The Project Gutenberg EBook of Pitt und Fox, by Friedrich Huch

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Title: Pitt und Fox
       Die Liebeswege der Brder Sintrup

Author: Friedrich Huch

Release Date: November 22, 2015 [EBook #50528]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PITT UND FOX ***




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                         Die Bcher der Rose
                             Achter Band
                             Pitt und Fox

             Achtundneunzigstes bis hundertundzwanzigstes
                             Tausend 1919




                             Pitt und Fox


                  die Liebeswege der Brder Sintrup

                                Roman
                                 von
                            Friedrich Huch

                        Ebenhausen bei Mnchen
                     Wilhelm Langewiesche-Brandt

               Die gute Ausstattung der frheren
               Drucke htte diesem Neudruck bei den
               gegenwrtigen Herstellungskosten nicht
               einmal unter Verdreifachung des
               Verkaufspreises gegeben
               werden knnen.

               Druck von Oscar Brandstetter in Leipzig.




                           Erstes Kapitel.


Pitt -- -- so nannte Philipp Sintrup sein Spiegelbild, wie er es als
kleines Kind zum erstenmal erblickte und mit dem Finger berhrte. Die
Familie heftete den Namen an ihn, und mit einer Art von Folgerichtigkeit
ward nun sein jngerer Bruder nur noch Fox gerufen. Pitt war es
gleichgltig wie er hie. Fox dagegen wehrte sich gegen den ihm
aufgehngten Namen, ohne da er ihn vertreiben konnte. So behauptete er
denn, als er in das Alter kam, wo man moderne Weltgeschichte lernt, ein
Nachkomme des groen, bekannten Fox wre sein Pate, und seinen
gewaltigen Reichtum werde er einmal erben.

Schon frh begann Fox Groes von sich zu erzhlen. Er stellte sich als
den Helden von selbsterfundenen Geschichten hin, die er Mrchen nannte,
die aber auer ihrer Unmglichkeit nichts Mrchenhaftes an sich hatten,
sondern der allernchsten Umgebung entnommen waren und nur in einem Tone
vorgetragen wurden, der Grausen erregen sollte. -- Der grauugige, etwas
hochgeschossene Pitt hrte sie mit gelangweilten Augen an, und wenn Fox
geendet, erzhlte er mit gleichmiger Stimme: ihm sei hnliches
begegnet, nur sei alles umgekehrt gewesen; vor seinen Feinden habe er,
anstatt sie anzugreifen, sich versteckt, indem er sich bewegungslos
gegen den Zaun drckte, so da sie ihn fr einen Holzpfahl hielten.
Whrend unter seines Bruders Tritten die dicksten Brckenbalken
krachten, gengte ihm ein Strohhalm, sich seinen Verfolgern ber das
Wasser hin zu entziehen. Unter diesen befanden sich ganz unbesehen seine
nchsten Verwandten, seine eigenen Eltern. Herr Sintrup zog an ihrer
Spitze, und Frau Sintrup, Pitts Mutter, sonnte sich im Eingang einer
Hhle, ohne sich zu bewegen, so da er nicht an ihr vorbei konnte, um
sich ein fr allemal zurckzuziehen. Wurde Fox am Ende seiner
Erzhlungen Knig, so verscholl Pitt am Schlusse ganz und gar, und wute
selbst nicht wo er blieb. -- In solchen Augenblicken schwelgte Fox im
Gefhle seiner eingebildeten Strke. Herr Sintrup aber sagte: aus dir
wird mal was Groes! Aber du, Pitt kannst dich nur gleich begraben
lassen. -- Dann zog Pitt unbemerkt ein Taschenbchlein hervor, suchte
eine bestimmte Seite und machte einen Bleistiftstrich. Sein Vater und
seine Mutter sagten stets dasselbe und er fhrte darber eine Art
Statistik.

Herr Sintrup war ein rhriger, geachteter Fabrikant in dem kleinen
Stdtchen. Pnktlich mit dem Glockenschlag war er zumeist im Bureau und
schnauzte seinen Angestellten ein gutmtiges guten Morgen zu. Nur
manchmal kam es vor, da er im Bette lnger liegen blieb, denn ab und zu
liebte er einen guten Tropfen, wie er das nannte. Bekam er einen neuen
Lehrling, so stellte er ihn vor sich hin, durchbohrte ihn mit seinen
Augen, und sagte in schrecklich drohendem Ton: Bengel, Bengel, ich sage
dir ....! Im Grunde aber war er gutmtig und leicht gerhrt.

Fox fhlte sich in seiner Haut sehr wohl; den Dienstboten gegenber tat
er, als sei er eigentlich eine Art von Kronprinz; seine Mutter hatte er
ganz in der Gewalt, sie verwhnte ihn und gab ihm in allem seinen
Willen, um so mehr, als Pitt ihr nicht im Wege war, der nie um etwas bat
und mit einem stereotypen: danke -- alles in Empfang nahm, mochte es nun
Gutes oder Geringwertiges sein. Pitt erschien wie ein verschlossenes,
etwas impertinentes Waisenkind, das trotz aller jahrelangen Gewhnung
niemals recht huslich wird in dem Kreise seiner Pflegeeltern. Die Namen
seiner nchsten Verwandten konnte er nicht auseinanderhalten. Manchmal
mute er sich erst besinnen, wo das Ezimmer, wo die Wohnstube lag.
Genau so fremd lebte er in der Schule. Seinen Kameraden gegenber hatte
er einen leise berlegenen, ironischen Ton, feiner oder plumper, je
nachdem er es fr angemessen hielt. Wirkliche Freundschaften kannte er
nicht. Er litt darunter, konnte es aber nicht ndern. Einmal schlo er
sich an eine gleichaltrige Cousine an; aber das Mdchen wurde so
gefhlvoll, ihm war, als spielten sie Theater; und als sie ihn eines
Tages wie gewhnlich besuchen wollte, fand sie seine Tr verschlossen,
und er rief ihr durchs Schlsselloch zu, es sei aus zwischen ihnen, er
wolle sie nie wiedersehen. Als er dann spter einmal ein tragisch auf
ihn gerichtetes Gesicht erblickte, mute er sich erst besinnen, wer das
war. -- Fox unterhielt Freundschaften mit Mdchen, die viel jnger waren
als er selbst; er verlachte Knaben, die mit gleichaltrigen oder lteren
gingen: das hat doch gar keinen Sinn! Die kann man ja spter doch nicht
heiraten! Ein Mann mu doch immer lter sein als die Frau! -- Trotz
dieser massiven Untergrnde wechselte er seine Liebe ziemlich oft. --

ber seinem Bette prangte die gedruckte Gestalt eines Athleten; die
Muskeln hatte er mit Tinte nachgezogen und verstrkt. ber der Tr hing
ein groes Pappschild, darauf hatte er sein eigenes Monogramm gemalt,
mit Blau- und Rotstift, in kolossalen Buchstaben. An der Wand hinter
seinem Arbeitstisch aber stand jene von einem autodidaktisch arbeitenden
Onkel unternommene, lebensgroe Kreidekopie nach einem kleinen Bilde,
das ihn in seinen ersten Jahren darstellte. -- Ich wog damals schon
fnfzig Pfund! sagte er zu einem Freund, der ihn besuchte. Und die
Muskeln! fgte er hinzu und blickte auf das Bild, auf dem man von Armen
berhaupt so gut wie gar nichts sah. Mit rascher Fassung aber sagte er:
Da oben kannst du sie hundert Jahre suchen und findest sie nicht, aber
ich hatte sie schon damals, das ist bombensicher! --

Fox war bei seinen Kameraden tonangebend, er umgab sich mit einem Stab,
der auf sein Wort zu hren pflegte. --

Pitt war jeder Lrm ein Gruel. Er hielt seine Fenster zumeist
verschlossen und trug zu Haus fast immer Filzpantoffeln. Ein
eigentliches Zimmer fr sich besa er nicht; er wechselte stets. So wie
er anfing sich gemtlich zu fhlen, glaubte er irgend einen Mistand zu
entdecken. Frau Sintrup gab dann mit gleichmtiger Stimme dem Mdchen
die Anweisung, sein Bett irgendwo anders hinzuschaffen; einen groen
Spiegel nahm er jedesmal persnlich mit von einem in das andere Zimmer.
Er liebte es, sich vor ihn hinzusetzen, hineinzusehen, alles zu
vergessen und gar nichts zu denken. So mten die Menschen sein! Ganz
still und stumm, nur wie Erscheinungen! In Wirklichkeit dagegen waren
sie alle so laut und heftig, machten aus jedem Gefhl viele Worte, ganz
wie die Schauspieler auf der Bhne. Zuweilen empfand er sich selbst wie
einen Schauspieler, namentlich dann, wenn er in Erregung geriet, was
nicht oft geschah. Dann hrte er sich auf einmal selber reden, alles
erschien ihm pltzlich hohl und albern. Dabei besa er selbst die
Fhigkeit, aus dem Geiste eines andern herauszureden, ihn nachzuahmen in
allen seinen uerungen. Aber davon wute niemand, und er empfand
geradezu einen Ha gegen sich selbst, wenn er sich manchmal allein in
diesen Nachahmungen gehen lie, denn dann war es, als hafte ein
besonderer Nachgeschmack an allem, was er selber tat und sagte.

Fox versumte keine Schlervorstellung im Theater und versuchte zu Hause
alles nachzuahmen, wobei es ihm ganz gleichgltig war, wer etwa zuhrte.
--

Alljhrlich pflegte die Familie Sintrup fr einige Wochen in ein Bad zu
gehen. Frau Sintrup litt an einem bel. Da es ihr aber vorlufig keine
groen Unbequemlichkeiten bereitete, pflegte sie zu sagen: Einmal mu
der Mensch doch sterben; ob es nun ein bichen frher oder spter kommt,
ist doch ganz gleich. -- Die Schneiderin kam mehrere Wochen vor der
Abreise und huschte manehmend um Frau Sintrup herum, bis diese meinte:
Nun hren Sie aber auch mal wieder auf; die Dinger werden wohl von
selber sitzen. -- Der einzige, der es sich gestatten konnte, jederzeit
so wie er war zu bleiben, war Herr Sintrup selbst, dessen tadelloser
Habitus wie er es nannte, dessen glnzend steifer Hut und funkelnd
rote Handschuhe ihn schon von weitem berall signalisierten.

Pitt lebte im Bade genau so wie zu Hause; es kmmerte ihn nicht, ob er
zu spt zur Mittagstafel kam: als sei er ganz allein, trabte er durch
den Saal und starrte den Menschen in die Gesichter, als wolle er
entscheiden, ob es seine Eltern waren oder nicht.

Pitt! du bist nun bald konfirmiert, du verlt in ein paar Jahren die
Schule! sagte Herr Sintrup: _So_ it man seine Suppe! Er nahm den Lffel
zierlich und hielt die Ellbogen an den Leib gedrckt. Frau Sintrup,
deren Busen den Teller fast berhrte, fgte mechanisch hinzu: Wozu hat
man denn seine Eltern, wenn man sich nicht nach ihnen richten will --
und hatte soviel Geistesgegenwart, den Lffel unterwrts nicht
abzulecken, wie sie zu Hause gerne tat. Fox sa in solchen Augenblicken
stramm auf seinem Stuhl. Die Haare klebten straff an beiden Schlfen,
sein roter Schlips aus Halbatlas glnzte wie seine Backen. Er fhlte
sich als den Sohn des reichen Fabrikanten, und wute, was er der Welt
schuldig war. -- Den einzigen Menschen, welchen Pitt grte -- den
Portier -- grte er nicht; Fox grte niemals Untergebene; gerne hielt
er sich in der Nhe solcher Fremden auf, die durch anspruchsvolles Wesen
seine Aufmerksamkeit erregten. Er wute Bekanntschaften einzuleiten, und
es machte den Menschen Spa, den halbwchsigen, dicken und im Grunde
gutmtigen Jungen scheinbar ernst zu nehmen und fast wie einen
Erwachsenen zu behandeln. Wenn er von solchen Reisen nach Hause
zurckkehrte, erschien er jedesmal ein Stck gefestigter und reifer.
Auch schrieb er alsdann viele Briefe, an Mdchen, die er kennen lernte,
von denen er die eine oder die andere spter zu heiraten gedachte,
Mdchen, die Pitt samt und sonders langweilig oder hlich fand. Pitt
selber schlo einmal eine nhere Freundschaft, nachdem er lange
geschwankt hatte ob er solle oder nicht. Schon Tage vor der Abreise
sprach das Mdchen in geheimnisvoller Weise von einem Andenken. Er war
neugierig, und am Tage der Abfahrt berreichte sie ihm einen groen
Kranz, den sie gemeinsam mit der Gesellschafterin der Familie geflochten
hatte. Pitt schenkte ihn heimlich dem Portier. Spter bekam er einen
richtigen Liebesbrief, den er vier Seiten lang beantwortete, aber so,
da er von jedem Worte nur den allerersten Buchstaben niederschrieb, so
da das Ganze wie ein regelloses Alphabet aussah. Damit war dies
Erlebnis beendet.

Fox arbeitete zu Hause weiter an seiner Entwicklung. Wenn Freunde seines
Vaters zu Tisch kamen, merkte er stets auf die Unterhaltung, sein gutes
Gedchtnis lie ihn vieles behalten, und spter wiederholte er es andern
Leuten gegenber als sein geistiges Eigentum. So gelang es ihm, bei
Menschen den Glauben an Frhreife wirklich zu erwecken, nachdem sie im
ersten Augenblick ber ihn gelacht hatten. Solchem Lachen pflegte er
einen ernsten, bedauernden Blick entgegenzusetzen. Er verdarb es mit
niemand, auch nicht mit solchen, die ihm unangenehm waren. Wie oft kam
es vor, da Herr Sintrup ber irgend einen Menschen in der
lsterlichsten Weise redete; begleitete ihn Fox noch am selben
Nachmittag auf der Strae, so konnte es geschehen, da Herr Sintrup
denselben Herrn auf die kordialste Weise ansprach, ihm derb die Hand
schttelte und sich bedauernd wieder von ihm trennte. --
Weltgewandtheit, mein lieber Fox, Weltgewandtheit mu man haben; ohne
die kommt man nicht aus im Leben! Der Kerl da wei ganz genau was ich
von ihm denke; und ich wei ganz genau was der Kerl von mir denkt. Mit
der einen Hand hlt man sein Portemonnaie fest, mit der andern winkt man
sich zu, das ist einmal nicht anders! -- Fox eiferte seinem Vater nach;
und wenn der fter gezwungen war grere Reisen zu unternehmen, -- was
Fox jetzt noch nicht konnte, so stellte er sich dafr manchmal auf den
Bahnhof, wartete, bis der groe Eilzug kam, der fr wenige Minuten
verweilte, kletterte hinein, sah fr ein paar Augenblicke ernst und
interessant aus dem Fenster einer ersten Klasse, stieg dann wieder
heraus, und ging, die Hnde in den Hosentaschen, mit einem
erschpft-bedeutenden Gesichte auf dem Bahnsteig auf und ab.

Fox war faul. Aber er hatte die grte Meinung von sich und seiner
Zukunft, und oft redete er davon, er werde Pitt sogar noch auf der
Schule berflgeln. Sein auerordentliches Selbstvertrauen aber lie ihn
auf persnliche Anstrengungen verzichten, indem er dachte, alles wrde
schon von selber getan; und so kam es, da Pitt, der sich ebenfalls
keine Mhe gab, doch immer voran blieb. Pitt machte seinen Weg genau so,
wie er auf der Strae, wie er zu Hause ging: leise, ohne sichtbaren
Rhythmus. In kein Ding vertiefte er sich wirklich, er hatte keine Zu-
und keine Abneigungen, er erledigte seine Schularbeiten ohne Hast, ohne
Leidenschaft, nicht spielerisch, auch nicht zerstreut, aber so, da
seine Lehrer sagten: Es fehlt ihm das Mark und die Kraft! Es kam vor,
da man ihn ungerecht bestrafte. Trat dann durch Zufall seine Unschuld
an den Tag, und fragte man ihn verwundert, weshalb er sie denn nicht von
vornherein beteuert habe, so sagte er wohl: Es ist ja alles doch ganz
gleich! -- War aber ein Verdacht gegen ihn begrndet, und ging er nur
nach einer falschen Richtung, so klrte er alles auf, mit belehrender
Offenheit, die an Unverfrorenheit grenzte, gleichsam als Dritter,
Unbeteiligter, Darberstehender, und es htte nur gefehlt, da er, wie
einmal ein Lehrer sagte, von sich selbst als er gesprochen htte. Man
hielt ihn fr kalt und hochmtig. Er selbst hielt sich weder fr das
eine noch fr das andere. Ihm war, als fhre er hier zu Hause und auf
der Schule ein Traumleben, und als msse das anders werden, sowie er
drauen wre. Da er seinen Eltern nicht nahe stand, lag an seinen
Eltern; da er keine Freunde hatte, lag an denen, die zur Auswahl
standen; mit gelufiger Zunge setzte er alle ihre Nachteile und
Schwchen auseinander, und sprach ber sie wie ber die einzelnen
Objekte einer Sammlung.

Sein Examen rckte nun heran, und damit auch die Frage nach einem Beruf.
Diese war ihm vollstndig gleichgltig und sehr langweilig. Er fhlte
sich jedem Beruf gewachsen, und was einer wurde war ja doch nur Zufall.
Nur zur Universitt im allgemeinen entschlo er sich, da er dann am
schnellsten herauskam aus diesem den, freudlosen Leben zu Hause.

Mchtest du Mediziner werden? sagte Herr Sintrup. -- O ja, warum nicht?
-- Aber ich glaube, du hast nicht das mindeste Talent zum Mediziner. --
Dann kann ich ja auch was anderes werden. -- Solche Antworten brachten
seinen Vater zur Verzweiflung: wie ist dieser Geist in dich gefahren!
Hast du denn keine Spur von Ehrgeiz? -- Pitt schttelte den Kopf. -- Ich
lasse dich einfach ein Handwerk lernen! -- Gut, ich bin mit allem
einverstanden! -- Nirgends, von keiner Seite war dieser Mensch zu
fassen.

Erbittert machte Herr Sintrup eine Faust hinter ihm drein, wie er ihn am
ersten Examentag, ein wenig gekrmmt, zur Schule gehen sah. Pitt blieb
stehen, sah aufmerksam auf seinen Vater, der hinter der Scheibe stand,
und rief irgend etwas. Herr Sintrup glaubte eine unerhrte, grenzenlose
Unverschmtheit zu vernehmen und ffnete energisch das Fenster. -- Ach
du bist es, sagte Pitt trocken und schlich weiter. Die nchsten Tage
ging jener dumpfe Geist im Hause um, wie ihn die Aussicht auf ein
reifendes trbes Geschick zeitigt; denn Pitt machte keinen besonders
freudigen Eindruck. Nur Frau Sintrup sprach sehr gemtlich von dem
Unglck: Es sei doch ganz egal, ob Pitt noch ein Jahr lnger auf der
Schule sei oder nicht, sie liebe berhaupt keine Vernderungen, und wenn
er jetzt fort msse, so kme das doch eigentlich recht pltzlich. --
Alle waren berrascht, als die Nachricht kam, Pitt habe das Examen als
einer der Besten bestanden. Tanten erschienen zur Besichtigung und zur
Gratulation, und Frau Sintrup litt alsbald an einer Magenverstimmung. --
Fox war recht enttuscht. Nun blieb ihm nur die Hoffnung, er werde Pitt
bald einholen und dann auf der Universitt berflgeln. Fox wute schon
lngst, was er werden wollte: Regierungsbeamter, welcher Art, war noch
nicht sicher. --

Nach der ersten groen Freude begann Herr Sintrup wieder mit seinen
Fragen. Und Pitt, der sich sagte, etwas msse nun getan werden,
erklrte: er wolle Jurist werden, es sei dies der einzige Beruf, fr den
er sich eigne. Und da er dies mit lauter Stimme mehrere Male sagte, so
glaubte ihm Herr Sintrup, der anfnglich etwas mitrauisch war. Fox
dagegen meinte: Er macht mir das nur nach.

Nun war der Zeitpunkt wirklich eingetreten, nach dem Pitt sich so
gesehnt hatte, und doch empfand er eigentlich keine Freude. Als er das
Gymnasium verlie, mit dem Bewutsein, es nie wieder betreten zu mssen,
sagte er sich: dies wird mir nach vielen Jahren vielleicht noch als
einer der allerglcklichsten Momente meines Lebens erscheinen. Fhle ich
mich jetzt glcklich? Ich fhle mich genau wie vorher. Aber die Freude
wird schon hinterher kommen, wenn ich erst einmal ganz fort bin. -- Ein
Familiensouper wurde ihm zu Ehren gegeben. Er hatte keine Lust es
mitzumachen, sagte, er habe Kopfweh, und legte sich zu Bett. So ruhte
das Gewicht, die herangewachsene Generation in der Familie zu vertreten,
auf Fox, und seine breiten Schultern schienen um die Last, aber auch um
den Stolz einer solchen Brde zu wissen. Er hielt eine Rede, und es
gewann schlielich fast den Anschein, als sei dieses Fest eine
Vorwegnahme eines spteren, und in seinen Augen lag es wie eine Garantie
der Hoffnungen, die man auf ihn setzte. Frau Sintrup aber sagte, Pitt
sei nun genau so alt, wie ihr Mann damals gewesen war, als sie ihn zum
ersten Male sah. Nur habe der damals bereits einen Vollbart gehabt; --
ach Gott, ich wei es noch wie heute; er steckte mir immer Bonbons zu,
und ich lauerte ihm auf, nur um die Bonbons zu kriegen. Na, dann wurde
es ja anders, aber wieviel Jahre gingen hin bis wir uns heiraten
durften, bis er Prokurist wurde! Und das pompse Hochzeitsessen spter!
Ich glaube, ich kann die Speisekarte noch heute auswendig. Natrlich
sagten die Leute, er habe mich des Geldes wegen geheiratet. Lieber Gott,
und wenn nun ein ganz bichen Wahrheit daran gewesen wre -- Aber Mausi!
rief Herr Sintrup, aber Mausi, was fllt dir ein! Alle lachten, aber
Frau Sintrup bertnte den Lrm mit ihrer Stimme: Ich htte dich doch
auch niemals genommen, wenn Vater nicht ganz genauen Einblick in die
Verhltnisse gehabt htte! Soliditt mu sein. Andere waren ja noch
begeisterter fr mich, wenigstens in ihren Redensarten; aber die taugen
fr eine Ehe nicht, die verfliegen mit den Flitterwochen. Ich verzichte
gerne auf den Kram! --

Sie lehnte sich mit Behaglichkeit zurck und gedachte ihres ganzen
Lebens, das ihr auch nicht eine einzige Enttuschung gebracht hatte. Da
ihr Mann ihr zuweilen etwas untreu war, das rechnete sie nicht; das war
nur auf Geschftsreisen und ging sie also gar nichts an. Hier zu Hause
liebte er nur sie, bereits seit fnfundzwanzig Jahren; -- in der ersten
Zeit war ihre Ehe kinderlos. Voll Zufriedenheit sa sie im Sofa und lie
den Blick auf ihrem Bilde ruhen, das, von Schiller links, von Goethe
rechts flankiert, ihr gegenber an der Wand hing.

Bald nach diesem Abend verlie Pitt seine Vaterstadt. Mit einer
Riesengeschwindigkeit, wie zu einer ungeheuren Aufgabe jagend,
durchschmetterte er das deutsche Land -- und in Wahrheit war ihm alles,
was mit Beruf und Aufgaben zusammenhing, nebenschlich und nicht der
Rede wert. Nur seine Einsamkeit empfand er, und die Sehnsucht, da es
besser werden mchte.




                           Zweites Kapitel.


Pitt stand eines Tages im Vorsaal eines vornehmen Hauses: Er wolle das
Frulein sprechen. Der Diener bat um seine Karte, er gab sie zgernd.
Dann wartete er in dem groen, stillen Salon. -- Ein junges Mdchen trat
herein, mit stumpfem, blondem Haar und ganz hellem Gesichte. Sie hielt
Pitts Karte in der Hand, und gespannt, wer sie da wohl besuche, warf sie
einen neugierigen Blick ins Zimmer, aus ihren graublauen Augen, die wie
zwei lichte, besondere Kmmerchen fr sich allein erschienen. Sofort
aber nahmen sie einen halb berraschten, halb beunruhigten Ausdruck an:
was fllt Ihnen denn ein! sagte sie schnell und halblaut, das geht doch
nicht! Sie kennen uns doch nicht! Meine Mutter und meine Schwester
wissen doch gar nichts von Ihnen! -- Die will ich ja auch gar nicht
besuchen; sagte Pitt. -- Sie sah beunruhigt auf die Tr: Wenn meine
Mutter jetzt hereinkme -- ich kann ihr doch nicht gleich die ganze
Geschichte erzhlen -- so gehen Sie doch, hren Sie denn nicht --
meinetwegen warten Sie drauen, ich mu sowieso in die Stadt. -- Er war
noch einen Augenblick wie unschlssig, aber da schien es, als wollte sie
ihn in ihrer Unruhe vor sich herschieben; er lachte und ging eilig und
lautlos durch die teppichbelegte Vorhalle, an dem Diener vorbei, wie ein
Dieb, der einiges Silber in die Tasche gesteckt hat und sich bemht, nun
mglichst harmlos dreinzuschauen. Fast wre er gegen eine uerst
elegante, schlanke junge Dame geprallt, die ins Haus schritt und ihn
jetzt mit einem etwas erstaunten Blicke ma. Es war Hedwig van Loo,
Elfriedes ltere Schwester. -- Wer war dieser junge Mensch? fragte sie
als sie zu ihr ins Zimmer trat. -- Ein Freund von mir! sagte Elfriede
gleichgltig und kurz; Hedwig zog ein wenig pikiert die Augenbrauen
hoch; die Unterhaltung war abgeschlossen. Elfriede nahm einige Noten vom
Flgel und verlie das Haus. Wie sie drauen an der Ecke Pitt erblickte,
lachte sie, als sei es ein lebendig gewordener Witz, der da vor ihr
stnde. Er begriff noch immer nicht, da sie ihn fortgeschickt habe. --
Wenn ich nur vorher genau gewut htte, da _Sie_ das wren! sagte sie,
aber in dem Augenblick war ich ganz verwirrt. Eigentlich, fuhr sie nach
einer Pause fort, ist doch unsere Bekanntschaft auch recht sonderbar. --
Das finde ich gar nicht! Ich finde sie im Gegenteil hchst natrlich.
Ich habe noch nie im Leben einen Menschen auf so natrliche Weise kennen
gelernt wie Sie. -- Ich auch nicht! fiel sie schnell ein, aber gerade
deshalb finde ich es so komisch. -- Und eigentlich kenne ich Sie ja auch
jetzt noch so gut wie gar nicht! fuhr er fort. -- Ja das ist wahr! sagte
sie sehr ernsthaft und ging unwillkrlich etwas gemessener. -- Wenn Sie
wirklich in unser Haus kmen, fuhr sie nach einer Pause fort, so mte
ich meiner Mutter doch irgend etwas vorher sagen, das geht gar nicht
anders. -- Gut, dann tun Sie das, und dann komme ich morgen wieder. --
Bitte -- sagte sie stolz, das hngt doch von mir ab, ich mu mir das
sehr berlegen. Sie schwiegen eine Zeitlang, dann sagte Pitt: Weshalb
tragen Sie eigentlich tglich diese Mappe? -- Weil ich tglich in die
Stunde gehe! Sie haben mich schon zweimal danach gefragt und jedesmal
dieselbe Antwort bekommen. Und als er besttigend nickte, fragte sie:
Sind Sie fter so zerstreut? -- Er erfuhr jetzt, da sie sich ganz im
Klavierspiel ausbilde, viel habe sie schon gelernt, aber noch lange
nicht genug. Die Lehrer seien hier nicht besonders gut, sie wolle spter
nach Paris gehen. Darauf teilte er ihr mit, er mache niemals Plne,
alles kme ja doch immer so, wie es kommen msse. Sie fand das dumm; er
bewies es ihr an seinen letzten Erfahrungen: Eigentlich, wenn es nach
dem Plan gegangen wre, se er jetzt ganz wo anders. Er habe sich
irgendeine Universittstadt ausgesucht, aber mitten auf dem Bahnhofplatz
habe er dem Gepcktrger gesagt, er wolle umdrehen, er wolle
weiterfahren. -- Weshalb? -- Pitt zuckte die Achseln. -- Und dann sind
Sie weitergefahren? -- Jawohl, bis ich hier war, und da dachte ich: Nun
ist es richtig. -- Elfriede machte einen etwas spitzen Mund und sagte in
kleinen Tnen: Sie scheinen die Originalitt zu lieben. -- ber diese
Worte rgerte er sich, da sie ihn gar nicht trafen. -- Jetzt werde ich
nur noch in einem kleinen Kreis von Mglichkeiten herumgetrieben, sagte
er nach einer Pause, denn ich ziehe fortwhrend von einer Wohnung in die
andere. Sie fand dies toll und direktionslos -- ein Ausdruck, den Hedwig
gern gebrauchte. Er sah halb von der Seite auf ihr Gesicht, und nach
einem kleinen Nachdenken sagte er: Ihnen geht es ja gerade so wie mir!
Sonst wrden Sie doch hierbleiben und nicht durchaus nach Paris wollen!
-- Das ist doch etwas ganz anderes! Gerade das Gegenteil davon! Ich
folge doch dabei einem ganz festen Plane! Er bestritt dieses, sagte, das
rede sie sich nur ein, und berief sich auf seine Menschenkenntnis. --
Dann ist Ihre Menschenkenntnis keinen Pfennig wert! rief sie rasch und
rgerlich. Er lachte und sah sie aufmerksam an. Ich meinte das auch gar
nicht so! Ich wollte nur gerne einmal sehen was Sie fr ein Gesicht
bekommen wenn Sie bse sind! -- Nun war sie wirklich bse, hob den Kopf,
antwortete nichts und schritt schneller. Ein wenig unsicher blickte er
ab und zu auf ihr Profil, auf ihre feine, ein ganz wenig stumpfe Nase,
die so fest und eigensinnig in die Luft sah. -- Seien Sie doch nun
wieder anders! sagte er endlich. Da lachte sie und meinte, er sei ein
komischer Mensch. -- Sie hatten jetzt ein groes Haus erreicht,
Elfriedens Ziel, und verlangsamten ihren Schritt; Pitt, der es nicht
gewohnt war, eine gleichmig schnelle Gangart einzuschlagen, hatte in
den Beinen ein Gefhl, wie wenn ein Rderwerk im Ablaufen sei. -- Wenn
Sie nun wirklich nichts zu Hause sagen, dann sind Sie in Zukunft nie
mehr vor mir sicher. Ich erkenne Sie auf hundert Schritte. -- Das ist
nicht wahr! sagte sie blindlings, nur um zu widersprechen. -- Wollen wir
wetten? -- Sie schwieg wie im Nachdenken, dann sagte sie auf einmal:
Wollen Sie morgen mit mir spazierengehen? Bis dahin sage ich dann alles
meiner Mutter. -- Er war sehr berrascht ber diese pltzliche Wendung
und sagte zu. Sie verabredeten die Stelle wo sie sich treffen wollten,
dann verschwand sie im Gebude, nachdem sie noch einen kleinen
spitzbbischen Blick auf ihn zurckgeworfen hatte, als wisse sie etwas
ganz Besonderes. Er hatte wieder Gelegenheit, ihren rhythmischen Gang zu
bewundern, das erste was ihm an ihr aufgefallen war, damals, in der
ersten Zeit, als er immer, wenn er sie sah, den Mantelkragen hochklappte
und wie ein Krppel tat, aus Furcht, sie mchte ihn sonst fr einen Don
Juan halten. -- -- Am nchsten Tag war er pnktlich um die angegebene
Zeit auf der Allee. Lange wartete er vergebens, endlich setzte er sich
auf eine Bank. Guten Tag, sagte da ein halbwchsiger Knabe neben ihm,
und sah pfiffig in die Luft hinaus. Im selben Moment erkannte er
Elfriedes stumpfes, feines Profil. Die Haare hatte sie unter einer
weichen Mtze verborgen, der dunkelblaue, nur oben leicht geffnete
elegante Tuchmantel mit den breiten Aufschlgen und den Metallknpfen
reichte ihr genau bis an die Waden; sie trug schwarze Strmpfe und
Schnallenschuhe, ihr Hals war frei unter dem Matrosenkragen. -- Sehen
Sie, sagte sie stillvergngt, ohne sich zu rhren, nun haben Sie mich
doch nicht erkannt! Ihr Scharfblick ist etwas mig. -- Sie sprang auf,
und wie sie nun dastand, konnte man sie fr einen Knaben oder fr ein
Mdchen halten. -- Wir nehmen einen Wagen! sagte sie; ich mchte schnell
heraus ins Freie; drauen kann er umkehren und wiederkommen, wenn wir
ihn brauchen. -- Pitt war etwas befangen durch diese neue Wandlung, und
wie sie nun nebeneinander herfuhren, konnte er nicht gleich den rechten
Ton wiederfinden. Zudem sah er sie zum erstenmal im hellsten
Tageslichte, unter einem klaren Himmel. -- Sie lehnte sich zufrieden in
die Ecke zurck. Vorne an der Stirne schauten ein paar blonde Hrchen
durch; die Lider hatte sie vor Vergngen halb geschlossen; mit
Genugtuung lugte sie auf die Menschen, und ihre Lippen spitzten sich
unmerklich, wenn eine ihr bekannte Dame den Blick gleichgltig ber sie
hingehen lie. -- Endlich hielt der Wagen; sie waren im Freien. -- Wo
gehen wir nun hin? fragte sie. Es stellte sich heraus, da Pitt auch
nicht eine Ahnung von der ganzen Gegend hatte, obgleich er nun schon
seit ein paar Wochen hier war. Er fand solche Frage berflssig: Man
geht einfach los, wohin die Beine gehen. Irgendwo wird man schon
ankommen. Ein Baum ist ja doch genau so wie der andere! -- Sie wollte
aber ein festes Ziel vor Augen haben: Man geht mit einem ganz anderen
Vergngen, wenn man wei, wohin es geht, und mit einem viel
gesicherteren Gefhl; und dann hat man doch auch eine Vorfreude! --
Vorfreude? fragte er, was ist das? -- Ihr fiel etwas Schnes ein und sie
nahmen eine feste Richtung. Sie griff das Gesprch wieder auf: Wenn ich
kein festes Ziel vor Augen she, so wre mir das Leben berhaupt nichts
wert; ich wei ja nicht ob ich etwas Groes erreichen werde, aber ich
versuche es doch wenigstens, habe den guten Glauben daran und arbeite so
fest los darauf wie ich kann. -- Und wenn Sie es _nicht_ erreichen? --
Sie sah ihn ganz erschrocken an. -- Daran darf man nicht denken; wenn
man gleich so denken will, braucht man berhaupt nicht anzufangen. --
Das soll man auch nicht. -- Aber Sie haben doch auch einen Lebensplan?
-- Er zuckte die Achseln: irgend etwas mu man doch tun. -- Das fand sie
schwchlich und verchtlich und wollte nichts mehr davon hren; es
verderbe ihr die schne Stimmung. Sie steckte die Hnde in die Taschen
ihres Mantels und trat vergngt einen Stein vor sich her. -- Wissen Sie,
fragte sie nach einer Weile, warum ich mich so verkleidet habe? Erstens
wollte ich Sie anfhren, und dann hatte ich die Idee hier drauen mit
Ihnen einen Wettlauf zu machen, um Sie einmal etwas in Gang zu bringen.
Aber ich ahne schon, daraus wird nichts; ich halte Sie fr ungeheuer
faul. -- Sie war stehengeblieben und sah ihn wettkampflustig an. -- Erst
spter! sagte er; nicht alles gleich auf einmal. -- Sie verlieen nun
den Wald und kamen in das offene Feld, zur Landstrae. Und nach einer
Weile fragte sie: Wollen Sie nun _erst_ wettlaufen und _dann_ etwas
essen, oder erst _essen_ und dann _wettlaufen_? -- Erst wettlaufen!
sagte Pitt, der schon gehofft hatte, sie wrde das Ganze vergessen.
Sofort zog sie ihren Mantel aus und warf ihn auf die Erde, merkte einen
Baum als Ziel an, kommandierte: los, und Pitt hatte noch ehe er sich in
Bewegung setzte, gerade Zeit genug zu denken: was ist dies fr ein
Bldsinn! Htte ich sie doch niemals kennen gelernt! Aber dann drohte
sie ihn zu berholen; er mute seine ganze Kraft anstrengen, an ihrer
Seite zu bleiben; sie erreichten das Ziel gleichzeitig, aber Elfriede
rief: weiter, bis zum weien Stein; und nun berholte sie ihn, prallte
an einen Baum, umarmte ihn und rief: ich bin die erste! Die Haare hingen
ihr zerzaust vom Wind um den Kopf, die Mtze hatte sie hinter sich
geworfen als sie sich lste. Sie sah Pitt erschpft und vergngt an und
sagte ohne jeden Zusammenhang: Wissen Sie, da ich gestern in Gedanken
Schaf zu Ihnen gesagt habe?

Eine halbe Stunde spter saen sie zusammen in einer kleinen
Bauernwirtschaft, unter niedrigen Bumen. Elfriede hatte das Laufen gut
getan, sie war mitteilsam und vergngt geworden, hatte ihren frheren
Ernst ganz aufgegeben und antwortete nicht mehr so sachlich und
grndlich auf seine Meinungen und Ansichten, worber er sich innerlich
vorher gergert hatte. Dafr erzhlte sie jetzt eine Menge Geschichten,
wie sie ihr gerade einfielen, aus ihrer Kindheit, von ihren
Geschwistern, und schlielich von ihren verschiedenen Stunden. Sie hatte
noch immer Unterricht in einigen Fchern, besonders in der Mathematik,
die ihr viel Freude mache. Ihr Mathematiklehrer heie Herr Knnecke, den
msse Pitt unbedingt einmal kennen lernen, denn er sei sehr komisch:
Frher war er noch mein Rechenlehrer und kam stets nachmittags; ich
hatte ihn immer gern, aber ich mute ihn rgern, das ging gar nicht
anders. Und Harald, mein Bruder, der jetzt fort ist, in Pension, und dem
der Anzug hier gehrt, war mit im Bunde: Er stellte sich unten ins
Vestibl und durchweichte Herrn Knneckes Hut und Mantel mit der
Blumenspritze. Nach der Stunde ging ich dann mit hinab, Herr Knnecke
zog sich an, fhlte die Nsse und sagte: das ist ja mal wunderbar! Ich
wute gar nicht, da es geregnet hatte. Und dann fand er seinen Schirm,
der aus Versehen trocken geblieben war, und forderte mich auf zu uern,
was ich meine. Ich stand da ganz verlegen, whrenddessen war ihm die
Sache selber klar geworden und er belehrte mich: Der Schirm, so sagte
er, mu noch vom letztenmal her stehengeblieben sein, eine andere
Erklrung ist unmglich! -- Sie lachte selbstvergessen hell auf in der
Erinnerung, ein leises kindliches Jauchzen, und Pitt sah sie voll
innerer Freude an. Und wie sie nun weiter erzhlte, achtete er kaum auf
ihre Worte, sondern sah nur immer auf ihren Mund, auf ihre Nasenflgel,
die sich leise mitbewegten, und in ihre hellen Augen, deren Winkel sich
manchmal lustig zusammenzogen, und dann wartete er darauf, ob auch ihre
Hnde, ihre schlanken Finger, die so fest und wohlgebildet waren,
mitsprechen wrden, und er versetzte sich so sehr in die ganze Art ihrer
Bewegungen, da er einmal aus Versehen den Arm leise miterhob. -- Nun
erzhlen Sie aber auch einmal etwas von sich selbst! sagte sie endlich,
indem sie ihm den Teller mit dem letzten Stck Kuchen hinschob. Ich habe
Ihnen doch auch soviel von mir erzhlt. -- Von mir? fragte er und setzte
nach einer Pause hinzu: das wrde nicht auf all das Schne passen, was
Sie mir gesagt haben; meine Erinnerungen sind wie eine farblose Masse in
einem Eimer, und wenn ich da hineingreife, finde ich nichts Festes und
es ekelt mich nur. -- Aber das mu ja furchtbar sein! sagte sie und sah
ihn ganz erschrocken an. Haben Sie denn nie einen Menschen lieb gehabt?
-- Er besann sich, was er hierauf antworten solle, denn alles was er
htte sagen knnen erschien ihm dumm. Sie empfand pltzlich, da ihre
Frage zu nah gewesen sei. -- Sie haben einen Bruder? fragte Pitt, der
das Gesprch von sich ablenken wollte; sieht er Ihnen hnlich? -- Sie
nickte voll Stolz fr sich selber, da sie Harald so sehr lieb hatte:
Frher war er immer voll toller Streiche; er wurde zu wild bei uns.
Anfangs hatte er noch Angst vor Hedwig, aber dann kam es einmal zu einem
schrecklichen Auftritt zwischen ihnen. Nun ist er fort, und wenn er nach
Hause kommt ist alles wunderschn. -- Pitt blickte auf den Anzug, und
die Vorstellung, den Knaben, ihren Bruder, darin zu sehen, wurde so
stark in ihm, da er auf einmal schnell den Kopf hob und fragte: Hat er
nicht ganz spitze Eckzhne? So sehe ich ihn vor mir! -- Sie sah ihn
berrascht an, indem sie es besttigte: Niemand weiter von uns hat
solche Zhne! -- Hren Sie! unterbrach sie sich selbst, indem sie den
Finger hob. Dicht ber ihnen schmetterte ein kleiner Vogel seinen Ruf.
-- Ist das eine Drossel? fragte Pitt; eigentlich kannte er nur
Sperlinge, und glaubte durch diese Namensnennung schon Naturkenntnisse
zu zeigen. Sie schttelte den Kopf: Ein Fink ist es, sehen Sie, da oben
sitzt er! Sie beugte sich etwas vor und sah vorsichtig hinauf. Das
kleine Tier hatte seine Tonkaskade noch einmal in die Luft geschleudert,
da sich die feinen Federn an seiner Kehle strubten, jetzt senkte es
den Kopf neugierig, mitrauisch nach unten, stemmte sich einen Moment
halb unschlssig mit den Fen gegen den Zweig und flog davon. Pitt sah
ihm gutwillig nach.

Die Sonne warf jetzt schrge Strahlen durch die Baumstmme. Wir mssen
fort! sagte Elfriede, sonst kommen wir zu spt. -- Auf dem Wege fiel ihr
wieder ein, wovon sie zuletzt geredet hatten, und sie fragte ihn noch
einmal, woher er das mit den Eckzhnen wisse. -- Er lachte: das dachte
ich mir blo, es htte ja ebensogut nicht stimmen knnen. -- Sie fand
das sehr sonderbar. -- Ebenso, sagte er nach einer Weile, bilde ich mir
eben, wo ich darber nachdenke, ein, da Sie nur im Februar Geburtstag
haben knnen, ich wei selber nicht weshalb. -- Sie blieb stehen: _Das_
hat Ihnen aber jemand gesagt! Von selber knnen Sie das nicht wissen! --
Er lachte belustigt ber ihre Sicherheit, schttelte den Kopf, und so
mute sie ihm endlich glauben. Und nun fhlte sie etwas wie Respekt vor
ihm. -- Sie erreichten den Wagen, der an der Waldecke hielt, und fuhren
zur Stadt zurck. -- Sie kommen doch mit zum Abendessen? -- Als er mit
der Antwort zauderte, fuhr sie bekrftigend fort: Sie mssen mit! Sie
werden doch erwartet! -- Erwartet? fragte er; das klingt ja grlich.
Sie verstand das nicht und sagte, es sei doch ein ganz gebruchliches
Wort. -- Ich finde, beharrte er, es klingt furchtbar; nach
Vorbereitungen, Hndedrcken und Verbeugungen. -- brigens entsprachen
seine Befrchtungen nicht der Wirklichkeit. Frau van Loo hatte keine
Ahnung, da Elfriede mit Pitt spazieren ging, erwartete ihn also auch
nicht zum Essen. Elfriede hatte ihr am Morgen von ihrer Bekanntschaft
mit Pitt erzhlt, sie hatte schweigend zugehrt und dann gesagt: Er soll
einmal zum Tee kommen, da werden wir ihn dann besichtigen. -- Auf diesen
Worten fuend, dachte Elfriede, sie drfe sich wohl auch erlauben, ihn
gleich zum Abendessen mitzubringen. -- Ich bin im Augenblick wieder da!
sagte sie leise zu Pitt, als sie nun zu Hause in der Halle standen; ich
will nur schnell hinauf und mich umziehen. Meine Mutter soll nicht
wissen, da ich in Haralds Anzug mit Ihnen spazieren ging, und Hedwig,
wenn die es erfhre -- sie wrde acht Tage lang darber reden. Gehen Sie
ins Flgelzimmer, dort sind Sie allein! Und ehe er sich besinnen konnte
zu fragen, wo das Flgelzimmer sei, war sie schon die Treppe
emporgelaufen. Da stand er nun, sah sich die verschiedenen Tren an und
dachte endlich: Ich gehe hier hinein. --

Unter einer breiten, mit schwarzrotem Stoff verhngten Lampe, die ihr
Licht voll nach unten warf, sa eine stattliche Dame mit jugendlichen,
schnen Gesichtszgen und schimmernd silbernem, vollem Haar. Langsam
wandte sie den Kopf zu ihm von ihrem Buche.

Pitt konnte nicht mehr zurck. -- Wenigstens, so dachte er in aller
Schnelle, ist kein Vater da. Er hatte im Adrebuch gelesen, da sie die
Witwe eines Grokaufmanns war. Langsam nherte er sich ihr und blieb
endlich stehen, indem er eine etwas linkische Verbeugung machte. Sie zog
die Augenbrauen ein wenig in die Hhe, ohne ihre Stellung zu verndern
und sagte mit gemigtem Erstaunen und einer Stimme, die merkwrdig
gesichert klang: Wer sind Sie denn und wie kommen Sie so pltzlich hier
herein? Pitt nannte seinen Namen; Frau van Loo schien einen Augenblick
nachzudenken, dann fhrte sie den Blick auf ihn zurck und sagte: Ach
Sie sind der, mit dem meine Tochter gestern spazieren gegangen ist. Und
sah ihn mit einem Blick an, als wolle sie sagen: Eigentlich finden Sie's
auch wohl ein wenig komisch. -- Heute auch, sagte Pitt. -- Heute auch?
-- Davon hat mir Elfriede nichts gesagt, dachte sie. Sie hie ihn Platz
nehmen, sagte mit fast naiver Freundlichkeit: Was fr ein Mensch sind
Sie eigentlich? und sah dabei ohne allzu groe Besorgnis auf sein
Gesicht, das ihr wie das eines frhreifen, etwas melancholischen Kindes
erschien. Aber ehe er irgend etwas antworten konnte, ging die Tr auf
und Elfriede trat herein, noch immer in ihrem Knabenkostm. -- Ich
wollte mich eigentlich umziehen, aber ich finde es dumm, dir nicht zu
sagen, da ich in Haralds Anzug ging. Ich hatte ja auerdem den langen
Mantel darber! Frau van Loo verschwieg etwas, musterte sie und sagte:
Sollte dieser Offenheit nicht etwas Eitelkeit zugrunde liegen? Dann
entlie sie sie mit einem nachlssigen, zrtlichen kleinen Schlage ihrer
Fingerspitzen. -- Elfriede zog sich wieder zurck, und gerade, als Frau
van Loo ihr Gesprch mit Pitt wieder aufnehmen wollte, ward drauen eine
Damenstimme laut, die uerst gelenk klang und so, als sei sie gewohnt
zu reden und gehrt zu werden. Hedwig trat ein, dieselbe Hedwig, die
Pitt am ersten Tage flchtig sah, und von der Elfriede erzhlte, sie
habe jenen schrecklichen Auftritt mit Harald gehabt. Pitt ward
vorgestellt, sie erkannte ihn augenblicklich, schien berrascht, nickte
khl mit dem Kopfe und sagte: Also mit Ihnen ist meine Schwester in
diesem Aufzuge gegangen? Und dann redete sie mit ihrem schnellen Tonfall
Sachen, die smtlich unangreiflich waren. -- Die stille Stimmung des
Zimmers war mit ihrem Eintritt verndert, so wie wenn man ein Fenster
geffnet htte. Jetzt drehte sie nebenbei noch an einem kleinen Knopf
auf der Tapete, da der Raum pltzlich im hellen Lichte des
Kristallkronleuchters lag, und sagte, dieses Dmmerlicht habe etwas
Totenhaftes.

Alle Farben erschienen nun viel wirklicher, und Pitt kam es vor, als sei
sie selber pltzlich die Seele dieses Raumes geworden. -- Kommen Sie
eigentlich gerade von einem Ritt? fragte er nach einer Weile. -- Wieso?
fragte sie zurck, etwas erstaunt ber die Direktheit der Frage, denn
sie kannten sich ja gar nicht; haben Sie mich schon einmal reiten sehen?
-- Er schttelte den Kopf. -- Morgen besorge ich eine Leine! wandte sie
sich an ihre Mutter; Lili hat nicht die Spur von Anhnglichkeit; sie
luft wohin sie will und ist wie besessen. Da kommt es, dies Geschpf!
-- Die Tr ffnete sich, und mit Elfriede trat ein glatthaariges, weies
Hndchen ein, indem es sich ungeduldig zwischen ihr und der Tr
hindurchzwngte. Es lief auf den Teppich zu, vollfhrte einige rasende
Bewegungen um sich selbst, prustete und nieste, bohrte den Kopf in den
Boden, strich sich die Schnauze nach links und rechts ab, sprang auf
Frau van Loo zu, legte ihr die Pfoten aufs Kleid und sah sie, als sei
nichts geschehen, aus seinen blanken, rtlich-schwarzen Augen klug und
blinzelnd unbeweglich an. Aber Hedwig sagte, es gehre hinaus, schritt
zur Tr und rief es. Es hob aufmerksam die Ohren, lie die Pfoten
niedergleiten und raste durch den Raum. Im nchsten Augenblick war es
ausgesperrt, und das Gerassel seiner Klauen an der Tr verstummte erst,
als der Diener es fortfhrte. -- Das ist unser Haus- und Plagegeist!
sagte Frau van Loo; und wenn es einmal zu einer Trennung zwischen uns
kommt, so ist es seinetwegen. Ich und Elfriede lieben es, aber Hedwig
kann es nicht leiden. Doch es ist einmal da und wird sich zu behaupten
wissen! Hedwig verteidigte ihre Abneigung: Sie knne nur Tiere leiden,
die Nutzen htten, Foxterrier seien berdies abscheulich. Und da
Elfriede leise mit Frau van Loo redete, so wandte sie den Rest ihrer
Auseinandersetzungen wohl oder bel an Pitt, und unterbrach sich nur ein
einziges Mal, als sein Gesicht fr einen Augenblick vollkommen vor ihr
verschwand, da ihre Mutter das elektrische Licht wieder abdrehte: Mama,
was sollen diese Spe? Aber Frau van Loo sagte mit ihrer sicheren,
freundlichen Stimme: Mein ses Kind, ich bin die Herrin im Hause. --
Elfriede hatte ihr inzwischen heimlich mitgeteilt, sie habe noch ein
Gedeck fr Pitt zur Abendtafel auflegen lassen, da sie ihn aus Versehen
zum Essen eingeladen habe. Frau van Loo schwieg, dann sagte sie:
Elfriede, dein Sndenkonto steigt immer mehr; wir werden noch abrechnen!
-- Friedrich, der Diener, meldete, das Essen sei bereit. Hedwig wartete
vergeblich, da Pitt sich nun endlich entfernen wrde. Ein schneller
Blick auf den Tisch nebenan berzeugte sie jetzt, da er zum Abend
eingeladen war. Niemand hatte ihr dies mitgeteilt; sie empfand das als
rcksichtslos. Wer war berhaupt dieser Mensch, der so pltzlich bei
ihnen auftauchte, dessen Namen sie nicht einmal richtig wute? Wie hatte
Elfriede ihn kennen gelernt? Hedwig war erfahren genug, zu wissen, da
sie nichts aus ihr herausfragen wrde. -- In frheren Jahren war ihr
Elfriede vollstndig unterworfen gewesen, mit der Zeit aber war sie in
eine bewute Opposition zu ihr getreten, hatte sie ihren Einflu
abgeschttelt. Hedwig wurde es schwer, auf die gewohnte Macht zu
verzichten, in der bergangszeit gab es unerquickliche Kmpfe, jetzt
hatte sie allmhlich resigniert, und nur gelegentliche kleine
Bitterkeiten und vor allem Blostellungen vor andern waren die einzige
Genugtuung fr das Verlorene.

Jetzt kam sie sich unwrdig behandelt vor, sie hatte Verantwortung vor
dem Hause im allgemeinen, sie sa pikiert und khl auf dem Stuhle und
tat als sei Pitt berhaupt nicht da. Dabei brannte ihr die Frage auf der
Lippe, und endlich konnte sie sich nicht lnger beherrschen: Woher
kennen Sie eigentlich meine Schwester? fragte sie ber den Tisch
hinber. Der Ton klang fr alle unerwartet, so gereizt war er. -- Pitt
fhlte sich augenblicklich in einem altgewohnten Fahrwasser, es machte
ihm Freude, diese junge Dame zu rgern, und er sagte: Von der Strae! Es
folgte eine kurze Pause. -- Mit andern Worten: Sie haben sie auf der
Strae gesehen und sind dann einfach in unser Haus gekommen? -- Ganz
richtig! entgegnete er in einem Tone, wie etwa ein Lehrer die Antwort
eines Schlers begrt, den er auf den rechten Weg geleitet hat. -- Was
fr ein kindlicher Grobian! dachte Frau van Loo und sah ihn halb mit
Sympathie, halb mibilligend an. -- Das ist ja hchst eigentmlich!
sagte Hedwig. -- Eigentmlich? fragte Elfriede, mit einem aggressiven
Blick von ihrem Teller her, ich mchte wissen, was dabei eigentmlich
ist! -- Sagen wir einfach, bemerkte Frau van Loo, und warf einen stillen
Blick zu Hedwig hinber, Herr Sintrup ist ein Findelkind, das wir in
unserm Hause entdeckt haben. Aber Hedwig reizte dieser Blick, den sie
als eine stumme Zurechtweisung empfand; sie berhrte die einlenkenden
Worte ihrer Mutter, die ihr abgeschmackt erschienen, und fragte mit
pltzlicher Taktlosigkeit, wie sie zuweilen aus ihrem gesellschaftlich
sicheren Benehmen hervorsprang: Woher stammen Sie? Was ist Ihr Vater?
Elfriede legte mit einem Ruck die Gabel auf den Tisch. In diesem
Augenblick trat der Diener wieder ein, Frau van Loo half mit
gesellschaftlichem Geschick ber die Situation hinweg. Aber die Stimmung
war einmal gestrt, und Elfriede war froh, als das Essen beendet war.

Sie stand einen Augenblick mit Pitt allein im Wohnzimmer, whrend Frau
van Loo mit Hedwig zurckblieb. -- In Elfriedens Gesicht waren immer
noch Spuren von dem harten, besonderen Ausdruck von vorhin. Wie heftig
sie fr ihn Partei genommen hatte! Er betrachtete sie mit Wrme und
wartete, da sie zuerst sprechen solle. Und doch scho -- er wute
selbst nicht wie das kam -- in seinem Gefhl der Dankbarkeit
zwischendurch der wunderliche Gedanke auf: Ob ihr erster Satz wohl mit
Sie oder mit ich anfngt? -- Aber Elfriede schwieg. So redete keines,
bis Frau van Loo eintrat. Jetzt erzhlen Sie mir von Ihrem Spaziergang!
sagte sie und trat zu ihm heran, als er sich langsam in den besten
Sessel niederlie. -- Gerade wollte ich mich da auch niederlassen!
meinte sie in einem freundlich resignierten Ton. Er stand gleich wieder
auf und sagte: Ja, es ist der bequemste Stuhl im ganzen Zimmer.
Eigentlich hatte Pitt keine rechte Lust zu erzhlen, aber undeutlich
empfand er sein Benehmen als einen Miklang zu diesem Raum und zu Frau
van Loo selbst; so berwand er sich und geriet schlielich in ein
flieendes Sprechen; und pltzlich interessierte es ihn selber, zu
erfahren, wieviel von allem in ihm haften geblieben war, und er nannte
so viel kleine Einzelheiten, da Elfriede ganz erstaunt fragte: Ich
dachte, das htten Sie alles berhaupt nicht wirklich gesehen und
bemerkt. -- Habe ich auch nicht, aber hier -- er deutete auf seine
Stirne -- hat sich trotzdem alles aufgespeichert. -- Dies erinnerte
Elfriede irgendwie an die Geschichte mit den Eckzhnen und dem
Geburtstag, sie erzhlte beides; Frau van Loo hrte etwas skeptisch
lchelnd zu. Wollen Sie den Jungen einmal sehen? fragte sie, und bat
Elfriede den Kasten mit den Photographien zu bringen. -- Hier haben Sie
Harald als Faun verkleidet, von einer Auffhrung her. Pitt sah das Bild
einen Augenblick an, fand sein eigenes inneres ziemlich besttigt und
damit war seinem Interesse Genge getan; denn er entdeckte Bilder von
Elfriede, die ihn weitaus mehr anzogen, und fragte, ob keine Lupe da
sei. Die brigen Verwandten, ber die sein Blick flchtig hinging,
beurteilte er nur nach der hnlichkeit mit ihr selber, so da Elfriede
sagte, er tte so, als ob sie die Stammutter des ganzen Geschlechtes
sei. -- Waren Sie einmal so sentimental? fragte er erstaunt, indem er
von einem kleinen Bilde zu ihr aufsah, auf dem ihre Augen gro und
schwrmerisch blickten, unter einer breiten, weichen Haarfrisur. -- Sie
nahm es ihm wortlos aus den Hnden, ri es mitten durch und warf es ins
Kaminfeuer. -- Aber Elfriede! sagte Frau van Loo, das wonnige Bild; --
und verlangte, da sie es wieder heraushole aus den Flammen, die es
schon verzehrt hatten, whrend Elfriede etwas unruhig auf Pitts Hnde
sah, welches Bild von ihr sie nun gefat halten wrden; das ist Hedwig!
sagte sie; ich wrde mich nie im Trauerkostm haben photographieren
lassen! -- Dies Bild war bald nach dem Tode ihres Vaters gemacht worden,
und Hedwig hatte es Frau van Loo zu Weihnachten geschenkt. Elfriede war
froh, da sie nicht zugegen war. Gewi htte sie jetzt gesagt: Mein
Vater ist im indischen Meer gescheitert, -- mit einem Tone, als wenn sie
sagte: Nelson fiel in der Schlacht bei Trafalgar. -- Mit einem Male
klappte sie den Kasten zu: Sie haben nun genug gesehen! sagte sie in
einem pltzlichen instinktiven Impulse. --

Bald darauf erhob er sich und meinte, er msse nun nach Hause. Frau van
Loo hielt ihm vergeblich die Fingerspitzen zum Handku hin, und als Pitt
begann, das ganze Zimmer nach seinem Hut, der drauen im Vorplatz hing,
abzusuchen, bis es ihm endlich einfiel, und er wieder in Stillstand
geriet, sagte sie: Sollten Sie fter in unser Haus kommen, Herr Sintrup,
so will ich Sie etwas erziehen; Sie _scheinen_ die Mhe wert zu sein! --

Es kamen jetzt schne, stille Wochen fr ihn. Zum erstenmal in seinem
Leben fhlte er sich glcklich. Das was er gesucht hatte, schien er
gefunden zu haben: einen Menschen, mit dem ihn eine wachsende Zuneigung
verband. Stillschweigend nahm er sich vor, in dieser Stadt so lange zu
studieren, wie Elfriede bleiben werde, und wenn sie nach Paris ging,
wrde er ihr nachfolgen. Er ging jetzt regelmiger zur Universitt, und
mute lcheln, wenn er daran dachte, wie er sich dort in den ersten
Wochen beschftigt hatte; da hatte er sich auf die hinterste Bank
gesetzt, die Rckenansichten aller vor ihm Sitzenden studiert und kurze
Bemerkungen darber in sein Notizbuch eingetragen, und in den Pausen war
er herumgegangen und hatte eingehend ihre Gesichter gemustert, immer in
der Hoffnung, irgend einen Menschen zu finden, der anders wre als die
andern. Dies war nun vorbei, sie interessierten ihn nicht mehr in
Beziehung auf sich selbst, er fhlte sich im Verkehr mit Elfriede
ausgefllt. --

Daneben las er viel. Eines Tages bekam er im Lesesaal der Bibliothek
ganz zufllig ein philosophisches Werk in die Hnde; lange Zeit las er
stehend darin, schob es endlich achtungsvoll auf seinen Platz zurck,
merkte sich ihn, kam von diesem Werk auf andere, und so vertiefte er
sich allmhlich in eine Welt, die ihm der seinigen irgendwie verwandt
erschien. So kam es, da er auch philosophische Vorlesungen hrte und
die juristischen allmhlich ganz vernachlssigte, ohne jedoch seinen
Plan, Jurist zu werden, aufzugeben.

Hedwig fand sich mit seinem Dasein ab, zumal die Spuren von Frau van
Loos Erziehung sich angenehm an ihm zeigten: Seine Kleidung wurde
gewhlter und unter ihrer Anleitung sogar geschmackvoll, und sein
Benehmen glttete seine etwas ungehobelte Oberflche; allerdings gab es
darin immer noch einige Aststellen, die niemals ganz mit dem brigen
zusammengehen wollten, aber das lag an Hedwig selbst, die nicht die
geeigneten feinen Messer besa, gerade ber diese Stellen hinzugehen.

Das Haus der van Loos wurde ihm zu einer stillen Insel. In seinem
eigenen Zimmer fhlte er sich niemals wohl; dort erfate ihn stets die
alte Unruhe, und wie frher zu Haus von Stube zu Stube, zog er von
Wohnung zu Wohnung, ohne je wirklich angeben zu knnen, welche Schden
und Mngel ihn dazu veranlaten. -- Ihnen fehlt die Huslichkeit! sagte
Frau van Loo; Sie mten Menschen um sich haben, die wirklich fr Sie
sorgen, Sie sind zu jung, um wie ein alter Junggeselle zu hausen! --
Auch Elfriede empfand das ewig Wechselnde seiner ueren Existenz.
Zuweilen brach in seinem Wesen eine Zerstreutheit, eine vllige
Abwesenheit aller Gedanken durch, die sie auf seine immer wechselnde,
ungewisse Lebenslage schob. Der Gedanke scho ihr durch den Kopf, ob er
nicht bei ihnen selbst wohnen knne, aber sie sagte sich sogleich, da
weder ihre Mutter noch Hedwig damit einverstanden sein wrden. Da
leitete sie etwas ganz Besonderes ein.

                   *       *       *       *       *

In seinem bescheidenen Heime sa Herr Knnecke. Die Abendsuppe war
gegessen, die Kartoffeln in der Schale -- so recht locker, aufgebrochen
wie er sie liebte -- dufteten vorzglich, das Bier schien auch noch
frischer, schumender als sonst, und es drngte Herrn Knnecke, zu
seiner Cousine, die ihm den Haushalt fhrte, zu sagen: Selma, meinst du
wohl, da reichere Leute glcklicher sind als wir? Aber er vermochte das
nicht; es nagte ihm am Herzen, da er durch ein gutmtig gegebenes
halbes Versprechen im Begriff war, diese Huslichkeit zu zweit zu
stren. Aber es mute heraus. Er sog nachdenklich an seiner Zigarre, und
endlich sagte er: Selma, wie wre es wohl, wenn wir ein Zimmer
vermieteten? -- Fehlt dir etwas an Bequemlichkeit? fragte sie dagegen;
-- meinst du, durch ein bichen Nebenverdienst knntest du sie bekommen?
Gengt dir dein Gehalt nicht? Und das, was ich durch meiner Hnde Arbeit
verdiene? O Wilhelm, ich will mich ja gerne noch mehr abarbeiten als ich
tue -- das heit -- was tue ich denn eigentlich? Ich lebe ja wie eine
Prinzessin! Wie viele Menschen gibt es, die berhaupt nichts haben! Und
ich, ich habe doch dich, du Einziger, Geliebter! -- Herr Knnecke
errtete: Selma, wenn dich jemand so reden hrte, knnte er wirklich auf
unreine Gedanken kommen; ich wei ja, da du dir nichts Schlimmes dabei
denkst, aber du bist manchmal so bertrieben in deinen Ausdrcken! --
Sofort scho die dunkle, von ihm so gefrchtete Rte auf ihre Stirn:
Wenn ich dir nahestnde -- sagte sie leidenschaftlich, und ihre Augen
wurden feucht -- dann knntest du nicht so reden; jedes warme Wort von
mir wrde dir wohltun. Auf Liebe habe ich ja verzichtet -- du weit, da
ich verlobt war und da er starb -- aber wenn einen nun noch unsere
nchsten Angehrigen verwunden, kaltherzig sind, wenn man um ein ganz
klein wenig Wrme bittet -- sie prete ihre Lippen zusammen und aus
ihren Augen liefen Trnen. Er erhob sich und wollte den Arm um ihre
Schulter legen, sie wehrte ab: Mitleid will ich nicht! Wenn die Liebe
nicht von Herzen kommt, wenn man einander nicht begegnet in demselben
Gefhl -- Sie ri an ihrem Taschentuch und murmelte heftig: Lieber in
die Grube fahren, Sargdeckel zu, Erde drauf, fest gestampft, gut da sie
tot ist, fertig!! -- Es war nicht das erstemal, da Frulein Nippe so
redete. Herr Knnecke geriet dann jedesmal in eine hilflose
Verlegenheit, da er auch nicht das geringste darauf zu sagen wute. Es
kam bei ihr pltzlich und fast immer dann, wenn er am wenigsten darauf
gefat war. -- Jetzt hustete er leise, tief und unglcklich. -- Wenn ich
nur wte, sagte sie nach einer Weile ruhiger, was ich noch fr dich tun
kann, um dich glcklich zu machen! Ich wrde ja, um andere zu beglcken,
mir das Hemd vom Leibe reien; -- direkt vom Leibe reien, wiederholte
sie, indem sie in eine Ecke starrte und sich selbst in dieser Ttigkeit
beschftigt sah, aber ich frage: Was ntzt das alles, wenn man nicht
einmal anerkannt wird, wenn man dafr mit Steinen beworfen wird? Und
Steine auf den nackten Krper -- setzte sie hinzu, schmerzen noch mehr
als auf den bekleideten! -- Jetzt ergriff Herr Knnecke das Wort: Er gab
zu, da sie vom Leben hart mitgenommen wre, er wisse, da sie engelsgut
sei, er hege die tiefste Dankbarkeit gegen sie, aber -- und er erhob
unglcklich seine Stimme: Ich kann dir das doch nicht Tag fr Tag mit
Worten wiederholen! Ich bin nun mal nicht so! Habe ich je in meinem
Leben etwas Bses zu dir gesagt? --

Sie ging auf ihn zu, glitt an ihm nieder und drckte seine Knie, da er
ganz verlegen erst das eine, dann das andere Bein in die Hhe zog. Auf
einmal sprang sie auf, setzte sich auf einen Stuhl am Tisch, faltete die
Hnde und sah ihn strahlend an: Nun sage mir, du Wonniger, wie meinst du
das mit der Stube? -- Er wollte zunchst das du Wonniger beanstanden,
unterlie es aber, erzhlte dann sein Zusammentreffen mit Elfriede van
Loo, und fgte hinzu, da der Herr Sintrup morgen kommen wolle, um sich
alles anzusehen. -- Und mit dieser einfachen Geschichte hast du solange
gezgert? Komischer Mann! Schweifst ab anstatt bei der Sache zu bleiben,
redest von hundert andern Dingen und qulst mich, und dabei ist doch
alles so klar, -- ich wte gar nichts was klarer sein knnte! Aber die
gute Stube bleibt wie sie ist; er bekommt _mein_ Zimmer, und ich ziehe
in die Kammer. Mir schadet das gar nicht. Junge Leute mssen
Bequemlichkeit haben; ach wie ich sie liebe, diese goldene Jugend! --
Sie lief auf den Vorplatz und kam gleich darauf zurck, den Kopf mit
einem billigen rosa Theaterschal umhllt: Sitzt er recht? fragte sie und
lchelte. -- Sie wollte noch heute abend schnell zu einer Tante rennen,
in deren Besitz einige ihrer Mbel waren; er versuchte ihr das
auszureden, aber sie sah ihn grimmig von der Seite an. -- So blieb er
allein zurck, setzte sich in den Lehnstuhl, rckte ihn so, da er nicht
wackelte, seufzte tief und sagte: Ach Gott! -- Und dann dachte er: Es
ist gut, da sie noch an die frische Luft kommt, die Arme! Immer plagt
sie sich fr andere Menschen, und sie hat ganz recht: ich zeige es ihr
nicht genug, da ich sie lieb habe. -- Er dachte sich aus, wenn sie nach
Hause komme, solle der Kaffeetopf dampfend auf dem Feuer stehen. Zu
diesem Behuf erhob er sich, schnitzte Holz zum Herdfeuer, und dann
klemmte er die Kaffeemhle zwischen die Knie.

Am nchsten Tage begegneten sich die zwei in demselben Ziele: Jeder
wollte auf sein eigenes Zimmer verzichten und in die Kammer bersiedeln,
jeder wollte dem andern wohltun. Aber Frulein Nippe siegte: Sie prete
die Zhne aufeinander und ri die Augen weit auf, indem sie ihn zur
Schwelle drngte mit all ihren Krften. Er mute in sein eigenes Zimmer,
sie verriegelte ihn von auen. -- Licht! Luft! Und Liebe! hrte er sie
jammern, auf Liebe habe ich ja verzichtet, aber Licht und Luft verliere
ich nun auch noch! Dieses elende dunkle Loch! -- sie strzte zum Fenster
und ri die Flgel auf -- und dann jammerte sie weiter, da gerade sie
vom Schicksal ausersehen sei alle Marter der Welt zu tragen.

Als Pitt erschien, war das Zimmer fertig eingerichtet, obgleich sie ja
nicht einmal wute, ob sie es nun auch vermieten wrde. Herr Knnecke
hatte ihr erzhlt, Frulein van Loo habe zu ihm gesagt, der Herr Sintrup
msse es gemtlich und heimisch haben. So sagte sie denn, um es ihm
recht warm ums Herz herum zu machen, sogleich: ihr eigenes Lebensgebude
sei ein luftig durchbrochener Bau, in den berall die Sonne
hineinscheine; ihre eigene Wrme strahle ber auf ihre Umgebung: Wo ich
erscheine, verbreite ich Behaglichkeit und Vergngen. -- Vergngen schon
-- sagte Pitt ernsthaft. -- Nun sehen Sie! Und die Behaglichkeit wird
sich auch noch einstellen! -- Pitt machte dieses Frulein Spa. Herr
Knnecke erschien neben ihr wie die menschgewordene epische Breite, und
er dachte: Fr ein paar Wochen wenigstens kann ich es immerhin
versuchen. Er mietete. -- Am Nachmittage zog er ein: Frulein Nippe
hatte in aller Eile einen Kuchen gebacken, und das Willkommschild
nagelte sie gerade an die Tr, mit viel zu langen Stiften, die klaffend
ins Holz fuhren, als er die Treppe heraufkam. --

Zu Anfang war es ihm, als befinde er sich in einem Lustspiel; nach und
nach erfuhr er ihre ganze Lebensgeschichte, an die sie Sentenzen mit
verfehlten Bildern knpfte, und zu solchen Sentenzen reizte er sie immer
wieder. Aber allmhlich fing sie an sich zu wiederholen, und nun begann
sie ihn zu langweilen. Sie ihrerseits begriff nicht, warum seine Tr
immer verschlossen war, wenn sie zu ihm herein wollte. Alles war doch so
gut gegangen, zu Anfang! Ach! immer drngte ihre strmische Seele vor,
die Frucht zu pflcken, ehe noch die Blume voll entfaltet war; die
Menschen waren einmal so sonderbar: langsam wollten sie erwrmt werden,
anstatt sich direkt ans Herz schlieen zu lassen, wie es doch das
Natrlichste war. Sie beschlo still zuzuwarten und es der Zeit zu
berlassen, seine rauhe Schale aufzutauen. Herr Knnecke hielt sich
von Anfang an in angemessener Entfernung, nachdem er zuerst gehofft
hatte, abends ab und zu mit ihm und seiner Cousine schwarzer Peter zu
spielen; er spielte auch eigentlich gern mit ihr allein schwarzer Peter,
aber sie fand es langweilig, da jeder immer wisse, was fr Karten der
andere habe und gar kein Geheimnis dabei sei. -- Pitt hatte in Blde
sich den Tonfall beider angeeignet und erfreute Elfriede zuweilen damit,
da er einen Dialog zwischen ihnen improvisierte, wobei ihm dann
blitzartig auch entlegenere Seiten ihrer Charaktere klar wurden, die er
vorher noch nicht beachtet hatte. Ich glaube aber, sagte er manchmal,
ich ziehe bald wieder aus; es wird mir langweilig, immer dasselbe zu
sehen.

Der einzige Platz, wo er sich wirklich wohl fhlte, war das Haus der van
Loos, und, von einer inneren Unruhe getrieben, erschien er zu den
verschiedensten Tageszeiten dort, redete oft gar nichts, setzte sich in
einen Sessel und hrte Elfriede spielen. Zu Anfang hielt sie ihn fr
ganz unmusikalisch, denn er kannte sehr wenig und verwechselte oft die
Namen der grten Meister; dann wieder verglich er Werke, die sie
spielte, mit seiner zgernden, sicheren Stimme in so nachdenklicher
Weise, da ihr eigenes Urteil zuweilen unsicher wurde. Anfnglich
erschien ihr manches, was er sagte, beinah toll, und sie lachte einfach.
Nie lie er sich dadurch beirren; dann dachte sie darber nach, und
endlich schien es ihr, als knne er recht haben und sie unrecht. Langsam
bildete sie sich nach seiner Weise, und oft, wenn sie mit andern redete,
ertappte sie sich dabei, da sie Dinge sagte, die sie zwar nicht von ihm
gehrt hatte, die aber seiner Art des Wesens entsprangen. --

Pitt verga die ganze Vergangenheit, und um so mehr erschreckte ihn
eines Tages eine Postkarte, worauf sich sein Vater zum Besuch anmeldete.
Eine Geschftsreise fhrte ihn in die Stadt, und er wollte nicht
versumen, mit seinem Sohn zusammen zu sein. -- Pitt verwechselte die
Morgenstunde seiner Ankunft mit der Abendstunde, und traf seinen Vater
erst mittags, zufllig, in seinem eigenen Zimmer.

Vorher aber fand eine lngere Begrung und Ansprache von seiten
Frulein Nippes statt. Herr Sintrup war in seinem pompsesten Habitus,
ihr Herz war sofort im Sturm erobert. -- Darf ich Ihnen vielleicht ein
Glschen Kognak anbieten? Ganz alten, echten! Und ehe Herr Sintrup
abwinken konnte, war sie schon hinaus, holte ihn und kredenzte ihm das
Glschen mit einem kleinen Knix. -- In der Tat vorzglich! sagte Herr
Sintrup und schnalzte mit der Zunge. -- Noch einen? Noch ein ganz
kleines Glschen? Nur so ein ganz kleines Glschen? Sie lchelte
schelmisch, kredenzte abermals, und er nannte sie eine liebenswrdige
Hebe. Der Kognak war wirklich hervorragend gut! Er fhlte sich etwas
angegriffen von seinen Geschftsgngen, und nach einem kleinen Zgern
langte er mit einem: ist es erlaubt? -- zu einem dritten Glschen selbst
zur Flasche. -- Dies war einmal jemand, der gern Gebotenes mit
Selbstverstndlichkeit annahm! -- Ob er wohl Witwer ist? fuhr es ihr
durch den Kopf. Und sogleich reihte sich ein anderer Gedanke daran:
knnte ich bei dem nicht Hausdame werden? Diese gutfrisierte, herrlich
bartbeschnittene Gestalt! Diese freien, kernigen Augen unter den
mnnlichen, leicht ergrauten Brauen! Hatte er nicht etwas ganz
Witwermiges an sich, ja geradezu etwas _Hahnreihaftes_!? -- Denn unter
einem Hahnrei stellte sich Frulein Nippe einen lteren, aber innerlich
jugendlichen und feurigen Herrn vor, dem ein ganzer Hhnerhof von Frauen
zur Auswahl steht. -- Pitt hatte niemals von zu Hause einen Brief mit
Frauenhandschrift bekommen; Frulein Nippe wute dies, denn sie las
alles. Wie geht es der Frau Gemahlin? fragte sie aber doch zur
Sicherheit; und sprte einen kleinen Stich, als sie hrte, da es ihr
gut gehe, da sie mithin noch existierte. Trotz allem aber -- um so
selbstloser war dies von ihr -- machte sie ihm die schmeichelhaftesten
Komplimente, die er etwas gnnerhaft, aber nicht ungern ber sich
ergehen lie. Pitt kam nicht. -- Er knipste ein paarmal an seiner Uhr --
gewi ein liebes Andenken? Und so kostbar! -- und erhob sich. Er begriff
nicht, da sein Sohn nicht kam, nannte ihn rcksichtslos und redete
davon, da er ihm zutraue, womglich erst zum Abendessen ins Hotel zu
kommen. Bei diesen Worten regte sich etwas Liebliches in Frulein Nippe,
aber sie seufzte nur diskret, fragte nach dem Namen des Hotels, -- es
war das allererste, teuerste -- und das Liebliche regte sich noch
strker. -- Da kommt er! ich hre den Schlssel in der Korridortr!
sagte sie pltzlich, und als Pitt erschien, zog sie sich sogleich
taktvoll zurck und horchte whrend des Folgenden nur an der Zimmertr.
Halloh! sagte Pitt unwillkrlich, als er jemand in seinem Zimmer stehen
sah.

Nach der ersten Begrung machte ihm Herr Sintrup Vorwrfe, da er
niemals schreibe, da er keine von den Besuchen gemacht habe, zu denen
er ihm die Empfehlungen gab, da er so oft von einer Wohnung in die
andere ziehe, und endlich, da er nicht einmal auf den Bahnhof gekommen
sei. -- Pitt wute fr all dieses Grnde anzugeben, die Herr Sintrup
smtlich fr nicht stichhaltig erklrte. Er nannte ihn einen verlorenen
Sohn, an dem seine Eltern keine Freude erlebten, und als er die vielen
philosophischen Bcher auf seinem Tische liegen sah, verlangte er, da
da in Zukunft nur juristische zu liegen htten. Pitt versprach alles was
er wollte, und damit war dies Kapitel, wie Herr Sintrup sich ausdrckte,
erledigt. Whrend sein Vater sprach, wunderte sich Pitt darber, wo die
Kognakflasche herkam, aus der er sich ganz in Zerstreutheit ab und zu
ein Glschen einschenkte, das er auf einen Zug leerte. Donnerwetter!
sagte Herr Sintrup, als sie sich endlich erhoben, um zum Mittagessen zu
gehen -- Frulein Nippe zog sich bei dem Gerusch sofort zurck -- mir
ist so schwer in den Gliedern! Herr des Himmels, jetzt habe ich der den
halben Kognak ausgetrunken! Alter, franzsischer Kognak, das mu ein
Erbstck sein. Ich mu ihn ihr irgendwie ersetzen. Er zog ein Goldstck
aus dem Portemonnaie, warf es auf den Tisch und sagte, damit mge ihr
Pitt die ganze Flasche abkaufen, es wre gut bezahlt. -- Das geht nicht;
sagte Pitt. Herr Sintrup dachte nach: Immerhin war sie eine Dame! Es
fiel ihm ein, was sie vorhin fr Augen machte, als er vom Abendessen im
Hotel redete, und er sagte zu Pitt: Ich knnte mich ja revanchieren,
indem ich sie fr heute abend ins Hotel lade! Nebenbei wre es ein gutes
Werk, die mal recht vollzufttern, denn sie sieht hllisch mager aus.
beraus bedeutend ist sie zwar nicht, aber sie hat doch ein ganz nettes
Wesen! -- Pitt war damit einverstanden; er brauchte dann nicht den
ganzen Abend mit seinem Vater allein zu sein. Frulein Nippe wurde
geholt, sie nahm strahlend und dankend an, und Herr Sintrup machte
verwunderte Augen, als sie auch im Namen ihres Vetters dankte. -- Um so
besser, dachte Pitt.

Endlos lange saen sie mittags im Restaurant, Pitt rauchte eine
Zigarette nach der andern, nur um irgendeine Ablenkung zu haben. Er kam
sich wie in einer Verbannung vor, zurckversetzt in seine Vaterstadt,
abgeschnitten von aller Freiheit, obgleich es sich ja nur um Stunden
handelte. Herr Sintrup fragte nach seinem Verkehr. Pitt nannte das Haus
van Loo. -- Herr Sintrup nahm die Zigarre aus dem Mund: Die Amsterdamer
van Loos? Verkehrst du da viel? -- Jeden Tag. -- Ist da eine Tochter? --
Kennst du denn die Familie? fragte Pitt zurck. -- Und ob! natrlich
nicht persnlich. Er warf Pitt einen verschmitzten Blick zu: Junge,
Junge, das knnte ja mal etwas Famoses werden! Du mut es nur richtig
anstellen; wie bist du denn da hineingeraten? Und Herr Sintrup erzhlte
die Geschichte von dem Vater, der im indischen Meer ertrank. -- Die
Familie erschien Pitt pltzlich in einem fast trivialen Lichte; bisher
hatte er ein Gefhl gehabt, als sei sie eigentlich nur seinetwegen
vorhanden; nun erfuhr er, da der Name eine Weltfirma sei. -- Die
Familie halte dir warm! fuhr sein Vater fort, _die_ Marke ist ff! Hat
zwar jetzt direkt mit der Firma nichts mehr zu tun, profitiert aber noch
kolossal davon. Ja so was lasse ich mir gefallen! Hast du noch mehr von
der Sorte? -- So fragte Herr Sintrup und machte animierte Augen. Pitt
dachte: Ganz genau so wird Fox einmal werden! -- Und als ob dessen Geist
ungesehen im Zimmer schwebte, fuhr Herr Sintrup fort: Das mu ich Fox
erzhlen! Das wird dem Eindruck machen! brigens: knnte die denn heute
abend nicht mitkommen?! Wenn ich nun vorher einen Besuch in der Familie
machte? Das ginge doch prchtig! -- Pitt wurde rot und sagte: auf gar
keinen Fall! -- Sein Vater miverstand dies, drohte ihm schalkhaft mit
dem Finger und meinte: ^Noli turbare circulos meos^ -- das ist das
einzige, was ich noch vom Lateinischen behalten habe. -- Dann schwiegen
beide wieder, und Herr Sintrup, der schon vorher von Zeit zu Zeit etwas
abwesend schien -- Pitt schob dies auf die vielen Kognaks -- sagte
pltzlich wie nach einem Entschlusse: Ja, wenn du mich jetzt verlassen
willst -- ich habe noch ein paar Geschftsbriefe zu schreiben, und
nachher mchte ich ruhen. Er zog seinen Fllfederhalter und einige
Bltter Papier hervor, und Pitt war froh, fr den Nachmittag frei zu
sein. Drauen atmete er auf. Er wollte sofort zu Elfriede gehen, ihm
war, als sei er seit Wochen nicht bei ihr gewesen. -- Wie er so an
seinen Vater dachte, blieb er pltzlich mitten auf dem Platze stehen,
sah auf das Restaurant zurck, in einem halbklaren Gedanken, der -- er
wute selbst nicht wie -- ihm durch den Kopf geschossen war, dann ging
er sehr schnell zurck und lugte vorsichtig durch die Fensterscheibe:
Herr Sintrup sa jetzt an einem andern Tisch, neben einer Dame, die Pitt
zwar vorher auch schon bemerkt aber nicht beachtet hatte. Sie hielt den
Blick nicht ohne Wohlwollen auf Herrn Sintrup geheftet, antwortete ab
und zu, und schlielich sah Pitt, wie erst sein Vater, dann die Dame die
Uhr hervorzog, und wie sie die ihrige nach der seinigen richtete. Dann
legte Herr Sintrup leise seine Finger ber ihre Hand und sah ihr
freundlich in die Augen. Pitt wandte sich vom Fenster ab und schritt
wieder ber den Markt. Nie hatte er einen starken Zusammenhang mit
seiner Familie gehabt; aber nun war ihm doch, als wre die Wand eines
altbekannten Zimmers eingerissen, so da ein neuer Raum entsteht, der
nur halb der alte ist, und in dem man sich mit einem Gefhl der
Fremdheit und des Frstelns umsieht. Eigentlich mte ich ja nun wohl
entrstet sein, dachte er; aber es wollte kein hnliches Gefhl in ihm
aufkommen; ja, sein Vater kam ihm bemitleidenswert vor. Derartige
Erlebnisse bildeten jedenfalls Lichtpunkte in seinem arbeitsvollen, den
Dasein. Ob solche Lichtpunkte wohl fters eintraten? Ob seine
Geschftsreisen wohl meist so menschlich schlossen? Und ob wohl seine
Frau, Pitts Mutter, um diese Erlebnisse wute? -- Er machte eine
Bewegung, als wolle er alles von sich abschtteln, und lutete schrfer
an der Glocke des van Looschen Hauses als sonst, so da der Diener
Friedrich ganz verwunderte Augen machte.

Frau van Loo empfing ihn: Gut, da Sie kommen! Hren Sie! Elfriede bt
ihre Etde eben zum siebenundzwanzigstenmal, und darin kommt ein Akkord
vor -- im selben Augenblick hrte man einen schrillen Klang -- sie hielt
die Hnde an die Ohren und fragte dann: ist er noch da? -- Darauf ging
sie langsam zur Tr, rollte sie auf und rief Elfriede zu, sie habe
Besuch. -- Ja! antwortete sie, und ihre Stimme klang ganz abwesend. Frau
van Loo zog sich zurck. -- -- Pitt ging auf sie zu und fate ihre
beiden Hnde. -- Was haben Sie denn? fragte sie erstaunt. Er wollte mit
ihr spazierengehen -- nur eine einzige Stunde! -- Elfriede hrte kaum
zu; mit gerteten Backen sa sie da, ihre Gedanken irrten fortwhrend zu
ihrer Etde zurck. -- Auf keinen Fall! sagte sie, o, ich bin in so
herrlicher Stimmung zum Arbeiten, -- und ich kriege es auch noch, fgte
sie, schon wieder abgelenkt, hinzu. -- Sie sollen aber mit mir gehen!
sagte Pitt heftig, ich halte es einfach nicht mehr aus! Und wenn Sie
jetzt nein sagen, komme ich nie wieder zu Ihnen, denn dann sehe ich, da
Ihnen meine Freundschaft gar nichts wert ist. -- Elfriede sah ihn ganz
erstaunt an: War dies Pitt Sintrup, der so heftig reden konnte? Fast wie
selbstverstndlich gab sie nun ihre Einwilligung, und jetzt erst fiel
ihr ein, da wohl alles mit seinem Vater zusammenhnge. -- Frau van Loo
war sehr zufrieden, als sie hrte, Elfriede wolle gehen. Sie hatte sich,
wirklich erschpft durch die Tne, zum Ruhen hingelegt; wohlig schaute
sie aus ihren weichen Decken und Fellen heraus, mit ihrem
silberglnzenden, vollen Haar und den schn geformten, groen
Wangenflchen, auf denen sich zwei kleine Grbchen bildeten, als sie,
ohne ihre Haltung zu verndern, die Augen zu Elfriede gehen lie und
sagte: Weit du, was ich gerade in aller Schnelligkeit getrumt habe?:
Harald sei da und setzte mir einen Kranz von Kirschen auf den Kopf.
Harald hat doch zu hbsche Ideen! -- Als Pitt und Elfriede das Haus
verlassen hatten, ging sie, nachdem sie genug geruht, in das
Musikzimmer. Und als es spter zu dunkeln begann, erleuchtete sie den
ganzen Saal, um sich einzubilden, Elfriede be. Das war viel angenehmer
als sie wirklich ben zu hren.

Pitt ging neben Elfriede her; die Abendluft war klar und mild, das
Gewlk des Tages hatte sich verzogen, der Himmel war ein reines, tiefes
Hellblau geworden, so tief, da man endlos weit hineinschauen konnte,
und dann sah man kleine schwarze Punkte, die sich hin und her bewegten,
Vgel, die dort oben flogen. Pitt sah nicht hinauf. Seine Augen blickten
immer in die hchsten Spitzen der Pappeln, die leise bewegt erschienen,
obgleich kein Wind wehte. In ihnen lag goldene Abendsonne; er liebte die
Sonne nur am Abend, und von allen Bumen liebte er nur die Pappeln, mit
ihren steilen, luftigen, unerklimmbaren sten, diese Bume, deren
Anschauen weit weg fhrt von den Menschen und von allem, was mit der
Welt zu tun hat. Er war in einer ruhigen, schnen Stimmung. --

Wenn das Leben immer so wre wie in diesem Augenblick, sagte er nach
einem Schweigen, wie wundervoll wre das; aber man darf es nicht
aussprechen: sogleich wird alles trivial. -- Wenn ich Sie so reden hre,
antwortete Elfriede, verstehe ich Sie nicht; mir scheint es schn, so
etwas auszusprechen; wre man immer stumm, so wrde der andere niemals
wissen, was in einem selbst vorgeht; und Sie sprechen wenig genug aus!
Es tut mir doch wohl, zu fhlen, wenn ich einem andern wohltue. -- Sie
schwiegen beide, und es war Elfriede, als ob sie Pitt schon seit langem,
langem kannte, und als ob sie sehr, sehr gute Freunde wren. -- Wissen
Sie, sagte er nach einer Weile, da mein Vater auf den Gedanken kam, Sie
fr heute abend einzuladen? -- Sie war zunchst berrascht, dann aber
sagte sie mit einem Entschlu: ich gehe mit. -- Er nahm dies anfnglich
als einen nicht ernsten Einfall, aber sie blieb dabei: Es mu mich doch
interessieren, jemand kennen zu lernen, der Ihnen so nahe steht! Ganz
egal, ob Sie sich innerlich nahe sind oder nicht. Nach Hause wrde sie
telephonieren -- sprach sie weiter -- sie gehe ins Theater -- so sehr
lange wrde das Zusammensein doch nicht whren -- morgen frh oder ein
andermal wrde sie dann ihrer Mutter die Wahrheit sagen, wenn es nicht
mehr so schlimm wre. -- Sie werden mich dann vielleicht nicht mehr so
gern mgen, wenn Sie erst meinen Vater kennen! -- Erst recht, wenn ich
den Unterschied zwischen Ihnen sehe! Er fgte sich. -- Als es endlich
Zeit war, sich zum Hotel zu wenden, und wie sie ber dem Reden stehen
blieben und langsam umkehrten, warf sich pltzlich ein kleines, weies,
lebendiges Paket gegen Elfriedes Krper. Es war das Hndlein, welches
sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, weil es wute, da es
eigentlich zu Hause bleiben msse. Jetzt dachte es, man gehe sowieso
heim und es knne sich somit durch sein pltzliches Zuerkennengeben
nichts mehr zerstren. Es setzte sich mit einer pirouettenartigen
Drehung dicht vor Elfriede auf die Hinterbeine, wie eine kleine
Schildwache, den Rcken gegen ihr Kleid gelehnt, leckte sich den Mund,
hob die Pfoten und blickte vernnftig drein aus seinen rtlich
umrnderten dunklen Augen, die so aussahen, als sei das Fell nicht
gengend weit um sie herum ausgeschnitten. Elfriede durchschaute es
vllig, lachte und stie es leicht vorwrts. Es schnellte bis zur
nchsten Straenecke, blieb dann stehen, da es nicht wute, ob man sich
nach links oder geradeaus wenden wrde, kam wieder zurck, bewegte
ausnehmend lppisch sein Hinterteil und versuchte es dann unter den
Bauch zu ziehen, da es dort besonders fror. So ein Tier, sagte Pitt,
fhrt ein ideales Leben. Es tut das, was ihm der Augenblick eingibt,
kennt keine Konflikte; Wollen, Fhlen, Handeln, alles ist wie ein
einziger starker Schlag. Beneidenswerte Primitivitt!

Haben gndiges Frulein Gefallen am Verkehr mit einem Sprling meines
armen Hauses gefunden? So fragte Herr Sintrup, nachdem er zur Begrung
die Hacken zusammengeschlagen und Elfriede eine tiefe, respektvolle
Verbeugung gemacht hatte. Und er verbreitete sich darber, wie
angemessen der Ausdruck sei, in Rcksicht der Weltfirma der van Loos.
-- Elfriede htte am liebsten gelacht, so fremdartig und komisch kam ihr
dieser Mann vor, der in so untertnigem, devotem Tone zu ihr sprach.
Dies war Pitts Vater?! Er lie seine Augen voll und biedermnnisch auf
ihr ruhen, ohne seine etwas vorgebeugte, respektvolle Haltung zu
verndern. Sie wollte etwas erwidern, es fiel ihr aber nicht das
geringste ein, und in halber Verlegenheit sagte sie: Ach da ist ja auch
Herr Knnecke! Jawohl, rief Pitt, und Frulein Nippe wird auch noch
erwartet! -- Ja, ja, meinte Herr Sintrup, schlichtes Souper, ganz
schlichtes, einfaches Souper -- und lutete dem Kellner, noch ein Gedeck
mehr aufzutragen. Herr Knnecke, der sich bescheiden zur Gardine
zurckgezogen hatte, trat jetzt vor, wischte sich die Hand ab -- er war
bei der vorangehenden Unterhaltung mit Herrn Sintrup etwas ins Schwitzen
geraten -- und begrte Elfriede mit einem kavaliermigen Bckling.
Seine Cousine hatte ihm zu Hause eingeschrft, sich mglichst
weltmnnisch zu benehmen und das schwere Brot der Schule hinter sich zu
werfen. -- Und gndiges Frulein sind so vielseitig talentiert, wie mir
Herr Knnecke mitteilte? Haben Interesse fr Mathematik, fr Kunst und
Wissenschaft, und bilden sich in Musik aus? Herr Sintrup nagelte sie
hierber in ein Gesprch fest. Herr Knnecke, eingedenk der Ermahnungen
seiner Cousine, wartete immer darauf, da er auch ein Wort in die
Unterhaltung einwerfen knne, fand den Moment aber nie, hnlich einem
alten Herrn, der noch gern Karussell fahren mchte, das Ding schon in
Gang findet, eine leere Schaukel entdeckt und sich jedesmal, wenn sie
vorbeikommt, erst dann zum Hineinspringen entschliet, wenn es schon zu
spt ist, und nun warten mu bis eine neue Tour beginnt. Und da Pitt
ebenfalls an dem Gesprch teilnahm, wandte er sich mglichst unbemerkt
zur Seite und sprach zu dem Hndchen ein freundliches Wort. Es kam auch
sogleich auf ihn zu, beroch ihn, und bewegte vergngt sein
Stummelschwnzchen; und wie er sich setzte, wollte es an seinen Beinen
in die Hhe. Aber das gab Flecke, und er suchte es mit sanften Worten
fortzudrngen. Es lie sich jedoch nicht beirren, und schlug schlielich
mit so rasenden Trommelbewegungen gegen seine Knie, da ihm Angst wurde.
Er sagte immer noch: du guter Hund, du guter Hund, -- aber seine
Bewegungen, es abzuwehren, wurden deutlicher, und endlich -- es sah
niemand hin zu ihm -- packte er es mit dem Gedanken: Es ist ja
schlielich doch nur ein Hund! -- leicht im Genick und gab ihm, selbst
erschrocken ber seine Khnheit, einen energischen, kleinen Schwung zur
Seite. Das Hndchen quiekte, Elfriede rief es, und Herr Knnecke erhob
sich rasch, trat mglichst unbefangen zu den andern und sagte: Nicht
wahr Herr Direktor: Die Gymnasialbildung ist doch die grndlichste; ich
meine die allseitigste, und wenn man dann hinterher noch studiert -- --
er wute nicht weiter. -- Wann kommt denn Ihre Cousine? fragte Elfriede,
die ihm helfen wollte. -- Die kommt bald! sagte Herr Knnecke lebhaft,
so, als sei bisher von niemand anderm die Rede gewesen, oder als sei
erst jetzt der eigentliche Gesprchsstoff erreicht. Und als ob seine
Worte eine Beschwrungsformel gewesen wren, die Frulein Nippe bei den
Haaren gepackt, durch die Straen geschleift und vor der Tr abgesetzt
htte, ffnete sich diese, und Frulein Nippe, mit etwas zerzauster
Frisur, stand auf der Schwelle. In ihren Armen hielt sie eine Flle von
Blumen. Sie sah lchelnd von einem zum andern, als wisse sie noch nicht,
wen sie zuerst aus ihrem Fllhorn berschtten solle, entdeckte
Elfriede, lie sich ihr vorstellen, umarmte sie dezent, als sie eine
Blume nahm, und wollte auf Herrn Sintrup zu, der inzwischen ebenfalls
eine gewhlt hatte. Aber der schob rasch einen Stuhl zwischen sich und
sie, auf den sie sich auch sogleich dankend niederlie.

Der Diener meldete, das Essen sei bereit. -- Mit den Blumen, sagte Herr
Knnecke, wollen wir die Tafel schmcken, das macht man immer so in
feinen Husern! -- Herr Sintrup verbeugte sich vor Elfriede und reichte
ihr mit einem achtungsvoll durchbohrenden Blick den Arm. Frulein Nippe
berwand schnell eine kleine Enttuschung und nherte sich Pitt. Der
blickte zurck auf Herrn Knnecke, der mit seinen Blumen bepackt
dastand. Gewinnend lchelnd sah sie ihn an, und -- hast du nicht
gesehen! -- fuhr ihr Arm in den seinen. Herr Knnecke folgte, das
Hndlein machte den Beschlu, zerstreut die Ohren hngen lassend, bis
ihm pltzlich einfiel, da es zu Elfriede gehre. Es jagte hinterher,
witterte aber im Laufen den Geruch der Speisen, scho an ihr vorbei und
gelangte als erstes in den kahleleganten kleinen Raum, mute sich dann
aber bescheiden zu Elfriedes Fen setzen. -- Ist das aber mal ein
schnes Zimmer! sagte Herr Knnecke, worauf Herr Sintrup zu Elfriede
meinte: Na, Sie werden wohl zu Hause anderes gewhnt sein. Seine
hochzeremonielle Anrede verga er nach und nach.

