The Project Gutenberg EBook of Die Innerste, by Wilhelm Raabe

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Title: Die Innerste
       Erzhlung

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: November 13, 2015 [EBook #50445]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE INNERSTE ***




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                            Wilhelm Raabe
                               Bcherei
                             Erste Reihe
                               Band 12

                            Wilhelm Raabe
                               Bcherei

                             Erste Reihe:
                               Kleinere
                             Erzhlungen

                            Zwlfter Band

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt fr Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                            Wilhelm Raabe




                                 Die
                               Innerste


                              Erzhlung

                            Dritte Auflage
                           11.-16. Tausend

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt fr Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                 Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
            Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
            Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig




                             Die Innerste





                           Erstes Kapitel.


Diese Geschichte handelt von einem Bach und zwei Mhlen und ist wahr. Es
hat sich alles so zugetragen, wie es erzhlt werden wird: wer da meint,
da es anders htte zu Ende gehen knnen, der erzhle es anders.

Es waren drei Frulein vor etwa hundertundzwanzig Jahren, und sie leben
heute noch und heien die _Leine_, die _Ihme_ und die _Innerste_. Sie
sind im Laufe der Zeiten reguliert worden; aber hbscher sind sie nicht
dadurch geworden. Vor hundertundzwanzig Jahren war ihnen allen dreien
nicht zu trauen; doch die Innerste war die schlimmste und ist es bis auf
den jetzt vorhandenen Tag geblieben. Wenn wo das alte Wort Gltigkeit
hat, da schlechter Umgang gute Sitten verdirbt, so ist es in diesem
Falle.

Man sagte wohl im Lande umher: Die Leine ist falsch! Die Leine ist ein
bses Wasser! Die Leine ist tckisch! und es war ein gut Stck
Verleumdung in jeglichem landlufigen Diktum. Die Leine war nicht
besser, als sie war; aber von Natur aus war sie jedenfalls besser als
ihr Ruf. Von Natur ein braves Wasser, ein gutes Wasser, ein gutmtiges
Wasser, wurde sie durch die Innerste verdorben.

Im Hildesheimschen Amt Rethen vereinigt sich die Innerste mit der Leine,
und nachher ist's freilich zu Ende mit den guten Sitten der letzteren,
und die Stadt Hannover hat zweifelsohne mancherlei zu erzhlen von ihrer
blen Laune und Heimtcke.

Von der Ihme brauchen wir eigentlich nichts zu erzhlen. Reiend und
sumpfig zugleich, voll von Wirbeln und Drehkuhlen, faulen Bumen,
Pfhlen und Kltzen, stinkend von den Flachsrotten der Anwohner und
berall sehr trbe, lassen wir sie laufen und sagen nur noch, da auch
ihre schlechten Eigenschaften die arme Leine auf ihre Rechnung zu nehmen
hat, nachdem sie, die Ihme oder der Ricklinger Bach, vom lieblichen
Deister heruntergekommen ist, die freundlichen Drfer Bredenbeck und
Vrie und die Landwehrschenke im Amt Kalenberg passiert und gleichfalls
ihre Sehnsucht nach der Stadt Hannover befriedigt hat. Wer mehr von dem
Wasser wissen will, schlage nach in Grupens hannverschen Altertmern.

Jetzo wenden wir uns zur Innerste.

Von ihrem Ursprunge mitten im wilden Harzgebirge an bis zu ihrer
Ausmndung im Amt Rethen verschlechtert sich ihr Charakter von Schritt
zu Schritt, und alle Glocken und alle Pfaffengesnge von Hildesheim
treiben ihr die bsen Teufel nicht wieder aus. Selten aber auch geriet
ein unschuldig hellblickend, klarugig Bergwsserlein und Quellnixlein
sofort bei seinem Austritt aus dem dunklen Scho der Erde in so
schmutzige Hnde und an solch schwarz schweflicht Handwerk als diese
arme hercynische Najade oder Nymphe. Wahrlich, ihr sind niemals l,
Wein, Milch und Blumen geopfert worden! Wildemann nimmt sie beim
Schopfe, Lauthenthal und Langelsheim mit ihren Htten und Pochwerken tun
ihr alle erdenkliche Schmach an, und so ist es kein Wunder, da sie bei
Ringelheim schon vollstndig verderbt ist und bei Himmelstr frech,
boshaft und scheulich in die Ebene hervorgeht, und da trotz allen
Hildesheimschen Pfaffengesngen und Glockenklngen bei _Sarstedt_ die
schlimmsten Gerchte von ihr im Schwange sind. Es hilft ihr nichts, da
sie da zur Leimoniade, zur Wiesennymphe wird: wild, heimtckisch und
_blutdrstig_ bleibt sie. Mit dem Auswurfe des Harzes, dem verderblichen
Puchsande geschwngert, bleiben ihre Begierden unordentlich und wird sie
von Zeit zu Zeit von unheimlichen Gelsten ergriffen, und dann _schreit_
sie.

Der Erzhler hrte sie schreien, der junge Mller Albrecht Bodenhagen
gleichfalls. Nun aber wollen wir von der einen Mhle reden und nachher
von der andern.

Zwischen Gro-Frste und Sarstedt war die eine Mhle gelegen, heute ist
sie nicht mehr vorhanden. Die Gebude sind lngst niedergebrochen, der
Garten ist wieder zur Wiese geworden; wo die junge Mllerin unter dem
Flieder sa und spann, wchst manneshohes Schilf. Die Innerste rgert
sich hier nicht mehr an dem lustigen Rade, das sich sonst an dieser
Stelle drehte; sie hat sich ber ganz andere Dinge zu erbosen; der
harzische Bergmann qult sie nicht allein mehr; es ist manche
nichtswrdige Fabrik an ihrem Laufe entstanden seit dem Jahre 1760, und
von Rechts wegen mte sie heute da heulen, wo sie sonst nur schrie.

Im Jahre 1760 drehte sich das Rad, klapperte das Werk und war alles im
Gange, wie das Skulum selber. Es war eine muntere Zeit. Eine
vollstndige Tressenbesetzung fr eine Mannsperson kostete, wenn man sie
billig kaufte, ihre sechsundsiebzig Reichstaler; aber kaum der dritte
Teil der meisten Stdte war bewohnt, und zwei Teile bestanden aus wsten
Stellen und leeren Husern. Zwar fhrte jedermann seinen Haushalt wie
die Patriarchen im Alten Testamente, ein jeglicher zwischen seinen
eigenen vier Pfhlen mit eigenem Acker, Garten und Vieh; aber es war
denn auch danach. Nur einige Mal in der Woche kochte man und fra sich
durch die schwere Zeit an Brei, Hlsenfrchten und gemeinen Kohlarten.
Wer sich recht gtlich tun konnte, hielt sich zum Neide der Nachbarn an
das eingeschlachtete, entweder gerucherte oder gepkelte Fleisch, wer
aber ganz und gar sardanapalisch schlampampen wollte und nach frischem
Fleische lechzte, der hatte sich mit einem gleichen Schwelger zum Ankauf
eines Stck Viehs zu einigen. Auf gut Glck schlachtete kein Metzger.

Das war die gute alte Zeit, wo niemand von dem andern etwas ntig hatte,
die gute alte Zeit des Siebenjhrigen Krieges, wo man, wenn die
Einquartierung es litt, sich frh zu Bett legte und spt wieder
aufstand, und wo man bei festlichen Gelagen Honigkuchen in eine Schale
Branntwein brockte und je nach der politischen Meinung entweder den
Knig Fritz oder die Kaiserin-Knigin hoch leben lie in dem olympischen
Gttertranke; immer selbstverstndlich dabei vorausgesetzt, da die
Einquartierung nicht hinderlich dabei in den Weg trat und den
brgerlichen Nektar in die eigene ausgepichte Kriegsgurgel
hinberflieen lie.

So war es in Hannover, so war's in Gttingen und in Hildesheim, und so
war's auch in Sarstedt an der Innerste. Trotz allem eine wunderlich
real-geheimnisvolle Zeit voll seltsamer Schwingen und Flge! Wer da etwa
glauben mchte, da heutzutage hinter den Stirnen und unter den Schdeln
mehr in den Menschenkpfen vorgehe als damals, der irrt sich bedeutend.
Ja wahrlich, jeder gegenwrtige Augenblick ist stets ein ^novus homo^,
ein Emporkmmling; und die Vergangenheit, selbst mit dem Zopf und der
Beutelpercke und im Reifrock auf den hohen Stckelschuhen, erscheint
merkwrdig als der vornehme Herr und die erlauchte gndige Dame. Sie tun
aber meistens so, als lachten sie darber, die Leute des Tages, und
beweisen gerade durch ihr Lachen nur die niedrigere Beschaffenheit ihres
Standes. Wer wahrhaft vornehm ist, hat immer Respekt, wo er hingehrt,
der Pbel nicht.

Die Franzosen waren im Lande, und der Herzog Ferdinand lag gegen sie zu
Felde. Bei Bergen war er von Broglio zurckgedrngt worden, und bei
Minden sollte er ber Contades siegen. Zwischen den beiden Schlachten,
also im Jahre 1759, und gerade in der schnsten Sommerzeit hebt unsere
Historie an.




                           Zweites Kapitel.


Damals sa noch ein alter Mller mit seiner ebenso alten Mllerin in der
Mhle und der nachherige Herr war noch in der Fremde -- fern und
verschollen, wenn er noch lebte. Die ihn genau gekannt hatten,
erwarteten ihn gar nicht zurck; es gab mehr als einen handfesten Galgen
in der Welt, und mehr als ein wrdiger, ehrenfester Sarstedter
Brgersmann legte, wenn die Rede auf den Jungen aus der Mhle, Albrecht
Bodenhagen, kam, den Finger an die Nase und gab seine Meinung dahin ab,
da niemand wissen knne, wo _der_ sich im Winde drehe; da er sich aber
im Winde drehe, das sei sicher.

Der brave Albrecht hatte es seinerzeit in der Stadt und der Umgegend,
weit ber Gro-Frste hinaus, nicht danach gemacht, da man sich nach
ihm sehnte, und die alten Eltern wuten nichts von dem einzigen Sohn.
Seit dem Beginn des Krieges hatten sie ihn nicht zu Gesicht gekriegt.
Eines Morgens hatte er seine Pelzmtze geschwenkt.

Vivat Fridericus! Adjes, Herr Vater! Adjes, Frau Mutter! Aushalten tu
ich's nicht lnger zu Hause. Wr' ich nicht zu gut gewesen, so htt's
der Herr Vater nicht zu schlimm mit mir gemacht. Adjes!

Und dann war er mit einem Sprunge ber die nchste Hecke weg gewesen,
und die Sarstedter Jungfern hatten mit den Eltern das Nachsehen nach dem
angenehmsten Junggesellen der Gegend gehabt. Nachher sind nur Gerchte
ber ihn und sein Verbleiben nach Hause gekommen, und es stand jedem
frei, dieselbigen zu glauben oder nicht.

Da hat mit ihm einer in einem berchtigten Freibataillon Schulter an
Schulter gestanden; ein anderer hat mit ihm nach der Schlacht bei
Leuthen vor Schweidnitz gelegen, und wieder ein anderer hat ihn
Spieruten laufen sehen im Lager vor Olmtz. Ein Vierter jedoch, und der
war, wie viele meinen wollten, der einzige Glaubwrdige -- Barthold
Drries aus Dielmissen behauptete, Albrecht Bodenhagen habe freilich
zuallererst sein Glck in dem preuischen Freibataillon probiert, doch
nicht lange. Nach Kollin sei er desertiert, und droben im Harz zwischen
Wildemann und Lautenthal, gleichfalls an der Innerste, sei auch eine
Mhle gelegen, und die Tochter daselbst, die wisse vielleicht am meisten
von dem Albrecht! Er -- Barthold Drries -- habe auf der Wanderschaft
daselbst das Handwerk angesprochen und eine Nacht allda genchtiget,
aber kein Teufel kriege ihn wieder unter das Dach, denn da knne man
zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang mehr erleben als in einem
ganzen Feldzug des Knigs Fritz, zwischen dem ersten Aufbruch aus den
Winterquartieren und der letzten Schlacht vor dem ersten Schnee.

Dem Meister und der Meisterin sprach der gute Mllerknappe nicht
hiervon, denn der Alte hatte ihm beim ersten Wort das Maul verboten,
wohl aber erzhlte er den Mhlgsten, die ihm ein offenes Ohr liehen,
und das taten sie alle, wenn die Rede auf den tollen Albrecht kam. Das
ging denn wie der Laufer um das Mhleneisen, und wenn nur der Bodenstein
irgend feste lag, so gab's ein erklecklich fein Mehl.

Es war ein feiner Meisterssohn, dieser Barthold, und mit Grausen war er
aus dem wilden Harz hervorgekommen. Wie gesagt, verschwur er sich am
Schlusse jeder Rede jedesmal hoch und teuer, da ihn nie wieder einer in
die wsten Berge unter das wste Volk da kriegen tun tte. Von der
Waldmhle, ihren Leuten und Gsten aber erzhlte er, da dem Hrer die
Haare sich strubten -- und da -- da sollte dieser Albrecht Bodenhagen
immer noch sitzen, und die Mllerstochter, die rothaarige Doris
Radebrecker, sollte sein Liebchen sein!

Das ist freilich ein Ort fr den bsen Jungen! murmelten die Leute aus
dem Mhlenbann zwischen Sarstedt und Gro-Frste und sahen mit
melancholischem Kopfschtteln auf den alten Vater und die alte Mutter
Bodenhagen, und die Gerchte wurden immer schlimmer.

Nun stand einmal im Juli des Jahres 1759 der alte Mller Bodenhagen an
seinen Gartenzaun gelehnt und sah verdrossen auf die leise an demselben
hinflieende Innerste, und schien die Blasen zu zhlen, die vom Grunde
des Flchens emporstiegen, zerplatzten und anderen Platz machten. Es
sollen aber diese Luftblasen von dem Atem der Wassergeister in der Tiefe
herrhren, und was viele Leute auf Hrensagen hier weiter sprechen, das
wute der alte Christian Bodenhagen ganz genau. Er sprach aber nicht
gern davon und zog meistens ein finsteres Gesicht und verlor sich hinter
dem Dampf seiner schwarzen Tonpfeife, wenn die Rede darauf kam. Er
kannte sein Mhlwasser genau und wute, da nicht mit ihm zu spaen war.

Die Morgensonne schien, die Lerchen sangen in der blauen Luft, auf den
Wiesen lag das Heu in Haufen, und der leichte Wind trug den Duft her;
doch die Wassergeister schienen schwere und heftige Atemnot zu haben.
Die Blasen perlten in Sten auf, und der Meister Bodenhagen zog seinen
Atem gleichfalls bedrckt aus der Tiefe der Brust herauf und stie ihn
in Seufzern von sich. Sein altes Weib hatte ihm wieder mal des
verlorenen Sohnes wegen von Mitternacht an den doch schon so
kmmerlichen Schlaf ganz verscheucht und dann sich natrlich an ein
gesundes Schnarchen gegeben und ihn wachen lassen.

Und kann ich denn dafr? murmelte er jetzo. Liegt es nicht seit der
Schwedenzeit auf dem Dach und dem Rade? Ich habe nicht gezhlt, wie
viele Rder die Innerste dreht, vom Ursprung an bis zum Eingang in die
Leine; aber da sie auf dieses seit vielen hundert Jahren trotz aller
guten Nahrung einen besonderen Groll hat, das wei ich, und mein Vater
und mein Grovater haben ihn auch verspren mssen. Sie sagen, seit der
Schlacht bei Lutter am Barenberge, allwo der General Tilly und der Knig
von Dnemark aneinander waren, hat sich alles geheime Volk in Wasser,
Wald und Luft hier in der Gegend mit dem Menschen berworfen. Gott soll
mich behten, darauf nachzusagen, aber die Bodenhagen-Mhle wei das
Ihrige davon. Vor der Bataille soll dieses alles nicht gewesen sein.
Zwerg, Nix und Waldspuk hat wohl auch sein Wesen getrieben, aber mit
Gutmtigkeit und im Spa. Nachher erst sind sie giftig geworden -- sie
mgen wohl ihre Grnde gehabt haben -- und begngen sich nicht mehr mit
dem bloen lustigen Schabernack; sondern --

Er brach ab und sah sich scheu um und legte die Hand auf den Mund.
Beinahe htte er von dem Herzeleid gesprochen, was insbesondere die
Innerste ihm und seinen Vorfahren in der Mhle angetan haben sollte;
allein er besann sich noch zur rechten Zeit und schwieg. Es ist gewissen
Mchten gegenber stets sicherer, zu schweigen, als sich zu
beklagen; aber recht hatte der alte Meister doch in betreff der
Charaktervernderung des geheimnisvollen Volkes seit dem Dreiigjhrigen
Kriege.

Schon lange ging man nicht mehr mit einem bloen Grusel oder gar einem
behaglichen Lcheln zu Bett, wenn man am Winterabend hinter dem warmen
Ofen ein neues Histrchen von ihm vernommen hatte. Seit der Schlacht bei
Lutter am Barenberge, wo die Liguisten den Dnenknig klopften und sein
Heer ausreuteten, und gar seit der Schwedenzeit hatte sich das grndlich
zum Schlimmen und Bsen gendert. Mit der Menschennatur verwandelte sich
in jener greulichen Zeit auch der Sinn der Geister in allen Elementen.
Wo sie schalkhaft gewesen waren, wurden sie nun boshaft. Ihr spaig
Lachen wurde zu hmischem Grinsen, und wie der Mensch fanden auch die
Geister nunmehr ihre Lust an der Grausamkeit, dem Elend, dem Verderben.
Es war die Axt an alles harmlose Behagen gelegt worden, und die Leine
und die Ihme sahen viel zu viele niedergeschlagene Wlder und verbrannte
Wohnsttten der Menschen an ihrem Wege, um bleiben zu knnen, was und
wie sie waren. Was aber die Innerste anbetraf, so gab ein Mller
Bodenhagen die berlieferung, da ihr nicht zu trauen sei, weiter an den
andern. Es ging kaum ein Jahr vorbei, ohne da man sie schreien hrte --
kein Auftauen des Winterschnees, ohne da sie das Land weit und breit
berflutete. Die Leute in der Mhle jedoch hielten das Schreien fr das
Schlimmere und Unheimlichere.

Gegenber dem Mhlengarten zog sich am andern Ufer ein ziemlich dichtes,
ineinander geflochtenes und gewirrtes Erlen- und Weidengebsch hin, und
gerade dem Orte gegenber, allwo der alte Meister Bodenhagen an seinem
Zaune lehnte, hatten die Wirbel das Erdreich unter einem knorrigen
Stamme weggesplt, der Baum hatte sich gesenkt, lag mit dem Gezweig im
Wasser und streckte sein verworren Wurzelwerk in die Luft: die Nixen
spielten auch den Baum- und Buschnymphen ihre Streiche, wo sie es
konnten.

Guten Morgen, Herr Vater! sprach es pltzlich von dort herber, und
der Alte, von den Wasserperlen der Innerste mit einem heftigen Schrecken
in die Hhe sehend, hielt sich mit beiden Hnden am Zaune.

Schmeckt Ihm sein Pfeifchen wie sonsten? Es soll mich freuen, erscholl
es wieder, und die Pfeife wre fast dem Munde des Mllers Bodenhagen
entglitten. Er griff aber doch noch danach, wie der Held der
Pfeffelschen Ballade, und legte die zitternde linke Hand ber die Augen
-- traute ihnen noch immer nicht und starrte wortlos ber sein
Mhlenwasser nach dem Weidenstamm hin.

Da sa auf dem klumpigen Wurzelwerk, das in der Tat einen recht
bequemlichen Sitz bildete, ein Mensch, der sich immer noch nicht wie ein
Phantom in dem flimmernden Sonnenschein auflsete oder in das Wasser,
aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte, zurcksank. Ein
Mensch, ein richtiger Mensch, aber nicht gar erfreulich anzuschauen! Er
trug einen zerlumpten blauen Rock mit schmierigen roten Aufschlgen,
Kragen und Futter; er trug gelblich-schmutzige Kniehosen und zerfetzte
Gamaschen; und den dreieckigen alten Soldatenhut trug er schrg ber das
eine Auge gedrckt, ber dem andern eine Binde. Wie der greise, weie,
reinliche alte Mller hielt er auch eine Tonpfeife zwischen den Zhnen,
und jetzo legte er militrisch grend die Hand an den Hut und rief von
neuem ber die Innerste:

Ich wnsche dem Herrn Vater den allerschnsten guten Morgen und
rekommandiere mich frs geschlachtete fette Kalb. Ich bin's, Herr Vater,
und frage an, ob Er und die Frau Mutter was dagegen einzuwenden haben,
da ich ber den Steg laufe und den lieben Eltern mit Trnen in die Arme
renne?

