The Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte, by 
Edgar Allan Poe

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Title: Ligeia und andere Novellen / Sieben Gedichte
       Ligeia / Berenice / Morella / Eleonora / Die Insel der Fee
       / Landors Landhaus / Der Herrschaftssitz Arnheim / Der
       Rabe / Annabel Lee / Ulalume / Die Glocken / Tamerlan /
       Das Kolosseum / Die Stadt im Meer

Author: Edgar Allan Poe

Illustrator: Alfred Kubin

Translator: Gisela Etzel
            Theodor Etzel

Release Date: January 10, 2016 [EBook #50887]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ***




Produced by Jens Sadowski





                           EDGAR ALLAN POE
                                LIGEIA
                         UND ANDERE NOVELLEN
                           SIEBEN GEDICHTE

                           EDGAR ALLAN POE




                                LIGEIA
                         UND ANDERE NOVELLEN
                      BERSETZT VON GISELA ETZEL
                           SIEBEN GEDICHTE
                     BERSETZT VON THEODOR ETZEL


                      MIT VIERZEHN BILDBEIGABEN
                                 VON
                             ALFRED KUBIN

                     BERLIN / IM PROPYLEN-VERLAG

                       Alle Rechte vorbehalten

       Copyright 1920 by Propylen-Verlag G. m. b. H. in Berlin




                                LIGEIA


                              Und es liegt darin der Wille, der
                              nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse
                              des Willens und seine Gewalt? Denn
                              Gott ist nichts als ein groer Wille, der
                              mit der ihm eignen Kraft alle Dinge
                              durchdringt. Der Mensch berliefert
                              sich den Engeln oder dem Nichts einzig
                              durch die Schwche seines schlaffen
                              Willens.

                                                       Joseph Glanvill

Bei meiner Seele! ich kann mich nicht erinnern, wie, wann und wo ich die
erste Bekanntschaft machte -- der Lady Ligeia. Lange Jahre sind seitdem
verflossen, und mein Gedchtnis ist schwach geworden durch vieles
Leiden. Vielleicht auch kann ich mich dieser Einzelheiten nur darum
nicht mehr erinnern, weil der Charakter meiner Geliebten, ihr
umfassendes Wissen, ihre eigenartige und doch milde Schnheit und die
berwltigende Beredsamkeit ihrer sanft tnenden Stimme -- weil dies
alles zusammen nur ganz allmhlich und verstohlen den Weg in mein Herz
nahm, zu allmhlich, als da ich daran gedacht htte, mir jene ueren
Umstnde einzuprgen.

Ich habe jedoch das Empfinden, als sei ich ihr zum ersten Mal und
hierauf wiederholt in einer altertmlichen Stadt am Rhein begegnet. Und
eins wei ich bestimmt: sie erzhlte mir von ihrer Familie, die sehr
alten Ursprungs war. -- Ligeia! Ligeia! -- Trotzdem ich in Studien
vergraben bin, deren Art mehr noch als alles andre dazu angetan ist,
mich von Welt und Menschen abzusondern, gengt dies eine se Wort
Ligeia, um vor meinen Augen ihr Bild erstehen zu lassen -- das Bild
von ihr, die nicht mehr ist. Und jetzt, whrend ich schreibe, berfllt
mich urpltzlich das Bewutsein, da ich von ihr, meiner Freundin und
Verlobten, der Gefhrtin meiner Studien und dem Weib meines Herzens, den
Namen ihrer Familie nie erfahren habe. War es ein schalkhafter Streich,
den Ligeia mir gespielt hatte? War es ein Beweis meiner bedingungslosen
Hingabe, da ich nie eine Frage danach tat? Oder war es meinerseits eine
Laune, ein romantisches Opfer, das ich auf den Altar meiner
leidenschaftlichen Ergebenheit niedergelegt hatte? Der bloen Tatsache
sogar kann ich mich nur unklar erinnern -- was Wunder, da ich die
Grnde dafr vollstndig vergessen habe! Und wirklich, wenn jemals der
romantische Geist der bleichen und nebelbeschwingten Aschtophet des
gtzenglubigen gyptens, wie die Sage meldet, ber unglckliche Ehen
geherrscht hat, so ist es gewi, da er meine Ehe stiftete und
beherrschte.

Immerhin hat mich wenigstens in einem Punkt meine Erinnerung nicht
verlassen: die Persnlichkeit Ligeias steht mir heute noch klar vor
Augen. Sie war von hoher, schlanker Gestalt, in ihren letzten Tagen
sogar sehr hager. Vergebliches Bemhen wre es, wenn ich eine
Beschreibung der Erhabenheit, der wrdevollen Gelassenheit ihres Wesens
oder der unvergleichlichen Leichtigkeit und Elastizitt ihres Schreitens
versuchen wollte. Sie kam und ging wie ein Schatten. War sie in mein
Arbeitszimmer gekommen, so bemerkte ich ihre Anwesenheit nicht eher, als
bis ich den lieben Wohlklang ihrer sanften, sen Stimme vernahm oder
ihre marmorweie Hand auf meiner Schulter fhlte. Kein Weib auf Erden
trug solche Schnheit im Antlitz wie sie! Strahlend schn war sie, wie
die Erscheinung eines Opiumtraumes, wie eine gttliche, beseligende
Vision -- gttlicher noch als die Traumgebilde, die durch die
schlafenden Seelen der Tchter von Delos wehen. Doch waren ihre Zge
keineswegs von jener Regelmigkeit, wie die klassischen Bildwerke des
Heidentums sie aufweisen und die man mit Unrecht so bertrieben
bewundert. Es gibt keine auserlesene Schnheit, sagt Bacon Lord
Verulam da, wo er von allen Formen und Arten der Schnheit spricht,
ohne eine gewisse Seltsamkeit in der Proportion. Aber wenn ich auch
sah, da die Zge Ligeias nicht von klassischer Regelmigkeit waren,
wenn ich auch feststellte, da ihre Schnheit in der Tat auserlesen
war, und fhlte, da viel Seltsamkeit in ihren Zgen lag, so habe ich
doch vergebens versucht, dieser Unregelmigkeit auf die Spur zu kommen
und meine Feststellung des Seltsamen zu begrnden. Ich prfte die
Kontur der hohen und bleichen Stirn -- sie war fehlerlos. Wie kalt
klingt doch dies Wort fr eine so gttliche Majestt, fr die wie
reinstes Elfenbein schimmernde Haut, die gebieterische Breite und
ruhevolle Harmonie dieser Stirn, die sanfte Erhhung ber den Schlfen,
die eine ppige Flle rabenschwarzer glnzender Locken umschmiegte --
Locken, die das homerische Epitheton hyazinthen so wunderbar
ausfllten! -- Ich prfte die feinen Linien der Nase: nirgends anders
als auf althebrischen Medaillons hatte ich ebenso vollkommen Schnes
gesehen; nur dort hatte ich eine gleich wundervolle Zartheit und
dieselbe kaum wahrnehmbare Neigung zu sanfter Krmmung, dieselben
harmonisch geschweiften Nasenflgel, die einen freien Geist verrieten,
gefunden. -- Ich betrachtete den sen Mund. Hier feierten alle
Himmelswonnen ihr triumphierendes Fest: dieser entzckende Schwung der
kurzen Oberlippe, diese weiche, wollstige Ruhe der Unterlippe, diese
tndelnden Grbchen, diese lockende Farbe, diese schimmernden Zhne, die
jeden Strahl des heiligen Lichtes widerspiegelten, mit dem ihr heiteres
und ruhevolles und gleichwohl frohlockendes Lcheln sie blendend
schmckte. -- Ich prfte die Form des Kinns und fand auch hier in seiner
sanften Breite Majestt, Flle und griechischen Geist -- fand die
Kontur, die der Gott Apoll dem Kleomenes, dem Sohn des Atheners, im
Traume nur enthllte. -- Und dann vertiefte ich mich in Ligeias groe
Augen.

Fr Augen finden wir im fernen Altertum kein Vorbild. Es mochte sein,
da eben hier -- in den Augen meiner Geliebten -- das Geheimnis lag, von
dem Lord Verulam spricht. Sie schienen mir weit grer als sonst die
Augen unsrer Rasse. Sie waren ppiger als selbst die ppigsten Augen der
Gazellen vom Stamme des Tales Nourjahad. Doch geschah es nur zuzeiten --
in Augenblicken tiefster Erregung --, da diese Seltsamkeit, von der
ich vorhin sprach, deutlicher bei ihr wahrnehmbar wurde. Und in solchen
Augenblicken war Ligeias Schnheit -- vielleicht kam es auch nur meiner
erglhten Phantasie so vor -- die Schnheit von berirdischen oder
unirdischen Wesen, die Schnheit der sagenhaften Huri der Trken. Von
strahlendstem Schwarz waren ihre Pupillen und waren tief beschattet von
sehr langen, jettschwarzen Wimpern. Die Brauen, deren Linien kaum
merklich unregelmig waren, hatten die gleiche Farbe. Die Seltsamkeit
aber, die ich in den Augen fand, lag nicht in Form, Farbe oder Glanz,
sie mu wohl in ihrem Ausdruck gelegen haben. Ach, bedeutungsloses Wort!
Leeres Wort, hinter dessen bloem Klang wir uns mit unsrer Unkenntnis
alles Geistigen verschanzen.

Der Ausdruck von Ligeias Augen! O, wie viele Stunden habe ich ihm
nachgesonnen! Wie habe ich eine ganze Mittsommernacht lang gerungen, ihn
zu ergrnden! Was war es, dies Etwas, das tief innen in den Pupillen
meiner Geliebten verborgen lag, das unergrndlicher war als die Quelle
des Demokritos? Was war es? Ich war wie besessen von dem Verlangen, es
zu entdecken. Diese Augen! Diese groen, diese schimmernden, diese
gttlichen Augen! Sie wurden fr mich die Zwillingssterne der Leda, und
ich war ihr andchtigster Astrologe.

Es gibt in der Psychologie viele unlsbare Rtsel, das unheimlichste
aber und aufregendste von allen erschien mir stets die Tatsache -- die
brigens von den Psychologen kaum je erwhnt worden ist --, da wir oft,
wenn wir etwas lngst Vergessenes wieder in unser Gedchtnis zurckrufen
wollen, bis an die Schwelle des Erinnerns gelangen, ohne doch das, was
sozusagen schon vor uns steht, wirklich festhalten zu knnen. Und wie
oft, wenn ich den Augen Ligeias nachsann, fhlte ich mich der vollen
Aufklrung ber die Bedeutung ihres Ausdrucks ganz nahe: ich fhlte,
diese Aufklrung war da -- gleich, gleich wrde ich sie erfassen -- und
da entschwebte sie wieder, noch ehe ich sie hatte festhalten knnen. Und
-- sonderbares, o sonderbarstes Mysterium! -- ich fand in den
gewhnlichsten Dingen von der Welt eine Reihe von Analogien zu diesem
Ausdruck. Ich will damit sagen: nachdem Ligeias eigenartige Schnheit
mir bewut geworden war und nun im Altarschrein meines Herzens ruhte,
lsten viele Erscheinungen der realen Welt dasselbe Empfinden in mir aus
wie der Blick aus Ligeias groen, leuchtenden Augen. Trotzdem aber
wollte es mir nicht gelingen, dies Empfinden zu ergrnden oder zu
zergliedern; auch berkam es mich nicht stets in der gleichen Strke. Um
mich nher zu erklren: jenes Gefhl erfllte mich zum Beispiel beim
Anblick einer schnell emporschieenden Weinrebe, bei der Betrachtung
eines Nachtfalters, einer Schmetterlingspuppe, eines eilig strmenden
Wasserlaufes. Ich habe es im Ozean gefunden und beim Fallen eines
Meteors, sogar im Blick ungewhnlich alter Leute. Und es gibt am
Firmament ein paar Sterne, vor allem ein vernderliches Doppelgestirn
sechster Gre nahe beim groen Stern der Leier, bei deren Betrachtung
durch das Teleskop ich mich des nmlichen Gefhls nicht erwehren konnte.
Gewisse Tne von Saiteninstrumenten und bestimmte Stellen in Bchern
durchschauerten mich in hnlicher Art. Unter zahllosen andern Beispielen
erinnere ich mich besonders eines Ausspruchs, den ich bei Joseph
Glanvill fand und der -- vielleicht nur wegen seiner Wunderlichkeit --
immer wieder diese Stimmung in mir erweckte: Und es liegt darin der
Wille, der nicht stirbt. Wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine
Gewalt? Denn Gott ist nichts als ein groer Wille, der mit der ihm
eignen Kraft alle Dinge durchdringt. Der Mensch berliefert sich den
Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwche seines schlaffen
Willens.

Eifriges Nachdenken lange Jahre hindurch hat mir nun wirklich gewisse
leise Beziehungen gezeigt zwischen diesem Ausspruch des englischen
Philosophen und einem Teil von Ligeias Wesen. Es lebte in ihr ein
unerhrt starker Wille, der whrend unseres langen Zusammenlebens nie
spontan zutage trat, sondern sich nur in einer unglaublichen Anspannung
des Denkens, Tuns und Redens zu erkennen gab. Von allen Frauen, die ich
je gekannt, war sie, die uerlich ruhevolle, die stets gelassen milde
Ligeia, wie keine andre die Beute der tobenden Geier grausamster
Leidenschaftlichkeit. Und diese Leidenschaftlichkeit enthllte sich mir
nur im wundervollen Strahlen ihrer Augen, die mich gleichzeitig
entzckten und entsetzten, in der fast zauberhaften Melodie, Weichheit,
Klarheit und Wrde ihrer sonoren Stimme und in der flammenden Energie,
die in ihren seltsam gewhlten Worten lag und die im Kontrast mit der
Ruhe, mit der sie gesprochen wurden, doppelt wirkungsvoll war.

Ich erwhnte schon das umfassende Wissen Ligeias: ihre Kenntnisse waren
unermelich -- fr eine Frau ganz unerhrt. In allen klassischen
Sprachen war sie Meister, und auch in den modernen Sprachen des
Kontinents habe ich ihr, soweit ich selbst mit diesen Sprachen vertraut
war, nie einen Fehler nachweisen knnen. Und gab es denn berhaupt
irgendein Thema aus den Gebieten der hchsten und schwierigsten
Wissenschaften, bei dem ich Ligeia jemals auf Unkenntnis oder Irrtum
ertappt htte? Wie sonderbar, wie schauerlich! Diese eine Seite nur vom
Wesen meiner Frau ist meinem Gedchtnis heute noch erinnerlich. Ich
sagte, an Wissen berragte sie weit alle anderen Frauen -- doch wo lebt
der Mann, der die philosophische, physikalische und mathematische
Wissenschaft in ihrer ganzen unermelichen Ausdehnung so verstndnisvoll
beherrscht htte?! Damals sah ich noch nicht, was ich jetzt klar
erkenne, da dies Wissen Ligeias unglaublich, da es gigantisch war.
Doch blieb ich mir ihrer unendlichen berlegenheit gengend bewut, um
mich mit kindlichem Vertrauen ihrer Fhrung durch die chaotische Welt
metaphysischer Probleme, mit denen ich mich whrend der ersten Jahre
unserer Ehe eifrig beschftigte, zu berlassen. Mit welch ungeheurem
Triumph -- mit welch lebhaftem Entzcken -- mit welch himmlischer
Hoffnung konnte ich, wenn sie in diesem so unbekannten, so wenig
gepflegten Studium sich helfend zu mir neigte, fhlen, wie vor mir der
herrlichste Ausblick sich ffnete und ein in diese glnzenden Hhen
fhrender, langer, kstlicher und noch ganz unbetretener Pfad sichtbar
wurde, auf dem ich wohl endlich empor ans Ziel einer Weisheit gelangen
durfte, die zu gttlich erhaben ist, um nicht verboten zu sein!

Wie heftig mu da der Gram gewesen sein, mit dem ich einige Jahre spter
meine so festgegrndeten Hoffnungen Flgel nehmen und sich
davonschwingen sah! Ohne Ligeia war ich nichts als ein durch Dunkel
tastendes Kind. Nur ihre Gegenwart, ihr Erklren brachte helles Licht in
die vielen Mysterien des Transzendentalen, in die wir eingedrungen
waren. Wenn den golden zngelnden Schriftzeichen der leuchtende Glanz
ihrer Augen fehlte, wurden sie matter als stumpfes Blei. Und seltener
und seltener fiel nun der Strahl dieser Augen auf die Bltter, ber
deren Inhalt ich brtete. Ligeia wurde krank. Die herrlichen Augen
strahlten in bernatrlichen Flammen, die bleichen Hnde wurden
wachsfarben wie bei einem Toten, und die blauen Adern auf der hohen
Stirn hoben sich und pochten ungestm bei der geringsten Aufregung. Ich
sah, da sie sterben mute -- und mein Geist rang verzweifelt mit dem
grimmen Azrael.

Noch angestrengter als ich -- rang zu meinem Erstaunen das
leidenschaftliche Weib. So manches in ihrer ernsten Natur hatte in mir
den Glauben gezeitigt, da fr sie der Tod keine Schrecken haben werde
-- doch dem war nicht so. Es gibt keine Worte, die auch nur annhernd
die Wildheit ihres Widerstandes beschreiben knnten, den sie dem
Schatten Tod entgegensetzte. Ich sthnte geqult bei diesem
mitleiderregenden Anblick. Ich wollte besnftigen, aber gegenber der
unheimlichen Gewalt, mit der sie nur leben -- nur leben -- nichts als
leben wollte, schienen Trost und Zuspruch unsglich albern. Aber
trotzdem sich ihr feuriger Geist so wild gebrdete, bewahrte sie die
Hoheit ihres ueren Wesens bis zum letzten Augenblick, dem Augenblick
des Todeskampfes. Ihre Stimme wurde noch sanfter -- wurde noch tiefer --
dennoch mchte ich jetzt bei dem grausigen Sinn der Worte, die sie in
aller Ruhe sprach, nicht nachdenkend verweilen. Mein Geist, der diesen
berirdischen Tnen hingerissen lauschte -- diesem Hoffen und Ringen,
dieser gewaltigen Sehnsucht, wie nie zuvor ein Sterblicher sie fhlte --
taumelte und verwirrte sich.

Da sie mich liebte, daran hatte ich nie gezweifelt, auch konnte ich mir
wohl sagen, da die Liebe eines solchen Herzens nicht mit gewhnlichem
Ma zu messen sei. Aber erst in ihrem Sterben erhielt ich von der wahren
Kraft ihrer Liebe den vollen Eindruck. Lange Stunden hielt sie meine
Hand und schttete vor mir das berfluten eines Herzens aus, dessen mehr
als leidenschaftliche Ergebenheit an Anbetung grenzte. Wie hatte ich es
verdient, mit solchen Bekenntnissen gesegnet zu werden? Und wie hatte
ich es verdient, durch den Verlust der Geliebten verdammt zu werden --
in der nmlichen Stunde, da sie mir diese Bekenntnisse machte? Doch ich
kann es nicht ertragen, von diesen Dingen zu sprechen. Nur eines lat
mich sagen: ich erkannte in Ligeias mehr als weiblicher Hingabe an eine
Liebe, die ich, ach, gar so wenig verdiente, den wahren Grund fr ihr so
tiefes, so wildes Begehren nach dem Leben -- dem Leben, das jetzt so
eilend entfloh. Fr dies wilde Sehnen, fr diese Gier und Gewalt des
Verlangens nach Leben -- nur nach Leben -- finde ich keine
Ausdrucksmglichkeit; keine Worte gibt es, die es sagen knnten.

In der Nacht ihres Scheidens lie sie mich nicht von ihrer Seite. In
tiefster Mitternachtsstunde bat sie mich, ihr einige Verse herzusagen,
die sie selbst wenige Tage vorher verfat hatte. Ich gehorchte. Hier
sind sie:

   O schaut, es ist festliche Nacht
   Inmitten einsam letzter Tage!
   Ein Engelchor, schluchzend, in Flgelpracht
   Und Schleierflor, sieht zage
   Im Schauspielhaus ein Schauspiel an
   Von Hoffnung, Angst und Plage,
   Derweil das Orchester dann und wann
   Musik haucht: Sphrenklage.

   Schauspieler, Gottes Ebenbilder,
   Murmeln und brummeln dumpf
   Und hasten planlos, immer wilder,
   Sind Puppen nur und folgen stumpf
   Gewaltigen, dsteren Dingen,
   Die umziehn ohne Form und Rumpf
   Und dunkles Weh aus Kondorschwingen
   Schlagen voll Triumph.

   Dies nrrische Drama! -- O frwahr,
   Nie wird's vergessen werden,
   Nie sein Phantom, verfolgt fr immerdar
   Von wilder Rotte rasenden Gebrden,
   Verfolgt umsonst -- zum alten Fleck
   Kehrt stets der Kreislauf neu zurck --,
   Und nie die Tollheit, die Snde, der Schreck
   Und das Grausen: die Seele vom Stck.

   Doch sieh, in die mimende Runde
   Drngt schleichend ein blutrot Ding
   Hervor aus dem Hintergrunde
   Der Bhne -- ein blutrot Ding.
   Es windet sich! -- windet sich in die Bahn
   Der Mimen, die Angst schon ttet;
   Die Engel schluchzen, da Wurmes Zahn
   In Menschenblut sich rtet.

   Aus -- aus sind die Lichter -- alle aus!
   Vor jede zuckende Gestalt
   Der Vorhang fllt mit Wetterbraus,
   Ein Leichentuch finster und kalt.
   Die Engel schlagen die Schleier zurck,
   Sind erbleicht und entschweben im Sturm;
   Mensch nennen sie das tragische Stck,
   Seinen Helden Eroberer Wurm.

O Gott! schrie Ligeia, sprang vom Bett auf und reckte die Arme empor.
Gott! Gott! O gttlicher Vater! Mu das immer unabnderlich so sein?
Soll dieser Sieger nie, niemals besiegt werden? Sind wir nicht Teil und
Teile von dir? Wer -- wer kennt die Geheimnisse des Willens und seine
Gewalt? Der Mensch berliefert sich den Engeln oder dem Nichts einzig
durch die Schwche seines schlaffen Willens.

Und nun, wie von innrer Bewegung berwltigt, lie sie die weien Arme
sinken und kehrte feierlich auf ihr Sterbebett zurck. Und als sie die
letzten Seufzer hauchte, kam gleichzeitig ein leises Murmeln von ihren
Lippen. Ich legte das Ohr an ihren Mund und vernahm wieder die
Schluworte des Glanvillschen Ausspruchs: Der Mensch berliefert sich
den Engeln oder dem Nichts einzig durch die Schwche seines schlaffen
Willens.

Sie starb. Und ich, der vom Gram vllig zermalmt war, konnte nicht
lnger die einsame Verlassenheit meiner Behausung in der dsteren und
verfallenen Stadt am Rhein ertragen. Ich hatte keinen Mangel an dem, was
die Welt Besitz nennt; Ligeia hatte mir viel mehr, o sehr viel mehr
gebracht, als fr gewhnlich einem Sterblichen zufllt. So kam es, da
ich nach einigen Monaten planlosen und ermdenden Umherwanderns in einer
der wildesten und abgelegensten Gegenden des schnen England eine alte
Abtei, deren Namen ich nicht nennen mchte, kuflich erwarb und instand
setzte. Die dstre und traurige Majestt des Gebudes, die unglaubliche
Verwilderung der Lndereien, die vielen melancholischen und
altehrwrdigen Erinnerungen, die sich an beide knpften, hatten viel
gemein mit dem Gefhl uerster Verlassenheit, das mich in jenen
entlegenen und unwirtlichen Teil des Landes getrieben hatte. An dem
Abteigebude selbst mit seinem verwitterten, unter blhendem Grn
verborgenen Mauerwerk nahm ich keine Vernderungen vor, dagegen widmete
ich mich mit kindischem Eigensinn und wohl auch in der schwachen
Hoffnung, meinen Kummer dadurch zu zerstreuen, der Ausstattung der
Innenrume und entfaltete hier eine ganz ungewhnliche Pracht. Ich hatte
schon als Kind Geschmack an solchen Torheiten gefunden, und jetzt, da
mich mein Kummer wieder hilflos machte, stellte sich jener kindliche
Trieb von neuem ein. Ach, ich fhle, wieviel Spuren von
Geistesverwirrung sogar in den prunkhaften und phantastischen Draperien,
in den feierlichen gyptischen Schnitzereien, in den grotesken Mbeln,
in den tollen Mustern der goldgewirkten Teppiche zu finden waren. Ich
lag, ein gefesselter Sklave, in den Banden des Opiums, und meine
Handlungen und Anordnungen hatten den Charakter meiner Trume
angenommen. Doch ich will nicht bei der Beschreibung dieser Torheiten
verweilen, lat mich nur von jenem einen verfluchten Gemach sprechen, in
das ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung sie als mein
angetrautes Weib fhrte -- als die Nachfolgerin der unvergessenen Ligeia
-- sie, die blondhaarige und blauugige Lady Rowena Trevanion of
Tremaine.

Selbst die unbedeutendste Einzelheit in Architektur und Ausstattung
dieses Brautgemachs steht mir noch jetzt deutlich vor Augen. Was dachten
sich nur die goldgierigen, hochmtigen Angehrigen meiner Braut, als sie
einem so geliebten Mdchen, einer so geliebten Tochter gestatteten, die
Schwelle eines derart ausgeschmckten Brautgemachs zu berschreiten.

Trotzdem leider so manche tief bedeutsamen Dinge meinem Gedchtnis
entschwanden, so sind mir doch, wie ich schon sagte, die geringsten
Einzelheiten dieses Zimmers gegenwrtig; ich erinnere mich ihrer,
obgleich in diesem phantastischen Prunk kein System, kein Halt war, an
die mein Erinnern sich htte klammern knnen. Das Zimmer lag in einem
hohen Turm der burgartig gebauten Abtei; es war ein fnfeckiger Raum von
betrchtlicher Gre. Die ganze Sdseite des Fnfecks nahm das einzige
Fenster ein, eine ungeteilte, riesige Scheibe venezianischen Glases von
bleifarbener Tnung, so da Sonnenlicht wie Mondglanz ber die
Gegenstnde des Zimmers nur einen gespenstischen Schein gossen. Der obre
Teil dieser ungeheuren Fensterscheibe wurde durch das Rankenwerk eines
uralten Weinstocks, der an den massigen Mauern des Turmes
emporkletterte, dunkel beschattet. Das dstere Eichenholz der
auerordentlich hoch gewlbten Zimmerdecke war mit Schnitzereien in halb
gotischem, halb druidenhaftem Stil berladen. Genau aus dem Mittelpunkte
dieser melancholischen Wlbung hing an einer einzigen goldenen,
langgegliederten Kette ein mchtiger, goldener Kronleuchter in Form
eines Weihrauchbeckens, mit sarazenischem Bildwerk geschmckt. Dieser
Kronleuchter hatte rundum viele ffnungen, aus denen wie lebhafte
Schlangen fortwhrend die buntesten Flammen zngelten.

Ein paar Ottomanen und goldene orientalische Kandelaber waren im Raum
verteilt. Und da stand auch das Lager, das Brautbett! Es war nach einem
indischen Modell gearbeitet; es war niedrig und aus massivem Ebenholz
geschnitzt und von einem Baldachin, der einem Bahrtuch glich, berdacht.
In jeder Ecke des Zimmers stand aufrecht ein riesiger, schwarzgranitener
Sarkophag, den unsterbliche Skulpturen schmckten. Diese Sarkophage
stammten aus den Knigsgrbern von Luxor. Aber noch mehr als in allem
andern waltete meine unheimliche Phantasie in der Wandverkleidung des
Gemachs. Die unverhltnismig hohen Wnde waren von der Decke bis zum
Fuboden mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben
Stoff, der als Fu- und Ottomanenteppich, als Bettdecke und Baldachin
sowie als prunkhafter berhang der einen Teil des Fensters
berschattenden Vorhnge Verwendung gefunden hatte. Dieser Goldstoff
trug in unregelmigen Zwischenrumen arabeskenartige Figuren von einem
Fu Durchmesser, die aus tiefschwarzem Stoff gearbeitet waren. Aber nur
von einer einzigen Stelle aus betrachtet schienen diese Figuren nichts
als Arabesken zu sein. Infolge eines heute allgemein bekannten
Verfahrens, das man jedoch schon im frhen Altertum anwendete, boten sie
dem Beschauer von jeder Seite ein andres Bild. Wenn man das Zimmer
betrat, erschienen sie einfach nur wie Monstrositten, je mehr man sich
ihnen aber nherte, desto bestimmtere Gestalt nahmen sie an, und Schritt
fr Schritt, je nach dem vom Beschauer gewhlten Standpunkt, sah man
sich von einer wechselnden Prozession gespensterhafter Wesen umringt,
wie etwa der Aberglaube der Normannen sie ersonnen hat oder ein Mnch in
sndenhaftem Traum sie erschauen mag. Der gespenstische Eindruck wurde
noch erhht durch einen knstlich hinter die Draperien gefhrten
ununterbrochenen Luftzug, der dem Ganzen eine rastlose und abscheuliche
Lebendigkeit verlieh.

