The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben
Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer

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Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums
       Zweites Heft. Das Messianitts- und Leidensgeheimnis. Eine
       Skizze des Lebens Jesu

Author: Albert Schweitzer

Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***




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                         Das Abendmahl

                              im

                Zusammenhang mit dem Leben Jesu

                            und der

                 Geschichte des Urchristentums

                              von

                  Lic. Dr. Albert Schweitzer
                      in Strassburg i. E.


                          Zweites Heft.

            Das Messianitts- und Leidensgeheimnis.

                  Eine Skizze des Lebens Jesu.

[Illustration]


                    =Tbingen= und =Leipzig=.
          Verlag von _=J. C. B. Mohr=_ (Paul Siebeck).
                             1901.




  _Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behlt sich
                die Verlagsbuchhandlung vor._




  C. A. Wagner's Universittsbuchdruckerei in Freiburg i. B.




                         Seinem Lehrer

            Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_

                            gewidmet

      in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhnglichkeit

                 von seinem dankbaren Schler

                     =Albert Schweitzer.=




Vorrede.


Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang,
sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich
notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon
frher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft.

Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nmlich _=bis zum Eintritt
des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt
keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun pltzlich seinen
Tod fr notwendig hlt und in welchem Sinne er ihn fr heilbringend
ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen,
einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben
Jesu _=nach rckwrts und nach vorwrts=_ zu begreifen. Wenn wir den
Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass
wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die
Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein
unmglich machen?

Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde
eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es
lsst sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_
angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst fr den
Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu fhren
scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Wrde
beigelegt=_. In beiden Fllen bleibt das Leben Jesu gleich rtselhaft.

Hielt sich Jesus wirklich fr den Messias, wie kommt es, dass er wirkt,
als wre er nicht der Messias? Wie ist es erklrlich, dass seine Wrde
und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=ffentlichen Thtigkeit zu
thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jngern
erst, nachdem seine ffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu
Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, erffnet, wer er ist, und
ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive
der Klugheit oder pdagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert
haben sollen, erklrt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten
auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jnger und das Volk zur
Erkenntnis seiner Messianitt hat erziehen wollen?=_

Je mehr man darber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die
Annahme, dass Jesus sich fr den Messias gehalten habe, das Leben Jesu
zu erklren vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem
Selbstbewusstsein und seiner ffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag
banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie
versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen
Auffassung der Messianitt emporzuheben. Der Versuch wre nicht so
aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging
damals ein tiefreligiser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus
beharrlich ber seine Auffassung der Messianitt ausgeschwiegen?=_

Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht fr den Messias
gehalten, so msste erklrt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum
Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner ffentlichen Wirksamkeit ist es
sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner
Messianitt nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des
Messiasgeheimnisses an die Zwlf und das Bekenntnis vor dem
Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen fr unhistorisch
zu erklren. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt
dann berhaupt noch von der evangelischen Geschichtsberlieferung
bestehen=_?

Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht fr
den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss fr den christlichen
Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist fr uns
nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem
messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine
Persnlichkeit aus der Reihe anderer Verkndiger der religisen
Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich
selbst=_ nun nicht fr den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um
ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem
_=Werturteil der Anhngerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_!

Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der
man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nmlich die bisherige
historische Auffassung des Messianittsbewusstseins Jesu falsch
ist, weil sie die Geschichte nicht erklrt=_. Geschichtlich ist nur
diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich
fr den Messias halten konnte, ohne sich gentigt zu sehen, dieses
sein Selbstbewusstsein in seiner ffentlichen Wirksamkeit auf das
messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu
gezwungen war, die messianische Wrde seiner Person zu verschweigen!
Warum war seine Messianitt Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklren heisst
das Leben Jesu begreifen.

Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue
Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem lst,
das mgen die Verhandlungen darber klarstellen. Ich verffentliche die
neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des
Werkes ber das Abendmahl gehrt. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik
ihrer Grundzge ber manche Punkte des exegetischen Details noch zu
grsserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in
einem ausgearbeiteten Leben Jesu eine definitive Fassung zu geben.

_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der
Darstellung entsprechend, gewhnlich nur andeuten knnen. Wer sich
jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter
mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium
steckt, als der erste Blick vermuten liesse.

Gerade fr die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu
von grosser Bedeutung. _=Danach wird nmlich die Komposition der
Synoptiker viel einfacher und klarer. Die knstliche Redaktion, mit der
man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die
Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Wrdigungsrede ber den Tufer
sind keine Redekompositionen, sondern sie sind in der Hauptsache so
gehalten, wie sie uns berliefert sind. Auch die Form der Leidens- und
Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto,
sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jngern von seiner Zukunft
geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die
damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwrdigkeit der
evangelischen Geschichtserzhlung ist von grossem Gewicht fr die neue
Auffassung des Lebens Jesu.

Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven
Stellungnahme=_ den Berichten gegenber, _=sondern sie ist
herbeigefhrt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die
urchristliche Auffassung und Wrdigung der Persnlichkeit Jesu die
Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage
ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden.

_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die
Darstellung der ffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem
Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem
Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass
er die _=Grundzge der ffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet
und vor allem keine Thatsachen im Leben Jesu produziert=_ hat. Denn
das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent
gegenber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben
nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianitt sich ja auf seine
Auferstehung, nicht auf seine irdische Thtigkeit grndete und man
dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem
Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den
Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens
Jesu gab es berhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch
nichts derartiges. Sie reihen die Erzhlungen aus seiner ffentlichen
Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer
Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und
uns die Entwicklung Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem
Zurcktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische
Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung
des Lebens Jesu=_ fhrte, da hatten die Berichte von der ffentlichen
Thtigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass
dieser Prozess sie htte _=berhren knnen=_. Das _=vierte Evangelium=_
bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der
synoptischen Schilderung der ffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die
Chronik neben den Samuelis- und den Knigsbchern=_. Der Unterschied
zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade
darin, dass das erstere ein _=Leben Jesu=_ bietet, whrend die
Synoptiker von seiner _=ffentlichen Wirksamkeit berichten=_.

Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der ffentlichen
Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die
deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen whrend
der Richter- und Knigszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine
unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung
beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei
sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf
die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher
anzunehmen geneigt war=_.

    _=Strassburg=_, im August 1901.




Inhaltsangabe des zweiten Heftes.


                                                                    Seite

  _=Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu=_              V-IX

                    _Erstes Kapitel_                                 1-13

      =Der modern-historische Lsungsversuch.=

    1. Darstellung                                                   1- 3

    2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen
       Lsungsversuchs                                                  3

    3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung)      3- 6

    4. Der Einfluss der paulinischen Shnetheorie auf die Fassung
       der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung)         6- 8

    5. Das Reich Gottes als ethische Grsse im Leidensgedanken.
       (Dritte Voraussetzung)                                        8-12

    6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung)         12

    7. Zusammenfassung                                              12-13


                    _Zweites Kapitel_                               13-18

                =Die Entwicklung Jesu.=

    1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
       Grsse                                                       13-15

    2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede            15-17

    3. Die neue Auffassung                                          17-18


                    _Drittes Kapitel_                               18-23

             =Die Predigt vom Reich Gottes.=

    1. Die neue Sittlichkeit als Busse                              18-20

    2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik                         21-23


                    _Viertes Kapitel_                               24-32

           =Das Geheimnis des Reiches Gottes.=

    1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes         24-26

    2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
       nach der Aussendung                                          26-27

    3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der
       prophetischen und jdischen Zukunftserwartungen              27-28

    4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der
       glcklichen galilischen Periode                                29

    5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
       Jesu                                                         29-30

    6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
       Gesetz und Staat                                             30-31

    7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu                         31-32


                    _Fnftes Kapitel_                               32-34

    =Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.=


                    _Sechstes Kapitel_                              34-52

        =Die Wrde Jesu auf Grund seiner ffentlichen
                        Wirksamkeit.=

    1. Das Problem und die Thatsachen                               34-38

    2. Jesus der Elias durch die Solidaritt mit dem Menschensohn   38-40

    3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen      40-42

    4. Die Dmonenbekmpfung und das Geheimnis des Reiches
       Gottes                                                       42-43

    5. Jesus und der Tufer                                         43-44

    6. Der Tufer und Jesus                                         44-48

    7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
       Jerusalem                                                    49-52

                    _Siebentes Kapitel_                             52-60

    =Nach der Aussendung. Litterarische und historische
                        Probleme.=

    1. Die Seereise nach der Aussendung                             52-55

    2. Das Abendmahl am See Genezareth                              55-57

    3. Die Woche zu Bethsaida                                       57-60


                    _Achtes Kapitel_                                60-80

             =Das Messianittsgeheimnis.=

    1. Vom Verklrungsberg nach Csarea Philippi                    60-63

    2. Der futurische Charakter der Messianitt Jesu                63-65

    3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der
       Messianitt Jesu                                             66-71

    4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der
       Messianitt Jesu                                             72-79

    5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
       Messiasgeheimnisses                                          79-80


                    _Neuntes Kapitel_                               81-98

        =Das Geheimnis des Leidensgedankens.=

    1. Die vormessianische Drangsal                                 81-83

    2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode                     83-84

    3. Die Versuchung und die gttliche Allmacht                  84-86

    4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode                    86-89

    5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt    89-91

    6. Das Menschliche im Leidensgeheimnis                        91-92

    7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
       der Perspektive                                              92-98

                    _Zehntes Kapitel_                              98-109

                =Abriss des Lebens Jesu.=

  _=Nachwort=_                                                        109




             Das Messianitts- und Leidensgeheimnis,
                   eine Skizze des Lebens Jesu.




Erstes Kapitel.

Der modern-historische Lsungsversuch.


1. Darstellung.

Die synoptischen Stellen bieten keine Erklrung, wie der Leidensgedanke
sich Jesu aufdrngte und was er fr ihn bedeutete. Die apostolische
Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem
Gesichtspunkt der gttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift
geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der
Geschichte zu thun.

Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens
Jesu ber den Leidensgedanken ausgefhrt wird, ist nicht von der
Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt
sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische
Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung
und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt.

Smtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse
begegnen sich in einem Lsungsversuch, den wir als den
historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
Geschichte zu erklren, modern die psychologische Nachempfindung, mit
deren Hlfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter
Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrngte und von ihm religis
gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lsungsversuchs sind folgende.

Es konnte sich fr Jesus nicht um Beschaffung der Sndenvergebung
handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers
zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert
der Gedanke der Shne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Shnetheorie mit
ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die
Sndenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der
Sndenvergebung, so auch die juridische Shnevorstellung Jesu fremd war,
da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprche
ber die Wertung seines Leidens sind also in der berlieferten Form
irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.

Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthlt der historische
Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der
hchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff
des Dienens zum Begriff der Shne fhrt. Der Wert dieser Dahingabe fr
die andern besteht darin, dass das von Jesus bernommene Todesleiden
gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des
Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese
That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen,
deren bernatrlichen Abschluss seine Wiederkunft in Herrlichkeit
bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch
ihn sich vollendet.

Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte
und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies
hatte er zunchst in kleinen Grenzen whrend seiner galilischen
Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit
auf Grund des Glaubens an den gttlichen Vater und unter dem Eindruck
der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfnge dieses
Reiches. Es war eine glckliche, erfolgreiche Zeit: der _=galilische
Frhling=_, wie sie KEIM genannt hat. Den Hhepunkt dieser Periode
bildete die Aussendung der Jnger. Durch ihre Predigt sollte die
herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der
Rckkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den
Sieg fr schon gegenwrtig hielt (Mt 11 _-25-27-_).

Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der
Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Frher hob ihn die Zuneigung
des Volks ber die Reibereien mit den Behrden hinweg. Jetzt aber,
da die Sache planmssig betrieben wurde, fielen auch seine Anhnger
von ihm ab. Es war verhngnisvoll, dass in der Diskussion ber die
Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung
zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frhling wieder ins Land kam,
hatte er Galila verlassen mssen. Hoch im Norden, in der Stille und
in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu
kommen.

Fr die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der
Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war
entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte
sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber,
wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal
unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm
wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
Leistung, durch welche sein Werk gekrnt wurde. Es war dann Gottes
Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die hchste sittliche
That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach
Jerusalem -- um Messias zu bleiben.


2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lsungsversuchs.

1. Das Leben Jesu zerfllt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste
war glcklich, die zweite brachte Enttuschungen und Misserfolge.

2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine
Dahingabe eine Shne fr viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14
_-24-_ (sein Blut fr viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den
paulinischen Shnegedanken beeinflusst.

3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist,
beherrschte den Leidensgedanken.

4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des
Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jnger durch
ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der
Leidensgedanke war eine Reflexion.

Sind diese Voraussetzungen, jede fr sich genommen, richtig?


=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.)

Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der
Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glcklichen
Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den
Pharisern ber die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), ber die
Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und ber die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3
_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen.
Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig
unzurechnungsfhig mit Gewalt nach Hause zurckbringen wollen (Mk 3
_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_).

In dieselbe Zeit fllt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschttert
hat. Die Phariser diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm
vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn
dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er
bereitet die Jnger auf hnliche Verkennung vor. Haben sie den
Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute (Mt 10 _-25-_).

Das sind die bekannten Ereignisse der erfolgreichen Periode! Aber
sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit
der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen
selig, die um seinetwillen geschmht und verfolgt werden (Mt 5
_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jngern Drangsal und Not
in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden
(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und
sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galilische Periode
soll _=glcklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist
_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen?

Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenber in jener Zeit thut,
weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und
in Bethsada vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie
herabbeschwrt, wo es Tyrus und Sidon noch ertrglicher gehen wird als
ihnen (Mt 11 _-20-24-_)!

Weil dieser dstere Zug nicht in die glckliche galilische Periode
passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthischen Reden um die
Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stcke aus einer
spteren Epoche enthlt. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach
der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und
die Aussprche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentmliches
Geprge, so dass man nicht wsste, wo Anspielungen auf galilische
Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jnger unterzubringen
wren.

Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts
berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jnger. Den
grossen Augenblick ihrer Rckkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten
(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Phariser
verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rckgang
seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion ber
die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man
von ihr verlangt. Jesus war frher mit den Hauptstadttheologen schon
viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der
Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene.

Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die Flucht
nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die
Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar;
ebensowenig _=begrnden=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat
des vorhergehenden Streitgesprchs, sondern _=wir=_ tragen in die
berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein.
Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun
das Gebiet verlsst, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorlufig
unerklrt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung.

Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal
von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_,
Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach
der Verklrungsgeschichte). Dieses Faktum knnte vielleicht in einer
litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begrndet sein,
was z. B. fr die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten
darf.

Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet,
als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der
Land und Leute an die Phariser verlor und zuletzt fliehen musste,
sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten
Propheten. Wenn diese jubelnden galilischen Volksmassen es ihm
jetzt ermglichen, in der Hauptstadt die Behrde mehrere Tage zu
terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht
gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen,
haben sie es fr den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen
Theologen im eigenen Land weichen musste?

Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die
_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn berall, wo Jesus nach der
Rckkehr der Jnger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer
ihm ergebenen Menge begleitet: in Galila, vom Jordan nach Jerusalem
und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung
des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen
Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser
Volksbewegung zu Gunsten Jesu befrchtete. Das war der einzige
Misserfolg in der zweiten Periode. Freilich war er verhngnisvoll.

Die erfolgreiche erste galilische Periode ist also in Wirklichkeit
die Zeit der Demtigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes fhrte
dazu, sie trotzdem als die glckliche aufzufassen. Zunchst ist
darin ein _=sthetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark
hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die
wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht
anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich
selbst wiederfindet.

Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten
Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird
durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite
unglcklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht
begreiflich ist.

Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der
Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen erffnet
er seinen Jngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch
die Schriftgelehrten sterben msse. _=Das Verhltnis ist also gerade
umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem
Rtsel.


=4. Der Einfluss der paulinischen Shnetheorie auf die Fassung der
synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.)

Es lsst sich kein Beweis fhren, dass die synoptischen Leidensstellen
durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich
um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen
Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen
Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst
diese schroffe Shnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der
modern-historische Lsungsversuch nicht eingerichtet.

Nun lsst sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen
kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=fr euch=_ (I
Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_:
Mein Leib, der _=fr euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=fr euch=_
vergossen wird. Die beiden lteren Synoptiker schreiben dafr immer:
_=fr viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur
Shne _=fr viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes,
das vergossen wird _=fr viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum,
welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jnger.
Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.

Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist
nichts gethan. Warum redete Jesus bei den lteren Synoptikern von
den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklrung
liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem
Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu
einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nmlich denen, die an ihn
glauben. Die Jnger reprsentieren diese glubige Gemeinschaft in den
geschichtlichen Aussprchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der
messiasglubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass
Jesus mit den Worten ber sein Leiden die Glubigen gemeint habe.

Das altsynoptische _=fr viele=_ ist aber vom _=historischen
Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an
seine Messianitt verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein
Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm
gewiss, dass sie grsser ist als der Jngerkreis; darum sagt er _=fr
viele=_. Htte er gesagt _=fr euch=_ wie Paulus ihm zumutet, so
htten die Jnger daraus schliessen mssen, er sterbe fr sie allein,
da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde gelufig war,
als Reprsentanten einer zuknftigen messiasglubigen Gemeinschaft
fhlen konnten.

Ist aber dieses _=fr viele=_ stehen geblieben, trotzdem Paulus aus
der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch _=fr euch=_
ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmgliches Wort
schafft: so ist man nicht berechtigt, in der berlieferten Form des
altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung
anzunehmen. Die schroffe Shnetheorie bei den Synoptikern ist also
historisch. Eine Abschwchung, wie sie der modern-historische
Lsungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.

Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprche Jesu gerade
dem _=fr viele=_ gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben,
sind alle Darlegungen ber die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis
RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der glubigen Gemeinschaft, mit
der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des
historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausfhrungen einfach sinnlos.
Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum
nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Shne einer mit Absicht
unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.


=5. Das Reich Gottes als ethische Grsse im Leidensgedanken.= (Dritte
Voraussetzung.)


a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung
des kommenden Reiches.

Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in
seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus
regieren wrde. Darber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie
zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das
Gottesreich.

In diesem Ausspruch findet man nun gewhnlich den ethischen Begriff des
Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grsste
im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_),
und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes
Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch
Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.

Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
als etwas Zuknftiges gedacht ist, whrend das Dienen auf die
Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber
handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der
Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verluft in
einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwrtige von
dem zuknftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grssten
gehren will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine
Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen!
Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo
die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto
hher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhrt und
das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden
erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen
wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt
er den Leidensbecher, von dem auch die kosten mssen, die mit ihm
herrschen wollen!

Sowie man dieses _=jetzt und dann=_ in Jesu Rede beachtet, tritt an die
Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung.
Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden
des Herrschens.

     1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener
        (V. _-43-_).

     2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_
        Diener (V. _-44-_).

     3. Darum wartet des Menschensohns die hchste Herrscherstellung,
        weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu
        dienen, indem er sein Leben als Shne fr _=die Vielheit=_
        dahingibt (V. _-45-_).

Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jnger erstreckt
sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschrnkte
Mehrheit, nmlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute
kommen soll. Bei den Jngern handelt es sich nur um eine selbstlose
_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist
ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung
im Reich verbunden ist.

Die gewhnliche Erklrung wird nicht dem altsynoptischen, sondern
nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die
Erzhlung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen
Streit der Jnger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen fr den
Grssten zu halten sei.

Damit ist das _=jetzt und dann=_ aus der Situation ausgeschieden
und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe
Herrschen und Dienen. Jesu Rede verluft dementsprechend auch in
einem unlebendigen Parallelismus. Der Grsste unter euch sei wie der
Jngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt
aus seiner Dahingabe in den Tod fr die grosse Allgemeinheit auf das
Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet
er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jngern gegenber: Ich aber
bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint
er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden lteren
Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der
neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern
um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung
des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_.

Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel
mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und
Kindessinn in diesem Aeon wird man wrdig bereitet, im Reich Gottes zu
herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich gelutert und geadelt
ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden fr Jesus der sittliche
Erwerb und die sittliche Bewhrung fr die messianische Herrschaft, die
ihm bestimmt ist.

Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der
widergttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht
vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der gttlichen Macht sein. Trger
derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein
erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet
haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_).

Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert
Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des
Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern
mit einer bersittlichen Grsse, nmlich mit der eschatologischen
Reichsvorstellung.


b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.

Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang
zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom
vergossenen Blut. Die brigen Stellen ber das Leiden fhren auf eine
hnliche Verbindung.

Nachdem Jesus mit seinem ja sich selbst das Todesurteil gesprochen,
redet er von seiner Wiederkunft auf den Wolken des Himmels. Dabei
denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken.
Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen
sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.
Dieser logische Zusammenhang ist, wie fr das Kelchwort, bei Matthus
schon erweicht, indem er an die Stelle des _=und=_ die rein zeitliche
Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von
nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er
hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.

Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie
setzt auch das Gesprch ber den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8
_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schmt, wenn er Schmhung und Verfolgung
in der ehebrecherischen und sndigen Welt erduldet, dessen wird sich
auch der Menschensohn schmen, wenn er in der Herrlichkeit seines
Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht
in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!

Dieser Zusammenhang muss fr die Hrer stark hervorgetreten sein. Nach
dem Aufbruch von Csarea Philippi, unter dem Eindruck des
Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfllt (Mk 9
_-30-32-_) -- streiten sich die Jnger darum, wer den hchsten Platz im
Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darber
zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von
seinem Leiden gesprochen hatte.

Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten
Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die
Zebedaiden erheben ihre Ansprche auf die Thronpltze. Es handelt sich
hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhnger, denn Jesus
geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische
Erwartung muss also fr die Jnger in dem Leidenswort Jesu so stark zur
Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen ber die
Stellung, welche sie im zuknftigen Reich einnehmen werden.

Der modern-historische Erklrungsversuch eliminiert den
eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der
_=Wiederkunft=_ reduziert. Dieser Ausdruck ist vollstndig falsch.
Jesus hat nie von seiner _=Wiederkunft=_, sondern nur von seiner
_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir
gebrauchen den Ausdruck Wiederkunft, weil wir Tod und Herrlichkeit
durch Kontrast verbinden, als bezge sich der neue Zustand nur auf
eine sieghafte Verklrung Jesu. Unsere Auffassung lsst ihn sagen:
Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_
verherrlicht werden. Thatschlich hat er aber gesagt: Ich muss leiden
_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.
Das bedeutet aber fr seine Zuhrer viel mehr als eine Apotheose --
denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische
Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
Anbruch des Reichs in einen zeitlich-urschlichen Zusammenhang. Der
_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_,
beherrscht seinen Leidensgedanken.


=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.)

Bestnde die Auffassung des modern-historischen Lsungsversuchs zu
Recht, so htte Jesus den Jngern den Leidensgedanken in der Form einer
ethischen _=Reflexion=_ mitteilen mssen. Sollten sie die eintretende
Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus
eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie
mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der
Ankndigung desselben, bekannt machen.

Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer
_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere
Erklrung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem mssen, dem Ausdruck
der unbegreiflichen gttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke
ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen
Lsungsversuch entgegen.


7. Zusammenfassung.

     1. Die Annahme einer glcklichen galilischen Periode, auf welche
        dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar.

     2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
        Leidensaussprche nicht bedingt haben.

     3. Nicht der ethische, sondern der berethische, eschatologische
        Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.

     4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form
        einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein
        unbegreifliches Geheimnis, das die Jnger gar nicht zu verstehen
        brauchten und auch nicht verstanden haben.

So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
Lsungsversuchs. Mit ihnen strzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch
nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin,
dass man es dabei ber eine Art reprsentativer Bedeutung des Todes Jesu
nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts
schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sndenvergebung oder
als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft whrend seiner ganzen
ffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Shne verlangt aber
eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes.

Darin besteht auch die Schwche der modernen Dogmatik gegenber der
alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand,
der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik
redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hllt sich
in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar
beide. Religis berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist
aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung
des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen.

Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grsse, welche an den Tod
gebunden ist? Die synoptischen Sprche geben darauf nur _=eine=_ Antwort:
_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Shne, die Jesus
leistet, hngt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der
Grundzug des Leidensgeheimnisses.

Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darber
Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der
eschatologisch-historische Lsungsversuch.=_




Zweites Kapitel.

Die Entwicklung Jesu.


1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grsse.

Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme
der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie knnen sich in _=einem=_ Denken
zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte
Weltanschauungen vereinigen?

Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefhl, dass
beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jsus-Christ et
les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G.
VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie
berhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wren alle
derartigen Aussprche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der
spteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der
Hartnckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehren zu
den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt.

Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch
_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als htte Jesus die realistischen
Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige bersetzt, indem er sie im Bilde
anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die
eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895).
Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem
uneigentlichen Sinn gemeint, whrend seine Zuhrer sie aus der
zeitgenssischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Fr
ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklrung,
sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.

So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
Weltanschauungen zu erklren sei, in voller Schrfe bestehen. Die
einzige Lsung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu
liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe
die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung
der sittlich-religisen Gemeinschaft erwartet, die er zu grnden
unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische
Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische
Vorstellung ihm aufgedrngt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen,
die Vollendung des religis-ethischen Ideals, welche er bisher an den
Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in
welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er
unternommen hatte.

Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber
die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das
Problem nur, ohne es zu lsen. Die Aufnahme des eschatologischen
Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll,
bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit,
wobei jede Entwicklung aufhrt. Denn, wenn man mit dem eschatologischen
Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er
vertrgt keine nebenschliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht,
aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergnzend
zum Uneschatologischen hinzutrat.

Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der
eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist
die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch
nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgngliche Voraussetzung
jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische
Gedanke sich Jesu nicht durch ussere Erlebnisse aufgezwungen haben,
_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galilischen Periode
_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_!


2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.

Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen (Mt 10 _-7-_) -- dieses
Wort, das Jesus den Jngern zu verkndigen auftrgt, fasst seine ganze
bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die
Stdte Israels. In welchem Sinn diese Ankndigung gemeint ist, darber
gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss.

Ist die gewhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der
Jnger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlsst, ein
merkwrdiges Rtsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er
daran, den Kreis seiner auf die Grndung des Gottesreiches gerichteten
Thtigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen
fr die missionierende Thtigkeit der Jnger in diesem Sinn enthalten.
Man msste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie ber das neue
Verhltnis zu Gott und ber die neue Sittlichkeit des Gottesreiches
predigen sollen.

Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung
der Lehre Jesu. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht
gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkndigung durch
Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nhe des
Gottesreiches berall ertnen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und
Busse thun knnen. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen
sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfnglichkeit finden, nicht
aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Stdten Israels
fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.
Kommen des Menschensohnes bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes
mit Macht=_.

Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich
ich sage euch, ihr werdet mit den Stdten Israels nicht zu Ende sein,
bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die
Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jnger sagen lassen, dass
nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu
verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer
Block inmitten blhender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der
Reichsnhe eschatologisch auf, dann fgt sich das Wort einem grossen
Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von
diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer spteren Zeit
eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische
Aussagen in die Tage der Aussendung.

Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut,
wer an die Nhe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt ber
die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken
heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass
es mit der widergttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des
Gottesreiches anbricht. Das gehrt mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer
ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich
Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsada und
Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden
ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor
andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was
doch Heidenstdte wie Tyrus und Sidon gethan htten (Mt 11 _-20-24-_).
Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den
Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass.

Die Jnger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und
dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkndeten, so nahe
war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf
das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nmlich auf _=das letzte
Aufbumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um
nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie
entlsst! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande
lsen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden
(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will,
der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem
Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10
_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung ber
sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen
und sie qulen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den
Bruder, der Vater das Kind dem Tod berantworten, und die Kinder werden
wider die Eltern aufstehen und den Tod ber sie bringen. Nur wer in
diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt,
der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott fr
ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_).

In der Aussendungsrede hat Jesus die Jnger ber die Wehen des
anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien
mag vielleicht die Frbung einer spteren Zeit aufweisen. Dadurch
wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeintrchtigt. Es
handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thtigkeit _=nach seinem
Tode=_; ber eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische
Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die
sieghafte Verkndigung der Reichsnhe sich auf die Wehen einrichten.
Darum dieses, in der bisherigen Erklrung unfassbare Nebeneinander
von Optimismus und Pessimismus. Es gehrt zur Signatur jeder
eschatologischen Weltanschauung.


3. Die neue Auffassung.

Der Leidensgedanke ist _=nur=_ von dem eschatologischen Reichsbegriff
beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es sich _=nur=_ um die
eschatologische, nicht um die ethische Reichsnhe. Daraus folgt einmal,
dass Jesu Thtigkeit _=nur=_ mit der eschatologischen Realisierung
des Reiches rechnet. Dann kann aber das Verhltnis seiner ethischen
Gedanken zur eschatologischen Weltanschauung keine Umbildung durch
ussere Ereignisse erfahren haben, sondern es muss von Anfang an
dasselbe gewesen sein.

In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und seine
Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die Eschatologie
als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es keinen organischen
Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik Jesu, wie wir sie
aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie eingerichtet
ist, sondern viel hher steht. Man muss daher den umgekehrten Weg
einschlagen und versuchen, _=ob nicht seine ethische Verkndigung ihrem
Wesen nach durch die eschatologische Weltanschauung bedingt ist=_.




Drittes Kapitel.

Die Predigt vom Reich Gottes.


1. Die neue Sittlichkeit als Busse.

Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die
Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fllt seine ganze Ethik unter
den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns
scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner
sittlich-religisen Verkndigung angewandt werden zu knnen. In unserer
Sprache hat nmlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es
hauptschlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.
Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek:
metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine
sittliche Wiederherstellung im Rckblick auf einen zurckliegenden
sndigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prvaliert -- _=auch
eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine
sittliche Vollendung=_.

So schliesst die Busse in Erwartung des Reichs alle positiven
ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der
lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea,
Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick
auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: Waschet euch, reinigt euch;
entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht,
steuert dem Gewaltthtigen; richtet die Waise, schaffet Recht der
Witwe (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen
Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben
legt, muss man gegenwrtig haben, um die synoptische Busse richtig zu
erfassen. Beide sind nach vorwrts orientiert, beide sind durch den
Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein
Gericht herauffhren wird. Fr die altprophetische ist es der Tag des
Herrn, fr die synoptische der Anbruch des Reiches.

Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche
hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt
zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand
fr alle fest. Wer also die Nhe des Reiches predigte, musste auch die
Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkndet Jesus die neue
Gerechtigkeit, die hher ist als das Gesetz und die Propheten, denn
diese gehen nur bis auf den Tufer. Seit den Tagen des Tufers steht man
aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.

Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen;
nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das
Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhngerschaft
Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden,
kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_).
Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der
gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzufhren, der in Sturm und
Wetter standhlt (Mt 7 _-24-27-_).

Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5
_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich
berechtigende sittliche Verfassung. So erklrt sich das Prsens und
das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmtigen, die
nach Gerechtigkeit Hungernden und Drstenden, die Barmherzigen, die
reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der
Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem
Verhalten die Gewhr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu
gehrig erfunden zu werden.

Eine Reihe von Gleichnissen enthlt denselben Gedanken. So wird in den
Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der kstlichen Perle (Mt 13
_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn
ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern
Gter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende hchste Gut zu
erwerben.

Wir finden also in der Ethik der galilischen Periode schon das
jetzt und dann, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu
Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik
der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu
ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen
letzten Aussprchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das
Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt,
entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der
Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur
bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie
geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst.

Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog
zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewhrung
der neuen Sittlichkeit in allen Verhltnissen des Lebens gewhrleistet
den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Phariser, der dem
Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen
Liebesgebot ausgedrckt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes
(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Phariser durch seine
Gesinnung beinahe schon die Hhe der Sittlichkeit des Gottesreiches
erklommen hat. Wenn nmlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit
des _=Gottesreiches=_ ausmachte, msste er ihm, da er diesem Gebote
vollstndig zustimmt, sagen: Du gehrst dem Gottesreiche an. So aber
ist das nicht fern rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer
kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem
Reich Gottes, weil er die sittliche Qualitt besitzt, durch welche
er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Krze
erscheint. Das nicht fern enthlt also dasselbe Gemisch von Prsens
und Futurum wie die Seligpreisungen.

Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den
Begriff des Lohnes auf dieses Verhltnis zwischen der Zugehrigkeit
zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch
der Gedanke Jesu nicht vollstndig wiedergegeben, da es sich fr ihn
vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande
der sittlichen Erneuerung in den der bersittlichen Vollendung des
Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz
der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben
erfunden werden. Dies ist der adquate Ausdruck fr das Verhltnis der
Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich.


2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.

Durch die Tiefe der religisen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser
modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen
inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelst von jeder
geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die hchsten ethischen Gedanken
aller Zeiten schon in sich enthlt. Dennoch besteht ein grosser
Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik
ist unbedingt, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst
heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur
Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des
Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser
Verselbstndigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt
sich, dass die christlich-moderne Ethik von
hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem
Einfluss einer zweitausendjhrigen Entwicklung steht.

Die Ethik Jesu hingegen ist bedingt in dem Sinn, dass sie in
unlsbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines bernatrlich
eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre
jdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der
prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine
Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur
Erklrung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die
prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere
mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die
Ethik Jesu verselbstndigt, whrend sie durchaus nach der erwarteten
bernatrlichen Vollendung orientiert ist.

Dadurch schafft man das unlsbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach
durchaus moderne Persnlichkeit nebenher eschatologische Aussprche
thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und
macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so
ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus
kleinen Anfngen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des
Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes
Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen knnen.

Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner
historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung
hindurchzwngt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu
erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Fr Jesus und die Propheten war
sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen
Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine
Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut
und Bse; es wird herbeigefhrt durch eine kosmische Katastrophe, durch
welche das Bse total berwunden wird. Damit werden die sittlichen
Massstbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine bersittliche Grsse.=_

Zu dieser Hhe des berethischen Idealismus kann sich das moderne
Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte
alt geworden. Fr das historische Verstndnis der Ethik Jesu ist sie
aber die unerlssliche Voraussetzung.

Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwrts denken, an die
kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen
werden. Jesu Blick geht rckwrts. Fr ihn setzt sich das Reich zusammen
aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es fr ihn eine Ethik
der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den
Sadducern erklrt, dass es im Gottesreiche nach der grossen
Auferstehung geschlechtliche Beziehungen berhaupt nicht mehr geben
wird, sondern dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels (Mk 12
_-25-_)?

Jede ethische Norm Jesu, mge sie auch noch so vollendet sein, fhrt
also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, whrend jeglicher Pfad
verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht
man keinen.

Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der
Wert der Ethik Jesu wrde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt.
Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus
einem absolut ethischen Idealismus, welcher fr den erwarteten
Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch
sind. In unserer verselbstndigten Ethik aber setzen wir den Kampf
zwischen Gut und Bs, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehrend, fr
immer voraus. Ethik und Theologie stehen fr uns nicht in diesem
lebendigen Verhltnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die
Verselbstndigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern
sie bedeutet auch eine Verkmmerung seines ethischen Idealismus.

In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem
Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
der bernatrlichen Vollendung, dann ist ihr thatschlicher Wert
herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhltnis
des Einzelnen zum Gottesreich bercksichtigt. Dass aber die sittliche
Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als
solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung
des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem
ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er
arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade
deswegen strubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches
Gottes seiner Verkndigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil
man sich dann nicht erklren kann, wie er den Zustand der neuen
sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem bernatrlich
eintretenden Reich organisch verbunden denkt.

Daher gert man hier unwillkrlich auf das moderne Geleise. Der
Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die
neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand
aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und
Vertiefung nhert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne
geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollstndig fremd.
Wenn er aber auch unsere Erklrung nicht vorausgesetzt haben kann,
das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem
organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
aber diesen Endzustand als rein bernatrlich eintretend erwartete,
war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen,
_=sondern es war ein gttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu
den Vorgngen in der Natur aussprach.




Viertes Kapitel.

