The Project Gutenberg EBook of Schriften 17: Novellen 1, by Ludwig Tieck

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Title: Schriften 17: Novellen 1
       Die Gemlde / Die Verlobung / Die Reisenden / Musikalische
       Leiden und Freuden

Author: Ludwig Tieck

Release Date: December 17, 2015 [EBook #50707]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SCHRIFTEN 17: NOVELLEN 1 ***




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                               Novellen
                                 von
                            Ludwig Tieck.

                             Erster Band.

                             Die Gemlde.
                            Die Verlobung.
                            Die Reisenden.
                   Musikalische Leiden und Freuden.

                               Berlin,
                   Druck und Verlag von G. Reimer.
                                1844.

                            Ludwig Tieck's
                              Schriften.

                          Siebzehnter Band.




                              Novellen.


                               Berlin,
                   Druck und Verlag von G. Reimer.
                                1844.




                             Die Gemlde.
                               Novelle.


Treten Sie nur inde hier in den Bildersaal, sagte der Diener, indem er
den jungen Eduard herein lie; der alte Herr wird gleich zu Ihnen
kommen.

Mit schwerem Herzen ging der junge Mann durch die Thre. Mit wie so
andern Gefhlen, dachte er bei sich selbst, schritt ich sonst mit meinem
wrdigen Vater durch diese Zimmer! Das ist das erste Mal, da ich mich
zu dergleichen hergebe, und es soll auch das letzte seyn. Wahrlich das
soll es! Und es ist Zeit, da ich von mir und der Welt anders denke.

Er trat weiter im Saale vor, indem er ein eingehlltes Gemlde an die
Wand stellte. Wie man nur so unter leblosen Bildern ausdauern kann, und
einzig in ihnen und fr sie da seyn! so setzte er seine stummen
Betrachtungen fort. Ist es nicht, als wenn diese Enthusiasten in einem
verzauberten Reiche untergehen? Fr sie ist nur die Kunst das Fenster,
durch welches sie die Natur und die Welt erblicken; sie knnen beide nur
erkennen, indem sie sie mit den Nachahmungen derselben vergleichen. Und
so vertrumte doch auch mein Vater seine Jahre; was nicht Bezug auf
seine Sammlung hatte, war fr ihn nicht bedeutender, als wenn es unter
dem Pole vorfiele. Seltsam, wie jede Begeisterung so leicht dahin fhrt,
unser Dasein und alle unsere Gefhle zu beschrnken.

Indem erhob er sein Auge, und war fast geblendet oder erschrocken vor
einem Gemlde, welches in der obern Region des hohen Saales ohne den
Schmuck eines Rahmens hing. Ein blonder Mdchenkopf mit zierlich
verwirrten Locken und muthwilligem Lcheln guckte herab, im leichten
Nachtkleide, die eine Schulter etwas entblt, die voll und glnzend
schien; in langen zierlichen Fingern hielt sie eine eben aufgeblhte
Rose, die sie den glhend rothen Lippen nherte. Nun wahrlich! rief
Eduard laut, wenn dies Bild von Rubens ist, wie es seyn mu, so hat der
herrliche Mann in dergleichen Gegenstnden alle andern Meister
bertroffen! Das lebt, das athmet! Wie die frische Rose den noch
frischeren Lippen entgegen blht! Wie sanft und zart die Rthe beider in
einander leuchtet und doch so sicher getrennt ist. Und dieser Glanz der
vollen Schulter, darber die Flachshaare in Unordnung gestreut! Wie kann
der alte Walther sein bestes Stck so hoch hinauf hngen und ohne Rahmen
lassen, da all das andre Zeug in den kostbarsten Zierden glnzt?

Er erhob wieder den Blick und fing an zu begreifen, welche gewaltige
Kunst die der Malerei sei, denn das Bild wurde immer lebendiger. Nein,
diese Augen! sprach er wieder zu sich selbst, ganz im Anschauen
verloren; wie konnten Pinsel und Farbe dergleichen hervorbringen? Sieht
man nicht den Busen athmen? die Finger und den runden Arm sich bewegen?

Und so war es auch in der That: denn in diesem Augenblick erhob sich das
reizende Bild, und warf mit dem Ausdruck schelmischen Muthwillens die
Rose herab, die dem jungen Mann in's Gesicht flog, trat dann zurck und
verschlo klirrend das kleine Fenster.

Erschrocken und beschmt nahm Eduard die Rose vom Boden auf. Er
erinnerte sich nun deutlich des schmalen Ganges, welcher oben neben dem
Saale weglief und zu den hhern Zimmern des Hauses fhrte; die brigen
kleinen Fenster waren mit Bildern verhangen, nur dieses hatte man, um
Licht zu gewinnen, in seinem Zustande gelassen, und der Hausherr selbst
pflegte von dort oft die Gste zu mustern, die seine Gallerie besuchen
wollten. Ist es mglich, sagte Eduard, nachdem er sich aller dieser
Umstnde erinnert hatte, da die kleine Sophie in einem Zeitraume von
vier Jahren zu einer solchen Schnheit hat erwachsen knnen? -- Er
drckte unbewut und in sonderbarer Zerstreuung die Rose an den Mund,
stellte sich dann, starr auf den Boden sehend, an die Mauer, und
bemerkte nicht, da der alte Walther schon seit einigen Sekunden neben
ihm stand, bis dieser ihn mit einem freundlichen Schlage auf die
Schulter aus seiner Trumerei erweckte. Wo waren Sie? junger Mann, sagte
er scherzend; Sie sind wie einer, der eine Erscheinung gehabt hat.

So ist es mir selbst, sagte Eduard; vergeben Sie, da ich Ihnen mit
meinem Besuche lstig falle.

Wir sollten uns nicht so fremd seyn, junger Freund, sagte der Alte
herzlich; es ist nun schon lnger als vier Jahre, da Sie mein Haus
nicht betreten haben. Ist es recht, den Freund Ihres Vaters, Ihren
ehemaligen Vormund, der es gewi immer gut mit Ihnen meinte, wenn wir
gleich damals einige Differenzen mit einander hatten, so ganz zu
vergessen?

Eduard ward roth und wute nicht gleich, was er antworten sollte. Ich
glaubte nicht, da Sie mich vermissen wrden, stotterte er endlich. Es
knnte Vieles, Alles anders gewesen seyn; allein die Irrthmer der
Jugend --

Lassen wir das, rief der Alte im frohen Muth; was hindert uns, unsre
ehemalige Bekanntschaft und Freundschaft zu erneuern? Was fhrt Sie
jetzt zu mir?

Eduard sah nieder, dann warf er einen eiligen, schnell abgleitenden
Blick auf den alten Freund, zauderte noch, und ging nun mit zgerndem
Schritt nach dem Pfeiler, wo das Gemlde stand, das er aus seiner
Verhllung nahm. Sehen Sie hier, sagte er, was ich noch unvermuthet in
der Verlassenschaft meines seligen Vaters gefunden habe, ein Bild, das
in einem Bcherschranke aufbewahrt war, den ich seit Jahren nicht
erffnet hatte; Kenner wollen mir sagen, da es ein trefflicher Salvator
Rosa sei.

So ist es, rief der alte Walther mit begeisterten Blicken. Ei, das ist
ein herrlicher Fund! Ein Glck, da Sie es so unvermuthet entdeckt
haben. Ja, mein verstorbener lieber Freund hatte Schtze in seinem
Hause, und er wute selber nicht, was er alles besa.

Er stellte das Bild in das rechte Licht, prfte es mit leuchtenden
Augen, ging nher und wieder zurck, begleitete aus der Ferne die Linien
der Figuren mit einem Kennerfinger und sagte dann: wollen Sie mir es
ablassen? Nennen Sie mir den Preis, und das Bild ist mein, wenn es nicht
zu theuer ist.

Indem hatte sich ein Fremder herbei gemacht, der in einer andern Wendung
des Saales nach einem Julio Romano zeichnete. Ein Salvator? fragte er
mit etwas schneidendem Tone, den Sie wirklich als einen alten Besitz in
einer Verlassenschaft gefunden haben?

Allerdings, sagte Eduard, den Fremden mit einem stolzen Blicke musternd,
dessen schlichter Oberrock und einfaches Wesen etwa einen reisenden
Knstler vermuthen lieen.

So sind Sie selbst hintergangen, antwortete der Fremde mit einem
stolzen, rauhen Tone, im Fall Sie nicht hintergehen wollen; denn dieses
Bild ist augenscheinlich ein ziemlich modernes, vielleicht ist es ganz
neu, wenigstens gewi nicht ber zehn Jahre alt, eine Nachahmung der
Manier des Meisters, gut genug, um auf einen Augenblick zu tuschen, das
sich aber bei nherer Prfung dem Kenner bald in seiner Ble zeigt.

Ich mu mich sehr ber diese Anmaung verwundern, rief Eduard aus, ganz
aus aller Fassung gesetzt. Im Nachlasse meines Vaters befanden sich
lauter gute Bilder und Originale, denn er und der Herr Walther galten
immer fr die besten Kenner in der Stadt. Und was wollen Sie? Bei unserm
berhmten Kunsthndler Erich hngt der Pendant zu diesem Salvator, fr
welchen vor einigen Tagen ein Reisender eine sehr groe Summe geboten
hat. Man halte beide zusammen und man wird sehen, da sie von einem
Meister sind und zusammen gehren.

So? sagte der Fremde mit lang gedehntem Tone. Sie kennen also oder
wissen um jenen Salvator auch? Freilich ist er von derselben Hand, wie
dieser hier, das leidet keinen Zweifel. In dieser Stadt sind die
Originale dieses Meisters selten, und Herr Erich und Walther besitzen
keines von ihm; aber ich bin mit dem Pinsel dieses groen Meisters
vertraut, und gebe Ihnen mein Wort, da er diese Bilder nicht berhrte,
sondern da sie von einem Neueren herrhren, der Liebhaber mit ihnen
hintergehen will.

Ihr Wort? rief Eduard in glhender Rthe; Ihr Wort! Ich sollte denken,
da das Meinige hier eben so viel, und noch mehr glte!

Gewi nicht, sagte der Unbekannte, und auerdem mu ich noch bedauern,
da Sie sich so von Ihrer Hitze bereilen und verrathen lassen. Sie
wissen also um die Fabrikation dieses Machwerks, und kennen den nicht
ungeschickten Nachahmer?

Nein! rief Eduard noch heftiger; Sie sollen mir diese Beschimpfung
beweisen, mein Herr! Diese Anmaungen, diese Unwahrheiten, die Sie so
dreist herausstoen, kndigen einen mehr als gehssigen Charakter an.

Der Geheimerath Walther war in der grten Verlegenheit, da diese Scene
in seinem Hause vorfallen mute. Er stand prfend vor dem Bilde, und
hatte sich schon berzeugt, da es eine moderne, aber treffliche
Nachahmung des berhmten Meisters sei, die wohl auch ein erfahrenes Auge
hintergehen konnte. Ihn schmerzte es innig, da der junge Eduard in
diesen bsen Handel verwickelt war; die beiden Streitenden aber waren so
heftig erzrnt, da jede Vermittlung unmglich wurde.

Was Sie da sprechen, mein Herr! rief der Fremde jetzt auch in erhhtem
Tone, Sie sind unter meinem Zorn, und ich bin erfreut, da ein Zufall
mich in diese Gallerie gefhrt hat, um zu verhten, da ein wrdiger
Mann und Sammler hintergangen wurde.

Eduard schumte vor Wuth. So ist es nicht gemeint gewesen, sagte
begtigend der Alte.

Wohl war das die Meinung, fuhr der Fremde fort; es ist ein altes
wiederholtes Spiel, bei dem man es nicht einmal der Mhe werth gefunden
hat, eine neue Erfindung anzubringen. Ich sah in der Kunsthandlung jenen
sogenannten Salvator Rosa; der Eigenthmer hielt ihn fr cht, und wurde
noch mehr darin bestrkt, als ein Reisender, der, der Kleidung nach, ein
sehr vornehmer Mann seyn konnte, einen hohen Preis fr das Bildchen bot;
er wollte bei der Rckkehr wieder zusprechen, und bat sich vom
Kunsthndler aus, da dieser das Gemlde wenigstens vier Wochen nicht
aus den Hnden geben sollte. -- Und wer war dieser vornehme Herr? der
weggejagte Kammerdiener des Grafen Alten aus Wien. So ist es klar, da
das Spiel, von wem es auch herrhre, auf Sie, Herr Walther, und Ihren
Freund Erich abgekartet war.

Eduard hatte indessen mit zitternden Hnden sein Bild schon wieder
eingewickelt; er knirschte mit den Zhnen, stampfte mit dem Fue und
schrie: der Teufel soll mir diesen Streich bezahlen! So strzte er zur
Thre hinaus, und bemerkte nicht, da das Mdchen wieder von oben in den
Saal herabschaute, die durch das Geschrei der Streiter herbei gezogen
worden war.

Mein werther Herr, so wandte sich jetzt der Alte zu dem Unbekannten, Sie
haben mir weh gethan; Sie sind zu rasch mit dem jungen Manne verfahren;
er ist leichtsinnig und ausschweifend, aber ich habe bis jetzt noch
keinen schlechten Streich von ihm gehrt.

Einer mu immer der erste seyn, sagte der Fremde mit kalter Bitterkeit;
er hat wenigstens heute Lehrgeld gegeben, und kehrt entweder um, oder
lernt so viel, da man seine Sachen klger anfangen, und auf keinen Fall
die Fassung verlieren mu.

Er ist gewi selbst hintergangen, sagte der alte Walther, oder er hat
wirklich das Bild, wie er sagt, gefunden, und sein Vater, der ein groer
Kenner war, hat es schon deswegen, weil es nicht cht ist, bei Seite
geschafft.

Sie wollen es zum Besten kehren, alter Herr, sagte der Fremde; aber in
diesem Falle wre der junge Mensch nicht so unanstndig heftig geworden.
Wer ist er denn eigentlich?

Sein Vater, erzhlte der Alte, war ein reicher Mann, der ein groes
Vermgen hinterlie; er hatte eine so starke Leidenschaft fr die Kunst,
wie gewi nur wenige Menschen ihrer fhig sind. Auf diese verwandte er
einen groen Theil seines Vermgens, und seine Sammlung war
unvergleichlich zu nennen. Darber aber versumte er wohl etwas zu sehr
die Erziehung dieses seines einzigen Sohnes; so wie daher der Alte
starb, war der junge Mensch nur darauf bedacht, Geld auszugeben, mit
Schmarotzern und schlechtem Volke Umgang zu haben, sich Mdchen und
Equipagen zu halten. Als er majorenn wurde, waren ungeheure Schulden bei
Wucherern und Wechsel zu bezahlen, aber er setzte seinen Stolz darein,
nun noch mehr zu verschwenden; die Kunstwerke wurden verkauft, da er
keinen Sinn fr diese hat; ich nahm sie fr billige Preise. Jetzt hat er
wohl, auer dem schnen Hause, so ziemlich Alles durchgebracht, und auch
auf diesem mgen Schulden lasten; Kenntnisse hat er sich schwerlich
erworben, Beschftigung ist ihm unleidlich, und so mu man mit Bedauern
sehen, wie er seinem Untergange entgegen geht.

Die alltgliche Geschichte von so Vielen, bemerkte der Unbekannte, und
der gewhnliche Weg unwrdiger Eitelkeit, der die Menschen lustig in die
Arme der Verachtung fhrt.

Wie haben Sie sich nur dieses sichre Auge erwerben knnen? fragte der
Rath; auch erstaune ich ber die Art, mit der Sie dem Julio
nachzeichnen, da Sie doch kein Knstler sind, wie Sie sagen.

Aber ich studire seit lange die Kunst, antwortete der Fremde; ich habe
die wichtigsten Gallerieen in Europa fleiig und nicht ohne Nutzen
gesehen, mein Blick ist von Natur scharf und richtig, und noch durch
Uebung gebildet und sicher gemacht, so da ich mir schmeicheln darf,
wohl nicht so leicht, am wenigsten ber meine Lieblinge zu irren.

Der Fremde empfahl sich jetzt, nachdem er dem Sammler hatte versprechen
mssen, am folgenden Mittage bei ihm zu essen, denn der Alte hatte vor
den Kenntnissen des Reisenden groe Achtung gewonnen.

                   *       *       *       *       *

Mit unbeschreiblichem Zorne ging Eduard nach Hause. Er trat wthend ein,
warf alle Thren heftig hinter sich zu, und eilte durch die groen
Gemcher nach einem kleinen Hinterstbchen, wo in der Dmmerung der alte
Eulenbck bei einem Glase starken Weines seiner wartete. Hier! schrie
Eduard, du alter, schiefnasiger, weinverbrannter Halunke, ist Deine
Schmiererei wieder; verkauf sie an den Seifensieder drben, der sie in
die Lichte gieen kann, wenn ihm die Malerei nicht ansteht.

Wre Schade, sagte der alte Maler, um das gute Bildchen, indem er sich
mit der grten Kaltbltigkeit ein neues Glas einschenkte. Hast Dich
erhitzt, Freundchen; und der Alte hat von dem Kauf nichts wissen wollen?

Schelm! schrie Eduard, indem er das Bild heftig hinwarf; und um
Deinetwillen bin ich auch zum Schelm geworden! Beschimpft, gekrnkt! O
und wie beschmt vor mir selber, glhend Kopf und Hals hinunter, da ich
mir aus Liebe zu Dir solche Lge erlaubte.

Ist keine Lge, liebes Mnnchen, sagte der Maler, indem er das Bild
auswickelte, ist ein so veritabler Salvator Rosa, wie ich nur noch je
einen gemalt habe. Hast mich ja nicht daran arbeiten sehen, und kannst
also nicht wissen, von wem das Bild herrhrt. Du hast kein Geschick,
mein Hnschen; ich htte Dir die Sache nicht anvertrauen sollen.

Ich will ehrlich seyn, rief Eduard, und schlug mit der Faust auf den
Tisch; ich will ein ordentlicher Mensch werden, da Andre und ich selber
wieder Achtung vor mir haben! Ganz anders will ich werden, einen neuen
Lebenswandel will ich anfangen!

Warum Dich erboen? sagte der Alte und trank. Ich will Dich nicht
hindern; mich wird's freuen, wenn ich das erlebe. Ich habe ja immer an
Dir ermahnt und Dir vorgepredigt; ich habe Dich auch an Beschftigung zu
gewhnen gesucht, ich habe Dir das Restauriren lehren wollen, Firnisse
bereiten, Farben reiben, in Summa, ich habe es an nichts bei Dir fehlen
lassen.

Hund von Kerl! rief Eduard, Dein Junge, Dein Farbenreiber sollt' ich
werden? Aber freilich, ich bin ja heute noch tiefer gesunken, da ich
mich zum Spitzbuben eines Spitzbuben habe gebrauchen lassen.

Was das Kind fr ehrenrhrige Ausdrcke braucht, sagte der Maler und
schmunzelte in sein Glas hinein; wenn ich mir so was zu Herzen nhme, so
htten wir die Schlgerei oder bittre Feindschaft hier zur Stelle. Er
meint es aber gut in seinem Eifer; der Junge hat was Nobles in seinem
ganzen Wesen, allein zum Bilderhndler taugt er freilich nicht.

Eduard legte sich mit dem Kopf auf den Tisch, und der Maler wischte
schnell einen Weinfleck ab, damit der Jngling nicht mit dem Aermel
hineinfahre. Der gute liebe Salvator, sagte er dann bedchtig, soll auch
nicht das beste Leben gefhrt haben; sie geben ihm gar Schuld, er sei
Bandit gewesen. Als Rembrandt sich bei lebendigem Leibe fr todt ausgab,
um den Preis seiner Werke zu erhhen, war er auch nicht ganz der
Wahrheit treu geblieben, ob er gleich wirklich einige Jahre spter
starb, und sich also nur in der Jahreszahl etwas verrechnet hatte. So,
wenn ich nun solch Bildchen in aller Liebe und Demuth male, mich in den
alten Meister und alle seine lieben Eigenheiten recht sanftselig und
saumthunlich hineindenke, da mir immer ist, als fhrte des Verstorbnen
Seelchen mir Hand und Pinsel; und das Ding ist dann fertig, und nickt
mir mit rechter Herzlichkeit seinen Dank zu, da ich auch was vom alten
Virtuosen geliefert habe, der doch nicht Alles hat machen und nicht ewig
hat leben knnen, und ich mich nun, vollends nach einem Glase Wein,
indem ich es mit tieferer Prfung beschaue, rechtglubig berzeuge, da
es vom alten Herrn wirklich herrhrt, und ich bergebe es so einem
andern Liebhaber des Seligen, und verlange nur ein Billiges fr die
Mhe, da ich mir die Hand habe fhren, mein eignes Ingenium derzeit
unterdrcken lassen, an der Verringerung meines eignen Knstlernamens zu
arbeiten, -- ist denn das so himmelschreiende Snde, Freundchen, wenn
ich mich selbst auf solche kindliche Weise aufopfre?

Er hob den Kopf des Liegenden auf, verwandelte aber seine grinsende
Freundlichkeit in eben so verzerrten Ernst, als er die Wangen des
Jnglings voll Thrnen sah, die in einem heien Strome unaufhaltsam aus
den Augen strzten. O meine verlorne Jugend! schluchzte Eduard: o ihr
goldnen Tage, ihr Wochen und Jahre! wie seid ihr doch so sndlich
verschleudert worden, als lge nicht in euern Stunden der Keim der
Tugend, der Ehre und des Glcks; als sei dieser kstlichste Schatz der
Zeit jemals wieder zu gewinnen. Wie ein Glas abgestandenes Wasser hab'
ich mein Leben und den Inhalt meines Herzens ausgegossen. Ach! welch
Dasein htte mir aufgehen knnen, welch Glck mir und Andern, wenn ein
bser Geist nicht meine Augen verblendete. Segensbume wuchsen und
schatteten um mich und ber mir, in denen der Freund, die Gattin und die
Bedrngten Hlfe, Trost, Heimath und Frieden fanden; und ich habe die
Axt im schwindelnden Uebermuth an diesen Hain gelegt, und mu nun Frost,
Sturm und Hitze dulden!

Eulenbck wute nicht, welch Gesicht er machen, noch weniger, was er
sagen sollte, denn in dieser Stimmung, mit solchen Gesinnungen hatte er
seinen jungen Freund noch niemals gesehen; er war endlich nur froh und
beruhigt, da dieser ihn nicht bemerkte, so da er in behaglicher
Heimlichkeit seinen Wein ausleerte.

Tugendhaft also willst Du werden, mein Sohn? fing er endlich an. Auch
gut. Wahrlich! wenige Menschen sind fr die Tugend so portirt, als ich
selber, denn es gehrt schon ein scharfer Blick dazu, um nur zu wissen,
was Tugend ist. Knausern, den Leuten abzwacken, sich und unserm Herrgott
etwas vorlgen, ist gewi keine. Wer aber das rechte Talent dazu hat,
der findet's auch. Wenn ich einem verstndigen Mann zu einem guten
Salvator oder Julio Romano von meiner Hand verhelfe, und er freut sich
dann, so habe ich immer noch besser gehandelt, als wenn ich einem Pinsel
einen chten Rafael verkaufe, den der Gimpel nicht zu schtzen wei, so
da ihm im Grunde seines Herzens ein geschniegelter Van der Werft mehr
Freude machen wrde. Meinen groen Julio Romano mu ich nun wohl in
eigner Person verkaufen, da Du zu dergleichen weder Gaben noch Glck
hast.

Diese armseligen Sophistereien, sagte Eduard, knnen auf mich nicht mehr
wirken; diese Zeit ist vorber, und Du magst Dich nur in Acht nehmen,
da sie Dich nicht ertappen; denn mit Laien mag es Dir wohl gelingen,
aber nicht mit Kennern, wie der alte Walther einer ist.

La gut seyn, mein Kindchen, sagte der alte Maler, die Kenner sind
gerade am besten zu betrgen, und mit einem Unerfahrnen mcht' ich gar
nicht einmal anfangen. O dieser gute, alte, liebe Walther, dies feine
Mnnchen! Hast Du nicht den schnen Hllenbreughel gesehen, der am
dritten Pfeiler zwischen der Skizze von Rubens und dem Portrait von Van
Dyk hngt? Der ist von mir. Ich kam zu dem Mnnchen mit dem Gemlde:
Wollen Sie nicht etwas Schnes kaufen? Was! rief er; solche Fratzen,
Tollheiten? Das ist nicht meine Sache; zeigen Sie doch. Nun, ich nehme
sonst dergleichen Unsinn bei mir nicht auf, indessen weil in diesem
Bilde doch etwas mehr Anmuth und Zeichnung ist, als man sonst bei diesen
Phantasien trifft, so will ich mit ihm einmal eine Ausnahme machen. In
Summa, er hat's behalten, und zeigt's den Leuten, um seinen vielseitigen
Geschmack zu beurkunden.

Eduard sagte: aber willst Du denn nicht auch noch ein rechtlicher Mann
werden? Es ist doch die hchste Zeit.

Mein junger Bekehrer, rief der Alte, ich bin es lngst; Du verstehst das
Ding nicht, auch bist Du mit Deinem heien Anlauf noch nicht durch.
Stehst Du am Ziel, und bist glcklich allen Klippen, Halseisen,
Leuchtpfhlen vorber, dann winke mir nur dreist, und ich steure Dir
vielleicht nach. Bis dahin la mich ungeschoren.

So trennt sich also unsre Laufbahn, sagte Eduard, indem er ihn wieder
freundlich anblickte; ich habe viel versumt, aber doch noch nicht
Alles, mir bleibt noch etwas von meinem Vermgen, mein Haus. Hier will
ich mich einfach einrichten, und beim Prinzen, der binnen Kurzem hier
ankommen wird, eine Stelle als Secretair oder Bibliothekar suchen,
vielleicht reise ich mit ihm; vielleicht, da anderswo ein Glck --
oder, wenn das nicht, so beschrnke ich mich hier, und suche Arbeit und
Beschftigung in meiner Vaterstadt.

Und wann soll das Tugendleben losgehen? fragte der Alte mit grinsendem
Lachen.

Gleich, sagte der Jngling, morgen, heut, diese Stunde!

Narrenspossen! sagte der Maler und schttelte den greisen Kopf; zu allen
guten Dingen mu man sich Zeit lassen, sich vorbereiten, einen Anlauf
nehmen, die alte Periode mit einer Feierlichkeit beschlieen und die
neue eben so beginnen. Das war eine herrliche Sitte, da in manchen
Gegenden unsere Vorfahren das Carneval mit rechter chter
Ausgelassenheit zu Grabe trugen, da sie zuletzt noch einmal recht toll
aufjubelten und sich in der Lust bernahmen, um nachher ungestrt und
ganz ohne Gewissensskrupel fromm seyn zu knnen. La uns der
verehrlichen Sitte nachfolgen; Brderchen, sieh, ich bin Dir so gut,
gieb uns und Deinen Launen noch einmal so einen rechten ausgesuchten
Weinschmaus, so einen hohen Valet- und Abschied-Hymnus, da wir,
besonders ich, Deiner gedenken; la uns beim besten Wein bis in die
tiefe Nacht hinein jubeln, dann gehst Du rechts ab zur Tugend und
Migkeit, und wir andern bleiben links, wo wir sind.

Schlemmer! sagte Eduard lchelnd: wenn Du nur einen Vorwand findest,
Dich zu betrinken, so ist Dir Alles recht. Es sei also am heiligen
Dreiknigs-Abend.

Da ist ja noch vier Tage hin, seufzte der Alte, indem er den letzten
Rest ausschlrfte, und sich dann schweigend entfernte.

                   *       *       *       *       *

Wir werden heut eine kleine Tischgesellschaft haben, sagte der Rath
Walther zu seiner Tochter.

So? fragte Sophie. Und wird der junge Eduard auch herkommen?

Nein, antwortete der Vater. Wie fllst Du auf diesen?

Ich dachte nur, sagte Sophie, da Sie ihm vielleicht durch eine
Einladung die unangenehme Scene etwas vergten wollten, die er ohne
Ihren Willen in Ihrem Hause hat erleiden mssen.

Heute wrde es am wenigsten passen, erwiederte der Alte, da gerade der
Mann mit uns speisen wird, von dem der junge Mensch beleidigt ward.

So? der? sagte das Mdchen mit gedehntem Tone.

Es scheint, der fremde Mann ist Dir unangenehm.

Recht sehr, rief Sophie; denn erstlich, kann ich es von Niemand leiden,
wenn man nicht genau wei, wer er ist; solch Incognito ist in der Fremde
allerliebst, um fr etwas Besonderes zu gelten, wenn hinter dem Menschen
gerade gar nichts steckt, und so ist es gewi mit diesem Unbekannten,
der ganz das Wesen eines vacirenden Hofmeisters oder Secretairs hat, der
sich gestern in Ihrer Gallerie ein Ansehen gab, als wenn er der oberste
Direktor aller Heiden-Bekehrungsanstalten wre.

Du sagtest: erstens! fragte der Vater lchelnd: nun also zweitens?

Zweitens ist er fatal, sagte sie lachend, und drittens ist er
unausstehlich, und viertens hasse ich ihn wahrhaft.

Das ist freilich erstens und letztens bei euch, sagte der Alte.
Uebrigens erscheint noch mein Freund Erich und der junge Maler Dietrich,
so wie der wunderliche Eulenbck.

Da haben wir ja alle Zeitalter beisammen, rief Sophie aus, alle Arten
von Geschmack und Gesinnung! Kommt nicht etwa auch noch der junge Herr
von Eisenschlicht, um mir das Leben recht sauer zu machen?

Der Vater hob den Finger drohend auf, sie lie sich aber nicht irren,
sondern fuhr schnell und unwillig fort: es ist ja wahr, da ich in
dieser Gesellschaft meines Lebens niemals froh werde; das schwatzt, und
guckt, und ist artig, und lgt, und wird unausstehlich durch einander,
da ich statt solcher Mahlzeiten lieber drei Tage hungern mchte. Solche
verliebte Leute sind mir so zuwider, wie unreife Johannisbeeren! jedes
Wort von ihnen schmeckt mir noch sauer nach acht Tagen, und verdirbt mir
auch die Zunge fr alle bessere Frchte. Der alte krummnasige, kupfrige
Snder ist mir noch von allen der liebste, denn er denkt doch nicht
daran, mich wie ein Mbel in seine Stuben hinzustellen.

Diese Art und Weise, sagte der Vater, ist mir an Dir selbst leid, ja
recht verdrlich, weil ich bei Deinem starren Eigensinn noch gar nicht
absehen kann, wie Du Dich je ndern mchtest. Du weit nun, wie ich ber
die Ehe und die sogenannte Liebe denke, wie sehr Du mich glcklich
machen wrdest, wenn Du Deinen Willen brechen wolltest --

Ich mu nach der Kche sehen, rief sie pltzlich: ich mu Ihnen heute
Ehre machen; vergessen Sie nur nicht die guten Weine, damit der
rthliche Eulenbck nicht Ihren Keller in schlechten Ruf bringt. So lief
sie hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten.

Der Alte ging an seine Geschfte, indessen die Tochter Kche und Tisch
besorgte. Sie hatte jenes Gesprch so pltzlich abgebrochen, weil es der
Wunsch des Vaters, den sie nur gar zu gut kannte, war, sie mit seinem
Freunde Erich zu verheirathen, der zwar nicht mehr jung, indessen auch
noch nicht so sehr in Jahren vorgerckt war, da ein solcher Plan
lcherlich gewesen wre. Erich hatte bei seinem Handel ein ansehnliches
Vermgen erworben; in diesem Augenblicke besa er eine Sammlung ganz
vorzglicher Bilder aus den italienischen Schulen, und Walther hatte den
Gedanken, da, falls seine Tochter sich noch zu dieser Heirath bereden
liee, Erich alsdann seinen Handel einstellen, und diese vorzglichen
Gemlde seiner Gallerie einverleiben solle, damit der Schwiegersohn
diese dann nach seinem Tode als eine recht ausgezeichnete bese und
erhielte. Denn es war ihm frchterlich, sich diese treffliche Sammlung
einst wieder zerstreut zu denken, vielleicht gar unter dem Preise
verkauft und an Menschen vergeudet, bei denen die Bilder durch
Unverstand zu Grunde gehen knnten. Seine Leidenschaft fr Malerei war
so gro, da er auf jeden Fall seines Freundes Bilder fr eine sehr
groe Summe gekauft haben wrde, wenn ihn nicht der Erwerb eines
ansehnlichen Gutes und groen Gartens, die er seiner Tochter zurck
lassen wollte, gehindert und ihm jetzt jede Auslage, vorzglich aber
eine so bedeutende, unmglich gemacht htten. Indem er seine Briefe
schrieb, zerstreuten ihn diese Gedanken unaufhrlich. Er gedachte dann
des jungen Malers Dietrich, eines hbschen blonden Jnglings; und ob ihm
gleich dessen Art, die Kunst auszuben, so wenig wie die, sich zu
kleiden, recht war, so htte er doch auch diesen gern als Schwiegersohn
umarmt, weil er berzeugt seyn konnte, da der junge Mensch fr sein
Kunstvermchtni die hchste Ehrerbietung hegen wrde. Der alte Maler
Eulenbck konnte ihm fr seine Plane nie in die Gedanken kommen; aber
seit gestern hatte er den fremden Kunstkenner mit vterlichem Auge
gemustert, und die schnippische Antwort der Tochter, mit der sie sich
ber diesen geuert hatte, war ihm daher um so empfindlicher. Er mochte
es sich nicht gestehen, aber er dachte, wenn er in die Zukunft schaute,
weit mehr an das Heil seiner Sammlung, als an das Glck seines Kindes.
Selbst der junge Herr von Eisenschlicht, der Sohn eines Wucherers, wre
ihm zum Eidam erwnscht gewesen, weil der junge Mensch auf Reisen sich
ziemlich gebildet hatte; und da dieser zugleich die Neigungen seines
Vaters besa, so lie sich wohl erwarten, da er aus jeder Rcksicht
eine so kostbare Sammlung in Ehren halten wrde.

So war der Vormittag verstrichen, und die Gste fanden sich nach und
nach ein. Zuerst der jngste, Dietrich, im sogenannten altdeutschen
Rocke, die weilichen Haare auf den Schultern hngend, und mit einem
blonden Brtchen, der sein rosenrothes durchsichtiges Antlitz nicht
entstellte. Er erkundigte sich sogleich angelegentlich nach der Tochter,
und diese erschien, geschmckt, in einem grnseidenen Kleide, das den
Glanz ihres Gesichts und Nackens wunderbar erhob. Der Jngling begann
sogleich eben so verlegen als zudringlich ein Gesprch mit Sophien, das
um so trockner wurde, um so mehr er es berschwenglich zu machen suchte.
Gestrt und getrstet wurden beide durch das Erscheinen des alten
Eulenbck, der mit seinem braunrothen Gesicht wunderlich aus einer
hellgrnen Weste und weilichem Frack heraus schien, da er es, wie viele
ausgemacht hliche Menschen, liebte, sich in auffallende Farben zu
kleiden. Die jungen Leute konnten kaum das Lachen unterdrcken, als sie
ihn sich linkisch hereindrehen, grimassirend gren und mit falscher
Artigkeit stolpern sahen, wobei sich sein schiefes Gesicht, die kleinen
grellen Augen und die seitwrts gedrehte Nase noch wunderlicher
ausnahmen. Der Fremde lie lange auf sich warten, und Sophie spttelte
wieder ber die Anmaung, den vornehmen Mann zu spielen, bis er endlich,
schlicht gekleidet, erschien und es der Gesellschaft mglich machte,
sich in das Speisezimmer zu begeben, in welchem sie Erich schon fanden,
der dort ein Gemlde befestigt hatte, welches der Fremde und die Maler
in Augenschein nehmen sollten.

Sophie sa zwischen Erich und dem Unbekannten, obgleich Dietrich einen
vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich an ihre Seite einzuschieben.
Eulenbck, der alles bemerkte, und der am liebsten seine Bosheit in das
Gewand der Gutmthigkeit hllte, drckte dem jungen Menschen die Hand
und dankte ihm wie gerhrt, da er so lange herum gekreuzt sei, um nur
neben einem alten Manne zu sitzen, der zwar auch die Kunst liebe und
ausbe, indessen freilich mit seinen abnehmenden Krften dem Fluge der
neuern Schule nicht mehr nachstreben knne, an deren Enthusiasmus er
aber doch sein altes Feuer wieder anznde und seine schon kalten
Lebensgeister erwrme. Dietrich, der noch jung genug war, um alles dies
fr Ernst zu halten, wute nicht Dankbarkeit genug auszudrcken, noch
hinlngliche Bescheidenheit aufzutreiben, um diese Demuth aufzuwgen.
Der alte Schelm freute sich, da ihm seine Verstellung gelang, und
machte den gutmthigen Jngling immer treuherziger, der in diesem alten
Knaben schon einen Schler von sich zu sehen whnte, und dabei im
Stillen berechnete, wie er dessen practische Kenntnisse zu hhern
Zwecken brauchen wolle, ohne da der Alte merken msse, wie der neue
Lehrer wieder zugleich sein Schler sei.

Indessen diese beiden sich so zu tuschen suchten, war das Gesprch des
Fremden und des Wirthes zum Theil zufllig, und von der andern Seite
klug gelenkt, auf die Ehe gefallen; denn der alte Walther lie nicht
leicht eine Gelegenheit vorbergehen, seine Gedanken ber diesen
Gegenstand auszusprechen. Ich habe niemals, sagte er, mit den Ansichten
bereinstimmen knnen, die nun etwa seit funfzig Jahren zur allgemeinen
Mode geworden sind. Ich nenne sie Mode, weil ich mich nie, obgleich ich
auch jung gewesen bin, habe berzeugen knnen, da sie in der Natur
gegrndet sind. Kann man lugnen, da einzelne Menschen zu gewissen
Zeiten leidenschaftlichen Stimmungen und Verirrungen ausgesetzt gewesen?
Nur zu hufig haben wir die bsen Folgen des Zornes, der Trunkenheit,
der Eifersucht und Wuth wahrnehmen mssen. Eben so ist auch nicht zu
lugnen, da vielfaches Unheil und seltsame Begebenheiten aus jenen
gesteigerten Empfindungen, die man Liebe nennt, hervorgegangen sind. Es
ist nur die Rede von jener Verkehrtheit, da der Mensch zwar alle andere
Verwirrungen vermeidet, und sich der Ueberraschung der Leidenschaften zu
entwhnen sucht, Alle aber sich seit einer gewissen Zeit damit brsten,
ja es fr nothwendig zum Leben halten, die Liebe und ihre wilden
Zustnde und leidenschaftlichen Verwirrungen erlebt zu haben.

Der Unbekannte sah den Wirth ernsthaft an und nickte ihm zu, worauf der
Alte mit erhhter Stimme fortfuhr:

Mchte man am Ende auch einer gewissen Billigkeit nachgeben, und diese
Zustnde der sogenannten Liebenden, in denen, wie sie uns erzhlen, die
ganze Welt ihnen im schnern Lichte erscheint, und in welchen sie sich
aller ihrer Seelenkrfte erhht und vielfacher bewut werden (obgleich
sie in jenem Schlummerwachen in der Regel trge, und zu keiner Arbeit zu
bringen sind), natrlich finden: was thut, frag' ich nun, alles dies,
auch noch so glcklich sich wendend, um eine vernnftige und gute Ehe zu
schlieen? Ich wrde nie meine Einwilligung geben, wenn ich das Unglck
htte, an meiner Tochter einmal diese Verstandesverwirrung zu bemerken.

Sophie lchelte; der junge Dietrich sah sie errthend an, und Eulenbck
trank mit groem Wohlbehagen, inde der Fremde den Alten mit Ernst
anhrte, der, seiner Sache gewi, um so eifriger fortfuhr: Nein, wohl
dem Manne, der, mit dieser verkehrenden Leidenschaft vllig unbekannt,
den vernnftigen Entschlu fat, sich in den Stand der Ehe zu begeben,
und Heil dem Mdchen, das zchtig den Gemahl findet, ohne jene Scenen
des Wahnsinns je mit ihm gespielt zu haben, denn alsdann findet sich
jene Zufriedenheit, jene Ruhe und jener Segen, der unsern Vorfahren
nicht unbekannt war, und den die heutige Welt nicht mehr achten will. In
diesen Ehen, welche nach vernnftiger Ueberlegung, in Demuth und stiller
Ergebenheit geschlossen wurden, fanden die Menschen damals im wachsenden
Vertrauen, in zunehmender Zrtlichkeit und im gegenseitigen Ertragen der
Schwchen ein Glck, welches dem jetzigen hochfahrenden Geschlechte zu
geringe erscheint, und das auch darum nur Elend und Noth,
Unzufriedenheit und Miverstndni, Zwietracht und Verachtung im Garten
seines Lebens baut. Frh schon an den Rausch der Leidenschaft gewhnt,
suchen sie auch diesen in der Ehe, und verachten die Nothwendigkeit des
alltglichen Lebens, erneuern dann rechts und links in mannigfaltigen
und immer geringeren Abwechselungen die Kunststcke ihres
Liebeshandwerks, und gehen so in Schlechtigkeit und Selbstbetrug unter.

Sehr bitter, aber wahr, sagte der Unbekannte mit nachdenklicher Miene.

Es ist wie mit allen Bitterkeiten, flsterte Sophie ihrem Nachbar zu,
sie fallen zu schwer auf die Zunge; man kann nicht recht unterscheiden,
ob es schmeckt, oder nur allen Geschmack betubt; dergleichen ist
natrlich fr den wahr, der Liebhaber davon ist.

Eulenbck, der diesen Ausspruch auch gehrt hatte, lachte, und der
Vater, der die Sache nur halb verstanden, wandte sich mit Heiterkeit zu
seinem fremden Gaste: wir sind also darber einig, da nur die
sogenannten Conventionsheirathen glcklich seyn knnen; ich werde auch
niemals Anstand nehmen, meine einzige und nicht unbegabte oder arme
Tochter einem Manne zu geben, sei er, von welchem Stande er wolle,
dessen Charakter mir werth ist, und dessen Kenntnisse ich, vorzglich in
der Kunst, achten mu, damit auch meine Enkel noch die Frchte meines
Fleies rnten, und nicht in alle Winde und in die Huser der
Unwissenden das verstreut werde, was Liebe, Aufopferung, Studium und
unermdeter Flei in dieser Wohnung versammelt haben.

Er sah den Fremden mit geflligem Lcheln an; doch dieser, der bis jetzt
ihm freundlich erwiedert hatte, machte eine fast finstere Miene und
sagte nach einer kleinen Pause: die Sammlungen von Privatpersonen knnen
niemals lange bestehen; wer die Kunst liebt, sollte, falls er gesammelt
hat, seine Schtze um ein Billiges Frsten verkaufen, oder sie grern
Gallerieen durch Testament einverleiben. Darum kann ich auch den Plan
mit Ihrer Tochter nicht billigen, wenn ich auch mit Ihren Ansichten von
der Ehe einverstanden bin. Und berhaupt ist es in Ansehung jeder
Heirath eine miliche Sache. Wenn ich nicht versprochen wre und tausend
dringende Ursachen mich zwngen, mein Wort nicht zu brechen, so wrde
ich meiner Neigung nach immer unverheirathet bleiben.

Der Alte wurde roth und sah vor sich nieder, dann fing er mit seinem
Nachbar, nicht ohne Verlegenheit, ein anderes Gesprch an. Die neuliche
Auction der Kupferstiche, sagte der Gemldehndler, ist bei weitem nicht
so ergiebig ausgefallen, als es der Eigenthmer sich versprochen hatte.
Das ist hufig mit Auctionen der Fall, warf die Tochter mit
schnippischem Tone dazwischen: darum sollte sich kein Mensch damit
einlassen, den nicht die uerste Noth dazu treibt.

Dietrich war noch zu unerfahren, um den Zusammenhang dieser Gesprche
einzusehen; er redete treuherzig und eifrig ber die Barbarei der
Auctionen, in denen oft die kostbarsten Seltenheiten bersehen, viele
Kunstwerke durch die Gaffer und Handlanger beschdigt, und der Ruhm
groer Meister, so wie das Gefhl chter Bewunderer, schmerzlich
verletzt wrden. Dadurch gewann er die gute Meinung des Vaters, der die
getrbte Miene erheiterte und ihm mit Freundlichkeit Recht gab. Sophie,
welche frchten mochte, da ein neuer Antrag im verdeckten Wege des
Kunstenthusiasmus vorgeschoben werden sollte, fragte schnell den jungen
Maler, ob er mit seinem Marienbilde bald fertig sei, oder ob er vorher
die Abnahme vom Kreuz vollenden wolle?

Sie malen also auch dergleichen rhrende Gegenstnde? fragte der
Unbekannte, indem er mit einem fast schielenden Blicke zum jungen Manne
herber blinzelte. Mich wundert es immer von Neuem, da Menschen in
ihren besten und heitersten Jahren mit dergleichen Gegenstnden ihre
Zeit und Imagination verderben knnen. Der heiligen Familien haben wir
wohl, dchte ich, in der Kunst genug; da ist nichts Neues anzubringen
und zu erfinden, und jene Leichname und Verzerrungen des Schmerzes
widerstreben so vllig allem Reiz und dem Genu der Sinne, da ich mein
Auge immer davon abwenden mu. Die Kunst soll unser Leben erhhen und
erheitern, alle Drftigkeiten desselben und aller Jammer der Welt soll
uns in ihrer Nhe verschwinden; nicht aber darf unsre Phantasie durch
ihre Hervorbringungen gengstigt und gefoltert werden. Im heitern,
frischen Licht soll die Sinnenwelt spielen, und in freundlichem Reiz uns
schmeicheln und auf diese Weise erheben. Schnheit ist Freude, Leben,
Kraft. Der hat sich noch wenig verstanden, der Nacht und dstre Gefhle
sucht. Oder gehren Sie auch etwa zu denen, die sich vor dergleichen
Bildern mit erzwungener Glubigkeit entzcken, und verlangen, da in uns
eine Art von Andacht sich entznden soll, um den Gegenstand zu verstehen
und christlich zu wrdigen?

Und wre denn das, rief Dietrich mit einer gewissen Eil und Heftigkeit,
etwas so Unerhrtes, oder nur Besonderes? Im Schnen, wenn es erscheint,
wird der Reiz der Sinnenwelt zum Gttlichen erhht, und so wird die
stumme Ehrfurcht, die hlflose Rhrung unbegeisterter Gemther durch die
Kunst zur himmlischen Andacht erhoben. Es ist, wenn auch verzeihlich,
doch abgeschmackt, wenn blo des frommen Gegenstandes wegen ein elendes
Bild den glubigen Beschauer entzckt, aber es ist mir vllig
unbegreiflich, wenn sich ein fhlendes Herz vor der Sixtinischen Maria
zu Dresden des Glaubens und der Andacht erwehren kann. Ich wei es wohl,
da die neuen Bestrebungen jngerer Knstler, zu denen ich mich auch
bekennen mu, bei vielen trefflichen Leuten groes Aergerni erregt
haben, aber man sollte sich doch endlich ohne Leidenschaft berzeugen,
da das alte, ganz ausgefahrene Geleise kein Weg mehr ist. Was haben
diejenigen, die diese neue Lehre zuerst wieder aufbrachten, denn anders
gewollt, als das Gemth wieder erwecken, welches seit langer Zeit bei
allen Kunstproductionen als ganz berflssig angesehen worden war? Und
hat denn diese neue Schule nicht schon vieles Achtungwrdige
hervorgebracht? Ein Geist offenbart sich, das ist nicht abzulugnen, der
sich krftigen wird und ausbilden, ein neuer Weg ist gefunden, auf
welchem freilich, wie bei jeder Begeisterung, mancher Unberufene auch
das Uebertriebene, Widerwrtige und ganz Tadelswrdige hervorbringen
wird. Ist denn aber das Schlechte dieser Zeit wirklich schlechter, als
was weiland ein gefeierter _Casanova_ erschuf, oder das Leere leerer,
als jenes kalte Abschreiben der miverstandnen Antike, das jene ganze
frhere Zeit als einen groen Lckenber in der Kunstgeschichte
darstellt? Waren denn nicht bizarre Manieristen auch damals die
trstenden Erscheinungen? Und hat denn der Hlfverein fr die Kunst, von
verehrten Mnnern gestiftet, etwas Tchtiges hervorbringen knnen?

Junger Mann, sagte der Unbekannte mit der schneidendsten Klte: ich
mte zehn Jahre jnger, oder Sie einige lter seyn, wenn ich ber so
wichtigen Gegenstand mit Ihnen streiten sollte. Dieser neue
phantastische Traum hat sich der Zeit bemchtigt, das ist freilich nicht
zu lugnen, und mu nun bis zum Erwachen fortgeschlummert werden. Waren
jene, die Sie tadeln wollen, vielleicht zu nchtern, so sind dafr die
jetzt Gepriesenen in einem krnklichen Rausch befangen, indem ihnen ein
wenig schwaches Getrnk zu Kopfe gestiegen ist.

Sie wollten nicht streiten, rief der junge Maler, und thun mehr, Sie
sind bitter. In der Leidenschaft ist man wenigstens keines freien
Urtheils fhig. Ob die Parthei, fr die Sie mit solchen Waffen kmpfen,
dadurch gewinnen kann, mu die Zukunft entscheiden.

Sophie sah den Jngling ermuthigend mit einem schadenfrohen Blicke an,
Walther war schon besorgt; doch nahm der Bilderhndler Erich das
Gesprch beruhigend auf und sagte: sobald sich ein heftiger Widerstreit
in der Zeit regt, so ist es ein Zeichen, da etwas Wirkliches in der
Mitte liegt, das den Streit wohl verdient, und welches der Mitlebende
nicht ganz ignoriren darf, wenn er nicht unbillig seyn will. Seit lange
war die Kunst aus dem Leben getreten, und nur ein Artikel des Luxus
geworden; darber verga man, da sie jemals mit Kirche und Welt, mit
Andacht und Begeisterung zusammengehangen hatte, und kalte Kennerschaft,
Vorliebe fr das Kleine und gemeine Natrlichkeit, so wie ein
erknstelter Enthusiasmus muten sie erzeugen. Wei ich doch die Zeit
noch, wo man in den Gallerieen die schnsten Werke eines Leonardo nur
als merkwrdige und sonderbare Alterthmer vorwies, selbst Rafael wurde
nur mit einschrnkender Kritik bewundert, und ber noch ltere groe
Meister zuckte man die Achseln, und betrachtete die Malereien der
frheren Deutschen oder Niederlnder niemals ohne Lachen. Diese Barbarei
der Unwissenheit ist doch jetzt vorber.

Wenn nur keine neue und schlimmere darber entstnde! rief Eulenbck,
vom Weine hochroth erglhend, indem er dem Unbekannten einen feurigen
Blick zuwarf. Mir thut es immer weh, da in unsern Tagen das Wort des
chten Kenners fast nie mehr gehrt wird; der Enthusiasmus bertnt die
Einsicht, und doch ist fr den Knstler nichts so lehrreich, als ein
Gesprch mit einem chten Kunstfreunde, das ihn belehre und erhebe, da
es ihm oft in Jahren nicht so gut wird, dergleichen zu genieen.

Der Fremde, welcher schon verstimmt und heftig zu werden schien, ward
nach diesen Worten wieder heiter und freundlich. Knstler und Freunde
der Kunst, erwiederte er, sollten sich immer aufsuchen, um bestndig von
einander zu lernen. So war es in voriger Zeit, und auch dies war eine
der Ursachen, da die Malerei gedieh. Die Phantasie eines jeden
Schaffenden ist beschrnkt und ermattet, wenn sie nicht von auen
angefrischt und bereichert wird, und dies kann nur durch verstndige,
freundliche Mittheilungen geschehen; ohne zu erwhnen, was Correktheit,
Anmuth der Behandlung und Auswahl der Gegenstnde gewinnen.

Sie haben sich, antwortete der alte Maler, einen Knstler vorzglich
ausersehen, den ich auch gewissermaen mehr als alle liebe.

Ich gestehe, sagte der Fremde, da ich ihm mein Herz vielleicht etwas zu
ausschlielich zugewendet habe. Es war mir frh vergnnt, einige
ausgezeichnete Werke des Julio Romano kennen zu lernen und zu verstehen;
in Mantua fand ich auf meinen Reisen Gelegenheit, ihn zu studiren, und
seitdem glaube ich, meine Vorliebe auch rechtfertigen zu knnen.

Gewi, erwiederte der Alte, wird Ihr Aufenthalt dort zu den schnsten
Epochen Ihres Lebens gehren. Habe ich doch zu meinem innerlichen
Verdru in neueren Zeiten auch manchen Tadel dieses groen Geistes hren
mssen, vorzglich, da er die geistlichen Gegenstnde nicht mit der
gehrigen Innigkeit behandle. Einem Jeden ist nicht _alles_ gegeben.
Aber die Verklrung des frischen sinnlichen Lebens, die Herrlichkeit des
freien Muthwillens, das Spiel der lebendigsten Phantasie waren ihm
vorbehalten. Und ist dem jungen Wallfahrer sein Herz noch fr den
Reichthum dieses glnzenden Geistes verschlossen, so wandre er nur nach
Mantua, um dort in dem Pallast ^T^ kennen zu lernen, was Erd' und
Himmel, mcht' ich fast sagen, Herrliches in sich fassen; wie in den
Schrecken des Riesensturzes noch Lust und Scherz gaukelnd, und in dem
Saale des Amor und Psyche in der Trunkenheit des Entzckens die
himmlische Erscheinung der vollendeten Schnheit sich verklren.

Der junge Dietrich sah seinen abtrnnigen Anhnger schon seit lange mit
groen Augen an; er konnte diesen Abfall nicht begreifen und nahm sich
vor, mit dem Alten in einer vertrauten Stunde darber zu sprechen; denn
wenn er auch die Bewunderung des Julius gelten lie, so schien ihm doch
die erste Hlfte des Gesprchs geradezu im Widerspruch mit der frheren
Aeuerung Eulenbcks zu stehen, der sich aber um dergleichen Nebendinge
nicht kmmerte, sondern sich mit dem fremden Kunstfreunde in so
lebhaften Enthusiasmus hineinschwatzte, da beide auf lange Zeit weder
die brigen hrten, noch sie zu Worte kommen lieen.

Erich wollte eine Aehnlichkeit des Fremden mit einem Verwandten Walthers
bemerken; darber kam man in das Kapitel der Aehnlichkeiten, und wie
sonderbar sich in den Familien, oft in der fernsten Verzweigung am
deutlichsten, gewisse Formen wiederholen. Sonderbar ist es auch, sagte
der Wirth, da die Natur oft ganz wie die Kunst verfhrt. Wenn ein
Niederlnder und ein Italiener aus der vorigen Zeit ein und dasselbe
Bildni malen sollten, so wrden beide die Aehnlichkeit auffassen, aber
jeder ein ganz verschiedenes Portrait und eine ganz andere Aehnlichkeit
hervorbringen. So kannte ich in meiner Jugend eine Familie, die aus
vielen Kindern bestand, an denen allen die Physiognomie der Aeltern und
nur eine Hauptform, aber unter verschiedenen Bedingungen ausgeprgt war,
so klar und sicher, als wenn die Kinder Bildnisse von demselben
Gegenstande, von verschiedenen groen Malern gezeichnet, wren. Die
lteste Tochter war wie von Correggio gemalt mit feinem Teint und
zierlicher Form; die zweite war dasselbe Gesicht, aber grer, voller,
wie aus der florentinischen Schule; die dritte hatte das Ansehen, als
habe Rubens das nehmliche Portrait auf seine Art gemalt; die vierte wie
ein Bild von Drer; die nchste wie aus der franzsischen Schule,
glnzend, voll, aber unbestimmt, und die jngste wie ein flssig
gemaltes Werk von Leonard. Es war eine Freude, diese Gesichter unter
sich zu vergleichen, die mit denselben Formen, in Ausdruck, Farbe und
Lineamenten wieder so verschieden waren.

Erinnern Sie sich des wunderbaren Portraits, fragte Erich, welches Ihr
alter Freund in seiner Sammlung besa, und welches sich mit so vielen
andern Sachen auf eine unerklrliche Weise verloren hat?

Ja wohl! rief der alte Walther aus, wenn es nicht von Rafaels Hnden
war, wie einige behaupten wollen, so war es wenigstens von einem
vorzglichen Meister, der nach diesem Muster die Kunst mit Glck studirt
hatte. Wenn einige Neuere von der Kunst des Portraitirens als von einer
geringen Sache sprechen wollten, oder die gar den Maler erniedrige, so
durfte man sie nur vor dieses wunderwrdige Bildni fhren, um sie zu
beschmen.

Wie, sagen Sie, so wandte sich der Fremde lebhaft zum alten Rath, es
sind auer diesem trefflichen Stck noch andere merkwrdige Gemlde
verloren gegangen? Auf welche Weise?

Ob verloren, sagte Walther, kann man so eigentlich nicht sagen; aber sie
sind unsichtbar geworden, und vielleicht in's ferne Ausland verkauft.
Mein Freund, der Herr von Essen, der Vater des jungen Menschen, den Sie
neulich in meinem Saale trafen, wurde mit zunehmendem Alter launenhaft
und wunderlich. Die Liebe zur Kunst hatte uns befreundet, und ich kann
sagen, da ich sein ganzes Vertrauen besa. Wir ergtzten uns an unsern
Sammlungen, und die seinige bertraf damals bei weitem die meinige, die
ich erst durch die Nachligkeit seines Sohnes so ansehnlich habe
vermehren knnen. Wenn wir uns einmal ein rechtes Fest geben wollten, so
setzten wir uns in sein Cabinet, in welchem die ausgesuchtesten seiner
Werke versammelt waren. Diese hatte er mit vorzglich prchtigen Rahmen
einfassen lassen, und sie sinnreich bei einer sehr vortheilhaften
Erleuchtung geordnet. Auer jenem Portrait sah man dort eine so
unvergleichliche Landschaft von _Nicolas Poussin_, wie mir noch nie eine
vorgekommen ist. Im sanften Abendlicht fuhr Christus mit seinen Jngern
auf dem Wasser. Die Lieblichkeit des Wiederscheins der Huser und Bume,
die klare Luft, die Durchsichtigkeit der Wellen, der edle Charakter des
Erlsers und die himmlische Ruhe, die ber dem Ganzen schwebte und unser
Gemth wie in Wehmuth und friedlicher Sehnsucht auflste, ist nicht zu
beschreiben. Daneben hing ein Christus mit der Dornenkrone von _Guido
Reni_, von einem Ausdrucke, wie ich ihn seitdem auch nicht wieder
gesehen habe. Der alte Freund wollte sonst in seinem Eigensinne den
trefflichen _Guido_ vielleicht zu wenig gelten lassen; aber vor diesem
Bilde war er immer entzckt, und es ist wahr, man sah es, so oft man es
sah, jedesmal von Neuem; die vertraute Bekanntschaft mit ihm erhhte nur
den Genu, und lie immer neue, noch geistigere Schnheiten entdecken.
Dieser Ausdruck der Milde, des ergebenen Duldens, der himmlischen Gte
und des Verzeihens muten auch das starrste Herz durchdringen. Es war
nicht jene gesteigerte Leidenschaftlichkeit, wie man wohl in andern
hnlichen Bildern des Guido wahrnimmt, und die uns bei trefflicher
Behandlung des Gegenstandes doch eher zurck stt, als anzieht, sondern
es war das seste, wie das schmerzlichste Gemlde. Durch die zarten
Fleischpartien unter Wange, Kinn und Auge sah und fhlte man den ganzen
Schdel, und dieser Ausdruck des Leidens erhhte nur die Schnheit.
Gegenber war eine Lukretia von demselben Meister, die sich mit starkem
vollen Arm den Dolch in den schnen Busen stie. In diesem Bilde war der
Ausdruck gro und krftig, die Farbe unvergleichlich. Eine Mutter, die
dem schlafenden Kinde das Tuch vom nackten Krper nimmt, und Joseph und
Johannes den Schlfer betrachtend, die Figuren lebensgro, waren von
einem alten rmischen Meister so herrlich und grazis dargestellt, da
jede Beschreibung nur unzulnglich ist. Aber wohl mchte ich Worte
suchen, um auch nur eine schwache Vorstellung von dem einzigen _Van
Eyck_ zu geben, einer Verkndigung, welche doch vielleicht die Krone der
Sammlung war. Hat sich die Farbe je als eine Tochter des Himmels
verherrlicht, ist mit Licht und Schatten jemals gespielt, und im Spiel
die edelste Rhrung der Seele erweckt worden, haben Lust, Begeisterung,
Poesie und Wahrheit und Adel sich je in Figuren und Frbung auf eine
Tafel gelegt, so war es in diesem Bilde geschehen, welches mehr als
Malerei und Zauber war. Ich mu abbrechen, um mich nicht selbst zu
vergessen. Diese Bilder waren die vorzglichsten; aber ein _Hemling_,
ein herrlicher _Annibal Carracci_, ein kleines Bild, Christus zwischen
den Kriegsknechten, eine Venus, vielleicht von Titian, wren wohl noch
der Erwhnung werth, und kein Bild war in diesem Cabinet, das nicht
jeden Freund der Kunst beglckt htte. Und, denken Sie, fassen Sie die
Sonderbarkeit des Alten, kurz vor seinem Tode sind alle diese Stcke
verschwunden, ohne Spur verschwunden. Hat er sie verkauft? Er hat nie
diese Frage beantwortet, und seine Bcher htten es nach seinem Tode
ausweisen mssen, die aber nichts davon sagten. Hat er sie verschenkt?
Aber wem? Man mu frchten, und der Gedanke ist herzzerreiend, er hat
sie in einer Art von wahnsinniger Schwermuth, weil er sie wohl keinem
andern Menschen auf Erden gnnen mochte, kurz vor seinem Tode
vernichtet. Vernichtet! Fassen Sie es, begreift ein Mensch diese
furchtbare Abwesenheit, wenn mein Verdacht gegrndet ist?

Der Alte war so erschttert, da er seine Thrnen nicht zurck halten
konnte, und Eulenbck zog ein ungeheures gelbseidenes Tuch aus der
Tasche, um in auffallender Rhrung sein dunkelrothes Gesicht
abzutrocknen. Erinnern Sie sich wohl noch, hub er schluchzend an, des
sonderbaren Bildes von _Quintin Messys_, auf dem ein junger Schfer und
ein Mdchen in seltsamer Tracht abgebildet waren, beide herrlich
ausgearbeitet, und wovon er behauptete, die Figuren shen seinem Sohne
und Ihrer Tochter hnlich.

Die Aehnlichkeit war damals auffallend, erwiederte Erich. Sie haben aber
noch den Johannes zu nennen vergessen, der wenigstens mit dem _Guido_
wetteifern konnte. Dies Bild war vielleicht von _Domenichino_,
wenigstens war es jenem berhmten uerst hnlich. Dieser Blick des
Jnglings nach dem Himmel, die Begeisterung, die Sehnsucht, zugleich die
Wehmuth, da er schon das Gttliche auf Erden gesehen, als Freund umarmt
und als Lehrer verstanden hatte, dieser Wiederschein einer entschwundnen
Vergangenheit im Spiegel des edeln Antlitzes war rhrend und erhebend.
-- O, wenige von diesen Bildern knnten den jungen Mann retten und
wieder wohlhabend machen.

Wre doch Alles an ihm verloren, rief Eulenbck aus. Er wrde es doch
nur wieder vergeuden. Was habe ich nicht an ihm ermahnt! Aber er hrt
auf den ltern Freund und die Stimme der Erfahrung nicht. Nun endlich,
da ihm das Wasser doch wohl mag an die Seele gehen, ist er in sich
geschlagen; er sah, da ich ber sein Unglck bis zu Thrnen gerhrt
war, da hat er mir in meine Hand versprochen, sich von Stund an zu
bessern, zu arbeiten und ein ordentlicher Mensch zu werden. Wie ich ihn
hierauf gerhrt umarme, reit er sich lachend los und ruft: aber erst
vom heiligen Dreiknigs-Abend an soll dieser Vorsatz gelten, bis dahin
will ich noch lustig seyn und in der alten Bahn fortlaufen! Was ich auch
sagen mochte, Alles war umsonst; er drohte, wenn ich ihm nicht seinen
Willen liee, die ganze Besserung wieder aufzugeben. -- Ei nun, das Fest
ist in einigen Tagen, die Frist ist nur kurz; Sie knnen aber wenigstens
daraus sehen, wie wenig auf seine guten Vorstze zu bauen ist.

Von jeher, sagte Sophie, ist er zu sehr mit frommen Leuten umgeben
gewesen; aus Widerspruch hat er sich auf die andre Seite gewandt, und so
hat freilich sein Eigensinn verhindert, da der Umgang mit den
Tugendhaften ihm hat ntzlich werden knnen.

Sie haben gewissermaen Recht, rief der alte Maler. Hat er sich nicht
von dem Pietisten, dem langweiligen alten Musikdirektor Henne seit
einiger Zeit wie belagern lassen? Aber ich versichere Sie, dessen
trockne Predigten knnen unmglich an ihm haften; auch wird der Alte
beim dritten Glase betrunken, und so kommt er aus dem Text.

Er hat es zu arg getrieben, bemerkte der Wirth: dergleichen Menschen,
wenn Unordnung und Verschwendung erst ihre Lebensweise geworden sind,
knnen sich niemals wieder zurecht finden. Das rechtliche, wahre Leben
erscheint ihnen gering und bedeutungslos; sie sind verloren.

Sehr wahr, sagte Eulenbck: und um Ihnen nur ein auffallendes Beispiel
seiner Raserei zu geben, so hren Sie, wie er es mit seiner Bibliothek
anfing. Er erbte eine unvergleichliche Bchersammlung von seinem
wrdigen Vater; die herrlichsten Ausgaben der Classiker, die grten
Seltenheiten der italienischen Literatur, die ersten Ausgaben des Dante
und Petrarca, nach denen man auch wohl in berhmten Stdten umsonst
fragt. Nun fllt es ihm ein, er msse einen Secretr haben, der zugleich
diese Bibliothek in Ordnung halten solle, die neu angekauften Werke in
das Verzeichni eintragen, die Werke systematisch aufstellen und
dergleichen mehr. Ein junger wster Mensch meldet sich zu diesem
wichtigen Amte, und wird auch gleich angenommen, weil er zu schwatzen
wei. Zu schreiben ist nicht viel, aber trinken mu er lernen, und der
Unterricht schlgt bei dem lockern Vogel an. Das wilde Leben nimmt
gleich seinen Anfang; alle Tage toll und voll, Blle, Maskeraden,
Schlittenfahrten, die halbe Stadt frei gehalten. So fehlt es denn nun
schon nach einem halben Jahre, als der junge Gelehrte sich seinen Gehalt
ausbittet, an baarem Gelde. Man fllt auf den Ausweg, da er fr den
Gehalt des ersten Jahres an Bchern nach einer billigen Taxe nehmen
drfe. Herr und Diener kennen aber den Werth der Sachen nicht, die auch
nur fr den Kenner kostbar sind, und deren finden sich nicht auf allen
Gassen. Die theuersten Werke werden ihm also lcherlich wohlfeil
berlassen, und da man die Auskunft einmal gefunden hat, so wiederholt
sich das Spiel immer wieder, und um so fter, da der neue Gnstling
zuweilen Gelegenheit hat, fr seinen Patron baare Auslagen zu machen,
die ihm in Bchern wieder erstattet werden. So frchte ich, sind von der
Bchersammlung vielleicht nur noch die Schrnke brig geblieben.

Ich wei am besten, sagte der Rath, wie unverantwortlich man mit den
Bchern umgegangen ist.

Das sind ja alles erschreckliche Geschichten, sagte Sophie: wer mchte
sie nur von seinem Feinde so wieder erzhlen?

Das Schlimmste aber, fuhr Eulenbck fort, war denn doch seine
Leidenschaft fr die berchtigte schne Betty; denn diese that das im
Groen, was alle seine brigen Thorheiten an seinem Wohlstand nur im
Kleinen vernichten konnten. Sie hat auch seinen Charakter zu Grunde
gerichtet, der sich ursprnglich zum Guten neigte. Er ist gutherzig,
aber schwach, so da Jeder, welcher sich seiner bemchtigt, aus ihm
machen kann, was er will. Meine gutgemeinten Worte verschollen nur in
den Wind. Bis in die tiefe Mitternacht hinein habe ich zuweilen auf die
eindringlichste Art gesprochen, aber es war nur Schade um alle meine
Ermahnungen. Sie hatte ihn so in Stricken, da er selbst seine
redlichsten und ltesten Freunde um ihrerwillen mihandeln konnte.

Indem erhob man sich von der Tafel, und whrend der gegenseitigen
Begrungen nahm Sophie die Gelegenheit wahr, indem sie dem alten Maler
die Hand reichte, der sie ihr zierlich kte, ihm deutlich zuzuflstern:
o Sie abscheulichster von allen abscheulichen Sndern, Sie undankbarer
Heuchler! Wie kann es Ihr verkehrtes Herz ber sich gewinnen, den
ffentlich zu lstern, von dessen Wohlthaten Sie sich bereichert haben,
dessen Leichtsinn Sie benutzen, um ihn mit andern Gehlfen elend zu
machen? Bisher habe ich Sie nur fr abgeschmackt, aber gutmthig
gehalten; ich sehe aber, da Sie nicht ohne Ursache eine wahre
Teufels-Physiognomie tragen! Ich verabscheue Sie! -- Sie stie ihn mit
Bewegung zurck, und eilte dann aus dem Zimmer.

Die Gesellschaft ging in den Bildersaal, wo der Kaffee herum gereicht
wurde. Was war denn meiner Tochter? fragte der Rath den Maler: sie
schien so eilig und hatte Thrnen im Auge.

Ein gutes, liebes Kind, schmunzelte Eulenbck. Sie sind recht glcklich,
Herr Geheimer Rath, bei diesem empfindsamen Herzen Ihrer Tochter. Sie
war so liebevoll um meine Gesundheit besorgt; sie findet meine Augen
entzndet, und meinte gar, ich knnte erblinden: darber ist sie denn so
gerhrt worden.

Ein treffliches Kind! rief der Vater aus: wenn ich sie nur erst gut
versorgt she, da ich in Frieden sterben knnte. Der Fremde war noch
zurck geblieben, um das neue Gemlde in Augenschein zu nehmen, welches
Erich ihm im Speisezimmer zeigte; jetzt kam er mit diesem zur
Gesellschaft und Dietrich folgte. Sie waren Alle im lebhaften Gesprch
begriffen; der Fremde tadelte den Gegenstand, welchen Dietrich
vertheidigen wollte. Wenn _Teniers_ und hnliche Niederlnder, sagte der
letztere, die Versuchung des heiligen Antonius komisch und fratzenhaft
dargestellt haben, so ist diese Laune ihrer Stimmung zu vergeben, so wie
ihrem Talent nachzusehen, da sie das Wrdige nicht zu erschaffen wuten.
Der Gegenstand aber fordert eine ernste Behandlung, und dem alten
deutschen Meister dort ist sie ohne Zweifel gelungen; wenn der Beschauer
nur unpartheiisch seyn kann, so wird er sich von seinem Bilde angezogen
und befriedigt fhlen.

Dieser Gegenstand, nahm der Fremde das Wort, ist keiner fr die bildende
Kunst. Die ngstigenden Trume eines wahnsinnigen Alten, die Gespenster,
die er in seiner Einsamkeit sieht, und die ihn durch falschen Reiz oder
Entsetzen von seiner melancholischen Beschaulichkeit abziehen wollen,
knnen nur in das Gebiet fratzenhafter Phantome fallen, und auch nur
phantastisch dargestellt werden, wenn es berhaupt erlaubt seyn soll.
Dagegen dort die weibliche Gestalt, welche sich edel zeigen will und
zugleich reizend, eine enthllte Schnheit in der Flle der Jugend, und
die doch nur ein verkleidetes Gespenst ist; die wilden Gestalten umher,
die durch den grellen Contrast sie noch mehr hervorheben, das Entsetzen
des Alten, der sich im Vertrauen wieder zu finden sucht, diese
Vermischung der widersprechendsten Gefhle ist durchaus widersinnig, und
Schade um Talent und Kunst, die sich an dergleichen abarbeitend
verschwenden und vernichten.

Ihr Zorn, sagte Dietrich, enthlt das schnste Lob des Bildes. Ist denn
nicht Alles, was den Menschen versucht, nur Gespenst, in die lockende
Gestalt der Schnheit verhllt, oder sich scheinbar mit nichtigem
Entsetzen verpanzernd? Sollte eine Darstellung, wie jene, nicht gerade
in unsern neuesten Tagen eine doppelte Bedeutung erhalten? Allen kommt
diese Versuchung, die sich noch ihres Herzens nicht ganz bewut sind;
aber in jenem Heiligen sehen wir den festen und reinen Blick, der ber
die Furcht erhaben ist, und lngst die wahre unsichtbare Schnheit
kennt, um Grauen und geringe Lsternheit von sich zu weisen. Das wahre
Schne fhrt uns in keine Versuchung; das, was wir wirklich frchten
drfen, erscheint nicht in Larve und Unform. Das Bestreben jenes alten
Meisters lt sich daher vor dem gebildeten Sinne rechtfertigen; nicht
so Teniers und seines Gleichen.

Das Tolle, das Alberne und Abgeschmackte ist ein Unendliches, rief der
Unbekannte: es ist es eben dadurch, da es sich in keine Grnze fassen
lt, denn durch die Schranke wird alles Vernnftige: das Schne, Edle,
Freie, Kunst und Enthusiasmus. Weil sich aber etwas Ueberirdisches,
Unaussprechliches beimischt, so meinen die Thoren, es sei das
Unbedingte, und sndigen im angematen Mystizismus in Natur und
Phantasie hinein. Sehn Sie diesen tollen _Hllenbreughel_ hier am
Pfeiler? Weil sein Auge gar keinen Blick mehr hatte fr Wahrheit und
Sinn, weil er sich ganz von der Natur lossagte, und Aberwitz und Unsinn
ihm als Begeisterung und Verstndni galten, so ist er mir vom ganzen
Heere der Fratzenmaler geradezu der liebste, da er ohne Weiteres die
Thre zuschlug und den Verstand drauen lie. Sehn Sie den Riesensaal
von _Julio Romano_ in Mantua, seine wunderlichen Aufzge mit Thieren und
Centauren und allen Wundern der Fabel, seine Bacchanalien, seine khne
Vermischung des Menschlichen, Schnen, Thierischen und Frechen;
vertiefen Sie sich in diese Studien, dann werden Sie erst wissen, was
ein wirklicher Poet aus diesen sonderbaren und unverstandenen Stimmungen
unsers Gemthes machen kann und darf, und wie er im Stande ist, auch in
diesem, aus Trumen geflochtenen Netz, die Schnheit zu fangen.

Auf solchem Wege, sagte Dietrich, sind wir mit allen Dingen sehr bald
fertig, wenn wir nur eine Norm und Regel annehmen, in leidenschaftlicher
Verblendung alles Gttliche auf Einen Namen bertragen, und von dem
einseitigen Erkennen seiner dann abweisen, was er nicht geleistet hat,
oder nicht leisten konnte, der doch auch nur ein Einzelner und ein
Sterblicher war, dessen Blick nicht in alle Tiefen drang, und dem
wenigstens der Tod die Palette aus der Hand nahm, wre er selbst fhig
gewesen, alle Erscheinungen aus seinen Fingern quellen zu lassen.
Schranke mu seyn; wer bezweifelt das? Aber so manche Altklugheit, die
sich im Halten der Regel so gro dnkt, erinnert mich immer wieder an
die sonderbare Eigenschaft des Hahns, der, wie unbndig und kriegerisch
er auch thut, wenn er auf die Seite gelegt wird, und man von seinem
Schnabel aus einen Kreidestrich auf den Boden hinzieht, unbeweglich und
andchtig liegen bleibt, weil er sich, wer wei von welcher
Naturnothwendigkeit, philosophischer Regel oder unerlalichen
Kunstschranke gefesselt glaubt.

Sie werden unbescheiden, mein junger altdeutscher Herr, sagte der Fremde
in etwas hohem Tone. Die gute Erziehung wird freilich bald zu den
verlorenen Knsten gerechnet werden mssen.

Dafr ist aber wohl gesorgt, versetzte Dietrich, da Uebermuth nicht
ausstirbt, und Dnkel bei frischen Krften bleibt. Er verbeugte sich
schnell gegen den Hausherrn und verlie die Gesellschaft.

Ich wei nicht wie ich dazu komme, so behandelt zu werden, sagte der
Fremde. Scheint doch ber diesem Saal ein Unheil zu walten, da ich hier
immer auf Riesen treffe, die mich in den Staub legen wollen.

Der alte Walther war sehr mimuthig, da in seinem Hause solche Scenen
vorfielen. So wie er den Fremden schon bei Tische hatte aufgeben mssen,
so gab er nun auch den Gedanken auf, jemals den jungen Maler zum
Schwiegersohn in Vorschlag zu bringen. Begtigend wendete er sich zu dem
Fremden, der in seinem Zorn dem Hllenbreughel eine grere
Aufmerksamkeit schenkte, als auerdem geschehen seyn wrde. Nicht wahr,
fing er an, ein in seiner Art treffliches Gemlde?

Das schnste von diesem Meister, das ich bisher gesehen, erwiederte der
verstimmte junge Mann. Er nahm sein Glas zu Hlfe, um es genauer zu
prfen. Was ist das? rief er pltzlich: sehen Sie, wo die Beine der
beiden Teufel zusammen kommen, und der feurige Schweif des Dritten, wird
ein Gesicht, ein recht wunderlich ausdrucksvolles Profil gebildet, und,
ich irre mich nicht, es gleicht auffallend hier Ihrem ltern Freunde,
dem braven Knstler.

Alle drngten sich hinzu, keiner hatte diesen sonderbaren Einfall noch
bemerkt. Eulenbck, der Schalk, spielte am meisten den Erstaunten. Da
mein Andenken, sagte er, sich in diesem seltsamen Stammbuche finden
sollte, htte ich mir nicht trumen lassen; sollte der boshafte Maler
aber mein Profil schon in der Vorzeit geahndet haben, so ist es doch zu
ruchlos, da dieser Feuerschweif gerade meine etwas rothe Nase formiren
mu.

Das Ding, sagte Erich, ist so sonderbar angebracht, da man wirklich
nicht ergrnden kann, ob es Vorsatz, oder bloer Zufall ist. Walther
betrachtete das Profil im Bilde, dann musterte er die Physiognomie
seines Freundes, schttelte den Kopf, ward nachdenkend und nahm
zerstreut Abschied, als der Fremde sich mit Eulenbck beurlaubte, der
sich dessen Begleitung erbeten hatte, um ihm seine Kunstwerke zu zeigen.

Was ist Dir? fragte Erich, der mit dem Alten allein im Saale zurck
geblieben war. Du scheinst ber den sonderbaren Scherz des Zufalls
verdrlich, der uns alle zum Lachen gezwungen hat; ist doch der Sufer
hinlnglich dadurch bestraft, da diese Teufelscompagnie so artig sein
Portrait zusammen setzen mu.

Hltst Du es denn wirklich auch fr Zufall? rief Walther erzrnt aus:
siehst Du denn nicht ein, da der alte Schelm mir dies Bild betrgerisch
aufgeheftet hat, da es von ihm herrhrt? Schau nur hieher, ich habe ihn
vor den Andern nicht beschmen wollen; aber nicht genug an dieser
Abschattung von sich selbst, hat er auch noch dem groen Teufel da oben,
der die Seelen in einer Handmhle mahlt, in seinem ungeheuren
Schnauzbart fein den Namen Eulenbck eingeschrieben. Ich entdeckte die
Kritzelei schon unlngst einmal; ich glaubte aber, da es nicht ganz
deutlich war, es habe der Maler, oder ein Anderer, Hllenbreughel
hineinschreiben wollen; so erklrte es mir der alte Schuft auch selbst,
der mir, wie ich es ihm zeigte, Ellenbreg herauslas, und hinzufgte,
die Knstler htten sich nie um die Orthographie viel gekmmert. Nun
geht mir erst ein Licht auf, da der verruchte Sufer auch nur den
jungen Mann verfhrt hat, mir den Salvator zu verkaufen, da Du einen
solchen von ihm ebenfalls erhalten hast; und dabei mssen wir noch
frchten, unsre Gesichter einmal, wer wei, unter welchen abscheulichen
Gegenstnden, irgendwo unanstndig auf pasquillantische Weise angebracht
zu sehen.

Er war so zornig, da er die Faust aufhob, um das Bild zu zerstren.
Aber Erich hielt ihn zurck und sagte: Vernichte nicht im Unmuth ein
merkwrdiges Produkt eines Virtuosen, das Dich in Zukunft wieder
ergtzen wird. Rhrt es von unserm _Eulenbck_ her, wie ich jetzt selber
glauben mu, und sind gar noch die beiden _Salvators_ von ihm, so mu
ich die Geschicklichkeit des Mannes bewundern. Toll ist die Art, wie er
sich selbst gezeichnet hat; indessen kann dieser Uebermuth nur ihm
selber schdlich werden, da ich und Du uns nun wohl hten werden, von
ihm zu kaufen, von denen er auerdem wohl noch manchen Thaler gelst
htte. Aber Dich wurmt noch etwas Anderes, ich sehe es Dir wohl an. Kann
ich Dir rathen? Ist es vielleicht die alte Besorgni um Deine Tochter?

Ja, mein Freund, sagte der Vater: und wie ist es mit Dir? Hast Du selbst
meinen Worten nachgedacht?

Viel und oft, erwiederte Erich: aber, lieber Grillenfnger, wenn es auch
glckliche Ehen ohne Leidenschaft geben kann, so mu doch eine Art von
Neigung da seyn; die finde ich aber nicht, und ich kann es Deiner
Tochter nicht verdenken, -- wir sind uns zu ungleich. Schade wr' es
auch, wenn das liebe Wesen mit seinen lebhaften Empfindungen nicht
glcklich werden sollte.

Durch wen? rief der Vater, es findet sich ja Niemand, den sie mag, und
der sich fr sie pat; Du trittst vllig zurck, der fremde hochmthige
Gast hat mich heut mit seiner vornehmen Art recht empfindlich gergert;
aus dem jungen Herrn Dietrich wrde nie ein gescheidter Ehemann werden,
da er sich gar nicht in die Welt zu schicken wei, wie ich gesehen habe,
und vom jungen Eisenschlicht darf ich ihr gar nicht einmal sprechen.
Dazu ist mir auf's Neue der Verlust der herrlichen Bilder auf das Herz
gefallen. Wo der Satan sie nur hingefhrt hat! Sieh, meinem rgsten
Feinde mchte ich sie gnnen, wenn sie nur da wren! -- Und dann -- hab'
ich nicht auch noch eine Verschuldung gegen Eduard? Du weit, zu welchen
billigen Preisen ich nach und nach von ihm kaufte, was er noch im
Nachlasse seines Vaters fand. Er kannte, er achtete die Sachen nicht;
ich habe ihm nie abgedrungen, ich habe ihn nie angelockt, -- aber doch
-- wenn der junge Mensch ordentlich werden wollte, wenn er den bessern
Weg einschlge, -- wte ich nur, da es ihn nicht wieder schlecht
machte, da er es nicht vergeudete, ich wollte ihm noch einen
betrchtlichen Nachschu gerne zahlen.

