The Project Gutenberg EBook of Wunderwelten, by Friedrich Wilhelm Mader

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Title: Wunderwelten
       Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten
       unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt
       entfhrt wird

Author: Friedrich Wilhelm Mader

Illustrator: Willi Egler

Release Date: December 26, 2015 [EBook #50770]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski





                             Wunderwelten




                             Wunderwelten


             Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den
             Planeten unternimmt und durch einen Kometen
                  in die Fixsternwelt entfhrt wird.

                              Erzhlung
                  fr Deutschlands Shne und Tchter
                             von W. Mader
                       Illustriert von W. Egler

           Verlag fr Volkskunst / Rich. Keutel / Stuttgart

                       Alle Rechte vorbehalten.

   Kunstdruckerei des Verlags fr Volkskunst, Rich. Keutel, Stuttgart.




                         Inhaltsverzeichnis.


                                                Seite
        Personenverzeichnis                        VI
        Vorwort                                   VII
    1.  Ein khnes Unternehmen                      1
    2.  Sannah, das Weltschiff                      5
    3.  Eine wunderbare Entdeckung                 10
    4.  Die Fahrt ins Leere                        13
    5.  Im Weltenraum                              20
    6.  Am Mond vorbei                             27
    7.  Eine ernste Gefahr                         34
    8.  Die groen Astronomen                      38
    9.  Der Mars                                   43
   10.  Eine Landung auf dem Mars                  46
   11.  Die Schrecken des Mars                     50
   12.  Eine Entdeckungsreise auf dem Mars         56
   13.  Die Marsbewohner                           61
   14.  Eine Marskatastrophe                       68
   15.  Im Meteorenschwarm                         79
   16.  Ein Konzert in der Sannah                  88
   17.  Die Asteroiden                             93
   18.  Die Planetoideninsel                       97
   19.  Der Komet                                 102
   20.  Die Seeschlange                           110
   21.  Jupiter                                   115
   22.  Ein Besuch auf dem Saturn                 120
   23.  Eine unfreiwillige Polarreise             126
   24.  Eine Nacht auf dem Ringplaneten           132
   25.  Eine seltsame Welt                        139
   26.  Ein Kampf um die Sannah                   146
   27.  Vom Kometen entfhrt                      155
   28.  Die Geheimnisse der uersten Planeten    162
   29.  Eine Reise ins Unendliche                 164
   30.  Schimpansenstreiche                       171
   31.  Verloren im Weltraum                      176
   32.  Der Riesenkraken                          184
   33.  Ohne Luft!                                192
   34.  Ein verhngnisvoller Zusammensto         195
   35.  Ein Wunder                                199
   36.  In der Fixsternwelt                       204
   37.  Eine neue Erde                            209
   38.  Die Wunder Edens                          214
   39.  Sonderbare Naturgesetze                   219
   40.  Eine neue Tierwelt                        228
   41.  Eine paradiesische Nacht                  237
   42.  Hhere Wesen                              245
   43.  Im Hause des Gastfreunds                  255
   44.  Neue Erkenntnisse                         260
   45.  Heliastra                                 268
   46.  berirdische Klnge                       272
   47.  Im Reiche des Friedens                    277
   48.  Eine Reise auf dem Planeten               282
   49.  Mnchhausens Fabeln                       286
   50.  Abschied                                  290
   51.  Der Planet des Fremdartigen               295
   52.  Eine Weltkatastrophe                      299
   53.  Durch die Sonne                           303
   54.  Der Planet Merkur                         309
   55.  Zurck zur Erde!                          314
   56.  Sannah                                    318
        Nachweise                                 329




                         Personenverzeichnis.


    1. Lord Charles Flitmore.
    2. Mietje, Lady Flitmore, geborene Rijn, seine Gattin.
    3. Professor Heinrich Schultze.
    4. Kapitn Hugo von Mnchhausen.
    5. Heinz Friedung.
    6. John (Johann) Rieger, Flitmores Diener.
       Zwei Schimpansen: Dick und Bobs.

                                 ----

    7. Ein alter Marsbewohner.
                                 ----
    8. Gabokol.
    9. Bleodila, seine Gattin.
   10. Fliorot, sein Sohn.
   11. Glessiblora  }  seine Tchter.
   12. Heliastra    }

                           Im Schlukapitel:

   13. Doktor Otto Leusohn.
   14. Sannah, geborene Rijn, seine Gattin.
   15. Hendrik Rijn.
   16. Helene, seine Gattin, Doktor Leusohns Schwester.
   17. Tipekitanga, die Zwergprinzessin.
   18. Amina, ein Somalimdchen.
   19. Piet Rijn, Hendriks, Mietjes und Sannahs Vater.
   20. Frans        }
   21. Klaas        }  weitere Shne Piet Rijns.
   22. Danie        }




                               Vorwort.


Den vollen Gewinn von dieser Erzhlung wird nur die schon gereiftere
Jugend haben, die mit Verstndnis und gewi auch mit lebhaftem Interesse
die Wunder der Sternkunde kennen lernen wird. Das ganze Gebiet der
Astronomie soll ihr im Laufe der Erzhlung in der Hauptsache erschlossen
werden.

Nun werden aber auch wohl jngere Leser, fr welche die
wissenschaftlichen Gesprche vielleicht noch zu hoch sind, die seltsamen
Erlebnisse und Entdeckungen der Weltall-Reisenden lesen wollen. Diese
mgen getrost die Stellen berschlagen, die ihnen noch nicht
verstndlich erscheinen, namentlich in Kapitel 8, 15, 18, 26, 32 und 48.

Sollte einem oder dem andern Kritiker einiges ber die Grenzen des
Wahrscheinlichen (natrlich nicht des Mglichen) hinauszugehen
scheinen, so mge er sich aus den Nachweisen berzeugen, ob nicht die
Wissenschaft selber die Phantasie sttzt.

_Eschelbach_, im Juli 1911.

                                                         Der Verfasser




                      1. Ein khnes Unternehmen.


Professor Dr. Heinrich Schultze lehnte sinnend in seinen Sessel zurck.
Vor ihm auf dem mit Bchern und Papieren bedeckten Schreibtisch lag ein
Brief, der seine Gedanken beschftigte.

Da lutete es an der Eingangstre seiner Wohnung und kurz darauf pochte
es gewaltig an die Studierzimmertre.

Herein! rief der Professor, sich erhebend.

Die Tre ffnete sich und es erschien ein ltlicher, doch frisch und
blhend aussehender Mann von stattlicher Leibesflle.

Kapitn Mnchhausen! rief Schultze und eilte berrascht und erfreut,
auf den Mann zu, ihm beide Hnde entgegenstreckend. Welcher gnstige
Monsun fhrt Sie von Australien nach Berlin und just in dieser Stunde?
Ich bin starr! Denken Sie, soeben weilten meine Gedanken bei Ihnen in
Adelaide und ich wnschte mir, Sie herzaubern zu knnen.

Nun! Der Zauber ist gelungen! lachte Mnchhausen: da bin ich. Und was
mich herfhrt? Sie wissen, ich halte das unttige Herumsitzen auf dem
Kulturboden nicht lange aus. Na! habe ich gedacht: schaust einmal nach,
was der olle Schultze macht; vielleicht plant er wieder irgend ein
famoses Unternehmen; da mu ich dabei sein! Und plant er keins, so will
ich ihn aufrtteln und wir planen eines miteinander. He! Wie steht's
damit, Professorchen?

Ich sage Ihnen, Sie kommen wie gerufen. Da, setzen Sie sich her, altes
Haus.

Unterdessen drckte der Professor auf den Knopf der elektrischen Klingel
und beauftragte den hierauf erscheinenden Diener, eine Flasche Wein und
zwei Glser zu bringen und alsdann im Ezimmer einen kalten Imbi zu
richten: Das Feinste, was wir haben, mahnte er: Der Kapitn ist
Feinschmecker.

Oho! lachte dieser: Habe ich mir nicht Termiten, Raupen und
Rohrratten schmecken lassen, wenn es darauf ankam? Ich nehme alles wie
es kommt.

Jetzt kommt aber etwas Besseres als afrikanische Hungerkost, alter
Freund; und ich wei, Sie nehmen das Bessere gerner an als das
Schlechtere.

Ein Narr, wer's nicht tut! Aber nun, Professor, was planen Sie?

Ich habe eigentlich gar nichts geplant; aber ein andrer: Sie erinnern
sich wohl noch Lord Flitmores?

Mnchhausen lachte, da es drhnte: Auf so eine Frage kann doch nur ein
weltfremder Professor verfallen! Erinnern ist gut! Wenn man mit einem
Manne, wie der Lord, solche Abenteuer erlebt, solche Kmpfe durchfochten
und solche herrliche Stunden durchkostet hat, wie wir zwei beide, dann
soll man ihn wohl vergessen knnen? Verzeihen Sie, Professor, aber Ihre
Frage ist ... na, wie soll ich sagen?

Dumm! ergnzte Schultze, seinerseits lachend: Sie haben recht, oller
Seebr. Also! Hier habe ich einen Brief von Flitmore erhalten. Er
schreibt, er habe eine kaum glaubliche Entdeckung gemacht.

Kaum glaublich? Hren Sie, dem glaube ich alles, dem traue ich das
Wunderbarste zu nach den Proben seines Erfindergenies, die er uns in
Afrika gegeben.

Das stimmt! Aber hren Sie: er schreibt, seine Entdeckung hebe die
trennenden Rume des Weltalls auf und gestatte Reisen nach dem Mond,
nach den Planeten, vielleicht gar in die Fixsternwelt. Und nun ladet er
mich ein, ihn auf seiner ersten Fahrt zu begleiten. Was halten Sie
davon? Sollte er nicht doch ein wenig bergeschnappt sein?

O, da Sie Mnner der Wissenschaft keine neue, erstaunliche Entdeckung
ohne Zweifel begren knnen! Wenn die Professoren darber zu
entscheiden htten, alle genialen Erfinder kmen ins Irrenhaus! Ich
sagte Ihnen, dem Lord traue ich alles zu. Er ist ein Genie.
Telegraphieren Sie ihm nur gleich, ob er mich mitnimmt? Ha! das gibt
eine Reise! Das ist noch nie dagewesen, auer in der Phantasie khner
Schriftsteller: Da mu ich mit!

Das ist es ja gerade: Lord Flitmore bittet mich, ihn zu begleiten, da
er wei, da ich mich in den letzten Jahren ganz auf die Astronomie
geworfen habe und er meine Verffentlichungen auf diesem Gebiet mit
Interesse und Beifall verfolgte, wie er schreibt. Dann aber fragt er
nach Ihnen und nach Ihrer Adresse. Er ist voll Bewunderung fr das
Automobil, das Sie erfanden, und mit dem wir Australien durchforschten.

Ja, ja, die Lore! schmunzelte der Kapitn: Sie war kein bler
Gedanke. Aber nach dem Mond -- ne! Das htte sie doch nicht geleistet.

     [Illustration: Kapitn Mnchhausen bei Professor Schultze.]

Also, bei Ihren technischen Kenntnissen und Ihrer Erfindungsgabe auf
diesem Gebiet glaubt der Lord keinen besseren Ingenieur und Kapitn fr
sein Weltschiff finden zu knnen, als Sie, und wre hchlichst erfreut,
Sie fr das Unternehmen gewinnen zu knnen.

Topp! rief Mnchhausen begeistert: Wann reisen wir?

Holla! lachte Schultze: Nicht so eilig, alter Freund! Sie sind ein
unberlegter Jngling. Bedenken Sie, fuhr er ernst werdend fort: Das
Wagnis ist mehr als khn: es geht auf Tod und Leben. Der Lord verfehlt
nicht, dies ausdrcklich hervorzuheben: kein Mensch kann wissen, welche
Gefahren und welch ungeahnte Katastrophen dem Erdenbrger drohen, der
seinen heimischen Planeten verlt und sich ber die Atmosphre in die
Leere des Weltenraums erhebt.

Ging es etwa in Afrika und Australien und wo wir sonst noch forschten,
nicht auch auf Tod und Leben? Ahnten wir im voraus die Gefahren, denen
wir entgegengingen?

Wohl! Aber es waren irdische Gefahren.

Der Kapitn zuckte die Achseln: Hren Sie, Sie tifteliger Professor:
Todesgefahr ist Todesgefahr, ob sie nun auf der Erde oder ber der Erde
droht, ist meines Erachtens vllig einerlei: mehr als unser Leben knnen
wir hier oder dort nicht verlieren. Aber wer soll noch sonst mit? Auf
die Reisegesellschaft kommt bei so etwas viel an.

Eine groe Gesellschaft wird es nicht werden: zunchst wird die Gattin
des Lords ihn begleiten.

Schau, schau! Mietje! Allen Respekt! Ein beherztes Frauenzimmer ist sie
stets gewesen, das hat sie uns damals in Ophir zur Genge bewiesen.

Schultze aber fuhr fort: Ferner Flitmores Diener, John Rieger.

Freut mich, freut mich! Eine edle, treue Seele und ein gelungener
Mensch. Er befindet sich also immer noch in des Lords Diensten?

Allerdings, und er hat sich zum tchtigen Mechaniker ausgebildet, wie
ihn Flitmore als eifriger Automobilfahrer braucht. Endlich will noch
mein junger Freund Heinz Friedung sich uns anschlieen. Ich riet ihm
vergebens ab: er ist Feuer und Flamme fr die Weltreise.

Hren Sie, Professor, den jungen Mann habe ich in mein Herz geschlossen
seit wir unsre Reise nach den Unnahbaren Bergen mit ihm machten. Das
gibt eine famose Reisegesellschaft! Was treibt denn unser Heinz seither
und wo weilt er?

Er hat sich auf die Sprachwissenschaften geworfen und lebt hier in
Berlin als Privatdozent. Er beginnt, sich einen Namen zu machen und hat,
wie er mir anvertraute, eine epochemachende Entdeckung auf seinem Gebiet
gemacht, doch verrt er noch nichts Nheres davon.

Der Diener meldete, da der Imbi bereit stehe.

Die Beiden tranken ihre Glser leer und begaben sich nach dem
Speisezimmer.




                      2. Sannah, das Weltschiff.


Eine Woche spter landeten Schultze, Mnchhausen und Heinz Friedung in
Brighton und fuhren dann mit der Bahn nach Lord Flitmores Besitzung, die
sich in der Grafschaft Sussex befand.

Ein prchtiges altes Schlo, von einem ausgedehnten Park umgeben, an den
Felder, Wiesen und Waldungen stieen -- ein ganzes kleines Knigreich --
wurde den Ankmmlingen als des Lords Residenz bezeichnet.

Von weitem schon konnte man ber die Baumwipfel eine Riesenkugel
emporragen sehen, die im Sonnenschein glitzerte.

Das ist des Lords Weltschiff! rief Heinz Friedung.

Schultze schttelte den Kopf: Dies Fahrzeug mu ein fabelhaftes Gewicht
haben, meinte er: Wie sich Flitmore damit in die Luft erheben will
oder gar ber die Atmosphre, ist mir rein unerfindlich.

Der Kapitn aber entgegnete: Brauchen Sie auch nicht zu erfinden,
Professor! Seien Sie getrost, das Genie unsres englischen Freundes hat
zweifellos die Aufgabe gelst, sonst htte er uns nicht zur Fahrt
eingeladen.

Lord Flitmore hatte die Gste um diese Stunde erwartet und kam ihnen mit
seiner jugendlichen Frau bis an das Parktor entgegen.

Er war ein hochgewachsener Mann mit rtlichem Backenbart. Eine ernste
Wrde verlieh ihm etwas Steifes, echt Englisches; doch das war nur
uerlich: obgleich er nicht viel Worte machte und seine Begrung
ziemlich trocken klang, merkte man doch die warme Herzlichkeit und die
aufrichtige Freude heraus.

Mietje, seine Gattin, eine geborene Burin aus Sdafrika, gab sich
keinerlei Mhe, ihre Gefhle hinter gemessener Wrde zu verbergen: sie
kam den Freunden mit strahlendem Lcheln entgegen und schttelte allen
krftig die Hand.

Schultze und Mnchhausen waren alte Bekannte des Lords von Afrika her;
an Heinz wandte sich der Englnder mit den Worten:

Sie, Herr Friedung, sind mir auch schon lange bekannt und wert, wenn
ich Sie auch persnlich noch nie traf; haben Sie doch in den
Schilderungen der australischen Reise meiner Freunde stets eine
hervorragende und sympathische Rolle gespielt.

Fr die Ankmmlinge war ein wahres Festmahl gerichtet und sie wurden
frstlich bewirtet; dann gab es noch gar vieles zu berichten ber ihre
Erlebnisse und Arbeiten in der Zeit, da sie den Lord nicht mehr gesehen.
Punkt zehn Uhr jedoch hielt Flitmore seine husliche Abendandacht,
worauf sich alles zur Ruhe begab.

Am andern Morgen nach dem Frhstck fhrte der Lord seine Gste auf die
weite Wiese, auf der die gewaltige Kugel ruhte, die schon bei ihrer
Ankunft das Erstaunen unsrer Freunde geweckt hatte.

Das also ist Ihr Luftschiff? bemerkte der Professor, als sie
bewundernd an der mchtigen Sphre hinaufblickten.

Weltschiff, verbesserte Flitmore: Ein Luftschiff ist an die
Atmosphre gefesselt, wir aber wollen mit diesem Fahrzeug den Luftraum
verlassen, wenigstens die Lufthlle, die unsern Erdball umgibt; darum
knnen wir fglich von einem >Luftschiff< nicht mehr reden: Die ganze
Welt, der unendliche Raum steht diesem Vehikel offen.

Sie haben recht, gab Schultze zu. Also >Weltschiff<.

Der Englnder aber fuhr fort:

Ich habe brigens meiner Kugel einen eigenen Namen gegeben. Der schne
Gedanke, den Sie hatten, Herr Kapitn, als Sie Ihr Automobil Lore
tauften, hat mir eingeleuchtet, und so gab ich meiner Erfindung den
Namen >Sannah<.

Zu Ehren Ihrer liebenswrdigen Schwgerin, der mutigen Gattin unsres
Freundes Doktor Leusohn in Ostafrika? fragte Schultze.

Gewi! fiel Mietje ein: Wir kamen beide sofort auf den Gedanken, den
Namen meiner fernen Schwester fr das Gefhrt zu whlen, das uns auf
einer Reise voll unbekannter Gefahren zur Heimat werden soll.

Freut mich! rief Mnchhausen: Mit Sannah bin ich mit besonderer
Vorliebe gereist, und ich bin berzeugt, diese neue Sannah wird ihrem
Namen Ehre machen, uns Treue beweisen und die Reise so angenehm wie
mglich gestalten.

Aus was fr einem Stoff besteht eigentlich Ihr Weltschiff? fragte nun
Heinz Friedung: Es glitzert ja wie Glimmer.

Diese schimmernde Hlle ist Flintglas, erklrte Flitmore; Wir mssen
damit rechnen, da wir auf unsrer Fahrt Temperaturen antreffen werden,
die nicht nur unser Leben, sondern auch unser Fahrzeug vernichten
knnten. Gegen die Klte des Weltraums, die ich brigens nicht fr gar
so schlimm halte, wie man meistens annimmt, schtzt uns die elektrische
Heizung.

Wir knnen aber auch durch Weltnebel und kosmische Staubwolken mit einer
solchen Geschwindigkeit sausen, da Sannah in Weiglut geriete, wie die
Meteore, die in unsre Atmosphre strzen; das Gleiche wird ihr drohen,
wenn wir uns der Sonne oder einem andern glhenden Weltkrper nhern.
Ich habe daher die Hlle meines Weltschiffes genau so herstellen lassen,
wie die Wandungen der feuerfestesten Kassenschrnke und auch diese Hlle
noch mit dem unverbrennlichen Flintglas berkleidet, so da wir hoffen
drfen, ohne Schaden auch lngere Zeit hindurch uns den hchsten
Temperaturen aussetzen zu drfen.

Aber die Fenster? warf Schultze ein.

Ich habe allerdings sechs groe Fenster, die aus sehr dickem Glas
bestehen und einen Ausblick nach allen Seiten gestatten. Unter jeder
dieser Scheiben befindet sich ein mchtiges Fernrohr, da wir mit bloem
Auge meist nicht viel zu sehen bekmen. Sobald wir jedoch einer Hitze
ausgesetzt wrden, die meinen Fenstern gefhrlich werden knnte, gengt
der Druck auf einen Knopf im Innern des Schiffes, um im Augenblick
smtliche Fenster mit einem Schutzdeckel vllig dicht zu schlieen, wie
mit einem Augenlid.

Ungeheure Grenverhltnisse hat Ihr Weltschiff, das mu ich sagen!
bemerkte der Kapitn bewundernd.

Eigentlich sind sie gering, erwiderte der Englnder: Ein
Zeppelinsches Luftschiff zum Beispiel hat noch ganz andre Mae. Meine
Kugel hat 45 Meter im Durchmesser; um den Mittelpunkt befindet sich ein
Raum von 15 Metern in der Lnge, Breite und Hhe, der somit 3375
Kubikmeter Rauminhalt hat. Hier sind die Reisevorrte verstaut in
mehreren pyramidenfrmigen Abteilungen mit der Spitze nach unten, das
heit nach dem Mittelpunkte zu.

Dieser Mittelraum bildet die Grundlage fr die einzelnen Zimmer, die von
ihm nach sechs Seiten hin ausstrahlen bis an die Hlle hin. Jedes dieser
Zimmer, 5 Meter breit und etwa 3 Meter hoch, so da sich allemal 5
solcher Sle bereinander befinden, deren uerster als Wohn- und
Beobachtungszimmer dient; leiterartige Treppen fhren von einem
Stockwerk zum andern. Die obersten Zimmer sind 15 Meter lang, die andern
werden nach dem Zentrum zu etwas krzer.

Abgesehen von den uersten Gemchern, die sich unmittelbar unter der
Wlbung der Kugelhlle befinden, bietet jede dieser dreiig
Aufenthaltsgelegenheiten einen Raum von 200 bis 225, im ganzen etwas
ber 6000 Kubikmetern. Auer den Wohn- und Schlafzimmern habe ich hier
Werksttten eingerichtet: eine Schreinerei, eine Schmiede, ein
chemisches Laboratorium; die brigen Rume dienen abwechselnd zum
Aufenthalt, wenn die verbrauchte Luft in den andern erneuert werden mu.

Die uersten Kammern unter der Oberflche sind durch besondere Gnge
miteinander verbunden, die ich Meridiangnge benenne, weil sie gleichsam
als innere Lngen- und Breitengrade im Innern der Kugel verlaufen.

Auch auen haben Sie, scheint es, Meridiane angebracht, bemerkte
Mnchhausen.

Sie meinen die Rampen? fragte der Lord: Diese kleinen Gelnder, die
ich fr bestimmte Zwecke fr vorteilhaft hielt, strahlen allerdings auch
von einem Punkte aus und kreuzen sich wieder im entgegengesetzten
Punkte, stellen also fglich Lngengrade dar.

Den sechs Slen, die sich unmittelbar unter der ueren Umhllung der
Kugel befinden, gab ich aus praktischen Grnden besondere Namen: zu
oberst befindet sich das Zenithzimmer, zu unterst das Antipodenzimmer;
in der Mitte, dem quator, wenn Sie wollen, zeigt sich vor uns das
Nordpolzimmer, dem hinten das Sdpolzimmer entspricht; rechts das
Ostzimmer, links das Westzimmer. Wie Sie sehen, verfuhr ich etwas
unwissenschaftlich mit diesen Benennungen, da ich Nordpol und Sdpol auf
den quator verlegte. Aber das ist ja alles blo bereinkommen:
betrachten Sie die Linie, die vom Zenithzimmer ber das Ost- und
Antipodenzimmer zum Westzimmer luft als quator, so stimmt die Sache
wieder und wir haben zwei einander senkrecht schneidende quatorlinien,
aus dem einfachen Grunde, weil meine Kugel nicht in Grade eingeteilt
ist, aus der wir eine andere Bezeichnung fr den Lngsquator hernehmen
knnten und weil ich meine Rampenmeridiane vom Zenith- statt von einem
Polzimmer ausgehen lie.

Mit all den genannten Rumen aber, warf Schultze ein, ist der Raum
Ihrer Kugel noch lange nicht ausgentzt.

Gewi nicht! Mein Weltschiff hat einen Umfang von 141,3 Metern, eine
Oberflche von 6358,5 Quadratmetern und einen Inhalt von 47688,75
Kubikmetern. Rechnen wir den Raum der 30 Zimmer, der Vorratskammern und
der Meridiangnge ab, auf die zusammen etwa 10000 Kubikmeter kommen, so
verbleiben noch beinahe 38000 Kubikmeter; von diesen werden etwa 30000
durch die Stahlkammern ausgefllt, die gepreten Sauerstoff enthalten
und ungefhr 8000 sind mit Ozon angefllt; denn was wir vor allem
brauchen, ist Luft, gesunde, stets erneuerte Luft.

Sie erwhnten vorhin die elektrische Heizung, nahm der Kapitn wieder
das Wort: Ich darf wohl annehmen, da auch Kche, Schmiedewerkstatt und
chemisches Laboratorium nur auf elektrischem Wege geheizt werden, um
jede Rauchentwicklung zu vermeiden.

Ganz richtig, besttigte Flitmore.

Wie aber beschaffen Sie die elektrische Kraft?

Der Lord lachte: Sie kennen ja meine mchtigen Batterien von Afrika
her, Kapitn. Aber ich gestehe ehrlich, die Hauptsache fr die
elektrische Speisung meiner Sannah verdanke ich Ihnen. Sie haben ja kein
Geheimnis aus Ihrer wunderbaren Erfindung gemacht, dem ausgezeichneten
Akkumulator, der Ihre Lore trieb. Nun, solche Akkumulatoren, System
Mnchhausen, nehme ich mehrere mit und erzeuge, wie Sie, die ntige
Reibungselektrizitt durch eine Maschine hauptschlich mit Handbetrieb,
so weit meine Batterien nicht dazu ausreichen sollten.




                    3. Eine wunderbare Entdeckung.


Nach diesen Erklrungen lud Flitmore seine Gste ein, die Innenrume zu
besichtigen, was diese unter seiner Fhrung mit regstem Interesse taten.

Sie fanden alles mit grter Zweckmigkeit und Behaglichkeit
eingerichtet; was ihnen zunchst auffiel, war, da smtliche
Einrichtungsgegenstnde als Tische, Sthle, Bettstellen usw. aus
Kautschuk hergestellt waren, wie auch Wnde, Decken und Fubden sich
mit dicken Gummiplatten ausgelegt erwiesen; was aber aus Holz und Metall
bestand: Hobelbank, Ambo, Herd usw. war am Fuboden festgeschraubt.

Diese Vorsicht glaubte ich nicht auer acht lassen zu drfen, erklrte
der Lord, da wir nicht wissen knnen, welchen Erschtterungen unsre
Sannah ausgesetzt sein kann, wenn sie etwa mit einem Meteoriten
zusammenstoen sollte oder etwas unsanft auf irgend einem Weltkrper zum
Landen kme.

Die Besichtigung nahm mehrere Stunden in Anspruch. Als nun alles
eingehend betrachtet und bewundert worden war, nahm Heinz Friedung das
Wort:

Verzeihen Sie, Lord Flitmore, sagte er: Sie sehen uns alle berzeugt,
da kein Fahrzeug umsichtiger und zweckmiger fr eine kosmische Reise
ausgerstet sein knnte, als Ihre herrliche Sannah; aber welche
Wunderkraft soll sie in den Weltraum schleudern? Das ist das Rtsel, das
ich vergeblich zu lsen versuche. Drfen wir etwas davon erfahren oder
ist es ein Geheimnis?

Sie haben recht, erwiderte Flitmore: Ich bin Ihnen eine Erklrung
schuldig. Es handelt sich hier um eine Entdeckung, die ich zufllig
machte, und die mir erst den Gedanken und die Mglichkeit eines solchen
Unternehmens gab.

Sie kennen die Schwerkraft und ihre Gesetze und wissen auch, da die
Wissenschaft keine Ahnung davon hat, was diese Schwerkraft ihrem Wesen
nach eigentlich ist. Die Anziehungskraft der Weltkrper ist ja wohl eine
Erklrung fr die Schwerkraft, aber wir wissen eben geradesowenig, was
die Anziehungskraft ist und worauf sie beruht. Wrde sie auf der
Umdrehung oder Rotation beruhen, so mten wir zum Beispiel gegen die
Erdachse angezogen werden, whrend tatschlich die Anziehung gegen den
Mittelpunkt der Erde sich richtet: es ist eine Zentripetalkraft.
Mglicherweise hngt diese Kraft mit dem Magnetismus zusammen und dieser
wieder mit der Elektrizitt.

Nun wissen Sie, da es eine positive und eine negative Elektrizitt
gibt: was die eine anzieht, stt die andre ab; so gibt es einen
positiven und einen negativen Magnetpol, einen Nord- und einen Sdpol,
und der Zentripetalkraft entspricht eine Zentrifugalkraft. Mit andern
Worten, auer der Anziehung gibt es auch eine Abstoung, und letztere
Kraft nenne ich Fliehkraft.

Es ist klar, da, wenn unsre Erde neben ihrer Anziehungskraft auch eine
abstoende Kraft besitzt, erstere bei weitem berwiegen mu in Bezug auf
ihre Wirkung auf alle irdischen Krper; denn smtliche Krper, auf
welche die Abstoungskraft berwiegend wirken wrde, mten sofort von
der Erde abgestoen werden, wren also nicht mehr da. Aus diesem
einfachen Grunde bleibt uns diese zweite Kraft verborgen.

Nun habe ich aber durch zufllige Kombinationen eine Elektrizitt oder
einen magnetischen Strom entdeckt, der diese Fliehkraft darstellt.

Wird der Strom geschlossen, so werden die von ihm durchstrmten Krper
von der Erde abgestoen und das mit um so grerer Kraft, je strker der
Strom ist. Bei unterbrochenem Strom tritt die Anziehungskraft der Erde
wieder in ihre Rechte.

Meine Fliehkraft ist sozusagen die umgekehrte Schwerkraft, ein
Magnetismus, der vom Erdmagnetismus abgestoen wird, und der seinerseits
auf diesen abstoend wirkt.

Das ist das ganze Geheimnis. Alle Versuche, die ich anstellte, hatten
den gleichen Erfolg; jeder Krper, den ich mit Fliehkraft lud, und wenn
er sonst noch so schwer war, erhob sich in die Luft mit wachsender
Geschwindigkeit und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sie begreifen, da
mir diese Entdeckung den Gedanken nahelegen mute, ein Fahrzeug
herzustellen, das mittelst der Fliehkraft sich dem Bereich der
Anziehungskraft unsres Erdballs entziehen knnte.

Mit groer Verwunderung lauschten unsre Freunde diesen berraschenden
Ausfhrungen und Schultze meinte kopfschttelnd: Na, wir werden ja
sehen!




                       4. Die Fahrt ins Leere.


Es war eine helle Nacht, wenngleich der Mond nur die Hlfte seines
beleuchteten Angesichts zeigte, als die khne Reisegesellschaft ihre
abenteuerliche Fahrt antrat. Flitmore lie noch einige letzte
Vorratskisten und Gebrauchsgegenstnde in der Sannah verstauen. Auch die
von ihm erfundene und in Afrika erprobte Nhrmaschine nahm er fr alle
Flle mit. In Kolben und Metallgefen verwahrte er die chemischen
Stoffe, aus denen er mittels der Maschine Tabletten von hohem Nhrwert
erzeugen konnte. Dies hatte den Vorzug, da in kleinen Behltern, die
nur sehr wenig Raum einnahmen, die Mittel zur Verkstigung auf viele
Monate mitgenommen werden konnten. berdies vermochte er mit seiner
Maschine bei einer Landung aus jedem Erdreich, das die fr den
Pflanzenwuchs ntigen Bestandteile enthielt, diese Bestandteile
auszusondern und zu verarbeiten, genau wie es die Pflanzen tun, die Mehl
und geniebare Frchte erzeugen. Wozu aber die Halme, Gestruche und
Bume Monate oder wenigstens Wochen bentigen, das brachte die
Nhrmaschine in wenigen Stunden zuwege. So schlo diese geniale
Erfindung eine Hungersnot aus, auch wenn die reichen Lebensmittelvorrte
erschpft werden sollten, im Falle die Reise sich ber alle Erwartungen
hinaus verlngern wrde.

Besonders wichtig war dem Lord auch sein photographischer Apparat, mit
dem er nach dem neuesten Verfahren Lichtbilder in natrlichen Farben
herzustellen verstand.

Heinz trug seine geliebte Violine in ihrem Kasten bei sich: er war ein
Meister im Geigenspiel und die Zartheit und Gefhlsinnigkeit seines
Strichs bertraf selbst das, was man von berhmten Virtuosen zu hren
gewohnt ist. berdies blies er gelegentlich auch Piston mit ebensolch
vollendeter Meisterschaft.

Flitmore selber war ein begeisterter Kenner und Freund der Musik. Er
spielte nicht weniger als drei Instrumente mit gleicher Fertigkeit, das
Klavier, das Cello und die Posaune.

Da Lady Flitmore auf dem Klavier Vorzgliches leistete, John Rieger, der
Diener, Flte blies und selbst Kapitn Mnchhausen nicht unmusikalisch
war, konnte man hoffen, in der Sannah Konzerte aufzufhren, die sich
berall htten hren lassen drfen.

Der Lord hatte daher nicht versumt, fr solche willkommene
Veranstaltungen in der Sannah ein eigenes, glnzend ausgestattetes
Musikzimmer einzurichten, das sogar einen Flgel enthielt, dazu Blas-
und Streichinstrumente aller Art, ein ganzes Orchester. Fr die ntigen
Noten und Partituren war selbstverstndlich reichlich gesorgt: da sollte
keine Langeweile aufkommen!

Alle waren vor der Eingangspforte der Sannah versammelt, zum Einsteigen
bereit, als Flitmores treuer Diener John noch als Letzter erschien, und
zwar begleitet von zwei krftigen Affen, die der Lord den erstaunten
Gefhrten folgendermaen vorstellte:

Sie sehen hier zwei dienstbare Geister, die Schimpansen Dick und Bobs.
Der erstere verdankt seinen Namen einem schlechten Wortspiel, da er in
der Tat etwas fettleibig ist, also in deutscher Sprache als Dick
bezeichnet werden kann; der zweite hat eine auffallende hnlichkeit mit
Lord Roberts, dem Feldmarschall, den wir bekanntlich Bobs heien.

Die Tiere sind uerst intelligent und gelehrig und sind vorzglich
eindressiert auf das Treiben der Maschine zur Speisung des elektrischen
Akkumulators. Sie mgen uns ferner von Nutzen sein, wenn das Schicksal
uns auf einen Weltkrper verschlagen sollte, der mit Pflanzenwuchs
gesegnet wre. Da wir in solchem Fall gewrtig sein mssen, lauter uns
vllig unbekannte Frchte dort vorzufinden, werden uns die Schimpansen
davor bewahren, irgend etwas Giftiges oder Schdliches zu genieen; denn
darin ist ihr Instinkt untrglich.

Mit vor Erwartung klopfenden Herzen betraten unsre Freunde die unterste
Kammer der Sannah, die eher ein Saal zu nennen war, wie alle ihre Rume.
Nun mute es sich bald zeigen, ob eine Erhebung in den unendlichen Raum
mglich sei. Und wenn es geschah, -- was wrden ihrer fr
berraschungen, fr Gefahren dort warten?

Charles, sagte Mietje zu ihrem Gatten: Ich will mich in das oberste
Stockwerk begeben und unsre Annherung an den Mond beobachten.

Vortrefflich, stimmte Flitmore ihr zu: Wollen Sie vielleicht so
freundlich sein, meine Frau zu begleiten, Heinz? Wir wollen unterdessen
betrachten, wie die Erde aussieht, whrend wir uns von ihr entfernen.
Wenn da nichts mehr zu sehen ist, kommen wir auch nach oben, und das
wird bald der Fall sein; denn nach meinen Berechnungen werden wir
schnell die Geschwindigkeit des Lichts erreichen, 300000 Kilometer in
der Sekunde.

Na, na! rief der Professor zweifelnd.

Steigen Sie die Treppe hinauf, Sie alter Zweifler, sagte der Lord;
wie Sie sehen, befindet sich Okular und Spiegel des Teleskops dort oben
in der Nhe der Decke. Es ist dies freilich etwas unbequem fr den
Beobachter, aber was wollte ich machen, wo es gilt nach unten Ausschau
zu halten.

Wissen Sie auch, was oben und unten ist? rief Heinz, der eben durch
die obere Luke in der Decke das Gemach verlie, dem Lord herab.

Niemand begriff, was er damit meinte; aber der Gedanke, der dem jungen
Gelehrten soeben aufgeblitzt war und ihn zu dieser merkwrdigen Frage
gebracht hatte, hatte seine volle Berechtigung, wie die Zurckbleibenden
binnen Kurzem erfahren sollten.

Heinz hatte inzwischen die Luke hinter sich verschlossen und stieg mit
Lady Flitmore weiter hinan von Stockwerk zu Stockwerk, bis die 14 drei
Meter hohen Treppen berwunden waren und sie im obersten Saal anlangten.

Flitmore verschlo whrend dieser Zeit den Eingang zum untersten Raume
hermetisch und berzeugte sich, ob alles in Ordnung und nichts vergessen
worden sei.

Der Professor sa bereits auf dem obersten Absatz der Stiege am Okular
des Fernrohrs.

Nun denn, in Gottes Namen und im Vertrauen auf des Allmchtigen
Schutz! rief der Lord feierlich: Meine Herren, ich schliee den
Strom.

Da geschah etwas vllig Unerwartetes.

Mietje und Heinz vernahmen in diesem Augenblick ein dumpfes Gerusch,
das sich durch das ganze Fahrzeug fortpflanzte.

Was bedeutet das? fragte die Dame.

Es purzelt alles durcheinander, sagte Heinz lachend: die Herren
lernen jetzt oben und unten aus praktischer Erfahrung unterscheiden, sie
sind jedenfalls alle herabgestrzt.

Wieso? frug Mietje erschrocken: Hat mein Mann den Eingang nicht
rechtzeitig verschlossen? Unmglich! Sie meinen doch nicht, da sie
herausgestrzt sind, whrend die Sannah sich erhob?

Nein, nein! berhaupt bei der guten Auspolsterung der Rume hat
es keine Gefahr, und was wir vernommen haben, ist nur das
Durcheinanderpoltern der Kisten und Ballen in den unteren
Vorratskammern; denn aus den gummibelegten Slen kann kein Ton bis zu
uns dringen.

Die Lady schttelte den Kopf; sie begriff nicht recht und dachte nur,
die Abfahrt sei mit einem starken Ruck erfolgt, der dort unten einiges
durcheinandergeworfen habe. Freilich, ganz unerklrlich blieb es dann
immer noch, da hier oben auch nicht die geringste Erschtterung zu
spren gewesen war.

Was war geschehen?

Die Mnner dort unten waren sich selbst nicht klar darber, whrend das
Ereignis sich mit einer erschreckenden Pltzlichkeit abspielte.

Dem Professor auf seinem Sitz am Plafond war es pltzlich, als habe er
einen Purzelbaum gemacht und stehe nun auf dem Kopf; und doch hatte er
sich nicht geregt.

Im gleichen Augenblick kollerten Lord Flitmore und sein Diener die
Treppe herauf oder vielmehr herunter, wie es nun aussah, und kamen auf
Schultze zu liegen.

Wie eine Bombe platzte gleichzeitig Mnchhausen herab, glcklicherweise
in einiger Entfernung, so da seine Leibesflle keinen der andern traf,
sonst htte es ein Unglck gegeben.

Dank seinem Fettpolster und dem Guttaperchaberzug der Decke nahm er bei
dem Sturz aus drei Meter Hhe keinen Schaden.

Smtliche Mbel des Zimmers strzten ebenfalls herab und kamen zum Teil
auf die zappelnden Mnner zu liegen und ber alles hinweg turnten die
erschreckten Schimpansen.

Da hrt sich aber doch alle Wissenschaft auf! grollte Schultze, als
Flitmore und John die glcklicherweise so gummiweichen Sessel von sich
abgewlzt hatten und den Professor von der Last ihrer eigenen Krper
befreiten.

            [Illustration: Besichtigung des Weltschiffs.]

Alle drei richteten sich auf und Schultze stellte mit Befriedigung fest,
da keiner verletzt war.

Dann sah er sich um.

Wei der Kuckuck! rief er, wir stehen auf dem Plafond. Wahrhaftig,
die Decke ist zum Fuboden und der Fuboden zur Decke geworden. Schauen
Sie doch: die Treppe hngt verkehrt herab und das Teleskop ist nach oben
gerichtet. Da! Sehen Sie! Die Erde schwebt ber uns, ah! herrlich!

In der Tat bot die mondbeschienene Erde einen prchtigen Anblick; sie
entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit und schon sah man durch das
groe Fenster die Umrisse der britischen Inseln wie auf einer Landkarte
sich aus dem weiglnzenden Meer erheben.

Na! So helfen Sie doch mir erst auf die Beine, rief Mnchhausen
unwirsch, whrend er sich vergeblich bemhte, den groen Kautschuktisch
von sich zu wlzen, der seinen Bauch beschwerte.

Lachend befreiten ihn Schultze und John und richteten ihn dann mit
groer Anstrengung auf.

Ich hab's! rief in diesem Augenblick der Lord. Nein! da ich auch das
nicht in Rechnung zog! Wahrhaftig, Heinz Friedung beschmt uns alle. Hat
er uns nicht noch zugerufen: Wissen Sie auch, was oben und unten ist?
Er allein hat die Folgen geahnt, die aus der Loslsung von der
Anziehungskraft der Erde sich ergeben muten.

Schafskopf, der ich bin! rief Schultze und glaubte im Augenblick
selber an die Richtigkeit seiner Behauptung: Das ist ja sonnenklar!
Stt die Erde uns ab, so ist auch die Richtung nach der Erde fr uns
nicht mehr unten, sondern oben! Lord, entweder mssen Sie die
Einrichtung Ihrer smtlichen Zimmer vllig umndern oder Sie mssen
zusehen, ob Sie ihre ganze Sannah zu einer Umdrehung veranlassen knnen,
sonst stehen Ihre smtlichen Stiegen auf dem Kopf.

Das ist meine geringste Sorge, erwiderte Flitmore. Die Treppen sind
leiterartig und leicht gebaut, bestehen aus Aluminium und lassen sich
aushaken. Wir knnen sie ohne groe Mhe umdrehen; aber ich sorge, ob
Mietje und Heinz keinen Schaden nahmen, und wie wird es in meinem
chemischen Laboratium aussehen! Die Rhren und Glser alle in Scherben.
Schade! Ein Glck, da die elektrischen Glhbirnen an den Wnden und
nicht an den Plafonds angebracht waren, sonst ragten sie jetzt aus dem
Fuboden empor und wren durch die strzenden Mbel zertrmmert worden.

Es wurde beschlossen, zunchst nach der Lady und Heinz zu sehen.

Die Deckenluken waren nun zu Falltren im Fuboden geworden und die
Treppen, die zu Aufstieg berechnet waren, galt es nun hinabzuklettern.
Hiezu muten sie erst ausgehngt und umgedreht werden, eine Arbeit, die
zwar Mhe kostete, aber doch gelang.

Bei dem Abstieg jedoch kamen neue berraschungen: die Decken und
Fubden der Zimmer erschienen durchaus nicht eben noch wagrecht: sie
zeigten bedenkliche Neigungen und Steigungen. Als die ersten fnfzehn
Meter berwunden waren, hrte der Abstieg berhaupt auf: von da ab waren
Decke und Fuboden der Zimmer nicht einfach vertauscht, sondern zu
Seitenwnden geworden; die Decken- und Fubodenluken waren hier einfache
Tren und es bedurfte gar keiner Treppe mehr, um sie zu erreichen.
Anfangs zeigten sich die neuen Fubden, die bisher Zimmerwand gewesen
waren, nach unten geneigt, im spteren Verlauf jedoch wurden sie mehr
und mehr zu ansteigenden schiefen Ebenen und zuletzt schien auf einmal
wieder alles in Ordnung, man konnte die folgenden Treppen belassen, wie
sie waren, und statt des Abstiegs begann nun ein Aufstieg zu den letzten
fnf Zimmern. -- Kapitn Mnchhausen schttelte den Kopf, whrend er
keuchend seine Leibesflle die Treppen emporschleppte: Ihre Sannah ist
rein verhext, Lord! rief er: Ich komme aus diesen Verhltnissen nicht
mehr draus.

Sonderbar, in der Tat, sonderbar, gestand Flitmore.

Nein! Ganz natrlich, belehrte der Professor berlegen; denn sein
fleiiges Nachdenken hatte ihn des Rtsels Lsung finden lassen. Unsre
Sannah ist sozusagen selbstndig geworden, ein von der Anziehungskraft
der Erde emanzipiertes Frauenzimmer, ganz modern! Sie hat nun ihre
eigene Zentripetalkraft und ihr Mittelpunkt ist fr uns fortan jederzeit
unten und ihre Oberflche berall oben. Sie ist ein Planet fr sich oder
sagen wir ein Planetoid; sie ist in die Reihe der Weltkrper
eingetreten, groartig, was?

Sie haben recht, Professor! stimmte Flitmore zu. Und, sehen Sie, in
diesen oberen Rumen ist alles in Ordnung geblieben, nur da sich Decke
und Fuboden gegen den Mittelpunkt neigen. Ein Glck, da mein
chemisches Laboratorium sich hier befindet. Da ist kein Stck
beschdigt, nur etwas zusammengerutscht sind die Sachen, alles gegen die
Mitte hin. Wir mssen zusehen, wie wir uns mit dieser Lage der Dinge
zurechtfinden und uns so bequem als mglich einrichten. Es ist
wahrhaftig fatal, da ich diese Folgerungen in meine Berechnungen nicht
einbezogen habe, sonst htte ich Fubden und Decken smtlich als
konzentrische Kugeln angeordnet und so allein wre unter den obwaltenden
Verhltnissen alles topfeben. Jetzt ist die Sache durch und durch
verpfuscht.

Na, schadet nichts, lieber Lord! trstete der Kapitn: Groe
Unannehmlichkeiten entstehen uns daraus nicht, nur einige Arbeit, bis
Sie in Ihrer Schreinerei die Hobelbank vom Plafond abgeschraubt haben
und in der Schmiede den Ambo von der Wand, bis schlielich alles in die
gebhrende Lage zurckversetzt ist.

Oben angekommen, fanden sie Mietje und Heinz vergngt beieinander. Heinz
hatte der Lady inzwischen den Vorgang erklrt, wie er sich ihn ganz
richtig bedacht hatte, und beide freuten sich, da alles ohne Schaden
fr die andern abgelaufen war.




                          5. Im Weltenraum.


ber den Erklrungen und dem Geplauder, das sich nun lebhaft erhoben
hatte, war die Beobachtung der Weiterfahrt vllig vergessen worden, bis
Mietje daran erinnerte.

Pat auf! sagte sie: Wir nhern uns mit rasender Geschwindigkeit dem
Mond.

Alle schauten nach oben.

Allerdings, sagte Heinz, er sieht schon ganz stattlich aus, aber
merkwrdig dster.

Hollah! rief Schultze: Das ist ja unsre Erde! Dunkel erscheint sie in
der Tat; aber die Umrisse von Europa und Afrika lassen sich ganz
deutlich unterscheiden.

Es war wirklich ein entzckender Anblick! Die Erde erschien als flache
Scheibe, etwa zehnmal so gro als die scheinbare Gre des Vollmonds,
und die mondbeleuchteten Kontinente zeigten sich wie auf einem
Erdglobus: Europa, Afrika und ein Teil von Asien waren ganz zu bersehen
und ber Indien und Persien leuchtete schon die Morgensonne, so da die
Ksten deutlich dem staunenden Auge erschienen.

Was ist das wieder fr ein Spuk! polterte der Kapitn: Ich meine
doch, hier sollten wir den Ausblick direkt auf den Mond haben und die
Erde lieen wir auf der andern Seite! Werter Lord, Sie haben mich
sozusagen als Kapitn und Steuermann Ihrer Sannah angeheuert, aber mit
solch einem vertrackten Fahrzeug wei ich wahrhaftig nicht umzugehen.
He, Professor! Sie Alleswisser, wie erklren Sie nun wieder diese
Absonderlichkeit?

Herrlich! erwiderte Schultze begeistert: Als echter Planet, der sich
seiner Bedeutung im Weltall bewut ist, dreht sich unsre Sannah um ihre
eigene Achse und das in ungefhr zwei Erdenstunden. Passen Sie auf, in
einer Stunde etwa sehen wir da oben wieder den Vollmond aufleuchten, und
sobald wir auer dem Bereich des Erdschattens sind, wechseln bei uns Tag
und Nacht stndlich; wir brauchen uns aber nur zu rechter Zeit in ein
andres Zimmer unter der Oberflche unsres Planeten zu begeben, um ewigen
Tag zu genieen und unendliche Nacht, ganz nach Belieben!

Ich mu gestehen, sagte Flitmore, das alles kommt mir ganz
berraschend; meine astronomischen Kenntnisse sind nicht weit her und
ich habe diese Umstnde nicht in Rechnung gezogen.

In der Tat, lachte Schultze! Auch ber die
Fortbewegungsgeschwindigkeit Ihrer Sannah tuschten Sie sich. Mit der
Lichtgeschwindigkeit ist es einmal sicher nichts; sonst htten wir den
Mond schon lngst hinter uns.

Halt! wandte der Lord ein: Sie vergessen, da wir uns noch in der
Anfangsgeschwindigkeit befinden, die bestndig wchst; berdies habe ich
mit Absicht nur einen ganz schwachen Strom unsre Hlle durchkreisen
lassen, damit wir unsern Nachbarn, den Mond, mit Mue betrachten
knnen.

Wissen Sie, was uns begegnen wird? fragte der Professor Wir werden
als Bewohner eines regelrechten Planeten den Gesetzen der Gravitation
unterworfen werden, das heit unsere Sannah wird in elliptischer Bahn um
die Sonne kreisen und dann sind wir hilflose Gefangene bis wir nach
Verbrauch unseres Sauerstoffvorrats ein klgliches Ende nehmen.

Sie sind ein unheimlicher Prophet, Herr Professor, rief Mietje:
Hoffentlich wird Ihre Voraussage nicht in Erfllung gehen.

Schultze zuckte die Achseln: Die Gravitationsgesetze erleiden keine
Ausnahme; jeder Weltkrper ist ihnen unterworfen; und da unser
Weltschiff zu solch einem Weltkrper im unendlichen Raume geworden ist,
mu er wohl samt uns allen ein Opfer dieser Gesetze werden.

Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen
darf, nahm nun John Rieger, der Diener, das Wort, diese
verhngnisreiche Kraft, woselbst Sie Gravisionskraft nennen?

Das ist diejenige Kraft, klrte der Professor den Wibegierigen auf,
die alle Planeten, das heit die Weltkrper, die sich um die Sonne
drehen, in ihren Bahnen erhlt. Der unsterbliche Isaak Newton hat als
erster die Gesetze dieser Kraft festgestellt, die im Grunde nichts
anderes ist, als die Schwerkraft: alle Weltkrper ziehen einander an und
je grer ihre Masse ist, desto strker ist ihre Anziehungskraft.

Dann aber mte doch sozusagen einer auf den andern fallen, warf
Rieger ein: voraussichtlich die kleinen auf die greren, wie zum
Beispiel der Mond auf die Erde und die Erde auf die Sonnen.

Sehr scharfsinnig bemerkt, mein Sohn! lobte Schultze; aber der Mond
wird nicht blo von der Erde, sondern auch von der Sonne angezogen und
alle Weltkrper ziehen einander gegenseitig an. Dazu bewirkt die
Anziehungskraft die elliptische Bewegung der Planeten um die Sonne und
durch diese Eigenbewegung berwinden sie wieder bis zu einem bestimmten
Grad die Anziehungskraft, so da es eben diese Kraft ist, die in ihren
Folgen das Weltall im Gleichgewicht erhlt. Allerdings kommen auch
Strungen in der regelmigen Umlaufbahn vor, wenn zwei Himmelskrper
sich auf ihren Wegen nhern und dadurch eine verstrkte Anziehung
aufeinander ausben. Dadurch wird die Berechnung sehr verwickelt.

So hat man berechnet, da die Erde mindestens elf Bewegungen ausfhrt:
1. dreht sie sich in 24 Stunden um sich selbst, das nennt man ihre
Rotation; 2. bewegt sie sich um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von
29450 Metern, also beinahe 30 Kilometern, in der Sekunde; 3. eilt sie
mit dem ganzen Sonnensystem dem Sternbild des Herkules oder der Leier
zu; 4. schwingt die Erdachse; 5. verndert sich die Form der Erdbahn um
die Sonne, indem sie sich bald der Kreisform nhert, bald wieder der
Form einer langgestreckten Ellipse; 6. dreht sich diese Ellipse selber
in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21000 Jahren; 7. dreht sich
die Erdachse in 25765 Jahren in einem Kreis; 8. die Anziehungskraft des
Mondes, dem wir auch Ebbe und Flut verdanken, lt den Pol des quators
in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben, da der Mond
eine Anschwellung der Erdmasse am quator hervorruft, die eine Art Ebbe
und Flut auch des festen Landes darstellt; 9. die Lage des Schwerpunktes
unseres Erdballs verndert sich allmonatlich ebenfalls infolge der
Mondanziehung; 10. die Planeten, namentlich Jupiter und Venus,
verursachen Strungen der Erdbahn; 11. der Mittelpunkt der jhrlichen
Umdrehung der Erde um die Sonne liegt nicht im Mittelpunkt der
letzteren, sondern ist vernderlich. Es wre brigens leicht, noch mehr
Bewegungen auszurechnen.

Du siehst, John, sagte Flitmore lachend, wenn du in einem fahrenden
Schnellzug auf und ab spazierst, die Hnde schlenkernd und dabei die
Finger bewegend, so machen deine Finger 15 Bewegungen mit und der
Bazillus, der in deinem kreisenden Blute deiner Fingerspitze schwimmt,
gar 17.

Aber was sagen Sie, Lord, zu der Befrchtung unseres Professors, da
wir nun ewig um die Sonne kreisen werden? fragte Heinz Friedung.

Damit hat es keine Gefahr, erwiderte Flitmore. Schultze lie einen
Hauptumstand auer acht. Ich habe berhaupt eine besondere Ansicht ber
die Gravitation; ich glaube, da zwei Krfte dabei ttig sind, eine
Anziehungskraft und eine gegenseitige Abstoungskraft, wie man ja auch
annimmt, da die Molekle und Atome eines Krpers einander zwar anziehen
aber doch nicht berhren, weil sie einander auch abstoen. Der Ausgleich
dieser beiden einander entgegenwirkenden Krfte bestimmt meiner Ansicht
nach den gegenseitigen Abstand, den die Himmelskrper einhalten; so
erklre ich mir auch, da die flchtigen Stoffe der Kometen bei der
Annherung an die Sonne bis zu einem gewissen Punkt angezogen, von da ab
aber abgestoen werden und so die Kometenschweife bilden.

Fr uns aber ist die Hauptsache, da der Strom, der in der Sannah
kreist, die Anziehungskraft berhaupt aufhebt und nur die Fliehkraft
wirken lt, so da kein Weltkrper uns in seinen Bannkreis zwingen
kann, so lange der Strom geschlossen bleibt.

Das ist in der Tat richtig, gab Schultze zu. Aber hren Sie, noch
eins erscheint mir rtselhaft: wir befinden uns jedenfalls schon lngst
im leeren Raum, auerhalb der irdischen Atmosphre, deren Hhe auf etwa
180 Kilometer geschtzt wird ...

Erlauben Sie, da ich Sie hier unterbreche, bat Flitmore: Wie stellen
Sie sich unsere irdische Lufthlle berhaupt vor?

Nun, erwiderte der Professor: Man ist der Ansicht, als ob es eine
scharfe Abgrenzung der Atmosphre gegen den Raum berhaupt nicht gebe,
sondern blo einen allmhlichen bergang durch stets zunehmende
Verdnnung der Luft.

Ganz richtig! sagte der Lord: Aber die Astronomen oder Astrophysiker,
die diese schne Theorie aufstellen, vergessen offenbar, da die Erde
bei ihrem Dahinsausen durch den Raum ihre Lufthlle mit sich nimmt. Wie
wollen wir uns das erklren, wenn diese Hlle gar keine feste Grenze
hat?

Das stimmt! meinte Heinz: Es ist klar, da die Anziehungskraft der
Erde auf die obersten, dnnsten Luftschichten am schwchsten wirkt; in
einer bestimmten Hhe mu die Attraktion nicht mehr gengen, um die in
den leeren Raum bergehende unendlich verdnnte Luft festzuhalten und
somit mu sie alles zurcklassen, was ber diese Grenze hinausgeht; wre
also die Atmosphre ursprnglich ohne bestimmte Grenze gewesen, so mte
sie doch alsbald durch die Fortbewegung der Erde zu einer scharfen
Abgrenzung gelangt sein.

Ganz meine Ansicht, besttigte Flitmore: Ich gehe noch weiter; es
wre anzunehmen, da die Erde immer mehr von ihrer Atmosphre an den
leeren Raum verlre und die Masse derselben bestndig abnehmen mte.

Das leuchtet mir ein, meinte Schultze: Jedenfalls mu die Lufthlle
der Erde gegen den Raum scharf abgegrenzt sein, da sie mit der Erde
durch die Leere saust.

Doch nicht! widersprach der Lord.

Oho! rief Schultze verwundert: Wie wollen Sie dann aus der Klemme
kommen?

Sehr einfach, erklrte der Englnder: Die Lufthlle der Erde ist nie
und nirgends vom raumerfllenden Stoff scharf unterschieden, weil eben
dieser Stoff, der den Raum erfllt, und den man ther nennt, nichts
anderes ist als Luft.

Da hrt sich aber doch alle Wissenschaft auf! lachte der Professor.
Damit werden Sie in der wissenschaftlichen Welt schwerlich
durchdringen.

Mglich! Aber das ist meine berzeugung. Ein ganz allmhlicher bergang
der Atmosphre in den umgebenden Raum ist nur dann mglich, wenn der
Raum eben die gleichen Stoffe enthlt, wie die Luft, freilich in uerst
dnner Verteilung. So mag die Erde einerseits bestndig etwas von ihren
obersten dnnsten Luftschichten an den Raum verlieren, sie wird aber
andererseits auch bestndig aus dem durcheilten Raum wieder Ersatz
anziehen.

Bravo! rief Heinz: Diese Theorie allein scheint mir gengend zu
erklren, wieso die Erde ihre Lufthlle durch die Jahrtausende in
gleicher Dichte und stets erneuerter Reinheit bewahren kann.

So ist es, besttigte der Lord: Und weiter folgt daraus, da jeder
Weltkrper entsprechend seiner Masse und Anziehungskraft, sowie seiner
Rotations- und Umlaufgeschwindigkeit sich aus dem Raum eine Atmosphre
angezogen haben mu, die eben durch seine Attraktion verdichtet und an
seiner Oberflche am dichtesten geworden ist.

Das hiee also: kein Weltkrper ohne Lufthlle? fragte Schultze.

Das wre allerdings die notwendige Folge meiner Annahme.

Lassen wir das dahingestellt, fuhr der Professor kopfschttelnd fort:
Das Rtsel, von dem ich reden wollte, ist dies: da wir uns im leeren
Raum, oder, wie Sie wollen, in uerst verdnnter therischer Luft
befinden, mu in unserer Umgebung eine Temperatur herrschen, die dem
absoluten Nullpunkt nahe kommt, das heit 273 Grad unter Null. Nun mag
die Schutzhlle unserer Sannah noch so vorzglich sein, ebenso Ihr
Heizungssystem; wir mten dennoch den Einflu einer so ungeheuren Klte
spren. Ich aber spre nichts Derartiges, vielmehr ist es stets
gleichmig behaglich warm.

ber die Temperaturverhltnisse des Raumes sind wir vllig im
unklaren, entgegnete der Englnder: Die bestndige Abnahme der
Temperatur ist schon innerhalb der Erdatmosphre widerlegt, in welcher
bekanntlich die groe Inversion stattfindet: die unterste Luftschicht
ist 3 bis 4 Kilometer hoch und befindet sich in steter Unruhe und
Bewegung; ber ihr befindet sich eine ruhigere, trockene, kalte
Luftschicht, in der die Temperatur bis zu 85 Grad unter Null abnimmt. In
einer Hhe von 10 Kilometern aber beginnt die dritte, sehr gleichmige,
ruhige und trockene Schicht, die wieder wrmer ist und bei 14 Kilometer
Hhe 52 bis 57 Grad unter Null aufweist. Die Theorie der >Strahlung< von
Licht und Wrme halte ich fr eine vllig verfehlte: sie mte zu ganz
unmglichen Folgerungen fhren. Bedenkt man, mit welcher Geschwindigkeit
die Erde durch den Raum eilt, so da in jedem Augenblick neue, zuvor im
Raum verlorene Sonnenstrahlen sie treffen, so mte man annehmen, da
sie berhaupt kein Licht und keine Wrme von der Sonne empfangen knnte,
falls nicht der Raum, den sie durchwandert, erleuchtet und erwrmt wre.
Meiner Ansicht nach pflanzt sich Licht und Wrme in der Weise fort, da
die erleuchteten und erwrmten Stoffteile des Raumes sie einander durch
Berhrung weitergeben, meinetwegen als Schwingungen. Je dnner die
Materie ist, desto rascher gibt sie die Schwingungen weiter und desto
weniger speichert sie an Licht und Wrme auf; je dichter sie ist, desto
mehr absorbiert oder verschluckt sie, speichert davon in sich auf oder
wirft die Strahlen zurck, wobei es auf die Art des Stoffes ebenfalls
ankommt, auf seine Leitungsfhigkeit, Frbung und so weiter.

Sie haben recht, Lord, mischte sich nun Kapitn Mnchhausen in das
Gesprch: Auf den hchsten Berggipfeln, die infolge der mangelnden
Erdwrme ewig in Eis und Schnee starren, brennt die Sonne viel heier
als unten in der dichten Atmosphre. Warum? Die dnne Luft gibt ihre
Wrme rascher ab, wobei sie sich selber weniger durch Aufspeicherung
erwrmt; der Raum, durch den wir fliegen, ist jedenfalls weit klter als
die Bergluft, aber durchaus nicht so bodenlos kalt, wie man annimmt, und
bei Tag werden wir es erfahren, da die Sonnenstrahlen uns tchtiger
einheizen als irgendwo auf der Erde.

Und da eine Hlfte unserer Sannah stets Sonnenlicht genieen wird,
fgte Heinz bei, so denke ich, werden wir nie unter zu starker
Abkhlung zu leiden haben.

Damit rechne auch ich, schlo Flitmore: Ich glaube, wir werden,
solange wir uns im Bereiche der Sonnenwrme befinden, berhaupt keiner
Heizung mehr bedrfen; im Gegenteil, die Schutzhlle meines Weltschiffs
wird uns vor unertrglicher Hitze bewahren mssen.




                          6. Am Mond vorbei.


Unsere Freunde richteten nun ihr Augenmerk wieder auf den Mond, der sein
weies Licht aufs neue durch das groe Deckenfenster sandte; denn Sannah
hatte inzwischen eine zweite Umdrehung vollendet.

Er erschien nun als eine ungeheure Kugel, so nah, wie er durch das
strkste irdische Fernrohr nicht gesehen werden kann.

Wir strzen geradewegs auf ihn zu! rief Lady Flitmore nicht ohne
Besorgnis.

Beruhige dich, Mietje, trstete ihr Gatte: Die Fliehkraft gestattet
nicht, da wir an seiner Oberflche zerschellen, er mu uns abstoen,
ehe wir ihm nahe kommen. Wenn wir brigens wollten, knnten wir ihm
einen Besuch abstatten: ich brauchte nur den Strom abzustellen.

Ich stimme nicht dafr, erklrte Mnchhausen: Er sieht durchaus nicht
einladend aus, dieser Sehnsuchtstraum der Poeten.

Und ob wir dort atmen knnten, meinte Schultze: Er soll ja keine
Atmosphre besitzen.

Was das betrifft, entgegnete der Lord, so halte ich vorerst an meiner
vorhin geuerten Meinung fest, da jeder Weltkrper seine Lufthlle
besitzt.

Doch hat man nie mit Sicherheit Dmmerungserscheinungen auf ihm
beobachten knnen, warf der Professor ein.

Das beweist gar nichts, widersprach Flitmore hartnckig: Erstens
wollen mehrere Astronomen Dmmerungserscheinungen auf dem Mond erkannt
haben; zweitens gibt es in reiner Luft, wie Tyndall nachwies, berhaupt
keine Dmmerungserscheinungen, diese rhren vielmehr von kleinen
Partikelchen in der Atmosphre her; so kennen zum Beispiel auch
tropische Lnder auf der Erde keine Dmmerung, und die Luft wollen Sie
ihnen doch nicht absprechen? Da der Mond keine Wolkenbildungen zeigt,
beweist blo den Wassermangel auf seiner Oberflche. Andrerseits
erscheint oft ein Stern vor der Mondscheibe, ehe er hinter derselben
verschwindet, was sich am leichtesten durch die atmosphrische
Lichtbrechung erklren lt.

Einladend sah allerdings die Mondlandschaft nicht gerade aus, wie der
Kapitn sehr richtig bemerkt hatte: alles erschien starr, de und tot,
ohne eine Spur von Pflanzenwuchs und Wasserlufen. Aber hochinteressant
erschien der Anblick und fesselte denn auch die Augen der Beobachter.

Die Gebirge erhoben sich zu ungeheurer Hhe ber ihre Umgebung und
berall zeigten sich die dem Monde eigentmlichen Ringkrater mit ihren
himmelhohen steilen Rndern. Einzelne Erhebungen mochten eine absolute
Hhe von 10000 Metern erreichen.

Besondere Aufmerksamkeit wandten der Professor und der Lord dem Krater
Linn zu, der von Lohrmann als ein Schacht von zehn Kilometer
Durchmesser beschrieben und von Beer und Mdler als solcher mit
besonderer Deutlichkeit beobachtet wurde, 1866 aber pltzlich
verschwand. An seiner Stelle erschien spter ein kleines Kraterchen, das
auch die beiden Beobachter der Sannah erblickten.

Gerne htten sie auch den Doppelkrater Messier betrachtet, der sich
ebenfalls in merkwrdiger Weise verndert haben soll: bei nicht weniger
als 300 Beobachtungen von 1829 bis 1837 waren beide Krater rund und
einander gleich; heutzutage zeigt der eine Krater eine elliptische Form
und die Zwischenwand der beiden Schlnde ist durchbrochen.

Man glaubt auch hie und da ein wogendes Nebelmeer in diesem Krater
gesehen zu haben, vielleicht Rauchwolken. Fr unsere Freunde war der
Messier unsichtbar, weil das Mare foecunditatis, wo er sich befindet, in
dunkle Nacht gehllt war.

Von mehreren Kratern sah man helle Strahlen ausgehen. Namentlich zeigte
sich diese merkwrdige Erscheinung an dem groartigsten Ringgebirge des
Mondes, dem Tycho, von welchem mehrere hundert getrennte Streifen bis zu
1200 Kilometer Lnge ausstrahlten.

Schultze glaubte in diesen rtselhaften Gebilden erstarrte Lavastrme zu
erkennen mit glatter glnzender Oberflche. Dafr spricht der Umstand,
da sie nur bei voller Beleuchtung durch die Sonne sichtbar sind.

Flitmore dagegen wies darauf hin, da die Strahlen meist erst in einiger
Entfernung von den Kraterwllen begannen und dann ber Ebenen, Krater,
Berge und Tler ununterbrochen hinwegliefen, um dann pltzlich am Fue
irgendeiner Erhebung zu enden oder sich allmhlich in einer Ebene zu
verlieren. Das stimmte doch nicht recht zu der Theorie der Lavastrme.

Dagegen erkannten beide Forscher deutlich das Wesen der rtselhaften
Rillen, die teils gerade, teils gekrmmt, bald vereinzelt, bald sich
verzweigend oder einander schneidend, sich in den Ebenen und um die
Berge herum zeigten, manchmal auch einen Berg durchbrechend. Sie
erwiesen sich als mehr oder weniger breite klaffende Sprnge in der
Mondoberflche.

                    [Illustration: Mondandschaft.]

Mehr als einmal wurden auch Neubildungen auf dem Monde beobachtet, und
unsere Freunde hatten das Glck, eine solche unter ihren Augen entstehen
zu sehen: in der groen Ebene des Mare imbrium tat sich auf einmal der
Boden auf, Rauch und Glut brach hervor und es bildete sich binnen
weniger Minuten ein Krater, von dem aus ein Schlamm- oder Lavastrom sich
in die Umgebung ergo.

Schade, da die Astronomen auf der Erde den neuen Vulkan nicht sehen
knnen, meinte Flitmore bedauernd: Er ist zu klein fr ihre
Instrumente.

Wir haben den Vorgang beobachtet, das gengt! triumphierte Schultze.

Ja, mischte sich Heinz darein; Falls wir je wieder die Erde erreichen
und Kunde von diesem Vorgang dorthin bringen knnen.

Damit wre ein alter Streit entschieden, sagte der Professor, wenn
man uns nmlich Glauben schenkt, was immerhin sehr zweifelhaft bleibt.

Was fr merkwrdige Farben! bemerkte nun Lady Flitmore und wies auf
die Gegend des Oceanus procellarum hin.

In der Tat zeigten sich dort ausgedehnte Flecken von hellgrner und
gelblicher Frbung.

Sollte da am Ende dennoch Pflanzenwuchs vorhanden sein? wagte Heinz zu
vermuten.

Achtung, meine Herren! rief jetzt der Lord: Wir werden nun einen
Anblick bekommen, den kein irdisches Auge noch genossen hat. Bekanntlich
kehrt der Mond der Erde stets nur ein und dieselbe Seite zu, weil er
sich genau in der gleichen Zeit um seine Axe wie um die Erde dreht. Nur
infolge seiner Libration, das heit seiner geringen Axenschwankung,
sehen wir bald auf der einen, bald auf der andern Seite einen kleinen
Teil der von uns abgekehrten Hlfte.

Nun ist der Moment gekommen, wo wir am Erdtrabanten vorbeifliegen und
seine rtselhafte Rckseite zu Gesicht bekommen werden, und zwar aus
verhltnismiger Nhe; denn wir sind ihm bis auf 10000 Kilometer
nahegekommen, whrend er 400000 Kilometer von der Erde entfernt ist.

Alle waren aufs hchste gespannt auf den Anblick, den die geheimnisvolle
Rckseite des Mondes ihnen gewhren wrde, obgleich Schultze meinte, sie
werde nicht viel verschieden sein von dem, was man bisher geschaut.

Zur Beobachtung mute ein andres Zimmer aufgesucht werden, da infolge
der Umdrehung der Sannah der Mond fr das Zimmer, in welchem sich die
Gesellschaft befand, gerade unterging.

Der Lord beschlo, sich dem Monde noch weiter zu nhern, damit alle
Einzelheiten der zu erwartenden Erscheinungen mit voller Deutlichkeit
beobachtet werden knnten. Er stellte daher den Zentrifugalstrom ab und
mit rasender Geschwindigkeit strzte die Sannah dem Monde zu.

Das nchste, was entdeckt wurde, war die Fortsetzung der farbigen
Flecke, die sich durch das Teleskop nun deutlich als grne Matten und
drre Grassteppen erkennen lieen.

Was ist das? rief Lady Flitmore auf einmal erschreckt aus.

Durch das Fenster fiel ein leuchtender Schein.

Der Lord sah auf und eilte dann mit einem Satz an die Stromschaltung, um
die Fliehkraft wieder in Ttigkeit zu setzen.

Was war's? fragte Heinz.

Wir sind in die Mondatmosphre eingedrungen, erklrte der Englnder,
und bei der Geschwindigkeit unsres Sturzes begannen die Metallrnder
der Fenstereinfassung trotz des Flintglasschutzes zu glhen; doch die
Gefahr ist beseitigt; wir erheben uns bereits wieder ber die
Atmosphre.

Sie ist also vorhanden, diese vielbezweifelte Mondluft, sagte
Schultze.

Daran ist nicht mehr zu zweifeln; aber sehen Sie! erwiderte Flitmore.

Die Mondoberflche war kaum noch hundert Kilometer entfernt; so hoch
erhob sich der dichtere Teil ihrer atmosphrischen Hlle. Und nun
zeigten sich Landschaftsbilder von entzckender Pracht.

Auch hier herrschten die sonderbaren Ringgebirge vor; aber sie waren
bewaldet.

Die Entfernung gestattete nicht, mit bloem Auge die Natur dieser Wlder
zu erkennen, das Fernrohr jedoch offenbarte ganz eigentmliche
Baumformen, wie sie auf der Erde kaum zu finden sind. Die meisten dieser
Gewchse glichen ungeheuren Grasbscheln auf hohen Stmmen, so da sie
palmenartig aussahen; doch hatten die Bume nur selten eine eigentliche
Krone; meist waren es wagrechte ste, die ihr buschiges Ende nach allen
Seiten hin ausstreckten.

Riesenfarnen und Nadelbume von demselben eigentmlichen Bau waren an
andern Stellen zu sehen; die Wedel standen wagrecht von den Stmmen ab
und neigten sich zum Teil nach unten, so da unter dem Stamm kein
Schatten zu finden sein konnte, abgesehen vom sprlichen Schatten des
Stammes selber und seines Astholzes; in ziemlicher Entfernung erst umgab
den Baum ein Kreis von schattigen Stellen.

In den Ringkratern leuchteten hufig kleinere oder grere Seen;
Wasserflle und Bche strzten die steilen Bergwnde herab, grere
Flulufe und Meere waren jedoch nicht zu sehen: die Bche ergossen sich
in kleine Binnenseen oder versandeten in der Ebene; vielfach schienen
auch Smpfe die Niederungen zu bedecken.

Von lebenden Wesen war nichts zu entdecken und Schultze sprach die
Vermutung aus, da eine Tier- und Vogelwelt jedenfalls vorhanden sein
drfte, allein wahrscheinlich nur in einer geringen Anzahl von
Exemplaren von bescheidenster Gre, so da auf solche Entfernung nichts
davon zu erkennen sei.

Wolkenbildungen schienen auch auf dieser Seite des Mondes berhaupt
nicht vorzukommen, was bei dem Mangel an bedeutenderen Wasserflchen
nicht gerade verwunderlich war. Dagegen stiegen da und dort
Nebelschleier auf, die dazu dienen mochten, das Land zu befeuchten und
die Quellen zu speisen.

Leider war der grte Teil der Mondscheibe auf dieser Seite in Nacht
gehllt, so da es unbekannt blieb, ob nicht noch unbekannte Wunder,
vielleicht gar Spuren menschenhnlicher Geschpfe in den verborgenen
Gegenden zu schauen gewesen wren.

Einen langen Tag und eine lange Nacht haben die etwaigen Mondbewohner,
sagte Schultze. Sie whren 14 unsrer Erdentage; um so krzer ist ihr
Jahr, denn es dauert eben nur einen Tag und eine Nacht, im ganzen 29
Erdentage.

Auf dieser Seite des Mondes wird die Erde niemals geschaut, whrend sie
auf der andern, jedenfalls unbelebten und unbewohnbaren Seite des Mondes
unbeweglich am Himmel steht, ohne jemals auf- oder unterzugehen oder
ihre Lage zu verndern. Sie erscheint dreizehnmal grer als uns auf
Erden der Mond erscheint und macht innerhalb 24 Stunden alle Mondphasen
durch. Welch herrlichen Anblick und welch strahlendes Licht gewhrt sie
dort, wo wahrscheinlich niemand sie zu bewundern vermag!

Lord Flitmore beschlo, von nun ab die Fahrt in die Weltrume aufs
uerste zu beschleunigen und stellte den vollen Zentrifugalstrom ein;
dann wurde eine Mahlzeit eingenommen, die John als Allerweltsknstler
inzwischen bereitet hatte.

Da die Weltallreisenden dringendes Ruhebedrfnis versprten, wurde
beschlossen, da sich nun jeder in sein eigenes Schlafgemach
zurckziehen solle, um einige Stunden des Schlafes zu pflegen.

Bei den zahlreichen Rumen, die Lord Flitmores Sannah enthielt, hatte
nmlich jeder ein besonderes und sehr gerumiges Schlafzimmer zur
Verfgung.

Zuvor aber wurde der Wachdienst geregelt.

Es wurde allgemein anerkannt, da eine stndige Wache unerllich sei,
einmal weil bei einer Fahrt von solch rasender Geschwindigkeit, wie sie
jetzt ausgefhrt wurde, unbekannte Gefahren jederzeit drohten; sodann
weil besonders interessante Erscheinungen sich bieten konnten, die sich
niemand gerne htte entgehen lassen mgen.

Die Schlafzeit wurde auf 8 Stunden festgesetzt, und da Mietje darauf
bestand, ihren Wachdienst gleich den Mnnern zu versehen, wurde jede
Nacht, wenn man die Zeit des Schlafes so nennen wollte, in drei Wachen
eingeteilt, so da auf jeden alle 48 Stunden eine Wache von etwa 2
Stunden kam; gewi keine bermige Leistung, da er hernach schlafen
konnte, so lange es ihm behagte.

Der jeweilige Wachhabende hatte die Runde durch alle Beobachtungszimmer
zwei- oder dreimal zu machen, um alle Himmelsrichtungen zu beobachten.
Sah er eine Gefahr oder etwas besonders Merkwrdiges, so war er
verpflichtet, das elektrische Lutwerk erklingen zu lassen, das in allen
Gemchern zugleich ertnte und von jedem Zimmer aus durch den Druck auf
einen Knopf in Ttigkeit gesetzt werden konnte.




                        7. Eine ernste Gefahr.


Lord Flitmore bernahm die erste Wache.

Mit ungeheurer Geschwindigkeit strzte die Sannah ins Leere.

An der Abnahme der scheinbaren Gre des Mondes berechnete der Lord, da
sie etwa 100 Kilometer in der Sekunde zurcklegte.

Die Geschwindigkeit wird sich mit der Zeit noch verdoppeln, vielleicht
verdreifachen, murmelte er; aber damit wird sie auch ihre hchste Eile
erreicht haben. Im gegenwrtigen Tempo wrden wir in neun Tagen die
Marsbahn kreuzen, mit 300 Kilometern in der Sekunde in drei Tagen; dann
wrden wir drei Wochen bentigen, um die Jupiterbahn zu erreichen,
weitere 25 Tage, um nach dem Saturn zu gelangen, dann 55 Tage bis zum
Uranus und etwa 62 Tage bis zum Neptun, im ganzen fnfeinhalb Monate.
Das wrde elf Monate ausmachen, bis wir wieder zur Erde zurckgelangten,
und so lange kann ich wohl hoffen, da unsere Luftvorrte ausreichen,
ganz abgesehen von der Mglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, sie auf
irgend einem Planeten erneuern zu knnen, wodurch wir in Stand gesetzt
wrden, noch unbestimmte Zeit auf die Besichtigung und Erforschung der
Planeten zu verwenden, deren Natur unserer Konstitution einen Aufenthalt
auf ihrer Oberflche gestatten wrde. So knnten wir also ohne
besonderes Risiko bis an die Grenzen unseres Sonnensystems reisen.

Prchtig! rief eine Stimme.

Oho, Sie sind's, Professor? sagte der Lord, sich umwendend. Sie sind
zu frh dran; erst in einer halben Stunde kommt die Wache an Sie.

Na! Ich habe die zwei Stunden famos geschlafen und fhle mich ganz
munter; so wollte ich Ihnen die letzte Zeit Ihrer Wache Gesellschaft
leisten; aber Sie werden mde sein; legen Sie sich nur gleich, wenn Sie
wollen, ich bin ja auf dem Posten.

Ich fhle nichts von Mdigkeit; ich bin es gewohnt, lange zu wachen.

Also bis zum Neptun knnen wir reisen, wenn ich Sie recht verstand? Das
ist ja famos!

Fr mich bedeutet es vielmehr eine Enttuschung: ich wnschte die
Weltrume jenseits unsres Sonnensystems zu erforschen; aber das scheint
nun ausgeschlossen, denn wir wrden bei einer Geschwindigkeit von nur
300 Kilometern in der Sekunde so beilufig 4500 Jahre brauchen, um den
nchsten Fixstern Alpha Centauri zu erreichen.

Na, wissen Sie, Lord, wenn wir uns hier in der Unendlichkeit bewegen,
auerhalb des Bereichs irdischer Naturgesetze, so ist es ja wohl gar
nicht ausgeschlossen, da wir einige tausend Jahre alt werden, scherzte
Schultze.

Und auf leibliche Nahrung und Atmung in gesunder Luft dabei verzichten
knnen, ergnzte Flitmore. Kann sein! Denn was ein Professor fr
mglich hlt, mu sein knnen. Aber ich frchte, wir wrden an
Langerweile zu Grunde gehen, wenn wir viereinhalb Tausend Jhrlein durch
den leeren Raum reisen wollten.

Hren Sie, Lord, sagte Schultze unvermittelt: Die Sonne wird
merkwrdig klein!

Er hatte einen Blick zum Fenster hinausgeworfen und zu seiner
Verblffung bemerkt, da die Sonnenscheibe kaum noch halb so gro
erschien, wie gewhnlich und auch an Glanz in hnlichem Verhltnis
abgenommen hatte.

Bei einer Geschwindigkeit von 360000 Kilometern in der Stunde war diese
Erscheinung ein Rtsel: vier bis fnf Tage von 24 Stunden htte
normalerweise die Fahrt whren mssen, bis die Sonne in solcher
Entfernung sich zeigte.

Flitmore wunderte sich zunchst nicht weiter ber des Professors
Bemerkung: Ja, sagte er, wir entfernen uns immer mehr von unserm
Zentralgestirn.

Dabei blickte auch er zum Fenster empor.

Halloh! rief er nun aber ganz verblfft: Was soll das bedeuten?

Er griff sich an die Stirn, als zweifle er, ob er wache oder trume.

Lord, die Sannah macht nicht 300, sondern 15000 Kilometer in der
Sekunde, rief Schultze aus: Auf diese Weise erreichen wir Alpha
Centauri bereits in 90 Jahren; wenn brigens die Geschwindigkeit Ihres
wunderbaren Weltschiffes im gleichen Tempo noch weiter zunimmt, wie
anzunehmen ist, so knnen auch 90 Tage daraus werden.

Ausgeschlossen, vllig ausgeschlossen! sagte nun Flitmore ruhig und
bestimmt, ging hin und unterbrach den Zentrifugalstrom.

Was machen Sie da? frug der Professor.

Es war die hchste Zeit, da wir die Sachlage entdeckten, erklrte der
Lord: Wir mssen bereits ber die Marsbahn hinausgekommen sein. Htte
ich mich zur Ruhe gelegt und Sie htten die Bedeutung der auffallenden
Erscheinung nicht erkannt, so wren wir rettungslos verloren gewesen.
Ja, verloren im unendlichen Raum! Es handelt sich hier nicht um eine
fabelhafte Geschwindigkeit unseres Fahrzeugs, sondern um die rasende
Schnelligkeit, mit der unser Sonnensystem durch das Weltall saust. Da
wir die Anziehungskraft fr uns aufgehoben hatten, nahm uns das
Sonnensystem auf seiner Fahrt nicht mit, sondern drohte, uns hinter sich
zurck im Raum zu lassen.,

Erlauben Sie, Lord! Die Sonne soll sich freilich mit ihren Trabanten
auf das Sternbild des Herkules zu bewegen, aber nur mit 16 Kilometern in
der Sekunde, so da diese Bewegung gegen die 300 Sekundenkilometer der
Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre rasche Entfernung
von der Sonne erklrt.

Sie haben recht, Professor; aber da ist eine Bewegung, die kein
irdischer Astronom erkennen konnte, die aber geahnt und vermutet worden
ist, und die sich in diesem Augenblick enthllt hat: Die ganze
Fixsternwelt, innerhalb deren sich die einzelnen Systeme bewegen, wie
etwa unser Sonnensystem nach dem Herkules, bildet wiederum ein groes
System, das offenbar mit 15000 oder noch mehr Sekundenkilometern wie ein
Strom durch die Unendlichkeit des Raums dahinfhrt und diese Strmung
ist es, die drohte uns unser Sonnensystem in kurzer Zeit zu entfhren,
so da wir im Leeren zurckgeblieben wren, fern von allen Weltkrpern,
die uns htten anziehen oder abstoen knnen und uns so die Aussicht
gewhrt htten, irgendwo zu landen.

Nanu! So htten wir eben zuwarten mssen, bis der groe Weltenstrom
neue Welten in unsre Nhe gefhrt htte.

Ein guter Gedanke; aber wer wei, wie viele tausend Jahre wir darauf
htten warten mssen. Jedenfalls zog ich es vor, uns wieder dem Einflu
der Anziehungskraft zu berlassen, da es zunchst fr unsre Sicherheit
notwendig erscheint, unser Sonnensystem nicht zu verlassen. Jetzt werden
wir voraussichtlich in die Attraktionssphre des Mars geraten und mssen
aufpassen, da wir nicht unsanft auf ihn herabstrzen. Ich werde mich
daher nicht zur Ruhe begeben, um meine Maregeln rechtzeitig treffen zu
knnen.




                      8. Die groen Astronomen.


Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem
Mastab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen,
und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als
sich alle um den Frhstckstisch im Nordpolzimmer versammelten.

Die Schlafgemcher befanden sich smtlich in den inneren Rumen, die auf
knstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Sle, die sich in der
quatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde
Tag und eine Stunde Nacht; im Sdpolzimmer dagegen herrschte zur Zeit
bestndige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhrlich Tag. Aus diesem Grunde
wurde letzteres zum gewhnlichen Aufenthaltsort gewhlt.

Schultze berichtete eingehend ber die Vorkommnisse der vergangenen
Nacht und schlo mit den Worten: Die Tatsache, da die Erde mit dem
Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie da das ganze
Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis
fr die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.

Wieso? fragte Heinz Friedung erstaunt: Ich meinte, nichts von der
Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei lngst schon als
zweifellos richtig erwiesen!

Da sieht man die Schulweisheit! lachte der Professor: Was einer
glaubt, verkndigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung,
gewhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schlern und selbst
den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als
felsenfest stehende Wahrheiten verkndigt. Meist lassen sie sich dadurch
tuschen, und so kommt es, da die groe Menge sowie auch die von ihrer
eigenen Unfehlbarkeit berzeugten Gelehrten glauben, jeden verhhnen und
als ungebildet und rckstndig brandmarken zu drfen, der ihren Glauben
nicht teilt und an dem zweifeln zu drfen glaubt, was als modernster
Standpunkt der Wissenschaft gilt.

Es ist wahr, das kopernikanische System ist beraus einleuchtend und
erklrt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der
Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes
Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner
Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig,
wie irgend eine andre sogenannte wissenschaftliche Wahrheit. Es ist
sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, da ein kommendes,
fortgeschritteneres Gechlecht wieder zum ptolomischen Weltsystem
zurckkehrt. Dann mte allerdings die gesamte astronomische
Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich
auf der ptolomischen Anschauung aufbauen wrde. Wie gesagt, es ist
unwahrscheinlich, da dies geschehen wird, aber durchaus nicht
unmglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen
auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst
die stets unsichern Schlsse, die wir aus den Tatsachen folgern.

Mit Verlaub, Herr Professor, begann nun John Rieger, der stets
bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: Was ist das eigentlich, das
polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage
aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?

Gewi darfst du das, und ich will dich gerne aufklren: Claudius
Ptolomus war ein berhmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor
Christus und lebte in der Stadt Alexandria in gypten. Er glaubte, die
Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, whrend
Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja fr uns den
Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomische Weltsystem, an
das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.

Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb,
auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543
erschien. Hier erklrt er nicht nur, da die Erde sich um ihre Achse
dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern da sie auch in einem
Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt
unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder
Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der
Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch
welche bewirkt wird, da das Erdenjahr nicht vllig mit einer
scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfllt, so da die Tag- und
Nachtgleichen etwas zu frh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt
man das kopernikanische Weltsystem.

Na! meinte John geringschtzig: Der Ptolomus mu ja ein ganz
trichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus
behauptet hat, ist nichts besonderes: Das wei ja jedes Kind, da sich
die Erde um die Sonne dreht!

Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du mut bedenken,
dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus
gefunden.

Halt, Professor! widersprach der Lord: Es ist eine uralte Weisheit
der gypter, die Kopernikus aufwrmte, wodurch jedoch sein Verdienst
nicht geschmlert sein soll. Schon in den ltesten Zeiten gab es groe
Geister, die auffallend richtige Begriffe ber die Erde und unser
Sonnensystem besaen. Sie scheinen dieselben von den gyptischen
Priestern berkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldern.
Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, da sie diese damals
so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund
derselben wissenschaftliche Grotaten vollbrachten.

Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut
wurde und deren Mae in berraschend genauem Verhltnis zum Umfang der
Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten
astronomischen Entfernungsmaen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier
Himmelsrichtungen gerichtet, und in der kniglichen Leichenkammer
befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel
unaufhrlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen
auszufhren vermochte, besa Fhigkeiten und wissenschaftliche
Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den
ersten Gren unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei
und Isaak Newton nicht bertroffen wurde.

Sie haben recht, gab Schultze zu: Die Alten hatten gewaltige Geister,
die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse,
beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen
Gren mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgnger und der
vollkommensten Instrumente.

Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die
Kugelgestalt der Erde und behauptete, es msse auf unsrer Erde Gegenden
geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei.
Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit
verblffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu
annhernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chalder.

Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es knne noch zwei oder
mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte
es, die Entfernung und Gre des Mondes und der Sonne zu berechnen,
wobei er die Gre des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so
angab, wie wir sie heute erforscht haben: das waren Mastbe, die fr
jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen muten. Posidonius
lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphre und der
Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Gre der
Sonne: wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblffende
Ergebnisse erreichte.

Auch Apollonius von Perg war ein solcher Geistesriese, der den Begriff
der Parallaxe entdeckt haben soll, das heit die Methode zur Berechnung
der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des
Mondes mit groer Genauigkeit und schlo daraus auf die Entfernung von
Sonne und Mond.

Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren
Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, da die Erde sich um die
Sonne drehe und da die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns
befinden. Dies alles scheint brigens Demokrit schon 400 Jahre vor
Christus erkannt zu haben.

Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all
diese khnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und
vergessen, bis Kopernikus sein groes Werk schrieb, zu dessen Prophet
sich der unglckliche Giordano Bruno aufwarf.

Dann kam Tycho Brahe, der groe Beobachter, dem Kepler so viel
verdankte. Johann Kepler stellte die berhmten Gesetze der
Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz
ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhltnis zu ihrer Bahn und das
Gesetz des Verhltnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung
zur Sonne.

Galilei benutzte als erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des
Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung
der Sonne aus ihrer Parallaxe beim Durchgang des Mars; Rmer und
Leverrier maen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die
Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit
seinen Bewegungsgesetzen in ein groartiges System und erklrten seine
Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel
den Planeten Uranus, Piazzi, Gau und Olbers die Planetoiden, wiederum
Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von
Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte.

Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxe berechnet wurde,
was uns in den Stand setzte die Entfernung und Gre der Himmelskrper
auerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die groen
astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den
wunderbaren Enthllungen durch die Spektralanalyse.

Danke, weisester aller Professoren! sagte Mnchhausen lachend: Sie
haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abri der
Geschichte der Astronomie in den letzten 10000 Jahren genannt werden
darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die groen
astronomischen Entdeckungen fr abgeschlossen erklrt, und vergessen,
da sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das
Weltall persnlich zu erforschen.

Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen,
sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch
die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde
ausgefhrt wurde, um vor unliebsamen berraschungen sicher zu sein.

Was gibt's? fragte Flitmore.

Wir nhern uns dem Mars mit groer Geschwindigkeit, erwiderte seine
Gattin.

Flitmore stand auf: Lassen Sie uns sehen, meine Herren, sagte er, und
alle folgten ihm in eines der quatorialzimmer, von dem aus die Lady den
Planeten beobachtet hatte.




                             9. Der Mars.


Die Sannah, die seit der vergangenen Nacht, wenn man von einer Nacht
reden konnte, nicht mehr von dem Strom der Fliehkraft durchkreist wurde,
befand sich in der Anziehungssphre des Planeten, der seit lange den
Beobachtungseifer und die Phantasie der Astronomen am meisten angeregt
hat.

Man war ihm schon so nahe, da man die greren Gebilde seiner
Oberflche deutlich unterscheiden konnte, ohne das Fernrohr zu benutzen.

Da hrt sich ja alle Wissenschaft auf! war das erste, was Schultze
berrascht und enttuscht ausrief: Soll das wirklich der Mars sein? Wo
sind denn die Kanle, meine geliebten Kanle, die ich so fleiig
beobachtet und mit solcher Zrtlichkeit studiert habe, das Wunder, das
Rtsel des Mars?

Von Kanlen war in der Tat keine Spur zu sehen.

Flitmore meinte, zum Professor gewendet: Ich habe nie recht an jene
merkwrdigen Kanalbildungen glauben knnen und vermutete, da es sich um
optische Tuschung handle. Der Mars ist bedeutend kleiner als unsre
Erde, sein Halbmesser betrgt wenig mehr als die Hlfte des ihrigen;
seine Polarregionen sind von ungeheurer Ausdehnung, namentlich im
Winter. Und nun sollen die mutmalichen Bewohner des kleinen bewohnbaren
Erdstrichs das Land mit einem gewaltigen Netz ungeheurer Kanle
durchzogen haben?

Warum nicht? fragte Schultze eigensinnig: Wenn es die Bewsserung des
Landes verlangte.

Bei den ausgedehnten Eis- und Schneemassen der Pole, den ungeheuren
Schneefllen im Winter und angesichts der meist uerst raschen
Schneeschmelze im Frhling kann ich an Wassermangel auf dem Mars nicht
glauben.

Na! Aber die Kanle sollten doch den Wasserzuflu regeln, ihn ber das
ganze Land verteilen und berschwemmungen verhten.

Ganz schn, wenn es Kanle von vernnftigen Grenverhltnissen wren
und von vernnftigem Verhalten. Aber diese angeblichen Kanle zeigten
eine Breite von 60 bis 300 Kilometern: ich bitte Sie, was soll das? Das
sind ja unsinnige Mae fr einen Kanal! Wenn sie nun aber wenigstens
bestndig so geblieben wren, aber da wurde ein und derselbe Kanal
einmal breiter, dann wieder schmler; mit Vorliebe verdoppelte er sich
pltzlich, oft innerhalb 24 Stunden, ebenso rasch konnte die
Verdoppelung wieder verschwinden und hie und da der ursprngliche Kanal
ebenfalls; dann wieder verschwand ein alter Kanal und zwei neue
erschienen an seiner Stelle.