In solchem Raum also, in solchem Brautgemach verlebte ich mit Lady
Rowena of Tremaine die gottlosen Stunden unsres Honigmonds -- ohne viel
Aufregung. Da mein Weib vor meiner bellaunigkeit Furcht hatte, da sie
mir aus dem Wege ging und mir nur wenig Liebe entgegenbrachte, konnte
mir nicht entgehen, aber gerade dies freute mich mehr, als wenn es
anders gewesen wre.

Ich verabscheute sie, ich hate sie, mit einer Inbrunst, die geradezu
teuflisch war. Mein Erinnern floh, o, mit welch tiefem Leidgefhl! zu
Ligeia zurck, der Geliebten, der Hehren, der Schnen, der Begrabenen!
Ich schwelgte im Gedenken ihrer Reinheit und Weisheit, ihres erhabenen,
ihres himmlischen Wesens, ihrer leidenschaftlichen, ihrer anbetenden
Liebe. Jetzt lohte in meiner Seele noch wildre, noch heiere Flamme, als
sie in ihr, in Ligeia, gebrannt hatte. In den Ekstasen meiner
Opiumtrume -- ich lag fast immer im Bann dieses Giftes -- rief ich
wieder und wieder ihren Namen durch das Schweigen der Nacht oder bei Tag
durch die schattigen Schluchten der Landschaft. Es war, als ob das wilde
Verlangen, die tiefernste Leidenschaft, das verzehrende Feuer meiner
Sehnsucht nach der Dahingegangenen sie auf den irdischen Pfad
zurckfhren mten, den sie -- ach konnte es denn fr ewig sein? --
verlassen hatte.

Gegen Beginn des zweiten Monats unsrer Ehe wurde Lady Rowena pltzlich
von einer Krankheit befallen, von der sie nur langsam genas. Zehrendes
Fieber machte ihre Nchte unruhig, und in ihrem aufgeregten
Halbschlummer redete sie von gespenstischen Lauten und Schatten, die im
Turmzimmer und in seiner nchsten Umgebung sich vernehmen, sich sehen
lieen. Ich hielt diese uerungen natrlich fr Einbildungen einer
kranken Phantasie, die allerdings durch das unheimliche Zimmer geweckt
sein konnte. Sie erholte sich schlielich wieder -- und genas endlich
vllig. Doch nur fr kurze Zeit; denn bald warf ein zweiter, heftigerer
Anfall sie von neuem aufs Krankenlager. Und von diesem Rckfall erholte
sie, die ohnedies von zarter Gesundheit war, sich nie mehr vollstndig.
Die Krankheitserscheinungen, die dem zweiten Anfall folgten, waren sehr
beunruhigend und spotteten aller Wissenschaft und allen Bemhungen der
rzte. Mit dem Anwachsen ihres chronischen Leidens, das ersichtlich
schon tiefer wurzelte, als da man ihm mit Medikamenten erfolgreich
htte beikommen knnen, bemerkte ich auch eine Steigerung ihrer nervsen
Reizbarkeit und ihres schreckhaften Entsetzens bei ganz nichtigen
Anlssen. Sie sprach wieder -- und hufiger und hartnckiger jetzt --
von den Lauten, den ganz leisen Lauten, und von den seltsamen Schatten,
die sich an den Wnden regten.

In einer Nacht, es war gegen Ende September, wies sie meine
Aufmerksamkeit mit mehr als gewhnlichem Nachdruck auf diese peinigenden
ngste hin. Sie war soeben aus unruhigem Schlummer erwacht, und ich
hatte -- halb in Besorgnis und halb in Entsetzen -- das Arbeiten der
Muskeln in ihrem abgemagerten Gesicht beobachtet. Ich sa seitwrts von
ihrem Ebenholzbett auf einer der indischen Ottomanen. Sie richtete sich
halb auf und sprach in eindringlichem leisen Flstern von Lauten, die
sie jetzt vernahm, die ich aber nicht hren konnte -- von Bewegungen,
die sie jetzt sah, die ich aber nicht wahrnehmen konnte. Der Wind wehte
hinter der Wandverkleidung in hastigen Zgen, und ich hatte die Absicht,
ihr zu zeigen (was ich allerdings, wie ich bekenne, selbst nicht ganz
glauben konnte), da dieses kaum vernehmbare Atmen, da diese ganz
geringen Verschiebungen der Gestalten an den Wnden nur die natrliche
Folge des Luftzuges seien. Doch ein tdliches Erbleichen ihrer Wangen
lie mich einsehen, da meine Bemhungen, sie zu beruhigen, fruchtlos
sein wrden. Sie schien ohnmchtig zu werden, und keiner der Dienstleute
war in Rufnhe. Da erinnerte ich mich einer Flasche leichten Weines, den
die rzte ihr verordnet hatten, und eilte quer durchs Zimmer, um sie zu
holen. Doch als ich unter den Flammen des Weihrauchbeckens angekommen
war, erregten zwei sonderbare Umstnde meine Aufmerksamkeit. Ich fhlte,
da ein unsichtbares, doch greifbares Etwas leicht an mir
vorbeistreifte, und ich sah, da auf dem goldenen Teppich, genau in der
Mitte des reichen Glanzes, den die Ampel darauf niederwarf, ein Schatten
-- ein schwacher, undeutlicher, geisterhafter Schatten lag; so zart war
er, da man ihn fr den Schatten eines Schattens htte halten knnen.
Aber ich war infolge einer ungewhnlich groen Dosis Opium sehr
aufgeregt und achtete dieser Erscheinungen kaum, erwhnte sie auch
Rowena gegenber nicht.

Ich fand den Wein, schritt quer durchs Zimmer ans Bett zurck, fllte
ein Kelchglas und brachte es an die Lippen der nahezu ohnmchtigen
Kranken. Sie hatte sich ein wenig erholt und ergriff selbst das Glas;
ich sank auf die nchste Ottomane und sah gespannt zu meinem Weib
hinber. Da geschah es, da ich deutlich einen leisen Schritt ber den
Teppich zum Lager hinschreiten hrte, und eine Sekunde spter, als
Rowena den Wein an die Lippen fhrte, sah ich -- oder trumte, da ich
es sah --, wie, aus einer unsichtbaren Quelle in der Atmosphre des
Zimmers kommend, drei oder vier groe Tropfen einer strahlenden,
rubinroten Flssigkeit in den Kelch fielen. Ich nur sah dies -- Rowena
sah es nicht. Sie trank den Wein ohne Zgern, und ich unterlie es, ihr
von der Erscheinung zu sprechen, die, wie ich mir nach reiflicher
berlegung sagte, vielleicht nur eine Vorspiegelung meiner lebhaften
Einbildungskraft gewesen sein mochte, die durch die uerungen der
Leidenden, durch das Opium und durch die spte Nachtstunde krankhaft
erregt sein mute.

Dennoch konnte ich mir nicht verhehlen, da die Krankheit meiner Frau,
nachdem sie den Becher geleert hatte, eine rapide Wendung zum
Schlimmsten nahm. Und in der dritten Nacht darauf kleideten die
Dienerinnen Lady Rowena in das Leichengewand -- und in der vierten Nacht
sa ich allein bei ihrem Leichnam in dem seltsamen Gemach, in das sie
als meine Braut eingetreten war.

Wilde Visionen, eine Folge des Opiumgenusses, umschwebten mich wie
Schatten. Meine Blicke musterten unruhig die in den Ecken des Zimmers
aufgestellten Sarkophage, die vernderlichen Gestalten des Wandteppichs
und die zngelnden, buntfarbigen Flammen des Weihrauchbeckens mir zu
Hupten. Ich erinnerte mich der sonderbaren Erscheinungen jener Nacht,
in der ber Rowenas Leben entschieden worden war, und blickte
unwillkrlich auf die vom Ampellicht bestrahlte Stelle des Teppichs, wo
ich damals den schwachen Schein eines Schattens bemerkt hatte. Es lie
sich jedoch nichts mehr sehen, und ich wandte mich aufatmend ab und
heftete meine Blicke auf das bleiche und starre Antlitz der
Aufgebahrten. Da berfielen mich tausend liebe Erinnerungen an Ligeia,
und ber mein Herz strzte mit der Wucht eines Giebaches das ganze
unsagbare Weh, mit dem ich sie im Leichentuch gesehen hatte. Die Stunden
gingen, und immer noch sa ich und starrte Rowena an, das Herz
geschwellt vom Gedenken an die eine Einzige, die himmlisch Geliebte.

Es mochte gegen Mitternacht sein -- vielleicht etwas frher oder spter,
ich hatte der Zeit nicht geachtet --, als ein leiser, zarter, aber
deutlich wahrnehmbarer Seufzer mich aus meinen Trumen aufschreckte. Ich
fhlte, da er vom Ebenholzbett her kam -- vom Totenbett. Ich lauschte
in angstvollem, aberglubischem Entsetzen -- aber der Laut wiederholte
sich nicht. Ich strengte meine Augen an, um irgendeine Bewegung des
entseelten Krpers wahrzunehmen -- nicht die mindeste Regung war zu
entdecken. Dennoch konnte ich mich nicht getuscht haben. Ich hatte das
Gerusch, wie schwach es auch gewesen sein mochte, tatschlich
vernommen, und meine Seele war erwacht und lauschte. Ich heftete meine
Augen durchdringend und mit aller Willenskonzentration auf den
Totenleib. Viele Minuten vergingen, ehe sich auch nur das geringste
ereignete, das Licht in dies Geheimnis bringen konnte. Endlich sah ich
ganz deutlich, da ein leiser, ein ganz schwacher und kaum wahrnehmbarer
Hauch sowohl die Wangen wie auch die eingesunkenen feinen Adern der
Augenlider gertet hatte. Ein namenloses Grausen, eine wahnsinnige
Furcht, fr die es keine Worte gibt, lie mich auf meinem Sitz zu Stein
erstarren und lhmte das Pulsen meines Herzens. Und doch gab mir
schlielich ein gewisses Pflichtgefhl meine Selbstbeherrschung zurck.
Ich konnte nicht lnger daran zweifeln, da wir in unserm Vorgehen allzu
voreilig gewesen waren, ich konnte nicht lnger daran zweifeln -- da
Rowena lebte. Man mute sofort Wiederbelebungsversuche anstellen. Doch
der Turm lag ganz abseits von den andern Gebuden, in denen die
Dienerschaft untergebracht war -- keiner der Leute befand sich in
Hrweite -- wollte ich sie zu meiner Hilfe herbeiholen, so htte ich das
Zimmer auf viele Minuten verlassen mssen -- das aber durfte ich nicht
wagen. Ich bemhte mich daher allein, die Seele, die noch nicht ganz
entflohen schien, wieder ins Leben zu rufen. Aber schon nach kurzer Zeit
war ersichtlich ein Rckfall eingetreten; die Farbe verschwand von
Wangen und Augenlidern, die nun bleicher noch als Marmor erschienen. Die
Lippen schrumpften ein und kniffen sich zusammen und trugen den
grlichen Ausdruck des Todes; eine widerliche, klebrige Klte breitete
sich schnell ber den ganzen Leib, der berdies vollstndig steif und
starr wurde. Schaudernd sank ich auf das Ruhebett zurck, von dem ich in
so fassungslosem Schreck aufgescheucht worden war, und gab mich von
neuem leidenschaftlichen, wachen Visionen hin, in denen ich Ligeia vor
mir sah.

So war eine Stunde verstrichen, als ich -- konnte es mglich sein? --
ein zweites Mal von der Gegend des Bettes her einen schwachen Laut
vernahm. Ich lauschte in hchstem Grauen. Der Ton wiederholte sich -- es
war ein Seufzer. Ich eilte zur Leiche hin und sah -- sah deutlich --,
da die Lippen zitterten. Eine Minute spter ffneten sie sich und
legten eine Reihe perlenschner Zhne blo. Zu der tiefen Furcht, die
mich bis jetzt gebannt hielt, gesellte sich nun auch Bestrzung. Ich
fhlte, wie es dunkel vor meinen Augen wurde, wie meine Gedanken
wanderten, und nur durch ganz gewaltige Anstrengung gelang es mir, mich
fr die Aufgabe, auf die mich die Pflicht nun wiederum hinwies, zu
sthlen. Sowohl auf der Stirn wie auf Wangen und Hals war jetzt ein
sanftes Glhen zu bemerken, eine fhlbare Wrme durchdrang den ganzen
Krper, am Herzen lie sich sogar ein leichter Pulsschlag spren. Die
Tote lebte, und mit doppeltem Eifer unterzog ich mich den
Wiederbelebungsversuchen. Ich rieb und benetzte die Schlfen und die
Hnde und wendete alles an, was Erfahrung und eine gute Belesenheit in
medizinischen Dingen erdenken konnten. Doch vergeblich. Pltzlich
verschwand die Farbe, der Pulsschlag hrte auf, die Lippen nahmen wieder
den Ausdruck des Todes an, und einen Augenblick danach hatte der Krper
die frostige Eisesklte, den bleiernen Farbton, die vollkommene Starre,
die eingesunkenen Formen und all die widerlichen Eigenschaften dessen,
der schon seit vielen Tagen ein Bewohner des Grabes gewesen war.

Und wieder sank ich in Trume von Ligeia -- und wieder -- was Wunder,
da ich beim Schreiben jetzt noch schaudre -- wieder drang vom
Ebenholzbett her ein leiser Seufzer an mein Ohr. Aber warum soll ich die
unaussprechlichen Schrecken jener Nacht in allen Einzelheiten schildern?
Warum soll ich darber nachsinnen, wie ich es ausmalen knnte, wie bis
zur Morgendmmerung dies frchterliche Drama des Wiederbelebens und des
Wiederabsterbens sich fortsetzte, wie jeder schreckliche Rckfall einen
tiefren, unlslicheren Tod bedeutete, wie jede Agonie wie ein Ringen mit
einem unsichtbaren Feind erschien und wie jeder Kampf ich wei nicht was
fr eine grliche Vernderung in der Erscheinung des Krpers nach sich
zog? Lat mich zum Schlu eilen.

Der grte Teil der furchtbaren Nacht war dahingegangen, und sie, die
tot gewesen, rhrte sich wieder. Und die Lebenszeichen waren jetzt
krftiger als bisher, obgleich sie kurz zuvor in eine Auflsung gesunken
war, die grlicher schien als alle frheren. Ich hatte es schon lngst
aufgegeben, mich zu bemhen, mich berhaupt noch zu rhren. Ich sa
erstarrt auf der Ottomane -- eine hilflose Beute wilder Aufregungen,
deren am wenigsten schreckliche, am wenigsten aufreibende wohl eine
malose Angst war. Der Leichnam, ich wiederhole es, rhrte sich, und
zwar lebhafter als bisher. Die Farben des Lebens schossen mit
unglaublicher Energie ins Antlitz, die Glieder wurden wieder beweglich,
und wenn die Augenlider nicht noch immer fest geschlossen geblieben
wren, wenn der Leib nicht noch immer still in seinen Grabtchern und
Bndern dagelegen htte, so htte ich glauben mssen, da Rowena sich
endgltig aus den Fesseln des Todes befreit habe. Doch wenn bis dahin
dieser Gedanke noch entschieden zurckgewiesen werden mute, so
schwanden alle Zweifel, als nun das leichentuchumhllte Wesen vom Bette
aufstand und schwankend, unsicheren Schrittes, mit geschlossenen Augen
und mit dem Gebaren eines Traumwesens, doch krperlich sichtbar und
fhlbar, sich in die Mitte des Zimmer vorbewegte.

Ich zitterte nicht -- ich rhrte mich nicht -- denn eine Flle
unaussprechlicher Empfindungen, die sich an das Aussehen, die Gestalt
und ihre Bewegungen knpften, hatte mein Hirn berfallen und mich ganz
gelhmt. Ich rhrte mich nicht -- doch meine Blicke hingen an der
Erscheinung. Meine Gedanken taumelten wie im Wahnsinn -- tobten und
lieen sich nicht halten und bndigen. Konnte das wirklich die lebende
Rowena sein, die mir da gegenberstand? Konnte es berhaupt Rowena sein
-- die blondhaarige, blauugige Lady Rowena Trevanion of Tremaine?
Warum, warum sollte ich es bezweifeln? Die Binde lag fest um den Mund --
aber warum sollte es nicht der Mund, der atmende Mund der Lady of
Tremaine sein? Und die Wangen -- sie trugen Rosen wie im Mittag ihres
Lebens -- ja, das waren wohl sicher die schnen Wangen der lebenden Lady
of Tremaine. Und das Kinn, das Kinn mit den Grbchen der Gesundheit, war
es nicht das ihre? -- Aber war sie denn in ihrer Krankheit gewachsen?
Welch unaussprechlicher Wahnsinn fate mich bei dem Gedanken? Ein
Sprung, und ich lag zu ihren Fen! Sie wich meiner Berhrung aus, und
die grlichen Leintcher, die den Kopf umschlossen hatten, lsten sich
und fielen nieder -- und in die wehende Atmosphre des Gemachs strmten
gewaltige Wogen aufgelsten Haares: es war schwrzer als die
Rabenschwingen der Mittnacht! Und nun ffneten sich langsam die Augen
der Gestalt, die dicht vor mir stand. Hier, hier endlich, schrie ich
laut, kann ich mich niemals -- niemals irren: dies sind die groen und
die schwarzen und die wilden Augen -- meiner verlorenen Geliebten -- die
Augen der Lady -- der Lady Ligeia!




                               BERENICE


                              Dicebant mihi sodales, si sepulcrum
                              amicae visitarem, curas meas aliquantulum
                              fore levatas.

                                                             Ebn Zaiat

Mannigfach sind Trbsal und Not. Unglck und Gram sind vielgestaltig auf
Erden. Gleich dem Regenbogen spannt sich das Unglck von Horizont zu
Horizont, und gleich den Farben des Regenbogens sind seine Farben
vielfltig und scharf abgegrenzt und dennoch innig miteinander verwoben.
Wie kommt es, da Schnheit mir zum Kummer wurde, da selbst aus
Friedsamkeit ich nur Gram zu schpfen wute? Doch wie die Ethik lehrt,
da das Bse eine Konsequenz des Guten sei, so lehrt uns das Leben, da
die Freude die Trauer gebiert. Entweder ist die Erinnerung vergangener
Seligkeit die Pein unseres gegenwrtigen Seins, oder die Qualen, die
sind, haben ihren Ursprung in den Wonnen, die gewesen sein knnten.

Mein Taufname ist Egus, meinen Familiennamen will ich verschweigen.
Doch gibt es keine Burg im Lande, die stolzer und ehrwrdiger wre als
mein Stammschlo mit seinen dstern, grauen Hallen. Man hat unser
Geschlecht ein Geschlecht von Hellsehern genannt. Und dieser Glaube
wurde bestrkt durch allerlei Sonderlichkeiten im Baustil des
Herrenhauses, in den Fresken des Hauptsaales, in den Wandteppichen der
Schlafgemcher, in den Ornamenten einiger Gewlbepfeiler der
Waffenhalle, besonders aber in der Galerie alter Gemlde, in Form und
Ausstattung des Bibliothekzimmers und schlielich auch in seinen uerst
seltsamen Bcherschtzen selbst.

Die Erinnerung an meine frhesten Lebensjahre ist mit jenem Zimmer und
seinen Bchern, von denen ich nichts Nheres mehr sagen will, innig
verknpft. Hier starb meine Mutter. Hier wurde ich geboren. Doch es ist
berflssig, zu sagen, da ich schon frher gelebt, da meine Seele
schon ein frheres Dasein gehabt hatte. Ihr leugnet es? Nun, wir wollen
nicht streiten. Selbst berzeugt, suche ich nicht zu berzeugen. Jedoch
-- ich habe ein Erinnern an luftzarte Gestalten, an geisterhafte,
bedeutsame Augen, an harmonische, doch trauervolle Laute; ein Erinnern,
das sich nicht bannen lt, ein Erinnern, das einem Schatten gleich sich
nicht von meiner Vernunft loslsen lt, solange ihr Sonnenlicht
bestehen wird.

In jenem Zimmer also wurde ich geboren. Da ich solcherweise, aus der
langen Nacht des scheinbaren Nichts erwachend, in ein wahres Mrchenland
eintrat, in einen Palast von Vorstellungen und Trumen, in die
wunderlichen Reiche klsterlich einsamen Denkens und Wissens, so ist es
nicht erstaunlich, da ich mit berraschten, brennenden Blicken in diese
Welt starrte, da ich meine Knabenjahre im Durchstbern von Bchern
vergeudete, meine Jnglingszeit in Trumen verschwendete. Erstaunlich
aber ist es, welch ein Stillstand ber die sprudelnden Quellen meines
Lebens kam, als die Jahre dahingingen und auch mein Mannesalter mich
noch im Stammhaus meiner Vter sah; erstaunlich, welch vollstndige
Umwandlung mit meinem Wesen, mit meinem ganzen Denken vor sich ging. Die
Realitten des Lebens erschienen mir wie Visionen und immer nur wie
Visionen, whrend die wunderlichen Ideen aus Traumlanden nicht nur
meinem tglichen Leben Inhalt gaben, sondern ganz und gar zu meinem
tglichen Leben selber wurden.

                   *       *       *       *       *

Berenice war meine Kusine, und wir wuchsen zusammen in den Hallen meiner
Vter auf. Doch wir entwickelten uns sehr verschieden: ich schwchlich
von Gesundheit und dem Trbsal verfallen, sie ausgelassen, anmutig und
von bersprudelnder Lebenskraft; ihrer warteten die spielenden Freuden
drauen in freier Natur, meiner die ernsten Studien in klsterlicher
Einsamkeit. Ich lauschte und lebte nur meinem eignen Herzen und ergab
mich mit Leib und Seele dem angestrengtesten und qualvollsten
Nachdenken; sie schlenderte sorglos durchs Leben und achtete nicht der
Schatten, die auf ihren Weg fielen, und nicht der rabenschwarzen
Schwingen, mit denen die Stunden schweigend entflohen. Berenice! Ich
beschwre ihren Namen herauf -- und aus den grauen Trmmern des
Gedenkens erheben sich jh tausend ungestme Erinnerungen! Ah,
leibhaftig steht ihr Bild jetzt vor mir, so wie in den jungen Tagen
ihrer Leichtherzigkeit und ihres Frohsinns! O wundervolle, himmlische
Schnheit! O Sylphe, die durch die Gebsche Arnheims schwebte! O Najade,
die seine Quellen und Bche belebte! Und dann, dann wird alles
grauenvolles Geheimnis, wird zu seltsamer Spukgeschichte, die
verschwiegen werden sollte. Krankheit, verhngnisvolle Krankheit befiel
ihren Krper; pltzlich -- vor meinen Augen fast -- brach die Zerstrung
ber sie herein, durchdrang ihren Geist, ihr Gebaren, ihren Charakter
und vernichtete mit schrecklicher, unheimlicher Grndlichkeit ihr ganzes
Wesen, ihre ganze Persnlichkeit! Weh! Der Zerstrer kam und ging! Und
das Opfer -- wo blieb es? Ich kannte es nicht mehr -- erkannte es nicht
mehr als Berenice!

Unter der Gefolgschaft dieser ersten verderbenbringenden Krankheit, die
eine so grliche Umwandlung in Krper und Seele meiner Kusine
herbeifhrte, ist als qulendste und hartnckigste Erscheinung eine Art
Epilepsie zu nennen, die nicht selten in Starrsucht endete -- in
Starrsucht, die endgltiger Auflsung tuschend hnlich sah. Das
Erwachen aus diesem Zustand war in den meisten Fllen erschreckend jh.

Inzwischen nahm meine eigne Erkrankung -- denn als solche, sagte man
mir, sei mein Zustand anzusehen -- mehr und mehr Besitz von mir und
entwickelte sich zu einer neuartigen und uerst seltsamen Monomanie,
die von Stunde zu Stunde an Strke zunahm und schlielich unerhrte
Macht ber mich gewann. Diese Monomanie -- wenn ich so sagen mu --
bestand in einer krankhaften Reizbarkeit jener geistigen Eigenschaft,
die man mit Auffassungsvermgen bezeichnet.

Es ist mehr als wahrscheinlich, da ich nicht verstanden werde; aber ich
frchte in der Tat, da es ganz unmglich ist, dem Verstndnis des
Durchschnittslesers einen auch nur annhernden Begriff davon zu geben,
mit welcher nervsen interessierten Hingabe bei mir die Kraft des
Nachdenkens (um Fachausdrcke zu vermeiden) sich eifrig bettigte, sich
verbi und vergrub in die Betrachtung sogar der allergewhnlichsten
Dinge von der Welt.

Ich konnte stundenlang von der belanglosesten Textstelle oder Randglosse
eines Buches gefesselt werden; ich konnte den grten Teil eines
Sonnentages damit zubringen, irgendeinen schwachen Schatten zu
beobachten, der ber eine Wand oder den Fuboden hinzog; ich konnte eine
ganze Nacht lang das stille Lampenlicht betrachten oder dem Flammenspiel
des Kaminfeuers zuschauen; ganze Tage vertrumte ich ber dem Duft einer
Blte, oder ich sprach irgendein monotones Wort so lange vor mich hin,
bis es keinen Sinn mehr hatte und nur noch Klang zu sein schien; ich
verlor jedes Bewutsein meiner physischen Existenz, indem ich mich
vollkommner Ruhe hingab, mich nicht rhrte und regte und halsstarrig
stundenlang so verweilte. Dies sind einige der hufigsten und
harmlosesten Grillen, die mich plagten -- die Folge eines
Geisteszustandes, der vielleicht gar nicht so selten ist, sicherlich
aber jeder Analyse oder Erklrung spottet.

Doch man darf mich nicht miverstehen. Die an so nichtige Dinge
gehngte, tief ernste, krankhaft bertriebne Aufmerksamkeit ist nicht
mit jenem Hang zu Grbeleien zu verwechseln, den mehr oder weniger wohl
alle Menschen besitzen und der besonders Leuten von starker
Einbildungskraft eigentmlich ist. Es war nicht einmal, wie man
leichthin htte annehmen knnen, ein besonders bertriebnes Stadium
dieses Hintrumens, sondern etwas ganz und gar anderes. Jene Trumer und
Phantasten, die von irgendeinem meist wirklich interessanten Gegenstande
angezogen werden, verlieren dieses ursprngliche Objekt bald aus den
Augen, weil sein Anblick eine ganze Gedankenkette in ihnen aufrollt und
eine Unzahl von Folgerungen und Betrachtungen in ihnen erweckt, und wenn
sie dann aus solchen -- meist angenehmen -- Trumereien erwachen, so ist
der Gegenstand, der diese Trumereien veranlate, ihrem Bewutsein
vllig entschwunden. In meinem Falle jedoch war es stets ein ganz
nichtiger Gegenstand, an den meine Betrachtung sich knpfte, wenngleich
er infolge meines krankhaft intensiven Anschauungsvermgens vielfltige
und bertriebne Bedeutsamkeit bekam. Meine Gedanken schweiften nur wenig
ab und kehrten stets eigensinnig wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurck.
Diese Grbeleien waren niemals angenehm, und wenn sie endeten, so hatte
der Gegenstand, von dem sie ausgingen, fr mich ein unnatrlich
gesteigertes Interesse bekommen, und eben dies war es, was den
charakteristischen Zug meines bels ausmachte. Kurz gesagt: in meinem
Fall handelte es sich um ein abnorm konzentriertes Anschauungsvermgen,
whrend das Wachtrumen normaler Menschen auf ein Analysieren und
Folgern hinausluft.

Wenn auch die Bcher, mit denen ich mich damals beschftigte, diesen
krankhaften Zustand nicht gerade hervorgerufen hatten, so trug ihr
phantastischer und oft unlogischer Inhalt immerhin viel dazu bei, mein
Leiden so eigenartig auszubilden. Ich erinnere mich unter anderm gut der
Abhandlung des edlen Italieners Coelius Secundus Curio De Amplitudine
Beati Regni Dei, des groen Werkes des heiligen Augustinus Die Stadt
Gottes und ferner des Tertullian De Carne Christi, in welchem der
paradoxe Satz: Mortuus est Dei filius; credibile est quia ineptum est;
et sepultus resurrexit; certum est quia impossibile est, mich zu
tiefem, fruchtlosem Nachsinnen veranlate und viele Wochen lang meine
Zeit gnzlich in Anspruch nahm.