Der Alte stie ein Gesthne aus; aber zu antworten vermochte er noch
nicht.

Nun, wie ist's? fragte der Blaurock von jenseits her. Soll es heien:
Pardon, Grenadier; oder gebt Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen
zerschlagenen Kopf bringe ich mit, ich komme aus dem Westfalenland, und
es ist uns als wie den hohen Alliierten und dem Herzog Ferdinand
herzlich schlecht ergangen. Sage Er Quartier, Herr Vater -- ich bringe
zu allem brigen ein gebessert Gemte und wei nun aus der Erfahrung,
da es zu Hause bei der Frau Mutter am besten ist. Mache Er ein Ende,
Vater, und lasse Er mich wieder ein; es ist mein blutiger Ernst, und ich
habe beides satt, den Krieg wie das Wandern!

Ist Er es? Oh! chzte der Alte; aber er antwortete den Fragen von dem
anderen Ufer der Innerste auch jetzt noch nichts. Er lie den Zaun los
und drehte sich um und wackelte dem Hause zu durch den engen Gartenweg,
beide Hnde mit ausgespreizten Fingern vor sich hinstreckend, als msse
er seinen Weg durch eine dicke Finsternis tasten. Aus dem Garten trat er
in die Kche, wo seine graue Frau am Herde wirtschaftete, und er setzte
sich stumm auf die Bank neben dem Herde, und die Mllerin lie
erschreckt ihren Topf und Lffel und schrie:

Jesus Christus, Vater, was ist? was ist los? was ist geschehen?

Ja, Vater, Vater, Vater! murmelte der Mller Bodenhagen; und drben
auf dem Weidenstamme hob der zerlumpte Kriegsmann den Dreiecker vom
wirren Haarwulst, lie ihn wieder fallen und sagte zwischen den Zhnen:

Kotz Kreuz und tausend Schwadronen, hab' ich nun eine Antwort oder
nicht? Da geht der Dampf aus dem Schornstein, und ich meine, den
gebratenen Speck bis hierher zu riechen. Hu, Speck und Eier, und gestern
ist auch der Tag gewesen, allwo wir frisch backen! Der Teufel, im Lager
zu Pirna konnte kein Sachs mehr Wehmut ausstehen, als ich anjetzt auf
dieser hohlen Weide! Nun hlt er Kriegsrat drinnen mit der Alten. O,
Albrecht Bodenhagen, wie bist du heruntergekommen seit der Bataille bei
Bergen!

Er starrte auch in das Wasser nach den aufsteigenden Blasen und Perlen,
und mit einem Male setzte er finsteren Auges die Zhne fester auf die
Lippen, da ihm das Pfeifenrohr zerbrach, und murmelte:

Und da ist die Innerste wieder! Wie wr's, wenn ich noch einige
Tagemrsche dran aufwrts rckte und den Speck in der Pfanne an einem
anderen Ort in die Naslcher zge? O, heulen mchte man, da man so
wenig geschickt ist fr den Krieg und das Wandern. Sie wrden alle
lachen, wenn sie das wten!

In diesem Augenblick lie sich ein Weibergeschrei aus der Mhle
vernehmen, und der Mensch auf der Weide stotterte:

Die Alte! das war die Alte! jetzt wei die Alte, wie weit es am Tage
ist!

Und es war so. Die Alte war's, und die Alte wute, wie weit es am Tage
war. Sie kam durch den Garten, so hastig, als es ihr ihre fnfundsechzig
Jahre erlauben wollten, sie streckte auch die Arme weit vor sich hin,
doch durch eine Finsternis brauchte sie sich nicht zu tasten.

Mein Sohn! mein Kind! kreischte sie; und drben hatte der Soldat den
preuischen Infanteristenhut abgenommen und hielt ihn in den Hnden, und
der Pfeifenstummel war ihm entglitten und in die Innerste gefallen.

Frau Mutter, wenn Sie Gnade fr Recht ergehen lassen will, und wenn der
Herr Vater damit zufrieden ist, so komme ich ber den Mhlensteg. Ich
hab' es satt in der weiten Welt, und den Krieg um Schlesien sollen sie
unter sich allein ausmachen, und den Colignon, den Werber, den soll der
blutige Teufel holen. Frau Mutter, will Sie mir heute wieder mit einen
Teller auf den Tisch setzen? Den Geruch Ihres Specks, Frau Mutter, halte
ein anderer aus, ohne zu schluchzen wie ein Kind: ich heule Ihr
geradeweg was vor, wenn der Herr Vater mich nicht ber den Steg am
Mhlenschtt kommen lt und mich weiter schickt zum Trberfressen und
Schweinehten oder zum General Freytag.

Der Vater Bodenhagen zeigte sich nicht wieder vor dem Hause; aber Mutter
und Sohn begegneten einander auf dem Mhlensteige, und zwischen ihnen
beiden war alles in Richtigkeit, und als ob nie etwas vorgefallen sei,
was dem schlimmen Jungen, dem Albrecht, einen huslichen Verdru bei
seiner Heimkehr aus dem Felde und von der Wanderschaft htte einbringen
knnen. Als sie jedoch Hand in Hand und die Alte in Trnen in die Stube
traten, da sa der Alte am Tisch, drehte der Tr den Rcken zu und hatte
die Faust auf die Tischplatte gelegt. Er wandte sich nicht um bei ihrem
Eintritt.

Mit Permission, Herr Vater --

Er Halunk! murrte der Alte. Wenn Er es wirklich ist, so sage Er mir,
wer ihn gerufen hat? Hat sich der Herr wirklich nicht in der Tr
geirrt?

Die alte Frau legte ihrem Ehemanne die Hand auf die Schulter:

Ich habe ihn gerufen in meinen bangen Nchten; er mu es mitten unter
dem Volk gehrt haben.

Der Vagabonde -- der Landlufer!

Und er ist zurckgekommen mit schleppendem Fittich und hat sich nicht
in der Tr geirrt. Sieh dich um, Bodenhagen, sieh ihn an, Vater. Hab'
ich ihn mit meinen Trnen hergeweint, so hast du in deinem rger nach
ihm geschnarrt. Sieh dich um, Alter.

Und der Mller Christian Bodenhagen sah sich um nach seinem lieben
Shnchen und zwar trotz seinem Alter mit den munterst funkelnden Augen.

Das ist das Wort! In meinem rgernis hab' ich nach dem Strolchen, dem
schwachmtigen Lumpen auch gerufen und es kaum erwarten knnen, da es
so kme, wie es heute endlich gekommen ist! Ho, wirklich, er ist's, und
ganz so, wie ich ihn mir im Traum und Wachen phantasiert habe, der Haas
im Marderpelz! Alte, Alte, wenn ich den Schlingel nicht zu genau kennte,
so wrde er mir wahrhaftig nicht ber die Innerste gekommen sein. Das
ist der Milchtopf auf dem Feuer -- er kocht ber und es stinkt. Du
rckst ihn ab von der Glut, und er gibt sich fein zur Ruhe. O, du
jammerhafter Wischlappen, was hattest du im Felde beim Knig Fritz und
dem Prinzen Ferdinand zu suchen? Du Gromaul, haben sie dir nach
Verdienst den Buckel zerblut und dich heulend zu Vater und Mutter
heimgeschickt? Ich habe es so gewut, mein Sohn, verla dich drauf. Du
bist mir nicht als etwas ganz Neues drben am Wasser aufgegangen; und
weil dem so ist -- deshalb -- sei gesegnet dein Eingang!

Er hatte sein spanisch Sonntagsrohr neben der alten knochigen harten
Hand auf dem Tische liegen, und jetzo war er aufgesprungen, und es erhub
sich ein Tanz, beinahe noch lustiger und wilder, als er am kommenden
ersten August bei Minden zwischen dem Herzog von Braunschweig und dem
franzsischen Marschall Contades aufgefhrt werden sollte. Die Mutter
Bodenhagen flchtete sich schreiend in eine Ecke; das Haus- und
Mhlengesinde lief entsetzt zu Hauf -- der Meister Christian schlug brav
zu und kmmerte sich nicht, wohin er traf. Den wilden Albrecht aber
mute die Schlacht bei Bergen und der darauf folgende Hunger wahrlich
tief heruntergebracht haben. Er wehrte sich kaum anders als durch ein
ununterbrochen Ausweichen rund um den Tisch herum.

Sie wuten im achtzehnten Jahrhundert, selbst in der rand- und
bandlosesten Zeit des Siebenjhrigen Krieges, immer noch in der
richtigen Art und Weise mit den verlausenen Herren Shnen umzugehen, die
Herren Vter. Sie hatten es gelernt von Seiner kniglichen Majestt in
Preuen, Friedrich Wilhelm dem Ersten, und waren imstande, Seine
Majestt Knig Fritz den Zweiten als glorreiches Exemplum hinzustellen
und sich des weiteren und breiteren darber zu ergehen, da der das
hispanische Rohr selber fhlen msse, welcher es einmal selber fhren
und andere, als z. B. die Kaiserin Maria Theresia und den franzsischen
Knig Louis, fhlen lassen wolle.




                           Drittes Kapitel.


Es war der gutmtige und handfeste Mhlknappe Barthold Drries aus
Dielmissen, der dem zornigen Hausvater endlich den Stab Wehe entrang und
den Haussohn vor dem Schicksal errettete, zu fein gemahlen zu werden.
Auch das brige Gesinde sprang endlich zu; dann kam die Mutter und am
andern Morgen die ganze umliegende Landschaft zu Worte. Letztere behielt
es lngere Wochen hindurch ber die Vorgnge in der Sarstedter Mhle.

Es gibt nicht wenige Leute, die, wenigstens zu einer gewissen
Lebenszeit, einen schlimmen Ruf fr besser als gar keinen halten; allein
es gehrt Charakter dazu, diese Ansicht bis zum Ende festzuhalten, und
solche Seelenstrke besitzen freilich nicht alle. Albrecht Bodenhagen
besa sie sicherlich nicht.

Er hatte genug des Ruhmes oder Rufes und gab, wie man das nennt, klein
bei; und auch darber machte die Umgebung dann natrlich wieder ihre
Glossen.

Selten sind zu irgendeiner Zeit so viele Kornscke nach der Mhle an der
Innerste getragen und gefahren worden als in jenen Tagen. Ein jeglicher
wollte den verlorenen Sohn sehen, ein jeglicher gern ein Wort mit ihm
reden, und manch einer kam zu seinem Zweck zum groen Verdru des
Heimgekehrten, dem beides ein Greuel war, das Vermahnen sowohl als das
Beglckwnschen, und der jedem Gevatter und jeder Gevatterin unter dem
wachsamen Auge des Herrn Vaters still zu halten hatte. So blhte mit dem
Geschwtz das Geschft, und die Rder drehten sich, und der Laufer
drehte sich auch, und die Innerste quirlte lautlos ihr schmutzig Wasser
vorbei und nach Sarstedt, um jenseits der Stadt andere Mhlen zu treiben
und auf anderer Leute Angelegenheiten tckisch Achtung zu geben. Das
geht uns aber nichts an.

An einem Donnerstage war Albrecht nach Hause gekommen, und am Sonnabend
kam nach alter fester Sitte der Balbierer von Sarstedt, um dem Meister
Christian den Wochenbart abzunehmen. Stumm und mrrisch lie sich der
Alte an der Nase ziehen, drehen und wenden und das Messer gewhren; aber
nachdem das glattmachende Werk an ihm vollendet war und er den Schaum
abgetrocknet hatte, winkte er dem Sohn auf den Stuhl, und der
kriegerische Schnauzbart desselben fiel dem Messer geradeso zum Opfer
wie die Wochenstoppeln des Vaters. Der tapfere Kriegsmann ging mit einem
ganz anderen Gesicht aus der Prozedur hervor, und die Hausgenossenschaft
wie die Umgegend hatten von neuem Grund, sich zu verwundern.

Es war doch etwas an dem Wort des Alten vom Hasen im Marderpelze! Eine
gar gutmtige und augenblicklich gar melancholische Menschenvisage kam
hinter dem grimmen Bart zum Vorschein. Es fehlte weiter nichts als eine
weie gestrickte Zipfelkappe zu einer weien Mllerjacke, und als am
Sonntagmorgen die Mutter mit Freudentrnen im Auge dem Shnchen beides
brachte, und er mit der Kappe ber den Ohren zur morgendlichen Biersuppe
schlich, da mangelte nichts an der Verwandlung zum Besseren, und die
Bswilligsten und Mitrauischsten muten zugestehen, da sie doch wohl
an dem wilden Bodenhagen sich geirrt haben knnten. Nun fehlte bald
wenig, da der verlorene Sohn durch das halbe Frstentum Kalenberg und
das ganze Frstentum Hildesheim als ein Muster aufgestellt worden wre.
Entrstete Vter und betrbte Mtter waren jetzo um so geneigter Beifall
zu nicken, als sie vordem den braven Albrecht als schlechtes Exemplum
fr ihre eigenen wilden Sprlinge verwnscht hatten. Auch die Jungfern
in der Stadt und auf dem Lande guckten auf und hin, und manch ein
Mgdelein machte sich ein Geschft in der Mhle, das ein anderer ebenso
gut oder besser htte ausrichten knnen.

Am 1. August fiel die Schlacht bei Minden, und am 12. desselbigen Monats
die bei Kunersdorf vor, in welcher es dem alten Fritz so herzlich
schlecht erging. Nach der letzten Bataille verschwand eines Tages der
Knappe Drries aus der Mhle; er war nach Pattensen auf den Jahrmarkt
gezogen, sich einen vergngten Tag zu machen und eine neue Mtze zu
kaufen. Beides soll er zustande gebracht haben, dem Gerchte nach; aber
auf den vergngten Tag folgte auch eine kreuzlustige Nacht; der gute
Barthold ist nicht nach der Mhle zurckgekommen; der Oberst Colignon
hatte auch ihn, und schon am 21. November hat ihn bei Maxen ein Stck
von einer Haubitzgranate des Feldmarschalls Daun zu den brigen auf den
Boden gelegt. Es war schade um ihn, und der Knig Friedrich ist nachher
auch sehr ergrimmt darob auf den Herrn General von Fink gewesen, hat ihn
vor ein Kriegsgericht gestellt und auf die Festung gesetzt, aber den
guten Barthold nicht wieder lebendig dadurch gemacht.

Meister Christian Bodenhagen in der Mhle an der Innerste nahm keinen
andern an seiner Statt an. Er hatte ja seinen Sohn zurck und konnte ihm
aufladen, was ihm beliebte; und Vater, Mutter und Kind waren und blieben
allein und feierten Weihnachten im engsten Familienkreise. Man hat
diesmal aber nicht gesehen, da sie einen Tannenbaum mit goldenen pfeln
und Nssen behngten und mit Lichtern besteckten. Es wre auch schade um
den Baum gewesen, denn in diesem Jahre schwamm der ganze Torgauer Wald
die Elbe hinunter nach Hamburg und durch des Obersten Colignons
Werbetaschen so nach und nach in die Taschen von sechzigtausend neuen
Rekruten. Und was an gutem Holz in den Lagern von Dresden, Freiberg und
Dippoldiswalde in den Brandhtten der sterreicher und Preuen in Rauch
aufging whrend des harten Winters, ist von der gtigen Mutter Natur
auch erst lange Zeit nachher ersetzt worden.

Um Weihnachten drehte sich das Rad noch; aber dann kam der Frost, die
Innerste wurde zu Eis, und die Mhle stand still. Da hat man Zeit
gehabt, allerlei miteinander zu berlegen, und ber allerhand
Vergngliches und Zrtliches zu einem festen Beschlu zu kommen. Bald
hat man es weit und breit gewut, da der Vater Bodenhagen mit groem
Nachdruck von dem Sohne verlangt habe, er solle ihm nun auch eine junge
Frau ins Haus bringen und zwar schon zu Ostern des kommenden Jahres.
Rundum haben die Jungfern aufgehorcht; aber auch nicht wenig die Nschen
germpfet, als sie zu dem brigen vernahmen, da sie keine Stimme bei
dem Handel haben sollten, da derselbige schon so gut wie abgemacht und
durch Handschlag zwischen den Eltern besiegelt worden sei; da der
Albrecht ja gesagt habe, ohne sich lange zu zieren und zu besinnen, und
da die Braut zu Gro-Frste sitze und wirklich niemand anderes sei als
Lieschen Papenberg, des Brinksitzers Papenberg einzige Tochter!

Das hatten sie nicht erwartet, die Jungfern in der Stadt Sarstedt und
sonst im Frstentum Hildesheim. Nun hatten sie sich zum zweiten Male in
dem Albrecht Bodenhagen geirrt, aber voraus zu sehen war's doch gewesen;
denn ein Mensch, der so fortlief in die Welt und so wiederkam und so
weichmulig und so wei, so hammelwei vom Mehlstaub ber die
Gartenhecke greinte, dem konnte man alles zutrauen, selbst den
schlechtesten Geschmack im Lande, weit ber den Deister hinaus und bis
tief hinein in die Lneburger Heide.

So dachten und zischelten die Jungfern hinter den Tren, auf den
Dorfgassen, am Brunnen und hinter den Spinnrdern; aber die Eltern
dachten anders und nannten den Meister Christian einen Hauptkerl, der es
verstehe, einen Windhund an die Leine zu nehmen, und auf die Haus- und
Staatsrson fast ebensogut ausgelernt habe wie der preuische Knig
Fritz und sein Herr Vater Friedrich Wilhelm.

Man hat auch das Lieschen gefragt, wie ihr denn eigentlich nun zumute
sei? und sie hat den Schrzenzipfel an den Mund genommen und gemeint,
das sei eine dumme Frage. Dabei aber hat sie gekichert, und die Fragerin
hat auch nichts weiter gewut, als gleichfalls zu kichern, ist jedoch
hingegangen und hat, drei Huser weiter, erzhlt: ihr sei eben eine Gans
ber den Zaun geflogen, der sei sie nachgelaufen bis auf Papenbergs Hof,
und da habe sie sich beinahe vergriffen und das Lieschen dafr am Flgel
genommen; solch ein kurios Gegacker sei seit Erschaffung der Welt nicht
erlebt worden, und auf die Hochzeit sei das ganze Freikorps des Obersten
Bauer geladen, dazu aus Bhmen viele schne Frulein; wer aber zu
allererst gebeten sei, das sei die Mllerstochter oben im Harz, die auch
an der Innerste sitze und tagtglich ihre Gre mit dem Wasser
herunterschicke, wie der arme Barthold Drries das ja hundertmal erzhlt
habe. Dem sei nun, wie ihm wolle, gelacht mute Lieschen Papenberg
haben: wer das Mdchen lachen sehen wollte, der konnte berhaupt leicht
dazu kommen. Es war ein frhliches Ding von den Kinderschuhen an
gewesen, brachte von Natur ein vergngt geduldig Herz mit zu allem, was
die Frauen erleben knnen auf dieser Erde; die Innerste hpfte da oben
in den Bergen, an ihrem Geburtsorte im Walde nicht unschuldiger, klarer
und lieblicher in die Welt hinaus.

Gegen Ende Februars, als es in Schlesien und Sachsen wieder lebendig
wurde und berall das Eis aufging, schrie die Innerste im neuen Jahre
1760 zum ersten Male, aber die junge Braut hat sie damals noch nicht
schreien hren.




                           Viertes Kapitel.


Es war ein Sonntag, und die Kirche war berall zu Ende im Lande. Der Tag
war regnerisch, doch konnte man gerade nicht sagen, da es regne; es war
eben ein Tag im Hornung, und man mute das Wetter nehmen, wie es sich
gab. Der junge Mller befand sich allein zu Hause, beide Alten mit den
Mgden waren nach Sarstedt zur Kirche und konnten kaum vor Mittage
zurck sein. Das Rad war gestellt, und der junge Mller lag faul auf der
Bank am Ofen und hrte der Uhr zu, die hinter seinem Kopfe im Winkel
tickte. Die Hauskatze sa zu seinen Fen auf der Bank und putzte sich
ber die Ohren; denn es war Feiertag, und dazu sollte am Nachmittage
Besuch kommen: Jungfer Lieschen mit Vater und Mutter, der Vetter und die
Base aus Harsum, ja, auch die Verwandtschaft aus Gro- und
Klein-Algermissen wollte kommen, und am Abend sollte es hoch hergehen in
der Mhle.

Der Haushund kam von Zeit zu Zeit und leckte dem Trumer auf der Bank
die Hand; dann sagte der junge Mller:

Nieder, Laudon! Gib dich zu Ruhe; ich habe mich auch zu Ruhe geben
mssen.