Brav! rief Erich und gab ihm die Hand. Ich habe den jungen Menschen
nicht aus den Augen gelassen; er ist nicht ganz so schlimm, als die
Stadt von ihm spricht, er kann noch einmal ein rechter Mann werden. Wenn
wir Besserung sehen und Du Dich ihm gewogen fhlst, vielleicht da Deine
Tochter einmal auch gut von ihm dchte, kann seyn, da sie ihm gefiele;
-- wie wr's alsdann, wenn Du durch Dein Vermgen Beiden ein glckliches
Schicksal bereitetest, Enkel auf Deinen Knieen schaukeltest, ihnen die
ersten Begriffe der Kunstgeschichte beibrchtest, da sie hier in Deinem
Saale die berhmten Namen stammelten.

Nimmermehr! rief der Alte und stampfte mit dem Fue. Wie? einem solchen
verderbten Taugenichts mein einziges Kind? Ihm diese Sammlung hier, da
er sie verprassen und fr ein Spottgeld verkaufen knnte? Das rth mir
kein Freund.

Doch, sagte Erich: sei nur gelassen, berdenke den Vorschlag ohne
Leidenschaft, und suche Deine Tochter zu prfen.

Nein, nein! wiederholte Walther laut, es kann, es darf nicht seyn! Ja,
knnte er noch ein einziges von jenen kostbaren, unvergleichlichen
Bildern aufweisen, die aber nun auf ewig verloren sind, so liee sich
noch eher darber sprechen. Aber so verschone mich in alle Zukunft mit
dergleichen Vorschlgen. -- Und der verdammte Breughel hier! Da
oben, hoch, wo ich ihn nie wieder sehe, will ich ihn mit der
Galgen-Physiognomie des alten Snders und allen seinen Teufeln hinauf
hngen!

Er sah empor, und wieder schaute aus dem offnen Fenster Sophie,
lauschend auf ihr Gesprch, herab. Sie errthete, entfloh, ohne das
Fenster zu schlieen, und der Alte rief: das fehlte noch! Nun hat die
eigensinnige Dirne Alles mit angehrt, und setzt sich wohl gar
dergleichen in den kleinen trotzigen Kopf!

Die alten Freunde trennten sich, Walther mit sich und aller Welt
unzufrieden.

                   *       *       *       *       *

Tief in der Nacht sa Eduard in seinem einsamen Zimmer, mit vielfachen
Gedanken beschftigt. Um ihn lagen unbezahlte Rechnungen, und er hufte
die Summen daneben auf, um sie am folgenden Morgen zu tilgen. Es war ihm
gelungen, unter billigen Bedingungen ein Capital auf sein Haus
aufzunehmen, und so arm er sich erschien, so war er doch schon in dem
Gefhl zufrieden, welches ihm sein fester Vorsatz gab, knftig auf andre
Weise zu leben. Er sah sich in Gedanken schon thtig, er machte Plane,
wie er von einem kleinen Amte zu einem wichtigern emporsteigen, und sich
in diesem zu einem noch ansehnlichern vorbereiten wolle. Die Gewohnheit,
sagte er, wird ja zu unserer Natur, so im Guten, wie im Schlimmen, und
wie mir Mssiggang bisher nothwendig gewesen ist, um mich wohl zu
befinden, so wird es in Zukunft die Arbeit nicht weniger seyn. -- Aber
wann, wann wird denn dies erwnschte goldne Zeitalter meines edlern
Bewutseins wirklich und wahrhaft in mir seyn, da ich mit Befriedigung
und Wohlbehagen die Gegenstnde vor mir und mich selbst werde betrachten
knnen? Jetzt sind es doch nur noch Vorstze und liebliche Hoffnungen,
die blhen und locken; und, ach! werde ich nicht auf halbem Wege,
vielleicht schon auf dem Anfange meiner Bahn ermatten?

Er sah die Rose zrtlich an, die im Wasserglase ihm glhend entgegen
lachte. Er nahm sie und drckte mit zarter Berhrung einen leisen Ku in
ihre Bltter, und hauchte einen Seufzer in den Kelch. Dann stellte er
sie behutsam in das nhrende Element zurck. Er hatte sie neulich, schon
verwelkt, in seinem Busen wieder gefunden; seit der Stunde, da sie im
Fluge sein Gesicht berhrt hatte, war er ein andrer Mensch geworden,
ohne da er es sich selber gestehen wollte. Man ist nie so aberglubisch
und merkt so gern auf Vorbedeutungen, als wenn das Herz recht
erschttert ist, und aus dem Sturm der Gefhle ein neues Leben sich
erzeugen will. Eduard merkte selbst nicht, wie sehr ihm die kleine Blume
Sophien selbst gegenwrtig machte, und da er Alles und sich selbst
beinah verloren hatte, so sollte die welke Pflanze sein Orakel seyn, ob
sie sich wieder erfrische und auch ihm ein neues Glck verkndigen
wolle. Da sie aber nach einigen Stunden sich im Wasser nicht entfaltete,
so half er ihr und der weissagenden Kraft durch die gewhnliche Kunst,
den Stengel zu beschneiden, diesen dann einige Augenblicke in die Flamme
des Lichtes zu halten und die Blume nachher in das kalte Element zurck
zu setzen. Fast sichtlich erfrischte sie sich nach dieser gewaltsamen
Nachhlfe, und blhte so schnell und mchtig auf, da Eduard frchten
mute, sie wrde binnen Kurzem alle ihre Bltter verstreuen. Doch war er
seitdem getrstet, und traute seinen Sternen wieder.

Er bltterte in alten Papieren seines Vaters, schlug Briefe auseinander,
und fand so manche Erinnerungen aus seiner Kindheit, so wie aus der
Jugend des Erzeugers. Er hatte den Inhalt eines Schrankes vor sich
ausgepackt, der Rechnungen, Nachweisungen, Proze-Acten und Vieles
hnlicher Art enthielt. Indem rollte sich ein Blatt auf, welches das
Verzeichni der ehemaligen Gallerie enthielt, die Geschichte der Bilder,
ihre Preise, und was dem Besitzer bei jedem Stcke merkwrdig gewesen
war. Eduard, der von einer Reise zurck kam, als sein Vater auf dem
Sterbebette lag, hatte nach dem Begrbnisse vielfach nach jenen
verlorenen Bildern gesucht, und manche vergebliche Nachforschung
angestellt. Er konnte mit Recht erwarten, da auch von jenen vermiten
sich hier ein Wort finden mchte, und wirklich erschien ihm in einem
andern Packet, zwischen Papieren versteckt, ein Blatt, welches genau
jene Stcke nannte, die Namen der Meister, so wie die vorigen
Eigenthmer. Die Schrift war augenscheinlich aus den letzten Tagen
seines Vaters, und unten fanden sich die Worte: diese Stcke sind jetzt
-- --, weiter hatte die Hand nicht geschrieben, und selbst diese Zeile
war wieder ausgestrichen worden.

Nun suchte Eduard noch eifriger, aber keine Spur. Das Licht war
niedergebrannt, sein Blut war erhitzt; er warf die Bogen eilig im Zimmer
umher, aber es zeigte sich nichts. Als er ein altes vergelbtes Papier
auseinander schlug, sah er zu seinem Erstaunen einen Schein, der vor
vielen Jahren ausgestellt war, in welchem sich sein Vater als den
Schuldner Walthers mit einer namhaften Summe bekannte. Er war nicht
quittirt, aber doch nicht in den Hnden des Glubigers. Wie war dieser
Umstand zu erklren? --

Er steckte ihn zu sich und rechnete aus, da, wenn das Blatt gltig
wre, er von seinem Hause kaum noch etwas brig behalten wrde. Er
betrachtete einen Beutel, den er in eine Ecke gestellt, und der dazu
bestimmt war, ein fr allemal noch den Familien, die er bisher im
Stillen untersttzt hatte, eine ansehnliche Hlfe zu geben. -- Denn wie
er im Verschwenden leichtsinnig war, so war er es auch in seinen
Wohlthaten; man htte sie auch, wenn man strenge seyn wollte,
Verschwendung nennen knnen. -- Wenn ich nur diese Summe nicht anrhren
darf, damit die Elenden sich noch einmal freuen, so ist es nachher auch
eben so gut, ganz von vorn anzufangen und nur meinen Krften zu
vertrauen. Dies war vor dem Einschlafen sein letzter Gedanke.

                   *       *       *       *       *

Eduard war vom Geheimenrath Walther eingeladen worden; es war lange
nicht geschehen, und ob der Jngling gleich nicht begriff, wie der alte
Freund zu diesem erneuten Wohlwollen komme, so ging er doch mit frischem
Muthe hin, hauptschlich in der frohen Erwartung, mit Sophien die
ehemalige Bekanntschaft wieder anzuknpfen. Er nahm das aufgefundene
Papier mit.

Es war ihm sehr verdrlich, dort den alten und den jungen Herrn von
Eisenschlicht zu finden; indessen, da er bei Tische Sophien gegenber
sa, so richtete er das Gesprch hauptschlich an diese, und bestrebte
sich, heiter zu erscheinen, obgleich sein Gemth auf vielfache Weise
gereizt war; denn es entging ihm nicht, wie der alte Walther dem jungen
Eisenschlicht mit aller Artigkeit entgegen kam, und ihn beinahe
vernachligte; auch war es in der Stadt bekannt, da sich der Rath den
jungen reichen Mann zum Schwiegersohne wnsche. Dieser lie sich die
Freundlichkeit des Wirthes gefallen mit einer Art, als wenn es nicht
anders seyn knne, und Erich, der es gut mit dem jungen Eduard meinte,
suchte nur zu verhindern, da der gereizte Jngling nicht in Heftigkeit
ausbrche. Sophie war die Munterkeit selbst; sie hatte sich mehr
geschmckt als gewhnlich, und der Vater mute sie oft prfend
betrachten, denn ihr Anzug wich in einigen Stcken von dem
gebruchlichen ab, und erinnerte ihn heute lebhafter als je an jenes
verlorene Bild von _Messys_, welches die beiden jungen Leute in einer
gewissen Aehnlichkeit als Schfer darstellte.

Man versammelte sich nach Tische im Bildersaal, und Erich mute lcheln,
als er bemerkte, da sein Freund wirklich den falschen Hllenbreughel
hoch in einen Winkel hinauf gehangen hatte, wo man ihn kaum noch
bemerken konnte. Der junge Eisenschlicht setzte sich neben Sophien, und
schien sehr angelegentlich mit ihr zu sprechen. Eduard ging unruhig hin
und her, und betrachtete die Bilder; Erich unterhielt sich mit dem Vater
des jungen Freiwerbers, und Walther hatte ein prfendes Auge auf Alle
gerichtet.

Warum aber, sagte Erich zu seinem Nachbar, ist Ihnen hier das Meiste aus
der niederlndischen Schule zuwider?

Weil sie so viel Lumpenvolk und Bettler darstellt, antwortete der reiche
Mann. Mein Widerwille trifft auch nicht diese Niederlnder allein,
sondern vorzglich ist mir deshalb der Spanier _Murillo_ verhat, und
auch so manche Italiener. Es ist schon traurig genug, da man sich auf
Markt und Strae, ja in den Husern selbst, nicht vor diesem Geschmeie
zu retten wei; wenn aber ein Knstler verlangt, ich soll mich gar noch
auf bunter Leinwand an dem lstigen Volke ergtzen, so heit das, meiner
Geduld etwas zu viel anmuthen.

Da wrde Ihnen vielleicht, sagte Eduard, der _Quintin Messys_ recht
seyn, der so hufig Wechsler an ihrem Tische, mit Mnzen und
Rechnungsbchern so treu und krftig vor uns hinstellt.

Auch nicht, junger Herr, sagte der alte Mann: das knnen wir leicht und
ohne Anstrengung in der Wirklichkeit sehn. Soll ich mich einmal an
Malerei erfreuen, so verlange ich groe knigliche Aufzge, viele
schwere Seidenzeuge, Kronen und Purpurmntel, Pagen und Mohren; das,
vereinigt mit einem Anblick auf Palste, groe Pltze und in weite
gerade Straen hinein, erhebt die Seele, das macht mich oft auf lange
munter, und ich werde nicht mde, es immer wieder von Neuem zu
beschauen.

Gewi, sagte Erich, hat _Paul Veronese_ und manche andere Italiener auch
darin viel Vorzgliches geleistet.

Was sagen Sie denn zu einer Hochzeit von Cana in dieser Manier? fragte
Eduard.

Alles Essen, erwiederte der alte Herr, wird auf Bildern langweilig, weil
es doch nie von der Stelle rckt, und die gebratenen Pfauen und hoch
aufgehobenen Pasteten, so wie die halb umgedrehten Mundschenken, sind
auf allen solchen Darstellungen lstige Creaturen. Aber ein Anderes ist
es, wenn sie den kleinen Moses aus dem Wasser ziehn, und dabei steht die
Prinze in ihrem reichsten Schmuck, und umher die geputzten Damen, die
auch fr Frstinnen gelten knnten, Mnner mit Hellebarden und
Rstungen, selbst Zwerge und Hunde; ich kann nicht sagen, wie es mich
erfreut, wenn ich eine solche Geschichte, die ich in meiner frhen
Jugend oft unter Beklemmungen in einer dunkeln Schulstube lesen mute,
so herrlich ausgeschmckt wieder antreffe. Von dergleichen Sachen aber,
lieber Herr Walther, haben Sie zu wenig. Ihre meisten Bilder sind fr
die Empfindung, und ich will niemals, am wenigsten von Kunstwerken,
gerhrt seyn. Ich werde es auch nicht, sondern ich rgre mich nur.

Noch schlimmer, fing der junge Eisenschlicht an, ist es aber in unsern
Comdien. Wenn wir aus einer angenehmen Gesellschaft und von einem
glnzenden Diner in den erleuchteten Saal treten: wie kann man nur
verlangen, da wir uns fr das mannigfaltige Elend und den kmmerlichen
Mangel interessiren sollen, der uns hier aufgetischt wird? Knnte man
nicht dieselbe polizeiliche Einrichtung treffen, die schon in den
meisten Stdten lblicherweise angeordnet ist, da ich ein fr allemal
fr die Armuth etwas einlege, und mich dann nicht weiter von den
einzelnen Zerlumpten und Hungernden incommodiren lasse?

Bequem wre es ohne Zweifel, sagte Eduard: ob aber durchaus zu loben,
sei es als Polizei- oder Kunsteinrichtung, wei ich noch nicht zu sagen.
Ich kann mich wenigstens des Mitleids gegen den Einzelnen nicht
erwehren, und mag es auch nicht, wenn man freilich oft zur Unzeit
gestrt, unverschmt bedrngt, und zuweilen auch wohl arg betrogen wird.

Ich bin Ihrer Meinung, rief Sophie aus: ich kann die stummen, blinden
Bcher nicht leiden, in die man sich einschreiben soll, um sich ruhig
auf eine unsichtbare Verwaltung verlassen zu knnen, die dem Elende, so
viel als mglich, abhelfen werde. In manchen Gegenden verlangt man
sogar, man soll sich verpflichten, dem Einzelnen nichts zu geben. Aber
wie kann man nur dem Jammer widerstehn? Wenn ich dem gebe, der mir seine
Noth klagt, so sehe ich doch wenigstens seine augenblickliche Freude,
und kann hoffen, ihn getrstet zu haben.

Das ist es eben, sagte der alte Kaufmann, was in allen Lndern den
Bettelstand erhlt, da wir uns nicht von dem kleinlichen Gefhl einer
weichlichen Eitelkeit und eines slichen Wohlthuns frei machen knnen
und wollen. Dies ist es zugleich, was die besseren Maregeln der Staaten
vereitelt und unmglich macht.

Sie denken anders, als jene Schweizer, sagte Eduard. Es war in einer
katholischen Gegend, wo ein alter Bettler seit lange sein Almosen an
gewissen Tagen einkassirte, und in jedem Hause fast, da die lndliche
Einsamkeit nicht viel Gewerbe und Umtrieb gestattete, mit zur Familie
gerechnet wurde. Indessen traf es sich doch, da man ihn in einer Htte,
als er zusprach, da man gerade mit einer Wchnerin sehr beschftigt war,
in der Verwirrung und Besorgni fr die Kranke abwies. Als er wirklich
nach wiederholter Forderung nichts erhielt, wandte er sich zornig und
rief im Scheiden: Nun, wahrlich, ihr sollt sehn, da ich gar nicht
wiederkomme, und so mgt ihr dann sehen, wo ihr wieder einen Bettler
herkriegt!

Alle lachten, nur Sophie nicht, welche diesen Ausspruch ganz vernnftig
finden wollte, und mit diesen Worten schlo: gewi, wenn es uns
unmglich gemacht werden knnte, Wohlthaten zu erzeigen, so mchte unser
Leben selber arm genug werden. Knnte der Trieb des Mitleids in uns
ersterben, so mchte es auch wohl um Lust und Freude traurig aussehen.
Derjenige, der glcklich genug ist, mittheilen zu knnen, empfngt mehr,
als der arme Nehmende. Ach! das ist ja noch das Einzige, fgte sie mit
groer Bewegung hinzu, was das starre Eigenthum, die Grausamkeit des
Besitzes etwas entschuldigen und mildern kann, da auf die Schmachtenden
unten etwas von dem unbillig Aufgehuften herabgeschttet wird, damit es
nicht ganz in Vergessenheit komme, da wir alle Brder sind.

Der Vater sah sie mibilligend an, und wollte eben etwas sagen, als
Eduard heftig einfiel, indem er seine feurigen Augen auf die feuchten
des Mdchens heftete: dchte die Mehrzahl der Menschen so, so lebten wir
in einer andern und bessern Welt. Wir entsetzen uns, wenn wir von dem
Drangsal lesen, das in Wsten und Einden fremder Himmelsstriche dem
harmlosen Wanderer auflauert, oder von jenen Schrecknissen, die auf der
unwirthbaren See das Schiffsvolk frchterlich verzehren, wenn im
hchsten Mangel kein Fahrzeug oder keine Kste sich auf der
unermelichen Flche zeigen will; wir entsetzen uns, wenn Ungeheuer der
Tiefe den Verunglckten zerfleischen, -- und doch -- leben wir nicht in
den groen Stdten, wie auf einem Vorgebirge, wo unmittelbar zu unsern
Fen aller dieser Jammer, dasselbe gruliche Schauspiel sich
entwickelt, nur langsamer und desto grausamer? Aber wir sehen aus unsern
Concerten und Festen, und aus dem sichern Gewahrsam des Wohlstandes
nicht in diesen Abgrund hinein, wo die Gestalten des Elends sich in
tausend frchterlichen Gruppen, wie in Dante's Gebilden, zermartern und
verzehren, und gar nicht einmal mehr zu uns empor zu schauen wagen, weil
sie schon wissen, welchem kalten Blick sie begegnen, wenn ihr Geschrei
uns zu Zeiten aus den Betubungen unsrer kalten Ruhe weckt.

Diese Uebertreibungen, sagte der alte Eisenschlicht, sind jugendlich.
Ich behaupte immer noch, der wirklich gute Brger, der echte Patriot
soll sich von augenblicklicher Rhrung nicht hinreien lassen, die
Bettelei zu untersttzen. Er theile jenen wohlthtigen Anstalten mit, so
viel er mit Bequemlichkeit entbehren kann; aber vergeude nicht seine
geringen Mittel, die auch hierin der Aufsicht des Staates zu Gute kommen
sollen. Denn was thut er im entgegengesetzten Fall? Er befrdert durch
seine Weichlichkeit, ja ich mchte es fast wollstigen Kitzel des
Herzens nennen, Betrug, Faulheit, Unverschmtheit, und entzieht das
Wenige der wahren Armuth, die er doch nicht immer antreffen oder
erkennen kann. Wenn wir aber auch jene bertriebene Schilderung des
Elendes als richtig anerkennen wollten, was kann der Einzelne auch
selbst in diesem Falle Gutes stiften? Ist er denn im Stande, die Lage
des Verzweifelnden zu verbessern? Was hilft es, doch immer nur wieder
einen Tag oder eine Stunde zu erleichtern? Der Unglckliche wird seine
Schmach nur um so tiefer empfinden, wenn er nicht seinen Zustand in
einen glcklichen verwandeln kann; er wird noch unzufriedener, noch
elender werden, und ich schade ihm, anstatt ihm zu ntzen.

O, sagen Sie das nicht, rief Eduard aus, wenn ich Sie nicht verkennen
soll; denn es erscheint mir wie Lsterung! Was der Arme in einem solchen
Augenblick des Sonnenscheins gewinnt? O mein Herr! er, der schon daran
gewhnt ist, von der Gesellschaft der Menschen ausgestoen zu seyn; er,
fr den es kein Fest, keinen Markt, keine Gesellschaft, und kaum eine
Kirche giebt; fr den Ceremonie, Hflichkeit und alle die Rcksichten
ausgestorben sind, die sonst jeder Mensch dem andern leistet; dieser
Elende, dem auf Spaziergngen und in der Frhlingsnatur nur Verachtung
grnt und blht, er wendet oft das drre Auge nach Himmel und Sternen
ber sich, und sieht auch dort nur Leere und Zweifel; aber in solcher
Stunde, die ihm unverhofft eine reichlichere Gabe spendet, da er mit
mehr als augenblicklichem Trost zu den verschmachteten Seinigen in die
dunkle Htte kehren kann, geht ihm pltzlich im Herzen wieder der Glaube
an Gott, an seinen Vater auf; er wird wieder Mensch, er fhlt wieder die
Nhe eines Bruders, und darf diesen und sich wieder lieben. -- Wohl dem
Reichen, der diesen Glauben frdern, der mit der sichtbaren Gabe das
Unsichtbare schenken kann; und wehe dem Verschwender, der sich durch
frevelnden Leichtsinn dieser Mittel beraubt, ein Mensch unter den
Menschen zu seyn; denn das Gefhl wird ihn am hrtesten strafen, da er
als herzloser Barbar in Strmen das Labsal in die Wste geschttet hat,
wovon ein jeder Tropfen seine Brder, unter der Last des mhseligen
Lebens erliegend, erquicken knnte.

Er konnte das Letzte nur mit Thrnen sagen, er verhllte sein Angesicht
und bemerkte nicht, da die Fremden, auch Erich, vom Wirthe Abschied
nahmen. Auch Sophie weinte; doch ermunterte sie sich zur Heiterkeit, als
der Vater zurck kam.

Als sich in andern Gesprchen die Gefhle wieder beruhigt hatten, zog
Eduard das Papier aus der Tasche, und trug dem Rathe die zweifelhafte
Sache vor, und wie sehr er besorge, noch mit einer ansehnlichen Summe
sein Schuldner zu seyn, die er ihm durch ein Capital abzutragen denke,
welches er auf sein Haus zu bekommen suchen wolle.

Der Alte sah abwechselnd ihn und das vergelbte Papier mit groen Augen
an, endlich fate er die Hand des Jnglings und sagte mit gerhrter
Stimme: mein junger Freund, Sie sind viel besser, als ich und auch die
Welt von Ihnen gedacht haben; Ihr Gefhl entzckt mich, und wenn Sie
auch mit dem Herrn von Eisenschlicht nicht so heftig htten sprechen
sollen, so war ich doch bewegt; denn, wahrlich! ich denke wie Sie ber
diesen Punkt. Was dies Papier betrifft, so kann ich Ihnen darber
schwerlich eine entscheidende Antwort geben, ob es gltig sei oder
nicht. Es rhrt aus einer frhen Zeit her, in der ich mit Ihrem wackern
Vater mancherlei, und zuweilen verwickelte Geldgeschfte hatte; wir
halfen einander bei unsern Speculationen und Reisen aus, und der alte
Herr war dazumal in frher Jugend freilich zuweilen etwas locker und
wild. Er bekennt hier, mir eine ansehnliche Summe schuldig zu seyn; das
Blatt mu sich unter seinen Papieren verloren haben; ich wei nichts
mehr davon, weil wir sehr viel mit einander zu berechnen hatten, und ich
war denn damals auch nicht so ordentlich, wie jetzt. Inde -- (und mit
diesen Worten zerri er das Blatt) sei diese anscheinende Forderung
zernichtet; denn auf keinen Fall, auch wenn die Schuld klar wre, knnte
ich von Dir, mein Sohn, diese Summe annehmen; wenigstens sollte ich Dir
so viel nachzahlen fr jene Gemlde, die Du mir viel zu wohlfeil
verkauft hast. Kann ich Dir berhaupt helfen, mein gutes Kind, so rechne
auf mich, und Alles kann vielleicht noch gut werden.

Eduard beugte sich ber seine Hand und rief: ja sei'n Sie mir Vater,
ersetzen Sie mir den, den ich zu frh verloren habe! Ich verspreche es
Ihnen, es ist mein fester Vorsatz, ich will ein andrer Mensch werden,
ich will meine versumte Zeit wieder einbringen; ich hoffe, der
menschlichen Gesellschaft noch einmal ntzlich zu werden. Aber
vterlicher Rath, wohlwollende Aufmunterung mu mich leiten, damit ich
wieder Vertrauen zu mir fasse.

So gut, sagte der Alte, htte es uns schon seit manchem Jahre werden
knnen, aber Du hast es dazumal verschmht. Worin ich Dir nur irgend
helfen kann, darfst Du sicher auf mich rechnen. Jetzt aber will ich
doch, Neugierde halber, noch einmal meine Papiere ansehen, ob ich denn
doch von dieser Schuld gar keine Nachricht finden sollte.

Er lie die beiden jungen Leute allein, die sich erst eine Weile
stillschweigend ansahen, und sich dann in die Arme flogen. Sie hielten
sich lange umschlossen, dann machte sich Sophie gelinde los, entfernte
den Jngling und sagte, indem sie ihm mit Munterkeit in's Auge sah: wie
widerfhrt mir denn das? Eduard, was soll uns denn das bedeuten?

Liebe, rief Eduard, Glck und ewige Treue! Sieh, liebstes Kind, ich
fhle mich, wie von einem schweren Traum erwacht. Das Glck, das mir so
nahe vor den Fen lag, das mir mein redlicher Vater schon an Deiner
Wiege zugedacht hatte, stie ich wie ein ungezogener Knabe von mir, um
mich der Welt und mir selbst verchtlich zu machen. Hast Du mir denn
vergeben, holdseliges Wesen? Kannst Du mich denn lieben?

Ich bin Dir recht von Herzen gut, Du mein alter Spielkamerad, sagte
Sophie: aber glcklich sind wir darum noch nicht.

Was kann uns noch im Wege seyn! rief Eduard aus. O wie tief beschmt es
mich, da ich Deinen edeln Vater so sehr habe verkennen mgen! Wie gtig
er mir entgegen kommt! Wie herzlich er mich als Sohn an seine Brust
drckt!

Ja, Du wunderlicher Kauz, lachte Sophie auf, das ist ja aber nicht _so_
gemeint. Aber der bleibt zeitlebens unbesonnen, und hat gleich die
Rechnung ohne den Wirth gemacht! Davon wird der Papa, so gut er auch
seyn mag, nicht eine Sylbe hren wollen. Auch mssen wir beide uns ja
erst nher kennen lernen. Freund, das sind Sachen, die sich noch in die
Jahre hinaus verziehen knnen. Und whrend der Zeit sattelst Du auch
vielleicht wieder um, und lachst dann in Deiner lustigen Gesellschaft
ber meinen Gram und meine Thrnen.

Nein! rief Eduard und warf sich vor ihr nieder: verkenne mich nicht, sei
so gut und lieb, wie Dein Auge verspricht! Und ich fhle es, Dein Vater
wird sich unsers Glckes freuen, er wird unsern Bund segnen! Er umfate
sie heftig, ohne zu bemerken, da der Vater schon wieder hinter ihm
stand. Was ist das, junger Herr? rief der Alte erzrnt aus: den Bund
segnen? Nein, vertreiben, aus seinem Hause verbannen wird er den lockern
Zeisig, der so sein Vertrauen und seine Neigung zu ihm mibrauchen will.

Eduard war aufgestanden und sah ihm ernst in's Auge. Sie sind nicht
gesonnen, mir Ihre Tochter zur Frau zu geben? fragte er mit ruhigem
Tone.

Was! rief der Alte mit der grten Ungeduld, seid Ihr rasend, Patron?
Einem Menschen, der den Nachla seines Vaters, die kostbarsten Bilder
verkauft und verschleudert hat? Und wenn Ihr ein Millionr wret, ein so
gefhlloser Mensch erhielte sie niemals! Ei, da wrde es nach meinem
Tode, vielleicht schon whrend meinen letzten Tagen, an ein herrliches
Ausbieten meiner Schtze gehen, da wrden die Bilder in alle vier Ecken
der Welt fliegen, da ich keine Ruhe in meinem Grabe htte. Klug ist er
aber, der saubre Herr. Macht mich erst recht treuherzig, bringt mir mit
herrlicher Gromuth ein altes Schuldblatt seines Vaters, das er mir noch
bezahlen will, kirrt mich in die Rhrung hinein, damit ich nur noch
gromthiger, noch edler und heroischer werden, und ihm meine Tochter an
den Hals werfen soll. Nein nein, mein junger Herr, so leicht hat er das
Spiel bei mir nicht gewonnen. Die Schuld ist kassirt, ich finde keine
Spur davon in meinen Bchern, und selbst, wie ich schon sagte, wenn es
wre. Auch will ich Ihm helfen, wie ich versprach, mit Rath und That,
mit Freundschaft und Geld, so viel Er nur billigerweise verlangen kann.
Aber mein Kind la Er mir aus dem Spiele, und darum verbitt' ich mir in
Zukunft Seine Gegenwart in meinem Hause. Auch mag sie Ihn gar nicht, so
wie ich sie kenne. Sprich, Sophie, wrst Du wohl im Stande, Dich mit
einem solchen Thunichtgut einzulassen?

Ich mag gar noch nicht heirathen, sagte Sophie, und diesen wohl am
wenigsten, der zu allen Dingen in der Welt besser, als zu einem Ehemann
pat. Halb schmerzhaft und doch lchelnd warf sie dem Jngling einen
scheidenden Blick zu und verlie den Saal. Sophie! rief Eduard aus und
wollte ihr nacheilen: wie kannst Du diese Worte sprechen? Der Alte hielt
ihn am Kleide fest und machte Miene, ihm noch eine lange Ermahnung zu
halten; doch Eduard, der nun die Geduld vllig verloren hatte, nahm
seinen Hut, stellte sich vor den Vater und sagte mit einer Stimme, die
von Zorn und Schluchzen unterdrckt war: ich gehe, alter Herr, und komme
nicht, merken Sie sich das! in Ihr Haus zurck, bis Sie mich rufen
lassen! bis Sie mich selber wieder hieher zurck rufen! Ja, bis Sie mich
instndig bitten, Ihre Wohnung nicht zu verschmhen! Es kann mir nicht
fehlen; Talente, gute Auffhrung, Kenntnisse, sie bahnen mir den Weg zu
den hchsten Ehrenstellen. Dem Prinzen bin ich schon empfohlen. Das ist
aber nur die erste und kleinste Staffel meines Glcks! Ganz andre Wege
mssen sich mir erffnen. Und wenn dann die Stadt es sich zur Ehre
rechnet, mich geboren zu haben, wenn ich diese jetzige Stunde ganz
vergessen habe, dann sende ich irgend einen Vertrauten von Ansehn zu
Ihnen, und lasse unter der Hand anfragen, wie es um Ihre Tochter steht:
dann fallen Sie aus den Wolken, da ich noch an Sie denke, Sie falten
andchtig die Hnde, da sich Ihnen die Mglichkeit zeigt, einen solchen
Schwiegersohn zu erhalten, -- und so, gerade so wird es kommen, und auf
diese Weise werde ich Sie zwingen, mir Ihre Tochter zu geben.

Er strzte fort, und der Vater sah ihm mit zweifelndem Blicke nach und
murmelte: nun ist er gar verrckt geworden.

                   *       *       *       *       *

Im Freien, als dem jungen Manne ein heftiges Schneegestber
entgegenschlug, verkhlte sich seine sonderbare Hitze; er mute ber
seine Heftigkeit und jene unsinnigen Reden erst lcheln, dann laut
lachen, und als er sich in seiner Wohnung befand, kam er beim Umkleiden
vllig zur Besinnung. Dieser Tag war fr ihn von der hchsten
Wichtigkeit, denn die Stunde war jetzt da, in welcher er sich dem
Prinzen, der unterdessen, wie man ihm gesagt hatte, angelangt war,
vorstellen sollte. Die Kleider, welche er jetzt anlegte, hatte er lange
nicht getragen, mit solcher Aufmerksamkeit hatte er sich noch nie im
Spiegel betrachtet. Er musterte seine Gestalt, und konnte sich nicht
verhehlen, da er gut gewachsen, da sein Auge feurig, sein Gesicht
anmuthig und die Stirne edel sei. Mein erster Anblick, sagte er zu sich
selbst, wird ihm wenigstens nicht mifallen. Alle Menschen, selbst
diejenigen, die mich nicht leiden knnen, loben mein gewandtes und
feines Betragen; ich habe manche Talente und Kenntnisse, und was mir
mangelt, kann ich bei meiner Jugend, bei meinem trefflichen Gedchtnisse
leicht nachholen. Er wird mich lieb gewinnen, und bald werde ich ihm
unentbehrlich seyn. Der Umgang mit der groen Welt wird nach und nach
alles das wegschleifen, was mir noch von schlechten Gesellschaften
anhngen mag. Reise ich nun auch mit ihm, und mu mich etwa ein Jahr,
oder selbst noch lnger, von hiesiger Gegend entfernen, so dient dies
auch in fremden Lndern nur um so mehr dazu, mich in seiner Gunst recht
fest zu setzen. Wir kommen dann zurck; meiner Bildung, meinen
Ansprchen kommen durch seine Protection die ansehnlichsten Stellen
hier, oder auch im Auslande entgegen, und ich werde gewi alsdann nicht
vergessen haben, da es doch Sophie eigentlich war, die mein besseres
Selbst zuerst aus seinem Schlaf erweckte.

Er war nun angekleidet und so trunken von seinen Hoffnungen, da er es
nicht merkte, wie er wieder die nmlichen Worte vor sich selber
aussprach, ber welche er sich vorhin verlacht hatte. Er nahm die ganz
erblhte Monatsrose aus dem Glase, und drckte sie, um sich zu seinem
Gange zu strken, an den Mund, aber zugleich fielen ihm alle ihre
Bltter vor die Fe. Eine ble Vorbedeutung! seufzte er und ging aus
dem Hause, um in den Wagen zu steigen.

Als er im Palast angelangt war, gab er dem Bedienten den Brief, welcher
ihn dem Prinzen empfehlen sollte. Indem er den Spiegelwnden vorber
spazierte, kam zu seiner Verwunderung der junge Dietrich aus einem
Seitenzimmer in verstrter Eile, und bemerkte anfangs seinen
Befreundeten nicht. Wie kommen Sie hieher? fragte Eduard hastig. Kennen
Sie den Prinzen? -- Ja, -- nein, -- stotterte Dietrich, -- es ist eine
sonderbare Sache, die wohl, -- ich will es Ihnen erzhlen, aber freilich
wird hier keine Zeit dazu seyn.

Dies war in der That der Fall, denn eine geschmckte, in Juwelen
prangende Dame schritt mit vornehmem Anstande herein, und vertrieb den
jungen Maler, der sich mit ungeschickten Verbeugungen entfernte. Eduard
stand still, als die glnzende Erscheinung ihm nher kam; er wollte sich
verneigen, aber sein Erstaunen lhmte seine Bewegung, als er in ihr jene
Schne pltzlich erkannte, die zum Nachtheil seines Rufes so lange in
seinem Hause gewohnt, und mehr als alle seine Verirrungen sein Vermgen
verringert hatte. Wie! rief er aus, -- Du selbst -- Sie, hier in diesen
Zimmern?

Und warum nicht? sagte sie lachend. Es wohnt sich gut hier. Du merkst
doch wohl, mein Freund, da ich, wie einst Deine Freundin, so jetzt die
Freundin des Frsten bin, und wenn Du etwas bei ihm suchst, so kann ich
Dir Ungetreuem vielleicht befrderlich seyn, denn er hat mehr Gemth,
als Du, und auf seine fortdauernde Gunst kann ich sicherer zhlen, als
es mir mit Deinem Flattersinn gelingen wollte.

Eduard mochte die freundliche Schne in dieser Stunde nicht daran
erinnern, da sie sich zuerst von ihm entfernt hatte, als sie gesehen,
da sein Vermgen verschwendet war; er entdeckte ihr seine Lage und
seine Hoffnungen, und sie versprach, sich mit dem besten Eifer fr ihn
zu verwenden. Sei nur ruhig, mein Freund, so beschlo sie ihre
Versicherungen, es kann und soll Dir nicht fehlen, und dann wird es sich
ja zeigen, ob Du noch ein Fnkchen Liebe in Deinem kalten Herzen fr
mich aufbewahrt hast. Nur mut Du vorsichtig seyn und in seiner
Gegenwart fremd gegen mich thun, damit er nie erfhrt oder merkt, da
wir uns schon sonst gekannt haben.

Mit einem flchtigen Ku, wobei die geschminkte Wange ihm einen
lebhaften Widerwillen erregte, verlie sie ihn, und Eduard ging mit dem
grten Mibehagen im Saale auf und ab, da sich Alles so ganz anders
gestaltete, als er es sich vorgebildet hatte. Dieses Wesen, welches er
hassen mute, in seiner neuen Umgebung zu finden, schlug alle seine
Hoffnungen nieder, und er nahm sich fest vor, ihren Netzen und Lockungen
zu entgehen, und wenn diese seine Tugend ihm auch die grten Nachtheile
bringen sollte.

Indem ffnete sich die Thre, und jener ihm so widerwrtige Unbekannte
trat mit seinem hoffrtigen Gange und stolzer Geberde herein.

Eduard ging ihm entgegen und sagte: vielleicht gehren Sie zum Gefolge
Seiner Durchlaucht, und knnen mir melden, ob ich jetzt die Ehre haben
kann, ihm meine Aufwartung zu machen.

Der Fremde stand still, sah ihn an, und nach einer Pause antwortete er
in kaltem Tone: das kann ich Ihnen freilich sagen; keiner besser als
ich. -- Eduard erschrack, da er den Empfehlungsbrief in seinen Hnden
bemerkte. Will mich der Prinz nicht sprechen? fragte er bestrzt. Er
spricht mit Ihnen, antwortete jener, und mit so hhnendem und
wegwerfendem Tone, da der junge Mann alle Fassung verlor. Ich halte
mich schon seit einiger Zeit in dieser Stadt auf, fuhr der vornehme
Fremde fort, und habe Gelegenheit gefunden, Menschen und Verhltnisse
durch mein Incognito kennen zu lernen. Wir sind uns auf eine etwas
sonderbare Art nahe gekommen, und wenn ich auch jenen Schritt, von dem
Sie wohl selbst wissen, da er kein ganz unschuldiger war, entschuldigen
knnte, so hat er mir doch ein gerechtes Mitrauen gegen Ihren Charakter
eingeflt, so da ich unmglich Ihnen eine Stelle einrumen kann, die
uns in eine vertrauliche Nhe rcken wrde. Ich gebe Ihnen also diesen
Brief zurck, den ich, trotz seiner warmen Empfehlung, und obwohl er aus
hchst achtungswrdigen Hnden kommt, nicht bercksichtigen kann.
Insofern Sie mich persnlich beleidigt haben, ist Ihnen, da Sie mich
nicht kannten, vllig vergeben, und Ihre jetzige Beschmung und
Verwirrung ist mehr als hinlngliche Strafe. Ein junger Mann verlie
mich eben, von dem ich ein ziemlich wohlgerathenes Bild gekauft habe,
und welchem ich auch einige Warnungen und gute Lehren fr seine Zukunft
mitgegeben habe. -- Ich sehe, da unser Zusammentreffen Sie etwas zu
sehr erschttert, und da Sie vielleicht auf jene Stelle schon mit zu
groer Sicherheit gerechnet hatten, und wohl in augenblicklicher
dringender Verlegenheit sind, so empfangen Sie diesen Ring zu meinem
Andenken und zum Zeichen, da ich ohne allen Groll von Ihnen scheide.

Eduard, welcher inde Zeit gehabt hatte, sich wieder zu sammeln, trat
mit Bescheidenheit einen Schritt zurck, indem er sagte: rechnen Sie es
mir, Durchlauchtiger Prinz, nicht als Stolz und Uebermuth an, wenn ich
dieses Geschenk, welches mir unter andern Umstnden hchst ehrenvoll
seyn wrde, in dieser Stunde ausschlage. Ich kann Ihre Art nicht
mibilligen, und Sie erlauben mir gewi, ebenfalls meinem Gefhle zu
folgen.

Junger Mann, sagte der Prinz, ich will Sie nicht verletzen, und da Sie
mir Achtung abzwingen, so mu ich Ihnen auch noch sagen, da wir uns,
ungeachtet der sonderbaren Art, unsre Bekanntschaft zu machen, vereinigt
htten, wenn nicht eine Person, die ich achten und der ich glauben mu,
und welche Sie vorhin in diesem Saale traf, mir so viel Nachtheiliges
von Ihnen gesagt, und mich dringend ersucht htte, auf den Brief keine
Rcksicht zu nehmen.

Ich werde, sagte Eduard wieder ganz heiter, dem Beispiele dieser Dame
nicht folgen, und sie wieder anklagen, noch mich ber sie beklagen, da
sie gewi nur ihrer Ueberzeugung gem gesprochen hat. Wenn mir aber
Ihre Durchlaucht die Gnade erzeigen wollen, das Bild des jungen
Dietrich, so wie einige Ihrer andern Gemlde zu zeigen, so werde ich mit
der grten Dankbarkeit von Ihnen scheiden.

Es freut mich, antwortete der Prinz, wenn Sie Interesse an der Kunst
nehmen; ich habe zwar nur Weniges hier, aber ein Bild, das ich vor
einigen Tagen so glcklich war, zu dem meinigen zu machen, wiegt allein
eine gewhnliche Sammlung auf.

Sie traten in ein reich verziertes Kabinet, wo an den Wnden und auf
einigen Staffeleien ltere und neuere Bilder sich zeigten. Hier ist der
Versuch des jungen Mannes, sagte der Prinz, welcher allerdings etwas
verspricht, und ob ich gleich dem Gegenstande keinen Geschmack
abgewinnen kann, so ist doch die Behandlung desselben zu loben. Die
Frbung ist gut, wenn auch etwas grell, die Zeichnung ist sicher und der
Ausdruck rhrend. Nur sollte man die Marien mit dem Kinde endlich zu
malen aufhren.

Der Prinz zog einen Vorhang auf, stellte Eduard in das rechte Licht und
rief: sehn Sie aber hier dies gelungene, herrliche Werk meines
Lieblings, des _Julio Romano_, und erstaunen Sie, und entzcken Sie
sich!

Mit einem lauten Ausrufe, und mit einem hchst freudigen, ja lachenden
Gesicht mute Eduard in der That die groe Bild begren; denn es war
das wohlbekannte Machwerk seines alten Freundes, an welchem dieser schon
seit einem Jahre gearbeitet hatte. Es war Psyche und der schlafende
Amor. Der Prinz stellte sich zu ihm und rief: da ich diesen Fund gethan
habe, bezahlt mir allein schon die Reise hieher! Und bei jenem alten,
unscheinbaren Manne habe ich dieses Kleinod angetroffen! Ein Mann,
welcher selbst als Knstler keine unbedeutende Rolle spielt, aber doch
bei weitem nicht so erkannt wird, wie er sollte. Er besa das Gemlde
schon lange und wute, da es vom _Julio_ sei; indessen da er nicht
Alles gesehen hat, so waren ihm immer noch einige Zweifel geblieben, und
er war erfreut, von mir so viele nhere Umstnde von diesem Meister und
seinen Werken zu erfahren. Denn freilich hat er Sinn, der Alte, und wei
wohl ein solches Juwel zu wrdigen; aber er ist nicht in alle
Trefflichkeiten des Malers eingedrungen. Ich wrde mich geschmt haben,
seine Unkenntni zu benutzen, denn er foderte fr diese herrliche
Arbeit, zu der er auf sonderbare Weise gekommen ist, einen zu migen
Preis; ich habe diesen erhht, um die Zierde meiner Gallerie auch auf
eine wrdige Art bezahlt zu haben.

Er ist glcklich, sagte Eduard, der verkannte alte Mann, einen solchen
Kenner und edlen Beschtzer zum Freunde gewonnen zu haben; vielleicht
ist er im Stande, die Gallerie Eurer Durchlaucht noch mit einigen
Seltenheiten zu vermehren, denn er besitzt in seiner dunkeln Wohnung
Manches, was er selbst nicht kennt oder wrdigt, und ist eigensinnig
genug, seine eignen Arbeiten oft allen ltern vorzuziehn.

Eduard empfahl sich, ging aber nicht sogleich nach Hause, sondern eilte,
so leicht bekleidet er auch war, nach dem Park, rannte lustig durch die
abgelegenen, mit Schnee bedeckten Gnge, lachte laut und rief: o Welt!
Welt! Lauter Fratzen und Albernheiten! O Thorheit, du buntes,
wunderliches Kind, wie fhrst du deine Lieblinge so zierlich an deinem
glnzenden Gngelbande! Lange lebe der groe Eulenbck, er, der
trefflicher, als Julio Romano oder Rafael ist! Habe ich doch nun auch
einmal einen Kenner kennen gelernt.

                   *       *       *       *       *

Eduard hatte nun Anstalten zu dem lustigen Abend gemacht, welchen er mit
Eulenbck verabredet hatte. Vor Kurzem war ihm dieser Tag als ein
lstiger erschienen, den er nur bald hinter sich zu haben wnschte;
jetzt aber war seine Stimmung so, da er sich auf diese Stunden der
Betubung freute, weil er meinte, da sie fr lange Zeit seine letzten
vergngten seyn wrden. Gegen Abend erschien der Alte, und schleppte mit
einem Diener zwei Krbe mit Wein herbei. Was soll das? fragte Eduard:
ist es denn nicht ausgemacht, da ich Euch bewirthen soll? Das sollst Du
auch, sagte der Alte, nur bringe ich einigen Vorrath zum Succurs, weil
Du die Sache doch eigentlich nicht verstehst, und weil ich auch an
diesem Abend recht ausgelassen seyn will.

Ein trauriger Vorsatz, erwiederte Eduard, lustig seyn zu wollen, und
dennoch habe ich ihn auch gefat, mir und meinem Schicksal zum Trotz.

Sieh da, sagte Eulenbck lachend, hast Du auch ein Schicksal? Das hab'
ich gar nicht einmal gewut, junger Bursche; mir schien das Wesen sich
immer hchstens zum Verhngni hin zu neigen. Aber vornehmer ist das
andere ohne Zweifel, und vielleicht wird es noch zum Geschick, wenn Du
erst etwas klger geworden bist. Ja, ja, Freund, Geschick, das ist es,
was den meisten Menschen fehlt, Verstand, Umstnde zu nutzen, oder sie
hervor zu bringen, und darber gerathen sie in's Schicksal, oder gar in
das noch fatalere Verhngni, wo sich dann nicht immer eine christliche
Hand findet, sie wieder los zu schneiden.

Du bist unverschmt, rief Eduard aus, und glaubst witzig zu seyn; oder
Du hast Dir gar schon einen Rausch getrunken.

Kann seyn, mein Kind, schmunzelte jener, und wir wollen bald die
Anstalten treffen, mich wieder nchtern zu machen. Unser gutes Prinzchen
hat mich in eine Art von Wohlstand versetzt, der, wenn ich Vernunft
habe, ein dauernder seyn kann; denn er protegirt mich trefflich, wird
mir noch mehr abkaufen, und auch Sachen von meinem eignen Pinsel malen
lassen. Er meint, ich wre hier in dieser Stadt nicht an meiner Stelle,
man erkenne mich nicht genug an, und es mangle mir an Aufmunterung.
Vielleicht nimmt er mich mit, und bildet mich noch zum chten Knstler
aus, denn er hat den besten Willen dazu, und ich gerade Sinn und Talent
genug, um ihn zu verstehn und mir von ihm rathen zu lassen.

Schelm der Du bist! sagte sein junger Freund: ich habe lachen mssen,
da Du Deinen Julio Romano so vortheilhaft verkauft hast; aber ich
mchte denn doch nicht an Deiner Stelle seyn.

Der Alte ging auf ihn zu, sah ihn starr an und sagte: Und warum nicht,
Kleiner? Wenn Du nur die Gabe dazu httest! Jeder Mensch malt und
pinselt an sich herum, um sich fr besser auszugeben, als er in der That
ist, und fr ein wunderbares kstliches Original zu gelten, da die
meisten doch nur geschmierte Copieen von Copieen sind. Httest Du meinen
Gnner das Bild nur analysiren hren, da httest Du etwas lernen knnen!
Nun verstehe ich erst alle die Kunst-Absichten des Julio Romano; Du
glaubst nicht, wie viel Treffliches ich an dem Bilde bersehen hatte,
wie viele Stellen seines markigen Pinsels. Ja, es ist eine Freude, einen
solchen Knstler so recht zu durchdringen, und wenn man ihn ganz und in
allen seinen Theilen zugleich fat, so berschleicht uns im
vollstndigen Gefhl seines hohen Werthes eine wohlthtige Empfindung,
als htten wir auch an seiner Herrlichkeit einigen Antheil; denn ein
Kunstwerk ganz verstehen, heit, es gewissermaen erschaffen. Wie groen
Dank bin ich meinem erlauchten Gnner und Kenner schuldig, da er mir
auch auer dem Gelde noch eine solche Flle von Knstlerweihe zuflieen
lt.

Wenn ich ihn nicht an der Tafel htte malen sehen, rief Eduard lchelnd
aus, so knnte er mich glauben machen, das Bild sei ein chtes!

Was hast Du gesehen? antwortete im Eifer der Alte: was verstehst Du von
der Magie der Kunst und jenen unsichtbaren Geistern, die sich durch die
Farbe und Zeichnung herbei ziehn und verkrpern lassen? Das sind eben
Geheimnisse fr den Laien. Glaubst Du denn, man malt nur, um zu malen,
und da es mit Pallette, Pinsel und dem guten Vorsatze genug sei? O
theurer Gelbschnabel, da mssen noch gar wunderbare Conjuncturen,
astralische Einflsse und Wohlwollen mannigfaltiger Geister zusammen
treffen, um etwas Rechtschaffenes zu Stande zu bringen! Hast Du es noch
niemals erlebt, da ein feinsinniger, tiefdenkender Knstler sein Tuch
und Netz ausspannt, und seine Pinsel in die besten Farben taucht, um das
schnste Ideal in sein Netz zu locken und hinein zu kitzeln? Er hat sich
redlich vorgenommen, einen Apollo zu malen, er streicht und tuscht, und
wischt und brstet, und lchelt verliebt und mit sester Freundlichkeit
die Creatur an, die aus dem Nichts und Nebel hervor gehen soll; und wenn
es nun fertig ist, siehe da, so hat sich in alle die knstlichen Netze
ein wahrer Lmmel eingefangen, der aus der arkadischen Landschaft uns
zhnefletschend entgegen grinzt! Nun kommen die Unverstndigen und
schreien und toben: der Malerkerl hat kein Talent, er hat die Antike
nicht gehrig verstanden, er hat statt eines Ideals ein Schmierial
hervorgebracht! und was dergleichen unverdaute Urtheile mehr ausgestoen
werden. So wird alsdann das gerhrte Herz des Knstlers verkannt, dem
sich ein wahrer Teufel, eine Hllenbrut statt eines Himmelsengels in
seiner knstlichen Krebsreuse gefangen hat. Denn auch diese Geister
streifen herum, und lauern nur darauf, wo sie sich verkrpern knnen.
Bildwerke, die etwa untergehn, treiben sich oft lange gengstigt im
leeren Raume um, bis ein freundlicher und der Sache gewachsener Mann
ihnen wieder Gelegenheit verschafft, sichtlich herab zu steigen. Es hat
mich Mhe genug gekostet, dieses Gedichts des trefflichen rmischen
Malers wieder habhaft zu werden; es erfodert mehr Studium, als Du daran
wandtest, wenn Du in der Jugend dem Nachbar seine Tauben wegfingst. Wenn
Du der Meinung bist, da der Mensch, um eine heilige Geschichte zu
malen, nicht seine ganze Andacht dem Gegenstande entgegen bringen mu,
so bist Du sehr im Irrthum, aus dem Dich unser junger Freund, der
talentvolle Dietrich, am ersten reien knnte.

Dietrich, welcher eingetreten war und nur die letzte Aeuerung gehrt
hatte, nahm sogleich Gelegenheit, diesen letzten Satz weitlufiger
auszufhren. Indessen lie Eulenbck decken, und stellte die Weine in
die Ordnung, nach welcher sie genossen werden sollten; nachher wandte er
sich mit der Frage an Eduard: und was denkst Du nun in Zukunft
anzufangen?

Fr's Erste nicht viel, antwortete dieser: indessen will ich meine
vernachlssigten Studien wieder anknpfen und fortsetzen, und mich
vorzglich mit Geschichte und den neuern Sprachen beschftigen. Ich
schrnke mich ein, vermiethe die brigen Theile meines Hauses, welches
mir doch ohne Nutzen leer steht, und behalte nur diesen kleinen Saal und
die angrnzenden Zimmer. So hoffe ich, ohne Sorgen, bei einer
vernnftigen Lebensart, ber die ersten Jahre hinber zu kommen, und
mich inde zu irgend einem Amte tauglich gemacht zu haben.

Hier also wird Dein Museum seyn? sagte Eulenbck, indem er mit dem Kopfe
schttelte. Diese Einrichtung will mir gar nicht gefallen, denn ich
glaube nicht, da diese Wnde dazu geeignet sind, um hier gehrig
studiren zu lassen, denn sie haben nicht die gehrige Resonnanz, das
Zimmer selbst hat nicht die wahre Quadratur, die Gedanken schlagen zu
heftig zurck und verschwirren, und wenn Du einmal eine rechte Fuge
denken willst, so klappert gewi Alles durch einander. Dein seliger Papa
war auch darin wunderlich, noch in seinen letzten Jahren diesen schnen
Saal durch seinen Eigensinn so zu verderben. Sonst sah man die Strae
auf der einen Seite, und hier auf der andern ber den Garten und den
Park hinweg in die Hgel und fernen Berge hinein. Diese schne Aussicht
hat er nicht nur zumauern lassen, sondern auch noch die Fensterffnungen
mit Bohlen und Tfelung weit herein verbaut, und so das Ebenmaa des
Zimmers gestrt. An Deiner Stelle riss' ich das Wesen, Tapeten und
Vertfelung wieder auf, und liee, wenn doch einmal Fenster fehlen
sollen, jene nach der Strae vermauern.

Es war kein Eigensinn, sagte Eduard, es geschah, da er hier am liebsten
wohnte, seiner Gesundheit wegen; der Morgenwind von hier schadete ihm,
und erregte ihm Gichtschmerzen. Konnte er doch in den andern Zimmern die
grne Aussicht genieen.

Wre nur der alte Walther kein Narr, fuhr Eulenbck fort, so wre Dir
leicht geholfen. Er knnte Dir das Mdchen geben, die ja doch versorgt
werden mu, und Alles wre wieder in Ordnung!

Schweig! rief Eduard mit der grten Heftigkeit aus: nur heute la mich
vergessen, was ich hoffte und trumte. Ich mag nicht mehr an sie denken,
seit ich zu meinem Entsetzen fhlte, da ich sie liebe. Ich will es mir
nicht wiederholen, wie albern und thricht ich mich gegen den Vater
betrug; nichts soll mir heut einfallen, auch ihre unbegreifliche
Auffhrung nicht. Nein, es gab ein herrliches Glck fr mich, ich habe
es zu spt erkannt; das ist die Strafe meines Leichtsinns, da ich auf
ewig darauf verzichten mu! Wie ich aber ohne sie leben soll, mu ich
erst von der Zukunft lernen.

Indem trat der junge Mensch herein, der bis jetzt Eduards Bibliothekar
vorgestellt hatte. Hier ist der Catalog, welchen Sie befohlen hatten,
sagte er, indem er dem beschmten Jnglinge einige Bltter berreichte.
Wie? rief dieser aus, nicht mehr als nur etwa sechshundert Bnde sind
noch von der schnen Sammlung brig? Und unter diesen nur die
gewhnlichsten Werke? Der Bibliothekar zuckte mit den Achseln. Da Sie
mir gleich vom Anbeginn, erwiederte er, meinen Gehalt in Bchern
ausgezahlt haben, so mute ich diejenigen nehmen, die am ersten Kufer
fanden; auch bin ich nicht genug Kenner von Seltenheiten, und habe diese
wohl nicht genug gewrdiget; auerdem haben Bcher, vorzglich
Raritten, zu verschiedenen Zeiten einen ungleichen Werth, und ist der
Verkufer gedrngt, um eine Summe zu erhalten, so mu er fast nehmen,
was ihm geboten wird.

So htt' ich also, sagte Eduard halb in Wehmuth, halb mit Lachen, gewi
besser gethan, gar keinen Bibliothekar anzunehmen, oder die Sammlung
gleich anfangs zu verkaufen, dann htte ich Geld dafr gehabt, oder die
Bcher behalten. Und welche Sammlung! Mit welcher Liebe hat sie mein
Vater gehegt! Welche Freude war es ihm, als er den seltnen Petrark, die
erste Ausgabe des Dante und Boccaz erhielt! Wie konnt' ich es vergessen,
da sich in den meisten Bchern Nachweisungen von seiner Hand finden!
Wie wollt' ich diese Werke ehren, wenn ich sie noch bese! Uebrigens,
da ich keine Bibliothek mehr habe, werden Sie ermessen, wie ich Ihnen
auch schon neulich meldete, da ich keines Bibliothekars mehr bedarf.
Indessen wollen wir heut noch mit einander frhlich seyn.

Jetzt trat auch der Mann herein, der oft an den wilden Gelagen Theil
genommen hatte, und den sie wegen seiner Gesinnungen immer nur den
Pietisten nannten. Sie hatten ihm diesen Namen beigelegt, weil er nie in
die heitern Scherze oder ausgelassene Frhlichkeit der Andern stimmte,
sondern unter Murren und moralischen Betrachtungen seinen Antheil am
Mahle verzehrte. Nun fehlt nur noch das Krokodill, rief Eulenbck aus,
so sind wir beisammen. Dies war ein kleiner hypochondrischer Buchhalter,
bla und eingeschrumpft, aber einer der grten Trinker. Den sonderbaren
Namen hatten sie ihm beigelegt, weil er alsbald, so wie ihn der kleinste
Rausch anwandelte, in Thrnen ausbrach, und diese um so reichlicher
vergo, je lnger das Gelag dauerte, und je ausgelassener die Uebrigen
waren. Die Thre ffnete sich, und die Jammergestalt machte den
wunderlichen Kreis der Gste vollstndig.

Die Tafel war mit Trffelpasteten, Austern und andern Leckerbissen
bedeckt; man setzte sich, und Eulenbck, dessen purpurrothes Gesicht
zwischen den Kerzen einen ehrwrdigen Schein von sich gab, begann auf
feierliche Weise also: Meine versammelten Freunde! Ein Unwissender, der
pltzlich in diesen Saal trte, knnte von diesen Anstalten, die den
Schein eines Festes haben, verleitet werden, im Fall er die Mitglieder
dieser Gesellschaft nicht nher kennen sollte, die Meinung zu fassen, es
sei hier auf Schwelgerei, Trinken, Tumult und ausgelassene Lustigkeit,
die nur der rohen Menge ziemt, angelegt worden. Selbst ein junger
Knstler, Dietrich mit Namen, der zum ersten Mal unter uns an diesem
Tische sitzt, lt verwundernde Blicke auf die Menge dieser Flaschen und
Gerichte, auf diese Gansleberpastete, auf diese Austern und Muscheln,
und auf den ganzen Apparat einer Feierlichkeit schieen, der ihm hier
einen bertriebenen sinnlichen Genu zu versprechen scheint, und auch er
wird sich wundern, wenn er erfhrt, wie alles dies so ganz anders und im
entgegengesetzten Sinne gemeint sei. Meine Herren, ich bitte, Acht zu
geben, und meine Worte nicht zu leicht in das Ohr fallen zu lassen. Wenn
Lnder die Geburt eines Prinzen feierlich begehn, wenn in Arabien ein
ganzer Stamm sich festlich freut, indem sich ein Dichter in ihm gezeigt
und hervor gethan hat, wenn die Installation des Lord-Mayor mit einem
Schmause verherrlicht wird, ja wenn man die Geburtsstunde der Pferde von
echter Race nicht unbillig auf nachdenkliche Weise auszeichnet: so liegt
es uns ja wohl noch nher (um nicht mit einem Antiklimax zu schlieen)
aufzuschauen, gerhrt zu seyn und etwa mit Glsern anzustoen, wenn das
Unsterbliche sich uns zeigt, wenn die Tugend uns wrdigt, krperlich vor
uns zu erscheinen. Ja, meine Freunde, gerhrten Herzens spreche ich es
aus, ein junger angehender Tugendhafter ist unter uns, der noch heut
Abend sich als eingepuppter Schmetterling durchbeien, und seine
Schwingen im neuen Leben entfalten wird. Es ist Niemand anders, als
unser edler Wirth, der uns so manchen Schmaus gegnnt, so manches Glas
eingeschenkt hat. Aber ein feuriger Vorsatz, abgerechnet, da er selbst
auf dem Trocknen sitzt, jener Impetus der Begeisterung, von dem schon
die Alten sangen, reit ihn nun von uns in lichte Hhen hinauf, und wir,
von diesem Tisch und Flaschen und Schsseln, seiner irdischen
Grabessttte, schauen ihm schwindelnd nach, staunend, welchen fremden
Regionen er nun zusteuern wird. Ich sage Euch, Theuerste, er wlzt
unendlich viele und treffliche Entschlsse in seinem Busen: und was kann
der Mensch, selbst der schwchste und unansehnlichste, nicht
entschlieen! Habt Ihr es wohl je schon erwogen (aber in Euerm
Leichtsinn denkt Ihr nicht an dergleichen), da in einer unscheinbaren
Mappe, wenn sie nur etwa hundert gezeichnete Landschaften enthlt, sich
eine Strecke von tausend Meilen verbergen kann, und da sie selbst doch
nicht mehr Raum einnimmt, als ein miger Foliant? Denn Perspektive
liegt dort neben Perspektive, und Berg und Thal und Flu und weite,
unendliche Aussichten. So mit den Vorstzen! so schwchlich unser
Pietist, oder Herr Dietrich aussieht, so knnen sie doch gewi an guten
Entschlssen mehr als zehn Elephanten, oder zwanzig Kameele tragen. Wie
schwach ich selbst in dieser Tugend bin, wei ich am besten, und daher
meine Verehrung vor denen, an welchen ich diese Krfte wahrnehme.

Da wir nun nicht alle der Begeisterung fhig sind, so sitzen wir hier an
diesem Tische, wie an einem Kreuzwege, an welchem sich viele Straen in
mannigfaltigen und entgegengesetzten Richtungen scheiden. Auf
dergleichen Hauptstationen pflegen auf pyramidalischer Sule die
Entfernungen der Stdte nach allen vier Weltgegenden verzeichnet zu
stehn. So mag es auch hier, in einem nicht unerfreulichen Bilde, gelten.
Diese Austern fhren, bermig genossen, zur Krankheit, dieser
Burgunder nach einigen Stationen zu rothen Nasen, diese Trffeln und was
ihnen anhngt, zu Wassersucht, Magenkrampf und hnlichen Uebeln. Unser
Eduard aber, alles dies verschmhend, wandelt zur Tugend. So fahre denn
wohl auf Deinem einsamen Pfade, und wir, die wir entzndete Gesichter,
dicke Buche und kurzen Athem nicht so sehr scheuen, gehn unsre Strae
fort. Aber auch ich werde Euch bald verlassen, Theuerste; ein edler
Unbekannter, den ich Euch noch nicht nennen darf, wird mein Kunstgenie
zu den hchsten Leistungen begeistern, er wird mich in fernen Regionen
einer idealischen Weihe empfnglich machen, und so zu sagen,
vergeistigen. Unser frommer, gemthlicher Dietrich, den wir kaum kennen
lernten, wandelt den Kunstdom entlang, und schmckt die vaterlndischen
Altre. Was soll ich von Dir sagen, Bibliothekar, der Du vor den leeren
Bcherschrnken stehst, und die Werke nicht blos gelesen, sondern
buchstblich verschlungen hast? O Du verlesener Mensch, Du von der Secte
des muselmnnischen Omar, Kienraupe der Bibliotheken, Verwster der
Schriften, der Du eine neue alexandrinische Sammlung blos durch die
treffliche neue Erfindung, Dein Salar nicht geistig, sondern wirklich
aus den Schriften zu ziehn, vernichten knntest. Alle Buchhndler des
rmischen Reiches sollten Dich umher senden, um mit Deiner zerstrenden
Kraft die Sammlungen zu zerstieben und neue Werke nothwendig zu machen.
Du, mehr als Recensent und schlimmer als Saturnus, der doch nur
verzehrte, was er selbst erzeugt: Wo sind sie, Deine Untergebenen, Deine
Mndel, die mit goldnem Rcken und Schnitt Dich so freundlich anlachten?
Versilbert hast Du sie alle, und schon nach wenigen Jahren Deine
silberne Hochzeit mit ihnen gefeiert. Lebe denn wohl, auch Du, Pietist,
redlichster unter den Sterblichen, Du Hasser aller Poesie und Lge!
Reich mir die Hand zum Abschied, armes Krokodill, das schon in Thrnen
schwimmt; im Sumpf einer Taverne mut Du knftig heulen. In einem
bessern Leben sehn wir uns alle wieder.

Da Eduard nachdenkend war, und Dietrich in der Gesellschaft noch fremd,
der Bibliothekar und Pietist keine Miene verzogen, so herrschte whrend
und nach der Rede ein tiefes Stillschweigen, welches dadurch noch
feierlicher wurde, da der Buchhalter, der schon manches Glas geleert
hatte, schluchzte und jammerte.

Heut ist der Abend der heiligen Drei-Knige, sagte Eduard, und wie es
noch in manchen Gegenden Sitte ist, sich an diesem Tage zu beschenken,
so wnsche ich, da meine bisherigen Genossen und Freunde auch diese
Nacht in froher Geselligkeit mit mir verbringen.

An diesem Abend, fuhr Eulenbck fort, ist es nicht unschicklich, einmal
anders, als gewhnlich zu leben; daher waren sonst Glcksspiele
gebruchlich, wenn sie auch brigens verboten waren. Und wie gut wre es
fr Dich, Freund Eduard, wenn heute auch Dein Glcksstern von Neuem
erwachte, da dem verarmten Verschwender ein neues Vermgen bescheert
wrde. Man hat wunderliche Erzhlungen, wie verzweifelte Jnglinge sich
in der Armuth haben in ihrem vterlichen Hause erhngen wollen, und
siehe da, der Nagel fllt mit dem Balken der Decke herab, und mit beidem
zugleich viele tausend Goldstcke, die der vorsorgende Vater dorthin
versteckt hatte. Beim Lichte besehen, eine dumme Geschichte. Konnte der
Vater denn wissen, da der Sohn fr das Hngen eine besondere Vorliebe
haben wrde? Konnte er wohl berechnen, da der Krper des Desperaten
noch schwer genug bleibe, den verborgenen Schatz durch sein Gewicht
aufzudecken und herab zu ziehn? Konnte der verlorene Sohn nicht schon
frher einen Kronenleuchter dort anbringen wollen, und das Geld finden?
Kurz, tausend gegrndete Einwrfe kann die vernnftige Kritik diesem
schlecht erfundenen Mhrchen machen.

Ohne da Du immer wieder auf diesen Vorwurf zurck kommst, sagte Eduard
empfindlich, schilt mein eignes Gewissen, meinen Leichtsinn und
thrichte Verschwendung. Wren die Leidenschaften nicht unbndig, die
ihren Stolz darein setzen, die Vernunft zu verhhnen, so htten die
Moralprediger nur leichte Arbeit. Es ist ganz begreiflich, wenn die
armen Menschen glauben, von bsen Geistern besessen zu seyn. Denn wie
soll man es erklren, da man dem Schlimmen folgt, indem man das Bessere
einsieht, ja da wir oft zum Letztern selbst in unsern wildesten Stunden
mehr Trieb, als zum Unrecht empfinden, und dennoch, uns selbst zum
Trotz, jeder Einsicht den Rcken kehren, und schon vor der begangenen
That von unserm Gewissen geqult werden? Es mu eine tiefgewurzelte
Verderbni in der menschlichen Natur seyn, die sich auch nie ganz zum
Edeln erziehn, oder durch Pfropfreiser der Tugend umwandeln lt.

So ist es, sagte der Pietist: der Mensch an sich taugt nichts, er ist
gleich in der Schpfung mirathen. Er kann nur geflickt werden, und die
Lappen bleiben immer auf dem alten schbigen Tuche sichtbar.

Ja wohl, seufzte das Krokodill, es ist zu bejammern, und immer wieder zu
bejammern. Die Thrnen flossen ihm dicht aus den weinglhenden Augen.

Als Du mich zum ersten Mal in jene Weinschenke fhrtest, fuhr Eduard zum
alten Maler gewendet fort, machte es mir denn Freude, mich in dem Kreise
dieser rohen und langweiligen Menschen zu sehn? Ich war beschmt, als
der Herr der Schenke mir mit einer Ehrfurcht entgegen kam, als sei ich
einer der Gtter, vom Olymp herabgestiegen. Dergleichen Ehre war seinem
Hause noch niemals widerfahren. Bald gewhnte man sich an die Gegenwart
meiner Herrlichkeit, und immer zog es mich wider meinen Willen in den
Weinduft des Zimmers, in das schreiende Gesprch und an meine Wand hin,
wie ein Zauber, der auch nicht ri, als die Gesichter des Wirthes und
seiner Leute klter, ja verdrossen wurden, als man mein Wort nicht mehr
beachtete, und geringere Gste anstndiger behandelte; denn durch meine
Nachlssigkeit war ich schon in eine bedeutende Schuld gerathen, um
welche man mich mit grober Zudringlichkeit mahnte. Noch schlimmer ging
es einem armen Lumpen, einem tglichen Gast, auf den man fast nie hrte,
der oft verdorbenen Essig erhielt, und sich doch nicht beschweren
durfte; er war die Zielscheibe des witzigen Gesindes, der Gegenstand des
Hohns und Mitleids der brigen Fremden, so wie seiner eignen furchtsamen
Verachtung. Und so schlecht man ihn behandelte, mute er doch theurer
als Alle bezahlen, und ward betrogen, ohne klagen zu drfen, inde sein
Gewerbe versumt ward, und Frau und Kinder zu Hause schmachteten. In
diesem Spiegel sah ich nun mein eignes Elend, und als einmal ein
redlicher Handwerker von unbescholtenem Wandel dort zufllig einkehrte,
und von Allen als eine seltene Erscheinung mit Hochachtung begrt
wurde, erwachte ich endlich aus dem Schlummer meiner Ohnmacht, bezahlte,
was nur meine Trgheit versumt hatte, und suchte auch jenen Elenden zu
retten, da er nicht ganz versank. Aber so ist es, da selbst
diejenigen, die sich vom Leichtsinnigen und Taugenichts bereichern,
diesen verachten, und dem Wrdigen, der ihnen aus dem Wege geht, ihre
Ehrfurcht nicht versagen knnen. So habe ich meine Zeit und mein
Vermgen unwrdig verschleudert, um Verachtung einzukaufen.

Sei still, Sohn, rief Eulenbck, Du hast auch mancher armen Familie
Gutes gethan.

La uns davon schweigen, antwortete Eduard in Unmuth: auch das geschah
ohne Sinn, so wie ich ohne Sinn Aufwand machte, ohne Sinn reisete,
spielte und Wein trank, und weder mir noch Andern eine gute Stunde
zuzubereiten verstand.

Das ist freilich schlimm, sagte der Alte, und was den lieblichen Wein
betrifft, eine Snde. Aber seid munter und trinkt, ihr wackern Gehlfen,
damit auch der Wirth in die Stimmung komme, die ihm geziemt.

Es bedurfte aber dieser Aufmunterung nicht, denn die Tischgesellschaft
war unermdet. Selbst der junge Dietrich trank fleiig, und Eulenbck
ordnete an, wie die Weine auf einander folgen sollten. Heute gilt es!
rief er aus, die Schlacht mu gewonnen werden, und der Sieger erzeigt
den Besiegten keine Gnade. Seht in mein kriegerisches Antlitz, Ihr
jngern Helden, hier hab' ich die rothe Blutfahne druend ausgehngt,
zum Zeichen, da kein Erbarmen statt finden soll! Nichts in der Welt
wird so miverstanden, Freunde, als der scheinbar einfache Actus, den
die Menschen so obenhin trinken nennen, und keine Gabe wird so verkannt,
so wenig gewrdiget, als der Wein. Knnt' ich wnschen, der Welt einmal
ntzlich zu werden, so mcht' ich eine aufgeklrte Regierung dahin
bewegen, einen eignen Lehrstuhl zu errichten, von wo herab ich die
unwissende Menschheit ber die trefflichen Eigenschaften des Weines
unterrichtete. Wer trinkt nicht gern? Es giebt nur wenige Unglckselige,
die das mit Wahrheit von sich versichern knnen. Aber es ist ein
Erbarmen, anzusehn, wie sie trinken, ohne alle Application, ohne Styl,
Schatten und Licht, so da sich kaum die Spur einer Schule findet;
hchstens Colorit, was die Uebermthigen dann auch gleich sich und der
Welt auf die Nase binden und zur Schau aushngen.

Und wie mu man es eigentlich anfangen? fragte Dietrich.

Anfangs, erwiederte der Alte, mu man durch stille Demuth und einfachen
Glauben, wie in allen Knsten, den Grund legen. Nur ja keine vorzeitige
Kritik, kein sprendes, naseweises Schnffeln, sondern ein edles,
vertrauenvolles Dahingeben. Kommt der Schler weiter, nun so mag er auch
unterscheiden; und trifft der Wein nur Lehrbegier und Sitteneinfalt, so
unterrichtet auch sein Geist von innen heraus, und weckt mit dem
Enthusiasmus zugleich das Verstndni. Nur nicht die Uebung, als das
Hauptschlichste, hintangesetzt, keine leere Schwrmerei; denn nur die
That macht den Meister.

O wie wahr! seufzte der Buchhalter, indem er seinen Thrnen keinen
Einhalt that. Worte, sagte der Pietist, die der gemeine Haufe goldne
nennen wrde.

Wre das Trinken, fuhr Eulenbck fort, keine Kunst und Wissenschaft, so
drfte es auch nur einerlei Getrnk auf Erden geben, so wie das
unschuldige Wasser schon diese Rolle spielt. Aber der Geist der Natur
versenkt sich auf lieblich anmuthige Weise wechselnd und spielend hier
und dort in die Rebe, und lt sich im wundersamen Ringen keltern und
verklren, um ber den magischen Weg der Zunge in unser Inneres zu
steigen, und dort aus altem Chaos alle glnzende Krfte aus Betubung
und Schlummer aufzuwecken. Seht, da geht der Sufer! O meine Freunde, so
schalten und spotteten auch diejenigen, die die Eleusinische Weihe nicht
empfangen hatten. Mit dieser goldnen und purpurnen Fluth ergiet sich
und breitet sich in uns ein Meer von Wohllaut aus, und dem aufgehenden
Morgenroth erklingt das alte Memnons-Bild, das bis dahin stumm in
dunkler Nacht gestanden hatte. Durch Blut und Gehirn rinnt und eilt
frohlockend der holde Ruf: der Frhling ist da! Da fhlen alle die
Geisterchen die sen Wogen, und kriechen mit lachenden Augen aus ihren
finstern Winkeln hervor; sie dehnen die feinen kristallnen Gliederchen,
und strzen sich zum Bade in die Weinfluth, und pltschern und ringen,
und steigen schwebend wieder heraus, und schtteln die bunten
Geisterschwingen, da mit Gesusel die klaren Tropfen von den Federchen
fallen. Sie rennen umher und begegnen einander, und kssen frohes Leben
einer von des andern Lippe. Immer dichter, immer leuchtender wird die
Schaar, immer wohllautender ihr Gestammel: da fhren sie gekrnzt und
hoch triumphirend den Genius herbei, der kaum mit den dunkeln Augen aus
vollen Blumengewinden hervor schauen kann. Nun fhlt der Mensch die
Unendlichkeit, die Unsterblichkeit; er sieht und fhlt die Millionen von
Geistern in sich, und ergtzt sich an ihren Spielen. Was soll man dann
von den gemeinen Seelen sagen, die einem nachrufen: seht! der Kerl ist
besoffen. Was meinst Du, redliches Krokodill?

Der blasse Weinende reichte ihm die Hand und sagte: ach! Lieber, die
Leute haben Recht, und Ihr habt Recht, und die ganze Welt hat Recht. Was
Ihr so prophetisch daher gekugelt habt, geht ber mein Verstndni, aber
ich bin selig in meiner tiefen Rhrung. Wenn Leute in die Komdie gehn,
um fr ihr Geld zu weinen, so kommt mir das ganz abgeschmackt vor; mag
es Andern vergnnt seyn, sich an hohen Gesinnungen und Thaten zu erheben
und darber Thrnen zu vergieen, aber ich verstehe es nicht; doch, wenn
solch guter Wein in mich hinein geht, so wirkt er wundersam, da mir
dann Alles, Alles, mag man sprechen was man will, mag man schweigen oder
lachen, in der schnsten Rhrung aufgeht. Seht, mein Herz mchte vor
Wonne brechen, ich knnte Alles, und wr' es Euer lahmer Pudel, in die
Arme schlieen. Aber meine Augen leiden darunter, und der Doctor hat mir
deshalb das Trinken ganz verbieten wollen. Aber dieser Gedanke ist mir
eben die rhrendste von allen Vorstellungen, darber knnte ich Tage
lang weinen, und deshalb hat er auch diese Verordnung wieder zurck
nehmen mssen.

Je mehr ich trinke, sagte der Pietist, je mehr hasse ich das, was Ihr,
Eulenbck, da schwadronirt habt, je unvernnftiger kommt es mir vor. Lug
und Trug! Es ist beinah eben so dumm, als beim Trinken die Lieder zu
singen, die dazu gemacht sind. Jedes Wort darin ist gelogen. Wenn der
Mensch nur einen Gegenstand mit dem andern vergleicht, so lgt er schon.
Das Morgenroth streut Rosen. Giebt es etwas Dmmeres? Die Sonne
taucht sich in das Meer. Fratzen! Der Wein glht purpurn.
Narrenspossen! Der Morgen erwacht. Es giebt keinen Morgen; wie kann er
schlafen? Es ist ja nichts, als die Stunde, wenn die Sonne aufgeht.
Verflucht! Die Sonne geht ja nicht auf; auch das ist ja schon Unsinn und
Poesie. O drft' ich nur einmal ber die Sprache her, und sie so recht
subern und ausfegen! O verdammt! Ausfegen! Man kann in dieser lgenden
Welt es nicht lassen, Unsinn zu sprechen!

Lat's Euch nicht irren, ehrlicher Mann, sagte Eulenbck, Eure Tugend
meint es gut, und wenn Ihr die Sache anders anseht, als ich, so trinkt
Ihr wenigstens denselben Wein, und fast eben so viel, als ich selber.
Die That vereinigt uns, wenn uns das System aus einander fhrt. Wer
versteht sich heut zu Tage? Davon ist auch gar nicht die Rede mehr. Ich
wollte nur noch bemerken, wenn es auch mit dem Vorigen gar nicht
zusammen hngt, da mir die Art, wie Menschen und Aerzte den
Nahrungsproze und die sogenannte Assimilation ansehen, hchst einfltig
vorkommt. Der Eichenbaum wird aus seinem Saamenkorne eine Eiche, und die
Feige bringt den Feigenbaum hervor, und wenn sie auch Luft, Wasser und
Erde bedrfen, so sind es doch diese Elemente nicht eigentlich, aus
denen sie erwachsen. So erweckt die Nahrung in uns nur die Krfte und
den Wachsthum, bringt sie aber nicht hervor; sie giebt die Mglichkeit,
aber nicht die Sache, und aus sich selbst quillt der Mensch wie eine
Pflanze hervor. Es ist eine platte Ansicht, zu glauben, da der Wein
unmittelbar, an sich selbst, alle die Wirkungen hervor bringt, die wir
ihm zuschreiben; nein, wie ich sagte, sein Duft und Hauch _erweckt_ nur
die Qualitten, die in uns ruhn. Nun strzen sich die Krfte, Gefhle
und Entzckungen hervor, wenn sie von diesen Wellen getrnkt werden.
Meint man denn, da es in aller Kunst und Wissenschaft anders sei? Ich
brauche doch wohl die alte Platonische Idee nicht von Neuem vorzutragen.
Rafael und Correggio und Titian regen nur mein eignes Selbst an, das in
Vergessenheit schlummert, und das grte Genie, der tiefste Kunstsinn
knnen sich die Gebilde mit aller Imagination nicht erfinden, die ihnen
von den groen Meistern vorgehalten werden; und doch wecken diese Werke
selbst nur die alten Erinnerungen auf. Daher auch die Sucht nach neuen
geistigen Genssen, die sonst nicht lblich seyn wrden; daher der
Wunsch, Unbekanntes aufzufinden, Originelles hervor zu bringen, der
auerdem nur Unsinn wre. Denn wir ahnen die Unendlichkeit der
Erkenntni in uns, diesen weissagenden Spiegel der Ewigkeit, und was
diese uns werden kann, ein unaufhrlich neues Erkennen, das sich im
Mittelpunkt einer himmlischen Ruhe sammelt, und von hier aus weiter nach
neuen Regionen ausbreitet. Und darum eben, meine lieben Saufbrder, mu
es auch viele und mancherlei Weine geben.

Und welchen ziehen Sie vor? fragte Dietrich. Giebt es hier nicht auch
das Classische und Vollendete, das Moderne und Triviale, das Manierirte
und Gesuchte, das Lieblich-Alte und Fromm-Schlichte, das Gemthliche und
leer Renommirende?

Jngling, sagte der Alte, diese Frage ist zu verwickelt, setzt
unendliche Erfahrung, historischen Ueberblick, abgelegtes Vorurtheil,
und einen nach allen Richtungen ausgebildeten Geschmack voraus, den nur
viele Jahre, fortgesetzte Arbeit und unermdliches Studium, so wie die
Mittel dazu, die nicht in Jedermanns Hnden sind, fassen und lsen
knnen. Einiges Encyklopdische wird Dir hinreichen. Fast jeder Wein hat
sein Gutes, fast alle verdienen gekannt zu werden. Ist in unserm
Vaterlande der Neckar fast nur, den Durst zu lschen, da, so erhebt sich
der Wrzburger schon zum Edeln, und die vielfachen hohen Sorten des
Rheinweins lassen sich nicht in der Eile charakterisiren. Ihr habt sie
hier vor Euch stehn gehabt und genossen. Diese trefflichen Wogen, vom
leichten Laubenheimer bis zum starken Nierensteiner, gewaltigen
Rdesheimer und tiefsinnigen Hochheimer, mit allen ihren verwandten
Fluthen gehrig zu preisen, dazu gehrt mehr als die Zunge eines Redi,
der in seinem toskanischen Dithyrambus doch nur mittelmig gefaselt
hat. Diese Geister gehn rein und klar, khlend und den Sinn erluternd
den Gaumen hinunter. Soll ich es vergleichen, so ist es die ruhige
Gediegenheit trefflicher Schriftsteller, Gemth und Flle ohne
Phantasterei oder schwrmerische Allegorie. Was ist nun der heiere
Burgunder demjenigen, der ihn vertragen kann! Wie die unmittelbare
Begeisterung fllt er in uns hinab, schwer, blutig, heftig erweckt er
unsre Geister. Die Rebe von Bourdeaux dagegen ist heiter, geschwtzig,
ermuntert, aber begeistert nicht. Doch schon voller und wunderlicher
dichtet die Provence und das poetische Languedoc. Dann das heie Spanien
im Xerez und chten Malaga, und den glhenden Weinen von Valencia. Hier
verwandelt sich der Weinstrom, indem wir ihn genieen, schon an unserm
Gaumen in Kugelgestalt, die sich weit und weiter ausbreitet, und uns im
Tokayer und St. Georgen-Ausbruch noch weit inniger und sinniger so
erscheint. Wie erfllt Mund und Gaumen und den ganzen Sinn des Geflls
nur ein Tropfen des edelsten Cap-Weins. Diese Weine mu der Kenner
nippen und zngeln, und nicht mehr trinken wie unsern braven Rhein. Was
sag' ich von euch, ihr lieblichsten Gewchse Italiens, und namentlich
Toskana's, du geistreichster Monte-Fiascone, du wahrhaft rhrender
Monte-Pulciano? Nun so kostet denn, Freunde, und versteht mich! Aber
nicht konnt' ich dich aufsetzen, dich Knig aller Weine, dich
rosenrthlicher Aleatico, Blume und Ausbund alles Weingeistes, Milch und
Wein, Blume und Se, Feuer und Milde zugleich! Diesen Wundergesellen
trinkt, kostet, nippt und zngelt man nicht; sondern dem Beseligten
erschliet sich ein neues Organ, das sich dem Unkundigen und Nchternen
nicht beschreiben lt. -- Hier brach er gerhrt ab, und trocknete die
Augen.