Ja, ja! das waren eben die Rtsel dieser merkwrdigen Kanle, beharrte
der Professor.

Und nun ist ihr Rtsel gelst, lachte Flitmore: Sie sind einfach gar
nicht vorhanden, diese famosen Kanle.

Das mu ich allerdings zugeben, gestand der Gelehrte zu: Aber die
Sache ist nur umso rtselhafter.

Doch auch ohne diese geheimnisvollen Gebilde erschien die Landschaft
merkwrdig genug: wei leuchtete der Nordpol mit seinen Eis- und
Schneefeldern; das schneefreie Land gegen den quator erschien
rtlichgelb unterbrochen von dunkelgrn bewachsenen Streifen; einige
kleine Meere oder groe Seen trennten streckenweise die Kontinente und
breite Flsse zogen silbergraue Bnder durch die Ebenen.

berhaupt erschien fast alles eben. Grere Gebirge waren keinesfalls
vorhanden und kleinere Erhebungen lieen sich aus der Hhe, in welcher
sich die Sannah befand, nur an den Schatten erkennen, die sie warfen; wo
jedoch die Sonne die Tler voll erleuchtete, konnte Berg und Tal
berhaupt nicht unterschieden werden.

Inzwischen strzte das Weltschiff mit blitzartiger Schnelle gegen den
Planeten und man sah alles von Sekunde zu Sekunde wachsen.

Flitmore beeilte sich daher, den Zentrifugalstrom zu schlieen; ehe die
Sannah in die atmosphrische Hlle des Planeten gelangte, damit ihre
Auenwandungen nicht etwa durch die ungeheure Reibung in Glut versetzt
wrden.

Der Sturz verlangsamte sich nun zusehends, bis die abstoende Kraft die
Fallgeschwindigkeit berwand und das Weltschiff zunchst ganz langsam zu
steigen begann.

Wollen wir eine Landung auf dem Mars unternehmen? fragte nun der Lord.

Hurrah! rief Schultze begeistert.

O ja, bitte! schmeichelte Mietje.

Ich bin dabei! sagte Mnchhausen: die Kerkerhaft behagt mir auf die
Dauer nicht, wenn sie auch erst zwlf Stunden whrt.

Das wird herrlich! rief Heinz seinerseits begeistert.

Und was sagst du, John? wandte sich Flitmore an den Diener.

Sir, ich habe nichts dareinzureden, was Ihre unmagebliche
Entschlieungswillkr betrifft; aber was meine Spezialitt in dieser
Fragesache betreffen mchte, so wre es mir besonders genehm, freie Luft
zu schpfen, obwohl sozusagen die Luft hier innen ausgezeichnet fr die
Atmungsorkane ist.

Also, wir landen, entschied der Lord, da es einstimmig gewnscht
wird; die Schimpansen knnen wir ja nicht um ihre Meinung befragen und
so mssen Dick und Bobs sich der Mehrheit fgen.

Gleichzeitig unterbrach er wieder die Fliehkraft; sobald ihm jedoch die
Sturzgeschwindigkeit in bedenklichem Mae zuzunehmen schien, schlo er
wieder den Strom auf einige Sekunden.

Durch dieses abwechselnde ffnen und Schlieen wurde ein langsames
Fallen ermglicht, das noch durch die Marsatmosphre gemildert wurde,
sobald man diese erreicht hatte.




                    10. Eine Landung auf dem Mars.


Sobald die Anziehungskraft des Mars auf die Sannah wirkte, verlangsamte
sich ihre Umdrehungsgeschwindigkeit und als sie sich zuletzt auf den
Planeten herabsenkte, hrte ihre Eigenbewegung ganz auf und ihr
Schwerpunkt wurde in den Mittelpunkt der Marskugel verlegt; diesmal
hatte Flitmore diese nderungen vorausgesehen und dafr gesorgt, da die
Gesellschaft nicht wieder durch einen Sturz gegen die Wnde oder gegen
die Decke berrascht wurde.

Der Sto, den die Landung verursachte, war im oberen Raume, wo sich alle
zu dieser Zeit aufhielten, kaum sprbar.

Wir werden vom Nord- oder Sdpolzimmer aus aussteigen mssen, erklrte
der Lord: dort liegen die Ausgangspforten neben den Fenstern bei unsrer
jetzigen Lage in wagrechter Linie, das heit parallel zur
Marsoberflche, und mittels einer Strickleiter knnen wir hinabsteigen.

Lassen Sie mich als Ersten die Sannah verlassen, bat Heinz.

Nein, junger Freund! widersprach Schultze: Ich werde zuerst
hinausgehen; wir kennen die Zusammensetzung der Marsatmosphre nicht.
Wer wei, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefhrliche, vielleicht
tdliche Wirkung ausbt.

Eben deswegen will ich ja die erste Probe machen, sagte Heinz.

Nichts da! polterte Kapitn Mnchhausen: Ich will zuerst hinaus;
meine Lungen sind die verschiedensten Dnste gewhnt und knnen am
ehesten etwas aushalten.

Sie? lachte der Professor: Seien Sie froh, wenn Sie in normaler Luft
schnaufen knnen! berhaupt knnten Sie in der ffnung stecken bleiben
oder uns durch Ihr Gewicht die Strickleiter ruinieren. Sie kommen
jedenfalls zuletzt daran.

Ich gehe voran! entschied Flitmore: Es ist dies sowohl mein Recht als
meine Pflicht, da ich der Unternehmer der Weltfahrt bin.

Unter keinen Umstnden darfst du dich einer solchen Gefahr aussetzen,
Charles, wandte nun Mietje ein: Ich bitte dich, la mich den ersten
Versuch machen; ich kann ja gleich wieder zurck, wenn ich spre, da da
giftige Gase sind.

Wenn die Herrschaften gtigst zu gestatten belieben wollten, lie sich
der biedere John vernehmen, so ist das alles nicht in der Richtigkeit,
als da vielmehr meine Person den Anfang zu machen hat, indem da mein
etwaiger Verlust auch am wenigsten wertvoll wre.

Aber Heinz Friedung machte diesem edlen Wettstreit ein Ende durch
folgende vernnftige Bemerkung:

Wir haben ja die beiden Affen, Dick und Bobs; schieben wir die vor: fr
sie ist auch am wenigsten Gefahr vorhanden, da ihr Instinkt sie davor
bewahren wird, das Fahrzeug zu verlassen, wenn sie drauen keine gesunde
Luft wittern.

Das ist die beste Lsung, stimmte der Lord zu: daran htten wir auch
gleich denken knnen! brigens bin ich berzeugt, da die Lufthlle des
Mars sich hchstens in der Dichtigkeit von der irdischen unterscheidet.

Die luftdicht schlieende Tr des Sdpolzimmers, in das man sich begeben
hatte, wurde geffnet; ein angenehmer frischer Luftzug strich herein.
Vergngt schwangen sich Dick und Bobs durch die ffnung und turnten an
den Rampen, die an der ueren Hlle der Sannah angebracht waren, hinab.

Es ist also keine Gefahr, sagte Flitmore und befestigte mit Johns
Hilfe die Strickleiter, um dann als erster, von seiner treuen Gattin
gefolgt, den Abstieg zu wagen.

Nach Mietje kam Heinz und dann der Professor.

Schultze rief dem Kapitn zu: Da Sie sich nicht unterstehen, die
Strickleiter zu betreten, ehe wir andern alle den sichern Erdboden
erreicht haben, denn sonst knnte es uns schlimm ergehen, wenn die
Stricke unter Ihrer Last reien oder die Sprossen krachen und Ihre
betrchtliche Masse auf uns herabstrzt.

Aber Flitmore hatte bei Ankauf der Strickleitern Mnchhausens Gewicht in
Betracht gezogen. Wohl chzten die Seile und die Sprossen bogen sich
knarrend, als der Kapitn sie hinter John betrat; aber sie hielten
vorzglich.

Na! Da Sie nicht in der Trffnung stecken blieben, nimmt mich
Wunder, lachte Schultze, als alle glcklich unten waren.

Flitmore aber erklrte: Da ich von vornherein auf die Begleitung unsres
werten Kapitns hoffte, habe ich smtliche Trenmae nach seinen
leiblichen Verhltnissen berechnet.

Das war vernnftig und edel von Ihnen, Lord, erkannte Mnchhausen in
gutmtiger Heiterkeit an: Freilich, unserm bsen Professor htte es
Spa gemacht, mich hilflos und elend im Trrahmen stecken bleiben zu
sehen.

Inzwischen sah sich die Gesellschaft neugierig auf ihrem neuen
Aufenthaltsort um.

Als erstes war ihnen aufgefallen, da der Erdboden merkwrdig weich war:
die Sannah hatte sich ziemlich tief in ihn eingegraben und bei jedem
Schritt sank man ein.

Die Landschaft erschien sanft gewellt und die Bodenwellen liefen meist
parallel und geradlinig, wurden aber zuweilen von langen Hgelrcken
gekreuzt, die in andrer Richtung verliefen.

Zwischen den Erhhungen befanden sich mehr oder weniger breite ebene
Flchen, die versumpft zu sein schienen und mit einem Gewirr von dunkeln
Pflanzen bedeckt waren. Die Hgelrcken waren zum Teil kahl, meist aber
mit Buschwerk und Wldern bedeckt, vielfach auch mit Prriegras;
nirgends aber sah man frisches Grn: die Grser, die Bltter der
Pflanzen und Bume waren durchweg gelb und rot oder rotbraun, so da
alles ein herbstliches Aussehen hatte, obgleich in diesen Marsbreiten
zur Zeit erst der Frhsommer begann.

Da sich brigens der Abend bereits herabsenkte, wurde John beordert, aus
dem Weltschiff Zelte und Ewaren herbeizuschaffen; denn alle freuten
sich darauf, im Freien zu kampieren.

Brennholz war reichlich vorhanden; Feuer wurden entzndet zur Bereitung
eines warmen Mahles und zur Abhaltung etwaiger wilder Tiere.

Alle, auch Mietje, waren mit Gewehren und Dolchmessern bewaffnet und mit
Explosionskugeln versehen.

Flitmore wies auf die langgestreckten Smpfe: Sehen Sie, Professor,
sagte er: Diese endlos erscheinenden dunkeln Streifen, die teils neben
einander her laufen, teils einander kreuzen, knnen sehr wohl bei groer
Entfernung den Eindruck von Kanlen machen.

              [Illustration: Im Kampf mit den Wrmern.]

Aber die Vernderlichkeit der beobachteten Gebilde erklren sie nicht,
wandte Schultze ein.

Vielleicht finden wir auch dafr noch eine Lsung, meinte Heinz.

Die Marsluft ist brigens ganz herrlich, rhmte der Kapitn
tiefatmend: Ich schlage vor, da wir hier einen Luftkurort und eine
Sommerfrische grnden: ausgezeichnete Geschfte werden wir damit
machen.

Mietje erhub nun die Frage: Wie lange wird die Nacht hier dauern.

Nicht viel lnger als eine gewhnliche Erdennacht, belehrte sie
Schultze: Der Mars dreht sich um seine Achse in 24 Stunden, 37 Minuten
und 22 Sekunden. Dagegen sind die Jahreszeiten dahier verhltnismig
lang: ein Marsjahr hat 668 Marstage, was etwa 682 Erdentagen entspricht.
Auf der nrdlichen Halbkugel, auf der wir uns befinden, hat der Frhling
191, der Sommer 181, der Herbst 149, der Winter 117 Marstage; auf der
sdlichen Halbkugel sind Frhling und Sommer viel krzer, nmlich 149
und 147 Tage, aber auch viel heier, weil der Planet in dieser Zeit der
Sonne am nchsten kommt; der Herbst und Winter mit 191 und 181 Tagen
sind dagegen dort um so klter, da sie mit der Sonnenferne des Mars
zusammenfallen.

Nach eingenommenem Mahl wurden die Nachtwachen verteilt, und dann begab
man sich zur Ruhe.




                     11. Die Schrecken des Mars.


Heinz hatte die zweite Nachtwache.

Ihm war etwas unheimlich zumut auf diesem fremden Weltkrper, der vllig
neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der
junge Mann zwar nicht, dazu besa er zuviel persnlichen Mut, verbunden
mit krperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentmlichen,
beklemmenden Gefhls konnte er sich nicht erwehren.

Das Lager befand sich auf einem breiten Hgelrcken, auf dem die Sannah
gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso
unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200
Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nchsten Hgelkette
ausfllte.

Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche
Lebendigkeit zu geraten.

Bestimmte Laute konnte der junge Wchter nicht vernehmen, wohl aber ein
dumpfes Gemeng von Tnen, als ob da Tausende von Geschpfen raschelten
und pltscherten.

Unwillkrlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus
Schillers Taucher in den Sinn:

   Da unten aber ist's frchterlich,
   Und der Mensch versuche die Gtter nicht
   Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
   Was sie gndig bedecken mit Nacht und Grauen.

Und weiter:

   Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
   Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen
   Sich regt' in dem furchtbaren Hllenrachen.
   Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
   Zu scheulichen Klumpen geballt,
   Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,
   Des Hammers greuliche Ungestalt.
   -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
   Und schaudernd dacht' ich's, -- da kroch's heran,
   Regte hundert Gelenke zugleich ...

Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas
heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und fr sich kein besonders
groes Tier, etwa armsdick und ungefhr drei Meter lang; aber als der
Schein des Feuers den glatten, feuchten, rtlichen Leib erleuchtete, kam
es dem Jngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es
glich einem Regenwurm, und fr einen solchen war seine Gre doch
geradezu riesenhaft.

Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei uerst kleine, blasse Augen, die
kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch
und schien zum Saugen und nicht zum Beien bestimmt.

Der widerliche Wurm kroch geradenwegs auf Heinz zu und kmmerte sich
nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf und dann ein
dritter, -- ja der ganze Abhang schien sich zu beleben: in Scharen
rckte das Gewrm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die
unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten.

Zunchst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den
Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der
weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher berhaupt nicht zum
Platzen kam.

Der Wurm krmmte und wand sich, schnellte dann aber pltzlich vor und
ringelte sich um des Schtzen Fu, in raschen Windungen an ihm
hinaufkriechend.

Von Schauer und Ekel erfat, griff der junge Mann nach seinem
Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein
er sah sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: da erhob sich ein
schlpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an
ihm empor, all diese unheimlichen Geschpfe und so viel Kpfe er
abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die
Zahl war zu gro, er konnte nicht mit ihnen fertig werden!

Ein stechender Schmerz im Nacken lie ihn nach hinten greifen: er
berhrte den kalten schleimigen Leib eines der Wrmer, der sich dort
festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer
der grlichen Kpfe an seiner Wange.

Heinz warf sich zu Boden und wlzte sich wie wahnsinnig umher; aber er
kam nicht los: nur immer neue schlpfrige Ringe sprte er sich um seine
Glieder ziehen.

Flitmore war durch den Schu geweckt worden und trat aus seinem Zelt.
Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und strzte sich selber mit dem
Messer auf das berall sich ringelnde Gewrm; denn mit dem Gewehr war
hier nichts anzufangen, das sah er gleich.

Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war
bereits von einigen der Wrmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald
wieder angefallen.

Laut kreischend strzte Mietje aus ihrem Zelt: die widerlichen
Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weien
Arm.

Aber wie sah es hier drauen aus! Sie schauderte, denn berall trat ihr
Fu auf hnliche ekelhafte Geschpfe, die sich krmmten und an ihr
emporwanden.

Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden
und sich bumenden Geschpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunchst
sein wissenschaftliches Interesse.

Das sind ja Ringelwrmer von fabelhafter Gre, rief er aus:
Lumbriciden oder Regenwrmer, nichts andres! Wirklich kolossale
Geschpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: gab es Schalentiere,
Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken
und Wrmer? Ich vermute sogar, da hnliche Geschpfe zur Zeit der
Ammoniten auch die Erde bevlkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie
natrlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.

Helfen Sie uns lieber, Professor, keuchte Heinz: Spter wollen wir
dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung ber diese
Hllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.

Sie haben recht, sagte Schultze: das scheinen ja in der Tat ganz
verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber
meine Hochachtung, junger Freund! Sie kmpfen wahrhaftig nach
Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!

Der wackre Schwabe forcht sich nit! zitierte Mnchhausen, der nun
ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildflche auftauchte: Zur
Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Trken hinuntersinken.

Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines
Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so da das Zitat gut pate.

Wenn nur die andern kalter Graus packte, meinte der junge Held, der
sich am Ende seiner Krfte fhlte: Aber da hat es gute Wege!

Hu, hu! Mich packt der kalte Graus! schrie Mnchhausen, dem sich eines
der Tiere um den Hals schlang. Er ri es los und schleuderte es zu
Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Fe zu Brei zu zertreten.

Der Professor und der Diener waren bereits in den wtendsten Kampf
verwickelt: sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der
Sumpf mute Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den
Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos.

Was waren diese Geschpfe? Weichtiere, die ein Futritt, ein Dolchhieb
unschdlich machte! Sie besaen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebi;
sie waren nicht gefhrlicher als Blutegel: aber ihre unerschpfliche
Zahl machte sie unberwindlich, und unsre Freunde sahen ein grliches
Ende vor Augen. Viel lieber htten sie mit den wildesten Raubtieren, mit
Lwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Bffelherde
gekmpft.

Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mrderisch unter den Angreifern:
sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und wrgten,
zerrissen mit vier Hnden zugleich, whrend sie gleichzeitig mit ihrem
scharfen Gebi Dutzende der Lumbriciden unschdlich machten.

Aber was half's? Immer neue Scharen rckten an!

Mnchhausen, der sich ohnehin nur schwerfllig bewegen und nicht leicht
bcken konnte, hatte sofort erkannt, da seine wirksamste Waffe in
seinem kolossalen Krpergewicht bestand.

Er fhrte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer
konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fusohlen alles zu Brei,
was sich unter ihm regte.

Es wre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitn
umherhopste, als wolle er sich zur Ballettnzerin ausbilden, wenn nicht
das Gefhrliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt htte.

Mnchhausen flo der Schwei in Strmen herab, und doch war sein Gehpfe
umsonst: auch er fhlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er
gar auf dem gar zu schlpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte
mitten unter das blutdrstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl
davon plattzudrcken.

Die Kmpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen muten, waren
erschpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf.
Wenn sie sich nur zu der Strickleiter htten flchten und in dem
Weltschiff bergen knnen! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter
weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es
von dichten schwarzen Massen, die sich ber einander zu trmen schienen.

Da erschollen schrille, heiere Schreie in der Luft; dann dumpfe
Flgelschlge, und gespenstisch rauschten mchtige schwarze Gestalten
herab.

Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers lieen sich einige
dieser neuen Geschpfe, die sich in dessen Nhe niedergelassen hatten,
erkennen.

Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber
als schreckliche Ungeheuer: es waren Vgel, die nichts Vogelhnliches
hatten als die ungeheuren Fledermausflgel. Am ehesten erinnerten sie an
den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit
tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zhnen gab ihnen hnlichkeit
mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Gre bertraf die des Adlers um
das Doppelte; das Merkwrdigste jedoch war, da sie vier Fe besaen,
die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren.

So unheimlich und gefhrlich diese Vgel aussahen, wenn man sie
berhaupt als Vgel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter
in hchster Not; denn sie rumten mit fabelhafter Gewandtheit und
Mordgier unter den Ringelwrmern auf und kamen in solchen Scharen, da
sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten.

Sie lieen sich namentlich am Rande des Hgels nieder und packten mit
ihren Krallen und Zhnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun,
da keine neuen Nachschbe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der
Hhe sichtlich ab und mit neuem Mut lieen unsre Freunde wieder ihre
Messer arbeiten.

Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die
verstmmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und
schnellten, als ob sie berhaupt nicht vllig tot zu kriegen seien.

Schultze eilte auf Mnchhausen zu, der immer noch auf dem Boden
umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die
Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse ber den
erheiternden Anblick: Da wlzte sich der runde Kapitn wie eine Tonne
auf strmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Wrmer gleich
Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein
allerdings gekpftes Tier wie ein dickes Halstuch.

Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund
von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Untersttzung des
inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen.

Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die
merkwrdigerweise nur uerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger
Blut hergeben mssen, Mnchhausen aber war entschieden am strksten
angezapft worden.

Tut nichts! meinte er humorvoll: Ich habe Vorrat und die Biester
haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir
blo gut tun. Ich fhle mich geradezu erfrischt und erleichtert.

Aber einen Tanz haben Sie aufgefhrt, Kapitn, lachte Schultze: Ich
sage Ihnen, eine gyptische Bauchtnzerin ist nichts dagegen.

Kunststck! sagte Mnchhausen: Wo hat eine gyptische Tnzerin auch
solch stattlichen Bauch?




               12. Eine Entdeckungsreise auf dem Mars.


John bernahm die Wache, whrend sich die andern wieder zur Ruhe
niederlegten.

Am Morgen wurden zunchst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn
ein zweitesmal auf dem Mars im Freien zu nchtigen, dazu versprte
niemand mehr Lust.

Das Frhstck wurde in der Nhe der Sannah eingenommen fern von den
immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem
nchtlichen Schlachtfeld.

Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor, begann Schultze,
als der Imbi vertilgt war.

Alle waren damit einverstanden.

John, sagte Flitmore, du bleibst als Wache zurck; man wei ja nicht,
was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform,
wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du
etwas Verdchtiges, so lt du die groe Sirene ertnen.

Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Hhe der
Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde
mitgenommen, whrend Dick dem Wchter Gesellschaft leistete.

Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschpfen, die er
beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man
deutlich erkennen, da der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte.

Inzwischen ging man auf dem Hhenrcken einem nahen Walde zu, der aus
niedrigen, rotbelaubten Bumen bestand.

Diese Bume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie
zeigten ganz eigentmliche Formen. Die meisten hatten weder ste noch
Zweige; die groen Bltter entsproten an langen, dicken Stielen direkt
dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bndel solcher bebltterter
Stiele auflste.

Die Bltter waren meist rund und tellergro, andre kleeblattfrmig, aus
drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten
dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick,
der Erdbewohnern vllig neu und ungewohnt war.

                [Illustration: Ein dreibeiniges Tier.]

Einzelne Baumarten, die reich verstelt waren, hatten Doppelbltter, die
sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den
Insektenfang betrieben.

brigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwrdige Mcken,
durchsichtig wie Glas, und Kfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und
fliegenden Wrmern glichen und sich am Boden und an den Bumen auch
gleich solchen fortbewegten, ja geflgelte Schnecken, die einen
blulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das
waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte.

Auch Vgel waren nur in wenigen Arten vertreten: sie hatten alle die
Eigentmlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische
Geschpfe gewhnten Augen uerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich
der Umstand, da diese Vgel nicht gefiedert waren, sondern einen
behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in
wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnbel
wiesen meist ein gezahntes Gebi auf und die Flgel bestanden vorwiegend
aus fcherartig bereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder
dnnen Hornscheiben.

Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebsch und das
erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen.

Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Gro war es
nicht, kaum grer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebi,
wie berhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der
Mitte des Hauptes stieg ein uerst scharfes Horn senkrecht empor und zu
beiden Seiten ber den Ohren ragten zwei krzere Hrner wagrecht hervor,
die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses
gefhrlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfe,
aber nur einen Hinterfu am Ende des nach hinten sich birnenfrmig
zuspitzenden Leibes.

Spterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber
scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute.

Da hrt sich doch aber alle Wissenschaft auf! rief der Professor ein
ber das anderemal: Vierbeinige Vgel, dreibeinige Sugetiere und
zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein
Mensch, selbst wenn ich die wohlprparierten Beweisstcke auf den Tisch
der Wissenschaft niederlege!

So seid ihr Professoren! tadelte Mnchhausen: Wenn ihr so ungefhr
innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so
glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschpft zu haben und bildet
euch ein, die unerschpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas
zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem bereinstimmt, was sie euch auf
eurem weltverlorenen kleinen Sandkrnchen vor die Nase zu fhren
beliebt.

Schultze bedauerte unendlich, da er nicht den Vgeln und Insekten und
Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder
Tiergattung beifgen konnte. Dafr gelangen dem Lord mehrere
Momentaufnahmen, so da die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen
photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders
merkwrdiges Sugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien,
erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schu.

Dieses Wild hatte die Gre eines Ebers, einen schlanken, beweglichen,
doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher,
possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig
wie alle anderen Marssuger und aus seinem Schdel wuchsen starke
spitzige Hrner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stck, wie
nach der Erlegung festgestellt wurde.

Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstrmt!
sagte Mnchhausen.

Ja, das wrde Ihre geschtzte Leibeswlbung in ein Sieb verwandeln,
lachte der Professor.

Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen, fuhr der Kapitn
fort: Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, da die
Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn da die Natur hier
besonders mit der Zahl der Beine verblffende Experimente macht, drfte
nach all dem Gesehenen feststehen.

An die Marsmenschen glaube ich nicht, sagte Schultze.

Hren Sie, Professor, was _Sie_ glauben, ist vllig belanglos, indem
Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vgel,
dreibeinige Wildsue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche
hier sahen?

Nee! Das freilich nicht; aber -- -- --

Nichts >aber<! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen
glauben, so spricht das sehr fr deren Vorhandensein, und ich gedenke
unter allen Umstnden, wenn wir auf die Erde zurckkehren, sehr viel und
sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzhlen, auch wenn wir
keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, da Sie mir nie widersprechen
werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, da eben das, woran Sie
nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.

Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer
in der Breite ma.

An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hgelwall die
Anhhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden
Hgelstreifen.

Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene
bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht vllig eben, sondern
zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel
mehr als zwei- bis dreihundert Meter Hhe erreichen mochten.

Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nchstgelegene dieser
kleinen Gebirge nher zu untersuchen.




                        13. Die Marsbewohner.


Nach einer halbstndigen Wanderung war der Fu der Berge erreicht. Nach
einer weiteren halben Stunde die erste Anhhe erklommen.

Der Ausblick, der sich hier unseren Freunden bot, berzeugte sie sofort,
da die Sage von den Marsmenschen keine reine Phantasie der Astronomen
sein konnte; denn vor ihren Blicken ffnete sich ein Hochtal, das von
einer ganzen Anzahl von Bauten erfllt war, die zweifellos
vernunftbegabten Wesen ihren Ursprung verdankten.

Auch diese Bauwerke hatten ihre auffallenden Eigentmlichkeiten: zum
ersten waren sie schmal und hoch, turmartig aufgefhrt; zum zweiten
erschienen sie alle dreieckig, zum dritten sahen sie wie aus einem Gu
gefertigt aus.

Der Professor, der fr alles eine Erklrung suchte und auch gleich bei
der Hand hatte, lie sich also vernehmen:

Die Marsbewohner bauen offenbar in die Hhe wie die Newyorker,
jedenfalls auch aus demselben Grund: sie mssen an Platz sparen. In der
Tat erreicht die gesamte Oberflche des Mars noch keine drei Zehntel der
Erdoberflche; da berdies die schrecklichen breiten Smpfe einen groen
Teil des Festlandes einzunehmen scheinen, so mssen sie an Bauplatz
sparen. Dreieckig sind die Huser aufgefhrt, um den Orkanen und den
Wasserfluten bei der Schneeschmelze wirksamen Widerstand bieten zu
knnen; da sie so glatt und ungegliedert aussehen, weist auf eine
besondere Masse hin, mit der die Baumeister die Gebude von auen
gleichmig bestreichen, auf einen Mrtel, der vielleicht dem Mars
eigentmlich ist.

Scharfsinnig, wie immer, Professor! lachte der Kapitn. Aber
gestatten Sie _mir_ diesmal, den Zweifler zu spielen: wir haben auf
unserer ganzen Wanderung weder Drfer noch Stdte, ja nicht einmal
angebautes Land getroffen oder auch nur von ferne erblickt. Also haben
die Marsbewohner noch keinen Mangel an Baupltzen; zum andern drfte in
diesem geschtzten Tale kaum je ein heftiger Orkan wehen, auch ist es so
hoch gelegen, da keine Wasserfluten es bedrohen. Abgesehen von diesen
Kleinigkeiten mgen Sie ja immerhin recht haben.

Na! sagte Schultze: Sie oller Zweifler! Lassen wir das einstweilen
dahingestellt und untersuchen wir die Huser. Verlassen oder
ausgestorben scheint ja die Stadt zu sein.

Das, was Schultze eine Stadt nannte, waren etwa hundert zumeist gleich
geformte Bauwerke von migem Umfang. Sie leuchteten in allen
Regenbogenfarben, eines blau, das andere rot, das dritte grn; einige
schneewei, andere schwarz; daneben gelbe, braune, orangerote, violette
Trme in allen Farbenabstufungen.

Im Innern erwiesen sie sich smtlich ganz hnlich angelegt; statt einer
Treppe fhrte ein gewundener Gang empor, von schmalen Seitenfenstern
erhellt. Ganz oben befand sich ein dreieckiges Gemach, in welchem auf
erhhten Matten -- Leichen lagen.

Ja, nur Leichen!

Eine Begrbnissttte, ein Friedhof, rief Heinz aus.

Wenigstens eine Totenstadt, entgegnete Schultze, da von Grbern und
Begrbnis hier nicht die Rede ist.

Die Leichen waren alle in lange Gewnder von einem eigentmlichen
glatten und sehr schmiegsamen Stoffe gekleidet, der keine Fden, kein
Gewebe erkennen lie. Entweder war dieser auf Erden unbekannte Stoff aus
einer uerst zhen Gummiart papierdnn gewalzt, wobei der Gummi
jegliche Elastizitt verloren hatte, oder er war aus einem nur den
Marsbewohnern bekannten Material gegossen.

Die Gewnder glnzten auch in den verschiedensten lebhaften Farben. Die
Krper unterschieden sich nicht wesentlich von menschlichen Krpern; sie
waren aber alle sehr klein, schlank und zierlich und jedenfalls wiesen
sie eine Rasseneigentmlichkeit auf, die auf Erden nicht zu finden war.
Diese Eigentmlichkeit bestand im Wesentlichen in einer auffallenden
Schdelform: man htte meinen knnen, jedes dieser Hupter trage eine
Kappe; denn ber der Stirne eingeschnrt, sa eine zweite mig gewlbte
und dichtbehaarte Schdelkammer.

Zwei Stockwerke! rief Mnchhausen in ehrlichem Staunen: Ein
zweistckiges Gehirn haben diese Marsiten besessen! Nein, mssen die
gescheit gewesen sein!

Die rosige Haut des Gesichts und der Hnde, so weich und zart sie
aussah, erwies sich nichtsdestoweniger bei der Berhrung als ungeheuer
zh, wie Leder oder wie die Haut eines Elefanten.

Schultze machte, nicht aus strflicher Neugier, sondern aus
wissenschaftlichem Interesse, einen Versuch, die Haut einer Hand mit
seinem Dolche zu ritzen; doch als er schlielich auch alle Gewalt
anwendete, es gelang ihm nicht, das Gewebe zu verletzen; das Messer
hinterlie nur eine vertiefte Spur, die bald wieder verschwand.

Die waren ausgerstet fr den Kampf ums Dasein! sagte er: die
scharfen Hrner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vgel und
die blutsaugerischen Schnauzen des Gewrms konnten ihnen nichts anhaben.
Um so mehr drfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoen:
ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!

Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzuwenig!

Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, sowie einige
besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm
er auch diese von einer Anhhe aus auf; dann verlieen unsere Freunde
den Ort durch ein gewundenes, bergabfhrendes Tal.

Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger,
dreieckiger Bau aus Gustein; denn so hatte Schultze das steinerne
Material, das gleichmig glatt war und keine Lcken aufwies, benannt.
Er vermutete, da die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu
schmelzen verstnden, im flssigen Zustand frbten und dann ihre Huser
in einem Block in Erdformen gossen.

Dafr sprach der Umstand, da die Bauten in der Totenstadt eine
beschrnkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen
Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschdigter Steine
zeigte, da die Frbung den ganzen Stein durchdrang und da tatschlich
nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand.

Vor dem neuentdeckten Hause nun sa ein steinaltes Mnnlein, dessen
Doppelschdel den Eindruck machte, als trage er eine Mtze aus
Eisbrenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig
herabhing, jedoch nicht lnger als es bei einem Tierpelz zu wachsen
pflegt.

Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht.

Mit den groen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankmmlinge,
offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung
oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem
ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung
gewahren wrde.

Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes
Gewand umflo seine schlanken Glieder.

Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den
Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfgung stand; denn
er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen berall
verstanden werden msse. Er bedachte nicht, da die alten Rmer, so
unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht ber
den Erdball ausgedehnt hatten.

brigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berhren
seiner Ohren und sein trblchelndes Kopfschtteln zu verstehen gab.

Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, da dieser
ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprchen die
Marssprache; denn er lie einige wohllautende Worte vernehmen, merkte
aber bald an des Professors Kopfschtteln, da man ihn nicht verstand.

Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen
Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen
blassen Stern.

Das war die Erde!

Da die Erde dem Mars weit nher steht als die Sonne, und diese ihm
infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man
die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen.

So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebrde des
Greises brachte ihn doch aus der Fassung.

Allmchtiger! rief er aus: Sollte man das fr mglich halten? Dieser
Marsmensch vermutet, da wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm
das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit,
eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.

Nein! Welche Hilfsmittel mssen diese Marsmenschen besitzen! meinte
Schultze verwundert.

Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop,
bemerkte Heinz: Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weit
heraustreten lt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in
die Hhlen zurckzieht, wenn er uns betrachtet.

In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem
der Marsite den Blick auf nhere oder entferntere Gegenstnde richtete.

                    [Illustration: Der Marsgreis.]

Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr Seinesgleichen treffen
knnen, wandte sich Mnchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem
Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas trichten
Verstndigungsversuch.

Heinz Friedung aber bewies, da er einer solchen Aufgabe gewachsen war:
er unternahm es, die gewnschte Auskunft zu erhalten.

Das griff der intelligente junge Mann folgendermaen an:

Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen
linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje,
Schultze und Mnchhausen, jedesmal einen weiteren Finger der Linken
ausstreckend.

Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebrdenspiel, das besagen wollte:
Wir sind fnf.

Als Heinz dann seine Hand wieder schlo, zeigte der Alte, da er
begriffen habe und des Zhlens mchtig sei; denn mit einer Handbewegung
wies er auf die Gruppe und streckte dann fnf Finger aus, als wollte er
sagen: Das stimmt, ihr seid zu fnft.

Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein
vor. Das hie: Du bist nur einer. Dann sah sich der junge Mann
forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen,
aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: Wo sind die andern
Bewohner des Mars?

Da schttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit berzog seine
milden Zge: eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berhrte
seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschttelnd
und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: Ich
bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.

Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu
folgen.

Er fhrte sie an den Rand des Hgels und deutete in den Sumpf hinab.

Da sahen sie schaudernd die Spitzen von Gebuden aus dem schwarzen
Schlamme emporragen und die traurigen Gebrden des Greises sagten: Alle
sind verschlungen von den Wassern, alle modern im Sumpf oder dienen den
Sumpfwrmern zum Fra.

Dann raffte sich der Alte auf, deutete auf seine Gste und dann hinauf
zur Erde, ihnen mit heftigen Handbewegungen begreiflich machend:
Fliehet, fliehet! Sonst ereilt euch das gleiche Schicksal!

Dieses grliche Geschick verdeutlichte er noch dadurch, da er wieder
hinab in den Sumpf zeigte, dann die Handflche wagrecht ber den Boden
hielt und sie ruckweise am eigenen Krper immer hher steigen lie, bis
er sie hoch ber den Kopf hob.

Er will andeuten, da die Gewsser pltzlich steigen und hoch ber
unsere Kpfe weggehen knnen, erklrte der Lord.

Allerdings, besttigte Schultze: Die Astronomen haben des fteren
derartige Katastrophen auf dem Mars beobachtet: Das Land wird
urpltzlich vom Meere verschlungen, und die Verteilung von Kontinenten
und Meeren nimmt eine ganz neue Gestaltung an.

So werden wir hier nicht mehr viel zu entdecken haben, meinte
Mnchhausen: Der Mann kennt sich jedenfalls am besten aus auf dem Mars
und wir werden gut tun, seine Warnung nicht in den Wind zu schlagen.

In diesem Augenblick drhnte der Klang der Sirene von der Sannah durch
die Lfte.




                      14. Eine Marskatastrophe.


Halloh! Das ist ein bedenkliches Zeichen! rief Flitmore.

Was mag da los sein? fragte Mietje besorgt.

Jedenfalls gilt es, schleunigst umzukehren, mahnte der Kapitn.

Heinz fate den Marsiten bei der Hand und wies ihm das in der Ferne hoch
aufragende Weltschiff, ihm bedeutend, er mge mit ihnen flchten.

Der Mann aber schttelte blo traurig das Haupt und schwenkte die Hand
gegen den Sumpf hinab. Da war nichts zu machen: dort lagen alle seine
Lieben, bei ihnen wollte er sein Grab finden!

Flitmore unterlie nicht, den letzten Zeugen einer ausgestorbenen
Menschenwelt zu photographieren; dann schieden unsre Freunde bedauernd
von dem Greise und beeilten sich, die Sannah wieder zu erreichen; denn
der Ton der Sirene hatte ihnen verkndigt, da dort etwas nicht in
Richtigkeit sein mute.

Am Waldsaum machten sie Halt, um von den mitgenommenen Vorrten ein
kurzes Mahl zu halten; denn der Hunger hatte sich mchtig eingestellt
und Mnchhausen hatte erklrt, mit leerem Magen komme er keinen Schritt
weiter, nachdem er heute Nacht so grndlich angezapft worden sei.

Bobs, der Schimpanse, pflckte sich die goldgelben pyramidenfrmigen
Frchte der Bume am Waldrand und verzehrte sie mit so sichtlichem
Behagen, da der Kapitn sich nicht enthalten konnte, auch davon zu
kosten. Er fand sie von solch kstlichem Wohlgeschmack, da auch die
brigen zugriffen und einen groen Vorrat davon mitnahmen.

In zwanzig Minuten war das Wldchen durchschritten, da man sich nicht
wieder durch seine Merkwrdigkeiten aufhalten lie.

Als John die Heimkehrenden aus dem Walde heraustreten sah, kletterte er
rasch an der Sannah hernieder und ging ihnen entgegen.

Was ist's? Was gibt's? rief ihm Heinz von ferne zu. Ist etwas
passiert, sahst du eine Gefahr nahen, da du das Notsignal gabst?

O, meine Herren! rief Rieger, der keuchend dahertrabte: Die Sannah
ist sozusagen heil und wohlbehalten, indem ihr nichts passiert ist; aber
es ist ein schreckliches Wunder geschehen, was ich von weitem erblickt
habe, und das ich befrchten mute, wenn es in der Nhe sich hnlich
ereignen drfte, es nicht zum wenigsten unser Weltende herbeizufhren
vermglich wre.

Was sahst du denn so Entsetzliches? forschte der Lord seelenruhig.

Dort, weit dort drben ist ein ganzer Bergzug sozusagen im Boden
verschwunden und dann ist ein andrer aus der Tiefe heraufgestiegen und
das Wasser und Gewrm flo an ihm herab.

Das scheint ein Erdbeben gewesen zu sein! meinte Schultze.

Merkwrdig, da wir nichts davon sprten, warf Mnchhausen ein.

O, die Sannah hat nicht unbetrchtlich gewackelt, erklrte der Diener.

Wenn die Wellenbewegung des Bebens sich senkrecht gegen diese
parallelen Hgelzge richtete, so ist es nicht auffallend, da sie bald
so abgeschwcht wurde, da sie uns nicht mehr erreichte, erluterte der
Professor. berhaupt zeigen Erdste oft eine auffallend scharfe
Abgrenzung: ein Tal, ein Flubett gebietet ihnen hufig Halt. Es kommt
vor, da eine Stadt auf der einen Seite eines Flusses einstrzt, whrend
man im jenseitigen Stadtteil die Erschtterung kaum sprt.

Mag sein! Aber ich stimme dafr, da wir den Mars schleunigst
verlassen, der bei Tag so unheimlich und gefhrlich zu sein scheint, wie
bei Nacht.

Dieser Meinung des Kapitns wurde kein Widerspruch entgegengesetzt; aber
mit der schleunigen Abreise hatte es noch gute oder besser schlimme
Wege.

So weit das Auge sah, schien pltzlich die ganze Marsoberflche in
Bewegung geraten zu sein. In der Luft drhnte und donnerte es, der
Erdboden krachte, eine rtliche Staubwolke erfllte die Luft, so da
eine Zeitlang nichts mehr zu erkennen war; dann fegte ein pltzlich
daherbrausender Orkan die Wolke hinweg; doch schien sie nur in die
oberen Luftschichten getrieben worden zu sein; denn eine blutig-fahle
Dmmerung lagerte ber dem Grunde.

Ein Schrei des Entsetzens entrang sich unwillkrlich aller Lippen; nur
Flitmore blieb stumm und anscheinend ruhig.

Dann standen die Erschreckten wie erstarrt.

Bobs, der Affe, allein sprang in rasenden Stzen der Sannah zu, die er
erreichte und an der er zu seinem Kameraden Dick emporklomm.

Unsre Freunde aber sahen gewaltige Wogen auf sich zukommen.

Anfangs glaubten sie, es seien richtige Wasserwellen, das Meer sei
seinem Bette entstiegen, sie zu verschlingen.

Bald aber erkannten sie, da das Land selber mit seinem leichten weichen
Erdboden diese Wellen warf: Hgel verschwanden und neue Hgelketten
tauchten auf, um wieder zu versinken und sich wieder zu erheben.

Und mit unheimlicher Geschwindigkeit nahten diese Erdwogen. An ein
Erreichen des Weltschiffs, das noch zweihundert Meter entfernt war, war
nicht mehr zu denken.

Der Boden wankte unter den Fen der Schreckgelhmten.

Jetzt ein heftiger Sto, der alle durcheinander warf; die Erde versank
zu ihren Fen: sie lagen in der Tiefe; aber der Grund hob sich wieder
und sie mit ihm. Nur Mnchhausens rundliche Masse kollerte alsbald
wieder von der Hhe hinab: sein kugelfrmiger Krper fand nirgends Halt
und blieb in bestndiger rollender Bewegung.

Noch mehrmals wurden die Daliegenden hilflos gehoben und gesenkt von der
Wellenbewegung der Erde; dann wurde die Erschtterung schwcher und sie
fanden sich in einer breiten Mulde liegend.

Hinauf, hinauf! rief Flitmore, der sich zuerst emporraffte und Mietje
beim Arm fate, sie mit Hnenkraft den steilen Abhang emporschleifend.

Es war die hchste Zeit! Brausend kam es die Mulde herauf: ein Strom von
Schlamm, ein dichtes Pflanzengewirr und eine wimmelnde Masse von
zappelnden Wrmern mit sich fhrend.

Wer von dieser Woge erreicht wurde, der war verloren: aus diesem Chaos
htte keiner mehr seine Glieder zu befreien vermocht.

Mit knapper Not entkam der Professor der zhen Flut, die sich
heranwlzte, als er kaum auf halber Hhe des Abhangs angelangt war. Von
dem aufspritzenden Schlamm wurde er ber und ber bedeckt.

Heinz und John, unmittelbar vor ihm, reichten ihm hilfreich die Hand.
Der Lord und Mietje befanden sich schon oben in vorlufiger Sicherheit.

Wo ist der Kapitn? rief Flitmore, das Brausen im Grunde
berschreiend.

Da liegt er gottlob! schallte Heinzens Stimme.

Ja, da lag er zu oberst auf der Bodenwelle. Bei der letzten
Wellenbewegung war es seinen verzweifelten Anstrengungen geglckt, sich
an einem kleinen Erdhgel festzukrallen und so war er zuguterletzt
emporgehoben worden, ohne wieder herabzurollen. Sonst wre der Unselige
unbedingt verloren gewesen; denn aus dem Grunde der Mulde htte er sich
nicht so rasch emporarbeiten knnen wie die andern und da entschieden
Sekunden ber Leben und Tod.

Da lag er nun und bot wiederum einen Anblick, der unter minder
grauenhaften Umstnden die grte Heiterkeit entfesselt htte; denn es
sah zu gelungen aus, wie er noch krampfhaft, beinahe zrtlich das
rettende Erdhgelchen umarmt hielt, als wolle er es nicht wieder von
sich lassen.

Endlich brachte ihn der Zuspruch und die ttliche Hilfe von Flitmore und
Heinz wieder auf die Beine, wobei John ihn mit krftigen Armen von
hinten im Gleichgewicht hielt.

Aber nun war guter Rat teuer fr alle: dort drben ragte die Sannah aus
dem Sumpf, in den sie versenkt worden war. Ghnend ffnete sich die Tre
hart ber dem Sumpfspiegel, auf dem die Strickleiter von Morast
berzogen schwamm.

Ein Glck, da die ffnung nicht tiefer zu liegen gekommen war, sonst
wre der Schlamm ins Innere geflutet und keine Aussicht mehr gewesen,
berhaupt in das Fahrzeug zu gelangen.

Allerdings schien auch so keine Mglichkeit hiezu vorhanden, so
einladend das Tor herberghnte: ein Sumpfarm von dreiig Meter Breite
trennte die Gesellschaft von der Sannah und das war ein unberwindliches
Hindernis.

Wenn wir nur die Strickleiter herberziehen knnten! meinte Flitmore
nachdenklich; sie ist fnfzig Meter lang, und wir brauchen sie nur
straff anzuspannen, um hinberturnen zu knnen.

Alle strengten nun ihre Gehirnkraft an, um ein Mittel zu ersinnen,
dieses Ziel zu erreichen.

Wenn die Affen so gescheit wren, seufzte Mietje nach langem
Stillschweigen: die knnten uns das Ende der Leiter wohl
herberschaffen: die Schlammasse ist dick genug und soviele Wurzeln und
verwirrte Pflanzen ragen daraus hervor, da die Schimpansen bei ihrem
geringen Krpergewicht kaum darin versinken wrden.

Ja! Wenn ... wenn ...! erwiderte der Lord: Aber wie willst du ihnen
das begreiflich machen? Marsmenschen sind sie noch lange nicht.

Immerhin pfiff er den Affen, ohne sich darber klar zu sein, was es
helfen knne, wenn sie herkamen.

Die Schimpansen hatten stets mit Neugier herbergeblickt; es schien
ihnen offenbar nicht in der Ordnung, da sie von ihren Herren vllig
getrennt waren.

Als nun Flitmores wohlbekannter Pfiff erscholl, dem sie zu folgen
gewohnt waren, kletterten sie an den Rampen herab bis zum Sumpfspiegel.
Hier aber machten sie unschlssig Halt: der Boden schien ihnen
verdchtig.

Nochmals pfiff der Lord.

Nun wagte sich Bobs auf die trgerische Flche. Er hielt sich mit einer
Hand an der Strickleiter fest und versuchte die ragenden Wurzeln und
Pflanzen als Brcke zu benutzen; dabei schleppte er die Strickleiter bis
zum halben Weg mit sich; da er aber eine Mittelsprosse und nicht das
Ende erfat hatte, war nun die Strickleiter straff gespannt und er
konnte nicht weiter, ohne sie loszulassen.

Ein dritter Pfiff Flitmores hatte nur zur Folge, da er los lie und nun
vollends frei herberturnte, was ihm bei seiner Gewandtheit auch gelang.

Inzwischen nahte sich auch Dick, der nun an der Strickleiter eine Brcke
bis zur Mitte des Sumpfes fand. Hier verlie auch er sie und kam
vollends glcklich ans Ufer.

Nur fnfzehn Meter! seufzte der Kapitn.

Wollen Sie's riskieren? hhnte Schultze: Untergehen werden Sie ja
wohl kaum.

Das nicht, lachte Mnchhausen gutmtig, aber bis zur Mitte meiner
Konstitution einsinken, das ist sicher. Was knnte es Ihnen helfen, wenn
ich als lebendige Kugelboje im Morast schwmme?

Ich mu hinber, ich bin die Leichteste, sagte Mietje in pltzlichem
Entschlu.

Du? rief ihr Gatte mit einem Ton der Besorgnis in der Stimme.

Ja, ich! Irgendwie mssen wir aus dieser Notlage herauskommen, und das
ist nicht mglich, wenn nicht jemand das Wagnis unternimmt. Das
geringste Krpergewicht gibt die beste Aussicht auf das Gelingen und
somit bin ich die Geeignetste dazu; denn sinke ich unter, so wrde das
jedem von euch umso sicherer widerfahren.

Nein, nein! Dieses heldenmtige Opfer knnen wir nie und nimmer
annehmen, widersprach der Kapitn.

Doch, doch! Bobs wird mich fhren, und so gescheit und treu ist er
schon, da er mich hlt, wenn er mich sinken sieht.

Wir mssen dich anseilen, sagte Flitmore, der einsah, da etwas gewagt
werden mute und da seine mutige Gattin allerdings am ehesten Aussicht
hatte, den Sumpf ohne ernsten Unfall beschreiten zu knnen.

Gut, sagte Mietje, so bitte ich die Herren einen Augenblick
wegzusehen.

Sie trug unter dem Kleide einen Unterrock aus starker Leinwand. Dieses
entbehrlichen Kleidungsstckes entledigte sie sich rasch und schnitt es
in Streifen mit der Scheere, die sie als praktische Hausfrau in einem
handlichen Nhetui stets bei sich trug.

Die aneinandergeknpften Streifen gaben ein Seil, das stark genug war,
sie im Notfall ans Ufer zurckzuziehen.

Nun ergriff die junge Heldin Bobs Arm und schob den Schimpansen voran
auf den Morast.

Der Affe zeigte sich verstndig und lenksam und schritt gewandt aus, die
haltbarsten Unterlagen geschickt auswhlend.

Mietje, die sich des besseren Haltes wegen ihrer Schuhe und Strmpfe
entledigt hatte, konnte sich nicht wie der Schimpanse mit den Fen an
den schwankenden Wurzeln und Ranken anklammern: um so fester klammerte
sie sich am Arme ihres Beschtzers fest, whrend die Mnner am Ufer das
Seil straff hielten, das ihr unter den Schultern festgebunden worden
war.

Es war brigens ein kurioses Schauspiel, die zarte Lady am Arme des
Affen dahinschreiten zu sehen; doch richtete sich die Aufmerksamkeit der
am Ufer Stehenden lediglich auf ihre Tritte. Oft erbebten sie, wenn sie
sahen, da ihr Fu einsank; aber die Dame war so behende, da sie
jedesmal schon den andern Fu auf irgend einen festeren Punkt gesetzt
hatte und ihr Krpergewicht rasch auf diesen verlegte, ehe der eine Fu
nur Zeit fand, tiefer einzusinken.

Ein langsames, zgerndes Ausschreiten wre ihr Verderben gewesen; durch
dieses flinke Vorwrtshpfen, das Bobs kaum gewandter zuwege brachte,
gelang es ihr auch sehr zweifelhafte Sttzpunkte im Fluge zu benutzen,
sie nur als flchtiges Sprungbrett fr den nchsten Schritt verwertend.

Bei allen Feen und Elfen! konnte der Kapitn sich nicht enthalten,
bewundernd auszurufen: Lord, ich glaube, ihre Gattin wrde mit
ebensolcher Eleganz ber das Meer hinweghpfen: bis ein Fu einsinken
will, ist er schon ganz wo anders.

Nicht wahr, da staunen Sie, stattlicher Hugo, spttelte Schultze: Sie
mchte ich an Stelle der Lady sehen, wie leichtfig Sie durch den
Morast stapfen wrden. Da Sie ja hpfen knnen, trotz einem
Ballettmdel, haben Sie uns heut Nacht bewiesen, edler Wrmlizertreter.

Jetzt atmeten alle auf; Mietje hatte die Strickleiter erreicht und zog
das in den Sumpf gesunkene Ende aus dem Schlamm; aber der hierdurch
veranlate Aufenthalt auf dem unsicheren Boden sollte ihr verhngnisvoll
werden.

Sie stand auf einem dnnen Gewirr verflochtener Lianen und Wurzeln, das
alsbald zu sinken begann, wie sie sich bckte und mhsam die
Strickleiter aus dem Sumpf zog: eine schwere Arbeit, da Pflanzen und --
o Graus! auch dicke Wrmer an den Sprossen hingen.

Die Mnner am Ufer zogen sofort das Seil an, als sie Mietje sinken
sahen; diese aber rief ihnen ein energisches: Halt, halt! zu.

Es wre eine schlimme Sache fr die arme junge Frau gewesen, am Strick
durch diesen Morast mit all seinem Wirrwarr geschleift zu werden, und
sie wre sicher in bs zerfetztem und zerschundenem Zustand drben
angekommen. Daran dachte sie jedoch nicht: es war ihr lediglich darum zu
tun, so nahe am Ziel den Erfolg ihres gefhrlichen Unternehmens nicht in
Frage zu stellen.

Bangend sahen ihr die Mnner am Ufer zu, bereit, sofort das Seil
anzuziehen, sobald Mietje in dringende Lebensgefahr geriete. Sie stak
schon bis zu halbem Leibe im Schlamm, als sie endlich die Strickleiter
so weit emporgezogen hatte, da sie bis ans Ufer reichen konnte.

Aber was war das? Sie band ja das Seil los, das ihr den letzten Halt
geben sollte.

Mietje, was tust du? Was fllt dir ein?! rief Flitmore mit
unverkennbarem Schrecken.

Das Gescheiteste! rief die Lady zurck.

Sie band rasch das Ende des Stricks an einer Sprosse fest und schrie
dann hinber: Jetzt, schnell! Ziehet krftig an.

Mit fieberhafter Eile lieen die Mnner das Seil durch ihre Hnde
gleiten, bis die Strickleiter sich straffte: sie reichte nun gerade bis
ans Ufer.

Inzwischen war Mietje bis an den Hals im Schlamm versunken, hielt sich
aber mit emporgestreckten Armen an einer Sprosse fest.

Als nun die Mnner die Leiter zu fassen bekamen und aus allen Krften
anzogen, wurde die aufopfernde Heldin wieder soweit emporgezogen, da
sie nur noch bis zur Brust im Moraste stak.

Dieses Straffen der Strickleiter war ein schweres Stck Arbeit gewesen!

Nun wurde das Ende der Leiter so fest als mglich an einem starken Busch
angebunden. Zu aller Vorsicht mute Mnchhausen es noch mit seinem
ganzen Krpergewicht beschweren und der Professor sich bereithalten, im
Notfall auch noch zuzugreifen; denn nun turnten der Lord und sein
Diener, sowie Heinz gleichzeitig auf der unsicheren Brcke ber den
Sumpf, galt es doch, Mietje aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien.

Schrecklich war ihre Lage in der Tat: sie konnte kaum noch festhalten;
ihre ermdeten Arme waren schmerzhaft gespannt und die sich krampfenden
Finger wollten sich an einem fort loslsen. Ein Glck war es, da sie
nicht frei in der Luft hing, sonst htten ihre Krfte unbedingt versagt,
ehe Hilfe kam. Der zhe Brei, in dem sie steckte, minderte doch
einigermaen das Krpergewicht, das an ihren Armen hing und ihr die
Hnde aus den Gelenken zu reien drohte.

Aber sie fhlte, wie trotz der uersten Anspannung ihrer Willens- und
Muskelkraft alle Energie sie verlie: tausend Arme schienen sie in den
Sumpf zu ziehen, immer lockender wurde die Versuchung, loszulassen und
sich nicht weiter der schrecklichen Marter auszusetzen, die alle
Todesfurcht einschlferte, so da Sinken, Ersticken, Einschlafen ihr als
Erlsung erschien.

Bei alledem gab sie keinen Laut von sich; aber das Blut hmmerte in
ihren Schlfen, es wurde schwarz um sie her, ihre Finger lsten sich:
das war das Ende!

Dies war ihr letzter dunkler, aber gar nicht schreckhafter Gedanke; dann
hatte sie das Bewutsein verloren.

Aber in dem Augenblick, da sie mit schwindendem Bewutsein die Sprosse
loslie, hatte Flitmore sie erreicht und ihre Handgelenke mit eiserner
Gewalt umklammert.

Hinter ihm krochen auch schon Heinz und John heran; denn nur kriechend
konnte man sich auf der schwanken Brcke fortbewegen.

Ich halte sie, keuchte der Lord; jetzt sehet zu, wie wir sie
heraufbringen.

Das war keine einfache noch leichte Aufgabe!

Heinz, der ein uerst gewandter Turner war, hakte seine Fe in der
Strickleiter ein und lie sich, den Kopf nach unten, hinab, whrend er
in den Knieen hing.

Dann fate er die Lady mit beiden Hnden um die Taille und hob sie mit
unsglicher Anstrengung aus dem Schlamm.

Ich habe sie! sthnte er endlich: Sie knnen loslassen, Lord.

Flitmore lie die Handgelenke los, die er zwischen zwei Sprossen durch
ergriffen hatte; denn durch den engen Zwischenraum konnte er
selbstverstndlich seine Gattin nicht emporziehen.

Schnell flocht er seine Beine zwischen Sprossen und Stricken fest und
und wies John an, ein Gleiches zu tun.

Jetzt beugten beide den Oberkrper auf der gleichen Seite hinab und
faten Mietjes leblosen Krper unter den Armen. Es war hchste Zeit;
denn Heinz htte ihn in seiner schwierigen Lage keine Minute mehr halten
knnen.

Flitmore und Rieger zogen nun die Ohnmchtige auf die Strickleiter, wo
sie dieselbe zunchst ausstreckten, um frische Krfte zu schpfen.

Inzwischen hatte auch Heinz sich wieder heraufgeschwungen.

Jetzt konnte die Lady, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, vollends zur
Sannah verbracht werden, wo es Flitmores Bemhungen bald gelang, sie
wieder zum Bewutsein zu bringen.

Nun durften auch Schultze und Mnchhausen die Reise antreten.

Der Kapitn bewegte sich voran, der Professor schob nach.

Ersterer hatte es schwer; denn seine runde Wlbung machte ihm das
Kriechen auf der schmalen Leiter beinahe unmglich.

Es war ein kstlicher Anblick, diese Krpermasse sich langsam und
schwerfllig auf dem schwankenden Stege vorschieben zu sehen.

Auf der Mitte angelangt, erklrte der Kapitn mit lauter, aber hchst
klglicher Stimme: 's ist aus! Ich bin am Ende meiner Krfte. Hier
bleibe ich und wenn ich hier bernachten mu und in den Sumpf kollere.

Machen Sie keine schlechten Witze, Kapitn, mahnte Schultze von
hinten: Ich schiebe Sie ja aus allen Krften.

Ach, was richten Sie aus? Das ist, als ob eine Mcke einen Elefanten
schieben wollte! Ich sage Ihnen, ich bin schachmatt.

Sie freuen mich, Allerwertester! Was soll denn aus mir werden? Soll ich
etwa ber Sie hinwegturnen? Im Bergkraxeln bin ich ganz und gar nicht
bewandert und zum mindesten mte ich einen Alpenstock haben, wollte ich
es wagen, diese gefhrliche Kletterpartie zu unternehmen.

Ha! Gefhlloser Schurke! Bin ich aus Granitquadern gebaut? Bin ich ein
rauher Felsblock, da Sie die Eisenspitze eines Gebirgsstockes in meine
Flanken bohren wollen? Das lassen Sie sich beikommen und wie eine Lawine
rolle ich mit Ihnen ins Verderben!

Nee! ein rauher Felsbrocken sind Sie nicht, lachte der Professor
belustigt: Rauh sind Sie nur innerlich, oller Seebr; auen sind Sie
nur allzuglatt und wohlgerundet, das ist ja gerade das Fatale; ein
Absturz wre mir sicher, wollte ich die Kletterei unternehmen. Also,
voran!

Keinen Schritt mehr!

Aber ich kann doch nicht hier bernachten.

So kehren Sie um.

Was? So nahe dem rettenden Hafen soll ich umkehren und mich in der
Nacht mit den blutdrstigen Wrmern herumbalgen? Vorwrts, vorwrts! Es
dmmert schon.

Flitmore hatte inzwischen John gesandt, der nun den Kapitn erreichte
und anseilte.

So, gezogen und geschoben, gelangte er endlich in die Sannah zur groen
Erleichterung des Professors, der sich nun auch geborgen sah.

Alle Anstrengungen, die Strickleiter vom Busch loszureien, um sie in
das Weltschiff zu ziehen, waren vergeblich.

Lassen wir sie zurck, erklrte der Lord, ich habe ja noch andre.

Nein! widersprach Heinz: Die Brcke, die uns das Leben rettete und um
die Lady Flitmore ihr Leben wagte, an der sie so heldenmtig die
grlichsten Folterqualen ertrug, darf nicht im Stiche gelassen werden:
ich mache sie los!

Flitmore schttelte den Kopf: Und Sie? Sie werden es schwer haben auf
der losen Leiter zurckzukehren.

Lassen Sie mich machen, es wird alles gut gehen!

Wirklich kletterte Heinz zurck.

Er schnitt ein Stck des leinenen Seiles ab, band es an den Teil des
Seiles, der die Leiter mit dem Busch verband und glimmte es an. Dann
kletterte er rasch zurck und erreichte auch wirklich die Sannah, ehe
die weiterglostende Lunte das Seil angesteckt und durchgebrannt hatte.

Sobald letzteres der Fall war, lie sich die Strickleiter leicht
einziehen.

Nun waren alle im Weltschiff wieder beieinander; Bobs hatte sich schon
dorthin gemacht, als Mietje ihn loslie, um die Strickleiter aus dem
Moraste zu ziehen. Dick war ber die Brcke als Erster geturnt, sobald
sie hergestellt worden war.

Inzwischen war es Nacht geworden; beide Marsmonde leuchteten am Himmel:
Phobos, der bei einer Umlaufszeit von nur 7 Stunden manchmal in einer
Nacht zweimal erscheint, und Deimos, der dem Mars nicht jede Nacht
aufglnzt, da er 30 Stunde Umlaufszeit hat. Beide sind dem Planeten
sehr nahe, woraus sich ihre beraus kurze Umlaufszeit erklrt.

Flitmore schlo die Tre und lie den Zentrifugalstrom durch das
Weltschiff strmen.

Die Sannah erhob sich mit wachsender Geschwindigkeit, und, wie unsre
Freunde sahen, gerade zu rechter Zeit; denn unter ihnen geriet das
monderhellte Land auf einmal wieder in Bewegung. Ein besonders heftiger
Erdsto mute es erschttert haben; denn pltzlich kam von ferneher eine
haushohe dunkle Woge: das Meer brauste heran und verschlang das
schwankende Land, so weit man sehen konnte, und mit ihm auch zweifellos
den letzten Bewohner des Mars.




                        15. Im Meteorschwarm.


Schade, da wir uns so rasch vom Mars entfernen, sagte Schultze
bedauernd: Es wre uerst interessant und lehrreich gewesen, bei
Tageslicht aus nchster Nhe die Vernderungen zu beobachten, die das
Erdbeben auf der Oberflche des Planeten hervorgerufen hat.

Wir haben keine Eile, entgegnete Flitmore, da wir ja nun in
Sicherheit sind, und es ist uns ein Leichtes, ber Nacht in der
Marsatmosphre zu verweilen. Ich bernehme die erste Nachtwache und
werde den Strom alle zehn Minuten unterbrechen, so da wir wieder
sinken; Herr Friedung soll es in der zweiten Wache ebenso machen und
Sie, Professor, bernehmen die Morgenwache und vollfhren das gleiche
Manver; nur mssen Heinz und Sie wohl aufpassen, da Sie den Strom
nicht allzulange unterbrechen, damit uns nicht etwa eine unsanfte,
vielleicht gefhrliche Landung begegnet.

Die beiden versprachen alle Vorsicht und bewiesen sie hernach auch, so
da die Sannah beim Anbruch des Morgens sich nur wenige Kilometer ber
der Marsoberflche befand.

Es war ein berraschendes Bild, das sich nun unsern Freunden bot: der
Meeresgrund hatte sich gehoben und das bisherige Festland, das sich
gesenkt hatte, war vom Meer bedeckt, wenigstens zum grten Teile.

Nun zeigte sich aber deutlich, da hnliche Katastrophen den unseligen
Mars schon frher heimgesucht hatten, denn das neue, dem Meeresgrund
entstiegene Festland war mit Stdten und Drfern aus buntem Gestein
berst, die aus dem Schlamm hervorleuchteten, der sich in ihren Gassen
und um sie her abgesetzt hatte.

Nun begreife ich erst, wie die ganze Marsbevlkerung nach und nach
zugrunde gehen konnte! sagte Schultze. Noch eine oder zwei so
gewaltige Verheerungen, und auch das Tierleben wird auf dem Planeten
erloschen sein bis auf das Seegetier und die grlichen Sumpfwrmer.
Hchstens die Vgel mgen noch dem Verderben entgehen.

Nun wurde die Marsbahn endgltig verlassen und Flitmore schlug vor, nach
dem Jupiter, dem Kolo unter den Planeten, zu fahren und dann dem Saturn
einen Besuch abzustatten, ehe die Rckreise nach der Erde angetreten
werde.

Damit waren alle einverstanden.

Zunchst wurde jetzt daran gegangen, die einzelnen Zimmer den
Schwerpunktverhltnissen der Sannah anzupassen, denn ihre Rotation hatte
wieder begonnen und es galt allerlei Mbel und Gertschaften in den
Zimmern, die auf einen andern Schwerpunkt eingerichtet waren, von den
Wnden oder der Decke zu lsen und sie am Fuboden festzuschrauben.

Kurz darauf geriet die Sannah in einen Meteorschwarm.

Flitmore hatte behufs Verlangsamung der Fahrt den Fliehstrom abgestellt,
als ein Gepolter losging; anfangs waren es nur einzelne kleine
Meteoriten, die die Umhllung des Schiffes trafen, bald aber prasselte
es auf sie hernieder wie ein regelrechtes Hagelwetter. Beschdigt wurde
die solide Hlle nicht, denn die Meteore waren wohl auch nicht grer
als Hagelkrner; um aber jeglicher Gefahr aus dem Wege zu gehen, lie
der Lord rasch wieder den Strom durch die Sannah kreisen und alsbald
bewhrte sich die Wirkung der Fliehkraft, denn die Meteore wichen dem
Weltschiff von ferne aus infolge der abstoenden Wirkung, die sie auf
alle der Schwerkraft unterworfenen Krper ausbte.

Flitmore lud die Reisegesellschaft ein, sich in ein auf der Nachtseite
gelegenes Zimmer zu begeben: Ich denke, da wir auf der Schattenseite
ein herrliches Schauspiel von leuchtenden Sternschnuppen und Meteoren
genieen werden, meinte er.

Sie vergessen, warf Schultze ein, da die Meteoriten nur beim
Eintritt in die Atmosphre aufleuchten, infolge der Reibung mit
derselben.

Der Lord lchelte: Ich vergesse nichts: schauen wir leuchtende Meteore,
so ist dies ein neuer Beweis fr meine Theorie, da eben der ganze
Weltraum mit verdnnter Luft erfllt ist.

Aber mte dann nicht auch die Erde in Glut geraten? fragte Heinz.

Sie ist geschtzt durch ihre atmosphrische Hlle, die sie vor der
Reibung mit den Stoffen des Raums bewahrt, und die Lufthlle selber
bleibt deshalb vor zu starker Reibung bewahrt, weil sie einen Teil der
Weltatmosphre mit sich fortreit und diese Bewegung mit der zunehmenden
Hhe nur immer schwcher wird, so da die Reibung der Erdatmosphre mit
der Weltatmosphre an keinem Punkte stark auftreten kann, da jede neue
Schicht nur um sehr wenig geringere Bewegung aufweist als die darunter
liegende.

              [Illustration: Sannah im Meteorenschwarm.]

Mochte dem sein, wie ihm wollte, jedenfalls war es Tatsache, da man
ganze Schwrme von kleineren und greren Meteoren zu sehen bekam: ein
entzckendes Feuerwerk.

Sie haben ja recht behalten, Lord, gestand Schultze nun ein: Aber
rtselhaft bleibt es mir, warum, wenn doch offenbar die Reibung an der
dnnen Weltatmosphre gengt, um die Meteore zu entznden, die irdischen
Sternschnuppen erst dann zum Leuchten kommen, wenn sie in die
Erdatmosphre eintreten?

Die Sache ist sehr einfach: weil sie eben zuvor keiner oder doch nur
einer geringen Reibung ausgesetzt sind. Sehen Sie, ich erklre mir den
Vorgang so: die Meteorschwrme haben ja wohl ihre Eigenbewegung, aber
wahrscheinlich teilt die Weltatmosphre in ihrer Bahn diese Bewegung,
mglicherweise hat auch jedes noch so kleine Meteor seine eigene
Lufthlle, die es aus der Raumatmosphre an sich zieht; dadurch wird die
Reibung aufgehoben oder auf ein geringes Ma beschrnkt.

Gert aber die Erde in einen solchen Meteorschwarm, so lt die
Anziehungskraft der Erde die Meteore mit rasender Geschwindigkeit
strzen; beim Eintritt in die dichtere Erdatmosphre werden sie ihrer
Lufthlle pltzlich beraubt, der Widerstand der Luft streift sie ihnen
gleichsam ab, und nun entsteht die Reibung, die sie in pltzliche Glut
versetzt.

Wenn wir nun hier leuchtende Meteore sehen, so ist der Fall allerdings
insofern ein anderer, als keine dichtere Atmosphre das Aufglhen
veranlat, jedenfalls aber ein ungemein beschleunigter Sturz. Diese
Meteore mssen in die Anziehungssphre eines Planeten, vielleicht des
Jupiter, geraten sein und strzen nun mit solch rasender Geschwindigkeit
durch den Raum ihm zu, da der Widerstand der verhltnismig ruhenden
Weltatmosphre sie ihrer Lufthlle beraubt, falls wir eine solche
annehmen wollen, jedenfalls aber ihre Reibung an der Weltatmosphre
stark genug wird, sie in Weiglut zu versetzen.

John Rieger lauschte mit offenem Munde diesen groartigen Ausfhrungen
seines Herrn, die ihm um so mehr Ehrfurcht einflten, als er nicht das
mindeste davon begriff.

Aber bildungsdurstig, wie er stets war, wandte er sich an Professor
Schultze, der es besser verstand, sich seinem Verstndnis anzupassen.

Mit untertnigst gndigstem Verlaub, Herr Professor, hub er an: Sie
reden da so viel uerst Belehrendes von den Motoren oder Sternschuppen;
aber wenn Sie einmal die gtigste Liebenswrdigkeit htten, mich
genauestens aufzuklren, was diese leuchtenden Motoren von Grund aus
sind, so wre ich Ihnen vorzugsweise verbunden.

Sehr gern, mein Freund! erwiderte der Professor bereitwilligst: Wie
du ganz richtig bemerkt hast, sind Meteore und Sternschnuppen im Grunde
dasselbe. Es sind kleinere oder grere Krper, die im Weltraum sich
befinden. Wenn nun die Erde in ihre Nhe kommt, werden sie von ihr
angezogen und sie strzen mit grerer oder kleinerer Geschwindigkeit in
die Lufthlle der Erde. Je rascher sie hereinstrzen, desto mehr
erhitzen sie sich, aber um so mehr verlieren sie auch an Fallkraft, so
da sie weiter unten nicht schneller strzen als diejenigen, die von
Anfang an langsamer fielen.

Die Erhitzung mag mehrere tausend Grad betragen; dabei kommen sie zum
Leuchten und schmilzen an der Oberflche, wogegen sie im Innern ziemlich
kalt bleiben. Wenn sie die Erde erreichen, sind sie durchaus nicht
besonders hei, was eben daher kommen mag, da ihr Sturz je tiefer desto
langsamer wird.

Die meisten aber kommen gar nicht bis zur Erde herab, weil sie hoch oben
schon so hei werden, da sie sich in Gase auflsen: Das sind dann
Sternschnuppen. Gelangen sie jedoch bis zur Erde, so sind es Meteore. So
nennt man sie aber auch, wenn sie besonders gro und hell erscheinen;
bertreffen sie an Glanz die hellsten Sterne, so heit man sie Boliden;
verbreiten sie einen ganz auerordentlichen, oft taghellen Glanz, so
bezeichnet man sie als Feuerkugeln; solche treten aber nur sehr selten
und immer vereinzelt auf, whrend Sternschnuppen und Meteore in ganzen
Schwrmen vorkommen.

Natrlich willst du nun wissen, woher diese Dinger eigentlich stammen.
Manche behaupten, Meteoriten, d. h. kleine Meteore, kmen vom Mond.
Sicher aber ist, da die Sternschnuppen und Meteorschwrme von Kometen
herrhren. Erstens einmal sind ihre Bahnen denen der Kometen durchaus
hnlich; zweitens aber hat man schon beobachtet, da Kometen, die der
Sonne oder dem Jupiter zu nahe kamen, sich in Meteorschwrme aufgelst
haben.

Dafr ist besonders der berhmte Bielakomet ein lehrreiches Beispiel.
Dieser kam 1846 dem Jupiter zu nahe und zersprang dadurch in zwei
Stcke, die 1852 zu richtiger Zeit wiederkehrten, aber 1858, als sie
wieder erscheinen sollten, nirgends zu finden waren. Seither hat man ihn
nicht wieder gesehen; als jedoch die Erde 1872 und 1885 seine Bahn
kreuzte, geriet sie in einen Meteorschwarm, der als prchtiger
Sternschnuppenhagel das Auge entzckte. Das waren die berreste des
stolzen Kometen. Diesen Meteorschwarm nannte man die Leoniden, weil er
aus dem Sternbild des Lwen zu kommen schien; zuletzt ist auch dieser
Meteorschwarm verschwunden.

Das leuchtet mir spezifisch ein, sagte John befriedigt, da die
Motore von den Kometen herkommen; denn man nennt doch die Kometen
Haarsterne, weil sie sozusagen eine goldene Mhne haben. Aber aus
solchen goldenen, leuchtenden Haarverhltnissen drften vermutungsweise
auch goldene, leuchtende Schuppen fallen, und das sind dann die so
richtig benannten Sternschuppen.

Alle lchelten ber diese gelungene, echt volkstmliche Wortableitung;
der Professor aber sagte lachend:

Brav, mein Sohn! Bleibe nur bei dieser Erklrung, so behltst du alles
am besten inne; denn Schuppen oder Schnuppen sind in Grunde Schnuppe und
Schuppen knnen zwar lstig sein, aber so ein hartnckiger Schnuppen ist
doch noch weit unangenehmer. Aber noch weit du nicht, aus was fr
Stoffen die Meteore eigentlich bestehen. Sie enthalten allerlei:
Kieselsure, Magnesia, Eisen, Nickel, Kupfer, Wasserstoff, Sauerstoff,
auch Kohlenstoff und zweifellos organische Bestandteile, das heit
Spuren von Pflanzen oder lebenden Wesen, die uns Kunde geben, da auch
andere Welten solche besitzen, wie wir jetzt ja auf dem Mars mit eigenen
Augen sehen; manchmal findet man sogar Diamanten im Innern eines
Meteorsteins. Meistens sind es grere oder kleinere Eisenblcke.

Ja, mischte sich der Lord in die Auseinandersetzung: und drei solche
hat der berhmte Nordpolforscher Peary gestohlen!

Gestohlen? fragte Heinz erstaunt.

Jawohl. Dieser Peary fand bei den Eskimos eiserne Werkzeuge. berrascht
hievon, erkundigte er sich, woher das Eisen stamme. Man antwortete ihm
stets: Vom Eisenberg! Wo sich aber dieser rtselhafte Eisenberg
befand, wuten nur die ltesten Mnner des Stammes und diese verrieten
ihr Geheimnis nicht.

Auf spteren Reisen erwarb sich Peary nach und nach das Vertrauen der
Eskimos in so hohem Grade, da sie endlich seinem Drngen nachgaben und
ihn zu dem rtselhaften Eisenberg fhrten, der aus drei gewaltigen
Meteoren bestand. Die Eskimos hatten ihnen Namen gegeben: Die Zehn,
Das Weib und Den Hund nannten sie diese Eisenkltze, die fr sie ein
ganz unschtzbares Kleinod waren, das einzige Eisen in den arktischen
Regionen! Aufs gemeinste hat Peary das ihm entgegengebrachte Vertrauen
mibraucht. Unter groen Schwierigkeiten lie er die drei Meteore, ja
alle drei! heimlich an Bord schaffen und beraubte so die armen Eskimos,
die wahrhaftig hart genug ums Dasein zu kmpfen haben, ihres kostbarsten
Schatzes, den sie so lange unter strengstem Geheimnis gehtet hatten. In
Newyork erhielt er 200000 Mark fr seinen Raub. Ob er wohl das
Sndengeld mit gutem Gewissen eingesackt hat?

Das ist allerdings ein Schurkenstreich erster Gte! eiferte Schultze
emprt: In meinen Augen hat Peary seinen Ruhm damit aufs schmhlichste
befleckt.

Und sehen Sie, so ist unsere europische und amerikanische
Christenmoral, fuhr der Lord fort: Jedermann wei, was dieser Peary da
verbt, und doch feiert man ihn, ja man bewundert noch die Khnheit und
List, mit der er die Eskimos hintergangen und bestohlen hat. Htte er
einem Amerikaner solche Wertgegenstnde geraubt, so kme er dafr ins
Zuchthaus.

Ja ja! Aber so arme Eskimos bestehlen, das ist ja wohl etwas anderes,
eine Heldentat! fgte Schultze grimmig bei.

Als der Professor seine Emprung ber die Schuftigkeit eines berhmten
Mannes einigermaen berwunden hatte, fhlte er sich bewogen, John noch
eine besonders interessante Mitteilung ber die Meteoriten zu machen:

Du siehst, sagte er, es fallen zu Zeiten recht stattliche Eisenblcke
vom Himmel; manchmal geht ein ganzer Hagel von Meteoren nieder. Vom Jahr
823 wird berichtet, da in Sachsen durch einen solchen Meteorhagel
Menschen und Vieh erschlagen und 35 Drfer vom Feuer verzehrt worden
sind. Der berhmte Arzt und Chemiker Avicenna beschreibt genau
Meteoritenflle, die um 1010 in gypten, Persien und anderwrts
niedergingen. Am 1. Oktober 1304 fielen bei Friedeburg an der Saale
feurige Steine wie Hagel und richteten groen Schaden an. Am 7. November
1492 fiel bei Ensisheim ein 260 Pfund schweres Meteor, von dem ein Stck
noch heute in der dortigen Kirche hngt. Am 4. September 1511 ereignete
sich bei Crema ein ungeheurer Steinregen, der die Sonne verfinsterte. Es
strzten etwa 1200 Meteore herab, darunter solche von 260 und 120 Pfund;
sie erschlugen Vgel, Vieh und Fische, auch einen Mnch.

Und hnliche Flle kamen noch zu Dutzenden in Deutschland, Frankreich,
Spanien und Italien vor, wobei mehrfach Menschen ums Leben kamen. Eine
ganze Anzahl derselben wurde ausfhrlich beschrieben, oft von
einwandfreien Gelehrten und Professoren; sogar wissenschaftliche
Kommissionen untersuchten die Aerolithen, und trotzdem wollte die
Wissenschaft nicht daran glauben; ja die franzsische Akademie der
Wissenschaften erklrte es feierlich fr einen Bldsinn, wenn man
behaupte, es knnten Steine vom Himmel fallen. Allerdings wurde sie
durch einen alsbald erfolgenden groartigen Steinregen in Frankreich
grndlich blamiert; aber man sieht daraus, wie zh die Zweifelsucht
beschrnkter Kpfe ist, die sich fr Leuchten der Welt halten. Es ist
heute nicht anders, es gibt jetzt noch genug Vertreter dieser
wissenschaftlichen Beschrnktheit, die vor den augenflligsten Tatsachen
wie der Vogel Strau den weisheitgeschwollenen Kopf in den Sand stecken,
sobald ihnen etwas ber den Horizont geht: solche Kleingeister sptteln
heute ber die Wnschelrute, das Hellsehen, die Weissagungen der
Propheten und wollen gar die Geschichtlichkeit eines Jesus leugnen,
genau wie jene Akademiker an keine Meteoriten glauben wollten; es ist
die Sorte, die nie ausstirbt und gegen welche Gtter selbst vergebens
kmpfen!

Sachte, sachte, Professorchen, lachte Mnchhausen: Sie sind auch
nicht immer glubig und haben sich schon manchmal mit Ihren Zweifeln
verrannt.

Gebe ich zu! Aber hernach sehe ich es ehrlich ein und hlle mich nicht
in Eigensinn und berlegenes Lcheln.

Am meisten, nahm der Lord das Wort, belustigen mich die Gelehrten,
die aus erhabenem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn jede Mglichkeit
leugnen, ein Mensch knne Zuknftiges vorhersagen. Aus dieser
vorgefaten Meinung heraus geben sie sich unendliche Mhe, mit einem
fabelhaften Aufwand von Phantasie und Mangel an Logik die prophetischen
Weissagungen der Bibel wegzuerklren, und dann erzittern sie, wenn sie
zu dreizehnt am Tische sitzen, weil das ein kommendes Unglck bedeuten
soll, oder wenn ihnen eine schwarze Katze ber den Weg luft: ja, eine
Zahl und eine Katze halten sie fr Propheten und den prophetischen
_Geist_ begreifen sie nicht! Nirgends sieht man es so deutlich bewiesen:
Da sie sich fr weise hielten, sind sie zu Narren worden!

So ist es immer, sagte der Kapitn mit ungewohntem Ernst: Ich habe es
mein ganzes Leben lang beobachtet: wer die ewigen Wahrheiten nicht
glauben will, verliert die Fhigkeit des klaren Denkens, hlt Phantasien
fr Beweise und glaubt den klglichsten Bldsinn.

Allerdings, sagte Flitmore: Dabei merkt aber der rmste gar nicht,
da auch seine vermeintliche Weisheit nur Glaube ist, wenn auch ein
unvernnftiger; vielmehr glaubt und behauptet er, auf dem Boden
unfehlbarer wissenschaftlicher Ergebnisse zu stehen.

Wer an unfehlbare wissenschaftliche Ergebnisse berhaupt glauben
kann, schlo Schultze, dem ist schon nicht zu helfen: er leidet an
einem Verstandes- oder Willensfehler. Ein gebildeter Mensch, der zu
klarem Denken fhig ist, mu einsehen, da es wohl Ergebnisse der
Beobachtung gibt, aber niemals zweifellose Ergebnisse der Wissenschaft.
Wobei zu bemerken ist, da auch die reinen Beobachtungsergebnisse,
selbst wenn sie Jahrzehnte hindurch von den verschiedensten Beobachtern
besttigt werden, durchaus keine Gewhr der Richtigkeit bieten, wie
schon die berhmten Marskanle beweisen.

John Rieger konnte diesen Errterungen nicht recht folgen; er hatte aber
noch eine Frage betreffend der Meteore auf dem Herzen, die er jetzt
anbrachte, als die Herren schwiegen: Sie haben so viele Vorkommnisse
von Steinregen benannt, Herr Professor, aber alle aus alter Zeit.
Heutzutage drfte wohl so etwas berhaupt nicht mehr vorkommen in unserm
aufgeklrten Zeitalter?

Da sehe einmal einer den Zweifler! polterte Schultze lachend: Also
auch du bist noch nicht berzeugt, mein Sohn Brutus, da die Meteorflle
auf Erden Tatsache sind? Hre: auch heutzutage kommen sie hufig vor. So
ist zum Beispiel bei Mugello in der Nhe von Florenz am 3. Februar 1910
ein Hagel von Meteoriten in glhendem Zustand niedergegangen, die
Straen, Felder und Weinberge bedeckten und die Kulturen vielfach
zerstrten. Nach diesem Feuerregen zerri pltzlich der Dunstschleier
und es zeigte sich ein Komet von strahlendem Glanze.

Und das ist wirklich und wahrhaftig geschehen?

Wirklich und wahrhaftig: es stand in allen Zeitungen und ist so gut
bezeugt, da ein gebildeter Mensch es glauben mu.

Ja, dann glaube ich es natrlich und selbstverstndlich auch, sagte
Rieger selbstbewut.




                    16. Ein Konzert in der Sannah.


Die Reise war bisher so ergebnisreich verflossen, da unsere Freunde
noch nicht dazu gekommen waren, ein richtiges Konzert zu veranstalten,
wenn auch hie und da ein halbes Stndchen durch vereinzelte musikalische
Vortrge verklrt worden war. So war John einigemal aufgefordert worden,
seine Flte hren zu lassen oder hatte der Lord mit seiner Gattin
vierhndig gespielt, -- lauter erhebende Gensse. Ganz besonders aber
entzckte alle Heinz' wunderbares Geigenspiel.

Der junge Schwabe liebte es namentlich, im Dunkeln zu spielen, sei es,
da er aus dem Gedchtnis seine Lieblingsschpfungen groer Meister
wiedergab, sei es, da er phantasierte.

Wie berirdische Musik klang dieses wundersame Phantasieren durch den
dunkeln Raum.

Woher haben Sie nur diese Tne? fragte Lady Flitmore einmal: Das ist
ja die reinste Sphrenmusik!

Mir ist's auch, als vernhme ich die Harmonie der Sphren, erwiderte
Heinz nachdenklich: Hren Sie nichts? Fliegen wir nicht durch den Raum,
der von der wunderbarsten aller Harmonien erfllt ist? Und mir ist's,
als riefe mir von einem fernen Stern eine melodische Stimme und locke
mich durch ihren bezaubernden Gesang. Das sind Klnge aus hheren
Wunderwelten, die ich vernehme, eine berirdische Musik, aber was ist
dagegen mein schwaches, armseliges Spiel? Wohl ist es beseelt von den
himmlischen Harmonien, doch nimmer ist es imstande, auch nur eine Ahnung
von ihrem Zauber zu vermitteln.

O, Sie geben uns mehr als eine Ahnung davon, hatte dann der Lord
gesagt; denn ihm, wie allen andern kamen die Tne wahrhaft berirdisch
vor, die der junge Knstler seinem herrlichen Instrumente entlockte.

Heute nun wurde zum erstenmale ein regelrechtes Konzert veranstaltet,
bei dem alle mitwirken sollten, abgesehen von Schultze, dem jegliche
musikalische Ausbildung mangelte: Gleich meinen Vettern, den
Schimpansen, sagte er lachend.

Wie wir wissen, verstand sich Heinz nicht blo auf die Violine, sondern
auch aufs Pistonblasen; der Lord bettigte sich auer auf dem Klavier
noch auf dem Cello und der Posaune; Mietje war eine vorzgliche
Pianistin und John ein nicht zu verachtender Fltenblser: es lie sich
also je nach Wunsch und Bedarf ein abwechslungsreich gestaltetes
Orchester zusammensetzen.

Mnchhausen behauptete, sehr musikalisch zu sein, erklrte aber: Um die
Klaviatur zu maltrtieren oder die Saiten zu kratzen, fehlt es mir an
der ntigen Beweglichkeit und Gelenkigkeit; Blasinstrumente kann ich
wegen meiner fatalen Kurzatmigkeit nicht pusten, aber das Paukenschlagen
verstehe ich vorzglich und wei ein Gefhl, eine Stimmung, eine Melodik
hineinzulegen, da ich mich anheischig machen wollte, in einem
Paukensolo Ihnen die herrlichsten Schpfungen unserer grten Meister in
einer Weise vor Ohren zu fhren, da Sie gestehen mten, kein
Instrument reicht in seiner Wirkungsfhigkeit an die Pauke heran, und
kein anderes ist so geeignet, den feinsten seelischen Stimmungsgehalt
eines Musikwerks wiederzugeben, wie eben dieses Instrument der
Instrumente.

Oho! lachte der Lord: Das ist mir wirklich neu! Kapitn, Sie sind ein
musikalisches Genie und erffnen der Musik ganz neue Bahnen und
Aussichten. Wahrhaftig! ein Paukenvirtuos, wer hat je von einem solchen
gehrt? So sei Ihnen denn die Pauke anvertraut, als dem Wrdigsten unter
uns.

Mnchhausen, sagte Schultze: Was wollen Sie berhaupt mit einer
Pauke? Sie reichen ja doch nicht mit ihren kurzen Armen um Ihre
Leibeswlbung herum und knnen das von Ihnen so gepriesene Instrument
berhaupt nicht treffen: Sie treffen hchstens Ihren eigenen Bauch und
das ist ja auch eine Pauke, die jede knstliche Pauke entbehrlich macht.
berdies wird es fr Sie eine uerst zutrgliche Massage sein, wenn sie
diese grte und herrlichste aller Pauken schlagen, mit der die Natur
und Ihr guter Appetit Sie begabt hat.

Oho! protestierte der Kapitn: Schultze, Sie sind schief gewickelt!
Sie treiben da Ihren Spott mit einem Titanen der Musik, Sie, der Sie von
Musik berhaupt nichts verstehen und bei unserem Konzert einzig und
allein das verstndnislose Publikum abzugeben vermgen. Allerdings gebe
ich zu, da dies ein notwendiger Bestandteil jedes richtigen Konzertes
ist. --

Nun, nun, eiferte der Professor: Wenn ich auch nicht gerade
Sachverstndiger auf dem Gebiete des Kontrapunkts und der Harmonielehre
bin, und nicht unterscheiden kann, ob Sie Beethoven oder Wagner pauken
...

Mu jeder feinhrige Mensch sofort an meinem Paukenschlag heraushren!
unterbrach Mnchhausen.

Nanu! Wenn ich so fein auch nicht hre, so habe ich doch die grte
Freude an der Musik und werde als verstndnisloses Publikum doch ein
dankbarer und begeisterter Hrer sein.

Bravo! rief Mietje, als solchen kennen wir Sie, und fr Sie wird denn
auch das ganze Konzert gegeben.

Unter den Virtuosen, die hier versammelt waren, hatte jeder seine
besondere Vorliebe fr diesen oder jenen groen Komponisten.

Lady Flitmore zog Schubert, Schumann, Mendelssohn und Chopin vor; ihr
Gatte hielt Bach, Beethoven, Hndel, Haydn und Weber fr die
Bedeutendsten; Heinz neigte mehr zu Wagner, Bruckner, Hugo Wolff und
Grieg; Mnchhausen begeisterte sich fr Mozart, Brahms und Gluck,
whrend John fr Meyerbeer und Richard Strau schwrmte.

Doch waren alle vielseitig und unparteiisch genug, um auch der andern
Gre anzuerkennen und ihnen gern zu huldigen.

Am meisten bewies das Heinz, der trotz seiner Vorliebe fr Wagner doch
auch von Sebastian Bach so eingenommen war, da er diesen
weltumfassenden Geist durch mehrere kleine Gedichte gepriesen hatte, zu
denen ihn die Tne des Meisters begeisterten.

Die Choralphantasie ber Komm heil'ger Geist, Herre Gott! hatte
beispielsweise folgende Verse bei ihm ausgelst:

   Tne von Bach!
   Wie sie rauschen und schwellen
   Gleich den Meereswellen!

   Ich denk' ihm nach,
   Ob ich's mge erfassen,
   Was sie ahnen lassen.

   Was reit ihn fort
   ber irdische Sphren
   Zu den Himmelsheeren?

   Heilige Glut,
   Von Gott selber entzndet,
   Die da Liebe kndet;

   Liebe zu Gott,
   Die in seligen Schauern
   Sprengt die irdischen Mauern;

   Liebe zu Dir,
   O Du Heiland der Seelen,
   Die in Schulden sich qulen.

   Tne von Bach,
   Sprengt die Ohren der Tauben,
   Da sie weinen und glauben;

   ffnet und hellt
   Doch die Augen der Blinden,
   Ihren Heiland zu finden
   Und die selige Welt!

Ein andermal lie er sich also vernehmen:

   Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist,
   Der schauernd lauschet deinen mcht'gen Tnen;
   Und berwltigt ahnt er, was es heit,
   Zu hren die Vollkommenheit des Schnen.

   O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein,
   Wenn wir verzckt, von sel'gen Engelchren
   Getragen, deine Meisterwerke hren,
   So heilig ernst und so vollkommen rein!

Und die unvergleichlichen Passionsoratorien gaben Heinz die
nachfolgenden Verse ein:

   O heil'ge Wundertne
   Zum heil'gen Gotteswort,
   Wie reiet eure Schne
   Die Herzen mit sich fort!

   Der Erdenwelt entrcket,
   Knie ich erschauernd da:
   Es schaut mein Geist verzcket
   Das Kreuz auf Golgatha.

   Und was ich zitternd hre
   So herzergreifend schn,
   Das sind der Engel Chre
   Aus lichten Himmelshhn;

   Dazwischen Menschenstimmen
   Voll Leidenschaft und Wut,
   Die gegen _Den_ ergrimmen,
   Der sie erkauft mit Blut.

   Doch unaussprechlich milde
   Ertnt durch all den Hohn
   Die Stimme durchs Gefilde
   Vom ew'gen Gottessohn:

   Das sind nicht ird'sche Snge!
   Wie alles bebt und rauscht!
   O Bach, du hast _die_ Klnge,
   Dem Himmel abgelauscht!

   Vom heil'gen Geist durchdrungen,
   Ins Paradies entrckt,
   Hast du uns nachgesungen,
   Was Engel dort entzckt!

So verklrten sich diese Melodien in des jungen Knstlers Geist, wenn er
ihnen als andchtiger Zuhrer lauschte. Wirkte er aber selber mit, wie
heute, so legte er seine ganze Seele in den Ton, versenkt in die
Gefhle, die des Meisters Geist beseelten, da er sein Werk schuf.

Die Klnge rauschten in harmonischer Flle durch den Saal und dann
erstarben sie in einem Pianissimo von einer Zartheit, das geradezu
wunderbar wirkte; alle standen unter dem Banne einer heiligen Andacht
und Schultze fhlte sich tief ergriffen und lauschte mit aller
Anspannung, um ja keinen der leisesten Tne sich entgehen zu lassen.

Bum! ein dumpfer Paukenschlag erscholl drhnend durch das entzckende
Pianissimo; wie eine Bombe zerstrend platzte er herein und
zerschmetterte die klassischen Harmonien.

Was fiel dem Kapitn in seiner Ecke ein! War er ganz aus dem Konzept
gekommen? Das war ja eine Roheit, ein Verbrechen an Beethovens
unsterblichem Werke! So dachten alle, obgleich sie nicht aufsahen: Der
Fehler war ja gewi absichtslos, warf aber ein schlimmes Licht auf
Mnchhausens Musikverstndnis.

Aber was war das? Noch schwebte das Pianissimo nach der unzeitgemen
Strung elfenhaft durch die Rume, als die Pauke pltzlich ein wahres
Kanonenfeuer erffnete: Bum, bum, bum-bum-bum! Mit schwerem Geschtz
wurde das zarte Meisterwerk zusammengeschossen.

Nun sahen alle emprt nach der Ecke. Da lag der Kapitn, in seinen
Sessel zurckgesunken, und rieb sich, aus tiefem Schlaf erwachend die
Augen: auch seine klassische Ruhe war durch den Donner der Pauke
zerstrt worden.