So konnte mein Verstand, den nur die trivialsten Dinge aus dem
Gleichgewicht brachten, mit jenem Meeresfelsen verglichen werden, von
dem Ptolomus Hephstion sagt, da er allen menschlichen Angriffen
widerstand, ja selbst der heftigen Wut von Wind und Wellen trotzte, der
aber erbebte, sobald er mit der Blume Asphodelos berhrt wurde. Ein
oberflchlicher Beurteiler mchte wohl nun mit Bestimmtheit annehmen,
da die Vernderung, die Berenices unglckselige Krankheit in ihrem
Seelenzustand hervorgerufen hatte, mir hufig Gelegenheit fr dies
intensive und anormale Nachsinnen gegeben htte, das ich soeben nach
bestem Knnen zu beschreiben versucht habe -- aber nein, dies war in
keiner Weise der Fall. In meinen klaren Stunden bereitete mir ihr Leiden
allerdings Schmerz, denn dieser vllige Zusammenbruch ihres heitren und
edlen Lebens ging mir tief zu Herzen, und ich fragte mich oft bekmmert,
welch grauenhafte Mchte einen so unerhrten Umsturz hatten herbeifhren
knnen. Aber solche Betrachtungen hingen mit meiner Idiosynkrasie nicht
zusammen, sie waren ganz so, wie sie unter analogen Umstnden weitaus
die meisten Menschen wrden angestellt haben. Es ist vielmehr
bezeichnend fr die Eigenart meines bels, da mich die unwichtigere,
doch augenflligere Wandlung in Berenices physischem Zustand -- diese
sonderbare und grauenhafte Vernichtung ihrer wirklichen, sichtbarlichen
Persnlichkeit -- weit mehr fesselte.

Sicherlich habe ich sie in den strahlenden Tagen ihrer unvergleichlichen
Schnheit nie geliebt. Infolge meiner seltsamen Anomalie waren meine
Gefhle nie vom Herzen -- waren meine Neigungen stets vom Verstand
ausgegangen. Im frhen Morgengrau -- im schattigen Gitterwerk des
mittglichen Waldes -- nchtens in der Stille meines Studierzimmers --
wann und wo sie mir je vor Augen trat, immer war es mir, als sei sie
nicht die lebende, atmende Berenice, sondern eine Traumgestalt; sie
erschien mir nicht als ein irdisches Geschpf, sondern als die
Abstraktion eines solchen -- nicht als etwas, das man bewundern, sondern
als etwas, dem man nachsinnen msse -- nicht als ein Wesen zum Lieben,
sondern als ein Thema zu tiefgrndigem Erforschen. Und jetzt -- jetzt
schauderte ich bei ihrem Nahen und erbleichte bei ihrem Anblick. Aber
ich beklagte ihren Verfall bitter, und ich erinnerte mich, da sie mich
seit langem liebte, und so kam es, da ich ihr in einer schlimmen Stunde
von Heirat sprach.

Und als die Zeit nahte, da wir Hochzeit halten wollten, sa ich an einem
Winternachmittag eines jener wunderbar warmen, stillen und umschleierten
Tage, die man die Amme des schnen Eisvogels nennt[1], wie ich vermeinte
ganz allein im innern Gemach der Bibliothek; aber als ich aufblickte,
sah ich Berenice vor mir stehen.

War es meine eigne fiebernde Einbildungskraft oder eine Wirkung der
dunstigen Atmosphre oder das trbe Dmmerlicht im Zimmer oder der
Faltenflu ihres grauen Gewandes, was ihr so verschwommene Konturen gab?
Ich konnte es nicht sagen. Sie sprach kein Wort, und ich -- nicht um
alles in der Welt htte ich ein Wort hervorbringen knnen. Ein eisiger
Frost durchrieselte mich; eine unertrgliche Angst befiel mich; eine
verzehrende Neugier durchdrang meine Seele; ich sank in meinen Sitz
zurck und verharrte regungslos und hielt den Atem an und heftete meine
Augen durchdringend auf ihre Gestalt. Ach, sie war entsetzlich
abgemagert! Nicht eine einzige Linie, nicht eine einzige Kontur verriet
noch eine Spur ihrer frheren Persnlichkeit. Meine brennenden Blicke
fielen schlielich auf ihr Antlitz.

Die Stirn war hoch und sehr bleich und sonderbar starr, und war ber den
hohlen Schlfen von zahllosen Lckchen des einst pechschwarzen Haares
beschattet, das jetzt von lebhaftem Gelb war und dessen phantastische
Ringel mit der souvernen Melancholie des Antlitzes seltsam
kontrastierten. Die Augen waren ohne Leben und ohne Glanz und
anscheinend ohne Pupillen, und ich schauderte unwillkrlich vor ihrem
glasigen, starren Ausdruck zurck und wandte mich der Betrachtung der
dnnen und eingesunkenen Lippen zu. Sie teilten sich zu einem sonderbar
bedeutungsvollen Lcheln und enthllten meinem Blick langsam der
vernderten Berenice Zhne. Wolle Gott, da ich sie nie gesehen htte
oder da ich, nachdem ich sie sah, gestorben wre!

                   *       *       *       *       *

Das Schlieen einer Tr schreckte mich auf, und aufblickend bemerkte
ich, da meine Kusine das Gemach verlassen hatte. Aber in der wsten
Kammer meines Gehirns war etwas zurckgeblieben: das weie Gespenstbild
ihrer Zhne -- und das lie sich nicht mehr vertreiben. Das flchtige
Lcheln von Berenices Lippen hatte gengt, jedes Schattenfleckchen auf
dem schimmernden Email, jede Einkerbung der Schneiden -- kurz jedes
kleinste Merkmal ihrer Zhne tief in mein Gedchtnis einzubrennen. Ich
sah sie jetzt sogar deutlicher als vorhin, da ich sie wirklich vor Augen
hatte. Die Zhne! -- Die Zhne! -- Sie waren hier, waren dort, waren
berall -- sichtbar und greifbar vor mir; lang, schmal und bermig
wei, umwunden von den bleichen Lippen -- ganz so, wie in jenem
Augenblick, da jenes verhngnisvolle Lcheln sie zuerst enthllte.

Dann kam meine Monomanie mit voller Wut ber mich, und ich wehrte mich
vergeblich gegen ihre unerklrliche, bezwingende Gewalt. Alle
Gegenstnde und Ereignisse um mich her schienen zu versinken -- ich
hatte nur noch Gedanken fr diese Zhne. Nach ihnen trug ich ein
wahnsinniges Verlangen. Die Welt und alles, was mich mit ihr verband,
schwanden hin vor diesem einen, einzigen Bild. Sie, die Zhne, sie
allein waren meinem geistigen Auge gegenwrtig -- und sie, in ihrer
ausgesprochenen Individualitt, wurden zum einzigen Gedanken meines
Geistes. Ich hielt sie in jede Beleuchtung. Ich betrachtete sie von
allen, allen Seiten. Ich studierte ihren Charakter. Ich verweilte bei
ihren einzelnen Eigentmlichkeiten. Ich vertiefte mich in die
bereinstimmungen und Abweichungen, die die Zhne in ihrer Formbildung
aufwiesen. Ich entsetzte mich, als ich ihnen in Gedanken die Fhigkeit
sinnlichen Empfindens und, auch ohne da die Lippen sie untersttzen,
seelisches Ausdrucksvermgen zuschrieb. Von Mademoiselle Salle hat man
mit Recht gesagt: que tous ses pas taient des sentiments, und von
Berenice glaubte ich weit berzeugter: que tous ses dents taient des
ides. Des ides! -- ah, war dies der idiotische Gedanke, der mich
zugrunde richten sollte? Des ides -- ah, das war es, weshalb ich diese
Zhne so wahnsinnig begehrte! Ich fhlte, da einzig ihr Besitz mir
Frieden bringen -- mich der Vernunft zurckgeben konnte.

Und so wurde es Abend -- und Nacht kam und verweilte und ging -- und
wieder dmmerte der Tag -- und die Nebel einer zweiten Nacht sammelten
sich rings -- und immer noch sa ich regungslos in jenem einsamen Zimmer
-- und immer noch sa ich in Betrachtungen vergraben -- und immer noch
bte das Gespenst der Zhne, das da mit lebhafter und grlicher
Deutlichkeit im Wechsel von Licht und Schatten durchs Zimmer schwebte,
seine schreckliche Gewalt.

Da brach in meine Traumversunkenheit ein Ruf voll Grausen und
Bestrzung, und nach einer Pause vernahm ich Gerusch banger Stimmen,
untermischt mit Klagelauten des Schmerzes. Ich erhob mich von meinem
Sitz, und als ich die Tr zum Vorzimmer aufwarf, fand ich dort eine
Magd, die mir in Trnen aufgelst berichtete, da Berenice nicht mehr
sei! Sie war am frhen Morgen einem Anfall von Epilepsie erlegen, und
jetzt, beim Hereinbrechen der Nacht, wartete das Grab auf seinen
Bewohner; alle Vorbereitungen zur Bestattung waren beendet.

                   *       *       *       *       *

Ich fand mich im Bibliothekzimmer sitzend -- und wieder allein dort
sitzend. Es schien, als sei ich wiederum aus einem wirren und
aufregenden Traum erwacht. Ich wute, da jetzt Mitternacht war, und ich
wute recht gut, da man Berenice bei Sonnenuntergang in die Erde
gebettet hatte. Doch von den nachfolgenden dunklen Stunden hatte ich
keine bestimmte und klare Erinnerung. Dennoch gedachte ich ihrer voll
Grauen -- einem Grauen, das um so entsetzlicher war, als ich es nicht an
bestimmte Vorgnge zu binden vermochte. Es war in den Aufzeichnungen
meines Lebens das furchtbarste Blatt, ber und ber mit dunklen,
grlichen und unfabaren Erinnerungen bekritzelt. Ich versuchte, sie zu
entziffern, aber es war unmglich, und zwischendurch -- wie das Gespenst
eines verklungenen Rufes -- gellte hin und wieder der schrille und
durchdringende Schrei einer weiblichen Stimme mir in die Ohren. Ich
hatte irgend etwas getan -- was war es? Ich stellte mir laut diese
Frage, und die flsternden Echos des Zimmers antworteten mir -- was war
es?

Auf dem Tisch neben mir brannte eine Lampe, und daneben lag eine kleine
Schachtel. Sie hatte durchaus nichts Auffallendes, und ich hatte sie
schon manchmal gesehen, denn sie war Eigentum des Hausarztes; wie aber
kam sie hier auf meinen Tisch, und warum schauderte ich, wenn ich sie
ansah? Diese Fragen wollten sich in keiner Weise beantworten lassen.
Meine Blicke fielen schlielich auf den unterstrichenen Satz eines offen
vor mir liegenden Buches. Es waren die sonderbaren, doch einfachen Worte
des Dichters Ebn Zaiat: Dicebant mihi sodales, si sepulcrum amicae
visitarem, curas meas aliquantulum fore levatas. -- Warum nur standen
mir die Haare zu Berge, als ich dies las, warum erstarrte mir das Blut
in den Adern?

Es wurde leise an die Tr geklopft, und bleich wie der Tod trat ein
Diener auf Zehenspitzen herein. Seine Blicke waren voll wahnsinnigen
Entsetzens, und er sprach bebend zu mir mit gedmpfter, heiserer Stimme.
Was sagte er? Einige abgerissene Stze hrte ich. Er sprach von einem
wilden Schrei, der das Schweigen der Nacht gebrochen habe -- da das
Hausgesinde zusammengestrmt sei -- da man in der Richtung des Schreies
auf die Suche gegangen sei; und dann wurde seine Stimme unheimlich
deutlich, als er von Grabschndung redete -- von einem aus dem Sarg
gerissenen, entstellten Krper, der noch atmete -- noch pulste -- noch
lebte!

Er deutete auf meine Kleider: sie waren von Erde beschmutzt und mit Blut
bespritzt. Ich sagte nichts, und er ergriff sanft meine Hand: sie trug
frische Kratzwunden von Fingerngeln. Er lenkte meine Aufmerksamkeit auf
einen an die Wand gelehnten Gegenstand: es war ein Spaten. Mit schrillem
Aufschrei sprang ich an den Tisch und ri die Schachtel an mich, die
dort lag. Aber es wollte mir nicht gelingen, sie zu ffnen. Und sie
entglitt meinen zitternden Hnden und schlug hart zu Boden und sprang in
Stcke. Und heraus rollten klappernd zahnrztliche Instrumente und
zweiunddreiig kleine, weie, elfenbeinschimmernde Dinger und
verstreuten sich rings auf den Fuboden ...

[Funote 1: Denn da Jupiter whrend der Winterzeit zweimal sieben Tage
Wrme schenkt, so haben die Menschen diese milde und gemigte Zeit die
Amme des schnen Eisvogels genannt. -- Simonides]




                               MORELLA


                              [Griechisch: Auto kath' auto meth' autou,
                              mono eides aiei on.]

                                                      Plato, Symposion

Ein Gefhl tiefer, jedoch hchst seltsamer Zuneigung verband mich mit
meiner Freundin Morella. Ein Zufall war's, der mich vor vielen Jahren
mit ihr zusammenfhrte, aber seit unserer ersten Begegnung brannte meine
Seele in fremder, entfesselter Glut. Das war nicht die Flamme des Eros,
das war ein seltsam wilder Seelenbrand, und bitter und qualvoll war
meinem Geist die wachsende berzeugung, da ich das rtselhafte Wesen
dieser Gluten auf keine Weise zu ergrnden noch ihr Aufflammen und
Niedersinken zu beherrschen vermochte.

Und das Schicksal, das uns zueinander gefhrt hatte, band uns am Altar
zusammen. Doch sprach ich nie ein Wort, das Leidenschaft gewesen wre,
dachte nie einen Gedanken, der Liebe bedeutet htte. Morella aber floh
jede Geselligkeit und schlo sich innig an mich an und machte mich
glcklich -- denn Staunen und Trumen ist Glck.

Morellas Gelehrsamkeit war unergrndlich. Bei meinem Leben! ihre
vielseitige Begabung war geradezu bernatrlich -- ihre Verstandeskrfte
waren gigantisch! Ich wute das und wurde in vielen Dingen ihr Schler.
Es begann damit, da sie mir eine Anzahl jener mystischen Schriften
vorlegte, die man gemeiniglich nur als den Abschaum der frhen deutschen
Literatur ansieht. Das Studium dieser Werke bildete -- aus mir
unverstndlichen Grnden -- ihre liebste und andauernde Beschftigung,
und da es auch die meine wurde, ist einfach dem unwiderstehlichen
Einflu von Beispiel und Gewohnheit zuzuschreiben.

Mit alledem hatte, wenn ich nicht irre, mein Verstand wenig zu schaffen.
Soviel ich wei, stimmte meine Weltanschauung durchaus nicht mit den
Idealen dieser Leute berein, und auch in meinem Tun und Denken war
keine Spur von ihrem Mystizismus zu entdecken. Ich wenigstens hatte
diese berzeugung und berlie mich daher ruhig und blindlings der
Fhrung meiner Frau, der ich unerschrocken in allen ihren Studien
folgte. Und dann -- dann, wenn ich, ber gechtete, verderbliche Bltter
gebeugt, fhlte, wie ein verderblicher Geist sein Feuer in mir
entzndete, kam Morella und legte ihre kalte Hand auf meine heie Hand
und entfachte aus der Asche einer toten Philosophie irgendwelche fast
bedeutungslosen, doch eigentmlichen Worte, deren seltsamer Sinn sich
flammend in mein Gedchtnis grub. Und dann -- dann ging ich Stunde um
Stunde nicht von ihrer Seite und berauschte mich am Wohlklang ihrer
Stimme, bis diese mir zum berdru und schlielich zum Entsetzen wurde
und schwarze Schatten sich auf meine Seele lagerten und bis ich
erbleichte und tief im Innern vor den fast berirdischen Lauten
schauderte. Und so wurden pltzlich Glck und Freude zu Entsetzen und
namenlosem Abscheu, und Schnheit weckte Grauen, so wie einst aus dem
Tale Hinnom das Gehenna geworden war.

Es ist unntig, ber die einzelnen Probleme, die jene alten Bcher in
uns anregten und die lange, lange Zeit fast das einzige Thema unserer
Gesprche bildeten, viel zu sagen. Alle die, welche etwas von
theologischer Moral verstehen, kennen diese Fragen gut, und jene, die
darin unerfahren sind, wrden mich sicherlich kaum verstehen. Der wilde
Pantheismus Fichtes, die gemigtere Lehre der Pythagorer von der
Wiederkunft und vor allem die Identittsdoktrinen, wie Schelling sie
aufstellte, bildeten den hauptschlichsten Stoff fr unsere Diskussionen
und schienen die phantasievolle Morella am tiefsten und schnsten
anzuregen. Jene sogenannte persnliche Identitt definiert Locke, wie
ich glaube, als das dauernde Bestehen eines jeden vernunftbegabten
Daseins. Und da wir unter Person ein intelligenz- und vernunftbegabtes
Wesen verstehen und da alles Denken stets von Bewutheit begleitet ist,
so formt dieses beides gemeinsam unser Ich und unterscheidet uns durch
Verleihung unserer persnlichen Identitt von anderen denkenden Wesen.
Doch das principium individuationis, der Begriff dieser Identitt, die
mit dem Tode verloren oder nicht verloren geht, war mir stets ein
Problem von auerordentlicher Bedeutung, nicht allein wegen seiner
verwirrenden und aufregenden Konsequenzen, sondern auch wegen der
sonderbaren und eifrigen Art und Weise, in der Morella es behandelte.

Doch die Zeit war gekommen, in der das Geheimnisvolle im Wesen meines
Weibes mich wie ein Alp, ein Zauber bedrckte. Ich konnte die Berhrung
ihrer bleichen Finger nicht ertragen, ich konnte den sanften Klang ihrer
tnenden Sprache, den Glanz ihrer melancholischen Augen nicht ertragen.
Und sie wute all dies und hielt es mir doch niemals vor. Sie schien
meine Schwche, meine Manie zu kennen und nannte es lchelnd
Schicksal. Selbst die mir unbekannte Ursache fr meine sich steigernde
Abneigung schien sie zu kennen, doch machte sie nie eine Andeutung, die
mir auf die Spur geholfen htte. Aber sie war Weib und hrmte sich und
schwand hin und welkte von Tag zu Tag. Mit der Zeit erschien und blieb
auf ihren Wangen eine bedeutungsvolle Rte, und die blauen Adern auf
ihrer bleichen hohen Stirn schwollen an. Und wenn mein Wesen fr einen
Augenblick in Mitleid schmolz, so traf mich im nchsten das Aufleuchten
ihrer bedeutsamen Augen -- und meine Seele entsetzte sich und wurde von
einem Schwindel ergriffen, wie er uns befllt, wenn wir hinab in einen
grausig dsteren, unergrndlichen Abgrund sphen.

Mu ich noch sagen, da ich mit tiefem, aufreibendem Verlangen die
Stunde von Morellas Ableben herbeiwnschte? Ich tat es. Aber der
schwache Geist klammerte sich noch Tage, Wochen, Monate an seine
zerbrechliche Hlle, und es kam so weit, da meine gemarterten Nerven
Herrschaft ber mich gewannen. Dies Hinzgern machte mich rasend, und
mein teuflisches Herz verfluchte die Tage und die Stunden und die
bitteren Minuten, die lnger und lnger zu werden schienen, je mehr ihr
zartes Leben dahinschmolz, wie Schatten lnger und lnger werden im
sterbenden Tag.

Aber eines Herbstabends, als alle Winde im Himmelsraum schliefen, rief
mich Morella an ihr Bett. Ein trber Nebel lagerte ber der Erde und ein
warmer Glanz auf den Wassern, und die Farben des herbstlichen Waldes
glhten so bunt, als sei ein Regenbogen vom Firmament herabgefallen und
in Millionen bunte Scherben zersplittert. Dies ist der Tag der Tage,
sagte sie, als ich zu ihr trat. Der Tag der Tage -- sei es zum Leben
oder Sterben. Ein schner Tag fr die Shne der Erde und des Lebens --
ah, schner noch fr die Tchter des Himmels und des Todes!

Ich kte sie auf die Stirn, und sie fuhr fort:

Ich sterbe, dennoch werde ich leben!

Morella!

Die Tage, da du mich lieben konntest, sind nie gekommen -- doch sie,
die du im Leben verabscheutest -- im Tode sollst du sie anbeten.

Morella!

Ich wiederhole es -- ich sterbe. Doch in mir lebt ein Unterpfand der
Neigung, die du -- ach wie gering! -- fr mich, Morella, fhltest. Und
wenn mein Geist entflieht, wird das Kind leben -- dein Kind und meines,
Morellas! Doch deine Tage werden Tage der Sorge sein -- der Sorge, die
bestndiger ist als alles andere, gleichwie die Zypresse ausdauernder
ist als alle anderen Bume. Denn die Stunden deines Glckes sind
vorber, und Freude erblht nicht zweimal im Leben, nicht zweimal, wie
die Rosen von Paestum zweimal blhen im Jahre. Rebe und Myrte werden dir
unbekannt sein, und du wirst, gleich den Moslemin in Mekka, auf Erden
schon dein Leichentuch mit dir herumtragen.

Morella! schrie ich auf, Morella! Wie kannst du das wissen?

Aber sie wendete das Gesicht ab, und ein leises Zittern berlief ihre
Glieder. Sie starb, und ihre herrliche, ihre entsetzliche Stimme war
tot.

Doch wie sie es vorausgesagt hatte, geschah es. Ihr Kind, das sie
sterbend geboren hatte und das den ersten Atemzug tat, als seine Mutter
den letzten tat, dies Kind, ein Mdchen, lebte. Und es entwickelte sich
geistig und krperlich auerordentlich schnell und war das vollkommene
Ebenbild von ihr, die dahingeschieden war, und ich liebte es mit einer
Liebe, deren Glut und Innigkeit mir oft wie eine Kraft aus einer anderen
Welt erschien.

Doch nicht lange, da verdunkelte sich der Himmel dieser reinen
Zuneigung, denn Grausen und Kummer jagten wie ungeheure
verderbenbringende Wolken darber hin. Ich sagte schon, das Kind
entwickelte sich auerordentlich frh an Krper und Geist. Und in der
Tat, sein schnelles leibliches Wachstum war geradezu befremdend. Aber
schrecklich, o, schrecklich waren die tobenden Gedanken, die mich
berstrzten, wenn ich des Kindes geistiger Entwicklung folgte. Wie
konnte es anders sein? Entdeckte ich doch tglich in den Vorstellungen
der kindlichen Seele die abnorme Begabung und das ausgereifte Wissen des
Weibes, vernahm aus dem kindlichen Munde die genialsten Erfahrungsstze,
die Menschen jemals aufgestellt haben, und sah im Auge des Kindes die
Weisheit und Leidenschaftlichkeit vollkommener Reife glhen.

Als alle diese Erscheinungen meinen erschreckten Sinnen offenbar wurden,
als meine Seele sie in sich aufgenommen hatte -- war es da zu
verwundern, da ein entsetzlicher Argwohn mich befiel in der qulenden
Erinnerung an die grausigen Phantasien und unerhrten Theorien der
verstorbenen Morella?

Und ich verbarg dies junge Wesen, das ich anbetete, vor den Blicken und
Einflssen der Welt, und in der vollstndigen Abgeschlossenheit meines
Heims wachte ich mit aufreibender Sorge ber alles, was dieses geliebte
Wesen betraf.

Und wie die Jahre dahinflossen und ich Tag um Tag in ihr heiliges und
mildes und beredtes Antlitz sphte und ihr Wachsen und Reifen bemerkte,
Tag um Tag, geschah es, da ich Tag um Tag neue Dinge fand, in denen die
Tochter vollstndig ihrer Mutter -- der schwermtigen und toten --
glich. Und stndlich verdichteten sich diese Schatten einer
unnatrlichen hnlichkeit und wurden immer tiefer und immer bestimmter
und immer bengstigender -- und immer grauenvoller anzusehen. Da ihr
Lcheln dem Lcheln ihrer Mutter vollkommen glich, das htte ich
ertragen knnen; aber dann, pltzlich, schauderte ich, denn ihr Lcheln
war nicht nur dem Morellas gleich -- es war mit ihm identisch! Da ihre
Augen den Augen Morellas glichen, konnte ich hinnehmen, aber manchmal,
oft, drang der Tochter Blick in die Tiefen meiner Seele mit einer
verwirrenden Eindringlichkeit, wie sie eben nur Morella eigen sein
konnte. Und in den Umrissen der hohen Stirn und in den seidigen Locken
ihres Haares, in den bleichen Fingern, die mit diesen Locken spielten,
und in der klagenden Musik ihrer Stimme und vor allem -- o! vor allem in
den Redewendungen der Toten, die von den Lippen der Lebenden und
Geliebten flossen, fand ich Nahrung fr die aufreibendste Gedankenarbeit
und fr das rastloseste Entsetzen -- fr den Wurm, der niemals sterben
wollte!

So vergingen die ersten zehn Jahre ihres Lebens, und noch immer hatte
meine Tochter keinen Taufnamen. Mein Kind und mein Liebling sind ja
bliche Benennungen, wie Vaterliebe sie findet, und die strenge
Abgeschlossenheit, in der sie lebte, schlo jeden weiteren Verkehr aus
und machte einen anderen Namen berflssig. Morellas Name war mit ihr
gestorben. Ich hatte der Tochter niemals von der Mutter gesprochen; es
war unmglich, von ihr zu sprechen. Tatschlich hatte also das Kind in
seinem jungen Leben keine anderen Eindrcke empfangen als diejenigen,
die sich ihm in den engen Grenzen unserer Zurckgezogenheit bieten
konnten.

Doch schlielich vermeinte mein abgehetzter Geist durch die Zeremonie
der Taufe Erlsung zu finden. So fhrte ich also das Kind zur Taufe. Und
als ich vor dem Taufbecken stand, suchte ich nach einem Namen. Viele
Namen voll Weisheit und Schnheit, aus alter und neuer Zeit, aus meiner
Heimat und aus fremden Lndern, drngten sich mir auf die Lippen, und
viele, viele Namen fr Sanftes und Frohes und Gutes. Was trieb mich nur
dazu an, die Ruhe der Toten und Begrabenen zu stren? Welcher Dmon
veranlate mich, jenen Namen zu flstern, bei dessen Erinnerung schon
das Blut mir strmisch zum Herzen scho? Welcher Unhold sprach aus den
Tiefen meiner Seele, als ich in schweigender Nacht mitten im dsteren
Kreuzgang in das Ohr des heiligen Mannes die Silben flsterte:
Morella! Und wer anders als Satan selbst veranlate mein Kind, bei
diesem kaum vernehmbaren Laut zusammenzuschrecken, die verglasten Blicke
gen Himmel zu heben und mit zuckendem Gesicht, auf dem die Schatten des
Todes kmpften, auf die schwarze Marmorplatte unserer Familiengruft
niederzusinken und zu antworten: Hier bin ich!

Klar, kalt und vollkommen deutlich trafen diese einfachen Worte mein Ohr
und rollten von da wie geschmolzenes Blei zischend in mein Gehirn. Jahr
um Jahr kann dahingehen, doch niemals die Erinnerung an diesen
Augenblick! Wahrlich, noch wute ich nichts von Blumen und Reben -- doch
Zypresse und Schierling umdrohten mich Tag und Nacht. Und ich wute
nichts mehr vom Wandel der Zeit, und der Stern meines Schicksals losch
aus am Firmament, und die Erde verlor ihr Licht, und die Gestalten, die
sie belebten, glitten an mir vorbei wie Schatten, und mitten unter ihnen
sah ich nur -- Morella! Die himmlischen Winde atmeten nur einen Laut,
und die rieselnden Wellen der ewigen Wasser murmelten immerfort --
Morella! Aber sie starb, und mit meinen eigenen Hnden trug ich sie zu
Grab. Und ich lachte ein langes, bitteres Lachen, als in der Gruft, in
die ich die zweite bettete, nicht eine Spur zu finden war von der ersten
-- Morella.




                               ELEONORA


                              Sub conservatione formae specificae salva
                              anima.

                                                         Raymond Lully

Ich entstamme einem Geschlecht, das dafr bekannt ist, eine flammende
Leidenschaftlichkeit und eine zgellose Phantasie zu besitzen. Von mir
sagt man, da ich wahnsinnig sei; aber noch ist die Frage nicht gelst,
ob Wahnsinn nicht etwa erhabenste Erkenntnis ist, ob vieles, was
herrlich, ob alles, was vollkommen ist, nicht vielleicht einer
Krankhaftigkeit des Denkens entspringt, einer durch beranstrengung des
normalen Intellekts hervorgerufenen Reizbarkeit des Geistes. Alle, die
bei Tage trumen, wissen von vielen Dingen, die denen entgehen, die nur
den Traum der Nacht kennen. Visionen lassen sie den Glanz der Ewigkeiten
schauen, und in ihr Wachsein nehmen sie das erschtternde Bewutsein
mit, an der Schwelle der Erkenntnis des groen Rtsels gestanden zu
haben. Augenblicke offenbaren ihnen mit Blitzesgrelle viel von der
Weisheit des Guten, mehr noch von der bloen Kenntnis des Bsen. Sie
haben nicht Ruder noch Kompa und dringen dennoch in das unendliche Meer
des ewigen Lichtes vor -- und weiter, gleich den Fahrten des nubischen
Geographen, bis ins Meer der Schatten: aggressi sunt mare tenebrarum,
quid in eo esset exploraturi.