Er ghnte schlfrig, und doch zogen ihm allerlei bunte Bilder durch den
Kopf. Da dachte er, da er nun bald ein junges Weib haben werde, und
lchelte. Dann fragte er sich, wie es dem Alten und der Alten wohl auf
dem Altenteil gefallen werde, und kratzte sich hinter dem Ohre. Nun
richtete er sich auf dem Ellenbogen halb empor und drehte sich gegen das
Fenster, um nach dem grauen Gewlk zu sehen, und da mute er an die
Kriegsvlker im Westen und Osten denken, mit denen er's vor einem Jahre
noch hatte Frhjahr werden sehen, -- es war ihm, als hre er fern die
Trommeln und die Trompeten, und auf einmal die ersten Schsse von den
Vorposten her. Er schttelte sich, schob von neuem die Hnde unter den
Hinterkopf und seufzte:

Uh! --

Mit einem Male aber setzte er sich aufrecht, da die Katze erschreckt
von der Bank sprang und Laudon am Ofen verwundert den Kopf erhob. Es war
so still in der Stube, da man auer dem Picken der Uhr nichts weiter
hrte, als dann und wann ein lauteres Rauschen der Innerste, und die
Innerste war's eben, die den jungen Mller Albrecht Bodenhagen so jach
aufgejagt hatte. Er war in seinen schlfrigen Phantasien, anfangs ohne
darauf zu achten, an dem Wasser hinaufgeschritten, und pltzlich --

Der Hund stand und bellte gegen die Tr, und der Mller sah verstrt
darauf hin; es hatte gepocht, und es pochte jetzt noch einmal.

Herein! rief Albrecht, doch es kostete ihm Mhe, das kleine Wort
hervorzubringen. Mit stieren Augen sah er auf die Tr --

^Bon jour!^ sagte der eintretende Besuch, den Hut abnehmend, und zwar
mit der linken Hand. Rechts trug er nur einen an die Jacke geknpften
rmel. ^Bon jour!^ Richt' euch! Na, Musketier, hat Er's so schnell
verschwitzt, wie der Soldat sich gegen seinen Vorgesetzten zu behaben
hat? Tausend Donnerwetter, soll ich Ihm die Hnde an die Naht bringen,
Musketier Bodenhagen? Ja, ja, so sieht die Kuh das neue Tor an, aber
Seinen alten Unteroffizier sollte Er doch noch kennen, Albrecht!
Schockschwerenot, da sieht man wieder, was es ntzt, mit einem Esel
Freundschaft zu schlieen und an tausend Beiwachtfeuern ihn zu
Sittsamkeit und Tugend anzuhalten! Kerl, so dumm sah Er nicht aus, als
ich Ihn zum ersten Mal in Reih' und Glied stellte. Na, geht Ihm endlich
ein Licht auf, Kamerad? Es hat mich lange nichts so sehr gefreut! Guten
Morgen, Albrecht; es ist wirklich ein Plsier, da du endlich den Mund
zumachst. Ich bin es und -- da bin ich und verhoffe, da du es fr einen
Affront genommen httest, wenn ich heute an deiner Tr vorbeimarschiert
wre, ohne vorzusprechen. Ich bleibe auch zu Mittag und nehme mit einem
Strohsack zur Nacht vorlieb: Du weit, verwhnen tut unsereinen weder
Seine knigliche Majestt, noch Seine herzogliche Durchlaucht; aber ein
Vivat wirft's doch noch fr beide ab; vorzglich wenn das Getrnk danach
ist. Gewehr ab! Rhrt Euch! Musketier, auf _das_ Wiedersehen hattest du
dich wohl auch nicht eingerichtet, als die Glocke heute morgen in die
Kirche lutete?

Er hatte den Hut auf den Tisch geworfen und sich in den Sorgenstuhl des
Meisters Christian. Der junge Mller Bodenhagen stand vor ihm:

Ist Er es denn wirklich, Korporal? Bist du es wirklich in Fleisch und
Blut, Jochen?

In Fleisch und Blut bis auf das, was bei Minden liegen geblieben ist,
Joachim Brand aus der Bergstadt Grund im Harz; kniglich preuischer und
kurfrstlich hannoverscher Korporal auf der Retraite, und bis auf das
Stck von ihm, das bei Minden liegt, immer noch dein guter Freund und
Kamerad, Musketier Bodenhagen.

Der junge Mller sah sich um. Rechts ber die Schulter und links.

Das ist freilich Sonntagsbesuch, auf den ich mich nicht eingerichtet
hatte, Korporal, stotterte er; aber der Einarm lachte:

Will's Ihm glauben, Albrecht; aber das mu ich sagen, warm sitzt Er und
propre. Ist das das Nest, aus dem Er aufgeflogen ist, um mit uns zu
ziehen? Da kann ich es dir freilich nicht verbeln, da du dich
beizeiten wieder aus dem Pulverdampf in den Mehlstaub verzogen hast! Was
sieht Er mich so jammerhaft an, Musketier?

Der junge Mller sah in der Tat den Kriegskameraden ein wenig klglich
und verlegen an. Die Uhr im Winkel hob eben aus und tat ihre zwlf
Schlge: lang konnt's nicht mehr dauern, so waren die beiden Alten aus
Sarstedt zurck; und was der Alte zu dem verwilderten Gaste mit dem
leeren rmel sagen wrde, das wute der junge Meister frs erste noch
nicht zu sagen. Er erinnerte sich nur mit merkwrdiger Deutlichkeit
seines eigenen Empfangs zu Hause nach der Rckkehr aus dem Felde und
blickte jetzo nach dem Winkel neben der Uhr, aber einen Trost gewhrte
es nicht, da das spanische Rohr daselbst nicht an seinem gewohnten
Platze lehnte. Der Meister Christian fhrte es mit sich, wrdig war er
daran zur Kirche geschritten, und unbedingt brachte er es wieder mit
heim; er hielt etwas auf den Stab, den er bereits von seinem Vater
ererbt hatte und noch um eine Generation weiter zu geben hoffte.

Ich sehe dich nicht jammerhaft an, Jochen, sagte der junge Mller.
Aber mein Vater und meine Mutter --

Hoho, lachte der andere, steckt's da? Die halten das liebe Shnchen
wohl fest am Bande? Sie haben wohl nicht Lust, es zum zweiten Mal im
weiten Felde zu suchen? He, Albrecht, Bruder, da la du mich nur sorgen;
aus dem Quartier geh' ich bis morgen frh nicht. Schaff zu trinken; den
Hunger heb' ich mir zu Tisch auf! Nestkchelchen, Fsilier Bodenhagen,
Bruderherz, sind wir darum in so erschrecklichen Bataillen gestanden, um
uns zu Hause den Suppenlffel ums Ohr schlagen zu lassen? ^Mordieu^, her
mit der Flasche -- schaff einen Schnaps; oder ich hetze deinen eigenen
Hund auf dich! wie heit denn der Kter?

Schrei nur nicht so, Jochen. Hierher -- ruhig, Laudon! will er Ruhe
halten, Laudon? O Jochen, tu mir die Liebe an --

Laudon heit das Beest? Nenn es Sackville, Kamerad! Feig und
niedertrchtig genug sieht die Kreatur zu dem Namen aus! Hetz sie nur
auf den Zeltkameraden, Bruder Albrecht! He, Sackville! He, Sackville!
fa an, pack an, Lord Sackville! Mit meinem leeren rmel wehr' ich mich!
Siehst du, da verkriecht sich der Kujon unter der Bank, und da -- dort
verkriecht sich der Broglio aus der Affre, und da lieg' ich im Sumpf,
und der Arm ist zum Teufel. Sackville, hoho, Sackville, Mylord
Sackville! so zieh' ich als ein Invalid mit dem Bettelsack aus dem
Feldspital nach Hause, und mein bester Freund frchtet sich vor der Rute
hinterm Spiegel. Pfui, Satan; ich spucke aus und wnsche dir alles Glck
bei deinen Mehlscken, Albrecht Bodenhagen. Adjes, und wenn du es gar
nicht mehr aushalten kannst, la dich beim Sackville unter die englische
Kavallerie anwerben, und deinem Hundevieh tu' ich Abbitte, das ist viel
zu gut fr den Namen. Gott befohlen, Mller, und die englische Krankheit
in deine Knochen!

Er hatte den Hut aufgestlpt und wollte eben zornig zur Tr hinaus, als
sich dieselbe ffnete, das heit, als sie weiter aufgemacht wurde. Es
hatte seit mehreren Minuten bereits jemand da dem Dinge zugehrt. Der
alte Meister Christian stand auf der Schwelle, und hinter ihm stand
angsthaft seine Hausehre und hielt ihn am Rockscho; es wies sich jedoch
sonderbarerweise aus, da das gar nicht notwendig war.

Der Invalide von Minden rannte an den Meister an und fuhr zurck.

Wo will Er hin? fragte der Greis. Halt da! Da Er das groe Maul
gleich allen brigen aus dem Kriegselend mitbringt, wei ich schon.
Erwartet Ihn etwa auch zu Hause ein alter Vater und eine Mutter, die
Jahre lang allnchtlich ihr Kissen in ihren Trnen wscht? Die Rute
hinterm Spiegel? Ei, ei, fhrt nicht der Knig gerade darum den Krieg,
um der ganzen Welt zu zeigen, da die Rute immer noch hinter dem Spiegel
stecke? Lege Er Seinen Hut hin, Musje, sage ich; Er kann bleiben in der
Mhle bis morgen und auch noch einen Tag lnger, wenn's Ihm beliebt. Auf
den Jungen da aber hatte Er nicht so hineinzursonieren das ist _mein_
Junge, und den hab' ich abzurichten! Marsch in die Kche, Mutter, wir
haben einen Gast zu Tisch, und wir haben auch heut abend einen Gast
mehr. Hnge Er Seinen Hut da an den Nagel, Kamerad -- da, stell meinen
Stock in die Ecke, Albrecht, und leg mein und der Mutter Gesangbuch ins
Schaff. Setze Er sich, Kamerad, und lasse Er mich von Sich und Seinen
Umstnden ein Weiteres wissen.

Der Korporal schttelte mit einem eigentmlichen Blick auf den frheren
Kriegsgenossen dem Alten die Hand.

Er ist mein Mann, Mller! Nehme Er vorlieb mit der Linken; ich wrde
Ihm nur zu gern die Rechte geben, wenn's anginge. Mit Seinem Jungen da
darf Er natrlich machen, was Er will. Ich bin auch nicht umsonst sein
Unteroffizier gewesen und wei, wie er traktieret sein mu. Hnge Er
auch meinen Hut an den Nagel, Musketier Bodenhagen.

Der Junge tat verdrossen, was ihm geheien worden war, trieb sich
klglich-mrrisch noch einen Augenblick in der Stube herum und ging dann
hinaus und durch den Garten an den Zaun. Er sttzte beide Arme auf den
Zaun und sah die mrrische Innerste vorbeiflieen.

O Jemine, seufzte er, jedermann hat seinen Willen mit mir, und wie
ich auch aufwerfen mag, es ist doch, als ob sie alle Bescheid in mir
wten. O je, es ist doch ein miserabel Dasein -- die ganze Welt hunzt
an einem herum, und nichts, gar nichts hat es gentzet, da man sein
Leben dran setzte, der wilde Albrecht zu heien. Der Krieg hat mich
kaput gemacht -- und der tolle Albrecht, der wilde Bodenhagen ist zahm
genug geworden. Ohne die Alte sollte mich die Innerste schon lngst mit
sich weggenommen haben. Und jetzo krieg ich auch ein junges Weib --

Sie riefen ihn vom Hause her, und ohne sein letztes Wort zu Ende zu
bringen, schlich er zurck, fand die Suppe auf dem Tische stehend und
den Korporal Brand im besten Einvernehmen mit dem Vater und der brigen
Hausgenossenschaft daran sitzend. So setzte er sich auch, tat den Mund
nur zum Essen auf und hrte den Jochen von der Schlacht bei Minden
erzhlen; nach dem Essen aber, als der Alte schlief, stand er abermals
am Zaun an der Innerste, doch diesmal mit dem Korporal Jochen an seinem
Ellenbogen, und sah hin auf den aufgeweichten Feldweg, der von
Gro-Frste auf die Mhle zufhrte durch die Felder und Wiesen, und auf
welchem die Verwandtschaft mit der jungen Braut jetzt herangezogen
kommen sollte. Der Korporal aber redete ihm ins Gewissen.




                           Fnftes Kapitel.


Kerl, sagte der Korporal Jochen Brand, nun sage mir mal, was das mit
dir ist? Setze allen Respekt zur Seite; mein Korporalstock liegt mit
meinem Arm ruhig bei Minden; tu dir keinen Zwang an; sprich dich aus,
wie dir's ums Herz ist; es deucht mir, die Marschroute sei mir nur
deshalb so vorgeschrieben worden, um dir die Beichte zu hren, als ob
ich mein Lebtag nichts anderes gewesen sei als ein Hildesheimscher
Kanonikus.

O Jochen! seufzte der junge Mller.

Als ein Hildesheimscher Kanonikus! Kerl, wenn es auf die Kanonen
ankommt, so hast du die auch oft genug singen hren im freien Felde und
hinter Wall und Schanze -- schme dich, die Ohren hinter der Front und
gar in solch einem Quartier wie dieses also hngen zu lassen. Und deine
gesunden Gliedmaen hast du gleichfalls nach Hause mitgebracht, und
freien sollst du das properste Mdchen im Lande -- Himmeldonner,
Kamerad, setze mich an deinen Platz und sieh dir dann das Gesichte an,
was ich dann machen werde! Aber so ist's, das Gute auf Erden wird immer
an die Unrechten weggeworfen; wenn nicht dann und wann so ein Richtiger
das Plsier htte, so einem unverdienten Glckspilz in seiner Fortun'
beizuspringen und mit Trost aufzurichten, so wr' es gar nicht lnger
auszuhalten in der Welt. Das htt' kein Lutherscher und ppstlicher
Pfaff besser gesagt: also heraus damit, Bodenhagen, wo fehlt's Ihm? Wo
kann der einarmige Invalide Jochen Brand aus Grund seinen Trosthebel
ansetzen?

Der melancholische junge Mller sah nach der Mhle hin; dann von neuem
auf den Weg nach Gro-Frste, und dann fate er den Kriegskameraden am
heilen linken Arm und fragte leise:

Sieht Er's mir wirklich auch nicht mehr an, da sie mich hier rundherum
auf drei Meilen Weges den tollen Bodenhagen nannten, Korporal?

Ne! sprach der Korporal, ohne sich nur den krzesten Augenblick auf
die Antwort zu besinnen.

Dann will ich Ihm sagen, was schuld daran ist; das Wasser -- da -- das
schlechte schlimme Wasser ist schuld daran! Die Innerste ist's! Kennt Er
die Innerste, Korporal Brand?

Der Korporal machte seinen Arm so sacht als mglich von dem Griffe
seines Kameraden los.

Ob ich die Innerste kenne? fragte er in der festen berzeugung, da
sein voreinstiger Zeltgenosse zu allem brigen auch verrckt geworden
sei.

Die Innerste! das bse Wasser! die schlimme Innerste!

Kotz Blitz? schrie der andere. Musketier Bodenhagen, treibe Er nicht
Seinen Spa mit Seinem Korporal! Wenn auch der Stock mit dem rechten Arm
bei Minden liegt, so hab' ich mich doch allmhlich auf den linken
einexerziert, und ich wei von Seinem Herrn Vater, da ein spanisch Rohr
immer noch seine Wirkung auf Ihn tut. Was meint Er zu einem Knittel hier
aus dem Zaune? Rede Er Vernunft, oder ich wecke Seinen Herrn Vater, und
auf ein Wort mit der Jungfer Braut soll's mir auch nicht ankommen.

Nimm du endlich Vernunft an, Jochen, sagte Albrecht Bodenhagen. Du
hast jetzt dein Vergngen an mir lange genug gehabt und kannst recht
gut, ohne dir was zu vergeben, das Maul halten. Da du mein Korporal
gewesen bist, das ist richtig; da du mich nicht schlimmer traktiert
hast als die anderen Kerle, mag auch seine Richtigkeit haben --

Mag auch seine Richtigkeit haben? Bursch, wie einen Prinzen hat man
dich unter der Fuchtel gehalten. Der alte Fritz zu Kstrin hat's nicht
viel besser gehabt! Hab' ich dich nicht auf dem Buckel getragen wie eine
Mutter ihr Kind?

Das wei der liebe Himmel! chzte der junge Mller. Aber es mag sein,
wie's will, als du mir heut morgen in die Stube rcktest, ist es mir
wahrhaftig nur ein freudiger Schrecken gewesen, und ich habe gedacht, da
ist doch zuletzt doch einmal wieder eine Seele, mit der du das Deinige
reden kannst, Bodenhagen. Verschossen ist die blaue Montur zwar, aber
dein Kamerad war er doch! will Er mich nun reden lassen oder nicht,
Korporal Brand?

Der Korporal Brand legte seinen gesunden Arm dem niedergeschlagenen
Mller um den Nacken.

Bruderherz, rede frei hin. Von einem Narren kann man eben nicht
verlangen, da er Spa verstehe, und so ist's auch von dir nicht zu
pretendieren. Sonst aber weit du wohl noch, da in unserem ganzen
hochlblichen Regiment nur der Oberst ein Schnupptuch in der Tasche
fhrte; das ganze brige Korps, Offiziere, Unteroffiziere, Trommler,
Pfeifer und Gemeine schnaubten sich nach Adams Art: also da ich ein
Taschentuch der Rhrung wegen an die Augen bringe, kannst du beim Satan
nicht verlangen. Jetzo mach ein Ende und deinem Herzen Luft! wo
steckt's? wo qult dich dein jung Leben? was hat dir die Innerste, das
Wasser, das deines Vaters Rad so nahrhaft treibt, zuleide getan?

Ehe ich zu euch zum Regiment kam, Jochen, flsterte der Mller, war
ich droben bei euch im Harz. Ich hatte dem Alten wohl mein Vivat
Fridericus ber den Bach zugeschrien; aber Ernst ist's mir nicht damit
gewesen. In die lustige weite Welt wollt' ich, und so bin ich
hinaufgekommen bis Wildemann, Korporal. Kennst du die Buschmhle
zwischen Wildemann und Lautenthal, Jochen Brand?

Der Einarm trat einen Schritt zurck und tat einen langen,
verstndnisvollen Pfiff.

Hui -- die Radebreckers Mhle! Da also liegen die Kroaten im Busch?
Alle Hagel und Wetter, Musketier Bodenhagen, da mchte ich wirklich
zurckfragen, ob Er denn ganz und gar Bescheid in der Buschmhle wei?

Der Mller nickte, ber die Schulter scheu nach seines Vaters Hause
blickend, und der Korporal fuhr fort:

Das Wasser, das vom Stein auf das Rad springt, drehte es schon selten
genug, als ich da aus und einging. Sie haben andere Dinge zu schaffen,
als sich um ihr Mhlenwerk zu kmmern. Seit sechs Jahren stehe ich im
Felde; aber vor sechs Jahren spukte und stank es dort bedenklich, und
Doris Radebrecker war ein sechzehnjhrig Ding. Die Werber holten mich
aus dem Forst am Hbichenstein und legten mir statt der Jgerbchse des
Knigs in Preuen Kommiflinte auf, sie htten mich vielleicht noch
bequemlicher in der Buschmhle gefunden.

Mich fate dort des Obersten Colignon Werbeoffizier vor dritthalb
Jahren, und damals war _die_ Innerste, die Doris wollt' ich sagen, so
zwischen Neunzehn und Zwanzig.

Wem mchte ich nun am liebsten die Knochen zerschlagen, dir oder ihr?
murmelte der Invalide; dann aber lachte er von neuem, wenngleich ein
wenig grimmig, und rief, seinen leeren rmel schttelnd:

Nur weiter, du Armsndergesichte!

Als ich von hier, vom Hause, fortlief und dem Alten zuschrie, da ich
in den Krieg ziehe, da meinte ich fr ganz gewi, da ich ihm was
vorlge. Aber gelogen hab' ich zuletzt doch nicht, wie Ihm bekannt ist,
Korporal; unter dem Stocke des Alten weg bin ich unter den Seinigen
geraten, Korporal Brand; aber in der Buschmhle bin ich bekannt, und wie
ich in den Krieg gekommen bin, davon wei Doris Radebrecker in aller
Welt am besten auszusagen.

Und da mein Marsch dort vorbeigeht nach Grund, so will ich vorsprechen
und mich des weitern erkundigen, Meister Albrecht, sprach der einarmige
Invalide mrrisch. Sonst aber gebe ich Ihm recht: wer die Doris aus der
Sgemhle zwischen Lautenthal und Wildemann kennen gelernt hat, der wei
sein brig Leben davon zu erzhlen, wenn er nicht lieber den Mund hlt
zu seinem eigenen Besten.

