so zu antworten verstehen, dass keine todte,
nur wiederholende Phrase, sondern eine lebendige Anschauung im Zglinge
entstehe.


                                  5.

Der innere Geist und Charakter dieser intellectuellen Erziehung, ohne
welchen alle usserlichen Fertigkeiten und Kenntnisse keinen Werth
haben, ist der, dass der Zgling in der That und stets selbst arbeite,
Alles durch eigene Geisteskraft sich erwerbe, keinesweges aber nur
mechanisch etwas anlerne. Die Methode, leicht oder spielend zu lehren
und zu lernen, kann daher in einem vernunftgemssen Erziehungsplane
nicht eintreten, in welchem es gar nicht darauf ankommt, ^was^ da
erlernt sey, sondern was der Zgling geistig vermge, und wie dies
Vermgen durch den Stoff des Unterrichtes entwickelt worden sey.

Aus diesem Grunde wird das Studium der Mathematik, am geeignetsten nach
Euklides oder in dieser Methode, der zweite Hauptzweig des eigentlichen
Unterrichtes seyn.


                                  6.

Dagegen im unmittelbaren Leben, durch ein von selbst sich darbietendes
oder knstlich herbeigefhrtes Bedrfniss angeregt, sind die neueren
Sprachen zu erlernen. Diese Erlernung ist dem Knaben, der schon an den
alten Sprachen Kenntniss der Sprache berhaupt sich erworben, und Ohr
und Zunge an ihnen gebt hat, der ferner Lateinisch versteht, besonders
bei den Tchtern des Lateinischen sehr leicht, wenn dabei nur nicht auf
eine zu nichts dienende Virtuositt im blossen Sprechen ausgegangen
wird.


                                  7.

Jenen auf Anschauung gegrndeten Unterricht in den Anfangsgrnden der
Geometrie und Arithmetik abgerechnet, ist ein eigentlich systematisches
und speculatives Studium der Wissenschaften, vor den Jahren der
anfangenden Reife, sogar nachtheilig. Frher werde nur reicher Stoff der
Erkenntniss herbeigefhrt, die Phantasie gestrkt und frei und
selbststndig gemacht, der Verstand durch Uebung an den gesetzmssigen
Gang ^angewhnt^, als ob dies gar nicht anders seyn knne. Erst in
dieser Richtigkeit des geistigen Blickes befestigt, mge er Ausflug
nehmen zur Erforschung und zum deutlichen Bewusstseyn seiner Gesetze,
denen er bisher, wie einem dunkeln Instincte, folgte. Mit Einem Worte:
Transscendentalismus jeder Art, selbst in seinen leisesten Andeutungen,
gehrt nicht unter die Gegenstnde der Erziehung. --


                                  8.

Der Krper ist so gut Ausdruck der ^gesammten^ menschlichen Kraft, als
es der Geist ist. Abgerechnet nun, dass ganz gegen die gewhnliche
Meinung von der Ungesundheit des Fleisses und des ernsten Studiums,
frhe Geistesbildung, wenn sie nur nicht ein Brten der Memorie ber
todten, unverstandenen Phrasen, sondern ein Leben und Weben der
Phantasie seyn soll, schon durch sich selbst auch fr den Krper der
wirksamste Lebensbalsam ist: -- dies abgerechnet, bleibt es noch
besonderer Zweck der Erziehung, den Zgling auch seines Krpers Meister
zu machen, also dass er diesen besitze, in keinem Sinne aber von ihm
besessen werde, -- auch nicht durch krperliche Stimmungen und
Aufregungen.

Hierher gehrt zuerst Entwicklung und Fixirung der Sinne; des Auges
durch (nicht mechanisches, sondern perspectivisches) Zeichnen; des Ohres
durch Uebung im harmonischen, einstimmigen und vielstimmigen Gesange,
und, sofern Talent vorhanden, auch im Erlernen eines musikalischen
Instrumentes: -- des allgemeinen Sinnes durch Gewhnung an
ununterbrochene Aufmerksamkeit und absolutes Nichtdulden des
Zerstreutseyns. (Dieser Punct ist wichtiger als er scheint, und ich
getraue mir zu behaupten, dass man das Menschengeschlecht mit Einem
Streiche von allen seinen brigen Gebrechen geheilt haben wrde, wenn
man jeden von dem Zerstreutseyn geheilt, und ihn dahin gebracht htte,
nur allemal seine ganze unzerstreute Aufmerksamkeit auf das zu richten,
was er jetzt treibt.)

Tglicher Genuss der frischen Luft, harmonische Ausbildung des Krpers
durch gymnastische Uebungen, wie Tanzen, Ringen, Fechten, Reiten,
insgesammt auf den Zweck gerichtet, den Krper unter die Herrschaft des
Geistes zu bringen und ihn zugleich zum starken, ausdauernden Werkzeuge
desselben zu machen, verstehen sich von selber im Ganzen dieses
Erziehungsplanes.


                                  9.

Eine ^positive^ moralische Erziehung, d. h. eine solche, die sich den
Zweck setze und ihn ausdrcklich ausspreche, den Zgling zur Tugend zu
bilden, giebt es nicht; vielmehr wrde ein solches Verfahren den inneren
moralischen Sinn ertdten und gemthlose Heuchler und Gleissner bilden.
In der eigenen schamhaften Stille des Gemthes, ohne Geschwtz und
Selbstbespiegelung, muss die Sittlichkeit von selbst aufkeimen, und
allmhlig hher erwachsen und sich verbreiten, so wie die usseren
Beziehungen sich theils vermehren, theils dem Kinde klarer werden. So
muss es seyn, und so wird es ohne alles absichtliche Zuthun allenthalben
von selbst erfolgen, ^sofern nur lauter gute Beispiele den Zgling
umgeben und alles Schlechte, Gemeine und Niedrige fern von seinem Auge
gehalten wird.^

Ausser dieser verhtenden Sorgfalt hat der Erzieher nur noch Folgendes
zu thun: wenige, in sich selbst durchaus klare und leicht zu
beobachtende positive Gebote aufzustellen, ber deren Befolgung, ohne
irgend eine Ausnahme und unverbrchlich, gehalten werde. So wre denn
irgend einmal mit Feierlichkeit das sittliche Gesetz anzukndigen:
schlechthin nicht zu lgen, nicht wissentlich und bedchtig gegen sein
Bewusstseyn zu reden oder zu handeln. Nach aller Erfahrung ergreift
dieses Gesetz mit einer wunderbaren Gewalt den Knaben, erhebt ihn, giebt
ihm eine innerliche Fassung, und wird ihm unaustilgbare Quelle der
inneren Rechtschaffenheit, die die Mutter aller Tugenden ist und Keinen,
der sie besitzt, ohne Rettung fallen lsst.


                                 10.

Innere Religiositt des Gemthes, das heisst: heilige Ahnung eines ber
alle Sinnlichkeit Erhabenen, und Hinneigung zu ihm, findet bei innerer
Rechtschaffenheit des Gemthes und zweckmssiger Geistesbildung, wie sie
eben beschrieben worden, sich ganz von selbst. Sie planmssig anlehren
zu wollen, wrde abermals den inneren Sinn dafr ertdten und den
Heuchler bilden. -- Die Unterweisungen in der positiven Landesreligion
wird, wenn der Zgling in die Jahre kommt, an den Mysterien derselben
theilzunehmen, der Geistliche seiner Confession (welches diese sey, ist
unserer Erziehung vllig gleichgltig) besorgen, und unser
Erziehungsplan wird jeder positiven oder negativen Einmischung und jedes
Einflusses in diese Angelegenheit sich mit strenger Gewissenhaftigkeit
enthalten.


                                 11.

Die usseren Mittel zur Erreichung des angegebenen Zweckes werden
folgende seyn:

Es wird ein Hauslehrer, oder falls eine grssere Anzahl von Zglingen
sich fnde, deren zwei gehalten. Die ausschliessenden Bedingungen, durch
die man sich bei der Wahl dieser Lehrer leiten lassen wird, werden darin
bestehen: zuvrderst, dass ihnen Pdagogik um ihrer selbst willen
Geistes- und Herzensangelegenheit sey, und sie daher eine solche Stelle
nicht als Mittel fr einen fremden Zweck, sondern selbst als nchsten
Zweck suchen; -- sodann, dass, wenn sie auch nicht alles, sogar nur
weniges von dem, was sie lehren sollen, wissen, sie doch die
Geistesfreiheit und Uebung haben, immer mit Leichtigkeit es zu lernen,
so wie sie dessen bedrfen, und ebenso die zweckmssigste Methode, es zu
lehren, besitzen oder diese sich anzueignen vermgen. Diese Mnner
werden, abwechselnd mit mir, unter tglich gegenseitiger Rcksprache und
Rechenschaftsablegung, lehren und die Zglinge unter ^ununterbrochener^
Aufsicht behalten.


                                 12.

Fremde Kinder durchaus und ganz wie unser eigenes anzusehen und zu
behandeln, dazu msste uns, selbst wenn es keine hheren Antriebe gbe,
sogar die Klugheit und das Wohlwollen gegen unser eigenes Kind nthigen,
indem das entgegengesetzte Benehmen gerade fr es selbst die
nachtheiligsten Folgen haben wrde.




                                  G.
                               Bericht
      ber den Begriff der Wissenschaftslehre und die bisherigen
                        Schicksale derselben.


                     (Geschrieben im Jahre 1806.)


                           Erstes Capitel.
              Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre.

Falls etwa der Erkenntniss der Wahrheit durch den Menschen dieses
Hinderniss im Wege stnde, dass im natrlichen und kunstlosen Zustande
diese Erkenntniss sich selber, nach eigenen innern und verborgen
bleibenden Gesetzen gestaltete und bildete; diese ihre eigene Gestalt
der zu erkennenden Wahrheit, ohne unser Vermerken, mittheilte, und so in
der Erkenntniss sich selber in den Weg, und zwischen sich und die reine
Wahrheit in die Mitte trte: so wrde es auf diese Weise nie zur
Wahrheit, und falls diese Selbstmodification der Erkenntniss wandelbar,
vernderlich, und in ihrer verschiedenen Gestaltung vom blinden
Ohngefhr abhngig seyn sollte, auch nie zu bleibender Einheit und
Gewissheit in der Erkenntniss kommen. Diesem Mangel und den nothwendigen
Folgen desselben knnte auf keine andere Weise abgeholfen werden, ausser
dadurch, dass jene inneren Selbstmodificationen der Erkenntniss aus
ihren Gesetzen vollstndig erschpft, und die Producte derselben von der
erkannten Wahrheit abgezogen wrden; worauf, nach diesem Abzuge, die
reine Wahrheit brigbleiben wrde.

So verhlt es sich nun in der That; und dem zufolge wrden, bis auf
Kant, alle Denker und Bearbeiter der Wissenschaft ohne Ausnahme durch
den verborgenen Strom jener inneren Verwandlungen der Erkenntniss
herumgezogen, und mit sich selber und andern in Widerstreit versetzt.
Kant war der erste, der diese Quelle aller Irrthmer und Widersprche
glcklich entdeckte, und den Vorsatz fasste, auf die einzig
wissenschaftliche Weise, durch systematische Erschpfung jener
Modificationen, und, wie er es nannte, durch Ausmessung des ganzen
Gebiets der Vernunft, sie zu verstopfen. Die Ausfhrung blieb jedoch
hinter dem Vorsatz zurck, indem die Vernunft oder das Wissen nicht in
seiner absoluten Einheit, sondern schon selbst in verschiedene Zweige
gespalten, als theoretische, als praktische, als urtheilende Vernunft,
der Untersuchung unterworfen; auch die Gesetze dieser einzelnen Zweige
mehr empirisch gesammelt, und durch Induction als Vernunftgesetze
erhrtet wurden, als dass eine wahre Deduction aus der Urquelle sie
erschpft, und als das, was sie sind, sie dargelegt htte. Bei diesem
Stande der Sachen ergriff die Wissenschaftslehre die durch jene
Kantische Entdeckung an die Menschheit gestellte Aufgabe; zeigend, was
der Wissenschaftsweg in seiner Einheit sey, sehr sicher wissend und
darauf rechnend, dass aus dieser Einheit heraus die besonderen Zweige
desselben sich von selbst ergeben, und aus ihr wrden charakterisirt
werden knnen.

Wir sind nicht gemeint zu lugnen, dass nicht von einigen jene
Wissenschaftslehre einigermaassen gefasst, und ihr Zweck nothdrftig
historisch ersehen worden sey, indem von mehreren gestanden worden, dass
durch jenes Werk die absolute Nichtigkeit aller Producte des
Grundgesetzes des Wissens, der Reflexion, dargethan sey. Nur machte man
aus dieser Entdeckung ber das Resultat jener Philosophie den Schluss,
dass eben um dieses Resultates willen die Wissenschaftslehre nothwendig
falsch sey, indem eine Realitt denn doch sey, diese Realitt aber, weil
nemlich diejenigen, die also dachten, fr ihre Person dieselbe nicht
anders zu erfassen vermochten, nur innerhalb des Gebiets des
Reflexionsgesetzes erfasst werden knne. Durch dieselbe Voraussetzung
machten sie nun die Wissenschaftslehre, dieselbe mit dem in ihrer Gewalt
einig befindlichen Organe fassend, wirklich falsch; indem sie, gar nicht
zweifelnd, dass ein objectives Seyn gesetzt werden msste, und dass von
diesem allgemeinen Schicksal der Sterblichkeit auch die
Wissenschaftslehre nicht frei seyn werde, meinten, der Fehler dieser
Philosophie bestehe darin, dass sie ein subjectives-objectives Seyn, ein
wirkliches und concret bestehendes Ich, als das Ding an sich,
voraussetze; welchem Fehler sie fr ihre Person nun dadurch abzuhelfen
vermeinten, dass sie statt dessen ein objectives-objectives Seyn,
welches sie mit dem Namen des Absoluten beehrten, voraussetzten. Zwar
hat man in Absicht der der Wissenschaftslehre angemutheten Voraussetzung
von Seiten derselben nicht ermangelt, wiederholt und in den
verschiedensten Wendungen zu protestiren; jene aber bleiben dabei, wie
sie denn auch nicht fglich anders knnen, dass sie besser wissen
mssten, was der Verfasser der Wissenschaftslehre eigentlich wolle, als
dieser selbst. In Absicht ihrer eigenen Verbesserung ist sonnenklar, und
es wird, falls jemals einige Besonnenheit an die Tagesordnung kommen
sollte, jedes Kind begreifen, dass dieses ihr Absolute nicht nur
objectiv ist, welches das erste Product der stehenden Reflexionsform,
sondern zugleich auch, als Absolutes, bestimmt ist durch seinen
Gegensatz eines Nicht-Absoluten, welche ganze Fnffachheit, noch
berdies mit der im Nicht-Absoluten liegenden ganzen Unendlichkeit, in
jener Operation mit dem Absoluten und ihrer Einbildungskraft durch
einander verwachsen liegt, und so ihr Absolutes berhaupt gar kein
mglicher Gedanke, sondern nur eine finstere Ausgeburt ihrer
schwrmenden Phantasie ist, um die Empirie, im Glauben an welche sie
fest eingewurzelt sind, zu erklren.

Gegen Erinnerungen, wie die eben gemachte, meinen sie auf folgende Weise
sich in Sicherheit bringen zu knnen. Es hat nemlich die
Wissenschaftslehre, freilich nur frs Erste, und als ein Hausmittel fr
diejenigen, denen der Zustand der Besonnenheit noch nicht der natrliche
geworden ist, sondern in welchen er mit dem der Unbesonnenheit wechselt,
vorgeschlagen, dass sie bei dergleichen Producten der stehenden
Reflexionsform sich doch nur besinnen mchten, dass sie das Gedachte ja
denken. Jene, wohl wissend, dass, wenn sie auf diesen Vorschlag
eingehen, ihnen die geliebte Tuschung verschwinde, und das, was sie
gern als das Ansich shen, als ein blosser Gedanke sich gar klar
manifestire, versichern, dass man an dieser Stelle sie nie zur Reflexion
bringen solle; und berichten, dass gerade durch die consequente
Durchfhrung jener Maxime die Wissenschaftslehre zu einem leeren
Reflectirsystem werde, und dadurch eben, wie es sich denn auch wirklich
also verhlt, die ganze Reflexionsform in absolutes Nichts zerfalle,
indem das eben die jenem Systeme verborgengebliebene Kunst sey, an der
rechten Stelle die Augen zuzumachen und die Hand auf, um die Realitt zu
ergreifen. Es entgeht ihnen hierbei gnzlich, dass, vllig unabhngig
von ihrem Reflectiren oder Nichtreflectiren auf ihren Denkact, derselbe
an sich bleibt, wie er ist, und wie er durch die Form der Beschrnkung,
in der sie ihn vollziehen, nothwendig ausfllt; und dass es ein
schlechtes Mittel ist gegen die Blindheit, vor der Blindheit selber
wiederum die Augen zu verschliessen. So bleibt in dem angegebenen Falle
ihr Absolutes, von dem sie doch durchaus nicht anders denken knnen, als
dass es sey, immer ein Objectives, aus dem Schauen Hingeworfenes, und
demselben in ihm selber Entgegengesetztes, durch sich und in seinem
Wesen; ob sie nun den Gegensatz dazu, das Schauen, ausdrcklich
hinsetzen oder nicht: und sie haben, wenn sie nicht mehr denn dieses
Objectiviren vollzogen haben, nur das Seyn berhaupt, keinesweges aber,
wie sie vorgeben, das Absolute gedacht; oder wollen sie doch auch dieses
Letztere gedacht haben, so haben sie, innerhalb des Seyns berhaupt,
noch durch einen zweiten Gegensatz mit einem nicht absoluten Seyn, eine
weitere Bestimmung vollzogen, und ihr Absolutes ist ein besonderes Seyn,
innerhalb des allgemeinen, und ihr Denken ist auf eine bestimmte Weise
analytisch-synthetisch, weil nur durch ein solches Denken der Begriff,
den sie zu haben versichern, zu Stande kommt, sie mgen es nun erkennen
oder nicht.

Dieses Alles ist ihnen nun seit dreizehn Jahren oft wiederholt und in
den mannigfaltigsten Wendungen gesagt worden, und sie haben es auch
recht wohl vernommen. Aber sie wollen es nicht weiter hren, und hoffen,
weil wir einige Jahre geschwiegen, und sie nach aller ihrer Lust ihr
Wesen haben treiben lassen, desselben auf immer erledigt, und in den
ungestrten Besitz der Weisheit, die ihnen gefllt, eingesetzt zu seyn.

Jedoch fehlt gar viel daran, dass dieses ihr Nichtwollen so ganz ein
freies sey. Es grndet sich dasselbe vielmehr mit Nothwendigkeit auf die
Beschaffenheit ihrer geistigen Natur. Sie vermgen nicht zu thun, was
wir ihnen anmuthen, noch zu seyn, wie wir sie haben wollen. Wollen sie
bei diesem Stande der Dinge nicht alles Seyn aufgeben und in die vllige
Vernichtung fallen, so mssen sie sich auf das ihnen einzig mgliche
Seyn sttzen, und dasselbe aus aller Kraft aufrecht zu erhalten suchen.

Jenes, oben an einem Beispiele dargestellte analytisch-synthetische
Denken ist eine Function der Phantasie, und mischt mit den aus ihr
erzeugten Schemen die Realitt zusammen; wir aber muthen ihnen das reine
und einfache Denken oder die Anschauung an, durch welches allein die
Realitt, in ihrer Einheit und Reinheit, an sie gelangen knnte. Sie
sind des Letzteren durchaus unfhig, und sind darum allerdings
genthigt, falls sie nicht lieber das Denken berhaupt aufgeben wollen,
sich der Herrschaft ihrer dunklen und verworrenen Phantasie zu
berlassen. Wie sie auch mit ihrem Geiste sich hin- und herbewegen
mgen, so werden sie nur auf andere Formen der Phantasie getrieben, aus
dieser berhaupt nie herauskommend. Die Form der Phantasie ist allemal
zerreissend das Eine: sie gehen nie anders, als mit schon zerrissenem
Geiste an die Sache, und es kann darum das Eine nie an sie gelangen,
weil sie selbst niemals das Eine sind.

Darum verliert auch an ihnen alle Belehrung ihren Effect, weil dieselbe,
um an sie zu kommen, erst durch ihr Organ hindurchgehen muss; in diesem
Durchgange aber ihre eigene Form verliert, und die Form ihres Organs
annimmt. Wenn man z. B. mit ihnen vom Ich, als der Grundform alles
Wissens redet, so vermgen sie dieses Ich gar nicht anders an sich zu
bringen, denn als ein objectives, durch ein anderes ihm
entgegengesetztes objectives, bestimmtes Seyn, weil diese letztere Form
eben die Grundform der Einbildungskraft ist; es ist darum nothwendig,
dass sie die Wissenschaftslehre also verstehen, wie das deutsche
Publicum sie verstanden hat; und es ist eben dadurch klar, dass gar
keine Wissenschaftslehre an sie zu kommen vermag, sondern statt
derselben nur ein hchst verkehrtes System, welches sie durch die
entgegengesetzte Verkehrtheit berichtigen wollen.

Das einfache Denken ist das innere Sehen; das Phantasiren dagegen ist
ein blindes Tappen, dessen Grund dem Tapper ewig verborgen bleibt. Die
Wissenschaftslehre war ein Gemlde, auf Licht und Augen berechnet, und
wurde in der Voraussetzung, dass dergleichen vorhanden wren, dem
Publicum vorgelegt. Man tappte einige Jahre herum auf dem Gemlde, und
es fanden sich einige, welche Hflichkeitshalber versicherten, dass sie
die angeblich abgezeichneten Gestalten unter dem Finger fhlten. Andere,
die mehr Muth hatten, bekannten, dass sie nichts fhlten; dadurch
verminderte sich denn auch die Schchternheit und die falsche Scham der
Ersteren, und sie nahmen ihr Wort zurck. Es fand sich indessen Einer,
der der allgemeinen Noth sich annahm, und aus allerlei altem Abgange
einen Teig zusammenknetete, den er ihnen darbot. Seit der Zeit
befleissigt jeder, der Finger hat, sich des Befhlens, und es ist ein
ffentliches Dankfest darber angesagt, dass das Absolute betastbar
geworden.

Wo der eigentliche Punct des Streites, den die Wissenschaftslehre gegen
sie fhrt, wahrhaftig liege, weiss unter allen vorgeblich
philosophirenden deutschen Schriftstellern Keiner; ich sage mit Bedacht
Keiner, und gedenke hierber dermalen keine Ausnahme zu gestatten. Dass
auch dieses System dafr halte, die Betastung sey der einzige innere
Sinn, und dass es auch ein blosses, nur etwas wunderbares und von dem
ihrigen verschiedenes Betasten sey, darber regt nirgends sich einiger
Zweifel. Ferner halten sie dafr, der Streit sey ber objective
Wahrheiten, und unser System lugne bloss einige Stze, die sie
behaupten, und wolle dieses durch andere Stze verdrngen; da doch
dieses System eine Bestreitung ihres gesammten geistigen Seyns und
Lebens in der Wurzel ist, und ihnen vor allen Dingen Klarheit anmuthet,
worauf es sich mit der Wahrheit ohne Weiteres auch geben werde. Nicht
darauf kommt es an, was ihr denket, wrde die Wissenschaftslehre ihnen
sagen; denn euer gesammtes Denken ist schon nothwendig Irrthum, und es
ist sehr gleichgltig, ob ihr auf die eine Weise irret, oder auf die
andere; sondern darauf, was ihr innerlich und geistig seyd. Seyd das
Rechte, so werdet ihr auch das Rechte denken; lebet geistig das Eine, so
werdet ihr dasselbe auch anschauen.

Nun aber ist das Erstere nicht ganz leicht, und wir haben keinen Grund,
anzunehmen, dass dermalen mehr Geneigtheit und Fhigkeit dazu sich unter
den Deutschen vorfinden werde, als ihrer seit dreizehn Jahren, oder wenn
wir Kant, von welchem, nur mit etwas grsserem Aufwande des eigenen
Scharfsinnes, dasselbe sich htte lernen lassen, dazu nehmen, als seit
fnfundzwanzig Jahren sich dargelegt hat. Dennoch wollen wir die
neuerdings vom Publicum bei Seite gesetzte Sache wieder in Anregung
bringen; unbekmmert brigens darum, ob auch diese Anregung in derselben
leeren Luft, in welcher seit geraumer Zeit alle Anregungen zum Besseren
fruchtlos verhallet sind, gleichfalls ohne Erfolg verhallen werde.

Um vor allen Dingen den Stand der Einstimmigkeit, sowie des Streites der
Wissenschaftslehre mit dem Publicum festzustellen, und dadurch unseren
eigentlichen dermaligen Zweck zu bestimmen:

Das Publicum will -- wir fgen uns vorlufig seiner Sprache, bis wir
tiefer unten dieselbe zerstren werden -- das Publicum will Realitt,
dasselbe wollen auch wir; und wir sind sonach hierber mit ihm einig.

Die Wissenschaftslehre hat den Beweis gefhrt, dass die, in ihrer
absoluten Einheit erfasst werden knnende, und von ihr also erfasste
Reflexionsform keine Realitt habe, sondern lediglich ein leeres Schema
sey, bildend aus sich selber heraus, durch ihre gleichfalls vollstndig,
und aus Einem Principe zu erfassenden Zerspaltungen in sich selbst, ein
System von anderen ebenso leeren Schemen und Schatten; und sie ist
gesonnen, auf dieser Behauptung fest und unwandelbar zu bestehen.

Das Publicum, welches sein geistiges Leben ber diese Form nicht hinweg
zu versetzen, noch dieselbe von sich abzulsen, und sie frei anzuschauen
vermag, hat, eben ohne es selbst zu wissen, seine Realitt nur in dieser
Form; da es nun aber doch Realitt haben muss, so ist es geneigt, jenen
von der Wissenschaftslehre gefhrten Beweis fr fehlerhaft zu halten,
weil ihm dadurch seine Realitt, die es nicht umhin kann, fr die einzig
mgliche zu halten, vernichtet wird.

Wenn wir nun bei diesem Stande der Sachen einen Augenblick annehmen
wollen, dass diesem Publicum geholfen sey, und dass es uns zu verstehen
vermge; so knnte das Erstere nur dadurch geschehen, dass man mit ihm
gemeinschaftlich und vor seinen Augen die Form, in der es befangen
bleibt, ablste und ausschiede und neu zeigte, dass zwar seine Realitt,
keinesweges aber alle Realitt vernichtet sey, sondern dass im
Hintergrunde der Form, und nach ihrer Zerstrung erst die wahrhafte
Realitt zum Vorschein komme. Dieses Letztere ist nun diejenige Aufgabe,
welche wir zu seiner Zeit durch eine neue und mglichst freie
Vollziehung der Wissenschaftslehre, in ihren ersten und tiefsten
Grundzgen zu lsen gedenken.

So jemand will, so mag er eine solche Arbeit auch fr die Erfllung des
vor langem gegebenen Versprechens einer neuen Darstellung der
Wissenschaftslehre nehmen; welcher Erfllung ich mich brigens, weil mir
immer deutlicher geworden, dass die alte Darstellung der
Wissenschaftslehre gut und vorerst ausreichend sey, schon lngst
entbunden hatte, und jetzt sie weiter hinausschiebe. Wie es mir aus den
ffentlichen Aeusserungen dieser Erwartung wahrscheinlich geworden,
hoffte man besonders, dass durch die neue Darstellung das Studium dieser
Wissenschaft bequemer werden sollte; welcher Hoffnung zu entsprechen ich
weder ehemals noch jetzt grosse Fhigkeit oder Geneigtheit in mir
verspre.

Da ich soeben die ehemalige Darstellung der Wissenschaftslehre fr gut
und richtig erklrt habe, so versteht es sich, dass niemals eine andere
Lehre von mir zu erwarten ist, als die ehemals an das Publicum
gebrachte. Das Wesen der ehemals dargelegten Wissenschaftslehre bestand
in der Behauptung, dass die Ichform oder die absolute Reflexionsform der
Grund und die Wurzel alles Wissens sey, und dass lediglich aus ihr
heraus Alles, was jemals im Wissen vorkommen knne, sowie es in
demselben vorkomme, erfolge; und in der analytisch-synthetischen
Erschpfung dieser Form aus dem Mittelpuncte einer Wechselwirkung der
absoluten Substantialitt mit der absoluten Causalitt; und diesen
Charakter wird der Leser in allen unseren jetzigen und knftigen
Erklrungen ber Wissenschaftslehre unverndert wiederfinden.


                      Zur vorlufigen Erwgung.

Wenn es nun etwa jemand zu der Einsicht gebracht htte, dass das Seyn --
ich muss, um die Rede anknpfen zu knnen, von diesem Begriffe, den ich
demnchst zu zerstren gedenke, ausgehen -- dass das Seyn schlechthin
nur Eins, durchaus nicht Zwei, und ein in sich selber Geschlossenes und
Vollendetes, eine Identitt, keinesweges aber eine Mancherleiheit seyn
knnte: so wrde von einem solchen billigerweise zu fordern seyn, dass
er nach dieser Einsicht nun auch wirklich verfhre, nicht aber zur
Stunde wiederum gegen sie handelte, dass er demnach, falls er etwa noch
berdies ein solches Seyn nicht problematisch an seinen Ort gestellt
seyn lassen, sondern positiv und bejahend dasselbe annehmen wollte,
dasselbe, treu seinem Grundsatze, eben nur ins positive Seyn selber oder
ins Leben setzen, und annehmen msse, dass es eben nur unmittelbar
lebend, und im unmittelbaren Erleben und durchaus auf keine andere Weise
sich bewahrheiten knne. Wollte er nun etwa dieses Leben wiederum
absolut nennen, wie ihm, wenn er nur dadurch keinen Gegensatz, der ja
gegen die angenommene Einheit des Seyns streiten wrde, aufstellen,
sondern nur soviel sagen wollte, dass dies das Eine in sich vollendete
Seyn sey, ausser welchem gar nichts Anderes seyn knne: so wrde er
annehmen mssen, dass das Absolute nur in dem einzig mglichen innern
Leben von sich, aus sich, durch sich sey, und durchaus auf keine andere
Weise seyn knne, dass nur im unmittelbaren Leben das Absolute sey, und
ausser dem unmittelbaren Leben gar kein anderes Seyn es gebe, und alles
Seyn nur gelebt, nicht aber auf andere Weise vollzogen werden knne.
Knnte nun ein solcher auch wohl freilich sich nicht ablugnen, dass er
in dieser Operation das Leben doch nur dchte, und objectiv vor sich
hinstellte, so msste sich derselbe nur recht verstehen, um sogleich
einzusehen, dass er dennoch nicht diesen ^Gedanken^ seines Lebens und
das ^Product^ seines Denkens meine, indem er ja das Leben aus sich und
von sich selbst, nicht aber aus seinen Gedanken heraus gedacht zu haben
vermeint, sonach an diesem Gedanken sein Denken ausdrcklich zerstrt,
und durch den Inhalt dieses einzig mglichen wahren Gedankens das
Denken, als etwas fr sich bedeuten wollend, vllig vernichtet wrde.
Geradezu aber wrde gegen die vorausgesetzte Einsicht gehandelt werden,
wenn jemand das Seyn, und da das Seyn durchaus das Absolute ist, das
Absolute, in ein nicht Einfaches, sondern Mannigfaltiges, und in ein
sichtbares Erzeugniss und Product eines Andern ausser ihm setzen wollte.
Dergleichen ist nun eben der Begriff des Seyns, von welchem wir die Rede
anhoben. Er ist nicht von sich, sondern aus dem Denken, und dieses Seyn
ist in sich selbst todt, wie dies auch nicht anders seyn kann, da sein
Schpfer, das Denken, in sich selbst todt ist, und an dem einzigen
wahren Gedanken, dem des Lebens, sich also bewhrt. Auch bewhrt dieses
Seyn sich wirklich also todt im Gebrauche, indem es fr sich selbst
nicht aus der Stelle rckt, und durch mndliche Wiederholbarkeit doch
ein Etwas aus ihm herauskommt, sondern erst durch einen zweiten Ansatz
des Denkens ihm Leben und Bewegung als ein zuflliges Prdicat ertheilt
wird. Alle diese, dem Seyn hinterher noch beigelegten Prdicate sind nun
nothwendig willkrliche Erdichtungen, indem, falls das Denken auf eine
glaubhafte Weise Bericht vom Leben abstatten sollte, das letztere selber
darin eintreten und unmittelbar von sich zeugen msste; jenes Denken
eines Seyns aber gleich ursprnglich das Leben von sich ausgeschieden,
und ausser aller unmittelbaren Berhrung mit ihm sich gesetzt hat, und
darum nicht berichten, sondern nur erdichten kann; an welchem letzteren
freilich die Mglichkeit noch besonders zu erklren ist.

Wrde nun etwa dennoch in einem gewissen Sinne, der noch nher zu
bestimmen seyn wrde, angenommen, dass Wir, oder was dasselbe bedeutet,
dass Bewusstseyn sey: so wre dieses, innerhalb der vorausgesetzten
Grundeinsicht, nur also zu begreifen, dass das Eine absolute Leben eben
das unsrige, und das unsrige das absolute Leben sey, indem es nicht zwei
Leben, sondern nur Ein Leben zu geben vermge, und dass das Absolute
auch in uns eben nur unmittelbar lebend, und im Leben, und auf keine
andere Weise dazuseyn vermge, indem es berhaupt auf keine andere Weise
dazuseyn vermag; und wiederum, dass nur in uns das Absolute lebt,
nachdem es berhaupt in uns lebt, es aber nicht zweimal zu leben vermag.
Inwiefern aber nun ferner angenommen wird, dass wir nicht bloss das Eine
Leben, sondern zugleich auch Wir oder Bewusstseyn sind, so wrde
insofern das Eine Leben in die Form des Ich eintreten. Sollte sich, wie
wir aus guten Grnden vorlufig vermuthen, diese Ichform klar
durchdringen lassen, so wrden wir einsehen, was an uns und unserem
Bewusstseyn lediglich aus jener Form erfolge, und was somit nicht
reines, sondern formirtes Leben sey; und vermchten wir nun dieses von
unserem gesammten Leben abzuziehen, so wrde erhellen, was an uns als
reines und absolutes Leben, was man gewhnlich das ^Reale^ nennt,
brigbliebe. Es wrde eine Wissenschaftslehre, welche zugleich die
einzig mgliche ^Lebenslehre^ ist, entstehen.

Was insbesondere das erste aufgestellte todte Seyn betrifft, so wrde
erhellen, dass dieses durchaus nicht das Absolute, sondern dass es nur
das letzte Product des in uns in der Form des Ich eingetretenen wahrhaft
absoluten Lebens sey; das letzte, sage ich, also dasjenige, in welchem
in dieser Form das Leben abgeschlossen, erloschen und ausgestorben,
somit in ihm schlechthin gar keine Realitt briggeblieben ist. Es wrde
einleuchten, dass eine wahrhaft lebendige Philosophie vom Leben
fortgehen msse zum Seyn, und dass der Weg vom Seyn zum Leben vllig
verkehrt sey und ein in allen seinen Theilen irriges System erzeugen
msse, und dass diejenigen, welche das Absolute als ein Seyn absetzen,
dasselbe rein aus sich ausgetilgt haben. Auch in der Wissenschaft kann
man das Absolute nicht ^ausser^ sich anschauen, welches ein reines
Hirngespinnst giebt, sondern man muss in eigener Person das Absolute
seyn und leben.

Ich fge nur noch folgende zwei Bemerkungen hinzu. Zuvrderst, dass
durch diesen Satz alle Philosophie ohne Ausnahme, ausser der Kantischen
und der der Wissenschaftslehre, fr vllig verkehrt und ungereimt
erklrt werde; und wir sprechen dieses bestimmt aus, indem wir niemals
irgend eine Ausnahme, welchen Namen sie auch haben mge, zu gestatten
gedenken. Sodann, so klar und so handgreiflich einleuchtend die gemachte
Bemerkung auch jedem ist, der sie eben versteht, so mchte es doch Leser
geben, die gar nicht leicht in dieselbe sich fnden. Der Grund ist der:
weil es einiger Anstrengung bedarf, um sich zur Vollziehung der
angemutheten Consequenz zu bringen, und dieselbe in seine freie und
besonnene Gewalt zu bekommen, zuwider dem natrlichen Hange im Menschen,
zum objectivirenden Denken, als dem leichtesten, und jedem ohne alle
Mhe und Besonnenheit sich anwerfenden zurckzukehren. Dennoch kann die
Vollziehung dieser Einsicht nicht erlassen werden, indem ausserdem es
beim blinden Tappen bleibt und kein Sehen erfolgt, und der ganze
Unterricht, aus Mangel eines tauglichen Organs der Aufnahme, seines
Zweckes verfehlt.

Endlich, dass beim Leben angehoben werden msse, und von diesem erst zum
Seyn fortgegangen werden knne, hat nur vorlufig verstndlich gemacht
werden sollen, um den dermalen vorhandenen Grund alles Irrthums bei
Zeiten aus dem Wege zu bringen. Keinesweges aber haben wir uns dadurch
die Mglichkeit abschneiden wollen, falls es nothwendig werden sollte,
sogar ber das Leben hinauszugehen, und auch dieses als nichts Einfaches
und Erstes, sondern als Product einer klar nachzuweisenden Synthesis,
nur ja nicht aus dem Seyn, darzustellen. Einer der nchsten Aufstze
dieser Zeitschrift wird sich mit dieser Aufgabe beschftigen.


                           Zweites Capitel.
             Auskunft ber die bisherigen Schicksale der
                         Wissenschaftslehre.


                                  I.
        Schilderung des bisherigen Zustandes unserer Literatur
                              berhaupt.

Es ist hier keinesweges unsere Absicht, bloss wieder zu sagen, wie sich
das Publicum gegen die Wissenschaftslehre seit der Erscheinung derselben
verhalten, sondern dasselbe aus seinen Grnden zu erklren, worauf dann
derjenige, der das erstere nicht weiss, aus diesen Grnden selbst es ^a
priori^ ableiten, oder auch in den seit jener Zeit erschienenen
Schriften und Urtheilen es aufsuchen mag. Nur grndet ohne Zweifel
dieses alles sich auf den bisherigen und noch dermalen fortdauernden
Zustand der Literatur berhaupt; und es wird daher die begehrte Auskunft
auf die von uns gewhlte Weise ohne Zweifel gegeben, wenn der erwhnte
Zustand grndlich geschildert wird.