Diese ewigen Anspielungen auf Reichtum -- Herrn Sintrups Bemerkungen
enthielten vorlufig fast ausschlielich diesen Kern, verhllter oder
nackter -- irritierten Elfriede allmhlich, nachdem sie zuerst innerlich
gelacht hatte. Fast unbewut sandte sie ab und zu einen Blick zu Pitt
hinber, der sich begngte ein spttisches Gesicht zu machen. --
Frulein Nippe bedauerte, da die Suppe schon in den Tellern stand; sie
htte sie so gerne aufgefllt! Sie lie ihre Augen kontrollierend ber
die Tafel gehen, behauptete, sie habe mehr bekommen als die andern, und
wollte schon auf die kleine Glocke schlagen, aber Herr Sintrup, der
jetzt lebhaft zu Elfriede ber Knallbonbons redete: die mten an einem
Weihnachtsbaum hngen, er selbst habe sich seinerzeit unter
Knallbonbonsschssen verlobt -- verstand halb ihr Wort und ihre
Bewegung, schob seinen Arm dazwischen, machte: bsch, bsch, bsch! und
warf Pitt einen aufmunternden Blick zu als wolle er sagen: Beschftige
du doch diese Dame! Das Hndlein, das hervorgekommen war, mute sich
wieder zurckziehen. Frulein Nippe fhlte sich etwas zurckgesetzt. Und
doch: wie echt mnnlich, sorglos-froh war dieser Zwischenruf! Freilich,
heute frh war Herr Sintrup etwas liebenswrdiger gewesen; das war aber
ganz natrlich! Jetzt sa eben eine Jngere an seiner Seite, und da
folgte er seiner herrlichen Hahnrei-Natur! Ob es denn ganz aussichtslos
war, da sie bei ihm Hausdame werden knnte?!

Sie gab es vorerst auf mit ihm in ein Gesprch zu kommen, und wandte
sich an Pitt, mit dem Herr Knnecke eine Unterhaltung fhrte ber
Stunden im allgemeinen und im besondern. -- Was ist dies fr ein Fisch?
fragte sie und deutete auf das viereckige grauhutige Stck auf ihrem
Teller. Pitt berhrte dies, aber sie fate ihn am rmel. -- Das ist
eine Forelle! -- Wie interessant! Sie nickte zartfhlend, als habe er
ihr etwas Diskretes mitgeteilt. -- Schafskopf! rief Herr Sintrup mitten
aus seinem Gesprch heraus, Steinbutt ist es. Ist es etwa das erstemal,
da du einen Steinbutt zu Gesicht bekommst? Haben wir den nicht oft zu
Hause gegessen, und Forellen womglich noch fter? Er erklrte den Namen
Steinbutt und forderte Frulein Nippe auf, die Haut zu untersuchen, da
fnde sie die Steine drin. Frulein Nippe fand sie wirklich, war aber im
Zweifel, ob das nicht eine neue Irrefhrung sei, und uerte sich nicht
weiter. Herr Knnecke aber erzhlte eine Geschichte: wie er als Junge
einmal geangelt habe, ganz aus Zufall, nur weil er jemand traf, der
gerade angelte, und wie er dann wirklich einen Fisch gefangen habe. Aber
das Tier htte so traurig mit den Kiemen geklappt und ihn so
erbarmungswrdig angesehen, da er es schnell in die Freiheit
zurcksetzte. Dies sei das einzige Mal in seinem Leben, da er eine
Tierqulerei beging. -- Frulein Nippe fand diese Erzhlung
uninteressant; viel interessanter sei es, zum Beispiel darber zu
debattieren, ob wohl die Nachtigall aus Hunger snge oder aus Liebe. Sie
glaube nun und nimmer, da sie des Hungers wegen snge -- dann wrde sie
doch einfach fressen. -- Liebe ist auch Hunger! warf Pitt mechanisch
ein, der immer nur auf das hrte, was sein Vater sprach. -- Liebe ist
allerdings Hunger! rief sie und nahm einen tchtigen Schluck Wein. Und
dann redete sie von den schwlen Sommernchten, in denen man sich
ruhelos auf seinem Lager wlze, so da das Bettuch am nchsten Morgen
ganz zerknllt sei: Poesie und Prosa wohnen so dicht beisammen, und die
Dinge sehen am Tage anders aus, als wenn man sie durch die Brille eines
bengalischen Lichtes betrachtet!

Selma kucke mal! sagte Herr Knnecke und hob seine Roastbeefscheibe an
der Gabel hoch. -- Was willst du denn? -- Nichts, ich freue mich nur. --

Ach, wenn man denkt, sagte sie wieder zu Pitt, da whrend wir hier
schwelgen, Tausende von Menschen hungern -- und sie fhrte dies des
weiteren aus. Aber Sie sind ja so still geworden?! Drckt Sie ein
Kummer? Mir knnen Sie ihn erzhlen, es gibt doch nichts Greres als
einen Menschen aufzurichten! -- Knnen Sie schweigen? -- Vollkommen!! --
Dann schweigen Sie mal zehn Minuten! -- Frulein Nippe durchfuhr es
unbehaglich. Aber vielleicht mute er sich erst sammeln fr seine
Geschichte? -- --

Herr Sintrup hatte inzwischen dem Weine fleiig zugesprochen, war sehr
lebhaft geworden, erzhlte Eisenbahnanekdoten und nannte alle besten
Hotels, in denen er je abgestiegen war; berall dienerten die Portiers
schon aus der Ferne, er war durch reichliche Trinkgelder bekannt. Er
zhlte die besten Weine auf und betonte, da auch in seinem Hause gut
gelebt wrde, wenn er es sich auch nicht gestatten knne, so wie die
Groherrn der Hansastdte Feste zu geben, die gleich in die Tausende
gingen. Aber hoch in die Hunderte -- so log er -- ist es bei uns auch
schon oft gegangen. Er lie sich in seinen bertreibungen immer freieren
Lauf, da seine Worte auf Elfriede nicht so zu wirken schienen, wie er es
gern gesehen htte. Pitt hatte bisher an der Unterhaltung wenig
teilgenommen, und sich darauf beschrnkt, mit anscheinender Kindlichkeit
seinen Vater fter in irgendeine Klemme zu bringen, worauf er dann
Elfriede einen stillen Blick zuwarf. Aber er langweilte und rgerte sich
dabei, und wie er dachte, Elfriede habe nun genug gesehen und gehrt, um
seinen Vater richtig zu beurteilen, beschlo er, ihn gleichsam in der
Idee seines Wesens ihr vorzufhren: Anstatt ihn zurckzuhalten, spornte
er ihn mglichst an, sich selbst zu berbieten, und um ihm dies noch zu
erleichtern, begann er, erst leise, dann strker, seine Bewegungen,
seinen Tonfall nachzuahmen, schlielich kopierte er ihn geradezu in
seinem Wesen; sein Gesicht nahm einen leise boshaften Zug an. Mit
unverfrorener Miene stellte er die grbsten Behauptungen ber das Leben
zu Hause auf, und Herr Sintrup bekrftigte dann jedesmal seine Worte, so
wie jemand wohl im Spiele einem Ball, der, von einem Hinterstehenden
derselben Partei geschlagen, an ihm vorbeifliegt, noch einen zweiten
Schlag versetzt, damit er auch ganz sicher und knallend zum Ziele kommt.
Endlich, so dachte er, fngt dieser Pitt an zu begreifen, worauf ich
hinaus will. -- Elfriede durchschaute Pitts Absicht genau, aber wie er
nun sein eigenes Wesen so vollkommen verleugnete, da sie ihn kaum mehr
erkannte, wie er so erschreckend seinem Vater glich -- dessen Sohn er
doch auch in der Tat war, kam sie sich ganz verlassen vor, sie empfand
zwiespltig gegen ihn, ihr eigenes gerades, einfaches Wesen widersetzte
sich dem, was sie sah, mit aller Kraft, und als Herr Sintrup dem Kellner
etwas zurief, flsterte sie ihm zu: Pitt, ich _kann_ dies Wesen nicht
lnger ertragen! -- Und wie Herr Sintrup seine Stze wieder aufnahm,
wandte sie sich an Herrn Knnecke und bat ihn, ihr eine Aufgabe zu
erklren, die sie fr ihn zu lsen hatte. Herr Knnecke zog seinen
Bleistift aus der Tasche, suchte nach Papier und war nicht zu bewegen,
die fragliche Figur auf das Tischtuch hinzuzeichnen. Herr Sintrup ri
ein Blatt aus seinem Notizbuch und beugte sich zu Elfriede hinber, um
mitzulernen, wie er sagte, whrend Elfriede ein wenig zur Seite wich.
Herr Knnecke wurde sehr grndlich, und seine Stimme war genau so wie in
der Schule. -- Wo sind denn die Quadrate? fragte Herr Sintrup. Ich sehe
nur so was wie ein Dreieck, und Sie sagen immer: A Quadrat. -- Das
Quadrat sitzt hier! sagte Herr Knnecke und deutete auf eine Linie. --
So? na, gut, da man das wei; _ich_ sehe es immer noch nicht! -- Es ist
auch nicht da, man denkt sich das nur! belehrte Herr Knnecke. -- Wer
zwingt mich denn aber, mir da ein Quadrat zu denken? Wenn ich mir da nun
lieber einen Kreis denke, oder ein Kreuz, oder einen Pinsel? -- Herr
Knnecke sah ihm starr in die Augen: Da _mu_ aber ein Quadrat sitzen!
sagte er endlich, und dann malte er es hin, liebevoll und langsam. --
Ist es nun da oder nicht? fragte er, und sah es zufrieden an, wie einen
Freund, den man in seiner Abwesenheit gegen einen andern verteidigt hat
und der gleich darauf ins Zimmer tritt. -- Das ist ein schner Beweis!
rief Herr Sintrup, machte ein Kreuz ber die Linie und sagte: ist es nun
da oder nicht?! -- Ich glaube es steht ganz wo anders! sagte Pitt, indem
er es auf seines Vaters Stirn zu suchen schien. -- Ein jeder hat sein
Kreuz zu tragen! seufzte Frulein Nippe, und wenn man meine alle she --
ich she aus wie ein Kirchhof. Herr Sintrup schielte zu ihr herber und
dachte: Sie ist ja eine ganz nette Person, aber wenn sie wenigstens das
eine Kreuz, das man an ihr sieht, nicht so windschief tragen wollte! --
Herr Knnecke runzelte die Stirn. In der Schule wrde er jetzt gesagt
haben: Och bitte wollt Ihr nicht geflligst ruhig sein! -- Dann dmpfte
er seine Stimme zum Ton einer vertraulichen Mitteilung herab, zog noch
andere Linien, stellte seine Gleichungen auf und berhrte Herrn
Sintrups Zwischenrufe, der sich den Scherz machte, das Wort Quadrat
immer durch das Wort Kreuz zu verbessern, oder zu durchkreuzen, wie
er sagte. --

Dieser Schafskopf! dachte Herr Sintrup, ich war so schn mit ihr im
Gange, und Pitt ist doch ein prchtiger Junge! -- Er sann ber einen
neuen Witz nach, fand aber keinen, fhlte sich infolgedessen, unbeachtet
wie er war, pltzlich auf einem allgemeinen den Nullpunkt, trommelte
mit den Fingern auf den Tisch und wandte sich dem Weine zu.

Frulein Nippe erachtete jetzt den Zeitpunkt fr gekommen, sich Herrn
Sintrup zu nhern.

Fr uns sind dergleichen Dinge nicht! sagte sie in einem halb
konstatierenden, halb leise berredenden Tone gleichgestimmter Seelen:
Ich habe mein Leben lang ohne Mathematik auskommen knnen, und Sie als
Kaufmann haben wei Gott an ernstere, schwierigere Dinge zu denken.
Haben Sie mehrere Shne? -- Jawohl, noch einen, nickte Herr Sintrup. --
Ist er ebenfalls -- wird er auch studieren? -- Hchstwahrscheinlich!
sagte Herr Sintrup in einem vollkommen geschftsmigen Ton; aber
Frulein Nippe hrte einen Unterton. Ja, sagte sie, es ist traurig, wenn
ein Vater sein groes, blhendes Geschft immer weiter ausgestaltet, und
sich am Ende sagen mu: Fr wen habe ich gearbeitet? Es geht ja doch
alles in fremde Hnde ber. -- Sehr vernnftig, wirklich vernnftig! --
Dann wird Ihr groes Haus aber recht einsam, wenn Ihre Kinder beide fort
sind; oder haben Sie noch Tchter? -- Nee; -- ja ein bichen de wird es
wohl, zudem meine Frau im Grunde doch recht leidend ist, seit netto
dreieinhalb Jahren. -- Ach! -- Frulein Nippe machte ein tief
bedauerndes Gesicht; zugleich aber war ihr, als habe sie pltzlich viele
Stufen mit einem Male bersprungen. -- Ja, sagte sie, und dann ein
ganzes, groes Hauswesen fhren, das strengt an; zumal wenn keine
Tchter da sind. Da sollten Sie sich doch nach einer Hausdame umsehen,
um die Frau Gemahlin zu entlasten. -- Das kann ich ja auch mal, wenn es
ntig ist, das ist doch furchtbar einfach. -- So furchtbar einfach ist
das nicht! meinte Frulein Nippe bedenklich: Herzensbildung, wahre
Herzensbildung gehrt dazu, und die findet man sehr, sehr selten. Ich
habe selbst einmal lnger einen Haushalt gefhrt. Wie war der vorher
verwahrlost, durch gemtsrohe Damen, die vor mir da waren! --

Holla! dachte Herr Sintrup; sollte die Absichten haben? Sich einnisten
wollen, um spter, wenn die Frau tot ist, den Mann zu heiraten? Dabei
scho ihm eine andere Idee durch den Kopf; er sah nach seiner Uhr,
steckte sie aber beruhigt wieder ein. -- Nein, nein, sagte er, mir
gengt schon, wenn die Person keine silbernen Lffel stiehlt. --

Frulein Nippe fuhr ein klein wenig zurck, als wolle sie einem
Stubchen ausweichen, das an ihrer Nase vorberflge. Und Herr Sintrup
redete weiter: Brauche blo zu annoncieren, am nchsten Morgen steht der
ganze Vorplatz voll. -- Ja, aber ich meine doch -- Frulein Nippe
stockte. -- _Was_ meinen Sie? fragte Herr Sintrup und grinste einfach.

Der Nachtisch wurde aufgetragen. -- Seid Ihr da unten immer noch nicht
fertig? Wer jetzt noch rechnet, kriegt keinen Champagner, das ist mal
sicher! -- Gleich! antwortete Herr Knnecke, als ob Herr Sintrup sein
Direktor wre. Der Pfropfen sollte mit einem Knall zur Decke springen.
-- Das ist hier nicht blich! hauchte der Kellner. -- blich oder nicht:
Knallen soll er! Und Herr Sintrup ffnete persnlich die zweite Flasche.
-- Ach der liebe Hund! sagte Frulein Nippe, die verrgert auf ihrem
Stuhl sa, er frchtet sich und ist zu mir gekommen! Sie nahm das
Hndlein auf den Scho, streichelte und kte es, und da es faul bei ihr
verharrte, meinte sie, es habe sich schon ganz an sie gewhnt: Tiere
haben einen viel freieren Instinkt als die Menschen; sie fhlen sofort
wer sie lieb hat: sehen Sie nur wie er mich ansieht! Sie drckte es
zrtlich an sich. Wie heit denn dieses Tier? fragte Herr Sintrup, der
die Glser fllte, mit einem etwas boshaft musternden Blick. --
Eigentlich heit es Lili! sagte Elfriede. Frulein Nippe fand, als sich
nun alle zum Anstoen der Glser erhoben, einen schicklichen Grund, sich
dieses Tieres sogleich wieder zu entledigen. -- Ach Gott, schmeckt das
mal wundervoll! sagte Herr Knnecke, und als Herr Sintrup die Glser zum
zweiten Male fllte, fragte er selbstvergessen: kann ich _auch_ noch? --
Herr Sintrup wandte sich jetzt ausschlielich wieder zu Elfriede; er
zwinkerte von ihr zu Pitt und von Pitt zu ihr, und sagte, wie wenn er
einen Satz verschluckt htte: Na, in ein paar Jahren werden wir uns
hoffentlich wieder sprechen. Er war nicht mehr nchtern, seine
Anspielungen wurden immer deutlicher, und dann wollte er gern ihr ses
kleines Hndchen kssen. -- Luft, Luft, rief Frulein Nippe pltzlich,
man erstickt hier ja! eilte zum Fenster, ffnete es und verharrte an der
Gardine. Herr Knnecke, der nun nicht mehr beweisen konnte und sich ohne
seine Cousine unbehaglich zu fhlen begann, folgte ihr, unter dem
Vorwand, das Fenster wieder zu schlieen, falls es kalt wrde. -- Sie
starrte verdrossen in die Nacht hinaus; ach geh doch! sagte sie
unwirsch, und befangen zog er sich langsam wieder zurck. -- Herr
Sintrup hatte inzwischen rasch ein paar aufklrende Worte an Elfriede
und Pitt gerichtet, und sagte jetzt: Pat mal auf, wie ich die wieder
rumkriege! -- Er erhob sich, trat zu ihr hin, reichte ihr ein neues Glas
und sagte: Also besinnen Sie sich vielleicht doch noch? -- Wieso? fragte
sie mitrauisch. -- Nun, ich dachte mir, an der einen Erfahrung als
Hausdame htten Sie genug, und deshalb fragte ich nicht weiter. Aber
wenn Sie einmal Lust haben sollten, dann liee sich ja weiter ber die
Sache reden. -- Zunchst konnte sie vor berraschung nicht viel erwidern
und sagte nur: O bitte. -- Erst allmhlich ward ihr alles klar: Wie
grundfalsch hatte sie diesen Mann beurteilt! Nichts, gar nichts hatte er
bemerkt! Sie hatte die Unterhaltung dahin dirigiert, wohin sie sie haben
wollte, und er meinte, er habe dies getan! Freilich, da er sagte, er
wolle keine Person, die silberne Lffel stehle, und dabei schon an sie
dachte -- nein, ganz fein war das nicht; aber er meinte das ja gar nicht
so! Reiner Widerspruchsgeist gegen ihre eigene vorher geuerte Meinung
ber das Ideal einer Hausdame; Mnner widersprechen doch so gern! Und
da er ihr einmal geradezu ins Gesicht lachte -- mein Gott, ein bichen
plumpe Kindlichkeit, ja geradezu Verlegenheit war das gewesen! Dieser
Mann wollte ganz einfach, ganz natrlich behandelt werden! Sie streckte
ihm die Hand entgegen und sagte: Also: Ein Mann -- ein Wort! -- Was
verabredest du denn da mit Herrn Direktor? fragte Herr Knnecke
neugierig. -- Ich werde bei Herrn Direktor Hausdame! sagte sie mit
Genugtuung. -- Ihm war, als fiele er irgendwo herunter und er sah sie
flehend an. -- Sie lchelte gnnerhaft: Einmal mu ja doch geschieden
sein, da es nun so bald geschhe, htte ich freilich auch nicht
gedacht. -- Sie trank den Rest aus ihrem Glase. -- Na, so bald ist es
hoffentlich nun nicht! meinte Herr Sintrup. -- Sie wollte gerade
antworten: Hoffentlich wohl doch! als ihr die Situation wieder einfiel.
-- Allerdings! sagte sie zartfhlend; hoffen wir, da es noch recht --
noch ziemlich lange dauert! Sie reichte ihm wieder die Hand, als wenn
sie sich soeben verlobt htten, und Herr Sintrup schnitt ein vergngtes
Gesicht. -- Herr Knnecke war noch immer in seiner Erstarrung: der ganze
Champagner schmeckte ihm nicht mehr. Jetzt flsterte Pitt ihm zu, alles
sei nur ein Scherz; sein Vater habe es ihm selbst gesagt; er erlaube
sich fter solche Scherze. Da fhlte sich Herr Knnecke wie von einem
Eisenpanzer befreit, er empfand pltzlich eine starke Lebensfreude und
sagte unvermittelt: Schiller ist doch wirklich der grte Dichter! Ich
verstehe zwar nicht viel von Literatur und komme selten ins Theater,
aber immer wenn Wilhelm Tell gegeben wird, denke ich: da mchte ich
rein! Ich gehe auch manchmal in Wilhelm Tell, und ich kann mir nicht
helfen: immer wenn er auf den Apfel zielt, denke ich: Jetzt trifft er'n
nicht und schiet den Jungen tot! Maria Stuart habe ich auch mal
gesehen, aber das mag ich nicht so gerne; ich denke immer: Wozu reden
die soviel, es hilft ja nichts, -- sie wird ja _doch_ enthauptet. -- Das
verstehst du eben nicht! rief Frulein Nippe, du hast keinen Sinn frs
rein Poetische! Ach, immer wenn die Worte kommen: Eilende Wolken, Segler
der Lfte, -- da weine ich jedesmal meine Naht 'runter! Wird in Ihrem
Theater viel Schiller gegeben? wandte sie sich an Herrn Sintrup. --
Jawohl! Ruber, Don Cesar, Tell -- das wird alles bei uns gegeben! --
Frulein Nippe sah schon im Geiste einen Abonnementsitz, und sich
darauf, im schwarzen Seidenkleide. -- Du darfst uns dann mal besuchen!
wandte sie sich an ihren Vetter, und dem gab es wieder einen Stich,
obwohl er ja wute, da alles nicht wahr sei; aber sie redete auf einmal
so zu ihm, als ob sie -- als ob er -- er wute selber nicht wie. -- Und
die Kinder, wenn die in den Ferien heimkommen, die sollen es dann schon
gemtlich finden! Sie sah zu Pitt herber: Nicht wahr, ich sorge doch
jetzt schon fr Sie wie eine Mutter! Dann wandte sie sich wieder an
Herrn Sintrup: Sie sollen sehen, wie auf einmal alles blitzblank und
sauber in Ihrem Hause wird! -- Das wre sehr zu wnschen! -- Dann wre
es aber doch vielleicht das beste, ich kme bald! -- Ja, offen
gestanden: lieber heut als morgen. -- Aber Sie drolliger Mann, weshalb
lassen Sie denn alles so langsam aus sich herausziehen?! -- Elfriede
erhob sich; sie wollte diese Szene nicht mehr bis zum Ende mit ansehen.
-- Ich begleite dich! sagte Pitt. Herr Sintrup, der wieder zum Tisch
getreten war, hrte, wie sein Sohn -- der dieses selbst nicht wute --
in so vertrauter Form zu Elfriede sprach. Sieh mal! dachte er, die
beiden sind ja schon viel weiter als ich dachte; na, das htte er mir
auch wohl vorher sagen knnen, dann htte ich mir selber nicht so viel
Mhe zu geben brauchen. -- Er sah nach seiner Uhr und fand die Zeit
gengend vorgeschritten, um selber aufzubrechen. -- Das ist ja aber
jammerschade! rief Frulein Nippe, jetzt, wo wir erst anfangen, recht
gemtlich beieinander zu sein. Bleiben Sie doch noch! fgte sie hinzu,
als sei sie die Hausfrau und Gastgeberin. -- Ich _mu_ leider gehen!
sagte Herr Sintrup, aber es wird mir ein besonderes Vergngen sein, wenn
Sie mit Ihrem Herrn Onkel oder Vetter den Abend feiern solange Sie
wollen. Ich werde dem Kellner die Weisung geben, mir die Rechnung spter
zuzuschicken; man kennt mich hier gengend, ich zahle alles. Suchen Sie
sich nur das Beste raus! Frulein Nippe nahm diesen Vorschlag begeistert
an und pries seine gentile Gromut, whrend Herr Knnecke rot wurde
und sich wie ein Bettler behandelt vorkam. Er protestierte auch dankend
und zog sich seinen Mantel an; sie war aufgebracht, und als alles nichts
half, rief sie: Du hast berhaupt gar nicht mitzureden! Du warst ja von
Anfang an gar nicht mit eingeladen! Ich habe dich doch nur mitgenommen!
-- Und _Sie_ wurden von _mir_ mitgenommen, das kommt doch auf eins
heraus! sagte Herr Sintrup rgerlich und wollte damit Herrn Knnecke
ber die Situation hinweghelfen. -- Nun war Herr Knnecke eisern in
seinem Entschlu, und Frulein Nippe mute ihm wohl oder bel folgen.
Herr Sintrup warf noch groe Trinkgelder um sich; dann stand man drauen
und nahm Abschied. -- Schreiben Sie mir nun recht bald so einen
richtigen Schreibebrief! wandte sie sich an Herrn Sintrup; und
berhaupt, wann soll ich denn nun kommen? -- In dem gutmtigen Herrn
Knnecke wachte pltzlich ein Rachegelste auf, fr alles, was seine
Cousine ihm heute abend angetan hatte: Mach dich doch nicht lcherlich!
sagte er nachdrcklich; merkst du denn nicht, da Herr Direktor nur
einen Scherz mit dir gemacht hat?! -- Frulein Nippe fhlte etwas
Eisiges ums Herz herum: Haben Sie sich wirklich einen Scherz mit mir
erlaubt? -- Ungemein ernst, rief Herr Sintrup, seinen Hut im Abgehen
schwenkend, ungemein ernst ist es nicht gewesen. -- Sie wrgte an ihrer
Enttuschung, und in dem heftigen Bedrfnis, nichts davon zu zeigen,
rief sie in erzwungen heiterem Ton Pitt nach: Sie sind mir ja noch Ihre
intime Geschichte schuldig, wissen Sie nicht mehr? -- Ein andermal, ein
andermal! tnte Herr Sintrup zurck: Bis dahin ist sie dann _noch_
intimer geworden! Sie sah ihnen noch einen Moment unbeweglich nach, dann
wandte sie sich zu ihrem Vetter: Nun sind wir wieder allein! sagte sie,
und whrend sie sich innig an seinen Arm schmiegte, erfate sie eine
irritierte Wut gegen ihn, der ihr gleichsam bergeblieben war. Und in
ihm schmolz sogleich die Bitterkeit: wenn man der Sache auf den Grund
sah -- hatte sie denn so unrecht, da sie mit beiden Hnden zugreifen
wollte? Was konnte _er_ ihr denn bieten? --

Herr Sintrup verabschiedete sich inzwischen von Pitt und Elfriede. Er
dachte an seine Verabredung, war eigentlich nicht mehr recht in
Stimmung, wollte sie aber trotzdem innehalten, da die Stimmung sich wohl
wieder einstellen wrde. -- Kann man dich auch so allein gehen lassen?
fragte er neckisch und drohte Pitt mit dem Finger. Was siehst du mich
denn so komisch an? Da Pitt nicht antwortete, kam eine kleine Pause,
Herr Sintrup schaute von einem zum andern, dann, wie nach einem
Entschlusse, reichte er Elfriede die Hand, schlug die Hacken wieder
zusammen, und verband damit den Anfang und das Ende seiner heute abend
durchlaufenen Kreisbahn tadellos und klappend prompt. --

Pitt holte aus tiefster Brust Atem und sagte langsam: Gott sei Dank.
Dann holte er noch einmal Atem, und dann zum drittenmal. -- Hatte ich
Ihnen nicht gesagt, fragte er nach einer Weile traurig, wie alles werden
wrde? Und ich selbst komme mir Ihnen mit einem Male ganz fernegerckt
vor; es kann ja auch kaum anders sein. -- Ihr war, als erwache sie aus
einem beklemmenden Traume. Sie hrte seine Stimme wieder, all das, was
sie heute abend von ihm abgestoen hatte, erschien ihr jetzt nur noch
unendlich traurig, das alte, echte Gefhl strmte voll in sie zurck,
ihr war, als habe sie ihn noch viel lieber als frher. Und sie sagte es
ihm. Wirklich?? fragte er, und ergriff ihre Hand. Und dann wurde er
allmhlich sehr vergngt und pfiff eine Melodie, die er durch sie
kannte, whrend sie wortlos und nachdenklich neben ihm herschritt.

Ich begleite dich! Diese Worte hrte sie noch, als alles still und
dunkel um sie war.




                           Drittes Kapitel.


Das Semester nahte seinem Ende, die Zeit des Abschiedes rckte heran,
Elfriede wurde traurig. -- Ich komme ja in ein paar Monaten wieder!
meinte er. -- Aber das ist doch furchtbar lange bis dahin! rief sie und
sah ihn fast emprt an ber seinen Gleichmut.

Seit einiger Zeit nannten sie sich du. Pitt hatte sich nach jenem ersten
noch ein zweites Mal versprochen, und Elfriede dachte: Wenn er es ein
drittes Mal tut, so sage ich ihm, da es nun kein Versprechen mehr sein
soll. Hedwig fand diese Art des Verkehrs geschmacklos und nannte
Elfriede undiszipliniert. --

Du knntest doch fr die Ferien mit uns aufs Gut gehen! -- Dieser
einfache Gedanke fiel ihr pltzlich ein. Er sah sie berrascht und
hocherfreut an: Lste sich die Frage so wie Elfriede vorschlug, so
brauchte er das ganze Jahr mit der Existenz seiner Familie so gut wie
gar nicht zu rechnen, denn nach den Ferien wrde er mit den van Loos
zurckgehen, und dann war wieder fr ein halbes Jahr vorgesorgt. --

Frau van Loo gab Elfriede nicht sofort die schnelle Antwort, die sie
erwartete und Pitt gleich zu berbringen dachte, erst am bernchsten
Tag rief sie Elfriede zu sich und sagte in beilufigem und zrtlichem
Ton zu ihr: Also sage ihm, da er mitgehen darf, du dummes Mdchen. --

Hedwig war, wie zu erwarten stand, nicht einverstanden mit diesem Plane:
Freundschaften solle man in mavollen Grenzen halten, nur dann knnten
sie von Dauer sein. Du bersiehst -- so sagte sie zu ihrer Mutter -- was
ich schon lange kommen sehe: Die Mglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit,
da sich Elfriede in diesen Menschen verliebt, sonst knntest du gar
nicht so unbedachtsam handeln. -- Hltst du mich eigentlich fr dumm?
war alles was Frau van Loo ihr antwortete, in einem freundlichen Tone,
der alles weitere abschnitt. Da sprach Hedwig mit Elfriede selber. Aber
Elfriede antwortete nur, es sei eine Gemeinheit von Hedwig zu behaupten,
da sie sich verliebe. --

Pitt wute von den ersten Unentschiedenheiten nichts und erfuhr nur die
Tatsache. Aber da darber Tage hingingen, ahnte er doch den
Zusammenhang. -- Er lchelte fr sich, denn unwillkrlich dachte er all
die Fragen nur in Bezug auf sich selber und nicht auf Elfriede. -- Wenn
das Verlieben etwas so Stilles, Gemtliches war wie er es selbst
empfand, so lag wahrhaftig kein Grund vor, sich darber aufzuregen. --
Wenigstens soll er nicht mit uns fahren, sondern allein nachkommen!
sagte Hedwig, ich finde dies stillos. -- Aber Frau van Loo meinte, es
sei kein Grund vorhanden seine Existenz und seine Freundschaft zu der
Familie zu verleugnen.

Am Morgen der Abfahrt erschien noch einmal Herr Knnecke bei Pitt, um
sich zu verabschieden. Pitt hatte den grten Teil seiner Sachen
zusammengepackt und in eine Ecke gestellt; da sollten sie bleiben bis er
wiederkme. Auf diesem Haufen sa er, als Herr Knnecke eintrat. Der war
gerhrt, was Pitt mit Erstaunen sah. -- Wir haben noch nie im Leben
einen Zimmerherrn gehabt, aber wenn ich jetzt das Zimmer sehe, so mag
ich es viel lieber als frher, und denke, Sie mten nun immer drin
wohnen. Sie haben so treu zu uns gehalten! -- Worin das liegen sollte,
wute Pitt nicht, aber wie Herr Knnecke nun treuherzig seine Hand
schttelte, stieg in ihm eine unklare Empfindung auf von Ankergrund und
Hafenruhe. Doch als Herr Knnecke ihn verlassen hatte, dachte er
sogleich wieder: Ob ich wohl wirklich in dies Zimmer zurckgehe? Habe
ich hier eigentlich nicht schon lange genug gewohnt? --

Frulein Nippe bedauerte, da Pitt ging, und uerte Befrchtungen, da
er ihre Pflege sehr vermissen werde. Aber Frau van Loo, sagte sie, ist
eine gute Seele. Ich habe sie zwar nur ein paarmal in ihrer Equipage
fahren sehen, aber man hat doch seine Menschenkenntnis. Und dazu diese
frstliche Erscheinung! Wenn auch nicht alles echt an ihr sein mag --
lieber Gott, wenn man jung aussehen will und zum Beispiel graue
Augenbrauen hat, frbt man sie doch, und wenn man den ganzen Tag nichts
zu tun und Geld wie Heu hat, und nicht einmal seinen Krper pflegen will
-- -- Frulein Nippe htte keine ihrer Andeutungen auch nur mit dem
Scheine eines Grundes bekrftigen knnen, aber auf den Gedanken wre sie
auch nie gekommen. Sie hatte noch etwas auf dem Herzen: Wie steht es
denn jetzt mit Ihnen beiden? Ich meine diesmal aber das Frulein! --
Hren Sie mal, sagte Pitt, der sich mhte, seinen Handkoffer zu
verschnallen, -- Sie werden zudringlich. -- Frulein Nippe wich ein
wenig gegen die Tr zurck, als fhle sie sich schon halb
hinausgeworfen. -- Herr Sintrup, meinte sie, Sie mssen sich Ihre Worte
mehr berlegen! _Ich_ verstehe Sie ja richtig, aber andere werden Ihre
Worte manchmal falsch auslegen. Sie wissen, da ich nur Ihr Bestes will.
Kann ich etwas dafr, da Sie es ablehnten, als ich mich erbot,
nachmittags oder abends, so oft Sie wollten, an der Musikschule zu
warten und ihr ein Briefchen zu bermitteln, wo mich mein Weg sowieso
dort in der Nhe vorbei fhrt? --

Als Pitt sich ein letztes Mal in dem Zimmer umsah, hatte er pltzlich
das Gefhl, er werde es nie wiedersehen, als werde irgend etwas
Drohendes eintreten, das fast hinter ihm stand. Im nchsten Augenblick
lachte er ber sich selbst. --

Eine Stunde spter sa er mit den andern in der Eisenbahn. Hedwig hatte
einen spannenden Roman fr die Fahrt mitgenommen und blickte selten von
ihrem Buche auf, Frau van Loo lehnte den Kopf zurck und schlief auf
den Strecken, lie sich aber von Elfriede aufwecken, wenn es etwas
Schnes zu sehen gab, und dann schien es jedesmal, als habe sie
berhaupt nicht geschlafen, sondern nur die Augen geschlossen, um sich
Langweiliges zu ersparen.

Elfriede war whrend der Fahrt in schnster, zufriedener Stimmung. Was
sie wollte, hatte sie erreicht: Pitt sa neben ihr; sie fhlte sich
glcklich, wenn sie daran dachte, wie er jetzt da drauen innerlich
aufleben und die Natur genieen wrde. Und da _sie_ ihm dazu verhalf,
das war das schnste. Leise redete sie mit ihm, was sie alles drauen
tun wrden, und wie sie sich auf alles freue. Sie beschrieb ihm genau
die Lage des Gutes, und er hrte mit willigem Interesse zu, obgleich ihm
ihre Schilderungen unbehaglich waren: Bei Beschreibungen von Gegenden
konnte er nichts, gar nichts empfinden, im Grunde langweilten sie ihn
nur. Whrend sie erzhlte, sah er auf ihre Finger, und er konnte es
nicht ndern, da seine Gedanken allmhlich abirrten. Wie fest, fein und
gedrungen waren ihre Hnde! Er verwunderte sich, wie sie jetzt so
unbeweglich auf ihrem Knie lagen, da sie die Kraft haben konnten, groe
und schwere Akkorde erklingen zu lassen; das pate doch eigentlich gar
nicht zu Elfriedes Wesen. Pate die Musik berhaupt zu ihr? Er hatte ihr
nie etwas darber gesagt; zu Anfang ihrer Bekanntschaft bewunderte er
ihre Kunst, da sie ihm neu war, und Elfriedens Wesen durch sie gehoben
erschien. Aber je fter er sie spielen hrte, je gewohnter ihm ihr Spiel
wurde, um so mehr verlor es seinen Zauber, und jetzt fragte er sich, ob
sie nicht ebensogut irgend etwas anderes htte ergreifen knnen, was sie
ebenso glcklich gemacht haben wrde. -- Was denkst du? fragte Elfriede
endlich, da er nicht mehr antwortete und sie bemerkte, wie sein Blick so
nachdenklich auf ihrer Hand ruhte. -- Er errtete fast wie wenn er
ertappt wre. Sie suchte den Sinn dieses Errtens still zu erraten, und
als er sie nun anblickte, mit irgend einem Verschweigen in den Augen,
war ihr als rinne ein geheimer, stiller Strom durch sie beide. -- Frau
van Loo erwachte von selber und fragte, wie es denn kme, da sie durch
Italien fhren: das da ist doch eine Pinie! Hedwig sah von ihrem Buche
auf und erklrte, es sei eine Kiefer, worauf Frau van Loo entgegnete,
dann shen in Italien die Pinien genau so aus, wie hier die Kiefern. --
Schlaf nur wieder! tnte Hedwig aus ihrer Ecke, wenn du das nchstemal
aufwachst, sind wir vielleicht schon in Batavia. -- Ach wren wir doch
wieder in Batavia! sagte Frau van Loo freundlich; hier in Deutschland
friert man immer und niemand sorgt fr einen. Wenn ihr beide einmal
verheiratet seid, gehe ich mit Harald zurck in die alte Heimat. -- Aber
Harald geht doch zur See! warf Elfriede ein. -- Das ist ganz gleich; er
kann dann auch manchmal ein bichen zur See gehen. Harald ist der
einzige, der mich lieb hat, ihr beiden andern mgt meinetwegen eure
Mnner lieben, Harald wird niemand lieben auer mir! Sie zog die
Augenbrauen ein wenig in die Hhe und sandte einen zrtlichen Blick auf
Elfriede; dann ging er, noch immer etwas zrtlich, aber vorsichtiger, zu
Hedwig hinber, die schon wieder in ihrem Buche las. --

Ein elegantes, lndliches Gefhrt erwartete sie an der Endstation.
Friedrich, der Diener, verlud die Koffer auf einen bereitstehenden
Stellwagen. So fuhren sie nun in das stille Land hinein. Frau van Loo
sog die gute Luft ein und sagte, um sich blickend, sie habe sich vorher
geirrt: Deutschland sei doch das schnste Land der Erde. -- Hedwig hatte
ihren Roman eingepackt und erluterte den Zusammenhang der Hgelketten
mit dem weiteren Gebirge. Elfriede beschftigte sich mit dem Hndlein,
das, froh seinem Zwinger entkommen zu sein, bald an dem einen bald an
dem andern emporzuspringen suchte.

Die Sonne war gesunken; weinfarben lag der Westen und verlor sich in ein
immer tieferes Blau, das nach Osten zu sich bereits zu einem Dunkel
verdichtete. Ein Fenster im fernen Dorfe blinkte rot. Unwillkrlich
heftete sich Pitts Blick darauf. Elfriede folgte seinen Augen. Sie sahen
es blasser werden bis die Farbe ganz verlosch. Schatten zogen ber ihre
Kpfe, in leiser Bewegung schienen die grnen Erdwellen um sie her zu
fluten. Der Himmelsrand hob und senkte sich; wie sie jetzt an einem
kleinen, metallisch schimmernden Weiher vorberfuhren, spiegelten sich
in ihm die ersten Sterne. Vereinzelte kleine Huser zogen an ihnen
vorbei, inwendig erhellt von llampen, goldgelb im Blau des Abends.
Dunklere Gestalten waren zu erkennen an Tellern und Schsseln, im Kreis
vereinigt zum Gebet, ein wachsamer Hofhund bellte dem Wagen nach, das
Bellen verlor sich, man hrte nur noch das Knarren der Rder und die
fernen Gerusche des Abends auf dem Lande. --

Langsam, leise war Pitt in eine tiefe, melancholische Stimmung gekommen.
Landschaften machten ihn stets traurig: er empfand in ihnen doppelt
seine Einsamkeit. Der tiefe Abendfriede verstrkte dies Gefhl. -- Mit
seinem Verstande sagte er sich: Nach Jahren wird mir der heutige Abend
als einer der glcklichsten meines Lebens erscheinen -- ist es nicht
tricht, erst in der Erinnerung zu genieen? -- Elfriede fragte sich
vergebens nach dem Grunde seiner Schweigsamkeit. Sieh dort hinten! sagte
sie endlich, unwillkrlich leise, indem sie sich auf ihrem Rcksitz
etwas wandte. Der Weg senkte sich nach dort etwas herab; an den Kpfen
der Pferde vorbei sah man auf einen niedrigen Tannenwald, hinter dem
sich, in ungewisser Nhe, ein hohes helles Haus erhob, im kalten
Schimmer der Nacht. -- Wie lange meinen Sie wohl, da wir noch brauchen,
um bis zu ihm zu kommen? fragte Hedwig. -- Fnf Minuten! sagte Pitt nach
kurzer Abschtzung; wir brauchen doch nur durch den kleinen Wald
hindurch und sind dann da. Wie er weiter in die Richtung blickte,
schoben sich die Tannen hher, ihre Spitzen wuchsen zu dem Haus hinauf,
es verschwand allmhlich ganz, der Weg ging abwrts in die Tiefe. --
Sind wir denn hier auf einem Berg? fragte er, whrend es ganz dunkel um
ihn wurde. Allerdings! sagte Hedwig mit einer Art Genugtuung, Sie werden
sich noch wundern. -- Es ist doch gar kein Berg, sondern nur eine
Hochebene! bemerkte Frau van Loo, aber Hedwig berhrte es. Der Wagen
rttelte weiter in die Tiefe. -- Man kann auch, fuhr Frau van Loo fort,
auf einem viel bequemeren Wege fahren, aber dieser hier ist schner; er
hat eine so angenehme berraschung, die um so angenehmer ist, weil man
sie schon kennt. -- Allmhlich erreichte der Wagen den tiefsten Grund,
jetzt lie er das Gehlz hinter sich und war im Tale. Pitt blickte um
sich und suchte das Haus: da lag es, ganz hoch oben auf einem neuen
waldigen Hgel, so da es, von hier gesehen, die ganze Gegend zu
beherrschen schien. Jenseits hinter dem Tannenwalde, von wo sie kamen,
ahnte man nichts von der tiefen Schlucht, die dazwischen lag.

Der Himmel glhte jetzt von Sternen, und wie ein lebendig gewordener
Komet scho und flatterte es weilich hoch ber dem Hause. Es war ein
weier Wimpel, dessen Stange man nicht sah. Wer mag ihn aufgezogen
haben? fragte Elfriede; ich habe ihn doch selbst im Haus verwahrt, als
wir das letztemal zur Stadt fuhren. -- Sie sah scharf hinauf: Da oben
bewegt sich noch etwas, aber etwas Schwarzes; manchmal sind die Sterne
fort, und manchmal sind sie da! -- In diesem Augenblick scho dort oben
ein schmaler Feuerstrom empor, zerteilte sich in Hunderten von goldnen
Funken, die der Wind hierhin und dorthin entfhrte, so da es schien,
als schwrmten die Sterne durcheinander. Harald! sagte Elfriede
berrascht, und dann rief sie durch ihre hohlen Hnde seinen Namen
hinauf, und gleich darauf trug die Luft einen wohlklingenden Laut zu ihr
herunter, der halb wie eine Antwort und halb wie eine frhliche
Herausforderung klang. -- Dieser Junge! sagte Frau van Loo, er sollte
doch noch auf seiner Schule sein! -- Der Wagen erreichte langsam die
volle Hhe, im scharfen Trabe liefen die Pferde die Avenue hinab, die
geradewegs auf das Gebude zufhrte. Aus dem Tore scho ein
halbwchsiger Knabe, umarmte erst Elfriede, dann seine Mutter, kte
Hedwig die Fingerspitzen und sah jetzt erst Pitt. -- Wer ist denn _das_?
fragte er sorglos; dann gab er ihm die Hand. -- Elfriede! sagte Frau van
Loo, als sie im Hause waren, fhre den kleinen Herrn Pitt hinauf und
zeige ihm sein Zimmer. -- Das kann doch das Mdchen tun! sagte Hedwig,
aber ihre Mutter meinte, die Tochter des Hauses knne das doch besser;
sie mchte sich beeilen, da sie Hunger habe und das Essen sogleich
angerichtet werde. -- Sie drckte im Vorplatz auf alle elektrischen
Knpfe, die dawaren, und wie alle Dienstboten des Hauses versammelt
waren, lie sie sich ber jedes einzelne Bericht erstatten, gab Befehle,
und verkndete, sie werde sogleich, wenn sie sich umgezogen habe, einen
Rundgang durch das Haus tun, um zu sehen, ob alles beim Rechten sei.
Hedwig fgte hinzu, sie werde ebenfalls einen Rundgang machen. --

Elfriede fhrte Pitt hinauf in sein Zimmer, das einfach und bequem
eingerichtet war. -- Hier wohnst du nun mit uns zusammen, eine lange,
schne Zeit; und wenn dir irgend etwas fehlt, so mut du es mir sagen!
-- Ja, sagte er und sah um sich. Elfriede blickte auf ihn, und ihre
Worte gingen ihm erst jetzt voll ins Gefhl. -- Du bist so gut! sagte er
und legte leise den Arm um ihre Schulter. Sie lie es geschehen. Sie
traten zum Fenster und sahen in die Sternennacht hinaus. Aber dann fiel
ihm ein Bild ein, auf dem auch zwei Menschen am Fenster standen und in
den Nachthimmel sahen, das war ihm unbehaglich und er nahm die Hand von
ihrer Schulter. -- Eine Sternschnuppe durchschnitt das Himmelsfeld. --
Hast du dir etwas gewnscht? fragte Elfriede nach einer Weile. Er lachte
und sagte, er habe gerade ausgerechnet, da das Licht immer noch
ungefhr dreitausendmal schneller liefe als diese Sternschnuppe. Sie
fand ihn viel vernnftiger als sich, und als sie sich nun nach unten
wandten, lie sie sich von ihm das Wesen der Aerolithen erklren.

Harald erzhlte bei Tisch, er habe sich in der Schule drei Tage krank
gestellt, gar nichts gegessen, und erst am vierten, als man ihn entlie,
auf dem Bahnhof alles nachgeholt. Frau van Loo redete von der
Unerhrtheit seines Streiches, sagte dann aber: da du einmal hier bist,
magst du auch gleich dableiben, worauf Pitt zum erstenmal seine
vergngten spitzen Eckzhne zu sehen bekam.

Am nchsten Morgen erwachte Elfriede an einem altgewohnten Gerusch:
Harald warf ihr kleine Steine in die Stube. Er wartete drauen bis sie
sich angekleidet hatte: komm, ich zeige dir, wo ich gestern gegraben
habe! Und unvermittelt fgte er hinzu: Was ist das fr ein Mensch,
dieser Herr Pitt oder wie er heit? Wie ist der in unser Haus gekommen?
-- Was Elfriede antwortete, war ihm nicht genug; er bohrte und drngte,
und warf so scharfsinnige Bemerkungen und Einwnde zwischen ihre
ausweichenden Stze, sah so traurig aus als er sagte: Frher hast du
doch nie ein Geheimnis vor mir gehabt! -- da sie ihm schlielich alles
erzhlte. -- Nun hast du mich wohl nicht mehr ganz so lieb wie frher?
-- Sie sah ihn verwundert an. -- Du liebst ihn doch natrlich. -- Sie
wurde rgerlich und nannte ihn verrckt. Sie waren zum Gemsegarten
gekommen; er grub, sie mute helfen, beide bekamen rote Backen und
wollten sich gegenseitig berholen. Harald stie den Spaten ins
Erdreich, mit aller Kraft und aller Liebe, und sagte aufatmend: Danach
habe ich mich immer gesehnt, daran habe ich immer gedacht, wie ich auf
der Schulbank sa und hungerte; so eine Schaufel ist doch etwas
Wundervolles! -- Er umarmte sie, als wre sie ein lebendes Wesen. --
Aber zur See gehen ist doch noch viel, viel schner! -- Das Hndlein
nahte in voller Karriere ber den Kiesweg, warf sich ihm an die Brust,
er fing es mit beiden Armen, es schnappte nach seinem Ohrlppchen und er
kte es auf die Schnauze. -- Wenn das die Komtesse she! -- Mit der
Komtesse war Hedwig gemeint. Er liebte sie immer noch nicht sonderlich,
denn sie hatte ewig etwas an ihm auszusetzen.

Pitt erschien zum Frhstck als die andern sich schon erheben wollten.
Er schien nervs, war nachts von den unruhigsten Trumen geplagt worden
und hatte wie im Fieber gelegen. -- Das macht der Unterschied der Luft!
sagte Elfriede, du wirst dich schon daran gewhnen! -- und reichte ihm
noch einmal die Hand, da er sie das erstemal bersehen hatte.

Nach dem Frhstck ging er mit ihr und Harald durch die Felder. Er sah
auf die sonnedurchleuchteten Wiesen und Hgel, die seinem Auge weh
taten: Brutal, nackt war sie, diese sogenannte Natur, und er dachte: Das
soll ich nun viele Wochen aushalten?

Aber die nchste Nacht schlief er schon etwas besser, und nach einiger
Zeit hatte er sich so an alles gewhnt, da es nun die Huser der Stadt
waren, an die er mit Abneigung dachte. Allein freilich htte er hier
keinen einzigen Tag verbracht.

Harald war die erste Zeit sehr zufrieden. Seine Sorge, Elfriede mchte
ihn nun weniger lieben, besttigte sich nicht; er durfte berall dabei
sein und gab seiner Freundschaft fr Pitt und seiner Liebe zu Elfriede
dadurch Ausdruck, da er stets zwischen ihnen ging. Hedwig beteiligte
sich zuweilen an diesen Spaziergngen, aber dann waren sie alle wortkarg
und einsilbig. Gegen Hedwig hatten Pitt und Elfriede schon frher eine
Art Bndnis geschlossen; wenigstens erzhlte sie ihm alles, was zu Hause
zwischen ihnen vorfiel und auf sie Bezug hatte, und freute sich, wenn er
in ihr Urteil einstimmte; doch konnte sie es frher nicht leiden, wenn
er selbstndig etwas Schlechtes von ihr sagte; dann zhlte sie alle
Vorzge ihrer Schwester auf, oder sagte auch geradezu, er mge stille
sein, sie knne das nicht hren; er begriff sie nicht und sagte, sie
wre feige: Entweder man habe ein Urteil ber einen Menschen oder man
habe es nicht; er selbst htte eine ganz bestimmte Ansicht von seinem
Vater, und wenn jemand dieselbe Ansicht uere, dann stimme er ihr bei.
-- Das ist eben der Unterschied! sagte sie damals und lie sich nicht
beirren. -- Jetzt wandelte sich dieses, wo alle Beziehungen so eng
zueinander gerckt erschienen, wo jede Mihelligkeit einen viel
deutlicheren Ausdruck fand. Hedwig konnte es nicht lassen, jede ihrer
kleinen Mibilligungen zu uern, die in Elfriedes Augen sofort in
bertriebener Gre erschienen, da sie allmhlich gewhnt war, Pitt
blindlings gegen jeden in Schutz zu nehmen und ihre Schwester von
vornherein als voreingenommen zu betrachten. Pitt trafen ihre kleinen
Spitzen nicht empfindlich; im Gegenteil, er empfand es als ganz lustig,
sie zu parieren und dabei seine Schlagfertigkeit zu ben, die sich in
der letzten Zeit im brigen etwas abzustumpfen schien; auf den
Spaziergngen mit Elfriede und Harald lie er sich zuweilen gehen in
grotesken Einfllen und Bildern. Auf Harald hatte dies die Wirkung, da
er nun selbstndig gegen Hedwig vorging und sich bte, im Pittschen
Sinne schlagfertig zu antworten. Schlielich machte er sich geradezu
einen Sport aus diesen Dingen, und wenn er mit den beiden andern
zusammen war, schien ihm das Ziel der Unterhaltung erst dann erreicht,
wenn er die Rede auf Hedwig brachte. --

Elfriede wnschte ihn zuweilen fort, sie wollte mit Pitt lieber allein
sein; aber er war so unbefangen selbstverstndlich und rckhaltlos, da
sie es ihm nicht sagen mochte, sondern lieber darauf wartete, ob sich
die Gelegenheit nicht von selbst ergebe, wobei sie dann noch ein wenig
nachhelfen konnte. -- Einmal fand sie Pitt allein in der Laube sitzen,
ber einem dicken alten Buche, das er mitgenommen hatte. Die
schreckliche Philosophie! sagte sie, die kannst du doch auch in der
Stadt lesen! Und warf ihm, um ihn zu unterbrechen, eine Blume aufs
Papier. Er lie sich bewegen, mit ihr zu gehen; ganz heimlich ging sie
mit ihm durch den Garten. -- Sie glaubte sich und ihn schon gerettet,
als Harald seitwrts heranlief: Die Komtesse! rief er, sie hat euch
gesehen und will mit uns gehen, da das Wetter so schn sei; schnell,
schnell, dann findet sie uns nicht! -- So ist dieser Spaziergang wieder
nichts geworden! dachte Elfriede, und beeilte sich nicht so wie Harald
wnschte. -- Sie wandten sich zum Wasser hinab, das unten in der Tiefe,
von Erlengebschen umstanden, lag; Harald warf mit flachen Steinen ber
seine Oberflche. Nach einer Weile aber duckte er sich, schlich in ein
dichtes Strauchwerk und winkte den beiden andern heftig nachzukommen.
Dann deutete er mit dem Finger vorsichtig durch die Zweige. Oben auf dem
dunklen Brachfelde, auf der Horizontlinie stand Hedwig, in ihrem
schwarzen Kleide. -- Wie sie geschnrt ist, -- wie eine Rbe! sagte er,
und versuchte Pitts Tonfall nachzuahmen. Und Elfriede fgte hinzu: es
geschieht ihr ganz recht, da wir hier im Busch sitzen und lachen; wozu
ist sie so abscheulich! -- In ihrem Ton lag so viel Bitterkeit, da Pitt
sich wunderte. Hedwig stand noch eine kleine Weile oben, dann verschwand
sie langsam. -- Sofort trat Harald aus dem Gebsch heraus und warf
wieder mit seinen Steinen, Pitt wollte folgen, aber Elfriede sagte: Ich
finde es so schn hier, bleibe doch sitzen! -- So saen sie
nebeneinander, in dem dichten Grn, Elfriede immer in der leisen Unruhe,
er knne pltzlich doch aufstehen. -- Was ist das eigentlich fr ein
Gebsch, in dem wir sitzen? fragte er nach einer Weile. -- Ach ich wei
es nicht! sagte sie und in ihrer Stimme klang eine sonderbare Erregung;
vielleicht ist es ein Weidenbusch -- nein, es sind Haselnsse. Dann
schwiegen sie wieder. In ihr war eine Unruhe, da sie pltzlich
aufsprang: ich glaube, ich mchte mit dir ringen! Er sah sie erst
erstaunt, dann nachdenklich an, sie hielt diesen Blick verwirrt aus,
dann strich sie ihr Haar aus der Stirne und sagte: es ist hier so hei
und dumpf drinnen, ich halte es nicht aus -- und trat ins Freie. -- Was
ist denn los? fragte Harald berrascht und blickte schnell hinter sich,
ob da ein Tier se, das er vorher nicht bemerkt hatte; -- du sahst mich
eben so merkwrdig an, als ob ich gar nicht da wre! -- Wir wollen nach
Hause gehen, ich mu ben, meine Finger werden ganz steif! Sie dehnte
sie auseinander, so stark, da sie knackten. -- Harald fand das
langweilig. -- Bleibt ihr beide doch unten! sagte sie und streifte Pitt
mit einem Blick, ich finde den Weg auch allein. -- Wirklich schritt sie
allein den Pfad hinauf. -- Nach einer Weile blieb sie stehen und schaute
zurck. Unten gingen die beiden jetzt am Wasser entlang. Sie wartete
immer, da er sich nach ihr umsehen wrde. -- Weshalb hatte sie das
gesagt! Weshalb war sie berhaupt so pltzlich weggegangen! Sie wandte
sich wieder auf ihren Weg, ihre Schritte wurden schneller, schlielich
begann sie zu laufen. -- Frau van Loo trat ins Musikzimmer. -- Elfriede,
sagte sie, du spielst roh! Oder liegt es am Flgel? Wo ist denn Herr
Pitt? -- Der ist mit Harald spazieren gegangen! antwortete sie mit
frischer Stimme, ohne ihre Augen von den Tasten zu wenden -- ich habe
sie allein gelassen, weil ich Lust hatte zu ben. Und sthlern fielen
ihre Finger wieder in die Tasten. -- Was spielst du da eigentlich? Es
kommt mir so bekannt vor, aber so abscheulich verndert! -- Ich mache
einen Marsch draus! Es klingt famos!! -- Frau van Loo verlie das Zimmer
wieder und Elfriedes Tne hallten weiter. Schlielich spielte sie fast
mechanisch. Endlich sprang sie auf, holte ein Sonatenbuch und begann
regelrecht zu ben. Und immer wenn diese schwierige, sonderbare Passage
kam, sah sie Gest vor sich und hrte Pitts Stimme: Was ist dies
eigentlich fr ein Gebsch? -- Je mehr sie von dieser sinnlosen
Verbindung sich frei machen wollte, um so fester hakte sie sich in sie
hinein; es war fast bldsinnig.

Nach einer Weile wurde sie abermals gestrt: Hedwig trat herein. -- Ich
mchte dir gerne etwas sagen. -- Sie wartete, da Elfriede ihr Spiel
unterbrechen solle. -- Sprich nur, ich hre schon. -- Sie wartete wieder
eine Zeitlang, dann kam sie auf den Flgel zu und schlo den
Tastendeckel, da Elfriede schnell die Hnde wegzog. Beide sahen sich
einen Augenblick an, fast wie zwei Feinde. -- Elfriede stie den Deckel
wieder auf. Was willst du denn? -- Was ich will? Kannst du dir das nicht
denken? -- Absolut nicht! sagte Elfriede gereizt und trotzig. -- Dann
will ich es dir sagen: Wenn das so fortgeht, so gebe ich dir mein Wort
darauf, da dieser Mensch schon in den nchsten Tagen das Gut verlt.
-- Welcher Mensch? fragte Elfriede erregt. -- Es handelt sich nur um den
einen. -- Also doch! Ich hatte gedacht, da du etwas anstndiger von
jemand redest, der mein Freund ist und unser Gast! -- Ich rede von den
Menschen so wie sie es verdienen. Dieser Herr Sintrup hat keine Art,
sich beliebt zu machen, und wenn es noch das allein wre! Aber er
stiftet Unfrieden zwischen uns allen. Von seinem Benehmen gegen mich
will ich gnzlich schweigen; es war niemals taktvoll; aber er hat auch
andere Leute angesteckt. -- Wer sind die andern Leute? -- Du und Harald!
Es ist ja, als wenn ihr ein Bndnis gegen mich geschlossen httet; alles
ergreift Partei gegen mich, nur weil ich die Wahrheit sage: Halboffene
Seitenblicke, unterdrcktes Lcheln -- denkt ihr denn ich sehe das alles
nicht? Ich tue nur, als ob ich nichts bemerke, weil ich eine bessere
Lebensart habe als ihr. Ich bemhe mich, zu vertuschen, zu bemnteln,
nicht aus Rcksicht auf euch, sondern aus Rcksicht auf unsere Mutter,
der ich alles Unangenehme ersparen mchte, aber ihr werdet ja geradezu
flegelhaft! Die Mistimmung beim Frhstck heute morgen dachte ich zu
berbrcken, indem ich mich euch beim Spazierengehen anschlieen will:
Harald sieht mich im Garten, kehrt vor mir um und luft davon. Noch
einmal nehme ich mich zusammen und folge euch zum Wasser hinunter; ihr
versteckt euch wie Schulkinder vor mir, im Gebsch, und macht eure Witze
ber mich. Und Herr Pitt ist der Anfhrer. -- Das ist nicht wahr! rief
Elfriede, Harald verkroch sich zuerst! -- Um so schlimmer! Soweit habt
ihr ihn schon gebracht in der kurzen Zeit. Harald war frher ein ganz
anderer Mensch, zuweilen ungezogen, aber einfach und natrlich. Jetzt
aber sucht er geradezu Streit mit mir, und in seinen Antworten ist ein
Geist -- wenn ich es berhaupt so nennen soll -- der ihm ganz fremd ist.
Gestern nenne ich ihn halb im Scherz einen losen Vogel; er will
antworten, und ich sehe es seinem Gesichte an, da ihm nichts einfllt.
Jetzt, heute morgen wirft er mir unversehens die Worte an den Kopf:
Gefangene Vgel schelten immer auf die freien. Denkst du ich wei nicht,
woher solche Antwort kommt? Will Harald aus sich selber witzig sein?
Liegt das in seinem Charakter? Und noch dazu auf eine so alberne und
abgeschmackte Weise witzig? Harald wiederholt sorglos das was man ihm
vorsagt. Er wird hier geradezu verdorben. -- Pitt ist niemals albern
oder abgeschmackt! rief Elfriede. -- Das wundert mich nicht von dir zu
hren, glaubst du denn ich she nicht, wie du dich von ihm beeinflussen
lt? Ich rede eben nicht in bezug auf mich, sondern im allgemeinen. Du
sagst Dinge, die du frher nie gesagt httest, du bewunderst ihn
blindlings, du findest seine Plattitden interessant, du wirst ihm sogar
in den Bewegungen hnlich -- sieh, wie du eben den Finger aufhebst, um
mich zu unterbrechen! Ganz seine Art, ganz sein Benehmen. Er ist ein
durch und durch uninteressanter Mensch, der seine Existenz wenigstens
durch ein tadelloses Benehmen ertrglich machen sollte. -- Elfriede war
bla geworden und ihre Lippen zitterten. -- Was du da sagst, rief sie,
sagst du nur aus Neid. Du mignnst es mir, da ich einen Menschen lieb
habe und da er mich lieb hat. Aber nun ist es genug; geh hinaus! --
Elfriede hatte sich jh zu ihr gewendet, und ihre Augen brannten. -- Ich
gehe, wenn ich die Lust dazu habe, ich bin hier so gut in meinem wie in
deinem Hause. Merke dir, was ich gesagt habe, du bist nun gewarnt! --
Sie schritt an ihr vorbei und schlo geruschvoll die Tr hinter sich.
-- Sofort fielen Elfriedes Finger wieder in die Tasten. Hedwig sollte es
empfinden, da es ihr vllig gleichgltig war, was sie sagte. Und Pitt,
der wrde einfach lachen, wenn sie es ihm erzhlte. --

Hedwig war in ihr Zimmer zurckgekehrt. Die Hauptsache hatte sie
vergessen zu sagen: Was fr ein Unterschied war denn zwischen lieben und
lieb haben? Hatte Elfriede nicht eigentlich eingestanden, da sie diesen
Pitt liebe? -- Sie ging zu ihrer Mutter und teilte ihr das ganze
Vorausgegangene mit. -- Ich sehe nichts Gutes fr Elfriede ab, wenn er
noch lange hier bleibt, schlo sie; wir knnen ihn nicht eins, zwei,
drei wieder fortschicken, das wre gegen die Sitte und gegen alle
Gastfreundschaft, aber ich halte es fr das beste, da er nicht lnger
bleibt als unumgnglich ntig ist. Mag sein, da Elfriede bis jetzt noch
nicht in ihn verliebt ist, -- die Unterschiede sind brigens zuweilen
fast unkenntlich -- aber die Gefahr scheint mir jetzt ganz nah. --
Jedenfalls, sagte Frau van Loo, wird die Gefahr, wie du es nennst,
vergrert, wenn jemand auf sie einredet, wenn man ihr die Mglichkeit
vorhlt. Und was diesen Pitt selbst betrifft, so wird -- wie ich ihn
auffasse -- seine Neigung zu ihr niemals ber die Grenze einer
Freundschaft hinauskommen. Hedwig bestritt dieses und erinnerte an die
Art, wie Pitt damals Elfriede kennen lernte; das sei doch eigentlich ein
gengend deutlicher Fingerzeig. -- Zwei Dinge, sagte Frau van Loo,
knnen sich zum Verwechseln hnlich sehen und doch etwas ganz
Verschiedenes sein. Hedwig zuckte die Achseln und ging.

Pitt war inzwischen nach Hause gegangen und hatte ber alles
nachgedacht. Er rgerte sich, da er Elfriede hatte allein gehen lassen.
Jetzt wute er mit einem Male klar, was er bisher nur geahnt hatte: da
Elfriede ihn liebe. Dieses Bewutsein erfllte ihn mit einer stillen
Freude; sein eigenes Gefhl zu ihr erschien ihm nun mit einem Male fest,
sicher, klar. Zuweilen war er an sich selber irre geworden, wenn er
darber nachdachte, da er eigentlich noch niemals irgendeine Angst um
sie empfunden hatte, da ihm ihr Dasein so selbstverstndlich war wie
sein eigenes, da es Stunden gab, wo er sich ihres Daseins erst genau so
erinnern mute wie seines eigenen, das er mitunter ganz verga. Aber mu
denn einer Liebe stets irgend etwas Bitteres, etwas Aufregendes und
Zerrendes beigemischt sein? Er fhlte sich in seinem Zustand vollkommen
wohl, und jetzt noch viel wohler, da er ihm gesichert schien.

Elfriede sprach mit ihm ber das Vorgefallene, und whrend sie sprach,
sah er sie mit einem so stillen Blicke an, da sie verwirrt die Augen
von ihm kehrte. Er ergriff ihre Hand und sagte: Wollen wir wegen einer
solchen Dummheit diese schne Zeit, die vielleicht nie wieder kommt,
abbrechen? Diese Worte gingen ihr noch lange nach. Sie fhlte, da
zwischen ihm und ihr ein tieferes Einverstndnis war als all die Zeit
vorher.

Harald war nicht so ohne weiteres einverstanden mit dem neuen Leben,
Hedwig gegenber. Sie fing ihn ab, als er pfeifend an ihr vorber
wollte. Er kam mit gerteter Stirn zu Pitt und Elfriede, erzhlte alles
und sagte in dem Tone eines Bandenanfhrers: Irgend etwas mu gegen sie
unternommen werden! Und als beide nicht mittun wollten, meinte er
verwundert: was seht ihr denn so zufrieden aus? _Ich_ finde dieses
furchtbar dumm. -- Alleine unternehme ich auch nichts gegen sie! fgte
er nach einer Pause hinzu, wie eine Warnung, sich noch zu besinnen. Dann
ging er enttuscht hinaus. -- Und nicht einmal die Komtesse darf ich sie
mehr nennen, weil sie das herzlos findet. Ich mchte wissen, was daran
herzlos ist. --

Es folgten nun ruhigere Tage. Pitt und Elfriede waren fast stets
zusammen. Sie schienen wie zwei gute Kameraden, Hedwig htte alle ihre
Worte hren knnen, ohne den geringsten Anla zu einem Tadel zu haben.
Jenem ersten, unklaren Ausbruch in Elfriedes Gefhl schien kein zweiter
zu folgen.

Nur nahm sie jetzt, wenn sie drauen zusammen gingen, zuweilen still
seinen Arm, was er geschehen lie, obgleich er es im Grunde nicht gerne
mochte, da es ihn an Ehepaare erinnerte. Aber am Ende ihrer
Unterhaltungen geschah es jedesmal, da sie still und einsilbig wurde.
Dann berkam ihn ein unbehagliches Gefhl und er redete von den
abgelegensten Dingen, und sie lie sich halb widerwillig in ein neues
Gesprch ziehen, bis sie abermals verstummte. Endlich machte er sich
unter irgend einem Vorwande frei von ihrem Arm, da ihn dieses ganz nahe
Beieinandergehen beengte, seine Schritte wurden immer schneller, und
schlielich ging sie beinah hinter ihm. Sie begriff ihn nicht, und
begann zu leiden. -- Ich mchte heute gern allein gehen! sagte er
zuweilen. Dann antwortete sie nicht, aber in ihren Augen lag eine solche
Traurigkeit, da er hinzusetzte: oder ich kann ja auch morgen einmal
allein gehen. Dann gingen sie zusammen. Und wieder begann er zu
sprechen, wieder antwortete sie ihm, aber es kam allmhlich so, da sie
auch nicht einmal fr krzere Zeit ihre Gedanken sammeln konnte auf
etwas, das nicht einen unmittelbaren Bezug auf ihn oder auf sie selber
hatte. --

Schon morgens, wenn sie ihn begrte, lag nun in ihren Augen ein
Ausdruck, wie er sich bisher, in der allerletzten Zeit, erst allmhlich
im Lauf des Tages bildete, nachdem sie durch ihr selber oft ganz
unbewute Enttuschungen hindurch geschritten war. Im Beisein der
anderen beherrschte sie sich instinktiv. Aber Frau van Loo bemerkte
trotzdem ihren Wandel.

Der Ton der Unbefangenheit schwand mehr und mehr zwischen Pitt und
Elfriede. -- Was ist es nur? Was hat er nur? dachte sie, wie sie
deutlich zu bemerken begann, da er anfing sie zu vermeiden. Und er
wiederum dachte: Wie war Elfriede frher anders! Noch immer bildete er
sich ein, er liebe sie, und da sie die Liebe einmal anders auffate als
er; und da er sie nicht krnken wollte, sondern wenigstens Versuche
machen, ihr so zu begegnen wie sie ihm, kam zuweilen in sein Wesen eine
Dissonanz, eine ungewollte Unehrlichkeit gegen sie und gegen sich
selber. Er nahm ihre Hand und streichelte sie, Elfriede berlie sich
fr einen Augenblick ganz ihrem Gefhl und dachte: alles wird noch gut
-- worunter sie sich gar nichts Bestimmtes vorstellte -- und dann ging
er fort von ihr, indem er sagte, er msse an seinen Vater schreiben;
dies war das traurigste, wenn sie dachte: Sein Vater? Was kann er denn
seinem Vater schreiben wollen!? --

Er fhlte es allmhlich selbst, was er nicht fhlen wollte, und was doch
mit immer strkerer Deutlichkeit hervortrat: da sein Gefhl zu Elfriede
ganz anders war als Elfriedes zu ihm selbst. Und mitunter empfand er mit
rcksichtsloser Klarheit, da es das beste sei, wenn er nicht lnger
blieb. Spter, wenn sie wieder in der Stadt war, wrde Elfriede
sicherlich den alten Ton zurckfinden. Oder sollte er doch bleiben?
Konnte die Welle nicht auch ihn berfluten? -- Die Ausflsse solcher
Stimmungen erschienen ihr rtselhaft. Pltzlich war er bei ihr, und
pltzlich ging er wieder.

Warum stehst du jetzt so unendlich spt auf? fragte sie einmal, die
schne Zeit ist pltzlich vorbei, ohne da wir es wissen! -- Er log, er
habe den Schlaf ntig, in den ersten Nachtstunden lge er stets wach. --
Du auch?! fragte sie, und er bedauerte, dies gesagt zu haben. Sein
wirklicher Grund war ein ganz anderer: er wollte den ganzen langen Tag
abkrzen, die Vormittagsstunden schlief er nicht, sondern las im Bette.
Immer spter erschien er, einmal versptete er sich sogar zum
Mittagessen, so da Frau van Loo, der es ganz lieb war, da Elfriede den
Vormittag auf sich allein angewiesen war, zu ihm sagte: Durch
progressive Steigerungen knnen Sie es noch erreichen, Herr Pitt, da
Sie eines Morgens einmal wieder richtig zum Kaffee eintreffen. --

Elfriede bte gleich nach dem Frhstck mehrere Stunden hintereinander;
sie mute sich nicht dazu zwingen, im Gegenteil: auf diese Weise
tuschte sie sich am besten hinweg ber die Zeit, wo das Haus ihr leer
erschien, wo sie sonst ohne wirkliche Beschftigung war, und voll
innerer Unruhe nur immer auf alle Tritte horchte und zur Tr sah. --

Harald und Hedwig befreundeten sich wieder. Elfriede bekmmerte sich
nicht mehr wie sonst um ihn, und er mute jemand haben, der sich mit ihm
beschftigte. Sie ritten zusammen, er bewunderte ihre gute Haltung, und
die Eleganz, mit der sie ber Grben hinwegsetzte. Sein grter Ehrgeiz
war es nun, von ihr ein Lob zu verdienen, das sie sehr sprlich
austeilte; die geschnrte Taille, ber die er anfangs so gespottet
hatte, erschien ihm jetzt im anderen Lichte, ja durchaus notwendig fr
eine vornehme Reiterin, wie er sich bei Tisch ausdrckte. Die beiden
kamen immer sehr frisch von ihren Ritten zurck. -- Weshalb reitest du
eigentlich niemals mit? fragte Frau van Loo Elfriede; du bist immer bla
und kommst zu wenig an die frische Luft; deine bungen werden immer
unertrglicher. -- So sprach sie, und dachte: lange sehe ich dieses
nicht mehr mit an. Aber Elfriede fand stets Ausflchte, bis ihre Mutter
ihr eines Morgens stillschweigend ein Pferd satteln lie; wohl oder bel
mute sie mitreiten, anfnglich ganz froh, dann immer stiller; und wie
erst der Wald zwischen ihr und dem Gute lag, da sie das Haus nirgends
mehr finden konnte, fate sie eine groe Unruhe, sie blieb hinter Harald
und Hedwig zurck und ward erst ruhiger, als das Schlchen wieder in
der Ferne vor ihren Blicken lag. Sie strengte ihre Augen an, sie zhlte
alle Fenster, ihr Blick blieb auf _einem_ haften whrend der ganzen Zeit
ihres Rckwegs. -- Es greift mich zu sehr an, sagte sie, absteigend, zu
ihrer Mutter, und fiel ihr fast in die Arme. Das erstemal, fgte sie,
sich zusammennehmend, hinzu, ist es immer mehr eine Arbeit als ein
Vergngen; ich werde morgen wieder reiten! Aber sie ritt nicht wieder,
sie sa wieder am Flgel, und wenn eine Tr ging, zuckte sie zusammen.
Wenn sie allein war mit den andern, war sie stumm und gedrckt; trat
Pitt ins Zimmer, ward sie lebhafter; als wre es selbstverstndlich, war
sie stets an seiner Seite, sie antwortete nur halb dem was er sagte,
ihre Stimme hatte einen belegten, trockenen Klang. Und schlielich
konnte sie auch nicht mehr ben; alles schien seinen Sinn verloren zu
haben.

Leise nherte sich ihr Frau van Loo; aber wie sie nur das erste Wort
sagte, fiel Elfriede erregt ein: es sei schrecklich, da man nicht mehr
eine Freundschaft haben drfe, bis jetzt habe sie geglaubt, da ihre
Mutter wenigstens natrlich und einfach dchte, nun werde sie auch noch
von Hedwig angesteckt! Ich mu es doch am besten wissen, was ich fhle!
-- Also ist es noch zu frh; dachte Frau van Loo und wartete. --
Elfriede beherrschte sich die nchsten Tage, aber langsam, ohne da sie
das geringste dagegen tun konnte, kam es wieder ber sie.

Sie vermied jetzt jede Berhrung mit ihm; wenn er ihr morgens die Hand
reichte, nahm sie sie nur flchtig. Harald bemerkte Elfriedes
Traurigkeit einmal, als er sie allein in einem Zimmer berraschte. --
Habt ihr euch gezankt? fragte er Pitt: Elfriede ist so traurig. -- Ja,
sagte Pitt, sie ist traurig, und ich bin traurig darber. Diese Worte
kamen ihm ganz einfach ber die Lippen, da Harald so warm und
selbstverstndlich sprach. -- Harald teilte dies sofort Elfriede mit:
sei doch wieder gut mit ihm, Pitt ist so furchtbar traurig! Elfriede
hielt mit Mhe die Trnen zurck. Aber Haralds Worte taten ihr wohl, und
die Hoffnung kam in ihr Herz zurck. Als sie Pitt wiedersah, erwartete
sie ein Wort von ihm ber das, was er zu Harald gesagt hatte; aber es
war als habe er es nie gesprochen, oder schon wieder vergessen. In
seinem Wesen schien kein innerer Zwang zu sein, nichts schien einem
Gesetz zu folgen.

Dennoch wurde sie fr krzere Zeit heiterer, indem sie dachte: So wei
ich es doch wenigstens, wenn er es mir auch nicht selber sagt. Aber
lange hielt diese Stimmung nicht an: ein kleines Wort von ihm gengte,
sie von einem Gefhl ins andere zu werfen. Eine geringe Vernderung in
seiner Miene machte sie traurig oder froher. Sie hatte Angst, wenn er zu
Tisch kam, ob er sie zuerst ansehen oder ob er nur im allgemeinen guten
Tag wnschen wrde; wenn geredet wurde und sie selber etwas sagte, sah
sie hin zu ihm, ob der Klang ihrer Stimme irgendeine Vernderung auf
seinen Zgen hervorrufe; wenn man vom Tische aufstand, beobachtete sie,
wohin er seine Schritte wende, ob er gleichgltig irgend einen
Gegenstand anfate, oder ob er wie selbstverstndlich zu ihr kommen
wrde. Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine Gedanken
zu ergrnden, wenn er vorausschritt. Mit Mhe bezwang sie sich, aber
gegen ihren Willen schritt sie schneller, bis sie an seiner Seite war.
Wenn sie abends alle nach dem Tee zusammensaen und Hedwig Geschichten
von Bllen, Rennen und Gesellschaften erzhlte, wenn berhaupt irgend
jemand lnger sprach, irrten ihre Gedanken sogleich ab, ihre Augen
suchten seine Augen, ob sie sich nicht in ein heimliches Einverstndnis
mit ihr setzten, das ber die Erzhlungen hinweg sie und ihn in eine
glckliche Stille fhre, -- und wenn er dann endlich zu ihr herbersah,
da er empfand, da sie sich nach einem Zeichen von ihm sehne, dann lie
ihre Spannung etwas nach.

Pitt wurde dieser Zustand unertrglich. Es war ihm, als habe er seine
Freiheit verloren, er begann fast einen Widerwillen gegen Elfriede zu
empfinden. Ihr Wesen erschien ihm verzerrt und fremd, es drohte all
seinen Schimmer fr ihn zu verlieren.

Die Erwgung, da dies alles seinetwillen war, half ihm nicht darber
hinweg. Wieder nahm er sich vor, abzureisen, aber schon bei dem Gedanken
daran stieg ihm Elfriedes Bild so wie es war und wie er es liebte,
hemmend vor die Seele. Er geriet in einen Zwiespalt mit sich selbst,
wute nicht mehr was er tun sollte. Aber schlielich raffte er sich zu
einem Entschlusse auf: Ich reise morgen! -- Du reist morgen? Elfriede
erblate. Ist es dir denn ganz gleichgltig, ob du hier bist oder wo
anders? -- Pitt sah ins Leere und seine Augen wurden feucht. -- Siehst
du, du denkst selbst nicht im Ernst daran. -- Sie stand vor ihm, hob die
Hand, lie sie aber gleich wieder sinken. -- Oder ist es dir doch
gleichgltig? -- Sie sah ihm fast flehend in die Augen. -- Es war als
kme er aus einem Traume zu sich. Er blickte ihr ins Gesicht, unklar,
zweifelnd, grbelnd, und er blieb. -- Aber ihre Gegenwart bedrckte,
beengte ihn mehr und mehr, er fing an ein Alleinsein mit ihr berhaupt
zu vermeiden und schlo sich an Harald an, mit dem er nachmittags
zusammen arbeitete. Harald hatte gesagt, da ihm die Mathematik so
schwer werde, und da dies eine wahnsinnig dumme Wissenschaft sei.
Jetzt, unter Pitts Anleitung, wurde sie ihm pltzlich nahgerckt und
interessant; denn Pitt verstand es, aus ihr eine Kunst zu machen, die
sich auf den einfachsten Grundlagen aufbaute. Dinge, die Harald frher
unbegreiflich erschienen waren, lsten sich unter seinen Worten und
Beschreibungen zu durchsichtigster Selbstverstndlichkeit auf; es lockte
geradezu, auf diesen schwanken Brettern und Balken herumzusteigen, neue
Brcken und Verbindungen zu schlagen, und wenn man einmal leichtsinnig
oder unberlegt abstrzte, so tat der Sturz nicht weh, man erhob sich
als sei man niemals heruntergefallen, und sah sich das nchstemal etwas
vorsichtiger um. -- Pitt ist ganz anders als andere Menschen! sagte
Harald zu seiner Mutter; man schmt sich nie vor ihm. Wenn ich etwas
Dummes sage, dann ist es immer so, als ob er es eigentlich gesagt htte
und dann nur gleich das Richtige fnde. Er sagt alles so klar und
einfach in den Stunden, und dann hinterher, wenn wir uns unterhalten,
mu ich mich manchmal durcharbeiten durch seine Worte, wie durch ein
Gestrpp, hinter dem der Sinn sitzt. --

Eines Sptnachmittags gegen Abend, als sie wieder lange zusammengesessen
hatten, trat Elfriede ein. Sie hatte Pitt an diesem Tage fast noch gar
nicht gesehen, und hielt ihren Zustand nicht mehr aus. Mit stumpfen
Augen stand sie da -- er konnte diese Augen fast nicht mehr ansehen --
und bat ihn, mit ihr ins Musikzimmer zu kommen; sie habe unter den Noten
ein schnes altes Stck gefunden, das sie ihm frher einmal vorspielte,
und das ihm so gut gefallen habe. -- Im selben Augenblick, wo sie so
unter der geffneten Tr stand, schlug das Fenster zu. Drauen hatte
sich nach der schwlen Tageshitze ein Wind erhoben, es drohte ein
Gewitter. Pitt sagte, sie mge vorangehen, er wolle nur noch oben in
seinem Zimmer das Fenster schlieen. -- Sie dachte: das knnen doch auch
die Mdchen! antwortete aber nicht und begab sich stumm zum Flgel,
schlug das Stck auf und horchte von ihrem Sitz aus auf den Gang hinaus,
zur Treppe. Schlielich begann sie Akkorde anzuschlagen, ohne
Zusammenhang, nur um die Zeit des Wartens hinzubringen. Aber Pitt kam
nicht. Eine Viertelstunde war vergangen, endlich erhob sie sich. Sie
horchte wieder. Schlielich schritt sie langsam die Treppe hinauf, bis
vor seine Tr, zgerte einen Augenblick, ffnete sie dann aber in dem
sicheren Gefhl, da Pitt doch nicht im Zimmer sei, und stand
bewegungslos und fragend auf der Schwelle.

Pitt sa am Fenster, den Kopf in die linke Hand gesttzt, und zeichnete
Figuren. Sie sah dies wie ein lebendes Bild, das nur einen einzigen
Augenblick andauerte, denn im nchsten hatte er den Kopf zu ihr
gewendet, und sah sie ebenfalls bewegungslos und fragend an. -- Ach so!
rief er, indem er aufsprang, das hatte ich ganz vergessen. Mir fiel
vorhin ein einfacherer Beweis fr Harald ein, ein neuer, den ich selbst
gemacht habe, und dazu zeichnete ich gerade die Figur. -- Sie hatte die
Tr hinter sich geschlossen und trat nher; sie sah ihn so sonderbar und
ernst an, da er wute: Jetzt kommt die Entscheidung. Eine nervse
Unruhe berfiel ihn, er wollte langsam an ihr vorbei, blieb aber auf
halbem Wege stehen. -- Was hast du denn? fragte er, nur um etwas zu
sagen, und doch wute er, da diese Frage gerade die schlimmste von
allen war. -- Sie antwortete noch immer nichts und hielt ihre traurigen
Augen unausgesetzt auf ihn gerichtet. Sie wollte sprechen, sie vermochte
es nicht. In dem Gefhl, etwas tun zu mssen, worauf sie wartete, wonach
sie sich sehnte, legte er sanft den Arm um sie und zog sie an sich. Da
lsten sich ihre Trnen.

O, du qulst mich so! -- -- diese Worte schienen das Zimmer noch zu
fllen, nachdem sie lngst verklungen waren. --

O, du qulst mich so! wiederholte sie langsam, heftiger, und er fhlte,
wie ihr Krper in verhaltenem Schluchzen bebte. Ihre Arme, die ihn ganz
umfat hielten, umschlangen ihn noch enger. Es war, als wollten sie ihn
nie wieder loslassen. Sie hatte die Augen geschlossen, sie verga alles
um sich her, sie wute nur, da sie ihn in ihren Armen hielt.

In ihm gingen die verschiedensten Gedanken wirr durcheinander. Zum
erstenmal fhlte er ihren Krper dicht an dem seinen, zum erstenmal
empfand er mit aller Heftigkeit das, was er bisher nur mit seinen Augen
gesehen und mit den Ohren gehrt hatte. Und jetzt empfand er zum
erstenmal in aller Strke den Unterschied in seinem und ihrem Gefhl,
bengstigt, beklemmt, hnlich wie schon frher, nur viel strker.
Einzelne Bruchstcke ihres frheren Beisammenseins tauchten in seiner
Seele auf und verschwanden wieder, ohne da sich ein selbstndiger
Gedanke an sie heftete. Sie tauchten empor und sanken unter wie Bilder,
die man nur als Zuschauer betrachtet. Dann dmmerten ganz frhe
Eindrcke in ihm auf, Landschaften, die er als ganz kleiner Knabe
gesehen und die aus seiner Erinnerung geschwunden waren. Sie verrannen
wieder, dichtes, feines Stabwerk schwebte ihm vor Augen, wie wenn es
anatomisch wre, verschlungene zarte Rhren; aus ihnen brachen kleine
runde Knospen, halb traumhaft dachte er: Das sind die Gedanken, die sich
im Gehirne bilden -- -- -- und dann war er wieder in der Wirklichkeit
und fhlte Elfriedes Krper.

Drauen trieb der Wind den Regen gegen die Scheiben. Elfriede sprach
noch immer nichts; sie wartete auf ein Wort von ihm, das sie befreien
mute; noch immer wollte sie nicht sehen, was doch klar vor ihrer Seele
stand. -- Ihm wurde dieses Schweigen schrecklich, so schrecklich, da er
es brechen mute. Aus ihrem Traum schon halb erwacht, kam sie ganz zu
sich und in die leere Wirklichkeit zurck, als er sie endlich fragte:
Willst du mir nicht jetzt die Musik vorspielen? -- Jetzt?! fragte sie
verstndnislos, mit groen Augen. -- Er schwieg wieder. -- Was soll nun
werden? fragte sie endlich tonlos. -- Ich reise ab. -- Das Blut lief ihr
zu Herzen. Nein, das darfst du nicht! rief sie schnell, du sollst hier
bleiben.

Noch vor einer Stunde war es ihr unmglich erschienen, lnger mit ihm
zusammen zu leben; jetzt, wo er das Wort der Trennung aussprach,
widersetzte sich ihr ganzes Gefhl dagegen. Von der schrecklichsten Last
wenigstens fhlte sie sich befreit, er wute nun, da sie ihn liebte,
und so gab es doch etwas wenigstens, das sie und ihn in der Tiefe
verband. --

Komm! sagte er. Sie starrte auf das Tuch von seinem rmel, dicht vor
ihren Augen, sie fhlte, da Pitt sich von ihr lsen wollte, obgleich er
nach wie vor bewegungslos blieb. Sie tuschte sich vor, da er ihr diese
armselige kleine Zeitlang ganz gehre, sie wute, da dieser Augenblick
nie wieder kam. Sie hob den Kopf und sah ihm mit aller Inbrunst in die
Augen. Komm! sagte er befangen, und sie fhlte seinen leise abwehrenden
Druck.

Mit einer pltzlichen, heftigen Bewegung befreite sie sich von ihm. Fr
einen Moment ruhten ihre Augen mit einem andern Ausdruck auf den seinen,
es war als ob sie etwas sagen wollte, aber sie schwieg, ging an ihm
vorbei und verlie das Zimmer.

Pitt blieb zurck in einer dumpfen Betubung. Drauen prasselte der
Regen gegen die Scheiben, er starrte hinaus in die Landschaft und fhlte
sich verlassen, ausgestoen, heimatlos. Heute abend wrde er Frau van
Loo, sowie er sie allein sah, mitteilen, da er fortging.

Frau van Loo begegnete Elfriede auf der Treppe. Elfriede kehrte das
Gesicht fort. In ihrer ersten berraschung wollte ihre Mutter stehen
bleiben, so verndert hatten Elfriedes Zge ausgesehen. -- Aber dann tat
sie, als habe sie nichts bemerkt und stieg langsam an ihr vorbei, die
Treppe hinauf. -- Elfriede ging in ihr Zimmer, und als Frau van Loo, da
sie nicht zum Abendessen kam, an ihre Tr klopfte, die verschlossen war,
sagte sie von innen, sie fhle sich nicht wohl und sei bereits zu Bett
gegangen; sie lasse niemand herein. -- Auch mich nicht? -- Nein. --
Elfriede horchte von innen, dann hrte sie, wie sich das feine, seidene
Gerusch von der Tr entfernte, langsam und gemessen. --

Elfriede hat Kopfweh! sagte Frau van Loo in einem Ton, der gleichmig
allen Anwesenden galt; sie hat das von mir geerbt, nur da mir die
Glieder vor dem Gewitter schmerzen, und ihr erst hinterher. Pitt war
einsilbig und ernst. Hedwig ahnte einen tieferen Zusammenhang und suchte
sich mit ihrer Mutter durch Blicke ins Einvernehmen zu setzen, aber Frau
van Loo tat als she sie das nicht. Ihr Plan war schon gemacht. --

Dieser unerhrte Regen! sagte sie, als man von der Tafel aufstand und
sich in das Wohnzimmer begab; ich glaube wahrhaftig, wir mssen heizen.
-- Sie lie den Diener kommen, und bald prasselte ein Feuer im Kamin. --
Das einzige, was einem in diesem unfreundlichen Klima brig bleibt, fuhr
sie fort, ist, es sich mglichst behaglich zu machen, und andere
Gegenden zu betrachten, in denen es schner aussieht als bei uns. -- Sie
lie durch Harald eine Mappe bringen, darin lagen groe, vergilbte
Photographien. -- Das ist Batavia! sagte sie, und hier ist unser
Landhaus; o diese Palmen! und dieser Himmel! -- Pitt sah zerstreut
seitwrts mit hinein in die Mappe, auf die langgestreckten, einstckigen
weien Huser, auf die riesigen, berhngenden Bltter, von denen ein
einziges viel grer war als die Menschen, die unter ihnen standen in
ihren weien Anzgen und den groen Strohhten, oder fast unbekleidet in
ihrer eigenen dunklen Farbe. Da war auch ein Bild von Frau van Loo
selbst; in einem weien faltigen Kleide sa sie unter einem
fremdartigen, grobltigen Strauche. Wie schn mute sie gewesen sein!
-- Harald aber interessierte das nicht; er sah die Bilder jede Ferien
an. -- Hol die braune Mappe vom obersten Brett! sagte sie, da wirst du
Dinge finden, die du noch nicht kennst, es ist eine Sammlung, die dein
Vater aus Italien mitgebracht hat. -- Harald holte sie und betrachtete
die einzelnen Bltter. Riesige Kuppeln wechselten mit schlanken Trmen,
reiche Palste mit growandigen, kleinfenstrigen Husern, die irgendwo
aus einer Gegend herauszuwachsen schienen, und hinter ihnen ragten
schwarze Baummassen wie spitze Flammenbndel in den Himmel. -- Er geriet
in immer greren Eifer. -- _Mchtest_ du einmal nach Italien? fragte
Frau van Loo. Harald war sehr berrascht. Wenn seine Mutter so etwas
fragte, so stand auch jedesmal eine Gabe im Hintergrunde. -- Ich wrde
dich gerne einmal hingehen lassen, meinte sie, denn es ist fr deine
Erziehung sehr erfreulich. -- Er strzte ihr zu Fen und umschlang ihr
Knie. -- Aber du mut erst lter sein, so alt, da ich dich ohne Sorgen
ziehen lassen kann. -- Ach so! rief er gedehnt und enttuscht; ich
dachte du meintest gleich! -- Jetzt, sagte sie, wrde sich wohl keine
Gelegenheit finden, denn ich glaube, es gibt niemand, der mit dir
ungezogenem Buben reisen mchte. Harald stand einen Augenblick in
Gedanken. Er dachte nur darber nach, ob er niemand wisse, mit dem _er_
gerne reisen wrde. -- Pitt! sagte er pltzlich, und sah ihn an, als ob
der gerade vom Himmel gefallen wre. -- Der wird sich wohl bedanken und
lieber hierbleiben, wo es fr ihn viel gemtlicher ist. -- Hierauf
schwieg Frau van Loo und lehnte sich zurck. Was jetzt noch zu tun
blieb, war Sache Haralds. -- Pitt hatte im Laufe ihrer Worte gemerkt,
worauf Frau van Loo abzielte. So frei und warmherzig ihr Anerbieten war
-- er schwankte keinen Augenblick es auszuschlagen. -- Ich mu nach
Hause, sagte er, und seine Worte waren gleichmig, so ruhig wie seine
Augen blickten; ich habe heute morgen von meinem Vater einen Brief
bekommen, da es meiner Mutter sehr schlecht geht! -- Das ist nicht
wahr! rief Harald, worauf er entgegnete: wrde ich es sonst sagen? und
ihn so sicher anblickte, da Harald nun wirklich bestrzt war. -- All
die schnen Plne waren so schnell vernichtet, wie sie entstanden waren.

Am nchsten Morgen war Elfriede um die gewohnte Zeit beim Frhstck,
bla und ruhig. Sie hatte sich gefat und war entschlossen, niemand
etwas merken zu lassen. Pitt trat ein, das Blut lief ihr zu Herzen, aber
sie nahm seine Hand, ohne ihre Miene zu verndern, nur da sie ihn nicht
ansah. Sie erfuhr, er wrde reisen, sie blickte auf das Tischtuch unter
sich, einen Augenblick war es, als ob sie etwas halten wollte, das sich
schon halb losgerissen hatte und jetzt ins Dunkel zu verschwinden
drohte, -- dann lie sie alles in sich sinken. Gleich nach dem Frhstck
ging sie wieder in ihr Zimmer. Pitt sah sie nicht zum Abschied.

Lange hielt er Frau van Loos Hand in der seinigen, bis er sie kte,
dankbar und voll Traurigkeit. -- Der Wagen rollte davon, Frau van Loo
wandte sich ins Haus zurck, zu Elfriedens Zimmer, und diesmal lie sie
Elfriede ein.




                           Viertes Kapitel.


Fox Sintrup lie wie ein Taxator seine Blicke ber die Mbel des besten
Zimmers der alten, kleinen Frau Rechnungsrat Bornemann gehen, in dem
sich die Reste einer besseren Zeit zusammenfanden. Er senkte sich
gewichtig auf das Sofa nieder, um die Elastizitt auszuprobieren,
untersuchte die Aussicht aus dem Fenster und trat endlich vor den
groen, goldenen Spiegel, der sein tadelloses Bild aus tadellosem Glase
zurckwarf. Frau Bornemann stand still und klein in der Mitte des
Zimmers, und schien, whrend sie ihm alles zeigte, weniger an ihn als an
die Sachen selbst zu denken, denn sie vermietete zum ersten Male. Ihre
wenigen Worte kamen aus einem Mndchen, das sich beim Sprechen noch mehr
in sich selbst zusammenzog. Erst als er wirklich mietete, und sie ihm
nun Haus- und Korridorschlssel einhndigte, lie sie einen etwas
schchternen Blick ber ihn hingehen.

Famoses Zimmer! dachte er zufrieden, und eine reizende Tochter scheint
auch da zu sein; zwar -- wenn die denkt, ich wrde irgend etwas
unternehmen, dann irrt sie sich: die Tchter aus Brgerfamilien sind --
also: unantastbar, -- aber immerhin: Ein hbsches Mdchen ist ein
herzerfreuender Anblick, den jeder rein genieen darf!

Dieses Mdchen, das ihn neugierig auf der Korridorschwelle gemustert
hatte, aus ihren dunklen Augen, war in Wirklichkeit keine Tochter,
sondern eine Enkelin der kleinen Frau Bornemann und hie Lotte Pfanz.

O das feine Leder! Gromutter, das feine Leder! sagte sie, als der
Dienstmann Foxens Koffer brachte, und sah ihnen hochachtend und
begehrend nach, wie sie in das neuvermietete Zimmer verschwanden. --
Schnickschnack! sagte Frau Bornemann bedchtig, wann wirst du endlich
vernnftig werden, Lotte. Leder ist die Haut von Tieren, der Mensch
versndigt sich, wenn er sein Herz an eitle Dinge hngt. Kmmere dich
nur um deine Seminararbeiten! --

Fox zog nun wirklich ein und wahrte in seinem Verkehr zu Lotte eine noch
grere Distanz, als er sich ursprnglich vorgenommen, denn sie hatte
ihn gleich bei der Vorstellung sehr beleidigt: Fox fragte, wie das denn
mglich sei, da sie die Enkelin von Frau Bornemann wre, wenn sie
Frulein Pfanz heie. Da sagte sie, Frau Bornemann sei eben die Mutter
ihrer Mutter, und darauf sah er so perplex aus, da ihr die Worte
entfuhren: Sind Sie aber borniert! Frau Bornemann war zwar ber das
unhfliche Betragen ihrer Enkelin zunchst sehr erschreckt, aber da es
die Wirkung hatte, da Fox sie in Zukunft zwar sehr hflich grte, im
brigen aber vollkommen ignorierte, so war sie im Grunde doch nicht
unzufrieden; denn sie war so besorgt um ihre Enkelin! --

Die ersten Semester hatte Fox fast nur getrunken, indem er sich
erinnerte, da die Zeit der Freiheit nach dem Schulzwang eine Zeit des
Grens, des Sturmes und des Dranges ist. Jetzt wollte er arbeiten,
aufwrts klimmen auf der Leiter, die ihn zu hchsten Stufen fhrte.
Daneben hatte er die Absicht, einmal die Kunst einer gehrigen Revision
zu unterziehen und seine Krfte in diesem oder jenem Fach auszubilden.
Er wollte es anders machen als sein Bruder Pitt, der stumpfsinnig aus
seinen Semestern nach Hause kam und erst dann in etwas lebhaftere
Bewegung geriet, wenn er wieder abreisen sollte.

Jetzt hatten sich beider Wege fr eine kurze Zeit geeinigt, indem sie
auf derselben Universitt studierten. Frau Sintrup hatte dies durchaus
gewnscht: Dann brauche ich nicht einmal hierhin und einmal dahin zu
denken, sondern kann mit demselben Gedanken an alle beide zusammen
denken, das ist doch viel einfacher!