Nehmen wir also an, ich sei wahnsinnig. Ich gebe zum wenigsten zu, da
mein Geistesleben aus zwei ganz verschiedenen Zustnden besteht: dem
Zustand klarer, nicht anzuzweifelnder Vernunft, der die Erinnerung an
die Begebenheiten der ersten Epoche meines Lebens umfat, und einem
Zustand voller Schatten und Zweifel, dem die Gegenwart gehrt und die
Erinnerung an die Geschehnisse der zweiten groen Epoche meines Lebens.
Darum knnt ihr dem, was ich von meinem ersten Lebensabschnitt sagen
werde, Glauben schenken; von dem aber, was ich von der spteren Zeit
berichte, glaubt nur so viel, als euch glaubwrdig erscheint -- oder
bezweifelt das Ganze. Doch falls ihr nicht zweifeln knnt, so mgt ihr
vor den Rtseln meiner Seele den dipus spielen.

Sie, die ich in meiner Jugend liebte und von der ich jetzt khl und klar
das Folgende berichte, war die einzige Tochter der einzigen Schwester
meiner frh verstorbenen Mutter. Eleonora war der Name meiner Kusine.
Wir hatten immer zusammengewohnt -- im Tale des vielfarbigen Grases --
unter tropischer Sonne. Kein fremder Fu betrat jemals dies Tal, denn es
lag weit weit droben inmitten gigantischer Berge, die es ragend
umstanden und seinen lieblichen Grnden Schatten spendeten. Kein Pfad
fhrte dorthin, und um in unser seliges Heim zu gelangen, htte man das
Gezweig von vieltausend Waldbumen gewaltsam durchbrechen und die
Herrlichkeit von viel Millionen duftender Blumen zertreten mssen. So
lebten wir also ganz einsam und kannten nichts von der Welt auerhalb
des Tales -- ich und meine Kusine und ihre Mutter.

Aus den nebelhaften Regionen der hchsten Berge, die unser Reich
umschlossen, kam ein Flu daher, schmal und tief, und seine Flut war
glnzender als alles -- ausgenommen Eleonoras Augen. Er wand sich in
verstohlenen Krmmungen durchs Tal und tauchte dann in eine dunkle
Schlucht, zwischen Bergen, die noch dsterer und geheimnisvoller waren
als jene, aus denen er gekommen war. Wir nannten ihn den Flu des
Schweigens, denn es war, als ob sein Fluten alles beruhige und stille
mache. Kein Murmeln klang aus seinen Tiefen, er ging so sanft dahin, da
die beperlten Kiesel auf seinem Grunde, die wir oft bewunderten, sich
niemals rhrten -- in regungsloser Ruhe lagen sie, jeder funkelte ewig
am alten Platz.

Das Ufer des Flusses und der vielen glitzernden Bchlein, die ihm auf
allerlei Umwegen zustrmten, und ebenso alle Flchen, die von den Ufern
sich ins Wasser bis zum Kieselgrund hinuntersenkten, waren von kurzem,
dichtem, gleichmigem Rasen bedeckt, der lieblich duftete. Und weiter
noch dehnte sich dieser sanfte grne Teppich -- durchs ganze Tal, vom
Flu bis an den Fu der Hhen, die es umgrteten. Diese wundervolle
weite Grasflche war ber und ber mit gelben Butterblumen, weien
Gnseblmchen, blauen Veilchen und rubinroten Asphodelen besprenkelt,
und ihre unbeschreibliche Schnheit redete laut zu unsern Herzen von der
Liebe und der Herrlichkeit Gottes.

Und hie und da erhoben sich im Grase wie seltsam verschlungene
Traumgebilde Gruppen phantastischer Bume, deren Stmme nicht senkrecht
aufragten, sondern in anmutigen Biegungen dem Licht entgegenstrebten,
das um Mittag in die Mitte des Tales hereinleuchtete. Ihre Rinde war
ebenholzschwarz und silbern gefleckt und war zarter als alles --
ausgenommen Eleonoras Wangen. Ja, man htte diese Bume fr gigantische
Schlangen halten knnen, die der Sonne, ihrer Gottheit, huldigten, wren
nicht die glnzend grnen, groen Bltter gewesen, die von ihren Gipfeln
in langen, bebenden Reihen niederhingen und mit dem Zephir tndelten.

Lange Jahre durchstreifte ich Hand in Hand mit Eleonora das Tal, ehe die
Liebe in unsere Herzen einzog. Es war an einem Abend in Eleonoras
fnfzehntem und meinem zwanzigsten Lebensjahre, da saen wir, einander
eng umschlungen haltend, unter den Schlangenbumen und blickten hinab in
den Flu des Schweigens und auf unser Bild, das sich in seinen Wassern
spiegelte.

Wir sprachen nichts mehr an diesem sen Tage, und selbst am andern
Morgen fand unsere Rede nur wenige zitternde Worte.

Wir hatten in den Wassern Gott Eros gefunden und ihn in uns aufgenommen,
und wir fhlten nun, da durch ihn die feurigen Seelen unserer Vorfahren
in uns entzndet waren. Alle Leidenschaftlichkeit und blhende
Phantasie, die Jahrhunderte lang unser Geschlecht auszeichneten,
ergriffen unsere Herzen wie ein Rausch und hauchten in das Tal des
vielfarbigen Grases eine wahnsinnige Seligkeit. Alle Dinge vernderten
sich. Die Bume, die nie vordem ein Blhen gekannt hatten, entfalteten
seltsame, sternfrmige, strahlende Blten. Das Grn des Rasenteppichs
vertiefte sich, und als -- eine nach der andern -- die weien
Gnseblmchen dahinschwanden, brachen an ihren Orten rubinrote
Asphodelen auf -- zu zehn auf einmal. Und Leben regte sich auf unseren
Pfaden, denn der hohe, schlanke Flamingo, den wir bis dahin noch nie
gesehen, entfaltete vor uns sein scharlachfarbenes Gefieder, und mit ihm
kamen und glhten alle heiteren Vgel. Gold- und Silberfische belebten
den Flu, und aus seinen Tiefen hob sich leise, doch lauter und lauter
werdend, ein Murmeln, das schlielich zu einer sanften, erhabenen
Melodie anschwoll, erhabener als der Sang aus des olus Harfe und ser
als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme.

Und eine schwere, mchtige Wolke, die wir seit langem in den Regionen
des Abendsterns beobachtet hatten, setzte sich gemchlich in Bewegung.
Und durch und durch karmin- und golderglnzend lagerte sie sich ber
unser Tal und sank Tag um Tag friedvoll tiefer und tiefer, bis ihre
Rnder auf den Gipfeln der Berge ruhten, deren nebelhaftes Grau sie in
Glanz und Pracht verwandelte. Und sie lagerte ber uns und schlo uns
ein wie in ein zauberhaftes Gefngnis von seltsamer Herrlichkeit.

Der Liebreiz Eleonoras war der der Seraphim; aber sie war so schlicht
und unschuldig wie das kurze Leben, das sie inmitten der Blumen gelebt
hatte. Keine Arglist lehrte sie, die Inbrunst, die ihr Herz entflammte,
zu verbergen, und whrend wir miteinander im Tale des vielfarbigen
Grases wandelten und ber all seine Vernderungen sprachen, enthllte
sie mir die geheimsten Tiefen ihrer Seele.

Und eines Tages sprach sie unter Trnen von jener letzten traurigen
Vernderung, der alle Menschen unterworfen sind, und von nun an weilte
sie nur bei diesem einen schmerzvollen Thema, das sie in jedes unserer
Gesprche einflocht, so wie die Snger von Schiras in ihren Liedern
dieselben Bilder wieder und wieder anwenden.

Sie hatte die Hand des Todes auf ihrer Brust gefhlt, sie wute, da sie
in so vollkommener Schnheit erschaffen worden war, nur um -- gleich der
Eintagsfliege -- frh zu sterben. Doch alle Schrecken des Todes waren
fr sie in dem einen Gedanken vereint, von dem sie mir in abendlicher
Dmmerstunde am Flu des Schweigens sprach. Es bekmmerte sie, zu
denken, ich knne, nachdem ich sie im Tale des vielfarbigen Grases
begraben htte, seine selige Verborgenheit verlassen und die Liebe, die
jetzt ganz ihr gehrte, irgendeinem Mdchen der Alltagswelt da drauen
schenken. Und damals und dort warf ich mich ohne Besinnen Eleonora zu
Fen und tat ihr und dem Himmel den Schwur, da ich mich niemals mit
einer Tochter der Welt in Ehe verbinden -- da ich niemals ihrem
geliebten Andenken, dem Andenken der innigen Zuneigung, mit der sie mich
segnete, untreu werden wollte. Und ich rief den allmchtigen Herrn des
Weltalls zum Zeugen fr meines Schwurs aufrichtigen Ernst. Und der
Fluch, den ich von ihm und von ihr, der Heiligen im Paradiese, fr den
Fall meines Treubruches auf mich herabrief, schlo eine so entsetzliche
Strafe in sich, da ich hier nicht davon sprechen kann.

Und die strahlenden Augen Eleonoras erstrahlten noch heller bei meinen
Worten. Und sie seufzte, als sei eine tdliche Last ihr vom Herzen
genommen, und sie zitterte und weinte bitterlich. Aber sie nahm meinen
Schwur an -- denn was war sie anderes als ein Kind --, und er lie sie
erleichtert dem Sterben entgegensehen. Und als sie einige Tage spter
friedvoll entschlief, sagte sie zu mir, sie wolle um deswillen, was ich
fr den Frieden ihrer Seele getan habe, mit dieser Seele ber mich
wachen; sie wolle, sofern es mglich sei, in den wachen Stunden der
Nacht mir sichtbarlich erscheinen. Wenn aber dies auerhalb der Macht
der Seelen im Paradiese lge, so wolle sie mir ihr Gegenwrtigsein
wenigstens durch allerlei Zeichen kund tun. Sie werde mit den
Abendwinden mich umkosen und die Luft um mich her mit dem Duft der
Weihrauchschalen erfllen. Mit diesen Worten auf den Lippen gab sie ihr
junges, reines Leben auf, und mit ihr endete die erste Epoche meines
eigenen Lebens.

Bis hierher habe ich wahrheitsgetreu berichtet. Doch wenn mein Denken
auf dem Wege der Vergangenheit die Grenze, die der Tod meiner Geliebten
gezogen, berschreitet und in die zweite Periode meines Lebens eintritt,
dann sammeln sich Schatten um mein Hirn, und ich fhle, da ich an
meinem gesunden Gedchtnis zweifeln mu. Doch ich will fortfahren.

Die Jahre schleppten sich trge dahin, und immer noch wohnte ich im Tale
des vielfarbigen Grases. Aber wiederum hatte eine Vernderung alle Dinge
befallen. Die sternfrmigen Blten krochen zurck in die Stmme der
Bume und kamen nie wieder zum Vorschein. Das tiefe Grn des
Rasenteppichs verblate, und die rubinroten Asphodelen welkten hin, eine
nach der andern. Und an ihren Orten brachen -- zu zehn auf einmal --
dunkle, blauugige Veilchen auf, und ihre Augen standen immer voll Tau
und blickten kummervoll. Und Leben entschwand von unsern alten Pfaden;
denn der hohe, schlanke Flamingo entfaltete nie mehr sein scharlachrotes
Gefieder, trauernd flog er aus unserm Tale fort, den Bergen zu, und mit
ihm zogen alle heiteren Vgel, die ihn begleitet hatten. Und die Gold-
und Silberfische schwammen davon durch die Schlucht, die an der einen
Seite unser Reich begrenzte, und zierten nie wieder den lieblichen Flu.
Und die sanfte Melodie, die erhebender gewesen war als der Sang aus des
olus Harfe und ser als alles -- ausgenommen Eleonoras Stimme, sie
sank wieder zu leisem Murmeln herab und wurde leiser und leiser, bis sie
erstarb und der Flu wieder in seinem vormaligen feierlich-dsteren
Schweigen dahinflo. Und dann -- zuletzt -- hob sich die mchtige Wolke
von den Gipfeln der Berge, die wieder in ihr nebelhaftes Grau
zurcktauchten, und schwamm gemchlich davon, den fernen Regionen des
Abendsternes zu, und mit ihr verschwand das strahlende Gold und all die
glnzende Pracht, mit der sie das Tal des vielfarbigen Grases
berschttet hatte.

Jedoch was Eleonora versprach, erfllte sich. Denn ich hrte um mich das
Schwingen der himmlischen Weihrauchschalen, und Strme himmlischer Dfte
durchfluteten immer und immer das Tal. Und in einsamen Stunden, wenn
mein Herz in heftigem Pulsschlag erbebte, umschmeichelten sanfte Winde
mit sem Seufzen meine Stirn. Die dunklen Nchte fllte oft ein
schwaches Flstern, und einmal -- o, einmal nur! -- weckte mich aus
einem todhnlichen Schlafe der Ku geisterhafter Lippen, die meinen Mund
berhrten.

Aber all dies vermochte nicht die Leere meines Herzens auszufllen, und
grenzenlos wuchs sein Verlangen nach jener Liebe, von der es vordem so
bervoll gewesen war. Und endlich kam es soweit, da mir das Tal des
vielfarbigen Grases, durch das mich die Erinnerungen hetzten, zur Qual
wurde, und ich vertauschte es fr immer gegen die Eitelkeiten und das
friedelose Glck der Welt.

                   *       *       *       *       *

Ich fand mich in einer fremden Stadt, in der alle Dinge nur dazu
dienten, die Erinnerung an die sen Trume, die ich so lange Jahre im
Tal des vielfarbigen Grases getrumt hatte, aus meinem Gedchtnis
auszulschen. Ein prchtiges Hoflager mit Pomp und Festen, betubendes
Waffengeklirr und strahlende Frauenlieblichkeit verwirrten und
berauschten mein Hirn. Doch bis jetzt war meine Seele ihrem Schwur treu
geblieben, und immer noch verkndete mir Eleonora in den stillen Stunden
der Nacht ihr Gegenwrtigsein.

Pltzlich aber hrten diese Anzeichen auf, und die Welt wurde schwarz
vor meinen Augen, und ich stand in atemlosem Schreck vor dem glhenden
Gedanken -- der grauenhaften Versuchung, die mich befallen hatte. Denn
an den frhlichen Hof des Knigs, dem ich diente, kam aus irgendeinem
fernen, fernen, unbekannten Lande ein Mdchen, von deren Schnheit mein
ganzes ruchloses Herz entflammt und hingerissen ward -- zu deren Fen
ich mich ohne Struben niederwarf in wehrloser, abgttischer Liebe. Ach,
wie armselig war die Leidenschaft, die ich dem jungen Kinde im Tale des
vielfarbigen Grases geschenkt hatte, wenn ich sie mit der Glut und dem
Wahnwitz und den beseligenden Ekstasen verglich, in denen jetzt meine
Anbetung emporjauchzte, mit dem trunkenen Schluchzen, in dem meine Seele
zu Fen der himmlischen Ermengard dahinschmolz! O, herrlich war der
Engel Ermengard! Und vor dieser Erkenntnis versank alles andere. -- O,
gttlich war der Engel Ermengard! Und ich ertrank im Blick ihrer
unergrndlichen Augen und sah und suchte nur sie.

Ich vermhlte mich mit Ermengard -- und frchtete nicht den Fluch, den
ich auf mich herabgeschworen hatte, und seine Schrecken suchten mich
nicht heim. Da kam noch einmal -- ein einziges Mal -- durch das
Schweigen der Nacht das se Seufzen wieder zu mir, und es formte sich
zu einer wohlbekannten, inbrnstigen Stimme:

Schlafe in Frieden! Denn der Geist der Liebe lebt und herrscht. Und
wenn du glhenden Herzens Ermengard umarmst, bist du -- aus Grnden, die
dir dereinst im Himmel offenbar werden sollen -- deines Gelbdes an
Eleonora entbunden.




                          DIE INSEL DER FEE


                              Nullus enim locus sine genio est.

                                                               Servius

La musique, sagt Marmontel in seinen Contes Moreaux, die wir in
allen unsern bersetzungen beharrlich als Moralische Geschichten
bezeichnet finden, als ob man ihren Sinn verhhnen wollte -- la musique
est le seul des talents qui jouisse de lui-mme: tous les autres veulent
des tmoins. Er verwechselt hier die Freude an schnen Klngen mit der
Fhigkeit, sie hervorzurufen. Die musikalische Begabung ist ebensowenig
wie jedes andere Talent da, wo kein zweiter ihre uerungen wrdigt, zur
Gewhrung eines vollkommenen Genusses befhigt, und nur in Verbindung
mit andern Begabungen bringt sie die Wirkungen hervor, die erst in der
Einsamkeit ganz genossen werden mgen. Der Gedanke, den der raconteur
entweder nicht klar genug dargestellt oder dessen Darstellung er einer
nationalen Vorliebe fr Pointierung geopfert hat, ist zweifellos der
sehr begrndete, da wir gute Musik am tiefsten zu wrdigen verstehen,
wenn wir einsam sind. Der Gedanke in dieser Form wird ohne weiteres
jedem richtig erscheinen, der die Musik um ihrer selbst und ihrer
seelischen Wirkung willen liebt. Doch noch eine Freude ist den
verstoenen Sterblichen vergnnt, eine, die vielleicht mehr noch als die
Musik der gesteigerten Einsamkeit bedarf. Ich meine den Genu, den die
Naturbetrachtung bietet. Wahrlich, wer Gottes Herrlichkeit auf Erden
recht gewahren will, der mu diese Herrlichkeit in Einsamkeit
betrachten. Mir wenigstens erscheint die Anwesenheit nicht nur
menschlicher, sondern berhaupt lebendiger Wesen jeder Art, auer den
grnen Dingen, die aus dem Boden wachsen und keine Stimme haben, als
Befleckung der Landschaft, als etwas, was der seelischen Harmonie des
Bildes zuwiderluft.

In Wahrheit! ich liebe die Vorstellung, da die dunklen Tler und grauen
Felsen und die schweigsam lchelnden Wasser und die Wlder, die in
unruhigem Schlummer seufzen -- und die stolzen wachsamen Berge, die auf
alles herunterblicken --, da alles dies nur ungeheure Gliedmaen eines
gewaltigen lebendigen und empfindenden Ganzen sind -- eines Ganzen,
dessen Gestalt (die Kugel) die vollkommenste und umfassendste ist, die
es gibt; dessen Weg den andern Planeten zugesellt ist, dessen zarte Magd
der Mond[2], dessen mittelbarer Herr die Sonne ist; dessen Lebensdauer
Ewigkeit, dessen Sinn der Wille Gottes ist; dessen Freude Wissen ist;
dessen Geschicke sich in Unendlichkeit verlieren; dessen Kenntnis seiner
selbst etwa unsrer Kenntnis der mikroskopischen Kleinwelt gleichkommt --
eines Daseins, das wir als vllig unbelebt und rein stofflich ansehen,
hnlich, wie diese winzigen Wesen uns betrachten mgen.

Unsre Teleskope und unsre mathematischen Entdeckungen geben uns trotz
des scheinheiligen Geredes der Geistlichkeit berall die Gewiheit, da
Raum und also Masse in den Augen des Allmchtigen eine groe Bedeutung
hat. Die Kreise, darin die Sterne sich bewegen, sind als die besten
befunden worden fr eine ungehinderte Bewegung der grtmglichen Anzahl
Krper. Die Form dieser Krper ist gerade so, da sie bei einer
gegebenen Oberflchengre die grtmgliche Anhufung von Materie
gestattet, whrend die Oberflche selbst so beschaffen ist, da sie eine
grere Zahl von Bewohnern aufnehmen kann, als wenn sie irgendeine andre
Gestalt htte. Auch ist die Tatsache, da der Raum selbst unendlich ist,
kein Argument dagegen, da die Masse ein Zweck Gottes ist; denn eine
unendliche Materie mag vorhanden sein, um ihn zu fllen, und da wir
deutlich sehen, da die Materie grundstzlich von Leben erfllt ist --
in der Tat, soweit unser Urteil reicht, ein leitender Grundsatz in den
Manahmen der Gottheit -- so ist es kaum logisch, dieses Leben auf die
Regionen des Kleinen, wo wir es tglich nachweisen knnen, zu
beschrnken und nicht auf die des Erhabenen auszudehnen. Da wir ohne
Ende Kreis in Kreise laufen sehen, alle aber sich um eine ferne Mitte
drehen, um die Gottheit, sollten wir da nicht gleicherweise Leben in
Leben vermuten, das kleinere im greren und alle im gttlichen Geiste?
Kurz, wir sind infolge unsrer Selbstberhebung in einem gewaltigen
Irrtum, wenn wir annehmen, der Mensch sei in seiner zeitlichen oder
zuknftigen Bestimmung von grerer Wichtigkeit fr das Universum als
der gewaltige Talkrper, den er beackert und verachtet und dem er eine
Seele abspricht, aus keinem tieferen Grunde, als weil er sie nicht in
Ttigkeit sieht[3].

Solche und hnliche Vorstellungen haben meinen Betrachtungen in den
Bergen und Wldern, an den Flssen und am Meere eine Beimischung
gegeben, die von der Alltagswelt zweifellos als phantastisch
bezeichnet werden wrde. Meine zahllosen, meist einsamen Wanderungen in
solchen Gegenden pflegten meinen Geist ungewhnlich lebhaft zu
beschftigen, und die Hingabe, mit der ich manchen dstern Talgrund
durchstreifte oder in die Himmelsspiegelung manches strahlenden Sees
blickte, wurde sehr vertieft durch das Bewutsein, da ich _allein_
wanderte und Umschau hielt. Welcher geschwtzige Franzose[4] war es
doch, der mit Beziehung auf das Werk von Zimmermann sagte: la solitude
est une belle chose; mais il faut quelqu'un pour vous dire que la
solitude est une belle chose? Dem Epigramm ist nicht zu widersprechen;
aber dies il faut -- diese Notwendigkeit ist doch ein Unding.

Es war auf einer meiner einsamen Wanderungen in weit entfernten
Gegenden, wo Berg an Berg geschlossen war und trauervolle Flsse und
schwermtige Smpfe sich einherwanden oder schlummernd lagen, als ich an
einen kleinen Flu mit einer Insel kam. Es war im laubreichen Juni. Ich
warf mich auf den Rasen unter die Zweige eines unbekannten duftenden
Gestruches, um in Betrachtung des Bildes versunken zu ruhen. Ich
fhlte, nur so sollte ich es ansehen, dies entsprach seinem Charakter.

Auf allen Seiten -- auer gen Westen, wo die Sonne im Untergehen war --
erhoben sich grne Waldesmauern. Der Flu, der in seinem Lauf eine
scharfe Wendung machte und sich so pltzlich den Blicken entzog, schien
aus seinem Gefngnis keinen Ausweg zu haben, sondern vom grnen Laub der
Bume im Osten aufgesogen zu werden, whrend auf der anderen Seite (so
erschien es mir, als ich da lag und nach oben sah) geruschlos und
unaufhaltsam ein gold- und purpurroter Wasserfall aus den
Abendrotquellen des Himmels ins Tal herniedersprhte.

Etwa in der Mitte des beschrnkten Ausschnitts, den mein trumerisches
Auge fate, ruhte eine kleine runde, ppig begrnte Insel auf der Brust
des Wassers,

   Und Licht und Schatten woben Duft,
   Als hnge sie schwebend in der Luft.

So spiegelglatt war das glasige Wasser, da sich kaum erkennen lie, an
welcher Stelle des grnen Rasenhanges sein Reich begann.

Meine Lage gestattete mir, mit einem einzigen Blick sowohl das stliche
wie das westliche Ende der Insel zu umfassen, und ich bemerkte eine
eigentmliche Verschiedenheit an ihnen. Das Westende war wie ein
strahlender Harem von Gartenschnheiten. Es glhte und errtete unter
den schrgen Blicken der Sonne und lachte mit heiteren Blumen. Das Gras
war kurz, feucht, s duftend und von Goldwurz durchblht. Die Bume
waren geschmeidig, heiter, aufrecht, hell, schlank und anmutig, von
morgenlndischem Bau und Laub, mit sanfter, glnzender und buntfarbiger
Rinde. Alles schien gesttigt von einem tiefen Bewutsein von Leben und
Lust, und obgleich vom Himmel keine Winde bliesen, so war doch alles
bewegt durch das leichtbeschwingte Gaukelspiel unzhliger
Schmetterlinge, die man fr beflgelte Tulpen htte halten knnen.[5]

Das andre oder stliche Ende der Insel war in schwrzeste Schatten
gehllt. Eine traurige, doch schne und friedvolle Dunkelheit durchdrang
hier alle Dinge. Die Bume waren von dsterer Farbe und trauernd in
Gestalt und Haltung; -- wie sie sich da in trbe, feierliche und
gespenstische Formen hllten, erweckten sie eine Vorstellung von
tdlichem Leid und frhzeitigem Tod. Das Gras hatte den dunklen
Farbenton der Zypresse, und seine Halme lieen die Kpfe hngen, und
hier und dort sah man im Grase viele kleine hliche Hgel, schmal und
niedrig und nicht sehr lang, die wie Grber aussahen und doch keine
waren, obgleich Raute und wilde Rosen sie ganz und gar berwucherten.
Der Schatten der Bume sank schwer aufs Wasser nieder, als wolle er sich
darin begraben, die Tiefen des Elementes mit Dunkelheit sttigend. Ich
bildete mir ein, wie die Sonne tiefer und tiefer sank, lse sich
Schatten um Schatten trbe vom Stamme, der ihm Leben gegeben hatte, und
werde vom Strome aufgetrunken, whrend jeden Augenblick neue Schatten
aus den Bumen hervortraten, um die Stelle ihrer eingesargten Vorgnger
einzunehmen.

Als dieser Gedanke meine Phantasie erfat hatte, regte er sie weiter und
weiter an, und ich versank in Trumerei. Wenn je eine Insel verzaubert
war, sprach ich bei mir selbst, so ist es diese. Hier ist der
Zufluchtsort der wenigen gtigen Feen, die noch vom Untergang verschont
geblieben sind. Sind jene Hgel ihre grnen Grber? -- Oder geben sie
ihr Leben auf, wie Menschen ihr Leben dahingeben? Ist ihr Sterben nicht
vielmehr ein trauervolles Hinschwinden, so da sie nach und nach ihr
Dasein an Gott zurckgeben, wie diese Bume Schatten um Schatten
hingeben, ihr Wesen verhauchen und auflsen? Was der vergehende Baum dem
Wasser ist, das seinen Schatten einsaugt und schwrzer wird von jeder
solchen Beute, mag nicht das Leben der Fee fr den Tod, der es
verschlingt, das gleiche sein?

Als ich so mit halbgeschlossenen Augen sann, indes die Sonne eilig zur
Rste ging und wirbelnde Strmungen rund und rund um die Insel jagten,
mit tanzenden weien Streifen der Rinde des Feigenbaumes auf den Wellen,
Streifen, die in ihrer wechselvollen Lage auf dem Wasser von einer
lebendigen Phantasie mit allem Erdenklichen zu vergleichen gewesen wren
-- whrend ich so sann, war mir, als nehme die Gestalt einer solchen
Fee, ber die ich nachgesonnen hatte, langsam aus dem Glanze der
Westseite der Insel ihren Weg ins Dunkel. Sie stand aufrecht in einem
seltsam gebrechlichen Kahn, den sie mit dem Schatten eines Ruders
lenkte. Solange sie unter dem Einflu der zgernden Sonnenstrahlen
blieb, schien ihre Haltung Freude auszudrcken, aber Trauer wandelte sie
an, als sie der Schatten berhrte. Langsam glitt sie dahin und hatte
schlielich die Runde um die Insel gemacht und erschien wieder auf der
Lichtseite. Der Zirkel, den die Fee soeben vollendet hat, sinnierte
ich weiter, ist der Kreislauf ihres kurzen Lebensjahres. Sie ist durch
ihren Winter und ihren Sommer geflutet. Sie ist dem Tode um ein Jahr
nher: denn es ist meinen Blicken nicht entgangen, da, als sie in die
Dmmerung kam, ihr Schatten von ihr abfiel und vom dunklen Wasser
verschlungen ward, dessen Schwrze noch schwrzer davon wurde.