An seinem vielgerhmten Instrument aber stand Dick, ein uerlich
wrdiger Stellvertreter des Entschlummerten, leider aber ein vllig
unfhiger Paukenvirtuos. Dieser heillose Schimpanse hatte den Schlegel
ergriffen, der dem Kapitn entsunken war und bearbeitete nun das
Trommelfell mit wuchtigen, hchst temperamentvollen, aber durchaus
unpassenden Schlgen.

Der Zauber der Stimmung war rettungslos dahin: ein unwiderstehliches
Gelchter erschtterte den Saal; Mnchhausen aber rief, sich ermunternd:

Da sieht man's, da hrt man's mit Ohren, da die Pauke in der Tat das
wichtigste Instrument in einem Konzerte ist: wer sie nicht zu handhaben
versteht, ruiniert das erhabenste Meisterwerk mit ttlicher Sicherheit.
Und er entri dem verblfften Schimpansen den mibrauchten Schlegel.




                         17. Die Asteroiden.


Am folgenden Tag, den Tag zu 24 Stunden berechnet, kam die Sannah mitten
unter die Planetoiden.

Die Entdeckung dieser Planetoiden oder kleinen Planeten, die man auch
Asteroiden nennt, belehrte Professor Schultze, hat wieder einmal
gezeigt, da die von der Wissenschaft aufgestellten Naturgesetze niemals
als etwas fr alle Zeiten Gewisses und Feststehendes gelten knnen. In
der Tat glaubte man bisher, die Planeten bewegten sich nahezu in der
gleichen Ebene um die Sonne, und hielt dies fr eines der groen
Naturgesetze. Da entdeckte man diese Zwergplaneten, deren exzentrische
Bahnen die Hinflligkeit des angeblichen Gesetzes bewiesen.

Andererseits war ihre Entdeckung die glnzendste Besttigung eines
andern Naturgesetzes, das 1772 von Titius aufgestellt und spter von
Bode und Wurm genauer bestimmt wurde: es sollte danach zwischen den
Abstnden der Planeten von der Sonne ein bestimmtes gesetzmiges
Verhltnis bestehen; nun aber zeigte sich zwischen Mars und Jupiter eine
Lcke: nach dem Titiusschen Gesetze htte sich dort ein Planet finden
sollen. Und wirklich entdeckte Piazzi in Palermo am 1. Januar 1801 den
kleinen Planeten Ceres, der aber bald durch seine Annherung an die
Sonne den Blicken entschwand.

Htte nicht der groe Mathematiker Gau eine geniale Methode erfunden,
durch die aus nur drei Beobachtungen eines Planeten seine Bahn berechnet
werden kann, so htte niemand gewut, wo der neue Planet wieder
aufgefunden werden knnte, und auch alle spter entdeckten Planetoiden
wren der astronomischen Beobachtung wieder entschlpft. Allein nach der
Gauschen Berechnung konnte Olbers am 1. Januar 1802 die Ceres wieder
auffinden und entdeckte im nchsten Jahre noch die Pallas, ebenfalls in
der Lcke zwischen Mars und Jupiter. 1804 und 1805 wurden noch Juno und
Vesta gefunden und 40 Jahre spter entdeckte Hencke die Astra; von da
ab fand man noch mehrere Hundert solcher Wandelsternchen.

Eine solch verblffende Besttigung der Titiusschen Gesetzes schien
dessen unumstliche Richtigkeit zu beweisen und die Astronomie gewann
dadurch auch bei den Laien ein Ansehen als einer Wissenschaft von
unbezweifelbarer Zuverlssigkeit: ihre mathematischen Gesetze lieen ja
selbst das Unbekannte mit Sicherheit feststellen.

Leider warf die Entdeckung des Planeten Neptun das ganze schne Gesetz
ber den Haufen, denn die Entfernung dieses unbequemen Gesellen stimmte
einfach nicht dazu. So mute man einsehen, da ein Naturgesetz, wenn es
noch so glnzend sich bewhrt, doch etwas zweifelhaftes bleibt.

Es wurde doch aber blo _ein_ Planet zwischen Mars und Jupiter
vermutet, warf Mietje ein: wie kommt es, da man sie zu Hunderten
fand?

Das ist auch so ein Rtsel, erluterte der Professor: Anfangs war man
geneigt, zu glauben, es handle sich um einen groen Planeten, der durch
eine Explosion oder durch den Zusammensto mit einem Kometen in kleine
Stcke zertrmmert worden sei. Gegenwrtig findet die Ansicht mehr
Anerkennung, da der Planet schon bei seiner Entstehung durch die Nhe
des dicken Jupiter in der Entwicklung gehindert worden sei, und an
seiner Stelle gleich eine Menge kleinerer Weltkrper entstanden seien,
oder da diese eine Art Spritzschaum bei Entstehung des Sonnensystems
darstellen. Sie sind auerordentlich klein und man knnte zum Beispiel
mit einem Eilzug innerhalb zwei Stunden um die ganze Atalanta
herumfahren. brigens erschwert ihre Lichtschwche die Beobachtung von
der Erde aus ungeheuer und man kommt zu keiner sicheren Feststellung
ihrer Massen und Mae.

Umso wertvoller sind unsere Beobachtungen aus nchster Nhe, sagte
Flitmore: Schauen Sie, Professor, da kommen wir wieder an einem dieser
Zwerge vorbei.

Ah! rief Schultze, das ist interessant: keine Spur von Kugelform! Ein
durch den Raum sausendes Felsgebirge ist's. Es mag 300 Kilometer lang,
50 Kilometer breit und hchstens 4 Kilometer dick sein, abgesehen von
seinen Zacken und Spitzen.

Merken Sie wohl, diese Planetoiden haben keine Rotation, sie drehen
sich nicht um ihre Achse.

Bei solchen formlosen Klumpen, lachte Mnchhausen, ist eine Achse
berhaupt nicht vorhanden.

Eine lngere Beobachtung der merkwrdigen Weltkrper ergab tatschlich,
da von einer Umdrehung nichts zu bemerken war. Wenn je eine solche
stattfand, so mute sie ganz auerordentlich langsam vor sich gehen.

Heinz bemerkte noch: Alles, was wir hier sehen, weist so regellose
Formen auf, da ich schon daraus schlieen mchte, da wir es trotz
aller neuesten Ansichten dennoch mit den Splittern eines Planeten zu tun
haben, und schon der Mangel an Kugelformen legt auch den Mangel einer
Rotation nahe.

Nun sehen Sie, begann der Lord wieder: Weil diese Planetoiden keine
oder doch nur eine uerst langsame Umdrehung ausfhren, sind sie nicht
imstande, sich mit einer atmosphrischen Hlle zu umgeben; dadurch
entsteht bei ihrem Umlauf um die Sonne ihre starke Reibung an der
Weltatmosphre, und so kommt es, da sie glhen und leuchten. Besen
sie den Schutz einer Lufthlle, so mten sie bei ihrem geringen
Durchmesser lngst zu Eis erstarrt sein.

Das leuchtete ein, um so mehr als spterhin eine ganze Anzahl dunkler
Planetoiden entdeckt wurde, die eine sichtliche rasche Rotation
aufwiesen und auch die Form von meist stark abgeplatteten Kugeln
zeigten. Diese hatten sich offenbar infolge ihrer Umdrehung um die
eigene Achse mit einer atmosphrischen Hlle umgeben, die sie vor der
Reibung im Weltraum schtzte, so da sie erstarren konnten.

Allein nicht ohne boshaften Triumph machte der Professor bald eine
Entdeckung, die ihn zu dem Ausruf veranlate: Und dennoch, weiser Lord,
geht Ihre geniale Theorie in die Brche, da sehen Sie hin! Hier ist ein
Planetoid von sphrischer Form, der ganz lustig um seine Achse wirbelt,
also nach Ihnen die Schutzhlle einer Atmosphre geniet, und dennoch
leuchtet er, wenn auch etwas matt.

Flitmore beobachtete den seltsamen Weltkrper. Sphrisch war er kaum zu
nennen, denn er erschien so plattgedrckt, da er eher einem
Schweizerkse glich, allerdings einem oben und unten rundlich
aufgewlbten. Die Rotation war unverkennbar, denn man konnte Bergspitzen
am Rande erkennen, die innerhalb einer Viertelstunde merklich ihre Lage
vernderten. Es lie sich daraus eine Umdrehungszeit von 5 Stunden
ausrechnen. Da der Planet eigenes Licht besa, war unzweifelhaft.

Der Lord schttelte den Kopf: Wenn sich dieser Asteroid in Glut
befnde, dann allerdings wre meine Ansicht widerlegt, wenn er nicht
etwa erst vor kurzer Zeit entstanden oder durch einen Zusammensto
pltzlich erhitzt sein sollte. Es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, da
mitunter die Anziehungskraft eines solchen rotierenden Krpers bewirkt,
da ein grerer Brocken, der in seine Nhe kommt, auf ihn strzt und
sich mit ihm vereinigt, wobei er durch die Heftigkeit des Anpralls
vorbergehend zur Leuchtglut gelangen wrde. Ich vermute jedoch eher,
da dieses Leuchten ein phosphoreszierendes ist oder von leuchtenden
Substanzen, Radium und dergleichen herrhrt. Ich meine, die Sache ist es
wert, da wir uns durch den Augenschein berzeugen und auf dem
Streitobjekt landen.

Lord, mahnte Schultze: Sie wrden dabei riskieren, da die Sannah in
Glut gert und wir alle elendiglich verbrennen.

Sollte es uns zu hei werden, lachte Flitmore, so machen wir uns
einfach aus dem Staube.

Da eine rechtzeitige Flucht jede Gefahr ausschlieen konnte,
entschlossen sich alle, den Landungsversuch zu unternehmen und der Herr
des Weltschiffs stellte den Zentrifugalstrom ab.




                      18. Die Planetoideninsel.


Als die Sannah auf dem Planetoiden landete, begab sich der Lord mit
Schultze in den untersten Raum, dessen Wnde auf der Oberflche des
Weltkrpers aufruhten. Hier wollte er abwarten, ob eine merkliche
Erhitzung der Wandungen stattfinde, ehe der Ausstieg gewagt wurde.

Der Professor hielt immer wieder die Hand an den Boden; denn er glaubte,
es _msse_ eine gewaltige Steigerung der Temperatur erfolgen; aber er
konnte nichts dergleichen wahrnehmen und auch das angelegte Thermometer
stieg innerhalb einer halben Stunde um nur einen Grad.

Entweder ist die Schutzhlle der Sannah von ganz wunderbarer
Vortrefflichkeit, sagte Schultze erstaunt, oder Sie behalten recht,
Lord. Zu Eis erstarrt ist der Planetoid aber keinesfalls; Wrme strahlt
er unter allen Umstnden aus; denn die Temperatur steigt, wenn auch kaum
merklich.

Ich denke, wir knnen es wagen, uns ins Freie zu begeben, meinte der
Englnder: Es fragt sich nur noch, wie die Luftverhltnisse sind.

Sie erstiegen nun das Nordpolzimmer, in dem die andern ihrer harrten.
Die Lucke wurde vorsichtig geffnet und Dick gegen den Spalt geschoben.
Der Affe wich nicht zurck, im Gegenteil, er drngte den Kopf gegen die
ffnung, ein Zeichen, da keinerlei giftige Gase einstrmten.

Nun ffnete der Lord die Tre weit und Dick und Bobs sprangen vergngt
hinaus, um alsbald an den Rampen hinabzuklettern.

Flitmore trat unter die Tre und sah hinaus. Die Seite des Planetoiden,
auf der die Sannah festlag, war von der Sonne abgewendet, das heit es
herrschte zur Zeit Nacht auf ihr; allein es war durchaus nicht dunkel
dort unten!

Groe dunkle Flchen zeigten sich allerdings, aber sie schwammen wie
Inseln in einem leuchtenden Meer. Taghelle herrschte freilich nicht;
aber ein wunderbares, entzckendes sanftes Schimmern in allen
Farbenabstufungen: hier glnzte alles in grnem Schein, dort glhte es
rot, dort wieder blau und violett; an einzelnen Stellen brach ein
milchweies Licht hervor, das seine Strahlengarben hoch emporsandte,
gleich einem elektrischen Scheinwerfer.

Da und dort schwammen buntdurchleuchtete Nebelwolken ber dem Boden. Ein
leiser Luftzug trieb sie zuweilen weiter, und je nach der Frbung der
Strahlen, die vom Grunde aufstiegen, ber den sie schwebten, wechselte
auch ihre Farbe in zauberschnem Spiel.

Eine wrzige, lauwarme Luft wehte dem Lord entgegen und als er sah, da
die Schimpansen den Erdboden erreicht hatten und sich ohne irgend ein
Zeichen von Mibehagen, vielmehr seelenvergngt auf dem leuchtenden
Boden tummelten, hakte er die Strickleiter ein und lie sie hinabfallen.

Dann stieg er als erster in die Tiefe.

Ein lautes Ah! des Entzckens erscholl aus Mietjes Munde, als sie
hinter ihm aus der Tre trat und auch die Nachfolgenden hielten
berraschte Ausrufe der Bewunderung nicht zurck.

Alles in bengalischer Beleuchtung zur Feier unserer Ankunft! rief
Mnchhausen, als er mhsam aber mit begierigem Eifer die schwanke
Strickleiter hinabkletterte, die unter seiner Last knirschte und
sthnte.

Bald waren alle unten versammelt. Es schien eine Wiese zu sein, die sie
betreten hatten und das Gras leuchtete in grnem Schimmer von innen
heraus; aber auch der Erdboden selber, wo er zwischen den Grsern
sichtbar wurde, phosphoreszierte in weiem und gelblichem Schimmer:
alles schien durchleuchtet!

Flitmore brach zuerst das Schweigen.

Lat uns dieser Wunderwelt, dir wir entdeckten und die uns einen neuen
Einblick in die schpferische Allmacht gewhrt, einen Namen geben!
Mietje, nach dir mchte ich den lieblich und herrlich zugleich
erschimmernden Stern benennen.

Nein, mein Lieber! verwahrte sich Mietje entschieden: Weder fhle ich
mich wrdig einer solch auerordentlichen Pracht meinen Namen leihen zu
lassen, noch ist der schlichte Klang dieses Namens geeignet, diese
herrliche, strahlende Welt zu kennzeichnen: sie bedarf eines klangvollen
Namens.

Nun, so sollst du jedenfalls das Recht haben, den Namen zu whlen,
sagte ihr Gatte und fgte hflich hinzu: Falls die Herren nichts
dagegen haben.

Das wre noch schner! rief Schultze: Wir haben weder ein Recht dazu,
noch wten wir eine wrdigere Wahl zu treffen.

Nun denn! lie sich Mietje vernehmen: Ich trage im Herzen das Bild
einer stolzen und zugleich anmutigen Prinzessin, einer Heldin, der wir
alle, auer Herrn Friedung, der nicht das Glck hat, sie zu kennen,
unendlich viel verdanken, einer edlen Seele, die wir bewundern, eines
goldnen Herzens, das wir lieben lernten. Wie seh ich ihr leuchtendes
Auge im Geiste mich anblitzen und wie schmeichelt sich mir der Klang
ihres Namens ins Ohr.

Tipekitanga! rief Mnchhausen begeistert. Brava, brava! Unsre
Tipekitanga verdient wahrhaftig solche Ehre!

Wir mssen hier bemerken, da der Kapitn der italienischen Sprache
mchtig war und daher einer Dame gegenber nicht das mnnliche Bravo!
gebrauchte, wie es bei Unwissenden blich ist, sondern das einzig
richtige Brava, das einem weiblichen Wesen zukommt, dem man Beifall
spendet.

Auch der Professor und der Lord waren mit Mietjes Vorschlag
einverstanden und ersterer bemerkte:

Es ist berhaupt ein besonders glcklicher Gedanke, diesem Planetoiden
den Namen einer Zwergprinzessin beizulegen, sind doch diese Weltkrper
die Zwerge unter den Planeten und der von uns betretene scheint mir in
seinem leuchtenden Geschmeide eine Prinzessin unter den Asteroiden zu
sein.

Nachdem nun diese Frage zu allgemeiner Genugtuung erledigt war, wurde
eine Entdeckungsreise auf dem neugetauften Planeten unternommen.

Gehen wir nach Westen, schlug der Lord vor: Ich vermute, da der
Anblick dieser Lichtwelt bei Nacht am reizendsten ist und wir gehen in
dieser Richtung der Sonne aus dem Wege.

Auch dieser Vorschlag fand keinen Widerspruch, und so wanderten unsre
Freunde durch die leuchtenden Auen, von einem Entzcken ins andre
geratend.

Der grnen Wiese schlo sich eine blumige Au an: die roten, gelben und
blauen Blumen strahlten jede ihr eigentmliches Licht aus; man glaubte,
den leuchtenden Saft in den Stengeln emporsteigen und in dem feinen
Geder der Bltenbltter kreisen zu sehen.

Das weie Licht entstrahlte dem Boden an Stellen, die des
Pflanzenwuchses bar waren und die aus leuchtender Kreide oder Kalkstein
zu bestehen schienen.

Dann kamen Gebsche und Stauden mit zartviolettem Blattwerk, Bume,
zwischen deren mattlichten Blttern orangerote und goldgelbe, auch
purpurne und silbergraue Frchte frmlich strahlten und gleich
venezianischen Laternen die Umgegend erhellten.

Wunderbar erschien vor allem das Silberleuchten der Bche, die sich
durch die Auen schlngelten und der weiaufblitzende Schaum der
Wasserflle, die sich von felsigen Hgeln herabstrzten. Diese massiven
Felsen, die sich aus der Ebene erhoben, stellenweise auch als
tafelartige Flchen in der Ebene selber lagen, bildeten die dunkeln
Flecken, die unsern Freunden gleich zu Anfang aufgefallen waren. Sie
erhhten in ihrem Teil den Reiz des Ganzen und der zauberhafte Eindruck
des farbenbunten Lichtes htte sicher Einbue erlitten, wenn nicht die
Schatten es wirksam unterbrochen und gehoben htten.

Mrchenschn erschienen die Teiche und Seen, deren Gewsser in
verschiedenen Farben vom lichtesten Blau bis zum dunkelsten Violett, vom
zartesten Rosa bis zum dstersten Purpur glhten. ber ihnen schwebten
die beweglichen, durchleuchteten Nebelwolken, die sich, vom Nachthauch
getrieben, in zerflatternden Streifen ber Wiesen und Auen hinzogen.

Die Berge, die stellenweise zu berklettern waren, zeigten sich stets
von miger Hhe und boten keine besonderen Schwierigkeiten. In der
Regel war das Gestein dunkel; doch auch hier waren Schichten
selbstleuchtender Mineralien eingesprengt und einen besonders feenhaften
Anblick gewhrte es, wenn man ber Gerll dahinwanderte, das aus
lichtsprhenden Steinchen aller Frbungen bestand: es war, als schritte
man ber Diamanten Rubine, Saphire und andre Edelsteine hinweg, die im
eigenen Glanze funkelten und bei jedem Tritt bunt durcheinanderrollten
mit melodischem Klingen und wunderbarem Geblitz und Geflimmer. Flitmore
machte fleiig farbige photographische Aufnahmen, die sich spterhin als
von wunderbarer Wirkung erwiesen und ein herrliches und dauerndes
Andenken an die buntleuchtende Pracht der Tipekitanga bildeten.

Nach fnfstndiger Wanderung, die nur durch eine halbstndige
Frhstcksrast unterbrochen worden war, sahen unsre Freunde die Sonne
hinter sich emporsteigen.

Wie Flitmore richtig vermutet hatte, lschte ihr Glanz den Hauptreiz des
Wunderplaneten aus.

Zwar erschienen die leuchtenden Farben auch jetzt noch von einer Pracht,
mit der nichts auf der Erde sich vergleichen lie und man konnte das
eigene Licht des Erdbodens, des Wassers und der Pflanzen ganz deutlich
unterscheiden. Aber das feenhafte Schauspiel, das sie im nchtlichen
Dunkel boten, war es nun doch nicht mehr.

Wie in einem Mrchentraum waren die Wandrer bisher dahingewandelt,
schwelgend in nie geahnter Seligkeit des Schauens. Jetzt brachte das
altgewohnte Licht des Tagesgestirns das Erwachen, doch konnte es nicht
die Eindrcke verwischen, die sich ihnen unauslschlich eingeprgt
hatten.

Aber was war das? Vor ihnen ragte die Sannah aus leuchtenden grnen
Matten!

Nicht mehr als eine Stunde brauchten sie, um wieder auf dem Platze zu
stehen, von dem aus sie die herrliche Rundreise angetreten hatten.

In fnf Stunden hatte die Tipekitanga ihre Umdrehung um ihre Achse
vollendet, nicht viel mehr als sechs Stunden hatten die Wandernden
gebraucht, um den Planetoiden im quator in seinem ganzen Umfang zu
umschreiten: wahrhaftig eine Zwergprinzessin unter den Planeten!




                            19. Der Komet.


Noch einige Stunden ergingen sich unsre Freunde im Tageslicht auf der
paradisischen Tipekitanga. Sie kosteten nun auch die leuchtenden
Frchte, nachdem das Beispiel der Affen, die ganze Massen davon mit Gier
vertilgten, sie versichert hatte, da keine Gefahr dabei sei.

Diese Frchte erwiesen sich nicht blo als erfrischend und saftig, von
kstlichem und sehr verschiedenem Wohlgeschmack, sondern es schien eine
eigentmliche, strkende und belebende Kraft von ihnen auszugehen: nach
ihrem Genu fhlte man sich in uerst gehobener Stimmung, eine
niegekannte Lebensfreudigkeit beseligte die Gemter und neue Krfte
schienen die Adern zu schwellen.

Selbst Mnchhausen rhmte: Ich fhle mich so frisch und leicht, als sei
meine ganze Krperlast geschwunden und ich knnte mich als therisches
Wesen in die Lfte erheben.

Alle muten lachen, wenn sie die Masse des Kapitns betrachteten und
dabei hrten, da er sich einem therischen Wesen verglich.

Na, einen Luftballon knnten Sie ja immerhin vorstellen, meinte
Schultze: Tun Sie ihren Gefhlen keinen Zwang an und schweben Sie immer
mal empor, wir alle freuen uns auf den kstlichen Anblick.

Mit dem Schweben des Dicken hatte es aber noch gute Wege. Von den
herrlichen Frchten wurden reiche Vorrte in die Sannah geschafft,
obgleich man nicht wissen konnte, wie lange sie sich halten wrden.

Inzwischen waren die kurzen Tagesstunden verflogen und die Wiesen und
Fluren leuchteten wieder in ihrem vollen Zauber.

Am Himmel aber stieg ein strahlender Komet auf, den zuvor niemand
beobachtet hatte.

Er weist uns den Weg zur Weiterfahrt! sagte Flitmore.

Alle begaben sich wieder in das Weltschiff, der Strom wurde
eingeschaltet und der bunte Glanz unter ihnen flo zusammen in einem
milden Schimmer. Allmhlich wurde die Tipekitanga wieder der still
leuchtende Stern, wie sie ihn zuerst erblickt hatten und flog auf ihrer
Bahn vor aller Augen davon in die dmmernden Fernen.

Um so prchtiger strahlte der neue Komet, dem sich jetzt die allgemeine
Aufmerksamkeit ungeteilt zuwendete.

John Rieger, der gebildete Schwabensohn, wandte sich wieder einmal an
den Professor in seinem unstillbaren Durst nach Aufklrung. Bei ihm hie
es auch: Zwar wei ich viel, doch mcht' ich _alles_ wissen. Und so
begann er denn in seiner gewhlten Sprechweise:

Hochwertester Herr Professor, falls es Ihnen nicht zu geringwertig
erscheinen drfte, mchte ich Sie mit Vergngen ersuchen, ob Sie nicht
geneigt sein wollten, mir einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten,
wie Sie es so vorzglich verstehen, ber einige Punkte der
asternomischen Wissenschaft, in denen ich mich noch sozusagen in
verhltnismiger Unwissenheit befinde.

Wenn ich dir dienen kann, teuerster Sohn, so bin ich stets bereit,
erwiderte Schultze: La hren, was fr einen Gegenstand du erlutert
haben mchtest.

Nichts andres, als eben die Kometen, was nmlich eigentlich solch ein
Haarstern von Natur ist und wo er her kommen tut und warum er berhaupt
einen Schwanz hat?

Ja, lieber Freund, das sind zum Teil verfngliche Fragen: so ganz
Gewisses wei man ja darber berhaupt nicht und die Gelehrten sind noch
lange nicht einig; doch will ich dir gerne kund tun, wie es mit all dem
nach dem heutigen Stande der Wissenschaft steht.

Wo die Kometen herkommen, ist verhltnismig am einfachsten zu
beantworten: einige gehren unserem Sonnensystem an und kehren
regelmig wieder, das sind etwa 6000 Stck, von denen allerdings die
wenigsten mit bloem Auge sichtbar sind. Sie haben eine elliptische
Bahn; aber whrend die Ellipse, welche die Planeten um die Sonne
beschreiben, beinahe ein Kreis ist, gleicht die Bahn der Kometen einer
Parabel: sie verluft fast geradlinig bis an ihr Ende, das heit bis zur
Stelle, wo der Komet sich wendet, um wieder an seinen Ausgangspunkt
zurckzukehren. Die Umlaufzeit dieser Kometen ist zum Teil sehr kurz,
sie knnen alle drei bis sechs Jahre wiederkehren; sie kann aber auch
sehr lang sein wie beim donatischen Komet, wo sie 1900 oder beim groen
Komet von 1881, wo sie gar 3000 Jahre betrgt.

Die Kometen mit kurzer Umlaufzeit sind meist nur mit dem Fernrohr zu
sehen, was daher kommen mag, da sie durch ihre hufige Annherung an
die Sonne immer mehr aufgelst und somit immer lichtschwcher werden.

Nun gibt es aber auch Kometen, die aus unermelichen oder gar
unendlichen Fernen kommen, gleichsam Boten aus der Fixsternwelt; das
sind diejenigen, deren Bahn eine Parabel oder einen Hyperbelast
beschreibt und sich daher ins Unendliche erstreckt. Die
Parabelbahnkometen kehren in die Gegend zurck, aus der sie gekommen
sind, die Hyperbelbahnkometen in andre Himmelsgegenden. Bei der
Annherung an die Sonne krmmen sie ihre Bahn sehr stark infolge der
Sonnenanziehung, wenden sich um die Sonne herum und entschwinden dann
wieder auf Nimmerwiedersehen aus unserm Sonnensystem.

Doch eben die Anziehungskraft der Sonne oder auch eines Planeten,
namentlich des gewaltigen Jupiter, kann einen derart strenden Einflu
auf die Bahn solcher Kometen ausben, da sie aus einer parabolischen
oder hyperbolischen zu einer elliptischen wird. Dann hat unser
Sonnensystem den Weltenbummler sozusagen eingefangen und er mu nun
immer wiederkehren in regelmiger Umlaufszeit.

Aber auch umgekehrt kann die elliptische Bahn eines Kometen in eine
parabolische oder hyperbolische verwandelt werden und dann ist er fr
uns verloren. So ist zum Beispiel der Lexellsche Komet, der 1770 von
Messier entdeckt wurde in eine schlimme Balgerei mit dem Jupiter
geraten, dem er allzunahe kam. Lexell berechnete seine Umlaufszeit zu 5
Jahren; auch stellte es sich heraus, da dieser Komet erst 1667 durch
eben den Jupiter fr unser Sonnensystem eingefangen worden war.

Im Jahre 1779 nherte sich der Frechling wiederum dem Jupiter und
entbldete sich nicht, sogar zwischen dessen Monden hindurchzugehen. Der
mit Recht entrstete Planet warf den Eindringling zum zweitenmal aus
seiner Bahn, so da er nun eine Umlaufzeit von 27 Jahren hatte.

Im Frhjahr 1886 machte der Lexellkomet einen neuen Annherungsversuch
und hielt sich volle acht Monate in der Nhe des groen Planeten auf.
Hiedurch wurde seine Bahn wiederum verndert und er erhielt eine
Umlaufzeit von sieben Jahren. So wurde er 1889 wieder sichtbar: aber es
lt sich vorausberechnen, da der unverschmte Geselle den Jupiter
nicht in Ruhe lt, bis diesem die Geduld reit und er ihn endgltig
aus unserm Sonnensystem hinausschmeit wegen wiederholten
Hausfriedensbruches.

ber die Bahnen der Kometen ist noch zu sagen, da sie nicht wie die der
Planeten nur mig gegen die Erdbahn geneigt sind, sondern die
verschiedensten Neigungswinkel aufweisen. Bei einem Neigungswinkel von 0
bis 90 Grad zur Erdbahn ist der Komet rechtlufig, das heit er bewegt
sich in gleicher Richtung wie die Erde um die Sonne. Betrgt aber die
Neigung 90 bis 180 Grad, so bewegt er sich in entgegengesetzter Richtung
zur Erde und wird >rcklufig< genannt.

Ja, aber wie ist es mit den Schweifverhltnissen? fragte der
wibegierige John weiter.

Ja so! Von Hause aus haben die Kometen keinen Schweif und sind sehr
lichtschwach, obgleich sie zweifellos eigenes Licht ausstrahlen. Erst
wenn sie sich unsrer Sonne nhern, leuchten sie immer heller auf und
senden eine oder mehrere, oft pendelartig schwingende Ausstrahlungen der
Sonne zu, die sich unter starker Verbreiterung zurckbiegen und den
Kometenkern mit einer strahligen Nebelmasse umhllen, die man >Koma<
nennt.

Die umgebogenen Ausstrahlungen setzen sich fort in dem der Sonne stets
abgewendeten Schweif, der allein dem bloen Auge sichtbar ist und oft
eine Lnge von vielen Millionen Kilometern erreicht. Bei der Sonnennhe
oder kurz darauf erreicht er seine grte Lnge und Helligkeit. Je mehr
sich der Komet von der Sonne entfernt, desto schwcher und krzer wird
sein Schweif, bis er samt Koma und Ausstrahlungen verschwindet und nur
noch eine matte, runde Nebelmasse, ein leichtes Wlkchen brig bleibt,
wie vor der Annherung an die Sonne.

Kometen, die der Sonne nicht nahe kommen, bilden nur eine runde oder
auch unfrmliche Nebelmasse, matt und verwaschen, ohne Schweifbildung.

Bis jetzt ist noch kein Komet beobachtet worden, dessen Perihel oder
Sonnennhepunkt weiter als die Jupiterbahn von der Erde entfernt wre;
das beweist nicht, da es nicht auch solche gibt, sondern nur, da sie
uns nicht sichtbar werden wegen allzu geringer Leuchtkraft.

Manche Kometen entwickeln mehrere mehr oder wenig gekrmmte Schweife. So
breitete der Komet von 1744 sechs fcherfrmige Schweife aus; er war so
hell, da man ihn mit bloem Auge zur Mittagszeit in der Nhe der Sonne
sehen konnte.

John war noch nicht befriedigt und fragte weiter: Wieso aber
eigentlich, falls doch die Kometen von Natur aus schweiflos sind, wchst
ihnen ein solcher, wenn sie zur Sonne gelangen?

Das macht die anziehende Kraft der Sonne, mein Bester. Allerdings
begreift man noch nicht zur Genge, warum die Ausstrahlungen, die
anfangs der Sonne zustreben, zurckgebogen werden und so den der Sonne
abgewendeten Schweif bilden, dessen Krmmung abhngt von dem Verhltnis
der abstoenden Kraft zur Bahngeschwindigkeit des Kometen. Vielfach wird
angenommen, das Sonnenlicht be diese abstoende Wirkung aus, andre
denken an elektrische Erscheinungen. Es knnen da viele Krfte wirksam
sein, die wir noch nicht kennen. Wenn sich zum Beispiel der Schweif in
mehrere auseinandergehende Bschel spaltet, scheinen schwchere,
seitlich wirkende Krfte wirksam zu sein. Man beobachtet zuweilen auch
im Schweif eine wolkenhnliche Verdichtung, die selber wie ein kleiner
Komet aussieht, der ebenfalls eine Mhne besitzt. Auch pltzliche
Lichtausbrche kommen vor, seltener eine pltzliche Lichtabnahme.

Meine Fliehkraft erklrt alles, warf der Lord ein: Die vom Kometen
ausgestoenen Stoffe sind mit Zentrifugalkraft geladen und werden daher
von der Sonne abgestoen.

Mag sein! sagte Schultze achselzuckend und fuhr dann fort: Was nun
den Stoff betrifft, aus dem die Kometen bestehen, so scheint er von
uerst geringer Dichte zu sein; wenigstens der Schweif mu eine uerst
dnn verteilte Staub- oder Dampfwolke sein; denn die Sterne schimmern
unverdunkelt und ohne Lichtbrechung hindurch.

Die Spektralanalyse wies Natrium- und Eisenlinien nach, namentlich auch
Kohlenwasserstoff und Kohlenoxyd; es ist also immerhin mglich, da so
ein Kometenschweif Petroleum enthlt und andere Stoffe, auch giftige
Gase, die gefhrlich werden knnten, wenn sie in die Erdatmosphre
eindrngen. Andrerseits scheint ihre geringe Dichtigkeit jede Gefahr
wieder auszuschlieen. Jedenfalls hat die Erde im Jahre 1861 den Schweif
des Halley-Kometen durchkreuzt ohne Schaden zu nehmen, ja ohne da es
nur irgendwer merkte; erst nachtrglich wurde die Tatsache bekannt. In
frheren Zeiten freilich glaubte man, die Kometen gingen von irdischen
Dnsten aus und brchten Pest und Seuchen; auch als Kriegsruten, die
groes Blutvergieen und andere schwere Katastrophen anzeigen sollten,
wurden sie angesehen.

Ganz ausgeschlossen ist es trotzdem nicht, meinte der Lord, da unter
ungnstigen Verhltnissen die Luft der Erde durch Kometengase vergiftet
werden knnte, so da alles Leben in einem Augenblicke zu Grunde ginge.
Was uns vor diesem Schicksal bewahrt, ist meiner Ansicht eben der
Umstand, da die Fliehkraft die Erde veranlat, diese Stoffe von sich
abzustoen. Sternschnuppenregen und Meteorflle aber belehren uns, da
diese abstoende Kraft auch berwunden werden kann, und dies hngt
wahrscheinlich mit der Geschwindigkeit des Zusammentreffens ab. Begegnet
zum Beispiel die Erde dem Schweife eines sich mit auerordentlicher
Geschwindigkeit bewegenden rcklufigen Kometen, so erfolgt der
Zusammensto mit groer Pltzlichkeit, da beide einander entgegensausen
und sich so die Geschwindigkeit der Erde zu der des Kometen addiert. In
diesem Fall drfte der abstoenden Kraft die Zeit fehlen, in Wirksamkeit
zu treten.

Wie ist es aber, fragte nun Mietje, wenn ein Weltkrper, sagen wir
die Erde, mit dem Kern oder Kopf des Kometen zusammenstt?

Das ist eine Frage fr sich, erwiderte der Professor. Im allgemeinen
ist ja die Sache fr den Kometen selber am gefhrlichsten. Wir sehen ja,
wie die Annherung an die Sonne einen Teil seines Kerns in flchtige
Bestandteile auflst, die beispielsweise beim Kometen von 1843 einen
Schweif von 320 Millionen Kilometern bildete. Ziehen nun die Kometen den
Schweif auch wieder ein, so erleiden sie doch enorme Verluste an Materie
und werden so immer geringer an Masse, bis sie sich schlielich ganz
auflsen.

Bekanntlich kam der Bielasche Komet 1845/1846 dem Jupiter so nahe, da
man einen Zusammensto erwartete; doch erlitt der groe Planet keinen
sichtlichen Schaden, whrend der Komet in zwei Teile gespalten wurde,
die spterhin ganz verschwanden oder vielmehr einen Meteorschwarm
bildeten, durch den die Erde des fteren dahinging, bis auch er
schlielich ausblieb.

Der Septemberkomet von 1882, dessen Vorbergang vor der Sonne Finlay und
Elkin am Kap der Guten Hoffnung am lichten Tage beobachten konnten, ging
durch die Glutatmosphre der Sonne. Wie erstaunt war man in Amerika,
hernach zu entdecken, da er nicht weniger als sieben Junge gekriegt
hatte, die ihm folgten, wie die Kchlein der Gluckhenne.

Andrerseits kann aber nicht geleugnet werden, da der Zusammensto mit
dem Kern eines Kometen auch ernste Gefahren in sich bergen kann. Manche
Kometen bewegen sich mit solch ungeheurer Geschwindigkeit, da ein
Anprall ihrer festen Masse, wenn sie von irgendwie bedeutender
Ausdehnung ist, den getroffenen Planeten in Glut versetzen mte. Der
Komet von 1843 vollzog seine Wendung um die Sonne mit solch fabelhafter
Schnelligkeit, da er binnen weniger Stunden von der einen Seite nach
der andern gelangte. Dagegen ist die Geschwindigkeit unsrer Erde mit 30
Kilometern in der Sekunde ein Schneckentempo. Welche Geschwindigkeit
erst die Bestandteile seines 320 Millionen Kilometer langen Schweifes an
dessen Ende hiebei entwickeln muten, bersteigt unsre Fassungskraft.

Ich meine aber, wandte Heinz ein, man hlt neuerdings auch den Kern
der Kometen fr eine nebelartige, gasfrmige Masse ohne Festigkeit.

Das ist angesichts der Tatsachen eine ganz unhaltbare Ansicht,
widersprach Schultze: Denken Sie doch, da die Meteore, die auf die
Erde fallen, zum Teil Eisenblcke von ungeheurem Gewichte sind. Und
diese Brocken scheinen nicht einmal dem Kern, sondern dem Schweif der
Kometen zu entstammen, in dem man oft stark verdichtete Lichtknoten
beobachtet.

Allerdings glaubt man, da die Erde 1872 und 1885 mit den beiden Kpfen
des Biela-Kometen zusammenstie, da der Schweif eine ganz andre
Bewegungsrichtung hatte als die damals niedergehenden Sternschnuppen
oder Meteorschwrme. Sollte das richtig sein, so ist immerhin zu
bercksichtigen, da es sich hier um einen durch Jupiter zertrmmerten
und in Auflsung begriffenen Kometen handelte.

Da es aber berhaupt einem Kometen mglich ist, so nahe am Jupiter
vorbeizukommen oder gar durch die glhende Korona der Sonne zu sausen,
wie es auch vorkommt, ohne vllig in Dunst aufgelst zu werden, beweist,
da er uerst widerstandsfhige feste Bestandteile besitzen mu.

Hiefr kann ich auch einen Beweis beibringen, besttigte Flitmore.
Ich besuchte vor Jahren die sogenannte Teufelsschlucht in Arizona. Das
ist ein ovaler Kraterring, der sich 40 bis 50 Meter ber die umgebende
Hochflche erhebt; sein Durchmesser betrgt 1300 Meter von Ost nach
West, 1200 von Sd nach Nord. Der innere Schlund fllt 200 Meter tief
schroff ab, der Kessel ist also um 150 Meter tiefer als die Ebene rings
umher; frher mu er noch viel tiefer gewesen sein, aber Schutt und
Gerll ist jahrhundertelang hinabgerollt, denn das Gefge des Gesteins
ist stark aufgelockert.

Nun haben Bohrungen ergeben, da unter den Schuttmassen das Gestein
vllig zersprengt und in zelligen Bimsstein verwandelt ist. Der
zerpulverte Sandstein ist mit feinverteiltem Nickeleisen vermengt und in
einer Tiefe von 250 Metern unter der jetzigen Talsohle stie man auf
feste Eisenmassen, die sich als Meteoreisen herausstellten.

Rings um den Krater findet man ganze Massen von Meteoreisensteinen,
deren Gewicht von einem Gramm bis zu 460 Kilogramm schwankt und die
auer dem vorwiegenden Nickeleisen Verbindungen von Phosphor, Schwefel,
Kohlenstoff, auch Diamanten enthalten.

Man ist nun in wissenschaftlichen Kreisen zu der berzeugung gelangt,
da hier ein fester Brocken eines Kometen vor Zeiten auf die Erde
niederstrzte und zwar von West-Nord-West in einem Winkel von 70 Grad.
Der Block hatte wahrscheinlich 150 Meter Durchmesser. Er schlug ein 350
Meter tiefes Loch in die Erde, wobei die entwickelte Hitze von etwa 2000
Grad Celsius den Sandstein in Bimsstein umschmolz. Die emporspritzenden
Gesteinstrmmer bildeten den Kraterwall um den Kessel.

Da haben wir's! sagte Schultze: Ebensogut knnen Felsblcke von
mehreren Kilometern Durchmesser in solch einem Kometenkopf enthalten
sein oder noch grere Massen. Der Zusammenprall wrde unter Umstnden
nicht blo alles Leben auf dem getroffenen Teil der Erde vernichten,
sondern die Umdrehung unsres Planeten knnte eine nderung erleiden,
wodurch die Lnge von Tag und Nacht eine vllig andre werden mte;
zudem knnte die Erdachse sich derart verschieben, da die Meere sich
gegen den neuen quator strzen und das Festland verschlingen wrden.

Hoffen wir, da dies Theorien bleiben, lie sich nun Mnchhausen
vernehmen. Jedenfalls aber wollen wir uns inachtnehmen, da nicht etwa
unsre teure Sannah mit dem Kometen dort drben in nhere Berhrung
kommt.

Davor schtzt uns die Fliehkraft, versicherte Flitmore. Er ahnte nicht
von ferne, da gerade das Gegenteil der Fall sein sollte.




                         20. Die Seeschlange.


Das Gesprch ber die Kometen war whrend des Mittagsmahls gefhrt
worden; deshalb hatte sich Mnchhausen so wenig daran beteiligt, denn
wenn er an der gewaltigen und doch so angenehmen Arbeit war, seinen
Appetit zu stillen, lie er die andern behaupten, was sie wollten, das
war ihm alles Nebensache.

John fhlte sich durch die neuen Lichter, die ihm ber die Kometen
aufgesteckt worden waren, so erleuchtet, da er zum Schlu begeistert
uerte: Die Asternomie ist doch sozusagen die hochwohllblichste
Wissenschaft, indem da sie das hchste Lob verdient, sowohl von wegen
ihres Verstandes der unbekanntesten und schwierigsten Probleme, sowie
von wegen der besonderen Interessantheit und Wichtigkeit ihrer
Entdeckungstatsachen.

Lieber Freund, widersprach der Kapitn, den letzten Bissen mit einem
Schluck Wein begieend: Es fehlt der Astronomie nur ein einziger
Buchstabe, um das Lob zu verdienen, das du ihr spendest. Weil ihr aber
dieser Buchstabe fehlt, kommt sie erst in zweiter Linie.

Und was wre dann, wenn Sie mir gtigst zu fragen gestatten,
hochverehrtester Herr Kapitn, dieser Buchstaben? fragte John
verwundert.

Das G, erwiderte Mnchhausen berzeugt: ber die Astronomie und alle
andern Wissenschaften geht die Gastronomie.

Die Gasternomie? wiederholte John, hochaufhorchend. Verzeihen Sie
bescheidenst, wenn mir das leider vollstndig unbekannt zu sein der Fall
ist, da es auch eine sobenannte Wissenschaft gibt, wo ich doch der
schmeichelhaften Meinung war, alle Wissenschaften zu kennen, aus welchem
Grunde ich Ihnen besonders zu Dankbarkeit verpflichtet wre, wenn Sie
mich auch diese Wissenschaft lernen wollten.

Die lernt man nicht, die geniet man, mein Sohn; es ist eine
Wissenschaft, die einem angeboren sein mu; sie beschftigt sich mit dem
Ebaren und Trinkbaren und lehrt, was gut schmeckt und bekmmlich ist,
sowie was man zu tun hat, um besonders schmackhafte Speisen und Getrnke
zu bereiten. Ihr Lehrbuch ist das Kochbuch, das aber ohne angeborenes
Genie geringen Wert hat. brigens gengt es, die leiblichen Gensse
recht zu schtzen und zu genieen, um ein tchtiger Gastronom zu sein,
wenn man auch ihre Zubereitung nicht selber verstnde. Schau, ohne
Astronomie und alle andern Wissenschaften kann der Mensch leben und
glcklich sein, nicht aber ohne Essen und Trinken; ja, ohne diese
notwendigste aller Beschftigungen wre er gar nicht imstande, irgend
einer andern Wissenschaft sich hinzugeben; daher ist die Gastronomie die
Grundlage und Seele aller andern Wissenschaften.

Das drfte ja wohl sozusagen stimmen, meinte Rieger nachdenklich: Und
mit hungrigem Magen bin ich auch nicht fr die Wissenschaften
aufgelegt.

Also! triumphierte Mnchhausen: die wichtigste Frage ist nicht _die_,
wie schnell sich ein Weltkrper bewegt, wie weit er von uns entfernt ist
und was fr Stoffe ihn zusammensetzen, sondern ob es auf ihm auch etwas
Gutes zu essen gibt, und das kann uns die Astronomie nicht enthllen.

Viel wichtiger erscheint mir, sagte Mietje lachend, zu wissen, was
fr Geschpfe auf einem Planeten hausen, dem wir einen Besuch abstatten
wollen; denn solchen scheulichen Ringelwrmern wie auf dem Mars mchte
ich doch nicht wieder begegnen.

Kleinigkeit! brummte der Kapitn: Geben Sie mir eine gute Mahlzeit
und ich pfeife auf alle Lumbriciden und andere Ungeheuer.

Na, na! spttelte Schultze: Auf dem Mars ist Ihnen das Pfeifen doch
vergangen; Sie schienen wenigstens bereits aus dem letzten Loch zu
pfeifen, als Sie unter Larven die einzige fhlende Brust sich am Boden
wlzten.

Unsinn! Wer wie ich schon die Seeschlange bekmpft und besiegt hat,
sollte sich vor solch harmlosem Gewrm frchten?

Die Seeschlange? Die echte, fabelhafte Seeschlange? fragte Heinz
neugierig.

Gewi! Ein Ungeheuer, zwanzig Meter lang und dick wie eine
Hochwaldtanne.

Bitte, erzhlen Sie uns doch dieses bemerkliche Abenteuer, wenn ich mir
die Unbescheidenheit erlauben darf, bat John.

Ja, das war eine schlimme Geschichte, hub der Kapitn schmunzelnd an.
Also! Wir fuhren auf der Hhe von Kap Horn, als der zweite Steuermann,
Petersen hie er, auf mich zukommt und sagt: >Kapitn, dort taucht der
Rcken eines Wals aus dem Wasser.<

Ich schaue hin: >Nee,< sag ich, >das sind Delphine<, denn ich sah fnf
Rcken in einer Reihe hintereinander ber dem Meeresspiegel. >Vorhin war
es blo einer,< versicherte Petersen, >aber jetzt scheint es mir selber,
es sind Delphine.<

Die Geschpfe bewegten sich, doch man sah weder Kopf noch Schwanz
auftauchen und pltzlich rufe ich: >Kinder, das sind auch keine
Delphine; das sind die Rckenwlbungen eines einzigen Ungeheuers: es ist
die Seeschlange!<

Das gab ein Hallo, ein Laufen und Schreien! Die Seeschlange aber, sobald
sie sich erkannt sah, gab ihr Versteckspiel auf und hob den scheulichen
Kopf ber das Wasser. Sie wuchs empor wie ein Riesenmast und bald wiegte
sich ihr Haupt ber dem Schiff. Die sonst nicht so furchtsamen Matrosen
strzten alsbald feige davon und verkrochen sich in den Lucken. Ich
allein blieb auf dem Posten und das entsetzliche Reptil streckte den
Hals nach mir aus, den gewaltigen Rachen aufsperrend.

Natrlich! Ein so fetter Bissen mute ihr willkommen sein! lachte
Schultze.

Bitte! verwahrte sich der Kapitn: Ich war damals noch jugendlich
schlank und uerst behende, wie Sie bald sehen werden. Sie whlte mich
nur deshalb zum Opfer, weil ich eben der einzige war, der sich noch an
Deck befand.

Wohl war mir nicht zumute, das gestehe ich, wie dieser mrderische
Rachen mir entgegenghnte. Hoch in den Lften wlbte sich der dicke Hals
zu einem Bogen, whrend das Haupt der Schlange sich zu mir herabsenkte.

Ich springe beiseite; der Kopf fhrt mir nach. Ich, in der Verzweiflung,
setze mit gewaltigem Schwung ber den Leib des Ungetms weg, dort wo er
am Bordrand auflag. Die Seeschlange fhrt mit ihrem Haupte um ihren
eigenen Leib herum, immer hinter mir her.

Da, im Momente der uersten Gefahr, kommt mir ein rettender Gedanke.
Der Oberkrper des Reptils bildete nun einen Ring ber dem Verdeck und
mit der Khnheit der Verzweiflung springe ich durch diesen grlichen
Ring hindurch mit gleichen Fen. Keine Zirkusknstlerin htte es besser
machen knnen.

Was ich gehofft hatte, trat ein. Die Schlange in ihrer gedankenlosen
Verfolgungswut fhrt mir auch diesmal mit dem Kopfe nach, der somit
durch den Ring schlpft, der durch ihren eigenen Oberleib gebildet
wurde. Das gab eine regelrechte Schleife.

           [Illustration: Der Kapitn und die Seeschlange.]

Nun renne ich aus Leibeskrften das Verdeck entlang. Das Scheusal will
mich verfolgen; aber nun zieht sich die Schleife zu, es gibt einen
Knoten, der sich eng um den Hals der Seeschlange zusammenzieht. Zu spt
merkt sie diesen fatalen Umstand, es gelingt ihr nicht mehr, den dicken
Kopf zurckzuziehen; ihre wtenden Bewegungen ziehen den Knoten blo
immer fester an, bis sie schlielich jmmerlich erstickt, von der
Schleife des eigenen Krpers erdrosselt.

Schlaff hing das widerliche Haupt mit hervorquellenden Augen herab und
mit dumpfem Fall strzte der Oberkrper des gigantischen Reptils auf das
Schiffsdeck, whrend der Schweif noch eine Weile krampfhaft das Meer
peitschte.

Ich rief die zitternden Matrosen herauf und sagte ihnen: Da, ziehet das
Vieh vollends an Bord, wir wollen es dem ozeanographischen Museum auf
den Falklandsinseln stiften. Wie ihr seht, habe ich die Schlange gut
gefat und trotz ihres gewaltigen Strubens einen Knoten in ihren Hals
geschlungen, da sie elendiglich ersticken mute.

Ich sage Ihnen, die Matrosen, die den so einfachen und natrlichen
Hergang nicht ahnten, bekamen nun vor mir einen wahrhaft aberglubischen
Respekt, vertrauten und folgten mir blindlings. Das hatte ich meinem
gewandten Sprung und der Unvorsichtigkeit der Seeschlange zu danken.

Er lebe hoch! rief Schultze lachend und alle stimmten mit ein und
stieen an auf den gewaltigen Helden und Drachentter, dessen fabelhafte
Geistesgegenwart, wie der Lord schalkhaft bemerkte, die ganze
Reisegesellschaft getrost allen kommenden Gefahren entgegensehen lassen
knne.




                             21. Jupiter.


Die Sannah nherte sich dem grten aller Planeten, dem Jupiter, und
Flitmore begnstigte die Annherung durch zeitweise Unterbrechung des
Zentrifugalstroms.

Seien Sie vorsichtig! warnte Mnchhausen: Ich habe groen Respekt vor
dem obersten aller olympischen Gtter und frchte sehr, er knnte uns
einen Streich spielen, wie dem unseligen Biela-Kometen, wenn wir uns ihm
allzu naseweis nhern. Stellen Sie sich das Unglck vor, wenn sein
gewaltiger Einflu unsre Sannah in zwei Hlften teilen wrde, vielleicht
just whrend wir uns in unsern verschiedenen Schlafkojen eines sorglosen
Schlummers erfreuen. Dann wrde unsre schne Gesellschaft getrennt und
wir knnten uns vielleicht nie wieder zusammenfinden.

Beruhigen Sie sich, lachte der Lord: Ich werde mich hten, dem
Jupiter Anla zu solch grausamer Maregel zu geben. Wir wollen ihn uns
nur etwas aus der Nhe betrachten.

Wollen wir nicht auch auf ihm landen, wie auf dem Mars und der
reizenden Tipekitanga? fragte Lady Flitmore eifrig.

Das hngt ganz davon ab, wie die Verhltnisse des Planeten sich uns
darstellen.

Hat er berhaupt eine Atmosphre? erkundigte sich Heinz.

Vermutlich sogar eine sehr dichte, belehrte Schultze, denn er zeigt
ein sehr starkes Albedo.

Die Astronomen der Erde sind sogar im Zweifel, ob ihre Teleskope ihnen
berhaupt die Oberflche des Jupiter zeigen, mischte sich der Lord ein:
Sie rechnen mit der Mglichkeit, da das, was sie sehen, nur
Kondensationsprodukte, das heit Verdichtungserscheinungen seiner
Lufthlle sind. Jedenfalls lt sich von ihm keine Karte entwerfen, wie
vom Mars; denn das, was man erblickt, ist uerst vernderlich. Nur zwei
dunkle Streifen bleiben dauernd sichtbar.

John aber hatte vorhin den Professor von einem Albedo reden hren, das
war ihm ein vllig unbekanntes Wort, zumal es das Vorhandensein einer
dichten Lufthlle beweisen sollte. Er konnte das nicht hingehen lassen,
er mute sich auch hierber belehren und fragte daher:

Herr Professor, um keine langwierigen Umschweife zu machen, gestatten
Sie mir wohl, infolge Ihrer unabsehbaren Liebenswrdigkeit, geradeheraus
eine Frage an Sie zu richten, die mir fr meine Bildungsvollkommenheit
unabgngig zu sein scheint; weil Sie nmlich soeben sich uerten, als
habe der Jupiter ein starkes Torpedo, so ist mir das von den
Kriegsschiffen her bekannt aber nicht begreifbar, wieso das mit den
atmosphrischen Verhltnissen wesentlich zu tun habe; das mu wohl eine
ganz andre Art von Torpedo sein.

Ja, mein Sohn! lachte der Professor: Es ist eine durchaus andre Art
von Torpedo und schreibt sich Albedo. Albedo ist nmlich das mittlere
Verhltnis der ausgestrahlten Lichtmenge eines Krpers zur
eingestrahlten.

Ach so! erwiderte John zgernd; offenbar war ihm die Sache sehr
unklar. Er hatte ein sehr schwaches Albedo, denn das Licht, das
Schultzes Weisheit in ihn einstrahlte, strahlte nur sehr unvollkommen
aus seinen Zgen zurck.

Ich will dir das nher erlutern, sagte der praktische Englnder.
Siehst du, wenn die Sonne auf einen schwarzen Stoff scheint, so saugt
dieser das meiste Licht auf oder absorbiert es, wie die Gelehrten sagen,
damit man sie nicht so leicht verstehen soll. Der schwarze Stoff wirft
nur wenig von dem Licht zurck, das ihn bestrahlt; er hat also ein
schwaches Albedo. Fllt dagegen der gleiche Sonnenstrahl auf einen
Spiegel, so wirft dieser das Licht fast ungeschwcht zurck, er blitzt
so hell, da du nicht hineinsehen kannst; er hat also ein sehr starkes
Albedo.

Nun wei man, wie viel Sonnenlicht den Jupiter oder sonst einen Planeten
trifft und wie hell er uns demnach erscheinen mte, wenn er das ganze
Licht ungeschwcht auf uns zurckstrahlte. Je geringer nun sein Glanz im
Verhltnis zu diesem eingestrahlten Licht ist, desto geringer ist sein
Albedo und umgekehrt.

Die Erde hat eine Lufthlle, die so dnn ist, da sie das meiste Licht
durchlt und wenig davon zurckwirft; erst der Erdboden wirft das Licht
zurck, das ihn trifft, aber nur einen Teil davon, das meiste
verschluckt er. Darum hat die Erde ein schwaches Albedo. Wre sie mit
einer Schneedecke bedeckt, dann wrde ihr Albedo weit strker, da der
Schnee das Licht reichlich zurckstrahlt.

Eine recht dichte, dunstige und wolkige Lufthlle wirft das Licht
ebenfalls stark zurck. Wenn daher ein Planet ein starkes Albedo hat,
das heit im Verhltnis zu seiner Bestrahlung durch die Sonne recht hell
erscheint, nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmosphre; dies
ist vor allem bei Venus der Fall. Mars hat ziemlich das gleiche Albedo
wie die Erde, und Merkur ist der einzige Planet, der ein geringeres
Albedo aufweist, also eine dnnere Luft zu haben scheint.

Allerdings mu man dabei nicht vergessen, da eine spiegelnde
Oberflche, eine Schneedecke oder etwa eigenes Licht, das der Planet
noch ausstrahlen knnte, ebensogut das starke Albedo erzeugen knnen wie
eine dichte Atmosphre; vllige Sicherheit mangelt also auch diesen
Schlssen.

Hren Sie, Lord, bruddelte Schultze, sich hchst rgerlich stellend:
Sie haben mich als Astronomen der Expedition angeworben; wenn Sie aber
selber in der Astronomie so grndlich bewandert sind, dann sehe ich
nicht ein, was fr einen Zweck ich hier habe!

Beruhigen Sie sich, lachte Flitmore: Mit einigen astronomischen
Kenntnissen habe ich mich freilich versehen, da ich in die Sternenwelt
reisen wollte; aber ich bin durchaus nicht auf dem ganzen Gebiete so
beschlagen, wie Sie. brigens schadet es bei solcher Fahrt gar nichts,
wenn mehrere oder alle Teilnehmer etwas von dieser Wissenschaft los
haben. He! Mnchhausen, entscheiden Sie als Sachverstndiger in ganz
hnlichem Fall. Braucht ein Schiffskapitn vom Steuern eines Schiffes
nichts zu verstehen?

Wo denken Sie hin! rief der Kapitn: Einem solchen knnte das
Kommando ber ein Schiff nicht anvertraut werden; grndlich mu er's
verstehen und im Notfall selber das Steuerruder fhren knnen.

Ist dann nicht ein Steuermann berflssig, da der Kapitn ja seine
Arbeit versehen knnte?

Unsinn! Einen ersten und einen zweiten Steuermann sogar braucht er
hchst notwendig.

Da haben Sie's, Professor, lachte der Englnder: Das ist hier ein
ganz hnlicher Fall.

Bald nherte man sich dem groen Planeten, der zwlfhundertundsiebzigmal
grer als die Erde ist und fnfmal so weit von der Sonne entfernt als
sie, nmlich 773 Millionen Kilometer.

In 9 Stunden 55 Minuten dreht sich dieser Kolo um sich selbst, seine
Tage sind also nicht halb so lang wie die irdischen; dagegen betrgt
seine Umlaufzeit um die Sonne beinahe 12 Erdenjahre, nmlich 11 Jahre,
314 Tage, 20 Stunden und zwei Minuten.

Seiner schnellen Rotation entspricht die kolossale Abplattung seiner
Pole, die nicht weniger als ein Sechzehntel betrgt.

Bei der Annherung sprte man selbst in den geschtzten Rumen der
Sannah, da Jupiter eine starke Wrme ausstrmte, weshalb sich Flitmore
nur vorsichtig seiner Anziehungskraft aussetzte und das Weltschiff sich
abwechselnd senken und wieder entfernen lie.

Whrenddessen konnte man den Planeten genau beobachten.

Zunchst sah man leuchtendes Gewlk, das von einem rasenden Orkan
dahingetrieben wurde, rascher als Jupiter selber sich um seine Achse
dreht.

Wo die zerrissenen Wolken Durchblicke gestatteten, zeigte sich ein
wogendes Meer von Glut, zwischen dem sich wenige dunkle Streifen
erstarrten Gesteins hinzogen.

Das stimmt, sagte Schultze, zu der Berechnung der Dichtigkeit des
Planeten, die sich als  der Erddichte ergab, also nur 1-1/3 die Dichte
des Wassers betrgt, woraus zu schlieen war, da Jupiter sich in
flssigem Zustande befindet. Ebenso lie sein helles Strahlen auf
eigenes Licht schlieen und der unscharfe, zum Teil durchsichtige Rand
auf eine wechselnde Dunsthlle.

An eine Landung ist hier also nicht zu denken, meine Liebe, wandte
sich der Lord an seine Gattin.

Nun denn auf dem Saturn! meinte diese.

Dort drfte es auch nicht besser aussehen, Mylady, wendete der
Professor ein: Der beringte Planet hat die geringste Dichtigkeit von
allen, nur 1/8 der Erddichte und  der Dichtigkeit des Wassers.

Na, behauptete Mnchhausen heiter, noch flssiger als das Wasser soll
er sein? Dann besteht er am Ende aus steifem Grog! Da lat uns hin!

Mit Interesse wurden noch die vier Jupitermonde betrachtet, die nach
Schultzes Belehrung in einem Tag, 18 Stunden und 27 Minuten, 3 Tagen, 13
Stunden und 13 Minuten, 7 Tagen, 3 Stunden und 42 Minuten und in 16
Tagen, 16 Stunden und 32 Minuten um den Planeten sich drehen.

Der erste, innerste, dem Jupiter nchste Mond war von einer starken
Wolkenschicht umgeben; doch sah man an den leuchtend durchschimmernden
Stellen und den dunkeln Flecken, die sich darin zeigten, da er in der
Erstarrung begriffen war und auf seiner glutflssigen Oberflche
Schlackeninseln schwammen. Er ist etwas grer als der Erdenmond.

Der zweite, blulichwei schimmernde Trabant, fast genau so gro wie
unser Mond, zeigte ebenfalls glutflssige und erstarrte Stellen.

Der dritte, grte und hellste befand sich in gleichmiger Rotglut, die
meist ins Gelbliche spielte. Er war auerordentlich stark abgeplattet
und rotierte sehr schnell.

Der vierte Jupitermond, der zuweilen als der lichtschwchste erscheint,
zuweilen aber alle andern berstrahlt, war von einer leuchtenden,
scharfbegrenzten Wasserdampfhlle umgeben.

Diese Monde, bemerkte Schultze, gewhren den kurzen Jupiternchten
eine uerst zweifelhafte Beleuchtung, da die drei innersten stets vom
Schattenkegel verfinstert werden und auch sonst mit unsrem irdischen
Mondlicht nicht konkurrieren knnen.




                    22. Ein Besuch auf dem Saturn.


Da die Hitze allmhlich unertrglich wurde, mute die Fliehkraft in
voller Strke eingeschaltet werden, damit die Sannah mglichst schnell
aus dem Bereiche des ungastlichen Planeten gelangte.

Als dies erreicht war, verlangsamte Flitmore wieder den Flug. Er wollte
doch auch den Saturn nher in Augenschein nehmen, und da dieser Planet
auf seiner Bahn just ziemlich weit entfernt war, galt es diesmal, das
Sonnensystem sich ein wenig von der Sannah entfernen zu lassen, bis
Saturn sich soweit genhert hatte, da man sich im Bereich seiner
Anziehungskraft befand.

Das konnte ein paar Tage dauern, wenn mit Ein- und Ausschalten des
Stroms zielbewut abgewechselt wurde; und das war notwendig, denn bei
stetig eingeschaltetem Strom wre das Sonnensystem in krzester Frist
der Sannah entschwunden, diese wre nicht blo ber die Saturnbahn,
sondern ber die Neptunbahn hinausgeflogen und htte bald kein Mittel
mehr gehabt, in das Sonnensystem zurckzukehren, weil sie ber die
Anziehungssphre der Sonne und ihrer Planeten hinausgekommen sein wrde.

Wre dagegen umgekehrt die Fliehkraft dauernd abgestellt worden, so
htte das Weltschiff der Anziehungskraft der Sonne oder eines Planeten
erliegen mssen, vielleicht auch wre es den Gravitationsgesetzen gem
selber wie ein Planet um die Sonne gekreist.

Diese Wartezeit wurde zu allerlei Arbeiten in den verschiedenen
Werksttten benutzt; photographische Aufnahmen wurden entwickelt und
musikalische Unterhaltungen veranstaltet; auch versammelte man sich
fleiig zu gemtlicher Unterhaltung oder las ein Buch aus der
reichhaltigen Bibliothek vor, die der umsichtige Lord mitgenommen hatte.
Vor allem aber mute Schultze astronomische Vortrge halten, da Mietje,
Mnchhausen und Heinz Friedung das Bedrfnis empfanden, ihre Kenntnisse
auf dem Gebiet, das bei dieser Weltfahrt das wichtigste war, zu
ergnzen, ganz abgesehen natrlich von John Rieger, der den Vortrgen
mit besonderer Andacht lauschte und am fleiigsten das von vornherein
verkndigte Recht benutzte, den Redner jederzeit mit Fragen zu
unterbrechen.

In diesen Tagen wurde Mnchhausens Geburtstag mit besonderem Glanze
gefeiert und Kche und Keller muten das Beste dazu liefern, was sie
besaen, beziehungsweise was Lady Flitmores und Johns Kochkunst
hervorzuzaubern vermochten. Denn wenngleich der Kapitn auch zu
entbehren, ja zu hungern vermochte, wenn es darauf ankam, so fhlte er
sich doch am aufgerumtesten bei einer vollbesetzten Tafel mit
auserlesenen Genssen und kstlichen Weinen.

Die Krone des Festmahls bildeten aber immer noch die unvergleichlichen
Frchte der Tipekitanga, die auch den Vorzug aufwiesen, sich vllig
frisch zu erhalten. Sie bten weder ihre Leuchtkraft noch ihre
Nhrkraft und ihren Wohlgeschmack ein.

Endlich kam der Saturn in Sicht und die Sannah wurde seiner
Anziehungskraft berlassen.

Schultze benutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Repetition ber das,
was er schon in seinen Vortrgen ber den ringumkreisten Planeten gesagt
hatte.

Wie gesagt, fhrte er dabei aus, ist Saturn nicht einmal so dicht wie
das Wasser. Er hat zweifellos eine Atmosphre und ist der zweitgrte
Planet, 780mal so gro wie die Erde. Seine Rotationsdauer betrgt nur
10 Stunden, also hat er wenig mehr als 5 Stunden Tag und 5 Stunden
Nacht bei Tag- und Nachtgleiche am quator. Um so lnger dauert sein
Jahr, nmlich nach irdischer Rechnung 29 Jahre, 166 Tage, 5 Stunden und
16 Minuten.

Herrlich! rief Mnchhausen aus: Da lassen wir uns nieder; bedenken
Sie, wenn da einer hundert Jahre alt wird, so ist das gleich 2900 und
etlichen Erdenjahren. Da kann Methusalah nicht daran hin!

Nur wird es mit dem Niederlassen einige Schwierigkeiten haben, meinte
der Professor: Sie knnten sich da in eine schne Sauce hineinsetzen,
vielleicht in steifen Grog, wie Sie vermuteten; darin wrden Sie sich ja
wohl ganz gut konservieren.

Ganz famos! besttigte der Kapitn.

Nun, wir werden ja bald sehen, wie die Terrainverhltnisse dort sind,
fuhr Schultze fort: Sollte die so undichte Masse glutflssig sein wie
auf dem Jupiter, so werden Sie ja wohl auf eine Niederlassung darin
verzichten.

Unbedingt! gab Mnchhausen zu: Doch hoffe ich nicht, da der alte
Saturn mir solch eine Enttuschung bereiten wird.

Wie gesagt, wir werden das bald sehen, wiederholte der Professor. Das
Interessanteste am Saturn sind jedenfalls seine Ringe; auch hat er
bekanntlich nicht weniger als acht Monde; doch weil wir ja eben im
Begriff sind, das alles selber zu schauen, will ich mich nicht weiter
darber verbreiten, da ich, wenn es je nicht stimmte, was ich darber zu
sagen wei, doch nur der Blamierte wre.

Die Sannah war ber die Saturnbahn hinausgekommen, als der Planet in
ihre Nhe kam und so senkte sie sich zunchst gegen seine Nachtseite.

Flitmore hatte erwartet, da die Saturnringe aus Nebelmasse bestnden,
obgleich er es nicht fr unmglich hielt, da sie auch aus festen
Stoffen gefgt sein knnten oder, wie auch angenommen wird, aus einer
dichten Wolke sehr kleiner Trabanten.

Er trachtete danach, den innersten der drei Saturnringe, der
verhltnismig dunkel ist und verschwommene Umrisse aufweist, zu
erreichen; dies gelang ihm auch.

Dieser Ring ist trotz seiner Breite der schmlste der drei; er ist nicht
ganz so breit wie der uere helle Ring und weniger als halb so breit
wie der mittlere.

Die Sannah fand festen Grund und ruhte auf ihm auf.

Es war gerade Zeit zur Nachtruhe und alle begaben sich schlafen bis auf
die jeweiligen Wachhabenden.

Als am andern Morgen alle beim Frhstck versammelt waren, nahm Kapitn
Mnchhausen folgendermaen das Wort:

Professor, Sie haben behauptet, die Saturnnacht dauere durchschnittlich
5 Stunden. Warum wird es denn gar nicht Tag? Oder sollten wir den kurzen
Tag verschlafen haben?

Das nicht, erwiderte Schultze, aber wir befinden uns auf dem Ring,
auf dem die Verhltnisse wesentlich andre sind. Hier dauert nmlich Tag
und Nacht je ein halbes Saturnjahr, das sind 14 Erdenjahre. Whrend
dieser etwas dauerhaften Nacht ist der Ring auf das schwache Licht der
acht Saturnmonde und auf dasjenige des Saturns selber angewiesen, der
ihm, entsprechend seiner Rotation, periodisch leuchtet.

Hollah! wetterte der Kapitn: Und da warten wir nun wohl hier ab, bis
es Tag wird.

Allerdings, schaltete Flitmore ein: Aber beruhigen Sie sich, Kapitn,
die Sannah sitzt an einem Punkte des Rings, dem schon in zwei Stunden
die Sonne aufgehen wird, nachdem er sie seit fast 15 Jahren nicht mehr
gesehen.

Dies besttigte sich: zwei Stunden darauf ward es Tag; freilich, die
Sonne leuchtete weit nicht mit dem Glanze, mit dem sie die Erde
bescheint, ist sie doch von Saturn neunmal weiter entfernt als von der
Erde.

Nun wurde ein Abstieg auf den Ring gewagt. Er zeigte sich aus sehr
leichten schwammigen Stoffen gefgt und wies zahlreiche Lcher und Risse
auf, die durch und durch gingen.

Ganz entzckend und wahrhaft groartig war die Aussicht auf die
ungeheure Saturnkugel, die mchtige Gebirgszge aufwies.

Auch der Ring war durchaus nicht eben, sondern zeigte mannigfaltige
Erhebungen, zum Teil recht stattliche Berge; aber die Wanderung wurde
jh unterbrochen durch einen Ri, der den Ring in seiner ganzen Breite
durchlief.

Spterhin beobachteten unsre Freunde, da alle drei Ringe durch
zahlreiche mehr oder weniger breite Spalten in einzelne Stcke geteilt
waren, die einander nicht berhrten, da aber diese Risse sich mehr und
mehr schlossen unter dem ausdehnenden Einflu der Sonnenhitze.

Das lie sich leicht feststellen, da die Teile des Rings, die schon
lngere Zeit Tag hatten, zunehmend schmlere und schlielich gar keine
Lcken mehr aufwiesen, whrend auf der Nachtseite der Ringe die Klfte
sich fortschreitend verbreiterten.

Herrlich! Groartig! Wunderbar! rief Schultze einmal ber das andre:
Wie ganz anders vermgen wir doch nun die Dinge dahier zu erkennen, als
die armen erdfernen Astronomen mit ihren besten Instrumenten. Wenn ich
nur bedenke, wie lange es dauerte, bis berhaupt erkannt wurde, da
Saturn von einem Ring umgeben ist. Zwar hat ihn schon Galilei durch das
erste von einen Astronomen benutzte Fernrohr gesehen, doch glaubte er,
es handle sich um Auswchse, die mit dem Planeten zusammenhingen. Erst
Huygens, der auch den ersten Satelliten des Saturn entdeckte, nmlich
den sechsten seiner acht Monde, erkannte, da es ein Ring sei, der frei
um den Planeten schwebe, und Herrschel konnte dann die Rotationsdauer
des Ringes oder vielmehr der Ringe berechnen, die annhernd die gleiche
ist, wie die ihres Zentralkrpers.

Da auch in der entgegengesetzten Richtung bald eine Spalte ein weiteres
Vordringen unmglich machte, auch die Erforschung der Ringe wenig
Interessantes mehr zu bieten schien, wurde beschlossen, sich alsbald auf
den Planeten selber zu begeben.

Bald sank die Sannah unter die niedre Luftschicht, die um die Ringe
lagerte und nach kurzem, aber ungeheuer raschem Sturz trat sie in die
Saturnatmosphre ein.

Hier verlangsamte Flitmore sofort die Fallgeschwindigkeit, und das
Weltschiff schwebte trge zur Oberflche nieder.

Mylord, fragte whrenddessen John seinen Herrn, warum gehen wir nie
in die untern Zimmer, wenn wir einen Abstieg unternehmen? Da knnten wir
so schn alles aus der Vogelprospektiefe beobachten, wie wir nher und
nher kommen; hier oben aber sehen wir nichts als den Ring, der sich von
uns entfernt.

Man sieht, da John sich seinem Herrn gegenber keiner so gewhlten
Sprache befleiigte, wie wenn er den gelehrten Professor anredete; das
kam aber nicht etwa von einem Mangel an Respekt, sondern weil er aus
langjhriger Erfahrung wute, da der Lord viele Redensarten nicht
leiden mochte.

Flitmore gab seiner treuen Dienerseele folgende Auskunft: Siehst du,
John, um den Fall der Sannah nicht zum verderblichen Sturz werden zu
lassen, mu ich die Fliehkraft abwechselnd ein- und ausschalten. Dadurch
wird aber jedesmal fr die unteren Rume und die Seitenzimmer der
Schwerpunkt verndert: schalte ich die Zentrifugalkraft ein, so werden
wir gegen den Mittelpunkt unsres Fahrzeugs gezogen, schalte ich sie aus,
so zieht uns der Saturn an. Du wirst dich erinnern, was dies zur Folge
hatte, als wir die Erde verlieen. Hier wre es genau so: im untern
Zimmer wrden wir abwechselnd von der Decke auf den Fuboden strzen und
umgekehrt; in den Polzimmern wrden wir zwischen der dem Saturn
zugekehrten Seitenwand und dem Fuboden hin- und hergeschleudert. Hier
oben aber liegt der Mittelpunkt der Sannah genau wie der Mittelpunkt des
Planeten zu unsern Fen und meine Manver verndern den Schwerpunkt in
keiner Weise. Das ist der Grund, weshalb wir hier wie bei unserm Abstieg
auf den Mars und die Tipekitanga auf die Beobachtung des Gelndes, dem
wir uns nhern, verzichten mssen, so schade dies auch ist.

Du weit ja, da ich diesen Umstand beim Bau des Schiffes nicht in
Betracht gezogen habe und selber von der alles auf den Kopf stellenden
Wirkung der Fliehkraft berrascht wurde; sonst htte ich Vorsorge
getroffen, da wir wenigstens durch auen angebrachte Spiegel in den
Stand gesetzt worden wren, von diesem unserm Zenithzimmer aus zu
betrachten, was unter uns liegt.

Ein sanfter Ruck zeigte an, da die Saturnoberflche erreicht war. Die
Sannah ruhte auf.

Da diese Oberflche weder flssig noch glhend war, hatte man schon vom
Ring aus feststellen knnen, sonst wre der Plan einer Landung
selbstverstndlich ausgeschlossen gewesen.

Begierig zu schauen, welche neuen Wunder sich ihnen hier offenbaren
wrden, verlieen unsere Freunde das Fahrzeug durch das Nordpolzimmer,
nachdem die Lucke geffnet und die Strickleiter hinabgelassen worden
war.




                  23. Eine unfreiwillige Polarreise.


Es war Nacht, als die Gesellschaft auf dem Saturn landete; aber da sich
alle sehnten, ins Freie zu kommen, wurden die Zelte errichtet, diesmal
aber in unmittelbarer Nhe der Sannah, damit ein sofortiger Rckzug
angetreten werden konnte, falls je ein gefhrliches Abenteuer drohen
sollte; die schreckliche Nacht auf dem Mars war ja allen noch gar zu
frisch in Erinnerung.

Holz- und Reisigvorrte barg die Sannah zur Genge, der Lord hatte sich
fr alle Flle vorgesehen. So brauchte man nicht in der Dunkelheit nach
Brennmaterial zu suchen.

Ein Feuer wurde entfacht und nach gehaltener Mahlzeit suchten bald alle
die Ruhe auf bis auf Heinz, der die erste Wache bernommen hatte.

Nach zwei Stunden lste ihn John ab und diesen nach weiteren zwei
Stunden Mnchhausen.

Der Kapitn freute sich kindlich auf den ersten Sonnenaufgang auf dem
Saturn, und da er der erste sein sollte, der diese neue Welt aus
nchster Nhe bei Tageslicht schauen sollte.

Aber merkwrdig, es wollte nicht tagen! Als seine zwei Dienststunden zu
Ende waren, war es noch so finster wie zuvor. Er rechnete aus, da die
Nacht nun schon mehr als acht Stunden whrte; da die Rotationsdauer des
Saturn 10 Stunden betrgt, htte es eigentlich schon wieder gegen Abend
gehen sollen.

Es war ausgemacht worden, da Mnchhausen gleich nach Tagesanbruch alle
wecken sollte, aber der Tag brach nicht an und er wartete noch eine
Stunde; er hatte sich so sehr darauf gefreut, allein als Erster die
Sonne aufleuchten zu sehen.

Endlich weckte er den Professor.

Hren Sie, fuhr er den Schlaftrunkenen an: Ich pfeife auf die ganze
astronomische Wissenschaft und auf die Ihrige insbesondere. Es ist
nichts mit den kurzen Saturnnchten. He! wissen Sie, wie lange diese
Nacht schon whrt? Neun volle Stunden!

Schultze hatte sich ermuntert und sah auf die Uhr.

Wahrhaftig! brummte er, das stimmt! Dann schaute er hilflos zum
Himmel, als knnte er doch irgendwo die Sonne entdecken, trotz der hier
unten herrschenden Finsternis.

Da hrt sich doch alle Wissenschaft auf! fuhr es ihm heraus.

Jawohl, alle Wissenschaft hrt auf und blamiert sich angesichts der
Tatsachen, grollte Mnchhausen. Wissen Sie gewi, da auf dem Saturn
die Nacht nicht auch 15 Jahre dauert wie auf seinen Ringen?

Unsinn! rief der Gelehrte, obgleich er selber nicht mehr wute, wo er
dran war: Das trifft ja wohl fr die Polarzonen zu, nicht aber fr
diese Breiten.

Unterdessen hatten sich auch die andern erhoben und wunderten sich, da
es noch nicht Tag werden wollte.

Schultze war nachdenklich, whrend man das Frhstck einnahm: er
repetierte innerlich seine Kenntnisse des Saturn.

Pltzlich rief er: Ich habs! Es herrscht hier eine Sonnenfinsternis,
verursacht durch den Ring des Planeten.

Na! dann wird sie ja bald vorbergehen, sagte Mnchhausen aufatmend;
denn die rtselhafte Dunkelheit hatte ihm wirkliche Beklommenheit
verursacht. Freilich, fgte er bei, fr heute ist es nun schon nichts
mehr mit dem Sonnenschein; es mu ja bald wieder Nacht werden; aber in
sechs bis sieben Stunden werden wir das Tageslicht wieder schauen.

Wo denken Sie hin! widersprach Schultze. Davon kann keine Rede sein:
Diese saturnischen Finsternisse dauern mehrere Erdenjahre. Ich vermute,
wir befinden uns hier etwa unter 23 Grad Breite und haben dann mit
einer Sonnenfinsternis von zehn Jahren zu rechnen.

Sie freuen mich! polterte der Kapitn: Und da sollen wir wohl hier
abwarten, bis der Ringschatten sich geflligst entfernt oder die Sonne
uns geschwind hhnisch durch eine seiner Lcken anlchelt, um dann
wieder zu verschwinden? Oder sollen wir den vertrackten Weltkrper bei
Fackelbeleuchtung untersuchen?

Nein! lachte Flitmore: Wir steigen einfach wieder auf und landen auf
einem gnstigeren Breitengrade.

Ein ungastlicher Planet scheint Saturn doch zu sein, meinte Mietje:
In manchen Gegenden fast 15 Jahre Nacht, dann noch 10 Jahre
Sonnenfinsternis, das gibt ja 25 Jahre Dunkelheit und nur 5 Jahre
Tageshelle!

Das stimmt allerdings je nach der Zone, besttigte Schultze: Aber
trsten Sie sich, es gibt ja lichtreichere Gegenden, und wir halten uns
nicht gar zu lange hier auf.

Die Weiterreise wurde sofort angetreten.

Leider, bemerkte der Lord, als man wieder im Zenithzimmer versammelt
war, ist die Sannah nicht als lenkbares Luftschiff gebaut. Das erkenne
ich jetzt als verhngnisvollen Fehler an. Mit ein paar Motoren
ausgerstet, knnte sie ihren Weg in der Atmosphre nach Belieben
suchen, whrend wir es so dem Zufall berlassen mssen, wo wir landen.
Sobald ich nmlich die Fliehkraft einschalte, nimmt unser Weltschiff
weder an der Rotation noch an dem Umlauf des Saturn mehr teil. Das
erstere ist ja belanglos, denn durch seine Umdrehung um die Axe kehrt
uns der Planet nur abwechselnd eine andere Seite zu und es macht nichts
aus, ob wir auf dieser oder jener niedergehen.

Durch seinen Umlauf auf seiner Bahn um die Sonne aber saust der Saturn
unter uns weg, sobald wir durch den Zentrifugalstrom von seiner
Anziehungskraft gelst sind; es fehlen uns die Mittel, diese Bewegung
genau zu berechnen, und so knnen wir unsern Landungsort nicht nach
Belieben bestimmen.

Das erwies sich denn auch als fatal, denn als sich der Lord nach einiger
Zeit zum Niedergehen entschlo, befand sich die Sannah in der
Nordpolarzone des Saturn.

Als die Lucke geffnet wurde, strmte eine so eisig kalte Luft herein,
da sich alle mit den wrmsten Pelzhllen versahen, ehe sie ins Freie
hinaustraten.

Ein herrlicher Anblick blendete ihre Augen, als sie an der Strickleiter
hinabstiegen: unabsehbar dehnte sich eine Eis- und Schneewste,
unterbrochen von phantastisch gezackten und wildzerklfteten Eisbergen,
die im Glanze der Sonne in allen Farben flimmerten, je nachdem sich das
Licht im Kristall brach.

In der Ferne ragte ein ganzes Gebirge empor, das lebhaft an die
Gletscherketten der Alpen erinnerte; kurz, es war eine Landschaft voll
Groartigkeit, die ein Gefhl der Andacht in aller Herzen erweckte.

Doch hatte ein lngerer Aufenthalt hier keinen Zweck: die Eiswsten des
Saturns gedachten unsere Freunde nicht zu erforschen, so lange sie
hoffen konnten, interessantere Gebiete fr ihre Entdeckungen zu finden.
Immerhin mute die entzckende Polarlandschaft auf einigen
photographischen Platten ihre grten Reize festhalten lassen.

Pltzlich rief Mietje aus, indem sie verwundert den Himmel betrachtete:
Wo ist denn der Ring? Er scheint verschwunden zu sein: von einem
Horizont zum andern kann ich keine Spur mehr von ihm entdecken!

Alle schauten auf und Mnchhausen erklrte: Das ist ja ein schner
Reinfall! Da sind wir am Ende auf einen ganz andern Planeten geraten,
wohl gar auf einen vergletscherten Saturnmond. So geht es, wenn man ins
Blaue hineinfhrt und nicht einmal Ausschau halten kann, wohin man sich
bewegt und was sich unter einem befindet! Oder ist der Saturngrtel
verhext und kann sich unsichtbar machen mittelst der berhmten
radioelektrischen Strahlen Manfreds von Rothenfels? Heda, Professorchen,
lassen Sie Ihre wissenschaftliche Bogenlampe strahlen, wenn angesichts
dieses rtselhaften Verschwindens bei Ihnen nicht, wie gewhnlich, alle
Wissenschaft sich aufhrt!

I wo denn? erwiderte Schultze khl: Da hrt sich die Wissenschaft
doch gar nicht auf, ganz im Gegenteil! Das wei jeder angehende
Astronom, da die Saturnringe auf dem grten Teil der Polarzone
berhaupt nicht zu sehen sind, aus dem einfachen Grunde, weil sie unter
dem Horizont stehen. Weiter sdlich wrden wir nur den ueren Ring
erblicken und erst beim berschreiten des Polarkreises wrden allmhlich
auch die inneren Reifen auftauchen: es ist also alles in Ordnung und war
gar nicht anders zu erwarten.

Eine merkwrdige Tatsache fiel Heinz hier noch auf, als er einen losen
Eisblock zu heben versuchte: Der stattliche Brocken erwies sich als ganz
unglaublich leicht im Verhltnis zu seiner Masse; da dies weder von
einer geringeren Anziehungskraft des Planeten herrhren konnte, noch das
Eis eine losere Struktur zeigte, als es beim irdischen Eise der Fall
ist, mute angenommen werden, da das Eis auf dem Saturn und demnach
wahrscheinlich auch das Wasser dort an und fr sich weit weniger Gewicht
oder Dichtigkeit habe als auf der Erde.

Nachdem sich alle von der seltsamen Leichtigkeit des Blocks berzeugt
und das gleiche auch an andern Eisstcken festgestellt hatten, begaben
sie sich wieder ins Innere ihres Fahrzeugs.

Wir drfen nicht mehr so planlos landen, erklrte der Englnder: Wir
mssen ein Mittel ersinnen, das uns aus der Lage befreit, hiebei nur ein
Spielball des Zufalls zu sein. He, Professor! Strengen Sie Ihren groen
Geist an und setzen Sie uns in den Stand, unsere Landungsstelle nach
eigenem Gutdnken auszuwhlen!

Bevor Schultze recht begonnen hatte, sein Gehirn anzustrengen, trat
Heinz Friedung mit folgendem Vorschlag hervor:

Spannen wir ein Netz unmittelbar unter dem Fenster unseres
Antipodenzimmers aus. In dieses Netz kann sich ein Beobachter legen;
wird die Fliehkraft ausgeschaltet, so liegt er eben auf dem Bauch ber
dem Fenster, ist der Strom geschlossen, so fllt er auf den Rcken weich
in das Netz zurck. Jedenfalls kann er andauernd die Saturnoberflche im
Auge behalten und uns im Zenithzimmer durch elektrische Klingelzeichen
verstndigen, ob wir steigen, fallen oder uns endgltig niederlassen
sollen. Drei verabredete Zeichen gengen hiefr. Da brigens auer dem
elektrischen Lutewerk auch ein Telephon in jedem Zimmer vorhanden ist,
kann er, wenn etwas Besonderes zu melden sein sollte, auch telephonische
Nachricht geben.

Ausgezeichnet! lobte Schultze: Den Beobachtungsposten will ich
einnehmen.

Nichts da! protestierte Mnchhausen: Ich freue mich schon lange
darauf, als Erster zu schauen, wie der Saturn aus nchster Nhe
aussieht. Die Sonnenfinsternis hat mich um diese Hoffnung betrogen,
jetzt will ich wenigstens als Beobachter im Mastkorb mein Ziel
erreichen, wozu ich mich als alter Seemann auch am besten eigne.

Der Professor schttelte lachend den Kopf: Ihr spezifisches Gewicht,
edler Hugo, macht die Sache zu gefhrlich; wie Spinnwebe wrden die
strksten Netze reien, wollten Sie sich ihnen anvertrauen.

O, sagte Flitmore, ich habe eine Hngematte an Bord, die aus so
starken Baststricken geflochten ist, da selbst unseres Kapitns paar
Zentner sie nicht aus der Fassung bringen knnen; auch ist sie so gro,
da sie ihm Raum genug bietet, also gnnen wir ihm das Vergngen.

Der Professor htte zwar auch gern die ersten Entdeckungen gemacht, doch
wollte er sie dem lteren Freunde nicht streitig machen, und so wurde
denn Mnchhausen mit einem Feldstecher bewaffnet im Mastkorb, wie er
sich ausdrckte, untergebracht, sobald das Netz an Ort und Stelle
befestigt war.

Dann wurde die Fliehkraft eingeschaltet und der Kapitn schwebte, auf
dem Rcken liegend, in der Hngematte unmittelbar unter dem Fenster, das
sich von dem eisigen Grunde trennte, auf dem es bis jetzt aufgeruht
hatte.

So schaute er hinauf in die Eisgefilde, die ber ihm zu schweben
schienen und mit ihren Bergen und Schroffen drohend genug aussahen. Es
war ein eigentmlicher, unheimlicher Anblick, diese blitzenden Massen so
ber sich herabhngen zu sehen, als mten sie niederstrzen und alles
zermalmen. Immerhin wute Mnchhausen ja zur Genge, da dies alles nur
so schien, weil die Sannah nun ihren eigenen Schwerpunkt in ihrem
Zentrum besa, und da der Saturn seine Oberflche fest genug halten
wrde.




                 24. Eine Nacht auf dem Ringplaneten.


Mnchhausen war eifrig auf seinem Posten, stets die elektrische
Kontaktbirne in der Hand. Gab er ein kurzes Klingelzeichen, so stellte
Flitmore oben die Fliehkraft ab und der Kapitn fiel mit dem dicken
Bauch auf die Fensterscheibe, die glcklicherweise so massiv war, da
sie noch heftigere Ste unbeschdigt ausgehalten htte.

In solchem Falle machte es Mnchhausen den Eindruck, als htte sich die
Welt mit Blitzgeschwindigkeit umgedreht: der Planet, zu dem er bisher
aufgeschaut hatte, weil er ber ihm schwebte, schien nun pltzlich unten
zu sein und es galt, von der ber ihm schwebenden Sannah auf ihn
hinabzublicken.

Gab Mnchhausen dann wieder die zwei Klingelzeichen, die das Einschalten
des Stromes bedeuteten, so plumpste er gleich darauf rcklings in die
Hngematte zurck und sah das Fenster und den Saturn urpltzlich wieder
ber sich.

Dieser fortwhrende und ganz unvermittelte Wechsel, der jedesmal wieder
verwirrend wirkte und fr einen Augenblick alle Orientierung lahmlegte,
htte einen Unkundigen an aller Wirklichkeit und am eigenen Verstande
verzweifeln lassen knnen.

Man stelle sich's vor, was das fr ein Gefhl sein mu, wenn die Decke,
zu der man aufschaut, innerhalb einer Sekunde auf einmal zum Fuboden
wird, auf dem man liegt, und dann wird sie eben so pltzlich wieder zur
Decke ber einem; und so wechselt es alle paar Minuten, ohne da man
selber seine Lage verndern wrde oder da der Raum, in dem man sich
befindet, sich drehte: das Weltall scheint jedesmal vllig mit einem
umzukippen, und dabei wird man nur mit einem kleinen Ruck wie ein Ball
auf und ab geschleudert: man fllt jedesmal nach oben und liegt jedesmal
unten!

Dem Kapitn machte schlielich dieses Zauberspiel einen kstlichen Spa;
davon merkten die dort im Zenithzimmer rein gar nichts, fr sie blieb
der Fuboden unverrckt unten und die Zimmerdecke oben; kein Ruck zeigte
ihnen die nderung des Schwerpunkts an.

Ein Glck, da ich und nicht der Professor oder sonst eine unerfahrene
Landratte auf diesem Posten liegt, dachte Mnchhausen: die bekmen die
Seekrankheit im hchsten Grade; mir altem Seebr jedoch bekommt die
Bewegung vorzglich.

Und aus lauter Lust an der Sache gab er die Zeichen viel hufiger als
notwendig gewesen wre.

Bald aber machte er eine fatale Entdeckung: Die Sannah blieb stets dem
Nordpol des Planeten zugewendet und konnte unmglich mehr sdlichere
Gegenden des Saturn erreichen. Er hatte das Weltschiff in seiner ganzen
Lnge passiert, und sobald der Fliehstrom eingeschaltet wurde, entfernte
er sich auf seiner Bahn, whrend die Schlieung des Stroms nur ein
Strzen gegen den Pol bewirkte.

Wir sollten uns am Sdpol befinden, brummte der Kapitn, dann wrde
der Weltkrper unter uns durchpassieren und wir knnten uns
niederlassen, sobald etwa der quatorialgrtel unter uns stnde. Nun
aber ist er bereits vllig unter uns weg und kehrt nicht wieder um; da
sehe ich nicht, was noch zu machen ist.

Er teilte diese Beobachtung durch das Telephon dem Lord mit.

Nun wurde droben beraten und ihm dann das Ergebnis der Beratung
mitgeteilt.

Glcklicherweise, erklrte Schultze durchs Telephon, ist der Saturn
zur Zeit ganz nahe dem Ende seiner Bahn und mu binnen wenigen Stunden
seine Wendung vollziehen. Da wir nun in der gnstigen Lage sind, uns auf
der Innenseite seiner Bahn zu befinden, das heit zwischen ihm und der
Sonne, so werden wir jetzt den Strom ununterbrochen wirken lassen. So
wird die Sannah in einer Sehne den Bogen abschneiden, den der Planet in
den nchsten Stunden beschreibt, und sich einem Punkte seiner
rcklufigen Bahn nhern, den er bald darauf passieren mu. Dann mssen
Sie scharf aufpassen, wenn der Planet sich uns wieder nhert, damit wir
uns rechtzeitig seiner Anziehungskraft aussetzen und ihn in der Folge
durch geeignetes ffnen und Schlieen des Stroms soweit an uns
vorbeiziehen lassen, bis wir in seinen quatorialgegenden landen knnen.
Kommen Sie jetzt herauf zum Abendessen; Sie knnen dann ruhig fnf
Stunden schlafen, denn wir werden etwa sieben Stunden brauchen, um den
Scheitel der Ellipse durch einen mglichst kurzen Bogen abzuschneiden.

Sechs Stunden spter befand sich Mnchhausen wieder auf seinem Auslug
und sah nun in der Tat, wie Saturn von der andern Seite heransauste; die
Sannah hatte ihn durch Abschneiden des Scheitelbogens seiner
ellyptischen Bahn berholt.

Nun galt es zunchst die Fliehkraft auszuschalten, um nicht wieder
zurckgeworfen zu werden durch die abstoende Kraft in Bezug auf den
nahenden Planeten.

Dann begann wieder das abwechselnde Schlieen und ffnen des Stromes
entsprechend den Klingelzeichen des Kapitns und damit das lustige
Ballspiel, das die Sannah mit seinem rundlichen Krper betrieb, ihn
zwischen dem Fenster und der Hngematte hin- und herschleudernd, je
nachdem der Schwerpunkt des Weltschiffes nach innen in dessen
Mittelpunkt, oder nach auen in den Mittelpunkt Saturns verlegt wurde.