Pitt, der nur nicht an dem Orte sein wollte, wo Elfriede war, hatte sich
ohne Widerrede gefgt, und gelchelt, als sein Vater sagte: Dann kann
dich Fox einmal etwas unter seine Fittige nehmen. Er dachte es sich ganz
lustig, seinen Bruder etwas nher kennen zu lernen. Wo dies geschah, war
ihm gleichgltig; nur seine ewigen Umzge von einer Wohnung in die
andere hatte er satt bekommen, obgleich die sich jetzt ziemlich leicht
gestalteten. Sein Hauptkoffer stand noch immer in dem Zimmer des Herrn
Knnecke, der ihm anfangs mehrere Male darber schrieb; aber Pitt
antwortete, er knne die Sachen augenblicklich nicht gut gebrauchen, und
vertrstete auf ein spteres Wiederkommen, so da Frulein Nippe sich
endlich entschlo, aus diesem Koffer einen reellen Zimmerschmuck zu
machen: Ein dnner, bedruckter Stoff aus einem orientalischen Basar lag
nun darber, aus einem inneren Bedrfnis nagelte sie noch einen groen
japanischen Fcher auf die Wand dahinter, und taufte das ganze auf den
Namen das Angangbel.

Pitt mietete jetzt einfach eine Schlafstelle. Er wollte mit seinen
Zimmern mglichst wenig zu tun haben. -- Und deine Bcher? fragte Fox.
Dies bot keine Schwierigkeit, im Gegenteil: Bcher bekommt man auch in
Bibliotheken, und in einem Lesesaal sitzt es sich viel besser als in
einer Schlafstelle. Pitt beschlo den ganzen Tag im Lesesaal zu sitzen;
er machte dies auch wahr; ursprnglich nur, um zu zeigen, da man sehr
wohl ohne eine Wohnung auskommen knne; dann gewhnte er sich daran.
Auch die praktischen Einrichtungen dort gefielen ihm weit besser, so da
er seiner Wirtin wie ein Geist vorkam.

Fox schuf sich in Blde einen Verkehrskreis. Zunchst besuchte er den
Rektor der Universitt, eigentlich nur in dem Gefhle, ihm zu
versichern, da er da sei, wenigstens konnte er keinen wirklichen Grund
fr sein Kommen angeben. Es knpften sich auch keine weiteren Folgen an
diesen Besuch, und Fox bedauerte, da die groe Universitt ein so
stumpfsinniges Oberhaupt besitze. Dagegen lobte er diesen und jenen
Dozenten, in deren Jours ihm einzudringen gelang. Er verstand es
zuzuhren, zu schweigen, bescheidene Fragen zu tun, zu lernen, und da
dies an einem jungen Mann seltene Eigenschaften sind, gewann er vielfach
Wohlwollen und neue Empfehlungen. Sein groes Anpassungsvermgen lie
ihn in die verschiedensten Kreise eindringen. Bald kannte er auer
Leuten der Wissenschaft auch Knstler, Kunststudierende, Architekten,
Sportsleute. Viele wuten gar nicht, wo und wie sie seine Bekanntschaft
gemacht hatten. Es kam vor, da er einem ganz fremden Herrn auf der
Strae die Hand schttelte und dann auf irgendein Gesprch zurckkam,
das er gar nicht mit ihm gefhrt hatte: Sie sagten mir damals ... so
begann er, und lie es darauf ankommen, wie weit sich der andere
erinnerte oder zu erinnern glaubte. Oft gelang ihm seine Absicht ohne
weiteres, indem er sich sagte: In einem groen Salon, wo viele
durcheinander sprechen, wei man nicht, zu wem man dies, zu wem man
jenes sprach. Stutzte jedoch der andere, so wog Fox mit groer
Geschicklichkeit den Grad dieses Stutzens ab; entweder wute er ihm dann
vollkommen zu suggerieren, da er damals mit ihm selber sprach, oder
aber er sagte etwa: Teufel noch mal -- Sie haben recht! Das Gesprch
interessierte mich so sehr, da ich mir wahrhaftig jetzt einbildete, Sie
htten es mit mir gefhrt! Was Sie damals sagten, war wirklich famos ...
wirklich ganz famos! -- Die Folge war, da man sich grte, da man sich
wieder sprach. In Bildergalerien, Ausstellungen folgte er unbemerkt
irgendeiner anerkannten Gre durch die Sle, merkte sich die Bilder,
vor denen sie besonders lange verweilte, trat nher, wenn er ein
Gesprch erhaschen konnte, bewahrte es gut in seinem Gedchtnis und gab
es spter wieder von sich als sein eigenes Urteil, mit zgernder Stimme,
mit kleinen Kunstpausen, in denen er das bezeichnende Wort zu suchen,
sich zu ihm durchzuringen schien. Zuweilen stellte er sich auch dicht
neben einen solchen Mann, lie dessen Blicken seine eignen folgen, und
murmelte ergriffen: Kolossal! Ab und zu gelang es durch solch ein
hingeworfenes Wort eine Anknpfung zu finden. Dann erzhlte er spter,
er kenne diesen Maler, jenen berhmten Bildhauer, vor den und den
Kunstwerken htten sie ihn angeredet: Und dabei war der Mann so
bescheiden! so einfach! so ganz und gar -- also doch wirklich --
bescheiden! -- Pitt machten solche Erzhlungen groe Freude: mit
anscheinender Bewunderung hrte er zu, wenn Fox die Bilderpreise aus dem
Katalog ablas und sie zu hoch oder zu niedrig fand. Manchmal hatte er
dem Knstler selbst geraten, den Preis herabzusetzen, und es wre fast
zu einer Verstimmung zwischen ihnen gekommen! Lieber Gott, das ist ja
auch natrlich! Pinselt der arme Kerl da Tag fr Tag an seiner Leinwand
herum und verwechselt schlielich die Mhen seiner Arbeit mit ihrem Wert
als Kunstwerk! -- Fox durfte es sich bereits erlauben, unter seinen
Freunden und Bekannten auch minderwertige zu besitzen. -- Am meisten
aber freute sich Pitt, wenn sie in Konzerten nebeneinander saen. Fox
hatte zu Hause bei dem teuersten Klavierlehrer Stunden gehabt und galt
in der Familie als musikalisch. -- Bei den ersten Tnen fhrte er die
Hand vor die Augen, er schien alles um sich her zu vergessen, er seufzte
nach dem Schlu des Satzes leise und starrte vor sich hin, im nchsten
Satze dirigierte er fast unmerklich mit, ungeduldig beschleunigend, dann
wieder unmutig retardierend; und vor dem letzten Satz sah er Pitt mit
groen Augen an und flsterte, jetzt komme das Erhabenste, was berhaupt
geschrieben worden sei. Seine Augen wurden immer starrer, er verga die
Wimpern wieder zu schlieen, und endlich lief ihm eine Trne die Wange
herunter. -- Fr den Fall da Pitt sie nicht bemerkt haben sollte,
konnte es nicht schaden spter zu gestehen: Solche Zhren sind erlsend.

Was ist denn _das_? fragte Pitt, als er zum erstenmal das Zimmer seines
Bruders betrat. Es war vollkommen illuminiert mit Schwarz-weidrucken,
die den Inhalt einer Bildermappe bildeten, auf die Fox neuerdings
abonniert war. Fox belehrte ihn: Ich hnge die Bilder nicht hin zu
meinem Vergngen, sondern zu meiner Erziehung. Wenn ich lange gearbeitet
habe und mein Geist nicht mehr recht vorwrts will, dann sehe ich das
Bild da vorne an, den Philosophen oder was es ist, von Rembrandt. Wenn
ich eine Kritik schreiben soll ber Mozartsche Opern, kucke ich nach dem
Dings da hinten von Watteau, der mir die ganze Grazie des Mozartschen
Zeitalters vor die Seele ruft und mir die Melodien des Meisters
berhaupt ganz von selbst erklingen lt. -- Du schreibst Kritiken? --
Natrlich! Fox nagelte Pitt mit einem Blicke fest und holte langsam aus
seiner Rocktasche einige beschriebene Papiere vor. -- Lies das mal zu
Hause durch; zwar bist du ja nicht eigentlich musikalisch, aber immerhin
ist deine Stimme die eines Unbefangenen. -- Ganz im geheimen hatte Fox
eine bessere Meinung von Pitt als von sich selbst. Und wenn Pitt
Ausstellungen zu machen hatte an seinen Gedanken, -- -- so brauchte er
sich ja einfach nicht nach ihm zu richten! -- Er richtete sich aber dann
doch danach. -- Dieses Semester will ich mich einmal ganz auf die Musik
werfen, neben meiner Jura. Nchstes Semester kommt die Schauspielkunst
dran; da werde ich mich selbst einsetzen mit meiner ganzen
Persnlichkeit. Jeder Mensch mu die Fhigkeiten in sich ausbilden, die
da sind. Wie? Was? --

Fox bernahm fr einige Wochen die Opern- und Konzertkritiken an einem
kleinen Blatte. Der eigentliche Rezensent war krank geworden und hatte
Fox, der immer noch mehr wute als er selbst, der Redaktion zur Aushilfe
empfohlen. Fox kaufte sich in Antiquariaten Sammelwerke alter Kritiken,
nach denen arbeitete er. Er lebte sich ganz in den Journalistenton ein,
nannte die Saison den Winter unseres Mivergngens und redete von
goldnen Frchten, auf silbernen Schalen dargereicht. Ehe die Kritiken
erschienen, lud er Pitt zum Kaffee ein und las ihm alles vor. -- Der
Satz ist gut! sagte Pitt und nickte beifllig. Fox sah ihn mitrauisch
an, doch ohne Grund: Pitt hatte lngst vergessen, da dies ein Ausspruch
war, den er selbst einmal getan hatte, eine Sentenz, die hier fr sich
allein stand, aus dem brigen etwas herausfiel. _Den_ Gedanken, sagte
Pitt, httest du zum Mittelpunkt machen und ihn entwickeln sollen. So
fr sich allein wirkt er eigentlich unverstndlich, am Schlu
widersprichst du dir sogar.

Fox begann auch Buchbesprechungen zu machen: Lies das mal zu Hause, du
hast mehr Zeit als ich, es kommt mir nur darauf an, die leitenden
Gesichtspunkte zu finden. Die kannst du mir mal aufstbern, ich werde
sie dann verarbeiten. Pitt belustigte dies alles, aber er bestrkte Fox
in seinen Schreibereien und sagte mehrmals, es gehre ein besonderes
Talent dazu, derartiges zu machen; er selbst knne das nicht, er habe zu
wenig anhaltende Energie und Spannkraft. -- Ja, das ist die Hauptsache!
besttigte Fox bedauernd. Pitt erschien immer hufiger bei ihm. -- Ich
dachte, du httest vielleicht heute wieder eine Kritik zum Vorlesen. --
Nee, heute nicht, sagte Fox bedauernd-gnnerhaft. -- Pitt ging, lutete
aber nach zwei Minuten abermals und fragte: Hast du morgen eine? --

Manchmal ffnete ihm Frau Bornemann, manchmal aber auch Lotte, und sie
wollte er sehen. -- Dies ist ein Mdchen, dachte er, das ich vielleicht
lieben knnte. Lotte ffnete stets vergngt ihren roten Mund, wenn sie
ihn sah, und blickte ihn mit unverhohlenem Wohlgefallen an, und wenn
Gromutter auf das Luten hinausging, sphte sie durch die Zimmertr.
Einmal bemerkte Fox an Lottes Brust eine Rose, und wute mit Sicherheit,
da Pitt am selben Morgen -- wenn es nicht dieselbe war -- mindestens
ganz genau eine gleiche in der Hand getragen hatte. Halloh! dachte er,
sollten seine hufigen Besuche mit dem Mdchen in Verbindung stehen?
Sollte da irgendwas im Anzug sein? Hier unter meinen Augen gleichsam?
Das reine Kind? Die dunkelugige Blume?! -- Sein Ehr- und Selbstgefhl
regte sich. Vielleicht hatte Pitt keine schlimmen Absichten -- aber
immerhin: Man konnte nicht wissen was daraus erwuchs. Er selbst aber
fhlte sich als Schirmherrn der kleinen Familie, er wrde jede drohende
Wolke verscheuchen! Wenn jemand ausersehen war, ihr Freund zu sein --
ganz in Ehren natrlich -- so war er selbst das doch, wo er sowieso im
Hause wohnte -- und dann: berhaupt, er hatte moralischere Rechte. --
Ich habe die folgenden Wochen stark zu arbeiten, sagte er zu Pitt, und
kann dich kaum gebrauchen -- und wenn es lutete, strzte er die
nchsten Tage selbst zur Tr. --

Pitt kam nicht mehr. -- Es schadet im Grunde auch gar nichts, dachte er,
Gott wei, in was ich mich da verstrickt htte. Dafr kam Fox mit seinen
Kritiken jetzt zu ihm: Mein Ofen raucht! sagte er.

Fox machte sich Vorwrfe, da er Lotte bis jetzt so wenig beachtet
hatte. Er mute ihr Vertrauen gewinnen, und das Vertrauen der alten Frau
Bornemann ebenfalls. Deren Geburtstag bildete die passende Einleitung
zur Annherung. -- Er lie sich bei ihr melden und verehrte ihr einen
Hummer zum Wiegenfeste. Frau Bornemanns Augen wurden na, sie wollte ihn
erst nicht nehmen, da er doch gewi sehr teuer sei, und hielt die Hnde
in die Schrze geknllt, wie ein schchternes Mdchen. Dann nahm sie ihn
aber doch, bereitete eine Sauce dazu nach ihren Erinnerungen einer
besseren Zeit, und lud Fox spter zgernd zu dem Mahle ein, obgleich
Lotte meinte, sie wollten das Tier lieber allein verzehren. Auf Lotte
war dieser Hummer eigentlich berechnet. Fox wute, da sie gerne etwas
Gutes a. Er hatte das fter bemerkt, wenn er an der Kche vorbei ging.
Da stand sie an dem rohen Brettertisch, hielt eine seiner nicht ganz
ausgeleerten Delikatebchsen in der Hand -- Fox liebte es nicht von
Resten zu leben -- stocherte die Fischlein mit der Gabel heraus und
verzehrte eines nach dem andern, andchtig, ohne Brtchen. Frau
Bornemann, erst zurckhaltend, taute doch allmhlich auf. Sie klagte,
da sie hier wie in einem Meer von Steinen se, die Straen verwirrten
sie, sie kenne kaum jemand, alle ihre natrlichen Berater, Kinder und
Schwiegershne, seien tot, man ntze ihre Unkenntnis in geschftlichen
Dingen aus, sie fhle sich der Welt preisgegeben, und Lotte wisse noch
weniger als sie selbst, obgleich sie doch das Seminar besuche. Und dann
sagte sie, das Grostadtpflaster sei doch nichts fr junge Mdchen,
obzwar sie ja auf Lotte wie auf einen Felsen bauen knne, denn im Grunde
sei sie brav und gut -- und ihre Rede flo weiter, leise und bescheiden
wie ein ganz kleines, sprliches Wsserchen. Fox sagte zu allem: jaja,
jaja, blickte nachdenklich und frsorglich drein und versprach, er werde
ihr mit Rat und Tat zur Seite stehen, sie mge sich nur in allen
schwierigen Fragen an ihn wenden. Das tat sie in Zukunft auch wirklich,
erzhlte ihm lange Geschichten ber ihre bescheidenen Bankpapiere, und
fragte: Nun sagen Sie, was soll ich tun?! -- Er hrte stirnrunzelnd zu,
versprach, sich die Sache im Kopf herumgehen zu lassen, besprach sie
dann mit Leuten, die davon mehr verstanden als er selbst, meinte
zustimmend, dasselbe habe er ungefhr auch schon gedacht, und legte
dieses Selbe spter der Frau Bornemann als Resultat seines
vierundzwanzigstndigen Nachdenkens vor. Lottes Wohlwollen erwarb er
sich dadurch, da er ihr nun ab und zu auch noch intakte kleine
Leckereien verehrte, und Frau Bornemann hatte nichts dagegen, denn sie
sah ja nun: Ihr Mieter war brav und meinte es gut mit ihnen. Und diese
berzeugung wurde besonders rege in ihr, wenn er Lotte, die zuweilen
merkwrdig frei redete, ohne sich dabei im geringsten etwas zu denken,
nachdrcklich zurechtwies: So etwas _pat_ sich nicht fr ein Frulein!
Zuweilen lud er sie ein, mit ihm in eine Bildergalerie, in ein Museum zu
gehen. Er erklrte ihr, da es Schulen gbe unter den alten Meistern;
das glaubte sie erst nicht, lie sich dann aber belehren, und erzhlte
zu Hause alles Gromutter wieder. -- Lies ihm doch mal deinen neuen
Aufsatz vor! Er interessiert sich doch fr unser Wohl und Wehe! -- Aber
das wollte sie nicht, sie wute selber nicht warum. Sie hatte ihn ja
ganz gern, und verehrte ihn, weil er alles wute, aber -- ihre Aufstze
vorlesen, -- nein, das wollte sie nicht. -- Weshalb sein Bruder wohl gar
nie mehr kam? Der sah so interessant aus! Ob der wohl noch viel mehr
wute als Fox? Manchmal wollte sie Fox fragen, weshalb er sich gar nicht
mehr sehen liee, aber sie unterlie es, aus einem unklaren Gefhle.

Eines Tages stand Pitt pltzlich vor ihr, unter der Tr. Es regnete
stark, er hatte weder Schirm noch Mantel und wollte sich beides von
seinem Bruder borgen. -- Er ist nicht zu Hause! sagte Lotte, aber kommen
Sie nur herein, vielleicht ist er bald da! Pitt sah in ihre lebhaften
und erfreuten Augen und lie sich hineinziehen. Er sa ihr nun
gegenber, und es war, als habe sich da ein ganz besonderer
interessanter Vogel neben ihr niedergelassen, den sie bisher nur
flchtig und im Fluge sah. -- Was er fr schne tiefe Augen hatte! Gewi
hatte er furchtbar viel Interessantes erlebt. -- Ich soll mich auf mein
Lehrerinnenexamen vorbereiten! erzhlte sie sofort, wir haben nicht viel
Geld und ich mu einen Broterwerb ergreifen! -- Sie sollten lieber
heiraten! sagte er, ich glaube dazu passen Sie viel besser. -- O Gott,
das mchte ich ja so gern! Aber wen? ich wei ja keinen! -- Sie holte
Gromutters Visitenkartenschale, die nun Zimmerschmuck bei Fox geworden
war: Mit was fr vornehmen Leuten Ihr Bruder verkehrt! Sehen Sie, hier
ist ein Baron, da ein Graf! Sie nahm die Karten achtungsvoll aus der
Schale. -- Furchtbar schade, da die immer kommen, wenn ich im Seminar
bin! -- Diese Karten hatte Fox selbst importiert, um sein Renommee zu
heben. In Salons fr einen Moment allein gelassen, pflegte er zuweilen
die Visitenkartenschalen zu revidieren. -- Ihr Herr Vater wird ja nun
auch bald Graf! -- Mein Vater? -- Natrlich! Der Kaiser wartet nur auf
die nchste Gelegenheit, und dann wird er Graf! -- Hat Ihnen das Fox
erzhlt? Sie nickte und fand gar nichts Verdchtiges in seiner Frage. --

Es klopfte leise und bescheiden. Frau Bornemann hatte an Foxens
Zimmertr gehorcht und drinnen Lottes Stimme und eine andere, mnnliche
gehrt; wenn Lotte auch nichts Unrechtes tat: Es _schickte_ sich nun
einmal nicht. --

Lotte war etwas verlegen. Sie stellte Pitt sogleich vor und erklrte
eifrig, er warte hier auf seinen Bruder. Frau Bornemann dachte: dann
kann ich ja ein bichen mitwarten! berlegte, ob sie sich wohl auf einen
ihrer eigenen Sthle setzen drfe und lie sich dann auf den Rand eines
Sessels nieder. Also Sie sind der Bruder von unserm Herrn Sintrup?
begann sie hflich und mit stillem Vertrauen, ja das habe ich mir gleich
gedacht. In meiner Heimat hatte lobesam der Herr Brgermeister auch zwei
Shne. -- So sagte sie, indem sie ihn aus ihren sorgenvollen Augen halb
freundlich und halb kurzsichtig ansah. Dann fuhr sie fort: Merkwrdig,
wie einem doch manches zum Segen ausschlgt, von dem wir vorher denken,
es brchte einem nur Kummer. Wie bitter schwer kam es mir an, einen
Mieter fr die neue Wohnung zu nehmen! Wenn einer so etwas nicht erlebt
hat, versteht er's nicht. Alles, was man durchmacht, mu erlebt sein.
Fremde Erfahrungen bringen einen selbst nicht weiter. Das denke ich
manchmal, wenn ich die Menschen Irrtmer ber Irrtmer begehen sehe; ich
mchte ihnen dann zurufen: Kinder, seht ihr denn nicht, da ihr das
falsch macht? Aber dann denke ich: La sie nur gehen, la sie nur
machen! Hinterher sehen sie's dann besser ein, und einmal gebrannte
Kinder scheuen das Feuer! Frau Bornemann schwieg, es kam nichts mehr.
Und als Pitt sie erwartungsvoll ansah, drehte sie ihr kleines
Hasengesicht freundlich hin zu ihm und blickte ihn so niedlich an, da
er innerlich lachte. Und das mit dem Segen des Zimmers? fragte er. --
Sie sah ihm erst unsicher auf die Lippen, ob er vielleicht einen Wunsch
habe, dann in die Luft, endlich hatte sie den Faden wieder und fuhr
fort: Ach ja, das wollte ich ja sagen: Ich mte lgen, wenn ich
behaupten wollte, da ich nun sehr glcklich gewesen wre, -- obgleich
es Ihr Herr Bruder ist. Aber der Wahrheit die Ehre: Die ersten Tage war
ich ganz unglcklich darber! In dem Bett, worin er schlft, ist mein
Mann-selig gestorben, und den Futeppich hat mir meine Schwester-selig
gestickt zur Hochzeit; na, und was da noch fr Erinnerungen sind, das
kann Sie ja kaum interessieren. Aber jetzt danke ich unserem Schpfer,
da er da ist -- Ihr Herr Bruder nmlich: So ein ausgereifter Verstand
in einem so jungen Kopfe -- wenn man so sagen darf -- und dann die
hoch-anstndige Gesinnung: Einen Teppich hat er legen lassen auf dem
Vorplatz! Ich sehe ihm auch manches gerne nach; einem andern wrde ich
es nicht erlauben, all die alten Familienbilder von den Wnden zu
nehmen; meine Tochter gehrt nun mal bers Sofa, wo sie immer drauf
gesessen hat, und mein eigenes Jugendbild von anno dazumal hat auch
stets einen Ehrenplatz gehabt. Aber ich dachte: Mathilde, du versndigst
dich, der junge Mann ist in der Fremde, und wenn er dich bittet, eigene
Bilder hinhngen zu drfen -- la ihn dem Zug seines Herzens folgen. Na,
Familienbilder hat er ja nun nicht gerade hingehngt, sondern solche
abgemalte Bilder; ich versteh ja nichts davon, aber wenn ihm das Freude
macht -- ich habe nichts dagegen! Nun sagen Sie mal: was studieren _Sie_
nun eigentlich? -- Auch Jura. -- Sieh mal! Dann sind Sie also _zwei_
Juristen? --

Pitt wurde dies langweilig, er erhob sich und wollte gehen. Der Regen
hatte aber zugenommen und Frau Bornemann sagte: Nun werden Sie ja na!
Lotte flsterte ihr etwas ins Ohr; sie murmelte dagegen: alte Andenken,
-- und so tief weggepackt -- verstand sich dann aber dazu, sie zu
suchen, und Pitt mute versprechen, sie am nchsten Tag wiederzubringen.
Um drei! rief Lotte; und an der Tr sagte sie noch einmal leise und
dringlich: Punkt drei! Um diese Zeit -- so wute sie -- war Fox nicht zu
Hause.

Wirklich war Pitt am nchsten Tage um die angegebene Zeit auf dem Wege.

Soll ich nun den Mantel einfach abgeben, und dann gleich wieder gehen?
So fragte er sich.

Die letzte Zeit, in der er Fox nicht mehr besuchte, hatte er kaum an
Lotte mehr gedacht. Aber seit gestern hatte er fortwhrend an sie denken
mssen. Immer sah er sie vor sich, mit ihrer festen, etwas derben
Gestalt, mit ihren gesunden, frischen Backen und den blanken,
lebenslustigen schwarzen Augen. Nie hatte er ein Mdchen gesehen, das
ihm auf den allerersten Blick so sehr gefallen hatte.

Nach seiner Trennung von Elfriede hatte Pitt die erste Zeit sehr
zurckgezogen gelebt, fast ngstlich jede Bekanntschaft mit einem
Mdchen vermieden, da er sich vor einem neuen Schiffbruch frchtete; bis
er schlielich den Zustand gnzlicher Zurckgezogenheit doch nicht mehr
ertrug und, wie die Schnecke, langsam seine Fhlhrner wieder
vorzustrecken begann. Aber seine Annherungen blieben doch stets wie in
einer Ferne, und fhlte er gar eine Annherung des anderen Teils, so
ergriff ihn sogleich wieder die erste Furcht, ja fast ein Schreck, er
zog sich augenblicks wieder in sein Huschen zurck und lachte sich
selber aus: Liebe, so sagte er sich, ist etwas, das man nicht suchen
darf; sie mu kommen, ohne da man sie sucht. Nun hatte er immer darauf
gewartet, da sie von selber kme, aber sie kam nicht.

Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er: Liebe ist etwas, das
im Blute liegt und zum andern will! Zum erstenmal fhlte er einen
starken Trieb in sich.

Mit uerer Ironie und innerem Neide hatte Pitt auf seine Kameraden
gesehen, die ein ihm fremdes Leben fhrten. Waren sie nicht weit besser
dran als er selbst, der in jedem Sinn egoistisch nur fr sich selber
lebte?! War es nicht Feigheit, Mangel an Selbstvertrauen, wenn er jetzt
auch nur der Mglichkeit eines Erlebens aus dem Wege gehen wollte? --

Unter diesen Erwgungen nherte er sich der Wohnung der Frau Bornemann.

Lotte ffnete, sah ihm frisch und freudig in die Augen und sagte: Ich
hatte schon gefrchtet, Sie kmen berhaupt nicht mehr, denn es ist
schon zwanzig Minuten nach drei! Wir wollen aber nicht in Ihres Bruders
Zimmer gehen, sondern in unser eigenes! Pitt war hiermit sehr zufrieden,
dachte aber: du lieber Gott! als ihm Frau Bornemann auch heute
entgegentrat; im ersten Momente sah er sie gar nicht, da ihre
unscheinbare Gestalt in dem braunen Kleide sich wenig von der ebenfalls
braunen Tapete abhob. Sie machte Pitt diesmal eine feierliche Reverenz,
die er ebenso erwiderte, ohne zu wissen, weshalb sie das beide tten. Er
hatte keine Lust, hnliche Ansprachen zu erleben wie die gestrige, nahm
sich vor, sogleich wieder zu gehen, und Lotte an der Tr zu fragen, wann
er sie einmal allein sehen knne. Aber wie er nur das erste Wort davon
sagte, rief Lotte, das gehe nicht, sie habe sich so darauf gefreut, da
sie ihm ihre Hefte zeigen wrde! So lie er sich mit einem innerlichen
Seufzer auf einen Stuhl nieder. -- Was mgen Sie am liebsten?
Franzsisch, Geographie? -- Aufsatz! sagte er, und dachte: da erfahre
ich wenigstens etwas ber sie selber. Sie holte sogleich alle ihre
Hefte; er schlug das erste auf. -- Den nicht! sagte sie und bltterte
bis zum zweiten. Er las, sie sah ihm ab und zu ber die Schulter, ob er
schon an die schne Stelle kme, die ihr so besonders gut geglckt war.
Dann kam der nchste: ber die Erziehung der Jugend. Was fr
abgedroschene Worte und Gedanken das alles waren! -- Sie glaubte etwas
wie Mibehagen auf seinem Gesichte zu sehen, sagt selbst, alles sei
grlich, whrend sie alles eigentlich ganz in der Ordnung fand,
verteidigte sich auch gar nicht und rief blo: Ich mu ja! Ich mu ja!
-- Er legte das Heft endlich beiseite, sie brachte sofort ein neues. Sie
wollte durchaus hren, was er ber Iphigenie dachte und Goethes
Stellung zum Christentum. Auf diesen Aufsatz war sie wirklich stolz.
Sie hatte darunter die beste Note erhalten, und auerdem war alles
kalligraphisch musterhaft geschrieben. Er las ihn von Anfang bis zu
Ende, dann reichte er ihr das Heft mit einem stummen Blicke. -- Geist
und Ideen hatte dieses Mdchen nicht, das stand fest. Aber das schadete
ja gar nichts -- im Gegenteil: ein solches urwchsiges, frisches,
einfaches Geschpf und Aufstze -- das pate nicht zusammen. Und die
sollte in eine Schule eingesperrt werden? -- Lotte war etwas betrbt,
da er gar nichts sagte. -- Hier ist noch ein Aufsatz, meinte sie aber
mit frischem Mute, der heit einfach: Die Kuh. Den habe ich am
allerliebsten gemacht von allen, und immer wenn ich eine Kuh sehe, denke
ich: Ob das wohl die ist, von der ich das geschrieben habe? -- Pitt las
auch diesen Aufsatz, und ehe er etwas uern konnte, lie sich Frau
Bornemann, die mit Wohlgefallen zuhrte, wie ihre Enkelin sich
wissenschaftlich unterhielt, von ihrem Nhtisch aus vernehmen: Gegen
_den_ Aufsatz kann keiner was sagen, da fehlt auch kein Hrchen vom
ganzen Fell! Nun qule Herrn Sintrup aber auch nicht mehr! Doch Lotte
wollte jetzt durchaus, da er auch ihre Geographiehefte anshe. Sie
hatte bemerkt, da es drauen regnete, und wnschte, der Regen mchte
inzwischen zunehmen, damit Pitt auch morgen einen Grund habe
wiederzukommen. Wirklich ging ein ganzer groer Gu nieder; als er fast
vorber war, erhob sich Pitt, aber Lotte sagte: Es steht eine ganze Wand
am Himmel, Gromutter, er darf doch den Mantel noch einmal mitnehmen?
Frau Bornemann erlaubte es zgernd. -- Wenn es besseres Wetter wre,
sagte Pitt an der Tr zu Lotte, htte ich gedacht, ob Sie nicht ein
bichen mitgingen. -- O Gott, dasselbe habe ich ja auch schon gedacht,
sagte sie erfreut; das Wetter macht mir gar nichts -- ich mu mir ja
sowieso neue Hefte kaufen, setzte sie hinzu und dachte: das kann ich ja
wirklich. In 10 Minuten komme ich! -- Sie begab sich ins Zimmer zurck,
setzte sich scheinbar an die Arbeit, behielt die Uhr genau im Auge und
brachte nach zehn Minuten ihr Anliegen vor. Gromutter suchte in ihrem
Portemonnaie, gab ihr ein Geldstck und sagte: von den zwanzig
Pfennigen, die brigbleiben, darfst du dir ein Magenbrot kaufen, das
heit: fr fnf; die brigen mu ich wieder haben! --

Pitt wartete unten. Sie scho zur Tr hinaus und sphte, ob er noch da
sei; denn inzwischen war schon fast eine Viertelstunde verflossen. --
Ich mu mir die Hefte nun aber wirklich kaufen, dachte sie, denn sonst
wre es eine Lge gewesen, und ich lge nie. -- Wo wohnen Sie denn
eigentlich? Pitt nannte die etwas entfernte Strae, und sie sagte, da
kaufe sie immer ihre Schulhefte. Sie fing noch einmal an von ihren
Aufstzen zu sprechen und dann erzhlte sie ihm, da sie schon einmal
durchs Examen gefallen sei, nicht aus Dummheit, sondern aus Angst, da
sie sonst Lehrerin werden msse. Gromutter drfe das nie erfahren, das
wre entsetzlich. -- Auch Ihrem Bruder, fgte sie hinzu, wrde ich das
nie erzhlen; aber ich wei nicht, zu Ihnen habe ich ein so groes
Zutrauen. -- Sie erreichten allmhlich seine Strae; wirklich entdeckte
sie dort einen Schreibwarenladen, sagte zu Pitt, er mge drauen warten,
sie wre im Augenblick wieder da, und blieb dann sehr lange drinnen.
Endlich erschien sie wieder, mit einem glcklichen Ausdruck in den
Augen: ich habe alles um fnf Pfennige billiger bekommen als in dem
eigentlichen Laden -- ich kaufe manchmal auch wo anders -- und nun darf
ich zehn Pfennige fr Kuchen verwenden anstatt fnf! -- Ist eine
Konditorei hier in der Nhe? fragte Pitt. -- Konditorei? ich gehe immer
in Bckerlden, da kriegt man mehr. -- Er wollte aber durchaus in eine
Konditorei. Sie zgerte erst, indem sie dachte, sie knne ihre zehn
Pfennige ausgiebiger anlegen, aber dann berwog die Freude, mit ihm
zusammen zu sitzen.

Nun standen sie vor dem ausgebreiteten Gebck. -- Soll ich dies nehmen
oder das? flsterte sie dicht an seiner Seite; wenn ich das linke nehme,
habe ich noch fnf Pfennige fr eine Makrone. Sie zgerte; aber das
teuerere Stck hatte einen so festlichen kleinen Geleeaufputz, und das
nahm sie endlich. Als sie es gegessen hatte, sagte Pitt: Nun drfen Sie
sich noch aussuchen was Sie wollen, ich schenke es Ihnen. Das hatte sie
nicht erwartet. Sie sah ihn erst halb unglubig an, dann sprang sie auf
und kam mit einem leckeren, kleinen Trtchen zurck, das sie schon
vorher voll Verlangen angesehen hatte, ohne Hoffnung es jemals zu
besitzen. -- Aber das teilen wir! Und als er sich weigerte, erklrte
sie, dann e sie berhaupt nichts davon, so da er einwilligte. Sie
berreichte ihm seine Hlfte mit zwei Fingern, und streichelte mit den
brigen drei halb aus Dankbarkeit, halb um einen Witz zu machen, ber
seinen Handrcken hin. -- Gehen wir bald wieder in eine Konditorei?
fragte sie drauen, wurde aber sogleich rot und setzte hinzu, sie meine
nicht etwa, da er sie wieder dazu einladen solle, im Gegenteil: das
nchstemal wollte _sie_ bezahlen, nicht des Geldes wegen, sondern weil
sie ihm fr seine Freundlichkeit auch etwas Freundliches antun mchte.
Morgen? -- Aber ganz bestimmt! sagte er, und sie erklrte zum Schlu,
vor acht Tagen habe sie noch keine Ahnung gehabt, da sie sobald einen
wirklichen Freund bekommen wrde. Sagen Sie aber um Gottes willen Ihrem
Bruder nichts! Dann drckte sie ihm alle seine Finger und an der
nchsten Straenecke prallte sie gegen einen Herrn, da sie sich immerzu
winkend zurckwandte. --

Sie trafen sich nun jeden Tag; Pitt wartete mit Ungeduld an irgendeiner
Straenecke wohin sie sich verabredet hatten. Dann umfate sie wohl
seine ganze Hand und sagte: Wenn das nun Menschen wren, mten sie sich
erst anziehen ehe sie sich so guten Tag sagten! und lachte. -- Ist das
nun Naivitt oder Raffiniertheit? dachte er. Wenn er im gleichen Sinne
etwas antwortete, schien sie ihn nicht zu verstehen. Obgleich er sich
nie darin gebt hatte, besa er doch eine Leichtigkeit, zweideutige
Dinge zu sagen, die sich bei einiger Konzentration der Gedanken bis ins
Virtuosenhafte zu steigern fhig war. Sie ging dann neben ihm her, zog
eifrig die Brauen im Nachdenken zusammen und fragte: Was heit denn das,
was heit denn das? Manchmal erschrak sie selber, wenn sie irgend etwas
sagte, das ihr vorher gar nicht recht klar gewesen war. Zuweilen meinte
sie auch nur: darf ich so etwas nicht sagen? Papa sagte manchmal noch
viel rgeres, o Gott, wenn ich das noch alles wte: Gromutter hielt
sich die Ohren zu und sagte: Aber Anton, denk doch an das Kind! --

Diese erste Zeit ihres Verkehrs war still und glcklich fr Pitt, durch
ihre Aussicht auf die Zukunft. Jeder Tag fast brachte sie einander
nher. Aber dann begann eine Zeit des gnzlichen Stillstandes; alles
schien so bleiben zu wollen, wie es war. Fr Lotte war damit der
Hhepunkt denkbaren Glckes erreicht. Pitt dagegen begann unruhig zu
werden, er wurde einsilbig und zerstreut, sein Blick ruhte lnger in
ihren Augen, wenn sie sich trennten, er kte sie heftiger als frher
und wollte sie gar nicht wieder loslassen. Es war doch gar kein Grund zu
seufzen, den Abschied immer wieder um eine Minute hinauszuschieben, dann
nebeneinander herzugehen und doch nichts zu sagen! Fr sie lag die
Zukunft vollkommen klar. Es galt ihr als ausgemacht, da sie heimlich
verlobt seien, sie wrden sich nach ein paar Jahren -- wenn er eine
Stellung hatte -- heiraten, bis dahin blieb sie Lehrerin, und
zwischendurch kamen wahrscheinlich romantische Prfungen ihrer Liebe,
hervorgerufen durch die Tcken der Welt, die sie alle siegreich
berwinden wrde. Bei seinen Kssen fhlte sie schon jetzt manchmal
einen leisen schnen Schauer, das kam daher, da sie spter eine ganze
Etage beziehen wrden und niemand ihnen mehr etwas anhaben konnte, wenn
sie erst durch alle Fhrnisse glcklich hindurchgegangen waren. -- Er
rang oft mit sich, aber niemals brachte er das Wort ber die Lippen, das
den Gedanken aussprach, der ihn ganz erfllte. Mehr und mehr ahnte er,
da Lotte ein vollkommenes und reines Kind war. Dazwischen kamen wieder
Stunden, wo er sich tricht schalt und feige. Dann fate er den festen
Entschlu: Morgen frage ich sie; und wirklich zwang er sich dazu; aber
er kam nicht ber die Einleitung hinaus: Ich mu dich etwas fragen!
sagte er. Dann sah sie ihn so neugierig und unbefangen-erwartungsvoll
an, da er sogleich stockte und schnell irgend etwas ganz
Bedeutungsloses erfand, das in ihren Augen aber sofort hchst
bedeutungsvoll erschien, da er eine so feierliche Einleitung gemacht
hatte. -- So blieben sie immer auf demselben Punkte stehen, er wurde
bla und mde, in seine Augen trat ein ruheloser und oft ungeduldiger
Ausdruck. Sie ahnte von dem Grunde nichts; wenn er in der Konditorei
nicht a, schob sie das auf seine Magenverstimmung -- er hatte es ja
selbst gesagt! -- und wenn er ihr kindliches Geschwtz zuweilen
ungeduldig unterbrach mit den Worten: So hr doch endlich einmal auf! so
schwieg sie wirklich ganz erschrocken, und dachte, sie habe etwas recht
Dummes gesagt. -- Einmal, am Abend, schmiegte sie sich dicht an ihn und
sagte: Ich habe noch nie einen Menschen geliebt, aber dich liebe ich! --
Ist das wirklich wahr? fragte er heftig und langsam. -- Ja natrlich,
das weit du doch, weshalb fragst du mich denn das so feierlich, so wie
wenn -- ja ich wei selbst nicht wie. Da sah er sie wieder so sonderbar
an. Es kamen Tage, in denen er stumpf und gleichgltig war, in denen
alles, was er an Lotte liebte, einfach berhaupt nicht da war, wo sie
ihn nur irritierte durch ihr vieles und lebhaftes Reden, dessen Inhalt
man auf Null reduzieren konnte. Dann wieder begriff er nicht, wie er so
blind sein konnte und war so zrtlich zu ihr, da sie sagte: O Pitt, ich
knnte alles, alles fr dich tun! -- Und doch wute er, da sich nichts,
gar nichts dahinter verbarg. Allmhlich hatte er sie vollkommen
berschauen gelernt. Und langsam, nach und nach berkam ihn die
Gewiheit, da fr ihn eigentlich der Rausch schon vorber war, obgleich
er ihn nicht mit ihr zusammen geno. Aber er hatte, wie er sich vor sich
selber ausdrckte, experimentell erfahren, da das, was er Liebe nannte,
mit Liebe wenig zu tun hatte. Wie war es sonst mglich, da sie ihn nach
Momenten der Erregung innerlich kalt und gleichgltig lie, da er, wenn
er sie wirklich sah, sie immer fter fort wnschte, ja da auch die
Vorstellungskraft an Strke mehr und mehr nachlie und seine Gedanken
schlielich von ihr auf andere irrten, die er irgendwo und flchtig
gesehen hatte? -- Er begann es als ein Glck zu empfinden, da er sich
ihr gegenber beherrscht hatte, und nun stellten sich auch die
moralischen Erwgungen mit doppelter Kraft ein, wie recht er gehandelt
habe, Lotte in dem Bereich zu lassen wo sie war. Sie mute in dem
wohlgeordneten, kleinen brgerlichen Leben bleiben, in dem sie sich
befand, sie mute zuwarten, bis sich eine Gelegenheit bot sich solide zu
verloben und dann spter zu verheiraten. Immer fter geschah es, da er
eine Verabredung nicht einhielt, so da Lotte, in Konditoreien wartend,
halb aus Mangel an Widerstandskraft ihre ganze kleine Barschaft in
Kuchen draufgehen lie. -- Wollen wir uns nicht lieber in der
Bahnhofrestauration treffen? fragte sie; da gibt es auch lauter kleine
Kuchen, aber man _braucht_ sie nicht zu essen, man kann auch so dasitzen
und warten, und wenn du einmal nicht kommst ist es nicht so schlimm. Er
wollte das nicht. -- Dann kann ich ja unten an der Bibliothek auf dich
warten, bis du heraus kommst. -- Wirklich tat sie dieses; er begann
Ausflchte zu erfinden. Sie merkte es nicht; sie berwand nur schnell
ihre Enttuschung, fragte nicht nach den Grnden, wenn er ein
Beisammensein ablehnte, sondern sah vernnftig drein, so wie wenn sie
etwa gesagt htte: Morgen ist Sonntag, und er ihr darauf den Kalender
zeigend bewiese, da Sonntag erst in ein paar Tagen sei.

Fox war es schon seit einiger Zeit aufgefallen, da Lotte jetzt so gut
wie gar keine Zeit fr seine Belehrungen hatte. Sollte da etwas dahinter
stecken? dachte er. Auf Pitt aber geriet er nicht. Pitt war die letzte
Zeit nicht mehr in die Wohnung gekommen; Lotte wollte das nicht. Sollte
es einmal dringend notwendig sein, da er sie sprche, so war fr diesen
Fall die Rckgabe des Mantels und des Schirmes vorgesehen. Lotte hatte
eine vorzeitige und nutzlose Rckgabe verhindert in dieser Erwgung,
Frau Bornemanns Gedchtnis war nicht sehr stark, und inzwischen hatten
diese Gegenstnde schon manchen gemeinsamen Spaziergang und Regen
mitgemacht. --

Eines Tages entdeckte Fox Lotte wartend vor der Bibliothek. Aha! dachte
er, nun werden wir ja herauskriegen, wer es ist; und er versteckte sich.
-- Sie stand dicht vor dem Eingang, den sie fast versperrte. Studenten
gingen an ihr vorbei und musterten sie mit unverschmten Blicken; sie
beachtete das gar nicht und sphte nur immer zum Treppenhaus, wie ein
wachsamer Hund, der auf seinen Herrn wartet. Schlielich kam Pitt. Sie
nahm wie selbstverstndlich seinen Arm und wanderte sorglos lachend die
Strae mit ihm hinunter. Fox sah erst perplex bestrzt drein, dann erhob
sich in ihm eine groe moralische Entrstung: Also so eine ist das! Und
gegen mich tut sie immer auf das allerehrsamste! Na warte, dich wollen
wir schon kriegen! Dich wollen wir schon entlarven! Und wieder dachte
er: Wenn jemand ein Anrecht auf sie hat, so bin ich das doch natrlich!
Dies hier war ja der reine Betrug! Schon manchmal hatte er sie
aufgefordert, mit ihm spazieren zu gehen: Nie hatte sie Zeit gehabt,
immer mute sie arbeiten! Dann war sie natrlich mit seinem Bruder
gelaufen! Es war einfach ein niedriger, gemeiner Betrug, also doch
wirklich, ein -- -- Betrug!!! --

Am selben Abend besuchte er Pitt, entzndete sich eine Zigarre und
begann unvermittelt seine Predigt. Pitt wute erst nicht, worum es sich
handle, dann nickte er und lie ihn weiter reden. Dadurch geriet Fox
immer mehr in Feuer. -- Traurig, so schlo er, da es soviel
Unsittlichkeit in der Welt gibt. Sie ist einmal da, und da du und ich
sie nicht ausrotten werden, das steht wohl fest. Aber wir sollten nicht
noch mithelfen an ihrer Verbreitung, und vor allen Dingen nicht
anstndige Mdchen auf den Weg der Untugend bringen; das ist eine
Gewissenlosigkeit, wirklich, eine Gewissenlosigkeit! -- Er schwieg und
sah Pitt in die Augen, als wolle er seine Worte noch wie mit einem
Petschaft versehen, so kernig und saftig war sein Blick. Pitt hielt ihn
aus, ja er erwiderte ihn, anders, stiller; sein Mund zeigte ein kaum
merkbares Lcheln, sein Blick schien durch seines Bruders Augen zu gehen
wie eine feine Sonde. Er schwieg. -- Na also, sagte Fox, indem er wo
anders hinsah, das mute ich dir sagen, und hoffentlich nimmst du mir's
nicht bel, das wre furchtbar kleinlich von dir. -- Er sah wieder auf
sein Gesicht, begegnete aber noch demselben Blick wie zuvor. -- Bist du
bldsinnig geworden? fragte er pltzlich, instinktiv nach einem Schutz
suchend, ganz im Tone seines Vaters. -- Pitt erhob sich. Er dankte ihm
fr seine Mhe, aber versprechen knne er ihm gar nichts. Mir scheint,
fgte er hinzu, du nimmst dir doch ein wenig zu viel gegen mich heraus.
-- Wenn du's mir bel nimmst, ist es deine Schuld; ich habe gedacht: wir
sind beide keine Kinder mehr; da du etwas lter bist als ich kommt
nicht in Betracht, jetzt wo wir beide im Leben stehen als
gleichberechtigte akademische Brger; der Kinderstube, wo der ltere
Bruder ber den jngeren herrscht, wren wir, dchte ich, entwachsen!
Also nichts fr ungut.

Pitt sagte jetzt zu Lotte: Sie drfe ihn nicht mehr von der Bibliothek
abholen, berhaupt wollten sie sich weniger treffen, man rede ber sie,
sie bringe sich in einen schlechten Ruf. -- Es war ihr auer Zweifel,
da es ein Mann gewesen sein msse, der das behauptete. Irgend jemand,
der bswillig war.

Auf Fox geriet sie nicht; der war die letzten Tage besonders freundlich
gewesen und hatte ihr erst gestern ein Lederfutteral geschenkt; es sei
sehr praktisch, sagte er. -- Wenn sie nur wte, wer es gewesen war!
Mein franzsischer Professor? fragte sie. Der war gleichzeitig
Privatdozent an der Universitt. Oder war es vielleicht jemand, der sie
fter in der Konditorei sah, der vielleicht in sie verliebt war und den
sie gar nicht kannte?! -- Ist es der? fragte sie, und deutete auf einen
vollbrtigen gesetzten Herrn, der langsam seinen Kaffee schlrfte und
dann mit abwesend-vollem Blick aus seinen Augenglsern auf sie sah und
sich den Schnurrbart leckte, ehe er die Zeitung wieder ergriff. -- Sie
bekam es nicht heraus.

Unsglich langweilig war ihm allmhlich dieses fortwhrende in die
Konditoreigehen geworden; ihr war es etwas ewig Neues. Ganz in
Zerstreutheit sagte er einmal, als er eine Verabredung vermeiden wollte,
er wisse nicht, wo sie sich treffen sollten: In der Konditorei? fragte
sie, als sei dieses etwas noch nie Dagewesenes. --

Es war unausbleiblich, da Lotte schlielich doch den Wandel in seinem
Gefhle bemerkte. Sie litt darunter und fragte sich vergebens, was wohl
die Ursache sei. Einmal fiel es ihr ganz pltzlich ein, da er sie ja
gar nicht mehr ksse. Sie fragte ihn danach. -- Es hat doch eigentlich
gar keinen Sinn, sagte er, wenn du zum Beispiel verlobt wrest, so
drften wir uns gar nicht kssen. -- Aber ich bin doch gar nicht
verlobt! -- Eben deshalb! sagte er ganz ernsthaft. -- Wieso? sie
verstand das nicht in aller Schnelligkeit: gerade weil ich doch nicht
verlobt bin, -- das heit -- -- -- Nun? fragte er in aller Seelenruhe.
Aber da mochte sie nicht weiter reden. Und zum ersten Male kam ihr der
Gedanke: Fate Pitt denn ihr Verhltnis als eine einfache Freundschaft
auf? Das war doch gar nicht mglich! Wie sehr hatte er sie immer gekt!
Waren das alles Freundschaftsksse gewesen? -- Er will mich nur auf die
Probe stellen, ob ich ihm treu bleibe! so sagte sie sich, und dachte
sich wirklich etwas dabei. Wenn wir uns nicht kssen ist unsere Liebe
viel idealer. Aber sie konnte es doch nicht hindern, da sie sich nun,
wo sie sie nicht mehr bekam, nach seinen Kssen sehnte, bei denen ihr
immer so unbestimmt wohlig zumute gewesen war.

Sie gingen nun nicht mehr regelmig spazieren; dafr sah er sie aber
fast jeden Tag einmal hier, einmal da, wo er sie gar nicht vermutete.
Sie kannte allmhlich seinen Stundenplan und trug ihn immer bei sich,
auf dem Herzen. Dann begleitete sie ihn bis zu seinem Hause. Mit jedem
Tage machten sie den Weg in krzerer Zeit; Pitts lange Beine schritten
rstig aus, mit lebhaftem Atem sprang sie bald links bald rechts von
ihm, schalt auf das schmale Pflaster und die vielen Passanten, beklagte
sich aber niemals. Pitt dehnte seinen Aufenthalt in der Bibliothek
lnger aus, aber das half nichts: Suchend trat sie in den Lesesaal,
setzte sich, ohne da er sie bemerkte, ihm gegenber, und wenn er
endlich mechanisch von seinem Buche aufschaute, freute sie sich ber
seine berraschung sie zu erblicken. Dann ging er wortlos neben ihr her.

Allmhlich begriff sie, da es mit ihren Zukunftstrumen ein fr allemal
nichts war. Sogleich setzte sie aber auch in Gedanken bescheiden hinzu,
da sie vielleicht auch viel zu nichtig und unbedeutend sei fr ihn und
redete sich ein, da sie selber fr ihn ja auch von Anfang an nichts als
reine Freundschaft empfunden hatte. -- Du sollst nicht denken, sagte sie
das nchstemal, da ich etwa verliebt in dich wre, gar nicht, was ich
dir gebe ist ein reiner Freundschaftsku! und ehe er etwas erwidern
konnte, fhlte er ihre Lippen auf den seinen, und sie machte ein ganz
schwesterliches und festes Gesicht dabei. Aber als sie ihm das
nchstemal wieder einen Schwesterku gab, hatte sie schon die Arme um
seine Schulter gelegt, er dauerte lnger als der erste, und bei dem
dritten, den er bekam, wollte sie ihn berhaupt nicht mehr loslassen. --
In ihm regte sich etwas von den vergangenen Gefhlen, aber er machte
sich frei von ihr und sagte, Geschwister kten sich nicht; er erinnere
sich zum Beispiel nicht daran, da er und Fox sich je gekt htten. Nun
begann sie seine Hnde zu drcken und ihn dabei verlangend anzusehen;
sie wurde immer ruheloser. Nachts trumte sie jetzt viel von ihm, da war
er ganz, ganz anders, so wie er frher war, oder war er frher nicht so,
hatte sie sich das nur eingebildet? -- In die Konditorei gingen sie
schon lange nicht mehr; das Wort hatte einen wehen Klang fr sie
bekommen, sie vermied es; sie wute auch, da Pitt sie selbst vermied;
aber sie konnte nicht anders: wenn sie ihn in der Ferne sah, lief sie
hinter ihm her, bis sie ihn eingeholt hatte.

Sie gab ihm einen Freundschaftsring; den hatte sie von dem ersparten
Geld, das nun nicht mehr in die Konditorei wanderte, gekauft, ein armes
silbernes Ding mit einem Vergimeinnicht darin. Sie mute irgend etwas
fr ihn tun, etwas fr ihn opfern. Er wollte ihn erst nicht nehmen. Sie
beteuerte nochmals, es sei ja nur ein Freundschaftsring, und wenn er
ihn nicht immer trge, wre es aus zwischen ihnen. -- Aus zwischen uns!
wiederholte er, das klingt so, als ob irgend etwas zwischen uns wre!
Ich sehe nichts, absolut nichts! -- Es ist ja auch gar nichts zwischen
uns, erklrte sie in ihrer Angst, aber du mut ihn trotzdem tragen, ich
schenke ihn dir doch nur _so_! O Gott, du qulst mich so, Pitt, du
qulst mich so! --

Pitts Gedanken liefen zurck in vergangene Zeiten, und eine
gespenstische Stimmung kam ber ihn. Diese Worte hatte er schon einmal
gehrt, es war, als ob das Leben sich schattenhaft wiederhole. --

Er mute ein Ende machen. Ich verreise morgen! -- Fr wie lange? -- Das
wei ich noch nicht. -- Er hatte die Absicht, ihr nach einigen Tagen zu
schreiben, da es das beste wre, sie shen sich nicht wieder. Sie sagte
ihm gefat adieu, und wie sie so schlicht und zurckhaltend vor ihm
stand, und doch so voll von Liebe, nahm er sie ein letztes Mal in seine
Arme. Er fhlte, da es jetzt keines Wortes mehr bedrfe, um sie sich
ganz zu eigen zu machen, er fhlte, wenn er sie lnger halten wrde, ein
Wanken seiner Festigkeit, und er machte sich los von ihr. Sie ging
getrstet und dachte: Alles wird noch gut! -- Wohin er wohl reisen
wrde? Sie war doch eigentlich sehr neugierig. Am nchsten Tage bezwang
sie sich noch; aber am bernchsten fragte sie Fox danach. Sie habe
gehrt, erklrte sie, von einer Freundin, die einen Bruder habe, dessen
Freund mit Pitt zusammen studiere, da er verreist sei. Wohin er wohl
gereist sei? -- Fox sah sie mit runden Augen verstndnislos an; dann
sagte er, der Bruder von der Freundin wisse mehr als er selber; er sei
Pitt noch heute morgen auf dem Gang in der Universitt begegnet. Wenn er
das nicht selbst gewesen wre, msse es wohl sein Geist gewesen sein. --
Waren die Beziehungen zwischen Lotte und Pitt immer noch nicht aus? --

Am selben Abend ging sie in Pitts Wohnung. Fast unvermittelt stand sie
in seiner Tr. -- Du bist noch da? fragte sie erstaunt. Schon wieder!
log er mit schneller Geistesgegenwart. Sie wollte sich gerade darber
freuen, als ihr pltzlich alles, sie wute selbst nicht wie, klar wurde.
Sie war mehr gekrnkt als emprt. Als ob ich ein kleines Mdchen wre!
rief sie. Wenn du mich einmal ein paar Tage nicht sehen magst, so kannst
du mir das doch ruhig sagen! Ich bin doch vernnftig genug, das zu
verstehen! Aber so eine Komdie zu machen, dazu sind wir doch beide zu
erwachsen! -- Du hast recht, sagte Pitt, der sich ber sich selber
rgerte, aber ich fand es zu grausam dir die Wahrheit geradezu ins
Gesicht zu sagen! -- Welche Wahrheit denn? fragte sie, indem ihr das
Blut zu Herzen lief. -- Mein Gott -- da ich dich nicht liebe. -- Sie
beherrschte sich mit Mhe. Aber ich liebe dich doch auch nicht -- gar
nicht, wir mgen uns doch nur sehr gern! Deshalb braucht man doch nicht
gleich wegzureisen -- oder vielmehr nicht wegzureisen -- der Faden ihrer
Gedanken schwand ihr einen Augenblick spurlos, bis sie ihn wieder hatte.
Also du willst mich die nchste Zeit nicht sehen? -- Doch. -- Im
nchsten Moment rgerte er sich wieder ber sich selbst. -- Morgen? --
Pitt seufzte. Wie oft hatte er das nun schon gehrt, dieses kleine, halb
hingeworfene Wort mit dem unsichtbaren Haken daran. Sie sah seine Miene
und sagte schnell: Also ich sehe doch, da du morgen nicht mchtest,
weshalb sagst du denn nicht einfach: bermorgen! Ich bin doch keine
Klette! --

Ich mu den Verkehr mit ihr abbrechen; dachte er, als er allein war. Wie
alles jetzt ist, ist es wrdelos; ich qule sie, dieser Verkehr ist eine
ewige Hin- und Herzerrerei. Wenn ich es ihr sage, tut es keine Wirkung,
weder auf sie noch auf mich; sie schlingt dann ihre Arme wieder um mich,
und in dem Moment, wo ich sie so dicht an meinem Krper fhle, verwirren
sich mir die Gedanken und alles, was ich klar und sicher wei, erscheint
wie Unsinn; ich mu ihr alles schreiben, und zwar mu ich lgen und hart
mit ihr sein, sonst ist alles was ich schreibe umsonst.

Als sie sich wiedersahen, berreichte er ihr einen Brief; sie mge ihn
zu Hause lesen. Sein Inhalt war kurz und klar. In der Hauptsache sagte
er ihr nur, sie habe sich von Anfang an getuscht in ihm und er wnsche
den Verkehr mit ihr abzubrechen. -- Darauf war sie nicht gefat gewesen.
Einen ganzen Tag lang weinte sie; Frau Bornemann versuchte sie zu
trsten: Es werde schon alles noch gut; sie sei doch fleiig, das knne
jeder mal passieren, da sie im Franzsischen eine schlechte Note
bekomme, sie solle den Kopf nicht hngen lassen, sondern ihn oben
behalten wie der Vogel Kakadu. --

Auf den Gedanken, Pitt zu antworten, kam sie gar nicht; alles war nun
aus, einfach aus. Die nchsten Tage vergingen schwer, sie konnte sich
nicht daran gewhnen, da nun alles vorbei war. Oft stand sie abends
unten auf der Strae und sah zu seinem erleuchteten Fenster hinauf, und
dann verzog sich ihre Miene wie bei einem Kinde und ihre Trnen begannen
wieder bitterlich zu flieen. Sein Stundenplan auf ihrem Herzen behielt
noch eine Art selbstndigen Lebens, das langsam verzuckte: Bald war sie
hier, bald da, um Pitt zu sehen, doch vermied sie es auf das
ngstlichste, da er sie zu Gesicht bekam. Dann wollte sie ihn
vergessen; aber sie konnte es nicht ndern, da ihre nchtlichen Bilder
sich weiter mit ihm beschftigten; endlich wurden diese Bilder
unpersnlicher, allgemeiner, und eines Nachts war sie sehr erstaunt, als
sie, aus ihrem Traum erwachend, mit ausgebreiteten Armen in die Hhe
fuhr und undeutlich einen Menschen vor sich sah, der mit Pitt auch nicht
die geringste hnlichkeit mehr hatte. Wenn ich nur wte, wer es gewesen
ist! dachte sie und nahm sich vor, im nchsten Traume ganz genau
aufzupassen.

Eines Tages schrieb Pitt an Fox, er mge ihn abends besuchen, und zwar
ohne Mantel und Schirm. Er hatte die Absicht, ihm jene von Frau
Bornemann geliehenen Stcke um- und anzuhngen und ihn damit zu ihr
zurckzuschicken. Fox sah in jenem Ansinnen nur eine der bekannten
verrckten Marotten seines Bruders, und nahm aus Opposition auer dem
Mantel auch noch einen Schirm mit, obgleich der klarste Sternenhimmel
war. Verstndigt von dem Plane seines Bruders, weigerte er sich mit
Entschiedenheit, die Sachen zurckzutragen; er knne sie durch einen
Dienstmann schicken, den er ihm gern bezahlen wolle, wenn Pitt kein Geld
habe. Und berhaupt: Fox spitzte pltzlich seinen Geist und sah Pitt mit
fragenden und groen Augen an: Weshalb willst du denn die Sachen nicht
selbst hinbringen? -- Pitt antwortete nicht, sondern sah nur gleichmtig
in die Lampe. -- Aha! dahinter steckt was! Ihr seid also endlich
auseinander, was? -- Du kannst es so nennen, wenn du willst; sagte Pitt.
_Ich_ wrde es nicht so nennen, denn wir waren ja nie zusammen. -- Na
na, sagte Fox und lachte unglubig und berlegen, mir brauchst du das
nicht aufzubinden. Gut -- fgte er nach einer Pause hinzu, gut, da du
dich besonnen hast, wenn es auch ein bichen lange gedauert hat;
wirklich, ich habe es von Anfang an nicht schn gefunden, ich habe es
dir ja auch damals voll und ganz gesagt. brigens, du kannst vollkommen
ruhig sein, ich schwatze nicht darber, ich meine: die zu Hause brauchen
nie was davon zu erfahren, dafr sind wir doch Brder, was? Brder
sollen doch immer zusammenhalten, wie? Und seine wie und was rissen
sich so schneidig von seinen Lippen, da Pitt fragte: Bist du die letzte
Zeit viel mit Offizieren zusammen gewesen? -- Allerdings! sagte Fox mit
einem unklaren Bedauern, da dies wirklich der Wahrheit entsprach, und
das dem noch unklareren Gefhl entsprang, man htte aus dieser
imponierenden Tatsache irgendwie zwei machen knnen, neben der ersten
noch eine erfundene, denn die erfundenen imponierten ihm selbst noch
mehr als die wirklichen. Weshalb frgst du denn das? -- Da Pitt die
Frage zu berhren schien, verbreitete er sich wieder ber den ersten
Gegenstand: Nun wisse er auch, weswegen Lotte die letzten Tage so
verweinte Augen gehabt habe. Hm hm, also so stehen die Tatsachen! setzte
er nachdenklich hinzu. Na -- leb wohl und mach solche Dummheiten nicht
wieder. Menschlich ist schlielich jeder mal, aber dafr gibt es dann
auch Einrichtungen, die der Staat selbst sanktioniert hat. -- brigens,
setzte er nach einem Nachdenken abermals hinzu, ich knnte die Sachen
doch am Ende mitnehmen, dann brauchst du nicht noch erst einen Brief zu
schreiben; pack sie mir mal gehrig ein, schlielich: Bei Nacht sind
alle Katzen grau. -- Pitt tat es und Fox entfernte sich mit dem Paket.

Er gab es Lotte persnlich in die Hnde. Als sie die alten Sachen
wiedersah, die ihr durch Pitt so gewohnt geworden waren, hielt sie mit
Mhe die Trnen zurck. -- Armes Kind! sagte Fox und sah sie bieder an.
Da war es um ihre Fassung geschehen; ihre Trnen liefen ungehindert, sie
wurden zum Schluchzen, als Fox vterlich und sanft den Arm um ihre
Schulter legte. -- Armes Kind! sagte er wiederum. Jaja, jaja!

In diesen wiederholten Ausrufen war mehreres zusammengeballt:
Abgeklrtes berschauen, vormundartiges Mitleid, allgemeines Bedauern
menschlicher Schwchen, leise Bitterkeit gegen irgend jemand, und eine
stille Resignation. -- Wissen Sie denn alles? fragte sie, noch
fassungslos. Er nickte langsam und gedankenschwer: Ich habe das alles
kommen sehen, alles, alles! Aber ich dachte mir: Sie mu von selber dazu
kommen. -- Wozu denn? fragte sie verwirrt und ngstlich. -- -- Na, um zu
erkennen, da das doch nichts war. Ich wei doch, da mein Bruder von
einer richtigen Liebe keine Ahnung hat, ich kenne ihn doch gengend!
Alles dieses wollte Fox eigentlich gar nicht sagen, aber die Worte kamen
wie von selbst. -- Ja, seufzte sie, das ist es, das fehlt ihm! Und ohne
es zu wollen, nur im Drange nach dieser Liebe, die sie all die Zeit
ersehnte, lehnte sie sich in seinen Arm, dachte nur an Pitt dabei, und
dann fiel ihr ein, da es ja sein Bruder war, der sie so hielt und
trstete, sein Bruder, der von demselben Fleisch und Blut war wie er,
und unwillkrlich lehnte sie sich noch fester an ihn und bildete sich
ein, er sei es selbst. -- Armes Kind! sagte er wiederum, als sie stiller
geworden war; dies Wort wirkte wie eine Formel, die ihre Trnen von
neuem flieen lieen. -- Sie mu sich ausweinen, ganz ausweinen! dachte
er, und dabei war es doch nichts weiter als die Macht seines Wortes, die
er geno. Und dann sagte er wiederum: jaja, jaja! und nach einer Pause
setzte er hinzu: jaja, jaja! -- Ganz in Gedanken zhlte sie diese vielen
Jas, und pltzlich mute sie lachen, ihre arme angespannte Seele suchte
nach einem Ausweg aus all dem Schmerz. -- Nanu? sagte Fox, was lachen
Sie denn! -- O nichts, antwortete sie, ich dachte nur gerade daran, wie
ich Sie einmal borniert genannt habe. -- -- Aber liebes Kind, Sie sind
doch wirklich recht kindisch! Ich trste Sie hier -- -- Ich wei ja, ich
wei ja, entgegnete sie dankbar und eifrig, ich fhle ja, da Sie es
wirklich gut mit mir meinen, und da Sie ein viel besseres Herz haben
als Ihr Bruder! -- Das wollte ich auch meinen! sagte er nachdrcklich,
nahm ihr Taschentuch und trocknete ihr die Wangen; dabei sah er sie so
gutherzig und ehrlich an, da sie dachte: O wenn mich doch Pitt ein
einziges Mal so angesehen htte!

Fox drckte sie an sich und sagte gar nichts. Beide schwiegen eine
Zeitlang, Fox drckte heftiger, wenngleich noch vterlich. -- Ich mu
jetzt gehen, zu Gromutter, sie wird sonst mitrauisch! sagte Lotte
endlich, machte sich leise frei von ihm und strich die Haare aus dem
Gesichte. Er reichte ihr die Hand, sie nahm sie dankbar, und dann
drckte er einen Ku auf ihre Stirn. Ihr Blick ging scheu an ihm empor,
halb abwehrend und halb wehrlos. --

Als sie drauen waren, dachte Fox ber alles nach: Wie standen denn nun
die Dinge? Jetzt gehrte doch Lotte eigentlich ihm, da war kein Zweifel,
-- das heit: das hing immer noch von _ihm_ ab. Sollte er oder sollte er
nicht? Ein wenig dmpfte sein Selbstgefhl die berlegung, da er im
besten Falle nur ein Nachfolger seines Bruders sein knne. Aber
immerhin: Er wrde sich niemals Vorwrfe zu machen haben: Wenn er sich
jetzt mit ihr einlie, so blieb die Schuld der ersten Verfhrung immer
auf seinem Bruder haften. Auerdem: Wenn er sie jetzt _nicht_ nahm, so
nahm sie einen andern! Ein Mdchen, das von seinem Liebhaber verlassen
wird, nimmt einen andern, aus Verzweiflung oder sonst was; das war ihm
unumstlich; und irgend einem Menschen in die Hnde zu fallen -- _dazu_
war diese Lotte denn doch zu gut! Wer wei was fr schlimme Erfahrungen
er ihr ersparte! Gerade jetzt, wo ihre erregte Leidenschaft blind auf
Gott wei wen losgehen wrde! Er hatte geradezu die _Pflicht_, sie zu
bernehmen, denn durch seine Schuld, durch die Kraft seiner Rede Pitt
gegenber war sie in diesen gefhrlichen Zustand gekommen! Pitt war
eigentlich ein Schafskopf, da er dies famose Mdchen so ohne weiteres
aufgab; das heit, eigentlich war es ja sehr ehrenvoll von ihm und es
zeugte davon, wieviel Gewicht er den Worten seines Bruders beima. Aber
die Resultate sehen eben manchmal doch anders aus als man vorher
berechnet. Einen Hauptfaktor hatte er bersehen: Die einmal erregte
Leidenschaft! Aber wie gesagt, er wollte seiner Verantwortung jetzt
nachkommen! --

Alles kam so wie er wollte. Lotte war in ihrer Verlassenheit
widerstandslos geworden, sie glaubte Fox ttlich zu beleidigen, roh und
undankbar zu sein, wenn sie sich nicht von ihm in die Arme nehmen lie,
und bildete sich in ihrer Hilflosigkeit ein, ihn zu lieben; dazu kam
noch eine Bitterkeit gegen Pitt, der, wie Fox immer wieder sagte, die
Liebe gar nicht kannte und schnde mit ihr gespielt habe. -- Und das,
worum Pitt erst stumm gerungen, und worauf er dann verzichtete, nahm Fox
mit einer Leichtigkeit, ber die er selbst erstaunte. Ahnungslos, ohne
die geringste Vorstellung lie sie sich von ihm leiten, wohin er wollte.
Erst hart an der Pforte in das unbekannte Gebiet wehrte sich ihr
Instinkt mit einer irren, allgemeinen, heftigen Angst, und nun zeigte
sich eine so bodenlose, groteske Unkenntnis ihrer Vorstellung, da Fox
verblfft, verdutzt war, da er sich dies nicht zusammenreimen konnte
mit der Vergangenheit. Auf sein Fragen kam heraus, da sie nichts, gar
nichts wisse, da sie niemals zu Pitt in Beziehung gestanden hatte noch
gestanden haben konnte, da sie ein reines, unberhrtes Kind war. -- Ach
du groer Gott! sagte Fox, das habe ich allerdings nicht gewut -- wenn
ich das gewut htte -- -- aber sie flsterte: Sage doch jetzt so etwas
nicht -- und bedeckte die Augen mit beiden Hnden.

Diese Entdeckung lie ihm seine Beziehungen zu Lotte nun in einem ganz
andern Licht erscheinen. Zwar war er nun wissentlich in jenen Fall
gekommen, den er seinem Bruder irrtmlicherweise vorwarf, aber hierber
half ihm die Erwgung hinweg, da -- wie er sich schon vorher sagte --
ein andrer zugriff, wenn er dies nicht selber tat. Im brigen kam er
sich nun seinem Bruder vollkommen berlegen vor, ja triumphierend ber
ihn. Da er etwas hingenommen hatte, was Pitt verschmhte -- diese
Vorstellung lag vollkommen auer seinem Gesichtskreise; er hielt sich
nur an die Tatsache, da er dieses Mdchen hatte und da Pitt es nicht
gehabt habe.

Lotte berstand den Schritt aus der Kindheit heraus ohne groe
Erschtterungen. Sie wunderte sich nur, da alles so schn sei und gar
nicht so entsetzlich wie ihre unklaren, phantastischen Vorstellungen es
ihr frher hatten erscheinen lassen. -- Wutest du denn wirklich nichts,
gar nichts? fragte Fox einmal. Sie schttelte den Kopf: Gromutter hat
mir nur einmal den Faust erzhlt. -- Kennt denn den deine Gromutter? --
Nein, gelesen hat sie ihn nicht, aber sie wei was drin vorkommt. Und
dann sprach sie immer so, da ich Angst bekam, von Hllenpfuhl und
Lotterbett, o Gott, wenn sie Lotterbett sagte, dachte ich immer an einen
betrunkenen Esel mit hlzernen Beinen, ich wei selber nicht warum. --

Oft dachte Lotte noch an Pitt; aber sie verdrngte diese Gedanken, aus
Pflichtgefhl gegen Fox. Manchmal dachte sie: Warum wohl Pitt nie so zu
mir war wie er? Ob er wohl auch gar nichts gewut hat?! -- Sie wurde nun
wieder frisch und heiter; sie wollte das alte Leben wieder anfangen, mit
Fox ausgehen, und zwar in die Konditorei. -- Da bin ich mit Pitt auch
immer gewesen! gab sie als Erklrung an. Aber darauf lie er sich nicht
ein. Das wre auerdem wie eine Nachahmung gewesen! --

Nur mit Gromutter zusammen unternehmen wir etwas! -- Und Gromutter
ging mit in Theater, Konzerte, Restaurationen. Sie htte nie gedacht,
da sie noch zu einem solchen Glcke kommen wrde. Manchmal meinte sie,
es wrde doch ein bichen teuer, aber Fox sagte, darber brauche sie
sich keine Sorgen zu machen. Seinem Vater kme es nicht drauf an
monatlich ein paar Mark mehr zu schicken, der verliere berhaupt kein
Wort darber. Und ohne Geld sei einmal nichts zu haben auf der Welt, --
worauf die beiden letzten Hauptworte sie veranlaten mit dem Kopf zu
nicken und zu sagen: Ja ja, Geld regiert die Welt, und wer keine Schuhe
hat zu kaufen, der mu auf bloen Socken laufen. --

Frau Bornemann merkte von der neuen Vernderung nicht das geringste. In
ihrer Gegenwart nahm sich Lotte sehr zusammen, und Fox kostete es keine
besondere Mhe, sich zusammen zu nehmen, da sein Benehmen gegen Lotte,
auch wenn sie allein waren, keine groe Zrtlichkeit verriet, wenngleich
es immer wohlwollend und freundschaftlich blieb. Zuweilen, wenn sie alle
drei in der guten Stube saen und Frau Bornemann einmal aufstand um ihre
Brille zu holen, oder eine Nharbeit, spitzte Lotte die Lippen zu ihm
herber, oder sie erwischte auch seine Hand und drckte einen schnellen
Ku darauf, war dann aber gar nicht bse, wenn ihr sein Handrcken etwas
derbe gegen die Lippen schlug, whrend sie ein schulmeisterlicher Blick
aus seinen Augen traf und sein Krper gtzenhaft und unbeweglich blieb.
Fox hatte soviel Selbsterziehung!

So lebten sie wochenlang zusammen, und dies Zusammenleben erhielt durch
Fox eine Regel, einen Modus. Er setzte Lotte, die das nicht begriff und
dumm fand, auseinander, da das Leben solcher Regeln bedrfe, da sie
beide ihre Arbeiten viel besser erledigten, wenn sie ihr gemeinsames
Wochenprogramm htten, das ein fr allemal feststnde und nach dem sich
jeder richte; fr ihn selbst sei dies nicht einmal so wichtig, fr sie
jedoch geradezu unentbehrlich. Sie sei eine haltlose Natur, die Regel
und Einteilung ntig habe. -- Ihr kam das so ledern und ausgedacht vor,
aber in der Folge fand sie wirklich, da er recht habe. Sie erledigte
ihre Tagesgeschfte nun mit viel mehr Ruhe, ja, die Lust zur Arbeit
kehrte ihr zurck. Sie konnte wieder lnger still sitzen, sie sprang
nicht mehr pltzlich von ihren Bchern auf, ohne zu wissen warum, so wie
frher, als sie noch mit Pitt zusammen war. --

Sie fragte Fox zuweilen nach seinen Zukunftsplnen. Er lie bedeutende
Hintergrnde vor ihr aufsteigen, setzte ihr auseinander, da theoretisch
nichts im Wege stnde, da er einmal Minister werde -- er entwickelte
ihr die Stufenleiter ganz einfach und plausibel -- und dann schwieg sie
andachtsvoll und drckte nur ganz leise seine Hand, indem sie das Gold
der Zukunft auch ber sich selbst dahinrauschen fhlte. Aber niemals
sprach sie ein Wort darber aus; das wre ihr fast taktlos und roh
erschienen; es war ja selbstverstndlich, da sie sein Glck teilte, da
er sie spter heiratete. Freilich dauerte das lange, aber sie konnten ja
warten, und bis dahin war und blieb sie Lehrerin. Der Gedanke erschien
ihr gar nicht mehr so schlimm wie frher, im Gegenteil, sie wollte recht
fest arbeiten, um spter nicht eine dumme Frau zu sein, sondern eine,
die sich, wenn auch bescheiden, an seiner Seite sehen lassen drfte. Er
bestrkte sie in ihren Plnen, den Beruf betreffend, und sagte, es sei
fr sie dringend notwendig, da sie etwas Festes habe, woran sie sich
halten knne; ein gebildetes Mdchen mit einem Beruf sei in der Welt
viel angesehener als eines, das nur gelernt habe zu kochen und Strmpfe
zu stopfen: Nh mir doch mal einen Schlips! -- Sie war glcklich etwas
fr ihn tun zu knnen, suchte mit ihm zusammen den Stoff aus, nhte ihn
so schn und kunstvoll wie sie vermochte, und eines Tages konnte Fox im
Kreise seiner Bekannten erklren: Hat mir meine Kleine gemacht! -- So
hatte er einmal einen jungen Architekten reden hren, was ihm groen
Eindruck machte.

Fox war mit seinem Leben sehr zufrieden. Die staatlichen Einrichtungen,
von denen er frher zu Pitt gesprochen, hatte er selber geprft, aber
jetzt fand er doch, da dabei, wie er es ausdrckte, die Seele
eigentlich nicht auf ihre Rechnung gekommen wre. Und doch machte er
sich zuweilen Sorge um die Zukunft, da er sehr wohl fhlte, wie stark
Lotte auf ihn baute. Sollte er diese Gefhle immer fester werden lassen?
War es nicht seine Pflicht, Lotte allmhlich auf sich selbst zu stellen,
nachdem er sie fr ihren Beruf gefestigt und gestrkt hatte?

Lotte ahnte von diesen Gedanken nicht das geringste; ihre Liebe machte
kleine Enttuschungen durch, ihre starke Glubigkeit lie sie alle
berwinden. Manchmal strte Fox das Wochenprogramm, berging die
Festtage, kam gar nicht heim, lie sie vergeblich warten. Auch entdeckte
sie eines Tages in seinem Schreibtisch die Kabinettphotographie einer
feurigen, junonischen Dame, und mit blauer Tinte und etwas zgelloser
Schrift standen die Worte darunter: Ihrem Fox, Adelaide. Diese
Photographie hatte er frher einmal, als er Lotte noch nicht so nah
kannte, selbst gekauft und die Worte eigenhndig, mit verstellter
Handschrift, darunter geschrieben; er hielt sie verschlossen und hatte
sie nur aufgestellt wenn Freunde kamen, und damit erreicht was er
wollte: Denn bald war es herumgekommen, da er eine pompse Geliebte
besitze. -- Lotte beunruhigte es sehr als sie sie erblickte. Als er
heimkam, fragte sie ihn sogleich, ob er die Dame einmal geliebt habe:
Neinnein, kein Bein, neinnein, kein Bein! sagte Fox; gewnscht htte sie
es wohl, aber ich habe nicht gewollt -- einfach nicht gewollt! -- Lotte
war nun noch viel glcklicher, da er ihr gehre; sie mute doch wohl
etwas wert sein, denn diese Dame war doch so wunderschn, und so stolz!
-- Schreibt sie dir noch manchmal? -- Alles verbeten! -- Zeig mir doch
mal einen Brief von ihr! -- Alles verbrannt! -- Sie fand das schade. --
Aber weshalb hast du sie denn noch immer in deinem Schreibtisch? fragte
sie, da sie das Bild doch gern entfernt htte. -- Du hast eigentlich
recht! meinte er nach einem kurzen Nachdenken; wenn du willst, kannst du
sie kriegen, mir liegt absolut nichts an ihr, absolut nichts; da!! --
Lotte nahm sie mit vielem Dank und stellte sie auf ihren eigenen kleinen
Arbeitstisch. Aber die Worte: Ihrem Fox radierte sie aus, und lie nur
Adelaide stehen.

Fox gewann es auf die Dauer nicht ber sich, Pitt gegenber sein
Verhltnis zu Lotte zu verschweigen.

Ja, sagte er einmal zu ihm, indem er nachdenklich die Asche seiner
Zigarre abstreifte, man kommt manchmal zu Dingen, ohne zu wissen wie.
Diese Lotte! Du hast sie ja damals nicht haben knnen, -- ich dachte
frher, die Dinge lgen ganz anders; ich htte mir meine Rede sparen
knnen. Jetzt sehe ich ja, da ich mich getuscht hatte: ich wute
nicht, da sie _mich_ eigentlich liebte und dich deshalb zurckwies, bis
sie mir dann so was hnliches gesagt hat -- na, und da war es schon zu
spt; ich konnte nicht mehr zurck ohne sie ttlich zu verletzen, --
ohne sie direkt ttlich zu verletzen. Ich mag sie brigens sehr gern;
kann absolut nicht klagen. --

Pitt hatte eine hnliche Wendung der Dinge schon seit langem geahnt,
jetzt lief ihm aber doch das Blut zu Herzen. Unbeweglich hrte er zu und
fate den eigentlichen Sinn von Foxens nheren Errterungen erst
allmhlich; dann sah er ihn nachdenklich an. Diese Drehung der Tatsachen
erstaunte ihn. Mglich, da Lotte sie nachtrglich so entstellt hatte,
das war nur menschlich, obgleich es ihm zu ihrem Wesen nicht zu passen
schien; in diesem Falle hatte er zu schweigen, um sie zu schonen;
mglich auch, da das Ganze nur eine Lgerei von seinem Bruder war, um
sich ihm gegenber in eine hhere Position zu setzen. Dann hatte er
ebenfalls zu schweigen, da es sich ja gar nicht der Mhe lohnte, die
Wahrheit zu konstatieren, die Fox ebenso bekannt war wie ihm selbst. --
Du hltst mich nun wohl fr charakterlos und inkonsequent? fragte Fox.
-- O nein, ich finde du hast ganz recht, ich htte es wahrscheinlich
ebenso gemacht wie du. -- Wenn du gekonnt httest!! sagte Fox, und in
dieser Antwort geno er im Extrakt den ganzen Triumph, der ihm zuvor
durch Pitts Gleichmut verdnnt worden war. -- Auch hierauf antwortete
Pitt nichts, obgleich ihm fr einen Augenblick ein Wort auf der Zunge zu
schweben schien. Die Genugtuung, mit der Fox das letzte sprach, klang so
echt, so unangreiflich, da Pitt unwillkrlich dachte, es sei nun doch
nicht anders mglich, als da Lotte ihm gegenber die Sache auf eine
nicht schne Weise verdreht habe; aber dieses stimmte so ganz und gar
nicht zu Lottes Wesen. -- Es blieb ihm nichts anderes brig als
anzunehmen, da Fox sich in seine Lgerei so sehr hineingeredet habe,
da er sie schlielich selber glaubte und fr Wahrheit nahm.

Eine groe Niedergeschlagenheit kam die nchsten Tage langsam ber Pitt.
Die Entfernung hatte ihn allmhlich alles vergessen lassen, was ihm an
Lotte langweilig und irritierend war, nur das Schne, Liebenswerte war
in seiner Erinnerung geblieben, und hatte sich, abgesondert von allem
andern, verstrkt in seiner Vorstellung. Da er sich gewaltsam von ihr
loslste, kam ihm sinnlos, ja wahnsinnig vor, er begriff sich nicht, wie
er mit vollem Vorsatz und Bewutsein etwas von sich schleudern konnte,
das ihn mit Glck und Wrme fllte; -- so stellte sich jetzt die
Erinnerung in ihm dar; alles Korrigieren dieses Gefhles mit dem
Verstande half nichts dagegen. Nun war es zu spt! Und doch wieder
fhlte er deutlich, da, wenn alles ungeschehen wre, er immer wieder so
handeln wrde wie er gehandelt hatte. Dieser Zwiespalt seines Gefhles
machte ihn ruhelos, selbstqulerische Gedanken stiegen in ihm auf, er
wute nicht mehr, was er von sich selber denken sollte.

Das Semester neigte seinem Ende zu. Sollte er spter wiederkommen,
zusehen, wie Lotte mit Fox glcklich war? Eine starke Abneigung erfate
ihn gegen diese ganze Stadt, er mute Lotte ein fr allemal aufgeben, er
wollte sie nie, nie wieder sehen, sich auch jede Mglichkeit eines
Wiedersehens abschneiden. Er hatte eine unklare Vorstellung, da sich in
jeder Stadt das wiederholen werde, was er an Elfriede und Lotte erlebt
hatte. Er hatte Angst davor. -- Aber war denn zwischen ihm und Elfriede
wirklich alles aus? Konnte nicht, wenn er sie wieder sah, alles anders
und schner werden als es frher war? Wrde er sie jetzt nicht mit ganz
neuen Augen ansehen? -- Es fiel ihm die Familie van Loo ein, und da er
sich hier in ganz abenteuerliche Gedanken verirrte. Aber er konnte sich
Elfriede ja auch fern halten -- und nur, wenn er sie zufllig einmal sah
-- -- hiermit ffnete er seinen versperrten, drngenden Gedanken wieder
ein Hinterpfrtchen. -- Was ntzt nun alle Logik und alle Philosophie,
dachte er; vor den einfachsten Dingen im Leben hlt sie nicht stand; ich
will etwas und will es nicht, und dann tue ich etwas, das nur Sinn hat
_wenn_ ich es will. --

Lotte wurde allmhlich traurig. Sie sollte sich nun fr ein paar Monate
von Fox trennen; er versprach ihr, fr die Zeit der Trennung, oft zu
schreiben; da er wiederkam war ausgemacht, und eigentlich
selbstverstndlich. Zufllig erfuhr er von Pitts Plan, an seinen ersten
Studienort zurckzukehren. Er fragte nur: So? machte aber ein sehr
nachdenkliches Gesicht. --

Also leben Sie wohl! sagte die kleine Frau Bornemann, indem sie Fox, der
im steifen Hut und mit roten Glachandschuhen im Vorplatz stand und den
Dienstmann anwies, die Koffer in den Wagen zu bringen, beide Hnde
drckte: Also leben Sie wohl, und nochmals Dank fr alles was Sie an uns
getan haben, falls ich Sie nicht wiedersehen sollte! Das Leben ist wie
ein Fidibus, wie mein Mann-selig sagte, eigentlich wei ich nicht recht,
was er damit gemeint hat, aber ich sage es nun auch manchmal, um sein
Andenken zu ehren. -- Aber Gromutter! rief Lotte, Herr Sintrup kommt
doch wieder, das ist doch ganz sicher, das ist doch ganz bestimmt!! --
Und sie sah Fox halb zuversichtlich, halb beschwrend an. Er bewegte,
beschwichtigend die Augen schlieend, seinen Kopf zu einer
nachdrcklichen Bejahung auf und nieder und reichte beiden Damen noch
einmal die Hand. Lotte sah ihm fragend in die Augen: Hier durften sie
sich nicht kssen, das sah sie ein; aber wo sonst? meinte er, im
Treppenhaus? -- Ich begleite Sie hinunter! rief sie, aber Frau Bornemann
hielt sie zurck: Kind, sagte sie leise, man mu den Menschen auch nicht
den _Schein_ zu einem Vorwurf bieten!

Fox schritt schon abwrts; sie wollte sich losreien, aber Frau
Bornemann hielt sie an der Schrze fest: Ich sage dir du bleibst! Sie
gab ihrer dnnen Stimme soviel Kraft als ntig war, und setzte hinzu: Du
Jungfer Unverstand und bergescheit! -- Und gren Sie auch Ihren Herrn
Bruder! rief Lotte, halb verzweifelt. -- Jawohl, wird besorgt! tnte
Foxens Stimme von unten. -- Ich will ihm wenigstens nachsehen! rief
Lotte, und Frau Bornemann konnte es nicht verhindern, da sie zum
Fenster lief. Aber bedchtig eilte sie hinterdrein, um ebenfalls mit
hinabzusehen: Die Gromutter neben der Enkelin. -- Foxens rote
Handschuhe bewegten sich grend und winkend im Gelenk. Und nicht einmal
gekt hatten sie sich zum Abschied!




                           Fnftes Kapitel.


Ich hatte mir doch immer gedacht, Sie wrden wiederkommen! sagte Herr
Knnecke; ein bichen anders ist es ja nun geworden, meine Cousine hat
einiges umgestellt -- denn sie hat inzwischen natrlich drin gewohnt! --
Er entfernte unauffllig eine kleine Haarwolke vom Waschtisch.

Pitt hatte von vornherein nicht die Absicht gehabt wieder bei Frulein
Nippe zu wohnen, der Anblick der Haarwolke bestrkte ihn in seinem
Vorsatz und er fragte: Wo ist denn mein groer Koffer? -- Hier! sagte
Herr Knnecke und deutete auf das Angangbel, da steht er drunter! Und
er sah Pitt verblfft an, als der sagte, er lasse ihn im Lauf des Tages
abholen, denn er wohne wo anders. Och nein! meinte er enttuscht, fgte
aber nichts hinzu, da es nicht seine Sache war, sich den Menschen
aufzudrngen. Pitt lie ihn grbelnd zurck, was wohl der Anla sein
knne, da er nicht wiederkommen wolle. Zum Schlu sagte er noch, er
wolle ihm seinen Bruder schicken, von dem Herr Knnecke auch einen
hheren Preis verlangen knne, denn er habe viel mehr Geld als er
selber. Eine Mischung von Herrn Knnecke, Frulein Nippe und Fox -- so
dachte er -- kann etwas ganz Lustiges ergeben, und empfahl Fox dieses
Zimmer mit groer Zungenfertigkeit. -- Er hat doch ein gutes Herz! sagte
Frulein Nippe, der Zusammenhang ist doch so einfach! Als er hrte,
_ich_ wohnte in dem Zimmer, hat es ihm leid getan mich wieder daraus zu
vertreiben, das ist doch sonnenklar! -- Mach du nur die Stube recht in
Ordnung, denn wenn der Bruder kommt, so darf da nicht wieder so was
herumliegen! Herr Knnecke fhrte sie zu der Haarwolke, die er
aufbewahrt hatte, weil er dachte, sie habe sie vielleicht noch ntig.
Hat er das gesehen? fragte sie; und wenn auch! Da das Haar echt ist,
hat er dann jedenfalls auch gesehen! So dunkles, dichtes Haar, und die
Farbe so kastanienbraun -- ich konstatiere nur! Manche Frauen gben was
drum, wenn sie die Farbe htten! --

Als Fox erschien, war das Zimmer peinlich sauber. Die Hnde unter der
Brust zusammengelegt, die Knie etwas eingeknickt, stand Frulein Nippe
da und sah verehrend zu ihm hinauf. Dieser stattliche junge Mann! Diese
regelmig-blhende Figur, dieser volle rosige Hals, und die Backen
lachten vor Wohlergehen! -- Kostet? -- Diese Przision, diese fast
militrische Einfachheit! Sie nannte den Preis. -- Bon! -- Mieten wir?
fragte sie, kurz, aufmunternd, burschikos. -- Abgemacht. -- Trbong. --
Bien! verbesserte er, worauf sie militrisch grend die Hand an die
Schlfe fhrte. Sie verstand es schon mit jungen Leuten umzugehen! --
Mein Bruder ist ein Schafskopf. -- Sie erwartete, da noch etwas folgen
werde, aber er war fertig; sie lchelte taktvoll-allgemein. Fox
verschwand wieder, im Lauf des Nachmittags kamen seine Koffer, und, wie
frher Lotte, weidete sich nun Frulein Nippe an dem schnen Leder. Am
nchsten Tage, als er ausgegangen war, durchstberte sie sein Zimmer, um
den neuen Herrn etwas nher kennen zu lernen. Gleich der Kasten zur
Nagelpflege zog ihre Aufmerksamkeit an. Bis in die Fingerspitzen hinein
soignierte sich dieser junge Mann! Auf dem Waschtisch standen
geschliffene Flakons mit wohlriechenden Essenzen, kleine Etuis mit
verschieden geformten Brstchen, Bchschen mit Pomade und Pasten. Sie
roch an allem, befhlte die Strke seiner Zahnbrste und polierte sich
endlich versuchsweise einen Nagel. Aber hatte er denn nichts anderes im
Zimmer, das sie wirklich interessierte? Die Laden waren smtlich
verschlossen, aber halt! da lag was, ein Taschenbuch, das mute er
vergessen haben. -- Es war doch vorsichtiger, vorher die Korridortr
abzuriegeln. -- Der tausend! Was fr noble Bekanntschaften! Lauter
Barone und Adlige! Weiter: Eine unbentzte Rennkarte; ein kleines
Notizbuch. Das mute interessant sein! berschrift: Eindrcke aus
Bilderausstellungen. Was aber darin stand, konnte sie beim besten Willen
nicht entziffern. Es hatte wohl hnlichkeit mit Buchstaben und Worten,
aber nur eine ganz entfernte; so etwa wie man sich denkt, da
Schauspieler auf der Bhne schreiben, wenn es das Stck erfordert. Was
mochte das wohl bedeuten? Achtungsvoll schob sie das Bchlein wieder an
seinen Platz. Da, endlich! Ein Brief! Sie merkte sich genau die Art, wie
er zwischen die brigen Sachen hineingesteckt war, dann nahm sie ihn
heraus: Geliebter Fox! Das Schicksal hat uns fr einige Zeit getrennt
.... o das war ja interessant, das bertraf alle ihre Erwartungen!
Gleich sah sie nach der Unterschrift: Deine treue Lotte. Und ein
Herzchen war dahinter gemalt, etwas schief, mit Tinte. Darin stand ein
Monogramm aus L und F. Trennung und Wiedersehen, Wiedersehen und
Trennung wiederholten sich durch alle vier Seiten hindurch. Und am
Schlu hie es: Nun habe ich dir so furchtbar viel geschrieben, da es
inzwischen Nacht geworden ist. Dann kam noch einmal der Trost, da sie
ihn ja nun bald wiedersehen werde, wenn er in das Semester zurckkehre.
-- Frulein Nippe sah nach dem Wohnort. -- Ob die wohl inzwischen
erfahren hatte, da Fox wo anders hingegangen war? Und weshalb war er
wohl nicht zurckgegangen? --

Ich verstehe absolut nicht, sagte Fox zu Pitt, weswegen du nicht wieder
in die Wohnung wolltest; anfangs dachte ich: Sie hat einen Haken, den
mir mein lieber Bruder verschweigt; aber bis jetzt habe ich keinen
gefunden. Die Wohnung ist tadellos, das Ameublement direkt so, da es
bei uns zu Hause im Salon stehen knnte! Und die Leute sind doch
wirklich reizend! Dieses Frulein Nippe hat ein Benehmen, das man
geradezu als kavaliermig bezeichnen mu! Schn ist sie nicht, das gebe
ich zu, aber da ist auch kein Wort zu viel an dem, was sie sagt, jedes
sitzt bei der am rechten Fleck. Und dann hat sie berall einen direkt
weiten Standpunkt! Vor meinen Augen hat sie die Waschschssel, weil eine
Stelle abgestoen war, aus dem Fenster in den Hof geworfen, und als ich
meinte, das knne ihr doch Unannehmlichkeiten bringen, sagte sie, die
Menschen fhrten ein solches Philisterleben, da ihnen ein kleiner Krach
und Schreck ganz heilsam in die Glieder fahren wrde. Ich finde da alles
mgliche, so eine Urwchsigkeit und Frische, und so ein sorgloses
Umspringen mit dem Gelde, -- denn gut geht's der Person nicht, das merkt
man. Und dann diese heitere Ruhe unter ihrer uern Lebhaftigkeit! Da
sieht man wieder: Das Leben selbst ist die beste Erziehung fr die
Menschen, -- wenn nmlich die Menschen sich vom Leben erziehen lassen!
Der Knnecke allerdings gefllt mir weniger, der hat ein bichen was
Vulgres, aber alles in allem: Man mu ihn gelten lassen, wenn man sich
einmal auf das Niveau dieser Sorte Menschen stellt! --

Seinem Plan gem warf Fox sich dies Semester auf die Schauspielkunst.
Er wollte Stunden nehmen, und bereitete sich autodidaktisch auf sie vor.
Eines Morgens dachte Frulein Nippe, ihr Heim sei der Schauplatz einer
jener Tragdien, wie sie sie bisher nur aus dem Vermischten ihres
Zeitungsblttchens kannte. Leidenschaftliche Ausrufe, Drohungen wurden
da ausgestoen; helfend, sich selbst preisgebend strzte sie ins Zimmer,
im Geiste schon von einem schuldlosen Opfer einer entsetzlichen
Katastrophe in dem Vermischten lesend, aber Fox versicherte ihr
hflich, er rezitiere nur.

Nchstes Jahr wird gesungen, sagte Fox zu Pitt; jeder Mensch hat eine
Stimme, es kommt lediglich auf die Ausbildung an. brigens habe ich da
einen niedlichen Aufsatz ber das neue Lustspiel geschrieben, das letzte
Woche aufgefhrt wurde, du darfst ihn mal durchlesen, wenn du willst,
ich mchte gerne hren, was du ber die Episode denkst, wo ich ber das
antike Lustspiel rede und es mit dem modernen vergleiche. Ich habe mir
da mit Bchern durchhelfen mssen, und mchte gerne wissen, ob man das
sehr merkt! Schlielich, wenn wir ehrlich sein wollen, mssen wir ja
doch gestehen, da uns in unserm inneren Gefhl herzlich wenig mit der
Antike verbindet, die Gelehrten mgen sagen was sie wollen. Der
Tieferblickende kann darber nicht im Zweifel sein. Wir sind andere
Menschen, mit anderm Gefhl, heutzutage. Das gilt nicht nur vom antiken
Lustspiel, von der antiken Tragdie, das gilt auch von allen brigen
klassischen Kunstuerungen. Prfe doch mal ein jeder, wenn er vor einer
griechischen Plastik steht, sein Herz, ob er irgend etwas empfindet,
Wirkliches empfindet! Ob er sich nicht vielmehr schngeistige Phrasen
vormacht, und warum vormacht? weil die ganze Welt sie sich vormacht, vor
der man sich nicht blamieren mchte! Die Form ist ja da, aber es ist
eben auch nichts als Form, das geistige Element fehlt, und ohne das ist
fr einen modernen Menschen eine Kunst undenkbar; wenn dann diese Form
gar noch in eine Formenspielerei ausartet, wie in den spteren Perioden
und schlielich im Barockzeitalter, dann geht die Kunst berhaupt in die
Binsen! Zurck zur Natur! Das mchte ich allen zurufen, die einem mit
ihrem Phrasengeklingel in den Ohren liegen! Von dem was ich eben sagte,
findet sich schon eine Andeutung in meinem Aufsatz; der Verstehende wird
mehr heraushren als eigentlich drinsteht. Es juckt mich wahrhaftig, das
mal in eine klare Form zu bringen! -- Pitt bekam nun wieder fter
Aufstze von ihm zu lesen, und Fox hoffte auf eine allmhliche
Verbreitung seiner im tiefen Sinne populren Ideen.