Und wieder erschien das Boot mit der Fee, doch in ihrer Haltung war mehr
Sorge und Unsicherheit und weniger biegsame Lust. Sie flutete wiederum
aus dem Licht und ins Dunkel (das sogleich tiefer wurde), und wiederum
fiel ihr Schatten von ihr ab ins ebenholzschwarze Wasser und wurde von
seiner Schwrze verschlungen. Und wieder und wieder machte sie die Runde
um die Insel (indessen die Sonne zu ihrer Schlummersttte eilte), und
bei jedem Heraustreten ins Licht lag mehr Trauer auf ihrer Gestalt, die
schwcher und feiner und unbestimmter wurde, und bei jedem bergang ins
Dunkel sank ein tieferer Schatten von ihr ab, der von immer dstererem
Schwarz verschlungen wurde. Endlich aber, als die Sonne gnzlich
verschwunden war, glitt die Fee, jetzt nur noch wie das Gespenst ihres
frheren Seins, mit ihrem Boot trostlos in das Bereich der
ebenholzschwarzen Flut, und ob sie daraus wieder zum Vorschein kam, kann
ich nicht sagen, denn Finsternis deckte alle Dinge, und ich gewahrte
ihre zauberhafte Gestalt nicht mehr.

[Funote 2: Mond im Englischen weiblich, Sonne mnnlich. A. d. b.]

[Funote 3: Wo Pomponius Mela in seiner Abhandlung De Situ Orbis von
Flut und Ebbe spricht, sagt er: Entweder ist die Welt ein groes Tier,
oder usw.]

[Funote 4: Balzac, dem Sinne nach; ich wei nicht mehr die Worte.]

[Funote 5: Florem putares nare per liquidum aethera. -- P. Commire]




                           LANDORS LANDHAUS


Whrend einer Wanderung, die mich letzten Sommer durch einige der
Flutler der Grafschaft Neuyork fhrte, sah ich mich, als der Tag zur
Neige ging, in gewisser Verlegenheit, welchen Weg ich einschlagen
sollte. Das Land war auffallend hgelig, und in der letzten halben
Stunde hatte mich der Pfad, bei meinem Bemhen, mich in den Tlern zu
halten, so verwirrend um und rundum gefhrt, da ich nicht mehr ahnte,
in welcher Richtung das reizende Dorf B... lag, wo ich die Nacht zu
bleiben gedachte. Es hatte, genau genommen, den Tag ber eigentlich
keinen Sonnenschein gegeben, dennoch war es ungewhnlich warm gewesen.
Ein Nebelschleier, wie lauter Altweibersommer, verhngte alle Dinge und
vermehrte natrlich meine Unsicherheit. Nicht da ich die Sache sehr
wichtig nahm. Sollte ich nicht vor Sonnenuntergang, selbst nicht vor
Einbruch der Dunkelheit auf das Dorf stoen, so war es doch mehr als
wahrscheinlich, da irgendein kleines Farmhaus oder dergleichen
auftauchen wrde, wenn auch die Gegend (vielleicht weil sie sich mehr
malerisch als fruchtbar erwies) nur sprlich bewohnt war. Jedenfalls
wre ein Biwak im Freien, mit meinem Rucksack als Kissen und meinem
Jagdhund als Wchter, so recht nach meinem Geschmack gewesen. Ich
schlenderte daher wohlgemut weiter und hatte meine Flinte Ponto
aufgeladen, als ich schlielich, da ich eben Betrachtungen darber
anstellte, ob die zahlreichen kleinen Lichtungen, die hier- und dorthin
fhrten, berhaupt Pfade vorstellen sollten, auf dem verlockendsten von
ihnen zu einem richtigen Fahrweg geriet. Jeder Irrtum war
ausgeschlossen. Leichte Rderspuren waren sichtbar, und obgleich das
hohe Strauchwerk und das aufgeschossene Unterholz sich oben
zusammenschlossen, gab es am Boden nicht das geringste Hemmnis, selbst
nicht fr ein virginisches Berggefhrt, meiner Meinung nach das
anspruchsvollste, hochfahrendste Vehikel seiner Art. Abgesehen davon,
da der Weg frei in den Wald fhrte (wenn die Bezeichnung Wald nicht
allzu wuchtig ist fr dieses Beieinander lichter Bume) und da er
deutliche Rderspuren aufwies, glich er auch nicht entfernt irgendeinem
der Wege, die ich je gesehen hatte. Die besagten Spuren waren kaum
wahrnehmbar auf einer Flche, die eine lebhafte hnlichkeit mit grnem
Genueser Samt besa. Es war Gras, gewi, aber Gras, wie wir es auer in
England selten sehen, so kurz, so dicht, so eben und von so leuchtender
Farbe. Nicht das geringste Hindernis fand sich in der Radspur, nicht
einmal ein Span oder ein drrer Zweig. Die Steine, die einst den Weg
gehemmt hatten, waren zur Seite der Rasenflche sorgsam niedergelegt,
nicht geworfen worden, so da sie diese mit einer sozusagen nachlssigen
Sorgsamkeit malerisch abgrenzten. Bsche wilder Blumen wuchsen in den
Zwischenrumen in verschwenderischer Flle.

Was ich aus alledem machen sollte, wute ich natrlich nicht. Hierin lag
unzweifelhaft Kunst. Das berraschte mich nicht; alle Wege sind im
herkmmlichen Sinne Kunstwerke; auch kann ich nicht sagen, da lediglich
die bertreibung des Knstlerischen so wundersam erschien; alles, was
hier geschehen war, mochte _hier_, wo soviel natrliche Anlage vorlag
(wie man das in Bchern ber Landschaftsgrtnerei findet) mit sehr wenig
Arbeit und Ausgaben getan worden sein. Nein, es war nicht die Flle,
sondern der Charakter des Knstlerischen, was mich veranlate, mich auf
einen der umblhten Steine niederzulassen und wohl eine halbe Stunde
oder lnger diese feenhafte Allee voll staunender Bewunderung hinauf und
hinunter zu blicken. Eines wurde mir, je lnger ich schaute, mehr und
mehr deutlich: ein Knstler, und zwar ein Knstler mit auerordentlich
scharfem Blick fr Formen, hatte alle diese Anordnungen im voraus
berlegt. Man war mit grter Sorgfalt bedacht gewesen, zwischen dem
Hbschen und Anmutigen einerseits und dem Pittoresken, im wahren Sinne
der italienischen Bezeichnung, andrerseits die rechte Mitte zu halten.
Es gab wenig gerade und keine auf die Lnge ungebrochene Linie. Dasselbe
Bild in Krmmung oder Farbe bot sich, soweit das Auge reichte, meist
zweimal, doch nicht fter. berall in der Einfrmigkeit war Abwechslung.
Es war ein Stck Komposition, in der selbst der anspruchsvollste
kritische Geschmack kaum eine Verbesserung htte vorschlagen knnen.

Als ich diesen Weg betrat, hatte ich mich nach rechts gewandt, und nun
erhob ich mich und verfolgte dieselbe Richtung. Der Pfad war so
gewunden, da ich seinen Lauf nie mehr als zwei, drei Schritte weit vor
mir sah. Seine Anlage erfuhr nicht die geringste Wandlung.

Pltzlich traf das sanfte Murmeln eines Wassers mein Ohr, und einige
Augenblicke spter, als der Pfad mich noch berraschender als bisher um
die Ecke fhrte, gewahrte ich, da am Fue eines gerade vor mir
liegenden sanften Hanges irgendein Gebude lag. Ich konnte infolge des
Dunstschleiers, der das ganze kleine Tal drunten erfllte, nichts
deutlich erkennen. Jetzt erhob sich jedoch ein leichter Wind, denn die
Sonne war am Untergehen, und whrend ich auf dem Hgelkamm stehen blieb,
zerteilte sich der Nebel in krause Fetzen und flutete ber die Szene.

Wie die Dinge so allmhlich zum Vorschein kamen, Stck um Stck, hier
ein Baum, da ein Wasserblinken und hier wieder ein Stck Schornstein,
war mir nicht anders zumute, als sei das Ganze eines jener geschickten
Trugbilder, wie sie zuweilen unter der Bezeichnung Vexierbilder
dargeboten werden.

Mit der Zeit jedoch, als der Nebel sich vllig verzogen hatte, war auch
die Sonne hinter die sanften Hnge hinabgesunken, kam nun aber, als habe
sie ein leichtes chassez nach Sden gemacht, wieder in volle Sicht,
indem sie in purpurnem Glanz durch eine Kluft im Westen des Tales
hereinschimmerte. Pltzlich also und wie mit Zauberhand wurde dieses
ganze Tal und alles, was darin war, strahlend sichtbar.

Der erste coup d'oeil, als die Sonne in die angegebene Stellung glitt,
machte mir einen hnlichen Eindruck, wie ihn mir in meiner Knabenzeit
das Schlubild eines gut inszenierten Schauspiels oder Melodramas
hervorrief. Nicht einmal die Ungeheuerlichkeit in der Farbengebung
fehlte, denn die Sonne drang durch die Kluft in sattem Orangerot und
Purpur, whrend das lebhafte Grn des Grases im Tal durch den
Dunstschleier, der noch immer darber schwebte, als widerstrebe ihm die
Trennung von einem so zauberhaft schnen Bild, mehr oder weniger auf
alle Dinge zurckgestrahlt wurde.

Das kleine Tal, in das meine Blicke so unter der Nebelschicht
hinabtauchten, konnte nicht mehr als vierhundert Meter Lnge haben, die
Breite wechselte von fnfzig zu hundertundfnfzig oder auch zweihundert
Metern. An seinem Nordende war es auerordentlich schmal und
verbreiterte sich, aber nicht gerade regelmig, nach Sden hin. Die
grte Breite erreichte es ungefhr achtzig Meter vor dem sdlichen
Ende. Die Hnge, welche das Tal umgaben, konnten nicht eigentlich Hgel
genannt werden, hchstens an ihrer Nordseite. Hier erhob sich eine
steile Felswand bis zu einer Hhe von neunzig Fu und mehr, und wie ich
schon sagte, war das Tal hier nicht breiter als fnfzig Meter. Wer sich
aber von diesem Felsenriff nach Sden wandte, der fand zur Rechten und
Linken Abhnge, die sowohl weniger hoch wie auch weniger steil und
weniger felsig waren. Mit einem Wort, nach Sden hin wurde alles
schrger und sanfter, und doch war das ganze Tal von mehr oder weniger
hohen Erhebungen umgrtet, abgesehen von zwei Punkten. Von einem
derselben habe ich schon gesprochen. Er lag gegen Nordwesten, und hier
war es, wo die Sonne in der geschilderten Weise in das Amphitheater
ihren Weg fand, durch eine sauber geschnittene natrliche Kluft in der
granitenen Umfassung. Dieser Einschnitt mochte an seiner breitesten
Stelle zehn Meter betragen -- soweit das Auge das zu schtzen vermochte.
Er schien wie eine natrliche Chaussee sachte aufwrts zu fhren, in die
Grnde noch undurchforschter Berge und Wlder. Die andere ffnung befand
sich genau am sdlichen Talende. Hier waren die Hgel im allgemeinen
kaum mehr als sanfte Wellungen, die von Osten nach Westen in einer
Breite von etwa hundertundfnfzig Metern verliefen. In der Mitte dieser
Strecke lag eine Senkung, die bis auf die Bodenhhe des Tales herabging.
Wie in allem andern, so bot die Szene auch hinsichtlich der Vegetation
ein nach Sden hin niedrigeres und sanfteres Bild. Nach Norden, an dem
steilen Felshang, erhoben sich nicht weit vom Gipfel die prchtigen
Stmme vom weien und schwarzen Walnubaum, vom Kastanienbaum und
vereinzelten Eichen, und die besonders von den Walnubumen streng
wagerecht gebreiteten ste sprangen weit ber den Felsrand vor. Nach
Sden fortschreitend sah man zunchst dieselben Baumarten, nur weniger
hochgewachsen und majesttisch; dann begegnete man der schlankeren Ulme,
dem Sassafras und der Robinie -- diesen folgte die sanftere Linde, der
Judasbaum, Trompetenbaum und Ahorn -- und schlielich kamen noch
anmutigere und bescheidenere Arten. Die ganze sdliche Hgelwelle war
nur mit wildem Strauchwerk bedeckt bis auf ein paar vereinzelte
Silberweiden und Silberpappeln. Drunten im Tale selbst (denn man mu
beachten, da die genannte Vegetation nur auf den Felsen oder
Hgelwnden wuchs) sah man drei einzeln stehende Bume. Der eine war
eine Ulme von schner Gre und herrlicher Gestalt; sie stand als
Wchter am sdlichen Eingang des Tales. Der zweite war ein Nubaum, viel
grer als die Ulme und alles in allem ein viel edlerer Baum, wenngleich
beide ausnehmend schn waren. Er schien den nordwestlichen Zutritt zu
bewachen, wie er da aus einer Felsengruppe seine vornehme Gestalt mitten
in den offenen Rachen der Schlucht hinausreckte, in einem Winkel von
fast fnfundvierzig Grad, weit hinaus in den Sonnenschein des
Amphitheaters.

Etwa dreiig Meter stlich von diesem Baum stand jedoch der Stolz des
Tales und ohne Frage der prchtigste Baum, den ich je gesehen habe,
ausgenommen vielleicht die Zypressen von Itchiatuckanee. Es war ein
dreistmmiger Tulpenbaum -- ein Liriodendron tulipiferum -- eine der
wilden Magnolienarten. Die drei Stmme trennten sich vom Mutterstamm in
etwa drei Fu Hhe, strebten nur ganz allmhlich auseinander und waren
dort, wo der breiteste Stamm Laub ansetzte, nicht mehr als vier Fu
auseinander. Das war in einer Hhe von ungefhr achtzig Fu. Die ganze
Hhe des Baumes betrug einhundertundzwanzig Fu. Nichts kommt an
Schnheit dem leuchtkrftigen Grn der Bltter des Tulpenbaumes gleich.
Gegenwrtig waren sie volle acht Zoll breit; ihre Pracht aber wurde
bertroffen von dem schwellenden Prunk ppiger Blten. Man stelle sich
eine Million dicht zusammengedrngter strahlendster Tulpen vor! Nur so
kann sich der Leser eine Ahnung von dem Bilde machen, das ich ihm
vermitteln mchte. Und dann die stolze Anmut der sauberen, zart
gekerbten sulenartigen Stmme, deren grter zwanzig Fu vom Boden
einen Durchmesser von vier Fu hatte. Die unzhligen Blten erfllten im
Verein mit den Blten anderer, kaum weniger schner, allerdings weit
weniger majesttischer Bume das Tal mit Wohlgerchen, die kstlicher
waren als die Wohlgerche Arabiens.

Den eigentlichen Boden des Amphitheaters bildete Gras von derselben
Beschaffenheit, wie ich es auf dem Weg gefunden hatte, hchstens noch
weicher, ppiger und von einem noch wundervolleren sammetartigen Grn.
Es war schwer zu fassen, wie all diese Schnheit erzielt werden konnte.

Ich habe von den zwei ffnungen im Tal gesprochen; aus der ersten gen
Nordwesten ergo sich ein Bchlein, das mit sanftem Murmeln und einigem
Schumen die Schlucht herunterkam, bis es gegen die Felsengruppe
prallte, aus der der einzelstehende Walnubaum aufscho. Hier umkreiste
es den Baum und wandte sich dann etwas nach Nordwesten, den Tulpenbaum
einige zwanzig Fu sdlich lassend; nun vernderte es seinen Lauf nicht
eher, als bis es etwa die Mitte zwischen der stlichen und westlichen
Grenze des Tales erreicht hatte. An dieser Stelle bog es nach mehreren
Krmmungen im rechten Winkel ab und verfolgte eine im allgemeinen
sdliche Richtung, bis es sich eilig in einem kleinen See von
unregelmiger, aber ziemlich ovaler Form verlor, der schimmernd nahe am
sdlichen Talausgang lag. Dieser See hatte vielleicht an seiner
breitesten Stelle hundert Meter Durchmesser. Kein Kristall konnte klarer
sein als seine Wasser. Sein Grund, den man deutlich sehen konnte,
bestand berall aus strahlend weien Kieseln. Seine Ufer, von besagtem
Smaragdgrn, rundeten sich in den klaren Himmel hinunter, und so klar
war dieser Himmel, so vollkommen spiegelte er zuzeiten alle Gegenstnde
von oben, da es schwer festzustellen war, wo das wirkliche Ufer
aufhrte und das widergespiegelte begann. Die Forelle und einige andre
Fischarten, von denen es im Weiher wimmelte, erweckten alle den Anschein
von fliegenden Fischen. Es war schwer, nicht anzunehmen, da sie einfach
in der Luft hingen. Ein leichtes Birkenboot, das friedlich auf dem
Wasser lag, wurde von dem so kstlich polierten Spiegel bis in seine
feinsten Rippen mit unerhrter Treue wiedergegeben. Eine kleine Insel im
heitern Schmuck vollerblhter Blumen und nur gerade gro genug, um ein
malerisches kleines Bauwerk zu tragen, offenbar ein Wasservogelhaus,
erhob sich im See, nicht weit von seinem nrdlichen Ufer -- mit dem es
durch eine unbegreiflich zierlich wirkende und doch ganz primitive
Brcke verbunden war. Sie bestand aus einer einzigen breiten und dicken
Planke aus Tulpenholz. Sie war vierzig Fu lang und berspannte den Raum
zwischen Ufer und Ufer in leichtem, doch gut wahrnehmbarem Bogen, der
jede Schwankung ausschlo. Aus dem Sdende des Sees ergo sich wieder
der Bach, der sich ungefhr dreiig Meter in Windungen ergtzte und dann
schlielich durch die (schon beschriebene) Niederung inmitten der
sdlichen Hnge hindurchflo und, in eine Tiefe von hundert Fu
hinuntertaumelnd, seinen vielfach gewundenen Weg zum Hudson nahm.

Der See war tief -- an manchen Stellen bis zu dreiig Fu, der Bach aber
hatte selten mehr als drei, whrend seine grte Breite etwa acht
betrug. Sein Bett und die Ufer glichen denen des Weihers -- wenn etwas
daran auszusetzen war, so war es dies, da die malerische Wirkung
vielleicht durch bertriebene Sauberkeit beeintrchtigt wurde.

Die Weite des grnen Feldes wurde gelegentlich durch einen Zierstrauch
unterbrochen, wie Hortensie, Schneeball oder duftendes Jasmingestruch;
hufiger noch durch eine Geraniumgruppe, die in allen Varietten ppig
blhte. Diese letzteren standen in Tpfen, die sorgfltig in die Erde
gegraben waren, um den Eindruck wildwachsender Pflanzen hervorzurufen.
berdies war der Wiesensammet anmutig von Schafen belebt, die als
stattliche Herde das Tal durchstreiften, in Gesellschaft dreier zahmen
Rehe und einer betrchtlichen Anzahl strahlendgefiederter Enten. Ein
sehr groer Bullenbeier schien allen diesen Tieren, dem einzelnen wie
der Gesamtheit, eine wachsame Aufmerksamkeit zu widmen.

An den stlichen und westlichen Felsen -- dort, wo die Begrenzung nach
den hhergelegenen Teilen des Amphitheaters hin mehr oder weniger steil
war -- zog sich in verschwenderischer Flle Efeu hin, so da man nur hie
und da ein Fleckchen vom nackten Fels hindurchschimmern sah. Der
Westabhang war gleicherweise fast vollstndig mit selten prchtigen
Reben bedeckt, die zum Teil vom Fue des Felsens aufstrebten, zum Teil
am Hange selbst hervorwuchsen.

Die geringe Erhebung, welche die untere Abgrenzung dieser kleinen
Besitzung bildete, wurde von einer sauberen Steinmauer gekrnt, deren
Hhe gengte, das Entweichen des Wildes zu verhindern. Nirgends sonst
war eine Einfriedigung zu bemerken; denn nirgends sonst war ein
knstlicher Abschlu ntig. Wrde zum Beispiel ein versprengtes Schaf
versuchen, sich durch die Schlucht aus dem Tal zu entfernen, so wrde es
sein Vorwrtskommen nach wenigen Schritten durch den steilen
Felsenvorsprung gehemmt sehen, ber den der Wasserfall herabstrzte, der
gleich, als ich mich der Ansiedlung nherte, meine Aufmerksamkeit erregt
hatte. Kurz, der einzige Ein- und Ausgang bestand in einem Tor, das
einen Felspfad sperrte, wenige Schritte unterhalb der Stelle, auf der
ich stehen blieb, um die Szene zu betrachten.

Ich habe geschildert, wie der Bach in seinem Laufe viele unregelmige
Windungen machte. Seine beiden Hauptrichtungen liefen, wie ich sagte,
zuerst von West nach Ost und dann von Norden nach Sden.

Da, wo die Strmung den Bogen machte und wieder nach rckwrts lief,
schlo sie eine fast kreisrunde Schlinge, so da eine Halbinsel
entstand, die beinahe eine Insel war. Auf dieser Halbinsel stand ein
Wohnhaus -- und wenn ich sage, da dieses Haus, gleich der
Hllenterrasse, die Vathek sah, tait d'une architecture inconnue dans
les annales de la terre, so meine ich lediglich, da das Ganze mich
durch seine Eigenart wie auch durch seine Zweckmigkeit ungemein
verblffte -- mit einem Wort, durch Poesie -- (denn ich knnte kaum
mit anderen Bezeichnungen, als den vorstehend gewhlten, eine genaue
Definition fr abstrakte Poesie geben) -- und ich meine nicht, da das
outre in irgendeiner Hinsicht bemerkenswert war.

In der Tat, nichts htte wohl einfacher -- unaufdringlicher wirken
knnen als dieses Landhaus. Sein wundersamer Eindruck lag ausschlielich
in seiner knstlerischen bildhaften Anlage. Whrend ich hinsah, htte
ich mir vorstellen knnen, ein hochbedeutender Landschaftsmaler habe es
mit seinem Pinsel hergestellt.

Der Aussichtspunkt, von dem aus ich das Tal zum ersten Male sah, war zur
Betrachtung des Hauses nicht der beste, aber doch fast der beste Platz.
Ich will es daher so beschreiben, wie es sich mir spter bot -- von dem
Steinwall am Sdende des Amphitheaters aus gesehen.

Das Hauptgebude hatte eine Lnge von ungefhr vierundzwanzig Fu und
eine Breite von sechzehn -- sicher nicht mehr. Seine Gesamthhe vom
Boden bis zur Dachspitze konnte nicht mehr als achtzehn Fu betragen. An
der Westseite dieses Bauwerks war ein zweites angefgt, das in allen
seinen Teilen etwa ein Drittel kleiner war: -- seine Vorderseite stand
etwa zwei Meter hinter der des greren Hauses zurck, und sein Dach
verlief natrlich betrchtlich niedriger als das benachbarte. In rechtem
Winkel zu diesen Gebuden und am Ende des Hauptbaues -- der nicht genau
die Mitte einnahm -- erstreckte sich ein dritter, sehr kleiner Bau -- im
Ganzen ein Drittel kleiner als der westliche Flgel. Die Dcher der
beiden greren Bauten waren sehr steil -- glitten in einer langen
konkaven Kurve vom First hernieder und griffen mindestens vier Fu ber
die Frontmauern hinaus, so da sie noch die Bedachung zweier Laubengnge
bildeten. Als solche bedurften sie selbstredend keiner Sttzen; da sie
aber dem Anschein nach Sttzen brauchten, so waren nur an den Ecken
leichte und vllig glatte Sulen eingeschaltet worden. Das Dach des
nrdlichen Flgels war nur eine Verlngerung des Hauptdaches. Zwischen
dem Hauptgebude und dem westlichen Flgel erhob sich ein sehr hoher und
ziemlich schlanker viereckiger Schornstein aus harten schottischen
Ziegeln, abwechselnd schwarzen und roten -- mit einer schmalen
Kranzleiste ausladender Ziegel am oberen Ende. Auch ber die Giebel
sprangen die Dcher sehr weit vor -- am Hauptbau etwa vier Fu nach
Osten und zwei nach Westen. Die Eingangstr befand sich nicht genau in
der Mitte, sondern etwas mehr stlich, whrend die beiden Fenster
westlich davon lagen. Sie reichten nicht bis zur Erde, waren aber viel
lnger und schmaler als blich -- sie hatten einflgelige Fensterladen,
die wie Tren aussahen -- die Glasscheiben hatten Rautenform, aber von
ziemlicher Gre. Die Tr selbst bestand in ihrem oberen Teil aus Glas,
ebenfalls in Rautenform -- durch einen beweglichen Schalter nachts
verschliebar. Die Tr fr den Westflgel befand sich in der Giebelseite
und war sehr einfach -- ein einziges Fenster wies hier nach Sden. Am
Nordflgel gab es keine Auentr, und er hatte auch nur ein Fenster nach
Osten.

Die nackte Wand des stlichen Giebels wurde durch eine Treppe (mit
Gelnder) gehoben, die schrg daran emporlief -- der Aufstieg begann von
Sden. Unter dem Schutz des weit vorspringenden Dachbogens fhrten diese
Stufen zu einer Dachkammer, mehr einem Bodenraum -- denn er erhielt sein
Licht nur durch ein einziges Fenster nach Norden und schien als Speicher
gedacht zu sein.

Die Vorpltze des Hauptgebudes und westlichen Flgels waren nicht, wie
sonst blich, gepflastert. Aber an den Tren und vor jedem Fenster lagen
groe, flache, unregelmige Granitplatten im herrlichen Grasteppich,
die ein angenehmes Gehen bei jeder Witterung ermglichten.

Prchtige Pfade aus dem gleichen Material -- nicht zierlich ausgefhrt,
sondern von dem samtenen Grn unterbrochen, das in Abstnden zwischen
den Steinen hervorquoll, fhrten vom Hause hierhin und dorthin, zu einer
kristallenen Quelle in fnf Schritt Entfernung, zu dem Weg oder ein paar
Nebengebuden, die hinter dem Bach nach Norden lagen und durch ein paar
Akazien- und Trompetenbume vllig verborgen wurden.

Nicht mehr als sechs Schritt vom Haupteingang des Landhauses erhob sich
der tote Strunk eines phantastischen Birnbaumes, so ganz von Kopf zu Fu
in ppige Bignoniablten gehllt, da es keine Kleinigkeit war, zu
ergrnden, woraus diese wunderschne Sache eigentlich bestand. An
verschiedenen sten dieses Baumes hingen Kfige aller Art. In einem
groen, zylinderfrmigen Weidengeflecht vergngte sich ein Spottvogel,
in einem andern ein Pirol, in einem dritten die dreiste Reisammer --
whrend aus drei bis vier zierlicheren Zellen der Gesang von
Kanarienvgeln erschallte.

Die Pfeiler der Vorpltze waren von Jasmin und Geisblatt umrankt, und im
Winkel, wo Hauptbau und Westflgel sich trafen, erhob sich ein Weinstock
von unvergleichlicher Pracht. Alle Hindernisse nehmend, hatte er erst
das tiefer liegende Dach erklommen, dann das hhere, und am Rande des
letzteren wand er sich weiter, nach rechts und nach links Ranken
aussendend, bis er schlielich glcklich den Ostgiebel erreichte und
sich die Treppe herunter wand.

Das ganze Haus samt seinen Flgeln war mit den altmodischen schottischen
Schindeln, die breit und eckig sind, belegt. Es ist eine Eigenart dieses
Materials, da es die Huser unten breiter als oben erscheinen lt,
gleich den gyptischen Bauwerken, und hier wurde dieser auerordentlich
malerische Eindruck durch zahlreiche Tpfe voll prchtiger Blumen
untersttzt, die beinahe den gesamten Bau umringten.

Die Schindeln hatten einen mattgrauen Anstrich, und die glckliche
Kontrastwirkung dieser neutralen Tnung zu dem lebhaften Grn der
Bltter des Tulpenbaumes, der das Landhaus teilweise berschattete, wird
jeder Knstler begreifen.

Von einem Platz am Steinwall aus war der Anblick der Gebude am
vorteilhaftesten, denn der sdstliche Flgel sprang vor, so da das
Auge gleichzeitig die beiden Fronten mit dem malerischen stlichen
Giebel umfate und noch ein Stckchen vom Nordgiebel dazu, ferner etwa
die Hlfte einer leichten Brcke, die sich in nchster Nhe des
Hauptgebudes ber den Bach spannte.

Ich blieb nicht sehr lange auf dem Hgelkamm, wenngleich lange genug, um
das Bild zu meinen Fen grndlich in mich aufzunehmen. Es war klar, da
ich vom Weg zum Dorf abgekommen war, und ich hatte daher die gute
Berechtigung des Wanderers, das Tor vor mir zu ffnen und jedenfalls
meinen Weg zu erfragen; so trat ich ohne viel Umstnde nher.

Der Pfad schien hinter dem Tor einem natrlichen Felsensteig zu folgen
und schlngelte sich allmhlich an den nordstlichen Klippen hinunter.
Er fhrte mich an den Fu des nrdlichen Abhangs hinab und dann ber die
Brcke, um den stlichen Giebel herum zum Haupteingang. Dabei stellte
ich fest, da von den Nebengebuden nichts zu sehen war.