La sie nicht wissen, da ich wieder zu Hause sitze! flsterte
Albrecht Bodenhagen angsthaft. Bei unserer Kameradschaft in Not und
Tod, Jochen, wenn du da vorsprechen mut -- und ich wei es ja, da du
jetzo es nicht lassen kannst, und wenn der Strick drauf stnde, rede
nicht von mir. Da kommt die Verwandtschaft aus Gro-Frste; ich bin
versprochen worden mit dem Lieschen von Papenbergs Hofe, und zu Ostern
ist die Hochzeit. Sag der Innerste, der Doris, ich lge bei Bergen vor
der Stadt Frankfurt mit den anderen -- sechshundert in einer Grube! Sag
ihr, ich sei desertiert, und du habest mich zu Hameln auf Fort George
Spieruten laufen sehen -- sag ihr, ich sei verendet mit einer
zerbissenen Bleikugel zwischen den Zhnen unter den Haselruten. Sag ihr,
du habest selber mit zugehauen am Wesertor, hinter dem Hamelnschen Wall
--

Lg ihr ins Blaue und Rote hinein, bis du schwarz wirst; -- o Kamerad,
wenn ich dich jetzt ansehe und mir denke, da sie dich hier den wilden
Bodenhagen nannten, so kommt mir, der Innerste zum Trotz, ein Lachen an.
Jetzo wei ich aber doch, weshalb es bei jeglicher Affre meine Pflicht
gegen den Knig von Preuen war, dich im Feuer stets mit dem
Flintenkolben zum Gradestehen zu animieren! Hm, die Innerste! sie sagen,
da die Innerste dann und wann schreie und dann jedesmal ein Lebendiges
fr ihren Hunger verlange. Da kommt richtig die Vetter-Michelschaft von
Gro-Frste an, und jetzo will ich Seinen jetzigen Schatz mit meinen
Augen sehen, Musketier Bodenhagen, und Ihm dann meine letzte Meinung
gewilich nicht vorenthalten. Verla Er sich darauf; ehe ich hier aus
meinem Quartier abmarschiere, werde ich Ihm meine Meinung sagen, grad
als ob ich sie Ihm in einem Testamente vermache. Wer aber htte es
denken knnen, da beim ersten Ausrcken aus dem Spital die liebe Doris
-- Doris Radebrecker wieder die erste sein wrde, mir das Lachen zu
vertreiben und von vornherein den Spa am ewigen Urlaub zu verderben.
Wie wird sie lachen, wenn sie mich anmarschieren sieht mit dem einen
Fittich! ^Mordieu^, wenn man nicht seine eigene Vetternschaft in Grund
sitzen htte, so wr's freilich besser, ungehohneckt bei Bergen oder
hinterm Hamelnschen Wall seine fnf Fu tief unterm Erdboden zu liegen.

In diesem Moment hrte man jenseits der Innerste zwischen den kahlen
Erlen und Weiden im Gebsch ein hell und lustig Mdchenlachen. Die
Verwandtschaft suchte sedate ihren Weg ber den Mhlensteg; doch die
junge hbsche Braut, das Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe, stand
mit einem Male auf jenem Weidenstamme, auf dem im vorigen Sommer der
heimkehrende verlorene Sohn sa, als wir ihn zum ersten Male zu Gesicht
bekamen. Sie stand lachend und hell unter dem grauen Himmel vor dem
schmutzig schleichenden Wasser und winkte:

Wir sind da! wir sind da, Albrecht! Hol ber, hol ber!

Eine saubere Jungfer, um die man schon einen Sprung in das Wasser tun
kann, Musketier Bodenhagen, sagte der Korporal, hflich den Hut vor der
lachenden Braut ziehend. Es war wahrlich ein bildsauberes Mdchen, und
es stand zierlich in seinem Sonntagsstaat, und es war, als ob ein
frhlicher Schein von ihm ausgehe in der grauen Umgebung an dem trben
Februartage; die Innerste aber spiegelte nicht das hbsche, zierliche
Bildnis wieder, sie kroch schlammig und heimtckisch hin, mrbe,
schmutzige schwarze Eisstcke treibend. Und pltzlich regte sich der
Stamm, auf welchem die junge Braut stand. Fort und fort hatte die
Innerste unter ihm genagt, und er sank tiefer gegen ihren Spiegel, und
sie verschlang ihn jetzt, da nur der allerletzte Wurzelstumpf noch
vorragte. Mit einem Schreckensschrei sprang das Mdchen von diesem hinab
und stand auf festem Boden; auch die beiden Mnner am Zaun hatten einen
Angstruf ausgestoen und eilten rasch durch den Garten nach dem
Mhlenstege, der kommenden Freundschaft entgegen.

Da httest du mich beinahe aus der Innerste auffischen mssen! Weshalb
holtest du mich auch nicht herber, Albrecht? rief die junge Braut
schmollend.

Die Innerste ist eine Kanaille, Jungfer Papenberg! sagte der Korporal
Brand, und der junge Mller sagte:

Dieses hier ist mein allerbester Freund in der ganzen Armee des Prinzen
Ferdinand, Vater Papenberg. Er heit Jochen Brand und ist aus der
Bergstadt Grund im Harz. Den Weidenstrunk hol' ich morgen mit dem
Frhesten aufs Trockene, Lieschen. Er soll nicht wieder einen Menschen
in die Versuchung fhren. Aber jetzt kommt nur alle herein, wir wollen
uns einen plsierlichen Tag machen.

Sie machten sich in der Tat einen guten Tag; seit langen Jahren hatte
die alte Mhle nicht einen gleichen erlebt. Selbst der Meister Christian
legte ein Feiertagsgesicht an, wie es die Mutter Bodenhagen seit ihres
Sohnes Geburt nicht an dem Eheherrn gesehen hatte.

Der Vater Papenberg, seiner Natur nach ein vierschrtiger grober
Bauersmann und sozusagen acht Tage in der Woche ein Flegel, hatte so
fein und zutunlich wie heute auch seit langem nicht den Qualm aus seiner
Tonpfeife der Stuben- und Tischgenossenschaft ins Gesicht geblasen. Es
war ein jeglicher auf seinem Schick, und weder unter den Vettern noch
unter den Basen ging das Wort aus, wenn auch der Witz dann und wann
nicht allzu hell durch die Unterhaltung glnzte.

Und man hatte im Jahre 1760 allerhand Stoff, um darber zu diskurrieren;
der alte Fritz und smtliche Vlkerschaften Europas sorgten dafr.

Hier war denn der einarmige Invalide von Minden, der Korporal Jochen
Brand, an seiner Stelle. Sie hrten ihm mit Erstaunen zu, und was er
sagte, war auch meistens hchst erstaunlich. Da war kein Kriegsrat, in
welchem er nicht mitgesessen zu haben schien. Wenn man ihn hrte, so
verwunderte man sich nur, da er heute hier in der Mhle an der Innerste
am Tische sitze und nicht in einer der beiden groen Staatsmhlen zu
Berlin oder Wien am Trichter oder Beutelkasten; und da ihn der
franzsische Knig und seine Hauptstaatsdame, die Madame Pompadour,
nicht auch schon lngst nach Versailles geholt hatten, das war
gleicherweise unbegreiflich.

Im Winkel hinter dem Ofen sa aber Albrecht mit dem Lieschen. Sie
sprachen am wenigsten, und ob sie alles, was die anderen sagten,
vernahmen, das ist auch die Frage. Die Mannsleute rauchten allesamt, und
so verschwand, als nun gar noch die Dmmerung dazu kam, das Brautpaar in
seinem Winkel fast vollstndig aus dem Gesichte der Verwandtschaft.

Weidlich a und trank die Verwandtschaft, und der Meister Christian ging
stets selber in den Keller nach dem Bier. Als aber die Blechlampe
angezndet auf den Tisch gestellt wurde, da half es wenig, da man den
Docht mit dem an dem Kettchen hngenden Drahthaken soweit als mglich
hervorzog; sie gab wohl auch ihr Teil Qualm zu dem vorhandenen
Tabaksdampf her, aber die Helligkeit, die sie hervorbrachte, wollte
wenig bedeuten. Doch aber hatte das rote Pnktchen in dem Nebel eine
andere Wirkung: das Gesprch kam von Krieg und Kriegsnot auf das, was
dergleichen blutig und brandig Elend vordeutet, als wie Kometen,
Feuerkugeln, feurige Reiter und Wagen im Gewlk, greuliche Vernderungen
an Sonne und Mond, wie jeder davon zu sagen wute und solches erlebt
hatte, sowohl vor dem Ausbruch des jetzigen Krieges, wie vor dem Angang
des ersten und des zweiten schlesischen. Wute doch sogar ein Altvater
noch von den Wundern zu erzhlen, die sich zur Zeit des vorigen
franzsischen Knigs im spanischen Sukzessionskriege und vor der
Schlacht bei Belgrad ereignet hatten.

Davon war der Sprung klein auf das, was ein jeglicher fr sein eigen
Leben und Wesen an solchen Dingen als Mahnung und Warnung und Vorsage
gesehen und gehrt hatte, und der Vetter Hans aus Harsum meinte:

Da hat der Gevatter Bodenhagen wohl auch hier lange genug auf dieser
Mhle gesessen, um davon nachsagen zu knnen.

Ein Murmeln ging um den Tisch, und dann wurde es still; es war, als
horche jeder nach den dunklen Fenstern, und es war auch, als rausche die
Innerste lauter als sonst durch die Nacht.

Die Mienen des alten Mllers hatten sich mit einem Male wieder
verfinstert.

Wenn es Ihm recht ist, Gevatter, sagte er, so lasse Er das auf sich
beruhen. Ich bin im Frieden mit meinem Mhlwasser und will darin
bleiben. Wir sind manches Jahr gut miteinander ausgekommen, die Innerste
und ich, und es verdriet mich, wenn Einer seine Zunge dazwischenstecken
will.

Nun, nun, Gevatter Bodenhagen, sagte ein anderer, manchen Possen hat
sie dir doch gespielt im Laufe der Zeiten, und wir mit unseren Wiesen
und ckern sind auch nicht leer ausgegangen. Schreien hab' ich sie
freilich nicht hren, und unter den hannoverschen Herrschaften, die im
Sommer zu uns am Sonntage aufs Dorf gefahren kommen, ist auch mal einer,
ein Hofrat und grausam gelehrter Professor aus Gttingen gewesen, der
hat gesagt, das sei eitel dumm Zeug, denn --

Ein Faustschlag des alten Mllers auf den Tisch und ein zorniger Blick
auf den Redner schlossen dem letzteren den Mund.

Wer die Innerste nicht hat schreien hren, der soll Gott danken!
sprach der Meister Bodenhagen. Und jetzt ist's zu Ende mit dem
Geschwtz darber, fgte er hinzu.

Es war aber noch nicht zu Ende; dafr war der Korporal Jochen Brand als
vielerfahrener Gast in der Mhle an diesem Abend vorhanden.

Wir hatten einmal einen Schwaben im Bataillon, der hat sich hoch
verschworen, da man jeden Quell, Brunnen oder Bach totmachen knne, da
er _nie_ wieder aus der Tiefe heraufkomme. Man msse einen kupfernen
Kessel auf den Grund der Quelle eingraben, sagte er, und Quecksilber
hinein in den Born schtten, davon vergehe das Wasser; in seiner Heimat
habe vor alten Zeiten ein reicher Graf so einmal einen groen Flu zum
Absterben gebracht, weil sein Tchterlein hineingefallen und vertrunken
sei. Wem also die Innerste nicht gefllt, der mag morgen mit mir an ihr
hinaufsteigen bis zu ihrem Ursprung im Harz und das Mittel probieren.
Dem Mller hier wr' freilich trotz allem wenig damit gedient, wenn ihm
pltzlich das Wasser Empfehle mich! sagte. Du da in der Ecke, Kamerad,
da mte dich doch die Jungfer Lieschen reineweg ans Spinnrad setzen,
wenn dir so zwischen heut und morgen das Mhlrad stecken bliebe. Nicht
wahr, Jungfer im Winkel, da soll die Innerste doch lieber schreien, so
viel sie will?

Es kam ein Kichern aus der dunklen warmen Ecke hinter dem Ofen.

O ja! rief Lieschen Papenberg; doch ein verdrossener Laut klang
dazwischen, und der junge Mller sagte mrrisch:

Ich meine, was mein Vater meint, Jochen Brand, von wegen des Wassers.
La es laufen, wie es will! Hier den Krug bring' ich dir, Jochen; tu
Bescheid und sag uns einen feinen Spruch dazu.

Das ist das Richtige! rief die Verwandtschaft rund um den Tisch, und
der Korporal lie sich nicht lange ntigen. Er erhob sich, legte seinen
leeren rmel auf der Brust zurecht und hob den Steinkrug mit der weien
Tulipane auf blauem Grunde in der heilen Linken.

So tu' ich denn diesen Spruch mit Verlaub und Gunst der ganzen
anwesenden hochlblichen Kumpanei:

   Vivat, der Knig Fritze soll leben
   Und die Jungfer Liese auch daneben;
   Und flss' die Innerste voll rotem Wein,
   Sollt' sie nach mir nicht lange schrein.
   Was aber ein gut Wasser ist,
   Sich immerdar bergab ergiet,
   Und bis dieser Bach zurcke wird gehn,
   Soll immer hier das Rad sich drehn.
   Nun hret mich an, ihr lieben Leute,
   Prinz Ferdinand soll leben heute;
   Und wird die Braut erst Frau genannt,
   Rckt ein zur Taufe Jochen Brand!

Er war noch nicht fertig; denn wenn er einmal so angefangen hatte,
konnte er selten ein kurzes Ende finden; diesmal aber kam er nicht
weiter.

Der alte Mller, der mit aufgestemmten Armen, das Kinn in der Hand,
behaglich nickend zugehorcht hatte, fuhr mit einem Male zusammen, hielt
sich mit beiden Hnden am Tische und tat einen Ruck an demselben, da
die Krge und Glser auf ihm erklirrten und bereinander fielen. Er
stand auf den Fen, aber nicht fest; er horchte. Die Weiber rundum
kreischten auf, und die alte Mllerin fate zitternd den Arm ihres
Mannes:

Jesus Christus, Bodenhagen?!

Still! flsterte der Greis abwehrend, und nach einer Pause, whrend
welcher man nichts hrte als das Picken der Uhr, das leise Schnaufen des
am Ofen schlafenden Hundes und das Rauschen des Mhlwassers drauen,
sagte er feierlich mit einem gewissen ngstlichen Grimm in der Stimme:

Wer will nun noch dagegen reden? Wollt Ihr Euch nun auf Eure eigenen
Ohren verlassen, Gevatter Schulze, oder im kommenden Sommer wieder auf
Euren Gttingenschen Hofrat? Wer hat es eben nicht gehrt?!




                          Sechstes Kapitel.


Nun htten wohl auch wir in diesem Moment gern den gelehrten Professor
aus Gttingen hier in der Stube des Mllers an der Innerste gehabt. Wir
malen ihn uns wenigstens hinein und sehen ihn leibhaftig vor uns in dem
Kostm von Anno 1760, schwarz, mit wohlgeordneter Percke, tadellosem
Kragen und wohlgeflteter Hemdkrause, den Hut und Stock unterm Arm, die
zierlich geffnete Dose in der Linken und zwischen dem Daumen und
Zeigefinger der Rechten die zierliche Prise. Er ist kurfrstlich
hannoverscher Untertan, aber er hlt die Illusion fest, zugleich
kniglich grobritannischer zu sein; -- er tut sich nicht wenig auf die
letztere, etwas zweifelhafte Eigenschaft zugute, zumal da er vielleicht
wirklich einmal in London war und den groen Mimen David Garrik auf den
Brettern von Drury Lane tragieren sah. Wie dem auch sei, er nimmt
seinen Tabak mit mehr Grazie als der groe Doktor Samuel Johnson,
blickt, die Achseln emporziehend, um sich her und murmelt:

Hm, hm!

So ziemlich das Nmliche tun wir; -- auch wir sagen Hm, hm, hm! und
sehen im Kreise umher. -- Der Gttingensche Hofrat ist nicht ganz in der
Verehrung des groen britischen Doktors Johnson aufgegangen; der
Voltaireaner Fritz sitzt in Berlin (freilich reitet er um diese Jahre
mehr in Schlesien und Sachsen hin und her), und der deutsche Professor
glaubt selbst als kniglich grobritannischer Untertan nicht an den
Geist in Cock-Lane: er glaubt berhaupt nicht an Gespenster, und das ist
ein Vorzug, auf den er gottlob kaum stolz sein darf als Professor von
Gttingen.

Hm, hm; wer in der Mllerstube hatte den Bach schreien hren? -- Niemand
natrlich, das heit niemand als der Mller selber! Es trat aber
augenblicklich das ein, was gewhnlich folgt, wenn irgend jemand in
einer greren Gesellschaft etwas Ungewhnliches oder gar
Geheimnisvolles gehrt zu haben glaubt.

Alle gute Geister -- sthnte die Mllerin, jetzt habt ihr's doch alle
vernommen und knnt bis zu eurem Ende davon nachsagen!

Und sie nickten fast alle, und die Weiber drngten sich zu Hauf und
flsterten zitternd. Die Mnner warfen noch verstohlenere, scheuere
Blicke nach den niedrigen schwarzen Fenstern, und wieder wurde es
mausestill in der Stube.

Sie warteten in Todesangst und doch voll eines geheimen Verlangens, da
der Ton noch einmal kommen, da die Innerste zum zweiten Male schreien
werde. Sie warteten jedoch vergeblich; man vernahm zu dem gewhnlichen
Rauschen des Wassers nur einen gurgelnden Laut aus der dicksten Mitte
des Tabaksqualms. Dieser Laut rhrte von dem Korporal Jochen Brand her,
der abermals den Inhalt seines Kruges die Kehle hinunterlaufen lie; und
der Korporal war's auch, der zuerst wieder der Kompagnie ein lautes Wort
zu hren gab.

Ich fr mein Teil habe nichts gehrt! sprach er ganz gemtlich. Alle
Wetter, und sie haben doch mein feines Ohr manch liebes Mal auf
Vorposten gelobt! Damit setzte er den geleerten Krug mit einem Klapp
auf den Tisch nieder. Nicht wahr, Musketier Bodenhagen? fgte er
hinzu.

Hinter dem Ofen hervor kam eine befangene Stimme:

Sei ruhig, Lieschen -- es war nichts! -- Ich -- ich glaube auch nicht
dran!

Der Meister Christian nahm die Tonpfeife, die er vor sich hingelegt
hatte, wieder auf, jedoch nur, um sie in zwei Stcke zu brechen und
unter den Tisch zu werfen.

Junge?! rief er. Was will der Junge? Was sagt der Junge da? -- Will
der Junge, der Landlufer, auch einmal wieder reden, ohne gefragt zu
sein?

Ja, Herr Vater, kam die Antwort ein wenig zgernd, aber doch mrrisch
genug aus dem Winkel zurck. Und wenn die Innerste wirklich schreit, so
schreit sie nicht blo nach Ihm, Herr Vater, sondern auch nach mir; also
darf ich diesmal doch reden, ohne von dem Herrn Vater gefragt worden zu
sein.

Der Alte chzte in maloser Verwunderung und stand auf von seinem Stuhl.

Christian?! rief die Mutter flehend; doch der Vater Bodenhagen schob
sie wieder einmal von sich und streckte drohend die Faust nach dem Ofen
hin. Es war die hchste Zeit, da sich jemand ins Mittel schlage und,
was noch an Behagen und friedlichem Einvernehmen zu retten war, in
Sicherheit bringe. Auch hierzu war der Korporal Brand gut und auf der
Stelle bereit.

Und setze ich den Fall, da da drauen nicht alles in Ordnung sei oder
einer sich einen Spa mit diesem lblichen Konvivium und guter
Vetternschaft und Freundschaft gemacht habe, rief er, Sakrament, so
soll mich der Teufel holen, wenn ich nicht dem Dinge auf den Nacken
springe und dem Schreier verdemonstriere, wie na die Innerste ist!
Bajonett auf, marsch, Musketier Bodenhagen. Komm mit hinaus in die
frische Luft, Albrecht, wir fangen den Spuk mit oder ohne Fischschwanz.
Hier in der Stube soll er uns was vorsingen, und der Herr Meister soll
ihm die Noten halten!

Er sprang hinaus, und ihm nach sprang der junge Mller, dem Jungfer
Lieschen Papenberg vergeblich einen klglichen Bittruf nachschickte. Die
brigen blieben alle sitzen und legten sich von neuem aufs Horchen. Die
Braut drckte sich an ihre Mutter, der Vater Papenberg schttelte den
Kopf, der Meister Christian senkte den seinigen finster auf die Brust
und schlug die Arme ineinander. Nach zehn Minuten vergeblichen Harrens
und Horchens chzte die alte Mllerin:

Vater, ich trage es nicht lnger! Das Herz will mir vor Angst
zerspringen!