Allmhlich hatte er sich nun gengend auf die Schauspielstunden
vorbereitet. -- Was jetzt noch zu tun ist, sagte er, ist Sache des
Lehrers. Satz fr Satz habe ich fr mich ein ganzes Drama -- das hier
neulich scheulich aufgefhrt wurde -- durchgenommen. -- Da ist mir
vieles aufgegangen; aber meine Stimme geht nicht so wie ich mchte, die
Wirklichkeit bleibt hinter der Intention erschreckend weit zurck, nun
heit es: Technik erwerben, damit die Karre gut in Gang kommt. --

Es gab da einen Herrn von Sander, der wchentlich einmal eine Annonce im
Blatt erscheinen lie: er habe eine Theaterschule. Diese whlte Fox aus
hnlichen Annoncen heraus, da er sich sagte, der Adel sei eine gewisse
Brgschaft fr die Bildung dieses Mannes. Bildung vermit man gerade
unter den Theaterleuten so vielfach! Auerdem war Herr von Sander
Mitglied des Schauspielhauses. -- Fox suchte ihn auf, zunchst etwas
verblfft ber die Erscheinung seines neuen Lehrers: weder Mann noch
Frau, in einem unbestimmbaren Alter, mit etwas verwitterter
Gesichtshaut, so stand Herr von Sander vor ihm, in seinem knappen,
enganschlieenden Jckchen mit Seidenschnren und Seidenaufschlgen. Fox
versicherte ihm sogleich, da er die Schauspielkunst nicht als
Beruf ergreifen wolle, da er Jurist sei und sich spter der
Regierungsbeamtenkarriere zuwenden werde. Herr von Sander lie ihn einen
berhmten Monolog vorlesen -- das tat er jedesmal, wenn er einen neuen
Schler prfte -- und sagte am Schlu: An Ausdruck fehle es ihm nicht,
nur wre das nicht der Vortrag eines mittelalterlichen Anfhrers
gewesen, sondern etwa eines modernen Leutnants. Aber er werde ihm seine
Fehler schon herausbringen. Vor allem msse seine Stimme geschult
werden, damit sie das Knarrende, Schnarrende verliere und Biegsamkeit
und Ton bekomme. Dann trug er ihm selbst jenen Monolog vor, in seinem
Hausjppchen und den saffianledernen koketten Schuhen. Mchtig rollten
die R's dahin, der Vortrag wuchs aus einem schlichten Erzhlerton empor,
bis zur Hhe allvergessender Begeisterung, um schlielich wieder
herabzusinken und in einem gemigten Feuer zu enden. -- Ja, das ist ja
alles recht schn, sagte Fox, aber besser als meins war es auch nicht.
-- Nanu, aber erlauben Sie mal! Herr von Sander sprach wieder in seiner
gewohnten Art, als ob er nie vorher anders geredet htte. -- Jawohl!
sagte Fox, indem er ihn mit einem seiner umfassendsten Blicke ansah. Es
kam darauf an, diesem Manne von Anfang an zu imponieren. -- Glauben Sie,
fuhr er fort, da der Kerl damals wirklich so geredet hat? Ich nicht. So
redet ein Schauspieler, aber kein Heerfhrer. -- Aber wir _sind_ doch
auch Schauspieler! warf Herr von Sander indigniert ein. -- Die
Schauspielkunst, sagte Fox, soll ein Gemisch sein aus Natur und Kunst;
ich gebe zu, da mein Vortrag nicht gerade gut war; Ihrer war besser;
technisch wenigstens; aber mir schwebt ein Kunstideal vor, das zwischen
beidem steht. Natur und Kunst, verbunden zu hchster Einheit! Vielleicht
knnen wir beide von einander lernen. Ich habe -- also wirklich -- ein
Naturempfinden, das durch nichts getrbt ist. Lassen Sie es nun zur
Kunst werden, ohne meine Eigenart anzutasten. -- Der tritt ja gewaltig
auf! dachte Herr von Sander, und Talent scheint er auch nicht viel zu
haben. Aber immerhin: den verlangten hchsten Preis war Fox sogleich
bereit zu bezahlen, und da Herr von Sander am Theater nur eine mittlere
Gre war, und der Unterhalt mehrerer Beziehungen sehr viel Geld
verschlang, so war er froh, einen neuen Schler zu bekommen. Auerdem
wollte der ja die Sache nur aus Luxus betreiben und keinen Broterwerb
daraus machen; so war kein Anla da, ihm von der Kunst abzureden -- was
Herr von Sander sonst vielleicht allerdings auch nicht getan haben
wrde.

Vor allem erst mal 'ne Percke auf, und ein Kostm! sagte Fox zu sich
selbst, der nun zu Hause vor dem Spiegel jenen Monolog im Sinne Herrn
von Sanders fortwhrend probte: Man mu sich selbst Illusionen machen,
sonst geht es nicht. Die Percke kaufte er, das Kostm nhte ihm
Frulein Nippe aus einem Bettuch. -- Ich habe es ganz allgemein im
idealen Stil gehalten, sagte sie, indem sie es um seine Schultern hing,
nun sehen Sie mal, da ist der Heros fertig, mitten in unserem trivialen,
brgerlichen Leben von heutzutage! -- Fox probte von neuem, es ging
entschieden schon besser. Aber den grten Schritt des Vorwrtskommens
bemerkte er doch erst, als er sich endlich entschlo, das Zungen-R des
Herrn von Sander und der Bhne berhaupt anzunehmen; zunchst erschien
es ihm affektiert und unnatrlich, er kam sich fast lcherlich vor, aber
dann dachte er: Sie machen es ja alle so, und folglich brauche ich mich
vor niemand zu genieren. Und als er es dauernd bte, meinte er: was fr
ein Geheimnis doch oft in den unscheinbarsten Sachen steckt! Dies neue R
ist doch wirklich beinah wie ein Zaubermittel! Alles klingt gleich wie
in eine ganz andere Sphre erhoben! Mit dem R hat er doch nicht so
unrecht gehabt wie ich dachte. -- Herr von Sander war nach den ersten
Stunden nicht unzufrieden, Fox ging jetzt daran Rollen zu ben.

Er lernte nun auch Herrn von Sanders Schler kennen. Da waren zwei junge
Damen, die sich bereits jetzt Theaternamen beigelegt hatten, und ein
Herr Eichinger, Sohn eines Sattlermeisters, der eigentlich eine
Baritonstimme hatte, aber nicht Snger wurde. Diese Theaterschule
hatte Fox sich anders gedacht: Alles spielte sich in dem kleinen Salon
ab; wie in einer Menagerie stieg jeder ber die Fe des andern hinweg;
aber das lag daran, da sie Anfnger waren; Herr von Sander sagte, auch
der kleinste Raum gestatte freieste Entfaltungskraft. Er machte alles
vor, setzte die Fe zierlich vor einander und verstand es wirklich,
nirgends mit den Knien anzustoen. Dann zog er sich wieder in seinen
Winkel zurck, von wo aus er, das Buch in der Hand, die bung
berwachte. -- Mehr Bewegung! Mehr Motion! rief er von seinem
Klaviersthlchen aus, Herr Sintrup, Sie stehen da wie ein Stock! Ich
bitte Sie: haben Sie denn noch nie in Ihrem Leben ein Mdel im Arm
gehabt? Jetzt zeigen Sie doch mal, ob Sie Natur in sich haben, von der
Sie damals redeten! Noch einmal, von Anfang an! -- Fox mute sich wieder
links stellen, die Dame rechts. Das rechte Bein vor, Herr Sintrup, nicht
das linke! Die Zuschauer sitzen hier wo ich bin; denken Sie doch an die
Wirkung! Also: Egon nhert sich ihr leidenschaftlich. Los! -- Wenn Sie
los sagen, so ist bei mir jede Stimmung vorbei, dann kann ich einfach
nicht. -- Mensch, wenn Sie Theaterblut haben, so _mssen_ Sie knnen;
auf der Bhne geht's auch nicht anders; also: ^en avant^, wenn Ihnen das
besser pat! -- Frulein Delorma lachte, nahm aber im selben Augenblick
eine flehende Miene an und streckte zagend die Hnde gegen Fox vor. --
Gut, Mdel, nun du! -- Sie! tnte Fox. -- Ach was, lassen Sie sich nicht
stren, wenn ich mal du sage; nachher nenne ich Sie Herr Graf, wenn Sie
wollen. Also, Lilli, noch mal dein Stichwort. -- Lilli gab es, Fox tat
einen Schritt, Herr von Sander erhob sich, drngte ihn zur Seite und
machte alles selbst vor: Wenn Sie sich im Leben so benehmen, lacht Sie
doch jeder aus! Denken Sie doch gar nicht an die Bhne! Sie sind ja wie
ein Klumpen! -- Fox weigerte sich weiter zu spielen, wenn Herr von
Sander nicht einen andern Ton anschlge. Der bat ihn auch fter nach den
Stunden um Entschuldigung, und sagte, wenn er sich manchmal hinreien
liee, so mge Fox das der Kunst zugute halten und seinem ehrlichen
Bestreben, aus seinen Schlern wirklich etwas zu machen. Fox hrte dann
knurrend zu, sah Herrn von Sander in sein ausgearbeitetes und doch
zugleich wieder schwammiges Gesicht, aus dem sich auch nicht ein
einziger Charakterzug herauslesen lie, und dachte: Diese Theaterleute
haben im Grunde doch etwas tief Antipathisches! -- Die nchste Stunde
befleiigte sich Herr von Sander eines andern Tones, aber dann verga er
wieder vollkommen, da Fox Regierungsbeamter werden wollte: Himmel!
Mensch! wo bleibt denn Ihre Mimik? Haben Sie eine Maske vor? Lachen Sie
mal! -- Fox sah ihn mit bsen Augen an. -- Haben Sie mich nicht
verstanden? ich sagte, Sie sollen lachen! -- Fllt mir doch gar nicht
ein! -- Herr von Sander klappte sein Buch zu: Dann knnen Sie sich einen
andern Lehrer suchen; wenn ich verlange, da Sie lachen sollen, dann
_mssen_ Sie lachen: es steht in der Rolle und ich habe ein Recht zu
verlangen, da Sie tun was in der Rolle steht. Sie denken viel zu sehr
an sich selbst; wenn man eine Rolle spielt, mu man vergessen, da man
eigentlich ein anderer ist. Also wollen Sie nun oder nicht? -- Ja, aber
nur im Zusammenhang! Frulein Delorma rief rgerlich, es sei zu dumm,
alles immer zu wiederholen, sie wolle vorwrts. -- Also gut! sagte Fox
mit einem Entschlu, sagte seine letzten Worte noch einmal und lie
ihnen ein ha ha ha folgen, wozu er seine Zhne zeigte. -- Besser als gar
nichts! meinte Herr von Sander, ben Sie das Lachen zu Hause vor dem
Spiegel, wir mssen weiter.

Es geht Ihnen nicht in Fleisch und Blut ber! meinte er einmal nach der
Stunde; ich wei auch woran das liegt: Talent haben Sie, das ist auer
Frage; aber Sie denken zuviel an die Worte; es fehlt Ihnen der rechte
Flu, Sie stehen nicht _ber_ den Worten, Sie bemeistern sie nicht,
kurz: Sie lernen zu wenig auswendig! Komisch, da die Mdels immer
besser lernen als die Herren. Ganz gleichgltig, ob Sie die
Schauspielerei spter als Beruf ergreifen wollen oder nicht, solange Sie
wirklich dabei sind, mssen Sie auch mit Ernst arbeiten! Der Ernst fehlt
Ihnen vorlufig noch! -- Ich kann ja ebensogut auch wieder aufhren!
sagte Fox gergert, wie ein Kind, das schmollt. -- Herr von Sander
lenkte ein: Fox zahlte gut, er durfte ihn nicht verlieren. -- Ich
verstehe es ja, da Sie sich der Sache nicht so ausschlielich widmen
knnen wie die Lilli oder die Lisa oder der Eichinger. Aber ein Mensch
mit wirklichen Zielen -- die haben Sie ja doch -- soll nichts halb tun.
Was haben Sie davon, wenn Sie nach einem Jahr Ihr Geld fr nichts
herausgeworfen haben, und was habe _ich_ davon, wenn ich meine Zeit fr
nichts an Sie verschwendet habe? -- Ich zahle doch! -- Gewi, aber wenn
Sie kein Geld htten und dafr Talent und Energie, wrde ich Sie auch
gratis ausbilden, so wie die Lilli. -- Na na, sagte Fox, da spielt wohl
auch noch was andres mit. -- Herr von Sander spitzte die Lippen und
schlug ihn scherzhaft unter den Rcken. Fox runzelte die Stirn. -- Sehn
Sie, das nehmen Sie nun wieder bel! Es fehlt Ihnen der rechte
Zusammenhang, die Solidaritt mit uns! Die Mdels haben schon manchmal
geklagt, da Sie so hochmtig sind. Wir bilden hier doch alle zusammen
eine kleine Gemeinschaft! Sie sollten sich nicht so abschlieen.
Gemeinsames Streben vereinigt doch! Mich wundert schon lange, da Sie
fr die Lisa zum Beispiel gar kein Auge zu haben scheinen. Sie mssen
doch merken, da sie Ihnen Avancen macht. -- Ich denke die hat den
Eichinger? fragte Fox und setzte hinzu: Ich sage das nur ganz objektiv.
-- Herr von Sander lachte und antwortete: Dem brauchen Sie das ja auch
nicht gleich unter die Nase zu halten. Passen Sie mal auf: Ich habe hier
eine Photographie von ihr, da knnen Sie sie besser beurteilen als im
Leben! Er holte sie aus seinem Taschenbuch hervor und zeigte sie Fox
ganz im geheimen, obgleich niemand weiter zugegen war. Famos! nicht
wahr? flsterte er; diese vollendete Figur! Diese Hften, dieser Hals
und diese Bste! -- Die Bste ist immerhin ganz prsentabel! meinte Fox
mit nachlssigem Kennerblick; aber wie kommen _Sie_ denn zu dieser
Photographie? -- -- Diese Theaterwelt war doch verseucht, bis ins Mark
hinein verseucht!

Er nahm sich nun vor, gegen diese Damen zwar uerlich etwas
kollegialer, innerlich aber ganz kalt zu sein. -- Nie duldete er eine
lngere krperliche Berhrung mit ihnen. -- Au! sagte er mitten im
Spiele Frulein, ich verbitte mir, da Sie mich so drcken! Es steht
zwar in der Rolle: Pret seine Hand -- aber Sie quetschen mich ja
geradezu! -- Ihre Hand ist so dick, man kommt da unwillkrlich ganz tief
hinein, auerdem fasse ich die Rolle des Klrchen eben viel feuriger
auf: das darf ich wenn ich will, nicht wahr, Herr von Sander? -- Quetsch
ihn wenn ihr allein seid! rief Herr von Sander, der mit bergeschlagenen
Beinen in seinen Saffianschhchen und dem beschnrten Hausjppchen auf
dem Klavierstuhl sa. -- Quetschen Sie mich doch einfach wieder! rief
sie Fox zu; berhaupt: Ihr Brackenburg ist ja gar kein Mann! -- Wenn
wir nach Hause gingen -- tnte Herrn von Sanders Stimme soufflierend.
-- Ach da ist er wahrscheinlich ebenso langweilig! -- Wenn Sie zynisch
werden, Frulein, spiele ich berhaupt nicht mit Ihnen!! --

Nach der Stunde gingen sie meist noch ein Stck Wegs zusammen; Herr
Eichinger, mit seinem grauen Schlapphut und hochgelbem Spazierstckchen,
die beiden Damen in groen Hten mit ausgestopften Vgeln. Anfangs wurde
Fox nicht recht klug aus ihrem Verhltnis zu Herrn Eichinger: Er ging
mit allen beiden; die kleinen Finger ineinander gehakt, schlenkerten sie
mit den Armen. Sie war doch -- also wirklich verseucht, diese
Theaterwelt! Nach einiger Zeit versuchte Frulein Lisa, gereizt durch
Foxens Widerstand und derbe Mnnlichkeit, sich immer deutlicher an ihn
heranzumachen. Fox, innerlich entrstet und zum Protest bereit,
beschlo, scheinbar alles mitzumachen und dann mit einem um so
gehrigeren Donnerwetter dreinzufahren. --

Es war nach dem Theater. Sie erwischte ihn in der Ausgangshalle, sagte,
sie sei heute den ganzen Abend frei, und schlug ihm vor, mit ihr in ein
Restaurant zu gehen. Sie whlte ein kleines Abteil, wo man ganz fr sich
allein sa, und veranlate ihn, Austern und Sekt zu bestellen. Mit der
grten Unbefangenheit redete sie von Herrn von Sander und von Herrn
Eichinger, da sie den einen wegen seiner kostenlosen Stunden und den
andern wegen seines Geldbeutels gern habe, aber wirklich lieben knne
sie keinen von beiden, dazu sei Herr Eichinger im Grunde zu kutscherhaft
und Herr von Sander zu wenig mnnlich. -- Na, ich denke: Mann bleibt
Mann! sagte Fox und machte ein selbstverstndliches und berzeugtes
Gesicht. Sie lchelte, indem sie den Rauch ihrer Zigarette in die Luft
blies. -- Deine Zigaretten sind gut! bemerkte sie; viel besser als die
vom Eichinger! -- Er wollte das Du ablehnen, unterlie es aber. Sie
sollte erst noch weiter gehen! Das tat sie auch, ihre Liebenswrdigkeit
wurde stets bedeutender. -- Du bist ja wie ein Stock! Ich glaube, du
hast in deinem ganzen Leben berhaupt noch nichts erlebt! -- Oho! rief
Fox in ehrlicher Entrstung, vielleicht noch mehr als du! und erzhlte
ein paar Geschichten, Erinnerungen an Erlebnisse aus seinem
Freundeskreise. Sie rckte ihm immer nher, er kam bei seiner Geschichte
mit Lotte an, die Erinnerung an das wirklich Erlebte wurde stark in ihm,
er verga seine Moralpredigt in unmittelbarer Nhe dieses Mdchens, das
sich jetzt so warm an ihn schmiegte, der Sekt half mit -- kurz Fox
unterlag in einem Strau, den er siegreich zu bestehen gedachte.

Schadet nichts! dachte er am nchsten Morgen; wenn man nur selbst rein
aus allem hervorgeht und seine berzeugungen beibehlt, das ist die
Hauptsache. Angenehm ist es freilich nicht, da ich die Person nun am
Halse habe.

Aber als sie sich wiedersahen und nach der Stunde nebeneinander
herschritten, wartete er vergebens auf irgend ein andeutendes Wort. Auch
das bernchstemal geschah nichts, und endlich konnte er darber nicht
mehr im Zweifel sein, da Frulein Lisa ihre Beziehungen zu ihm mit
jenem einzigen Abend als abgeschlossen erachte. Nun rgerte er sich
wieder _darber_: Er hatte es sich so schn gedacht, sie noch ein
paarmal zu bewirten, ganz als Kavalier, und sich unter ihrer Wohnung mit
nachdrcklichem Anstand zu verabschieden. -- Sie hat's wohl gemerkt!
trstete er sich -- und sich die Blamage ersparen wollen; diese
Frauenzimmer sind schlauer als man denkt. --

Im Lauf der Zeit nahm Fox bis ins kleinste hinein die Sprechweise seines
Lehrers an; er bildete sich ein, dies sei ein neuer Stil, _sein_ Stil,
den er sich erobert, zu dem er sich durchgerungen habe. -- Mensch, ich
gratuliere Ihnen! sagte Herr von Sander eines Tages in feurigem
Konversationston, nun kann ich es Ihnen offen sagen: die allererste Zeit
habe ich Sie nicht fr sehr talentiert gehalten! Aber heute stelle ich
Ihnen einen Garantieschein fr die Zukunft aus! Ah, ich vergesse: Sie
wollen ja gar nicht sich der Bhne zuwenden -- es ist doch wirklich
schade um Ihr Talent! Es ist erstaunlich, was Sie alles in der kurzen
Zeit gelernt haben! Nur in den Bewegungen hapert es immer noch, doch das
ist auch gar nicht anders mglich! -- Ja! sagte Fox bedauernd, aber das
liegt wahrhaftig nur an diesem Mauseloch von Salon, man kann seine
Krfte unmglich frei darin entfalten. --

Eines Tages blieben Frulein Lilli und Frulein Lisa aus. Statt ihrer
kamen nur Postkarten mit Beleidigungen. Was da vorgefallen war, konnte
Fox nicht recht erfahren. Herr von Sander und Herr Eichinger besprachen
die Sache lebhaft, ohne da es ihm gelang einen Faden zu entdecken. Herr
von Sander konnte sich nicht enthalten beider Talent auf das schrfste
herunterzusetzen und die Worte herauszuschmettern: Es ist ein Jammer,
wenn solche Wesen die Kunst diskreditieren! so da das Klavier leise
nachzitterte; Herr Eichinger pflichtete ihm in jedem bei, erzhlte aber
spter den beiden Damen alles haarklein wieder. Nach einiger Zeit
verlautete, sie seien zu einem Konkurrenten auf dem Gebiete der
Theaterschule bergegangen. Sowie Herr von Sander dies erfuhr, schrieb
er ebenfalls beleidigende, sinnlose Postkarten. Die Antwort hierauf
waren zwei Briefe, die nichts enthielten als seine eigenen Karten. Jetzt
geriet Herr von Sander in Raserei. Er schrieb zwei Briefe, in denen er
seine frheren Ausdrcke noch berbot und den Damen ein ironisches
Bravo zurief fr ihr vornehmes Schweigen. Die Briefe lie er von
fremder Hand adressieren, nachdem er Fox vergeblich darum ersucht hatte.
Jetzt kamen zwei eingeschriebene Briefe als Antwort: Jede der Damen habe
die Sache ihrem Brutigam, der Jurist sei, bergeben, und der dulde es
nicht, da irgendein hergelaufener Mensch seine Braut beleidige. Es war
nicht ersichtlich, ob es sich um zwei, oder um einen gemeinsamen
Brutigam handle. Und nun tat Herr von Sander den letzten Schlag: Er
schickte zwei Telegramme, die nur die Worte enthielten: Schliee mit
einem Pfui die Akten. -- Hierauf waren alle freinander tot. --

Zu Hause mute nun Frulein Nippe Foxens bungen assistieren. Er
brauchte einen lebenden Menschen, zu dem er die Worte sprach, die fr
lebende Menschen berechnet waren. Und Frulein Nippe kam so gern! Sie
mute sich als Desdemona auf sein Sofa legen, wogegen sie sich erst
schwach strubte. Aber aus Liebe zur Kunst tat sie es doch. Wenn nur der
lange Monolog erst vorber wre! Und doch! schn war der auch! Sie lag
da und wartete, das offene Buch in ihrer Hand, denn auswendig konnte sie
es nicht, es war so schwer! In Hemdrmeln beugte er sich ber sie, selig
schlo sie die Augen und bildete sich den Ku ein, den sie nicht bekam.
Aber dann wurde es anders! Fox rollte die Augen, sein Vortrag ri sie
mit fort, mit Ausdruck las sie ihre Stze, immer nher kam der Moment,
und endlich war er da: Mit groer Bewegung streifte Fox seine
Manschetten zurck, trat in zwei schweren Schritten nah an sie heran,
und nun begann die Prozedur des Erwrgens! Es war angreifend, aber
herrlich! Durchgerttelt, selig erschpft lag sie dann da, bis Fox
wieder schrie: Nicht tot? Noch nicht ganz tot? und sich abermals auf sie
strzte. -- Noch einmal! sagte sie, schnell atmend, es ging noch nicht
so wie es mu! -- Es greift mich zu sehr an, meinte Fox. -- Dann
wenigstens noch einmal das letzte. -- Wenn es _Sie_ nicht angreift? --
O, ganz und gar nicht; ich merke nicht das geringste, Sie brauchen sich
nicht zu genieren und knnen gern noch fester zugreifen. -- Fox wute
nicht wie das kam: vor Frulein Nippe spielte er immer viel besser als
vor Herrn von Sander. --

Aber Selma, das geht doch nicht! sagte Herr Knnecke zu seiner Cousine,
was soll denn Herr Sintrup von dir denken! -- Nun bitte, sage mir, was
_meinst_ du denn was er denken soll?! Herrn Knnecke machte diese
direkte Frage verlegen. Ich wei es auch nicht, sagte er endlich. -- Nun
also, was sollen dann diese dummen Redereien! Du scheinst dir manchmal
berhaupt nichts bei dem zu denken, was du sagst. -- Frulein Nippe war
in der letzten Zeit zuweilen recht rcksichtslos gegen ihren Vetter. --
Spiel du doch einfach mit, sagte sie einmal, dabei kannst du uns ja
gleichzeitig beaufsichtigen; -- und wollte ihn veranlassen, die Rolle
der Emilie zu bernehmen. --

Nun, schreist du noch? fragte Pitt manchmal seinen Bruder, wenn er ihm
begegnete. -- Jedenfalls ist es besser ich schreie, als wenn ich gar
nichts tte, so wie du! entgegnete Fox. Dann lachte Pitt, ohne die
Spitze zu parieren. Fox sah ihn jetzt seltener, Pitt hatte sich
vollkommen in die Juristerei vergraben und arbeitete den ganzen Tag
durch. Dies war das beste Mittel seine Gedanken von sich selber
abzulenken.

Seine unbestimmte Hoffnung, Elfriede wiederzusehen, hatte sich nicht
erfllt. Ihre Gestalt hatte sich ihm mehr und mehr verdichtet, als er
all die alten Pltze wiedersah, die Unruhe trieb ihn die ersten Wochen
herum, die Mglichkeit, ihr selbst irgendwo zu begegnen. Niemals geschah
das; seine Spannung wich einer allgemeinen Melancholie, als er eines
Tages zufllig durch Frulein Nippe erfuhr, Elfriede sei berhaupt gar
nicht mehr hier am Orte, sie befnde sich schon lange in Paris und
studiere dort am Konservatorium. Im ersten Augenblick traf ihn dies wie
ein Schlag, indem ihm nun die Unmglichkeit jeglicher Aussichten in die
Zukunft diese Aussichten um so nher, um so sicherer erscheinen lie,
wenn Elfriede nicht in der Ferne geweilt htte; dann machte er
allmhlich einen Kult aus dieser Liebe in die Ferne: Nachts, wenn er von
der Arbeit mde sich nach frischer Luft sehnte, suchte er das Haus der
van Loo auf. Manchmal lag es still im Mondschein da, die vielen Scheiben
seiner wenigen Fenster spiegelten sich silbern im Lichte, manchmal
strahlte es im eigenen Glanz, und Equipagen hielten vor seiner Tr. Er
suchte auch die Bank auf, wo er Elfriede einst in ihrem Knabenkostm
traf, und setzte sich still neben den Platz, auf welchem sie damals
gesessen hatte; aber schlielich erschien ihm dies Ganze sentimental und
albern: Was hatte er von diesen Rckblicken in die Vergangenheit? -- Ich
knnte ja nun auch einen Lottekult unternehmen und jeden Tag
Kirschtrtchen mit Schlagrahm in der Konditorei essen! -- Was hatte doch
Frulein Nippe gesagt?: Ja ja, Sie zwei Brder haben schwer zu tragen!
Das hatte er damals ganz berhrt. Liebte Fox unglcklich? und hatte er
Frulein Nippe zu seiner Vertrauten gemacht? Pltzlich erinnerte er
sich, da Frulein Nippe rot bei diesen Worten geworden war. Weshalb war
sie rot geworden? Weil sie gedankenlos die Diskretion gegen Fox
gebrochen hatte? Das stimmte nicht zu ihrem Wesen. Offenbar hatte sie
sich irgendwie selbst verraten. -- Sie hat wahrscheinlich -- dachte er
-- irgend einmal, oder auch fter, an der Tr gehorcht. --

Frulein Nippe betrachtete Fox jetzt zuweilen mit halb neugierigem, halb
fragendem Blicke. Es waren stumme, sprechende Blicke, wie wenn sie in
seiner Natur grble und zu keinem Resultate komme. Sie wartete, Fox
solle ihr sein Herz erffnen. Konnte er denn das so allein mit sich
herumschleppen? Brauchte er denn keine teilnehmende Seele, die ihn
verstand, nach deren Rat er sich sehnte? Hatte er denn kein Vertrauen zu
ihr? Fox bemerkte diese Blicke nicht, oder er legte sie sich falsch aus.
Durch ihre gemeinsamen Schauspielbungen kameradschaftlicher geworden,
fate er sie dann wohl gutmtig im Nacken und sagte: Hast du zu Nacht
gebetet, Desdemona? -- so da sie etwas zusammenknickte und dankbar zu
ihm aufsah. Aber damit war es dann auch aus, keinen einzigen
sorgenvollen Gedanken schien sich dieser prachtvolle junge Mann zu
machen!

Das arme Mdchen! Was soll nur werden! so sagte sie zu sich selbst, auf
seinem Sofa sitzend und einen gelesenen Brief auf ihrem Schoe haltend.
Seit einiger Zeit besa Frulein Nippe einen zweiten Schlssel zu Foxens
Schreibtisch, das erleichterte die Teilnahme an der Korrespondenz
wesentlich. -- Immer aufgeregter wurden diese Briefe, immer
verzweifelter, da er nicht wiederkam, und in dem letzten hie es, wenn
er sich von ihr trennte, wre es ihr Tod; sie wrde sich dann wahr und
wahrhaftig das Leben nehmen. Aus einigen Stellen war zu ersehn, da Fox
versucht hatte sie zu trsten, da sie aber allmhlich nicht mehr an
diesen Trost glaube. Und das gute, gute Kind! In ihrem letzten Briefe
schickte sie ihm eine Photographie von sich, ganz klein, billig,
armselig, auf einem Jahrmarkt gemacht, aus Blech, und dazu schrieb sie,
dies Bild solle ihm ihre Zge wieder ins Gedchtnis rufen. Und diese
Zge waren doch so lieb, so nett, soweit man nach dem schlechten Ding
urteilen konnte. -- In alle vier Ecken des Briefbogens hatte sie das
Wort Vergimeinnicht verteilt -- nein das war in einem der vorigen
Briefe, die ebenfalls auf Frulein Nippes Knien lagen. Dieser letzte
enthielt nichts von solchen Kindlichkeiten, er war ganz ernst, so ernst,
da Frulein Nippe die Trnen in die Augen traten. Mit keinem Wort war
es erwhnt -- und doch konnte man sie deutlich zwischen den Zeilen
lesen, diese bse Tatsache, die sich langsam vorbereitete und das
Mdchen so verzweifelt machte.

Fox sprach zu niemand von diesem Briefwechsel. Zu Anfang hatte Pitt ihn
zuweilen nach Lotte gefragt; er hatte geantwortet, die Beziehungen zu
ihr habe er abgebrochen, schon damals, als er fortging.

Ihre erste groe Enttuschung, da er jetzt nicht wiederkam, milderte er
mit dem festen Versprechen im bernchsten Semester zurckzukehren. Dann
wurden seine Briefe immer sprlicher, und schlielich, da er gar nicht
mehr wute was er ihr schreiben sollte und sie doch immer auf seine
Antworten wartete, erzhlte er ihr Anekdoten und Witze, die er aus den
Fliegenden Blttern fr sie abschrieb. Damit war sie auch zu Anfang ganz
zufrieden, denn sie mute ber alles lachen. Sie baute auf sein
Versprechen, spter zurckzukommen, und machte sich Vorwrfe so
ungeduldig zu sein. Denn Fox hatte doch extra geschrieben, er drfe
jetzt nicht kommen, da sein Studium einen ganz geregelten Gang habe und
gewisse Vorlesungen an der fremden Universitt unumgnglich notwendig
seien dafr, da er sein Examen spter mit Auszeichnung bestand.

Seine Aussichten auf die groe Karriere standen ihr wieder vor dem
Gedchtnis, die durfte sie nicht stren; sie mute ein vernnftiges
Mdchen sein, das ihrem Geliebten die Wege ebnete, oder, da sie nur ein
unbedeutendes und aller Mittel und Verbindungen bares Wesen war,
bescheiden zuwarten und ihm wenigstens die Wege nicht noch schwieriger
machen als sie ohnehin schon waren. Dazwischen begann sich zuweilen
leise die Frage einzuschleichen, ob Fox sie wohl wirklich so liebe, da
er sie spter heiraten werde. Dann schalt sie sich aber sogleich tricht
und sogar undankbar gegen seine Liebe, da sie an ihr zu zweifeln wage.
-- Gromutter meinte, sie arbeite zu viel, sie solle weniger arbeiten;
sie sei nervs. Unruhig, matt, gereizt wurde Lotte, und doch fhlte sie
sich nicht eigentlich krank. Aber was _war_ das nur? Was _hatte_ sie
nur? Frau Bornemann meinte eines Tages lchelnd: Es ist ja fast als ob
du guter Hoffnung wrst; das heit ich versndige mich mit solchen
Reden! -- Wie ist denn das? wollte Lotte gerade neugierig fragen, aber
sie fing den Satz gar nicht an -- denn auf einmal war es, als bliebe ihr
das Herz stehen vor einem pltzlichen, eisigen Schreck.

Ihr erstes Gefhl war so frchterlich, da ihr leise schwindelte; dann
dachte sie: dies ist ja nicht mglich, ich stehe ja noch hier und lebe.
-- Und nun begann eine Zeit des Grausens, des Zweifels, der
vollkommensten Rat- und Hilflosigkeit, der frchterlichsten Furcht vor
dem Unsichtbaren, von dem sie nicht wute: war es in ihr oder war es
nicht in ihr. -- Jetzt schlich sie sich, so oft sie konnte, in Foxens
frheres Zimmer, wenn der neue Mieter abwesend war. Angstvoll sa sie
bald ber diesen, bald ber jenen Band des Konversationslexikons
gebeugt. Alle Zeichen stimmten! -- Und doch, trotz allem: Es konnte, es
konnte ja nicht mglich sein! Dies war so entsetzlich, da es nicht
mglich sein konnte! Sie geriet wieder in Zweifel, alles erschien ihr
fr Momente wie ein furchtbarer Traum, aus dem sie schon halb erwacht
war; sie schalt sich kindisch, sie suchte ber ihre Angst zu lachen, und
doch stand schon von neuem das Grauen ber ihr, um sie im nchsten
Augenblicke anzufallen. Und endlich konnte gar kein Zweifel mehr
bestehen. Jetzt schrieb sie jene Briefe an Fox, da sie sich das Leben
nehmen werde, wenn er sie verliee. Und schlielich hatte sie nur noch
den einen Gedanken: Fortgehen, zu Fox gehen; Gromutter darf nichts
erfahren. Fox mute Rat schaffen, er hatte dazu die Verpflichtung. Und
sie baute fest auf ihn wie auf einen Fels; er war doch viel klger als
sie, er hatte doch dies alles kommen sehen, er mute ja alles eigentlich
schon wissen! --

Sie msse fort, sagte sie zu Frau Bornemann, sie halte ihren Zustand
nicht mehr aus, sie sei berarbeitet, sie msse sich erholen, sonst
reibe sie sich vollends auf. Und da sie die letzten Monate, um ber die
Trennung mit Fox hinwegzukommen, wirklich ber das Ma gearbeitet hatte,
so glaubte ihr Frau Bornemann aufs Wort. Glcklicherweise sprach sie
nicht davon, den Arzt kommen zu lassen; sie war der Meinung, alle rzte
seien doch nur unwissende Schurken, und hatte dafr viele Beweise aus
ihrem langen Leben. So kramte sie denn nur in ihrer Hausapotheke, gab
ihr bald dieses bald jenes harmlose Mittelchen und kochte ihr
Krutertees. Lotte a und trank alles, nicht ganz in der Hoffnung es
knne helfen, aber doch um wenigstens alles zu tun was ihr geboten
wurde. Wie glcklich erwies es sich jetzt, da sie in so sehr
bescheidenen Verhltnissen lebten! Frau Bornemann klagte, da sie sie
nicht begleiten knne, es gehe aber beim besten Willen nicht, und sie
msse doch schon des Zimmerherrn wegen am Orte bleiben. Lotte sagte, sie
solle dann auch ja fr die Zeit ihres Fernseins ihr eigenes Zimmerchen,
das dann leer stnde, vermieten. -- Na, so lange bleibst du nun
hoffentlich nicht fort! meinte Frau Bornemann bedchtig, und Lotte
sagte: Nein, so lange bleibe ich wohl nicht fort -- und hatte keine
Ahnung, wie lange sie nun fernbleiben msse. -- Sie ging zum Atlas, und
suchte Stdte auf, die ungefhr ebensoweit von ihrem Wohnort entfernt
lagen wie Foxens Aufenthalt -- des Billettpreises wegen. Dann nannte sie
eine kleine Stadt, fast einen Marktflecken. Dort wohne eine Freundin von
ihr, mit der sie auf der Schule gewesen sei, bei der knne sie umsonst
wohnen, sie habe sie schon fter eingeladen, sie werde sich furchtbar
freuen wenn sie kme. Dorthin wolle sie reisen, es sei da die
herrlichste Landluft. Frau Bornemann freute sich hierber; sie ging auf
alles ein, sie war von einer Ahnungslosigkeit, da Lotte sich ganz
schlecht gegen sie vorkam.

Sie schrieb noch einen Brief an Fox, sie habe ihm etwas mitzuteilen, was
sie ihm nur mndlich sagen knne, und nannte den Zug, mit dem sie am
nchsten Tage eintreffen werde. -- Gerade als sie abreiste, zog nun doch
ein neuer Mieter in ihr Zimmerchen, Frau Bornemann lobte Gott, der sich
ihr so sichtbar gtig erweise.

Frulein Nippe berreichte jenen Brief Fox persnlich, und las ihn
hinterher an seinem Schreibtisch. Also nun ist es wirklich entschieden!
dachte sie; das arme Mdchen! und der arme junge Mensch! So jung, und
durch solche Bande gekettet. --

Fox war diesen ganzen Vormittag nicht zu Hause. Frulein Nippe verfolgte
alle Stadien des Wiedersehens: Jetzt luft der Zug ein! dachte sie, auf
die Uhr sehend; und sah die beiden jungen Leute sich im Geist umarmen.
-- Jetzt sind sie wohl schon im Wagen. -- Ob er sie wohl gleich hierher
bringt? -- Mehrmals ging sie ans Fenster, um hinabzusehen, wenn eine
Droschke nahte. Aber keine hielt vor ihrem Hause. -- Endlich lutete es.
Geschwind lief sie zur Tr:

Ein dunkelugiges, einfach gekleidetes Mdchen stand da allein. Sie
erkannte sie sofort. -- Ist Herr Sintrup zu Hause? fragte sie halblaut
und etwas stockend. -- Ja hat er Sie denn nicht abgeholt? sagte Frulein
Nippe erstaunt. Lotte war durch all die Aufregung, durch ihre
Enttuschung am Bahnhof, durch die Erregung des Augenblicks, jetzt dicht
vor dem Wiedersehen, so hingenommen, da sie nicht einmal darber
verwundert war, da diese fremde Dame Bescheid wute. Sie schttelte nur
den Kopf und zwang ihre Trnen zurck. Aber sie sagte, sie wolle nun
hier auf ihn warten. Frulein Nippe setzte ihr sogleich ein Glschen von
dem strkenden Wein vor, den ihr Herr Knnecke zum Geburtstag geschenkt
hatte. Ihr Herz trieb sie, dieses arme Mdchen zu streicheln und zu
trsten, aber es fiel ihr ein, da ihr ja hierzu jede Motivierung fehle.
Sie durfte offiziell von nichts wissen. Lotte fhlte aber doch ihre
Wrme durch, und dachte, sie selber lasse sich zu sehr gehen. Das
allerschlimmste war ja auch vorlufig berstanden, sie war glcklich von
zu Hause fortgekommen, fhlte etwas wie vorlufiges Ausruhen in sich --
und dann, dann mute Fox dafr sorgen wie es weiter gehen wrde.

Zu Mittag erschien Frulein Nippe, die sich diskret zurckgezogen hatte,
wieder, und setzte ihr etwas zu essen vor. Noch immer sa das Mdchen
ganz genau so da, wie sie sie verlassen hatte! -- Lotte wollte zuerst
nichts nehmen, aber Frulein Nippe redete so herzlich, da sie
verstummte und sie nur dankbar anblickte.

Wieder verging eine Zeit, da erschien Fox endlich. Er hatte Lotte
strafen wollen fr ihre unberlegte, zwecklose Reise, ber die er sich
nur rgerte, um so mehr, als er sie nicht verhindern konnte, da ihr
Brief erst am Morgen eingetroffen war. -- Diese Mdchen lassen sich doch
immer von ihrem Gefhle leiten und setzen den Verstand beiseite! Was um
Gottes willen wollte sie ihm sagen, was sie ihm nicht schon tausendmal
gesagt hatte! --

Wie hatte sich Lotte dieses Wiedersehen ausgemalt! Und nun war alles
anders. Sie fhlte kaum den Mut auf ihn zuzugehen. Na? sagte er, nachdem
er die Tr geschlossen hatte, du darfst mir schon noch einen Ku geben!
-- Sie berwand das Gefhl der Khle, das sie bei seinen Worten empfand,
und legte beide Arme um ihn. -- Ist ja nicht so schlimm! meinte er
trstend, weine doch nicht, das hat doch gar keinen Zweck! Du stellst
dir alles viel zu schwer vor. In einem halben Jahr wirst du wieder ganz
lustig sein. -- Also du hast es doch erraten! sagte sie leise, dann
brauche ich es dir nicht erst zu sagen. -- Erraten? fragte Fox, da ist
doch gar nichts zu erraten; ist doch alles klipp und klar! -- Ihr taten
diese Worte wehe; aber sie bezwang sich und wiederholte: Dann brauche
ich es dir nicht erst zu sagen. -- Aber ich bitte dich: Wozu denn diese
Feierlichkeit?! Und dann mchte ich dich doch fragen: Bist du wirklich
extra hergereist, um mir zu sagen, was ich doch lngst wei: da du --
da ich -- also ich meine: da wir uns lieben? so fragte er in einem
beinah konstatierenden Ton; das ist doch wirklich kindisch von dir,
einfach kindisch! -- Also weit du es doch nicht! sagte sie und lste
sich etwas aus seinem Arm und sah ihn staunend an. -- Nee, was anderes
wei ich nicht! antwortete er mit einem pltzlich unbehaglichen Gefhl,
da sei etwas, das ihm unangenehm werden knne. -- Ist deine Gromutter
tot? -- Sie schttelte den Kopf. -- Oder -- habt ihr euer Geld verloren?
Das wre, dachte er, wirklich fatal. -- Sie schttelte wieder den Kopf,
und dann flsterte sie ihm ein paar Worte ins Ohr. -- Er fuhr zurck und
sah sie mit groen Augen und offenem Munde an. Daran hatte er allerdings
niemals auch nur im entferntesten gedacht. Wie konnte das denn auerdem
mglich sein! -- Ist ja nicht wahr! sagte er endlich, mit der
Unglubigkeit, womit ein junger Mann eine solche Tatsache, die seinem
eigenen Erleben so fremd ist, aus dem Munde seiner Geliebten, wenn sie
seine erste Geliebte ist, entgegennimmt. Aber nun brach sie in Trnen
aus und beteuerte, da es wahr und wahrhaftig sei. Er umfate ihre Figur
mit einem Blicke und sagte dann: Wirklich? Nach einer Pause fgte er
hinzu: Ja, dann reise nur bald nach Hause, -- zu Hause hat man es ja
doch immer am besten. -- O nein, Gromutter darf nie etwas davon
erfahren, Gromutter wei gar nichts, sie wrde mich ja verfluchen! --
Unsinn, Gromtter verfluchen nie. Deine Gromutter wird hchstens ein
paar Stunden weinen, und dann ergibt sie sich ins Unabnderliche. --
Aber Lotte sagte, eher ginge sie ins Wasser als nach Hause. -- Aber
wohin willst du _dann_ gehen? -- Das wei ich ja nicht, das mut du mir
sagen, deshalb bin ich doch hergekommen! -- Er bestand darauf, da sie
zu ihrer Gromutter zurckginge, und das Blut lief ihm zu Herzen, als
sie sagte: Nein, ich will immer bei dir bleiben! -- Das geht noch viel
weniger, du kannst mir doch nicht immer nachziehen, mal hierhin mal
dahin! Nchstes Jahr zum Beispiel mache ich eine Weltreise! -- Da knnte
ich doch mit! sagte sie, ganz verzweifelt. Htte er gesagt, er gehe an
den Nordpol, so wrde sie auch gesagt haben: Da knnte ich doch mit! --
Aber mein Gott, rief Fox, was denkst du dir denn eigentlich? Jeder
Mensch hat doch seine Freiheit! Er war ganz in Affekt geraten, das
letzte Wort kam voll und rund heraus, Herr von Sander htte seine Freude
daran gehabt. -- Ein jeder Mensch hat doch seine _Freiheit_! wiederholte
er, aus dem Bedrfnis heraus, etwas, das ihm unbewut geglckt war, noch
einmal als bewute Leistung zu genieen. Aber das zweitemal gelang es
nicht so gut. -- Was meinst du denn damit? fragte sie angstvoll und
unsicher; du willst mich doch nicht etwa verstoen? -- Fox wiegte den
Kopf und bewegte stirnrunzelnd die Lippen, als schmecke er etwas
Unangenehmes. Verstoen! sagte er, was fr ein romanhaftes Wort! Klingt
so nach Treppe und hageren Armen. Ich denke doch gar nicht dran dich zu
verstoen! -- Also heiraten wir uns _doch_! fragte sie wieder, angstvoll
und schnell. -- Fox ging im Zimmer auf und ab. Mu denn, so fragte er,
mu denn eine Liebe stets von der Obrigkeit sofort beglaubigt,
gestempelt und besiegelt werden? Ist sie nicht vielmehr etwas -- also
etwas Leichtbeschwingtes, dem die leiseste Berhrung von auen den
Schmelz abzustreifen droht?! Ich will ja gar nicht sagen, setzte er
hinzu, da ich dich _nicht_ heirate, das hngt ganz von uns beiden ab,
aber wenn du mir damit ewig in den Ohren liegst, so kannst du mir nicht
verdenken, da mich das endlich verstimmt. -- Aber es ist doch das
erste, das allererstemal, da ich danach frage! -- Na ja, du weit eben
nicht, was du manchmal sagst. Jedenfalls kann jetzt von Heiraten noch
lange nicht die Rede sein. Aber wenn du mich lieb hast, wahrhaft lieb
hast, so tust du was ich dir sage: Du gehst zu deiner Gromutter zurck.
-- Lotte schttelte den Kopf. -- Gut, dann nehme ich an du liebst mich
nicht mehr, und dann ist es eben aus; dann haben wir uns heute zum
letztenmal gesehen. -- Aber ich kann doch nicht, ich kann doch nicht!
wiederholte sie immer und immer wieder. -- Fox sah nach seiner Uhr. --
Ich mu hart sein mit ihr, uerlich hart -- so dachte er -- das ist in
der Wirkung wohlttiger fr sie als wenn ich ihrem Gefhl nachgbe, was
ja fr mich viel bequemer wre. -- Ich mu jetzt in die Stunde! sagte
er, berlege dir alles bis zum Abend, du hast die Entscheidung selbst in
der Hand, das sage ich dir ganz ausdrcklich. -- Was soll ich denn hier
tun? fragte sie; ich kenne doch keinen Menschen, kann ich dich nicht
begleiten? Ich kann ja unten warten bis deine Stunde zu Ende ist! -- Das
fand er stumpfsinnig; sie msse etwas tun was sie zerstreue. Er schlug
ihr vor, sie knne ja in der Stadt herumgehen und die Sehenswrdigkeiten
in Augenschein nehmen, davon gebe es hier genug auf den Straen und
Pltzen. Und da sie gar nichts anderes wute, sagte sie endlich ja, das
wolle sie. --

Es ist doch scheulich, dachte Fox, als sie sich getrennt hatten und er
allein die Strae hinabschritt, in was fr zweideutige Situationen man
gert ohne es zu wollen! Aber was soll ich machen!! Auch die rzte
spiegeln ihren Kranken vor, ihr Zustand sei nicht so schlimm; und was
fr eine wohlttige Wirkung liegt in der Suggestion! Jetzt dachte Lotte
wirklich, er ginge zur Stunde. In Wahrheit mute er eine Verabredung mit
einer neuen Schlerin des Herrn von Sander einhalten, ein Mdchen, das
er gerade noch vor den Hnden des Herrn Eichinger gerettet hatte, der
doch ein notorischer Lstling war!! -- Scheulich! wirklich
unsympathisch scheulich! dachte er, da geht man nun von einer Geliebten
zur andern und setzt sich der schlimmsten moralischen Beurteilung vor
sich selber aus! -- Seinen innern ernsten Zustand lie er die neue
Freundin fhlen, indem er einsilbig war und manchmal tragisch zerstreut
in die Bsche starrte. --

Wie Lotte so allein war und ratlos und unschlssig nach rechts und links
blickte auf all die grellen, sonnebeschienenen Huserreihen, die ihr so
fremd waren, wurde ihr noch der und leerer zu Sinn. Aber da unten am
Ende der Strae schien ein Denkmal, ein Reiterdenkmal zu stehen. Das
konnte sie sich ja ansehen, damit sie spter Fox etwas zu antworten
wute, wenn er sie fragte. -- Sie ging auch wirklich hin, merkte sich
den Namen von dem, den es darstellte, und von dem, der es gemacht hatte,
und dann wute sie wieder nicht was sie tun sollte. Pltzlich fiel ihr
Pitt ein. Der wohnte ja auch hier in der Stadt. Wenn sie nun zu dem ging
und ihm ihr Leid klagte? Aber sie wute seine Adresse nicht; vielleicht
wute sie die Dame, bei der Fox wohnte. -- Sie kehrte wieder um und
lutete nach einigem Zgern. Ein Herr von mittleren Jahren ffnete. Sie
brachte ihr Anliegen vor, er sagte sie mchte lauter reden, er verstnde
sie nicht. Und um ja alles recht gut zu machen, schrie sie das Gesagte
noch einmal, im Glauben, der Herr sei schwerhrig. -- Ach so! sagte Herr
Knnecke, Sie brauchen nicht so zu schrein, ich bin nicht taub. --
Entschuldigen Sie bitte viele Male, bat sie mit unterdrckter Stimme, um
ja alles recht gut zu machen und niemand zu beleidigen. Herr Knnecke
sagte ihr nun den Namen und die Nummer der Strae, erst msse sie links
gehen, dann rechts, dann zwei Straen berschlagen, dann wieder in eine
Strae einbiegen, bis eine Anschlagsule kme. -- Also wie? Erst soll
ich rechts gehen, dann links, dann wieder rechts, und dann bin ich da?
Herr Knnecke sah gutmtig in ihr verngstigtes Gesicht. -- Warten Sie
mal! sagte er und sah nach der Uhr; es ist zwar noch ein bichen frh
fr meine Stunde, aber ich kann doch mit Ihnen gehen, es ist kein Umweg
fr mich. Gleich bin ich wieder da! -- Sie wartete, und als er
wiederkam, meinte er grndlich: Ich mute mir nur erst einen reinen
Kragen umbinden! -- Sie gingen nun zusammen die Treppe hinab und die
Strae hinunter. Herr Knnecke war ein wenig neugierig, weshalb dies
Mdchen wohl zu Pitt Sintrup wolle, und warum sie so verngstigt und
verschchtert war. Zum Mittagessen hatte er sich versptet, seine
Cousine war bereits ins Geschft gegangen, als er heimkam. Aber er
fragte nichts, nur erfuhr er, da sie hier fremd am Orte sei.

An einer Straenecke wartete ein Schler. Er wute, da Herr Knnecke
etwa um diese Zeit hier vorbeikommen mute. Sein blasses, gespanntes
Gesicht rtete sich mehr und mehr, je nher Herr Knnecke kam. Einen
Augenblick schien er zu schwanken, die Gegenwart der jungen Dame
verwirrte ihn, aber dann brach er in Weinen aus: Ach Herr Knnecke,
erlassen Sie mir doch die Strafe, nur diesmal, ich will es ja auch ganz
gewi nie wieder tun! -- Herr Knnecke war stehen geblieben, Lotte ging
einige Schritte weiter und wartete. Ganz zerknirscht stand der Junge da,
in der hellen Nachmittagssonne; Herr Knnecke zgerte, dann sagte er: Na
ja, dann will ich es dir _diesmal_ noch erlassen! -- Und pltzlich
getrstet, wie wenn eine Last mit einemmal von seinen Schultern
herabgenommen sei, sah das Kind dankbar, glcklich zu ihm auf. --

Man wei gar nicht, sagte Herr Knnecke im Weiterschreiten zu Lotte, wie
tief so ein Kind eigentlich empfindet! Da hat der arme Junge nun die
ganze Woche seine Angst mit sich herumgetragen, da er morgen, am
Samstag, nachsitzen soll, und er hat noch niemals nachgesessen, er war
immer ehrlich! Und heute, am letzten Termin, hlt er es nicht mehr aus;
immer hat er es hinausgeschoben, von einem Tag zum andern, und nun, im
letzten Augenblicke, kommt er. Das Nachsitzen selbst ist ja nicht das
schlimmste, aber der Strafzettel, die Eltern, die Unehrlichkeit! Na,
diesmal ist er ja noch drum herumgekommen! -- Ja, sagte Lotte, diesmal
ist er noch drum herumgekommen. -- -- So, da wohnt Herr Sintrup! meinte
Herr Knnecke endlich, also adieu, Frulein, gren Sie Herrn Sintrup
von mir, Knnecke ist mein Name. -- Ich bin Lotte Pfanz. -- Er zog
seinen Hut, sie streckte halb ihre Hand aus, wollte sie wieder
zurckziehen, fast gleichzeitig machte Herr Knnecke eine hnliche
Bewegung, schlielich streckten sie sie beide wieder vor, er ergriff die
ihrige und schttelte sie herzlich. -- Ein sonderbares Mdchen! dachte
er im Weitergehen, die sah ja so traurig aus, und so bla! Es ist doch
gut, da ich sie begleitet habe; sonst liefe sie vielleicht noch wer
wei wie lange in der heien Sonne herum. --

Pitt war aufs uerste berrascht, Lotte pltzlich vor sich zu sehen.
Sie konnte zu Anfang kein Wort vorbringen und bat um ein Glas Wasser.
Dann erzhlte sie ihm ihr Geheimnis, mit einfachen Worten, die ganz von
selbst und ohne jede Befangenheit ber ihre Lippen kamen. Im Gegenteil,
sie fhlte sich erleichtert durch ihre Mitteilung. Pitt sagte lange
nichts. Die Vergangenheit zog an ihm vorber, whrend sein Blick ins
Leere gerichtet war. Dann fand er sich in die praktischen Fragen der
Gegenwart zurck. -- Eines mut du mir sagen, sprach er nach kurzem
Nachdenken; du darfst mir meine Frage nicht belnehmen und meinen, ich
dchte deshalb etwa schlecht von dir: Bist du sicher, da du dich nicht
irrst -- ich meine, da es wirklich Fox ist -- -- sie lie ihn nicht zu
Ende reden, sondern unterbrach ihn lebhaft mit der Versicherung, dessen
sei sie so gewi, wie man einer Sache berhaupt sein knne: Auer ihm
habe ich ja in meinem ganzen Leben noch niemand geliebt! Sie errtete,
als sie seinen stillen, grauen Augen begegnete, und fuhr fort: Ich
meine, du verstehst mich doch, du weit doch was ich sagen will! Und nun
will er durchaus, ich soll zu Gromutter gehen und ihr alles sagen. --
Ja, sagte Pitt, das halte ich auch fr das beste. Schlielich hat doch
deine Gromutter, als sie jung war, dasselbe durchgemacht. -- Aber da
war sie doch verheiratet! -- Ach so, ja ja, und das bist du nicht, das
ist richtig. Trotzdem halte ich es fr das beste. -- Und er zhlte ihr
alle Grnde auf, und als schwerstwiegenden, da, wenn alles jetzt so
abliefe, wie sie wolle, das Geheimnis trotz allem Geheimhalten
irgendwann einmal an den Tag kommen werde; die Scherereien mit den
Gerichten, die Sorge fr das Kind selbst, spter -- das alles knne sie
viel leichter bernehmen, wenn sie es nicht noch dazu verbergen und
geheim halten msse. -- O Gott, wenn das bekannt wird -- ich kann ja
niemals Lehrerin werden! -- Dies leuchtete ihm ein, und nach einer
neuen, reiflicheren berlegung schien es ihm nun wirklich besser, sie
bliebe hier. -- Vielleicht kann ich eine Freistelle bekommen! meinte sie
schchtern. Aber diesen Glauben zerstreute er ihr. Auerdem habe sie
dann nicht die Bequemlichkeiten, die sie beanspruchen knne. Das ist ja
auch das wenigste, fgte er hinzu: Fox hat doch die selbstverstndliche
Verpflichtung, dich auf das anstndigste verpflegen zu lassen. Das wird
dem guten Jungen noch teuer zu stehen kommen! Pitt lchelte, indem er
das verstimmte Gesicht seines Bruders vor sich sah, der sich nun wohl
mit seinen Delikatebchsen und guten Weinen etwas einschrnken mute,
in Zukunft. -- Er sagte aber, wenn ich ihn lieb htte, so mte ich nach
Hause gehen, sonst wre es aus zwischen uns; es sei ein Prfstein fr
meine Liebe! -- Ach?! meinte Pitt, aufhorchend: dieser Prfstein ist ja
recht interessant! -- Eine leise Bitterkeit gegen Fox stieg immer
deutlicher in ihm auf: Das hatte er nun aus diesem Mdchen gemacht!
Freilich suchte sein Verstand dies Gefhl sogleich zu zerstreuen, und er
dachte: Vielleicht wre es mir ebenso gegangen. -- Heute abend gehen wir
zusammen zu ihm, sagte er, bis dahin bleibst du wohl bei mir! -- Lotte
fhlte einen so tiefen Dank gegen Pitt, sie legte ihre Arme um seine
Schulter und drckte ihn leise und zrtlich. Seit sie ihn gesehen und
gesprochen, war sie um ein groes Stck erleichtert, sie fhlte einen
Schutz, sie wute, da nun nichts mehr geschah, was gegen ihren Willen
war. -- Pitt streichelte ihr brderlich ber die Wange: was er fr sie
empfand, war Mitleid, nur tiefes Mitleid. Alle brigen Gefhle, alles
Halbklare, Zerrende war gnzlich erloschen. -- Wo gehen wir nun hin?
fragte er, und als er sie ansah, glaubte er einen Wunsch in ihr zu
erraten: In die Konditorei? Sie errtete und sagte, das sei kindisch.
Aber ich halte dich doch von nichts ab? fragte sie wieder und wieder.
Sie hatte Angst, sie knne ihm lstig sein, und das wollte sie unter
keinen Umstnden. Und nachdem sie wirklich in der Konditorei gewesen
waren, schlug sie vor, er solle nun nach Hause gehen, sie wolle sich
hier auf eine Bank setzen. Fr zwanzig Pfennige knnte sie sich ein Buch
kaufen und es lesen. Er schttelte den Kopf. -- Aber es kostet doch nur
zwanzig Pfennige! Er blieb dabei, sie solle mit ihm gehen. So schritt
sie wieder neben ihm, ihre innere Gespanntheit lste sich mehr und mehr.
-- Du machst ja so ein glckliches Gesicht? fragte Pitt pltzlich. Sie
hatte fr einen Moment alles Schreckliche vergessen, wie ausgelscht war
es gewesen, sie hatte gerade etwas Lustiges sagen wollen, aber nun stand
alles auf einmal doppelt schrecklich wieder vor ihr. Wie ist es nur
mglich, wie ist es nur mglich! dachte sie. -- Willst du vielleicht
etwas schlafen? fragte Pitt, als sie oben im Zimmer waren. -- Nein, das
wollte sie nicht. Unklar dachte sie, das mache irgendwelche Umstnde. --
Oder wenigstens ruhen? -- Nein, das wollte sie auch nicht. Doch, das
wollte sie, sie wollte auch schlafen! Sie fhle sich wirklich mde! --
Es fiel ihr pltzlich ein, da sie Pitt ja am wenigsten zur Last war,
wenn er sich nicht mit ihr zu unterhalten brauchte. Sie legte sich auf
sein Sofa, er bedeckte sie sorglich, und nach einigen Minuten fiel sie
wirklich in einen tiefen, segenvollen Schlaf. Von seinem Schreibtisch,
an dem er arbeitete, trat er auf den Zehenspitzen zu ihr hin. Mit
kindlichem, reinem Ausdruck lag sie da, tief und ruhig atmend. Er ging
wieder zurck an seinen Tisch.

Die Holzrouleaus lieen das Licht des Tages nur gedmpft herein; es war
still; eine Fliege summte an der Fensterscheibe. Pitt las in den
Pandekten, aber seine Gedanken irrten ab und wurden immer trumerischer.
Er hrte auf das Summen der Fliege an der Fensterscheibe, und ihm war
als lge da drauen gar keine Strae, sondern ein baumberschatteter
Weiher, und dahinter kamen Stlle und Scheunen. Das Haus aber war ganz
klein, und er befand sich in der Stube zu ebener Erde; kein Gerusch war
um ihn, nur die Fliege summte gegen die Scheibe, die hei war von der
Sonne. Sie wollte hinaus ins Freie; nun, sie wrde es aufgeben, denn
hier drin war es auch gemtlich, und all die Blumenstrue in den
Fenstern verbreiteten Duft. Wer hatte sie dort hingestellt? Zwei blonde
kleine Knaben mit kurzem Haar; es waren Zwillinge und seine eigenen
Kinder. Da standen sie schon vor ihm, in ihren kurzen Lederhosen und
weien Hemden, und wie sie jetzt lachten, sah er ihre spitzen Eckzhne.
Wo hatte er nur solche Zhne gesehen? In der Luft lag ein Geruch von
frischer Milch, und aus einem der Nebenrume drang das leise Stampfen
eines Mrsers. -- Er hrte auf den fernen Klang und sog den Duft ein --
und die Fliege summte noch immer an der Scheibe. Drauen aber lag
Sonnenlicht und alle Bume bewegten sich glitzernd, und ganz ferne
krhte ein Hahn. -- Das Essen ist angerichtet! sagte eine bekannte
Stimme, -- vor ihm stand ein groes, blondes Mdchen mit einer
schneeweien Schrze. War das Elfriede? -- Unbeweglich lchelnd sah sie
auf ihn, er fhlte, da er schlief und da sie ihn nicht wecken wollte,
und doch hatte er die Augen offen und sah ganz deutlich diese
schneeweie Schrze. Da war es, wie wenn ein Ton fern verklnge, die
Gestalt schien zurckzuweichen -- und er starrte in sein aufgeschlagenes
Pandektenbuch. -- Pltzlich tat er einen Ruck. -- Ich glaube fast, ich
habe geschlafen! sagte er und sah auf seine Uhr, whrend er sich erhob.
Und das ganze Traumbild zog noch einmal klar an ihm vorber, wie er so
unbeweglich dastand. -- Sonderbar, sonderbar! sprach er zu sich selbst,
was fr Dinge liegen einem im Unterbewutsein, von denen man keine
Ahnung hat. --

Er sah zu Lotte hinber, machte eine Bewegung als wenn er alles von sich
abtue und trat langsam zu ihr hin.

Sie rhrte sich nicht. Er legte zart seine Hand auf ihre Stirn. Sie lag
nach wie vor bewegungslos. Er nannte ihren Namen; ihr Atem ging tief, in
immer greren Zgen, pltzlich schlug sie die Augen auf.

Wir mssen gehen! sagte er leise. -- Gehen? zu wem? -- Zu Fox. -- Sie
dachte einen Augenblick nach, sagte dann: o es war so schn, und schlo
noch einmal die Augen. -- Es mu sein; sagte sie endlich mit einem
Entschlusse und erhob sich.

Fox runzelte die Stirn, als Pitt mit Lotte zugleich ins Zimmer trat; er
ahnte, da es jetzt Kmpfe geben wrde. -- Er wollte wieder mit seinen
alten Argumenten kommen, ja er redete sogar von Gromutter- und Enkel-
und Urenkelliebe, von den natrlichen Banden der Verwandtschaft, von
Heimatsgefhl, das neuerdings auch in der Kunst so lebhaften Ausdruck
fnde, von liebgewordenen Betten, in denen man geboren sei und die doch
auch zu Hause zur Verfgung stnden, und als das alles nichts half, rief
er: Ja Kinder, und an die Hauptsache denkt ihr alle beide nicht, an die
Kosten! Wer soll denn das bezahlen, wenn Lotte jetzt hier bleibt? -- Du
natrlich! -- Ich?! -- Ja wer denn sonst? -- Aber mein lieber Freund,
das sind doch horrende Summen! Das kann ich ja gar nicht, so gern ich
mchte; wir kosten doch unserem armen Vater sowieso schon Geld genug! --
Sie redeten hin und her. --

Ich will dies nicht mehr mit anhren! sagte Lotte, die wortlos in einem
Winkel gestanden hatte, ich werde ja hier verhandelt wie -- wie ich wei
nicht wie! -- Ja, lieber Pitt, ich mchte dich auch bitten, etwas mehr
Rcksicht auf Lottes Gegenwart zu nehmen. -- Ich will nicht dabei sein!
sagte Lotte leidenschaftlich. --

In diesem Augenblick klopfte es an die Tr. -- Ach! Frulein Nippe! rief
Fox, als sie sich auf der Schwelle zeigte, ich mu gerade etwas
Wichtiges mit meinem Bruder bereden -- wren Sie wohl so freundlich --
Lottchen, du gehst wohl fr einen Moment hinber, du kannst ganz ruhig
sein, die Leute sind furchtbar nett und freuen sich nur, wenn sie Besuch
bekommen. --

Kommen Sie, Fruleinchen, kommen Sie! sagte Frulein Nippe und zog Lotte
hinaus.

Die beiden Brder standen sich gegenber.

Du hast mindestens ebensolche Verpflichtungen wie ich! sagte Fox; sie
hat es zwar entschieden in Abrede gestellt, jemals nah zu dir gestanden
zu haben, aber das ist auch ganz selbstverstndlich; das tut jedes
Mdchen; ich nehme ihr das auch durchaus nicht bel. Wenn wir die Kosten
zu tragen haben, so haben wir sie gemeinsam zu tragen! -- Fox redete mit
vollster berzeugung; die Einbildung, in die er sich hineinredete,
beherrschte ihn so stark, da er sie fr die Wahrheit nahm. Er wute
pltzlich wieder, da seine frheren Verhhnungen Pitts, als habe sich
der vergeblich um Lottes Gunst bemht, nicht der Wahrheit entsprachen.
Und da die Wahrheit ja das Gegenteil der Unwahrheit ist, so kam er jetzt
dazu, seine Forderungen mit einer Art von moralisch-berzeugtem Pathos
aufzustellen. Pitt berging dies erst, aber als Foxens Stimme nun einen
fast predigerartigen Ton annahm, ging er auf ihn zu, sah ihm dicht in
die Augen, und fragte halblaut: Bist du eigentlich verrckt geworden?
Besinne dich doch, was du sagst! -- Fox sah ihn mit unsicheren Augen an;
dieser durchdringende klare Blick brachte ihn allmhlich zu sich, die
Tatsachen, wie sie waren, rckten sich in seinem Geist zur Wirklichkeit
zurecht, wurden zu einer Macht, die ihn beherrschte, und er sagte mit
unsicherer Stimme: Na ja, ist doch alles klar! Mach doch die Sache nicht
noch komplizierter als sie ist. Ich leugne ja absolut nicht, da du
recht hast, nur finde ich es durchaus nicht ntig, da du dich mir
gegenber so aufs hohe Pferd setzt! Ich bezahle selbstverstndlich, ich
begreife nicht, weshalb du darum ein solches Geschrei machst! Ich finde
es unvornehm, um Geld ein solches Geschrei zu machen! Pitt berlegte.
Dies Benehmen seines Bruders grenzte schon hart ans Pathologische. War
es ganz und gar ausgeschlossen, da sich solche Zustnde eines Tages
wiederholten, und da Lotte dann in die grten Verlegenheiten kommen
wrde? Dem mute vorgebeugt werden.

Bitte, setz das schriftlich auf. -- Er holte Feder und Papier. Fox sah
ihn verblfft an und weigerte sich tief gekrnkt. -- Ich erniedrige mich
dadurch. -- Du brauchst dich deshalb nicht vor mir erniedrigt zu fhlen;
es ist reine Formensache. -- Vor dir?! absolut nicht! aber vor Lotte,
vor der Familie! -- Die Familie wird das Papier niemals zu sehen
bekommen, auch Lotte soll nie etwas davon erfahren. Also bitte schreib,
es ist nur, um dein eigenes Gedchtnis frisch zu erhalten! -- Fox
weigerte sich noch immer, sagte, dies sei eine Komdie, ein gesprochenes
Manneswort bedrfe keiner schriftlichen Garantie, und ob er sich jemals
in seinem Leben ehrlos benommen habe?! -- Bitte, schreib. -- Als Fox
sich noch immer weigerte, griff Pitt zu einem letzten Mittel, von dem er
sicher wute, da es wirkte: Wenn du nicht schreibst, werde ich mir
Garantien von unserem Vater verschaffen. Seine Augen blickten nach wie
vor durchdringend auf ihn hin. Fox ergriff mechanisch die Feder, indem
er sagte: Ein schnes Mittel! Dies grenzt ja an Erpressung! Pitt lachte
innerlich, dann diktierte er, aber Fox sagte: ich wei schon selber was
ich zu schreiben habe. -- Da hast du den Wisch! sagte er endlich. Pitt
las das Papier aufmerksam durch, faltete es dann sorgfltig zusammen und
steckte es in seine Tasche. -- Nun will ich aber nichts mehr von dir
hren! sagte Fox diktatorisch, und mit Lotte werde ich ber diese
triviale Angelegenheit auch blo ein paar Worte sprechen. Mir gehen wei
Gott andere Dinge genug im Kopfe herum! Und er dachte an Herrn von
Sanders Schlerin, mit der er sich heute am Nachmittag angeregt und
geistreich unterhalten hatte ber das Problem des Weibes. -- Dieser
Abstieg in die platteste Misere des Lebens war zu erbrmlich! --

Lotte war inzwischen in Frulein Nippes Zimmer, erschttert durch die
neuen Aufregungen, in Trnen ausgebrochen. Frulein Nippe war so
teilnehmend, so liebevoll, es drngte Lotte, ihr, einer Frau, ihr ganzes
Herz auszuschtten, und sie tat es. Alles, alles erzhlte sie, kaum
etwas, das Frulein Nippe noch nicht wute, aber so im Zusammenhang
erhielt sie doch einen besseren berblick. -- Armes Kindchen! sagte sie
und streichelte ihre Hand, nein, zu Ihrer Gromutter drfen Sie nicht
zurck, das ist ausgeschlossen, aber hier -- wenn Sie hier unter ganz
fremde Menschen gehen -- ach, das Herz krampft sich mir ja zusammen,
so'n junges Blut unter kalten, herzlosen Berufsmenschen, die die
heiligsten Dinge als ein alltgliches Geschft ansehen! Nein, Kindchen,
das drfen Sie nicht. Wenn ich nur etwas anderes wte! Frulein Nippe
tat pltzlich eine Bewegung: Ein rettender Gedanke war ihr gekommen:
Hier sollen Sie bleiben, hier bei uns! Ich lasse Sie nicht wieder fort,
bis Sie alles glcklich berstanden haben. Ich wei allerdings noch
nicht wie ich Platz schaffen soll, aber wir _mssen_ Platz schaffen. --
Lotte fate wie gerettet ihre Hand und kte sie, Frulein Nippe aber
nahm sie in ihre Arme und hielt sie fest, und nannte sie eine arme
verngstigte Taube, die sich vor den Krallen des Geschicks an ihre Brust
geflchtet habe. Sie fhlte sich so stolz, so glcklich wie noch nie in
ihrem Leben. -- Warten Sie hier, ich gehe hinber zu den Herren und
bespreche alles mit ihnen! -- Sie huschte hinaus, und dann stand sie
klein, aber sicher vor den beiden groen Brdern und teilte ihnen ihren
festen Entschlu mit. -- Bravo, Frulein Nippe, bravo! rief Fox
warmherzig und lebhaft, und dann wandte er sich vorwurfsvoll an Pitt:
Siehst du, _so_ benehmen sich groherzige Menschen in groen
Augenblicken!! -- Das Pekunire, sagte er hierauf wieder zu Frulein
Nippe, mache ich spter mit Ihnen genauer aus! -- Ach das ist ja das
wenigste, meinte sie, Sie werden sie wohl nicht zu kurz kommen lassen!
-- Absolut nicht, absolut nicht! sagte er feierlich protestierend gegen
die Mglichkeit eines solchen Verdachtes; im Gegenteil, ganz im
Gegenteil! -- und als Frulein Nippe weiter sagte, er solle nun
hinbergehen und ein paar Worte mit Lotte sprechen, nickte er: Sofort,
gewi, jawohl, versteht sich! und wanderte sogleich hinber. Auf den
Gedanken, da es eigentlich nicht schn sei, Lotte nun immer in so
unmittelbarer Nhe um sich zu haben, kam er jetzt noch nicht. -- Na,
Lottchen, sagte er, also du bleibst ja nun vorlufig hier, -- und
streckte ihr die Hand entgegen; du weit doch, da ich es gut mit dir
meine! Hier ist es am besten fr dich! Ich habe mir das berlegt,
obgleich es nicht leicht ist fr mich, das kannst du dir wohl denken!
Also, Lotte, -- na, gibst du mir nicht die Hand? Sagst du gar nichts
Freundliches zu mir? -- -- Danke! sagte sie.




                          Sechstes Kapitel.


Lotte blieb nun wirklich in dem Heime Frulein Nippes und Herrn
Knneckes. -- Herr Knnecke hatte tiefes Mitleid mit dem armen Mdchen,
und wenn er ihr einen Teil seiner Bequemlichkeit opferte, so sagte er
sich, er begehe dafr auch eine gute Tat: Er trat ihr sein eigenes
Zimmer ab und teilte in der Folgezeit die Stube mit Fox. Der war anfangs
ber dieses Ansinnen tief verletzt. Herr Knnecke schlug ihm darauf vor,
er knne sich ja ein anderes Zimmer mieten. Verstimmt, sich von Herrn
Knnecke, vom Schicksal, von allen schlecht behandelt fhlend rief Fox
bitter: Natrlich! Ist ja ganz einfach, ich habe ja Geld wie Heu! Ich
kann mir ja auch gleich eine ganze Wohnung mit einem Tanzsaal mieten! --
Sie knnen doch nicht verlangen, sagte Herr Knnecke, da ich mit meiner
Cousine in einem Zimmer schlafe! -- Ich verlange _garnichts_! antwortete
Fox und dehnte das letzte Wort betonend, bedeutend, zurechtweisend.
Meinetwegen ziehen Sie in mein Zimmer, aber reden Sie wenigstens nicht
vorher davon. -- Herr Knnecke verschluckte seinen rger, und am
nchsten Tage war die Stube fr zwei eingerichtet. Sie war ganz
vollgestopft mit Mbeln. -- Ich kann berhaupt niemand mehr hier
empfangen! rief Fox gereizt in die Luft hinaus, als er sein Zimmer in
dem neuen Zustand erblickte.

Mit Lotte war er sehr wenig zusammen; ihr war es im Grunde recht, da
sie sich so selten sahen, denn sie empfand ihm gegenber eine Scheu, die
sie nicht mehr vertreiben konnte. Zu allen andern redete sie unbefangen;
trat Fox ins Zimmer, so verstummte sie. Herr Knnecke widmete ihr viel
von seiner freien Zeit und brachte ihr zuweilen eine Frucht oder eine
andere kleine berraschung mit. Und wenn sie traurig war, wenn diese
schrecklichen Stimmungen wiederkamen, trstete er sie, brachte er
Bilderbcher, Photographiealbums, Geduldspiele herbei. -- Selma, zeig
ihr doch mal wie man Patienzen legt! Selma, wollen wir ihr nicht mal ein
Theaterbillett schenken? Selma, ich finde, nchsten Sonntag Nachmittag
knnten wir mal alle drei eine Partie zusammen machen! -- Herr Knnecke
war so gut, so sehr gut zu ihr! Und immer, wenn sie an ihn im
allgemeinen dachte, kam ihr wieder jenes erste Bild vor die Augen,
damals auf der Strae, als er zu dem Jungen sagte: Na ja, dann will ich
es dir diesmal noch erlassen! -- Immer hatte er Geduld mit ihr, auch
wenn sie manchmal gereizt war, ganz ohne da sie es wollte; sie bat ihn
auch jedesmal hinterher um Verzeihung und sagte: Ich wei ja, da Sie es
gut mit mir meinen! -- Es war schlielich so, als wenn er und Fox die
Rollen getauscht htten, als wre Fox ein Auenstehender, er selbst aber
ihr natrlicher Schutz und Berater. Fox, unbewut ganz zufrieden damit,
fhlte sich doch in seinen Rechten zuweilen beleidigt. Herr Knnecke
schenkte Lotte ein Billett zu einer Posse. Nein! sagte Fox, ich erlaube
dir nicht, da du hingehst. Das Stck ist ganz frivol, pat nicht fr
junge Mdchen! -- _Du_ brauchst ja auch nicht hinzugehen, antwortete
sie, in Gegenwart Herrn Knneckes mutiger. -- Fllt mir auch gar nicht
ein, aber du gehst ebenfalls nicht hin, ich will es nicht haben, also
tust du's nicht! -- Jetzt schritt Herr Knnecke ein. Zu viel hatte er
sich von dem jungen Manne bieten lassen. Wieviel hatte er schon
stillschweigend heruntergeschluckt, gar nicht davon zu reden, da er
jetzt abends seine Pfeife nicht mehr rauchte, aus Rcksicht auf Fox,
der, wie er sagte, seinen schlechten Knaster nicht vertragen konnte. --
Ich habe ihr das Billett geschenkt, sagte er mit fester Stimme, und ich
kann es verantworten, da sie das Stck auch sieht. -- Lotte, also ich
sage dir -- wenn du mich lieb hast -- -- Ach sei doch still! unterbrach
sie ihn heftig, aber gleich darauf kam sie zu ihm hin und fuhr fort: Ja,
Fox, wenn du es nicht willst, so gehe ich nicht! Aber nun war er
beleidigt, zuckte die Achseln und sagte: Meinetwegen tu was du willst --
wenn du andern Leuten mehr glaubst als mir -- und verlie grollend das
Zimmer. -- Ich will nicht gehen! Sie blickte ratsuchend auf Herrn
Knnecke. -- Wie Sie wollen, sagte er ruhig. -- Nein, nun krnke ich Sie
_auch_ noch, und Sie haben sich das so schn fr mich ausgedacht! Ich
gehe doch, aber Sie mssen Fox sagen, da ich nur gehe, weil Sie sich
das so schn fr mich ausgedacht haben! -- Sie ging wirklich, und merkte
sich den Inhalt der einzelnen Akte ganz genau, um Gromutter spter
davon zu schreiben. --

Lotte hatte ihre ganze Erfindungskraft aufbieten mssen, um Frau
Bornemann erklrlich zu machen, da sie nicht an ihrem ursprnglichen
Ziele weile, sondern wo anders. Dort sei die Cholera aufgetreten, so
schrieb sie, und da habe ein Onkel ihrer Freundin sie smtlich
eingeladen, auf sein Gut, das sich hier in der Nachbarschaft der groen
Stadt befnde; auch werde die Post jeden Tag von dem Geschftshaus des
Onkels her -- sie nannte Herrn Knneckes Wohnung -- hinausgeschickt. Es
sei einfacher, alle Postsendungen immer an den Onkel selbst, Herrn
Knnecke, zu adressieren, da die Postverbindung zum Gut hinaus sehr
unzuverlssig sei und Herr Knnecke immer abends alles in seiner
Equipage mitbringe. Diese langatmige Situation erfand sie, und wieder
kam sie sich unsglich schlecht vor, die alte, gute Gromutter so zu
hintergehen. Aber sie war einmal in die Hintergehungen hineingeraten und
mute vorwrts. Fox wute von diesen Tuschungen, und er wollte sie zu
einer Art witziger Geistesbung machen, worauf Lotte jedoch nicht
einging. -- Dann nicht! sagte er; es scheint dir seit einiger Zeit
berhaupt alles egal zu sein, was ich vorschlage. -- Er hatte ein
bitteres, gekrnktes Gefhl gegen sie, und lediglich nur deshalb, weil
sie das Kind erwartete. -- Fox verlangte mehr Geld von seinem Vater; der
begann ihm Vorwrfe zu machen wegen seiner vielen Ausgaben, die sich
steigerten, und auf Pitt hinzuweisen, der nicht einmal die Hlfte von
dem brauchte, was Fox bekam. Diese Vorwrfe erschienen Fox ungerecht und
krnkend, denn das Geld wanderte ja nun zu einem groen Teil in die
Hnde Frulein Nippes. Lotte war zwar sehr bescheiden in dem was sie
brauchte, aber immerhin mute er sich ihretwegen doch sehr einschrnken.
Auf die Dauer jedoch wurde ihm dies unmglich; er begann Schulden zu
machen, und anstandslos borgten oder lieferten ihm Restaurateure und
Geschftsleute, da er ihnen allen schon so viel zu verdienen gegeben
hatte. Von dem einen Gegenteil verfiel er nun ins andere: Er wollte sich
entschdigen fr alle Unbill, er zog wirklich aus und mietete sich fr
die kurze Zeit seines Aufenthaltes -- denn inzwischen war das Semester
vorgerckt und bald nahte es seinem Ende -- in einer der schnsten
Straen ein. -- Wie alles werden sollte, wenn erst die groen Summen
kamen fr Lotte, die er dann zu bezahlen hatte, wute er vorlufig
nicht. Aber daran dachte er jetzt noch nicht. -- Weniger und weniger sah
er Lotte; das Problem des Weibes war entschieden interessanter als
sie. -- Lotte selbst vermite ihn nicht, ja sie war froh, da er nun
bald ganz fortging. In den ersten Zeiten wollte sie sich das nicht
eingestehen, aber mehr und mehr ahnte sie, da auch ihre Liebe schwand.
Ihre Zukunftsbilder beschftigten sich nie mit ihm. Schmerzlich war es
ihr, da er niemals von dem Kinde zu ihr redete, da er sagte: Wenn es
da wre, dann sei immer noch Zeit dazu. -- Da wirft sie mir nun Klte
vor! Gesagt hat sie es ja nicht, aber ich fhle es durch, ich fhle es
durch! so dachte Fox; und Pitt scheint sie fr den zartfhlendsten
Menschen zu halten! Was mir da Frulein Nippe erzhlt hat ber die Art,
wie er sich bei Lotte zu Anfang ber die Vaterschaft des Kindes
erkundigte -- sie scheinen beide nichts dabei zu finden -- nun, das wei
ich: Niemals wre _mir_ ein solches Wort ber die Lippen gekommen!
Neinnein, niemals! Ich finde das zynisch, ohne jede weitere
Entschuldigung.

Um so wohltuender war es Lotte, da Frulein Nippe so oft von dem
Kindchen zu ihr redete. In ihren freien Stunden sa sie bei ihr und
hkelte und strickte mit ihr zusammen Sachen fr das zu erwartende
kleine Wesen. Einmal sagte sie: Es ist mir beinahe so, als ob ich selbst
das Kind erwartete! Ach es mu doch zu schn sein, so ein wonniges
kleines Ding im Arm zu halten, das einem ganz allein gehrt!

Und Lotte begann sich leise auf diesen Augenblick zu freuen. Allmhlich,
ganz allmhlich war Ruhe ber sie gekommen, die furchtbare Angst um das
Unabnderliche war von ihr genommen, sie erschien sich nicht mehr, so
wie frher, wie das verruchte Gegenteil einer Mrderin etwa, indem sie,
anstatt zu tten, einem Wesen widerrechtlich das Leben gab. Pitt sah sie
nicht besonders hufig. Ihre Gefhle zu ihm waren ganz schwesterliche
geworden. Wrme und Khle gingen bei ihm durcheinander, das empfand sie
wohl, aber er war der erste Mensch gewesen, der ihr half, der sie
verteidigte, und das verga sie ihm niemals. Ab und zu besuchte sie ihn
noch, ging mit ihm ein wenig spazieren und dachte nicht mehr daran, da
sie ihn belstigen knnte; dazu war sie zu ernst, zu ruhig, ihrer selbst
zu sicher geworden. Unter den Bumen, die nun ihr goldenes Laub bereits
langsam zur Erde sinken lieen, sa sie manchmal mit ihm zusammen, auf
einer Bank, und whrend sie sich still von der Mittagsonne bescheinen
lie, dachte er: Nun gibt sie bald einem Kinde das Leben! Was wird sein
Schicksal sein? Und wenn es mein eigenes wre -- was fr ein trostloser
Gedanke, sich selbst noch einmal auf der Welt zu sehen; und dieses Kind
wchst dann heran, wird gro, und sieht sich spter wieder in anderer
Gestalt durchs Leben schreiten, und das geht immer so fort, immer so
fort, und war von allem Anfang so.

Also Lotte, sagte Fox eines Tages, indem er wieder, so wie damals beim
ersten Abschied, in seinen roten Glachandschuhen, den steifen Hut in
der Rechten, vor ihr stand, also Lotte, la es dir gut gehen. Ich reise
heute ab. Ich habe meinen Aufenthalt hier schon weit ber Gebhr
verzgert und kann nun nicht mehr lnger warten. Meine Eltern werden
ungeduldig. Ich habe Frulein Nippe noch eine gehrige Summe fr dich
hinterlassen, wenn die zu Ende ist, wird sie mir schreiben; die Summen
werden sich jetzt allmhlich hufen, ich wei noch nicht wie sie
geschafft werden sollen, aber geschafft werden sie, das garantiere ich.
Du sollst dir nicht zu allem brigen auch noch Sorgen um das leidige
Geld machen. Wo du das Kind hintun wirst, wie es versorgt wird, das
schreibst du mir spter wohl, natrlich postlagernd. Ich komme fr alles
auf, ich bin ein verllicher, anstndiger -- Vater. Ja ja, Lotte,
manche Fehler rchen sich im Leben; es ist der Fluch der bsen Tat, da
sie -- na und so weiter. Hab nur keine Angst, wird sich schon alles
berstehen! Und was unsere Zukunft betrifft -- deine und meine -- so
kann ich dir beim besten Willen noch nichts Nheres sagen, ich habe in
den nchsten Jahren groe Plne vor mir, und diese Plne erfordern --
aber Lotte unterbrach ihn: Ich wei das alles; mach dir nicht so viel
Mhe, Fox. -- Na ja, sagte er, etwas verlegen; also dann: Leb wohl,
Lotte! Er hielt ihre Hand einen Augenblick, indem er darauf wartete, da
sie ihm die Lippen zum Kusse bieten wrde, dann nahm er ihre Wangen
zwischen seine Hnde und drckte seinen Mund zart und schtzerisch auf
ihre Stirn.

Frulein Nippe sagte ihm allein adieu. Sie hatte Trnen in den Augen,
hielt seine beiden Hnde gefat und nannte ihn einen Ehrenmann; es tue
ihr ja so leid, da dies alles fr ihn gekommen sei; ein junger Mann
msse unbeschrnkt die goldne Freiheit genieen; sie verstehe es ja so
gut, da er gegen Lotte mehr Ungeduld als sonst etwas empfinde; andere
knnten es gefhllos nennen -- aber es sei das Recht der sieghaften
Jugend! Wieviel besser es doch gewesen wre, wenn dieses ganze Unglck
seinen Bruder Pitt getroffen htte, der -- na seien wir offen, zu Ihnen
darf ich schon ein freieres Wort reden! -- im Grunde ein wenig
stumpfsinnig dahinlebe! -- Absolut nicht, absolut nicht! sagte Fox,
dessen Familienstolz sich regte, aber im Herzen dachte er: Recht hat
sie! Endlich doch mal 'ne Person, die mich versteht! -- Mein Vetter,
fuhr sie fort, sitzt nun in seiner Schule und kann Ihnen nicht adieu
sagen, leider. -- Ist auch gar nicht ntig, dachte Fox, denn seine
Sympathie fr Herrn Knnecke war in der letzten Zeit wesentlich
herabgemindert. --

Und du, sagte er zu Pitt, willst du nun wirklich ganz hier bleiben in
den Ferien? Ja du kannst dir das schon leisten; ich mu zurck zu den
Alten, ich bin Pleite, absolut Pleite! -- Er hinterlie ihm noch einen
Haufen Aufstze, die er in den letzten Monaten zusammengeschrieben
hatte, und die zumeist ber das Bhnenwesen handelten. -- Ich habe da
erst mal mit groben Besen gekehrt, die feineren kommen spter dran, und
die eigentliche positive Arbeit beginnt erst, wenn dieser Augiasstall
einmal ganz ausgemistet ist! Mein Lehrer hat mir vorgeschlagen, ich
solle Dramaturg oder Regisseur werden, aber solche Ttigkeit ist doch
eine zu untergeordnete. --

So rumte Fox wirklich das Feld. Zu Hause ist es doch am besten, man mag
sagen, was man will! dachte er, als er im heimatlichen Bahnhof abstieg:
Die Heimat ist ein Hafen, in den man sich allzeit flchten kann vor den
Miseren des Lebens. Und die praktische Besttigung dieses Ausspruches
sollte er erfahren, als er sich endlich entschlo, sich seiner Mutter
anzuvertrauen, da er beim besten Willen nicht mehr wute, wie er nun das
viele Geld fr Lotte schaffen solle. -- Du bist mir ja ein schner
Windbeutel, du bist mir ja ein sauberes Frchtchen! so sprach Frau
Sintrup und lie diesen Bildern noch mehrere folgen, die gleichfalls dem
Gebiet der Konfitren entlehnt waren. Aber dann verstand sie sich doch
dazu, Fox die Summe zu bewilligen, um die er bat. Alles mute er ihr
erzhlen, von Anfang bis zu Ende, und wie es nichts mehr zu fragen und
zu erzhlen gab, sagte sie, sie wolle nicht in nhere Einzelheiten
eindringen, die Tatsache sei ihr genug. hnlich sprach sie zuweilen zu
Herrn Sintrup, wenn der ihr seine Erlebnisse beichtete, aus einem innern
Gefhl der Anstndigkeit und aus einer Forderung des Gemts heraus. --

Lotte wartete der Zukunft entgegen, die Zeit verging. Frau Bornemann
schrieb seit einigen Wochen mahnende Briefe, es sei nun die hchste
Zeit, da sie zurckkomme, der Lehrkurs des neuen Halbjahres beginne
bald, und mit bescheidener Frivolitt fragte sie endlich an, ob Lotte
sich etwa verliebt habe und darum nicht zurckkomme? Sie htte ja dem
Kind so gerne den Lehrberuf erspart! Ach, wenn sie sich doch verlobt
htte! --

Und Lotte wartete in dieser stillen Zeit ihrem Ereignis entgegen, mit
immer grerer Ungeduld, so wie man in kostbaren freien Tagen drauen
den zgernden Frhling erwartet, ehe man in die dunkle Stadt zurck mu
und in das graue Einerlei des Lebens, das nichts von den Herrlichkeiten
da drauen wei. Alle Angst hatte sie verloren, sie war zuversichtlich
still und beinah glcklich. -- Es handelt sich nur noch um Wochen! sagte
Frulein Nippe zu Herrn Knnecke, und setzte sich mit einer Frau in
Verbindung, da sie sich diesem Dienste nicht gewachsen fhlte.

Lotte war viel fr sich allein; sie suchte die Einsamkeit. Sie dachte an
die eigne Kindheit, an ihre Eltern, die nun schon lange tot waren, an
die Gromutter, die ihr nun alles ersetzte. Und strker als frher war
das Gefhl in ihr, sie handle unrecht, indem sie diese Frau hinterging,
die stets nur das Beste fr sie gewollt hatte. -- Lotte hatte sich an
ihren Zustand, an den Gedanken, der ihr anfangs selber so unfabar war,
gewhnt; alles Schreckliche lag so weit hinter ihr, da es nur noch als
ein Schatten in die ruhige Wirklichkeit hineinragte. Unwillkrlich
bertrug sie diese Ruhe auch in die Vorstellungen, die sie von ihrer
Gromutter hatte: Vielleicht, wenn sie doch einmal alles erfuhr, wie
Pitt immer sagte, vielleicht wrde es sie dann viel mehr schmerzen, da
Lotte kein Vertrauen zu ihr gehabt hatte, da sie zu andern, zu fremden
Menschen ging. Vielleicht wrde sie, wenn Lotte jetzt zu ihr kam, ehe
das Kind geboren war, sie zwar sehr traurig aufnehmen, aber doch
wenigstens froh darber, da sie ihre Furcht und Angst besiegte und
Vertrauen bei ihr suchte; sie war doch die Mutter ihrer Mutter! Es
traten Lotte die Trnen in die Augen; die Sehnsucht nach ihrer
Gromutter wurde immer strker, es wurde ihr zu immer grern Gewiheit,
zu immer dringenderer Forderung, da sie fort, da sie zu ihr msse.
Frulein Nippe redete ihr ab: Das sei so eine vorbergehende Stimmung;
wenn sie ihr folgte, wrde sie es wahrscheinlich bitter zu bereuen
haben. Sie rief ihr ihre erste Angst, ihre Furcht zurck, aber Lotte
sagte: Gromutter _kann_ mich ja gar nicht verfluchen, sie hat mir ja
nie, nie das geringste Wirkliche gesagt, sie mte sich ja selbst
verfluchen! -- Aber Frulein Nippe blieb bedenklich und sagte: Kind, ich
kenne die Leute besser; das ist ja alles schn und richtig, aber die
Scheuklappen, die sie andern um die Augen legen, werden zu schweren
Eisenpanzern, in die sie ihre eigenen Seelen hllen, und unbarmherzig
ziehen sie daraus das Flammenschwert des Gerichtes hervor, mit dem sie
ihr Opfer dann umgarnen! Tun Sie es nicht, tun Sie es nicht!

Auf Lotte machten derartige Reden im Augenblick wohl Eindruck, aber er
stumpfte sich ab, ihre Sehnsucht wurde strker und strker, und
schlielich wurde sie einzig und allein von dem Gefhl beherrscht: Nach
Hause! Mochte alles kommen wie es wollte. --

Da ihr Entschlu nicht mehr zu erschttern war, erbot sich Frulein
Nippe, voranzureisen und Frau Bornemann auf alles vorzubereiten. Lottes
Plan erschien ihr nicht mehr so verwerflich, sowie sie sich selbst eine
Rolle in ihm spielen sah, und was fr eine Rolle! In Gedanken war sie
schon gerhrt ber die Worte, die sie sprechen wollte, dann wrde sie
Lotte hinter einem Vorhang hervorziehen -- sie sah einen grnen Vorhang
vor sich -- und dann wrde sie eine segnend-symbolische Bewegung machen.
-- Aber Lotte wies ihr Anerbieten mit Dank zurck; sie wollte allein
gehen, ganz allein, nur vorher schreiben, da sie kme.

Herr Knnecke war fast bestrzt ber diese Wendung. Er uerte dies
unverhohlen und sah Lotte mit traurigen Augen an. Und als sie Abschied
nahm, hielt er ihre Hand lange in seinen beiden, sagte immer wieder: Ach
Gott, nein ist das traurig, ach Gott, nein ist das traurig, und es war
ihm, als wolle er noch viel mehr sagen, aber er brachte kein Wort weiter
heraus. -- Ihr selber kamen die Trnen: Ich bin Ihnen so sehr vielen
Dank schuldig, ich wei garnicht, wie ich Ihnen das vergelten soll! --
Das ist doch nicht der Rede wert, sagte Frulein Nippe, ich habe das
alles sehr gern fr Sie getan. -- Lotte wute nicht, wem sie mehr danken
sollte, ihm oder ihr. Und doch: Herrn Knnecke war sie noch viel
dankbarer als Frulein Nippe, die es ja auch stets gut mit ihr gemeint
hatte; aber Herr Knnecke war doch noch anders: Er hatte niemals
irgendein Wort darber verloren, was er fr sie tat, alles war
schweigend, selbstverstndlich geschehen, niemals wrde er gesagt haben,
da sie eine arme Schluckerin sei. --

Pitt begleitete sie zur Bahn. Im Wagen gab sie ihm den Brief zu lesen,
den sie an ihre Gromutter geschrieben hatte, aber noch immer bei sich
trug. Er fing an: Mutter meiner Mutter! Indem du selbst das Leben in
allen seinen Tiefen kennen gelernt hast, lenkt mein Herz vertrauensvoll
den Pilgerstab zu dir. -- Nicht wahr, das geht doch nicht, das klingt so
-- so beinah unbescheiden! -- Hat dir Frulein Nippe diesen Brief
aufgesetzt? fragte Pitt und lachte. -- Ja! und sie sagte, er sei in
seiner Art geradezu vollendet! -- Allerdings! sagte Pitt, da hat sie
recht. -- Sie habe ihn fnf-, sechsmal umgearbeitet und immer wieder
daran gefeilt, und wenn ich ihn nun nicht einmal abschreiben wolle, fr
wen sie sich dann die groe Mhe gemacht habe?! Da habe ich ihn
abgeschrieben, um sie nicht zu krnken, aber abgeschickt habe ich ihn
doch nicht! -- Das ist auch viel besser, sagte Pitt; so siehst du deine
Gromutter erst in der Wohnung; vielleicht wre sie sonst auf die Bahn
gekommen. -- Leb wohl, Pitt, und -- und -- ich habe dich doch viel
lieber als Fox! so sagte sie leise und kte andachtsvoll seine Wange.

Was tust du denn da mit dem Fernrohr? fragte Frulein Nippe und lugte
zwischen den Wnden der Hinterhuser hindurch, auf das ferne freie Feld.
-- Ich wollte nur den Zug sehen, sagte Herr Knnecke treuherzig, mit dem
sie abgefahren ist; gerade ist er durchgekommen.