Das Geheimnis des Reiches Gottes.


1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.

Es handelt sich um das Geheimnis des Gottesreiches (Mk 4 _-11-_),
welches in den Gleichnissen vom Semann, von der selbstwachsenden Saat,
vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin
gewhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch
welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand
zusammenhngt. Die gesten Krner enthalten die Ernte schon, indem
jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich
daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfngen.

Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den
Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer
stetigen Entfaltung durch die Vorgnge in der Natur ist kein Geheimnis
mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir
deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei
noch so verschiedene Zustnde in allen Fllen durch den Begriff der
Entwicklung verbindet.

Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die
Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei
ganz verschiedene Zustnde in einer Aufeinanderfolge vorfhrte, deren
Zusammenhang ebenso gewiss als unerklrlich war. Diese Unmittelbarkeit
spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der
Natur, auf welchen es die moderne Erklrung abgesehen hat, wird gar
nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die
beiden Zustnde so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
Frage gedrngt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
hervorgehen?

1. Ein Mensch ste aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch
die verschiedensten Umstnde verloren -- und doch war der Ertrag der
Krner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgeste
dreissig-, sechzig-, ja hundertfltig wiederbrachte.

Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses
Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_
vorliegt, ist aus einer spteren Anschauung hervorgegangen, fr die das
Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprnglich waren aber
die einzelnen Schilderungen nicht selbstndig, sondern die Saat, die
auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren
geht, samt der, welche die Vgel des Himmels aufpicken, bildet einen
einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Fr das
Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht.
Jesu Rede hngt, trotz der wundervoll ausgefhrten Schilderung, in
einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was
verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt
das Geheimnis.

2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen
Geschften nach und kmmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er
sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine
Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die
Samenkrner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras,
Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis.

3. Es wurde ein Senfkorn gest; daraus sprosste eine grosse Staude
hervor, mit Zweigen, dass die Vgel des Himmels darunter wohnen
konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist
das Geheimnis.

4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher
war der ganze Teig Sauerteig. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein
grosser Teig durchsuert werden? -- Das ist das Geheimnis.

Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und
verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hrer darauf aufmerksam
machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich
vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_
Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie
es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht
sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches
Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist
nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so
beschrnkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu
erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden
schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf
die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete
der geistige Semann zu den Galilern zur Zeit der Aussaat. Sie
sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die
sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
aber unerklrlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes
stnde. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der
Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes
erstehen lassen.

Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jnger aus, zu
verknden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.


2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der
Aussendung.

Jesus war allein. Die Jnger trugen die Kunde von der Nhe des Reiches
in die Stdte Israels. Whrend das Volk sich um ihn drngte, kamen
die Gesandten des Tufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem
Bescheid: das Reich stehe vor der Thr; man brauche nur die Sprache
der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er
von der Bedeutung des Tufers und seiner Wrde. Dabei entfiel ihm ein
Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: wenn ihr es zu fassen vermgt, Mt 11
_-15-_: wer Ohren hat zu hren, der hre). Johannes ist der Elias, d.
h. die Persnlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs
anzeigt. Von den Tagen Johannes des Tufers bis auf diesen Augenblick
wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthtigen reissen
es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
geprophezeit, und wenn ihr es fassen mgt, so ist er der Elias, der
kommen soll. Wer Ohren hat zu hren, der hre (Mt 11 _-12-14-_).

Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthlt gar nicht den
Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich
erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den
Tagen des Tufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich,
wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt.
Ebenso unverstndlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung
des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert
der Anfang dieser Ntigung dann nicht vom Tufer, sondern von Jesus.

Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der
Hinweis: wer Ohren hat zu hren, der hre. Er kommt nur noch bei
den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss
apokalyptischer Sprche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der
Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche
Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der
ausgebt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_.
Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Tufers. Darum wird von
da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthtigen, die es an
sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten.
Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.

Das Wort in der Rede ber den Tufer und die Gleichnisse des Reiches
Gottes erklren und ergnzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben
vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhltnis der geleisteten
sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches
Gottes hervor, whrend das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung
mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet.


3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und
jdischen Zukunftserwartungen.

Jesu Ethik hngt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie
jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist,
welchen Gott herauffhren wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches
Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das bernatrliche Kommen des
Reiches herbeifhrt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei
den Propheten ist das Verhltnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche
sie herbeifhren wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am
Tage des Gerichts herauffhren wird, kein rein zeitliches, sondern es
beruht auf einem bernatrlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige
Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum
zchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedrnger. Wenn
es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in glubigem
Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und
Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen
vor seinen Bedrngern und seine Herrlichkeit wird aufgehen ber Israel,
dem die Vlker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede
ber die ganze Welt und auch ber die Natur ausgegossen werden.

Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz
weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt
durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die
primre, die individualistische erst die sekundre. Israel wrde
erlst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebhrte
(Schabbath 118^b. WNSCHE, System der altsynagogalen palstinensischen
Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
in gesetzlicher Verusserlichung.

Im allgemeinen herrschte aber spter die individualistische Betrachtung
vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten berhaupt waren nur die
Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der
lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle,
unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik
Kasuistik.=_

Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
Zeit zurckgriff, handelte es sich fr ihn nicht um reine
Zukunfts_=erwartung=_. Sptjdisch an ihm ist nur die Form, in der er
sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr
unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Vlkergeschichte,
wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe.
Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch
den Menschensohn herbeigefhrt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_).

_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines
souvernen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der
Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner
Zeit und steht doch so hoch ber ihr. Fr die Zeitgenossen handelte es
sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller
Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, fr
Jesus um die _=Herbeifhrung=_ des erwarteten Ereignisses durch die
sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische
Eschatologie.=_


4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glcklichen
galilischen Periode.

Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches
unabhngig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er
betont ja gerade, dass die Beschrnktheit des Kreises, welcher die
sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhltnis steht zu der
allumfassenden Grsse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens
eintritt. Es gengt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute
Land fllt -- und die berreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht.
Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewaltttigen wird das Reich
herbeigentigt.

Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer
erfolgreichen galilischen Periode ganz berflssig. Jesus kann sich
der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn
er die grssten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner
Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf,
sondern sie berliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich
tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die
sich um Jesu sammeln.

Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt
sich also darin, dass sie eine zur Erklrung des Lebens Jesu sonst
absolut unumgngliche, historisch aber in keiner Weise zu begrndende
Annahme unntig macht.


5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu.

So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der
Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in
Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrsse zur Vollendung des
Reichs modern, nmlich _=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_.
Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue
sittliche Gemeinschaft, die er grndet, sich immer weiter ausbreitet,
ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab;
universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die
Aussendungsrede zeigt, dass er fr die sittliche Erneuerung nicht ber
die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet
auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber
vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel.

Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das
Reich selbst aber ist universalistisch, denn sie werden kommen von
Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend. Das Geschlecht,
das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten
werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse
gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, und hier ist mehr denn
Jonas. Auch die Knigin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als
Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos
zu hren, und hier ist mehr denn Salomo (Mt 12 _-41-42-_).

Fr das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem
Partikularismus in der Verkndigung des Reiches und dem Universalismus
in der Vollendung desselben unberwindbar, weil es sich alles durch
den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes
aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das
Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt,
bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Vlker zur
Herrlichkeit erweckt. Die Herbeifhrung des Reiches hingegen fusst auf
dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der
Volksgenossen Jesu herbeigentigt. Das Heil kommt aus Israel.


6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und
zum Staat.

Jesus hat sich weder fr noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er
erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu
binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder
nicht verbindlich sei, fhlte er keine Ntigung. Diese Frage war fr
ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam
es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den
Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf;
denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung
trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand bergesetzlich und
berethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch fr
seine Anhnger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte fr ihn
nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt.

Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den
jerusalemitischen Tagen stellte, war fr ihn gegenstandslos. Als er
den Pharisern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins
geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhnger Stellung
zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen
aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungttliches Herrschen.
Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft.
Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man
der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie
eben ber sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des
Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist
mit einer souvernen Ironie gesprochen gegen die Phariser, die so
wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage fr sie
bildet. Sie sind gerade so thricht in den Sachen des Reiches Gottes,
wie die Sadducer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal
verheiratete Weib bei der Auferstehung gehren wird, denn auch sie
lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_).


7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.

Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller
mglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestrt fortzusetzen,
ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa
verstossen mchte, sondern sie fr sich allein, so viel man kann, wahr
und vollstndig zu vollfhren. Oeftere Beobachtung hat mich berzeugt,
dass, wenn man diese Geschfte zu Ende gebracht hat, das, was in der
Hlfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange
aus den Augen liess und bloss auf mein Geschft achthatte, bis es
vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen
zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rcksicht auf jene Lehren,
ohne Parteilichkeit und Vorliebe fr dieselbe, von selbst gefunden
hatte[1].

KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die
Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem
praktischen aufgeht. Mit dem Verhltnis der Ethik Jesu zu seiner
Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen
Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei.
Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu
suchen und dafr seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in
den Hintergrund zu drngen. Entschliesst man sich aber, dieses in
unserem Wesen so tiefbegrndete und so berechtigte Interesse fr einen
Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhltnis seiner Eschatologie
zur Ethik rein fr sich, geschichtlich zu betrachten, so frdert die
Untersuchung das berraschende Resultat zu Tage, dass die letztere
in einem viel hheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen
wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei
Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie
vollstndig abhngig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich
in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nmlich durchaus
modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die
religis-sittliche Erneuerung hin, welche die Glubigen leisten, das
Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religise Bethtigung ist
also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_

Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser
ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb
eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
Begeisterung und den unvergnglichen Glauben an den Endsieg des Guten
weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthlt das Geheimnis
der christlichen Weltanschauung berhaupt. Die ethische Eschatologie
Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche
Weltanschauung in die Geschichte eintrat!

FUSSNOTE:

[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.




Fnftes Kapitel.

Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.


In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse
vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die
knigliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24
_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten
Pfunde (Mt 25 _-14-30-_).

Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom
Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine
_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich
Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehrig erfunden
werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten.

Dafr enthlt aber die zweite Periode _=das Geheimnis des
Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, fhren die Aussprche Jesu
auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem
Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke
immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jnger
jedesmal durch seine Leidensankndigung aufs hchste gesteigert werden.

_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des
Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen
Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das
Eintreten des Reiches eine ntigende Gewalt ausbt, _=tritt die
shnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer,
die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den
Gewaltthtigen, die das Reich herbeintigen, zur Seite. Die Gewalt, die
er dabei anwendet, ist die denkbar hchste -- er gibt sein Leben hin.

Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich
Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern
begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches
Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergrndende
Thatsache.

Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis
des Reiches Gottes garantiert die Kontinuitt in Jesu Gedankenwelt.
Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese
Kontinuitt herzustellen, waren unvermgend, das Geforderte zu leisten.
Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fllen eine
totale Vernderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber
den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des
Reiches Gottes, so ist die Kontinuitt natrlich gegeben. Der Gedanke
der bernatrlichen Herbeifhrung des Reiches Gottes durchzieht Jesu
ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben
in der zweiten Periode darstellt.

Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des
Leidensgeheimnisses an?

Warum muss die Shne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur
Busse der reichsglubigen Gemeinschaft hinzutreten?

Inwiefern kommt dem Shnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des
Reiches zu?




Sechstes Kapitel.

Die Wrde Jesu auf Grund seiner ffentlichen Wirksamkeit.


1. Das Problem und die Thatsachen.

Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
Messianittsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Csarea Philippi
offenbart er den Jngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich
erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Wrde. Seiner
Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianittsbewusstsein zwar
zu Grunde. Bei den Zuhrern setzt er aber die Kenntnis der Stellung,
welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat
nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die
Botschaft von der Nhe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt
die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persnlichkeit Jesu.

Nun knnen wir nicht ermessen, inwieweit seine Wrde fr solche,
die ein aufgewecktes Verstndnis hatten, in seiner Verkndigung
durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat
niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen.
Bei Csarea Philippi antworten die Jnger ihm nur, dass das Volk ihn
fr einen Propheten oder fr den Vorlufer Elias halte, und sie selbst
wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine
Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen,
sondern er verdankt sie einer bernatrlichen Offenbarung.

Nach dieser Fundamentalthatsache mssen die synoptischen Notizen
beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthischer
Stellen in Spannung.

Mt 9 _-27-31-_, in der galilischen Parallele zur Blindenheilung in
Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit
dem Ruf Davidssohn verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, dass
es niemand erfahre, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel.

Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu,
ob das nicht der Davidssohn sei.

Mt 14 _-33-_ fallen die Jnger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff
vor ihm nieder und sprechen: du bist wahrhaftig Gottes Sohn.

Mt 15 _-22-_ redet die Kananerin ihn als den Davidssohn an, whrend
sie bei Markus ihm einfach zu Fssen fllt und um Hlfe bittet.

In allen diesen Stellen liegt matthisches Sondergut vor, das einer
sekundren litterarischen Schicht angehrt. Fr die Geschichte Jesu
haben sie keine Bedeutung, wohl aber fr die Geschichte der Geschichte
Jesu. Sie zeigen uns nmlich, wie die sptere Zeit immer mehr dazu kam,
sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er
sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck
von ihm hatten.

_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der
Dmonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so
oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen
und gebot Schweigen. Htten wir aber nicht die unumstsslich sichere
Kunde, dass whrend seiner ganzen galilischen Wirksamkeit das Volk
nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei,
so mssten wir annehmen, dass diese Dmonenrufe die Leute auf seine
Wrde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der
Nichtbeachtung der Dmonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon
entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
Teufel und dem irren Gerede Besessener?

_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck
_=Menschensohn=_. Hat Jesus ihn vor Csarea Philippi als
Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck
auf die Persnlichkeit der Endzeit beziehen.

Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Csarea Philippi verwendet ihn Jesus
bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe
matthischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_,
13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch fr die Beurteilung dieser
Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jnger
bei Csarea Philippi gegeben ist, ausgehen.

Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind
diese Menschensohnstellen chronologisch verfrht oder es handelt sich
um rein litterarische Erscheinungen.

Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in
einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen
konnte, er nehme die Wrde des Daniel'schen Menschensohns fr sich in
Anspruch.

Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jnger wissen
um sein Geheimnis, aber sie drfen es niemand offenbaren. Wie steht es
aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen
Wrde Jesu aufgegangen?

Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.

1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in
keiner Weise um die messianische Wrde Jesu, sondern es handelt sich
um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig
Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten
irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persnlichkeit=_ Stellung
nehmen. Wie ganz anders wren die jerusalemitischen Tage gewesen,
wenn es sich darum gehandelt htte: ist er der Messias -- ist er es
nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist
er nur die Autorittsperson des galilischen Volkes, vor welche die
Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autoritt zu
vernichten.

2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um
sich gehabt: vom Jordanbergang bis zu seinem Tode. Whrend dieser
Zeit hat er ihnen keine Erffnung ber seine Messianitt gemacht,
auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten.
Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das
Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht
zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner
Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Fr sie erschpft sich
seine frevelhafte Prtention in dem respektwidrigen Ausspruch ber
den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die
gedungenen Anklger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich
selbst entdeckt htten!

3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er fr das Volk
in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galila gewesen: der
grosse Prophet oder der Vorlufer, in keiner Weise aber der Messias!
Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht.

Der Einzug in Jerusalem war -- der gewhnlichen Auffassung zufolge --
_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Wrde Jesu
ahnen.

Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wre=_.
Also wusste er um Jesu Ansprche.

Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
jerusalemitischen Tagen als messianischer Prtendent oder nicht? Man
darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem
mehr oder weniger klaren Ahnen in dieser Sache redet. Das Ahnen
der Messianitt Jesu ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse
wre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt
worden, sondern es htte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt.
Wer dafr hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und
Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafr hielt, solche
Prtention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben,
den Gotteslsterer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.

Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafr, dass Volk und Phariser
in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prtentionen
beilegten, ebensowenig wie frher. Nur bleibt dann der Einzug in
Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rtsel, und ebenso
ist es unerklrlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner
Messianitt zu fragen.

Entweder verhlt es sich hiermit so, wie man gewhnlich annimmt. Dann
muss man auf jedes geschichtliche Verstndnis der letzten ffentlichen
Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in
Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht)
fr den Messias gehalten wurde, whrend die dazwischen liegenden
jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen.

Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich
missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prtendenten? Sprach
der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er
die behauptete Messianitt aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen
-- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis
Jesu, das nur den Vertrauten seit Csarea Philippi bekannt war?

In seiner vollen Schwierigkeit erhlt das Messianittsproblem folgende
Formulierung: Wie war es mglich, dass Jesus sich von Anfang an als
Messias wusste und dennoch seine Messianitt in seiner ffentlichen
Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen
liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese
Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war
ein Messias, der es whrend seiner ffentlichen Wirksamkeit nicht sein
wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission
zu erfllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_


2. Jesus der Elias, durch die Solidaritt mit dem Menschensohn.

_=Welche Wrde konnte und musste das Volk Jesu auf seine ffentliche
Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt
handelt.

Der Messias und das messianische Reich gehren unzertrennlich zusammen.
Wenn daher Jesus ein gegenwrtiges messianisches Reich gepredigt htte,
wre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias
kenntlich zu machen; er htte damit beginnen mssen, sich vor dem Volk
als Messias zu legitimieren.

Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollstndig
ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias
zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_
Wenn Jesus dennoch messianische Ansprche hatte, so lag dieser
Gedanke dem Volk vollstndig fern, denn seine Reichspredigt schloss
auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
Dmonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.

Vollends unmglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die
Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persnlichkeit in der
dritten Person redet. Den Jngern kndigt er bei der Aussendung an,
dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Stdten Israels
zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk
das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen
des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von
dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner
Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_).

Nur die Jnger nach der Offenbarung zu Csarea Philippi und der
Hohepriester nach dem Ja Jesu konnten eine persnliche Beziehung
zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach,
statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben fr
die Hrer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war,
_=der Menschensohn=_, zwei vollstndig verschiedene Persnlichkeiten.

Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der
ihn verkndigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt
seine eigene gigantische Persnlichkeit in seine Predigt des Reiches
Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkndiger des Kommens des
Menschensohnes, unter allen Umstnden bekennt, der wird am Gerichtstag
als zum Reich gehrig erfunden werden. Jesus wird nmlich vor Gott
und vor dem Menschensohn fr ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt
10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm
nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u.
_-38-_). Darum ist Jesus betrbt, als der reiche Jngling sich nicht
entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk
10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht fr ihn einstehen,
damit er als zum Reich Gottes gehrig erfunden werde. Doch hofft er von
der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum
Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht
fr ihn eintreten kann, nicht sicher ist, das ewige Leben zu ererben
(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft
sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h.
bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehren (Mk 8 _-37-_). Darum
preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um
seinetwillen Schmhung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie
die Sanftmtigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt
sind (Mt 5 _-11-_ f.).

Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidaritt zwischen
Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rtsel,
denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er
kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu
sein. Anders war es fr das Volk und die Jnger vor der Offenbarung
zu Csarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so
selbstbewussten, souvernen Weise den Menschensohn mit ihm selbst fr
absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk
zur Reflexion ber seine Persnlichkeit. Wer war derjenige, dessen
Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen
Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche
sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses
Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Wrdigkeit seinen
Wert einbsste, wie er einmal ausdrcklich warnend erklrte? Nur
_=einer=_ Persnlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus fr sich
in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorlufer=_; denn seine
Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon
und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafr, Jesus sei
der Elias. Darin sprach sich die hchste Wrdigung aus, welche seine
Persnlichkeit den Massen abntigen konnte. Es handelte sich dabei
nicht um eines der in der sekundren evangelischen Geschichtserzhlung
so beliebten Missverstndnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu
Auftreten und nach seiner Verkndigung zu keinem andern Urteil ber ihn
kommen.


3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.

Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persnlichkeit und zum
Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen
Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien.
Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias,
sondern auf den geweissagten Vorlufer. Zum zweiten hat niemand in
dem Tufer irgendwie den Vorlufer vermutet. Durch diese beiden
Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive.

Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche
er herbeifhrt, macht das berweltliche Drama aus, das der Welt
bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden
Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stck spricht, um dann,
sobald der Vorhang in die Hhe geht, den berirdischen Grssen sich
beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man
zunchst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das
Auftreten des Vorlufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde
der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_

Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Tufer hatte
sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die bernatrliche
Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehrten aber notwendig zur Epoche,
welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und
Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein,
bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Jol (3 _-1-_
ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
2 _-17-22-_). Aus der bernatrlich ekstatischen Rede sollen sie
erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der gettete Jesus
ist von Gott zum Messias erhht in der Auferstehung und das Reich wird
bald einbrechen.

Diese Jolstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi
der Vorlufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der
gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Jol 3 _-4-_:
Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.
_=Der Vorlufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also
undenkbar.=_

Nun bestand fr die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf
die Nhe des Gottesreiches hinwies, whrend der andere seine Predigt
durch Zeichen und Wunder bekrftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit
Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Tufer, aber ins
Uebernatrliche bersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und
seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Tufers bekannt wurden, da
sagte man: Der Tufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm
die Jnger zu Csarea Philippi, man halte ihn fr den Elias oder fr
den Tufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hrte, liess er sich's
nicht nehmen, dass er der Tufer sei. _=Der Tufer ist von den Toten
auferstanden und deshalb wirken die Wunderkrfte in ihm=_ (Mk 6
_-14-_).

Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die
Zuhrer darauf fhren, dass man sich in der Vorluferaera befand. Ihre
Bedeutung besteht nmlich darin, die Nhe des messianischen Reiches zu
bekrftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und
Busse thun auf das Reich Gottes hin.

Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen
aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse
thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida
und Kapernaum. Wer aber gar den heiligen Geist lstert und der
widergttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung
ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen
Schriftgelehrten in Galila schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.).
Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafr, das
Reich Gottes stehe vor der Thr und Jesus sei der Vorlufer, weil man
offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift
geweissagt hatte.


4. Die Dmonenbekmpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes.

Fr Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnhe noch in einem hheren
als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dmonenbekmpfung ist er
sich bewusst, _=auf das Kommen desselben einzuwirken=_. Hier spielt
das Geheimnis des Reiches Gottes mit herein. Dieser Gedanke ist in
dem Gleichnis enthalten, mit welchem er die Verdchtigungen der
jerusalemitischen Schriftgelehrten zurckweist (Mk 3 _-23-30-_).

Es erschpft sich nmlich nicht in dem Gedanken, dass die bsen
Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine sich gegen
den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns nmlich unvermutet
das jetzt und dann aus dem Geheimnis des Reiches Gottes: Keiner
kann in das Haus des Starken einbrechen und ihm seinen Besitz rauben,
wenn er nicht _=zuvor=_ den Starken bindet, und _=alsdann=_ mag er
sein Haus ausplndern. Die Dmonenaustreibung bedeutet also fr Jesus
das Binden und das Unschdlichmachen der widergttlichen Macht. Diese
Thtigkeit steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis des
Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem Zusammenhang.
Durch die Dmonenberwindung ist Jesus der Gewaltthtige, der das
Reich herbeintigt; denn, wenn die widergttliche Macht gebunden ist,
dann tritt der Augenblick ein, wo die Herrschaft von ihr genommen
wird. Damit dies geschehen kann, muss sie erst unschdlich gemacht
werden. Darum gibt Jesus den Jngern bei der Aussendung nicht nur den
Befehl, die Nhe des Reiches zu verkndigen, sondern auch die Vollmacht
ber die Dmonen (Mt 10 _-1-_). In jenem Augenblick der hchsten
eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthtigen aus,
welche die letzten Streiche fhren sollen. Die Busse, welche durch ihre
Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der widergttlichen Macht in
den Dmonischen ntigen zusammen das Reich herbei.

So drcken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4),
das Gleichnis in Jesu Apologie an die Phariser (Mk 3 _-23-30-_) und
das Gleichnis in der Wrdigungsrede ber den Tufer (Mt 11 _-12-15-_)
denselben Gedanken aus. Die beiden letzteren begegnen sich sogar im
drastischen Bild der Vergewaltigung, weshalb ihnen auch der Begriff des
Raubes gemeinsam ist (Mk 3 _-27-_ = Mt 11 _-12-_).

Fr das Bewusstsein Jesu waren also die Dmonenheilungen in das
Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk aber gengte es,
den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.


5. Jesus und der Tufer.

Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Tufer den Elias erkennen
konnte, weil seine zeichenlose Thtigkeit und Reichspredigt der
schriftgemssen Vorstellung der Vorluferepoche nicht entsprachen.
Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Wrde zuerkannte:
_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle
Andeutung machte, jener sei der Vorlufer: Wenn ihr es fassen mgt, so
ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende (Mt 11 _-14-_). Er ist sich
aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das
ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhngende Wort von den
Gewaltthtigen, die seit den Tagen des Tufers das Reich herbeintigen
(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprche mit dem
Orakelwort: Wer Ohren hat zu hren, der hre (Mt 11 _-15-_).

Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt
des Herodes befindliche Tufer die Persnlichkeit sein knne, die auf
der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand.
So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei,
Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_).

Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss ber die Persnlichkeit
des Tufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn ber die
Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_).

Mit den Jngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich
aus unfhig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom
Verklrungsberg kommen ihnen Bedenken ber die Mglichkeit der
Messianitt Jesu und ber die Mglichkeit der Totenauferstehung, die
er in seiner Rede berhrt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwrtigkeit
der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht
angebrochen sein, denn Elias muss zuvor kommen, wie die Phariser
und Schriftgelehrten darthun (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen
Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen
Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_).

Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Tufer der Elias war?
Durch einen notwendigen Rckschluss von seiner eigenen Messianitt
aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein.
Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand
konnte wissen, dass der Tufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis
von der Messianitt Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken
kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen
zu mssen. Denn nach dem Vorlufer blieb fr eine zweite derartige
Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich fr den
Messias hielt. Also sah man in dem Tufer einen Propheten und fragte
sich, ob Jesus nicht der Elias wre. Die geheimnisvollen Schlussstze
der Wrdigungsrede ber den Tufer hatte niemand in ihrer vollen
Tragweite verstanden. _=Fr Jesus allein war Johannes der verheissene
Elias.=_


6. Der Tufer und Jesus.

Wie stand der Tufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorlufer
zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man
gewhnlich voraus und lsst ihn als Vorlufer bei Jesus anfragen, ob
er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz
natrlich, weil wir uns beide immer in dem Verhltnis Vorlufer-Messias
vorstellen.

Darber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der
Tufer sich selbst als den Vorlufer, als den Elias gefhlt? Dem
Volk gegenber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch
erhoben. Hartnckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch whrend
seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben,
denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein
Prophet gewesen.

Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wre, dass er die Eliasgestalt
reprsentierte, wie htte man dann allgemein auf den Gedanken kommen
knnen, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die
allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Tufers war, bezeugt die
Antwort der Jnger zu Csarea Philippi.

Die Tuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der
Vorlufer frgt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine
vollkommen unberechtigte Perspektive rcken, da gar nicht zu erweisen
ist, ob Johannes sich fr den Vorlufer hielt. Also ist auch gar nicht
ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Wrde bezieht. Das
umstehende Volk, da es Johannes nicht fr den Vorlufer hielt, musste
sie ganz anders auffassen, nmlich: bist du der Elias?

Nun wird aber durch die gewhnliche Perspektive ein charakteristisches
Detail in der Perikope selbst verdeckt, nmlich, dass Jesus dieselbe
Bezeichnung, die der Tufer in der Anfrage auf ihn anwandte,
nun seinerseits wieder auf den Tufer anwendet! Bist du der
Kommen-Sollende? frgt der Tufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen
mgt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden
ist also die Bezeichnung des Kommen-Sollenden gemeinsam, nur dass wir
in der Anfrage des Tufers sie eigenmchtig auf den Messias beziehen.
Dieses fr die naive Perspektive so ganz natrliche Verfahren wird aber
als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um
Perspektive, nicht um die reellen Massstbe handelt. Denn dann gewinnt
pltzlich das er selbst in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung;
_=er selbst=_ ist der Elias, der Kommen-Sollende! Dieser Rckweis
zwingt uns, in der Anfrage des Tufers unter dem Kommen-Sollenden nicht
den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.

Bist du der erwartete Vorlufer? so lsst der Tufer Jesum fragen.
Wenn ihr es fassen mgt, ist er selbst dieser Vorlufer, sagt Jesus
zum Volk, nachdem er ihnen von der Grsse des Tufers geredet.

Durch diese Rckbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres
Kolorit. Zunchst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der
Gesandten=_ ber den Tufer redet. Er fhlt sich gentigt, das Volk in
wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet
(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorlufer, mit
dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhngnisvollen
Stunde nhert, auf den sich das Wort von dem, der den Weg bereitet
bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, dass er zuerst kommen
muss (Mk 9 _-11-_).

Johannes nmlich war mit seiner Anfrage in der messianischen
Zeitrechnung zurck. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem
Vorlufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich
unmittelbar hereinbrechen wird, aufs hchste gestiegen ist. Er hat
ja seine Jnger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass
die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Stdte
Israels berraschen knne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerckt
-- das will Jesus dem Volk in der Wrdigungsrede ber den Tufer zu
verstehen geben, wenn sie es begreifen knnen.

Zu seinem Urteil ber Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen,
wie das Volk. Als er nmlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hrt=_
(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr
wre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um
darber Gewissheit zu haben.

Damit rckt aber die Verkndigung des Tufers in ein ganz anderes
Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den
erwarteten Vorlufer hingewiesen=_. So erklrt sich die Verkndigung
von dem, der nach ihm kommen wird (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den
Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrcke dunkel.
Sie statuieren nmlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale
Differenz zwischen ihm und dem Angekndigten. Wenn er vom Messias
redete, wren diese Ausdrcke, in welchen er den Kommenden, trotz des
gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht,
unmglich. Er denkt sich den Vorlufer wie ihn selbst, taufend und
die Busse auf das Reich hin verkndigend, aber nur unverhltnismssig
grsser und mchtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist
taufen (Mk 1 _-8-_).

Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias?
Sodann aber findet die berhmte allgemeine Geistesausgiessung nicht
_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der
gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen ber
alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Jol
3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias,
den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen ber
die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Tufer in Gedanken
und kommt so zur Vorstellung _=des Vorlufers, der mit dem heiligen
Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch bernatrliches Licht die
Gestalt des Vorlufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum
fhlt sich Johannes so klein vor ihm.

Fr die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er
fragen liess: bist du der Vorlufer, oder bist du es nicht? hatte ihm
der Tufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja
noch nein antworten konnte. Sein Messianittsgeheimnis wollte er den
Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis
auf die Nhe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich
rckt er seine eigene Persnlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur
derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm
nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_
vorhlt: Die Zugehrigkeit zum Reich ist abhngig von dem Ausharren bei
ihm.

Die merkwrdige, ausweichende Antwort Jesu an den Tufer, in welcher
die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu mssen glaubte,
erklrt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt
antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Tufer sollte
daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine
Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn
die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und
der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.

Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der
Tufer und Jesus zu einander als Vorlufer und Messias gestanden
htten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur
Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grssen in diesem
Verhltnis stehen, weil wir die Messianitt Jesu voraussetzen, dass
man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige
Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss.

Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist,
wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann
nmlich, es handle sich um den Vorlufer des Vorlufers und den
Vorlufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorlufers mit
sich selbst. Das ist falsch ausgedrckt. Ein busspredigender Prophet,
Johannes der Tufer, weist auf die machtvolle Vorlufergestalt des
Elias hin und, als er im Gefngnis von den Zeichen Jesu hrt, frgt er
sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich fr
den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als
der Vorlufer bezeichnet wrde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.

Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der
Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der
geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese
Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus
wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorlufer (Mal 3 _-1-_)
schon auf Johannes angewandt. Bei Matthus hrt der Tufer im Gefngnis
die Werke des Messias (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das
unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das
vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte
konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias
war, der Tufer der Vorlufer war und sich als solcher auch fhlen
musste. Der historische Tufer sagt: ich bin nicht der _=Vorlufer=_,
denn dieser ist unverhltnismssig grsser und mchtiger als ich. Nach
dem vierten Evangelium knnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er
muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)!

So hat sich das Verhltnis unter der neuen Perspektive vollstndig
verschoben. Die Person des Tufers ist historisch unkenntlich
geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm
gemacht, der halb an Jesu Messianitt glaubt, halb nicht glaubt. In
diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen!
Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen
so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden
Persnlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er
lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianitt -- und
war es doch!


7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem.

Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hngt
einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von
der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es
sich dort wirklich um die Begrssung als Davidssohn, die er nun nicht
mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur
Erkenntnis gelangt, fr wen er sich halte: dann ist die Folgerung
unabweislich, dass es eine messianische Ovation war.

Fr die Herausarbeitung der ursprnglichen Situation in der Schilderung
des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den
Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei
klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwrtigen Person
Jesu: Hosianna, gelobt sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn
(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des
Reichs: Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David;
Hosianna in der Hh'. Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!

Anders bei Matthus. Dort ruft das Volk: Hosianna dem Sohne Davids;
gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der
Hh' (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der
Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwhnt; dafr jubelt man dem
Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu.

Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen
aus der Vorgeschichte operiert: Gesegnet der Knig, der im Namen des
Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Hh' (Luk 19 _-38-_).

In seiner Darstellung deutet also Matthus den Kommen-Sollenden auf
den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff.
stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde,
besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der
Tufer als auch Jesus ihn auf den Vorlufer Elias anwenden=_. Also
ist es ungeschichtlich, wenn Matthus das Volk in einem Atem dem
Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lsst.

Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprngliche Situation
festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem Kommen-Sollenden, d.
h. dem erscheinenden Vorlufer zu und singt ein Hosianna in der
Hh' dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der
Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Hh'=_
ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwrtigen Vorlufer,
das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundre Charakter der
matthischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Hh'
gelten lsst, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal
noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem
zweiten Hosianna ursprnglich das Reich beigehrt.

_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem
Vorlufer.=_ Dann ist es aber unmglich, dass das Volk die Scene mit
dem Blinden dahin verstanden hat, als nhme hier Jesus die Anrede
Davidssohn entgegen.

Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die
Scene total verndert wird. Der Ruf ber den Davidssohn ist dabei
gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen
konnte und musste. Bei Matthus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus
ist es ausgeschlossen=_.

Nach der matthischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen:
erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_).

Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner
(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und
heilt ihn.

Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timus, hinter der
Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden,
sondern er hrt nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewhl vom Boden
zu ihm dringt=_, wo einer ber den Davidssohn um Hlfe ruft. Er bleibt
stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach
und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie
zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drngt sich durch die
Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar
nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_,
was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das
behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthus ausgefallen. Er hat
die Situation vereinfacht: Jesus stsst auf die beiden am Weg und redet
sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprnglichen Sachverhalt die
Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatschlich
ntig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!

Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte
niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf ber den
Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lstiger _=Ruf=_,
den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm
so wenig Bedeutung bei, als den Dmonenrufen -- wenn man ihn berhaupt
verstand.

Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er
ebensowenig wie das Volk Jesum fr den Messias hlt: _=Rabbi=_, dass
ich sehend werde. Er war fr ihn also der Rabbi aus Nazareth.

Hlt man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden
in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier
messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das
er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit
legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorlufer, fr den ihn
die Anhnger in Galila hielten, ehe er sich pltzlich in die Stille
nach dem Norden zurckzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
ihm als dem Vorlufer die Ovation beim Einzug.

Bei dem Nachweis ber den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses
handelt es sich um ein anscheinend geringfgiges Detail, dem nicht
jedermann geneigt sein mchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen.
Demgegenber ist an folgendes zu erinnern:

1. In der Darstellung, welche die Messianitt Jesu voraussetzte, musste
sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich
um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthus der Fall.
Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.

2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprnglichkeit den
Seitenreferenten gegenber (man denke an die Taufgeschichte und an den
Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentmlichkeit
seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn
sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall
ist.

3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um
eine Ovation an den Vorlufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es
nmlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem
Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar
nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und
die gedungenen Anklger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was
htte der rmische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wre?