So hatte meine Ahnung ja doch Recht, rief Dietrich begeistert aus:
dieser ist denn im Weinreich, was der alte Eyck oder Hemling, vielleicht
auch der Bruder Johann von Fiesole unter den Malern sind. So schmeckt ja
auch diese lieblich rhrende und tiefe Farbe, die ohne Schatten doch so
wahr, ohne Weie so blendend und berzeugend ist. So sttigt und
berauscht der Purpur des Gewandes, und so mildert und snftigt das Feuer
das milde Blau, das schwrmende Violett. Alles ist Eins, und klingt in
unserm Geiste zusammen!

Ausgenommen Eulenbcks Nase, rief der ganz trunkene Bibliothekar aus:
die hat keinen Scharlach mehr, keine Uebergnge in den Tnen, um sie mit
dem Gesicht in Verbindung zu setzen, sondern jenes violette Dunkelroth
bratet in ihrer Zauberkche, wie unterirdisch in den Reichen der
feuchten Nacht die rothe Rbe gerinnt, aller Sonne abgewandt. Soll dies
Gewchs wohl dem Leben angehren? Soll der Weingott es so aufgefttert
haben? Nimmermehr! Es ist ein ungeschlachtes Gehuse, ein widerwrtiges
Etui fr Bosheit und Lge.

Leerer Schwulst, rief der Buchhalter, morscher Glanz, hinfllige
Sterblichkeit! Und krumm, baufllig steht sie auch noch in dem
unterminirten Gesicht, so da sie mit ihrer Wucht bald den ganzen Mann
in Trmmer drcken kann. Kerl! wo hast Du die unverschmt schiefe Nase
her?

Ruhig, Krokodill! schrie Eulenbck, indem er heftig auf den Tisch
schlug: will das Geziefer die Welt reformiren? Jede Nase hat ihre
Geschichte, ihr Naseweise. Meint das dumme Volk denn, da nicht auch das
Kleinste sich als Ring an die Nothwendigkeit ewiger Gesetze fgt? Meine
Nase, wie sie da ist, habe ich meinem Barbier zu verdanken.

Erzhle, Alter! riefen die jungen Leute.

Geduld! sprach der Maler. Die Physiognomik wird immer eine trgliche
Wissenschaft bleiben, eben weil sie auf Barbiere, Weinschenken und
sonstige historische Umstnde zu wenig Rcksicht nimmt. Freilich ist das
Gesicht der Ausdruck des Geistes; aber es leidet unter der Art, wie man
damit handthiert, auffallend. Die Stirn hat es ihrer Festigkeit nach am
besten, wenn sich der Mensch nicht gewhnt, alle kleine Leidenschaften,
Verdru und Mibehagen durch Faltenziehen darauf zu malen. Seht, wie
edel ist die unsers Eduard, und wie viel schner wrde sie noch seyn,
wenn der junge Bursche mehr gedacht und sich beschftigt htte! Die
Augen, ihrer Beweglichkeit nach, hin und her rennend, conserviren sich
in ihrem Spiel auch noch leidlich, man mte sie denn ausweinen, wie
unser krokodilischer Freund dort. Schlimmer ist es schon mit dem Munde;
der schleift sich bald durch Schwatzen und fades Lcheln ab, wie bei
unserm werthen Bibliothekar; wischt Einer nun gar nach Essen und Trinken
bermig daran, so wird er bald unkenntlich, besonders, wenn man aus
falscher Schaam etwa die Lippen immer nach innen kneipt, wie unser
trefflicher Pietist, der die Rthe derselben wohl fr Lge und unntzen
Schwulst, erklrt. Aber die Nase, die arme, die von allen Theilen am
meisten sich hervor arbeitet, uns Unglckliche von allen Thieren
unterscheidet, bei denen Maul und Schnauze so freundlich eins werden,
und die beim Menschen als Hcker und Blocksberg der Tummelplatz aller
Hexen und bsen Geister wird: wird sie nicht schon der kalten Luft und
des Schnupfens wegen bei den meisten Menschen zum Sausewind und zur
klingenden Trompete und Schlachtposaune ausgereckt, gezogen, gedehnt und
gehudelt? Wird ihre Nachgiebigkeit, ihre Entwickelungs-Fhigkeit nicht
gemibraucht, um fast Elephantenrssel und Truthahnsschnbel heraus zu
arbeiten? Frommere Seelen drcken sie wieder nieder und pltschen den
Hochmuth in jammervolle Unformen zusammen. Alles dieses sah ich frh,
schonte meine Nase, und konnte meinem Schicksal doch nicht entgehn. Ich
bin mit meinem Barbier, einem meiner innigsten Freunde, aufgewachsen und
alt geworden. Dieser Knstler, indem er sich von einer Seite meines
Antlitzes zur andern wandte, pflegte bei diesem Wechsel, um einen
Sttzpunkt zu haben, mir die Schneide des Messers unten an die Kehle zu
setzen, und darauf drckend und sich lehnend schnell die andre Seite zu
gewinnen. Dies schien mir bedenklich. Er durfte ausgleiten, sich stoen,
so schnitt er hchst wahrscheinlich mit dem Gesttzten in das Sttzende,
und mein Angesicht lag unrasirt zu seinen Fen. Dem mute abgeholfen
werden. Er dachte nach, und als wahres Genie war es ihm nicht so gar
schwer, sein System und seine Manier zu ndern. Er packte nmlich mit
seinen Fingern meine Nase, was ihm den Vortheil gewhrte, sich sttzen
und viel lnger auf sie lehnen zu knnen, und zog sie gewaltsam in die
Hhe, vorzglich, indem er die Oberlippe barbirte, und so beschauten wir
uns Auge in Auge, ein Herz dem andern nahe, und das Scheermesser
arbeitete in besonnener und sicherer Thtigkeit. Es traf sich aber, da
mein Freund von je her eins der auffallendsten Gesichter an sich trug,
die der gemeine Haufe abscheulich, verzerrt und garstig zu nennen
pflegt; dabei hatte er die Gewohnheit, zu grimmassiren, und liebugelte
mir so herzlich entgegen, da ich es in jeder Sitzung ihm erwiedern, und
in dieser Nhe auch seine brigen Fratzen unwillkhrlich nachahmen
mute. Ri er die Nase unbillig hinauf, so zerrte er dafr, um mit
seiner Kunst in die Mundwinkel zu gelangen, die Lippen und den Mund zu
gewaltsam in die Breite. Hatte er auf diese mechanische Weise in meinem
Antlitz ein scheinbares Lcheln erzwungen, so kam mir sein Lachen so
liebreich, freundlich, herzinnig und rhrend entgegen, da mir oft aus
schmerzlicher Theilnahme, und um nur ein boshaftes Lachen zu verbeien,
die Thrnen in die Augen traten. Mensch! barbirender Freund! rief ich
aus: stelle Dein menschenfreundliches Anlachen ein, ich lchle ja gar
nicht, Du ziehst mir ja nur die Mundwinkel wie einen Schwamm aus
einander. Thut nichts, antwortete die redliche Seele, Dein Liebreiz in
diesem Lcheln zwingt mich zur Erwiederung. Seht, so grinsten wir uns
denn wie die Affen minutenlang an. Ich bemerkte nach zwlf Wochen etwa
eine auffallende Vernderung in meiner Physiognomie. Die Nase stieg und
bumte sich so auffallend nach oben, als wenn sie den Augen und der
Stirn den Krieg ankndigen wollte, die wirklich hlichen Verzerrungen
der Wangen und Lippen ungerechnet, die ich aber schon nicht mehr lassen
konnte, weil ich sie wie ein Andenken von meinem Freunde empfangen
hatte. Ich drckte die aufstrebende Nase wieder nieder und trug dem
Edeln meine Wnsche noch einmal vor. Nun schien aber guter Rath theuer,
und eine Auskunft kaum mglich. Doch entschlo er sich, ein zweiter
Rafael, eine dritte, untadelige Manier anzunehmen, und nach einigen
Kmpfen gelang es ihm, indem er vorher bedchtig auskundschaftete, nach
welcher Seite es am vortheilhaftesten sei, mir die Nase beim Auflehnen
hin zu drehen: und dabei sind wir denn auch stehen geblieben, und diese
Nothwendigkeit hat sie mir gebogen; das wahre Gesicht, nach dem ich mich
instinktartig bilden mute, hat mir diese Falten eingegraben, und tiefes
Forschen und Denken, flammende Begeisterung und glhende Liebe zum Guten
und Besten haben endlich diesen rothen Teppich ber das Ganze gewoben.

Lautes Lachen hatte diese Erzhlung begleitet; jetzt forderte der
Bibliothekar ungestm Champagner, und der Buchhalter schrie nach Punsch.
Eulenbck aber rief: o ihr gemeinen Seelen! Nach dieser Himmelsleiter,
die ich Euch habe hinauf klettern lassen, um in das Paradies zu schauen,
kann auch ein so unedler, manierirter, moderner und witzloser Geist, wie
dieser sogenannte Punsch, auch nur in den fernsten Winkel Eures
Gedchtnisses kommen? Dies elende Gebru aus heiem Wasser, schlechtem
Branntwein und Zitronensure? Und was soll dieses diplomatische,
nchterne Getrnk, der Champagner, in unserm Kreise? Der nicht Herz und
Geist aufschliet, und nach dem halben Rausche hchstens dazu dienen
kann, wieder nchtern zu machen? O Ihr Profanen!

Er schlug auf den Tisch; aber die Uebrigen, Eduard ausgenommen,
erwiederten diese Geberde so heftig, da von der Erschtterung die
Flaschen tanzten, und mehrere Glser zerschmetternd auf den Boden
strzten. Hierber ward Gelchter und Tumult noch lauter, man sprang
auf, andere Glser zu holen, und Dietrich rief: es ist so kalt, eiskalt
hier geworden, und dagegen wrde der Punsch helfen.

Es war tief in der Nacht, die Diener hatten sich entfernt, man wute
nicht, wie man den Ofen wieder heizen sollte; auch gestand Eduard, da
sein Holzvorrath vllig zu Ende sei, und er morgen mit der Frhe erst
neuen wieder herbei fahren lasse. Was meint Ihr? rief der ganz
berauschte Dietrich, unser Wirth hat doch beschlossen, dies Zimmer auf
neue Art einzurichten: wenn wir diese unntze Vertfelung, diese
Bretter, welche die Fenster bedecken, heraus brchen, und in dem groen
altfrnkischen Camin hier ein herrliches deutsches Feuer anzndeten?
Dieser tolle Vorschlag fand bei den verwilderten Gsten sogleich Gehr
und lauten Beifall, und Eduard, der den ganzen Abend in einer Art von
Betubung gewesen war, widersetzte sich nicht. Man hob den Schirm vom
Camin hinweg, und lief dann mit Kerzen nach der Kche, um Beile, Stangen
und andere Instrumente herbei zu holen. Im Vorsaal fand Eulenbck ein
altes verdorbenes Waldhorn, und darauf blasend, marschirten sie wie
Soldaten unter Schreien und abscheulicher Musik in den Saal zurck. Der
Tisch, welcher im Wege stand, ward umgeworfen, und sogleich begann ein
Hauen, Brechen und Hmmern gegen die hohle Wand. Jeder suchte den Andern
in Aemsigkeit zu bertreffen; um die Arbeitenden zu ermuntern, stimmte
der Maler den Schlachtruf auf dem Horne wieder an, und beim Gepolter
riefen Alle wie besessen: Holz! Holz! Feuer! Feuer! so da dies
Geschrei, die Musik, das Schlagen der Aexte, das Krachen der brechenden
und ausspringenden Bretter den Wirth des Hauses in eine so dumpfe
Betubung warf, da er sich stumm in eine Ecke des Zimmers zurck zog.

Pltzlich wurde die Gesellschaft noch auf eine eben so unerwartete als
unangenehme Art vermehrt. Die Nachbarschaft war unruhig geworden, und
die Wache, welche ebenfalls das ungeheure Getmmel vernommen hatte, trat
jetzt, einen Offizier an ihrer Spitze, herein, da sie das Haus
unverschlossen gefunden hatten. Sie forschten nach der Ursache des
Getses, und weshalb man Feuer geschrieen habe. Eduard, der ziemlich
nchtern geblieben war, suchte ihnen Alles zu erklren, um seine Freunde
zu entschuldigen. Diese aber, aufgeregt und keines vernnftigen
Gedankens mehr fhig, behandelten diesen Besuch als einen gewaltsamen
Einbruch in ihre unveruerlichsten Rechte; jeder schrie auf den
Offizier ein, Eulenbck drohte, der Buchhalter fluchte und weinte, der
Bibliothekar holte mit der Brechstange aus, und Dietrich, welcher am
meisten begeistert war, wollte sich mit dem Beile ber den Lieutenant
hermachen. Dieser, ebenfalls ein junger hitziger Mann, nahm es von der
ernsthaften Seite und fand seine Ehre verletzt, und so war das Ende der
Scene, da Jene unter Geschrei und Lrmen, Drohungen und
Freiheits-Declamationen nach der Hauptwache abgefhrt wurden. So endigte
das Fest, und Eduard, der allein im Saal zurck geblieben war, ging
vllig verstimmt auf und nieder, und betrachtete die Verwstung, welche
seine begeisterten Freunde angerichtet hatten. Unter dem umgeworfenen
Tische lagen zertrmmerte Flaschen, Glser, Teller und Schsseln, nebst
Allem, was von den Leckerbissen brig geblieben war; der kostbarste Wein
flo ber den Boden; die Leuchter waren zerschlagen; von denen, welche
stehen geblieben waren, waren alle Lichter, bis auf eine Wachskerze,
nieder gebrannt und ausgelscht. Er nahm das Licht und betrachtete die
Wand, von der die Tapete abgerissen, und einige starke Bretter heraus
gebrochen waren; ein Balken stand davor, der den Zutritt in die Nische
hemmte. Ein sonderbares Gelst befiel den Jngling, noch in der Nacht
das angefangene Werk seiner wilden Gesellen fortzusetzen; um aber kein
bermiges Gerusch zu erregen, und doch noch vielleicht ihr Schicksal
zu theilen, nahm er eine feine Sge, und durchschnitt oben vorsichtig
den Balken; er wiederholte dies unten, und nahm dann den Kloben heraus.
Hierauf war es nicht so gar schwer, noch eine innere leichte Vertfelung
wegzubrechen; das dnne Bret fiel nieder, und Eduard leuchtete in die
Nische hinein. Er konnte aber kaum den breiten Raum bersehen, und
etwas, das ihm wie Gold entgegen glnzte, wahrnehmen, als Alles
pltzlich verschwand; denn er hatte mit dem Lichte oben angestoen und
es ausgelscht. Erschreckt und in der grten Bewegung tappte er durch
den finstern Saal, aus der Thre, ber einen langen Gang, dann ber den
Hof nach einem kleinen Hintergebude. Wie zrnte er ber sich selbst,
da er keine Anstalt in der Nhe habe, Feuer zu machen. Aus festem
Schlafe ermunterte er den eisgrauen Thrhter, der sich lange nicht
besinnen konnte, lie sich von ihm, nach vielen vergeblichen Versuchen,
sein Licht wieder anznden, und kehrte dann mit behutsam vorgehaltner
Hand, an allen Gliedern zitternd und mit klopfendem Herzen ber die
Gnge nach dem Zimmer zurck. Er wute nicht, was er gesehen hatte, er
wollte noch nicht glauben, was er ahndete. Im Saale setzte er sich erst
in den Lehnstuhl, um sich zu sammeln, dann zndete er noch einige Kerzen
an, und begab sich nun gebckt in die Nische. Der weite Raum der Fenster
erglnzte von oben bis unten wie in goldnem Brand; denn Rahmen drngte
sich an Rahmen, einer kostbarer als der andere, und in ihnen alle jene
verloren gewhnten Gemlde seines Vaters, um die der alte Walther und
Erich so oft gejammert hatten. Der Erlser _Guido's_, der Johannes von
Domenichino, sie alle schauten ihn an, und er fhlte sich selbst
gerhrt, andchtig, erstaunt, wie in einer bezauberten Welt. Als er sich
besann, flossen seine Thrnen, und er blieb dort, die Klte nicht
achtend, unter seinen neugefundenen Schtzen sitzen, bis der Morgen
herauf dmmerte.

                   *       *       *       *       *

Walther war eben vom Tisch aufgestanden, als Erich eilig zu ihm in den
Gemldesaal trat. Was ist Dir, mein Freund? rief der Rath aus: hast Du
Geister gesehn? Wie Du es nimmst, erwiederte Erich: mache Dich auf eine
auerordentliche Nachricht gefat. -- Nun? -- Was gbest Du wohl, was
thtest Du wohl dafr, wenn alle die verlorenen Malereien Deines seligen
Freundes, jene unschtzbaren Kostbarkeiten wieder da wren und Dein
werden knnten?

Himmel! rief der Rath aus und verfrbte sich: ich habe keinen Athem. Was
sagst Du? -- Sie sind da, rief jener, und knnen Dein Eigenthum werden.
-- Ich habe kein Vermgen, sie zu kaufen, sagte der Rath: aber Alles,
Alles wrde ich geben, sie zu erhalten, meine Gallerie und Vermgen,
aber ich bin zu arm dazu. -- Wenn man sie Dir nun berlassen wollte,
sagte Erich, und der Eigenthmer forderte blo die Gunst dafr, Dein
Schwiegersohn zu werden?

Ohne Antwort rannte der Alte hinaus und zur Tochter hinber. Im Streit
mit dieser kam er zurck. Du mut mein Glck machen, geliebtes Kind,
rief er aus, indem er mit ihr herein trat: von Dir hngt nun die
Seligkeit meines Lebens ab. Die erschrockene Tochter wollte immer noch
widersprechen, aber auf einen heimlichen Wink Erichs, den sie zu
verstehen glaubte, schien sie endlich nachzugeben. Sie ging fort, sich
umzukleiden; denn bei Erich warteten, wie dieser erklrte, die Bilder
und der Freiwerber auf sie. Unter welchen sonderbaren Gedanken und
Erwartungen suchte sie ihren besten Schmuck hervor; konnte sie sich in
Erich nicht irren? Hatte er denn auch sie verstanden? hatte sie ihn
richtig gedeutet? Walther war ungeduldig und zhlte die Augenblicke;
endlich kam Sophie zurck.

In Erichs Hause waren alle jene Gemlde im besten Lichte aufgehangen,
und es wre vergeblich, des Vaters Erstaunen, Freude und Entzcken
beschreiben zu wollen. Die Bilder waren, so behauptete er, bei weitem
schner, als er sie in seiner Erinnerung gesehen hatte. Du sagst, der
Liebhaber meiner Tochter sei jung, wohlerzogen, von gutem Stande, Du
giebst mir Dein Wort darauf, da er ein ordentlicher Mann seyn wird, und
niemals nach meinem Tode diese Bilder wieder veruern? Wenn dies alles
so ist, so braucht er kein anderes Vermgen zu besitzen, als diese
Bilder, denn er ist berreich. Aber wo ist er?

Eine Seitenthre ffnete sich, und Eduard trat ungefhr so gekleidet
herein, wie der ihm hnliche Schfer auf dem alten Gemlde von Quintin
Messys stand. -- Dieser? schrie Walther: woher haben Sie die Gemlde?
Als ihm Eduard den sonderbaren Vorfall erzhlt hatte, nahm der Alte die
Hand der Tochter und legte sie in die des Jnglings, indem er sagte:
Sophie wagt viel, aber sie thut es aus Liebe zu ihrem Vater; ich denke,
mein Sohn, Du wirst nun klug und gut geworden seyn. Doch, eine
Bedingung: Ihr wohnt bei mir, und Eulenbck kommt nie ber meine
Schwelle, auch siehst Du ihn mit keinem Auge wieder. Gewi nicht,
antwortete Eduard: berdies reiset er mit dem fremden Prinzen von hier
fort.

Man ging nach dem Hause des Vaters. Dieser fhrte den Jngling in seine
Bibliothek: hier, junger Mensch, sagte er, findest Du auch Deine
Seltenheiten wieder, die Dein luftiger Bibliothekar mir fr ein
Spottgeld verkauft hat. Du wirst diese Schtze Deines Vaters knftig
heiliger halten.

Die Liebenden waren glcklich. Als sie allein waren, schlo Sophie den
Jngling herzlich in die Arme. Ich liebe Dich innigst, mein Freund,
flsterte sie ihm zu, aber ich mute neulich dem Eigensinne meines
Vaters nachgeben, und mich damals und heute stellen, als gehorchte ich
ihm unbedingt, um erst nicht alle Hoffnung aufzugeben, und heute ohne
Widerspruch Dein zu seyn; denn htte er meine Liebe gemerkt, so htte er
nimmermehr so schnell eingewilligt.

Nach wenigen Wochen waren sie vermhlt. Es ward dem Jnglinge nun nicht
schwer, ein ordentlicher und glcklicher Mann zu werden; an seine wilde
Jugend dachte er im Arme seiner Frau und im Kreise seiner Kinder nur wie
an einen schweren Traum zurck. Eulenbck hatte mit dem Prinzen die
Stadt verlassen, und mit ihm zugleich der sogenannte Bibliothekar, der
jene Stelle als Secretr beim Prinzen erhielt, um welche Eduard sich
bemht hatte, und nach einigen Jahren die lockre Schne heirathete, die
unserm jungen Freunde einen so beln Ruf in seiner Vaterstadt
verursachte, und fast die Veranlassung seines Unglcks geworden war.




                            Die Verlobung.
                               Novelle.


Ich habe lange auf Dich gewartet, rief der junge Ferdinand seinem
Freunde entgegen.

Du weit ja, erwiederte jener, da es unmglich ist, sich schnell von
dem wohlbeleibten Barone loszureien, wenn er Fragmente aus seiner
Lebensgeschichte vortrgt.

Wrst Du Offizier, wie ich, antwortete Ferdinand, so wrdest Du es
dennoch mglich gefunden haben, pnktlich zu seyn; dies wenigstens lernt
man im Dienst. Sie sind alle schon auf dem Spaziergange dort versammelt,
la uns eilen, da ich Dich der verehrten Familie vorstellen kann.

Die jungen Freunde bogen um die Felsenecke, und erfreuten sich des
klaren Anblickes am rauschenden Strome, der Wldern und Bergen leuchtend
vorber zog. Der Frhling war in diesem Jahre vorzglich ppig
erschienen. Wie wohl wird es dem Arbeiter, sagte Alfred, an einem
solchen Tage die Stadt und die geistlosen Geschfte hinter sich zu
haben, um nach langer Anstrengung und Entbehrung diesen Segen der Natur
zu fhlen und ihre heilige Stimme zu vernehmen! Und wie dankbar bin ich
Dir, mein theurer Freund, da Du mich in den Kreis der besten, der
edelsten Menschen einfhren willst. Denn wie wir uns auch zu bilden
streben, wie ernsthaft wir studiren, einsammeln, und unser Herz und
Gemth erweitern wollen, so ist es doch der Umgang mit echten Menschen,
der alles dies todte Wirken und unbeholfene Kmpfen erst belebt, und den
Besitz in ein wahrhaftes Gut verwandelt. Den zarten Frauen ist es aber
vorbehalten, dem Manne die Bildung zu geben, deren er nach seinen
Krften und Gaben fhig ist.

Der junge Offizier sah seinen Freund kopfschttelnd an, stand einen
Augenblick still, und sagte dann, indem sie weiter schritten: O wie
kann ich in diese Phrasen, die man schon tausendmal hat hren mssen, so
gar nicht einstimmen! Somit wre es ja die groe Welt, oder die
sogenannte gute Gesellschaft, die man aufsuchen mte, um in schlechtem
Witz, Coquetterie, Lgen und Geschwtz die Reife zu erlangen, die uns
die Einsamkeit nicht gewhren knnte. Bin ich auch in den meisten Dingen
Deiner Meinung, so mu ich Dir doch hierin geradezu Unrecht geben. Die
Weiber! sie sind es ja eben, die recht eigentlich von einem boshaften
Schicksal dazu hingestellt zu seyn scheinen, sich des Mannes, wenn er
schwach genug ist, zu bemchtigen, alles Menschliche, Edle, Kraftvolle
und Wahre von ihm abzustreifen, und ihn, so viel es nur mglich ist, in
sein Gegentheil zu verwandeln, damit er ihnen nur zu einem unwrdigen
Spielzeuge gut genug sei. Das, was Du eben uertest, ist auch schon
mehr die Denkweise einer jetzt fast verschwundenen Zeit, einer Zeit, die
der Wahrheit, vorzglich aber aller religisen Gesinnung, feindlich
gegenber stand. Auch mu ich Dir sagen, da Du jenes Wesen, wodurch
sich vormals unsre jungen Herren zu bilden glaubten, in der Gesellschaft
dieser Frauen nicht finden wirst, weil bei ihnen alles heilige Wahrheit,
Unschuld und echte Frmmigkeit ist.

Der Freund suchte seine Meinung und sich selbst zu rechtfertigen, indem
sie unter lebhaften Gesprchen ihren Weg eilig fortgesetzt hatten. Sie
sahen jetzt schon den Garten vor sich liegen, in dessen khlen Gngen
die Baronin mit ihrer Familie und einigen auserwhlten Freunden die
Ankommenden erwartete. Alle fhlten sich in der grnen Umgebung wohl und
behaglich.

Nur dem jungen Rathe Alfred ward es Anfangs schwer, sich in die Stimmung
und Unterhaltung zu fgen. Wie es wohl zu geschehen pflegt, war er zu
gespannt, um sich dem Gesprche leicht hinzugeben; auch hatte er zu
Vieles auf dem Herzen, was er mit einer gewissen Bangigkeit an den Mann
zu bringen strebte, wodurch er oft an sich und den Andern irre werden
mute; denn wenn er Gedanken zu einer Rede verarbeitet hatte, so war
indessen der schickliche Moment verschwunden, um diese einzufgen, und
unter den neuen Gegenstnden der Unterhaltung kam wieder so Manches vor,
das ihm unverstndlich schien, und worber er sich nhere Belehrung
auszubitten doch zu verschmt war. Dazu kam, da er von dem Reiz der
Frauengestalten wie geblendet war; die vermhlte Tochter Kunigunde war
eine glnzende Schnheit; noch ppiger strahlte die jngere Clementine,
gegen welche die blonde kindliche Physiognomie der jngsten, Frulein
Clara, rhrend kontrastirte; selbst die Mutter durfte noch Ansprche auf
Anmuth machen, und man sah, da sie in ihrer Jugend eine schne Frau
gewesen war. Dorothea, das lteste Frulein, fiel in dieser Umgebung am
wenigsten auf, so schn auch ihr Auge, so fein ihr Wuchs war; auch zog
sie sich zurck und blieb still und blde; sie schien selbst an der
lebhaften Unterhaltung der Geschwister nur geringen Antheil zu nehmen,
und es fiel auf, da keine Rede oder Frage an sie gerichtet wurde, so
sehr die anwesenden Mnner sich auch mit Lebhaftigkeit um die brigen
Tchter oder die Mutter bemhten.

Unter den Mnnern zeichnete sich ein ltlicher aus, der am meisten das
Wort fhrte, der Alle belehrte und alle streitigen oder zweifelhaften
Flle entschied. Auch der Offizier behandelte ihn mit ergebener Demuth,
und dieser Familienfreund wandte sich mit Gte und Herablassung an Alle,
sie fragend, zurecht weisend, aufmunternd und sich auf seine Weise
bestrebend, Jeden zu ermuthigen oder aufzuklren. Ihm gelang es auch
endlich, den verlegenen Alfred in das Gesprch zu ziehen, und dessen
Dankbarkeit uerte sich in einer feurigen Rede, die er jetzt
anzubringen Gelegenheit fand, und in welcher er seinen Wunsch nach
Bildung, seine Verehrung des Familienglcks, seine Hoffnung, da die
echte religise Stimmung und wahre Frmmigkeit sich durch ganz
Deutschland ausbreiten wrden, mit allgemeinem Beifall und zu seiner
eignen Zufriedenheit entwickelte.

Mehr noch als die Uebrigen war die schne Kunigunde aufmerksam gewesen,
und sie war es auch jetzt, die am lautesten ihren Beifall aussprach.
Wie glcklich sind wir, beschlo sie endlich, da in unserm theuern
Kreise sich immer mehr Gemther versammeln, die das Gute und Edle
wollen, die das Ueberirdische erkennen, und denen die Welt mit allen
ihren anlockenden Schtzen nur nichtig erscheint. Aber das ist die
Eigenschaft der Wahrheit und Gte, da sie das Bessere sich nher zieht,
da sie das Schwache in etwas Hheres verwandelt. Wirkt der gesellige
Umgang so glcklich in einem weitern Umfang, so ist es im beschrnkten
Hause der Segen der Ehe, der noch inniger die Vermhlten anregt, sich
fr das Gttliche zu begeistern, der hier noch krftiger das schwchere
Gemth zur Liebe des Unendlichen erhebt.

Ja wohl, sagte ein junger Mann, der neben dem ltern sa, dies ist
es, was ich mit jedem Tage inniger und dankbarer empfinde. Er seufzte
und sah an die Wolken, und der Rath erfuhr auf seine Erkundigung, da
dieser der Gemahl der schnen und frommen Kunigunde sei.

Die Mutter nahm das Wort und sagte nicht ohne Bewegung: Wie beglckt
mu ich mich fhlen, da ich so im Kreise meiner Kinder das Hchste
gefunden und es ihnen selbst mglich gemacht habe, den edelsten Besitz
dieser Erde zu erreichen. Wie kann ich doch so gar nicht an den
Bestrebungen der meisten Menschen Antheil nehmen, ja wie erregt mir ihr
mannigfaltiger Enthusiasmus eher Mitleid, als da ich in ihren
vielfachen Anstrengungen, ein sogenanntes Gut zu ergreifen, etwas finden
knnte, das unsere Achtung aufruft. So rennen sie nach Kunst, oder
Philosophie, meinen, im Wissen oder in Farben und Ton solle ihnen das
ewige Licht aufgehen, qulen sich in Geschichte und den verworrenen
Hndeln des Lebens ab, und versumen darber das Eine, das Noth ist, und
welches Alles ergnzt und ersetzt. Seit ich diesen Quell gefunden habe,
der jeden Durst der Seele so lieblich stillt, ist jenes bunte
Mannigfaltige fr mich gar nicht mehr da, dem ich in der Jugend auch
wohl manchen sehnschtigen Blick zuwendete.

Wie mu ich Sie bewundern! rief der Rath aus: mit welcher Sehnsucht
habe ich das Leben gesucht, und immer nur leere Schatten gehascht! und
wie leicht ist es doch, die Wahrheit zu finden, die uns niemals tuscht,
die nie entschlpft, die dem Herzen Alles gewhrt, in der wir nur leben
und seyn knnen.

Ich verstehe Sie, antwortete die Baronesse, Sie gehren zu unserm
Kreise; es ist ein seliges Gefhl, da sich die Gemeinschaft frommer und
begeisterter Gemther immerdar vermehrt.

Den herrlichsten Zeiten gehen wir entgegen! rief der junge Offizier in
Begeisterung aus. Und wie selig mssen wir uns fhlen, da Dasjenige,
was uns ber das nchterne Leben erhebt, die ewige Wahrheit selber ist,
da diese uns beherrscht, und wir, von ihr regiert, nicht fehlen, niemals
irren knnen; denn wir geben uns der Liebe hin, da sie in uns wirke und
ihre Geheimnisse unserm Herzen offenbare.

Nicht anders, beschlo der ltere wrdige Mann; dies ist es, was uns
die Sicherheit geben mu, die uns von gewhnlichen Enthusiasten oder
Schwrmern unterscheidet. Sie haben ein groes Wort gesprochen, theurer
Ferdinand, und darum sind Sie mir so werth, weil Keiner, so wie Sie, auf
dem krzesten Wege das Rechte findet, weil Niemand es alsdann so klar
und einfach auszusprechen wei. Er umarmte den Jngling, sah gen
Himmel, und eine groe Thrne glnzte ihm im schnen dunkeln Auge. Die
Baronesse erhob sich und schlo sich an die Gruppe; alle waren bewegt,
nur Frulein Dorothea wandte sich ab, und schien im Busche etwas
Verlornes zu suchen.

Dem aufmerksamen Alfred entging es nicht, da die Mutter mit einem
Ausdrucke des Schmerzes zu ihrem ltesten Kinde hinsah, das auf seltsame
Weise von diesem Kreise der Rhrung und Liebe ausgeschlossen schien. Der
Baron Wallen, so hie der ltere Hausfreund, nherte sich mit dem
Ausdruck einer rhrenden Milde dem Frulein, die scheu vor sich nieder
sah, und in diesem Augenblick hochroth erglhte. Er sprach heimlich und
mit vieler Bewegung zu ihr, sie schien aber in ihrer Verlegenheit auf
seine Worte nicht sonderlich zu achten; denn als jetzt eine Dame in der
Allee zur Gesellschaft herschritt, ging sie dieser in groer Eile
entgegen, und schlo sie mit der grten Herzlichkeit und Freude in die
Arme.

Die Mutter schttelte fast unmerklich mit dem Kopfe, und sah den Baron
Wallen mit prfendem Auge an; dieser lchelte, und die Unterredung der
Gesellschaft gerieth nun auf ganz andere und gleichgltige Gegenstnde;
denn die Frau von Halden, welche jetzt lautschwatzend, lachend und
Neuigkeiten erzhlend, herzu trat, machte jeden Aufschwung, jede
innigere Mittheilung vllig unmglich, so da auch alle, bis auf
Frulein Dorothea, etwas verstimmt wurden, die wie erquickt und
getrstet mit ihren Blicken am Munde der Redenden hing, und jetzt an der
brigen Gesellschaft noch weniger Antheil nahm.

Wer ist denn diese Neuigkeits-Krmerin? fragte Alfred unwillig, die
wie ein wilder Vogel in unsern stillen Kreis herein fliegt, und alle
zarteren Gefhle verschchtert?

Eine Nachbarin unserer verehrlichen Baronesse, antwortete der Herr von
Wallen: sie hat sich auf eine unbegreifliche Weise des Gemthes der
Frulein Dorothea bemeistert, was wir alle nur beklagen knnen. Schon in
der Jugend hat es die treffliche Erzieherin, die Frulein von Erhard,
eine Verwandte der Familie, verhindern wollen, da dieser Umgang nicht
die bessern Fhigkeiten des schnen Mdchens unterdrcke; aber von jeher
sind alle ihre Bemhungen vergeblich gewesen.

Diese Erzieherin, welche bisher wenig bemerkt worden war, nherte sich
jetzt, da sie sah, da von ihr die Rede sei, und mischte sich in das
Gesprch. Sie erzhlte, da in dieser so liebenden und hochgestimmten
Familie Dorothea von frher Jugend ein abgesondertes Leben gefhrt habe,
und unter so vielen Geschwistern gewissermaen ganz einsam gewesen sei.
Frulein Charlotte von Erhard erzhlte dies mit einer rauhen und heisern
Stimme, wurde aber so bewegt, da sie sich der Thrnen nicht enthalten
konnte. Alfred, der schon gerhrt war, fand in seiner erhobenen Stimmung
die gelterte und fast hliche Dame liebenswrdig und schn, und ein
herzlicher Unwille, eine lebhafte Geringschtzung wandte sich gegen die
arme Dorothea, die jetzt von der redseligen Freundin Abschied nahm und
zur brigen Gesellschaft zurck kehrte. Sie war sichtlich erheitert,
aber man sah, welche Ueberwindung es ihr koste, wieder an den ernsteren
Gesprchen Theil zu nehmen. Sie erzhlte, wie die Frau von Halden in
Unterhandlungen stehe, und wahrscheinlich ihr Gut verkaufen werde.

Verkaufen? fragte die Mutter erstaunt, und sie konnte dennoch so
heiter, ja ausgelassen seyn?

Sie meint, erwiederte Dorothea, einen so vortheilhaften Kauf ihrer
noch unmndigen Kinder wegen nicht abweisen zu drfen.

Giebt es einen Vortheil, sagte die Mutter, welcher den Kindern das
Glck der Heimath aufwiegen kann? Und sie selbst, Deine Freundin, die
hier auf ihrem Gute aufgewachsen ist, die hier mit Eltern und
Geschwistern, nachher mit einem geliebten Manne lebte, wie kann sie sich
selber so verstoen und diesen Bumen den Rcken wenden, sich von den
Zimmern verbannen, die sie als Kind geliebt und gekannt hat? Immer
wieder mu es mir auffallen, wie ich das Leben und Treiben der
allermeisten Menschen so gar nicht verstehe. -- Und wer ist denn der
Kufer?

Die Sache ist wunderlich genug, erwiederte Dorothea, der Kufer will
noch gar nicht genannt seyn; aber ein gewisser Graf Brandenstein fhrt
die Unterhandlung. Meine Freundin ist eilig und bestimmt, denn der
Fremde aus Amerika kauft noch manches andere Gut, so da sie es fr eine
Gunst hlt, da er nicht ngstlich auf den Preis sieht, wenn sie das
ihrige dem Unbekannten zuwenden kann.

Bei dem Namen Brandenstein wurde die Mutter bla. Sie suchte sich aber
schnell zu fassen, und sagte nach einer kleinen Pause: Ja, der Name war
es, der mir schon seit einer Woche schwer auf dem Herzen lag. Ich wei
es schon, da dieser Mann hier ist, der nun auf eine Zeitlang unsre
stille Freude verderben, und die Harmonie unsers Kreises stren wird.
Und ich kann es nicht vermeiden, ihn zu sehn, denn er ist ein alter
Bekannter unsers Hauses, und die Sitte der Welt zwingt uns ja, selbst
mit denjenigen freundlich umzugehen, die uns im innersten Herzen zuwider
sind, ja, die wir, wenn wir noch so billig denken, fr schlechte und
ruchlose Menschen anerkennen mssen.

Dorothea meinte, wo eine so bestimmte Empfindung vorherrsche, solle sich
der Mensch keinen Zwang anthun; und besonders auf dem Lande, wo sie
lebten, wre es noch leichter, als in der Stadt, so widrigen
Erscheinungen auszuweichen. Die Mutter aber sagte: Du verstehst dies
nicht, mein Kind; knnte ein gewissenloser Mensch ohne Grundstze uns
nicht auf die empfindlichste Art schaden oder krnken, htte er es durch
Witz und Frivolitt nicht in seiner Gewalt, unser ganzes Leben zu
verderben, so wrde ich ihn kalt abweisen, und mit meiner Wahrheitsliebe
ihm ohne Umschweif sagen, da ich mit ihm nicht umgehen wolle; da aber
dies nicht mglich ist, so mu ich ihm hflich entgegen kommen, mit
Feinheit und Wohlwollen den bsen Geist in ihm zu beschwichtigen suchen,
und mich spterhin so unmerklich, als es seyn kann, von seinem
verderblichen Kreise zurck ziehn.

Die brigen Tchter drngten sich um die Mutter, und umarmten sie wie
trstend. Wenn ich Euch nicht htte! seufzte die Baronesse: wenn ich
nicht auf die Hlfe unsers edlen Hausfreundes rechnen drfte, so wrde
mich der Besuch dieses gottlosen Menschen noch mehr ngstigen.

Wer ist er eigentlich? fragte der Baron.

Ein Mann, antwortete die Mutter, der sich schon frh in der Welt und
ihren Verstrickungen herum getrieben hat, der, von seinem eignen Herzen
belehrt, alles, was Liebe, Demuth, Frmmigkeit heit, arg verspottet und
verfolgt, ein grober Egoist, der Niemand lieben kann, und den das
Heilige, Ueberirdische, wo er es wahrnimmt, wo er es nur ahndet, in
einen widrigen Zorn versetzt, der ihn dann zu jenem frivolen Witze
begeistert, den wir Alle so tief verachten. Es war das Unglck meines
Lebens, da er die Bekanntschaft meines guten seligen Mannes machte, da
dieser ihn lieb gewann, und sich in manchen trben Stunden seiner
Gesellschaft und traurigen Philosophie hingab.

Sie schildern, verehrte Frau, sagte der Offizier, einen von jenen
Charakteren, die, dem Himmel sei Dank! jetzt schon seltener geworden
sind.

Eine Verruchtheit, sagte der Baron, die das Unsichtbare lstert, weil
sie auf Selbstverachtung gegrndet ist. Sie sind aber, wie wir Alle,
ber diesem Jammer erhaben.

Sein mittelmiges Vermgen, fuhr die Mutter fort, war bald
ausgegeben; nun verlie er Europa, trieb sich, wer wei, unter welchen
wilden Vlkern um, und ist nun zurck gekehrt, wie ich hre, als
Geschftstrger eines unermelich reichen Amerikaners, der ihm in
Jahresfrist nachfolgen will, und der die Grille gefat hat, in unserer
Nachbarschaft viele Gter zu einer groen Herrschaft zusammen zu
kaufen.

Frulein Dorothea blieb dabei, da man einem so bsen Menschen
ausweichen knne und msse, und da sie ihm schon das Haus zu betreten
unmglich machen wolle, wenn die Mutter ihr dazu die gehrige Vollmacht
gebe; doch diese ward unwillig, und gebot, fr heute den Namen des
Strenfried nicht mehr zu nennen. Jetzt sah man die Wagen vorfahren,
weil mit der Abendkhle die Familie sich wieder auf ihr nahes Landgut
begeben wollte, als sich in diesem Augenblick eine sonderbare Scene
entwickelte. Der alte Baron hatte sich schon einigemal Dorotheen
genhert; sie war ihm aber ausgewichen, doch benutzte er den Moment, als
er ihr in den Wagen half, ihr einige freundliche Worte zuzuraunen; sie
sprang zurck, indem sie hastig der Kutsche enteilte und in den Baumgang
lief. Der Baron konnte sie nicht einholen, so sehr er sich bestrebte;
als er schon tief im Garten war, kam sie athemlos zurck, warf den
Schleier ber das erhitzte Angesicht, und weinte heftig, indem sie dem
fragenden und strafenden Blicke der mehr als erstaunten Mutter ngstlich
auswich. Der Wagen fuhr rasch davon, und der Baron, nachdem er verwirrt
und beschmt von den jngern Freunden Abschied genommen hatte, bestieg
den seinigen, schwer gekrnkt, wie man ihm anmerken konnte, so sehr er
auch seiner Fassung Gewalt zu thun suchte.

Als der junge Rath und der Offizier ihren Rckweg zur Stadt antraten,
sagte der erste nach einer Pause: Was war das? Immer noch kann ich
nicht von meiner Verwunderung zurck kommen, da unter so gebildeten und
feinen Menschen eine solche unschickliche Scene hat vorfallen knnen!
Ueberhaupt, wie kommt dieses Frulein, dieser sonderbare, ja
widerwrtige Charakter in eine Familie, die ich fast eine geheiligte
nennen mchte? Irgend eine tiefe Verschuldung mu sie drcken, da sie
sich immer scheu zurck zieht, niemals an der Unterhaltung Theil nimmt,
und auch von allen Uebrigen mit einem herablassenden, fast
geringschtzenden Mitleide behandelt wird, das einem Fremden sehr
auffallen mu. Man kommt auf rgerliche Vermuthungen, wenn man auch eben
nicht zum Argwohn geneigt ist.

Du wrdest aber irren, sagte der militrische Freund, denn keine
Schuld, kein Vergehn drckt dieses Wesen nieder. Unter so hochgestimmten
Menschen, wie alle diese sind, wrde sich dergleichen vielleicht ohne
groe Kmpfe wieder herstellen, wenn diese Schwester nur sonst in einer
geistigen Harmonie mit den brigen stnde. Schlimmer aber als alles ist,
da sie schon mit einem niedrigern, unedlern Geiste geboren wurde, da
sie das Bestreben aller Uebrigen nicht versteht, und sich doch sagen
mu, es sei ein Hohes und Edles, nur fr sie Unerreichbares. Dies Gefhl
der Unwrdigkeit drckt sie mehr nieder, als das Bewutsein einer Schuld
es thun knnte. Sie fhlt sich fremd unter den Nchsten, unheimisch in
ihrem Hause; sie erquickt sich an den unwrdigen Bekanntschaften, wie
mit jener dicken und geschwtzigen Nachbarin, und entflieht besonders
dem Baron, den wir Alle so hoch verehren, und der sich zu sehr, fast mit
Leidenschaft herablt, ihren Sinn fr ein hheres Leben
aufzuschlieen.

Sie bogen jetzt um die Felsenecke, und sahen die Stadt schon vor sich
liegen. Aber zu ihrem Entsetzen bemerkten sie auch zugleich jenen
wohlbeleibten Baron von Wilden, von dem sich Nachmittags der junge Rath
nur schwer hatte losmachen knnen. Nun, rief dieser ihnen entgegen,
kommt Ihr schon aus dem Himmel zurck? Hat's brav viel ambrosische
Redensarten abgesetzt? Sind die nektarischen Gesinnungen gut
eingeschlagen? Hoffentlich war doch kein Miwachs an berirdischen
Gefhlen?

Die Freunde, die in der schnen Natur und dem lieblichen Abende gern
noch ihre Gefhle htten harmonisch nachklingen lassen, suchten sich von
ihm loszuwickeln; da sie aber denselben Weg zur Stadt zurck gingen, war
dies unmglich. Nichts da! rief er mit herrschender Stimme aus: wir
bleiben treu beisammen, und dort unten beim Brunnen treffen wir noch
einen armen Snder, der auf mich wartet.

Die beiden jungen Leute sahen sich gezwungen, aus der Noth eine Tugend
zu machen, besonders weil der unempfindliche Baron mit kreischendem Tone
fortfuhr: Ich merke wohl, Ihr wret hier in der Gegend gern noch
empfindsam, besonders weil der Mond bald hervor kommen wird; aber
dergleichen Unfug wird in meiner prosaischen Gesellschaft nicht
geduldet. Glaubt mir doch, junge Menschen, all' das Aetherisiren und
Frommslichen dort geschieht ja doch nur, da Ihr an diesem lockenden
Hamen als Eheleute anbeien sollt, wenn Ihr nmlich selbst Amt und
Vermgen besitzt. Es sind so viele Tchter dort, und nur die lteste,
verwilderte, ist so toll, alle Partieen abzuweisen. Ja die liebe, gute,
so hocherwnschte Ehe, das Freiwerben, wonach mit allen Fernrhren
hinaus geschaut wird, wenn so herrliche edle Tchter in dem Familiensaal
dasitzen, rund und fett, roth und wei, zchtig und tchtig,
auferwachsen und vollstndig! Und in der Mitte die verstndige Mutter,
achtsam, lauernd und spekulirend, die Augen nach allen Seiten, jeden
anfhlend, der nur eintritt, ob der feine Rock auch bezahlt ist, ob
derselbe, wenn er von Reisen und Bllen erzhlt, auch wohl im Stande
sei, ein Ehefrauchen standesmig zu ernhren. Da gehn der guten Matrone
dann so fromme, weiche und gar unbefangene Redensarten aus dem zarten
Munde, die Blicke leuchten zum Himmel und rechts und links, und alle
Worte und alle Blicke schwimmen wie hundert Angeln im Strom der faden
Unterhaltung, und die jungen Bursche schieen bald nach dieser, bald
nach jener Schnur wedelnd und spielend hin, bis denn, wenn auch nach
Wochen, einer und der andere fest sitzt. So haben sie fr die Kunigunde
den zarten Weifisch erschnappt, und ihm gleich darauf eingebildet, das
runde Mdchen sei fr ihn viel zu gut, so da er wie ein reuiger Snder
am Wagen des Ehestandes zieht, und sich geehrt fhlen mu, da die Hohe
sich zu ihm erniedrigt hat; nun mssen Clara, Clementine und die
irdische Dorothea noch versorgt werden, ja ich stehe nicht dafr, da
die bejahrte Bekehrerin nicht selbst noch einmal aus einem frommen
Knaben einen Brutigam fr sich drechselt, und ihm statt des Katechismus
einen Ehekontrakt in die Hnde schiebt. Ja wohl Ehestand, Wehestand! Wie
rennt nur alles so blind und taub in das traurige Joch, und opfert
Freiheit und Laune dem bsen Geiste, der den Mann fast immer unter den
Sklaven erniedrigt.

Sie sind ein arger Frevler, sagte der Offizier: aus launenhafter
Verruchtheit hassen Sie die Ehe, und verlangen nun, alle Menschen sollen
als sndliche freigeisternde Hagestolze leben, und weil Ihr Sinn nicht
in jene Umgebung pat, so lstern Sie diese Menschen, die jeder
Verlumdung zu erhaben sind.

Ganz martialisch! rief der Baron aus. Und doch werde ich Recht
behalten, und vielleicht seufzen Sie selbst einmal, wenn Sie an der
Kette wie ein Eichhorn immer wieder dieselben rechtglubigen Sprnge
machen mssen, um die Nsse zu knappern, die die Gemahlin Ihnen zukommen
lt: ach! wenn ich doch dem resoluten Wilden htte glauben wollen!

Nein, mein Herr, sagte der Rath sich ereifernd, Ihre Ansicht geht nur
aus der Verzweiflung hervor, ja, Sie glauben sich selber nicht.

Meinethalben, rief jener aus, kann seyn, da eine ganz andere
Kreatur, als ich selber, aus mir heraus redet; denn das ist im Leben oft
der Fall, und bei jenen Apostolischen guckt auch oft was, wie ein Affe,
aus den verbrmten und aufgesteiften Gewndern hervor. Nicht wahr,
besonders aus dem ltlichen, zu wenig weltlichen Frulein Erhard, der
unvergleichlichen Erziehungsknstlerin? Diese hat das Haubenmuster der
inwendigen Gesinnung fr die ganze Familie zurecht gesteckt, sich selbst
aber die krauseste Religions-Frisur zurecht gezimmert. Ihr meint, wenn
diese ihr Orakel krht und die kleinen Augen verdreht, so mssen wir
Unglubige gleich unterducken. Ihr bin ich am meisten aufsssig, denn
sie ist es eigentlich, die die ganze Familie in Grund und Boden
verdorben hat.

Jetzt standen sie am Brunnen. Die Sonne war lngst untergegangen, und
aus der Finsterni drehte sich ein Mensch hinter dem Weidenbusche
hervor. Ach! der Michel! rief der Baron: knnen Sie, meine Herren,
einen ehrlichen Bedienten brauchen?

Warum, fragte der Offizier, habt Ihr die Dienste der trefflichen
Baronesse verlassen, die so mtterlich fr ihre Leute sorgt?

Ach! gndiger Herr, sagte der Diener, weil ich neulich so ein bischen
unschuldig gelogen habe, bin ich gleich fortgeschickt worden.

Das ist recht! rief der Offizier, daran erkenn' ich die edle Frau.

Alles ist nur ein Anstiften, fuhr Michel fort, von dem neidischen
Frulein Erhard: die kann's nicht leiden, wenn Mann und Weibsen sich
gut sind, weil keiner sie aus dem ledigen Stande erlsen will, und seit
sie vor vier Wochen sah, wie ich dem Hausmdchen einen Ku gab, hat sie
mir's nachgetragen.

Wie gemein! rief Alfred aus.

Ja, mein gndiger Herr, sagte der Diener, sie ist nicht vornehm, aber
hbsch, und Ku bleibt Ku. Nun hatt' ich eines Tags, auch wegen des
Mdchens, ein neues Buch von der Stadt zu holen vergessen, es sollte so
ein recht superkluges, andchtiges seyn, da sagt' ich in der Angst, das
Buch sei schon verliehen, das kam heraus, da ich gar nicht weggegangen
war, und da wurde ich nun um das bischen Lgen gleich aus dem Dienst
geschickt.

Knnen Sie ihn brauchen? fragte der Baron die beiden jungen Leute;
diese versicherten aber: sie wrden sich nie mit einem Menschen zu thun
machen, der in der edelsten und nachsichtigsten Familie nicht einmal
htte geduldet werden knnen. Nun so bleib indessen bei mir, schlo
der Baron, aber lge so wenig als mglich.

Gewi, gndigster Baron, rief der Mensch aus, vorstzlich niemals; es
kommt einem manchmal in der Angst eine sogenannte Nothlge in den Hals,
die, meinte selbst mein alter Priester da hinten in meinem Dorfe, sei
wohl noch zu vergeben; aber meine gnd'ge Herrschaft legt alles auf die
Goldwage, und in einem Hause, wo dann so die allerausgesuchteste
Frmmigkeit und aufgeputzteste Tugend herrscht, da kommt ein armer,
ordinrer Domestik durchaus gar nicht fort; wir sind zu irdisch, beste
Herren, die vornehmen Leute haben es leichter, das schleift und schleift
immer am Herzen und der Seele, dazu haben wir nicht Zeit vor
Messerputzen und andern Verrichtungen. Frulein Dorchen wollte mich auch
entschuldigen und sagen, es wre nicht so wichtig, die kam aber bel an,
auf die schrieen sie alle zusammen noch mehr los, als auf mich. Die
verachten sie alle, und sie ist doch die beste im Hause, weil sie nicht
so hoch hinaus will, denn der Mensch ist doch einmal aus einem Erdenklos
formirt, und da rhrt sich von Zeit zu Zeit der alte Lehm und Thon in
ihm.

Sie passen gut zusammen, Sie und Michel, sagte lachend der Offizier.

Aber halt! rief der Baron, ich habe Dich nun in meine Dienste
genommen, und ganz vergessen, da morgen die Frulein Ehrhard auf einige
Zeit in mein Haus kommt. Ja, meine Freunde, ich kann diese Person gar
nicht leiden, aber da ich mit meiner jungen Schwester lebe, die nun ganz
aufgewachsen ist, mancher Mensch bei mir aus- und eingeht, ich auch oft
auer dem Hause bin, so mu sie doch, da ich nicht zu heirathen Willens
bin, eine Gesellschaft und Aufsicht haben. Da hat sich das verdrehte
Weibsen entschlossen, es bei mir zu versuchen, denn sie wei wohl, da
es bei mir gut hergeht, nicht so arm, wie dort in der Familie; ich sehe
auch oft Gesellschaft, vielleicht denkt sie leichter einen Herzenskumpan
bei mir zu finden, als dort in der Einsamkeit. So versuchen wir es denn
auf einen Monat, oder so mit einander.

Alles recht fein gemein konstruirt! sagte der Rath: wenn Sie nur
geringe Motive finden, so begreifen Sie die Sachen.

Kann nicht anders, sagte der Baron. Sie schieden, da sie schon das
Stadtthor erreicht hatten.

                   *       *       *       *       *

Am andern Morgen war im Hause der Baronesse schon frh viel Unruhe. Im
groen Saale, der unmittelbar in den Garten fhrte, war die ganze
Familie mit Sonnenaufgang versammelt. Man zog Blumenkrnze an den Wnden
auf, ein geschmckter Tisch stand unter einer Thre, mit Kleidern,
Bchern und mannigfaltigen Angedenken bedeckt, und man erwartete nun die
lteste Tochter Dorothea, die tglich den Garten am frhesten Morgen zu
besuchen pflegte, um sie mit diesen Geschenken und dieser Festlichkeit
erfreulich zu berraschen. Es war ihr Geburtstag, und Mutter und Tchter
hatten alles anordnen knnen, ohne da sie es bemerkte, weil sie sich
niemals um den Kalender sonderlich bekmmerte. Jetzt kam sie den Garten
herunter, und sah schon aus der Ferne die versammelten Geschwister. Als
sie erstaunt in den Saal trat, und Alle sie freundlich umringten, die
verschiedenen Gaben darboten, und Schwestern und Mutter sich so
ungewhnlich liebevoll bezeigten, war sie tief gerhrt und um so
heftiger erschttert, je weniger sie diese Feier der Liebe erwartet
hatte.

Wie neu ist mir dies! rief sie aus: ach! wie wenig habe ich das um
Euch verdienen knnen! Liebt Ihr mich denn wirklich so? Alle diese
Geschenke, dieser Glanz, diese freundliche Aufmerksamkeit, wie kann ich
es Euch vergelten? Ich bin so berrascht, da Ihr alle so an mich Arme
denken mochtet, da ich Euch noch gar nicht einmal danken kann.

Liebe uns nur recht innig, sagte die Mutter, sie herzlich umarmend,
sondere Dich nicht so ab, komm uns allen mehr entgegen; erkenne, wie
wir es meinen, und bemhe Dich, in unsere Gefhle und Ansichten
einzugehen; denn wir suchen ja nur das Gute, wir wollen ja nur das
Rechte. Diese Deine Launen, mein geliebtes Kind, Dein strriger Sinn,
der Dich den Freunden und Geschwistern entfremdet, der Dich geringeren
Menschen entgegen fhrt, ist eine Unart und Verwhnung Deines Geistes.
Du wirst und kannst die Wahrheit erkennen, sobald es nur Dein
ernstlicher Wille ist.

Ich will besser werden, sagte die weinende Tochter, ich verspreche es
Ihnen in dieser Stunde, die mich so unendlich bewegt.

Alle herzten und kten sie, und Dorothea, die schon seit lange als ein
Fremdling in ihrer Familie stand, fhlte sich wie in einem neuen Leben.
Sie sah Alle prfend an, sie liebkoste Jeden, sie lie sich die
Geschenke zeigen und erklren; es war, als wre sie von einer langen und
weiten Reise zurck gekommen, und begre jetzt die Ihrigen nach
schmerzlicher Trennung. Wenn ich nur auch fr Euch alle etwas thun
knnte! rief sie aus.

Wenn Du es ernstlich willst, antwortete die Mutter, so kannst Du uns
heut Alle, vor allen aber mich, unbeschreiblich glcklich machen.

Nennen Sie, rief Dorothea, sagen Sie, was ich thun soll.

Wenn Du heut an diesem feierlichen Tage, fuhr die Baronesse fort,
endlich Deine so lange verweigerte Einwilligung geben, wenn Du unsern
Freund Wallen heut mit Deinem Worte beglcken wolltest, den Du gestern
so unziemlich gekrnkt hast.

Dorothea wurde bla und trat erschreckend zurck. Dies fordern Sie?
sagte sie stotternd: ich dachte, ich htte darber ein fr allemal
meine Erklrung gegeben.

Deine Leidenschaftlichkeit, sagte die Mutter, kann fr keinen
vernnftigen Entschlu gelten. Du liebst keinen Mann, wie Du oft gesagt
hast, Du kennst kaum einen, den Du achten mchtest; dieser edle Freund
ist Dir mit der schnsten Herzlichkeit ergeben, er bietet Dir ein Glck
an, das Dir so schn nicht wieder entgegen kommt, wenn Du es jetzt von
Dir weisest; Du kennst die Lage Deiner Familie, wie milich es mit
unserm Vermgen steht; Du kannst die Wohlthterin Deiner Mutter, die
Versorgerin Deiner Schwestern werden. Hast Du wohl schon bedacht, mein
liebes Kind, wie trostlos Deine eigne Zukunft seyn mu, wenn Du auf
Deinem Eigensinn beharrst? Von Mnnern und Frauen verlassen, den
Deinigen emprt und gehssig, einsam und ganz verloren in einer kalten,
hhnenden Welt, arm und ohne Hlfe! Wirst Du Dich alsdann nicht in Deine
Jugend zurck sehnen, und in bitterm Schmerz bereuen, da Du jetzt alles
Glck fr Dich und die Deinigen so muthwillig, so unbedacht von Dir
gestoen hast? Fordert dieser edle Mann denn Liebe und Leidenschaft von
Dir, wie sie wohl in unsern verkehrten Bchern geschildert werden? Will
er mehr als Freundschaft und Achtung? Und kannst Du ihm diese versagen?
Er ist zu allen Aufopferungen bereit, die unsere drckende Lage fordert,
und die sein groer Reichthum mglich macht; aber wenn Du ihn so sprde
verhhnst, und er tritt beleidigt und beschimpft zurck -- wer wei, wo
Deine Geschwister oder Deine Mutter und Du selbst noch einmal im Alter
ein schndes Almosen erbetteln mssen, wo ich noch krank und hlflos
liege, und Dein weinendes Auge dann umsonst in diese Tage sehnschtig
zurck blickt, die dann auf ewig verschwunden sind.

Hren Sie auf, meine geliebteste Mutter! rief Dorothea im grten
Schmerze aus. O leider, leider ist das Recht ganz auf Ihrer, und das
Unrecht durchaus auf meiner Seite. Nein, ich habe noch nie geliebt, und
werde es nie, mein Herz ist fr dieses Gefhl verschlossen; die Mnner,
die ich gekannt habe, flen mir alle ein Gefhl des Widerwillens ein,
viele des Mitleids, um nicht Verachtung zu sagen; ich sehe ja ein, da
eine Ehe, die auf Vernunft sich grndet, die uns in Wohlstand und
Sorglosigkeit versetzt, etwas Wnschenswerthes seyn mu; da ich durch
ein einziges Wort Sie und uns alle beglcken kann, da es wohl edel ist,
wenn ich es ausspreche, da es die Nothwendigkeit vielleicht von mir
erzwingt, und Kindespflicht und die edelsten Rcksichten -- und doch --
warum schaudert mein Gefhl davor zurck? -- Ach, liebe Mutter, wenn nur
eins nicht wre, -- darf ich es sagen? werden Sie mich nicht ganz
miverstehn? O gewi! denn ich verstehe mich ja selber nicht.

Sprich, mein geliebtes Kind, sagte die Mutter im freundlichsten Tone,
ich werde Dein Herz fhlen, wenn ich auch nicht ganz Deine Worte
fasse.

Dorothea zgerte, sah sie bittend an, und sagte endlich verlegen und mit
bittender Stimme: Oft habe ich mir selbst die Frage vorgelegt, ich habe
mich in einsamen Stunden ernst geprft, und mir schien dann wohl, als
knnte ich meine Hand in die des wrdigen Mannes fgen, den Sie alle,
den die ganze Welt verehrt, wenn er nur nicht --

Nun? rief die Mutter.

Wenn er nur nicht fromm wre, sagte die Tochter hastig.

Eine lange Pause der Verlegenheit entstand. Dorothea war glhend roth
geworden, die Schwestern traten scheu zurck, die Mutter schlug den
Blick nieder, und wandte ihn dann um so schrfer prfend auf die Arme,
die Allen und sich selbst fast eine Entartete schien. Endlich sagte die
Mutter: Nun, wahrlich, das mu mich berraschen, und wenn ich dies in
Dir verstehe, so mchte es mich auch mit Schauder erfllen. Also Du
bekennst nun ffentlich Deinen Abfall von Gott? Du bist also darber mit
Dir einig, da das Heilige Dir ein Ansto und Greuel ist? Du kannst das
nicht lieben, was die Liebe selber ist? So geh denn und verlugne das
Gttliche, lebe ruchlos und stirb vom Himmel verlassen.

Sie verstehn mich nicht, rief Dorothea mit einem hohen Unwillen: das
ist ja das Unglck meines Lebens, da Alles an mir mideutet wird, wenn
ich es noch so gut meine. Vielleicht wrde mir Herr von Wallen ganz
recht seyn, wenn ich nur nicht wte, da er so fromm ist, ja vielleicht
wrde ich ihn alsdann fr fromm halten.

Trefflich! sagte die Mutter in schmerzlicher Entrstung: wenn wir
selber verderbt sind, so ist es freilich am bequemsten, an den Wrdigen
ihre Tugend zu bezweifeln. Damit sprichst Du auch zugleich aus, wie Du
von mir denkst, und was ich berhaupt von Deiner Kindesliebe zu erwarten
habe.

Sie sollen, Sie werden sich irren! rief Dorothea fast im Zorne aus:
ich will mehr thun aus Liebe fr Sie, als ich vor mir selbst
verantworten kann, ich will mich heute Abend, darauf gebe ich Ihnen
jetzt mein Wort, mit dem Herrn von Wallen verloben.

Ein allgemeiner Ausruf der Freude, Thrnen, Umarmungen, Schluchzen
unterbrachen und ersetzten jedes Gesprch. Der Wortwechsel verwandelte
sich in das lauteste und frhlichste Getmmel, Alle hatten die Fassung
verloren, und drckten Liebe und Entzcken heftig und bertrieben aus.
Nur Dorothea war nach ihren letzten Worten pltzlich wieder ganz kalt
geworden, und gab sich ohne alle Erwiederung still den Liebkosungen hin.

O Du mein geliebtes Kind! sagte die Mutter endlich wieder gefat, ja,
ich habe Dich miverstanden, und Du wirst mir verzeihen; macht ja diese
unerwartete freiwillige Erklrung Alles wieder gut. Und jetzt darf ich
Dir auch noch das schnste und kostbarste Geschenk zu jenen Gaben der
Liebe hinzufgen, diesen Schmuck, den Dir der Baron sendet; ich habe ihn
zurck gehalten, weil ich wirklich an Deinem schnen Gefhle zweifelte.

Die Tochter sah die Mutter mit groen Augen an, dann warf sie einen
kalten Blick auf die kostbaren Steine, und legte sie ruhig zu den Blumen
auf den Tisch. Das Frhstck ward gebracht, und man war nach der lauten
Scene um so ruhiger, kein Gesprch wollte in den Gang kommen. Es lutete
zur Kirche, die Bedienten brachten Mntel und Bcher. Dorothea legte ihr
Andachtsbuch aus der Hand und sagte: Sie verzeihen wohl, liebe Mutter,
wenn ich Sie heut nicht zur Kirche begleite, ich bin zu gespannt, ich
will mich hier in der Einsamkeit inde zu sammeln suchen und auf unsere
Mittagsgesellschaft vorbereiten, noch mehr auf den Abend.

Wie Du willst, mein holdes Kind, antwortete die Baronesse: zwar wre
die Kirche und die Rede unsers frommen Seelsorgers wohl der natrlichste
Ort und Anla, Deine Gedanken zu sammeln, indessen hast Du einmal Deine
Art und Weise, sie bleibe Dir ganz unbekrittelt. Es ist augenscheinlich
der Himmel selbst, der Dich, Geliebte, die Du es am meisten bedarfst,
unserm geliebten Wallen zufhrt; an seinem Arm wirst Du anders denken
lernen, und vielleicht erlebe ich es noch, da Du uns alle beschmst und
in hherem Glanze voran leuchtest.

Als sich Dorothea allein sah, musterte sie, fast gedankenlos, die
Geschenke. Die schimmernden, kostbar gebundenen Bcher waren von jenen
neuen religisen, denen sie nie ein Interesse hatte abgewinnen knnen.
Was macht es? sagte sie zu sich: ist denn die Erde selbst, das ganze
Leben so sehr der Rede werth? Warum will ich mit so groem Widerwillen
die Rolle durchfhren, die mir einmal aufgegeben ist? Was ich mir frher
dachte und vorsetzte, ist ja doch nur Traum und leere Einbildung! Ich
sehe ja, wie alle, alle Menschen nur spielen und Erhebung heucheln, dann
gern und beruhigt in die Gemeinheit sinken. Ist es das allgemeine
Schicksal, warum will ich mich so heftig dagegen struben? Entsetzlich
ist es! aber endlich, frh oder spt, lst ja doch der Tod das
verwickelte Netz dieses Lebens, und jenseits wird es ja doch wohl
Freiheit geben.

Mit ihrer Stimmung wurde auch der Himmel finsterer. Dunkle schwere
Wolken zogen nher, und schienen ein Gewitter herbei zu fhren. Ein
schlanker Mann kam den Garten herauf und nherte sich dem Saal. Als er
eintreten wollte, ging sie dem Fremden, der ein Mann von Stande zu seyn
schien, entgegen. Sie begrten sich, und der Unbekannte bat um die
Erlaubni, verweilen zu drfen, er habe in der Lindenallee sein Pferd
dem Diener bergeben, und sei dann in den offenen Garten gerathen; er
bedauerte, die brige Familie nicht zu finden, worauf ihn Dorothea
einlud, im Saale das Gewitter abzuwarten und zu verweilen, bis Mutter
und Schwestern aus der Kirche zurck kehren wrden.

Sie scheinen beim Gewitter nicht ngstlich zu seyn, bemerkte der
Fremde.

Doch, erwiederte Dorothea, wenn es allzunahe kommt, und Feuer und
Schlag eins und dasselbe werden; ich glaube auch, da sich alsdann wohl
alle Menschen mehr oder minder frchten; denn wo es keinen Widerstand
giebt, wo ein pltzlicher unversehener Augenblick mich wegraffen drfte,
da ngstet es mich gerade, da ich nicht auf meiner Hut seyn kann. In
diesen Augenblicken beruhigt nur der Glaube an ein nothwendiges Fatum
und die Betrachtung, da ich nichts Besseres bin, als die Tausende
meiner Mitmenschen, die demselben Schrecken ausgesetzt sind.

Diese Gesinnung, sagte der Unbekannte, mu ich eine tapfere nennen,
im Gegensatz jener schwachen, die bei den Damen gar nicht selten ist,
wenn sie beinahe in Furcht vergehn, alle Fassung verlieren und in
Thrnen jammern, indem nur noch das fernste Wetterleuchten herber
schimmert.

Wohl, sagte Dorothea, und ich sorge schon um Mutter und Schwestern,
die nur gar zu reizbar sind. Ich mag es nicht tadeln, weil es wohl, wie
so viele krampfhafte Furcht, Krankheit des Krpers seyn mag.

Es ist nicht so leicht zu entscheiden, bemerkte der fremde Mann, weil
wir erst ernsthaft versuchen mten, was der starke Wille denn wohl
vermag, und ob, wenn die Seele sich zwingt, nicht auch der Krper
wenigstens einige Schritte mitgeht, und von selbst da Gesundheit
entsteht, wo die eigenwillige Stimmung die Krnklichkeit erzeugt hat.

Das fhrt auf die Frage, sagte Dorothea, in wie fern wir frei sind,
und was wir im Geist und Krper durch Vorsatz vermgen.

Gewi, erwiederte jener, und nicht blos diese, alle ernsten
Betrachtungen fhren zu der groen Frage. Ohne diese uns beantwortet zu
haben, knnen wir auch fr nichts Interesse fassen, und weder an uns,
noch an andere glauben.

Freiheit! seufzte Dorothea, wie vor sich hin phantasirend: Sie
glauben also daran? Ich auch ehemals, als ich jnger war. --

Jnger, mein Frulein? das klingt von Ihren schnen Lippen sonderbar.
Ich zweifelte als Jngling, und habe erst spter diese Ueberzeugung
fassen lernen.

Vergeben Sie, rief Dorothea beschmt, da ich mich mit Ihnen in
dergleichen Worte verliere, da ich --

Der Fremde unterbrach sie: Behandeln Sie mich nicht wie einen
unbekannten jungen Menschen, der nur da seyn darf, um Ihnen etwas
Verbindliches zu sagen. Sie sind mir mit einem schnen und ernsten
Vertrauen entgegen gekommen, und ich wei, da ich dessen nicht unwerth
bin.

Und wirklich schien es, als sprche Dorothea mit einem alten Bekannten
oder Bruder, so wenig war dieser Mann -- nach dessen Namen sie selbst zu
fragen verga -- ihr fremd. Seit lange hatte sie nicht dieses Gefhl
gehabt, ihre Gedanken, ohne Furcht, miverstanden zu werden, aussprechen
zu drfen; dies gab ihr eine Behaglichkeit, da sie auf das
heranrckende Gewitter nur wenig achtete, und selbst den Abend verga,
an welchen sie so eben noch nur mit Entsetzen hatte denken knnen. Im
Verlauf des Gesprchs erzhlte der Fremde von seinen Reisen, Manches von
seinen Schicksalen; er erinnerte sich seiner Jugend, und bekannte
endlich, da er dies Haus, und vorzglich den vor Jahren verstorbenen
Vater des Fruleins oft gesehn habe. Sie sehen Ihrem Vater wunderbar
hnlich, beschlo er, und ich habe gleich Anfangs diese freundlichen
Lineamente nicht ohne Rhrung betrachten knnen.

Dorothea war berrascht, als sie die Familie schon aus der Kirche zurck
kommen sah. Man begrte den Fremden, die Mutter trat fast erschrocken
zurck, und Dorothea erblate, als sie ihn Graf Brandenstein nennen
hrte. Er ward hflich zu Tische geladen, und der alte Baron Wallen
erschien ebenfalls, so wie der Rath Alfred und der junge Offizier; beide
waren aus der Stadt herber geritten. Die Familie kleidete sich um, und
Dorothea war in ihrem einsamen Zimmer in tiefen Gedanken verloren. Die
Welt lag sonderbarer als je vor ihrem Geiste da, sie konnte sich kaum
zurecht finden, um ihren bescheidenen Putz zu ordnen, und als sie
nachher wie trumend zur Gesellschaft zurckkehrte, erschienen ihr alle
Gesichter wie hart und gespannt, ja, als fremd, besonders aber die
weiche, gesalbte Miene des Barons wie zum Erschrecken verzerrt, und ein
Gefhl, als wenn sie lachen solle, bemeisterte sich wie ein Frost ihres
ganzen Wesens, indem sie sich erinnerte, da sie diesen Mann noch heut
Abend fr ihren Brutigam erklren msse. Wie widrig ihr der junge
Offizier und Rath auffielen, so bekannt, vertrauensvoll und milde
leuchteten ihr die Blicke des Grafen entgegen, den sie als einen bsen
und gefhrlichen Menschen noch gestern hatte schildern hren.

Er schien allein unbefangen am Tische. Mit Behaglichkeit erzhlte er von
seinen Geschften, die er fr seinen amerikanischen Freund betrieb; er
nannte die Gter, die er schon gekauft hatte, oder um welche er noch in
Unterhandlungen stand, und man verwunderte sich ber den Reichthum des
unbekannten Mannes, der die schnsten Besitzungen zu einer groen
Herrschaft vereinigen konnte. Durch die Gewandtheit des Grafen ward die
Unterhaltung bald freier, und der Baron, welcher dem Gefhle, das ihn
bedrngte, wie mit Gewalt widerstand, suchte das Gesprch an sich zu
reien und zu beherrschen, vorzglich wohl, damit die Jugend und die
Frau des Hauses nicht in der gewohnten Verehrung nachlassen mchten.

Wie es aber zu geschehen pflegt, da ein Gesprch, wenn es nicht mit
leichter Unbefangenheit und feinem Sinne gefhrt wird, wohl in Anmaung
und Spannung eine polemische Natur annimmt, so war es auch hier; denn
die Reden und Aeuerungen des Barons waren alle verhllte Angriffe gegen
den Grafen und dessen Meinungen, wie er sich diese nach der Schilderung
desselben dachte. Der Graf achtete diese Demonstrationen Anfangs wenig;
er unterhielt sich hauptschlich mit Dorotheen, die neben ihm sa,
sprach von seinen Geschften, und sagte endlich auch, wie im Scherz, er
habe zugleich von seinem amerikanischen Freunde den Auftrag erhalten,
ihm eine Gemahlin zu suchen.

Das kann wohl von Ihnen beiden nicht ernsthaft gemeint seyn, sagte die
Baronesse.

Und warum nicht? erwiederte der Graf in heitrer Laune, mein Freund
ahmt ja hierin nur den regierenden Frsten nach, durch Anwalde und nach
politischen Rcksichten zu unterhandeln. Er ist nicht mehr jung und kann
nicht erwarten, Leidenschaft zu erregen; er hat in der Jugend traurige
Erfahrungen gemacht, und an seinem eignen Unglck, so wie an manchem
Freunde erlebt, da dasjenige, was die Menschen Liebe nennen, nur
weichliche Sehnsucht, oft Eitelkeit, zuweilen sogar Verblendung sei, und
die meisten Ehen, die in scheinbarer Leidenschaft geschlossen werden,
nur ein drftiges, ganz kmmerliches Leben, oft Elend herbei fhren. Ich
bin sein ganz vertrauter Freund, und er rechnet auf meine
Menschenkenntni, da ich ihm ein Loos ziehen werde, welches ihm
geziemt.

Der Baron erwiederte, da ihm ein solches Unternehmen immer noch milich
scheine, und da der Unbekannte dabei doch das Glck seines Lebens auf
das Spiel setze.

Glck? nahm der Graf das Wort auf: gewi, wenn er sich jenes
Unbedingte, Unendliche und Unaussprechliche dabei dchte, was die Jugend
gewhnlich mit diesem Worte verbindet. Wo finden wir dies? Wer sich
nicht zu beschrnken versteht, wird nichts erlangen, am wenigsten, was
jenseit aller Schranken liegt. Die Resignation mag Anfangs bitter
scheinen, aber ohne sie ist kein Zustand des Lebens zu ertragen; denn
wenn wir mit uns nur wahr umgehen, so mssen ja doch auch alle
Entzckungen unmittelbar der Wehmuth Platz machen, ja sie sind eins mit
dieser, und Schnheit, Kunst, Begeisterung, Alles ist fr uns irdische,
vergngliche Menschen nur da, indem es vergnglich ist, obgleich die
Wurzel alles Gttlichen in der Ewigkeit ruht.

Sonderbar! sagte der Baron: somit wre auch die Andacht und die
Frmmigkeit, das Erkennen des Himmlischen diesem Wandel unterworfen?

Ich glaube, sagte der Graf, wer nicht irdisch seyn mag, kann auch
nicht berirdisch seyn; Nacht und Tag, Schlaf und Wachen, Erhebung und
Gleichgltigkeit mssen sich ablsen. Wir beklagen mit Recht, da es so
ist und seyn mu, aber es kann nicht anders; wer aber die Erleuchtungen
der Andacht, die Entzckungen einer himmlischen Liebe zu einem stehenden
Artikel in seinem Herzen machen wollte, der drfte sich wohl auf dem
allergefhrlichsten Standpunkte befinden, auf den der Mensch sich nur
wagen kann.

Sie sind einmal als Freigeist bekannt, antwortete die Mutter, und es
wird Ihnen bei uns nicht gelingen, unsere klare Ueberzeugung zu trben.

Kunigunde sagte mit einem schmelzenden Tone: Sie meinen also, es sei
gefhrlich, den Herrn zu lieben?

Brandenstein mute lcheln: Gefhrlich, wie alle Liebe, schne Frau,
erwiederte er leicht, besonders, wenn man den Gegenstand, den man zu
lieben unternimmt, nicht kennt, oder sich eine ganz unrichtige
Vorstellung von ihm macht; noch schlimmer, wenn wir ein Phantom aus ihm
bilden, das alle unsre Vorurtheile bestrken, uns in unsern Schwchen
Recht geben, unsere Fehler und Irrthmer autorisiren soll. Da drften
wir unser thrichtes Herz leicht an ein Gespenst verschenken, wie einige
alte Mhrchen etwas Aehnliches erzhlen, und uns entsetzen, wenn uns die
wahre Gestalt des Gttlichen einmal in einer erleuchteten Minute
erschiene.

Dorothea hrte aufmerksam zu, und der Baron sagte nicht ohne Verdru:
Die Liebe kann nicht irren. Wo sonst einen Wegweiser auf unserm Pfade
suchen?

Wenn sie die wahre ist, nicht, erwiederte der Graf: aber ber diese
tuschen wir uns selber nur gar zu leicht; denn wenn unsere
Leidenschaften nicht Sophisten wren, so wren sie eben auch keine
Leidenschaften.

So ist denn der Zweifel, sagte der Baron zrnend, das Einzige, was
wir gewinnen knnen.

Er sei unser Diener, antwortete der Graf, der die Wege untersucht,
unser Thor, der mit nchternem Spa uns vor dem Allzuviel oder vor
Uebereilung warne. Kinder und Narren reden aber, wie das Volkssprichwort
sagt, die Wahrheit: zuweilen wenigstens, wenn nicht oft und immer.

Eine Mutter, sagte die Baronesse, wei, was Liebe ist; der Mann
behlt vielleicht immer eine dunkle, zweifelnde Vorstellung von dieser
Kraft. Auch ist die That immer mehr als das Wort, und so habe ich meine
Kinder erzogen und mit ihnen gelebt, ganz in Liebe, keinen blinden
Gehorsam, nie etwas Unvernnftiges von ihnen fordernd, immer habe ich
mich ihnen geopfert; aber sie haben schon lallend meine Liebe erkannt
und erwiedert, auch sie haben nur ihren Herzen folgen drfen, und
Strenge, Furcht und dergleichen ist ihnen vllig unbekannt geblieben.

Die Tchter sahen die Mutter zrtlich an, die Mutter hatte Thrnen im
Auge, nur Dorothea blickte scheu vor sich nieder, und der Baron sagte
begeistert: Man kennt und verehrt diese musterhafte Erziehung, und wer
an Liebe zweifelt, komme und sehe diesen Familienkreis.

Fern sei es von mir, sagte Brandenstein, zu Dorotheen gewendet, mit
rohem Gefhl diese zarte Liebe nicht anerkennen zu wollen; nur meine
ich, wenn ich mich meiner glcklichen Kindheit erinnere, da die Liebe
zu den Aeltern, und eine gewisse religise und edle Furcht vor ihnen ein
und dasselbe seyn mte; denn durch die letztere scheint mir meine
Kindesliebe erst ihre wahre Kraft und Innigkeit erlangt zu haben, auch
soll ja diese heilige Scheu vor etwas Unbegreiflichem in den Aeltern
jenen blinden, unbedingten Gehorsam erzeugen, in welchem sich das Kind
eben so glcklich fhlt; denn ohne diesen Gehorsam findet, scheint es
mir, weder Erziehung noch Liebe statt.

Die Mutter sah die lteste Tochter, welche derselben Meinung zu seyn
schien, bedenklich an, und sagte dann mit etwas gespitztem Tone: Ich
habe es vorgezogen, meine Kinder frh zu berzeugen, und wo das nicht
mglich war, stimmte ich sie so, da sie aus Liebe zu mir das thaten,
was sie nicht einsehen konnten.

Ich verehre Ihre Erziehung, sagte der Graf, denn wer mchte in dieser
schnen Umgebung dagegen streiten? Doch drften diese Auswege vielleicht
etwas zu kostspielige Surrogate fr den einfachen und wohlfeilen
Gehorsam seyn.