Welcher Schmerz brigens und innige Wehmuth uns ergreife, indem wir aus
dem klaren Aether der tiefsten Betrachtung, in welchem wir am liebsten
uns aufhalten, herunterzusteigen haben in den Abgrund der
intellectuellen und moralischen Verkehrtheit in der Wirklichkeit, thut
nicht noth zu beschreiben. Wahrhaftig nicht unsere Neigung fhrt uns,
sondern eine tiefe Unlust begleitet uns zu diesem Geschfte, welche zu
berwinden wir dennoch uns entschlossen haben, indem, so sicher wir auch
berzeugt seyn mgen, dass nichts besser werden wird, es dennoch unsere
Schuldigkeit ist, zu handeln, als ob es besser werden knnte, ganz
sicherlich aber es nicht besser werden kann, bevor nicht das Uebel in
seiner ganzen Grsse bekannt worden, und ein betrchtlicher Theil des
Publicums darber in ein heilsames Erschrecken versetzt worden. Und wenn
es auch wahr seyn sollte, dass der jetzt ausgebildet lebenden Generation
durchaus nicht zu helfen sey, sondern diese, als unverbesserlich,
aufgegeben werden msse: so bliebe es gleichwohl nothwendig, diejenige,
welche dermalen entsteht und sich bildet, abzuschrecken, dass sie nicht
in die Fusstapfen jener ersten trete, indem, wenn es wirklich besser
werden soll, die Besserung doch irgend einmal in der Zeit anheben muss,
nichts aber verhindert, dass wir wnschen, dass, inwiefern es mglich
ist, diese Zeit eben jetzt sey.

Nur zwei allgemeine Bemerkungen habe ich vorauszuschicken. Die erste ist
die folgende: Ob das, was ich als den Charakter unseres gelehrten
Publicums angeben werde, durchaus und ohne alle Ausnahme, oder ob es nur
von der entschiedenen Majoritt gelte, kann vorlufig an seinen Ort
gestellt bleiben; und ich will es denjenigen unter meinen
wissenschaftlichen Lesern, welche mit Wahrheit sich bewusst sind, dass
ihnen niemals, weder in Schriften, noch auf dem Katheder, oder in
mndlichen Unterhaltungen dergleichen Aeusserungen, wie wir anfhren
werden, entfallen sind, von Herzen gnnen; indem es mir wenig Vergngen
macht, mir die Zahl der Schuldigen recht gross zu denken. Gemeint sind
nur diejenigen, welche selber, jedoch vor einer Selbstprfung, in der
sie sich nicht schmeicheln, sich getroffen fhlen.

Sodann: die gewhnliche, auch ehemals schon uns gegebene Antwort auf
dergleichen Vorwrfe ist die: man habe bertrieben, oder auch ganz und
gar die Unwahrheit gesagt, und sie seyen nicht also, wie wir sie
dargestellt htten. Der hierbei ihnen selbst zwar grsstentheils
verborgen bleibende Grund ihrer Tuschung ist der, dass, da sie selber
in allen ihren Aeusserungen immer nur sagen, was gesagt worden, und vor
dem Worte vom Worte niemals zum Worte von der Sache zu kommen vermgen,
sie ebenfalls von uns glauben, wir wollten berichten, wie sie sprechen;
und da mag es denn oft wahr seyn, dass sie also, wie wir sie darstellen,
sich selber nicht aussprechen. Unser Vorsatz aber war und ist, zu sagen,
was sie innerlich und in der That wirklich sind und leben, welches
letztere unter andern auch recht gut an demjenigen dargelegt werden
kann, was sie seyen, dem jenes, ob sie es nun selber wissen oder nicht,
dennoch zur Quelle und Prmisse wirklich und nothwendig dient. Und wenn
es sich auch zuweilen zutrge, dass sie, zur ausdrcklichen und
wrtlichen Erklrung ber dieselben Verhltnisse kommend, das gerade
Gegentheil von dem, was sie nach unserer Behauptung wirklich sind,
sagten: so ist doch dieses letztere nicht der Ausdruck ihres wahren
Seyns, sondern nur ein auswendig Gelerntes, und eine am Markte
erhandelte Maske, mit welcher sie ihre natrliche Haut bel genug
verdecken; jenes aber, als Princip eines wirklichen Dafrhaltens im
Leben, ist ihr wahres innerliches Leben.

Und nun zur Sache! Dass das Organ fr die Speculation, durch welche
allein doch alles brige Wissen begrndet, geordnet und klar wird, und
ohne welche alle Beschftigung mit den Wissenschaften nur ein blindes,
vom Ohngefhr mehr oder weniger begnstigtes Herumtappen bleibt, den
gegenwrtigen Bearbeitern der Wissenschaften gnzlich abgehe, haben wir
schon oben gesagt, und, falls jemand fhig seyn sollte, uns zu
verstehen, durch unsere eigene Speculation es gezeigt. Nun wrde ein
Mangel, den unser Zeitalter mit der gesammten Vorwelt gemein hat, nicht
jenem allein zum besonderen Vorwurfe gemacht werden knnen, wenn nicht
der grosse Unterschied obwaltete, dass diese Vorwelt von wahrer
Speculation niemals etwas vernommen, jenem aber nunmehr seit
fnfundzwanzig Jahren, in einer ununterbrochenen Folge mannigfaltiger
Schriften zweier in ihrem usseren Vortrag sehr verschiedener Autoren,
die Regeln der wirklichen Speculation, und die Ausbung derselben an
mancherlei Materien, vorgelegt worden sind.

Aber was soll man sodann sagen, wenn in berschwnglicher Klarheit
erhellet, dass unter diesen vorgeblichen Bearbeitern der Wissenschaft
sogar der Begriff von der Wissenschaft selber, ihren blossen formalen
und usseren Eigenschaften nach, nicht nur fast gnzlich verschwunden,
sondern dass sie auch innerlich vor diesem Begriffe erzittern, und jede
Anregung desselben leidenschaftlich anfeinden, und dass der einzige
Trost ihres Lebens die Hoffnung ist, dass es wohl niemals wirklich zur
Wissenschaft kommen werde, und der einzige Zweck ihrer Bestrebungen, zu
verhindern, dass es dazu komme? Msste man nicht sodann urtheilen, dass
an die Stelle des unter uns ausgestorbenen gelehrten Publicums die
heftigsten Feinde aller Wissenschaft getreten, welche die Maske der
Gelehrsamkeit nur vorhalten, um unter deren Schutze die Wissenschaft nur
sicherer und sieghafter zu bestreiten?

Die Wissenschaft, so gewiss sie Wissenschaft ist, hat eine absolute und
unvernderliche Evidenz in sich selber, vernichtend schlechthin alle
Mglichkeit des Gegentheils und allen Zweifel; und, da diese Evidenz nur
auf eine einzige unwandelbare und unvernderliche Weise mglich seyn
kann, die Wissenschaft hat ihre feste und unvernderliche ussere Form.
Dies gehrt zum Wesen der Wissenschaft, als solcher; nur unter dieser
Bedingung ist sie Wissenschaft; und so ist auch allenthalben, wo es ein
wissenschaftliches Publicum gegeben hat, in demselben allgemein geglaubt
und angenommen worden. Wie aber mgen ber diesen Punct unsere
vorgeblichen Gelehrten glauben und annehmen? Ich weiss nicht, wie viele
es unter ihnen geben drfte, denen nicht von Zeit zu Zeit Aeusserungen,
wie die folgenden, entgangen seyen: es halte jemand sich fr allein
weise und allein Philosoph; es wolle jemand die Wissenschaft aus Einem
Stcke haben; man msse -- als ob es nemlich mehr als Einen Standpunct
fr jede Wahrheit geben knne -- bei Widerlegung der Gegner sich auf
ihren Standpunct versetzen; man msse es in der Untersuchung der
Wahrheit nicht so strenge nehmen, sondern leben und leben lassen; und
wie noch ins Unendliche fort die Wendungen lauten, in denen der
Wissenschaft angemuthet wird, auf ihren absoluten Grundcharakter
Verzicht zu thun: und dieses alles als gar nicht zu bezweifelnde Axiome,
mit einer kindlichen Unbefangenheit, und so durchaus ohne alle Ahnung
der eigenen Abgeschmacktheit, dass sie nicht nur sicher auf die
Beistimmung aller brigen hoffen, sondern sogar fest berzeugt sind, der
wissenschaftliche Mann selber, den sie etwa des Anspruchs auf
Alleinweisheit bezchtiget, htte sich dessen erst nur nicht besonnen;
er werde auf ihre Erinnerung schon in sich gehen und sich schmen. Wenn
nun etwa auch dieselben Schriftsteller, ein andermal von dem Wesen der
Wissenschaft redend, sich ohngefhr ebenso darber ausdrckten, wie wir
es oben thaten: soll man dies fr ihren Ernst halten? Wie knnte man?
Dieses letztere sagen sie nur; das Gegentheil aber glauben sie wirklich,
indem sie ja darnach in wirklicher Beurtheilung vorliegender
Erscheinungen verfahren; wie denn auch einige zu dergleichen
Gestndnissen mit rhrender Naivitt hinzusetzen: das sey zwar wahr ^in
abstracto^, keinesweges aber ^in concreto^; wodurch sie demnach klar
bekennen, dass sie jenen Begriff der Wissenschaft nur fr einen leeren
Begriff des scherzhaften und spielenden Denkens halten, mit dem es
hoffentlich niemals werde Ernst werden.

Das innere Wesen der Wissenschaft ist auf sich selbst gegrndet, und
macht sich schlechthin durch sich selbst und aus sich selbst, ^so^, wie
es sich macht, absolut vernichtend alle Willkr; und es ist die
allererste Forderung an einen wissenschaftlichen Menschen, vor deren
Erfllung niemals auch nur ein Funke von Wissen in seine Seele kommen
wird, dass alle Neigung in ihm vor dem heiligen Gesetze der Wahrheit
verstumme, und er fr immer entschlossen sey, alles, was ihm als wahr
einleuchten werde, mit ruhiger Ergebung sich gefallen zu lassen. Sollen
wir glauben, entweder, dass sie diese Bedingung vollzogen htten, oder
auch nur, dass sie es als einen mglichen Fall dchten, es werde jemand
diese Forderung an sie machen? -- solche, welche ernsthaft vor dem
gesammten Publicum uns benachrichtigen, dass unsere Wahrheit ihnen nicht
gefalle, und auseinandersetzen, wie ihnen bei derselben eigentlich zu
Muthe geworden, und beschreiben, wie diejenige Wahrheit aussehen msse,
die ihnen gefallen solle, und uns ersuchen, sie also zu machen und
gelten zu lassen, und, wenn wir nicht wollen, sich ereifern und klagen,
dass wir ihnen das Herz aus dem Leibe reissen wollten; welches letztere
wir denn auch wirklich gerne thten, wenn wir es vermchten, bei eigenem
Unvermgen aber es der gttlichen Gnade berlassen. Oder sollten wir das
von denjenigen glauben, welche, noch unabhngig von dem Inhalte des
Vorgetragenen, sich beklagen, dass man nicht freundlich genug sie
belehre, dass man ihnen einen unsanften Ruck gegeben habe, der beinahe
die ruhige Stimmung ihres Gemthes gestrt htte; dass wir uns bessern,
und ihnen knftig die Lehre und Arznei in die von ihnen geliebten
Sssigkeiten einkleiden mchten, widrigenfalls sie zu unserer
wohlverdienten Bestrafung nichts mehr von uns lernen wrden? Soll man
viele Ausnahmen von dieser Denkart glauben, wenn man sieht, dass eine
neue Lehre fast mit keinen anderen Waffen bekmpft wird, als mit dieser
Abneigung und der Erregung derselben in den Gemthern der Leser, auf
deren Sympathie und gleichmssigen Unverstand man sicher rechnet;
ingleichen des Affects der Verwunderung ber die ungeheure Abweichung
der Lehre von der gemeinen Meinung, als ob jemand zuzugestehen dchte,
dass etwas wahr sey, weil es gemein ist?

Die allererste, dem wissenschaftlichen Menschen anzumuthende Erkenntniss
ist die, dass die Wissenschaft nicht ein leeres Spiel oder Zeitvertreib,
nicht nur ein zum erhhten Lebensgenusse dienender Luxus, sondern dass
sie ein dem Menschengeschlecht schlechthin Anzumuthendes, und die einzig
mgliche Quelle aller seiner weitern Fortentwickelung sey: dass die
Wahrheit ein Gut, und das hchste, alle anderen Gter in sich
enthaltende Gut, der Irrthum dagegen die Quelle aller Uebel, und dass er
Snde und die Quelle aller anderen Snden und Laster sey; und dass
derjenige, der die Wahrheit aufhlt und den Irrthum verbreitet, die
allerschaudervollste Snde am Menschengeschlechte begehe. Kann man diese
Erkenntniss denjenigen zutrauen, welche ihr ganzes Leben hindurch durch
alle ihre Worte und Werke die absoluteste Gleichgltigkeit gegen
Wahrheit und Irrthum zeigen; welche alle die Tage ihres Lebens
fortfahren zu lehren, ohne jemals etwas zu wissen; welche, ohne alle
Ueberzeugung, dass Wahrheit sey, was sie behaupten, dennoch fort
behaupten auf das gute Glck hin, dass sie es gleichwohl auch getroffen
haben knnten, und so, innerlich zu einer concreten Heuchelei und Lge
geworden, lgend fortleben und von der Lge essen, trinken und sich
kleiden? Ohne alle Ueberzeugung, sage ich: denn es ist ein himmlisch
klarer Satz, ganz allein durch sich der Menschheit den Besitz der
Wahrheit sichernd, und welcher, obwohl er die Verderbtheit jener
aufdeckt, und darum ein verhasster Gruel ist in ihren Augen, dennoch
ihnen zu Liebe nicht kann aufgegeben werden; der Satz: dass die Evidenz
eine specifisch verschiedene innere und berzeugende Kraft bei sich
fhre, welche niemals auf die Seite des Irrthums treten kann, dass
jederman unter allen Umstnden seines Lebens wissen kann, ob das, was er
denke, mit dieser Kraft ihn ergreife oder nicht, dass daher jedweder,
von welchem hinterher sich findet, dass er geirrt habe, dennoch, obwohl
er gar fglich seinen Irrthum nicht eingesehen haben kann als Irrthum,
ihn doch auch sicher nicht als Wahrheit eingesehen hat, und dass er auch
htte entdecken knnen, dass er ihn nicht als solche einsehe, wenn er
sich nur htte besinnen wollen; dass er daher auf keine Weise der
Ueberfhrung zu entgehen vermag, dass er leichtfertig und ohne
wahrhaften Respect fr die Wahrheit dahergefahren sey.

Welches konnte die Quelle dieser strafbaren Gleichgltigkeit seyn?
Allein Trgheit, Leichtsinn, Egoismus, tiefe moralische Auflsung. Das
Leben reisst unaufhrlich uns heraus aus uns selber, und treibt uns
dahin oder dorthin, so wie es will, nach seinem Gutdnken sein Spiel mit
uns fhrend. Diesem Hange zuwider dennoch sich zusammenzunehmen, und
betrachtend sich zu halten, bis man vollendet, kostet Anstrengung,
Selbstverlugnung, Mhe, und diese thut wehe dem verzrtelten Fleische.
Es will schon etwas sagen, nur zuweilen sich zu besinnen: dass man es
aber in der Wissenschaft, zumal in der hchsten, in der Speculation, zu
etwas Bedeutendem bringe, dazu bedarf es einer bis zur absoluten
Freiheit gebten Kunst der Besinnung, und der erworbenen Unmglichkeit,
jemals von dem Strome der blinden Einbildungskraft gefasst zu werden;
welches alles wiederum einen ganzen klaren, nchternen und besonnenen
Lebenslauf erfordert. Wie htte einen solchen die Kraftlosigkeit unserer
Tage ertragen knnen?

Oder, selbst wenn sie gekonnt htten, wrden sie es auch nur gewollt
haben, und wrden sie jene Besonnenheit, wenn ohne alle ihre Mhe sie
ihnen zu Theil wrde, sich zur Ehre anrechnen oder zur Schmach? Ich
sage, zu der letztern; denn es ist schon lange her, dass der Wetteifer
mit jener Nation, von der wir jetzt fr unsern guten Willen, ihr zu
gleichen, und fr unser Unvermgen dazu grausam bestraft werden, uns den
Anschein deutschen Ernstes, Grndlichkeit und Fleisses verchtlich
gemacht, und uns bewogen hat, alle Beschftigung mit den Wissenschaften
in ein Spiel zu verwandeln, und uns dem Strome unserer Einflle, als dem
einzigen, was den Anschein jener so sehr beneideten Leichtigkeit uns
geben knne, zu berlassen. Um sicher zu seyn, dass wir nicht wie
Pedanten ausshen, haben wir uns bestrebt, literarische Gecken zu
werden, ohne dass es uns doch sonderlich gelungen. Ich mchte einmal,
besonders unter unseren jngeren Gelehrten, die Umfrage halten, um zu
erfahren, wie viele darunter lieber dafr gelten mchten, dass sie die
Wahrheit durch Fleiss und Nachdenken gefunden, als dafr, dass sie ihnen
durch ihre glckliche Natur ohne alle ihre Mhe und Anstrengung von
selber gekommen; und die nicht lediglich durch den Titel eines Genies
sich geehrt, durch die Benennung aber eines fleissigen und besonnenen
Denkers sich als beschrnkte und geistlose Kpfe, und als solche, fr
welche die Natur doch auch gar nichts gethan, sich geschmhet finden
wrden. Und so brachte denn dasselbe Hinfliessen und Hintrumen in aus
sich selbst erwachsenden Einfllen, welches der Bequemlichkeit zusagte,
zugleich auch Ehre; und so liessen wir es uns denn besser gefallen, als
den mhsamen und nicht ehrenden Ernst.

Wenn denn nun jene, wie seit lnger denn Einem Menschenalter in
unermesslicher Klarheit sich gezeigt hat, von der Wissenschaft so
durchaus nichts wussten, dass ihnen nicht einmal der Begriff derselben,
oder die allerersten Bedingungen, um zu ihr zu gelangen, bekannt waren;
warum konnten sie dennoch es durchaus nicht unterlassen, sich fr
Gelehrte auszugeben und zu schreiben, zu lehren, zu urtheilen, als ob
sie die grndlichsten wren? Da die einzig mglichen Triebfedern, die
Liebe zur Wahrheit und zur Wissenschaft, von welchen beiden sie nie
einen Funken erblickt, sie nicht treiben konnten, so konnten die ihrigen
nur die usseren Triebfedern seyn: die bekannten des Geltenwollens, der
Ruhmsucht und der anderen Emolumente, welche damit verknpft zu seyn
pflegen. Von diesen werden sie denn auch also getrieben und begeistert,
dass sie die wirkliche Wissenschaft, von welcher sie den Verlust ihres
eigenen Ansehens sich richtig prophezeien, mehr frchten und hassen, als
irgend etwas anderes, und dass ihnen kein Mittel zu schlecht ist, durch
dessen Anwendung sie hoffen, den Anbruch des Lichts, wenigstens noch so
lange als sie leben, aufzuhalten; im schamlosen Kampfe fr eine
tausendfach verwirkte Existenz, der sie selber, wenn sie noch einen
Funken Ehrgefhl htten, fluchen wrden.

Von diesem ihrem dumpfen Eigendnkel werden sie also geblendet und
besessen, dass er sie zu den lcherlichsten und unglaublichsten
Ungereimtheiten verleitet. Indess sie immerfort voraussetzen, dass
keiner ganz recht habe, und dass es nirgends eine sichere und
ausgemachte Wahrheit gebe, vergessen sie dennoch diesen, fr alle
anderen ausser ihnen ohne Ausnahme gelten sollenden Grundsatz gnzlich,
sobald es ihre eigenen Personen sind, welche reden, indem sie immerfort
aus dem Principe disputiren, sie htten ja die, ohne Zweifel zugleich
mit ihrem Munde ihnen angeborne wahre Wahrheit, und darum msse der
Gegner, der ihnen widerspricht, nothwendig unrecht haben; gar nicht sich
besinnend, dass ja der andere ebenso schliessen knne, und das
Privilegium des blinden Eigendnkels fr sich allein und ausschliesslich
begehrend. Ja, es ist sogar erlebt worden, und wird noch immerfort
erlebt, dass jemand einer Lehre durch die Versicherung, er knne sie
eben nicht verstehen, oder sie falle ihm so schwer, dass ihm Hren und
Sehen dabei vergehe, das Zeichen der Verwerfung aufgedrckt zu haben
geglaubt; mit kindischer Naivitt bei der ganzen Welt dieselbe hohe
Meinung von ihm, die er selbst hegt, als ihr absolutes Axiom und
Prmisse aller ihrer Urtheile voraussetzend, und im Rausche seines
Eigendnkels gar nicht ahnend, wie ihm geantwortet werden msse.

Zunchst zwar ist diese Schilderung des literarischen Zustandes unserer
Tage entworfen, um daraus die bisherigen Schicksale der
Wissenschaftslehre zu erklren; die Zeit aber, in welcher ich dieselbe
abfasse, erwirbt mir vielleicht Verzeihung, wenn ich zugleich bemerke,
dass der politische Zustand unserer Tage, in welchem, wenn nicht durch
ein Wunder und auf einem natrlich nicht abzusehenden Wege uns Rettung
kommt, alle seit Jahrtausenden von der Menschheit errungene Cultur und
deren Producte zu Grunde gehen zu mssen scheinen, bis nach neuen
Jahrtausenden dermalen uns unbekannte Wilde und Barbaren denselben Weg
wieder von vorn beginnen, -- dass, sage ich, dieser politische Zustand
lediglich und allein aus dem Zustande unserer Literatur entsprungen ist.
Er ist herbeigefhrt durch das allgemeine Unvermgen, irgend einen
Gegenstand fest anzufassen und zu halten, und ihn nach seinem wahren
Wesen zu durchdringen; und das Hlfsmittel dagegen ganz und ernst, und
nicht noch zugleich sein Gegentheil zu wollen, und mit eiserner
Consequenz, verlugnend alle Nebenzwecke, es durchzufhren. Bei wem aber
sollten diejenigen, welche ber unser Schicksal entschieden haben,
Beispiele dieser Festigkeit holen, und wem dieselbe ablernen, wenn
diejenigen, in deren Schulen sie zuerst gebildet sind und bei denen sie
noch tglich, sey es auch nur fr den Scherz, Unterhaltung suchen, ihnen
keinen anderen Anblick geben, als den der absoluten Zerflossenheit? Wo
eine Literatur ist, da sind es immerfort die Literatoren, welche ihr
Zeitalter bilden. Gehen nun diese ber in Fulniss, so muss neben ihnen
alles Uebrige nothwendig um so mehr verwesen.

Um jedoch zu unserem eigentlichen Zwecke zurckzukehren: wie htte man
denjenigen, mit denen noch ber die ersten Buchstaben alles Unterrichts,
ob es wohl auch berhaupt Wissenschaft geben mge, zu streiten war,
glaublich machen knnen, dass es wohl eine Wissenschaft der Wissenschaft
selber geben mge; oder diejenigen, die berhaupt gar keiner Besinnung
fhig sind, und dessen sich rhmen, zur allerhchsten und vollendeten
Besinnung heraufleiten knnen? Es war nichts Anderes zu erwarten, als
dasjenige, was erfolgt ist, dass sie die Worte und Formeln dieser
angetragenen Wissenschaft, zu dem, was sie allein wollen und begehren,
zu einigen Scherzen fr die Belustigung ihrer Leser verarbeitet, und
wenn man dennoch ernsthaft geblieben, voll Eifer und Zornes auf uns
geschmhet haben.

Nur noch zwei Bemerkungen zum Schlusse. Sollten die Getroffenen auch
ber diese Schilderung sich erklren, so werden sie ohne Zweifel
wiederum sagen, wie sie immer sagen, man habe die Unwahrheit vorgegeben
und bertrieben. Nicht fr sie, sondern fr eine bessere Nachwelt, wenn
dergleichen mglich wre, merke ich an, dass alles auf dem oben
angegebenen Axiome beruhe, dass jeder, von welchem sich hinterher
findet, dass er unrecht habe, gar wohl htte wissen knnen, dass er
nicht berzeugt sey; dass er sonach auf keine Weise lugnen knne, er
habe leichtsinnig und unmoralisch gehandelt. Dass sie aber fast in allen
ihren eigenen Behauptungen unrecht haben, wrde wenigstens eine bessere
Nachwelt, wenn sie nicht zu gut dafr gesorgt htten, dass keine solche
entstehen knnte, klar begreifen.

Sodann werden sie, wie sie gleichfalls immer zu sagen pflegen, wiederum
sagen: wir htten nur unserer Leidenschaft Luft machen wollen, und
werden auch fr diesen Erguss nicht ermangeln einen glaublichen Grund zu
finden, nemlich, weil sie uns ihren Beifall und ihr Lob nicht ertheilt
htten. Nun haben wir ihnen schon zu verschiedenenmalen nicht verhehlt,
dass wir, so lange sie nemlich also sind, wie sie sind, sowohl sie
selber, als auch ihren Beifall von Herzen verachten; aber sie sind fest
berzeugt, dass es ganz und gar unmglich sey, dass irgend ein Mensch
nicht diejenige achtungsvolle Meinung von ihnen habe, die sie selbst
ber sich hegen, dass daher einer also lautenden Versicherung niemals
Glauben zuzustellen, sondern dass dieselbe allemal ein leeres Vorgeben
und eine Maske sey, um dadurch etwas Anderes zu bedecken. Sie wrden uns
daher auch jetzt wieder nicht glauben, wenn wir auch jene Versicherung
wiederholen, und ihnen bemerklich machen wollten, dass man, um durch
seinen Beifall zu ehren, erst selber ehrwrdig seyn msse, und dass wir
ihren Beifall mit Danke sodann annehmen wrden, nachdem sie sich erst
den unsrigen erworben, dass wir aber bis dahin es fr eine grosse
Schmach und fr einen Beweis der eigenen Niedertrchtigkeit halten
wrden, wenn wir ihnen gefielen.


                                 II.
          Ein Beispiel insbesondere von dem philosophischen
                Beurtheilungsvermgen des Zeitalters.

Es mchte gerathen seyn, diese fast allgemeine Schlaffheit und
Geistlosigkeit des Zeitalters, noch insbesondere in Sachen der
Philosophie, an einem neuerlichen, noch fortdauernden frappanten
Beispiele darzulegen. Des Zeitalters, habe ich gesagt, im Allgemeinen;
denn ich will nicht, dass der Mann, dessen Namen unten genannt werde,
glaube, dass ich ihn fr die Person meiner Gegensetzung wrdige, oder
dass er mir selber als Reprsentant jener allgemeinen Seichtigkeit gut
genug sey, wodurch ich in der That bertrieben, und gegen die brigen
ungerecht seyn wrde. Nur dass ein im Ganzen dennoch unterrichteteres
Publicum durch ihn sich irre machen lassen konnte, ist es, was ihm die
Ehre erwirbt, hier namentlich aufgefhrt zu werden.

Es war nemlich durch die Kantischen und durch unsere Schriften doch
endlich dahingekommen, dass, obwohl die im Dogmatismus Aufgewachsenen
nicht bekehrt wurden, dennoch unter den spter Gebildeten mehrere zu der
Ueberzeugung gefhrt worden waren, und auf derselben fest zu beruhen
schienen, dass die Realitt keinesweges in die Dinge, sondern dass sie
in das Denken und seine Gesetze gesetzt werden msse, obwohl keiner so
recht eigentlich wusste, wie das letztere zu bewerkstelligen seyn mge;
als es einem der verworrensten Kpfe, welche die Verwirrung unserer Tage
hervorgebracht, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, gelingen konnte,
durch das Gespenst eines Subjectivismus der Wissenschaftslehre, welches
lediglich in seinem grossen Unverstande sich erzeugt hatte, selbst diese
durch seine Autoritt zu einem Irrthume zurckzubringen, welchen durch
sich selbst zu fassen sie doch zu verstndig waren, und dieselben von
Kant und der Wissenschaftslehre zu Spinoza und Plato zurckzuscheuchen,
bloss weil durch die noch tiefere Unwissenheit, wovon eigentlich die
Rede sey, der Mann mit noch grsserem Muthe ausgerstet wurde. Sie
wussten sich nicht weiter zu rathen, und forderten wiederholt und in
strafedrohenden Edicten den Verfasser der Wissenschaftslehre auf, zu
widerlegen, wenn er knne, wozu es weder Kants, noch der
Wissenschaftslehre bedurfte, sondern wovon schon seit Leibnitz nicht
mehr die Rede seyn konnte. Dass der Mann dadurch seine absolute Unkunde
von dem, was die Speculation sey und wolle, und seine natrliche
Unfhigkeit zum Speculiren, sowie die durch ihn Geirrten die
Unsicherheit ihrer Kunde gezeigt, leuchtet von selber ein und bedarf
nach den obigen Erinnerungen keines weiteren Beweises. Aber inwiefern
etwa die brige dialektische Kunst, das schriftstellerische Talent, der
sophistische Witz und die Gewandtheit des Mannes den Getuschten zu
einiger Entschuldigung gereiche, und was berhaupt dieser Mann an Geist
und Kunst vermge und aufzuwenden habe, mchte eine belehrende
Errterung abgeben.

Wir wollen in dieser Errterung, um mit der allerhchsten Billigkeit zu
verfahren, uns weder an die frheren Schriften des Mannes, noch auch an
dessen sogenanntes Identittssystem halten; obwohl dieses letztere so
bedeutend geschienen, dass wir von einem der stehenden literarischen
Tribunale namentlich aufgefordert wurden, dieses zu widerlegen oder
anzuerkennen. War denn nun in diesem Systeme, so wie es im zweiten Hefte
des zweiten Bandes der Zeitschrift fr speculative Physik dargelegt ist,
ber welche Darlegung wir nur im Vorbeigehen einige Worte sagen wollen,
der Irrthum so knstlich und so tuschend verarbeitet, dass man ohne
fremde Hlfe sich nicht fglich rathen konnte?

Diese Darstellung hebt . 1. an mit der Erklrung: Ich nenne Vernunft
die absolute Vernunft oder die Vernunft, insofern sie als totale
Indifferenz des Subjectiven und Objectiven gedacht wird. -- Dass nun
durch diesen Ausgangspunct der Mann gleich von vornherein die Vernunft
von sich selbst ausscheide, und Verzicht darauf thue, selber vernnftig
zu seyn, und sich ein einzigesmal zu besinnen, wie er es denn mache, um
zu allen den Behauptungen, die nachfolgen sollen, zu kommen; -- dieses
zu bemerken konnte dem Publicum, weil dadurch das bekanntermaassen
abgehende Organ der Speculation vorausgesetzt wrde, nicht wohl
angemuthet werden. Dass aber die Eine und absolute Vernunft, ausser der
nichts seyn solle, nicht die Indifferenz des Subjectiven und Objectiven
seyn knne, ohne zugleich auch in derselben ungetheilten Wesenheit die
Differenz desselben zu seyn; dass hier sonach ausser der Einen
indifferenzirenden Vernunft noch eine zweite differenzirende im Sinne
behalten wrde, welche sodann auch wohl in aller Stille gute Dienste
leisten drfte; und dass dieser Fehler nicht etwa nur ein kleiner und
unbedeutender Verstoss, sondern von den wichtigsten Folgen seyn mchte,
htte man gleichwohl, ohne alles Organ fr Speculation, durch ein nur
nicht ganz flchtiges Tappen greifen knnen. Dass sie nicht bemerkten,
dass durch diese Erklrung die Vernunft nun vollkommen bestimmt und in
sich abgeschlossen, d. i. todt sey, und ihr philosophischer Heros nun
zwar seinen ersten Satz nach Belieben werde wiederholen knnen, niemals
aber auf eine rechtliche und consequente Weise ein Mittel finden, um aus
ihm heraus zu einem zweiten zu kommen, wollen wir ihnen ebenso
grossmthig erlassen. Dass sie aber, als er nun wirklich nach seiner
Weise anfngt, den Todten wieder zu erwecken, und in den folgenden .
die Prdicate des Nichts und der Allheit, der Einheit und Gleichheit mit
sich selber u. s. w., an diese seine Vernunft hlt, und sie
glcklicherweise in dieselbe hineindemonstrirt, sich nicht ein wenig
gewundert, wie denn frs erste nur er selber ^zu diesen Prdicaten^
gelange, noch ihn darber befragt; indem ja, wenn durch die erste
Erklrung das Wesen der Vernunft wirklich erschpft wre, diese
Prdicate selber erst, durch eine Analyse jener Erklrung, aus der
Vernunft, als in ihr nothwendig begrndet, abgeleitet werden mussten,
keinesweges aber, Gott weiss woher geschpft, durch blinde Willkr davon
gehalten werden drften; dass die Leser nicht hier das Leben und Regen
jener . 1. im Sinne behaltenen differenzirenden Vernunft in der Person
ihres Autors selber fhlten; ja dass ihnen nicht einmal die materiale
Willkr desselben in der beliebigen Folge der Prdicate, die er der
Vernunft anzudemonstriren beliebt, auffiel, ist ein wenig schwerer zu
verzeihen.

Was aber soll man erst sodann sagen, wenn man diese Andemonstrirungen
selber ansieht, und die Widersprche, Erschleichungen und
Ungereimtheiten entdeckt, durch welche eine ungebildete und verworrene
Phantasie den Verfasser blind hinberreisst, und wenn man sieht, dass im
consequenten Verfahren aus seinem ersten Satze allenthalben das gerade
Gegentheil seiner Behauptung erfolgt, und dennoch erlebt, dass diese
Misgeburt von System anders, als mit allgemeinem und unauslschlichem
Gelchter empfangen wird?

So lautet z. B. . 2.: ^Ausser der Vernunft ist nichts, und in ihr ist
Alles.^ Wird die Vernunft so gedacht, wie wir es (. 1.) gefordert
haben, so wird man auch unmittelbar inne, dass ausser ihr nichts seyn
knne. Denn man setze, es sey etwas ausser ihr, so ist es entweder fr
sie selbst ausser ihr -- So? ^fr sie selbst^? Davon, dass ^fr^ die
Vernunft etwas seyn knne, haben wir ja in . 1. kein Wrtlein
vernommen, sondern es schiebt sich hier in aller Stille, und ohne dass
wir wissen, woher sie komme, diese Voraussetzung zum Behufe des Beweises
ein, und der Verfasser selber hat die Vernunft nicht gedacht, wie er .
1. gefordert hatte, sondern verleitet unmittelbar, indem er es dem Leser
einschrft, ihn zum Gegentheile dieses Gedankens. Aber der Leser wird es
wohl nicht merken, und so kann ihm der Beweis wohl gelingen. Er gelingt
ihm, wie folgt: es ist entweder fr sie selbst ausser ihr; sie ist also
das Subjective, welches wider die Voraussetzung ist; oder es ist nicht
fr sie selbst ausser ihr, so verhlt sie sich zu jenem Ausserihr, wie
Objectives zu Objectivem, sie ist also objectiv, allein dieses ist
abermals wider die Voraussetzung. Im Vorbeigehen: die zweite Hlfte des
Beweises ist ohne allen Sinn und Verstand, wie der Leser selber finden
mag, wenn er will, indem wir dabei uns nicht aufhalten wollen.

Der richtige und ohne Erschleichung vollzogene . 2. zu einem solchen .
1. ber dem Prdicate des Nichts, ist der folgende: ^In der Vernunft und
fr die Vernunft ist schlechthin nichts.^ Wird die Vernunft so gedacht,
wie wir es . 1. gefordert haben, so wird man unmittelbar inne, dass
weder in noch fr die Vernunft etwas seyn knne. Denn setze, es solle
etwas in oder fr die Vernunft seyn, so knnte dieses nur dadurch
geschehen, dass und insoweit die Vernunft selber es wre; und zwar
knnte dieses Etwas nur das subjective seyn, oder das objective, oder
beides, indem wir ausser diesem in unserem . 1. nichts vorfinden. Aber
dass die Vernunft das subjective sey, oder das objective, oder beides,
widerspricht schlechthin der Voraussetzung, dass sie nur sey die
Indifferenz beider.

Freilich wird in diesem Beweise vorausgesetzt, dass ja der Beweisfhrer
whrend desselben sich nicht besinne, dass in demselben allerdings die
Vernunft fr ihn sey, und gesetzt sey; dass daher die eigene factische
Mglichkeit des Beweises dasselbe voraussetze, wovon die Unmglichkeit
in ihm erwiesen wird; und zwar wird dieses mit Recht vorausgesetzt,
indem das Gegentheil in einem Systeme, das lediglich durch
Nichtbesinnung mglich ist, gegen die allererste Verabredung streiten
wrde.

So lautet der Anfang von . 3.: ^Die Vernunft ist schlechthin Eine, und
schlechthin sich selbst gleich^, denn wre nicht jenes, so msste es von
dem Seyn der Vernunft noch einen anderen Grund geben -- (Hier schiebt
sich demnach, zum Behuf des zweiten Beweises die zweite Voraussetzung
ein, dass jedes Seyn einen Grund haben msse? Woher wissen wir denn das?
Woher berhaupt pltzlich die Kategorie des Grundes, noch dazu zum Behuf
des Beweises der (formellen) Einheit der Vernunft? Grund ist eine weit
speciellere Kategorie, erst eintretend in der Sphre endlicher
Bedingungen und Folgen.) -- der Beweis geht fort -- noch einen anderen
Grund geben, als sich selbst: denn sie selbst enthlt nur den Grund,
dass sie selbst ist, nicht aber, dass eine andere Vernunft sey. So?
woher wissen wir denn wiederum dieses? Liegt das auch in . 1. oder in
. 2.? Doch erlassen wir ihm die Frage nach dem Woher! lassen wir seine
Anwendung des Satzes vom Grunde, und die unbewiesene Behauptung, dass
die Vernunft nur der Grund ihrer selbst sey, stehen; was wrde denn nun
mit alle dem der Satz beweisen? Warum knnte denn nicht doch die
Vernunft innerlich und in sich selbst, eben als Vernunft, qualitativ
Eins bleiben, wenn es auch einen Grund ihres formalen Daseyns ausser ihr
selber gbe? Nur das Seyn wre sodann nicht Eins, und die Vernunft wre
nicht alles Seyn, und Eins mit dem Seyn. Die Einheit des Seyns daher,
keinesweges aber die der Vernunft, wre bewiesen, wenn dieser doppelt
und dreifach falsche Beweis etwas beweisen knnte; aber unser Verfasser
setzt hinzu: ^die Vernunft ist also Eine^, seinen eigenen Beweis nicht
einmal verstehend.