Als ich um die Ecke der Giebelseite kam, lief der Bullenbeier in Stzen
auf mich zu, stumm, aber mit dem Blick und dem Gebaren eines Tigers. Ich
streckte ihm jedoch meine Hand hin, als Freundschaftszeichen, und ich
habe noch keinen Hund gekannt, der solch einem Appell an seine
Hflichkeit widerstanden htte. Er schlo nicht nur den Rachen und
wedelte mit dem Schwanz, sondern bot mir eindringlich die Pfote, um dann
auch Ponto seine Begrung zu erweisen.

Da keine Klingel zu entdecken war, pochte ich mit dem Stock an die Tr,
die halb offen stand. Sogleich nherte sich eine Gestalt -- die eines
jungen Weibes von ungefhr achtundzwanzig Jahren -- schlank und etwas
ber Mittelgre. Als sie mit einem gewissen nicht zu beschreibenden
Schritt von bescheidener Entschiedenheit herantrat, sagte ich zu mir
selbst: Hier habe ich nun die Vollendung der natrlichen im Gegensatz
zur knstlerischen Anmut gefunden. Der zweite Eindruck, den sie in mir
hervorrief, der aber weit lebhafter war als der erste, war Begeisterung.
Ein so intensiver Ausdruck von Romantik -- so sollte ich es vielleicht
nennen -- oder von Unweltlichkeit, wie er aus ihren tiefliegenden Augen
schimmerte, war mir nie vorher ins innerste Herz gedrungen. Ich wei
nicht, wie das ist, aber dieser besondere Ausdruck im Auge, der
gelegentlich auch den Mund kruselt, ist der mchtigste, wenn nicht der
durchaus einzige Zauber, mit dem ein Weib mich fesseln kann. Romantik
-- vorausgesetzt, da meine Leser begreifen, was ich hier mit dem Wort
besagen will -- Romantik und Weiblichkeit sind fr mich dieselben
Begriffe, und was schlielich der Mann im Weibe wirklich liebt, ist
einfach ihre Weiblichkeit. Annies Augen (ich hrte, wie jemand von
drinnen rief Annie, Liebes!) waren geistvoll grau, ihr Haar war ein
lichtes Kastanienbraun; das war alles, was ich beobachten konnte.

Ihrer sehr artigen Einladung folgend, trat ich ein und durchschritt
zunchst eine ziemlich weite Diele. Da ich hauptschlich gekommen war,
um zu beobachten, stellte ich fest, da sich rechts von mir ein solches
Fenster befand, wie sie von auen zu sehen gewesen waren, links eine
Tr, die in das Hauptgemach fhrte, whrend gegenber eine offene Tr
mir Einblick in ein kleines Zimmer gestattete, das, von derselben Gre
wie die Diele, als Arbeitszimmer eingerichtet war und ein groes
Bogenfenster nach Norden hatte.

Ich trat ins Wohnzimmer und sah mich Mr. Landor gegenber, denn dieses
war, wie ich spter erfuhr, sein Name. Er war hflich, ja kordial von
Wesen, aber ich war eben jetzt eifriger bedacht, die Einrichtung des
Hauses, das mich so ungemein interessierte, zu betrachten, als die
persnliche Erscheinung des Besitzers.

Der Nordflgel, den ich nun sah, bestand aus einem Schlafzimmer, dessen
Tr in das Wohnzimmer fhrte. Den Boden bedeckte ein Teppich von
prchtigem Gewebe: kleine, grne, kreisende Figuren auf weiem Grunde.
An den Fenstern befanden sich Vorhnge aus schneeweiem
Jakonettmusselin; sie waren ziemlich schwer und hingen genau, vielleicht
etwas steif, in strengen, gleichmigen Falten bis auf den Boden --
genau bis auf den Boden. Die Wnde waren mit einer sehr zarten
franzsischen Tapete bekleidet, auf deren silbernem Grund ein blagrner
Faden in Zickzacklinien hindurchlief. Sie wurde in ihrer ganzen
Ausdehnung nur von drei kostbaren Lithographien Juliens  trois
crayons unterbrochen, die ungerahmt an der Wand befestigt waren. Eine
der Zeichnungen war eine Szene voll orientalischer Pracht oder besser
ppigkeit, eine andere ein Karnevalsbild, unvergleichlich geistvoll, die
dritte bot den Kopf einer Griechin: ein so gttlich schnes und dabei so
herausfordernd unentschiedenes Antlitz hatte ich nie vorher gesehen.

Die gegenstndliche Einrichtung bestand aus einem runden Tisch, ein paar
Sthlen (darunter ein groer Schaukelstuhl) und einem Sofa oder besser
einem Kanapee; es war aus glattem, gelblich-wei lackiertem Ahornholz
mit zarten grnen Streifen, der Sitz war Rohrgeflecht. Die Sthle und
der Tisch paten dazu, aber ganz offenbar war die Form eines jeden
Gegenstandes von demselben Kopf entworfen, der die Landschaft angelegt
hatte -- man kann sich nichts Anmutigeres denken.

Auf dem Tisch lagen ein paar Bcher, stand eine groe, eckige
Kristallflasche mit einem eigenartigen Parfm, eine Astral- (nicht
Solar-) Lampe aus glattem Milchglas mit einer italienischen Glocke und
eine groe Vase strahlend blhender Blumen. Blumen in verschwenderischer
Farbenpracht und zarten Dften bildeten tatschlich den einzigen Schmuck
des Zimmers. Der Kamin war fast ausgefllt von einer Vase mit
leuchtenden Geranien. Ein dreieckiges Wandbrett in jeder Zimmerecke trug
je eine hnliche Vase, nur ihr lieblicher Inhalt wechselte. Ein paar
kleinere Strue zierten den Kaminsims, und spte Veilchen umdrngten
die offenen Fenster.

Es liegt nicht in der Absicht dieser Erzhlung, mehr zu geben, als eine
eingehende Schilderung von Mr. Landors Wohnsitz, so wie ich ihn fand.




                     DER HERRSCHAFTSSITZ ARNHEIM


Von der Wiege bis zum Grabe wurde mein Freund Ellison von der Woge des
Erfolges emporgehoben. Ich gebrauche aber nicht das Wort Erfolg im
landlufigen Sinne; ich gebrauche es als Synonym fr Glck. Der Mensch,
von dem ich rede, schien geboren, um die Doktrinen eines Turgot, Price,
Priestly und Condorcet zu verwirklichen -- durch persnliches Beispiel
den Beweis zu erbringen fr das, was man eine Schimre der Puritaner
genannt hat. Ich vermeine in dem kurzen Dasein Ellisons das Dogma
widerlegt gesehen zu haben, da in der Natur des Menschen etwas
verborgen sei, das ihn der Seligkeit entziehe. Eine eingehende Prfung
seiner Laufbahn hat mir zu verstehen gegeben, da im allgemeinen das
Unglck der Menschheit von der Verletzung einiger weniger einfacher
Menschengesetze abzuleiten ist -- da wir die Elemente zu heiterer
Genge bis jetzt ungenutzt in unserer Macht haben -- und da selbst
jetzt in der gegenwrtigen Finsternis und Tollheit, da alle Gedanken auf
die groe Frage der sozialen Lage gerichtet sind, es nicht
ausgeschlossen ist, da der Mensch, das Individuum, unter gewissen
ungewhnlichen und rein zuflligen Umstnden glcklich sein kann.

Auch mein junger Freund war von derartigen Ansichten ganz erfllt, und
es ist daher bemerkenswert, da der ununterbrochene Genu, den das Leben
ihm brachte, zum groen Teil die Folge weiser Voraussicht war. Ja, es
ist klar, da Mr. Ellison, htte er weniger instinktive Philosophie
besessen, die gelegentlich so gut die Stelle der Erfahrung zu ersetzen
wei, sich durch den so auerordentlichen Erfolg, den das Leben ihm
brachte, in den blichen Strudel des Unglcks hinabgezogen gesehen
htte, der das Los aller hervorragend begnstigten Leute ist. Doch es
ist keineswegs meine Absicht, ein Essay ber das Wesen des Glcks zu
schreiben. Die Gedankengnge meines Freundes seien nur in kurzen Worten
geschildert. Er gab nicht mehr als vier Elementarstze oder, genauer
gesagt, Bedingungen fr die Freude zu. Die Hauptsache war ihm (seltsam
genug!) der einfache und rein physische Grundsatz der Bewegung im
Freien. Was man an Gesundheit, sagte er, auf anderm Wege erreichen
kann, ist dieses Namens kaum wert. Als Beispiel fhrte er die Wonnen
des Fuchsjgers an und wies auf die Ackerbauern hin, die einzigen Leute,
die man, als Klasse betrachtet, glcklicher erachten kann als andre.
Seine zweite Bedingung war Weibesliebe. Seine dritte und sehr schwer zu
verwirklichende war die Verachtung des Ehrgeizes. Seine vierte ein
rastlos gesuchtes Ziel. Und er behauptete, da andre Dinge gleichgltig
seien, so stehe das Ma des erreichbaren Glcksgefhls im Verhltnis zu
der Geistigkeit dieses Gegenstandes.

Ellison zeichnete sich durch eine Flle guter Gaben aus, die das Glck
ihm in den Scho geworfen hatte. An Schnheit und Anmut berstrahlte er
alle Mnner. Sein Verstand war von der Art jener, denen das Erwerben von
Kenntnissen weniger Anstrengung als Intention und Bedrfnis ist. Seine
Familie gehrte zu den erlauchtesten im Reich. Seine Braut war die
lieblichste und treu ergebenste aller Frauen. Er hatte stets ber
reichliches Besitztum verfgt; als er aber mndig wurde, stellte es sich
heraus, da das Schicksal ihm einen der seltenen Streiche gespielt
hatte, wie sie die ganze soziale Welt, in der sie sich ereignen,
zuweilen in Verblffung versetzen und selten verfehlen, die
Geistesverfassung derer, denen sie gelten, vllig umzustoen.

Es fand sich, da etwa hundert Jahre vor Mr. Ellisons Mndigwerdung in
einer entfernten Provinz ein Mr. Seabright Ellison gestorben war. Dieser
Herr hatte ein frstliches Vermgen zusammengerafft, und da er keine
direkten Nachkommen hatte, packte ihn die Grille, das Vermgen sich bis
hundert Jahre nach seinem Tode weiter aufstapeln zu lassen. Indem er die
Anlage des Kapitals eingehend und scharfsinnig bestimmte, vermachte er
die aufgehufte Summe demjenigen nchsten Blutsverwandten des Namens
Ellison, der nach Ablauf von hundert Jahren am Leben wre. Viele
Versuche waren gemacht worden, diese eigenartige Bestimmung zu umgehen;
ihr Ex-post-facto-Charakter lie sie fehlschlagen; man lenkte aber die
Aufmerksamkeit einer habgierigen Regierung darauf und erlangte eine
gesetzliche Verfgung, die alle derartigen Geldanhufungen untersagte.
Das hinderte freilich den jungen Ellison nicht, an seinem
einundzwanzigsten Geburtstag als der Erbe seines Ahnherrn Seabright in
den Besitz eines Vermgens von vierhundertundfnfzig Millionen Dollar zu
kommen.

Als es bekannt wurde, welch ungeheuerliche Summe die Erbschaft
ausmachte, gab es natrlich viele Vermutungen ber die Art, wie sie
anzulegen sei. Die Hhe und die sofortige Greifbarkeit der Summe
verwirrte alle, die sich mit der Sache befaten. Fr den Besitzer
irgendeiner bersehbaren Geldmenge htte man sich irgendeinen von
tausend Plnen ausgedacht. Wre er mit Gtern gesegnet worden, die
lediglich die der andern Brger berstiegen, so htte man sich unschwer
vorgestellt, er werde die beliebten Extravaganzen seiner Zeit in
unerhrtester Weise bertreiben -- oder sich mit politischen Umtrieben
befassen -- oder nach der Machtstellung eines Ministers streben -- oder
sich den hheren Adel kaufen -- oder groe Museen der schnen
Knste anlegen -- oder den freigebigen Mzen in Wissenschaft,
Literatur und Kunst spielen -- oder seinen Namen in ausgedehnten
Wohlfahrtseinrichtungen verewigen. Bei dem unfalichen Vermgen jedoch,
in dessen unumschrnktem Besitz der Erbe sich befand, empfand man diese
und alle gewhnlichen Ziele als ein allzu begrenztes Feld. Man nahm zu
Zahlen seine Zuflucht, und auch diese verwirrten noch mehr. Es
stellte sich heraus, da selbst bei nur drei Prozent das
Jahreseinkommen der Erbschaft nicht weniger als dreizehn
Millionen fnfhunderttausend Dollar betrug, was eine Million
einhundertundfnfundzwanzigtausend Dollar im Monat ausmachte; oder
sechsunddreiigtausendneunhundertundsechsundachtzig am Tag; oder
sechsundzwanzig Dollar fr jede entfliehende Minute. So wurde natrlich
der bliche Weg der Mutmaungen vllig umgestoen. Die Leute wuten
nicht, was sie ersinnen sollten. Einige meinten sogar, Mr. Ellison werde
sich mindestens der Hlfte seines Vermgens als vllig berflssig
entledigen -- und die ganze Sippe seiner Verwandtschaft durch Verteilung
dieses berflusses bereichern. Den nchsten Verwandten berlie er
tatschlich die ungewhnlich groen Reichtmer, die ihm bereits vor der
Erbschaft gehrten.

Ich war jedoch gar nicht berrascht, als ich merkte, da er schon lngst
seinen Entschlu ber einen Punkt gefat hatte, der von seinen Freunden
soviel errtert worden war. Auch war ich ber die Art dieses
Entschlusses nicht allzusehr erstaunt. Hinsichtlich der persnlichen
Wohlttigkeit hatte er sein Gewissen beruhigt. Von der Mglichkeit
irgendeines wesentlichen Dienstes, den der Mensch, wie man so zu sagen
pflegt, der Menschheit erweisen knnte, war er (wie ich leider gestehen
mu) wenig berzeugt. Kurz und gut, glcklich oder nicht glcklich, er
war so ziemlich ganz auf sich selber angewiesen.

Er war im weitesten und edeln Sinne ein Dichter. Er erfate berdies den
wahren Charakter, die erhabenen Ziele, die herrliche Majestt und Wrde
der poetischen Empfindung. Er fhlte instinktiv, da die vollste, wenn
nicht die einzige Befriedigung in der Erschaffung neuer Schnheitsformen
lag. Eine gewisse Eigenart, eine Folge seiner Erziehung oder seines
Intellekts, gab allen seinen ethischen Betrachtungen eine
materialistische Frbung, und dieser Hang vielleicht war es, der ihn zu
der Ansicht fhrte, das vorteilhafteste, wenn nicht das einzig
rechtmige Feld fr angewandte Poesie biete die Schpfung neuer Formen
von natrlicher, rein physischer Schnheit. So kam es, da er weder
Musiker noch Dichter wurde -- wenn wir diese letztere Bezeichnung in
ihrer gewhnlichen Bedeutung fassen. Mag aber auch sein, da er beides
nicht werden wollte -- lediglich in Verfolgung seiner Idee, da die
Verachtung jeglichen Ehrgeizes eine der wesentlichen Wurzeln des
irdischen Glckes sei. Ist es nicht tatschlich mglich, da, whrend
ein groes Genie naturgem ehrgeizig ist, noch ein greres ber dem
steht, was wir Ehrgeiz nennen? Kann es nicht sein, da viele, die weit
grer sind als Milton, sich begngt haben, stumm und unberhmt zu
bleiben? Ich glaube, die Welt hat auf dem Gebiet der Kunst die ganze
erschpfende Flle prachtvoller Leistungen, deren die menschliche Natur
unbedingt fhig ist, nie gesehen und wird sie nie sehen -- es sei denn,
da allerlei Zuflle einmal eines jener greren Genies, entgegen seiner
eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen.

Ellison wurde weder Musiker noch Dichter, obgleich man Musik und Poesie
nicht inniger lieben konnte als er. Es ist nicht ausgeschlossen, da er
unter andern Lebensbedingungen Maler geworden wre. Die Bildhauerkunst
war trotz ihres stark poetischen Gehalts zu begrenzt in Form und
Wirkung, um jemals seine Aufmerksamkeit lange fesseln zu knnen. Und ich
habe nun alle Gebiete aufgezhlt, in denen nach allgemeinen Begriffen
die poetische Empfindung sich ausbreiten kann. Ellison aber behauptete,
das reichste und echteste, das natrlichste und wohl auch umfassendste
Gebiet sei unverantwortlicherweise bersehen worden. Kein Deuter habe je
den Landschaftsgrtner als Knstler erwhnt; dennoch, so meinte mein
Freund, biete der Landschaftsgarten der wahren Muse die edelsten
Mglichkeiten. Hier sei wirklich das schnste Feld zur Entfaltung der
Phantasie in immer neuer Gestaltung neuer Schnheitsformen, da die zur
Zusammenstellung vorhandenen Elemente bei weitem die herrlichsten seien,
die die Erde zu bieten habe. In den zahllosen Formen und Farben der
Blumen und Bume erkannte er den ausgesprochensten und kraftvollsten
Drang der Natur nach krperlicher Schnheit. Und in der Anordnung oder
Vereinigung dieser Bemhungen -- oder richtiger, in ihrer Anpassung an
die Augen, die sie auf Erden wrdigen sollten -- glaubte er auf die
beste Art -- und mit erfolgreichsten Leistungen -- der Erfllung nahe zu
kommen, nicht nur seiner eigenen Bestimmung als Knstler, sondern auch
den erhabenen Zielen, um deretwillen die Gottheit dem Menschen das
knstlerische Empfinden eingeimpft habe.

Ihre Anpassung an die Augen, die sie auf Erden wrdigen sollten ... In
seiner Erluterung dieses Ausdrucks trug Mr. Ellison viel zur Lsung
dessen bei, was mir immer als Rtsel erschienen war: -- ich meine die
(nur von Unwissenden bestrittene) Tatsache, da es in der Natur keine
solchen Szenerien gibt, wie der geniale Maler sie zu schaffen wei.
Keine solchen Paradiese sind in der Wirklichkeit zu finden, wie sie auf
der Leinwand Claudes erglhen. In den bezauberndsten natrlichen
Landschaften wird stets ein Mangel oder ein Unma zu finden sein --
viele Mngel und viele Unmigkeiten. Whrend die gegebenen Bestandteile
im einzelnen das grte Knnen des Knstlers bertreffen mgen, so wird
die Anordnung dieser Teile stets noch der Vervollkommnung bedrftig
sein. Kurz, in der ganzen weiten natrlichen Landschaft auf Erden gibt
es keinen Betrachtungspunkt, von dem aus ein Knstlerauge bei lngerem
Zusehen nicht einen Versto gegen das fnde, was man die Komposition
der Landschaft nennt. Und wie unbegreiflich ist das doch! In allen
andern Dingen sind wir richtig belehrt, die Natur als berlegen
anzusehen. Wir scheuen den Wettbewerb mit ihren Einzelschpfungen. Wer
wollte es fertigbringen, die Farben der Tulpe wiederzugeben oder die
Gestalt des Maiglckchens zu verbessern? Die Kritik, die von der
Bildhauerei oder der Portrtkunst sagt, da hier die Natur nicht nur
erreicht, sondern bertroffen oder idealisiert sei, befindet sich im
Irrtum. Kein malerisches noch bildhauerisches Zusammenwirken von
Einzelheiten menschlicher Schnheit kann mehr, als der lebendigen,
atmenden Schnheit nahe kommen. Nur in der Landschaft ist jener
Standpunkt des Kritikers im Recht, und da er seine Wahrheit hier
empfand, so ist es nur die unberlegte Vorliebe zur Verallgemeinerung,
die ihn dahin fhrte, ihn auf allen Gebieten der Kunst als richtig
aufzustellen. Ich sage, seine Wahrheit hier _empfand_; denn die
Empfindung ist keine Einbildung, keine Schimre. Die Mathematiker
liefern keine exakteren Beweise, als sie dem Knstler in seiner Kunst
das Gefhl bietet. Er glaubt nicht nur, sondern er wei positiv, da die
und die scheinbar willkrliche Anordnung der Dinge die wahre Schnheit
ausmacht -- sie ganz allein ausmacht. Seine Grnde aber sind noch nicht
zum Ausdruck gereift. Es bleibt einer grndlicheren Analyse, als die
Welt sie bisher gesehen hat, berlassen, diese Grnde voll zu erforschen
und darzutun. Dessenungeachtet wird er in seiner instinktiven Ansicht
durch die Stimme aller seiner Brder untersttzt.

Nehmen wir an, eine Komposition sei mangelhaft; sie solle lediglich in
ihrer Zusammensetzung umgearbeitet werden; nun mge man die Frage nach
der Notwendigkeit dieser Umarbeitung jedem Knstler, den es nur gibt,
vorlegen, von jedem wird die Notwendigkeit zugegeben werden. Und sogar
weit mehr als das: zur Behebung der fehlerhaften Komposition wrde jedes
einzelne Glied dieser Bruderschaft die nmliche nderung vorgeschlagen
haben.

Ich wiederhole, da nur bei Landschaftsbildern die Schnheit der Natur
eine Steigerung zult und da daher die Fhigkeit zu ihrer
Vervollkommnung in gerade diesem einen Punkte ein Geheimnis war, das ich
nicht zu lsen wute. Meine eigenen Anschauungen ber den Gegenstand
gingen dahin, die Natur habe in ihrer ursprnglichen Absicht die Erde so
gebildet, da sie in allen Punkten der menschlichen Auffassung von
vollendeter Schnheit oder Erhabenheit entsprach; aber diese
ursprngliche Absicht sei durch die bekannten geologischen Strungen
vernichtet worden -- Strungen in Form und Farbengruppierung, in deren
Verbesserung oder Abschwchung die Seele der Kunst beruht. Die Kraft
dieses Gedankens wurde jedoch sehr abgeschwcht durch die in ihm
verborgene Notwendigkeit, die Strungen als anormal und durchaus
unzweckmig zu betrachten. Ellison war es, der die Vermutung aussprach,
sie seien ein Anzeichen des Todes. Er erklrte das so: -- Angenommen,
die ursprngliche Absicht sei die irdische Unsterblichkeit des Menschen
gewesen. Dann finden wir die ursprngliche Bildung der Erde seinem
seligen Zustand angepat -- zwar nicht bestehend, aber beabsichtigt. Die
Umwlzungen waren die Vorbereitungen fr seine spter beschlossene
Bestimmung zum Tode.

Nun knnte aber, sagte mein Freund, das, was wir als Steigerung der
landschaftlichen Schnheit empfinden, eine lediglich menschliche
Anschauungsweise sein. Jede Vernderung der natrlichen Szenerie wrde
das Bild vielleicht verunstalten, wenn wir es uns von weitem -- als
groe Masse gesehen -- denken, von einem der Erdoberflche fernen Punkt,
wenngleich nicht hinter den Grenzen ihrer Atmosphre. Es ist leicht
begreiflich, da das, was einem nah besehenen Detail zum Vorteil
gereichen mag, gleichzeitig eine allgemeine oder entferntere Wirkung
beeintrchtigen kann. Es _knnte_ doch eine Art vordem menschlicher, nun
aber der Menschheit unsichtbarer Wesen geben, denen aus der Ferne unsre
Wirrnis als Ordnung erscheint -- unser Unmalerisches als malerisch; mit
einem Wort, ich meine die Erdengel, fr deren Betrachtung mehr als fr
unsere und fr deren durch den Tod veredelte Bewertung des Schnen die
weiten Landschaftsgrten der Hemisphren von Gott aufgestellt worden
sein mgen.

Im Laufe des Gesprches fhrte mein Freund einige Zitate eines
Beurteilers der Landschaftsgrtnerei an, der, wie man sagt, sein Thema
gut behandelt haben soll:

>Es gibt eigentlich nur zwei Richtungen in der Landschaftsgrtnerei, die
natrliche und die knstliche. Man versucht die ursprngliche Schnheit
der Landschaft wiederherzustellen, indem man ihre eigenen Mittel auf die
Umgebung anwendet: Bume anpflanzt, die sich den benachbarten Hgeln
oder Flchen harmonisch anpassen; jenen reizvollen Einklang von Gre,
Form und Farbe entdeckt und anwendet, der, dem gewhnlichen Beschauer
verborgen, sich erfahrenen Naturbeobachtern berall enthllt. Das
Resultat der natrlichen Richtung in der Grtnerei zeigt sich mehr in
der Vermeidung aller Mngel und Miverhltnisse -- in der Pflege einer
gesunden Harmonie und Ordnung --, als im Hervorbringen von Wundern oder
Besonderheiten. Die knstliche Richtung hat soviele Abstufungen, als es
Geschmacksverschiedenheiten zu befriedigen gibt. Sie hat eine gewisse
allgemeine Verwandtschaft mit den verschiedenen Baustilen. Da gibt es
die pomphaften Alleen und Boskette Versailles, italienische Terrassen
und ein vielfach gemischter altenglischer Stil, der eine gewisse
hnlichkeit mit der profanen Gotik oder der englischen elisabethanischen
Architektur zeigt. Was auch gegen den Mibrauch der knstlichen
Landschaftsgrtnerei gesagt worden sein mag, so gibt doch eine
Beimischung reiner Kunst einer Gartenszene groe Schnheit. Teils
erfreut es das Auge, da es eine Ordnung und Planmigkeit wahrnimmt,
teils ist es ein geistiges Genieen. Eine Terrasse mit einer alten
moosbewachsenen Balustrade ruft uns sofort die reizenden Gestalten ins
Gedchtnis, die hier in frheren Tagen gewandelt sind. Die kleinste
Darbietung von Kunst ist ein Beweis der Sorgfalt und menschlicher
Selbstliebe.<

Aus meinen bisherigen Bemerkungen werden Sie begreifen, sagte Ellison,
da ich den Gedanken verwerfe, die ursprngliche Schnheit der
Landschaft wieder herstellen zu wollen. Die ursprngliche Schnheit ist
nie so gro, wie die, welche man hervorrufen knnte. Allerdings liegt
alles an der Wahl eines geeigneten Platzes. Was oben ber die Entdeckung
und praktische Anwendung hbscher Beziehungen in Gre, Gestalt und
Farbe gesagt ist, ist nichts als eine hohle Redensart, um unklare
Gedanken zu bemnteln. Der genannte Ausspruch kann alles und nichts
besagen und gibt keinerlei Anweisung. Da der wahre Erfolg des
natrlichen Stils in der Grtnerei mehr in der Vermeidung aller Mngel
und Miverhltnisse, als in der Erschaffung irgendwelcher Wunder und
Besonderheiten zu suchen sei, ist ein Vorschlag, der besser zu dem
niedrigen Begriffsvermgen der Herdenmenschen pat als zu den feurigen
Trumen eines genialen Mannes. Der befrwortete negative Vorzug gehrt
zu den hinkenden Beurteilungen, die in der Literatur zum Beispiel einem
Addison eine Apotheose bereiten wrden. Ja, whrend jene Tchtigkeit,
die lediglich in der Vermeidung von Fehlern besteht, sich direkt an
unsere Einsicht wendet und daher durch Vorschriften umschrieben werden
kann, ist die erhabenere Gabe, die in der Neuschpfung flammt, allein in
ihren Wirkungen zu begreifen. Regeln behandeln nur die Vorzge der
Vermeidung -- den Wert der Enthaltsamkeit. Darber hinaus kann die
kritische Kunst nur mutmaen. Man kann uns unterweisen, einen >Cato< zu
konstruieren, aber vergeblich wird man uns belehren, wie ein Parthenon
oder ein >Inferno< zu schaffen sei. Ist aber die Sache getan, das Wunder
vollendet, so ist es allgemeinverstndlich. Die Sophisten der negativen
Schule, die aus Unfhigkeit zum Schpferischen solches Tun verspottet
haben, sind nun die eifrigsten im Beifallspenden. Was im Larvenzustand
seines Beginns ihren zahmen Verstand beleidigte, verfehlt nie, in seiner
Reife der Vollendung ihrem Instinkt fr Schnheit Bewunderung
abzuntigen.