Lotte nherte sich ihrem Ziele. Ihre zuversichtliche Stimmung nahm
langsam wieder ab. Sollte sie nicht doch irgendein vorbereitendes Wort
an ihre Gromutter schicken? Sollte sie nicht telegraphieren? Aber sie
wute, wie sehr Frau Bornemann ber jedes Telegramm erschrak, und
auerdem: war es richtig gehandelt? -- O wenn doch alles gut ausging!
Gromutter konnte sie ja gar nicht anders als freundlich aufnehmen! Aber
wenn sie sie nun berhaupt nicht aufnahm, -- wenn sie sagte: Lotte
gehre auf die Strae -- und vor ihr die Tr ins Schlo warf? Aber sie
war doch ihre Gromutter, die Mutter ihrer Mutter! -- So zogen in Lotte
die Empfindungen wechselnd hin und her, whrend drauen die
Telegraphendrhte langsam auf und nieder schwebten, wie von zwei
verschiedenen Mchten bewegt, die sich befehdeten. Sie verfolgte diesen
ewigen schwankenden Wechsel, brachte ihn mit ihrer eigenen Furcht und
Hoffnung in Verbindung, und dann lenkte sie gewaltsam die Augen davon
ab, da es ihr die Brust zuschnrte. Sausend flogen Drfer und Felder an
ihr vorbei, die Sonne sank fern hinter braunem Ackerland und sprhte
einen Goldstaub auf den dunklen Grund. Der Himmel rtete sich mehr und
mehr, die Welt schien wie in einem Flammenmeer zu brennen, ganz still,
ganz lautlos, whrend nur das Rollen der Rder weiterbrauste, und dann
sank alles langsam in ein fahles, erstorbenes Licht, die Bume lieen
sich nicht mehr genau erkennen, alles wurde zu starrenden, drohenden
Massen. -- Wenn ich doch da mitten drinnen wre! dachte Lotte; niemand
wte dann von mir, keiner erfhre etwas von mir, ich wre ganz allein.
-- Und sie versank wieder in Angst und Sinnen. --

Sie reisen gewi sehr weit? fragte pltzlich eine laute Stimme. -- Lotte
gegenber sa eine Frau, die sie schon lange teilnehmend betrachtete.
Solange es irgend anging, hatte Lotte alles getan, um ihren Zustand vor
den Menschen zu verheimlichen. Spter sagte ihr dann Frulein Nippe, sie
brauche sich durchaus nicht zu schmen; im Gegenteil: Eine Frau, die ein
Kind erwarte, sei ein erhebender Anblick; auerdem wisse ja doch
niemand, da sie nicht verheiratet sei. -- Lotte rusperte sich und
nannte ihr Ziel. -- Gewi ist es Ihr erstes Kind, das Sie erwarten!
sprach die Frau weiter und betrachtete sie mit Zufriedenheit, da sie gut
gepflegt aussah, einfach gekleidet war und einen sympathischen Eindruck
machte. Ja, sagte Lotte, es ist mein erstes Kind. -- Unwillkrlich lie
die Frau ihre Augen zu Lottes Hand gleiten, um den Trauring zu suchen.
Aber Lotte trug wollene schwarze Handschuhe. -- Ihr Mann erwartet Sie
wohl an der Bahn? -- Ja, er erwartet mich an der Bahn. -- Die Frau
nickte beruhigt und sagte: Ja ja, zu Hause hat man es doch am besten! --

Endlich hielt der Zug an ihrem Bestimmungsort, der Endstation des ganzen
Zuges berhaupt. Lotte sagte der Frau hastig adieu, und suchte sich
mglichst ungesehen zwischen den Menschen zu verlieren, indem sie
anfangs den Kopf hin und her wendete, indem sie tat als sphe sie nach
jemand, denn die fremde Frau konnte ihr vielleicht nachblicken. -- Dann
nahm sie einen Wagen und fuhr nach Hause. Wie sie alle die bekannten
Straen sah, wurde ihr immer ngstlicher ums Herz. Das Bild ihrer
Gromutter, wie es allmhlich in ihrer Vorstellung sich verndert hatte,
verwischte sich mehr und mehr; ihr Bild, so wie es war, trat ihr immer
deutlicher vor die Seele; und als der Wagen endlich hielt, klopfte ihr
Herz so stark, da sie nicht vermochte sogleich aufzustehen und
auszusteigen. Zudem ging eine ihr bekannte Frau den Brgersteig entlang;
die durfte sie nicht sehen. -- Es mu sein! dachte sie, erhob sich --
gezahlt hatte sie gleich zu Anfang -- und mit gesenktem Kopf, in dem
Gefhl sich mglichst zu verbergen, eilte sie in das Haus hinein.
Langsam stieg sie die Treppe hinauf; mehrere Male blieb sie stehen.
Sollte sie nicht wieder umdrehen, wieder auf den Bahnhof fahren,
irgendwo hinreisen, um sich zu verstecken? -- Im untern Stock erklangen
Stimmen; da schritt sie wieder aufwrts. Dann stand sie vor der Tr. Da
war das Porzellanschild ihrer Gromutter, dies kleine, ovale Schild, das
sie kannte fast solange sie denken konnte. Sie starrte darauf hin. Das
Angstgefhl stieg ihr im Halse auf. Eine unbekannte Visitenkarte war
daneben auf die Tr geheftet. Sie las den Namen ganz mechanisch, ganz
mechanisch las sie ihn rckwrts, die Buchstaben umdrehend, immer
wieder. Das Herz klopfte ihr jetzt bis in die Fingerspitzen. Da hrte
sie inwendig einen Schritt, den Schritt ihrer Gromutter. Sollte sie
etwa von selbst die Tr ffnen? Vielleicht in Hut und Mantel
herauskommen und Lotte berraschen? Fast bewutlos hob sie den Finger
und lutete. Es verging eine kleine Zeit, da hrte sie den Schritt
wieder. Schlrfend, langsam nherte er sich der Tr. Endlich, endlich
war er da. --

Wer ist da drauen? fragte Frau Bornemann von innen. -- Ich! -- Aber das
Wort kam so tonlos heraus, da sie etwas lauter hinzusetzte: Lotte. --
Jetzt ffnete sich die Tr, Frau Bornemanns Gesicht zeigte sich, freudig
berrascht: Ach Lotte, Lottchen, du bist es! -- Aus der Wohnung drinnen
erklang ein Klavier, jemand spielte einen Walzer. Lotte hielt sich gegen
einen Pfeiler gedrckt, unbeweglich stand sie da. Frau Bornemann wollte
auf sie zugehen, aber nach dem ersten Schritt hielt sie inne, der
freudige Gesichtsausdruck verschwand, entsetzt starrte sie auf ihre
Enkelin. Lotte wollte etwas sagen, irgend etwas, es war, als sei ihr die
Kehle fest zugebunden. -- Allmchtiger Gott! hrte sie da die Stimme
ihrer Gromutter rufen, langsam, ganz wie aus der Ferne. Frau Bornemann
trat auf sie zu und sah sie mit einem Blicke an, da Lotte die Augen
schlo. Sie ffnete sie aber gleich wieder, da sie ein Gerusch hrte,
das ihr zum Herzen fuhr: Frau Bornemann tastete in die Luft und wankte.
Lotte hielt sie und vermochte sie hineinzufhren ins Zimmer. Sie setzte
die alte Frau in ihren Lehnstuhl und lie sich selbst auf das Sofa
sinken, betubt, stumpf. -- _Die_ Schande! rief Frau Bornemann auf
einmal laut, und Lotte sah entsetzt auf sie, denn es klang gar nicht wie
die Stimme ihrer Gromutter. -- _Die_ Schande! wiederholte sie, und
pltzlich machte sie sich aus ihrem Sessel los und trat auf Lotte zu:
Fort, fort aus dem Hause, fort aus meinen Augen, du hast hier nichts
mehr zu suchen, mach, da du herauskommst, geh hin wo du hergekommen
bist, ich will nichts mehr von dir sehen, heraus sollst du, hast du mich
nicht verstanden? -- Sie drngte Lotte durch das Zimmer auf den
Vorplatz, und vom Vorplatz wollte sie sie durch die letzte Tr zur
Treppe drngen. -- Aber Gromutter -- aber Gromutter -- mehr brachte
Lotte nicht heraus, doch sie klammerte sich fest an sie, in Todesangst,
so da Frau Bornemanns Krfte erlahmten. -- Was ist denn da drauen los?
tnte eine fremde Stimme aus der Tiefe des Ganges. Die Musik war
pltzlich abgebrochen. -- Ein kurzes Schweigen herrschte. Frau Bornemann
hatte einen neuen furchtbaren Schreck bekommen, whrend Lotten diese
Stimme wie eine Hilfe, wie eine Rettung aus ihrer Not klang. -- Nichts
ist los! antwortete Frau Bornemann mit unsicherer Stimme, gar nichts ist
los, spielen Sie nur ruhig weiter. -- Die Tr schlo sich, nachdem sich
der Fremde noch einen Augenblick lauschend oder wartend auf der Schwelle
verhalten haben mute. Frau Bornemann lie Lotte auf ihrem Platze stehen
und tastete sich in ihr Zimmer zurck. Das Klavierstck ertnte von
neuem. Lotte blieb unbeweglich. Ihr war, als sei sie berhaupt gar nicht
mehr auf der Welt. -- Aber sie konnte doch nicht immer hier stehen
bleiben! Halb ohne Bewutsein von dem was sie tat, schritt sie auf den
Vorplatz zurck, schlo die Tr und suchte dann den Eingang zu ihrem
eigenen Zimmer. Aber die Musik klang hinter dem Holz ganz laut, so da
sie den Griff wieder sinken lie. -- Zwei Mieter; dachte sie mechanisch,
ich habe drauen doch nur _eine_ Karte gesehen. In Foxens Zimmer konnte
sie auch nicht; sollte sie in die Kche? Nein, sie wollte zur
Gromutter, sie wollte ihr alles erzhlen, sie mute sie erweichen. --
Frau Bornemann hatte sich aufs Sofa gelegt und hielt das Gesicht mit
beiden Hnden bedeckt. -- Gromutter! -- -- Gromutter!! -- Schrei noch
das ganze Haus zusammen, flsterte Frau Bornemann mit heftiger Stimme,
posaune deine Schande nur aus, dir liegt ja nichts an dem Ruf der
Familie, es ist dir ja ganz gleich, ob du deine Gromutter ins Grab
bringst -- o htte ich das gewut, als ich dich zu mir nahm, da du
meine Liebe mit so schndem Undank erwidern wrdest! -- Sie berhufte
Lotte nun mit den rgsten Schmhreden, die Lotte stumpf ber sich
ergehen lie. -- Aber wie sich Frau Bornemann in ihren Ausdrcken jetzt
immer noch zu berbieten suchte, brannte in ihr ein Gefhl bitterer
Emprung auf: Du bist ja selbst mit schuld! rief sie, wie ein Kind hast
du mich gehalten, nichts habe ich gewut, gar nichts, ahnungslos habe
ich etwas getan ohne berhaupt zu wissen was es war. -- Frau Bornemann
stand wie versteinert. Dann brach sie los: Ich, ich htte dich
gewissenlos erzogen? Ich, die immer nur dein Bestes im Auge gehabt hat?
Danke deinem Schpfer, da ich dich wie ein Kind gehalten habe, rein und
unberhrt! Sollte ich deine und meine Ohren mit solchem Schmutz
entweihen? War es nicht genug, da ich dich warnte vor den Mnnern, da
ich dir sagte: Der Mann ist gleinerisch, schn tut er in seinen Reden,
aber, lt man sich mit ihm ein, so lugt der Satan hervor?! Und mach du
mir nicht weis, da du mich nicht verstanden httest! Ich bin selbst zur
Schule gegangen und wei, worber junge Mdchen leider Gottes viel zu
viel reden! Die eine wei dies, die andre wei das, und wenn es auch
manchmal nicht stimmt, den _Kern_ trifft es immer! Es gelingt dir nicht,
dich reinzuwaschen, schmutzig bist du und bleibst du, und an deiner
Gromutter hngt auch nicht das Stubchen von einem Makel! -- Lotte
wollte antworten, die Gedanken verwirrten sich ihr. -- La dir doch
wenigstens alles erzhlen wie es gekommen ist! Frau Bornemann zitterte
am ganzen Krper: Ich will nichts hren, ich sehe schon genug! Meine
Ohren sollen nicht auch noch befleckt werden mit diesem Kot! Und als
Lotte dennoch zu reden anhob, hielt sie sich wirklich die Ohren zu. --

Was sollte nun werden? Bestand die Gromutter darauf, da sie das Haus
verlie? Frau Bornemann hielt die Augen geschlossen und rhrte sich
nicht. Es wurde Lotte pltzlich dunkel vor den Augen. -- Wo willst du
hin?! fragte Frau Bornemann herrisch, als sie Lottes Bewegung hrte und
dann sah. -- Du rhrst dich nicht vom Platze! keinen Schritt tust du,
ohne mich um Erlaubnis zu fragen! Was willst du in der Kche? -- Essen.
-- Essen! Seh einer mal an! Essen mchte sie, wenn ihre Gromutter am
Tode liegt, durch ihre Schande! Nichts wird gegessen, und jetzt setzt du
dich augenblicklich hin und erzhlst mir von Anfang an wie alles
gekommen ist! -- Lotte setzte sich und schlo die Augen. -- Nun, wird's
bald? -- Und Lotte erzhlte; alles was sie sagte, kam ihr selbst
unsglich schmutzig und verabscheuenswert vor, obgleich sie nicht viel
mehr erzhlte, als was sie frher Pitt und Frulein Nippe anvertraut
hatte. Frau Bornemann unterbrach sie durch einzelne Rufe der Klage oder
des Ekels. -- Dieser Lump! dieser Heuchler! dieser Schuft! Und das alles
unter meinen Augen beinah, unter meinen reinen, ahnungslosen Augen! Und
weshalb bist du nun im letzten Augenblick doch her zu mir gekommen? --
Ich hatte Sehnsucht nach Hause und nach dir! -- Frau Bornemann schlug
ein hhnisches Gelchter auf: Hast du mich so lange betrogen, httest du
mich auch noch ein bichen lnger betrgen knnen, das wre dir wohl
nicht allzuschwer geworden! Geld wolltest du haben, das ist die ganze
Geschichte, Geld, jetzt, wo es dir an den Kragen geht! Dazu ist die alte
Gromutter gut genug, versteht sich, nun mu ich auch noch das letzte
hergeben, mein Sparkassenbuch, fr dich, du Rabenkind! -- Geld, sagte
Lotte, brauche sie nicht, fr Geld sorge Fox. -- Nenne diesen Namen
nicht mehr! Ich will ihn nicht hren! und, ihre ersten Worte vergessend,
fgte sie hinzu: Natrlich, dafr hat sie gesorgt! kaltherzig gesorgt,
alles hinter meinem Rcken! Als ob es nicht meine Sache gewesen wre,
das Geld zu schaffen! Ich htte den Monsieur schon anders fassen wollen!
Zu seinem Vater wre ich gereist! Wieviel gibt er dir, der Monsieur? --
Ich wei es nicht, sagte Lotte stumpf, aber er hat mir schon viel
gegeben und noch viel versprochen. Frau Bornemann erklrte, sie werde
sich noch diese Nacht auf die Bahn setzen, und zu seinem Vater reisen.
Lotte beschwor sie, das nicht zu tun, es werde ja auch aus der Ferne
alles geregelt werden.

Sie fhlte sich ganz schwach; sie sagte, sie _msse_ etwas zu sich
nehmen, sie wre einer Ohnmacht nahe. -- Hier bleibst du! rief Frau
Bornemann, sich vom Sofa erhebend, keinen Schritt tust du, ohne mich zu
fragen, verstanden? Ich bringe dir schon was du ntig hast. -- Sie ging
hinaus und bereitete ihr ein kleines Abendessen. Lotte a heihungrig,
ohne ein Wort, dann bat sie um einen Schluck Wein. --

Frau Bornemann beruhigte sich in den nchsten Tagen allmhlich, ihre
Klagen wurden weniger heftig: Ach das Kreuz, ach das Kreuz, das Gott mir
auf meine alten Tage noch auferlegt hat! -- Ihre grte Angst und
Besorgnis war, es mchte jemand aus dem Haus, aus der Umgebung etwas von
der Schande erfahren. Lotte durfte keinen Schritt aus dem Hause, ja
selbst nicht aus dem Zimmer tun. Den beiden Mietern wurde unvermittelt
gekndigt. Demtig bat Frau Bornemann, sie mchten Rcksicht auf sie
arme Frau nehmen: Ihr Sohn in Amerika habe seinen Besuch pltzlich
angesagt, es sei dies die letzte Freude ihres Lebens, obgleich er
totkrank sei und sie ihn pflegen msse, und wenn sie ihn nun nicht
einmal bei sich aufnehmen knne, so wisse sie nicht, wie sie den Kummer
und die Beschmung berleben solle! -- Die beiden Herren waren gutmtig
genug Rcksicht zu nehmen und auszuziehen. -- Ich wre fast in den Boden
gesunken vor Scham, als ich ihnen das vorlog! Ich ehrliche Greisin, da
mich meine eigene Enkelin noch auf meine alten Tage zwingt, Unwahrheiten
zu sagen! -- Lotte antwortete nichts, sie schwieg jetzt immer, wenn die
Gromutter schalt; und Frau Bornemann schalt noch genug. Immer wieder
fing sie von vorne an, jeden Tag, wenn auch ihre Ausdrcke allmhlich
mehr gleichsam hergesagt klangen. Nachdem sie von sich selbst nichts
mehr zu sagen wute, ging sie zu den Eltern ber und sagte, die wrden
aus ihren Grbern fluchen. Und dann fgte sie hinzu: Dein Vater
allerdings tte besser seinen Mund zu halten, von dem hast du's geerbt,
dies saubere Wesen, der Apfel fllt nicht weit vom Stamm! Ach Gott, da
ich auch dem damals meine Tochter geben mute!

Lotte zog sich ganz in sich selbst zurck. Am schmerzlichsten war es
ihr, da ihr eigener Anblick der Gromutter so verabscheuungswrdig war,
da sie sie ohne ihren Willen, gegen ihren Willen immer wieder an das
Unglck erinnern mute. Und diese Erinnerungen wurden zu Mahnungen. Sie
berwand sich Frau Bornemann zu sagen, da es nun an der Zeit sei,
Schritte zu tun oder zu veranlassen. Einsilbig, bla, vergrmt sa sie
in ihrem Winkel, aus dem sie sich, wenn es dunkel war, erheben durfte,
um, in einen weiten Mantel gehllt, einen Schleier um den Hut gebunden,
lautlos und langsam die Treppe hinabzusteigen und ein wenig an die Luft
zu gehen. Sie schrieb an Frulein Nippe, da nun doch alles anders
gekommen wre, und da ihre einzige Hoffnung sei, sie mchte bei der
Geburt mit dem Kinde zugleich sterben, denn sie she weder fr sich noch
fr das Kind irgendeine knftige Lebensfreude voraus. Da Fox sie einmal
heiraten werde, daran denke sie nicht mehr, knne es auch gar nicht
wnschen, denn all ihre Liebe zu ihm sei erloschen, sie begreife nicht,
da sie ihn berhaupt je einmal geliebt habe. Was werden solle, wisse
sie nicht, sie suche die bsen Gedanken zu verbannen, aber sie kmen
immer wieder. Das Kind sei nun in den allernchsten Tagen zu erwarten.
Und doch knne sie nicht anders als sich wieder freuen auf dies Kind,
das ihr einziges und alles sei, was sie besitzen werde, auf das sie
allein und niemand anders ein Recht habe, und das seine Mutter
vielleicht doch einmal lieb haben werde, so da sie nicht ganz allein
und ausgestoen auf der Welt sei. --

Frulein Nippe las diesen Brief trnenden Auges Herrn Knnecke vor, und
Herr Knnecke sagte: Ach das arme Kind, wenn ich nur wte wie man ihr
dauernd helfen knnte! -- Herr Knnecke wute es allerdings ganz genau.
Er hatte schon manchmal ber diese Hilfe nachgedacht, die gar keine
Hilfe war, auch gar keine gute Tat, denn er erwies sich ja selbst
etwas Gutes damit! Aber dem standen wieder Bedenken entgegen: Er wute
ja gar nicht, ob Lotte ihn wirklich nehmen wrde, wenn er sie darum bat,
und dann -- seine Cousine! Es kam ihm so schlecht gehandelt vor, so
beinah heimtckisch, wenn er nun Lotte heiraten und sie dann allein
lassen wrde. Er htte nicht gewut, wie er berhaupt nur den Mut haben
sollte ihr das zu sagen, denn sie war doch so gut, so engelsgut zu ihm!
Sie hatte das Leben und seine Aufregungen und Plagen mit ihm geteilt.
Sollte nun das der Dank sein, da er sie verlie? -- Aber Frulein Nippe
war seinen Gedanken schon seit langem auf der Spur. Und da er nicht
redete, so redete sie. Er wurde dunkelrot bei ihren ersten Worten. --
Ich wei ja, sagte sie mit leisem Zittern in der Stimme, ich wei ja,
da ich dir nie mehr als eine Schwester sein kann, und was war der
Wunsch meines Lebens? Mit diesen meinen Hnden htte ich die Backsteine
zusammengetragen, um dir einen huslichen Herd zu bauen, Zentnerlasten
htte ich fr dich geschleppt, gearbeitet htte ich fr dich, bis ich
vor Erschpfung zusammengebrochen wre, mit erstarrten blauen Hnden in
der Wintersklte -- es hat nicht sollen sein! Habe ich nun auf das Glck
verzichtet, warum willst auch du auf das Glck verzichten? Liebster,
wonnigster, einzigster Mann, greif zu! Das Glck liegt auf der Strae!
Wahrhaftig, wirklich auf der Strae! Das arme Kind ist ja so gut wie auf
die Strae gesetzt! Da sitzt sie nun auf einem Meilenstein und streckt
suchend die Hnde aus nach einer Sttze! Sei du ihr diese Sttze, sei du
ihr der Eichbaum, an dem sie sich emporrankt! Sie nimmt dich, das ist
ohne Frage! Man hat doch Dankbarkeit im Leibe! Ich sollte die Frau nicht
kennen, wenn ich nicht wte: wenn eine von ihrem Schatz verlassen ist,
noch dazu wenn sie ein Kind erwartet, und es kommt ein andrer und steht
ihr als wahrhafter und guter Freund bei, da sie den dann nicht lieben
sollte. Erst Dankbarkeit, dann Liebe, das kommt so sicher, wie auf den
Blitz der Donner folgt. La du nur, so schlo sie, dem gewhlten Bilde
eine neue Deutung gebend, dies Donnerwetter erst einmal vorber sein,
das die schlummernde Frucht aus dem Mutterscho der Erde an das Licht
emporbringt, und dann spanne du den Regenbogen des Friedens zwischen ihr
und ihrem Schicksal! Ich selbst aber lchle dann wunschlos auf euer
Glck herab und fge eure Hnde ineinander! -- Sie schluchzte und barg
die Stirn an Herrn Knneckes Schulter. -- Nein, ich verlasse dich
niemals! sagte er. -- Aber mchtest du sie denn nicht heiraten? -- Er
berlegte, wie er ihr antworten sollte ohne ihr weh zu tun, denn dazu
gengte seinem Gefhl nach schon ein Doch, das ihm auf der Zunge
schwebte. -- Diese Pause, sagte sie, ist ein ganzer Band, in dem ich die
Geschichte deiner Seele lese, du bist mir wie ein aufgeschlagenes Buch,
in dem jede Seite rein und wei ist. -- Er weigerte sich nun aber doch,
irgend einen Schritt zu tun, denn diese Liebe und Gte rhrte ihn
zu sehr. Da aber sagte sie, es wre ein Verbrechen, eine
Unterlassungssnde, die er jetzt zu begehen im Begriff sei, ein
Verbrechen wider das keimende Leben seiner Liebe, die er mit gefhlloser
Hand zu erwrgen trachte. Wenn _er_ keine Schritte tue, so tue _sie_ sie
ganz wahr und heilig. -- Und du? fragte er. Wo willst du denn spter
hin? Es ist doch schrecklich fr dich, wenn du dann allein bist! -- Ich?
ich wohne dann selbstverstndlich nach wie vor bei dir! Ein bichen
Liebe wird wohl noch fr mich abfallen, wenigstens soviel, als ich
bisher genossen habe; ich habe mich doch wahrhaftig daran gewhnt mich
zu bescheiden; ohne mit der Wimper zu zucken, kann ich zusehen, wie du
deine Frau kt!! -- Sie hatte sich aus seinem Arm gelst und stand in
einer heroischen Haltung da. Sie fhlte sich ganz als Trgerin einer
groen, hehren Rolle; sie erschien sich wie ein Abgesandter Gottes, wie
ein Engel, der das Glck bringt; ja mehr als das, denn ein Engel ist
wunschlos und dem Erdenkummer fern. -- Herrn Knnecke hatte es, ohne da
er es wollte, etwas unbehaglich durchfahren, als sie sagte: sie bleibe
dann selbstverstndlich bei ihm. Er verbannte dies Gefhl aber sogleich
als schlecht und niedrig, er wute nicht einmal, wie er zu ihm gekommen
war, und nach einer Pause sagte er: Ja, wenn du wirklich meinst -- --?!
Und als Frulein Nippe auf Lottes Brief eine Antwort schrieb, fgte er
einige Worte bei, da auch er in der Ferne viel an sie denke und
teilnehme an ihrem Schicksal.

Lotte war dankbar, unsglich dankbar, namentlich fr seine Worte, da sie
so einfach und natrlich waren, whrend Frulein Nippes Stze einen so
getragenen Stil der Empfindung zeigten. Um so dankbarer war sie, als sie
als einzig Wohltuendes in ihre de Einsamkeit gelangten. -- Frau
Bornemann hatte allerdings ihre bsen Reden aufgegeben, da sie sah,
welch schlimme Wirkung sie auf Lotte taten, aber sie sprach nun so gut
wie gar nicht mehr zu ihr, erledigte alles was sie fr ihre Pflicht
hielt, und glaubte damit den Anforderungen zu gengen, die man an sie
stellen konnte. Mit der grten Geheimhaltung waren alle Vorkehrungen
getroffen, Ehrenwrter auf Verschwiegenheit abgenommen, alles Notwendige
war in entfernten Stadtteilen eingekauft, und endlich trat das Ereignis
wirklich ein.

Lotte berstand es gut und glcklich. Es war ein Knabe, dem sie das
Leben gab. Mit stillem Glck betrachtete sie das kleine Wesen, um das
sie soviel ttliche Angst, soviel Sorge, Kummer, Erniedrigung und jetzt
auch noch die heftigsten krperlichen Schmerzen erduldet hatte. Ganz
klein und still lag es da, mit geschlossenen Augen und geschlossenen
Fustchen. Frau Bornemann sah halb mit Ekel, halb mit Mitleid auf das
arme kleine Ding, die Frucht der Snde. Anfangs wollte sie berhaupt
nichts mit ihm zu tun haben, und erst als die wartende Frau erklrte,
ein solch steinhartes Herz sei ihr noch nicht vorgekommen, ging sie ein
klein wenig in sich und nahm sich vor zu zeigen, da ihr Herz nicht
steinhart sei. Dieser Ausdruck hatte sie im Innersten getroffen und tief
gekrnkt. Erinnerungen an frhere Geburten in ihrer eigenen Familie, aus
den verschiedenen Generationen, wurden in ihr wach, ohne es recht zu
wollen begann sie sich fr das Kind zu interessieren, und als sie es
einmal auf die Arme nahm und Lotte sich so glcklich darber zeigte,
sagte sie: Ach Gott, was knnte man froh sein, wenn alles mit rechten
Dingen zugegangen wre!

Sowie sie imstande war zu schreiben, teilte Lotte das Ereignis Frulein
Nippe und Herrn Knnecke mit. Beide schrieben sogleich zurck, und
Frulein Nippe sprach am Schlu dunkel von einer Wiedergeburt im Geiste,
was Lotte nicht verstand.

Lotte lebte nur ihrem Kinde; als es das erste Lcheln zeigte, strmte
eine ganze Flut von Glck und Wonne ber sie, alles Bse, alles
Entsetzliche war ausgetilgt, dies Lcheln war der Gru aus einem neuen
Leben.

Wochen vergingen, aber eines Tages lutete es drauen, und als Frau
Bornemann ffnete, stand da ein Herr von mittleren Jahren, der etwas
verlegen seinen Hut drehte und sie in einer ernsten Angelegenheit zu
sprechen wnschte. Sie fhrte ihn in ihr Zimmer, er setzte sich ihr
gegenber, ffnete den Mund und schlo ihn wieder. Frau Bornemann
betrachtete ihn mit wachsender Unruhe. Kam da wieder ein neues Unglck?
Aber der Herr sah vertrauenerweckend aus, und eher so, als wolle er ihre
Hilfe. Richtig, da sagte er es schon: Ich mchte Sie um etwas bitten! Er
hustete, um die Pause auszufllen, die dann folgte, und deren Ende er
selber noch nicht absah. Frau Bornemann kam pltzlich der Gedanke, sie
solle fr irgend einen wohlttigen Zweck Geld hergeben, und gerade
wollte sie sagen, da sie das nicht knne, als Herr Knnecke pltzlich
einen Anlauf nahm: Ich hre, sagte er, hier hat eine Geburt
stattgefunden! Und seine Augen blickten ausruhend der Richtung nach, die
seine Worte genommen hatten, gerade auf Frau Bornemann hin. -- Ach Gott
sind die Gerichte grndlich! klagte sie. Was wollen sie denn _nun_ immer
noch wissen? -- Herr Knnecke machte erst ein nicht verstehendes
Gesicht, dann sagte er: Ich komme doch nicht vom Gericht! Damit habe ich
nicht das geringste zu tun. Ich bin gekommen, um zu fragen, ob Lotte
wohl -- ob Lotte wohl -- --: also ich mchte sie gern heiraten! -- Aber
wer sind Sie denn? fragte Frau Bornemann, uerst berrascht. -- Ach so,
das habe ich vergessen! Er fuhr in seine Rocktasche, berreichte ihr
seine Visitenkarte und sagte gleichzeitig: Knnecke ist mein Name,
Wilhelm Knnecke. Ihre Enkelin hat lange bei uns gelebt und ich habe sie
lieb gewonnen. -- Frau Bornemann wurde immer verwirrter: Also sind _Sie_
der Vater von dem -- von dem Kinde? Lotte sagte mir doch -- -- -- Ich?
och nein! Ich bin nicht der Vater, sagte Herr Knnecke mit aufrichtiger
Stimme. -- Ja -- aber -- -- Frau Bornemann merkte erst ganz allmhlich,
da Herr Knnecke Lotte wirklich nur um ihrer selbst willen heiraten
wolle, und: -- allerdings auch mit darum, wie Herr Knnecke jetzt mit
grndlichem Ton versicherte, da das Kind einen legitimen Namen erhlt!
-- Mit _dem_ Makel? Mit _dem_ Makel?! -- Frau Bornemann geriet beinah in
eine Extase der Dankbarkeit. Herr Knnecke aber verbat sich jeden Dank:
_Er_ habe zu danken, wenn Lotte ihn wirklich nhme. -- Da ist ja gar
kein Zweifel ber! rief sie, das Kind wird ja weinen vor Freude. -- Sie
wollte ihn sofort zu Lotte bringen, aber er sagte, er wolle erst am
Nachmittag wiederkommen, Lotte msse sich die Sache grndlich berlegen.
-- Ach _die_ Ehre! ach _die_ Ehre! rief Frau Bornemann ein bers andere
Mal, ihn zur Tr begleitend. -- Lottchen, Lottchen, liebes Lottchen!
denk dir, du wirst wieder ehrlich! Sie erzhlte mit einem Schwall von
Worten das Vorgefallene. Lotte hrte unbeweglich zu, mit groen Augen.
-- Nun? du redest nichts? du sagst nichts? du willst ihn wohl am Ende
gar nicht? Wie? Lotte, jetzt schwre ich dir eines: Ich sage dir, Gott
selbst hat dir diesen Mann gesandt! Er hat Mitleid mit mir armer Frau
gehabt! Er hat mein Gebet erhrt! Und nun -- Frau Bornemanns dnne
Stimme wurde immer gedehnter und langgezogener: Wenn du jetzt dem
gnadenvollen Fingerzeige Gottes nicht gehorchst, so verfluche ich dich
bis in die unterste Hlle, da wird sein Heulen und Zhneklappen!! --
Lotte war immer noch unfhig zu sprechen: Herr Knnecke wollte sie
heiraten?! Ihre Augen fllten sich mit Trnen. Dieses groe, unverdiente
Glck! -- -- Endlich vermochte sie etwas zu sagen. Und die Gromutter
weinte und sagte, sie habe es ja immer gewut, da Lotte im Grunde gut
sei. --

Herr Knnecke konnte kaum etwas zu Mittag essen. Verlegen stand er dann
vor Lotte, sie streckte ihm die Hand entgegen, und er konnte nur sagen:
Also wirklich? also wirklich? Und als sie sich dankbar an ihn lehnte,
zog er aus seiner Westentasche einen Verlobungsring -- Frulein Nippe
hatte ihn bereits besorgt -- und steckte ihn an ihren Finger. Frau
Bornemann weinte wieder, brachte das Kindchen und sagte: Und das wird
nun auf Ihren Vornamen getauft, nicht wahr? Herr Knnecke schluckte vor
Zufriedenheit und Glck, nickte heftig und sagte: Natrlich,
selbstverstndlich, aber tun Sie es nur schnell wieder in den Wagen,
sonst erkltet es sich!




                          Siebentes Kapitel.


Pitt blieb in seiner Stadt, Semester fr Semester; er war mit keinen
Mitteln zu bewegen heimzufahren in den Ferien. Immer schrieb er, er
msse arbeiten, sich vorbereiten frs Examen. Das machte er dann nie,
Herr Sintrup wurde ungeduldig, aber seine Frau trstete ihn: Pitt sei
nun einmal ein Sonderling, ein Einsiedler, und schlielich sei es doch
ganz egal, ob er berhaupt nicht kme oder ob er da wre und sich den
ganzen Tag in seinem Zimmer einschlsse, so wie er es frher tat, wie er
noch auf der Schule war. Ihr selbst sei es im Grunde einerlei ob sie ihn
she oder nicht, die Ferne knne ja doch ihren mtterlichen so wie Pitts
Sohnes-Gefhlen nicht das geringste anhaben. So htte Pitt mit seiner
Familie so gut wie ganz auer Verbindung gelebt, wren nicht die
Geschftsreisen seines Vaters gewesen, die sich mit grerer
Regelmigkeit zu wiederholen begannen.

Na, und deine Elfriede? fragte dann wohl Herr Sintrup aus einem ihm
nahliegenden Gedankengang heraus, indem er sich behaglicher in den
Sessel zurcklehnte, und pltzlich die Barschaft seines Portemonnaies
berzhlte. -- Es ist nicht meine Elfriede! pflegte dann Pitt zu
antworten, worauf Herr Sintrup mit Regelmigkeit entgegnete: Schade,
schade, Junge, du weit dein Glck nicht anzupacken. --

Pitt hatte Elfriede nicht vergessen; sein Gefhl fr Lotte aber war ganz
brderlich geworden, in jener Zeit, wo sie das Kind erwartete; dann
wurde es halbbrderlich, und schlielich, als er sie einmal auf der
Strae sah, in ihrem Hausfrauenhtchen, den Kinderwagen schiebend,
dachte er: Sollte wohl ein Vetter so zu seiner Cousine empfinden, oder
zu deren Schwgerin? Da er sie einmal liebte oder zu lieben glaubte kam
ihm jetzt sonderbar vor.

So war wieder eine Windstille um sein Herz herum, und nur am Horizonte
leuchtete es, wenn er an vergangene Zeiten mit Elfriede dachte. Er
bildete sich ein: Sie habe er geliebt, und sie sei ihm verloren. Dies
Gefhl war s und schmerzlich zu gleicher Zeit, er konnte sich ihm
hingeben, ohne seine Gemtsruhe dabei zu verlieren. Aber eines Tages
wurde er aus diesen dmmerigen Empfindungen herausgerissen.

Es war im Foyer eines Theaters. Er stand gedankenlos gegen eine Sule
gelehnt, als er pltzlich Elfriede erkannte. Neben ihr stand ein junger
Knstler, auf eine etwas fremdlndische Weise sehr elegant gekleidet,
und er sprach zu ihr mit einem Ausdruck selbstverstndlicher
Vertrautheit. Ihre Figur war frischer, voller als frher, alles an ihr
schien zu leben, ihre Bewegungen waren sicherer, freier, selbstbewuter
geworden. Sie lachte gerade, und ehe sie das Gesicht wieder auf ihren
Begleiter hinwendete, blickte sie zufllig, ohne ihn bewut zu sehen, zu
Pitt hinber, drehte auch gleich den Kopf von ihm zurck, wandte ihn
aber im nchsten Momente wieder zu ihm hin, fragend, erstaunt. Pitt
hielt sich unbeweglich, hatte jetzt aber selbst das Gesicht zur Seite
gewendet. Er fhlte, da sie auf ihn zukam. -- Herr Sintrup! sagte sie
halblaut und freundlich, sind Sie das wirklich? -- Er lste sich aus
seiner Stellung und sah mit starren Augen auf sie hin, indem er
mechanisch die Hand ergriff, die sie ihm entgegenstreckte. -- Wie mich
das freut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen! hrte er sie sagen.
Wie lange, lange ist es her! Mir kommt es wie ein ganzes Leben vor! --
Mir nicht! antwortete er endlich. -- Ihnen nicht? Haben Sie inzwischen
so wenig erlebt? -- Sie wartete gar nicht die Antwort auf ihre Frage ab:
Und ich so viel, so viel! Das Leben ist so wundervoll! Jetzt bin ich
einmal wieder fr ein paar Wochen zu Hause, dann geht es zurck nach
Paris, zum Studium. Wissen Sie noch, wie ich frher spielte? Das kommt
mir jetzt so kindisch vor! Was habe ich damals fr eine Ahnung von Musik
gehabt! -- Eine elektrische Glocke lutete, das Publikum strmte langsam
in den Zuschauerraum zurck. Der junge Mann sah aus der Ferne etwas zu
ihr herber. -- Ja, wiederholte sie, und ihre Worte wurden schneller,
damals habe ich wie ein Kind gespielt -- ich war ja auch noch ein halbes
Kind. -- Sie sah halb beunruhigt zurck auf ihren Begleiter. -- Sie
hatten doch auch einen Bruder, fragte sie weiter, der damals noch auf
der Schule war? Der studiert nun auch wohl bald? -- Der studiert schon
lange! sagte Pitt. -- So! ach, wie die Zeit hingeht! Sagen Sie, Herr
Sintrup -- wollen Sie uns nicht einmal wieder besuchen? Ihren Freund
Harald sehen Sie allerdings nicht bei uns, der ist nun wirklich zur See
gegangen! Und Hedwig hat letztes Jahr geheiratet. Aber ich bleibe noch
ein paar Wochen; es wrde uns freuen Sie wiederzusehen! -- Es lutete
abermals. -- Ich bin mit einem Freund zusammen, der auch wieder nach
Paris zurckgeht, leben Sie wohl, und hoffentlich kommen Sie einmal
wirklich! -- Sie hielt ihm die Hand entgegen. -- Adieu, Elfriede, sagte
er. -- Sie sah ihn an, als kmen diese Worte aus einer fernen,
halbvergessenen Welt an ihr Ohr, dann zeigte ihr Gesicht wieder den
freundlichen Ausdruck wie zuvor, sie nickte ihm zu und ging zu ihrem
Begleiter zurck, der einen kurzen, forschenden Blick auf Pitt geheftet
hielt, aber sogleich hflich von ihm wegsah, als er seinen Augen
begegnete. Mit einer fast formellen Bewegung lie er ihr den Vortritt
durch die Tr, aber sein Blick streifte in unbewuter, vertrauter
Zrtlichkeit ihren Nacken.

Pitt verlie das Theater sofort; planlos ging er durch die Straen, bis
er sich mit einem Entschlu nach einer festen Richtung wandte und die
Huser der Stadt endlich hinter sich lie. Er schritt dem Winde
entgegen, auf der uralten Pappelallee; in den Baumwipfeln rauschte es
und die Stmme standen unverrckbar ruhig, unbeweglich. Einer nach dem
andern glitt still an ihm vorbei. Die kalte Nachtluft schlug an seine
Schlfen und beruhigte seine Gedanken. -- Was sollte er im Haus der van
Loo? Sollte sich jetzt ein kurzes, triviales, leeres Nachspiel ihrer
Freundschaft wiederholen? Jetzt erst, so fhlte er, hatte er Elfriede
ganz verloren. Ein ohnmchtiger Neid erfate ihn gegen den Menschen, der
die Stelle einnahm, die er selber htte einnehmen knnen. Er wollte
Elfriede nicht wiedersehen; mit diesem Erlebnis mute er jetzt ein fr
allemal abschlieen. Aber was wurde nun mit ihm? Wohin wrde ihn das
Leben tragen? Dies graue Leben, das so schattenhaft gespenstisch war und
so entsetzlich feste, wirkliche Formen hatte! -- Er blieb aufatmend
stehen und sah sich im Kreise um. ber ihm rauschten die Pappeln, und in
seiner Brust fhlte er sein Herz klopfen, dieses ewig lebendige Ding,
das unabhngig von seinem Willen den Rhythmus der Zeit angab, in der er
selbst dahingetrieben wurde. Er bekam fast Angst vor diesem Klopfen, das
er in der Stille der Nacht so deutlich fhlte, vor diesem Gestampf, das
an rastlose Maschinenarbeit erinnerte, die nicht um ihrer selbst willen
da war, sondern damit etwas entstehe. Fern flimmerten die Lichter der
Stadt, von irgendwoher tnte der langgezogene Ruf einer Lokomotive durch
das Bltterrauschen. Fast ohne zu wissen was er tat, trat er langsam auf
einen der Stmme zu, umarmte ihn und legte das Gesicht an die harte,
kalte Rinde. Seine Gedanken zerlsten sich, und wie er endlich heimwrts
schritt, sah er stets empor in die dunklen Baumwipfel, und es war, als
rckten sie hher und hher in den Himmel und als senkten sich die
Sterne in ihr Laub hinein.

Am nchsten Morgen als er erwachte, hatte er das Gefhl, als sei er
letzte Nacht sehr sentimental gewesen, und dann war ihm, als sei das
Ganze und alles was vorausging, etwas, das er nicht selbst erlebt,
sondern in irgend einem Buch gelesen htte; bis es ihm wieder klar
wurde, da alles wirklich in sein eigenes Leben eingriff, da er selbst
sich als Handelnder in der Welt bewegte. Sollte er doch zu Elfriede
gehen, nur um etwas zu tun und nicht immer alles blo als Erscheinung an
sich vorbeigehen zu lassen?

Tage verstrichen, er rhrte sich nicht. Dann traf er zufllig Elfriede
mit ihrem Freunde auf der Strae. Sie wollten in den Park spazieren
gehen, und Elfriede fragte ihn, ob er keine Lust habe mitzukommen. Er
wollte nein sagen, aber er sagte ja, und dann schritt er an ihrer Seite.
Dort im Park setzten sie sich unter ein elegantes Zeltdach, lieen sich
kleine Erfrischungen bringen, und die beiden machten sich darber
lustig, wie primitiv alles sei. Pitt sagte fast gar nichts, und
Elfriedes Freund, der sich im stillen darber wunderte, was fr
schwerfllige, ungesellschaftliche Menschen die Deutschen seien, fhrte
die Unterhaltung, mit einem auslndischen Akzent, in ziemlich
gebrochenem Deutsch; manchmal stockte er, sah Elfriede an, es kam
pltzlich ein wunderschn gebauter eleganter franzsischer Satz heraus,
und dann war es, als ob auf einmal ein ganz anderer Mensch hervortrte.
Elfriede war zu Anfang sehr lebhaft und vergngt, aber dann erschien sie
auf Momente ganz zerstreut, Pitt fhlte, wie ihre Augen auf ihm ruhten
mit einem stillen, fragenden Ausdruck, und er erwiderte ihren Blick mit
einem melancholischen Lcheln. Auf dem Heimweg ging sie an seiner Seite,
und am Ausgang des Parkes blieb sie pltzlich stehen und sagte auf
franzsisch zu ihrem Freund: Gehe du nach Hause, ich komme nach; ich
werde noch ein wenig mit Herrn Sintrup spazieren gehen, ich habe ihn ja
solange nicht gesprochen! -- Er schien etwas entgegnen zu wollen, aber
sie sah ihn mit einem stummentschlossenen Blick an, ein Blick, den Pitt
von frherer Zeit her kannte. Pitt sagte gar nichts, und erst, als
Elfriedes Freund ihm abschiednehmend versicherte, es sei ihm eine
besondere Freude gewesen einen frheren Kameraden Elfriedes kennen zu
lernen, antwortete er ganz zerstreut: Jawohl.

Was er und Elfriede dann auf ihrem Wege zusammen redeten, wute er
spter selbst nicht mehr; es waren fast lauter gleichgltige Dinge, aber
als sie sich die Hand zum Abschied reichten, war Elfriede bla. -- Sehe
ich Sie wieder? fragte Pitt; -- Ich wei es nicht! antwortete sie. --

Er sah sie nicht wieder. Am bernchsten Tag schrieb sie ihm ganz kurz,
sie habe sich entschlossen, mit ihrem Freund sofort nach Paris
zurckzufahren.

Nun war es umgekehrt wie bei ihrer ersten Trennung. Diesmal war es
Elfriede, die ihn verlie. Sie fhlte, da Pitt nicht fr sie der
Vergangenheit angehrte und ahnte wohl, da sie zurck in den frheren
Strudel gerissen werden knnte, wenn sie sich ihm berlie. -- Pitt
empfand dieses sehr wohl, und jenes ohnmchtige Gefhl des Neides -- das
ihm selbst so antipathisch war -- zerlste sich. Aber nun war es
trotzdem, als sei ein Tor, das frher halb geffnet war, fr einen
Augenblick ganz geffnet worden, und ehe er sich entschlo
hineinzutreten, schlug es zu und lie ihn drauen stehen. Frher, wenn
er an Elfriede dachte, rechnete er immer mit dem Gedanken: Es hngt ja
nur von mir ab zu ihr zurckzugehen! Die Mglichkeit eines solchen
Schrittes war beruhigend; er brauchte sie ja vielleicht nie zur Tat
werden zu lassen. Wenn ich nun ein anderer Mensch wre, dachte er, wrde
ich hier alles stehen und liegen lassen, hinter ihr herreisen und das
Tor einschlagen -- aber er fhlte, da er nicht die Kraft dazu haben
wrde, und dann, wenn es wirklich bis zur uersten Frage, zur letzten
Entscheidung kommen sollte:

Wollte er denn berhaupt Elfriede haben, fr das ganze Leben? Er fhlte
sehr wohl, da es sich fr sie nun um ihr ganzes Lebensschicksal handeln
wrde. Hatte er berhaupt die Kraft und den Mut dazu? Fhlte er nicht
bereits jetzt wieder, nur bei dem Gedanken etwas wie geheime Angst? --
Ich bin ein schwchlicher Mensch! dachte er, ich glaube, ich bin keiner
einzigen starken Empfindung fhig! -- Dann wieder schien es ihm, als
wrde sich alles leicht und wie von selbst ergeben haben. Dieser
Zwiespalt seiner Empfindungen trieb ihn herum und lie ihn nicht zur
Ruhe kommen. Htte ich nur ein einziges Mal ein wirkliches, starkes
Erlebnis! rief er oft, ein Erlebnis, das mich durch und durch rttelt
und mich von all dem Staube reinigt, der sich im Laufe meiner trgen,
empfindungslosen Jahre auf mich gesetzt hat! Dann wrde es sich ja
zeigen, ob ich irgend etwas Starkes, Lebensfhiges in mir habe, oder ob
ich nur ein Krper bin, dem alle Glieder gebrochen sind. --

Er begann zu suchen. Er ri sich aus seiner toten Abgeschlossenheit
heraus und trat in den Verkehr mit Menschen, mit Knstlern vor allem, da
er das Gefhl hatte, in diesen Kreisen wrde er am ehesten finden was er
suche.

Wieviel Kampf, Wrme und Zuversicht fand er pltzlich um sich herum,
wieviel Mut und Kraft dem Leben gegenber! Hatte er bisher blind gelebt,
da er von all dem keine Ahnung hatte? Alle dachten nur an zwei Dinge:
An ihre Liebe und an ihre Aufgabe. Mit Neid sah Pitt solche Paare an.
Jeder hatte Wrme und Interesse fr die Hoffnungen, fr die Ziele des
andern: Es gab Gemeinsamkeit. Dies fhlte Pitt so deutlich, wenn sie um
ein neu entstandenes Kunstwerk standen, das mehr von Hoffnungen sprach
als von schon erreichten Zielen, und er empfand doppelt seine eigene
innere Klte, wenn er solche Versuche, in denen eine Kraft sich
loszuringen strebte, mit den khlen Augen des Kunstrichters betrachtete,
der mehr das sieht was geleistet ist, als das was geleistet werden
mchte. Er schmte sich seiner Worte, die einer so armen Lebenswurzel zu
entspringen schienen, und bemhte sich wrmer, lebendiger zu empfinden.

Viel war er in Ateliers, auf kleineren Festlichkeiten der Maler und
Malerinnen, eine Flle neuer Gestalten begegnete ihm, fast gewaltsam
suchte er sich einzelnen zu nhern und zerschellte doch bei den ersten
Versuchen, da er selbst die innere Unnotwendigkeit empfand. Ein einziges
Mal schien es, als solle er in ein neues Erlebnis hineingezogen werden,
fhlte seine Seele eine grere Spannkraft. Aber sie lie nach, wie er
nicht das Mdchen selbst bekam, sondern nur ihr Bild, das sie ihm
schenkte, und das ihm nun pltzlich wertvoller und schner dnkte als
das Original. Der Wunsch, sie selber zu besitzen, war vorber.

Es vergingen wieder Wochen, er dachte kaum mehr an die Mglichkeit, in
einen neuen Strom hineingezogen zu werden, bis er eines Tages von einem
ganz starken Gefhl ergriffen ward, das ihn herumtrieb, halb glcklich
und halb unglcklich. Es schien, als habe das Schicksal ber ihn
entschieden. Pfeifend stand er in seinem Zimmer, ergriff gedankenlos
einen Gegenstand, lie ihn wieder sinken und dachte: Was ist es nur, was
habe ich nur? Ist es denn wirklich mglich?! Kann ein einziger Anblick,
ein einziges Sehen ber einen Menschen entscheiden?! Hatte er soviel
Wirrnisse und Unklarheiten durchmachen mssen, um jetzt wie mit einem
Schlage in das Licht zu treten? Wie anders war dies Mdchen als
Elfriede! Rasch, stark in ihren Bewegungen und in ihrem Blick, klar und
sicher in allem was sie tat; ganz blond, ganz ebenmig, und ihr Haar
viel glnzender, viel goldener als Elfriedes. Elfriede erschien mit ihr
verglichen schwchlich, unbedeutend. Wenn die beiden sich einmal
gegenberstnden! Herta hie sie mit Vornamen, und es schien ihm, als
knne diese krftige nordische Gestalt gar nicht anders heien! Morgen
wrde er sie wiedersehen, morgen wollte sie anfangen ihn zu malen. Er
konnte nur wenig schlafen vor Aufregung, bis er sie wiedersah, im
hellsten Lichte des Ateliers, in ihrem langen, weien Malkleid, das den
schimmernden Hals, der den blonden Kopf so stolz trug, freilie; keine
Spur von Scheuheit, von Verhaltensein lag in ihrem groen, blauen Blick,
es war, als kennten sie sich lange, als seien sie bis jetzt nur durch
einen Zufall getrennt gewesen.

Sie stammte aus dem uersten Nordwesten Deutschlands, aus einer
hochangesehenen Patrizierfamilie, die ganz nach alten Traditionen lebte.
Sie hatte sich freigemacht, gegen den Willen ihres Vaters war sie
Malerin geworden. Erst fast mit ihr deshalb verfeindet, shnte er sich
allmhlich mit dem Schritte aus, als er die Erfolge sah. An seinem
Vaterglck fehlte nun nichts weiter, als da seine Tochter nach Hause
gekommen wre und geheiratet htte. Sie dachte nicht daran, obgleich ihr
der Gedanke selbst nicht abliegend und fremd war, denn sie liebte ihre
Vaterstadt und das ganze Land da droben mehr als alles andre was sie
sah, und als letztes Lebensziel schwebte ihr ein breites Familienglck
in groem Stil vor, wie man es auf prunkvollen hollndischen Bildern
gemalt sieht. Aber dieses Ziel lag noch weit ab. Mehrere heftige
Erlebnisse endeten mit Enttuschungen, ohne ihre feste Natur im
mindesten zu beirren. Sie lernte Pitt Sintrup kennen, und seine
vertrumte Unklarheit, das Passive, Widerstandslose seines Wesens zog
ihre eigene, dem Leben zugewandte, auf das Leben wie zum Sprung
gerichtete Seele an. Pitt, dem noch kein Mdchen so entgegengekommen
war, fhlte seine eigene Empfindung mit fortgerissen. Er erzhlte ihr
sein ganzes Leben, und whrend sie kein Wort verlor, wurde in ihr der
Wunsch, diesen Menschen zum Leben, zum Erwachen zu bringen, was vor ihr
noch keiner gelungen war, immer heftiger. Sie sahen sich tglich, und
whrend er whnte, die Erfllung knne noch in weiter Ferne liegen, war
fr Herta selbst alles lngst entschieden. Dann kam ihre heftige
Einigung. --

Ihm begann ein neues Leben an ihrer Seite. Die Vergangenheit war
ausgelscht, eine unbekannte Frische kam ber ihn, seinem Dasein schien
ein wirklicher Inhalt gegeben, es folgte eine Zeit des Glckes, der
Ausgeglichenheit, der heitersten Ruhe, wie er sie nie fr sein Leben
erhofft hatte. -- Die ersten Tage ging er herum wie im Traum. Unfalich
war ihm alles: Wie war es mglich, da er wirklich ein Mdchen sein
eigen nannte, das er liebte und von dem er sich geliebt wute! Bisher
hatte er mit dem Gefhl der Liebe nur etwas Trauriges und Entsagendes
verbunden, und nun empfand er, wie alles andere neben ihr gering
erschien! Mit welchem Stolze zeigte er sich an ihrer Seite! --

Wie lange ihr enges Verhltnis zu Pitt dauern wrde, wute sie selbst
nicht; es reizte sie das Schicksal dieses Menschen, dem sie sich in
allem was das Leben anging, berlegen fhlte, in die Hand zu nehmen, und
jetzt, wo sie ihn nher kennen lernte, ward ihr dies Gefhl befestigt.
Ihr selbst war ein Leben ohne Arbeit, ohne Schaffen unmglich. Nur ein
paar Tage waren sie zusammen im Sden, dann verlangte sie zurck in ihre
Ttigkeit. Pitt gewhnte sich daran ihr in allem sich zu fgen. Sie
verlangte, da er selber arbeitete, und er tat es. Zu Anfang hatte er
fast Scheu, ihr seinen Beruf zu gestehen, da er glaubte sie werde ihn
verachten. Aber das tat sie gar nicht, im Gegenteil, und sie sagte: Mein
Vater wrde dich mehr achten als die meisten andern, die er durch mich
kennt, denn nach seiner Schtzung taugen im Grunde nur die Menschen
etwas, deren Beruf sich direkt wieder auf die Menschen richtet!

Sie setzte es durch, da Pitt sein Examen bei der nchsten Gelegenheit
machte. Er sagte, er fhle sich nicht sicher. Sie rechnete nach, wieviel
Semester er nun allmhlich hinter sich hatte, und meinte dann: wenn er
sich jetzt noch nicht sicher fhle, wrde er sich niemals sicher fhlen.
Er solle den Versuch machen, mehr als durchfallen knne er nicht, und
das sei nicht schlimm. Sie sprach auch mit einem seiner Professoren, den
sie kannte und auf einer Gesellschaft traf. Sie erfuhr, Pitt Sintrup
gelte in den Seminaren als der beste Kopf, der mit Leichtigkeit die
feinsten Fragen zu spalten vermochte, aber leider die ganze Jurisprudenz
wie eine Bagatelle ansehe. Nun setzte sie ihren ganzen Einflu hinter
ihn, und Pitt empfand es so wohltuend, da ihn jemand trieb; zum Scheine
weigerte er sich immer noch und trieb sie dadurch zu immer heftigerer
Forderung. Die hrte er so gern, und mit Vergngen sagte er dann endlich
lchelnd: Nun also -- in Gottes Namen! -- Und nach ein paar Monaten
machte er das Examen und etwas spter bekam er auch den Doktortitel, da
Herta sagte, es kme nun auch nicht mehr darauf an, ob er noch etwas
mehr arbeite. Dann aber gab es Kmpfe was nun werden sollte. Referendar
werden wollte er nicht, er wollte berhaupt nun nichts mehr mit der
ganzen Juristerei zu tun haben; wute aber auch nichts anderes. Ihr war
diese Erffnung ganz neu, sie lachte und nannte ihn verrckt. Dann
begannen tagelange Bearbeitungen, die damit endeten, da Pitt sich zu
allem bereit erklrte. Die Aussicht in eine fernere Zukunft schien ihm
nach diesen Gesprchen auch nicht mehr so entsetzlich wie frher: Hertas
Familie dort oben in dem kleinen Hansastaat hatte die grten,
einflureichsten Verbindungen, durch sie wrde es ihm leicht werden,
eine gute eintrgliche Stelle zu bekommen, die er durch eigene Energie
vielleicht nie erreicht htte, und groen Eindruck machte es ihm, da er
dann kein kniglicher Angestellter war, sondern da er unter einer
Republik diente, deren Oberhaupt, wie er erst jetzt erfuhr, Hertas Vater
selber war. -- Herta lchelte fr sich, als er ihr eines Tages erklrte:
Jetzt sitze ich wirklich drin, in diesem Maulwurfsnest; -- er meinte
damit das Amtsgericht. Und was wird dann eigentlich spter aus uns
beiden? fragte er manchmal; ich denke, du nimmst dir dann ein Haus fr
dich und wir besuchen uns wann wir mgen! -- La uns nicht daran denken,
sagte sie, bis dahin hat es sich schon entschieden, ob wir dauernd
zusammen bleiben wollen oder nicht; und wollen wir, so ist es nicht
anders mglich, als da wir den Schritt tun, den die meisten tun, die
zusammen bleiben wollen. -- Pitt verzog unwillkrlich das Gesicht, wie
wenn er etwas Bitteres schmecke. -- Wre dir der Gedanke so schrecklich?
fragte sie. -- O nein, antwortete er schnell, durchaus nicht, ich machte
dies Gesicht eben nur aus alter Gewohnheit. Herta sprach fter von der
Mglichkeit solcher Aussichten, ja manchmal, wie zum Scherz, malte sie
sich ihre und Pitts nhere Zukunft aus. Sie sprach von einem schnen
Haus, das sie sich bauen wrden. Sie wute schon den herrlichsten Platz
dafr. Oben im zweiten Stock sollte ein riesiges Atelier sein mit einem
Ausblick auf das ferne flache Land. Oft redete sie von diesen Dingen,
auch von den Menschen mit denen sie dort verkehren wrden, von ihren
Eltern, von ihren Verwandten. Pitt sah dann im Geist die lange Reihe der
Ahnenbilder, von denen sie ihm erzhlte, die zu Haus im groen Saale
hingen, und er wunderte sich ber ihren festen Zusammenhang mit ihrer
Heimat und allem was mit ihr verbunden war. Ihm selber fehlte solcher
Zusammenhang gnzlich, und bei ihren Worten berschlich ihn zuweilen ein
dumpfes Unbehagen. Gegen einzelne Menschen, von denen sie immer wieder
sprach, empfand er nach und nach geradezu eine Abneigung.

Wie ist es nur mglich, sagte er einmal, da ein Mensch so stark
verwandtschaftlich empfinden kann! -- Es kommt eben nur auf die
Verwandten an! entgegnete sie. Das lie er gelten, obwohl er wute, da
da noch ganz andere, tiefere Unterschiede mitspielten. Aber er sprach
nichts davon aus, da er fhlte, da, wenn sie dann darber stritten und
er Herta schlielich recht gbe, eine Einigung doch nur ganz
oberflchlich sein wrde. Und zugleich rhrte diese Frage berhaupt an
Tiefen, die er nicht sehen, die er vergessen wollte.

Du mchtest wohl, sagte sie ein andermal, als sie wieder von ihrem
Luftschlo redete, da wir unser Haus verschlssen und gar niemand
hereinlieen? -- Er lchelte, und zugleich durchzog ihn eine halb
peinliche Empfindung bei der Vorstellung an dies Haus, in dem sie allein
sein wrden. Er kannte es ja auch noch gar nicht, fr ihn war es
vorlufig ein fremdes Haus wie jedes andere. Herta freilich kannte es
auch noch nicht, und doch sprach sie von ihm als ob sie schon darin
wre. Sie zeigte ihm nun auch Bilder ihrer Eltern und ihrer Geschwister:
Lauter blonde, grogewachsene Menschen der reinsten Rasse. Alle hatten
unter sich hnlichkeit, wie die verschiedenen Bltter desselben Baumes.
-- Sie wollte nun auch Bilder seiner Familie sehen, und Pitt holte aus
einem Kasten einige halb vergessene Photographien, die ihm seine Mutter
mitgab, wie er ins erste Semester ging. -- Deinem Vater bist du nicht
hnlich, sagte Herta, und deiner Mutter auch nicht; wie bist du nur zu
diesem Kopf gekommen! -- Sie malte ihn jetzt noch einmal, und das Bild
wurde besser als das erste. Ihm erschien es, bei aller hnlichkeit, zu
laut in der Empfindung. Aber er sprach dies nicht aus, sondern
betrachtete es nur, in Nachsinnen verloren. -- Es wre besser, sagte er
endlich, wenn die Menschen ihren ganzen Krper aufgben und nur aus Kopf
bestnden! Wieviel Aufregung und Grliches wrde ihnen erspart bleiben.
-- Und das sagst du zu _mir_?! rief sie und sah ihn verwundert an. Sie
begegnete seinem stillen Blick, der sie nicht zu sehen schien. Mchtest
du, fuhr sie fort, da wir beide krperlos wren? Ist dir dein Krper so
wenig lieb? Er antwortete nicht. -- Was fr einen Unsinn redest du! Mein
Krper ist mir das liebste auf der Welt, viel lieber als mein Kopf und
alles was drin steckt an Kunst und Gedanken! Und lieber mchte ich auf
alles, alles verzichten als den kleinsten krperlichen Makel haben; du
redest wie ein alter Mann und sollst dich schmen! -- Er lachte und
zuckte die Achsel, und wie er sie so blhend vor sich sah, den
lebensvollen Blick jetzt halb vorwurfsvoll auf ihn geheftet, dachte er:
Mein Gott, wie recht hat sie, und wie dankbar bin ich, da sie nicht
krperlos ist! und schlo sie heftig in seine Arme. -- Siehst du nun wie
dumm du bist! Sie hielt ihn fest umschlungen, so lange und so
bewegungslos, da endlich seine Gedanken abirrten, bis er die
krperliche Ermdung des Stehens empfand und sich langsam aus ihren
Armen befreite.

Hre, sagte sie eines Tages, morgen kommen meine Eltern her; sie reisen
nach Italien, und bleiben nur einen einzigen Tag hier. Ich mchte, da
du sie shest. -- Pitt durchfuhr dies sehr unbehaglich. -- Was werden
deine Eltern denken? fragte er ausweichend. -- Sie werden sich die
Wahrheit denken, sagte Herta; sie wissen, da ich kein Kind mehr bin und
da ich nach meinen eigenen Vorschriften lebe. Und sie haben sich damit
abgefunden. Meine Mutter wei brigens ber dies Bescheid; sie wei ber
alles Bescheid, was mich angeht, und vieles wre noch viel schwerer
gewesen in meinem Leben, wenn ich mich nicht stets an sie gehalten
htte. -- Pitt war ber diese letzte Erffnung sehr erstaunt. Ich
glaubte, sagte er, deine Mutter sei so konventionell! -- Herta lchelte
und sagte: Du wirst sie kennen lernen und Achtung vor ihr gewinnen! Ich
glaube, du achtest die Frauen berhaupt viel zu wenig. -- Vor meinem
Vater allerdings, fuhr sie fort, vor meinem Vater suche zu bestehen! und
sie sprach die letzten Worte mit Nachdruck; -- brigens machst du dir
von ihm vielleicht ebenfalls ein falsches Bild. Mein Vater hat den
allergrten Blick fr Menschen und Dinge, es ist etwas Grozgiges in
seinem ganzen Wesen. Nur gegen seine nchsten Angehrigen empfindet er
wie ein gewhnlicher Brgersmann. In bezug auf mich habe ich es ihm aber
abgewhnt. Nimm dich zusammen, wenn du mit ihm sprichst, es ist auch gut
fr dich, fr deine sptere Zukunft, wenn er jetzt ein gnstiges Bild
von dir gewinnt. Ich kann mich doch auf dich verlassen, da du keinen
Unsinn redest? Da er nicht antwortete, fragte sie ihn halb unruhig: Du
fhlst dich doch jetzt ganz deiner sicher, nicht wahr?

Pitt liebte solche Fragen nicht. Herta tat sie zuweilen. Dann erschien
sie ihm jedesmal etwas fremd. -- Er legte den Arm um sie, kte ihr
glnzendes duftendes Haar und sagte: Sei ohne Sorge, ich werde schon vor
ihm bestehen. --

Pitt zog sich zu Hause um, zgernd, langsam, trat vor den Spiegel, sah
lange hinein -- und mit einem pltzlichen Entschlu entkleidete er sich
wieder, zog seinen gewhnlichen Anzug an und machte einen stundenweiten
Spaziergang, anstatt sich mit Hertas Eltern und ihr selbst zu treffen.

Damit verletzte er sie sehr. -- Hast du denn absolut nicht den Wunsch
gehabt sie kennen zu lernen? -- Er schttelte den Kopf. -- Manchmal
verstehe ich dich nicht! -- Ich dich auch nicht! antwortete er, und sah
sie nicht an dabei. -- Er ist schwerer zu lenken als ich glaubte; dachte
sie, man mu Geduld mit ihm haben und nicht zuviel auf einmal wollen.
Ich rede immer viel zu viel von allem, anstatt ihn ohne Worte zu lenken.

Es war ihr ein Bedrfnis von Zeit zu Zeit von ihm besttigt zu hren,
wie sehr er sich innerlich umgewandelt fhlte. Es erfllte sie mit
Stolz, da sie es vermocht hatte diesen schwankenden Menschen
aufzurichten und ihm das Gefhl seiner Kraft zurckzugeben. Dies
Bewutsein bildete einen Teil ihrer Liebe, die dadurch wieder etwas
Kameradschaftliches bekam; berall war sie die selbstverstndlich
Leitende, und er war so gewohnt ihr zu folgen, da es doppelt auffllig
war, wenn er einmal den eigenen Willen durchsetzte.

Jeden Morgen -- ob es nun gutes oder schlechtes Wetter war -- holte sie
ihn in der Frhe zum Spazierengehen ab; er war immer schon lngst fertig
und bereit, ehe sie ankam; das frhe Aufstehen tat ihm gut, er wunderte
sich, einen wie groen Teil seines Lebens er frher verschlafen hatte.
Nach einer Stunde trennten sie sich dann; sie ging an ihre Arbeit, er an
die seine. Sie machte ihm nicht gerade Freude, war ihm aber auch nicht
unangenehm. Sein Gedchtnis, das in den letzten Zeiten etwas
nachzulassen drohte, war frisch wie in seinen frhesten Jahren.

Manchmal berraschte er sich selbst, indem er einen tiefen Seufzer
ausstie und in eine Ecke starrte. Er lchelte; -- wie doch alte
Gewohnheiten in einem festsitzen! dachte er; wenn ich jetzt nicht
zufrieden und glcklich bin, so habe ich kein Recht auf Glck! --

Herta war immer frisch, immer schaffensfreudig, immer voller Plne fr
ihre eigene Kunst. Er sah jetzt auch viele ihrer frher gemalten Bilder.
Eines nach dem andern stellte sie vor ihn hin, und erzhlte wo sie
dieses, wo sie jenes gemalt hatte, merkte aber, da ihn dies nicht
sonderlich interessierte, obgleich er sich Mhe gab ihren Erinnerungen
zu folgen und selbst etwas von ihren Gefhlen zu empfinden. -- Du hast
recht, sagte sie; all dies hat ja im Grunde mit den Bildern nichts zu
tun und es wre schlimm, wenn man ihnen von diesen Gefhlen etwas
anmerkte; aber in der Erinnerung habe ich sie doch; dafr bin ich auch
kein Mann.

Hre, sagte sie eines Morgens zu ihm, mir scheint, du wirst jetzt faul;
gestern hast du mich eine Viertelstunde vor deinem Hause warten lassen,
und heute ebenfalls; weit du, das geht nicht; wenn du das fter tust,
mut du mich knftig abholen! Du mut dich an eine ganz regelmige
Tageseinteilung gewhnen, ohne die kommt man nicht aus im Leben. -- Am
nchsten Morgen war sie berrascht, ihn vor ihrem Hause zu sehen. -- Sie
lachte, wie sie sein halb zerstreutes, halb verschlafenes Gesicht sah:
so war es nicht gemeint von mir, auerdem ist es fr dich doch ein
Umweg! -- Er nahm sich vor, nicht mehr in solche Unregelmigkeit
zurckzufallen, und abends, wenn sie sich trennten, freute er sich auf
den Morgen. Doch kam es immer hufiger vor, da er dann am Morgen mit
dem Gefhl aufwachte: Jetzt sollen wir schon wieder zusammen sein! Wir
waren doch erst eben zusammen! Manchmal schwebte es ihm auf den Lippen
zu sagen, ob sie sich nicht lieber jeden zweiten Tag zum Spazierengehen
treffen wollten, aber er wute, da sie ihm dann Energielosigkeit
vorwerfen wrde. Fast mimutig kam er zuweilen die Treppe herab; aber
wenn er dann dieses Mdchen vor sich sah, das, unbekmmert um Wind und
Wetter, wie ein junger, herrlicher Baum vor ihm stand, und wenn ihn dann
das Gefhl berkam: Sie gehrt mir und niemand anders -- und wenn er
ihre krftige Hand fhlte, die frisch und warm in der seinen lag, dann
verga er das Gefhl, das ihn zuvor beherrscht hatte. Wieder und wieder
sagte er sich, wie dankbar er dem Schicksal sein msse, da dieses
vollendete Geschpf sein eigen sei. Und doch -- wenn sie dann zusammen
durch die Felder gingen, wnschte er sie manchmal fort. Mitunter fhlte
er sich geradezu beklommen durch ihre nahe Gegenwart. Er suchte sich
dies Gefhl auszureden, aber es kam wieder. Dann wurde er einsilbig und
zerstreut, und sie, die sich das nicht deuten konnte, fragte ihn, was
ihm sei. Er antwortete nicht und sah aus wie ein Mensch, von dem eine
Krankheit langsam Besitz zu nehmen droht, die ihre Vorboten
vorausgeschickt, leise eine unverstandene, allgemeine, dumpfe Angst
verbreitend. -- La mich allein! sagte er einmal, mitten auf dem Wege
stehen bleibend, ich wei nicht was es ist -- aber ich mu allein sein,
jetzt! -- Wie sie dann wirklich gehen wollte, hielt er sie wieder zurck
und sagte: nein, bleibe hier, wenn du fortgehst, fhle ich noch viel
mehr Angst. --

hnliche Stimmungen wiederholten sich abends, unverhllter, freier. --
Wir sehen uns doch morgen wieder! du mut doch jetzt schlafen! -- Sie
sah ihn ganz verstndnislos, mit groen Augen an: Gerade jetzt, jetzt
wollte er gehen, wo alles in ihr drngte, noch lnger mit ihm zusammen
zu sein, um langsam, mit ihm zusammen, sich wieder in die Wirklichkeit
zurckzufinden? -- Er zgerte und blieb, oder ging, je wie es ihn trieb.

Ich wei es nicht, sagte sie manchmal und betrachtete ihn sinnend,
zuweilen bist du mir ganz nah, und auf einmal habe ich das Gefhl, du
seist mir in Wirklichkeit ganz fern. -- Er widersprach alsdann mit
groer Heftigkeit, denn ihre Worte machten ihm innere Angst, sie
sprachen nur das aus, was er selber fhlte und nicht fhlen wollte.

Ich glaube, sagte er, als er einmal in etwas freierer Stimmung neben ihr
herging, wir sehen uns zu oft, wir drfen unser Gefhl nicht abstumpfen.
-- Das verstand sie nicht: Mein Gefhl wird nicht abgestumpft; und wie
denkst du es dir denn wenn wir spter einmal vielleicht wirklich dauernd
zusammen leben? -- Da war es, wie wenn etwas in ihm, das leise und
allmhlich angewachsen war, mit heftiger Bewegung an das Licht drngte.
-- Wie und wann dieses Schreckliche begonnen hatte, wute er nicht mehr;
er hatte es vor sich selber abgeleugnet, aber es meldete sich strker
und immer strker und lie sich nicht mehr bezwingen; was er seit
geraumer Zeit schon ahnte, und nicht ahnen wollte, sah er mit immer
qulenderer Deutlichkeit: da sein Glck den Hhepunkt berschritten
hatte, da es mit langsamem Schritte abwrts ging. Die erste groe Zeit,
wo alles unfalich, neu, als reiches Geschenk ber ihn gekommen war,
diese erste Zeit war lngst vorber, das Grte war ihm zur Gewohnheit
geworden. Manchmal schien es ihm, als sei alles von Anfang an eine
Tuschung gewesen, als wre er im Grunde stets allein geblieben. Aber
nun wehrte er sich mit Verzweiflung gegen sich selbst, denn was sollte
werden, wenn alles wirklich so war wie er es dachte, und wenn er dann
wieder allein sein wrde?

Wenn er Herta wiedersah, konnte er ihr zu Anfang kaum in die Augen
blicken, es war, wie wenn er seinen Makel offen auf der Stirne trge.

Was ist es denn?! Was hast du denn?! fragte sie, wenn er ihr so stumm
gegenbersa und in eine Ecke starrte. -- Er sah sie an wie ein
hilfloses Tier.

Langsam begann sie die Wahrheit zu erkennen. -- Liebst du mich nicht
mehr? fragte sie einmal. -- Er antwortete nicht. -- Weit du es selber
nicht? -- Ich liebe dich, wie ich noch nie einen Menschen geliebt habe.
So sprach er und suchte in diesem Wort selbst einen Halt. -- Was ist es
dann, was kann es dann sein, das dich so furchtbar niederdrckt? -- Ich
glaube, sagte er, es ist die Angst vor der Zukunft, wie du sie manchmal
hinstellst, dort oben, in deinem Lande -- das Haus -- deine Familie --
wir selbst, auf immer verbunden -- -- Es berlief sie khl. Vor all dem
hast du Angst? Es braucht ja nie zu sein! sagte sie halblaut und ihre
Augen nahmen einen halb traurigen, halb stumpfen Ausdruck an. -- Ja,
sagte er und sprang auf, aber das alles kann ja wieder vergehen, du
weit doch wie ich bin, es ist alles so schnell ber mich gekommen, ich
kann mein Wesen nicht in einem Nu von Grund aus ndern, du hast soviel
Geduld mit mir gehabt und mut sie weiter haben, du weit doch selbst am
besten, wie sehr du mich schon gendert hast, das htte auer dir
niemand, niemand vermocht! -- Sie trat dicht zu ihm heran, und wie er
ihre Arme fhlte, war es, als sei alles Schlimme vergessen.

Aber am nchsten Tage war es wieder da. -- Wenn ich jetzt nicht
glcklich bin, so habe ich kein Recht auf Glck! Dieses Wort, das er
sich schon frher vorgesagt hatte, verlor seine suggestive Kraft, es kam
ihm phrasenhaft und hohl vor. Er ging wie in einem bsen Traum umher. --
Bin ich denn verrckt geworden, sprach er zu sich selbst, wie und wann
ist denn dies alles gekommen? Liebe ich sie denn wirklich nicht mehr?
Aber sogar diese Selbstgesprche verloren an unbewuter Ehrlichkeit, er
hrte sich wie einen andern, er wute kaum selber mehr, was echt, was
unecht an ihm war. -- Mehr und mehr ahnte Herta die Wirklichkeit. Es
begann eine Zeit der Kmpfe fr sie, der ewigen Selbstverleugnung, der
berwindung und der angespanntesten Geduld. Noch immer glaubte sie,
alles knne vorbergehend sein. Manchmal empfand sie es selber, da es
besser sei, sie shen sich nicht so oft, und sie hielt ihn ein paar Tage
fern. Wenn sie dann wieder zusammen kamen, war sie doppelt liebevoll,
whrend fr ihn die Ferne eine andere Wirkung hatte: Sie nherte sein
Gefhl nicht, sie entfernte es nur mehr. Ihr Stolz begann allmhlich zu
leiden. Sie begann zu fhlen, da auch dieses Erlebnis zu einem Ende
fhren wrde, nicht durch sie, sondern durch Pitt selber, und dies gab
ihr ihre Kraft zurck. Mehr und mehr lehnte sich ihr eigenes Wesen gegen
das seine auf, das ihr im Grunde so sehr fremd war. -- Ich wei es,
sagte sie, da du mich nicht mehr liebst; du bestreitest es, du sagst,
dein Gefhl fr mich sei so wie sonst, und du habest nur Angst vor der
Zeit, wo wir vielleicht einmal verbunden sein wrden. Ich will nicht
sagen, da ich mit einem Menschen, den ich liebe, nur dann zusammen
leben kann, wenn ich spter dauernd mit ihm verbunden werde; du weit
aus meinem frheren Leben, da ich nicht so denke: Aber mit jemand
zusammen leben, der in einem spteren Zusammenleben nur etwas
Schreckliches, Entsetzliches erblickt, dem alles andere das nicht
aufwiegen knnte, was es an ueren Unannehmlichkeiten im Leben gibt --
denn um die handelt es sich nur -- das kann ich nicht! Von einem solchen
Menschen wei ich: Seine Liebe ist nicht so wie sie fr mich ntig ist!
-- Es ist nur dieses Eine! rief er; diese Furcht vor der Zukunft! Du
nennst das uere Unannehmlichkeiten -- fr mich sind sie untrennbar vom
Leben berhaupt!

Sie glaubte ihm noch halb, da sie die Sehnsucht hatte ihm zu glauben.
Seine entsetzliche, pltzlich wie wahnsinnig ausbrechende Angst vor
einem spteren, gebundenen, brgerlichen Leben, nachdem er eine groe
Zeit lang alles berwunden zu haben schien durch ihre Liebe -- war dies
nicht vielleicht wirklich, wie er selber sagte, nur wie das letzte
Aufzucken eines Lichtes, das erstickt schien, das heimlich weiter
schwelte und qualmte, das nun am Verenden war und fr einen Augenblick
noch aufflammte? Konnte nicht doch alles noch gut werden?

Sie lebten noch eine Zeitlang miteinander fort, scheinbar in der alten
Selbstverstndlichkeit, aber er verlor mehr und mehr von seiner
Natrlichkeit, er wurde geknstelt, sein Bild wurde ihr zur Karikatur.
Und mehr und mehr drngte ihre gesunde Natur, sich zu befreien von
diesem Gewicht, das immer schwerer auf ihr lastete. Eines Tages fate
sie den Entschlu, den sie seit langem erwogen hatte, der der einzige
Ausweg aus diesem Irrsal war: Alles mit einem Hiebe durchzuschlagen.

Er beschwor sie, flehte, sie blieb fest. Er warf ihr vor, sie liebe ihn
nicht mehr. -- Im Gegenteil! rief sie: da ich dich so sehr liebe, mu
ich allem ein Ende machen; ich will nicht, da etwas, das mir hoch
steht, herabgezogen wird, bis es schlielich triviale Gewohnheit wird,
die man bestehen lt, weil sie einmal bestanden hat; auf diese Weise
fhren viele Verhltnisse unter den Menschen endlich zu einer Ehe; von
der reden wir schon lange nicht mehr, aber so wie alles ist, bin ich mir
auch zu gut, berhaupt ein solches Leben weiter zu fhren, wie wir es
tun. -- In ihm begannen die festen Gedanken sich aufzulsen; das ganze
Zimmer, jedes einzelne Mbel schien sich pltzlich zu einer unerhrten
Bedeutung vorzudrngen; er sah mit einem Male, da hier ein Bild etwas
schief hing, da dort die Kante am Sekretr ein ganz wenig abgestoen
war, da jener Stuhl nicht ganz so schn mehr wre, wenn seine Lehne
sich nicht eben in diesem ganz besonderen Winkel an den Sitz anfgte --
und doch dachte er nur an seine Angst, an sich und Herta. -- Ich liebe
dich, wie ich nur berhaupt einen Menschen lieben kann, rief er, und
blitzschnell scho der Gedanke dazwischen: die vielen i's im Anfang
meines Satzes! Ich werde verrckt, was um Gottes willen ist dies! An
Gott glaube ich nicht einmal. -- Wie _du_ nur berhaupt einen Menschen
lieben kannst, das ist wohl leider wahr! rief Herta, und seine Augen
richteten sich nun auf sie, indem er ihre Gestalt fr einen Augenblick
fast wie einen Mastab der ganzen Hhe des Raumes ansah, obgleich er
verzweifelt auf sie blickte. -- Alles Glck, fuhr sie fort, ist dir nur
eine Selbsttuschung, du bist berhaupt unfhig einen Menschen zu
lieben. Ich bereue nicht mit dir zusammengelebt zu haben, aber das wei
ich: Die Erinnerungen, so warm sie sind, werden niemals Macht ber mich
bekommen, ich bin zu krftig, als da ich nicht alles berwinden knnte.
Ich habe Mitleid mit dir, soviel ein Mensch nur haben kann fr einen
andern, aber ich mu weiter; ich kann nicht bei dir bleiben, es ist
unmglich. Ob ich jemals einen andern heirate wei ich nicht, aber das
ist gewi: Du bist nicht der letzte Mensch, der in mein Leben
eingetreten ist, ich habe einen zu festen Willen zum Leben.

Alles an ihr atmete Kraft und Schnheit wie sie so sprach. Er war
vollkommen in die Gegenwart des Augenblicks zurckgekehrt; ein
Schmerzgefhl durchri ihn, und fast mit Wollust empfand er seinen
Schmerz: ich bin nicht empfindungslos, dachte er, o Gott, wie knnte ich
sonst so empfinden! Und er strzte an ihre Brust, in aller Angst vor der
Leere, die von neuem vor ihm lag. Er fhlte ihre Arme, aber sie
umschlossen ihn nicht mit der alten Kraft. -- Ich kann nicht von dir
fort, rief er heftig, du mut bei mir bleiben, du wirst sehen, da du
dich in mir getuscht hast, ich bin anders als du denkst, ich schwre
dir, da ich anders bin, nur la mir Zeit, dies ist ja ein Wahnsinn! --

Er prete seine Wange an ihren Kopf und starrte ber ihre Schulter
hinweg ins Leere, begegnete aber seinen eigenen Augen, die ihn aus einem
gegenberhngenden Spiegel ansahen. -- Herta schwieg und er ward
beruhigter. -- Fasse wenigstens nicht jetzt einen Entschlu, fuhr er
fort, ohne sein Spiegelbild aus den Augen zu lassen, nicht jetzt, wo du
dir selbst nicht klar bist ber alles, -- und mitten zwischen die Worte,
die er sprach, schob sich der Gedanke: Sie ahnt nicht, da ich ihre
Gestalt von hinten sehe. -- Warte wenigstens einen Tag, zwei, drei Tage.
La mich diese drei Tage dich nicht sehen, und dann la mich
wiederkommen, und was du dann beschlossen hast, dem werde ich mich
fgen, ohne Widerspruch. -- Die Lippen des Spiegelbildes schlossen sich:
whrend der Zeit war es Pitt so gewesen, als wenn der da drben redete
und nicht er selbst, obgleich er wute, da er sprach. Jetzt kehrte er
den Blick hinweg, sah Herta in die Augen und -- als erwache er aus einem
dumpfen Traum, packte ihn mit einemmal die helle Angst, er umklammerte
sie und brach in Trnen aus. Er fhlte ihren Krper und wute pltzlich
mit schrecklicher Deutlichkeit: Dies ist ein wirkliches Stck Leben, das
sich von mir losreien will, das einzige lebendige, das ich besitze. --
Sie strich ber sein Haar hin. Du hast recht! sagte sie, vielleicht sehe
ich dann alles anders. -- Aber sie dachte: Es ist doch alles vorbei.
Fhlte er wirklich stark zu mir, er wrde mich nicht bitten, er wrde
mich zwingen. In drei Tagen werde ich ihm dasselbe sagen mssen wie
heute. Er lste sich aus ihren Armen, sie reichte ihm die Hand und
geleitete ihn so zur Tr. Sie sahen sich lange in die Augen, als wollten
sie sich in die Seelen sehen, und beide empfanden fr einen Augenblick
den Schauer offener und doch verschlossener Welten. -- Wie mit einem
Entschlu schlang sie heftig die Arme um ihn, und er fhlte ihre Lippen
auf den seinen.

Sowie er drauen auf der Strae war, lste sich die Spannung in ihm. Es
war ihm wie nach einer langen Krankheit, die die Krise berstanden hat.
Die augenblickliche Gefahr schien vorber, und, wie es bei solchen
Krisen zuweilen geht, da der Patient, noch eben Abschied nehmend von
einem Leben, das ihm, nun er es verlieren soll, als das kostbarste
Kleinod erscheint, dieses selbe Leben, wenn es ihm zurckgeschenkt ist,
als etwas Selbstverstndliches hinnimmt -- -- so richteten sich Pitts
Gedanken schnell wieder auf die ihm gewohnte Wirklichkeit. Da Herta
nach drei Tagen noch bei ihrem Entschlu verharren wrde, glaubte er
nicht. Und er selber: Er wrde sich Mhe geben, da sie mit ihm
zufrieden war. Sie wrden miteinander sprechen, er wrde ihr sagen, da
es wirklich fr sie beide besser wre, wenn sie sich nicht so sehr oft
shen -- denn schon wieder regte sich in ihm ein kleines Unbehagen bei
dem Gedanken, da sie vielleicht wieder tagtglich beieinander wren --
und damit war dann alles Schlimme beseitigt. -- Aber trotz aller
beruhigender Gefhle empfand er eine Leere, und dann dachte er: Was ist
eigentlich gendert gegen frher?

Der nchste Tag verging, der bernchste auch, der dritte begann. Hatte
Herta seinen Vorschlag ganz wrtlich aufgefat? Mehr und mehr hatte sich
diese letzten Tage eine tiefe Niedergeschlagenheit seiner bemchtigt. --
Es ist nur das Wetter schuld, -- dieser ewige Nebel! dachte er, obgleich
er Nebelwetter mehr liebte als jedes andere. --

Am Abend ging er hin zu ihr, im rtlichen Dmmer der Laternen, deren
Lichter wie flimmernde trbe Kugeln im Grau zu schweben schienen.

Wenn sie nun auf ihrem Entschlu bestnde?

Eine alte Frau ffnete auf sein Luten. Mit schlrfendem Schritt ging
sie ins Zimmer und kam mit einem Brief zurck, den das gndige Frulein
fr ihn hinterlassen habe. Wo ist sie denn? Kann ich sie denn nicht
selber sprechen? fragte Pitt schnell und hastig. -- Verreist! antwortete
die alte Frau, und da sie nichts hinzuzufgen hatte, zog sie sich wieder
zurck und schlo die Tr.

Es war ihm, als habe er mit flacher, harter Hand einen Sto vor die
Stirne bekommen; noch auf der Treppe, unter einer Lampe, las er den
Brief; er las ihn zweimal, dreimal. Er empfand keinen Schmerz, keine
Trauer, aber ein dumpfes, stumpfes, gespenstisches Gefhl war in ihm.
Wie ein Traumwandelnder trat er endlich auf die Strae. Er sah nicht,
welchen Weg er ging, er setzte Schritt vor Schritt, ohne Aufhren, als
sei das Gehen das einzige in der Welt was er noch tun konnte. Die matten
Laternen blieben allmhlich hinter ihm, dann befand er sich in einem
endlosen stummen Grau. Endlich stie er mit dem Fu gegen etwas Festes,
gegen eine Bank, auf die setzte er sich, und blieb dort sitzen, den
Blick ins Nichts geheftet. --




                           Achtes Kapitel.


Fox Sintrup hatte, nachdem er die Stadt Lottes und Herrn Knneckes mit
Protest verlie, bald hier, bald dort studiert. Schlielich blieb er in
einer greren Universittstadt, die ihm behagte. Er arbeitete wenig,
wurde aber im Laufe der Zeit ein groer Feinschmecker und Weinkenner.
Dazu unterhielt er freundschaftliche Beziehungen zu den gewaltigsten
Persnlichkeiten.

So ein Lerchenzungenragout -- also es geht doch nichts ber so ein
Lerchenzungenragout! -- So sprach er in der Weinstube, sah alle
Freunde der Reihe nach an und fgte hinzu: Hchstens ein
Nachtigallenzungenragout, das soll noch besser sein, das kenne ich
nicht; dann erzhlte er, wie er neulich beim Kriegsminister eingeladen
worden sei, verstummte aber pltzlich -- scheinbar in ratloser
berraschung. -- Teufel noch mal! rief er endlich und schlug mit der
Hand auf den Tisch, indem er die Gegenbersitzenden wie in starrer
berlegung ansah, -- das habe ich ja total verbummelt! Kellner!
Briefbogen, Kuvert und einen Dienstmann! -- Whrend der Kellner
verschwand, erklrte Fox, er sei auch fr heute abend beim
Kriegsminister eingeladen, habe diese Einladung aber vollkommen
vergessen. -- Schon manchmal hatten seine Freunde Zweifel an seinen
Angaben erhoben, aber was er nun tat, schlug jedes Mitrauen nieder. Mit
Bleistift schrieb er flchtig einen kurzen Brief, whrend ihm seine
Nachbarn ins Papier schauten. Er entschuldigte sein Ausbleiben, das er
um so mehr bedauere, als er nun leider darauf verzichten msse, mit
seiner Exzellenz dem Handelsminister ber seine nationalkonomische
Broschre zu sprechen, die demnchst erscheinen werde. -- Der Brief ward
gefaltet, kuvertiert, auf den Umschlag der volle Name und die Adresse
des Kriegsministers geschrieben, und dem Dienstmann eingeschrft, das
Ganze sofort, aber sofort beim Hausdiener im Palais abzuliefern. Sintrup
verkehrt beim Kriegsminister! hie es nun, und sein Ansehen war wieder
um eine kleine Stufe gestiegen. Niemand hatte bemerkt, da Fox jenen
Brief nicht mit seinem Namen, sondern mit zwei unleserlichen
Anfangsbuchstaben unterzeichnete. Mochte der Kriegsminister sich denken,
was er wollte! --

Fox war und konnte jetzt alles; er hatte sehr viel gelesen, sehr viel
herumgehorcht und viel erfahren, manches Schwierige aus gedruckten
Abhandlungen auswendig gelernt. -- Ja du lieber Gott, die Menschen
fhren immer das Wort Kunst im Munde, was ist denn nun eigentlich
Kunst? Er nagelte den andern mit seinen Augen fest, und dann wurde mit
scheinbarer intensiver Anspannung des Geistes irgendeine komplizierte
Definition geboren, die er tags zuvor gelesen und memoriert hatte. Er
schriftstellerte, es erschienen hier und da in den Blttern in der Tat
Artikel von ihm, mit seinem vollen Namen gezeichnet. Frher schon hatte
er politische Broschren erscheinen lassen, diese aber alle anonym,
denn: -- Na, Sie knnen sich ja denken! Man zweifelte an seiner
Autorschaft, aber gelegentlich, wenn Freunde ihn besuchten, lie er sie
einen Blick in die dunkle kleine Kammer tun: Da lagen die Broschren
stoweise, verstaubt, und er sagte bedauernd: Ja, vom Schriftstellern
wird man nicht reich, wenn man Talent hat. -- Die Broschren hatte er
alle aus irgend einem Lagerraum, wo sie vergessen lagen, aufgekauft. Er
schrieb auch Essays ber veraltete, altmodische Schriftsteller, die er
ausgrub auf Bibliotheken; sie erschienen zwar nicht gedruckt, aber die
Manuskripte lagen bei ihm zu Hause, und er las sie vor; sie klangen gut,
merkwrdig echt war darin der Stil der Zeit getroffen. Allerdings hatte
er alles eigentlich abgeschrieben aus irgend einem verschollenen Buch,
das niemand kannte. Seine Bemhungen, sich im Ansehen der Menschen
aufrecht zu erhalten und es immer noch zu steigern, waren allmhlich ins
Groteske gewachsen und bedurften viel mehr Nachdenken und Aufwand als
seine frheren gelegentlichen Mystifikationen. Und da Fox im Grunde
eigentlich schwerfllig und faul war, so kostete ihn dies Treiben viel
Sorge und Selbstdisziplin. Er wurde ein Opfer seiner selbst.

Fox galt auch als guter Rezitator; es war bekannt, da er einst
Schauspielstunde gehabt hatte und da sein Lehrer ihm beim Abschied
sagte: Wenn _Sie_ nicht zur Bhne gehen, mach ich meine Unterrichtsbude
zu! -- Na, zur Bhne war er nicht gegangen, und im Vortrag der Gedichte
vermied er streng alles was an die Bhne erinnerte. Nicht scharf genug
konnte er die Unsitte der meisten Schauspieler verurteilen, die die
Gedichtform mit der dramatischen verwechseln, beim Vortrag mit den
Hnden agieren und wie auf der Bhne Mimik treiben: Wie unendlich fein
hatte schon Goethe diesen Unterschied przisiert! Auf _den_ Bahnen galt
es fortzuschreiten, da galt es wieder anzuknpfen. Unwillkrlich geriet
Fox, wenn er so redete, in die Spuren seines Bruders, dessen Gedanken
er, getaucht in die Farbe seiner eigenen Sprache, wiederholte. Er konnte
dies ohne jede Gefahr, von Pitt hatte hier niemand eine Ahnung, niemand
war dabei gewesen, wenn er ihm seine Gedichte vortrug. Fox bte sich
auch im Aufstellen barocker Behauptungen, wie sie zuweilen von den
Lippen seines Bruders kamen. Bei Pitt waren sie ein knstlerisches
Spiel, er glaubte selbst nicht an sie, hielt sie aber, wenn man dann
opponierte, mit allen Mitteln der Dialektik aufrecht; diese fehlten Fox
nun gnzlich. Die Einwnde, die man ihm entgegenwarf, nahm er nicht wie
Blle, denen man geschickt ausweichen, denen man durch ein einziges Wort
eine neue Richtung geben, die man parieren und auf den Angreifer
zurckschlagen kann, sondern sie lagen da wie dicke Holzkltze, ber die
seine Fe stolperten. Aber das schadete nichts: Mit einer Handbewegung,
wie Pitt sie liebte, wenn er seine Worte an mindere Leute verschwendete,
bis er selber ungeduldig wurde, schnitt er die Gegenrede ab und
verschanzte sich hinter eine vielsagende Miene, die bei ihm ganz von
selber dazu kam. Wie er noch mit Pitt zusammen war, ging sein ganzes
Bestreben dahin, selbstndig neben seinem Bruder zu erscheinen, seinen
Einflu zu verleugnen. Nun zehrte er sehr von der Vergangenheit, suchte
er seinen Bruder auch in seinen uerlichkeiten zu kopieren, verband er
dessen Sonderlichkeiten mit dem Pompe seiner eigenen Persnlichkeit, und
niemand sah das unscheinbare kleine Schiff, das diesen stolzen
Dreimaster in seinem Fahrwasser hinterherzog. Zuweilen war es, als wenn
die Maske pltzlich rutschte: So sagte er, ehe er seine Militrzeit
antrat, einmal mit kaprizis leidender Stimme: Dienen ist doch schlimmer
als tot sein! -- Nanu, Sintrup, rief einer, ich denke du willst es
mindestens bis zum Hauptmann bringen? -- Da sah ihn Fox erst unsicher
an, dann sammelte er sich und antwortete im schneidigst
zurechtweisenden, kurzen Tone: Na ja?!

Fox war gern gesehen in seinen Kreisen. Er zhlte nun schon zu den alten
Semestern, zu den sehr alten sogar, denn sein Examen htte er eigentlich
seit langem machen mssen, und Herr Sintrup wies in seinen Briefen
darauf hin, Pitt se doch nun lngst in Amt und Wrden. Fox trstete
dann immer mit dem Hinweis auf seine glnzende Karriere und auf die
wahnsinnig vorzglichen Anlagen seines Kopfes. Und zunchst lie sich
auch Herr Sintrup noch trsten, da er alles glaubte und ja auch
gedruckte und ungedruckte Besttigungen dieser Talente erhielt. -- Aber
Fox brauchte enorm viel Geld, so da Herr Sintrup sich oft fragte, wo
das noch hinauswolle. In den vornehmen Wirtshusern war er ein gern
gesehener und bestbedienter Gast, dem es nicht darauf ankam eine ganze
groe Gesellschaft freigiebig zu bewirten, wenn er in Laune war. Mit
Stolz sah er die Spitze seiner Nase sich braun frben und erklrte
denen, die den Grund nicht wuten, mit bedauernder Stimme, das kme vom
vielen Burgundertrinken, was auch der Fall war. Manchmal machte er sich
selber Sorgen um seine vielen groen Geldausgaben, und in der Erwgung,
da man stckweise teurer einkauft als wenn man en gros bestellt, lie
er sich zuweilen ganze Lieferungen kommen und legte sich auch aus
demselben Grunde einen Weinkeller an. Bezahlt wurde wenig oder nichts
von diesen Dingen, denn man kannte ihn als einen guten, sichern Kunden.
berall erweckte er den Anschein grter Vertrauenswrdigkeit, und er
selber hielt sich fr eine Art Ehrenmitglied der menschlichen
Gesellschaft. --

An festgesetzten Tagen der Woche besuchte ihn jetzt regelmig ein
Frulein, welches in seiner brigen Zeit einem durchaus einwandfreien,
anstndigen Gewerbe nachging. Sie war jung und ziemlich hbsch, und
bezog ein monatliches Gehalt von ihm fr ihre Toiletten, die stets
niedlich und sauber waren. Sie liebte Fox nicht gerade, aber sie hatte
ihn doch recht gern. Er fragte sie nie nach ihrer Vergangenheit, hatte
ihr aber angedroht, wenn er den Schein eines Verdachtes merke, so werde
Entsetzliches geschehen. Er habe von seiten seiner mtterlichen Familie
korsisches Blut in den Adern, sie solle es nicht in Wallung bringen! --

Sie verehrte ihn sehr, und da sie nicht viel Temperament besa, ward es
ihr nicht schwer sein Gebot zu halten. -- Mdchen mit Temperament,
pflegte Fox zu sagen, sind nicht mein Fall; viel besser so eine, die
abwartet, wie man selbst gestimmt ist! Die haben keine Launen und man
kann immer auf sie rechnen; wenn man sich mal trennt, geschieht es ohne
Aufregung und Geschrei. -- Fox war dieser Dame zwar nicht absolut treu,
aber sie bestand auch nicht darauf, nachdem sie ihn erst darum gebeten
hatte und mit den kurzen Worten abgefertigt wurde: Mnner sind einmal
polygam! was sie nicht verstand und sich erklren lie.