Der richtige . 3. ber dem Prdicate der Einheit und Sichgleichheit zu
einem solchen . 1. und 2. wre der folgende: ^die Vernunft ist
schlechthin weder Eines, noch sich selbst gleich.^ Denn setzet, dass sie
das seyn solle, so knnte sie, da ausser ihr gar nichts ist, dasselbe
nur in und fr sich selbst seyn. Nun ist es (. 2.) berhaupt unmglich,
dass in ihr oder fr sie berhaupt etwas sey, daher kann in ihr oder fr
sie auch nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, daher kann
berhaupt nicht Einheit und Sichselbstgleichheit seyn, und eben darum
auch nicht die der Vernunft seyn. -- Freilich wird auch hier
vorausgesetzt, dass ja niemand sich besinne, wie er selber doch wirklich
und in der That in diesem Beweise Einheit und Gleichheit setze, wodurch
derselbe Widerspruch zwischen dem Thun und Sagen, den wir schon bei dem
vorigen Beweise nachwiesen, eintrte, und der ganze Scherz in Nichts
zerginge.

Nach dieser Weise geht es nun fort durch das ganze Scriptum, und keine
der folgenden Demonstrationen ist anderer Natur, als die eben geprften.
Der Erfolg aber aller dieser Anstalten ist der, dass, auf eine durchaus
nur erdichtete Weise, und durch absolute Aufhebung des Satzes, von
welchem ausgegangen wurde, die specifische Verschiedenheit der
mancherlei wirklichen Dinge erklrt wird aus der Verschiedenheit des
quantitativen Verhltnisses des Subjectiven und Objectiven in ihnen.
Dass diese Erklrung vllig willkrlich und eine leere Hypothese sey,
leuchtet unmittelbar ein; denn wie knnte irgend jemand auf sie kommen,
der nicht schon als bekannt und ausgemacht voraussetzte, dass es
specifisch verschiedene Dinge gebe, und der sich nicht in den Kopf
gesetzt htte, diese Verschiedenheit, es mchte nun Gott lieb oder leid
seyn, zu erklren. Dass sie aber dem ersten Grundsatze widerspricht und
ihn aufhebt, leuchtet also ein: Ist die Vernunft die absolute
Indifferenz des Subjectiven und Objectiven, und giebt es gar kein
anderes Seyn, ausser dem der Vernunft, so kann in keinem Seyn diese
Indifferenz aufgehoben werden, und eine quantitative Differenz an die
Stelle treten.

Inzwischen, wie schon oben gesagt, ich will auch nicht nach dieser
verjhrten, und wenn auch nicht von dem naturphilosophischen Publicum
erkannten, dennoch vielleicht von ihrem Urheber schon bereuten Snde ihn
richten,[37] sondern meine Untersuchung seines Geistes und Talentes auf
eine andere Schrift, die er selbst fr so heilig hlt, dass er durch
das: Rhre nicht Bock, denn es brennt, die Profanen an der Schwelle
zurckweiset, und welche wirklich auch nach meinem Erachten die beste,
d. h. die noch am wenigsten stmperhafte unter den zahlreichen Producten
seiner Feder ist; auf seine Schrift: ^Religion und Philosophie^ betitelt
(Tbingen, bei Cotta, 1804.), bauen.

[Funote 37: Durch diese, brigens ihre guten factischen Grnde fr sich
habende Vermuthung haben wir indessen, wie hinterher sich gefunden, ihm
zu viel Ehre erwiesen. Es ist uns nemlich seit Abfassung jener Stelle
das erste Heft der Jahrbcher der Medicin etc. in die Hnde gefallen, wo
(S. 9.) die soeben berhrte Darstellung, und besonders die allgemeinen
Grnde, wie sie . 1 bis 50. aufgestellt seyen, noch immer als bewhrt
gepriesen und citirt werden. Selbst dasjenige, was mehr noch aus
Divination, als aus bewusster Erkenntniss entsprungen gewesen, habe sich
-- zum Wunder! -- bewhrt. Seine Divinationen also hat der Mann als
Philosopheme drucken lassen, und sagt es selber, ohne ein Arges daraus
zu haben? Welche Begriffe mag er von Philosophie haben und von
Schriftstellerei berhaupt? Das Wunder inzwischen jener gerhmten
Bewhrung kann man irgendwo von uns sehr natrlich erklrt finden.
Uebrigens ist in diesen Jahrbchern die dogmatische Verstocktheit, das
ohnmchtige Pochen auf die Unbesonnenheit, die trotzige Versicherung,
dass diese eben das Rechte sey, und das grobe Misverstehen des
Idealismus so arg, als jemals, und es ist Schonung, dass wir die
gewhlte Prfung stehen lassen, und unseren Maassstab nicht an dieses
neueste Product legen, das den sichtbaren Verfall seines Urhebers in
jeder geistigen Kraft bezeugt.]

Der bei weitem grsste Theil dieser Schrift hat es gar kein Hehl, dass
nur frei und frank hinphantasirt werde, ohne dass man sich auch nur die
Miene des Denkens oder der Untersuchung gbe: es wird versichert,
betheuert, behauptet, entschieden, ohne dass auch nur ein Schatten eines
Beweises dazwischen eintritt. Alles also Beschaffene spricht schon durch
sich selbst sich sein Urtheil, und wir knnen es bergehen. Wir wenden
uns daher sogleich zur hervorstechendsten Stelle des ganzen Buches, die
den Anschein des Denkens wirklich an sich nimmt, und ber die dermalen
hchsten Principien dieses Philosophen Auskunft zu geben verspricht,
indem wir, wie schon oben gesagt, immer ungergt lassen den Grundirrthum
des Objectivirens, und bloss zusehen, mit welcher Fhigkeit und
Gewandtheit man sogar im Irrthume sich bewege.

Von S. 18. an wird eine Ableitung der endlichen Dinge aus dem Absoluten
und eine Darstellung des Verhltnisses zu ihm angekndigt, mit welcher
es denn auch S. 21. also zum Schlage kommt:

So gewiss jenes schlechthin einfache Wesen der intellectuellen
Anschauung (mit dem Worte: ^Wesen^ meint er das ^Object^ der erwhnten
Anschauung; er hat aber seinen guten, uns sehr wohlbekannten Grund,
dieses letztere Wort hier ja nicht in den Mund zu nehmen, indem dieses
ihn in schlimme Verlegenheiten mit der Wissenschaftslehre bringen
knnte) -- so gewiss dieses Wesen Absolutheit ist: so gewiss kann ihm
kein Seyn zukommen, als das durch seinen Begriff (denn wre dieses
nicht, so msste es durch etwas anderes ausser sich bestimmt seyn, was
unmglich ist).

Halten wir gleich hier den schwellenden Strom dieses Beweises an, indem
wir ber einiges darin nicht ganz so leicht hinwegkommen knnen, als
sein Urheber. Ich verstehe deutlich: wre es nicht durch sich bestimmt,
so wre es durch ein anderes bestimmt, nemlich, wenn es berhaupt
^durch^ etwas bestimmt seyn msste, wofr der Beweis keinen Grund
angiebt, sondern es nur eben hindichtet. Ich sehe, dass dieser Beweis
sein Absolutes, das erst Eins seyn sollte, in zweie, in ein bestimmendes
und in ein bestimmtes zerreisst, und so mit einer inneren und materialen
Disjunction (die ursprngliche und formale, dass es Hingeschautes ist
aus einem Schauen, wird unserem Versprechen gemss erlassen), ber die
er keine Rechenschaft giebt, anhebt; welches der erste Act der blinden
Willkr ist. Sehe ich dieses Verfahren tiefer an, so finde ich, dass der
bekannte Begriff vom Absoluten, dass es sey von sich, aus sich, durch
sich, hier vollzogen werde, welcher, als blosser Begriff, ussere
Charakteristik und Schema des Absoluten, und blosse Beschreibung seiner
Form im Gegensatze mit der Form des Nichtabsoluten, das da nicht ist von
sich selbst, keinesweges in dasselbe selber uns hineinzufhren vermag,
sondern dasselbe unserem Blicke auf ewig verschliesst; welches nicht zu
bemerken die zweite Blindheit ist. Ich sehe ferner, dass der Ausdruck:
das sey unmglich, wie er dasteht, eine Unmglichkeit lediglich des
Denkens ausdrcke, dessen reale Bedeutung vor allen Dingen
htte gesichert werden mssen; welches die dritte sehr grobe
Unterlassungssnde ist. Wenn ich brigens dieses alles hingehen, und mir
das Absolute in seiner Zweifachheit als bestimmendes und bestimmtes
gefallen lasse, so sehe ich noch immer nicht ein, warum es in seiner
ersten Qualitt, als bestimmendes, gerade ein Begriff seyn solle, wie
mir gleichfalls ohne irgend eine Anfhrung des Grundes angemuthet wird;
welches sonach die vierte blinde Willkr wre. Ich sehe inzwischen sehr
wohl ein, warum also verfahren werden musste; indem es nemlich auf
andere Weise nicht zu der begehrten Schlussfolge: das Absolute ist also
berhaupt nicht ^real^, sondern an sich selbst nur ^ideal^, kommen
knnte.

Ich will nicht nur gefllig seyn, sondern sogar ein Uebriges thun; ich
will wirklich denken, was der Beweis von mir verlangt, und so nachholen,
was sein Urheber versumt hat; indem dieser, wie tiefer unten sich
zeigen wird, das Begehrte in der That nicht gedacht, sondern nur leere
Worte gemacht hat; welches, falls der besprochene Beweis uns gelingt,
die fnfte Blindheit seyn wrde.

Es kann dem Absoluten kein Seyn zukommen, ausser ^durch seinen
Begriff^. Wenn ich das letztere in vollem Ernste und wirklich, und
nicht etwa bloss faselnd, so dass es wahr seyn solle, und doch wieder
auch nicht wahr, denke, so denke ich, dass das Absolute einen Begriff
von sich selber, eine Anschauung seiner selber, ein schematisches Seyn
ausser seinem Seyn, -- denn also ist ein Begriff zu denken -- habe, und
zwar von sich, als einem ^also^ bestimmten und beschrnkten Seyn, wie es
sich begreift. Ich sehe nunmehro klar ein, was dem Beweisfhrer selber,
der nicht wirklich dachte, sondern nur faselte, bloss dunkel vorschweben
konnte, dass auf diese Weise das Absolute in sich selbst durchaus nur
ideal seyn knne; indem ich ja so consequent seyn werde, das Absolute
selbst, und diesen seinen Begriff von sich selbst, durchaus fr Eins und
dasselbe zu halten, und ihm kein anderes formales oder materiales Seyn,
und keinen anderen Sitz und Mittelpunct dieses letzteren zuschreiben
werde, ausser eben in seinem Begriffe von sich selber unmittelbar und
ganz. Das Absolute wird nun wieder Eins, ein zugleich bestimmendes und
bestimmtes in der formalen Einheit des Begriffes, und die andere Hlfte
der realen Bestimmtheit, welche ohne Zweifel nur als Hlfslinie des
Beweises erst angelegt war, fllt hinweg. Zwar bekomme ich statt dieser
Zweiheit in mein Absolutes die von der Form des Begriffes, in welcher
Form nun das Absolute aufgeht, unabtrennbare Fnffachheit; aber das ist
nun einmal unvermeidlich, und ich thue wohl, in das Unvermeidliche mich
zu ergeben. Dass ich mich ja nicht besinne, dass zuletzt doch ich selber
es sey, der jenen Begriff von einem Begriffe des Absoluten von sich
selbst habe, und dass ich denselben auf das Zureden dieses stattlichen
Beweises, mit sehr bewusster Willkr gebildet habe, -- wodurch ich zwar
in das leere Reflectirsystem fallen, aber die Sache ein verwickelteres
Ansehen erhalten wrde, -- versteht sich, indem dies gegen die Abrede
laufen wrde.

So weit im Reinen, lasset uns das Weitere vernehmen! Aber gleich ewig
mit dem schlechthin Idealen ist die ewige Form. Gleich ewig? Wir
erfahren sonach nebenbei und im Vorbeigehen, dass das schlechthin Ideale
unter anderm auch ewig ist. Woher mag uns diese Kunde kommen, und was
mag das heissen, ewig seyn? Seyen wir jedoch diesmal ausser Sorgen; der
Verfasser will uns hier nichts aufbinden oder erschleichen; er denkt das
Gesagte in der That nicht, und denkt diesmal gar nichts; er hat sich das
Wort ewig nur stark angewhnt, und es entfhrt ihm hier unwillkrlich;
denn wenn er daran gedacht htte, dass er es vorbrchte, so htte er
zugleich auch gedacht, was es doch bedeuten mge; welches somit die
sechste und die siebente Blindheit auf Einen Schlag ist.

Gleich ewig ist also die ewige Form? Dies versteht sich eigentlich von
selbst; denn wir haben ja schon oben gesehen, dass das Absolute, als
durchaus nichts anderes, denn sein Begriff von sich selbst, in dieser
Form des Begriffes aufgehe, welche Form somit ebenso absolut ist, als
dasselbe selber, da sie es ja selber ist, und die, wenn das Wort ewig
eine Bedeutung haben sollte, und das Absolute ewig wre, auch ebenso
ewig seyn wrde, als dieses. Meint denn nun der Verfasser ^diese^ Form,
oder meint er eine andere? Er meint eine andere; denn dass er schon an
dem Begriffe des Absoluten von sich selber eine recht tchtige und
haltbare und sogar fnffache Form habe, ist ihm verborgen geblieben,
woraus eben hervorgeht, dass er das oben dem Leser angemuthete Denken
selbst nicht vollzogen, und so der oben versprochene Beweis
nachgeliefert ist. Dass er aber noch eine zweite Form begehrt, kommt
daher, weil er irrigerweise meint, vermittelst der ersten, selbst wenn
er sie sich klar mache, lasse sich nichts aus dem Absoluten heraus
ableiten, welches letztere doch sein eigentlicher Zweck ist.
Irrigerweise meint er das, sagte ich; wenigstens wre uns fr unsere
Person gar nicht bange, wenn wir einen solchen Begriff des Absoluten von
sich selber unter die Hnde bekmen, dass wir nicht daraus mit leichter
Mhe Erde und Himmel, und alle ihr Heer sollten ableiten knnen. Wir
haben ja in diesem Begriffe das ganze qualitative Seyn des Absoluten,
welches es anschaut; dies wird doch wohl ohne Zweifel ein ergiebiges
Mannigfaltige uns liefern. Wir drfen von nun an nur die Augen und Hnde
aufthun, und uns geben lassen, was da ist; und haben nun fr jedes Ding,
das uns vorkommen mag, die immer fertige und stets sich gleich bleibende
Antwort: das ist auch ein Qualitatives im Absoluten, und dieses
gleichfalls, und dieses, und so ins Unendliche fort. Die einzige noch
brige Schwierigkeit wre nur die, begreiflich zu machen, wie wir andern
zur Mitwissenschaft vom Seyn des Absoluten, und zur Theilnahme an seinem
Begriffe von sich selber gelangten; aber da unwidersprechlich erhellet,
dass die innere Grundform des Begriffes des Absoluten von sich selbst
die Ichform ist, so knnte ja wohl gerade durch diese Form jedwedes Ich
an dem Absoluten Theil haben, und in dasselbe versinken; zu welcher
khneren Lsung der Aufgabe dieser Schriftsteller nur zu blde und zu
verzagt ist, und das Absolute, soweit als irgend mglich, sich vom Leibe
hlt. Aus diesem Grunde bleibt die erste Form unbenutzt, und es muss ihm
eine zweite herbeigeschafft werden, in welche, als weniger vornehm, er
mit einem kleineren Maasse von Unbescheidenheit seine Person
hineinzuschieben hofft.

Es ist also eine Form des Absoluten; und diese ist gleich ewig mit ihm;
-- so haben wir vernommen, ein Schatten eines Beweises aber erscheint
nicht. Woher weiss denn der Verfasser, was er behauptet? und wie mag er
wohl dazu kommen, eine solche Form anzunehmen? das werden wir ohne
Zweifel am besten erfahren, wenn wir sehen, wozu er sie braucht und
gebraucht. Aber er gebraucht sie bald darauf, um vermittelst derselben
die Realitt aus dem Absoluten zu erklren. Sein Bedrfniss demnach,
diese Erklrung zu liefern, ist der wahre Schpfer, und der wahre
verschwiegen gebliebene Beweisgrund des Seyns einer solchen Form.

Und so haben wir denn schon hier den Begriff dieses Mannes von
Philosophie, und sein ganzes Verfahren, in unermesslicher Evidenz vor
uns liegen. Die Realitt ist eben an sich; darber wird gar kein Zweifel
rege, und dieses ist der wahre Grundpfeiler seines Systems. Diese kann
und muss erklrt werden; und es ist das Geschft der Philosophie, diese
Erklrung zu liefern. Auch hierber, als den zweiten Grundsatz dieses
Systems, wird ebensowenig ein Zweifel rege. Zum Behufe dieser Erklrung
muss nun eine ewige Form, und zum Behufe der Fllung dieser Form ein
Absolutes angenommen werden, welches der dritte Theil und die wirkliche
Vollziehung dieses Systemes ist. Der Ausgangspunct desselben ist daher
der allerblindeste und stockglubigste Empirismus, und ein Absolutes
wird lediglich der Welt zu Liebe angenommen. Dies ist die wahre Meinung
des Mannes vom Absoluten, denn also gebraucht er es; und wenn er ein
andermal zur Abwechslung von unmittelbarer Erkenntniss und Anschauung
des Absoluten redet, so ist dies leere Prahlerei und purer Scherz, indem
er gar nicht aus dieser Prmisse, sondern aus der entgegengesetzten
wirklich urtheilt und philosophirt. Hchstens mag an dem Ersteren, wie
wir grossmthig voraussetzen wollen, so viel wahr seyn, dass er die
Nothwendigkeit einer unmittelbaren Erkenntniss, falls es jemals zu einer
mittelbaren kommen sollte, berhaupt einsieht, ohne dass er sie doch an
sich zu bringen weiss, noch auf seinem Wege jemals sie an sich bringen
wird. Uebrigens ist dieses Nichtverstehen seiner eigenen wahren Meinung
und Nichtbemerken seines blinden Empirismus und seines Erklrens durch
eine willkrlich gesetzte Hypothese, die radicale Blindheit des Mannes,
und von den hier geprften die achte an der Zahl.

Lassen wir inzwischen uns weitere Auskunft geben ber diese ewige Form!
-- Nicht das schlechthin Ideale steht unter dieser Form, denn es ist
^selbst^ ausser aller Form, so gewiss es absolut ist. Ausser aller
Form; es ist somit das oben ber desselben Begriff von sich selbst
Gesagte, wenige Zeilen darauf, nachdem es gesagt worden, zurckgenommen,
ohne dass es gemerkt wird, welches die neunte Blindheit wre. Aber sehen
wir doch nher hin, was der Mann eigentlich schwatzt. Das selbst ist
auch im Urtext beschwabachert, und es thut wohl noth, wiewohl auch von
der anderen Seite es ihm Verdruss bringen drfte. Ich frage: ist es denn
dasselbe Eine Absolute, von welchem oben geredet worden, das da seyn
soll in der ewigen Form? Es muss wohl; denn sonst htten wir ein zweites
Absolutes, und wren mit dem ersten ganz vergebens bemht worden, und es
wre ein Fehler, dass man uns nicht gleich von vornherein vor die rechte
Schmiede des ergiebigen und erklecklichen Absoluten gefhrt htte. Also
ist es doch das Absolute selbst, das in der Form ist. Nun aber soll es
doch wiederum nicht ^selbst^ in der Form seyn. Also ein Selbst, das
zugleich auch Nichtselbst, eine Identitt, die zugleich auch
Nichtidentitt ist? Giebt es kein Mittel, diesen Unsinn klar in die
Augen springen zu lassen? Ich hoffe, Folgendes soll Dienste leisten. Ich
frage: ist denn das Absolute in jenem Sichformiren ganz und ungetheilt
dabei? oder ist es nicht ganz und ungetheilt dabei? Ist das Erste, so
ist es ganz und in ungetheilter Wesenheit in der Form, und es ist
nirgends und auf keine andere Weise, ausser in der Form. Unser Philosoph
will nicht, dass es so sey, weil ihm um seine eigene selbststndige
Individualitt, welche sodann in das Absolute versnke, bange ist. Nach
ihm ist also das Letztere; ist aber dies, so theilt in dieser Formirung
das Absolute sich in zwei absolute Hlften, mit deren einer es selbst
ausser aller Form bleibt, mit deren anderer aber es selbst ist in der
Form. Wird dies unser Philosoph zugeben wollen? Ich hoffe das
Gegentheil; inzwischen hat er es dennoch gesagt, ohne selbst zu wissen,
was er redet, welches die zehnte hier obwaltende Blindheit ist.

Ich werde es mde, und vielleicht eben also der Leser, dem Manne noch
ferner Schritt vor Schritt zu folgen, und ihm seine Verworrenheiten
vorzuzhlen; und breche gerade hier um so lieber ab, da sogleich die
zwei folgenden Zeilen so dicken und zhen Unsinn enthalten, dass gar
manches Wort erfordert wrde, ihn fliessend zu machen. Ich setze nur
noch den Schluss dieser Errterung ber die ewige Form her. Diese Form
ist, dass das schlechthin Ideale, unmittelbar als solches, ohne also aus
seiner Identitt herauszugehen, auch als ein Reales sey. Was mag real
heissen? Nun, denkt der Mann, das weiss ja wohl jedes Kind, und macht
sich keine Mhe mit der Bestimmung seines Begriffes. Wir aber mchten
doch gleichwohl gerne wissen, welchen Sinn er mit diesem Begriffe zu
verbinden htte, und mssen es schon selber aus dem Zusammenhange
aufsuchen. Real ist dem Verfasser der Gegensatz zum Idealen; das Ideale
aber ist ihm, theils nach seinen ausdrcklichen Worten, theils zufolge
der hheren Klarheit, welche wir denselben durch die wirkliche
Vollziehung des angemutheten Denkens gegeben haben, dasjenige, was
keines anderen Seyns bedrftig oder fhig ist, ausser im Begriffe: das
Reale muss daher seyn ein Seyn, das keines anderen Seyns fhig ist, als
nur des ausser dem Begriffe, die absolute Bewusstlosigkeit.

So, sage ich, msste nach unserem Philosophen das Reale gedacht werden,
obwohl derselbe bei anderen Gelegenheiten wiederum sehr entfernt ist, es
also zu denken; denn S. 23. tritt die Form ^der Bestimmtheit^ des
Realen durch das Ideale als ^Wissen^ ein in die Seele. Wir hatten oben
nur die Sichformirung des Idealen vermittelst und in der Form zum
Realen, das unmittelbare Verschmelzen der Idealitt in Realitt (J X R):
woher kommt uns denn jetzt diese neue Form hherer Abstraction ^einer
Bestimmtheit^ des Realen durch das Ideale, welche wechselseitig seyn
muss, und der blossen Realitt zugleich den Grund ihres Soseyns
hinzufgt

                                   F
                                (J X R),

und noch obenein eine ^Seele^, in welcher diese Form der Form eintritt?
Es scheint ja, dass an diesem Systeme der wrtembergische Katechismus
wohl ebenso viel Antheil habe, als die Speculation.

Mit der wirklichen Ableitung endlicher Dinge aus dem Absoluten gelingt
es ihm nun, zu Ende von mancher Noth und Plackerei, die er sich bis
dahin anthut, S. 29. unverhoffterweise folgendermaassen: Das Absolute
wrde in dem Realen nicht wahrhaft objectiv, theilte es ihm nicht die
Macht mit, gleich ihm, seine Idealitt in Realitt umzuwandeln und sie
in besonderen Formen zu objectiviren. Nun, da ist ja mit Einemmale
alles gewonnen, und die Aufgabe aller Speculation in unermesslicher
Klarheit und Leichtigkeit, zu allgemeinem Vergngen und Bequemlichkeit,
gelst! Dass wir andern alle das Reale, in welchem das Absolute wahrhaft
objectiv geworden, seyen, leidet keinen Zweifel; die Macht, unsere
Idealitt in Realitt umzuwandeln, und sie in besondern Formen zu
objectiviren, geht zufolge dieser Versicherung uns auch nicht ab; und so
wird denn wohl die Welt nichts anderes seyn, als die Ausbung jener
unserer Macht. Thun wir von nun an nur unsere Sinne, oder, in der
Terminologie unseres Weltweisen, die uns mitgetheilte Macht, unsere
Idealitt in Realitt umzuwandeln, auf, so werden wir ja hren und
sehen, wie jene Macht in besonderen Formen sich objectivire; und so sind
wir denn, freilich auf einem etwas mhsamen und holprigen Umwege, gerade
bei demjenigen angekommen, wozu ich schon oben geglaubt, dass der
Begriff des Absoluten von sich selber dienen knne. Was von nun an uns
auch vorkommen knne, wir werden jedesmal zu sagen wissen, es sey dies
eine Aeusserung der Macht, unsere Idealitt in Realitt umzuwandeln,
durch welche Macht das Absolute in uns objectiv geworden.

Leider werden wir in den freudigen Empfindungen, die wir hierber
gefasst haben mchten, schon S. 34. durch die unerwarteten und
merkwrdigen Worte gestrt: Mit Einem Worte, vom Absoluten zum
Wirklichen giebt es keinen sttigen Uebergang, der Ursprung der
Sinnenwelt (man bemerke, dass dieses Wort hier gleichbedeutend ist mit
dem Wirklichen) ist nur als ein vollkommenes Abbrechen von der
Absolutheit, durch einen Sprung denkbar. Der Grund der endlichen Dinge
-- so beschliesst die S. 18. uns verheissene Auskunft ber die Abkunft
der endlichen Dinge aus dem Absoluten -- der Grund der endlichen Dinge
kann nicht in einer ^Mittheilung^ von Realitt an sie, oder an ihr
Substrat, welche Mittheilung vom Absoluten ausgegangen wre, er kann nur
in einer ^Entfernung^, in einem ^Abfall^ vom Absoluten liegen. Diese
ebenso klare und einfache, als erhabene Lehre (So? es scheint, der
Geschmack ist mancherlei) ist auch -- die wahrhaft Platonische. -- Nur
durch den Abfall vom Urbilde lsst Plato die Seele von ihrer ersten
Seligkeit herabsinken. -- Es war ein Gegenstand der geheimeren Lehre
in den griechischen Mysterien, auf welche auch Plato nicht undeutlich
hinweiset.

Nun, wenn Plato und die griechischen Mysterien das annahmen, so werden
wir andern wohl Respect haben, und es uns gleichfalls gefallen lassen
mssen; sollte es sich auch finden, dass in der ganzen Lehre durchaus
kein Sinn und Verstand sey, und dass das Angemuthete niemals im
wirklichen Denken vollzogen, sondern nur gesagt werden knne.

Wir haben grossen Verdacht, dass das Letztere sich finden werde. Denn
was soll doch dasjenige seyn, das da abfllt vom Absoluten? Es sind nur
zwei Flle mglich: entweder nemlich ist es das Absolute selbst, in
welchem Falle dieses von sich selbst abfallen, d. h. sich in sich selber
und durch sich selber vernichten msste, welches absurd ist; oder es ist
nicht das Absolute selbst; so ist es von, aus, durch sich selber, und
wir haben der Absoluten zwei an der Zahl, was abermals absurd ist. Es
geht nicht, dass man sage, das Absolute habe jenes andere gemacht, und
es gut gemacht, und es sey nur nachher abgefallen: denn sodann msste
das in ihm liegende Vermgen, abzufallen, ihm entweder das Absolute
ertheilt haben, in welchem Falle in der Ertheilung dieses Vermgens das
Absolute in der That von sich abgefallen wre, welches die erste
Absurditt ist; oder es msste dieses Vermgen von und aus sich selber
haben, wodurch es wenigstens in Absicht dieses Vermgens absolut wrde,
welches die zweite Absurditt ist.

Jedoch, wenn wir dieses Alles dem Verfasser bersehen wollten, wie passt
denn diese Aeusserung zu allen seinen frheren Operationen? Ich bitte,
ist denn das Absolute wirklich und in der That vorhanden, oder ist es
nicht wirklich vorhanden? Ist denn an dem Objectivwerden dieses
Absoluten in einer Macht, seine Idealitt in Realitt umzuwandeln, und
sie wiederum in verschiedenen Formen zu objectiviren, ein wahres Wort,
oder ist daran kein wahres Wort? Ist das Erstere, so ist ja die
Wirklichkeit allerdings erklrt, und der sttige Uebergang vom Absoluten
zum Wirklichen ist gefunden. Wird aber das Letztere angenommen, wie
dadurch, dass die Unerklrbarkeit des Wirklichen aus dem Absoluten
behauptet wird, allerdings geschieht, so wird ja alles frher Gesagte
fr unwahr erklrt und zurckgenommen, und es wird alle, sowohl wahre,
als die hier herrschende vermeinte Speculation aufgehoben. Warum liess
denn der Verfasser dennoch seinen Anfang stehen, nachdem er ein solches
Ende gewonnen hatte?

Haben wir ihn vielleicht nur nicht recht verstanden? Abgeleitet habe er
nun wirklich und in der That etwas, lsst er sich vernehmen, aber dieses
sey denn doch nur die pure Idee; und jenes uns so erfreuliche
Objectiviren seiner Idealitt in verschiedenen Formen mag wohl auch nur
das blosse leidige Handeln, keinesweges aber, wie wir hofften, zugleich
auch die ursprnglichen Weltvorstellungen bedeuten? Ich bitte, ist denn
die Idee nicht wirklich, und kann sie denn nicht wirklich werden, und
ist sie denn nicht in der ersten Hlfte des Buches, in der stattlichen
Ableitung unseres Herrn Verfassers in der That wirklich geworden? Ja,
wer vor Demuth zu einer solchen Annahme kommen knnte! Das ist Alles
wohl gut, sagt der Mann, aber das ist doch nicht das rechte Wirkliche,
nicht das wirklich Wirkliche; dafr lasse ich lediglich und allein die
materielle Sinnenwelt gelten. Ist ihm denn aber im Laufe seines
philosophischen Lebens niemals die Behauptung zu Ohren gekommen, dass
eine Sinnenwelt berhaupt nur im Sinne, der Sinn aber nur in der Idee,
als Sphre des selbststndigen Lebens der Idee, wirklich da sey? Will er
nun dieses nicht zugeben, wie er es denn allerdings nicht will; wie
bringt er denn zuvrderst seinen Begriff von der Wirklichkeit zu Stande?
Offenbar nur durch den Gegensatz mit der Idee; ein Seyn der Materie,
durchaus unabhngig von der Idee, und da doch ohne Zweifel ausser der
Idee und der Materie es nicht noch ein drittes wird geben sollen,
unabhngig von irgend etwas Anderem, also ein wahres Ansich und
innerliches Absolutes, das zweite an der Zahl, wenn es nemlich sein
Ernst ist, dass es zugleich auch eine absolute Idee gebe. Und so ist
denn bei diesem philosophischen Heros, wo es Ernst wird, nichts mehr zu
finden, als der alte und wohlbekannte Scherz eines materialistischen
Dualismus. Nicht Wissenschaftslehre, nicht Kant, sondern du, heiliger
Leibnitz, bitte fr ihn! Ferner, wie gedchte sich denn wohl der Mann
bei dieser Denkart gegen diejenigen, welche auf der Einheit des
Absoluten, und auf der Idee, als der einzig mglichen Realitt
bestnden, zu schtzen? Er wird niemals eine andere Weise finden, als
diejenige, deren er sich wirklich bedient, dass er, als ein zweiter
Friedrich Nicolai, sich auf das Zeugniss seiner Sinne, und auf den
gesunden Menschenverstand berufe, und hoch betheure, die materiellen
Gegenstnde mssten aber doch seyn, denn er sehe sie ja, und hre sie,
und keiner soll ihn jemals eines anderen bereden. Und so fllt denn an
dieser Stelle dem Manne die Maske der Speculation, die er auch sonst
locker genug trgt, vllig ab, und es tritt hervor die natrliche Haut
des rohesten, stockglubigsten Empirismus, wie denn sich ber das
Ansichseyn der Materie auch nicht einmal ein Verdacht regt.

Da man unserm Publicum alles ausdrcklich sagen muss, und fast niemals
darauf rechnen kann, dass es selber folgern oder annehmen werde, dass
jemand wirklich wolle und zugebe, was aus seinen Stzen folgt: so merke
ich hier noch ausdrcklich an, dass alle Naturphilosophie auf diese
Stockglubigkeit, dieses Entsetzen und Erschrecken vor der Materie, und
diese Scheu, selber lebendig, und nicht als ein blosses Naturproduct da
zu seyn, sich grnde, und dass diese denen, die ihnen widersprechen,
niemals eine andere Antwort werden geben knnen, als dass es ihnen am
Gefhle fehlen msse. Nun ist, da wir ebensowohl leben, denn sie, ohne
Zweifel zu erwarten, dass wir ebensowohl hren und sehen mgen, denn
sie; nur dass wir diesen Erscheinungen der Sinne nicht unmittelbar und
ohne Weiteres Glauben beimessen, sondern sie mit dem Begriffe
durchdringen, und in ihrer Bedeutung, als dem wahrhaft Realen an ihnen,
sie verstehen. Woran es uns daher, ihnen gegenber, in der That fehlt,
das ist ihr blinder Aberglaube, und wenn sie unter ihrem Gefhle diesen
verstehen, so haben sie ganz recht mit ihrem Verdachte, dass irgend
etwas, das sie besitzen, uns abgehen mge. Mge ihnen doch nie ein Licht
darber aufgehen, welche Thoren sie geworden sind, da sie sich fr Weise
hielten.

Um zurckzukehren zu unserem Philosophen: ein so ber alle Maassen
ungeschickter und stmperhafter Sophist, wie wir es ihm nachgewiesen
haben, ist also der Mann, dem es gelungen ist, die Philosophen dieses
Zeitalters irre zu machen.

Inzwischen drfte es eine Ungerechtigkeit sowohl gegen mich selber, als
gegen den genannten Mann involviren, wenn ich hiermit dieses Capitel
beschlsse. Gegen mich selber, indem ich nicht will, dass gewisse
Gegner, ber die er sich beklagt, und die er besonders in den Gegenden
seines jetzigen Aufenthalts gefunden, glauben sollen, dass ich mich
ihnen beigesellt habe; gegen ihn, indem, da es eine Zeit gegeben, da ich
weniger geringschtzig ber ihn geurtheilt, und da bekannt ist, dass wir
beide ehemals in persnlichen Beziehungen gestanden, jemand glauben
mchte, dass er noch auf andere Weise, denn als Philosoph, mir
verwerflich geworden. Was zuerst meine frheren, weniger
geringschtzigen Urtheile betrifft, so gebe ich dabei zu bedenken, dass
damals, als ich diese fllte, der Mann schon um seiner Jugend willen der
philosophischen Reife und Klarheit durchaus unfhig war, und ich daher
diese an ihm loben weder wollte noch konnte; dass ich aber hoffte, er
werde fleissig seyn, und nicht zweifelte, dass durch Fleiss ihm etwas
gelingen knnte, und dass es allein diese Hoffnungen waren, welche ich
aussprach. Wie ich ber die im wirklichen Besitze des Mannes
befindlichen philosophischen Kenntnisse von jeher geurtheilt, kann
gleich im ersten Jahrgange des von mir mit herausgegebenen Journals eine
meiner Noten zu einer Abhandlung desselben, in welcher die ersten Spuren
des Irrthums, der sich nun gar stattlich zu einer Naturphilosophie
herausgebildet, zum Vorschein kamen, noch bis heute klrlich beurkunden.
Jene meine guten Hoffnungen von ihm hat er nun keinesweges erfllt,
sondern durch unverstndige Schmeichler frh sich verderben lassen, und
seit dieser Zeit keines anderen Dinges sich beflissen, denn des
Hochmuths und des Eigendnkels, und durchaus den Rang ablaufen wollen
demjenigen, welchen auch nur zu verstehen er gleichwohl fortdauernd
unfhig geblieben.

Um von denen seiner Gegner, denen ich nicht gleichen mag, mich
auszuscheiden: -- Dass, wenn des Mannes System consequent verfolgt wird,
kein Gott brig bleibe, denn die Natur, und keine Moralitt, ausser die
der Naturerscheinungen, sehe ich klar ein; aber man muss dasjenige, was
die Menschen bloss sagen, ebensowenig ihnen zum Nachtheil anrechnen, als
diese Errterung gemeint gewesen ist, es ihnen zum Vortheile gelten zu
lassen. Die Worte sind berhaupt nichts, und nur das Leben will etwas
bedeuten. Was nun die innere Religion des Mannes anbetrifft, so
bescheide ich mich hierber von Rechtswegen alles Urtheils, und halte
dafr, dass dieses auch dem brigen Publicum ebenso sehr gezieme. Was
die Moralitt anbetrifft, drfte es nicht unschicklich seyn, folgenden
Umstandes bei dieser Gelegenheit zu erwhnen.

Es scheint geglaubt worden zu seyn, und ich finde noch vor kurzer Zeit
in einem ffentlichen Blatte diese Insinuation wiederholt, dass der
Genannte zu denen gehre, welche bei meinem Abgange von Jena ein
gewisses mir gegebenes Wort nicht erfllt htten. Ich halte es fr
angemessen, bei der gegenwrtigen Gelegenheit dieser Meinung frmlich zu
widersprechen. Ich stand mit ihm keinesweges auf dem Fusse, dass ich
ber zu fassende bedeutende Entschliessungen mich vor der That mit ihm
berathen htte; was ihm mitgetheilt worden, ist ihm erst nach der That
mitgetheilt worden; wie ich denn auch einem anderen meiner Freunde und
Collegen, auf welchen, als Mitherausgeber des philosophischen Journals,
gleichfalls einiger Verdacht gefallen, erst nach der That mich erffnet.
Derjenige Mann, der durch seinen ungesuchten Eintritt meinen unbedingten
Entschluss, auf einen gewissen Fall meine Lehrstelle an der Universitt
Jena niederzulegen, den ich ohne ihn einfach und natrlich wrde
ausgefhrt haben, in einen Versuch, zu capituliren, verwandelte, der
einen gewissen ersten Brief, welcher ohne seine Dazwischenkunft nicht
wre geschrieben worden, mit mir verabredete und billigte; und als der
Erfolg ausfiel, wie er ausfiel, mir einen zweiten, dessen ich bei meinem
schon vorher gefassten festen Entschlusse nicht bedurfte, sondern der
nur ihn decken sollte, abqulte und abpresste, und so auf eine ganz
richtige, anstndige und gebhrliche Entschliessung von mir, die ich
noch jetzt, nach Verlauf von acht Jahren, durchaus billige, und in
derselben Lage heute wiederholen wrde, den Anschein von Schwche und
Zweideutigkeit brachte, war ein anderer, und es war nur Einer, nicht
mehrere; daher man auch meine brigen Jenaischen Freunde und Collegen
mit jenem Argwohn verschonen wolle. Inzwischen zrne ich auch diesem
Einen so wenig, dass ich vielmehr gleich nach der That nur mich selber
verurtheilt habe, indem der Strke, die mit der nur einen Augenblick
aufflammenden Schwche gemeinsame Sache macht, ohne vorherzusehen, dass
der augenblickliche Muth nicht fortdauern werde, ganz recht geschieht,
wenn sie verlassen wird; und ich habe mit mir selbst mich ausgeshnt
lediglich durch die erworbene Sicherheit, dass mir dieses nicht zum
zweiten Male begegnen wird.[38]

Dies sey denn hiermit gesagt und abgethan; indem wir hoffen, dass die
verworrene Leidenschaftlichkeit jener Tage nunmehr sich gesetzt habe,
und man begreife, dass keinem Menschen in der Welt, ausser etwa den
Weimarischen Finanzen, welche uns andere nichts angehen, daran liegen
knne, ob dieser oder jener Mann Professor zu Jena sey, oder nicht, und
ob Jena eine blhende, oder eine verlassene, oder auch gar keine
Universitt habe.