La sie doch, murmelte der Greis. La sie nur suchen. In meiner
Jungheit bin ich auch mal dem Rufen nachgegangen, meinem Vater zum
Trotz. Morgen frh -- ja morgen frh soll jedem sein Recht werden; und
jetzo, Freundschaft, guckt auf und kmmert euch um nichts. Schenk frisch
ein, Mutter, die Innerste wird nicht mehr zum zweiten Male schreien; sie
soll morgen frh ihr Recht haben!

Die letzten Worte hatte der Alte selber mit schreiender Stimme gegen das
Fenster hin gerufen, und nun tat er selber einen hastigen, wilden Trunk.

Guck auf, Lieschen! Gevattersche Papenberg, bringe Sie das Kind wieder
zu einem vergngten Gesicht. Kmmert euch nicht mehr um die Innerste,
Freundschaft, ich kenne sie und sie kennt mich, und sie hat nicht im
Sinn, uns das Plsier an diesem Abend zu verstren. Sie will nur ihr
Recht haben, und das soll sie auch morgen mit dem Frhesten kriegen.

Wenn ich nur meinen Jungen von drauen wieder drin htte! seufzte die
Mutter Bodenhagen; aber da schnarrte der Alte wiederum hchst
verdrielich:

Der Junge? Ja, der Junge! Freilich sagt man: was hngen soll, versuft
nicht, und zu meinem Wunder ist der Junge ungehangen von dem Volk nach
Hause gekommen. Ach was, Gevatter Papenberg, trinke Er aus und lasse Er
nur das Kopfschtteln. Frisch weiter mit dem Plsier!

Das Plsier war jedoch, was der Mller an der Innerste auch sagen
mochte, verdorben und blieb so, und die Frhlichkeit des Abends kam
nicht wieder in Gang. Dagegen aber kamen von neuem die seltsamen
Historien in die Hhe, und ein jeglicher wute abermals das Seinige zu
sagen von der Leine, der Ihme und der Innerste und selten etwas Gutes.

Die beiden Kriegskameraden blieben eine ziemliche Zeit aus; aber nicht
einmal den wachsamen Hund Laudon, der mit ihnen auf die Suche und Jagd
gesprungen, hrte man anschlagen, als ob er auf etwas Sonderbares
gestoen sei. Am besten wird's sein, wir gehen ihnen jetzo nach; denn
wenn sie in der nakalten Dunkelheit des Abends auch nichts Merkwrdiges
fanden, so haben sie doch allerhand Kurioses miteinander geredet; die
Jungfern, denen _wir_ erzhlen, hren gern von dergleichen, zumal wenn
es sie allesamt so genau angeht wie in diesem Fall. Es klingt nmlich
durch die Nacht, das Rauschen des Mhlwassers und Wehen des Windes wie
ein kurz abgerissenes Stck aus dem alten, alten Liede von der Treue.

Sie standen beide still, nmlich die zwei einstigen Waffenbrder vor der
Tr der Mhle, und ein jeder tat einen langen Atemzug in der feuchten
Khle dieses Februarabends.

Puh, meinte der Korporal, da merkt man erst, aus was fr einem
Backofen man kommt und was fr einen Dunst die gute Freundschaft im
Zusammenhocken prstieren kann. Eine Taternhhle ist ja gar nichts
dagegen! -- Nun, Albrecht, steck die Laterne an, ohne eine Laterne
kommen wir dem Spuk nicht auf die Sprnge! Sieh, der Sackville ist ja
auch vorhanden, den knnen wir item gut gebrauchen. Such, such und
bring, Mylord!

Der Hund tat ein paar Sprnge um seinen jungen Herrn herum, doch mit dem
Suchen gab er sich weiter keine Mhe.

Du hast nichts vernommen, Jochen? fragte der Haussohn.

Der Korporal fing an, einen kniglich preuischen Kriegsmarsch zu
pfeifen, brach nach dem ersten Gestz ab und erwiderte:

Dich mcht' ich lieber als alles andere beim Laternenschein besehen,
Bodenhagen -- Musketier Bodenhagen! Die Innerste hat wohl nicht
geschrien, wie der Alte vermeinte; aber die Doris da oben an der
Innerste knnte wohl gelacht haben. Was meinst du, Albrecht?

Der junge Mller lachte jedenfalls, doch es klang rauh, und die
Dunkelheit verhinderte den Korporal, zu sehen, wie sein Kamerad zu dem
Lachen die Hand ballte. Die Faust ffnete sich aber wieder, und Jochen
Brand fhlte die Hand seines Freundes an seinem gesunden Arme. Der
Mller zog ihn weiter von dem Hause weg um das Haus herum, ber den Hof,
durch den Garten.

Wer hat Ihm das gesagt; oder hat Er es aus sich selber gesagt? Das mit
dem Lachen? Jochen, es ist so; als der Vater sein Wort gerufen hatte und
das Frauenzimmer in seinem Schrecken winselte, habe ich ein Lachen
gehrt. So wahr mir Gott helfe, es hat jemand in der Finsternis vor dem
Fenster gelacht, und dabei war ein Knirschen -- da -- so -- hrst du? --
gerade so!

Diesmal knirschte nichts, als zwei der Eisschollen, die sich auf dem
dunklen, schlfrig dahinkriechenden Spiegel der Innerste aneinander
rieben, und der Korporal spuckte deshalb erst verchtlich in den Bach
hinein, dann aber sprach er ernsthaft genug:

Musketier Bodenhagen, ich habe vieles erlebt in der Welt, und was am
grimmigsten aussah, das wurde manchmal zum grten Spa. Ich bin mit dem
Knig, volle Feldmusik und fliegende Fahnen vorauf, dem Feldmarschall
Daun unter der Nase vorbeimarschiert, und er sah schauderhaft genug
herunter von seinem Berge und hinter seinen Schanzen und Kanonen hervor.
Ich wei Bescheid in der Welt, Musketier, und zwischen Morgen und Abend
habe ich auch von Ihm genug gesehen und gehrt, um zu wissen, wie es mit
Ihm steht. Will Er nun einen guten Rat annehmen?

Wie von einem leiblichen Bruder! rief der junge Mller.

So geh nicht wieder zurck in die Stube, Albrecht.

Ach, Jochen, rede deutlich!

Bleib drauen! Geh nicht wieder in das Haus zur Freundschaft zurck.
Ich habe drei Reichstaler in der Tasche, mehr bin ich in der ganzen
weiten Welt nicht wert; aber du sollst die Blechkappen haben und
willkommen dazu sein. Da liegt der Mhlensteg ber die Innerste; --
spring, lauf und la dich vor dem Jngsten Gericht nicht wieder hier
sehen. Dieses ist mein Rat, und meine Meinung dazu ist, da du hier ohne
Gnade und Barmherzigkeit kaput gehst. Der Alte ruiniert dich, die
Freundschaft ruiniert dich und die Jungfer Papenberg ruiniert dich zu
allermeist. Du spielst hier ja doch den wilden Bodenhagen nicht lnger,
_der_ gute Geruch verdampfte wie der Franzos bei Robach. Die Innerste
aber holt dich bei guter Gelegenheit einmal wirklich, und die
Freundschaft und Verwandtschaft wird dir keine Stange hinhalten, um dich
aufs Trockene zu holen. Sie wird nur sagen, da es ihr leid sei, wenn
sie dich mit dem Haken durchs Schilf zieht. Albrecht, Bruder Albrecht,
du weit es selber, da wir solche wie du zu Tausenden in der Armee
haben, und, Bruderherz, es ist doch vergnglicher, bei Trommeln und
Pfeifen, mit Kling und Klang in angenehmer Kameradschaft eingescharrt,
als so zu Hause in Gte und Herzlichkeit vom Bsen geholt zu werden.
Kerl, geh zum Fritz nach Sachsen, wenn du den Prinzen Ferdinand satt
hast. Den Colignon findest du immer noch unterwegs, und er zahlt auch
ein immer besser Handgeld. Das ist der eine Weg aus deinem Jammer; der
andere aber geht hier am Bache hinauf, immer den Bergen zu. Schleich
dich zurck nach der Buschmhle, gre Doris Radebrecker von mir und
bestelle ihr, sie solle dir schon um meinetwillen den Hals nicht
umdrehen.

Mit schluchzender Stimme wimmerte der wilde Bodenhagen:

Aber da drinnen in der Mhle in der Stube bei Vater und Mutter habe ich
ja meinen Schatz, meine junge Braut sitzen?!

Jawohl, hinter dem warmen Ofen, und des Herrn Vaters spanisch Rohr
hngt ihr ber dem Kopfe am Nagel. Kamerad, ich sage dir, nimm dich in
acht, da du die Innerste nicht wirklich und wahrhaftig nach dir
schreien hrst, wenn der Pfaff dir das arme Ding erst niet- und
nagelfest um den Hals geschmiedet hat. Nun, wie ist's? nimmst du
Vernunft an von deinem alten Zeltbruder und Unteroffizier? Greif zu; --
da hast du den Juden Ephraim und den Borussorum Rex dazu dreifach als
Reisegeld. Als du zum ersten Male durchgingest, hat dir der Herr Vater
wahrlich nicht so viel gutwillig mit auf den Weg gegeben.

Er hatte sein letztes Besitztum an klingender Mnze aus der Tasche
geholt und hielt es hin; der andere aber schob die Hand mit dem Gelde
mattherzig zurck.

Dir ist dann nicht zu helfen, sagte der Korporal Brand mit einem
Fluch. Also sehe ich auch nicht ein, da wir uns noch lnger hier in
der Khle und Feuchte herumtreiben. La uns zurck in die Stube.
Element, nachher wundert sich Seine knigliche Majestt Fritze noch, da
selber ihm manchmal eine Bataille schief abluft. Kotz Blitz, es ist
auch ein Wunder, da er mit solchen Breikpfen und Plattfen in Reihe
und Glied sich doch noch so anstndig durch zwei schlesische Kriege bis
in diesen dritten hinein durchgeschlagen hat. Marsch zurck unter den
Ofen, Sackville! Und meinen leeren rmel trag' ich auch noch nicht lange
genug, um nicht die Nachtkhle an dem nichtswrdigen Stumpfe zu
verspren!

Er drehte sich kurz um und ging in das Haus zurck. Strack und munter
trat er in die heie, dampfvolle Stube ein, und dicht auf den Hacken
schlich ihm Albrecht nach.

Herr Meister, rief der Einarm lachend, bei der Finsternis da drauen
suche Ihm ein anderer Seine nchtlichen Spukmusikanten. Hier der
Musketier Bodenhagen ist mein Zeuge, da die Innerste so sanft
dahinfliet, als htte sie niemals ein Mhlenrad getrieben oder einem
Mller die gute Laune verdorben. Und das mu ich auch sagen, das
Gespensterhafteste, was man heute abend zu sehen kriegen kann, sind die
Ksegesichter, welche die lbliche und angenehme Vetternschaft allhier
durch den Nebel schneidet. Hab' ich recht, Jungfer Papenberg?

Die Jungfer Papenberg antwortete dem lustigen Invaliden nicht, ihr war's
genug, da sie den Brutigam heil und ganz von der gefhrlichen
Expedition wieder hinter den Ofen ziehen konnte.

Der alte Mller Bodenhagen sagte aber ruhig:

Er hat sich eine vergebliche Mhe gemacht, Musjeh. Meine Schuld ist es
nicht, Korporal Brand. Das Wasser schreiet wohl, aber sehen lt sich
selten etwas, und das ist auch das Beste.

Die anwesende Gesellschaft, die trotz allem vollauf gengenden Grauen
und Gruseln gehofft hatte, von den beiden mutigen Kriegsleuten noch
etwas Grauligeres zu vernehmen, fhlte sich getuscht, wenngleich
niemand dieses zu sagen wagte. Es ist still geblieben, und die
Freundschaft von Gro-Frste, die am Nachmittage auf dem Wiesenwege
angekommen war, stieg nach einem bedrckten Abschiede auf den
Leiterwagen und fuhr wieder ab auf dem Fahrwege. Ebenso die
Vetternschaft aus Harsum und aus Pattensen.

Als der junge Mller seine Braut auf den Wagen hob, erschien sie ihm
beim Lichte der Laternen merkwrdig bleich, und sie schluchzte auch:

O Albrecht, ich werde toll, wenn ich erst ganz bei dir bin und einmal
allein sitze und die Innerste schreit!

Binde dir selber keine Dummheiten auf und la dir keine aufbinden!
lachte der Brutigam, doch klang sein Lachen gar nicht lustig.

Was der Gttingensche Hofrat und Professor zu dem Rate des Korporals
Jochen Brand gesagt haben wrde, knnen wir leider nicht wissen: seine
Ansicht darber wre uns aber sicherlich hchst willkommen gewesen.




                          Siebentes Kapitel.


Den Ersten nennen wir bei der Fahne den Weckauf, der geht auf sein Wohl
bergunter, Meister Mller. Den Zweiten nennen wir den Nebeldrcker;
diesen bringe ich Ihr zu, Frau Meisterin, und verhoffe, da Ihr kein
Nebel in diesem Jahre den Dampf antue. Den Dritten nennen wir den
Lerchentriller, und den trinke ich zum Schlu auf dein Wohl, Musketier
Bodenhagen. Von den Lerchen ist freilich gegenwrtig noch nicht viel zu
sehen und zu hren in der Luft -- es sieht mir vielmehr nach einem
ordentlichen Schneefall aus. Aber einerlei, ein Soldat marschiert mit
gleichem Mut durch jedes Wetter; also habt allesamt Dank fr eure
komplsante Aufnahme und frs gute Quartier; und Ihm, Meister Mller,
wnsche ich noch ganz apart beiseite, da Er recht behalte, und da das,
was Er da eben so grausamlich vollfhret hat, Ihn und sein Hauswesen vor
allen Halunken von Geistern und Gespenstern schtze und nicht blo vor
denen, die in Seinem Mhlwasser ihr heimtckisch Wesen treiben.

Also sprach am anderen Morgen gegen neun Uhr der Korporal Jochen Brand,
und der Meister Christian entgegnete ihm:

Seinen Wunsch will ich annehmen und gelten lassen, obgleich Er ihn wohl
ein wenig feiner htte vorbringen knnen. Sonst aber hat Er mir ganz
wohl gefallen, Korporal, und es freut mich, da mein Junge unter Seinen
Stock unterm Volk geraten ist. Das Quartier war gern gegeben, und wenn
Ihn Sein Weg schon nochmals hier vorbeifhren wird, so erinnere Er sich,
da ein Teller fr Ihn ohne Maulverziehen mit Satisfaktion auf den Tisch
gestellt wird.

Das ist ein Wort, Herr Vater, und ich bin der Mann zu dem Teller,
Meister Mller. Aber nun adjes, Frau Mutter und Kamerad Albrecht! Bleibt
gesund und munter. Beilufig, es ist doch ein Gaudium, so frank und frei
auf jeder Landstrae marschieren zu drfen, ohne vor dem Colignon und
seinen Leuten Bange zu haben. Da sieht man, wozu eine franzsische
Kanonenkugel am richtigen Fleck nutze ist. ^Bon jour!^

Sie standen whrend dieser Reden alle auf dem Mhlenstege, der ber die
Innerste auf den Feld- und Wiesenweg nach Gro-Frste fhrte, und der
Meister Christian Bodenhagen hielt im Arm die dickbuchige
Branntweinflasche, aus welcher er dem muntern Gast und braven Invaliden
Seiner Majestt in Preuen zum frhlichen Abschied den Weckauf, den
Nebeldrcker und Lerchentriller eingeschenkt hatte. Aber auf diesem
nmlichen Stege hatte er, der Alte, im Augenblick vorher ein anderes
nach seinem Vornehmen ins Werk gerichtet, was auch des Erzhlens wert
ist.

Wenn das Wasser, die Innerste, geschrien hat, so will sie ihren Willen
haben, und wehe! wenn sie den nicht kriegt. Ein lebendiges Landtier
fordert sie fr ihren gierigen Hunger, und am liebsten ist ihr ein
schwarzes Huhn; weshalb, das wei man nicht. Bekommt sie ihren Willen
nicht in Zeit von vierundzwanzig Stunden, wird ihr das Huhn nicht mit
gebundenen Fen und Flgeln in den Rachen geworfen, so hilft sie sich
selber. Sie versteht es, sich selber zu helfen, und holt sich einen
Menschen -- ohne Gnade und Gegenwehr einen Menschen! -- und zwar noch in
dem nmlichen Jahre. Manchmal wartet sie heimtckisch boshaft bis in die
letzte Stunde; aber sie erhascht ihr Opfer und sollte es auch erst in
der letzten Minute des letzten Dezembertages geschehen.

Diesmal jedenfalls hatte sie ihren Willen gehabt; der alte Mller an der
Innerste, Meister Christian Bodenhagen, hatte die ganze Nacht hindurch
ein zu seinem Unglck schwarzgefiedert Huhn, das ruhig und ahnungslos
auf seinem Balken schlief, nicht aus seinen Gedanken und Trumen
gelassen, und nun -- hatte es die Innerste bereits wie der Colignon den
Rekruten, auf welchen er's abgesehen hatte. Die Zuschauer hatten mit
geheimem Schauder das elende Tier in der Mhlrinne zappeln sehen und
kreischen gehrt -- die Innerste hatte ihre Beute verschlungen, und
selbst der Korporal Brand hatte es nicht gewagt, den Meister Christian
auszulachen. Der Korporal hatte sogar dem jungen Mller leise den
Ellbogen in die Seite gestoen und ihm hinter dem Rcken der Hand
zugeflstert:

Du! Der Knig Fritze wrde zwar ber dieses auf Franzsisch gelacht
haben, doch mir ist's augenblicklich gar nicht lcherlich mehr. Nun ist
mir doch wahrhaftig selber, als htte ich gestern abend ein Geschrei
gehrt! Alle Wetter, Musketier Bodenhagen, gib mir acht, da du fr dein
Teil auch immer ein schwarz Huhn zur Hand hast, wenn du hier allein Herr
und Meister sein wirst. Selbst wenn mir jetzo die Sonne auf den Weg
scheinen tte, was sie nicht tut, so wrde sie mir diese Narrheit nicht
aus dem Kopfe scheinen. Was ich gestern abend gesagt habe, behlt eben
doch seinen Sinn. Merk dir's, Kamerad.

Darauf hatte der junge Mller seinerseits dem Korporal den Ellenbogen in
die Seite gesetzt, aber nur stumm dazu geseufzt. Der einarmige Invalide
verschwand auf dem Wege nach Gro-Frste im Morgennebel, und der Meister
Christian sagte:

Ja, ja, Albrecht; wrst du mir so wie der nach Hause gekommen, so
htt's mir auch besser gefallen. Das ist wenigstens ein Kerl und kein
Windsack. Marsch an die Arbeit! was steht Er da und gafft, Junge?

Die Mutter Bodenhagen trug die Flasche und das Glas in das Haus zurck,
und allesamt gingen sie, ein jeglicher an seine Geschfte. Es gab viele
Arbeit in der nchsten Zeit, und das war fr alle gut, besonders aber
fr den Haussohn, denn dem flog's recht hufig um Stirn und Nase, gleich
einer lstigen Fliege, die weder zu fangen noch zu verscheuchen war.

Es ist gar nicht zu sagen, wie viele Leute sich auf die Hochzeit des
jungen Mllers und der Jungfer von Papenbergs Hofe freuten und wie viele
sich zu derselbigen geladen und ungeladen einfanden. Zu angesetzter
Zeit, als die Welt wieder grn geworden war, fand sie statt, und es
wurde eine groe Lustbarkeit. Unter den ungeladenen Gsten fanden sich
gottlob keine von denen, die Lieschen Papenbergs gute Freundinnen so
gern aus den Feldlagern in Westfalen, Schlesien oder Bhmen hergebeten
htten. Die Sonne schien, die Geige schrillte, und der Brummba rumpelte
dem Siebenjhrigen Kriege und den Franzosen im Lande zum Trotze, und was
das allerbeste war: die Innerste hat nicht die Plsierlichkeit gestrt,
das Wasser hat nicht in die Lust hineingeschrien. Das war auch fr sie,
die Innerste, das beste; denn weder ein schwarz noch ein bunt Huhn wre
an dem Tage fr sie auf dem Hofe zu finden gewesen. Gro und klein, jung
und alt, waren sie in die Suppentpfe gewandert -- nicht ein einziges
entging dem Messer der Hausmutter.

Und die Mnner sagten alle, eine so saubere Braut wie das Lieschen sei
im ganzen Frstentum Hildesheim nicht zum zweiten Male zu finden.