Es gehrte zu Fox' Ehrgeiz, die Mdchen, die er liebte, zu sich
heraufzuziehen, ja er sah es sogar als seine soziale Pflicht an. -- Jede
Woche bekam das Frulein ein neues Buch von seinem Regal, bis zum
nchstenmal mute sie es durchgelesen haben und angeben knnen was darin
stand. Auch fhrte er sie in die Musikliteratur ein, indem er ihr Lieder
vorsang und wohl auch dieses oder jenes Musikstck vorspielte, das er
noch von seiner Gymnasiastenzeit her auswendig konnte. -- Er hatte jetzt
Singstunden genommen, seinem Programm der allseitigen Ausbildung
folgend. Er sang mit vielem Gefhl, und war es ein Volkslied, so wollte
das Frulein unbefangen einstimmen, was er ihr aber, sich langsam auf
dem Klavierstuhl drehend, mit einem ausdrucksvollen Blick verbot. Dann
setzte er ihr den Unterschied auseinander zwischen Kunstgesang und
Naturgesang: Jedes fr sich allein sei schn, aber beide zusammen
bildeten eine unertrgliche Einheit. Und sie nickte mit dem Kopf und
sagte, sie begreife alles. Wenn Fox sich dann auf seinem Stuhle
zurckdrehte und den Erlknig von Schubert sang, so stand das Frulein
leise auf, ging zu dem kleinen Schrnkchen im andern Winkel des Zimmers
und entzndete eine Kerze, die sie dort brennen lie. War Fox mit seinem
Liede fertig, drehte er sich wieder langsam mit seinem Stuhle, diesmal
nach der andern Seite, starrte das Licht, noch halb im Reiche der Musik,
aber doch wie etwas Bekanntes, Selbstverstndliches an, erhob sich, nahm
es und verschwand, und kam nach einigen Minuten wieder, whrend deren
das Frulein still seine Rckkehr erwartete und solange einfach die
Augen schlo. --

Selbst diesem Frulein gegenber war ihm sein eigentlicher und eigener
Wert nicht gengend, doch wandte er ihr gegenber niemals komplizierte
Mittel an, um sich zu heben, sondern arbeitete nur mit groben, die ihren
Zweck vollstndig erfllten, denn sie glaubte alles, ohne sich jedoch
wesentlich dafr zu interessieren. Wenn sie so am Tisch saen, und er
ihr von seinen grundlegenden Arbeiten auf diesem und jenem Gebiete
erzhlte, nickte sie eifrig und dann immer unmerklicher mit dem Kopfe,
und erst wenn die Worte kamen: Ich kann dir sagen, mein neues Werk wird
wie eine Bombe einschlagen! wurde sie fr einen Augenblick lebendiger,
da er bei dem Worte Bombe auf den Tisch schlug, was sie jedesmal etwas
zusammenfahren lie, obgleich sie es ja eigentlich schon wute.

Ist sie wohl etwas indolent? dachte er manchmal. Er gab sich dies im
Grunde zu, auch sah er, da es ihm wohl nie gelingen wrde sie zu sich
heraufzuziehen, aber das schadete auch nichts: Goethes Frau hatte auch
weit unter dem Olympier gestanden, mit dem er sich brigens in keiner
Weise vergleichen wollte -- und dieses Frulein wrde er ja berdies
niemals heiraten, was sie auch ganz genau wute und nicht erstaunlich
fand.

So hatte er Monate und Jahre ein breites und durch nichts verbittertes
Dasein gefhrt, als ihm sein Vater eines Tages mitteilte, er habe starke
geschftliche Einbue erlitten, es sei die hchste Zeit, da Fox an sein
Examen denke. Er habe ihn nun lange genug erhalten und sei mit seiner
Geduld zu Ende. -- So sah er sich denn gentigt, sich von einem jener
eigens fr diesen Zweck vorhandenen Individuen fr das Examen einpauken
zu lassen. Ihm brummte der Kopf bei diesem Pauken, das Frulein mute
ihn berhren, und wenn etwas nicht stimmte, so hatte sie die Schuld.
Nach solchen Lernereien fhlte er dann das Bedrfnis sich auszuspannen.
Diese Ausspannungen wurden sehr hufig. Die leichteren Weine wirkten
nicht mehr, er trank ganz schwere; und auch die splte er fast wie
Wasser hinunter; am nchsten Morgen war er dann untauglich zu jeder
Arbeit, und doch mute er immer wieder trinken; der Wein war das einzige
was einigermaen half gegen die Last der Arbeit und die dsteren Ideen,
die allmhlich in ihm aufzusteigen begannen. Er fhlte, da das gute
Leben ein fr allemal ein Ende haben werde, zumal auch seine Glubiger
in immer grerer Zahl anfingen sich zu regen und schlielich dreist und
dreister wurden. -- Fast ununterbrochen rauchte er die schwersten
Zigarren; seine Hnde begannen zu zittern, sein Blick bekam etwas
Glasiges. Der Geist des Weines, eine schwirrende Flle von Paragraphen,
der blaue Rauch des Tabaks, das alles wirbelte in ihm durcheinander. Das
Examen kam heran, ging ber ihn, lie ihn zurck, und Fox war
durchgefallen!

Andern Tags sa Herr Sintrup im Sofa und studierte die Kursberichte. Da
wurde ihm ein sonderbarer Brief berbracht; das Kuvert war unfrankiert,
zerrissen, und mit dem Bemerk versehen: Von der Post verschlossen. Die
Buchstaben der mangelhaften Adresse waren verklext und tanzten auf und
nieder, und ebenso sah es auf dem Briefbogen aus, auf dem irgendeine
Flssigkeit halb klebrig eingetrocknet schien. -- Aus einem
Entrstungsruf fiel Herr Sintrup in den andern: Diese Schande, diese
Gemeinheit, diese Schamlosigkeit! Frau Sintrup trat verschlafen ein, und
nun hrte sie es: Fox war durchgefallen, und damit nicht genug: In der
Betrunkenheit hatte er diesen Brief geschrieben, in vollkommenster
Betrunkenheit! Als einen Witz teilte er seine Schande mit! Seine Schande
und seine Schulden!

Am selben Morgen starrte Fox mit ausdruckslosen Augen vom Bette aus
gegen die Decke und dachte immer: was habe ich gestern nur an den Alten
geschrieben, was war es nur -- irgend etwas Frchterliches.

Am folgenden Tage lutete es, und dann stand Herr Sintrup vor ihm. Er
war zunchst so erregt, da er kaum sprechen konnte; dann ging das
Donnerwetter los, Fox lie es ber sich ergehen, kleinlaut, wortlos,
ganz ohne sich zu verteidigen. Dann forderte Herr Sintrup Aufschlu ber
seine Schulden; er verlangte die Rechnungen zu sehen. Mit unsicheren
Hnden kramte Fox in seinen Laden und holte Papier auf Papier hervor,
drehte seine Gestalt zur Seite und hrte nur ab und zu Tne, die sein
Vater durch die Nase stie, kurz und wtend, so wie ein Hund, der niest.
-- Dann stand Herr Sintrup auf, trat zu ihm hin und durchbohrte ihn mit
seinem Blick: Kannst du mir in die Augen sehen? Hat dir dein Vater ein
solches Lebensbeispiel gegeben? Wie ich so alt war wie du, habe ich
schon lange selbst verdient, und vorher, als ich noch Geld von zu Haus
bekam -- berlegt habe ich mir jeden Pfennig, den ich ausgab, dreimal
umgedreht habe ich ihn, kaum eine Flasche Bier habe ich mir geleistet,
und wenn ich mir einen Hering spendierte, verteilte ich ihn auf zwei
Abende! Und du, und du? Sieh deinen Bruder Pitt an! Er ist kein
leuchtendes Vorbild, er hat auch ziemlich lange Zeit bis zum Examen
gebraucht, aber in punkto Geld _ist_ er ein Vorbild! Nie hat er auch nur
einen Pfennig mehr gebraucht als er hatte! -- Das weit du ja gar nicht,
sagte Fox etwas bissig, denn er rgerte sich, seinen Bruder als Beispiel
vorgehalten zu bekommen, vielleicht hat er viel mehr Schulden als ich!
Im selben Augenblick aber erinnerte er sich daran, da er ihn krzlich
schriftlich um eine grere Summe angegangen habe, und da dies Geld
sogleich auch eintraf; seine Worte erschienen ihm schlecht gegen Pitt.
Und deshalb fgte er hinzu: Ich glaube ja gar nicht, da es so ist,
absolut nicht, aber wenn es nun so wre, wenn er nun zehnmal soviel
Schulden htte als ich? Was wolltest du denn dann erst sagen?! -- Die
Logik ist ja reizend! spottete Herr Sintrup. -- Ja, bitte, antworte mir
doch erst mal, ich setze also voraus, Pitt htte soviel Schulden, da
meine ganz klein dagegen erscheinen! -- Diese Worte kamen langsam,
pointiert heraus, in abstrahierend objektivem Tone, und doch mit einer
innerlichen stotternden Zerfahrenheit, whrend er seinen Vater mit
festem Blicke anzusehen strebte und sein Kopf ganz leise, unsicher hin
und her ging. -- Bldsinn! rief Herr Sintrup, zeig mir diese zehnfachen
Rechnungen und dann la uns weiter darber reden! Bis jetzt halte ich
mich an deine eigenen. Er schlug wtend mit der Hand auf all die
Papiere. Da waren Zigarrenkistchen fr fnfzig Mark, fr siebzig Mark,
das flog nur so! Und die Summe fr Delikatessen, die Fox im Laufe der
Zeit -- meist ohne das Frulein -- vertilgt hatte, war so hoch, da Herr
Sintrup entrstet rief, soviel brauche er fr seinen Haushalt das ganze
Jahr nicht, und seine Frau a doch auch gern Delikatessen! -- Was denkst
du nun, da wird?? Glaubst du, ich zahle dir das alles? -- Nee -- sagte
Fox, so in die Enge getrieben, obgleich er eigentlich gar keinen Zweifel
daran erhoben hatte. Herr Sintrup wurde durch dies halb trocken
herausgesprochene Wort einen Moment aus dem pathetischen Dunst, in dem
er sich befand, herausgerissen, dann gab er seiner Stimme wieder
Nachdruck und fuhr fort: Das fllt mir auch gar nicht ein, und bel
wrest du dran, du Patron, wenn du nicht eine so schwache Mutter
httest. Fr diesmal bist du gerettet: Sie zahlt dir deine Schulden und
zieht das Geld von deinem Erbteil ab! Fox sah berrascht auf, denn dies
hatte er nicht erwartet. Im selben Augenblick aber fhlte er sich wieder
auf seiner alten Hhe und kam sich nun seinem Vater gegenber gleichsam
wie ein Geschftsmann vor, denn das Geld wurde ja von seinem eigenen
genommen, von dem, das ihm rechtlich spter sowieso zugekommen wre.
Beide standen sich nun wieder gleichwertig gegenber. Na -- sagte er,
zog die Augenbrauen in die Hhe und lie seinen Blick, ohne den Kopf zu
wenden, nachdrcklich zu seinem Vater hingehen: damit wre die
Angelegenheit ja dann fr alle Teile befriedigend geregelt; nun rede
aber auch bitte nichts mehr davon. Und er hoffte, dieser Blick wrde
gengen, seinem Vater Eindruck zu machen. berhaupt -- setzte er aber
noch hinzu, brchtest du mir gar nicht ein so groes Opfer, wenn du mir
die Schulden gezahlt httest: In ein paar Jahren htte ich dir alles
zurckgezahlt! -- Das ist ja reizend! hhnte Herr Sintrup, wohl dann,
wenn die Riesengehlter eintreffen? Vorlufig bist und bleibst du nichts
weiter als ein dummer Junge, der vom Gelde seiner Eltern lebt! Fox wurde
rot und sagte: Ich verbitte mir das, ich bin nachgerade alt genug mich
nicht mehr als Kind behandeln zu lassen, ich knnte selbst schon Kinder
haben! Graf Zitzewitz zum Beispiel -- -- Komm du mir nicht mehr mit dem
alten albernen Gewsch! rief Herr Sintrup in so befehlendem Ton, da Fox
unwillkrlich wieder sich ganz klein fhlte. Herr Sintrup ging aufgeregt
im Zimmer auf und ab, es folgte ein langes Schweigen, dann stellte er
sich vor Fox auf und durchbohrte ihn, den Mund zu einer Schlurede
ffnend, mit den Augen. Fox wollte diesen Blick aushalten und versuchte
ebenfalls durchbohrend auszusehen, beider Augenpaare begegneten sich, es
war wie eine stumme Kraftprobe, wer von beiden es lnger aushielt, dann
siegte Herr Sintrup.

Mein Entschlu steht fest! sagte er: Du bist durchs Examen gefallen,
nachdem du jahrelang gebummelt hast; ich gebe dir ein neues, letztes
Jahr zur Vorbereitung, und fllst du ein zweites Mal durch, dann ist es
aus zwischen dir und mir, dann erhltst du keinen Pfennig Geld mehr von
meiner Seite und magst meinetwegen Kellner werden, das ist mir dann
egal. Nun weit du's. Deine Glubiger werden jetzt befriedigt, sie
schicken ihre Rechnungen an mich, und ich warne sie dir ferner etwas zu
borgen, da ich fr nichts in Zukunft aufkomme. Und somit adieu!

Fox begleitete ihn wortlos zum Vorplatz hinaus, und wie sich Herr
Sintrup drauen vor der Tr noch einmal umdrehte, da es seinem im Grunde
weichen Vaterherzen widerstrebte, seinen Sohn so ohne jedes wrmere Wort
zu verlassen, und er ihn halb strafend noch, halb ermuntern wollend
ansah, kam das Frulein gerade die Treppe herauf. Herr Sintrup sah sie
nicht, sie aber ahnte sogleich, da dies Fox' Vater sei, und ohne eine
Stufe weiter emporzusteigen drehte sie sofort wieder um und nahm sich
vor, zu gelegenerer Zeit wiederzukommen. --

Fox blieb in dumpfem Brten zurck. Wieder kam er sich schlecht
behandelt vom Schicksal vor. Da seine Schulden bezahlt wurden, war
selbstverstndlich; da sein Vater ganz brutal gesagt hatte, nun wrde
nichts wieder bezahlt, das war herzlos, niedertrchtig. Da er jetzt
aber seine Lieferanten vor ihm geradezu warnen wollte, -- dafr fand er
berhaupt gar keine Bezeichnung, das war unqualifizierbar! Wenn sie auch
Vater und Sohn waren, so standen sie sich doch auch gesellschaftlich
gegenber; Herr Sintrup konnte Gott danken, da er Fox' Vater war! Unter
andern Umstnden htte er ihn gefordert, -- einfach gefordert!! --

Also nun hie es arbeiten und sparen!

Vor allem kaufte er sich noch einmal die herrlichsten Dinge zusammen, zu
einer Art von Henkersmahlzeit; die vertilgte er, und wie er satt war,
glaubte er, es werde ihm nun leicht werden, in Zukunft auf all das
Schne zu verzichten. Bei einer ausgezeichneten Zigarre schien es ihm
leicht, sich die ausgezeichneten Zigarren abzugewhnen. Auch den teuren
Wein mute er in Zukunft entbehren. Das schien noch leichter, denn es
befand sich noch ein kleiner Vorrat in dem Keller. Den trank er nun in
kurzer Zeit aus, um mit ihm aufzurumen, um reine Bahn zu machen fr die
Zukunft. Und dann war der Moment da, wo diese Zukunft wirklich beginnen
sollte: Mit dem Gefhl des Mrtyrers kaufte er sich eine ganze Kiste der
billigsten Zigarren, entzndete sich eine und sah die glhende Spitze
voll unverhohlener Bitterkeit an: Das schmeckt ja abscheulich, --
einfach abscheulich! sagte er laut, mit kurzen, hochfliegenden
Endsilben, wie wenn ihn gerade jemand beleidigt htte. Er lie die Kiste
stehen. -- Eine einzige, gute Zigarre, eine wirkliche Importe, wird mich
auch nicht rmer machen! Und diese Kiste hier bleibt auf dem
Schreibtisch, fr den Hausgebrauch. -- Der ersten Importe folgte bald
eine zweite, eine dritte, nur mit dem Unterschied gegen frher, da er
nicht mehr ganze Kisten kaufte, sondern Stck fr Stck. Und wie der
Wein zu Ende war, kaufte er ihn flaschenweise. Die einzige, die wirklich
etwas von Ersparnissen empfand, war das Frulein. Sie bekam keinen Wein
mehr, sondern nur noch Tee; und die Zuschsse fr die Toiletten hrten
gnzlich auf. Theaterbilletts sah sie auch nicht mehr. Fox setzte ihr
auseinander, sein Vater habe geschftliches Unglck gehabt; er hoffe
aber, die Zeit der Einschrnkung werde vorbergehend sein. Auf diese
Wandlung war sie nicht vorbereitet. Fox hatte sie zwar gelegentlich um
kleine Geldbetrge angegangen, die sie ihm auch bereitwillig gab, aber
das war doch nur geschehen, wenn es sich um Kleinigkeiten handelte und
er gerade nur lauter Hundertmarkscheine bei sich hatte. -- Jetzt merkte
sie nun, wie die Sache stand, und eines Abends sagte sie ihm in aller
Ruhe, sie mchte nun nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er machte ihr
Vorwrfe, sagte, die wahre Liebe berwnde alles, aber sie sagte, nein,
das knne sie nicht berwinden, und zeigte sich gegen seine
Auseinandersetzungen sehr strrisch und verrgert. Und als er sagte: Na
also, auf Wiedersehen, nchsten Freitag! schwieg sie brummig. -- Am
nchsten Freitag blieb sie auch aus. Bon! dachte Fox, wenn sie nicht
mehr will, ist es ihre Sache. Die nchste wird von allem Anfang an etwas
knapper gehalten. -- Es kam nun ein anderes Frulein, nicht ganz so
hbsch wie das erste, aber viel lebendiger; ja eigentlich viel zu
lebendig. Zu Anfang schwieg er und dachte: Es wird sich wohl legen; aber
es legte sich nicht. Fox liebte die Lebendigkeit nicht sehr. Das erste
Frulein hatte doch auch viel mehr Gemt gehabt! Er schrieb diesem
ersten einen sentimentalen Brief, whrend er sich unter der Hand nach
einem dritten Frulein umsah und es dem Zufall berlassen wollte,
welches von den dreien nun in Zukunft bei ihm fuen wrde. In der
nchsten Woche war die erste Freundin wirklich wieder da, und als sie
ihr Geld erhielt fr die Toiletten, sagte sie, das Vergangene sollte
begraben und vergessen sein. Das andere Frulein verlie den Schauplatz
so pltzlich, wie es ihn betreten hatte, unter Mitnahme mehrerer
wertvoller Gegenstnde, aber ohne Zeichen einer Krnkung. Das erste,
eigentliche Frulein fand von ihrer Nebenbuhlerin noch ein paar
Haarnadeln, sagte sich sofort, da es natrlich sei, da Fox inzwischen
einen Ersatz gesucht habe, und steckte sie in ihr eigenes Haar. --

Fox lebte nun fast wieder wie zuvor. Er mied die frheren Glubiger und
fand neue, von Arbeit war nicht viel die Rede, beinah nur in Briefen,
die er nach Hause schrieb. Wieder begann sich das Unwetter ber seinem
Kopfe zusammenzuziehen; aber auch diesmal wurde er gerettet; durch ein
an sich trauriges Ereignis: Frau Sintrup starb pltzlich, und hinterlie
die Verfgung, da ihren Shnen ein Teil des mtterlichen Vermgens, das
sie einmal zu erwarten hatten, schon jetzt ausgezahlt wrde. Herr
Sintrup erzhlte, seine Frau sei pltzlich am Schlaganfall gestorben.
Die nheren Einzelheiten waren traurig: Eines Nachmittags, nach einem
schweren Herrendiner, sa Frau Sintrup schlafend im Sofa. Nach kurzer
Zeit erwachte sie, fhlte sich sehr flau und erinnerte sich, da noch
sehr viel Hummermayonnaise da sei. Die a sie, ihr Appetit wurde
angeregt, und sie erinnerte sich weiter, da noch eine kleine halbe
Marzipantorte da sei. Die a sie auch, und jetzt wurde ihr fast nchtern
zumute. Es fiel ihr nun ein, da heute gerade frisches Schwarzbrot
gebacken wurde. Sie lie sich einen kleinen Laib kommen, bestrich ihn
dick mit Butter, und verzehrte ihn ebenfalls, obgleich sie eigentlich
fhlte, da sie nicht mehr konnte. Dann kam der erste Schlaganfall, dem
sehr bald ein zweiter folgte. Sie ahnte, da es mit ihr zu Ende ging,
und traf jene letztwillige Verfgung, ber die Herr Sintrup unglcklich
war, denn er sah nur Unheil fr seine Shne vor Augen.

Fox war aufrichtig betrbt, und als er spter jenes Testament erfuhr,
erschttert ber soviel Gte. Groe Trnen traten ihm ins Auge. Zwar
fuhr es ihm fr einen Moment durch den Kopf, da vielleicht gar nicht
soviel Gte dabei war -- er htte das Geld ja spter sowieso geerbt --
aber er verbannte diesen Gedanken sofort und dachte: Nein nein, dies ist
wirklich gro! Es war ihre letzte groe Handlung, mit der sie aus dem
Leben schied! Und er feierte das Andenken seiner Mutter fr sich allein,
ganz allein, in einer Weinrestauration. Er lie sich ein kleines
Separatzimmer geben, bestellte eine Flasche Sekt und zwei Glser, schlo
dann die Tr ab, fllte beide Glser, sah sie lange gedankenvoll an und
sprach endlich: Auf dein Andenken, Mutter! Dann trank er sein Glas aus,
wute nicht, was nun mit dem anderen werden sollte, und trank es
ebenfalls aus. Dann seufzte er tief und dachte: das ist nun alles, alles
dahin! Welch eine Flle von Liebe habe ich genossen! Wenn mich jetzt
jemand hier sitzen she, ganz allein, den Sohn, der das Andenken seiner
Mutter feiert, die ihn verlassen hat! Die Trnen traten ihm darber in
die Augen. --

Ernst, ohne nach rechts und links zu sehen, kam er endlich wieder aus
seinem Separatzimmer heraus, dessen Schlssel nachdrcklich und schwer
sich im Schlosse gedreht hatte, und die Kellner, die nichts von allem
begriffen, sahen ihm nach als wenn er verrckt geworden wre.

An das Examen wurde nun berhaupt nicht mehr gedacht, Herr Sintrup war
verzweifelt, aber Fox schrieb ihm ganz gelassen, es knne ihm doch ganz
egal sein, was er tue, denn er lebe ja nun nicht mehr von seinem Gelde;
er berief sich auerdem auf Pitt, der ja ebenfalls jetzt sein Leben
geniee, seinen Referendar an den Nagel gehngt habe und auf Reisen
gegangen sei.

Traurig und bekmmert war Herr Sintrup: was sollte nur aus seinen Shnen
werden! Und er selber arbeitete sich fr diese Shne ab, fr nichts und
wieder nichts! Er war doch auch noch nicht mit dem Leben fertig! Es
regte sich in ihm eine Bitterkeit gegen das Schicksal. Seine
Geschftsreisen wurden hufiger und endeten immer hufiger mit
ungeschftlichen Abschlssen. Sollte er am Ende noch einmal heiraten?
Mausi hatte ihm selbst gesagt: Traure mir nur nicht nach, das hat gar
keinen Zweck und ist kindisch. Der Mensch lebt und stirbt, und was liegt
denn schlielich an einem Menschen? Ehe er da war, hat ja doch niemand
an ihn gedacht, also was kann da so Besondres dran sein! -- Ja, das
hatte Mausi gesagt und ihn darauf hingewiesen, da er ihr ja auch
whrend ihres langen Zusammenlebens nicht immer treu war. Sollte er
wieder heiraten? -- Vorlufig nahm er eine Hausdame, und alsbald gingen
die bedenklichsten Munkeleien ber ihn und diese Dame um, die von
auswrts kam, voll und beinah ppig, und deren musternde Augen mehr als
Hausfrauentugenden spiegelten. Man begann sich leise von diesem Hause
zurckzuziehen, und nur einige Junggesellenfreunde frequentierten es
seither mehr, interessiert den neuen Zustand prfend.

Fox erfuhr von diesen Dingen durch alte Schulfreunde, die es fr ihre
moralische Verpflichtung hielten ihm alles mitzuteilen. Aber er berhrte
diese Fragen niemals, schon deshalb nicht, weil er jetzt so gut wie ganz
auer Korrespondenz mit seinem Vater war, und dann: Mnner haben Mnnern
in solchen Dingen nicht dreinzureden.

Pitt war auf Reisen, Fox fand, er msse auch Reisen machen. Aber whrend
Pitt vernnftig Geld ausgab, berechnend, wie lange er mit ihm reichen
werde, gab Fox es in unsinniger Weise aus, zumal er nicht allein reiste.
Das Frulein hatte erst gedacht es kme mit, aber Fox setzte ihr
auseinander, da da noch andere warteten, und da sie noch lngst nicht
an die Reihe kme. -- Da sagte sie, sie knne sich nur dann dazu
verstehen, die Beziehungen mit ihm weiterzufhren, wenn es in der
Zwischenzeit genau so wre, als wenn Fox am Orte bliebe, das heit, wenn
sie ihre Untersttzung weiter von ihm empfinge. Das fand er
selbstverstndlich, nachdem er im ersten Gefhle dagegen opponieren
wollte. --

Nach ein paar Monaten war er schon wieder da: Die Menschen sind
verschieden, sagte er zum Frulein, mein Bruder gondelt weiter in der
Welt herum; _ich_ sage mir, zu Hause ist es doch am besten; man hat sein
festes Heim und -- also ich habe mich wirklich nach dir gesehnt --
direkt nach dir gesehnt! So etwas im besten Sinne Anspruchloses wie dich
gibt es doch nicht wieder! Ich bin dir immer treu geblieben, seelisch
treu geblieben, von Anfang bis zu Ende, wahrhaftig'n Gott! Jetzt leben
_wir_ aber mal schn fidel zusammen, was? Er fate das Frulein um die
Taille, und sie sagte: Drcke mich doch nicht so, Robert. -- Von seinem
Vornamen Fox wute sie gar nichts. --

Es bildete sich jetzt ein Kreis von Existenzen um ihn, der ihm
schmeichelte und von ihm profitierte. Fox hielt lange Reden ber Studium
und Bildung, und wenn er fragte: ist das nicht glnzend, was? nickten
jene mit eifrigen Worten und sahen dabei zerstreut auf die Likrflasche,
auf den Wein, auf die Zigarren, denn ihr Interesse war durch Entbehrung
noch viel mehr auf diese Gensse gerichtet als bei Fox, der alles aus
dem vollen nahm. Sie getrauten sich anfangs nicht immer wieder selbst
von neuem zuzugreifen, verloren aber im Laufe der Zeit alle
Schchternheit, und den bergang zu rcksichtslosem Sichaneignen
bildeten sie, indem sie irgend einen Satz mit augenscheinlicher
Geisteskonzentration sagten und dabei wie in Zerstreutheit mit der Hand
in die Luft langten, bis sie den ersehnten Gegenstand ergriffen fhlten.
-- Sie umgaben Fox wie ein Stab, und er sagte manchmal zu dem Frulein:
Wirklich, es kommt nicht darauf an, da der Mensch bei Ministern
verkehrt, den eigentlichen Adel, den Geistesadel, findet man auch
anderwrts! Ich wundere mich, wo auf einmal so viele echte einfache
Bescheidenheit herkommt in meinem Bekanntenkreise, so viel neidloses
Anerkennen eines andern, der mehr bedeutet als sie selbst -- ich meine
mich damit.

Fox wurde allmhlich ausgesogen. Man zehrte von seiner Freigebigkeit,
lie es nicht genug sein von den Wirkungen seines Geldes zu leben,
sondern bat ihn um direktes Geld. Er gab immer und bekam nie etwas
zurck. Oft nahm er sich vor nein zu sagen, aber er vermochte es nicht.
Dies Gefhl, in die Westentasche zu greifen und dort vornehm mit dem
losen Gold zu klimpern, es hervorzuholen wie wenn es Pfennige wren und
es von oben in eine ausgestreckte leere Hand zu legen, war zu angenehm,
es war zu schn, zu denken, da der andere dchte: Ja, der hat's gut,
dem macht es nichts ein paar Goldstcke weniger zu haben. -- Immerhin
konnte Fox sein gutes Leben mit diesem Gelde eine gute Weile weiter
fristen, obgleich er sehr viel ausgab, aber dann begann die Zeit der
Sorgen wieder. Er berechnete, wie lange er sich noch halten knne; dann
erhielt Pitt einen Brief: Er habe gewi etwas Geld fr seinen Bruder
brig, und wirklich schickte ihm Pitt eine grere Summe, obgleich er
sich sagte, da es dann mit seinem eigenen Wohlleben schneller zu Ende
gehen werde. Aber er dachte: dies Geld wrde vielleicht fr ein halbes
Jahr lnger reichen, nehmen wir an, es lge schon in der Vergangenheit.
-- Fox hielt sich noch ein paar Monate und dann begannen die frheren
Jmmerlichkeiten wieder. Schulden hatte er schon lngst wieder gemacht,
zu einer Zeit noch, wo er alles htte bar bezahlen knnen, und, so wie
damals, begannen die Glubiger jetzt sich zu regen, erst einzeln, dann
immer mehr. Es gelang ihm neue Anleihen zu machen, die er zum Teil dazu
verwendete, alte zu begleichen. Schlielich brachte er in diese ganze
Ttigkeit ein wohlberlegtes System: Einer mute immer den andern
substituieren. Alle bildeten ein in sich geschlossenes Ganzes, das sich
in sich selbst verschob, das leise hin und her schwankte, da Fox den
Schwerpunkt bald hier-, bald dorthin verlegte. Aber allmhlich brachen
von dieser Scholle, auf der er selber trieb, einzelne Stcke ab, sie
wurde kleiner und kleiner, man weigerte sich, ihm weiter zu borgen.

Was soll nur werden! dachte er nun fter und fter. Seinen Vater
nochmals um Untersttzung anzugehen erschien ihm zwecklos, zumal er
nicht recht wute, ob er mit ihm eigentlich gebrochen habe oder nicht.
Waren die Glubiger das erstemal schon zudringlich und dreist, so
strzten sie sich nun auf ihn wie losgelassene Hunde. Jeder wollte
derjenige sein, der aus dem allgemeinen Ruin noch sein Teilchen Habe
herausri. Fox' Manipulationen wurden fieberhaft und sinnlos. Er
schickte Blumenstrue, wie wenn seine Lieferanten Primadonnen wren.
Stck fr Stck verkaufte er von seinen Sachen, was nur irgend zu
verkaufen war. Zuletzt wanderte seine goldene Uhr und sein Brillantring,
das alte Familienerbstck, ins Versatzamt. Endlich entschlo er sich
doch an seinen Vater zu schreiben; das schlimmste was die Folge sein
konnte, war eine Weigerung. Er bat um weitere Untersttzung fr ein Jahr
und um Begleichung seiner Schulden; dafr wollte er dann auch sicher das
Examen machen und das Geld nur als geliehen betrachten. Herrn Sintrups
Antwort war ein Wutschrei. Kaum kannte Fox diese wilde Handschrift
wieder, die sonst stets denselben kaufmnnischen, kulanten Duktus
fhrte. Wie Ohrfeigen klatschten ihm die Worte um den Kopf. Am Schlu
des Briefes stand: Entweder ich stecke dich als Lehrling in ein Geschft
in irgend einem Orte, wo dich und mich niemand kennt, und dann zahle ich
deine Schulden, oder du bleibst wo du bist, gehst hin wo du magst, und
dann will ich nie wieder das geringste von dir hren.

Aus dem Gefhl der Zerschmetterung, das Fox zu Anfang ausschlielich
beherrschte, lste sich allmhlich eine tiefe Entrstung heraus, die
sich in seiner Antwort in eine kalte, hfliche Reserve umwechselte: Auf
den Lehrjungenstand verzichte er, im brigen erlaube er sich, ber seine
Plne Stillschweigen zu bewahren, da er bei seinem Vater kein Interesse
voraussetze und, selbst wenn solches bestnde, sich nicht in der Lage
she es zu befriedigen. Diesen Brief schickte er eingeschrieben und nahm
sich vor, eine etwa eintreffende Antwort unerffnet zurckzuschicken. Er
wollte seinem Vater schon zeigen was ein stilvolles Benehmen ist! Aber
es kam keine Antwort, und nun dachte er: Da steckt nur die Person
dahinter, die jetzt im Hause ist! Ohne sie wre der Alte ganz anders! --

Was blieb nun brig? Fliehen? Wohin? Wahnsinnig erschien ihm dieser
Ausweg. -- Aber -- rief er pltzlich, liegt nicht auch im Wahnwitz oft
ein Sinn, ein tiefer Sinn sogar, der sich nur nicht leicht enthllt?
Wenn ich jetzt fortgehe von hier, ist das wahnsinnig? _Mu_ nicht irgend
etwas erfolgen, wo ich auch bin? Und besser anderswo, wo man mich nicht
kennt, als hier, in dem verfluchten Neste! Es fiel ihm auch ein, da in
Romanen oft Wendepunkte eintreten, wo niemand wei wie es nun weiter
geht, und wo dann doch etwas passiert. War das nicht im grnen Heinrich
so? Und er selbst war gar nicht einmal mehr grn! Aber er fhlte: Er
stand an einem Wendepunkte seines Lebens, im Brennpunkte seiner
Entwicklung, das Leben selbst packte ihn nun mit seinen Klauen. Seine
Bekenntnisse wollte er spter schreiben; war Rousseau nicht auch
einmal Kellner gewesen oder so was? -- Er wollte sich jedem Dienste
unterwerfen, die hrteste Arbeit bernehmen, -- immer schon mit der
Gewiheit, da ihn dann spter das Leben um so glnzender entschdigen
msse.

Als das Frulein ihn am Freitag besuchen wollte, war er nicht mehr da;
seine Hauswirtin erzhlte unter Trnen, wie sie am letzten Feiertag ber
Land gegangen sei, und als sie heimkam, war der saubere Herr mit Koffern
und Habseligkeiten verschwunden. Sie habe sofort an seinen Vater einen
Eilbrief geschrieben, aber Herr Sintrup habe geantwortet, sein Sohn sei
mndig und er selbst hafte fr nichts mehr was ihn betrfe. -- Das
Frulein antwortete nicht viel und ging noch einmal in sein Wohnzimmer,
um nachzusehen, ob er nichts zurckgelassen habe was sie noch irgendwie
gebrauchen knne, aber selbst die Likrflasche, die immer im Winkel
neben dem Klaviere stand, selbst die hatte Fox nicht vergessen: Dick,
leergetrunken stand sie da, und wie sie die Nase daran hielt, duftete
ihr ein recht trauriger, abgestandener Geruch entgegen.


                             Intermezzo.

Frulein Nippe sa im Stadtgarten, auf der kleinen Bank neben der
Marmorgruppe: Venus, Amor die Flgel beschneidend. Auf ihrem Scho lag
Waldmeisters Brautfahrt aufgeschlagen, aber sie las wenig darin, bei
jedem fernen Schritte durchzuckte es sie unruhig, -- bald mute er
kommen! --

Wie heilig hatte sie ihre Rolle gespielt, im Schicksal Lottes und Herrn
Knneckes! Und was war nun der Dank dafr? Sie fhlte sich abgesetzt,
ihre Rolle war ausgespielt, man brauchte sie nicht mehr. Und sie war
doch innerlich noch so jung, ihr Herz verlangte noch nach Liebe. --

Es nahten Schritte. Sie besah schnell noch einmal ihre Fingerngel und
nahm dann Waldmeisters Brautfahrt mit nachlssiger Eleganz zwischen
die Finger. Ein junger Mann; sie umfate schnell die Erscheinung:
Soigniert, proper, adrett. -- O Gott, wenn er das doch wre! Ob er das
wohl war? Er kam nher, er schien nicht berrascht als er sie sah, und
erst, als in ihren unverwandten Blick etwas wie eine leise Beschwrung
trat, schien er zu stutzen, doch er ging vorbei und warf nur einen
flchtigen, etwas verwunderten Blick auf sie zurck. -- Ob er es dennoch
war? Hatte er vielleicht nur den Mut nicht, sie anzureden? War er zu
schchtern? -- Sie zog eine Offerte aus der Tasche und rusperte sich
laut. Aber die Gestalt verschwand langsam in dem Grn. Herr von
mittleren Jahren hie es auf dem Papier. -- Nein, ihr schnelles,
impulsives Herz hatte ihr wieder einmal einen Streich gespielt, dies war
kein Herr von mittleren Jahren, oder vielmehr: Leider war der Herr von
mittleren Jahren nicht dieser junge Mann. Und sie hatte sich in den
wenigen Augenblicken schon in diese Gestalt eingelebt, sie sah ihn schon
in Gedanken auf irgendeiner Hotelterrasse Kaffee trinkend, sich
gegenbersitzen, und hinter ihnen erhoben sich blaue Berge. --

Sie wartete.

Da kam des Wegs daher, langsam, und ein wenig behindert, wie es schien,
ein ziemlich alter Mann. Er ging nicht gerade an einem Krckstock, aber
sie mute doch an einen Krckstock denken. Der Herr blieb stehen,
stemmte, leicht vorgebeugt, den Stock mit ausgestrecktem Arm zu Boden,
und sah sie an, mit blauen, etwas trben Augen, und, wie es schien,
gedrckt von jahrelangem Kummer. --

Du groer Gott! dachte Frulein Nippe, sollte er _das_ etwa sein? -- Sie
nahm sich vor zu tun, als sitze sie hier nur ganz zufllig, falls er
sich etwa nherte. Aber mitten in ihrem Gefhl der Enttuschung war ihr
so, als knne noch ein dritter kommen, der noch viel schrecklicher wre,
und als msse sie sich vorerst an diesen zweiten halten, der vielleicht
berhaupt gar nicht der richtige war; dann konnte es ja garnichts
schaden! -- Sie lchelte schwach und sah zu Boden. --

Hm! sagte der alte Mann langgedehnt und ziemlich laut, halb unschlssig,
halb nachdenklich. -- Was sollte sie nur tun?! -- Hm! antwortete sie
endlich, ohne aufzusehen. Dann fhlte sie, wie der Herr sich auf das
andere Ende der Bank setzte. -- Sie rckte unwillkrlich, so weit es
ging, bis zu ihrem eigenen Bankende und wagte nicht zur Seite zu
blicken. Endlich tat sie es aber doch, da sie fhlte, da sein Blick
noch immer auf ihr ruhte.

Der Herr schien zu einem Entschlu zu kommen. Er trommelte nervs mit
den Fingern leise auf der Bank, dann sagte er mit verhaltener Stimme:
Gestatten Sie mir eine Frage: Sind Sie's, oder sind Sie's nicht? -- Sie
wollte erst antworten: Mein Herr, Ihre Frage ist mir unverstndlich!
aber sie brachte kein Wort ber die Lippen. -- Es ist dies ein
eigentmliches Zusammentreffen! sagte sie endlich. -- Der Herr seufzte
tief, sah lange zu Boden, und ffnete schlielich den Mund wieder: Hat
es einen Zweck, da wir zusammen reden? -- Sie suchte nach einer
Antwort. Dasselbe knnte ich Sie ja auch fragen! sagte sie nach einer
Weile.

Beide sahen sich unschlssig an, und endlich begann er wieder: Na, dann
will ich also den Anfang machen. Ich kann Ihnen kaum mehr sagen, als Sie
in meiner Annonce schon gelesen haben. Meinen Namen und den Stand meines
Vermgens wissen Sie; Sie wissen, da ich Angestellter bei einer
greren Firma bin, da mich das Leben nach allen Richtungen enttuscht
hat und da ich mich nach einem ruhigen Heim und nach einer
gleichgesinnten Seele sehne. Sollten Sie sich nun einen _Scherz_ mit mir
erlaubt haben, so krnkt mich das weiter nicht, ich habe das schon
mehrere Male erfahren und bin die harten Pffe gewhnt im Leben. Einer
mehr oder weniger schadet nicht. Und Ihre Neugierde drfte auch wohl
nicht sehr befriedigt sein, denn ich bin ein schlichter, einfacher Mann!
-- Er blickte beim Sprechen durchdringend auf sie, indem er fortwhrend
an einem Mantelknopfe drehte. -- Also bitte, sagte er nach einer Pause,
nun ist es an Ihnen! Dann lehnte er sich zur Bank zurck, sah zu den
Bumen auf, und sie merkte, da er schnell atmete. --

Ja ich wei nicht -- -- begann sie zgernd. Der Herr wartete, aber es
kam nichts weiter.

Ich will niemand zur Last fallen! sagte er mit resignierter Stimme und
wollte sich erheben. -- Nein, bleiben Sie! ich mu mir die Sache doch
erst berlegen! -- Er sank wieder zurck, und Frulein Nippe fing nun
an. Sie sagte, auch ihr habe das Leben schlimm mitgespielt, auch sie
sehne sich nach einem stillen Hafen, auf dessen glatten Spiegel die
Sonne scheine. Jeder Mensch trage sein Ideal von Glck in sich: Dem
einen sei es Reichtum, Perlen und Brillanten, des andern Brust schwelle
der Ehrgeiz und ffne ihm uferlose Bahnen, wieder ein anderer jage
schillernden Hirngespinsten nach und gerate darber nur allzuleicht in
den Sumpf, whrend das Flmmchen kaltherzig, ohne lebendiges Feuer
weiterhpfe; noch ein anderer -- aber da unterbrach sie der Herr und
sagte: Das geht uns hier nichts an. Bitte, reden Sie von sich! Antworten
Sie auf die Frage: Weisen Sie den Gedanken an eine Ehe mit mir ohne
weiteres zurck? -- O nein, sagte sie unschlssig, durchaus nicht, --
das heit -- -- -- -- _Was_ heit?? fragte er gewichtig. Sie wute
selbst nicht, was sie eigentlich weiter sagen solle, aber nun vollendete
sie: das heit, ich kann mich doch nicht eins, zwei, drei entscheiden!
-- Aber habe ich denn das gesagt? Habe ich denn das verlangt?? Sind Sie
auch eine von den Menschen, die immer etwas anders hren als man sagt???
Lassen Sie uns jetzt nchtern, ich mchte sagen: geschftlich reden. Das
brige kommt spter. Also: Sie weisen den Gedanken nicht von vornherein
zurck. Gut. Von mir wissen Sie so ungefhr, was fr den Anfang ntig
ist. Ich mu aber auch eine Art von Grundlage haben was Sie selbst
betrifft. Ich mu Klarheit haben ber Ihre Persnlichkeit. Womit haben
Sie sich bis jetzt beschftigt? -- Frulein Nippe erzhlte dieses, er
nickte mehrere Male aufmerksam vor sich hin; er schien sich alles im
Geiste zu notieren und mit eigenen Dingen in Zusammenhang zu bringen. --
Dann sah er sie wieder an, sein Blick bekam etwas Unsicheres,
Verlegenes, er wollte gern eine neue Frage anbringen, und suchte nach
der Form. -- Sie bemerkte das und errtete, indem sie dachte, er wolle
fragen, ob sie noch rein sei. -- Jetzt seien Sie nicht bse! sagte er
mit einem Anlauf: wie steht es denn -- nun also -- _hier_ mit? Er schlug
sich auf seine Brust. -- Dort sa das Herz. -- Ich habe noch nie
wahrhaft geliebt! antwortete Frulein Nippe. Es fiel ihr Herr Knnecke
ein, aber sie dachte: dem geschieht's ganz recht! -- Er schien den
Zusammenhang mit seiner Frage nicht gleich zu begreifen, dann sagte er:
Ach so, ich verstehe jetzt; nein, sehen Sie, _das_ meinte ich! und er
lie sein Portemonnaie ein wenig sehen. -- Aber ich denke, rief Frulein
Nippe lebhaft, das Geld haben _Sie_? und sie wollte sogleich wieder
ihren Zettelausschnitt aus der Tasche holen. Er verhinderte sie aber und
versicherte, er wisse ganz genau, was er annonciert habe; er habe da
seinen Vermgensstand genannt, aber hinzugesetzt, da Vermgen auf der
andern Seite zwar nicht unbedingt erforderlich, aber doch erwnscht sei.
Und ber diesen Punkt habe sie in ihrer Antwort Stillschweigen bewahrt.
-- Er redete in ruhigem, sachlichem Ton, und -- als befinde er sich
einem Geschftsmann gegenber, gegen den er die Interessen seiner Firma
zu vertreten htte, fragte er halb zutraulich berredend, halb so als
wisse er schon alles: Viel scheint da bei Ihnen wohl nicht los zu sein?
-- Frulein Nippe schwieg. -- Nur Mut! Wenn gar nichts da ist, haben wir
beide schlimmsten Falls einen unntigen Spaziergang gemacht, denn _ganz_
allein kann ich es nicht bestreiten, beim besten Willen nicht, auch fr
Sie nicht, so gern ich's mchte. Also, wieviel sind's denn? -- Frulein
Nippe schwieg noch immer. Diese Art des Kennenlernens war so nchtern,
so poesielos! Und berhaupt: Was sa sie eigentlich hier?! Sie dachte ja
gar nicht daran, diesen Mann zu heiraten, der nichts von alledem besa,
was ihr an Idealen vorschwebte. -- Da trommelte er wieder mit seinen
Fingern. -- Das kann Ihnen doch ganz egal sein! sagte sie halb gereizt.
-- Wie? fragte er, hrte mit Trommeln auf und sah sie von der Seite mit
halb offenem Munde an. Schwerhrig schien er auch noch zu sein. -- Sie
wollte ihre Worte wiederholen, aber da kam abermals jenes sonderbare,
halb klare Gefhl wie in dem Moment, wo sie ihn kennen lernte, und sie
sagte, halb rgerlich: Ach Gott, das gengt Ihnen ja doch nicht, wenn
Sie so frchterliche hohe Ansprche machen. -- Bewegt sich die Summe in
den Hunderten? -- O nein, das nun doch nicht, antwortete sie rasch, und
nannte eine Zahl, die nach all dem Vorausgeschickten in ganz
ansehnlicher Bescheidenheit dastand. -- Sichere Papiere? --
Bombensicher! Erste Hypotheken und Staatspapiere! -- Er schien zu
rechnen, seine Lippen bewegten sich halblaut. -- Immerhin, es geht, es
wird gehen, murmelte er schlielich; ich bin kein Mann, der groe
Ansprche macht. -- Ich auch nicht, sagte Frulein Nippe. -- Nun also,
-- ich mchte Sie noch allerlei fragen, zum Beispiel nach Ihrem
Seelenleben -- aber das geht nicht alles auf einmal. Wir knnen uns die
Sache ja erst einmal beiderseitig berlegen. Wenn es nichts ist -- ist
es nichts. Sind wir bis jetzt ohne einander ausgekommen, werden wir auch
in Zukunft ohne einander auskommen knnen, -- das heit, wenn das
Geschick es will! Denn ich glaube an ein Geschick! Ich glaube an das
Wort: Ohne des Herrn Wille fllt kein Sperling vom Dach; und wie wir uns
auch entschlieen werden: das Geschick erfllt sich auf jeden Fall! Er
sah sie voll und berzeugt an, und fragte: Habe ich nicht recht? Was?
Ist das nicht die wahre Philosophie? -- Jawohl! antwortete sie,
innerlich gereizt, aber mit groem, bedeutungsvollem Blick, als folge
sie ihm verstehend in schwindelnde Geistestiefen. -- Wenn Sie Lust
haben, so besuchen Sie mich in diesen Tagen einmal zum Kaffee, dann
sehen Sie mein Heim, -- ich werde Ihnen spter diesen Besuch erwidern,
und wenn wir uns erst einmal nher -- ich meine: seelisch -- kennen
gelernt haben, dann wollen wir wieder ber die Sache reden! Denn so
jugendlich feurig eine Ehe schlieen, ohne Prfung, ohne berlegung, das
tue ich nicht! Das sind Geckenstreiche! Und vor solchen Geckenstreichen
bewahren mich meine grauen Haare! Dazu bin ich zu alt! -- Allerdings!!
rief da Frulein Nippe, bei der pltzlich aller Groll gegen das
Schicksal durchbrach, Sie haben recht, -- da haben Sie -- wei Gott! --
recht! Und aus ihrer Kehle flog ein so bitterer Lachton, da er sie
erstaunt ansah. Sein Gesicht rtete sich, empfindlich verletzt suchte er
nach Worten: Wenigstens, so sagte er endlich, mache ich mich nicht
jnger als ich bin! -- Habe _ich_ das getan? fragte sie scharf. -- Statt
einer Antwort deutete er erregt mit seinem Stock auf ihre Haare. Sie
griff nach ihrer Frisur: Glauben Sie etwa, da das nicht echt ist?!
Bitte ziehen Sie, bitte zerren Sie so fest Sie wollen! Sie neigte die
Stirn zu ihm. -- Entschuldigen Sie, entschuldigen Sie! stotterte er,
aber ich konnte unmglich denken -- -- Also da sind Sie geschlagen! Nun
bitte, was wissen Sie noch? Fragen Sie, fragen Sie, ich stehe fr alles
meinen Mann! -- Frulein Nippe blickte ihn mit geschlossenem Munde an,
denn sie hatte teils falsche Zhne. -- Er aber war ganz eingeschchtert
durch ihre Heftigkeit. War nun alles aus zwischen ihnen? Immer und immer
wieder lie er sich hinreien zu einer zu groen Offenherzigkeit, zu
rcksichtslosem Bekennen des von ihm als wahr Erkannten. Das hatte ihm
schon vielen Kummer, viele Enttuschungen im Leben bereitet, und nun
hatte er sich gar noch geirrt! -- Er wollte ablenken, beschwichtigen,
aber Frulein Nippe lachte hhnisch und sagte: Alles echt, Sie finden an
mir nichts auszusetzen! Aber Sie? Sehen Sie sich doch mal in den
Spiegel! Sie schreiben da in Ihrer Annonce: Herr von mittleren Jahren!
Ich dachte mir: Ein bichen graumeliert, -- Gott, schadet nichts, um so
vertrauenswrdiger! Aber als Sie vorhin den Hut abnahmen, bemerkte ich,
da da von Farbe berhaupt wenig die Rede sein kann! -- Sie war selbst
ganz erstaunt ber diese geistreiche Wendung, die sie auch ganz gewi
nirgendwo einmal gelesen hatte. -- Er wiederholte ihre letzten Worte
langsam und fragend, da er den Sinn nicht gleich begriff. Dann sagte er:
Ich sehe, wir passen nicht zueinander. Eines mu ich Ihnen nun aber doch
schlank heraussagen: beraus jugendlich sehen Sie auch nicht gerade aus!
-- Ich habe mich aber doch nicht jnger gemacht als ich bin! rief sie
gereizt. -- Bitte! Bitte! Bitte! Sein Stock deutete wieder auf ihr
Haupt. -- Aber ich habe Ihnen doch schon einmal gesagt -- fuhr sie auf
-- Ta ta ta ta ta ta! rief er dazwischen, ich rede ja gar nicht von
Ihrem Haar, ich rede ja von Ihrem _Hut_! So 'nen Hut setzt eine
Prinzessin auf, aber keine Dame in Ihrem Alter! Und wenn Sie meine Frau
wrden: Das Dings da kme herunter, und 'ne Kapotte drauf, wie sich's
gehrt! -- Frulein Nippe wollte emporschnellen, blieb aber sitzen.
Beide redeten nichts, jeder starrte erregt ins Leere. -- Es verflo eine
lange Pause. Dann regte sich in beiden der Wunsch, wieder einzulenken,
einen neuen geistigen Gedankenaustausch einzuleiten. Jeder suchte nach
Worten, aber was um Gottes willen sollten sie nur reden! -- Ja, sagte er
endlich, sich erhebend, ich mchte nicht, da unser Zusammensein mit
einem Miklang abschliet! -- Aber wir sehen uns doch wieder?! fragte
sie schnell und unwillkrlich. -- Das hngt nur von Ihnen ab! Meinen
Namen und meine Adresse wissen Sie; falls Sie -- ich sage das fr alle
Flle -- ber meine Verhltnisse, meine Lebensfhrung etc. etc. noch
eine besondere Garantie zu haben wnschen, verweise ich Sie direkt an
meinen Chef -- er nannte eine Firma, die Frulein Nippe schon einmal
gehrt hatte -- da werden Sie jederzeit prompteste Auskunft erhalten. --
Sie machte eine diskrete Bewegung mit dem Kopfe. Dann entgegnete sie:
Wie ich mich auch entschlieen werde: Ich schreibe Ihnen auf alle Flle
eine Postkarte! Es fiel ihr noch ein, da es wohl schicklich und
angemessen sei, wenn _sie_ dieser Unterredung ein Ende mache, sie
streckte ihm deshalb die Hand entgegen und sagte: Also -- vielleicht --
auf baldiges Wiedersehen! Oder wie sagt Gretchen? -- H?! fragte er.
Dann antwortete er: Jawohl, vielleicht auf Wiedersehen, Frulein Nippe.
-- Adieu, Herr Feihse! -- Wieder lftete er seinen Hut, und es wollte
sie bednken, als ob sie diesmal doch etwas mehr Haare she als das
erstemal. Und wieder dachte sie, indem sie ihm nachsah: Es ist ja nur
ein Stock, aber es sieht trotzdem aus wie ein Krckstock! Dann seufzte
sie tief und hing ihren Gedanken nach. -- Sie hatte auf jemand gewartet,
dem ihr Herz entgegen fliegen sollte, und was war gekommen? Ein alter
Kerl! -- Sie lachte laut und hhnisch, sah sich aber im selben
Augenblick erschrocken um, ob sie jemand gehrt haben knne, dann lachte
sie noch einmal, wieder hhnisch, aber etwas leiser. Dieser Schafskopf!
Ob der sich wirklich einbildete, sie wolle ihn heiraten? Hatte er nicht
bemerkt, da sie nur zum Spa auf alles einging? -- Das habe ich doch
alles nur aus Spa gesagt! so redete sie laut zu sich selbst, und
lauschte respektvoll und unsicher ihren eigenen Worten. Ob der wohl
jetzt jeden Morgen zum Briefkasten ging, mit Herzklopfen und zitternden
Hnden? -- Ich werde ihm schon schreiben! Ich werde ihn schon bestrafen,
wegen der Haare und wegen meiner Zhne, -- -- oder vielmehr Hut. Ich
werde ihn erst noch sicherer machen, und dann die Maske lften! Jawohl:
die Maske lften! Erkundigen will ich mich auch nach ihm, und wenn er
mich angeschwindelt hat -- -- -- Frulein Nippe baute in Gedanken einen
Satz zusammen: Der Unwahrheit Ihrer Aussagen auf den Grund gekommen,
werden Sie es begreiflich finden ...

Als sie sich auf den Rckweg machte, begegnete ihr wieder jener junge
Mann, den sie zuerst gesehen, diesmal mit einem Mdchen am Arm. --
Unsauberes Pack! dachte sie; die Unsittlichkeit macht sich am hellen
Tage breit! In diesem Satze entdeckte sie einen Reim, und nun reimte sie
bewut weiter, und dachte: So entstehen Gelegenheitsgedichte! --

Sie erkundigte sich in den nchsten Tagen wirklich bei jenem Chef, der
Bescheid lautete gnstig, so gnstig, da sie sich beinah rgerte. Hatte
sie doch gehofft, ihn zu entlarven! Aber nein: Sie sah doch nun, es war
ein guter Mann, und wenn sie ihn auch nicht heiraten wollte -- zu
krnken brauchte sie ihn auch nicht. Er hatte ihr Vertrauen gezeigt, er
war vor ihr auf die Knie gesunken -- oder war er _nicht_ vor ihr auf die
Knie gesunken? nun, jedenfalls htte er es tun knnen -- und wenn er sie
spter auch beleidigt hatte -- umso grer wrde sie dastehen, wenn sie
sich einfach, vornehm benahm. Sie wollte hingehen zu ihm, sie wollte ihm
sagen, da sie nur Freundschaft fr ihn empfnde, sie wrde ihm beide
Hnde reichen, er wrde beide Hnde kssen, und dann -- dann ging sie
wieder. -- Sie schrieb ihre Postkarte und war am nchsten Tage in Herrn
Feihses Wohnung, die mit allem Kongfohr ausgestattet war, wie sie,
sich umblickend, bemerkte. -- Er rckte ihr sogleich den besten Sessel
hin, mit zitternden Hnden, ach Gott, wie war der Mann erregt! auch
damals zitterten seine Hnde! -- und dann wollte er sich sogleich daran
machen, Kaffee zu kochen. Sie nahm ihm aber das Geschft ab. So blieb er
in seinem Lehnstuhl sitzen und verfolgte jede ihrer Bewegungen. Wie
weltdamenmig sie den kleinen Finger hob, als sie jetzt die Tasse zum
Munde fhrte! Kaffee, sagte sie, sei die einzige Freude, die ihr das
Leben biete. Sie knne Kaffee trinken bis sie umfalle. Seine Augen
ruhten stets mit einem stillen, fragenden Blick auf ihr. Sie sah ein
wenig verlegen auf dies Gesicht, das da so unverwandt und gerade auf sie
blickte, mit einem so sprechenden, stummen Ausdruck! Heute war er ganz
anders als damals, wo er immer so geschftsmig redete. Und nun
erzhlte er, wie er schon als Kind die Kmmernis des Lebens kennen
lernte; aus ganz kleinen Verhltnissen stamme er, als Knabe habe er
Streichhlzer verkauft an Straenecken; er selber habe frh die Pflicht
gehabt, fr die jngeren Geschwister zu sorgen, aus denen dann aber auch
spter lauter tchtige Leute geworden wren. Sein hchster Wunsch, wie
er klein war, sei gewesen, sich einmal photographieren zu lassen: Er
habe sich das Essen am Munde abgespart, bis er den halben Silbergroschen
zusammen hatte; das kleine Jahrmarktsbildchen besitze er heute noch. --
Zeigen Sie es mir, sagte Frulein Nippe weich, es interessiert einen
doch, die Wurzeln von dem zu kennen, was wir jetzt als Baumkrone vor uns
sehen! --

Halb in Dankbarkeit, halb noch in Nachsinnen verloren, begab er sich zu
einem kleinen Eckschrank im uersten Winkel des Zimmers, und zwar --
hinkte Herr Feihse, so wie es ihm das Angemessene und Natrliche war.
Frulein Nippe sah erst voll Verwunderung seine Hfte jenseits des
groen Tisches, den er halb umkreiste, abwechselnd auftauchen und wieder
verschwinden, dann machte sie ihrem Erstaunen in klaren Worten Luft. --
Herr Feihse blieb im selben Augenblick stehen, errtete bis an die
Haarwurzeln und sah aus wie ein ertappter ehrlicher Mensch, den der
Hunger zwang, Brot zu stehlen. --

Denken Sie nicht schlecht von mir! sagte er endlich, indem er zurckkam,
denken Sie nicht, ich htte es _immer_ vor Ihnen verheimlichen wollen!
Es war nur fr den Anfang! Ich wei ja nicht, ob ich sonst irgendwelche
_guten_ Eigenschaften habe, aber ich dachte mir: wenn sie gleich zu
Anfang _diese_ hier bemerkt, so ist es wahrscheinlich von vornherein
verfehlt! Besser, sie lernt erst andere kennen. Wenn Sie aber daraufhin
_gehen_ wollen und _nicht wiederkommen_ -- -- dann gehen Sie! Es ist mir
zwar schmerzlich, aber ich habe im Leben genug Pffe bekommen; einer
mehr oder weniger schadet nichts! Frulein Nippe hielt es fr angemessen
zu betonen, da sie auf Nichthinken keinen Wert lege: der Krper mag im
Staube kriechen, wenn nur die Seele Flgel hat! --

Sie konnte sich diese Worte leicht gestatten, denn ihr Vorsatz, Herrn
Feihse nicht zu heiraten, verdichtete sich noch. Er aber fate ihre
Worte ganz anders auf, und nun trat das ein, was Frulein Nippe visionr
voraus gesehen: Er kte ihr zwar nicht beide Hnde, aber wenigstens
doch eine. -- Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen! Sie finden fr alles
einen so schnen und dichterischen Ausdruck! Dann setzte er hinzu, sein
Schaden habe schon fter bei einer Ehe, die er zu schlieen gedachte, zu
seinen Ungunsten den Ausschlag gegeben. Noch nie habe er eine Dame
kennen gelernt, die so vorurteilslos sei wie Frulein Nippe. -- Sie
wollte entgegnen, aufklren, aber sie schwelgte so sehr in der
Vorstellung, die er von ihr hatte, da sie es nicht vermochte. --

Sehen Sie, erzhlte er, Sie wrden nicht das geringste bemerken, wenn
ich damals gut geheilt worden wre! Aber lieber Gott, woher sollten
meine armen Eltern das Geld nehmen! Auf dem Glatteis bin ich gefallen,
damals in der Neujahrsnacht, wie ich als Knabe meine Streichhlzer
verkaufte, zitternd vor Klte, da ich sowieso nicht fest auf meinen
Beinen stand. Wenn da auerdem noch ein Betrunkener kommt und einen
anrennt -- -- -- ja ja, ich habe eine harte Schule durchgemacht! --
Frulein Nippe tat dieser Mann leid. Sie sah ihn teilnahmsvoll an und
dachte: Heute kommt doch viel mehr Herz raus als damals auf der Bank!
Man kann doch den Menschen niemals ansehen, was in ihnen steckt! Ein
eigenartiger, interessanter Mensch ist er auf alle Flle! -- Und er
erzhlte weiter, wie er sich spter vom Lehrling an in einem kleinen
Seifengeschfte langsam, langsam emporgearbeitet habe: Aber
Unehrlichkeit, falsches Wesen duldete ich nie und nimmer! Dadurch habe
ich die Menschen viel vor den Kopf gestoen, dadurch habe ich meine
besten Freunde verloren; ich verstehe nun mal nicht zu schmeicheln! Das
haben Sie ja selbst auch schon bemerkt; ja ich tue noch viel brbeiiger
als ich bin. Es ist mir das ein Prfstein fr die Menschen! Aber die
Menschen wollen nun einmal nicht die Wahrheit hren. So bin ich
allmhlich ganz vereinsamt. Sehen Sie, wie ich mich abends in meinen
Muestunden beschftige! -- Er hinkte, sich etwas zusammennehmend, auf
das Eckschrnkchen zu und brachte ein Schchtelchen zurck, das lauter
kleine geschnitzte Knochengegenstnde enthielt. -- Das ist ein
Geduldspiel! erluterte er, und damit spiele ich jeden Abend den Gott
werden lt, und freue mich wie ein Kind daran. Ich mchte ja so gern
manchmal was anderes tun -- Sie lcheln ber meine Einfachheit! -- zum
Beispiel gern einmal ein gutes Buch lesen, aber wer _nennt_ mir denn ein
gutes Buch?! Es fehlt mir die geistige Anregung! Und dann: _wenn_ ich
ein Buch lese, so mchte ich mich auch gern darber aussprechen, andere
Meinungen hren und aus ihnen lernen. Sehen Sie, so geht es mir! -- O,
Bcher lese ich genug! sagte Frulein Nippe lebhaft; was halten Sie zum
Beispiel -- nun, sagen wir mal: -- Ach bitte! unterbrach sie Herr
Feihse, fragen Sie mich nicht! Ich mte mich wahrscheinlich vor Ihnen
schmen! -- -- Zum Beispiel -- nun, sagen wir mal -- -- der Kampf um
Rom! Den kennen Sie doch! -- Er schttelte den Kopf. -- Nicht?! Aber
Faust, das kennen Sie doch natrlich! -- Wo der Teufel drin vorkommt?
Ja, ich habe wenigstens davon gehrt! -- Oder -- Hasemanns Tchter! Herr
Feihse bewegte etwas ungeduldig den Kopf. -- Aber jetzt passen Sie mal
auf, jetzt nenne ich was ganz Leichtes, wenn Sie _das_ nicht kennen ...
Herr Feihse war rot geworden und sagte erregt: Haben Sie mich denn nicht
verstanden? Lassen Sie doch die Fragen! Was soll denn das eigentlich?
Bin ich hier in einem Examen? Wollen Sie mit Ihren Kenntnissen prunken?!
-- Unter andern Umstnden wre Frulein Nippe einfach aufgefahren. Aber
sie hatte einen viel besseren Blitzableiter: Oho! dachte sie, ich lasse
das Barometer einfach wieder sinken! und sie machte ein so eisiges
Gesicht, wurde so einsilbig, da Herr Feihse traurig, aber mit fester
Stimme sagte: Ich sehe, wir passen nicht zueinander! -- Und, wie das
erstemal, lenkte Frulein Nippe auch jetzt wieder ein. -- Falls Sie noch
einmal wiederkommen, sagte Herr Feihse zum Abschied, indem er sie still
ansah, so bringen Sie mir doch mal so ein Buch mit! Ich bin dankbar,
wenn ich von Ihnen lernen kann! Sie wollte antworten, da es wohl besser
wre, sie shen sich nicht wieder. Aber schlielich: wenn sie wiederkam,
so verpflichtete sie das ja zu gar nichts! Und sie htte so gern gehrt,
was er ber Hasemanns Tchter dachte. --

Sie kam auch wieder, sie lasen Hasemanns Tchter mit geteilten Rollen,
sie fand Gelegenheit zu belehren, ihr berlegenes Wissen anzubringen,
hinzudeuten auf Greres: die echte Kunst sei noch etwas ganz anderes;
dies hier sei so wie die kleinen Hgel am Gebirge, ehe die eigentlichen,
die Riesen kmen: Shakespeare als die gewaltigste Zacke inmitten eines
niedrigeren, aber immer noch erhabenen Getmmels. Und sie begann
herzusagen, was sie noch von ihrer Desdemona wute. Herr Feihse war
entzckt und konnte nicht genug betonen, eine wie goldne Jugendlichkeit
sie sich bewahrt habe, eine wie groe Frische und Lebendigkeit des
Interesses! Auch ihr sehe man es ja mit Deutlichkeit an, da das Leben
nicht liebevoll mit ihr verfuhr, aber sie habe sich den jugendlichen
Kern keusch und rein bewahrt!

Er nahm nun leise einen andern Ton an, einen Ton, gemischt aus Verehrung
und chevaleresker Hflichkeit und einem leise neckischen Elemente, das
mit besonderer Prgnanz in seiner Anrede zutage trat: Frulein
Desdemona! so nannte er sie, erst nur scherzhaft und gelegentlich, bis
sie ihn bat, sie doch immer so zu nennen. Sie lasen dann das Werk
zusammen, und nun wollte er, da sie ihn auch Othello nennen solle; aber
sie erklrte, dies sei zu plump, und auerdem: Es wre eine schlechte
Vorbedeutung! Sie sah ihn halb kokett von der Seite an. In letzter Zeit
hatte sie derartige Andeutungen fter gemacht. Dann wieder, wenn _er_
sich solche Andeutungen erlaubte, ging sie mit einem Gesichte, als
verstnde sie sie nicht, darber hinweg, mit einem Ausdruck, als habe er
eine Zweideutigkeit gesagt, die sie offiziell ignoriere. Herr Feihse
wute schlielich nicht was er denken sollte. -- Will sie mich nun oder
will sie mich nicht? So fragte er sich oft, wenn sie ihn verlassen
hatte. Kennen gelernt hatten sie sich eigentlich gengend; und wenn sie
ihn fragte: Er wrde mit einem reinen und lauteren Ja antworten! -- Oft
nahm er sich vor, sie geradezu und ehrlich zu fragen, aber immer wich
sie aus. Schlielich ertrug er dies nicht lnger: Frulein Desdemona --
er zwang sich zu dieser scherzhaften Anrede -- Frulein Desdemona! Wir
kennen uns nun schon lange genug und haben Vertrauen zueinander
gewonnen! Ich wiederhole jetzt endlich die Frage, die ich schon einmal
-- damals auf der Bank im Parke -- an Sie richtete: Wollen Sie die Meine
werden? Ich werde Sie auf Hnden tragen! -- In diesem Augenblick zog
Frulein Nippe ein Tchlein aus der Tasche, das sie zu einer kleinen
Kugel zusammenprete und zum Munde fhrte, indem sie mit dem Ausdruck
eines scheuen Rehes auf Herrn Feihse blickte, whrend ihr linker Arm
anzudeuten schien, da hier ihres Bleibens nicht sei. -- Bleiben Sie,
Frulein Nippe, bleiben Sie! Sie haben nun gengend Zeit gehabt zur
berlegung, all die Wochen hindurch; Ihr Entschlu mu gefat sein!
Bitte, jetzt ist es an Ihnen! -- Frulein Nippe streckte zagend ihr
Tchlein vor: Was soll ich tun -- man drngt mich -- man bestrmt mich
-- Ich bestrme Sie nicht und ich bedrnge Sie nicht! sagte er in einem
so ruhigen, sachlichen Tone, da ihre poetische Stimmung wieder zu
verschwinden drohte. O schweigen Sie, o schweigen Sie! bat sie mit
halblauter Stimme, berlassen Sie mich ganz der Wonne dieses
Augenblickes! -- Also Sie lieben mich?! Er tat einen Schritt vorwrts.
Sie streckte abwehrend den Arm aus, er wollte ihn ergreifen, aber sie
zog sich schnell in den uersten Winkel des Zimmers zurck. -- Lassen
Sie mich, lassen Sie mich! Ich kann Ihnen jetzt unmglich antworten! --
Aber _wann_ werden Sie mir denn endlich antworten? -- In -- in drei
Tagen! Ehe die Mitternacht des dritten Tages anbricht, haben Sie meine
Antwort! Dann zog sie sich zurck, mit einem stumm-beredten,
rtselhaften Blick verschwand sie. --

Herr Feihse blieb in der grten Erregung zurck. Er wute nicht, wie er
sich dies Benehmen deuten solle. Sie war doch uerst interessant! --

Frulein Nippe ging mit tragischer Miene zu Hause herum, und dachte:
Wenn ihr wtet, welches Schicksal in mir kreit!

Schon frher hatte ihr vieles Fortbleiben von zu Hause Verdacht erregt.
Herr Knnecke, der ihr auf vergangene leidenschaftliche und heftige
Ausbrche erwidert hatte: ich habe dich ja immer noch gern, aber Lotte
steht mir nun doch mal nher als du, daran ist nichts zu ndern -- Herr
Knnecke dachte in seinem guten schlechten Gewissen: Sie fhlt sich
nicht wohl bei uns, sie will sich nicht aufdrngen, sie zieht sich ganz
bewut von uns zurck. Aber Frau Bornemann, die jetzt das neubezogene
Heim ihrer Enkelin und ihres Herrn Schwiegersohnes teilte, meinte
bedchtig: dahinter steckt was ganz Besonderes: Es sollte mich gar nicht
wundern, wenn die auf Freiersfen ginge!

Schon frher hatte sie ihr geraten, doch einmal die Heiratsofferten in
den Blttern durchzusehen, solche Ehen wrden oft die glcklichsten, war
dann aber sehr entrstet, als Frulein Nippe bissig fragte: Sie haben
Ihren Mann wohl auch durch die Zeitung gekriegt? -- Frau Bornemann und
Frulein Nippe waren sich durchaus nicht wohlgesinnt, ohne da man recht
wute, wo der Grund lag. Gelegentlich sagte eine von der andern: Sie
knnte sie nicht sehen.

Sollte sich Frulein Nippe ihrem Vetter anvertrauen? Nein, sie mute
sich bis ans Ende allein durchringen! Und welches war dieses Ende?!
Bisher hatte sie mit dem Gedanken an die Ehe mit Herrn Feihse nur
gespielt, so wie ein Kind mit einer Kugel spielt, ja, ganz genau so war
es! Sie malte sich dieses Bild weiter aus: Diese Kugel, anfangs leicht
und durchsichtig, war unter ihren Hnden gewachsen, hatte an Gewicht
zugenommen, und whrend sie sie noch ahnungslos in die Luft warf, um sie
wieder aufzufangen, lief sie Gefahr, unter ihrem zentnerschweren Gewicht
zu Brei zermalmt zu werden! Oder diese Kugel war ein Feuerzeug, mit dem
sie spielte, und unversehens stand sie selbst in Flammen! Oder war es
vielleicht doch nur ein mildes, wrmendes, beglckendes Feuer, das diese
Kugel -- oder dieses Feuerzeug -- auf sie niederregnen lie?! War es ein
befruchtender Tau oder war es ein reiender Gebirgsstrom, den es ausgo,
ein Strom, der sie erfassen wrde, mit sich fortnahm in gefahrvolle,
unbekannte Gegenden, der sie an Felsgestein mit dem Kopf anrennen lassen
wrde, bis sie endlich als unkenntliche Leiche irgendwo ans Land
geschwemmt wurde? --

Frulein Nippe hatte in den letzten Wochen mehrere Male auf eigene Faust
in den Zeitungen inseriert, da sie ja Herrn Feihse eigentlich doch nicht
heiraten wollte, aber irgendwo hatte es stets gehapert: Da war kein
Millionr, kein Graf mit rabenschwarzem Haar, kein Knstler, der sie
htte anregen knnen, kein frisches junges Blut, dem sie auch _so_ ans
Herz gestrzt wre; nichts, nichts von alledem fand sich in dem Netze
vor, das sie -- wie sie sich vor sich selbst ausdrckte -- mit jenen
Annoncen in die Welt geschleudert hatte. Ach Gott, das Leben war
kaltherzig und grausam, heimtckisch und ungerecht! -- Und Herr Feihse
wartete! Die letzten Nchte hatte sie in ihrem Bett geweint, indem sie
an ihr freudloses Leben dachte, da es keinen Menschen gab, der ganz von
selber an ihr Herz flog, dem sie alles htte sein knnen: Freundin,
Geliebte, Mutter. -- Herr Feihse hatte durchblicken lassen, da, wenn
sie ihn nun nach ihrem wirklich intimen Seelenverkehr doch noch
ausschlge, dieses der schwerste Schlag sei, den das Leben ihm versetzen
knne! Er wolle lieber auch noch das andere Bein brechen als das
erleben! Der arme Mann! das klang fast wie ein Selbstmordgedanke! Wie
war er aufgeblht unter ihrer liebevollen Pflege! Mehrere Male war er
krank gewesen, zu Anfang, als sie ihn kennen lernte. Konnte sie nicht
sein rettender Engel werden? Und wenn er immer krnker wurde, konnte sie
sich nicht aufopfern, konnte sie ihn nicht pflegen, bis er tot war? --
Sie sah ihn sterbend in seinem Bette liegen, sie selbst stand ihm zu
Hupten und seine schon halb erlste Seele hielt sie in ihrem
lichtweien Kleide fr einen wirklichen, echten Engel des Himmels! Und
dann wrde er voll Liebe aus dem Jenseits auf sie herabsehen! Sie wollte
ja nicht, da er strbe, aber wenn er es doch tat, so stand im
Hintergrunde ein ganz hbsches kleines Vermgen! Das war nicht schlecht
von ihr gedacht, das war ganz selbstverstndlich und natrlich. Und doch
weinte sie wieder, wenn sie an dies alles dachte, und wute nicht was
sie tun sollte.

Eine Annonce stand noch aus; sie hatte sie an jenem Abend, als sie Herrn
Feihse zum letzten Male sah, noch rasch verfat und am nchsten Morgen
auf die Redaktion getragen. Von dem Erfolge dieses Schrittes wollte sie
ihr Schicksal abhngig machen. Und diese letzten Tage und Stunden waren
schwer fr sie. Zwei Bilder schaukelten in ihrer Seele, das Bild Herrn
Feihses und das des idealen Mannes, den sie fast ganz deutlich vor sich
sah: Wenn es ihn wirklich gab, so mute er jetzt endlich erscheinen. --
Aber er erschien nicht. Mit leeren Hnden eilte sie von der Redaktion
wieder ins Geschft oder in die Wohnung. -- So war der dritte Tag beinah
verstrichen. Ein letztes Mal war sie auf der Redaktion. Sie war bereits
geschlossen, sie rttelte vergeblich an der Tr. Dann aber dachte sie:
Wenn diese Tr sich mir verschliet, so wei ich nun eine andere, die
eine unsichtbare Hand mir weist, keine mit Farbe gemalte, wie diese
herzlose Hand hier, die nur auf Bureautren deutet, sondern die Hand des
Schicksals selbst! -- Vorher aber wollte sie noch einmal ins Leben
untertauchen, ins wildeste Leben. Wie hatte sie gesagt: Wenn die
Mitternacht des dritten Tages anbricht ... Mit dem Schlage der
Mitternacht wrde sie Herrn Feihses Nachtglocke anluten, und vorher
wollte sie mit ihrem Vetter und mit Lotte in den Zirkus; die beiden
hatten schon mittags davon gesprochen, ohne daran zu denken, sie selber
aufzufordern. Da wollte sie Abschied nehmen von dem jubelnden reichen
Leben! --

Ich gehe heute abend mit euch! sagte sie, als mache sie den beiden ein
groes Geschenk damit. -- Aber Herr Knnecke schien nicht erfreut
darber. -- Du darfst es uns doch nicht belnehmen, sagte er, als sie
allein waren, da ich endlich einmal auch ein Vergngen mit Lotte allein
haben mchte. berall bist du dabei, es ist ja fast gar nicht so als ob
wir verheiratet wren! -- Ich springe aus dem Fenster! schrie Frulein
Nippe pltzlich, in der mit einem Male alle Bitterkeit, alle Wut gegen
das herzlose Schicksal berkochte -- und sie rannte durchs Zimmer und
schwang sich wirklich auf die Fensterbank. -- Komm da mal gleich wieder
runter! sagte Herr Knnecke erschrocken. -- Diesmal, rief sie, ist es
milungen, aber das nchstemal wirst du mich nicht hindern. Rhre mich
nicht an! fuhr sie heftig fort, wir haben keine krperliche
Gemeinschaft! -- Sie war wieder unten, und berhufte ihn mit Vorwrfen.
Sie habe Lotte von der Gasse aufgelesen, und durch Lottes Schuld seien
ihm nun die Ngel zu Geierskrallen gewachsen, die er einschlage in sie
armes wehrloses Opfer. -- Das verbitte ich mir! sagte er in bestimmtem
Ton, du bist absolut nicht objektiv! -- Schon wieder dieses herzloseste
aller Worte, das die Gefhle auf eine Wage legt und gegeneinander
abwgt! Bei lebendigem Leib wird man seziert, aufgeschnitten, da Herz
und Lunge und Eingeweide klopfen! -- Also du kannst ja mitgehen, wenn du
durchaus willst, sei doch nur endlich ruhig! -- Nein, nun will ich
nicht! rief sie heftig, das ist die rechte Art! Erst lechzt man nach
einem Trank, und kriegt ihn nicht, dann spuckt der andere hinein und
sagt: nun trink! -- ich danke bestens! -- Jetzt ging die Tr auf, die
alte Frau Bornemann zeigte sich auf der Schwelle, das Kindchen auf dem
Arm, sah kurzsichtig von einem zum andern und sagte mit enttuschter
feiner Stimme: Es war mir vorhin so, als wrde hier _gesungen_! Aber ich
mu mich wohl geirrt haben. Ich hre Lieder fr mein Leben gern, aber
wie mein Mann-selig in die Grube fuhr, wurde auch's Klavier verkauft.
Gott, was waren das fr schne Zeiten! Aber wir wollen nicht klagen:
Lotte ist glcklich verheiratet mit'm Kind, ich bin bei ihr geblieben,
das Kind wchst und gedeiht zu seines Schpfers Ehre, und ich zahl'r
meine Miete, wie sich's gebhrt! Und ein Liedchen trllernd, wie es
schon zur Zeit ihrer Altvordern gesungen wurde, zog sie auf ihren
Filzpantoffeln mit dem Kinde wieder ab.

Es geht nicht, es geht nicht fr die Dauer! dachte Herr Knnecke, und
ahnte nicht, wie nahe die Wendung in Frulein Nippes Geschick war.

Frulein Nippe verlie das Haus: Nun wrde sie _sogleich_ zu Herrn
Feihse gehen! Herr Knnecke und Lotte aber gingen nun auch nicht in den
Zirkus, da ihnen die Stimmung verdorben war.

Sie lutete an Herrn Feihses Wohnung, sie hrte seinen rhythmischen,
erregten Gang, er ffnete, mit Trnen in den Augen stand sie vor ihm und
sah ihn an mit verheiungsvollem Blick. Er tastete in sein Zimmer
zurck, sie folgte ihm. -- Tapferer Mann! sagte sie, Sie haben sich Ihr
Glck erkmpft! Ich bin die Deine! Kannst du mir ein wenig gut sein? --
Herr Feihse keuchte so, da er sich setzen mute; er ergriff ihre Hnde,
auch ihm rollten die Trnen ber das Gesicht; dann wollte sie einen Satz
vom Lebensglck sagen, in dem das Wort basiert vorkommen sollte. Aber
sie brachte ihn nicht heraus; und berhaupt: Welcher Mensch denkt denn
in Augenblicken, wo man den Pulsschlag des Lebens fhlt, an
Fremdwrter?! Und dann sagte sie statt dessen mit vor Rhrung halb
erstickter Stimme: Armer Mann! Du hast einmal in einem Moment der
Bitterkeit gesagt, wenn du strbest, so wrde kein Hahn danach krhen;
-- du sollst dich getuscht haben! --

Herr Knnecke sa mit Lotte und Frau Bornemann beim Abendessen. Frulein
Nippe kam nicht; sie erschien erst, als alle gerade zu Bett gehen
wollten. Herr Knnecke hielt es fr angebracht, etwas darber zu sagen,
da sie zuviel die Hausordnung verletze; sie htten sich alle um sie
gengstigt; sie mge doch ein wenig rcksichtsvoller sein!

Frulein Nippe war gerade recht in der Stimmung sich Vorwrfe machen zu
lassen! -- Ihr kaltherziges Philisterpack! rief sie, was wit ihr denn
berhaupt von dem, was in der Seele eures Nchsten vorgeht! _Ahnst_ du
denn, was mich die letzte Zeit bewegt hat? Hast du wohl soviel Interesse
gehabt, darber auch nur nachzudenken? Ihr alle habt keinen Funken von
Interesse oder Intelligenz! Wollt ihr wissen, was es ist? Und dann legte
sie ihr ganzes Triumphgefhl, die ganze Wucht ihres Schlages in die
Worte: Verlobt habe ich mich! Ha, da knnen die Spiebrger die Muler
aufsperren! Aber pltzlich wurde sie weich und sagte: der Geist der
Liebe soll uns alle verbinden! umarmte einen nach dem andern und weinte
wieder.




                           Neuntes Kapitel.


Fox Sintrup sa in einem Coup vierter Klasse und fuhr nach irgend einem
entfernten kleinen Orte, den er nicht kannte. So mute es gemacht
werden, das war romantisch-echte Ziel- und Zwecklosigkeit, das
unbestimmte Schweifen in die Ferne. Jetzt gilt es der Not fest in das
Auge zu sehen! sprach er zu sich selbst. Er erinnerte sich, da er noch
eine echte Havanna aus dem Niedergang gerettet hatte, fand sie auch
wirklich in seiner Rocktasche, etwas abgeblttert, aber immerhin noch
rauchbar, das vertrieb den schlechten Duft, der um ihn war. Ihm
gegenber lagerte ein junger Mann, fast noch ein Knabe, mit dunklen
Augen; neben ihm sa eine alte Frau; sie hatte sich zu ihm gesetzt,
obgleich sie nicht zu ihm gehrte. Ihre Augen waren starr und sie
bewegte sich kaum. Dann kamen Arbeiter mit dumpfen Gesichtern. Fox
wrdigte sie alle kaum eines Blickes; es dunkelte und wurde Nacht, er
suchte zu schlafen, wurde aber bald geweckt durch die Tne einer
Harmonika. Der junge Mensch spielte ein langsames trauriges Lied,
whrend er die Augen, ohne etwas zu sehen, zum Fenster hin gerichtet
hielt. -- Das ist doch noch Poesie! dachte Fox, echte Poesie; da suchen
die Dichter immer ihre Stoffe in ertrumten Fernen, und berblicken die
nchste Realitt! Wie leicht knnte ich jetzt hieraus ein Gedicht
machen! Ein Gedicht, in der denkbar schlimmsten uern Zwangslage
geschaffen, und doch ein echtes Gedicht! Da sieht man wieder, da es
wahr ist: Kunst entsteht aus Not! Unsere heutigen Dichter aber sind
Faulenzer auf dem Sofa: Bei dem Rauch einer Zigarette dichten sie ber
Waldesduft und Bltterrauschen; der heutigen Generation ist das Gefhl
der Natur abhanden gekommen. Die Frau da hinten! Sitzt sie nicht da wie
die menschgewordene Frau Sorge, drngt sich nicht einem geradezu Zeile
um Zeile eines Gedichtes auf? Mal sehen. Er runzelte die Stirn: -- Tief
eingesunken starren meine Augen, die nur zum innern Sehn noch taugen!
Das sollte ihm mal jemand nachmachen! So ganz aus dem Stegreif; -- na
und so weiter. Sollte er wohl eigentlich ein Dichter sein? Daran hatte
er noch nie gedacht. Auch Dichter lernen das Elend kennen, Grabbe trank
sogar, und doch kam sein Name auf die Nachwelt. Und Trinker werden
wollte Fox ja nicht einmal. Das war alles vergangene Epoche. Was wollte
er jetzt nur eigentlich in diesem Stdtchen, dem er zurollte, mit jeder
Sekunde sieben Meter? -- Peter der Groe hatte auf Schiffswerften
gearbeitet. Hier war aber gar kein Meer. -- Er mute irgendwie seine
Kenntnisse verwerten. Als Schreiber bei einem Rechtsanwalt? Alles
strubte sich dagegen in ihm. Aber in Amerika wurden sogar Hochadelige
Kellner! Das war authentisch! Graf Zitzewitz zum Beispiel! -- Sollte er
doch Schreiber werden, sich nebenbei auf das Examen vorbereiten und
seinem Vater spter auf die Schulter klopfen und sagen: Siehst du mein
Lieber, es ging auch ohne dich?! Fox traute sich schon einiges zu, bers
Jahr wrde er dann Referendar sein -- er war dann allerdings schon 28
Jahre -- aber dann ging es mit Riesenschritten in die groe Karriere
hinein.

Am nchsten Morgen kam er in seinem kleinen Bestimmungsorte an. Ein
Bahnhof lag da, aus traurigen roten Backsteinen erbaut. Hhner
wandelten, ernsthaft nach Wrmern pickend, hin und her. Bei dem Anblick
der Hhner fiel ihm ganz ohne Vermittlung das Frulein ein. Er hatte
vollkommen vergessen ihr adieu zu sagen! Nun, auch sie gehrte einer
vergangenen Lebensepoche an. -- Die wenigen Aussteigenden hatten sich
verlaufen, Fox sah sich nach rechts und links um. -- Was soll ich denn
hier? fragte er sich halblaut, dies scheint ja eine Dreckstadt zu sein!
-- Er berlegte, ob er weiterfahren solle, nach der nchsten Grostadt
-- aber das Geld! -- Er berzhlte seine Barschaft. -- Das gengt doch
nicht! Ich kann doch nicht all mein Geld verfahren fr nichts und wieder
nichts! All dies sprach er zu sich selbst, als sei er eigentlich
gedoppelt, als habe ihn ein anderer in diesen Sumpf hineingelockt, dem
er nun die Torheit, den Bldsinn dieses Schrittes vorhielt. -- Er suchte
sich das beste Hotel, in der berlegung, es werde guten Eindruck machen
bei den Rechtsanwlten, die er aufsuchen wollte. -- Vier Vertreter
dieses Standes fand er in dem dnnen, magern Adrebuch, alle vier
besuchte er, alle vier sagten, es sei kein Posten frei. -- Aber so
schaffen Sie mir doch einen! Ich bin eine horrende Kraft! Ich habe
akademische Bildung! Ich bin kein gewhnlicher Schreiber! Ich bin was
Besseres! Einer gab ihm ein Geldstck. Fox nahm es, ohne zunchst den
Zusammenhang zu begreifen, dann sah er es aufmerksam an und fhrte
darauf einen so ausdrucksvollen Blick unter seinen emporgezogenen
Augenbrauen auf den Geber, da der in ein lautes Gelchter ausbrach und
es gutmtig zurcknahm. -- Wieder ein anderer -- es war der letzte der
vier, die in Betracht kamen, riet ihm, er mge sich ans Amtsgericht
wenden, da sei gerade ein Portierposten frei. Bei diesem Wort war es,
als wenn Fox in die Lnge und die Breite wchse: Wten Sie, sagte er
mit traurigen, strafenden Augen, wen Sie vor sich haben, so htten Sie
das nicht gesagt! Der andre sah ihn ganz verwundert an und lachte dann
ebenfalls. Dann war er wieder auf der Strae, auf dieser abscheulichen
kleinstdtischen Strae, und dachte: Und was wird nun?! -- Vor einem
Hause war ein Auflauf, viele Kinder drngten sich am Tor, zuweilen wich
alles zurck, dann kam ein Herr oder eine Dame heraus, zierlich und
auffallend herausgeputzt. Gruppen von Erwachsenen standen auf dem
gegenberliegenden Fusteig, auch sie sahen voll Interesse herber, und
aus den Fenstern der verschiedenen Stockwerke unterhielten sich Menschen
mit den Untenstehenden. -- Hermann Steinert, Theaterdirektor, las Fox an
der Tr, auf einem Schild. -- Schmiere! dachte er verchtlich; so tief
bin ich noch nicht gesunken. Dann ging er wieder weiter und rgerte
sich, da er berall an allen Ecken dieselben Menschen traf.

Als Klavierlehrer knnte ich mich doch hier niederlassen! dachte er
pltzlich, als er ein schlechtes Instrument vernahm, dessen Tne durch
irgendein Fenster hinaus die ganze Strae zu fllen schienen; -- dazu
braucht man nichts als ein Klavier und ein sicheres Auftreten. Das
Klavier bezahle ich nicht und das Auftreten habe ich. Ich will mich
schon einfhren! Ich setze mich einfach abends zu den Honoratioren an
den Tisch im Gasthaus, an dem die Kerle alle beieinander hocken! Seine
Idee, Bureauschreiber zu werden, erschien ihm mit einem Male lcherlich.
Aber wenn ihn unter den Stammgsten die vier Rechtsanwlte erkannten?
Dann war sein Renommee dahin! Er lie sich Backen- und Schnurrbart
abnehmen, und als er sich nun glatt und bartlos im Spiegel betrachtete,
beunruhigte ihn der Gedanke, ob er sich damit nicht irgend einen andern
Beruf zerstrt habe, fr den der Bart vielleicht unumgnglich ntig sei.

Als er gegen Abend ins Hotel zurckkehrte, blieb das Zimmermdchen auf
der Schwelle stehen. -- Wann fngt denn der Theater an? fragte sie
endlich langsam und neugierig. -- Der Theater? Fox zog die Augenbrauen
hoch und lie den Blick gro zu ihr hingehen. -- Sie stie einen
unterdrckten Lachton durch die Nase. -- Sind Sie der Komeker? fragte
sie, und ihre Augen glnzten schon vor Freude. -- Komeker?! Machen Sie,
da Sie rauskommen! sagte Fox. -- Er kleidete sich nun auf das
peinlichste um, nichts sollte an seinen frheren Zustand erinnern. -- --

Wann fngt denn der Theater an? fragte der Kellner diskret beim
Servieren. -- Heute! sagte Fox gergert. Der Kellner nahm das als einen
Scherz hin. Nach dem Essen suchte Fox den Portier auf und fragte nach
dem Stammlokal der ersten Brger. Der Portier sah ihn etwas verwundert
an, nannte es und sagte dann: Herr Steinert hat wirklich Glck gehabt!
Fast htte er doch nun auf alle Lustspiele und Possen verzichten mssen!
Gestern telegraphiert ihm sein Komiker er kme nicht, und heute hat Herr
Steinert bereits Ersatz gefunden. Er kann die Saison ruhig beginnen!
Wirklich ein rhriger Geschftsmann! -- Und woher wissen Sie, da ich
der Komiker bin? -- Sie haben es doch selbst dem Zimmermdchen gesagt!
-- Fox zuckte die Achseln; es war ihm nicht der Mhe wert diese Leute
aufzuklren, da er Regierungsbeamter -- nee, was war er denn? Schreiber
-- Kammervirtuose -- Fox wute im Augenblick selbst nicht was er war. Er
trat auf die Strae. Mochten sie denken, was sie wollten. Kommt alles
durch den Bart, der weg ist! Hopla, dies verfluchte Pflaster! Und diese
elende Straenbeleuchtung! Es fiel ihm auf, da fast alle Huser dunkel
waren. Um wieviel Uhr gehen denn die Leute hier zu Bett?! so dachte er,
unwillkrlich stehen bleibend. Da schnarcht ja was im Parterre! Hinter
der Gardine! Ich hre es ganz genau, durch die Fensterscheiben! Da
schnarcht was!! -- Pltzlich befand er sich vor dem bezeichneten
Restaurant. Das hatte ihm der Portier auch so beschrieben, als wenn es
Gott wei wie weit bis dorthin wre. Ein Katzensprung! Nichts weiter! --

Drinnen saen lauter Mnner mit Brten, die meisten auch noch mit
Brillen. Es war ein gerumiges, niedriges Zimmer, in dem ein schlechter
Tabaksdunst herrschte. An einzelnen Tischen wurde Karten gespielt. Alle
sahen auf, wie Fox hereintrat, neugierig wurde er gemustert. Jetzt galt
es!: Mit rascher, groer Gebrde legte er seinen Mantel ab, setzte sich
an einen freien Tisch und trommelte mit den Fingern. Dann fragte er den
Kellner, ob Freiherr von Strambach keine Nachricht fr ihn hinterlassen
habe: Von Sintrup, Kammervirtuose. Der Kellner verneinte bedauernd und
interessiert. _Nein!?_ rief Fox und fuhr vom Stuhl empor. Dann gab er
sofort ein Telegramm auf: Freiherr Strambach nicht hier, alles vorlufig
sistieren. Die Adresse lautete wieder an seinen alten Freund, den
Kriegsminister. Und er lachte innerlich, denn der alte Herr hatte
inzwischen schon fter Nachricht von ihm bekommen, und diesmal wurde er
gar durch ein Telegramm aus dem Schlafe alarmiert. -- Er erreichte was
er wollte: Im Nu war alles im Lokal bekannt, und der Kellner kam im
Auftrag der Herren, ihn an ihren Tisch zu bitten. Diskret ward er nach
dem Kriegsminister gefragt; er sagte, Freiherr Strambach sei ein Freund
von ihm und nannte die Sache, um die es sich handelte, eine leidige
Angelegenheit, in der er den Vertrauensmann spiele. Der Kriegsminister
habe brigens eine reizende talentvolle Tochter, die er im Klavierspiel
unterrichtet habe. Man fragte ihn nun ob er hier konzertieren wolle. Fox
schttelte den Kopf und sagte, seine Tourneen gingen immer nur ber
grere Stdte. -- Ach das ist aber schade, uerst schade! Nebenan im
Zimmer ist ein Klavier, wollen Sie uns nicht einmal die Freude machen,
wenn es nicht unbescheiden ist? -- Fox machte ein bedauerndes Gesicht;
seit Monaten habe er keine Taste angerhrt, jetzt gehe es seinen Nerven
allerdings etwas besser. -- Nun sehen Sie! na, wenn es jetzt besser geht
-- -- Fox lie sich noch etwas bitten, dann verschwand er mit
resigniert-freundlichem Gesichte im Nebenzimmer und alsbald donnerten
die Eingangsklnge der Hollnderballade, die Fox konnte. --

Die Suggestion des Kammervirtuosentumes wirkte, untersttzt durch brige
Kritiklosigkeit, Fox kam wieder aus seinem Zimmer heraus, als wenn er
dort gerade gebadet habe und sich vor Zug in acht nehmen msse, und ward
mit Bravos empfangen. Er schimpfte auf das scheuliche Klavier. Einige
nahmen das Klavier in Schutz, andere verwiesen auf das bessere im
eigenen Hause. -- Wenn Sie hier am Orte bleiben, mssen Sie uns
unbedingt einmal die Ehre geben! -- Meine Frau sucht schon lange einen
Partner im Vierhndigspielen, keiner ist ihr gut genug, sie macht eben
knstlerische Ansprche! -- Mein Sohn klagt immer, zu was er denn
Violine lerne, wenn er das Dings immer solo spielen msse, viel kann er
ja noch nicht, aber Talent hat er. -- Ich spiele selber Cello! und
rgere mich, da meine Frau so absolut unmusikalisch ist! Ich mchte ja
immer gern mit der Frau Sekretr zusammen spielen, aber da sollten Sie
mal das Gesicht von meiner Frau sehen! So flogen die Rufe durcheinander.

Fox erklrte sich zu allem bereit, falls er sich lnger hier am Orte
aufhalte, was noch fraglich sei. Es kme auf die Luft an, die hier
herrsche. -- brigens, setzte er hinzu, werde er eventuell auch einige
Stunden erteilen, -- auf Honorare verzichte er, es sei ihm ein
Bedrfnis, junge Menschen, die Talent htten, zur Musik auszubilden. --
Diese Worte sprach er jenem Rechtsanwalt ins Gesicht, der ihm am Morgen
den Portiersposten empfahl, und der nickte und sagte: Bravo, das ist
wahrhaftig philantropisch! Schade, da ich keine Kinder habe, ich wrde
sie sofort von Ihnen unterrichten lassen, allerdings nicht gratis, das
versteht sich von selbst. -- Sprechen Sie doch mal mit meiner Frau!
Unser Gretchen hat zwar Stunden, aber wir sind beide nicht zufrieden.
Natrlich auch nicht gratis -- wenn Sie nicht bermige Forderungen
stellen. Fox sagte, er wolle es versuchen, ber das Honorar knnten sie
sich ja einigen, allerdings: wenn der Fehler an Ihrem Gretchen liegt
...! --

Er wartete noch auf andre Antrge, und dachte dabei: Weshalb meldet sich
niemand? Klavier lernt doch heutzutage jedes Rindvieh in den Windeln!
Jedoch nur ein magerer Offizial stellte sich vor, griff aber auf Foxens
Worte von der Honorarfreiheit zurck. --

Fox runzelte die Stirn und hielt es fr besser, das ganze Thema
vorlufig fallen zu lassen. Htte er nur wenigstens soviel Geld gehabt,
ein paar Monate auch ohne Stunden leben zu knnen, dann wrde er sich
schon langsam eingefhrt haben, daran zweifelte er keinen Augenblick;
selbst wenn es sich herausstellte, da er in Wirklichkeit nur sieben
Stcke konnte. Auf eigene Virtuositt kam es beim Stundengeben gar nicht
an; die besten Virtuosen waren oft die schlechtesten Lehrer, und
umgekehrt! Den Vater von dem Gretchen konnte er doch auch nicht gleich
um Vorschu bitten! -- Er erwog einen anderen Plan, zu Geld, und zwar
sofort zu Geld zu kommen. Die Herren spielen? fragte er; und dann
spielte man. Man setzte ganz kleine Summen. Er erzhlte von den
Offizierkasinos, in denen er verkehrt habe, dort seien die Goldstcke
beim Spiel nur so geflogen; ob man denn hier immer nur um Nickel spiele?
Immer! lautete die Antwort, und ein lterer Bureaubeamter warf ihm einen
ernsten Aktenblick durch seine Brille zu und knurrte: er hoffe, der
Geist des Leichtsinns werde seinem Stdtchen ewig fern bleiben. Mit
dieser Bande ist nichts anzufangen! dachte Fox, Pfennigfuchser,
niedrige, schmierige Gesellschaft! -- Und wie frh ging dies Volk zu
Bett! Das Lokal hatte sich schon sehr gelichtet. Was sollte er selbst
noch hier? Und wie wurde es morgen? Undeutlich sah er sich wieder auf
der Bahn, zu seinem Vater reisen. -- Whrend er so seinen Gedanken
nachhing, bemerkte er mit einem Male, wie zwei von seinen vier
Rechtsanwlten in einen Winkel traten und sich leise unterhielten; der
eine drehte aufmerksam den Kopf zu Fox hinber, schttelte ihn dann
aber, indem er wieder zu seinem Kollegen sah. -- Fox wurde es
unbehaglich. Er verabschiedete sich von seinem Tisch; dann war er wieder
auf der Strae.