[Funote 38: Zur Aufhellung der oben im Texte befindlichen Stelle ist
Fichte's Lebensbeschreibung (I. S. 366. II. S. 300.) zu vergleichen. H.
E. G. Paulus, der hier gemeint war, hat indess gegen jede solche
Beziehung zu Fichte in den Skizzen aus meiner Bildungs- und
Lebensgeschichte (Heidelberg, 1839. S. 168-170) protestirt, woraus eine
Reihe von Verhandlungen zwischen ihm und dem Unterzeichneten sich
ergeben hat, deren Erwhnung hier nicht umgangen werden kann, indem auch
sie vorbergehend lebhafte Aufmerksamkeit erregten. Da jedenfalls beide
Mnner auch in dieser Beziehung mit einander vor die Nachwelt treten, so
bleibt nichts brig, um den Leser zu einem selbststndigen Urtheile in
dieser Angelegenheit zu veranlassen, als ihn ausser dem schon
Angefhrten auf die weiteren Actenstcke zu verweisen. Man vergleiche:
Paulus und Fichte; ber einen berichtigenden Zusatz zu J. G. Fichte's
Lebensbeschreibung, als Anfrage oder Gegenberichtigung von J. H. Fichte
im ^Freihafen^ 1840. Zweites Heft S. 176-229; Beleuchtung des
Verhltnisses, welches zwischen Professor Fichte dem Vater und Dr.
Paulus bei dem Atheismusstreit des Ersteren stattfand in ^Paulus neuem
Sophronizon^, I. Mittheilung 1841 S. 80-134; endlich: Offenes Schreiben
an Herrn Dr. Paulus in Bezug auf dessen Beleuchtung etc. von J. H.
Fichte in dessen ^Zeitschrift fr Philosophie^, Bd. VII. S. 151-155.

                                        (Anmerkung des Herausgebers.)]

Uebrigens ist auch das, was der Mann durch seine Speculation sucht und
anstrebt, keinesweges etwas Schlechtes und Gemeines, sondern es ist das
Hchste, dessen der Mensch theilhaftig werden kann; die Erkenntniss der
Einheit alles Seyns mit dem gttlichen Seyn. Seine Absicht ist daher
aller Ehren werth. Ebendasselbe will ja auch ich, und leiste es; er aber
redet nur daran herum, und vermag es nicht zur Wirklichkeit zu bringen,
tritt in den Weg denen, die es knnen, und macht irre andere, die ohne
ihn vielleicht hren und verstehen wrden; und dieses ist es, was ihm
meinen Tadel zuzieht. Er hasset und fliehet die Besonnenheit, in welcher
allein das Heilmittel vom Irrthume liegt, mit gutem Bedachte, indem er
sie nur fr leere Klarheit hlt, und macht so die Unbesonnenheit zur
ausdrcklichen Grundmaxime alles Realismus, erwartend von einer blinden
Natur die Heilung. Dies ist nun absolute Unphilosophie und
Antiphilosophie, und so lange er auf dieser Maxime beharrt, ist Alles,
was er vorbringt, ohne Ausnahme nothwendig falsch, irrig und thricht,
und es vermag kein Funke von Speculation in seine Seele zu kommen. Und
so werfe ich ihn denn, indem ich den Menschen an ihm in allem seinem
mglichen Werthe lasse, als Philosophen ganz und unbedingt weg; und als
Knstler erkenne ich ihn fr einen der grssten Stmper unter allen, die
jemals mit Worten gespielt haben.

Was hier insbesondere ihm nachgewiesen worden, leidet, als gegrndet
lediglich auf die blosse allgemeine Logik, durchaus keinen Widerspruch,
Ausrede oder Ausflucht, und es kann dagegen nichts vorgebracht werden,
ausser etwa, man habe in den Einheitspunct eben nicht recht hineinkommen
knnen, man meine ja doch das Rechte, und habe recht in der Sache, wenn
auch die Form mangelhaft geblieben sey, welches Alles, als selber
absolute Antiphilosophie, schon ehe es vorgebracht worden, abgewiesen
ist. Sollten seine Mitstreiter, im Schmerze, ihren Vorfechter also
abgefertigt zu sehen, etwas vorbringen wollen, so werde ich antworten,
oder auch nicht, wie es mir gefallen wird, indem ich hierber zu nichts
verbunden seyn will. Mit dem genannten Manne selber rede ich, da wir
durchaus von contradictorisch entgegengesetzten Maximen ausgehen,
niemals, wie ich denn auch hier nicht mit ihm, sondern mit seinem
Publicum geredet habe.




                             Recensionen.




                                  A.
    Giessen, bei Heyer: Skeptische Betrachtungen ber die Freiheit
       des Willens mit Hinsicht auf die neuesten Theorien ber
    dieselbe, von Leonhard Creuzer. 1793. XVI. Vorrede (von Herrn
                        Prof. Schmid). 252. 8.


          (Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung, 1793. No. 303.)

Wie es von jeher ergangen ist, ergeht es noch immer. Das dogmatische
Verkennen der Grenzen der Vernunft erregte die Angriffe der Skeptiker
auf dieses Vermgen selbst, und nthigte dasselbe, sich einer Kritik zu
unterwerfen.

Sowie diese Grenzen von neuem berschritten werden, regt sich von neuem
der Widerspruch der Skeptiker, und nthigt, -- zum Glck nicht, eine
neue Kritik zu unternehmen, aber -- an die Resultate der ehemals
unternommenen wieder zu erinnern. Herrn Creuzers freilich nur
uneigentlich sogenannter Skepticismus -- denn er nimmt mit der
Kantischen Schule das Daseyn eines Sittengesetzes im Menschen als
Thatsache des Bewusstseyns an -- hat die Theorien ber Freiheit zum
Gegenstande; das Resultat seiner Untersuchungen ist, dass keine der
bisherigen den Streit zwischen dem Interesse der praktischen Vernunft
und dem der theoretischen befriedigend lse; und ihr lobenswrdiger
Zweck, zu Erfindung einer neuen und genugthuendern die Veranlassung zu
geben. Ohne von der ganzen Schrift, welche theils ber einen unrichtigen
Grundriss aufgefhrt worden (eine Behauptung, die sich nur durch
Vorlegung des einzig richtigen darthun liesse, welches die Grenzen einer
Recension berschreitet), daher nicht mit der strengsten Ordnung
geschrieben ist, jetzt sich wiederholt, jetzt Dinge in ihren Plan
aufnimmt, die nicht hineingehren, z. B. die Widerlegung des
Spinozistischen Pantheismus, des Egoismus u. dergl. m.; theils gegen die
vor-Kantischen Freiheitstheorien nichts gesagt, was nicht schon ehemals
gesagt worden, -- ohne von ihr einen Auszug zu geben, mchte Rec. die
Untersuchung nur auf denjenigen Punct lenken, der wenigstens fr die
Darstellung der Wissenschaft wahren Gewinn verspricht. -- Es ist von
mehreren Freunden der kritischen Philosophie erinnert, und von Reinhold
einleuchtend gezeigt worden, dass man zwischen ^derjenigen^ Aeusserung
der absoluten Selbstthtigkeit, durch welche die Vernunft praktisch ist
und sich selbst ein Gesetz giebt, und ^derjenigen^, durch welche der
Mensch sich (in dieser Function seinen ^Willen^) bestimmt, diesem
Gesetze zu gehorchen oder nicht, sorgfltig zu unterscheiden habe. Dass
Hr. Creuzer diese Unterscheidung bald zu beobachten scheint, bald wieder
vernachlssigt und mithin in ihrer ganzen Bestimmtheit sie sicher nicht
gedacht hat, wollen wir nicht rgen. Aber er nimmt die durch Reinhold,
Heydenreich, und zuletzt durch Kant selbst gegebene, im Wesentlichen
einstimmige Definition der Freiheit des Willens, dass dieselbe ein
Vermgen sey, durch absolute Selbstthtigkeit sich zum Gehorsam oder
Ungehorsam gegen das Sittengesetz, mithin zu contradictorisch
entgegengesetzten Handlungen zu bestimmen, als gegen das Gesetz des
logischen Grundes streitend, in Anspruch. Reinhold -- (denn da es Rec.
weniger um die Bestimmung des Verdienstes des Schriftstellers, als um
die Bestimmung des bis jetzt fortdauernden Werthes seiner Schrift zu
thun ist; so trgt er kein Bedenken, sich auf ein Buch zu beziehen, von
welchem ihm, da er den deutschen Mercur nicht bei der Hand hat,
unbekannt ist, ob Hr. Creuzer bei Abfassung des seinigen den Inhalt
desselben habe benutzen knnen, oder nicht) -- Reinhold also hat diesen
mglichen Einwurf (S. 282 ff. 2. Bd. der Briefe ber die Kantische
Philosophie) zwar schon im voraus grndlich widerlegt, aber nach Rec.
Ueberzeugung, die er mit voller Hochachtung gegen den grossen
Selbstdenker gesteht, den Grund des Misverstndnisses weder gezeigt,
noch gehoben. Das logische Gesetz des zureichenden Grundes, sagt
Reinhold, fordert keinesweges fr alles, was ^da ist^, eine von diesem
Daseyn verschiedene Ursache -- -- sondern nur, dass nichts ohne Grund
^gedacht^ werde. Die Vernunft hat aber einen sehr reellen Grund, die
Freiheit als eine absolute Ursache zu denken -- und tiefer unten --
als ein ^Grundvermgen^, das sich als ein solches von keinem Anderen
ableiten, und daher auch aus keinem Anderen begreifen und erklren
lsst. Rec. ist mit dieser Erklrung vollkommen einverstanden; nur
scheint ihm der Fehler darin zu liegen, dass man durch anderweitige
Merkmale verleitet wird, dieses Vermgen nicht als ein Grundvermgen zu
denken. -- Es ist nemlich zu unterscheiden zwischen dem ^Bestimmen^, als
freier Handlung des intelligiblen Ich, und dem ^Bestimmtseyn^, als
erscheinendem Zustande des empirischen Ich.

Die oben zuerst genannte Aeusserung der absoluten Selbstthtigkeit des
menschlichen Geistes erscheint in einer Thatsache: in dem Bestimmtseyn
des ^oberen Begehrungsvermgens,^ welches freilich mit dem Willen nicht
verwechselt, aber ebensowenig in einer Theorie desselben bergangen
werden muss; die Selbstthtigkeit giebt diesem Vermgen seine
^bestimmte,^ und ^nur auf Eine Art bestimmbare Form,^ welche als
Sittengesetz erscheint. Die von jener zu unterscheidende Aeusserung der
absoluten Selbstthtigkeit im ^Bestimmen^ des ^Willens^ erscheint nicht,
und kann nicht erscheinen, weil der Wille ursprnglich ^formlos^ ist;
sie wird bloss als Postulat des durch jene Form des ursprnglichen
Begehrungsvermgens dem Bewusstseyn gegebenen Sittengesetzes angenommen,
und ist demnach nicht Gegenstand des Wissens, sondern des Glaubens. Die
^Neigung^ (^propensio^ berhaupt) als ^Bestimmtseyn^ des (oberen oder
niederen) ^Begehrungsvermgens^ erscheint; aber nicht das Erheben
derselben zum wirklichen ^Wollen.^ Der Wille in der Erscheinung ist nie
^bestimmend,^ sondern ^immer bestimmt,^ die Bestimmung ist schon
geschehen; wre sie nicht geschehen, so erschiene er nicht als ^Wille,^
sondern als ^Neigung.^ Die scheinbare Empfindung des Selbstbestimmens
ist keine Empfindung, sondern eine unvermerkte Folgerung aus der
Nichtempfindung der bestimmenden Kraft. Insofern der Wille sich
selbstbestimmend ist, ist er gar kein Sinnen-, sondern ein
bersinnliches Vermgen. Aber das ^Bestimmtseyn^ des Willens erscheint,
und nun entsteht die Frage: ist jenes fr die Mglichkeit der Zurechnung
als Vernunftpostulat anzunehmendes Selbstbestimmen zu einer gewissen
Befriedigung oder Nichtbefriedigung, ^Ursache^ der ^Erscheinung^ des
Bestimmtseyns zu derselben Befriedigung oder Nichtbefriedigung?
Beantwortet man diese Frage mit Ja, wie sie Reinhold (S. 284 der
angefhrten Briefe) wirklich beantwortet (aus ihren ^Wirkungen,^ durch
welche sie unter den ^Thatsachen^ des Bewusstseyns vorkommt, ist mir die
Freiheit (des Willens) vllig begreiflich u. s. w.); so zieht man ein
Intelligibles in die Reihe der ^Naturursachen^ herab, und verleitet
dadurch, es auch in die Reihe der Naturwirkungen zu versetzen; ein
Intelligibles anzunehmen, das kein Intelligibles sey. Wenn man sagt:
wer sich zur Frage berechtigt glaubt, aus welchem ^Grunde^ die
^Freiheit^ sich zu ^A^ und nicht vielmehr zu Nicht-A bestimmt habe,
beweist durch einen Cirkel die Nichtigkeit der Freiheit aus ihrer schon
vorausgesetzten Nichtigkeit, und wenn er sich recht versteht, aus der
Nichtigkeit eines Willens berhaupt: -- so ist dies freilich sehr wahr
erinnert; aber durch die Annahme, dass die Freiheit wenigstens Ursache
in der Sinnenwelt seyn knne, hat man ihn unvermerkt in diesen Cirkel
hineingezogen. Nur durch die Rckkehr zu dem, was Rec. der wahre Geist
der kritischen Philosophie scheint, ist die Quelle dieses
Misverstndnisses zu verstopfen. Nemlich -- auf das ^Bestimmen^ der
absoluten Selbstthtigkeit durch sich selbst (zum Wollen) kann der Satz
des zureichenden Grundes gar nicht angewendet werden; denn das ist Eine,
und eine einfache, und eine vllig isolirte Handlung; das Bestimmen
selbst ist zugleich das Bestimmtwerden, und das Bestimmende das
Bestimmtwerdende. Fr das ^Bestimmtseyn^ als Erscheinung muss nach dem
Gesetze der Naturcausalitt ein wirklicher Realgrund in einer
vorhergegangenen Erscheinung angenommen werden. Dass aber das
Bestimmtseyn durch die Causalitt der Natur, und das Bestimmen durch
Freiheit ^bereinstimme,^ welches zum Behuf einer ^moralischen
Weltordnung^ gleichfalls anzunehmen ist; davon lsst sich der Grund
weder in der Natur, welche keine Causalitt auf die Freiheit, noch in
der Freiheit, welche keine Causalitt in der Natur hat, sondern nur in
einem hheren Gesetze, welches beide unter sich fasse und vereinige,
annehmen: -- gleichsam in einer vorherbestimmten Harmonie der
Bestimmungen durch Freiheit mit denen durchs Naturgesetz. (Vergl. Kant,
ber eine neue Entdeckung, nach der alle neue Kritik der reinen Vernunft
durch eine ltere entbehrlich gemacht werden soll, S. 122 ff.) Nicht
darin, wie ein von dem Gesetze der Naturcausalitt unabhngiges Ding an
sich sich selbst bestimmen knne, noch darin, dass eine Erscheinung in
der Sinnenwelt nothwendig ihren Grund in einer vorhergegangenen
Erscheinung haben msse, sondern darin, wie beide gegenseitig von
einander vllig unabhngige Gegenstnde zusammenstimmen knnen, liegt
das Unbegreifliche: das aber lsst sich begreifen, warum wirs nicht
begreifen knnen, weil wir nemlich keine Einsicht in das Gesetz haben,
das beides verbindet. -- Dass brigens dies Kants wahre Meinung sey, und
dass die in mehrern Stellen seiner Schriften vorkommende Aeusserung,
dass die Freiheit eine Causalitt in der Sinnenwelt haben msse, nur ein
vorlufig, und bis zur nheren Bestimmung aufgestellter Satz sey,
scheint Rec. daraus zu erhellen, dass er zwischen einem empirischen und
einem intelligiblen Charakter des Menschen unterscheidet; dass er
behauptet, Niemand knne den wahren Grad seiner eigenen Moralitt (als
welcher sich auf seinen unerkennbaren intelligiblen Charakter grndet)
wissen; dass er die Zweckmssigkeit als Princip der, beide
Gesetzgebungen verknpfenden, reflectirenden Urtheilskraft aufstellt
(als welche Zweckmssigkeit sich nur durch eine hhere, dritte
Gesetzgebung mglich denken lsst). Vorzglich aber scheint eben dieses
in seiner Schrift vom radicalen Bsen (jetzt dem ersten Stcke der
^Religion innerhalb der Grenzen der blossen Vernunft^) aus seinem
Beweise fr die Annehmbarkeit eines absolut freien Willens ^aus der
Nothwendigkeit der Zurechnung,^ und aus seiner Berufung auf ^einen
unerforschlichen hheren Beistand^ (der nicht etwa unseren
intelligiblen, bloss durch absolute Selbstthtigkeit zu bestimmenden
Charakter statt unserer bestimme, sondern unsern erscheinenden
empirischen mit jenen bereinstimmend mache, welches nur kraft jener
hheren Gesetzgebung geschehen kann) hervorzugehen. Jene Beweisart und
diese Berufung sind so innig mit dem Geiste der kritischen Philosophie
verwebt, dass man wirklich sehr wenig mit ihm bekannt seyn muss, um in
dieser Philosophie dieselben so abenteuerlich, so wider den gesunden
Menschenverstand streitend, und so lcherlich zu finden, als Herr
Creuzer sie findet. Es wrde ein Leichtes seyn, ihm zu zeigen, dass er
selbst zufolge der Prmissen, die er mit der Kantischen Schule annimmt,
auch diese Stze nothwendig annehmen msse.

Von Untersuchung dieser Theorie geht Herr Creuzer zur Prfung des allen
Lesern der A. L. Z. sattsam bekannten Schmidschen intelligiblen
Fatalismus ber. So sehr diese Theorie, von der speculativen Seite
angesehen, ihn befriediget, so klar und einleuchtend thut er dar, dass
sie alle Moralitt vllig aufhebe. Rec. ist ber den zweiten Punct
vllig mit ihm einverstanden, und das, was Hr. Prof. Schmid selbst in
der Vorrede zu diesem Buche zu seiner Vertheidigung hierber sagt, hat
ihm wenigstens noch rger, als die Anklage geschienen. Zurechnung,
Schuld und Verdienst fllt bei dieser Theorie, nach Hrn. Schmids eigenem
Gestndnisse, weg; nun wre es an ihm, zu zeigen, wie man sich dabei
noch ein fr ^jede^ Handlung, die nach dem Gesetze beurtheilt wird,
^gltiges Gesetz^ denken knne. Die Moralitt, welche brig bleiben
soll, ist eben diejenige, welche in den ehemaligen Glckseligkeits- und
Vollkommenheitstheorien brig blieb: gut seyn ist ein Glck, und bse
seyn ein Unglck. Ueber den ersteren Punct hren wir Hrn. Schmid selbst.
Man kann den undenkbaren Gedanken, den Nichtgedanken (einer
Nothwendigkeit, die nicht Nothwendigkeit ist, eines unbeschrnkten
Vermgens, das nicht alles vermag, eines Unvermgens, das doch das
vlligste Vermgen ist, eines nothwendigen Grundes, der nicht nothwendig
begrndet, eines Individualdinges, das sich wie ein abgezogenes
Allgemeinding verhlt, also bestimmt und auch unbestimmt ist, endlich
einer Unabhngigkeit, die aus einer doppelten Abhngigkeit hervorgeht
[passt denn diese Charakteristik auch auf die Reinholdsche Definition
der Freiheit des Willens, oder etwa nur auf diejenige, welche praktische
Vernunft und Willen verwechselt?]), der doch fr einen Hauptgedanken
gelten soll, von einer Stelle der Theorie an einen anderen Platz
hinbringen; man kann ihn aus der Sinnenwelt in die Welt der Noumenen
verpflanzen; man kann gewissen anstssigen, und wegen ihrer Bestimmtheit
ein wenig unbequemen Formeln aus dem Wege gehen, und bequemere (ich
meine lenksamere, unbestimmtere) dafr gebrauchen; man kann endlich neue
Vermgen der Willkr erdichten, sie aus ihrer Naturverbindung
herausreissen, und so als isolirte Unbestimmtheiten aufstellen (ganz
eigentlich das, wenn man die Ausdrcke nicht ganz genau nimmt, hat Rec.
hier gethan, und fragt: ob man das Daseyn eines allgemeingltigen
Sittengesetzes anerkennen und consequent seyn, und dennoch das auch
nicht thun knne?) -- -- aber der Widerspruch selbst bleibt, was er
war; der Verstand kann nicht denken wider die Gesetze der Mglichkeit
alles Denkens. Und jetzt entscheide das Publicum, ob hier noch ein
Widerspruch, oder ob blosse Unbegreiflichkeit vorhanden sey? --
Uebrigens glaubt Rec., dass die Philosophie sich von Hrn. Creuzer,
sobald in seine ausgebreitete und mannigfaltige Belesenheit mehr
Ordnung, und in seine Geistesthtigkeit mehr Reife gekommen seyn werde,
viel Gutes zu versprechen habe. --




                                  B.
          Gotha, bei Ettinger: Ueber die sittliche Gte aus
     uninteressirtem Wohlwollen, von Friedrich Heinrich Gebhard.
                1792. 290 S. 8. mit Dedic. und Vorber.


           (Jenaer Allgem. Literatur-Zeitung 1793. N. 304.)

Rec. nahm dieses Buch nicht ohne grosse Erwartung zur Hand, da es ihm
die Auflsung einer Schwierigkeit zu versprechen schien, die er noch
nirgends befriedigend gelst fand, und von deren Auflsung, wenigstens
seiner Ueberzeugung nach, darum nicht minder die Allgemeingltigkeit des
Kantschen Moralprincips abhngt; und er war hchst unzufrieden mit sich
selbst, dass er bei den Ausdrcken des Verfassers sich so selten etwas
Bestimmtes denken konnte, bis ihm endlich durch die Stelle S. 84.: Das
moralische Gefhl besteht in einer Billigung oder ^Misbilligung^ einer
^Wirkung^ der ^praktischen Vernunft;^ denn sonst wre ja nichts da, was
gebilligt oder misbilligt werden knnte. Also ist es kein sittliches
Gefhl, was uns zur uninteressirten Thtigkeit treibt, sondern jenes
wird erst von dieser (der prakt. Vernunft) und von dem Bewusstseyn
derselben erzeugt; -- auf einmal vllig einleuchtend wurde, wie weit
der Verf. selbst vom bestimmten Denken ber seinen Gegenstand noch
entfernt seyn msse. Ein Aufsatz im Braunschweiger Journal (Juni 1791),
der das von Smith als Moralprincip aufgestellte reine oder
uninteressirte Wohlwollen gegen das Kantische Princip in Schutz nahm,
war die Veranlassung der ersten drei Abschnitte dieser Schrift. Der
erste Abschnitt vertheidigt Kant gegen die Beschuldigung des
Journalisten, dass er nicht definirt habe, ^was^ sittlich gut sey, durch
die Vorlegung der Kantischen Definition: es sey dasjenige, was man
zufolge des mit Nothwendigkeit gebietenden praktischen Vernunftgesetzes
^solle;^ und entwickelt berhaupt das Kantische Moralprincip. Hat etwa
der Journalist eine Realdefinition begehrt (denn sollten ihm wohl jene
Nominaldefinitionen unbekannt geblieben seyn? --); so htte ihm Hr.
Gebhard befriedigender geantwortet, wenn er ihm gezeigt htte, ^dass^
und ^warum^ das ^Materiale^ eines bloss ^formalen^ Imperativs sich nicht
vorlegen lasse, und dass er mithin in seiner Forderung schon
voraussetze, was er durch sie erweisen wolle. Neues hat Rec. unter einem
unerschpflichen Wortreichthume in diesem Abschnitte nichts gefunden,
als das, dass der Verf. die allgemeingeltenden Vorschriften des
Sittengesetzes nicht fr bloss negativ (fr Einschrnkungen der den
Willen bestimmenden Anmaassung des sinnlichen Triebes), sondern fr
positiv hlt; dass es z. B. nach ihm Pflicht ist, nicht -- nie eine
Unwahrheit zu sagen, sondern die Wahrheit immer, und in jedem Falle
gerade herauszusagen. Der zweite Abschnitt untersucht, ob das reine
Wohlwollen Princip der Moral seyn knne. Dass eine solche Untersuchung
nicht aus bestrittenen Kantischen Prmissen, sondern aus solchen, die
sein Gegner mit ihm gemeinschaftlich annimmt, gefhrt werden msse,
scheint der Verf., nach einer Stelle zu urtheilen, gefhlt zu haben; ob
er diesem Gefhle gefolgt sey, wird sich zeigen. Ein reines Wohlwollen
sey ein uninteressirtes. Interesse sey rein oder pathologisch. Das
letztere entstehe aus dem sinnlichen Triebe, und knne hier nicht
gemeint seyn. Das erstere sey das durch die Gesetzgebung der praktischen
Vernunft erzeugte, und knne ebensowenig gemeint seyn; denn sonst wre
ja dieses System mit dem Kantischen nicht im Widerspruche. -- Dawider
kann nun der Gegner die gegrndete Einwendung machen: er nehme
allerdings mit Kant eine uneigenntzige (nicht auf Befriedigung des
sinnlichen Triebes ausgehende) Neigung an; sein Wohlwollen grnde
sich ebensowenig auf ein Interesse, als das Kantische obere
Begehrungsvermgen; aber es bringe, ebenso wie dieses, eines hervor: nur
leite er dieses zugestandene Gefhl keinesweges von einer absoluten
Selbstthtigkeit des menschlichen Geistes ab, sondern halte es fr einen
Grundtrieb des Gemths, der sich von keinem hheren Vermgen ableiten,
noch daraus erklren lasse. Um zu zeigen, dass ein solches
uninteressirtes Wohlwollen, wie er dem Gegner andichtet, berhaupt nicht
mglich sey, verwechselt der Verf. kurz darauf ^Interesse,^ geistiges
Wohlgefallen an der blossen Vorstellung von dem Daseyn eines
Gegenstandes, mit ^Vergngen,^ Lust an dem durch Empfindung als wirklich
gegebenen Gegenstande: wenn der Gegenstand unseres wohlwollenden
Triebes realisirt wrde, so wrden wir nicht ermangeln, ein wirkliches
Vergngen zu empfinden, mithin sey unser Wohlwollen doch (pathologisch)
interessirt. Empfindet denn, kann ihn hier der Gegner fragen, der durch
das praktische Vernunftgesetz Bestimmte kein Vergngen, wenn er den
Gegenstand seiner Willensbestimmung als realisirt empfindet? Aber,
lsst er bald darauf den Gegner richtig antworten, die Vorstellung
dieses Vergngens soll nur nicht der bestimmende Grund des Willens
seyn. Aber was denn? die Vernunft? so ist der Gegner ein Kantianer. Der
Trieb selbst? Das kann Hr. Gebhard nicht einsehen. Von einem Dritten,
das den Willen bestimmen knnte, einer absoluten Selbstthtigkeit, ist
im ganzen Buche nicht die Rede.

Nach diesen Vorbungen setzt endlich Hr. Gebhard den wahren Streitpunct
sehr richtig so fest: Soll man der Vernunft oder dem reinen Wohlwollen
das Primat zuerkennen? Hier entspinnt sich zuerst eine ermdende
langweilige Errterung, dass die Vernunft, wenn man sie auch etwa fr
die bloss theoretische Vernunft anerkennen wolle (?), doch ber die
Anwendbarkeit des Princips des Wohlwollens auf bestimmt gegebene Flle
Richterin seyn msse. Rec. sollte meinen, das wre berhaupt nicht die
Vernunft (das Vermgen ^ursprnglicher^ Gesetze), sondern die
Urtheilskraft, die im Systeme seines Gegners hierunter das durch jenes
wohlwollende Gefhl aufgestellte Gesetz (welches der Verstand in eine
logische Formel zu bringen htte) subsumiren wrde; und dann -- muss
denn nicht dieselbe Urtheilskraft auf dieselbe Art auch unter das
praktische Vernunftgesetz subsumiren? Und nun endlich kmmt der Verf. zu
dem, was er den Beweis nennt, dass der Vernunft, und zwar der
praktischen Vernunft, das Primat ber das reine Wohlwollen zukomme.
Warum kann man denn den Werth oder Unwerth des uninteressirten
Wohlwollens nicht ebensogut, wie tausend andere Fragen, unentschieden
lassen? (Ist sein Gegner consequent, so lugnet er ihm die Befugniss zu
einer solchen Frage geradezu ab: ist ihm der Werth dieses Wohlwollens
absolut derjenige, nach welchem jeder andere Werth beurtheilt, welcher
selbst aber nach keinem andern beurtheilt wird.) -- Entschieden ^muss^
werden, weil es hier auf Handeln und auf fehlerlose Richtigkeit des
Handelns ankmmt. Nothwendigkeit des Handelns, verbunden mit dieser
Regelmssigkeit desselben, ist aber hier noch nicht Sache des
Wohlwollens; denn hierber ist eben erst die Frage; sondern der
Vernunft, und zwar nicht der theoretischen, sondern der praktischen.

Versteht Rec. diese Worte, so sagen sie so viel: das Wohlwollen kann
nicht absolut erstes Gesetz des Handelns seyn; ich will hier einmal nach
einem hheren Grunde fragen; mithin giebt es einen solchen hheren
Grund: diesen hheren Grund will ich Vernunft, und zwar nicht
theoretische, sondern praktische Vernunft nennen; mithin -- u. s. f.
Und so ist denn, fhrt Hr. Gebhard in Schwabacher Schrift fort, die
Subordination des uninteressirten Wohlwollens unter die praktische
Vernunft klar erwiesen? -- Ja wohl, wenn schon vorher angenommen war,
dass die Vernunft auch praktisch seyn knne, und auch wirklich sey.

Und was heisst denn Vernunft berhaupt; und wie ist denn insbesondere
die praktische von der theoretischen unterschieden? Rec. hat im ganzen
Buche vergebens nach einer Spur gesucht, woraus hervorginge, dass der
Verf. auch nur eine leise Ahnung habe, was Vernunft berhaupt, und was
praktische Vernunft in der kritischen Philosophie bedeute; vielmehr hat
er dieses Wort bald fr Verstand, bald fr Urtheilskraft, bald fr
Willen, und endlich gar fr sittliches Gefhl, kurz fast fr alles
gebraucht gefunden, was dem Verf. unter die Feder kam. -- Das Princip
des uninteressirten Wohlwollens sey unbestimmt. Uninteressirt sey ein
unbestimmter Begriff. ^Uninteressirt,^ wie es oben erklrt worden, ist
ein negativer Begriff, aber kein unbestimmter; er erhlt seine
Bestimmung in der Erfahrung von dem ihm entgegengesetzten ^interessirt^
(durch sinnlichen Trieb zur Neigung bestimmt).

Wohlwollen beziehe sich auf Glckseligkeit, und werde durch die
Unbestimmbarkeit dieses Begriffs auch unbestimmbar. Theoretisch wohl,
aber nicht als Princip der Willensbestimmung, wenn diesem nicht die
hervorzubringende, sondern bloss die rein zu berichtigende
Glckseligkeit als Zweck aufgestellt wird. Ein Wille, der Glckseligkeit
ausser sich wirklich machte, wre in diesem Systeme legal; einer, dessen
Triebfeder nur lediglich die Vorstellung dieses Zweckes gewesen wre,
wre moralisch. Hr. Gebhard macht die Bestreitung dieses Systems sich
noch ferner bequem, indem er die Unterscheidung der eigenen von der
fremden Glckseligkeit in das Princip aufnimmt, und es nun, wie
natrlich, bei der Anwendung in Widerstreit mit sich selbst gerathen
lsst. Aber ein consequenter Vertheidiger desselben wird den Grund
dieser Unterscheidung bloss in der interessirten sinnlichen Neigung
aufsuchen, und fr das uninteressirte Wohlwollen Glckseligkeit
berhaupt, ohne Rcksicht auf das Subject derselben, zum Objecte
aufstellen. Dies Princip sey ferner unverstndlich. Ein Princip msse
vernnftig gedacht, besonnen seyn. Das heisst entweder: es muss fr die
Wissenschaft sich in einer bestimmten Formel aufstellen lassen (und
warum liesse sich denn das Bestrittene nicht in der Formel aufstellen:
die Hervorbringung der, deinem besten Wissen nach, mglichst grssten
Summe der Glckseligkeit in der empfindenden Welt sey hchster Endzweck
deiner freien Handlungen?), oder: es muss in dieser bestimmten Formel
dem Bewusstseyn beim Bestimmen des Willens vorschweben; und der Verf.
besteht besonders auf dem letzteren. Aber warum knnte es denn in jener
Formel das nicht, wenn es msste? oder warum msste es denn? Wird denn
nicht auch das praktische Vernunftgesetz dem Bewusstseyn bloss durch ein
Gefhl gegeben; und ist denn keine Handlung rein moralisch, die sich
bloss auf dieses Gefhl, und nicht auf eine klare, deutliche und
vollstndige Kenntniss des kategorischen Imperativs grndet? Der
Uebergang eines Gefhls in Handlungen lasse sich nicht begreifen. Wie
mag sich der Verf. doch den Uebergang des auf die praktische Vernunft
sich grndenden sittlichen Gefhls in Handlungen begreiflich machen?

Hoffentlich haben sowohl Hr. Gebhard, als die Leser an diesen Beweisen
der vlligen Unfhigkeit dieses Kantianers zur Lsung der aufgeworfenen
Streitfrage genug; und berheben Rec. des langweiligen Geschfts, den
Auszug aus einer solchen Schrift fortzusetzen.

Dass der Trieb des Wohlwollens, wenn er bei seiner Anwendung auf
bestimmte Flle von der Vorstellung der Glckseligkeit geleitet werden
soll, welche erst durch Sinnenempfindung gegeben werden msste, und in
welchem Falle die Formel: was du ^willst^, dass man dir erzeige u. s.
f., soviel heissen wrde, als: was du durch den sinnlichen Trieb
begehrest, was dir angenehm seyn wrde, das sollst du u. s. f., nicht
Princip der Moral seyn knne, lsst sich schon aus dem Bewusstseyn
darthun, vermge dessen wir manches fr moralisch nothwendig anerkennen
mssen, das uns doch als die Quelle des hchsten und allgemeinsten
Elendes erscheint. Aber diese Beziehung auf Glckseligkeit, durch das
handelnde Subject selbst, ist etwas dem Systeme zuflliges. Die
Hauptfrage ist die: ob jenes Gefhl des schlechthin Rechten (nicht eines
Glckseligkeit beabsichtigenden Wohlwollens), dessen Daseyn im
Bewusstseyn der Gegner in seiner ganzen Ausdehnung zugestehen kann, von
etwas Hherem, und zwar von einer praktischen Vernunft, abzuleiten sey,
oder nicht? Gegen den, der dieses lugnet, kann man sich weder auf eine
Thatsache berufen; -- denn was wirklich Thatsache ist, das gesteht er
zu, und dass die Vernunft praktisch sey, und durch dieses ihr Vermgen
jenes Gefhl bewirke, ist nicht Thatsache: -- noch auf das Gefhl einer
moralischen Nothwendigkeit (jenes ^Sollen^), das damit vereinigt ist;
denn dies entsteht auch im Kantischen Systeme aus der Bestimmung des
oberen Begehrungsvermgens, als oberen, zur Neigung: -- noch auf einen
in diesem Systeme stattfindenden Mangel eines Unterscheidungsgrundes
zwischen dem sittlichen und widersittlichen Triebe; denn der
Vertheidiger desselben kann nur den Grundsatz aufstellen: was sich als
allgemein, stets, immer und auf jeden Fall, gltige Maxime fr das
Subject ohne Widerspruch denken lsst, ist Wirkung des sittlichen
Triebes, und was sich, in dieser Allgemeinheit (fr das Subject)
gedacht, widerspricht, das widerspricht dem Sittlichen; -- denn wenn
jenes Gefhl ursprnglich und einfach seyn soll, so kann es sich nicht
selbst widersprechen (vom nichtsittlichen, dem animalischen Instincte,
ist es freilich nicht zu unterscheiden, aber es soll auch in diesem
System nicht davon unterschieden werden; seine Befriedigung ist hier
selbst Pflicht): -- noch endlich darauf, dass in demselben jeder Grund,
eine Freiheit des Willens anzunehmen, wegfalle; denn wenn eine solche
Freiheit keine Thatsache des Bewusstseyns, sondern ein blosses Postulat
des als Wirkung der praktischen Vernunft angenommenen Sittengesetzes
ist; so behilft ein System, das ihrer nicht bedarf, sich gern ohne
dieselbe; das sittliche Gefhl wirkt unwiderstehlich, wo kein Hinderniss
seiner Wirkung vorhanden ist. Die eigentliche Moralitt wre freilich
vernichtet, und wir wren wieder an die Kette der Naturnothwendigkeit
angefesselt, aber die Thatsachen unseres Bewusstseyns wren
doch befriedigend und mit hchster Consequenz erklrt, alle
Unbegreiflichkeiten des Kantischen Systems gehoben, und jene Moralitt
eine erweisbare Tuschung. Um jene Triebfeder des schlechthin Rechten
mit der brigen Natur in Zusammenhang zu bringen, und den fteren
Widerstreit derselben mit dem ebenso natrlichen Glckseligkeitstriebe
aufzuheben, wrden wir auf die Hypothese getrieben: dass jene Triebfeder
eine Veranstaltung der Natur sey, um die uns unbekannte Glckseligkeit
auch ohne unser Wissen durch uns hervorzubringen, und dass das
Rechtthun, wenn auch nicht in unserem gegenwrtigen, oder berhaupt in
dem unsrigen, dennoch in irgend einem Verstande letztes Mittel zum
hchsten Endzwecke der Natur, der Glckseligkeit, sey. Der wesentliche
Unterschied eines solchen Systems vom Kantischen wre der, dass in jenem
das sittliche Gefhl zwar auch Wirkung der Vernunft (als Vermgen
ursprnglicher Gesetze) wre, aber der ^theoretischen^; dass mithin
dieses Gesetz durch den Mechanismus unseres Geistes ^bedingt^, und auf
alle Flle, worauf es anwendbar wre, mit ^Nothwendigkeit^ angewendet
wrde (die Erscheinung der Unabhngigkeit von ihm, welche allein es von
den brigen Gesetzen der theoretischen Vernunft unterscheiden, und das
bei Anwendung jener Gesetze vorhandene Gefhl des Mssens in ein Gefhl
des Sollens verwandeln wrde, entstnde daher, dass die Hindernisse der
Anwendung desselben auf Flle, worauf es anwendbar schiene, nicht
ebenso, wie bei jenen, zu unserem deutlichen Bewusstseyn gelangten): in
diesem aber dasselbe Wirkung einer Vernunft wre, welche in dieser
Function unter keiner andern Bedingung stnde, als unter der
Bedingung ihres eigenen Wesens (der absoluten Einheit und mithin
Gleichfrmigkeit), einer praktischen Vernunft.