Der Baron wandte sich verstimmt an den Rath Alfred, und das Gesprch
nahm eine andere Wendung. Der junge Offizier erzhlte mit
Selbstgengsamkeit, da er neulich die Gesellschaft, zu der ihn eine
Dame eingeladen hatte, ohne alle Entschuldigung vermieden habe, da es
ihm sndlich scheine, eine Unplichkeit oder ein Geschft
vorzuschtzen. Man lobte diesen Wahrheitstrieb und meinte, diese Art und
Weise mte in der Gesellschaft die allgemeine werden, wenn sie sich vor
der leeren Affectation, Heuchelei und fortwhrenden kleinen Lge retten
wolle. Auch die Mutter stimmte zgernd in diese Behauptungen ein, ob sie
gleich befrchtete, da dergleichen nur schwer mglich zu machen sei,
ohne zugleich die feinen Bande der Geselligkeit vllig zu lsen; doch
sei eben darum die Tugend des Einzelnen, der den Muth habe, sich ber
diese Rcksichten hinweg zu setzen, um so mehr zu preisen. Nichts,
fuhr sie fort, habe ich bei meinen Kindern so sehr zu erwecken und zu
beleben gesucht, als den heiligen Wahrheitstrieb; ich habe sie bewacht,
da sie sich nie auch nur die kleinste Unwahrheit, ja selbst im Scherze
nicht, erlauben durften. Immer auch habe ich mich bestrebt, alle Fragen
wahr zu beantworten, aus dem Unterricht alles zu entfernen, was nicht
klar und deutlich gemacht werden konnte; am meisten aber vermied ich
jene unsinnigen Mhrchen und lgenhaften Geschichten, die Furcht und
Aberglauben nhren, und das Gemth der Kinder wohl am allermeisten der
Wahrheit entfremden.

Der Baron fhrte diese Stze noch mehr aus, und alle Uebrigen stimmten
ein, auer dem Grafen, welcher uerte, da es eine der schwierigsten
Antworten seyn mchte, zu sagen, was denn Wahrheit, die eigentliche
Wahrheit sei. Die Menschen, meinte er, suchen sie in allen Richtungen
schon seit Jahrtausenden, und auch hier mu, wie fast immer, der gute
Wille, wahr seyn zu wollen, nur zu oft die Sache selbst vertreten. Will
ich gegen Kinder oder Schwache immerdar auf alle Fragen die Wahrheit
sagen, so komme ich in die Gefahr, gar nicht mehr wahrhaft seyn zu
knnen; denn das Letzte beruht ja doch auf einem Geheimni, das ich eben
so wenig lugnen darf, als ich es erklren kann. Und zu diesem
Unsichtbaren hin drngen uns Phantasie und Gefhl schon sehr frh, und
der Lehrer, der die junge Ungeduld hiervon entfernen will, mu nur
wieder zu einer andern Lge seine Zuflucht nehmen, die vielleicht in
falscher Aufklrung eben so schlimm, als die des Aberglubigen ist. So
scheint es mir auch nicht gut gethan, die Phantasie der Kinder nicht
bilden zu wollen, auch in der sonderbaren Kraft, die das Grauen sucht,
und blinde, wilde Schrecknisse ersinnt. Dieser Trieb ist in uns, er regt
sich frh; und soll er unterdrckt werden, strebt man ihn zu vernichten,
was nicht mglich ist, so wchst er in der finstern Tiefe fort und
gewinnt an Macht, was er an Gestaltung verliert. Ich habe weibliche
Wesen gekannt, die man aus bertriebener Aufklrung selbst vor dem
unschuldigsten Mhrchen bewahrte, und die in reifen Jahren es nicht ber
sich vermochten, am Abend auch nur durch das benachbarte Zimmer zu
gehen, so bezwang sie ein namenloses, ganz kindisches Grauen, so da sie
vor jedem Laut, vor jedem Schatten ohnmchtig erzitterten. Wird dagegen
in der Kinder-Phantasie auch das Seltsam-Aengstigende in Gestalt
gebracht, wird es in Mhrchen und Erzhlungen gesnftiget, so vermischt
sich diese Schattenwelt sogar mit Laune und Scherz, und sie selbst, die
verworrenste unsers Geistes, kann ein Wunderspiegel der Wahrheit werden.
Durch diese Krystallseherei knnen wir weitentfernte und doch
befreundete Geister wahrnehmen, die uns in sichtlicher Nhe nur hchst
selten vorber schweben.

Da Sie ein solcher Freund des Aberglaubens sind, erwiederte die
Baronesse, mu ich erst jetzt von Ihnen erfahren.

Dorothea schien kein Wort dieser sonderbaren Unterredung zu verlieren;
sie sah Kunigunden an, auf welche jene Schilderung einer unvernnftigen
Angst, die sie oft sogar am Tage befiel, buchstblich pate; auch waren
die andern Schwestern zuweilen kindisch genug, und scheuten am Abend
jeden Gang. Kunigunde war empfindlich, sie glaubte, der fremde Gast
kenne diese ihre Schwche, und habe sie nur schildern wollen. Die Mutter
konnte ihre Verlegenheit nicht ganz verbergen.

Der Gesellschaft, fuhr Brandenstein fort, kann ich mich nicht immer
mit der nackten Wahrheit nahen, denn sie fordert und erwartet sie nicht
von mir. Ich darf die Tugenden der Einsamkeit nicht in sie werfen, wenn
ich nicht den Zauber, durch welchen sie fr den gebildeten Menschen so
reizend wird, zerstren will. Man findet allenthalben schlechte
Gesellschaft, die ich wahrlich nicht preisen will; aber da man das
feine Leben, die zarteren Bande der gebildetern Welt, das anmuthige
Verhltni der Geschlechter, die Formen, welche Witz und Lebensart
erfanden, so oft schmhend mit den Gesetzen und Bedingnissen eines
sinnreichen Kartenspiels verglichen hat, ist mir zwar nicht unpassend,
aber sonderbar vorgekommen, und unbegreiflich, da man nicht die
Mannigfaltigkeit des Lebens und dessen nothwendige Figuren hat
anerkennen wollen. Man mu nur eine Zeitlang mit buerischen Menschen
gelebt haben, die ihre rohe Zutppigkeit fr biedere Tugend so oft
verkaufen wollen, die alles verletzen, die kein Geheimni, kein zartes
Verhltni anerkennen, sondern alles Geistigere Affectation und
Heuchelei taufen; man mu Wochen lang diesem rohen Betasten und
Anpacken, und der drckenden Langeweile ausgesetzt gewesen seyn, um den
Adel eines feinen, geistreichen Umgangs wieder schtzen zu lernen. Hier
gilt denn freilich nicht immer das blanke Ja und Nein; und mit der
sogenannten Wahrheit die gegebenen Formen, durch welche diese
Erscheinung sich nur darstellen lt, umstoen wollen, ist eben so
unbillig, als wenn ich die Gesetze eines knstlichen Schachspiels Lge
nenne, mit meinen Bauern gleich in das letzte Feld des Gegners rcke und
mein Spiel fr gewonnen erklre.

Sie sind ein ziemlicher Sophist, sagte der Baron. Es fehlte noch, da
die Verlumdung, Klatscherei, Neid und Verfolgung der groen
Gesellschaften einen Lobredner fanden; es bleibt dann nur noch brig,
die stille Tugend, die schne Brgerlichkeit, die kindliche Unschuld und
edle Einfalt der nichtvornehmen Welt zu schmhen.

Sie knnen mich unmglich so miverstanden haben, sagte der Graf: ich
meine nur, man soll Bedingnisse, die jedes Spiel und Kunstwerk
nothwendig macht (und die gute und feine Gesellschaft sollte wohl von
beidem etwas haben), nicht mit Unwahrheiten verwechseln; denn auch im
Tanz ist keine Wahrheit, wenn anders der gerade eilige Geschftsschritt
so zu nennen ist, und es drften sich von dieser Ansicht her selbst
gegen den Spaziergang nicht unerhebliche tugendhafte Zweifel aufwerfen
lassen.

Immer rger! rief der Baron: zum Glck, mein scharfsinniger Graf,
sprechen Sie alles dies in einer Gesellschaft, auf die es nicht
schdlich einwirken kann.

Sie haben mich einmal hinein gezogen, erwiederte Brandenstein, und so
mgen Sie denn auch mein ganzes Glaubensbekenntni hren. Ich denke, es
hat noch keinen Menschen gegeben (und keiner wird kommen), der nicht
irgend einmal in seinem Leben mit Bewutsein gelogen htte. Sei es nun
Nothlge oder Schwche, Furcht, Eigennutz oder Eitelkeit, und wie sie
alle heien mgen, diese Flecken unsrer Natur; vielleicht auch, um nur
einmal diesem Geiste zu folgen, der uns doch gar zu reizend verlockt.
Und drfen wir doch nur auf die erhabenen Apostel sehen, um zu lernen,
da sie ihrem Vorbilde, der ewigen gttlichen Wahrheit, nicht immer
getreu zu seyn stark genug waren. Vieles dieser Art mchte ich die
unschuldigen Lgen nennen, denen der bessere Mensch, eben weil sie so
resolut sind, bald aus dem Wege gehn kann. Aber wie steht es denn mit
jener gleissenden Eigenliebe, mit jenem prunkenden Egoismus, mit der
ausgebildeten Heuchelei, die aus dem ganzen langen Leben mancher
Menschen nur eine einzige Lge bilden? Ich habe wenigstens einige
gekannt, die so im Lgengeiste untergesunken waren, da es fr sie gar
keine Wahrheit mehr gab. Und diese Menschen galten fr tugendhaft, sie
hielten sich selbst fr Auserlesene, es war ihnen mglich, selbst auf
dem Sterbebette die Rolle der Heuchelei fortzuspielen.

Dergleichen ist nicht mglich! rief der Baron, und Alle stimmten ihm
bei; nur Alfred uerte, es knne doch wohl dergleichen Verkehrtheit
geben, worauf ihn Dorothea verwundert mit groen Augen ansah. Sie
sprechen berhaupt, fuhr der Baron fort, von einer vorigen Welt; seit
Ihrer Abwesenheit hat sich bei uns Alles so gendert, da Sie, wenn Sie
unser Vaterland erst wieder kennen lernen, kaum mehr eine Spur vom
vorigen finden werden. Die alte Irreligiositt, jene leere
Freigeisterei, die sich Aufklrung nannte, ist, dem Himmel sei Dank!
ziemlich verschwunden; immer schner entwickeln sich die Keime einer
chten Religiositt, man schmt sich nicht mehr, Christ zu seyn, an den
Herrn zu glauben und sich im brnstigen Gebet zu ihm zu erheben. Die
Kirchen sind wieder gefllt, die hhern Stnde verschmhen nicht mehr
die Gemeinschaft ihres Nebenchristen, andchtige Bcher haben die
frivolen von den Tischen unserer Weiber und Mdchen verdrngt,
geluterte Seelen unterhalten sich, statt mit Theatergeschwtz, ber die
Bibel, ermuntern sich zur Bue und Andacht, theilen sich die Erfahrungen
mit, die sie an ihrem Herzen machen, strken sich gegenseitig, und immer
deutlicher spricht aus diesen erhobenen Gemthern der Geist des Herrn.
Alles dies, mein zweifelnder Freund, werden Sie wenigstens gelten und
stehn lassen mssen, denn hier ist Wahrheit und Liebe, hier ist kein
Irren mglich.

Er hatte alles dieses mit groer Salbung gesprochen. Der Graf schwieg
einen Augenblick, ehe er sagte: Unser Tischgesprch hat eine so
ernsthafte Wendung und einen so feierlichen Inhalt gefunden, da es wohl
passender wre, abzubrechen, entweder auf eine stillere Stunde diese
Erffnungen zu versparen, oder ganz zu schweigen, weil man sich ber
diese wichtigen Gegenstnde am leichtesten miversteht.

Weil Sie sich jetzt vllig geschlagen fhlen, sagte der Baron, so
wollen Sie sich wenigstens einen sichern Rckzug vorbehalten. Ich
dchte, es wre jetzt Ihre Pflicht, offen zu gestehen, da Sie ber
diesen Punkt nichts zu sagen wissen, wenn Sie nicht unverholen bekennen
wollen, da Ihnen jene fast vergessene Freigeisterei lieber als unsere
heilige Religion sei.

O sprechen Sie! rief Dorothea, sich selbst vergessend.

Sie sehen, wie dringend Sie aufgefordert werden, sagte die Mutter,
indem sie einen langen und drohenden Blick zu Dorotheen hinber warf;
auch Alfred bat, da der Graf sich erklren mchte, in wiefern er in
diesem Punkt mit dem Zeitalter einverstanden sei.

Da ich es nicht ganz umgehen kann, sagte dieser: so will ich kurz
andeuten, was ich habe beobachten knnen; denn da ich schon seit einem
Jahre wieder in Deutschland bin, so ist mir nicht alles so fremd, wie
Sie glauben, ob ich gleich erst seit kurzer Zeit meine Geburtsgegend
hier wieder besucht habe. Knnte ich Ihnen allen nur das Vorurtheil
benehmen, da Sie mich, wie ich merke, fr einen gottlosen Unchristen
halten. Nein, ein solcher bin ich wahrlich nicht, aber ich mu mir nur
das unbestreitbare Recht vorbehalten, auf meine Weise ein Christ seyn zu
drfen. Da es jetzt, wie zu allen Zeiten, wahrhaft fromme und
erleuchtete Gemther giebt, und da man diese verehren solle, wer mchte
daran zweifeln? Das Bedrfni des Glaubens hat sich wieder gemeldet, der
Geist hat fast an alle Herzen geklopft, und Anmahnungen mancher Art und
aus allen Gegenden haben sich vernehmen lassen. Ein klarer frischer
Strom hat sich wieder durch die lechzende Ebene von den ewigen Gebirgen
her ergossen, und der Kraft seiner Wogen folgen die Dinge und Wesen,
welche er ergreift; unwiderstehlich fhlt sich Alles fortgezogen, und
Gro und Klein, Stark und Schwach mu nothgedrungen mit hinunter
flieen. Wie chte Begeisterung dies veranlat hat, so ist es denn doch
auch hier, wie in allen geschichtlichen Ereignissen, ergangen, die
Menge, die Eitelkeit, die menschliche Schwche trbt auch diese
Erscheinung, und als es einmal Mode war, frei zu denken und den starken
Geist zu spielen, wenn Viele auch schwach und aberglubig waren, so ist
es jetzt Sitte geworden, religis zu scheinen, wenn es Manchem auch
frivol und unerleuchtet genug zu Muthe seyn mag.

^Desinit in atrum piscem,^ sagte der Baron ereifert, der Anfang Ihrer
Rede lie etwas Besseres vermuthen.

Wie Viele, fuhr Brandenstein ruhig fort: sind mir aufgestoen, die
mir fast beim Begren entgegen warfen, da sie auerordentliche
Christen seien. Andere sprechen beim dritten Worte und bei den
gleichgltigsten Gegenstnden vom Heiland; bei jeder Veranlassung, sei
sie noch so geringe, beten sie, und erzhlen uns dies; ja ich habe
Romane gelesen, in denen der Verfasser in der Vorrede sagte, er schreibe
niemals, ohne vorher zu beten, und alles Gute, was im Buche stehe, sei
unmittelbare Eingebung; das krzeste Mittel, jede Kritik zurck zu
schlagen, und die Romanze dicht an die geoffenbarte Schrift zu schieben.
In Gesellschaften ergreift man jede Veranlassung, von Reue, Bue,
Andacht und Erlsung zu sprechen, und entweiht, nach meinem Gefhl, das
Heilige, vergit, da es eine Aehnlichkeit mit der Liebe hat, deren
Gefhle und Gestndnisse der wahre Liebende auch nicht jedem fremden
Ohre Preis geben wird.

Was schadet es aber, sagte der Baron, wenn die frommen Gemther
vielleicht auch zu oft von dem Gegenstande ihrer Liebe sprechen?

Es kann nicht die Liebe seyn, erwiederte Brandenstein: es ist
Eitelkeit, Hochmuth, der besser seyn will, als andere Menschen. Gerade
wie zu der Zeit der Empfindsamkeit oder der Aufklrung, ist es ein
krankes Bedrfni, das allenthalben Nahrung sucht, das sich schmeichelt
und zu immer tieferer Krankheit verzieht, das unduldsam und verachtend
auf Nebenmenschen, die oft besser und frmmer sind, hinblickt, weil
diese nicht gerade in den angegebenen Ton auch einstimmen wollen.

Sie schildern die Ausartung, stammelte die Baronesse in einer Art von
Angst.

Nichts anderes, verehrte Frau, antwortete der Graf: nur da mir diese
hufig in die Augen gefallen ist. Auch habe ich Erbauungsbcher gesehn,
die sehr in der Mode zu seyn scheinen, Altes und Neues, die wahrlich nur
dazu dienen knnen, mittelmige Menschen, die schon von der Eitelkeit
ergriffen sind, ganz zu verwirren, in denen der Schpfer, die reine
Liebe, gleich einem launigen wunderlichen Alten dasteht, der sich aus
Langeweile gelsten lt, die krausesten Schicksale zu flechten, und
Diesen und Jenen, wenn auch Viele dabei untergehn, auf feine und
seltsame Art aus seinem Elende wieder heraus zu fhren. Andere
verwandeln Religion in Magie und Zauberei; oder verhrten die Herzen der
Weiber, da sie sich unendlich ber ihre Mnner erhaben fhlen, diese,
wenn sie nicht ganz auf ihre Weise frmmeln, in einem Zustande der
Zerknirschung erhalten, und in dem Gefhl, wie tief sie sich
herablassen, die geheiligten Gattinnen so ordinrer Snder zu seyn. Ich
kannte ein armes, mittelmiges Mdchen, die sich glcklich schtzte, an
einen jungen wohlhabenden Mann verheirathet zu werden, die aber nach
einem halben Jahre auch zur Heiligen wurde, und sich nun vorlgt, ihre
christliche Tugend bestehe darin, den Mann zu dulden; bermenschlich
erscheint sie sich, wenn sie ihn nicht ganz verachtet, aber doch sagt
sie sich dies tglich und ihren religisen Gespielinnen, die sie auch in
dieser Frmmigkeit bestrken. Ist nun dies nicht Snde?

Ja wohl! seufzte pltzlich Kunigundens Gatte auf, und die Mutter,
welche den Halt ihrer Familie fast sichtlich zusammenbrechen sah,
bereuete es, dies Gesprch begonnen zu haben, und zrnte ihrem wrdigen
Hausfreunde, dem Baron, da es durch ihn so angefeuert wurde.
Brandenstein aber, der nun einmal im Zuge war, konnte ebenfalls in
seinem geistlichen Eifer nicht ruhen, bis er seine ganze Catilinarische
Rede an den Mann gebracht hatte. Wie erhebend kann es seyn, fuhr er
lauter fort: wenn wir fromme Mnner, um sich ganz dem Heiligen zu
ergeben, der Welt und allen ihren Schtzen den Rcken kehren sehen, um
in stiller Abgeschiedenheit nur Einem groen Gefhle zu leben. Ich will
einzelne Brderschaften nicht tadeln, wenn sie sich in einem hnlichen
Sinne verschlieen, und von Kunst und Geschichte, Philosophie und Welt
nichts wissen wollen. Aber wenn diese einseitigen Frommen, die in der
Welt stehen bleiben, die Erziehung der Uebrigen genossen haben und sich
selbst fr gebildet ausgeben, uns immer und immer wieder zurufen, nur
Eins sei, was Noth thue, Malerei, Musik und Dichtkunst seien nicht nur
berflssig, sondern sogar sndhaft, und nur Gebet, Erleuchtung, Bue
sei alles, was den Menschen in Anspruch nehmen solle, -- so mchte ich
doch wohl Diese fragen: von welchem engen Gefhle ihre sogenannte
Religion sei, da sie Liebe, Wahrheit, Vernunft und die lieblichen
Erscheinungen der Phantasie gar nicht zulassen knne und drfe? Also
wre den Reinen heut nicht mehr alles rein? Der Mensch ist schon als
todt zu betrachten, dem in der Natur und Geschichte nicht Gott mehr
erscheint; der ist verloren, der in der Kraft der Vernunft seine hohe
Gegenwart nicht mehr sieht. Auch der ist fromm, dem aus dem Gemlde eine
Entzckung anstrahlt, und der sich, so lange er Shakspeares Sommernacht
liest, selig und im Himmel fhlt. Denn auch Scherz, Lust und Witz sind
gttlicher Abkunft, und wir werden um so reiner und geluterter, je mehr
wir den gttlichen Strahl in diesen zarten Spielen erkennen lernen.

Ja wohl, sagte der Baron, welcher das auffallende Mivergngen der
Baronesse bemerkt hatte, knnen wir heut dies interessante Gesprch
nicht zu Ende fhren.

Unmglich, antwortete der Graf, welcher selber ber seinen Eifer zu
erstaunen schien, denn sonst mchte ich wohl noch darber belehrt seyn,
warum diese frommen Gemther sich nicht mit mehr Demuth der Kirche
anschlieen? Warum sie verlangen, da alle Menschen auf ihre Weise die
Dinge sehen sollen? Warum nicht Zweifel auch sie anwandeln und es ihnen
begreiflich machen, da sie doch auch wohl irren knnten? Ob es nicht
christlicher sei, mehr nach dem Evangelium bei verschlossenen Thren zu
beten, als pharisisch ihr vieles Beten weltkundig zu machen? Ich knnte
denn wohl noch bemerken, da dieser geistliche Schwindel sich auffallend
genug mit einem politischen verbindet, und da diese kranke Stimmung,
die sich ber ganz Deutschland verbreitet, es einem beraus verwirrten
und schwachen Buche mglich gemacht hat, den Beifallsruf einer Menge zu
erwerben, die nun erst beurkundet, wie wenig sie je unsern groen
Dichter fate, als sie ihm zujauchzte. Es kann als ein Frevel gegen
diesen groen Mann erscheinen, wenn man es nicht lieber lcherlich
finden will, da man ihm so schulmeisternd mit Glaubensfragen nahe
rckt, da man Immoralitt und Mangel an Idee seinen Werken vorwirft,
weil er sich nie zu den armen Bedrfnissen dieses Wortfhrers
herabgelassen hat. Da alles dies mglich gewesen ist, hat mir gezeigt,
wie wenig wahre Bildung bei uns noch Wurzel gefat hat, und wie leicht
es daher Schwindlern wird, mit halbwahren Begriffen die schreiende Menge
zu verwirren.

Sie meinen _Gthe_, sagte der Baron, und die sogenannten unchten
Wanderjahre. Nun, da sind wir ja schon so ziemlich weit von unserm
ersten Diskurse abgekommen.

Es trat eine Pause ein, Alle schienen verstimmt, Dorothea war tief
bewegt. Indem der Bediente jetzt den Braten brachte, rief die Baronesse:
Ach! wie konnte ich nur die arme kranke Wittwe vergessen? Johann, tragt
dies Gericht sogleich zu der Unglcklichen, mit meinen herzlichen
Wnschen. Sie leidet, wie ich heut gehrt habe, unglaublich, dabei ist
sie arm, und ihre Kinder knnen ihr nur wenige Hlfe geben. Ja, die
Armuth, die Krankheit! seufzte der Baron. O Himmel, was wrde aus der
finstern Erde werden, wenn nicht immer noch weiche, edle Gemther das
ungeheure Elend zu mildern trachteten.

Die bedauernswrdige Frau, fgte Kunigunde hinzu: soll auch mit ihrem
verstorbenen Manne gar nicht glcklich gewesen seyn, er war hart und
rauh, und behandelte sie oft bermthig. Sie warf dabei ihrem Gatten,
der am andern Ende des Tisches sa, einen sonderbaren Blick zu, der gar
Vieles bedeuten konnte. Der junge Mann, vom Tischgesprch aufgeregt, war
so unerhrt dreist, zu erwiedern, da es auch oft der Weiber eigne
Schuld sei, wenn sie in der Ehe nicht glcklich wren. Der Graf, um
nhere Errterung zu verhindern, bemerkte, da es vielleicht, da man die
Krankheit der Frau nicht genau kenne, schdliche Wirkung thun mchte,
wenn sie von der Fleischspeise unvorsichtig gensse. Der Baron aber, der
einen neuen kriegerischen Angriff vermuthete, sprach gerhrt ber die
groe Wohlthtigkeit der Baronesse, wie sie den Armen eine Mutter sei,
und begriff nicht, wie es noch so harte Menschen geben knne, die von
dem Elende ihrer Nebengeschpfe so ungerhrt blieben.

Jetzt kam Johann mit dem Braten zurck und meldete, da die Wittwe sich
gehorsamst bedanke; es sei ihr aber vom Arzte im Fieber Fleischspeise
bis jetzt noch untersagt, auch empfange sie seit drei Wochen alles vom
Schlosse, was sie gebrauche, worber sie ihre Rhrung nicht genug
ausdrcken knne. Ein Arzt? sagte die Baronesse, sie bekmmt schon?
und wie? -- Ach, gndige Frau, sagte der alte Diener verlegen und mit
Bewegung: Frulein Dorothea sendet ihr schon seit lange Alles, sie hat
auch den Doktor kommen lassen, und besucht die Kranke selbst alle Morgen
und Abende. -- So? sagte die Baronesse mit einem gedehnten,
zitternden Tone, und ein durchdringender Blick fiel auf die Tochter, die
in der Beschmung nichts erwiedern konnte; und warum, mein Kind,
geschieht denn diese Ausbung der Wohlthtigkeit, diese Tugend, die mir
an Dir neu ist, so heimlich? Warum gnnst Du Deiner Mutter denn nicht
auch einen Antheil an dem Verdienste, da sich Dein Herz nun endlich auf
dergleichen christliche Liebesdienste hinlenkt? Mein Rath wrde die
Wohlthat erst zu einer chten machen knnen. Aber so sieht es aus, als
wenn eher Eigensinn, als Mitleid, Deine Handlungen lenke.

Liebe Mutter, flehte Dorothea, schonen Sie mich.

Es ist zu beklagen, fuhr diese fort, wenn selbst das, was an sich
Tugend ist, durch die Art, wie man es ausbt, sich zum tadelnswrdigen
Fehler umgestaltet. Vorzglich sehe ich Stolz und Anmaung in dieser Art
zu handeln, da Du es bernimmst, ohne mich klug und weise seyn zu
wollen, da Du doch nicht wissen kannst, ob Du nicht dadurch mehr Schaden
als Nutzen stiftest.

Es ist zu viel! rief Dorothea laut weinend aus, stand schnell auf und
verlie mit verhlltem Angesicht das Zimmer.

Alle sahen auf, der Graf aber schien am meisten berrascht, er sagte mit
bewegter Stimme: Geschieht aber dem Frulein auch nicht zu viel? Sie
hat es wahrscheinlich gut gemeint; und mir scheint es auch nicht
strafbar, da sie ihre Wohlthaten heimlich erzeigt, da sie vielleicht
etwas zu verschwiegen ist, um sich nicht dem Schein des Prunkens
auszusetzen.

Gewi, gndigste Frau, sagte der greise Diener, das Frulein ist ein
Engel, alle Leute im Dorfe sehn sie auch so an; was sie nur von ihrem
Taschengelde sich absparen kann, was sie an Kleidern irgend entbehrlich
findet, wendet sie auf die Armuth, aber das Schnste dabei ist die
freundliche, stille Art, und wie sie die Leute beruhigt, und die Kranken
trstet, und die Kinder zum Gehorsam gegen die Aeltern ermahnt, die oft
unwirsch sind: -- ja, wir sollen schweigen, denn das hat sie uns strenge
befohlen, wir haben es auch Jahre lang gethan, aber einmal verschnappt
man sich denn doch. Verzeihung, gndige Frau.

Diese Reden fielen vor, indem man aufstand; die Baronesse zitterte; der
Baron suchte mit feierlichem Gesicht und Anstand, indem er der Mutter
die Hand kte, die Sache gut zu machen; der Graf empfahl sich mit
wenigen Worten, und Alfred begleitete ihn; die brige Gesellschaft ging
in den Gartensaal.

Es thut nicht gut, sagte die Mutter, wenn bse Menschen ber unsere
Schwelle treten.

Ihnen folgt kein Segen des Himmels, fgte der Baron hinzu.

Welch ein Mittag! rief die Baronesse, ich werde ihn lange nicht
vergessen! Solche Menschen fehlen uns noch in unsrer Nhe, um mein armes
abtrnniges Kind ganz unglcklich zu machen. Aber auch Sie, Herr Sohn,
nahmen an dem gottlosen Menschen mehr Antheil, als ich oder die fromme
Kunigunde wnschen knnen.

Mich dnkt aber, sagte Kunigundens Gatte, da er manches ganz
Vernnftige sprach; ich glaube auch, da die Frmmigkeit zu weit gehe,
und da manche Frauen sich zu viel einbilden knnen.

Da sah ihn der Baron mit einem langen strafenden Blicke an, den der Arme
nicht aushalten konnte, und als jetzt Kunigunde laut zu weinen anfing,
die Mutter ebenfalls weinend diese in die Arme nahm, um sie zu trsten,
konnte er gerhrt die bereuenden Thrnen nicht lnger zurck halten; er
strzte sich auch an den Busen seiner Gattin, schluchzend und um
Verzeihung bittend. Sein Sie alle beruhigt, trstete feierlich der
Baron, indem er den Blick zum Himmel erhob: der Herr wird Alles gut
machen, denn heut Abend, wie Sie mir gesagt haben, verlobt sich mir
jenes verhrtete, uns dennoch theure Herz, durch meine schwache Hlfe
wird der Geist sie dann erleuchten, und wir alle werden Ein Herz und
Eine Liebe seyn.

                   *       *       *       *       *

Weinend hatte sich Dorothea in ihr Zimmer geschlossen. So zerstrt,
unzufrieden mit sich und der Welt, so ganz verloren und elend hatte sie
sich noch nie gefhlt. Sie war tief beschmt, da die einfache Art, sich
der Armen anzunehmen, die ihr die natrlichste dnkte, pltzlich durch
die Einfalt des Dieners war bekannt worden; aber es schien ihr auch zu
hart, wie die eigne Mutter sie deshalb vor allen Gsten behandelt hatte,
am schmerzhaftesten aber war es ihr, da es in Gegenwart des Mannes
geschah, den sie verehren mute, der ihr Vertrauen gewonnen hatte, und
dessen Achtung sie sich ebenfalls wnschte.

Es war finster geworden, ohne da sie es bemerkte, als der Diener
klopfte, und sie zur Mutter und der Gesellschaft herab zu kommen bat.
Mutter! sagte sie vor sich hin: Mutter! welch schnes Wort! Warum
habe ich keine kennen gelernt?

Sie ging hinab, im Saale sa die Familie versammelt, auch der junge
Offizier war gegenwrtig. Indem Dorothea herein trat, fiel ihr erst
wieder ein, weswegen sie gerufen werde. Ein Fieberfrost berfiel sie.
Alle begrten sie als die Braut des Barons, die Mutter sagte
freundlich, sie wolle ihr jetzt das Betragen des heutigen Tages
verzeihn, die Schwestern wnschten der Betrbten Glck, und der Baron
bedeckte ihre zitternde Hand mit zrtlichen Kssen. Sein Sie ruhig,
sein Sie glcklich, sagte er mit sanftem Tone, von heut an werden Sie,
Geliebte, ganz zu uns gehren, und dieser Mensch wird das Haus nicht
mehr betreten; wohl hatten Sie Recht, und der Himmel sprach aus Ihnen,
da ein solcher Elender nicht wandeln darf, wo wir unsre Schritte
setzen.

Elender? rief Dorothea, und ri ihre Hand so gewaltsam weg, da der
Baron zurck taumelte. Sie sind ein frecher Mensch, da Sie einen
solchen Mann so zu lstern wagen!

Himmel! schrie die Mutter, sie hat den Verstand verloren! Ein bser
Geist spricht aus ihr.

Dorothea besann sich wieder, sie sah das Erstaunen der Umgebenden und
suchte sich zu sammeln. Ich bin so erschttert, fing sie an, ich
fhle mich so bewegt, vielleicht da eine Krankheit -- nur einen
Augenblick will ich mich im Freien abkhlen.

In diesem Wetter? sagte die Mutter, in diesem Sturm und Regen, so
ohne Tuch, in Deiner dnnen Bekleidung?

Es mu seyn! es mu! rief sie aus, und hatte schon, ohne auf die
Uebrigen zu hren, die Saalthre geffnet, und stand im finstern kalten
Garten. Da der Regen ihr entgegen schlug, so wandte sie sich in den
bedeckten, dicht verflochtenen Gang, und ging hastig auf und nieder.
Ihm, dem Widerwrtigen, sagte sie zu sich selbst, auf immer
verbunden? So tief, so tief herabgewrdigt? Und fr wen? Fr Jene, die
es mir niemals danken werden, die dann wieder thun, als sei mir dadurch
die grte Wohlthat erwiesen worden? Meine Seele retten? Verloren geht
sie hier, vernichtet wird sie!

Ein dunkler Schatten kam auf sie zu, und an der lispelnden, sanften
Stimme erkannte sie sogleich den Baron. Meine Gute, fing er an, Ihre
liebe Mutter und wir alle erwarten Sie drinnen mit banger Besorgni;
mein Herz fliet in Zrtlichkeit ber, da ich Sie schon als meine
Gattin, und die Mutter meiner frommen Kinder betrachte.

Himmel! rief sie aus, das bedachte ich nicht einmal, da mein Elend
sich auch so weit erstrecken kann, Heuchler und bse Egoisten aus meinem
Blute entsprieen zu sehen. Aber wenn mir auch dies Unglck nicht wrde,
so kann ich doch nie die Ihrige werden.

Wie? rief der Baron, und das feierliche Versprechen, welches Sie heut
Morgen in die Hnde Ihrer Mutter legten?

Und wenn ich es einem Engel vom Himmel gethan htte, sagte Dorothea,
so kann ich es nicht halten! Ja, wenn schon die Trauung geschehen wre,
so mte man uns doch wieder trennen!

Seltsam, mein Frulein! Bedenken Sie auch die Folgen?

Welche knnen es seyn? Alles ist zu tragen gegen das unabsehbare Elend,
das meiner wartet.

Wissen Sie auch, da es Ihre Mutter fordern kann? Wissen Sie, da diese
mir verpflichtet ist, was ich bis jetzt mit der Geduld der Liebe trug
und verschwieg, in der Hoffnung, Ihrer Familie anzugehren? Fragen Sie
sich, ob Sie unter diesen Umstnden die Verpflichtungen Ihrer Mutter
nicht lsen mssen, wenn Sie fr eine gute Tochter gelten wollen?

Nein! rief das Mdchen in der allergrten Anstrengung, lieber mit
ihr darben, fr sie arbeiten, ja, fr sie sterben!

Es giebt aber doch noch Mittel, sagte der Baron halb lachend, solchen
Starrsinn zu beugen; die Rechte der Aeltern sind gro, und offenbar sind
Sie jetzt Ihrer Sinne nicht ganz mchtig; etwas Bitte, etwas Gewalt wird
schon den kindischen Willen brechen.

Er hatte heftig ihren Arm gefat, und war bestrebt, sie nach dem Hause
zu ziehen; aber das starke Mdchen ri sich behende los, und floh durch
den Gang, der Baron ihr nach, sie aber, die leichter war und die
Verschlingungen des Gartens besser kannte, war ihm bald weit voraus;
jetzt war sie an der offenen Grenze des Parks, sie berschritt auch
diese, und rannte nun ber das Blachfeld wie ein gejagtes Reh, indem
abwechselnd Regen sie durchnte, und Sturm ihre zarten Glieder
erstarren machte.

                   *       *       *       *       *

Die Frau von Halden sa behaglich in ihrem Stbchen, indem die Bume
drauen der Sturm schttelte, und der Regen rasselnd gegen die Fenster
schlug. Sie war recht von Herzen zufrieden; denn fr einen unerwartet
hohen Preis hatte sie ihr Gut verkauft, Alles war abgeschlossen, und
Graf Brandenstein hatte mit dem Rathe Alfred noch diesen Abend Alles in
Richtigkeit gebracht. Beide schliefen schon in den obern Zimmern des
Hauses, denn es war nahe an Mitternacht, und sie wollte sich auch eben
in ihr Schlafzimmer begeben, als ein heftiges, lautes Pochen an das
Hausthor, und eine klgliche, bittende Stimme sie erschreckten. Sie
klingelte, der Diener ward gesandt, um zu ffnen, und mit triefenden
Kleidern, zitternd und todtenbla strzte Dorothea herein, warf sich ihr
sogleich strmisch an die Brust und rief mit heiserer Stimme: Rette
mich! rette mich!

Um Gotteswillen! sagte die Freundin im hchsten Schreck, Du bist es,
geliebtes Kind? und so, in diesem Zustande? Ich traue meinen Augen noch
nicht.

So sehr sie erschrocken war, so schaffte sie doch sogleich mit der
grten Freundlichkeit Wsche und Kleider herbei, half der Erklteten
beim Umziehen, trstete sie lachend und freundlich, und nthigte sie
dann, Glhwein zu genieen, den sie eiligst besorgt hatte, um den bsen
Folgen der Erkltung vorzubeugen. Dabei umarmte sie sie so herzlich,
trocknete ihr die Thrnen vom Auge, kte die Wangen, die sich schon
wieder rtheten, da Dorothea sich fast so glcklich wie in den Armen
einer Mutter fhlte. Nach vielen trstenden und scherzenden Worten sagte
die Frau von Halden endlich: Nun erzhle mir kurz, wie Du zu diesem
tollen Entschlu gekommen bist, und dann geh zu Bett und verschlafe
Alles.

Du mut mich schtzen, sagte Dorothea: Du mut mir ein Obdach nicht
versagen, sonst mu ich verzweifelnd in die weite Welt rennen, oder die
Raserei strzt mich in die Wogen eines Mhlteichs.

Beruhige Dich, mein Kind, trstete jene, Du mut ja doch wieder nach
Hause. Aber erzhle: was ist Dir denn so pltzlich gekommen?

Nur lache nicht, rief Dorothea, bleibe ernsthaft, meine gute liebe
Freundin, denn ich bin in Verzweiflung. Heut Morgen lie ich mich
bereden, aus Schwche, aus Rhrung, man hatte so unerwartet meinen
Geburtstag gefeiert, da ich versprach, mich heute Abend mit dem Baron
von Wallen zu verloben. Das sollte nun geschehen, und darum bin ich
weggerannt, weil ich ihn verabscheue, weil ich in meinem vterlichen
Hause mit meinen Geschwistern, mit meiner Mutter nicht mehr leben kann.

Ich wei wohl, erwiederte die Freundin, da Du den Baron nie lieben
kannst, da Dir in der Familie oftmals Unrecht geschah; aber dieser
Ausdruck des Entsetzens in Dir, da Du Alles so gewohnt schienst, bleibt
mir doch unbegreiflich.

Immer noch fasse ich es selbst nicht, antwortete Dorothea: ich wei
nicht, wie ich es Dir erzhlen soll. Da ich nicht glcklich war, mut
Du wohl gesehn haben, wenn ich Dir auch niemals ein Wort darber sagte.
Ach, das schreibt sich ja schon seit dem Tode meines geliebten Vaters
her. Du weit, ich war kaum dreizehn Jahre, als er starb. O Himmel,
welch ein Mann! ich konnte damals seinen Werth nicht ermessen; aber je
lter ich wurde, je mehr blhte er in meiner Erinnerung zum verklrten
Gegenstande meiner Liebe auf. Dieser milde, freundliche Sinn, diese
Heiterkeit, Menschenliebe, stille Frmmigkeit, diese Freude an Natur und
Kunst, dieser rege, herrliche Geist -- ach! und er war auch nicht
glcklich! Ich sah, ich bemerkte es wohl, als ich etwas zu Verstande
kam, er war in der Ehe nicht glcklich, er und meine Mutter waren sich
zu ungleich, sie stritten oft mit einander. Dann war er zu Zeiten recht
tiefbetrbt, aus seinen schnen braunen Augen konnte ein unendlicher
Kummer sprechen, wenn er sie so still vor sich nieder senkte. Dann war
ich seine Freude, ich fhle es, wie ich ihn trsten konnte. Und nun war
er pltzlich dahin gegangen! Er mu es jenseits erfahren und gefhlt
haben, wie meine Herzensliebe ihm gefolgt ist. O meine Freundin, es
giebt Momente des Schmerzes, wo nur die kalte, taube Dumpfheit, in die
endlich unser Wesen versinkt, uns von Wahnsinn und Raserei errettet. So
war ich nun in Schmerz und Sehnsucht erwachsen, die Keiner theilte,
Keiner verstand. Und wie vernderte sich das Leben unsers Hauses! Statt
der heitern Mittheilungen, statt der frohen Gesellschaften ein ernstes,
feierliches Prunken. Meine jngern Geschwister wurden in einem ganz
entgegengesetzten Sinne erzogen, als es mein Vater gewnscht hatte.
Betstunden, Andachtbcher, religise Gesprche fllten die Zeiten des
Tages; und mein Herz wurde immer leerer, ich konnte die Andacht nicht
mitfhlen, ja, nicht einmal an ihr Dasein glauben. Alle meine Bcher,
noch Geschenke meines Vaters, durfte ich nicht mehr zeigen, Alles war
weltlich, anstig; ich erschrak ber die Deutungen, die man den Stellen
gab, die mir die liebsten waren, die ich auswendig wute. Gthe's
himmlische Natur selbst, seine edle Hoheit war Verfhrung, Sinnenlust,
und eine raffinirte Prderie, die mir hchst anstig schien, mute
Tugend heien. Meine Geschwister, so wie sie zur Besinnung kamen,
betrachteten mich als eine Ausgeartete, die fr's Gute nicht empfnglich
sei; sie hrten das ja in allen Stunden, sie muten es wohl glauben.
Zwischen ihnen und der Mutter entspann sich ein Verhltni, welches mich
gleich sehr von beiden entfernte, und um welches ich sie doch nicht
beneiden konnte. Eine bertriebene Liebe, eine zarte Weichheit, ein
Schonen und Liebkosen, das mir oft durch's Herz schnitt; ja die Mutter
ging so weit, diese jngern Tchter zu vergttern, sie anzubeten und es
ihnen zu sagen, da sie es thue. Die Schwestern behandelten die Mutter,
wie man etwa mit einer abgeschiedenen Heiligen umgehen wrde, wenn sie
zu uns zurck kehrte; doch knnte ich es auch wohl nur einen Tag so
treiben, und mte dann heiterer mit ihr bekannt werden, oder sie wieder
ganz vermeiden. Ich erinnerte mich noch wohl, wie oft mein Vater gesagt
hatte, in frher Jugend mten die Kinder blind gehorchen lernen, damit
sie, erwachsen, der Freiheit fhig wren. Diese Freiheit des Geistes und
des Gemthes, die den Menschen erst zum bestehenden Wesen, die die
Liebe, ein freies Hingeben, erst mglich macht, fand aber unter diesen
so eng Verbundenen doch nicht statt, ja sie wurde, wenn sie sich einmal
zeigen wollte, als die rgste Snde behandelt. Die kleinste Schwche,
das geringste Vorurtheil der Mutter durfte nicht berhrt werden, auch in
Kleinigkeiten, ber ein gleichgltiges Buch, ber einen Menschen, ja
ber die Farbe eines Bandes, durfte keins eine andere Meinung hegen, als
sie. War nur von einem Spaziergange die Rede, nur zum nchsten Gut, ja,
durch den Garten, so verbot sie diesen, wenn sie nicht daran Theil
nehmen konnte oder wollte, nicht geradezu, sondern sie sagte: Geht,
wenn Ihr ohne mich seyn knnt; ich kann zwar ohne Euch nicht leben, aber
knnt Ihr es, so will ich Euch nicht stren; bin ich doch daran gewhnt,
Euch alle Opfer zu bringen. Natrlich geschah nichts, und die
Schwestern gaben dann ihrem Verdru den Anstrich der Andacht, und ich,
die ich zum Bndni nicht gehrte, mute ihre Launen entgelten. Mein
Muth entwich. Ich ertrug es, auch von der jngsten Schwester
gehofmeistert zu werden. O meine Freundin! wenn ich dies alles so, was
mir verkehrt und unrecht schien, bemerkte, so ging ich dann wohl in den
einsamsten Theil des Gartens, und lie meinen heien Thrnen ihren Lauf,
weil ich mir schlecht und gottlos erschien, da ich mir alles dies
gestand, und meinen Wahrheitssinn, der von meinem Vater erweckt und
gebildet worden war, doch nicht unterdrcken konnte. Oft war ich so
unaussprechlich elend, da ich Gott um meinen Tod bat. Es kamen dann
auch Zeiten, da ich doch sehn mute, wie alle Menschen, die in unser
Haus kamen, meine Schwestern verehrten, ihnen huldigten und mich
vermieden, in denen ich mir selbst schlecht und verchtlich schien. Wenn
ich aber rang, so wie die Andern zu seyn, so brachen mir alle Krfte
zusammen, und die Arme fielen mir gelhmt am Leibe nieder. -- Aber,
hrtest Du nicht Gerusch im Nebenzimmer?

Nein, mein gutes Kind, sagte Frau von Halden: Alles schlft, es kann
hchstens eine Katze seyn.

Kunigunde heirathete, fuhr Dorothea fort: die Mnner, die sich um
mich bewarben, ngstigten mich nur durch ihr lppisches Wesen, andere
stieen mich durch ihre Rohheit zurck. Ich konnte nicht fassen, da
mich einer lieben knne, ohne da ich ihn auch innigst liebte, und darum
erschienen mir ihre affectirten, bertriebenen Redensarten so nchtern,
und es war mir unmglich, an ihre Leidenschaft zu glauben. Alles aber
war noch ertrglich, bis der Baron Wallen in unser Haus kam; er
bemchtigte sich bald des Gemthes meiner Mutter, die Sclaverei wurde
nun ganz unleidlich. Nun wurde erst recht im Groen mit der Liebe
geprunkt, die meine Geschwister zu einander und zur Mutter trugen; in
der ganzen Provinz sprach man davon; wenn Fremde kamen, war es wie ein
Schauspiel, in dem sich alle Tugenden entwickelten. O vergieb mir, Du
und die einsame Nacht werden meine Reden nicht weiter tragen; auch hast
Du ja selbst die Art oft gesehen, und der Himmel mag meine Empfindungen
ndern, oder sie verzeihn. Recht ngstlich aber war es, da in diesem
gleienden Baron ein wahrer Faun unter der priesterlichen Decke wandelt.
Clara gefiel ihm, auch Clementine; aber die Kinder, so sehr sie ihn auch
verehren muten, erschraken doch vor dem Gedanken, ihn als Ehemann
anbeten zu mssen. Sie wurden aber bald befreit; denn die Bestimmung,
fr die sie sich zu gut fhlten, wurde mir unvermerkt und knstlich
zugeschoben. Nun hrte ich immerdar, wie edel, ja wie nothwendig es sei,
sich zu opfern, wie armselig die eigentliche Leidenschaft der Liebe
erscheine, wie eine vernnftige Ehe jedes andere Glck der Erde
bertreffe. Glaube mir, ich htte mich fallen lassen, mein Leben war
vllig abgeblht, ich wre das Opfer und ganz elend geworden, wenn --
--

Dorothea zgerte. Nun, mein Kind? fragte die Freundin gespannt.

Wenn nicht heut, fuhr jene im melodischen Tone fort, heut an diesem
Tage, an dem ich geboren ward, und an welchem ich auch wieder zu leben
anfing, ein Mann erschienen wre, der unserer Familie ein Abscheu war,
und auf den ich, nach den Beschreibungen, heftig zrnte, ein Mann, der
mein ganzes Herz umgewendet, ja neu geschaffen hat, und dessen bloer
Anblick, wenn er auch nicht gesprochen htte, es mir unmglich macht,
den Baron, ja irgend einen Mann zu heirathen.

Wunderbar! rief die Frau von Halden.

Nenn' es so, sagte das Mdchen: es ist auch so, ach, und doch wieder
so natrlich, so nothwendig. In ihm, in seinem milden Blick, der
Vertrauen einflt (glaube mir, ich hatte wirklich ganz vergessen, da
es noch Augen giebt), in seiner verstndigen Rede, in jeder seiner
Geberden erschien mir die Wahrheit wieder, die mir schon zur Fabel
geworden war, meine Jugendzeit, der Segen meines Vaters. Nie habe ich
begreifen knnen, was die Menschen Liebe nennen, in den Dichtern habe
ich es wohl geahndet; ich glaubte aber immer, dies himmlische Gefhl sei
fr mich armes, verstoenes Wesen nicht geschaffen; aber jetzt wei ich,
da es das seyn msse, was ich fr diesen trefflichen Mann empfinde,
denn ich konnte mir nicht einbilden, da auf Erden wirklich eine solche
Erscheinung wandle.

Armes Kind! sagte die Freundin: er ist ein ruinirter Mann, ohne
Vermgen, und wer wei auch, ob er so fr Dich empfnde, denn er ist
nicht mehr jung. Jetzt geh nur zu Bett, morgen frh wollen wir mit
Verstand darber nachdenken, wie der Baron zu besnftigen sei, und da
der Baron Dir Ruhe lt.

Nie gehe ich zurck! rief Dorothea mit erneuter Heftigkeit: ich will
lieber in einem fernen Lande als Magd dienen.

Jetzt hrte man deutlicher im Nebenzimmer Gerusch, die Frauen stutzten,
die Thre ffnete sich, ein Lichtstrahl drang heraus und Graf
Brandenstein trat ihnen entgegen.

O mein Gott! rief Dorothea: der Graf selbst!

Ich war nicht schlafen gegangen, antwortete dieser: sondern arbeitete
noch, als dieser unerwartete Besuch --

O Sie Heimtckischer! rief die Frau von Halden: und so haben Sie auch
gewi alles gehrt, was meine Freundin erzhlt hat?

Ich kann es nicht leugnen, sagte der Graf: die Wand und Thre sind so
dnn, da mir kein Wort verloren ging. (Dorothea zitterte heftig.) Sie
wrden mich also, mein schnes, edles und mir unbeschreiblich theures
Frulein, nicht verschmhen, wenn ich ein Vermgen zu Ihren Fen legen
knnte?

O wie beschmen Sie mich! sagte das Frulein --: soll ich noch mehr
sagen?

Nehmen Sie dieses Blatt, fuhr der Graf fort: diese wenigen Zeilen
werden Ihnen in Ihrem Hause vollkommene Sicherheit gewhren.

Er sah Dorotheen durchdringend an, und entfernte sich zgernd. Sie war
so bewegt und erschttert, da ein unruhiger Schlummer sie nur wenig
erquicken konnte.

                   *       *       *       *       *

Im Hause des Baron Wilden waren einige Freunde zu einem kleinen Balle
versammelt. Auch Alfred und der Offizier waren zugegen, und die junge
Schwester, ein liebenswrdiges Kind, schien uerst vergngt; auch
zeigte sich das Frulein Ehrhard sehr munter, und Michel, der Zuschauer
war, begriff kaum, wie sie sich so schnell im schottischen Tanze bewegen
konnte. Jetzt war der Tanz geendigt, und der korpulente Wirth taumelte
erschpft auf ein Sopha nieder. Wird man nicht ordentlich wieder jung,
rief er aus: so sauer es einem auch ankommt. Da dich, mein werthes
Frulein Erhard, was Sie springen knnen! Niemals htte ich mir bei
Ihrer Gottesfurcht so viele Elasticitt vermuthet. So gefllt's mir,
wenn man das berirdische Wesen mit dem weltlichen vereinigen kann, denn
wahrhaftig, das Herz stirbt in der Demuth und dem weichen Wesen ab, wenn
es nicht wieder einmal in Lust und Freude recht aufzappeln kann. Wie ein
ganz neues Geschpf, Frulein Erhard, kommen Sie mir in meinem Hause
hier vor, ich htte Sie gar nicht wieder erkannt, wenn ich es nicht
sonst wte, da Sie es wren.

Das muntere Frulein setzte sich zu ihm, und beide betrachteten die
tanzenden Paare. Der Rath Alfred bemhte sich sehr um Sophien, die
Schwester des Barons, welches dieser nicht ohne Wohlgefallen bemerkte.
Die Schenktische waren reichlich mit Erfrischungen versehen, und Diener
in reichen Livreen servirten auf silbernem Geschirr. Nicht wahr,
schmunzelte Herr von Wilden, der die wohlgeflligen Blicke des Fruleins
wahrnahm: hier geht es nicht so zu wie drben, wo sie meistentheils
alle beisammen sitzen, wie Adam und Eva vor dem Sndenfalle? Hochherzige
Redensarten, apokalyptische Seufzer und eine Wundertinktur von
ambrosianischer Wehmuth. Tugend und Andacht zum Zeuche, frommes Gemth
zum Unterfutter, und dann noch mit Reue und Bue aufgeschlagen. Nein,
man mu ein bischen sndigen, um sich dann wieder bekehren zu knnen;
nicht wahr, mein hochgeschtztes Frulein? Die Beine thun Ihnen doch
nicht weh? Sie zwinkeln so mit dem Munde.

Nein, sagte diese, ich wollte mir nur das Lachen ber Ihre
sonderbaren Ausdrcke verhalten, denn Sie sind in der That ein arger
Snder; indessen, hoffe ich, werden Sie noch Bue thun.

Kommt Zeit, kommt Rath, sagte der Baron: sehn Sie, ich habe mich klug
eingerichtet, ich habe in meiner Jugend eine Menge Snden im voraus
begangen, damit ich in meinem Alter hbsch was zu bereuen htte, um mir
nicht, wie mancher Pietist, die Verbrechen aus den Fingern zu saugen,
und um nichts und wider nichts Gewissensscrupel zu machen. O, davon kann
ich Ihnen noch einmal in manchem Nachmittagsstndchen erzhlen, da Sie
Ihr blaues Wunder daran haben sollen.

Aber auch dergleichen Reden sind wieder Snde, antwortete das
Frulein.

Nein, rief Herr von Wilden, durch das Mikroskop mssen Sie meine
Tugend nicht betrachten, sonst werden wir nicht mit einander fertig;
denn bei mir geht Alles etwas ins Groe, verfeinert sind meine
Verdienste so wenig, wie meine Laster. Aber sehn Sie, wie unter allen
meinen Gsten der Herr von Bhmer so einsam am Ofen steht, und mitten in
der Musik seine Kalender macht! Herr Lieutenant, kommen Sie doch, und
tanzen Sie einmal mit einer von diesen Damen.

Ich tanze niemals, sagte der junge Offizier, indem er nher trat:
auch wrde ich nicht hergekommen seyn, wenn mich nicht Frulein Erhard
eingeladen htte, von der es mir wohl nicht einfallen konnte, da sie es
auf einen tobenden Ball abgesehen hatte.

Sollte dem Reinen nicht alles rein seyn? fragte das Frulein mit
vieler Salbung.

Alfred, der hinzu getreten war, antwortete: Gewi ist dies die richtige
Ansicht, und es wre lustig genug, wenn Herr von Wilden durch das
Frulein, und dieses durch unsern frhlichen Baron bekehrt wrde. Aber
Du, Ferdinand (indem er sich an den Offizier wandte), trgst auch nicht
eine einzige festliche Miene auf Deinem finstern Angesicht.

Ich gehe von hier, antwortete dieser, zur Baronesse hinber, wirst Du
mich begleiten?

Nein, mein Freund, antwortete dieser, und ich gedenke auch, diesem
Kreise nie mehr zur Last zu fallen; denn diese prunkende Gleinerei ist
mir neulich deutlich genug geworden. Wie danke ich es dem wackern Manne,
der mir diese Binde vom Auge schttelte.

Du meinst den Graf Brandenstein? sagte jener: Du nimmst also die
Partei des Bsen gegen den Frommen, der Snde gegen die Tugend?

Lassen wir jetzt diese Reden, antwortete Alfred, ich fhle mich, seit
ich diesen Mann kennen gelernt habe, mndiger.

Wissen Sie denn, fiel der Baron ein: etwas von der Geschichte? Der
Wilde, der Amerikaner, soll ja nun angekommen seyn, ein gefleckter,
kupfriger Mensch, mit Haaren wie Schuppen oder Stacheln. Auch sagen die
Leute, dies unbndige Thier wrde die strrige Dorothea heirathen.

Man wei nichts Gewisses, sagte Alfred: der Amerikaner wird brigens
wohl ein Mensch wie alle seyn, und folglich ist sie mit ihm wohl
glcklicher, als mit dem Baron Wallen.

Den Du nicht zu schtzen verstehst, rief der Offizier, indem er sich
nach einer kleinen Verbeugung entfernte.

Sie meinen, fuhr der Baron fort: ein wohlerzogenes Mdchen knnte mit
einem solchen See-Ungeheuer glcklich leben? Aber freilich mssen im
Leben wohl vielerlei Arten von Glck verbraucht werden, damit Jeder
etwas bekommt, was fr ihn pat; und wie ich hre, ist ja die hbsche
Dorothea so gottlos, da vielleicht der gottloseste Menschenfresser fr
sie nicht zu schlimm ist.

Sie sind unrecht berichtet, antwortete Alfred, und wollte eine
Erzhlung anfangen, als die freundliche Sophie herbei hpfte, um ihn zu
erinnern, da er mit ihr zur Quadrille versprochen sei. Der Baron trank
indessen, und versprach dem Frulein Erhard die nchste Polonaise, auf
jeden Fall aber den frhlichen Kehraus mit ihr zu tanzen.

                   *       *       *       *       *

Als man in jener Nacht Dorotheen vermite, und der Baron die Geschichte
seiner unglcklichen Werbung mitgetheilt, gerieth das ganze Haus in die
grte Verwirrung. Man sendete Boten mit Lichtern aus, aber alle kamen
in der strmischen Nacht ohne Nachricht wieder. Die Mutter war sehr
unruhig, und schien sich Vorwrfe zu machen, da sie ein heftiges
Gemth, das sie an ihrer ltern Tochter kannte, zu weit getrieben habe.
Sie schlief nicht, sondern irrte im Hause umher, und die beiden jngern
Tchter suchten sie zu trsten. Am Morgen erschien ein Bote von der Frau
von Halden, der der Baronesse ein Billet bergab, und bald darauf fuhr
eine Kutsche vor, aus welcher Dorothea stieg, welche die Mutter mit
gezwungener Fassung aufnahm. Man sprach nur wenig, aber kein Wort des
Vorwurfes lie sich vernehmen, eben so wenig konnte die Tochter eine
Entschuldigung vorbringen.

Der Baron, welcher Alles ngstlich und verwirrt beobachtet hatte, sagte
endlich, als er sich mit der Baronesse allein sah: Dies Blatt hat ja
Wunder gethan! Von allem, was Sie sich gegen das ungerathene Kind
vornahmen, ist nicht das Mindeste geschehen, Sie sind im Gegentheil
gtiger als jemals gegen sie. Darf ich nicht wissen, von wem es kommt,
und was es enthlt?

Die Baronesse errthete. Es kommt von dem Brandenstein, sagte sie mit
ungewisser Stimme: doch enthlt der Schlu die grbste Verlumdung.

Der Baron las: Im Fall Sie, wie ich gewi hoffe, Ihre edle, trauernde
Tochter freundlich aufnehmen, sie unter keinem Vorwande qulen, an die
Ehe mit dem Baron Wallen nicht mehr denken, so verspreche ich Ihnen das
Capital, welches der Baron an Sie zu fordern hat, und auerdem ein
bedeutendes Darlehn, beide ohne Zinsen, auf unbestimmte Zeit. Zwingen
Sie mich nicht, gegen Sie aufzutreten, es mchte sonst manches bekannt
werden, was sich nicht zu dem Tugendbilde eignet, das die Welt in Ihnen
bewundert. Gewi darf ich mich unterschreiben

                                                          Ihren Freund
                                                   _G. Brandenstein_.

Dieser Zettel besagt, schmunzelte der Baron: da unser heroischer
Graf ber ansehnliche Summen zu disponiren hat, und da sein
amerikanischer Freund oder Schtzling, dessen Hofmeister und Verwalter
er spielt, so ziemlich bldsinnig seyn mag, ganz so, wie ich mir vom
Anfange die Sache gedacht habe. Der edle Mann wird nach Umstnden seine
Hand tief in den Beutel des fremden Wunderthieres tauchen, und so
verschwindet denn bei nherer Prfung bei jedem aufgedunsenen Cato die
falsche Vergoldung, und setzt sich in Kupfer um.

Die Sache bekam aber doch einen andern Schein, als am folgenden Tage ein
Brief des Grafen anlangte, in welchem er fr seinen reichen Amerikaner
um die Hand Dorotheens anhielt. Er htte sich berzeugt, so schrieb er,
da sein Freund, da er ihn genau kenne, nur mit diesem Wesen glcklich
seyn knne.

Dorothea, die ganz in ihren Gedanken und Empfindungen verloren war,
erschrak ber diesen Antrag; sie lehnte ihn heftig ab, ihr Herz
verzweifelte, da der Graf, der ihre ganze Seele gesehn hatte, diesen
Vorschlag thun konnte. Also kein Gefhl, seufzte sie im Stillen, nicht
das kleinste fr mich, die ich ihn nur denke und trume.

Auf die abschlgige Antwort der Mutter erfolgte ein noch freundlicherer
Brief des Grafen, er bat fr seinen Unbekannten, der binnen Kurzem
erscheinen wrde, nur um die Erlaubni, sich zeigen zu drfen, da
Frulein Dorothea ihn so viel wrdigen mge, ihn und seine Gesinnungen
kennen zu lernen.

Auf diesen Antrag hatte Dorothea nichts erwiedert. Im stummen Schmerz
beachtete sie die Zeit nicht, und ihre Angehrigen muten ihr anzeigen,
es sei nun Tag und Stunde da, in welcher der sonderbare Freiwerber
auftreten wrde. Frau von Halden war als Freundin zugegen. Ein Postzug
englischer Pferde sprang vor, ein kostbarer Wagen und Domestiken
erschienen. Dorothea war im Gartensaal einer Ohnmacht nahe. Brandenstein
trat hochzeitlich geschmckt in der Schnheit des Mannes herein. Und
ihr Freund? fragte die Mutter. Nur die theure, geliebte Dorothea ist
es, antwortete er, auf diese zueilend: von welcher mein Scherz
Verzeihung erflehen mu, ich bin der Amerikaner selbst, jene Herrschaft
ist nun endlich mein, und meinem Glcke fehlt nur noch ein Wort von
diesem holdseligen Munde.

Dorothea blhte auf, sah ihn mit einer Thrne im glnzenden Auge an und
reichte ihm ihre Hand. Wir fahren sogleich, meine Theuern, indem er
Alle begrte: auf das nchste Gut, welches bisher der Frau von Halden
zugehrte: ich habe die Erlaubni zur Trauung, das Haus ist geschmckt,
der Geistliche wartet.

Nur der Brautkranz ward dem Mdchen in das Haar geheftet, dann stiegen
Alle in den Wagen. Der Graf umarmte seine Braut, und drckte den ersten
Ku auf ihre Lippen. Durfte ich diese Seligkeit hoffen? sagte er mit
Thrnen: mute mir die Liebe dieser reinen Seele begegnen? Dasselbe
Kind wird die Freude meines Lebens, welches ich vor Jahren, neben Deinem
theuren Vater sitzend, auf den Knieen wiegte? Sieh, hier bist Du in
jener Sturmnacht verzweifelnd gewandelt. In demselben Zimmer erwartet
uns der Geistliche, in welchem Du damals der Freundin das Bekenntni
ablegtest, das mich wie Blitze durchdrang.

Dorothea war so glcklich, so vom Schmerz zur Wonne erwacht, da sie nur
wenig sprechen konnte. -- Die ganze Provinz ertnte von dem Reichthum
des Grafen, von dem wunderbaren Glck des Fruleins, und alle Nachbarn
waren Zeugen dieser glcklichen Ehe.

Als Alfred sich mit Sophien verlobte, meldete auch der Baron Wilden
seine Verbindung mit dem Frulein Erhard. Den Freunden, die sich darber
wunderten, antwortete er: Seht, besten Leute, Einsamkeit und Langeweile
machen viele Dinge mglich; dazu hat meine Braut viele gute
Eigenschaften, und ist viel lustiger geworden, als sie ehemals war. Auch
bemht sie sich auerordentlich um meine Bekehrung, und das ist nichts
Leichtes, da in meinem fetten Krper meine Seele so viel tiefer liegt,
als bei andern Menschen. Ich bin nun auch bald auf meine Weise fromm,
sorgt nur dafr, da die Sache hbsch in der Mode bleibt, damit ich
nicht wieder einmal, wie ein Krebs, rckwrts gehn mu.

Nach einiger Zeit fanden der Baron Wallen und die Baronesse es auch
besser, sich durch die Ehe zu verbinden, da er keine der Tchter
erhalten konnte, und ihm der Umgang dieser Familie doch unentbehrlich
geworden war.

Alfred lebte nachher viel im Hause des Grafen, dessen Geschftstrger er
war, und noch oft erinnerte sich Brandenstein mit Entzcken, da das
Schicksal es ihm gegnnt habe, in seiner Gattin die edle Perle zu
finden, die von ihrer ganzen Umgebung und von den nchsten
Blutsverwandten so gnzlich verkannt wurde.




                            Die Reisenden.
                               Novelle.


Es war an einem schnen Sommernachmittage, als drei junge Mnner in
lebhaften Gesprchen im schattigen Lindengange auf- und niederwandelten.
Keiner kannte den Andern genau; noch weniger waren sie Freunde: und
daher betraf ihre Unterhaltung auch nur unbedeutende Gegenstnde. Doch
wurde laut und sogar heftig gesprochen, weil der jngste der Redenden es
seinem Charakter und ausgezeichnetem Verstande angemessen hielt, seine
Gedanken und Meinungen nicht ruhig, sondern in einem gewissen znkischen
und anmaenden Tone vorzutragen, durch welchen er vielleicht seine
Gegner eher zum Schweigen zu bringen, wenn auch nicht zu berzeugen
glaubte. Sie sind, wie Sie mir gesagt haben, Arzt (so rief er eben jetzt
aus), und als ein solcher haben Sie sich seit Jahren gewhnt, das ganze
Menschengeschlecht aus dem Gesichtspunkte der Krnklichkeit anzusehen.
Wir Gesunden aber werden uns gewi nicht so leicht, Ihrem Metier zu
Gefallen, unsre feste Ueberzeugung nehmen lassen.

Mein Herr von Wolfsberg, erwiederte der Arzt, von meinem Metier, wie Sie
es zu nennen belieben, kann hier gar nicht die Rede seyn.

Ja wohl, sagte der dritte Sprechende, welcher der Ruhigste schien. Wie
kommen wir denn berhaupt dazu, zu streiten? Wir reden ja nur ber
allgemeine Gegenstnde, die unmglich einen von uns persnlich aufreizen
knnen.

Warum nicht, mein ruhiger Herr Justizrath? rief der Baron noch lebhafter
aus; denn gewi knnen wir ber die Leidenschaften nur dann etwas
Bedeutendes aussprechen, wenn wir sie im eignen Herzen erfahren haben,
und es scheint wohl, da Sie alle Ihre klgelnden Beobachtungen nur aus
mittelmigen Bchern schpften.

Wenn Sie die Sache schon vorher abgemacht haben, antwortete der ruhige
Mann, so thten wir wohl besser, das ganze Gesprch zu schlieen.

Es wandelt sich in der anmuthigen Khle gut, sagte der Arzt; ereifern
wir uns nicht, gnnen aber dem Herrn _Baron_ diese Motion, die ihm nach
dem Mittagsmahle wohl zutrglich seyn mag, da lebhaftere Geister und
Temperamente auch im Verlauf des Tages mehr Lebenskraft verbrauchen, als
wir brigen.

So ist es, erwiederte der Baron mit vieler Selbstgengsamkeit. Und ist
es denn wohl anders mit der Liebe, ber welche sich unser Streit anhob?
Will ich es denn den sanften, stillen Gemthern zum Vorwurf machen, wenn
sie meinen und behaupten, ein einziger Gegenstand knne ihre Seele fr
die ganze Lebenszeit ausfllen? Giebt es doch auch Menschen, die nur
wenige Gedanken brauchen, noch weniger Bcher; die einen Monat lang sich
an einer Flasche Wein vergngen; die bei einem Schmause anderthalb
Austern verzehren, und wenn sie in jedem Frhling einen Spaziergang mit
der ganzen auferbauten Familie gemacht haben, die Natur dann wieder, wie
eine Bude, bis zum knftigen Jahre verschlieen. Lassen wir diese
gengsamen Lmmerseelen in ihrer stillen Friedfertigkeit; nur stelle man
sie uns nicht als Muster hin, wenn sie sich in grnen Tagen in eine
verblate Amarillis vergaffen, und nachher mit erkaltetem Herzen in
alberner Treue ihr Leben verwinseln, stolz sind auf diese felsenfeste
Tugend, und auf feurige Gemther, auf Herzen, die der Flle und des
jugendlichen Wechsels bedrfen, mit moralischer Verachtung hinab blicken
wollen.

Nach einigen Erwiederungen lie man dies Gesprch fallen, weil es
deutlich wurde, da der Edelmann nur sich selbst und seinen
Leidenschaften das Wort reden wollte. Wohin gedenken Sie von hier zu
reisen? fragte endlich der Arzt.

Ich wei es selbst noch so eigentlich nicht, antwortete der Baron: und
wenn ich es auch wte, so wrde ich es Ihnen nicht sagen.

Warum das?

Weil das eben, fuhr jener fort, auch zu meinen Eigenthmlichkeiten
gehrt, wehalb mich so viele brgerliche Menschen mit dem Namen Genie
verlstern wollen. Wenn ich so recht eigentlich zur Lust reise, so halte
ich mir die ganze Welt mit ihren erfreulichen Zufllen offen; ohne Pa,
ohne Briefe, ohne Bedienten oder Kutscher, ohne alle die Zugaben, die
unser Leben nur belstigen, tauche ich, wie die Schwalbe in die blaue
Luft, in die Schnheit der Natur hinein, und hinter mir mu jede Spur,
so wie die der Welle im Strome, verschwinden. An einige Huser ist schon
im voraus geschrieben, wo ich Gelder finde, wenn ich sie brauche, doch
fhre ich so viel mit mir, als ich nthig zu haben glaube. Dient es mir,
so wechsle ich auch mit meinem Namen; und so wissen Sie von mir nur so
viel, als ich fr gut befunden habe, Ihnen mitzutheilen, und knnen
nicht darauf wetten, da der Name, den ich Ihnen genannt habe, mein
wirklicher sei.

Sie knnen, sagte der Justizrath, auf diese Weise aber neben manchen
angenehmen Zufllen auch auf sehr widerwrtige stoen.

Jede Verwicklung wird sich doch nur lustig lsen, und wer die Menschen
will kennen lernen, sollte durchaus nur in meiner Manier reisen.

Der Arzt konnte sich nicht entbrechen, die Frage zu thun: Was nennen Sie
Menschenkenntni? Da Sie die meisten Menschen schon vor der Untersuchung
fr _Narren_ halten, so lohnt es sich schwerlich der Mhe, sie noch zu
beobachten.

Zugegeben, rief jener, Sie thten mir nicht so ganz Unrecht; ist denn
nicht noch immer an den verschiedenen Modificationen eines und desselben
Stoffes zu lernen? Ist es denn nicht auch erhebend und beruhigend, sich
selbst an diesem und jenem zu messen? Das scheint mir eben die chte
Humanitt, keinen zu verschmhen, und aufzumerken, welche Thorheit wir
schon abgelegt haben, welche wohl noch unentwickelt in uns ruht, zu
welcher wir keine Anlage spren, warum _wir_ uns fr besser als andere
halten drfen, um so in uns hochfahrenden Stolz und kleinmthige
Bescheidenheit in das gehrige Gleichgewicht zu setzen.

Dann thten Sie aber vielleicht besser, erwiederte der Arzt mit
bertriebener Hflichkeit, sich gleich an die wahre Quelle zu begeben,
und sich die mhseligen Umwege zu ersparen.

Und wo flsse diese?

Wie die Englnder, fuhr der Arzt fort, sich in Deutschland gern in
Pension geben, um unsere Sprache zu lernen, so sollte ein Kosmopolit,
der sich so fr das, was man Narrheit nennt, begeistern kann, geradezu
vor die rechte Schmiede gehn, und sich ein Jahr lang in einem gut
versehenen Narrenhause als Kostgnger verpflegen lassen.

Sie sind ein Arzt! rief der Baron in der grten Erbitterung: man sagt
mir, Ihre Reise sei auf diese Anstalten gerichtet, vielleicht um die zu
finden, die Ihnen am meisten behagt, und sich dort niederzulassen. -- Er
warf noch einen grimmigen Blick, dann eilte er schnell den Lindengang
hinunter.

Sie haben unsern edeln Unbekannten berrascht, sagte der Justizrath: wir
werden seine theuere Gesellschaft darber verlieren.

Er ist unertrglich, rief der Arzt aus. Sie haben es selber gehrt,
welche Geschichten er von sich an der Wirthstafel erzhlt, wie alle
Weiber ihm entgegen kommen, mit welcher Leichtigkeit er Liebschaften
anknpft und wieder lst. Gestern vertraute er mir, da er seine Heimath
pltzlich verlassen habe, weil ein unglckliches Mdchen gegrndete
Ansprche an ihn mache. Die Arme wird nun vielleicht mit einem Kinde
ihres Jammers nach ihm aussehn, indessen er sich mit seiner feigen
Gewissenlosigkeit wie mit einer Tugend brstet, und nach neuen
Schlachtopfern seines verderbten Herzens sucht.

Der Justizrath meinte, er sei vielleicht nicht ganz so schlimm, sondern
mge wohl zu jener armseligsten Gattung von Prahlern gehren, die sich
mit einer Verworfenheit brsten, zu der ihnen doch der Muth ermangle.

                   *       *       *       *       *

Der junge Baron war indessen zornig ins Feld gelaufen. Er mute sich
seine Verdienste in den glnzendsten Farben dicht vor das Auge rcken,
um seinen Verdru zu berwinden. Indessen stellte sich bald seine gute
Laune wieder ein, besonders durch Aussicht auf ein nahes und
freundliches Abenteuer, das seiner Eitelkeit schon im voraus
schmeichelte. Auf dem Walle, welchen groe Linden schmckten, hatte er
hinter einem Gitterfenster ein schnes blondes Kpfchen, einen
blendenden Hals und Nacken bemerkt; schne Augen hatten ihm nachgesehn,
ein freundlicher Mund hatte ihn angelchelt, und ein dreister Gru war
ihm endlich bei seinem dritten Vorberwandeln entgegen gekommen. Er
hatte die Schne auch in der Ferne nicht ganz aus dem Gesichte verloren:
er wollte nur die zunehmende Dmmerung und die grere Einsamkeit der
Gegend abwarten, um sich ihr zu nhern, Bekanntschaft zu machen, und
sie, wenn die Umstnde sich gnstig erwiesen, zu besuchen. Er
betrachtete sich selber wohlgefllig und ging mit Behaglichkeit die
Scenen seines bunten Lebens durch, indem er sich vornahm, da diese
phantastische Reise ihm noch angenehmere Abenteuer zufhren solle.

Wieder schaute das Lockenkpfchen durch das Gitter, lchelte, winkte und
zeigte sich sehr erfreut, als es den geputzten, schlanken Spaziergnger
von Neuem vorbei gaukeln sah. Der Abend nahte schon, die Sonne ging
unter. Er benutzte die Einsamkeit, um zu gren, stehn zu bleiben, und
mit fragender Geberde auf die Thr zu deuten. Sie nickte und entfernte
sich schnell. Er ffnete die Thr und stieg die Treppe hinauf. Sie
empfing ihn oben; nur leise, leise! flsterte sie, indem sie ihn in
ihr Zimmer fhrte. So viel er in der Dunkelheit unterscheiden konnte,
fand er das Gemach zierlich ausgeschmckt; er bemerkte, da seine
Fhrerin in Atlas gekleidet war. Liebchen! sagte sie mit leiser
Stimme, gedulde dich hier einen Augenblick, ich bin gleich wieder bei
dir; ich will mich nur putzen und Licht bringen. Aber rhre dich nicht,
da meine Feinde dich nicht gewahr werden!

Mit diesen Worten ging sie in ein Nebenzimmer. Dem Abenteurer fing an,
unheimlich zu Muthe zu werden. Da schlich man leise die Treppe herauf.
Er besorgte einen Ueberfall und wute nicht, welchen Entschlu er fassen
sollte; doch trat Niemand ein, aber er wurde zu seinem Erstaunen gewahr,
da man von auen die Thr verschlo. Als er jetzt von unten eine
mnnliche Stimme zu einem andern sagen hrte: er ist drinnen; er kann
uns nicht entwischen! so strubten sich ihm die Haare vor Entsetzen.
Sein Schauder wurde aber noch vermehrt, als jetzt die Schne mit einer
brennenden Wachskerze wieder in das Zimmer trat. Hals und Busen waren
fast ganz entblt und schimmerten wie Marmor; ihr Auge strahlte in
seltsamem Glanze, ein Diadem von Goldpapier stand auf dem Haupte, groe
Glasperlen hingen auf den weien Schultern, Stroh und Blumen rankten
sich um den Leib. So schritt sie mit Lachen und wilder Geberde auf den
Gengsteten zu, der seine Gedanken noch nicht ordnen konnte, als die
andere Thr wieder aufgeschlossen wurde, die rthselhafte Schne mit
einem lauten Schrei das Licht fallen lie, und zwei starke Mnner den
Verwirrten in der Dunkelheit faten, ihn die Treppe mehr hinunter trugen
als fhrten, und ihn unten schnell in einen offen stehenden Wagen
warfen. Ehe er noch fragen, sprechen, sich besinnen konnte, war die Thr
des Wagens zugeschlagen, und im schnellsten Trabe fuhr dieser mit ihm
durch die finstre Nacht ber das Feld davon.

                   *       *       *       *       *

Am andern Morgen kam der Arzt in Eile und groer Bewegung zum Rathe. Was
ist Ihnen? fragte dieser: es mu etwas Auerordentliches begegnet seyn.
Theuerster Walther, rief der Arzt aus, unser Beisammensein, mein
Aufenthalt wird pltzlich auf die unangenehmste Weise gestrt und
unmglich gemacht. Sie haben ja zuweilen einen jungen Menschen in meiner
Gesellschaft gesehen, der uns oft genug lstig fiel. Dieses Original,
schon einfltig, stumpf und zugleich leidenschaftlich von Natur, durch
eine verwahrlosete Erziehung aber vllig zum Thoren gemacht, ist mir von
seinem Vater, einem reichen Grafen in Schwaben, in der Hoffnung
anvertraut worden, da eine Reise unter meiner Aufsicht ihn vielleicht
bessern und von seinem verwirrten Zustande befreien knnte. Ich nahm
damals diesen milichen Auftrag sehr ungern ber mich, und wrde mich
gar nicht darauf eingelassen haben, htte ich die unzhligen
Verdrielichkeiten vorher sehn knnen, die mit demselben verknpft sind.
Das htte ich aber niemals vermuthet, da dieses drckende Verhltni
mich von Ihnen trennen und meine Freiheit vllig aufheben wrde.

Aber wie ist dies mglich geworden? fragte der Rath.

Sie sollen es gleich hren, war die Antwort. Nachdem dieser junge Mensch
schon tausend Hndel angezettelt, die ich wieder habe schlichten mssen,
oft durch Geld, zuweilen mit guten Worten, immer aber auf Unkosten
meiner Zeit und guten Laune, hat er es seit gestern Abend fr gut
gefunden, sich unsichtbar zu machen. Ich habe schon zu allen Bekannten
geschickt, auf der Post Erkundigung eingezogen, in allen Wirthshusern
nachgefragt: aber man will nirgend von ihm wissen. Es wrde mir keine
groe Sorge machen, wenn er nicht Mittel gefunden htte, Schrank und
Schatulle zu ffnen, und hundert Goldstcke, so wie bedeutende Wechsel
mitzunehmen; dies berzeugt mich, da er gesonnen ist, seine
Bekanntschaft mit mir nicht zu erneuern, so lange diese Summen
vorhalten. Ich darf den Thrichten nicht seinem Schicksal berlassen,
sondern mu ihn wieder zu finden suchen; dies ndert mein Reiseprojekt.
Ungern nur wrde ich ihn in ffentlichen Blttern auffordern und
kenntlich machen.

Und Sie glauben nicht, fragte der Freund, da er mit diesem Gelde in
seine Heimath zurckgekehrt sei?

Auf keinen Fall, erwiederte der Arzt; es liegt ihm zu viel daran, frei
und ungehindert in der Welt umher zu schwrmen. Seine Leidenschaft ist,
allenthalben Hndel anzufangen und in gemeinen Trinkstuben Zank zu
erregen; er freut sich dann, einige Stunden auf der Wache zu sitzen, um
nachher als Graf Birken ausgelst zu werden. Am schlimmsten aber ist es,
da er mit Kammermdchen und Aufwrterinnen Liebeshndel anspinnt und
ihnen die Ehe verspricht; und ich mu am meisten frchten, ihn auf diese
Weise verheirathet wieder zu finden.

Und was denken Sie nun zu thun?

Ich mu ihn aufsuchen, und wenn ich ihn in einigen Wochen nicht wieder
antreffen sollte, die ganze Sache seinem Vater melden.

Ein Diener trat eilig herein, gab dem Rathe einen Brief und entfernte
sich wieder. Walther las und wurde nachdenkend. Verweilen Sie noch zwei
Tage hier, sagte er endlich, und ich reise vielleicht mit Ihnen. Ich
suche ebenfalls einen Verlornen, der mir und seinen Freunden schon seit
Jahr und Tag aus dem Gesichte gekommen ist, einen jungen Mann, der Ihrem
Entflohenen freilich auch nicht auf das Entfernteste gleicht. Ich glaube
jetzt auf seiner Spur zu seyn, und wenn Sie unterdessen den
Entsprungenen nicht wieder kommen sehen, oder keine bestimmte Nachricht
ber seinen Aufenthalt empfangen, so knnten wir die Reise, die wir uns
vorgesetzt hatten, immer noch in Gesellschaft unternehmen.

Der Arzt war derselben Meinung, und man versprach sich, am andern Tage
eine nhere Abrede zu treffen.

                   *       *       *       *       *

Der verschlossene Wagen fuhr mit dem jungen Baron die ganze Nacht
hindurch fort. Allenthalben waren schon Pferde in Bereitschaft, und da
der Mond sehr hell schien, konnte man so schnell, wie bei Tage reisen.
In den dicht verhngten Wagen fielen nur wenige Strahlen hinein; doch
bemerkte der Entfhrte, da ein Mann an seiner Seite, und ein anderer
ihm gegenber sa. Als er sich von seinem ersten Erstaunen erholt hatte,
wollte er seinen Gesellschaftern Rede abgewinnen; aber sie beantworteten
keine seiner Fragen oder Bemerkungen. Wohin fhrt man mich? rief er
endlich in der grten Ungeduld. Ruhe! antwortete der starke Mann, Alles
wird sich aufklren. -- Man verkennt mich, man verwechselt mich mit
jemand anderm! -- Nichts weniger. -- Was hat man mit mir vor? --
Morgen am Ort Ihrer Bestimmung werden Sie Alles erfahren.

Als der Gefangene Miene machte, den Wagen zu ffnen, ergriffen ihn die
Unbekannten gewaltig, und der eine rief drohend: keine Umstnde! Finden
Sie sich nicht gutwillig, so haben wir das Recht, Sie zu binden und zu
knebeln; das geschieht auch bei dem ersten Versuche zu entfliehen, oder
wenn Sie jemand Fremdes anreden wollten. Auch kann es Ihnen nichts
nutzen; denn wir haben die gemessenste Ordre, die wir vorzeigen knnen,
und auf welche uns in jeder Stadt Beistand geleistet werden mu.