Gegen die Bemerkungen des Verfassers ber den knstlichen Stil ist
weniger zu sagen, fuhr Ellison fort. Die Beimischung reiner Kunst gibt
einer Gartenszene eine groe Schnheit. Das ist richtig, ebenso wie der
Hinweis auf menschliche Selbstliebe. Das angefhrte Prinzip ist
unbestreitbar -- es _knnte_ aber darber hinaus noch etwas geben. Es
knnte ein auf diesem Grundsatz aufgebautes Ziel geben -- ein mit den
blichen Mitteln des einzelnen unerreichbares Ziel, das aber, wenn es
erreicht wird, dem Landschaftsgarten einen Reiz verleihen wrde, der
alles weit bertrfe, was menschliche Sorgfalt hervorbringen knnte. Ein
Knstler mit ganz auergewhnlichen Geldmitteln knnte, trotz
Beibehaltung der notwendigen Begriffe von Kunst oder Kultur oder, wie
unser Autor sagt, von Selbstliebe, seine Plne gleichzeitig so durch
grozgige Anlage und neuartige Schnheit bereichern, da man an die
Einmischung von Feenhand glauben mchte. Man wird sehen, da er zu
solchem Resultat alle Vorteile der Selbstliebe oder Absicht heranzieht,
whrend er doch sein Werk von der Schrfe oder den Kunstgriffen der
irdischen Kunst befreit. Im finstersten Urwald -- in den entlegensten
Gebieten der Natur -- ist die Kunst eines Schpfers erkennbar; doch
diese Kunst wird nur dem Verstande deutlich; in keiner Weise hat sie die
einleuchtende Kraft des Gefhls. Nun wollen wir uns diesen Sinn in der
Absicht des Allmchtigen nur einen Grad niedriger denken -- irgendwie in
Harmonie oder in bereinstimmung gebracht mit dem Wesen der menschlichen
Kunst -- um ein Zwischenglied zwischen beiden zu bilden: -- stellen wir
uns beispielsweise eine Landschaft vor, die durch Ausgedehntheit und
Bestimmtheit, durch Schnheit, Pracht und Absonderlichkeit den Gedanken
an Sorgfalt, Kultur und Pflege durch hhere und doch der Menschheit
verwandte Wesen wachruft -- dann ist der Begriff der Interessiertheit
gewahrt, whrend die eingeflochtene Kunst zur Annahme einer
vermittelnden oder zweiten Natur fhrt -- einer Natur, die weder Gott
noch eine Emanation Gottes ist, die aber dennoch Natur ist, als
Kunstwerk der Engel, die zwischen den Menschen und Gott schweben.

Ellison gedachte seinen ungeheuren Reichtum in der Verwirklichung einer
derartigen Vision anzulegen -- in der durch persnliche berwachung
seiner Anordnungen gebotenen Bewegung im Freien -- in dem unbeschrnkten
Ziel, das diese Absichten boten, in dem vergeistigten Wesen dieses
Ziels, in der Verachtung ehrgeizigen Strebens, die ihm dadurch
ermglicht wurde, in dem ewigen Lenz, mit dem dieses Ziel, ohne je zu
bersttigen, seine Hauptleidenschaft, den Durst nach Schnheit,
befriedigte; vor allem aber in der Sympathie eines nicht unweiblichen
Weibes, deren Lieblichkeit und Liebe sein Dasein mit der purpurnen
Atmosphre des Paradieses umgeben; und er hoffte, Befreiung von den
Alltagszielen der Menschheit zu finden, und er _fand_ sie und eine weit
grere Flle positiven Glcks, als je in den berschwenglichen
Wachtrumen einer Stal glhte.

Ich bezweifle, da ich dem Leser eine irgendwie klare Vorstellung der
Wunder vermitteln kann, die mein Freund tatschlich verrichtete. Ich
mchte beschreiben, fhle mich aber von der Schwierigkeit der
Beschreibung entmutigt und zgere zwischen Detaillierung und
Verallgemeinerung. Der beste Weg ist vielleicht der, die beiden Extreme
zu vereinigen.

Mr. Ellisons erster Schritt galt natrlich der Wahl einer rtlichkeit,
und kaum hatte er ber diesen Punkt nachgedacht, als die ppige
Naturpracht der Sdsee-Inseln seine Aufmerksamkeit fesselte. Ja, er
hatte schon beschlossen, eine Reise in die Sdsee anzutreten, als die
berlegung einer Nacht ihn veranlate, die Idee aufzugeben. Wre ich
ein Menschenfeind, sagte er, so wrde mir solch ein Ort gefallen. Die
vllige Abgeschlossenheit und die Schwierigkeit des Hin- und
Zurckgelangens wre in solchem Falle der Reiz aller Reize; noch aber
bin ich nicht Timon. Ich wnsche die Erholung, aber nicht das
Bedrckende der Einsamkeit. Ich mu in gewissem Sinne den Grad und die
Dauer meiner Zurckgezogenheit bestimmen knnen. Es mgen Stunden
kommen, in denen ich das, was ich geleistet habe, der Sympathie
poetischer Geister vorfhren will. Ich werde daher einen Ort whlen, der
nicht weit von einer volkreichen Stadt liegt, deren Nhe mir auch die
Durchfhrung meiner Plne am besten ermglicht.

Auf der Suche nach einem solchen Ort reiste Ellison mehrere Jahre umher,
und mir war es erlaubt, ihn zu begleiten. Wohl tausend Pltze, von denen
ich entzckt war, verwarf er aus Grnden, deren Richtigkeit ich jedesmal
anerkennen mute. Wir kamen schlielich zu einem erhhten Tafelland von
wundervoller Fruchtbarkeit und Schnheit, das einen Rundblick bot, der
dem des tna an Ausdehnung sehr wenig nachstand und das nach Ellisons
wie meiner Ansicht die weitberhmte Aussicht jenes Berges in allen
wesentlichen Elementen des Malerischen berragte.

Ich bin mir bewut, sagte der Reisende mit einem Seufzer tiefen
Entzckens, nachdem er die Szene wohl eine Stunde lang bezaubert
betrachtet hatte, ich wei, da neun Zehntel der whlerischsten Mnner
an meiner Stelle hier befriedigt sein wrden. Dieses Panorama ist in der
Tat herrlich, und ich wrde davon hingerissen sein, wenn es nicht
bertrieben herrlich wre. Der Geschmack aller mir bekannten Baumeister
veranlat sie, der >Aussicht< wegen, ihre Huser auf eine Hhe zu
stellen. Der Irrtum ist klar. Gre in jeder Form, besonders aber als
Ausdehnung, bringt berraschung, Erregung -- und ermdet dann, drckt
nieder. Als gelegentliche Szene kann es nichts Besseres geben -- zum
dauernden Anblick nichts Schlimmeres. Und zum dauernden Anblick ist die
unzulssigste Art der Gre die der Ausdehnung, des weiten Raumes. Sie
steht mit dem Gefhl, dem Sinn fr Zurckgezogenheit auf dem Kriegsfu
-- dem Sinn, den wir zu befriedigen suchen, wenn wir uns >auf das Land
zurckziehen<. Wenn wir vom Gipfel eines Berges um uns blicken, so
fhlen wir uns unwillkrlich verloren in der Welt. Die tief
melancholischen Seelen meiden einen weiten Blick wie die Pest.

Nicht vor Ende des vierten Jahres unsrer Suche fanden wir eine Gegend,
mit der Ellison sich einverstanden erklrte. Es ist natrlich
berflssig, zu sagen, wo diese Gegend lag. Der krzlich erfolgte Tod
meines Freundes, der seine Besitzung fr gewisse Kreise von Besuchern
erschlo, hat Arnheim zu einer heimlichen und gedmpften, wenn nicht
traurigen Berhmtheit verholfen, hnlich -- allerdings in unendlich
hherem Grade -- wie es mit dem so lang verehrten Fonthill gegangen ist.

Der bliche Weg nach Arnheim war der Flu. Der Besucher verlie die
Stadt am frhen Morgen. Im Laufe des Vormittags glitt er zwischen Ufern
voll stiller, lndlicher Schnheit dahin, auf denen zahllose Schafe
weideten, deren weies Fell das strahlende Grn der vorberziehenden
Wiesen sprenkelte. Nach und nach wirkte die Landschaft weniger bebaut,
als lediglich mit Sorgfalt gepflegt. Das wandelte sich allmhlich in
Verlassenheit -- diese wieder in vllige Abgeschiedenheit. Als der Abend
kam, wurde der Kanal enger, die Ufer erhoben sich steiler und waren mit
ppigem, dunklem Laubwuchs bedeckt. Das Wasser wurde durchsichtig. Der
Flu machte tausend Windungen, so da man seine schimmernde Flche nur
immer eine kurze Strecke weit berschauen konnte. Jeden Augenblick war
es, als befinde sich das Schiff in einem Zauberkreis aus
undurchdringlichen Laubwnden, einer Decke von tiefblauer Seide und --
_keinem_ Boden, da der Kiel mit staunenswerter Geschicklichkeit auf dem
eines andern gespenstischen Bootes zu balanzieren schien, das, zufllig
kieloben treibend, die bestndige Begleitung und gewissermaen der Halt
des wirklichen Bootes zu sein schien. Der Kanal wurde jetzt zu einer
Schlucht -- die Bezeichnung ist allerdings etwas unangebracht, und ich
gebrauche sie nur, weil die Sprache kein Wort hat, das diesen
aufflligsten Zug der Landschaft kennzeichnet. Der Charakter einer
Schlucht wurde nur durch die Hhe und Gleichmigkeit beider Ufer
gegeben; in allem andern war keine hnlichkeit zu spren. Die Wnde der
Schlucht (durch die das Wasser weiter still dahinflo) erreichten eine
Hhe von hundert und gelegentlich hundertfnfzig Fu und neigten sich
einander soweit zu, da sie das Tageslicht wesentlich abdmpften,
whrend das lange flaumige Moos, das in dichten Bscheln vom
verflochtenen Strauchwerk oben herniederhing, der ganzen Kluft eine
trauernde Dsterkeit verlieh. Die Windungen wurden hufiger und
verworrener und schienen oft wieder nach rckwrts zu fhren, so da der
Reisende lngst nicht mehr die Richtung kannte. berdies fhlte er mit
Entzcken die Seltsamkeit seiner Umgebung. Freilich, Natur war es noch
immer, aber sie war beeinflut worden. Da war eine zauberhafte
Symmetrie, eine packende Gleichmigkeit, eine mrchenhafte Sauberkeit
hier in ihren Werken. Nicht ein totes Zweiglein -- nicht ein welkes
Blatt -- nicht ein verirrter Kiesel -- nicht ein Fleckchen nackter Erde
war zu sehen. Das kristallklare Wasser wellte an dem sauberen Granit
oder dem fleckenlosen Moos empor in einer so ebenmigen Grenzlinie, da
es das Auge entzckte und bestrzte.

Hatte man die Irrgnge dieses Kanals einige Stunden lang durchzogen,
whrend die Dmmerung immer mehr zunahm, so brachte eine scharfe und
pltzliche Wendung das Boot wie vom Himmel gefallen in ein rundes Becken
von ansehnlichen Ausmaen, mit denen der Schlucht verglichen. Es hatte
etwa zweihundert Meter Durchmesser und war bis auf eine einzige Stelle,
die dem Boot bei seinem Eintritt genau gegenber lag, von Hgeln
eingefat, deren Hhe den Mauern der Schlucht entsprach, die aber ganz
anders in der Anlage waren. Sie glitten in einem Winkel von etwa vierzig
Grad zum Wasser herunter, und diese Hnge waren von unten bis oben --
ohne den kleinsten Zwischenraum -- mit den prchtigsten Blten
geschmckt; kaum ein grnes Blttchen war in dem Meer duftender Farben
und flutender Bltensterne zu sehen. Dieses Becken war von groer Tiefe;
das Wasser war aber so durchsichtig, da der Boden, der aus einer
dichten Menge kleiner, runder Alabasterkiesel zu bestehen schien,
gelegentlich deutlich sichtbar wurde, das heit immer dann, wenn das
Auge es fertig brachte, nicht tief unten im umgekehrten Himmel das
verdoppelte Blhen der Hgel wahrzunehmen. Auf diesen gab es weder Bume
noch Strucher irgendwelcher Gre. Der Eindruck fr den Beschauer war
Flle, Wrme, Farbe, Ruhe, Gleichmigkeit, Sanftheit, Zartheit,
Vornehmheit, ppigkeit und ein so wundervolles berma von Pflege, da
man trumen mochte, das Geschlecht der Feen, der fleiigen,
geschmackvollen, prunkliebenden und stolzen Feen sei auferstanden; wenn
aber der Blick von der scharfen Wassergrenze des myriadengetnten Hanges
zu seiner in niedrig ziehenden Wolken verschwimmenden Hhe schweifte, so
war es wirklich schwer, nicht an einen strzenden Wasserfall von
Rubinen, Saphiren, Opalen und goldschimmernden Onyxen zu denken, der
schweigend aus dem Himmel niederstrzte.

Der Besucher, der pltzlich aus dem Dmmer der Schlucht in diese Bucht
herausgleitet, ist entzckt und berrascht, den vollen Ball der
untergehenden Sonne zu erblicken, die er lngst tief unter dem Horizont
glaubte, die ihm nun aber gegenbersteht und den einzigen Abschlu eines
andernfalls unbegrenzten Ausblicks durch einen andern schluchtartigen
Einschnitt in den Hgeln bildet.

Hier aber verlt der Reisende das Schiff, das ihn soweit getragen hat,
und besteigt ein leichtes Boot aus Elfenbein, das innen wie auen mit
Arabesken in Scharlachrot geziert ist. Bug und Hinterteil des Bootes
heben sich in scharfer Spitze hoch aus dem Wasser, so da die Form des
Ganzen ein unregelmiger Halbmond ist. Mit der stolzen Anmut des
Schwanes wiegt es sich auf dem Spiegel der Bucht. Auf seinem
hermelinbelegten Boden ruht ein einziges leichtes Ruder aus Atlasholz;
doch kein Ruderer oder Begleiter ist zu sehen. Der Gast wird gebeten,
sich vertrauensvoll darauf zu verlassen, da das Schicksal ihn behten
wird. Der grere Kahn verschwindet, und er bleibt allein in dem Boot
zurck, das anscheinend unbeweglich mitten im See liegt. Whrend er
berlegt, welchen Kurs er nehmen soll, sprt er jedoch, da das Feenboot
sich sacht bewegt. Es schwingt sich langsam herum, bis sein Bug zur
Sonne weist.

Es bewegt sich mit sanfter, aber zunehmender Schnelligkeit voran, und
das leichte Wellenkruseln umtanzt die elfenbeinernen Bootswnde wie mit
himmlischen Melodien -- und gibt jedenfalls die einzige Erklrung fr
die schmeichelnde, doch schwermtige Musik, nach deren unsichtbarem
Ursprung der bestrzte Reisende vergeblich um sich blickt.

Das Boot rckt stetig voran, und das Felsentor der Durchsicht rckt
nher, so da man deutlicher in seine Tiefen sphen kann. Rechts erhebt
sich eine Kette wild und ppig bewaldeter Hhen. Immer aber kann man
sehen, da die kstliche Sauberkeit des Ufers dort, wo es ins Wasser
taucht, erhalten bleibt. Nicht ein Zeichen des an Fluufern sonst
blichen Verfalls ist wahrzunehmen. Nach links ist die Szene sanfter,
und das Knstliche ist strker betont. Hier schwingt sich das Ufer in
sehr sanfter Steigung vom Flu empor und bildet eine breite Rasenflche,
die nur mit Sammet zu vergleichen ist und ein so strahlendes Grn
aufweist, da es mit dem reinsten Smaragd wetteifert. Dieses Plateau
hat eine wechselnde Breite von zehn zu dreihundert Metern und reicht vom
Ufer bis zu einer Mauer, die in unzhligen Kurven dahinzieht, im
allgemeinen aber dem Flulauf folgt, bis sie sich nach Westen in der
Ferne verliert. Diese Mauer besteht aus einem zusammenhngenden Fels und
ist dadurch entstanden, da man den einst zerklfteten Hang des
sdlichen Fluufers senkrecht abschnitt; doch nicht die kleinste Spur
dieser Arbeit ist mehr zu sehen. Der gemischte Stein ist altersgrau und
ist verschwenderisch mit Efeu, korallenrotem Geisblatt, der wilden Rose
und Klematis behangen und umwuchert. Die Gleichmigkeit der oberen und
unteren Abschlulinie der Mauer wird durch Bume von gigantischer Gre
erreicht, die vereinzelt oder in Gruppen auf dem Plateau oder im
Bereich hinter der Mauer, aber immer dicht neben ihr stehen, so da
zuweilen die ste (besonders jene der schwarzen Walnu) herbergreifen
und ihre hngenden Spitzen ins Wasser tauchen. Weiter hinten ist das
eingeschlossene Gebiet von undurchdringlichem Laubwerk verhllt.

Diese Dinge bemerkt man, whrend das Boot der Stelle immer nher kommt,
die ich das Tor der Durchsicht genannt habe. Je mehr man sich ihm
nhert, desto mehr verschwindet das Zauberhafte daran; nach links ffnet
sich ein neuer Abflu aus der Bucht, und in dieselbe Richtung scheint
auch die Mauer sich zu ziehen, die immer noch den Flulauf begleitet.
Weit kann das Auge nicht in diese neue Flucht hinuntersphen, denn das
von der Mauer begleitete Wasser biegt wiederum nach links ab, bis beide
im Laubdach verschwinden.

Das Boot aber gleitet wie durch Zauberkraft in den gewundenen Kanal, und
hier zeigt das der Mauer gegenberliegende Ufer hnlichkeit mit dem
vorhin beschriebenen Ufer. Hohe Hgel, die sich gelegentlich zu Bergen
erheben und eine ppige, wilde Vegetation tragen, schlieen die Szene
ein.

Das Boot gleitet sanft, aber mit zunehmender Geschwindigkeit dahin, bis
nach vielen kurzen Drehungen der Reisende seinen Weg von einem
gigantischen Tor oder vielmehr einer vergoldeten, berreich zierlichen
Tr gehemmt sieht, die den vollen Strahlen der jetzt schnell sinkenden
Sonne ein so glnzender Spiegel ist, da der ganze umliegende Wald in
Flammen zu stehen scheint. Dieses Tor ist in die hohe Mauer eingelassen,
die den Flu hier scheinbar rechtwinklig kreuzt. Nach kurzer Zeit
allerdings sieht man, da der Hauptstrom des Wassers noch immer in
sanftem und gedehntem Bogen nach links gleitet, wie zuvor der Mauer
folgend, whrend eine nicht unbetrchtliche Strmung sich von dem
Hauptarm abzweigt und leise kruselnd unter dem Tor den Blicken
entschwindet. Das Boot fllt in den kleinen Kanal und nhert sich dem
Tor. Seine weitausladenden Flgel dehnen sich langsam und sanft
erklingend. Das Boot gleitet hindurch und fliegt eilig einem ungeheuren
Amphitheater zu, das vollstndig von purpurnen Bergen umschlossen ist,
deren Fe ein schimmernder Flu umsplt. Und nun zeigt sich den Blicken
urpltzlich das ganze Paradies Arnheim. Eine bezaubernde Melodie rauscht
auf; ein seltsam ses Duften umschmeichelt die Sinne, -- und
traumgleich erstehen vor dem Auge hohe, schlanke Zypressen,
laubenartiges Gestruch, Scharen goldener und scharlachroter Vgel,
lilienumsumte Teiche, Wiesen voller Veilchen, Tulpen, Mohn, Hyazinthen
und Tuberosen, lange, gewundene, silberne Wasserlufe und mitten aus
alledem phantastisch emporstrebend ein halb gotisches, halb maurisches
Bauwerk, das wie durch Wunderkraft frei in der Luft zu schweben scheint,
im roten Sonnenglanz mit hundert Erkern, Minaretten und Zinnen
erglitzert und vermuten lt, es sei ein Geisterwerk der Sylphen, Feen,
Genien und Gnomen.




                               GEDICHTE




                               DER RABE


   Einst in dunkler Mittnachtstunde, als ich in entschwundner Kunde
   Wunderlicher Bcher forschte, bis mein Geist die Kraft verlor
   Und mir's trbe ward im Kopfe, kam mir's pltzlich vor, als klopfe
   Jemand zag ans Tor, als klopfe -- klopfe jemand sacht ans Tor.
   Irgendein Besucher, dacht' ich, pocht zur Nachtzeit noch ans Tor --
   Weiter nichts. -- So kam mir's vor.

   O, ich wei, es war in grimmer Winternacht, gespenstischen Schimmer
   Jagte jedes Scheit durchs Zimmer, eh es kalt zu Asche fror.
   Tief ersehnte ich den Morgen, denn umsonst war's, Trost zu borgen
   Aus den Bchern fr das Sorgen um die einzige Lenor,
   Um die wunderbar Geliebte -- Engel nannten sie Lenor --
   Die fr immer ich verlor.

   Die Gardinen rauschten traurig, und ihr Rascheln klang so schaurig,
   Fllte mich mit Schreck und Grausen, wie ich nie erschrak zuvor.
   Um zu stillen Herzens Schlagen, sein Erzittern und sein Zagen,
   Mut' ich murmelnd nochmals sagen: Ein Besucher klopft ans Tor. --
   Ein verspteter Besucher klopft um Einla noch ans Tor,
   Sprach ich meinem Herzen vor.

   Alsobald ward meine Seele stark und folgte dem Befehle.
   Herr, so sprach ich, oder Dame, ach, verzeihen Sie, mein Ohr
   Hat Ihr Pochen kaum vernommen, denn ich war schon schlafbenommen,
   Und Sie sind so sanft gekommen -- sanft gekommen an mein Tor;
   Wute kaum den Ton zu deuten ... Und ich sperrte auf das Tor: --
   Nichts als Dunkel stand davor.

   Starr in dieses Dunkel sphend, stand ich lange, nicht verstehend,
   Trume trumend, die kein irdischer Trumer je gewagt zuvor;
   Doch es herrschte ungebrochen Schweigen, aus dem Dunkel krochen
   Keine Zeichen, und gesprochen ward nur zart das Wort Lenor --
   Zart von mir gehaucht, -- wie Echo flog zurck das Wort Lenor.
   Nichts als dies vernahm mein Ohr.

   Wandte mich zurck ins Zimmer, und mein Herz erschrak noch
      schlimmer,
   Da ich wieder klopfen hrte, etwas lauter als zuvor.
   Sollt ich, sprach ich, mich nicht irren, hrte ich's am Fenster
      klirren;
   O, ich werde bald entwirren dieses Rtsels dunklen Flor;
   Herz, sei still, ich will entwirren dieses Rtsels dunklen Flor;
   Wind wohl machte den Rumor.

   Hastig stie ich auf die Schalter -- flatternd kam herein ein alter,
   Stattlich groer, schwarzer Rabe, wie aus heiliger Zeit hervor;
   Machte keinerlei Verbeugung, keine kleinste Dankbezeigung,
   Flog mit edelmnnischer Neigung zu dem Pallaskopf empor,
   Grade ber meiner Tre auf den Pallaskopf empor --
   Sa -- und still war's wie zuvor.

   Doch das wichtige Gebaren dieses schwarzen Sonderbaren
   Lste meines Geistes Trauer, und ich schalt ihn mit Humor:
   Alter, schbig und geschoren, sprich, was hast du hier verloren?
   Niemand hat dich herbeschworen aus dem Land der Nacht hervor.
   Tu mir kund, wie heit du, Stolzer aus Plutonischem Land hervor?
   Sprach der Rabe: Nie du Tor.

   Da er sprach so klar verstndlich -- ich erstaunte drob unendlich,
   Kam die Antwort mir auch wenig sinnvoll und erklrend vor.
   Denn noch nie war dies geschehen: ber seiner Tre stehen
   Hat wohl keiner noch gesehen solchen Vogel je zuvor --
   ber seiner Stubentre auf der Bste je zuvor,
   Mit dem Namen Nie du Tor.

   Doch ich hrt' in seinem Krchzen seine ganze Seele chzen,
   War auch kurz sein Wort und brachte er auch nichts als dieses vor.
   Unbeweglich sah er nieder, rhrte Kopf nicht, noch Gefieder,
   Und ich murrte murmelnd wieder: Wie ich Freund und Trost verlor,
   Werd' ich morgen _ihn_ verlieren -- wie ich alles schon verlor.
   Sprach der Rabe: Nie du Tor.

   Seine schroff gesprochnen Laute klangen passend, da mir graute.
   Aber, sprach ich, nein, er plappert nur sein einzig Knnen vor,
   Das er seinem Herrn entlauschte, dessen Pfad ein Unstern rauschte,
   Bis er letzten Mut vertauschte gegen trber Lieder Chor --
   Bis er trostlos trauerklagte in verstrter Lieder Chor
   Mit dem Kehrreim: >Nie du Tor.<

   Da der Rabe das bedrckte Herz zu lcheln mir berckte,
   Rollte ich den Polsterstuhl zu Bste, Tr und Vogel vor,
   Sank in Samtsitz, nachzusinnen, Traum mit Trumen zu verspinnen
   ber solchen Tiers Beginnen: was es wohl gewollt zuvor --
   Was der alte ungestalte Vogel wohl gewollt zuvor
   Mit dem Krchzen: Nie du Tor.

   Sa, der Seele Brand beschwichtend, keine Silbe an ihn richtend,
   Seine Feueraugen whlten mir das Innerste empor.
   Sa und kam zu keinem Wissen, Herz und Hirn schien fortgerissen,
   Lehnte meinen Kopf aufs Kissen lichtbegossen -- das Lenor
   Pressen sollte -- lila Kissen, das nun nimmermehr Lenor
   Pressen sollte wie zuvor!

   Dann durchrann, so schien's, die schale Luft ein Duft aus
      Weihrauchschale
   Edler Engel, deren Schreiten rings vom Teppich klang empor.
   Narr! so schrie ich, Gott bescherte dir durch Engel das begehrte
   Glck Vergessen: das entbehrte Ruhen, Ruhen vor Lenor!
   Trink, o trink das Glck: Vergessen der verlorenen Lenor!
   Sprach der Rabe: Nie du Tor.

   Weiser! rief ich, sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob
      Teufel --
   Ob dich Hllending die Hlle oder Wetter warf hervor,
   Wer dich nun auch trostlos sandte oder trieb durch leere Lande
   Hier in dies der Hll' verwandte Haus -- sag, eh ich dich verlor:
   Gibt's -- o _gibt's_ in Gilead Balsam? -- Sag mir's, eh ich dich
      verlor!
   Sprach der Rabe: Nie du Tor.

   Weiser! rief ich, sonder Zweifel Weiser! -- ob nun Tier, ob
      Teufel --
   Schwr's beim Himmel uns zu Hupten -- schwr's beim Gott, den ich
      erkor;
   Schwr's der Seele so voll Grauen: soll dort fern in Edens Gauen
   Ich ein strahlend Mdchen schauen, die bei Engeln heit Lenor --
   Sie, die Himmlische, umarmen, die bei Engeln heit Lenor?
   Sprach der Rabe: Nie du Tor.

   Sei dies Wort dein letztes, Rabe oder Feind! Zurck zum Grabe!
   Fort! zurck in Plutons Nchte! schrie ich auf und fuhr empor.
   La mein Schweigen ungebrochen! Deine Lge, frech gesprochen,
   Hat mir weh das Herz durchstochen. -- Fort, von deinem Thron hervor!
   Heb dein Wort aus meinem Herzen -- heb dich fort, vom Thron hervor!
   Sprach der Rabe: Nie du Tor.

   Und der Rabe rhrt sich nimmer, sitzt noch immer, sitzt noch immer
   Auf der blassen Pallasbste, die er sich zum Thron erkor.
   Seine Augen trumen trunken wie Dmonen traumversunken;
   Mir zu Fen hingesunken droht sein Schatten tot empor.
   Hebt aus Schatten meine Seele je sich wieder frei empor? --
   Nimmermehr -- o, nie du Tor!




                             ANNABEL LEE


   Ist ein Knigreich an des Meeres Strand,
      Da war es, da lebte sie --
   Lang, lang ist es her -- und sie sei euch genannt
      Mit dem Namen _Annabel Lee_.
   Und ihr Leben und Denken war ganz gebannt
      In Liebe -- und _mich_ liebte sie.

   In dem Knigreich an des Meeres Strand
      Ein Kind noch war ich und war sie,
   Doch wir liebten mit Liebe, die mehr war denn dies --
      Ich und meine _Annabel Lee_ --
   Mit Liebe, da strahlende Seraphim
      Begehrten mich und sie.

   Und das war der Grund, da vor Jahren und Jahr
      Eine Wolke Winde spie,
   Die frostig durchfuhren am Meeresstrand
      Meine schne _Annabel Lee_;
   Und ihre hochedele Sippe kam,
      Und ach! man entfhrte mir sie,
   Um sie einzuschlieen in Gruft und Grab,
      Meine schne _Annabel Lee_.

   Die Engel, nicht halb so glcklich als wir,
      Waren neidisch auf mich und auf sie --
   Ja! das war der Grund (und alle im Land
      Sie wissen, vergessen es nie),
   Da der Nachtwind so rauh aus der Wolke fuhr
      Und mordete _Annabel Lee_.

   Weit strker doch war unsre Liebe als die
      All derer, die lter als wir --
      Und mancher, die weiser als wir --
   Und die Engel in Hhen vermgen es nie
      Und die Teufel in Tiefen nie,
   Nie knnen sie trennen die Seelen von mir
      Und der schnen _Annabel Lee_.