Dieses letztere nun lsst sich weder fr eine Thatsache ausgeben, noch
irgend einer Thatsache zufolge postuliren, sondern es muss bewiesen
werden. Es muss bewiesen werden, ^dass^ die Vernunft praktisch sey. Ein
solcher Beweis, der zugleich gar leicht Fundament ^alles^
philosophischen Wissens (der Materie nach) seyn knnte, msste ungefhr
so gefhrt werden: der Mensch wird dem Bewusstseyn als Einheit (als Ich)
gegeben; diese Thatsache ist nur unter Voraussetzung eines schlechthin
Unbedingten in ihm zu erklren; mithin muss ein schlechthin Unbedingtes
im Menschen angenommen werden. Ein solches schlechthin Unbedingtes aber
ist eine praktische Vernunft: -- und nun erst drfte mit Sicherheit
jenes, allerdings in einer Thatsache gegebene sittliche Gefhl als
Wirkung dieser erwiesenen praktischen Vernunft angenommen werden.

Der vierte Abschnitt: ob das hchste Princip der reinen praktischen
Vernunft sich mit dem der Glckseligkeit verbinden lasse, -- ist
gerichtet gegen Hrn. Rapps Abhandlung ^ber die Untauglichkeit des
Princips der allgemeinen und eigenen Glckseligkeit zum Grundgesetze der
Sittlichkeit^, Jena, bei Mauke, 1791. Hr. Rapp habe anfangs das
Kantische Moralprincip in seiner vlligen Reinheit aufgestellt, aber am
Ende seiner Schrift sich zu einem Synkretismus der reinen Vernunft- und
der Glckseligkeitstheorie hingeneigt. Gleich den ersten Satz, den der
Verf. Hrn. Rapps Satze: der sittliche gute Wille sey zwar das hchste
Gut, aber deshalb doch nicht der ganze letzte Zweck des Menschen --
entgegengestellt: der sittliche Wille sey nicht nur das Absolutgute,
sondern auch das hchste, und zwar das ganze hchste Gut -- knnte man
ihm gelten lassen, wenn er unter dem sittlichen Willen nur wirklich den
sittlichen ^Willen^ verstnde. Da er aber auch hier, wie immer, die
praktische Vernunft mit dem eigentlichen Willen verwechselt, so ist
klar, dass ihn niemand verstehen kann, weil er selbst sich nicht
verstanden hat.

Der bescheidene Verf. bittet in der Vorrede nicht um Nachsicht, sondern
um eine wohlthtig aufklrende Zurechtweisung, und nach allem scheint es
ihm mit dieser Bitte ein Ernst zu seyn. Rec. kann ihm hier bloss den
Rath geben, noch eine geraume Zeit ber Kants und anderer grosser
Selbstdenker Schriften nachzudenken, und wenn er dann ja die Resultate
seines Nachdenkens mittheilen, und gelesen seyn will, sich einer
grsseren Prcision, und besonders der Einfachheit, in seinem Ausdrucke
zu befleissigen. Es ist unangenehm, da, wo man bestimmte Erklrungen
erwartet, auf Kruseleien zu stossen, wie folgende: Es giebt Charaktere
(^sic^) und Handlungen, deren Erhabenheit und Grsse wie ein ewig
flammender Strahl von den Zeiten des grauen Alterthums bis zur jngsten
Menschenwelt herableuchtet. Bruchstcke aus dergleichen Chrien in
zierlicher Schreibart schiebt der Verf. ein, wo es sich nur irgend thun
lsst.




                                  C.
     Zum ewigen Frieden. Ein philosophischer Entwurf von Immanuel
          Kant. Knigsberg, bei Nicolovius. 1795. 104 S. 8.


              (Philos. Journal Bd. IV. S. 81-92. 1796.)

Der Name des grossen Verfassers, das Interesse fr die gegenwrtigen und
nchstknftigen politischen Ereignisse, die Parteilichkeit fr oder
wider gewisse Beurtheilungen derselben, die Begierde zu wissen, wie
dieser grosse Mann sie ansehen mge, und wer weiss, welche Grnde noch
-- haben ohne Zweifel diese Schrift schon lngst in die Hnde aller, die
die Lectre lieben, gebracht, und unsere Anzeige kme fr die meisten
Leser dieses Journals wohl zu spt, wenn sie dieselben erst mit ihrer
Existenz bekannt machen wollte. Aber gerade diese Beziehung derselben
auf das Interesse des Tages, die Leichtigkeit und Annehmlichkeit des
Vortrags, und die anspruchslose Weise, mit welcher die in ihr
vorgetragenen erhabenen, allumfassenden Ideen hingelegt werden, drfte
mehrere verleiten, derselben nicht die Wichtigkeit beizumessen, die sie
unseres Erachtens hat, und die Hauptidee derselben fr nicht viel mehr
anzusehen, als fr einen frommen Wunsch, einen unmaassgeblichen
Vorschlag, einen schnen Traum, der allenfalls dazu dienen mge,
menschenfreundliche Gemther einige Augenblicke angenehm zu unterhalten.
Es sey uns erlaubt, auf die entgegengesetzte Meinung aufmerksam zu
machen, dass diese Hauptidee doch wohl noch etwas mehr seyn mge; dass
sich vielleicht von ihr ebenso streng, als von anderen ursprnglichen
Anlagen erweisen lasse, dass sie im Wesen der Vernunft liege, dass die
Vernunft schlechthin ihre Realisation fordere, und dass sie sonach auch
unter die zwar aufzuhaltenden, aber nicht zu vernichtenden Zwecke der
Natur gehre. Auch sey es uns erlaubt, anzumerken, dass diese Schrift,
wenn auch nicht durchgngig die Grnde, doch zum wenigsten die Resultate
der Kantischen Rechtsphilosophie vollstndig enthlt, und sonach auch in
wissenschaftlicher Rcksicht usserst wichtig ist.

^Erster Abschnitt.^ Prliminarartikel zum ewigen Frieden unter Staaten.
1) Es solle kein Friedensschluss fr einen solchen gelten, der mit dem
geheimen Vorbehalt des Stoffes zu einem knftigen Kriege gemacht
worden; in welchem der schon bekannte oder unbekannte Grund eines
knftigen Krieges nicht zugleich mit aufgehoben werde. Ausserdem wre
kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand geschlossen, sagt Kant. Es
liegt im Begriff des ^Friedens.^ Durch ihn versetzen sich, glaubt Rec.,
die Contrahirenden, so gewiss sie contrahiren, berhaupt in ein
rechtliches Verhltniss gegeneinander, und vertragen sich nicht nur ber
das bis jetzt streitige, sondern ber alle Rechte, die zur Zeit des
Friedensschlusses ein jeder sich zuschreibt. Wogegen nicht ausdrcklich
Einspruch geschieht (wodurch aber der Friede aufgehoben wrde), das
gestehen die Parteien einander stillschweigend zu.

2) Es solle kein fr sich bestehender Staat (klein oder gross, das
gelte hier gleichviel) von einem anderen Staate durch Erbung, Tausch,
Kauf oder Schenkung erworben werden knnen; -- weil es, so wie die
Verdingung der Truppen eines Staates an den anderen, berhaupt gegen den
Staatsvertrag laufe; wie ^an sich^ klar ist: -- in Beziehung auf den
beabzweckten ewigen Frieden; weil dies eine nothwendige Quelle vieler
Kriege gewesen sey, und fortdauernd seyn werde.

3) Stehende Heere sollen mit der Zeit ganz aufhren -- weil sie
bestndig mit Krieg drohen, und die Errichtung, Vermehrung, Erhaltung
derselben oft selbst eine Ursache des Krieges werde.

4) Es sollen keine Staatsschulden in Beziehung auf ussere Staatshndel
gemacht werden; -- als ^Erleichterungsmittel der Kriege^ zu verbieten,
wie die stehenden Heere, -- auch um des mglichen und zu seiner Zeit
unvermeidlichen Staatsbanquerots willen.

5) Kein Staat solle sich in die Verfassung und Regierung eines anderen
Staates gewaltthtig einmischen; -- nicht etwa unter dem Vorwande des
Skandals. Es sey allemal ^scandalum acceptum,^ und die fremde
Einmischung selbst ein grosses Skandal.

6) Es solle sich kein Staat im Kriege mit einem anderen
Feindseligkeiten erlauben, welche das wechselseitige Zutrauen im
knftigen Frieden unmglich machen mssen: als da sind, ^Anstellung der
Meuchelmrder, Giftmischer, Brechung der Capitulation, Anstiftung des
Verrathes^ in dem bekriegten Staate u. s. w. -- weil dadurch der Friede
unmglich, und ein ^bellum internecinum^ herbeigefhrt wrde.

Beilufig wird aufmerksam gemacht auf den Begriff einer ^lex
permissiva.^ Sie ist nur mglich dadurch, dass das Gesetz auf gewisse
Flle nicht gehe, -- woraus man, wie Rec. glaubt, htte ersehen mgen,
dass das Sittengesetz, dieser ^kategorische^ Imperativ, ^nicht^ die
Quelle des Naturrechts seyn knne, da er ohne Ausnahme und unbedingt
gebietet: das letztere aber nur ^Rechte^ giebt, deren man sich bedienen
kann, oder auch nicht. Es ist hier nicht der Ort, sich weiter darber
auszulassen.

^Zweiter Abschnitt,^ welcher die Definitivartikel zum ewigen Frieden
unter Staaten enthlt. -- Alles ist aufgebaut auf die Stze, die Kant
schon ehemals aufgestellt, die nicht geringen Anstoss erregt haben, und
deren Prmissen auch hier nicht weiter als durch Winke angedeutet sind:
^Alle Menschen, die aufeinander wechselseitig einfliessen knnen,
mssen zu irgend einer brgerlichen Verfassung gehren.^ Jeder hat das
Recht, den anderen, den er dazu aufgefordert hat, feindlich zu
behandeln; auch ohne dass derselbe ihn vorher beleidigt. Es sey dem
Rec. -- der, bei seinen Untersuchungen ber das Naturrecht, aus
Principien, die von den bis jetzt bekannten Kantischen unabhngig sind,
auf diese und auf die tiefer unten folgenden Kantischen Resultate
gekommen, und den Beweis derselben gefunden, auch sie ffentlich
vorgetragen hat, ehe dieses Buch in seine Hnde gekommen, -- erlaubt,
einige Worte hinzuzusetzen, um vorlufig die Befremdung, die bei der
herrschenden Denkart diese Stze erregen mssen, ein wenig zu mildern.

Nur inwiefern Menschen in Beziehung aufeinander gedacht werden, kann von
Rechten die Rede seyn, und ausser einer solchen Beziehung, die sich aber
dem Mechanism des menschlichen Geistes zufolge von selbst und unvermerkt
findet, weil die Menschen gar nicht isolirt seyn knnen, und kein Mensch
mglich ist, wenn nicht mehrere bei einander sind, ist ein Recht nichts.
Wie knnen freie Wesen, als solche, bei einander bestehen? ist die
oberste Rechtsfrage; und die Antwort darauf: wenn jeder seine Freiheit
so beschrnkt, dass neben ihr die der anderen auch bestehen kann. Die
Gltigkeit dieses Gesetzes ist sonach bedingt durch den Begriff einer
Gemeinschaft freier Wesen; sie fllt weg, wo diese nicht mglich ist,
sie fllt weg gegen jeden, der in eine solche Gemeinschaft nicht passt,
und es passt keiner hinein, der sich diesem Gesetze nicht unterwirft.
Ein solcher hat mithin gar keine Rechte, er ist rechtlos. -- So lange
Menschen nebeneinander leben, ohne anders, als vermittelst der
gegenseitigen Erkenntniss aufeinander einzufliessen, ist es von beiden
problematisch, ob sie jenem Gesetze sich im Herzen unterwerfen, oder
nicht. Da jeder von dem anderen ebensowohl das letztere annehmen kann,
als das erstere, so kann er vor demselben nie sicher seyn; auch schon
darum nicht, weil der andere ebensowenig weiss, ob er sich dem Gesetze
unterwerfe, und demzufolge Rechte habe, oder rechtlos sey. Es muss jedem
Angelegenheit seyn, dem anderen seine Anerkenntniss des Rechtsgesetzes
zu erklren, sich von seiner Seite die seinige von ihm zusichern, und,
da keiner dem anderen vertrauen kann, sie sich von ihm ^garantiren^ zu
lassen; welches lediglich durch die Vereinigung mit einem gemeinen Wesen
mglich ist, in welchem jeder durch Zwang verhindert wird, das Recht zu
verletzen. Wer diesen Vorschlag nicht annimmt, erklrt dadurch, dass er
dem Rechtsgesetze sich nicht unterwerfe, und wird vllig rechtlos.

Alle rechtliche Verfassung ist sonach (nach Kant), in Absicht der
Personen, die darin stehen: 1) die nach dem ^Staatsbrgerrechte^ der
Menschen in einem Volke (^jus civitatis^); 2) nach dem ^Vlkerrechte^
der Staaten im Verhltniss gegeneinander (^jus gentium^); 3) die nach
dem ^Weltbrgerrechte^, sofern Menschen und Staaten, in usserem
aufeinander einfliessendem Verhltnisse stehend, als Brger eines
allgemeinen Menschenstaates anzusehen sind (^jus cosmopoliticum^).

Es giebt sonach, wie jeder daraus leicht folgern kann, nach Kants Lehre
gar kein eigentliches Naturrecht, kein rechtliches Verhltniss der
Menschen, ausser unter einem positiven Gesetze und einer Obrigkeit; und
der Stand im Staate ist der einzige wahre Naturstand des Menschen: --
alles Behauptungen, die sich unwidersprechlich darthun lassen, wenn man
den Rechtsbegriff richtig deducirt.

^Erster Definitivartikel. Die brgerliche Verfassung in jedem Staate
soll republikanisch seyn.^ -- Diese Verfassung sey die einzig
rechtliche an sich, dem Staatsbrgerrechte nach, und fhre den ewigen
Frieden herbei, der durch das Vlkerrecht gefordert werde: indem nicht
zu erwarten sey, dass die Brger ber sich selbst die Drangsale des
Krieges beschliessen werden, die ein Monarch, ohne fr sich das
geringste dabei zu verlieren, so leicht ber sie beschliesst. Die
^Republik^ sey von der ^Demokratie^ wohl zu unterscheiden. Die letztere
sey diejenige Verfassung, in welcher das Volk in eigener Person die
executive Gewalt ausbt, mithin immer Richter in seiner eigenen Sache
ist, welches eine offenbar unrechtmssige Regierungsform sey: der
Republikanism diejenige, in welcher die legislative und executive Macht
getrennt (ob nun die letztere an Eine Person, oder an mehrere
bertragen), mithin das Reprsentationssystem eingefhrt sey.

Dem Rec. hat diese vorgeschlagene Trennung der legislativen von der
executiven Macht immer nicht bestimmt genug, wenigstens manchen
Misdeutungen ausgesetzt, geschienen. Er glaubt, dass diejenige Macht,
die der executiven entgegenzusetzen ist, einer nheren Bestimmung fhig
sey. Er hat, wenn es ihm erlaubt ist, seine Darstellung der Kantischen
hinzuzufgen, die Sache so gefunden -- das hchste Rechtsgesetz ist
durch die reine Vernunft gegeben: jeder beschrnke seine Freiheit so,
dass neben ihm alle brigen auch frei seyn knnen. ^Wie weit^ eines
jeden Freiheit gehen solle, d. h. ber das Eigenthum im allerweitesten
Sinne des Wortes, mssen die Contrahirenden sich vergleichen. Das Gesetz
ist nur ^formal, dass^ jeder seine Freiheit beschrnken soll, aber nicht
^material, wie weit^ sie jeder beschrnken solle. Hierber mssen sie
sich vereinigen. Aber dass berhaupt jeder darber etwas declarire,
fordert das Gesetz. Die hchste Formel fr alle mglichen Strafgesetze
ist durch reine Vernunft gleichfalls gegeben: jeder muss von seiner
Freiheit gerade so viel wagen, als er die des anderen zu beeintrchtigen
versucht ist. Die Menge der Menschen, die sich im Staate vereinigen, der
Bezirk, den sie einnehmen, und die Nahrungszweige, die sie bearbeiten,
giebt also immer das positive Gesetz fr den Staat, den sie errichten;
und jeder kann ihnen ihr bestimmtes positives Gesetz aufstellen, dem man
nur jene Data giebt. Alle, so wie sie in diesen bestimmten Staat treten
wollen, sind verbunden, dieses bestimmte Gesetz anzuerkennen, und es
bedarf da keiner Sammlung der Stimmen. Jeder hat nur zu sagen: ich will
in diesen Staat treten; und er sagt damit alles. Die Gemeine darf das
Zwangsrecht nicht unmittelbar durch sich selbst ausben, denn sie wrde
dadurch Richter in ihrer eigenen Sache, welches nie erlaubt ist. Sie
muss sonach die Ausbung desselben, es sey einem Einzelnen oder einem
ganzen Corps, bertragen, und wird durch diese Absonderung erst ^Volk^
(^plebs^). Dieses gewalthabende Corps kann zu nichts verbunden werden,
als nur schlechtweg was Rechtens ist in Ausbung zu bringen. Dafr ist
es ^verantwortlich^, und die allgemeinen und besonderen Anwendungen der
Regel des Rechts auf bestimmte Flle bleiben ihm sonach billigerweise
berlassen. Es ist inappellabel; alle Privatpersonen sind ihm ohne
Einschrnkung unterworfen, und jede Widersetzlichkeit gegen dasselbe ist
Rebellion. Wie es das Recht verwalte, darber ist nur das Volk Richter,
und es muss das Urtheil hierber sich schlechthin vorbehalten. Aber so
lange jenes Corps im Besitze seiner Gewalt ist, giebt es kein Volk,
sondern nur einen Haufen von Unterthanen; und kein einzelner kann sagen:
das Volk soll sich als Volk erklren, ohne sich der Rebellion schuldig
zu machen, und die executive Gewalt wird das nie sagen; das Volk knnte
nur sich selbst constituiren, aber es kann sich nicht constituiren, wenn
es nicht ist. Es msste sonach der executiven Gewalt ein anderer
Magistrat, ein ^Ephorat^, an die Seite gesetzt werden, der -- sie nicht
^richtete^, -- aber, wo er Freiheit und Recht in Gefahr glaubte, immer
auf seine eigene Verantwortung, ^das Volk zum Gericht ber sie beriefe^.

^Zweiter Definitivartikel.^ Das Vlkerrecht solle auf einem
^Fderalism^ freier Staaten gegrndet seyn. -- Es giebt kein
Vlkerrecht zum Kriege. Recht ist Friede. Der Krieg ist berhaupt kein
rechtlicher Zustand, wre dieser zu erhalten, so wre kein Krieg. -- Wir
begngen uns auch nur mit Winken dies anzuzeigen, wie Kant. Es hat wohl
nie eine ungereimtere Zusammensetzung gegeben, als die eines
^Kriegsrechts^.

Es knne fr Staaten, um in Beziehung aufeinander aus dem gesetzlosen
Zustande des Krieges herauszugehen, kein anderes Mittel geben, als
dasselbe, welches es fr einzelne giebt: dass sie sich, so wie diese zu
einem Brgerstaate, sie zu einem Vlkerstaate vereinigen, in welchem
ihre Streitigkeiten untereinander nach positiven Gesetzen entschieden
werden. -- Dies ist allerdings die Entscheidung der reinen Vernunft, und
der von Kant vorgeschlagene Vlkerbund zur Erhaltung des Friedens ist
lediglich ein Mittelzustand, durch welchen die Menschheit zu jenem
grossen Ziele wohl drfte hindurchgehen mssen; so wie ohne Zweifel die
Staaten auch erst durch Schutzbndnisse einzelner Personen unter sich
entstanden sind.

^Dritter Definitivartikel.^ Das ^Weltbrgerrecht^ solle auf Bedingungen
der allgemeinen ^Hospitalitt^ eingeschrnkt seyn; -- d. h. auf das
Recht jedes Menschen, um seiner blossen Ankunft willen auf dem Boden
eines anderen Staates, nicht feindselig behandelt zu werden; wozu nach
den Grundstzen des blossen Staatsrechts der Staat allerdings das
vollkommenste Recht htte.

^Zusatz. Von der Garantie des ewigen Friedens.^ -- Wenn sich nun gleich
zeigen lsst (wie es sich zeigen lsst), dass die Idee des ewigen
Friedens, als Aufgabe, in der reinen Vernunft liege: wer steht uns denn
dafr, dass sie mehr als ein blosser Begriff werden, dass sie in der
Sinnenwelt werde realisirt werden? Die Natur selbst, antwortet Kant,
durch die nach ihrem Mechanism geordnete Verbindung der Dinge. Nach den
drei Arten des rechtlichen Verhltnisses hatte die Natur dreierlei
Zwecke sich vorzusetzen.

^Zuvrderst^, nach dem Postulate des Staatsbrgerrechts, den: die
Einzelnen zur Vereinigung in Staaten zu treiben. Wrde auch nicht die
innere Mishelligkeit, so wrde doch der Krieg von aussen, der
gleichfalls in dem Plane der Natur lag, die Menschen genthiget haben,
ihre Macht zu vereinigen. Dass die Form dieser Vereinigung der allein
recht- und vernunftmssigen sich immer mehr nhere, dafr ist durch das
allgemeindrckende der Ungerechtigkeit und Gewaltthtigkeit gesorgt, so
dass die Menschen endlich durch ihren eigenen Vortheil werden gezwungen
werden, zu thun, was Rechtens ist.

^Dann^, nach dem Postulate eines Vlkerrechts, den: die Vlker
voneinander abzusondern, welches durch die Verschiedenheit der Sprachen
und Religionen befrdert wurde, wodurch zwar anfangs der Krieg erzeugt,
endlich aber doch durch das entstandene Gleichgewicht ein bestndiger
Friede hervorgebracht werden muss; wozu ^drittens^ der Handelsgeist, der
auf den Eigennutz eine Sicherheit grndet, die das Weltbrgerrecht
schwerlich hervorgebracht haben wrde, beitrgt.

Es sey dem Rec. erlaubt, zur Erluterung hinzuzusetzen, wie er selbst
die Sache ansieht. -- Die allgemeine Unsicherheit, welche jede
rechtswidrige Constitution mit sich fhrt, ist allerdings so drckend,
dass man glauben sollte, die Menschen mssten schon lngst durch ihren
eigenen Vortheil, welcher allein die Triebfeder zur Errichtung einer
rechtmssigen Staatsverfassung seyn kann, bewogen worden seyn, eine
solche zu errichten. Dies ist bisher nicht geschehen; die Vortheile der
Unordnung mssen sonach noch immer die der Ordnung im allgemeinen
berwiegen; ein betrchtlicher Theil der Menschen muss bei der
allgemeinen Unordnung noch immer mehr gewinnen als verlieren, und
denjenigen, die nur verlieren, muss doch noch die Hoffnung brig seyn,
auch zu gewinnen. So ist es. Unsere Staaten sind fr Staaten insgesammt
noch jung, die verschiedenen Stnde und Familien haben sich im
Verhltniss aufeinander noch wenig befestigt, und es bleibt allen die
Hoffnung, durch Beraubung der anderen sich zu bereichern; die Gter in
unseren Staaten sind noch bei weitem nicht alle benutzt und vertheilt,
und es giebt noch so vieles zu begehren und zu occupiren, und endlich,
wenn auch zu Hause alles aufgezehrt seyn sollte, erffnet die
Unterdrckung fremder Vlker und Welttheile im Handel eine stets
fliessende, ergiebige Hlfsquelle. So lange es so bleibt, ist die
Ungerechtigkeit bei weitem nicht drckend genug, als dass man auf die
allgemeine Abschaffung derselben sollte rechnen knnen. Aber sobald der
Mehrheit die sichere Erhaltung dessen, was sie hat, lieber wird, als der
unsichere Erwerb dessen, was andere besitzen, tritt die recht- und
vernunftmssige Constitution ein. Auf jenen Punct nun muss es endlich in
unseren Staaten kommen. Durch das fortgesetzte Drngen der Stnde und
der Familien untereinander mssen sie endlich in ein Gleichgewicht des
Besitzes kommen, bei welchem jeder sich ertrglich befindet. Durch die
steigende Bevlkerung und Cultur aller Nahrungszweige mssen endlich die
Reichthmer der Staaten entdeckt und vertheilt werden; durch die Cultur
fremder Vlker und Welttheile mssen doch diese endlich auch auf den
Punct gelangen, wo sie sich nicht mehr im Handel bevortheilen, und in
die Sklaverei wegfhren lassen, so dass der letzte Preis der Raubsucht
gleichfalls verschwinde. Zwei neue Phnomene in der Weltgeschichte
brgen fr die Erreichung dieses Zweckes: der auf der anderen Hemisphre
errichtete blhende nordamericanische Freistaat, von welchem aus sich
nothwendig Aufklrung und Freiheit ber die bis jetzt unterdrckten
Welttheile verbreiten muss; und die grosse europische Staatenrepublik,
welche dem Einbruche barbarischer Vlker in die Werksttte der Cultur
einen Damm setzt, den es in der alten Welt nicht gab, dadurch den
Staaten ihre Fortdauer, und eben dadurch den Einzelnen das nur mit der
Zeit zu erringende Gleichgewicht in denselben garantirt. So lsst sich
sicher erwarten, dass doch endlich ein Volk das theoretisch so leicht zu
lsende Problem der einzig rechtmssigen Staatsverfassung in der
Realitt aufstellen, und durch den Anblick ihres Glckes andere Vlker
zur Nachahmung reizen werde. Auf diese Weise ist der Gang der Natur zur
Hervorbringung einer guten Staatsverfassung angelegt: sobald aber diese
realisirt ist, erfolgt unter den nach diesen Grundstzen eingerichteten
Staaten das Verhltniss des Vlkerrechts, der ewige Friede von selbst,
weil sie bei dem Kriege nur verlieren knnen; dahingegen vor Erreichung
des ersten Zweckes an die Erreichung des zweiten nicht zu denken ist,
indem ein Staat, der in seinem Innern ungerecht ist, nothwendig auf
Beraubung der Nachbarn ausgehen muss, um seinen ausgesogenen alten
Brgern einige Erholung zu geben, und neue Hlfsquellen zu erffnen.

Der Anhang ^ber die Mishelligkeit zwischen der Moral und der Politik,
in Beziehung auf den ewigen Frieden^, enthlt eine Menge treffend
gesagter Wahrheiten, deren reifliche Beherzigung jeder, dem Wahrheit und
Geradheit am Herzen liegt, wnschen muss.




                               Poesien
                                 und
                      metrische Uebersetzungen.


                         (Meist ungedruckt.)




                                  A.
                       Das Thal der Liebenden.
                          Eine Novelle.[39]


In der anmuthigsten Gegend der Veltelin, ohnweit der Grenze von Italien,
liegt ein kleines Thal, das Thal der Liebenden genannt. Haine von
Lorbeeren und Pomeranzen und Citronen, die ohne Pflege wachsen, erfllen
es, und duften Sommer und Winter die angenehmsten Gerche: in der Mitte
desselben ist ein kleines Myrtenwldchen, und im Myrtenwldchen ein
grosser Grabhgel, von immer blhenden Rosen umgeben. Vom hohen waldigen
Gebirge bedeckt, von Felsen eingezunt, erblickt es selten das Auge
eines Sterblichen, verirrt dahin sich selten der Fuss des Wanderers. Nur
wenige sind hineingekommen. Ein geistiges Wehen, wie Ksse eines Engels,
fhlten sie an ihren Wangen; eine sanfte Wehmuth erfllte ihre Seele;
unvermerkt enttrpfelten ihren Augen Thrnen, und das war ihnen so sss!
Die Bilder ihrer verstorbenen Freunde oder Geliebten gingen vor ihrer
Seele vorber, und Ahnungen von Wiedersehen, Vorgefhle des ewigen
Lebens erfllten sie, wenn sie auf dem Grabeshgel im Myrtenwldchen
fnf Flmmchen blinken sahen, Symbole wiedervereinigter Treue nach dem
Tode. Einst drang ein Landvogt auf der Jagd einem verwundeten Rehe nach,
das hieher seine Zuflucht genommen hatte, in das Thal ein. Bangigkeit
und Angst berfiel ihn, kalter Schweiss rollte ber seine Stirn herab,
er musste den geweihten Boden verlassen.

[Funote 39: Geschrieben zu Zrich im Jahre 1786 oder 1787. -- Man
vergleiche die Vorrede S. XVI.]

In diese Gegenden hatte sich vor Jahrhunderten, erzhlen die Hirten, ein
junger Ritter verirrt. Im hohen Walde verloren, ermattet und hungrig,
erblickte er durch die Nacht hin von ferne ein Feuer. Es waren Hirten,
die bei ihrem Vieh wachten. Sie theilten willig mit ihm ihre geringe
Kost, und er wrmte sich an ihrem Feuer. -- Wie es dort wieder im
Gebsch heult! sagte der eine, der jetzt eben zu ihnen hinzukam; wie
der Geist des armen Einsiedlers wieder winselt und chzt! weiss Gott,
die Haut schauert mir allemal, wenn ich da vorbeigehe. -- Mir auch,
sagte der andere, ich mache lieber einen Umweg von einer Stunde. Und es
war doch ein so guter frommer Mann, der Einsiedler: betete so fleissig,
grsste jedes Kind so freundlich, und wies zurechte und half. Weisst du
noch, wie er mir den kranken Fuss heilte, den ich mir beim Herabstrzen
von jenem Felsen zerquetscht hatte? -- Und wie er mir meine verirrten
Lmmer wiederbrachte? Ach! wie wird es erst unser einem einmal gehen?
Komm, wir wollen ein Vaterunser fr seine arme Seele beten.

Wehmuth und Mitleiden erfllten den Ritter. -- Kommt, fhret mich an
den Ort. Sie fhrten ihn hin. Es war eine trbe Nacht; der Wind sausete
durch den Busch dem Ritter entgegen; es winselte und chzte dumpf im
Gebsch. -- Wer du auch seyest, unglckliche Seele, die im Fegefeuer
leidet; knnen Gaben oder Seelenmessen, oder das Gebet irgend eines
Sterblichen deine Qualen lindern, so entdecke dich mir: meine Seele
liebt und bedauert dich, sagte der Ritter, und pltzlich stieg unter
dem Hgel eine Gestalt hervor. Ein langer Bart wallte ihm herab bis auf
den Grtel; sein Auge war eingefallen und erloschen, seine Wange
abgewelkt, nagender Kummer war ber sein Gesicht verbreitet; aber durch
die dicke Wolke des Grams, die auf ihm lag, blickte ein einziger
schwacher Zug von Ruhe und entfernter Hoffnung hindurch. Sein Anblick
erfllte die Seele mit Mitleid, aber nicht mit Grauen.

Jngling, so redete der Geist, schaudere nicht vor mir zurck! Noch
sind es nicht zehn Jahre, so war ich ein Ritter, jung und feurig, und
mannhaft wie du -- solltest du nie den Namen Rinaldo gehrt haben? --
und ach! wie glcklich! Nicht umsonst vielleicht fhrte dich das
Schicksal zu meiner Gruft, die noch nie ein Sterblicher so in der Nhe
betrat. Hre die Geschichte meiner Leiden, und beklage mich.

In meinen ersten Jnglingsjahren, jeder Tropfen Bluts in mir Feuer, und
jede Nerve Kraft, kam ich an den Hof nach Paris. In jedem Turnier war
der Preis fr mich. Ich gefiel; die Ritter verleumdeten mich, und die
Damen sprachen nur unter sich allein von mir. Einer der schnsten Tage
meines Lebens war der Vermhlungstag der Knigstochter. Aus allen
Lndern der Franken hatte die Krone der Ritter sich versammelt zum
feierlichen Turnier. Wir kmpften drei Tage, und ich war Sieger. Die
neidischen Blicke der Ritter und das laute Zujauchzen des Volkes von den
Schranken her, beides war mir gleich festlich. Im Taumel der Freude sah
ich rund um mich her, um alle Blicke des Beifalls einzusaugen, und sahe
in der ersten Reihe in den Schranken ein Frulein; ihr trbes
schwimmendes Auge zur Erde gesenkt, ihr Haupt nach einer Seite geneigt,
wie eine Lilie vor der Sonnenhitze sich herabbeugt; Ernst und tiefes
Nachdenken in ihren sanften schwrmerischen Zgen. Kein frhliches
Hndeklatschen, kein Lcheln, kein verlorener Seitenblick auf mich; --
sie allein unter den Tausenden, die sie umgaben, kalt und ernsthaft! --
Ich ward tief herabgeschleudert. -- Warum verachtet sie dich? eben sie,
die vollkommenste unter den Mdchen?

Ein Tanz beschloss den Tag. Alle drngten sich zu dem Sieger, stolz an
seiner Seite die Reihen durchzuwallen, seine Blicke aufzufangen, und er
suchte die in einem Winkel verborgene Verchterin. Sie flog mir
entgegen, -- und auf einmal, wie aufgehalten, schien sich ihr unwilliger
Fuss zu struben. Schchtern und verscheucht tanzte sie; riss sich los,
entfernte sich, tanzte mit andern, und feuriger. Sie verachtet dich,
tnte es im Innersten meiner Seele, aber warum? -- Ich htte mich selbst
verachten mgen. -- Jetzt emprte sich beleidigter Stolz, sie zu meiden;
jetzt sprach Liebe und Neugier, sie zu suchen. Ich schwur mir
tausendmal, sie nie wieder zu sehen, und ging den ersten Morgen an einen
Ort, wo ich sie zu finden hoffte. Sie war heiter bei meiner Ankunft;
ihre Stirn umwlkte sich, sobald sie mich sah. So war sie immer.

Ich beschloss, Paris zu verlassen, und sie nie wieder zu sehen. Ich
beurlaubte mich vom Hofe. Schon war ich die Stufen herabgestiegen, als
die Zofe mir ein Blatt folgenden Inhalts in die Hand drckte: Dank
euch, edler Ritter, dass ihr Paris verlasset, und durch eure Entfernung
einer Unglcklichen die Ruhe wiedergebt, die eure Gegenwart ihr raubte:
ein Gestndniss, das whrend derselben keine irdische Macht mir wrde
entrissen haben. Wrdiget Eures Andenkens, Eurer Thrnen, Eures Gebets
die unglckliche Maria.

Wonnegefhl engte meine Brust, ich musste ihr Luft machen. Ich eilte
auf den Flgeln der Liebe zu ihr. Ich fand sie nicht; -- Unmuth ergriff
mich. Die Falsche, sie lockt mich an, und stsst mich wieder zurck! --
Ich konnte nach meinem Abschiede vom Hofe nicht mehr ffentlich
erscheinen; stellte mich krank, um einen Vorwand fr mein lngeres
Bleiben zu haben; und wards vor Liebe und Schmerz. Verlangen nach ihr
gab mir das Leben wieder. Ich ging, und berraschte sie in einer
einsamen Laube. Sie sass ber einer Stickerei, in Trbsinn versunken.
Noch ehe sie mich erblickte, lag ich zu ihren Fssen. -- Verlasst
mich, grossmthiger Ritter, rief sie: verlasst die Gegend, in der ich
lebe. O das unselige Gestndniss! warum musste es sich doch aus diesem
Herzen heraufdrngen, das bei Euch nur einer flchtigen Neigung zu
begegnen frchtete! Ich besnftigte sie. Bebend hrte sie meine
Schwre, auf ewig der ihrige zu seyn; bebend empfing sie meine heissen
Ksse. Ein trauriges Vorgefhl schien ihre Seele zu durchschauern.

Ihr Herz war offener; es kmpfte noch, aber es unterlag allmhlig dem
Gefhle der Liebe. Ich sah sie fters in dieser Laube. Ein feindlicher
Dmon gab mir ein, es gehre unter die Trophen eines Ritters, die
Unschuld zu morden. Es war die Moral, die bei festlichen Gelagen oft an
der Tafel meines Vaters ertnt hatte. -- In ssse Schwrmereien
versunken, berraschte uns einst die schnste Sommernacht in unserer
lieben Laube. Ich bestrmte ihre Tugend, und ich merkte mit jeder Minute
ihren Widerstand schwcher werden. Schon glaubte ich gesiegt zu haben,
als sie in Thrnen zerfliessend meine Fsse umschlang. -- Mann mit der
strkeren Seele, schluchzte sie, schone die schwchere weibliche. Siehe,
ich bin in deiner Gewalt; du kannst der Schwachen, die jetzt ihr Leben
fr dich verbluten wrde, das rauben, was ihr mehr ist als das Leben;
aber schone der Armen, sey grossmthig und thu' es nicht. -- Kalter
Schauer berfiel mich; die Tugend fing an, in mein Herz zurckzukehren;
aber -- besiegst du sie jetzo nicht, so entfernt sie dich nun auf immer
von sich -- flsterte der feindliche Dmon, und -- er siegte.