Ich suche auch gar nicht danach, sprach der junge Meister, und der
alte Meister rieb sich die Hnde und murmelte:

Nun mag es doch noch gehen; in sichere Zucht ist er anjetzo mit Gottes
Hlfe gebracht. Ich habe das Meinige an ihm getan, und wann er jetzo dem
Stabe Sanft parieren wird, so tue ich vor Johanni noch ein letztes und
gebe das Regimente ganz und gar ab. Der Alten wird's auch so recht
sein.

So reden die Menschen von dem, was sie morgen -- bermorgen -- vor
Johanni tun wollen! Der Hochzeitsjubel ist verstummt in der Mhle; den
Brummba samt seinem Musikanten hat man am Morgen in zrtlicher
Umarmung, und was den Musikanten anging, im tiefen Schlaf im Graben an
der Strae nach Hohen-Hameln, und den alten Mller, den wackern Meister
Christian Bodenhagen, in seinem Bette tot gefunden. Der Medikus aus
Sarstedt hat ihn, den Meister, nachtrglich zur Ader gelassen, jedoch
ganz und gar vergeblich.

Es ist eben, auch nach der Errichtung der Universitt Gttingen, immer
noch ein eigen Ding mit diesen Schlagflssen, Mutter Bodenhagen, sprach
der Doktor zu der in Trnen und Jammer aufgelsten alten Frau. Zu
schnell kann unsereiner nie kommen. Halte Sie sich an den Trost, da im
vorliegenden Casu die ganze medizinische Fakultt der Georgia Augusta
nicht mehr ausgerichtet htte als wie ich.




                           Achtes Kapitel.


   Auf einer Trommel sa der Held
   Und dachte seine Schlacht,
   Den Himmel ber sich zum Zelt,
   Und um sich her die Nacht;

nmlich die Nacht vom vierzehnten auf den fnfzehnten August 1760. Als
es dmmerig wurde, stand das Heer in voller Schlachtordnung auf den
Liegnitzer Hgeln; die sterreicher rckten an gegen den linken Flgel
der Preuen, und zwei Stunden spter war wieder einmal alles ganz anders
gekommen, als ein bedeutender Teil Europas erwartet hatte. Der Knig
Fritz von Preuen hatte die Welt wieder einmal in ein nicht
ungerechtfertigtes Erstaunen versetzt und die Schlacht bei Liegnitz
gewonnen.

Der Hauptmann von Archenholz, der als blutjunger Junker mit dabei war,
sagt, da der Morgen sehr schn war und da die Sonne den blutigen
Walplatz, die Leichen und Sterbenden hell beschien. Sehr hbsch
schildert er auch, was nach der Affre vorging:

Um fnf Uhr des Morgens, da die feine Welt in allen europischen
Lndern noch im tiefen Schlafe begraben lag und die arbeitenden
Volksklassen sich erst von ihrem Nachtlager erhoben, waren hier bereits
groe Taten geschehen und vollendet. Man hatte einen wichtigen Sieg
erfochten, der die Vereinigung der Russen und sterreicher hinderte, und
alle ihre auf die schlesischen Festungen gemachten Entwrfe vereitelte.
Friedrich lie auf der Stelle von der ganzen Armee ein Freudenfeuer
machen, und sodann setzte er sich sogleich in Marsch; ein Marsch, der
durchaus einzig in seiner Art und erstaunenswrdig war, der Aufzeichnung
so sehr wert, wie irgendeine groe Begebenheit des gegenwrtigen Kriegs;
denn diese von der Blutarbeit abgemattete und von zahlreichen Heeren
umringte Armee mute ohne Rast und ohne allen Zeitverlust fortrcken und
dabei alles eroberte Geschtz, alle Gefangenen und auch alle Verwundeten
mitnehmen. Man packte die letzteren auf Mehl- und Brotwagen; auch andere
Wagen und Chaisen nahm man dazu, sie mochten gehren, wem sie wollten;
selbst der Knig gab die seinigen her. Auch die Handpferde des Monarchen
und der vornehmen Befehlshaber wurden hergegeben, um die Verwundeten,
die noch reiten konnten, fortzubringen. Die ledigen Mehlwagen schlug man
in Stcke und spannte die Pferde vor die erbeuteten Kanonen. Von den
feindlichen Gewehren mute ein jeder Reiter und Packknecht eins
mitnehmen. Nichts wurde zurckgelassen oder vergessen, erheblich oder
unerheblich; es war Beute. Auch nicht ein einziger Verwundeter blieb
zurck, weder von den Preuen, noch von den sterreichern, so da um
neun Uhr, vier Stunden nach geendigter Schlacht, dies so unvorbereitet
neu belastete Heer mit dem ganzen ungeheuren Tro schon im vollen
Marsche war.

Wir haben die Schilderung ganz abgeschrieben, denn es wird einem so
reinlich, leicht und gewissermaen freundlich dabei zumute, da es eine
wahre Lust ist. Und der Morgen war in der Tat sehr schn, und nicht blo
in Schlesien. Um diese neunte sonnige Morgenstunde, whrend der alte
Fritz mit seinem siegesfrohen Heere sich auf dem Marsche nach Parchwitz
befand, sang in der Sarstedter Mhle eine helle Stimme, die aber mehr
der arbeitenden als der feinen Welt Europas angehrte, frhlich in den
jungen Tag hinein.

Die junge Mllerin sang, und die Rder der Mhle drehten sich lustig,
die Innerste rauschte und glitzerte, und in dem kleinen Hausgarten
grnte und blhte und duftete es. Die Vgel, die Blumen und die Bienen
wuten so wenig wie die junge Mllerin, da soeben der Knig von Preuen
die Schlacht bei Pfaffendorf gewonnen hatte, und wenn jemand es ihnen
gesagt htte, wrde es ihnen wahrscheinlich auch ziemlich einerlei
gewesen sein. Die Vgel sangen, die Bienen summten, die Schmetterlinge
flatterten um die Gartenblumen des achtzehnten Jahrhunderts, und die
junge Mllerin sprang hell und glnzend in den Garten, um Petersilie zu
pflcken, -- was ging sie alle die Bataille bei Liegnitz an?

Es war jammerschade, da der Snger des Frhlings gerade vor einem Jahr
bei Kunersdorf gefallen war, er htte die Mllerin sehen und den Sommer
besingen sollen! Es pate alles zusammen: die junge Frau mitten unter
dem Suppenkraut, das Herdfeuer, das man durch die offene Tr um den
schwarzen Topf tanzen sah, die Bienen, die Vgel, die Blumen, das
tanzende Rad, die Innerste und das grne Weidengebsch und die weiten,
sonnigen Wiesenflchen jenseits der Innerste. Gleim lebte noch, aber er
war damals noch nicht der alte Vater Gleim, sondern als Sekretr des
Domkapitels von Halberstadt und des Stiftes Walbeck, ein Mann in seinen
besten Jahren und sang Kriegslieder: _ihm_ htte es damals nichts
genutzt, das Httchen, das Flchen, die Wiese und den Garten, die Sonne
und die junge Mllerin zu observieren. Es hat alles seine Zeit -- auch
in einem poetischen Gemte! Der tapfere Krieger singt von den Schfern
und Schnittern, der Herr Domsekretr von den preuischen Grenadieren,
und wahrscheinlich ist's ganz das Rechte, erst der alte Vater Gleim zu
werden und dann von Daphnis und Chloe zu singen -- Anakreon soll's auch
so gemacht haben.

Der jungen Mllerin sah man's nicht mehr an, da ihr Hochzeitstag sie in
ein Trauerhaus eingefhrt hatte. Sie trug zwar noch ein schwarzes Band
auf der Haube, aber das war auch allein als ueres Zeichen von jenem
jhen Schrecken, der ihrer Brautnacht folgte, an ihr brig geblieben.
Und so war's in der Ordnung! Die alte, ganz und gar schwarz gekleidete
Frau drinnen im Hause, am offenen Fenster, die vor ihrem Spinnrade die
Hnde auf dem grogedruckten Gesangbuche gefaltet hielt, mochte hinter
ihrer Hornbrille immer noch durch Trnen in den Sonnenschein
hineinzwinkern; fr die Jugend wollte es sich nicht schicken -- das
Leben war kurz und der gegenwrtige Morgen gar zu schn!

Die junge Mllerin sang: Geh aus, mein Herz, und suche Freud! sie
sang:

   Die Bume stehen voller Laub,
   Das Erdreich decket seinen Staub
   Mit einem grnen Kleide.
   Narzissen und die Tulipan,
   Die ziehen sich viel schner an
   Als Salomonis Seide.

Aus Kleists Frhling war das nicht; auch nicht ein Lied von Gleim und
noch viel weniger aus einer Ramlerschen Ode. Paul Gerhardt hatte es
vordem gesungen:

   Die Bchlein rauschen in dem Sand
   Und malen sich an ihrem Rand
   Mit schattenreichen Myrten;
   Die Wiesen liegen hart dabei
   Und klingen ganz vom Lustgeschrei
   Der Schaf' und ihrer Hirten, --

und von dem lustig-lebendigen Rade her fiel eine Mnnerstimme in das
Loblied des Sommers ein; der neue Herr der Mhle, Meister Albrecht
Bodenhagen, sang mit, und er hatte allen Grund dazu; denn es war eine
schmucke Frau aus der Jungfer Papenberg geworden, er -- Herr der Mhle
an der Innerste oberhalb Sarstedt, und die Innerste war ein nahrhaftes
Wasser: wer je bles von ihr gesprochen hatte, der mochte die
Verantwortung auf seine eigene Kappe nehmen.

Ja, wenn nur drben jenseits der Innerste im Weidengebsch die Augen der
Nixe nicht gewesen wren.

Der Mller Albrecht Bodenhagen hrte Paul Gerhardts Sommerlied durch das
Geklapper seiner Mhle, durch das Rauschen seines Baches, und sein Herz
klopfte auch immer lebendiger. Er hielt es nicht lnger aus:

   Die unverdrossne Bienenschar
   Fleugt hin und her, sucht hier und dar
   Sich edle Honigspeise!

jauchzte er und kam auch in den Garten gesprungen. Die alte Frau am
Fenster legte die Hand ber die Augen zum Schutze gegen das Licht und
schttelte ob der lustigen Jagd, die jetzt um die Bsche anhob, den
Kopf.

Drei Schritte vom Leibe! rief die junge Frau, mit beiden Hnden
abwehrend. Wie eine Schleiereule sieht er aus, ganz Gro-Frste hat
seinen Spa daran, wenn man solch ein weigepudert Geschpf im Kirchturm
aushebt und die Jungen es im Dorfe herumtragen! Rhr mich nicht an! ich
werfe dir unsern ganzen Garten an den Kopf, wenn du mir nahe kommst, du
staubig Mllergespenst!

Eine Handvoll Petersilie bekam er sofort ins Gesicht und nicht in die
Suppe; aber er griff doch zu und lachte:

Weshalb hat Sie einen Mller genommen, Jungfer Papenberg? Einen
Schornsteinfeger httest du dir wohl lieber gefallen lassen, Lieschen?

Ich will nicht! ich will nicht! Mein Topf kocht ber, und mein Brei
brennt an, und ber den Tisch schneidest du mir ein Gesicht!

Sie brachte einen Johannisbeerbusch zwischen sich und ihren Verfolger.

Und ich fange dich doch, mein Schatz! rief der junge Meister.

Jawohl -- ei freilich: mein Schatz! das hast du auch gelernt im Felde
--

   Lieschen, mein Engel, meine Herzenstrompet',
   Meine Pauke, Standarte und meine Musket',

-- dazu hat dich der Colignon von der Landstrae mitgenommen. Nein,
nein, ich will jetzt nicht! Drei Stunden hat man nachher an sich zu
fegen und zu brsten. Mutter! Hlfe, Mutter Bodenhagen!

Das alte Weiblein beugte sich weiter vor aus dem grnumsponnenen
Fenster, und ber das verrunzelte Gesicht glitt doch ein vergngliches
Lcheln. In den Liebesstreit der jungen Leute mischte die Greisin sich
aber doch nicht ein; sie nickte nur mit dem Kopfe und murmelte:

Sind das schon fnfundvierzig Jahre her, seit mir mein Christian da
durch dieselbigen Wege nachjagte?

In der Rosenlaube, dicht am Zaun und Bach, fing der junge Meister in der
Mhle seine Mllerin --

   Geh aus, mein Herz, und suche Freud
   In dieser lieben Sommerzeit
   An deines Gottes Gaben!
   Schau an der schnen Grten Zier
   Und siehe, wie sie mir und dir
   Sich ausgeschmcket haben!
sie wuten in der Laube nichts von der blutigen Schlacht
bei Liegnitz, die der Knig Friedrich und der Feldmarschall
Laudon an diesem Morgen einander geliefert
hatten, und sie wuten auch nichts von den zwei
Augen drben am andern Ufer der Innerste im
Weidendickicht! --

Es waren oben im Harze in den letzten Tagen starke Gewitter
niedergegangen, und infolge davon war der kleine Flu nach seiner
Gewohnheit wieder einmal eine gute Strecke in den Busch und das Rhricht
bergetreten. Und inmitten des Busches, mit dem linken Arm sich um einen
knorrigen Weidenstumpen klammernd, der vorgesetzte rechte Fu vom Wasser
bersplt, stand ein junges Weib, vorgebeugt durch das Gezweig nach der
Mhle lugend. Nicht hlich, aber seltsam verwildert war die Erscheinung
anzusehen. Rotes, brennend rotes Haar, hastig geflochten, war um eine
fast mnnlich breite Stirn gewunden, und eine der Flechten hatte sich
gar gelst und hing ber die vorgeneigte Wange. Schlank, fast hager und
gebrunt von Sonne, Wind und Wetter, in einem grauen Rock und grnem
Jckchen stand das Weib oder Mdchen da, und wunderlich, wunderlich lie
den Fu im Wasser! Wie sie so dastand, htte sie daraus hervorgestiegen
sein knnen; es pate alles zueinander in Gestalt und in Farbe: die
Weiden und das Kleid der Lauscherin, das rote Haar und das gelbrote,
trbe Wasser der Innerste, und vor allen Dingen zu allem die hellen,
groen, grnblauen, khlen Augen. Wer die Nixe der Innerste htte malen
wollen, der htte diese Kreatur in sein Bild setzen mssen!

Und sie regte sich nicht, diese Erscheinung! Der Wind rhrte leise an
die Weidenzweige ber ihr, an die hohen Schilfdolden und die Bltter des
Erlengebsches um sie; aber nur ein einzig Mal auf einen krzesten
Moment wehte er ihr die gelste Flechte ganz ber das Gesicht.

Zu ihren Fen -- um ihren Fu! -- regte sich und glitt leise die Flut
der Mhle zu, und die Blasen -- die Luftblasen vom Atem der
Wassergeister stiegen auch wieder empor zur Oberflche und zerplatzten
im Lichte. Manche sagen, die Wassergeister sitzen drunten in der Tiefe
gleich riesengroen Frschen mit glhenden Augen und atmen still und
warten auf Seelen; wir wissen das nicht und knnen nicht darber
nachsagen, und es ist nicht die Zeit, die rothaarige Lauscherin im
Gerhricht danach zu fragen; aber die Frsche haben nicht solche Augen
wie diejenigen, mit welchen sie in den Mhlgraben sah und nun in die
Laube am Zaun des Gartens hinbersieht.

Du Schelm! flsterte der Meister Albrecht, und jetzt rhrte sich das
Weib im Ufergebsch doch. Die Zweige, die Dolden und die Bltter um sie
her erzitterten, der Fu versank tiefer im Wasser und weichen
Schlammboden, und -- das war alles um den letzten mutwilligen Schrei,
mit dem sich die Mllerin unter den Rosen gegen den Ku des Mllers
wehrte.

Die weien Tauben, die sich auf dem Hausdache gesonnt hatten, erhoben
sich flatternd, und ihr Federspiel blitzte, als sie sich in der
Morgensonne und in der blauen Luft um den Schornstein schwangen.

Du wilder Albrecht -- wenn -- du nun begraben lgest mit den tausend
und tausend anderen -- in einer Grube auf dem fremden Felde, wie der
arme Barthold Drries?! flsterte die junge Frau, und in demselbigen
Augenblick lachte es laut im Weidengebsch, und mit dem Lachen drang
zugleich ein anderer Ton in die Laube herber. Ein Rufen war es nicht;
auch ein Schreien nicht; es war ein Lachen und Kreischen zu gleicher
Zeit, und niemand konnte sagen, ob der Ton aus der Luft, aus dem Busch
oder aus dem Wasser komme! -- -- --

Die junge Frau wurde totenbleich in den Armen ihres Mannes. Dieser fuhr
zusammen und lie sein Weib los, und beide standen und horchten, und
wieder erwarteten sie mit stockendem Atem und gefrierendem Blut, da
sich _das_ zum zweiten Mal vernehmen lasse. Vergeblich schien die Sonne
morgendlich-schn und sommerlich-warm in den eiskalten Schrecken hinein.
Von Hause her schlug der Spitzhund an und bellte heftig und zornig gegen
die Innerste hin; aber ringsum blieb es still, und wiederum lie sich
die Stimme nicht zum zweiten Mal hren.

Die Innerste schrie nicht wieder; diesmal aber hatte sie wirklich und
wahrhaftig geschrien; -- es war keine Sinnestuschung gewesen!

Um Gottes und Jesu willen, was war das? rief die junge Frau. Hast du
es denn auch gehrt? Ist es das, was dein Vater damals am Abend hrte?
Albrecht, Albrecht, -- Mann, Mann, es ist doch wahr! Das Wasser hat
gerufen wie ein bser Mensch in Angst und Zorn, und ich sterbe, wenn ich
die Stimme noch einmal hre!

Der jetzige Herr der Mhle war gleichfalls bleich geworden; er prete
die Zhne zusammen und lachte heiser:

Sei still! es ist doch eine Dummheit! Sitze einen einzigen Augenblick
still; -- diesmal fange ich den Halunken, der uns da in die gute Stunde
hineingemeckert hat! Er wird uns nicht wieder hohnnecken; -- ich werde
ihm doch noch einmal den tollen Bodenhagen zeigen.

Nein, nein! Du gehst nicht von mir, Mann!

Er war aber schon gegangen. Er hatte dem Hunde gepfiffen und sprang aus
dem Garten der Mhle zu. Sein Lieschen sah ihn ber den Mhlensteg
laufen und in dem Busche jenseits der Innerste verschwinden. ngstlich
rief sie ihn noch einmal; aber sie hrte ihn drben nur: Such, such,
Laudon! rufen und den Spitz bellen. Mit zitternden Knien sa sie auf
der Bank in der Laube und versuchte es, ein Vaterunser zu beten, kam
aber vor Angst und Beben nicht weit damit. Sie sa halb bewutlos in der
Sonne; alles -- Bume und Bsche und Blumen, die Wiesen und das Haus,
wirrte sich ineinander; -- sie wollte nach der alten Frau im Hause rufen
und vermochte es nicht. Eine Ewigkeit verging dem armen Weibchen, bis
der Mann zurck von seiner Suche kam, und es waren doch kaum zehn
Minuten, die er ausblieb!

Als sie ihn langsamen Schrittes ber den Mhlensteg zurckschreiten sah
mit dem Hunde hinter ihm, atmete sie tief auf; sie sah noch immer durch
einen blendenden, flimmernden Nebel, aber die Gegenstnde ringsum nahmen
doch wieder ihre gewohnten Pltze ein und hielten sich ruhig. Ihr Mller
aber versuchte lustig auszusehen, als er durch den engen Gartenweg kam
und sich mit dem Kopfe auf der Schulter und untergeschlagenen Armen vor
sie hinstellte.

Kein Jgersmann, dem man Glck zur Jagd gewnscht hat, kommt mit
leererer Tasche zurck, Liese! sagte er. Es ist eine Dummheit und es
bleibt eine Dummheit. Mein Trost ist nur, da es nicht meine Sache ist,
einen Menschenverstand in den Weiberschnickschnack und die
Spinnstubenhistorien hineinzubringen.

Du hast nicht gefunden -- gesehen, was da lachte! O Herr Jesus!

Meister Albrecht schttelte den Kopf.

Weit und breit nichts zu sehen als der Busch und die Wiesen, und nichts
zu hren als der Wind im Busch! Der Satan finde aber auch mal einen, der
es darauf ablegt, sich in dem Rhricht zu verstecken. Und der Laudon ist
zu gar nichts nutze, der Korporal Jochen hat recht, Sackville sollte er
heien, und wir wollen uns einen Kter mit einer feineren Nase
anschaffen zu deiner Beruhigung, Lieschen. Wahrhaftig, da luft ihr noch
eine Trne ber die Backe. Jetzt tu mir den einzigen Gefallen, guck
wieder auf. Morgen lege ich Fuangeln das ganze Weidicht durch, und ich
gebe dir mein Wort, das nchste Mal fangen wir das Geschrei. Nach
Sarstedt vors Gericht soll mir der Spuk, so wahr ich das Leben habe!