Diese wechselnden Manver verhteten einerseits den vorzeitigen Sturz
auf die Oberflche des Planeten, andrerseits die allzugroe Entfernung
von ihm: man blieb, nachdem die Ringe berholt worden waren, von jetzt
ab innerhalb der Saturnatmosphre.

Als die Sdpolarzone vorbergeglitten war, erschienen dem beobachtenden
Kapitn die Ringe als schmale Kreise; bei der Annherung des quators
war bald nicht mehr viel weiter als die Kante des innersten Ringes zu
sehen.

Vor allem aber wurden die Blicke des Kapitns gefesselt durch die
landschaftlichen Bilder, die vorberflogen, teils erhabene groartige
Szenerien, teils ungemein liebliche Idyllen: Hochgebirge und Meere,
mchtige Strme, Flsse und Seen, sanftgeschwungene Hgelketten, grne
Ebenen, Wiesen und geschlngelte Bche; dann wieder schroffe Felsen und
ghnende, nachtschwarze Schluchten.

Als die Sannah die quatorialzone erreichte, gab Mnchhausen durch
dreimaliges, langgezogenes Klingeln das Zeichen zur Landung.

Eine reizende, hgeldurchzogene Ebene war es, in welcher das Weltschiff
sich niederlie; aber wiederum sank die Nacht herein, als die
Gesellschaft die Strickleiter herablie und den festen Boden betrat.

Von den acht Monden Saturns, deren Umlaufzzeit entsprechend ihrem
Abstand vom Zentralkrper wchst, und beim innersten nur 22 Stunden,
beim uersten aber nicht weniger als 79 Tage betrgt, standen die vier
innersten gleichzeitig am Himmel; doch ihr schwacher Schein gengte
nicht, um den Glanz einer irdischen Vollmondnacht hervorzuzaubern. Die
schmale Kante des Ringes war dunkel; die innerste Kante wird berhaupt
nie von der Sonne erhellt, und die beleuchtete Ringflche zeigt sich nur
bei Tag, nie aber des Nachts.

Mietje bernahm diesmal die erste Wache und Mnchhausen bestand auf der
zweiten, gegen deren Ende der Anbruch des Morgens erfolgen mute, da
hier eine Sonnenfinsternis zur Zeit nicht herrschte, wie Schultze
versicherte, und wie man vor der Landung hatte beobachten knnen, als
noch die Sonne am Himmel stand.

Man wollte sich diesmal mit einem dreistndigen Schlafe begngen, um
sich ja nichts von dem kurzen Tage entgehen zu lassen.

Lady Flitmore, auf die nur noch eine Stunde Schlafes gekommen wre nach
ihrer zweistndigen Wache und die durchaus nicht gewillt war, den
Saturnmorgen zu verschlafen, beschlo, sich berhaupt nicht zur Ruhe zu
legen, sondern dem Kapitn bei dessen Wachzeit Gesellschaft zu leisten:
sie hatte in Voraussicht dieses Falles vor dem Abstieg einige Stunden
geschlafen und fhlte sich frisch und munter genug, um zehn, und, wenn
es sein sollte, zwanzig Stunden zu wachen, ohne zu ermden.

Alles lag im Schlaf; nur Lady Flitmore sa als treue Wchterin in der
Nhe des flackernden Feuers, von Zeit zu Zeit ein Scheit nachlegend.

Eine kleine Erhhung des Erdbodens diente ihr als Sitz. Der Grund
bestand hier aus kahlem Felsgestein, das sich merkwrdig warm anfhlte,
so da Mietje es nicht fr ntig gefunden hatte, eine Decke ber ihren
Sitz zu breiten, zumal der Fels gar nicht hart erschien: sie glaubte, es
msse eine Art Bimsstein sein und das besttigte ihr die auffallende
Leichtigkeit einzelner umherliegender Steine. Ein Block von der Gre
eines Riesenkrbisses, den sie versuchsweise aufnahm, wollte ihr so
leicht wie ein Gummiball erscheinen.

Es fiel ihr dabei ein, wie merkwrdig leicht auch das Eis am Pol
befunden wurde und sie mute denken, da dem ein dem Saturn
eigentmliches Naturgesetz zu Grunde liegen msse.

Dann schweiften ihre Blicke umher. Die kahle Stelle war nur von geringer
Ausdehnung; sie wurde von einem mannshohen Dickicht eingesumt, das aus
Schilf oder Rhricht zu bestehen schien und ber welches in der Ferne
ein Wald hochragender Bume unheimlich finster herberschaute.

Sie sah zum Himmel empor: da grten sie die bekannten Sternbilder so
traut, da ihr auf einmal zumute wurde, als befinde sie sich auf der
heimatlichen Erde und die ganze Weltallreise sei blo ein Traum gewesen.
War sie nicht auch so sonderbar, wie es sonst nur im Trumen vorkommt?

Aber mitten unter diesen altbekannten Sternbildern teilte ein dunkler
schmaler Bogen das ganze Himmelsgewlbe in zwei ungleiche Teile. Das war
die Kante des Rings, der ihr zweifellos bewies, da sie sich auf einem
fremden Planeten befand, und das sagten ihr auch die vier Monde, die in
ungleicher Gre und verschiedener Lichtstrke am Himmel hinwandelten,
und deren einer soeben vom Schatten seines Zentralgestirns verdunkelt
wurde.

Dort strahlte auch der Komet, den sie von der Tipekitanga aus erstmals
erschaut hatte, in beinahe unheimlich blendendem Goldglanz.

Und siehe! Drunten am Horizont tauchte ein fnfter Mond auf! Ja, es war
eine fremde Welt! Trotz der Sternbilder, die um kein Haar anders
aussahen als am irdischen Himmel, war sie doch von der Erde entsetzlich
weit entfernt! Wie hatte ihr Gatte gesagt? 1260 Millionen Kilometer,
mehr als achtmal so weit als der Abstand der Erde von der Sonne betrgt!

Sie schauderte, als sie sich diese ungeheure Zahl ins Gedchtnis
zurckrief, und doch, was bedeutete sie gegenber der Entfernung jener
Fixsterne dort oben? So gut wie nichts! Die schienen weder nher noch
ferner gerckt.

Aus diesen Gedanken wurde sie durch einen Schatten emporgeschreckt, der
den Schein des Feuers verdunkelte.

Dort flatterte ein Vogel mit kaum hrbarem Flgelschlag. Er umkreiste
die Flammen, nherte und entfernte sich, flog auf und schwebte wieder
herab.

Ein Adler, dachte die Lady, die ungeheure Spannweite seiner Flgel mit
den Blicken messend.

Aber merkwrdig genug erschienen diese Fittiche: Das war kein Gefieder,
auch keine Fledermausflgel waren es, diese dnnen, buntgefleckten Segel
mit dem breiten, scharfumrissenen Rand.

Mietje schttelte den Kopf: Wre nicht seine ungeheure Gre, man
knnte diesen Vogel fr eine Motte, einen Nachtfalter halten, sprach
sie halblaut vor sich hin.

Da gesellten sich zu dem ersten ein zweiter und ein dritter. Lautlos
umkreisten sie das Feuer, dessen Lohe von dem Luftzug ihres
Flgelschlags gepeitscht, niederduckte, um gleich darauf um so lebhafter
emporzuzngeln.

Jetzt kam einer dieser unheimlichen Vgel ganz nahe an der jungen Frau
vorbei. Er hatte einen eigentmlichen dicken Kopf mit einem
Elefantenrssel von dem Umfang eines Spritzenschlauchs, zwei runde
walnugroe Glotzaugen, zwischen denen sich zwei Wedel bewegten, gleich
riesigen Fhlern. Der Leib war zylinderfrmig und stark behaart; starr
wie Igelstacheln standen die Haare empor, das Merkwrdigste aber waren
die sechs dnnen Beine, die das seltsame Geschpf an den Leib gezogen
hielt.

Mietje fate ein Grauen vor diesen Ungeheuern und sie ri ein brennendes
Scheit aus dem Feuer, um sie abwehren zu knnen, wenn sie sich ihr
nhern sollten.

Sie sollte auch alsbald in die Lage kommen, sich gegen einen Angriff zu
verteidigen; denn einer der Vgel flog geradewegs auf sie zu.

Mit dem brennenden Ende des Prgels schlug sie aus allen Krften auf den
widerlichen Kopf. Dieser schien keinen Schdel zu besitzen, sondern aus
weicher Masse zu bestehen, denn der Schlag erschtterte die Waffe nicht
und erzeugte auch keinen weiteren Ton als ein dumpfes Aufklatschen. Aber
betubt sank der Vogel zu Boden und als Mietje ihr Scheit auf seinen
Kopf prete, wurde derselbe alsbald zu einer formlosen Masse
zerquetscht.

Jetzt erschien Mnchhausen auf der Bildflche. Es war eigentlich noch
nicht ganz an der Zeit, da er zur Ablsung kam; doch hatte er in
Erwartung der Entdeckungen, die er als Erster zu machen hoffte, nur
unruhig geschlafen und war frhzeitig erwacht.

Was haben Sie denn da fr ein Scheusal erlegt, Sie kriegerische
Heldin? fragte, er erstaunt den zuckenden Leib am Boden betrachtend.
Frwahr! da flattert ja noch so eines daher. Ha! das hat es auf meine
Nase abgesehen. Nein, mein Freund, die leuchtet nicht fr dich! und
gleichzeitig schmetterte er das zudringliche Ungetm mit dem
Flintenkolben zu Boden.

Der dritte Vogel war inzwischen wieder verschwunden.

Kopfschttelnd untersuchte der Kapitn die erlegten Geschpfe.

Eine Art Schmetterlingsflgel, sagte er, zwei Fhlhrner, ein Rssel,
sechs hornumpanzerte Beine und im ganzen Leibe kein Knochen, -- alles
Brei! Lady Flitmore, das sind Nachtfalter; Sie lachen mich aus, aber mit
vollstem Unrecht. Ich glaube ja selber nicht, was ich sage, aber es ist
dennoch so und nicht anders. Motten sind diese Scheusale, ungeheure
Schwrmer! Sie sehen wahrhaft erschrecklich aus und es war mir
keineswegs behaglich zumut, als dieser zweigehrnte Vogel mir nach der
Nase trachtete; aber ich glaube nicht, da diese Nachtvgel imstande
sind, unsereinem das Geringste anzuhaben. Sehen Sie, sie sind von
Butter; ein schwacher Druck gengt, ihren Leib zu einer unfrmlichen
Masse zu zerquetschen.

Das war allerdings offensichtlich und Mietje war geneigt, sich ihrer
Furcht zu schmen; aber das Unbekannte erregt stets ein gewisses Grauen,
und der Kapitn selber hatte sich ja von den Riesenfaltern einen nicht
geringen Schrecken einjagen lassen.

Sehen Sie, erklrte er, das ist ganz menschlich; das Niegesehene
erschreckt zunchst jeden; denn wer kann wissen, was einem von ihm
droht. Das, was man daheim schon kannte, heimelt einen an; was aber der
Heimat fremd ist, erscheint unheimlich. So zeigt uns schon die
Entwicklung des Sprachgebrauchs, da wir einem allgemein und uralt
menschlichen Gefhl erlagen, dessen wir uns nicht zu schmen brauchen,
wenn wir nachtrglich erkannten, da der unheimliche Spuck im Grunde
recht harmlos war und da wir einen Heldenkampf auf Leben und Tod mit
wehrlosen Nachtfaltern gefhrt haben.

Aber nun begeben Sie sich zur Ruhe auf diesen Schrecken hin, meine Wache
beginnt.

Fllt mir nicht ein, mich jetzt zu legen, lachte Mietje. Ich leiste
Ihnen Gesellschaft; ich bin begierig, den ersten Morgen auf diesem
Planeten tagen zu sehen.

Um so angenehmer fr mich, meinte Mnchhausen; aber wollen wir uns
nicht setzen? und damit lie er sich auf seine Fettpolster plumpsen.




                       25. Eine seltsame Welt.


Der Tag begann zu grauen. Rosige Wlkchen schwebten ber dem Horizont
und bald darauf leuchteten die fernen Berggipfel auf, vom flssigen Gold
der ersten Sonnenstrahlen umrandet.

Mnchhausen und Mietje schauten umher.

Welch eine sonderbare Landschaft! Berg und Tal, Hgel und Ebenen,
Wasserflle und Bche, -- nun, das mutete nicht besonders fremdartig an,
obgleich ein kleiner Wasserfall, der im nahen Hintergrund ber einen
niedern Felsblock herabschumte, bereits ein Rtsel aufgab.

Das Wasser spritzte nmlich so hoch auf und dichte Schaumflocken
schwammen gleichsam in der Luft, da man dieses Schauspiel wohl
begriffen htte, wenn sich das Wasser aus hundert Meter Hhe
herabgestrzt htte, nicht aber, wo es sich um hchstens drei oder vier
Meter handeln konnte.

Nanu! sagte Mnchhausen verblfft: Dieser Zwerg von einem Wasserfall
gebrdet sich ja wahrhaftig, als wollte er mit dem Niagara oder
Mosi-oa-tunia, den Viktoriafllen des Sambesi in unlautern Wettbewerb
treten.

Weit befremdlicher aber noch erschien die Pflanzenwelt: was bei Nacht
als mannshohes Schilf erschienen war, erwies sich nun bei Tageshelle als
Gras. Da ragten grne Bschel von zwei Meter Hhe, darber wiegten sich
Halme mit mchtigen Samenrispen; die Grser waren mehr als handbreit,
die Halme mehr als daumendick und der Hochwald dahinter schien aus
krautartigen Gewchsen zu bestehen mit ungeheuren saftigen Stengeln und
Blttern, deren geringste die Bananenbltter weit an Gre bertrafen.
Dazwischen schossen Blumen empor, die sich wie Sonnenschirme
ausbreiteten oder wie Kirchenglocken herabhingen.

Nirgends aber war ein Gewchs zu sehen, das einem Baume glich; die
hchsten Waldriesen, die bis zu sechzig Meter emporstreben mochten,
waren knotige Rohre von oft mehreren Metern im Umfang, mit Wedeln und
Kolben gekrnt, oder Schachtelhalme und Farnkruter mit gigantischen
Fiederblttern.

Aber schn und berwltigend groartig erschienen diese Bsche von Gras
und diese Wlder von Kraut mit ihrer farbenleuchtenden Bltenpracht.

Wir mssen die Schlfer wecken! mahnte die Lady, nachdem sie von ihrer
ersten staunenden Bewunderung zu sich zurckkam.

Ich htte weit lieber zunchst eine Entdeckungsreise auf eigene Faust
gemacht, brummte Mnchhausen; aber erstens wre dies ein
heimtckischer Verrat an den Genossen, und zweitens, was das
Ausschlaggebende ist, ohne ein ordentliches Frhstck im Leibe bin ich
zu einer weltberhmten Forschungsexpedition leiblich unfhig.

So weckten sie denn die ganze Gesellschaft, die bald, sich die Augen
reibend, vor den Zelten erschien.

Hurrah! rief Schultze, als er sich umsah: Das ist wieder etwas ganz
Neues, ganz berirdisches, diese wogenden Fluren, diese fabelhaften
Wlder! Da mssen wir vor allem andern einen Spaziergang hinein machen.

Nichts da! protestierte der Kapitn: Alles in der Ordnung! Zuerst ein
krftiges Frhstck, dann bin ich zu allem bereit.

Sie haben recht, stimmte Flitmore bei: Es ist besser, wir erledigen
zunchst die leiblichen Bedrfnisse; dann knnen wir den Tag, der ja
kurz genug ist, ununterbrochen ausntzen. Das erste Bedrfnis wird
brigens eine erfrischende Waschung sein; dort pltschert ja ein
prchtiges Bchlein ganz in unsrer Nhe.

Das leuchtete allen ein und sie eilten dem nahen Bache zu, um Gesicht
und Oberkrper und Glieder darin abzusplen.

Nein, wie merkwrdig weich doch dieses Wasser ist, beinahe wie l,
bemerkte Mietje zuerst.

Es ist wahr, es scheint viel flssiger zu sein als irdisches Wasser,
besttigte Heinz: Es fliet einem durch die Finger wie Nebel und rinnt
wie Spinnenfaden so dnn an der Haut hinab.

Und es bildet gar keine rechten Tropfen, fgte Schultze hinzu, nur so
feine Sprhstubchen, wie der Sprhregen im Nebel.

John rannte die paar Schritte zum Lagerplatz zurck, ergriff ein dnnes
Holzscheit, mit dem er wieder angesprungen kam und das er klatschend in
den Bach warf.

Wie ein Springbrunnen spritzte das Wasser in feinverteiltem Staub wohl
drei Meter hoch empor. Alle staunten sprachlos dies neue Wunder an.
Rieger aber rief:

Das ist ja gar kein Wasser! und er wies auf das Holzstck, das wie ein
Stck Blei auf den Grund des Baches gesunken war, wo es liegen blieb.

Da hrt sich aber doch endgltig alle Wissenschaft auf! rief Schultze:
Das ist frisches, klares Wasser, aber von einer Leichtigkeit, da es
auf unsern schwerflligen irdischen Gewssern wie l oder Spiritus
schwimmen wrde; es scheint entsprechend flchtig zu sein und sehr rasch
zu verdunsten; das spre ich schon an dem starken Prickeln, wenn es auf
der Haut trocknet. Lady Flitmore, auf dem Saturn wrde Ihre grte
Wsche in der halben Zeit trocknen, als auf unsrer mangelhaften Erde!

Zu Mnchhausens Beruhigung schritt man jetzt zur Bereitung des
Frhstcks.

Es war berraschend, wie schnell das Wasser zum Sieden kam. Der
Professor prfte seine Wrme mit einem Thermometer: Dachte ich's doch!
rief er aus: Blo 52 Grad! Das Saturnwasser kocht also schon bei dieser
geringen Temperatur.

Hierauf machte er sich an die Untersuchung des Grund und Bodens und
lste das Gestein mit einem Pickel, den John aus der Sannah
herbeischaffen mute. Die Steinbrocken, die aus dem Boden gehauen
wurden, erinnerten in ihrem Bau an Knochen: sie waren voller
Hohlrume, schwammig, in Zellen eingeteilt, mit dnnen, doch sehr
widerstandsfhigen Wandungen. Die mehr oder minder groen Kammern waren
mit Luft oder Gasen gefllt, whrend sich berall durch die greren
zusammenhngenden Felsmassen Wasseradern zogen.

Ein Versuch ergab, da die Mehrzahl der Steine auf dem Wasser des Baches
schwamm, obgleich das Wasser selber schon so leicht war.

In der Folge fanden sich auch vllig dichte Gesteinsmassen, die im
Wasser untersanken, aber immer noch fabelhaft leicht erschienen.

Nun ist das Rtsel der geringen Dichtigkeit dieses Planeten gelst,
sagte Flitmore: Die Dichtigkeit, oder was auf das gleiche herauskommt,
das spezifische Gewicht des Saturn betrgt 1/8 von dem der Erde,  des
Wassers, nmlich des irdischen Wassers.

Man vermutete daher, er msse sich in glutflssigem Zustand befinden,
wodurch freilich so uerst geringe Dichtigkeit nicht recht begreiflich
wird. Deshalb stellte ja auch unser Kapitn die Theorie auf, der Stoff
der Saturnmasse mchte heier Grog sein.

Schade, da dies nicht zutrifft! meinte Mnchhausen lachend.

Nun, an Grog soll es Ihnen sobald nicht fehlen, trstete der Lord.
Wir haben nun hier einen festen, widerstandsfhigen Grund entdeckt,
durchaus nicht so weich und elastisch wie die viel dichtere Marserde,
und doch von solcher Leichtigkeit, da diese alles erklrt. Das Wasser
hat ein entsprechend geringeres Gewicht als auf Erden, und so scheint
auch die Pflanzenwelt aus leichtem Stoff gebaut, der nicht durch seine
starre Masse, sondern durch seine elastische Biegsamkeit und die
Zhigkeit der Fasern den Strmen trotzt.

Gewi ist auch die Tierwelt diesen Verhltnissen angepat, vermutete
Schultze. Brechen wir auf! Ich brenne vor Begier, eine Entdeckungsreise
zu unternehmen.

Als unsere Freunde kurz darauf den Graswald und hinter diesem den
Hochwald der Riesenkruter betraten, fanden sie des Professors Vermutung
voll besttigt: nirgends begegnete ihnen ein Wirbeltier, das einen
festen Knochenbau aufgewiesen htte; nur Insekten, Kerbtiere und
Weichtiere waren zu schauen.

Aber welch entsetzliche Ungeheuer waren dies!

Obwohl sie in Einzelheiten ihres Baues und ihrer Formen wesentlich von
allen irdischen Arten abwichen, zeigten sie doch im allgemeinen eine in
die Augen springende hnlichkeit mit solchen, und nach dieser wurden sie
denn auch bezeichnet.

Mnchhausen erklrte gleich anfangs, man knne dies Geziefer nicht
anders unter einem Sammelnamen begreifen, als unter dem Namen Drachen;
denn als solche mten sie bei ihrer unnatrlichen Gre und ihrem
entsetzenerregenden Anblick gelten.

Da fanden sich denn Schneckendrachen und Raupendrachen und solche, die
durch Fe am Vorderleib mit Kferlarven hnlichkeit hatten, lauter
dicke, plumpe und doch behende Geschpfe in der Gre von Wieseln,
Katzen und Schafen. Dieser Grenvergleich konnte jedoch bei den beiden
letzteren nur fr die Hhe gelten; die Lnge betrug das Doppelte und
Dreifache.

Weit grauenhaftere Kriechtiere waren die Asseln und Tausendfler mit
ihren unzhligen Gliedern, wie Krokodile so gro krochen und wanden sie
sich daher und wenn sie sich mit halbem Leibe emporhoben, schwebten ihre
grulichen Hupter und zappelnden Beine so bedrohlich ber den Kpfen
der Wanderer, da diese durch wohlgezielte Kugeln sich der Ungeheuer
erwehren muten.

Ameisen- und Wanzendrachen, unheimliche Spinnen, ber mannshoch,
erschienen noch gefhrlicher; die wahren Riesen der Tierwelt des Saturns
aber waren die gepanzerten Kfer, die wie Flupferde, Elefanten und
Nashrner daherstapften und mit ihren Zangen nach den fremden
Eindringlingen griffen.

Man mute stets auf der Hut sein; denn diese Tiere kletterten an den
mchtigen Stauden umher, die sich oft unter ihrer wenn auch noch so
leichten Last beugten; doch Lord Flitmores fleiigen Momentaufnahmen
entgingen sie nicht.

Eine Art Hirschkfer fate einmal unversehens den Kapitn mit seinen
frchterlichen Kiefern mitten um den Leib. Der Lord war so eifrig beim
Photographieren, da er rasch auch dieses groartige Bild aufnahm, ehe
er dem Bedrohten zu Hilfe kam. Heinz Friedung hatte inzwischen durch
mehrere Schsse dem Scheusal den Garaus gemacht; aber die Zangen des
toten Tieres muten erst frmlich abgesbelt werden, ehe Mnchhausen
wieder befreit aufatmen konnte und seinen Humor wiedergewann.

Natrlich, gleich den fettesten Bissen mute sich dieser Schlecker
heraussuchen, scherzte er, whrend ihm noch der Angstschwei auf der
Stirne perlte.

Besonders in acht nehmen mute man sich auch vor den Heuschrecken und
Grashpfern, die wie Knguruhs umherschnellten.

Auch eine Art riesiger Ohrwrmer machte sich unangenehm.

In den Lften summten Mcken, Rsselfliegen und Bremsen mit
durchsichtigen Flgeln in Spatzen- bis Taubengre. Weit gewaltiger
waren die Wespen und Hummeln, die geflgelten Ameisen und die
stahlglnzenden Libellenarten. Die Riesen der Vogelwelt aber, wenn hier
von Vgeln geredet werden durfte, waren die Schmetterlinge, die ganz
entzckende Frbungen aufwiesen.

Jetzt aber kroch ein plattleibiges Ungetm heran mit langen Armen, an
deren Ende sich zwei gewaltige Zangen aufsperrten, gleichzeitig schwang
es den hoch ber seinen Rcken gebogenen vielgliedrigen Schwanz gegen
Lady Flitmore. Am Ende dieses Schwanzes befand sich ein scharfer
Stachel, der ber der Spitze stark verdickt war, offenbar eine Giftdrse
enthaltend.

Ein Skorpiondrache! schrie Mnchhausen und legte sein Gewehr an.

Doch wre er zu spt gekommen, wenn nicht Mietje selber mit groer
Kaltbltigkeit dem Angreifer eine Kugel direkt in die geblhte Giftdrse
gesandt htte, so da diese platzte, einen gelblichen Saft entleerend,
und der Stachel schlaff herabfiel.

Mit der einen Zange jedoch packte der Skorpion den Arm der jungen Frau.

Jetzt kam John zu Hilfe: er war mit einer Axt bewaffnet, um, wo es not
tat, die Wege zu bahnen. Mit einem wohlgezielten Hieb trennte er das
Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, der nun von weiteren
Angriffen abstand.

Mit groer Anstrengung gelang es dann dem Lord, die krampfhaft
geschlossene Zange aufzubrechen und den Arm seiner Gattin aus der Klemme
zu befreien. Aber eine schmerzhafte Quetschung trug die mutige Dame als
Andenken von dieser Begegnung davon.

Die meisten Waldriesen hatten weiche, biegsame, saftige, doch zhe,
elastische Stmme von enormem Umfang, es waren einfach gigantische
Kruter.

Es fanden sich aber auch Stauden, Bsche und Gestruche mit rohrartigen
Zweigen oder von uerst leichtem Mark erfllten Stengeln, und
schlielich Riesenfarne und Schachtelhalme. Wirkliches Holz jedoch war
nirgends vorhanden: alles entsprach in seiner leichten, losen Struktur
der geringen Dichte des Planeten.

Dementsprechend waren die kstlichen, saftigen Riesenfrchte fast
durchweg Beeren- und Schotenfrchte, teils mit Steinen, gleich den
Schlehen und Wacholderbeeren, teils den Himbeeren, Brombeeren und
Maulbeeren hnlich oder auch den Stachelbeeren; viele hingen in saftigen
Trauben herab oder in Bscheln als enorme Bananen und Bohnen; endlich
fanden sich noch haselnuartige Stauden mit hartschaligen,
kokosnugroen Nssen.

              [Illustration: Eine Nacht auf dem Saturn.]

Selbstverstndlich wurden all diesen Herrlichkeiten die Namen nur
vergleichsweise gegeben nach den irdischen Gewchsen, mit denen sie eine
besondere hnlichkeit aufwiesen; in Wirklichkeit unterschieden sie sich
nicht nur in der Gre, sondern auch in Form und Geschmack wesentlich
von allen Beeren der Erde, aber durchaus nicht zu ihrem Nachteil. Den
ersten Preis in Bezug auf Aroma und Gte erhielt nach einstimmigem
Urteil eine Art Kaktusfeige ohne Stacheln.

Die beiden Schimpansen lieen sich's wohl sein und kletterten berall
empor, wo eine Frucht lockte. Sie waren von Flitmore dazu dressiert, auf
Kommando ihre Beute herabzuwerfen, und das kam nun allen zu statten;
denn die meisten Frchte hingen so hoch, da sie vom Boden aus nicht zu
erreichen waren, und fr gewichtige Menschen war das Erklettern der
schwankenden, biegsamen und dabei meist sehr umfangreichen Stengel und
Rohre mit besonderen Schwierigkeiten verknpft.

Auch auf Kmpfe mit den verschiedenen Ungetmen des Urwalds lieen sich
die Affen ein, wobei sie manchen Heuschrecken- und Raupendrachen
erwrgten und Riesenspinnen und Tausendfler zerrissen oder totbissen.
Im Handgemenge mit den gepanzerten Kfern aber zogen sie meist den
Krzeren und trugen allerlei Wunden davon; doch wurden sie jedesmal
durch die Kugeln der Herren oder durch Johns Axt vor dem Erliegen
gerettet.




                     26. Ein Kampf um die Sannah.


Der Genu der aromatischen Beeren, die brigens mit den leuchtenden
Frchten der Tipekitanga nicht wetteifern konnten, wurde durch die
zahlreichen widerlichen und recht gefhrlichen Geschpfe beeintrchtigt,
die den sonderbaren Wald bevlkerten.

Aber noch etwas andres zwang unsre Freunde zu schleunigster Umkehr.

Das war ein wtender Orkan, der sich ganz unvermittelt erhob und unter
dessen Gewalt sich die Krautbume und Stauden bis zu Boden neigten und
so das Weiterkommen beinahe unmglich machten, ja die Wandrer in Gefahr
brachten, niedergeschmettert und erdrckt zu werden.

Das Getier flchtete sich zum Teil in Erdlcher, die zahlreich vorhanden
waren und der Ttigkeit der Rieseninsekten selber zuzuschreiben sein
mochten, zum Teil rettete es sich auf die Wipfel, in denen es sich
festkrallte, whrend der Sturm ber sie wegsauste, da alles wogte, wie
ein Meer.

Der Rckzug war schwierig und nicht ungefhrlich, und obgleich man gar
nicht weit in den Wald eingedrungen war, dauerte es doch lange, bis man
ihm wieder entrann; denn mit grter Vorsicht und unter vielen Umwegen
mute denjenigen Pflanzen ausgewichen werden, die sich so tief neigten,
da sie buchstblich den Boden peitschten.

So furchtbar der Sturm wtete, so knickten doch nur ganz wenige Stengel
ein, so elastisch pate sich diese zyklopische Pflanzenwelt den
Verhltnissen an.

Endlich war der Saum des Graswldchens erreicht, und aufatmend traten
unsere Freunde auf die kleine Lichtung hinaus, auf welcher die Sannah
vor ihren Blicken emporragte.

Sie gedachten, sofort im Innern des Fahrzeugs Schutz vor dem Orkane zu
suchen, der jetzt einen feinen, alle Kleider durchdringenden Sprhregen
niederwehte. Dieser Sprhregen, so fein verteilt er war, erfllte doch
die Luft mit einem undurchdringlichen Nebel, so da es noch vor
Sonnenuntergang ziemlich dster wurde und man den Eingang ins
Nordpolzimmer zu halber Hhe der Sannah, also 22 Meter hoch, nicht mehr
erblicken konnte.

Der Schimpanse Bobs, als der gelenkigste und zugleich naseweiseste und
rcksichtsloseste der ganzen Gesellschaft, turnte als erster an der
Strickleiter empor und war schon im Nebel verschwunden, ehe die andern
noch zur Stelle waren.

Bald vernahm man aus den verschleierten Hhen ein wtendes Gekreisch.

Hollah! Dort oben scheint nicht alles in Ordnung zu sein, rief
Flitmore: Es war auch ein unverantwortlicher Leichtsinn von mir, unsre
Sannah ohne mnnlichen Schutz in der Einsamkeit eines fremden Planeten
zurckzulassen.

Gleich darauf kollerte ein groer, doch offenbar nicht besonders
schwerer Krper an der Strickleiter herab.

Aha! Da hat sich scheint's ein solch scheulicher Saturnkfer dort oben
unntz gemacht, sagte der Kapitn: Nun, Bobs hat ihm das Unverschmte
seines Verhaltens grndlich klar gemacht und ihm den Kopf abgerissen,
da er nur noch lose mit dem widerlichen Leibe zusammenhngt.

Nennen Sie diese Geschpfe nicht scheulich und widerlich, schalt der
Professor: Sie sind hochinteressant! und er betrachtete liebevoll mit
wissenschaftlichen Augen den Mistkfer, der zu seinen Fen lag; denn
einem solchen war das Tier von der Gre eines Kalbes am ehesten
vergleichbar.

Das Gekreisch des Affen hrte inzwischen nicht auf, und bald sah man
Bobs mit klglicher Miene und blutenden Armen in eiliger Flucht sich an
der Strickleiter herabschwingen.

Oho! Da haben Sie's, Professor! rief Mnchhausen: Von Ihren
hochinteressanten Tieren haben sich scheint's noch mehrere in der Sannah
eingenistet! Ich schlage vor, da Sie sich sofort hinaufbegeben, da Sie
den Geschpfen so zrtliche Gefhle entgegenbringen. Da knnen Sie
Studien machen, ganz ungestrt; denn wir werden Ihnen erst folgen, wenn
Sie damit zu Ende sind und die Einbrecher als unschdliche Prparate
Ihrer Kfersammlung einverleibt haben.

Schultze machte ein langes Gesicht. Ne! Da traute er sich nicht hinauf,
obgleich er nichts sehen konnte als Nebel, da er emporschaute. Aber wenn
Bobs sich in die Flucht schlagen lie, dann war die Sache nicht geheuer.

Richten wir die Zelte wieder auf, der Sturm lt nach! sagte Flitmore
trocken. Der Orkan hatte smtliche Zelte umgerissen.

Das heit, wir sollen die Sannah zunchst ihrem Schicksal berlassen?
frug Heinz.

Es hat keinen Zweck, sich in diesem Nebel bei sinkender Nacht in eine
unbekannte Gefahr einzulassen und den Kampf mit wtenden Ungeheuern
aufzunehmen, erwiderte der Lord achselzuckend.

Aber gegen diesen Sprhregen schtzen keine Zeltwnde noch Decken, gab
der Kapitn zu bedenken: Wir sind schon bis auf die Haut durchnt und
Lady Flitmore knnte sich bei dieser Gelegenheit eine gefhrliche
Bronchitis zuziehen.

Wissen Sie denn berhaupt, ob es auf dem Saturn Krankheitsbazillen,
speziell Schnupfenbazillen gibt? warf Schultze ein.

Pah! Erklten kann man sich berall, behauptete Mnchhausen, und
davor schtzt einen ein trockenes Lager, nicht aber eine gelehrte
Bazillentheorie. Ich meinesteils, als alter Seebr, kann Nsse und kalte
Luft vertragen. Mir ist es nur um Sie und namentlich die zarte Lady.

Zarte Lady! lachte Mietje: Haben Sie mich in Afrika als Wachspuppe
kennen gelernt, da Sie mich meinen in Watte wickeln zu mssen?

Das nicht, aber damals waren Sie ein Burenmdchen, jetzt sind Sie eine
englische Schloherrin.

Doch nicht verweichlichter als damals: mein Burenblut konnte England
mir nicht rauben.

Dieses Zeugnis kann ich meiner Gattin ausstellen, besttigte Flitmore:
Sorgen Sie sich nicht um sie.

Allein, beharrte Mnchhausen, dem auch das nasse Lager trotz seiner
Seebrennatur, mit der er sich brstete, hchst unsympathisch erschien:
Allein, da der Professor doch einmal die Bazillenfrage aufwarf, wer
kann wissen, ob der Saturn nicht viel gefhrlichere Bazillen beherbergt
als die Erde? Vielleicht auch ganz riesige!

Beruhigen Sie sich, sagte Heinz pltzlich, ich werde das Abenteuer
wagen und hoffe das Ungeziefer dort oben auszurotten.

Seien Sie nicht tollkhn, junger Mann, warnte der Lord: Es hat keinen
Zweck. Warten wir bis morgen, bis wir die Sachlage bersehen knnen;
auch ist zu erwarten, da die Kfer dann freiwillig den Rckzug
antreten, schon um nach Nahrung zu suchen; denn im Nordpolzimmer finden
sie nichts, und die Zwischentren zu ffnen wird ihnen doch nicht
gelingen.

Ja, lassen Sie's bleiben, junger Freund, mahnte nun auch Schultze:
Bobs wre nicht geflohen, wenn die bermacht nicht zu gro wre.

Ich habe meinen Plan, bei dem ich nichts riskiere, entgegnete Heinz.
Tollkhnheit ist mir fremd; sehe ich, da Gefahr fr mich besteht, so
kehre ich um.

Na, na! drohte Mnchhausen: In Australien haben Sie mehr als einmal
gezeigt, da Sie keine Todesgefahr scheuen: ich traue Ihrer Vorsicht
nicht so ganz.

Lassen Sie mich nur machen, rief Heinz von der Strickleiter herab, an
der er bereits gewandt wie eine Katze emporklomm, um weitere
Errterungen abzuschneiden.

Ihm folgte der Schimpanse Dick, der eine besondere Freundschaft mit dem
jungen Mann geschlossen hatte, welcher sich stets gerne und frsorglich
mit dem Affen abgab.

Aber auch John kletterte empor, indem er Heinz nachrief: Ich gestatte
mir mit meiner Wenigkeit auch unbedingt Ihre Nachfolge anzutreten, indem
da wir zu dritt berechnungsweise mehr auszurichten imstande sein
drften, als wenn Sie mit Dick allein eine Schlacht inokulieren
wollten. Das sollte nmlich inaugurieren heien, was John als einen
vornehmeren Ausdruck fr das schlichte deutsche Wort beginnen erkannt
hatte.

Heinz erreichte die schwarz ghnende ffnung des Nordpolzimmers. Es war
vllig Nacht geworden und man konnte nichts im Innern des Raumes
erkennen, wohl aber hrte man ein Durcheinanderkrabbeln, Knarren und
Zirpen, das bekundete, da da drinnen eine ganze Anzahl ungebetener
Gste sich eingenistet hatte und es nicht geraten gewesen wre, sich in
Nacht und Finsternis in ihre Nhe zu wagen.

Dies hatte er auch vorerst nicht im Sinn; vielmehr ergriff er nun eine
der Rampen, die das Weltschiff gleich Meridianen in seinem ganzen Umfang
umgaben und sich in seinen Scheitelpunkten kreuzten.

Das Emporsteigen an der Rampe auf der glatten, gewlbten Oberflche der
Kugel war fr einen Menschen nicht ungefhrlich; allein die Dunkelheit,
die jedes Gefhl des Schwindels ausschlo, begnstigte das Wagnis und
Heinz war ein gewandter Turner. Auch John Rieger fand keine
unberwindliche Schwierigkeit in der Kletterei, Dick, der Affe, vollends
nicht: dem war es ein Spa.

So langten denn alle drei wohlbehalten oben an, wo sie in einer Hhe von
45 Metern ber dem Saturnboden auf dem hchsten Punkte der Sannah
standen, also ber deren Zenithzimmer.

Tastend fand Heinz den elektrischen Drcker zu seinen Fen, der die
ffnung der Luke von auen ermglichte und nun stiegen sie auf der hier
mndenden Leitertreppe in den dunkeln Raum hinab, die Lucke hinter sich
wieder schlieend.

Zunchst drehte Heinz das elektrische Licht auf und sagte zu John: Vor
allem nehmen wir jeder einen der Gummisthle mit, das sollen treffliche
Schutzschilde gegen die Zangen und Kiefer der Unholde sein.

Aber dann drfte mit Verlaub das Schieen darunter notleidend werden,
gab der Diener zu bedenken. Insofern zum wenigsten ich meinesteils das
Schieen mit einem einzigen gebrauchsfhigen Arm fertigzubringen der
unumgnglichen Fhigkeit entbehre.

Wir schieen auch nur im uersten Notfall, Freund. Es ist so eine
Sache, mit einem weittragenden Gewehr in einem geschlossenen Raum zu
schieen; wenn auch die Kugeln angesichts der dicken Kautschukpolster an
den Wnden nicht zurckprallen drften, so knnten wir doch
Beschdigungen und Verwstungen anrichten, die wir besser vermeiden.

Aber da wren doch sozusagen Revolver im Waffenschrank, der sich dahier
befindet.

Ausgezeichnet! Mit denen knnen wir das Schieen eher wagen. Stecken
wir uns jeder solch ein Ding in den Grtel; aber zuvor laden! Und jetzt,
unsre Hauptwaffe mu ein Hirschfnger sein; den nehmen wir in die rechte
Hand.

Ich wrde mit Ihrer gtigsten Gestattung, sofern Sie nichts
Wesentliches dagegen einzuwenden haben sollten, das Dolchmesser lieber
auch in den Grtel zu stecken vorziehen und diese Tomashacke, das
indianische Beil, zur Hand nehmen, da allerlei praktische
Waffengertschaften aus aller Herren Lndern in diesem Kasten sich in
Vereinigung befinden, indem da ich mit dem Beilhieb besser umzugehen
vermag als mit dem Dolchsto.

Wie du willst, John, und den Revolver gebrauchen wir nur im Notfall;
mit dem wirst du wohl einhndig schieen knnen?

Dieses zu bejahen werde ich mir wohl schmeicheln drfen, indem da ich
andernfalls mich als einen ganz besonderen Tollpatsch ausweisen wrde.

Also! Jetzt in den Gang nach dem Nordpolzimmer! Ich gehe voran, Dick
folgt mir und du schliet die Tre, nachdem du das Licht ausgedreht
hast; inzwischen erleuchte ich den Korridor. Wenn wir in das
Nordpolzimmer kommen, mache ich zuerst Licht dort: das wird die Biester
zunchst so blenden und verblffen, da sie uns nicht gleich angreifen
werden.

Ehe Heinz die Tre ffnete, die vom Gang in das Nordpolzimmer fhrte,
lschte er das elektrische Licht im ersteren, so da alles dunkel war,
als er den Raum betrat. Dies tat er vorsichtig, sich hinter dem
Gummisessel deckend und daran hatte er gut getan; denn hart an der Tre
stand ein Tier, das er erst fortdrngen mute. Hiezu galt es alle Kraft
einsetzen, denn der Sechsfler sperrte sich gewaltig.

Jetzt drehte der junge Held das elektrische Licht auf und zwar alle
Lampen rasch nacheinander, so da blendende Helligkeit den Raum
berflutete.

Rasch bersah er die Sachlage. Ein Dutzend Panzerkfer von der Gre
halbwchsiger Klber hatte sich in der Stube eingenistet; auer ihnen
befanden sich aber auch vier mchtige Asseln im Zimmer, die Heinz wegen
ihrer Gelenkigkeit und Behendigkeit mehr Sorge machten als die Kfer mit
ihren Zangen und Kiefern.

Dick gab das Zeichen zum Angriff: beherzt sprang er hervor und setzte
auf den Rcken einer Assel die sich unter seinen wrgenden Griffen und
reienden Ngeln und beienden Zhnen krmmte und wand, ohne ihm jedoch
beikommen zu knnen: der Schimpanse machte ihr rasch den Garaus.

Die Kfer standen, wie Heinz richtig vermutet hatte, zunchst geblendet
und regten sich nicht. Wie abwehrend stemmten sie die Vorderbeine und
sperrten die Kiefer auf.

Jetzt drauf! kommandierte der junge Mann und strzte auf den nchsten
Feind los, ihm den Hirschfnger zwischen die Halsplatten stoend.

John schwang indessen sein Tomahawk oder seine Tomashacke, wie er sich
ausdrckte; er hatte den Schild, der ihn behinderte, weggeworfen und
spaltete zunchst einer Assel den weichen Kopf, whrend Dick, der den
Kampf mit den Asseln einem Angriff auf die panzergeschtzten Kfer
vorzuziehen schien, soeben die dritte zu zerfetzen begann.

Es schien eine vllig gefahrlose Schlacht zu geben, denn schon waren
acht der Ungeheuer kampfunfhig gemacht und ein neuntes war zur Lucke
hinaus entwichen, ohne da die Helden mehr als ein paar Quetschungen
davongetragen hatten. Auerdem lagen drei Asseln tot und die vierte war
nicht mehr zu sehen.

Nur noch drei Feinde! jubelte Heinz: Der Sieg ist unser!

Allein er frohlockte zu frh, gerade diese letzten Gegner sollten noch
schwere Arbeit machen; ihre Augen hatten sich an das Licht gewhnt und
sie waren auf ihrer Hut.

Mit dem einen befand sich Dick in verzweifeltem Kampf. Der Kerl war auf
den Rcken gefallen, aber mit den krftigen Zangen seiner sechs
zappelnden Beine hielt er den Affen fest, kneipte und zwickte den laut
kreischenden Vierhnder und schnappte mit den Kiefern nach ihm.
Vergeblich suchte der Schimpanse, loszukommen; htte er sich befreien
knnen, er htte nur noch an den Rckzug gedacht, wie zuvor Bobs. Er bi
wtend um sich und zerbrach mit den Vorderhnden dem Scheusal zwei
Beine, aber von hinten wurde er im Schraubstock festgehalten.

Der zweite Kfer war zum Angriff auf Heinz bergegangen. Dieser hatte
sich in seiner Siegesgewiheit dessen nicht versehen und alle Vorsicht
auer acht gelassen; er hatte bisher so leichtes Spiel gehabt.

Unglcklicherweise umfaten die Kiefer des Angreifers gerade seinen
Hals: sie waren wohl nicht imstande, ihn zu durchbeien, wohl aber, ihn
derart zusammenzupressen, da der rmste erwrgt wurde. John, John, zu
Hilfe! konnte er nur noch mit erstickter Stimme sthnen, dann entfiel
ihm der Hirschfnger, mit dem er seinem Gegner einen schwachen Stich
versetzt hatte.

Aber John war auerstande, Hilfe zu bringen: auch er befand sich in
einer ekligen, wenn auch zunchst nicht lebensgefhrlichen Klemme. Am
rechten Arm gepackt, konnte er sein mrderisches Beil nicht mehr
gebrauchen und tastete mir der Linken krampfhaft nach dem Revolver in
seinem Grtel.

In diesem Augenblick hchster Not erschien Flitmore in der Lucke,
gefolgt von Schultze. Die Sorge um Heinz und John hatte ihnen keine Ruhe
gelassen. Im Emporklettern wre es brigens dem Lord beinahe schlimm
ergangen, denn er stie mit dem flchtenden Kferriesen zusammen,
der ihn fast zu Fall brachte; doch gelang es ihm, das Tier
hinunterzustrzen.

Ein Blick zeigte ihm nun, da die Hauptarbeit getan war, da aber auch
Heinz in dringendster Lebensgefahr schwebte. Er eilte, den Mrder zu
kpfen und dann die Zangen des abgetrennten Kopfes gewaltsam von seines
jungen Freundes Hals zu lsen. Nun stellte er Wiederbelebungsversuche an
dem Ohnmchtigen an.

Indessen war es John gelungen, durch einige Revolverschsse auch seinem
Feinde das Lebenslicht auszublasen und dann mit Mhe seinen Arm aus der
Klemme zu befreien.

Der Professor war inzwischen dem Affen zu Hilfe gekommen, der
schleunigst den unheimlichen Ort verlie, obgleich die Gefahr nun
vorber war.

Und doch! sie war es noch nicht ganz: auf einmal erscholl ein Schrei des
Entsetzens aus Schultzes Munde.

Die vierte der Asseln, die verschwunden schien, war nur an der Wand
hinauf gekrochen und strzte pltzlich von der Decke herab auf den
Professor; nicht aus bswilliger Absicht, -- sie hatte einfach den Halt
verloren.

Aber was tat dies zur Sache? Der unglckselige Gelehrte fhlte sich von
einem dicken, ringelnden Leib umwunden, von zahllosen, kribbelnden Fen
umfat und whnte sein letztes Stndlein gekommen.

Nun aber kamen John und Flitmore gleichzeitig herbei und machten das
letzte der Scheusale bald unschdlich, dessen zerstckelter Leib sich,
mit den enggereihten Beinen zappelnd, am Boden krmmte.

Heinz war wieder zur Besinnung gekommen und griff sich an den Hals; er
hatte das Gefhl, als presse eine furchtbare Zange ihn immer noch
zusammen. Da war aber nichts mehr vorhanden, nur die Nachwehen des
Drucks hatten ihm dies vorgetuscht. Bald atmete er auch wieder leichter
und konnte sich allmhlich erheben.

Da trat Mietje mit gezcktem Dolch durch die Auentre ein: sie fand zum
Glck keine Arbeit mehr fr ihre Waffe. Hinter ihr tauchte Mnchhausen
pustend und schweitriefend auf, so hastig war er emporgeklettert, um
den Freunden auch seinerseits Beistand zu leisten.

Nanu, da komme ich ja wohl zu spt, keuchte er: Schade, schade, da
sich niemand in Lebensgefahr befindet, es wre mir ein Vergngen und
eine Ehre gewesen, ihn zu retten.

Sie haben jetzt das Recht zu scherzen, sagte der Lord, aber unserm
heldenmtigen Freund, Heinz Friedung, ging es diesmal buchstblich an
den Kragen und um ein Haar, so wre es um ihn geschehen gewesen.

Wahrhaftig! Sie sind ja ganz blau im Gesicht, wandte sich der Kapitn
mit lebhafter Teilnahme an den Geretteten, und Ihr Hals zeigt
Strangulationsspuren. Wir mssen Ihnen schleunigst einen Grog brauen!

Die Tierleichen wurden jetzt hinausgeworfen und mglichst alle die
widerlichen Spuren des Kampfes entfernt; dann holte John die Zelte
herein und auch die Affen trauten sich wieder in die Sannah und halfen
beim Transport.

Die Kmpfer aber wuschen sich und zogen sich um, worauf im Zenithzimmer,
fern vom Schlachtfeld, das Nachtmahl eingenommen wurde.




                      27. Vom Kometen entfhrt.


Wir wollen eine andre Gegend des groen Planeten aufsuchen, schlug
Flitmore andern Tags vor.

Das ist ein guter Gedanke, sagte Schultze beifllig: Ich sehe selber
ein, die Tierwelt hier in den Tropen ist eklig und unangenehm, so
hochinteressant sie auch erscheint. Wohl mglich, da andre Breiten neue
Wunder und weniger Schrecken offenbaren.

Zunchst wurden noch reichlich Frchte, besonders Nsse eingesammelt und
in die Sannah verbracht, wute man doch nicht, ob der nchste
Landungsplatz ebenso fruchtbar sein wrde.

Dann wurden einige leere Behlter mit dem Wasser des Bchleins gefllt,
das sich als herrliches und bekmmliches Trinkwasser erwiesen hatte. In
Eimern wurde es an einem Flaschenzug emporgewunden.

Auch diese Vorsicht wurde gebt, weil man nicht voraussehen konnte, wie
es mit den Trinkverhltnissen an anderm Orte bestellt sei.

Hoffentlich entdecken wir auch die Saturnmenschen, das heit
vernnftige Wesen gleich uns, uerte Mietje: Ich kann mir doch nicht
denken, da ein so ungeheuer groer Weltkrper, der alle
Lebensbedingungen fr menschliche Wesen bietet, nicht auch von solchen
bewohnt sein sollte!

Wenn diese Menschen wie die Pflanzen- und Tierwelt der Dichtigkeit des
Planeten angepat sind, scherzte Mnchhausen, so mssen sie uerst
leichtfig sein, und dann besteht fr uns die Gefahr, da sie uns als
lstige Auslnder ausweisen.

Das wrde wenigstens Ihnen drohen, Freund Hugo der Dicke, meinte
Schultze: Der lstigste Auslnder sind zweifellos Sie und die
Saturniten knnten es mit Recht als eine schwere Bedrohung ihres
leichten Planeten ansehen, wenn er mit so lstigen Lasten belastet
wird.

Au! rief Mnchhausen: Solche Kalauer bringt doch nur ein geborener
Berliner fertig. Ganz der Schultze aus dem Kladderadatsch!

Ernstlich geredet, begann der Professor wieder, glaube ich nicht an
die Saturniten, da wir bisher auch nicht die Spur von Menschenwerken
entdeckten, auch die langen Winter und Sonnenfinsternisse den Aufenthalt
dahier nicht besonders menschlich gestalten.

Ich neige zu Lady Flitmores Ansicht, widersprach ihm Heinz: Die
Menschen knnten ja eben diesen Verhltnissen angepat sein, vielleicht
sind auch die langen Winter gar nicht besonders streng. Und was die
menschlichen Spuren anbelangt, so ist ja die Saturnwelt so ungeheuer
gro im Vergleich zu der Erde, da es rein nichts besagen will, da
einzelne Gegenden sich als unbewohnt, vielleicht von den Saturniten noch
unerforscht erweisen.

Es steht Ihnen natrlich frei, Ihre eigene Ansicht hierber zu haben,
entgegnete Schultze: Aber mit was wollen Sie dieselbe begrnden? Eine
unbegrndete Theorie schwebt in der Luft.

O, ich begrnde sie genau wie unsre Lady. Darin sind wir ja doch alle
einig, da diese Wunderwelten mit ihren Pflanzen und lebenden Wesen nur
durch den Willen eines persnlichen und vernnftigen Schpfers
hervorgerufen worden sein knnen?

Natrlich! Darber ist kein Wort zu verlieren, ereiferte sich
Schultze. Da unpersnliche Krfte Persnlichkeiten hervorzauberten und
die vernnftige Weltordnung das zufllige Erzeugnis der
Vernunftlosigkeit ist, solchen Bldsinn zu glauben wollen wir dem
Halbgebildeten und Denkschwachen berlassen.

Also! fuhr Heinz fort: Ein persnlicher, vernnftiger Schpfer wird
nichts ohne Zweck und Bestimmung schaffen. Der Mars zum Beispiel war von
menschenhnlichen Wesen bewohnt; er scheint seine Bestimmung vorerst
erfllt zu haben, um auszusterben, vielleicht nur, damit er in spteren
Zeiten unter gnstigeren Lebensbedingungen einem neuen Geschlecht eine
Wohnsttte biete. Der Saturn, der fast 3000mal so gro ist wie der Mars
und vernnftigen Wesen weit bessere Lebensbedingungen zu bieten scheint,
kann doch unmglich blo als Aufenthalt der Rieseninsekten vom Schpfer
gedacht worden sein?

Bravo! So meinte ich's, spendete Mietje ihren Beifall.

Erlauben Sie mir, beiden Parteien recht zu geben, mischte sich der
Lord in den Streit: Nordamerika war Jahrtausende lang sehr dnn
bevlkert und wies ungeheure unbewohnte Lnderstrecken auf, die den
Menschen doch ausgezeichnete Lebensbedingungen boten; heute hat es eine
sehr dichte Bevlkerung, und das war jedenfalls seine Bestimmung.
Dieselbe Bestimmung drfen wir fr Kanada annehmen, das sich erst in
unsern Tagen etwas mehr zu bevlkern beginnt; desgleichen weist
Sdamerika noch die herrlichsten Besiedelungsflchen auf, die zur Zeit
vllig oder doch beinahe menschenleer sind.

Daraus sehen wir nur, fiel Mietje ein, da die Bestimmung der
bewohnbaren Lnder sich erst im Laufe der Zeiten erfllt.

Ganz richtig, meine Liebe! Wenn ihr also mit Recht sagt, Saturn ist fr
menschenhnliche Wesen bewohnbar und ist also offenbar fr solche
bestimmt, so knnt ihr daraus noch lange nicht folgern, da er zur Zeit
auch schon seine Bestimmung erfllt, das heit, da jetzt solche Wesen
auf ihm leben mssen. Er kann eine Welt sein, die fr sptere
Besiedelung vorbehalten ist. Vielleicht werden bald seine Ringe vollends
in Trmmer gehen und auf seine Oberflche herabstrzen, so da einmal
die leidigen Sonnenfinsternisse ein Ende haben. Vielleicht wird dadurch
auch seine Umlaufszeit beschleunigt; dann hindert nichts, da er von der
Erde aus bevlkert wird, nachdem nun die Mittel gefunden sind, binnen
weniger Tage ihn zu erreichen.

Dagegen ist nichts einzuwenden, meinte Schultze. Aber, werter Lord,
da wir nun zur Abfahrt bereit sind, um eine andre Gegend des Saturn zu
besuchen, bitte ich, diesmal mir den Beobachtungsposten anzuweisen. Ich
werde mich bemhen, den meistversprechenden Landungsplatz auszuwhlen.

Halt, halt, Professorchen! warnte Mnchhausen: das halten Sie nicht
aus. Ich sage Ihnen, da werden Sie zwischen Plafond und Hngematte hin-
und hergeworfen, da Ihnen alle Knochen mrbe werden, da Sie mit keinem
so ausgepolsterten, federnden Leib gesegnet sind, wie ich. Sie sind eine
Landratte und werden jmmerlich seekrank, das drfen Sie mir glauben.

Ach was, Landratte! Glauben Sie denn, ich knne keine schaukelnde
Bewegung vertragen? Bin ich etwa zu Lande nach Amerika, Afrika, Asien
und Australien gereist?

Na! probieren Sie's; aber Sie werden noch an mich denken!

So begab sich der Professor in die Hngematte des Antipodenzimmers und
gab das Zeichen zur Abfahrt, worauf er alsbald aus dem Netze flog und
mit der Nase auf das Fenster zu liegen kam. Bei jedem Zeichen, das er
gab, wechselte er seine Lage zwischen Matte und Zimmerdecke; aber
mannhaft ertrug er das Ballspiel, das die Sannah mit seinem Krper
auffhrte, und fand die jedesmalige Vernderung der Perspektive
hochinteressant.

Aber, was war das? Pltzlich verschwand der Saturn wie ein Blitz unter
ihm und war nirgends mehr zu sehen!

Schultze rieb sich die Augen, er strengte seine ganze Sehkraft an:
entzog ihm nur der pltzliche Einbruch der Nacht den Anblick des
Planeten? Aber die Sannah hatte sich ja beim Aufstieg auf der
Tagesseite, zwischen der Sonne und der Saturnbahn befunden: so lange die
Fliehkraft eingeschaltet war, mute der Planet dem Weltschiff stets die
sonnbeschienene Seite zukehren, weil er sich unter ihm drehte, ohne da
es an seiner Rotation teilnahm.

Bei stndig geschlossenem Strom htte es immerhin einige Stunden dauern
mssen, bis die Nacht eingetreten wre.

Das also konnte es nicht sein, und doch war weit und breit nichts zu
sehen als der dunkle Weltraum; die Sonne leuchtete ja der Sannah auf der
andern Seite, im Antipodenzimmer herrschte tiefste Nacht.

So verblfft war der Professor durch dieses vllig unerwartete und
unerklrliche Ereignis, da er lange Zeit nur seine Augen und sein
Gehirn anstrengte, ohne weder etwas sehen zu knnen, noch des Rtsels
Lsung zu finden.

Endlich fiel ihm ein, da das Vernnftigste wre, rasch den Strom
unterbrechen zu lassen, damit die Sannah durch die Wirkung der
Anziehungskraft womglich dem verschollenen Gestirn wieder nahe komme.

Er gab das entsprechende Zeichen mehrmals: ganz umsonst! Ruhig blieb er
im Netze liegen, der Schwerpunkt der Sannah blieb unverndert im
Mittelpunkt des Fahrzeugs.

Da mute etwas nicht in Ordnung sein, vielleicht gelang es dem Lord
nicht, die Fliehkraft abzustellen.

Was ist denn los dort unten? fragte jetzt Flitmores Stimme durch das
Telephon.

Ich mchte fragen, was dort oben los ist? frug Schultze zurck: Der
Saturn ist verschwunden, vllig weg! Warum unterbrechen Sie den Strom
nicht?

Er ist unterbrochen! Ich stellte ihn ab, gleich bei Ihrem ersten
Zeichen.

Dann funktioniert Ihr Schaltungsapparat nicht mehr!

Doch! Er ist vllig in Ordnung. Da mu etwas andres im Spiele sein;
kommen Sie nur herauf.

Kopfschttelnd stieg der Professor aus der Hngematte und begab sich,
zuerst absteigend, dann vom Zentrum an aufsteigend, in das Zenithzimmer.

            [Illustration: Die Sannah im Kometenschweif.]

Hier hatten die Reisenden gleich seit Beginn der Abfahrt ein ganz
einzigartiges Schauspiel genossen: trotz des blendenden Sonnenscheins
stand der Komet strahlend am Tageshimmel und bot als ein ungeheurer
Schweifstern einen entzckenden Anblick.

Flitmore hatte vorgeschlagen, dem Kometen einen Namen zu geben.

Die Astronomen auf Erden haben ihn ja zweifellos schon benannt, sagte
er, aber wir wissen nicht wie und haben vorerst das Recht, ihm zu
unserm Hausgebrauch einen Privatnamen zu geben.

Man kam berein, da er Amina heien solle, zu Ehren einer treuen
Somalinegerin, mit der man in Afrika so mannigfache Abenteuer bestanden
hatte.

Merkwrdigerweise schien der Komet immer nher zu kommen und die Sonne
immer ferner zu rcken. Einige leuchtende Krper, gleich Planetoiden,
sausten an der Sannah vorbei.

Inzwischen gab Schultze wieder einmal ein Zeichen; Flitmore stellte den
Zentrifugalstrom ab. Bald darauf aber ertnte das gleiche Zeichen
wiederholt.

Der Professor kennt sich nicht mehr aus mit den Zeichen, lachte
Mnchhausen.

Und nun kam es zu dem Telephongesprch, infolge dessen Schultze sich
hinaufbegab.

Als er eingetreten war, wurden seine auffallenden Beobachtungen lebhaft
besprochen, ohne da man jedoch eine Erklrung fand.

Nehmen wir unser Mittagsmahl ein! schlug Mnchhausen vor: Ein
ordentliches Essen schrft den Verstand.

Der Professor beobachtete vor und whrend der Mahlzeit den merkwrdigen
Kometen; dann begab sich Heinz ins Antipodenzimmer und berichtete durchs
Telephon, da vom Saturn nichts zu sehen und alles in Dunkel gehllt
sei.

Ich hab's! rief Schultze: Wir stecken mitten im Kometenschweif und
werden mit ihm fortgerissen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die
alle menschliche Fassungskraft bersteigt.

Hollah! rief Flitmore: Sie mgen recht haben! Beeilen wir uns, die
Fliehkraft wieder einzuschalten, da wir nicht gar auf den Kern der
Amina strzen.

Und alsbald schlo er den Strom.

Aber die Wirkung war eine vllig unerklrliche: Die Sannah schien sich
dem Kopf des Kometen noch betrchtlich zu nhern; dann blieb sie
scheinbar unbeweglich an einem Fleck.

Dies konnte man daraus schlieen, da einige Meteorstcke, die sich nun
ganz in ihrer Nhe befanden, stets die gleiche Entfernung von ihr
beibehielten.

Dieser scheinbare Stillstand, erklrte der Professor, beweist
lediglich, da wir samt jenen Meteoriten, die einen Bestandteil des
Kometenschweifes bilden, unaufhaltsam im Schweife der Amina mit
fortgerissen werden.

Der Lord machte noch einige Versuche mit Ein- und Ausschalten des
Stroms, aber diese hatten nur geringe Lagevernderungen der Sannah zur
Folge: Der Komet schien sie an einem unsichtbaren Faden festzuhalten.

Trotz der genauesten Untersuchung war nichts zu entdecken, das darauf
htte schlieen lassen, da die Fliehkraft irgendwie nicht mehr richtig
in Ttigkeit war.

Niemand wute Rat, niemand fand eine Erklrung.

Schlielich lie Flitmore den Strom endgltig eingeschaltet, als
sicherstes Mittel, einen Zusammensto zu vermeiden und vielleicht, nach
berwindung des rtselhaften Widerstands, vom Kometen loszukommen.

Die Sannah wird vom Kometen regelrecht entfhrt, daran ist nicht zu
zweifeln! sagte er. Ergeben wir uns in unser Schicksal, bis vielleicht
einem von uns eine Erleuchtung kommt oder ein ebenso unbekannter Umstand
uns aus der fatalen Lage befreit.

Die Sannah vollendete ihre Rotation und im Zenithzimmer ward es Nacht.

Nachdem die Wachen verteilt waren, begab man sich mit gemischten
Gefhlen zur Ruhe.




             28. Die Geheimnisse der uersten Planeten.


Andern Tags kreuzte der Komet Amina, mit der Sannah in seinem Gefolge,
die Bahn des Planeten Uranus, der am 13. Mrz 1781 von Herschel entdeckt
wurde.

Uranus ist etwa doppelt so weit von der Sonne entfernt, wie Saturn,
belehrte Schultze, nmlich zirka 2850 Millionen Kilometer. Er ist 90mal
so gro wie unsere Erde und wird von der Sonne nur schwach erleuchtet
und erwrmt, da er 400mal weniger Sonnenlicht empfngt als die Erde, was
aber immerhin noch 1500 Vollmonden gleichkommt. Er erscheint
gleichfrmig und dster und ist wahrscheinlich heiflssig und daher
etwas selbstleuchtend. Seine Dichte ist nahezu die des Wassers und die
Schwerkraft betrgt auf ihm ein Zehntel weniger als auf unserm irdischen
Planeten.

Er besitzt vier uerst kleine, lichtschwache Monde mit rcklufiger
Bewegung, das heit, sie drehen sich um ihn von Westen nach Osten. Die
Sonne erscheint ihm 360mal kleiner als der Erde.

Sein quator scheint nahezu senkrecht zu seiner Bahnebene zu stehen, so
da die Pole in der Bahnebene selber liegen und jeder Punkt auf diesem
Weltkrper das gleiche Klima bese; allerdings ein Klima, das auch auf
jedem Punkte den auerordentlichsten Schwankungen unterliegt, denn der
lngste Tag dauert bei 5 Grad Breite 2-1/3 Erdenjahre und bei 90 Grad
gar 49 Erdenjahre!

Die Sannah kam dem Uranus ziemlich nahe, aber vergebens hoffte Flitmore,
bei Abstellung der Zentrifugalkraft durch die Anziehungskraft des
Planeten von der Amina losgerissen zu werden: der Kometenschweif ri das
Weltschiff unentwegt mit sich fort.

Doch konnte Schultze wenigstens einige neue Entdeckungen machen: er fand
einen Mond des Uranus, und zwar den von Herschel 1787 entdeckten Oberon,
mit einem Ring umgeben, hnlich dem Saturn, eine vllige Neuheit auf
astronomischem Gebiete; ferner entdeckte er zwei weitere, sehr kleine
dunkle Monde, deren einer zwischen Oberon und Titania, der andre
zwischen Ariel und Umbriel kreiste, den zwei innersten Monden, die
Lassell 1846 entdeckt hatte.

Nach weiteren zwanzig Stunden schnitt der Komet bereits die Neptunbahn.

Neptun, erluterte der unermdliche Professor, ist weiter von der
Sonne entfernt als Saturn und Uranus zusammengenommen, nmlich an die
4470 Millionen Kilometer.

Galle in Berlin entdeckte diesen uersten Planeten unsres Sonnensystems
nach den Berechnungen, die sich aus den Strungen der Uranusbahn
ergaben, und die Adams und Leverrier angestellt hatten. Die Entdeckung
Neptuns machte dem Bodeschen Gesetz von dem Verhltnis der
Planetenentfernungen entgltig ein Ende, obgleich es durch die
Entdeckung der Planetoiden so schn besttigt worden war. Es half nun
alles nichts: es stimmte einfach nicht mit der Entfernung des neuen
Planeten.

Neptun scheint nur einen Mond zu besitzen, hat anderthalbfache
Wasserdichte und ist von einer wolkigen Atmosphre umgeben. Er empfngt
tausendmal weniger Sonnenlicht als die Erde, dafr ist sein Mond, der
sich rcklufig bewegt, grer und heller als die Uranusmonde; er
umluft den Neptun in 5 Tagen, 21 Stunden und 4 Minuten. Der Planet
selber soll sich in heiflssigem Zustande befinden.

Dem Neptun kam die Sannah nicht so nahe, wie dem Uranus; dennnoch
konnten drei weitere kleine Monde entdeckt werden, von denen zwei sogar
rechtlufig waren: eine neue Gesetzwidrigkeit!

Mit Neptun hrt unser Sonnensystem auf und auch in 10000facher
Entfernung ist nichts mehr vorhanden als der leere Weltraum, den nur
Kometen und Meteoriten noch durchkreuzen.

So lautete Schultzes Schlubehauptung; aber er hatte sich geirrt: in
anderthalbfacher Neptunentfernung von der Sonne fand sich eine zehnte
Planetenbahn und die Weltreisenden sichteten einen dunklen Planeten, der
wenig grer als die Erde sein mochte und der eine starke Libration
aufwies.

Getreu der Sitte, die Planeten des Sonnensystems mit rmischen
Gtternamen zu bezeichnen, nannte Flitmore das neue Gestirn Vulkan,
und zwar wegen seines hinkenden Gangs, wie er sich ausdrckte.

Leider konnte der Planet wegen seiner Entfernung und der rasenden
Geschwindigkeit, mit welcher der Kometenschweif die Sannah mit sich
fortri, nicht nher untersucht werden.




                    29. Eine Reise ins Unendliche.


Die Sannah kreiste in unendlicher Finsternis; die Sonne stand nur noch
als kleiner Stern am Himmel, ihre Planeten waren mit dem bloen Auge
nicht mehr sichtbar.

Der Komet allein verbreitete Licht und erhellte die ihm jeweils
zugekehrte Seite des Weltschiffs. Seinen Schweif hatte er bald nach
Verlassen des Sonnensystems mehr und mehr wieder an sich gezogen, und
mit ihm die Sannah, die ihn nun als Trabant in geringer Entfernung
umkreiste, und von seinem gewaltigen Kerne auer dem Licht auch mige
Wrme empfing.

Je weiter sich ein Komet von der Sonne entfernt, desto geringer wird
seine Geschwindigkeit, begann Schultze eines Tages. Das ist die Regel,
die ich anfangs auch fr die Amina besttigt fand. Inzwischen ist aber
die Geschwindigkeit unsres Kometen wieder so rasend gewachsen, da sie
alle Begriffe bersteigt und die des Lichts weit bertrifft.

Bedenken wir, da die Ngel an unsern Hnden und Fen nur ein
Tausendmillionenstel Millimeter in der Sekunde wachsen, whrend in der
gleichen Zeit eine Schnecke 15 Tausendstel Millimeter zurckzulegen
pflegt, ein Fugnger gar 1-1/10 Meter, so sehen wir, da ein Mensch im
Verhltnis zum Wachstum seiner Ngel viel rascher vorwrtskommt als
unser Komet im Verhltnis zu einem gewhnlichen Fugnger, bemerkte
Flitmore lachend.

berhaupt, was ist Geschwindigkeit? fragte Mnchhausen. Alles ist nur
verhltnismig; ein Floh bertrifft an Behendigkeit die Schnecke wie
die Schwalbe den Kapitn Hugo von Mnchhausen.

Da haben Sie recht! stimmte der Professor lachend zu. Eins bertrifft
das andre, so ist es auch in der geflgelten Welt: Der Geier legt in der
Sekunde 15 Meter zurck, die Wachtel 17, die Brieftaube 27, der Adler
31, die Fliege 53, die Schwalbe 67, die Seglerschwalbe gar 89 Meter. Die
Elektrizitt durchluft den Kabeldraht mit einer Eile von 4000
Kilometern pro Sekunde, der Voltastrom leistet das Dreifache und in
einer oberirdischen Telegraphenleitung erreicht die Elektrizitt gar die
Geschwindigkeit von 36000 Sekundenkilometern. Das Licht pflanzt sich im
Wasser mit 22500 Kilometern Sekundengeschwindigkeit fort, in der Luft
mit 100000 und im Weltraum mit 300000 Kilometern. Und doch braucht es
vom nchsten Fixstern bis zur Erde 4 Jahre.

Nun schtze ich jedoch, da unser Komet etwa das 50fache der
Lichtgeschwindigkeit erreicht, so da er uns innerhalb fnf Wochen in
die Fixsternwelt tragen wrde! Was bedeutet dagegen der sogenannte
Ausreierstern mit seinen 300 und der groe Stern im Arktur mit seinen
4-500 Sekundenkilometern?

Wenn uns nur die Luft solange vorhlt, meinte Mietje bedenklich.

Wenn es richtig ist, was der Professor ausrechnet, da wir in fnf
Wochen, oder sagen wir auch in zehn, zu den Fixsternen gelangen, so
wird, wenn keine besonderen Umstnde eintreten, unser Sauerstoffvorrat
reichen, beruhigte sie der Lord. Wenn wir dann nur vom Kometen
loskommen und auf einem wohnlichen Stern mit gesunder Luft zu landen
vermgen.

Hurrah! Es geht zu den Fixsternen! rief Heinz begeistert. Das htte
ich mir doch nie trumen lassen.

Ja, wir reisen in Gottes Wunderwelt, bemerkte Flitmore nachdenklich.
Nun denn! Hat uns nicht der Schpfer seinen Boten aus der Unendlichkeit
gesandt, uns in's Schlepptau zu nehmen? Vertrauen wir ihm, da er uns
behtet auf einer Fahrt, wie sie noch kein menschliches Wesen gemacht
oder auch nur fr denkbar gehalten hat.

Schultze entnahm dem Bcherschrank einen dicken Band und sagte:

Hier haben Sie ein Werk, edler Lord, das uns wenig Vertrauen zu unsrer
Reise machen drfte, falls sein Verfasser recht behielte.

Flitmore warf einen Blick auf das Buch und zuckte die Achseln: Die
Weltmaschine von Karl Snyder, ja, ja! Das ist so einer von den kleinen
Geistern mit engbeschrnktem Horizont, die da glauben, mit ihrem
Gehirnchen das Weltall zu umfassen. Ich denke aber, wir wollen unser
Vertrauen doch lieber auf Gott setzen und nicht auf Herrn Karl Snyder.

Was behauptet denn dieser Mann der Wissenschaft? fragte Mnchhausen
neugierig.

Einen Mann der Wissenschaft wollen wir ihn doch lieber nicht nennen,
meinte Schultze lachend: Er schreibt zwar mit gewaltigem Pathos ber
die Wissenschaft und prahlt mit ihr, schwebt aber selber doch zu sehr im
Nebel seiner Phantasien, als da er einen festen wissenschaftlichen
Boden fr seine Fe gewnne. Mit einem Wort, er urteilt aus
materialistischer Voreingenommenheit heraus; es steht ihm von vornherein
fest, da es keinen Schpfer gibt und die gttliche Offenbarung Fabel
sei, und so versetzt er dem Christenglauben ohne irgendwelchen Anla und
vollends ohne irgendwelche stichhaltige Begrndung Futritt auf
Futritt, wie ein ungezogener Knabe.

Erlauben Sie, unterbrach der Lord den Sprechenden und nahm ihm das
Buch aus der Hand. Ich will Ihnen so eine bei den Haaren herbeigezogene
Bemerkung vorlesen, die das von unserm Professor Gesagte gut
illustriert.

Er bltterte ein wenig und las dann: Einen Schritt weiter und die
Entdeckungen Galileis, vielleicht auch Keplers und Newtons, konnten
vollendet sein, bevor die rmische Herrschaft ihr Pflaster auf
hellenische Kultur gesetzt und bevor das Evangelium eines rchenden
Jehova die Grenzen des kleinen Lndchens Palstina berschritten hat, um
Gotteslsterung mit der Wahrheit zu treiben.

Bemerken Sie, sagte Schultze, da diese plumpe Bemerkung, wie unser
Lord richtig sagte, bei den Haaren herbeigezogen ist: sie hat ja mit den
Entdeckungen, von denen die Rede ist, rein nichts zu tun.

Jedenfalls zeugt sie entweder von grober Unwissenheit oder von einer
Bswilligkeit, die sich um Wahrhaftigkeit rein nicht kmmert, uerte
Mietje in tiefster Entrstung: denn ein _Evangelium_ eines rchenden
Jehova ist ja einfach Unsinn; das Evangelium verkndigt die Liebe und
Barmherzigkeit eines himmlischen Vaters.

Mit Logik und Wahrheit, sagte Flitmore, gibt sich der Materialismus
nicht ab, da wird alles, was von Fanatikern wider den christlichen Geist
der Liebe, wie ihn das Evangelium allein verkndigt, gesndigt wurde,
ohne weiteres der christlichen Religion selber in die Schuhe geschoben.
Da! Auf Seite 146 wird das Christentum ein >verchtlicher, grundloser
Aberglaube< geheien, der >an Stelle der Kultur der Schnheit und
Aufklrung getreten< sei. Und gleich auf der nchsten Seite: >Nero und
die Scheusale in Purpur gingen St. Augustin und den andern Kirchenvtern
voran. Das kaiserliche Rom war der Halbschatten, das christliche der
Kernschatten<.

Folgerichtigkeit und Vernunft darf man von materialistischer
Voreingenommenheit nicht erwarten, hub Schultze wieder an. Es ist ja
schn, wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen Wissenschaft
lobt, namentlich Aristarch und Galilei. Etwas prahlerisch redet er
davon, wie herrlich weit die Wissenschaft es gebracht habe und nennt den
Menschengeist das wahre Weltwunder. Dem gegenber klingt es dann
geradezu lcherlich, wenn er pltzlich die Saiten umstimmt und der
Menschheit mit komischer Salbung predigt, sie solle nicht im Wahne
leben, als ob sie irgend etwas sei oder irgend eine Bedeutung habe!

Hren Sie weiter, sagte der Lord. Vom mosaischen System der Schpfung
sagt Snyder: >Letzteres erhielt sich unter den Vlkern Europas nach dem
Niedergange der hellenischen Wissenschaft bis zu den letzten Jahren des
17. Jahrhunderts. Nach dem Zeitalter Cassinis und Newtons vermochte es
nicht lnger mehr einen vernnftigen Geist zu befriedigen<.

Das ist nicht mehr blo Dummheit, das ist schon mehr freche Lge,
polterte Mnchhausen entrstet.

Vergessen Sie nicht, berichtigte Schultze, da ein Materialist nur
solchen Geistern die Ehre antut, sie vernnftig zu heien, die sich
ebenso wie er vom mechanistischen Aberglauben blenden lassen.

Nun, meinte Heinz, ich kann diese Stelle bei Snyder nicht gar so
schroff ablehnen; berhaupt empfiehlt es sich wohl, sich in seinen
Ausdrcken etwas zu migen, um nicht auf die gleiche Bildungsstufe
herabzusteigen, wie diese Menschenkinder. Aber ist es nicht richtig, da
der mosaische Schpfungsbericht mit den Jahrmillionen nicht vereinbar
ist, die von den Geologen fr die Entwicklung unsrer Erde ausgerechnet
werden?

Sehen wir klar, junger Freund! mahnte der Lord: Zunchst berichtet
das erste Kapitel der Bibel nicht ber die Weltschpfung. Himmel und
Erde sind bereits vor onen erschaffen und die Erde war wste und leer.
Hier setzt der Bericht ein mit der Schpfung von Licht und Leben
lediglich in Bezug auf die Erde. Wir wollen nun nicht die Frage
aufwerfen, ob die Erde ursprnglich ganz andre Rotationsverhltnisse
hatte oder wie sonst die mosaischen Tage sich deuten lassen; auf den
Buchstaben kommt es wohl keinem von uns an. Aber da hren Sie, was Dr.
Klein in seinen >Kosmologischen Briefen< sagt.

Hiebei nahm er ein Bchlein aus dem Regal, aus dem er folgende Stelle
vorlas: Bekanntlich fehlt den Geologen bezglich der von ihnen in der
Erdentwicklung unterschiedenen Perioden so gut wie jeder chronologische
Mastab.

Das stimmt, fiel der Professor ein; die Jahrmillionen sind bei Licht
besehen ein Schwindel, das heit alle diesbezglichen Berechnungen
beruhen auf vllig unsichern Voraussetzungen. Wenn man solche Zeitrume
nicht zu brauchen glaubte, um die Entwicklungslehre einigermaen
annehmbar zu machen, so htte man diese Zahlen nie erfunden. Es ist
allerdings auch nur eine fr den Denkenden durchsichtige Tuschung, wenn
man meint, die Entwicklung des Menschen aus der Urzelle dadurch
verstndlicher zu machen, da man sie auf viele Millionen Jahre
verteilt. Die rasche Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling oder
die ganz pltzliche Verwandlung eines Explosionstoffs in flchtige Gase
wren auch nicht verstndlicher, wenn sie erst auf langsamem Wege durch
Jahrmillionen erfolgten.

Ganz richtig, sagte Flitmore: Dies sind nun zwar keine Verwandlungen
in ganz andre Arten, aber ob eine Verwandlung sich in einer Sekunde oder
im Laufe von onen vollzieht, ist fr den klaren Verstand vllig
einerlei; die scheinbare Beseitigung des Unerklrlichen durch die noch
dazu unbewiesene Erfindung ungeheurer Zeitrume ist nur eine Eselsbrcke
zur Befriedigung derer, die nicht weit denken knnen.

Wie es aber mit den Jahrmillionen steht, sagte Schultze wieder,
beweist Ihnen am besten, da man fr die Entstehung der Steinkohle
frischweg etliche Millionen Jahre ansetzte, ebenso fr die der
Diamanten; nun hat man entdeckt, da im Sumpf versinkende Wlder sich
binnen weniger Monate in echte Steinkohle verwandeln und da fr die
Erzeugung von Diamanten der Bruchteil einer Sekunde gengt: da haben wir
die berhmten Jahrmillionen, sie sind eine Phantasie, die zufllig
stimmen kann, wahrscheinlich aber durchaus nicht stimmt.

Hren Sie nur weiter, sagte der Lord, es kommt noch schner: >Der
Begriff eines Schpfers war einfach -- vielleicht im Dunkel der
anfnglichen Unwissenheit denkbar. Das ist nicht mehr lnger richtig.
Unser modernes Wissen hat die Grenzen der Welt ins Unermeliche gedehnt;
es hat uns die unmebar lange Dauer der Zeit enthllt<.

Nun muten doch alle lachen: die Naivitt dieser Behauptungen war ja gar
zu kstlich!

Also die Begriffe von Ewigkeit und Unendlichkeit sollen wir erst dem
modernen Wissen verdanken? sagte Mnchhausen: Und sie sollen gar den
Begriff eines Schpfers undenkbar machen? O heilige Einfalt!

Mietje schttelte den Kopf: Solche Verirrungen des menschlichen Geistes
begreife ich einfach nicht, meinte sie. Der Schpferglaube war von
jeher mit den Begriffen von Ewigkeit und Unendlichkeit verknpft, und
wenn die Wissenschaft Ewigkeit und Unendlichkeit zugeben mu, so sttzt
sie damit am allerbesten den Schpferglauben. Mu man nicht den eigenen
Verstand absichtlich totschlagen, um imstande zu sein, aus solchen
Erkenntnissen gerade das Gegenteil von dem zu folgern, was sie einem
vernnftigerweise nahelegen wrden?

Werte Lady, lachte Schultze, es gibt Ansichten, gegen welche Gtter
selbst vergebens kmpfen und die gerade der groen Menge derer, die
nicht alle werden, am meisten imponieren.

Flitmore aber fuhr fort mit Vorlesung folgender Stelle: Das Fernrohr
hat uns die Planlosigkeit des Weltalls enthllt; der Kosmos scheint kein
Woher und kein Wohin zu kennen.

Jetzt fuhr aber der Professor auf: Nein! Da hrt sich doch aber alle
Wissenschaft auf! Das ist starker Tabak! Der Plan, dessen unendliche
Erhabenheit ein besonders schwchliches Menschenhirnlein nicht verstehen
kann, wird in eitlem Hochmutswahn Planlosigkeit genannt? Na! Das ist
doch gottlob nur ein Vereinzelter! Die gescheiten Geister, namentlich
auch unter den Astronomen, hren nicht auf, die Groartigkeit der
Weltordnung zu bewundern.

Da haben Sie wieder recht, besttigte der Lord und schlug wieder Dr.
Kleins Kosmologische Briefe auf. Hier heit es zum Beispiel: >Trotz
dieser Einseitigkeit aber, (nmlich der Mittel des menschlichen
Forschens), erkennen wir, da die Anordnung der Welt so ist, als wenn
sie von einer hchsten Intelligenz, die zugleich ber ein unermeliches
Schaffensvermgen gebot, getroffen worden sei. Auch haben die grten
Forscher aller Zeiten, die Begrnder unsrer heutigen Naturwissenschaft,
das Vorhandensein einer solchen Intelligenz angenommen. Die Existenz
derselben folgt ebenso unzweifelhaft und notwendig aus dem ganzen
Komplexe der Naturerscheinungen, wie das Vorhandensein einer anziehenden
Kraft in der Sonne aus der Bewegung der Planeten um dieselbe in
geschlossenen Bahnen<.

Und Camille Flammarion, fuhr Flitmore fort, ein anderes Bchlein
aufschlagend, sagt in seiner >Urania<: >Was ist das fr eine sonderbare
Eitelkeit, fr eine einfltige Anmaung, uns einzubilden, die
Wissenschaft habe ihr letztes Wort gesprochen! ... Die Materie ist
nicht, was sie scheint, und kein ber die Fortschritte der positiven
Wissenschaften unterrichteter Mensch knnte sich heute noch fr einen
Materialisten ausgeben<.

Bravo! rief Schultze: Nur sind leider die Ununterrichteten und
Halbgebildeten, die sich aber selber fr hochgebildet halten, in der
Mehrzahl, und darum macht der Aberglaube so groe Fortschritte in
unserer Zeit, wie die Monistenbnde beweisen.

Pah! sagte Heinz: Der Wille ist alles: diese Leute _wollen_ der
Vernunft nicht glauben, weil sie ihren Trieben unbequem ist, sie
_wollen_ lieber den Widersinn glauben, und nur darum machen sie die
Augen zu vor der Wahrheit und nennen den Wahn Vernunft.

Das mag stimmen, gab der Professor zu, zweifellos aber wird die
Gottesleugnung stets der sicherste Beweis einer geringen Intelligenz
sein.

Nun nahm John das Wort, der bisher aufmerksam zugehrt hatte: Also
meinen die Herrschaften sozusagen alle, es sei gebildet an die Bibel zu
glauben? Ich dachte immer, es sei unter den heutzutgigen Verhltnissen
gebildeter, an keinen Gott mehr zu glauben, wie man so oft hrt; aber so
ganz im Innersten war es mir immer doch so, als wenn dann etwas fehlen
mte, die Hauptsache um zu verstehen, da etwas da ist und da etwas
sein und geschehen kann; und dann sah ich ja auch, da meine gndigste
Herrschaft so fromm sind und doch gebildet und vernnftig.

Ja, mein Sohn, die Sache ist so: wenn du an keinen Gott glaubst, so
werden dir die meisten Leute sagen, du seist sehr vernnftig und
hochgebildet; denn die Halbgebildeten sind, wie gesagt, stets in der
groen Mehrzahl. Hltst du aber fest am Schpferglauben, so wird dich
diese Mehrzahl verhhnen, aber die wirklich Gescheiten werden dich fr
vernnftig und gebildet halten und du wirst es auch sein.

Dann will ich doch lieber glauben, wie Sie! erklrte der gute Mann.

Inzwischen sauste die Sannah weiter durch den Raum und es war kein Ende
abzusehen.




                       30. Schimpansenstreiche.


Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermglichen, sowie zur
Entwicklung der Fliehkraft, mute der elektrische Akkumulator tglich
zweimal frisch geladen werden.

Dies besorgten die Affen so pnktlich und mit so viel Eifer, da der
Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausfhren lassen konnte, die den
Tieren das reinste Vergngen war.

Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch
genial eingerichtet: er hatte zwei groe zylinderfrmige Kfige
herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausfhrung
gefangenen Eichhrnchen zur Verfgung zu stellen pflegt. Wenn dann die
Eichhrnchen an den Stben emporspringen, dreht sich die Kfigwalze um
ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermdlich in ihrer Beweglichkeit,
mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen.

Genau so war es den Schimpansen offensichtlich der hchste Genu, sich
in ihren Drehkfigen zu tummeln, ohne da sie ahnten, da sie damit eine
verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion
verwendete die rasche Rotation der Kfige zur Erzeugung elektrischer
Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte.

Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Tne, eigentlich
grliche Miakkorde, wie wenn ein unmndiges Kind auf einem Klavier
herumhmmert, und doch entwickelte der Missetter eine derartige
Fingergewandtheit, da man auf einen gebten Pianisten htte schlieen
mgen, den eine tolle Laune oder pltzlich eingetretener Wahnsinn zu
solchen Orgien veranlate.

Unsre Freunde waren im Zenithzimmer versammelt bis auf den Diener, der
einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bcher vertieft oder
beschftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber
horchten alle auf.

Sollte sich John auf dem Flgel ben wollen? rief Mietje: So hbsch
er Flte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle
Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Miklnge
die eigenen musikalischen Ohren zerreien mssen, ist mir ein Rtsel.

Du irrst, meine Liebe, sagte der Lord, John ist niemals so keck, da
er das Instrument berhren wrde; du weit, er hat sich noch nie eine
ungebhrliche Freiheit herausgenommen; darin ist er uerst bescheiden,
beinahe zu ngstlich.

Das ist Geisterspuck, sagte Mnchhausen dumpf, denn im Musikzimmer
ist es just Mitternacht.

Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett,
bemerkte Heinz.

Unbegreiflich! murmelte der Lord.

Na! Sehen wir nach, meinte Schultze, begierig auf die Lsung des
Rtsels.

Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen
aufstellen, die geeignet wren, dieses Phnomen wissenschaftlich zu
erklren, bestes Professorchen, bat Mnchhausen ironisch.

Damit Sie mich nachher wieder auslachen knnen mit meiner Wissenschaft,
oller Sptter? Nee, das gibt's nicht! Ich selber stelle den Augenschein
ber alle theoretischen Erklrungsversuche.

Na, denn man zu! rief der Kapitn und ging voran, whrend alle ihm
folgten.

Jetzt erscholl ein wahrer Hllenlrm aus dem Musiksaal.

Da spielt einer mindestens sechshndig! lachte Heinz.

Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhrte Tne! rief die Lady und
hielt sich die Ohren zu.

Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glhbirne, bei deren Schein
man Bobs vom Flgel aufspringen sah, whrend es Dick just gelang, die
mihandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reien.

Bobs war es diesmal in seinem Drehkfig langweilig geworden, und dem
Schlaukopf war es gelungen, die Tre von auen zu ffnen, indem er
zwischen den Gitterstben hindurch ber die hlzerne Seitenwand
hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurckschob.

Als er sich in Freiheit sah, ffnete er auch Dicks Gefngnis, und zu
allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten
Gefhrten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das ffnen der
Verbindungstren war den intelligenten Affen lngst kein Geheimnis mehr.

Hier nun faten die beiden Verschwrer den schwarzen Plan, einmal selber
eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer blo als
unttige Hrer Professor Schultze Konkurrenz zu machen.

Bobs ffnete den Flgel ohne Schwierigkeit; er versumte auch nicht, ein
Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten frs
Cello, doch das berhrte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt
aufstellte.

Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten
mit einer Virtuositt zu bearbeiten, die seiner ihm natrlich eigenen
affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte.

Dick ffnete inzwischen bedchtig den Instrumentenkasten; das hatte er
dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen
Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in
die Augen stach.

O, er wute genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mute und da der
untere Teil mglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mute, und
es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Tne
hervorzuzaubern, wobei er das Mundstck zu schanden bi.

Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen
eine Art des Beifalls, die ihnen hchst unsympathisch war; sie nahmen
daher schleunigst Reiaus und flchteten in das anstoende chemische
Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben
mit tzenden Flssigkeiten herabzustoen.

Mnchhausen folgte ihnen auf dem Fu und drohte mit einem Stock zu Bobs
hinauf, der die Zhne fletschte und hhnisch grinste, als wollte er
sagen: Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesflle wirst du's
wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.

Dieser sichtliche Hohn mute natrlich den Kapitn rgern.

Warte, du Sptter! rief er und ergriff das Gestell eines
Spiritusbrenners, da er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, da
die drei Eisenfe sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib
einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh!

Bobs kreischte laut auf; er fand das rcksichtslos und anmaend von
einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch
Posaune spielte. Er sann auf Rache.

Da stand ein groer Kolben neben ihm. Er htte ihn auf den Attentter
werfen knnen; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter
Erregung. Er ri den Glasstpsel heraus, erfate die dicke Flasche und
go ihren Inhalt auf den Untenstehenden herab, der sich eben
niederbeugte, um ein neues Wurfgescho aufzulesen.

Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs berschttet mich mit
Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schdel! schrie der
Begossene.

Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitn in
jmmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts
beraubt, denn es befanden sich tatschlich mehrere Kolben mit
Schwefelsure auf den Regalen.

Ein Blick auf Mnchhausens triefenden Schdel jedoch beruhigte ihn
sofort; auch sagte ihm seine fr chemische Dnste geschrfte Nase
alsbald, da es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf
der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner
starken Verdunstung ein Kltegefhl erzeugend, das, zumal wenn noch
Schreck und Einbildung dazu kamen, als frchterliche Verbrennung
empfunden werden konnte.

Beruhigen Sie sich, Kapitn, rief Heinz dem Gengstigten zu: es ist
glcklicherweise blo Spiritus.

Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist's oder irgend eine andre
Sure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls
sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schdel wegtzt.

Ich garantiere Ihnen, da nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen
wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und
dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln
mssen.

Das war allerdings notwendig. Mnchhausen entfernte sich wie ein
begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach:
Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist strkt ja wohl die Kopfhaut und
befrdert einen ppigen Haarwuchs.

Jetzt haben Sie gut lachen, sagte Heinz zum Professor, als Mnchhausen
das Gemach verlassen hatte: Aber ich sage Ihnen, mir ist der kalte
Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den rmsten so jammern hrte.
Sehen Sie, da steht Schwefelsure, Salzsure, Karbolsure und eine Menge
andrer gefhrlicher Flssigkeiten. Knftig mu ich das Laboratorium
stets abschlieen und den Schlssel zu mir nehmen; die Affen htten da
ein furchtbares Unglck anrichten knnen.

Knnen sie immer noch, meinte Schultze und sah zu den beiden
Schimpansen empor, die zu oberst zwischen den Kolben kauerten.

Nun aber rief Flitmore die beiden Missetter und sie kamen alsbald ganz
demtig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen.

Strafe mute sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundstze; und
so wurden die sichtlich zerknirschten Snder auf zwlf Stunden in
Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Ksten gar wohl und
wuten, da die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen
freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und
lieen sich ohne Widerstreben einschlieen.

Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch
Mnchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, da die Flssigkeit,
die so brannte, Vitriol gewesen sei: Glcklicherweise hat sich meine
Haut als surefest erwiesen, fgte er bei, und auch meine Kleider
haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzglicher Stoff, sage
ich Ihnen!




                      31. Verloren im Weltraum.


Tage- und wochenlang raste die Sannah mit dem Kometen dahin und diese
Fahrt durch die anscheinende Leere begann immer mehr etwas Beklemmendes
und Bengstigendes auf die Gemter auszuben.

Wo war man? Wohin eilte man? Im Unendlichen! Ins Endlose!

Niemand verhehlte sich die furchtbare Gefahr, in der alle schwebten, das
schreckliche Schicksal, das ihnen drohte.

Vorerst gelang es ja immer noch mittelst der reichen Vorrte an
gepretem Sauerstoff und Ozon eine gesunde Luft in den Zimmern zu
erhalten. Aber niemand konnte wissen, wie lange diese Fahrt noch dauern
werde und ob sie berhaupt zu einem Ziele fhre.