4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil
wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekrftigten fr die
Zeitgenossen die Messianitt Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt
der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der
Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er
wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit
des Vorlufers!

5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeintrchtigend. Der [Greek:
erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine fr jene Zeit scharf
ausgeprgte Persnlichkeit. Man muss daher berall dieses Wort
dementsprechend bersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein
andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform bersetzen,
wie es gerade am bequemsten ist. Kommen-Sollender ist der Vorlufer,
weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um
alles in Ordnung zu bringen.

Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt
Jesus ffentlich fr den Vorlufer, wofr er schon in Galila gehalten
worden war.=_




Siebentes Kapitel.

Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.


1. Die Seereise nach der Aussendung.

Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares
Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten.
Wann sind die Jnger zurckgekehrt? Wo hat sich Jesus whrend ihrer
Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jnger?
Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rckkehr und dem Aufbruch
nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus
sich mit ihnen in die Einsamkeit zurckzieht?

Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein
rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen
Scenen ist hier merkwrdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der
Faden der Geschichtserzhlung hier abbrche. Erst vom Augenblick des
Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem
natrlichen und klaren Zusammenhang.

Zunchst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ =
Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise lngs des
Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
eingeholt. Dann kehrt er in die galilischen Orte auf dem Westufer
zurck. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den
pharisischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur
Rede. In der Erzhlungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt
es sich um das Hndewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten
um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten
Erzhlungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von
Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In
der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisern die Reise
nach Csarea Philippi (Mk 8 _-27-_).

Wir haben hier also zwei selbstndige Darstellungen derselben Epoche
im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollstndig; nur
differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden
Erzhlungsreihen sind wie prdestiniert miteinander verbunden, statt
einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzhlte Nordreise beginnt und
endigt nmlich mit einem Aufenthalt in Galila. Mk 7 _-31-_: Nachdem
er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er ber Sidon an den
galilischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da
(gemeint ist Csarea Philippi) und wandelten durch Galila hin und sie
kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzhlungsreihe
wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine
Rckkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzhlungsreihe, so
hat man usserlich betrachtet eine ganz natrliche Fortsetzung, nur
dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden
muss, statt dass die Rckkehr nach Galila ein Teil der Jerusalemreise
ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
Rckkehr an.

In dieser rcklufigen Bewegung der beiden Erzhlungsreihen liegt
es begrndet, dass sie, obwohl Paralllcyklen, sich doch in einer
Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollstndige
Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die
erste durch wiederum (Mk 8 _-1-_) Rcksicht nimmt: der Ausgleich ist
sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jnger
beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon
in der mndlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto
der endgltigen litterarischen Zusammenfgung kommt, das lsst sich
nicht mehr ausmachen.

Nur der erste Cyklus ist vollstndig. Jesus fhrt mit den Jngern
nordstlich der Kste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft
Genezareth zurck (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollstndig und
etwas in Unordnung geraten.

Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurckgekehrt. Mk 8 _-10-_
ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf
dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst
von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.).
Der erste Cyklus hingegen erzhlt _=diese Seefahrt nach Bethsaida
als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die
Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite
Erzhlungsreihe, dass dies der ursprngliche Zusammenhang war, denn
auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gesprch beim Landen auf
die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: Denn sie waren nicht zur
Einsicht gekommen ber den Broten, sondern ihr Herz war verstockt. Mk
8 _-19-21-_: Da ich die fnf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben
gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht? Es ist also unmglich, dass
zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf
dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist
ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des
zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprngliche Fortsetzung der
Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_

Damit ist der Parallelismus der beiden Erzhlungsreihen erwiesen.
Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus,
Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, Meerwandeln resp. Gesprch
im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rckkehr nach der Landschaft Genezareth,
Diskussion mit den Pharisern, Aufbruch mit den Jngern nach dem Norden.


2. Das Abendmahl am See Genezareth.

Die Predigt der Jnger von der unmittelbaren Nhe des Reiches muss
einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen,
die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der
hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich.
Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jngern allein zu sein, besteigt
er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurckzuziehen.
Die Menge aber, als sie erfhrt, dass er sich entfernen will, strmt
allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: Es war
eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal
Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen
Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von
allen Stdten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor.

Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde
der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist
uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein
feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lsst Jesus durch
seine Jnger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen.
Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben
feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persnlich Speise
unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
hier entspricht vollstndig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er
nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab
sie den Jngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot,
segnete und brach es und gab es ihnen.

_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen
sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den
Jngern begrndet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes
Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es
schon spt wurde, traten seine Jnger zu ihm etc. Hier setzt sich die
Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsglubigen zusammen,
beim letzten Mahl ist sie auf den Jngerkreis beschrnkt. _=Die Feier
aber war dieselbe.=_

Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl,
das Jesus am See improvisiert, als ein Sttigungsmahl aufgefasst wird.
Dass er den geringen Vorrat, der zu Hnden war, die fr ihn und seine
Jnger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch.
Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft
ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen bernatrlichen
Vorgang _=satt wurde=_, das gehrt zum Wundercharakter, welchen die
sptere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht
zurechtlegen konnte.

Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jnger verlangen,
Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sttigen. Fr ihn aber
ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafr
auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum
messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass
sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlsst, heisst er sie sich
lagern. An die Stelle der Sttigungsmahlzeit setzt er ein feierliches
Kultmahl, bei dem die irdische Sttigung keine Rolle spielt, sodass die
fr ihn und seine Jnger bestimmte Speise ausreicht.

Weder die Jnger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus
nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt --
dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_
und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben.

Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er
achtete es nicht fr ntig, ihnen das Wesen der Feier zu erklren.
Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen
Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum
Bericht der wunderbaren Speisung aus.

Worin bestand fr Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
Die Mahlgemeinschaft trgt eschatologischen Charakter. Das Volk, das
sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des
Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewhnlichen Sttigungsmahlzeit
ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise
austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein
heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem
unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnchst beim
messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte
er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zuknftigen Feier
geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hlt er
mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es
nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so
weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und
als solcher handelte.

In diesem Zusammenhang fllt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls
zu Jerusalem. Dort reprsentieren die Jnger die reichsglubige
Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit
unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was
er von sich hlt. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthllt.
Sie knnen daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische
Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er
die Feier mit dem Hinweis auf die demnchstige Wiedervereinigung
beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters
Reich!

Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen
sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jngern das
Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen
den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe:
eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsglubigen
Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls
von den Gleichnissen unabhngig sein kann.=_


3. Die Woche zu Bethsaida.

Whrend der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drngte er zum
Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg
zurck, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er
ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf
mit Sturm und Wellen whnten sie eine berirdische Erscheinung auf sie
zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr
standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persnlichkeit,
welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise
ausgeteilt und dann die Feier pltzlich abgebrochen hatte (Mk 6
_-45-52-_).

Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie
lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach
Genezareth zurckkehrten.

Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzhlung fr die Zeit vor
dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches
Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jngern
hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_
ff. zum raschen Zug durch Galila nach Jerusalem auf. Sie zogen von
dort weg und nahmen ihren Weg durch Galila; er wollte aber nicht, dass
jemand davon wusste. Zwischen die Messianittserklrung und diesen
Aufbruch fllt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer
grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlsst sie mit den Intimen,
um nachher wieder zu ihr zurckzukehren. Nirgends wird berichtet,
wie dieses Volk pltzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlsst, dass er Mk 9
_-30-_ ff. allein mit den Jngern und unerkannt durch Galila ziehen
kann.

Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze
Scenerie verndert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn
Jesus geht mit den Jngern ins Haus, whrend das Volk draussen bleibt
(Mk 9 _-28-_)!

Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stck steht, ist absolut
unmglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur
in _=Galila=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galila nur im Fluge und
incognito berhrt, so gehrt es in die galilische Periode _=vor den
Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rckkehr der
Jnger=_, da er dort von einer stndigen Volksmenge umgeben ist und
dabei mit den Jngern die Einsamkeit aufsucht!

Die Situation lsst sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen.
Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nhe ein Berg
sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_).
Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in
Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der
Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er
nach Bethsaida kam=_!

Das Stck Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehrt also in die Tage von Bethsaida!
Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den
vorliegenden, unmglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von
Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die
Leidensweissagung in Csarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natrlichsten
das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhnger
anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_).

Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu
mit seinen landenden Jngern in eine Wundererzhlung den natrlichen
Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden
Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen
des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk
entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurckgezogen und ist mit
den Jngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im
Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
mit den Jngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der
Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande,
Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten
wird durch die Nhe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der
in Solidaritt mit Jesu richten wird.

Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort von dem
Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht, d. h. der eschatologischen
Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwcht:
einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener
Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet
haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Blde den grossen Augenblick
des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um
ihn bewegten.

Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit
sich und fhrt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen
gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer
Rckkehr finden sie die andern Jnger vom Volk umgeben; trotz der von
ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen
Vollmacht ber die Dmonen werden sie nicht Herr ber einen Besessenen,
der ihnen zugefhrt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen
abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiluft (Mk 9 _-25-27-_),
beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
der Hand fasst und aufrichtet.

So enthlt dieses merkwrdige eingeschobene Stck Mk 8 _-34-_-9 _-29-_
einen anschaulichen Bericht ber den ersten und letzten Tag der Woche,
die er damals zwischen der Rckkehr der Jnger und dem Aufbruch nach
dem Norden in Bethsaida verbrachte.

Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus
Galila infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls
verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der hchsten Triumphe.
Eine reichsglubige Volksmenge hngt ihm an und verfolgt ihn berall.
Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist
noch gewachsen und wchst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn
verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder
Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk
verlsst ihn, sondern er verlsst das Volk.=_

Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen,
sondern er fhrt nur aus, was er schon seit der Rckkehr der Jnger
im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht
vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das
Westufer zurckgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das
Alleinsein mit den Jngern fr absolut notwendig hlt und weil es ihm
in Galila nicht gelingt, deswegen verschwindet er pltzlich und begibt
sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_




Achtes Kapitel.

Das Messianittsgeheimnis.


1. Vom Verklrungsberg nach Csarea Philippi.

Nach Csarea Philippi ist die Verklrungsscene bedeutungslos und
unverstndlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr ber Jesus, als
was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin besttigt hat. So ist die
ganze Perikope nichts als eine angehngte Apotheose mit einem dunkeln
Gesprch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt.

Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den
Wochen nach der Aussendung, _=vor Csarea Philippi=_, nicht auf dem
Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers
bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen
Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein
galilisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung
geworden, _=das die Scene zu Csarea Philippi erklrt, nicht
umgekehrt=_! Was wir die Verklrung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit
nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die
drei Intimen=_! Einige Wochen spter folgt dann die Erffnung an die
Zwlfe.

Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte
berliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse
auf jener Fahrt lngs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und
die Begegnung Jesu mit seinen Jngern im Abenddunkel, so steht auch die
Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen
Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht
mehr klar. Elias und Moses, die Persnlichkeiten, welche die Endzeit
ankndigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische
Zustnde, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige
Schilderung lsst auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern
wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der
Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn hret.

Zwischen der Taufe und der Verklrung besteht ein innerer Zusammenhang.
Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzckung, in dem
das Geheimnis der Persnlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal
war es fr ihn allein. Hier nehmen auch die Jnger daran teil. Wie
weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass
in einem Zustand der Betubung, aus dem sie erst am Ende der Scene
erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von berirdischem Glanz
und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hren, er
sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklrt sich nur aus der gewaltigen
eschatologischen Aufregung.

Es ist merkwrdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses
_=immer=_ an derartige Zustnde geknpft erscheint. Bei der
Pfingstrede, wo Petrus die Messianitt Jesu ffentlich verkndigt,
handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand
schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde.
Auch Paulus befindet sich in Verzckung, als er die Stimme aus den
Wolken hrt.

Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder
durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte
sich fr den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute
seine Messianitt ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Csarea
Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des
Geheimnisses Jesu sind.

Die Verklrungsscene lst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus
Sohn Gottes ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden
Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit
einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der
matthische Text fgt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das
Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16
_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es
dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel.

Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es
sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Erffnung
Jesu, dass er in Jerusalem sterben msse, fhrt Petrus heftig und
rcksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm
in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die brigen Jnger
aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los,
indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern
Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_).

Warum die Aufregung des Petrus ber die Erffnung Jesu von der
Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm
aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf
er aber davon vor den andern Jngern nicht reden, weil Jesus den
Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwhnen. Darum nimmt er
ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich
mit ihm nicht darber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm
leidenschaftlich erregt Schweigen.

Nur der Zusammenhang mit der Verklrungsscene erklrt die
charakteristischen Zge des Ereignisses zu Csarea Philippi. Die
allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwgungen ber
die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament
knnen nicht im geringsten erklren, warum er allein mit solcher
Sicherheit zur Erkenntnis der Messianitt Jesu gekommen, um sie alsbald
wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede
kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus
nicht, sondern lsst ihn mit hartem Scheltwort stehen?

An sich ist also die ganze Scene zu Csarea Philippi ein Rtsel.
Nimmt man aber an, dass die Verklrungsscene vorausgegangen ist,
so lst sich das Rtsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail
verstndlich. _=Der Offenbarung an die Zwlf ging die Kundgebung des
Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_


2. Der futurische Charakter der Messianitt Jesu.

Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses nderte vorlufig nichts
in dem Verhalten der Jnger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den
Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine
berirdische Erscheinung geworden wre. Nur eine gewisse Scheu legen
sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie
seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm
her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trgt.

War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an
fr sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer
wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich
zusammengehren. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch
der Messias nicht. Die Erffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt
des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird
er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianitt in Herrlichkeit
geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jngern
feierlich bekannt gab.

Jesu Messianitt war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu
sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art,
_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es
handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare
Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen.
Es gengte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die
Nhe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde
ihnen auch seine Messianitt offenbar.

Es ist fast unmglich, das Messianittsbewusstsein, wie es Jesus seinen
Jngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen.
Mag man es als eine Identitt zwischen ihm und dem erscheinenden
Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuitt, die beide
Persnlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein
virtuelles Vorhandensein der Messianitt denken: keine von diesen
modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu,
_=wie es die Jnger verstanden=_, wiedergeben.

Uns fehlt nmlich das jetzt und dann, welches ihr Denken beherrschte
und eine eigenartige Duplicitt des Selbstbewusstseins bedingte.
Was wir Identitt, Kontinuitt und virtuelle Anlage nennen, das
ging in ihrer Vorstellung in einer fr uns ganz unfassbaren Weise
ineinander ber. Jede Persnlichkeit dachte sich selbst in _=zwei
ganz verschiedenen Zustnden=_, sofern sie sich nmlich jetzt in
der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste.
Aussprche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins
deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen gelufigen
doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner
Messianitt offenbarte, hiess das fr sie nicht, er sei der Messias,
wie wir Modernen es verstehen mssten, sondern es bedeutet fr sie,
dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon
als Messias geoffenbart werden wrde=_.

Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des
Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen erffnet, dass
er vor Antritt seiner Herrschaft leiden msse, machen sie sich
Gedanken, was sie sein werden im zuknftigen Aeon. Darum folgen auf
die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer
von ihnen der grsste sein wird im Himmelreich, oder welchen die
Ehrenpltze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber
bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und
Meister. Meister reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer
soll er versprechen und gewhren, was sich erfllen wird, wenn das
Reich und damit seine Messianitt geoffenbart sein wird.

In diesem Sinne ist also das Messianittsbewusstsein Jesu futurisch.
Weder fr ihn noch fr die Jnger lag darin etwas Aufflliges. Im
Gegenteil: es entsprach ganz der jdischen Vorstellung von _=dem
verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der
altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn
ging seiner Messianitt in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste
irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch
Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte
die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs
anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Csarea
Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur
Erlangung seiner Herrlichkeit.

So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen
Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die
Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorber. Darum predigte
er die Nhe des Reiches Gottes.

Aus seinem futurischen Messianittsbewusstsein heraus berhrt er im
Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er
sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die
Phariser sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn
seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)?

_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in
diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und
wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zuknftigen Aeons als
Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die
messianische Dogmatik der Phariser anzugreifen. Sie ist richtig,
denn die Schrift lehrt so. Nur knnen sie die Phariser selbst nicht
erklren, da sie nicht deuten knnen, wie einmal der Messias Davids
Sohn, das andere Mal Davids Herr ist.

Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthus hat daraus
eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil
ber den Tufer. Wer es zu fassen vermchte, in welcher Vollmacht jener
taufte, dass er nmlich der Elias war, wer begreifen knnte, wie der
Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wsste
auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hren, der hre!


3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianitt Jesu.

Der Ausdruck Davidssohn enthlt also ein Rtsel. Darum gebraucht
ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianitt spricht, sondern immer
redet er von sich als dem Menschensohn. Diese Bezeichnung war also
besonders geeignet, um sein Messianittsbewusstsein wiederzugeben.

Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische Bezeichnung,
die ihn betreffend gefallen ist, _=korrigiert und erlutert er durch
Menschensohn=_.

Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jngern aufgegangen ist, dass
er Gottessohn sei, redet er beim Abstieg zu ihnen von sich als dem
Menschensohn (Mk 9 _-7-9-_).

Petrus proklamiert ihn vor den andern als den Gesalbten (Mk 8
_-29-_). Gleich fhrt Jesus fort, sie ber das Schicksal des
Menschensohns (Mk 8 _-31-_) zu belehren.

Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frgt ihn der Hohepriester
(Mk 14 _-61-_). Ihr werdet sehen den Menschensohn sitzend zur Rechten
der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels, antwortet Jesus. Das
will heissen: Ja. In der zweiten und dritten Leidensweissagung (Mk 9
_-30-32-_ und Mk 10 _-32-34-_) ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10
_-45-_) kehrt berall derselbe Ausdruck wieder.

_=Die Messianittsbezeichnung Menschensohn=_ ist _=futurischen
Charakters=_. Sie bezieht sich auf den Augenblick, wo der Messias auf
den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen wird. In diesem Sinne
hatte Jesus zum Volk und zu den Jngern vom Kommen des Menschensohnes
von jeher geredet. Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die
unmittelbare Nhe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 _-23-_). Dem
Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu vermahnen,
bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 _-38-_).