O Albrecht, rief die junge Frau Liese mit gefalteten Hnden, tue das
nicht! denk an deinen seligen Vater! Du kannst die Innerste nicht mit
Fuangeln fangen; sie will ein Lebendiges --

Und den Hunger soll sie sich diesmal vergehen lassen, bei allen
Teufeln! Mohrenelement, es sitzt ein neuer Mann auf dieser Mhle -- was
vorher war, ist abgetan, und die alten Narrheiten kmmern den neuen
Mller nicht mehr. Dazu bin ich nicht gegen den Franzos im Felde
gewesen, um mir von solch einem nichtsnutzigen Wasser ein solches bieten
zu lassen. Meine Hhner ess' ich selber! Solange mein Vater lebte, habe
ich mich freilich genug ducken mssen; aber als ein Tropf vom Wirbel bis
zur Zeh bin ich doch nicht nach Hause gekommen.

Aber dein Vater --

Der ruht endlich in Frieden, und ich bin Herr und Meister allhier an
der Innerste. Komm ins Haus, mein Herz, mein Schatz, da kocht dein Topf
ber -- da haben wir ja schon das ganze Malheur und brauchen auf kein
anderes zu warten. Wenn du mir aber noch einen Gefallen erweisen willst,
Lieschen, so schwatz gegen keinen Dritten von dem Unsinn und vor allem
nicht gegen die Alte. Die Alte wre imstande, unseren ganzen Hhnerhof
den Bach hinunterschwimmen zu lassen, und wenn das nicht reicht, mit dem
Kuh- und Schweinestall obendrein dem Dinge den Mund zu stopfen. Es ist
wahrlich so in der Welt: man braucht nur laut zu brllen, um seinen
Willen zu kriegen, und die Innerste versteht das meisterlich.

Ich wollte, ich kriegte nur dieses allereinzigste Mal meinen Willen,
sagte weinerlich die junge Frau.

Die besten Stcke von dem allerschwrzesten Huhn sollst du am Sonntag
haben, sagte der Meister Albrecht, und sie traten durch die Kche in
die Stube, wo die alte Frau in ihrem Lehnstuhl am Fenster sa.

Sie traten fest herein, doch auf den Zehen gingen sie nher an den
Lehnstuhl heran; Lieschen hatte den Finger auf den Mund gelegt und
geflstert:

O sieh, die Mutter ist eingeschlafen! Sie hat nichts von dem Schrei und
Schrecken gemerkt! Guck nur, wie sanft sie schlft!

Es war freilich ein friedliches Bild, und die Sigkeit des Schlummers
lag wahrlich auf dem leicht zurckgelehnten alten guten Gesichte der
Greisin. Das groe Gesangbuch lag noch offen in ihrem Schoe, und die
Hornbrille lag darauf, und die Mutter hatte die Hnde darber ineinander
gelegt. Die Sonne drang freundlich durch die grnen Bltter vor dem
Fenster und umspielte diese alten, harten, so lang so fleiigen Hnde;
die beiden jungen Leute traten noch einen Schritt nher an den
Sorgenstuhl --

Meinethalb mag sie zu jeder Zeit, wenn es ihr Plsier macht, den ganzen
Viehstand zur Nordsee schwimmen lassen, flsterte der junge Herr und
Meister in der Mhle.

Du bist doch ein guter Junge, Albrecht, sagte leise die junge Mllerin
zu ihrem Mann, und dann fgte sie noch leiser hinzu: Wenn ihr das Buch
von der Schrze rutscht, erschrickt sie auch und wacht auf; -- ich nehme
es ihr unter den Hnden sanft weg.

Sie beugte sich zrtlich herab, aber in demselbigen Moment fiel sie
nieder auf die Knie und fate die Hnde der Greisin mit einem lauten
Schrei:

Albrecht? Albrecht! -- Albrecht! --

Die Alte, die Mutter schlief; aber sie wachte von keinem Gerusch und
Lrm in der Welt mehr auf. Kein Lrmen -- Weinen und Lachen rundum
weckte sie mehr! Ob ihr Gesangbuch zu Boden fiel, ob die Innerste
schrie, ob Friedrich, Daun und Laudon im Schlachtendonner sich trafen --
einerlei! Die alte Frau schlief -- schlief ruhig weiter.




                           Neuntes Kapitel.


Im Jahre 1760 war der Harz bei weitem mehr als heute der _wilde_ Harz.
Er ist seitdem kultiviert worden, wie die Leine, die Ihme und die
Innerste reguliert worden sind. Was wir erzhlen, gilt, sofern es die
Natur -- Wald und Wasser betrifft, nur von der Mitte des 18.
Jahrhunderts; was die Menschen angeht, so haben die sich weniger
verndert, wenn sie gleich unendlich viel gebildeter geworden sind und
anders zugeschnittene Kleider tragen, so Mann wie Weib.

Mit dem wilden Harz haben wir es jetzo zu tun. Immer an der Innerste
aufwrts bis in das Revier der drei Bergstdte Grund, Wildemann und
Lautenthal fhrt uns die Historie von dem schreienden Wasser. Da liegt,
wie der Leser schon wei, zwischen Wildemann und Lautenthal Radebreckers
Mhle an der Innerste; vordem, als die Rder sich noch drehten, eine
Sgemhle mit gefrigen Zhnen; aber die Rder stehen seit Jahren
still, und der vom Fels hinter der Mhle sich abstrzende Bach findet
allhier keine Arbeit mehr. Der Buschmller hat dieses Geschft lngst
aufgegeben und sich ein ander Brot gesucht.

Das alte ruinenhafte Anwesen liegt in eine schluchtartige Windung des
Tales gedrckt, umgeben vom dunklen Tannenhochwald. Wer die Innerste in
ihrer ganzen Wildheit sehen wollte, der mute sie hier in der Wildnis
aufsuchen. Grauschwarz und giftig kommt das Wasser von den Httenwerken
von Wildemann; da es ber mehr als drei Steine luft, hilft ihm nichts,
es wird nicht reiner dadurch, und wtend springt es vom Stein hinter dem
Hause des Meisters Radebrecker und hohnlachend vorbei an dem gestellten,
trmmerhaften Rade.

Horch, eine Stimme, ein Lied aus dem Innern der Mhle, und Stimme und
Lied passen ganz und gar zu dieser Menschenwohnung und zu dem Tag und
Wetter. Es ist ein dunkler, windiger Oktobertag, der Sturm rauscht und
zischt durch den Tannenforst und beugt die schlanken Stmme; aber das
alte Harzschtzenlied aus den Kriegen des vorigen Skulums bertnt er
doch nicht. Es ist ein Lied, gut zu singen in der Felshhle am Feuer in
der Winternacht, im wilden Walde -- vor der Bluttat und nach derselbigen
-- ein Lied von Blut und Feuer, vom schnellen, tckischen berfall aus
dem Busch, ein Lied von Galgen und Rad -- seltsam zu hren aus einem
Weibermunde! Und die Innerste singt mit, und die Weise dringt weit
hinein in den Forst, und tief im Walde nimmt eine Mnnerstimme den
Endreim auf und sendet aus kraftvoller Brust das Gestz zurck.

's ist der Kriegskamerad des neuen Mllers da unten an der Innerste,
oberhalb Sarstedt, der einarmige Korporal Jochen Brand, der da durch den
Wald kommt. Er trgt noch immer den militrischen Dreimaster schrg aufs
Ohr gedrckt, er trgt noch den blauen Rock, den er bei Minden trug;
aber Hut und Rock sind um ein Betrchtliches schbiger geworden; -- sie
scheinen in der Bergstadt Grund sich nicht viel aus dem tapferen
Stadtkinde gemacht zu haben, und mit der Menage mu es auch nicht weit
hergewesen sein. Wohlgefttert sieht der Korporal nicht aus, und die
schmutzig-roten Aufschlge an Kragen und rmel sind die munterste Farbe
an ihm.

Aber immer noch schwingt er den Wanderknittel in der heilen Linken zu
den alten Fechterkunststcken; es scheint ihn wenig zu kmmern, da die
Jacke nur noch einen der Messingknpfe mit dem ^F. R. -- Fridericus Rex^
-- aufzuweisen hat -- der Knopf gengt immer noch, den leeren rechten
rmel auf der braven, breiten, wetterfesten Brust festzuhalten.

Er kam den Berghang herunter aus der Dmmerung des Waldes hervor und
stie einen lauten Hollaruf aus, als er das Dach der Mhle unter sich
sah. Drei mchtige Hunde mit Stachelhalsbndern heulten die Antwort und
strzten sich durch den Bach dem Nahenden entgegen; als sie ihn aber
erkannten, begrten sie ihn freundschaftlich, und das nmliche tat der
Herr des Hauses, der jetzt in seine Tr getreten war und unzweifelhaft
einer etwas genaueren Beschreibung wrdig ist.

Es war ein kleines, alraunenhaft aussehendes Kerlchen, das Meisterchen
Radebrecker. Man war durchaus nicht sicher, ob der alte Bursch nicht
einst als die schlimme Wurzel unter dem Galgen ausgerissen worden war
und den entsetzlichen Schrei der Sage ausgestoen hatte. Aber wenn's
sich so verhielt, so war der Alraun doch allgemach gewachsen und hatte
es zu einer Hhe von fast fnf Fu gebracht. Fr ein bescheiden Gemte
war ein ganz menschenhnliches Individuum aus der Mandragora geworden.
Ob die rauhhaarige Pudelmtze mit dem grauen, zotteligen Kpfchen des
Alten geboren worden war, konnte niemand wissen, aber niemand erinnerte
sich auch, ihn je bei Sommer und Winter, bei Tag und Nacht ohne dieselbe
erblickt zu haben. Seitwrts geneigt trug er das Kpfchen auf der einen
Schulter und als Gegengewicht ein Buckelchen auf der anderen. Sein Gehr
war so scharf wie seine Augen, obgleich manche Leute seltsamerweise
meinten, das eine sei so schwach wie die anderen; wenn sie dann des
Gegenteils zu ihrem Schaden gewahr wurden, wunderten sie sich gar noch.

Als der Einarm unter den letzten Bumen hervortrat und ber die Steine
im Bette der Innerste wegstieg, nahm der kleine Greis die kleine
Tonpfeife aus dem zahnlosen Munde und kicherte:

He, he, auch der wieder! Sieh, sieh, guck, guck, auch Er kann es noch
immer nicht lassen; -- da ist Er ja wieder! -- Es ist ein Prachtmdchen!
Sie tut es ihnen allen an, und wie sie sich auch wehren mgen, sie
knnen nicht davon lassen. Der liebe Gott hat mich in Wahrheit mit einem
guten Kinde gesegnet, und es ist immer noch, wie's in dem Buche steht:
>Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt.<

Das war nun mit einem solchen blasphemistischen Grinsen gesagt, da
jegliche Bibel auf sechs Meilen in die Runde von Rechts wegen einen
Schreckenssprung htte tun mssen auf ihrem Platz oder Gestell, und wie
das folgende Gesprch ausweist, kannte der Korporal Jochen seinen Mann
auch nach der Richtung.

Guten Tag, Vater Radebrecker, sagte der Einarm, militrisch grend.

Guten Tag, mein Shnchen, entgegnete der alte Meister. Der Herr segne
deinen Eingang und -- Ausgang.

Hm, meinte der Soldat, kann Er's denn gar nicht lassen, Er alter
Snder? Wei Er aber, ich habe mir sagen lassen von einem groen Ofen,
der immer noch geheizt wird, und anjetzo, wie einige meinen, mehr denn
je. Will Er denn absolut Pastor in der Hlle werden und von einer
glhenden Kanzel den armen verlorenen Seelen Geduld predigen,
Radebrecker?

Hm, -- jedermann nach seinen Gaben, Freund Jochen. Er in seinem wilden
gottlosen Kriegsleben kann nichts davon wissen, wie sanft es dem
Menschen zumute wird hier in der Eremiterei, im stillen Forste.

Man sollt's doch nicht fr mglich halten! brummte der Invalide mit
einem Blicke zum wolkenvollen Herbsthimmel. Dann sah er den Alten mit
einem gewissen scheuen Unbehagen von der Seite an und brachte das
Gesprch auf etwas anderes.

Er sagte mit einigem Zgern:

Da Er's doch schon wei und darber sein Plsier hat, so mach' ich's
kurz: der Innerste wegen bin ich mal wieder da, und wr's auch nur, um
mich von ihr maltrtieren zu lassen, schlimmer als ein armer Snder vom
Profossen. Wie geht's der Jungfer Tochter, Vater Radebrecker?

Hrt Er sie nicht, mein Sohn? Sie hat eine recht feine, liebliche
Stimme. Es ist meine einzigste Lust in meinen alten Tagen, sie so in den
Wald hineinsingen zu hren.

Der Einarm murmelte etwas zwischen den Zhnen; der greise Alraun aber
legte die Hand hinters Ohr.

Was beliebt Ihm zu meinen, mein Herzensshnchen? Es wird immer
schlimmer mit meinem Gehr von Tag zu Tage?

Ich sage auch, da die Innerste -- die Doris eine feine Stimme hat und
sie weit hinausschickt! schrie der Korporal Jochen Brand. Ich bin
nicht der erste, der sie auf sechs Meilen ins Land vernommen hat, und
den sie hergesungen hat nach dieser verdammten, gottverfluchten
Ruberhhle. Und an Boten fr ihre Wege fehlt's ihr auch nicht; wenn nur
der Botenlohn danach wre!

Ei, ei, mein Shnchen, was sagt Er da! Besinne Er sich doch, Korporal,
da Er zu dem Buschmller spricht, der ein Dach und einen Platz am
Tische hat fr jedermann, von dem man zu Hause -- nichts wissen will,
und wenn er noch so glorreiche Bataillen gewonnen hat. Ein guter Ruf ist
das kstlichste Ding auf Erden und ein gut Gewissen --

Das zweitbeste Ding, Vater Radebrecker. Sapperlot, ich wei alles und
verlange auch von Ihm keine Brhe an den Braten. Also die Innerste sitzt
in der Stube?

Wie's Tubchen im Neste; -- und Er ist willkommen, Jochen, wenn man Ihn
gleich in Grund ber die Schulter ansieht. Geh' Er nur hinein; ich habe
noch hier drauen zu schaffen und komme nach.

Der Zwergenknig vom Hbichenstein ist nichts gegen Ihn, Meister
Radebrecker! seufzte der gute Kriegsmann des Herzogs Ferdinand und
stiefelte mit gehobenen Knien wie ein Storch ber die Hausschwelle. Der
Alte schlich sich wie ein Fuchs um die Ecke seines Hauses und kicherte
vergnglich in sich hinein.

Auf der Schwelle der Stubentr nahm der Korporal den Hut ab:

^Bon jour, mademoiselle!^

He? fragte Jungfer Doris, auf ihrem Stuhl am Fenster sich umwendend.

Guten Tag, allerschnste Mademoisell, mein' ich. Wir haben manchen
Franzmann drauen unter uns, und von denen lernt man die Hflichkeit und
was den Damens sonst gefllt.

Mir gefallen Seine franzsischen Brocken gar nicht, sagte die Jungfer
Radebrecker. Wenn Er Seine Hndinnen da drauen vor den Bergen damit
vom Ofen locken kann, so hab' ich nichts dagegen einzuwenden, Kamerad.
Bringt Er mir sonst was mit, so komm' Er herein, Jochen, sonst aber
bleibe Er drauen.

Der einarmige Soldat trat wenigstens einen Schritt weiter in die Stube
vor. Die Innerste rauschte dicht an dem Fenster vorbei, und Wald und
Fels sahen herein. Die rothaarige Jungfer sa faul an die Lehne ihres
Holzschemels sich legend und a mit einem blutigen Messer in der Hand
ein Stck Brot. Das Messer hatte sie aus der Kche mitgebracht, und wenn
die kurfrstlich hannverschen Frster nachgesucht htten, so wrden sie
auch wohl das ausgeweidete Schmaltier gefunden haben, dessen rote
Lebenstropfen an der Klinge hingen.

Sakerment, murmelte der Invalide, am besten pate sie doch zwischen
Mitternacht und ein Uhr auf ein Schlachtfeld, mit einem Sack auf der
Schulter und einer Blendlaterne in der Hand. Sie wrde frisch aufrumen
im Notfalle unter den Blessierten. Wenn ich nur wte, was sie uns
eingibt, da wir ihr immer von neuem so gutwillig ihre Scke tragen?

Lachend zeigte die Jungfer dem Kameraden ihre weien Zhne und wies mit
einem Messer auf einen Schemel ihr gegenber am Fenster.

Nun, Korporal Brand, will Er sich nicht Seine Bequemlichkeit nehmen?
Aber -- ganz wie es Ihm beliebt.

Schwerfllig setzte sich der Invalide auf den ihm angedeuteten Platz,
warf seinen Hut auf den Tisch und sagte mrrisch grollend:

Deinen Vater kenne ich, Doris; aber deine Mutter htte ich auch wohl
kennen mgen.

Weshalb?

Weil ich dann das Teufelskleeblatt voll zusammen htte; den alten Satan
und die alte und die junge Hexe. So ist's, Jungfer Radebrecker, nehme
Sie es mir nicht vor ungut.

Das Mdchen lachte wiederum, -- ganz und gar nicht beleidigt:

Warte Er nur, Freund, bis ich meines Weges gegangen bin und Ihn der
Meister Hmmerling auf dem Galgenberg von der Leiter gestoen hat. Es
wird schon eine Zeit sein, wo die ganze wilde Jagd hbsch warm beisammen
ist. Wer die richtige Geduld hat, wird manche kuriose Dinge in der Welt
zuletzt in ein Bndel knoten. Was bringt Er mir mit nach der Buschmhle,
Jochen?

Da beugte sich der Einarm nher zu dem Mdchen und sah ihr ernst, fast
grimmig ins Gesicht und antwortete:

Dein Narr bin ich und bleibe ich; aber den Gang geh' ich doch nicht
wieder fr dich; und wenn du wirklich ein Weiberherz in der Brust
trgest, so lieest auch du das Vergangene auf sich beruhen, zumal solch
einem armen Tropf gegenber, der, wenn er dich gekrnket hat, dazu
gekommen ist, wie zu allem andern in seinem Leben, ohne wie ein rechter
Mann davon zu wissen. Doris, wre er ein richtiger Kerl, so mchtest du
deinen Groll ben, so wild du wolltest, und sein jung Weib mte seine
Schuld mit auf sich nehmen. Aber er ist ein Tropf, ein Schwachherz, und
wenn du da die Unhuldin spielen willst, ist's nicht aus eigenem
Herzensjammer, sondern aus Bosheit und Lust am Schaden. Ich bin wieder
in der Sarstedter Mhle eingekehrt, und ich sage dir, du sollst die
Leute in Frieden ihr Leben leben lassen. Hier hast du dein Leben, wie du
es verlangst, und kannst kein anderes gebrauchen! Da unten sitzen sie
wie die Kinder im Winkel, und du hast nichts hinter ihrem Ofen zu
suchen. Was du zu sehen ntig hattest, hast du im Sommer selber gesehen;
-- sie haben Vater und Mutter begraben und haben in Sarstedt mit dem
Meister Tischler einer Wiege halber gesprochen. Sie haben mich zu oberst
an den Tisch gesetzt, und du -- sitzest hier oben wie eine wilde Knigin
-- keine zahme hat's mehr nach ihrem Wunsche.

So?! sagte oder fragte die Jungfer Radebrecker, und der Korporal
Brand, mit der gesunden Hand auf den Tisch schlagend, rief:

Ja! so! -- Doris, Doris, ist es denn nicht so? Ich bin nicht dabei
gewesen, als der arme Flederwisch, der wilde Bodenhagen, zuerst hier in
der Buschmhle das Handwerk gren wollte; aber aus eigener Experienz
wei ich, was er gefunden hat --

So?!