Ja, nach menschlicher Voraussicht schien es hchst unwahrscheinlich, da
in absehbarer Zeit ein Weltkrper erreicht werden knne, der
menschlichen Wesen die notwendigsten Lebensbedingungen gewhren wrde.
Wer wute denn berhaupt, ob es solche in der Fixsternwelt gebe, der man
zueilte?

Nur das Vertrauen, da sie unter hherem Schutze standen, und da ein
Gott sie lenke, der auch in der Unendlichkeit Wege wei, hielt die
rmsten noch aufrecht, die sich wie Gefangene in den Rumen ihres
Fahrzeugs vorkamen.

Wer konnte wissen, ob es nicht eine lebenslngliche Haft werden sollte,
die allerdings nicht lange dauern konnte, da binnen weniger Wochen ihr
Leben verlschen mute, wenn keine Erlsung kam.

Dann sah wohl eins das andre sterben, ohne ihm helfen zu knnen, und
zuletzt war alles still und tot! Eine kleine Kugel mit menschlichen
Leichnamen irrte dann durch das Weltall, um schlielich vielleicht in
eine ferne Sonne zu strzen und in einem Augenblick in glhende Gase
aufgelst zu werden mit allem, was sie enthielt!

                 [Illustration: Schimpansenstreiche.]

John allein blieb im Innersten ganz ruhig und vergngt, weil er nicht so
klar sah und meinte, sein Herr wisse wohl, wo er hinfahre und wo er
landen werde.

Inzwischen sparte Flitmore die Sauerstoffvorrte so viel als mglich, um
die Endkatastrophe so weit hinauszuschieben, als es nur immer anging.
Die Folge davon bekamen alle zu spren: es war eine schlechte,
sauerstoffarme Luft, die ihre Lungen bedrckte und auch der Stimmung
sehr wenig zutrglich war.

Wahrhaftig! So mute es den Unseligen zumute sein, die in einem
Unterseeboot eingeschlossen waren, durch einen Unfall verhindert, an die
Meeresoberflche zurckzusteigen und dem langsamen Erstickungstod ins
Auge sehend!

Mit allerlei Arbeiten, mit Unterhaltung, Konzerten und Lesen guter
Bcher wurde die Zeit verbracht; aber immer wieder schweiften die
Gedanken ab, gefangen von der bangen Frage: was wird aus uns werden?

Schultze beobachtete immer wieder den Sternhimmel und stellte
Berechnungen an, eine Arbeit, die ihm, wenn auch wenig Trost, so doch
einige Ablenkung gewhrte.

Wir fahren auf das Sternbild des Centauren zu, sagte er eines Tages
nach Abschlu einiger Beobachtungen und Berechnungen, und zwar direkt
auf den Stern Alpha Centauri, der dem irdischen Sonnensystem, so viel
man bis jetzt wei, der nchste ist. Die Annherung lt sich schon mit
bloem Auge wahrnehmen: Alpha Centauri ist deutlich als Doppelstern
erkennbar; mehrere Sternbilder sehen schon wesentlich anders aus, als
sie sich von der Erde aus ausnehmen, und einige Sterne gewinnen an Gre
und Lichtstrke ganz sichtlich.

Es ist fr uns von groem Interesse, wenigstens die Richtung unserer
Fahrt kennen zu lernen, meinte Flitmore: Aber haben Sie auch die
Aberration in Betracht gezogen?

Ich habe daran gedacht, aber in diesem Falle kann eine Aberration gar
nicht stattfinden, da die Sannah sich direkt nach dem Sterne Alpha
bewegt.

Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen
darf, die Aperition? frug John.

Da die Erde sich mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den Weltraum
bewegt, erklrte der Professor, so ndert sich der Standpunkt des
Beobachters mit der Erde fortwhrend. Richtet man nun ein Fernrohr auf
einen Stern, so braucht der Lichtstrahl, der das uerste Ende des
Teleskops, das Objektiv, trifft, einige Zeit, um bis zum untern Ende,
dem Okular, zu gelangen.

Diese Zeit ist zwar sehr kurz, aber doch ist die Erde inzwischen
weitergeeilt und die Richtung des Fernrohrs hat sich verschoben. Um
daher den Stern berhaupt durch das Fernrohr sehen zu knnen und ihn
dauernd zu beobachten, mu man dem Rohr eine andere Richtung geben, als
die Strahlen des Sternes eigentlich verfolgen: das Okular mu in der
Richtung der Erdbewegung um so viel zurckliegen, als sich die Erde
vorwrts bewegt in der Zeit, die das Licht braucht, um den Weg vom
Objektiv bis zum Okular zurckzulegen. Dadurch tritt eine scheinbare
Verschiebung des Sternes ein, das heit, man sieht ihn nicht genau an
der Stelle des Himmels, wo er sich eigentlich befindet, oder vielmehr
befand, als das Licht von ihm ausging, das jetzt unser Auge trifft.

Wenn sich nun der Beobachter geradewegs auf den Stern zu bewegt, so
findet keine Aberration statt; am grten ist diese, wenn man sich in
senkrechter Linie zu den von ihm ausgehenden Strahlen fortbewegt.

Wir reisen also nun zu solch einem Stern? fragte John weiter: Knnen
wir bald dort sein?

Schultze lchelte achselzuckend: Was heit bald? Weit du, wie weit
diese Fixsterne von der Erde entfernt sind? Alpha Centauri soll ihr am
nchsten stehen, und doch berechnet man seine Entfernung auf 4,
mindestens aber 3 Lichtjahre.

Was ist das, wenn Sie gestatten, ein Lichtjahr?

Das ist der Weg, den das Licht in einem Jahre zurcklegt, nmlich die
Kleinigkeit von 9463 Milliarden Kilometern.

Und das nennen Sie dann eine Kleinigkeit? Das tun Sie wohl sozusagen
aus Spahaftigkeit?

Ja, ja, mein Sohn; denn solche Zahlen sind so ungeheuerlich, da man
seinem Humor etwas aufhelfen mu, wenn man von ihnen redet, sonst steht
einem der Verstand still. Oder willst du dir etwa eine Vorstellung davon
machen, was das bedeutet: Alpha Centauri ist 30000 bis 40000 Milliarden
Kilometer von der Erde entfernt?

John schttelte hilflos den Kopf: Und das sollte sozusagen unser
nchster Fixstern sein?

Jawohl! Es kann ja welche geben, die dem Sonnensystem nher stehen,
doch man hat bis jetzt keinen entdeckt, das heit keine geringere
Entfernung durch Messungen festgestellt. Alpha Centauri ist 9000mal
weiter von der Erde entfernt als Neptun, also 277000mal so weit wie die
Sonne. Ein Exprezug wrde 1250000 Jahre brauchen, um ihn zu erreichen.

Rieger machte groe Augen. Eine Million Jahre? stammelte er: Und da
sollen wir hin?

Warum denn nicht? Nur da wir einige Millionen mal schneller reisen als
ein Exprezug. Die Amina, unser Komet, ist ein flinkeres
Befrderungsmittel, wie du siehst. Wenn ich brigens vorhin von
Kleinigkeiten redete, so ist das nicht blo Spa gewesen, denn Sirius,
der helle Hundsstern, ist acht bis neun Lichtjahre von der Erde
entfernt, 1300mal so hell und 40000 bis 50000mal so gro wie unsere
Sonne; der Polarstern ist 40 Lichtjahre, Canopus, der hellste Stern am
sdlichen Himmel, gar 269 Lichtjahre entfernt, er leuchtet 10000 bis
15000mal so hell als die Sonne und ist 1 Millionen mal so gro; das ist
das mindeste: er kann auch hundert-, tausend- oder millionenmal grer
sein; das entzieht sich unserer Berechnung. Deneb im Schwan kann ebenso
gro oder noch grer sein als Canopus, und das gilt auch von Rigel, dem
hellsten Stern im Sternbild des Orion, an seiner untern Ecke rechter
Hand.

Dieser prachtvolle Stern von rein weiem Licht mag 500 Lichtjahre
entfernt sein, also 30 Millionen mal so weit als die Sonne, die er
20000mal an Lichtstrke bertrifft. Wenn wir auf einem Blatt Papier die
Entfernung von der Erde zur Sonne mit 1 Millimeter bezeichneten, so
brauchten wir einen Bogen von 30 Kilometer Lnge, um den Abstand Rigels
im gleichen Verhltnis einzuzeichnen. Begreifst du nun, da die
Entfernung von Alpha Centauri eine Kleinigkeit ist?

Allerdings, sozusagen nach der Verhltnismigkeit betrachtet.

Nun gibt es aber mglicherweise unter den Fixsternen riesige Sonnen,
gegen die auch diese unausdenklichen Kolosse nur Sonnenstubchen sind;
denn von den 100 Millionen Fixsternen, die vorhanden sein mgen, sind
uns nur etwa von 60 die Parallaxen bekannt.

John, der begierig jedes ihm unbekannte Wort aufschnappte und nach
seiner Weise verketzerte, fragte wibegierig: Und was drfte dann unter
dieser benannten >Polaraxe< zu verstehen sein?

Ja, wie soll ich dir das jetzt klar machen? Siehst du den Punkt hier
mitten an der Decke? Also von einem Ende dieses Saales richte ich ein
Fernrohr dorthin, du eines vom andern Ende aus. Diese Fernrohre sind
gegen einander geneigt in einem Winkel, dessen Spitze der beobachtete
Punkt ist. Nun, dieser Winkel, den die Linien bilden, die von dem Punkte
durch unsere beiden Fernrohre gehen, im Verhltnis zu der Entfernung
dieser von einander, ist die Parallaxe des Punktes. Wir knnen also
ebenso sagen, seine Parallaxe ist der Neigungswinkel, den unsere beiden
auf den Punkt gerichteten Teleskope zusammen bilden im Verhltnis zu
ihrer Entfernung von einander.

Wenn wir nun die Entfernung von einem Ende des Saales bis zum andern
kennen und die Winkel, die unsere Fernrohre mit dem ebenen Fuboden
bilden, messen, so knnen wir die Hhe des Dreiecks berechnen, das der
Punkt an der Decke mit den beiden Punkten bildet, an denen die durch
unsere Teleskope gehenden Strahlen des beobachteten Punktes den Fuboden
treffen. Wir knnen also ausrechnen, wie weit der betreffende Punkt vom
Fuboden entfernt ist.

Nun siehst du wohl, mein Freund, da wenn wir statt des Punktes an der
Decke durch unsere Fernrohre einen Stern betrachten, der Tausende von
Millionen Kilometer entfernt ist, die Neigung unserer Rohre gegen
einander so unendlich klein wird, da sie gleich Null erscheint. Wir
knnen also fr den Stern keine Parallaxe finden.

Je weiter wir jedoch von einander entfernt sind, desto mehr werden sich
die Teleskope gegen einander neigen, wenn wir sie auf denselben Punkt
richten. Man knnte also hoffen, die Parallaxe eines Sterns zu finden,
wenn man ihn in der gleichen Sekunde auf zwei weit von einander
entfernten Punkten der Erde beobachtet, deren gegenseitiger Abstand
bekannt ist, und wenn beide Beobachter den Winkel messen, den die
Richtung ihrer Teleskope mit der Ebene bildet. Ebensogut kann man dies
erreichen, wenn ein einzelner Beobachter von demselben Ort aus den Stern
zu verschiedener Nachtzeit beobachtet, wenn die Umdrehung der Erde
seinen Standpunkt um etliche tausend Kilometer verschoben hat.

Aber solche Entfernungen erwiesen sich zu klein, es war keine mebare
Neigung der Beobachtungsrichtungen zu einander festzustellen; also die
Fixsterne zeigten keine merkliche Parallaxe.

Nun whlte man eine weit grere Grundlinie des Dreiecks: man
beobachtete die Sterne in Zwischenrumen eines halben Jahres. Bei der
ersten Beobachtung befand sich dann der Beobachter am einen Ende der
Erdbahn, bei der zweiten am andern; das bedeutete einen Abstand von 300
Millionen Kilometern der beiden Beobachtungspunkte von einander.

Gro war die Verblffung, als auch da keine mebare Parallaxe der
Fixsterne zu finden war! Erst mittelst uerst verfeinerter Instrumente
gelang es Struve 1836 und Bessel 1839 die erste Fixsternparallaxe zu
messen. Man fand fr den Stern 61 im Schwan auf diese Weise eine
Entfernung von 9 Lichtjahren. Bessel dankte seinen Erfolg dem von
Fraunhofer hergestellten vorzglichen Heliometer. Das ist derselbe
Fraunhofer, dem wir vorzglich auch die Fortschritte der Spektralanalyse
verdanken.

John schnappte auch dieses Wort sofort auf und sagte bescheiden:

Wenn es Ihnen nicht zuviel sein drfte, Herr Professor, meine Wenigkeit
auch ber diesen mir noch dunkeln Punkt aufzuklren, so wre ich
besonders dankbar, was ich schon lange wnschte, zu erfahren, was es mit
dieser Speck-Strahl-Anna-Liese fr eine Bewandernis hat.

Auch das sollst du wissen, lachte Schultze: Schau, wenn man einen
Lichtstrahl durch geschliffenes Glas gehen lt, so lst er sich auf in
farbige Bnder und Streifen. Das nennt man nun ein Spektrum. Je schmler
der Lichtstrahl ist, desto deutlicher ist sein Spektrum und da
beobachtet man zwischen den farbigen Bndern mehr oder weniger breite
dunkle Linien, die sogenannten Fraunhoferschen Linien, benannt nach
ihrem Entdecker. Ferner unterbrechen auch helle und farbige Linien das
Spektrum, und Kirchhoff und Bunsen wiesen nach, da man aus diesen
Streifen, Linien und Bndern genau die Stoffe erkennen kann, die sich
als glhende Gase in einer Lichtquelle befinden; sogar nach Menge und
Mischung knnen sie erkannt werden.

Auf diese Weise wei man die Stoffe, welche in der Sonne und den Sternen
enthalten sind: Das Spektroskop verrt sie uns.

Aber noch mehr hat es uns verraten. Wenn eine Lichtquelle sich rasch
bewegt, so verschieben sich die Spektrallinien gegen das violette Ende
des Farbenspektrums, wenn sich die Lichtquelle nhert, gegen das rote
Ende, wenn sie sich entfernt. Daraus hat man bei den Fixsternen, die
sich auf die Erde zu oder von ihr weg bewegen, sogar die Schnelligkeit
der Bewegung berechnen knnen.

Ich meinte aber, die Fixsterne bewegen sich nicht, wandte John ein.

Das glaubte man wohl frher; jetzt aber wei man, da sie ihre
Eigenbewegung haben. Diese lt sich auch durch das Teleskop beobachten,
wenn sie senkrecht zur Gesichtslinie gerichtet ist. Da gibt es Sterne,
die schon in 200 Jahren um eine Vollmondsbreite am Himmel vorrcken, was
in Wirklichkeit Millionen und aber Millionen Kilometer bedeutet,
angesichts ihrer groen Entfernung. So scheint Arcturus zum Beispiel mit
670 Kilometern in der Sekunde hinzurasen, was tausendmal schneller ist
als das schnellste Gescho; auch Alpha Centauri hat eine groe
Eigenbewegung.

Aha! rief John verklrt: Jetzt verstehe ich, warum man sie Fixsterne
heit: weil sie wohl so fix dahinsausen.

Alle lachten ber diese groartige Entdeckung. John aber lie sich nicht
drausbringen.

Wie sieht es denn aber wohl aus auf dem Alphasaurus, zu dem wir
hinfliegen? fragte er jetzt.

Dieser Stern ist der dritthellste am Firmament, aber nur von der
sdlichen Erdhalbkugel aus zu sehen. Er gleicht unserer Sonne an
Helligkeit, Gre und Hitze.

Dann mssen wir ja aber verbrennen, rief John entsetzt.

Allerdings, wenn wir ihm zu nahe kmen, mischte sich nun Flitmore in
die Verhandlung; allein wir wollen hoffen, da dies nicht der Fall sein
wird. Auf ein paar Millionen Kilometer kann ja der Professor unsere
Richtung nicht so genau bemessen. Da ist es immerhin mglich, da wir
auf einem dunkeln Sterne landen.

Wieso? Dunkle Sterne gibt es sozusagen auch? rief John, aufs neue
berrascht.

Gewi! besttigte der Lord: Unsere Erde ist ein solcher Stern, ebenso
die Planeten, soweit sie kein eigenes Licht mehr ausstrahlen. Der Erde
leuchten sie ja sehr hell, oft heller als die strahlendsten Fixsterne;
aber das kommt nur daher, da sie der Erde verhltnismig nahe sind und
ihr im Glanze des Sonnenscheins erscheinen, der sie erhellt.

Aus der Entfernung, in der wir uns jetzt befinden, sehen wir keinen
einzigen der Planeten unseres Sonnensystems mehr; ebensowenig sehen wir
von der Erde aus die dunkeln Weltkrper der Fixsternwelt, die kein
eigenes Licht mehr haben.

Ja, aber wie kann man in diesem vorausgesetzten Falle wissen, da ihr
Vorhandensein eine Existenz hat?

Flitmore wollte antworten, aber Mnchhausen unterbrach ihn: Nehmen Sie
es nicht bel, Lord, aber das Mittagessen dampft auf dem Tisch und die
Lady mchte es schmerzen, wenn wir ihr Kunstwerk erkalten lieen, ehe
wir ihm die gebhrende Ehre angetan haben.

Ihnen wre dies gewi auch sehr schmerzlich! lachte der Lord, aber
Sie haben recht; alles hat seine Zeit. Also, John, gedulde dich, nach
dem Essen will ich dir auseinandersetzen, woher man wei, da es dunkle
Sterne gibt, auch wenn man sie nicht sehen kann.




                        32. Der Riesenkraken.


Johns Wibegier wurde aber diesmal nicht so pnktlich befriedigt, wie er
es von seines Herrn Zuverlssigkeit htte erwarten drfen.

Das war aber nur einem auerordentlichen Umstand, einem
unvorhergesehenen Ereignis zuzuschreiben, das fr die Sannah und ihre
Insassen leicht htte verhngnisvoll werden knnen.

Gegen Ende der Mahlzeit nmlich lie sich pltzlich ein heftiges
Geprassel vernehmen, unterbrochen von donnernden Schlgen, die das
Weltschiff in seinen Grundfesten erschtterten. Es war offenbar ein
Hagel von Meteoriten, der auf die Sannah niederging.

Glcklicherweise waren die ersten Steine, die auf die Umhllung sausten,
klein, und der Lord konnte durch einen Druck auf den entsprechenden
elektrischen Knopf die metallenen Schutzplatten oder Augendeckel ber
smtlichen Fensterlinsen schlieen, so da eine Zertrmmerung oder
Beschdigung derselben verhtet wurde.

Bald aber prallten so ansehnliche Brocken auf die Oberflche des
Fahrzeugs auf, da man das Schlimmste befrchten mute und selbst
Mnchhausen seine gastronomische Ttigkeit unterbrach.

Als das Gepolter und Gedonner aufhrte, machte der Lord mit John, Heinz
und dem Professor einen Rundgang durch die Sannah, um genau zu
untersuchen, ob die Decke nirgends beschdigt und durchschlagen worden
sei. Zu seiner groen Beruhigung und Befriedigung fand er, da die
treffliche Metallhlle dem wuchtigen Hagel durchweg standgehalten hatte
und keinerlei Verletzung erkennen lie. Auen hatte sie ja gewi Beulen,
Schrammen und Schrunden davongetragen, danach konnte man zur Zeit nicht
sehen, denn dort drauen ghnte der leere Raum. Die Hauptsache aber
blieb, da der Mantel nirgends durchlchert war und so die kostbare Luft
nicht entweichen konnte.

Als die Mnner von ihrem Rundgang zurckkehrten, hatte Mnchhausen auch
seine Mahlzeit beendet, die er nach berwindung des ersten Schreckens
fortgesetzt hatte.

Ihre Ruhe ist beneidenswert, sagte Schultze kopfschttelnd: Whrend
wir, von der Sorge um unser Leben getrieben, nachsehen, ob die Sannah
kein verhngnisvolles Loch davongetragen habe, lassen Sie sich's ruhig
schmecken, als sei nichts geschehen und nichts zu befrchten.

Sie halten das ja wohl fr strflichen Leichtsinn und tadelnswerte
Gefrigkeit, erwiderte der Kapitn: In Wahrheit jedoch ist es
vernnftige Philosophie und berlegung. Denn, sagen Sie selber: wenn Sie
zu viert ausziehen, nach einem etwaigen Schaden zu sehen, wozu soll ich
als fnftes Rad am Wagen mittrotteln? Und schlielich, entweder die
Sannah hat eine gefhrliche Verletzung davongetragen oder nicht. Ist sie
unbeschdigt, so wre die Unterbrechung meiner Mahlzeit zum mindesten
berflssig gewesen, wre jedoch ein gefhrliches Leck vorgefunden
worden, so htte sie auch da rein gar nichts helfen knnen; im
Gegenteil, mit leerem Magen steht man einer Gefahr viel hilfloser und
schwchlicher gegenber als mit dem Gefhl der Sttigung, das einen zu
ruhigerer berlegung befhigt.

Na! Allenfalls htten Sie mit wohlgeflltem Wanst unter Umstnden auch
ein groes Loch mit Ihrer werten Persnlichkeit verstopfen knnen, bis
wir es kalfatert htten, um den Luftaustritt zu verhindern, hhnte
Schultze.

Spotten Sie nicht, mahnte der Kapitn wrdig, zu solcher Aufopferung
wre ich stets bereit gewesen und auf hnliche Art habe ich sogar schon
einmal ein groes Schiff vor dem sichern Untergang gerettet.

Oho! Erzhlen Sie! rief Flitmore, sich in einen Sessel werfend.

Gerne! erklrte Mnchhausen bereitwillig. Es ist gar nicht so lange
her: meine zunehmende Leibesflle erschwerte mir bereits meinen Dienst
als Schiffskapitn, als mein stattliches Schiff eines Tages auf ein
unterseeisches Riff aufstie, das auf keiner Seekarte verzeichnet war.
Wir bekamen ein Leck von solcher Gre, da trotz allen Pumpens der
untere Schiffsraum sich fabelhaft rasch mit Wasser anfllte. Unser
Untergang schien unvermeidlich, denn eine Kste, wo wir htten landen
knnen, war nicht in Sicht. Die Felsspitze, die uns so verhngnisvoll
geworden war, mute einer einsamen unterseeischen Insel angehren.

Ich begab mich mit dem Schiffszimmermann und zwei Matrosen hinunter, um
zu sehen, ob dem Leck denn gar nicht beizukommen sei; doch es befand
sich schon vllig unter Wasser. Auf einem schmalen Balken turnte ich
ber dem gurgelnden Na gegen die Schiffswand, als ich pltzlich ein
schlangenhnliches Wesen da unten herumpltschern zu sehen vermeinte.
Bald tauchten drei, vier solcher Schlangen von etwa sechs Meter Lnge
auf. Kein Zweifel! Ein Riesenkraken, auch Polyp oder Tintenfisch
genannt, streckte seine schrecklichen Fangarme durch das Leck ins
Schiffsinnere; sein Leib, so weich und elastisch er war, konnte wegen
seiner kolossalen Dicke nicht eindringen.

Pltzlich schnellte so ein Riesenarm auf mich zu, und wie ich erschreckt
ausweichen will, verliere ich das Gleichgewicht und strze ins Wasser.

Sofort umklammert mich das Seeungeheuer mit seinen smtlichen Fangarmen
und sucht mich zu sich hinauszuziehen. Glcklicherweise war nun wiederum
ich zu dick. Mein Bauch wurde gegen das Loch gepret, das er vllig
verstopfte, whrend ich den Kopf noch ber Wasser halten konnte.

Meine Begleiter sprangen alsbald ins Wasser mir zu Hilfe: sie wollten
mit ihren Messern die Fangarme des Polypen durchschneiden und mich so
aus der erstickenden Umarmung befreien. Ich aber hatte sofort erkannt,
da uns hier der einzige Weg zur Rettung des Schiffes gewiesen war, und
ich bedachte mich keinen Augenblick, mein Leben zu opfern, wenn es sein
sollte, um Fahrzeug und Mannschaft zu retten.

Ich rief daher den Matrosen zu, sie sollten ihre Messer in Ruhe lassen,
dagegen starke Taue an die einzelnen Glieder des Kraken binden. Sie
wuten nicht recht, was das sollte, doch, gewohnt, mir blindlings zu
folgen, fhrten sie die schwierige und nicht ungefhrliche Arbeit aus.

Nun ziehet die Leinen straff an, rief ich, als die Sache soweit war,
und knpft sie an einem Lngsbalken fest, da die Fangarme gestreckt
werden! Mit Hilfe einiger weiterer herbeigeeilter Mannschaften wurde
dies ausgefhrt und der Tintenfisch mute mich aus der Umklammerung frei
geben, als seine Glieder mit aller Gewalt angezogen und gestrafft
wurden.

Halbtot fischte man mich aus dem Wasser und ich verlor das Bewutsein,
whrend man mich an Deck trug, wozu nicht weniger als sechs Mann
erforderlich waren.

Der Polyp aber sa fest und sein weicher, kolossaler Leib war durch die
strammgezogenen Seile derart in das Leck gezwngt, da es vllig
verstopft wurde und kein Tropfen Wasser mehr eindringen konnte.

Bis ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war das Wasser schon soweit
ausgepumpt, da der Zimmermann an die beschdigte Stelle gelangen und
sie kalfatern konnte, wobei gem dem Fortschreiten der Arbeit dem
Kraken die Arme einzeln abgetrennt wurden, bis er mit Verlust seiner
Glieder das Weite suchen konnte und die letzte Lcke hinter ihm
vernagelt wurde. Nun war das Schiff gerettet, und meiner Leibesflle war
dies in letzter Linie zu danken; denn wre ich so schlank gewesen, wie
Sie, meine Herren, so htte mich das widrige Scheusal mit Leichtigkeit
durch das Loch hinausgezogen, ich wre eines elenden Todes gestorben und
mein Schiff mitsamt der Mannschaft wre rettungslos zugrunde gegangen.

Ein Hoch auf Ihren segensreichen Krperumfang! rief Schultze, sein
Glas fllend und erhebend.

Und auf Ihre edle Opferfreudigkeit, fgte Flitmore hinzu, ebenfalls
mit dem schmunzelnden Kapitn anstoend und in die allgemeine Heiterkeit
einstimmend.

Das war sozusagen ein groartig zu nennendes Abenteuer, meinte John,
aber wenn ich mir nun erlauben darf, Mylord, Sie daran zu erinnern, so
haben Sie mir versprochen, zu erklren, wie man wissen kann, da auer
den leuchtenden Sonnensternen auch noch dunkle Sterne vorhanden sein
drften, trotzdem man sie nicht sehen kann.

Flitmore gab bereitwilligst Auskunft, indem er begann: Zunchst kann
man es vermuten, denn die Fixsterne sind doch lauter leuchtende,
glhende Sonnen, meist viel grer als unsre irdische Sonne. Wenn nun um
diese mehrere dunkle Planeten kreisen, warum nicht auch um die Millionen
andrer Sonnen im Weltraum?

Sodann unterscheidet man drei Klassen von Fixsternen je nach ihrer
Lichtstrke. Die erste Klasse umfat die weileuchtenden Sterne, die
sich noch in hchster Glut befinden, also wohl die jngsten sind. Zu
diesen gehren Regulus im Lwen, Sirius im groen Hund, Wega in der
Leier. Auch die blauen Sterne gehren hierher.

Die zweite Klasse umfat die gelben Sterne, hnlich unsrer Sonne, die
schon von niedererer Temperatur und Helligkeit sind. In die dritte
Klasse rechnet man die rotglhenden Sterne und die orangeroten.

Zwischen diesen Klassen und in denselben gibt es aber alle mglichen
Zwischenstufen und bergnge, und manche Astronomen unterscheiden noch
eine vierte Klasse der blutroten Sterne von geringer Helligkeit und eine
fnfte, die nur einige wenige Sterne umfat, die das Spektrum des
Wasserstoffs geben.

Die erste Klasse umfat die meisten Fixsterne, die zweite etwa die
Hlfte der ersten, die dritte ungefhr den achten Teil. Daraus schliet
man, da ein Stern doppelt so lang im ersten als im zweiten Zustand
bleibt und in diesem viermal so lang als im dritten. Diese Ansicht
bersieht jedoch vllig, da uns die hellsten Sterne aus einer
Entfernung sichtbar sein knnen, aus der das Licht weniger heller
Weltsonnen gar nicht mehr bis zu uns dringt, da wir also auch so
rechnen knnen: aus der entferntesten Region des sichtbaren Weltalls
leuchten uns nur die Sterne erster Klasse, die andern sehen wir nicht;
aus der mittleren Region werden uns auch die Sterne zweiter Klasse noch
sichtbar und nur aus der uns nchsten Region auch noch schwcher
leuchtende. Natrlich kommt dabei auch noch die Gre der Sterne in
Betracht, da wir einen Stern zweiter Klasse vielleicht noch aus einer
Entfernung erkennen knnen, aus der uns ein millionenmal kleinerer Stern
erster Klasse nicht mehr zu Gesichte kommt.

Das kommt daher, da das Licht im Raum nicht ungeschwcht vordringt,
sondern mit der Entfernung zunehmend an Glanz einbt: der im Raum
enthaltene Stoff schluckt etwas von dem ihn durcheilenden Lichte an; das
nennt man Absorption. Und gerade diese Lichtabsorption, fr die man
verschiedene Beweise hat, gibt uns die Gewiheit, da der Raum nicht
leer ist, sondern von einem Stoff erfllt, der Licht aufzusaugen vermag.

Es ist nun klar, da auf eine bestimmte Entfernung hin das Licht eines
Sternes schlielich vllig aufgesogen sein mu, und so nimmt man an, da
Sterne, die ber 16000 Lichtjahre von uns entfernt sind, berhaupt kein
Licht mehr so weit zu bringen vermgen und uns daher ewig unsichtbar
bleiben.

Was also ber diese Lichtgrenze unsrer Welt hinausgeht, bleibt uns
unbekannt; kein Fernrohr, und wre es millionenmal strker als wir sie
bauen, vermchte den Schleier zu lften, keine photographische Platte
wre dazu imstande, und wenn sie millionenmal empfindlicher wre als die
Platten, die uns jetzt schon Sterne nachweisen, die man mit dem besten
Teleskop nicht zu finden vermag.

Nun aber zurck zu den dunkeln Welten: sehen wir, da die Fixsterne sich
in den verschiedensten Stufen der Glut befinden, manche schon im
Erlschen begriffen, was liegt nher, als da auch Millionen schon
lngst erloschener Weltkrper im Raume sich bewegen, die uns das
schwache Licht, das sie von ihren Sonnen empfangen, nicht zu Gesicht
bringen knnen? Dazu kommt noch unser Glaube an des Schpfers Weisheit
und Gte: sollte er Millionen Sonnen erschaffen haben ohne einen Zweck?
Oder sollten sie nicht vielmehr dienen, Welten zu erleuchten und zu
erwrmen, die von den Wundern Gottes berflieen, und wo lebendige Wesen
sich ihres Daseins freuen?

Einige Astronomen nehmen an, da das Weltall Tausende von Millionen
Sonnen und Hunderttausende von Millionen dunkler Welten besitze und zwar
solche von ungeheurer Gre. Sie glauben auch nicht, da der Raum von
drei- bis viereinhalb Lichtjahren, der unser Sonnensystem von der
Fixsternwelt trennt, eine weltenleere Einde sein knne, sondern da
einige Millionen dunkler Krper sich darin finden knnten, so groe
sogar, da unser Sonnensystem sich um sie drehe. Denn nichts beweist
uns, da sich leuchtende und nichtleuchtende Weltkrper nicht auch um
ein erloschenes dunkles Gestirn drehen knnen, sofern es gro genug ist.

Dies alles sind ja zunchst nur Vermutungen, wenn auch solche, die die
grte Wahrscheinlichkeit fr sich haben. Aber wir haben auch Beweise
fr das Vorhandensein solcher dunkler Weltkrper.

Wenn ein dunkler Trabant zwischen uns und seiner Sonne vorbergeht, so
werden wir ja fr gewhnlich davon nichts merken knnen, weil bei der
ungeheuren Entfernung die Verfinsterung allzu gering ist, sobald er
wesentlich kleiner ist als seine Sonne, was wir ja gewi als das
Gewhnliche annehmen mssen. Dennoch gibt es Fixsterne, die uns erkennen
lassen, da ein dunkler Trabant sie umkreist; das sind die sogenannten
vernderlichen Sterne, aber das soll dir der Professor erklren, ich
habe es nicht so im Kopf.

Gerne! erklrte Schultze bereitwillig. Vernderliche Sterne heit man
diejenigen, deren Helligkeit zu Zeiten abnimmt, um dann aber wieder
zuzunehmen. Man unterscheidet da den Miratypus, den Lyratypus und den
Algoltypus.

O, wie fein das klingt! unterbrach John: Miratyphus, Liratyphus und
Alkoholtyphus.

Das herzliche Gelchter, das seine Repetition der melodischen Namen
erweckte, nahm er gewohntermaen nicht bel.

Der Professor aber machte weiter: Der Stern Mira, das heit >Der
Wunderbare<, im Walfisch strahlt gelegentlich als Stern erster oder
zweiter Gre, aber nur wenige Wochen lang. 70 Tage spter ist er schon
so lichtschwach, da er nur noch im Fernrohr sichtbar ist, noch weiter
an Glanz abnehmend. Spterhin nimmt sein Licht wieder zu und zwar viel
rascher, als es zuvor abgenommen. Nachdem er dem bloen Auge wieder
sichtbar geworden, erreicht er in 40 Tagen seinen hchsten Glanz. Diese
Perioden dauern durchschnittlich 333 Tage von einem Hhepunkt zum
andern, sind aber nicht ganz regelmig, auch der Glanz des Sterns
erreicht nicht immer die gleiche Hhe.

Man nimmt daher an, Mira sei eine erlschende Sonne, die sich wie unsre
Sonne periodisch mit vielen Flecken berzieht, nur noch mit viel mehr.
Wenn unsre Sonne einmal so weit kommt, mu alles Leben auf Erden zu
Grunde gehen. Auch die Spektralanalyse beweist die hnlichkeit dieses
Wundersterns mit der Sonne.

Heute kennt man hunderte von vernderlichen Sternen vom Miratypus, die
meist in Perioden von 300 bis 400 Tagen ihr Licht wechseln. Manche aber
sind vllig unregelmig, bleiben jahrelang unvernderlich oder leuchten
binnen weniger Stunden mit groer Schnelligkeit hell auf. Das scheint
auf gewaltige Umwlzungen hinzuweisen, die sich dort abspielen.

Der Stern Beta in der Leier zeigt den sogenannten Lyratypus; der
Lichtwechsel geht ziemlich pnktlich vor sich, seine Strke aber nimmt
nicht gleichmig zu, sondern geht zwischenhinein wieder herunter. Man
nimmt an, da wir es hier mit halberstarrten Sonnen zu tun haben, die
uns abwechselnd ihre erkalteten und ihre unregelmig verteilten
glutflssigen Oberflchenteile zuwenden.

Zwischen diesen beiden Typen gibt es noch allerlei merkwrdige
Abweichungen, wie zum Beispiel der besonders wundersame Stern S im
Schwan, der 2 Monate lang unverndert bleibt, dann rasch um das 12 bis
14fache an Glanz zunimmt, einmal 5, das andremal 10 Tage lang so hell
bleibt, um darauf nach einer Woche wieder so schwach zu leuchten wie
zuvor. Aber das geschieht nicht regelmig, sondern fters zeigt er
wieder andre Perioden.

Ein andrer Stern wechselt in der fabelhaft kurzen Periode von 4 Stunden
und 13 Sekunden, was darauf hindeutet, da er sich in dieser Zeit um
seine Achse dreht oder von einem andern Stern mit solch ungeheurer
Geschwindigkeit umkreist wird.

Dies fhrt uns zur dritten Klasse der vernderlichen Sterne, derer vom
Algoltypus. Diese zeigen ein rein weies Licht, knnen also keine
erlschenden Sonnen sein, auch sind ihre Perioden von genauester
Pnktlichkeit.

Algol im Perseus bleibt 2 Tage unverndert als Stern zweiter Gre
gleich dem Polarstern; dann nimmt seine Leuchtkraft erst langsam, dann
immer schneller ab; nach 4 Stunden ist er nur noch ein Sternchen
dritter bis vierter Gre, nimmt aber sofort wieder zu und ist nach
weiteren 4 Stunden so hell wie zuvor.

Hiefr gibt es nur _eine_ Erklrung: Algol wird uns verfinstert durch
einen dunklen Weltkrper, der ihn in 2 Tagen, 20 Stunden, 48 Minuten und
55 Sekunden umluft, denn so viel betrgt die Periode.

Dieser dunkle Begleiter mu seiner Sonne sehr nahe sein und beinahe so
gro wie sie, sonst knnte er uns, wie schon gesagt, seine Sonne auf
solch ungeheure Entfernung hin nicht verfinstern; natrlich mu auch
seine Bahn unsere Gesichtslinie kreuzen, daher ist es erklrlich, da
man nur etwa 20 vernderliche Sterne vom Algoltypus kennt. Bei allen
sind die Perioden sehr kurz, zwischen 20 Stunden und 9 Tagen.

Strungen weisen darauf hin, da Algol mehr als einen Trabanten hat, und
wir drfen hier ganze Sonnensysteme vermuten, aber auch dort, wo kein
dunkler Begleiter sich uns durch seine Gre und geringe Entfernung von
seiner Fixsternsonne verrt.

Schlielich verrt uns auch das Spektroskop dunkle Trabanten der
Fixsterne dadurch, da die Linien ihres Spektrums genau innerhalb der
Lichtwechselperiode sich verschieben.

Aus alledem, sagte Flitmore, siehst du, da dunkle und wohl auch
bewohnbare Weltkrper zur Genge vorhanden sein mssen. Gott gebe nur,
da wir zu rechter Zeit einen solchen auffinden und glcklich dort zu
landen vermgen.




                            33. Ohne Luft!


Fnf Monate dauerte schon die unheimliche Reise der Sannah mit dem
Kometen und noch war Alpha Centauri so weit entfernt, da sich nicht
sagen lie, wann man in seine Nhe kommen werde. Nun wurde fters des
Lords Nhrmaschine in Ttigkeit gesetzt, damit die zusammenschmelzenden
Lebensmittelvorrte gespart werden konnten. Sie lieferte denn auch eine
sehr nahrhafte, strkende und auch schmackhafte Kost, die freilich auf
die Dauer die natrlich entstandenen Nahrungsmittel nicht vollwertig
htte ersetzen knnen.

Leider erweist sich Ihre Vermutung ber die Geschwindigkeit Aminas als
unrichtig, sagte Flitmore eines Tages zu Schultze.

In der Tat, erwiderte der Professor, ich habe sie bedeutend
berschtzt. Wenn man keine sichern Unterlagen fr eine Berechnung
besitzt, kann man sich leicht um das zehn- und hundertfache verrechnen
bei solch fabelhaften Zahlen.

Ein schlechter Trost, seufzte der Lord; was aber noch bedenklicher
ist, auch ich habe zu optimistisch gerechnet, wenn ich glaubte, meine
Sauerstoffvorrte wrden elf Monate ausreichen: wir sind nicht viel mehr
als halb so lange unterwegs, und bis auf eine kleine Kammer sind schon
alle geleert; Ozon haben wir berhaupt keines mehr.

Wie lange kann uns die Luft noch reichen? fragte Mnchhausen.

Der Lord zuckte die Achseln: Bei uerster Sparsamkeit, und zwar bei
alleruerster, drei Wochen; dann ist es aus mit uns.

Sparen wir! sagte der Kapitn trocken.

Das werden wir tun; aber es wird eine bse Zeit werden und wer wei, ob
es uns etwas hilft!

Von jetzt ab wurde der geringe Rest an Sauerstoff so ngstlich zu Rate
gehalten, da die Luft in der Sannah fr die Lungen kaum noch brauchbar
war.

Die Folgen zeigten sich auch bald bei allen: an mehr als die
notwendigste Ttigkeit war nicht mehr zu denken, da eine furchtbare
Mattigkeit und Erschlaffung sich der rmsten bemchtigte. Rchelnd und
nach Luft schnappend lagen sie umher und berlieen sich so viel als
mglich der bleiernen Schlfrigkeit, die sie gefangen hielt; denn im
Schlaf verbrauchten sie am wenigsten von der kostbaren Luft.

Je mehr sich der Hunger nach Luft steigerte, desto weniger wollte ihnen
Essen und Trinken mehr schmecken. Bleich und eingefallen, Gespenstern
gleich, schlichen sie durch die Rume, wenn sie sich vom Lager erhoben,
suchend, ob nicht irgendwo bessere Luft zu finden sei; aber sie war
berall verbraucht und vergiftet.

Nicht mehr von Tag zu Tag, nein, von Stunde zu Stunde steigerten sich
jetzt die Qualen, und die Wchter hatten die schwere Pflicht, mit
uerster Willensanspannung den Schlaf zu berwinden, um die
erstickenden Genossen rechtzeitig wecken zu knnen: sonst wre
schlielich niemand mehr aufgewacht!

Erfinden Sie etwas, um knstlichen Sauerstoff herzustellen oder um die
verbrauchte Luft wieder fr die Atmung tauglich zu machen, keuchte der
Kapitn: Mit mir geht's zu Ende, Lord!

Flitmore lchelte schwach und wehmtig und sah nach Mietje, die mit
geschlossenen Augen krampfhaft zuckend im Sessel lehnte. Ja, wenn ich
das zu erfinden vermchte! Hilft uns Gott nicht, so sind wir alle
verloren. Aber _bald_ mu die Hilfe kommen: ich habe ja berechnet, da
uns der Sauerstoff bei dem gegenwrtigen Verbrauch noch vier Tage
reichen kann; aber ich sehe ein, so geht es nicht weiter, wir brauchen
unbedingt bessere Luft, es ist die hchste Zeit. Und so mu die
Sparsamkeit ein Ende haben; ich bin entschlossen, den ganzen Rest unsres
Vorrats auf die nchsten 24 Stunden zu verteilen. Dann leben wir noch
einmal auf, ein letztesmal. Was dann weiter kommt, steht in des
Allmchtigen Hand!

Mit diesen Worten schlich sich der Lord weg, um die Ventile zu ffnen,
die den gepreten Sauerstoff in das einzige noch bewohnte Zimmer strmen
lassen sollten.

Die Lady erhob sich wie im Traum und verlie mhsam das Gemach.

Heinz, dem nichts Gutes ahnte, folgte ihr. Er fand sie in einer Stube,
in der die beiden Schimpansen erstickend am Boden lagen: man hatte die
Affen, so leid es einem tat, entfernen mssen, da sie nicht auch noch
halfen, ihren menschlichen Leidensgefhrten das letzte bichen Luft
wegzuatmen.

Was haben Sie im Sinn? fragte Heinz die Lady.

Diese sah ihn mde an: Was liegt an mir? Es kommt vor allem darauf an,
die Mnner am Leben zu erhalten, bis Gott ihnen Rettung sendet. Ich will
ihnen nicht die letzten Aussichten nehmen.

Sie wollen hier ersticken? rief Heinz entsetzt.

Hier oder dort, das ist doch einerlei, sagte die Lady lchelnd.

Aber hier ist es in einer Stunde aus mit Ihnen; dort knnen Sie noch 24
Stunden aushalten, und zwar in verhltnismig guter Luft, da der Lord
die Luft grndlich verbessern will.

Gehen Sie, vielleicht wird dadurch Ihr Leben verlngert bis die Hilfe
kommt, und die wird nicht ausbleiben, dessen bin ich sicher.

Nein, Lady! Ein solches Opfer knnen wir nicht annehmen, auch ist es
zwecklos.

Wer wei?

Nun, so bleibe ich auch da; dann ....

Weiter kam er nicht, ein furchtbarer Sto erschtterte die Sannah, ein
Krachen und Knistern erscholl und pflanzte sich wie rollender Donner
durch die Metallhlle weiter. Alle Rume erbebten. Dann wurde es still.




                34. Ein verhngnisvoller Zusammensto.


Gott sei uns gndig! Was war das? schrie Lady Flitmore.

Wenn nur kein Unglck die andern betroffen hat! rief Heinz.

Und so schnell ihre schwachen Krfte es ihnen erlaubten, eilten sie
zurck in das Zenithzimmer.

Was ist geschehen? rief ihnen hier Mnchhausen entgegen.

Das wollten wir Sie fragen, gab Heinz zurck.

Wo ist mein Gatte? forschte Mietje besorgt.

Da kommt er! sagte Schultze aufatmend.

Der Lord trat ein. Todesblsse bedeckte sein Antlitz.

Gottlob! Dir ist nichts passiert! rief die Lady, alles andre
vergessend.

Wir wollen uns auf unser Ende vorbereiten, erwiderte Flitmore dumpf:
Es ist keine Hoffnung mehr fr uns, mit dem Leben davonzukommen, die
nchsten Stunden bringen den Tod.

Kein Sauerstoff mehr da? fragte der Kapitn.

Ein groes Meteor hat die Sannah gestreift und ihre Umhllung
zertrmmert und zwar mute es gerade unsre letzte Sauerstoffkammer sein,
deren Decke durchlchert wurde. Natrlich ist alles in den leeren Raum
entwichen. Als ich die Ventile ffnen wollte, erfolgte gerade der Krach.
Ich ahnte, was geschehen und blickte durch das Seitenwandfenster in den
Raum, der durch das Licht des Kometen erhellt wurde, das durch die
zertrmmerte Decke eindringt.

Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemchtigte sich aller. Nur John
entfernte sich stillschweigend. Er wute eigentlich selber nicht, warum;
doch gedachte er, sich den Schaden zu besehen und einen Rundgang durch
das Weltschiff zu machen, um festzustellen, ob sonst alles in Ordnung
sei.

In Ordnung! Ja, wenn nur Luft dagewesen wre! Es war eine mhsame
Wanderung durch die sauerstoffleeren Rume und oft drohten dem Diener
die Krfte zu versagen; doch heldenmtig schleppte er sich weiter.

Im Nordpolzimmer sah er die beiden Schimpansen sterbend am Boden liegen.
Sie dauerten ihn.

Er richtete die treuen Tiere auf, die sich krampfhaft an ihn
festklammerten.

Ihr sollt nicht so lange leiden mssen, sagte er: Wir wollen alle
drei hinaussteigen, wo gar keine Luft ist, dann sind wir gleich tot!

Gleichzeitig begab er sich zur Lucke, um sich mit den Affen in den
leeren Raum zu strzen, denn er war der Meinung, sie wrden hinabfallen;
die Anziehungskraft des Mittelpunktes der Sannah, die ihn an der
Oberflche der Umhllung festhalten wrde, hatte er nicht begriffen.

Es waren durchaus keine Selbstmordgedanken, die John zu diesem
anscheinend so verzweifelten Schritte trieben; klare Gedanken vermochte
er berhaupt nicht mehr zu fassen, da das Blut dumpf in seinen Schlfen
hmmerte, seine Lunge keuchte und rchelte, und seine Kiefer umsonst
nach Luft schnappten. Ein dunkler Nebel umfing seine Sinne. Aber der
gleiche Gedanke, der Mietje bewogen hatte, sich opfern zu wollen,
dmmerte auch im Hintergrunde von Johns Seele, als er zur Lucke
hinaufkletterte: er wollte von dem letzten Restchen Luft seinem Herrn
nichts mehr wegatmen. Und dann war es noch das Mitleid mit Dick und
Bobs, die ein rasches Ende finden sollten.

Unterdessen sahen die andern im Zenithzimmer einem langsamen,
schrecklichen Ende entgegen. Immerhin konnte es nicht lange mehr dauern,
so wrde eine wohlttige Bewutlosigkeit eintreten und ihnen das Gefhl
der letzten Qualen ersparen.

Lord Flitmore war gefat und in den gttlichen Willen ergeben.

Heinz und Mietje zeigten sich ebenfalls ruhig: schwer wurde ihnen nur,
da sie sich nicht fr die andern opfern konnten, das hatte jetzt keinen
Zweck mehr.

Der Kapitn war der Unruhigste: ihm pate das Ersticken durchaus nicht
und er sehnte sich nach einer frischen Seebrise. So murmelte er denn hie
und da etwas vor sich hin, das nicht danach klang, als habe er mit der
schnden Welt bereits abgeschlossen. Doch er war kein Hasenfu und kein
Zweifler; gewi fand er sich auch noch in sein Schicksal, er mute nur
zuvor noch einiges berwinden.

Im Stillen bewunderte er Professor Schultze: der schien auf einmal alles
vergessen zu haben und so schwer auch er mit dem Luftmangel kmpfte,
in den letzten Viertelstunden seines Lebens noch ganz von
wissenschaftlichem Eifer beseelt zu sein.

Der Zusammensto hatte seine Wibegierde erregt und er forschte
angestrengt nach dessen Grnden.

Es ist klar, sagte er endlich mit schwacher Stimme: Ein neuer Komet
ist die Ursache des Verhngnisses, dieser neue Komet ist durch den
Schweif der Amina gefahren und ein fester Bestandteil seines eignen
Schweifes hat unsre Sannah getroffen.

Auch sind wir vom Kopfe unsres Kometen viel weiter entfernt als bisher:
es scheint zwischen den beiden Haarsternen ein heftiger Kampf um unsre
Wenigkeit entbrannt zu sein: der neue Komet will uns mit sich
fortreien, die Amina will uns nicht freigeben! Es wre wirklich
interessant, zu erleben, welcher von beiden es gewinnt: kommt die Sannah
los vom Kometen Amina, so fhrt sie der andre Komet wahrscheinlich
zurck nach unserm irdischen Sonnensystem.

Wirklich hochinteressant, sagte der Kapitn spottend. Nur schade, da
wir das Ende des Kampfes nicht erleben und da die Rckfahrt in unser
Sonnensystem uns ziemlich einerlei sein kann; denn was kmmert's uns, wo
unser groer Sarg landet. Ja, wenn Sie uns verknden knnten, da irgend
in der Nhe ein Hoffnungsstern uns leuchtet, da wir innerhalb einer
halben Stunde irgendwo landen knnen, das liee ich mir gefallen, da
htten Ihre Beobachtungen doch einen vernnftigen Zweck.

In abgebrochenen Stzen, oft unterbrochen durch das vergebliche Suchen
nach mehr Luft, hatte Mnchhausen diese Rede hervorgestoen. Schultze
aber erwiderte etwas kleinlaut:

In letzterer Beziehung allerdings sieht es schlimm aus: Alpha Centauri
ist uns zwar verhltnismig sehr nahe gekommen, es lassen sich sogar
schon leuchtende Trabanten seines Sonnensystems unterscheiden; doch
einige Tage brauchten wir noch mindestens, um einen davon zu erreichen,
selbst wenn wir nicht jetzt auch noch dadurch aufgehalten wrden, da
zwei Kometen sich um uns balgen.

Also aussichtslos! brummte Mnchhausen; und nun ward es wieder stille
im Zimmer. Man hrte nur noch Sthnen und Rcheln.

Flitmore beugte sich ber seine Gattin. Sie hatte das Bewutsein
verloren und wrde es wohl auch nicht wieder erlangen. Es wre zwecklos
und grausam gewesen, sie wieder zur Besinnung zurckrufen zu wollen.

Heinz schaute mit erlschenden Blicken umher; er vermite John: Rieger
fehlt! hauchte er.

Niemand erwiderte hierauf etwas.

Schultze blickte immer noch zum Fenster hinaus.

Pltzlich verdunkelte sich dieses; ein Schatten fiel darauf und nun
wurde der Professor auf einmal lebendig, durch das hchste Erstaunen
aufgeregt.

Da hrt sich doch aber alle Wissenschaft auf! keuchte er: Da steht ja
John Rieger, die treue Dienerseele! Mitten im luftleeren Raum! Ja, er
lebt noch, er bewegt sich, er scheint ganz munter! Das ist ja die
reinste Unmglichkeit.

Inzwischen war John auen auf die dicke Scheibe niedergekniet, winkte
und klopfte aus Leibeskrften.

Er tut ganz verzweifelt! Natrlich, er hlt es keine Minute mehr aus
ohne Luft. Wie er aber auch da hinauskommt und warum? machte Schultze
kopfschttelnd weiter. Soll ich ihn einlassen?

Natrlich! sagte Flitmore.

Meinetwegen! stimmte der Kapitn bei: Obgleich uns die letzte Luft
entweichen wird, wenn wir die Lucke ffnen.

Da ist ja auch Bobs! Nein, der tanzt ja ordentlich und schlgt
Purzelbume! rief Heinz verwundert, whrend der Professor sich
anschickte, eiligst die Lucke zu ffnen, um John einzulassen, den er im
Todeskampfe whnte.

Doch noch ehe Schultze geffnet, hatte Rieger sich besonnen, da ja die
Tren auch von auen aufgemacht werden konnten.

Es eilte ihm offenbar ungeheuer und er konnte es nicht abwarten, bis die
da drinnen ihm den Zugang frei legten; er drckte auf den Knopf und
langsam drehte sich die dicke Metallplatte in ihren Scharnieren.

Nun mute die Luft vollends in den leeren Raum entweichen, aber was
machte das schlielich aus, sie war ja Gift und ein rasches Ende konnte
nur willkommener sein als ein langwieriger Todeskampf.

Aber da geschah ein Wunder!




                           35. Ein Wunder.


Schultze, der der ffnung ganz nahe stand, sprte einen frischen Luftzug
hereinwehen!

Obgleich sich da selbstverstndlich alle und jede Wissenschaft aufhrte,
sprach er doch kein Wort, sondern sperrte Mund und Nase auf, um die
kstliche, belebende Luft in seine Lungen aufzunehmen.

Nein! Herrscht bei Ihnen eine abscheuliche Stickluft, rief John
herein, indem er den Kopf in die Lucke steckte: Kommen Sie doch schnell
alle heraus.

Kannst du denn schnaufen im luftleeren Raum? rief der Kapitn von
unten: er war emprt, denn es schien ihm, als treibe der Diener einen
hchst unangebrachten Scherz mit ihnen. Vielleicht hatte er den Verstand
verloren, der arme John! Oder war er schon ein Verstorbener, ein Geist,
der keiner Luft bedarf? Mnchhausen jedenfalls brauchte noch Luft zum
Leben, das sprte er nur zu sehr!

John aber rief herab: Es herrschen ja sozusagen die herrlichsten
atemsphrischen Verhltnisse hier drauen! Wirklich, werter Herr
Kapitn, eine kstliche Atemsphre, und das Merkwrdigste ist, man fllt
gar nicht herunter von der Sannah: ich bin vom Nordpolfenster bis hier
heraufgestiegen, wie ich der Meinung nach gesagt haben wrde, aber in
Wirklichkeit konnte ich von einer Steigung nichts verspren: berall war
ich oben und wenn ich dann meinte, ich msse mit grter Vorsichtigkeit
an der Rampe hinunterklettern, weil es berall rund hinunter ging, so
war das auch wieder gar nicht so und keinerlei Redensart von einem
vorhandenen Abstieg, sondern immer nur oben. Die Affen springen um die
ganze Sannah rings herum, da man meint, jetzt fallen sie, jetzt strzen
sie ganz ins Weite; aber sie bleiben unentwegtermaen in vollster
Aufrichtigkeit ihrer leiblichen Haltung.

Den letzten Teil seiner sprudelnden Rede hielt John an Professor
Schultze hin, der inzwischen hinausgeklettert war und nur atmete,
atmete.

Jetzt nahm er endlich das Wort: Da man um die ganze Sannahkugel
herumlaufen kann, ohne in den Weltraum zu fallen, das hat seine
Richtigkeit und selbstverstndlich befinden wir uns an ihrer Oberflche
berall oben. Aber da im luftleeren Weltraum eine so tadellose Luft
vorhanden ist, das kann absolut nicht stimmen und geht nicht mit rechten
Dingen zu: Da hrt sich ja einfach alle Wissenschaft auf!

Nun war es heraus!

Jetzt aber wandte er sich zurck und rief in die Stube hinab:

Was wollt Ihr denn dort unten noch lnger mit der Atemnot kmpfen?
Macht, da ihr herauskommt: tatschlich ist hier drauen eine Luft, die
lebendig und gesund macht! Es ist zwar selbstverstndlich ein
unmglicher Umstand und die reinste Torheit, es zu glauben, aber ich
versichere euch, es ist doch so, tatschlich so!

Unterdessen hatte der frische Luftzug von oben seinen Weg nach unten
gemacht und war auch Flitmore, Heinz und Mnchhausen in die Nasen
gedrungen.

Da raffte sich der Kapitn auf und bewegte seine Leibesmasse
schwerfllig empor, um die kstliche Atmosphre aus erster Hand zu
genieen.

Als er mit Kopf und Brust aus der Lucke emporgetaucht war, blieb er
atemlos stehen und sttzte sich mit den Armen auf den Trrahmen. Und
jetzt atmete und pustete er wie eine Dampfmaschine.

He! mahnte Schultze: Machen Sie, da Sie vollends herauskommen!

Mnchhausen schttelte den Kopf: Muten Sie mir keine bermenschlichen
Anstrengungen zu. Hier will ich verschnaufen. Ah, herrlich, kstlich!

Aber Mensch! Wenn Sie mit Ihrem Bauch die ganze Lucke verstopfen,
mssen ja die dort unten elendiglich umkommen! Haben Sie denn gar kein
Mitleid mit Ihren Nebenmenschen?

Ja so! stammelte der Kapitn beschmt: Da dachte ich ja gar nicht
daran vor lauter Lebensluft, die mir zustrmt. Und nun krabbelte er
vollends heraus.

Jetzt kamen der Lord und Heinz nach, die Mietje an die freie Luft
emportrugen.

Die Lady war noch immer ohnmchtig, als sie aber drauen in die
sauerstoff- und ozonreiche Luft gebettet wurde, kam sie bald zu sich und
fhlte sich nach kurzer Zeit so gekrftigt, da sie sich zu erheben
vermochte.

Nun wurde ein Spaziergang rings um das Weltschiff gemacht, ein
kstlicher Spaziergang! Dabei wurden smtliche irgend vorhandenen Lucken
geffnet, um die verdorbene Luft entweichen und die frische Atmosphre
einstrmen zu lassen.

Und sagen, da wir um ein Haar allesamt elend erstickt wren, da uns
die Lebensluft doch rings umgab! sagte Mnchhausen. Gestorben wren
wir, nur weil wir nicht wuten, da es eigentlich gar keine Not hatte!
Htte John nicht zufllig, oder besser durch gttliche Fgung, den Gang
ins Freie angetreten, unsre Unwissenheit htte uns das Leben gekostet.

Es ist aber auch rein unerklrlich, wie wir in einen mit Luft erfllten
Winkel des Weltraums geraten konnten, meinte der Professor. Es war
gewi niemand zuzumuten, da er auf diesen himmelfern liegenden Gedanken
kme.

Doch! widersprach Flitmore nachdenklich: Eigentlich htte ich daran
denken, ja es bestimmt wissen sollen. Sie haben da wieder ein Beispiel
dafr, Professor, wie wir Menschen, die wir uns so gar gescheit dnken,
mit Blindheit geschlagen sind, und oft nicht einmal die nchstliegenden
vernnftigen Folgerungen zu ziehen vermgen aus dem, was wir bereits
erkannten.

Wieso denn?

Nun, ich setzte Ihnen doch auseinander, da meiner Ansicht nach der
Stoff, der den Weltraum erfllt, nichts andres sein kann als verdnnte
Luft und da jeder Planet oder vielmehr jeder rotierende Krper durch
eine Umdrehung und Anziehungskraft die Luft um sich her verdichtet und
sich so mit einer Lufthlle umgeben mu.

Welcher Schlu lag nun nher, als da dies auch bei unsrer Sannah der
Fall sein msse? Warum sollte sie sich nicht auch mit einer Atmosphre
umgeben, die sie aus dem Weltraum an sich ri?

Nein! rief Schultze, sich an die Stirn schlagend: Solch ein alter
Esel, wie ich bin! Und solch einen Menschen tituliert man Professor! Die
Sache ist ja sonnenklar! Bei unsern Landungen merkten wir natrlich
nichts davon, weil wir die Sannah erst verlieen, wenn sie sich in der
Atmosphre eines Weltkrpers befand. Aber htten wir in der Zwischenzeit
nur auch ein einzigesmal eine Lucke ein klein wenig geffnet, so wre
uns frische Luft entgegengestrmt!

Natrlich, sagte der Lord wieder, das wagten wir nicht, daran dachten
wir berhaupt nicht, weil wir stets im Wahne befangen waren, dort auen
gebe es keine Luft, die wir atmen knnten, vielmehr umlaure uns Tod und
Verderben und lediglich der luftdichte Abschlu aller Lucken, der das
Entweichen der Innenluft verhindre, schtze uns vor dem Erstickungstod.

Ich konnte das ja natrlich nicht ahnen, sagte Mnchhausen, aber da
unser Lord und vor allem Sie, allerweisester unter den Professoren,
nicht so weit dachten, das ist eine Schmach fr die ganze Menschheit.
Was? Da halten Sie uns eingeschlossen wie in einem Bergwerk oder in
einem Unterseeboot, bis wir beinahe erstickt sind, statt zu sagen: Na,
Kinder! Machen wir die Pforten auf, spazieren wir hinaus, ein wenig
frische Luft schpfen? Heinrich Schultze, Sie reden immer vom Aufhren
aller Wissenschaft, wenn Sie nur erst einmal des Wissens Anfnge inne
htten!

Wenn ich mir erlauben darf, richtig verstanden zu haben, mischte sich
John jetzt in die Unterhaltung, so schiene mir aus Ihren respekttiefen
Reden ersichtlich zu sein, als ob diese Luft auch sonst frher vorhanden
gewesen sein mte.

Gewi, sagte Flitmore, seit unsrer Abfahrt von der Erde besitzt unsre
Sannah eine regelrechte Atmosphre, die sich unaufhrlich aus dem
Raumstoff ergnzt und erneuert.

Ah! rief Lady Flitmore: Da htten wir ja schon fters solche
prchtige Spaziergnge im Freien machen knnen. Schade, da wir's nicht
wuten; aber jetzt wollen wir's nicht wieder versumen.

Nein, meine Liebe, sagte der Lord. Vor allem aber wollen wir Gott
danken, da er uns das, was uns zuvor nur als eine Annehmlichkeit
erschienen wre, im Augenblick der uersten Not erkennen lehrte, da es
unser aller Leben rettete!

Entzckend war der Wandel im Freien wahrhaftig zu nennen; nicht nur
wegen der gesunden Luft, die begreiflicherweise anfangs allen das
Wichtigste war, sondern auch wegen der wechselnden Aussicht, die man auf
den Sternhimmel geno.

Die Oberflche der Kugel mit ihren etwas mehr als 63 Ar bot Raum genug,
sich zu ergehen; der Umfang von 141,3 Metern gestattete, in zwei Minuten
die ganze Sannah in beliebiger Richtung vllig zu umwandeln.

So konnte man den gesamten Sternhimmel bewundern.

Am nchsten standen der Sannah noch die beiden Kometen; doch schien es,
als ob beide sich nach entgegengesetzten Richtungen hin von ihr
entfernten: somit wre das Weltschiff aus der gezwungenen Gefolgschaft
der Amina befreit worden, offenbar dadurch, da der neue Komet die
Sannah ebenfalls angezogen hatte, ohne sie jedoch ganz mit sich
fortreien zu knnen, da die Anziehungskraft des ersten sie noch
gengend zurckhielt.

Die meisten Sternbilder am nrdlichen und sdlichen Himmel erschienen
durchaus nicht viel anders, als von der Erde aus gesehen; die Entfernung
dieser Gestirne war so gro, da die 3 Lichtjahre, die man ihnen nher,
bezw. ferner gekommen war, gar nicht in Betracht kamen.

Diejenigen Sternbilder jedoch, denen man sich wesentlich genhert hatte,
(das heit eigentlich nur einzelnen ihrer Sterne), erschienen ziemlich
verndert oder stark verschoben.

Man befand sich hier im Reiche der Fixsterne, und doch eigentlich wieder
nur in der Nhe eines fremden Sonnensystems, von dem die Fixsternwelt
ebenso fern schien wie von der Erde aus.

Schultze gab dieser Beobachtung folgendermaen Ausdruck:

Wir sind dem Sonnensystem Alpha Centauri ganz nahe und doch weit
entfernt, etwa im Sternbild des Centauren uns zu befinden, wie es sich
der Erde darstellt; denn die andern Sterne dieses Sternbildes sind uns
meist himmelfern und scheinen von hier aus auch einer abgelegenen
Fixsternwelt anzugehren.

Von der Erde aus betrachtet, sind wir hier unter den Fixsternen; von
hier aus betrachtet aber sind uns die Fixsterne ebenso entlegen wie der
Erde, wogegen uns die irdische Sonne einen Bestandteil des
Fixsternhimmels auszumachen scheint.




                       36. In der Fixsternwelt.


Die frische Luft regte den Appetit mchtig an und Mnchhausen war der
erste, der dies bemerkte.

Wie wre es, sagte er, wenn wir fr heute unsern Luftwandel
einstellten und zunchst eine ausgiebige Strkung zu uns nhmen? Mir
ist, als htte ich seit acht Tagen nichts gegessen.

Unsre Mahlzeiten sind in letzter Zeit allerdings etwas zu kurz
gekommen, lachte Flitmore; der Mangel an Lebensluft und Stoffwechsel
lie keinen rechten Hunger aufkommen.

Nicht einmal bei mir, besttigte der Kapitn.

Was viel sagen will! spottete Schultze.

Komm, John! gebot Lady Flitmore: Eilen wir in die Kche, ein Festmahl
zu bereiten, so rasch wir eines zustande bringen; wir mssen heut unser
aller Geburtstag feiern.

Brava! rief Mnchhausen; brava, Mylady, das ist ein genialer Gedanke.
In der Tat sind wir heute alle zu neuem Leben wiedergeboren.

Mietje begab sich mit John hinab und die andern folgten.

Whrend erstere sich in die Kche begaben, blieben letztere im
Zenithzimmer.

Ich glaube, sagte hier Flitmore, ich habe nun auch eine Erklrung
dafr gefunden, warum der Komet Amina uns entfhrt hat:

Sie wissen, meine Herrn, da nach meiner Ansicht alle Krper mit
Anziehungskraft und Fliehkraft ausgestattet sind und sich demnach
gleichzeitig anziehen und abstoen, so da sie sich einander bis zu der
Entfernung nhern, wo Anziehung und Abstoung sich ausgleichen und
einander aufheben.

Nun scheint mir in der Kometenmaterie die Fliehkraft zu berwiegen.
Daher kommt es, da die durch die Sonnennhe aufgelsten Massen dieses
Stoffes mit solcher Wucht von der Sonne abgestoen werden, da sie einen
Schweif von vielen Millionen Kilometern bilden.

Das wrde auch erklren, fgte Schultze bei, warum ein Komet, wenn
er, durch die Geschwindigkeit seines Laufes die Zentrifugalkraft bis zu
einem gewissen Grade unwirksam machend, dem Jupiter sehr nahe kommt oder
gar die Korona der Sonne durchsaust, zwar zertrmmert und aufgelst
werden kann, niemals aber auf diese Weltkrper fllt.

Auch das! stimmte der Lord zu. Nun aber zieht Fliehkraft die
Fliehkraft an: nur so ist es begreiflich, da ein Komet seinen
ungeheuren Schweif mit sich fhren und spterhin wieder einziehen kann,
whrend die Weltkrper, die etwa diesen Schweif kreuzen, nichts davon
mitnehmen, eben weil die Fliehkraft in ihm vorherrscht.

Aber die Sternschnuppenregen und Meteorsteinflle? wandte Heinz ein.
Tatschlich werden eben doch Teile eines Kometen oder seines Schweifes
von der Erde angezogen.

Gewi! gab Flitmore zu: Wir mssen uns eben vorstellen, da zwar die
Fliehkraft in den Kometen berwiegt, einzelne Bestandteile aber doch
positiv magnetisch sind: gerade das knnte die lockere Schweifbildung
erklren, da sich dann Bestandteile darin finden wrden, die einander
bis zu einem gewissen Grade abstoen mten. Jedenfalls wre klar, warum
der Komet unsre mit Fliehkraft geladene Sannah anziehen und mit sich
fortreien mute.

Ich begreife, sagte der Professor: Und teils die rasende
Geschwindigkeit der Fahrt, teils das Vorhandensein anziehender Elemente
im Schweife verhinderte es, da wir durch Ausschalten des Stroms
freikommen konnten.

So stelle ich es mir allerdings vor, sagte der Lord. Nun hat uns der
andre Komet aus dem Anziehungsbereich der Amina fortgerissen, ohne uns
jedoch festhalten zu knnen, weil die mit einander streitenden Krfte
unsre Sannah schlielich an die Grenze der Anziehungssphre beider
Kometen brachten. Und nun werde ich mich beeilen, den Zentrifugalstrom
auszuschalten, damit wir von dem Sonnensystem Alpha Centauri angezogen
werden und, wenn wir einen gnstigen Planeten entdecken, dort landen
knnen.

Da dies allgemein fr das Beste gehalten wurde, stellte Flitmore alsbald
die Fliehkraft ab.

Dem Festmahl, das nun aufgetragen wurde, sprachen alle wacker zu und es
entwickelte sich eine behagliche und heitere Stimmung, die nach den
ausgestandenen Leiden und Todesngsten doppelt erquickte.

Dann ergab man sich einem kstlichen Schlaf, wie man ihn schon lange
nicht mehr genossen hatte.

Als unsre Freunde am andern Morgen im Zenithzimmer zum Frhstck sich
vereinigten, flutete heller Sonnenschein durchs Fenster, ein Wunder, das
mit grter berraschung und einem wahren Jubelausbruch begrt wurde;
denn seit dem Verlassen des irdischen Sonnensystems war das blasse Licht
des Kometen und der Schein der elektrischen Glhbirnen der Sannah das
einzige Licht gewesen, das man gekannt.

Sofort nach beendigtem Mahl eilten alle ins Freie, um das neue
Schauspiel zu genieen.

Die Oberflche der Sannah strahlte im hellsten Sonnenglanz. Ihre
Flintglasbekleidung verhinderte jedoch eine allzugroe Erhitzung. Es war
wie der pltzliche Einzug warmen, sonnigen Frhlings nach langer,
frostiger Winternacht!

Da sind ja sozusagen zwei Sonnen! rief John aufs hchste berrascht,
wenn ich mir erlauben darf, mich nicht wesentlich zu tuschen, was
nicht der Fall sein drfte.

Alle sahen empor nach den blendenden Tagesgestirnen, die allerdings zu
zweit, anscheinend dicht neben einander am Himmel leuchteten.

So merkwrdig dies aussah, lange konnte man nicht hinblicken: die Augen
hielten den Glanz nicht aus.

Das stimmt, sagte Schultze: Alpha Centauri ist ein Doppelstern. Und
alsbald hielt er einen Vortrag ber Doppelsterne, der hier ganz am
Platze war.

Das Vorhandensein solcher Doppelsterne, sagte er, ist erst seit
einigen Jahrzehnten bekannt. Allerdings hatte das Fernrohr den
Astronomen schon lange enthllt, da da, wo man mit bloem Auge einen
einzigen Stern zu sehen vermeint, in Wirklichkeit zwei oder gar mehrere
sein knnen, und der neblige Schimmer der Milchstrae lste sich unter
dem Teleskop in dichte Massen zahlloser Sterne auf, so da Herschel
anfangs vermutete, alle Sternnebel mten sich in gengend starken
Instrumenten als solche Sternenhufungen erweisen. Aber alle diese
Sterne erscheinen nur wegen ihrer perspektivischen Lage und unendlichen
Entfernung einander so nahe zu sein, da sie fr das bloe Auge zu einem
zusammenhngenden Gebilde werden. In Wirklichkeit sind sie durch
Himmelweiten von einander getrennt und sind durchaus nicht das, was man
Doppelsterne und mehrfache Systeme nennt.

Die wirklichen Doppelsterne sind zwei Sonnen eines Sonnensystems, deren
eine die andere umkreist. Bessel war der erste, der im Jahre 1847
verkndigte, Sirius im groen Hunde, sowie Procyon im kleinen Hunde
mten dunkle Begleiter haben.

Zwanzig Jahre spter wurde der Begleiter des Sirius, den Bessel durch
bloe Berechnung erraten hatte, von Alvon Clark entdeckt. Er schien halb
so gro wie Sirius, also 12 bis 15 mal so gro wie unsere Sonne, aber
10000mal lichtschwcher, immerhin noch selbstleuchtend, sonst wre er
unsichtbar geblieben. Seine Entfernung von Sirius ist gleich der des
Uranus von unserer Sonne.

Bessel hatte aus den ganz eigentmlichen Bewegungen des Sirius die
Umlaufzeit seines Begleiters auf 50 Jahre berechnet; sie wurde denn auch
neuerdings mit 50,38 Jahren bestimmt.

Die Doppelsterne umkreisen einander meist in sehr langgestreckten
Ellipsen. Die Umlaufzeit der Doppelsterne, die durch die sichtbare
Vernderung ihrer Lage bestimmt werden konnte, betrgt im Mindestma 5,7
Jahre. Doppelsterne mit noch krzerer Umlaufzeit stehen einander zu
nahe, um auch mit den besten Teleskopen noch getrennt gesehen werden zu
knnen.

Hier hat uns denn das Spektroskop neue Enthllungen gebracht; man sah in
den Spektren einiger Sterne periodische Doppellinien auftreten, die mit
Sicherheit offenbarten, da uns hier zwei Krper Licht sandten, von
denen sich einer auf uns zu, der andere von uns weg bewegte. Aus der
Verschiebung dieser Linien konnte man die Umlaufszeit nach
Sekundenkilometern berechnen, selbst ohne die Entfernung der
betreffenden Himmelskrper zu kennen.

Alle spektroskopisch entdeckten Doppelsterne haben sehr kurze
Umlaufzeiten von einem Tag bis zu 3 Jahren.

So wurde der Polarstern als Doppelstern mit viertgiger Periode und blo
3 Kilometer Sekundengeschwindigkeit erkannt, sein Begleiter mu ihm also
uerst nahe sein.

Man hat Tausende solcher Doppelsterne entdeckt und kann getrost sagen,
sie scheinen die Regel zu bilden und ein Sonnensystem, wie das irdische,
mit einer einfachen Sonne, ist eine Ausnahme. Diese Sterne gehren
sozusagen dem Algoltypus an, oder wie Freund John sagt, dem
Alkoholtyphus, nur da ihre Begleiter nicht dunkel sind, sondern
selbstleuchtende Sonnen, manche allerdings schon im Erlschen begriffen,
wie bei Sirius.

Es gibt aber nicht blo Doppelsterne, sondern auch vielfache Systeme,
wie auch schon die Nebelflecke ein bis vier Zentralkerne aufweisen. Man
hat bis zu neunfachen Systemen entdeckt und wenn diese mehrfachen
Systeme verhltnismig selten erscheinen, so knnen sie
nichtsdestoweniger sehr zahlreich sein, da die kleineren Sonnen, so
leuchtend sie sein mgen, uns in solcher Entfernung nicht mehr sichtbar
werden knnen.

Ein dreifacher Stern, Gamma in der Andromeda, ist ein funkelnder
Edelstein, der zu den herrlichsten des Himmels gehrt. Schon kleine
Fernrohre offenbaren uns seine ganze Schnheit: sein Hauptstern leuchtet
in goldgelbem Lichte wie ein Topas, sein Nebenstern, der wieder doppelt
ist, strahlt in wundervollem blauem Glanz, ein blitzender Saphir.

Auch das Spektroskop hat uns solche vielfache Systeme enthllt: man
findet, da periodisch sich verdoppelnde Linien sich in weiteren
Perioden nochmals spalten und so vierfache Systeme verraten.

Was nun die Doppelsonne anbelangt, die wir hier vor Augen haben, so
scheinen uns die beiden Gestirne von hier aus recht nahe bei einander;
in Wirklichkeit sind sie 25mal weiter von einander entfernt als unsere
Erde von ihrer Sonne, also beinahe so weit als unser uerster Planet
Neptun von der Erde entfernt ist, da er 29 Sonnenentfernungen von dieser
hat.

Whrend Neptun sich in 165 Jahren um die Sonne bewegt, braucht die
Nebensonne unseres Alpha Centauri 81 Jahre, um ihr Zentralgestirn zu
umkreisen, welches etwa die doppelte Gre der irdischen Sonne hat.

Und nun, sagte Flitmore, mge dieses Doppelsonnensystem der
Fixsternwelt uns seine Gotteswunder offenbaren!

                  [Illustration: Im Hochtale Edens.]




                         37. Eine neue Erde.


Die Sannah strzte auf Alpha Centauri zu. Je nher sie den beiden Sonnen
kam, desto grer erschienen diese und desto weiter ihr Abstand von
einander.

Auf dem Wege zu ihnen aber befand sich ein wei leuchtender Stern, den
Schultze durch das Fernrohr als einen dunkeln Planeten erkannte, der im
Lichte seiner beiden Zentralsonnen erstrahlte und Phasen zeigte wie der
Mond. Der Professor berechnete seinen Umfang auf das Doppelte des
Erdumfangs und seine Umdrehungszeit auf 50 Stunden.

Das soll unser nchstes Ziel sein, erklrte Flitmore: Wir haben nach
dieser ungeheuerlichen Reise wohl alle das Bedrfnis, einen Ruhepunkt im
Weltall zu suchen, und wenn wir finden, da dieser verheiungsvolle
Planet uns die notwendigsten Lebensbedingungen bietet, so soll er fr
die nchste Zeit unser Aufenthaltsort sein; dann sind wir vorerst
geborgen.

Ja, ergnzte Mnchhausen, und knnen uns den Kopf zerbrechen, wie wir
es anstellen sollen, den Weg zu unserer armseligen Erde zurckzufinden!
Mich beschleicht wenigstens fters ein stilles, wehmtiges Heimweh nach
unserem fernen Planeten; aber Gott allein wei, ob wir ihn jemals
wiedersehen werden! Offen gestanden, mir tte es leid, wenn er uns ewig
entrckt bleiben sollte.

Schade wre es, gab Schultze zu, schon deshalb, weil wir das Wissen
der staunenden Menschheit dann nicht durch den Bericht unserer
groartigen Entdeckungen bereichern knnten; auch knnte es dann
Jahrhunderte dauern, bis wieder einer auf unseres Lords groartige
Erfindung kme und der Verkehr zwischen der Erde und den Planeten ihres
Sonnensystems angebahnt wrde. Andererseits eilt es mir jedoch durchaus
nicht mit der Heimkehr, denn ich ahne, da uns noch die wunderbarsten
Entdeckungen bevorstehen.

Glauben Sie, da der Planet, dem wir uns nhern, bewohnt sein knnte?
fragte Mietje, der es am meisten Freude gemacht htte, wieder mit Wesen
menschlicher Art zusammenzutreffen und die mit einem Gefhl des Grauens
an den Saturn zurckdachte und nicht minder an den Mars, wo nur
Ungeheuer und widerliche Scheusale eine sonst de Welt bevlkerten.

Mglich ist alles, entgegnete der Professor bestimmt. Selbst Snyder,
der nur an die allmchtige tote Natur und an die Allweisheit ihrer
Unvernunft glaubt, kann nicht umhin, zu erklren: Nur ein Tor knnte
glauben, da im unendlichen Raume die schrankenlos schaffenden Gewalten
des Weltalls zur Bildung einer einzigen bewohnten, von einer Sonne
erleuchteten Welt gefhrt htten. Der groe Geometer Lambert ging noch
weiter und sagte, da uns das Mikroskop offenbare, da auf der Erde alles
bewohnt sei, msse auch im Weltall alles irgendwie Bewohnbare bewohnt
sein.

Ja, das Bewohnbare! warf Heinz ein: Das haben wir ja auf dem Mars und
Saturn selber gesehen, obgleich auf ersterem die vernnftigen Wesen
ausgestorben scheinen, auf letzterem noch nicht vorhanden sein drften.
Aber wir werden doch annehmen mssen, da auch in den Verhltnissen der
unzhligen Planeten unendliche Verschiedenheit herrscht: auf dem einen
mag unertrgliche Hitze, auf dem andern unmenschliche Klte das Leben
unmglich machen; einer kann allzuschroffe klimatische Unterschiede, ein
anderer eine ungnstig beschaffene Atmosphre haben und was dergleichen
mehr ist.

Gewi! Das geben wir alles zu, meinte Schultze: Das alles schliet
aber das Leben nicht aus, nicht einmal das Vorkommen vernnftiger Wesen.
Denken Sie doch daran, wie es schon auf Erden Lebewesen gibt, die
ungeheure Klte- oder Hitzegrade unbeschdigt zu ertragen vermgen.
Frher war man der Ansicht, das Vorkommen von Lebewesen in greren
Meerestiefen sei schon infolge des ungeheuren Wasserdrucks unbedingt
ausgeschlossen. Heute wei man, da ein sehr mannigfaltiges Leben auf
dem Meeresgrunde herrscht, und da die Tiefseegeschpfe eben in
wunderbarer Weise den Bedingungen angepat sind, unter denen sich ihr
Leben abspielt. So sagt denn auch der eben genannte Lambert, die
lebenden Wesen auf den verschiedensten Weltkrpern werden eben auch den
dort herrschenden Verhltnissen entsprechend gebaut und eingerichtet
sein, und dagegen lt sich einfach nichts einwenden.

Immerhin hat Lambert eine khne Phantasie entwickelt, sagte Flitmore:
Ich will ja gewi nichts dawider sagen, auch die khnsten Phantasien
knnen mit der Wirklichkeit zusammentreffen. Er scheint sich etwa
gedacht zu haben, da die Menschen nach dem Tode mit einem Leibe
versehen wrden, der ihnen das Fortleben auf andern Weltkrpern
gestatte, und da sie dann eben dahin kmen, wo der fr sie geeignetste
Ort sei. So meinte er zum Beispiel, die Kometen wren der geeignetste
Aufenthaltsort fr Astronomen und Jahrhunderte mten ihnen dort sein
wie uns kurze Stunden.

Unrecht kann ich ihm nicht geben, erwiderte der Professor: Verdanken
wir es nicht einem Kometen, da wir bis in die Fixsternwelt vordringen
konnten? Welch ein erhebender Gedanke fr einen Sternkundigen, mit einem
Kometen die unergrndlichen Tiefen des Welltalls in nie endender Fahrt
zu durchreisen und immer neue Entdeckungen machen zu knnen, oft aus
nchster Nhe zu schauen, was er auf Erden kaum ahnen konnte!

Gau wies sogar den Gedanken nicht von der Hand, man knne sich mit den
Mondbewohnern in Verkehr setzen, dadurch, da man durch die Bodenkultur
auf einer greren Ebene der Erde die Figur des pythagorischen
Lehrsatzes darstelle, indem durch breite Streifen hellgelber Kornfelder
schwarze Waldvierecke eingerahmt wrden. Ja, man vermutete schon im
Ernst, die Marsbewohner bemhten sich, uns hnliche Zeichen zu geben.

Nchterner zeigt sich Klein, wenn er sagt, wahrscheinlich sei nur eine
verhltnismig geringe Anzahl von Planeten mit vernnftigen Wesen
bevlkert; da aber die Zahl der Planeten nach Hunderten von Millionen
zhlen drfte, knne dies immerhin eine ganz bedeutende Zahl sein. Er
sagt ferner: >Viele darunter mgen von Wesen bewohnt sein, die uns
selbst in geistiger Beziehung weit berragen. Hier drfen wir unserer
Phantasie frei die Zgel schieen lassen und berzeugt sein, da die
Wissenschaft keinerlei Beweis weder fr noch gegen die Richtigkeit eines
ihrer Gebilde liefern werde<.

Und dabei ist zu bercksichtigen, schaltete Flitmore ein, da Klein
lediglich solche Weltkrper in Betracht zieht, die menschlichen Wesen
wie uns ohne besondere Anpassung die ntigen Lebensbedingungen gewhren
wrden.

Fr uns kommen zunchst auch nur solche in Betracht, sagte Schultze:
Jedenfalls knnen wir zur Zeit keinem Planeten einen Besuch abstatten,
auf dem wir nicht leben und atmen knnen, und mag er mit noch so
wunderbar angepaten Lebewesen bevlkert sein, fr uns ist es
ausgeschlossen, sie kennen zu lernen, so lange es uns an der notwendigen
Anpassung fehlt.

Hchstens von der Sannah aus knnten wir sie beobachten, meinte Heinz.

Kein bler Gedanke, war des Professors beifllige Erwiderung.
Jedenfalls glaubten viele groe Astronomen an die Bewohntheit der
Planeten sogar im irdischen Sonnensystem: Huyghens, Littrow und viele
andere halten sie fr sehr wahrscheinlich und heute noch kann nichts
Entscheidendes dagegen vorgebracht werden.

Anderntags war man dem neuen Planeten so nahe gekommen, da man schon an
den Schattenflecken und an den Zacken seines Randes die Gebirge erkennen
konnte, die sich teilweise zu ganz ungeheuren Hhen erhoben; weite
blitzende Flchen verrieten die Meere, und gegen Abend nach irdischer
Zeitrechnung entdeckte man die Frbung des bewachsenen Landes und
erschaute spiegelnde Seen und silberglnzende Flulufe.

Flitmore erkannte die Notwendigkeit, durch zeitweise Unterbrechung des
Zentrifugalstroms die Annherung, die mit wachsender Geschwindigkeit
erfolgte, zu verzgern.

Er gnnte sich nur kurze Ruhe, whrend welcher Heinz das Weltschiff
abwechselnd sinken und steigen lie. Dann lste der Lord den jungen Mann
in seinem Wchteramt ab und bernahm selber die letzten Maregeln, um
eine sanfte, gefahrlose Landung zu sichern.

Als Flitmore annehmen konnte, da die Sannah schon ziemlich tief in die
Atmosphre des Planeten gesunken sei, schaltete er den Fliehstrom ein
und begab sich nach auen. Bei ausgeschaltetem Strom wre das
Hinausgehen gefhrlich gewesen, weil nicht mehr der Mittelpunkt der
Sannah, sondern derjenige des Planeten die Schwerkraft durch seine
Anziehung beeinflut htte, und somit ein Absturz vom Weltschiff dem
Unvorsichtigen htte drohen knnen.

Als der Lord hinaustrat, stieg die Sannah unter dem Einflu der
Zentrifugalkraft zunchst noch mit miger Geschwindigkeit empor.

Es war eine kstliche Luft, die da drauen wehte, ja sie schien Flitmore
etwas ganz besonders Einschmeichelndes und Belebendes zu besitzen, wie
keine Luft, die seine Lungen bisher geatmet hatten. Ein
unbeschreibliches Wohlgefhl erfllte ihn, als er diesen balsamischen
ther einsog, der von fremden, wunderbar wonnevollen Wohlgerchen
durchdrungen schien.

Da war kein Zweifel, das war nicht mehr die gewhnliche Lufthlle der
Sannah, das war eine ganz neue, unbekannte Atmosphre, der man sich
jedoch ohne alle Bedenken anvertrauen durfte.

Nachdem der Lord dies festgestellt, eilte er wieder zurck, so gerne er
lnger drauen geweilt htte. Es galt jetzt, rasch und umsichtig die
Landung zu vollziehen, dann konnte man ja diesen kstlichen ther zur
Genge genieen.

Flitmore weckte Schultze.

Ich mchte Sie bitten, Herr Professor, sagte er, nach den
Klingelzeichen, die ich Ihnen geben werde, den Strom ein- und
auszuschalten; ich will mich in das Antipodenzimmer ins Beobachtungsnetz
begeben, von wo ich die Landschaft unter uns berschauen kann. So kann
ich dafr sorgen, da wir an einem gnstigen Platze landen.

Als der Lord sich auf seinen Posten begeben hatte, sah er, da das
Weltschiff ber einem Hochgebirge schwebte, dessen Kamm schon so nahe
war, da man ber seine Rnder hinweg die umgebende Landschaft nicht
mehr zu erschauen vermochte: nur in weiten Fernen erblickte man
hgeldurchzogene Ebenen und ausgedehnte Meere, ohne weitere Einzelheiten
erkennen zu knnen.

Er besann sich, ob er nicht wieder aufsteigen wollte, bis die Rotation
des Planeten ebenes Land unter die Sannah gebracht htte; doch war es
schlielich nicht einerlei, wo man landete? Und unter ihm lachte ein so
himmlisch entzckender See, umgeben von mrchenschnen Ufern in
leuchtender Bltenpracht, da er dachte, es knne wohl kaum einen
schneren Fleck geben als eben den, welchen der Schpfer ihm hier vor
Augen fhrte.

So gab er denn die Zeichen zum Einschalten der Fliehkraft nur so weit es
notwendig war, um den Absturz zu mildern, und nach wenigen Minuten sank
die Sannah sanft nieder auf eine blumenreiche Aue am Ufer des Sees.

Das Fenster des Antipodenzimmers berhrte den Boden; Flitmore konnte
nichts mehr sehen, eine kaum merkbare Erschtterung zeigte die
glattvollzogene Landung an: das Weltschiff hatte festen Fu gefat und
ruhte sicher auf dem fremden Planeten.

Nun begab sich Flitmore hinauf und fand die ganze Gesellschaft ermuntert
und voll Begier, zu schauen, was sich ihr nun offenbaren wrde.




                        38. Die Wunder Edens.


Ah! Herrlich! Kstlich! Wunderbar! klang es in Verzckung von aller
Lippen, als die Luft voll herber Frische und gleichzeitig erfllt von
beinahe betubenden aromatischen Dften durch die geffnete Tre
hereinflutete.

Die ganze Gesellschaft eilte hinaus, die Strickleiter hinabzuklimmen und
die Landschaft, die sie von unten her anlachte, bte einen solchen
Zauber auf sie aus, da sie wirklich nicht wuten, ob das ein Traumbild
sei oder Wirklichkeit seine knne.

brigens berkam alle das seltsame Gefhl, als ob der Abstieg einen ganz
auerordentlichen Kraftaufwand erfordere und wirklich eine Kletterpartie
darstelle, die mhsam und ermdend htte sein mssen, wenn der
ozonreiche ther, den sie atmeten, sie nicht mit solcher morgenfrischer
Jugendkraft und berschwellender Lust, die neuen Krfte zu bettigen,
erfllt htte, da ihnen jede Anstrengung ein wahres Wonnegefhl
verursachte und von Ermattung keine Rede sein konnte.

Mnchhausen, der letzte beim Abstieg, empfand diese fremdartigen,
erhebenden Gefhle am deutlichsten, wie es bei seinen schwerflligen
Krperverhltnissen begreiflich war.

Ich schwebe! rief er wonnetrunken aus: Ich fhle mich leichter als
eine Feder! In meiner zartesten Jugend fhlte ich mich nie so frisch.
Ich bin mehr als verjngt, wirklich neugeboren: so wenig Gewicht spre
ich mehr, da ich kaum herabkomme; es ist mir, als knnte ich fliegen!

Man mute lachen, wenn man seine wuchtige, massige Gestalt ansah und ihn
so von Leichtigkeit und Flugfhigkeit reden hrte und Schultze rief ihm
zu:

Na! Eine Kugel, wie Sie, Kapitn, sich schwebend vorzustellen, ist ein
unbezahlbarer Gedanke! Verzeihen Sie mir meine unhfliche Heiterkeit,
aber ich kann nichts dawider. Nein! Wenn uns Lady Flitmore entschwebte,
so wre dies hchst bedauerlich und schmerzlich fr uns, doch nicht so
gar erstaunlich bei der Leichtigkeit, die wir hier, wie es scheint, alle
verspren; aber Ihr Entschweben macht uns noch keine grauen Haare.

Na, na! bruddelte Mnchhausen in komischer Entrstung, als er jetzt
den Boden betrat: Sie bleiben doch stets unvernnftig, einsichtslos und
zweifelschtig, oller Professor! Warten Sie nur ab, ob Sie nicht noch zu
Ihrer Beschmung oder zu Ihrem Entsetzen das Wunder erleben, da Kapitn
Hugo von Mnchhausen Ihren Blicken entschwebt gleich einer luftigen
Sylphide, so gerne Sie ihn zurckhalten mchten.

Der Kapitn als luftige Sylphide! Dieser Vergleich war gar zu kstlich,
um nicht ein allgemeines schallendes Gelchter zu erwecken.

Mnchhausen stimmte zwar mit ein, protestierte aber doch weiter: Wegen
meiner etwas kugeligen Gestalt trauen Sie mir das Fliegen nicht zu? Da
sieht man wieder, wie wenig Logik die Menschen haben! Was ist denn
runder, voller, kugeliger als ein Luftballon? Kann der etwa deshalb
nicht steigen und schweben, he?

Ja, Kapitn, entgegnete Heinz: Aber Sie sind doch nicht durch
Wasserstoff zu solcher Flle geblht?

Viel mehr als luftiges Gas wird meine Leibeshlle zur Zeit nicht
enthalten, behauptete der Schalk: Wenigstens fhle ich mich ganz leer
und ausgehungert, obgleich es eine Schande ist, dies zu gestehen
angesichts dieser paradiesischen Landschaft. Jedenfalls werde ich ihren
ganzen Zauber erst dann voll zu wrdigen verstehen, wenn ein
ordentliches Frhstck mir den ntigen Halt gegeben haben wird. He,
John! Du hast doch die Evorrte nicht vergessen.

Nein, wertester Herr von Kapitn, beeilte sich dieser zu versichern:
Wie knnte ich mir gestatten drfen, solcher Pflichtvergessenheit mich
schuldig machen zu knnen: schon habe ich allbereits den Semaphor
angesteckt.

Dabei wies er auf den dickbauchigen Samowar, die russische
Teekochmaschine.

Semaphor ist wieder gut! lachte Schultze: Du bist doch ein
urgelungener Kerl, John. Ein Semaphor ist nmlich ein Zeichentelegraph
und ein Samowar nicht ganz genau dasselbe.

Ach, Herr Professor, entschuldigte sich Rieger: Diese chinesischen
Ausdrcke kann ich sozusagen nicht genau behalten, weil die chinesische
Sprache in meiner Schule nicht gelernt wurde und Sie verstehen ja schon,
ob ich nun Semaphor oder Samopher sage, was ja ziemlich einerlei
klingt.

Der gebildete Diener wute nmlich, da der Tee aus China stammt und
glaubte daher, der fremdartige Name der Teemaschine msse chinesisch
sein.

Er hat gar nicht so unrecht mit dem Semaphor, nahm ihn der Kapitn in
Schutz: Die aufsteigenden Dmpfe des biedern Kessels sind wahrhaftig
telegraphische Zeichen, die von ferne einen kstlichen Labetrank
ankndigen.

Bald saen alle mit dampfenden Teetassen und krftiger Zuspeise zur Hand
da, obgleich sie auer dem Kapitn vor lauter Entzcken ber die Wunder
ihrer Umgebung kaum ein leibliches Bedrfnis versprten.