So fgte sich denn der Entfhrte und sann stillschweigend nach, fr
welche Begebenheit seines frhern Lebens ihn etwa dieses Unheil treffen
mchte. So in seinen Busen und dessen Geheimnisse eingehend, fand er
mehr auf der Rechnung stehen, als er in seinen heitern und zerstreuten
Stunden vermuthet hatte. Je lnger er in der stillen Nacht fuhr, je
grer wuchs in seiner Erinnerung sein Sndenregister an, und er
zitterte vor der Entwicklung seines Schicksals; denn Vestung,
lebenslngliche Einkerkerung, ja selbst das Aergste standen vor seiner
erregten Phantasie. Er wandte sich von diesen Bildern des Schreckens ab,
und suchte sich wieder zu berreden, Alles, was man ihm vorwerfen knne,
sei doch nur Jugendthorheit und Leichtsinn. Mit Wehmuth mute er an die
hochmthigen Reden gedenken, die er vor Kurzem noch gegen den Arzt
gefhrt, und alle seine Zweifel kamen wenigstens darin berein, da jene
Handlungen, mit denen er als eben so viel Tugenden und Kraftuerungen
geprahlt hatte, doch wohl Snden, oder gelindestens Verirrungen zu
nennen wren. So bltterte er in dem dunkeln Buche seines Gewissens hin
und her, und nahm sich vor, wenn ihn ein gnstigeres Schicksal aus
dieser Bedrngni erlsen sollte, seinen Lebenslauf mit viel mehr
Anstand und etwas mehr Weisheit zu fhren.

Man fuhr die ganze Nacht und auch den folgenden Tag. Der Gefangene hatte
sich fast schon an seinen Zustand gewhnt, und die Furcht, da seine
Lage noch viel schlimmer werden knnte, machte, da er die gegenwrtige
mit Geduld ertrug. Htte er sich ganz frei und ohne Schuld gewut, so
wrde er in seinem Bewutsein Waffen gefunden haben, sich dieser Gewalt
zu widersetzen; aber der Zagende bettelte jetzt von jeder Stunde seines
Daseins noch eine drftige Erquickung, im Aufschub und in der
Verzgerung fand er eine Art von Glck, und verga sogar in manchen
Augenblicken, da sich sein Schicksal doch endlich, und wohl bald,
entwickeln wrde.

Am Abende, als es schon wieder finster ward, kam man an. Durch ein Thor,
das sogleich wieder verschlossen wurde, fuhr der Wagen. Man brachte
Licht. Ein Schreiben ward von einem der Begleiter hinaus gereicht.
Immer neue Gste, immer mehr Geschfte! murrte eine dumpfe,
verdrieliche Stimme drauen. Man fuhr in den Hof. Indem man ausstieg,
ging einer der Mnner jenem nach, der erst geschmollt hatte, und sagte:
Ja, werther Herr Direktor, endlich haben wir ihn Gott Lob! erwischt;
fnf Tage hatten wir ihm vergeblich aufgepat. -- War er ruhig? fragte
jener. -- Ja, er hat sich so leidlich vernnftig aufgefhrt. Ein paar
Mal wollte er nrrisch thun. Je nun, wir sind ja alle Menschen!

Das Letzte hrte der Entfhrte nur noch aus der Ferne. Er befand sich
schon auf einer groen Treppe, zu welcher ihm zwei Menschen hinauf
leuchteten. Ist Numero 18. aufgeschlossen? fragte der eine. Ja! scholl
es von oben herab, und zugleich ward der Fremde in ein kleines,
behagliches Zimmer hinein geschoben, in welchem Sthle, Tische, ein Bett
und Sopha sich befanden. Lichter wurden hingestellt, und ein
freundlicher Mann trug eine Abendmahlzeit auf. Herr Friedrich, sagte
der eine Diener, Sie haben doch nichts vergessen? -- Gewi nicht,
antwortete der kleine Mann; Alles ist schon mit dem Direktor abgemacht.

Man lie den Fremden allein. Da er hungrig war, a er mit groem
Behagen; nur vermite er ungern den Wein, doch lie ihn der Durst das
Wasser schmackhafter finden, als er es unter andern Umstnden fr
mglich gehalten htte. Er ffnete das Fenster. Eisenstbe verwahrten
es; doch blickte er im Mondlicht ber eine reiche und mannigfaltige
Landschaft hin. Die Thr fand er verschlossen.

Als man den Tisch wieder abgerumt hatte, legte er sich nieder, und
schlief auf die Anstrengung des Krpers und Geistes ruhig und lange.
Nach dem Frhstck wurde die Thr mit einigen Ceremonien geffnet, und
ein starker, untersetzter Mann mit finsterer Miene und braunem Gesicht
trat herein, dessen grollende Stimme er sogleich fr diejenige erkannte,
die er schon gestern Abend gehrt hatte.

Der finstere Mann warf einen durchdringenden, festen Blick auf ihn, und
der Baron, der sich am Morgen eine lange, wohlgesetzte Rede ausgesonnen
hatte, um seine Unschuld und das Miverstndni, das ber ihm schweben
msse, aus einander zu setzen, wurde so verwirrt und bengstigt, da er
jedes Wort verga und nur wnschte, diesen Besuch erst wieder los zu
seyn.

Haben Sie gut geschlafen? fragte der verdrieliche Mann.

Besser, als ich denken konnte, da ich so pltzlich --

Lassen wir das! Haben Sie mit Appetit gefrhstckt?

O ja -- nur wnschte ich das Miverstndni, den Irrthum schnell
aufzuklren; da man mich gewi fr einen andern hlt.

Wir kennen Sie, junger Herr, besser, als Sie vielleicht glauben.

Besser? sagte der junge Mann, und wurde roth und von Neuem verwirrt.
Man hat mich um meinen Namen hier noch nicht gefragt!

Ist auch gar nicht nthig. Wir wollen keine Rollen mit einander
spielen.

Rollen? Wie meinen Sie das?

Wie man so was meint. Sie sollen sich nicht verstellen, Sie sollen
nicht hoffen, da Sie mich hintergehen knnen.

Wenn ich Ihnen aber so ganz bekannt bin -- so sagen Sie mir wenigstens,
-- wo befinde ich mich? Ich bin vielleicht zwanzig Meilen gereist, ohne
zu wissen wohin.

Lassen wir das noch jetzt, dergleichen mu Ihnen frs Erste noch ganz
gleichgltig seyn.

Die Forderung ist mehr als sonderbar.

Bester junger Mann, sagte der Alte, um alle diese uerlichen
Zuflligkeiten mssen Sie sich jetzt gar nicht ngstigen. Es wird eine
Zeit kommen, in der Ihnen Alles klar aufgeht.

Und welch Schicksal erwartet mich?

Das wird ganz von Ihrem Betragen abhngen! Sind Sie sanft und ruhig,
so wird Ihnen kein Mensch etwas in den Weg legen; knnen Sie es ber
sich gewinnen, vernnftig zu seyn, wenn es Ihnen auch im Anfange etwas
schwer ankommen sollte, so wird man Ihnen alle Achtung bezeigen, die Sie
erwarten knnen, und es liegt in Ihrer Hand, wie frh oder spt Sie Ihre
Freiheit wieder erhalten werden.

In meiner Hand? fragte der Gefangene, indem er seine Hnde
betrachtete.

Dummheit und kein Ende! fuhr der Alte ungeduldig heraus, ich dachte es
wohl, da der Diskurs nicht lange auf der geraden Strae bleiben wrde.
Figrlich gesprochen, junger Herr! Wie Sie sich benehmen, so wird man
sich wieder gegen Sie benehmen; vielleicht sind Sie in Jahr und Tag
wieder auf freien Fen: das heit, Jngling, (damit Sie nicht wieder
querfeldein fragen) wenn Ihre Beine wieder frei sind, wird hoffentlich
das brige Zubehr, sogar der Kopf wieder mitlaufen drfen.

Und was befiehlt man, fragte der Baron, das ich vorstellen soll? Wie
soll mein Name heien? Denn es scheint, da hier ein strenges Regiment
obwaltet, dem man sich fgen mu.

Nur keine Qungeleien! rief der alte Mann; machen Sie nicht, da ich
hrter seyn mu, als ich von Natur bin; denn das ist mein Elend, da der
Teufel mir so ein breiweiches Herz eingesetzt hat, da ich eigentlich
ein altes Weib htte werden mssen. Nun, lieber Herr Graf, wir werden
uns schon noch verstehen lernen.

Graf? rief der Baron; also doch wenigstens eine Standeserhhung. -- Er
war nach diesem Worte pltzlich viel heitrer geworden; die Beklemmung,
die ihn drckte, schien ziemlich verschwunden.

Ja, Graf, nicht anders, fuhr der Alte fort; ja, mein junger Herr, man
wei hier mehr von Ihnen, als Sie begreifen knnen.

Nur noch eine Frage, dann will ich schweigen, sagte der Baron. -- Bin
ich etwa hier, wegen des Verhltnisses, das vor zwei Jahren die
Baronesse --

Still! rief zornig der Alte; das ist es ja eben; an Liebe mssen Sie
hier gar nicht denken, so wie Sie auf diese Passion gerathen, mssen
gleich Anstalten getroffen werden; weder Baronesse, noch Grfin, noch
Frulein, selbst das Wort Frauenzimmer mu nicht von Ihren Lippen gehrt
werden! Nun geben Sie mir die Hand, da ich Sie noch einmal bewillkomme.
Ich hoffe also, Sie werden uns keine Schande machen.

Er hielt die Hand des Barons lange in der seinigen eingeschlossen,
drckte sie, schob seine Finger hinauf, fast als wenn er den Puls fhlen
wollte, sah dem jungen Mann noch einmal scharf in die Augen, und
entfernte sich dann schnell nach dieser sonderbaren Begrung.

Nach einiger Zeit erschien der kleine freundliche Mann, den man den
Herrn Friedrich nannte. Nun, sagte dieser, es ist ja gut abgelaufen;
unser melancholischer Gebieter ist ja mit Ihnen zufrieden, er meint, es
wrde schon werden.

Aber, wo bin ich nur? fragte der Baron.

Der Kleine legte mit einer sehr listigen Miene den Finger auf den Mund,
kruselte die Lippen, zog die schmalen Schultern bis zu den Ohren, und
sagte dann ganz leise: so lange Sie noch blo auf Ihr Zimmer
eingeschrnkt sind, darf ich nichts Bestimmtes mit Ihnen sprechen; aber
wenn Sie erst einmal herunter gekommen sind, dann wird Ihnen nichts mehr
Geheimni bleiben.

Wer sind Sie, fragte der Baron eifrig, und wer ist der Mann, der mich
heute besuchte?

Nichts! nichts! rief der Kleine; sehn Sie, Verehrter, wir sind Alle ohne
Ausnahme nur das, was unser gestrenger Herr uns befiehlt zu seyn. Hat er
doch nun die Macht einmal; woher er sie hat, das wei der Himmel wohl am
besten, der sie ihm verlieh. Sehn Sie, er ist sehr hypochondrisch, und
fast niemals vergngt, und darum verlangt er, Alles im Hause solle auch
ehrbar und fromm zugehn. Eine unbillige Forderung. Ich gelte aber doch
viel bei ihm, und er meint, ich htte Gaben. Nun haben Sie gleich beim
Eintritt durch Ihr feines vornehmes Wesen mein ganzes Herz gewonnen, --
Sie sehn einem groen Feldherrn so hnlich, den ich einmal gekannt habe;
aber ich bin doch zu schwach, Ihnen zu helfen.

Wie so, zu schwach?

Betrachten Sie nur selbst meine Schultern, wie schmal, flsterte der
kleine Mann. Ja, wenn ich mehr heben und arbeiten knnte; wenn ich mich
nicht immer so schonen mte; wenn ich mir mehr bieten drfte, so wre
mein Schicksal wohl ein ganz anderes, als hier im Hause herum zu
kriechen.

Er entfernte sich, um dem Fremden das Mittagsessen zu holen, verschlo
aber sorgfltig indessen die Thr.

                   *       *       *       *       *

Der Rath Walther hatte den Arzt wieder aufgesucht, um ber den Plan
ihrer gemeinschaftlichen Reise zu sprechen. Der Doctor hatte von seinem
entlaufenen Zgling noch keine Nachrichten; er war jetzt neugierig, was
sein Freund, dem er sich immer enger anschlo, ihm wrde zu erffnen
haben.

Vielleicht, fing dieser an, sehe ich schon in einigen Tagen einen
Jngling wieder, dem ich seit vielen Jahren schon, seit ich ihn als
Knaben kennen lernte und aufwachsen sah, meine Freundschaft, ja mein
ganzes Herz schenken mute. Alle unsere Bcher sind voll von
Schilderungen der sogenannten Liebe; genau sind alle ihre Kennzeichen
beschrieben, die Steigerungen, so wie die Verirrungen dieser
Leidenschaft nachgewiesen, und von der _Freundschaft_, die eben so
wundersam, zuweilen noch seltsamer erscheinen kann, wird kaum
gesprochen, oder man setzt sie voraus, und meint, sie zu schildern, sei
ohne Interesse. Wenn Alle zu _lieben_ glauben, ist es vielleicht nur
Wenigen gegeben, im wahren Sinne _Freund_ zu seyn. Ich habe mich frh
und ohne Leidenschaft verheirathet, und bin glcklich in meiner Familie.
Aber von frhster Jugend habe ich das Talent in mir ausgebildet, Freund
seyn zu knnen, mich dem geliebten Gegenstande hinzugeben, seine
Eigenheiten, Schwchen und Vortrefflichkeiten zu erkennen, mich zu
berzeugen, wie bei den verdienstvollen Menschen die einen nicht ohne
die andern seyn knnen, und alle Liebe ohne gegenseitiges Ertragen nicht
mglich ist. Doch, um nicht zu weitluftig zu werden, sage ich nur, da
es mir gelang, viele und sehr verschiedene Freunde zu erwerben; doch
hatte ich noch nie das seltsame Gefhl kennen lernen, das mich zu einem
Knaben hinzog, der in unsrer Familie aufwuchs und ein entfernter
Verwandter von mir war. Er hatte nichts mit andern Kindern seines Alters
gemein; er nahm an ihren Spielen nicht Theil; er sonderte sich ab, und
lebte, seine Lehrstunden abgerechnet, ganz einer trumenden Einsamkeit
hingegeben. Da der junge Mensch schon frh seine Aeltern verloren hatte,
so war sein Vormund, ein liebevoller Oheim, sehr um ihn besorgt. Fragte
man Raimund, so hie der Knabe, was ihm fehle, so antwortete er immer,
ihm sei in der Einsamkeit unendlich wohl; ihn stre das Gerusch der
Welt, er sinne sich und seinen Empfindungen nach. Hauptschlich schien
ihn eine Wehmuth ber das Elend der Welt, ber ihre Armuth und Krankheit
zu durchdringen, vorzglich ber die Feindschaft und den Ha, den er so
oft wahrnehmen mute. Der Vormund wnschte, ihn zum Geschftsmann
heranzubilden, oder ihm doch die Fhigkeit zu verschaffen, das groe
Vermgen, das er fr ihn bewahrte, knftig selbst verwalten zu knnen.
Die Bemhungen aber, den Weichgestimmten mit den Verhltnissen der Welt
bekannt zu machen, schienen immer vergeblich; denn so leichte
Fassungsgabe sein feiner Geist sonst verrieth; wie er in Poesie, Musik
und Natur Alles begriff, und sich das Schwierigste aneignen konnte; so
schien ihm doch der Sinn fr gesetzliche Verhltnisse, fr alles das,
was Besitz und Eigenthum sichert, fr juristische Verwickelungen,
Berechnungen und dergleichen, gnzlich verschlossen. Begriff er doch gar
nicht einmal, wie es mglich sei, da seine Capitalien Zinsen trgen. Er
hielt dies, als er selbst schon erwachsen war, fr ein Ergebni, welches
nur auf Betrug gegrndet seyn knne. Als Jngling war er die lieblichste
Erscheinung. Wir verhrten uns gewhnlich, und wohl mit Recht, gegen die
Sentimentalitt; weil dasjenige, was die Menge so nennt und schwache
Gemther interessirt, nur eine Mischung von Heuchelei und falscher
Sigkeit ist, eine egoistische Zartheit, die gerade da verletzt und roh
tyrannisirt, wo sie Liebe und Weichheit zeigen sollte. Aber in Raimund
offenbarte sich etwas Himmlisches verkrpert, und die naivste Wahrheit,
die edelste Treue und Einfalt bildeten sein Wesen. Ich konnte oft in
Gedanken beklagen, da er spterhin doch zum Manne reifen und diese
Wunderblume sich in Frucht verwandeln msse. Er blieb immer
menschenscheu; am meisten aber ngsteten ihn die schwatzenden und
lachenden Mdchengesellschaften. Die meisten Menschen verspotteten ihn;
ich allein verstand sein liebendes Gemth; doch zitterte ich auch fr
ihn, wenn ich voraus dachte, wie ihm wohl einmal ein gleich gestimmtes
weibliches Wesen begegnen knne. Dies geschah, und die Folgen waren
erschreckender, als ich vermuthen konnte. Die schngebildete Tochter
eines reichen Hauses, schwrmerisch und scheu, lernte ihn kennen. Als
wren die beiden Wesen nur fr einander geschaffen, so schnell
verstanden und vereinigten sie sich. Was ihr Glck strte, war der
Oheim, obgleich er seinen Neffen so innig liebte. Er schien der
Ueberzeugung, da diese Leidenschaft nur zu Beider Unglck ausschlagen
knne; er verweigerte durchaus seine Einwilligung zu ihrer Verbindung,
bis Raimund grojhrig geworden sei. Dieser hrmte sich und sann und
trumte nur Unglck. Blanka weinte; ihr Gram zog ihr ein Nervenfieber
zu. Nun schien auch Raimund verloren. Er irrte in den Nchten im Felde
umher, er verschmhte fast alle Nahrung, er wollte nur seinem Schmerze
leben und sterben. Als sie die gefhrliche Krise berstanden hatte,
erlaubte sich ein Bedienter den grausamen Scherz, um ihn desto freudiger
zu berraschen, ihm zu sagen, Blanka sei gestorben. Der Widerruf kam zu
spt; sein ganzes Leben schien aus allen Fugen gerissen. Es whrte nicht
lange, so war er verschwunden; jede Nachfrage, jede Nachforschung
umsonst. Sein Oheim, der Freiherr Eberhard ist auer sich; nun erst
zeigt er, wie sehr er seinen Neffen geliebt; er macht sich die
bittersten Vorwrfe, da er jene Verbindung gehindert; er zgert noch
immer, als der nchste Erbe, das Vermgen des Unglcklichen als das
seinige zu betrachten; er hofft noch immer auf seine Rckkehr, und
beweint ihn doch schon als einen Verlornen. Blanka war seitdem in einem
frchterlichen Zustande, ich habe sie nicht wieder gesehn; ihre Aeltern
verlieen die Stadt, und ein ungewisses Gercht wollte sagen, sie habe
den Verstand verloren. Denken Sie nun die Freude, die mir der Brief
machen mute, der mir eine wahrscheinliche Spur meines jungen Freundes
entdeckt. Wie werde ich den Oheim berraschen, wenn ich ihm etwas
Gewisses melden kann!

Der Arzt war nachdenkend. Eberhard, -- sagte er sinnend, -- ein Mann bei
Jahren, zwei ungleiche Augenbraunen, und eben so ein braunes und ein
blaues Auge? Auch schwebt mir dunkel vor, als habe ich aus seinem Munde
selbst die Geschichte, die Sie mir jetzt mittheilen, gehrt; nur
erzhlte er die Umstnde anders.

Ihre Beschreibung pat auf ihn, sagte der Rath; er ist von der Natur so
sonderbar gezeichnet, da man ihn nicht leicht verkennen kann.

Wie seltsam, fuhr der Arzt fort; wenn es dieser seyn sollte! -- Er
spielte in meiner Vaterstadt eine wunderliche Rolle, und bewarb sich
noch ganz krzlich um eine Schauspielerin, die nicht den besten Ruf
hatte.

Dann ist es dieser doch nicht, sagte der Rath; er lebt einsam,
eingezogen, ja neigt eher zu einer bertriebenen Frmmigkeit hin.

Man kam dahin berein, am folgenden Tage abzureisen; denn im Dorfe eines
einsamen Gebirges sollte der Jngling, von dem der Rath Nachricht
erhalten hatte, im Hause eines Predigers leben.

                   *       *       *       *       *

Es war einige Zeit verflossen, in der sich der junge Wolfsberg an seinen
Aufenthalt und seine Lage gewhnt hatte, und da er sich immer ruhig
betragen, so trat eines Tages sein Freund, der kleine Friedrich, in sein
Gemach, that einen kurzen Sprung, zuckte die Schultern, verzog sein
blasses Gesicht zum Grinsen und sagte: jetzt werden Sie einer von den
unsern; der Alte schickt mich, Sie mchten in den Gesellschaftssaal
hinunter kommen.

Sind viele Leute dort? fragte der Baron.

Je nun, eine hbsche Gesellschaft; bald mehr, bald weniger; mancher
reiset dann auch wieder ab, und so habe ich vorige Woche einen meiner
besten Freunde auf der Welt verloren.

Sie traten in den untern groen Saal, und Wolfsberg, der so lange in der
Einsamkeit und im kleinen Zimmer gelebt hatte, war so vom Licht, von der
Gesellschaft und dem weiten Blicke ber die Ebne und das Waldgebirge hin
geblendet, da er sich nur schwer fassen konnte, und einige Zeit
brauchte, um sich mit allen diesen Gegenstnden, vorzglich aber mit den
Menschen in dem groen Gemache bekannt zu machen. Der Direktor ging mit
groen Schritten auf und nieder, noch finstrer, als er gewhnlich war;
er schien nur seinen Gedanken nachzuhngen, und sich um die Gesellschaft
nicht zu kmmern. Er bemerkte auch den Eintretenden nicht, und
erwiederte nichts auf dessen Gru. Zwei Mnner spielten mit groer
Anstrengung und gespannten Mienen Schach; in einer Ecke las ein Andrer
in einem Buche, lchelte zuweilen, oder schttelte den Kopf, machte auch
zuweilen Geberden der Billigung, so da er vllig mit seinem Autor
beschftigt schien. Auf einem Lehnstuhle war ein Mann eingeschlafen, der
durch sein rothes Kleid auffiel; noch mehr dadurch, da sein Kopf von
einem groen dreieckigen Hute bedeckt war. Starr nach dem Himmel und
dessen Wolken war der Blick eines Andern gerichtet, der einen Maastab
in der Hand hielt, dessen Zolle er dann immer wieder von Neuem
berzhlte. Drei seltsame Gesichter standen abseits, und stritten
lebhaft. Der eine von diesen Mnnern war sehr beleibt; sein Kopf
aufgedunsen, die Augen waren fast verschwollen, er krchzte mehr, als er
sprach, und stach um so mehr gegen seinen schmalen langen Nachbar ab,
dessen Gesicht so drr und bleich erschien, da man kaum noch Lippen
darauf wahrnahm, indem die groen blauen Augen aber desto auffallender
hervor leuchteten. Der dritte Redner lachte bestndig mit seinem groen,
aufgeworfenen Munde, und zerrte die wundersamsten Linien in seine
kupfrigen Wangen hinein. Wolfsberg sah sich um, von seinem getreuen
Friedrich Einiges ber diese sonderbare Versammlung zu erfahren; dieser
aber war verschwunden, und er mute also selbst Bekanntschaft zu machen
suchen. Er nherte sich den Schachspielern, und sah beim ersten Blick,
da beide Knige im Schach standen, ohne da es die Streitenden trotz
ihrer angestrengten Aufmerksamkeit bemerkten; aber seine Verwunderung
stieg noch mehr, als man den weien Thurm nahm, ihn schrg ber das
Brett zog, mit ihm einen Lufer schlug, und ihn darauf neben den Knig
stellte. Der braune Knig retirirte nun behende als Springer, und ein
weier Springer nahm mit einem Satz im Zickzack drei Bauern zugleich
weg. Wie, meine Herren, rief Wolfsberg aus, Sie spielen ja ganz gegen
die ersten Regeln! Was? rief der eine tiefsinnig vom Brett aufsehend;
sehn Sie einmal, durchlauchtiger Kriegsgefhrte, der Neuling will uns
wohl Schach spielen lehren? -- Nehmen Sie es dem Grnling nicht bel,
erhabener Mann, antwortete die andere Figur: er ist augenscheinlich
nicht in die Geheimnisse des Cosroes und die alte orientalische
Spielweise eingeweiht; er wei es ja nicht, da Sie einer der Urindianer
sind, groer Geist, und will nun seine Fibelweisheit hier scheinen
lassen. Wissen Sie, junger Abendlnder, Vandal, oder Gothe, vielleicht
Slave, -- man spielt hier nicht mit Brett und Schritt und Sprung, wie in
den Westlndern; unser freier Geist erkennt weder die conventionelle
Wrde des Knigs, noch den niedern Rang der Bauern, sondern wir spielen
nach Sympathie, in jenem Geist, der alle Welten nach unsichtbaren
Gesetzen zusammenhlt! In jeder Nacht hat mein Freund eine neue
Inspiration, am folgenden Tage bin _ich_ inspirirt; dann errth der
andre durch hochgetriebenen Instinkt, welch neues System sein Mitspieler
ersonnen hat und geht in seine Mysterien ein. Das ist gar eine andre
Vielseitigkeit, als das moderne Hin- und Herrutschen der Figuren.

Das ist freilich eine andre Sache, sagte Wolfsberg, indem er sich zurck
zog. Er nherte sich dem Lesenden, sah aber zu seinem Erstaunen, da
dieser das Buch verkehrt hielt, und rckwrts die Bltter umschlug. Wie,
mein Herr, sagte er hflich, sind Sie so zerstreut, da Sie nicht
bemerken, wie man auf diese Art nicht lesen kann? Oder sind Sie der
Kunst etwa gar nicht mchtig? -- Der Lesende stand schnell auf, machte
ihm eine sehr tiefe Verbeugung, sah ihn an, beugte sich noch tiefer, und
sprach dann mit einer lispelnden Stimme und mit berhflichem Tone:
geruhen dieselben gtigst zu bemerken, mein verehrter Herr Unbekannter,
da es denenselben gefllt, sich wie ein wahrer Einfaltspinsel
auszudrcken. Nicht etwa, da ich in Ihre eben so tiefen, als
ausdrcklichen Einsichten einen Zweifel setzen wollte (fern sei von mir
ein solcher Frevel!), so scheint es mir doch einleuchtend (mchte ich
Sie auch brigens anbeten), da Sie mit der crassesten Ignoranz ber
eine Wissenschaft sich uern, die freilich Ihrem elenden, kurzen,
stmperhaften Horizonte weit entwachsen ist. Was? Weil ich etwa nicht
von vorn lese, oder das Buch verkehrt halte, darum knnte ich nicht
lesen? Ja, und wenn ich nun selber keinen Buchstaben wte, armer
Hergelaufener, und ich nhme das Buch nur mit Glauben und Andacht in die
Hand, knnte es nicht auch in mich bergehen? Habt Ihr denn wohl schon
oft lesend gelesen, und verstehend verstanden? Ja, Druckerschwrze und
die krausen Figuren sind Euch in die Augen, Geruch von Leim und Papier
in die Nase gekruselt, und dazu habt Ihr eine Physiognomie geschnitten,
wie Schafe beim Gewitter, und meint alsdann, Ihr habt Weisheit in Euch
geschlrft, oder seid Eurem berhmten Autor gar noch ber den Kopf
gewachsen! Bester Nichtdenker, verehrter Strohkopf, ich war seit Jahren
Recensent, thtig und einsichtsvoll, gewhnte mich ans Blttern und
hatte immer um so mehr Urtheil, um so weniger ich las; ich brachte es zu
der Hhe, da ich kaum den Titel anzusehn brauchte, nur, wo verlegt, so
hatt' ich das ganze Buch weg. Ist das etwa keine Kunst? Seit ich mich in
diese Einsamkeit zurck gezogen, habe ich, weil ich ein demthiger
Charakter bin, wieder zu lesen angefangen; aber warum denn von vorn? Das
_Ende_ ist mein Anfang, und da ich mich lngst gebt habe, die Schrift
umgekehrt zu erkennen, so wre es mir nun gar nicht mehr mglich, auf
Eure dumme, hirnlose, vllig altfrnkische Art die Sache zu treiben. Und
wo ist denn der Anfang, der anfinge, Ihr Gimpel? Setzt nicht das erste
Verslein im Mose schon einen andern Anfang voraus? Und wenn wir den
fnden, wiese er dann nicht wieder auf ein Voriges? O Ihr Bettelmann der
Gegenwart und Drftigkeit! ein Ende giebt es; ja in Eurem Verstande; mit
dem seid Ihr lngst zu Ende! -- Er verbeugte sich hierauf wieder sehr
tief und beschlo: Verzeihung, Verehrtester und Einsichtsvollster aller
Trefflichen, wenn ich, so tief ich auch unter Ihnen stehe, nur durch ein
geringes Scherflein habe andeuten wollen, wie sehr ich mich bestrebe,
Ihre Meinung zu fassen, und gewi nicht wagen werde, Ihnen irgend in
Hauptansichten zu widersprechen, sondern nur submissest einige kleine
Zweifel, welche die Bitte um Belehrung enthalten, entgegen zu schtten,
und dadurch nur Veranlassung gebe, noch tiefer Ihr tiefes Ingenium und
noch klarer Ihren klaren Geist, noch glnzender die Glanz-Atmosphre
Ihres Wissens, Denkens, zu entwickeln, -- und ^enfin^, excellenter Mann,
ich verstumme.

Heiliger Himmel! rief Wolfsberg mit Entsetzen aus, denn er erkannte nun
erst, indem er noch einen hastigen Blick auf alle Gruppen warf, wo er
sich befinde, -- ich bin in einem _Narrenhaus_! Wer hat die
Unverschmtheit gehabt, mich hieher zu versetzen?

Bei diesem lauten Ausruf und dem Worte Narrenhaus wurden pltzlich
alle Thoren aus ihren stillen Gesprchen und Speculationen
aufgeschreckt. Der Beobachter lie seinen Maastab fallen und rannte
herbei; der Aufgedunsene, der Bleiche, so wie der Kupferfarbene liefen
schreiend herzu; die Schachspieler sprangen auf; der Lesende machte ein
grimmiges Gesicht, und der schlafende Rothrock erwachte, indem er
zugleich eine kleine Peitsche aus dem Busen zog. Was? Wie? schrieen Alle
und tobten durch einander -- ein Narrenhaus? Herr! Wissen Sie, was Sie
sprechen? Er wird auch nicht fr die Langeweile hier seyn, sagte der
groe krftige Mann im rothen Rock, und er darf mir nicht viel gute
Worte geben, so lasse ich ihn hier, so wie meine Pygmen, tanzen, bis
die bsen Geister aus ihm gefahren sind.

Und wo sollten Sie denn sonst seyn, lieber Mann, schrie der Direktor
zornig, der den verwirrten Haufen theilte und jeden zur Ruhe verwies;
wenn Sie sich aber so auffhren und sich in Gesellschaft nicht zu nehmen
wissen, so werden wir Sie wieder auf Ihr kleines Stbchen einquartiren
mssen. Dies Wort zu nennen, was Sie gebrauchen, schickt sich in diesem
Hause gar nicht, und schon aus Achtung vor mir mssen Sie es vermeiden!
Und wer Sie hieher gesandt hat? Mnner, denen Sie nicht verweigern
werden, Gehorsam und Ehrfurcht zu bezeigen!

Wolfsberg war still und nachdenkend geworden, und der Rothgekleidete
rief: hab' ichs nicht gesagt? indem er zugleich die kleine Peitsche nahm
und eifrig gegen alle Wnde des Saales schlug, bis er auer Athem und
ganz kraftlos war. Der Director wandte sich unwillig ab, und als der
Ermdete sich wieder in seinen Sessel geworfen hatte, trat Wolfsberg zu
diesem und fragte: was machten Sie eben, und was hat diese Anstrengung
zu bedeuten?

Was? rief Herr Kranich aus (denn so nannten ihn die Uebrigen), Herr,
wenn ich nicht wre und die Augen immer offen htte, so wren Sie und
alle Uebrigen hier verloren; ja, ich mchte wohl wissen, was von der
Welt sonderlich brig bleiben wrde. Sie sehn es nicht, wie diese
verdammten Pygmen, kleine bse Geister, mich allenthalben verfolgen,
Gesichter schneiden, und alles Uebel auf Erden anrichten. Von diesen
rhrt auch Ihre Verstockung her, da Sie nicht einsehn wollen, was an
Ihnen ist; von diesen kleinen Creaturen entspringt alles Unglck, und
ich mu sie unaufhrlich bewachen, um nur zu verhten, da sie nicht das
Aergste ausben.

So war Alles wieder beruhigt, als man einen Landedelmann mit seiner
Familie anmeldete, die sich das Haus betrachten wollten. Ein ltlicher
Mann trat lchelnd herein und sah sich selbstgengsam um; ihm folgte
eine erwachsene Tochter, blde und einfltig, und ein ebenfalls
erwachsener Sohn, der sich gleich das Ansehn gab, als wenn er hier zu
Hause gehre. Der Director fuhr sogleich barsch auf sie zu, und fragte
heftig, was zu ihrem Befehle sei. Gott bewahre! stammelte der Edelmann,
indem er scheu zurck trat; ist denn hier kein andrer ruhiger Mann, der
uns herumfhren, und die Merkwrdigkeiten zeigen kann? Der Director
sammelte sich wieder und sagte in sanftem Tone, da er selbst der
Vorsteher dieser Anstalt sei, und da er sich ihm und dem kleinen
Friedrich, der sich unterdessen wieder herbei gemacht hatte, getrost
anvertrauen knne. Sie gingen hierauf friedlich durch den Saal,
ergtzten sich an der Aussicht und betrachteten die Gesellschaft aus der
Ferne, als sich der Kupferfarbene herbei machte und um die Erlaubni
bat, etwas vorzutragen.

Meine beiden trefflichen Schler, fing er an, mchten heute einen
poetischen Wettstreit halten, wie er bei den alten Griechen wohl blich
war, und es trifft sich gut, da einige Fremde, als ganz unbefangene
Zuhrer zugegen seyn knnen, um ber die Verdienste meiner begeisterten
Scholaren nach reifer Prfung ein Urtheil zu fllen.

Er winkte, und der lange Blasse, so wie der Beleibte mit dem
verschwollenen Gesichte nherten sich. Die Uebrigen schlossen einen
Kreis; der Lesende drngte sich am nchsten, und der Pygmenbekmpfer
sah kritisch umher, ob auch keine bsen Geister die poetische
Unterhaltung stren mchten.

Der Mann mit der Kupfernase wandte sich hierauf an den Edelmann, den er
freundlich bei der Hand nahm und ihm die Tressen seines grnen Kleides
streichelte. Englischer Mann, sagte er zrtlich, verstehen Sie wohl
Galimathias zu sprechen?

Nein, sagte jener; was ist das fr eine Sprache?

Schade, fuhr jener fort; da werden Sie es nur halb genieen knnen, denn
etwas wenigstens sollten sich wohl alle Menschen damit befassen. Es ist
zu verwundern, wie wenig wir immer noch auf unsre eigentliche Ausbildung
wenden. Tretet zuerst vor, mein theurer Freund und Schler, wrdiger
Troubadour und Meistersnger!

Der Aufgeschwollene rusperte sich, athmete tief auf und sprach dann
schnell, aber mit einer krhenden Stimme: Sind wir nicht alle innigst
von dem Gefhle durchdrungen, da, wenn eine Krebsmoral erst an der
tiefsten Wurzel der Menschenschicksale nagt, kein einziges Schaalthier
mehr auf den Hhen der Gebirge wird gefunden werden? Gewi, meine
Theuersten, schlgt jeder mit erneuertem Mannsgefhl auf seine Brust,
wenn er bedenkt, da bei dem siderischen Einflu, den jede Theemaschine
auf die Verflechtung innerer Organe und Inspirationen unbedenklich
ausstrmt, die alten Germanen nimmermehr ihren Wodansdienst ohne
Hlfsleistung abnormer Zustnde und tief empfundener mikroskopischer
Ansichten wrden haben durchsetzen knnen. Denn hier kommt es ja nicht
auf ein oberflchliches, leichtgewagtes Entdecken vulkanischer
Revolutionen an; sondern die Menschheit selbst ruft das in uns auf, was
schon im Anbeginn der Zeiten reif und heterodox, aber im galvanischen
Mittelpunkt unendlicher Verschlossenheit, tief und geheimnivoll
gebrtet hat. War es denn nicht auch damals dieselbe groe
Schicksalskatastrophe und Weltumschwungsaxiomatische Wunderbegebenheit,
als dasjenige, was man bis dahin nur fr orkanische Centripetalkraft
abgewogen hatte, sich pltzlich als das ungeheure Ixionsrad
schwrmerischer Antidiluvianer manifestirte? So merken wir, ist unsre
Seele anders nicht vllig aphoristisch gebildet, und im Mausoleum
hyrkanischer Waldgtter anticipirt worden, da umgekehrte Verhltnisse
sich immer wieder zu Kegelausschnitten gestalten, wenn die Galaxie der
Planeten sich in ekliptische Rodomantaden verwandeln mchte. Aber
festhalten mssen wir einen Gedanken, da die Hieroglyphen immer nur
wieder Apostrophen ausgebren knnen, wenn wir nicht mit den
conglomerirten Gnostikern annehmen wollen, da die Hypotenuse der
Polarvlker immer wieder in die materiellste Abstraction der
eleusinischen Pyrrichien verfallen mte, an welchem Irrthum auch schon
der berhmte Johann Ballhorn in seinem groen granitgebundenen Werke vom
Phlogiston der Polypenkrater verstorben ist, da er ein Apostem der
groen alchemistischen Tinktur mit den rauschenden Katarakten der
Amathontischen Apodiktik mehr als ihm billig zugegeben werden konnte,
verwechselt hat. So hoffe ich denn bewiesen zu haben, da immer und ewig
das groe Geheimni der peloponnesischen Antithese klar und verstndlich
ist ausgesprochen worden.

Gewi! sagte der Edelmann.

Sublim! rief der Leser aus.

Ein Beifallsmurmeln ertnte aus der dichtgedrngten Umgebung.

Nun, Grge, was meinst du? fragte der Edelmann, indem er sich an seinen
Sohn wandte, der mit starren Augen und offnem Munde zugehrt hatte.

Ich wollte nur, antwortete Grge, unser Herr Pastor wre hier, der den
Mann vielleicht widerlegen knnte; denn seine Reden klingen fast eben
so.

Nun hre man aber auch, rief der Kupferne, meinen zweiten Zgling, den
edeln, sanften Musenliebling.

Die lange, hagre Gestalt trat hervor und klagte in einem weinenden,
schnell singenden Tone also: Ist nicht die Liebe und immer nur wieder
die Liebe das hoch erhabne athletische Bildwerk der chten attischen
Hybla-akademischen, sfltenden Nachtigallen-Atmosphre? Wer mchte
sich der Thrnen enthalten, wenn flutende Herzenslustren im Umschwung
der zartesten Cicaden-Gesinnung nicht endlich einmal zur Vollendung
einer umarmenden Schicksals-Apotheose hinstreben sollen? Denn das
Bildwerk liebender Gestirne ist ja doch nur ein Abglanz huslicher und
mattherzig rhrender Sarkophag-Mumien-Attribute; vorausgesetzt, das
fromme kindliche Gemth hat sich schon in eine Phalne von trumerischen
Allegorieen verwandelt, und ist die ganze sublunarische
Etymologie der peripatetischen, eben so groartigen, als
herzergreifenden Sylbenstechereien uralter Religionsentzndungen
durchgegangen. Fragt sich einzig nur: hat ein kryptogamisches
Pfeifergericht von enggetriebenen Bildwerken nicht immerdar den
Blumenstaub somnambulistischer Zustnde auf hydraulische Weise mit
Prophetenencyklopdieen vorher verkndigt? worauf die mathematische
Antwort lautet: so gewi der Umkreis der Welt einzig in den Umfang
sanfter Cirkelschwingungen gebannt ist, so gewi hat auch jede Periode
und bacchische Begeisterung im Lichtscheine der erotischen Neufundlnder
Sitz und Stimme gefunden. Denn, was ist es denn, was das Echo unsrer
Brust ewig beweint? Nicht wahr, da noch kein Sterblicher in das
Universal-Paradoxon der Himmelskrfte hat einschlpfen knnen? Aber
dennoch sagen uns begeisterte Seher, da das Berlappenmehl dazu diene,
den Blitz der Gtter, so wie alle diagonale hochgefeierte Perioden des
Immateriellen zu erschpfen, wenn wir nicht vergessen, da Phidias darum
der Groe genannt wird, weil er zuerst die petrarkische Elegie in der
neuen Ausgabe der Homilien hat mit Vignetten in einen groen Salat von
Vergimeinnicht bei den Olympischen Spielen verzehren lassen, was eben
die Ursache war, da Romeo und Julia sterben muten, so sehr sie auch
vorher auf Pardon vom Knige von Abyssinien rechnen durften. Aber
das ist das Groe und Erschtternde eben in den edelsten
Lebensverhltnissen, da die Liebe des Herzens immer wieder auf die
reine und unreine Mathematik angewendet werden soll, was doch kaum dem
Platonischen John Bull mglich gewesen ist, mit Hlfe seines Freundes,
des groen Eklektikers Pope, vermge seiner Stanzen und der noch
berhmtern Parlamentsreform einzufhren. Daher bleibt unserm Leben diese
ewige Trauer, da jede Sonnenblume in Oel kann verwandelt werden, wenn
wir umgekehrt niemals einen Tropfen Oel in Blumen, ja kaum in Sonnen
umschmelzen knnen; daher ist die Thrne an unsrer Wimper ein zartes
Herzenssiegel, welches tropfend beurkundet, da wir alle nur
Blindschleichen und arme Wrmer sind. Dies herzzerreiende Gefhl
mitzutheilen, habe ich mich nicht enthalten knnen.

Die Tochter des Edelmanns weinte und sagte: ja wohl, ist unser Leben nur
ein zerbrechliches Geschirr! Der Lehrer aber sah triumphirend umher und
fragte: nun, meine Freunde, welchem wrden Sie den Preis zuerkennen?

Das zweite, sagte das junge Mdchen, war mehr fr das Herz, das erste
mehr fr den Geist.

So ist es, sagte Herr Kranich; der lange Herr Melchior hat die beste
Rede gehalten: wir sind Alle gerhrt; dazu hat er eine Stimme wie eine
Nachteule oder Unke: die Thrnen laufen einem ber die Nase, man wei
nicht wie.

Ja, meine theuern Freunde und Sie, verehrte fremde Zuhrer, sagte der
beleibte Lehrer, ich bin stolz darauf, da ich in diesen beiden Mnnern
diese groen Talente habe wecken und zur Reife fhren knnen. Diese
sokratische Hebammenkunst ist es, in welche ich meinen Stolz setze, da
ich selber nichts dergleichen hervor bringen kann. Aber meine Schler
werden mich unsterblich machen. Doch soll der liebende, herzliche
Melchior seines Kranzes nicht entbehren.

Er heftete diesem einen Stern von Blech an die Brust, mit welchem der
lange blasse Mann sich brstend durch den Saal schritt. Der Aufgedunsene
ging verdrielich in eine Ecke und murmelte: Abgeschmackter Kerl! Er hat
doch durchaus keinen Begriff vom Aechten! Ich von ihm gelernt! Ja,
freilich, wenn ich solche Alfanzereien sprche, wie die aschgraue
Hopfenstange!

Ruhig, groer Mann, sagte der Lesende, der ihm nachgegangen war; das
Erhabene wird nie verstanden, so ist es vom Anfang der Schpfung
gewesen: der grere Sophokles wurde eben so vom slichen Euripides
verdunkelt; Terenz mute Seiltnzern weichen; Phidias ward verkannt;
Dante aus seinem Vaterlande vertrieben. Lassen Sie den Narren mit dem
alten Stckchen Blech laufen; Ihr Herz sei Ihr Elysium, und morgen werde
ich Ihnen eine zinnerne Schnalle bringen; heften Sie diese an Ihre
erhabene Brust und verachten Sie den Gegner.

Der Edelmann hatte sich indessen wieder mit dem Sokrates ins Gesprch
eingelassen, und bewunderte am meisten, da die beiden Proberedenden
diese Flle von Gedanken und gelehrten Materien so aus dem Stegereif
htten hersagen knnen. Begeistrung, rief der Sokratiker, ist Alles: sie
haben ihr Gemth gesammelt, und dann aus dem Mittelpunkt ihres Wesens
den rauschenden Springquell der Suada hingestrmt.

Ich kann niemals, uerte der Edelmann, gegen meinen Pfarrer zu Worte
kommen; wren Sie nun capabel, mir auch die Zunge zu lsen, da ich so
wie ein Advokat oder Prokurator zu reden wte?

Der Director zupfte kopfschttelnd den Edelmann am Rocke; dieser sah
sich verdrielich um, indem der finstre Mann zu ihm sagte: lieber Mann,
Sie verweilen offenbar zu lange in dieser Gesellschaft; dieser Umgang
kann Ihnen unmglich gut bekommen.

Indem erhob sich ein lautes Getmmel am andern Ende des Saales. Lassen
Sie mich ungeschoren; rief der junge Wolfsberg laut, ich mte ja selbst
unsinnig seyn, wenn ich dergleichen Unsinn bewundern, oder mir
auseinandersetzen wollte, welche von den beiden abgeschmackten Reden die
bessere sei.

Die erste ist aber die bessere, rief der Lesende, und wenn Sie keine
Kritik mehr respectiren wollen, so ist es mit Ihrem eigenen Verstande
nur schwach bestellt. Und was nennen Sie denn Unsinn, Bester? O mein
verehrter Widerwrtiger, hundert Meilen wollte ich reisen, wenn ich
dergleichen doch nur einmal in Wahrheit anzutreffen wte. Das ist ja
mein Jammer, da ich mich schon seit lnger als zehn Jahren damit
abqule, einmal den Unsinn zu finden. Aber rutschen Sie durch zehn
Schauspielhuser, und wenn Sie in jedem flchtig auch nur ein paar
Secunden verweilen, so hren Sie leider allenthalben etwas leidlich
Vernnftiges; ja was noch schlimmer ist, die zehn kurzen Fragmente aus
dem Trauer- und Lustspiel, aus dem Familiengemlde und der Posse, aus
der Oper und dem Nachspiel, werden zusammen noch einen passabeln Satz
formiren, ber den sich sprechen lt. Ein Blttchen, das Sie finden,
ein Wort, das Sie aus dem Fenster hren, ein Gesprch aus einer
vorberrollenden Kutsche, Alles, Alles will leider noch etwas
Verstndiges aussprechen. Habe ich es nicht damals, als ich diese
Liebhaberei zuerst bekam, an mich gewandt, die brillantesten Romane und
Schauspiele, die verrufensten Broschren anzukaufen und zu lesen, weil
ich von allen Seiten hrte, da Unsinn darin vorkme. Nichts da! Eine
alberne dumme Vernnftigkeit fand ich allenthalben, da die Sachen mich
auch gleich anekelten, eine miserable Lust, hie und da ber die Schnur
zu hauen, und gleich zum alltglichen Verstande, wie Kinder im Finstern
zur Mutter zurck gelaufen. Ja, mein Herzensfreund, in allem dem
Geschwtz ber Liberalismus und Monarchismus, in diesen Schilderungen
von Riesen, Rittern und Pferden, in den Elementargeistern und
Gespenster-Katzbalgereien, in dieser frmmelnden, liebesiechen
Inspirationssucht ist immer noch kein rechter Aufschwung; allenthalben
die kalte Vernunft; die Philisterei der Philisterei; und so sehr ich
unsern Demosthenes oder Aeschylus hier in seiner ersten Rede verehre, so
mchte ich sie doch nicht so bertrieben loben, da ich sie unsinnig zu
nennen wagte, denn jeden einzelnen Satz wrde ich zu beweisen
unternehmen und auch zeigen knnen, wie innig alle unter einander
zusammenhangen. Von der zweiten Rede kann gar nicht die Rede seyn, denn
sie war ganz trivial.

Der verschmhte Redner hatte sich indessen die Zinnschnalle aus dem
Zimmer des Lesenden geholt, und stolzirte mit diesem Schmucke schon im
Saale auf und ab. Der Blasse wollte ihm die Auszeichnung nicht gnnen,
weil sie seinen eignen Ruf zu beeintrchtigen schien. Er ging daher auf
den Usurpator zu, und suchte ihm das glnzende Zeichen zu entreien;
dieser aber wehrte sich und wurde vom Recensenten vertheidigt. Die
Schachspieler nahmen dieselbe Partei, indessen der Denker mit dem
Maastabe den sanften Melchior zu beschtzen strebte. Der Edelmann und
Wolfsberg standen in der Mitte, und da sich bald aus dem Geznk ein
Stoen und Schlagen entwickelte, so zog der Pygmen-Bekmpfer seine
kleine Peitsche hervor, und schlug ohne Unterschied unter beide Parteien
hinein, indem er behauptete, da er allenthalben auf Rcken und
Schultern jene bsen Geister wahrnehme, welche nur aus Bosheit diesen
Zank und Streit unter Menschen erregt, die bisher immer als befreundete
Wesen mit einander htten leben knnen. Der Director fuhr ebenfalls
tobend dazwischen, und durch seine drohenden und ernstlichen Worte ward
der Friede endlich wieder hergestellt, obgleich Wolfsberg und der
Edelmann, beide als unschuldige Zuhrer, manchen Streich davon getragen
hatten, weil es die boshaften Pygmen-Geister nicht unter ihrer Wrde
gehalten hatten, diese neutralen Leiber whrend des Krieges besetzt zu
halten. Der Edelmann verlie die Anstalt sehr verdrielich, und sein
Sohn Grge begriff nicht, wie eine so lehrreiche Unterhaltung ohne alle
Veranlassung eine so kriegerische Wendung hatte nehmen knnen.

                   *       *       *       *       *

Friedrich hatte, seiner sanftmthigen Gemthsart nach, den letzten Krieg
nur ungern entstehn sehn. Er zog sich frh zurck und beklagte aus der
Ferne seinen jungen Freund, zu dem er sich trstend gesellte, als der
Friede wieder hergestellt war. Sie gingen in den beschrnkten
Blumengarten. Da Sie nun, Theuerster, im Grunde ein freier Mann sind, so
fing der Kleine an, so will ich Ihnen heute in der Nacht etwas
mittheilen, was fr uns beide von dem grten Nutzen seyn kann.
Wolfsberg war berzeugt, da es nichts Geringeres, als die Mittel, sich
frei zu machen, betreffen knne. Er ging zur Gesellschaft zurck und
erwartete mit bangem Gefhl die Dunkelheit.

Gegen Mitternacht ward sein Zimmer erffnet, der Kleine trat mit einer
Laterne herein, und winkte seinem Freunde mit stummer Geberde. Wolfsberg
folgte schnell, und schweigend stiegen sie die groe Treppe hinunter.
Das Hausthor war verschlossen, und als Wolfsberg die Klinke ergriff,
schttelte der Kleine sehr unwillig mit dem Kopfe und zeigte heftig nach
einem Winkel hin. Der junge Mann folgte seinem Fhrer; sie stiegen eine
andre Treppe hinab, und befanden sich jetzt in einem weitluftigen
Gewlbe. Nun fand der ngstliche Freund endlich seine Sprache wieder.
Hier sind wir sicher, nicht behorcht zu werden, sagte er flsternd: dies
sind die Kellergewlbe des groen Hauses. -- Ich dachte, Sie wollten mir
den Weg zur Freiheit zeigen, sagte der Baron. -- Nicht daran zu denken,
bester einziger Freund; das Thor ist doppelt verschlossen, dann mten
wir noch ber den Hof und die uere groe Thr aufmachen, die der
fatale Portier bewacht, mein grter Feind in der Welt, der niemals
Vernunft annimmt, und sich von allen Menschen fr den Klgsten hlt. --
Was machen wir aber hier? -- Wenn es uns gelingt, liegt hier mehr,
als Ihre Freiheit. -- Wie meinen Sie das? -- Nur still, unten
sollen Sie Alles erfahren!

Sie stiegen noch tiefer hinab. Im fernsten Winkel setzte sich nun
Friedrich nieder, stellte die Laterne neben sich, und Wolfsberg sah zu
seinem Erstaunen Hacke und Spaten auf dem Boden liegen. Die Erde war
dort schon aufgewhlt, und als der Baron seinen Fhrer fragend und
erstaunt betrachtete, lchelte dieser mit dem Ausdrucke der grten
Verschmitztheit, zog den Andern neben sich nieder, und nachdem er ihn
feurig umarmt hatte, sagte er endlich: liebster Baron, Ihnen vor allen
Menschen gnne ich das Glck, dessen Sie hier theilhaftig werden knnen;
hieher folgt uns kein Neid und keine Beobachtung, diese Gegend der
Gewlbe wird niemals besucht; hier knnen wir mit geringer Anstrengung
und in kurzer Zeit einen Schatz entdecken, der uns ber alle Sorgen der
Zukunft hebt, ja uns zu den angesehensten Mnnern der ganzen Provinz
macht. Ich habe niemand da oben etwas von dieser Entdeckung sagen mgen;
denn alle jene Menschen sind mehr oder minder gemeine Naturen, wozu noch
kommt, da sie alle einen Stich von Narrheit haben, der sie mir hchst
widerwrtig macht. Dem Director mag ich von meinem Funde gar nichts
mittheilen; er wrde in seiner hochfahrenden Superklugheit thun, als
wenn er mir nicht glaubte, und hernach stillschweigend fr sich arbeiten
lassen: denn er ist ein sehr mignstiger Mann und beim Lichte besehn
ohne Verstand; er stellt sich viel klger an, als er wirklich ist, und
da er das Regiment im Hause hat, so darf ihm Keiner viel widersprechen.
Nun, lieber, hochgeehrter Freund, hier nehmen Sie den Spaten und
arbeiten Sie!

Aber, sagte Wolfsberg, wie kommen Sie nur zu dem Glauben, oder der
Einbildung -- --

Still! still! rief der Kleine im grten Eifer, nur ums Himmels willen
keine Zweifel in dieser feierlichen Stunde ausgesprochen, sonst ist
Alles verloren. Kennen Sie die Wnschelruthe und ihre Wirkungen?

Nein, sagte Wolfsberg verwirrt und schchtern.

Haben Sie wohl Wirkungen des Magnetismus gesehen, und glauben Sie an die
Wunder dieser Wissenschaft?

Ich habe mich nur wenig um dergleichen Gegenstnde bekmmert, antwortete
jener, und kann also auch nicht einmal sagen, ob ich an die
Seltsamkeiten, die man davon erzhlt, glaube oder nicht.

O Sie unverstndiger Mann, rief der Kleine im grten Eifer aus, so mu
ich ja also dem Blinden von der Farbe predigen! Indessen, was thuts?
Glaube und Ueberzeugung werden Ihnen schon, wie zahme Hndchen, in die
Hnde laufen. Sehn Sie, ich bin schon eine Anzahl von Jahren
Unteraufseher in diesem Hause. Ich sage nicht etwa dewegen
Unteraufseher, weil wir jetzt hier im untern Theile des Hauses eine
gewisse Aufsicht fhren; sondern Sie verstehn mich schon: ich meine, ich
bin so fast nach dem Director der wichtigste Mann hier, wie Sie auch
wohl werden bemerkt haben; nur der verdammte Thrhter will keinen
Respect vor mir haben. Nach einer Nervenkrankheit, wie es die trivialen
Aerzte nennen, fand ich mich schon vor vielen Jahren als einen
verwandelten Menschen wieder. Freund, da war mir ganz so zu Muthe, als
wenn einer meinem inwendigen Geiste Hosen und Weste aus-, ja noch die
Haut dazu abgezogen htte, so da er nun niemals mehr zerstreut, oder
dumm, oder langweilig war. Sie werden mich nicht ganz verstehn, thut
aber auch nichts zur Sache. Es ist nmlich so: ich konnte von dem
Augenblicke an berirdische Dinge begreifen und fassen, nicht mit meiner
alltglichen Vernunft; sondern in meinem inwendigsten Geiste hatte sich
noch ein eignes kleines und feines Verstndchen angesetzt, das
dergleichen begriff, und da der Geist nun nicht mehr bekleidet war, und
auch keine dumme Haut mehr ber sich hatte, so konnte Ich, der
Lebendige, der hier drauen steht und mit Ihnen spricht, so frischweg in
jene meine unsichtbare Creatur hinein sehn und Alles capiren. Capiren
Sie mich?

So halb und halb, sagte Wolfsberg, Sie drcken sich etwas figrlich aus!

Auerdem aber, fuhr Friedrich fort, wurde ich gewahr, da ich in fremde
Leute hinein sehn konnte. Schaut's! jetzt laufen Ihnen die Gedanken wie
Ameisen durch Ihren Kopf, und einige schleppen sich dummerweise mit
kleinen Steinen, Holz, albernen Zweifeln. Da rennt eben eine gromulige
Ideenassociation in der inwendigen Gegend des Ohres, und schreit, da
Alles, was ich Ihnen vortrage, aberwitziges Zeug sei; und nun fliegt
eine kluge Gedankentaube mit dem Oelzweig hintennach und meint, man
knne es denn doch noch nicht wissen. Husch! rennen die brigen Gedanken
in den Winkel und sitzen gluckend wie die brtenden Hhner da. Ja, ja,
Herr Baron, ich wei wohl, wer Sie sind.

So? fragte Wolfsberg in der grten Spannung.

Ja wohl, sagte der Kleine ganz ruhig, kein Graf, wie unser mrrischer
Director meint, -- he he he! Sie sind auch kein Baron, Sie Vocativus,
Sie!

Ich dchte doch, sagte Wolfsberg verwirrt.

Mir knnen Sie nichts weimachen, fuhr der Wahrsagende fort, denn ich
wei ja Alles: ja, ja, alle Ihre Streiche und Kniffe knnte ich Ihnen an
den Fingern hersagen; aber still! wir sind ja alle Menschen, und Sie
bleiben bei allem dem immer ein groer Mann. Ein sehr groer Mann, und
ein berhmter Mann sind Sie, einer von denen, die die Nachwelt noch
nennen wird! Haben Sie erst, was Sie brauchen, so werden Sie auch weiser
werden, und das kann ich Ihnen schaffen, und vertraue dabei Ihrer
Gromuth, da Sie nicht allzu ungleich mit mir theilen werden.

Also zur Sache, rief Wolfsberg entschlossen, worauf kommt es an?

Wie ich in Menschen und Seelen hinein sehn kann, fuhr der Kleine fort,
so kann ich es auch zu Zeiten in leblose Gegenstnde. Lange schon habe
ich gesehn, da gerade hier, etwa vier Klaftern tief, ein ungeheurer
Schatz liegt, fast ganz in Golde, nur wenige Edelsteine darunter. Es
sind zwei groe eiserne Kasten, auf dem einen ist eine Inschrift, aber
so verrostet, da ich die Buchstaben nicht recht zusammenbringen kann.
Aber im zweiten Kasten befindet sich ein geschriebenes Blatt, welches
Alles erklrt.

Wie sind aber diese Schtze hieher gekommen? fragte Wolfsberg; und
wewegen hier verscharrt?

Schwer zu sagen ist es, sagte Friedrich, denn Sie begreifen doch so
viel, da ich in die Vergangenheit, in ein Nichts, das weder Krper noch
Geist hat, nicht so hinein sehn kann, wie in einen Menschen, oder in ein
Kellergewlbe. Doch, Spa apart, wollen Sie mir helfen oder nicht?
Glauben Sie mir, oder nicht? Wenn Sie nicht dran wollen, suche ich einen
andern Gehlfen, oder verschweige die Sache noch Jahre lang, wie ich
denn bisher ein Geheimni daraus gemacht habe.

Und was soll ich also thun, wenn ich Ihnen glaube?

O Fragen und kein Ende, rief Friedrich in der grten Ungeduld, ich habe
Ihnen ja schon neulich meine Schultern gezeigt, wie schwach, meine Arme,
wie dnn sie sind. Ich habe es schon oft versucht; aber ich kann nicht
graben, ich bekomme auch gleich den Husten, wenn ich stark arbeite.
Hier, unglubiger Thomas, ist das Grabscheit! Machen Sie sich dran und
grbeln Sie nicht weiter; in acht Tagen sind wir die reichsten Mnner im
Lande, und dann knnen wir den Director und alle Narren da oben
auslachen.

Wolfsberg bequemte sich und arbeitete mit der grten Anstrengung einige
Stunden. Als er es kaum mehr vermochte, rief Friedrich: fr heute genug!
Schlafen Sie nun gesund, denn man mu uns nicht vermissen. In der
nchsten Nacht werde ich Sie wieder zur Arbeit abrufen.

Mde und ermattet, wie am ganzen Leibe zerschlagen ging der junge Mann,
der an dergleichen Anstrengungen nicht gewhnt war, auf sein Zimmer, und
legte sich nieder.

                   *       *       *       *       *

Der Rath Walther hatte sich indessen mit dem Arzte auf die Reise
begeben. Ihr Weg fhrte sie durch anmuthige Gegenden, und Walther wurde
nicht mde, seinen Begleiter von der Trefflichkeit des jungen Raimund zu
unterhalten. Der Arzt war sehr darauf gespannt, einer so wunderbaren
Erscheinung im Leben zu begegnen; nur frchtete er, ihre feine Harmonie
jetzt durch Schmerz und Wahnsinn zerrissen zu finden. Manchmal stie mir
wohl ein Zweifel auf, ob die Schilderungen des Rathes, der in allen
andern Dingen, auer dieser Verherrlichung seines jungen Freundes, ein
ruhiger und kalter Mann war, nicht bertrieben poetisch seyn mchten.
Sie nherten sich jetzt dem Dorfe, in welchem der junge Mensch leben
sollte. In den engen Wegen des Gebirges fiel der Wagen um, und der Arzt
ward am Fue beschdigt; zwar nicht bedeutend, aber doch so, da er
einen Ruhepunkt zu erreichen wnschen mute. Dies verdro ihn um so
mehr, da er in einer Waldschenke einen Mann gesprochen hatte, der ihm
eine so seltsame Schilderung von einem jungen Wildfang gemacht hatte,
welcher sich seit einiger Zeit in den dortigen Gegenden aufhalten
sollte, da er kaum daran zweifeln durfte, es sei der junge, ihm
entsprungene Graf Birken. Der Rath erbot sich, den kurzen Umweg zu
machen, indessen ihn der Arzt bei jenem Landprediger erwarten sollte,
bei welchem man den jungen Raimund anzutreffen hoffte.

Der Arzt lie sich bei dem Pfarrer melden, den er in einer Laube seines
Gartens antraf. Nach den gewhnlichen Begrungen leitete der Fremde die
Unterredung auf den jungen Mann, welcher der Obhut des Geistlichen
anvertraut sei; der Pfarrer schien aber kein groes Interesse an diesem
Gesprche zu nehmen und sagte endlich: ja, seit einem Jahre etwa hlt
sich ein etwas confuser Mann bei mir auf, dessen ^ingenium^ und ^mens^
nicht zum Besten bestellt sind, und um den ich mich auch wenig kmmere,
auer da er uns bei Tische oft seine ^joci^ vormacht. Ich erhalte von
dessen alten Domestiken eine anstndige Pension, und so lasse ich ihn
gewhren; denn es ist nicht meines Thuns, mich viel mit Narren
einzulassen, oder sie gar curiren zu wollen. Der alte ^servus^ fhrt
eigentlich ganz die Aufsicht ber den Verwirrten, und mit wem sich
dieser am meisten einlt, ist unser gndiger Junker, der freilich auch
mit aller Macht zur ^dementia^ inclinirt. Diese beiden Thoren, wenn sie
einmal bei Sonntagslaune sind, machen mir zuweilen mein kleines Haus zu
enge.

Wissen Sie aber nichts Nheres von den Schicksalen des jungen Mannes?
fragte der Arzt.

Urtheilen Sie selbst, verehrter Herr, erwiederte der Geistliche, ob eine
solche Creatur, der es am Besten gebricht, wohl absonderliche Schicksale
haben knne. Diese Personen sind ja recht eigentlich ^fruges consumere
nati^. Wir nennen ihn nur kurzweg immer den Werther.

Werther? fragte der Arzt sehr lebhaft.

Ja, mein Herr, fuhr jener fort, dieses ist ein Spitzname, der aus einem
gewissen Buche entlehnt seyn soll, welches unsre junge Baronesse einmal
gelesen hat. Derselbe trieb sich auch immer, wie man mir sagte, in Wald
und Flur herum, statt in vernnftiger Societt ein Wort mitzusprechen,
eine Pfeife zu rauchen und etwa zu hren, was es in der politischen Welt
Neues giebt.

Sie scheinen kein Freund der Natur zu seyn, warf der Reisende ein, und
bewohnen doch selbst eine der reizendsten Gegenden unsers Vaterlandes.

Natur! rief der Pfarrer aus; das Wort ist etwa seit 40 Jahren in die
Mode gekommen, und so weit ich habe das Verstndni davon erreichen
knnen, meint man darunter einen etwanigen Bach oder Flu, sammt Berg
und Steingeschichten, oder die Waldsachen und dergleichen. Hat mich nie
sonderlich interessirt, weil ich mich immer bestrebt habe, ein denkendes
Wesen vorzustellen. Und unser Werther, wie ihn die jungen Leute heien,
oder Theophilus, wie sein eigentlicher Taufname lautet, wei auch weder,
ob Frhling oder Herbst ist, ob die Bume blhen oder drr sind, ob die
Bergwand aus Granit oder Marmor besteht, sondern er luft nur, wie ein
Uhrwerk, so hin und her.

Der Alte war mit allerhand Papieren und Briefschaften beschftigt, die
er in einem Tischkasten zu ordnen suchte, und der Arzt sagte indessen zu
sich: Der Aermste! Also auch diese Empfindung ist in ihm untergegangen,
die sonst dem Unglcklichen so oft einen heiligen Trost gewhrt! Denn
der Natur gegenber verklrt sich jeder Schmerz, der uns unter Menschen,
in den Mauern der Stdte oft zu vernichten droht, und verwandelt sich in
ein himmlisches Wesen, in eine Erscheinung von oben herab. Wie eine
Himmelsharfe tnt die Natur Freude und Leid mit, und setzt unsre stummen
Seufzer, die Worte der Klage in berirdische Musik um.

In diesen Phantasieen, die wohl so schnell in ihm antnten, weil er so
lange mit dem fast schwrmerischen Rathe gereiset war, wurde er wieder
vom Pfarrer unterbrochen. Verzeihen Sie mir, sagte dieser, da ich Sie
so schlecht unterhalte, jeder macht so seine Studia. Dieselben haben
sich wohl niemals mit der Astrologia eingelassen?

Nein, antwortete der Arzt.

Sehr Schade, fuhr jener fort, da diese Wissenschaft seit neueren Zeiten
so ist vernachlssiget worden. Ich habe sie immer bewhrt gefunden. Und
so sehe ich hier wieder das Horoskop an, welches ich meiner Tochter bei
ihrer Geburt stellte. Ich prognosticirte damals, da sie sich in einen
hohen Stand erheben wrde, und sie ist nun auch wirklich glckliche
Braut eines vornehmen Mannes. Das hat mir auch den Geist so eingenommen,
da ich fast nicht capabel bin, eine recht fortgesetzte Conversation zu
fhren. Doch da kommt ja unser Theophilus mit seinem alten
Gesellschafter. Der junge Mann ist eine Zeit lang in einer andern
Familie sehr gemihandelt worden; man darf ihn nicht auf diesen
Gegenstand bringen: denn er wird zuweilen bitterbse, wenn er sich jener
Tage erinnert.

Der Arzt stand auf und sah zu seinem Erstaunen einen langen, nicht mehr
jungen Mann eintreten, der sich gebckt trug, und aus dessen
regelmiger Physiognomie die hchste Beschrnktheit und Einfalt hervor
leuchtete, aber auch zugleich eine so heitre Jovialitt, da er von
Neuem an dem Rathe und dessen bertriebener Schilderung irre ward. Der
Einfltige gab dem Pfarrer die Hand, sah den Fremden mit scheuem Blick
von der Seite an, ging dann auf ihn zu und fragte hastig: sind Sie ein
Edelmann?

Verzeihung, rief der Pfarrer dazwischen; ich habe noch nicht einmal
Gelegenheit gehabt, mich nach Ihrem werthen Namen zu erkundigen.

Doctor Anselm, sagte der Arzt.

Ich dachte, Sie wren mein Vetter, rief der Einfltige, weil Sie eine
solche sthetische superfeine Nase haben. Zugleich sprang er in die
Hhe, und schlug wie ein muthwilliges Fllen mit den Beinen hinten aus.

Der Arzt, der sich auf eine ganz andere Stimmung vorbereitet hatte,
mute laut lachen, indem der Pfarrer mibilligend das Haupt schttelte,
und sehr ernste Runzeln in sein Gesicht zog.

Sehn Sie nur, sagte Theophil, indem er den Arzt etwas bei Seite fhrte,
das Perlmutter-Gesicht von meinem alten Prediger; so debattirt er immer
mit sich, als ob er an einem Obscuranten-Almanach arbeitete.

Sie drcken sich seltsam aus, sagte der Arzt, aber vergnglich.

Er wei nie, was er spricht, unser junger Freund, rief der Prediger;
weder kennt er die Bedeutung der Worte, die er braucht, noch will er
berhaupt etwas damit ausdrcken. Es ist wie Wiederhall von Felsen, oder
Waldesbrausen. Mein ehrwrdiges Alter ist einmal immer das Stichblatt
seines falschen Witzbestrebens.

Der Herr Prediger, sagte der Simple, hat eine rechte Hosiannah-Stimme
und sitzt so mchtig auf seiner Bank da, als wenn er Habakuk und alle
zwlf kleine Propheten zu knftige Pfingsten confirmiren wollte. --
Pankraz! rief er dem alten Diener zu, du mut mir wieder Taschengeld
geben!

Haben Sie denn schon Alles ausgegeben? fragte dieser.

Dummer Teufel! rief Theophilus; freilich! Denken Sie nur selbst, mein
fremder Herr Vetter, drauen vor dem Dorfe begegnen mir die Mdchen, die
drben in der Stadt allerhand auf dem Jahrmarkt eingekauft hatten,
Tcher, Schrzen, Mieder, Hauben, Spielzeug fr die kleinen Geschwister.
Sie hatten noch eine volle halbe Meile, und lieen mich nun die Sachen
herber tragen. Wie ich sie ihnen wieder abgab, mute ich ihnen doch
wohl ein Trinkgeld geben, da sie mir Alles so hbsch anvertraut hatten?
Aber Pankraz ist faul; der trug nichts, und drum hat er auch sein Geld
in der Tasche behalten.

Das ist ein schner Zug von Ihnen, sagte der Arzt; sind Sie aber immer
so vergngt?

Wie's kommt, antwortete jener lachend; nur wenn die Leute dumm sind,
kann ich mich sehr rgern, wenn sie nicht capiren. Sehn Sie, es ist sehr
traurig, wenn man allein klug seyn soll. In Gesellschaft habe ich noch
einmal so gern Verstand.

Sie denken trefflich, sagte Anselm.

Was sagen Sie aber vollends dazu, schwatzte jener weiter, da wenn ich
einmal so recht superklug bin, die Leute mir beweisen wollen, ich wre
dumm? Nicht wahr, die Welt liegt im Argen; wie unser Herr Pastor Kilian
letzt einmal in der Kirche sagte.

Ich werde sorgen, da Sie niemals mehr hinein gelassen werden, rief der
alte Mann.

Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ, sagte Theophil mit der
grten Ernsthaftigkeit und ging traurig zum Prediger hin.

Lassen Sie sich dienen, Herr Doctor, fuhr der Alte fort, da es nicht
angeht, weil er sich laut mit seinem Bedienten whrend des
Gottesdienstes zankt. Was thut er aber neulich? Indem ich in der Predigt
aufsehe, hat er unsern Hund in meinen Sitz gebracht, lt den Pudel
aufrecht stehn, der nun ber das Chor gucken und ein Gesangbuch zwischen
den Pfoten halten mu. Heit das nicht die Gemeine stren?

Ich bin ja aber doch ein getaufter Christ! sagte der Angeklagte mit
weinerlicher Stimme. Der Arzt, der eine ernsthafte Wendung des
Gesprches frchtete, fragte den Klagenden, was das neulich gewesen sei,
wo er so allein klug, und die Andern dumm gewesen wren. Ja so! sagte
Theophil pltzlich laut lachend; das war eine lustige Geschichte! Die
Mamsell Kilian hatte mir ganz neue Schnupftcher gekauft. Nun sollte ich
den andern Tag mit dem Junker auf den Fischfang gehn, da nahm ich mir
vor, den Pankraz zu erinnern, da er mich erinnern sollte, damit ich es
nicht vergessen mchte. Um aber auch gewi daran zu denken, da ich ihn
zu rechter Zeit erinnern mchte, damit er mich ja erinnern knnte,
machte ich einen Knoten in mein Schnupftuch. Sie wissen ja, das ist ein
altes Herkommen, wenn man etwas nicht vergessen will.

Ja wohl.

Nun gut; ich wache den Morgen auf, da finde ich den Knoten. Da besinne
ich mich auch gleich, da ich den Pankraz erinnern mu. Pankraz, du
sollst mich an was erinnern! Ganz recht, gndiger Herr, Sie wollen mit
dem Junker auf den Fischfang gehn. Ich geh' auf den Fischfang und denke
nichts Bses. Den andern Tag aber ist der Knoten noch im Tuche. Das
ngstete mich, denn es gab nun nichts mehr zu erinnern, und wenn ich den
Knoten anfate, wollte ich mich immer auf etwas besinnen. Den Knoten
hatte ich aber so fest gezogen, da ich ihn gar nicht wieder aufkriegen
konnte. So nehm' ich im Verdru eine Scheere, und schneide blo den
Knoten, verstehn Sie, blo den Knoten ab, und werfe ihn aus dem Fenster.
Wie nun das Tuch wieder gewaschen ist, sagt die Mamsell sammt allen
Menschen im Hause, ich htte es entzwei geschnitten; es fehlte auch
wirklich ein groes Stck davon. Nun sagen Sie selbst, ob ich etwas
dabei versehn habe, und wer Recht hat!

Der Knoten, sagte der Arzt, war aber doch natrlich vorher ein Stck des
Tuches, folglich mute dieses nachher fehlen.

Sie begreifen nicht! sagte Theophil im groen Zorn, und fate die Hand
des Arztes heftig und stark; ich schnitt ja nicht das Tuch ab, sondern
nur den Knoten, den ich erst hinein gemacht hatte, der vorher nicht drin
war.

Wir wollen nicht streiten, sagte Anselm, Sie knnen wohl Recht haben;
ich habe bisher dieses Experiment noch nicht gemacht, und Vieles
begreift man gewi erst durch die Erfahrung.

Hat man Ihnen wohl schon einmal Gesellschaft geleistet? fragte der junge
Mann mit listiger Miene.

O ja, sagte der Arzt, mehr als einmal; und Sie leisten mir jetzt eben
auch Gesellschaft.

Sie wrden sich dafr bedanken, fuhr jener fort, wenn ichs in der Manier
thun wollte, wie mein Gesellschafter Walz da drben in der kleinen Stadt
mir die Zeit vertrieb. Da sagten sie, ich mte einen Gesellschafter
haben. Da kam Herr Walz, der dazu bestellt war. Das gab ein
Gesellschaftsleisten, da mir des Abends alle Rippen weh thaten.

Wie so?

Er schlug immer um sich, und wir konnten uns gar nicht vertragen; aber
ich durfte ihn niemals wieder prgeln. Ja, wie gern mcht' ich ihm auch
einmal so recht Gesellschaft geleistet haben! Wenn ich verdrielich war,
schlug er; war ich nicht aufgerumt, lie er mir zur Ader; ein paar Mal
lie er mir auch Zhne ausziehn, -- die beiden hier: weil er sagte, ich
wre zu bse, die Zhne wren schon nichts ntz und thten mir nur jetzt
oder in Zukunft einmal weh. Den andern habe ich einmal beim Essen
verloren.

Aber diesen Augenzahn hier? fragte der Arzt.

Der fehlte mir schon, antwortete jener ganz ruhig, vor meiner Zeit.

Vor Ihrer Zeit? Wie verstehn Sie das?

Lieber Himmel, Sie sind recht schwer von Begriffen! Vor meiner Zeit --
ach! lassen Sie mich zufrieden und haben Sie mich nicht zum Narren!
sagte er ganz bse.

Verzeihen Sie, fiel der Arzt ein, ich verstehe Sie jetzt schon; ich
begreife nur langsam, wie Sie ganz richtig bemerkten.

Haben Sie die Naturwissenschaft studirt? fragte der junge Mann wieder
ganz heiter.

O ja, sie ist mein Hauptstudium.

Nun, dann gratulire ich, sagte jener laut lachend. Sind Sie auch brav
darin herumgewalzt worden?

Herumgewalzt?

Sie capiren schon wieder nicht! Brav abgewammst, tchtig gedroschen! Sie
verstehn nun schon, so wie es mir dabei mit meinem Gesellschafter Walz
ergangen ist.

Er nahm also die Sache so ernsthaft?

Ja freilich. Er sagte, er msse mir die Botanik beibringen. Es war aber
eigentlich die _Batonik_, weil er den lieben Baton so sehr dabei
brauchte. Da krochen wir herum und suchten Petersilie und Wurstkraut,
Rben und Knoblauch, und das sollte ich immer alles behalten. Ein ander
Mal fing er einen Maikfer. Seht, das ist ein Maikfer. Ja, sagt' ich,
das ist ein Maikfer. -- Zu welchem Geschlecht gehrt er? -- Doch wohl
zum Geschlecht der Maikfer. -- Sehn Sie, da brach er gleich einen
Haselzweig ab, und demonstrirte mir die Sache auf meinem Rcken. Der
wurde berhaupt dazumal so magnetisirt, da er fast so hellsehend
geworden wre, da die Sonne durch ihn htte hindurch scheinen knnen.
Sagen Sie mir berhaupt nur, wenn einer im Kopfe nicht zu Hause ist,
warum man dann immer auf dem Rcken, oder noch tiefer anklopft. Sollte
denn der Geist da allenthalben lieber als in der hhern Etage wohnen? --
Nun gut; dann gingen wir in den Wald. Da unten liegt, schrie er, der
berhmte Linn, oder auch Pistillen, oder dergleichen alberne
Gelehrtennamen. Wenn ichs nicht behielt, von der Buche ein Zweig
gebrochen, und damit wieder Privatstunde gehalten. Ich war nur froh,
wenn das Botanisiren im Freien geschah, da war doch etwa nur ein
Gestruch zur Hand.

Sie haben also, sagte Anselm, in dieser Wissenschaft auf dem Wege nichts
profitiren knnen?

Doch, antwortete jener; aber Alles, worauf es mir auch nur abgesehn
schien, mit dem _Rcken_; denn der kriegte durch vieles Repetiren der
Studien eine so feste Memorie, da ich noch jetzt bei jedem Stocke
unterscheiden will, auf welchem Baume er gewachsen ist. Sie glauben
nicht, wie anziehend die frischen Haselgerten sind! Weiden schmiegen
sich mehr, sind aber weniger eindringlich. Die Eiche klingt mchtig, als
Baum der deutschen Freiheit; es lt sich aber nicht viel damit
ausrichten; der Walz konnte auch immer nur die drren Zweige abbrechen,
die fast gar nichts zu sagen haben. So ist es auch mit der Tanne und
Fichte nicht viel. Die Buche ist krnig; die Birke, besonders im
Frhjahr, empfindlich; auch wchst das Zeug, wo kein andrer Baum
fortkommt, steht also fast immer zur Hand. Von allen diesen Stauden und
Gewchsen brach er seine Wnschelruthen, und alle schlugen immer auf
meinen Rcken an, so da in meinem Innern groe Schtze verwahrt liegen
mssen. Er schonte auch die mitleidige Trauerweide, die vornehme
Weihmuthskiefer nicht; ja selbst der Tulpenbaum mute ein paar Mal das
Instrument zu meiner Weihe reichen; und so kann ich gewi, da gar kein
Tergiversiren etwas fruchtete, auf eine recht pragmatische und
polyhistorische Bildung Anspruch machen. -- Als ich mich genug
durchstudirt, und er alle Naturreiche durchgeprgelt hatte, wurde ich
hieher zu dem friedfertigen Herrn Kilian gethan; und hier ruhe ich auf
meinen Lorbeern aus, die ich noch manchmal in Rippen und Seiten fhle.

Es freut mich, da Sie so frhlich sind, sagte der Arzt; haben Sie
Appetit, schlafen Sie gut?

Ich danke, sagte jener; bald so, bald so; aber ich trume oft schwer und
frchterlich, und tobe dann und lrme in der Nacht. So hatte ich auch
diese Nacht einen ngstlichen Traum.

Was war das fr ein Traum?

Pankraz! rief Theophil dem Diener zu: was trumte mir diese Nacht?

Der Alte trat nher und sagte verdrielich: das kann ich nicht wissen.

Sehn Sie den eigensinnigen Menschen, rief Theophil aus, ich lasse ihn
blo dewegen in meiner Stube schlafen, da er alles wissen soll, was
ich denke und trume; aber er ist so trge, da er sich fast nie darum
bekmmert. Wenn Du es nicht weit, wer soll es denn wissen? Dazu sollst
Du die Aufsicht ber mich haben!

Es ist aber nicht mglich, ereiferte sich Pankraz. So wollen Sie auch
immer von mir wissen, was Sie denken, oder gedacht haben; wie soll ich
das anfangen?

Durch Liebe, einfltiger Mensch! rief jener aus. Du sollst mit mir so
eins werden, da wir unsre Seelen gemeinsam haben, dann wird es mir
weniger sauer werden, ber Vieles nachzusinnen; denn dann denk' ich in
Dir, und Du hast blo die Mhe davon.

Dann mte ich aber auch fr uns Beide essen; sagte Pankraz mit Lcheln.

Nein, erwiederte Theophil; das wrd' ich gern bernehmen, und zwar in
Deinem Namen mit; ich die Wurzel und der Stamm, Du die Blume und Frucht.

Bei dieser Stimmung schien es dem Arzte mglich, den Kranken ber den
Gegenstand zu prfen, den zu berhren er auerdem ngstlich wrde
vermieden haben. Er ging also nher und fragte ihn leise: haben Sie
lange keine Nachrichten von Blanka erhalten?

Blanka? rief Theophil aus; das ist ja wohl ein weies Windspiel, das ich
vor langer Zeit hatte?

Blanka? nahm der alte Diener das Wort, indem er den Arzt prfend
betrachtete: wissen Sie von der etwas?

Anselm begegnete dreist dem stechenden Blicke des Alten, und meinte nun
fast nichts mehr schonen zu drfen. Er sagte daher: ich wnsche blo
etwas Nheres von Blanka und Raimund zu erfahren, deren trauriges
Schicksal mich sehr interessirt hat.

Pankraz schlug die Augen nieder und sagte: ich wei nichts von ihnen;
aber Theophil fiel pltzlich in eine tolle Laune, hpfte auf einem Beine
herum, schwenkte den Hut und schrie halb singend: Da hinter des
Priesters Garten, da ist ein Wiesenplan, da stehn rings Weiden und
Birken, ein Wasser rauscht flieend daran; da schreien Kuckuck und
Staare, da schaut wohl der Hirsch aus dem Busch; es ist ein liebes
Pltzchen, voll Einsamkeit und Schatten genug. Da kommen in
Herbstestagen, wenn welkes Laub schon rauscht, die liebe Frulein
Blanka, der Monsieur Raimund zusamm. Sie sehn sich mit weinenden Augen,
sie drcken sich zrtlich die Hand; da giebt es herzig Umarmen, da
finden sie wieder Verstand! -- Er schrie und sang immer lauter, so da
der alte Pfarrer aufstand und rief: um des Himmels willen, junger Herr,
in welcher Spinnstube haben Sie die alte Ballade wieder aufgehascht?