Ich verliess sie in Thrnen gebadet. In meiner Wohnung traf ich Boten
von meinem Vater: er erwarte seinen Tod; ich solle eilen, ihn noch
lebendig zu finden. -- Ich verliess Paris sogleich, ohne sie sehen, ohne
ihr ein Lebewohl sagen zu knnen. Mein Herz zog mich gewaltig zurck:
aber der Zug ward schwcher, als neue, unerwartete Eindrcke mich
bestrmten. Mein Vater starb in meinen Armen. Das Bild eines sterbenden
geliebten Vaters, neue Sorgen, andere Gegenstnde, alles vereinigte
sich, das Andenken an Marien in meiner Seele zurckzudrngen. Eine
dumpfe, theilnahmlose Trauer hielt lange meine Seele umfangen. Da sah
ich Laura, das Meisterwerk des Schpfers, und mit dem ersten Blicke
waren unsere Seelen Eins. Heilige Bande verknpften uns; wir tranken die
Seligkeit der Liebe in vollen Zgen.

Innige Liebe liebt keine Zuschauer: wir verliessen das Gerusch der
Stadt, um in der einsamsten Gegend am Fusse der Alpen unseren Himmel
aufzuschlagen. Wir durchirrten Arm in Arm die paradiesischen Fluren. Sie
ging einst allein aus, um eine Gegend hinter einem angenehmen Hgel, der
immer das Ziel unserer Wanderungen gewesen war, zu sehen. Ich war durch
einen Zufall zu Hause geblieben. Ihre Zurckkunft verzog sich. Ich
lauschte an der Laube, die ich ihr unterdessen an ihrem Lieblingsplatze
bereitet hatte, um sie bei ihrer Rckkunft angenehm zu berraschen. Bei
jedem Rauschen eines Blattes, jedem leisen Fusstritte glaubte ich sie zu
hren. Es kam ein Bote von ihr. Zitternd erffnete ich das Blatt, das er
mir gab, und las folgende Worte: Wie knnte ich Rinaldo'n besitzen,
indess Maria verlassen weint? Rhrt dich ihr Elend nicht, so lass die
Bitten der Laura -- ach deiner Laura! -- dich rhren, an ihr tief
verwundetes, noch immer nur fr dich schlagendes Herz zurckzukehren.
Vergiss Lauren und stre die Ruhe nicht, der ich entgegeneile. Gehe
ostwrts von deiner Wohnung, nach dem Hgel zu, den wir heute frh von
der Morgensonne so schn vergoldet sahen, wo ein frher geliebtes Weib
und eine ssse Tochter, ganz das Ebenbild Rinaldo's, auf deine
Umarmungen warten.

Der Schlag war frchterlich. Nach geraumer Zeit erst erhielt ich meine
Besonnenheit wieder. Die Scham hielt mich ab, Marien aufzusuchen: Laura
war mir durch ihre Grossmuth doppelt theuer geworden. Ich wandte Alles
an, sie wieder zu finden; kein Kloster, keine Einsiedelei, keine einsame
Gegend wurde undurchsucht gelassen: ich durchstreifte selbst als Pilger
die halbe Erde: ich hoffte sie durch meine Bitten zu erweichen; aber
vergebens, ich fand sie nicht. Ich kam endlich in dieses Thal, lebte als
Eremit in demselben, errichtete meiner Laura, die ich fr lngst todt
hielt, ein Grab, betete und weinte auf ihrem Hgel, und starb auf ihm.

Wenn der Geist die irdischen Fesseln verlassen, und von aller
Zumischung der Sinnlichkeit frei ist, sieht er alles in einem anderen
Lichte. Taumel dieser Sinnlichkeit berauschte mich, im Leben Marien zu
vergessen; jetzt fhlte ich ihre Schmerzen, die Schmerzen Laurens und
die Schmerzen der Armen, die unter Thrnen geboren, dem Elende geweiht,
nie den Vaternamen gestammelt hat; die vielleicht bestimmt ist, eine
Beute des Elendes oder des Lasters zu werden. Ich leide alle Qualen, die
ich diesen verursacht habe, im Fegefeuer, das die Reue eben gebiert und
das stete Gedchtniss der unabnderlichen Vergangenheit, -- bis Laura
und Maria glcklich sind, bis ich mein Kind an dem Arme eines Mannes
sehe, der nur sie liebt. Ach! wird meine Qual wohl je aufhren? -- Aber
ich fhle das Wehen der Morgenluft. Nicht umsonst vielleicht fhrte dich
das Schicksal an meine Gruft. Lerne die Unschuld verehren, und rhrt
dich das Elend der Seele des armen Rinaldo, so bete fr mich, und
wallfahrte zum heiligen Grabe. -- Hiermit verschwand der Geist.

Schauder ergriff Don Alfonso; so hiess der junge Ritter. Er kniete
nieder, und legte auf Rinaldo's Grabe das heilige Gelbde ab, nicht zu
ruhen, bis er etwas zur Befreiung der armen Seele beigetragen, und die
Unschuld immer zu verehren. Die Hirten versichern, dass er dieses
Gelbde nie gebrochen.

Durch seinen natrlichen Hang zur Andacht sowohl, als durch die
Empfindungen, die an der Gruft Rinaldo's sich seiner bemchtigt hatten,
begeistert, trat er die Reise nach dem heiligen Grabe an. Er besuchte
alle die Oerter, wo der Weltheiland gelitten. Als er einst, sich selbst
und die Welt um sich vergessend, auf dem heiligen Grabe in warmer
Andacht kniete, und fr die Seele des armen Rinaldo betete, berfiel ein
Haufen sarazenischer Ruber Jerusalem, und fhrte ihn gefangen weg. Man
brachte ihn unter die Sklaven des Emir von Medina.

Je mehr seine Gestalt die Herzen der Heiden fr ihn eingenommen hatte,
desto heftiger wurden sie durch seine standhafte Weigerung, die Lehre
ihres Propheten anzunehmen, erbittert. Er wurde mit den niedrigsten der
Sklaven gebraucht, in den Grten des Emir zu graben. Die Hrte der
ungewohnten Arbeit, die Strenge, mit der er behandelt wurde, und das
brennende Klima verzehrten seine Krfte. Er fiel an einem Abende, zur
Zeit, da die Grten geschlossen und die Arbeiter herausgelassen wurden,
ohnmchtig nieder, und erwartete das Ende seiner Leiden. Niemand
bemerkte den Vorfall.

Eine ssse klagende Stimme, die in einem Zimmer des Serail, das an die
Grten stiess, in franzsischer Sprache ein Lied an die Jungfrau Maria
sang, und durch fteres Weinen und Schluchzen sich unterbrach, brachte
ihn wieder zum Bewusstseyn. -- O holde Mutter! seufzte die Stimme, wo
bist du, um die Blume welken zu sehen, die du so zrtlich pflegtest?
theure Clestina! die du jedes Gefhl der Tugend in mir wecktest, wo
bist du, um den letzten Trost in meine Seele zu giessen, und dies
brechende Auge zu schliessen? Sie schloss mit einem rhrenden Gebete an
die heilige Jungfrau, worin sie mit schwrmerischer Andacht ihren
Entschluss entdeckte, sich den Dolch in das Herz zu stossen, ehe sie
sich der Wollust des Emir aufopfere, die ihr diese Nacht drohe; und sie
bat, ihr fr diese That entweder Gnade bei Gott zu erflehen, oder ihr
Hlfe zu senden.

Sie hat sie dir gesendet; rief der Ritter, dem fremdes Elend die
Krfte wiedergab, die sein eigenes ihm genommen hatte, -- hier ist mein
Arm, und wenn tausende in Waffen gegen mich stnden, so rettete er
dich! -- Eiserne Riegel und Gitter verwahren mich, edler Fremdling,
ein Heer von Wchtern lauert auf mich. Dein Arm ist zu schwach, mich zu
retten. Habe Dank fr dein Mitleiden, habe Dank, dass ich nicht
unbedauert sterben werde; und bist du ein Franke und ein Christ, wie
deine Sprache zu zeigen scheint, so bete fr die Seele der armen Marie.

Er ergriff zwei Baumleitern, und band sie zusammen, um das Zimmer
Mariens zu ersteigen.

Indessen war von dem Aufseher der Sklaven seine Abwesenheit bemerkt
worden. Der erste Verdacht fiel auf den Garten. Man ging hinein, und
traf ihn mitten in seiner Unternehmung. Die Absicht derselben war nicht
zweideutig. Es wurde sogleich dem Emir gemeldet. Sein Zorn war grimmig;
er bestimmte den nchsten Morgen zu seiner Hinrichtung.

In jeder anderen Lage wre vielleicht der Tod dem Alfonso willkommen
gewesen, er htte ihn nur als seinen Retter aus einer Sklaverei
betrachtet, die ihm ebenso erniedrigend als hart schien; und htte ihn
gern gegen ein thatenloses Leben umgetauscht: aber jetzt krnkte das
Schicksal der armen Marie, die er nicht retten konnte, ihn mehr, als
sein eigenes, und auch jener Wunsch, vor seinem Ende noch etwas zur
Befreiung der Seele Rinaldo's beizutragen, wurde lauter, je mehr er sich
demselben zu nhern glaubte. Er ging, mehr unerschrocken als freudig,
seinem Tode entgegen.

Die Werkzeuge seiner Hinrichtung waren bereitet. Im Hofe des Serail war
ein Scheiterhaufen errichtet. Der Pbel strmte dem Schauspiele zu, und
der Emir erschien mit seiner neuesten Favorite, Alzire, auf einem
Balkon, um die Hinrichtung mit anzusehen.

Er kam eben von dem ersten Genusse ihrer hchsten Gunst, und sein Feuer
war dadurch gegen sie nicht erkaltet. Er war ihr ergebener, als er es
seit langer Zeit einem Weibe gewesen war, und hatte ihr versprochen, ihr
die erste Bitte, die sie an ihn thun wrde, sie betreffe, was sie wolle,
uneingeschrnkt zu gewhren. War es ein geheimes Wohlwollen, das das
Herz der Alzire bei Alfonso's Anblick pltzlich zu ihm neigte; oder
konnte sie die That, dem Emir diejenige rauben zu wollen, von der allein
sie ihren Sturz befrchten durfte, nicht sehr strafbar finden; oder war
es eine unmittelbare Wirkung der Vorsehung, die Alfonso'n erhalten
wollte: Alzire bat um sein Leben. Unwillig, aber ehrliebend genug, um
sein Wort nicht zu brechen, und zu schwach, um Alzirens Bitte
widerstehen zu knnen, gab der Emir sogleich Befehl, den Alfonso ber
die Grenze zu bringen.

Der Ritter, untrstlicher, diejenige ihrem Schicksal zu berlassen, die
er so gern mit Verlust seines Lebens gerettet htte, als erfreut ber
die unvermuthete Rettung seines Lebens, durchirrte die rauhen Wsten
Arabiens. Wurzeln, die er sparsam fand, waren seine einzige Nahrung, und
der heisse Sand brannte seine Fsse, und trocknete seine Krfte aus. In
der vierten Nacht, indess der Sturm ihn umheulte, und die Wolken den
Schimmer des letzten Sterns vor seinem Auge verdeckten, arbeitete er
sich mhsam durch verwachsene Bsche hindurch; und eben waren seine
letzten Krfte im Schwinden, als er aus einer Felsenkluft ein mattes
Licht schimmern sah. Hoffnung belebte die Kraft, die ihm noch brig war:
er erreichte die Grotte.

Ein Weib, weiss gekleidet, von schlankem Wuchse, trat ihm entgegen. Die
ehemalige Schnheit der Jugend schien auf ihrem Gesichte einer
erhabenern Schnheit Platz gemacht zu haben. Die geistigste Andacht
flammte in ihrem grossen, zum Himmel emporgewhnten Auge, und
verbreitete sich ber ihr ganzes Gesicht. Nichts liess in ihr die
Sterbliche errathen, als die sanfte Wehmuth, von der alle diese Zge
gemildert waren, und welche die Spur ehemaliger Leiden verwischt zu
haben schien. Sehr verzeihbar war also der Irrthum des Ritters. --
Heilige Jungfrau, redete er sie an, und sank auf seine Kniee;
wunderthtige Helferin! -- wer bin ich, dass du mich wrdigest, den
Himmel zu verlassen, um mich zu retten? -- O steh auf! rief ihm jene
zu, und entweihe nicht den Namen der Heiligen. Ich bin eine Sterbliche,
wie du; glcklich, wenn die Mutter Gottes sich meiner bedienen will, dir
zu helfen! Aber welches Schicksal treibt dich in diese unzugngliche
Wste, wo ich seit vielen Jahren keinen Wanderer erblickte? Kann ich und
womit kann ich dir dienen?

Die Entkrftung des Ritters erlaubte ihm nicht, auf die erste dieser
Fragen zu antworten; aber sie nthigte ihn, es auf die andere zu
thun.[40] Er bat sie um einen Trunk Wasser und um etwas Speise.

Sie ging und schpfte ihm aus der Quelle, die hart an ihrer Grotte aus
dem Felsen rieselte, und brachte milde Frchte, die sie selbst gezogen
hatte. -- Erquickt euch, Fremdling; sagte sie zu ihm, mit dem wenigen,
was ich euch geben kann; und nehmet dann dieses Lager ein. Ich werde
schon auch einen Platz finden. Wer wollte sich durch eine falsche
Anstndigkeit abhalten lassen, die Pflichten der Menschlichkeit zu
erfllen, wenn es nicht gegen unser eigenes Geschlecht ist?

Der Ritter war durch alles, was er sah und hrte, wie betubt. Erst
nachdem er von seiner Entkrftung sich ein wenig erholt, und einer
ruhigen Besinnung mchtig war, fing die Neugierde und Verwunderung an,
an die Stelle dieser Betubung zu treten; aber seine Unbekannte, die
allein sie htte befriedigen knnen, war verschwunden. Wunderbare
Ahnungen strmten durch seine Seele; noch konnte er sich nicht
berreden, ein sterbliches Weib gesehen zu haben: aber bald wurden alle
seine Zweifel durch einen festen Schlaf gefesselt.

Das Erste, was seine Sinne traf, als er wieder erwachte, war die Melodie
des Liedes, das die arme Maria gesungen hatte. Es war ihm, als ob ein
Traum ihn wieder in die Grten des Emir versetzte; er brauchte Zeit, um
sich zu berzeugen, er wache; er horchte und horchte genauer; der Gesang
kam vom Eingange der Grotte her. Die Unbekannte sass an der Morgensonne,
und sang mit der rhrendsten Stimme jenes Lied. Seine ganze Seele
lauschte auf ihren Gesang: wie wr' es ihm mglich gewesen, sich selbst
durch Muthmaassungen und Untersuchungen zu unterbrechen! -- Das Lied
schloss und die Stimme schwieg. Eben war er im Begriff, sich seinem
Erstaunen und seiner Begierde, sich diese Begebenheiten alle zu
erklren, von neuem zu berlassen, als ein anderer Vorfall seine
Betrachtungen unterbrach.

[Funote 40: Voltairisch! (Randglosse des Verfassers.)]

Bist du es wirklich, meine Tochter? sagte die Unbekannte zu einem
jungen Frauenzimmer, das sich sprachlos und schluchzend in ihre Arme
warf, und ihr weinendes Gesicht an ihrem Busen verbarg; -- schenkt die
heilige Jungfrau die als todt Beweinte mir wieder? -- Ja, du bist es,
ich fhls an dem starken Schlagen deines Herzens gegen das meinige, an
deinem freudigen Zittern in meinen Armen. Wer, als meine holde Maria,
knnte mich so lieben? Aber, sieh mich an; lass mich dies so lang
entbehrte Antlitz wieder sehen; lass michs auch in deinen Augen, in
allen den wohlbekannten Zgen deines Gesichts lesen, dass du es bist,
die mich so liebt. -- So sollte ich denn auch diese Freude noch auf der
Erde haben, dich wieder zu sehen; sollte noch nicht von allem Irdischen
mein Herz losreissen! Ich hatte auch diesen Wunsch daraus vertilgt, dich
wieder zu haben; das ward mir schwer. -- Heiliger Gott, und du,
gnadenvolle Mutter desselben, diese Belohnung meiner Leiden wagte ich
nicht zu hoffen. Ich dankte dir fr den Seelenfrieden und die
Heiterkeit, die du mir gabst, meinen letzten und hrtesten Verlust zu
ertragen. Aber jetzt hilf mir die Freude tragen, dass sie mein Herz
nicht von dir abziehe; und -- sieh auf mich herab, -- wenn du mir die
Holde wieder nehmen willst, oder wenn ich sie nicht mehr rein und nur
dir treu wiedergefunden htte: hier bin ich, -- ich ergebe mich in
deinen Willen! -- Und jetzt, liebe Tochter, erzhle mir: wo warst du
seit jenem traurigen Tage, der dich von mir trennte, und was trennte
dich von mir?

Du warst, seitdem meine gute erste Mutter gestorben war, gtige
Clestina! -- hrte der Ritter jene Stimme sagen, die er schon in den
Grten zu Medina gehrt hatte, -- nicht mehr immer so ganz heiter, als
du es vorher warest. Ich bemerkte zuweilen, dass, wenn du mich an dein
Herz drcktest, du pltzlich dich abwandtest, und dann kam es mir vor,
als ob du eine Thrne unterdrcktest. Du gingest dann hinaus auf meiner
Mutter Grab, und betetest, und bliebst oft lange; und wenn du
zurckkamst, war so ein Glanz und so eine Heiterkeit in deinem Gesichte,
und du warst so sanft und so feierlich froh, und mir war so wehmthig
wohl an deiner Seite, dass mich dnkte, du seyest auf dem Grabe verklrt
worden, und seyest nicht mehr meine Mutter Clestina, sondern ein
heiliger Engel. -- Doch vernimm das Schicksal, das mich von dir getrennt
hat. Einst an einem Morgen -- du ruhtest noch -- war ich ausgegangen,
Blumen zu suchen, und meiner Mutter Grab damit zu schmcken. Ich hatte
mich wohl zu weit entfernt, denn pltzlich erschienen die Ruber der
Wste, die mich mit Gewalt fortschleppten, und als ich schrie, damit du
mir helfen solltest, mir den Mund verstopften. Sie hrten nicht auf mein
Weinen noch Bitten, sondern brachten mich durch lange Wsteneien in eine
Stadt. Die Stadt hiess Medina, wie ich nachher erfuhr. Hier bedeckten
sie mein Angesicht mit einem Schleier, bis sie mich zu einem reichen
Manne brachten, der den Rubern Geld gab, und mich seinen Weibern
bergab.

Heilige Mutter Gottes! was waren dies fr Weiber! Schn waren sie;
einige dnkten mich noch schner, als du, meine Mutter; aber doch sah
ich sie nicht gern, und es war mir nie recht wohl, wenn sie mir ins
Gesicht sahen. Man sah es nicht, ob sie mich liebten, oder ob sie sich
untereinander liebten. Sie liebten mich wohl auch nicht? -- Wenn ich
redete, so lachten sie. Ich musste ihre Sprache lernen; und ich lernte
sie so gerne und so fleissig, damit ich mit ihnen reden knnte, und
damit sie meine Freundinnen wrden. -- Kaum lernte ich sie verstehen, so
hrte ich, dass sie nichts vom Weltheilande und von seiner Mutter
wussten; und als ich ihnen davon sagen wollte, und ihnen erzhlen, wie
gtig und huldreich sie wren, verlachten sie mich abermals, und redeten
dagegen viel von einem grossen Propheten, der wohl ein falscher Prophet
seyn muss, weil du mir nichts von ihm gesagt hast. -- Endlich kam einst
jener reiche Mann wieder, der den Mnnern, die mich geraubt hatten, Geld
gegeben hatte, und verlangte, ich sollte ihn lieben; und das konnte ich
doch nicht: denn er sah so wild und grausam, und wusste ebensowenig vom
Weltheilande, als seine Weiber, und that allerhand Dinge mit mir, die
wohl schndlich seyn mssen, weil er sie that, und weil er so verstrt
dazu aussah. Ich stiess ihn zurck: die Mutter Gottes gab mir eine
Kraft, die ich nie gefhlt hatte, dass ich Schwache dem starken Manne
Widerstand leisten konnte. Ich weinte bitterlich; da ward der Mann sehr
zornig, und sagte mir mit wildem Gesichte: er wrde diese Nacht
wiederkommen, und da wrde mich nichts vor ihm retten.

Mir war sehr eng ums Herz. Ich betete inbrnstig zur Mutter Gottes,
mich zu erleuchten, was ich thun sollte; und wie ich feuriger betete,
wurde ich immer muthiger. Es war, als ob eine geheime Stimme mir ins
Herz flsterte, es sey schndlich und sehr schndlich, was dieser Mann
mit mir thun wolle, und ich msse eher sterben, ehe ich es ertrge. Ich
wusste, dass eine meiner Gespielinnen ein Werkzeug hatte, -- sie nannte
es einen Dolch -- wovon sie mir einst sagte, man knne jemand damit
tdten. Damit kann man ja wohl auch sich selbst tdten, dachte ich. --
Sage mir, liebste Mutter, that ich unrecht, dass ich es ihr heimlich
wegnahm? Sie konnte es ja dann immer wieder haben, glaubte ich. --
Erzhle weiter, sagte Clestina. -- Der Entschluss mich zu tdten,
ehe ich mich der Gewaltthtigkeit des Mannes berliesse, wurde nun immer
fester in mir; und nachdem ich ihn der heiligen Jungfrau vorgetragen
hatte, wurde mir innerlich wohl dabei, und ich glaubte gewiss, dass sie
mir fr diese That Gnade bei Gott erflehen werde; als pltzlich jemand
unter dem Fenster rief: er wolle mich retten, und einige Leitern
zusammenband, wie ich hrte. Gleich darauf aber vernahm ich, dass er
ergriffen und unter tausend Verwnschungen weggefhrt wurde. War es ein
Sterblicher, -- er musste es ja wohl seyn, weil er sich ergreifen und
fortfhren liess, und mich nicht retten konnte, -- wie wird es dem Armen
ergangen seyn, der um meinetwillen sich in diese Gefahr strzte! Wie er
ergriffen wurde, verschwand meine Ruhe. Sein Schicksal hat seitdem mir
mehr Kummer gemacht, als das meinige.

Er ist gerettet -- rufte der Ritter, der jetzt erst es wagte, Theil an
der Unterredung zu nehmen, weil er sich unter alten Bekannten zu seyn
dnkte; -- und hatte seit jener Nacht den ersten angenehmen Augenblick,
da er auch dich gerettet sah.

Maria warf einen schchternen, aber dankbaren Blick auf den Ritter, um
sich -- schien es -- von der Wahrheit dessen zu berzeugen, was er
sagte: und Alfonso erblickte ein Gesicht, auf welchem alle Reize der
aufblhenden Jugend sich vereinigten, den reinsten Abdruck ihres
unschuldigen Herzens darzustellen.

Clestina reichte ihm die Hand: Seyd mir nochmals willkommen, edler
Fremdling! -- aber erzhle weiter, du meine Tochter.

Wunderbare Hlfe ward mir gesandt: erzhlte sie; ich blieb diese Nacht
ber unbeunruhigt. -- Ja, sagte der Ritter, denn der Emir hat sie bei
einer anderen neu angekommenen Schnen des Serail zugebracht, die ihn
mit dem ersten Blicke gefesselt hatte, und die ihm weniger
Schwierigkeiten entgegenstellte. -- Ich fhlte mich sogar nach einigen
Stunden so ruhig, dass ein sanfter Schlaf auf mich herabsank. Ich wurde
am Morgen durch ein Getmmel im Hofe des Serail aufgeweckt. -- Es war
das Volk, das sich versammelte, mich verbrennen zu sehen; sagte der
Ritter. -- Euch verbrennen wollte man? und der Todesgefahr, die Ihr
ausgestanden, sollte ich meine Rettung verdanken? Doch, Gott Lob, dass
Ihr gerettet seyd! -- das Getmmel nahm ab; es entstand eine lange,
frchterliche, erwartende Stille -- Alzire, so hiess die neue Favorite
des Emir, sagte der Ritter, bat um mein Leben. Der Emir begnadigte mich,
und liess mich sogleich ber die Grenze bringen; daher entstand
wahrscheinlich diese Stille. -- Jetzt erhob sich ein Gemurmel, fuhr
Maria fort; nun ward es lauter; nun brausete es, wie das tobende Meer.
-- Wie? dem Hunde von Franken das Leben schenken? Er soll nicht
verbrannt werden? Wir sind vergebens hieher geladen worden? Leidet es
nicht! schienen einige Stimmen, die das Getmmel berschrien, zu sagen.
Der Aufruhr verbreitete sich ber die ganze Stadt: alles lief zu den
Waffen. Die Wachen verliessen die Thren des Serail, und strzten sich
bewaffnet gegen das Volk. -- War es ein unsichtbares Wesen, das mir den
Entschluss eingab, mich jetzt durch die Flucht zu retten? ich fand alle
Zugnge unbesetzt; ich drngte mich durch das Volk, das nichts sahe, als
die Gegenstnde seiner Rache. Ich kam -- ob ich mich noch dunkel des
ehemaligen Weges erinnerte, oder ob unsichtbar Engel mich leiteten, --
ich kam durch die lange Wste wieder zu deiner Grotte, theuerste Mutter;
bin wieder dein, um mich nimmer von dir zu trennen.

Gott sey gelobt, dass ich dich wieder habe, meine Tochter, sagte
Clestina, und dass ich dich so wieder habe, wie ich dich verlor. Und er
sey gelobet, dass er auch Euch erhielt, edler Fremdling! und Euch hieher
brachte, dass ich Euch fr den Antheil danken kann, den Ihr an dieser
Unschuldigen nahmt.

Schon lange scheint eine Frage auf Eurer Lippe zu schweben, und es ist
billig, dass ich Eure Neugier befriedige, insoweit ich darf. Ich bin ein
Weib, welches einst in der Welt sehr glcklich war. Aber vielleicht
hatte ich mein Herz zu sehr in diesem Erdenglck verloren: Gott entzog
es mir, um mir zu zeigen, dass nur Er es sey, in welchem man
befriedigende und dauerhafte Glckseligkeit finde. -- Ich trennte mich
von der Welt und von dem, der in ihr mein Abgott war. In der Stunde der
Begeisterung, da ich dieses Opfer, das Tugend und Ehre und mein eigenes
wahres Wohl heischte, begann, schien es mir so leicht, und nachdem es
geschehen war, wollte mein Herz brechen. Ich suchte Trost und Ruhe an
den heiligen Oertern, wo uns allen die Seligkeit erworben wurde. Da traf
ich die Gesellin meiner Leiden, mit diesem ihrem Kinde. Ich hatte sie
durch mein Elend glcklich machen wollen. Auf die Art, wie ich es mir
gedacht hatte, sollte es nicht seyn. Wir sollten beide durch lngeres
Leiden zu einer reineren Glckseligkeit eingehen.

Wir waren beide fr die Welt, und sie fr uns, auf immer verloren. In
der heiligen Stadt und in ihrer Nhe waren wir kaum den sarazenischen
Rubern entgangen. Wir beschlossen, uns in diese Wsten, durch welche
Gott einst sein auserwhltes Volk fhrte, zu begeben, und kamen in die
Nhe des Gebirges, das Ihr hier vor Euch erblickt. Es ist das Gebirge
Sinai. --

Gott hatte uns den Platz unserer Ruhe schon bereitet. Wir fanden hier
diese Grotte, und dort das Grtchen; zwar damals verwildert, aber durch
eine geringe Arbeit war es wieder in Stand gesetzt. Vielleicht dass
ohnlngst hier ein frommer Einsiedler sein Gott geweihtes Leben
beschlossen hatte.

Hier haben wir geweint und gelitten. -- So lange noch eine geliebte
Freundin gleiche Leiden mit mir litt, wurden die meinigen mir leichter.
Ich strkte meine Krfte, um ihren Kummer tragen zu helfen, und vergass
des meinigen, um Trost in ihre Seele zu giessen, und fand ihn dadurch
selbst. Aber sie schlummerte bald in eine bessere Ruhe hinber, und
liess mich allein. Ich segnete ihr Geschick; aber -- du hattest es wohl
gesehen, meine Tochter, -- das meinige ward mir schwerer. Nur die
Zrtlichkeit gegen dich, und deine kindliche Liebe zu mir, holdes Kind,
hielten mich aufrecht. Aber du konntest meine Leiden nicht mit mir
fhlen.

Noch hing mein Herz an etwas Irdischem; es hing an dir. Du musstest mir
genommen werden. Musste durch so rauhe Wege Gott mich zu meinem Heile
fhren? -- Nichts war mir nun brig, als Er. Nur in sein Herz konnte ich
meine Empfindungen ausgiessen; nur von ihm Gegenliebe erwarten. O, htte
ich es doch eher gewusst, welchen sssen Frieden dies ber mein Herz
ausgiesset, wie vllig dies eine Seele befriedigt! -- welch eine Menge
von Leiden htte ich mir ersparen knnen!

Aber verzeiht, guter Fremdling! dass ich so flchtig ber die nheren
Umstnde meiner Geschichte hinwegeilen musste. Es ist nicht Mistrauen.
Wer so lange, als ich, sich nur mit Gott unterhalten hat, kennt dieses
nicht; und in ein Antlitz, wie das Eurige, setzt es niemand. -- Ich habe
Ruhe gefunden: aber noch lebt vielleicht Einer, der mir einst nur zu
theuer war. Kann ich ihm den Seelenfrieden nicht geben, wenn er ihn noch
nicht errungen hat, so will ich ihm doch denselben auch nicht nehmen,
wenn er ihn etwa errungen htte. Ihr kehrt in die Welt zurck, und seyd,
wenn mich nicht Alles tuscht, von eben dem Stande und aus eben den
Lndern, in denen er lebte. Ihr knntet ihn antreffen; ihn vielleicht
antreffen, ohne ihn zu kennen. Gutherzigkeit oder ein von ohngefhr
entfahrendes Wort knnte alle die Kmpfe in seiner Seele erneuern, die
er vielleicht lngst ausgekmpft hat.

Ich muss freilich wieder von Euch weg, und in die Welt zurck: sagte
der Ritter; aber Verehrung gegen Euch wird mich allenthalben begleiten,
und Euer Wille wird immer mein Gesetz seyn. Er sagte das Erstere so,
als ob ihn dieser Entschluss etwas koste.

Die Lage, in der er Marien in den Grten von Medina zuerst gefunden,
hatte so etwas Romantisches; Mitleiden und Theilnehmung an ihrem
Schicksale hatten sich sogleich seines ganzen Herzens bemchtigt. Seine
Phantasie hatte nicht gezgert, sie, die er nur gehrt, nie gesehen
hatte, in einen Krper zu kleiden; sie hatte ihn freigebig mit allen
Reizen, die ihrer Silberstimme angemessen wren, ausgeschmckt. Er sah
sie jetzt; und sie war weit ber das Bild erhaben, das er sich von ihr
gemacht hatte. Die blhende Wange, das sanfte Auge, das weiche, wallende
Haar konnte er seinem Bilde geben; aber nicht jenen lebendigen Ausdruck
der Unschuld, der Treue, der kindlichen Zrtlichkeit, weil es ihm dazu
am Urbilde fehlte. Er sah sie jetzt, und sah sie in aller Freude des
Wiedersehens an den Busen derjenigen, die ihr das Theuerste auf der Welt
war, hingegossen; sah, wie sie in stummen Gefhlen an ihren Augen hing,
gleichsam um alle die geliebten Zge wieder zu sphen, und die alte
Vertraulichkeit mit ihnen zu erneuern. War es ein Wunder, dass seine
Seele von eben den Gefhlen ergriffen wurde, deren reizendsten Abdruck
er vor sich sah, und dass er sie mit der zu theilen wnschte, die ihm
zuerst das schnste Bild derselben darstellte?

Maria hatte den Unbekannten, der sich fr sie in Lebensgefahr strzte,
bedauert, und, wie sie gewissenhaft war, sich den Vorwurf gemacht, die
Ursache seines Todes zu seyn. Diese Empfindung allein hatte die Freude
ber ihre Errettung getrbt. Hier fand sie ihn unvermuthet wieder, an
dem Orte, der ihr der liebste auf der Erde war. Nun erst getraute sie
sich, sich ganz dem Gefhle, dass sie ihrer Pflegemutter wiedergegeben
sey, zu berlassen; und es ist mglich, dass die Freude ber seine
Gegenwart unvermerkt einigen Antheil an dem strkeren Ausdrucke ihrer
Zrtlichkeit gegen ihre Pflegemutter hatte; und dass sie, ohne es zu
wissen, einen Theil dessen, was sie bloss fr Clestinen zu empfinden
glaubte, fr Alfonso empfand.

Aber, kann ich, darf ich zurckkehren -- fuhr der Ritter fort -- ohne
Trost fr die Seele des armen Rinaldo gefunden zu haben? Ich hoffte doch
gewiss am heiligen Grabe --

Rinaldo? fiel Clestina ihm in die Rede. Wer ist dieser Rinaldo? was
wisst Ihr von ihm?

Alfonso erzhlte, was er von seinem gengsteten Geiste selbst an seiner
Gruft gehrt hatte; erzhlte die Bedingungen, unter welchen seine Qualen
enden sollten; Clestina hrte seine Erzhlung mit stummer Betrbniss,
und Maria mit Thrnen an.

O mchten sie enden, die Qualen der unglcklichen Seele! und vielleicht
sind sie schon grsstentheils geendet, sagte Clestina. Maria hat ihre
Leiden lngst beschlossen; sie war die Freundin, die mir hier starb; sie
ruht unter jenem Hgel. Das ist ihre und Rinaldo's Tochter. -- Ich habe
aufgehrt zu leiden. Ich habe die Wege der Vorsehung erkannt; sie waren
nichts als Gte. -- Ich bin Laura: Maria wollte mich nicht anders als
Clestina nennen; drum habt Ihr mich hier so nennen hren.

Und die letzte Bedingung seiner Erlsung -- sagte Alfonso -- mchte
doch auch sie erfllt werden! -- Ja, edle wrdige Frau, ich darf es Euch
sagen; -- ich habe nie geliebt; aber seitdem ich die Stimme dieses
holden Geschpfes gehrt, seitdem ich sie hier an Eurem Herzen gesehen
habe, -- entweder ich weiss nicht, was Liebe ist, oder ich liebe sie
ber Alles. Lasst mich -- o, Ihr seyd ja auch ihre Mutter, lasst mich
sie an meinem Arme an die Gruft ihres Vaters fhren; der Anblick wird
den Geist erlsen.

Maria verbarg ihr Gesicht an Laurens Busen. Ihr Herz schlug strker.

Fremdling, sagte Laura -- nehmt nicht etwa eine flchtige Rhrung, ein
mattes Wohlbehagen, einige sich unwillkrlich Euch aufdringende Wnsche
sogleich fr Liebe. -- Ihr habt nie geliebt, sagt Ihr; -- Euer Herz ist
unerfahren und leicht zu bewegen. Ihr habt dieses Kind im Leiden
gesehen, und habt gewnscht, habt Euch bemht, sie zu retten. Ihr seyd
durch den Antheil, den Ihr an ihr nahmt, in Gefahr gekommen. Das kettet
edle Seelen an den Gegenstand ihrer Grossmuth: aber diese Anhnglichkeit
ist noch nicht Liebe. Ihr habt sie hier in allen Rhrungen der
zrtlichen Tochter gesehen; das hat sich Euch mitgetheilt. Uebereilet
Euch nicht, edler Fremdling.

Grossmthige Frau, versetzte der Ritter, was ich fhle, fhl' ich so
wahr und so stark, dass ich fr die ewige Dauer desselben gut bin. Es
ist wie mit Flammenschrift in mein Herz geschrieben, dass diese Mein
seyn muss, dass sie Mir bestimmt ist, und dass ohne sie es kein Glck
mehr auf der Erde fr mich giebt.

Ich glaube Euch, edler Mann, sagte Laura: Ihr scheint wahr und gut; ich
glaube, dass Ihr mich nicht tuschen wollt: aber weder ich, noch selbst
Ihr knnt wissen, ob Ihr nicht vielleicht Euch selbst tuschet. Erwartet
es, bis Eure Empfindungen sich Euch selbst aufklren und entwickeln; und
kommt Ihr dann, und sagt noch eben das, so ist sie Euer.

Verzeiht, edle Frau, versetzte der Ritter: wie knnte ich in dem, was
ich so innig und so warm fhle, mich tuschen? Tusche ich mich
vielleicht auch, wenn ich mein Daseyn empfinde? -- Aber, ich soll
warten, soll Euch verlassen, in Lnder gehen, die weite Meere von Euch
trennen? Wie werde ich das ertragen?

Ihr sollt nicht allein gehen, sagte Laura. Dunkle Ahnung einer hheren
Glckseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem Grabe Rinaldo's zu seyn,
durchstrmt meine Seele. Ihr werdet mich und diese dahin begleiten, und
dann -- wenn Ihr dann noch so denkt, ist diese Euer.

Sie hatten keine langen Zubereitungen zur Abreise zu machen. Es waren
noch einige Juwelen von denen, die Maria bei ihrer Abreise aus Paris mit
sich genommen hatte, vorhanden. -- Htte ich glauben knnen, dass ihr
noch einst einen Werth fr mich haben wrdet? sagte Laura, als sie sie
zu sich nahm.

Sie zogen unbeschdigt durch Arabien und Palstina, und setzten sich zu
Damaskus auf ein Schiff. Ein gnstiger Wind leitete sie; sie landeten
bald an der europischen Kste.

In einer angenehmen Sommernacht kamen sie zu Rinaldo's Grabe. Ein
sanfter Wind suselte: Rosenduft erfllte die Lfte. Ruhe und Heiterkeit
im Gesichte, glnzend und verklrt entstieg der Geist seiner Gruft.

Sey mir gesegnet, Alfonso! sagte er; du hast dein heiliges Gelbde
gehalten. Du bist seiner werth, meine Tochter. In heiligeren Gefilden
sehen wir uns wieder. -- Deine unglckliche Mutter hat ihre Leiden
beschlossen; ihr Leib ruht weit von dem meinigen, aber ihr Geist ist bei
mir: und du, meine Laura, wirst sie bald beschliessen.

Der Geist verschwand. Laura sank in ssser Wehmuth auf das Grab, und
schlummerte in ein besseres Leben hinber.

Sanfte Trauer erfllte Mariens und Alfonso's Seele. Die Klagen ber den
Verlust der Glckseligen wurden ihnen sss.

Sie lebten in diesen Gegenden das Leben der Zrtlichkeit und der Liebe.
Jeder Unglckliche segnete ihr Haus; es war Zuflucht jedes Hlfslosen.