Das Auge mute aber auch trunken sein von der Pracht und Lieblichkeit,
die ihm hier in unendlicher Mannigfaltigkeit entgegenstrahlte.

Da war zunchst die Flur, auf deren weichem Teppich man lagerte.

Ein weicher Teppich, das war hier keine bloe Redensart: tatschlich
waren diese fein gefiederten Grser in ihrem durchsichtig leuchtenden
Grn so weich wie Flaum und Daunen.

Und die Blumen dieser herrlichen Wiesen! In allen Farben leuchteten sie;
doch was ihnen den ganz besondern Reiz gab, war ihre unendliche
Zartheit, die selbst die Frhlingsblten der Erde in Schatten stellte.
Wie ein Lichthauch, wie ein krperloser Duft, so wiegten sich diese
Sterne und Kelche in der balsamischen Luft, die von ihren tausend
Wohlgerchen erfllt war.

So durchsichtig zeigten sich die Bltenbltter, da man tatschlich wie
durch feinstes buntes Glas den Hintergrund deutlich durchschimmern sehen
konnte; je nachdem aber das Licht auffiel, wurde es in den zartesten
Farben zurckgeworfen, so da farbige Strahlenbndel von den Blten
auszugehen schienen, obgleich sie nichts von eigener Leuchtkraft besaen
und sich hiedurch von den Wunderblumen der Tipekitanga wesentlich
unterschieden; dennoch erschienen sie, wenigstens bei Tag, unendlich
reizvoller als diese.

Diese fremdartige und doch so ber die Maen entzckende
Durchsichtigkeit schien berhaupt der Pflanzenwelt des paradiesischen
Planeten ihre besondere Eigenart zu verleihen. Dort erhoben sich Bsche
mit groen, prchtigen Blumen, gleich Glocken herniederhngend, gleich
Tellern und Schalen schwebend, gleich kleinen Ballons oder Seifenblasen
in runden, ovalen, zylindrischen oder zusammengesetzten Formen
emporstrebend; im Hintergrunde ragten Wlder von frchtebeladenen Bumen
empor, teils schlanke, teils knorrige Stmme mit Zweigen voll Anmut im
Schwunge der Linien, mit Blttern gleich durchbrochenen Spitzen in allen
erdenklichen Musterungen; und das alles blinkte und glitzerte, wo es das
Licht zurckwarf, whrend es vollkommen durchsichtig erschien, wo die
Strahlen hindurchdrangen.

Dabei wirkten diese durchsichtigen Formen vielfach wie Kristalle und
Prismen, brachen tausendfach die Lichter in allen Regenbogenfarben,
wodurch je nach der eigenen Frbung des Gegenstands und der Farbe der
durchscheinenden Strahlen die wundersamsten Tnungen und zartesten
Mischungen zustande kamen, so da selbst die tiefsten Schatten das Auge
durch ihren Farbenreichtum erfreuten.

Und nun erst der See, dieses lachende Himmelsauge! Ein Blau von einer
auf Erden nie zu schauenden Tnung, ein Hauch, ein Duft von Saphir
schien seine Grundfarbe auszumachen und hart am Ufer war er so
durchsichtig, da die bunten Sandkrner am Grunde einzeln zu sehen
waren; wo sich aber die Farbenstrahlen, die sich rings in der Luft
kreuzten und mischten, in seinen Wassern spiegelten, da entstanden
Flchen von verschiedenster Frbung und das Auge irrte umher und wute
nicht, wo es am schnsten sei, und dann wurde es wieder gefesselt von
dem Goldglanz, von dem Silberschimmer, von dem Rosenhauch da und dort,
als ob es sich nicht mehr loszureien vermchte von dem mrchenschnen
Anblick.

Aber es mute wieder los: die Inseln und Inselchen, der wunderbare
Linienschwung der Ufer, die Buchten und Landzungen, die fernen
jenseitigen Ksten, die Hgelrnder und die erhabenen Felsenmauern mit
ihren zackigen Kmmen und seltsamen Formen, -- das alles heischte sein
Recht und ntigte zu immer neuen Ausrufen des Staunens.

In jedem Augenblick glaubte irgend wer in der Gesellschaft etwas Neues
entdeckt zu haben, das alles bisher Geschaute in Schatten stellte, und
man machte einander aufmerksam darauf und Augen und Seelen feierten
einen ununterbrochenen Festtag beseligenden Genieens.

Eden, Eden! rief Flitmore aus, der vllig aus seiner gewohnten
kaltbltigen Ruhe gerissen war. Welch andre Benennung knnten wir
finden, um diesem Paradiese seinen gebhrenden Namen zu geben? Und wre
der ganze Planet sonst eine trostlose, abschreckende Wste, dieser eine
Fleck rechtfertigt es, da wir ihn mit dem Namen des Landes bezeichnen,
das den Garten des Paradieses umschlo.

Recht haben Sie, rief der Professor seinerseits: Eden soll dieser
neue Planet heien!

Stunden vergingen, ehe der Bann des Schauens und Bewunderns soweit
gebrochen war, da Heinz den Vorschlag machen konnte, nun endlich eine
Entdeckungswanderung zu unternehmen, da man lange genug der Ruhe
gepflogen habe.

Alle waren damit einverstanden, denn eine jugendliche Unternehmungslust,
gepaart mit neugierigem Forschungstrieb, beseelte selbst die lteren
Herren. Nur der Kapitn erhob wieder Einspruch, indem er die Uhr zog.

Wir sitzen nun hier geschlagene vier Stunden, sagte er: Die Zeit ist
uns freilich wie im Fluge vorbeigegangen, da wir genug zu schauen und zu
genieen hatten. Nur an meinem Magen ging sie nicht spurlos vorber. Es
ist lange her seit dem Frhstck und ich stimme fr ein Mittagsmahl.

Sie unverbesserlicher Genieer! schalt der Professor. Flitmore aber
sagte: Unser Freund hat recht, erledigen wir zuvor dieses leibliche
Bedrfnis, dann knnen wir unsre Entdeckungsreise um so lnger
ausdehnen. Es wre schade, wenn eintretender Hunger uns frhzeitig zu
deren Unterbrechung oder gar zur Rckkehr ntigte.

So wurde denn zuvor das Mittagsmahl bereitet und getafelt unter steter
Heiterkeit und in dauernd gehobener Stimmung, eine Wirkung, welche der
wunderbaren Luft und der herrlichen Landschaft wohl mit Recht
zugeschrieben werden konnte.




                     39. Sonderbare Naturgesetze.


John war zuerst mit Stillung seines Appetits fertig, whrend der Kapitn
noch mit vollen Backen kaute.

Es wre mir doch eine interessant zu prfende Frage, hub der Diener
des Lords an, ob hier das Holz von unserer Erde im Wasser ebenso
untersinkt, wie auf dem Saturn der Fall sich augenscheinlich ereignete.

Damit warf er ein Holzscheitchen weit hinaus in den Bach, der den Abflu
des Sees zu bilden schien, denn man befand sich hier am uersten Ende
des letzteren.

Alle sahen dem Scheite nach. Aber hchstes Erstaunen spiegelte sich in
ihren Mienen und Schultze sprang auf die Beine mit dem Rufe: Da hrt
sich doch aber alle Wissenschaft auf!

Das Holz war nicht etwa untergesunken, aber es schwamm auf dem Bach
zurck, geradewegs in den See hinein; das heit es schwamm bergauf!

Sollte eine solche Sinnestuschung mglich sein? fragte Heinz: Der
Bach scheint doch ein ziemliches Gefll zu besitzen und nun erweist er
sich als ein Zuflu zum See und nicht als ein Abflu: das Gelnde mu
also dorthinzu ansteigen und nicht abwrts gehen, wie es doch aussieht.

Der Professor war hart an den Bachrand getreten.

Von Sinnestuschung kann keine Rede sein, sagte er kopfschttelnd.
Wir stehen hier vor einem Rtsel: Der Bach hat zweifellos Gefll und
zwar ziemlich starkes Gefll nach dem Talausgang zu; aber sein Wasser
fliet tatschlich in den See, er bildet keinen Abflu, sondern einen
Zuflu zum See, und zwar einen Zuflu von unten her; mit andern Worten,
er strmt bergan. Das ist einfach allen Naturgesetzen zuwider, aber
Tatsache ist es doch!

Die andern traten nher und berzeugten sich von der Richtigkeit dessen,
was Schultze behauptete: man sah, wie der Grund sich gegen den
Talausgang bedeutend senkte und konnte doch deutlich die Strmung des
Wassers erkennen, die in entgegengesetzter Richtung lief. Auch weitere
Versuche mit Blttern und Zweigen, die in den Bach geworfen wurden,
besttigten dies.

Das ist um den Verstand zu verlieren! grollte der Professor, der sich
nicht beruhigen konnte: Wie soll man so etwas erklren?

Verzichten wir vorerst auf eine Erklrung, meinte Flitmore: Gewhnen
wir uns vielmehr gleich an den Gedanken, da die Naturgesetze unserer
kleinen Erdenwelt nicht auf allen Welten gleiche Gltigkeit haben.

Mnchhausen allein war sitzen geblieben; er konnte die Reste seines
Mahles nicht im Stiche lassen, weil zufllig einmal das Wasser aufwrts
flo, was ja weiter nicht gefhrlich sein konnte und ihn daher ziemlich
kalt lie.

Schultze in seiner ratlosen Aufregung ber das haarstrubende Wunder,
das seiner Ansicht nach jedermann alles andere htte vergessen lassen
sollen, emprte sich heillos ber Mnchhausens bodenlose
Gleichgltigkeit.

Er schrie daher den Kapitn etwas unwirsch an: Und Sie knnen dabei
noch so ruhig sitzen bleiben und weiter essen, als ob es sich um die
natrlichste Sache der Welt handle? Wenn Sie Ihren Leib mit solchen
Massen anfllen, knnen Sie zuletzt mit der Last Ihres vollen Magens
keinen Schritt mehr gehen.

O, erwiderte Mnchhausen seelenruhig und erhob sich; nicht mehr
gehen, meinen Sie? Hpfen kann ich, tanzen, springen, wenn Sie wollen,
das Essen hat mich rein gar nicht beschwert, wie es ja bei meiner
Migkeit auch nicht anders denkbar ist; im Gegenteil, ich fhle mich
noch leichter als zuvor, seit ich wieder etwas im Magen habe. Da, sehen
Sie!

Und, um zu beweisen, wie leicht er sich fhle, machte der Dicke einen
fr seine Krperverhltnisse sehr gewagten Luftsprung.

Schultze blickte starr vor Entsetzen, Flitmore sah mit ernster Wrde
drein, aber Heinz, Mietje und John brachen in ein krampfhaftes Gelchter
aus; denn solch ein Anblick berbot doch alles, was sie je Komisches
gesehen.

Mnchhausen schnellte nmlich wohl drei Meter hoch in die Luft: Der
Luftballon war fertig! Majesttisch schwebte sie in der Hhe, diese
menschliche Kugel und langsam senkte sie sich wieder herab.

Da gestattete sich Flitmore, ohne eine Miene zu verziehen, ein
Scherzwort: Sie sind die reinste Seifenblase geworden, Kapitn, rief
er, wenn Sie uns nur nicht zerplatzen!

Mnchhausen aber langte sprachlos wieder auf der Erde an; er sah sich
nach allen Seiten um, rieb sich die Augen und war offenbar der Meinung,
sich in einem Traumzustand zu befinden, da der Traum schon fters sogar
seine Krperschwere aufgehoben und ihm den holden Wahn vorgetuscht
hatte, er fliege frei und leicht durch die Lfte.

Ich hab's! rief Heinz: Haben Sie nicht auch Jules Vernes Buch Hektor
Servadac gelesen, Herr Professor? Da wird ja eine ganz hnliche
Erscheinung geschildert, die ganz einfach aus der geringeren
Anziehungskraft zu erklren ist. Offenbar hat der Planet Eden eine
sehr geringe Anziehungskraft, weshalb die Schwerkraft wesentlich
verringert, beinahe aufgehoben wird. Daraus liee sich dann auch das
rtselhafte Verhalten des Baches einigermaen erklren.

Junger Freund, sagte Schultze, auf dieser Erklrung werden Sie selber
nicht beharren, wenn Sie ein wenig berlegen: mag Anziehungskraft und
Schwerkraft noch so gering sein, so wird das Wasser doch nimmermehr
bergauf flieen. brigens kann die Anziehungskraft unseres Planeten
berhaupt keine so geringe sein: seiner Masse nach zu urteilen, mte
sie sogar grer sein als die irdische, obgleich ich zugeben will, da
wir ber das Wesen der Schwerkraft eigentlich so gut wie nichts wissen,
also auf die Richtigkeit solcher Schlsse trotz vieler Scheinbeweise
nicht bauen knnen; dennoch will ich eher glauben, da wir smtlich
durch unseren langen Aufenthalt in der Sannah so stark mit Fliehkraft
geladen sind, da unsere Schwere dadurch beinahe berwunden wird.

Natrlich glaubte der gute Professor selber nicht an eine solche
Mglichkeit, die berdies das Verhalten des Baches um nichts
verstndlicher machte; aber irgend einen Erklrungsversuch mute er als
Mann der Wissenschaft doch beitragen, und wenn in solchem Falle kein
gewichtiger zur Hand ist, so mu vorerst auch der schwchste gengen, um
das wissenschaftliche Gewissen zu beschwichtigen, das, wenn irgend
mglich, nichts Unerklrliches gelten lassen will.

In diesem Augenblick erschienen Dick und Bobs, die bisher auf eigene
Faust in der Umgegend Entdeckungen gemacht und sich an den herrlichen
Frchten der Wlder Edens gelabt hatten.

Und siehe da! Die Schimpansen kamen sozusagen durch die Luft geflogen,
denn sie machten fnf bis sechs Meter hohe Stze und mochten mit jedem
dieser Sprnge ihre 25 Meter zurcklegen.

Hollah! das ist ja fidel! rief Heinz bermtig: Sind wir alle mit
derselben Fliehkraft geladen wie die Schimpansen und der Kapitn, so
knnen wir ja einen fabelhaften Indianertanz auffhren! Und
gleichzeitig machte er einen Satz, der ihn drei Meter hoch durch die
Luft ber die Kpfe der andern wegfhrte.

Das war ungemein lustig anzusehen, so verblffend und unglaublich es
erschien; es war aber auch gar zu verfhrerisch, an sich selbst zu
erproben, ob man mit der gleichen wunderbaren Flugfhigkeit begabt sei,
und so machten auch John und Schultze den Versuch, und selbst Lady
Flitmore konnte nicht widerstehen, raffte ihr Kleid zusammen und sprang.

Nein, wie herrlich! rief sie.

In der Tat konnte es ein wonnigeres Gefhl kaum geben, als dieses
leichte, mhelose Emporsteigen in die balsamischen Lfte und dann dieses
sanfte Herabschweben. Alle krperliche Schwere schien abgestreift und
wie ein freier, beseligter Geist kam man sich vor.

Der Lord allein stand da und schaute, doch mit sichtlichem Vergngen,
den gelungenen Flugversuchen seiner Genossen und seiner Gattin zu;
dazwischen setzte er den photographischen Apparat in Ttigkeit und
machte eine Momentaufnahme um die andere.

Auch Mnchhausen beteiligte sich mit Eifer an dem heiteren Gehpfe,
nachdem er sich berzeugt hatte, da es kein Traum war, sondern da er
wirklich gleich allen andern eine neue, reizvolle Fhigkeit besa.
Besonders ergtzlich erschien sie den Gefhrten gerade an ihm, und oft
blieben sie stehen, um den fidelen Anblick der fliegenden Tonne zu
genieen, wobei ihnen der biedere Kapitn ihr herzliches aber nie
spttisches oder bse gemeintes Gelchter durchaus nicht bel nahm.

Als nun alle eine Pause machten, rief Mnchhausen:

He, wrdiger Lord! Halten Sie allein es unter Ihrer Wrde, an solchem
groartigen Ballett sich zu beteiligen? Das gibt es nicht! Herunter von
dem Piedestal Ihrer Erhabenheit und hinauf mit Ihnen ins paradiesische
Luftrevier! Eine geschlagene Viertelstunde bieten wir Ihnen zum Ergtzen
und zur Erheiterung das niegesehenste Schauspiel, jetzt wollen wir
unsererseits uns an Ihren Sprngen weiden.

Ja, Lieber! sagte Mietje: Versuche es doch auch einmal, ich sage dir,
ein herrlicheres Gefhl kann es nicht geben.

Flitmore war bei all seiner Wrde nicht der Pedant oder Geck, sich nicht
auch in belustigenden Darbietungen zeigen zu knnen. Er lie sich nicht
lange auffordern, sondern fhrte eine Reihe so wunderbarer Bockssprnge
aus, da begeisterter, wenn auch sehr heiterer Beifall der Zuschauer ihn
belohnte.

Jetzt aber, mahnte diesmal Mnchhausen zuerst, nach diesen fr die
Verdauung uerst wohlttigen bungen, wollen wir doch wohl die geplante
Entdeckungsreise antreten.

John mute zur Vorsicht, in Erinnerung an das fatale Vorkommnis auf dem
Saturn, die Tre des Polzimmers schlieen, durch das man die Sannah
verlassen hatte. Einen Wchter zurckzulassen hielt man nicht fr ntig:
Keiner sollte von der vermutlich so interessanten Wanderung
ausgeschlossen sein.

Nun ging es zunchst dem engen Taleingang zu, durch den sich der Bach
heraufwand.

Jeder der Wanderer hatte eine Tasche umhngen, welche auer
Lebensmitteln auch ein zusammengerolltes Zelttuch und die
auseinandergenommenen Aluminiumzeltstangen enthielt.

Als der Bach durchschritten war, dehnte sich vor den Augen der Wanderer
eine entzckende Fernsicht aus.

Zur Rechten setzte sich das Gebirge noch fort in langer Kette von kahlen
Felsen und bewachsenen Hngen und Gipfeln, allmhlich in weiter Ferne zu
niedrigen Hgelketten herabsinkend, deren Ende in den Horizont verlief.

Von dieser Seite her kam der Bach in sanfter Steigung herauf.

Geradeaus fiel das Hochgebirge in steilen Stufen ab, die jedoch bei
einiger Vorsicht den Abstieg gestatteten.

Zur Linken strzten die Felswnde groenteils senkrecht in bodenlose
Tiefe.

Schultze schtzte die Hhe, auf der man sich befand, auf 6000 bis 7000
Meter.

Ich bezweifle, sagte er, ob wir in drei Tagemrschen das Tiefland
erreichen knnen.

Wir haben durchaus keine Eile, erwiderte Flitmore.

Gewi nicht, wenn uns die Lebensmittel nicht ausgehen, gab der
Professor zu.

Solche haben wir allerdings blo auf vier Tage mitgenommen, sagte der
Lord: Doch zweifle ich nicht, da die Wlder, die da und dort auf
unserem Wege liegen, uns geniebare Speise in Hlle und Flle bieten
werden.

Das ist allerdings anzunehmen, und wir werden uns ja bald genug davon
berzeugen knnen, ob dem so ist, gab Schultze zu: Andrerseits
befrchte ich, da wir dort unten einer ganz unertrglichen Hitze
ausgesetzt sein werden, da die Temperatur auf diesen Hhen so milde ist,
whrend man sie unter ewigem Eis und Schnee begraben erwarten drfte.

Das werden wir ja auch sehen, versetzte Mietje: Vorerst werden solche
Erwgungen uns nicht abhalten drfen, den Abstieg zu unternehmen.

Inzwischen lieen die Wanderer ihre Blicke weithin schweifen; zunchst
aber erregte eine Erscheinung in verhltnismiger Nhe Heinz'
Aufmerksamkeit und Verwunderung.

ber die Felswnde dort drben, sagte er und wies zur Linken, strzt
sich ein mchtiger Wasserfall herab: ich meine doch, die Wasser Edens
flieen bergauf?

Wirklich! rief Schultze: Das Gewsser tobt und rast, schumt und
schiet in die Tiefe, ganz wie auf der Erde! Da hrt sich doch alle
Wissenschaft auf!

Mnchhausen lachte herzlich: Da haben wir's einmal wieder! sagte er:
Vor kaum einer Stunde gebrdete sich der Professor wie rasend, weil
einmal ein Bach bergauf fliet, und jetzt erscheint es ihm bereits
unbegreiflich, wieso einer bergab flieen knne!

Ja, sagte Schultze gekrnkt, das gebietet doch die Vernunft: sind
hier einmal die Naturgesetze auf den Kopf gestellt, so mu das doch auch
fr alle Flle gelten, aber einmal so, einmal anders, das ist
wissenschaftlich einfach unzulssig.

Nanu! Hier soll eben Ihre Wissenschaft vollends grndlich zu Schanden
werden, lachte der Kapitn.

In der fernen Ebene konnte man Hgel und Tler, Flsse und Seen
erkennen. Unter anderem auch einen sehr groen See mit mehreren Inseln.

Zur Linken war die Meereskste nicht sehr fern: mit teils steilen, teils
sanft geneigten, stellenweise auch ganz flachen Ufern zog sie sich bis
zum Horizont hin, durch Buchten und Fjorde, Landzungen und Vorgebirge,
in wunderbarer Schnheit gezeichnet, gezackt und geschwungen und fters
scharf eingeschnitten.

Auch mehrere Inseln tauchten aus den Fluten des Ozeans auf, darunter
sehr ausgedehnte und manche mit Gebirgsmassen von erstaunlicher Hhe,
die wie dunkle Riesen drohend emporragten.

Schneegipfel waren nirgends zu erkennen.

Die Hgelketten und Berge des Flachlandes schienen meist bewaldet oder
mit saftiggrnen Matten bedeckt zu sein. Durch das Fernglas konnte man
Waldungen und Wiesenflchen, oft weite Prrien auch in der Ebene
unterscheiden. Groe Strecken machten den Eindruck bebauten Landes; doch
konnte dies auf so weite Entfernung nicht mit Sicherheit festgestellt
werden.

Spuren von menschlichen Ansiedelungen waren nicht zu entdecken; wohl
aber merkwrdige Felsbildungen in den Tlern und Ebenen, wie auch auf
einzelnen Hhen: Blcke, Trme, Zacken und Schroffen, die vereinzelt
aufstrebten, aber meist so dicht beieinander standen, da sie den
Eindruck von Drfern und Stdten dem unbewaffneten Auge leicht
vortuschten.

Soweit orientiert, begannen unsere Freunde den Abstieg in gerader
Richtung, da sich rechts die Hhenzge unabsehbar hinzogen, links aber
senkrecht standen.

Hier, geradeaus, war es mglich hinunterzukommen; doch Vorsicht mute
gebt werden, da es an jhen Abstrzen nicht mangelte.

Als sie mit dem Abwrtsklettern begannen, hatten sie wieder das gleiche
Gefhl, wie am Morgen, als sie auf der Strickleiter die Sannah
verlieen: es schien ihnen, als koste jeder Schritt eine besondere
Anstrengung, als glte es ein unsichtbares Hindernis zu berwinden, ja,
als gehe es nicht eigentlich bergab, sondern sehr steil aufwrts; aber
die Anstrengungen ermdeten nicht, sondern erregten vielmehr ein
besonderes Vergngen, als tue hier dem ausgeruhten Krper die Mhe so
wohl, wie sonst die Ruhe dem erschpften Leibe tut.

Kapitn, nehmen Sie sich in acht! rief pltzlich Schultze besorgt:
Sie werden noch abstrzen mit Ihrer Tollkhnheit, Ihr Bauch kriegt das
bergewicht!

Pah! rief Mnchhausen zurck, der hart am Rande einer Felswand stand,
die beinahe berhngend an die 50 Meter abstrzte. Ich spre keinen
Hauch von Schwindel, obgleich ich sonst durchaus nicht schwindelfrei
bin, seit ich an Alter und Umfang zunehme. Schwindel ist ja eigentlich
eine Schande fr einen alten Seebr, und ich freue mich ordentlich, ihn
hier los zu sein. brigens kriegt mein Bauch niemals das bergewicht, er
ist ja so leicht wie ein Luftballon, wie Sie jetzt wissen drften.

Dabei machte der Unvorsichtige eine ungeschickte Bewegung, die an solch
ausgesetzter Stelle lebensgefhrlich war, und tatschlich, er glitt aus
und strzte ins Leere.

Ein Schrei des Entsetzens entfuhr aller Munde, nur der Lord blieb stumm;
aber die Leichenblsse, die sein Antlitz berflog, verriet, da er nicht
minder erschrocken war als die andern.

Der Sturz ins Leere war brigens nur der unwillkrliche Gedanke, der den
erschreckten Zuschauern hatte kommen mssen: in Wahrheit erfolgte gar
kein Sturz, sondern Mnchhausen, der selber erbleichte, als er den Boden
unter den Fen verlor, schwebte sanft hinab und landete nach etwa 10
Sekunden am Fue des Felsens, ohne auch nur mit den Fen hart
aufzustoen.

Flitmore fand zuerst seine Fassung wieder: Wie schwer knnen wir uns
doch von alt eingewurzelten Vorstellungen losmachen! sagte er. Haben
wir es nicht selber erst vor Kurzem zur Genge erprobt, wie leicht die
Luft hier unsere Krper trgt, wie schnell wir emporkommen und wie
gemchlich das Niedersinken erfolgt? Und doch konnten wir die
Folgerungen daraus nicht ziehen.

Ja, das ist doch etwas anderes, meinte seine Gattin: Vom ebenen Boden
aufspringen erscheint gefahrlos, nicht aber von einer Anhhe in einen
Abgrund setzen.

Und doch ist es nichts anderes, da wir ja so hoch sprangen, da unter
irdischen Bedingungen der Sturz auf den Erdboden zurck verhngnisvoll
htte werden mssen, entgegnete der Lord.

Ja, Toren sind wir! besttigte Schultze: Da plagen wir uns mit einem
beschwerlichen Abstieg, der zwar nicht ermdet, aber uerst langwierig
werden mu, und knnten doch wissen, wie leicht wir hier schwebend hinab
knnen. Nun aber man los!

Aber der Professor mute nun an sich selber erfahren, da Lady Flitmore
doch nicht so unrecht gehabt hatte mit ihrer Bemerkung; denn als er den
weniger schroffen Seitenhang verlie und an den Rand der jhen Felsmauer
trat, wagte er doch nicht den Sprung ins Leere: die neue Erkenntnis
konnte nicht so schnell die Scheu vor solchem Wagnis berwinden.

Da trat Flitmore vor und ohne zu zgern machte er den entscheidenden
Schritt. Und siehe da! er schwebte so gelinde hinab wie der Kapitn.

Natrlich! Das mute doch so sein!

Mietje folgte ihrem Gatten auf dem Fue, wie sie es auch getan htte,
wenn es sich um eine weniger unbedenkliche Sache gehandelt htte.

Da schmte sich Schultze seiner Schwche und hpfte hinaus, noch ehe
Heinz und John mit Dick und Bobs heran waren.

Bald waren alle um Mnchhausen versammelt und schttelten ihm
anerkennend die Hand, als ob es Absicht und Wagemut gewesen wre, die
ihn veranlat htten, ihnen das dankenswerte Beispiel zu geben.




                       40. Eine neue Tierwelt.


Nun ging der Abstieg rasch von statten, weil er nur noch in Luftsprngen
vollzogen wurde und bei steilen Abstzen in einem Hinabschweben, das dem
Fluge gleich kam.

Diese Art der Fortbewegung hatte berdies etwas so ungemein Reizendes
und Wohliges, da die Stimmung so angeregt und heiter war, wie kaum je
die glnzendste Feststimmung auf der alten Erde.

Man war schon ziemlich weit unten, als die erste Rast gemacht wurde,
nicht etwa um auszuruhen, denn von Ermattung sprte niemand etwas,
sondern weil der Kapitn erklrte, es sei wieder hohe Zeit zu einem
Imbi.

Auerdem verlangte auch Schultze einen Aufenthalt, da man den ersten
Wald erreicht hatte, dessen Pflanzen- und Tierwelt er nher in
Augenschein nehmen wollte; denn der liebliche Vogelgesang und sonstige
Laute, die aus dem Walde ertnten, bewiesen, da hier Leben zu treffen
sei, whrend das paradiesische Tal auf der Hhe trotz seiner wunderbaren
Schnheit kein lebendes Wesen zu beherbergen schien, wenigstens hatte
sich keines blicken lassen.

Die Baumstmme, die der Professor beim Betreten des Waldes zunchst
untersuchte, zeigten ein festes und zhes Gefge; ob man aber den Stoff,
aus dem sie sich aufbauten, Holz nennen sollte, erschien sehr
zweifelhaft, denn es war ein durchsichtiger Stoff wie Harz oder
Bernstein, das heit eben nur seiner Durchsichtigkeit nach; sonst war er
faserig wie Holz und lie sogar Schichtungen gleich Jahresringen
erkennen, die Rinde jedoch bestand nur aus einer dnnen, zhen Haut, die
vllig transparent war.

Die Frbung dieser Stmme ging vom Goldgelben bis zum Dunkelbraunen, vom
Kristallklaren bis zum Silberweien.

Die Bltter waren meist grn in den verschiedensten Abstufungen, auch
gelb oder rtlich und unterschieden sich in der Frbung nicht wesentlich
von den irdischen; nur waren sie eben auch durchsichtig und dann von den
verschiedensten anmutigen Formen, vielfach gehkelten Spitzen hnlich.

An Schatten fehlte es nicht, trotz der Durchsichtigkeit des Laubes und
der Stmme: Die Dichtigkeit der Kronen schwchte das Licht an vielen
Stellen derart, da nur ein schwacher Farbenschimmer auf dem Boden
spielte, der im Vergleich zu den lichteren Stellen als tiefer aber
bunter Schatten erschien.

Auch Nadelbume fanden sich, und diese waren von ganz besonderem Reiz,
weil ihre feinen Nadeln, die wie von Glas aussahen, je nach der Art alle
Regenbogenfarben aufwiesen. So konnte man von roten, gelben,
rosafarbenen, orangeroten, violetten, goldenen, silbernen, himmelblauen
und dunkelblauen Tannen und Fichten reden, wenn man diese irdischen
Namen auf die Nadelhlzer Edens bertragen wollte.

Kein Baum war ohne ebare Frchte; auch diese waren alle durchsichtig
und vllig geniebar, wie die Schimpansen bewiesen, die alle samt den
Kernen verzehrten.

Die Frchte waren von verschiedenster Gre und Frbung; vom Umfang
eines Riesenkrbisses bis zu dem einer Pflaume waren alle Zwischenstufen
vertreten. Bei den grten glich oft der Kern schon einer Kokosnu.
Diese Kerne waren meist mehlreich und sehr nahrhaft; sie konnten
Zwieback und Brot vollstndig ersetzen und schmeckten weit krftiger und
angenehmer als diese.

Das Fruchtfleisch war meist sehr saftig und gengte, jedes Durstgefhl
zugleich mit dem Hunger zu stillen; bei etlichen Arten war es zuckers,
bei andern ohne Sigkeit, stets aber aromatisch und von entzckendem
Wohlgeschmack; die Nadelbume trugen ebare Zapfen von ziemlicher
Trockenheit, die teilweise an Schokolade, teilweise zu ihrem unbedingten
Vorteil an nichts Irdisches erinnerten.

Schlielich entdeckten unsre Freunde noch, da auch die Zweige und
Bltter der Bume und Bsche ebar waren. Auch dies wurde ihnen durch
das Behagen verraten, mit dem Dick und Bobs sie zerknabberten.

Gewhnlich entsprach ihr Geschmack so ziemlich dem der Frucht, doch eine
angenehme Sure gab ihm eine willkommene Abwechslung.

Ganz besonders begeistert war Mnchhausen von der Entdeckung einer oder
vielmehr einiger Arten von Frchten, die er alsbald Grogfrchte
benannte, und die er fortan mit wunderbarem botanischen Scharfblick
sofort berall herauserkannte. Es waren dies eigentlich Beeren, aber
Riesenbeeren von Orangengre, die an niederen Stauden wuchsen. Schon
Stengel und Bltter dieser Bsche fhlten sich warm, beinahe hei an;
die Beeren enthielten einen wirklich heien, wrzigen Saft von
unterschiedlichem Aroma, der sehr stark roch und schmeckte, als sei es
tatschlich Grog oder Punschbowle; er stieg jedoch nicht zu Kopf, bte
dagegen eine ungemein belebende und kraftschwellende Wirkung aus.

Der Kapitn unterschied zwischen steifen und weniger steifen
Grogfrchten; den ersteren gab er bei weitem den Vorzug.

Natrlich lernten unsre Freunde nicht alle diese Gensse auf einmal
kennen: die Menge und Mannigfaltigkeit war zu gro; aber es dauerte
verhltnismig kurze Zeit, bis sie alles durchgekostet hatten und nun
nach Lust und Belieben ihre Wahl treffen konnten; denn sie dachten nicht
mehr daran, irgend welche andre Nahrung zu sich zu nehmen, als die,
welche ihnen Edens Wlder und Gefilde boten und die durch nichts weder
an Gte noch Bekmmlichkeit zu bertreffen schien.

Giftpflanzen oder irgendwie schdliche Gewchse gab es auf diesem
gesegneten Planeten anscheinend berhaupt nicht.

Gleich beim Eintritt in den Wald machten sie auch Bekanntschaft mit
dessen Insekten- und Vogelwelt.

Erstere zeigte nichts Widerliches oder Schreckliches, es waren harmlose
Kfer und Kriechtiere, Mcken und Schmetterlinge, die sich sowohl durch
schne Formen wie durch prchtige Farben auszeichneten und als besondere
Merkwrdigkeit eine hnliche Transparenz zeigten wie die Pflanzen und
Blten. Sie glitzerten, schimmerten und schillerten, blitzten,
flimmerten und flirrten wie leuchtende Edelsteine.

Die Vgel hatten kein Gefieder, sondern blo ein buntes Flaumkleid, das
aber lebhaft gefrbt und wunderbar schn gezeichnet war; auch ihre
Flgel waren federlos und konnten im Bau am ehesten mit
Schmetterlingsflgeln verglichen werden, nur da sie ebenfalls mit Flaum
behaart und im Ruhezustand nicht emporgerichtet, sondern an den Leib
angelegt waren, auch die entsprechende Wlbung zeigten.

Wo Menschen beinahe fliegen konnten, muten sich diese Vgel auch mit so
einfachen Flugwerkzeugen bis in die hchsten Hhen erheben knnen.

Alles in allem, eigentmlich war auch die Vogel- und Insektenwelt Edens;
aber so ganz fremdartig erschien sie den Erdenbewohnern doch nicht, und
vor allem, sie hatte nichts Abstoendes, Unheimliches oder Gefhrliches,
im Gegenteil hervorragende Reize, die Auge und Herz erfreuten.

Ganz besonders galt das letztere, das Herzerfreuende, von dem ungemein
lieblichen Gesang der Vgel, mit dem weder die Nachtigall noch sonst ein
gefiederter Snger der Erde wetteifern konnte. Das waren richtige
Melodien, die da ertnten, und zwar erhebende und einschmeichelnde
Weisen! Man htte wohl kaum die Arten nach ihren melodischen Motiven
unterscheiden knnen, hchstens an der Klangfarbe ihres Organs, denn
keine Art war an besondere Tonfolgen gebunden: es war ein wirklich
individuelles Konzert; jeder war Komponist und beherrschte die ganze
Tonleiter und brachte immer neue, einfache, aber doch bezaubernde Weisen
hervor, und nie tnten diese von verschiedenen Seiten strend
durcheinander; es schien, als werde der jeweilige Einzelsnger
respektiert und die andern begleiteten ihn nur mit harmonischen
Untertnen.

               [Illustration: Lwe auf Mietjes Scho.]

Noch nicht lange hatten unsre Freunde diesen Zauberflten gelauscht,
sich gleichzeitig an den ersten kstlichen Frchten erlabend und die
lebendigen Edelsteine bewundernd, die im durchsichtigen Moose
umherkrochen und hpften, oder von Blume zu Blume schwirrten, als
pltzlich Mietje einen leisen Schrei ausstie.

Alle wandten sich nach ihr hin, denn bisher hatte jeder seine eigenen
Beobachtungen angestellt.

Aber was sahen sie nun!

Ein groer Vierfler, am ehesten einem riesigen Lwen vergleichbar, war
lautlos in die Lichtung getreten und hatte ohne weiteres sein mchtiges,
mhnenumwalltes Haupt auf ihren Scho gelegt!

Und Lady Flitmore? Sie streichelte ihn!

Der erste Schrecken, den das Erscheinen des gewaltigen Tieres natrlich
in ihr erwecken mute, hatte ihr den leichten Ausruf entlockt; sie hatte
den Lwen, wie ihn spter unsre Freunde der hnlichkeit halber nannten,
aber erst bemerkt, als er unmittelbar von der Seite her an sie herantrat
und ehe sie noch aufspringen oder sich irgend besinnen konnte, hatte das
Tier sich schon niedergelegt, den Kopf in ihren Scho schmiegend.

Wie es nun mit den groen, klugen und so sanften, harmlosen Augen zu ihr
aufblickte, war eine solche Ruhe ber sie gekommen und zugleich ein
solches Wohlgefallen an dem schnen, stolzen und anscheinend so
gutmtigen Geschpf, da sie unwillkrlich begann, dies anschmiegende
knigliche Haupt zu streicheln und zu liebkosen.

Flitmore, besonnen, wie er meist auch in den gefhrlichsten Augenblicken
war, erhob sich ganz langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, dessen
vermutlich wilde Natur ja immer noch zum Ausbruch kommen konnte.

Er zog fr alle Flle den Revolver und ging sachte auf seine Gattin zu;
der Lwe erhob das Haupt.

La ihn! bat Mietje den Gatten.

Ich tue ihm nichts, wenn er nicht gefhrlich wird, beruhigte sie der
Lord.

Dabei legte er dem Lwen die Linke auf das Haupt.

Das Tier sah ihn nur an.

Jetzt griff ihm der Lord unter den Kiefer, stets bereit, ihm eine Kugel
ins Auge zu jagen, sobald er bse Absichten zeigen wrde.

Das Tier aber zeigte sich verstndig und lenksam. Ein leiser Druck
gengte, es sich erheben zu lassen, und ein schwacher Schub von der
Seite her veranlate es, ganz gemtlich umzukehren und wieder im Walde
zu verschwinden.

Ach! sagte Mietje. Ich bin ganz froh!

Das glaube ich, Lady, fiel Schultze ein, wahrhaftig, das glaube ich,
da Sie froh sind, dieses gefhrliche Raubtier auf so gute Art los
geworden zu sein; wir alle haben fr Sie gezittert und gebebt.

Nein! sagte Mietje: Sie miverstehen mich, Herr Professor; dieses
gutmtige Geschpf flte mir nur im ersten Augenblick einen kleinen
Schrecken ein, ehe ich seine Harmlosigkeit aus seinen Augen erkannte.
Nein, nein also! Ich wollte sagen, ich bin so froh, da auch die
Sugetiere auf diesem, Planeten denen auf der Erde gar nicht so
unhnlich zu sein scheinen. Ich wei nicht, aber auf dem Mars und dem
Saturn kam mir die Welt ganz unheimlich vor, und das war doch noch in
unserm Sonnensystem. Da war ich schon darauf gefat, wenngleich ohne
mich darauf zu freuen, da es in der entfernten Fixsternwelt noch weit
seltsamer und grauenvoller aussehen werde.

Ein Glck, meinte Mnchhausen, da, sofern wir aus dem Geschauten
weitere Schlsse ziehen drfen, diese Tierwelt Edens wenigstens an
Raubgier, Blutdurst und damit an Gefhrlichkeit der irdischen
Raubtierwelt bei weitem nachzustehen scheint.

Lassen wir die Vorsicht nicht aus den Augen, mahnte Flitmore. Diesmal
lief es gut ab; doch niemand kann uns gewhrleisten, da wir nicht
bedenklichere Begegnungen erleben.

Vor den Lwen Edens frchte ich mich schon nicht mehr, meinte die Lady
zuversichtlich. Das wre ja schnder Undank und verwerfliches
Mitrauen!

Beim Weiterwandern durch den Wald wurden noch zahlreiche Vertreter der
Sugetierwelt angetroffen; doch zunchst lauter harmlos aussehende
Geschpfe, die sich alle durch auffallende Schnheit und Lieblichkeit
auszeichneten. Das verstand sich aber nicht blo von der Frbung und
prchtigen Zeichnung der Felle und der Anmut und Eleganz der Glieder,
sondern namentlich von den Gesichtszgen, deren kluger Ausdruck und
ungemein freundlicher Blick sofort fr sie einnahm. Da waren Tiere, die
an den Hirsch, das Reh, das Zebra, die Antilope, die Giraffe, das Pferd,
an Hunde, Katzen und Eber erinnerten oder an andere irdische Arten; aber
alle bertrafen ihre Erdenvettern durch die Vollkommenheit ihrer Formen,
den Reiz ihres Haarkleides und die Schnheit ihrer sanften Angesichter.
Irgendwelche Scheu schien ihnen vllig unbekannt.

Pltzlich blieb John starr und regungslos stehen.

Vor ihm bumte sich eine groe Schlange mit wunderbar schillerndem
bunten Leibe empor. Er war auf sie getreten und erwartete nun jeden
Augenblick den Bi des Reptils, das sich krmmte und wand und den mit
scharfen Zhnen bewehrten Rachen schmerzvoll aufsperrte:

In der Betubung des Schreckens dachte er gar nicht daran, wegzutreten,
um das Tier von seiner Last zu befreien und vielleicht seiner Rache zu
entgehen.

Nun wand sich der leuchtend gestreifte Leib an seinen Beinen empor und
wieder hinab; aber die Schlange bi nicht, sondern sthnte nur.

Ein Zuruf Flitmores brachte John endlich zur Besinnung; er sprang zur
Seite, und das Reptil, vom Gewicht seines schweren Fues befreit, glitt
lautlos an ihm hinab und kroch langsam davon.

Wahrhaftig, hier scheint auch das giftigste Geschpf seine Schrecken
verloren zu haben, rief Schultze: So httest du einer irdischen
Schlange mal kommen sollen, Johann! Da wrest du nicht ohne Schaden
davongekommen.

Nun trat die Gesellschaft hinaus in die glitzernde Savannah, aber
erstaunt, erschrocken und zugleich entzckt hemmten sie den Fu.

Was fr kolossale Tiere weideten da! Mammuthnliche Elefanten,
Einhrner, den Fabelwesen alter Sagen gleich, Bffel und Giraffen,
Kamele, Riesenbren, gefleckte und gestreifte Tigerkatzen, Panther und
Leoparden, Lwen und Wlfe, Schafe und Ziegen wanderten da umher,
miteinander und durcheinander, und weideten friedlich und gemtlich die
durchsichtigen Halme ab oder langten sich Frchte von den hohen Stauden
und den Bumen am Waldsaume.

Das war eine unabsehbare bunte Herde, die sich hier tummelte und labte,
in der weiten Ebene zerstreut!

Wohlgemerkt, diese Geschpfe zeigten eine so in die Augen fallende
hnlichkeit mit den genannten irdischen Arten, da unsre Freunde nicht
in Verlegenheit kamen, ihnen sofort die entsprechenden Namen
beizulegen; andrerseits aber wiesen sie doch wieder wesentliche
Unterscheidungsmerkmale auf, namentlich auch wieder dadurch, da sie
eine hhere, edlere Stufe darzustellen schienen, oder, wie Mietje sich
ausdrckte, es war die Tierwelt der Erde, zum Teil mit ihren
ausgestorbenen Arten, in idealisierter, vollkommenerer Form.

            [Illustration: John tritt auf eine Schlange.]

Wagen wir uns wohl da mitten durch? fragte Mnchhausen.

Voran! kommandierte der Lord: Von diesen Geschpfen droht uns keine
Gefahr.

Heinz aber bemerkte: Immer mehr rechtfertigt dieser Planet den Namen,
den wir ihm beim ersten Anblick beilegten. Ist das nicht das Paradies,
wie die khnste Phantasie es nur trumen kann und wie es der Prophet
Jesaja so wunderlieblich beschreibt?

Allerdings! Jesaja im elften Kapitel, im sechsten bis neunten Vers,
sowie im letzten Verse des fnfundsechzigsten Kapitels wird uns das Bild
beschrieben, das wir hier schauen, besttigte der bibelfeste Lord.

Und wie sagt der 114. Psalm? fgte seine nicht minder beschlagene
Gattin hinzu: Die Berge hpfeten wie die Lmmer, die Hgel wie die
jungen Schafe. Mir machte diese Stelle stets den Eindruck des
Allzuunwahrscheinlichen, aber meint man hier nicht wahrhaftig, Berge und
Hgel hpfen zu sehen?

Wenn man sah, welche meterhohen Stze die Mammute und andre Riesentiere
mit spielender Leichtigkeit ausfhrten, und mit welch offenbarer Lust
sie sich von Zeit zu Zeit an diesen seltsamen Luftsprngen ergtzten, so
mute man Mietje recht geben: das waren tanzende Berge und hpfende
Hgel! Und dieses sonderbare Schauspiel gab dem so herzerhebenden Bilde
friedlicher Eintracht sein erheiterndes Geprge. Aber der Humor wirkte
hier durchaus nicht als Herabwrdigung des Erhabenen, sondern nur als
Verklrung des beseligenden Gefhles, das die paradiesische Szene in den
Herzen der Wanderer erweckte.




                    41. Eine paradiesische Nacht.


Wie ein Mrchentraum erschien die Wanderung durch diesen bltenreichen
Edengarten unsern Freunden.

Sie scheuten sich bald nicht im mindesten, selbst die gewaltigsten und
raubtierhnlichsten der Tiere zu berhren und zu streicheln, was diese
verstndnisvoll und mit einer gewissen Zrtlichkeit erwiderten, sei es,
da sie die liebkosenden Hnde sanft leckten, sei es, da sie mit Haupt
oder Rssel sich herabneigend den fremden Freunden anschmiegend ihr
Wohlwollen zu erkennen gaben; und dabei migten sich auch die
behendesten, muskelkrftigsten und massigsten dieser Geschpfe so
rcksichtsvoll in ihren Bewegungen, da man daraus die bewute Sorgfalt
erkennen konnte, ja keinen Schaden zuzufgen.

Htte etwa so ein Mammut mit seinem Rssel eine etwas temperamentvolle
Liebesbezeugung ausfhren wollen, wie er es seinen Kameraden oder
Familiengliedern gegenber tat, so wre selbst Mnchhausens solide Masse
zu Boden geschleudert worden.

Aber alle diese Tiere wuten das richtige Ma einzuhalten.

Die zweite Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, -- die erste war schon
vor einer Stunde hinter dem Horizont verschwunden, -- als unsre Freunde
endlich daran dachten, ihr Lager aufzuschlagen.

Die Frchte des Waldes hatten Hunger und Durst so nachhaltig gestillt,
da selbst der Kapitn whrend der stundenlangen, meist sprungweise
ausgefhrten Wanderung, kein einzigesmal die Notwendigkeit einer
Mahlzeit betont hatte. Und dabei war er einer der eifrigsten im Hpfen,
wobei es ihm ganz besonderen Spa machte, ber den hohen und breiten
Rcken der grten Kolosse hinwegzusegeln.

Auch whrend des Aufschlagens der Zelte zeigte er sich noch unermdlich
in Ausbung dieses erheiternden Sports; denn um den Lagerplatz herum
weideten just einige riesige Pelzelefanten.

John und Heinz pflckten die Zelte ein, whrend die brigen der
Zirkusvorstellung zuschauten, die Mnchhausen gab, mehr zu seinem
eigenen Vergngen, als um seine Gefhrten zu belustigen.

Lautes Bravo und strmisches Beifallsklatschen belohnten seine
gelungensten Sprnge.

Die Glanznummer der Vorstellung aber bildete ein Kunststck, das er zum
Schlusse noch vorfhrte, und zwar ganz gegen seine Absicht, es stand
durchaus nicht in seinem Programm!

Er hatte sich hinter einem gewaltigen Mammutbullen aufgestellt und
schnellte empor, um den Riesen in seiner ganzen Lnge zu berspringen.

Nun fiel es aber im selben Augenblick dem Mammut ein, seinerseits einen
Luftsprung zu machen, und so kam es, da Mnchhausen mitten in seiner
Luftreise auf den Rcken des emporsegelnden Tieres zu stehen kam.

Eine Sekunde lang ritt er so als echter Kunstreiter stehend durch die
Luft; doch hatten seine Fe keinen festen Halt, er schwankte und wre
kopfber hinabgestrzt, htte er nicht die Geistesgegenwart gehabt, die
kurzen Beine auszuspreizen, soda er alsbald rittlings auf dem seltenen
Reittier sa.

Es war ein groartiges Bild! Der Lord versumte nicht, es auf einer
photographischen Platte zu verewigen.

Ein Kolo auf dem andern! jubelte Schultze.

John und Heinz hielten in der Arbeit inne, um das unvergleichliche
Schauspiel mitzugenieen.

Stolz um sich blickend, als habe er einen Drachen gebndigt und mit
khner Absicht zu einer Luftfahrt bestiegen, so sa der Kapitn oben auf
dem kolossalen Dickhuter, einer Kugel gleich, die kurzen Beine wagrecht
ausgestreckt, da er mit ihnen den breiten Rcken des Ungetms nicht
umklammern konnte.

Jetzt landete Freund Mammut und mit einer Gewandtheit, die ihm niemand
zugetraut htte, sprang Mnchhausen auf die Beine und setzte mit
elegantem Schwunge von der Hhe herab auf den Erdboden. Jubel und Lachen
und nicht endenwollendes Beifallklatschen empfingen ihn nach solchem
Bravourstck, so da das Mammut sich verwundert umsah und die Mhne
schttelte, es mochte denken: Bei denen ist es auch nicht mehr ganz
richtig im Oberstbchen!

Nun half Mietje John und Heinz Frchte einsammeln fr das Nachtessen,
denn an solchen fehlte es nicht in der Nhe, und die verschiedenen
Grogfrchte sollten den warmen Tee vorteilhaft ersetzen.

Es dmmerte, als man sich zum Imbi lagerte.

Nun, sagte Mnchhausen, Sie meinten, wir wrden drei Tage brauchen,
um die Ebene zu erreichen, verehrtes Professorchen! Wir haben sie nicht
nur erreicht, sondern schon ein gutes Stck durchwandert am ersten
Marschtage.

Kunststck! meinte Schultze. Ich dachte an eine irdische
Fuwanderung, Schritt fr Schritt; nachdem aber Sie, erfindungsreicher
Seebr, uns als lebendiger Luftballon die geniale Kunst der Hpf- und
Schwebereise vorgemacht und beigebracht haben, htten wir noch viel
weiter kommen knnen, wenn wir uns nicht so viel unterwegs aufgehalten
htten. Auch ist die Lnge des Tags in Betracht zu ziehen, der, wie ich
hiemit feststelle, vom Aufgang der ersten bis zum Untergang der zweiten
Sonne volle 27 Stunden gedauert hat!

Merkwrdig, da wir uns so gar nicht mde fhlen, bemerkte Mietje,
nach einem so langen und ereignisreichen Tag. Ich wenigstens fhle
keine Spur von Ruhe- oder Schlafbedrfnis.

So scheint es uns allen zu gehen, meinte der Lord. Ich glaube, wir
haben uns eben schon der Eigentmlichkeit des Planeten angepat; dazu
mag uns die kstliche Luft und die erfrischende, belebende Kraft der
Frchte geholfen haben; wir werden wohl hier dauernd weit
leistungsfhiger sein als auf der Erde, entsprechend den doppelt so
langen Tagen.

Brauchen wir gar nicht, warf der Kapitn ein, wozu solch' kolossale
Leistungsfhigkeit, da einen hier alles so gar nicht anstrengt noch
ermdet?

Ich habe nur eine Sorge, sagte Heinz. Wie werden wir die lange Nacht
herumbringen, die doch von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang 23 Stunden
whrt, wenn wir so gar nicht mde sind?

Wir legen uns eben erst schlafen, wenn wir das Bedrfnis dazu fhlen,
schlug Mietje vor.

Einverstanden! stimmte der Professor zu. Wir pflegen der Unterhaltung
und studieren die Wunder der Nchte Edens, bis es uns Zeit scheint zur
Ruhe zu gehen.

Wertester Herr Professor, fragte nun John, welche Jahreszeit drften
wir hier wohl haben? Nach den Blten sieht es wie Frhling aus, sonst
aber wie Sommer; andrerseits aber, falls ich mir diese nicht unhfliche
Bemerkung zu erlauben mir gestatten darf, ist es hier in der Ebene nicht
so furchtbar hei, wie Sie die Vermutung aussprachen, als wir noch oben
waren.

Offen gestanden, ber die Jahreszeit vermag ich noch keinen sicheren
Aufschlu zu geben, entgegnete Schultze. Ich vermute, wir stehen zu
Beginn des Frhlings, jedenfalls aber haben wir nahezu Tag- und
Nachtgleiche.

Entschuldigen der Herr Professor, aber ich bitte, noch einmal nicht
unhflich sein zu drfen, wenn ich verstanden zu haben glaubte, der Tag
sei heute vier Stunden lnger als die Nacht.

Allerdings, mein Sohn; aber nur deshalb, weil wir hier zwei Sonnen
haben, die gegenwrtig in Opposition zu einander stehen, das heit am
weitesten von einander entfernt sind auf ihrer Bahn, so da stets mehr
als die Hlfte des Planeten erleuchtet ist und die zweite Sonne noch
fast zwei Stunden scheint, wenn die erste schon untergegangen ist.
Stehen die Sonnen in Konjunktion, also einander am nchsten, wobei die
eine vorbergehend die andere verdecken kann, so gehen sie uns
gleichzeitig auf und unter; vielleicht wird es dann auch viel heier.
ber den Verlauf der Jahreszeiten Edens knnen wir aber noch nichts
wissen, kennen wir ja nicht einmal die Lnge des Jahrs, das vielleicht
nur sechs, vielleicht bis zu tausend Erdenmonate dauert. Eines aber
scheint mir gewi, groe Unterschiede in der Temperatur herrschen hier
nirgends; denn wenn bei 6000 Meter Hhendifferenz so gut wie gar nichts
davon zu merken ist, wenn in solcher Hhe dort oben eine so herrliche
Pflanzenwelt vorkommt, dann kann auch Winterklte und Sommerhitze kein
berma entwickeln, sonst htten wir droben irgendwelche Gletscherspuren
sehen mssen, hier unten aber fnde sich keine so mannigfaltige Tierwelt
in einer Gegend, die den Polen nher steht als dem quator.

Inzwischen hatte die Dmmerung eingesetzt.

Ah! rief Mietje pltzlich, die Natur sorgt uns fr
Abendunterhaltung!

Prchtig! schmunzelte der Kapitn.

Hochinteressant! rhmte der Professor. In der Tat, nicht uneben!

                   [Illustration: Die Riesentiere.]

Und als nun auch Heinz sein Groartig! beigesteuert hatte, fhlte sich
John verpflichtet auch seinen Beifall zu uern, indem er ausrief:
Wirklich important!

Imposant war allerdings das Feuerwerk, das sich in der Dmmerstunde
entwickelte: kleinere und grere Feuerfliegen und Leuchtkfer erhoben
sich in die Luft; da sah man Funken, Sterne und Flammen teils aufblitzen
und verschwinden, teils ununterbrochen flimmern.

Das Neue und besonders Herrliche aber war das Farbenspiel dieser
lebendigen Meteore und Sternschnuppen; denn gelbes, rotes, blaues und
grnes Licht ging je nach ihrer Art von ihnen aus.

Auch auf dem Boden wurde es lebendig und hell: da krochen die Funken und
Laternchen der Glhwrmer und leuchtenden Schnecken und Ameisen
durcheinander, als rollten und rieselten selbstleuchtende Edelsteine,
Topase, Rubinen, Smaragde, Amethyste und Saphire dahin.

Es ist mir unbegreiflich, bemerkte Mnchhausen, dem hchst poetisch
zumute wurde, wie es Schriftsteller, ja solche, die Dichter sein wollen
und zu sein glauben, heutzutage fertig bringen, >der Dmmer< zu sagen,
statt >die Dmmerung<. Der Dmmer! Welch ein Wort! Ohr, Gemt und
Vernunft wird gleicherweise dadurch beleidigt und die traute Stimmung
und Vorstellung der zarten Dmmerung geht dabei vllig verloren, wird
sozusagen totgeschlagen mit einem groben Knppel in der Faust eines
Tlpels. Sehen Sie doch diese weichen Schleier, die von unsichtbaren
Elfenhnden in der dunkelnden Luft ausgebreitet werden; wie dmpft
dieses schleiernde Weben die farbigen Lichtstrahlen unsrer nchtlichen
Feuerwerker! Und nun soll man sich dieses zartwebende, sachthndige,
leisschwebende und schleierumwallte Wesen als eine mnnliche
Persnlichkeit vorstellen? Nein! ich bitte Sie, was ist das fr eine
Geschmacklosigkeit, Stilwidrigkeit, ja fr ein Bldsinn! He,
Professorchen! Knnen Sie sich etwa die liebliche, einschmeichelnde
Dmmerung durch einen Mann verkrpert denken, den Dmmer?

Ne, Kapitn, wenn ich mir denken sollte, Hugo von Mnchhausen, so
elegant er zu schweben versteht, senke sich von Schleiern umwogt
hernieder und wollte mich mit ruhespendenden Elfenhnden liebkosen als
schmeichelnde Dmmerung, ich wre aus allen Mrchentrumen gerissen.

Mnchhausen als Fee der geheimnisvollen Dmmerung ist gut!
Ausgezeichnet! Diese Vorstellung stimmt mich heiter! sagte Flitmore
lachend.

Heinz aber meinte: Wer es zuwege bringt, diesen neumodischen Ausdruck
>der Dmmer< zu gebrauchen, beweist damit ohne weiteres, da ihm nicht
nur jegliches Sprachgefhl, sondern auch aller Sinn fr Poesie abgeht,
was allerdings fr die groe Mehrzahl unsrer Versemacher zutrifft; denn
zu keiner Zeit gab es so viele Dichter und so wenig Poeten wie
heutzutage.

Darum verhhnen sie auch die Poesie als hohles Pathos, weil sie die
Gttin nicht ehren drfen, deren Gunst, Geist und hoher Flug ihnen
versagt blieb, falls sie nicht ihre eigene Wertlosigkeit einsehen und
eingestehen wollen! fgte Mnchhausen noch hinzu.

O, meine Herrschaften, ein Nordlicht! rief pltzlich John und wies
nicht nach Norden, wohl aber nach Osten.

Das ist ja ein Mond! berichtigte der Professor. Wahrhaftig, ein
wrdiger Mond fr eine Nacht im Paradiese!

Der Mond, der ber die Berge tauchte, hatte eine unbeschreiblich
liebliche und duftige Rosafrbung. Nur die zartesten unter den wilden
Rosenblten oder der blhende Hauch, der ein luftiges Wlkchen vor
Sonnenaufgang ber dem Meere der italienischen Riviera in rosigen
Schimmer taucht, htte zum Vergleich herangezogen werden knnen.

Bald schwebte der Mond, der etwa doppelt so gro erschien, wie der
Trabant der Erde, frei am tiefdunkeln Himmel zwischen den blitzenden
Sternen. Und nun ergo er sein entzckendes Rosenlicht ber die ganze
Landschaft.

Auf einmal schien ein neues Leben zu erwachen, nachdem es sich kaum ein
Stndchen ber die Zeit der Dmmerung zur Ruhe gelegt hatte: Vgel
durchschwirrten die Luft und lieen wundervolle sanfte Weisen ertnen,
Grillen zirpten in melodischen, einschmeichelnden Weisen; kleinere
Tiere, den Hasen, Wieseln und Igeln hnlich, letztere mit bunten
durchsichtigen Stacheln, tummelten sich lustig umher, spielend und sich
balgend, hpfend und tanzend und seltsame Purzelbume schieend.

Kurz, es gab wieder genug zu sehen, zu hren und zu bewundern, wenn
nicht schon der Zauber der magischen, bengalischen Mondbeleuchtung
gengt htte, um alle wach zu halten: wer htte eine solche feenhafte,
ja wahrhaft paradiesische Nacht stumpfsinnig verschlafen mgen.

Aber auch neue Blumen erschlossen ihre Kelche, uerst zarte,
feingeformte Gebilde, meist leuchtend wei mit goldgelben Staubfden,
doch vom Mondlicht rosig berhaucht; auch hellblaue und hellrote Winden,
silberschimmernde Kapuzinerkresse und andere Blten ffneten sich dem
Rosenmond und hauchten Dfte aus, deren Sigkeit alle Wohlgerche des
Tages weit zu berbieten schienen.

Acht Stunden leuchtete der rosa Mond; kaum aber war er untergegangen, so
stieg ein etwas kleinerer Mond von lichtblauer Farbe am
entgegengesetzten Horizonte auf.

Sein mildes Licht wirkte ungemein beruhigend. Es wurde berall still;
die Tierwelt begann zu schlafen und auch die Kelche der Nachtblumen
schlossen sich.

Aber wieder sprangen neue Blten auf, groe Dolden, bunte Mohnhupter,
und ein einschlfernder Wohlgeruch gesellte sich zum einschlfernden
Lichte.

Auch unsere Freunde wurden still und fhlten schlielich das Verlangen
nach Schlaf.

Schultze leitete mit folgenden Worten den allgemeinen Rckzug in die
Zelte ein: Wenn die beiden Monde sich jede Nacht so pnktlich ablsen,
wie heute, so hat dieses Paradies stets zwei Nchte, von denen die erste
fr das Vergngen und die hchste Beseligung, die zweite erst fr den
Schlaf bestimmt zu sein scheint. Nun haben wir auch die blaue Nacht vier
Stunden lang bewundert; legen wir uns zur Ruhe, wir haben noch zehn
Stunden bis Sonnenaufgang.

Danken wir dem allgtigen Gott, sagte der Lord, der uns diese neuen
Wunder seiner Allmacht zu schauen wrdigte; vor allem aber wollen wir
ihn preisen, da er uns auf einer so lieblichen Friedenswelt landen
lie, die keine Schrecken noch Gefahren zu bergen scheint. Trotzdem
wollen wir bei allem Gottvertrauen nicht lssig und leichtfertig sein
und nicht versumen, die Wachen zu halten, wie die Vorsicht es uns
gebietet; denn es ist eben doch ein unbekannter Planet, auf dem wir uns
befinden und der auer dem Guten und Schnen, das wir kennen lernten,
noch viel des Unbekannten bergen wird, von dem wir noch nicht wissen,
wie es sich uns darstellen mag.

Lassen Sie mich die erste Wache bernehmen, bat Heinz, ich fhle noch
gar kein Schlafbedrfnis.

Gut! Nach drei Stunden wecken Sie mich, die mittlere Wache will ich
selber bernehmen, sagte Flitmore.

Und die Morgenwache bitte ich mir aus, erklrte der Professor, schon
der astronomischen Beobachtungen wegen, die fr uns von Wert sein
knnen.

Dabei blieb es, und alle, bis auf Heinz Friedung, zogen sich zurck.

Nach anderthalb Stunden seiner Wache sollte der jugendliche Wchter
entdecken, da der Planet Eden nicht blo zwei Nchte besa, wie
Schultze festgestellt hatte, sondern deren drei!

Der blaue Mond neigte sich nmlich zur Rste, als ein neuer Mond
aufging, diesmal ein dunkelgrn gefrbter. Er war wesentlich kleiner als
die beiden andern, etwa gerade so gro wie der Mond unserer Erde, der
scheinbaren Gre nach.

Eine halbe Stunde lang standen beide Monde gleichzeitig am Himmel; dann
leuchtete nur noch der grne Mond mit geheimnisvoll mattem Licht.
Offenbar war diese dritte, die grne Nacht, erst die rechte Nacht des
tiefen Schlafes; die blaue Nacht war sozusagen der Sptabend, der den
ersten Schlaf auf die Lider senkte.

Alles blieb still, wie ausgestorben, kaum ein Lftchen wehte den
Dufthauch aus den zahllosen Blten herber.

Heinz wurde ordentlich schlfrig und lie sich nach drei Stunden, von
denen nur eine ganz in die grne Nacht gefallen war, gar nicht ungern
durch Flitmore ablsen, dem whrend seiner Wache nur der dunkelgrne
Satellit Edens leuchtete.

Drei Stunden spter kam der Professor an die Reihe. Noch drei weitere
Stunden stand der dritte Mond am Himmel; als er hinter dem Horizont
verschwand, trat die Morgendmmerung ein.

Schultze vermerkte also: Erster Sonnenaufgang (Alpha Centauri) als erste
Stunde gesetzt; zweiter Sonnenaufgang nach zwei Stunden (Begleitsonne);
erster Sonnenuntergang zu Ende der 25. Stunde (Alpha Centauri geht
unter); mit Ende der 27. Stunde geht die Begleitsonne unter (25 Stunden
nach ihrem Aufgang); folgt eine Stunde Dmmerung; zu Beginn der 29.
Stunde geht der rosa Mond auf, der acht Stunden leuchtet, bis zum Ende
der 36. Stunde, worauf sofort, zu Beginn der 37. Stunde, der blaue Mond
erscheint, der sechs Stunden am Himmel steht; nach 41 Stunden taucht
der grne Mond auf, eine halbe Stunde vor Untergang des blauen, und
braucht 7 Stunden, um das Firmament zu durchmessen. Zu Ende der 49.
Stunde endlich geht auch er unter, worauf eine einstndige
Morgendmmerung eintritt, bis nach Verflu der 50. Stunde Alpha Centauri
als erste Sonne wieder aufgeht.

Dies war der Verlauf, wie er sich zu dieser Jahreszeit abspielte unter
der Breite des Planeten Eden, wo sich unsre Freunde in der ersten,
wundersamen Nacht ihres dortigen Aufenthalts befanden.




                          42. Hhere Wesen.


In der Morgendmmerung fhlte sich Schultze schlfrig werden; ein Wunder
war das nicht, hatte er doch gestern an die 40 Stunden gewacht und
hernach nur 6 Stunden des Schlafs gepflogen.

Da hatte er eine wunderliebliche Erscheinung, ein mrchenschnes
Traumbild, das ihn umgaukelte.

Es war ihm, als sehe er durch die Wimpern seiner fast geschlossenen
Augenlider eine Elfe heranschweben.

Zuerst tauchte ein herziges Gesichtchen zwischen dem glitzernden
Blattwerk des nahen Gebsches auf, halb schelmisch, halb scheu
vorlugend.

Dann teilte sich das Blattwerk mit kaum hrbarem Rascheln und die ganze
Gestalt schlpfte heraus, sich ber der Erde wiegend, ohne sie je zu
berhren.

Die Erscheinung glich nach Gre, Gestalt und jugendlichem Aussehen
einem sechzehnjhrigen Mdchen, aber von einer Zartheit der Formen und
Durchsichtigkeit der Haut, die das vollkommenste irdische Geschpf plump
und grob erscheinen lassen muten.

Das Gesicht war von unbeschreiblicher Anmut und Vollkommenheit, und die
groen Augen leuchteten in einem Blau, das auf Erden seinesgleichen
nicht hatte.

Der duftige Hauch des rosigen Mondes schien die weie Bltenhaut zu
durchschimmern, und die durchsichtigen Blttchen der Heidenrose
erreichten diese lebensvolle Zartheit der Frbung nicht.

Goldleuchtendes Haar, feiner als Seide, wallte von dem blhenden Haupte
herab und rahmte das feine Oval des Gesichtchens ein.

Ein luftiges, anschmiegendes Gewand, wie aus Nebel gewoben, flo von den
Schultern hernieder und umwogte die zierliche Gestalt in wunderbar
grnem Schimmer.

Langsam nherte sich dieses Feenkind eines Mrchentraumes, wich fters
wieder zurck, wie ein schchternes Mgdlein wohl tut; zuletzt aber
schwebte es ganz heran und beugte sich ber den Professor herab, dem
ganz wunderlich zumute wurde.

Er ri die Augen pltzlich weit auf. Da erschrak das reizende Elfchen
und flog ins Gebsch zurck gleich einem Meteor so geschwind.

Und die Zweige rauschten und klirrten und Vgel schwirrten auf.

Schultze sprang auf und rieb sich die Augen; wie ein Nebelstreif vom
Winde entfhrt verschwand die lichte Erscheinung; aber er wachte doch!
War das wirklich ein Traumbild gewesen?

Na, mein Lieber, was starren Sie egal ins Gebsch? fragte der Kapitn,
der sich bereits aufgetakelt hatte. Sehen Sie eine Schlange oder ein
Gespenst?

Ich sehe nichts, erwiderte der Professor, sich dem Freunde zuwendend,
wohl aber habe ich etwas gesehen; gespenstisch sah es nicht aus, eher
eine kleine Schlange, aber eine ganz reizende, sage ich Ihnen!

Was will das heien unter den Wundern Edens, lachte Mnchhausen; Sie
tun gerade, als htten wir noch nichts Wunderbares und Reizendes
erblickt!

Schultze schwieg; er war doch zu unsicher, ob er nicht alles getrumt
habe. Das wrde sich ja wohl noch zeigen.

Bald war alles munter. Rasch nahm man ein Frhstck ein von den
kstlichen Frchten Edens; alle brannten vor Begierde, die
Entdeckungsreise fortzusetzen und vielleicht noch grere Wunder, etwa
gar menschliche Spuren zu entdecken, das heit Zeugnisse fr das
Vorhandensein vernnftiger Wesen; denn wie sollte ein solches Paradies
seine Bestimmung erfllen, wenn es nicht von solchen bewohnt war?

Jeder hngte seine Tasche um, die sein Zelt mit den zerlegbaren
Aluminiumstben und einige Vorrte und ntzliche Gegenstnde enthielt,
und nun wurde das Gebsch durchschritten, das den Lagerplatz umsumte
und in dem die liebliche Erscheinung verschwunden war, die den Professor
beglckt hatte, von der er aber kein Wrtlein mehr verriet.

Als das Gebsch durchschritten war, sahen die Wanderer, da sie sich auf
einer Hochebene befanden, deren Rande sie sich nherten.

Was aber ihre Schritte hemmte und ihre Blicke fesselte, war der Anblick
zweier menschlicher Wesen, die sich in emsiger Ttigkeit befanden.

           [Illustration: Gabokol und Fliorot schmiedend.]

Der eine war ein erwachsener Mann mit braunen Locken, die auf die
Schultern herabfielen, und einem dunklen Vollbart. Ein weies, faltiges
Gewand umwallte seinen Leib gleich einer Toga bis zu den Kncheln herab;
sein Antlitz hatte etwas Durchgeistigtes, Verklrtes, Friedestrahlendes,
so da es ein Gefhl des Vertrauens, ja der unwillkrlichen Zuneigung
erwecken mute, selbst wenn die edelgeschnittenen Zge nicht von so
auerordentlicher, echt mnnlicher Schnheit gewesen wren.

Zarter, aber nicht minder schn und herzgewinnend erschien der Jngling
an seiner Seite: was waren gegen eine solch herrliche Gestalt die
Antinous- oder Adonisideale menschlicher Kunst?

Ein blaues Gewand umhllte die prchtigen Glieder, sich ihren Formen
anschmiegend.

Die beiden wendeten alle ihre Aufmerksamkeit ihrer Arbeit zu, die eine
Art Schmiedekunst zu sein schien: von einer Felsplatte stieg eine
goldgelbe Flamme empor, deren Natur nicht zu erkennen war. Holz, Kohlen
oder sonst ein Feuerungsmaterial war nirgends zu sehen; die Flamme
schien aus dem Felsen selber hervorzubrechen.

In diese Stichflamme hielt der Jngling metallene Stbe und Barren, bis
sie weiglhend erschienen, was in sehr kurzer Zeit der Fall war. Dann
bergab er sie dem Manne, der wohl sein Vater war, und der nun das
weiche Metall teils freihndig, teils mit allerlei merkwrdigen
Instrumenten, Zangen und Hmmern nach Belieben formte.

Diese Leute sind leichtsinnig, sie gehen hchst unvorsichtig mit dem
Feuer um, das doch eine ungeheure Hitze entwickeln mu, flsterte der
Professor, man mu es ihnen sagen!

So sagen Sie's ihnen, entgegnete Mnchhausen ironisch, vielleicht in
Ihrer Allerweltssprache, dem Lateinischen, wie seinerzeit auf dem Mars.

Schultze schwieg. Der Kapitn hatte recht; wie sollte er sich mit diesen
Bewohnern einer fremden Welt verstndigen?

brigens, sehen Sie! bemerkte Mietje, die beiden kommen jeden
Augenblick mit dem Saum und den Falten ihrer strahlenden Gewnder in die
Flammen hinein. Darauf scheinen sie gar nicht zu achten, und der Stoff
fngt auch nicht Feuer, wird nicht einmal angesengt.

Wenn ich mir eine Meinung gestatten darf, warf nun John ein, so ist
dies sozusagen alles Hokus-pokus, ein Blendungswerk und gar kein
brennbares Feuer; denn, wie Sie sehen, greift der Alte in das
weiglhende Eisen mit den Hnden, als sei es kalt anzufassen.

Aber er biegt es und formt es, entgegnete Heinz; es mu also doch bis
gegen den Schmelzpunkt erhitzt sein.

Diese Edeniten, erklrte Flitmore, scheinen ein Schutzmittel zu
kennen, das die Stoffe unverbrennlich und die Haut unempfindlich gegen
die Hitze macht.

Bei einer Wendung, die er machte, gewahrte der Schmied die Ankmmlinge.
Langsam lie er das Eisen sinken, das er in der Hand hielt und legte es
dann weg.

Er schien berrascht, so seltsame, niegeschaute Wesen zu erblicken, die
doch ihm und seinen Artgenossen nach Bau der Glieder und des Gesichtes
glichen, dagegen aus weit grberem Stoff geschaffen zu sein schienen und
der Vollkommenheit ermangelten, die seine und seines Sohnes Schnheit
erreicht hatte.

Es war ja aber auch mglich, da andere Edeniten auch weniger schn und
zart gebaut waren als eben diese beiden; jedenfalls geriet der Mann in
kein maloses Erstaunen, wie man es htte erwarten knnen, namentlich
zeigte er keine Spur von Schrecken, vielmehr schien seine berraschung
eine freudige zu sein.

Fliorot! rief er seinem Sohne zu, der nun ebenfalls aufblickte und
ebenso angenehm erstaunt schien; ja der Jngling klatschte vor Lust in
die Hnde.

Wie der Anblick dieser Menschen etwas berirdisches darbot, so bertraf
ihre Stimme an Wohlklang alles, was die Erde an herrlichen Tnen kennt;
Glocken- oder Orgelklang schien zu schallen, als der wundersame Mann das
eine Wort Fliorot ausrief; und die helle Jubelstimme des Knaben mochte
am ehesten mit der klingenden Orgelpfeife verglichen werden, die man
^Voxhumana^, Menschenstimme, heit, aber Engelsstimme nennen drfte.

Jammerschade, da wir uns mit diesen herrlichen Menschen, wie wir sie
wohl nennen drfen, nicht verstndigen knnen! bedauerte Schultze.

Wie hat sich denn Kolumbus mit den Indianern zurechtgeholfen? fragte
der Kapitn.

Das ist wahr, sagte Flitmore. Die Entdecker der verschiedenen Ksten
Amerikas kamen nie in ernste Verlegenheit, wenn es galt, sich mit den
Eingeborenen in Verkehr zu setzen, und sehr rasch lernten sie deren
Sprachen; wenigstens fanden sich alsbald begabte Sprachgenies, die als
Dolmetscher dienen konnten.

Sollten wir nicht so viel zu Wege bringen, wie jene? fragte Mietje.

Na, wie wr's Professorchen, spttelte Mnchhausen, wenn Sie's
wiederum mit Ihrem alten Latein versuchten?

Ne, ne! wehrte dieser lachend ab, wir haben ja einen jungen
Sprachgelehrten unter uns; Heinz Friedung mag sein Heil probieren!

Sehr gerne! sagte Heinz ernst, ohne mit einer Wimper zu zucken.

Schultze sah ihn gro an. Na! Ich mache nur Spa, natrlich! Sie
glauben doch nicht im Ernst, mit einer irdischen Sprache hier
anzukommen? Und wenn Sie alle Dialekte der Erde kennen wrden und der
Reihe nach probierten, 40 Billionen Kilometer von der Erde entfernt wird
nicht ein einziger davon verstanden, dafr garantiere ich Ihnen.

Herumprobieren wre freilich zwecklos, erwiderte Heinz, aber es gibt
Naturgesetze, die Ihnen nicht bekannt sind, Herr Professor.

Um so mehr wohl Ihnen, junger Freund? lachte Schultze etwas ironisch.
Bildete sich der sonst so bescheidene Heinz gar ein, gelehrter zu sein
als der vielgereiste und hochstudierte Professor Heinrich Schultze aus
Berlin?

Inzwischen waren die beiden Edeniten mit leichtschwebendem Gang, kaum
die Erde mit den bloen Fen berhrend, herangekommen.

Heinz Friedung redete sie an.

We nom tu? fragte er khn.

Schultze lchelte belustigt ber diese offenbar von Heinz selber
erfundene, improvisierte Sprache. Und das sollten die Bewohner der
Fixsternwelt gar kapieren?

Aber der Edenite sah Heinz berrascht, doch sichtlich unsicher an.

Sein Sohn dagegen brach in einen Jubelruf aus; ihm schien ein
pltzliches Verstndnis aufzuleuchten und, wie um seinem Vater zu
erklren, was Heinz hatte sagen wollen, rief er jenem zu: Wai nuomi
itu?

Nuoma Gabokol, sagte jetzt der Mann.

Ud itu? wandte sich Heinz jetzt an den Jngling. Der Vater aber
verbesserte: Onde itu.

Fliorot! erwiderte der Gefragte.

Pa? frug Heinz den Alteren weiter.

Migu Pa, sagte der, auf sich weisend: Seit failo-mig.

Vollstndig verblfft lauschten die Erdenbewohner, wie dieser grne
junge Mann Heinz offenbar eine Unterhaltung mit Wesen angeknpft hatte,
deren Sprache kein Mensch verstehen konnte.

Schultze rief wahrhaft entsetzt: Da hrt sich doch aber alle und jede
Wissenschaft auf! Wenn einer auf Erden etliche Tausend Kilometer weit
reist, so darf er darauf schwren, da er auch nicht ein
Sterbenswrtchen der Sprache versteht, die von den Eingeborenen des von
ihm erreichten fremden Landes geredet wird, es sei denn, er habe die
Sprache mhsam erlernt; und Sie wollen sich mir nichts dir nichts mit
Leuten verstndigen, die 40 Billionen Kilometer von unserem Planeten
entfernt leben?

Mnchhausen schttelte sich vor Lachen: Ein kstlicher Scherz! rief
er. Merken Sie nicht, Professorchen, da dieser Erzschalk von Friedung
uns zu Narren hlt und nur so tut, als ob er tte?

Aber dann wrden ihm diese Leute doch nicht ernsthaft Rede und Antwort
stehen! warf Mietje ein.

Die Sache ist ganz in Ordnung, sagte Heinz. Ich habe zwar
selbstverstndlich die Sprache dieser Edenbewohner nie gehrt noch
gelernt, daher kann ich sie auch nicht richtig treffen. Doch kann ich
sie immerhin so annhernd reden, um mich verstndlich zu machen. Ich
sagte >we< und es heit >wai<; ich sagte >nom< und es heit >nuomi<, in
der ersten Person >nuoma<; ich sagte >tu< und es heit >itu<; ebenso mu
es >onde< heien statt >ud<, wie ich sagte. Doch traf ich in der Regel
die Konsonanten richtig, so da ein intelligenter Edenite mich verstehen
mu, und bereits lernte ich auer den genannten berichtigten Formen
einige neue Wrter: >migu< heit >ich<, >seit< heit >dieser<, >failo<
aber >Sohn< und >mig< >mein<. Wenn ich mit drei Stzen schon so weit
kam, so darf ich hoffen, in wenigen Tagen schon ein wissenschaftliches
Gesprch in der klangvollen Sprache Edens mit gengendem Verstndnis
fhren zu knnen.

Na! Was wollen Sie denn nun von diesen Herren erfahren haben? fragte
der Kapitn, noch stark zweifelnd.

O, nicht viel, aber immerhin das, was ich zunchst erfragte. Wir haben
vor uns Vater und Sohn, >Pa onde failo<; der Vater heit >Gabokol<, was
so viel wie >offenes Auge< bedeuten drfte; der Sohn heit >Fliorot<,
was ich mit >fliegendes oder flchtiges Rad< erklren mchte. Dies ist
vorerst alles!

Aber wie zum Kuckuck wollen Sie uns dieses Wunder erklren? rief
Schultze. Ich habe groe Wunder erlebt, aber dies scheint mir doch das
seltsamste von allen! Vierzig Billionen Kilometer, ich sage Ihnen,
vierzig Billionen Kilometer trennen die Erde von Eden, und Sie kommen
jung und grn von der Erde und reden ohne weiteres die Edeniten an, und
Sie werden verstanden und Sie verstehen! Das bersteigt meine
Fassungskraft!

Na, so grn, wie Sie vermuten, bin ich eben doch nicht, Herr
Professor, lachte Heinz. Sehen Sie, die ganze Sache ist die: ich habe
das Geheimnis der Entstehung der menschlichen Sprache entdeckt, und nach
und nach gelang es mir, alle Lautgesetze zu finden, auf denen die
Wortbildungen beruhen. Da es sich um Naturgesetze handelt und nicht um
willkrliche Wortbildungen, konnte ich mir sagen, da berall, wo Wesen
sich finden, die hnlich gebaut sind wie wir Menschen, sie auch ihre
Sprache ganz von selber nach den gleichen Gesetzen bilden muten wie wir
Menschen.

Nun redete ich die Edeniten sozusagen in der Ursprache an; ich bildete
die Worte aus den Lauten, die fr den Begriff bezeichnend sind, den sie
bedeuten sollen. Wenn nun die Sprache Edens sich nicht gar zu knstelnd
von der Urform entfernte, so mute ich verstanden werden, und letzteres
war denn auch der Fall. Passen Sie auf! Wenn ich sage >We nom tu?< so
begreifen Sie vielleicht nicht gleich, da >nom< bedeuten soll >heit<;
denken Sie aber an das franzsische >^nommer^< oder an >Name<, so
leuchtet es Ihnen wohl ein, da >We nom tu?< besagen soll: >Wie heit
du?< Die Edeniten sagen nun: >Wai nuomi itu?< Aber, wie gesagt, die
entscheidenden Laute sind ihnen bekannt, so da sie auch meine
mangelhafte Frage begriffen. >W< ist einmal der Fragelaut: wer, wie, wo,
was, wann und so weiter; auf englisch ^where^, ^why^, ^who^ und so fort;
im Lateinischen und Franzsischen tritt qu an die Stelle. D oder T,
zuweilen S, ist der deutende Laut, also auch der Laut fr >du, dich< und
so weiter, er bezeichnet den, die oder das, auf die ich deute; und so
knnte ich Ihnen fr jeden beliebigen Begriff sagen, welcher Laut dem
Menschen ganz unwillkrlich, mit Naturnotwendigkeit in den Mund kommen
mute, wenn er den betreffenden Begriff durch einen Laut ausdrcken
wollte. Dies ergibt die Gesetze der Entstehung der Sprache, die ich
entdeckte, und nach denen ich die Worte bildete, die von den fremdesten
Wesen leicht begriffen werden mssen, falls sie eine menschenhnliche
Sprache reden.

Ein genialer Gedanke bleibt es immerhin, da Sie gleich darauf kamen,
diese irdischen Kenntnisse in dieser Weise hier auf die Probe zu
stellen, lobte Flitmore.

Die Edeniten hatten aufmerksam gelauscht, doch sicher nichts oder nur
gar wenige Worte verstanden; es gehren einfachere Stze her, als sie
dieses Gesprch enthielt, um eine wildfremde Sprache lediglich durchs
Gehr kennen zu lernen.

Nun nahm Gabokol das Wort, sich an Heinz wendend.

Er ladet uns ein, ihm zu folgen, erklrte der junge Mann.

Angenommen! sagte Flitmore, und die Gesellschaft vertraute sich der
Fhrung der neuen Bekannten an.

Diese atmeten tief ein und erhoben sich in die Luft, durch die sie nun
schwebten, ohne wieder den Boden zu berhren.

Unsre Freunde konnten wohl kolossale Luftsprnge machen, aber sich
dauernd in der Schwebe zu erhalten, gelang ihnen nicht.

Als die Edeniten dies merkten, lieen sie sich herab und Gabokol fragte
in seiner Sprache Heinz: Warum wollt ihr nicht fliegen?

Wir knnen es nicht!

Der Mann schien hchlichst berrascht; aber fortan begngten er und sein
Sohn sich hflich damit, die Gste springend zu begleiten.

Fliorot interessierte sich sehr fr die beiden Schimpansen und fragte,
ob das die kleinen Shne der Lady seien.

Mietje stie einen Schrei des Entsetzens aus, als ihr Heinz diese Frage
bersetzte. Dieser aber klrte Fliorot auf, da die Affen Tiere und
keine Menschen seien, auch nicht reden knnten.

Hierauf untersuchten die beiden Edeniten die Schimpansen mit grter
Verwunderung.

Na! meinte Mnchhausen: Diese Edenmenschen stammen offenbar von
keinen Affen ab, da solche hier gar nicht bekannt sind. Professor Hckel
darf froh sein, da er nie auf den Lehrstuhl einer hiesigen Universitt
berufen wird; hier fielen seine Phantasien vollends in sich zusammen,
auch fnde er zu intelligente Zuhrer, um mit seiner Weisheit Anklang zu
finden.

Man war an den Rand der Hochebene gelangt.

Unten dehnte sich ein liebliches Flutal, und zu beiden Seiten des
Flusses ragten vereinzelte Felsblcke von verschiedener Form, Gre und
Hhe zu Hunderten empor.

Unsre Freunde erkannten bald, da sie es mit knstlichen Gebilden zu tun
hatten, und zwar mit den Wohnhusern der Edeniten. Die Felsen zeigten
Fenster, Galerien und Balkone; oben hatten sie meist flache Dcher, die
jedoch von Trmen, Sulen und Zacken berragt oder eingefat wurden.

Breite Straen und engere Gassen zogen sich zwischen den Husergruppen
hindurch.

Heinz erkundigte sich nach dem Grund solcher Bauweise und zeichnete auf
einen Marmorblock einige Wohnhuser, wie sie auf Erden gebaut zu werden
pflegten.

Gabokol erklrte, das komme ihm sehr geknstelt vor. Sie nhmen sich die
Baukunst des Schpfers in der Natur zum Vorbild.

Alle muten gestehen, da diese rauhen, zackigen Bauten mit ihren
Galerien, Bogen und Trmen ein ganz hervorragend schnes,
abwechslungsreiches und groartiges Stadtbild ergaben.

Die Stadt glich einem Bienenkorbe; ber den Dchern, durch die Straen,
zu den Fenstern aus und ein flogen und schwebten Menschen in leuchtenden
farbigen Gewndern, wie aus Duft gewoben, Mnner und Frauen, Knaben und
Mdchen, auch kleine Kinder.

Man konnte sich nicht satt sehen an diesem farbenfrohen Bilde, an diesen
anmutigen Bewegungen.

Als unsre Freunde spter diese Stadtbewohner aus der Nhe sahen,
entdeckten sie, da Gabokol und Fliorot durchaus nicht ausnahmsweis
schne Exemplare ihrer Rasse waren, sondern da vollkommene Schnheit,
Anmut und Grazie, dazu Adel der Gesinnung, der sich in den Zgen
spiegelte, die allgemeinen Merkmale aller Edeniten waren.

Dabei zeigten sie sich nicht etwa besonders hnlich, sondern die
persnliche Verschiedenheit der Gestalten und Gesichter schien eher noch
mannigfaltiger als auf der Erde; und doch konnte man hier niemand in das
liebliche Antlitz oder gar in die sonnigen Augen sehen, ohne ihn auf den
ersten Blick liebgewinnen zu mssen.




                    43. Im Hause des Gastfreunds.


Fr heute wurde nicht in die Stadt hinabgestiegen oder vielmehr
geschwebt; denn Gabokols Wohnung war gleichsam ein Landhaus, das auf
einer Stufe des Bergrandes sich erhob, der sich ins Tal hinabsenkte.

Das Haus stand in einem Garten von unerhrter Pracht und Lieblichkeit.
Jetzt erst sahen unsre Freunde den ganzen Reichtum an Formen und Farben,
den die Blumen, Gestruche und Schlingpflanzen Edens aufwiesen.

Auch die fremdartigen Gemse hielten sie anfangs fr Zierpflanzen, bis
ihnen spterhin die Hausfrau alles erklrte.

Ganz entzckend war der Geflgelhof; denn Fasanen, Pfauen und Perlhhner
reichten mit ihren Farben und Zeichnungen weit nicht heran an die
verschiedenen Arten eierlegender Haushhner, Enten und Gnse, die hier
wimmelten. Auch die Eier dieser Vgel Edens bertrafen an Wohlgeschmack
weit diejenigen ihrer irdischen Basen und erschienen berdies gefrbt
wie leuchtende Ostereier oder gesprenkelt wie die schnsten Eier der
Singvgel auf Erden.

Heinz, der immer rascher und tiefer in die eigentmlichen Geheimnisse
der Sprache Edens eindrang, machte stets den Dolmetscher; aber schon
begannen auch die andern alle dies und jenes zu verstehen, nachdem sie
einmal darauf aufmerksam gemacht worden waren, da die natrliche
Lautverwandtschaft den besten Schlssel liefere. Merkwrdigerweise war
es John, der bei weitem am raschesten auffate, jedenfalls weil er sich
am unbefangensten dem angeborenen Sprachinstinkt berlie.

Gabokol versicherte einmal ber das andre, wie er sich freue und die
Seinigen sich freuen wrden, die lieben Gste aus einer andern Welt
beherbergen zu drfen. Er werde jedem ein eigenes Zimmer anweisen; denn
hier sei man so sehr gewohnt, Gste zu beherbergen, je fter und je mehr
desto lieber, -- so da jedes Haus zu drei Vierteilen aus Gastzimmern zu
bestehen pflege.

Eine Haustre war nicht vorhanden; man stieg, wie bei allen Husern
Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstckig war, gelang allen der
etwas hohe Sprung. Gabokol und Fliorot schwebten voran.

Ma! rief Gabokol, als sie das Innere der Wohnung betraten.

Alsbald erschien eine Lichtgestalt, ein Wesen von einem Zauber der
Anmut, Jugendfrische und Schnheit, wie niemand bisher hnliches
geschaut, abgesehen von Schultze, der sich von seiner Morgenwache her
einer noch weit lieblicheren Erscheinung erinnerte.

Aber schon die Hausfrau, die unsern Freunden entgegenschwebte, bewies,
da auch auf Eden das weibliche Geschlecht das schnere war, so
vollkommen sich auch die mnnliche Schnheit darstellen mochte.

Bleodila, stellte Gabokol seine Gattin vor, mit Betonung des O des
klangvollen Namens, den Heinz als die Blhende bersetzte, entschieden
ein Name, der dieser Frauenblume angemessen war.

Bleodila war sehr erfreut, fremde Gste bei sich zu schauen, und fhrte
sie in die Wohnstube, deren Wnde aus Bergkristall bestanden und mit
Edelsteinen in knstlerischen Blumenmustern verziert waren.

Hier wurden unsre Freunde eingeladen, in bequemen Sesseln aus buntem,
durchsichtigen Binsengeflecht sich niederzulassen.

Fr das Gewicht plumper Erdenmenschen waren diese zarten Geflechte zwar
nicht berechnet; doch erwiesen sie sich als so zh, da sie sogar
Mnchhausens Last aushielten, ohne zusammenzubrechen.

Der Kapitn bentzte in der Folge immer den gleichen Sessel, den grten
und strksten natrlich. Die kugelige Form, die selbige Sitzgelegenheit
infolgedessen annahm und die von ihrer ursprnglichen und allen auf Eden
blichen Formen seltsam abwich, machte den Lehnstuhl seinen Besitzern zu
einem dauernden Andenken an den Besuch des dicken Kapitns.

Als die Gste Platz genommen, rief die jugendfrische Hausmutter ihre
lteste Tochter herein; es herrschte die Sitte in Eden, die Hausgenossen
nicht schockweise, sondern einzeln, in angemessenen Pausen den Gsten
vorzustellen.

Die kleine Fee, die nun erschien und die zwanzig Jahre zhlte, war von
einem blarosa Kleide umflort und ihr braunes Haar ringelte sich in
seidenen Wellen ber den Rcken hinab.

                  [Illustration: Elfenerscheinung.]

Unsre Freunde fragten sich bei ihrem Anblick, ob es denn mglich sei,
da sich immer noch grere Schnheit und zartere Lieblichkeit
offenbare, denn zuvor hatten sie gemeint, die Frau des Hauses stelle den
Hhepunkt aller berhaupt mglichen Reize dar; nun aber fanden sie
dieselbe durch ihre Tochter noch weit bertroffen.

Nur Schultze wute, da es auf diesem Planeten noch entzckendere
Lieblichkeit gab, als sogar Glessiblora sie offenbarte.

Den Namen dieses taufrischen Mdchens, Glessiblora, mit dem Ton auf dem
I der zweiten Silbe, dolmetschte Heinz mit Glanzblume.

Erst eine Viertelstunde spter wurde auch Heliastra, die Jngste,
gerufen.

Sie ist erst siebzehn und ein kleiner Schelm, ein lustiger Kobold,
erklrte der Vater, ehe sie erschien, und Heinz bersetzte ihren Namen
mit Flimmersternchen, wrtlich Hellstern

Von ferne vernahm man schon das silberne Lachen der Nahenden; denn mit
nichts konnte der Wohllaut dieser hellen Stimme fglich verglichen
werden, wenn nicht mit dem Klang silberner Glckchen.

Und nun erschien Heliastra in der ffnung, welche die Tr vertrat; denn
eigentliche, verschliebare Tren gab es in Eden nicht.

Unter dem Eingang hemmte sie den schwebenden Schritt, und wie sie so
dastand, umwallt von goldglnzendem Haar, im dunklen Trrahmen, da
erschien sie wahrlich wie ein heller, flimmernder Stern.

Unsre Freunde schauten alle nach der siebzehnjhrigen Elfe hin: solch
ein wunderliebliches Gesichtchen, solch ein Blau der lieben, lustigen
Augen, solch durchsichtige Bltenweie der Haut, von duftigem
Rosenschimmer durchhaucht, kurz, einen solchen Schmelz der Schnheit,
Anmut und Jugend hatten sie nicht nur niemals erschaut, sondern wren
auch nie imstande gewesen, sich derart vollkommene Reize in der
Phantasie auszumalen.