Das hab' ich selbst gedichtet, jetzt eben, schrie Theophil erfreut.
Pankraz, behalt' es ja, wir wollen es nachher dem Junker vorsingen.

Ich wei kein Wort davon, sagte Pankraz, vom Kuckuck war was in der Ode,
und da Sie gern Verstand haben mchten. Da kommt der Junker!

Ohne den Eingang zu suchen, sprang in diesem Augenblick ein junger
Bursche ber den Zaun, mit rothem Gesicht, ohne Hut mit Papierwickeln in
den Haaren. Da sind wir wieder, schrie er ungezogen, guten Tag, Tissel,
ach! Herr Pastor, wren Sie doch mit uns gewesen; da htten Sie
disputiren knnen!

Wo wart Ihr, lieber Grge, fragte Theophil.

Ach! liebster Freund, fuhr dieser jubelnd fort, unsre ganze Familie hat
seitdem an den Narren dort den Narren gefressen; nur die Mama will
nichts davon wissen, und ist auf uns alle, vornehmlich auf den Papa
bse, da er uns so ein schlechtes Beispiel giebt.

Mein lieber Junker, sagte der Pfarrer sehr ehrbar, mit Narren wrde ich
niemals disputirt haben; denn sie haben keine Logik.

Es waren auch nicht so eigentliche Narren, sagte Grge, sondern eine Art
Knstler. Ich sage Ihnen, der Papa war ganz eingenommen, und sie hatten
da oben einen Mann, der den Leuten das Reden beibringen konnte.

Heisa! Heisa! Dort kommt erst der rechte Windbeutel, rief Theophil laut
jubelnd; der und ich, wir sind die beiden grten Narren im Rmischen
Reich; das Kloster da oben, wo unser Herr Kilian disputiren soll, in
allen Ehren gehalten.

Reden Sie mit Verstand, sagte der Geistliche, und respectiren Sie in dem
verehrten Herrn Grafen den Brutigam meiner Tochter.

Auf einem kleinen Schimmel sprengte ein junger Mensch heran, hpfte aus
dem Sattel, und eilte in die Umarmung des Pfarrers, inde schon aus dem
Hause, mit der Kchenschrze angethan, ein rothhaariges Mdchen herbei
strzte, und Vater und Geliebten zugleich umschlo. Die Gruppe fuhr aus
einander, als sich jetzt der Arzt, so schnell es sein verwundeter Fu
erlaubte, ihnen nherte. Ist es mglich, Graf Birken, da wir uns hier
wieder treffen? Auf Sie hatte ich heute nicht gerechnet. Der junge
Mensch sah sich schnell um, stie seinen Schwiegervater so hastig vor
den Bauch, da dieser wieder in die Laube zurck taumelte, warf mit
demselben Ungestm die kleine dicke Braut von seinem Halse, ergriff den
Schimmel, und ehe die Umstehenden sich noch recht besinnen konnten, war
er im gestreckten Galopp schon aus dem Dorfe hinaus.

Ein Pferd! rief der Arzt. Setzt ihm nach!

Was haben Sie fr Ansprche an meinen Schwiegersohn? fragte der Pfarrer,
der sich wieder gesammelt hatte.

Der Windbeutel reitet einmal! schrie Theophil jauchzend.

Um des Himmels willen ein Pferd! rief der Arzt; kommt er uns aus den
Augen, so haben wir ihn Alle fr immer verloren.

Verloren! schrie die Braut und rang die Hnde.

Sei still, mein Kind, rief der Geistliche; morgen ist die Trauung, und
kein fremder Mensch, mag er sich auch Doctor nennen, hat das Recht, Dir
Deinen Brutigam zu entreien.

Der Mensch ist ein Narr! rief der Arzt heftig aus, und nun er mich hier
gesehen hat, kommt er gewi nicht wieder.

Lstern Sie unsre Familie nicht! rief der Pfarrer noch heftiger, Sie
fremder, unbekannter, hergelaufener Herr; und wenn mein Schwiegersohn
Ihretwegen nicht wieder kommt, so gebe ich Ihnen meinen Fluch, Sie
Gottloser!

Theophil und Grge waren von diesem Geznk auf das Hchste erbaut; denn
sie kannten keinen grern Genu, als den alten Pfarrer im Zorn zu
sehen. Die Tochter hatte verzweiflungsvoll den Garten verlassen. Ein
Wagen fuhr in den Hof, und der Rath Walther, in gespannter Eile, ohne
die Andern zu begren, kam herbei gelaufen, und rief schon von Weitem
dem Arzte zu: wo ist er? -- Wieder ein neuer Windbeutel! Heute haben
wir die Hlle und Flle! jubelte Theophil. -- Der Arzt ging ihm
entgegen, indem er sagte: dort steht ja Ihr Liebling. -- Dieser da?
fragte der Rath, indem er den Einfltigen nur flchtig betrachtete. Ach!
Pankraz! rief er dann hchlich berrascht; Du hier? Sage mir, wo ist
Raimund?

Der Diener war verwirrt und erschrocken, und konnte erst keine Antwort
finden; endlich stotterte er: Sie wissen es ja wohl, Herr Rath, da ich,
als ich damals pltzlich aus den Diensten des Herrn Raimund mute. --

Recht, sagte der Arzt; der Baron Eberhard gab Dir den Abschied wegen des
unglcklichen Einfalls, da Du dem kranken Jngling die falsche
Nachricht vom Tode seiner Geliebten berbrachtest.

Nun also, sagte Pankraz; seitdem habe ich von dem jungen Herrn nichts
wieder gesehn und gehrt. Es ist mir seitdem schlimm genug gegangen.

Aber wie kommst Du hieher?

Es ist mein Pankraz, rief Theophil, mein Gesellschafter; aber nicht in
der Walzmanier.

Wie heien Sie? fragte der Rath.

Du, Pankraz, rief Theophil, wie hei' ich doch? Ich kriege alle
Augenblicke einen andern Namen.

Sie sind, sagte der Diener, der Herr Theophil von Leitmark.

So, sagte der Thor, ich dachte Ebermann, Hardeber, oder sonst. Nun, mir
kann's gleich gelten.

Der Arzt hatte sich wieder gesammelt, nahm Abschied vom Pfarrer, bat der
Strung wegen um Verzeihung, und zog dann halb gewaltsam den Rath zum
Wagen. Lassen Sie mich nur noch ein Wort mit Pankraz sprechen, sagte
dieser. Doch Pankraz und Theophil waren eiligst verschwunden, und der
Pfarrer erzhlte, da Beide oft Wochen lang in der Gegend, nahe und
fern, auf ihren Pferden umher streiften, und man alsdann nur selten
erfhre, wo sie auf ihren thrichten Irrfahrten verweilten. Der Arzt hob
seinen Freund selbst in den Wagen und sagte dann laut: Lassen Sie uns
doch nun unser Ziel verfolgen, den Grafen Birken suchen, nach Raimund
sphen; fahre Herr Theophil und sein Pankraz wohl, und sei unser lieber
Herr Pfarrer Kilian auf immer dem Himmel befohlen; denn hieher werden
wir auf keinen Fall wieder kommen! Niemals, denn wir haben noch eine
weite Reise vor uns!

Der Rath sah ihn verwundert an, und wollte fragen; aber das Rollen des
Wagens hinderte jetzt noch das Gesprch, und sie hatten in kurzer Zeit
das Dorf und die Gegend verlassen.

                   *       *       *       *       *

Baron Wolfsberg hatte unterdessen fleiig arbeiten mssen. Um sich nicht
zu verrathen, durfte er am Tage nicht so lange schlafen, als es ihm wohl
gut und heilsam gewesen wre. Der kleine Friedrich fhrte eine strenge
Aufsicht ber ihn und ermunterte ihn krftig, wenn er einmal ermatten
wollte. Als das Geschft des Eingrabens schon weit gediehen war, zeigte
sich die grte Schwierigkeit darin, die aufgehufte Erde, welche bei
der zunehmenden Arbeit immer hinderlicher wurde, fortzuschaffen. Doch
Friedrich wute auch dafr ein Mittel. Es gelang ihm, aus dem Garten
einen Schiebkarren unbemerkt zu entfernen, und in die unterirdischen
Gewlbe zu befrdern. Da er aber selbst fr die Arbeit viel zu
schwchlich war, so mute der junge Baron auch das Geschft bernehmen,
Sand und Erde herauf zu fhren, und in die weit verbreiteten Rume der
Keller zu verfahren und auszustreuen. Gewhnlich holte Friedrich den
nchtlichen Arbeiter schon vor eilf Uhr ab, und lie ihn erst gegen vier
Morgens zurck kehren, so da auch Wolfsberg durch den wenigen Schlaf,
da berdie die Kost nicht die nahrhafteste war, sich nach wenigen
Wochen ziemlich abgemattet fhlte. Er wurde mager, still und
melancholisch, und sah dem jungen frischen Manne und dem bermthigen
Weiberliebling kaum mehr hnlich, in dessen Gestalt er zuerst das Haus
betreten hatte. Der Director schaute ihn oft prfend an, untersuchte
seinen Puls, und erkundigte sich theilnehmend, ob ihn ein besonderer
Gram qule. Wolfsberg aber, der sich schmeichelte, bald das Ziel seiner
Anstrengungen erreicht zu haben, wich allen prfenden Fragen sorgfltig
aus.

Zu einer Mittagsstunde ward der junge Mann dadurch berrascht, da ihn
sein getreuer Friedrich an den Tisch des Directors zum Essen einlud. Er
fand dort nur eine kleine Gesellschaft, und auer dem Wirthe nur einen
schmchtigen, ziemlich alten Prediger aus der benachbarten Stadt, der
zuweilen in einer Capelle des groen Hauses den Verwirrten predigte und
sie zu ermahnen und bekehren suchte, meist aber durch possierliche
Strungen gehemmt und unterbrochen wurde. Auer Wolfsberg war nur noch
Herr Kranich gewrdigt worden, an diesem kleinen vertraulichen Tische
Platz zu nehmen; Friedrich war mit zur Aufwartung zugegen. Sie sehn,
meine Herren, fing der Director mit einer heitern Miene an, die man
nicht an ihm gewohnt war, ich behandle Sie heute als Mnner, die sich
selbst in der Gewalt haben. Der Herr Pastor und ich hoffen von Ihrer
Unterhaltung Vergngen und Aufheiterung; denn sich in diesem groen
Hause immer so einsam zu fhlen, ist wahrlich nicht erfreulich.

Wohl, sagte der Pfarrer schmunzelnd; und es will mir oft vorkommen, als
wenn unsre Freunde nur etwas mehr krftigen Willen haben drften, um so
wie wir Andern zu seyn; aber ich versichre Sie, Herr Director, und Ihre
eigene Beobachtung wird es Ihnen auch besttigt haben, da die leidige
Eitelkeit, der Stolz auf irgend eine Grille, die man nicht ablegen will,
sehr viel, ja bei manchen unsrer Patienten wohl das Allermeiste thut.

Friedrich mute dem Baron, so wie dem Herrn Kranich Wein einschenken,
damit sich beide, vorzglich der junge Graf, wie ihn der Director
nannte, strken mchten. Freilich haben Sie Recht, Herr Pastor, setzte
dieser das Gesprch fort; denn wer von uns fhlt wohl nicht, da er sich
nur nachgeben und verweichlichen drfte, um diese oder jene Seltsamkeit
auf die wunderlichste Art auszubilden, und dadurch bei strkern Menschen
Ansto oder Lachen zu erregen?

Mein Herr Director, antwortete der Geistliche, es ist berdie im
Thrichten (Verzeihung, meine Herren, da wir so offen ber diesen
Gegenstand sprechen) etwas so Anlockendes, fast Liebliches, da man
zuweilen recht im ganzen Wesen den unwiderstehlichen Reiz sprt, mit
beiden Beinen frisch und wohlgemuth hinein zu springen. Soll ich? Soll
ich nicht? so fragt man sich selbst. Warum nicht? sagt eine curiose
Stimme, aus dem fernsten und buntesten Winkel unsers Geistes; tausend!
ruft es, was kannst du da erfahren, und dich genieen, ja erst recht
verstehen, wenn du der Altklugheit ein Schnippchen schlgst. Aber zum
Glck kommt dann wieder eine ehrbare, aschgraue Moral, die mit ernster
Miene sagt: widerstehe dem Verfhrer und seiner Lockung, la dich nicht
in die Kellergewlbe des Wahns fhren, wo trotz aller Versprechungen
keine Schtze liegen!

Kellergewlbe? fragte Wolfsberg und wurde roth; wie kommen Sie nur auf
dieses Gleichni, das mir hier gar nicht passend scheint!

Der Director sah ihn schon wieder mit dem prfenden Blicke an, und
Friedrich machte ihm gegenber eine so seltsam bittende Miene, seine
beiden Wangen zitterten und zuckten, die Lippen schmiegten und krmmten
sich wie ein Wurm, und die Augen zwinkelten so bedeutend, da Wolfsberg
in das lauteste Gelchter ausbrechen mute.

Gebe der Himmel, sagte der Director, da unsre Mahlzeit mit der
Heiterkeit schliee, mit welcher sie anzufangen scheint. Gewi, fiel der
Prediger ein, ist zu wnschen, da wir so frhlich bleiben mgen: aber
um fortzufahren, so kommt es mir noch immer nicht so ganz ausgemacht
vor, ob die Mania (wir wollen dies Wort brauchen, um keinen Ansto zu
erregen) in uns Allen liegt, und nur wie bei den Lastern durch
Nachgiebigkeit befrdert und gereift wird, so da der gewhnliche
Verstand nur in gewissen Graden von ihr entfernt seyn mchte: oder ob
sie eine radicale Verschwiegenheit, ein wahrhaft kranker Zustand, ein
andres und schiefgerichtetes Verhltni der Seele ist.

Das Letzte und auch zugleich das Erste, meinte der Director, und darum
sei auch die Cur leicht und schwer zugleich: leicht, weil man sich den
Verirrten nur hingeben msse, sie zu verstehn suchen, da immer noch
Verstndni, oft eine Art System zum Grunde liege, sie achten, ihnen zur
passenden Zeit nachgeben, ein ander Mal Strenge ben; und von dieser
Seite sei wohl keiner ganz unheilbar zu nennen: schwer sei die Cur aber,
weil man die Symptome oft mit dem Grunde der Krankheit verwechsle, den
Verirrten dann nur stre und krnker mache, -- fr ein schwaches Gemth
aber, wie er selbst, sei sie dadurch am schwersten, da man, um diese
Menschen zu verstehn, mit dramatischem Geiste zu tief in sie eingehe,
leicht in eine Art Tuschung gerathe, und wenn man sich dann pltzlich
prfe, sich selbst beinahe auf dem nmlichen Wege finde.

O mir aus der Seele gesprochen! schmunzelte der Geistliche; ach, Herr
Medicinalrath, was sind Sie fr ein Menschenkenner! Da liegt freilich
recht eigentlich der Hund begraben, da man, wie man im Trauerspiel
weint, indem man sich in die Confusion hinein denkt, selbst confus wird.
^Dis moi qui tu hantes etc.^ Ja wohl, ja wohl, ein wahres
Sprichwrtchen! Ich habe schon zuweilen die Meinung fassen wollen, da,
um als Seelsorger auf die guten Leutchen zu wirken, einer gefunden
werden mte, der, wenn auch nicht ganz in die Irre, doch ein wenig
jenseit der Schnur gerathen wre, und doch noch genug krftige Religion
brig behalten htte, um die Seelen zu ergreifen. Denn das, bester Herr
Director, ist das Schlimme, da, wenn man nicht selbst in ihren Orden
eingeweiht ist, man fast niemals die rechte Perspective trifft. Sie
wissen, wie ich in meinen Predigten gesucht habe, in Ton, Geberde und
Beispiel mich den armen Drehschaafen zu nhern, aber manchmal zu wenig,
oft aber viel zu viel that; Sie selber machten einige Male die
Bemerkung, ich htte wie ein wahrer Narr gesprochen. Ich mute Ihre
eigne Seele freilich ganz aus dem Spiele lassen; denn ich wute ja, wie
firm und krftig Sie in Moral, Tugend und allen Glaubenslehren sind.

Sie gaben einige Male ein schlechtes Beispiel, sagte der Director; denn
Sie lachten auf der Kanzel selbst aus vollem Halse.

Der ernsthafteste Mann htte es nicht unterlassen knnen, sagte der
Prediger, von Neuem laut lachend. Denken Sie, Herr Graf, wir hatten hier
in unserm Hause einen jungen Mann, der ein Bauknstler gewesen war; er
hatte aber eine so heftige Liebesleidenschaft zur Tochter eines
Perckenmachers gefat, da er darber sein Studium verlie, und das
Handwerk des Meisters ergriff; da ihm aber das Mdchen untreu wurde, mit
Erlaubni von Ihnen, so zu sagen, berschnappte. Nun bestand seine
Grille darin, sich und alle Menschen, die er dazu bewegen konnte, auf
die sonderbarste Weise zu frisiren. An jedem Tage hatte er eine neue
wunderliche Kopfverzierung ersonnen, und ich glaube, da ihn bei diesen
mannigfaltigen Erfindungen sein ehemaliges Studium der Baukunst sehr
untersttzte. Ich predige hier an einem Pfingsttage, und sehe die liebe
Gemeinde unter mir. Der Verwilderte hatte sich furchtbar ^ la Herisson^
frisirt, so da ihm die Haare wie Borsten vom Kopfe weit weg abstanden;
sieben oder acht seiner Freunde standen und saen neben ihm mit
hochaufgewirbelten Papillotten, ein Anblick, der schon sonderbar genug
war, weil viele Papierbndel wirklich wie aufgerichtete Krmerdten auf
den Kpfen leuchteten. Nun nahm aber er einen nach dem andern von seinen
Anhngern zwischen die Knie, und frisirte ihn whrend meiner Predigt
eben so fantastisch, wie er selbst sich trug, so da gegen das Ende der
Rede ein Theil meiner Andchtigen wie eben so viele wilde Teufel
aussahen, und ich des Lachens wegen, das mich befiel, frher schlieen
mute, als ich mir vorgesetzt hatte.

Friedrich wollte sich ausschtten vor Lachen, und der Director
erwiederte: so wie der Verstand, so hat die Narrheit des Menschen keine
Grnzen. Jetzt ist ein Mann bei uns, der sich immer mit einem Maastabe
herumtreibt und ihn unablssig betrachtet und rechnet. Dieser Mensch ist
ziemlich wohlhabend und besitzt in der Stadt drben ein mittelmiges
Haus. Es verdro ihn aber, da, wenn er so manche grere Huser des
Ortes betrachtete, ihm sein ererbter Wohnsitz nur winzig und unbedeutend
erscheinen mute. Mit diesem Verdrusse schleppte er sich Tag und Nacht,
und wute doch kein Mittel, dem Uebelstande abzuhelfen. Endlich, weil er
vor Hochmuth weder mehr schlafen noch essen konnte, fate er einen
seiner Thorheit wrdigen Entschlu. An einem schnen Sommertage geht er
aus, miethet auf dem Markte vier der strksten Tagelhner, und nimmt sie
mit in seine Wohnung. Hier fhrt er sie in sein grtes Zimmer; jeder
von ihnen mu sich gegen eine Wand stemmen und mit allen Krften dagegen
drcken, bis er ihnen Halt zuruft. Sie empfangen ihren Lohn, ohne zu
begreifen, was sie gearbeitet haben. Am folgenden Tage wird derselbe
Versuch wiederholt; sie mssen streben und drngen, da ihnen der
Schwei herab fliet, genau auf sein Commandowort achten, und in
demselben Augenblick alle zugleich zu drcken aufhren, wie sie in
demselben begonnen haben. So treibt er es den ganzen Sommer; er
erweitert nach und nach alle Zimmer seines Hauses, die Gnge, die
Treppen, den Hof; und nachdem er so eine bedeutende Summe ausgegeben
hat, ist er fest berzeugt, sein Haus sei das greste in der ganzen
Stadt. Er spaziert Stunden lang mit hoher Verehrung vor demselben auf
und nieder, er zeigt erstaunten Fremden seine unermelichen Sle, er
fngt an, sich selbst den Grafentitel beizulegen, hngt ein gemaltes
Wappen ber seine Hausthr, und ist auf einige Zeit unser Gast geworden,
um sich wieder auf die Wahrheit besinnen zu lernen. Sehn Sie, lieber
junger Herr Graf, so sonderbare Verirrungen fallen vor, da dieser Mann
sogar den sichtlichen Raum seines Hauses nicht mehr hat wahrnehmen
knnen.

Sie beweisen mir heute ein so schnes Vertrauen, erwiederte Wolfsberg,
da ich es wohl wagen darf, noch einmal das Wort zu wiederholen, mit
welchem ich Ihr Haus zuerst betrat, da ich nmlich durchaus nicht der
bin, fr welchen Sie mich halten, und da Sie, wenn Sie mich nur einer
ruhigen Prfung wrdigen wollen, mich eben so wenig des Verstandes
beraubt finden werden, als den Herrn Prediger, oder als Sie es selber
sind.

Der Director winkte mit dem allerfinstersten Blicke, und Friedrich,
welcher jede seiner Mienen verstand, nahm schnell den Wein vor Wolfsberg
weg, und stellte ihm ein groes Wasserglas hin. Es geht nicht, rief der
Director, so mit Ihnen zu leben, wie ich wnsche. Da Sie jetzt so
abgefallen und fast miserabel aussehen, da Ihr Blick so demthig ist; so
glaubte ich wirklich, Sie htten in sich geschlagen, und ich drfte Sie
durch bessere Speise und Wein erquicken. Aber an Ihnen ist Hopfen und
Malz verloren. Wie, Sie wollen wirklich streiten, da Sie der Graf
Birken, einer der confusesten jungen Mnner sind? da Sie schon tausend
Hndel angezettelt, und dafr drei oder vier Mal ansehnliche Schlge
empfangen haben? da Sie es zu guter Letzt gewagt, sich mehrmals in das
Haus des Barons von Halden einzuschleichen, und das Unglck seiner
sinnverwirrten Tochter durch Liebesbriefe und mndliche Betheuerungen
erhht, ja sie endlich beredet haben, sich von Ihnen entfhren zu
lassen? Hier ist die Klage des Barons, hier sind Ihre klglichen Briefe,
hier ist die Ordre vom Minister, Sie gefangen zu halten. Wollen Sie aber
dieser Graf Birken nicht seyn, so zeigen Sie uns Psse, oder Schriften,
durch welche Sie sich ausweisen knnen; stellen Sie angesehene Brgen!
Aber man hat Sie dort im Hause nur zu gut erkannt, und Sie zu oft aus-
und einschleichen sehn, Sie auch zuletzt im Zimmer der Tochter selber
ergriffen. Und nun kein Wort mehr ber die Abgeschmacktheit, wenn Sie
nicht bei Wasser und Brod in Ihrem Zimmer wollen eingesperrt seyn.

Wolfsberg las die Papiere mit Aufmerksamkeit durch, und wagte es nicht,
noch ein einziges Wort zu seiner Rechtfertigung zu erwiedern. Friedrich
sah ihn trstend an und warf heimlich hhnische Blicke auf den Director;
der aufmerksame Herr Kranich aber war schnell mit der kleinen Peitsche
bei der Hand, um die bsen Geister von Wolfsbergs Schultern zu verjagen.
Der Director wurde noch zorniger und rief: stecken Sie die verdammte
Peitsche ein! Ich glaubte, Sie wrden doch wenigstens mein Vertrauen und
mein Zimmer so weit ehren, das Zeichen Ihres Aberwitzes in Ihrer Klause
zu lassen.

Der Rothrock steckte zwar die Peitsche wieder ein, machte aber ein
zorniges Gesicht, sah den Director mit groen Augen unverwandt an und
sprach dann laut: Aberwitz, mein Herr? Dieses Worts sollen Sie sich
jetzt und Ihre Lebenszeit hindurch schmen! Ich kam an Ihren Tisch in
dem festen Vertrauen, da Sie doch so viel Vernunft haben wrden, mich
nicht mit den mancherlei Gecken, von denen heut Mittag die Rede gewesen
ist, in eine Classe zu werfen, und mich nicht mit dem Gezcht
vergleichen zu wollen, was da unten im Saale sein Gaukelwesen treibt.
Ich brauche, dem Himmel sei Dank, nicht curirt zu werden; auch will ich
niemals curirt seyn; denn meine Vernunft, Herr, ist probefest, und auf
die Dauer gearbeitet, und ich bin noch niemals, wie Sie von sich vorher
zugestanden haben, in Gefahr gerathen, mit Nrrischen nrrisch zu
werden. Wer wren Sie denn, wenn ich nicht das Geschmei der Pygmen
immer wieder aus Ihrem Hause vertriebe? Ich will diese liebe Peitsche
nur kurze Zeit ruhen lassen, und Sie werden es an sich erfahren, da Sie
ein ruinirter Mann sind, da Sie berschnappen, da Sie zum Kinderspott
werden. Wie? Was? Es gbe wohl am Ende gar keine Pygmen? Haben sie
nicht schon die alten Griechen erkannt, aber nach ihrer dummen Weise
darber gefabelt. Sogar von mir und meinem groen Einflu auf sie hat
man in uralten Zeiten dunkle Legenden und Ahndungen gehabt; aber man
dichtete, da die Pygmen ein wirkliches Volk seien, so klein, da die
Kraniche Krieg mit ihnen fhrten. So erbrmlich hat man die Sache und
meinen Kampf mit ihnen entstellt. Heut zu Tage nennen sie's das bse
Princip. Nicht wahr, da ist mehr Verstand drin! Nein, da lobe ich mir
meine se, liebe Peitsche; und wo ich bin, mu diese auch seyn. ^Dixi.^

Der Geistliche sagte: nicht so bel! aber der Director fuhr auf: wenn
Sie so groen Geschmack an Narren finden, ehrwrdiger Herr, so mgen Sie
es haben. Er verlie das Zimmer; die Uebrigen folgten ihm nach.

                   *       *       *       *       *

Was machen Sie nur? fragte der Rath den Arzt, als der sandigere Weg
wieder ein Gesprch erlaubte. Wir sollten lieber hier noch verweilen,
vorzglich Ihretwegen, da Sie doch nun Ihren theuern Grafen gefunden
haben; und Sie selbst ziehen mich wie mit Gewalt in den Wagen, und
erklren, Sie wollten niemals wieder hieher zurck kommen.

O mein bester Rath, sagte der Arzt halb lachend; fr einen
Rechtsgelehrten sind Sie mir doch etwas zu treuherzig und fr einen
Inquisitor und Nachsprer gar zu arglos. Der Birken ist entlaufen, Vater
und Tochter sind mir entgegen. Vermuthen diese, ich komme wieder, so
finde ich meinen Entsprungenen niemals und es geschieht, was ich
verhindern will; kann ich sie aber sicher machen, da ich nicht zurck
kehre, so berrasche ich den vollstndigen Familienkreis wohl in Kurzem.
Mit Ihrem lieben Pankraz ist es derselbe Fall; er hat sich unsichtbar
gemacht, und zeigt sich nur, wenn er uns entfernt wei.

Was hat der ehrliche alte Mensch mit dieser Sache, ja mit irgend einer
zu thun? antwortete der Rath. Er hat damals genug gelitten, als seine
Unvorsichtigkeit dem armen Raimund so theuer zu stehen kam; der Mensch
mute sogleich den Dienst verlassen und dem Zorn des alten Barons
entfliehn.

Der Arzt lachte laut auf. Wenn meine Menschenkenntni mich nicht ganz
trgt, sagte er endlich, so ist dieser gute alte Pankraz ein
durchtriebener Schurke, und jener braun- und blauugige Baron nichts
Geringeres.

Sie schwrmen, lieber Freund.

Und Sie schlagen selbst etwas in die Farben, in denen Sie mir Ihren
Raimund gezeichnet haben. Haben Sie denn nicht bemerkt, wie verlegen das
Pankraziengesicht wurde, als es Sie erblickte? Schon vorher wurde er
bla, als ich ihn nach Blanka fragte. Er wei uns Raimunds Aufenthalt
gewi zu entdecken. Knnen Sie sich in der Stadt durch Freunde oder
Autoritt eine Vollmacht verschaffen, um den Schurken, wenn Sie ihn
wieder ansichtig werden, zu verhaften, ihn zu erschrecken; so erfahren
wir gewi Alles, und der Zweck Ihrer Reise ist erfllt.

Wenn Sie Recht htten! sagte der Rath. -- Er befahl dem Kutscher nach
der Stadt zu fahren.

                   *       *       *       *       *

Bei der Gesellschaft im Saale waren einige Vernderungen vorgegangen.
Die beiden Redner hatten sich immer noch nicht vershnt und jeder
vermied den andern; die Schachspielenden schienen auch weniger einig,
als sonst, und der Mann mit dem Maastabe war unruhiger, und lief hastig
hin und wieder. Wolfsberg gesellte sich zu diesem, und fragte, was ihm
fehle. Ach, mein Herr, sagte dieser heftig bewegt, Sie haben gewi auch
von meinem groen Hause gehrt, welches ich durch meine Geschicklichkeit
so ansehnlich gemacht hatte. Das konnte mir der Neid nie vergeben, da
ich durch Wissenschaft Besitzer eines der grten Palste in der Stadt
seyn sollte. Bald hie es, durch die bermige Ausdehnung habe der Bau
eine so zarte Constitution erhalten, da er bei der nchsten
Veranlassung, wenn etwa Truppen marschirten und die Trommel gerhrt
wrde, erschreckend, wie in einem Nervenfieber zusammen strzen msse.
Andre meinten gar, ich htte die Stadt dadurch verengt, und die
nahestehenden Huser und Gassen litten darunter: als wenn der unendliche
Raum etwas so Beschrnktes wre, da man die Welt so leicht verderben
knnte. Ich erbot mich, die ganze Stadt durch Beobachtung des Tactes
auszudehnen, und sie, wenn wir Geld und Zeit genug htten, grer als
London oder Nanking zu machen. Aber die Bosheit hrte auf nichts; ich
mute mich hieher in die Einsamkeit zurck ziehn. Und was ist nun im
Werke? Sollten Sie's glauben, da die Verderbtheit der Menschen so weit
gehen knne! Eine ganze Schiffsladung von Gummi elasticum lt man mit
Erlaubni des Parlaments von England kommen. Fnfhundert Menschen zerren
das Zeug aus einander; man practizirt es so, nach allen Seiten
ausgedehnt, unter meinen Palast, und auf ein Zeichen von dem
nahestehenden Kirchthurm (denn auch die Religion wird dazu gemibraucht)
lassen alle fnfhundert Bsewichter in einem und demselben Augenblicke
die Gummifetzen los; das unglckselige Zeug schnappt zusammen, und nimmt
unwiderstehlich Breite und Lnge meines Palastes mit sich, der durch
dieses hllische Kunststck wieder zu einem gewhnlichen Hause
zusammenschrumpft. Denn das giebt die Vernunft, da, da das elastische
Unwesen sich nun in der Grundlage an das Gebude anklemmt, keine
menschliche Kraft, keine Wissenschaft, kein noch so gut observirter Tact
dazu hinreicht, es aus den Gummi-Klauen zu retten und wieder aus
einander zu dehnen.

Wolfsberg mute dem Klagenden Recht geben; doch wurde jetzt seine
Aufmerksamkeit auf einen jungen Menschen gerichtet, der zum Saale herein
schlich, und den er bisher noch niemals gesehen hatte. Methusalem kommt
einmal wieder! riefen Einige, und ber die blassen Wangen des kranken
Jnglings lief ein leichtes Roth. Wie nennen Sie ihn? fragte der Baron.
O er heit nur so, antwortete Sokrates, der eben vorber ging, weil das
Gespenst schon so auerordentlich bei Jahren ist, da, gegen ihn
gerechnet, Methusalem selbst noch in den Kinderschuhen steckt.

Die Gestalt und das Wesen des Jnglings waren so wunderbar und von
Allem, was sich in diesem Hause zeigte, so verschieden, da sich
Wolfsberg wie gezwungen fhlte, sich ihm langsam und mit Bldigkeit zu
nhern. Der Jngling war schlank und mager, seine Geberde ruhig und
edel, sein Gesicht schn, aber bla und abgefallen; die Augen glnzten
so berirdisch, da man vor ihnen erschrecken konnte, wenn nicht eine
se Schwermuth ihr Feuer wieder gemildert htte. Der junge Mensch
schritt dem Baron entgegen, vielleicht, weil ihm auch dessen Gestalt und
Wesen, als ein milderes, auffiel. Wolfsberg war um Worte verlegen, mit
welchen er das Gesprch erffnen knne; aber der Kranke kam ihm zuvor,
nahm ihn bei der Hand und sagte mit der lieblichsten Stimme: was fehlt
Ihnen?

Meine Vergehungen, sagte der Baron in einem fast zerknirschten Tone,
haben mich hieher gefhrt. Aber woran leiden Sie?

Ach! klagte der Jngling, da ich so gar bermig alt bin; die groe
Menge der Jahre drckt mich zu Boden. Wie alt schtzen Sie mich?

Hchstens drei und zwanzig Jahre, sagte der Baron.

Des Jnglings Gesicht ward noch wehmthiger und zwei groe Thrnen
fielen aus den Augen. Sie sehn, sagte er mit seiner lieblichen Stimme,
wie ich lachen mu. Nun bin ich gerade sechstausend dreihundert und vier
und neunzig Jahre alt. Gestern Nachmittag hatte ich nur sechstausend und
vier und neunzig: und denken Sie, in der kurzen Zeit bin ich schon
wieder um die dreihundert Jahre lter geworden.

Sie setzen mich in Erstaunen, sagte Wolfsberg.

Wissen Sie denn, was die Zeit ist? klagte jener weiter. O Lieber,
mancher Achtzigjhrige geht zu Grabe, und hat vielleicht nicht zwanzig
Jahre, nicht zehn gelebt. Vielleicht giebt es Menschen, die von der
Geburt an bis zum Greisenalter nicht zur Zeit erwachen, und erst jenseit
die erste Stunde mssen kennen lernen. In der Gleichgltigkeit ist kein
Strom; weder Vergangenheit, noch Zukunft, auch keine Gegenwart. Freude,
Jubel und Glck sind rasende Kinder, die tobend umher springen und das
zarte Stundenglas zerbrechen; hinter ihnen steht Tod und Nichtsein, --
der Himmel gab uns dafr keine Sinne. Aber im Schmerz, im Schmerz! Wie
durch diesen Wunderbalsam die Secunde, die das Auge kaum unterscheidet,
aufschwillt und mit der Ewigkeit schwanger wird! Ja, mein junger
Zeitgenosse, ich habe Tage erlebt, in denen Jahrhunderte eingewickelt
waren; sie lsten sie aus ihren Schleiern und legten sich mir um die
Seele. Dann kam eine Stunde, eigentlich nur ein Augenblick; da sprang
die ganze aufschwellende Knospe entzwei, in der mir die Zeit in
duftenden Blttern aus einander blhen sollte, und ein Alles und Nichts,
ein groer ewiger Tod, in dessen finsterm Herzen kindisch das seste
Leben lchelte, brach mit Gewitternacht ber mich ein. Da waren die
Jahrtausende verlebt, dieselben, an denen das Menschengeschlecht, ohne
sie nur zu kosten, vorber kriecht. Schmerz, Herz, Scherz: nicht wahr,
im Schmerz ist Alles, was die Andern nur einzeln aussprechen? Leben Sie
wohl, und hten Sie sich, so alt zu werden! Ich gehe wieder auf mein
Zimmer, denn wenn diese groen Minuten mich besuchen wollen, mssen sie
mich wach finden. Adieu, junger Mann, vielleicht bin ich schon acht oder
zehntausend Jahre, wenn wir uns wiedersehn. Er wankte hinaus, und keiner
von den Gegenwrtigen achtete auf ihn.

Die Uebrigen umringten Wolfsberg, und Sokrates, der den Sprecher im
Namen Aller zu machen schien, sagte: junger Herr, wir Alle sind es nun
endlich berdrssig, Sie noch lnger diese triviale Rolle spielen zu
sehn, mit der Sie uns Allen herzliche Langeweile machen. Nicht der
Unbedeutendste hier, der nicht sein Pfund wuchern liee; und Sie wollen
immer noch als leutseliger Beobachter sich herum treiben? Fordert die
Menschheit nicht auch Ihre Kraft und Ihren Entschlu? Sie sollen nicht
lnger der Niemand seyn, mit dem Keiner von uns etwas anzufangen wei.

Meine Herren, sagte Wolfsberg in einer sonderbaren Stimmung, die aus
Schmerz und toller Laune gemischt war: da Sie mich Alle mit einem so
gtigen Zuruf und schmeichelnden Zutrauen beehren, und da ich sehe, da
uns hier eine so glckliche Republik umfat, in der uns weder Gesetze
der Zeit noch des Raumes tyrannisiren, und eine so freie Verfassung
unsre Krfte erhebt, da auch selbst das Unmgliche mglich wird: so
will ich denn auch nicht lnger hinter dem Berge halten, mich Ihnen
entdecken und Ihren herrlichen Bestrebungen anschlieen. Wissen Sie
also, da ich das Eigne an mir habe, da ich schon fters gelebt habe,
vielerlei Zustnde erfahren, und mein dermaliges Leben nur als die
hundertste Wiederholung in einer etwas vernderten Modification
auffhre.

Wie meinen Sie das, Trivialer? fragte der Leser.

Dieselben geruhen, antwortete Wolfsberg, mit Ihrer unvergleichlichen
Stupiditt nicht zu capiren. Ich war mit Einem Wort, genau nach der
Lehre des Pythagoras, schon in vielfachen Gestalten im Leben. Ich war
Knig, Kaiser, Bettler, Vater, Sohn, lasterhaft, zur Tugend geneigt,
glcklich und elend.

O, sagte der Indianische Schachspieler, Sie fangen an interessant zu
werden, Mnnchen; fahren Sie nur so fort, so knnen Sie noch was
leisten.

Knnen Sie uns nicht etwas Bestimmteres von Ihren frhern Verhltnissen
mittheilen? fragte Sokrates.

Gern, erwiederte der Baron mit gelufiger Zunge, ich war z. B. zugegen,
als Csar ermordet wurde.

Trefflich! rief der Leser; wer waren Sie denn dazumal?

Wer anders, als der berhmte Cassius, antwortete Wolfsberg.

Halt! schrie der aufgedunsene Redner, der noch immer mit der
Zinnschnalle paradirte, halt! rief seine krchzende Stimme; das ist nur
Windbeutelei! Denn wenn ich damals htte leben knnen, so wrde ich
Cassius gewesen seyn: also ist es pur unmglich, da du selbiger
gewesen!

Dieser leere Wunsch, und die etwanige Mglichkeit, sagte Wolfsberg
spitzfindig, schliet doch wohl meine wirklich erlebte Wirklichkeit
nicht aus?

Leerer Wunsch? schrie der aufgebrachte Dichter, in meinem ganzen groen
Leibe und noch grerem Geiste ist kein einziger Wunsch, den man als
leer verlstern drfte! Leer! Ei, den ausgelernten Lehrer! Mit diesen
Worten schlug er auf den jungen Baron ein. Sokrates wollte seinen
ehemaligen Schler zurechtweisen: da dieser aber, noch ergrollt, ihn
ebenfalls nicht schonte, so verlie auch diesen die sokratische Ruhe.
Doch, wie es auch wohl bei Vernnftigern zu geschehen pflegt, verga er
den Beginn des Zanks, und sein thtiger Unwille wandte sich nach wenigen
Augenblicken gegen Wolfsberg. Die Schachspieler, Melchior, der
Bauknstler, ja Alle im Saale schienen pltzlich von der Ueberzeugung
begeistert, da es nothwendig sei, denjenigen, der schon als Cassius und
in andern Zustnden Vieles gelitten, auch in diesem Momente mit
empfindlichen Leiden zu berhufen. Am grausamsten aber wthete die
Peitsche des Pygmen-Bezwingers, dessen Seherkraft auf Rcken und
Schultern des Armen Myriaden seiner kleinen Gegner erblicken mute, weil
er, unbarmherzig gegen sich und den Geschlagenen, in die Geister mit der
Anstrengung aller Krfte hinein arbeitete. Entsetzt strzte Friedrich,
der seinen fleiigen Arbeiter und Schatzheber unterliegen sah, mit
frchterlichem Geschrei zum Director, dessen Autoritt und starkes Wort
den armen, erschpften Baron auch wirklich frei machte, der sich
verdrielich und zerschlagen nach seinem Zimmer begab, und den der
Trost, welchen ihm Friedrich noch in der Thr zuraunte, da die nun
kommende Nacht die letzte und entscheidende sei, in diesem Augenblick
nicht sonderlich erheben konnte.

                   *       *       *       *       *

Als Friedrich seinen nchtlichen Schatzgrber abrief, fand er ihn sehr
bel gelaunt. Die Arbeit wird mir zu schwer, sagte er verdrielich;
meine Krfte nehmen ab, und ich mu frchten, da diese ganze ungeheure
Anstrengung vergeblich gewesen ist; denn nach so manchen Wochen, nach so
vieler herausgegrabenen Erde, da wir doch schon tief genug gekommen
sind, zeigte sich noch immer nichts. Es wird auch fast unmglich, die
Erde aus der Tiefe noch hher herauf zu schaffen, da ich Alles allein
verrichten mu.

Nur heut noch, flsterte Friedrich; ich gebe Ihnen mein Wort, heut ist
die letzte und entscheidende Nacht! Wir mssen nur Anstalt treffen, das
viele Gold aufzubewahren, ohne da man es bei uns bemerkt. Und noch
Eins, verehrter Freund, in der letzten Nacht zeigt sich gewi etwas
Sonderbares oder Gespenstisches. Lassen Sie sich nicht berraschen;
erschrecken Sie nicht, wenn Sie Stimmen hren, ein wunderliches
Gepolter, Geschrei; wenn Lichter und Geister kommen, und uns das so
sauer Errungene wieder zu entreien streben. Denn das ist ihre Art, den
Glcklichen noch zuletzt zu ngstigen, damit sie ihm seine Beute wieder
entziehen. Darum hten Sie sich heute besonders vor jedem Zweifel oder
gottlosen Wort und Fluch; denn sonst versinkt unser Schatz gleich wieder
so viele Klaftern tiefer, da alsdann unsre Arbeit von Neuem und viel
beschwerlicher anfangen mte. Heut mssen wir besonders still seyn, und
uns eine feierliche Manns- und Heldenstimmung geben.

Sie gingen langsam hinunter. Sie flsterten unterwegs, was sie mit den
Schtzen beginnen, welche Unternehmungen sie ausfhren wollten, wie die
Welt vor den ungeheuren Dingen erstaunen sollte, die alsdann auftreten
wrden. Wolfsberg sprach davon, wie er sich sein eignes Theater in
seinem groen Palaste anlegen wolle, und nur den vorzglichsten
Knstlern gestatten, bei ihm aufzutreten; Friedrich dachte mehr darauf,
den Director zu krnken, seinem Hause gegenber ein anderes, noch
greres aufzufhren, und alle Menschen dort kostbar zu bewirthen die
sein Gebieter nicht leiden knne.

Als sie unten waren, stellte Wolfsberg die Laterne wieder neben sich,
und fing an seufzend zu graben, da ihm Arme und Rcken, ermdet, wie sie
waren, fast den Dienst versagten. Friedrich stand oben auf der lockern
Erde, und konnte kaum seine heisern anordnenden Worte hinab gelangen
lassen, so tief hatte sich Wolfsberg schon unter die Fundamente
eingegraben. Eine schauerliche Stille umgab sie; ganz dumpf und fern
hrten sie jetzt die groe Uhr zwlf schlagen. Wolfsberg dachte nicht
ohne Grausen daran, da sich nach seines kleinen Freundes Voraussagung
nun wohl etwas zeigen knne, und suchte seine Angst durch emsigere
Arbeit zu betuben. Friedrich stand hoch ber ihm und zitterte an allen
Gliedern; er wagte es nicht mehr hinab zu sehn; die Erdschollen, wie sie
von unten aufgeworfen wurden, erklangen ihm frchterlich, weil er in
jedem Wurf Schritt und Tritt eines Geistes zu hren glaubte. In der
greren Anstrengung warf Wolfsberg die Laterne um, die nur ein
dmmerndes Licht in der ausgegrabenen Kluft schimmern lie; Friedrich
stie einen leisen Ausruf des Entsetzens aus, und als sich jetzt ein
seltsames Gepolter vernehmen lie, ein dumpfes, brausendes Murren, von
dem man nicht unterscheiden konnte, woher es komme, setzte sich
Wolfsberg in hchster Angst nieder, ein Geisterheer und furchtbare
Erscheinungen erwartend. Sein Haar strubte sich, als das Getse zunahm;
und jetzt fiel pltzlich mit schwerem Fall ein Wesen um seinen Hals,
schlang sich zitternd und weinend an ihn fest und schien ihn erdrcken
zu wollen. Als Wolfsberg sich etwas besann, erkannte er Friedrich, der
von oben zu ihm herab gekugelt war, vom Schreck hinunter geworfen. Was
wird aus uns werden? schluchzte dieser. Aber nur Muth, Muth, mein
Leidensgefhrte! Jetzt vernahm man etwas Bestimmteres, wie Reden,
Schreien durch einander. Es kam nher; aber nicht aus dem Boden, sondern
von dem Eingange des Kellers her; Lichtschimmer fingen an sich zu
verbreiten. Aber da mu das heilige Donnerwetter drein schlagen! brllte
jetzt eine Stimme, und der Kleine lie jetzt den Baron fahren, richtete
sich auf, und sagte: Gott Lob! es ist nichts, es ist nur unser Herr
Director.

Mordelement! schrie dieser von oben, wie sieht das hier in den
Kellergeschossen aus, da mssen wenigstens zwanzig verrckte Spitzbuben
dran gearbeitet haben. Gewi ist der Schuft, der Friedrich, wieder auf
seine alten Tollheiten verfallen, und hat ein Rudel Dummkpfe zu
Gehlfen genommen. An dir aber will ich ein Exempel statuiren!

Herr Director, Barmherzigkeit! winselte der Kleine von unten hinauf.

Leuchtet! schrie der zornige Mann. Die Diener kamen mit den Lichtern
nher, stiegen auf die Erdhgel, und man sah jetzt beim Schein die armen
Snder, bleich und aufgelst in Angst, unten stehn.

Wie? schrie der Director, der verrckte Graf ist da unten bei dir?
Herauf ihr verdammten Kerle!

Langsam und mit Mhe krochen die Verbrecher aus ihrer Grube. Wit ihr
wohl, Patrone, eiferte der wthende Medicinalrath, da durch eure
sauberen Bemhungen das Fundament hier gesunken ist, da die uere
Mauer nach Westen einen Ri bekommen hat? da ich das Recht habe, euch
in Ketten zu schlagen und an die Wand zu schmieden? Ich erschrecke, wie
ich heut Nachmittag den Sprung in der Mauer wahrnehme; aber das la ich
mir doch nicht trumen, da der dumme Schatzgrber, der doch seine
ehemalige Strafe nicht sollte vergessen haben, seine Streiche von Neuem
angefangen hat. Sprich, wo sind die brigen Verschwornen?

Der Graf, wie Sie ihn nennen, antwortete der zitternde Friedrich, hat
Alles ganz allein gemacht.

Was? rief der Director erstaunt; das Kerlchen ganz allein? Allen diesen
Schutt aufgeworfen? sich wohl vier Klaftern tief eingegraben? die Erde
in die Gewlbe herauf gefahren und dort abgeladen? Das ist kaum
menschenmglich! Und wie lange treibt ihr die Teufeleien?

Seit vier oder fnf Wochen, klagte Friedrich.

Kein Wunder denn, sagte der Director, da der Unkluge so verfiel und zum
Jammerbilde wurde. Aber wie konnten Sie nur, Graf, ein solcher Dummkopf
seyn, und sich von diesem armseligen Schaafe verfhren lassen? Merkten
Sie es denn gar nicht, da Sie doch manchmal Funken von Vernunft zeigen,
da er auch zu den Tollen gehrt?

Also ist unser Herr Friedrich auch unklug? fragte Wolfsberg.

Was anders? erwiederte der Director: nur weil er anstelliger ist, als
die Andern, wird er zum Aufwrter, ja Aufseher gebraucht. Nun hat sich
das Ding freilich gendert. Htten die Satans nicht uns Narren
insgesammt den alten Kasten auf die Kpfe schmeien knnen!

Mir fiel es oft ein, sagte Wolfsberg kleinlaut, da hier keine Schtze
liegen mchten, da Friedrich vielleicht nicht gesunde Einsichten habe;
aber weil ich doch einmal die tolle Arbeit angefangen hatte, weil er
mich so zu lieben, auch ganz zu kennen schien, mehr als Alle, so -- --

Ja, winselte Friedrich, ich mute dem Narren gleich gut seyn, so wie ich
ihn ankommen sah; denn betrachten Sie ihn nur, wie er dem berhmten
Herzog Marlbrough hnlich sieht, der vor einem halben Jahre bei uns sa,
und mit dem ich damals auch die groe Freundschaft errichtete. Aber da
er nun doch ein recht verrtherischer Narr ist, will ich Ihnen auch
sagen, wer er eigentlich ist; denn Sie kennen ihn Alle nicht.

Nun? sagte der Director.

Er ist, fuhr Friedrich trotzig fort, der durch die ganze Welt
berchtigte Cartouche, das knnen Sie mir auf mein Wort glauben.

Scheert Euch beide auf Eure Stuben, rief der Director, und nehmt da auf
vier Wochen mit Wasser und Brod vorlieb, das ist Eure gelindeste Strafe!
Die Maurer werden hier wohl eben so lange zu thun finden, ehe das Haus
wieder fest steht und Alles in Ordnung ist.

Sie gingen Alle hinauf, und die beiden armen Snder muten sich seufzend
in ihre Strafe fgen, die noch hrter htte ausfallen knnen.

                   *       *       *       *       *

Vor der Stadt lustwandelten die beiden Freunde Walther und Anselm. Sie
billigen es also, sprach der Letztere, da ich dem alten Grafen Birken
Alles, was seinen wilden Sohn betrifft, geschrieben habe, und da er
nun, wenn es ihm wichtig genug dnkt, selber kommen und ihn aufsuchen
mag; denn ich kann meine Zeit nicht lnger mit diesen Nachforschungen
verlieren. Sie wissen, da mit jedem Posttag die vortheilhafteste
Anstellung ankommen kann, die ich nicht zurck weisen darf.

Ich bin in allen Dingen Ihrer Meinung, erwiederte Walther, nur darin
nicht, da Sie nicht zum Hause des Predigers Kilian zurck kehren
wollen, wo, wie ich immer noch glaube, wir Alle antreffen wrden. Was
ntzt mir nun die Vollmacht, die ich bei mir trage, wenn wir den guten
Pankraz niemals wieder zu Gesichte bekommen?

Ein Auflauf strte die Unterredung, denn ein Rudel von Jugend war hinter
der seltsamsten Erscheinung her, die ihnen zu entlaufen suchte. Eine
lange Gestalt im rothen Tressenrocke, kleinem goldbesetzten Hut und
groem Haarbeutel, einem feinen Degen mit Porzellan-Griff an der Seite,
in aufgewickelten seidenen Strmpfen und Corduan-Schuhen mit rothen
Abstzen, stolperte ihnen unbehlflich entgegen, und bat mit klglicher
Stimme um Hlfe gegen die ausgelassene Jugend. Sie halfen dem alten
Manne in ihren Gasthof, vor dem sie eben standen, und als sie im Zimmer
dem Geschrei und Lrmen des nachfolgenden Haufens entgangen waren,
erkannten die Freunde zu ihrem Erstaunen an dem hochauffrisirten und
gepuderten Kopf das Gesicht des verdchtigen Pankraz. Wie bin ich Ihnen
verbunden, meine werthen Herren, sagte er, den Rath von der Seite
betrachtend, da Sie mich gerettet haben!

Der Arzt, welcher frchten mochte, da bei der Milde seines Freundes
vielleicht die Sache nicht die rechte Wendung nehmen knnte, bemchtigte
sich gleich des Gesprches, indem er mit barschem Tone sagte: wir kennen
Euch recht gut, alter Narr Pankraz; wie seid Ihr in diesen Habit
gekommen, und was hat die Posse zu bedeuten?

Ach, mein Herr, sagte der Diener, wir sind schon einige Zeit von unserm
Prediger entfernt --

Das wissen wir, unterbrach ihn der Arzt, und auch den saubern Grund,
weil der gute Pankraz uns nicht gern dort treffen wollte. Doch das wird
sich Alles finden!

Nun kann ich meinen Herrn, fuhr der Diener fort, nachdem er den Arzt ein
Weilchen mitrauisch angesehn hatte, so ziemlich regieren; er folgt mir
in wichtigen Sachen immer, wenn er auch murrt, und hat mehr Respect und
Furcht vor mir, als vor dem Herrn Prediger selbst; aber an einem
einzigen Tage im Jahr ist er durchaus nicht zu bezwingen; an seinem
Geburtstage nmlich; da mu ich ihm in allen Dingen seinen Willen thun,
wenn ich ihn nicht wthig machen soll. Heut ist der Unglckstag, und da
fate er schon vorige Woche den Gedanken, ich mte heut als Herr
angeputzt seyn, und er wollte meinen Bedienten vorstellen. Ich bat und
flehte; aber umsonst. Ich wollte wenigstens den Spa auf dem Lande
treiben; half nichts. Er staffirt mich also aus, und lehnt das Zeug dazu
von Juden und Christen zusammen; er selber tritt in einer engen
hechtblauen Livree hinter mir her, und da sich die Jungen versammeln,
fngt der bse Mensch zuerst an, mich auszulachen, und schreit hinter
mir drein, ich sei der ewige Jude. So bin ich durch die halbe Stadt
verfolgt worden, und hoffe nun durch Sie den Habit los zu werden, und
sicher nach unserm Wirthshause zu kommen.

Das wird alles nicht nthig seyn, sagte der Arzt kaltbltig, der gute
Pankraz wird wohl anderswo ein Unterkommen finden. Seht, der Herr Rath
Walther hat sich zu Eurem Besten vom Gerichtsprsidenten hier in der
Stadt, der sein naher Verwandter ist, diese Vollmacht geben lassen, Euch
zu greifen, wo Ihr Euch betreffen lieet, und den Gerichten zu
berliefern; wo Euch dann das Zuchthaus wenigstens gewi ist, wenn Euch
nicht, wie ich glaube, Kette und Karren auf dem Vestungsbau erwartet.

Mein Himmel, sagte der Alte zitternd, indem er einen schnellen Blick in
das groe Blatt warf, wodurch denn -- dieser Verdacht -- ach! Herr Rath
-- ich wei nicht --

Freilich, fuhr der Arzt kalt und bestimmt fort, knnt Ihr Eurem
Schicksal selbst eine bessere Wendung geben, wenn Ihr in unsrer und
einiger Zeugen Gegenwart ganz aufrichtig seid.

Ich wei ja nicht, winselte Pankraz, was ich gestehen soll.

Die Sache ist brigens schon klar, sagte der Arzt, und kann auch ohne
Euch ausgemittelt werden; nur bewegt uns das Mitleid mit Eurem Alter
dazu, Euch das harte Schicksal zu ersparen, das Euch nothwendig treffen
mu. Vertraut Ihr Euch uns gutwillig an, so haben wir den alten Baron
Eberhard so in der Hand, da er knftig fr Euch sorgen mu, und noch
besser, als er bisher gethan hat. Wir wollen als Eure Freunde fr Euch
handeln, wenn Ihr aufrichtig seid, und Euch als Feinde verfolgen, wenn
Ihr lugnet.

Lieber Himmel, stotterte der Alte, wenn ich doch nur gleich recht viel
wte, um Ihnen durch meine Bereitwilligkeit meinen Diensteifer und
meine Liebe zu beweisen.

Wir verlangen nur Weniges von Euch, sprach Anselm.

Ach! das ist ja recht Schade, seufzte Pankraz; wollte der Himmel, ich
htte Ihnen recht Vieles zu erzhlen!

Da Ihr sonst den jungen Raimund bedientet, fuhr der Arzt fort, da Ihr
einen Spion bei ihm abgabt, da Ihr es nicht ehrlich mit ihm meintet,
sondern Alles dem alten Herrn Baron zutrugt, wissen wir schon lngst. Es
ist uns auch bekannt, da sich der alte Herr Baron ber die
Schwchlichkeit seines Neffen freute, weil er ihn zu beerben hoffte; da
ihm dehalb die Verbindung mit Frulein Blanka sehr zuwider war, die er
auch nur unter den einfltigsten Vorwnden zu hindern suchte; da er
darum ihre tdtliche Krankheit so gern sah, und Euch alten Spitzbuben
mit der Nachricht ihres Todes zu dem zerstrten jungen Manne schickte,
als ob Ihr Euch einen rhrenden und dummen Spa mit ihm machtet. Als
dieser Todesschlag die Sinne des Unglcklichen verwirrte, jagte der alte
Unmensch Euch zum Scheine aus dem Dienst, wie es schon vorher unter Euch
abgekartet war, und hat Euch seitdem eine gute Versorgung gegeben, und
fr die Zukunft eine noch bessere versprochen. Nicht wahr, so hat sich
Alles begeben? Jetzt sagt nur noch, wo habt Ihr den armen Jngling
hingeschafft? Gesteht es lieber uns, als dort vor Gericht, wo keine
Gnade mehr fr Euch zu hoffen ist; auch thut Ihr so Eurem alten
Beschtzer den besten Dienst, der nur auf diesem Wege einem
schimpflichen Prozesse entgeht.

Ach! meine Herren, heulte Pankraz, meinen Sie es denn auch ehrlich mit
mir? Wenn ich mich doch nur Ihrem edlen Herzen so recht gutmthig
vertrauen knnte! Wenn Sie es doch einzurichten wten, da ich nichts
mehr mit dem Herrn Theophil zu thun htte, sondern das, was ich von dem
Baron fordern kann, in ungestrter Ruhe gensse.

Das soll geschehen, sagte der Arzt. Nur schnell! wo ist Raimund?

Sehn Sie, fuhr der Diener fort, wie soll ein armer bedrngter Domestik
ehrlich bleiben, wenn es die vornehmen Herrschaften bei allem ihrem
Ueberflusse nicht einmal sind? Der alte Herr glaubte immer, er wrde das
Vermgen besser brauchen knnen, als sein junger Neffe, der niemals so
ganz seinen Verstand hatte; darum dachte er auch, das feine Wesen sollte
mit Tode abgehn, weil die Leute immer sagen, solche Kinder und junge
Leute wren zu gut fr diese Welt. Wie er nun doch schon confus war, so
meinte der Baron, der Tod des Frulein Blanka, die auch besser fr den
Himmel pate, wrde den jungen Herrn auch dahin verhelfen; darum sollte
ich ihn erschrecken, da er nur recht schnell und ohne lange Leiden
hinber fhre; und das alles wute mir der Herr Baron ganz christlich
vorzuschwatzen. Aber der junge Mensch hatte doch noch mehr Courage und
Kraft, als wir ihm zugetraut hatten; er wurde freilich ein bissel
lamentabel, und sein Verstand verfiel noch mehr, aber er blieb frisch
weg am Leben. Da gab ihm der alte Herr einen andern Namen, schrieb
Certificate, eine ganze lange Geschichte, die ich mir auch merken mute;
und das arme kranke Lamm lie sich auch Alles gefallen; ob er so hie,
oder so, war ihm ganz gleich. Er wurde mir heimlich bergeben und ich
brachte ihn ganz in der Stille auf das Haus da drben ber den Flu, wo
sie ihn gut verpflegen, und er sich, seit Frulein Blanka fr ihn todt
ist, um nichts mehr kmmert. Ich bezahle vierteljhrig seine Pension,
die ich von einem Banquier erhebe, und so ist Alles in Ordnung.

Was ist das fr ein Haus? fragte Walther.

Das berhmte Narrenhaus da drben, antwortete Pankraz.

Entsetzlich! rief der Rath; Du wirst uns nun Deine Papiere ausliefern,
Dein Gestndni noch ein Mal wiederholen, und es unterschreiben, und so
lange, bis Alles entschieden ist, im leichten Arrest bleiben. Doch noch
eins: wer ist denn dieser Theophil?

Der, sagte Pankraz, ist ein natrlicher Sohn unsers alten frommen
Barons. Er schmt sich seiner, weil er ein Narr ist, und hat ihn bisher
bald da, bald dort untergebracht.

Man hrte den Theophil drauen lrmen. Er trat als Bedienter gekleidet
in das Zimmer. Ich will meinen Pankraz haben, rief er aus.

Ach, jammerte der Diener, ich bin zum armen Snder geworden, und
gegenwrtig im Arrest.

O das ist herrlich! jubelte Theophil; schner konnte ich meinen
Geburtstag gar nicht feiern, als dadurch, da sie den alten Kater zum
armen Snder gemacht haben! Das mu ich gleich drauen dem Herrn Kilian
und Grge erzhlen. Das wird ein Jubel im ganzen Lande seyn. Pankraz im
Arrest! der weise Salomon, der schnurrende altfrnkische Solon mit
seiner Cato-Physiognomie und dem herrlichen Haarbeutel im Nacken ein
armer Snder! -- Er strmte fort und hrte nicht auf die Einreden der
beiden Freunde, oder die klglichen Bitten seines alten Dieners.

                   *       *       *       *       *

Kaum war der Stubenarrest und die sehr drftige Kost dem armen Wolfsberg
noch nthig, um ganz sein Inneres zu erkennen, und alle seine Thorheiten
und die Verderbni seines Lebens einzusehn. In demthiger Unterwerfung
ergab er sich seinem Schicksal, und war kaum erfreut, als man ihm
ankndigte, da seine wohlverdiente Strafe ihm frher erlassen sei.
Jetzt durfte er wieder den Saal betreten, und der Director, den er bis
dahin so wenig wie Friedrich, seinen Verfhrer, gesehn hatte, lie ihn
sogar dahin einladen.

Wolfsberg fand alle Thoren dort versammelt, und den Director mit dem Hut
auf dem Kopfe sitzend. Dieser hielt ein Papier in den Hnden, und seine
Miene schien sehr verndert; doch konnte man nicht sagen, da er
heiterer, als gewhnlich, aussah. Meine Freunde, fing er im Rednerton,
aber mit einer weichen Stimme an, wir haben lange mit einander gelebt,
viel mit einander ertragen; aber heut ist der Tag, an welchem wir von
einander scheiden sollen. Man hat endlich meinen vielfltigen Gesuchen,
mich in Ruhestand zu versetzen, nachgegeben, und der Mann, der nun als
Vorsteher meine Anstalt bernehmen wird, soll noch heut Mittag
eintreffen. Mge sein Verstand erleuchteter, als der meinige, und sein
Sinn nicht unfreundlicher seyn!

Die Thr ging auf, und Grge trat mit groer Dreistigkeit herein. Was
giebt's, Bursche? fuhr der Director auf ihn los.

Ich kann's nicht mehr zu Hause aushalten, sagte Grge ganz unbefangen.
Sehn Sie, Herr Director, seit ich neulich 'mal hier war, bin ich wie ein
verwandelter Mensch; mein Verstand ist aufgeklrter, und ich kann nun
meinen lieben Aeltern nicht mehr so in Allem folgen, wie ehedem. Wenn
ich das nicht recht mache, und jenes versehe, 'mal so spreche oder
morgen anders denke, wie es zu Hause bei mir Mode ist; so wird die Mama
immer sehr bse, und droht mir, mich in das Narrenhaus hier einsperren
zu lassen. Gestern nun habe ich unserm Herrn Kilian wohl zwanzig
Fledermuse in die Stube geworfen: da hat er mich verklagt, und sie hat
mir wieder gedroht, mich hieher zu schicken; da bin ich nun heute frh
lieber gleich von selbst herber gelaufen, und bitte, da Sie mich eine
Weile hier behalten; so knnte ich auch bei dem rothnasigen Herrn dort
noch etwas lernen und mich ausbilden.

Sokrates machte sich sogleich herbei, und fate die Hand des
lehrbegierigen Jnglings. Der Director lchelte und sagte mit
sonderbarer Miene: wenn Strafe selber zum Lohn wird, so ist der Mensch
gewi am glcklichsten. -- Ich bin in meiner Abschiedsrede von Euch,
meine Freunde, unterbrochen worden, fuhr er hierauf in verndertem Tone
fort. Ich habe dies Haus nun sechszehn Jahre bewacht; viele Gste
empfangen, viele gebessert entlassen. Ihr seid die letzten; und da ich
Eure Besserung durch Pflege und Aufsicht nicht lange genug habe abwarten
knnen, so will ich sie hiermit durch ein Machtwort veranstalten, und
erklre Euch nun hiermit fr frei, hergestellt und gesund. Wie? Diese
Gewalt wenigstens sollte mir nicht einmal geblieben seyn? Thut der
Staat, der Frst, die Universitt denn etwas anders, wenn sie
Doctorhte, Titel und Wrden austheilen? Da sehn wir ja tglich, wie
Menschen pltzlich Verdienste und Tugenden haben und glnzen lassen, die
kurz vorher nur wenig taugten, oder kaum ber Vier hinaus zhlen
konnten. Alle Thore, meine theuern, so lange gehegten und gepflegten
Freunde, sind offen; die Thrhter haben den Befehl, Niemanden am
Ausgehen zu verhindern. Diese letzte Wohlthat ist es, wozu ich noch
heute meine Macht gebrauchen will. Ich kann meinem Amte nicht lnger
vorstehn; denn, wie mancher der Mrtyrer oder Wunderthter jener frhern
Jahrhunderte die Snden ihrer Mitbrder, so habe ich mit Liebe und
Mitleid alle Eure Gebrechen in meine Seele aufgenommen: und Viele sind
dadurch geheilt, die Bsartigkeit Andrer ist dadurch gemildert worden.
Aber Ihr knnt wohl selbst ermessen, dankbare Freunde, da das keine
Kleinigkeit fr einen sterblichen Mann ist, in seinem engen Busen so
hundert Narrheiten zu tragen und zu hegen, an deren _einer_ schon jeder
von Euch genug zu schleppen hat. Freilich war ich auch dadurch nur
Monarch und Herrscher, in welchem sich alle Krfte und Vorzge
centralisiren. Nicht wahr, ihr guten, lieben Unterthanen und
Einfaltspinsel? Geht nun zurck in die Welt, und gewhnt Euch doch
endlich als gesetzte Mnner die kindische Aufrichtigkeit ab, mit der Ihr
Euch vor jedem Narren Eure Narrheit habt merken lassen. Schaut um Euch!
Von Allen, die hier vorbei fahren und gehen, die auf dem Flusse
schiffen, die in der Stadt dort wandeln und auf ihren Zimmern sitzen,
gehren, wenn man die Strenge brauchen wollte, wenigstens zwei Drittheil
hieher. Warum wollt Ihr nun so weichherzig seyn, jedem Eure Brust zu
ffnen, und in die curiose Structur Eures Innern hinein schauen zu
lassen? Ist es denn so etwas Schweres, die gewhnlichen Redensarten der
Vernnftigen zu gebrauchen, ihre Geschfte zu treiben, trivialen Spa zu
machen, und ihnen ihre ganze Ehrwrdigkeit abzusehn und nachzuspielen?
Kinder, glaubt mir doch, es gehrt weit mehr Genie dazu, ein Narr zu
seyn! Daher mag es auch Mangel an Muth seyn, wodurch sich die Meisten
abhalten lassen, zu uns berzugehn. Denn ein trivialer Narr ist wirklich
etwas recht Triviales. Wann nun der neue Herr Director ankommt, seht,
Kinder, so wird er hier das leere Nest finden. Das glaube ich, wenn der
sich so recht in die Flle, wie in eine vollstndige Haushaltung hinein
setzen knnte, das wre ein Jubel fr ihn; Alles eingemacht,
vollgesackt, geschlachtet und gepkelt fr Herbst und Winter; die ganze
Ernte, die ich so mhselig seit manchem Jahre habe sammeln mssen! Nein,
er mag auch sen und pflanzen, die junge Zucht auffttern, die alten
Gnse nudeln und stopfen. Zehre er von seiner eignen Arbeit! -- Lebt nun
wohl und reicht mir Eure Hand, ehrwrdiger Sokrates! Geht und nehmt den
jungen Alcibiades, den lieben Grge, mit Euch; bildet ihn, da er
Galimathias sprechen lerne, aber mit Maaen, damit er nicht verkannt
werde, wenn er das, was auf einen Monat ausreichen sollte, in einem Tage
an den Mann bringt. Fahrt wohl, Ihr beiden Redner; bt Euch dort vor dem
Volke, und rhrt und erbaut die Welt durch Liebe und erhabene Gesinnung!
Indianer, grogesinnte Menschen mit edeln Inspirations-Gaben versehn,
errichtet dort eine Akademie, um die trockne Welt geheimnivoller zu
machen und sie mit tiefer Mystik zu nhren! Begleitet diese Edeln, Ihr
Lesender; und wenn Ihr unserm Jahrhundert Alles rcklings lesen und
stellen knnt, so werdet Ihr Euch vielen Dank verdienen: ja der bloe
Versuch wird Euch schon glnzend belohnt werden. Ihr Bauknstler,
bezieht wieder Euer Haus, das Ihr als aufgeblhte Schnheit verlieet,
und das nun zu einem alten Mtterchen zusammen geschrumpft ist!
Pygmenfeind, geht und vertreibt die bsen Geister! Ihr, Graf Birken,
macht Euch davon, und lat nun Weiber und Mdchen in Ruhe! Herr von
Linden, oder Methusalem, wie sie Euch hier nennen, verschwindet in Eil:
denn Ihr macht hier nur theure Zeit, da Ihr sie so entsetzlich
consumirt. Wie? wenn ich Euch nun die Zehrungskosten nebst Zinsen fr
die hundert tausend Jahre abfordern wollte, die Ihr hier, Eurem eignen
Gestndnisse nach, zugebracht habt? Meilen weit hier herum kann das Kind
im Mutterleibe keine Zeit zum Wachsen finden, da Ihr Alles in Euch
schlingt. -- Friedrich, lebt wohl, und grabt keine Schtze mehr, sonst
grabt Ihr Euch selber die Grube, in die Ihr hinein fallt!

Jeder mute ihm, indem er vorber ging, die Hand reichen. Alle verlieen
das Haus; nur Friedrich erklrte, da er niemals weichen wolle. Sieh,
rief der Director, am Fenster stehend, wie sie sich verbreiten und dahin
ziehen, die lieben Pilgersleute! Sie werden es doch vielleicht nicht
wieder so gut finden, als hier. Mancher wird sich zurck sehnen!

Ein Wagen fuhr in den Hof, und der Mann, welcher herausstieg, war sehr
verwundert, alle Thore offen zu finden. Noch mehr erstaunte er aber, als
er sich dem zeitherigen Director nherte, und erkannte, da dieser
pltzlich ein Kranker seiner eignen Anstalt geworden sei. Er gab sich
ihm als Doctor Anselm zu erkennen, welchem die Regierung diesen Posten
anvertraut habe: doch jener antwortete blo: ja, bester Mann, Sie finden
mich ganz allein hier, als Stock und Stamm, der wohl wieder Frchte
tragen mag, doch aber jetzt abgelaubt ist. Fr etwas, wenn auch nicht
fr viel, kann mein Friedrich gelten.

Anselm lie sogleich einige Diener zu Pferde ausreiten, um, wo mglich,
noch einige der Flchtlinge einzuholen.

                   *       *       *       *       *

Grge ging mit seinem neu erworbenen Sokrates seiner Heimath zu. Sie
mssen sich nur nicht Sokrates nennen, machte er ihm begreiflich; denn
das klingt so heidnisch: so knnen Sie gewi in unserm Hause bleiben,
und mir Unterricht geben. Der Papa suchte schon seit lange einen Lehrer:
er hilft Ihnen gewi durch, und thut, als wenn er Sie dort oben nicht
gesehn htte; meine Schwester darf nichts ausplaudern, sonst verrathe
ich ihre schwrmerische Liebe zu dem Windbeutel Theophil; blo die Mama
mssen wir betrgen, und Sie mssen sich nur hbsch klug und weise
stellen.

Ich brauche mich nicht so zu stellen, antwortete Sokrates; das ist meine
wahre Natur.

In einiger Entfernung hinter diesen schlich Wolfsberg; er ging nur
langsam, und sehnte sich nach einer Erquickung. In dem groen Dorfe, wo
der Junker ihm mit seinem Mentor aus den Augen verschwand, lie er sich
in dem Gasthofe ein Zimmer geben, und bestellte sich Essen und Wein. Er
legte sich indessen auf das Bett, um etwas zu schlafen; aber kein
Schlummer befiel sein Auge, denn tausend gute Vorstze, Lebensplane und
Erinnerungen besuchten ihn jetzt, da er sich nun endlich der Freiheit
zurck gegeben sah, die er sich seit so mancher Woche vergeblich
gewnscht hatte. Die heitre frische Herbstluft zog durch das offne
Fenster, und strkte seine Sinne. Wie ist mir wohl! sagte er zu sich
selbst: warum habe ich denn so manches Jahr diese Empfindungen
verschmht, die mich jetzt besuchen, und die doch das theuerste Leben
meines Lebens sind?

Ein sonderbares Geznk, das drauen vorfiel, erregte erst seine
Aufmerksamkeit und zog ihn dann ans Fenster. Ein alter Mann stritt mit
einem jungen, und sagte jetzt eben: nein, Sie mssen mit uns gehen, und
da ich Ihnen Ihre Baarschaft oder Ihre Wechsel jemals wieder geben
sollte, darauf machen Sie nur sich keine Rechnung; denn wenn ich nicht
als ein kluger Mann Ihre Capitalien in Verwahrung genommen htte, so
htte es wohl so kommen knnen, wie uns der fremde Herr wahrsagte, da
mein altes Auge Sie nie wieder sah, und meine arme Tochter sich der
Verzweiflung ergeben mute.

Wolfsberg sah sich hier wieder einen Spiegel vorgehalten, der ihm die
Scene noch weit interessanter machte. Aber, Herr Kilian, es ist doch
mein Geld, sagte der junge Mensch.

Was, Kilian? schrie der Alte; Herr _Schwiegervater_ mssen Sie zu mir
sagen, so wie ich Sie auch lieber hochgeborner Herr Schwiegersohn, als
Graf von Birken tituliren werde.

Wie? sagte Wolfsberg zu sich selbst, dies also ist der junge verkehrte
Mensch, fr den ich so lange habe leiden mssen? -- Seine Aufmerksamkeit
hatte den hchsten Grad erreicht, und weil er dem Gesprche so eifrig
zuhrte, bemerkte er nicht, da zwei fremde Menschen durch den
Baumgarten herbei kamen. Kommen Sie, ohne Umstnde, rief der Pfarrer
jetzt von Neuem, oder ich lasse Sie aus meiner Machtvollkommenheit als
Mdchenverfhrer und Jungfrauenruber arretiren.

Einen solchen suchen wir eben, sagte der eine Fremde, einen jungen
Grafen Birken, der ein Verbrecher und Narr zugleich seyn soll. Alle
Thrichten haben sich heut aus dem Narrenhause befreit, und das ganze
Land ist nun im Aufruhr, sie wieder einzufangen.

Wolfsberg erschrak; er wollte schnell den Kopf zurck ziehn, aber man
hatte ihn schon bemerkt. Er sammelte sich und rief von oben herab: Sie
suchen den Grafen Birken? Der dort ist es, der mit dem alten Manne
spricht.

Der Graf erschrak, der Geistliche sammelte sich aber bald. Schwiegersohn
oder Arrestant? fragte er den jungen Mann schnell und leise. Ach!
Schwiegersohn! wimmerte dieser klglich, und der Geistliche sagte mit
fester Stimme: meine Herren, ich bin der Pastor dieses Orts; dieser mein
Herr Schwiegersohn wohnt schon seit vierzehn Tagen in meinem Hause; aber
dem Menschen da oben sieht ja der Vagabunde und der Narr obenein aus den
Augen heraus. Ich gebe Ihnen mein Wort, er ist der entsprungene Graf
Birken!

Er nahm seinen Schwiegersohn unter den Arm und fhrte ihn mit starker
Hand davon. Die Fremden bemchtigten sich des unglcklichen Wolfsberg,
erlaubten ihm kaum, sein bestelltes Mittagsessen zu genieen, und
schleppten ihn wieder in seine alte Haft zurck.

                   *       *       *       *       *

Der Rath Walther war im Begriff, in schnellster Eile nach der Stadt zu
fahren. Nur auf eine halbe Stunde wollte er in dem Dorfe beim Pfarrer
Kilian einsprechen, und scheute dehalb den Umweg nicht, weil er doch
vielleicht irgend eine Nachricht durch ihn erhalten knnte. Als er nach
dem Dorfe einbeugte, sah er seitwrts neben den Bergen auf einer grnen
Wiese den Flu entlang eine Gestalt gedankenvoll wandeln, die sein
entzcktes Auge bald als seinen geliebten Raimund zu erkennen glaubte.
Er lie halten und wollte ber die kleine Brcke dem Wasser zueilen, als
er Schalmeien, Clarinetten und Waldhrner vernahm, und einen langen Zug
geputzter Bauern und Buerinnen sich entgegen kommen sah. Alles jubelte,
und in der Mitte gingen neben dem Pfarrer zwei wunderlich geschmckte
Gestalten, die er fr Graf Birken und die Tochter des Pfarrers erkannte,
deren grner Kranz in den brandrothen Haaren sie deutlich als Braut
ankndigte.

Da der Rath wute, wie wichtig es seinem Freunde, dem Arzte seyn mute,
da die Trauung nicht vor sich ginge, so begab er sich, statt nach jener
Wiese, in die Mitte des Brautzuges. Er wollte sprechen; aber die
lrmende Musik lie ihn nicht zu Worte kommen; besonders da der Pfarrer
die Musikanten zum Blasen und das junge Volk zum Schreien ermunterte, um
nur den lstigen Besuch zu bertuben und zu verscheuchen. Des Rathes
Anstrengungen wren auch fr jetzt vergeblich gewesen, wenn nicht einige
Reiter herbei gesprengt wren, die dem Zuge Halt geboten. Die Musik
verstummte, und diesen Augenblick der Ruhe benutzte Walther, um seinen
Einspruch gegen die Feierlichkeit vorzutragen und zu erklren, da der
junge Graf noch nicht mndig, auerdem auch thricht im Haupte sei. Des
Pfarrers bemeisterte sich ein erhabener Zorn. Ich wei nicht, rief er
aus, warum sich alle Welt in Bosheit gegen meinen verehrten
Schwiegersohn und meine geliebte Tochter verschworen hat! Er thricht im
Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was das sagen will?

Die Reiter begehrten ebenfalls angehrt zu werden. Sind Ihnen sonst
keine Narren begegnet, fragte der erste sehr eifrig: das ganze
Narrenhaus hat sich frei gemacht, wir sind alle in den Drfern
aufgeboten, sie wieder einzufangen. Jeder Reisende ist jetzt verdchtig;
man prft alle Welt sehr scharf, und selbst der Vernnftigste mu sich
in Acht nehmen, nicht aufgegriffen zu werden; denn Narren mssen sie nun
doch einmal dort oben wieder haben.

Sind Ihnen Verdchtige vorgekommen, Herr Pastor? fragte der zweite.

Ich untersage hiermit diese Hochzeit! rief der Rath im hchsten
Unwillen.

Der Pfarrer, welcher das Grafthum seiner kleinen Tochter von Neuem in
Gefahr sah, dessen Vaterliebe Alles daran setzte, sich diesen
Schwiegersohn zu sichern, und dem mit Wolfsberg schon der khne Streich
gelungen war, rief jetzt laut: hier, meine Herren, sehn Sie einen
solchen Wthigen vor sich, der sogar die heilige Ceremonie durch seine
Raserei stren will!

Was? rief Walther aus; ich ein Rasender?

Sehn Sie nur, sagte der Pfarrer gesetzt, wie ihm die Augen wie zwei
Feuerrder im Kopfe herum gehn! Er ist toll; wir erkennen ihn Alle dafr
an.

Ja, schrieen die Musikanten, und am lautesten der Graf: es ist der tolle
Mensch, der schon seit acht Tagen hier herum luft.

Geben Sie Acht, was Sie thun, sagte der Rath etwas besnftigt; ich
wollte eben nach der Stadt; ich bekleide dort jetzt die Stelle des
Gerichtsprsidenten.

Vor Hochmuth ist er bergeschnappt, rief der Pfarrer; allons! fort mit
ihm! -- Fort mit ihm, schrie der ganze Haufe. Die Reiter hatten schon
ein drittes, lediges Pferd herbei geschafft; Walther ward hinauf
gepackt, und ehe er noch sagen konnte, da sein Wagen vor dem Dorfe
halte, trabten seine Begleiter mit ihm fort: denn das Singen und
Schreien der Menge, die betubende Musik, und die Glocken, welche die
Ceremonie einluteten, machten fr jetzt jede Errterung unmglich.
Walther mute gezwungen den Weg zur neuen Behausung seines Freundes
antreten; der Pfarrer aber schleppte als Sieger seinen mhsam errungenen
Schwiegersohn in die Kirche, mit dem Vorsatz, sich spterhin lieber
jeder Verantwortung zu unterziehn, als das Horoskop Lgen zu strafen!

                   *       *       *       *       *

Der neue Director Anselm hatte sich indessen um seinen kranken Collegen
bemht, und es war ihm auch gelungen, den alten Mann wieder ziemlich zu
beruhigen. Dieser sah seinen Zustand ein, und fhlte sich beschmt, da
er so leicht jenem Gelste nachgegeben, welches ihm noch krzlich der
Prediger als so gefhrlich geschildert hatte. Er besa in der Nhe ein
Landhaus, auf welches er sich verfgte, und Anselm sah ihn gern
abreisen, weil er berzeugt war, da die schnell erzeugte Unplichkeit
in einigen Tagen auf immer verschwinden mte.

Jetzt ward eine Gesellschaft von Reisenden gemeldet, die das Haus besehn
wollten. Anselm ging ihnen entgegen, sie zu bewillkommen, und zugleich
zu entschuldigen, da ihre Neugier sich diesmal mit einem einzigen
Vernnftigen begngen msse. Voran in den Saal trat ein langer alter
Herr, dem die Uebrigen groe Verehrung bezeigten; er fhrte an seinem
Arm ein phantastisch geschmcktes Frauenzimmer, die dem Arzte bekannt
schien, obwohl er sich ihrer nicht gleich erinnern konnte. Ein
breitschultriger junger Mann folgte, und als letzte Begleiterin schlich
ein blasses, krankes Mdchen nach, die Strickkorb und Tuch ihrer
lachenden und bermthigen Gebieterin demthig trug.

Wir kommen, sagte der angesehene Mann, Ihre Anstalt zu betrachten; meine
junge Gemahlin hat dergleichen noch niemals gesehn, und der Bruder
meiner Frau hat noch andere philosophische und knstlerische Absichten
bei dieser Reise.

Sind die Narren aber auch nicht frchterlich? fragte die junge Dame; ist
man nicht auch in Gefahr angesteckt zu werden?

Anselm erzhlte ihnen die unglckliche und doch lcherliche Begebenheit,
worauf der alte Herr sehr betreten und erblat zurck fuhr und ausrief:
wie? Alle entlaufen? Schrecklich! Und auch ein gewisser Baron Linden
unter den Geflchteten?