Am fnfzigsten Gedchtnisstage ihrer Vermhlung, nachdem sie schon die
Kinder ihrer Enkel zu ihren Fssen hatten spielen sehen, sassen sie in
stummer Zrtlichkeit auf der Gruft, und das Andenken der Begebenheiten
ihres Lebens ging vor ihrer Seele vorber. Ein sanfter Schauer berfiel
sie, sie umarmten sich, und ihre Seelen gingen vereint in das Vaterland
der Liebe.

Die Hirten fanden sie erstarrt auf dem Grabe liegen, und begruben sie
nebeneinander, da, wo sie lagen. Rosenstcke und Vergissmeinnicht und
Tausendschn entsprossten dem Boden um das Grab herum und blhten.
Ahnungen von Wiedersehen der Freunde erfllten die Seelen der Hirten.
Ihren Augen enttrpfelten Thrnen. Sie gingen, und als sie hinter sich
sahen, sahen sie fnf Flmmchen auf dem Grabe blinken. Hinter ihnen
schloss sich das Thal. Sie hatten den Weg dahin nicht wieder gefunden.
Sie nannten es das Thal der Liebenden.




                                  B.
                          Kleinere Gedichte.


                               Idylle.

   (Musenalmanach von A. W. Schlegel und L. Tieck, Tbingen 1802, S.
                                170.)

   Was regst du, mein Wein, in dem Fass dich?
   Es brachten die Lfte mir Kunde
   Von der Inbrunst meines Erzeugers,
   Das regte das Inn're mir auf!

   Ich mchte die Bande zersprengen,
   Die von ihm ferne mich halten,
   Und zerfliessen und in den Dften
   Zusammenstrmen mit ihm!

   So bringen heimliche Stimmen
   Der Geister Psychen die Kunde
   Von der unendlichen Liebe
   Im Unendlichen, ihrem Erzeuger;

   Und es dehnet sich ihr das Herz aus
   In unbeschreiblicher Wehmuth,
   In unaussprechlicher Sehnsucht,
   Bis die irdische Hlle zerreisst.


                               Sonette.


                                  1.

      Wenn dir das inn're Gtterwort wird spruchlos,
   Verblasset auch die ussere Versprung,
   Was dich umgiebt, verlieret die Verzierung,
   Was von dir ausgeht, wird nur schnd' und ruchlos.

      Die Blthe deines Lebens steht geruchlos,
   Was andre leitet, das wird dir Verfhrung;
   Denn du bist ausserhalb des Alls Berhrung,
   Darum wird dir der uss're Laut auch spruchlos.

      Das innen Todte glnze noch so scheinsam,
   Doch treibt dich fort zu ungemess'ner Wehmuth,
   Die unaufhaltsam schon dich griff, die Brandung. --

      Drum bleib' ich in mir selber still und einsam
   Und pflege fort mit kindergleicher Demuth
   Das Unterpfand der einst'gen frohen Landung.


                                  2.

      Was meinem Auge diese Kraft gegeben,
   Dass alle Misgestalt ihm ist zerronnen,
   Dass ihm die Nchte werden heitre Sonnen,
   Unordnung Ordnung, und Verwesung Leben?

      Was durch der Zeit, des Raums verworr'nes Weben
   Mich sicher leitet hin zum ew'gen Bronnen
   Des Schnen, Wahren, Guten und der Wonnen,
   Und drin vernichtend eintaucht all' mein Streben? --

      Das ist's. Seit in Urania's Aug', die tiefe
   Sich selber klare, blaue, stille, reine
   Lichtflamm', ich selber still hineingesehen;

      Seitdem ruht dieses Aug' mir in der Tiefe
   Und ^ist^ in meinem Seyn, -- das ewig Eine,
   ^Lebt^ mir im Leben, ^sieht^ in meinem Sehen.


                                  3.

      Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben;
   Du weissest, ich mit dir weiss im Verein;
   Doch wie vermchte Wissen dazuseyn,
   Wenn es nicht Wissen wr' von Gottes Leben!

      Wie gern' ach! wollt' ich diesem hin mich geben,
   Allein wo find' ich's? Fliesst es irgend ein
   In's Wissen, so verwandelt's sich in Schein,
   Mit ihm vermischt, mit seiner Hll' umgeben.

      Gar klar die Hlle sich vor dir erhebet,
   Dein Ich ist sie; es sterbe, was vernichtbar,
   Und fortan lebt nur Gott in deinem Streben.

      Durchschaue, was dies Streben berlebet,
   So wird die Hlle dir als Hlle sichtbar,
   Und unverschleiert siehst du gttlich' Leben!


             Vorbereitung zur gemeinschaftlichen Andacht.

                             Die Gemeine.

   Mde von des Lebens Leiden,
   Mder von des Lebens Freuden,
   Flchten wir in eure Stille,
   Ob uns hier Erquickung quille.
   Frohseyn ist uns nie gelungen,
   Wie wir eifrig auch gerungen,
   Und wir sind des Treibens mde,
   Suchen Ruhe, wnschen Friede.

                             Die Pfleger.

   Kommt Belad'ne zur Erquickung,
   Kommt Erschpfte zur Entzckung!
   Neue Strke soll die Matten
   Ueberschwnglich berschatten;
   Nur dass draussen ihr versenken
   Wollet euer Thun und Denken,
   Abthun euer altes Streben,
   Sterben ab dem eig'nen Leben.

                             Die Gemeine.

   Und was habt ihr uns zu geben,
   Zum Ersatz fr unser Leben?

                             Die Pfleger.

   Solch' ein Leben, das gegrndet
   In sich selber, nimmer schwindet,
   Nimmer wandelt, selbst sich gnget.
   Dieses hier euch offen lieget.
   Aber nur von euch geschieden
   Geht ihr ein in seinen Frieden!


                        Dem 15. Mrz 1810.[41]

      Du edler Keim, der aus der kalten Erde
   Sich unaufhaltsam in das Lichtreich drngte,
   Du sinn'ge Blume, die, die Sonne fhlend,
   Mit allen Regungen nach ihr sich wandte:

      Wir streben beide, doch in anderm Sinne
   Jedwedes, liebend nach demselben Ziele,
   Und mehr als andres, eint uns dieses Streben,
   Und weiht mich dir mit inniger Ergebung.

      Nimm diese Frchte, die dasselbe Streben,
   Auf dir verschwistertem Stamme hat getrieben!
   Vielleicht, dass auch aus uns'rer Lieb' ein Zweig entsteht,
   Der einstens zeug' von unsrer hhern Liebe.


                              Philomele.

   Meine Stimme von Staub spricht dich gefllig an?
   Aber mchtest du erst hren der Sphren Klang!
      Ich zwar sing' in dem Chore gezwungen und gerne. Das Ganze
      Fasset allein der sinnige Mensch.

   Jenseit des Aethers strm' eine Quelle
   Des Tones, der Schnheit, -- diese sind Eins, --
      Also lehrete mich mein Meister,
      Selber er tonlos, doch schlgt er den Tact!

[Funote 41: Der Gattin zum Geburtstage, mit dem Geschenke von
Klopstocks Werken, des Oheims derselben.]


                       Prolog zur Vesta.[42]

                            (Ungedruckt.)

                  Die Herausgeber, ein Prnumerant.

                           Die Herausgeber.

   Euer Edlen sind, hren wir, ein braver Mann,
   Nehmen sich auch der leidenden Menschheit an;
   So kommen wir denn von gleichem Triebe
   Beseelt und bitten Sie um die Liebe,
   Dass Sie doch mchten prnumeriren
   Ein Thaler quartaliter auf ein Journal:
   Wir werden's Vesta nennen zumal,
   Womit wir nchstens die Welt wollen zieren.

                           Der Prnumerant.

   Ihr Journal und die Menschheit in Leiden,
   Wie hngen denn zusammen die beiden?

                           Die Herausgeber.

   Die Armen sollen haben ohne Verdruss
   Von unserm Gewinne den Ueberschuss!

                           Der Prnumerant.

   Ich verstehe! -- Doch nach welchem Plan oder Geist
   Werden Sie denn schreiben allermeist?
   Nach welchem whlen die Genossen?

                           Die Herausgeber.

   Nach keinem: -- Keiner ist ausgeschlossen,
   Und jeder Freund der Wahrheit, Anmuth und Kraft
   Ist uns willkommen -- sofern er uns was schafft!

                           Der Prnumerant.

   Ich verstehe ganz: -- ein Allerlei
   Von Sauer und Sss mit Faon dabei!
   Die Herren, so denk' ich mir's, jucket der Kitzel
   Gedruckt zu sehen ihre Papierschnitzel.
   Kein Verleger mag sie; fr eigenes Geld
   Sich drucken zu lassen ihnen auch nicht gefllt.
   Da muss die Noth helfen aus der Noth:
   Nun knnen sie eher, ohne zu werden roth,
   Antragen auf Prnumeration,
   Und den Willigen wnschen ein Gotteslohn!
   Wer auch ihres Schreibsels nicht begehrt,
   Denkt, es sey den Armen ein Almosen beschert.
   Kann's leiden, dass man das Heft mir bringt;
   Niemand ist ja, der's zu lesen zwingt.
   Indess stehen die Herrn schon schwarz auf weiss,
   Mehr wollten sie nicht und sie haben ihren Preis.
   Drum genug, ihr Herrn! Hier ist mein Thaler,
   Wnsch' Ihnen recht viele und reichliche Zahler,
   Damit Ihre geistige Armuth und Noth
   Den leiblich Armen schaff' ein Stck Brot!

[Funote 42: Zeitschrift, erschienen zu Knigsberg 1807.]

                           Die Herausgeber.

   So muss man es durchaus nicht anseh'n,
   Obwohl wir selber, wie uns gescheh'n
   Nicht recht zu wissen gern bekennen.
   Wir wollen fr hohe Zwecke entbrennen,
   Eingreifen gewaltig in's Rad der Zeit,
   Dem Bedrfniss, dem Niemand Hlfe beut,
   Auch keiner als wir es kennt, reichen die Hand!

                           Der Prnumerant.

   Ei sieh, Ihr seyd wohl gar auch arrogant?

                           Die Herausgeber.

   Das wollen wir hoffen; -- dies gilt bei den Leuten,
   Succurs und Beifall sich zu bereiten!
   Drum darf auch die Zeitschrift sich nicht schmen,
   Irgend ein Erhab'nes zum Vorwand zu nehmen.
      Wer fr den Staat auch nicht die Waffen trgt,
      Der ist durch heil'ge Brgerpflicht bewegt,
      Dass er ableite des Volkes Aufmerksamkeit
      Von dem die Kriege begleitenden Leid,
      Damit er dessen Blicke wende
      Von dem unvermeidlichen Kriegselende.

                           Der Prnumerant.

   Elend nur sieht und er nur sieht das Elend,
   Wer selber elend ist im Innersten;
   Denn seiner Leere, seines tiefen Grams,
   Seiner Zerrttung Bild steigt aus dem Herzen
   In's Aug' empor und lagert ihm sich hin
   Ueber der Dinge breite Oberflche;
   Sie geben stets ihm nur ihn selbst zurck!
   So auch wer in sich klar und mit sich Eins ist,
   Er bleibt gewiss der ew'gen Harmonie
   Im trben, wildverschlungenen Gewirre
   Ird'scher Erscheinung; und ihm leuchtet hell
   Im Jammer selbst die immer nahe Hlfe! -- --

                  Ein Herausgeber (ihm nachsehend).

   Der Mensch ist ein seltsam Kunstproduct,
   Vorweltlich, in alt ogygischem Stil!

                             Der andere.

   Sey ruhig, Herr Bruder, wir sind ja gedruckt;
   Das Andre bedeutet uns nicht so viel!
   Und wo wr' Etwas von eigenem Werth,
   Wogegen sich nicht die Misgunst kehrt?

                                Beide.

   Das ist der plausibelste Trost in der Welt,
   Dass man stets sich selber am Besten gefllt!


                       Am 18. Januar 1812.[43]

   Ehrwrd'ge deutsche christliche Gesellschaft,
   Edle, biedere Tischgenossenschaft!
   Indem ich, als bestellt zum Sprechen,
   Zum erstenmale das Schweigen will brechen,
   Bitt' ich, dass man es gnstig verspre,
   Wenn ich im Knittelvers haranguire;
   Denn eingefasst von Rindfleisch und Braten
   Drfte die Prosa zu vornehm gerathen!

                   *       *       *       *       *

   Zuvrderst sollt' ich mit zierlichen Worten,
   Wie es gebruchlich aller Orten,
   Mit Bezeugung schuldiger Devotion
   Ihnen danken fr die Decoration,
   Die Sie durch dieses Amt mir verlieh'n.
   Doch: danke durch Thaten, spricht deutscher Sinn!

      Wie hoch ich es schtze im Herzensgrunde,
   Mit Ihnen zu bleiben im freundlichen Bunde,
   Und allen Ihren Wunsch und Willen
   Auch meinerseits gern mag erfllen:
   Beweise, dass mit Herzlichkeit
   Ich Ihrem Wunsche mich geweiht;
   Beweise, wie ich die Geschfte,
   So lang's verstatten meine Krfte
   Und meine sonst besetzte Zeit,
   Werd' immer fhren mit Heiterkeit.
   Was Sie an Gelde mir werden geben,
   Das werd' ich sorgfltig aufheben
   Und treulich bewahren und verwalten.
   Auch ber die Gesetze will ich halten,
   Ohn' alles Anseh'n der Person.
   Zeigt gute Laune sich oder Liederton,
   Will ich, so gut ich kann, mitsingen.
   Auch die Gesundheiten will ich ausbringen;
   Und erscheint einst der festliche Pokal,
   Geziert mit dem Juden Simson zumal,
   So werd' ich um weitere Vorschrift bitten,
   Und diese sey nie berschritten.

[Funote 43: Ueber die Veranlassung zu dieser Rede in Versen hat ihr
Einsender uns zugleich Folgendes mitgetheilt: A. v. Arnim hatte in
Berlin eine christlich deutsche Gesellschaft errichtet, deren Vorsitz
Fichte an jenem Tage bernahm. Bei dieser Veranlassung hielt er einen
Vortrag in Knittelversen, welcher damals ungemein ansprach und auch, wie
ich bestimmt weiss, noch jetzt in Ehren gehalten wird. Da ich das
Tagblatt besitze, worin dieser Vortrag aufgeschrieben ist, so macht es
mir ein grosses Vergngen, Ihnen denselben mittheilen zu knnen.]

                   *       *       *       *       *

   Im Uebrigen kann ich von meinem Sprechen
   In voraus eben nicht viel versprechen.
   Zum Beispiel: Witzig zu seyn aus heiler Haut
   Ist ein Talent, nicht Jedem anvertraut;
   So selten fast als reine Vernunft, ist reiner Witz,
   Und beide, denk' ich, sind gleich viel ntz'.
   Wer witzig ist, ist's ber Was und nebenbei,
   Denn Witz ist ja nicht Gold, noch Silber, noch Zinn, noch Blei,
   Sondern von Allem nur die Faon!

      So Jemand den Witz recht wollte pflegen und nhren,
   Der msst' ihm nur reichlichen Stoff gewhren
   Durch tolle Streich' und Narrheiten viel,
   Und nur ihn treiben lassen sein Spiel,
   Und ja sich hten, was bel zu nehmen.
   Zu dem Ersten wird die ehrbare Gesellschaft sich nie bequemen;
   So muss sie denn eben ohne Witz vorlieb nehmen!

      Zudem sind die bisherigen Stoffe verbraucht;
   Nicht Jude, nicht Philister mehr taugt,
   Um an ihnen zu finden ein Krn'chen Spass,
   Das nicht schon einigemale dawas! --
   Auch will es in der That was bedeuten,
   Ueber dergleichen zu spotten vor Leuten,
   Dass der Spott nicht auf uns selbst sitzen bleibe.
   Den Juden schiebt man sich wohl noch vom Leibe,
   Man ist nicht beschnitten; -- ^ergo^ ist man keiner.
   Mit dem Philister ist die Sache schon feiner.
   Streng genommen, Keiner sich durchschaut,
   So lang er steckt in der sndigen Haut,
   In Unschuld Keiner soll waschen die Hnde,
   Wie Keiner selig ist vor seinem Ende!
   Ob wir durchaus nicht Philister waren,
   Werden wir im ewigen Leben erfahren.
   Doch es giebt auch fr sterbliche Augen
   Kennzeichen, die zur Prfung taugen,
   Dass man sich orientiren kann.
   Das Eine geb' ich im Gleichniss an.

      Es geschieht wohl, dass Einer trume, er wache,
   Und sich's versichre, und glaublich mache,
   Und ist doch gerade dies sein Traum!
   Wer wirklich wacht, kurzum der wacht,
   Und ist nicht weiter auf's Wachen bedacht.
   So, wer in der That nicht Philister ist,
   Der denket dessen zu keiner Frist;
   Ohne seinen Dank und Willen, und schlechtweg er's nicht ist.
   Wer aber sich's hin und her beweist
   Und Gott am Morgen und Abend preist,
   Dass er nicht ist, wie andre Leut,
   Ist vom Philisterthum nicht weit;
   Ja ihm sitzt die Philisterei
   Gerade im Denken, dass er's nicht sey!

      Da dieses sich so weit erstreckt
   Und bringen kann gar schlimmen Ruhm,
   So bleibt vor mir wohl ungeneckt
   So Juden- wie Philisterthum!

                   *       *       *       *       *

   Doch reinige sich der Gedanke,
   Der ber Niedrem schwebte,
   Um mit dem Hhern ganz sich auszufllen!
   Fllet die Glser! --
   Es lebe die Krone,
   Sie steig' auf in der alten Pracht,
   Ausgerstet mit der alten Kraft,
   Umgeben von der alten Treue!




                                  C.
        Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und
                            Italinischen.


                      Aus Camoens' Lusiade.[44]


                        Gesang 3, Stanze 118.

   Alfonso kehrt, nach dieses Sieges Glcke,
   Hinwieder zu des Tajo schnem Becken;
   Dass auch der Fried' ihn mit den Krnzen schmcke,
   Womit die Schlachten ihn so reich bedecken:
   O welch erbarmungswrdiges Geschicke,
   Das Todte knnt aus ihren Grbern wecken,
   Trifft da die arme, zarte Dulderin,
   Die erst getdtet ward, dann Knigin!

   Allein durch dich, durch dein allmchtig Sehnen,
   O reine Lieb', erstarb der Zeiten Zierde,
   Als drftest du sie deine Feindin whnen,
   Die treue, der dein schnster Lohn gebhrte.
   Wohl sagt man, Amor, dass durch bittre Thrnen
   Gestillt nicht werde deine grimme Gierde;
   Soll Menschenblut nun strmen vom Altare
   Zur sssen Augenweide dir, Barbare?

[Funote 44: Zuerst abgedruckt im Pantheon, Zeitschrift fr
Wissenschaft und Kunst, von Bsching und Kannegiesser. Berlin, 1810. I.
Bd. 1. Heft. Seite 1-8.]

   Man sah dir hold der Jahre Lenz verfliessen,
   In jene Seelenruh warst du versenket,
   Ignes, und in den Wahn, den blinden, sssen,
   Den keinem noch auf lang das Glck geschenket,
   In des Mondego angenehmen Wiesen,
   Den deiner schnen Augen Born getrnket,
   Den Bergen lehrend, und der Flur den lieben
   Namen, der tief dir in die Brust geschrieben.

   Auch deines Prinzen Regungen vergalten
   Dein Sehnen wohl mit seelenvollem Danken;
   Dein Bild sie fest vor seinen Augen halten,
   Wenn er verbannt aus deiner Blicke Schranken:
   Des Nachts ihn tuschen ssse Traumgestalten,
   Des Tags entrcken ihn zu dir Gedanken,
   Und was er sinnt, und was er sieht im Innern,
   Ist alles nur Ein wonnevoll Erinnern.

   So vieler Frstentchter, schner Frauen
   Bewerben hat bei ihm das Ziel verfehlet;
   Wie denn auf andres pflegt herabzuschauen
   Wess Herz die Eine, traute, hat erwhlet.
   Der alte Vater blickt mit stillem Grauen
   Auf die Verirrung dieser Lieb', ihn qulet
   Des Volkes Murren und das Widerstreben
   Des Sohns, sich in der Ehe Band zu geben.

   Und so beschliesst er denn in argem Muthe
   Ignes dem sssen Lichte zu entrcken.
   Es knne nur in frech vergoss'nem Blute,
   So meint er, solcher Liebe Brand ersticken.
   War's Wahnsinn, der ihn trieb, sein Schwert, das gute,
   Das Schrecken sende nur der Feinde Blicken,
   Vor dem der Mauren Wuth gemusst erbeben,
   Gegen ein zartes Frulein zu erheben?

   Zu ihm, dess Herz wohl mchte sich vershnen,
   Wird sie geschleppt von wilden Ungeheuern,
   Und es gelingt den mordbegier'gen Tnen
   Des Pbels, seinen Zorn neu anzufeuern.
   Sie aber -- flehend und mit bangem Sthnen,
   Erpresst von Mitleid bloss mit ihrem Theuern
   Und mit den Kindern, die sie unterm Herzen
   Ihm trug, die mehr denn eigner Tod sie schmerzen;

   Die Augen hebend zu des Himmels Milde
   Aus denen eine grosse Zhre rollte,
   (Die Augen, denn die Hnde hielt der wilde
   Mordknecht, der sie in Fesseln schlagen wollte)
   Dann nieder auf der Kinder zarte Bilde
   Sie senkend, die sie jetzt verlassen sollte
   Verwaiset, einsam, ohne Schutz und Rather --
   Spricht also an den grausamen Grossvater:

   Wenn wilde Thiere, deren Sinn zum Hassen
   Natur bestimmt, und Eis um sie geschlagen,
   Der Wste Vgel, die, um Raub zu fassen
   Und anders nicht, den Flug in Wolken wagen,
   Mit kleinen Kindern, die sie seh'n verlassen,
   Solch zrtlich Mitleid und Erbarmen tragen,
   Wie man an Ninus Mutter hat geschauet,
   Und an den Brdern, welche Rom erbauet;

   So trag auch du, dess Herz durchstrmt vom warmen
   Menschlichen Blute schlgt (falls es zu nennen
   Menschlich, den Tod zu geben einer Armen,
   Bloss weil ihr Herz in Liebe musst' entbrennen),
   Trage mit diesen Kleinen das Erbarmen,
   Das man in meinem Urtheil muss verkennen.
   Mg' ihre Noth Mitleid in dir erregen,
   Da meine Unschuld dich nicht kann bewegen!

   Und wie du wusstest einst mit Schwert und Feuer
   Den Tod zu senden in der Mauren Reihen,
   Sey jetzt vom Tode gndiglich Befreier
   Der Schwachen, die du keiner Schuld kannst zeihen.
   Falls aber Unschuld bssen soll so theuer,
   Verweis auf ewig mich in Wsteneien,
   In Libyens Gluth, in Scythiens kalte Schauer,
   Wo ich mein Leben enden mg' in Trauer.

   Lass mich, wo alle Schrecken sich erheben,
   Hin in der Lwen und der Tiger Erbe,
   Dass ich, was Menschenherz nicht mochte geben,
   Erbarmen dort und Mitleid mir erwerbe.
   Dort will ich pflegen, innig hingegeben
   In's Angedenken dess, fr den ich sterbe,
   Der nachgelass'nen Pfnder theure Gabe,
   Zu der leidvollen Mutter einziger Labe.

   Der Knig sinnt schon drauf, sie zu befreien,
   Ob ihrer Worte, die ihn tief bewegen;
   Das strr'ge Volk nur will ihr nicht verzeihen,
   Noch ihre Sterne, die nicht brachten Segen.
   Die, welche glauben, dass die That Gedeihen
   Dem Reiche bringe, ziehen scharfe Degen,
   Gegen ein Frulein. Herz, schwarz und bitter,
   Ihr zeiget euch als Henker, nicht als Ritter!

   Wie gegen Priams Tochter, Polyxene,
   Aus der der Mutter letzte Freuden quellen,
   Damit Achilles Schatten sich vershne,
   Man Pyrrhus sahe sich gerstet stellen;
   Sie aber ihre jungfruliche Schne --
   Die Augen, welche wohl die Trb' erhellen,
   Hin auf die Mutter, die vor Schmerzen wthet,
   Gerichtet, -- zum Shnopfer willig bietet:

   So gegen Sie, die Wthenden; die Auen,
   Aus denen Liebe sieht mit hellen Blicken,
   In jedes Auge, das sie mag erschauen,
   Sanftheit und Milde strahlend und Entzcken,
   Und ihre sssen Blumen, die getrauen
   Sie sich mit Blutesstrmen zu ersticken,
   Grimmig erbos't die Schwerter drein versenkend,
   Der Rache, die herannaht, nicht gedenkend.

   O hohe Sonne, hat dein Strahl genommen
   Von des Entsetzens That wohl Blick und Kunde?
   Ist er nicht auch denselben Tag verglommen,
   Wie in Thyestes Gastmahls Gruelstunde?
   Ihr hohlen Thler, die ihr da vernommen
   Das letzte Wort aus dem erblassten Munde,
   Noch lange hallte fort in euerm Laute
   Der Name Pedro, den sie euch vertraute.

   Wie einer Blume, so in Zier getauchet,
   Dass sie der Schmuck war auf den blh'nden Heiden,
   Wenn sie gebrochen und zum Kranz verbrauchet,
   Der rohen Hand Betastung musst' erleiden,
   Der Schmelz vergeht, der ssse Duft verhauchet:
   So ist das Frulein nach dem bittern Scheiden;
   Der Lippen Ros' erblasset, es entschweben
   Die lichten Farben mit dem sssen Leben.

   Der That zum ewigen Andenken kehren
   Mondego's Tchter, die sie lange klagen,
   In einen Quell die da geweinten Zhren,
   Und geben ihm den Namen, den er tragen
   Auf alle Zeiten soll: noch jetzo nhren
   Wo Ignes lebt und liebt in ihren Tagen,
   Von einem Quelle sich der Blumen Triebe,
   Dess Wasser Zhren sind, der Name: Liebe.


                         Aus dem Spanischen.


                              Madrigal.

   Ihr Augen, hell und reine,
   Da eure sssen Blicke preist die Menge,
   Warum, wenn ihr mich anschaut, blickt ihr strenge?
   Wenn ihr, je mehr voll Hulden,
   So mehr die Welt erfreut mit heitrem Scheine,
   Warum blickt ihr mit Zorn auf mich alleine?
   Ihr Augen, hell und reine,
   Erscheint mir nur, sey's auch mit solchem Scheine!


                            Aus Cervantes.


            Amadis von Gallia an Don Quixote de la Mancha.

      Du, der nachahmtest jenes Thrnenleben,
   Das auf des Armuthfelsens schroffer Kante
   Ich fhrte, da Verschmhung mich verbannte
   Von Freuden, mich der Busse zu ergeben;

      Du, dem vom Auge Fluthen man sah beben,
   Dass ihm der Salztrank schier das Herz abbrannte,
   Dem, als ihn Silber, Kupfer, Zinn schon nannte,
   Die Erd' auf Erde drft'ges Mahl gegeben:

      Sey sicher, dass in alle Ewigkeiten,
   Mindstens so lang', als in der vierten Sphre
   Der feuerrothe Phbus treibt die Pferde,

      Den Preis der Tapfern keiner dir bestreiten,
   Dein Vaterland vor allen seyn das hehre,
   Dein weiser Meister einzig bleiben werde!


                Don Belianis von Grcia an denselben.

      Mehr als ein Ritter auf dem Erdenrunde
   Tht ich in Handeln, Sprechen, Stechen, Hauen,
   Ob meiner Thatkraft all' erfasst' ein Grauen,
   All' Unbill rchend, die mir kam zur Kunde.

      Ich gab Grossthaten Fama's ew'gem Munde,
   Ich war galant, ich war beliebt bei Frauen;
   Wie Zwerglein tht ich alle Riesen schauen,
   Zu Kampf und Streit bereit in jeder Stunde.

      Fortuna lag zu meinem Fuss geschmieget,
   Das Glck stand meiner Weisheit treu ergeben,
   Wie eine gute Magd, stets zu Gebote.

      Ob nun mein Ruhm des Monds Horn berflieget,
   Ob auch noch nichts mir hat getrbt das Leben,
   Neid' ich doch dich, du grosser Held Quixote!


                        Petrarca's Sonnet 36.

      Sie tritt mir vor's Gemth -- vielmehr ist drinne,
   Dass Lethe nicht vermag sie wegzuheben, --
   Wie sie von ihres Sterns Strahlen umgeben,
   Im Lenz des Lebens trat mir vor die Sinne;

      Dass ersten Blickes ich ein Bild gewinne
   Von ihr, so sittig, still und gottergeben,
   Dass ich, sie ist's, mir sage, ist am Leben,
   Und Frag' an sie und hold Gesprch beginne.

      Bald giebt sie Antwort, schweigt auch wohl, dann siehe,
   Wie man halb wacht im Traum, der Irrthum webte,
   Sag ich meinem Gemth: Du bist im Fehle;

      Tausend, dreihundert, acht und vierzig, frhe
   Ein Uhr, den sechsten des Aprils, entschwebte
   Dem sssen Leibe ja die sel'ge Seele.


              Gedruckt bei Julius Sittenfeld in Berlin.









                      Nachtrag zum ersten Bande.


S. 95 Zeile 5 von oben ist nach den Worten: denn er ist gleich dem
Satze X, als Note unter dem Texte aus der 2. Auflage der
Wissenschaftslehre folgender Zusatz hinzuzufgen:

D. h. ganz populr ausgedrckt: Ich, das in der Stelle des Prdicats A
setzende, ^dem^ zufolge, ^dass es in der des Subjects gesetzt wurde^,
weiss nothwendig von meinem Subjectsetzen, also von mir selbst, schaue
wiederum mich selbst an, bin mir dasselbe. (Anmerk. * * zur 2.
Ausgabe.)

Zu bemerken ist noch, dass die S. 91, 95 und 98 hinzugefgten Zustze
der 2. Ausgabe ^nur^ in der zweiten verbesserten Ausgabe, Jena und
Leipzig bei Gabler 1802, nicht in der bei Cotta erschienenen
unvernderten, sich finden.




                   Druckfehler im siebenten Bande.


   S.  520,  Z.  2 v. u.  statt  jener Zeitalter l. jenes Zeitalters.
   -   527,  -   6 v. o.    -    erfolge l. erfolgte.




                              Nachtrag.


   (Aus dem in ^Friedr. Schiller's Nachlass^ nach bereits beendetem
        Abdrucke dieses Bandes aufgefundenen Originaltexte der
                             Abhandlung.)




     Zur Abhandlung: Geist und Buchstab S. 284. Z. 7. nach dem
                                Worte:
                              ^wollen^.


[Funote 45: Durch diesen Wink soll nicht etwa dem ^intelligibeln
Fatalismus^ das Wort geredet werden. Zwar wird der Wille allemal durch
die fr das Subject in seiner gegenwrtigen Stimmung berwiegenden
Grnde bestimmt; aber dass ^diese^ Grnde berwiegen und nicht die
entgegengesetzten, und dass das Subject gerade in dieser Stimmung ist
und in keiner anderen, davon liegt der Grund in der absoluten
Selbstthtigkeit. Diese ist es, welche das entscheidende Uebergewicht in
die Wagschale legt durch freie Reflexion und Abstraction in dem
absoluten Anfange eines jeden innern Lebensactes, der von da aus durch
die mannigfaltigen Geschfte des menschlichen Geistes hindurch
nothwendigen Gesetzen folgt. Der Trieb treibt den Menschen nicht
unwiderstehlich, wie etwa die Elasticitt materieller Krper; denn es
ist ein Trieb, gerichtet an ein selbststndiges Wesen. Es bedarf der
Reflexion auf seine Richtung; diese Reflexion ist der Anfangspunct des
fortgehenden steten Fadens, und von dem Grunde, ob berhaupt reflectirt
wird oder nicht, und davon, wie reflectirt wird, ob auf die vollstndige
Anregung oder nur auf einen Theil derselben, hngt es ab, wie die
Willensbestimmung ausfalle. Also: der Wille ist nicht frei, aber ^der
Mensch ist frei^. Alle seine Vermgen hngen innigst zusammen, und
greifen bei dem Handeln gesetzmssig in einander ein; und nur daraus,
dass man fr wirklich zersplittert hielt, was nur willkrlich und zum
Behufe der Speculation zertheilt wurde, entstanden Theorien, die
entweder dem natrlichen Gefhle oder dem Rsonnement, oder richtiger
beiden zugleich widersprechen. Nicht bloss -- so hart diese Behauptung
auch Manchem vorkommen mag -- nicht bloss die Willensbestimmung des
empirischen Individuums, sondern sein gesammter innerer Charakter, seine
Vorstellungs- und Begehrungsweise, woran er Vergngen oder Misvergngen
finde sogar, hngt von eines Jeden Selbstthtigkeit ab. Man bertrug die
durch das Selbstgefhl angekndigte Freiheit zuerst auf den Willen, weil
dieser jeden innern Lebensact abschliesst und vollendet, und weil
derselbe von ihm aus sogleich in die Aussenwelt bergeht, mithin auf
diesem Grenzpuncte zuerst die Verschiedenheit des freien Subjects und
des gebundenen Objects bemerkt wurde. Aber gerade darum, weil er die
angefhrte Stelle in der Reihe der Geistesgeschfte einnimmt, ist der
Wille am wenigsten frei, denn er ist durch das mehrste Vorhergehende
bestimmt. Mit dem Willen fngt der Mensch einen neuen Zustand in der
Sinnenwelt an; man folgerte, dass er mit demselben Willen auch den
nothwendig vorauszusetzenden neuen Zustand in sich selbst anfinge; aber
diese Folgerung ist unrichtig, und sie war zugleich unwahrscheinlich.
--]




                   Dritter Brief. (S. 291.) Anfang.


[Funote 46: Dem Nachbar, dem Sie meinen vorigen Brief mitgetheilt
haben, ist in dem ganzen Zusammenhange desselben nur dasjenige
aufgefallen -- melden Sie mir, -- was ich ber die Hindernisse sagte,
welche der Mangel an usserer Freiheit der sthetischen Bildung in den
Weg stellte; er hat geeilt, die Anwendung davon auf sein Zeitalter und
sein Vaterland zu machen, und wer weiss welche gefhrliche Einflssungen
in meinen Worten gefunden. Ich will mich nun seiner Besorgnisse wegen
noch deutlicher erklren.

In den von Germanen abstammenden Verfassungen Europens -- in den
slawischen weit weniger; aber bin ich denn verbunden, auch auf diese
Rcksicht zu nehmen, oder wenn ich in Deutschland schreibe, zu sorgen,
dass meine Ausdrcke nicht gegen den Kaiser von Marokko oder den Dei von
Algier verstossen? -- in den germanischen Verfassungen also hat es sich
so gefgt, dass von Zeit zu Zeit Einzelne von den Unterdrckten unter
der Last sich aufrichteten, Einzelne aus den unterdrckenden Stnden,
durch Zufall oder durch freie Wahl, ihr Gewicht verloren oder aufgaben,
und beide in einen glcklichen Mittelstand zusammenflossen; dadurch das
Loos der Unterdrckten erleichterten, indem sie ihnen den Raum weiter
machten, und auch die Sorgen der Unterdrcker mssigten, indem die Zahl
derer, die sie zu bewachen hatten, sich verminderte. Hierdurch wurde
denn auch die sonst unvermeidliche Progression der Sklaverei verhindert
und die Sachen konnten vermittelst des entstandenen Spielraums mehr in
der gleichen Lage bleiben, wie sie es denn auch, einzelne Zwischenzeiten
abgerechnet, denen aber bald gnstigere folgten, in der That geblieben
sind. Aus jenem Mittelstande nun muss und wird sich alles Heil
entwickeln, das noch ber die Menschheit kommen soll. Jeder, den das
Glck in diesen schnen Stand setzte, kehre daher nur sein Auge in sich
selbst, ehe er es nach aussen wendet; er mache sich selbst frei, ehe er
Andere befreien wolle; er erhebe sich zu der Denkart, die auf ihr selber
ruhend, ihr selbst getreu und in sich ganz gerundet, ber zeitliche
Zwecke und irdische Befrchtungen sich erhebt, und nun lasse er den
lebendigen Ausdruck dieser Denkart in Wort und Wandel auf seine
Zeitgenossen wirken, wie er kann; und berlasse es der allmchtigen
Natur, vor der Jahrtausende sind wie ein Tag, die Saat, die er streut,
zu entwickeln und zu reifen. Wer diesen Geist nicht hat, der will weder
sich, noch Andere befreien, sondern er will die Gewalthaber strzen, um
selbst an ihre Stelle zu treten, sey's auch unter der Form der Freiheit;
er will nur die Gestalt der Knechtschaft verndern, -- er drohe nun
offenbar den Tyrannen, oder er krieche an ihren Stufen, um einen Theil
ihrer Gewalt zu erschmeicheln, die er zu ertrotzen nicht den Muth hat,
und die er khner durch den Erfolg ganz begehren wird. Ein solcher ist
fern von der wahren Freiheit; denn er hat sich noch nicht von sich
selbst befreit. Dies ist meine ganze Meinung, und ich mag wohl, dass sie
der Nachbar wisse. --

In unserem Innern, in welchem wir, wie soeben gefordert wurde,
einheimisch seyn mssen, wenn eine unserer Wirkungen nach aussen einen
Werth haben soll, giebt der Sinn fr das Aesthetische uns den ersten
festen Standpunct. Das Genie kehrt darin ein, u. s. w.]




                       Liste der Unterzeichner
                                 auf
                      Fichte's smmtliche Werke.


                          Aachen.

   Herr Buchhndler _J. A. Mayer_                                  1
     fr: Herrn Regierungsrath _Ritz_.

                          Aarau.

   Lbl. _Sauerlnder_sche Sortiments-Buchhandlung                 3
     fr: Herrn _E. Dorer-Egloff_ in Baden in der Schweiz
           --   _J. Correvon_, officier fderal du Gnie in
                  Iverdun.
          Bibliothque cantonale in Lausanne.

                          Altena.

   Herr Buchhndler _P. A. Santz_                                  1

                          Altenburg.

   Lbl. _Schnuphase_sche Buchhandlung                             1

                          Altona.

   Herr Buchhndler _G. Blatt_                                     1

                          Amsterdam.

   Herr Buchhndler _C. G. Slpke_                                 1
     fr: Herrn _R. E. Bischofsheim_.

                          Arnsberg.

   Herr Buchhndler _A. L. Ritter_                                 1
     fr: Herrn Ober-Landesgerichts-Referendar _Kaupisch_.

                          Aschaffenburg.

   Herr Buchhndler _Th. Pergay_                                   1

                          Augsburg.