Nur allein wieder Schultze hatte schon hnliches gesehen, ja nicht nur
hnliches: er erkannte in Heliastra sofort die holdselige Erscheinung,
die ihn bei seiner Morgenwache begrte, als er halb eingenickt war und
nicht recht wute, ob er schlief oder wachte.

Die Kleine hatte ihn ebenfalls erkannt. Nachdem sie die fremden Gste
ohne Befangenheit gemustert und besonders Heinz Friedungs bewundernde
Blicke durch ein bezauberndes Lcheln und freundliches Zunicken erwidert
hatte, schwebte sie direkt auf den Professor zu und machte vor ihm eine
tiefe Verbeugung, dann lachte sie ihm hell ins Gesicht.

Heliastra! rief Bleodila mit sanfter Zurechtweisung ihrer Jngsten zu.

O Ma, erwiderte diese: Wir kennen uns schon; als ich heute Morgen Pa
und Fliorot zur Schmiede begleitete, flog ich ein wenig umher und fand
das Lager der Fremden; dieser wrdige Herr hielt Wache davor; ich
glaubte aber, er schlafe und wollte mich nhern, da sah er mich so gro
an, da ich erschrak und forthuschte, allein ich glaube, er war noch
viel mehr erschrocken. Und sie lachte wieder ihr herzerquickendes
Lachen.

Als Heliastra merkte, da Heinz ihre Sprache verstand, begann sie eine
lebhafte Unterhaltung mit ihm und fragte ihn neugierig aus ber die
Welt, von der die Fremdlinge kamen. Wenn der junge Mann dann wieder ein
Wort recht verketzerte, lachte sie mit einer Unwiderstehlichkeit, die
auf die ganze Gesellschaft ansteckend wirkte.

Ich kann mir nicht helfen, sagte sie, wie sich entschuldigend, zu
Heinz. Es macht mir gar zu groes Vergngen, welch sonderbare Worte du
oft gebrauchst oder wie seltsam du andere aussprichst und vernderst. Es
ist ja erstaunlich, wie du unsere Sprache reden kannst, die du heute zum
erstenmal hrst, so gescheite Mnner gibt es bei uns gar nicht; aber ich
bitte dich, lerne nur ja nicht ganz richtig sprechen, du wrdest mich um
ein gar zu groes Vergngen bringen.

Heinz mute nun auf Gabokols Bitte erklren, wie er berhaupt dazu
gekommen war, sich mit den Edeniten verstndigen zu knnen.

Selbst die Mdchen folgten mit gespanntem Interesse und vlligem
Verstndnis seinen Auseinandersetzungen ber die Gesetze der Entstehung
der menschlichen Sprache.

Gabokol drckte ihm zum Schlu seine hohe Bewunderung aus und bat ihn,
einen Vortrag ber diesen Gegenstand in der Hauptstadt zu halten. Du
wirst dadurch bei uns ein berhmter Mann werden, denn unsre Gelehrten
haben wohl herausgefunden, da alle Sprachen unsres Planeten
ursprnglich miteinander verwandt sind, aber ber die Anfnge der
Sprache berhaupt haben sie sich vergeblich den Kopf zerbrochen und sind
zu der Ansicht gekommen, das sei ein fr den menschlichen Verstand
unlsbares Rtsel.

Nun denke dir, welches Licht deine neue Erkenntnis verbreiten wird,
welchen Dienst du unsrer Wissenschaft leistest und welchen neuen Ansto
du ihr gibst. Und einen groen Respekt wird man hier bekommen vor dem so
viel greren Scharfsinn der Erdenbewohner.

Heinz lchelte, versprach aber, den Vortrag zu halten, sobald er die
Sprache des Landes gengend beherrsche.

Nun trugen die Tchter des Hauses das Mittagsmahl auf, zur groen
Befriedigung des Kapitns.

Unsre Freunde lernten hiebei neue, ungeahnte Gensse kennen, nmlich die
herrlichen Gemse Edens und die ganz vorzglichen Mehlspeisen und
Backwaren, die verrieten, da die Edeniten Getreidesorten besaen, die
verschiedenartige Mehle lieferten und zwar ungleich kstlichere als die
Erde sie kennt.

Fleischgenu war hier unbekannt: niemals wre jemand auch nur der
Gedanke gekommen, ein Tier gewaltsam zu tten oder gar einen Tierleib zu
verzehren. Allerdings, bei der unerschpflichen Auswahl an auserlesenen
Speisen wre es Torheit gewesen, noch Fleischkost einzufhren, die
wahrscheinlich den Edeniten gar nicht zutrglich gewesen wre,
keinesfalls aber zur Verbesserung des Speisezettels htte beitragen
knnen.

Keiner unserer Freunde vermite Fisch, Geflgel und Braten, so viel
wohlschmeckender erschienen allen die Gerichte Edens in ihrer
unendlichen Abwechslung.

Eier, Milch, Butter, Kse und Honig waren die einzigen Speisen, die dem
Tierreich entnommen wurden, und auch sie bertrafen alles Irdische;
namentlich gab es die verschiedensten Arten von Eiern, von Honig und von
Milch, und aus den verschiedenen kstlichen Milcharten wurden auch die
verschiedensten Arten von Butter und Ksen hergestellt, von denen jede
ihre besonderen unnachahmlichen Vorzge aufwies.

Die Getrnke bestanden teils aus Wasser, das auch in verschiedenen
Zusammensetzungen dem Erdboden entsprudelte, teils aus sen und herben
Fruchtsften, die nichts Berauschendes an sich hatten und doch die
Gemter erhoben und die Stimmung verklrten, die Phantasie anregten und
belebten, weit mehr als die alkoholischen Getrnke der Erde.

Die Folge auch des reichlichsten Genusses dieser Edenweine war niemals
eine ungute, im Gegenteil, Kraft und Krperfrische sowie die geistige
Regsamkeit wurden stets durch sie gehoben.




                        44. Neue Erkenntnisse.


Heinz erlernte fabelhaft schnell die Sprache der Edeniten. Er konnte
sich jetzt schon ganz flieend unterhalten. Schwierigkeiten machten nur
die Begriffe, die entweder der irdischen oder der Welt Edens fremd
waren. Aber durch Umschreibungen und Erluterungen gelang es, auch
solche mit der Zeit begreiflich zu machen.

Gabokol und die Seinen zeigten dabei einen hervorragenden Scharfsinn und
nahmen bald mit vollstem Verstndnis eine ganze Reihe von Fremdwrtern
auf, mit denen Heinz ihre Sprache bereicherte, weil es dieser an den
entsprechenden Ausdrcken fehlte. Dabei handelte es sich lediglich um
Dinge, die den Erdenmenschen gelufig, den Edeniten aber vllig
unbekannt waren, nicht zum Schaden der letzteren.

So hielt es zu Anfang schwer, den Gastfreunden verstndlich zu machen,
was unter Gift, Vergiftung, Verwundung, Krankheit, Schmerzen, Ha,
Bosheit und anderen Leiden und Lastern zu verstehen sei.

Und doch war es notwendig, solche Dinge zu berhren, wollte man sich
ber die Verhltnisse Edens belehren oder ber diejenigen der Erde
Auskunft geben. Es waren daher grtenteils Fremdwrter von recht bler
Bedeutung, die von den Edeniten gelernt und schmerzlich staunend
begriffen werden muten, wenn sie sich mit der fremden Welt, aus der
ihre Gste kamen, vertraut machen wollten und ihnen andererseits klar
machten, inwiefern sich Eden von jener unterschied.

Auch die andern machten rasche Fortschritte in der Sprache Edens, und
Flitmore sprach den Wunsch aus, einen Besuch in der Stadt so lange
hinauszuschieben, bis sie so weit wren, das Notwendigste zu verstehen
und sich selber verstndlich zu machen.

Es wurden daher in den nchsten Tagen nur Ausflge auf die nahe
Hochebene unternommen und auch einige Aussichtspunkte besucht, von denen
aus man weit ins Land schauen konnte.

Eine der ersten Fragen, die Schultze an Gabokol richtete, war die, wie
es komme, da das Wasser hier zum Teil bergauf, zum Teil aber bergab
fliee.

Bei uns steigt immer das Leichtere nach oben, erwiderte der Mann
verwundert, und das Schwere strebt hinab; ist das nicht so auf der
Erde?

Im allgemeinen wohl, erwiderte der Professor. So wird zum Beispiel
l, auf den Grund eines Baches gebracht, an die Oberflche des Wassers
steigen; dann aber fliet es nicht den Bach hinauf, sondern hinab,
ebenso fliet sowohl l als Wasser auf festem Grund, falls dieser
geneigt ist, bergab.

Auch wenn es leichter ist als der feste Grund? fragte Fliorot
erstaunt.

Ja! Es befindet sich eben dann in einem andern Mittel, in der Luft, und
weil es schwerer ist als diese, drngt es zur Tiefe.

Gabokol schttelte den Kopf. Das ist merkwrdig und widerspricht den
Naturgesetzen, wie wir sie kennen. Wir haben dichtes Wasser, das
schwerer ist als Erd- und Felsboden: das sinkt hinab. Wird es aber durch
Wrme und Verlust aufgelster fester Bestandteile leichter als der feste
Untergrund, so strebt es so hoch als nur mglich empor und fliet auch
selbstverstndlich bergauf. Die Meere haben schweres Salzwasser: die
bleiben immer in der Tiefe.

Unser Planet hat auch eine sehr schwere Luft und geringe magnetische
Kraft; auf unsern Monden ist das ganz anders, da fhlt man sich schwer
an den Boden gefesselt; mglich, da dort auch das Wasser niemals
bergauf flieen knnte, wenn es dort berhaupt Wasser gbe.

Knnt ihr bis zu euren Monden fliegen? erkundigte sich Mietje.

Wir knnen es wohl, tun es aber nicht ohne Not; denn zu einem
Aufenthalt fr Lebende sind sie nicht geeignet. Es fehlt ihnen an
Pflanzen und an Wasser, sie gleichen leuchtenden Edelsteinen, sind aber
tot und nur ein Platz fr die Toten. Auch macht ihre starke
Anziehungskraft das Wandern und Fliegen dort sehr beschwerlich.

Wie macht ihr es berhaupt, da ihr fliegen knnt? wandte sich
Mnchhausen an Fliorot.

Wir atmen die Luft in unsere Fluglunge ein, erwiderte dieser.
Probiere es doch einmal: sobald sie mit Luft gefllt ist, schwebt man
von selber empor und sinkt erst wieder, wenn man die Klappe ffnet. Wir
knnen das schon als kleine Kinder, warum macht ihr's nicht ebenso?

Aus dem einfachen Grunde, weil wir eine so praktische zweite Lunge
nicht besitzen, entgegnete der Kapitn.

Das dachte ich mir, fiel nun Bleodila, die Hausfrau, ein. Bei uns ist
diese innere Einrichtung ein Vorzug, den wir vor den Tieren haben, die
nur springen knnen oder Flgel besitzen mssen um zu fliegen.

Und durch die Anfllung euerer Ballonlunge werdet ihr so leicht, da
ihr bis zu den Monden fliegen knnet? fragte Mietje weiter.

Nein, das nicht! antwortete ihr der Hausvater anstelle seiner Gattin:
Weiter oben wird die Luft so dnn und leicht, da sie uns nicht mehr
trgt; wollen wir hher gelangen, so mssen wir Fahrzeuge benutzen, die
durch die abstoende Kraft emporgetrieben werden, bis wir die Kraft
abstellen und, von dem Monde angezogen, auf seine Oberflche gelangen.

Aha! Meine Fliehkraft! rief Flitmore. Und weiter als bis zu euren
Monden reist ihr mit derselben nicht?

Das knnen wir nicht: Die Zwischenluft bis zum grnen Mond, der uns der
nchste ist, gengt kaum mehr zum atmen; den blauen haben nur wenige
khne und ausdauernde Fahrer erreicht; den rosa Mond aber, der doppelt
so weit entfernt ist, konnte noch keiner erreichen: Die Luft wird zuvor
so dnn, da man umkehren mu, sonst mte man sterben.

Wenn ihr aber in einem verschlossenen Behlter voller Luft aufsteigen
wrdet? meinte der Lord.

Gabokol sann nach: Das wre ein Gedanke! Das hat noch niemand
versucht, sagte er: Seid ihr so bis zu uns gekommen?

Ja! besttigte Flitmore kurz.

Ein weiter Weg! meinte Fliorot und sah zum Himmel empor.

Unsere Erde kannst du nicht sehen! lachte Schultze, der der Richtung
seiner Blicke folgte und nicht umhin konnte, sich hchlichst zu
verwundern, da der Knabe wenigstens genau zu wissen schien, wo er die
Erde am Firmament zu suchen htte, falls sie sichtbar gewesen wre. Aber
freilich, mit dem strksten Teleskop htte man diesen kleinen dunklen
Planeten von hier aus niemals entdecken knnen.

Fliorot aber erwiderte: O doch, ich sehe sie ganz genau. Ich kenne die
Lage eueres Sonnensystems gut. Ihr habt nur eine Sonne. Zuerst kommen
zwei kleine Planeten ...

Merkur und Venus, sagte Heinz.

Dann kommt euere Erde, wie ihr sie nennt, fuhr Fliorot fort, ich sehe
sogar ihren Mond.

Ja, Fliorot hat scharfe Augen, besttigte Gabokol: Ich selber kann
bei Tageslicht den Mond eurer Erde nicht erkennen, nur bei Nacht.

Da hrt sich aber doch alle Wissenschaft auf! rief Schultze, der
staunend beobachtete, wie die Augen des Knaben ein wenig vorgetreten
waren und sich in weite Ferne richteten. Das ist ja eine Sehkraft, die
unsere strksten Fernrohre weit in den Schatten stellt und gegen die
auch diejenige des letzten Marsbewohners nichts besagen will! Ist dieser
Jngling imstande, Erde und Mond als zwei getrennte Krper zu
unterscheiden, so ist das eine Augenparallaxe, die ber das Mrchenhafte
hinausgeht. Seine Augen mssen es vermgen, die Neigung zweier Linien zu
einander zu unterscheiden, die auf einen Kilometer nur 9 Millimeter
betrgt!

Gabokol fhrte nun unsere Freunde zu seiner Schmiede und erklrte ihnen,
wie die Flamme aus der Vereinigung zweier Gase entstand, die er durch
Mischung von Metallen und Suren im Erdboden erzeugte.

Er hatte ein Luftschiff in Arbeit, das aus uerst leichten Metallen
gebaut wurde und das allgemeine Verkehrsmittel auf dem Planeten bildete,
wie er erklrte, wenn es sich darum handelte, rascher vorwrts zu
kommen, als durch persnlichen Flug, oder auch Lasten zu befrdern.

Als Triebkraft diente ein Magnetismus, den er Parallelkraft nannte, weil
er die damit geladenen Fahrzeuge in wagrechter Richtung ber der
Oberflche des Planeten hintrieb.

Fliorot interessierte sich sehr fr Heinz' Revolver. Als der Freund ihn
ernstlich mahnte, vorsichtig mit der gefhrlichen Schuwaffe umzugehen,
lachte er; und ehe es jemand hindern konnte, scho er sich eine Kugel
mitten durch den Arm.

Den Schreckensruf unserer Freunde begriffen die Edeniten nicht. Der Arm
war allerdings durchbohrt, auch der Knochen durchschlagen. Doch schlo
sich die Wunde so augenblicklich ohne irgend welche Blutung, da keine
Spur mehr zu sehen war. Auch die Knochen waren offenbar so elastisch,
da sie ohne Schaden durchbohrt werden konnten. Ein Schmerzgefhl war
den Edeniten unbekannt, und selbst vllig abgetrennte Glieder wuchsen,
wie Bleodila versicherte, augenblicklich wieder fest, wenn man die
Schnittflchen aneinander legte.

Doch kamen solche Verwundungen bei den elastischen Gliedmaen und der
uerst widerstandsfhigen, wenn auch noch so zart aussehenden Haut
uerst selten vor.

Krankheiten kennt ihr auch nicht? wandte sich Mietje an Glessiblora:
Gifte gibt es hier keine, wie ihr sagt, und das strkste Feuer vermag
eure Haut nicht anzugreifen, gibt es denn da bei euch berhaupt einen
Tod?

Ja, erwiderte das Mdchen, sterben mssen wir alle. Ein Jahr dauert
bei uns etwa zehn eurer Erdenjahre und 300 bis 500 unserer Jahre ist die
gewhnliche Lebensgrenze.

Also 3000 bis 5000 Jahre! rief Mnchhausen.

Selten stirbt jemand in zarterem Alter, besttigte Heliastra. Man ist
dann alt und mde und sehnt sich nach dem hheren, vollkommeneren Leben,
das Gott uns nach dem Tode verheien hat.

Fhlen wir unser Ende herannahen, fgte Bleodila hinzu, so treten wir
gewhnlich alsbald die Reise nach dem grnen Mond an, dem Reich der
Toten. Dort schlft man nach wenigen Tagen ein, ohne wieder aufzuwachen.
Entschlummert aber einer schon hier, ehe er an die letzte Reise dachte,
was sehr selten vorkommt, so bringen wir seinen Leib hinauf, wo er dann
bald austrocknet und zu Staub zerfllt.

Ihr glaubt also, wie wir, an ein ewiges Leben? fragte Flitmore.

Gabokol sah ihn verwundert an: Natrlich! sagte er: Was htte es fr
einen Sinn, wenn das Leben mit dem Tode aus wre?

Nun, ihr habt doch sicher auch in diesem Leben eine Aufgabe zu
erfllen, meinte Schultze.

Gewi! Sehr viele! Arbeit gibt es genug an uns und andern, fr uns und
fr andere; denn wir mssen doch immer besser werden und unsern Planeten
immer besser machen. Wollten wir zum Beispiel an der Verbesserung
unserer Weltkugel nicht ernstlich und fleiig arbeiten, so mten unsere
Nachkommen bald zum Teil verhungern: bis jetzt ist nmlich nur ein
Streifen rings um den Planeten fruchtbar und bewohnt; alles andere ist
Wste, es fehlt an Pflanzen und Erde.

Unsere Hauptarbeit besteht nun darin, das nackte Gestein zu zermahlen,
es mit pflanzlichen Stoffen und chemischen Bestandteilen zu mengen und
so eine gute Erde herzustellen, mit der wir kahle Flchen bedecken, die
dann eingest werden und Urwlder und Prrien bilden, welche zunchst
von der Tierwelt in Beschlag genommen werden knnen, bis sich spter die
Bevlkerung ausdehnt.

Nchst unseren huslichen Arbeiten, der Herstellung von Verkehrsmitteln
und dem Landbau, beteiligt sich jedermann auch an dieser Riesenarbeit,
knftigen Geschlechtern ihre Wohnsitze zu schaffen.

Nun also, sagte der Professor: So knntet ihr ja sagen, das ist der
Zweck unseres Lebens, unsern Nachkommen den Boden zu bereiten, und in
ihnen leben wir fort. hnlich sprechen so manche auf Erden, die an kein
Fortleben nach dem Tode glauben wollen.

Und diese Nachkommen? fragte Bleodila: Sie wrden auch einige hundert
Jahre sich des Errungenen erfreuen und ihrerseits fr die Kommenden
vorarbeiten, um dann ins ewige Nichts zu versinken, und so ginge es
fort, bis der Planet tot wre mit allen, die je auf ihm gestrebt und
gewirkt? Und dann? Dann wre es vllig einerlei, ob je hier vernnftige
Wesen gelebt und gearbeitet haben oder nicht!

Ja, stimmte die kleine Heliastra der Mutter bei. Wenn mit dem Tode
alles aus wre, so wre zuletzt unser ganzes Leben zwecklos und sinnlos,
wir wren das Puppenspiel eines unverstndigen Schpfers; aber gottlob,
die Macht, die uns erschaffen hat und erhlt, ist Weisheit und Liebe;
darum allein knnen wir uns des Lebens freuen und auch dem Ende getrost
und frhlich entgegensehen.

Und was erhofft ihr vom Ende? fragte Heinz.

Heliastras Augen leuchteten: Das Leben ist schn bei uns, wunderschn!
Aber welche Schranken sind uns berall gesteckt, wie viel mchten wir
wohl ausfhren und knnen es nicht! Wer treu gewesen ist im Wirken
seines endlichen Lebens, dem werden hhere Aufgaben und Krfte
anvertraut, wie wir glauben: ja, ein neueres, hheres und schneres
Leben wird diesem mangelhaften Leben folgen, das glauben und hoffen
wir!

Unser Glaube ist der, fgte Gabokol hinzu: Wer sich bewhrt hat, dem
wird Gott eine seiner unzhligen Welten berweisen und ihm sagen: nun
magst du nach eigenen Gedanken und nach eigener Lust schaffen. Ich gebe
dir ein Ma von Schpferkraft, wie es deinen Bedrfnissen entspricht;
ich ordne dir andere Geister bei, denen noch keine so hohe Macht
anvertraut werden kann, die dir aber treu und willig zu Diensten sein
werden. Nun schaffe dir eine Welt nach deinen Gedanken, Pflanzen, Tiere,
vernnftige Wesen, wie deine Phantasie solche erfindet, stelle
Naturgesetze auf, wie du sie fr zweckmig hltst und wenn du des Rats
bedarfst, so darfst du ihn jederzeit bei mir holen. Ja, wir glauben, da
die Natur und Lebewelt auf unserem Planeten und wir selbst auf diese
Weise geschaffen worden sind von einem groen, seligen Geist, dem Gott
hier sein Schpfungsgebiet angewiesen hat; denn vollkommene Geschpfe,
wie Gott selber sie erschaffen htte, sind wir noch nicht. Aber im neuen
Leben wird er selbst uns zur Vollkommenheit vollenden, wie der Meister
des Schlers Arbeit verbessert und zur Vollendung bringt.

Ihr glaubt also alle an einen Gott, von dem in letzter Linie die ganze
sichtbare Schpfung ausgeht? fragte Mietje.

Bleodila sah sie verstndnislos an: Ja, was sollten wir denn sonst
glauben? fragte sie. Etwa, diese ganze Welt mit ihren wunderbaren
Geschpfen und uns selbst, sei von selber entstanden? und sie brach in
ein herzliches Gelchter aus, in das ihre beiden Tchter einstimmten, so
da es wie der Klang eines Glockenspiels durch die zitternden Lfte
schallte.

Ihr habt recht, da ihr lacht, sagte Mietje; niemand macht sich so
lcherlich, wie der Zweifler am Dasein Gottes.

Nichts ist wahrer als dies, stimmte der Lord bei: Die Gottesleugnung
wird stets der sicherste Beweis geringer Verstandesgaben sein und der
Unfhigkeit, vernnftig zu denken. Allerdings entstammt der plumpe
Aberglaube an die ewige, allmchtige Natur und ihren aus dem Nichts
gezauberten Gesetzen dem unlautern Willen und nie der wissenschaftlichen
berlegung. Aber diese Leute, die das Opfer ihres Verstandes bringen,
weil sie nicht glauben wollen, die Geist und Sinne absichtlich
verschlieen, um der allein vernnftigen Erkenntnis den Eingang zu
verwehren, sind um so bejammernswertere Toren und tun sehr Unrecht
daran, den Vogel Strau zu belcheln, der den Kopf in den Sand steckt,
meinend, nun sei auch das nicht da, was er nicht mehr sieht, nicht sehen
will.

Unsere Philosophen, sagte Gabokol, haben auch schon ber das
Weltrtsel nachgedacht. So beschrnkt war freilich keiner, am Dasein
eines Schpfers zu zweifeln. Aber die Frage nach der Ewigkeit des
Sichtbaren warfen sie auf. Da kamen sie denn zu folgenden Erkenntnissen:
entweder das Sichtbare war immer da, das heit von jeher vom ewigen
Schpfer hervorgebracht; dann wird es auch immer sein, und die
Vergnglichkeit ist nur etwas Scheinbares, als ein bergang in andere,
zweifellos, hhere Daseinsformen; das wre eine bestndige Entwicklung,
ein ewiger Fortschritt.

Wenn aber das Sichtbare einen zeitlichen Anfang htte? warf Schultze
ein.

Dann knnte es ja wohl auch ein Ende haben, erwiderte der Edenite;
allein es ist klar, da wenn _einmal_ ein Anfang war, auch spterhin
immer wieder ein neuer Anfang mglich ist; ja es wre unsinnig zu
glauben, da es in der Ewigkeit der Zeiten nur einmal zu einem einzigen
Anfang gekommen wre und dann fr alle Zeiten Ende und Tod. Wir
schlieen daraus, da auch das Einzelne nie ein endgltiges Ende nehmen
kann, sondern da ihm ein neuer Anfang sicher ist. Der Anfang des
Sichtbaren setzt also nicht sein Ende voraus, sondern vielmehr seine
ewige Erneuerung.




                            45. Heliastra.


Es war wunderbar, wie die Lebensluft Edens Krper und Geist frisch
erhielt, strkte und belebte!

Was lie sich doch alles an _einem_ Tage ausfhren, kam doch zum
siebenundzwanzigstndigen Sonnentag nach einer Dmmerstunde die
achtstndige Rosennacht, in der noch keine Mdigkeit oder Schlfrigkeit
aufkam!

Man ging zur Ruhe, wenn der blaue Mond bereits einige Stunden geleuchtet
hatte; man erhob sich gestrkt und munter, ehe der grne Mond sich zum
Untergang neigte: acht bis neun Stunden Schlafs gengten allen
Bedrfnissen, so da der Tag, das heit die Zeit des Wachens, mehr als
40 Stunden whrte.

Was man bei der hier so gesteigerten Auffassungsfhigkeit in wenigen
Tagen lernen konnte, merkten unsre Freunde besonders daran, da sie bald
die Sprache Edens verstanden und redeten, als sei sie ihnen von Kind auf
bekannt gewesen. Freilich wre dies nicht mglich gewesen, wenn nicht
eben die Verwandtschaft mit der irdischen und namentlich mit der
deutschen Sprache, die der menschlichen Ursprache so besonders nahe
steht, gewesen wre.

Eines Abends, als der Rosenmond sein mrchenschnes Licht ber die
Landschaft ergo, sa die nun so vertraute Gesellschaft auf dem Dache
des Hauses.

Gabokol fhrte mit Schultze und Flitmore ein ernstes Gesprch, dem John
andchtig lauschte, sich hier und da eine seiner wohlgesetzten Fragen
gestattend.

Mietje unterhielt sich mit Bleodila und der gesetzten Glessiblora ber
das Leben und Treiben der Frauenwelt Edens.

Fliorot lauschte den fabelhaften Erzhlungen des Kapitns Mnchhausen,
der an dem Knaben einen eifrigen Zuhrer gefunden hatte.

Etwas abseits saen Heinz und Heliastra und betrachteten den leuchtenden
Sternhimmel, der freilich den Augen der Jungfrau einer hheren Welt noch
viel reichere Wunder offenbarte als dem Jngling der irdischen Fernen.

Ich liebe die Sterne so sehr! sagte die kleine Elfe: Wie viel
leuchtende Sonnen hat doch Gott erschaffen und wie unzhlig mgen die
Wesen sein, die ihres Glanzes sich freuen! Den helleren Sternen haben
wir Namen gegeben und ebenso den Bildern, die durch verschiedene
einander scheinbar nahestehende Sterne entstehen, wenn man sie vereint
betrachtet.

Genau so haben auch wir auf der Erde es gemacht, erwiderte Heinz
lchelnd.

Nein! wie merkwrdig! rief Heliastra erfreut: Sieh einmal, dort am
Horizont stehen vier Sterne, die einen viereckigen Leib bilden, von dem
ein langer Hals emporstrebt; wir nennen das Sternbild, das wohl das
deutlichste am Himmel ist, Ligela, nach dem langhalsigen Tier, das ihr
Giraffe nennt, wie heiet denn ihr's?

Heliastra hatte sich von Heinz fleiig in seiner Sprache unterweisen
lassen und wute schon alle Namen derjenigen irdischen Geschpfe, die
mit denen Edens einige hnlichkeit hatten.

Wir nennen dies Sternbild den Wagen oder den Groen Bren, erklrte
der Jngling: Es gehrt auch bei uns zu den bekanntesten.

Heliastra schttelte das Goldkpfchen: Ligela klingt schner, meinte
sie; aber schau, dort drben sind drei Sterne in einer Reihe und zwei
darunter; dieses Bild nennen wir den Thron, Sissal, und den hellen Stern
rechts unten Helor.

Wir heien den letzteren Rigel, nehmen aber zum Sternbild noch jene
beiden oberen Sterne, links Beteigeuze, rechts Bellatrix, und heien das
ganze Gebilde Orion.

Orion! Nein, welch schner, klangvoller Name! rief das Mdchen. Aber
pa auf: die beiden Sterne, die ihr Beteigeuze und Bellatrix benennt,
wir aber Fluir und Saila, rechnen wir zum langgestreckten Bild der
Schlange, Slipilil; ihr Kopf ist dort links das strahlende Gestirn
Glorhel.

Das ist Sirius im groen Hund, erluterte Heinz.

Und das Schwanzende, fuhr Heliastra fort, ist dort rechts der helle
Stern, an den sich mehrere kleinere in schnem Schwung anschlieen;
ersteren heien wir Glizil.

Das ist Aldebaran im Stier und die kleine Gruppe die Hyaden.

Noch eine ganze Reihe von Stern- und Sternbildernamen erklrten sich die
beiden gegenseitig, wobei es sich freilich erwies, da die Astronomen
Edens meist andre Gruppierungen festgestellt hatten, als die irdischen.
Genau bereinstimmend erfanden sich auer dem groen Bren nur die
besonders scharf begrenzten Bilder der Kassiopeia, die ein groes
lateinisches W bildet und der Wage; diese beiden nannte Heliastra
Doppeldreieck und Ambo߫ oder Dutri und Kolgor.

Immer wieder mute Heinz dann von der Erde und den Menschen erzhlen,
und Heliastra lauschte seinen Berichten wie Wundermren aus einer fernen
Mrchenwelt.

Und wenn er von den Leiden, Fehlern und Leidenschaften der irdischen
Geschpfe berichtete, von den Schrecken und Gefahren, von Unglck und
Verbrechen, die den Frieden und das Glck der Erdenbewohner trbten, da
offenbarte sich ihm das tiefe Gemt, das sich hinter dieses Sonnenkindes
schelmischem Wesen barg.

Denn die Liebliche empfand ein so tiefes Mitleid mit ihren fernen
Brdern und Schwestern, da ihre Himmelsaugen in Trnen schwammen; und
die Snde und Verworfenheit kam ihr noch als das allerbemitleidendste
Elend vor, unter dem die armen Geschpfe zu leiden htten.

O, rief sie aus: Wie viel hhere und edlere Aufgaben, Arbeit und
Ttigkeit ist doch euch zugewiesen, die ihr Schmerzen zu lindern, bel
zu bekmpfen und Schlechtes zu berwinden habt! Wir streben ja auch der
Veredlung und Vollkommenheit zu, aber die Schwierigkeiten, mit denen ihr
zu rechnen habt, sind uns unbekannt: bei euch mu das Leben ein wahres
Heldentum sein. Nur einmal mchte ich auch hineinversetzt werden in all
dies bejammernswerte Elend, um mit euch kmpfen und siegen zu knnen.

O, wnsche das nicht! sagte Heinz, das zarte Geschpf in seiner
verklrten Begeisterung wehmtig betrachtend: Wie viel glcklicher seid
doch ihr!

Meinst du? Ich fhlte mich wohl wunschlos glcklich, so lange ich
nichts ahnte von Leiden, wie du sie zu schildern weit. Nun aber ist ein
heier Wunsch, ein brennendes Verlangen in meiner Seele erwacht: ist es
nicht das hchste Glck, trsten, lindern, helfen zu drfen, wo das
Elend zum Himmel schreit?

Und dann Undank ernten und von denen, mit denen man es so gut meinte,
verhhnt und geqult zu werden, wie es unserm Heiland ging?

Glaubst du nicht, es sei das Schnste, auch Unrecht zu leiden, nach dem
Vorbild des Gottessohns, von dem du so himmlisch Groes und Herrliches
zu erzhlen weit? Und dann wei ich doch, du und deine Freunde, ihr
wrdet nicht spotten und mir mit Undank vergelten; ihr wret meine
treuen Mithelfer und Mitdulder. O, Freund, es mte wahrhaft schn
sein!

Heinz betrachtete voll Bewunderung dieses therische Wesen, das sein
beneidenswertes Glck mit Freuden geopfert htte, um Lichtstrahlen zu
spenden denen, die ihre Finsternis mehr liebten als das Licht!

Ja, wer an der Seite solch einer Seele htte arbeiten knnen an der
Beglckung der Gequlten und Verirrten!

Heinz hatte schon den Wunsch empfunden, fr immer in dieser neuen Welt
des Friedens zu weilen und nie wieder in das Elend der Erde
zurckzukehren. Aber die hochherzige Gesinnung dieses Mdchens lie ihn
sich seiner eigenntzigen Fluchtgedanken schmen: nein! er mute
zurckkehren auf die Erde als ein Kmpfer fr Licht und Glck!




                       46. berirdische Klnge.


Es fand sich, da die Photographie den Edeniten nicht unbekannt war.

In Gabokols Wohnung waren die Wnde vielfach mit Bildern geschmckt,
teils Portrts, teils Landschaftsbilder oder belebte Szenen aus Welt und
Leben. All diese Darstellungen erschienen so beraus lebendig und
naturwahr, so zart und leuchtend in den feinsten Farbenabstufungen, da
unsre Freunde sich nicht genug wundern konnten ber die hohe Stufe,
welche die Kunst der Maler hier erreicht habe.

Bald erfuhren sie jedoch, da es sich nur zum geringsten Teil um Gemlde
handelte, da vielmehr die meisten dieser Kunstwerke nichts andres waren
als Lichtbilder in natrlichen Farben.

Gabokol selber besa einen photographischen Apparat, den er Flitmore
bereitwilligst erluterte. Die Linse war durchaus dem menschlichen Auge
nachgebildet und wurde auch wie dieses eingestellt, wobei sie Bilder von
unnachahmlicher Schrfe lieferte. Die Platten bestanden aus
durchsichtiger Baumrinde und waren mit einem licht- und
farbenempfindlichen Stoffe berzogen, der ebenfalls genau dem
entsprechenden Stoff im Auge des Menschen nachgeahmt war. So entstand
schon auf der Platte ein farbiges Bild, das durch ein verblffend
einfaches Verfahren festgehalten wurde. Von dieser ersten Platte konnten
dann beliebig viele Vervielfltigungen ausgefhrt werden, wobei man
stets dieselben dnnen Platten benutzte: ein besonderes Material fr die
Abzge war durchaus entbehrlich.

Gabokol schenkte dem Lord einen solchen Apparat und Flitmore war nun
imstande, die Wunder Edens in einer Weise festzubannen, wie es keine
irdische Kunst vermocht htte.

Heinz durfte die Wunderkamera benutzen so oft er wollte; whrend aber
der Lord vorzugsweise Landschaften, Tier- und Pflanzenbilder aufnahm,
bevorzugte der Jngling Portrtaufnahmen. Namentlich wurde er nicht
mde, Heliastra allein oder mit ihrer anmutigen Schwester in immer neuen
Stellungen zu photographieren und die Mdchen kamen ihm hiebei mit
freundlichster Geduld entgegen.

Musik war den Edeniten ein Lebensbedrfnis; sie besaen eigenartige
Instrumente von unbeschreiblichem Wohlklang und einer Mannigfaltigkeit
der Tonfarben, die ganz wunderbare Effekte ermglichte. Das
durchsichtige Holz der Bume und Rohre, aus dem hauptschlich die
Instrumente gefertigt wurden, schien fr diesen Zweck weit geeigneter
als alle irdischen Holz- oder Metallarten; auch der strkste metallische
Klang, Orgel- und Glockentne, war gewissen Holzarten eigen.

John war auer sich vor Freude ber eine Flte, die ihm Fliorot
verehrte, und aus welcher der musikalische Diener Weisen hervorzuzaubern
vermochte, die ihm alles Irdische zu bertreffen schienen.

Vllig in himmlische Sphren versetzt fhlten sich aber unsre Freunde,
wenn Gabokol und Fliorot mit Bleodila, Glessiblora und Heliastra ihre
herrlichen Gesnge erschallen lieen: das waren Stimmen, die den Traum
einer Sphrenmusik tatschlich verwirklichten; es war zu wenig gesagt,
wenn man den Ba der Mnner mit Orgelklngen vergleichen wollte und die
Reinheit der Mdchenstimmen mit Silberglocken: jeder irdische Vergleich
mute hier verblassen und man konnte nur an die unbekannten Chre der
himmlischen Heerscharen denken. Und der Umfang dieser Stimmen war
geradezu unglaublich: kein menschlicher Ba und kein irdischer Tenor
konnte in solche Tiefen hinab, in solche Hhen hinaufsteigen; und die
weiblichen Stimmen schienen in unendliche Rume entschweben zu knnen,
wo sie zu therischen Klngen sich verflchtigten.

Und welch fremdartige Melodien! Seltsam und niegehrt den Erdenbewohnern
und doch so heimatlich vertraut, als ob die in Trume des Entzckens
gewiegte Seele die Lieder eines verlorenen Paradieses vernehme, das
einst ihre selige Heimat war.

Merkwrdigerweise besaen die Edeniten keinerlei Saiteninstrumente und
so war ihnen Heinz' Geige etwas vllig Neues.

Immer wieder wurde der Jngling gebeten, ihnen irdische Weisen
vorzuspielen. Anfangs strubte er sich, denn ihm schien auch das
Hchste, was Erdenkunst erreicht hat, kaum wert, sich hren zu lassen
vor Ohren, die eine Sphrenmusik gewohnt waren; so glaubte er, sein
Spiel msse den Gastfreunden minderwertig erscheinen, und nur aus
Hflichkeit bten sie ihn, sein schwaches Talent ihnen vorzufhren.

[Illustration: Heinz photographiert Heliastra und Glessiblora.]

Bald aber merkte er, da er sich darin irrte; hfliche Verstellung und
Schmeichelei war diesen Menschen fremd und sie hielten mit ihrem Urteil
nicht zurck, wenn ihnen ein Musikstck nicht gefiel.

Aber das Violinspiel an und fr sich und die wunderbare Vortragsweise
des jungen Knstlers bte einen mchtigen Zauber auf sie aus, und Heinz
mute auerdem erkennen, da die unsterblichen Tondichtungen irdischer
Meister sich durchaus nicht zu scheuen brauchten, auch in hheren Welten
zu Gehr gebracht zu werden, da sie vielmehr hier ein noch hheres
Verstndnis fanden und entsprechenden Genu vermittelten.

Heliastra besonders konnte sich an diesen Klngen einer fernen Welt
nicht satthren.

Unsre Musik ist schn, sagte sie, und wir haben groe Tonmeister
gehabt und besitzen deren noch solche. Ihre Schpfungen heiligen unsre
Andacht und geben unserm Jubel Flgel; aber unsrer Musik fehlt etwas:
ja, ihr mangelt der Reiz, der mich an der euren so vllig gefangen
nimmt, die Wehmut, der Schmerz, die himmlische Sehnsucht, die geben
euren Tonschpfungen eine Seele, eine Wrme und Tiefe des Gefhls und
Ausdrucks, da ich glaube, selbst die Engel und Verklrten im Himmel
knnten sich ihrem Banne nicht entziehen, noch ihnen ohne Bewegung und
innerste Erschtterung lauschen. O, was mu das fr eine Welt sein, wo
der Schmerz sich in solchen Tnen verklrt und die Sehnsucht so
ergreifenden Ausdruck findet!

Gabokol begeisterte sich so sehr fr die Violine, da er beschlo, den
Versuch zu machen, ein hnliches Instrument herzustellen.

Er whlte das Holz eines Baumes, dessen Klangfarbe ihm zu diesem Zweck
am passendsten erschien, und als Saiten zog er Pflanzenfasern auf, die
sich vorzglich hiezu eigneten. Im Bau ahmte er die Geige seines jungen
Freundes aufs genaueste nach.

Er kam rasch mit der Arbeit zustande und nun erwies es sich, da sowohl
Holz als Saiten ungeahnte Vorzge vor den irdischen Materialien
aufwiesen.

Heinz versuchte sich sofort auf dem neuen Instrument: es war eine
richtige Violine, aber sie ermglichte eine solche Zartheit und wiederum
eine solche Kraft des Tones und war von einem Zauber der Klangfarbe und
Reinheit, da keine Stradivari, Guarneri oder Amati sich entfernt mit
ihr htte vergleichen knnen.

Auch die Edeniten erkannten sofort, da dies neue Instrument dem schon
bisher so bewunderten Spiel ihres Freundes noch erhhte Kraft und
Schnheit, vertiefte Wrme und Innigkeit verlieh.

Daher bot Gabokol sein so berraschend gelungenes Kunstwerk Heinz zum
Geschenk an, eine Gunst, die mit Jubel und Dankbarkeit angenommen wurde.

In der Folge baute Gabokol noch mehrere Violinen, die alle die gleichen
trefflichen Eigenschaften besaen, obgleich es sich auch hier zeigte,
da jedes neue Instrument seine besondere Eigenart in der Klangfrbung
aufwies.

Dieser Erfolg bewog unsre Freunde, ihren Gastgeber auch in die
besonderen Geheimnisse andrer Saiteninstrumente einzuweihen und so
entstanden Cellos, Gitarren, Mandolinen, Zithern, Harfen und sogar ein
Saitenklavier.




                     47. Im Reiche des Friedens.


Heute ist der siebte Tag, sagte Gabokol eines Morgens. Wollt ihr
nicht heute mit uns zum erstenmal die Stadt besuchen? Es ist bei uns von
jeher eine Vorschrift, da wir uns am siebten Tage versammeln, um Gott
zu loben, ihn anzubeten und von seinem Willen und unsrer ewigen
Bestimmung zu hren, was der Priester des Ewigen uns verkndigt. Wir
lassen an diesem Tage alle Arbeit ruhen und sind frhlich miteinander.

Ja, es ist der schnste Tag, fgte Bleodila hinzu.

Merkwrdig! rief Mietje: Auch wir pflegen den siebten Tag als Gottes
heiligen Tag zu feiern.

Das ist herrlich! meinte Bleodila. Und wir sehen daraus wieder, da
ihr unsern Gott als den euren erkennt.

So begaben sich alle eintrchtig hinab in das Tal.

Der Versammlungsraum befand sich am uersten Ende der Stadt, das heit,
es war das nchste Gebude und war vor allen andern durch seine Hhe,
Ausdehnung und Herrlichkeit ausgezeichnet. Statt der rauhen Felswnde,
wie die meisten Wohngebude sie aufwiesen, sah man hier glnzend
polierten Marmor und Sulen von durchsichtigen Edelsteinen, die meist
von den Monden Edens herabgeholt worden waren, wie Gabokol erklrte.

Die ganze Einwohnerschaft der Stadt versammelte sich hier: wrdige
Greise mit edlen Zgen, trotz ihres oft vielhundertjhrigen Alters
runzellos und von vollendeter Schnheit, Mnner, Frauen, Jnglinge,
Jungfrauen, Knaben und Mdchen, ja ganz kleine Kinder schwebten herein
und alle leuchteten in verklrter Freude.

Das Erscheinen der Fremdlinge von einem entfernten Planeten erregte
Aufsehen, namentlich bei der Jugend; doch selbst die kleinsten Kinder
zeigten keine aufdringliche Neugier.

Immerhin waren zu Anfang Tausende von Blicken auf die Ankmmlinge
gerichtet; denn alle hatten zwar schon von den seltsamen Gsten gehrt,
aber nur ganz wenige hatten sie geschaut bei zuflligen Begegnungen auf
deren einsamen Spaziergngen, und Besuche im Hause Gabokols hatte man
aus zarter Rcksicht in den letzten Tagen absichtlich vermieden, um
abzuwarten, bis die irdischen Besucher selber den Anfang machten, sich
unter den Leuten zu zeigen.

Sobald jedoch der Priester in den Altar trat, erfllte ungeteilte
Andacht alle Gemter und nun erscholl tausendstimmiger Gesang von einer
Reinheit und Musik, da es unsren Freunden war, als hrten sie das Lob
der himmlischen Heerscharen.

Dann wurde ein gemeinsames Gebet gesprochen, worauf der Priester von der
Herrlichkeit und Gte des Schpfers redete und von dem Dank und den
Pflichten seiner Geschpfe.

Noch mehrmals erscholl der Orgel- und Glockenton der berwltigenden
Gesnge.

Heinz konnte sich nicht versagen, ein Loblied, das ihm besonders gefiel,
in deutschen Versen niederzuschreiben. Seine allerdings schwache
bersetzung, die in unserer viel rmeren Sprache weder der Gedankenkraft
noch der Klangflle des Urtextes gerecht werden konnte, lautete
folgendermaen:

   Gott, Du Herr der Ewigkeiten,
   Wer mag Deinen Ruhm verbreiten?
   Wer mag preisen Deine Strke,
   Wer kann fassen Deine Werke?
   Wunder schufst Du allerorten
   Mit des Geistes Lebensworten,
   Und vor Deiner Allmacht Zeugen
   Mu der khnste Geist sich beugen.

   Was Du willst, das mu entstehen,
   Was Du schiltst, das mu vergehen;
   Aus dem Nichts riefst Du das Leben,
   Hast dem Staube Geist gegeben;
   Und Du hltest in den Gleisen
   Welten, die um Welten kreisen:
   Aus den unbegrenzten Fernen
   Leuchtet uns ein Meer von Sternen.

   Licht aus unerschpftem Lichte
   Strahlt von Deinem Angesichte,
   Leuchtet aus der Sonnen Gluten,
   Fleut aus ungehemmten Fluten
   Auf die Werke Deiner Liebe,
   Weckt des Lebens reiche Triebe:
   In dem All ist keine Sttte,
   Die nicht ihre Wunder htte.

   O, da ich in neuen Weisen
   Deine Gre knnte preisen!
   O, da all mein Reden wre
   Nur ein Lob zu Deiner Ehre!
   Meine Werke von Dir zeugten,
   Meine Sinne Dir sich beugten!
   Mach mich frei von eitlen Dingen,
   Nur von Dir allein zu singen!

Als der erhebende Gottesdienst zu Ende war, trat der greise Priester
geradewegs auf unsre Freunde zu und sprach:

Wir haben gehrt, da ihr Fremdlinge einer fernen Gotteswelt den ewigen
Schpfer kennt und anbetet gleich uns. Das ist uns eine hohe Freude! Nun
wre es dieser ganzen Gemeinde ein besonderes Fest und gewi dem
Allgtigen angenehm, wenn in diesem Heiligtum zum erstenmale in fremder
Zunge von Gottesgeschpfen eines weltfernen Planeten Gottes Lob
erklnge; darum, wenn ihr uns erfreuen wollt, eines eurer frommen Lieder
zu singen, so wren wir euch dankbar.

Ein feste Burg! sagte Flitmore kurz zu seinen Begleitern.

Und ohne sich zu besinnen stimmten sie den Choral an. Es schien ihnen,
als seien ihre Stimmen zu Strmen gewachsen, so brauste das Lied aus
wenigen Kehlen durch die Hallen dahin, und der Gesang bewhrte seinen
heiligen Zauber auch in dieser hheren Welt, denn unter lautloser Stille
lauschten ihm die Tausende mit Andacht und sichtlicher Ergriffenheit.

Als nun die ganze Gemeinde das Gotteshaus verlie, machten unsre Freunde
in Begleitung ihrer Wirte Besuche bei mehreren den letztern befreundeten
Familien und folgten zuletzt der Einladung des Provinzfrsten zum
Mittagsmahl.

Hierauf machten sie einen Ausflug vor die Stadt und bewunderten die
prchtigen Kulturen: die wogenden Getreidefelder mit ihren
durchsichtigen Goldhren, die Gemse- und Nutzpflanzungen, die
Viehweiden.

In Scharen schwebten die festlich gekleideten Edeniten in der Umgegend
umher und es war ein himmlischer Anblick, sie so leicht dahingleiten zu
sehen, umflossen von ihren spinnwebzarten Gewndern, die in allen
Regenbogenfarben leuchteten. Noch hheren Genu bereitete es, diese
vollkommenen Gestalten und diese von Schnheit, Anmut und
Herzensfreundlichkeit strahlenden Gesichter zu bewundern. Und doch mute
sich Heinz sagen, so reizende Mdchen und Jungfrauen sich darunter
befanden, das heit solche von besonders hervorragender Anmut und
Schnheit, denn reizend waren eigentlich alle Edeniten zu nennen, so
fand sich doch keine, die Heliastra an bezaubernder Lieblichkeit gleich
gekommen wre, sie blieb die Perle Edens.

Da und dort spielte die Jugend unter Silberlachen und Scherzen; das war
ein Wirbeln und Hpfen, Fliehen und Haschen auf der Erde und in den
Lften, und die Spiele waren alle so sinnig und voll der spannendsten
Zwischenflle, da man stundenlang mit dem lebhaftesten Interesse dem
bunten Treiben zusehen konnte.

Als dann abends der Rosenmond aufglnzte, wurde in einem groen,
herrlichen Parke vor der Stadt ein Fest zu Ehren der fremden Gste
gehalten.

Die ganze Stadt, jung und alt, beteiligte sich daran.

Whrend des kstlichen Gastmahls hielt der Frst eine Ansprache, in
welcher er die Bedeutung des Ereignisses hervorhob, da zum erstenmale
ein Verkehr und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Bewohnern
entfernter Planeten angebahnt worden seien. Er rhmte das Genie dieser
Erdenbrger, die solches zustande gebracht, ihren Mut, der das Unerhrte
gewagt habe, und die gttliche Gte, die sie beschtzte und geleitete
auf einer Fahrt durch unendliche Weltrume.

Heinz, als derjenige, der allein die Sprache Edens bereits vollkommen
beherrschte, erwiderte in glnzender Rede, und Gabokol und die Seinen,
vor allem Heliastra, bewunderten die Gewandtheit seiner Ausfhrungen und
den Glanz seiner Bilder, sowie den edlen Flug seiner Phantasie und den
Geist seiner Gedanken.

Sie waren ordentlich stolz auf ihre Gste, und als jubelnder Beifall den
jungen Redner lohnte, erhob sich Heliastra begeistert und mit
trnenschimmernden Augen und drckte einen Ku ihrer Rosenlippen auf des
Freundes Mund, das hchste Zeichen der Anerkennung, das ein Edenite zu
spenden vermochte.

Der erneute Beifall und Jubel, der dieser Tat folgte, zeigte deutlich,
da das ganze Volk sich dieser Huldigung anschlo.

Heinz fhlte sich wie im Traum, umflossen von rosigem Mondlicht, geehrt
und beglckt durch die Anerkennung von Wesen, die er mit Recht fr hoch
ber sich stehend ansah, vor allem aber durch die verwirrende
Gunstbezeugung des holdseligsten aller Geschpfe, sa er da, wie
verklrt.

Heliastra las ihm die Gedanken aus den Augen und nahm ihn bei der Hand.

Komm! sagte sie, wir wollen eine Weile die Einsamkeit aufsuchen, ich
sehe, deine Seele verlangt nach Stille.

Heinz lie sich von ihr fhren.

Sie traten durch ein Gebsch an die Ufer eines stillen Sees, der im
rosigen Schein der Mondnacht magisch leuchtete.

Bunte Schwne, Enten und Wildgnse pltscherten in seinen friedlichen
Fluten; Reiher, Flamingos, Ibisse, Pfauen und Pelikane belebten in ihrem
strahlenden Flaumkleide die Ufer, lauter Vgel, die zwar den
entsprechenden irdischen Arten hnlich waren, doch in Formen und Farben
weit vollkommener und entzckender erschienen als diese.

Riesenechsen, eine Art Krokodile, mit perlmutterschimmernden Schuppen
lagen am Strand oder lugten aus dem rosenschimmernden Spiegel.

Heinz folgte dem Beispiel seiner Gefhrtin, die diese prchtigen
Eidechsen zrtlich streichelte; hier hatten auch diese gewaltigen
Amphibien nichts Feindseliges noch Schreckhaftes; man sah es ihren
sanften Augen schon an, wie fromm und friedlich sie waren.

Der rosa Mond versank hinter dem Horizont und sein blauer Gefhrte lste
ihn ab.

Da schlang Heliastra den zarten Arm um ihres Gefhrten Hals und sagte:
Komm, la uns nun wieder zu den Freunden zurckkehren; die Stunde der
Heimkehr naht, und morgen wollen wir ja die groe Reise nach der
Hauptstadt des Landes antreten.

Sie kehrten in den Kreis der festlichen Menge zurck und bald darauf
erfolgte der allgemeine Aufbruch unter herzlichen Abschiedszurufen.




                   48. Eine Reise auf dem Planeten.


Am folgenden Tag wurde die geplante Reise unternommen, auf der unsere
Freunde einen Teil des groen Planeten kennen lernen und Heinz in der
Hauptstadt seinen Vortrag ber die Entstehung der Sprache halten sollte.

Der Knig des Landes und die Lehrer an der Universitt waren durch
ausgesandte Schallwellen von dem bevorstehenden Besuch verstndigt
worden.

Als Fahrzeug diente das gewhnliche Befrderungsmittel der Edeniten,
eine Art groen Bootes mit verdeckten Schlafrumen und offenem Verdeck,
das, durch die sogenannte Parallelkraft getrieben, in geringer Hhe ber
dem Erdboden durch die Luft flog.

Die Fluggeschwindigkeit, die sich bis auf 500 Stundenkilometer steigern
lie, so da der ganze Planet in 160 Stunden umkreist werden konnte,
wurde auf 100 Kilometer ermigt, damit die Reisenden alles bequem zu
schauen vermchten.

Die ganze Familie Gabokol gab ihnen das Geleite, ebenso der
Provinzfrst, der es sich zur Pflicht und Ehre anrechnete, sie
persnlich dem Knig vorzustellen.

Unser Land ist das grte und bedeutendste des Planeten, erklrte der
Frst whrend der Fahrt. Die Knige der andern Lnder haben sich
freiwillig unter die Oberhoheit unsres Knigs gestellt, so da dieser
der oberste Herr ber die zweihundert Millionen Einwohner unserer
Weltkugel ist. Freilich gibt es da nicht viel zu regieren, da er den
andern Herrschern volle Freiheit lt und nie Grund hat, einzuschreiten;
auch in den andern Lndern denkt nie ein Brger daran, seine Pflichten
zu vernachlssigen; so kommt die hchste Gewalt eigentlich nur fr die
einheitliche Leitung der gemeinsamen Arbeiten in Betracht, und da ist es
freilich notwendig, zielbewut und nach dem gleichen Plane zu wirken,
damit die bewohnbare Zone unseres Planeten gleichmig verbreitert werde
und die wachsende Bevlkerung stets Platz finde, sich auszudehnen.

Abgesehen von den zahlreichen Dialekten, haben wir nur vier eigentliche
Sprachen, die auffallend von einander verschieden sind. Die Hauptstadt
unseres Landes liegt auf der nrdlichen Halbkugel, jenseits des
quators, etwa 20 Flge von hier entfernt, was nach euren Maen 6000
Kilometer ausmachen drfte.

Die Edeniten rechneten nach Flgen, das heit nach der Strecke, welche
sie gewhnlich ohne Rast in einem Zuge zurcklegen konnten, und die 300
Kilometer nach Erdenma betrug.

Das Luftboot flog ber Landschaften von wunderbarem Reize hinweg; Tler
und Ebenen, Flsse und Strme, Hgel, Felsen und Hochgebirge, groe
Stdte und idyllische Drfer wurden berflogen, und als nach
vierzigstndigem Flug der rosa Mond unterging, landete die
Reisegesellschaft am Ufer eines brausenden, herrlichen Meeres.

Dieses wurde am folgenden Tage in 20stndiger Fahrt berflogen und am
jenseitigen Ufer ragte die Landeshauptstadt hart an der Kste empor,
eine Grostadt von anderthalb Millionen Einwohnern.

Der Rest des Tages, sowie die beiden folgenden Tage wurden der
Besichtigung der hochinteressanten Ansiedelung gewidmet.

Noch am Tage ihrer Ankunft wurden unsere Freunde dem Knige auf dessen
Wunsch vorgestellt.

Er empfing sie mit der gleichen Herzlichkeit und Einfachheit, wie es
jeder Brger des Landes tat.

Besonders erfreut waren die Gelehrten der Hochschule, die Erdenbewohner
kennen zu lernen, und unsere Freunde hatten tausend Fragen zu
beantworten, wobei ihnen stets versichert wurde, welchen Dank man ihnen
schulde, da sie die Wissenschaft der Edeniten in ungeahntem Mae
bereicherten.

Als Heinz seinen Vortrag hielt, konnte der grte Raum der Hauptstadt
die Zuhrer nicht fassen, und er mute seine Ausfhrungen noch dreimal
wiederholen, um nach und nach die Mehrzahl der Wibegierigen zu
befriedigen.

Die Gelehrten versicherten, da ihnen ein neues Licht fr ihre
Sprachforschungen aufgegangen sei, und Schultze mute bei sich denken,
da hier oben neue Wahrheiten offenbar nicht unter dem Hohn und
leidenschaftlichen Widerspruch von Fachgelehrten zu leiden hatten, deren
Eitelkeit nicht zugeben will, da ihre bisherigen Forschungsergebnisse
falsch waren.

Besonders interessant war unsern Freunden ein Besuch der Sternwarte. Die
Edeniten besaen auch Fernrohre, die jedoch auf ganz anderen Prinzipien
beruhten als die irdischen und ihnen eine ungleich bessere Kenntnis der
Sternenwelt ermglichten.

Freilich verdankten sie letzteres hauptschlich der wunderbaren
Einrichtung ihrer Augen, konnten sie doch schon mit bloem Auge Welten
erkennen, die unsern Fernrohren und selbst der photographischen Platte
ewig verborgen bleiben.

Die Astronomen waren hchlichst erstaunt, zu vernehmen, da die
Erdenmenschen kaum 2000 Sterne mit unbewaffnetem Auge zu erkennen
vermochten und da der Sternkatalog, den Hipparch vor 2100 Jahren
entwarf, nur 1080 Sterne enthielt, obgleich er alle einigermaen hellen
Sterne verzeichnete.

Schultze berichtete ihnen weiter, da Argelander mittels des Fernrohrs
etwa 360000 Sterne bestimmte und in seinem Katalog verzeichnete, eine
Arbeit, der er fast sein ganzes langes Leben widmete, und da man
gegenwrtig an der Arbeit sei, auf photographischem Wege eine Mappierung
der Sterne vorzunehmen, die noch etwa hundert Erdenjahre in Anspruch
nehmen drfte und die ber 20 Millionen Sterne enthalten werde, von
denen drei Millionen ihrer Lage nach auf den Platten ausgemessen werden
sollen.

Die Gelehrten zeigten Schultze einen Sternkatalog mit genauen Karten,
der ber 500 Millionen Sterne enthielt, unter diesen auch das irdische
Sonnensystem mit smtlichen Planeten und ihren Monden.

Ihre langen Nchte und ihr langes Leben gestatteten ihnen eben auch
neben der Vorzglichkeit ihrer Sehwerkzeuge, Aufgaben zu lsen, die den
Menschen unmglich wren.

Whrend die irdischen Astronomen nur durch die Spektralanalyse mit
Sicherheit festzustellen vermgen, ob ein Nebelfleck, der auch durch das
strkste Fernrohr als solcher erscheint, in Wirklichkeit ein Sternnebel
sei, oder aber ein Sternhaufe, eine groe Zahl Sterne, die durch ihre
scheinbare Nhe infolge der groen Entfernung nicht mehr als einzelne
Sterne von einander unterschieden werden, konnten die Sternkundigen
Edens mittelst ihrer Fernrohre Nebel und Sternhaufen deutlich
unterscheiden.

Auch sie waren der Ansicht, da die meist spiralfrmigen Nebel die
Werksttte des Schpfers seien, in der durch Verdichtung des
weltenbildenden Stoffs neue Sterne, ja ganze Sonnensysteme gebildet
wrden, die sich aus dem hufig erkennbaren Zentralkern und den vielfach
beobachteten anderweitigen Lichtknoten in der Nebelmasse herausbilden.

Schultze hielt auf Wunsch den Astronomen einen ffentlichen Vortrag ber
den Stand und die Errungenschaften der irdischen Astronomie; dabei
fhrte er auch an, was David Gill in seiner berhmten Rede ber die
Bewegung und Verteilung der Sterne im Raume sagt: Wir haben die
Milchstrae als zwei majesttische Sternstrme erkennen gelernt, die
nach entgegengesetzten Richtungen wandern; der eine dieser Strme fhrt
das irdische Sonnensystem mit sich in unendliche Weiten, der andere
wandert der Erde entgegen. Die Milchstrae lst sich im Fernrohr in
Haufen unzhliger Sterne auf, die zum Teil in dichten Schwrmen
beieinander stehen und mit geballten Nebelflecken erfllt sind, zum Teil
von dunkeln, gewundenen Kanlen unterbrochen erscheinen.

Eure Hauptsonne, fuhr der Professor fort, wandert im Sternenstrom mit
einer Schnelligkeit von 184 Kilometern in der Sekunde; unsere Erde mit
ihrem ganzen Sonnensystem bewegt sich auf das Sternbild des Herkules
oder der Lyra zu mit einer Geschwindigkeit von wahrscheinlich ebensoviel
als die Umdrehungsgeschwindigkeit unsrer Erdkugel um die Sonne betrgt,
nmlich 29450 Meter in der Sekunde oder etwa 30 Kilometer, den zehnten
Teil eines >Fluges< nach eurer Rechnung im Zeitraum >Zwei<, wie ihr
unsere Sekunden benennt.

Die Spektralanalyse, wie David Gill in seiner angefhrten Rede sagt, hat
uns die Sterne enthllt als gewaltige Schmelztiegel des Schpfers, in
denen er den Stoff unter den Bedingungen des Drucks, der Hitze und
Umgebung gestaltet in einer Mannigfaltigkeit und einem Grenmastabe,
die alle Begriffe seiner Geschpfe bersteigen.

Drei Wochen dauerte der Aufenthalt in der Hauptstadt, dann wurde die
Rckreise auf einem andern Wege angetreten, wobei unsere Freunde auch
die ungeheuren Felsenwsten Edens zu Gesicht bekamen, die keine Erde und
daher auch keinen Pflanzenwuchs hatten, und an deren Bedeckung mit Erde
emsig gearbeitet wurde.




                       49. Mnchhausens Fabeln.


Immer inniger schlossen sich unsere Freunde an die Familie Gabokol an;
die Zuneigung war eine gegenseitige und erstreckte sich auf alle
Glieder; dennoch fhlten sich die einzelnen wieder zu einzelnen
besonders hingezogen.

So verkehrte Lord Flitmore am liebsten mit Gabokol. Die beiden bauten
gemeinsam photographische Apparate und Musikinstrumente, machten
Ausflge, um die reizenden Landschaftsbilder und merkwrdigsten Tiere zu
photographieren und unterhielten sich ber die Kunst Edens und der Erde.

Mietje war mit Bleodila ein Herz und eine Seele; sie steckten
beieinander in Kche, Haus und Garten und tauschten vornehmlich ihre
Hausfrauenerfahrungen aus.

Professor Schultze hatte in Glessiblora die andchtigste Zuhrerin, die
sich fr die Fortschritte und Eigenart irdischer Wissenschaften am
lebhaftesten interessierte.

Heinz und Heliastra fhlten sich wiederum besonders zu einander
hingezogen, hatten ihre kleinen Geheimnisse miteinander und gingen oft
gemeinsam ihre eigenen Wege, sich fr alles Reine, Hohe und Edle
begeisternd, das ihre Gesprche verklrte.

Kapitn Mnchhausen aber hatte Fliorot zum gewhnlichen Gesellschafter
erwhlt, denn der Knabe lauschte mit Andacht und Begierde auf die
fabelhaften Berichte und Schilderungen, die der alte Seebr von seiner
irdischen Heimat mitzuteilen verstand.

Sa man beieinander, so ergaben sich die Gruppen von selber nach den
eben enthllten besonderen Zuneigungen. John allein pendelte zwischen
zwei Extremen hin und her, einmal mit Glessiblora Bildung und Belehrung
beim Professor suchend, das andremal neben Fliorot sich an des Kapitns
Abenteuern ergtzend.

Verstummte einmal die Unterhaltung der andern, so horchte man allgemein
auf den Kapitn, der unerschpflich war und nie verstummte, abgesehen
natrlich von den Mahlzeiten, wo er im Gegenteil unergrndlich, das
heit unersttlich schien.

Diese Bemerkung hatte Professor Schultze gemacht, indem er sagte:
Mnchhausen, Sie sind beim Essen ein Danaidenfa, welches bekanntlich
bodenlos war und nie voll wurde, so viel man hineinschpfte; beim
Erzhlen aber sind Sie die reine Charybdis, von der Schiller sagt: Und
will sich nimmer erschpfen noch leeren.

Na, was sind denn Sie dann, Professor? erwiderte Mnchhausen. Die
Scylla! Denn wer meinem immerhin unterhaltenden Redeschwall entrinnen
will, der wird kopfber von Ihren langweiligen und ebenso endlosen
wissenschaftlichen Strudeln verschlungen.

Hierauf fuhr der Kapitn in seinem Berichte fort, den er just dem
wibegierigen Fliorot erstattete.

Also, wie ich dir erzhlte, ermglichte ich unsere Reise zu euch
dadurch, da ich unser Weltschiff vom Kometen Amina ins Schlepptau
nehmen lie.

Die Kometen sind eigentlich besonders zu diesem Zweck erschaffen und
stellen sozusagen die Weltpostverbindungen zwischen den einzelnen
Sonnensystemen dar; ich war frher Kapitn zur See, als ich aber das
Umherreisen auf den beschrnkten irdischen Meeren satt hatte, nahm ich
eine Stelle als Weltkapitn an und habe fters Reisen mit Kometen
gemacht, so da ich mich vorzglich auf ihre Steuerung verstehe. Jeder
Komet hat nmlich ein Steuer, in welchem seine sogenannte
Gravitationskraft liegt. Man braucht diese nur zu verrcken, so nimmt
der Komet eine andere Fahrtrichtung.

Die Astronomen auf Erden haben sich oft gewundert, da ein Komet
pltzlich eine ganz andere Richtung einschlug, als sie berechnet hatten.
Sie schrieben dies dann dem Einflu des Jupiter zu. Dieser Jupiter war
in Wirklichkeit ich, da ich dem Kometen durch eine Wendung des Steuers
oder der Gravitationskraft eine neue Bahn anwies, um das Reiseziel zu
erreichen, dem ich zustrebte.

Die Fahrt mit einem solchen Kometen ist uerst praktisch, wenn man in
die weit entfernten Sonnensysteme reisen will, denn diese Weltenbummler
entwickeln eine unerhrte Geschwindigkeit.

Zusammenste und Unflle sind dabei freilich nicht zu vermeiden und es
ist auch mir vorgekommen, da ein von mir kommandierter Komet bei
solcher Gelegenheit in mehrere Stcke zerschellt wurde; dann blieb mir
nichts brig, als eben auf einem der Bruchteile weiterzureisen, denn ein
Untergehen wie im Meer ist dabei ausgeschlossen; Strme und Wogen und
ersufende Wassermassen gibt es ja im Raum nicht, so da schlielich die
Gefahren nicht so gro sind wie bei der Meeresschiffahrt, auer man
wrde in das Flammenmeer einer Sonne strzen, was aber bei richtiger
Steuerung leicht zu vermeiden ist, wenn man nur eine gute Sternkarte
besitzt.

Als mir nun Lord Flitmore das Kommando ber sein Weltschiff
Sannah anvertraute, beschlo ich sofort, es am Schweife eines
geeigneten Kometen festzubinden, da ich vermge meiner Kenntnisse
der Weltraumverhltnisse einsah, da wir bei der geringen
Fortbewegungsgeschwindigkeit unseres Fahrzeugs Jahrhunderte gebraucht
htten, um euren Planeten zu erreichen, dem unser Besuch gelten sollte.

Es gelang mir denn auch, mit dem Kometen Amina zusammenzutreffen und ihn
zu entern. Mit einer langen Leine band ich die Sannah an seinem Schweife
fest und bestieg dann den Kometen selber, um ihn hierherzusteuern. Erst
als wir im Bereich eures Sonnensystems angelangt waren, kappte ich das
Tau und lie den Kometen fhrerlos weiterziehen, whrend wir hier
landeten.

Fliorot lachte; er kannte ja Natur und Bahnen der Kometen zu gut, um
nicht zu verstehen, da Mnchhausen scherzte; aber er hatte Gefallen an
diesen abenteuerlichen Spen, wenn sie auch nicht immer besonders
geistreich waren.

Du versprachst mir aber von den wunderbaren Tieren eurer Erde zu
erzhlen, mahnte er jetzt.

Ja so! Nun denn, so hre. Eure Tiere hier oben sind ja ganz behende
Wesen, aber an die Tierwelt unsrer Erde reichen sie noch lange nicht
heran.

Schau, da haben wir Tiere mit langen Rsseln wie eure Mammuts, sie haben
sechs Beine und knnen an glatten, senkrechten Wnden hinaufklettern
ohne je zu fallen, ja wenn sie an einer berhngenden Wand mit den
Beinen nach oben und dem Kopf nach unten stehen, fallen sie nicht
herunter. Sie haben auch durchsichtige Flgel wie eure Vgel und fliegen
in ganzen Schaaren in der Luft herum.

Auch flgellose Rsseltiere besitzen wir, die noch ganz andere Sprnge
machen als eure hpfenden Kolosse; denn diese springen hchstens dreimal
so hoch als sie selber sind, die unsrigen aber sechzig- bis hundertmal
so hoch.

             [Illustration: Heinz und Heliastra am See.]

Fliorot ri die Augen weit auf. Hier, wo es sich um Geschpfe handelte,
die ihm unbekannt waren, konnte er nicht beurteilen, ob der Kapitn im
Scherz oder im Ernst redete und glaubte deshalb von ihm erwarten zu
drfen, da er die lautere Wahrheit sage; denn Spe, die jedermann als
solche durchschaute, galten den Edeniten als harmlos und wurden oft zur
Erheiterung erfunden, aber jemandes Unkenntnis oder Leichtglubigkeit
auszubeuten, um ihm einen Bren aufzubinden, wre bei diesem
wahrheitsliebenden Volke unerhrt gewesen.

Fliorot zweifelte daher diesesmal nicht an der Zuverlssigkeit von
Mnchhausens Berichten und rief aus:

Nein! Diese wunderbaren Geschpfe mchte ich einmal sehen!

Schmen Sie sich, Kapitn, sagte Schultze. Wenn Sie uns Ihre
seltsamen Geschichten erzhlen, so ist das ja ganz spahaft, da wir in
der Lage sind, Wahrheit und Schwindel zu unterscheiden. Da Sie aber
diesen jungen Mann, dem die irdischen Dinge unbekannt sind, derart
anschwindeln, halte ich weder fr schn noch zweckmig. Sie werden ihn
ebensogut in Erstaunen versetzen knnen, wenn Sie ihm unsere Tierwelt
naturgetreu schildern.

Oho! rief Mnchhausen. Ich selber wrde es fr tricht und unschn
halten, meinem jungen Freund unntigerweise falsche Anschauungen
beizubringen, wo es sich um Dinge handelt, die ihm fremd sind. Mit dem
Kometen war ja das anders, da wute er selber Bescheid, aber wenn ich
ihm von der Erde erzhle, halte ich mich grundstzlich streng an die
Wahrheit.

Fabelhafte Behauptung! Das also nennen Sie Wahrheit, wenn sie die
hpfenden Mammuts dieses Planeten dadurch berbieten wollen, da sie von
irdischen Rsseltieren mit sechs Beinen und mit Flgeln erzhlen,
Tieren, die mit dem Kopf nach unten an einer berhngenden Felswand
festzusitzen vermgen? Und von solchen, die sechzig- bis hundertmal so
hoch springen als ihre Krperhhe betrgt?

Sie setzen mich wahrhaftig in Erstaunen, Professor, erwiderte
Mnchhausen mit geheuchelter Verwunderung. Ich meine, Sie sind Doktor
der Naturwissenschaften und Professor der Zoologie? Ist es wirklich
mglich, da Sie trotzdem so unwissend auf diesen Gebieten sind, da
Ihnen nicht einmal die alltglichsten Geschpfe bekannt sind, die sonst
jedes Kind auf Erden kennt, whrend sie hier auf Eden ihresgleichen
nicht haben? Sollte man es glauben? Professor Schultze wei nichts von
Schnaken und Flhen!

Jetzt hatte der Kapitn die Lacher auf seiner Seite und Schultze
bekannte kleinlaut: Na, oller Witzbold, mit Ihnen ist schlecht
anbinden; diesmal haben Sie mich eklig hereingelegt.




                            50. Abschied.


Es war eine schne, ja eine selige Zeit, die unsere Freunde auf Eden
verbrachten.

Immer besser lernten sie die verklrten Menschen dort oben kennen, immer
hher sie schtzen, und im Umgang mit diesen durch und durch edlen Wesen
schien es ihnen, als streiften sie selber alle irdischen Mngel mehr und
mehr ab.

Auch rein krperlich hatten sie dieses Gefhl; denn so gesund, wohl und
frisch, so geistig angeregt und lebendig hatten sie sich in ihrem Leben
nie gefhlt, wie in den Wochen und Monaten, die sie hier zubrachten.

Noch mehrere Reisen unternahmen sie und wurden mit den schnsten
landschaftlichen Reizen, mit der Tier- und Pflanzenwelt vertraut.

Eines Tages aber erklrte Flitmore, es sei nun Zeit, an den Abschied zu
denken, und, da man keinen Kometen zur Heimreise bentzen knne, msse
man sich darauf gefat machen, da diese mehrere Jahre dauern knne.

Gabokol, Bleodila, Fliorot und Glessiblora suchten vergeblich unsere
Freunde zu berreden, lnger zu verweilen, oder, noch besser, ihren
Aufenthalt dauernd nach Eden zu verlegen.

Wenn Gott will, ist dies nicht unser letzter Besuch hier, sagte
Flitmore: das nchstemal bringen wir euch dann allerlei irdische Dinge
mit, die euch zwar nicht bereichern aber doch interessieren knnen. Nun
aber ruft uns die Pflicht: unsere Entdeckungen, namentlich die
Mglichkeit eines Verkehrs mit fernen Welten, sind fr unsere Brder auf
Erden von grter Wichtigkeit: wir drfen ihnen das nicht verloren gehen
lassen.

Alle, besonders aber Heinz, wunderten sich, da Heliastra allein keinen
Versuch machte, sie zum Dableiben zu bewegen; ja, den jungen Friedung
berhrte dieser Umstand besonders schmerzlich: er hatte doch so gute
Freundschaft mit dem Mdchen geschlossen, so da der Gedanke an die
Trennung ihm beinahe das Herz brechen wollte.

Als Gabokol nun sah, da die Abreise seiner Gste beschlossene Sache
sei, sagte er:

Wie ihr erzhltet, hat ein Komet euch hierher gefhrt. Ich habe ja dein
Weltschiff genau angesehen und kennen gelernt, Freund Flitmore, aber es
hat einen bedenklichen Mangel: Durch die Fliehkraft wird es von den
Weltkrpern abgestoen, ihr besitzt aber kein Mittel, die Fahrt zu
lenken und mtet es daher dem Zufall berlassen, ob ihr in euer
Sonnensystem zurckkehren werdet oder euch noch weiter von ihm entfernt.

Ich will dein Fahrzeug mit der Parallelkraft ausrsten; die Einrichtung
nimmt hchstens acht Tage in Anspruch. Die Parallelkraft hat fr euch
ganz bedeutende Vorzge: erstens knnt ihr im Raum die Geschwindigkeit
eurer Fahrt mit ihrer Hilfe wesentlich steigern, zweitens widerstrebt
sie weder der Fliehkraft noch der Anziehungskraft, sie kann also
ausgentzt werden sowohl so lange dein Strom eingeschaltet, als auch
wenn er abgestellt ist. Der dritte und wichtigste Vorteil aber ist, da
du deiner Sannah eine beliebige Fahrtrichtung geben, also geradewegs auf
euer Sonnensystem zusteuern kannst. Gott kann euch ja selbstverstndlich
auch ohne diese Naturkraft so schnell und sicher heimfhren, wie er euch
hierherlenkte; aber er will, da wir die Mittel benutzen, die seine Gte
uns gab und erkennen lehrte.

Du nimmst eine schwere Sorge von meinem Herzen, erwiderte Flitmore;
ich verhehlte mir nicht, welche vielleicht unberwindlichen
Schwierigkeiten der Mangel an Lenkbarkeit meines Fahrzeuges uns auf der
Rckfahrt bereiten werde. Nun lernte ich ja bei euch die wunderbaren
Eigenschaften der Parallelkraft kennen und verstehe jetzt auch damit
umzugehen. Wenn du als erfahrener Mann die Einrichtung bernehmen
willst, so steigerst du noch die Dankbarkeit, die wir dir und euch allen
schulden.

Und dann habe ich noch eine Bitte: wie du weit, enthlt meine Sannah
sehr groe Rume. Auf der Hinfahrt dienten sie vor allem der
Aufspeicherung groer Sauerstoffvorrte behufs Erneuerung der Luft.

Nun haben wir ja die Erfahrung gemacht, da das Weltschiff sich im Raum
mit einer eigenen Lufthlle umgibt, die sich selbstndig erneuert.
Dagegen mssen wir fr reichliche Speisevorrte sorgen, da unter
Umstnden die Rckfahrt mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann ....

Seid ohne Sorge! unterbrach ihn Bleodila: Allen Frauen der Stadt wird
es eine Freude sein, eure Vorratsrume mit Mehl, Gemse- und
Obstkonserven, sowie mit Milch, Butter, Kse und Eiern anzufllen, da
ihr zehn Jahre daran zu zehren habt; ihr wit, da wir Verfahren kennen,
durch welche selbst Eier und Milch sich jahrelang frisch erhalten.

Auch Honig und Holz sollt ihr haben, da unser Baumholz ja so
schmackhaft und nahrhaft ist, wie die Frchte und sich auch ohne
besondere Behandlung hlt und sein kstlicher Saft euch einen
unerschpflichen Trank bietet, setzte Fliorot hinzu.

Nun, dann sind wir wohl geborgen, wenn Gottes Gnade uns begleitet, wie
ich nicht zweifle, sagte Mietje mit feurigem Dank.

Jetzt trat Heliastra vor: Auch ich habe eine Bitte auf dem Herzen,
sagte sie, whrend eine holde Rte ihr Antlitz durchleuchtete: eine
Bitte an euch, liebe Freunde: nehmt mich mit auf eure Erde!

Alle standen starr. Auch Gabokol und Bleodila, Fliorot und Glessiblora
waren vllig aus der Fassung.

Heinz aber durchflutete es wie ein unausdenkbares Glck; doch gleich
darauf dachte er, es sei ja zu schn, um wahr zu werden, und weder
drften sie das liebliche Mdchen seinem glcklichen Planeten entfhren,
noch wrden seine Eltern es je von ihren Herzen reien knnen.

Mietje war die erste, die es aussprach: Kind, liebes Kind, wie drften
wir es wagen, dich ins Ungewisse mitzunehmen und aus deinem Paradies in
das Elend unserer Erde zu entfhren.

Heliastra lchelte: Wit ihr nicht, da Gott berall ist? Wo ist da das
Ungewisse? Und sehet, das ist meine Sehnsucht, der brennende Wunsch
meines Herzens, euer Schicksal zu teilen und euch zu helfen, das Leid
eurer Erde zu mildern.

Es ist ein edles Ziel, das meine Tochter sich setzt, sagte Gabokol
nachdenklich: Es mu Gott wohlgefllig sein.

Nein, nein! rief Heinz schmerzlich: Gott wei, wie mir das Herz
blutet, wenn ich von dir scheiden soll; aber hier bist du glcklich und
glcklich sollst du bleiben und nie in die Welt der Leiden kommen. Gerne
will ich mich mein Leben lang in Sehnsucht nach Dir verzehren, wenn ich
dich nur glcklich wei!

So sehr hast du mich lieb? fragte Heliastra und ihre Himmelsaugen
leuchteten ihn an.

Ja, ber alles bist du mir wert: nie werde ich dich vergessen!

Und meinst du, ich werde noch glcklich sein, wenn du nicht mehr bei
mir bist? Mein Glck ist fortan auf eurer Erde, dort lat es mich
finden. Oder ist es unmglich, da ich deine Gattin werden knnte?

Du! Meine Gattin? Du wolltest aus deinen Sternenhhen herabsteigen,
mich armseligen Erdensohn unaussprechlich glcklich zu machen? Aber
nein! Es darf ja nicht sein!

Ich sehe wohl, wie es steht, sagte nun Gabokol wieder, und ich sehe,
was Gottes Wille ist. Ja, Gott fordert von uns ein Opfer, das er noch
von keinem auf unserem Planeten gefordert hat. Heliastra, du willst uns
den Schmerz fhlen lehren, der uns bisher unbekannt gewesen! Aber sollte
Gott nicht alles von uns fordern drfen, dem wir alles verdanken? Die
sich lieben, sollen mit einander verbunden bleiben, das ist der hchste
Gotteswille. Und wenn es uns auch schmerzt, wie wollten wir solch
unerhrten Frevel begehen, wider Gottes Willen zu handeln?

Gabokol hat recht, sagte Bleodila mit Trnen in den Augen. Eure
Ankunft und euer Hiersein war uns Freude; euer Scheiden bringt uns
Schmerz, greren als wir je geahnt! Wuten wir denn, was Schmerz ist,
denen auch das Scheiden im Tod nur ein Vorausgehen in die hhere
Seligkeit bedeutet? Nun, so sei uns Heliastra, so jung sie ist, als eine
in die Seligkeit Vorangegangene. Willst du sie haben zu deinem Weib,
junger Freund, so drfen wir sie nicht zurckhalten.

Heinz wute nicht, wie ihm war, als er seine Arme ausbreitete und die
leichte Elfengestalt sich an ihn schmiegte.

So willst du immer bei mir bleiben? flsterte er, sie zaghaft kssend.

Immer bei dir! sagte sie mit heller Glockenstimme und strahlte ihn
warm an.

Whrend der nchsten Tage richtete Gabokol die Sannah, die Flitmore
herabgelenkt hatte, fr die Parallelkraft ein, flickte auch das Loch,
das ihr der Meteorit beigebracht hatte. Die Bewohner der Stadt zogen
inzwischen unaufhrlich in Scharen herbei, um die Innenrume mit
unerschpflichen Vorrten zu fllen, namentlich auch mit allerlei
Smereien fr die Erde, obgleich Schultze stark bezweifelte, da dort
die Wunderpflanzen Edens gedeihen knnten.

Dann wurde die feierliche Hochzeit von Heinz Friedung mit Heliastra
gefeiert und der greise Priester der Stadt gab das Paar im Namen des
allmchtigen Gottes zusammen und segnete es ein.

Die ganze Stadt nahm Teil an dieser auerordentlichen Feier und zwar
nicht nur uerlich, sondern mit liebenden und frbittenden Herzen. Alle
bewunderten Heliastras Entschlu und wnschten ihr Gottes reichsten
Segen dazu.

Dann wurde ein Freudenfest gefeiert, wie es bei solchen Anlssen blich
war. Zum Schlusse, als der Rosenmond dem blauen Monde Platz machte, nahm
die rosige Gattin Abschied von ihren Freundinnen und Bekannten.

Am andern Morgen verabschiedete sie sich auch von den Ihrigen, deren
Gottvertrauen und Fgsamkeit in den gttlichen Willen ihnen half, den
Trennungsschmerz getrost zu berwinden.

Auch unsere Freunde nahmen herzlichen, dankbaren und gerhrten Abschied.

Heliastra aber war voll strahlender Freudigkeit, als sie mit ihrem
Gatten das Fahrzeug betrat, das sie fhren sollte in die Welt ihrer
Sehnsucht, die Welt, wo es Schmerzen zu lindern und Trnen zu trocknen
gibt.

Gott sei mit euch und lasse euch wiederkehren! riefen die
Zurckbleibenden den Scheidenden nach, als die Sannah, von der
Fliehkraft getrieben, emporscho, und Heinz und Heliastra aus der
offenen Lucke ein letztesmal herniederwinkten.




                   51. Der Planet des Fremdartigen.


Es war Abend, als die Sannah emporstieg.

Zum letztenmal grte das rosige Licht des schnsten der Monde unsere
Freunde und die engelschne Frau, die von Kind auf in seinem
Rosenschimmer frhlich gewesen war.

Rasch, mit wachsender Geschwindigkeit entfernte sich das Weltschiff,
getrieben durch die doppelte Kraft der Abstoung und des
Vorwrtstriebes.

Bald entschwand das Sonnensystem Alpha Centauri den Blicken der
Reisenden, das heit, seine Planeten begannen nur noch als Sterne am
Nachthimmel zu flimmern.

Nur Heliastra mit ihren Sonnenaugen vermochte noch alles gro und
deutlich zu sehen und sogar den blauen Mond zu erkennen, der nun dort
unten, oder dort oben, wie es hier jetzt schien, aufgegangen war.

Sie allein war es aber auch, die vom entgegengesetzten Zimmer aus genau
angeben konnte, welcher winzige Stern die irdische Sonne sei, so da
Flitmore gleich von Anfang an der Sannah die rechte Fahrtrichtung geben
konnte.

Dann begaben sich alle zur Ruhe bis auf John, der die erste Wache hatte.

Mnchhausen bernahm nach drei Stunden die mittlere Wache und
schlielich der Professor die dritte und letzte.

Gegen Morgen sah er, wie die Sannah sich einem mchtigen dunklen
Weltkrper nherte, wenn von einer Annherung bei einer Entfernung von
immerhin einigen Millionen Kilometern die Rede sein konnte.

Auch Morgen und Tag waren bloe Zeitbegriffe geworden, seit die
Doppelsonne Alpha Centauri wieder zu zwei Fixsternen geworden war, die
nach und nach fr das Auge zu einem einzigen verschmolzen. Da nicht, wie
auf dem Hinweg, wenigstens ein schwachschimmernder Komet einiges Licht
von auen gab, mute das Weltschiff seine ganze, vielleicht Jahre
dauernde Reise nach dem irdischen Sonnensystem in bestndiger Nacht
ausfhren: Tageshelle oder gar Sonnenschein war ausgeschlossen.

Das war keine angenehme Aussicht!

Es war Zeit, die andern zu wecken, soweit diese berhaupt sich das
Wecken ausgebeten hatten und nicht von selber zur bestimmten Zeit
aufwachten.

Der Professor drckte auf die verschiedenen Kontaktknpfe, die in den
entsprechenden Schlafrumen die elektrische Klingel ertnen lieen.

Flitmore erschien zuerst.

Lord, sagte Schultze: es befindet sich hier in unserer Bahn ein
dunkler Weltkrper, also ein Gestirn, das der Erde nher steht als Alpha
Centauri. Wollen wir ihm nicht nahen, um zu schauen, wie es dort
aussieht?

Lang aufhalten unterwegs wollen wir uns nicht, sagte Flitmore lachend:
Unsere Heimfahrt drfte so wie so lang genug werden! Andererseits kommt
es bei einer Fahrt, die voraussichtlich Jahre dauert, auf ein paar Tage
mehr oder weniger nicht an.

Heinz war inzwischen mit Heliastra erschienen und fgte hinzu:

Da berdies unsere Reise, so viel wir wissen, durch eine trostlose de
geht, auf der wir bis zum irdischen Planetensystem nicht darauf rechnen
drfen, irgend etwas anzutreffen, so sollten wir uns diese
voraussichtlich letzte Gelegenheit, etwas Neues zu schauen, nicht
entgehen lassen.

Das ist wahr! sagte der Lord: Also stellen Sie die Fliehkraft ab,
Herr Professor.

Auch die anderen waren nun eingetreten, und das Frhstck wurde
eingenommen, whrend die Sannah, von dem dunkeln Weltkrper angezogen,
auf ihn zustrzte.

Als sie der Oberflche des geheimnisvollen Gestirns nahe gekommen war,
lie Flitmore einen ganz schwachen Zentrifugalstrom durch ihre
Metallhlle kreisen, welcher der Anziehungskraft der Kugel genau die
Wage hielt, so da die Sannah in der Schwebe gehalten wurde und sich
stets im gleichen Abstand oder in der gleichen Hhe halten mute.

Hierauf wurde die Parallelkraft, ebenfalls in bescheidenem Mae, in
Ttigkeit gesetzt, und das Weltschiff fuhr mit der geringen
Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde ber der Oberflche des
neuen Planeten dahin.

Alle begaben sich in das Antipodenzimmer, um von dort aus die Landschaft
zu ihren Fen beobachten zu knnen.

Sie sah finster und dster aus: keine Sonne, kein Mond leuchtete diesem
Weltkrper; nur ein blutiger, nordlichtartiger Schimmer drang aus seiner
Atmosphre herab, offenbar ausgehend von selbstleuchtenden Stoffen oder
Bakterien, die sich in der Luft befanden.

Bei dieser Beleuchtung war wenig zu erkennen; aber was zu sehen war,
machte einen widerlichen, unheimlichen Eindruck.

Das Land schien ziemlich eben zu sein und durchweg einen morastigen
Charakter zu tragen.

An einzelnen Stellen stiegen leuchtende Dmpfe oder Nebel aus dem Sumpfe
auf, die einen leichenfahlen, schwefelgelben Schimmer verbreiteten;
dazwischen schossen bluliche und grnliche Stichflammen empor, durch
welche die nchste Umgebung ebenfalls mit einem matten Schein erhellt
wurde, der etwas Grausiges an sich hatte, als seien es hllische
Fackeln, die eine Welt des Entsetzens beleuchteten.

Ja, eine Welt des Entsetzens! Was waren das fr Bume und Pflanzen! Alle
schienen lebendig und zugleich abscheuerregend: Grser, die sich wie
ekles Gewrm am Boden hinwanden, krmmten und schlngelten in
krampfhaften Zuckungen, als strebten sie vergebens, sich von der
moderigen Erde zu lsen, in der sie wurzelten! Vielverzweigte Bume,
deren kahle, blattlose ste sich ringelten wie Riesenschlangen oder
Polypenarme, in bestndiger Bewegung, sich lang ausstreckend, sich
zurckziehend, Wellen, Bogen, Ringe und Schleifen bildend, sich
verwirrend und verschlingend, als befnden sich die lebendigen Zweige
jedes Baumes in mrderischem Kampfe miteinander.

Und unten im Sumpf wimmelte es von scheulichem Getier: weiliche Maden,
grer als Elefanten, sperrten zahnbewehrte Kiefer auf; Riesenspinnen,
deren plumper, kugeliger Leib oben und unten und an den Seiten mit
langen, dnnen, haarigen Beinen besetzt war, so da sie sich bestndig
um sich selbst drehen konnten und stets mit einer Anzahl Fe krochen,
die andern zappelnd empor oder rings von sich streckend; grnliche
Krten, gro wie Bffel, die ihre hlichen Augen auf dnnen,
wurmartigen Stielen weit hinausstreckten; dnnbeinige Stechmcken von
Giraffenhhe, die mit ihren langen, durchsichtigen Rsselrhren den
andern Tieren das Leben aussaugten oder von diesen geschnappt und
zerquetscht wurden.

Alles kroch durcheinander, alles kmpfte miteinander: nicht nur Tier mit
Tier, sondern auch Pflanzen und Tiere befanden sich in unaufhrlichem
mrderischem Kampfgemenge.

Da bi ein Riesenwurm mit Krokodilsrachen einem Baume die ste ab und
diese ste schnellten und zuckten und wanden sich in Krmpfen am Boden,
whrend aus dem sich wie im grlichsten Schmerz verkrmmenden Stumpfe
ein dicker, grnlichschwarzer Saft hervorquoll.

Dort war eines der Riesentiere von den zahllosen Armen eines Baumes
erfat worden und suchte vergebens, in verzweifeltem Ringen, sich aus
der tdlichen Umarmung zu befreien: es wurde erdrckt, erstickt und zu
einer unfrmlichen Masse zerquetscht.

Und dann schossen wieder dnne Wrmer wie Pfeile aus dem Morast, fuhren
durch die Luft und bohrten sich in den Leib eines nicht minder
widerlichen Tieres, um schlielich ganz in seiner Masse zu verschwinden
und in seinem Innern ihr grliches, mrderisches Zerstrungswerk zu
beginnen.

Schauerlich war es anzusehen, wenn so ein Riesentier, das selber
grauenhaft aussah, in rasendem Schmerz emporsprang, wie wahnsinnig
umherkreiselte und zuletzt im Todeskampf zusammenbrach, whrend
pltzlich sein unfrmlich angeschwellter Leib sich berall ffnete und
ein Gewimmel schlangenartiger Wrmer enthllte, die es bei lebendigem
Leibe von innen heraus verzehrten.

Und dann schlngelten sich wieder fahle Flammen durch die drngenden
Massen, versengten und verzehrten die Leiber, die vergebens suchten,
sich zu flchten: auch diese hllischen Feuerschlangen schienen lebendig
zu sein und ihre Opfer mit Mordgier zu verfolgen.

Heliastra war totenbleich und voller Entsetzen: Sieht es so auf der
Erde aus? fragte sie beklommen.

Nein, trstete sie Heinz: Solch ein grliches Schauspiel erfllt
auch uns Menschen mit Entsetzen.

Ja! besttigte der Professor: Selbst wissenschaftliche Forschung
erlahmt dahier und wendet sich ab von diesen Greueln. Das ist ein Reich
der Finsternis im vollsten Sinne des Wortes und ich schlage vor, ihm den
Namen Scheol zu geben, wie die Hebrer ihr Hllenreich nannten.

Es ist genug, sagte Flitmore: Lieber durch die ewige Nacht des den
Raums, als solch ein Schauspiel lnger mit ansehen! Und er schaltete
die volle Fliehkraft ein.




                      52. Eine Weltkatastrophe.


Wenn ich mir erlauben darf, auch eine Beobachtung meinerseits gemacht
zu haben, begann John, als die Sannah sich vom Planeten des Grauens
entfernte, so sehe ich dort einen andern schwarzen Erdball daherkommen,
sozusagen herabstrzen.

Das knnte uns gefhrlich werden, rief Schultze, in der von John
bezeichneten Richtung hinaussehend: Es scheint in der Tat ein
Zusammensto zweier gewaltiger Krper bevorzustehen. Ich schtze Scheol
auf die zehnfache Gre der Erde, und der mit rasender Geschwindigkeit
auf ihn herabstrzende Weltkrper scheint nahezu ebensogro.

Der Lord sprach kein Wort, schaltete aber die Parallelkraft in vollster
Strke ein und die Sannah entfernte sich mit Lichtgeschwindigkeit von
der bedrohlichen Stelle.