Dabei sind er und der Menschensohn fr die Jnger und das Volk zwei
ganz verschiedene Persnlichkeiten. Der eine ist eine _=irdische=_, der
andere eine _=berirdische=_ Gestalt; der eine gehrt dem _=jetzigen=_,
der andere dem _=messianischen=_ Zeitalter an. Zwischen beiden besteht
Solidaritt, indem der Menschensohn fr die eintreten wird, welche zu
Jesus, dem Verkndiger seines Kommens, gestanden sind.

Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung des Ausdrucks
in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis nicht weiss, fr
den sind Jesus und der Menschensohn verschiedene Personen. Wem er
aber sein Geheimnis offenbart hat, fr den besteht ein persnlicher
Zusammenhang zwischen beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen
Tag als Menschensohn erscheinen wird. _=Die Offenbarung zu Csarea
Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jngern offenbart, in welchem
persnlichen Verhltnis er zum erscheinenden Menschensohn steht.=_ Als
der, welcher Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er
Messias sei, besttigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters
ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das werden sie sehen,
wenn er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheint.

Menschensohn ist also der adquate Ausdruck fr seine Messianitt,
so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zuknftige
Wrde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jngern von sich als dem
Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus.
Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen:
das will heissen: als solcher, der Menschensohn sein wird bei der
Totenauferstehung, muss ich leiden. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu
verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der hchsten Herrschaft
im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im
Dienen erniedrigen (Mk 10 _-45-_). So sagt er vor der Gefangennahme:
die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in
Snderhnde berantwortet wird (Mk 14 _-21-_ u. _-41-_).

Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine gelufige
Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle
Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den
Eingeweihten von sich als dem zuknftigen Messias sprach, whrend er
fr die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen
Grsse redete. In allen Fllen aber zeigte der Zusammenhang an, dass
er von einer zuknftigen Grsse redete, denn in all diesen Stellen
wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des
Himmels erwhnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht
zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen,
dass er von einer bestimmten Persnlichkeit der Zukunft redete und
nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal
derselbe war.

Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck
als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung
von Ich vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen
Bedenken unbedingt zu Recht.

    Mt 8 _-20-_:      Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt
                      hinlege.

    Mt 11 _-19-_:     Der Menschensohn ist gekommen, isset und
                      trinket (im Gegensatz zum Tufer).

    Mt 12 _-32-_:     Die Lsterung wider den heiligen Geist ist noch
                      schwerer als die Schmhung des Menschensohnes.

    Mt 12 _-40-_:     Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde
                      sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.

    Mt 13 _-37-_ u. _-41-_: Der Menschensohn ist der Semann; der
                      Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur
                      Ernte gibt.

    Mt 16 _-13-_:     Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?

Hier ist der Ausdruck philologisch unmglich. Denn wenn Jesus ihn
so gebraucht htte, mussten ihn die Hrer einfach vom Menschen
verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die knftige messianische
Wrde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwrtigen Zustand
damit! Menschensohn ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen
Charakters, _=da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt,
entsprechend Dan 7 _-13-14-_=_. Zudem wissen die Jnger in allen diesen
Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn
ist fr sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persnlichkeit. Die
Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie
nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten
alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst
sprach! Damit wren aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen,
es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!

Historisch und philologisch ist es also unmglich, dass Jesus den
Ausdruck als unmotivierte, selbstverstndliche Selbstbezeichnung
gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im
Hinblick auf seine knftige messianische Wrde redete, konnten es
erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle
Stellen, in denen er sich _=vor Csarea Philippi=_ (fr die Intimen
vor der Verklrung) _=als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch=_.
Historisch sind fr jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn
als einer mit ihm nicht identischen zuknftigen Erscheinung redet
(Mt 10 _-23-_ und Mk 8 _-38-_). Die oben erwhnten Stellen, welche
den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also
nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus
verstndlich. Wie kommt es, dass eine sptere Periode der evangelischen
Geschichtserzhlung diesen Ausdruck als Selbstbezeichnung Jesu ansah?

Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in
dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken
aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon _=der Messias war=_.
Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass fr die irdische Existenz
Jesu seine Messianitt selbst etwas Futurisches war und dass er sich
mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete.
Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn
geredet, bemchtigte sich die Geschichtserzhlung dieser emphatischen
Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur fr
ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf
beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese
philologischen und historischen Unmglichkeiten.

Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess
von ausgesprochen sekundrem Charakter. Es verhlt sich damit, wie mit
der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthus.
Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer
sekundren Schicht des Matthus angehren.

Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage
zu Csarea Philippi (Mt 16 _-13-_), die Deutung des Gleichnisses
vom Semann (Mt 13 _-37-_ u. _-41-_) und die falsche Auslegung des
Jonaswunders (Mt 12 _-40-_).

Ebenso sekundr ist die Darstellung der Rede ber die Snde wider
den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lsterung wider
den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt
12 _-32-_), whrend doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe
hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden
Krfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 _-20-_ und Mt 11
_-19-_ ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich
habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz
zu dem asketischen Verhalten des Tufers.

Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen
Menschensohnstellen im Markustext.

    Mk 2 _-10-_: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Snden
                 zu erlassen.

    Mk 2 _-28-_: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.

Das Sekundre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als
_=Selbstbezeichnung=_ gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er
ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als
einer dritten, eschatologischen Grsse oder vom Menschen berhaupt.
Beidemal gibt es einen Sinn.

     1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die
        Sndenvergebung auf Erden bekunden.
            Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.

     2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon
        Sndenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt.
            Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon
        ein Hheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem
        Hheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids.

Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar:
hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu
irgendwie motiviert. Sekundr ist nur, dass jetzt der Ausdruck als
Selbstbezeichnung erscheint, whrend Jesus vom Menschen oder vom
Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom
geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes
Menschensohn.

Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des
Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in
desto weitere Ferne schien die Lsung zu rcken. Dies rhrte daher,
dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen
Stellen herbeifhren konnte. So blieben die litterarische und die
historische Seite des Problems unlsbar verquickt. Mit dem Augenblick
aber, wo man von dem Studium des Messianittsbewusstseins Jesu aus
entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem
er das Geheimnis seiner futurischen Wrde aussprechen konnte, ist
auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der
danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist,
unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich
erklrt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie fr
eine sptere Geschichtserzhlung der Ausdruck im Munde Jesu nur die
Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in
allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien.

Endlich lst sich auch das letzte Rtsel. Warum verschwindet der
Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand
den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 _-56-_), da ihn doch Jesus
ausschliesslich fr seine Wrde gebraucht hatte? Das rhrt daher, dass
Menschensohn der messianische Ausdruck nur fr eine klar bestimmte
Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in
dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht
und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus
ausschliesslich, weil er erst von da an fr die Menschen Messias war.
Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob,
Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon
der Messias und wurde es fr sie nicht erst mit dem Augenblicke der
Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive
verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck Messias,
nicht das auf eine besondere Scene hinweisende Menschensohn.

_=Jesus htte sich ungenau ausgedrckt, wenn er gesagt htte: ich bin
der Messias; denn er war es erst mit seinem berirdischen Erscheinen
als Menschensohn. Im Urchristentum htte man sich ungenau ausgedrckt,
wenn man gesagt htte: Jesus ist der Menschensohn. Denn nach der
Auferstehung war er der Messias zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen
als Menschensohn man erwartete.=_


4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianitt
Jesu.

Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fllt
uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so prcis ein solches Ereignis
vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklrlich, dass seine
allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex
eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien.

Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten
Auferstehung handle es sich um ein _=isoliertes Ereignis=_ in der
Existenz Jesu. Das ist aber nur fr unser modernes Bewusstsein der
Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch
denken. Fr Jesus und die Jnger hatte aber die Auferstehung, von der
er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war _=ein messianisches
Ereignis=_, welches den Anbruch der ganzen zuknftigen Herrlichkeit
bedeutete. Wir mssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der
geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenssische Bewusstsein
verstand diese Rehabilitierung als Offenbarung seiner Messianitt
beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung
sprach, dachten die Jnger _=an die grosse messianische Auferstehung,
in der er als Messias auferstehen wrde=_.

In dieser Hinsicht ist das Gesprch beim Abstieg vom Berg nach der
Verklrungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal
von der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten (Mk 9 _-9-_).
Sie knnen sich aber die Auferstehung des Menschensohnes ohne
Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre
Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus
damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb
Gedanken ber die Totenauferstehung. Wie verhlt es sich damit (Mk 9
_-10-_)? Die Bedingungen dafr sind nmlich, soviel sie sehen, noch
nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 _-11-_).
Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die
Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Tufer (Mk 9 _-12-13-_).

Dieses Gesprch, in dem man sonst berhaupt keine fassliche
Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollstndig
durchsichtig und natrlich, wo man bemerkt, wie die Jnger die von
Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung _=nur in demselben Gedanken
mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken
knnen=_! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf
die sptere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im
stande sind, die Gedanken und Erwgungen, die diese Worte im Herzen
der Jnger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser
Auferstehungsweissagung die Erwhnung der drei Tage, die gerade den
Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen
bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten
Ausspruch vor dem Hohenpriester berein. Beiden fehlt die zeitliche
Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken
des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fllt beides
zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die
Offenbarung seiner Messianitt am grossen Auferstehungstag.

Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte
das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen
jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an
die bevorstehende Totenauferstehung gehren eng zusammen. Es ist, wie
schon frher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken
Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach
vorwrts zu geben, als bezge es sich auf kommende Generationen. So
denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. _=Beim Reich
handelt es sich um die vergangenen Generationen!=_ Sie erstehen zum
Gericht, welches das Reich einleitet.

Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung.
Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge
herausgehoben und fr das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt.
So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12
_-1-12-_) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte
Israels wird dort in dem Verhalten der Pchter beschrieben. Jesus redet
von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der
gegenwrtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur
eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden
Geschlechtern als Kollektivgrsse vor Gott tritt, wenn es sich um das
Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden.

Ebenso erklrt es sich, dass fr den Gerichtstag dem Geschlecht derer
von Sodom noch ein ertrglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem
gegenwrtigen von Kapernaum (Mt 11 _-23-24-_).

Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die
bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der
Sadducer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, dass,
wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit
werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel (Mk 12 _-25-_),
so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie
durch die Totenauferstehung eingehen.

In letzter Linie war die Totenauferstehung nur die Art, wie sich
die Vernderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die
schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes
wird aber die irdische Existenzform berhaupt in eine damit nicht
zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch
diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine
Auferstehung, denn auch ihre Daseinsweise wird pltzlich durch eine
hhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen
teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen
Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man
aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische
Seinsweise eingeht! Im Verhltnis zur letzteren ist alles Sein
_=Tod=_. Sie allein ist _=Leben=_.

Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum Leben fhret
(Mt 7 _-14-_). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu
geben, wenn es sich um das Leben handelt, als bei der Auferstehung
nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 _-8-_ u.
_-9-_). Der reiche Jngling frgt, was er thun soll, um das ewige
Leben zu ererben. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist
Jesus sehr betrbt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher in das
Gottesreich eingehe (Mk 10 _-17-_ u. _-25-_).

Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des
irdischen Lebens berhaupt, um des Lebens im zuknftigen Aeon gewiss
und versichert zu werden. Darum erklrt Jesus, wo er von der Nachfolge
in Leiden und Schmach redet, dass wer sein Leben retten will, der wird
es verlieren. Das heisst: Wer sich aus Angst fr sein irdisches Dasein
unwrdig macht, dass der Menschensohn vor Gott fr ihn eintrete, der
verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung
anhebt (Mk 8 _-35-_).

Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen
oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwgung allein gibt das
richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den
Jngern bei der Aussendung: Frchtet euch nicht vor denen, die den Leib
tten, die Seele aber nicht vermgen zu tten; frchtet euch hingegen
vor dem, der vermag sowohl die Seele als auch den Leib zu verderben
in der Hlle (Mt 10 _-28-_).

Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der
Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor
15 _-50-54-_). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische
Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus
ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, knnen in
keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlgt, wo die
Toten unvergnglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese
Unvergnglichkeit verwandelt.

Die Totenauferstehung ist die Brcke vom Jetzt zum Dann. Auf ihr
beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von
seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jnger dieses Wort in
einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete fr sie die allgemeine
Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes
auferstehen wrden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht
als Osterereignis, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches.
Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken
des Himmels als Menschensohn ankme und den grossen messianischen Tag
herauffhrte.

Fr unser Empfinden verhlt sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die
Dissonanz zu ihrer Auflsung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform
vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, fr das Empfinden der
Jnger, _=ein viel schwcherer Accent=_. Es handelt sich fr sie um
einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.

Wo wir ein _=Nebeneinander=_ von Messianittserklrung,
Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten
sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles
im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei
verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und
sterben msse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete fr
sie: _=unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als
Menschensohn geoffenbart werden=_. Zugleich machen sie sich Gedanken,
was dann sie wohl sein werden und welche Wrde ihnen in der neuen
Existenz zufallen wird.

So erklrt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken
des leidenden und sterbenden Messias nicht vollstndig umgeworfen
wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch
den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem
erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein
werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben wrde.

Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianitt vollstndig
in der Bahn der volkstmlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama
in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianitt der
gewhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte
ergaben, die seinen Tod herbeifhrten. Das ist erst die Anschauung
des vierten Evangeliums. _=Der historische Jesus beanspruchte die
Messianitt erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.=_

Diese Auffassung der altsynoptischen Messianittserffnungen Jesu
wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das
Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianittsbewusstsein, als
er zu den Jngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort
gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die
Messianitt erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus
von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des
Himmels der vorlufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten.
Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch
mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 _-22-_), ihn hat
Gott auferweckt (Akt 2 _-32-_) und hat ihn zum Herrn und zum Messias
gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt (Akt 2 _-36-_).

Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianitt Jesu
ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische
Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen wrde.
Wie sollte man es begreifen, dass die Jnger verkndeten, Jesus sei
durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn
er ihnen schon auf Erden von seiner Messianitt als gegenwrtiger Wrde
geredet htte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition
und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklren
einstimmig: _=Jesu Messianittsbewusstsein war futurisch!=_

Besssen wir dieses Zeugnis nicht, so wre uns die Erkenntnis seiner
historischen Persnlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem
Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das
Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianitt ausser
Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn
der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die
Perspektive fr die Jnger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine
Auferstehung als Messias ein Faktum fr sich. _=Jesus war Messias vor
der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in
der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das
Grossartige in der Erscheinung des Christentums berhaupt.=_

Das urchristliche Bewusstsein machte die grssten Anstrengungen, die
Kluft zu berwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der
messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen.
Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um
die etwas in die Lnge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden
Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand
man schon in der messianischen Auferstehung. So ist fr Paulus Jesus
Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, der
Erstling der Entschlafenen (I Kor 15 _-20-_). Auf diesem Gedanken
beruht berhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. _=Weil man
sich in dieser Zeit befindet, sind die Glubigen eigentlich mit Christo
begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe.=_ Sie sind die
neue Kreatur, sie sind die Gerechten, deren Brgertum im Himmel
ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der
fr uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli.

Die christliche Geschichtsberlieferung suchte sich anders zu behelfen.
Sie nahm eine _=Art Vorauferstehung=_ an, die mit der Auferstehung
Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages.
Mt 27 _-50-53-_ ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform
erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem
Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der
Endzeit, erschttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Grber
thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden
auferweckt. _=Nach Jesu Auferstehung=_ gehen sie aus den Grbern heraus
in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hlt diese Erzhlung
daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die
allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen
Tages erfolgte -- jedoch nur als eine Art Vorspiel.

Die Zeit war eben mchtiger als die ursprnglichen Anschauungen.
Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen
Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am
messianischen Tag und zerstrte mit dem zeitlichen auch den kausalen
Zusammenhang im ursprnglichen Sinne. Die Messianitt Jesu stand
aus der Vergangenheit fest. Fr die, welche sich dazu bekannten und
zugleich das Reich als zuknftig erwarteten, schwand das Bewusstsein,
dass in Jesu Verkndigung seine Messianitt und das Reich zuknftige,
_=koncidierende Ereignisse=_ waren. Man fing an, die evangelische
Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: _=Jesus war der
Messias.=_ Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat
Paulus geschrieben. Sie heisst _=Jesus Christus=_: die Wrde des
Auferstandenen wird mit der historischen Persnlichkeit in einem
Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus
gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als
Messias aufgetreten wre.

Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religisen
unhistorischen Perspektive fr einen Augenblick zu emancipieren und die
synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rcken. Dann erst,
wenn man das Futurische in Jesu Messianittsbewusstsein erfasst hat,
versteht man, warum er seine Wrde den Jngern als ein Geheimnis
offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in
welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach.


5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
Messiasgeheimnisses.

Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer
Evangelien sieht es so aus, als htte er dem Synedrium angegeben, wo
sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen knnten. Wenn nun auch
diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat,
so war dies nur _=nebenschlich=_. Wo Jesus sich aufhielt, konnten
sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen
zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten
sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Spher
nachzusenden, um ber seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafr
htten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.

Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet.
Nicht ihn zu _=verhaften=_, sondern ihn zu _=verurteilen=_ wollte
ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen.
Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenber in der unbequemen
Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt:
die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit
zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mssigung und
Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfhlten, dass nmlich das Reich nahe
sei. Aus der Vorluferwrde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie
keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese
Wrde bewhrt. Ueberdies hatte er diese Wrde nie ffentlich fr
sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, fr
sie in hchstem Masse gefhrlich. An der Spitze des frommen Volkes
terrorisierte er sie. Darum htten sie sich seiner gern entledigt und
konnten es nicht.

Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur,
wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand
auf den Gedanken gekommen war, er knne sich fr den Messias halten. So
wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen,
ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen
nicht gelang.

Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tdliche Waffe in
die Hand. Als sie hrten, was er ihnen kund that, _=freuten sie
sich=_, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen
geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hnde zu liefern
(Mk 14 _-11-_).

Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung.
Die Zeugen der Phariser knnen nichts vorbringen, woraufhin man ihn
verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der
Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Fr
solche Ansprche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht
aufbringen -- denn es gab keine. _=Der Hohepriester befindet sich hier
im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas!=_ Durch
ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte,
als wofr ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob.