   Kein Mondenlicht blinkt, das nicht Trume mir bringt
      Von der schnen _Annabel Lee_,
   Jedes Sternlein, das steigt, hell die Augen mir zeigt
      Meiner schnen _Annabel Lee_;
   Und so jede Nacht lieg' zur Seite ich sacht
   Meinem Lieb, meinem Leben in brutlicher Pracht:
      Im Grabe da ksse ich sie,
      Im Grabe da ksse ich sie.




                               ULALUME


   Der Himmel war dster umwoben;
      Verflammt war der Bume Zier --
      Verdorrt war der Bume Zier;
   Es war Nacht im entlegnen Oktober
      Eines Jahrs, das vermodert in mir;
   War beim dsteren See von Auber,
      In den nebligen Grnden von Weir --
   War beim dunstigen Sumpf von Auber,
      In dem spukhaften Waldland von Weir.

   Durch Zypressenallee, die titanisch,
      Bin ich mit meiner Seele gegangen --
      Bin hier einst mit Psyche gegangen --
   Zur Zeit, da mein Herz war vulkanisch
      Wie die schlackigen Strme, die langen,
      Wie die Lavabche, die langen,
   Die rastlos und schweflig den Yaanek
      Hinab bis zum Pole gelangen --
   Die rollend hinab den Berg Yaanek
      Zum nrdlichen Pole gelangen.

   Unser Wort war von Dunkel umwoben,
      Der Gedanke verdorrt und stier --
      Das Gedenken verdorrt und stier;
   Denn wir wuten nicht, da es Oktober,
      Und der Jahrnacht vergaen wir --
      Der Nacht aller Jahrnchte wir!
   Wir vergaen des Sees von Auber
      (Obgleich wir gewandert einst hier),
   Des dunstigen Sumpfs von Auber
      Und des spukhaften Waldlands von Weir.

   Und nun da in alternder Nacht
      Die Sternuhr gen Morgen sich schob --
      Da die Sternuhr gen Morgen sich schob --
   Ward am End' unsres Pfades entfacht
      Ein Schimmern, das Nebel umwob,
   Aus dem mit wachsender Pracht
      Ein Halbmond sein Doppelhorn hob --
   Astartes demantene Pracht
      Deutlich ihr Doppelhorn hob.

   Sie ist wrmer, so sagte ich,
      Als Diana: sie schwrmt durch ein Meer
      Von Seufzern -- ein Seufzermeer;
   Sie sah es: die Trne wich
      Von diesen Wangen nicht mehr,
   Und vorbei am Lwenbild strich
      Als Lenker zu Himmeln sie her,
      Als Leiter zu Lethe sie her;
   Trotz des Lwen getraute sie sich,
      Uns zu leuchten so hell und so hehr --
   Durch sein Lager hindurch wagte sich
      Ihre Liebe, so licht und so hehr.

   Doch Psyche hob warnend die Hand:
      Frwahr, ich mitraue dem Schein
      Dieses Sterns -- seinem bleichen Schein.
   O fliehe! o halte nicht stand!
      La uns fliegen -- denn, o! es mu sein!
   Sprach's entsetzt, und es sanken gebannt
      Ihre Schwingen in schluchzender Pein --
   Ihre Schwingen schleiften gebannt
      Die Federn in Staub und Stein --
      Voll Kummer in Staub und Stein.

   Ich erwiderte: Traum ist dies Grauen!
      La uns weiter in Lichtes Pracht --
      La uns baden in seiner Pracht!
   Es lt mich die Hoffnung erschauen
      In kristallener Schnheit heut nacht --
      Sieh! es flackert gen Himmel durch Nacht!
   O! man darf seinem Schimmern vertrauen,
     Es fhrt uns mit weisem Bedacht --
   O! man mu seinem Schimmern vertrauen,
      Es lenkt uns mit treuem Bedacht,
      Da es flackert gen Himmel durch Nacht!

   Ich beruhigte Psyche und gab
      Ihr Ksse und lockte sie vor --
      Aus Bedenken und Dunkel hervor;
   Und wir schritten den Baumgang hinab,
      Bis am Ende uns anhielt das Tor
   Einer Gruft -- ein mrchenhaft Grab.
   Schwester, sprach ich, was schrieb man aufs Grab --
      An das Tor von dem Wundertume?
   Ulalume! sprach sie; in dem Grab
      Ruht verloren fr dich Ulalume!

   Und mein Herz wurde dster umwoben,
      Wurde drr wie der Bume Zier; --
      Wurde welk wie der Bume Zier;
   Und ich schrie: Es war sicher Oktober
      In der _nmlichen_ Nacht, da ich hier
      Im Vorjahr gewandert -- und hier
      Eine Last hertrug, frchterlich mir!
      Diese Nacht aller Jahrnchte mir,
      Welcher Dmon verfhrte mich hier?
   Gut kenn' ich den See jetzt von Auber --
      Diese nebligen Grnde von Weir --
   Gut kenn' ich den Dunstsumpf von Auber --
      Dieses spukhafte Waldland von Weir.




                             DIE GLOCKEN


                                  I.

      Hrt der Schlittenglocken Klang --
         Silberklang!
   Welche Welt von Lustigkeit verheit ihr heller Sang!
      Wie sie klingen, klingen, klingen
      In die Nacht voll Schnee und Eis,
      Whrend sprh die Sterne springen,
      Zwinkernd sich zum Reigen schlingen
      Im kristallnen Himmelskreis:
      Halten Schritt, Schritt, Schritt,
      Tanzen Runenrhythmen mit
   Zu der kleinen klaren Glocken sem Singesang,
      Zu dem Klang, Klang, Klang, Klang,
         Klang, Klang, Klang --
   Zu dem Singen und dem Schwingen in dem Klang.


                                 II.

   Hrt der Hochzeitsglocken Klang --
         Goldnen Klang!
   Welche Welt von Seligkeit verheit ihr voller Sang!
      Wie ihr Luten lauter lacht
      Durch den Balsamduft der Nacht!
      Aus dem holden goldnen Schwall,
         Wie altgewohnt,
      Fliegen leicht die Tne all
   Hin zur Turteltaube, die beim frohen Schall
         Schielt zum Mond.
      O wie schwillt im berschwang
   Ein Gu von hohem Feierklang so voll die Nacht entlang!
         Hochgesang --
         Hoffnungssang
      Auf der Zukunft heitern Gang!
      Freude treibt zu schnellerm Drang
      Dieses Ringen und das Schwingen
      In dem Klang, Klang, Klang --
      In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
         Klang, Klang, Klang --
   Dieses Quellen und das Schwellen in dem Klang.


                                 III.

      Hrt der Feuerglocken Klang --
         Bronznen Klang!
   Welch ein Aufruhr strmt daraus so schreckenvoll und bang!
      Wie ihr Schreien Schreck entfacht
      In durchbebter Luft der Nacht!
      Zu entsetzt, um klar zu sein,
      Knnen sie nur schrein, nur schrein,
         Ohne Takt
   Rufen sie in lautem Lrmen um Erbarmen an das Feuer,
   Zanken in verrcktem Toben mit dem tollen tauben Feuer.
      Hher, hher, ungeheuer
      Springt verlangend auf das Feuer;
      In verzweifeltem Bemhn,
      Bis zum Mond emporzusprhn,
      Sind die Flammen steilgezackt.
      O, der Klang, Klang, Klang!
      Wie er grauenvoll und bang
         Alles schreckt!
      Wie er schauert, schallt und braust,
      Da den Lften bangt und graust,
   Wie er aller Orten lhmendes Entsetzen weckt!
      Dennoch hrt das Ohr sie gut
         Durch das Schallen
         Und das Hallen:
      Ebbe der Gefahr und Flut;
      Dennoch nimmt das Ohr es wahr
         Durch das Zanken
         Und das Schwanken:
      Flutet oder ebbt Gefahr --
   Durch das Stocken und das Schwellen in dem schnellen
         Glockenklang,
         In dem Klang --
      In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
         Klang, Klang, Klang --
   Durch das Hrmen und das Lrmen in dem Klang.


                                 IV.

      Hrt der Eisenglocken Klang --
         Eisenklang!
   Welche Welt von Trauer trgt ihr monotoner Sang!
      In der Grabesruh der Nacht
      Wie er uns erschauern macht
   Durch das Trauern und das Drohen in dem Ton!
      Denn die Klnge, die entrollen
      Rostigen Glockenkehlen, tollen
         Grollend fort.
      O, die Wesen, die dort oben
      In dem Glockenturme toben --
         Einsam dort
      Mit den monotonen Glocken --
      Die da tollen, tollen, tollen,
      Voll verschleiertem Frohlocken
      Einen Stein aufs Herz uns rollen --
      Leichenfressende Dmonen
      Sind's, die in den Glocken wohnen,
         All im Sold
      Ihres Knigs, der da tollt,
      Der da rollt, rollt, rollt,
         Rollt
      Triumph aus Glockenklang!
      Und sein Busen schwillt im Drang
      Des Triumphs aus Glockenklang.
      Johlend tanzt er zu dem Sang;
      Haltend Schritt, Schritt, Schritt
      Tanzt er Runenrhythmen mit
      Zum Triumph aus Glockenklang,
         Glockenklang.
      Haltend Schritt, Schritt, Schritt
      Tanzt er Runenrhythmen mit
      Zu dem Drhnen in dem Klang,
      In dem Klang, Klang, Klang --
      Zu dem Sthnen in dem Klang.
      Haltend Schritt, Schritt, Schritt
      An der Totenglocke Strang
      Tanzt er Runenrhythmen mit
      Zu dem Tollen in dem Klang,
      In dem Klang, Klang, Klang,
      Zu dem Rollen in dem Klang,
      In dem Klang, Klang, Klang, Klang,
         Klang, Klang, Klang --
   Zu dem Trauern und dem Schauern in dem Klang.




                               TAMERLAN


   Trstlicher Sang fr Muestunden --
   Das, Vater, ist mein Thema nicht.
   Ich wei, ich werde nie entbunden
   Von mehr als irdischen Hochmuts Snde
   Durch Erdenmacht fr Sehnsucht finde
   Ich nicht die Zeit, fr Trumen nicht.
   Man nennt sie Hoffen -- jene Glut!
   Nichts ist sie als Begehrens Wut!
   _Knnte_ ich hoffen -- Gott! ja, dann
   Hie ich nicht Narr dich, alter Mann.

   Begreifst du eines Geistes Scham,
   Der tief gebeugt nach hchstem Flug?
   O schmachtend Herz! von dir bekam
   Dein Welken ich mit all dem Trug
   Von Ruhmbegier, den heien Glanz,
   Um meinen Thron den Strahlenkranz,
   Der Hlle Heiligenschein! und Not,
   Die nicht in Hlle heier loht.
   O drngend Herz, das nach der Wonne
   Verlorner Blumen, nach der Sonne
   Der alten Sommerstunden schreit! --
   Die ewige Glocke jener Zeit,
   Die starb, sie singt nun ohne Enden
   Eintnig, wie von Zauberhnden
   Gelutet, deiner Nichtigkeit
   Ein unsterbliches Grabgelut.

   Ich war nicht immer so wie jetzt:
   Dies Diadem, das fiebrisch hetzt,
   Krnt eines Usurpators Gier.
   Gab gleiche feurige Erbschaft nicht
   Dem Csar Rom -- wie dieses mir?
   Das Erbe kniglicher Kraft
   Und stolzer Mut und Zuversicht,
   Die alles Menschliche errafft!

   Auf Bergeserde ward ich Leben.
   Nachtnebel gossen ihren Tau
   Aufs Haupt mir aus dem dunklen Grau;
   Ich glaube, da der Lfte Weben,
   Zu ungestmem Sturm erregt,
   Durch dies mein eignes Haar gefegt.

   So spt vom Himmel -- Tau -- er fiel
   (In Trumen unheiliger Nacht)
   Auf mich herab wie Hllenspiel;
   Und Flammen, glhendrot entfacht
   Aus Wolken, die gleich Bannern hingen,
   Erschienen halbgeschlonem Blick
   Als Prunk von Herrschermacht und Glck;
   Und des Trompeten-Donners Klingen
   Umbrauste mich wie Wirbelwind
   Und sprach von Menschenschlacht, darinnen
   Die _meine_ Stimme -- dummes Kind! --
   (Was wrde ich vor Lust beginnen
   Bei solchem Schrei -- erlebt' ich dies!)
   Schlachtruf des Sieges schallen lie.

   Der Regen kam herab auf mein
   Schutzloses Haupt, und schwerer Wind
   Machte mich toll und taub und blind:
   Es mochten wohl nur Menschen sein,
   Die Lorbeer auf mich niederwarfen,
   So dachte ich; der Sturm der scharfen
   Eisigen Luft hat in mein Ohr
   Hineingegurgelt das Zertrmmern
   Von Kaiserreichen -- mit dem Wimmern
   Gefangener Feinde -- Stimmenchor
   Des Trosses und den Schmeichelton
   Ringsher um eines Herrschers Thron.

   Meine Gier, seit jenen Unglcksstunden,
   Ward Tyrannei, die ich erstrebte;
   Man hielt sie, seit ich Macht gefunden,
   Fr meines Innern Grundgebot.
   Nun sei's! Doch, Vater, einer lebte,
   Der damals -- da ich jung und sie
   In strkerm Feuer noch geloht
   (Denn Leidenschaften sterben frh) --
   Der _damals_ selbst gewut, da, ach,
   Dies eisern Herz in Liebe schwach.

   Mir fehlen Worte, um zu sagen,
   Wie gutes Lieben Freude flicht!
   Noch wrde ich zu zeichnen wagen
   Ein mehr als schnes Angesicht,
   Des Zge meinem Geiste sind --
   Schatten im unbestndigen Wind:
   Gleich wie mein Aug', mein zgernd mattes,
   Die Lettern irgendeines Blattes
   Und alle Wissenschaft darin
   Zu Phantasien ohne Sinn
   Oft schmelzen sah -- zu Nichts dahin.

   O, sie war all der Liebe wert!
   Und so der Kindheit Liebe war,
   Da Engel neidvoll sie begehrt;
   Ihr junges Herz war der Altar,
   Auf dem als Weihrauch lag mein Hoffen
   Und Denken -- damals gute Gaben,
   Denn kindlich waren sie und offen;
   Ihr Beispiel strahlte rein dem Knaben.
   O, warum mute ich's verlassen,
   Um im Vertrauen auf das Feuer,
   Das innen brannte ungeheuer,
   Verwegen nach dem Licht zu fassen?

   Wir wuchsen liebend auf -- zusammen --
   Durch Wildnis streifend wie das Wild;
   In Frostzeit meine Brust ihr Schild,
   Ihr Schild im frohen Sommerflammen.
   Sie sah wohl lchelnd himmelwrts,
   _Mein_ Himmel war ihr Aug' allein.
   Der Liebe Lehrer ist -- das Herz:
   Wenn mitten in dem Sonnenschein
   Und jenem Lcheln -- nicht etwa,
   Um kleine Sorgen wett zu machen
   Noch ber Schelmerei zu lachen --
   Wenn mittendrin es wohl geschah,
   Da ich mich warf an ihre Brust
   Und da, des Grundes kaum bewut,
   Mein Geist in Trnengssen bangte,
   Da tat's nicht not, mich zu bekennen,
   Ihr trstend meinen Schmerz zu nennen --
   Sie, die nach keinem Grund verlangte,
   Lie, ohne ngste kund zu tun,
   Ihr ruhiges Auge auf mir ruhn.

   Dennoch war _mehr_ denn Liebe wert
   Mein Geist, er rang in wildem Weh,
   Da ihn -- allein auf Bergeshh --
   Der Ehrgeiz neuen Ton gelehrt;
   Ich lebte einzig nur in dir:
   Die Welt und alles, was sie hier
   In Erde, Luft und Meer umfat --
   All ihre Lust -- all ihre Last --
   Gab neue Freude; ideale
   Traumnchtig dunkle Nichtigkeiten --
   Dunklere Nichtse, doch reale
   (Schatten -- und schattenhafteres Gleiten
   Von Licht) auf Nebelschwingen kamen
   Und wurden also, wirr vereint,
   Dein Bildnis und -- ein Name -- Name!
   Zwei Dinge, fremd -- doch eng vereint!

   Ehrschtig, Vater, war dein Sohn.
   Kanntest du Leidenschaft? -- Nein -- nein!
   Ein rmster sann ich einen Thron
   Der halben Welt als mein -- als mein --
   Noch grollend ber niedres Los.
   Und doch, es waren Trume blo,
   Die mit dem Dampf des Taus verflogen
   Gleich jedem andern Traum, vom Strahl
   Der Schnheit lieblich angezogen,
   Der meinem Geist das Dunkel stahl.

   Wir schritten beide auf der Krone
   Weit hohen Bergs, der niederschaute
   Auf stolz getrmte Felsenthrone --
   Auf Wald, der Hhen berbaute --
   Auf Hgel, die sich talwrts senkten
   Und tausend Quellen Leben schenkten.

   Ich sprach zu ihr von Ruhm und Macht,
   Geheimnisvoll, als sollte dies
   Gerede zu nichts anderm taugen
   Als nur zum Spiel; in ihren Augen
   Las ich, vielleicht zu unbedacht,
   Ein Fhlen, das Verstehen hie.
   Ihr klar Errten schien zu schn
   Zu kleiden knigliche Hhn,
   Als da es immerfort allein
   Licht in der Wildnis sollte sein.

   Dann hllte ich mich selbst in Glanz
   Mit eingebildeter Krone auf --
   Nicht war's, da Phantasie allein
   Mich hold geschmckt mit ihrem Kranz,
   Nein, da im groen Menschenhauf
   Der Lwe Ehrsucht lahm und klein
   Sich duckt vor eines Wchters Hand.
   Doch nicht in Wsten, wo der Starke,
   Der Wilde schwrt, mit ihrem Marke
   Zu schren seines Feuers Brand!

   Blick um dich jetzt auf Samarkand!
   Ist sie nicht Knigin der Erde?
   Sind alle Stdte mehr denn Herde
   Vor ihrer hohen Herrscherhand?
   Steht sie erhaben nicht, allein,
   Im Glanz, den je die Welt gekannt?
   Fiel sie -- knnt' nicht ihr rmster Stein
   Der Sockel eines Thrones sein? --
   Und wer ihr Herrscher? -- _Timur_ -- er,
   Den das erstaunte Volk allda
   -- Gekrnten Ruber! -- stolz und hehr
   Hin ber Reiche schreiten sah!

   O Menschenliebe! Ausgegossen
   Als Geist von allem, was erschlossen
   Uns zeigen mag die Himmelswelt!
   Die du, wie Regen frisch bestellt
   Schirokko-drres Sommerfeld,
   Die Seele segnend trnkst und nt
   Und doch das Herz in Wildnis lt!
   Begriff, der alles rings, das lebt,
   Mit seltsamer Musik umschwebt
   Und wunderlicher Prachtgebrde --
   Lebwohl! denn ich gewann die Erde.

   Als Adler Hoffnung hoch im Flug
   Gen Himmel nichts mehr hher sah,
   Besnftigt wandte er sich da,
   Da seine Schwinge heimwrts schlug.
   War Sonnenuntergang: wenn weit
   Die Sonne sinkt, kommt Dsterkeit
   Ins Herz ihm, der noch gern erblickte
   Den Glanz, den Sommersonne schickte.
   Er wird den Duft des Abends hassen,
   Wird lauschend vor dem Klang erblassen
   Der Nacht (den Lauschern offenbar)
   Als einer, der in Traumesbann
   Entfliegen _mchte_, doch nicht _kann_,
   Vor einer nahenden Gefahr.

   Wenn Mond, der weie Mond, auch ganz
   Ausschttet seines Mittags Glanz,
   _Sein_ frostig Lcheln, _sein_ Geleit
   Scheint jener Zeit der Dsterkeit
   Ein Bild aus Tagen nach dem Tod.
   Jugend ist eine Sommersonne,
   Die nichts uns lt von Wert und Wonne,
   Wenn sie verschwand, nur Nichts und Not.
   Denn alles Wissen, dem wir lebten,
   Ward uns; was wir zu halten strebten,
   Entfloh; so la das Erdenwallen
   Mit seiner Mittagsschnheit fallen,
   Die alles ist. -- Ich eilte her
   Zu meinem Heim -- mein Heim nicht mehr --
   Denn was es je dazu gemacht,
   War fort; trat ich auch sanft und sacht
   Durch seine moosige Tr, es drang
   Vom Schwellenstein der Stimme Klang
   Von einer, die ich einst gekannt.
   Ich leugne, Hlle, da dein Brand
   Mehr Demut brennt als nun mein Herz,
   Mehr Wehmut kennt als nun mein Schmerz!

   Vater, ich glaube fest -- ich _wei_ --
   Denn Tod, der kommt aus Segensferne,
   Die ohne trgerisches Hoffen,
   Er lie sein eisern Tor weit offen,
   Und strahlend glhn der Wahrheit Sterne
   Durch Ewigkeit und flammen hei --
   Ich glaube, einen Fallstrick hat
   Satan auf jedem Menschenpfad;
   Denn wie sonst konnte dieses sein:
   Als ich gelebt im heiligen Hain
   Der Gttin Liebe, die so rein
   Alltglich salbt die schneeige Schwinge
   Im Weihrauch frommer Opferbrnde
   Und andrer unbefleckten Dinge,
   Im Haine, dessen Dach und Wnde,
   Wo Lcken lt das Laubgewind,
   Mit Strahlen eng vergittert sind,
   Durch die kein Stubchen, keine Mcke,
   Ausweichend ihrem Adlerblicke,
   Eindringen kann -- wie sonst denn war
   Dies mglich, da nicht wahrnehmbar
   Die Ehrsucht dort ins Glck gedrungen,
   Bis dreister sie emporgesprungen
   Hohnlachend in der Liebe Haar?




                            DAS KOLOSSEUM


   Urbild des alten Rom! Reliquienschrein
   Fr Schaun und hohen Traum, den in die Zeit
   Jahrhunderte von Pracht und Macht gestellt!
   Nun endlich -- endlich -- nach so vielen Tagen
   Von Wandermdigkeit und gierem Durst
   (Von Durst zum Quell des Wissens, den du birgst)
   Ein andrer und demtiger kniee ich
   In deinem Schatten nun und trinke ein
   Dein ragend Dster, deinen Glanz und Ruhm.

   Unendlichkeit und de! Schwermut, Schweigen!
   Uralter Zeit Erinnern -- dstere Nacht!
   Ich fhl euch jetzt -- fhl eure ganze Wucht --
   O Zauber, strker als Judas Knig
   Voreinst gelehrt im Berg Gethsemane!
   O Wunder, machtvoller als der Chalder
   Jemals verzckt aus stillen Sternen zog!

   Hier, wo ein Held einst strzte, strzt die Sule.
   Hier, wo ein goldner toter Adler glnzte,
   Hlt mitternchtig Wacht die Fledermaus.
   Hier, wo der Damen Roms vergoldet Haar
   Im Winde wehte, wogt nun Ried und Distel.
   Hier, wo auf goldnem Thron der Herrscher lehnte,
   Schlpft geisterhaft aus ihrem Marmorhaus,
   Vom Schein des zwiegehrnten Monds beleuchtet,
   Die flinke Echse schweigend ber Steine.

   Doch halt! Die Mauern -- diese Bogengnge,
   Hochauf von altem Efeu eingekleidet,
   Die schwarzen brckeligen Sulensockel
   Und dstern Schfte, dunklen Kapitle,
   Zerfallenden und fast verblaten Friese,
   Zersprungnen Kranzgeblke -- dieses Wrack --
   All diese Steine -- ach, die grauen Steine --
   Sind sie denn alles, was der Zahn der Zeit
   Von all dem Ruhm und ungeheuren Glanz
   Fr mich und fr das Schicksal brig lie?

   Nicht alles -- geben mir die Echos Antwort --
   Nicht alles, nein! Prophetische Klnge steigen --
   Und laute Klnge -- ewig von uns auf,
   Von allen Trmmern zu den Weisen auf,
   Wie Melodie von Memnon steigt zur Sonne.
   Wir leiten alle riesenhaften Geister!
   In unumschrnkter Macht beherrschen wir
   Mit unserm Schwung die Herzen aller Groen.

   Wir sind nicht leblos -- wir erblichnen Steine.
   Nicht alle Macht ist hin -- nicht aller Ruhm --
   Nicht aller Zauber unsres hohen Rufes --
   Nicht all das Wunder, das uns rund umfat --
   Nicht all Geheimnis, das in uns verborgen --
   Nicht all Erinnern, das wie ein Gewand
   Uns rund umhngt und berall bedeckt
   Und das uns hllt in mehr als Herrlichkeit!




                          DIE STADT IM MEER


   Weh! wunderliche einsame Stadt,
   Drin Tod seinen Thron errichtet hat,
   Tief unter des Westens dsterer Glut,
   Wo Snde bei Gte, wo Schlecht bei Gut
   In letzter ewiger Ruhe ruht.
   An Schlssern, Altren und Trmen hat
   (Zerfrenen Trmen, die nicht beben!)
   Nichts Gleiches eine unsrige Stadt.
   Von Winden vergessen, die whlen und heben,
   Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
   Schwermtige Wasser, ergeben und stumm.

   Kein Strahlen vom Himmel kommt herab
   Auf jener Stadt langnchtiges Grab.
   Doch steigt ein Licht aus dem Meer herauf,
   Strmt schweigend an khnen Zinnen hinauf,
   Hinauf an Trmen bis zum Knauf,
   Hinauf an Palsten, an Zitadellen,
   An Tempeln hinauf und an Babylonwllen,
   Hinauf an vergessenen Laubengngen
   Mit eingemeielten Fruchtgehngen,
   Hinauf an manchem Opferstein,
   Auf dessen Friesen zu engem Verein
   Verflochten Viola, Violen und Wein.

   Stehn unterm Himmel die Wasser ringsum,
   Schwermtige Wasser, ergeben und stumm.
   Die Mauern und Schatten wie Nebelduft --
   Es scheint, als hnge alles in Luft.
   Vom Turm, der herrschend ragt und droht,
   Schaut riesenhaft herab der Tod.

   Geffnete Tempel und Totengrfte
   Ghnen auf leuchtende Meeresschlfte.
   Doch nicht die blitzenden Juwelen
   In goldner Gtzen Augenhhlen
   Und nicht der reiche Tod verfhren
   Die starren Wasser, sich zu rhren:
   Kein kleinstes Wellchen kommt in Gang
   Die glserne Einde entlang,
   Kein Kruseln erinnert, da weniger leer
   Von Wind ist irgendein anderes Meer,
   Nichts sagt, da je ein Wehen war
   Auf Meeren, die weniger grauenhaft klar.

   Doch, o -- es regt sich leis wie Wind!
   Ein Wellen durch das Wasser rinnt --
   Als ob die Trme im sachten Sinken
   Die Flut verschben zur Rechten und Linken --
   Als ob schon die Spitzen inmitten des blassen
   Himmels Lcken zurckgelassen.
   Ein roteres Glimmen steigt heran --
   Die Stunden halten den Atem an --
   Und wenn die Stadt hinab, hinab
   Von hinnen sinkt mit unirdischem Sthnen,
   Wird ihr von eintausend Thronen herab
   Der Gru der Hlle tnen.




                                INHALT


   Ligeia                              1
   Berenice                           29
   Morella                            51
   Eleonora                           63
   Die Insel der Fee                  77
   Landors Landhaus                   87
   Der Herrschaftssitz Arnheim       107
   GEDICHTE
   Der Rabe                          133
   Annabel Lee                       138
   Ulalume                           140
   Die Glocken                       146
   Tamerlan                          151
   Das Kolosseum                     163
   Die Stadt im Meer                 165

                  DIESES BUCH WURDE IM AUFTRAGE DES
                 PROPYLEN-VERLAGS IN BERLIN IN EINER
                  EINMALIGEN AUFLAGE VON TAUSEND IN
                  DER PRESSE NUMERIERTEN EXEMPLAREN
                   IN DER BUCHDRUCKEREI OTTO ELSNER
                          IN BERLIN GEDRUCKT

                           EXEMPLAR Nr 933




Anmerkungen zur Transkription

Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 19]:
   ... mit faltenreichem schweren Goldstoff verhangen -- demselben ...
   ... mit faltenreichem schwerem Goldstoff verhangen -- demselben ...

   [S. 99]:
   ... In der Tat, nichs htte wohl einfacher -- unaufdringlicher
       wirken ...
   ... In der Tat, nichts htte wohl einfacher -- unaufdringlicher
       wirken ...

   [S. 113]:
   ... entgegen seiner eigenen Anschauug, zu Taten veranlassen. ...
   ... entgegen seiner eigenen Anschauung, zu Taten veranlassen. ...






End of the Project Gutenberg EBook of Ligeia und andere Novellen / Sieben
Gedichte, by Edgar Allan Poe

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LIGEIA UND ANDERE NOVELLEN ***

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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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