Auf einmal wurde es hell; ein Licht, wie von zehn Sonnen auf einmal,
erfllte den Raum mit blendendem Glanze: Die beiden Weltkugeln waren auf
einandergeprallt und in weniger als einer Sekunde hatten sie sich zu
einer weiglhenden Masse vereinigt, von der flammende Stcke nach allen
Richtungen hinausgeschleudert wurden und Stichflammen von Millionen
Kilometer Hhe emporschlugen.

Alles Leben mit seinem grausigen Kampf mute auf dem Scheol in einem
Augenblick vernichtet worden sein; aber den Insassen der Sannah drohte
das gleiche Schicksal: das Weltschiff war in glhende Gase gehllt, eine
Stichflamme hatte es erreicht; gleichzeitig aber wurde es, wie von dem
Druck einer ungeheuerlichen Explosion emporgeschleudert mit einer
Geschwindigkeit, die alles bertraf, was sie bisher geleistet.

Durch und durch wurde das Fahrzeug erschttert und eine Zeitlang lagen
alle, pltzlich zu Boden geschleudert, durcheinander. Nur Heliastra
schwebte in ihrer Leichtigkeit ber dem Boden und half nun den
Gestrzten auf die Beine.

Jetzt erst lie sich ein frchterliches Krachen, Rollen und Donnern
vernehmen. Noch einmal erbebte die Sannah in allen Fugen, vom
erschtterten Weltstoff geschttelt. Eine furchtbare Hitze entwickelte
sich in dem Antipodenzimmer und alle flchteten auf Tod und Leben in die
innersten Rume des Fahrzeugs.

Hier war es noch auszuhalten, und die unausdenkbare Wucht, mit der das
Weltschiff von den zusammengeprallten Planeten fortgeschleudert wurde,
brachte es in krzester Zeit aus dem Bereiche der Stichflamme, so da es
sich allmhlich wieder abkhlte, ohne ernstlichen Schaden genommen zu
haben.

Wir haben eine Weltkatastrophe erlebt, sagte nun Flitmore, wie sie
gar nichts so Seltenes ist.

Allerdings, besttigte der Professor: Seit uns der Fixsternhimmel
nher bekannt ist und man gelernt hat, auf derartige Erscheinungen zu
achten, hat man das Aufleuchten neuer Sterne fters beobachten knnen.

Charakteristisch fr diese Erscheinungen ist die Nova Persei, das heit
der neue Stern, der im Jahre 1901 im Sternbild des Perseus aufleuchtete.
Er erschien zunchst als Stern 12. Gre, wurde innerhalb dreier Tage zu
einem Stern erster Gre, dem hellsten am ganzen Firmament auer Sirius:
sein Licht hatte um das 250000fache zugenommen, nahm aber dann ab, bis
es wieder so schwach war, da der Stern als zwlfter bis dreizehnter
Gre erschien. Er mu mindestens 100 Lichtjahre von der Erde entfernt
gewesen sein und umgab sich nach dem Ausbruch mit einer Nebelhlle, die
wenigstens das 1400fache des Erdbahndurchmessers umfate und
Verdichtungsstreifen und Lichtknoten aufwies, die sich, gering
geschtzt, mit mehr als 3000 Sekundenkilometern Geschwindigkeit
fortbewegten.

Diese neuen Sterne entstehen also durch das Aufleuchten zweier dunkler
Weltkrper, wenn sie sich durch einen Zusammensto erhitzen? fragte
Heinz.

Eigentlich glaubt man das weniger, entgegnete Schultze, da dann das
rasche Erkalten und Erblassen innerhalb weniger Wochen oder Monate
unerklrlich wre.

Wie erklrt man dann diese Vorflle? mischte sich nun Mietje in die
Errterung.

Sehr verschieden! sagte Schultze. Die einen meinen, es handle sich um
erloschene Sonnen, die fr uns unsichtbar wurden, nachdem sie sich mit
einer Erstarrungskruste umgaben, pltzlich aber wieder aufleuchten, wenn
die innere Glut die Kruste vorbergehend durchbricht. Auch das
Einstrzen eines groen Meteors knnte das pltzliche Aufleuchten
verursachen.

Wilsing nimmt an, da die sehr groe Annherung zweier ungefhr
gleichgroer Sterne eine Flutwelle in der Atmosphre und dem
feurigflssigen Innern des einen hervorrufe. Dadurch wrde ein Teil
seiner Oberflche fast von seiner ganzen Lufthlle entblt, und die
innern Glutmassen wrden die dnne Erstarrungsdecke durchbrechen.

Seeliger im Gegenteil glaubt, da ein erkalteter Weltkrper, in eine
Wolke kosmischen Staubes eindringend, durch die Reibung an seiner
Oberflche in Glut gerade. Diese Vermutung stimmt allerdings nicht zu
unsern Erfahrungen, nach welchen jedes Gestirn seine Lufthlle besitzt,
die es vor solcher Reibung schtzt.

brigens haben wir ja nun beobachten knnen, wie ein oder vielmehr zwei
Weltkrper durch Zusammensto aufleuchten knnen; auf der Erde wird man
am 12. Mai 1913 die Erscheinung des neuen Sterns gewahren, und dann
wollen wir ja sehen, welche Erklrungen die irdischen Astronomen diesem
Phnomen zu geben belieben.

Gestatten mir gtigst der Herr Professor eine Fragestellung in aller
Rcksicht der Bescheidenheit, bat John.

Nur zu, mein Sohn! Was qult dich fr ein Schmerz?

Der Herr Professor haben sich doch zu uern beliebt, wie ich schon
mehrfach hren konnte, da sich neue fixe Sterne in den komischen Nebeln
bilden?

Ganz richtig, guter Freund! Aber nicht in den komischen, sondern in den
kosmischen Nebeln. Siehst du, man nennt auf griechisch die Welt
>Kosmos<, und da ein gebildeter Deutscher Griechisch, Lateinisch und
Franzsisch redet, nur kein Deutsch, so spricht er von kosmischen
Nebeln, wo er ebensogut Weltnebel sagen knnte. Wie du also ganz richtig
bemerkt hast, aus diesen Weltnebeln bilden sich Fixsterne.

Und die leuchten dann aber doch lange Zeit?

Gewi! Tausende, Hunderttausende, vielleicht Millionen von Jahren.

Nun denn, Sie sagen, alle neuen Sterne verlieren sozusagen sehr schnell
ihr starkes Licht; aber es sollten doch auch neue Sterne aus den Nebeln
entstehen, die man vorher nicht gesehen hat, und die dann immer leuchten
als Fixsterne?

Ja, weit du, diese Bildung neuer Sterne aus Nebeln braucht jedenfalls
Hunderttausende von Jahren.

Hier fiel Flitmore ein: Und doch hat John recht; warum soll gerade in
unserer Zeit keine derartige Sternbildung zur Vollendung kommen? Niemals
noch ist ein uns bekannter Fixstern erloschen, niemals noch ein neuer
erschienen. Herrscht wirklich das bestndige Werden und Vergehen im
Weltall, wie man es annimmt, so ist diese Tatsache unerklrlich.
Jedenfalls glaube ich, die Zeit der groen Sonnenschpfungen ist
vorber.

Das ist eine sehr anfechtbare Ansicht, widersprach der Professor, es
vollzieht sich eben nur alles so langsam, da fr uns nichts davon zu
merken ist.




                         53. Durch die Sonne.


Die furchtbare Explosion, welche der Zusammensto der beiden dunklen
Weltkrper zur Folge hatte, schleuderte die Sannah, wie wir hrten, mit
unheimlicher Gewalt in den Weltraum.

Dies erwies sich als ein ungeahntes Glck; denn das Weltschiff behielt
diese Geschwindigkeit tagelang bei mit nur langsamer Abnahme, und so
legte es in wenigen Tagen einen Weg zurck, zu dem es sonst ebensoviel
Jahre gebraucht htte.

Man konnte dies an der rasenden Geschwindigkeit beobachten, mit der man
sich dem irdischen Sonnensystem nherte.

Noch keine vier Wochen waren verflossen, seit unsre Freunde Eden
verlassen hatten, als sie bereits die Neptunbahn kreuzten.

Nun aber zeigte sich eine neue Gefahr.

Wir strzen geradewegs auf die Sonne zu, sagte Flitmore.

Und die Fliehkraft? fragte Schultze.

Ich frchte sehr, da sie uns nichts hilft, erwiderte der Lord. Die
Gewalt, mit der die Sannah in ihrer Bahn dahingeschleudert wird, ist
strker als die strkste Zentrifugalkraft, die wir entwickeln knnen.

Nun, dann wird sie auch strker sein als die Anziehungskraft der
Sonne, meinte der Professor.

Das gebe Gott! sagte Flitmore, denn sonst sind wir verloren.

Die Sonne kam nher und nher; schon war die Uranus- und Saturnbahn
durchschnitten, ohne da man diese Planeten zu Gesichte bekam, da sie
sich an entfernten Stellen ihrer Bahn befanden. Jupiter sah man nur von
ferne, von den Planetoiden, Mars und der Erde, war nichts zu sehen, als
man ihre Bahnen kreuzte; dagegen kam die Sannah der Venus sehr nahe, dem
hellen Morgen- und Abendstern, der, wenn er sich von der Sonne entfernt,
der Erde heller leuchtet als alle andern Gestirne und selbst bei Tage
gesehen werden kann, wenn man seine Lage am Himmel genau kennt; der
einzige Stern, der bemerkbare Schatten wirft, wenn der Mond nicht strt.

Schultze konnte seine bisher unbekannte Umdrehungszeit feststellen.
Bekanntlich herrscht hierber eine solche Unklarheit unter den irdischen
Astronomen, da man sie teils zu 24 Stunden, teils zu ebensoviel Tagen,
ja bis zu 225 Erdentagen annahm.

Der Professor fand nun eine Rotationszeit der Venus von etwa 700 Stunden
oder 30 Erdentagen.

Ihr Jahresumlauf betrgt 224 Erdentage.

Es erwies sich, da ihre eine Hlfte ewigen Tag, die andere ewige Nacht
hat, und die Nachtseite zeigte eine matte Erleuchtung. Ihre Atmosphre
war sehr dicht und vielfach stark bewlkt; ihre Oberflche bildete eine
vollkommene Wste, eine trostlose Einde von gleichmigem weien Glanz.

An Gre und Masse, sagte der Professor, ist dieser Planet unsrer
Erde sehr hnlich, empfngt aber doppelt so viel Sonnenlicht als diese.
Ihre Bahn ist nahezu kreisfrmig; sie hat das strkste Albedo, das
heit, von allen Planeten strahlt sie das meiste von all dem Licht
zurck, das sie empfngt; vielleicht hat sie noch etwas eigenes Licht.
Der Erde zeigt sie Phasen wie der Mond.

Schmerzlich ist es, da wir von hier aus die Erde nicht erreichen
knnen, seufzte Heinz. Wir sind ihr doch so nah: 40 Millionen
Kilometer! Was will das heien?

Ja, ja! sagte Schultze: Da hilft uns alles Bedauern nichts, wir
werden fortgerissen ohne Erbarmen!

Die Sannah kreuzte die Merkurbahn.

Die Sonne erschien wie ein ungeheurer Feuerball.

Flitmore schtzte die Fenster der Sannah durch geschwrzte Scheiben, so
da man mit dem bloen Auge in die Gluten schauen konnte. So gelang es,
die Sonnenflecken als ungeheure Schlackeninseln zu erkennen, die in
einem Meer von Glut schwammen, das sie zeitenweise wieder auflst.

Hoch empor stiegen die glhenden Massen der sogenannten Sonnenfackeln
und die flammenartigen Protuberanzen oder Sonnenflammen, die aus
brennenden Gasen, meist glhendem Wasserstoff bestehen. Teilweise
zeigten sie auch die Form von Feuersulen und Glutwolken.

Ein wogendes Meer von Gluten und Flammen, wie von Orkanen gepeitscht, so
stellte sich die Sonne dar. Ungeheure Explosionen und Eruptionen oder
Ausbrche ereigneten sich von Zeit zu Zeit; dann wurden Feuergarben und
Flammenstrahlen in wenigen Minuten bis zu einer Hhe von 75000
Kilometern emporgeschleudert mit einer Geschwindigkeit von 173
Kilometern in der Sekunde.

Und auf dieses wildtobende Feuermeer strzte die Sannah unaufhaltsam zu
mit rasender Geschwindigkeit!

Aber auch in diesen Augenblicken des Schreckens, da aller Gemter von
der Sorge eines drohenden Untergangs erfllt waren, abgesehen von
Heliastra, die mit kindlicher Neugier das schauerlich schne Schauspiel
bewunderte; auch in diesen bangen Augenblicken zeigte Schultze den
khlen Gelehrten, denn, wahrhaftig! er hielt einen wissenschaftlichen
Vortrag ber die Sonne.

Dieses Gestirn, sagte er, das unsrer Erde Licht, Leben und Wrme
spendet, ist 300000mal heller als der Vollmond; doch kommt der Erde nur
der 2735millionenste Teil ihres Lichts und ihrer Wrme zugute. Ihr
quatorialdurchmesser betrgt 1390300 Kilometer gegen 12755 Kilometer
des irdischen Durchmessers. In der Sonne htten 1300000 Erdkugeln Platz,
dennoch wiegt sie nur so viel wie 324400 Erden, denn sie ist nicht viel
dichter als Wasser.

In der Sonne kommen fast die gleichen Stoffe vor wie auf der Erde, das
hat uns das Spektroskop geoffenbart.

Die uerste Umgebung des Sonnenballs oder vielmehr seiner Atmosphre
bildet die Korona, sie besteht, wie wir deutlich sehen knnen, aus
breiten Strahlenbscheln, die sich zum Teil mehr als einen
Sonnendurchmesser weit in den Raum erstrecken und oft eigentmlich
gekrmmt erscheinen.

Diese Korona kann man von der Erde aus am besten bei Sonnenfinsternissen
beobachten, sie bildet dann einen schmalen Lichtring von blendender
Helligkeit rings um die verfinsternde Mondscheibe; diesen Ring umgibt
ein zwlfmal so breites Band von perlmutterartigem Glanz, aus dem weit
hinaus in den Weltraum jene Strahlen schieen, die brigens auf den
Photographien gar nicht oder kaum erscheinen; dieses Band wird von einer
noch breiteren Lichtzone umschlossen, die sich mit schnell abnehmender
Helligkeit ohne sichtbare Begrenzung im Himmelsraum verliert.

Unter der Korona sehen wir die sogenannte Chromosphre, einen
rosafarbenen Ring, der aus den leichtesten uns bekannten Gasen, dem
Wasserstoff und dem Helium gebildet wird.

Die innerste atmosphrische Hlle der Sonne endlich ist die Photosphre,
die aus glhenden Metalldmpfen besteht und die eigentliche
Lichtspenderin ist. Diese sehen wir berzogen mit einem Netzwerk, das
aus einer Unzahl feiner Poren und Linien besteht, die sich fortwhrend
verndern. Sie scheinen eine Art Schfchen- oder Cirruswlkchen, deren
kleinstes freilich die Gre eines irdischen Weltteils besitzt; man
nennt diese Erscheinung >die Granulation< der Sonnenoberflche.

Hren Sie, Professor! sagte Mnchhausen unwirsch: Was soll uns jetzt
diese hochinteressante Belehrung. Ich meine, es wird hier innen schon
abscheulich hei und wir werden in kurzem zu Staub verbrennen. Wissen
Sie ein Mittel dagegen, das wre besser als Ihre gesamte sonstige
Weisheit.

Die Hitze der Sonne ist nicht so gro als man sich gewhnlich
einbildet, erwiderte Schultze khl. Sie drfte etwa 7000 Centigrad
betragen, also das Doppelte der Hitze der Kohlenspitzen einer
elektrischen Bogenlampe.

Hei genug, um uns in Asche zu verwandeln! brummte der Kapitn.

Der Professor zuckte die Achseln. Alles, was ich Ihnen zum Troste sagen
kann, ist, da der groe Komet von 1843 die glhende Korona der Sonne
durchraste, 5 Millionen Kilometer in drei Stunden, also 570 Kilometer in
der Sekunde zurcklegend. Er kam dabei der Sonne bis auf den zehnten
Teil ihres Durchmessers nahe.

Und strzte nicht hinein? fragte Heinz.

Nein! Davor bewahrte ihn die Gewalt seines Schwungs. hnlich ging es
mit den Kometen von 1882 und 1883. Sie entwickelten dabei alle eine
enorme Helligkeit, ja man sah sie bei Tage dicht neben der Sonne, und
der Komet von 1882 verschwand, als er vor die Sonne trat; er war also
genau so hell wie sie. Dabei entwickelten jene Kometen Eisendmpfe, ein
Beweis, da auch ein Teil ihrer festen Bestandteile sich unter der
Einwirkung der Hitze der Korona in glhende Gase auflste. Endlich
zersprang der Komet von 1882 beim Passieren der Korona in mehrere
Stcke.

Ein schner Trost, den Sie uns da geben! knurrte der Kapitn.

Sind der Herr Professor der unmageblichen Ansicht, da wir in diesen
furchtbar anzusehenden Flammenofen trotz der geschwrzten Scheiben
mitten hinein plumpsen drften? fragte Rieger ngstlich.

Nein! erwiderte Schultze bestimmt. Das glaube ich keinesfalls; denn
unsre Geschwindigkeit bertrifft die des Kometen von 1843 um weit mehr
als das Hundertfache.

Aber da die Sannah in Weiglut gert oder sich in glhende Dmpfe
auflst, zum mindesten samt uns allen in Stcke zerspringt, das glauben
Sie? polterte Mnchhausen.

Da unser Weltschiff keine feste, dichte Masse bildet, entgegnete der
Professor, scheint es am wahrscheinlichsten, da es sich in ein
Dampfwlkchen auflst. Offen gestanden, ich halte unsre letzte Stunde
fr gekommen; doch drfen Sie mir glauben, wir werden nichts davon
spren, in weniger als einer Sekunde wird alles vorber sein.

Flitmore drckte auf einen Knopf und augenblicklich schlossen sich
smtliche Augendeckel der Sannah, das heit die dicken Schutzplatten
legten sich von auen dicht ber die Fenster. Gleichzeitig lie der Lord
die elektrische Beleuchtung aufstrahlen und sagte: Begeben wir uns in
den allerinnersten Raum, in den Mittelpunkt der Sannah, in zehn Minuten
haben wir die Glutatmosphre der Sonne erreicht und jagen durch Feuer
und Flammen. Dann gnade uns Gott!

In Eile strzten alle in den innersten Vorratsraum, den eine einzige
elektrische Glhbirne erhellte. Alle Lucken wurden geschlossen, nachdem
sie passiert waren.

Hier sprach der Lord ein kurzes, markiges Gebet, eine Bitte um Rettung,
zugleich aber auch den Ausdruck der Ergebung in den gttlichen Willen,
falls ihr Ende beschlossen sein sollte; das Vertrauen auf die gttliche
Barmherzigkeit und die Aufnahme aller in das himmlische Reich trug er
mit solcher Einfachheit und Glaubensfreudigkeit vor, da sich alle ber
die Schrecken des Todes erhoben fhlten und keinerlei Angst mehr
empfanden vor dem, was ihnen drohte. Mietje stimmte die beiden letzten
Verse des herrlichen Liedes O Haupt, voll Blut und Wunden an, und die
andern sangen ergriffen mit. Dann trat Stille ein.

John setzte sich zu Fen seines Herrn nieder, als wollte er damit zum
Ausdruck bringen, wie er als getreuer Diener ihm in den Tod folgen
wolle. Mietje lehnte ihr Haupt an ihres Gatten Schulter, Mnchhausen
fate krftig Schultzes Rechte und hielt sie fest. Heliastra schmiegte
sich in Heinz' Arme und fhlte sich geborgen, whrend ihr junger Gemahl
bereit war, mit ihr die Reise in ein besseres Leben anzutreten.

Die beiden Schimpansen Dick und Bobs kauerten in einer Ecke und wuten
von nichts; doch verhielten sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, so
regungslos, als ahnten sie doch etwas Auerordentliches.

Auf einmal wurde es furchtbar hei; die Luft schien zu glhen und
erstickend legte es sich auf aller Brust.

Da stand Flitmore auf und sprach ein warmes Dankgebet fr die Errettung
aus furchtbarer Todesgefahr.




                        54. Der Planet Merkur.


Die andern wuten es sich nicht zu erklren, wie der Lord dazu kam, ein
Dankgebet zu sprechen, whrend sie sich mitten im Flammenofen der Sonne
whnten; denn erst jetzt begann die Hitze beinahe unertrglich zu
werden.

Nur Professor Schultze sah so klar wie Flitmore.

Wir sind unversehrt hindurchgekommen! sagte er aufatmend; aber wie
mag die Sannah aussehen?

Sind wir denn schon auer Gefahr? fragte Mietje unglubig.

Gewi, meine Liebe, sagte der Lord, die Lebensgefahr bestand darin,
da sich unser Fahrzeug infolge der ungeheuren Hitze sofort in Dampf
aufgelst htte. Die Wrme, die wir nun aber spren und die allerdings
sehr lstig ist und auf die Dauer nicht auszuhalten wre, beweist uns,
da wir die Korona der Sonne bereits durchflogen und hinter uns haben.
Wre die Katastrophe eingetreten, so htten wir gar nichts gesprt, so
pltzlich wre alles gekommen; diese allmhlich sich steigernde Hitze
jedoch weist darauf hin, da die Sannah an ihrer Oberflche sehr hei
wurde, ohne jedoch wesentlich Schaden gelitten zu haben. Durch die
feuerfeste Umhllung und die dicke Guttaperchaauspolsterung aller Rume,
sowie die in diesen enthaltene Luft ist die Temperatur in diesen
untersten Gelassen nur langsam und verhltnismig wenig gestiegen.

Das glaube ich, sagte Mnchhausen: Sind doch nach allen Seiten hin
nicht weniger als 7 Zimmer oder Stockwerke von je drei Meter Hhe
zwischen uns und der ueren Umhllung, 7 Sle mit gummibelegten
Decken und Fubden, so da uns 14 Schichten von geringster
Wrmedurchlssigkeit beschtzen, getrennt durch 7 drei Meter hohe
Luftrume, ganz abgesehen von der starken Auenhlle.

Aber ist es nicht mglich, da wir uns noch in den Flammen befinden?
fragte nun Heliastra: Dann wrde die Hitze ganz allmhlich steigen,
aber wir wrden sie bald nicht mehr aushalten.

Ganz ausgeschlossen! sagte Schultze. Bei der rasenden Eile unsrer
Fahrt muten wir schon lngst wieder aus der Sonnenkorona ausgetreten
sein, ehe die Temperaturerhhung in ihrem allmhlichen Fortschreiten
sich hier unten bemerkbar machte.

Dann aber mchte ich ganz ergebenst die bescheidene Bemerkung
aussprechen, sagte John, da wir nach oben gehen in die frische Luft,
denn ich schwitze, wenn es zu sagen gestattet sein sollte, wie ein
sogenannter Magister!

Geduld, Geduld, mein Sohn! lachte Schultze. Das mssen wir nun schon
eine Weile aushalten. Zum ersten sind wir der Sonne noch so nahe, da
ein Spaziergang ins Freie vorerst ganz ausgeschlossen ist, wenn wir
nicht braten sollen; zum zweiten ist die Hitze in den oberen Gemchern
zweifellos weit schlimmer als hier im untersten; sie mte wachsen, je
hher wir steigen. Wir mssen erst eine grndliche Abkhlung abwarten.

Da werden wir wohl noch lange Geduld haben mssen, meinte Heinz, denn
die Sonne drfte bei ihrer Nhe derart auf die Sannah brennen, da von
einer Abkhlung vorerst berhaupt keine Rede sein wird.

In zwei Stunden, sagte der Lord, knnen wir ohne Sorge den Aufstieg
wagen. Erstens mu eine verhltnismige Abkhlung selbstverstndlich
eintreten, da der Temperaturunterschied doch ein ganz gewaltiger ist
zwischen der Korona selber und ihrer bloen Nhe; zweitens entfernen wir
uns mehr als blitzschnell von der Sonne; drittens dreht sich ja unsre
Sannah um sich selbst und kehrt stets nur eine Seite der Sonne zu; die
von der Sonne abgekehrte Seite wird sich aber sehr rasch und stark
abkhlen. Endlich bt die bloe Bestrahlung durch die Sonne, wenn diese
auch noch sehr nahe ist, ihre Einwirkung nur in sehr geringem Mae bis
in die Innenrume aus.

Es zeigte sich, da der Lord recht hatte; die furchtbare Hitze nahm
verhltnismig rasch ab und nach zwei Stunden konnten unsre Freunde
bereits ins Zenithzimmer hinaufsteigen, das gerade von der Sonne
abgewendet war und Nacht hatte.

Allerdings herrschte dort noch eine gelinde Backofenhitze, aber dadurch,
da smtliche Verbindungstren der Innenrume geffnet wurden, konnte
ein starker khlender Luftzug erzeugt werden; berdies konnte man auf
der Nachtseite auch die Auenlucken ffnen und es strmte eine zwar mehr
als laue, aber doch frische Luft ein, die nach der ausgestandenen Hitze
den Eindruck wohltuender Khle machte.

Durch die Lucke des Zenithzimmers stieg Flitmore ins Freie hinaus, um zu
sehen, was die Umhllung der Sannah bei der Fahrt durch die
Glutatmosphre der Sonne gelitten habe.

Er fand, da der Flintglasbelag fast vollstndig abgesprungen war; die
uerste Metallumhllung war geschmolzen, aber fast beinahe berall noch
dicht, da sie nach Verlassen der Sonnenkorona rasch wieder erstarrt war;
an einzelnen Stellen freilich zeigten sich Lcher, da war die Umhllung
in ihrer ganzen Dicke durchgeschmolzen. Doch das wollte nun nicht viel
besagen, denn einer hnlichen Hitze wrde man ja wohl nicht wieder
standzuhalten haben.

Als der Lord ins Zimmer zurckkehrte, sagte Mietje: Mir ist es immer
noch ein Rtsel, wie wir so unbeschdigt durch die flammende
Sonnenatmosphre kommen konnten.

Ein Wunder gttlicher Bewahrung ist es gewi! sagte ihr Gatte. Aber
das natrliche Mittel, durch das er uns hindurchhalf, ist die ungeheure
Geschwindigkeit, mit der er unser gebrechliches Fahrzeug seine Bahn
durcheilen lie. Du hast ja wohl selber schon probiert, meine Liebe, wie
du deinen Finger unbeschdigt, ja ohne nur auch eine Wrmeempfindung zu
verspren, durch die Flamme eines Lichtes bringen kannst, wenn du es
schnell genug ausfhrst. Ganz so kurz verweilten wir nun freilich nicht
in den Sonnenflammen, aber doch auch gewi nicht mehr als zwei Minuten,
und fr diese kurze Zeit gengte unsre Schutzhlle, um den Gluten stand
zu halten, die schon einige Zeit brauchten, um nur die Flintglashlle zu
sprengen. Da die Hitze im Innern nicht unertrglich wurde, obgleich das
Metall an der Auenflche angeschmelzt wurde, darf uns nicht
wundernehmen, wenn wir uns erinnern, da dies auch bei Meteoren der Fall
ist.

In blendendem Glanze strahlte der Planet Merkur durch das offene Fenster
des Zenithzimmers. Die Sannah mute ganz in seiner Nhe vorbei und er
schien mit ungeheurer Schnelligkeit sich zu nahen.

Dieser Planet, der zu 3/8 ewige Nacht und zu 3/8 ewigen Tag hat, whrend
der vierte Teil seiner Oberflche allein den Wechsel von Tag und Nacht
kennt, die im Durchschnitt 44 Erdentage whren, kehrte beinahe seine
volle erleuchtete Seite der Nachtseite der Sannah zu.

Um ihn dauernd beobachten zu knnen, sowie um sich nicht der Sonnenhitze
auszusetzen, begaben sich unsre Freunde, entsprechend der Umdrehung der
Sannah, jedesmal in dasjenige Zimmer, das gerade Mitternacht hatte. Jede
halbe Stunde mute ein solcher Zimmerwechsel vorgenommen werden.

Schultze fhlte sich veranlat, einige Belehrungen ber den Merkur
loszulassen:

Die groe Sonnennhe dieses Planeten, sagte er, hat seiner
Beobachtung von der Erde aus die grten Schwierigkeiten
entgegengesetzt. Aus den Vernderungen, die Schrter an den Spitzen der
Merkursichel, den sogenannten Hrnern, wahrzunehmen glaubte, berechnete
Bessel seine Umdrehungsdauer zu 24 Stunden. Dagegen schlo Schiaparelli
1883 aus Flecken und Streifen, die er wahrnahm, auf eine Rotationsdauer
von 88 Tagen; das heit, Merkur wrde der Sonne stets dieselbe Seite
zukehren, wie der Mond der Erde, und wrde sich in der gleichen Zeit um
sich selbst drehen, wie um die Sonne.

Allein es wurde nachgewiesen, da jede Kugel mit glatter, gleichmig
gefrbter Oberflche bei unvollstndiger Beleuchtung dunkle Streifen
zeigt, die auf einer notwendig eintretenden Sinnestuschung beruhen, so
da Schiaparellis Berechnungen fragwrdig erscheinen, weil sie auf die
Beobachtung eben dieser Streifen sich aufbauten.

Merkur zeigt der Erde wechselnde Lichtgestalten oder Phasen wie der
Mond, aber wie Venus zeigt er sich vollbeleuchtet, wenn er der Erde am
entferntesten steht, und erscheint daher am hellsten, wenn er, nur halb
beleuchtet, der Erde nher tritt. Aber auch dann ist er nur einem guten
Auge sichtbar infolge seiner Kleinheit und Sonnennhe; doch wurde er im
Altertum und im Mittelalter von unsern hellugigen Vorfahren gut
beobachtet.

Die Lichtgrenze seiner Oberflche zeigt sich sehr verwaschen, was auf
eine ziemlich dichte Atmosphre hinweist. Seine Bahn ist die
exzentrischste aller Planetenbahnen, das heit, sie entfernt sich am
meisten von der Kreisform und erscheint oval.

Seine Dichtigkeit ist anderthalbmal so gro als die der Erde, so da man
ihn als eine Kugel von Gueisen ansehen knnte. Seine Oberflche betrgt
etwa das Dreifache des gesamten russischen Kaiserreichs. Seine Masse ist
nur 1/12 der Erdmasse, die Schwerkraft auf ihm betrgt nur 3/5
derjenigen der Erde. Er empfngt siebenmal mehr Sonnenlicht als diese
und drfte wohl unter unertrglicher Hitze auf der Sonnenseite und
grauenhafter Klte auf der Nachtseite leiden. Venus leuchtet ihm bei
ihrer grten Nhe 600mal schwcher als unser Vollmond.

So viel wute Schultze in aller Krze zu sagen. Was nun von der Sannah
aus von der Oberflche des Planeten gesehen wurde, war hochinteressant:
er erschien als glatte Scheibe, durchaus nicht ohne Hgel und Berge,
aber auch diese waren gleich glatten, wenig hervorragenden Halbkugeln,
die keinen Schatten warfen, weil das Licht durch die spiegelnden Flchen
tausendfach zurckgeworfen wurde und alles erleuchtete.

Auch Pflanzenwuchs, ja Hochwlder waren zu sehen, aber Stmme, Zweige
und Bltter glitzten und spiegelten dermaen, da sie auf grere
Entfernung vllig in dem Meer von weiem Licht verschwanden.

Wenn da Tiere und Menschen leben, meinte Schultze, so sind sie
jedenfalls ebensolche spiegelnde Wesen und diese Eigenschaft schtzt sie
dann wohl vor der schdlichen Einwirkung allzuhoher und allzuniedriger
Temperaturen.

Rasch entfernte man sich von dem Planeten, der mit grerer
Geschwindigkeit als alle andern seine Bahn um die Sonne durchluft; die
Sannah nherte sich wieder der Venusbahn, doch die Venus war fern: die
Sonne stand zur Zeit zwischen ihr und dem Weltschiff.




                         55. Zurck zur Erde!


Lord Flitmore stellte die Fliehkraft und Parallelkraft vollstndig ab.

Die Eigengeschwindigkeit der Sannah war noch so ungeheuer, da die
Anziehungskraft der nahen Sonne nicht gengte, um sie in ihrem Laufe
aufzuhalten, noch weniger natrlich die Anziehungskraft Merkurs.

Es war daher zu befrchten, da das Weltschiff das irdische Sonnensystem
wieder verlassen knnte; doch hoffte der Lord, dadurch, da er alle
Triebkrfte abstellte, so viel zu erreichen, da die Anziehung durch die
Sonne und das ganze Planetensystem die Fahrgeschwindigkeit derart hemme,
da sie bei Kreuzung der Erdbahn soweit verringert sein knnte, um ein
Sinken der Sannah auf die Erde zu ermglichen.

Leider war dies jedoch nicht der Fall; auch war die Erde auf ihrer Bahn
viel zu weit von der Stelle entfernt, wo unsre Freunde diese Bahn
durchschnitten, um eine Einwirkung auf das Fahrzeug ausben zu knnen.

Erst die Nhe des Mars zeigte die gewnschte Wirkung: die Fahrt
verlangsamte sich merklich.

Dennoch ging es auch ber die Marsbahn hinaus dem Jupiter zu.

Als Flitmore merkte, da nun die Eigengeschwindigkeit der Sannah so weit
geschwcht war, da dieser mchtigste der Planeten sie anzog, stellte er
die Fliehkraft wieder ein mit dem Erfolg, da das Weltschiff nun, von
Jupiter abgestoen, zurckgeschleudert wurde.

Wieder ging es am Mars vorbei und auch hier wirkte die Fliehkraft in der
Weise, da die Sannah im Bogen an dem Planeten vorbeieilte und sich
wieder der Erdbahn nherte. Diesmal trat auch der gnstige Umstand ein,
da die Erde in Verfolgung ihrer Bahn auf die Stelle zueilte, an welcher
unsre Freunde diese schneiden muten.

Jetzt oder nie! sagte Flitmore und unterbrach aufs neue den
Zentrifugalstrom, damit die Erde womglich das Weltschiff zu sich
herabzwingen mchte.

Heliastra betrachtete mit freudiger Neugier die im Sonnenglanze
leuchtende Weltkugel, das Land ihrer Sehnsucht, ihrer erbarmenden Liebe.

In schrger Richtung strzte die Sannah abwrts, der heimatlichen Erde
zu, und man konnte bereits mit bloem Auge die Meere und Ksten, Gebirge
und greren Flsse unterscheiden.

Heinz begab sich mit seiner holden Gattin auf die Oberflche des
Fahrzeugs hinaus und sie sahen auf die Kugel hinab, die sich zu ihren
Fen ausdehnte. Um besser Ausschau halten zu knnen, stiegen sie, sich
an der Rampe festhaltend, hinab und setzten sich in eine Art
Beobachtungskorb, den Flitmore neuerdings fr solche Zwecke neben dem
Eingang zum Sdpolzimmer angebracht hatte.

Was sind das fr hohe Berge? fragte Heliastra. Und wie kommt es, da
ihre Gipfel so wei erscheinen wie Milch und blitzen wie Diamanten?

Das ist das Himalayagebirge, die hchste Bergkette unsrer Erde; seine
Spitzen sind bedeckt mit ewigem Schnee und Eis, denn in solchen Hhen
ist es bei uns sehr kalt, so da das Wasser und die Niederschlge fest
werden und diese dir unbekannten Kristalle bilden, die wir Eis und
Schnee nennen.

O, wie schn blau leuchten eure Meere! rief Heliastra entzckt. Ganz
wie bei uns! Und wie wunderbar grn sind alle diese Lnder. Habt ihr
keine so schrecklichen Wsten wie unser Planet?

Wsten haben wir auch; siehst du diese rtlichen und grauen Flecken
rechts und links hinter den Gebirgszgen? Das sind die mongolische Wste
im groen Chinesischen Reich und die Steppen des Sirdarja im
sdwestlichen Sibirien. Und dort hinten in weiter Ferne knntest du die
Eiswsten der Nordpolarlnder glitzern sehen, wenn wir uns auf der
andern Seite befnden. Aber allerdings besteht euer Weltkrper, bis auf
den paradiesischen mittleren Grtel, aus einer einzigen den, kahlen
Felswste, die ausgedehnter ist als die ganze Oberflche unserer Erde.
Darin haben wir doch etwas vor euch voraus, unsere Wsten erstrecken
sich auf verhltnismig kleine Gebiete.

Da arbeitet ihr gewi auch emsig an ihrer Fruchtbarmachung wie wir?

Durch Erbohrung von Quellen wird allerdings einiges in dieser Richtung
versucht, doch sind wir weit davon entfernt, so Gewaltiges zu leisten,
wie deine Brder dort oben.

Heliastra sah nach dem sdlichen Himmel.

Ich sehe meine Heimat! sagte sie. Ein kleiner Stern. Ich sehe auch
ihren Rosenmond, ein winziges Pnktchen! Wenn du meine Augen httest,
knntest du sie auch erblicken. Wie weit, wie weit sind wir von dort.
Aber Gottes Welt umfat unsere Erde, die ihr Eden nanntet, wie die eure;
es ist doch ein einziges groes Gottesreich und da reist man von einem
Land zum andern.

Hast du kein Heimweh? fragte Heinz teilnahmvoll.

Heimweh bei dir? frug das Elfenkind zurck, und lachend strahlten ihn
die Blauaugen an. Nein! Bei dir wird immer meine Heimat sein, und wie
freue ich mich doch auf die Welt, wo ich soviel mehr tun kann in
helfender und trstender Liebe, als es in unserm schmerzlosen Lande
mglich wre.

Du bist ein Engel! rief Heinz und kte die Anschmiegende beseligt.

Was ist dort fr eine groe Insel? fragte die Holde nun wieder.

Das ist Australien, erklrte ihr Gatte. Siehst du, auch dort kannst
du eine ausgedehnte Wste erkennen; da wre ich selbst einmal beinahe
verdurstet und elend ums Leben gekommen, wenn mich nicht Gott im letzten
Augenblick zum rettenden Wasser htte gelangen lassen.

Du rmster, sagte Heliastra und ihre Augen leuchteten ihn an voll
himmlischen Mitleids.

Und das groe Land dort drben ist Afrika, fuhr Heinz fort. Dort
leben meine Brder und meine Schwester Sannah. Aber schau, vor uns
tauchen die Eisgebirge des Sdpols auf! Wir kommen der Erde immer nher.
Ich frchte, wir landen im Eismeer!

Das war allerdings zu besorgen; denn dorthin fhrte ihr schrger Sturz
die Sannah.

Herein! rief Flitmore durch die Lucke den beiden zu. Der Aufenthalt
dort drauen wird gefhrlich. Ich mu von jetzt ab abwechselnd meinen
Fliehstrom ein- und ausschalten, auch mit der Parallelkraft arbeiten,
damit wir uns einen gnstigen Landungsplatz aussuchen knnen, und da
knntet ihr einmal aus eurem Mastkorb geschleudert werden.

Gehorsam begab sich das junge Ehepaar hinein ins Sdpolzimmer und die
Lucke wurde geschlossen.

Auf der Erde wurde es Abend. Die Heimkehrenden nahmen eine letzte
Nachtmahlzeit in der Sannah zu sich, dann beorderte sie Flitmore zur
Ruhe.

Er selber wollte diese Nacht wachen und die Landung bei gnstiger
Gelegenheit bewerkstelligen. Er hatte dabei einen besonderen Plan, eine
berraschung fr alle; wie er hoffte, eine freudige berraschung auch
fr andere Erdenwesen, die ihm lieb waren.




                             56. Sannah.


In der Stille der Nacht lenkte der Lord sein getreues Weltschiff in
rascher Fahrt ber Flsse, Gebirge und Seen. Der Vollmond beleuchtete
die Landschaft und Flitmore kannte sich darin aus.

Endlich hatte er seinen Landungsplatz gefunden und die Sannah senkte
sich auf eine grne Wiese herab.

Der Englnder sah auf die Uhr.

Noch vier Stunden bis Sonnenaufgang, murmelte er. So will ich denn
auch noch einen Schlaf tun, um recht frisch zu sein, wenn uns ein
schner Morgen aufleuchtet.

Er weckte John. Halte du diese Nacht vollends Wache. Wir befinden uns
bereits auf festem Erdboden und es wird nichts vorkommen. Sobald die
Sonne aufgeht, weckst du zuerst mich, dann die andern. So sprechend
legte er sich zur Ruhe.

John ffnete die Lucke des Sdpolzimmers und sah hinaus. Er war doch
neugierig, wo man sich befand. Seinen Herrn hatte er nicht fragen mgen,
da dieser von selber nichts gesagt hatte.

Was war das fr eine Landschaft? Merkwrdig bekannt kam sie Rieger vor.
Aber England war das nicht, noch weniger Deutschland; es konnte nichts
andres als Afrika sein!

Da wiegten schlanke Palmen ihre Wedel in der Vollmondnacht, dort
dmmerten dichte Bananenhaine und nicht ferne glitzerte der Spiegel
eines Sees, an dessen linkem Ufer im Osten eine Hochgebirgslandschaft
aufragte.

Das ist sozusagen nichts andres als der Albert-Edward-Njansa, sprach
John zu sich selbst, und dieses Dach in der Nhe zwischen den
Baumwipfeln drfte die Farm des alten Herrn Piet Rijn sein. Nein! Das
wre sozusagen eine berraschung fr meine Lady Mietje und auch fr den
Herrn Professor und dann erst fr die Familie des Herrn Rijn und
Frulein Helene -- ach nein! Frau Rijn mu man ja jetzt sagen, Frau
Hendrik Rijn! Und fr ihren Herrn Gemahl, den lieben Herrn Hendrik! Wenn
das wre! Und die tapfere Zwergprinzessin ist ja wohl auch bei ihnen.
Nein! Wie ich mich freuen wrde, die kleine schne Tipekitanga wieder
einmal zu sehen!

Er mute sich berzeugen und begab sich in das nchste Gemach, das jetzt
nordwrts schaute. Richtig! Da ragte die Gletscherkuppe des Ruwenzori
gewaltig empor und glnzte im Mondlicht.

Kein Zweifel! Man befand sich unmittelbar in der Besitzung des Buren
Piet Rijn an den Ufern des Albert-Edward-Sees! John lchelte vor sich
hin; das war ein feiner Gedanke seines Herrn, seinen Schwiegervater
aufzusuchen.

In der Farm Piet Rijns regte es sich zu derselben Zeit. Eine junge
blhende Frau hatte sich von ihrem Lager erhoben und schaute zum Fenster
hinaus.

Sie rieb sich die Augen: was war das fr eine ungeheure Kugel, die ber
die Baumwipfel im Osten emporragte? Wie glitzerte die gewlbte
Oberflche im Mondschein?

Die junge Dame war Sannah, die Tochter des Farmers Piet Rijn, die zur
Zeit mit ihrem Gemahl, Doktor Otto Leusohn, einem deutschen Arzt, der
sich in Ostafrika niedergelassen hatte, zu Besuch auf der vterlichen
Farm weilte.

Sie huschte an das Bett ihres Gatten und weckte ihn mit einem Ku.

Otto, sagte sie, ich hatte einen so merkwrdigen Traum, als ob eine
groe, groe Kugel durch die Luft daherkme, und, denke dir, wer
herausstieg?

Nun?

Meine Schwester Mietje und unser Schwager Charles Flitmore!

Ein schner Traum in der Tat, sagte Leusohn lachend, da er gleich
vllig munter geworden war, wie es sich fr einen Arzt ziemt. Und nun
glaubst du wohl, er werde sich noch diese Nacht erfllen?

Ich wei nicht! Aber wie ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich die
Kugel meines Traumes ber die Baumwipfel ragen.

Das wre! rief Leusohn erstaunt und sprang aus dem Bett. Ein Blick
durch das Fenster berzeugte ihn, da da allerdings etwas Fremdes und
Merkwrdiges ganz in der Nhe lagerte.

Wollen wir hingehen und sehen, was es ist? fragte Sannah.

Ich bin dabei! erwiderte ihr Mann.

Whrend seine junge Frau sich eiligst ankleidete, klopfte er an die
dnne Bretterwand, die das Schlafgemach vom Nachbarzimmer trennte.

Was ist los? fragte dort eine schlaftrunkene Stimme.

Ich wei nicht, antwortete Leusohn; aber jedenfalls hat sich etwas
ganz Seltsames zugetragen. Sannah und ich wollen der Sache auf den Grund
gehen, willst du uns nicht begleiten, Hendrik.

Selbstverstndlich! rief dieser zurck. Ich mache mich gleich
fertig.

Und ich gehe natrlich auch mit euch, rief eine helle Frauenstimme aus
dem Nebengemach. Das war Leusohns Schwester Helene, die Gemahlin Hendrik
Rijns.

Als Hendrik und Helene vollstndig angekleidet waren und ihr
Schlafzimmer verlieen, kam ihnen im Vorgemach eine schlanke
Mdchengestalt entgegen.

Es war eine auffallend hbsche, wohlgewachsene kleine Negerin von
lichter Hautfarbe und mit prchtigen blitzenden Augen. In Wahrheit war
sie kein kleines Mdchen mehr, wie es auf den ersten Blick scheinen
mochte, sondern eine ausgewachsene Dame, aber aus dem Geschlecht der
Zwerge. Trotz ihrer vornehmen Geburt, denn sie war eine knigliche
Prinzessin, diente sie Helene als getreue Kammerzofe und Mdchen fr
alles, namentlich auch als Begleiterin auf Jagdausflgen; gab es doch
keine so treffliche Jgerin mehr in ganz Afrika wie das liebliche
Zwergfrulein.

Ihr wollt in die Nacht hinaus? fragte die Kleine. Tipekitanga wird
mit euch gehen.

Das ist recht, du treue Seele, lobte Helene Rijn und streichelte ihr
die zarte Wange.

Jetzt erschien auch Doktor Leusohn mit seiner Gattin, die von ihrer
Dienerin Amina, einer auffallend hbschen Somalinegerin, begleitet
wurde.

Sannah begrte ihren Bruder Hendrik und ihre Schwgerin Helene mit
einem Ku; auch Otto Leusohn kte seine liebe Schwester und seinen
Schwager herzlich, dann erzhlte er den Traum seiner Frau und die
wunderbare Erscheinung, die man vom Fenster aus beobachten konnte.

Whrenddessen hatten sie sich schon ins Freie begeben und eilten in der
Richtung dahin, in der man zu der rtselhaften Kugel gelangen mute.

Als sie aus dem lpalmenwldchen hinaustraten auf die freie Grassteppe,
standen sie staunend still; vor ihnen ragte der dunkle Kolo, eine
ungeheure schwarze Kugel. Der Mond war untergegangen und so sah die
dunkle Masse finster und drohend aus, als knnte sie im nchsten
Augenblick daherrollen und die Menschlein zu ihren Fen zermalmen.

Die Kugel meines Traumes! rief Sannah.

Deinem Traume nach mte sich aber Mietje in ihrem Innern befinden,
sagte Leusohn.

Da oben schaut ja ein Mann heraus, rief nun Helene.

Die dunkle Gestalt, die sich aus einer Lucke der Sphre herausbeugte,
lie nun auch ihre Stimme vernehmen:

Wenn ich mir gestatten darf, Sie an Ihrer mir immer noch wohlbekannter
Weise in lieblichster Erinnerung befindlichen Stimme erkennen zu drfen
und Sie mir dieses nicht fr bel aufzunehmen belieben, so wren ja
dieses Sie, Frulein Helene oder vielmehr, weil ich mich darin immer
wieder verspreche, Frau Rijn und Herr Hendrik, sowie Frulein Sannah
oder sozusagen jetzt Frau Doktor Leusohn mit ihrem wertesten Herrn
Gemahl?

Helene lachte hell auf. Nein! Solche Redensarten fhrt kein Mensch auf
der Welt, sagte sie, als einzig und allein Johann Rieger, Lord
Flitmores edler Diener.

Oho! rief Leusohn. Dann hast du doch wohl einen prophetischen Traum
gehabt, liebe Sannah! Wenn John da Auslug hlt, dann drften Schwager
Charles und Mietje auch nicht ferne sein.

Nein, diese Freude! jubelte John. Aber entschuldigen Sie, wenn ich
meine bescheidene Persnlichkeit fr einen Augenblick zurckzuziehen in
die Lage mich versetzt fhlen mu, indem da die Sonne bereits ihren
Aufgang hlt, wo ich verpflichtet bin, meinen gndigen Lord zu wecken.

John verschwand und drunten plauderten die jungen Menschen ganz
aufgeregt und glcklich durcheinander: was war das fr ein wunderbarer
Bau, und wie konnte Flitmore mit ihm von England nach Afrika reisen?
Aber die Hauptsache war: er war gekommen und Mietje mit ihm, ein
unerwarteter und gar so lieber Besuch!

Zehn Minuten spter beleuchtete schon die aufgehende Sonne das
Weltschiff, als Flitmore und Mietje in der Lucke erschienen.

Hurrah! rief Leusohn: Da sind sie ja!

Hurrah! antwortete der Lord: Und ihr habt uns entdeckt? Willkommen,
Schwager Otto, willkommen, Schwager Hendrik! Willkommen, meine lieben
Schwgerinnen Helene und Sannah: die groe Sannah kam, euch zu gren.

Nein, da ihr auch gerade hier seid, Sannah und Otto! jubelte Mietje
herab: Das ist gar zu schn! Und da ist ja auch unsre Zwergprinzessin
und die treue Amina!

Jambo, jambo! riefen die beiden Negermdchen frohlockend hinauf.

Inzwischen hatte John die Strickleiter befestigt und der Lord und seine
Gattin beeilten sich hinabzusteigen. Gleich hinter ihnen erschien
Professor Schultze.

Mietje und Sannah flogen einander in die Arme; Flitmore kte herzlich
seine Schwger und Schwgerinnen und sogar die kleine Zwergprinzessin,
die solcher Ehre wohl wert war. Ebenso innig begrte Lady Flitmore, als
sie sich aus der Schwester Armen herausgefunden, ihren Bruder Hendrik
und dessen Gattin, sowie den Doktor, ihren Schwager, und alsdann
Tipekitanga und Amina.

Inzwischen hatte auch der Professor sich der Gruppe genhert und wurde
mit krftigem Hndeschtteln von den alten lieben Bekannten begrt, mit
denen er einst auf afrikanischem Boden so manches Abenteuer erlebt
hatte.

Heinz und Heliastra waren mittlerweile ebenfalls der Sannah entstiegen.

Sie waren hier noch unbekannt und blieben etwas abseits stehen; doch
wurden sie bald bemerkt und hohes Staunen erfllte Hendrik und Leusohn
und deren Gattinnen, als sie die wunderliebliche Gestalt und das in
berirdischer Schnheit strahlende Gesicht des fremden Mdchens
erschauten.

Sie verstummten und fhlten sich von einem seltsamen Zauber gefangen
genommen, der von dem engelgleichen Wesen ausging, das von einem
schneeweien, zarten Gewebe umflossen vor ihnen stand. Sie bewunderten
diese blendende Erscheinung mit wahrer Andacht und frommer Scheu: sie
erschien wie ein Geschpf aus einer andern vollkommeneren Welt, denn wie
konnte die Erde solche himmlische Reize hervorbringen? Und sie hatten
recht mit dieser Ahnung: Heliastra kam ja wirklich aus hheren Sphren.

Aber neben diesem Gefhl ehrfrchtiger Bewunderung wallte zugleich in
aller Herzen eine beseligende Liebe zu der Fremden auf: sie fhlten sich
ganz wunderbar zu ihr hingezogen. Die Reinheit, Milde und herzgewinnende
Freundlichkeit, die aus diesem lieblichen, rosenschimmernden Antlitz
lachte, vor allem aber aus den groen Augen, deren zartes Blau auf Erden
nicht seinesgleichen hatte, muten ja alle Seelen gefangen nehmen.

Heliastra ihrerseits schaute mit liebendem Wohlgefallen auf die Gruppe,
ihr Herzchen klopfte vor freudiger Aufregung und wogte besonders ihren
neuen irdischen Schwestern entgegen. Wie schn und wie lieb sahen sie
aus, wenn sie auch nicht so therisch waren wie Glessiblora und die
andern Mdchen Edens! Selbst ihre dunkelfarbigen Erdenschwestern, die
feingliederige Tipekitanga und die rundliche Amina kamen ihr reizend
vor.

Wer ist dies himmlische Geschpf? stammelte endlich Sannah mit
fliegenden Pulsen.

In Wahrheit ein himmlisches Geschpf! sagte Mietje: Denn wir haben
sie aus der himmlischen Welt der Fixsterne geholt. Und wie lieb und edel
sie ist, werdet ihr bald selber erfahren.

Aus der himmlischen Welt der Fixsterne? rief Helene ratlos. Was
sollten diese rtselhaften Worte bedeuten? Und doch! sie fhlte, da ein
berirdisches Geheimnis allein der Wahrheit entsprechen konnte; denn da
auf ein irdisches Wesen eine solche Anmut ausgegossen sein knnte,
schien ihr je lnger je mehr vllig undenkbar.

Es ist so, besttigte der Lord: Heliastra ist ein Gast aus den
himmelweiten Fernen der Fixsternwelt. Wie das alles zusammenhngt,
werden wir euch hernach erklren. Nun aber will sie unsre arme Erde als
ihre Heimat betrachten: eine edle Sehnsucht zog sie zu uns herab und die
Liebe ihres Herzens zu unserm edlen Freund Heinz Friedung, der ein Los
gezogen hat, wie es noch keinem Sterblichen zuteil wurde, auer etwa
mir, der ich eine Mietje Rijn zur Gattin gewann.

Frevler! rief Lady Flitmore und legte ihre kleine Hand auf des Lords
Mund: Wie kannst du es wagen, mich mit einer Heliastra zu vergleichen!

Das ist Heinz Friedung, der mit Ihnen Australien bereiste? wandte sich
nun Doktor Leusohn an Schultze.

Gewi! Eine Seele von einem Menschen und ein Held! Niemand htte ich
ein solch goldenes Glck so freudig gegnnt, wie gerade ihm.

Herzlich willkommen! rief Leusohn und umarmte den jungen Mann, der ihm
aus des Professors Briefen lngst bekannt und lieb war; ebenso strmisch
begrte Hendrik den neuen Freund, worauf auch Sannah und Helene ihm die
Hand schttelten.

Dann eilten die jungen Frauen auf Heliastra zu; doch hielt sie immer
noch eine andchtige Scheu zurck, der Holden eine Zrtlichkeit zu
erweisen, zu der sie ihr Herz trieb. Sie fhlten sich unwrdig so hoher
Gunst und streckten ihr zaghaft die Hand entgegen.

Heliastra aber schlang lchelnd ihre Elfenarme nach einander um Sannahs
und Helenes Hals und drckte warm ihre feinen Rosenlippen auf ihren
Mund. Seid ihr nicht meine lieben Schwestern? fragte sie dann
errtend.

Wenn wir es sein drfen, mit Stolz und Freude! erwiderte Helene und
Sannah fgte hinzu: Ich glaube, ich werde niemand so lieb haben knnen,
wie dich, ausgenommen natrlich meinen lieben Mann.

Ja, mein lieber Heinz geht auch bei mir allen andern vor, sagte
Heliastra mit einem zrtlichen Blick auf ihren Gatten: Aber dann sollt
gleich ihr kommen. O, ich habe so viel Liebe, es reicht fr euch und die
ganze Welt!

Das ganze Gesprch wurde auf deutsch gefhrt, das Heliastra bereits
flieend sprach, und das aus ihrem Munde wie himmlische Musik und
Glockengelute klang.

Dann ging sie leichtfig auf Tipekitanga und Amina zu, die scheu
bewundernd beiseite standen, umarmte und kte auch sie und sprach: Ihr
seid doch auch meine lieben Schwestern von der Erde?

Amina war ganz stumm vor Glck und groer Verlegenheit, zugleich aber
hob sich ihr Herz in seligem Stolz.

Tipekitanga aber sah die himmlische Schwester mit einem strahlenden
Blicke an und flsterte nur: O, liebe, liebe Herrin!

Hierauf reichte Heliastra Hendrik und Leusohn das durchsichtige Hndchen
mit warmer Herzlichkeit; die Mnner aber wagten nicht, fest zuzugreifen,
so zart erschien ihnen diese Elfenhand, auf die sie einen ehrerbietigen
Ku drckten.

Da aber pltzlich wurde es in der Hhe laut und der Zauberbann, den
Heliastras Erscheinung ausbte, wurde fr eine Weile gebrochen.

O, schnde Erde! O, jmmerliche, erbrmliche Menschheit! grollte es
herab. Also da sind wir wieder gelandet auf dem armseligsten aller
Planeten? Und da unten begren sie sich und kein Mensch denkt an mich,
Kapitn Hugo von Mnchhausen, den berhmten Abu Baten, Pascha seiner
Kniglichen Hoheit des Khedive von gypten! Mich, mich lassen sie die
Begrungsszene verschlafen! Mich, die gewichtigste Persnlichkeit von
allen, behandeln sie als eine zu vernachlssigende Gre? Komm,
Heliastra, du Engelskind aus einer bessern Welt! La uns mit einander
diesen undankbaren Erdboden wieder verlassen und zurckkehren in die
seligen Sphren!

Halloh! Mnchhausen, unser herrlicher Kapitn, der schreckliche Abu
Baten! rief es unten durcheinander.

Dieser strmische Jubel vershnte den zrnenden Kolo und er turnte mit
erheiternder Gewandtheit die Strickleiter herab.

Als er keuchend den Erdboden erreichte, umringten ihn die Freunde und
Freundinnen und grten ihn mit solch herzlicher Freude, da er
erklrte: Na Kinder! Wenn ihr mich denn doch so gern habt, so will ich
mich, wenn auch schweren Herzens, entschlieen, wieder diesen heillosen
Planeten zu bevlkern!

Nun erst kam auch der bescheidene John herab, gefolgt von den
Schimpansen Dick und Bobs, und auch er wurde aufs freundlichste
willkommen geheien.

Ah! Da steht ja auch unsre herrliche Zwergprinzessin! rief
Mnchhausen: Komm an mein Herz, liebes Mdchen, fliege in meine Arme,
reizende Tipekitanga! Dein alter Onkel sehnt sich danach, dich an seine
treue Brust zu drcken!

Halt, halt! lachte Leusohn, als der Kapitn wirklich Miene machte, die
zarte Gestalt zu umarmen: Sie wrden ja unsre kleine Heldin erdrcken
und erwrgen. Fr solch zerbrechliche Wesen sind Ihre Liebkosungen denn
doch zu gefhrlich.

Sie haben recht, wie immer, weiser Doktor, sagte Mnchhausen und lie
die Arme wieder sinken. Na, dann gib mir dein Patschhndchen,
vortrefflichstes aller Prinzechen! Und er drckte ihr vorsichtig die
kleine Hand.

Nun erschien auf einmal Piet Rijn, der greise Bure, auf der Bildflche,
gefolgt von seinen brigen Shnen Frans, Klaas und Danie.

Frans hatte von der Farm aus das Weltschiff in der Morgensonne strahlen
sehen, und da bald bemerkt wurde, da Hendrik und Leusohn mit ihren
Frauen und deren Dienerinnen ausgeflogen waren, beschlo der wrdige
Alte, nachzusehen, was dort drben los sei.

Hocherfreut umarmte er seine Tochter Mietje und seinen Schwiegersohn,
den Lord, begrte herzlich den Professor und ebenso Heinz und
Mnchhausen, die Flitmore ihm vorstellte. Von letzterem besonders hatte
er ja durch seine Shne, sowie Sannah, Helene und Leusohn des Rhmlichen
genug erfahren. Ebenso freudig bewegt begrten die Brder Mietje, den
Lord und dessen Gefhrten. Auch John wurde nicht vergessen.

Mit hoher Bewunderung wurde auch die Perle der Gesellschaft, Heliastra,
willkommen geheien, dann begab man sich gemeinsam nach dem Wohnhause
der Familie Rijn.

Unterwegs schimpfte Mnchhausen: Nein, es ist doch ein wahres Elend auf
dieser Erde! Wie leichtfig war ich doch auf dem Planeten Eden! Ach!
Wenn ich an dieses Hpfen und Schweben denke! Und jetzt? Eine Schinderei
ist es, solch einen stattlichen Leib, wie ich ihn besitze, schwerfllig
ber den Erdboden zu schleppen!

Auch Heliastra hatte bemerkt, da es sich auf Erden nicht so leicht
wandelte, wie in ihrer heimischen Welt. Sie machte einen Versuch, sich
wie dort in die Lfte zu erheben, aber damit war es hier nichts! Mit
einer leisen, bedauernden Enttuschung in der Stimme sagte sie zu ihrem
Gatten: Heinz, hier kann ich nicht mehr fliegen!

Wenn nur unsere Seelen fliegen! erwiderte er trstend.

Doch Heliastras heiteres Gemt berwand rasch die Enttuschung. Zu was
wollte sie fliegen, wenn es ihrem Heinz doch versagt war? Und sie
schwebte so leichtfig ber den Erdboden, dahin, wie kein Menschenkind
es vermochte.

Wie eine Elfe! dachte Sannah.

Helene und Sannah eilten nun voraus in die Farm, um mit Aminas und
Tipekitangas Hilfe einen tchtigen Morgenimbi zu bereiten, zu dem John
noch Frchte und Konserven von Eden aus der Sannah holen mute, die
hohes Staunen erregten und den unkundigen Erdenkindern einen nie
geahnten Genu bereiteten.

Inzwischen wurde lebhaft geplaudert und zunchst in aller Krze von der
wundersamen Weltfahrt berichtet.

Wie ein Mrchen klangen diese Berichte, und Leusohn meinte: Wenn uns
Kapitn Mnchhausen das alles erzhlte, so wte ich ja, wo ich daran
bin; so aber kenne ich mich wahrhaftig nicht mehr aus! Und das alles
soll wirkliche, selbsterlebte Wahrheit sein und kein wunderbarer Traum?

Hast du schon solche Frchte und Baumzweige gesehen und gekostet?
fragte Helene ihren zweifelnden Bruder. Gibt es Milch und Honig, Butter
und Fruchtsfte auf der weiten Erde, wie diese paradiesischen Gensse,
die uns aus einer fernen Welt gebracht und aufgetischt worden sind?

Und vor allem, fgte Sannah hinzu, als ihr Gatte seiner Schwester
daraufhin nichts zu erwidern wute, ist dieses engelgleiche Wesen,
Heliastra, nicht ein augenscheinlicher Beweis fr die Wahrheit alles
dessen, was unsere staunenden Ohren vernehmen?

Ihr habt recht, meine Lieben, gab nun der Doktor zu, und wenn ich
mich berzeugt habe, da ich das alles nicht selber trume, dann mu ich
es ja schlielich glauben. In der Tat zweifle ich lebhaft, ob nicht
selbst unseres Kapitns groartige Phantasie zu schwach wre, solche
Wunder auszudenken.

Oho! verwahrte sich Mnchhausen. Warten Sie ab, bis _ich_ zu erzhlen
beginne, etwa von den sechsbeinigen Marsmenschen und dergleichen!

Und mir zu Ehren hast du dein mrchenhaftes Fahrzeug Sannah
geheien? fragte Leusohns Gattin ihren Schwager Flitmore.

Gewi! Und sie hat dir Ehre gemacht; sie hat sich treu und zuverlssig
erwiesen, lautete die Antwort.

Tipekitanga aber strahlte vor Stolz und Glck, als sie erfuhr, da auch
sie einer so auerordentlichen Ehrung gewrdigt worden war, und da ein
kleiner, aber an Wundern und zauberischen Reizen reicher Weltkrper
ihren Namen erhalten hatte. Ebenso stolz war Amina, da ein Komet nach
ihr benannt worden war.

Mehrere Wochen blieben unsere Freunde auf Piet Rijns Farm, glcklich
inmitten ihrer Lieben, dann nahmen sie Abschied, doch nicht auf immer.

Sie bestiegen noch einmal die Sannah; Mnchhausen wurde in Adelaide
abgesetzt; Professor Schultze, Heinz und Heliastra verlieen endgltig
das Weltschiff, als es Berlin erreichte.

Kurz darauf landete Lord Flitmore mit Mietje und John nebst den treuen
Schimpansen vor seinem Schlo in England, um zunchst hier zu verweilen,
spter aber die Sannah zu einer neuen Weltfahrt praktischer auszursten
unter Benutzung aller Erfahrungen, die auf ihrer ersten Reise gemacht
worden waren, die er nur als eine Probefahrt ansah.

Ein nochmaliger Besuch des Planeten Eden war fr den Lord und Mietje vor
allem eine ausgemachte Sache; dies waren sie schon Heinz und Heliastra
schuldig, denen sie versprochen hatten, sie in ein paar Jahren dorthin
mitzunehmen, damit die Tochter Edens ihren Eltern und Geschwistern
berichten knne von dem segensreichen Wirken ihrer erbarmenden Liebe auf
der fernen Erdenwelt.

Im brigen war Lord Flitmore entschlossen, noch mehrere Weltschiffe nach
dem Muster der Sannah zu bauen, um einen regen Verkehr der Erde mit den
Planeten und der Fixsternwelt anzubahnen.

Bei der nchsten Reise wrde also vermutlich gleich eine wohlbemannte
Flotte von der Erde in den Weltraum sich erheben, und das schnste und
am vollkommensten ausgestattete dieser Weltschiffe sollte auch den
schnsten und wrdigsten Namen tragen, den Namen _Heliastra_.




                              Nachweise.


Als Quellen fr die astronomischen Tatsachen, die in die Erzhlung
verflochten sind, dienten mir hauptschlich:

1. Einige Artikel aus Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften.

2. Carl Snyder. Die Weltmaschine. Erster Teil: Der Mechanismus des
Weltalls. Autoris. deutsche bersetzung von Dr. Hans Kleinpeter. Leipzig
1908. J. A. Barth. 451 S.

3. Dr. Hermann J. Klein. Kosmologische Briefe ber die Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft des Weltbaues. Fr Gebildete. 3. Aufl. 1891.
Leipzig. Ed. H. Mayer. 308 S.

4. Prof. Dr. Walter F. Wislicenus. Prof. an der Universitt Straburg.
Astrophysik. 2. Aufl. Leipzig. G. J. Gschen. 1903. 152 S.

5. A. F. Mbius. Astronomie. 8. Aufl. bearbeitet von Prof. H. Cranz.
Stuttg. G. J. Gschen. 1894. 148 S.

6. Prof. Dr. Zech. Himmel und Erde. Eine gemeinfaliche Beschreibung des
Weltalls. Mnchen. R. Oldenbourg. 1870. 293 S.

7. Dr. M. Wilh. Meyer. Sonne und Sterne. Stuttgart. Kosmos, Franckh.
1907. 106 S.

8. Hermann J. Klein. Das Sonnensystem. 2. Aufl. Braunschweig. Vieweg.
1871. Bd. I 351 S. Bd. II 371 S.

9. J. J. von Littrow. Die Wunder des Himmels. 5. Aufl. Stuttg. Gustav
Weise. 1866. 1024 S.

10. Camille Flammarion. Urania. bers. v. Karl Wenzel. Pforzheim. O.
Riecker. 1894. 234 S.

                   *       *       *       *       *

In folgendem bezeichne ich der Krze halber Quelle 2 mit Sn. (Snyder), 3
mit K. B. (Kosmologische Briefe), 4 mit W. (Wislicenus), 5 mit M.
(Mbius), 6 mit Z. (Zech), 7 mit Me. (Meyer), 8 mit K. (Klein), 9 mit L.
(Littrow), 10 mit F. (Flammarion).

Kapitel 4. Geschwindigkeit des Lichts Sn. 29. 273. 275-76. Me. 87. Z.
46. M. 89-92 usw.

Kapitel 5. Anziehungskraft, Schwerkraft, Gravitation M. 94-100. L.
677-700. Z. 140-144. Sn. 243-251. Erdbewegungen Sn. 224, 277, 307-308.
F. 191-195. Hhe der Atmosphre M. 28. Absoluter Nullpunkt (-273) K. B.
225. Groe Inversion: Daheim Nr. 9, Jahrg. 1909 (28. Nov. 1908)
Sammlerdaheim. Klte im Weltraum K. B. 224-225.[1] Theorie ber die
Gravitation aus Anziehung und Abstoung, ber die Erfllung des
Weltraums mit verdnnter Luft und ber die Strahlung -- vom Verfasser
aufgestellt.

[Funote 1: Zur Guten Stunde 1909, Heft 21, S. 500-502. (Felix Linke:
Vom Luftmeer der Erde.)]

Kapitel 6. Lufthlle des Monds L. 464-465. W. 87-88.
Dmmerungserscheinungen K. B. 214 (Tyndall), 213-219. Sterne vor der
Mondscheibe L. 465. Wasserlosigkeit K. I 122-123. L. 464-465.
Allgemeines ber den Mond und seine Ringgebirge K. I. 100-134. W.
63-105. L. 450-483. K. B. 197-235. Z. 167-183. M. 53-68. Gebirge bis zu
10000 Meter Z. 171. Vernderungen (Krater Linn und Messier) K. I
119-120. K. B. 204-206. 209-212. W. 94. Strahlenerscheinungen W. 81-82.
Rillen W. 80-81. Neubildungen W. 96-97. Farben und Pflanzenwuchs K. B.
216-223. 225. W. 97-98. Libration Z. 172. L. 468. Entfernung des Mondes
von der Erde Sn. 29. 337 usw. Rckseite des Mondes L. 457-458.

Kapitel 8. Richtige Begriffe ber die Erde und die Planeten im Altertum
Sn. 61. Aristarch Sn. 86-90. 107. Bion Sn. 66-69. Apollonius von Perg
Sn. 90-91. Hipparch Sn. 90-91. Pythagoras Sn. 99. Eratosthenes Sn.
74-78. Archimedes Sn. 120-122. Strabo Sn. 78-79. Posidonius Sn. 92-94.
Demokrit Sn. 126-138. Cheopspyramide Sn. 70. Kopernikus Sn. 163. L.
164-168. Giordano Bruno Sn. 176. Mglichkeit der Unrichtigkeit des
Kopernikanischen Systems Sn. 161 (Anmerkg. des Herausgebers). Keppler
und seine Gesetze Sn. 180-184. L. 179-202. M. 79-80. Galilei Sn.
190-202. Newton Sn. 245. 249 (243-251). M. 94-100. L. 677-700. Z.
140-144. Cassini Sn. 221-223. Rmer und Leverrier Sn. 223. Herschel Sn.
307-311. 290-291. Laplace Sn. 283-288. Bessel Sn. 318-319.

Kapitel 9. Nichtexistenz der Marskanle entdeckt von Prof. Hale (amerik.
Astronom). Sitzung der engl. Astron. Gesellsch. Staats-Anz. f. Wrtt.,
Nr. 2, 4. Jan. 1910. Deutsche Reichspost, Nr. 3, 5. Jan. 1910. Wie es
auf dem Mars aussieht (Bewohnbarkeit) nach Prof. Edward S. Morse im
World Magazine (Das Neue Blatt, Berlin, 1906, Nr. 52, S. 822).
Entfernung des Mars Sn. 337. Mars K. B. 249-263 (Atmosph., Umlaufzeit,
Halbmesser, Dichtigkeit, Rotation, Jahreszeiten, Schneeflle, Bewlkung,
rote Farbe, Kanle und ihre Vernderungen). W. 119-127. Z. 154-155. M.
108-110. K. I. 135-140. L. 150. 384-388.

Kapitel 10. Tage und Jahreszeiten auf dem Mars K. B. 250-251.

Kapitel 11. Riesige Regenwrmer der Vorwelt sind sehr wahrscheinlich.
Heute noch finden sich auf der Insel Kwidscheri im Kiwusee Regenwrmer
von mehr als 40 cm Lnge und reichlich Daumendicke (^Benhamia spec.^).
Siehe: Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg: Ins innerste Afrika, S.
184-185.

Kapitel 14. Marsmonde M. 93-94 usw.

Kapitel 15. Sternschnuppen und Meteore K. B. 149-180. W. 139-140. Z.
93-106. M. 125-130. K. I. 246-249. L. 706-709. Kometenhnliche Bahnen
der Meteorschwrme Sn. 256. Auflsung des Bielakometen Sn. 266 (siehe
auch Kapitel 18). Meteoriten innen kalt bei geschmolzener Oberflche Sn.
421. K. B. 149-151. Boliden und Feuerkugeln K. B. 154. Meteore scheinen
aufgelste Kometen K. B. 168. Meteoriten knnen vom Monde stammen,
Sternschnuppen nur von Kometen K. B. 175-178. Stoffe der Meteore K. B.
178-180. Geschichtliche Meteorflle K. I. 263-344. Peary raubt den
Eskimos ihre Meteoreisensteine. General-Anzeiger Pforzheim, 22. Febr.
1910, Nr. 44. Unterhaltungsbeilage zur Deutschen Reichspost, 2. Mrz
1910, Nr. 50. Diamanten in Meteorsteinen. General-Anzeiger Pforzheim,
22. Febr. 1910, Nr. 44. Meteoritenregen in Mugello. Deutsche Reichspost,
7. Febr. 1910, Nr. 30.

Kapitel 16. Asteroden oder Planetoden Z. 156-160. M. 82-87. K. I.
141-154. L. 388-412. K. B. 264-266. W. 111-113. Sn. 292-295. Lufthlle
und nichtrotierende Brocken, eigene Theorie des Verfassers. Atalanta. K.
B. 265. Die Entdeckung der Planetoden Z. 156-159. M. 82-83. Sn.
292-293. K. I. 141-142. L. 390-405. Gau L. 391-392. Sn. 292-293.

Kapitel 18. Kometenbahnen K. B. 109-110. Schweif: Kometen und der
Halleysche Komet von J. Franz, Breslau (Deutsche Revue, herausgegeben
von Richard Fleischer. Stuttg., Leipzig. Deutsche Verlags-Anstalt.
Januar 1910). Diesem Aufsatz sind auch ber alle nachfolgenden Punkte
Einzelheiten entnommen. Schweif, ferner: Gen.-Anz. Pforzh., 1. Beiblatt
zu Nr. 27, 2. Febr. 1910 (auch Abstoung). K. B. 122 (auch elektr.
Abstoung). M. 119. K. I. 239-242. L. 496-502. Masse: D. Revue und Pf.
Gen.-Anz. wie oben. K. B. 114. 117. 124-125. M. 135-137. K. I.
245-246. L. 303-305. Kern: D. Revue und Pf. Gen.-Anz. wie oben,
Unterhaltungsbeil. z. D. Reichspost, 9. Febr. 1910, Nr. 32 usw.
Zusammensto mit einem Kometen: D. Revue und D. Reichspost wie oben.
Laplace. L. 532-534 usw. Frhere Kometenerscheinungen: Unterh.-Beil. z.
D. Reichspost, Nr. 303, 28. Dez. 1909. Halley-Komet: D. Revue wie oben.
M. 123. K. I. 257-259. L. 510-523. Bielakomet: M. 124. K. I. 252-255. L.
525-532. Septemberkomet 1882: M. 123. K. B. 139-140. Balgerei mit dem
Jupiter und Lexell-Komet: M. 123. Z. 88-89. K. B. 133-134.
Geschwindigkeit der Kometen: Sn. 262 usw. Kometen ferner: Z. 87-92. M.
116-118. K. I. 189-239. L. 493-570. W. 134-139. Leipziger Illustr.
Zeitg., Nr. 3456, 23. Sept. 1909 (Halley-Komet). Sn. 257-268.
Teufelsschlucht in Arizona: Unterh.-Beil. z. D. Reichspost, 12. Febr.
1910, Nr. 35.

Kapitel 19. Jupiter: Sn. 338. K. B. 266-288. W. 128-129. Z. 160-161. M.
111. K. I. 155-160. L. 413-422. Jupitermonde: W. 130. M. 88-94. K. I.
160-166. Albedo: W. 85. 110-111.

Kapitel 20-22. Saturn: W. 131-133. K. B. 289-296. K. I. 167-179. L.
422-438. Z. 162-164. M. 114-115. Dichtigkeit = spezif. Gewicht: W. 8.
Saturnmonde und ihre Entdeckung: Sn. 235. M. 92-93. K. I. 175-179.

Kapitel 26. Uranus: Sn. 289-290. K. B. 297-300. W. 134. Z. 164. M. 116.
K. I. 180-182. L. 438-439. 4 Uranusmonde: W. 134. K. I. 182-184. M. 93.
L. 439-440. Neptun: Sn. 291-294. 299-300. 28-29. K. B. 301-302. W. 134.
Z. 164. M. 116. K. I. 185-187. L. 441-443. 752-772. Neptunmond: W. 134.
M. 93. K. I. 187-188.

Kapitel 27. Die wrtlich angefhrten Stellen siehe: Sn. 146-147. 115.
349. 350. 447. 381. 383. K. B. 182. 27-28. F. 77. 115. Verschiedene
Geschwindigkeiten: Zeitungsnotiz. Sn. 325. Z. 46.

Kapitel 28. Aberration: Z. 44-55. Sn. 277. Z. 48-50. L. 121-136. Zahl
der Fixsterne: Me. 59-61 usw. Parallaxe: Sn. 317-319. Z. 36-44. Me.
8-10. K. II. 146-158. L. 100-110. Entfernungen der Fixsterne und
nchster Fixstern: Sn. 29. 319-320. 338. 353. M. 136. Sirius, Arktur,
Canopus, Rigel, Deneb: Sn. 321-323. Rigel: Pforzh. Beobachter, Beiblatt
zu Nr. 56, 7. Mrz 1895. Spektralanalyse: Sn. 245. 330-331. W. 9-11.
29-36. Z. 22-30. K. II. 322-371. L. 292-299. Me. 77-79. Einteilung der
Fixsterne: Sn. 332. K. B. 9-16. W. 140-142. Me. 65. K. II. 18-36.
339-354. Eigenbewegung der Fixsterne: Sn. 333-334. M. 145-148. K. II.
111-145. L. 586-590. Me. 74-80. Dunkle Sterne: Sn. 177. 343-344. 352.
364. 369. Me. 73. M. 141. Lichtabsorption: Me. 63. K. II. 319-321. L.
583-584. K. B. 16. Vernderliche Sterne: Me. 66-68 (Miratypus). 68-69
(Lyratypus). 70-72 (Algoltypus). M. 139-140. K. II. 74-99. 345
(Miratypus). 352 (Algol). L. 573-574. 624-635. (Mira 627-628. Algol
628-629.) Unendlichkeit jenseits unsrer Erkenntnis: Me. 103-106.

Kapitel 32. Doppelsterne: Sn. 351. 352-354. 355-356. Me. 73-82. M.
141-143. K. II. 47-51. 159-227. L. 590-623. Vielfache Systeme: Sn. 357.
Me. 73-82. M. 143.

Kapitel 33. Bewohnbarkeit der Planeten: Sn. 176-177. K. B. 112-113.
207-209 (Korrespondenz mit den Mondbewohnern). 397. L. 443-449.

Kapitel 35. Edison: Wie unwissend sind wir! Wir wissen nicht, was
Schwere ist; auch kennen wir nicht die Natur der Wrme, des Lichts und
der Elektrizitt ..... (Pforzh. Gen.-Anz., 14. Jan. 1910, Nr. 11.)

Kapitel 38. Die Gesetze der Entstehung der menschl. Sprache hat der
Verfasser entdeckt.

Kapitel 43. David Gill: Rede ber die Bewegung und Verteilung der
Sterne im Raum. Jahrbuch der Naturkunde. 1909. (Leipzig, Karl
Prochaska.) Mappierung der Sterne: Me. 61. Sternnebel: W. 149-152. Z.
61-67. Me. 92-97. M. 144-145. K. II. 232-294. 354-361. L. 635-664. Zahl
der Sterne: Me. 59-61 usw. Milchstrae: Me. 98-103. K. II. 295-302. L.
581-582 usw.

Kapitel 46. Neue Sterne: Sn. 362. K. B. 16-19. W. 146-149. Me. 84-91. M.
140. K. II. 100-110.

Kapitel 47. Venus: Wrttemberger Zeitung, 9. Sept. 1909, Nr. 211, S. 17,
Der Glanz der Venus. Sn. 225. 337. K. B. 245-248. W. 111. 118-119. Z.
152. 154. M. 106-107. K. I. 62-74. L. 150. 360-384. Die Sonne:
Entfernung: Sn. 28. 29. 338. M. 46. Me. 10. Flecken: K. B. 60-80. W.
15-20. 51-52. Me. 25-34. 48-49. K. I. 10-17. 19-27. L. 306-326. Fackeln:
K. B. 80-82. W. 20-22. Me. 25-34. K. I. 17-18. L. 306. 326. Eruptionen:
K. B. 95-96. Protuberanzen: K. B. 82-83. 90-91. W. 23-26. Me. 25-34. K.
I. 36-39. L. 338-343. Photosphre: Me. 24. K. I. 19-22. L. 306. 327-328.
Chromosphre: K. B. 85-90. W. 23-26. Me. 24. 38. Korona: W. 26-27. Me.
25. 34-36. K. I. 31-36. L. 337-343. Helligkeit: W. 37. Wrme: Me. 15.
Granulation: Me. 23. Stoffe der Sonne: Me. 37-38. Gre, Dichte, Gewicht
usw.: Me. 22.

Kapitel 48. Meteore innen kalt, wenn auch auen geschmolzen: Sn. 421. K.
B. 149-151. Merkur: K. B. 240. M. 106-107. W. 117-118. Z. 152-153. K. I.
56-61. L. 149. 351-360.

Kapitel 50. Die hier neu auftretenden Personen sind den Lesern der
Erzhlungen Im Lande der Zwerge, Nach den Mondbergen und Ophir
schon bekannt.

                   *       *       *       *       *

Zu dem Grundproblem meiner Erzhlung finde ich nachtrglich noch eine
Rechtfertigung in Hans Dominik: Die Technik des zwanzigsten
Jahrhunderts, wo wir auf Seite 74 lesen: Kennen wir aber erst das
Wesen der Schwerkraft, so werden wir sie auch bald zu beherrschen
wissen. Und dann knnen wir den Blick von unserm Planeten fortwenden,
knnen als Beherrscher der Schwerkraft und im Besitze neuer,
unermelicher Energiequellen an die Eroberung unsers Sonnensystems, an
die Besiedlung andrer Planeten denken. Was vor kurzem noch eine
Ausgeburt der Phantasie erschien, kann ber Nacht Realitt gewinnen.
Dem fge ich bei, da die Beherrschung und berwindung der Schwerkraft
gelingen kann, auch ohne da wir zuvor ihr Wesen erkennen, beherrschen
wir doch die elektrische Kraft usw., ohne ber ihr Wesen sichere
Kenntnis zu besitzen.

                   *       *       *       *       *






                         Im Lande der Zwerge

   Abenteuer und Kmpfe unter den Zwergvlkern des innersten
   Afrikas. -- Erzhlung fr Deutschlands Shne und Tchter von
   Wilhelm Mader. Mit zahlreichen Illustrationen.

                           Preis Mark 4.50.

   Auf Grund wissenschaftlicher Forschungsergebnisse fhrt uns der
   Verfasser die Pracht der afrikanischen Tropenwelt mit Wesen und
   Sitten der schwarzen und weien Bewohner vor Augen, namentlich
   der hochinteressanten Zwergvlker Innerafrikas. Das alles
   erfahren wir in lebendigem Erleben, teilnehmend an den
   Jagdabenteuern und merkwrdigen Schicksalen einer Gesellschaft
   von Forschungsreisenden, deren mnnliche und weibliche Mitglieder
   der Leser liebgewinnen mu. Die erstaunlichen Rtsel, die uns auf
   Schritt und Tritt begegnen und die Spannung aufs hchste
   steigern, finden ihre zum Teil nicht minder erstaunlichen, stets
   aber einleuchtenden und wissenschaftlich wohl begrndeten
   Lsungen. -- Obgleich das Buch eine abgeschlossene Erzhlung
   bildet, wird gewi jeder Leser begierig sein, die ferneren
   Schicksale der sympathischen Helden zu erfahren, wie sie in den
   anschlieenden Bchern Nach den Mondbergen und Ophir in
   bestndiger Steigerung geschildert werden, wo namentlich die
   edelmtige, heldenhafte kleine Zwergprinzessin Tipekitanga
   eine glnzende Rolle spielt.

           Verlag fr Volkskunst, Richard Keutel, Stuttgart


                         Nach den Mondbergen

   Eine abenteuerliche Reise nach den rtselhaften Quellen des Nils.
   -- Erzhlung fr Deutschlands Shne und Tchter von Wilhelm
   Mader. Mit zahlreichen Illustrationen.

                           Preis Mark 4.50.

   Nicht etwa um eine Fahrt nach dem Mond handelt es sich, sondern
   um eine Reise nach den rtselhaften Nilquellen, die den
   geheimnisvollen Mondbergen der Alten entspringen. Den
   Albert-Edward-See entlang, durch Ruanda, ber die
   Virunga-Vulkane, den Kiwu und Tanganjika zieht sich die Reise bis
   zum Lokinga-Gebirge und macht den Leser mit Land und Leuten nach
   den neuesten Forschungen grndlich vertraut, aber stets in
   lebendig unterhaltender und anschaulicher Weise. Reich an
   fesselnden und spannenden Ereignissen, erreicht die Erzhlung
   ihren Hhepunkt in den Schlukapiteln, die dem Leser die
   Geheimnisse der Nilquellen enthllen, ihre berwltigenden Wunder
   vor Augen fhren und die Rtselfragen, die seine Erwartung spannten,
   in groartiger Weise zur Lsung bringen. Erheiternd wirkt
   zwischenhinein namentlich die mit kstlichem Humor gezeichnete
   Gestalt Kaschwallas, des schwarzen Falstaff.

   Die Erzhlung ist in sich abgeschlossen, bildet aber die Fortsetzung
   zu Im Lande der Zwerge und wird selber fortgesetzt und
   abgeschlossen durch Ophir, das dem Leser die ferneren Abenteuer
   der ihm liebgewordenen Afrikaforscher schildert.

           Verlag fr Volkskunst, Richard Keutel, Stuttgart


                               Ophir

   Abenteuer und Kmpfe auf einer Reise in das Sambesigebiet und
   durch das fabelhafte Goldland Ophir. Erzhlung fr Deutschlands
   Shne und Tchter von Wilhelm Mader. Mit zahlreichen
   Illustrationen.

                           Preis Mark 4.50.

   Diese dritte und letzte der Erzhlungen des Verfassers, die uns in
   gediegenster Weise mit den Wundern Zentralafrikas vertraut machen,
   ist, wie die andern, als selbstndige, abgeschlossene Erzhlung
   gegeben; doch bildet sie zugleich die Fortsetzung und den
   Abschlu der vorhergehenden (Im Lande der Zwerge und Nach den
   Mondbergen). -- Umfangreicher als die beiden andern, lt auch
   sie den Leser vom ersten bis zum letzten Kapitel nicht los: all
   die Rtsel des alten biblischen Ophir, sdlich vom Sambesi, die
   Irrfahrten, Abenteuer und wundersamen Erlebnisse der
   heldenmtigen Forscher fesseln und steigern die Erwartung von
   einer Episode zur andern. Das Buch enthlt ganz groartige
   Schilderungen, wie beispielsweise: die berlistung der
   Sklavenjger, die Fahrt durch die Stromschnellen des Sambesi und
   namentlich die mit staunenswerter Phantasie geschilderten
   springenden Wasser mit den Geheimnissen, die sie beschtzen:
   das sind Wirkungen von ganz einzigartiger Gewalt! Der schwarze
   Kaschwalla und der dicke Kapitn Hugo von Mnchhausen sorgen
   dafr, da der Leser ber dem Staunen und Ergriffensein das
   Lachen nicht verlernt, whrend die Taten der Zwergprinzessin zur
   Bewunderung hinreien. Wer die Stunden, die er dem Lesen von
   Ophir widmete, nicht zu den genureichsten seines Lebens zhlt,
   dem ist nicht mehr zu helfen! Dem Genu aber hlt der Gewinn, den
   der Leser daraus schpft, die Wage.

           Verlag fr Volkskunst, Richard Keutel, Stuttgart

   Prestimmen ber die Jugenderzhlungen von W. Mader

   Ein vorzgliches Buch fr die reifere Jugend, das in glcklichster
   Weise Phantasie und Wirklichkeit verbindet, belehrend,
   aufklrend, fesselnd von Anfang bis zu Ende. Der Bilderschmuck
   ist ausgezeichnet. Wir stellen es neben den Robinson und ber den
   Lederstrumpf.

                                          (Christlicher Bcherschatz.)

   Der Verfasser fhrt in Gebiete, die noch in keiner Jugendschrift
   beschrieben worden und die auch dem Gebildeten nahezu unbekannt
   sind. Namentlich aber um seines sittlichen Gehalts willen ist das
   Buch christlichen Eltern fr ihre Shne warm zu empfehlen.

                                     (Quellwasser frs deutsche Haus.)

   Mader vereinigt ein ganz erstaunlich ausgebreitetes und sicheres
   Wissen mit einer geradezu bewundernswerten Einbildungskraft ....
   Wie Mader beides zu befriedigen sucht, den Wissensdurst und den
   Hunger der Einbildungskraft der Jugend, das verdient sicher ernste
   Beachtung. Und wenn unsereiner im Alter auch noch gerne solche
   Bcher fr Knaben liest, so braucht er sich darum nicht zu
   schmen.

                         (Evangelisches Kirchenblatt fr Wrttemberg.)

   -- -- So ergibt sich wieder ein durch und durch spannendes Buch, ein
   Buch, das der Naturwissenschaft gleichsam vorauseilt und sich
   doch von ihr nicht so berckt zeigt, um dadurch religise und
   sittliche Werte in den Schatten stellen zu lassen. Die Freunde des
   El Dorado werden das neue Buch Maders ihren Kindern gewi wieder
   gerne auf den Weihnachtstisch legen; ja es wird wahrscheinlich
   noch eine grere Verbreitung finden.

                               (Kirchlicher Anzeiger fr Wrttemberg.)

   -- -- Das Ganze ist in packender, spannender Weise geschildert. Die
   Spannung wchst von Kapitel zu Kapitel und man legt das Buch
   nicht eher aus der Hand, bis das letzte Kapitel zu Ende ist. W.
   Mader besitzt die Gabe zu schildern, seine Feder zeichnet ein
   wunderbares Bild nach dem andern, ferne fremde Welten mit all dem
   geheimnisvollen Zauber, der sie umgibt, tun sich dem Lesenden auf
   und nehmen sein ganzes Interesse gefangen .... Fr die Knabenwelt
   kann neben El Dorado kaum ein passenderer Lesestoff fr den
   Weihnachtstisch empfohlen werden.

                                         (Generalanzeiger Reutlingen.)

   -- -- Auch wissenschaftlich ist das Buch von hohem Wert. Der
   Verfasser stellt darin ganz neue, einfach groartige technische
   Probleme auf, die er mit berzeugender Einfachheit lst. Durch
   eine Art Mnchhausenscher Abenteuer, die mit kstlichem Humor
   dargestellt sind, werden die vielen Begebenheiten der Erzhlung
   angenehm gewrzt ....

                                        (Deutschlands Jugend, Berlin.)

   -- -- Die mannigfaltigen und unerklrlichen Abenteuer und
   Erlebnisse, die das Leben der kleinen Gesellschaft tglich
   ausfllen und die sie bekannt machen mit dem Leben im australischen
   Busch, sind ungemein spannend geschildert und dabei so lebendig, da
   der Leser die Begebenheiten mitzuerleben vermeint.

                                                     (Ulmer Tagblatt.)




Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

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   [S. 4]:
   ... nicht, dies ausdrcklich hervorzuheben: kein Mench kann
       wissen, welche ...
   ... nicht, dies ausdrcklich hervorzuheben: kein Mensch kann
       wissen, welche ...

   [S. 13]:
   ... Kolben und Metallgefssen verwahrte er die chemischen Stoffe,
       aus denen ...
   ... Kolben und Metallgefen verwahrte er die chemischen Stoffe,
       aus denen ...

   [S. 36]:
   ... der Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre
       rasche Entferung ...
   ... der Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre
       rasche Entfernung ...

   [S. 46]:
   ... wei, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefhrliche,
       vielleicht ttliche ...
   ... wei, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefhrliche,
       vielleicht tdliche ...

   [S. 81]:
   ... Sie haben ja recht behalten, Lord, gestand Schultzte nun
       ein: Aber rtselhaft ...
   ... Sie haben ja recht behalten, Lord, gestand Schultze nun
       ein: Aber rtselhaft ...

   [S. 82]:
   ... zu, da der Widerstand der verhlnismig ruhenden
       Weltatmosphre sie ihrer ...
   ... zu, da der Widerstand der verhltnismig ruhenden
       Weltatmosphre sie ihrer ...

   [S. 95]:
   ... athmosprischen Hlle umgeben, die sie vor der Reibung im
       Weltraum ...
   ... atmosphrischen Hlle umgeben, die sie vor der Reibung im
       Weltraum ...

   [S. 117]:
   ... nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmospre; dies
       ist ...
   ... nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmosphre; dies
       ist ...

   [S. 144]:
   ... das Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, das nun von
       weiteren ...
   ... das Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, der nun von
       weiteren ...

   [S. 153]:
   ... schleunigst den umheimlichen Ort verlie, obgleich die Gefahr
       nun vorber ...
   ... schleunigst den unheimlichen Ort verlie, obgleich die Gefahr
       nun vorber ...

   [S. 167]:
   ... wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen
       Wissenschaft lobt, nament- ...
   ... wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen
       Wissenschaft lobt, namentlich ...

   [S. 240]:
   ... wenn in solcher Hhe dort oben eine so herrliche Pflanzenwelt
       fortkommt, ...
   ... wenn in solcher Hhe dort oben eine so herrliche Pflanzenwelt
       vorkommt, ...

   [S. 243]:
   ... schloen sich. ...
   ... schlossen sich. ...

   [S. 256]:
   ... Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstockig war,
       gelang allen der ...
   ... Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstckig war,
       gelang allen der ...

   [S. 289]:
   ... erwarten zu drfen, da er die lautere Wahrheit sage; denn
       Spsse, die ...
   ... erwarten zu drfen, da er die lautere Wahrheit sage; denn
       Spe, die ...

   [S. 312]:
   ... Nacht kennt, die im Durchschniit 44 Erdentage whren, kehrte
       beinahe ...
   ... Nacht kennt, die im Durchschnitt 44 Erdentage whren, kehrte
       beinahe ...

   [S. 330]:
   ... Kapitel 6. Lufthlle des Monds L. 464-465. W. 87-88.
       Dmmerungserscheinuungen ...
   ... Kapitel 6. Lufthlle des Monds L. 464-465. W. 87-88.
       Dmmerungserscheinungen ...






End of the Project Gutenberg EBook of Wunderwelten, by Friedrich Wilhelm Mader

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