Vor dem Hotel stand der Portier, der die Gste des Abendzuges erwartete,
denn vielleicht konnten welche eintreffen. Er unterhielt sich mit einem
der vier Rechtsanwlte. Fox grte schweigend und ging schnell hinauf,
bemerkte aber, wie die beiden ihm angelegentlich nachsahen. -- Sein
Zimmer lag nach vorn heraus. In diesem Nest, wo um elf Uhr alles
totenstill war, konnte man jedes Wort auf der Strae viele Meter weit
hren. Fox lie das Zimmer dunkel und ffnete vorsichtig das Fenster ein
wenig. Was? hrte er den Herrn dort unten fragen, Komiker ist er? --
Jawohl, ich kann es Ihnen auf das bestimmteste versichern; heute frh
ist er angekommen, heute nachmittag hat er sich den Bart abnehmen
lassen, und dem Zimmermdchen hat er es ja selbst erzhlt! -- Also doch!
Ich habe ihn doch gleich auf den ersten Blick erkannt! Herr Apotheker,
Herr Apotheker! Ich gratuliere Ihnen zum Klavierlehrer von Ihrem
Gretchen! Ein ganzer Rudel Bierheimkehrender kam die Strae daher. Pst!
sagte der Portier und lugte vorsichtig am Hause hinauf, da er aber kein
Licht sah und das Fenster geschlossen schien, beruhigte er sich. Aber
was soll dieses alles? fragte einer, nachdem auch Foxens Besuch bei den
Rechtsanwlten durchgesprochen war; ist der Mensch verrckt?! -- Was
dieses soll? fragte einer von den vieren: Mir ist die Sache vollkommen
plausibel: Mystifiziert hat er uns alle miteinander, er wollte sich
sofort am ersten Tage in unserm Stdtchen populr machen, und ich mu
sagen, er hat seine Rolle meisterhaft durchgefhrt! Ein Komiker darf
sich manches erlauben, was andere nicht drfen, ich sage Ihnen: wie er
heute morgen mein Geldstck ansah, das ich ihm gab: Gebrllt hab ich vor
Lachen! Und heute abend als nervenkranker Knstler -- ein bichen zu
dick ist er ja, aber dafr kann er nicht! Und er hat doch wirklich famos
gespielt! Klavier meine ich. Ein Prachtexemplar! Wenn der zum ersten
Male auftritt, nehme ich mir den besten Platz, das ist mal sicher; das
ist ein Original! --

So redete man da unten, bis der Hotelwagen leer zurckkam und die
Untenstehenden veranlate, zurckzutreten, was dann wieder den Ansto zu
Trennung und Weitergehen gab. Fern verlor sich das Gelchter.

Schweigend entzndete Fox sein Licht, schweigend, unbeweglich blickte er
in den Spiegel, und schweigend erwiderte das Spiegelbild den Blick.
Schweigend entkleidete er sich und stieg ins Bett, zog die Decke hoch
und starrte auf den weien Horizont des Leinens vor seiner Nase.

Was ist nun zu tun? dachte er, und suchte an dem Bart zu drehen, der
nicht mehr da war. Sein ganzes Wesen drngte nach etwas hin, sich vor
sich selbst in Respekt zu setzen. Er spuckte krftig ber das ganze Bett
hinweg bis an die gegenberliegende Wand. Damit war die erste Frage aber
nicht erledigt. Abfahren! dachte er endlich; abfahren mit dem frhesten
Zuge. Aber wohin?

Pltzlich erfate ihn eine groe Wut gegen seinen Vater, mit einem Satz
sprang er aus dem Bette und marschierte im Zimmer auf und ab. -- Alles
habe ich mir gefallen lassen, alles, aber dieses geht zu weit!! Ich
werde prozessieren! Mein Vater ist verpflichtet, mich standesgem zu
erhalten! -- Aber whrend er so redete, fhlte er selbst das Lcherliche
seiner Rede. Auf einmal blieb er mit einem Ruck mitten im Zimmer stehen:
Wenn er nun morgen frh zum Direktor ging, wenn er nun wirklich
Schauspieler wurde? Dann war ja alles in Ordnung, dann triumphierte er
ja ber diese ganze spiebrgerliche Gesellschaft! Der Direktor brauchte
ja einen Schauspieler, sonst konnte er nicht die -- gewissen Stcke
spielen! Fox sagte nicht: Possen und Komdien, da er das Wort Komiker
vorlufig noch ignorierte, weil er sonst gleichsam sich selbst htte
fordern mssen. -- berhaupt: wer sagt denn, wenn ich ihm eine von den
Rollen vorspreche, die ich bei Sander gelernt habe, da er mich nicht
als Helden anstellt? Vielleicht hat er auch keinen Helden, das kann doch
niemand wissen! Und mal ein bichen Theater spielen -- tat das nicht
auch Wilhelm Meister?! Dem Rechtsanwalt wrde er ins Gesicht lachen, und
eines Abends wrde er wieder ins Lokal treten und sagen: Meine Herren,
dieses letzte war auch wieder eine Mystifikation, denn eigentlich bin
ich auch kein Schauspieler, aber mein Vater ist so weitsichtig, da er
seinen Sohn vom Studium nicht direkt in den Beruf hineinschiebt, sondern
ihm Freiheit lt, auch andere Fhigkeiten und Talente in sich
auszubilden und die Welt wirklich kennen zu lernen, ein
Edukationsprinzip, wie es Goethe in seinen Erziehungsromanen
vorschwebte! So wrde er von seinem Vater reden, der das wei Gott nicht
verdient hatte. Und die Bekanntschaft mit dem Kriegsminister, wrde er
fortfahren, war keine Mystifikation, denn der alte Herr hat schon fter
Billette von mir empfangen, also kenne ich ihn -- ach nee, da irre ich
mich, ich kenne ihn ja gar nicht wirklich -- aber sagen kann ich es,
denn dem Wortlaute nach ist es wahr! -- Und dann wrde Fox zu seinem
Vater zurckgehen und erklren: ich habe dir nun gezeigt, da ich mich
selber zu erhalten wei: ich erwarte, da du mir wieder Vertrauen
schenkst, und mir die Mittel bewilligst zur Beendigung meines
eigentlichen Studiums. Und dann wollte er auch arbeiten, ehrlich und
ernsthaft arbeiten!! --

Als er am nchsten Morgen am Portier vorbeischritt, legte er um seinen
Mund markante Falten und fragte mit sonorer Stimme: Haben Sie schon
gehrt, wie ich gestern abend die Herren Brger angefhrt habe? --
Glnzend, einfach glnzend! grinste der Portier.

Fox hatte sein Selbstbewutsein voll zurckgewonnen. Dann stand er vor
Direktor Steinert, einem anscheinend noch jungen, glattrasierten Mann
mit schwarzen Augen und einem Hornzwicker. Auer ihm war noch eine alte
Dame im Zimmer mit kompaktem rein kastanienbraunem Haar und einem
Scheitel wie ein Lineal. -- Die Mitteilung des Portiers besttigte sich,
Herr Steinert war in Not, telegraphische Verhandlungen schwebten
allerdings mit Agenten, aber die Saison hatte schon begonnen, die
halbwegs besseren Krfte waren versorgt, und einen reinen Anfnger zu
nehmen scheute sich die Direktion. Fox erklrte nun, er sei vollstndig
zum Schauspieler ausgebildet, durch Herrn von Sander, bei dessen
Namennennung Herr Steinert eine kleine Verbeugung machte, da er ihn aus
Annoncen der Theaterzeitungen sehr wohl kannte. Dann setzte Fox hinzu,
da er selbst einer hoch -- hchst angesehenen Familie entstamme und
mehr Bildung fr den Beruf mitbringe als die meisten Schauspieler. Und
dann sagte er: Nun passen Sie mal auf. Er begann die Rolle
vorzusprechen, die er als allererste bei Herrn von Sander studiert und
endlos repetiert hatte, und die deshalb noch am besten im Gedchtnis
sa. Alle Bewegungen waren ihm noch gegenwrtig, durch die
Gesangstunden, die er betrieben hatte, war sein Organ ebenmiger
geworden, und Herr Steinert unterbrach ihn mitten in einem lngeren Satz
mit der Bemerkung, er habe schon genug gehrt, Talent sei unverkennbar
da, die uere Erscheinung sogar glnzend, aber -- wir brauchen einen
Komiker und keinen Helden!! -- Ja, Komiker bin ich nun nicht, sagte Fox
in seinem trockensten Tone, und sah Herrn Steinert mit jenem groen,
halb verweisenden Blick an, ber den das Stubenmdchen so gelacht hatte.
-- Aber das schadet ja gar nichts! lie sich die alte Dame jetzt durch
die Reihe ihrer sehr weien Zhne vernehmen, mit langsamer, etwas
schwerer Zunge und in einem gedehnten, singenden Tonfall, der durch
mehrere Oktaven zu spielen schien -- das schadet ja gar nichts! Wenn
er's nicht ist, kann er's noch werden. Wie Sie da vorhin ins Zimmer
traten -- so wandte sie sich an Fox -- wie Sie nur Ihren Hut auf die
Kommode stellten -- es war gar nichts weiter als diese einzige Bewegung
-- ich sage Ihnen: Ich mute lachen; glauben Sie mir, ich habe einen
Blick fr Menschen! Seit dreiig Jahren bin ich am Theater! Wenn Sie nur
auf die Bhne treten, so lacht das Publikum! Ich will Sie damit nicht
beleidigen! fuhr sie fort, da Fox ein verletztes Gesicht machte, im
Gegenteil: Wirkliche Komiker sind heutzutage selten! Bleiben Sie nur bei
uns! Herr Steinert warf ein, da Fox ja gar nicht die ntigen Rollen
beherrsche. -- Dann lernt er sie eben jetzt noch! sagte sie mit ihrer
eigensinnig klagenden Stimme, Schauspieler lernen schnell, und bei uns
heit es ganz besonders fest und energisch zu arbeiten, das ist hier
jeder gewohnt. Sie mssen wissen: Mein Mann und ich sind fr das Ideale!
Fox sah berrascht erst auf sie dann auf Herrn Steinert: war das die
Frau von dem? -- Und dann, Hermann: Er soll doch die Rollen nicht von
heute auf morgen lernen, sondern erst auf bermorgen oder nchste Woche.
Wir erffnen das Theater doch mit einem klassischen Stck, wo wir ihn
nicht ntig haben -- und die eigentliche Posse ist doch erst am Sonntag.
Bis dahin hat er viel Zeit zum Lernen, und die Proben sind doch auch
noch da! -- Herr Steinert war nach wie vor skeptisch. -- Aber das
Publikum hier macht doch keine Grostadtansprche! Und kurz und gut --
ihre Stimme wurde ungeduldig und etwas stoend -- mir gefllt dieser
junge Mann! Er wird wachsen mit seinen Aufgaben! Schlielich habe ich
doch auch ein Wort mitzusprechen, und wie gesagt -- ihre Stimme wurde
wieder singend: Ich empfehle dir diesen jungen Mann dringend, ohne dich
damit jedoch -- und nun klang ihre Stimme geradezu lig-zrtlich --
irgendwie beeinflussen zu wollen. Herr Steinert warf ihr aus seinen
wimperlosen, scharf umrnderten Augen durch den Zwicker einen
bse-versteckten Seitenblick zu, den sie aber nicht bemerkte, und
meinte: Gut, Ida, versuchen wir es. Sind Sie einverstanden? wandte er
sich an Fox.

In Fox bekmpften sich Regierungsassessor und Komiker. Da er alle
Rollen leicht lernen und tadellos spielen wrde, war auer Frage. Doch
vor den Leuten auftreten, damit sie ber ihn lachten?! Aber schlielich:
Auch Molire und Shakespeare waren Schauspieler gewesen, und beide
hatten eine Flle komischer Rollen selbst geschaffen! Und er selber
hatte vor ihnen noch den Vorteil voraus, da er seinen Namen nicht
hergeben wrde: Er wollte seinen uralten Familiennamen mit einem
Pseudonym decken. --

Wie ist es denn mit dem Honorar? fragte er. -- Herr Steinert wechselte
mit seiner Frau einen Blick und nannte dann eine Summe, die krglich
gering erschien, und kaum das Dasein zur Not fristen konnte. Fox
schwankte wieder; aber pltzlich fate ihn ein Gefhl, all diesen
niedrigen Erbrmlichkeiten ein Ende zu machen, durch eine halb
verchtlich gegebene Zustimmung. -- Hermann, wir knnten ihm doch fnf
Mark mehr bewilligen! -- Herr Steinert sah sie unbeweglich durch seinen
Zwicker an. -- Also es sind Ihnen fnf Mark mehr bewilligt! sagte er
darauf zu Fox; Gesellschaftsanzge, Salonrock, Frack usw. haben Sie doch
wohl? -- Fox unterdrckte ein krftiges Wort und sagte:
Selbstverstndlich. Herr Steinert holte zwei Kontrakte, unterzeichnete
den einen, gab ihm beide, mit der Bemerkung, zu Hause genau den Wortlaut
durchzulesen und ihm am Nachmittag den zweiten, mit seiner Unterschrift
versehen, zuzustellen. -- Aber das kann er doch gleich hier durchlesen!
Wozu denn diese Umstndlichkeit! -- Aber Fox nahm ihn mit und studierte
ihn im Hotel. -- Sechshundert Mark Geldstrafe fr den Fall eines
Kontraktbruches. Also so pltzlich weg kann ich da nicht, sonst bekomme
ich die Polizei auf die Hacken! --

Horst Siegmaringen nannte er sich; das klang gut und lie einen
unterdrckten Adelstitel vermuten.

Fox war nun engagiert. Er zog in ein kleines mbliertes Zimmer. Dort
lernte, bte und probte er fr sich Charleys Tante. -- Bldsinniges
Stck! Es fehlt ihm jeder echte Humor! -- Am nchsten Morgen war die
erste Probe.

Das ist ja eine Scheune?! sagte Fox, als er das Theater erblickte, --
eine Scheune, ohne Tr?! Wo ist denn die Tr?! -- Dies Theater war
eigentlich ein Hotel mit grerem Saal, de und verwahrlost, mit grauer
abgebrckelter Zementfassade.

Die alte Dame war schon lange auf der Bhne; sie leitete das Ganze, sie
war Regisseur, von ihr schien alles abzuhngen. Fox sprach seine Rolle
im Tone eines Leutnants. Herr Steinert war verzweifelt: Das geht nicht,
Sie mssen frauenhafter, damenmiger sprechen! Aber Frau Ida meinte:
La ihn doch, Hermann! das gibt ja gerade einen schnen Effekt! Das
wirkt fabelhaft! Wie er jetzt dasteht, dies Trockene, Geschftsmige,
-- das macht ihm so leicht keiner nach. Denke dir doch noch die Percke
und die Frauenkleider, das wird ja zum Schreien! -- Fox kam recht
deprimiert nach Hause. Ekelhaft war ihm dies Ganze, und seine Kollegen
und Kolleginnen -- auerhalb des Theaters wrde er mit keinem einzigen
von ihnen sprechen, das war ausgemacht! --

Was waren das auch fr Geschpfe! Er erkannte da einen Herrn wieder, der
die Bonvivantrollen spielte. Am ersten Mittag hatte der mit ihm am
selben Tisch gegessen, einzig und allein ein Ragout fin, -- nichts,
nichts weiter. Und am selben Nachmittag hatte er ihn schon aus dem
Fenster eines schnell gemieteten Zimmers schauen sehen. -- Und die
Damen, von denen war berhaupt nicht zu reden; wie Schneidermdchen, die
sich billig und auffallend herausstaffiert haben, zogen sie ber die
Straen; seine Partnerin, die Donna aus Charleys Tante, begegnete ihm
abends auf dem Markte, ganz allein stand sie da, vom Wirtshaus zum Caf,
vom Caf zum Wirtshaus sehend. Das war doch hchst fragwrdig! und als
er an ihr vorbeischritt, zwinkerte sie und hakte ihren kleinen Finger in
den seinen.

Alle nannten sich du, ihn selbst nannten sie auch du, er konnte nichts
dagegen tun.

Die Auffhrung von Charleys Tante nahte heran. Fox hatte seine Rolle
grndlich gelernt, die Zeigefinger in die Ohren gebohrt, wie ein
Schuljunge. Die Frau Direktor spielte mit groer Kraft einen
einleitenden Galopp auf dem Klavier, dann zog ihr Mann den Vorhang auf,
indem er sich, ihn in Bewegung zu setzen, an den Strick hngte. Fox
hatte nicht das geringste Lampenfieber. Durch das kleine Loch im Vorhang
sah er, ehe das Stck begann, in den Zuschauerraum, und empfand nichts
weiter als Verachtung vor dieser kleinbrgerlichen Menge, die da unten
Bier trank und rauchte und sich freute auf die Unterbrechung ihres
stumpfsinnigen Einerleis.

Als er nun selbst auf die Bhne trat, erhob sich hier und da ein
Klatschen, da man ihn erkannte; der hagere Offizial und der Vater des
Gretchens, die inzwischen an ihren Stammtischen gengend geneckt waren,
versuchten zu zischen, was nur den Applaus anwachsen lie. Fox aber, wie
ein groer, berhmter Gast, trat vor und verneigte sich dankend. Zurck!
flsterte der Direktor, halb ngstlich, halb erfreut, Sie stren das
Ensemble! Und wie nun Fox, im Augenblick wie zerstreut, auf die
Mitspielenden sah, als wolle er sagen: Ach, Ihr seid ja auch noch da,
Euch hatte ich total vergessen! -- brach der Applaus von neuem los. --
Bis zu dem Moment der Verkleidung hielt sich das Publikum ruhig, aber
als er dann anfing, sich als Dame hin und her schieben zu lassen, als er
halb ungeschickt ber seine Kleider stolperte und sich endlich fast nur
noch wie in einem Zustand der Notwehr befand, gereizte Blicke um sich
werfend wie ein Kater, der sich von Hunden bedrngt sieht, war der
Erfolg vollkommen. Man nahm das, was in Wahrheit Unfhigkeit war, fr
raffinierte Kunst, und die Stammtischgste aus dem Wirtshaus sagten: ja
ja, so auftreten wie der damals kann auch nur ein ganz genialer Mensch!
-- Fox durfte sich am Schlu viele Male verneigen. Die Frau Direktor
sprach ihm ihre Anerkennung aus, sagte mit Emphase, sie habe mit ihrer
Prophezeiung recht gehabt und zog seinen Kopf, ehe er es verhindern
konnte, an ihren Busen, der ungelftet roch. -- Diese Theaterleute,
dachte er mit einem parenthetischen: Pfui Teufel -- wissen doch nie die
Grenze einzuhalten. -- Charleys Tante wurde sofort wiederholt, und dann
ging es an neue Stcke.

Fox bernahm jede Rolle mit einem verschluckten Proteste, er spielte
sie, wie wenn man ihm einen ekelhaften Gegenstand zur Untersuchung
bergeben htte, gegen dessen Berhrung er sich zuvor mit seinen roten
Glachandschuhen bewaffnete, ehe er mit steifem Finger bald hier, bald
da hineinstie. Anfangs erreichte er damit immer wieder die erste
Wirkung, aber schlielich fand man ihn langweilig. Einmal zischte sogar
einer, worauf Fox mitten im Satze abbrach und in den Saal hineinstarrte,
als wolle er den Zischer rgen. Herr Steinert suchte ihn nun mehr in
Chargenrollen zu beschftigen und begann einzusehen, da er an Fox keine
gute Kraft gewonnen habe. Fox war damit ganz zufrieden, betonte Herrn
Steinert gegenber, er sei ja auch eigentlich Held, und hier falsch am
Platze, und hegte keinen Groll gegen den jungen Mann, den Herr Steinert
das nchstemal probeweise als Lumpaci Vagabundus herausstellte. Aber
auch in seinen Chargenrollen sprach Fox genau so wie vorher, und whrend
einer Aktpause in Wilhelm Tell bekam er Vorwrfe vom Direktor, er solle
sich mehr zusammennehmen, mehr wirkliches Feuer und patriotische
Leidenschaft entwickeln. Herr Steinert spielte selbst den Wilhelm Tell
und ri alles mit fort im Taumel seiner Rede. Frau Ida aber spielte,
abgesehen von ihrer Mechtildrolle, noch eine andere, indem sie sich als
alter Attinghausen im Rollstuhl hereinschieben lie, ohne da das
Publikum den Betrug bemerkte, da der Theaterzettel einen anderen Namen
aufwies. -- Mensch, sagte Herr Steinert nach der Vorstellung zu Fox, Sie
spielen immer wieder als Charleys Tante, das geht nicht, es geht
wirklich nicht! -- Aber Fox lie dies nicht auf sich sitzen. Voll
Antipathie starrte er auf dieses schwarzugige Gesicht mit dem blonden
unechten Germanenbart darunter: Schaffen Sie doch erst mal andere
Dekorationen! In Ihrem Tell ist ja auch alles genau so wie in Charleys
Tante! Wo bleibt denn da die Illusion?! Und die Kostme sind ja auch
immer dieselben! Ihre Berta von Bruneck zum Beispiel ist doch wieder
nichts weiter als die Nichte von der Tante, und wenn sie sich auch ein
grnes Umschlagetuch umhngt -- fr mich ist das noch lange kein
Jagdkleid! Die Hlfte der Personen fehlt berhaupt ganz und gar, weil
Sie keine gengende Anzahl von Krften haben; was knnen Sie da vom
einzelnen verlangen! Intrigen gibt es bei mir nicht, sagten Sie damals
zu mir, als ich bei Ihnen eintrat; das verstehe ich jetzt vollkommen.
Das bichen Personal hockt ja hier zusammen wie eine kleine Familie im
Regen, ohne Obdach! Jeder ist auf die Hilfe des Nachbars angewiesen, und
einen Intriganten im wirklichen Sinne des Wortes besitzen Sie berhaupt
nicht! Der Geler wurde zum Beispiel vom Bonvivant gegeben! -- Das
verstehen Sie nicht! Das zeigt nur wieder, da Sie sich in die
Verwandlungsmglichkeiten der einzelnen Krfte nicht hineinzuversetzen
vermgen, und das ist es ja, was ich Ihrem eigenen Talent vorwerfe!
Auerdem: Die Charakterrolle wurde nicht vom Bonvivant gegeben, sondern
eine Bonvivantrolle zufllig vom ersten Intriganten; das schadet nichts,
absolut nichts, ich liebe es, meine Leute untereinander zu vermischen,
auf die Weise erzielt man Allseitigkeit der Ausbildung! -- Gemischt sind
sie wahrhaftig genug! sagte Fox, und rgerte sich, da der Direktor dies
nicht mehr zu hren schien, denn er hatte sich abgewendet, war auf einen
Stuhl geklettert und hatte eigenhndig eine vergessene Gasflamme
ausgedreht, und jetzt schrie er den Diener an: Die Beleuchtung
verschlinge sowieso ein Heidengeld, und ob er meine, die Bhne solle
heut abend noch einmal als Tanzsaal benutzt werden. --

berall herrschte ein ganz entsetzliches Sparsystem. Zum Schminken, An-
und Auskleiden gab es fr Herren und Damen nur je einen einzigen kleinen
Raum, nur die Damen hatten einen Spiegel, den Frau Steinert jeden Abend
mit nach Hause nahm, da er ihr Privateigentum war, das sie morgens bei
der Toilette bentigte. -- Feste Kostme, deren einzelne Bestandteile
man nicht trennen durfte, schien es nicht zu geben. Wie in einem
Trdelladen war alles durch- und bereinander gehuft, jeder suchte sich
heraus, was ihm ntig oder erstrebenswert erschien, und namentlich gab
es da einen alten roten Samtmantel mit unechtem Goldbrokat, der unter
den Damen ein ernstliches Zankobjekt bildete, whrend die Herren schon
tagelang vor einer bestimmten Auffhrung ein schwarzes Atlaswams zu
belegen pflegten, das einst bessere Zeiten gesehen zu haben schien.
Nur der Direktor besa einige Kostme, die niemand in Bruchstcken fr
sich selbst verwenden durfte.

Ich komme gleich, ich mu nur noch mal in den Saal; dies Wort, das Fox
hufig nach den Vorstellungen um sich herum hrte, verstand er anfangs
nicht. Allmhlich begriff er den Sinn: Gegen ein kleines Trinkgeld lie
der Kellner die Tische unten nach der Vorstellung noch einige
Zeit unabgedeckt, und bei der sprlichen Beleuchtung der
Sicherheitsstearinlampe am Treingang huschten die dunklen Gestalten der
Knstler und Knstlerinnen von Tisch zu Tisch, nach Bierresten und wohl
auch nach halb aufgegessenen Brtchen und Fleischteilen sphend, und
unter ihnen tat sich eine Dame ganz besonders hervor, welche die
appetitliche Giftmischerin genannt wurde, weil sie nicht, wie die
andern, jeden Rest fr sich austrank, sondern alles in einen einzigen
Bierseidel zusammengo, da sie dieses appetitlicher fand. Zuweilen kam
es mit dem Kellner zu Szenen, da man ihm vorwarf, die besten Reste
trnke er schon vorher selbst. Hier regelte sich auch die Nachfrage des
einzelnen nach Tabak; ein Nichtraucher konnte einen Schluck Bier
eintauschen gegen ein Zigarrenende, das er selbst verschmhte. Fox fand
dieses Unwesen emprend: Lieber htte er gehungert und gedrstet, als
da er da hinabgestiegen wre!

Mit den Knstlern und Knstlerinnen war es hnlich wie mit den Kostmen:
Manchmal schienen zwei ein Ganzes zu bilden, bis sich pltzlich beide
Teile mit einem dritten oder vierten vereinigt fanden. Es war unmglich,
in dem Knuel der Mglichkeiten etwas Bestimmtes, Bleibendes
festzustellen. -- Fox blieb auf die Dauer hiervon nicht unberhrt; er
schenkte seine Zuneigung einer jungen Dame, die ihm noch ganz passabel
erschien, wie er sich ausdrckte, verbot ihr aber, jemals verhindert
zu sein. -- Alle Damen waren manchmal verhindert, das wute jeder,
niemand fand etwas daran.

Nur der Direktor und seine Familie fhrten ein streng in sich
abgeschlossenes Leben. Was es mit ihm und seiner Frau auf sich hatte,
wute Fox nun auch. Frau Steinert war ursprnglich die Witwe eines
Theaterdirektors, der ihren Jahren angemessen gewesen war. Schon zu
dessen Lebzeiten hatte Herr Steinert, der unter ihm ans Theater gekommen
war, sich erfolgreich um die Gunst des Kindes, ihrer Tochter, bemht.
Der Direktor starb, und nun machte Herr Steinert der Witwe den
Vorschlag, er wolle die Tochter heiraten und gleichzeitig die
Direktionsstelle des Vaters bernehmen. Da aber deutete ihm die Mutter
an, der Weg zu jener Stelle ginge nur ber sie selber. So entschlo er
sich dazu, sie zu ehelichen. Aber Frau Steinert konnte es nicht
verhindern, da er auch ihrer Tochter weiter in Treue zugetan blieb.
Anfangs entrstet, fand sie sich allmhlich damit ab, da er sie selber
durchaus nicht vernachlssigte, die erste Zeit wenigstens, und sie in
ihrer Tochter das jugendliche Ebenbild ihrer selbst erblickte. Und mit
einem gewissen Rechte betonte sie allen Menschen gegenber das innige
Zusammenleben der kleinen Familie. Erst in den letzten Jahren waren die
ehelichen Beziehungen erkaltet, und Frau Steinert rchte sich auf ihre
Weise: Sie war eine kluge Frau und hatte sich mit jener Ehe, wie sie es
nannte, nicht bers Ohr hauen lassen. In allen obersten Entscheidungen
blieb das Vorrecht ihr, und dieses Recht bte sie nun rcksichtslos aus;
ihr Mann war dem Namen nach Direktor, in Wirklichkeit war sie die erste.
--

Wie sie Fox damals erblickte, war es wie ein Sonnenstrahl in ihr
alterndes Herz gefallen, und Fox, der ihr zu Dank verpflichtet war, da
sie von Anfang an sein Talent durchschaute und auch sein Engagement
durchsetzte, begegnete ihr stets mit Ritterlichkeit. Wenn sie allein
waren, streichelte sie zuweilen seine Hand und nannte ihn mein
Shnchen, was er sich, wenn auch widerwillig, gefallen lie. -- Er war
stets der erste, der seine Gage ausbezahlt bekam, und wenn er die
letzten Tage fast gehungert hatte, so entschdigte er sich nun gleich
durch doppelte Ausgaben, so da seine Kasse nach vierzehn Tagen schon
wieder auf dem Nullpunkt angekommen war. Dann gab es einen Vorschu, den
die Frau Direktor, wie sie mit bedeutender Stimme sagte, nur ihm
bewilligte. -- Wirklich eine vornehme Frau! dachte er. Sie lud ihn auch
manchmal zu sich ein, wenn sie allein war, und setzte ihm sehr viel
Likr vor, den sie selber gerne trank. Sie klagte ihm auch nach und nach
ihr Leid, wie sie im Grunde eigentlich allein stehe. Er dachte: arme
Frau! und da er sich zu ihr auf das Sofa hatte setzen mssen, und sie
ihm wie schutzbedrftig die Hand entgegenhielt, nahm und drckte er sie,
konnte seine eigene dann aber nicht mehr zurckziehen, da sie sie
festhielt. -- Ich wrde Ihnen ja gern Ihre Gage erhhen, wenn Sie das
wnschen, fr Sie tue ich alles was Sie wollen, wenn Sie nur ein wenig
Mitleid mit mir haben! Sie war ihm nahe gerckt und jetzt lehnte sie den
Kopf an seine Schulter. Fox befreite sich sanft, aber eindrucksvoll von
ihr, stand auf und sagte in vollkommenem Kavalierton: Gndige Frau, Sie
sind schonungsbedrftig! Wollen Sie nicht ein wenig ruhen? Gestatten
Sie, da ich Sie deshalb verlasse. -- Sie begriff die Lage sofort. --
Jawohl, ich bin schonungsbedrftig, sagte sie in ihrer langsamen
Sprechweise, nachdem sie ihn mit einem sinnenden Blick gemustert hatte,
Sie haben recht und ich bin Ihnen dankbar, da Sie gehen wollen, man
sagt das seinen Gsten nicht gern selbst. Leben Sie wohl -- nun, heute
abend sehen wir uns ja auf der Bhne. --

Fortan bekam er aber keinen Likr mehr zu trinken, und als er das
nchstemal um Vorschu bat, wiegte sie gleichmtig den Kopf hin und her
und sagte: Es geht nicht, es geht beim besten Willen nicht, Sie haben
nun schon so oft Vorschu bekommen, mein Mann macht mir Vorwrfe, ich
zge Sie andern vor, und bei denen habe es schon bses Blut gemacht,
mein Mann ist Direktor, und da mu ich ihm folgen. -- O weh, dachte Fox,
jetzt wei ich was die Glocke geschlagen hat! -- Wenn wir alle Ihre
Vorschsse zusammenrechnen, fuhr sie fort, so bleibt Ihnen nicht einmal
mehr ein Pfennig Honorar fr die ganze Saison. Ich frchte sogar, Sie
mssen mir einiges zurckzahlen. Ich habe alles notiert und kann es
schwarz auf wei beweisen mit den Quittungen! -- So redete sie jetzt;
und frher -- nicht nur jenes letztemal auf dem Sofa -- hatte sie ihm
angedeutet, da sie sein Gehalt vergrern wolle, ja es war ihm so, als
sei dieses -- wenn auch nur mndlich -- fest zwischen ihnen ausgemacht
gewesen. Was nun an seinen Geldern Zuschu, was Gehaltsvergrerung war,
das konnte er kaum mehr auseinanderscheiden. -- Er hielt ihr dies jetzt
vor. Sie sah ihn wie erstaunt an, dann lachte sie kurz und mtterlich
und sagte: Sind Sie aber naiv! Wenn ich heute eine Million gewnne,
wrde ich sie sofort Ihnen und dem ganzen brigen Personal abtreten,
denn ich habe keine Bedrfnisse und liebe meine Knstler wie eine Mutter
ihre Kinder. Aber Ihnen persnlich vor den brigen einen Vorzug geben --
das ist mir niemals eingefallen. -- Aber Sie haben mir doch selbst
gesagt -- -- Kurzum, unterbrach sie ihn, und ihre Stimme wurde pltzlich
fast mnnlich sonor und rauh, kurzum verbitte ich mir derartige
Unterstellungen! Ehe Sie Vorzge vor den andern beanspruchen, zeigen Sie
mal Ihre persnlichen Vorzge! Mein Mann hat ganz recht: Sie verderben
uns direkt den Besuch des Theaters! berall wo man hinhrt, heit es:
der langweilige Siegmaringen! Und im Tageblatt steht's genau so! -- Das
ist doch nicht meine Schuld! -- Ja wessen denn? -- Die Schuld von dem
Kerl, der das geschrieben hat! Es liegt am Geschmack der Menschen, aber
nicht an mir! Kein Mensch kann aus seiner Haut! -- Das ist es ja eben!
rief sie erregt, Sie stecken immer in Ihrer Haut, und das aus der Haut
fahren berlassen Sie dem Publikum! -- Auf solchen Ton einzugehen, sagte
Fox, sehe ich mich nicht in der Lage. Mit einer eisigen Verbeugung
entfernte er sich, und Frau Ida rief hinter ihm drein: Ihnen fehlt eben
der Sinn fr das Ideale! --

Was Frau Steinert ber die Kritik gesagt hatte, entsprach der Wahrheit:
Im Tageblatt war zu lesen, die Leistungen des Herrn Siegmaringen seien
langweilig und dilettantisch, nachdem er zu Anfang, namentlich mit
Charleys Tante, so Eminentes versprochen habe. Man gab der Direktion
Winke, diesen Knstler nicht allzusehr zu beschftigen, lieber in
kleinen Nebenrollen auftreten zu lassen, wo er nicht viel verderben
knne, und wirklich hatte die Direktion Fox im Laufe der Zeit alle
greren Rollen fortgenommen; selbst Charleys Tante wurde jetzt von
jenem jungen Talent gegeben, das Herr Steinert versuchsweise in das
komische Fach hatte einspringen lassen, in dem es sich auch vorzglich
bewhrte. Der Direktor beklagte den Schaden, der der Kasse erwuchs,
indem er dies Talent nun hher honorieren mute.

Fox merkte, da er wieder an einem Wendepunkte seines Lebens stand.
Niemand borgte ihm hier einen Pfennig, an die Direktion hatte er
Schulden, wie er selber einsah, als Schauspieler war er auch fast schon
unmglich -- irgendein rettender Sprung mute getan werden; vor allem
mute er sich Geld schaffen, damit er wenigstens die Mittel hatte einen
Plan ins Werk zu setzen. An seinen Vater konnte er sich nicht wenden,
seine frheren Freunde wrden ihn verleugnen, so blieb nur Pitt.

Viel geschrieben hatten sich die beiden Brder die letzten Jahre nicht,
Fox wute aber, da Pitt nun seit geraumer Zeit in einer neuen,
eintrglichen Stellung sa. Sollte er seine klgliche Lage eingestehen,
direkt um Geld bitten? Er schmte sich etwas. Da fiel ihm auf einmal ein
Ausweg ein: Pitt besa noch einen Haufen Aufstze von ihm im Manuskript,
die er ihm damals, als er ihn und Lotte verlie, eingehndigt hatte: Die
mute Pitt jetzt unter allen Umstnden in einer Zeitschrift
unterbringen, und ihm das Honorar sofort bersenden. Er schrieb an Pitt
darber, und schlo: Es geht mir zwar ausgezeichnet, aber du weit wohl
vom Hrensagen, da Knstler leichtbltigen Naturells sind, da das Geld
zwischen ihren Fingern hindurchrollt! berraschend schnell hatte er das
Honorar in Hnden, viel mehr als er gehofft hatte. Pitt schrieb, er
fhle doch durch, da Fox das Theater nicht sehr befriedige, und er
frage an, ob er geneigt sei, einen literarischen Beruf zu ergreifen? Er
knne ihm eventuell zu einer Stellung sehr behilflich sein. Fox ergriff
diese Mglichkeit mit beiden Hnden; es verging wieder eine kurze Zeit,
dann telegraphierte Pitt: Komm sofort. Fox hielt dies Telegramm in den
Hnden: Wie ein Erlsungsruf blickten ihn die Worte an, und er dachte:
Der Pitt ist doch ein guter Kerl, wirklich ein guter Kerl, wenn ich mir
diesen Ruf auch hchstwahrscheinlich selber durch meine Artikel
geschaffen habe -- immerhin -- er hat das doch wirklich -- also wirklich
-- -- fair gedeichselt! --

Er studierte das Kursbuch und fand, da der schnellste Zug am Abend
gehe, gerade whrend des letzten Aktes. Ins Theater mute er also noch.
Das wrde eine schne berraschung geben, wenn er auf einmal nicht mehr
da war!

Herr Siegmaringen! schnell, schnell, es ist die hchste Zeit! gleich
fllt Ihr Stichwort! rief der Direktor. Fox hatte sich extra absichtlich
versptet. -- Sintrup, sagte er, mein Name ist Sintrup, Redakteur
Sintrup. -- Lassen Sie die Spe! Machen Sie ein einziges Mal so einen
Witz auf der Bhne und ich bin zufrieden! Los, schnell! -- Fox bequemte
sich und spielte schlechter als jemals; hinter der Kulisse agierte Frau
Steinert mit beiden Armen, das Tempo zu beschleunigen. Du alte
Vogelscheuche! dachte Fox, du wirst heute noch ganz andere Augen machen;
und er sprach als wolle er im nchsten Augenblick einschlafen. -- In der
Pause gab es Vorwrfe, die er grinsend ber sich ergehen lie. -- Sie
sind wohl betrunken?! fragte Herr Steinert pltzlich: Ich rate Ihnen,
nehmen Sie sich zusammen, ich werde sonst andere Saiten aufziehen. --
Ich werde Sie peitschen lassen, entgegnete Fox und sah ihn trocken an.
-- Allmchtiger Gott, er ist irrsinnig geworden! rief Frau Steinert in
klagendem Ton. Der Direktor wollte auf ihn los. -- Na Kinder, regt euch
nur nicht auf, es war nur Scherz; sagte Fox und lachte. Es ward wieder
gelutet, Frau Steinert mute rasch an ihr Klavier zurck, ihr Mann
begab sich an den Vorhang. Es kam der letzte Akt, Fox hatte erst gegen
Ende aufzutreten. Fieberhaft kleidete er sich in der Garderobe um -- es
gab gerade einen Volksauflauf, alle waren auf der Bhne beschftigt --
dann verlie er das Theater; den falschen Bart, den er zu tragen hatte
-- er bestand aus frher ausgekmmten Haaren der Frau Direktor, behielt
er vorlufig noch im Gesichte.

Der Akt verging, es war schon von ihm die Rede, jetzt mute er
erscheinen, die Mitspielenden starrten auf die offene Tr, nachdem einer
bereits deklamiert hatte: Doch wer naht da mit schnellem Schritt?!
Hinter der Szene wurde geredet, eilige Schritte gingen hin und her, es
folgte eine kleine Totenstille, dann fiel der Vorhang. Es drohte eine
Panik im Hause auszubrechen, aber der Direktor trat mit schneller
Geistesgegenwart vor den Vorhang und erklrte, es sei einem der
Mitglieder pltzlich unwohl geworden, nur fr einige Minuten. Sie seien
gezwungen, eine kleine Pause eintreten zu lassen und dann die letzten
Szenen zu wiederholen. Die Herrschaften, so schlo er, delektieren sich
wohl inzwischen an den leiblichen Genssen, die unser allverehrter Herr
Restaurateur in so vorzglicher Weise zu bereiten versteht! Er trat
wieder hinter den Vorhang zurck, und nun begann ein fieberhaftes Suchen
nach Fox Sintrup. Selbst die kleinsten Orte wurden durchgesprt. Sucht
ihn auf dem Markt! befahl der Direktor, vielleicht war ihm vorhin
wirklich bel und er hat die Zeit verwechselt und ist an die frische
Luft getreten! -- Er strmte selbst die Treppe hinab. Hermann! Hermann!
du erkltest dich! rief seine Frau, mein Gott, die heie Luft, der
Schwei -- und mit einem Tuche eilte sie hinter ihm drein.

Trbe, brummig und schweigend lag der kleine Platz da, mit seinen
langweiligen einstckigen Husern, nur das bunte Schild des
Glasermeisters Kuhlemann klapperte im Winde.

Lauf du nach seiner Wohnung, ich renne in die Kneipe! rief der Direktor,
wir mssen ihn wieder haben! In fnf Minuten sind wir wieder da!

Im Zuschauerraum hatte sich inzwischen -- niemand wute durch wen und
woher -- herumgesprochen, Herr Siegmaringen sei pltzlich irrsinnig
geworden, Frau Direktor habe es gesagt. Und mit einem Male hie es: Er
rase drauen auf dem Markte. Jetzt erhoben sich einige Neugierige,
niemand wollte recht der erste sein, aber dann traten doch ein paar auf
die Tr zu, andere folgten schneller, und mit einem Male drngte alles
in dicken Haufen die Treppe hinunter und auf den Markt hinaus. In
einiger Entfernung blinkte ein Schutzmannshelm. -- Dort, dort ist er um
die Ecke gelaufen, der Schutzmann hat vorhin jemand um die Ecke laufen
sehen! Ein Haufe strmte in der angegebenen Richtung davon, andere
schrien: das war ja der Herr Direktor selber! Inzwischen waren auch die
brigen Schauspieler aus ihren Hinterbhnenrumlichkeiten ins Freie
geeilt, als es sich herumsprach, da das Publikum hinabdrngte und da
Herr Siegmaringen tatschlich in irgend einem Wahnsinnszustande dort
unten sei, der kleine Markt war jetzt belebt und voller Lrm, und die
verschlafenen Huser blinzelten mit mden Augen, die sich hier und da
ffneten, in immer grerer Zahl. -- Da kommt er! da kommt er! rief
jemand und deutete in eine Seitengasse, wo niemand wen vermutete.
Wirklich kam eine dunkle Gestalt dahergelaufen. Ihr auf den Fersen
folgte eine andere, groe, hagere, weibliche, die sich im Laufen die
Haare mit beiden Hnden festhielt. -- Die Frau Direktor hat ihn! Die
Frau Direktor hat ihn! Und nun wlzte sich der Knuel auf die beiden zu.
Energisch drngten jetzt die Schutzleute -- es waren inzwischen zwei
geworden -- durch die Haufen, bis zu dem atemlosen Direktor und seiner
Gattin. Er ist nicht da, wir finden ihn nicht! rief der Direktor. --
Unser Geld, wir wollen unser Geld! riefen einzelne, die Vorstellung ist
unterbrochen worden. Der Direktor verkndigte mit lauter Stimme, die
Billetts behielten ihre Gltigkeit fr dieselbe Vorstellung, worauf man
auf dem Markte applaudierte, als befinde man sich in dem Theater selbst.
Dann strmte man zurck ins Haus, zu den Garderoben. --

Niemand wute vorerst um die tatschliche Wirklichkeit, nur das wute
man: in der Kneipe war Herr Siegmaringen nicht, und zu Hause auch nicht,
denn seine Fenster waren dunkel. -- Nur Foxens Freundin ahnte was
geschehen sei: Er hatte ihr heute eine Mark geschenkt! Am nchsten Tage
ward ihr diese Ahnung besttigt: Fox war kontraktbrchig geworden und
hatte die Stadt verlassen. Man htte ihn vielleicht polizeilich
verfolgen, auch den Paragraphen der Konventionalstrafe in Anwendung
bringen knnen, aber, was den Paragraphen betraf: Der stand nur auf dem
Papier, niemand von all den armen Teufeln am Theater konnte sechshundert
Mark bezahlen, und kein vernnftiger Schmierendirektor konnte sich
selbst in Unkosten strzen, eines solchen Trugbildes willen. Und was die
polizeiliche Zurckholung anging: Nachdem der erste Zorn verraucht war,
sah der Direktor ein, da er sich im Grunde freuen msse, diesen
Knstler los zu sein, und in diese Ansicht stimmte auch die offizielle
Presse ein, die durch das Tageblatt vertreten war, das ber den
Vorfall am bernchsten Tage einen Leitartikel erscheinen lie,
berschrieben: Nchtlicher Spuk auf unserm Markte, und der mit den
Stzen schlo: Der Direktion knnen wir zu ihrem Verlust nicht
kondolieren, da dieser Verlust in unseren Augen nur einen negativen
Gewinn bedeutet. Unser allverehrter Herr Direktor wrde sich auch wohl
nie entschlossen haben, diesen Knstler zu engagieren, wenn er nicht
damals gezwungen gewesen wre, der Not zu gehorchen und nicht dem
eigenen Triebe. Damit rhren wir in manchem unserer Leser eine
Erinnerung auf, die wir einem greren Leserkreis nicht aufzutischen
gedenken, da wir, fern von aller kleinstdtischen Klatschsucht, unsern
verehrten Abonnenten nur wirklich Gediegenes zu bieten gewohnt sind.
Eine Frage aber drngt sich uns unwillkrlich auf, und wir reden hier im
Namen von vier Herren unserer hohen Gerichtsbarkeit: Wie und wann begann
die Mystifikation? Hatten wir es zu tun mit einem stellensuchenden
Schreiber, mit einem Klaviervirtuosen, mit einem Schauspieler, oder nur
mit einem -- Schwindler?! --




                           Zehntes Kapitel.


Nachdem Herta sich von Pitt getrennt hatte, folgte eine Zeit der
Zerrissenheit fr ihn. Er sehnte sich nach ihr zurck, er rief ihren
Namen, -- und dann wieder war es, als ob er sie eigentlich berhaupt
nicht vermite. Er bildete sich ein, mit Herta alles verloren zu haben,
und doch wute er im Grunde, da seine Liebe keine Leidenschaft gewesen
war. Was er empfinden konnte, hatte er empfunden, und wenn er frher
seine Liebesunfhigkeit damit getrstet hatte, da ihm nur noch nicht
der Mensch begegnet sei, durch den sein drrer Boden befruchtet werde,
so wute er nun, da er diesen Menschen niemals finden wrde, da seine
eigene, innere Klte ihn im letzten Grunde stets von allen Menschen
entfernt hielt und immer einsam stehen lassen wrde. Aber wie kam es
dann, da sein Gefhl ihn stets wieder zu den Menschen trieb, da er
seine Einsamkeit als etwas so Entsetzliches empfand? Sollte er abermals
den Versuch machen, den Nebel zu durchbrechen, der um sein Wesen lag, so
fest und ewig wie um Weltenkrper? Er schlo sich ganz in sich ab und
dachte: Besser eine allgemeine graue de als eine de in die ab und zu
Licht hineinscheint, das dann wieder verschwindet. --

Er wandte sich ganz der Arbeit zu. Aber diese Arbeit schien ihm leer und
lstig, da er berhaupt nicht das mindeste Interesse hatte fr die
Schicksale fremder Menschen, fr ihre Klagen und ihren Schrei nach dem
Recht. Das alles kam ihm komisch und nichtig vor. Soll dieses ewig so
weiter gehen? dachte er manchmal, und berlegte, ob er nicht alles
aufgeben und davon gehen sollte. Aber was blieb ihm dann? Wovon sollte
er leben? Er hielt es noch einige Zeit aus, und gerade, als er wieder
einmal auf seinem Sofa sa und darber nachdachte, da irgendein Wechsel
eintreten msse, traf ihn die Nachricht von dem Testamente seiner
Mutter. Sofort war sein Entschlu gefat: Er brach seine beruflichen
Beziehungen ab und wollte sich in die Welt begeben. Er erwartete nichts
von ihr als Zerstreuung, aber die war ihm auch genug. Er reiste, trieb
sich mehrere Jahre in verschiedenen Lndern herum, nahm an flchtigen
Erlebnissen mit was sich ihm bot, und kehrte endlich ebenso beschwert
und unbeschwert in seine Stadt zurck, wie er von ihr ausgegangen war.
Da er gerade hierhin zurckging, und nirgend wo anders, war fr ihn so
selbstverstndlich, da er gar nicht ber den Grund nachdachte. Diese
Stadt war ihm, trotzdem er nicht viel Glckliches in ihr erlebt hatte,
wie seine Heimat, nach der es ihn schlielich, je mehr die Zeit
vergangen war, immer dringender zurckgezogen hatte. Am Tage nach seiner
Ankunft ging er zum Haus der van Loo, sah es lange an und dachte: Es
steht noch immer da. -- Von seinem Geld hatte er soviel zurckbehalten,
da er noch bequem einige Monate leben konnte, auch, nachdem jene erste
unvorhergesehene und groe Summe fr seinen Bruder Fox davon abgezogen
war; was werden sollte, wenn dieses Geld aufgezehrt war, wute er nicht,
aber als letzte Lsung begann seit einiger Zeit der Gedanke im
Hintergrund zu stehen: Das Leben ist mir so wenig wert, da es nicht
allzuschwer sein wird es zu verlassen. Dieses war ein letzter Ausweg,
und er beruhigte ihn halb, obgleich er ahnte, da er ihn doch niemals
gehen werde, da ihm zu jeder Gewaltsamkeit die Energie fehlte.

Er tat nun gar nichts, las viel in philosophischen Werken, auf dem Sofa,
ganz so wie in frheren Zeiten, und suchte Zerstreuung in literarischen
und dramatischen Vereinen. --

Groer Gott, dachte er eines Tages, indem er von seinem Fenster aus
einer Dame nachsah, die ihn gerade verlassen hatte, sollte die sich etwa
den Gestalten der Vergangenheit anreihen wollen? Bisher habe ich doch
wenigstens keinen schlechten Geschmack gehabt! --

Diese junge Dame war Frulein Heine, Tochter eines sehr reichen
Bankiers, die er auf einem jener Vereine kennen gelernt hatte. Sie war
nicht eben gro, hatte schwarzes Haar und trug fast stets ein rotes
Kleid aus sehr feinem, teurem Stoff. In den Kaufmanns- und
Bankierskreisen, die mit dem Hause ihres Vaters in freundschaftlicher
Beziehung standen, galt sie fr exklusiv und hochmtig; auch sei sie
schngeistig veranlagt und werde ihrem Hause gewi einmal die Schande
antun, irgend einen hergelaufenen Literaten zu heiraten. --

Frulein Heine nun warf ihr Auge auf Pitt Sintrup, der einen so ganz
besonderen germanischen Typus hatte, und eine so wundervolle feine
Ironie, die beinah wieder wie Ernst klang, so fein war sie! Sie merkte,
da an diesem Menschen irgend etwas war, das sie noch bei keinem andern
Manne kennen gelernt hatte, und beschlo ihn zu studieren.

Sie war uerst belesen und wute ihn in Gesprche ber die
verschiedensten literarischen Probleme zu verstricken, und er, halb
gutwillig, halb zerstreut, konnte doch nicht anders als ihren Verstand
anerkennen, so wie der sich auf Dinge richtete, die nicht sie selbst
betrafen. Sie fragte ihn auch sehr viel nach seinem Leben, nicht
allgemein, sondern indem sie ihre Stze so detaillierte und formulierte,
da er einfach mit ja und nein zu antworten brauchte. Dadurch erfuhr sie
eine ganze Menge, denn Pitt sah durchaus keinen Grund mit seinen ja und
nein zurckzuhalten, manchmal freute er sich sogar gespannt auf
irgendeine neue Frage, die er herannahen fhlte, und dachte: Wie wird
sie das jetzt wohl hervorbringen?! Sie kam immer fter zu ihm, und wenn
sie ihn anfangs zerstreut und belustigt hatte, wurde sie ihm auf die
Dauer nur noch lstig. Sie erzhlte ihm auch, da sie ihn liebe; sie
habe nichts zu verbergen, so sagte sie, was fr ihr eigenes Ich von so
groer Wichtigkeit wre, und was -- allgemein gesprochen -- im Leben
eines jeden Individuums einen so groen Faktor bedeute. Hierzu lachte er
nur, und meinte, da er sie nicht wieder liebe, worauf sie entgegnete,
das sei auch nicht verwunderlich, bei dem einen kme die Liebe rascher
-- das seien die eigentlich Dionysischen, bei den andern langsamer; fr
diese letzten hatte sie keine nhere Bezeichnung. -- Er begann grob
gegen sie zu werden; das machte ihr gar nichts: Ich liebe diese
Grobheit, sagte sie, es tut einem wohl, einmal wieder eine natrliche
Sprache zu hren, wenn man tglich die grten Schmeicheleien gesagt
bekommt, das stumpft allmhlich ab. -- Wie viele Jahre bekommen Sie die
schon zu hren? fragte Pitt. -- Wenn ihr seine Grobheit zu arg wurde,
schlug sie ihn burschikos auf die Schulter.

Sein Leben, wie es jetzt war, erschien ihr wahnsinnig; so wie es lag,
gab es absolut keine Zukunft fr ihn. Sie drang in ihn, er solle seine
juristische Karriere wieder aufgreifen, bei seinen eminenten Fhigkeiten
werde er bald viel Geld verdienen. Bei nherem Nachdenken aber sah sie
selbst ein, da er sich fr einen solchen Beruf nicht eigne. Sie
zerbrach sich oft den Kopf, ob sie selbst nicht eine Stellung fr ihn
wisse oder schaffen knne, die fr ihn passend sei, und eines Tages
erschien sie angeregt in seinem Zimmer. -- Setzen Sie sich nicht, sagte
Pitt, die Sthle sind frisch gestrichen! -- Nach einem flchtig
konstatierenden Blick antwortete sie: Sie Grobian! und lie sich nieder.
Darauf machte sie ihm ihren Vorschlag: Es handelte sich um die bernahme
einer Redaktionsstelle.

Ihr Vater war Inhaber und Begrnder einer Handelszeitschrift, die ein
literarisches Feuilleton als Anhang hatte. Der jetzige Redakteur fr
diesen Teil hatte seine Stelle pltzlich aufgegeben, man brauchte
Ersatz. Herr Heine verstand von Literatur und Kunst nicht das mindeste,
seine Tochter hatte in diesen Dingen groen Einflu auf ihn, sie hatte
ihn auf Pitt Sintrup hingewiesen, das sei der Mann der Zukunft! Herr
Heine wollte reelle Belege dafr sehen, und sie gab ihm einfach
Besprechungen und Aufstze, die Fox einst gemacht hatte und die sie
einmal mit nach Hause nahm, um auch diesen Bruder geistig kennen zu
lernen. Er las diese Artikel, die neben manchem ihm Unverstndlichen
auch sehr vieles enthielten, was er selbst oft gedacht hatte, wenn er
aus dem Theater kam, und sagte: Ein solcher Mensch sei ihm ganz recht;
etwas Unverstndliches msse heutzutage bei jeder schngeistigen Sache
mit unterlaufen, er selbst pfeife darauf, aber das sei modern, das
ziehe. -- Von diesen untergeschobenen Artikeln sagte sie Pitt nichts, da
er ihr dann vielleicht alles zerstrt haben wrde. -- Pitt machte ein
verchtliches Gesicht und sagte, er wolle nicht. Sie lie sich aber
nicht abschrecken. Ein Mensch wie Sie, sagte sie, braucht eine
Ttigkeit, die er als Nebenbeschftigung, als Spiel ansieht, die ihm
Geld abwirft, damit er leben kann. Ich garantiere Ihnen, Sie haben dort
nicht viel zu tun!

Pitt horchte auf. -- Nein, fuhr sie fort, schttelte den Kopf und stie
mit dem Schirm auf den Boden, das garantiere ich Ihnen! Sie haben nichts
weiter zu tun als tglich ein paar Manuskripte zu berfliegen. Sie sehen
ja doch gleich nach den ersten Stzen, ob eine Sache gut ist oder nicht.
Dann akzeptieren Sie oder refsieren Sie, je nachdem. Fr alles Grbere,
Untergeordnete ist ein Nebenredakteur da, der unter Ihnen steht. Also --
sagen Sie zu? Gehen Sie gleich mit mir zu meinem Vater! -- Da er nicht
antwortete, stand sie auf, holte seinen Hut, stieg auf einen Stuhl und
drckte Pitt von oben mit einem Schlage seine Kopfbedeckung auf die
Haare. Er tat sie ebenso schnell wieder herunter und warf sie auf den
Tisch. Frulein Heine stellte sich dicht vor ihn hin, sah mit lchelndem
Blick zu ihm auf, ihr Kinn berhrte fast seine Brust. Na?! fragte sie
aufmunternd, kann der Herr sich nicht entscheiden?

Ich will mit dieser ganzen Sache nichts zu tun haben! sagte Pitt aus
einem pltzlichen Gefhl heraus, suchen Sie sich lieber einen Menschen
aus Ihrer Clique! -- Sie lachte trocken und meinte dann mit ihrer
resonanzlosen, etwas staubigen Stimme: Morgen komme ich wieder, ich
hoffe, bis dahin sind Sie klger geworden. --

Pitt hatte ein starkes Gefhl gegen diese Sache. Wre sie ihm noch von
jemand anders angeboten -- aber gerade von Frulein Heine -- --! Doch
schlielich verpflichtete ihn das ja zu gar nichts. Das Gehalt, was sie
ihm nannte, war so hoch, da er mit seinen geringen Ansprchen sehr
bequem leben konnte, und er war, wenn er annahm, wieder einmal fr ein
paar Jahre gerettet. Im Grunde war es ihm egal, ob er Redakteur wurde
oder nicht; also konnte er es ja werden, da er dadurch Geld verdiente,
auf eine bequeme Art und Weise.

Am nchsten Nachmittag fuhr er aus seinem Schlafe, da es sehr stark
gegen die Zimmertr klopfte. --

Sie schon wieder! sagte er, als er Frulein Heine erblickte -- er hatte
die ganze Sache in diesem Augenblick fast vllig vergessen. -- Jawohl,
ich schon wieder! sagte sie und machte breite Lippen, als wollten sich
die ganz besonders durchsetzen. Nun, haben Sie sich jetzt entschlossen?
Wachen Sie doch vor allem erst einmal vllig auf! -- Pitt ri die
Augenlider auseinander, dann wute er pltzlich genau um alles Bescheid
und gab nun zgernd seine Zusage. Whrend er sprach, betrachtete sie ihn
mit zurckgeworfenem Kopf und humoristisch berlegenen Augen, als wolle
sie sagen: Du Kind, begreifst du nun, da ich es gut mit dir meine?!

Am Sptnachmittag machte er ihrem Vater einen Besuch. Klein, grau, gut
gepflegt, sehr gemessen in seinen Bewegungen stand der vor ihm, bei der
folgenden Unterhaltung zndete er sich eine Zigarre an und stie lange
Rauchwolken aus, wie eine gutgeleitete Fabrik, die einmal auch noch nach
Feierabend in Betrieb ist. -- Frulein Elsa trat herein, sie begrte
Pitt mit freundlich-herzlichen Worten, -- er machte ihr eine etwas
unsichere Verbeugung -- und ntigte ihn wieder auf seinen Platz. -- Sie
hatte etwas Angst, ihr Vater knne sich im Laufe des Gesprches auf jene
Foxschen Artikel beziehen, aber das tat Herr Heine nicht, es wre ihm
dies ebenso zwecklos erschienen, als wenn er ber eigene vergangene
Unternehmungen irgendein berflssiges Wort verloren htte: Er wute von
Herrn Dr. Sintrup Bescheid, das gengte. Whrend er ber die
Einzelheiten der Zeitschrift redete, warf Frulein Heine diese und jene
erluternde Bemerkung ein, die Pitt mit einer leisen Verbeugung
erwiderte; aber seine Gedanken irrten ab, und als Herr Heine fr einen
Augenblick ans Telephon gerufen wurde, fuhr Frulein Elsa protegierend
auf ihn los: Sie trauen sich viel zu wenig zu! Entwickeln Sie ein
Programm! Lassen Sie ein paar Schlagwrter los! -- und rttelte ihn am
Arme. -- Was fllt Ihnen denn ein? sagte Pitt, lassen Sie mal sofort
Ihre Hand von meinem Arm! Herr Heine kam zurck, die beiden waren
pltzlich wieder ganz gesellschaftlich, aber whrend die Unterhaltung
von neuem aufgenommen wurde, stand Frulein Elsa, in Erwartung der
Wirkung ihrer Worte, wie eine kleine Kanone da, deren Lauf auf Pitt
gerichtet war. -- Ich mchte jetzt gern mein Programm entwickeln! sagte
Pitt, aber Herr Heine meinte, mit diesen Einzelheiten mge er sich
lieber an den Chefredakteur wenden, dem er berhaupt in der ganzen Frage
die letzte Entscheidung anvertraut habe. Pitt hatte sich in aller
Schnelligkeit eine Rede mit allerlei Gesichtspunkten ausgedacht, die
sparte er nun auf. Ihm erschien die ganze Sache mit einem Male lustig
und unterhaltend.

Stecken Sie Ihre Hoffnungen nur nicht zu hoch! sagte der Chefredakteur,
Herr Wolf, ein Herr mit dichtem, schwarzem Schnurrbart und
glattrasierten blauen feisten Wangen -- nachdem Pitt alle
Gesichtspunkte, die sich fr ein literarisches Organ finden lassen,
errtert hatte: Der literarische Teil ist bis jetzt nur eine Art von
Anhngsel, und mu es vorerst auch noch bleiben, so sehr ich Ihrer
Tatkraft ein greres Arbeitsfeld wnschte. --

So war Pitt wirklich Redakteur geworden. Herr Wolf geleitete ihn am
ersten Morgen in das literarische Arbeitszimmer und stellte ihm den
Unterredakteur, Herrn Bertold vor, ohne jedoch dessen Namen zu nennen.
Dies war ein blonder junger Mann mit einem Getmmel von Haaren auf dem
Kopf. Wie eine Bildsule stand der da, als Herr Wolf die Worte sprach:
Das ist der Herr, mit dem Sie, Herr Doktor, knftig an einem Tische
arbeiten werden; in den technischen Betrieb der Sache kann er Sie
vorzglich einfhren, denn das versteht er. Im brigen werden Sie ihn ja
wohl selbst kennen lernen. -- Bei diesen letzten Worten errtete Herr
Bertold bis an die Haarwurzeln und sah Herrn Wolf halb herausfordernd,
halb untertnig an. Dann entfernte sich Herr Wolf, und Pitt blieb mit
Herrn Bertold allein; setzte sich ihm gegenber und wartete, da er in
den Betrieb eingefhrt werde. Aber Herr Bertold blickte nicht von seinen
Papieren auf und Pitt harrte vergebens, da nun etwas mit ihm selbst
geschehen solle. -- Was hat denn der? dachte er, als Herr Bertold
zwischendurch die Papierschere ergriff und dabei einen tief verletzten
Blick auf ihn warf. Und als er wieder so einen Blick bekam, sagte er:
Ich kann ganz wahrhaftig nichts dafr, da ich hier sitze; bitte, wie
lange mu man vormittags hier bleiben? Weshalb antworten Sie mir nicht?!
-- Da legte Herr Bertold seine Schere weg: Habe ich Ihnen zu antworten?
Mu ich Ihnen Rede stehen? Hat man es der Mhe wert gehalten mich
gesellschaftlich mit Ihnen bekannt zu machen? O ich wei ganz genau: das
sind wieder so raffiniert ausgedachte Demtigungen, bei jeder
Gelegenheit zeigt man mir es auf die roheste Weise, da ich ein
Unterbeamter bin; natrlich hat man Sie bereits angesteckt; alle von da
drben -- er deutete auf die nebenan liegende Rumlichkeit -- benehmen
sich auf die gleiche Weise -- das ist so Mode hier, das ist hchste
Gebildetheit! -- Er hatte seine Stimme sehr stark erhoben. -- Was ist
denn da los? fragte Herr Wolf, indem er seinen dunklen Kopf ins Zimmer
steckte. Herr Bertold sah ihn mit verwirrten Augen an und sagte
unsicher: o gar nichts, ich erzhlte nur gerade etwas -- worauf Herr
Wolf die Tr mit einem bedeutenden Blick wieder schlo. -- Sogleich
gingen Herrn Bertolds Augen wieder gro und bitter auf Pitt Sintrup:
Demtigen mu man sich vor diesen Menschen -- und warum? Weil man sonst
auf die Strae fliegt und verhungern kann! -- Wenn Ihnen was an meinem
Namen liegt -- -- sagte Pitt und nannte ihn. Irgend etwas an diesem
Menschen war ihm sympathisch. Herr Bertold sah ihn unsicher an und fuhr
fort, in sanfterem Ton: Sie mssen es mir nicht belnehmen wenn ich
mitrauisch bin gegen alles, was da von nebenan hereinkommt. -- Ich habe
diesen Herrn erst gestern kennen gelernt, sagte Pitt. -- Durch wen sind
Sie denn hier in die Redaktion hereingekommen? fragte Herr Bertold etwas
zutraulicher. Wohl durch Frulein Heine? Pitt nickte, worauf Herr
Bertold so blanke Augen machte als sei dies der beste Witz, den er noch
in seinem ganzen Leben gehrt habe. -- Pitt hielt es fr angemessen,
sich nicht nach der Ursache dieses Grinsens zu erkundigen. -- Er wurde
nun in den Betrieb der Sache, wie es Herr Wolf genannt hatte,
eingefhrt, lernte alle Fcher und Schubladen kennen, in denen die
verschiedenen Arten der Manuskripte lagen, die Namen der stndigen
Mitarbeiter und ihre Funktion -- Herr Bertold nannte sie samt und
sonders Idioten -- die Einteilung der Zeitschrift selbst in ihren
Einzelheiten, den Termin des wchentlichen Druckes, der Korrekturen und
der Auslieferung.

Zu Anfang lie sich Pitt seine Ttigkeit etwas schwer werden;
das Manuskriptlesen machte ihm noch einigen Spa, auch die
Aufmunterungsschreiben an faule unzuverlssige Mitarbeiter und die
Besuche der stndigen Kritiker -- es gab auch allwchentliche Theater-
und Konzertbesprechungen -- und es schien, als wolle er so etwas wie
eine wirkliche knstlerische Tendenz durchfhren; aber er erlahmte schon
in den Anfngen. Wenn die Kritiker auf seine prinzipiellen Ausstellungen
hin erwiderten: Sie machten das nun schon seit Jahren so und das
Publikum sei noch stets zufrieden damit gewesen, das Publikum verlange
so etwas geradezu -- so dachte er schlielich: Nun ja, -- und fr das
Publikum wird ja auch das Ganze gemacht und nicht fr mich. -- Mit Herrn
Bertold kam er auerordentlich gut aus. Manchmal schwebte es ihm auf der
Lippe zu sagen: Knnten Sie nicht dieses und jenes unternehmen statt
meiner -- aber es fiel ihm ein, da Herr Bertold ja Unterredakteur war,
Herr Bertold erschien ihm dann wie die Verkrperung des ganzen
Unternehmens selbst -- das Pitt an die erste und nicht die zweite
literarische Stelle gesetzt hatte -- wie seine eigene Obrigkeit
gleichsam, die solches Ansinnen gergt haben wrde. Aber Herr Bertold
selbst kam ihm zu Hilfe. Zu Anfang dachte er -- so wie der Chefredakteur
-- Pitt sei von groen Plnen und starker Tatkraft beseelt, bis er dann
allmhlich merkte, da Pitt sich ber alles und sich selbst im Grunde
nur lustig machte. Da dies nicht einem Mangel an Fhigkeiten entsprang,
fhlte Herr Bertold auch, und so erschien ihm Pitt nur wie ein Wesen
anderer Art und vielleicht hherer Art als er sich selber. Mit halb
freundschaftlicher, halb devoter Stimme fragte er, ob er ihm nicht das
eine oder das andere abnehmen drfe. Hocherfreut ging Pitt darauf ein.

Und alsbald schaltete und waltete Herr Bertold, immer unter dem Siegel
von Pitts Unterschrift. --

Es geht gut, es geht vorzglich! sagte Herr Wolf, seit Ihrem Eintritt
ist ein ganz anderer Geist in die Sache gefahren! Nach Ihrer ersten
Unterredung damals htte ich gar nicht geglaubt, da Sie einen solchen
Sinn fr das rein Aktuelle htten! -- Ja ja, antwortete Pitt, darauf
kommt alles an! und er erschien sich in diesem Moment fast wie sein
Bruder Fox. --

Frulein Heine gratulierte ihm zu seiner Genesung, wie sie es nannte;
ich bin der Engel, sagte sie, der Sie gerettet hat. Wissen Sie noch, wie
zerfahren Sie zu Anfang gewesen sind? Morgen hole ich Sie von der
Redaktion ab und gehe mit Ihnen in die Bildergalerie; ich bin mir ber
die Stellung Kranachs in der deutschen Malerei nicht ganz klar und
mchte, da Sie mir vor den Bildern sagen, was Ihre Ansicht ist. Spter
gehen Sie dann zu uns zum Essen.

Dies ist eine recht ble Karikatur der Vergangenheit! dachte Pitt, indem
seine Gedanken zu Herta zurckgingen, ich mu dafr sorgen, da es nicht
zu toll ausartet, obgleich es mich jetzt schon manchmal elend macht. --

Seit sie Pitt jene Redaktionsstelle verschafft hatte, glaubte Frulein
Heine sich zu greren Anforderungen berechtigt. Sie schlug einen
freieren, entschiedeneren Ton gegen ihn an, und Pitt kam in eine
schwankende Lage. Zunchst spielte er noch zwei Rollen ihr gegenber:
Sah er sie allein, so sprach er in seiner alten Weise, sah er sie im
Hause ihrer Eltern, redeten beide mit freundlicher Hochachtung
zueinander. -- Es freut mich fast, sagte sie einmal zu ihm, da Sie im
Grunde so zh Ihren Standpunkt gegen mich behaupten -- obgleich es mich
auch krnken mte; aber es zeigt mir, da Sie eine wirklich vornehme
Seele besitzen: Andere an Ihrer Stelle wrden sich zum Gegenteil bemhen
und mir den Hof machen, denn schlielich -- prfen wir doch mal die
Sache vom allgemeinen menschlichen Standpunkt, ich meine so, wie
gewhnliche Menschen sie ansehen wrden: Ich habe Sie in diese Stellung
hineingesetzt und kann Sie ebenso leicht wieder daraus vertreiben. Sie
wissen es und riskieren es: Das zeigt mir Ihre stolze Seele. Glauben Sie
aber, da Sie nichts dabei riskieren, so zeigt mir das wieder, da Sie
_mich_ fr eine vornehme Seele halten, die erhaben ist ber die
Kleinheit der andern Menschen! -- Ich halte weder Sie noch mich fr eine
groe Seele, sagte Pitt gelangweilt, und im brigen ist mir alles ganz
egal. -- Sie sah ihm skeptisch in die Augen, mit ihrem etwas nackten
Blick, dann hielt sie ihm die Hand zum Abschied hin. Er nahm sie auch,
da schob sie sie an seiner Brust hinauf, bis sie fast seinen Mund
berhrte. -- Ich ksse niemals Damen die Hand! sagte Pitt. Sie schwankte
einen Augenblick, dann zog sie die seine durch die Luft zu sich nieder,
ein kleiner Knall wurde laut, und sie sagte: Ksset die Hand so euch
zchtigt; heit es nicht so irgendwo in der Bibel? Und ich kriege Sie
_doch_ noch rum, passen Sie nur auf! --

Ich will sie nicht zu sehr reizen, dachte Pitt zuweilen, denn wenn sie
auch von ihrer groen Seele spricht -- es wre schade, wenn ich diese
gute Stellung so schnell wieder verlassen mte; sie ist doch eine Art
von vorlufigem Ruhepunkt. -- So erreichten ihre Worte die Absicht, in
der sie gesprochen waren.

Pitt wurde sehr oft in das Haus der Familie eingeladen und er sah
Frulein Elsa schlielich mehr in dem Kreise der Ihren als allein, denn
sie vermied es jetzt fast ihn auerhalb ihres Hauses zu treffen. Um so
ausgiebiger widmete sie sich ihm im Beisein der andern. Pitt konnte
nicht anders als hflich auf ihre Interessen eingehen, die wieder mit
seinen eigenen verknpft erschienen, sie sang vor, am Klavier, er mute
loben, wenn ihn Frau Heine, eine etwas ppige Dame, ermunternd ansah, er
mute auch Elsas Gedichte lesen und sich in deren Inhalt vertiefen, und
ihr Maltalent bewundern, denn Frulein Heine malte Stilleben.

Sie erreichte was sie wollte: Zunchst konnte er, wenn er sie allein
sah, berhaupt keinen rechten Ton zu ihr finden, der alte frhere
erschien ihm selber stillos, wo er sie jetzt die meiste Zeit als Dame
sah und als Dame behandelte, und so kam es, da er allmhlich gar keinen
Unterschied mehr machte, ob er sie nun allein oder in ihrem Hause sah,
da er ihr stets mit einer reservierten Freundlichkeit begegnete. Sie
ergriff sofort vollkommen Besitz von diesem neuen Zustand, und als er
einmal, wie aus Versehen, in seinen alten Ton zurckfiel, sah sie ihn
halb khl, halb herzlich an und sagte: Ich dchte, diese Zeiten wren
nun vorbei!

Pitt wute genau, da bei allem diesem ein Plan vorlag und da er selber
in eine schiefe Situation hineingeraten war, aber was sollte er machen?!
Er hatte einmal die Gastfreundschaft dieser Menschen angenommen und
lebte von seiner Stellung, die er durch Frulein Heines Bemhungen
erhalten hatte, und dieses alles forderte, wenn auch keine Dankbarkeit,
so doch einen guten hflichen Ton und einige Rcksicht, um so mehr als
er merkte, da Elsas etwas jngerer Bruder Egon anderen Schlages war als
die brigen, von einem viel greren Takt, einer fast wortlosen
Zurckhaltung, und einem Feingefhl, das auch die leisesten ironischen
Schattierungen im Tone eines andern heraushrte; er zog sich meistens
zurck, sobald es die gesellschaftliche Hflichkeit zulie, denn die
ganze Art der Konstellation dieses Verhltnisses war ihm unsympathisch
und peinlich. Er fhlte sehr wohl seiner Schwester Absicht und Pitts
wahre Empfindung ihr und dem ganzen Hause gegenber.

Bis jetzt hatte Frulein Heine ihre Liebe noch mit ziemlicher
Frhlichkeit getragen, noch niemals sie als irgend etwas Schweres
empfunden; aber das wurde auf einmal anders.

Eines Abends war sie Pitt immer nher gerckt und hatte heie, rote
Backen bekommen. Wie Pitt dann gegangen war und sie mit ihrer Mutter
allein blieb, sagte Frau Heine, die sie sehr beobachtet hatte, mit
pathetischer langsamer Stimme: Elsa, Elsa, wie steht es mit deinem
Herzen?! -- Da fhlte sich Frulein Heine pltzlich wie von einem groen
Schicksal bermannt, von dem sie kurz zuvor selbst keine Ahnung gehabt
hatte, sie brach in Trnen aus und sank ihrer Mutter mit einer groen
Bewegung in die Arme. Es folgte ein Schweigen. -- Diese unselige
Redaktion! sagte Frau Heine endlich, erst lerntest du den Bertold
kennen, im literarischen Verein, dann ruhtest du nicht, bis er seine
Position bekam und schienst bis ber die Ohren verliebt in diesen armen
Teufel! Du schafftest ihm neue Anzge an, bezahltest seinen Arzt und
lieest ihm sogar goldene Plomben einsetzen, da seine eigenen dir zu
vulgr waren. Auf einmal lernst du diesen Sintrup kennen -- es mag ja
sein, da er wirklich der richtige Mann war fr die Position, die er
dann bekam -- das gehrt nicht hierher -- und nun war alles mit einem
Male aus mit dem Bertold. Ich danke ja Gott, da es aus war, ich ahnte
damals schon es msse irgend etwas dahinterstecken, aber da du nun
wirklich diesen Sintrup liebst, das -- ahnte ich zwar auch schon, aber
wirklich besttigt sehe ich es erst heute abend. Schlag dir das aus dem
Kopf! Egon sagt, er macht sich ber uns alle miteinander lustig! Und
ber dich am allermeisten! -- Das tat er frher! sagte Elsa hastig und
heftig, aber jetzt tut er es nicht mehr, er hat selber eingesehen wie
ich es gut mit ihm meine, und er zeigt das in seinem ganzen Wesen! Du
hast ihn ja frher garnicht gekannt! Aber auch schon damals habe ich
deutlich gefhlt, da ich ihm absolut nicht gleichgltig war. Er war
grob und impertinent zu mir, das ist man nicht zu Menschen, die einem
egal sind! Er war darin geradezu erfinderisch, und alles kam in einem so
herzlichen, kameradschaftlichen Ton heraus, ich regte ihn durch mein
etwas burschikoses Wesen, das ihm neu und anziehend war, direkt zu
Impertinenzen an! Ich empfand so deutlich, da er sich wohl dabei fhlte
und gar nicht irritiert, auf mich persnlich war das alles ja auch gar
nicht gemnzt, es entsprang nur einem berschssigen Teil an Geist und
Witz, den ich gerade in ihm auslste, weil er in mir unbewut eine ihm
verwandte Natur empfand! Er mag sich wohl im Anfang gewehrt haben, ich
glaube ja auch nicht, da er jetzt schon direkt verliebt in mich wre,
aber in der kurzen Zeit hat er einen Riesenschritt getan, und heute
abend: Ist er auch nur eine Spanne weit von mir fortgerckt, hat er
nicht ganz still gehalten?!

Mit diesem Abend trat in Frulein Elsa eine Wandlung ein. Sie fhlte
sich nicht mehr ganz sicher vor den Augen ihrer Mutter, wenn Pitt
zugegen war, horchte unwillkrlich selbst mit feinerem Ohr, wenn er
etwas sagte, um zu hren ob es wahr sei was Egon behauptet hatte. Er
dagegen fhlte ihre neue Unsicherheit auch ihm selbst gegenber, sie
berschttete ihn pltzlich mit Geschenken, und bei irgendeiner
Kleinigkeit, die er gar nicht bse gemeint hatte, fuhr sie verletzt in
die Hhe, da er sie ganz erstaunt ansah. --

Sie wurde launisch und unberechenbar. Manchmal tat sie ganz intim, dann
pltzlich, irritiert durch seine Gleichmtigkeit, schien sie kalt und
abweisend. Einmal schickte sie ihm einen groen Blumenstrau, und auf
ihrer Karte stand: wegen gestern. Er wute nicht was das zu bedeuten
hatte, ahnte nicht einmal, ob sie meine, da er sie oder da sie ihn
gekrnkt habe, und antwortete ihr infolgedessen gar nicht. Als er sie
wiedersah, war sie verschlossen und still, antwortete nur durch groe
fragende Blicke, wenn er etwas sagte, und wollte ihn dadurch zwingen,
selbst von dem Blumenstraue zu reden anzufangen. Er dachte aber gar
nicht daran; so bezwang sie sich schlielich mit dem Gedanken: Geduld,
Geduld, ich kriege ihn doch noch! Und dann redete sie wieder in ihrer
frheren Art.

Er hatte jetzt jedesmal, wenn er von der Redaktion nach Hause kam,
Furcht, es knne irgendeine Nachricht von Frulein Heine auf seinem
Tische liegen, was auch meistens der Fall war. Denn schlielich verging
kaum ein Tag, ohne da sie sich irgendwie fhlbar bemerklich machte. Er
konnte sie berhaupt kaum noch sehen. Wenn er ihre trockene Stimme im
Vorplatz hrte, berlief ihn schon ein irritiertes Gefhl, und die
Abneigung steigerte sich mit jedem Tage. Wenn er zu Hause in einem Buche
las, schob sich zwischendurch ihr Bild in seine Gedanken, und eine
nervse Unruhe ergriff ihn. Dann konnte er nicht anders als alle
Augenblicke von seinem Buch auf durch das Fenster auf den Platz vor
seinem Hause sehen, zu jener Ecke hinber, aus der sie herauskommen
mute, wenn sie zu ihm auf Besuch ging. Und richtig! Irgendwann war jene
Ecke nicht mehr leer, bewegte sich da ein rotes Kleid, und oben sa ein
Kopf drauf, der suchend auf sein Fenster blickte. Und die Wirkung ihrer
Augen, selbst in die Ferne, durch die Fensterscheiben hindurch, war eine
latente Raserei in ihm. Dann pfiff sie womglich noch ein Signal, das
sie sich ausgedacht hatte, und endlich stand sie vor ihm. Mit Wut im
Herzen konnte er doch nicht anders als hflich sein. Was war dies fr
ein hchst abscheulicher Zustand! Den Verkehr einfach abbrechen -- das
konnte er nur dann, wenn er seine Redaktionsstelle aufgab. Diesen
Gedanken schob er immer wieder zurck. Aber immer heftiger meldete er
sich wieder, zumal Frulein Heine krzlich -- wie zum Scherz, aber mit
sehr nervsem Tonfall -- darauf zurckkam, da er doch eigentlich seine
Stelle nur ihr zu verdanken habe. Wenn er auch wute, da sie die
Drohung, die hierin versteckt schien, niemals wahr gemacht haben wrde,
um ihrem Charakter keine Ble zu geben, so wurde die Situation fr ihn
dadurch doch noch peinlicher. Er fhlte, da es ber kurz oder lang zu
einer Entscheidung kommen mute. Vorerst hielt er noch eine Zeitlang
aus. Mehrmals krnkte er Frulein Heine, aber sie berwand die
Krnkungen, freilich jedesmal schwerer. Eine groe Erbitterung war
allmhlich in ihr aufgewachsen, sie fhlte, da es doch nicht so leicht
war, Pitt Sintrup zu gewinnen, und je mehr sie sich in das Gefhl ihrer
eigenen Liebe hineingeredet hatte, um so verletzlicher wurde sie gegen
jede kleinste uerung seiner Gleichgltigkeit. Es bedurfte schlielich
nur eines geringsten Anlasses, um alles, was sich in ihr angesammelt
hatte, zum berlaufen zu bringen. -- Dieser Anla kam.

Sind Sie heute abend frei? telephonierte sie eines Tages. -- Nein, sagte
er. -- Wohin gehen Sie? -- Eine kurze Pause folgte: In die Oper. -- Das
trifft sich ja herrlich, gerade wollte ich Sie fr die Oper einladen!
Also holen Sie mich Punkt sieben bei mir ab! Sie sitzen mit in unserer
Loge.

Du willst ins Theater? fragte ihr Bruder Egon sie am Abend; mit wem? --
Mit Herrn Sintrup. -- Er pfiff etwas verchtlich durch die Zhne. -- Was
soll das?! -- Gar nichts. -- Nein, bitte, rede. -- Er wollte nicht, sie
drngte immer heftiger, schlielich sprach er alles von seinem Herzen
herunter, und schlo mit den Worten: Merkst du es denn nicht, da dieser
Mensch nach deiner Hand schlgt, wenn er sie fhlt?! -- Sie wurde sehr
rot und erregt, behauptete, es sei nicht wahr, was er da rede, kehrte
ihm endlich den Rcken und ging schnell hinaus.

Whrend sie sich umzog, hrte sie immer jene letzten Worte ihres
Bruders. All ihre Bitternis war durch sie verstrkt, verschrft. Es war
so, als sei erst nachdem es ein anderer aussprach, alles wahr und
wahrhaftig, was sie doch auch vorher nicht vor sich selber abgeleugnet
hatte. -- Ich will ihm schon zeigen, da ich Stolz besitze, er soll sich
nur in acht nehmen, so dachte sie, whrend sie die Schuhe wechselte, und
wenn er es zu weit treibt -- heftig ri sie die Schnrbnder auseinander
-- dann fliegt er einfach! Sie hatte die Schuhe ausgezogen und warf sie
whrend ihrer letzten Worte in die Ecke, etwas verwirrt ihrem Fluge
nachsehend, da sie das gedoppelt sah, was sich ihr zugleich als
bildliche Einheit prsentierte. -- Jedenfalls, dachte sie beruhigter,
hat er fr heute abend zugesagt, das ist doch schon etwas! Sie trat noch
schnell zum Waschtisch und suchte aus all den Kristallflaschen ein
Veilchenparfum heraus, denn Pitt hatte einmal gesagt, er rieche Veilchen
besonders gern. Oder hatte er das nur aus Widerspruchsgeist behauptet,
da sie selber sagte, sie habe sich Veilchen bergerochen?

Sie sah nach der Uhr. Pitt mute eigentlich schon da sein.
Wahrscheinlich war er im Salon. Aber dort war er nicht; die Uhr ging
weiter, und schlielich sa sie da in Hut und Mantel, um Zeit zu sparen,
da es sowieso schon zu spt wurde. Egon spottete; sie tat als hre sie
das nicht. Sie berlegte, ob sie Pitt im Wagen entgegenfahren solle;
dachte aber: Nein, ich will ihn hier erwarten und das Ma seiner
Versptung genau feststellen! Und nun wnschte sie fast, da dieses Ma
recht betrchtlich wrde, und mit ihm auch der Grad ihres rgers, den
sie immer strker anwachsen fhlte und doch nicht in die leere Luft
hinein uern konnte. Egon hatte recht! Pitt zeigte geflissentlich, da
ihm nichts daran lag, mit ihr zusammenzukommen. Sie sa noch eine
Zeitlang da, dann dachte sie auf einmal: Vielleicht konnte er aus irgend
einem Grunde wirklich nicht herkommen! Sitzt schon lngst in unserer
Loge und wartet da auf mich! -- Sie fuhr sogleich zum Theater, aber die
Loge war leer und dunkel, und auf der Bhne wurde schon lngst gesungen
und gespielt. Sie gab sich Mhe auf die Musik zu hren, aber fortwhrend
irrten ihre Gedanken ab. -- Wenn er nun pltzlich krank geworden war?
Dieser Gedanke scho auf einmal in ihr auf. Dies war ja nicht
wahrscheinlich, aber immerhin nicht unmglich. Sie erhob sich und
verlie die Loge, lie sich eine Droschke kommen und fuhr zu Pitts
Wohnung. Wenn er nun ganz gesund war, sich verwundert nach ihr umdrehte
und sich nichtssagend entschuldigte? Der Wagen hielt, schnell sah sie zu
seinem Hause empor; sein Fenster hatte Licht.

Pitt sa in seinem Zimmer, beim Schein der Lampe. Vor ihm lag ein Brief
von Fox. Der bat, gewisse von ihm geschriebene Artikel in irgend welchen
Zeitschriften unterzubringen und das Geld sofort an ihn zu senden. Mit
Fox mute es ziemlich schlimm stehen. Der war nun lngst beim Theater.
Durch einen pltzlichen, abenteuerlichen Sprung hatte er sich
herausgerettet aus allen Widerwrtigkeiten, er hatte eine Tat gezeigt;
und wenn sie auch augenscheinlich etwas Verkehrtes war: Wenigstens hatte
er sich frisch in eine neue Lebenswoge gestrzt und es darauf ankommen
lassen, ob sie ihn tragen wrde. Pitt selbst aber sa eingeschlossen in
einem ganz engen Kreise, in der dumpfigsten Atmosphre, und wute doch
nicht, wie er sich aus ihr befreien sollte. -- Und wenn er jetzt
wirklich seine Redaktionsstelle aufgab, was wurde dann aus ihm? Was
blieb ihm? Sollte er doch in seine juristische Laufbahn zurckkehren?
War das nicht noch immerhin das beste? -- -- -- Er hielt die Augen lange
geschlossen. Bume tauchten vor ihm auf, und Felder, und auf einmal sah
er jene zwei Knaben wieder, blond, in weien Leinenhemden und im
Schurzfell, wie er sie einst im Traum gesehen -- -- aber dann war es
Elfriede, deren Bild alles andere verdrngte. Er hatte sie aufgegeben,
endgltig aufgegeben. -- Eine groe Leere war in ihm, nur gefllt vom
Nebel der Erinnerung. -- -- Hatte er denn nichts, gar nichts, das
_wirklich_ war, das mit ihr zusammenhing? Er dachte lange nach, dann
ging er an sein Bcherbrett, holte ein altes, philosophisches Werk, trug
es an seinen Platz und begann es zu durchblttern. Wenn jenes Andenken
noch da war, mute er es zwischen diesen Seiten finden. Klein, schmal,
vergilbt fand er es wirklich. Es war eine Blume, die ihm Elfriede einst
im Scherz aufs Buch warf, als sie ihn lesend in der Laube fand, drauen
auf dem Gute. -- Er nahm sie, hielt sie sinnend in den Hnden, strich
mit den Fingerspitzen ber ihre Bltter hin und dachte: Sie ist
wirklich, sie ist greifbar, so greifbar wie die festeste Gegenwart --
und doch gehrt sie der Vergangenheit. -- Wieder schlo er, in
Erinnerung verloren, seine Augen: Gegenwart und Vergangenheit mengten
sich zu einem dritten, das nicht das eine noch das andere war, das
zeitlos dahin schwebte und ihn mit sich nahm. --

Es lutete. Drauen klang die erregte Stimme Frulein Heines, und die
seiner Wirtin. Pitt schob die Blume in das Buch zurck und schlo es.
Gleich darauf trat Frulein Heine ein, fast ohne anzuklopfen. Sie hielt
den Blick auf ihn gerichtet, seine Augen erschienen gro und sonderbar
leuchtend im Lampenschein, wie er jetzt ruhig zu ihr hinsah.

Also wirklich! Da sind Sie wirklich! sagte sie. -- Wie knnen Sie sich
unterstehen mich auf solche Weise zu behandeln? Mich durch dieses
Geschpf da drauen abfertigen zu lassen? Ich frage: wie knnen Sie sich
unterstehen?! Sie war dicht zu ihm herangetreten und sah ihn mit
brennenden Augen an. Halt! rief sie, als er den Mund zu einer Antwort
ffnete, berlegen Sie sich vorher was Sie sagen wollen; ich will keine
Lge hren.

-- Es ist auch nicht meine Absicht zu lgen, sagte er, indem er ihr
formell einen Stuhl anwies. -- Antworten Sie mir berhaupt nicht! fuhr
sie fort, etwas ernchtert durch seine Ruhe, aber immer noch sehr
heftig: Wenn Sie mich nicht ins Theater begleiten wollten, weshalb sagen
Sie mir das nicht? Weshalb machen Sie da eine ganze Komdie? -- Wer sagt
Ihnen denn, fragte Pitt dagegen, da ich nicht irgendeine dringende
Abhaltung gehabt habe, weshalb fragen Sie nicht zu allererst nach meinen
Grnden, sondern nehmen blindlings den an, der Ihnen am nchsten liegt?

-- Also doch! rief sie erleichtert, o, dann ist alles anders, dann ist
alles in Ordnung. Aber nun reden Sie auch, bitte, damit ich mein altes
Gefhl zu Ihnen zurckgewinnen kann! -- Ihr altes Gefhl? fragte Pitt;
Sie haben ja vollkommen recht mit Ihrer Vermutung, ich wollte Ihnen nur
zeigen, da man in solchen Fllen sachlicher zu Werke geht. -- Es
berlief sie kalt. -- Ich dchte, fuhr er fort, es wre deutlich zu
ersehen gewesen, als Sie mich fragten, ob ich diesen Abend etwas vor
habe: da ich Ihnen auszuweichen strebte, indem ich sagte ich ginge in
die Oper, ich sei _nicht_ frei. Statt dessen zwingen Sie mich in Ihre
Plne hinein -- --

Konnten Sie denn nicht spter noch einmal telephonieren, fragte sie, da
Sie _wirklich_ verhindert seien? -- Das habe ich mir ebenfalls berlegt,
aber, entschuldigen Sie, da ich das ausspreche: Ich frchtete, auch
_diese_ Absage sei Ihnen nicht erkennbar genug. -- Das heit: Sie halten
mich fr unfeinfhlig, ja -- sprechen wir das Wort aus: fr dickfellig?!
-- Pitt zog die Luft ein, hob die Augenbrauen, als dchte er angestrengt
nach, dann wandte er den Kopf zu ihr zurck und sagte hflich: Menschen
haben kein Fell. -- Das war zu viel. Sie fhlte eine pltzliche Wut in
sich aufkochen, aber sie bezwang sich: Und das ist der Dank fr alles,
was ich fr Sie getan habe! Vom ersten Moment an wo ich Sie sah, habe
ich stets nur Gutes fr Sie empfunden und es in allen meinen Handlungen
geuert! Ich wei, da ich gelegentlich zu weit ging -- Sie haben mir
das auch zuweilen mit humorvoller Derbheit angedeutet, was ich Ihnen
gerne verzieh, da ich gerade dieses scheinbar Harte in Ihnen liebe; aber
dieses hier ist nicht mehr derb: dies ist plebejisch! -- Ich fand das
andere auch schon ziemlich plebejisch! warf er halb bedauernd ein. --
Nein, dies ist anders, ganz anders, und ich verlange, da Sie Ihr Wort
zurcknehmen. -- Ja sind wir denn Kinder? fragte er erstaunt: Ich bleibe
bei allem was ich -- oder vielmehr Sie selbst gesagt haben und will
endlich Klarheit schaffen zwischen mir und Ihnen. -- Sie lachte hhnisch
auf: das ist ja ein reizender neuer Ton von Ihnen: Lieber Herr Sintrup
-- so mgen Sie zu Ihren Damen reden, die ich nicht kenne noch kennen
lernen mchte, aber mir gegenber verbitte ich mir das: Ich bin fr Sie
Frulein Heine, Tochter des Kommerzienrat Heine, die sich fr Sie als
Mensch interessiert hat und diesem Menschentum nun auf den Grund
gekommen ist. Eines mu ich Ihnen nun aber doch rund heraus sagen:
_Jetzt_ tun Sie den Mund ordentlich auf, wo Sie sich in Ihrer guten
Stellung wissen und sich sicher darin fhlen; jetzt suchen Sie, wie Sie
es geschmackvoll nennen, Klarheit zwischen uns zu schaffen; ich habe nie
etwas Unreines zwischen uns zu sehen vermocht, aber jetzt ffnen Sie mir
die Augen: Sie nannten Ihr Wesen humoristisch derb -- nun, ich bleibe
dabei: es ist plebejisch! -- Was hat meine Stellung, fragte Pitt, ihre
vorletzte uerung aufgreifend, mit meinen Beziehungen zu Ihnen zu tun?!
-- Sie sah ihn mit runden, malos erstaunten Augen an: Ja, habe _ich_
Sie nicht zu dem gemacht was Sie nun sind? Haben Sie irgendeine andere
Empfehlung gehabt als mich? Aber allerdings, ich vergesse: die Kritiken,
die Kritiken! Aber die sind ja nicht einmal von Ihnen, die sind ja von
Ihrem Bruder, fremde Federn mit denen Sie sich geschmckt haben! -- Die
Kritiken?! fragte Pitt, und verlor fr einen Augenblick vollkommen den
Faden. -- Jawohl! Die Kritiken! Ach, das wei er ja gar nicht! Gut,
einmal sollten Sie's erfahren, und nun hren Sie's! Frulein Heine erhob
ihre Stimme, erzhlte die ganze Geschichte von den untergeschobenen
Arbeiten, und schlo damit, da Pitt diese Stellung nie bekommen htte
ohne ihre freundschaftliche und erfinderische Hilfe. -- Er war fr
einige Momente verblfft, dann brach er in ein helles, klares Gelchter
aus. -- Ihr ganzes Triumphgefhl schmolz hin in diesem Lachen, das ihr
fast Angst machte, weil irgend etwas Schreckliches, Kaltes darin lag,
das sie nur dumpf verstand. Sie hatte den berblick verloren, sie kam
sich pltzlich unsicher, in ihrer Position erschttert vor. Aber es galt
sie dennoch zu wahren: Ja, sagte sie mit fester Stimme, das habe ich
alles fr Sie getan; mag sein, da es nicht ganz recht von mir war, aber
was tut man nicht fr einen Menschen, den man -- fr den man ein
menschliches Interesse hat! Es lag mir immer auf der Seele, ich mute es
einmal herausbeichten, und nun ist es geschehen! Von nun an werden Sie
mich als Ihre wahre Freundin ansehen, die nicht nur in Worten, sondern
auch durch die Tat gezeigt hat, da sie es wirklich freundschaftlich mit
Ihnen meint! Ich bereue es auch nicht, da es zu dieser unliebsamen
Aussprache zwischen uns beiden gekommen ist; so ein kleines Gewitter
trgt nur zur Klrung bei, ich sehe jetzt ein neues Fundament fr unsere
Freundschaft. Sie nicht auch?

Pitt hatte den grten Teil ihrer Rede berhaupt nicht mehr gehrt. Ganz
entrckt, glcklich sah er in einen Winkel. Ihm war ein herrlicher
Gedanke gekommen. Weiter in dieser Redaktion zu bleiben, weiter seine
Beziehungen zu Frulein Heine fortzufhren, daran dachte er nicht mehr,
aber Fox -- Fox -- lie sich da nicht etwas Wundervolles,
Perspektivenreiches durchfhren? Konnte er den nicht aus seiner Klemme
retten, ihn zum Redakteur machen und ihm zu einer reichen -- Frau
verhelfen?!

Unsere Beziehungen, sagte er jetzt freundlich, sind ein fr allemal
erledigt. Sie selbst haben mich gebhrend in meine Schranken
zurckgewiesen, und ich werde mich darin zu halten wissen. Die
Redaktionsstelle gebe ich auf, denn nicht ich, sondern der Schreiber
jener Artikel wurde engagiert, -- und das ist mein Bruder. Ich werde ihn
kommen lassen, und hoffe, da Ihr Auge gnstiger auf ihm ruhen wird als
auf mir. Die Entscheidung, ob Sie ihn haben wollen oder nicht, hngt
natrlich von Ihnen und Ihrem Herrn Vater ab, aber ich zweifle keinen
Augenblick daran, denn er hat ganz das Zeug fr diesen Posten.

Pitt ging auf einen Kasten zu und kam mit einer Photographie zurck.
Sehen Sie selbst! sagte er: diese Zielbewutheit, diese Energie, diese
im besten Sinne Mnnlichkeit! -- Frulein Heine, noch halb verdutzt ber
die neue Wendung, sah mit bereits erwachtem Interesse auf das Bild hin.
Sie tat aber vorlufig sehr reserviert, und erklrte, das msse reiflich
berlegt sein. Dann ging sie, nachdem sie gesagt hatte, sie trage ihm
nicht das geringste nach.