Aus dem verratenen Geheimnis von Csarea Philippi gewannen sie die
entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das
war keine Gotteslsterung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war
Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester
Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm
stand, fr den Messias. Das wies Jesus aber zurck mit dem stolzen Wort
von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er
wegen Gotteslsterung verurteilt.

Wir haben also drei Offenbarungen des Messianittsgeheimnisses, die
unter sich eng zusammenhngen, so, dass jede folgende die vorhergehende
voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das
Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das
war nach der Erntezeit. Einige Wochen spter wird es den Zwlfen
bekannt, indem Petrus zu Csarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was
er vom Verklrungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwlfen verrt
einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung
des Geheimnisses war verhngnisvoll, denn sie fhrte den Tod Jesu
herbei. _=Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher
aufgetreten war.=_




Neuntes Kapitel.

Das Geheimnis des Leidensgedankens.


1. Die vormessianische Drangsal.

_=Der Hinweis auf das Leiden gehrt naturgemss zur eschatologischen
Verkndigung.=_ Eine Zeit unerhrter Drangsal muss dem Kommen des
Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren.
Das war eine berall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die
Ereignisse der Endzeit nicht denken.

Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei
seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben
hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die
Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach
seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen mssten. Das
ist vollstndig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch
die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht
was sie nach seinem Tode ausstehen mssen, sondern was sie im Reich
sein werden, das beschftigt die Gedanken der Jnger auf dem Weg nach
Jerusalem.

Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um
Drangsale, die seine Anhnger _=mit ihm=_ erdulden mssen _=vor dem
Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergttlichen
Weltmacht, der ber diejenigen hereinfluten wird, welche in der
Erwartung des Gottesreiches die Reprsentanten der gttlichen Macht in
der widergttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf
den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen
aufbranden lsst. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden
will, muss sich an ihn anklammern.

Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen,
sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er herauffhrt,
wo die heiligsten irdischen Bande sich lsen mssen, wo man mit dem
Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben fr nichts
achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der
Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeintigt, der fhrt auch jene herauf,
denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr.

Darum berall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er
beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind,
wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Bse um seinetwillen
ber sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und
zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden mssen, offenbart sich ihre
Zugehrigkeit zum Gottesreich. Whrend sie von der Weltmacht noch
drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_
u. _-12-_).

Verkndet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist, sagt er den
Jngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich
auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an
der grossen Stunde. Sie mssen es wissen, damit sie nicht meinen,
es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur
Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und
Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie mssen es wissen,
damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm
Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn
er selbst als machtvoller Verkndiger des Reiches hat diesen Aufruhr
angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott
mit seiner Allmacht darber. Nicht die, welche den Leib tten, muss man
frchten, sondern den allmchtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele
und Leib verdammen kann in die Hlle. In diesem letzten Aufruhr richtet
die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist
der Grundgedanke der Aussendungsrede.

Auch die Botschaft an den Tufer schliesst mit einem solchen Hinweis.
Das Reich ist nahe, lsst er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und
Wunder bekrftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir
rgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht.

Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die,
welche sich auf die Predigt der Jnger hin in glubiger Reichserwartung
um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dmmerung hat er mit ihnen
das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias
weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne
dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am
folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie
zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner
Worte schmt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische
und sndige Welt ber ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn
nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen
Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_).


2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.

_=Der Leidensgedanke gehrt also von Anfang an zur Verkndigung
Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch
der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhrer. Nur
wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als
Messias geoffenbart werden wrde.

In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke,
auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianitt, welche
ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der
Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst
gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewhrung werden msse,
was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianittsbewusstsein war
nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der
Messianitt!

Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und
Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war
jdische Lehre, dass der Messias voll von Zchtigungsleiden sein msse:
denn die Leiden sind ntig, um ein vollendeter Gerechter zu werden
(WEBER S. 343).

Dieses Messianittsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
desselben wird vorausgesetzt, dass er den grssten Teil seiner
Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die
hmische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
aufntigte. So bekommt seine Messianitt in der ersten Periode einen
_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_
Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger,
tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines
Messianittsbewusstseins nicht entwickelt durch Aufnahme des
Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern
er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung gelutert zu
werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er
zuvor in die Gewalt der widergttlichen Macht gegeben werden, _=um sich
dort zur gttlichen Herrschaft zu bewhren=_. Aus diesem messianischen
Selbstbewusstsein heraus beschwrt er die um ihn sind, dass sie bei
ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die
Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thtige ethische Zug, der
die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das
Messianittsgeheimnis.

Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode
hat Jesus viel hufiger, und zwar ffentlich, den Leidensgedanken
ausgesprochen als in der zweiten. Jede grssere Rede schliesst mit
einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der
Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Erffnung zu
Csarea Philippi fr die Jnger etwas Neues und ist es thatschlich
auch. Es handelt sich dort nmlich nicht mehr um ein Leiden des
_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal,
sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses
Leiden aber verluft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_,
sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein
irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat berantwortet
und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jngern
ein Geheimnis blieb.


3. Die Versuchung und die gttliche Allmacht.

In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentmliches Schwanken.
Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z.
B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Mglichkeit, dass ihm
das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke
ohne Rcksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch
das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus
nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel
seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch
vielleicht den Gang zum Siegesgang machen knnte und er durch ihn ber
die Phariser und den hohen Rat triumphieren knnte. Das wre nach
seinem Empfinden menschlich gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen
des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die
gttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein
gttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver
Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen.
_=Das Schwanken muss also in dem gttlichen Willen selbst begrndet
sein.=_

Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der gttliche
Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher
planmssig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben
wieder frei gegenbersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen
Schematismus ist die dahinterstehende gttliche Allmacht in keiner
Weise gebunden! Sie kennt berhaupt keine Bestimmungen.

Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen,
welche wegen ihres Verhaltens die Zugehrigkeit zum Reich verwirkt
haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen knne. Nach den
geltenden Bestimmungen ist es zwar unmglich, dass die Reichen zum
Leben eingehen knnen. Aber bei Gott sind alle Dinge mglich (Mk 10
_-27-_).

Es gilt der Satz: Wer mit dem zuknftigen Messias herrschen will, muss
mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen,
Jakobus und Johannes, die Thronpltze zu versprechen, obwohl er ihnen
zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er knnte damit Gottes
Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_).

So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem gttlich bestimmten Verlauf
des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschrnkter
Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese
Prfungszeit anbrechen lasse. Darum drfen die Menschen Gott darum
bitten, er mge jene schweren Stunden der Bewhrung vorbergehen
lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das
kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem
sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im
Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er mge die Menschen nicht in
die Versuchung fhren, sie nicht in die Gewalt des Bsen geben,
sie nicht ntigen, ihre Snden durch das Beharren in der Enddrangsal
zu shnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bsen
entreissen, wenn sich die widergttliche Welt zum letztenmal aufbumt
beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere
Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers.

Das Herrengebet trgt also in den drei ersten und den drei letzten
Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast
wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den
Tufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das
Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen
wir aber, dass es dafr keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass
sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.

Sie stellt nmlich die hchste Form der Busse auf das Gottesreich hin
dar. Wer sich darin bewhrt, der leistet Shne fr seine Vergehungen
im widergttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr
los, um Trger des gttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist
kollektivistisch zu denken. Die reichsglubige Gemeinschaft als solche
leistet die Shne. Der Einzelne vollendet und bewhrt sich darin. So
ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er mge in
seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Shne vergeben, wie sie ihren
Schuldnern vergeben. Das will heissen: shneloses, reines Erlassen.
Er mge sie nicht durch die Versuchung hindurchfhren, sondern sie
geradewegs der Weltmacht entreissen.

Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sndenvergebung
voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer
Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den
allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische
Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des
Reichsgebets.

Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er fr sich, als
die Stunde fr ihn gekommen. In Gethsemane fllt er vor Gott nieder.
In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater,
alles ist dir mglich (Mk 14 _-36-_). Er mge den Leidenskelch an
seinen Lippen vorberfhren, ohne dass er davon kosten muss. Auch die
schlafenden Intimen rttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott
beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen mge, denn das Fleisch ist
schwach.


4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.

Mit der Offenbarung zu Csarea Philippi hren alle Hinweise auf, dass
die Glubigen mit ihm durch Drangsal mssen. Dem Geheimnis zufolge, das
er den Jngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet
er weder an das Volk noch an die Jnger ein eindringliches Wort von der
Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurck, was er frher gesagt.
Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhngig gemacht,
dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu
Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle
an ihm rgern werden!=_ Er knpft auch keine Verdammnis daran --
_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben:
ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?
Darum, wenn sie sich auch an ihm rgern, wenn sie ihn auch verlassen,
in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias
-- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach
Galila (Mk 14 _-26-28-_).

Was er frher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal
dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. Ehe der Hahn
zweimal krht, wirst du mich dreimal verleugnen, sagt er zu Petrus (Mk
14 _-29-31-_).

Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der
zweiten Periode annimmt, zusammenhngen. Es muss eine Vernderung
in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern
sind von der Bewhrung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht
die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten ber ihn
verhngen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Glubigen
bleiben verschont. _=Er leidet fr sie, denn er gibt sein Leben hin als
eine Shne fr viele.=_

Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen
der Einsamkeit, darber hat er sich nicht geussert. Die Form des
Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt
haben.

_=Zunchst der Tod des Tufers.=_ Jener war fr ihn der Elias. Wenn
er von Menschenhand vor der messianischen Aera gettet wurde, so war
das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das
geschah, whrend die Jnger fort waren. Seine Botschaft hat den Tufer
vielleicht nicht mehr erreicht. Darber muss er nun ins Klare kommen.
Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurckziehen.

Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorlufers beschftigte, ersieht
man aus dem Gesprch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in
der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So
steht auch ber den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und
verworfen werden msse (Mk 9 _-12-13-_).

Bisher hatte er nur in allgemeinen Zgen von der Enddrangsal als einem
Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches
Ereignis=_ an dem Vorlufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie
sich an ihm selbst vollziehen wird.

Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse
zum Nachdenken ber die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rckkehr
der Jnger hatte er dieselbe fr die allernchste Zeit erwartet. Sie
blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der
Aussendung hatte er den Jngern gesagt, sie wrden auf dem Weg von den
anbrechenden Wehen berrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes wrde
statthaben, ehe sie mit den Stdten Israels zu Ende wren: -- und sie
waren zurckgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich
angebrochen war.

Die Kunde, mit der sie zu ihm zurckkehrten, zeigte aber, dass alles
bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst
wren ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich
war herbeigentigt durch die Busse seit den Tagen des Tufers. Auch
hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in glubiger
Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das
Reich nicht! _=Die Verzgerung des eschatologischen Kommens des
Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder
in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darber errnge.=_

Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb
aber aus. Man musste sie also herbeifhren, um so das Gottesreich
herbeizuntigen. Busse und Knechtung der widergttlichen Macht
thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Strkerer zu den
Gewaltthtigen hinzutreten: der zuknftige Messias, _=der an sich die
Enddrangsal herauffhrte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem
Elias erfllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das
Geheimnis des Leidensgedankens ber.

Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Shne und der
Luterung. Alle die, welche fr das Reich bestimmt waren, mussten in
der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbumende Weltmacht
die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn
durch diese Schuld waren sie der widergttlichen Macht noch verfallen.
Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt.

Nun fhrte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die
Shne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zuknftiger
Menschensohn _=die Shne an sich vollziehen msse=_. Derjenige,
welcher einst als Messias ber die Glubigen herrschen wird, der
erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben
zur Shne fr viele dahingibt, damit das Reich fr sie anbreche.
Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner berirdischen
Herrlichkeit vorausgeht. Dazu ist er gekommen (Mk 10 _-45-_). Er
muss leiden fr die Snden derer, welche zu seinem Reich bestimmt
sind. Um dies auszufhren, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er
dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm
vorangegangen, durch des Knigs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis
des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich fr die Snden der Menschen
gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche
Theorie annimmt.


5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt.

Wie steht geschrieben ber den Menschensohn? Dass er viel leiden
muss und verachtet werden (Mk 9 _-12-_). _=Die neue Form des
Leidensgedankens stammt aus der Schrift.=_ In dem Bild des leidenden
Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen
Leidensberuf vorgebildet.

Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand,
muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen
Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische
Lsungsversuch vermag dies nicht. Er beschrnkt sich auf den Gedanken
der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass
Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem
grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes
fr ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die
_=weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit=_, in denen er
sich mitten drin wusste.

Die Schrift hebt an mit der Verkndigung, dass die Gottesherrschaft
nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische
vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner
Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt
und den Friedenszustand herauffhrt (Jes 40 _-1-11-_).

Der Auserwhlte ist da. Er verkndet die Gerechtigkeit in Wahrheit.
Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 _-1-_ ff.). Er soll das
Recht grnden auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber
die Herrlichkeit anbricht und der Trger des gttlichen Geistes in
Kraft und Gerechtigkeit ber die Vlker regieret, muss er durch einen
Zustand der Erniedrigung hindurch.

Die andern verstehen nicht, warum er geschmht wird. Sie meinen,
Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten
trgt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer
Verschuldung. Der Gequlte ist demtig und ffnet seinen Mund nicht. Ob
der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber
der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist
bestimmt, Jakob zurckzufhren und Israel zu erretten. Das Licht der
Vlker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der
Welt (Jes 49 _-1-_ ff., 52 _-12-_ ff., 53 _-1-_ ff.)

Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die
Beschreibung des Gerichts ber die ganze Welt und Israel (Jes 54-65).
Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront ber dem
neugeschaffenen Himmel und ber der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u.
66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn
die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen,
werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen.

Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um
mit einer Persnlichkeit mitempfinden zu knnen, welche hier den
geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. _=Damit geht
Jesu Leidensgedanke vollstndig in dem deuterojesaianischen auf.=_
Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit
bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkndiger
auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die
Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen
lsst. Was er erduldet, ist eine Shne fr die Schuld der andern. Dies
ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern knnen und brauchen
es nicht zu verstehen, _=denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann
werden sie erkennen, dass er fr sie gelitten hat=_. Darum brauchte und
durfte Jesus dem Volk und den Jngern sein Leiden nicht erklren. Es
musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen,
welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis
aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von
den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann,
dass er gelitten, damit sie verschont wrden und Friede htten. Dieses
Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus
erfassbar.

Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung
von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott
ihn zchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an,
sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo
ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in
der Erniedrigung sich meiner schmt, der ist verdammt, sondern: ihr
werdet euch alle an mir rgern -- wobei er weiss, dass sie bei der
Auferstehung um ihn versammelt sein werden.

_=Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der
allgemeinen Enddrangsal in das persnliche Leidensgeheimnis Jesu
umgesetzt.=_


6. Das Menschliche im Leidensgeheimnis.

An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das
Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verndert worden. Fr Jesus
bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewhrung
der Wrde, die ihm bestimmt ist.

Die Drangsal trgt jetzt aber die konkreten Zge eines bestimmten
Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in
die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches
auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode lst sich das ganze
messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung
hat mit dem Leidensgeheimnis begonnen.

So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem
Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Zge trgt. Es liegt
etwas von mitfhlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er fr die
Reichsgenossen die Shne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewhrung,
in welcher sie vielleicht schwach werden knnten, erspart bleibt. Und
fhre uns nicht in die Versuchung, sondern erlse uns von dem Bsen:
diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfllt.

Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur
ber den drei Intimen schwebt die Mglichkeit, dass sie mit ihm
durch das Leiden und die Versuchung hindurchmssen.=_ Die Zebedaiden
vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronpltze zu erwerben,
mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu
empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_).
Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle
zurckwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei
hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Whrend er zu
Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorbergehe, erfasst ihn eine
bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch
das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten?
Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er
sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott
beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung fhrt, wenn er auch
_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das
Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu
Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen:
in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine berweltliche
Grsse in seinem tiefmenschlichen Mitfhlen offenbar wird.


7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der
Perspektive.

Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches
offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber
nicht an. So erklrt es sich, dass er die Jnger zwar auf sein
Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten
war, keine Deutung dafr wussten. Dennoch mussten sie sich
damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den
Andeutungen, die sie im Gedchtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der
Leidensgedanke des Urchristentums viel rmer als das Leidensgeheimnis
Jesu.=_

Die Erklrung konzentrierte sich hauptschlich auf _=eine=_ Thatsache:
Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der
Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhhung in der
Schrift vorherbestimmt.

Whrend das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und
kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist fr das
Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der
Erklrung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem
zeitlichen auch der ursprngliche kausale Zusammenhang gelst hat.

Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Shne und
Sndenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke,
den er damit verband, vollstndig unmglich geworden. Die unbestimmte
Mehrheit, welche die Shne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis,
dass er fr sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das
Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber
konnte man es erfassen, dass er fr die Genossen die Drangsalsshne
geleistet habe.

In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der vielen
waren die Glubigen getreten. Die, welche an die Messianitt
Jesu glauben, haben Sndenvergebung: dieser Satz bildete, wie
die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen
Verkndigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sndenvergebung
hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlsbar,
denn die Sndenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an
_=Jesus-Christus=_ Glubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mgen
daher alle Erklrungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf
RITSCHL jede fr ihre Zeit religis noch so wahr und tief sein: den
Gedanken Jesu knnen sie unmglich erfassen, weil sie von einer ganz
andern Voraussetzung ausgehen.

Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so
erlebt man das merkwrdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten
Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen
aber keine auch nur annhernd erklren kann, wie aus einer solchen
Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes
hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen
Lsungsversuch. Wenn Jesus seinen Jngern die ethische Bedeutung seines
Todes verstndlich machte, warum beschrnkt sich die urchristliche
Leidenserklrung auf die Schriftgemssheit des Leidens und auf die
Sndenvergebung?

Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lsungsversuch die
Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die
_=notwendige Verkmmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum
_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des
Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten.
Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken
Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lsungsversuch
der richtige.

Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und
der Realisierung des Reichs war fr die urchristliche Eschatologie
verhngnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des
Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die
Eschatologie gerade den spezifisch christlichen Charakter, den
Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thtige Moment, durch
welches sie versittlicht wurde, fllt weg. _=So ist die urchristliche
Eschatologie durch Jesu Tod entchristlicht.=_ Dadurch sinkt sie
wieder auf das Niveau der zeitgenssisch-jdischen herunter. Das Reich
ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv
auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab
gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in
Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Tufers Zeit=_.

Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu
Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Glubigen
mit dem zuknftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die
Drangsal fr sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Glubigen
die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der
zeitgenssischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis
war ihnen nicht bekannt. Darum gehren ihnen die jdischen Apokalypsen
gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der
gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch
die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch
christlich, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis
des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.

Darnach muss man die synoptische Apokalypse (Mk 13) beurteilen. Mgen
auch einzelne eschatologische Sprche darin von Jesus stammen, die Rede
als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive
der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus
von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes
reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu
dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade
aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis
auf die Enddrangsal gehren in die galilische Periode zur Zeit der
Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische
Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen
nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.

Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,
obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatschlich
abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung
hinausgedrngt zu werden, denn sie war entchristlicht, weil sie mit
dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere
ethische Leben eingebsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht
worden war. Ein Baum, der mitten in der Bltenpracht an der Wurzel
getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,
wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang
geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise
eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur
vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt
war.=_

Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden
nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung,
in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die christliche
Weltauffassung, die er durch seinen Tod begrndet, fhrt die
Menschheit fr immer ber die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse
Geheimnis in der christlichen Heilskonomie.

Fr ihn und die Seinen war sein Tod, gemss der eschatologischen
Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das
Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_,
auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im
Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.

Die Anhnger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine
machtvolle Persnlichkeit die Kunde bekrftigte. Die Gemeinde nach dem
Tode glaubte an seine Messianitt und erwartete das Kommen des Reichs.
Wir glauben, dass in seiner ethisch-religisen Persnlichkeit, wie sie
sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich
gekommen sind.

Es verhlt sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht
hervor, whrend sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken
rten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt
sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne
selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit
von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien
die Persnlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der
vormessianischen Aera.

In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglht,
steigt sie ber den Horizont auf. Damit aber fngt die Farbenpracht
an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und
versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich
spiegelt, auflst. _=Die aufgehende Sonne ber dem Horizont=_, so
erschien _=Jesus Christus=_ der urchristlichen Gemeinde in ihrer
eschatologischen Erwartung.

_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts
von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit,
die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt fr uns in diesem Licht
erstrahlt, drfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen,
als wre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit ber dem
Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung ber den Tod Jesu ist
wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religise
Persnlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie
aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurcktragen,
thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot
malen wollten.

In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und
frdernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persnlichkeit
Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in
welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint,
unberbrckbare Kluft. Man sah sich deshalb gentigt, _=seine
Persnlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_
und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.

Dadurch kam aber eine eigentmliche Unlebendigkeit und
Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein
Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen bertrug
man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollstndig
klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig
verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus
Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung
erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine bermenschliche
Persnlichkeit aus einem Guss.=_

So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und
psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum
wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulsen, seine
Persnlichkeit in unsere modernen Gedanken zu bersetzen und ihn als
Messias und Gottessohn ausserhalb des jdischen Rahmens aufzufassen.

Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle
Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persnlichkeit Jesu dar
in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch
modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste
durchdrungen hat.

Dieser Jesus ist viel grsser als der modern gedachte: _=er ist
wirklich eine berirdische Persnlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet
er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmglich
wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht,
_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist
ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jdische Eschatologie
belebte und verklrte=_.

Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren
geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwhrende
kleinliche geschichtliche Rcksichtnahme, welche heutzutage oft zum
Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die
Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie
hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persnlichkeit
Jesu Christi zu grnden, ohne Rcksicht zu nehmen auf die Form, in
welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form
mit seinem Tod zerstrt.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu
dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf.

Als Jesus verschieden war, sagte _=der rmische Hauptmann=_, wahrlich,
dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen (Mk 15 _-39-_). So wird seine
Wrde mit dem Augenblick seines Todes frei fr alle Zungen, fr alle
Nationen und fr alle Weltanschauungen.




Zehntes Kapitel.

Abriss des Lebens Jesu.


Das _=Leben Jesu=_ beschrnkt sich auf die letzten Monate seines
Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu
Ostern des folgenden Jahres.

Seine ffentliche Wirksamkeit zhlt nach _=Wochen=_. Die erste Periode
reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die
Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte
er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jngern.

Vor ihm war der Tufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die
Nhe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen
Vorlufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung
statthaben sollte. Nach Jol war dies, mit andern Wundern, das Zeichen,
dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich
nie fr diesen Vorlufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken,
_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgefhrt=_. Er sei ein
Prophet: das war die allgemeine Meinung.

Ueber Jesu frhere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im
Dunkeln. Nur eines steht fest: Whrend der Taufe ging ihm das Geheimnis
seines Daseins auf, dass er nmlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum
Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine
Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest,
dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine
Wrde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene
Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der
Enddrangsal bewhren und lutern msse.

_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianittsbewusstsein
selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der
vormessianischen Drangsal unlsbar zusammenhngt.=_ Irdische Ereignisse
konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand
er ber der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen
wandelte.

Sein Auftreten und seine Verkndigung gehen nur auf die Reichsnhe.
Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen
bekrftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkndigung beherrscht,
darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue
Aeon anbricht.

Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das jetzt und
dann beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes
hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befhigt: _=denn nur
die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist hher als
die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten
weissagten bis Johannes: _=mit dem Tufer aber befindet man sich in der
Vorluferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_.

Darum muss er, als knftiger Messias, jene hhere Sittlichkeit
verknden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmtigen, die da Leid
tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und drsten, die Mitleidigen,
die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig,
weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_.

Hinter dieser ethischen Verkndigung steht das Geheimnis des Reiches
Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in
Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft
gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf
bernatrliche Weise herbeigefhrt wird. So durchdringen sich
Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die
berreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die
Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen
Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.

In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koncidenz enthalten. Er sprach
es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur
war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal
gestellt.=_

Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die berirdische Verklrung der
altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur
auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgefhrt wird.
In souverner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher
Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um
_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische
Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_

Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte
Betrachtungsweise. Fr das Volk sollen sie nur die Predigt von der
Reichsnhe bekrftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit
ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn,
denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergttlichen Macht zu
Ende geht.

Hinter dieser Behauptung steht aber fr Jesus das Geheimnis des
Reiches Gottes. Als die Phariser die Zeichen selbst der Teufelsmacht
zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an.
Durch seine Thaten bindet er die widergttliche Macht, wie man ber
einen Starken zuerst herfllt und ihn unschdlich macht, ehe man daran
denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jngern bei
der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht ber die
unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche fhren.

Als Drittes gehrt zur Reichspredigt der Hinweis auf die
vormessianische Drangsal. Die Glubigen mssen darauf vorbereitet sein,
mit ihm durch jene Zeit der Bewhrung hindurchzugehen, wo sie in der
Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die
Auserwhlten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich
dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis
zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird
darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.
So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit
den Worten: Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen
verfolgen. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausfhrung ber die
Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren
Reichsnhe an den Tufer lautet: Selig ist, wer sich nicht an mir
rgert. Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat,
beschwrt er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er
ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sndigen Welt sein
wird: ihre Seligkeit hngt davon ab.

Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewhrung=_ auch noch eine
_=Shne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von
den Reichsgenossen eine Shne fr ihre Vergehungen in diesem Aeon
verlangt. _=Aber er ist allmchtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er
ber die Zugehrigkeit zum Reich, ber die Stelle, die einer darin
einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist
auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht
nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.

Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem
Gott angefleht worden, er mge das Reich senden, dass sein Name
geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel,
drfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und
die Versuchung zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bsen direkt
entreisst.

Dies war der Inhalt von Jesu Verkndigung in der ersten Periode. Er
hielt sich whrend derselben am nrdlichen Ufer des Sees auf. Chorazin,
Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptsttten seiner Wirksamkeit. Von
dort unternahm er ber den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn
Stdte und eine Reise nach Nazareth.

Gerade in den Stdten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben.
Der Fluch, den er ber sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren
ihm die Phariser aufsssig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder
beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet
nichts gilt in seinem Vaterlande.

So war die galilische Periode nichts weniger als eine glckliche.
Diese usseren Misserfolge bedeuteten aber nichts fr das Kommen des
Reiches. Die unglubigen Stdte richteten nur sich selbst. Um die
Nhe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle
Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte
er seine Jnger aus, gerade auf dem Rckweg von Nazareth -- denn es war
Erntezeit.=_

Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner
machtvollen Persnlichkeit berall hin. Jetzt beginnt die Zeit der
Erfolge! Johannes im Gefngnis hrte davon und sandte seine Jnger, sie
sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, welcher kommen sollte, denn
aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorlufers,
den er verkndigt hatte, da sei.

Jesus that Zeichen, seine Jnger hatten Macht ber die Geister. Wenn
er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm
solidarisch wre und nur den anerknnte, der zu ihm, Jesus, gestanden
htte. Das Volk hielt deshalb dafr, er knne der sein, nach dem man
ausschaute, und der gefangene Tufer wollte darber Gewissheit haben.

Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. _=Die Zeit ist sehr
vorgeschritten=_ -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem
die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet
in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter
vorgerckt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorluferzeit
hat mit dem Auftreten des Tufers selbst angefangen. Seither wird das
Gottesreich gewaltsam herbeigentigt. _=Der Frager selbst ist der
Elias, wenn sie es begreifen mgen.=_

Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der
Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt
auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder
that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernnftige Kinder
sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der
Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nhe des Reiches nicht.
So schliesst der Fluch ber Chorazin und Bethsaida die Wrdigungsrede
ber den Tufer ab.

Die Entsendung der Jnger war die letzte That zur Herbeifhrung des
Reiches. Als sie daher zurckkommen, ihm ihren Erfolg knden und
berichten, wie sie Gewalt ber die bsen Geister hatten, heisst das fr
ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch
fr die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen
war, ob die Jnger vor diesem Ereignis zu ihm zurckkehren wrden. Er
hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie
ereilen wrde, ehe sie mit den Stdten Israels zu Ende wren.

Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit
den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren lngs
des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die
Predigt der Jnger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich
zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und berrascht sie am einsamen
Strand, wo sie gelandet.

Als es Abend geworden, wollten die Jnger, dass er das Volk entlasse,
damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nhmen. Fr ihn
ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht
zu werden. Bevor er sie daher entlsst, heisst er sie sich lagern und
hlt mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der knftige
Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die
Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie
damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.
Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht,
ebensowenig wie die Jnger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig
Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darber.

Darauf entliess er sie. Den Jngern befahl er an den Strand von
Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurck
und folgte dann lngs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt
im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck
der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine
berirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die
sie zur Landung ankmpften.

Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jnger um sich
zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu
verleugnen in der Erniedrigung.

Sechs Tage spter geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er
einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart.
Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei
der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart wrde.
Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen
msse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Wrdigungsrede
ber den Tufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie
ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen,
dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal drfen sie
keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher
Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will
es die Schrift.

Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nhe erwartete, blieb aus.
Fr die evangelische Geschichtsberlieferung war diese _=erste=_
eschatologische Verzgerung insofern verhngnisvoll, als nun alle
Vorgnge um die Aussendung herum unverstndlich wurden, weil das
Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische
Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade
diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne
Vorgnge auch den damaligen Teilnehmern rtselhaft blieben. So wurde in
der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur wunderbaren Speisung in
einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.

Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverstndlich.
Es scheint sich um eine Flucht zu handeln, whrend andererseits
die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen.
In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Hhepunkte der
eschatologischen Erwartung liegt der Schlssel zum historischen
Verstndnis des Lebens Jesu. _=Whrend den jerusalemitischen Tagen
kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_
Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug
nach Jerusalem eine Lcke in der evangelischen Ueberlieferung.
Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des
galilischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der
berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stck in
unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller Leben Jesu.=_

Mit der Rckkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den
Pharisern und dem Volk, um mit seinen Jngern allein zu sein, wie es
schon seit ihrer Rckkehr von der Missionswanderung sein vergebliches
Bestreben war. Es ist unumgnglich ntig, denn er muss ber zwei
messianische Thatsachen ins Klare kommen.

_=Warum ist der Tufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe
die messianische Zeit angebrochen?=_

_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens
da sind?=_

In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott fhrt das Reich herauf
_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in
Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein
Uebelthter gerichtet und verurteilt wird. Dafr gehen die andern
frei aus: er leistet die Shne fr sie. Mgen sie immerhin glauben,
Gott strafe ihn, mgen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit
gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit
anbricht, dann werden sie sehen, dass er fr sie gelitten.

So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott ber ihn, den Auserwhlten,
bestimmt hatte. Das Ende des Tufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm
diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor
allem Volk als ein Missethter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er
hinaufziehen nach Jerusalem fr die Zeit, _=da ganz Israel sich dort
versammelte=_.

Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jngern auf.
Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, fr wen er bei den Leuten
gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn fr den Elias halte.
Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei
Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus
sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn
bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm
bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum
Tod berantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach
Jerusalem.

Petrus hlt sich ber diese neue Erffnung auf, denn in der Offenbarung
auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei
Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart
zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwgungen laut werden lsst, wo
Gott redet.

Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem
Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie
zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also
geschehen wre, Messias sein wrde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen
sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten
sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den
Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was wrden dann sie
sein? das beschftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.
Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden msse.
Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im
Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die
Herrschaft im Reich ausben wird, jetzt fr die vielen mit seinem Leben
in dienender Hingabe eine Shne leisten.

Mit dem Betreten des jdischen Gebiets beginnt die zweite ffentliche
Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge
auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines
blinden Bettlers, des Sohnes des Timus, erweist er sich ihnen als der
grosse Vorlufer, fr den man ihn schon in Galila gehalten hatte.
Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem,
welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie
ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Blde erscheinen wird, gilt
das Hosianna in der Hh'. Damit ist wieder die Situation der grossen
Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsglubigen Menge
umdrngt.

Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,
bezieht sich auf die Nhe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die
zugleich eine Drohung fr die enthalten, welche sich gegen die Kunde
verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht?
bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder
nicht?

Die Phariser und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es
geschlagen hatte. Sie zeigten eine gnzliche Unempfindlichkeit fr
die Nhe des Reichs, denn sonst htten sie ihm nicht Fragen zur
Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit
gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins
an? Was sollen die spitzfindigen sadducischen Argumente gegen die
Mglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch
die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische
Menschennatur=_ abgethan!

Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verstnden! Er gibt ihnen zwei
Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken,
dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich
ihre Schriftgelehrsamkeit nicht trumen lsst.

_=In welcher Vollmacht wirkte der Tufer?=_ Wenn sie es wssten,
dass er der Vorlufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenber
geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wssten sie auch, dass die Stunde
des Reiches geschlagen hat.

_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids
Herr, also ber ihm?=_ Wenn sie das erklren knnten, dann verstnden
sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes
hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.

So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise
_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde
Blindenleiter, die das Volk, statt es fr das Reich empfnglich
zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum
Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher
Verusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins
Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisern und Schriftgelehrten!=_

Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge
behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt
hat und seiner Antwort zustimmt, der ist verstndig und deshalb
nicht fern vom Reich Gottes, denn er gehrt dazu, wenn es erscheint.

Die Masse aber der Phariser und Schriftgelehrten versteht ihn so
wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin
brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort ber
den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_
Jetzt war er verurteilt.

In der Nhe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften
Grsse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt
das Reich.=_ Damals hatte er mit den Glubigen die Vorfeier des
messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der
letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jngern feierlich Speise und
Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm
zurckgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische
Mahl gewesen ist, weil sie in Blde zum Mahl in des Vaters Reich
vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das
Leidensgeheimnis an. Fr ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der
Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe
in den Tod das messianische Mahl herauffhrt. Das Gleichniswort blieb
den Jngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte
ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_.

Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse
Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trgt die Drangsal
fr die andern. Darum darf er den Jngern voraussagen, dass sie in
der Nacht sich alle an ihm rgern werden -- und er braucht sie nicht
zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher
Friede liegt in diesem Wort! Ja, er trstet sie: nach der Auferstehung
will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit
vorausziehen nach Galila, die Strasse zurck, auf welcher sie ihm im
Todesgang gefolgt sind.

Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch fr ihn
auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Glubigen gebetet und fhre
uns nicht in die Versuchung, so bittet er jetzt fr sich, Gott in
seiner Allmacht mge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorbergehen
lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fhlt er sich stark genug, ihn
zu trinken. Nur fr die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich
vermessen, um die Thronpltze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm
zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor
sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben msste. Er
weiss nicht, wie Gott ber sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen
wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner
Nhe bleiben. Und whrend er Gott fr sich anfleht, gedenkt er ihrer
und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen,
er mge sie nicht durch die Versuchung hindurchfhren.

Beim drittenmal war die Schar mit dem Verrter nahe. Die Stunde ist
gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grsse
auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.

Das Zeugenverhr ist nur ein Scheinverhr. Nachdem sie abgetreten,
stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianitt.
_=Ich bin's=_, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo
er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln,
erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslsterung zum Tode
verurteilt.

Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er
laut auf und verschied.




Nachwort.


Die Urteile ber diese realistische Darstellung des Lebens Jesu knnen
sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder
litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mgen
sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die
Gestalt Jesu in ihrer berwltigenden heroischen Grsse vor die Seele
zu fhren.=_

Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und
unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht
und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige
Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen fr ihre
entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert,
indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen
gedachte.

Wir mssen dazu zurckkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu
empfinden, wir mssen vor dieser geheimnisvollen Persnlichkeit, die
in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und
Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trgt=_,
in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen
verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem
Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_.




Anmerkungen des Bearbeiters:

Gesperrter Text wird markiert durch          _= ... =_

Text in anderer Schrift wird markiert durch  _- ... -_

Kursivschrift wird gekennzeichnet durch      _..._

Die Schreibweise des Originals wurde unverndert bernommen. Heute
unbliche Schreibweisen wurden beibehalten.

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End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem
Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer

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