Ja wohl; leider, sagte der Arzt, indem er den Sprechenden nher ins Auge
fate.

Das ist ein Jammer, rief der robuste junge Mensch aus; so bin ich denn
vergebens hieher gereiset? Mir fallen jetzt bei unserm Theater die
wichtigen Rollen des Macbeth und Lear zu, und fr diese mchte ich so
gern hier meine Studien machen; denn seit unser Groprahler, der
Adlerfels, so ganz verschollen ist, und man nirgend von ihm hrt (Schade
um den brigens guten Knstler!), so mu ich doch nothwendig die Lcke
ausfllen, die mit seinem Verlust bei uns entstanden ist.

Du solltest ihn nicht nennen, ^mon frre^, sagte die Dame: sieh nur, wie
Fanny wieder von Erinnerung ergriffen wird.

Auf den groen Mann, sagte der Bruder, htte sich das Kpfchen ja doch
niemals Rechnung machen drfen.

Friedrich, der auch zugegen war, sagte: es ist auer mir Niemand im
Hause, als der berchtigte Graf Birken; den haben sie vor Kurzem mit
Gewalt wieder zurck geschleppt.

Graf Birken? rief der Arzt hchst erfreut aus; o diesen fhre sogleich
zu mir, guter Mann. Zugleich winkte er den Baron in ein Fenster, um im
Geheimen mit ihm zu sprechen: ich habe die Ehre, fing er an, den Herrn
Baron Eberhard vor mir zu sehn. Jener verbeugte sich. Wenn Ihr Neffe,
fuhr der Arzt fort, jetzt sich wieder fnde, wrden Sie gewi seiner
Verbindung mit Frulein Blanka nichts mehr in den Weg legen. -- Wenn er
noch lebte, der liebe Jngling, sagte jener slich, und sie den
Verstand wieder gefunden htte, -- doch scheinen das unmgliche Dinge zu
seyn! -- Doch nicht viel unmglicher, sagte Anselm, als da dieser
nmliche Neffe lange als Baron Linden hier im Hause gelebt hat. --
Ei! was Sie mir sagen! -- Sie muten es doch wohl wissen, da Sie
sich gleich so angelegentlich nach dem jungen Linden erkundigten. --
Ich? Ja, sehn Sie einmal, -- da ich nicht wte, -- stotterte
jener.

Sie sind ein so berhmter Christ, fuhr Anselm fort, Ihre Frmmigkeit und
Menschenliebe sind so exemplarisch, da Sie ganz gewi in alle meine
Bitten und Vorschlge willigen werden, da ich es gleich gut mit Ihnen,
wie mit Ihrem Neffen meine.

Je, du mein Himmel, chzte der Baron, wir sind ja alle gute Menschen.
Wann ich nur erst wte, wodurch ich die Ehre habe, von Ihnen gekannt zu
seyn.

Die arge Welt knnte glauben, fuhr Anselm leise im sanftmthigsten Tone
fort, Sie htten es auf das Vermgen Ihres lieben Neffen angesehn,
besonders weil ein alter Schuft sich nicht entbldet, auszusagen, ein
gewisser Pankraz --

O der Galgenschwengel! rief der Baron: was sagt er aus? der soll mir
Alles bezahlen!

Sehn Sie einmal, indem Anselm die Bogen aus einander faltete, diese
weitluftige Anklage, vor Zeugen ausgesagt und unterschrieben. Es ist
entsetzlich! Was gewinnt aber ein frommes Herz, wie das Ihrige, dabei,
einen solchen Menschen zu bestrafen? Nein; sammeln Sie feurige Kohlen
auf sein Haupt; belohnen Sie ihn gromthig und bermig, da er in
sich geht, und an Ihrem Edelmuth hinauf staunend, an Tugend glauben
lernt. Sie knnten ihm wohl ein Huschen, ein kleines Capital, eine
mige Wiese und einige Aecker schenken, wie ihm ein sonderbarer Mann,
der seit gestern Gerichtsprsident hier drben in der Stadt ist, etwas
voreilig in Ihrem Namen schon versprochen hat: ein gewisser Walther, er
hat auch die Ehre, mit Ihnen verwandt zu seyn, und denkt Ihnen auch die
Mhe abzunehmen, knftig noch des Vermgens wegen, das Ihrem Neffen
zusteht, Sorge zu tragen.

Je du mein Gott, ja, -- Alles herzlich gern! seufzte der Alte kaum
hrbar.

Wie wre es denn nun noch zuletzt, theuerster Mann, den ich immer mehr
verehren mu, wenn Sie auch Ihren armen Sohn, den Theophil,
legitimirten, und ihm ein anstndiges Auskommen gewhrten. Wrde Ihr
Herz darber nicht eine unbeschreibliche Freude empfinden?

Ach ja, sagte jener, eine unbeschreibliche Freude, und da Sie es
wnschen -- und Sie eine gewisse Art zu bitten, -- und zum Herzen zu
sprechen haben, -- o Himmel! die Thrnen stehn mir in den Augen, da ich
eine solche Bekanntschaft gemacht habe.

Ich bin im Innersten gerhrt, erwiederte Anselm. Sie umarmten sich
herzlich, und der Baron wischte sich die Tropfen des kalten
Angstschweies von der Stirn; lange bin ich nicht so bewegt gewesen,
seufzte er, und blickte zum Himmel. Und ich, erwiederte Anselm, habe
auch, so lange ich lebe, an keinem so groen Herzen gelegen.

Der Baron trat zur schkernden Gattin. Sie werden, sagte er fromm, in
diesen Tagen einen Sohn von mir kennen lernen: auch ist mein Neffe
wieder gefunden, und ein alter Diener Pankraz wird das kleine Gtchen
Liebendorf erhalten, welches Sie dem Pachter verkaufen wollten.

Das ist ja viel in einer kleinen Viertelstunde, sagte sie, und maa den
Director mit groen Augen.

Es geht fast zu, wie im Lustspiel, sagte dieser.

Ja, sagte der Baron, der Herr Director haben mir Erffnungen gemacht,
und auf eine Art --

Hier kommt Graf Birken, schrie Friedrich; er wollte sich erst gar nicht
dazu bequemen.

Wolfsberg trat herein; der Arzt ging ihm entgegen, aber beide fuhren in
demselben Augenblicke vor einander zurck. Sie, Herr von Wolfsberg hier?
unter diesem Namen? Und so verwandelt? so abgefallen? So drckte mit
wiederholten Ausrufungen der Arzt sein Erstaunen aus. Die Uebrigen im
Saale waren nicht ruhiger. Fanny lag in Ohnmacht, und Wolfsberg, der
jetzt erst die Gruppe sah, machte sich aus den Armen des umhalsenden
jungen Mannes, der einmal ber das andre: mein Adlerfels! rief, los und
eilte der Niedergesunkenen zu Hlfe. Er kniete zu ihr nieder, er legte
ihr Kpfchen auf seinen Schoo: o meine geliebte, meine theuerste, meine
einzige Franziska! rief er in den zrtlichsten Tnen; entziehe Dich mir
jetzt nicht wegen meiner Missethat, entfliehe mir nicht, denn ich bin
kein Herzloser mehr: ich kehre zu Dir zurck, wenn Du mich noch
wrdigest, mich Dein zu nennen! Ich bin ja aus meinem tiefen Elende zu
mir selber erwacht; o so erwache denn auch Du zu diesem Leben wieder!

Franziska schlug die ermatteten, aber schnen Augen auf. Sie konnte an
ihr Glck nicht glauben, da sie in dessen Armen lag, der sie mit so
grausamem Hochmuthe von sich gestoen hatte. Du mein? stammelte sie;
gewi?

Ja, mein ses Herz, erwiederte Wolfsberg, der sich nun als Adlerfels
ausgewiesen hatte; ja ich kehre mit Dir zurck, Du wirst meine Gattin,
und alle Schmerzen, allen Hohn, den Du um meinetwillen ertragen hast,
will ich Dir vergten, wenn ich es vermag. Und unser Kind, das arme
Wrmchen, lebt es denn noch?

Die liebe Bertha, sagte die Entzckte, ist zu Hause, bei meiner
Schwester. Gott! wie wird sich Alles freuen!

Ich gratulire, Fanny, sagte die gndige Frau: nun gieb mir nur
Strickkorb und Shawl her, da ich es selber trage.

Bruder, rief der andre Schauspieler, wie wird das Publikum sich freuen,
Dich in Deinen Effect-Rollen wieder auftreten zu sehn.

So eben, rief Friedrich herein springend, haben sie noch einen ganz
neuen Narren eingefangen. Das geht scharf her.

Walther trat lachend ein und man verstndigte sich sogleich. Anselm
stellte ihn dem Baron vor und sagte ihm kurz, da das edle Herz des
frommen alten Herrn in Alles gewilligt habe, was er nur irgend als
Mensch oder Rechtsgelehrter von ihm fordern knne. So lat uns denn,
rief Walther, nach dem Dorfe zurck kehren, von dem ich eben herkomme,
denn wenn meine Augen nicht ganz zu Lgnern geworden sind, so haben sie
dort meinen geliebten Raimund erblickt.

Wirklich war es Raimund gewesen, den Walther erst erspht hatte. Stumm
und in sich gekehrt hatte der Jngling das Haus verlassen. Er begriff
nicht, was ihm geschah; er wute auch nicht, wo er hin wollte. So ging
er dem Fusteige nach, der ihn bald in den Wald fhrte. Er sann seinem
verschwundenen Leben nach, und ihm ward fromm und heilig zu Sinne. War
es doch, als fielen verhllende Schleier von seinem Gemthe und Herzen
herunter. Er kam an einen grnen runden Platz im Walde, wo er sich
unendlich bewegt fhlte. Er sah sich um, um sich zu erkennen, und eine
alte Birke, in welcher noch die Namenszge, die er einst eingegraben,
fast unkenntlich verwachsen waren, erinnerte ihn an Alles. Er war noch
ein Kind gewesen, als er hier einmal von seiner theuren Mutter Abschied
genommen hatte; bis hieher hatte er sie begleiten drfen, und von dieser
Stelle kehrte er mit seinem Vater wieder nach dem Schlosse zurck. Er
ahndete damals nicht, da er nach einem Jahre schon beide Aeltern
beweinen sollte. Das Gut wurde nachher vom Oheime vortheilhaft verkauft,
und Raimund hatte seit seiner Kindheit diese Gegend nicht wieder gesehn.
So wie er jetzt zu diesen Erinnerungen immer deutlicher erwachte, wie
die Sehnsucht nach den Scenen seiner Kindheit, nach dem Kirchhofe, wo
seine Aeltern ruhten, in ihm wuchs; so empfand er es, wie jene dumpfe
Angst immer mehr verschwand, die bis dahin seinen Geist wie in einem
finstern Kerker eingefangen hielt. Er verlie den Wald, da lag der
kleine Flu vor ihm, der vom Wohnsitze seiner Kindheit herstrmte. Alle
Wogen schienen ihn zu gren, jede Blume am Ufer ihm einen kindlichen
Gru zuzunicken. Da fand er schon die Mhle im engen Thal, die ihm als
Knaben mit ihren rauschenden Rdern so wunderbar erschienen war. Sie ist
ja jetzt nicht weniger wundervoll, sagte er zu sich, wenn ich gleich
wei, was und wozu sie da ist. Er ging vorber, und wollstige
erleichternde Thrnen strmten aus seinen Augen. Da war der Bergschacht,
der ihm so entsetzlich vorgekommen war; er ging dicht hinan, und
erinnerte sich der grauenvollen Sagen, die von ihm im Lande umgingen.
Nun sah er schon den wohlbekannten Berg seines Geburtsortes, die rothe
hohe Felswand und die von oben herabhangenden Bume. Da schimmerte auch
schon das Dach des Schlosses herber. Es schmerzte ihn, da er nicht in
das Thor vertraut eintreten drfe, da fremde Menschen, die er nur wenig
kannte, in den Zimmern wohnten, wo seine Wiege gestanden, wo sein Vater
ihm vorgelesen, wo seine Mutter ihn in einer Krankheit auf ihrem Schooe
eingesungen hatte. Auf dem Kirchhofe kniete er mit Andacht an der Gruft.
Er nahm sich nun fest vor, seine Freunde wieder aufzusuchen, und
nachzuforschen, wer ihm das Schicksal bereitet haben knne, das ihm erst
jetzt seltsam erschien. Doch mute er, ehe er weiter ging, die einsame
Wiese hinter des Pfarrers Garten besuchen, den Spielplatz seiner
Kindheit, wo er unter der hohen Linde so manchmal im grnen Grase halb
eingeschlummert war, auf das Suseln der Bltter, das Summen der Bienen,
und das Pltschern des nahen Baches horchend, wo Alles wie ser
Geistergesang ihn anredete, und er noch lieblicher aus seinen Trumen
Antwort gab. Nun stand er wieder unter dem Baume, und eine himmlische
Mdigkeit ergriff ihn, wie damals; er tauchte die brennenden,
thrnennassen, jetzt so bleichen Wangen in das khle grne Gras, und die
Bienen schwrmten im Baum, die Bltter schwatzten mit ihnen, das
Flchen erzhlte sich selbst eine alte Geschichte, und er entschlief
wieder, wie in der Kindheit. -- --

Ein Wagen hielt am Dorfe. Willst du ruhen, mein Kind? -- fragte die
Mutter. -- Ja, aber im Freien. -- Bist du auch wohl genug? -- O
Sie sorgsame, treue, mtterliche Pflegerin, antwortete die Tochter, Sie
sehn ja, wie es mit meiner Gesundheit mit jedem Tage besser wird.
Vertrauen Sie mir nur mehr, damit ich mir auch selber wieder vertraue.
Nein, Geliebteste, jene trbe Zeit wird niemals wieder kehren; aber ich
fhle es, durch diesen frchterlichen Zustand mute sich meine Krankheit
arbeiten, damit ich wieder genesen konnte. -- Bist du dessen so gewi,
meine Tochter? Dann mchte ich Gott mit Thrnen fr die Verzweiflung
danken, durch welche er mich damals geprft hat.

Gewi, liebe Mutter, sagte die reizende Tochter. Kenne ich doch nun mein
ganzes Unglck; es ist mir kein dstres Geheimni mehr. Wenn ich an die
Ewigkeit der Liebe glaube, warum sollte ich denn jemals verzweifeln?
Hier ist er geboren! O htte ich ihn doch als Kind gekannt! Eine Welt
voll Glck wre mehr in meinem Besitz! Hier ist er auch wohl gewandelt;
alle diese Gegenstnde hat sein frisches Auge, wie oft, begrt. Nur
ber die Wiese will ich gehn, ein Viertelstndchen am Bache ruhn, so
recht an ihn denken; dann komm' ich zurck und wir reisen weiter. Aber
allein mssen Sie mich lassen! -- Sie umarmte die Mutter, und schritt
ber die kleine hlzerne Brcke. -- --

Raimund trumte indessen einen seltsamen Traum. Der Wahnsinn war die
Wahrheit, und was die Menschen Vernunft nannten, nur ein dmmernder
Schimmer. Auch kein Raum war da, und keine Zeit. So wie auf den alten
Stammbumen es abgebildet ist, sah er sich aus dem Herzen eine hohe
Blume wachsen; sie wurde von seinem Herzblut getrnkt, und ihr rother
Glanz ward immer mehr zum goldnen Purpur. Da sang es im wiegenden Kelch,
er that sich sfltend auf, und Blanka schaukelte sich drin hin und
wieder, wie in einem durchsichtigen Kahn. Da blickte er ber sich, und
ihr blaues Auge ging in das seine; da zitterte sein Herz und mit ihm die
Blume. Warte, rief sie, jetzt stirbt mein Blumenhaus ab, ich komme
drauen in der Wirklichkeit zu dir! Sie schlpfte auf den Rasen und
stellte sich unter die Linde. -- Gott im Himmel, hrte er sagen, das ist
Raimund! Er schlug die Augen auf, und Blanka's blaues Auge ging in das
seine. Er kannte sie gleich. Sie umschlossen sich, als wenn die Arme
sich nie wieder los lassen wollten. Auf den lauten Freudenschrei eilte
die Mutter herbei, und fand das unvermuthete Glck, das sie noch nicht
begriff. Auch Walther und Anselm kamen. Walther war so entzckt und
berauscht, als wenn er selbst der Brutigam wre.

                   *       *       *       *       *

Im Hause des Pfarrers tobte indessen ein lautes Getmmel. Die
Hochzeitgste waren so lustig, da es die Glcklichen endlich auch auf
der Wiese hrten. Der alte Baron hatte indessen schon seinen Sohn
Theophilus heraus gesucht und ihm unter Umarmungen seine Vaterschaft
erklrt. Ich habe nun auch einen Vater! rief Theophilus im Hause lrmend
umher, und schlug laut lachend mit den Beinen aus, als der Pfarrer ihm
dazu vernnftig Glck wnschen wollte. Wolfsberg machte es mit dem
Pfarrer ab, da er ihn in den nchsten Tagen mit seiner berglcklichen
Franziska verbinden sollte. Der Gerichtsprsident Walther konnte in der
Leidenschaft des Glcks nicht so mit dem Geistlichen sprechen, wie
dieser es wohl verdient htte; auch wurden alle Unterhandlungen durch
ein laut schmetterndes Posthorn unterbrochen. Eine glnzende Equipage
hielt, viele zierlich gekleidete Diener beeiferten sich, einen
ansehnlichen Mann, der auf dem Rocke einen groen Stern trug, aus dem
Wagen zu heben. Die Dorfleute befiel ein stilles Grauen, und als Anselm
ausrief: der alte Graf Birken! so fing der Pfarrer an zu zittern.

Wo ist mein ungerathener Sohn? schrie der alte Graf, als er in das mit
Menschen berfllte Zimmer trat. Die Braut heulte laut, und die
anwesenden Weiber aus dem Dorfe stimmten in denselben Ton ein. Wo ist
Caspar Birken? schrie der Alte noch einmal. Hier, winselte der junge
Graf, der sich hinter einen groen eichenen Tisch verschanzt hatte. --
Und wo ist der unverschmte Pfaff, der es gewagt hat, den dummen Laffen
mit seiner Tochter zu verkuppeln? -- Hier! rief der Pfarrer, der sich
indessen wieder gesammelt hatte; aber keine Verkuppelung, sondern eine
chte christliche Ehe, wie unsre Kirche sie vorschreibt. -- Die wird
wieder geschieden! -- Die wird nicht geschieden! -- Sie ist nicht
gltig, so gewi da oben auf den Ebreschenbumen keine Aprikosen
wachsen. -- Sie bleibt so lange gltig, bis da oben die rothe
Felsenwand ein Mensch hinauf klettern kann, und von den nmlichen
Ebreschenbumen sein Veto in das Thal zu uns herunter schreit. -- Und
wenn ich Blut und Leben, wenn ich mein Vermgen lassen mu, und wenn ich
der Mrder meines eigenen Sohnes werden sollte, so gebe ich zu dem
Unsinn nie meine Einwilligung. -- Und wenn ich, schrie der Pfarrer
entgegen, prozessiren mte, bis ich keinen Groschen mehr htte, und
wenn ich zur Fortsetzung des Prozesses von dem Junker Grge, oder einem
noch Einfltigern, das Geld betteln mte, so lasse ich die Sache nicht
ruhn. Mein Kind mu glcklich und Gemahlin des Grafen, Ihres Sohnes,
bleiben. Wissen Sie, was ein Horoskop ist? -- Nein. Nun, dann
knnen Sie auch gar nicht mit sprechen. Sehn Sie dies Papier; in der
Geburtsstunde meiner Tochter habe ich alle ihre Sterne beobachtet, und
schon damals mit Gewiheit prophezeiht, da sie eine Grfin werden
msse. Was knnen Sie gegen alle Sterne ausrichten? He?

Der Graf sah das Papier eine Weile mit staunenden Blicken an. He!
Caspar! schrie er von Neuem. Heraus aus Deinem Winkel, Du Satansbrut!
Komm her, Spitzbube, ich will Dir ja meinen vterlichen Segen geben,
weil es denn also doch einmal nicht anders seyn kann.

Der junge Birken hpfte herbei, er legte die Hand des Sohnes in die
seiner Braut und kte das kleine dicke Mdchen dann recht herzlich auf
den Mund. Nun, Spa bei Seite, sagte hierauf der alte Herr bedchtlich,
im Grunde ist es mir ganz lieb, da die Sache so gekommen ist, denn der
Junge htte einmal noch rger anlaufen knnen; er kommt somit in eine
ziemlich reputirliche Familie; der Mosje Caspar mu nun aber seine
dummen Teufeleien lassen, die ihm einmal den Hals htten kosten mgen;
der Schwiegerpapa ist ein resoluter Kerl, der wird ihm wohl den Daumen
aufs Auge halten. Aber nun kriegt Dein jngerer Bruder die groen Gter,
und Du, Hasenfu, trittst in seine Rechte, wie es auch eigentlich viel
vernnftiger ist.

Alles war zufrieden und glcklich. Walther und Raimund waren inde mit
der geliebten Blanka zum Hause des Edelmanns gewallfahrtet. Es war
vorlufig davon die Rede gewesen, den Jugendwohnsitz Raimunds wieder zu
kaufen; auch zeigte sich die Mglichkeit einer Verbindung zwischen der
empfindsamen Baronesse und Theophilus, da dieser jetzt von seinem Vater
anerkannt wurde.

Alle gingen selig, in Gefhlen und Hoffnungen schwelgend, sprechend und
scherzend die grne Wiese hinunter. Kilian unterhielt sich mit Sokrates.
Gndige Frau, sagte er nachher zu Grges Mutter; der Mann kann Ihrem
Sohne auf die Beine helfen; ich habe ihm auf den Zahn gefhlt, ich habe
mit ihm disputirt, einen solchen Gelehrten bekommen Sie niemals wieder.
Indem man noch sprach, hrte man von oben, die Felswand herunter ein
lautes Veto! rufen. Alle sahen hinauf und schwindelten, denn von der
steilsten Hhe hing der alte Graf Birken reitend auf einem
Ebreschenbaum. Veto! rief er noch einmal; aber nun kommt schnell zu
Hlfe, oder ich breche den Hals! Widerrufen Sie erst Ihr Veto! schrie
der Pfarrer hinauf. Ich widerrufe, tnte es herab, aber ich werde doch
den Hals brechen. Die Bedienten liefen: die Leute aus dem Dorfe holten
Stangen, Leitern und Stricke. Pltzlich brach der Baum, und der Graf
strzte herab; er kam aber noch ziemlich glcklich auf dem Boden, zur
Freude Aller, an. -- Wie ist er nur auf die steile Wand gekommen? rief
der Pfarrer. Ja, Schwiegervater, antwortete der junge Graf Birken, Sie
sehen, mein Papa ist noch toller, als ich!

Die Sonne sank und beschlo den seligsten Tag, den Walther, Blanka und
Raimund noch erlebt hatten. Franziska schlo sich diesen an, und im
gebesserten Herzen fhlte sich Adlerfels als den glcklichsten Menschen.




                   Musikalische Leiden und Freuden.
                               Novelle.


Zwei Freunde stiegen vor der Stadt vom Wagen, um zu Fu durch die Gassen
zu wandeln und den Fragen am Thor auszuweichen. Es war noch ganz frh am
Morgen und ein Herbstnebel verdeckte die Landschaft. Etwas entfernt vom
Wege bemerkten sie ein kleines Huschen, aus welchem schon frh vor Tage
eine herrliche Frauenstimme erklang. Sie gingen nher, erstaunt ber den
unvergleichlichen Diskant, wie ber die ungewhnliche Stunde. Einige
Trger brachten Lauten und viele Notenbcher, die kleine Thre ffnete
sich, und neugierig gemacht, fragte der ltere Reisende einen von den
Tagelhnern: hier, mein Freund! wohnt wohl ein Musikus und eine
Sngerin? Der Teufel und seine Gromutter wohnt hier! erscholl eine
krchzende Stimme von oben aus dem offnen Fenster, und zugleich fiel ein
Lauten-Futteral dem Fragenden auf den Kopf. In diesem Augenblick hrte
der Gesang auf, und der Frager sah im Fenster ein kleines greises
Mnnchen stehn, welches die zornigsten Geberden machte, und dessen
funkelnde schwarze Augen aus tausend Runzeln hervor grimmige Blicke
herunter schossen. Der Reisende wute nicht, ob er lachen oder schelten
sollte, doch sprach ihm aus dem greisen Kopfe etwas so Wunderliches an,
da er in Verlegenheit den Hut zog, und sich mit einer hflichen
Verbeugung stumm entfernte.

Was war das, Herr Kapellmeister? sagte der jngere Reisende, als sie das
kleine Huschen schon im Rcken hatten. Ich wei nicht, erwiederte
jener, vielleicht ein wahnsinniger alter Mann, vielleicht gar dort in
der Einsamkeit, in der Nhe des Tannenwldchens, eine Spukgestalt.

Sie scherzen, sagte der Snger; ich begreife jetzt selber nicht, wie wir
so gelassen seyn konnten, dem Alten auf seine Grobheit nichts zu
erwiedern.

Lassen wir es gut seyn, sagte der Kapellmeister, indem sie schon die
noch ruhige Strae der Residenz hinunter gingen: in dem Ton der Sngerin
war etwas so Wunderbares, da es mich tief ergriffen hat; ich war wie im
Traum, und darum konnte mir auch der alte Thor keinen Zorn abgewinnen.

Wieder die alte Schwrmerei und Gte! rief der Snger lachend aus; denn
erstens haben wir so gut wie nichts gehrt, und zweitens war in dem
Wenigen noch weniger Besonderes zu vernehmen, es war weder Methode noch
Schule in dem traurigen Gesange.

Als sie jetzt um die Ecke nach dem Gasthofe zu bogen, hrten sie aus
einem obern Stock ein Lied pfeifen; ein rundes, junges Gesicht kuckte
mit der Schlafmtze aus dem Fenster, und so wie er die Fugnger gewahr
wurde, schrie er: Haltet, Freunde! einen Augenblick! ich bin gleich
unten! Gott im Himmel! das ist eine Erscheinung! Er zog den Kopf so
schnell zurck, da er ihn heftig an das niedere Fenster stie und die
Bekleidung des Hauptes langsam schwebend zu den Fen des Kapellmeisters
nieder sank.

Wunderbar! rief dieser, indem er die Zipfelmtze aufhob; sagen diese
sonderbaren Vorbedeutungen uns etwas Gutes oder Schlimmes voraus?

Es ist unser Enthusiast Kellermann, erwiederte der Snger: hren Sie, er
rasselt schon mit dem Hausschlssel.

In diesem Augenblick strzte der Bewunderer im Schlafrock heraus und
umarmte die beiden Knstler mit theatralischer Herzlichkeit; er wurde es
nicht mde, jedem wieder von Neuem an die Brust zu strzen, ihn zu
drcken und dann die Arme verwundernd in die Hhe zu strecken, bis der
Snger endlich sagte: Lat es nun gut seyn, Hasenfu! Ihr habt das Ding
jetzt hinlnglich getrieben. Ein Glck, da noch kein Mensch auf der
Strae ist, sonst wrden Eure Bockssprnge in dem saffrangelben
Schlafrock alle Gassenjungen aufregen.

Also Ihr seid nun wirklich da, Ihr goldnen Menschenkinder? rief der
Enthusiast aus; was wrde es mich kmmern, wenn der vollstndige
Magistratus an meinem Entzcken Aergerni oder Theil nehmen wollte? Habe
ich doch seit drei Monaten nicht begreifen knnen, wozu diese Gasse
eigentlich gebaut sei, noch weniger, warum sie so viele Fenster zum Auf-
und Zuschieben habe, bis nun endlich ihre Bestimmung erfllt ist; Ihr
kommt durch dieselbe hergegangen, und ich kucke da oben mit meiner
verlornen Mtze heraus, um Euch im Namen der Nachwelt zu begren. Also
nun wird Eure Oper doch gegeben werden, ausbndigster Mann?

Sind denn Snger und Sngerinnen auch noch alle gesund? fragte der
lebhafte Kapellmeister.

So, so, erwiederte jener, wie es die Laune mit sich bringt; genau
genommen, existirt das Volk gar nicht, sondern lebt nur wie im Traum;
die Zugabe, die an die Kehle mit Arm und Bein gewachsen ist, macht es
oft schwer, sie nur zu ertragen, der unnatrliche Geschwulst aber oben,
den sie Kopf tituliren, ist wie ein Dampfkolben, um in diesem
Recipienten die unbegreiflichsten Verrcktheiten aufzunehmen. In so weit
sind sie alle gesund, als es ihnen bis jetzt so gefllt, ist aber die
und jene Arie ihnen nicht recht, hat der eine zu viel, die andre zu
wenig zu singen, geht die Arie aus As moll, wenn sie Gis seyn sollte, so
fallen sie vielleicht binnen drei Tagen wie die Fliegen hin.

Zieht Euch an, sagte der Snger, und kommt zu uns in den Gasthof hier
drben, so knnen wir mehr sprechen, auch sollt Ihr uns auf den Besuchen
begleiten.

Ohne Antwort sprang Kellermann in sein Haus, und die Reisenden begaben
sich in das Hotel, wo sie ihren Wagen schon fanden.

                   *       *       *       *       *

Im Hause des Barons Fernow war am Abend groe Gesellschaft versammelt.
Der Ruf, da der beliebte Kapellmeister und sein erster Tenorist endlich
angekommen seien, hatte in die Wohnung des Musikfreundes alles
getrieben, was sich fr die neue Oper interessirte. Man hoffte, einige
der vorzglichsten Partien vorgetragen zu hren, und viele drngten sich
hinzu, um wenigstens nachher in andern Gesellschaften darber sprechen
zu knnen.

In diesem Getmmel, welches der Hausherr, seine Frau und eine Tochter
mit Klugheit beherrschten, schwamm der behende Enthusiast wie in einem
Strome herum, um Jedem von der Herrlichkeit der neuen Composition
begeisterte Worte, ber die groe Manier, die lieblichen Melodieen und
den vortrefflichen Ausdruck in das Ohr zu raunen, obgleich er selbst
noch keine Note davon gehrt hatte. Sein rundes gerthetes Gesicht schob
sich wie eine Kugel von einem zuhrenden Kopf zum andern, und die
meisten Gesichter zogen jene nichtssagende Miene, die in Gesellschaften
geistreiche Aufmerksamkeit bedeuten mu. Jetzt wurde ein Theil der
Versammlung auf einen andern Gegenstand hingerichtet, denn in einfacher,
hchstsauberer Kleidung trat ein junges Mdchen herein, von so
glnzender Schnheit, da man ihren unbedeutenden Anzug ber den edlen
und ausdrucksvollen Kopf, ber die vornehme Geberde, den feinen Anstand
gnzlich verga, und die Nahestehenden sie mit Ehrfurcht begrten. Die
Tochter des Hauses eilte auf sie zu, indem sie ausrief: o meine
theuerste Julie! wie glcklich machen Sie mich, da Sie meinen Bitten
doch noch nachgegeben haben! Aber Ihr Vater? -- Sie wissen ja,
erwiederte die Schne, wie menschenscheu er ist, wie wenig er mit seiner
Melancholie und Krnklichkeit in die Gesellschaft pat; und ich gestehe,
ich wrde auch nicht gekommen seyn, wenn ich einen so groen Cirkel
htte vermuthen knnen.

Die Umgebung sprach ber die auerordentliche Schnheit dieses Wesens,
und man erfuhr, da sie die Tochter eines armen Musikers sei, die aus
einer entfernten Stadt dem Frulein des Hauses einen Brief einer
Freundin berbracht hatte. Immer noch hatte der Kapellmeister mit seinen
Sngern keines der Stcke vorgetragen, weil der Wirth noch einen jungen
Grafen erwartete, der einer der grten Enthusiasten fr Musik seyn
sollte. Denken Sie sich, sagte der Baron zum Kapellmeister, den
sonderbarsten, unruhigsten aller Menschen, nichts interessirt ihn als
Musik, er luft von einem Concert in's andre, er reis't von einer Stadt
zur andern, um Snger und Compositionen zu hren, er vermeidet allen
andern Umgang, er spricht und denkt nur ber diese Kunst, und selten ist
er doch ruhig genug, ein Musikstck ganz und mit vlliger Aufmerksamkeit
anzuhren, denn er ist eben so zerstreut als berspannt. Dazu scheint er
den eigensinnigsten und eingeschrnktesten Geschmack zu haben, so da
ihm selten ein Kunstwerk zusagt, eben so wenig ist er mit dem Vortrag
zufrieden, und dennoch bleibt er Enthusiast. Er ist von groer Familie
und reich, war eine Zeit lang in diplomatischen Geschften an einem
angesehenen Hofe, hat aber Alles der Musik wegen, die er doch oft nach
seinen Reden zu verabscheuen scheint, aufgegeben.

Die nhern Freunde des Barons waren nach dieser Schilderung sehr
begierig, einen Mann zu sehen, der wie von bsen und guten Geistern
geplagt und verfolgt wurde. Als daher Graf Alten eintrat, sahen ihm alle
mit groer Neugier entgegen. Er begrte die Gesellschaft hastig und
sein dunkles Auge durchlief sie eilig; dann senkte er den Blick und
setzte sein Gesprch mit einem alten, hagern und eingeschrumpften
Italiener fort, welcher mit ihm gekommen war. Doch pltzlich brach er ab
und rief halb vernehmlich: Himmel! was ist das? Er stand unmittelbar
hinter Julien. Jetzt sang der Tenorist eine Arie der neuen Oper, und
Alles schien begeistert, der Graf war in tiefen Gedanken. Nun,
Eccellenza, fragte der Italiener am Schlusse, sein Sie contentirt? Ich
habe keinen Ton gehrt, antwortete der Graf, indem er den Kopf erhob und
die schwarzen Locken aus der denkenden melancholischen Stirne strich.

Er benutzte die Pause, in welcher sich Alles lobend und bewundernd um
den Kapellmeister drngte, vorzutreten und sich neben Julien zu setzen.
Er wollte sie anreden, aber indem sie hflich das Antlitz zu ihm wandte,
fuhr er wie erschreckt zurck. Nein, wahrlich, dergleichen hatte ich
nicht erwartet! sagte er fr sich. Das junge Mdchen war erstaunt und
verlegen. Verzeihen Sie, redete der Graf sie heiterer an, Sie werden
mich sonderbar finden; als ich vorher hinter Ihnen stand, mute ich
glauben, eine ehemalige Bekanntschaft zu erneuen, und jetzt bin ich von
Ihrer mehr als wunderbaren Schnheit so geblendet worden, da ich Zeit
haben mu, um mich zu fassen. Die wahre chte Schnheit kann wohl
erschrecken, denn etwas Uebermenschliches kndigt sich unsern Sinnen und
dem Gemthe an. Himmel! wie mssen Sie singen!

Ich singe gar nicht, Herr Graf, und habe weder Stimme noch Kenntni der
Musik, erwiederte sie mit angenehmem Ton.

Der Graf sah sie prfend an, schttelte dann zweifelnd den Kopf und
murrete unverstndliche Worte verdrossen vor sich hin. Jetzt wurde ein
Duett vorgetragen, und Alles war aufmerksam, nur der Graf betrachtete
unverwandt seine Nachbarin. Das Duett war schwierig und die erste
Sngerin uerte ihren Verdru, der Kapellmeister wurde empfindlich,
wies zurecht, half nach, Alles vergebens; man mute abbrechen, indem die
Virtuosin behauptete, die Passage msse gendert werden, weil sie ihrer
Stimme ganz entgegen sei; der Componist meinte, er drfe Ausdruck und
Kraft nicht dem Eigenwillen aufopfern, denn die vortreffliche Knstlerin
knne dies und noch schwierigere Sachen leisten, wenn sie sich nur
bemhen wolle. Darber aber wurde der Gesang vllig unterbrochen, und
indem der Kapellmeister ein anderes Musikstck anordnen wollte, sagte
der Graf zu Julien: ich wette, Sie knnen diese schwierige Stelle ohne
Ansto vom Blatte singen, wenn Sie nur wollen. Als Julie zu leugnen
fortfuhr, sagte jener: Ihre Rthe, Ihr Auge widerspricht! Wie? dieser
gewlbte Mund sollte in der Mitte der Lippen diese sanfte, seelenvolle
Erhhung von selbst haben, und nicht von den reinen vollen Tnen, die so
oft ber diesen Hgel schwebten? Denn nur der Ton, wenn er stark und
lieblich die rothe Strae befhrt, darber klingend weht, bildet diese
ausdrucksvolle Erhebung; ganz im Gegensatz jener gefurchten Mundwinkel,
die jene berhmte Sngerin dort hat, die mit breitgedrckten und in die
Lnge gequetschten Lippen den armen kreischenden Ton hervor pret. Sie
versndigen sich, meine Schne, da Sie Ihr groes Talent verleugnen
wollen.

Sie sind zu scharfsichtig, erwiederte Julie; um so trauriger, da Sie
dennoch irren.

Sie sprechen auch ganz wie eine Sngerin, fuhr jener fort, es ist ein
lieblicher aber unterdrckter Ton in der Rede, der seine Fittige nicht
auszufalten wagt. Wenn Sie doch nur wenigstens einen einzigen Ton
anschlagen wollten! das Glck meines Lebens hngt davon ab, da Sie
singen knnen.

Sie qulen mich, Herr Graf, antwortete die Verlegne empfindlich; ich
versichere Sie auf das Theuerste, ich werde nicht singen, weil mir diese
herrliche Gabe von der Natur versagt wurde.

Gnaden, sagte der braune kleine Italiener, sollen Alles zu Virtuosen
haben: kann aber nicht Alles singen, was hbsch und feinen Mund hat.
Contrr! haben oft gttliche Prima Donna vor pur himmlisch Gesang und
forzirt Schreien eine Schnautz wie Signor Cerberus, der die Talent hat,
dreistimmige Sach solo durchzufhren.

Der frohe leichte Geist der Musiker war gestrt, der Kapellmeister
verstimmt, und die erste Sngerin mehr als verdrielich. Der Enthusiast
war in der Klemme, weil er es mit keinem verderben und doch keinen
stummen gleichgltigen Zuschauer abgeben wollte. Da man sah, da fr
diesen Abend nichts Bedeutendes mehr geschehen wrde, so entfernten sich
nach und nach die Fremden, auch die Musiker gingen, und nur der
Kapellmeister blieb, dem sich der Enthusiast, ohne eine nhere Einladung
abzuwarten, anschlo; der gedankenvolle Graf und sein Italiener
verweilten ebenfalls, um mit der Familie des Barons beim Glase Wein und
einem leichten Abendessen sich zu erheitern.

So ist es nun wieder wie fast immer ergangen, fing der Kapellmeister an,
als sie um den runden Tisch saen; man arbeitet sich ab, man studirt,
man qult, und endlich freut man sich auch, wenn das Werk vollendet ist
und gelungen scheint, und dann mu es diesen elenden, verdorbenen
Handwerkern bergeben werden, die nichts gelernt haben, und mit dem
Wenigen, was sie wissen, noch wie mit Wunderwerken hinter dem Berge
halten wollen. Kann es einen traurigern Beruf, als den eines
musikalischen Componisten geben? Denn endlich nun, wenn auch dieser
Jammer durch Bitten, Drohen, Scherzen, Vergtterung, Lge und
Falschheit, durch kleine Aenderungen, Zustze und Wegnahme berwunden
ist, wird das gemarterte Werk der Laune des Publikums, und dem blinden
Zufall, seinem allmchtigen Beherrscher bergeben. Nun mu es aber weder
zu hei, noch zu kalt, das Haus mu weder zu voll noch zu leer seyn,
keine groe politische Neuigkeit darf sich eben haben hren, ja keine
Seiltnzer und Springer anmelden lassen, um das so nothwendige Klatschen
und mit diesem armen Beifall einigen Enthusiasmus zu erregen. Und doch
kann man es nicht lassen, sich wieder in der Vorstellung zu erhitzen, um
eine neue undankbare Arbeit zu beginnen.

Wo ist die Dame geblieben? fuhr der Graf pltzlich auf.

Neben der Sie lange saen? fragte die Tochter. Diese ist lngst fort und
von einer Magd abgeholt worden, denn sie wohnt entlegen, in einer
fernen, unbekannten Gasse.

Die sollte ihre treffliche Arbeit singen, sagte der Graf, da wrden wir
etwas anders hren.

Sie irren, berichtigte die Tochter, ich wei, da das junge Frauenzimmer
durchaus nicht musikalisch ist. Sie ist aber sonst in weiblichen
Arbeiten sehr geschickt, auch hat ihr Vater, ein alter, verarmter
Musikus, sie etwas zeichnen lernen lassen.

O du alter Snder! rief der junge Graf im hchsten Verdru: und keinen
Gesang diesen Lippen, keinen Ton diesem schwellenden Munde! Ist es
nicht, als wenn man der Rose den Duft rauben wollte, den die Natur ihr
gleich im Erblhen mitgegeben hat?

Die Tochter war etwas empfindlich, denn sie glaubte auch eine Sngerin
zu seyn, da aber der Kapellmeister in seiner Klage fortfuhr, so blieb
ihre gespitzte Antwort unbeantwortet. Abgesehn aber, fuhr der
Kapellmeister fort, von diesen armseligen Zuflligkeiten, so verkndigen
sich auch erst am Kunstwerke selbst bei der ffentlichen Darstellung
Mngel, welche sich der Componist vorher auf seinem Zimmer nicht hat
trumen lassen. Denn mgen wir ein Werk noch so oft durchsingen, genau
kennen, von allen Seiten prfen, das Urtheil aller Freunde und Kenner
vernehmen, so bleibt Manches, und oft das Beste, zurck und das
Schlimmste zeigt sich bei der Auffhrung erst. Und berhaupt -- die
Bestimmung des Knstlers! Ist sie nicht eine traurige? Ich setze mich zu
keinem neuen Werke nieder, ohne innig berzeugt zu seyn, da ich nun
etwas ganz und durchaus Treffliches, Vollendetes erschaffen werde, das
meine groen Vorgnger erreicht, und sie selbst hie und da bertreffen
mchte. Diese himmlische Ruhe und Sicherheit verschwindet aber bald
whrend der Arbeit; mein Entzcken an meiner Hervorbringung wechselt mit
den bittersten Zweifeln. Dann fhl' ich oft recht innig, da ganz, ganz
nahe an dem, was ich schreibe, das Wahre und Himmlische liegt, da meine
Noten anklopfen und den Wandnachbar, den unbekannten, begren: mir ist,
ich drfte nur den Kopf so oder so wenden, so mte mir der Genius
sichtbarlich entgegen treten, -- und immer, immer wieder erscheint er
nicht! Mein Geist qult sich, um auen, weit ab, die Bahn anzutreffen --
und so im Jammer, im Resigniren, arbeite ich weiter. Es gemuthet mir wie
der Affe mit seiner traurigen Unruhe und dem fatalen Gesichterschneiden:
vielleicht hat er jeden Moment dunkler oder deutlicher eine Ahndung von
der Vernunft, will sie nun, die nah Erreichbare, und nun wieder haschen
und sich dann besinnen, und findet sich immer wieder in seinem
widerwrtigen Zustand eingeriegelt.

Jetzt trat noch ein Mann reifen Alters zur Gesellschaft, ein Gelehrter
und Hausfreund des Barons, der sich fast tglich einfand, aber gern die
greren Versammlungen vermied. Sie haben wieder, redete ihn der Wirth
an, unser Concert, wie Sie es gewhnlich machen, nicht mit anhren
wollen. Ich bin zu sehr Laie, erwiederte der Freund, und darum mag ich
mich nicht unter die Kenner drngen; soll der Unmusikalische den
Gebildeten durch seine trockne Gegenwart ihren Genu verkmmern?

Wir kennen diesen Schalk schon, rief ihm der Kapellmeister zu, indem er
den alten Bekannten begrte. Sie haben recht gethan, denn unsre
Sngerinnen haben wieder den alten Spuk getrieben, schlecht gesungen,
sich zu vornehm gednkt, die Musik kritisirt, und endlich damit
beschlossen, alle Musik in Verstimmung und Eigensinn zu beerdigen.

Sie sind also wirklich unmusikalisch? fragte der Enthusiast; und Sie
machen auch kein Hehl daraus?

Warum sollte ich es? antwortete der Laie; kein Mensch kann alle Talente
in sich vereinigen, oder alle seine schlummernden Anlagen erwecken und
ausbilden.

Viel Charakter, es so dreist zu bekennen, erwiederte der junge Mann, der
durch vieles Schwatzen whrend der Musik und dem hastigen Genu des
starken Weines in eine Laune erhitzt gerathen war, deren Sonderbarkeit
er selber nicht zu bemerken schien: sehn Sie, fuhr er fort, daraus ist
schon viel Unheil fr mich entstanden, da ich mich zu solchem Muthe
nicht habe entschlieen knnen. Ich war anfangs (und wie es schien, von
Natur so geschaffen) gar kein Musikfreund, ich hatte kein Ohr, ich
konnte keine Melodie behalten; darum vermied ich auch Concerte und
Opern, und in Gesellschaften, wenn Lieder gesungen, wenn Cantaten
aufgefhrt wurden, sprach ich entweder, oder suchte eines Buches habhaft
zu werden. Denn gewi, nichts verschliet unser Ohr so sicher vor all
den herein und durch einander fahrenden Tnen, als ein tchtiges und
vorhaltendes Gesprch ber Stadtneuigkeiten oder einige interessante
Verleumdungen. Sehe man nur den Stock! ertnte es nun von allen Seiten:
hat die dicke Figur wohl eine menschliche Seele in seinen weitlufigen
Fleischanlagen sitzen? Von der Musik, der gttlichsten aller Knste,
nichts zu verstehn! Ist wohl ein Block, ein Stein, der nicht
gewissermaen von der himmlischen Harmonie gerhrt werden mte? -- Nun
gefiel mir dazumal auf mehr als gewhnliche Weise ein gewisses
Frauenzimmer: diese pflegte, so wie gesungen wurde, vor bermiger
Empfindung herzlich zu weinen. Dieser nun war ich mit meinem kalten
Herzen gradezu ein Abscheu. Wie? sagte sie, lieben wollen Sie, der Sie
nicht einmal eine Ahndung jener Wonne haben, die aus dem Himmel stammt,
und mit der Liebe so nah verwandt ist? -- Da, Freunde! fate ich nun den
groen Entschlu, umzusatteln, und von der Musik gehrig begeistert zu
werden. Alle meine Freunde und Bekannten erstaunten, als ihnen meine
neugeprgte blanke Entzckung in die Augen strahlte. Da war nun auch gar
kein Halten mehr, ich bertraf Alles in der Begeisterung, was ich nur je
in den Gesellschaften hatte beobachten knnen; Alles zappelte an mir vor
Freude, so wie nur das Clavier angeschlagen wurde, die Beine trommelten,
die Arme schlenkerten, die Augen wackelten, ja ich nahm die Zunge zu
Hlfe, und leckte mir zuweilen die vor Erstaunen weitgeffneten Lippen.
Dann muten die Hnde klatschen, die Augen, wenn es irgend mglich zu
machen war, weinen, die ausgestreckten Arme Bekannt und Unbekannt an
dies strmische Herz schlieen, das mit mchtigen Schlgen im wildesten
Enthusiasmus klopfte. Ja, wenn ich nachher in mein einsames Zimmer trat,
war ich so mde und matt, so mrbe und zerschlagen, da ich zuweilen
Kunst und Knstler, Liebe und Harmonie, so wie alle die bezaubernden
Gefhle zum Satan wnschte.

Aber empfanden Sie nun wirklich recht viel? fragte der Laie lachend.

Das ist eine bedenkliche Frage, erwiederte der Enthusiast; was der
Mensch so strmisch will, davon mu wohl etwas auch wirklich in sein
Wesen bergehn; es wre unbegreiflich, wenn durch das vorstzliche
Nachspielen nicht hie und da ein Gefhl in unsrer Brust wiederklingen
sollte. Aber um doch ganz aufrichtig zu seyn, so war mir bei all diesem
Bewundrungsbemhen oft unertrglich nchtern zu Muthe, so recht, was der
Haufe langweilig nennt, und wenn ich nicht so stark mit Hnden und Fen
gearbeitet htte, so wre mir wohl oft ein herzliches Ghnen angekommen.
Das Schlimmste aber ist, ich habe doch nichts dabei gewonnen; denn meine
boshaften Freunde meinten, ich htte den Ansatz zu hoch genommen, und
sei von der andern Seite vom Pferde wieder hinunter gefallen. Sei ich
erst wie ein verstocktes dumpfes Thier gewesen, so erscheine ich jetzt
wie ein verwilderter Hasenfu, mein Enthusiasmus trte als ein
verzerrender Krampf auf, man msse fast glauben, mein Arzt habe mir
diese bertriebene Motion nur empfohlen, um sie gegen mein Fettwerden zu
gebrauchen. Ach! und die Musiker! Von denen habe ich das Meiste
gelitten. Vor acht Monaten war es, als hier im Saal die beiden berhmten
Compositeurs ihre Sachen auffhrten. Wie der erste geendigt hatte,
konnte ich ihm richtig mit flieenden Thrnen an seinen Hals fallen, und
der Mann klopfte mir selber ber mein Entzcken gerhrt mit aller
Freundschaft auf den Rcken, wir drckten uns recht herzlich zusammen,
und er sagte ganz laut, er habe noch keinen so grndlichen Kenner in
allen Reichen der musikalischen Welt angetroffen. Nun brannte der andere
Mann aber auch sein Kunststck los. Thrnen hatte ich nicht mehr, es
meldete sich aber ein groartiges Schluchzen, was noch hher lag als die
Thrne, -- und ein ganz stummer Druck, ein Vergehen, Aufgelstseyn, fast
sterbend in die Arme des zweiten Hinfallen, ja ein reelles Abstehn mute
diesen groen Meister belohnen. Der grobe Schelm lie mich aber geradezu
auf das Parket hinschlagen, ohne mir seine dankbare Brust
unterzustemmen, und sagte, wie ich in der Kunstohnmacht lag, hhnisch zu
mir: bleiben Sie in des Himmels Namen liegen, denn wer ber die
Stmperei jenes Menschen dort weinen kann, verdient gar nicht, einen Ton
von mir mit seinen Ohren aufzufassen. So erhob ich mich, um Trost bei
meinem groen Freunde zu suchen, dessen allergrter Kenner ich war. Er
sprang aber auch vor meinem Ausruf weg, so da ich mit der Nase fast an
die Wand stie, unter dem nichtigen Vorwande, da wer so wenig chtes
Gefhl besitze, da er das Armselige wie das Edle so bermig bewundern
knne, fr die Kunst ein migeschaffenes Ungeheuer sei. Wie ich nun bei
meiner Geliebten Hlfe suchen wollte, war sie ebenfalls gegen mich
emprt, denn ich hatte bei ganz unrechten Stellen geweint und da am
lebhaftesten empfunden, wo grade die wenigste Empfindung hingehrte. O
Theuerste, Verehrteste, mchte man nicht fast veranlat seyn, den Schwur
zu thun, da man bei Arioso und Cavatine, Finale und Ouvertre, Adagio
und Presto nur mit ruhig gekretschten Beinen dasitzen und hchstens
zuweilen den Tact schlagen wolle; denn wenn all dies Hmmern und Puffen,
dies Abarbeiten unsers irdischen entzckten Herzens, diese weissagende
rinnende Thrne, die den Wiederschein der Unsichtbarkeit abspiegelt;
wenn alles dies nichts fruchtet, sag' ich noch einmal, und statt
paradiesischer Sympathie nur die infernalische Antipathie erregt, so
wnschte man ja lieber Balgentreter oder Schmiedegesell, als chter
Enthusiast zu werden. Darum wundert Euch nicht, wenn ich der undankbaren
Kunst wieder einmal den Rcken wende.

Als man ber diese Gestndnisse lachte, sagte der Laie im frohen Muth:
in meinem Leben gehren die Leiden der Musik auch zu den
empfindlichsten. Nicht der zu starke Enthusiasmus hat mir geschadet,
wohl aber sind meine Kinder- und frhen Jugendjahre mir durch Musik
verbittert worden. Lcherlichkeiten, an die ich noch jetzt mit einigem
Schrecken denken mu.

Sprechen Sie, alter Freund, rief der Kapellmeister, habe ich doch auch
schon erst mein Leiden geklagt, was Sie freilich nicht mit angehrt
haben.

Ich mochte zwlf Jahr alt seyn, fing der Laie an, es ging mir gut, in
der Schule rckte ich schnell hinauf, meine Lehrer so wie meine Aeltern
waren mit mir zufrieden, als ein bser Geist, dieser Behaglichkeit und
Harmonie zrnend, sein Unkraut unter den aufwachsenden Waizen sete.
Mein Vater, ein strenger, aber heiterer Mann, lie mir frei, meine
Bestimmung zu whlen, er war ein Freund der Musik, aber ohne alles
Talent. An einem Nachmittag fragt er mich, ob ich vielleicht Lust htte,
ein Instrument zu spielen. Mir war der Gedanke noch niemals gekommen;
ich solle es mir berlegen, er verlange es nicht, aber wenn ich mich
entschliee, msse ich auch Ernst machen. Darauf kannte ich ihn, ich
wute, da er sich nicht wundern wrde, im Fall ich keine Musik triebe,
aber einmal angefangen, durfte ich die Sache niemals wieder fallen
lassen. Mir war, weil mein Ohr noch schlief, bis dahin alle Musik hchst
gleichgltig und langweilig vorgekommen. Die Opern hate ich geradezu,
weil bei den Arien und Duetten, von denen ich nichts vernahm, die
Handlung, die mich einzig interessirte, stehen blieb. Nie war in unserm
Hausbedarf von Musik etwas vorgekommen, auer in den Stunden bei dem
Tanzmeister, zu dessen vorzglichsten Scholaren ich gehrte, der es mir
aber nie hatte deutlich machen knnen, da die Musik seiner Geige mit
zum Tanz gehre. Traf ich daher gleich anfangs den Tact, so tanzte ich
meine Menuet, Cosak, oder was es war, trefflich hindurch. Fehlte es mir
aber, so half kein Aufkratzen, Anhalten, Beschleunigen, mich wieder in
den verlornen Tact zu werfen. Ich hielt es auch geradezu fr
Aberglauben, da man herkmmlich zum Tanzen aufspiele. Konnte mich schon
hier die Musik ngstigen, so brachte sie mich in der Kirche, die mir
schon nicht erfreulich war, fast zur Verzweiflung. Meine Nerven waren
schwach, und die losbrausende Orgel mit ihren schmetternden Tremulanten
verwirrte mein Gehirn und unertrglich fiel mir der unisone kreischende
Gesang der Gemeine. Mit beiden habe ich mich auch noch nicht vertragen
lernen: die Orgel, sei sie eine erhabene Erfindung, erschreckt und
ngstigt sie mich in der Nhe, und dieser Choralgesang, der sich so
demthig, wie gefesselte reuige Verbrecher, auf dem Boden hinschleppt,
nimmt mir, so oft ich ihn auch gut vorgetragen hre, allen Muth, alle
Poesie und Musik erlischt bis auf das letzte Fnkchen in meinem Gemth,
und ein nchterner Lebensberdru bemchtigt sich meines Geistes.

Darber liee sich viel sagen, meinte der Kapellmeister, doch komme auch
wohl eine seltne Eigenthmlichkeit des Laien hinzu.

So fern, begann dieser wieder, war ich aller Musik, und keine Spur eines
Talents hatte sich gezeigt, als der bse Geist es mir in den Kopf
setzte, in mir sei vielleicht ein groer Violinspieler verborgen. Die
Geige wurde angeschafft, ein Lehrer angenommen. Es hatten sich aber nun
der seltsamste Scholar und der wunderlichste Meister zusammen gefunden,
denn dieser unterrichtete mich eigentlich so, als wenn ich schon seit
Jahren ein nicht unwissender Violinspieler gewesen wre. In der ersten
Stunde lie er mich nur die Geige anstreichen, was mir bei meinen zarten
Nerven keine Freude verursachte. Zur folgenden hatte er mir schon ein
Buch gemacht, und einige leichte Lieder hinein geschrieben. Dies Stck,
sagte er, geht aus ^D dur^; es war: Blhe, liebes Veilchen. Ich
bekmmerte mich nicht weiter darum, was die beiden Kreuze oder ^D dur^
zu bedeuten hatten, ob es eine oder mehrere Tonarten gbe, was die
Tactabtheilung, oder die Striche an den Noten bedeuteten, sondern wir
spielten nun wohlgemuth das Lied durch, und ich ihm nach, Fingersetzung
und Alles aus dem Gedchtni. So ging es beim zweiten und dritten Liede,
welches aus ^C dur^ ging. Ich sah wohl, da nun die Kreuze fehlten, und
er nannte jedesmal die Tonart, wenn ich falsch griff, fand es aber gar
nicht nothwendig, weitere Erklrung hierber, oder ber die Dauer der
Noten hinzu zu fgen. Es klingt mrchenhaft, aber eben so wahr ist es,
da ich in dieser Manier sechs bis sieben Jahr die Geige gestrichen
habe, ohne da der Trieb in mir erwachte, der Sache nher auf den Grund
zu kommen, oder da er es nothwendig geachtet htte, unsrer practischen
Kunst einige Theorie anzuhngen. Uebrigens kann man sich vorstellen, wie
es lautete. Da ich Lnge und Krze der Tne, ihre Abweichung in Moll und
Alles, was die Musik ausmacht, ohne jedes Verstndni, nur aus dem
Gedchtni spielte, (denn ich kannte nur die Note an sich selbst, so wie
sie auf der Linie stand, und nichts weiter) da ich berdie gar kein
Gehr hatte, den Bogen schlecht fhrte, und in der Fingersetzung hufig
irrte, so begreift sich's, was ich fr ein Charivari hervor brachte.
Mein Meister, der wirklich geschickt im Spiel war, klagte in jeder
Stunde ber seine Ohren. Ich selbst litt, so oft ich die Violine unters
Kinn nahm, wahre Hllenpein. Dies Schnarren, Pfeifen, Mauzen und Girren
war mir unertrglich: selbst der beste Geiger hat, wenn man ihn zu nahe
hrt, einen Nebenton, die stark angestrichene Saite, besonders in der
Applicatur, berschreit sich zuweilen, aber bei mir thaten sich fast nur
die abscheulichsten Mitne hervor. Da meine Nerven so stark afficirt
wurden, so zeigte sich mein Widerwille gegen das Geheul und Schnarzen,
welches meine Finger so dicht vor meiner Nase erregten, auch deutlich in
meinen Gesichtsmuskeln, der Mund und die Wangen begleiteten mit
widerlichen Verzerrungen die hohen und tiefen Tne, die Augen klemmten
sich zu und rissen sich auf, und ich fhlte deutlich, da manche neue
Falten und Lineamente sich formirten, die ursprnglich nicht fr ein
gewhnliches Menschengesicht berechnet waren. Mein tiefsinniger Meister
schttelte oft sein Haupt, und meinte, so wenig Talent als ich habe
keiner seiner Scholaren. Mir begegneten aber auch in der That mehr
Unglcksflle, als ich sonst bei ausbenden Knstlern wahrgenommen
hatte. Kamen wir so recht in Eifer und lieferten, nachdem ich schon
lnger studirt hatte, die raschen muthigen Passagen: so rutschte im
Allegro mein Bogen ber den Steg, und im Entsetzen lie mein Lehrer die
Geige sinken, denn welcher Ton alsdann im heftigen Streichen aufquikt,
wei nur der, dem dieses Abenteuer begegnet ist. Mehr wie einmal fiel
der Steg selber um, wie aus Mitgefhl, und ein heftiger Knall endigte
mit Macht ein schmachtendes Largho mitten in der Note. Einmal sogar, und
ich dachte der Tod ergriffe mich, brach der Knopf ab, der unten das
Saitenbrett festhlt, und sprang unbarmherzig gegen meine Nase. Fr
diese Stunde war denn unsre Harmonie zu Ende, und das Instrument mute
erst wieder hergestellt werden. Nach einem Zeitraum war denn auch mein
Vater so neugierig zu hren, wie ich mich applicire. Ich trug ihm einige
der Lieder vor, die ich am besten inne zu haben glaubte. Er erschrak
ber das, was er hrte, und erstaunte noch mehr ber das, was er sah. Er
meinte nmlich, in der Kunst, Gesichter zu schneiden, sei ich
unbegreiflich weit vorgeschritten, und meine Musik knne doch von Nutzen
seyn, Ratten und Muse zu vertreiben; er warnte mich nur zum Beschlu,
den Ausdruck meiner musikalischen Physiognomie doch etwas zu
beschrnken, weil ich auerdem auf dem graden Wege zum Affen sei. Das
war mein Lohn dafr, da ich das damals populre rhrende Lied: Hier
schlummern meine Kinder &c. ihm nicht ganz ohne Glck vorgetragen hatte,
denn dies war gradezu meine Lieblings-Arie, in der ich firm zu seyn
glaubte, die auch in den Mitteltnen mit melancholischer Gesetztheit
verweilte, und nicht in den Discant oder gar in die Applicatur hinauf
stieg, die ich ein- fr allemal verabscheute.

Hatten Sie denn aber gar keinen Ersatz fr diese mannigfaltigen Leiden?
fragte der Kapellmeister launig.

Wenig, erwiederte der Laie: als mein Lehrer es nthig fand, wegen des
Ausdrucks fr mich ein Sordin zu kaufen, den ich mit Freuden aufsteckte,
weil es doch einmal einen andern Ton gab, die Dmpfung auch wie ein
spanischer Reiter es dem reienden Bogen unmglich machte, wieder
jenseit dem Steg zu springen. Auch machte es mir innige Freude, als wir
erst weiter vorgerckt waren, in den Ouvertren die Vierundsechszigtel
als eine und dieselbe Note dreiigmal abzuspielen, welche meistentheils
gegen Ende des Stcks, kurz vor dem Aufzug der Gardine, vorkommen. Diese
wiederholte ich gern in der Einsamkeit, weil in diesen Passagen keine
groe Schwierigkeit ist, mir auch der so oft wiederholte Ton die
Empfindung gab, als wenn ich in meinem geliebten Theater se.

Aber damals, fragte der Kapellmeister, hatten Sie doch wohl einige klare
Begriffe von der Musik?

So wenige, antwortete der Laie, wie in der allerersten Stunde; Tact,
Vorzeichnung, Tonart, nichts von alle dem begriff ich, sondern spielte
Sonaten und Symphonieen so pur aus dem Gedchtni hin, wie ich es von
meinem Lehrer hrte! auch vernahm ich keine Melodie, keinen
musikalischen Gedanken; hie und da fhrten mir wohl ein paar Tacte eine
Art von Verstndni herbei, das ich aber nie weiter verfolgen konnte. So
fern war ich allem Begreifen, da ich mir einmal einbildete, weil ^g^,
^h^, ^a^ und ^b^ vorkommen, da das ganze Alphabet wohl in den Noten
enthalten sei, und da man bei der Composition eines Liedes nichts zu
thun habe, als die Noten zu nehmen, die die Buchstaben eines Wortes
bezeichneten, und sie dann schneller oder langsamer abzuspielen. Wie ich
nun meinen Lehrer fragte, wo denn das ^m^, ^r^ oder ^p^ stecke, wurde
ich zwar von diesem sehr verlacht, aber doch nicht besser belehrt, denn
er erstaunte nur immer von Neuem ber meine ungeheure Einfalt, da ich
das alles nicht wisse, was sich doch von selbst verstehe. Eben da mir
alle Musik nur wie ein Charivari vorkam, so lie ich mir beigehn, auch
selbst einmal zu componiren. Der Tact schien mir gleich ein Vorurtheil,
eine Tonart brauchte ich noch weniger, und nie werde ich die Freude
vergessen, die ich meinem Meister machte, als ich meine wild zusammen
gewrfelten Noten ihm als meinen ersten dichtenden Versuch berbrachte.
Er wollte sich ausschtten vor Lachen, und konnte nicht mde werden,
sich unter Lust und Freude meine Phantasie vorzuspielen. Mir klang sie
wie jede andere Musik.

Der braune alte Italiener erfreute sich sehr ber diese Erzhlung, und
selbst der finstere Graf lchelte. Es ist unbegreiflich, sagte der
Baron, da Sie so lange ausgehalten haben. Ich mute wohl, erwiederte
der Erzhler, meines strengen Vaters wegen, da ich das Ungethm einmal
begonnen hatte. Sonst bekmmerte er sich nicht weiter um meine Kunst,
weil er einigemal, da ich ihm Sonntags Nachmittags einen Zeitvertreib
machen sollte, von meinem Spiel, wie er behauptete, Zahnschmerzen
bekommen hatte. Einmal widerfuhr mir als ausbenden Knstler eine
ausgezeichnete Demthigung. Die Besitzerin des Hauses, in welchem wir
wohnten, hatte zum Geburtstage ihrer erwachsenen Tochter eine groe
Anzahl hbscher Mdchen gebeten. Um das Fest unerwartet frhlich zu
machen, hatte die gute Dame mit meiner Mutter die Abrede getroffen, ich
sollte heimlich mit meiner Geige hinauf kommen, im Nebenzimmer pltzlich
stimmen, und den berraschten schnen Kindern dann einige englische
Tnze aufspielen, damit sie einmal im Saale recht wohlgemuth
herumspringen knnten. Ich wurde in das Nebenzimmer mit allem Geheimni
gefhrt: ich sah durch den Vorhang in die allerliebste Versammlung
hinein, -- aber nun, -- die Geige _stimmen_! Wie gemein! Ich hatte es
auch in meinem Leben nie versucht, weil mein Meister das besorgte, ich
hrte auch niemals einen Unterschied, wenn sie nach seiner Meinung im
Stande war, und wenn sie nicht jetzt schon richtig stimmte, so konnte
ich auf jeden Fall nur Uebel rger machen. Es schien mir edler sowohl
wie vorsichtiger, mit meiner Lieblings-Arie mich anzukndigen, und so
lie ich dann pltzlich das: Hier schlummern meine Kinder anmuthig
ertnen. Die Freude dieser Nicht-Schlummernden war unbeschreiblich, mit
Jubel ward ich in den Saal gezogen, wo ich wie geblendet stand, da ich
noch niemals so viele reizende Wesen beisammen gesehen hatte. Das war
ein Fragen und ein Bestellen; ich zeigte ihnen die englischen Tnze, die
mir mein guter Meister in mein Notenbuch geschrieben hatte, ich spielte
einen auf, aber er wollte nicht passen. Sie fragten nach der Anzahl der
Touren und dergleichen, was mir alles unverstndlich war. Ich sollte
ihnen den Tanz und die Musik dazu arrangiren. Ich versuchte noch eine
Anglaise und eben so die dritte, nun war meine Kunst zu Ende, und da
auch diese nicht paten und wir uns gar nicht verstndigen konnten, so
mute ich, den sie im Triumph eingeholt hatten, mit der grten
Beschmung wieder abziehen, und sie endigten ihren Nachmittag in
Verdru, der ihnen ohne die pltzliche unerwartete Freude heiter
verflossen wre. Meiner Mutter, die mich ausfragte, erzhlte ich, die
Mdchen htten eigentlich gar nicht tanzen knnen; und so kam es mir
auch vor, da sie sich aus meinem Spiel nicht zu vernehmen wuten. --
Mein Meister wurde endlich zu einer auswrtigen Kapelle verschrieben,
und nun glaubte ich, meiner Qual los zu seyn: mein consequenter Vater
aber hatte schon wieder einen neuen Lehrmeister bei der Hand, der, als
ich ihm meine Knste vorgespielt hatte, die Sache grndlich wieder von
vorne anfing. Ich, der ich schon Symphonieen und die schwierigsten
Sachen vorgetragen hatte, mute jetzt jene mir verhaten Chorle und
Kirchenmelodieen einlernen, lauter Noten aus halben oder ganzen Tacten,
weil mein neuer Meister behauptete, ich htte weder Strich noch
Fingersetzung. Dieser hatte ein so delikates Ohr, da er bei meinen
Mitnen fast rgere Gesichter schnitt, als ich selber, er lachte auch
niemals ber meine Ungeschicklichkeit und Mangel an Talent, wie der
erste, sondern nahm sich die Sache sehr empfindsam zu Herzen, und war
manchmal fast dem Weinen nahe. Zum Glck dauerte diese neue Schererei
etwa nur ein halbes Jahr, worauf ich zur Universitt abging, und seitdem
kein Instrument wieder angerhrt habe. Diese Bekenntnisse, meine Herren,
schildern nur kurz den geringsten Theil meiner musikalischen Leiden,
denn wenn ich sie ganz htte darstellen wollen, wrde mir Zeit und Ihnen
die Geduld ermangeln.

Jetzt ist die Reihe an Ihnen, sagte der Baron Fernow, indem er sich zum
alten Italiener wandte, Sie haben bei diesen Erzhlungen eine besondere
Freude gezeigt, und es ist wohl billig, da Sie uns auch einige Ihrer
Leiden mittheilen, die Ihnen wohl, als einem alten Virtuosen, nicht
gefehlt haben knnen.

Ach! meine Herren, sagte der Alte mit einem sonderbaren Gesicht, meine
Leiden seyn zu tragisch, um Plaisir zu machen, auch kann meine welsche
Zunge nicht in die Landstrae von der deutsch Idiom recht fortkommen,
mu daher um Nachsicht anfleh, wenn meine Confession etwas mit Confusion
verschwgert seyn sollte. Ich war von Jugend auf gebt im Sang, fertig
im Clavierspiel und guter Tenor, frisch auf Theatern mit Glck in Napoli
gesungen, und brav beklatscht und ^e viva!^ mich zugerufen. Ging nach
Rom, gefiel nicht so ausnehmend, denn die Herren ^Romani^ seyn
kritischer Natur, bilden sich ein, die feinste Ohreinrichtung in den
ganzen Italia zu haben. Ach! aber hier sah ich im Carneval eine junge
Demoiselle, die Stunde bei mich nahm, um nachher in Firenza zu singen,
auch auf das Theater. Ach! welcher Ton! welche Talente! welche Augen!
Nun das war ein ^cara mia^, ^amor^ und ^mio cour^, bis wir, eh' wir uns
das Ding versahn, mitsammen davon gelaufen waren, und singen nun in
Firenza auf Theater aus Leibesmacht als Mann und Frau. Hatten viel
Zrtlichkeit in der Eh, aber auch manchen Verdru, denn ^cara mia^ war
der Jalousie ergeben, und meine Wenigkeit war dazumal ein gar hbscher
^Giovine^ und die Frauenzimmer rhrten leicht mein Herz. Doch Alles ging
gut, bis wir in eine deutsche Residenz engagirt wurden. Da lebte ein
Compositeur, ein Maestro, so recht ein Theoretiko, voll Prtension, aber
gescheidt, dabei ein hbsch wohlgewachsen Mnnel. Der Hortensio gefiel
meiner Cara, und sie wollte nun seine Schlerin vorstellen, in edel
groe Manier singen, mit Seele, wie Hortensio sagte, nicht mehr aus Hals
und Kehle, sondern so wie die Deutsche meinen, aus das Gemth heraus.
Gemth! eine extra deutsche Erfindung, die alle andern Natione gar nicht
kennen. Bis dahin hatte die Gute ihren schnen Ton gehabt, grausame Hhe
hell wie Glas, spitz, laut, mochte Compositeur componiren wie er wollte,
brachte er seinen hohen Ton, flugs hatten wir ihn weg, richtig mute er
in seine Passage und Cadenz hinein, hinaufgeschroben, hher und immer
hher, da oben dann umgeschwenkt, und wieder hinab gegurgelt, und
^brava! brava! bravissima!^ aus den Logen heraus geschrieen, mit Fchern
und Hndchen geklopft, ^mia cara^ sich verneigt, Arme kreuzweis vor der
Brust, und keinem Menschen wars eingefallen, da ^monsieur Compositeur^
da hatte Gedanken, aparte Fhlungen hinein drechseln wollen. Aber
Hortensio! Hortensio! ^bestia maladetta!^ denk' ich, der Schlag soll
mich rhren, wie ich zum ersten Mal die seelische Manier in mein Ohr
hinein hr! Keine Passage, keine Uebergnge, keine Triller, singt daher
wie ein Kalb, das geschlacht werden soll, pur ohne Manier und Methode.
Ich war der ^primo nomo^, konnte aber nicht lassen, meine ^prima donna^
im Liebesduett rechtschaffen in den runden Arm zu zwicken. Schreit sie
auf gefhrlich: meinen die Leut, das soll auch groe neue Manier seyn,
und fangen an zu lachen. Von dem Tage Zwietracht unter uns, kein Beifall
vom Publikum mehr. Hortensio war groer Theoretiker und Enthusiast,
wollte aber keinen Amanten abgeben, war verheirathet an eine gute Frau,
die nach deutscher Manier ganz Seele war. Nun steigt in meiner zarten
Isabelle die Bosheit immer hher. Sie will retour in alte brillante
Manier, verflucht Seele und Gemth, aber war nicht anders, als wenn die
Tne wie Besessene durch einander schrieen, kochte und zwirbelte oft in
der Gurgel, murrte und pfiff, als wenn Satansbrut in dem kleinen Hals
mit einander auf Gabel und Besenstiel wie zum Schornstein hinaus auf die
liebe Blocksberg fahren und rutschen wollten. So war das Elend komplett,
fehlte nur noch, da sie mir alle Schuld gab, und das that sie denn auch
redlich: ich snge so schlecht, wre rckwrts gegangen: ^enfin^, wir
kriegten beide unsern Abschied mit kleine Pension. Zogen durch alle
Provinz, den wohlfeilsten Ort anzutreffen und fanden immer die
allertheuersten, gaben Concert, ich Privatstund im Singen. Die ^cara^
Isabella konnte aber Musik nicht aufgeben, und je rger es wurde, je
lieber sie sang, als kein Mensch mehr zuhren wollte, trieben wir das
Spektakel ^privatissime^ auf unserer Stube. Ja, da mute ich ganzer Mann
seyn, um mit meine Heroismus das Schlachtgeschrei auszuhalten, und
oftmals dachte ich, es mte gesterben werden. Wir hatten groen
mchtigen Kater, der lag immer auf das Clavier: sehn Sie, das Kerl
frchtete sich weder vor Ratz noch Maus, lief vor keine noch so groe
Hund, und hatte sich mal mit einem allmchtigen Bullenbeier gekratzt:
aber so wie meine Gemalin nur den Deckel aufmachte, um die Harmonie
loszulassen, so lief das Katz was es konnte bis auf den allerobersten
Boden. Wir tobten so gewaltig, da uns kein Wirth mehr zum Miethsmann
einnehmen wollte. Natrlich mochte nun kein Mensch mehr unser Concert
hren, denn die menschliche Ohr seyn meistentheils etwas zart construirt
und sehr viel Menschen haben fast natrlichen Widerwillen gegen
Detoniren und widerwrtigen Gesang.

An einem Tage sagte mir die Gattin, ich solle meine beste Kleid anziehn,
es sei groe reputirliche Gesellschaft von Zuhrer gebeten. Wir sangen
und tobten, es war aber kein Mensch da. Wie ich in der Nacht darber mit
ihr redte, sagte sie, die gewhnliche Menschheit sei zu platt und grob
organisirt, ihre Kunst zu fassen, darum habe sie Ueberirdische invitirt,
die klagten niemals ber Dissonanz, ich aber sei ein Gesell, zu plump,
um die feinen Creaturen mit meine dumme Augen zu sehn. Nun gings immer
so fort mit die Engelssocietten, und sie erzhlte mich viel von dem
groen Beifall, den ihr Vortrag bei die Kenner fnde. Am andern Abend,
als wieder groe Geisterassamble bei uns war, und wir beide gnug
schrieen, sagte sie zu mir pltzlich, ich snge entsetzlich falsch, es
sei nicht auszuhalten, und Knig David, der gewi ein Kenner in Musiken
sei, wolle gar nicht wieder kommen, wenn ich nicht richtiger und mit
mehr Respect snge. Ich sollte gleich hin, und ^Majest^ um Verzeihung
bitten. Wo sitzt er denn? Da, nahe am Ofen, denn der alte Herr htte
etwas kalt. Ich trug meine submisse Devotion in hfliche Redensart vor
und wurde pardonirt.

Armer Mensch! sagte der Kapellmeister gerhrt, und wie lange lebte die
Wahnsinnige noch?

Bitte sehr um Verzeihung, erwiederte der Italiener, meine selige Gattin
nicht zu lstern, war nichts weniger wie etwa toll im Kopf, dachte es
auch erst, sah aber bald meinen Irrthum. Denn als es noch klter wurde,
die Tage immer krzer, die Selige mich auch tchtig tribulirt hatte und
ich mir fast den Hals entzwei gesungen, weil diesmal alle Maccaber uns
die Ehre erzeigten, da sah ich, wie ich Licht hereinbrachte, die ganze
Stube voll unsichtbarer Menschen, will sagen, verstorbene Geister.
Seitdem mir nun die Binde von meine Augen herunter gefallen war, habe
ich manche interessante Bekanntschaft unter die Abgeschiedenen gemacht,
und hatte nun gar nicht mehr nthig, viel mit die sterbliche Menschen
umzugehn.

Das glaub' ich, sagte der Baron, indem er den Erzhlenden mit einem
prfenden Blicke anstarrte; die Tochter rckte etwas weiter von ihm weg,
der Enthusiast war erstaunt, der Laie lachte, und nur der Graf, welcher
ihn schon kannte, blieb ruhig. Wir sahen ein, fuhr der Alte fort, da
die zu weit ausgebreitete Bekanntschaft mit die ganzen Vorzeit etwas
lstig werden knnte, und beschrnkten uns nachher fast nur auf die
berhmte Musiker. Ja, meine Herren, da habe ich nachher erst Dinge ber
Contrapunct, Wirkung, Ausbeugung und ber Charakter von die Tonarten
erfahren, die in keinem Buche stehen. Aber meine liebe Frau starb bald,
und seitdem habe ich den Umgang auch nicht fortsetzen knnen, denn alle
die Herren haben sich mich allein, da ^Cara mia^ nicht zugegen, seitdem
mir nicht wieder gezeigt.

Der Baron fragte den Grafen nach einer Pause, ob er nicht auch
vielleicht einige musikalische Leiden vorzutragen habe, und dieser, der
bis jetzt geschwiegen hatte, fing so an: Ihre Klagen, meine Herren,
waren zum Theil darber, da sie mit der Musik in Verbindung kamen, ohne
eigentliche Lust oder scharfen Sinn fr diese Kunst zu besitzen. Mein
Elend kommt von der entgegengesetzten Seite. Von frhester Jugend war
meine Freude an Musik, mein Trieb zu ihr berreizt zu nennen, auch
machte er meinen Eltern und Erziehern gnug zu schaffen. Ich wollte
nichts anders lernen, und verwnschte oft meinen Stand, der mich
hinderte, ein ausbender Knstler zu werden. Wo nur ein Ton erklang, wo
nur Gesang sich hren lie, da war ich gleich mit ganzer Seele, und
verga alle meine Geschfte. Mein Vater, ein ernster, heftiger Mann,
zrnte ber meinen Enthusiasmus, der allen seinen Absichten feindlich zu
werden drohte. Da ich auch zu leidenschaftlich war, und im jugendlichen
Eifer whnte, ich knnte meine Kunst nicht fanatisch gnug vertheidigen,
so verletzte und krnkte ich oft meinen Vater auf ungeziemende Weise,
und dieser Kampf, diese Reue und Zerknirschung ber meine Hitze,
Verstimmung gegen die Welt und mich, dies traurige, zerrissene Wesen
verdarb mir vllig die Heiterkeit meiner Jugend, denn der gewaltsam
errungene Genu meiner Kunst war doch nicht im Stande, mir alles das zu
ersetzen, was ich einben mute. Ja, sei es nun, da meine Erwartungen
zu hoch gespannt waren, da meine Ahndung fr das Hchste zu sehr meine
Forderungen stimmte, genug, es wurden mir auch die Werke der Kunst
selbst, so gut wie ihr Vortrag, oft allzusehr verkmmert. Denn ich
glaubte nicht selten wahrzunehmen, da man so vieles in die Musik
aufgenommen habe, was dieser Kunst ganz fremd bleiben msse, da sie
meistentheils zu sehr zum Zeitvertreibe herab gesunken sei, da sie um
Effecte buhle, die ihrer unwrdig sind, und da die wenigsten Snger nur
wissen, was Vortrag und Gefhl zu bedeuten habe. Eine tiefe Schwermuth
konnte sich meiner bemeistern, da fast nirgend in der Welt die Stimmung
angetroffen werde, die ich fr nothwendig hielt, wenn diese hohe Kunst
ihr Element finden sollte. Ich mute denn endlich meinem Vater doch
nachgeben und an den Geschften Theil nehmen. Die Arbeit wurde mir
leichter als ich mir vorgestellt hatte, und mein Vater, der mich wegen
meiner Kunstliebe fr fast bldsinnig gehalten, war so mit mir
zufrieden, da seine ehemalige Zrtlichkeit gegen mich erwachte. Nach
einigen Jahren ward ich in diplomatischen bedeutenden Geschften an
einen groen Hof gesendet. Seit lange hatte ich die neuen Snger und
Sngerinnen beobachtet, und war fast mit allen unzufrieden. Wenn die
Stimme das Gefhl, den Enthusiasmus der Leidenschaft ausdrcken soll, so
mu sie sich groartig erheben, mchtig anschwellen, und die Hhe nur
deswegen suchen, um die strkste Lichtregion und Kraft zu gewinnen. In
dieser Gegend ist es, wo Componist und Sngerin das Uebermenschliche der
Liebe, der Klage, der Andacht und jeder Regung der Seele ausdrcken
knnen: und doch fand ich fast immer, da der Wohllaut, die Wollust
dieser Klnge nur gebraucht wurden, um eine kleine Knstlichkeit, eine
Art Springerei anzubringen, eine Virtuositt, die wohl ganz nahe an die
Seiltnzer grenzt, und von der chten Kunst ganz ausgeschlossen seyn
sollte. Noch schlimmer fast erschienen mir diejenigen, die nach einer
ziemlich verbreiteten neuen Manier den Ausdruck anbringen wollten. Kein
^Crescendo^, kein Portament der Stimme, sondern ein pltzlicher
Aufschrei, wie ein Angst- oder Hlferuf, dann ein eben so pltzliches
Verhauchen, ein unmotivirtes Sinkenlassen des Gesanges, ein dumpfer
Seufzer statt des Tons, und so fort in diesem schroffen eckigen Wechsel,
so da ich jetzt nichts hrte, und jetzt wieder von grellen Tnen
erschreckt wurde, ein Unfug, den oft ein ganzes Publikum bewunderte, und
der mir noch jenseit dem Anfange der Schule zu liegen schien, oder mir
vielmehr wie der rohe unmusikalische Gegensatz alles Gesanges vorkam.
Von dem neuesten Geschmack der Opern will ich schweigen, denn hier fnde
ich meinen Klageliedern kein Ende.