Pitt begleitete sie mit einem Licht die Treppe hinab. -- Da ich Sie nun
noch bemhen mu! sagte sie hflich. -- O bitte, das ist
selbstverstndlich. -- Dies Haus scheint vor ungefhr zehn Jahren gebaut
zu sein. -- O ja, vielleicht ist es auch noch etwas lter, sogar. --
Also gute Nacht, ich bedaure nochmals -- Gute Nacht, von Bedauern kann
keine Rede sein. --

Nach ein paar Tagen traf die Nachricht ein, Fox Sintrup mge sich
vorstellen.




                           Elftes Kapitel.


Fox kam. Sogleich suchte er Pitt auf. Die Begrung der beiden Brder
war beinah herzlich. Ja ja, sagte Fox, das hast du dir wohl nicht
trumen lassen, da ich unserm Vater die Krallen gezeigt und mich ohne
ihn durchgebracht habe! Ich habe das Leben kennen gelernt, mich in
seinen untersten und obersten Schichten bewegt, und ich kann wohl sagen:
Nichts Menschliches blieb mir fremd! Aber keusch und rein ist meine
Seele geblieben, ich habe mir eine naive Aufnahmefhigkeit fr alle
Eindrcke bewahrt, um die mich mancher Schriftsteller beneiden knnte.
Nun sag mal, worum handelt sich denn die Geschichte jetzt eigentlich, du
hast dich ja darber in so mystisches Schweigen gehllt. -- Pitt
erzhlte alles, und Fox war etwas enttuscht, da er eine Sache
bernehmen sollte, von der Pitt zurcktrat. Als er dann aber die
Geschichte von den Artikeln hrte, und welche Rolle sie frher spielten
in der Frage, ob Pitt die geeignete Kraft sei, ging seine Miene ber ein
verblfftes Erstaunen hinweg in eine Art Zufriedenheit ber, und er
sagte: Ich nehme dir das nachtrglich absolut nicht bel, obgleich ich
selbst wahrscheinlich anders gehandelt haben wrde! Nach kurzem
Nachdenken fgte er dann hinzu: Ach so, und als ich dich vor ein paar
Wochen bat, jene letzten Artikel von mir zu verffentlichen, da hast du
wohl Angst gekriegt, ich knnte auch nach jenen andern fragen? Hast
gedacht: Am Ende knnte nun alles rauskommen, lieber einen Fehler gut
machen als ihn noch vergrern? -- Pitt klrte alles auf und fgte
hinzu, jene Artikel seien hinter seinem Rcken als seine eigenen
ausgegeben worden, von Freunden, denen daran gelegen war ihm jene
Stellung zu verschaffen; durch Zufall habe er selber dies erst ganz vor
kurzem erfahren. -- Na na! sagte Fox gemtlich, also -- jedenfalls: was
geschehen ist, ist geschehen. -- Pitt sah mit Freude, da sein Bruder
noch genau derselbe war wie frher. -- Ja und du, lieber Freund, fragte
Fox jetzt, was willst du denn nun eigentlich anfangen? Pitt zuckte die
Achseln. -- Knntest du nicht als Unterredakteur dort weiter bleiben? --
Hier zog Pitt seinen Mund in die Breite, sah seinen Bruder voll inniger
und tiefer Freude an und sagte: Nein. -- Das wre aber doch sehr zu
berlegen! Na, ber deine Zukunftsplne knnen wir ja spter mal
zusammen reden. Hauptsache, da ich erst einmal meine eigenen ins Reine
bringe.

Pitt hatte in die letzten Nummern der Zeitschrift alles hineingehuft,
was er an kurzen Aufstzen von seinem Bruder besa. Dies kam Fox sehr
zugute, denn Herr Heine wie Herr Wolf wehrten sich zunchst gegen einen
abermaligen Redaktionswechsel. Aber Herr Wolf sagte: Wenn Herr Sintrup
auch das Blatt wirklich schneidig in seinem Teil geleitet hat -- dieser
Bruder scheint doch noch ganz andere Fhigkeiten zu haben: Ich empfinde
seinen Stil direkt als Zeitungsstil, und der andere hat berhaupt nie
selbst die Feder gerhrt fr unser Blatt. Fox machte Besuche bei beiden
Herren, und der gnstige Eindruck verstrkte sich.

Fox war voll Lobes ber Herrn Heine: Habe diesem Herrn mal tchtig auf
den Zahn gefhlt, mu sagen: Gediegene Bildung, hier und da hapert es,
das ist nicht anders zu erwarten. Und die Tochter: Also wirklich ganz
reizend. Zu Anfang war sie allerdings auffallend zurckhaltend, beinah
_tragisch_, Gott wei warum, aber dann -- wirklich ganz reizend. Nur der
Sohn, der hat garnichts gesagt, mit dem scheint nicht viel los zu sein.
-- Auch mit Herrn Wolf war Fox zufrieden; der hatte -- direkt
achtungsvoll! -- genickt, als er ihm auseinandersetzte, es msse eine
innere Harmonie, eine gleiche Weltanschauung herrschen zwischen dem
Handelsteil und dem literarischen. Solche Einheit lasse sich finden,
msse sich finden lassen.

Mit der Monatswende erfolgte Pitts Austritt aus der Redaktion. Herr
Bertold machte ehrlich betrbte Augen; er wute, da nun sein eigenes
Regiment aufhrte, und fr Pitt empfand er eine groe Anhnglichkeit. Es
begann fr ihn ein schlimmes Leben. Fox behandelte ihn durchaus wie
einen Untergebenen, fast wie ein Offizier seinen Burschen. Nach kurzer
Zeit hatte er einen genauen Einblick in den uern Betrieb der Sache,
der so klar und einfach war, und den Pitt niemals recht begriffen hatte.
Auch die unteren Arbeiten erledigte er die ersten Wochen selber, da es
gegen sein Prinzip verstie, jemand unter sich arbeiten zu lassen, ohne
einen genauen, scharfen Einblick in dessen Ttigkeit zu haben. Nach ein
paar Wochen verlangte er eine Verlags- und Vorstandssitzung: Er sei
jetzt mit seinem Urteil zur Reife gekommen und habe positive Vorschlge
zu machen. Er entwickelte seine Gedanken ber die Zeitschrift und ihren
Inhalt, soweit die Literatur in Betracht kam; er habe vor, reinigend,
beschneidend, ausrodend, neu pflanzend vorzugehen, junge Krfte
heranzuziehen, alte, abgebrauchte auszuscheiden. Es laufen, so schlo
er, auf deutscher Erde eine Masse junger, unbekannter Genies herum,
lassen Sie mich diese auffinden, durch Zirkulare, Prospekte,
Aufforderungen, und ich garantiere Ihnen: in ein paar Jahren sind wir
die erste literarische Zeitschrift Deutschlands. -- Er zhlte eine Reihe
von jungen Namen auf, die ihm noch von frher im Gedchtnis waren, und
fgte noch einige hinzu, die er im Augenblick erfand. Man freute sich
ber diese Zielbewutheit, warnte aber vor allzu hoch gesteckten
Hoffnungen, da ja der literarische Teil -- leider -- vorerst noch
Nebensache war und bleiben mute. Dies waren allgemeine, prinzipielle
Vorschlge. Fox sprach auch von praktischen, einzelnen: Dies und jenes
sei in anderen Blttern besser arrangiert, besser eingeteilt,
Voranzeigen mten gemacht werden, einzelne Artikel seien durch
Umschlagzettel hervorzuheben, die lateinische Druckschrift she er gern
eingefhrt -- wobei er von Augenhygiene redete -- und anderes mehr. Die
Theaterkritiken werde er selbst bernehmen, er habe eine reiche
Vorbildung, und der jetzige Kritiker gehre in die Rumpelkammer.

So sa Fox nun -- wie vorher Herr Bertold -- schaltend und waltend in
seiner Redaktion, und alle waren zufrieden. Er schrieb die
Theaterkritiken wirklich, und eines Tages sah er seinen alten Freund,
den Herrn von Sander, wieder, der ihn in der Redaktion besuchte. Man
hatte ihm alle greren Rollen weggenommen und die Kritik war gegen ihn
gehssig geworden. Er bat Fox fr ihn einzutreten, gem seinem
Prospekte, auf dem er als hchstes Ziel in allen Kunst- und
Rezensionsfragen die Forderung stellte: Rcksichtslos gegen alle Mode-
und Zeitstrmungen einzutreten fr das als wahr Erkannte, ohne sich zu
binden an hergebrachten Autorittsglauben, gezchtet durch Gewohnheit
und gedankenlose Nachbeterei.

Fox versprach wohlwollend sein Bestes und hielt Herrn von Sander gleich
einen kleinen Vortrag: Sie gehren einer alten Schule an, das werden Sie
selber nicht bestreiten knnen; es ist kein Tadel, unsere Neuen und
Neuesten tten gut, nicht so auf die Alten zu schimpfen, sondern von
ihnen zu lernen, was von ihnen zu lernen ist. Das ist ja das Elend der
heutigen Bhne: Es fehlt die Tradition! Das Alte und das Neue steht sich
schroff gegenber. Beide befehden sich, anstatt einen neuen Stil zu
schaffen, gewachsen und genhrt auf dem alten Boden, dem Mutterboden! --

Fox schrieb seine Kritiken streng und scharf. -- Es sollte mich gar
nicht wundern, sagte er einmal zu Pitt, wenn so'n Kerl pltzlich in die
Redaktion einbrche, -- na, vor meinem Blick haben die Menschen noch
immer Angst gehabt; ich freue mich schon auf seine Verlegenheit, wenn
der Kerl kommt, aber ich glaube der Kerl kommt gar nicht! Wenige
Menschen haben den Mut wie ich ihn hatte. -- Wann? fragte Pitt und
freute sich auf eine erfundene Geschichte. -- Damals, vor zwei Monaten,
als ich den Kritiker ohrfeigte. Dieser Mensch erfrechte sich zu
schreiben, ich habe als Don Juan den Champagner wohl schon vor der
Vorstellung getrunken. Armer Kerl brigens, der selbst den Champagner
wahrscheinlich nur vom Hrensagen kennt. -- Don Juan? das ist doch eine
Oper! sagte Pitt. Fox sah ihn mit groen Augen an. -- Ach so, ich
verga, da du nicht weit, da es auch ein Schauspiel gibt, von Grabbe.
brigens gibt es noch verschiedene andere Don Juans, die es ebensogut
htten sein knnen; na -- also das schrieb der Kerl; am nchsten Tage
ging ich in die Redaktion, zog mir Glachandschuhe an, lie mir den Kerl
zeigen, streifte meine Manschetten etwas zurck und ohrfeigte den Kerl,
einfach so aus dem Handgelenk, schrg von oben nach unten, denn der Kerl
sa auf einem Stuhle; und dann ging ich wieder fort. Sag mal, willst du
nicht nach Hause fahren und dich da als Referendar anstellen lassen? Du
httest dann doch wenigstens etwas zu tun! Es wre auch ganz gut, dort
einmal unser Haus etwas zu regenerieren, es soll ziemlich schlimm
stehen, du weit, all die Hausdamen -- wie ich hre werden sie immer
bler.

Eines Tages fand Fox unter den eingelaufenen Manuskripten ein Gedicht,
unterzeichnet Selma Feihse. Es besang die Sehnsucht einer jungen
feurigen Seele, die das Liebesleben der Natur belauscht und,
zurckgekehrt in die Welt der Menschen, wo es doch gerade so sein
sollte, so einfach, selbstverstndlich, nur Ablehnung erfhrt.

Fox warf es nachlssig Herrn Bertold ber den Tisch, damit der es
returniere. Da fand er aber einen Begleitbrief, an ihn persnlich
gerichtet, und nun erfuhr er, da die Dame frher Selma Nippe hie,
dieselbe Selma, die Ihnen in Freud und Leid treu zur Seite gestanden
hat. Wenn er das Gedicht nicht akzeptiere, sei sie nicht beleidigt --
sie stnde ber jeder Verletzlichkeit -- aber sie erwarte dann, da er
ihr das Kind, das sie in Schmerzen geboren -- wirkliche, lebendige
Kinder seien ihr bis jetzt versagt geblieben -- zurcklege an ihr
Mutterherz. Ihr Mann werde sich aufrichtig freuen, ihn kennen zu lernen;
sie wohne lngst nicht mehr bei ihrem Vetter und dessen Frau, jener
Frau, die wie ein Dmon in Fox' Leben getreten sei und es fast in den
Strudel der Alltglichkeit hinabgezogen habe. -- Dmon! dachte Fox, ja
ja, wahrhaftig, sie hatte etwas Dmonisches! -- Am Schlu ihres Briefes
bat sie ihn genau anzugeben, wann er kme, falls er dieses berhaupt
wolle -- und er, neugierig was fr ein Leben sie jetzt fhre, folgte
ihrem Wunsche. Hier schien sich ein Schicksal erfllt zu haben, ein
bescheidenes zwar, aber immerhin ein Schicksal. Jedes Schicksal hat was
Groes: Im kleinsten Sandkorn spiegelt sich die Welt!

Etwas berrascht war er ber die Vernderung, die mit Frulein Nippe
vorgegangen war: Sie trug jetzt durchaus fufreie Kleidung und eine
jugendlichere Frisur; eine Korallenkette hatte sie um den Hals, der noch
immer frei war. Sie begrte ihn erst allein an der Tr, innig und
herzlich, und sagte, nun solle er auch ihren Mann sehen: Erschrecken Sie
nicht, ich bereite Sie darauf vor: Jung und schn ist er nicht! Es fiel
Fox auf, da sie dieses alles in gedmpftem Tone sagte, da sie ihn
schon an der Tr empfing, als wenn etwa ein Schwerkranker in einem der
Zimmer liege. -- Kommen Sie, kommen Sie, junger Freund, sagte sie jetzt
mit lauterer Stimme, indem sie ihn zur Stube zerrte, hier drinnen finden
Sie alte liebe Menschen, die Ihnen nur wohlwollen!

Da war ein groer Kaffeetisch, da sa Lotte, mit ahnungslosem Gesicht,
neben ihr ein alter Herr, der einen Jungen auf dem Schoe hielt,
gegenber Herr Knnecke und Frau Bornemann, die soeben noch den Kuchen
gelobt hatte. Alle blickten erstaunt auf Fox, Frulein Nippe aber --
oder jetzt Frau Feihse -- weidete sich an ihrer berraschung, und rief:
Habt euch lieb! Ach, ich konnte es ja nicht bers Herz bringen: Was auch
die Vergangenheit ber euch alle brachte -- es ist ja doch begraben und
vergessen, und die Stunde der Vershnung hat geschlagen! Lotte, da ist
dein alter Freund, von dem du den lieben sen Jungen hast, Frau
Bornemann, da ist der gute, junge Mann, der Ihnen als mnnlicher
Beistand ratend zur Seite stand -- Wilhelm, du hast mit ihm das Lager
geteilt, als ihr zusammen wohntet -- habt euch nun alle, alle lieb und
lat mich an eurem Glcke teilnehmen!

Fox war unwillkrlich einen Schritt zurckgetreten, Lotte, bestrzt in
Scham und berraschung, hatte das Gesicht zur Seite gekehrt, die andern
saen starr und blickten regungslos auf Fox. Der ergriff das Wort:
Gndige Frau, wandte er sich aus der Ferne an Lotte, es ist nicht meine
Schuld, da dies uns allen peinliche Zusammentreffen erfolgte, gestatten
Sie, da ich mich auf der Stelle wieder zurckziehe! Er wandte sich zum
Gehen, mit einer formellen Verbeugung, aber Frau Feihse verschlo die
Tr und zog den Schlssel ab.

Der Kleine war von Herrn Feihses Scho herabgesprungen, auf Fox
zugegangen, sah ihn mit groen, etwas dreisten Augen an und fragte:
Mama, wer ist der Onkel? -- Hrt, hrt! rief Frau Feihse, die Stimme der
Natur lt sich nicht bndigen, sie bricht hervor mit elementarer
Gewalt, wenn man ihr den Mund verstopfen will! Schmt euch ihr Groen,
und nehmt euch ein Beispiel an diesem unmndigen Kinde! Jetzt erhob sich
Herr Knnecke, nach einem stummen Blickaustausch mit Lotte, wortlos, mit
strengem Blick verlangte er von Frau Feihse den Schlssel, und dann
verlie er mit seiner Frau das Zimmer, whrend der Kleine hinterher lief
und mit eigensinnig-lauter Stimme wiederholte: Ich habe gefragt, wer der
Onkel ist! --

Frau Bornemann hatte sich ebenfalls erhoben, aber ehe sie den andern
folgte, trat sie dicht zu Fox heran und sagte: Da mich der Himmel noch
einmal mit Ihnen zusammen gefhrt, sollen Sie auch hren, was er mir fr
Sie aufgetragen hat: Sie gottloser Ehrabschneider -- gehe in dich, suche
den Weg des Heils! -- Um irgend etwas zu tun, und gleichzeitig um dem
Herrn Feihse, der peinlich erregt in seinem Stuhle sa, zu zeigen, da
er in allen Lebenslagen die Form zu wahren wisse, machte Fox ihr eine
steife, ernsthafte Verbeugung; die kurzsichtige kleine Frau Bornemann
wute erst nicht recht was dieses heien sollte, dann aber, halb noch
erregt und halb schon wieder im Banne des tglichen Lebens mit seinen
Anforderungen an gute Lebensart, erwiderte sie seinen Gru durch einen
etwas schchtern-linkischen Knix, worauf sie den brigen nachging.

Jetzt kam Herr Feihse auf Fox zu: Er entschuldigte vor allem seine Frau,
deren Stimme man drauen leidenschaftlich reden hrte, und lud ihn ein,
nun wenigstens nicht sogleich aufzubrechen, sondern bei einem Schlchen
Kaffee sein ehrenwerter Gast zu sein. Er fuhr selbst mit auf und ab
zitternder Hand zur Kanne hinber, um einzuschenken. Drauen flog eine
Tr ins Schlo, mit hochrotem Gesicht trat Selma ein: Brgerpack! sagte
sie, kleinliche Menschen mit Gefhlchen, ohne jeden Sinn fr freie und
vornehme Auffassung des Lebens! -- Herr Feihse bemerkte, sie habe aber
auch nicht recht gehandelt, ihre Zartheit werde zuweilen geradezu ins
Gegenteil gedeutet. -- Das heit, fuhr sie auf, da du mich fr unzart
hltst! -- Herr Feihse sagte vorsichtig, das habe er nicht behauptet. --
Sie fuhr mit dem Zeigefinger auf Fox los: Hat er es gesagt oder nicht?
Sie sind Zeuge! -- Aber Selma ich bitte dich, la doch die Szenen! Ich
habe nicht von mir geredet, jedenfalls dachte ich dabei nicht an mich!
-- Sehen Sie, sehen Sie, so ist er! Hinterrcks versetzt er einem einen
Hieb, und wenn man sich dann umdreht, macht er ein unschuldiges Gesicht,
und tut, als ob es ein anderer gewesen wre! -- Herr Sintrup, ich habe
mit vieler Freude gehrt, da Sie eine so interessante Stellung an einer
Zeitschrift haben! -- Nein! davon wird jetzt einmal nicht geredet! Sehen
Sie wie er ablenkt! Bleib bei der Stange! Also du hltst mich fr
unzart. Meine Haare wren nicht echt, sagte er, als wir das erstemal
zusammen waren, vor unserer Verlobung. Ist das Zartheit?! Auerdem war
es gar nicht wahr! -- Aber Selma ich bitte dich! rief Herr Feihse
erregt, wenn du schon keine Rcksicht auf mich nehmen willst, dann nimm
sie wenigstens auf unsern Gast! -- Hren Sie es? Er wirft mir
Rcksichtslosigkeit vor! Bitte, Herr Sintrup, bin ich rcksichtslos? --
Ja; sagte Fox trocken, -- wenn Sie mich direkt danach fragen! -- Sie sah
ihn erst verdutzt an, dann nickte sie: Natrlich, wenn zwei Mnner
zusammen sind mit einer Frau, dann nimmt ein Mann immer Partei fr den
andern. Ach diese Mnner von heutzutage! Sie sollten erst einmal die
gewhnlichste Hflichkeit gegen uns Frauen lernen, von der Galanterie
des achtzehnten Jahrhunderts ganz zu schweigen! Jetzt will ich knapp und
deutlich wissen: Was ist denn eigentlich mein Verbrechen? Gutes stiften
wollte ich! Es gibt soviel bse Gesinnung der Menschen untereinander,
da jeder Christenmensch die Pflicht hat, sie nach Krften in seinem
Umkreis auszurotten und statt ihrer den Geist der Liebe zu sen, und das
habe ich getan! -- Du httest die Herrschaften nicht so unvorbereitet
konfrontieren drfen, sagte Herr Feihse. -- Ach! sieh mal! Nun, und wenn
ich sie vorbereitet htte, wren sie dann etwa gekommen? -- Aber
du siehst doch, sie sind ja doch auch _so_ ohne weiteres
auseinandergegangen! -- Nun, und was ist da der _Unterschied_?? -- Herr
Feihse sah sie etwas blde an; es verwirrte sich sein Denkvermgen, er
wute ganz genau, da da irgendein Unterschied war, und wenn sie ihn
allein htte nachdenken lassen, wrde er ihn auch gefunden haben. Aber
unter ihren leidenschaftlichen Reden und Gebrden wurde er stets
verwirrt; seine Gedanken lsten sich dann geradezu auf. -- Ich habe
wirklich mit groer Freude gehrt, da Sie jetzt eine so auerordentlich
interessante Stellung einnehmen! wandte er sich wieder an Fox. Aber Fox
erhob sich und sagte, er msse leider aufbrechen. -- Herr Feihse machte
keine Anstalten ihn zum Bleiben zu bitten: Er war dies gewohnt, die
Leute zogen sich von ihm zurck, da er ein einfacher, schlichter Mann
war, der ihnen nichts Interessantes zu bieten vermochte. Er hatte es
gelernt die Enttuschungen des Lebens zu ertragen; die letzte,
schlimmste Enttuschung allerdings, die das Leben ihm gebracht hatte,
die -- das fhlte er so deutlich -- wrde ihn ins Grab bringen, langsam,
Schritt fr Schritt. Er wollte Fox hinausbegleiten, seine Frau
verhinderte es und er trat zurck, aus Angst, die sptere Szene, wenn
sie allein waren, wrde dann noch heftiger werden. Und bei solchen
Szenen regte er sich stets so furchtbar auf! Dann brach alles pltzlich
los in ihm -- und er durfte das seinem kranken Krper nicht zumuten, und
den Nerven seiner Frau ebenfalls nicht; denn diese Nerven -- das sagte
sie selber -- zerrten und rissen an ihr wie eine Meute Hunde an ihren
Ketten.

Da wir uns nun gar nicht einen Augenblick allein gesprochen haben, ganz
intim! sagte Selma an der Korridortr; ich htte Ihnen so gerne manches
mitgeteilt. Das Leben ist ein Jammertal, aber mir speziell hat es
Bergeslasten aufgelegt, jetzt noch diesen kranken alten Mann, den ich
aus purem Mitleid geheiratet habe. Er ist ja nicht einmal
pensionsberechtigt, was ich frher annahm. Wre er wenigstens noch
dankbar und zufrieden! Aber Sie sehen ja selber wie er ist. Und dann,
was eine Ehe wahrhaft reich und glcklich macht -- Kinder, -- die sind
uns ja versagt, wie es scheint! Ach, htte ich einen jungen, schnen,
feurigen Mann geheiratet, ich wrde ihm wahrscheinlich Zwillinge
geschenkt haben. -- Na na, sagte Fox. -- Und Lotte hat auer ihrem
Jungen drei se kleine Kinder! Ja ja, so geht es; das Bessere
verschenkt man aus Nchstenliebe -- wie ich meinen Vetter an Lotte, und
das Schlechte bleibt einem selber brig, die Reste vom Tisch des Lebens,
nachdem man alle hat speisen lassen, bis sie sich satt gegessen haben.
Hren Sie nur, da spielt mein Mann Piston! Er will seine Nerven
beruhigen; er denkt es klingt nicht laut, weil er es selbst kaum hrt,
aber mir zersprengt es fast den Kopf; wenn ich das lange anhren mu,
fhle ich, wie mir die Adern an den Schlfen schwellen bis zum
Zerplatzen. Aber ich sage nichts, ich sage gar nichts! Es gibt einen
Ort, wo man es nicht so deutlich hrt, aber da bin ich auch nicht gern;
dies miserable Haus hat ja nicht einmal berall Wasserleitung; ach, wie
schn war es, als ich noch Desdemona spielte! Neulich habe ich an Ihren
Herrn Vater geschrieben, ob er mich nicht einmal wieder besuchen will,
wahrscheinlich lacht er mich aus -- aber was tut man nicht in der
Verzweiflung, wenn man sich ganz einsam fhlt! --

Fox drckte ihr die Hand, klopfte ihr vterlich auf den Rcken und
verabschiedete sich. -- Etwas komisch ist sie ja, und etwas vulgr
scheint sie auch geworden zu sein, aber das rein Menschliche habe ich
selten in einer so interessanten Verkrperung gesehen! dachte er.

Er sprach am nchsten Tage lange mit Pitt darber, wie es wohl komme,
da Personen des tglichen Lebens, mit all ihren Banalitten, den
Menschen auf die Nerven fallen, da sie aber, wenn man sie knstlerisch
verarbeitet, eine Daseinsrechtfertigung bekommen; dann schrieb er eine
kleine Untersuchung darber, und Frulein Elsa lobte ihn
auerordentlich.

Zunchst war Frulein Heine von Fox etwas enttuscht gewesen, denn er
war, als sie ihn kennen lernte, noch ganz glatt rasiert, und auf jener
Photographie hatte sie ihn mit einem frischen jugendlichen Bart gesehen;
deswegen, und auch weil sie den Verdacht hatte, Pitt knne mit ihm ber
seine Beziehungen zu ihr geredet und sie in ein ungnstiges Licht
gesetzt haben, hielt sie sich die erste Zeit sehr von ihm zurck. Fox
lie sich nun aber wieder seinen Bart wachsen, da er das seiner Stellung
angemessen erachtete, und ihr Mitrauen, Pitt betreffend, verlor sich,
da sie aus gelegentlichen uerungen seines Bruders mit Sicherheit
darauf schlieen durfte, da Fox von ihrer frheren Neigung auch nicht
die leiseste Ahnung hatte. So nherte sie sich ihm, und in ihrem Verkehr
herrschte ein kameradschaftlicher, nchtern-freundlicher Ton, denn von
Gefhlen, wie sie sie fr Pitt empfunden hatte, wollte sich nichts bei
ihr einstellen, was sie selber unbewut etwas enttuschte. Fox selbst
dachte vorlufig gar nicht an die Mglichkeit einer Liebe. Sie lernte
ihn nun nher kennen, und sah alsbald auch Seiten an ihm, die ihr
komisch erschienen, was sie ihm auch ganz offen sagte. So lachte sie
ber seine vielen Nein-neins, ber seine also wirklich, freute sich
ber sein etwas pomps-behbiges Auftreten, dem ihr viel Kindlichkeit
zugrunde zu liegen schien, und ber die Grndlichkeit, mit der er
manchmal scherzhaft und leicht hingeworfene Bemerkungen aufnahm und
verarbeitete. Aber sie fand das auch wieder reizend, zu seinem Wesen
passend. Ihm mifiel zu Anfang der leise spielerische Ton, mit dem sie
ihn behandelte, und, wie in seiner Kinderzeit, setzte er dem einen
bedauernd-ernsten Blick entgegen, ber den sie dann auch wieder lachte.
Er lie sich niemals aus der Fassung bringen und vollendete seine
manchmal absichtlich kunstvollen Stze langsam, ohne sich um ihre
amsierten Zwischenrufe zu kmmern. Allmhlich gewhnte sie sich an
diese Dinge, da sie sie schlielich gar nicht mehr bemerkte.

In der ersten Zeit besuchte er fast nur Herrn Heine selbst; es gab da
manches zu bereden, wenigstens hatte er stets einen geschftlichen
Grund, und Herr Heine freute sich, da der junge Mann es so sehr ernst
mit seiner Stellung nahm. Auerdem sagte Fox: Herr Kommerzienrat, und
nicht: Herr Heine, wie Pitt es immer getan hatte, und dann war er
niemals abgeneigt, ein Spielchen Karten mit ihm einzugehen, wie Herr
Heine es liebte, wenn er, von des Tages Geschften matt, sich abends
erholen wollte. -- Allmhlich kam Fox auch ohne geschftliche Grnde; er
wute noch nach Wochen, welche Toilette Frau Heine an dem und dem Tage
getragen hatte, und fr ihre Schmuckgegenstnde zeigte er einen
respektvollen Kennerblick. Fox trat auch langsam mit seinen Talenten
vor: In seinen Gesprchen mit Herrn Heine verwies er auf seine frher
erschienenen Broschren, von denen er sich durch alle Fhrnisse hindurch
nicht getrennt hatte, und er empfand kaum mehr, da er die Unwahrheit
sprach, indem er gleichsam nur referierend auf den Aussagen frherer
Jahre fute, -- er deklamierte hier und da ein Gedicht mit gemildert
schauspielerischem Pathos, und ganz entzckt war das Herz der Frau
Heine, als er sich einmal an den Flgel setzte und ein Lied vortrug.
Auch hier moquierte sich ihre Tochter anfnglich, indem sie es sehr
komisch fand, lyrische Tne aus seinem Munde zu hren, aber allmhlich
moquierte sie sich nicht mehr, fand alles ganz in der Ordnung und regte
ihn an, neue Lieder zu studieren.

Wie anstndig, wie hochanstndig und respektvoll war dieser Herr
Sintrup! Frau Heine dachte mit Bitterkeit an den vergangenen Bruder,
der, wie sie jetzt mit immer grerer Deutlichkeit empfand, sich gegen
ihre Tochter, gegen das ganze Haus nicht so benommen hatte wie es sich
geziemte, und der nun auf einmal berhaupt nicht mehr kam, einfach
fortgeblieben war, ohne irgendein Wort! Sie sprte etwas wie
Rachegelste, und eines Tages sagte sie ganz unvermittelt zu Fox, als
sie allein waren: Ihr Herr Bruder hat sich ja damals sehr um die Gunst
meiner Tochter bemht, aber es ist ihm nicht geglckt, ein Mensch mit
solchem Benehmen wird berall nur anstoen, wo er auch hinkommt! --

Dieses Wort wirkte auerordentlich auf Fox. Pitt war abgewiesen worden!
Dies erfllte ihn mit tiefer Genugtuung, und es reihte sich in
natrlicher Folge der Gedanke daran: Ihm zu zeigen, da er selber mehr
Qualitten besitze, die die Frauen schtzen. Er gab nun seinem Wesen
noch einen besonderen Nachdruck, und legte seinen Ehrgeiz hinein,
Frulein Heine seelisch nah zu kommen. Er wandte sich in manchen ihm
zweifelhaften Fllen vertrauensvoll an ihr Urteil: Lesen Sie doch mal
bitte dies Gedicht durch; ich bin mir also wirklich -- oder in der Tat
nicht klar darber, was der Kerl eigentlich meint. Jedes Gedicht mu
doch neben allem Unsinn, der aufs Gefhl wirkt und den eigentlichen Wert
ausmacht, auch einen ueren Sinn haben, und den kann ich nicht finden.
-- Sie runzelte die Stirn, indem sie's las, und kam sich sehr wichtig
vor, von Fox zu Rate zugezogen zu sein. Dies wiederholte sich in der
Folge fter, und nun wanderte er manchmal mit ganzen Pckchen
Manuskripten zu ihr hin. Sie machte Tee und er las vor. Von diesen
Dingen kamen sie auf Literatur im allgemeinen zu sprechen, belehrten und
erfreuten sich. Von Liebe wollte sich bei ihr nichts einstellen. Bei
ihm, wie es schien, auch nicht. Aber er hatte zuweilen tiefe, schwere
Blicke, als wolle er in ihrer Seele lesen, und sie erwiderte diese
Blicke ernst und bedeutend. -- Ob ich ihn wohl lieben knnte? dachte sie
manchmal, wenn sie allein war. Er war unstreitig viel imposanter als
sein Bruder. Was er allein fr Hnde hatte! Echte, krftige Mnnerhnde!
Und dann diese kernige Erscheinung! Unwillkrlich reckte sie selber ihre
kleine Figur etwas empor. -- Sie fing an mehr auf seinen Krper zu
achten. Wenn er neben ihr stand, mit ihr Bilder besah und ein Blatt aus
ihrer Hand nahm, so da sich beide fast berhrten, hatte sie mitunter
das Gefhl: Wenn ich jetzt noch ein ganz wenig nher an ihn herantrte,
und in ihm pltzlich der Mann erwachte?! Es war ihr dies ein
schauerliches und zugleich wohliges Gefhl, und wenn sie seine Hnde
ansah, mute sie nun fter daran denken -- ganz theoretisch nur! -- wie
es wohl sei, von diesen Hnden ergriffen und umarmt zu werden. Manchmal
sah sie auf sie hin, und verga darber zu antworten, so da er nun
seinerseits seine Hnde beschaute, im Glauben, sie seien vielleicht
schmutzig. -- Der groe, stattliche junge Mann, er war ja so kindlich,
so ahnungslos! -- Fox war wirklich ahnungslos in allen Dingen, die
Unausgesprochenes zwischen den Geschlechtern bedeuten, denn seine
Erlebnisse in der Liebe waren stets glatt, exakt und scharf umrissen. Er
deutete diese Blicke nur auf Zerstreutheit, allerdings setzte er in
Gedanken hinzu, da sie sich wohl auf ihn beziehe. --

Sie fragte ihn, ob sie nicht zusammen einen Sport treiben wollten? Da
lag im Parke, hinter dem Hause, der herrlichste Tennisplatz, und er
wurde nie benutzt! Fox erklrte, Tennis knne er nicht spielen. -- Ich
zeige es Ihnen, passen Sie auf, Sie lernen es, Sie sind doch jung und
krftig, und nicht so stocksteif wie Ihr Bruder! Der war so langweilig
und so furchtbar unjugendlich! -- Sie hpfte selbst ein Weniges in die
Hhe. Sie spielten nun. -- Sie schlagen viel zu fest fr den Anfang! --
rief Frulein Elsa. -- Dafr kann ich nichts! Sehen Sie doch selbst
mal meine Muskeln! Und, wie wenn er einen Schulfreund vor
sich habe, streifte er seinen Hemdrmel hinauf und sah sie
renommierend-erwartungsvoll an, whrend sie ihrerseits erwartungsvoll
zugesehen hatte, wie er den rmel in die Hhe streifte. -- Ein Arm wie
der eines griechischen Gtterheros! dachte sie.

Er mute sie auch auf dem Teiche rudern; er tat tiefe, volle, langsame
Schlge, sie sah wortlos eine Zeitlang zu und sagte dann: Wie Ihnen das
gut steht! Ich sehe Sie so gerne rudern!

Allmhlich geriet Fox Frulein Heine gegenber ins Nachdenken; sie
begann ihm deutlicher zu zeigen, da er ihr sehr sympathisch sei. --
Eine ganze Million bekam Frulein Heine einmal spter. Das hatte sie ihm
selber mitgeteilt, als sie ihm erzhlte, wie ein Herr sich vergeblich um
ihre Gunst bemht habe.

Der ganze groe Luxus dort im Hause hatte Fox verwhnt; Elsa schien ihre
verschiedenen Anbeter alle zu verachten; wie sehr wrde er ber diese
triumphieren, wenn er sie gewann! Was wrde Pitt fr ein Gesicht machen,
wenn Fox das errang, um was er selbst sich vergeblich bemht hatte!
Vielleicht war Pitt der Kerl gewesen, von dem Frulein Heine sprach?! --
Eine ganze Million! Der hchste Wert des Daseins bestand nun doch einmal
in einem guten Leben, das mute jeder zugestehen, und wer es nicht
zugestand -- dem fehlten eben die Mittel zu einem solchen Leben, und er
hatte leicht reden vom Zufriedensein in der Bescheidenheit, denn was
blieb dem armen Kerl sonst brig?! -- Allerdings: Heiraten -- nur um zu
einem guten Leben zu gelangen, das war niedrig, das war gemein, und Fox
war der erste, der das in jedem Falle verdammte! Nein nein, die Liebe
mute dazu kommen, und er fhlte ganz deutlich, da sie bei ihm schon im
Anzuge war; wenn er sie heiratete, wrde es eine reiche Liebesheirat
sein, dies war das rechte Wort, knapp, przise bezeichnend. Fhlte er
sich nicht eigentlich direkt verliebt?! Er runzelte die Stirn, in sich
hineinlauschend. Eigentlich gab es da im Innern nichts, was ihm dies
besttigt htte. -- Aber Liebe ist oft blind gegen sich selber; wie
hufig kommt es vor, da Menschen von ihr berhaupt erst dann erfahren,
wenn durch einen pltzlichen Windsto der Leidenschaft alle verhllenden
Schleier des sogenannt wachen Bewutseins zerrissen werden! Es bedurfte
dazu manchmal nur eines kleinen Anlasses, eines reinen Zufalls! Romeo
liebte sogar die Julia sofort, ohne da irgendein Anla da war, nachdem
er erst um seine Rosalinde geschmachtet hatte.

Fox begann auf seinen Zufall zu warten. Mitunter, wenn er bei Frulein
Heine im Zimmer war, sah er sie lange und nachdenklich an, whrend sie
ihm etwas auseinandersetzte. Sie glaubte ihn dann ganz vertieft in ihre
Worte und fragte ihn nach seiner Meinung; er antwortete noch immer
nichts, so da sie, halb unsicher, das Wort wieder ergriff, um noch
einmal fortzufahren, bis er es ihr zu deutlich zeigte, da sein Grbeln
nach einer ganz anderen Richtung ging; dann stockte sie, brach mitten im
Satze ab und lie den Blick an Fox vorbeigehen, in eine Ecke, whrend
ihre Augen ganz gro wurden, nur fr einen Moment; dann fhrte sie sie
ber einen leichten Niederschlag zu seinem Gesichte zurck, auch nur fr
einen Augenblick, und schlielich sa sie unbeweglich, mit einem
Ausdruck, als werde sie gerade photographiert und wolle, da ihre Zge
still-bedeutend wrden. -- Ein ungewisses Fluidum strmt jetzt von ihr
zu mir, von mir zu ihr! dachte Fox: Ein Fluidum, das einem den Atem
versetzen knnte, wenn man sich ihm zu lange hingbe! Also wirklich: ich
fange an zu fhlen, wie mich die unsichtbare Macht der Liebe bewegt,
ganz leise, so, wie es Unterstrme gibt in einem anscheinend stillen
Wasser! -- Und Frulein Heine dachte mit halbem Zagen: was mag in ihm
vorgehen! Wenn es jetzt ber ihn und ber mich kme, mit elementarer
Gewalt alle Schranken niederreiend?!

Fox wurde sich ber sein Gefhl immer klarer. Eines Morgens, als er
gerade aufgestanden war, seufzte er tief, indem er, noch halb schlfrig,
um sich starrte. Was hatte er nur getrumt? -- Er trumte eigentlich
niemals. -- Zwei groe, dunkle, schwarze Augen! Hatte er die nicht im
Traum gesehen?! Ja ja, so schwarz wie schwarze Diamanten! -- Die hatte
Fox zwar auch noch nicht gesehen, aber er stellte sie sich als das
schwrzeste vor, was es in der Welt gbe. Und wem gehrten diese Augen?
-- Eine ganze Million; scho es ihm dazwischen durch die Gedanken. Aber
er sprach nervs zu sich selbst: Kann man sich denn nicht einmal fr
kurze Zeit ungestrt dem Gedanken der Liebe ergeben? Mu denn ewig die
reale Welt dazwischen kommen? -- Also: Zwei schwarze, groe Augen; ich
wei bestimmt, da ich von denen getrumt habe, sonst wrde mir doch das
nicht jetzt auf einmal einfallen, es mu doch dem ein tatschliches
Erlebnis zugrunde liegen! Was habe ich denn nun aber von denen
getrumt?! Sie waren also erst mal: feurig. -- Fox suchte vor sich
selbst eine Brcke herberzuschlagen zu Frulein Heine; da er aber nicht
weiter kam, gengte ihm das schon Gesagte als ein Beweis, da sein
Traumbild nur Frulein Heine gewesen sein knne. Da da weiter gar
nichts im Traum geschehen war, erhhte den Wert dieser einzigen
Erinnerung: In den Augen konzentriert sich die Seele, und dieser Blick
-- -- Fox wute mit einem Male weiter: Dieser Blick, mit dem sie mich
angesehen hat -- es lag darin eine ganze Welt von Rtseln! Ein Blick
voller Fragen, Antworten, Verheiung, Sehnsucht! -- Es mu weit mit mir
gekommen sein, murmelte er, jetzt verfolgt mich ihr Bild schon nachts im
Schlafe, da ich nicht Ruhe finden kann; ob es ihr wohl hnlich geht?

Er erzhlte ihr seine Vision, verschwieg aber, da es sich um sie selbst
gehandelt habe, doch waren seine Augen fest auf sie gerichtet.

Diese Mitteilung regte sie mehr auf, als er ahnen konnte. Er liebt mich,
liebt mich wirklich, dachte sie. Und nun geriet sie in eine innere
Unruhe; ihre Phantasie beschftigte sich mit Bildern, denen sie vorher
keinen Raum verstattet hatte; sie schrak zurck vor ihnen, aber nur um
so strker kamen sie.

All ihre Anbeter waren Mnner, die frhreif das Leben schon kennen
lernten, ber denen jetzt eine leise Mdigkeit der Erfahrung lag; sie
alle hatten Liebesabenteuer hinter sich, das war selbstverstndlich; da
kamen in gewissen Abstnden Herren aus der kaufmnnischen Gesellschaft,
oder -- wie es schon mehrmals geschehen war -- korrupte Offiziere mit
Adelstitel, die ihr ihre Liebe erklrten und denen sie's an der Nase
ansah: Sie wollen mich um meines Geldes willen; umsonst bekommt man
keine Million, also nehmen wir die Frau mit in den Kauf! Wie oft hatte
Egon ihr gesagt, sie drfe sich keine Illusionen machen!

Und nun kam Fox Sintrup -- das war ein anderer Mensch! Unverbraucht war
seine Kraft; wenn er seine Arme um sie schlang, so konnte sie das ruhige
Gefhl haben: Sie war die erste, die er berhrte! Sie htte ihre Hand
dafr ins Feuer legen knnen! Es fiel ihr ein, da sie zu Anfang fters
ber ihn gelacht hatte. Aber worber hatte sie denn im Grunde gelacht?
Darber, da er anders war als andere Mnner, da ihm sein reines
Verhltnis den Frauen gegenber eine gewisse Ungelenkigkeit gab, die man
wohl belcheln, aber eigentlich nicht belachen durfte! Und diese
gediegenen, unverschrobenen und reinen Ansichten vom Leben, die er
hatte! Der sie nur liebte um ihrer selbst willen, der ihr krzlich erst
erzhlte: Eine schne Millionrstochter habe ihn einmal geliebt, er habe
sie wieder geliebt aber nicht geheiratet, weil er sonst nie das
bedrckende Gefhl losgeworden wre: Sie knnte denken, ich nhme sie
nur um ihres Geldes willen! Wie treuherzig er das erzhlte, ohne auch
nur auf den Gedanken zu kommen: da sitzt ja eine Millionrstochter vor
mir, zu der ich das sage! Oder sollte er -- dies war eine ganz neue
Perspektive -- sollte er diese Erinnerung mit einer ganz bestimmten
Absicht erzhlt haben? Wollte er damit sagen: Wenn du _kein_ Geld
httest, wrde ich dich auf der Stelle heiraten, wenn du mich nhmest?
Band ihm die Million die Zunge? Ging sein Feingefhl so weit? War die
Geschichte vielleicht berhaupt erfunden? War die schne
Millionrstochter sie selbst?! -- Unwillkrlich warf sie einen Blick in
den Spiegel: Es wre ihm zuzutrauen, sagte sie langsam; er ist ja so
furchtbar stolz und delikat!

Fox war sich inzwischen ber sich selber vollkommen klar geworden: Er
liebte Frulein Elsa, und zwar war es Liebe auf den ersten Blick
gewesen. Es war ihm eingefallen, einen wie starken Eindruck er gleich
das erstemal von ihr empfangen hatte: Einen solchen ersten Blick legt
man sich niemals als Liebe aus; das merkt man erst hinterher, wenn man
auf einem festen Punkte angelangt ist und nun die ganze Stufenleiter
berschaut, bis in ihre ersten Anfnge. -- Und sie selber: Mit
Deutlichkeit erinnerte er sich, da sie bei der ersten Begegnung _fast
tragisch_ zu ihm war. Pitt konnte das eventuell bezeugen, dem hatte er's
erzhlt! Also auch sie hatte es gefhlt, da er ihr Schicksal sein
werde, deutlicher, erschtternder noch als er selber! Sie hatte sich
dann beherrscht, die folgende Zeit, nur manchmal brach in einem groen
Blick, in einem Schweigen ihr inneres Gefhl mit stummer Deutlichkeit
hervor! Wie selten geschieht es doch, da sich alles so natrlich und in
so wahrhaft innerer Schnheit entwickelt! Sollte er ihr nun seine Liebe
gestehen? --

Als sie sich wiedersahen, waren beide einsilbig, fast wortlos. Mit
groen Blicken trennten sie sich.

Sollte er ihr seine Liebe gestehen? Er strich sich nachdenklich an
seinem neuerworbenen Barte. -- Nein, dachte er endlich, ich will nicht,
da die Familie womglich denkt, ich sei ein Millionenjger. Ich wrde
das der Familie zwar absolut nicht belnehmen -- dergleichen ist sehr
menschlich und die Tatsache kommt -- leider -- hufig genug vor! Alles
was ich tun kann, ist: Warten. Wenn sie mich liebt, wird sie mir das
eines Tages selber sagen, das ist bombensicher! Ich knnte ihr aber mal
wieder ein paar Blumen mitbringen, das ist in jedem Falle anstndig!

Er kaufte die Blumen und begab sich zu ihr. Als er dann aber vor ihr
stand, wurde er sehr rot, denn pltzlich hatte er das Gefhl: Heute
kommt es zur Entscheidung. Wie sie dies sah, errtete sie ebenfalls.
Beide waren einsilbig; ihr klopfte das Herz, whrend er nach innen
lauschte, ob seines auch klopfte. Wirklich klopfte es. -- Setzen Sie
sich dort auf das Sofa! sagte sie, und er merkte, wie ihre Stimme
sonderbar beherrscht klang. Er erfllte ihre Bitte sogleich, legte die
Hnde auf die Knie und sah sie stumm an. Sie lchelte nervs und strich
sich das Haar zurck. Dann sa sie ebenfalls. -- Sie sind ein
sonderbarer Mensch! sagte sie endlich. -- Wieso? fragte er, berrascht,
pltzlich in seinem gewhnlichen Tone. -- Wie -- so? wiederholte er,
grbelnder, nachdenklicher, da ihm sein erster Ton selbst zu nchtern
geklungen hatte. -- Ich halte Sie fr einen ganz, ganz verschlossenen
Charakter! -- Ja, das ist wohl wahr! entgegnete er, mit einem schweren
Blick ins Leere. Schon in meiner Kindheit litt ich selbst darunter. --
Also Sie leiden darunter?! -- Natrlich, man empfindet es oft doch sehr
schwer! -- Mir geht es hnlich! sagte sie nach einer Pause, tragisch. --
Das habe ich aber nicht empfunden, mir gegenber. -- Wirklich? Wie
meinen Sie das?? -- Ich habe das Gefhl, als wenn Sie gegen mich nicht
so verschlossen wren! -- Ach so, ja ja! sagte sie, als enthielten seine
Worte eine Offenbarung; jawohl, das hngt von den Menschen ab. Gegen
zwei Menschen bin ich nicht verschlossen: gegen Sie und gegen meine
Mutter! das heit -- sie brach ab. Er sah sie fragend an. -- Das heit,
sagte sie lauter, stoweise: das heit, gegen meine Mutter bin ich jetzt
auch verschlossen, und gegen Sie mchte ich es auch sein, aber was soll
ich machen -- -- ^c'est plus fort que moi^!! -- Bin ich Ihnen solches
Vertrauens wert? fragte Fox, und erinnerte sich dunkel, da er das
einmal irgendwann auf der Bhne gesagt hatte. Da auch die kalte
Wirklichkeit immer wieder hereinspielte in die Gedanken, selbst in den
hchsten Augenblicken des Lebens! -- Ja! sagte sie, indem sie ihm ihr
Gesicht voll zuwendete, das sind Sie mir! Seit dem ersten Augenblick wo
ich Sie sah, waren Sie mir das! -- Was sollte er darauf antworten? --
Sie sind es mir ebenfalls, sagte er. -- O Sie Kind, rief sie, Sie groes
ungelenkes Kind, haben Sie mir nichts anderes zu sagen als das? -- Ich
knnte noch vieles hinzufgen, aber daran hindert mich das Gefhl, da
ich nicht wei, wie Sie dies aufnehmen werden! -- Ich, ich nehme alles
freudig auf, von Ihnen alles!

Fox sah sie an. Jetzt sollte das Schicksal sich entscheiden; und dies
Gefhl vor der Wucht des Augenblicks, der im Leben eines jeden nur
einmal vorkommt -- oder vorkommen sollte -- erschtterte ihn. Er sah
gleichsam auf sich selbst herab, wie von einer fernen Warte der Zeit,
auf sein eigenes Menschenleben, und seine Augen wurden feucht. -- Sie
wissen es ja lngst, sagte er mit belegter Stimme, da ich Sie liebe,
da ich Sie vom ersten Moment an geliebt habe! Sie war aufgestanden, er
hatte sich ebenfalls erhoben und sah mit seinen blauen Augen in vollster
Ehrlichkeit auf sie herab, die mit etwas emporgehobenem Kopfe vor ihm
stand. Da schlang sie die Arme um ihn und legte ihren Kopf an seine
Brust: O wie ich mich danach gesehnt habe! flsterte sie. Als Antwort
drckte er sie fester an sich. -- Eigentlich ist sie etwas klein! sagte
eine Traumstimme aus der Wirklichkeit zu ihm, aber er hrte sie nicht.
Nun bist du mein, mein Lieb! jauchzte er im Gefhl jubelnden Besitzes,
mein auf immerdar! In all ihrer Seligkeit mute sie lachen: Ach du Kind,
du kennst ja die Liebe nur aus Bchern und denkst, du mut nun auch so
sprechen wie die Helden in Romanen! Ksse mich ein einziges Mal, das ist
besser als alle Worte! -- Sie reckte sich etwas in die Hhe, und den
Bund dieser beiden Menschen, die sich durch die Wechselflle des Lebens
zueinander gefunden hatten, besiegelte der erste Ku.




                          Zwlftes Kapitel.


Fox sagte eines Tages, er habe einen Brief fr Pitt: Du mut
entschuldigen, da ich ihn geffnet habe; er kam in die Redaktion, wurde
fr mich abgegeben, und da ist es nicht verwunderlich, wo ich jetzt
sowieso Hunderte von Glckwnschen zu meiner Verlobung bekomme, die
berall wie eine Bombe eingeschlagen hat: Geschftsbriefe, Glckwnsche,
Telegramme, Bettelbriefe -- das fliegt nur so. -- Ja, sagte Pitt, mit
deiner Braut hast du einen schnen Erfolg gehabt! Fox nickte: Und herzig
niedlich ist meine Braut doch, was? Und so neckisch! -- Pitt reichte ihm
die Hand und wollte gehen. Halt! rief Fox; seinen Brief vergit dieser
Mensch natrlich mitzunehmen! -- und er gab ihn seinem Bruder.

Der Brief war von Elfriede, sie bat Pitt, zu ihr zu kommen. Ihm war wie
im Traume, als er auf ihre Schriftzge sah.

Mehrere Jahre hatten Pitt und Elfriede sich nicht gesehen. Wozu, wozu
soll ich jetzt zu ihr gehen, dachte er, ich beunruhige sie und mich von
neuem, und scheitere abermals an mir selbst; ich habe mich nicht
gendert, ich bin genau so wie ich immer war. --

Elfriede hatte ihr Studium lngst beendet; der letzte Winter war mit
Konzertreisen hingegangen, ein Ziel, das ihr frher so hoch erschien,
und das sie nun, wo sie es erreicht hatte, ernchterte, enttuschte,
trotz der Erfolge, die sie hatte. Sie war nach Hause zurckgekehrt, auf
unbestimmte Zeit, und Frau van Loo wollte sie so bald nicht wieder gehen
lassen, die sie in der Mitte ihrer Ehe geboren habe, wo alles in ihr und
um sie herum am wrmsten und glcklichsten gewesen sei. -- Ich habe
mich, sagte sie, zu deiner berraschung malen lassen, denn wenn ich
einmal tot bin, sollt ihr alle eine schne Erinnerung an eure Mutter
haben. Das Bild ist in der Ausstellung; es hngt da, wo immer soviel
Menschen stehen! --

Elfriede fand das Bild, und voll Stolz blickte sie auf die Gestalt ihrer
Mutter in ihrem reichen, nachschleppenden Kleide, die so ganz bekannt
und doch wieder fremd aus ihren schnen Augen auf sie niedersah.

Was wute Elfriede eigentlich ber das ganze Leben ihrer Mutter? War das
alles wohl so einfach gewesen, wie sie es sich frher immer als
selbstverstndlich dachte? Hatte sie, die ihren Mann so frh verlor, die
Liebe nie wieder kennen gelernt? Sprachen diese Augen wirklich nur von
einem einzigen Glck, das weit, weit zurcklag? -- Nachdenklich schritt
Elfriede durch die Sle, bis sie pltzlich stehen blieb, als habe sie
ein Wort erstarrt: Vor ihr war Pitt Sintrup, sein Kopf, sein Bild, er
schien nur sie zu sehen, seine Augen glommen ihr entgegen. Allmhlich
vermochte sie sich zu sammeln, sie blieb lange vor dem Bilde stehen. Wie
ein Traum erschienen ihr die letzten Jahre, gleichgltig alles, was sie
brachten, das Leben knpfte wieder da an, wo es einmal aufgehrt hatte.
-- Wo war Pitt Sintrup jetzt? -- Am Nachmittage suchte sie ein Hotel
auf. Man hatte ihr gesagt, da die Knstlerin, deren Bilder zu einer
kleinen Kollektion in einem der Ausstellungsrume vereinigt waren, fr
einige Tage hier am Orte weile.

Ein hohes, blondes Mdchen stand ihr entgegen. Elfriede nannte ihren
Namen, Herta hob berrascht den Kopf und ihre Augen gingen so prfend
erstaunt ber sie hin, da Elfriede leicht errtete. Herta lchelte. Ich
habe Sie so oft beschreiben hren, sagte sie, mit ihrer klangvollen
Stimme, aber ich habe Sie mir ganz, ganz anders vorgestellt. -- Ja,
sagte Elfriede, und ich komme um eben des Menschen willen, den Sie
nannten, -- oder haben Sie ihn nicht genannt -- -- Nein, sagte Herta,
aber ich dachte an ihn, und wute, da Sie an ihn dachten. In
pltzlicher Wrme berhrte sie sie mit ihrer Hand, dann lie sie
Elfriede neben sich niedersitzen.

Es wurde Elfriede schwer zu beginnen. Sie wissen, sagte sie, da ich mit
Herrn Sintrup frher befreundet war? -- Herta nickte und dachte im
stillen: weshalb frgt sie mich nicht einfach, wo er sich jetzt aufhlt,
und geht dann wieder? So wrde ich es machen. -- Und Sie wissen, da wir
dann fr Jahre getrennt wurden? -- Ich wei alles. -- Nun mchte ich
wissen, wie es ihm seither ergangen ist, was er tut, ob er sich
glcklich fhlt, und dieses alles, dachte ich, mten Sie mir sagen
knnen. -- Und wie kommen Sie dazu, gerade mich danach zu fragen? --
Weil ich sein Portrt von Ihnen sah, und weil ich mir sagte: Jemand, der
ihn so malen konnte, mu ihn ganz nahe kennen, mu ihm ganz nahe stehen
-- oder gestanden haben. Herta wunderte sich ber die Unbefangenheit,
mit der Elfriede redete. Aber dies Zutrauen ging ihr warm ans Herz. --
Sie haben recht, sagte sie, ich habe ihn nah gekannt, aber das Portrt
liegt weit zurck, und wenn Sie etwas aus den letzten Jahren wissen
wollen, -- da bin ich ebenso unwissend wie Sie. Mich hat das Leben
lngst weiter gefhrt. -- Und frher? fragte Elfriede zgernd. --
Frher?! -- Ich will Ihnen alles sagen, begann sie mit einem pltzlichen
Entschlu: Sie haben die Verbindung mit Pitt Sintrup verloren, Sie
wollen ihn wieder fr sich gewinnen. Elfriede widersprach nicht, nur sah
sie Herta mit einem Blick an, der dies alles besttigte, und in dem doch
die Bitte lag, nicht weiterzusprechen. -- Ich will ganz offen gegen Sie
sein, fuhr Herta fort, wir begegnen uns wahrscheinlich nicht wieder im
Leben, und vielleicht helfen meine Worte, Ihnen Schlimmes zu ersparen.
Ich kenne Pitt Sintrup genau, wir haben uns nah gestanden wie nur zwei
Menschen sich nahe stehen knnen; ich kenne sein ganzes Leben, er hat es
mir oft und oft erzhlt. Ich wute, was fr ein haltloser Mensch er ist,
und ich wollte diejenige sein, die ihm einen Halt gbe; ich fhlte mich
stark dazu. Es schien zu gelingen, es kam eine Zeit scheinbaren Glcks,
dann ging alles langsam, Stck um Stck zugrunde. Mehr Kraft als ich sie
hatte, knnen Sie nicht haben, und ich bin nicht zum Ziel gekommen. Ich
fhlte, da ich selbst zugrunde gehen wrde, wenn ich dies Leben mit ihm
zusammen lnger ertrug, -- und so trennte ich mich von ihm. Pitt Sintrup
ist ein einsamer Mensch, er leidet unter seiner Einsamkeit, aber er ist
nicht geschaffen zu einem dauernden Zusammenleben mit einem andern; eine
Zeitlang hlt er es aus, dann treibt es ihn wieder fort, Gott wei in
was fr Nebel. -- Elfriede sah vor sich hin; ein Stck ihrer eigenen
Erinnerung war wach in ihr. -- Und ist er jetzt noch hier? fragte sie
nach einer Weile. Das wute Herta nicht, doch setzte sie hinzu, vor
einiger Zeit habe sie gehrt, da er jetzt Redakteur an einer
Zeitschrift sei; sie nannte den Namen. Elfriede erhob sich; Herta sah
sie nachdenklich an: Wollen Sie es wirklich versuchen, ihm wieder nah zu
kommen? -- Elfriede antwortete nicht, aber ihr stummer Blick sagte
alles.

Elfriede schrieb jenen Brief an Pitt. Frau van Loo zeigte keine
Vernderung auf ihrem Gesicht, als sie es ihr erzhlte. Sie schwieg
einen Augenblick, dann sagte sie: Du mut es wissen, welcher Verkehr dir
frommt; damals warst du ein halbes Kind, jetzt bist du erwachsen. -- Sie
sah ihr in die Augen und dachte: Wann wird deine Sehnsucht endlich zur
Ruhe kommen. -- Sie ahnte vieles von Elfriedes Leben, sie hatte es
Elfriede stets fhlen lassen, aber ausgesprochen wurde nie ein Wort. --

Pitt kam; er hatte lange mit sich selbst gekmpft. Er trat in das Haus,
das unverndert all die Zeit gestanden war, der Diener war immer noch
derselbe, er begrte Pitt beinah wie einen Freund, whrend er damals,
als Pitt noch im Hause verkehrte, stets steif und gemessen gewesen war.

Er trat in das groe Zimmer, das ihm so vertraut war; nichts schien
darin gendert, es war, als sei er gestern zum letzten Male hier
gewesen. -- Er mute lange warten, endlich hrte er jenes dumpfe leise
Rollen, das ihm so bekannt war, die Portiere schob sich langsam zurck,
und Elfriede stand vor ihm, die graublauen Augen auf ihn gerichtet,
unsicher, fragend. -- Ihn durchflutete ein warmes, sanftes Gefhl.
Elfriede! sagte er. Sie kam langsam auf ihn zu und hob die Hand, er
ergriff sie, hielt sie unschlssig und lie sie wieder sinken. -- Wie
lange, lange sahen wir uns nicht! sagte Elfriede endlich. Er nickte,
traumverloren. -- Seit jenem Sommer, drauen auf dem Gute. Dann
schwiegen sie beide. -- Und Ihre Mutter? fragte er endlich. Sie sah mit
verschleiertem Blicke zu ihm auf und fragte wie aus einer andern Welt:
Wessen Mutter? Meine Mutter? Pitt, nenne mich nicht Sie. Wir waren doch
Freunde, und ich glaube, wir sind es noch -- oder wieder.

So saen sie sich nun gegenber wie in alter Zeit, nur da inzwischen
Jahre vergangen waren; davon zeigten ihre beiden Gesichter Spuren. Sie
sprachen mit halben Worten, und jeder sah in den Augen des andern, da
alle Worte unwichtig und gleichgltig waren, da das Wichtige
unausgesprochen blieb. Es drngte sie, ihm alles zu erzhlen, ihr ganzes
Leben, seit sie ihn verlie, aber sie vermochte es nicht. So saen sie
noch eine Zeitlang nebeneinander, und sie hielt seine Hand gefat.
Endlich erhob er sich.

Kommst du wieder zu mir? fragte Elfriede und bemhte sich ihren Worten
einen leichteren Ton zu geben. -- Er zgerte. Dann sagte er: Was hat es
fr einen Sinn, Elfriede? Das Leben hat uns auseinander gebracht; wenn
es uns wieder zusammenfhrt, so bringt es uns nichts Gutes. -- Glaube
das nicht, sagte sie schnell. Ich bin nicht mehr so wie ich damals war,
ich kenne dich besser als du denkst, ich komme mit keinen Forderungen an
dich, sei wie du willst zu mir -- du kannst mich nicht mehr enttuschen,
das alles ist vorbei. Es soll fr dich wieder so werden, wie es frher
war, als du zu uns kamst und dich nur freutest, da du mit mir
befreundet warst. Denn ich wei ja doch: Jene ganz frhe Zeit mit mir
war die glcklichste deines Lebens. Und wenn ich dir nur wieder das sein
kann, was ich dir damals war, so bin ich glcklich, denn du bist dann
glcklicher, als wenn es gar niemand gibt, an den du mit einem Gefhl
der Ruhe denken kannst, mit dem Gefhl: Dort ist ein Mensch, zu dem ich
gehen darf wann und wie ich will, bei dem ich mich ausruhen kann! Wenn
du nur so denkst, Pitt, dann bin ich glcklich -- ich sehe es dir ja an,
da du noch immer allein bist!

Er blickte schwankend auf sie. -- Fr mich ist es jetzt schon schwer von
dir fortzugehen, sagte er, aber ich bin kein trumender Junge mehr, ich
habe in all den Jahren gelernt meinem Gefhl zu mitrauen; auf mir liegt
kein Segen. -- Komm wieder, Pitt! -- Er sah ihr grbelnd in die Augen.
Sie reichte ihm die Hand, er nahm sie. -- Ich komme wieder! sagte er mit
einem pltzlichen Entschlu.

Schon auf dem Nachhausewege bereute er seine Worte. Was konnte die
Zukunft bringen? Elfriede sollte nicht das Los treffen, das Herta
vielleicht erreicht htte, wenn sie nicht mit gesundem Instinkte alles
von sich abschttelte. Er kannte sich gut genug, zu wissen, da niemand
mit ihm glcklich werden konnte, da er mit niemand glcklich zu sein
vermochte. --

Und doch: wenn er jetzt an Elfriede dachte, an die Freiheit, sie zu
sehen wie er wollte -- sollte er sich diese Mglichkeit des Glckes
abschneiden? War es nicht das Bescheidenste, was er sich fortnehmen
wollte? Und hatte Elfriede nicht selbst klar den Zukunftsweg bezeichnet?

Er lie nur wenige Tage vergehen, dann war er wieder bei ihr. Ihr Ton
war frei, sicher, und voll verhaltener Wrme.

Einmal gingen sie den alten Weg zusammen, jenen ersten Weg, den sie
zusammen gingen, und Elfriede sagte: Weit du noch, Pitt, wie du dann
spter vor dem Hause zgertest und nicht wutest, ob du mitkommen
solltest? -- Ja, antwortete er, und es war gut, da ich es dann tat,
euer Haus ist meine einzige Heimat. -- Sie pflckte eine Blume und
steckte sie an seine Brust.

Auch Frau van Loo sah er nun wieder. Sie begrte ihn mit etwas
reservierter Herzlichkeit und sagte, sie habe frher geglaubt, er sei
inzwischen wohl gestorben, bis ihr eines Tags ein Blatt in die Hnde
gekommen sei, das seinen Namen als Redakteur aufwies. Elfriede wollte
dies berichtigen: Das sei nicht Pitt, sondern sein Bruder. -- Liebes
Kind, sagte Frau van Loo, ich wei doch, was ich gelesen habe! -- Aber
ich wei es doch besser! Sein Bruder hat mir am nchsten Tage einen
Brief geschrieben und sich entschuldigt, da er den meinen geffnet
htte, denn er wre der Redakteur Sintrup. Frau van Loo lie sich nicht
aus ihrer Sicherheit bringen: Gut, sagte sie, dann hat sich Herr Sintrup
in zwei verschiedene Personen gespalten, das geht mich nichts an; ich
wei aber ganz genau was ich gelesen habe, und er ist nun einmal
Redakteur und seine Zeitung war ganz schlecht, nicht wahr, Herr Sintrup?
-- Er nickte und sagte: Ja, damals war ich Redakteur! -- Siehst du wohl,
Elfriede, ich habe recht, lies deine Briefe ein andermal genauer. --
Pitt setzte hinzu, jetzt sei er aber lngst nicht mehr in der Redaktion.
-- So? Dafr haben Sie auch nie gepat! Sie sollten in einer groen
Bibliothek sitzen und das Leben nur in Bchern genieen, das wre fr
Sie das richtigste. Ein Onkel von mir -- jetzt ist er uralt -- war
gerade so wie Sie, ein Sonderling; der sitzt noch da oben in seiner
Bibliothek und geniet das beschaulichste Leben. Ich werde ihm
schreiben, da es sich nicht schickt, jungen Leuten so lange eine
Stellung wegzunehmen, und da er wahrscheinlich noch immer meine Locke
auf dem Herzen trgt, die er mir abschnitt, als ich meinen ersten Ball
mitmachte -- ich zeichnete ihn aus, da er noch immer ein schner Mann
war -- so wird er vermutlich auf mein Wort noch hren. --

Die Vermischung des echten und des falschen Redakteurs Sintrup blieb
brigens noch eine Zeitlang in Frau van Loos Vorstellung, denn eines
Tages, als sie Pitt und Elfriede lange betrachtet hatte, die in das
Anschauen eines Buches versenkt waren, fragte sie pltzlich: Wie ist das
denn eigentlich, Herr Sintrup, Sie sind doch verlobt? -- Ich?! fragte
Pitt. -- Nun ja, mit Frulein Heine. Pitt sagte, da dies abermals sein
Bruder sei. -- Kennst du sie denn? fragte Elfriede. Frau van
Loo schttelte den Kopf: Ich sah sie nur einmal auf einem
Wohlttigkeitsbasar, dessen Protektorat man mir aufgentigt hatte. Dort
verkaufte sie Rosen, weiter wei ich nichts mehr von ihr. -- Sie
schwieg, und es war Elfriede, als verschlsse ihre Mutter gleichsam den
Schachteldeckel ber einem vielleicht insgeheim recht garstigen
Figrchen. --

Fox war in reger Betriebsamkeit: Seine Verlobung mit Frulein Heine hob
ihn in seinem ganzen Wesen. Erst jetzt hatte er die wahre Liebe kennen
gelernt. Was war gegen sie alles was hinter ihm lag! Und wie anstndig,
wie hochnobel zeigte sich die Familie! Man sprach von der Begrndung
eines neuen, rein literarischen Unternehmens, dessen Oberleiter er
selber sein werde. Elsa hatte sich dieses ausgedacht. Freilich verlangte
man, da er den Doktortitel erwerbe; das war selbstverstndlich, das
verlangte er von sich selber. Nach dem Examen durfte er dann Elsa
heiraten. Die Voraussicht auf dies Ziel, auf diese Prmie gleichsam,
strkte seine Arbeitskraft, und auch seine Moral: Es wurde nun anstndig
gelebt, sowohl im Sinne einer ueren gediegenen Lebensfhrung als auch
eines innerlich unantastbar reinen Wandels. --

Jeder Mensch, sprach er zu Pitt, hat -- also Hand aufs Herz! -- seine
Jugendsnden; es ist nicht anders mglich in unserer heutigen Zeit mit
ihrer erotisch so ungeheuer leicht erregbaren Psyche. Was unsere Eltern
und Groeltern in ihren Jugend- und Entwicklungsjahren bewegte:
Vaterland und Politik, und was ihre Leidenschaften fllte, das ist uns
berkommener Besitz geworden. Man lese doch mal die Literatur von damals
und die heutige, und vergleiche sie miteinander! Die Liebe ist ein
ungeheurer Faktor im heutigen Kulturleben, dasjenige, was unsere Jungen
und Jngsten weitaus am meisten bewegt von allen Problemen. Auch mich
hat dies Problem nicht schlafen lassen -- wirklich manchmal nicht
schlafen lassen -- ich habe gekmpft fr eine neue Form der Liebe, aber
ich habe gefunden: die ltere ist doch die bessere. Wenn man in ein
gewisses Alter kommt, sieht man das ein, mu man das einsehen.
berlassen wir die freie Liebe anderen Vlkern: Der Deutsche ist und
bleibt der geborene Ehemann. Vergeblich strubt man sich gegen diese
Tatsache, vergeblich versucht man die berkommenen Formen zu sprengen.
Sie sind zu alt, zu ehern, zu heilig. Und ohne die Kirche geht die
Geschichte auch nicht; wenn man auch nicht an die Sache glaubt -- es
gibt doch eine ganz besondere Weihe! Und irgendwas mu doch auch an der
Kirche sein: wieviel hat man gegen sie angekmpft, durch Jahrhunderte
hindurch, und sie sind alle noch immer im Betriebe! Na -- meine
smtlichen Beziehungen -- das heit, es waren nur ein paar -- habe ich
abgebrochen, vor allem die mit der Schauspielerin, die ich Herrn Bertold
abgetreten habe; das war sogar meine Pflicht, denn ursprnglich kam sie
gar nicht zu mir persnlich, sondern in die literarische Redaktion, die
ja auch in zweiter Hinsicht durch Herrn Bertold vertreten ist. Na, und
du selbst, du lebst immer so stumpfsinnig weiter? -- Was lachst du denn?

Pitt hatte whrend Fox' Rede, ohne ein Wort von ihr zu verlieren,
planlos irgend einen Goetheband vom Regal genommen, ihn halb in
Zerstreutheit aufgeschlagen und seine Augen hafteten auf einem
besonderen Satze. -- Ja, sagte er jetzt, ich lebe stumpfsinnig so
weiter, wie es von einem stumpfnsigen Besenstiel, wie ich hier genannt
werde, nicht anders zu erwarten ist. -- Zeig doch mal her! sagte Fox
erfreut. Pitt reichte ihm das Buch mit einem Lcheln, und Fox las: Ich
mag es machen wie ich will, so mu ich mir den groen Pitt als einen
stumpfnsigen Besenstiel, und den in so manchem Betracht schtzenswerten
Fox als ein wohlgesacktes Schwein denken.

Herr Sintrup, beglckt durch die glnzende Wendung in Fox' Geschick,
wurde eines Tages in groe Aufregung versetzt: Fox meldete sich fr die
allernchste Zeit an, mit zuknftiger Frau und Schwiegermutter. -- Ich
erwarte, schrieb er, da ich unser Haus in bester Ordnung vorfinde, und
eine anstndige Hausdame, die es versteht, in wrdiger Weise zu
reprsentieren; ich bitte dich aufs dringendste: Peinliche Sauberkeit
und Ordnung nach innen wie nach auen! --

Herr Sintrup hatte in der letzten Zeit berhaupt keine Hausdame gehabt;
sein Heim galt in der Stadt als kein gutes, er geno den Ruf eines
skrupellosen Witwers. -- Sein erster Gang war zu einer Dame, die ihn
tglich besuchte, und der er dies fr die nchste Zeit verbot. Sie
glaubte erst, hier hinter verberge sich ein plump angelegter Plan
irgendeiner Tuschung. Als sie dann hrte wie alles war, schlug sie vor,
sie selber knne ja als Hausdame auftreten; sie wisse ganz genau wie man
das mache, sie habe das in vielen Romanen gelesen und besitze ein
ausgezeichnetes Gedchtnis. Herr Sintrup ging darauf nicht ein, unter
keinen Umstnden. Vermietungsbureaus waren schon geschlossen, und morgen
war Sonntag. Er fragte bei Bekannten und Freunden herum; niemand wute
ihm eine solche Dame zu nennen, und ein alter Freund, der sich das
erlauben durfte, schlug ihm auf die Schulter und sagte: Altes Haus, hast
du wieder Paschagelste?! --

Herr Sintrup sah seine Wohnung jetzt mit ganz neuen Augen an: Staubig,
unordentlich, wst sah alles aus, wie in einer richtigen
Junggesellenwohnung, der die Hausfrauenhand fehlt. Und wirklich etwas
abenteuerlich! Herr Gott, wenn Mausi das erlebt htte! All die schnen,
frher sauberen Gardinen waren vollgequalmt und seit langem nicht
erneuert -- es waren frische da, aber Herr Sintrup wute nicht wo sie
lagen. Tischzeug! Wo war denn das gesamte Silber? Er fand nur weniges.
Verdammte Weiberwirtschaft! Man hatte ihn gewissenlos bestohlen und sich
selbst bereichert! -- Die Kronleuchter hingen trb-kristallen von den
Decken, ohne Kuppeln, mit nackten Brennern und defekten Zylindern, aber
voll verstorbener Fliegen. Goethe und Schiller schauten auf ihren
Postamenten wie mit Pockennarben drein. Und berall diese verfluchten
Spuren von Dingen, die einfach ungehrig waren! Zuschnitte zu Kleidern,
Hten -- was hatten die in der guten Stube zu suchen? Konnte das die
Person nicht ebensogut zu Hause nhen? Das Haus mu rein gehalten
werden! -- Mit einem Griff wischte er die ganze Bescherung vorlufig vom
Tisch herunter und trat alles in einen Winkel. Wie sollte er eine
Hausdame finden? Er war verzweifelt. --

In peinlich ausgeklopftem berzieher, in einem tadellos neuen Hut, in
roten Glachandschuhen, die sich dehnten und leise chzten, stand Herr
Sintrup aber am Tage der Ankunft auf dem Bahnhof und schaute wohlgemut
dem Zuge entgegen. Der Zug hielt, Herr Sintrup gewahrte in der Ferne ein
Bruderpaar seiner Handschuhe, das winkend in die Luft fuhr. Er eilte
heran, Vater und Sohn lagen sich in den Armen. Mein lieber alter Junge,
sagte Herr Sintrup, und seine Augen schwammen; und Fox sagte: Mein
lieber alter Papa! Dann drehten sich beide herum und halfen den Damen
aus dem Wagen. Fox stellte vor, und Frau Heine dachte: Ein soignierter
alter Herr, etwas kleinstdtisch, aber auch in der besten Gesellschaft
prsentabel! -- Das ist dein Papa? fragte Elsa und klatschte in die
Hnde. -- Mein Papa und auch der deinige! sagte Fox mit Wrde; und Herr
Sintrup kte auch ihr die Hand, dann rief er pltzlich: Mir altem Herrn
drfen Sie wohl erlauben -- -- seine Lippen drckten sich zart auf ihre
Stirn, und, als wenn seine Worte inzwischen wie in einem unterirdischen
Kanal weitergelaufen wren und nun wieder frei wrden, endigte er dann:
.... denn Sie sind ja gewillt, als Tochter in unsere Familie
einzutreten!

Drauen hielt der Wagen, die Damen nahmen Platz, und ehe Herr Sintrup
mit Fox hinterherstieg, nahm Fox seinen Vater leise beim Knopfloch und
fragte mit bedeutungsvollem Runzeln: Alles in Ordnung zu Hause? --
Alles, alles in Ordnung! gab Herr Sintrup in bester Stimmung zurck.
Unterwegs zeigte er den Damen die Sehenswrdigkeiten der Stadt -- viele
sind es nicht, wir sind hier noch ein wenig zurck -- und endlich hielt
der Wagen. Man begab sich in das Haus, Herr Sintrup mit Frau Heine, Fox
hinterdrein mit seiner Braut. Hier, Elschen, hier hat dein Brutigam als
Kind gespielt! sagte er, mit steifem Mittelfinger in den Garten deutend.
Man stieg die kleine Treppe hinan, die Tr ffnete sich, und im
schwarzen Seidenkleide stand da Frulein Nippe, jetzt Frau Feihse,
krzlich erst verwitwete Frau Feihse, ging auf Fox zu, nahm warm seine
Hand zwischen ihre beiden, und sagte glcklich: Wer htte das gedacht,
da wir uns so wiedersehen wrden! Dann begrte sie die Damen auf eine
zeremonise Weise, und wie ihr Frulein Heine die Hand gab, konnte sie
nicht anders: Sie streichelte sie, sah ihr mtterlich in die Augen und
hielt sich nur mhsam vor mehrerem zurck. Fox war sehr verwundert
Frulein Nippe hier zu sehen.

Bald nach dem Tode ihres Mannes hatte Frau Feihse Herrn Sintrup ihre
Dienste angeboten. Zwar erinnerte sie sich, da er sie einmal auf recht
hliche Weise ausschlug, nachdem er sie erst anzunehmen schien, aber
sie trug nie jemand irgend etwas Bses nach! Herr Sintrup antwortete
damals auf diesen Brief gar nicht, jetzt bekam sie pltzlich ein
Telegramm von ihm. Und sie telegraphierte zurck: ich komme! nichts als
dieses einfache, schlichte Wort, das so recht ihr ganzes Leben
ausdrckte: Ich komme! -- man braucht mich -- -- und ich komme! -- Dann
war sie da und ging sogleich an die Arbeit. Bse sah es in den Zimmern
aus! Sie lie Handwerker antreten, half berall selbst mit, bat Herrn
Sintrup um alle Schlssel. Es wurde nun geputzt, geklopft, gescheuert,
gerieben und gewischt, berall hatte Frau Feihse ihre Augen, ihre Hnde.
Voller Schmutz und Schwei stand sie am Abend da: Das grbste war
geschehen, das kleinere wrde morgen vormittag alles erledigt werden. --
Sie sind ja ein Staatsfrauenzimmer! rief Herr Sintrup, worauf sie
prompt, mit kleinem Knix, erwiderte: Und Sie ein liebenswrdiger
Grobian. -- Am Mittag konnte Herr Sintrup durch alle Zimmer gehen und
sich an der neuen Ordnung erfreuen. -- Einige weibliche Handarbeiten,
sagte Frau Feihse diskret, habe ich verschwinden lassen; auch habe ich
die Pudertpfchen aus dem Bfett herausgenommen, ich kann ja spter
alles wieder hineinstellen. --

Frau Heine fhlte sich so gemtlich hier! Was, Elsa, denk, die groen
Rume bei uns zu Hause, diese vielen, vielen Rume, zwanzig sind es
glaube ich -- und hier dagegen diese Gemtlichkeit! Sie liebte doch
eigentlich ganz kleine Zimmer! --

Fox lud sie ein sein frheres Stbchen anzusehen. -- Dies ist, sagte er,
oben die Tr ffnend, das kleine Heim, in dem Ihr Schwiegersohn, liebe
Schwiegermama, so glcklich war! Herrn Sintrup traten die Trnen in die
Augen, und er sagte: Jawohl, glcklich bist du gewesen, mein Junge, ach
Gott, wenn deine Mutter doch noch lebte und dies neue Glck mit
angesehen htte! -- War das die Mama von Fox, fragte Elsa mit
interessierter Stimme und diskreter Wrme -- die dort unten ber dem
Sofa hngt? Herr Sintrup nickte: Und ihr Geist, sagte er mit mhsam
beherrschter, ein wenig vibrierender Stimme, ihr Geist herrscht _noch_
in diesen Rumen. Alles ist genau so geblieben wie es war!

Frau Feihse zog sich zurck; am nchsten Morgen wollten die Herrschaften
wieder abreisen, bis jetzt ging alles gut, sie sollten den denkbar
gnstigsten Eindruck von Haus und Wirtschaft gewinnen!

Das Essen verlief zu aller Zufriedenheit. Fox hatte sich um die Weine
gekmmert und seine Kennerschaft bewhrt. Herr Sintrup sagte stolz: Ja
ja, mein Sohn hat auf der Universitt nicht blo Fach gesimpelt, er hat
auch den Magen nicht zu kurz kommen lassen!

Man stie auf das Wohl der Braut an, und Frau Feihse rief
selbstvergessen: Heil Elsa von Brabant! entschuldigte sich aber sofort,
falls dies zu intim wre. Dann brachte Herr Sintrup einen Toast auf Frau
Heine aus, die dies gtig ber sich ergehen lie. Schlielich hob Elsa
ihr Glas, und sagte in einer pltzlichen Anwandlung: Es sei doch
eigentlich schade, da Pitt nicht zugegen sei -- erntete damit aber
keinen Beifall; vielmehr wurde Herrn Sintrups Gesicht ein wenig trbe,
und er sagte: An den wollen wir uns lieber nicht erinnern, er hat es
nicht verdient. -- Aber er ist doch ein guter Kerl, meinte Fox, nur da
ihm das Zeug zu allem fehlt, das ist wahr. -- Ich trinke trotzdem auf
sein Wohl! Er hat mich immer so hbsch unterhalten! sagte Frulein
Heine. Elsa! rief Fox, neckisch mit dem Finger drohend, ich wei, er ist
dir immer nachgelaufen! -- Was schadet denn das? fragte sie kokett, ich
habe ihn immer gern gehabt und werde ihn auch ferner gern haben, und das
Nachlaufen werde ich ihm auch nicht verbieten. -- Elsa!! rief Fox mit
warnender Stimme, aber sie legte sogleich ihre Hand auf die seine und
beruhigte ihn. So lief der Abend ungetrbt, harmonisch hin, fast wre es
allerdings einmal zu einem unliebsamen Zwischenfall gekommen: Frau
Feihse nmlich, angeregt durch den Wein, konnte sich nicht enthalten,
ohne Namen zu nennen, auf Lotte anzuspielen, und schlielich gar zu
sagen: Und wissen Sie wohl noch, der merkwrdige Junge, der immer rief:
Wer ist denn der Onkel? -- Hier mute ein fr allemal ein Riegel
vorgeschoben werden. Fox erhob sich, indem er sagte, er wolle drauen
Zigaretten holen, kam aber sogleich zurck und fragte Frau Feihse, wo
sie stnden. Sie folgte ihm dienstbeflissen und war erstaunt, als er sie
drauen sofort auf das deutlichste und schroffste zurechtwies, mit
kurzer, unterdrckter, schneidiger Stimme. -- Sie war sehr erschrocken
und nannte sich selber taktlos und ehrenrhrig. Um ihm ganz zu zeigen,
wie sehr sie ihn begriffen, erzhlte sie dann spter von ihrem Vetter:
eine wie glckliche Ehe der fhre mit eben jener Dame, die sie zuvor
genannt habe, und da der Himmel ihm so viele Kinder beschert habe.
Einmal sei ihr eigener Mann, Herr Feihse, als diese Kinder gro genug
waren es zu verstehen, ihnen als Weihnachtsmann erschienen. Sein
hchster Traum wre gewesen, einmal seinen eigenen Kindern als
Weihnachtsmann zu erscheinen, aber da sie ihm versagt blieben, mute er
es vor fremden -- die gute alte Haut! Und wie er nun vor den Kindern
stand, da habe er kein Wort hervorbringen knnen, denn er sei zu erregt
gewesen. --

Am nchsten Morgen umarmte Herr Sintrup Fox abermals, sagte, er habe
Freude an seinem Sohn erlebt, und hndigte den Damen mit groer
Galanterie zwei Blumenstrue aus. Zum Schlu bekam Frau Feihse einen
Weinkrampf: Frau Heine vermite ihren Brillantring; sie hatte ihn auf
dem Waschtisch liegen lassen, er fand sich nicht gleich, und nun konnte
man vielleicht ihre arme, unschuldige Seele im Verdacht haben! -- Gott
sei Dank! sagte Herr Sintrup als er vom Bahnhof zurckkehrte, Frau
Feihse, Sie haben sich wirklich glnzend bewhrt! Sagen Sie mal, wollen
Sie nicht dauernd die Wirtschaft bei mir fhren? Ich sage Ihnen aber
gleich: Es geht bei mir etwas drber und drunter. Sie knnten hier famos
Ihre Muttertalente anbringen! --

Muttertalente! Ja, sie war zu alt geworden zur Liebe, das fhlte sie;
sie hatte endgltig verzichtet, sie machte sich keine Illusionen mehr,
nun noch jemand zu gewinnen: Muttertalent, das war das einzige Pfund,
mit dem sie noch wuchern konnte, das war das Zauberwort, das ihrem Leben
einen Inhalt geben wrde! Dieser Mann war noch nicht alt genug, um ganz
auf die Freuden des Lebens zu verzichten, -- Haarnadeln, Puderbchsen,
Brennmaschinen -- das alles deutete auf kein Alleinleben. Und das sah
sie ja in allem: ausgentzt wurde dieser Mann! Sie wrde ihm mit Rat und
Tat zur Seite stehen, mit ihrer Menschenkenntnis, ihn warnen und
bewahren vor allem Bsen, und wenn sie manchmal fr zwei zu bgeln
hatte, was war da schlielich dabei?! Sie fhlte sich erhaben ber die
Vorurteile der Menschen. Wenn Herr Sintrup einmal starb, wrde er ihr
doch fr ihre opferwillige Ttigkeit eine kleine Rente aussetzen, und
Fox, der reiche Fox, war doch dann auch noch da! Er wrde ihre
Aufopferung fr seinen Vater splendide revanchieren, an seiner
Desdemona! Sie blieb, und bat Herrn Sintrup in der Folge, sie wieder bei
ihrem Mdchennamen zu nennen.

                   *       *       *       *       *

Pitt hrte von diesen Dingen, auch von seines Bruders Reise und Triumph,
aber das alles traf ihn wie Nachrichten aus einer andern Welt. Ihm war,
als sei er um Jahre zurckversetzt, als kehrten frhere, glckliche
Zeiten wieder, nur mit dem Unterschied, da er sie jetzt bewut als
Glck geno. Er sah Elfriede oft, so oft er wollte, und nur die eine
Sorge befiel ihn zuweilen: Da dieses Glck wieder aufhren knne. Mit
heimlicher Angst wartete er manchmal darauf, da ihr Wesen allmhlich
wieder jenen wortlosen, verschlossenen Charakter annehmen knne, wie
frher, damals, drauen auf dem Gute. Aber das geschah nicht, sie war
gleichmig warm und zart, sie zeigte keine Vernderung des Wesens,
selbst wenn bei ihm manchmal die alte Zerstreutheit, die bekannte Khle,
die vllige Abwesenheit aller Gedanken eintrat, wenn er mitten im
Gesprch etwas vllig Zusammenhangloses erwiderte, wenn er ihre
dringlichen Fragen ber Dinge, die ihr am Herzen lagen, berhrte. Sie
gewhnte sich daran, sie wollte sich daran gewhnen, denn sie mute es.
Manchmal dachte er, ob er wohl so mit ihr zusammen leben knnte wie mit
Herta; dann wollte es ihn bednken, als gestaltete sich mit ihr zusammen
alles leichter -- und doch schob er diesen Gedanken ngstlich in den
Hintergrund. Alles war so, wie es war, viel schner. -- Aber er konnte
nicht verhindern, da die Gedanken wiederkamen. --

Frau van Loo sah dem Verkehr der beiden zu, und ahnte, zu welchem Ende
er fhren wrde. Sie redete mit Elfriede, und Elfriede sprach es als
etwas Selbstverstndliches aus; Frau van Loo sah sie sinnend und
zrtlich an und sagte: Du mut es wissen, Elfriede, was du tust; du hast
jahrelang Zeit zum Nachdenken gehabt, und wenn dies die Frucht deines
Nachdenkens ist, so mu ich zufrieden sein.

Wie ein stilles Wasser flo die Zeit hin, so still und milde wie drauen
jetzt die Tage waren. Der Sommer war vorber, aber ein leises Leuchten
lag ber der Erde, ber den Feldern und allen Bumen, der Himmel war
klar, hellblau und khl, und doch wrmte die Sonne fast wie im Sommer.
Leise begann das Laub sich bunt zu frben, und durch die Luft zogen
feine, silberne Fden, die sich glnzend in der Ferne verloren.

Elfriede fhlte in Pitts Wesen eine innere Wrme, die nie ganz auf die
Oberflche drang, sie fhlte, da er sie so liebte, wie er berhaupt zu
lieben fhig war, und eines Tages sagte er es ihr selbst. --

Sie war zu ihm herangetreten und hatte in leiser Zrtlichkeit ihren Kopf
an seine Brust gelegt. -- Knnten wir denn nicht ganz zusammen bleiben?
fragte sie mit ruhiger, verhaltener Stimme, scheint es dir denn so ganz,
ganz unmglich? --

Er machte sich los von ihr. Elfriede! sagte er, du weit nicht, was fr
ein Mensch ich bin; es ist ganz, ganz unmglich. -- Doch, doch, sagte
sie, ich wei alles. -- Nein, du weit es nicht, wie haltlos, wie
unbestndig ich bin. Mir ist es jetzt, als liebte ich dich; ich fhle es
strker als ich Herta gegenber fhlte; aber ich kenne mein Gefhl, ich
wei, da es nicht standhlt. Ich empfinde zu Zeiten gegen die
allernchsten Menschen so, da ich im Zweifel bin, ob ich berhaupt
irgend eines Gefhles fhig bin. Es liegt nicht an den Menschen, es
liegt nur an mir, an der Zusammensetzung meines Wesens. Du stehst mir
jetzt unendlich nher als damals, wo wir zum erstenmal zusammen waren,
ich wei: Wenn ich das Leben mit jemand leichter ertragen kann als ganz
allein, so bist _du_ es; eine Zeitlang wird es scheinen, als seien wir
beide glcklich; dann kommt wieder langsam jenes halb wahnsinnige Gefhl
ber mich: Mich herauszureien aus allem was mich bindet! -- Es soll
dich nichts binden, sagte Elfriede, du sollst das Gefhl behalten frei
zu sein, durch nichts gebunden. Du sollst gehen knnen wann du willst,
du sollst nicht immer bei mir bleiben; ich wei: nur wenn du das
Bewutsein deiner Freiheit hast, kannst du dauernd mit einem Menschen
zusammen sein. Und wenn die schlimmen Zeiten kommen, wenn du wirklich
gehst, so wei ich: du wirst zurckkommen, ich werde immer die sein, die
dir am nchsten steht. -- Pitt hob den Arm: Du kannst es nicht ertragen,
du wirst Bitterkeit gegen mich empfinden, du wirst es fhlen, wie
egoistisch, wie herzlos ich im Grunde bin. Du sollst dich nicht tuschen
lassen durch meine Worte: ich sagte dir, du stndest mir am nchsten von
allen Menschen. Genau dasselbe habe ich einst zu Herta gesagt, und ich
wei: ich habe damals mich und sie selbst betrogen. Herta war fr mich
nichts anderes, als das, was der Ast, der ber den Flu hngt, fr einen
ist, der auf den Wellen treibt. Ich klammerte mich an ihn, ich suchte
mich aufs Land zu ziehen. Kaum war ich ein wenig trocken, kaum hatte ich
die Erschpfung etwas vergessen, verlor ich alle Dankbarkeit, wollte ich
wieder zurck in den Strom, ging mich der Ast im Grunde nichts mehr an.
Ich suchte mich vor mir selbst zu tuschen, mir einzureden, das alles
sei nicht wahr. Herta fhlte es aber ebenso deutlich wie ich, nur hatte
sie mehr Mut und Klarheit, und machte da ein Ende, wo ich immer flicken
und wieder flicken wollte. Dann bildete ich mir ein -- wie frher schon
in hnlichen Momenten: ich liebte dich -- um nicht so vllig leer und
gefhllos vor mir selber dazustehen: Elfriede! Glaube nicht an mein
Gefhl, es ist nur Tuschung und Halbwahrheit. Du weit nicht, an was
fr einen Menschen du dich ketten willst, all deine Liebe wrde nicht
hinreichen das Leben mit mir zu ertragen. -- Nur dann, sagte Elfriede,
wenn ich fhlen wrde, da alles wahr ist was du sagst. Aber es ist
nicht wahr! Zuvor hast du gesagt: du liebst mich so, wie du einen
Menschen nur lieben kannst, und jetzt, wo ich hierauf weiter bauen will
fr mich und fr dich, widerrufst du alles, setzest du alles in ein
zweifelhaftes Licht. Pitt, daraus sehe ich, da dein Gefhl zu mir ein
echtes, tiefes ist; es packt dich eine Angst der Verantwortung, und nun
widerrufst du alles, weil du mich zu sehr liebst um mir ein Schicksal zu
bereiten, das nur in deiner Angst besteht! -- Ja, sagte er, so ist es;
ich will nicht schuld sein, da du unglcklich wirst. Herta ist nicht
unglcklich geworden, aber sie hat auch die Kraft gehabt, frhzeitig
genug alles durchzuschlagen, und dann liebte sie mich lange nicht so wie
ich fhle, da du mich liebst! -- Du redest immer von Hertas Strke --
ich kann dies nicht als Strke empfinden, ich fhle mich viel krftiger
als sie, denn meine grere Liebe macht mich strker gegen alles was
mich treffen kann. Alle Zeiten scheinbarer Entfremdung, die zwischen dir
und mir kommen knnen -- und sie werden kommen -- werde ich ertragen in
der Gewiheit, da du dich stets, stets zu mir zurckfinden wirst. Wir
werden Kinder haben, und in ihnen werde ich dich selber wiederfinden,
und du vielleicht auch mich. Du siehst mich noch zu sehr mit den Augen,
mit denen du mich frher sahst: ich bin kein junges Mdchen mehr, voller
Ideale und Ansprche, meine Liebe zu dir ist eine andere geworden als
sie war. Ich wollte dich vergessen, mehr als ein Menschenschicksal hat
sich mit meinem eigenen gekreuzt -- und ich habe es erfahren, da der
Weg aus ihnen immer wieder zu dir zurckfhrt. Ich bin gelutert worden
und komme wieder zu dir: ich wei alles, alles, wie es werden wird, aber
dies alles zu tragen bist du mir wert, denn nie war ein Mensch da, den
ich so liebte, und nie, nie wird jemand in mein Leben treten, zu dem ich
so empfinden knnte wie zu dir. Mir ist ja, als kennte ich dich, so
lange ich berhaupt nur denken kann! -- Du weit es nicht, Elfriede, was
du auf dich nehmen willst! -- Ich wei alles, und ich nehme es auf mich.
-- Sie war zu ihm getreten und sah ihm in die Augen. Da zerlste sich
alles in ihm in einem Gefhl unsglicher Dankbarkeit, er sank fast an
ihr nieder. -- Ich will es versuchen, Elfriede, und wenn du mir hilfst
-- mein Gott, wenn nicht alles tot und wst ist in mir -- o Elfriede,
wenn ich noch mit dir zusammen glcklich wrde! --

Du wirst es, soviel du berhaupt glcklich werden kannst! Und ich mit
dir! -- Und deine Kunst, was wird aus deiner Kunst? -- Die wird mir
doppelt wert werden, denn ich werde mich viel an sie halten mssen. --
Elfriede, ich schme mich, wenn ich dich so reden hre; bin ich denn
wirklich so frchterlich, wie ich mir selbst erscheine? -- Sie lchelte:
So lange du so fragst, bist du es nicht. -- Er legte seine Hnde um ihr
Haar und kte sie. -- Du bist stark und krftig, sagte er, und deine
Kinder werden es auch sein, wenn sie dir nachgeraten. Du wirst mit ihnen
jung bleiben und leben, und ihr alle werdet krftiger und strker sein
als ich. -- Seine Augen sahen ber Elfriede hinweg ins Abendrot; er
schwieg, und wie zu sich selber sagte er nach einer Weile langsam: In
einem aber werde ich sie alle berholen; einen nach dem andern werde ich
hinter mir lassen, denn ich fhle es: Ich werde ur -- uralt.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert, wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 73]:
   ... diese Sternschuppe. Sie fand ihn viel vernnftiger als ...
   ... diese Sternschnuppe. Sie fand ihn viel vernnftiger als ...

   [S. 88]:
   ... der ob er wie selbstverstndlich zu ihr kommen wrde. ...
   ... oder ob er wie selbstverstndlich zu ihr kommen wrde. ...

   [S. 88]:
   ... oingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine ...
   ... Gingen sie alle miteinander spazieren, suchte sie seine ...

   [S. 111]:
   ... Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er. ...
   ... Jetzt sah er Lotte, und zum erstenmal empfand er: ...

   [S. 127]:
   ... der mit Pitt auch nicht die geringste Ahnlichkeit mehr ...
   ... der mit Pitt auch nicht die geringste hnlichkeit mehr ...

   [S. 132]:
   ... half ihn die Erwgung hinweg, da -- wie er ...
   ... half ihm die Erwgung hinweg, da -- wie er ...

   [S. 198]:
   ... hervor?! Und mach du mir nicht wei, da du mich ...
   ... hervor?! Und mach du mir nicht weis, da du mich ...

   [S. 233]:
   ... seinen eigenen Augen, die ihm aus einem gegenberhngenden ...
   ... seinen eigenen Augen, die ihn aus einem gegenberhngenden ...

   [S. 247]:
   ... zwischen dir und mir, dann erhlst du keinen Pfennig ...
   ... zwischen dir und mir, dann erhltst du keinen Pfennig ...

   [S. 318]:
   ... Kind, begreifst du nun, da ich es gut mir dir meine?! ...
   ... Kind, begreifst du nun, da ich es gut mit dir meine?! ...

   [S. 360]:
   ... heit, sagte sie lauter, stoweie: das heit, gegen meine ...
   ... heit, sagte sie lauter, stoweise: das heit, gegen meine ...






End of the Project Gutenberg EBook of Pitt und Fox, by Friedrich Huch

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK PITT UND FOX ***

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