   Herr Buchhndler _Kollmann_                                     1
     fr: Herrn Knigl. Studienlehrer _J. K. E. Oppenrieder_.

                          Basel.

   Lbl. _Schweighauser_sche Buchhandlung                          2
     fr: Oeffentliche Bibliothek.
          Herrn Dr. _Joh. Gihr_ in Liestal.

   Herr Buchhndler _J. G. Neukirch_                               1
     fr: Herrn Dr. _Drechsler_.

                          Bautzen.

   Herr Buchhndler _Aug. Weller_                                  1
     fr: Herrn Canonicus Dr. _Prihonski_.

                          Berlin.

   Herr Buchhndler _Adolf u. Comp._                               1

   Lbl. _Amelang_'sche Buchhandlung                               2
     fr: Herrn Dr. _R. Haym_.
           --   Commerzien-Rath _Westphal_.

   Herr Buchhndler _W. Besser_                                    5
     fr: Herrn Dr. _Ribbentropp_.
           --   --  _Schrader_ in Brandenburg.
           --   --  _Dalmer_ in Halle.
           --   Geh. Rath Dr. _Bunsen_ in London.
           --   Dr. _Thaulow_ in Kiel.

   Herr Buchhndler _Alex. Dunker_                                 7
     fr: Herrn Baron von _Richthofen_.
           --   Obristlieutenant von _Willisen_, Flgel-Adjutant
                des Knigs.
           --   Geschichts- und Portraitmaler _Mila_.
           --   _Trrschmidt_.
           --   Professor Dr. _Rstell_.
           --   v. d. _Lage_, Director des Pdagogiums in
                  Charlottenburg.
           --   Ungenannt.

   Lbl. _Enslin_'sche Sortiments-Buchhandlung                     4
     fr: die Bibliothek des Friedrich-Wilhelms-Gymnasiums.
          Herrn Kammergerichts-Referendar _Haack_.
           --   Stadtschulrath _Schulze_.
           --   Prediger Dr. _Schtze_ in Lissabon.

   Lbl. _Hirschwald_'sche Buchhandlung                            1
     fr: K. St. Wladimirsuniversitt in Kiew.

   Herr Buchhndler _A. H. W. Logier_                              1
     fr: Herrn Privatdocent Dr. _F. A. Mrcker_.

   Herr Buchhndler _E. S. Mittler_                                1
     fr: Herrn Postsecretr _Kaumann_.

   Lbl. _Nicolai_'sche Buchhandlung                               3

   Lbl. _Oehmigke_'sche Buchhandlung                              2
     fr: Herrn Director der hh. Stadtschule _Zinnow_.
           --   Graf _v. Grabowski_ auf Rodawnitz.

   Herr Buchhndler _E. H. Schrder_                               8
     fr: Herrn Dr. _E. Meyen_.
           --   Dr. _Glaser_, Privatdocent.
           --   Graf _R. Raczynski_.
           --   _Reichenow_ in Charlottenburg.
           --   Assessor von _Mrner_.
           --   von _Neumann_.
           --   von _Kudrefzef_.
           --   _Reinbott_, Lehrer am Diesterwegschen Semin.

   Herr Buchhndler _Jul. Springer_                                6
     fr: Herrn Prediger _Hoyer_ in Frstenau.
           --   Baron _v. Holtzendorf-Vietmannsdorf_.
           --   _Fuss_.
           --   _Siegmund_.
           --   Dr. _Voigtlnder_.
           --   Assessor _Witte_.

   Herren Buchhndler _Veit u. Comp._                              7
     fr: Herrn Professor Dr. _H. G. Hotho_.
           --   Geheimrath _Varnhagen von Ense_.
           --   Ober-Appellationsgerichts-Rath _Meyer_.
           --   _J. Lehmann_, Redacteur.
           --   Baumeister _W. Hoffmann_.
           --   Geheimerath Professor Dr. _Bckh_.
           --   Prediger Dr. _Sachs_.

                          Bern.

   Herren Buchhndler _Huber u. Comp._                             1
     fr: Herrn Privatdocent Dr. _Ris_.

                          Bielefeld.

   Herren Buchhndler _Velhagen u. Klasing_                        3
     fr: Herrn Gymnasiallehrer Dr. _Stahlberg_ in Herford.
           --   Conrector _Wortmann_.
           --   Pastor _Smidt_.

                          Bonn.

   Herr Buchhndler _Ad. Marcus_                                   9
     fr: Die Knigl. Universitts-Bibliothek.
          Bibliotheque de l'universit de Louvain.
          Herrn Director Dr. _Kortegarn_ in Bonn.
           --   Professor Dr. _Lassen_.
           --   Ober-Consistorial-Rath Professor Dr. _Nitzsch_.
           --   Privatdocent Dr. _Clemens_.
           --       --       --  _Volkmuth_.
           --   _Erskine_.
           --   Buchhndler _Marcus_.

   Herr Buchhndler _E. Weber_                                     1
     fr: Herrn Professor Dr. _Mendelssohn_.

                          Brandenburg.

   Herr Buchhndler _J. J. Wiesike_                                2
     fr: Die Gymnasial-Bibliothek.
          Herrn Collaborator _Dhler_.

                          Braunschweig.

   Herr Buchhndler _Ed. Leibrock_                                 1
     fr: Herrn Dr. _Hanne_.

                          Bremen.

   Herr Buchhndler _A. D. Geisler_                                1

   Herr Buchhndler _J. G. Heyse_                                  1

                          Breslau.

   Herr Buchhndler _F. Aderholz_                                  2

   Herren Buchhndler _Grass, Barth u. Comp._                      1

   Herr Buchhndler _Gosohorsky_                                   2
     fr: Herrn Rector _Jordan_ in Trebnitz.
           -- Professor _Braniss_ in Breslau.

   Herren Buchhndler _Jos. Max u. Comp._                          4
     fr: Herrn Divisionsprediger Dr. _Rhode_.
           --   Medicinalrath Dr. _Ebers_.
           --   Professor Dr. _Rpell_.
           --   Buchhndler _Sowade_ in Pless.

   Herr Buchhndler _Ferd. Hirt_                                   1

                          Brieg.

   Herr Buchhndler _Ziegler_                                      1
     fr: Herrn _Const. v. Ziegler-Knyphausen_, Lieutenant
            im 22. Infant. Regiment.

                          Bromberg.

   Herr Buchhndler _E. S. Mittler_                                2
     fr: Herrn Prediger _Gessel_ in Thorn.
          Ungenannt.

                          Brnn.

   Lbl. _C. Winiker_'sche Buchhandlung                            1

                          Brssel.

   Herr Buchhndler _C. Muquardt_                                  2
     fr: Herrn Professor _Tandel_ in Lttich.
          La Bibliothque _Royale_.

                          Cammin.

   Herren Buchhndler _Domine u. Comp._                            1
     fr: Herrn Dr. _Puchstein_.

                          Carlsruhe.

   Lbl. _Braun_'sche Hof-Buchhandlung                             1
     fr: das Museum in Carlsruhe.

   Herr Buchhndler _Georg Holtzmann_                              1
     fr: Herrn Lehrer _Herrmann_ in Ettlingen.

                          Cassel.

   Herr Buchhndler _J. J. Bohn_                                  1
     fr: die Kurfrstl. Landesbibliothek.

                          Cln.

   Herren Buchhndler _J. u. W. Boissere_                         2

   Herr Buchhndler _E. Welter_                                    1

                          Cslin.

   Herr Buchhndler _C. G. Hendess_                                1
     fr: die Gymnasialbibliothek.

                          Constanz.

   Herr Buchhndler _W. Meck_                                      1
     fr: Herrn Professor _F. A. Kreuz_ am Lyceum.

                          Darmstadt.

   Herr Buchhndler _G. Jonghaus_                                  1
     fr: die Grossherzogl. Hessische Hofbibliothek.

                          Dessau.

   Herr Buchhndler _J. Fritsche_                                  2

                          Dorpat.

   Lbl. _Franz Kluge_'sche Buchhandlung                           1

                          Dresden.

   Lbl. _Arnold_'sche Buchhandlung                                1

   Herr Buchhndler _H. M. Gottschalk_                             1

                          Dsseldorf.

   Lbl. _Schaub_'sche Buchhandlung                                1
     fr: die Landesbibliothek.

                          Elberfeld.

   Herren Buchhndler _J. Lwenstein u. Comp._                     1
     fr: die Landesbibliothek.

                          Elbing.

   Herr Buchhndler _Fr. L. Levin_                                 1
     fr: Herrn Director Dr. _Herzberg_.

                          Flensburg.

   Herr Buchhndler _J. C. Korte-Jessen_                           2
     fr: Herrn Oberlandesgerichts-Advocat _Fr. Johannsen_.
           --   Buchhndler _Korte-Jessen_.

                          Frankfurt a. M.

   Lbl. _Jger_'sche Buchhandlung                                 3
     fr: Herrn _W. H. Ackermann_, Lehrer a. d. Musterschule.
           --   _W. C. Cartwright_ Esqu. in London.
          Ungenannt.

   Herr Buchhndler _C. Jgel_                                     1
     fr: Herrn Dr. _F. A. Balling_, Brunnenarzt in Kissingen.

   Herr Buchhndler _J. D. Sauerlnder_                            1
     fr: die Stadtbibliothek.

   Lbl. _Varrentrapp_'sche Sortiments-Buchhandlung                1
     fr: Herrn Justiz- und Domnenrath Dr. _Oelschlger_
                  in Regensburg.

                          Freiburg im Breisgau.

   Herren Buchhndler _Lippe u. Comp._                             1
     fr: Herrn Pfarrverweser _Lump_ in Riegel.

                          Genf.

   Herr Buchhndler _J. Kessmann_                                  1

                          Giessen.

   Herr Buchhndler _G. F. Heyer Sohn_                             3
     fr: die Universittsbibliothek.
          Herrn Stud. _Liebknecht_.
          das Predigerseminar in Friedberg.

   Herr Buchhndler _J. Ricker_                                    1
     fr: Herrn Dr. _M. Carrire_.

                          Glatz.

   Herr Buchhndler _E. L. Prager_                                 1
     fr: Herrn _Rostock_, Prinzl. Oberamtmann in Seitenberg.

                          Glogau.

   Herr Buchhndler _C. Flemming_                                  1
     fr: die Lehrerbibliothek des kathol. Gymnasiums.

                          Grlitz.

   Herr Buchhndler _G. Khler_                                    3
     fr: Herrn Geh. Justizrath _Blumenthal_ in Friedersdorf
            bei Greifenberg.
          die Oberlausitzsche Gesellschaft der Wissenschaften.

                          Gttingen.

   Herr Buchhndler _Deuerlich_                                    3
     fr: Herrn Hofrath Professor Dr. _Ritter_.
           --   Professor Dr. _Gtze_.
           --   Professor Dr. _Dunker_.

   Lbl. _Dietrich_'sche Buchhandlung                              1

   Herren Buchhndler _Vandenhoeck u. Ruprecht_                    1
     fr: Herrn Cand. d. Theol. _Petersen_ in Hannover.

                          Gotha.

   Herr Buchhndler _Carl Glaeser_                                 1
     fr: die Herzogl. ffentliche Bibliothek.

                          Greifswald.

   Herr Buchhndler _Otte_                                         3
     fr: Herrn Professor Dr. _Semisch_.
           --   Professor Dr. _Bostrm_ in Upsala.
          Ungenannt.

                          Halberstadt.

   Herr Buchhndler _F. A. Helm_                                   1

                          Halle.

   Herr Buchhndler _Anton_                                        1
     fr: Herrn. Professor Dr. _Ulrici_.

   Herr Buchhndler _Lippert u. Schmidt_                           4
     fr: Herrn Professor Dr. _Schaller_.
           --   Privatdocent Dr. _Weissenborn_.
           --   Stud. phil. _Seifart_.
           --   Dr. _Dalmer_.

   Herr Buchhndler _Rich. Mhlmann_                               2

   Herren Buchhndler _C. H. Schwetschke u. Sohn_                  5

                          Hamburg.

   Herren Buchhndler _F. H. Nestler u. Melle_                     4
     fr: die Hamburgische Stadtbibliothek.
          _Osmond de Beauvoir Priaulx_ (Oxford et Cambridge
            Clubb).
          Sir _William Hamilton_ in _Edinburg_.
          Ungenannt.

   Herren Buchhndler _Perthes, Besser u. Mauke_                   2
     fr: Herrn Professor Dr. _Ullrich_.
          Ungenannt.

                          Hamm.

   Herr Buchhndler _C. Wickenkamp_                                1
     fr: die Bibliothek des Gymnasiums.

                          Hannover.

   Lbl. _Hahn_'sche Hofbuchhandlung                               1
     fr: die _Hahn_'sche Hofbuchhandlung.

   Lbl. _Helwing_'sche Hofbuchhandlung                            2
     fr: die Bibliothek der Stndeversammlung.
          Herrn Advocat _Ebhardt_.

                          Heidelberg.

   Herr Buchhndler _E. Mohr_                                      1
     fr: Herrn Kirchenrath _Rothe_.

   Herr Buchhndler _K. Winter_                                    2
     fr: die Grossherzogl. Hofbibliothek in Carlsruhe.
          Herrn Pfarrer _Sturm_ in Buch am Ahorn.

                          Jena.

   Herr Buchhndler _Fr. Frommann_                                 3
     fr: die Grossherzogl. Hofbibliothek in Weimar.
          Ihre Durchlaucht die Prinzessin _Caroline_ von
            Schaumburg-Lippe in Rudolstadt 2 Exempl.

                          Kiel.

   Lbl. Akademische Buchhandlung                                  1
     fr: Herrn Candidat _Sierck_.

   Lbl. _Schwers_'sche Buchhandlung                               1
     fr: Herrn Professor Dr. _Chalybaeus_.

                          Knigsberg.

   Lbl. _Borntrger_'sche Buchhandlung                            9
     fr: die Knigl. akadem. Handbibliothek.
          die Knigl. Bibliothek.
          die Bibliothek des Lyceum Hosianum in Braunsberg.
          Herrn Candidat _Bttcher_ in Koewe.
           --   Professor Dr. _Rosenkranz_.
           --   _von Stomczewski_.
     fr: Herrn _Sydow_.
           --   Conrector _Suck_ in Wehlau.
           --   Professor Dr. _K. Lehrs_.

   Herren Buchhndler _Graefe u. Unzer_                            3
     fr: Herrn Consistorialrath Dr. _Lehnerdt_.
           -- Divisionsprediger Dr. _Toop_.
          das Collegium Fredericianum.

   Herr Buchhndler _E. H. Mangelsdorf_                            1
     fr: Herrn Subrector _G. W. A. Wechsler_.

                          Kopenhagen.

   Herr Buchhndler _Eibe_                                         1

   Lbl. _Gyldendal_'sche Buchhandlung                             3
     fr: die Grosse Knigl. Bibliothek.
          die Akademie in Sore.
          Herrn _Feilberg_ und _Landmark_, Buchhndler in
            Christiania.

   Herr Buchhndler _Andr. Fr. Hst_                               2
     fr: Herrn Mag. Dr. _Cronholm_ in Malm 2 Exempl.

   Herr Buchhndler _H. C. Klein_                                  2
     fr: Herrn _G. Plaug_, Cand. phil.
          die theologische Bibliothek.

   Herr Buchhndler _C. A. Reitzel_                                4

                          Krakau.

   Herr Buchhndler _D. E. Friedlein_                              1
     fr: Herrn _Goleberski_, Anwalt beim Tribunal.

                          Landshut.

   Lbl. _Krll_'sche Univ. Buchhandlung                           1
     fr: Herrn Appellationsgerichts-Accessist _v. Hessling_.

                          Langensalza.

   Herr Buchhndler _Krner_                                       1
     fr: Herrn Conrector Dr. _Karl Schramm_.

                          Leipzig.

   Herr Buchhndler _F. A. Brockhaus_                              2

   Lbl. _Dyk_'sche Buchhandlung                                   1

   Herr Buchhndler _C. L. Fritzsche_                              1
     fr: Herrn Professor Dr. _Niedner_.

   Lbl _J. C. Hinrichs_'sche Buchhandlung                         2
     fr: die Stadtbibliothek.
          Ungenannt.

   Herr Buchhndler _K. Fr. Khler_                                4
     fr: Herrn Hofrath _Otto_ in Dorpat.
          die Universittsbibliothek daselbst
          Ungenannt.

   Herr Buchhndler _Jul. Klinkhardt_                              1

   Herr Buchhndler _C. H. Reclam_ sen.                            2
     fr: Herrn Ober-Landesgerichts-Assessor _Lobedan_ in
            Naumburg.
           --   Gymnasiallehrer _Passow_ in Meiningen.

   Herren Buchhndler Gebr. _Reichenbach_                          1
     fr: Herrn Dr. _C. Rssler_.

   Herr Buchhndler _Ludw. Schreck_                                1
     fr: Herrn _W. Nemeth_, Buchhndler in Kronstadt.

   Herr Buchhndler _Leop. Voss_                                   2
     fr: Herrn Professor Dr. _Drobisch_.
          die Universittsbibliothek.

                          Lemberg.

   Herr Buchhndler _Joh. Millikowsky_                             2
     fr: Herrn Domvicar _Mich. Formanyos_.
          die _Ossolinski_'sche Bibliothek.

                          Liegnitz.

   Herr Buchhndler _C. E. Reisner_                                1
     fr: Herrn Diaconus _Peters_.

                          Lintz.

   Herren Buchhndler _Fr. Eurich u. Sohn_                         1
     fr: die Stiftsbibliothek in Kremsmnster.

                          London.

   Herren Buchhndler _A. Asher u. Comp._                         13

   Herren Buchhndler _Williams u. Norgate_                       13

                          Lbeck.

   Lbl. _von Rohden_'sche Buchhandlung                            1

                          Luxemburg.

   Herr Buchhndler _G. Michaelis_                                 1
     fr: Herrn Pastor _Drischel_.

                          Magdeburg.

   Herr Buchhndler _W. Heinrichshofen_                            1
     fr: Herrn Rector _Bracker_ in Hundisburg.

   Lbl. _Rubach_'sche Buchhandlung                                2
     fr: Herrn Criminaldirector, Oberlandesger. Rath _Fritze_.
          die Stadtbibliothek.

                          Mailand.

   Herr Buchhndler _Joh. Meiners u. Sohn_                         2

   Herren Buchhndler _Tendler u. Schaefer_                        2
     fr: Herrn _Marchese Gozzani_ St. Georges in Turin.
           --   Abbate _Don Raimondi_ in Mailand.

                          Marburg.

   Lbl. _Bayrhoffer_'sche Universittsbuchhandlung                3
     fr: die Kurfrstl. Universittsbibliothek.
          Herrn Professor Dr. _Bayrhoffer_.
           --      --     --  _Franz Vorlnder_.

   Herr Buchhndler _N. G. Elwert_                                 1

                          Marienwerder.

   Herr Buchhndler _Alb. Baumann_                                 3
     fr: Herrn Oberlandesgerichts-Rath _Scherres_.
          die Bibliothek der Knigl. Regierung.
          die Bibliothek des Knigl. Gymnasiums.

   Herr Buchhndler _E. Levysohn_                                  1
     fr: Herrn Referendar _Dring_.

                          Meiningen.

   Herr Buchhndler _W. Blum_                                      1

   Lbl. _Kesselring_'sche Hofbuchhandlung                         1
     fr: die Herzogl. ffentliche Bibliothek.

                          Mitau.

   Herr Buchhndler _G. A. Reyher_                                 1
     fr: Herrn Professor Dr. _Strmpell_ in Dorpat.

                          Mnchen.

   Lbl. _Literarisch-artistische Anstalt_                         2

   Herr Buchhndler _Georg Franz_                                  1
     fr: die Bibliothek des Oberconsistoriums.

   Lbl. _Palm_'sche Hofbuchhandlung                               1
     fr: die Knigl. Hof- u. Staatsbibliothek.

                          Mnster.

   Lbl. _Wundermann_'sche Buchhandlung                            1
     fr: Herrn Regimentsarzt Dr. _Rudolph_.

   Lbl. _Theissing_'sche Buchhandlung                             1

                          Neisse.

   Herr Buchhndler _F. Burckhardt_                                1
     fr: Herrn Graf _von Reichenbach_ auf Waltdorf.

                          Nordhausen.

   Herr Buchhndler _Bchting_                                     1

   Herr Buchhndler _F. Frstemann_                                1
     fr: Herrn _M. L. von Eberstein_.

                          Nrnberg.

   Herr Buchhndler _J. A. Stein_                                  1
     fr: die Gymnasialbibliothek.

                          Oldenburg.

   Lbl. _Schulze_'sche Buchhandlung                               1
     fr: die Grossherzogl. Oldenburgische Bibliothek.

                          Paris.

   Herr Buchhndler _A. Frank_                                     2

   Herren Buchhndler _Degetau u. Comp._                           1
     fr: Herrn _Rehfeld_.

   Herr Buchhndler _Klincksieck_                                  6
     fr: Herrn _Georg Herwegh_.
          la Bibliothque Royale.
          Herrn _Victor Cousin_, Pair de France.
           --   _Ad. Lafont de Ladebas_.
           --   _Lerminier_.
           --   _Verny_.

                          Pesth.

   Herr Buchhndler _Gust. Emich_                                  1
     fr: Herrn _Stancsics Mihaly_.

   Herr Buchhndler _C. Geibel_                                    1

   Herr Buchhndler _C. A. Hartleben u. Altenburger_               3
     fr: Herrn Professor _August v. Szchy_.
           --   Director _Cyrill von Horvth_ in Szegedin.
           --   K. K. Kmmerer Graf _v. Zichy_ in Lng.

   Herr Buchhndler _Gust. Heckenast_                              1
     fr: Herrn K. K. Major _Bein_.

   Herren Buchhndler _Kilian u. Comp._                            2
     fr: die K. K. Universittsbibliothek.
          Herrn _Marton_.

   Herr Buchhndler _Kilian_ sen. u. _Weber_                       3
     fr: Herrn _Bartholomus von Fischer_, Profess. der
                  Moral und Theologie.
           --   _Jos. von Urmenyi_, Knigl. Rath und Obergespann.
           --   _von Adamowics_.

                          Petersburg.

   Herren Buchhndler _Eggers u. Comp._                            2
     fr: Herrn wirkl. Staatsrath _v. Kranichfeld_.
          Ungenannt.

                          Posen.

   Herr Buchhndler _E. S. Mittler_                                4
     fr: Herrn Regierungs-Assessor _Duncker_.
           --       --        --    _Edler_.
           --       --        --    _Besser_.
           --   Consistorialrath _Kissling_.

   Herren Buchhndler Gebr. _Scherk_                               1

   Herr Buchhndler _Zupaski_                                     1

                          Potsdam.

   Herr Buchhndler _Ferd. Riegel_                                 1
     fr: Herrn Braueigner _Mller_.

   Lbl. _Stuhr_'sche Buchhandlung                                 1

                          Prag.

   Herren Buchhndler _Borrosch u. Andr_                          1
     fr: Herrn Professor Dr. _Exner_.

   Herr Buchhndler _Ehrlich_                                      2
     fr: Herrn Candidat der Medicin _Springer_.
           --   Dr. _Smetana_.

   Herren Buchhndler _Kronberger u. Rziwnatz_                     2
     fr: Herrn Professor Dr. _Bolzano_.
          Ungenannt.

                          Presburg.

   Herr Buchhndler _C. Fr. Wigand_                                1

                          Quedlinburg.

   Lbl. _Ernst_'sche Buchhandlung                                 1
     fr: Herrn Geheimerath _Hertel_.

                          Reichenbach.

   Herr Buchhndler _Fr. George_                                   1
     fr: Herrn Candidat _Peinert_ in Olbersdorf.

                          Riga.

   Herr Buchhndler _J. Deubner_                                   2
     fr: Herrn Pastor Dr. _Martin Berkholz_.
           --   Brgermeister Ritter _v. Timm_, Magnificenz.

   Herr Buchhndler _N. Kymmel_                                    1

                          Rostock.

   Herr Buchhndler _F. L. Schmidtchen_                            2
     fr: Herrn Professor Dr. _Schmidt_.
          Ungenannt.

   Lbl. _Stiller_'sche Hofbuchhandlung                            1
     fr: die Grossherzogl. Universittsbibliothek.

                          Schaffhausen.

   Lbl. _Hurter_'sche Buchhandlung                                1
     fr: Herrn Decan _Benker_ in Diessenhofen.

                          Schwbisch-Hall.

   Herr Buchhndler _Nitschke_                                     1

                          Schweidnitz.

   Herr Buchhndler _C. F. Weigmann_                               2

                          Solothurn.

   Herr Buchhndler _L. Jent_                                      1
     fr: die Professorenbibliothek.

                          Speyer.

   Lbl. _F. C. Neidhard_'sche Buchhandlung                        1
     fr: die Bibliothek des K. Gymnasiums.

                          Stettin.

   Herr Buchhndler _L. Saunier_                                   1
     fr: die Bibliothek des Knigl. Gymnasiums.

                          St. Gallen.

   Herr Buchhndler _C. P. Scheitlin_                              1
     fr: die Stiftsbibliothek.

                          Stockholm.

   Herr Buchhndler _F. Bonnier_                                   3

                          Strasburg.

   Herren Buchhndler _Treuttel u. Wrtz_                          2
     fr: die Bibliothek des protestantischen Seminars.
          Herrn _Colany_, Candidat der Theologie.

   Herr Buchhndler _Levrault_                                     1
     fr: Herrn Professor _Willm_.

                          Stuttgart.

   Herren Buchhndler _Beck u. Frnkel_                            1

   Herr Buchhndler _Fr. H. Khler_                                1
     fr: Herrn Diaconus _Kornbeck_ in Marbach.

   Lbl. _J. B. Metzler_'sche Buchhandlung                         1
     fr: Herrn _Alexander Simon_.

   Herr Buchhndler _Paul Neff_                                    2
     fr: Herrn Rechtsconsulent Dr. _Steudel_.
          die Knigl. Handbibliothek.

   Herr Buchhndler _Rommelsbacher_                                1
     fr: die Knigl. ffentl. Bibliothek.

                          Thorn.

   Lbl. _E. Lambeck_'sche Buchhandlung                            1

                          Trier.

   Lbl. _Lintz_'sche Buchhandlung                                 2
     fr: Herrn Ober-Amtmann _Sulz_.
           --   Dr. _Montigny_, Lehrer am Gymnasium.

                          Tbingen.

   Herr Buchhndler _L. F. Fues_                                   8
     fr: die K. Universittsbibliothek.
          die K. Seminarbibliothek.
          Herrn Professor Dr. _Reiff_.
           --   Stud. theol. _Jaeger_       }
           --    --    --    _Schuster_     }
           --    --    --    _Schnitzer_    }     im Stift.
           --    --    --    _Fricker_      }
           --    --    --    _Koestlin_     }

   Lbl. _Zu Guttenberg_'sche Sortimentsbuchhandlung               1
     fr: Herrn Pfarrer _Zotz_ in Ahldorf.

                          Ulm.

   Lbl. _Stettin_'sche Sortimentsbuchhandlung                     1
     fr: Herrn Rechtsconsulent Dr. _Gritz_.

                          Utrecht.

   Herren Buchhndler _Kemink u. Sohn_                              2

                          Wien.

   Lbl. _Fr. Beck_'sche Univ. Buchhandlung                        1

   Herren Buchhndler _Braumller u. Seidel_                      16

   Herren Buchhndler _C. Gerold u. Sohn_                          6

   Herr Buchhndler _J. G. Heubner_                                1
     fr: Herrn Abt _Altmann_ zu Goettweil.

   Lbl. _Jasper_'sche Buchhandlung                                1

   Herren Buchhndler _Kaulfuss Ww., Prandel u. Comp._             2

   Herren Buchhndler _Mrschner's Ww. u. Bianchi_                 2

   Herr Buchhndler _P. Rohrmann_                                  3
     fr: die K. K. Hofbibliothek.
          die K. K. Universittsbibliothek.
          Herrn Dr. _Dworzak_.

   Herren Buchhndler _Schaumburg u. Comp._                        2
     fr: Herrn Baron _Nicolaus Mattencloit_.

   Lbl. Fr. _Volke_'sche Buchhandlung                             1
     fr: Herrn Hofrath _v. Witteczek_.

   Herr Buchhndler _J. B. Wallishauser_                           1
     fr: Herrn Baron _v. Locella_.

   Herren Buchhndler _Wimmer, Schmidt u. Leo_                     3
     fr: Herrn Dr. med. _Lederer_.
           --   Edler _von Hasner_.
          Ungenannt.

                          Wiesbaden.

   Lbl. _Friedrich_'sche Buchhandlung                             1
     fr: die Herzogl. Nassauische ffentl. Landesbibliothek.

   Herr Buchhndler _C. W. Kreidel_                                1
     fr: Herrn Collaborator _Seyberth_ in Weilburg.

                          Wittenberg.

   Lbl. _Zimmermann_'sche Buchhandlung                            1
     fr: die Bibliothek des Gymnasiums.

                          Wrzburg.

   Lbl. _Stahel_'sche Buchhandlung                                1
     fr: Herrn Rector Professor Dr. _Franz Hoffmann_.

   Herr Buchhndler _Ludw. Stabel_                                 1
     fr: Herrn Rechtspraktikant Dr. _Reder_.

                          Zllichau.

   Herr Buchhndler _H. Sporleder_                                 1
     fr: die Bibliothek der Realschule in Meseritz.

                          Zrich.

   Herren Buchhndler _Meyer u. Zeller_                            2
     fr: Herrn Dr. _Mager_.
           --   Professor Dr. _Bobrich_.

   Herren Buchhndler _Orell, Fssli u. Comp._                     2

   Herr Buchhndler _Fr. Schulthess_                               2
     fr: Herrn Regierungsrath _Hotz_ in Balchrist.
           --   Vicar _Fries_.



                       Johann Gottlieb Fichte's


   von seinem Sohne herausgegebene smmtliche Werke liegen nun
   vollstndig in acht Bnden dem Publicum vor. Der Umfang des
   Ganzen betrgt gegen 300 Bogen und den Preis von 15 Thalern
   lassen wir vorlufig fortbestehen.

   Die Abtheilungen der Gesammtwerke werden auch besonders verkauft,
   und zwar:

   1) Erste Abtheilung. Zur theoretischen Philosophie.          Thlr. 5.
      Band I. und II.
   2) Zweite Abtheilung. A. Zur Rechts- und Sittenlehre.        Thlr. 5.
      Band III. und IV.
   3) Zweite Abtheilung. B. Religionsphilosophische         Thlr. 2 1/3.
      Schriften. Band V.
   4) Dritte Abtheilung. Populr-philosophische Schriften.      Thlr. 6.
      Band VI., VII. und VIII.

   Einer ganz besondern Verbreitung fhig sind namentlich die
   _Zweite Abtheilung_ B. (3) und die _Dritte_ (4), welche in die
   politische und religise Bewegung der Gegenwart so unmittelbar
   eingreifen, dass kein denkender Beobachter der Zeit sie ungelesen
   lassen darf. In den genannten Abtheilungen ist _Fichte_ weniger
   speculativer Philosoph als begeisterter Volksredner, der nchst
   Luther und Lessing das krftigste Deutsch geschrieben hat. Diese
   vier Bnde wird Niemand entbehren knnen, _der die deutschen
   Classiker in seiner Bibliothek vereinigen will_.


                  Die zweite Abtheilung B. enthlt:

   Aphorismen ber Religion und Deismus, aus dem Jahre 1790.

   Versuch einer Kritik aller Offenbarung, 1792.

   Ueber den Grund unseres Glaubens an eine gttliche Weltregierung,
   1798.

   Appellation an das Publicum gegen die Anklage des Atheismus, 1799.

   Gerichtliche Verantwortung gegen die Anklage des Atheismus, 1799.

   Rckerinnerungen, Antworten, Fragen. (Ungedruckt, aus dem Anfange
   1799).

   Aus einem Privatschreiben, im Jnner 1800.

   Die Anweisung zum seligen Leben, oder auch die Religionslehre, 1806.


                    Die dritte Abtheilung enthlt:

   Zurckforderung der Denkfreiheit von den Frsten Europens, die sie
   bisher unterdrckten, 1793.

   Beitrge zur Berichtigung der Urtheile des Publicums ber die
   franzsische Revolution, 1793.

   Einige Vorlesungen ber die Bestimmung des Gelehrten, 1794.

   Ueber das Wesen des Gelehrten, und seine Erscheinungen im Gebiete
   der Freiheit, 1805.

   Ueber die einzig mgliche Strung der akademischen Freiheit, 1812.

   Die Grundzge des gegenwrtigen Zeitalters, 1804.

   Reden an die deutsche Nation, 1808.

   Anhang zu den Reden an die deutsche Nation, geschrieben im Jahre
   1806. (Ungedruckt).

   Politische Fragmente aus den Jahren 1807 und 1813. (Ungedruckt).
     A. Bruchstcke aus einem unvollendeten politischen Werke vom
        Jahre 1806-7.
          1) Episode ber unser Zeitalter.
          2) Die Republik der Deutschen.
     B. Aus dem Entwurfe einer politischen Schrift im Jahre 1813.
     C. Excurse zur Staatslehre, 1813.
          1) Ueber Errichtung des Vernunftreiches.
          2) Ueber Zufall, Loos, Wunder.
          3) Ueber die Ehe, den Gegensatz von altem und neuen Staate
             und Religion u. s. w.

   Nicolai's Leben und sonderbare Meinungen, 1801.

   Deducirter Plan einer zu Berlin zu errichtenden hheren Lehranstalt,
   1807.
          Beilagen zum Universittsplane (Ungedruckt):
            a. Plan zu einem periodischen schriftstellerischen Werke an
               einer deutschen Universitt, 1805.
            b. Rede bei einer Ehrenpromotion an der Universitt zu
               Berlin, am 16. April 1811.

   Vermischte Aufstze:
     A. Beweis der Unrechtmssigkeit des Bchernachdruckes, ein
        Rsonnement und eine Parabel, 1791.
     B. Zwei Predigten aus dem Jahre 1791 (Ungedruckt).
     C. Ueber Geist und Buchstab in der Philosophie, 1794.
     D. Von der Sprachfhigkeit und dem Ursprunge der Sprache, 1795.
     E. Ueber Belebung und Erhhung des Interesse an Wahrheit, 1795.
     F. Aphorismen ber Erziehung, 1804 (Ungedruckt).
     G. Bericht ber die Wissenschaftslehre und die bisherigen
        Schicksale derselben, 1806 (Ungedruckt).

   Recensionen von:
     A. Creuzers skeptischen Betrachtungen ber die Freiheit des
        Willens, 1793.
     B. Gebhard ber sittliche Gte, 1793.
     C. Kant zum ewigen Frieden, 1796.

   Poesien und metrische Uebersetzungen:
     A. Das Thal der Liebenden, Novelle, 1786 (Ungedruckt).
     B. Kleinere Gedichte, (meist ungedruckt).
     C. Uebersetzungen aus dem Portugiesischen, Spanischen und
        Italinischen, (meist ungedruckt).

                                                          Veit & Comp.




Anmerkungen zur Transkription


Die Liste der Unterzeichner auf Fichte's smmtliche Werke wurde vom
Anfang an das Ende des Buches verschoben.

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. Textstellen, die im Original
kursiv gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert
wie hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 1020]:
   ... ihm -- sein Geschichtschreiber sagt dies an seiner Urne mit ...
   ... ihm -- sein Geschichtsschreiber sagt dies an seiner Urne mit ...

   [S. 1039]:
   ... nicht eine ansgemachte Wahrheit unter allen alten
       Schriftstellern ...
   ... nicht eine ausgemachte Wahrheit unter allen alten
       Schriftstellern ...

   [S. 1064]:
   ... Resensionen herumblttern will, wird auf die oben angefhrten
       Aeusserungen ...
   ... Recensionen herumblttern will, wird auf die oben angefhrten
       Aeusserungen ...

   [S. 1076]:
   ... Oder hat etwa das deutsche Publicum bisjetzt in allem ...
   ... Oder hat etwa das deutsche Publicum bis jetzt in allem ...

   [S. 1105]:
   ... noch auschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der
       Meister ...
   ... noch anschaulicher zu machen: -- Der Stoff, welchen der
       Meister ...

   [S. 1124]:
   ... sich verleiten, dem Widerspuche zu widersprechen, so msste ...
   ... sich verleiten, dem Widerspruche zu widersprechen, so msste ...

   [S. 1141]:
   ... als den blichen Fleiss uud Berufstreue gerechnet werden;
       indem ...
   ... als den blichen Fleiss und Berufstreue gerechnet werden;
       indem ...

   [S. 1144]:
   ... wie spterhin die Regularen es sollen, zu einem
       geinschaftlichen ...
   ... wie spterhin die Regularen es sollen, zu einem
       gemeinschaftlichen ...

   [S. 1151]:
   ... oder Relegation, oder dess etwas stattfinde. Durch die ...
   ... oder Relegation, oder dass etwas stattfinde. Durch die ...

   [S. 1163]:
   ... mchten auch an diese Lehrer fr diese eigenlich nicht im ...
   ... mchten auch an diese Lehrer fr diese eigentlich nicht im ...

   [S. 1241]:
   ... noch zeugen kann, und die Kiuder dieser Kinder: und ziehe ...
   ... noch zeugen kann, und die Kinder dieser Kinder: und ziehe ...

   [S. 1241]:
   ... Es sagen zwar freilich verleumderiche Zungen, dass das ...
   ... Es sagen zwar freilich verleumderische Zungen, dass das ...

   [S. 1277]:
   ... Erfahrung als solche bewhrt haben. Aber das einige
       Unabhngige ...
   ... Erfahrung als solche bewhrt haben. Aber das einzige
       Unabhngige ...

   [S. 1317]:
   ... gelernten Zeichen nachher auch in seiner Famile. ...
   ... gelernten Zeichen nachher auch in seiner Familie. ...

   [S. 1331]:
   ... mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werpen ...
   ... mehrere zusammen machen Einen Begriff aus und werden ...

   [S. 1348]:
   ... so gerinfgig der Gegenstand auch seyn mge, irre, oder im ...
   ... so geringfgig der Gegenstand auch seyn mge, irre, oder im ...

   [S. 1352]:
   ... fest, frei und khn au jede Untersuchung mich wagen darf, ...
   ... fest, frei und khn an jede Untersuchung mich wagen darf, ...

   [S. 1457]:
   ... einer hheren Gickseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem ...
   ... einer hheren Glckseligkeit, ein geheimes Verlangen, auf dem ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 8: Vermischte
Schriften und Aufstze, by Johann Gottlieb Fichte

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 8: ***

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receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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