Als ich dem fremden Hofe mich vorgestellt hatte, empfing ich bald darauf
den Bescheid, da ich mit einem wichtigen Auftrage schnell in mein
Vaterland zurck msse. Am Abend war beim Bruder des regierenden Frsten
Concert, und eine fremde Sngerin wollte sich zum ersten Mal hren
lassen. Ich begab mich in den Concertsaal. Nur der Sngerin Nacken,
dessen blendende Weie von einem wunderlich gekruselten braunen
Lckchen erhht wurde, konnte ich wahrnehmen, so wie einen Theil des
feingerundeten Ohres, so dicht war das Gedrnge. Aber jetzt erhob das
Mdchen den Ton, und ging in einen zweiten ber, und strahlte den
dritten aus, so mchtig, edel, rein, voll und lieblich zugleich, da ich
wie bezaubert stand, denn das war es, wie ich es mir immer gedacht, ja
es war mehr, wie ich gewnscht hatte. Dieser reine, himmlische Discant
war Liebe, Hoheit, zarte Kraft und Flle der edelsten, der berirdischen
Empfindung. Da hrte ich nicht den spitzen, blendenden Glaston, der noch
die Harmonika berschleift, nicht die Betubung in der letzten,
schwindelnden Hhe, die wie mit Spitzen das Ohr verletzt und durchbohrt,
nicht die Ohnmacht an der Grenze der Stimme, die erst ein Mitleidsgefhl
in uns erregt, und von diesem dann Hlfe und Beifall bettelt: nein, es
war die Sicherheit selbst, die Wahrheit, die Liebe. Nun begriff ich
erst, wie Hasse hatte wagen knnen, zuweilen in seinen Arien durch viele
Tacte den Sopran auf ein und zwei Sylben trillern, sich senken und
wieder steigen zu lassen. Ich war so entzckt, da ich mich und Alles
verga, ich legte in diesem hchsten Augenblick meines Lebens das
sonderbare Gelbde mir selber heimlich ab, da nur dieses Wesen mit
dieser Wunderstimme, oder keins, meine Gattin werden sollte. Der Rath
und der Laufer des Frsten hatten mich schon zwei-, dreimal erinnert.
Ich ging zum regierenden Herrn in das Schlo hinber. Es ward mir
schwer, meine Lebensgeister zu dem sehr bedeutenden Gesprche zu
sammeln. Nach der Audienz mute ich mich in strmischer Nacht in den
Wagen werfen. Kein Diener, am wenigsten der alte Rath, mein Begleiter,
wuten mir von der Sngerin etwas zu sagen. In meinem Vaterlande
angekommen, erwarteten meiner dringende Arbeiten, die mich selbst in den
Nchten beschftigten, ich konnte meinen Vater, der auf dem Krankenbette
lag, nur wenig sehn. Als ich fertig war und meinem leidenden Vater jetzt
meinen Trost und Dienst widmen wollte, konnte ich ihm nur noch die Augen
zudrcken. Jetzt wute ich erst, wie theuer mir der edle Mann gewesen
war, doch war es mir jetzt erlaubt, meiner Neigung zu folgen; ich entzog
mich den Staatsdiensten. Sobald es meine geordneten Geschfte zulieen,
reisete ich nach jener Residenz zurck, -- aber -- und wie ist dies zu
begreifen? Kein Mensch, kein Musiker, Niemand am Hofe wollte von jener
Sngerin, oder jenem Abend, den ich beschrieb, etwas wissen, als sei
diese einzige, himmlische Stimme eine der gewhnlichsten Erscheinungen,
die man kaum bemerkt und dann vergit, oder als sei ich in Wahnsinn und
Bezauberung, da ich mir Alles nur eingebildet habe.

Als jede Nachforschung vergeblich war, suchte ich auf Reisen jenes
Wunder wieder anzutreffen. Darum versumte ich kein Concert und keine
Oper, suchte jede musikalische Versammlung auf, und immer vergebens.
Seit zwei Jahren fhre ich dies unruhige traurige Leben, und heut Abend
dacht' ich thricht zu werden, denn in der fremden Dame glaubte ich
meine Unbekannte gefunden zu haben, dieselbe Locke im Nacken, derselbe
feine Contour des Ohrs; und Mund und Physiognomie schienen mir ganz wie
die einer Sngerin.

Die Tochter des Hauses versicherte noch einmal, da der Graf sich
durchaus irre, und da seine Bemerkungen ber Gesang fast eben so
einseitig als fein zu nennen wren. Denken Sie denn Ihr sonderbares
Gelbde zu halten? fragte hierauf der Baron.

Ich mu wohl, erwiederte der Graf, denn mgen Sie auch lcheln und es
unbegreiflich finden, jener wunderbare se Ton hat mir Liebe, wahre
Liebe eingeflt. Warum soll denn unser Auge der einzige Sinn seyn, der
uns dies Gefhl, diesen enthusiastischen Taumel zufhrt? Ich trume von
dieser Engelsstimme, immer vernehme ich sie, Alles erinnert mich an
diesen Ton: o Himmel! wenn er verschwunden, wenn sie gestorben seyn
sollte! Ich mag mir die Unermelichkeit dieses Elends gar nicht
vorstellen.

Die Uebrigen, den Laien abgerechnet, schienen diese Leidenschaft nicht
begreifen zu knnen, oder an sie glauben zu wollen. Da es spt war,
trennte man sich, und der Italiener begleitete den Grafen, in dessen
Hause er wohnte.

Eccellenza, fing er in einer einsamen Strae an, thut mir die
Geflligkeit, mich bermorgen vor das Thor da in den Tannenwald zu
begleiten, da will ich mir umbringen.

Narr! sagte der Graf, was fllt Euch einmal wieder ein? Habe ich nicht
versprochen, fr Euren Lebensunterhalt zu sorgen?

Alles recht schn, sagte jener, danke auch fr die Gromuth; aber ich
bin mein Leben vllig satt, so sehne ich mir nach meiner abgeschiedenen
Hlfte.

Damit Ihr auch jenseit, fragte der Graf, Euer Katzenkonzert wieder
fortsetzen knnt?

Nicht blos deswegen, erwiederte der Alte, bin aber mit Isabellen so
gewohnt gewesen, mit Palestrina, Durante, Bach und alle groe Leute, den
kniglichen Kapellmeister David mit eingerechnet, zu leben, da ich es
mit so ordinren Menschen nicht mehr aushalten kann. Wie rathen mich,
Eccellenza, da ich mir umbringen soll, hngen, schieen oder ersaufen?

Ich werde den Narren einsperren lassen, sagte der Graf.

Hat jedes etwas fr sich, fuhr der Italiener fort, ohne sich stren zu
lassen: Luft, Feuer, Wasser; jedes ein ganz gutes Element. Ein einziges
Ding knnte mich mein Leben versen, so da ich wieder in die
Lebenslust einbisse.

Nun, und was?

Da ich den Herrn Hortensio nochmal antrfe.

Und weshalb?

Da ich ihn so recht abwamsen, durchdreschen knnte, da er dazumal
meiner ^Cara^ die Gesangmethode so verdorben hat.

Phantast! sagte der Graf, indem sie durch die Thr schritten. -- Und was
ist Eccellenza? murmelte der Alte, indem die Diener ihnen entgegen
kamen.

                   *       *       *       *       *

Der Kapellmeister war in Verzweiflung. Es war ganz so gekommen, wie er
gefrchtet hatte. Die erste Sngerin zeigte sich mehr als empfindlich,
sie fhlte sich beleidiget, und sogleich war auf einen Wink von ihr eine
recht schwere Krankheit da, die ihr es unmglich machte, einen Ton zu
singen, ja nur ihr Zimmer zu verlassen. Der Enthusiast wandelte und
rannte hin und her, aber seine Vermittlung machte die Sache eher rger
als besser, denn da er treuherzig wieder erzhlte, was jede der Parteien
geuert hatte, so wurde der Kapellmeister immer mehr erbittert, und die
Sngerin ging am Ende so weit, da sie verlangte, statt der beiden
Haupt-Arien sollten zwei ganz neue gesetzt werden, und das Duo im
letzten Acte msse in den ersten und zwar gleich in den Anfang verlegt
seyn, auch forderte sie noch fr sich die groe Arie der zweiten
Sngerin, ohne welche Bewilligungen an keinen Friedensschlu zu denken
sei. Ueber diese ungeheure Forderungen gerieth der Kapellmeister so
auer sich, da er schwur, sie solle nun in seiner Oper gar nicht
singen, ob er gleich noch nicht wute, wie er seiner Verlegenheit
abhelfen sollte. Wenn nur meine Cara noch lebte! rief der alte Italiener
aus, der an den Berathschlagungen Theil nahm, und jetzt die Verzweiflung
des Kapellmeisters sah; ach! wie brillant knnte die Selige zum Theater
wieder auferstehn! Die Rolle ist ganz und gar fr sie geschrieben.

Knnt Ihr sie nicht vielleicht selbst bernehmen? fragte der
Kapellmeister in tragischer Bosheit.

^Signor si!^ rief der Alte, wenn Ihr kein ander Subject findet, ich kann
zum Entsetzen einen hohen Sopran durch die Fistel singen.

Es kommt wirklich fast auf eins hinaus, rief der Componist in seiner
Verzweiflung, ob man so oder so parodirt wird; wenigstens wrde doch
kein Liebhaber bei einer unpassenden Gelegenheit klatschen, und kein
Eiferschtiger oder der Bewunderer der zweiten Dame aus Neid pochen und
zischen. Unternehmt Ihr, Alter, aber auch liebenswrdig zu erscheinen?

Was der Mensch leisten kann, antwortete jener, der es fr Ernst hielt:
vor dreiig Jahren war ich zum Malen hbsch, und wenn ich mal auf
Carneval in Weibskleidern ging, lief mir alles junge Mannsvolk nach.

Die Prima Donna htten wir also, sagte der Enthusiast, und wenn die Oper
nur Nacht und Verfinsterung des Theaters erforderte, und kein Mensch die
Sache erfhre, so kme es wohl auf den Versuch an, welche Wirkung der
alte Freund machen wrde.

Wenn ich nicht vor der Auffhrung todt bin, warf der Italiener ein, so
wie das andere Subject krank ist, so mchte ich wohl in das Sterben
gerathen.

Ich sehe schon, beschlo der Kapellmeister, ich bin vergeblich
hergereist, ich habe umsonst alle Anstalten getroffen. So lange es
unmglich bleibt, von Obrigkeits wegen einen solchen Eigensinn zu
bestrafen und zu hindern, so lange das Publikum selbst nicht eine solche
Frechheit und Verachtung seiner so ahndet, da kein zweiter dieselbe
Vergehung wieder wagt, so lange bleiben wir das Opfer dieser Caprice von
unwissenden Menschen, die fr ihr miges Talent viel zu sehr belohnt
und von den Directionen und allen Zuhrern verzogen werden. Ich werde
wieder einpacken.

Der Enthusiast weinte vor Schmerz, der Italiener aber sagte: Ihr habt
ganz recht; nicht wahr, das Leben mit all den Mhseligkeiten ist nicht
die Rede werth?

Ich bin es wenigstens vllig satt, antwortete der Componist.

Nun, so kommt mit mich, leistet mir Gesellschaft, sagte der Alte sehr
freundlich, indem er sich an ihn schmiegte.

Wohin?

Nach jenseit, nach dem weiten groen Raum, wo man Ellenbogen-Freiheit
nach Herzenslust hat. Sagt, Mann, wollen wir uns lieber ins Wasser
schmeien, oder frisch den Kopf abschieen, wie dem Vogel von der
Stange?

Geht, rief der Musiker, Ihr seid schon am frhen Morgen trunken.

Nein, sagte jener, ich habe einmal einen heiligen Schwur gethan, mir aus
dieser Welt hier fortzuschaffen, wenn ich nicht etwa den lieben Signor
Hortensio wieder antreffen thte: das wrde natrlich die ganze Sache
verndern. Aber wenn mir die Freude nicht arrivirt, sagt nur selbst, was
ist denn das fr ein lumpiges Leben hier unten? Da sitzt Ihr immer,
nrrischer Maestro, und klimpert auf das Clavier, und schreibt Eure
Eingebungen auf, und ngstigt Euch um Invention, Charakter, Melodie,
Styl, Originalitt, und wie man Kunstwesen alles nennt: und wer dankt es
Euch? Wer merkt es nur ein bissel? Lat uns doch mal als vernnftige
Mnner in Tag hinein reden: ist es denn nicht spahafter, sich aus dem
Staub zu machen? Ja, Ruhm, Nachwelt! Wollen der lieben Nachwelt ein
bissel entgegen gehn, und mal hinter den Vorhang gucken, ob es solches
Gethier berhaupt nur giebt. Uebermorgen, Freundchen, seid von der
Parthie, ich bring' auch Pistol mit: Ihr mtet denn lieber baumeln
wollen; ist aber jetzt windiges und garstiges Wetter.

Lat die Narrenspossen, sagte der Musikus sehr ernst, es wird noch dahin
kommen, alter Thor, da Ihr nach dem Tollhause wandert.

Und wohnen da nicht auch Leute? sagte der Italiener grinsend; Ihr habt
Vernunft noch nicht viel gebraucht, junger Mann, da ist sie noch ein
bissel frisch! wer sie aber so wie ich strapazirt hat, da ist sie mrbe
und matt; mir kommt's gar nicht so sehr auf Ambition an, da mich Eures
gleichen fr vernnftig, oder Weisen aus Griechenland hlt. Ich habe
wohl andern Umgang gehabt, als Ihr, Ihr armer, gegenwrtiger,
kurzsichtiger Mensch! und wenn Nestor, oder Phidias und Praxiteles, mit
die ich so oft konversirt habe, mich so etwas gesagt htten, so htte
ich jeden einen Schlag an die Gegend von das Ohr gegeben.

Er lief wthend fort, und der Kapellmeister setzte sich melancholisch
nieder; auch der geschwtzige Enthusiast mute ihn verlassen, damit er
seinem Kummer recht ungestrt nachhngen knne.

                   *       *       *       *       *

Nein, sagte am Abend der Laie zum Baron Fernow, ich habe dazumal einen
Schwur gethan, niemals eine Geige wieder anzurhren, und darum
verschonen Sie mich. Der Vater und die Tochter wnschten nmlich, er
mchte ihnen nur etwas, das kleinste Liedchen vorspielen, um zu sehen,
wie er sich in der Jugend mit seinem Instrumente ausgenommen habe.

Man sollte wohl nichts verschwren, sagte der Baron, am wenigsten die
Ausbung einer so edeln Kunst.

Der Kapellmeister trat herein, und erzhlte eine sonderbare Anmuthung,
die ihm vom Grafen geschehen sei. Dieser habe ihn nehmlich besucht und
gebeten, am heutigen Abend mit ihm und dem alten Italiener in den Wald
vor die Stadt zu gehn, wo sich der Snger erschieen wolle; der Graf
wnsche wenigstens einen rechtlichen Mann zum Zeugen, der es nachher
bewhren knne, da der alte Thor sich selber umgebracht habe. Der Baron
war der Meinung, man msse den alten Verrckten sogleich fest nehmen und
einstecken; die Uebrigen fielen bei, nur der Laie uerte den Zweifel,
ob nicht Jedem das Recht zustehen msse, ber sein Leben zu entscheiden,
wie es ihm am besten dnkte. Hierber entspann sich ein Streit, ob es
dem Staate, oder den brigen Menschen erlaubt sei, ber irgend wen eine
solche beschrnkende Aufsicht zu fhren, welches der Baron
uneingeschrnkt behauptete, da ein solcher durchaus, der einen so
unklugen Vorsatz fasse, als ein Wahnsinniger zu betrachten sei.

So mu man erst ermitteln, was Wahnsinn ist, warf der Laie ein; denn wir
sehn es in der Geschichte, wie die Gesetze und ihre Vollstrecker nach
den Umstnden und herrschenden Gesinnungen bald dieses bald jenes zum
todeswrdigen Verbrechen gestempelt haben, welches andere Zeitalter zu
Tugenden erhoben, oder gleichgltig ansahen, ja selbst verlachten. Frei
zu denken, von gewissen Meinungen abzuweichen, hat ehemals Manchen auf
den Scheiterhaufen gefhrt; wegen Zauberei, wegen angeschuldigter Knste
ist Manchem der Stab gebrochen worden, und jetzt, wo wir in diesen
Punkten Freiheit gestatten, und es doch dulden mssen, wie Viele durch
Uebermaa und Ausschweifung sich vorstzlich und sichtlich zu Grunde
richten, begreife ich nicht, wie man es den Elenden und Verstrten mit
Recht verwehren kann, das Leben wegzuwerfen, wenn sie diesen Entschlu
wirklich ergreifen.

Sie sind paradox, rief der Baron; ich bin nicht Philosoph gnug, um Sie
widerlegen zu knnen, allein aus den Ueberzeugungen der Religion mssen
Sie es selber schon wissen, da Sie eine bse Sache vertheidigen.

Ich habe versprochen, mit auszuwandern, sagte der Kapellmeister, denn
ich kann mir nimmermehr vorstellen, da der alte Thor Ernst machen wird.
Uebrigens wre es wahrlich nicht zu verwundern, wenn ein armer geplagter
Kapellmeister diese Gelegenheit benutzte, und ihm Gesellschaft leistete.

Der Graf trat wie verstrt und tiefsinnig herein. Man fragte ihn, ob
etwas Neues begegnet sei; er uerte aber, die Erinnerung an jene
Stimme, die ihm durch die neuliche Erzhlung wieder mit frischer
Lebhaftigkeit in das Gedchtni gekommen sei, sein rastloses Suchen, die
Qual dieser Spannung und die Unruhe, die es seinem ganzen Wesen
mittheile, mache ihn vllig elend, und er habe beschlossen, wenn sich
der Italiener erst erschossen habe, weiter zu reisen.

So halten Sie es denn fr Ernst? fragte der Baron erstaunt.

Wenn er nicht wirklich dazu thut, antwortete der Graf, so nehme ich den
Narren wieder auf die Reise mit.

Der Italiener trat herein und schien aufgerumter, als man ihn noch je
gesehen hatte. Alle betrachteten ihn mit einer gewissen Scheu, er aber
nahm keine Notiz von diesem vernderten Betragen, und als jetzt der
Enthusiast und der Snger die Gesellschaft vermehrten, wurden Alle in
heitern Gesprchen von einer vergnglichen Laune beherrscht, den Grafen
ausgenommen, der seine trbe Miene nicht vernderte. Lassen Sie uns,
sagte der Kapellmeister endlich, Einiges von unsern neulichen
Erzhlungen aufnehmen. Wie ist es mglich, (indem er sich zum Laien
wandte) da Sie nach ihren neuerlichen komischen Bekenntnissen ein so
groer Freund der Musik haben werden knnen? Vielleicht dadurch um so
mehr, erwiederte dieser, weil das Gefhl, als es reif in mir war, durch
sich selbst und stark erwachte, da ich nichts Angelerntes,
Nachgesprochenes in meine Liebhaberei hinber nahm. Ich hatte es endlich
dahin gebracht, da ich kleine einfache Lieder begriff, die mir auch
wohl im Gedchtni hngen blieben, die trefflichen von Schulz, zum
Beispiel, in denen uns, ohne da sie uns eben poetisch aufregen, so
behaglich und wohl wird, die uns so klar blauen Himmel, grne
Landschaften, leichte Figuren und anmuthige Empfindungen hinmalen, waren
mir oft gegenwrtig und verstndlich. Nur die greren Compositionen, am
meisten aber die dramatische Musik, waren mir zuwider, wenn ich auch in
der letztern manchmal mit Wohlgefallen eine kleine Arie hrte, die sich
dem Ohr einschmeichelte. Auch der Harthrigste lernt am Ende die kleinen
melodischen Sachen fhlen, wenn ihm auch der Zusammenhang groer
musikalischer Dichtungen unverstndlich bleibt. Als das erste Mal Don
Juan von Mozart gegeben wurde, lie ich mich bereden, das Theater zu
besuchen. Es war unlngst componirt, und des groen Mannes Ruhm noch in
Deutschland nicht so begrndet, wie bald nachher, welches ich besonders
an einem hochgeachteten Musiker wahrnahm, der whrend und nach der
Auffhrung nicht gnug ber den falschen Geschmack des Werkes reden
konnte. Mir aber war, als fiele mir schon whrend der Ouvertre eine
Binde von allen Sinnen. Ich kann die Empfindung nicht beschreiben, die
mich zum ersten Mal berraschte, da ich wahre Musik hrte und verstand.
Mit dem Verlauf des Werkes steigerte sich mein Entzcken, die Absichten
des Componisten wurden mir klar, und der groe Geist, der unendliche
Wohllaut, der Zauber des Wundervollen, die Mannigfaltigkeit der
widersprechendsten Tne, die sich doch zu einem schngeordneten Ganzen
verbinden, der tiefe Ausdruck des Gefhls, das Bizarre und Grauenhafte,
Freche und Liebevolle, Heitere und Tragische, alles dieses, was dieses
Werk zu dem einzigen seiner Art macht, ging mir durch das Ohr in meiner
Seele auf. Da es so pltzlich geschah, vermehrte meine Begeisterung,
und ich konnte nun kaum den Belmont desselben Meisters erwarten, dessen
Leidenschaftlichkeit mich nicht weniger entzckte. Auch andere
Componisten suchte ich zu begreifen, und Glucks groen Styl, seine edle
Rhetorik, sein tiefes Gemth rissen mich hin, ich erfreute mich an
Paisiello und Martini, Cimarosa's heller Geist leuchtete mir ein, und
ich bestrebte mich, die Verschiedenheiten des musikalischen Styls, so
wie verschiedenartige Dichter zu erfassen und mir anzueignen. Whrend
meiner Universitts-Jahre verlor ich diese Kunst wieder aus dem
Gesichte, doch zurck gekehrt war mein Eifer fr sie um so brennender,
vorzglich da einige vertraute Freunde mein Urtheil und Gefhl
luterten. Jetzt wurde ich mit dem wundervollen Genius des groen
Sebastian Bach bekannt, in dem vielleicht schon alle Folgezeit der
entwickelten Musik ruhte, der Alles kannte und Alles vermochte, und
dessen Werke ich etwa nur mit den altdeutschen tiefsinnigen Mnstern
vergleichen mchte, wo Zier, Liebe und Ernst, das Mannigfaltige und
Reizende in der hchsten Nothwendigkeit sich vereinigt, und in der
Erhabenheit uns am falichsten das Bild ewiger und unerschpflicher
Krfte vergegenwrtiget.

Der Componist sagte: gewi, es knnte Schwindel erregen, wenn man
berschaut, was Alles vorangehen mute, bevor Bach seine Werke schreiben
konnte; aber es gehrt auch wahrlich viel dazu, einer solchen Fuge oder
einem vielstimmigen Satz auf die rechte Weise zu folgen, und ihn zu
verstehn, es ist gleichsam eine Allgegenwart des Geistes, die ich einem
solchen Laien am wenigsten zugetraut htte.

Nach mehreren Jahren, fing der Laie wieder an, wurde mir es so gut, in
eine edle Familie eingefhrt zu werden, deren Mitglieder, vorzglich die
weiblichen, auf eine entzckende Art die Musik ausbten. Die lteste
Tochter sang einen Sopran, so voll und lieblich, so himmlisch klar, da
ich bei Ihrer neulichen Beschreibung des Gesangs Ihrer Unbekannten,
werther Graf, an diese unvergleichliche Stimme denken mute. Hier
vernahm ich nun neben manchem Weltlichen vorzglich die groen und
ewigen Gedichte des erhabenen Palestrina, die herrlichen Compositionen
eines Leo und Durante, die Zaubermelodieen des Pergolese, den ich mit
den Lichtspielen des Correggio vergleichen mute, die trefflichen Psalme
Marcello's, die groartige Heiterkeit unsers Hasse, und das dramatische
Requiem Jomelli's: Manches von Feo, die Miserere von Bai und Allegri
ungerechnet. So rein, ungeziert, im groen einfachen Styl, ohne alle
Manier vorgetragen wird man schwerlich je wieder die Meisterwerke hren.
Diese glckliche Zeit versetzte meinen Geist in eine so erhhte
Stimmung, da sie eine Epoche in meinem Leben macht. Nur in wenigen
schwachen Gedichten habe ich versucht, meine Dankbarkeit auszusprechen.
Meine Seele war so ganz in diesen gttlichen Tnen aufgegangen, da ich
dazumal nichts von weltlicher Musik wissen wollte, es schien mir eine
Entadlung der Gttlichen, da sie sich zu den menschlichen
Leidenschaften erniedrigen sollte. Ich glaubte, es sei nur ihre wahre
Bestimmung, sich zum Himmel aufzuschwingen, das Gttliche und den
Glauben an ihn zu verkndigen.

Ein Beweis, sagte der Kapellmeister, da Ihr ganzes Herz damals von der
Glorie dieser Erscheinung durchdrungen war. Man thut auch Unrecht,
dergleichen wahre Begeisterung Einseitigkeit zu schelten, denn unsre
Seele, wenn sie wirklich auf so groe Art ergriffen und erschttert
wird, fhlt dann in diesem ihr neuen Element die ganze Kraft und
Ewigkeit ihres Wesens: sie findet dann die Schnheit, von der sie frher
gerhrt wurde, erhht und vollendet in der neuen Erscheinung, und sieht
mit Recht auf ihre frhern Zustnde als auf etwas Geringeres hinab. In
wessen Herz eine solche Vision nicht steigen und es ganz ausfllen kann,
der wei berhaupt nicht, was chte Begeisterung ist. Und gewi ist die
Kirchenmusik, welche freilich die Neueren meist auch so tief herab
gezogen haben, die erhabenste und schnste Aufgabe unsrer Kunst. Ich bin
aber berzeugt, da Sie spterhin von selbst eben aus Ihrem Enthusiasmus
wieder den Weg zu Ihrem geliebten Mozart und andern gefunden haben.

Natrlich, fuhr der Laie fort, denn die Liebe kann sich ja doch niemals
in Ha umwandeln. Ich habe immer die Menschen gefrchtet, die mit ihren
Gefhlen in den Extremen schwrmen, und heut bertrieben verehren, was
sie in einiger Zeit mit Fen treten. Unsre Bildung kann und soll nur
eine Modification einer und derselben Kraft, einer und derselben
Wahrheit seyn, kein unruhiger Austausch und Wechsel, und kein hungerndes
Verlangen nach Neuem und Unerhrtem, welches doch niemals befriedigend
gesttiget werden kann. Als es mir nachher so gut ward, in Rom von der
pbstlichen Kapelle viele derselben Sachen vortragen zu hren, so fhlte
ich wohl, da hier ein eigener traditioneller Vortrag des alten ^Canto
fermo^ Manches anders und noch einfacher gestalte, aber weder dort noch
in den Theatern habe ich je diesen unbeschreiblichen Discant wieder
vernommen, und Pergolese oder andere neuere Kirchenmusik ist mir auch
niemals in dieser Vollendung wieder vorgetragen worden.

Aus Ihren Beschreibungen, fing der Snger an, mu ich wohl abnehmen, da
Sie mit der neuen Sngermanier wohl selten zufrieden seyn mgen. Ich
gestehe Ihnen aber, da ich hierin nicht ganz Ihrer Meinung seyn kann:
zu groe, zu schlichte Einfalt wrde mich zurck stoen, ich will den
Virtuosen vernehmen, der die Musik und seine Stimme beherrscht. Wie der
Deklamator nicht blos ruhig ablesen soll, sondern durch Erhhung und
Senkung der Stimme, durch kleine Pausen, durch rollende Tne erst zum
Schauspieler wird, und das zur Kunst erhht, was der ganz gute Vorleser
doch in der niedrigen Region stehen lassen mu.

Sie haben gewi Recht, erwiederte der Laie, vorausgesetzt, da es
wirklich das sei, was ich Deklamation im Schauspiel, oder Vortrag des
Gesanges nennen kann. Was uns der Graf aber neulich als falschen und
schlechten Ausdruck schilderte, mu ich freilich auch als meine Meinung
unterschreiben. Und ist es denn in unsern Schauspielen anders? Wie denn
berhaupt wohl nie Gebrechen und Vorzge eines Zeitalters einzeln stehn
knnen, sondern jede Kunst wird eine Abspiegelung der andern seyn, und
selbst Staat und Geschichte mssen ebenfalls alle Gesundheits- oder
Krankheitsstoffe wieder in ihrem groen verschlungenen Gewebe
nachweisen. Eben so wie der Snger schreit und seufzt, und selten das
Gefhl im Ganzen ausspricht, welches die Arie oder das Duo von ihm
fordert, so auch der Schauspieler; dieser hilft sich auch durch einzelne
bertriebene Accente, herausgehobene Worte, stark unterstrichene
Stellen, und mu darber den Sinn des Ganzen fallen lassen, wodurch die
Scene wie die einzelnen Stellen fr den Kenner nchtern und trivial
werden. Denn wo gibt es jetzt wohl noch Schauspieler, an deren
Leidenschaft man glaubt, die uns tuschen und in ihrem hohlen
abgepufften Ton nur irgend Wahrheit sprechen? Ja unser Freund Wolf, so
wie seine Gattin machen hievon eine ehrenvolle Ausnahme, so sehr, da
sie fast schon einzeln in Deutschland da stehn, wenn auch hie und da ein
Talent sich zeigt, das aber immer nur zu Zeiten jener Manier widersteht,
die unser Theater beinah schon vllig zerstrt hat. Nicht, da sich
nicht viele Schauspieler bemhten, aber es ist hier eben so wohl wie im
Gesange eine falsche Schule entstanden, die Ausdruck, Empfindung durch
Einzelheiten, die nicht in der Sache selbst liegen, erregen will, und
darber das Ganze verdunkelt, und wenn wir uns strenge ausdrcken
wollen, die Absicht der Kunst, ja diese selber vernichtet.

Sie haben vollkommen Recht, rief der Kapellmeister: aber machen es denn
meine Handwerksgenossen, die Componisten selbst, anders? Kaum ein Lied
wissen sie mehr zu setzen, wo sie nicht jede Strophe neu componiren,
gewaltsam accentuiren, innehalten, abbrechen und in gesuchte und
fernliegende Tonarten bergehn, um nur, wo sie die Empfindung
wahrnehmen, so starke Schlagschatten hinzumalen, da man diese Stellen
nun zwar nicht bersieht, aber auch gewissermaen mehr Schwrze als
Farbe gewahr wird. Als wenn es dem Snger nicht mte berlassen
bleiben, auch im wiederkehrend Einfachen eine leise Variation
anzubringen, oder als wenn das nicht eben das musikalische Gefhl in
unserer Natur wre, in diesen sich wiederholenden Klngen ohne Weiteres
vermge unsrer Liebe zu ihnen das Mannigfaltige zu empfinden.

Sehr wahr, fgte der Laie hinzu, aus demselben Unglauben frchtet auch
mancher geniale Musiker, wie der herrliche Beethoven, nicht neue
Gedanken genug anbringen zu knnen, deshalb lt er so selten einen zu
unsrer Freude ruhig auswachsen, sondern reit uns, ehe wir kaum den
ersten vernommen, schon zum zweiten und dritten hin, und zerstrt so,
wie oft, selbst seine schnsten Wirkungen. Sehn wir sogar auf die
Gtheschen Lieder, die er gesetzt hat: welche Unruhe, welche scharfe
Deklamation, welches Ueberspringen. Ich mchte diesem trefflichen Manne,
so wie manchem Andern nicht gerne Unrecht thun, aber die Reichardschen
Melodieen zu den meisten dieser herrlichen Gesnge haben sich mir so
eingewohnt, da ich mir diese Gedichte, vorzglich die frhern, nicht
anders denken und singen kann.

Wenn Sie so gesinnt, nahm die Tochter das Wort, und die bertriebene
falsche Gelehrsamkeit verwerfen, den Ausdruck schelten, der sich
vordrngt, und darber Melodie und eigentlichen Gesang verdunkelt, so
htten Sie ja nun selbst meinen geliebten Rossini gerechtfertiget.

^O divino maestro! o piu che divino Rossini!^ rief begeistert und mit
verzerrtem Gesicht der alte Italiener. ^Eccolo il vero!^ den
ausgemachten Wunderdoktor des Jahrhunderts, der uns verirrte Schaafe
wieder auf die rechte Strae bringt, der alle die falsche deutsche
Bestrebunge maustodt schlagt, der mit himmlische unerschpfliche Genie
Oper ber Oper, Kunstwerk auf Kunstwerk huft, und sich Pyramid oder
Mausoleum erbaut, worunter nachher alle die ausdrucksvolle,
gedankenreiche und seelenmige Klimperlinge auf ewig begraben liegen.

O wie wahr! rief der Enthusiast, ich habe mir schon oft vorgenommen,
keinen andern Componisten mehr anzuhren, so entzckt hat mich jedes
seiner Werke, es kam mir nur unbillig vor, da ich doch selber ein
Deutscher bin, mich so feindlich meinen Landsleuten gegenber zu
stellen.

Was hat die Landsmannschaft damit zu thun? sagte der Laie: manche
Italiener, die gern eine Partei formiren mchten, haben es freilich
bequem, wenn sie den Mozart oder gar Gluck zu den ihrigen rechnen, und
so gegen Bestrebungen zu Felde ziehn wollen, die ihnen im Wege stehn.
Giebt es aber eine wahrhaft deutsche Oper, eine Musik, die wir uns als
national durchaus aneignen mssen, so ist es eben die Mozartsche, und es
ist sehr gleichgltig, da der Don Juan ursprnglich fr italienische
Snger geschrieben wurde. Italien hat auch deutlich gnug bewiesen, da
es diesen groen und reichen Geist nicht fassen und lieben konnte.
Mozart, Gluck, Bach, Hndel und Haydn sind chte Deutsche, die wir uns
niemals drfen abdisputiren lassen, und ihre Compositionen sind, recht
im Gegensatz gegen die Italienischen, wahrhaft deutsche zu nennen.

Und dann, fgte der Kapellmeister hinzu, kann man gern dem Rossini
Talent und Melodie zugestehen, wenn der Lobpreisende auch uns zugiebt,
da ihm in seiner Eile alles das abgehe, was den Componisten erst zu
einem dramatischen macht. Regellos, willkhrlich ist er durchaus, und
achtet weder Zusammenhang noch Charakter, ja ich frchte, in diesem
leichten und wilden Spiel bestehe sein Talent, so wie das mancher
dramatischen Schriftsteller, und ihn zwingen wollen, consequent zu seyn,
dem Charakter und Inhalt gem zu componiren, hiee nur, ihm das
Componiren selbst untersagen.

Sein schneller Ruhm, sagte der Laie, ist wohl nur entstanden, weil eben
der chte Sinn fr Musik unterzugehen droht. Denn wie kann man sich doch
nur mit diesem vlligen Mangel an Styl vertragen, der allen seinen
Melodieen einen so niedrigen, geringen Charakter aufdrckt? Seine
Sangstcke sind groentheils sangbar, ja recht bequem fr unsere
jetzigen Snger geschrieben, aber sehr hufig setzt er auch nur, so
vielen Andern hnlich, wie fr Instrumente, und wenn sein Beifall noch
lange whrt, so wird er auch noch dazu beitragen, die Snger vllig zu
verderben, ja auch wohl den guten und edlen Vortrag der Instrumente,
weil er Alles so kleinlich und geringe behandelt. Der Sinn fr Musik
erwachte bei uns auf eine schne Weise, er krftigte sich und es war uns
vergnnt, Gluck zu verstehn und uns vllig anzueignen, eine so groe
Erscheinung, wie Mozart, entstand und vollendete sich vor unsern Augen,
Haydns tiefsinniger Humor in seinen Instrumental-Compositionen ergriff
alle Freunde der Kunst, des groen Hndels Werke wurden wieder studirt,
und selbst die Dilettanten fhlten sich von seiner Kunst entzckt, die
das Mchtige, Gewaltige erstrebt, jeden kleinlichen Reiz verschmhend;
wir sahen Anstalten gedeihen, die auch die alte Kirchenmusik, die
herrlichen Werke der verstorbenen groen Meister wieder ertnen lieen,
es schien, da auf immer der Geschmack am Groen und Edeln gerettet sei.
Nur hatte sich indessen die Menge auch mit der Musik scheinbar vertraut
gemacht, und diese kann, wenn sie sich eine edle Sache aneignet, immer
nur bis auf eine gewisse Weite mitgehn, dann wird sie nothwendig das
Ergriffene in etwas Geringeres verwandeln, das ihr zusagt. Ehemals
hatten wir nur Kenner und oberflchliche Liebhaber in Deutschland, jetzt
aber entstand eine Halbkennerschaft statt der Freunde, die sich
unschuldig ergtzten. Diese anmalichen Kenner haben mit lauter
schreienden Stimmen nach und nach das Wort der wahren Musikfreunde
verdrngt, ja diese gelten den neuern Enthusiasten wohl gar fr
eigensinnige, oder gefhllose Kritiker, die aus Neid und Milaune die
glnzenden Erscheinungen der neuesten Zeit nicht anerkennen wollen.
Darum hat auch in meiner Vaterstadt, in Berlin, Rossini am meisten
Widerspruch gefunden, weil durch des unvergelichen Fasch herrlichen
Eifer dort die treffliche Musik-Akademie gegrndet wurde, die unser
Freund, der wackre Zelter, nach dessen Tode in demselben Sinne
fortgefhrt hat. Durch die Vergegenwrtigung der alten Meisterwerke,
durch den einfachen, edlen Gesang, der dort bekannter ist, als anderswo,
sind die zahlreichen Mitglieder zum Bessern verwhnt, und knnen sich
unmglich dem zierlich Nchternen hingeben.

Sie werden es mit meiner Tochter vllig verderben, sagte der Baron
lachend, denn sie meint, wo nur Effect sei, da wre es lcherlich zu
fragen, ob die Wirkung auch statt finden drfe.

Sie hat vollkommen Recht, antwortete der Laie, ich aber auch, wenn ich
behaupte, die Wirkung msse gar nicht eintreten. Um diesen Punkt dreht
sich ja die Kritik in allen Knsten.

Darum ist es ein Glck zu nennen, antwortete der Baron, ja gewissermaen
eine weise Lenkung des Kunstgenius, da ein groer Componist sich diesem
kleinlichen Unwesen so mchtig gegenber stellt, und das so
ausgezeichnet besitzt, Styl nehmlich, was jenem ganz abgeht. Ich spreche
von dem nicht genug zu lobenden Spontini. Es lt sich hoffen, da von
dieser Seite durch mchtige Wirkungen der Sinn der Deutschen wird
gehoben, und ihr Wohlgefallen an diesem Melodieenkitzel beseitigt
werden.

Der Laie schien so in Eifer gerathen zu seyn, da er allein das Wort
fhren wollte. Gewi, sagte er lebhaft, wre es lcherlich, wenn man
diesem Manne ein ausgezeichnetes Talent absprechen wollte, und ber die
Verdienste seiner Vestalin lt sich Vieles sagen und streiten. Aber da
er im Cortez und nachher noch gewaltiger ein Brausen und Lrmen der
Instrumente, ein Ueberschreien der Stimmen, ein Aufkreischen, ein wildes
Getmmel uns hat fr Musik geben wollen, scheint mir ebenfalls
ausgemacht. Man kann schwerlich im voraus bestimmen, wie viel oder wenig
unser Ohr von Instrumental-Musik vertragen soll, denn Mozart hat die
meisten seiner Vorgnger berboten, und es gab frherhin auch
Kunstfreunde, die bei ihm ber zu groe Flle klagten; und schon lange
vor diesem hat der groe Hndel auerordentlich viele Instrumente in
Anspruch genommen, um seine erhabenen Gedanken auszusprechen. Aber bei
diesen war die Flle der Tne doch Musik, ein Anschwellen, ein
Heranbrausen, ein Abdmpfen und Zurcksinken in eine gewisse Stille und
Ruhe, aber nicht dieses ununterbrochene, nie rastende Wthen aller
Krfte ohne Vorbereitung, Inhalt und Bedeutung, welches nur betuben
kann, und dessen Macht und Gewaltsamkeit mehr erschreckt und ermdet,
als erhebt und erschttert. Geht der berhmte neuere Componist hiebei
nur gar zu oft auf leeren Effect und Schreckschu aus, so wie manche
Schauspieler und Schauspieldichter, wirkt er nur einzig und allein durch
groe Massen, so ist er zwar wohl nicht der Wandnachbar Rossini's, aber
sie reichen sich denn doch aus einer gewissen Entfernung befreundet die
Hnde und stehn sich nicht als feindliche Krfte einander gegenber.
Wohl uns, da unser hochgeehrter Maria Weber uns zu den schnsten
Erwartungen berechtigt, der in dem, was er schon trefflich geleistet
hat, so glnzend zeigt, wie viel er in Zukunft noch vermag.

Nun erhob sich die Tochter mit allen Tnen, und der Vater stand ihr bei,
um den Laien in die Enge zu treiben, der ihre Lieblinge so keck
angegriffen hatte, ohne doch vom Metier zu seyn, da er sein ehemaliges
Violinspielen selber nicht in Anschlag zu bringen wage. Unter lautem
Lachen wurde disputirt und behauptet, der Teufel sei ein- fr allemal
unmusikalisch, die Kugelgieerei und der Lrmen dabei schlimmer als was
je auf dem Theater getobt, und der Musik, die ganz Deutschland wie
verwirrt gemacht, fehle die Mannigfaltigkeit, ein heiteres Element, ja
auch jene Ironie, wodurch Mozart erst seine ungeheure Dichtung des Don
Juan zu diesem einzigen Werke gebildet habe, so da bei diesem durch
Gegenstze sich Inhalt und Behandlung rechtfertigen, was dort ganz aus
der Acht gelassen sei.

Der Kapellmeister nahm sich des armen Laien, der hierauf wenig zu
erwiedern wute, oder den man vielmehr nicht zu Worte kommen lie,
freundlichst an, und meinte, eine Vergleichung auf diese Weise
anzustellen, sei unbillig, weil das neue Kunstwerk gar nicht die Absicht
habe, sich neben jenes ungeheure zu stellen. Ueberschreitet auch die
angefochtene Scene, fuhr er fort, welche gerade die Menge herbei gelockt
hat, die Grnzen der Musik, so ist doch brigens des Vortrefflichen, des
chten Gesanges, des Neuen und Genialischen, vorzglich aber des
wahrhaft Deutschen, im besten Sinne, so viel, da ich vollkommen in das
Lob unsers unmusikalischen violinspielenden Laien einstimmen mu, der
Manches wohl eben deswegen bestimmter empfindet und kecker ausspricht,
weil er niemals vom Handwerk gewesen ist, und selbst nicht als Dilettant
hinein gepfuscht hat, da er sich doch bescheidet, in die eigentlich
grammatische Kritik einzugehn. Sollte keiner als nur Musiker mitsprechen
drfen, so wrde ja auch fr diese nur componirt, und das werden wir uns
doch wohl, so wie alle Knstler, verbitten, nur fr die Zunftgenossen zu
arbeiten, um von ihnen empfunden und verstanden zu werden.

Knnte ich nur, fing der Laie wieder an, den sanften Genu wieder haben,
den mir ehemals die Lila des Martini gewhrte. Diese idyllische, reine
und heitere Musik wre nach so manchem Ungethm unsrer Theater eine
wahre Erquickung. Wie wrde ich mich freuen, Paisiello's Barbier von
Sevilla wieder zu vernehmen, und es krnkt mich innig, da man eine
solche Composition nicht als eine klassische verehrt, die nun einmal fr
allemal fertig ist, und an die sich keiner von Neuem wagen drfte. Denn
ist bei Rossini auch hier und da vielleicht ein Moment brillanter, so
ist doch der dramatische Sinn des Ganzen, die Bedeutung untergegangen,
und nichts gegeben, was sich dem Humor in der Rolle des Alten nur irgend
vergleichen drfte. Die Verwhnung der gehuften Instrumente lt aber
befrchten, da man, wenn man auch einmal diese trefflichen alten Sachen
geben mchte, Zustze zur Begleitung macht, oder diese wenigstens
verstrkt. Hier und da habe ich schon murmeln hren, da Gluck
dergleichen bedrfe. Mozarts Figaro ist schon in Violinen und andern
Instrumenten doppelt so stark besetzt worden, als es der Componist
vorgeschrieben hat, bei dieser heitern Musik um so unpassender, weil
dadurch der Witz, das wundersam Leichte und Heitere des Gesanges gestrt
wird. Es ist, als wollte man treffliche Brillanten aus ihrer leichten
Fassung nehmen, und sie, um sie zu ehren, in schweres Gold schmieden.
Oder, als riefe man sich witzige und launige Einflle durch ein
Sprachrohr zu.

Man sang zum Beschlu noch Einiges, und die Gesellschaft trennte sich.
Beim Abschiede sagte der Baron zum alten Italiener: auf Wiedersehn! Doch
dieser schttelte den Kopf, und wies mit dem Finger nach oben. Der Laie
ging nach seinem Hause, weil es schon spt war, und er in der kalten
Nacht an einem Abenteuer, an welches er nicht glauben mochte, nicht
Theil nehmen wollte. Der Kapellmeister und der Graf wandelten aber mit
dem wunderlichen Alten durch die ruhige Stadt, lieen sich das Thor
ffnen, und begaben sich nun nach dem Tannenwalde, wo der
Lebensberdrssige seine Laufbahn eigenmchtig zu vollenden drohte. Als
sie unter den finstern Bumen standen, sagte der Graf: nun, Alter, seid
Ihr wieder gescheidt geworden, wollt Ihr nun nicht lieber zu Bette gehn?

In die Ewigkeit thu ich mich hinein legen, sagte der Italiener, und das
liebe Vergessen, Ruhe, tiefer, tiefer Schlaf, werden wie Flaumen eines
Daunenbetts um mich zusammen schlagen. Adieu, Eccellenza! lebt wohl,
thrichter Kapellmeister, der Ihr die schne Gelegenheit nicht benutzt,
allen Euren Jammer, Partituren, Noten, Pausen, Tonarten, Snger und
Sngerinnen los zu werden. Nun lat mir ein bissel noch ber meinen
Zustand nachdenken, und dann rufe ich Euch wieder; Kapellmeister
kommandirt Eins, Zwei, Drei, und beim Worte Drei, deutlich
ausgesprochen, langsam, feierlich, laut, da liebe Echo auch etwas davon
abkriegt und mitspricht, schie ich mich die ganze Pistole in meinen
dummen Kopf hinein.

Ihr werdet doch nicht, sagte der Kapellmeister, so abgeschmackt wie der
Hanswurst in der Kreuzerkomdie sterben wollen?

Gerade so mu es geschehen, sagte der Alte, und legte sich in einen
Sandgraben nieder. Die beiden Begleiter gingen tiefer in den Wald, die
Nacht war still, kein Wind wehte, ein ganz leiser Hauch rhrte zuweilen
die Zweige an, so da die Nadeln der Tannen in sanften Tnen lispelten,
das Flstern fortlief, und indem sich dann der Wald in allen Stmmen
bewegte, wie ferner Orgelton verhallte. Feierlich genug ist die Stunde,
sagte der Musiker. Eine wundersame Empfindung, erwiederte leise der
Graf, hat den ganzen Abend in mir fort geklungen: vielleicht bin ich dem
Tode nher, als jener alte Wahnsinnige, denn noch nie war mir mein
Dasein so abgestanden und leer, so jedes Reizes entkleidet. Ich glaube
nun auch, da jenes himmlische Wesen, welches ich schon lange suche,
gestorben ist. -- Still! rief jener: hrten Sie nicht Musik? --
Vielleicht die fernen Glocken.

Nein, sagte der Kapellmeister gehend: ich hre es deutlicher: und nun
erinnere ich mich, hier wohnt der unkluge Alte nicht fern, in dessen
Huschen ich bei meiner Ankunft schon Morgens um fnf Uhr einen
herrlichen Discant vernahm.

Der Graf war tief bewegt. Jetzt kommt! kommt! schrie der Italiener, mein
Ermorden soll ein bischen seinen Anfang nehmen! Schiet Euch todt, oder
hngt Euch! rief der Graf zurck, wir haben jetzt etwas Besseres zu
thun, als Eure Possen anzuhren.

Sie gingen weiter, drngten sich durch Baum und Strauch, und der
neugierige Italiener hatte sich zu ihnen gesellt. Jetzt tnte ihnen
schon bestimmter der Gesang entgegen, und der Graf zerri sich Hnde und
Gesicht, um nur aus den Gestruchen zu kommen, in denen er sich aus
Eifer immer tiefer verwickelte. Er drngte endlich hindurch und stand in
der Nhe des Huschens, dessen kleine Fenster erleuchtet waren. Der
treffliche Psalm Marcello's ^Qual anhelante^ tnte ihnen voll und rein
entgegen, so einfach, so edel vorgetragen, da der Kapellmeister
erstaunt und hingerissen kaum athmete. Sie ist es! sie ist es! meine
Einzige! rief der Graf in der grten Erschtterung aus, und wollte sich
dem Hause nhern, aber der Kapellmeister hielt ihn fest, klemmte sich an
ihn, und warf sich dann zu seinen Fen nieder, die er umarmte, und
rief: o bester, glcklichster Graf! Heirathen Sie sie also, wie Sie
gelobt haben; aber gnnen Sie mir vorher das einzige Glck, da sie erst
die Geliebte in meiner ruinirten Oper singt; dann will ich gern sterben,
denn eine solche Stimme giebt es auf Erden nicht mehr.

Der Graf strebte zum Hause hin, und der Kapellmeister lie endlich sein
ungeduldiges Bein los. So wie er auf die Wohnung losstrzte und an die
kleine Thr klopfte, verstummte der Gesang. Macht nicht so viel
Umstnde, sagte der Italiener, der Sing-Sang ist nicht der Mhe werth,
man sieht wohl, da ihr meine Selige nicht gekannt habt. Der
Kapellmeister, der jetzt eben so auer sich war, wie der Graf selbst,
klopfte mit diesem wetteifernd an die Thr, und da sich beide in den
Krften berboten und das Tempo immer schneller nahmen, so entstand
dadurch ein sonderbares Concert in der ruhigen Nacht. Im Hause war Alles
still, endlich aber schien man drinnen doch die Geduld verloren zu
haben, denn ein Fenster ffnete sich und eine leise, heisere Stimme
sagte: was giebt's da? Seid ihr betrunken? Lat uns ein! rief der Graf:
hinein mssen wir! schrie der Kapellmeister: wo ist die Sngerin? der
Graf: ich habe sie schon am Morgen neulich gehrt, der Kapellmeister,
als Ihr mir sagtet, es sei des Teufels Gromutter: aber hinein mssen
wir! vereinigten sich nun beide. Seid ihr rasend? rief die erhhte
Stimme des Alten, und in diesem Augenblick schrie der Italiener lauter
als Alle: Hortensio! Hortensio! haben wir Euch endlich erwischt? Nun
bleib' ich am Leben! Mag sich umbringen, wer Lust hat, ich halte mich an
Euch, altes Fell!

Ich bin der Graf Alten, schrie der Liebhaber; ich der Kapellmeister!
rief sein Begleiter, lat uns nur hinein, da wir die Sngerin sehn:
kommt herab! rief der Italiener, da wir beide unsre Bekanntschaft
erneuern knnen.

Mein Himmel! chzte der Greis, so nach tiefer Mitternacht? Meine guten
Herren, wenn Sie bei mir was zu suchen haben, so kommen Sie doch morgen,
wenn der Tag scheint.

Gut, sagte der Graf beruhigter, morgen frh! der Kapellmeister fand sich
auch in den Vorschlag, und als sie friedlich wieder fortgingen, sagte
der Italiener: ich bleibe die Nacht hier drauen und passe ihm auf.
Morgen frh machen wir Alle unsern Besuch. --

Wie erstaunten, erschraken am folgenden Tage der Graf und der Musiker,
als sie das Haus verlassen und de fanden; noch vor Tage, sagte die alte
Aufwrterin, seien die beiden Bewohner ausgezogen und haben in grter
Eil alle Sachen fortschaffen lassen. Auch der Italiener zeigte sich
nirgend.

                   *       *       *       *       *

Ein schner, heiterer Herbsttag war aufgegangen, die Sonne schien in
dieser spten Jahreszeit noch so warm, wie im Sommer, und dies bestimmte
den Laien mit seiner Tochter in das naheliegende Bergthal zu fahren. Auf
einem kleinen Miethpferde sahen sie in der Entfernung den Enthusiasten
auch mit nachflatterndem Kleide auf dieselbe Gegend zusprengen. Der
Himmel verhte nur, bemerkte der Laie zu seiner Tochter, da der
Schwtzer nicht ebenfalls in jenem Thale verweilt, weil er uns sonst mit
seinen heftigen Reden und Schilderungen den Tag verderben wrde.

Wir mssen uns schon darauf gefat machen, erwiederte die Tochter, denn
er sagte mir neulich, da er diese Gegend vorzglich liebe und sie oft
besuche.

Wie sind diese Menschen doch so lstig, fuhr der Laie fort, die eben,
weil sie gar nichts empfinden, ber Alles in Hitze gerathen knnen. Aber
mehr noch, als bei Kunstwerken, stren sie mich in der Natur, die am
meisten ein stilles Sinnen, ein liebliches Trumen erregt, in der ein
vorber schwebender Enthusiasmus und Behaglichkeit sich ablsen, und sie
unsern Geist fast immer in eine beschauliche Ruhe versenken, in welcher
Passivitt und schaffende Thtigkeit eines und dasselbe werden: dazu der
Anhauch einer groartigen Wehmuth in der Freude, so da ich in der
schnen Landschaft gegen diese beschreibenden Schwtzer oft schon recht
intolerant gewesen bin.

Sie stren fast eben so sehr, wie die unertrgliche Musik, antwortete
das Mdchen, da man so oft in der Nhe der Gebude Tnze oder
kreischende Arien vernehmen mu.

Als sie angekommen waren, sprang ihnen der berhrige Enthusiast schon
aus dem Hause entgegen. O wie schn, rief er aus, da Sie diesen
herrlichen Tag auch benutzen, der wahrscheinlich der letzte helle dieses
Jahres ist. Lassen Sie uns nur gleich an den murmelnden Bach gehn, und
dann von der Hhe des Berges das Thal berschauen. Es ist eine Wonne,
die Schwingungen der Hgel, den kleinen Flu, das herrliche Grn und
dann die Beleuchtung zu sehn und zu fhlen. Giebt es wohl ein Entzcken,
das diesem gleich oder nur nahe kommen kann?

Ich will mit Ihnen gehen, erwiederte der Laie, aber nur unter der
Bedingung, da Sie mich mit allen Schilderungen und begeisterten
Redensarten verschonen. Wie knnen Sie berhaupt nur immer so vielen
Enthusiasmus verbrauchen? Es ist nicht mglich, wie Sie auch neulich
gestanden haben, da Sie so viel empfinden.

Bei der Kunst, sagte der Enthusiast, setzt man freilich wohl hie und da,
dem Knstler zu gefallen, etwas zu, aber in der himmlischen Natur --
nein! da kann doch keine Zunge Worte genug finden, um nur einigermaen
das wiederzugeben, was im Herzen aufgeht. Ich habe es aber schon seit
lange bemerkt, da Sie kein groer Freund der Natur sind, denn wie
konnten Sie nur sonst, wie ich schon so oft gesehen habe, da Sie thun,
beim schnsten Frhlingswetter in das dumpfe Theater kriechen, um eine
Oper zu hren, oder sogar ein mittelmiges Schauspiel zu sehn, ber
welches Sie nachher selber Klage fhren?

Weil es mir an solchem Tage, antwortete jener, darum zu thun ist, ein
Schauspiel zu sehn, und ich dies mit dem Genusse der Natur dann nicht
vereinigen kann und mag. Auch gestehe ich Ihnen, da ich oft in der
schnsten Natur bin, ohne sie mit den geschrften Jger-Augen in mein
Bewutsein aufzunehmen, wenn mich ein heiteres Gesprch beschftigt,
oder ich auf einsamem Spaziergang etwas sinne, oder ein Buch meine
Aufmerksamkeit fesselt. Glauben Sie nur, unbewut, und oft um so
erfreulicher, spielt und schimmert die romantische Umgebung doch in die
Seele hinein. Wenn wir uns berhaupt immer so sehr von Allem
Rechenschaft geben sollen, so verwandelt sich unser Leben in ein
trbseliges Abzhlen, und die feinsten und geistigsten Gensse
entschwinden.

Hm! Sie mgen nicht ganz Unrecht haben, sagte der Enthusiast
nachsinnend: wenn ich nur nicht einmal den Charakter der Heftigkeit
angenommen htte und bei allen meinen Bekannten als ein Eiferer glte,
so wollte ich mir das Wesen wieder abzugewhnen suchen. Es ist aber denn
doch auch fatal, wenn man, so wie Sie, fr einen Phlegmatiker gilt. Da
Sie also nichts von Naturbegeisterung hren wollen, so will ich Ihnen
lieber erzhlen, da ich schon vorhin, ehe Sie kamen, eine sonderbare
Erscheinung hier bemerkt habe. Ein junges, wunderschnes Mdchen stand
dort oben auf dem Hgel, sah immerdar auf den Weg hin, der zur Stadt
fhrt, und weinte dann heftig. Sie erregte mein lebhaftestes Mitgefhl,
ich ging zu ihr, aber so sehr ich auch in sie drang, so konnte ich sie
doch nicht bewegen, mir eine vernnftige Antwort zu geben, oder mir zu
erzhlen, was sie hier mache, wie sie hergekommen sei und wen sie hier
erwarte. Und ich war doch so ganz auerordentlich neugierig, vorzglich,
weil ich dies junge, auerordentlich reizende Frauenzimmer neulich schon
bei unserm Baron in der Gesellschaft gesehen habe, wo sich der verwirrte
melancholische Graf viel mit ihr zu schaffen machte. -- Sehn Sie, sie
steigt schon wieder den Hgel hinan, um ihre Beobachtungen anzustellen.

Mit Zierlichkeit und Grazie schwebte die Gestalt die grne Anhhe
hinauf, und ihre vollen, braunen Locken, ihr leuchtendes Auge, das
einfache Gewand und die Geberde wirkten mit unbeschreiblichem Zauber in
der anmuthigen Landschaft. Die Tochter fhlte sich bewegt, als sie das
schne Wesen wieder weinen sah, die Thrnen stiegen ihr selbst in die
Augen, als die Unbekannte jetzt im Ausdruck des hchsten Schmerzes die
Hnde rang, und sich jammernd auf den Rasen niedersetzte. Lassen Sie uns
hinauf steigen, sagte der Laie, das arme Wesen bedarf unsers Trostes und
Beistandes, meine Tochter soll sie anreden, wir aber, Herr Kellermann,
wollen uns frs erste schweigend verhalten, und die Betrbte am
wenigsten mit zudringlichen Fragen ngstigen. Die Tochter ging zu ihr,
und die Fremde bekannte, da sie ihren alten Vater aus der Stadt
erwarte, und nicht begreife, wie er so lange zgern knne, da er ihr
diesen Ort angewiesen habe, wo sie zusammen treffen wollten, um weiter
zu reisen.

Sie wollen also unsre Gegend verlassen, fragte der Laie, da Sie doch, so
viel ich wei, nur krzlich angekommen sind?

Ach! mein Herr, antwortete die schne Fremde klagend, mein lieber Vater
leidet schon seit lange an einer schweren Melancholie, an
Menschenfeindschaft und tiefem Lebensberdru, so zieht er seit einigen
Jahren von Ort zu Ort, verarmt immer mehr, wird immer krnker, versagt
sich selbst alle Hlfe, und will auch mir das Glck nicht gnnen, ihm
beizustehn, da ohne diesen starren Willen meine Talente sein Leben wohl
untersttzen knnten. Denn mein Gesang und die Musik berhaupt machen
das Unglck meines Lebens.

Sie singen also doch? fragte der Laie sehr lebhaft.

Meine Trauer, mein tiefer Schmerz, erwiederte die schne Klagende, sind
Schuld, da ich mein Gelbde gebrochen habe. Ich habe meinem Vater
geloben mssen, niemals zu gestehen, da ich singe, auch niemals, auer
wenn er zugegen ist, und es mir erlaubt, einen Ton anzuschlagen. Wir
wohnten deshalb von der Stadt entfernt, wir vermieden allen Umgang, nur
neulich war ich zufllig im Hause des Baron Fernow, wo ein Fremder, ein
feiner, anstndiger Mann mich ber die Gebhr mit Fragen und
Aufforderungen zum Singen ngstigte. In der letzten Nacht, als ich, wie
ich glaube, in der hchsten Einsamkeit einen Psalm Marcello's einbe,
entsteht vor dem Hause ein Getmmel, wir halten die Leute fr Ruber
oder Trunkene, der Graf nennt sich endlich, und will eingelassen seyn,
noch einige Andere toben eben so laut, und mein Vater kann sie endlich
nur beruhigen, indem er ihnen verspricht, am Morgen ihren Besuch
anzunehmen. Kaum sind sie fort, so mu Alles in der grten Eile
eingepackt werden, noch in der Nacht werden Fuhrleute gemiethet, unsre
wenigen Sachen hieher zu fahren, am Morgen mu ich nachreisen, und er
verspricht, in wenigen Stunden ebenfalls hier zu seyn, weil er in der
Stadt noch unsere Reisepsse besorgen msse. Hier erwarte ich ihn nun
schon manche Stunde, gewi ist er krank, ein Unglck ist ihm zugestoen,
und ich wei in meiner Angst nicht Rath noch Hlfe; wo soll ich ihn
wieder finden?

Der Laie suchte sie zu beruhigen. Er schlug vor, im Gasthause bis nach
Tische den Alten zu erwarten, dann solle sie mit ihm und seiner Tochter
zurck fahren, da nur ein Weg zur Stadt fhre, so mten sie dem Vater
begegnen, wre dies nicht der Fall, so solle die Fremde in seinem Hause
absteigen, indessen er selbst Erkundigungen einzge. Auf sein
eindringliches Zureden und der Tochter schmeichelnde Liebkosungen wurde
sie ruhiger und ging mit ihnen in den Gasthof. Bei Tische wurde man
sogar guter Laune, nur verweigerte die Fremde auf die unbescheidene
Bitte des Enthusiasten, zu singen, weil dies gegen ihr heiliges
Versprechen laufe. Man sprach dann viel ber die neulichen Musikstcke,
die der Kapellmeister im Hause des Barons habe probiren lassen, sie
lobte die Composition als groartig, tadelte aber die Manier der Snger.
Es kann seyn, beschlo sie ihre Kritik, da ich hierber vllig im
Irrthum bin, aber nach den Grundstzen meines Vaters, und nach der
Gesangsweise, die ich nach seinem Unterricht ausben mu, ist jene
Manier eben so klein als willkhrlich. Ja, drfte ich einmal (aber dazu
ist mein Vater auf keine Weise zu bewegen) eine Opern-Rolle, wie diese
des Kapellmeisters singen, so schmeichle ich mir, da ich eine groe
Wirkung hervor bringen wrde, und vielleicht um so grer, weil diese
Art jetzt ganz vergessen ist und die Neuheit um so mehr erschttern
mchte.

Wenn Sie diejenige sind, erwiederte der Laie, fr welche ich Sie jetzt
halten mu, so knnen Sie einen gewissen enthusiastischen Mann, wenn es
brigens Ihre Gesinnung erlaubte, unbeschreiblich glcklich machen.

Die Schne wurde roth, und der Enthusiast Kellermann, so wie er das Wort
enthusiastisch nennen hrte, sprang eilig herbei und rief: ja gewi,
Verehrte! wie knnte mein Herz wohl so vielfach vereinigtem Zauber
widerstehn?

Gebt Euch keine unntze Mhe, rief der Laie laut lachend, ich meine
jenen sonderbaren Grafen, den wir Alle kennen. Ich hoffe einen
beglckenden Ausgang weissagen zu drfen.

Die Schne wollte sich auf keine nhern Errterungen einlassen; lobte
aber nachher im Verlauf des Gesprches den jungen Grafen als einen
schnen und verstndigen Mann, der sie auch in der Gesellschaft am
meisten interessirt habe.

Auf der Rckfahrt unterhielt man sich mit heitern Gesprchen. Der
Enthusiast sprengte wieder auf seinem kleinen Pferde voran, und war
bemht, seine Geschicklichkeit im Reiten zu zeigen. Als sie in die Stadt
hinein gefahren waren, sahen sie in der Hauptstrae einen groen
Volksauflauf, Getmmel, Geschrei, ein Vor- und Zurckdrngen, der Wagen
mute halten, die Wache machte Platz und der Laie erstaunte, als er den
alten Italiener zwischen den Soldaten bemerkte, die ihn als Gefangenen
fortfhrten. Was giebt es? fragte er einen Vorbergehenden. -- Je, der
braune Schelm, antwortete dieser, hat einen alten Mann so eben todt
geschlagen.

Als sich die Menge verlaufen hatte und sie weiter fahren konnten,
strzte ihnen aus einem groen Hause der Graf entgegen, er rief, da man
anhalten solle, und mit einem Ausdrucke bermenschlichen Entzckens half
er Julien aussteigen. Der Laie und die Tochter folgten, um zu sehen, wie
sich die Scene entwickeln wrde.

                   *       *       *       *       *

Im Saale fand Julie den alten Mann im Lehnstuhl sitzen, bla und
erschttert, aber wohl und unverletzt. Man erfuhr, da er den ganzen Tag
durch Hin- und Herschicken, indem er seine Psse berichtigen und
auslsen mute, von der Polizei war aufgehalten worden. Als er endlich
fertig zu seyn glaubte, und eben einen Wagen suchte, um seiner Tochter
nachzureisen, begegnete er dem thrichten Italiener, der ihn sogleich
auf offener Strae angriff, um ihn zu mihandeln, als er aber um Hlfe
rief, nahmen sich die Vorbergehenden des Greises an, und der Verwirrte
wurde der Wache bergeben. Julie liebkosete den Alten, und suchte ihn
durch ihre Zrtlichkeit zu beruhigen. Der Enthusiast, so wie der
Kapellmeister waren ebenfalls Zeugen dieses Auftrittes.

Vielen Dank, sagte endlich der Alte, bin ich Ihnen, mein Herr Graf,
schuldig, da Sie sich meiner so freundlich angenommen haben, jetzt aber
lassen Sie uns abreisen, damit wir recht bald den Ort unsrer neuen
Bestimmung erreichen.

Er stand auf und wollte gehn, Julie blieb zaudernd, und blickte verlegen
auf die Gegenwrtigen, der Graf aber trat vor den Greis hin und sagte
mit zitterndem Tone: knnen Sie mir das Glck meines Lebens entreien
wollen, dem ich so lange nacheilte, jetzt, nachdem ich es endlich so
unverhofft und so wunderbar gefunden habe?

Was meinen Sie? fragte der Alte.

Selig wrde ich seyn, antwortete der Graf, wenn Ihre Tochter sich
entschlieen knnte, mir ihre Hand zu schenken. Ich bin reich, vllig
unabhngig, lassen Sie uns in Liebe, Freundschaft und Musik verbunden
ein Glck begrnden und genieen, wie es nur immer auf Erden mglich
ist.

Der Alte taumelte wie erschrocken zurck, er mute sich vor Zittern
wieder niedersetzen. Wie! rief er im heftigen Weinen aus: das knnte Ihr
Ernst seyn, mein Herr Graf?

Ich nehme, rief dieser, alle diese Freunde zu Zeugen: doch, Julie
selbst?

Nun, meine Tochter, sagte der Alte bewegt, knntest Du Deinen greisen
Vater so glcklich machen? Jetzt liegt es in Deiner Hand, mir allen Gram
meines Lebens zu vergten und meine letzten Tage zu verherrlichen. Aber
ist es denn kein Traum? Wie kommt dies Alles? Kannst Du Dich
entschlieen, mein Kind?

Die Tochter war heftig erschttert. O Himmel! rief der Graf: nein,
Gewalt sollen Sie sich nicht anthun: lieber entsage ich allen meinen
Hoffnungen.

Knnen Sie mich so miverstehn? antwortete Julie, kaum hrbar: htten
Sie wirklich nicht gefhlt, wie sehr ich mich zu Ihnen gezogen fhlte?
Habe ich doch seitdem immer Ihr Bild vor Augen gehabt. Aber auch den
allerfernsten Schimmer eines solchen Glcks wies ich als einen
wahnsinnigen Traum zurck.

Der Graf kniete vor ihr nieder, der Alte legte gerhrt ihre Hnde in
einander, dann sank sie an die Brust ihres Geliebten.

Doch jetzt, rief der Graf aufspringend, nur Einen Ton, Einen Tact, ich
wei es zwar gewi, da Du es bist, aber um mich vllig zu berzeugen.

Sie sah fragend ihren Vater an, doch dieser sagte lchelnd: ich lse
Dich jetzt gnzlich von dem Gelbde, welches Du mir gethan hast, jetzt
darfst und mut Du Alles thun, was Dein Brutigam von Dir fordert.

Da sang sie ohne alle Begleitung den Anfang des ^stabat mater^ von
Palestrina, so stark und voll, so anschwellend die Tne, so gehalten und
lieblich, da Alle, vorzglich aber der Graf und der Kapellmeister in
ihrem Entzcken keine Worte finden konnten.

Ja, sagte der Vater, als man wieder ruhiger war, es ist mein Stolz und
mein Glck, diese Stimme gebildet zu haben, ich darf es ohne vterliche
Verblendung behaupten, sie ist einzig in ihrer Art, und diesen Vortrag
wird man jetzt nirgends hren.

Aber wie kamen Sie nur dazu, fragte der Laie, von Ihrer Tochter sich
geloben zu lassen, niemals in Gesellschaft zu singen, ja sogar dieses
himmlische Talent zu verlugnen?

O, mein Herr, sagte der Alte, wenn Sie meine Geschichte kennten, mein
jahrelanges Elend, wie ich verkannt und gemihandelt wurde, so wrden
Sie dies und noch weit mehr begreifen. Von frhster Jugend war mein Sinn
und Streben auf Musik gerichtet, aber meine Eltern waren so arm, da sie
fr meine Ausbildung nur wenig thun konnten. Mit Chorsingen fristete ich
mich durch, spterhin mit Stundengeben. Ich mute mir Alles selber
erringen und auf den mhseligsten Wegen. Als ich den Contrapunct
grndlich studirt hatte und Alles versucht und durchgearbeitet, was zu
einem musikalischen Componisten nothwendig ist, als ich nun fertig zu
seyn glaubte, und schon manche Kirchenmusik geschrieben, die mir
gelungen schien, fand ich nirgends Untersttzung, kein Mensch wollte von
mir etwas wissen, mein Aeueres war nicht empfehlend, ich besa keine
feine Lebensart, mir fehlten die einschmeichelnden Manieren. Nach
Italien strebte mein Sinn, doch die matten Augen meiner hlflosen Eltern
sahen mich so flehend an, da ich recht im Herzen fhlte, wie es meine
Pflicht sei, fr sie zu sorgen. So mute ich denn wieder fr ein
geringes Geld fast auf allen Instrumenten Unterricht geben, und diese
Pein, mit einem ungeschickten gefhllosen Schler die Geige zu kratzen,
immer dieselben Mitne zu hren, ist ber alle Beschreibung. Nur ein
solcher Musiklehrer erfhrt, welche Dummkpfe es in der Welt giebt. So
bot man mir einen an, der schon sechs Jahre Violine gespielt hatte. Ei!
dachte ich dazumal, das ist doch ein Trost, da kann ich einmal
musikalisch zu Werke schreiten und vielleicht einen chten Scholaren
erziehn. Er hatte schon Sonaten, Quartetts, Symphonieen und die
schwierigsten Sachen durchgearbeitet. Und, denken Sie, als ich ihn nun
ins Examen nehme, ist dieser Virtuose nicht im Stande, seine Geige zu
stimmen, er kennt keine Tonart, schabt Alles aus dem Gedchtni daher,
hat keinen Tact, und verwundert sich in seiner blanken Unschuld, da
alles das Zusammenhang habe und Wissenschaft sei. Wie das Meerwunder,
das schon fast ein erwachsener Jngling war, seinen Pleyel zusammen
rasselte, alle Tne falsch, ohne Bindung und Sinn, kreischend und
quitschend, Gesichter schneidend und Pausbacken machend, davon haben Sie
Alle keine Vorstellung. Denken Sie, ich mute mit ihm wieder einen
Choral zu spielen anfangen, und nach sechs oder sieben Jahren, die er
schon bei einem andern Lehrer verarbeitet hatte, konnte er das nicht
einmal leisten.

Die Uebrigen hatten den Laien schon whrend dieser Erzhlung lchelnd
angesehn, als dieser ausrief: ist es mglich, da ich so unvermuthet
meinen verehrlichen Musiklehrer wieder finden mu? Ja, alter Herr,
damals haben wir uns beide das Leben rechtschaffen sauer gemacht.

Sie sind der junge Mensch von damals? sagte der alte Mann in
Verlegenheit; bitte tausendmal um Verzeihung: aber es war mir doch so
merkwrdig, da ich diesen Umstand niemals wieder vergessen habe. -- Auf
diese Weise ging dann meine Jugend hin. Meine Eltern starben, ich war
aber inde alt geworden. Nach und nach gab man in kleinen Orten von
meinen Compositionen. Hier und da versuchte auch ein Theater meine Opern
darzustellen, aber sie machten kein Glck. Als ich meine Gattin, eine
herrliche Sngerin, kennen lernte, und sie ihr Schicksal mit dem
meinigen vereinigte, schien mir nichts mehr zu wnschen brig. Aber nach
der Geburt meiner Tochter war ihre Stimme schwcher geworden. Ach was
ist es doch fr ein unermelicher Verlust, wenn eine wahrhaft schne
Stimme verloren geht. Es ist ja noch weit mehr, als wenn uns ein
geliebter Freund abstirbt. Und doch mu sich der Mensch auch darein
finden. Meine Frau wollte es aber nicht, sie sang immer schwcher, immer
strker griff sie sich an, und sang sich zu Tode. Nun war mein ganzer
Himmel diese meine Tochter. Eine kleine Pension, die mir das Theater
zukommen lie, das ich eine Zeit lang dirigirt hatte, schtzte mich vor
der uersten Drftigkeit. Von jetzt vertiefte ich mich erst recht in
die groen Kirchenmusiken der alten Meister. Immer armseliger erschien
mir die Gegenwart. Alle die Manieren, die Liebhabereien, die berhand
nahmen, waren mir verhat. Am abscheulichsten aber erschien mir die neue
Singmethode, welche immer mehr einri. Der rechte Ton mu wie die Sonne
aufgehn, klar, majesttisch, hell und immer heller, man mu die
Unendlichkeit in ihm fhlen, und der Snger mu ja nicht verrathen, da
er die letzte Kraft ausspielt. Eine Musik, recht vorgetragen, wiegt sich
wie ein Stck des Himmels, und sieht aus dem reinen Aether in unser
Herz, und zieht es hinauf. Und was ich einzig und allein im Ton hren
will, ist die Begeisterung. Einen tragischen oder gttlichen
Enthusiasmus giebt es, der heraus klingend jeden Zuhrer von seiner
menschlichen Beschrnktheit erlst. Ist die Sngerin dieser Vision
fhig, so fhlt sie sich vom Sinn des Componisten, aber auch zugleich
vom Sinn der ganzen Kunst durchdrungen, da sie Schpferin, Dichterin
wird, und wehe dem armen Kapellmeister, der dann noch Tact schlagen, und
das Tempo zu starr fest halten will, denn die Eingeweihte darf ber die
gewhnlichen und nothwendigen Schranken hinaus steigen, und sich wie ein
Engel schwebend aus dem Grabe des Zeitlichen erheben, und triumphirend
in lichter Glorie dem Unsterblichen zufliegen.

Das ist es, sagte der Laie, was ich neulich habe aussprechen wollen.

Die meisten Knstler, fuhr der Alte fort, sind nur hchstens von ihrer
eigenen Virtuositt trunken, selten, selten, da einer nur wagt, den
Componisten zu verstehn, geschweige ber ihn hinaus zu schreiten. So wie
im letzten Fall der Componist verherrlicht wird, so wird er im ersten
fast immer vernichtet, doch ist diese Begeisterung nicht ganz zu
verwerfen, weil alsdann, wenn auch auf eitle Weise, Seele in den Gesang
kommt, in so fern nmlich der Snger ein wirklicher ist. Mein Kind
erwuchs, und ward ganz, wie ich es mir gewnscht. Sie fate meinen Sinn,
sie bekam eine Stimme, wie ich sie noch niemals gehrt hatte. Ich
glaubte, ein unschtzbares Kleinod in ihr zu besitzen. In dieser
Ueberzeugung schrieb ich von ihr einem groen Hof, wo man sie zur
Kammersngerin berief. Nun glaubte ich, in Ruhe und ohne Armuth meine
Tage beschlieen zu knnen. Die vornehme Welt ist versammelt und sie
singt ein altes Musikstck, so, da mir die Thrnen in den Augen stehn;
ich selbst hatte sie nie so singen hren, denn sie hat Stolz, die
Umgebung befeuerte sie. Und wie sie endigt, keine Hand, kein Wort, kein
Blick. Der alte Kapellmeister kommt dann zu mir und flstert, der Frst
und die Damen htten geuert, und er selber msse die Meinung
unterschreiben, meine Tochter mchte noch erst Unterricht von einem
guten Snger haben, um Schule zu bekommen.

Das ist es eben, rief jetzt der Graf aus, was sie wollen, Schule,
Methode, wie sie es nennen, statt des Gesanges. Ja, das war jener Abend,
als ich, Julie, in Wonne aufgelst hinter Deinem Rcken stand, und Dein
Angesicht nicht sehen konnte. Methode! gerade als wenn ein Solimene oder
Trevisano den Raphael bedauern wollte, da er nicht mehr Schule in
seinen Werken zeige.

Julie sagte: glauben Sie mir, mein Vater, ich kann besser singen, als
ich jenen Abend sang. Ja, vor Freunden, die uns verstehn, die unserm
Sinn entgegen kommen, wird die Stimme noch einmal so mchtig und die
Sicherheit unendlich. Aber man fhlt es auch vorher durch geistigen
Instinkt, wenn wir vor Unverstndigen uns hren lassen sollen. Wird bei
jenen der Gesang wie Gold in Gluth der Liebe geschmolzen, so versagt bei
diesen Stimme und Muth, ja der Ton wird oft, trotz aller Anstrengung,
kmmerlich. An jenem, mir frchterlichen Abende sah ich mich
geflissentlich nicht um, und doch steckten mir alle die Augen der
gelangweilten Hofdamen und die verwunderten Blicke der neugierigen
Cavaliere in der Kehle.

Das Unglck, dieser Unsinn, nahm der Alte wieder das Wort, verwirrten
mir auch den Kopf. Ohne es nur anzuzeigen, reisete ich noch in derselben
kalten Nacht mit meiner Tochter wieder ab. Sie mute mir feierlich
geloben, nie anders, als nur in meiner Gegenwart, und wenn ich es ihr
erlaubte, zu singen. Kam sie unter Menschen, die jetzt fast alle gern
kreischen und zwitschern, so mute sie fest verlugnen, da sie nur
irgend was von Musik wisse. Wir lebten sehr einsam, kamen wenig oder gar
nicht unter die Leute. Mein Gemth verfinsterte sich immer mehr, und
htte mich nicht meine Tochter getrstet, so wre ich wohl lngst
gestorben, oder Wahnsinn htte mich ergriffen. Ist mir doch fast, als
wre ich in manchen Stunden diesem Elende nicht allzufern gewesen.
Oefter wechselte ich den Wohnsitz und kam nun hieher, um drauen, in der
Nhe finsterer Tannen recht einsam zu leben, und ungestrt mit meinem
Kinde Gesang und Musik zu ben, da sah mich neulich der Herr (indem er
auf den Kapellmeister wies) drauen, und gestern wollten sie beide in
der Nacht mein Haus bestrmen, was ich freilich ganz anders auslegte,
als es sich nun zu meinem unerwarteten Glcke ausgewiesen hat.

Man setzte fest, da noch heut Abend die Verlobung seyn sollte, zu
welcher auch der Baron und seine Familie gebeten wurde.

Aber halt! rief der Kapellmeister, Ihr Gelbde, Herr Graf, welches Sie
in dieser Nacht gethan haben, da Ihre schne Braut noch vor der
Vermhlung die Hauptparthie in meiner Oper singen soll!

Es sei, sagte der Graf, wenn es meiner Julie nicht unangenehm ist. Man
sah es ihr aber, auch ohne ihre Versicherung wohl an, da es ihr Freude
mache, auf eine so glnzende Art ihr groes Talent zu entwickeln.

                   *       *       *       *       *

Ehe der Graf in das Schauspiel ging, nahm er noch einmal den alten
Italiener einsam vor und sagte: Ihr httet neulich fast Unglck
gestiftet, alter Thor, reiset nun, wozu ich Euch ausgestattet habe, in
Eure Heimath zurck, lebt dort ruhig, und Ihr werdet richtig Eure
Pension ausgezahlt erhalten, die Euer Alter froh und sorgenlos machen
kann.

Eccellenza, antwortete der Verwirrte, seyn die Gromuth selbst: bitte
auch auf Knieen um Pardon, da den Schwiegervater habe prgeln wollen,
den alten boshaften Hortensio, der alle Musik ruinirt. Ich hatte lange
drauen gelauert, und war im Wald vor Mdigkeit und Chagrin
eingeschlafen, unterdessen er auf und davon. Untersuche alle Drfer
dort, komme mde und matt zurck, da rennt er ber die Strae: Herr
Graf, da zog es mich so allgewaltig, ich mute losprgeln, und wenn's
mein leiblicher Vater gewesen wre.

Als Julie sich in der schngesetzten Parthie zeigte, und in vollen Tnen
so sicher ausstrahlte, war das Entzcken des Publikums allgemein. Die
Zeichen des Mifallens, die einige Freunde der eigensinnigen Sngerin
wollten hren lassen, muten beschmt verstummen. Als die groe Arie
gesungen war, entstand ein so lautes Beifallrufen, ein solches Jauchzen
und Gerusch, da Musik und Stck inne hielt. Als es ruhiger war, hrte
man eine laut heisere Stimme, die vom Parterre herauf rief: taugt nix!
gar nix! miserable Pfuscherei, kein Vortrag: ist nur Aberwitz und
deutsche Seelenmanier des verrckten Herrn Hortensio! Es war der alte
Italiener, der sich noch einmal vernehmen lie, aber genthigt wurde,
das Theater zu verlassen.

Noch niemals hatte in dieser Stadt eine Oper so groes Glck gemacht,
der Kapellmeister war beseligt, der Vater glcklich, der Graf entzckt,
der Laie in frhere Jahre versetzt, und der Enthusiast, was die Uebrigen
freute, ohne Worte.

Bald darauf war die Vermhlung der Glcklichen. Dann zog der Graf auf
seine groen Gter; alte Musik, die Compositionen Hortensio's, Opern
wurden in seinen Slen gegeben, und die abwesenden Freunde hrten in
Briefen nur von der ungetrbten Freude dieser auf so wunderliche Art
Vereinigten.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Die variierende Schreibweise des Originales wurde weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert,
teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben, wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 9]:
   ... von oben in den Saal herabschaute, die durch das Ge- ...
   ... von oben in den Saal herabschaute, die durch das Geschrei ...

   [S. 23]:
   ... hufig haben wir die bsen Folgen der Zornes, der
       Trunkenheit, ...
   ... hufig haben wir die bsen Folgen des Zornes, der
       Trunkenheit, ...

   [S. 57]:
   ... Gabe des Unsichtbare schenken kann; und wehe dem
       Verschwender, ...
   ... Gabe das Unsichtbare schenken kann; und wehe dem
       Verschwender, ...

   [S. 84]:
   ... und seine Gabe wird so verkannt, so wenig gewrdiget, ...
   ... und keine Gabe wird so verkannt, so wenig gewrdiget, ...

   [S. 90]:
   ... und klingt in unserm Giste zusammen! ...
   ... und klingt in unserm Geiste zusammen! ...

   [S. 246]:
   ... Schachspieler, Melchior, der Bauknstler, ja Alle mi ...
   ... Schachspieler, Melchior, der Bauknstler, ja Alle im ...

   [S. 266]:
   ... thricht im Haupte? Wissen Sie, unbekanter Freund, was ...
   ... thricht im Haupte? Wissen Sie, unbekannter Freund, was ...






End of Project Gutenberg's Schriften 17: Novellen 1, by Ludwig Tieck

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