Ja, und weil ich das wei, und obendrein auch noch, da ihn der
Colignon nur zu seinem Besten abgeholt hat, sage ich zum dritten und
letzten Mal, Jungfer Radebrecker, habe Sie ein Einsehen und Erbarmen und
fhre Sie nicht Krieg, wo es nicht vonnten ist. Ich komme auch aus dem
Kriege und wei, was es damit ist. Der Albrecht ist doch nichts weiter
als ein gro Kind, und wollte Sie sich eine Haselrute da aus dem Busch
an der Innerste holen und ihn ber die Bank ziehen, so wollte ich mich
Ihr wahrhaftig nicht in den Weg stellen; ich habe ihn ja selber mehr als
einmal unter dem Prinzen Ferdinand ber ein Bund Stroh gelegt. Weil aber
sein Herr Vater und andere Leute dieses schon nach besten Krften
besorgt haben, so lasse Sie nun seinem Leben den Lauf und schreie Sie
ihm nicht hinein, denn Sie treibt nicht ihn allein ins Elend, und das
kommt Ihr nicht zu, denn das ist nur ein Recht, wie es das Wasser, der
Bach, die Innerste sich nimmt, wenn's hier in den Bergen sich allerlei
hat gefallen lassen mssen und nun hervorbricht und den armen Bauern im
Hildesheimschen die cker und die Wiesen ruiniert. Ich bin auch Korporal
in einem Freibataillon gewesen und habe manches mitgemacht, was gen
Himmel gestunken hat; bei Minden auf dem Feld liegt mein rechter Arm,
und -- _so_ spreche ich heute in der Buschmhle. Ich wei wohl, da wir
nicht in einer Welt leben, wo alles glatt ab- und hingeht wie auf einer
Potsdamer Parade vor Seiner Majestt. Aber der Knig Fritz kmmert sich
heute auch wenig um Puder und Zopf; er marschiert in Schlesien durch
Blut und Brand, und in seiner Residenzstadt Berlin sind anjetzo die
Russen und die sterreicher, der Tottleben und der Lascy; -- wer sich da
als ein ehrlicher braver Kerl und als ein lieb, gut Weib zurechtfindet
in der Welt, der hat Ehre davon. Ich berlegte es mir doch noch einmal
in meinem Leben, Jungfer Radebrecker.

Die Tochter des Buschmllers war bei dieser Rede des Korporals Jochen
Brand aufgesprungen und wild in der rauchschwarzen, wsten Stube hin-
und hergegangen. Ihr Messer hielt sie wie einen Dolch, und nun trat sie
dicht an den Invaliden heran, legte ihm die Faust mit dem Messer auf die
Schulter und nahm ihn mit der anderen Hand an dem gesunden Arm.

Er ist ein guter Kamerad, Jochen, sagte sie, und Er hat ein gutes
Wort gesprochen; aber was wei Er denn von mir und vom Albrecht
Bodenhagen? Meinen Vater kennst du, und meine Mutter httest du kennen
mgen, um das Teufelskleeblatt beisammen zu haben. Du hast's eben noch
selber gesagt. Hier in der Buschmhle bin ich geboren und auferzogen
worden, und jetzt bin ich, wie ich bin, und wenn ich wie das wilde
Wasser, die Innerste da vorm Fenster, bin, so kann ich's nicht ndern
--

Dann la deine Tollheit an uns aus, Doris, brummte der Korporal, du
weit, da wir zu Dutzenden ber jeden Stock springen, den du uns
vorhltst. Zum Exempel, mit mir kannst du machen, was du willst, aber
das Kindervolk da unten im Lande sollst du mir jetzt in seinem Spiel
ungeschoren lassen!

Da stie die Doris Radebrecker einen Schrei aus, der auch ein Geschluchz
war.

Was habe ich denn mit euch? Was habe ich mit dir, Jochen Brand? Mit dem
armen Tropf, dem Weichmaul, dem blden Schfer, der den tollen
Bodenhagen spielte, hab' ich's. Was weit du von mir und ihm? -- Er hat
mehr gekriegt als ihr anderen alle, und es war eine Zeit, da htte er
mich wohl zu einem lieben, guten Weibe machen knnen! und jetzo soll er
die Rechnung zahlen, der Mller von Sarstedt, und ihr -- ihr sollt mich
nicht umsonst die Innerste nennen!

Der Korporal Brand sah die Jungfer Radebrecker mit einem grenzenlosen
Erstaunen -- mit offenem Munde an; aber drauen bellten von neuem die
Hunde, und allerlei Stimmen lieen sich vernehmen. Es kamen allerlei
Gste des Buschmllers.




                           Zehntes Kapitel.


Im Oktober gehen die Tage bald zu Ende, und aus dem Wind wird schnell
Sturm. Dann mu man in den wilden Bergen wohnen und im Zwielicht vor die
Tr treten und den Wind, den Wald und das Wasser reden hren. Dann ist
es auch gut, Bescheid zu wissen in den alten Sagen seines Volkes, den
Liedern, die die Gromutter sang, und der Weisheit des Urgrovaters. Und
wenn noch gar der Krieg von ferne donnert, dann lt es sich gut
zurcktreten von der Schwelle, die Tr verriegeln und am Herde am warmen
Ofen niedersitzen. ngstlich, aber auch heimelig und lieblich ist's
dann, beim Lampenschein liebe Gesichter -- junge und alte -- um sich zu
sehen und bekannte junge und alte Stimmen zu hren; -- mit sonderbar
heimlichen und unheimlichen Fingern zupfen Vergangenheit und Zukunft
dann an der Behaglichkeit der Gegenwart. Die Augen soll man ja nicht
schlieen, wenn das frhliche Gesprch zu einem Flstern herabsinkt; es
ist, als spreche die Zukunft, in dem Sturme drauen; -- den
Verstndigsten, den Nchternsten kann eine Angst berkommen, da er die
guten Gesichter nicht mehr im Kreise um sich her finden werde, wenn er
wieder die Lider aufschlgt und umhersieht.

Es gibt aber vielerlei Gesichter und Stimmen in der Welt. Das merkt man
recht, wenn man bedenkt, was alles sich um so einen winterlichen oder
herbstlichen Herd niedersetzen und ber seine Lust und sein Leid, seine
Plne, Sorgen, Taten und Gedanken verhandeln kann. In der Buschmhle nun
lachten und jauchzten keine frhlichen Kinder, erzhlte nicht der brave
Vetter Michel, wie es ihm den Tag ber ergangen war, kam nicht die Base
und die Nachbarin mit dem Spinnrad und saen nicht Grovater und
Gromutter von ihren Enkeln umgeben. Der Ofen glhte, als es Abend
geworden war, der Tisch war zurechtgerckt und die Gste vorhanden. Die
Innerste sa an der einen Seite des Ofens, der Einarm an der anderen,
der Meister Radebrecker aber oben am Tisch. Das alles in den richtigen
Farben zu schildern, htte einem kuriosen Maler zu schaffen gegeben; und
fr ein Ohr, das nicht zu fein gebaut war, mocht's auch ein seltsames
Gaudium sein, das zu belauschen, was da hinber und herber geredet,
geschrien und geflucht wurde. Aus der Bibel wurde nicht vorgelesen. Es
gab zwar eine Bibel in der alten Sgemhle, aber sie war in einer
Bodenkammer als Ersatz fr einen fehlenden Fu einem wackelnden Schrank
untergeschoben. Eine Zeitung kam im Jahre 1760 nicht in die Bergstdte
Grund, Lautenthal und Wildemann, und also in die Buschmhle gar nicht.

Die groen Welthndel wurden damals von Mund zu Munde umgetragen, und
vielleicht stand sich die Welt dabei nicht schlechter als heute. Die
Wahrheit kam jedenfalls eben so selten zu kurz wie heutzutage.

Der Invalide von Minden war nicht der einzige gewesen in diesem Kreise,
der den Krieg gesehen, und die Jungfer Radebrecker nicht die einzige,
welche ihr Brot mit einem blutigen Messer geschnitten hatte. Wanne, die
Innerste, hatte kein zu feines Ohr, sie konnte alles anhren und ber
alles mitlachen, und ihre eigenen Worte legte sie gleichfalls nicht auf
die Goldwage! Ihre helle, klare Stimme berklang oft das wsteste Gelrm
dieser nchtlichen Mhlgste, und als sich einmal zwei derselben ber
den Tisch in die Haare gerieten, fiel sie dazwischen und zwar auch mit
einem Fluch, der die ganze Gesellschaft zum Lachen brachte und den
Meister Radebrecker zu einem abermaligen zrtlichen Lob seiner Tochter.

Sie kamen aber nicht allein wegen der Kche und des Kellers des
Buschmllers zu dieser Stunde zusammen. Sie hatten nicht blo zu
bramarbasieren und sich ihrer selbst zu rhmen. Es wurde auch verstndig
geredet, und von Zeit zu Zeit nahm der Alte einen beiseite und flsterte
mit ihm, oder fhrte ihn wohl gar vor die Stubentr, um dorten weiter
mit ihm zu flstern.

Sie hatten ihre Geschfte; aber das beste wird's sein, da _wir_ unsere
Hand davon lassen. Es ist ber hundert Jahre her, seit sie da im Harz an
der Innerste, im wilden Walde so vergnglich beisammensaen. Verjhrt!
verjhrt! Es ist ber das alles Gras gewachsen, und ebenso arge Dinge
sind nachher ausgefhrt, und ist damit renommiert worden, und die alte,
uralte Entschuldigung, da der schwache Mensch eben zusehen msse, wie
er sich durch die bse Welt bringe, gilt auch heute noch.

Einmal ging ein Kelch um den Tisch, der freilich verdchtig aussah, als
ob er wohl aus einem Sakristeispinde herstammen knne, und dann war ein
Stndlein spter von dem Frster vom Iberge die Rede, der im Frhjahr
tot, mit einer Kugel hinter dem Ohr im Kopfe, im Dickicht am
Hbichenstein gefunden worden war. Voll und leer ging der Kelch um den
Tisch, und ber den toten Jgersmann lachte man, und einer meinte, mit
dem Zwerg Hbich lasse sich schlimm spaen. Es war auch eine Geldsumme
zwischen zwei der Gesellen zu teilen, da gab's neuen Hader, den der
Meister Radebrecker schlichtete, indem er die zwei Wildemannsgulden und
acht Mariengroschen, um die es sich handelte, fr sich nahm als
Unparteiischen. Dann kam das Schmaltier gebraten herein und neues
Getrnke, und es wurde auf das Wohl des Bergmeisters Wiesehahn zu
Lautenthal angestoen, und wiederum hatte einer ein Wort zuzugeben und
meinte, der mge sich nur auch in acht nehmen, denn der Zwerg Hbich sei
mchtig unter der Erde wie ber der Erde.

Hiermit ist denn die Unterhaltung auf das Feld der Sage bergegangen,
und da htte wohl manch ein gelehrter Herr des neunzehnten Jahrhunderts
gern den Horcher an der Wand gespielt und die Strolche, Halunken und
Vagabunden des Jahres 1760 reden hren.

Ellenbogen an Ellenbogen mit dem kleinen Alraun, dem Meister
Radebrecker, sa noch ein kleiner Kerl, der auch einen Buckel trug, aber
auf der anderen Schulter als der Buschmller. Zwei Stunden von der
Harzburg bei Wlperode im Steinfelde ist der Klpperkrug gelegen, und
dem Wirt daselbst war am letzten Sonntag der Knecht abhanden gekommen,
aber seine zwei Khe und seinen mageren Gaul hatte er krepiert im Stalle
gefunden. Da hatte es ein lautes Heulen gegeben um das Vieh und ein
hitziges Suchen nach dem Knecht, aber der war nicht gefunden worden,
denn bis in die Buschmhle war man von Amts wegen nicht gekommen.

Und vor dem Fenster der Buschmhle brauste der Wald und sauste der
Sturmwind; es chzten und knirschten und krachten die hohen Tannenbume,
und der Knecht vom Klpperkrug sagte:

Das ist das Wetter, wo Er waltet. Ich sollte meinen, alle Augenblick
mte er ansprechen und sich vermelden!

Wer? fragte Doris schrill ber die ganze Lnge des Tisches.

Der Ritter, Jungfer! der Hackelberg, Jungfer Radebrecker. Bei solcher
Witterung jagt er am liebsten.

Im Garten des Klpperkruges liegt ja der wilde Jger, der Ritter von
Hackelberg, begraben, und seine Sturmhaube wird bis auf den heutigen Tag
daselbst aufbewahrt und gern vom Wirt vorgewiesen; aber die Kumpanei in
der Buschmhle lachte doch, und der Korporal Jochen Brand sprach:

Kamerad, den wilden Jger habe ich wohl auch ziehen sehen, aber nicht
in den Lften. Es strmte auch jedesmal, wo die Jagd zog in Sachsen,
Bhmen und Schlesien; sie zieht auch heute wohl, und der alte Zieten
reitet vor dem Zuge. Wer aber den General Seidlitz jagen sah mit seinen
Krassieren, dem wird's bel, wenn er vom Hackelberg, der Tutursel und
all dem anderen Gespensterplunder hrt. Kotz Blitz, der Knig Fritze
lt reiten, und von den hungarischen Husaren der Frau Kaiserin will ich
auch nichts Despektierliches sagen; aber Seinen Ritter Hackelberg mu
ich selber ziehen sehen, ehe ich glaube, da der besser zu Pferde sitzt
als ein Franzos.

Der Soldat hatte gesprochen, der buckelige Knecht vom Klpperkruge aber
hat etwas von einer Groschnauze gemurmelt, und da er wisse, was er
wisse. Die anderen haben einen Moment stockstill gesessen, denn jetzt
hat sich der Sturm im Walde rger denn je hren lassen, und es ist ein
Heulen und sonstiger Lrm geworden, da jeder sich geduckt hat, als
komme ihm schon das Dach ber den Kopf herunter, oder die schwarze
Pferdelende durch den Schornstein, um jedweden Sptter vom Stuhl und
Tisch zu schlagen. Nach dem angsthaften Hinhorchen aber nahm ein
eisgrauer alter Snder die Pfeife aus dem Munde und sprach, zu dem
Einarm gewendet:

Wenn Er das Seinige im Felde mit dem Zieten erlebt hat, Korporal, so
sei Er dankbar dafr; aber wenn Er in dieser Nacht noch etwas dazu
erleben sollte, so sitze Er nur ja still und halte den Mund und sich
dazu mit beiden Hnden an dem Stuhl. Man hat Exempel, da noch ganz
andere Kerle als Er, Korporal Brand, dem Herrn von Hackelberg Hohn
gesprochen und nachgerufen haben, und es ist ihnen jedesmal bel
bekommen. Der Buckel da hat ganz recht; es ist eine Nacht fr den wilden
Jger, und vielleicht tut Euch der Ritter den Gefallen, Jochen, und
weist Euch, da er doch noch besser reitet als Seidlitz bei Robach. Ich
rate Ihm aber dann, ihm nicht nachzuzischen von der Tr aus, wenn Er
sein Horn ber dem Kopfe schallen hren wird.

Hoho! lachte der tapfere Kriegsmann, doch die Doris Radebrecker gab
jetzt auch wieder ihr Wort dazu.

Jawohl, hoho, Kamerad! rief sie. Ich rate Ihm auch, sich zu hten vor
dem Volk in der Luft, Wald, Feuer und Wasser. Ich sage Ihm auch ein
Exempel: hat Er etwan nicht erfahren, wie die Innerste da drben im
Lande vor dem Harz schreien kann? Weshalb sollte der Ritter Hackelberg
nicht sein Jagdhorn in der Luft blasen? Jetzo aber lasset den Mann da
aus Wlperode mit Ruhe verzhlen, was sich zuletzt mit ihm -- den wilden
Jger meine ich -- begeben hat.

Mit Plsier, sagte der Soldat lachend. Der Bucklige aber lie nicht
lange bitten und erzhlte halb flsternd:

Einer von den Herzogen von Anhalt Jgerei hat ihn zuletzt versprt. Sie
haben ein gro Treiben gehalten mit den Wernigerdeschen, und nach dem
Treiben haben sie, die Bernburger und die Grflichen, die Nacht durch am
Hartenberg in einer Kte gelegen, die vornehmen Herren in der Kte, die
Gemeinen beim Feuer im freien Forst. Der aber, den ich meine, ein Junger
vom Adel, hat ein hbsch Mdchen gewut auf einem Frsterhofe, den ich
kenne, und ich nicht allein in dieser hflichen hochlblichen Kompagnie.
Und er hat sich schon bei Abenddmmerung weggeschlichen und ist nach
Mitternacht pfeifend durch den Wald zurckgekommen, der Kte zu, allwo
die anderen lagen. Am Buchenberge hrt er's auch einmal von ferne: Hoho,
hoho, wod, wod, ho, hallo! Sie haben ihn jetzo bei einem Doktor -- er
ist nicht bei Sinnen, denn er hat sich in seinem Vergngen lustig
gemacht ber den wilden Jger in der Luft. Am anderen Morgen hat man ihn
gefunden mit zerbrochenem Arm und einer Schlagwunde auf der Stirn, und
das ist anzusehen gewesen wie von einem beschlagenen Pferdefu. Er ist
heute noch nicht wieder bei Verstand, und der Hund, den er bei sich
gehabt hat, hat sich auch den Verstand abgeheult, und sie haben ihn
erschieen mssen; denn der Hackelberg --

Der Erzhler brach ab und horchte -- ksebleich.

Wod! wod! wod! hoho, hu, kliff und klaff! lachte der Korporal noch;
aber dann horchte auch er mit allen brigen starr und atemlos in das
Gebrause und Gesause drauen vor Radebreckers Mhle. Durch das Tosen der
Windsbraut klang es: Hoho, wod! wod! und dazu das Uhu der Tutursel. Es
kam wie Hundeblaff und dann vom Sturm zerrissen der Klang eines
Waldhorns, das zum Halali blies! Die Jungfer Doris wollte noch einmal
den jachen Schrecken der Mannsleute hellkreischend weglachen; doch da
tat's einen Schlag an die Tr, und dann wurde mit einem Kolben ein
Fenster eingestoen, da die Glasscherben splitternd zwischen die
Gesellschaft fuhren. Die llampe erlosch im Windzug, doch von drauen
fiel Laternenschein in die Stube, und viele rauhe Stimmen lieen sich
nebst den Hunden um die Mhle hren.

Im Namen Seiner Majestt, Knig Georg des Zweiten! rief jetzt ber
alle anderen Stimmen eine im Kommandotone weg, und eine zweite schrie
womglich noch gebieterischer: ^De par le Roy -- sa Majest Louis
Quinze, de France et de Navarre!^ Die Haustr zersplitterte gleichfalls
unter den Bchsenkolben der Einla Begehrenden, und es kam wieder
Vernunft in die Kumpanei!

Sie fuhren mit den scheulichsten Flchen durcheinander und suchten nach
Auswegen und fanden sie allesamt versperrt und besetzt. Da kamen
allerlei Waffen -- Messer, Knittel, ja auch Feuergewehre zum Vorschein,
doch alles das und die beste Courage dazu konnte wenig mehr fruchten.
Der gute Meister Radebrecker fing mit einem Male an zu schluchzen und
laut zu weinen und setzte den Mut seiner liebsten Gste dadurch unter
Wasser. Die Strenfriede, die Hausfriedensbrecher hatten doch ber
bessere Waffen -- Jgerbchsen, Hirschfnger und Musketen mit
aufgepflanzten Bajonetten zu verfgen, und nach einem kurzen Geraufe,
halb im Dunkel und halb im Laternenschein -- einem Tumult, in welchem
auch ein weniges Blut flo, war alles in der Buschmhle geordnet nach
Wunsche Seiner kurfrstlich hannverischen Durchlaucht und
grobritannischen Majestt Georg ^Rex^ trotz der frnkischen Besatzung
des Landes.

Sie fingen sie alle, und eine Stunde spter war alles bereit zum
Abmarsch in Kolonne nach Lautenthal. Die Jungfer Doris ging allein
ungebunden im Zuge; den brigen waren smtlich die Hnde mit tchtigen
Stricken auf dem Rcken zusammengeknebelt. Dem armen einarmigen Korporal
Jochen Brand hatte man wenigstens ein Seil um das linke Handgelenk
gelegt, und er marschierte im gleichen Schritte hchst verwundert hinter
dem franzsischen Korporal und Leutnant, die das Fsilier-Detachement
kommandierten, welches sich die kurfrstlichen Forstmeister und
Amtmnner von Wildemann und Lautenthal zu ihrer nchtlichen Expedition
als Beihlfe vom Kommandanten von Goslar verschrieben hatten. Er machte
nicht einmal den Versuch auf diesem Marsche, die fremden Kameraden zu
der berzeugung zu bringen, da er besser sei als die Gesellschaft, in
der man ihn gefunden hatte. Auch die Innerste ging still durch den
strmischen Wald mit; was sonst noch von den kurfrstlichen und
kniglichen Jgern, Justizleuten und den fremdlndischen Kriegsmnnern
mitgenommen wurde, fluchte bis auf den Meister Radebrecker, der sich am
wenigsten in das Ding zu finden wute und seinen Trnen den freiesten
Lauf lie. Leider hatte man aber ihm auch die Hnde am festesten auf dem
Buckel zusammenschnrt.




                           Elftes Kapitel.


Und die Innerste wurde sehr schlimm im Laufe des nchsten Monats.
Gewaltige Regenstrme brachen mit dem rasenden Winter ber das Gebirge
herein, und alle Waldwasser schwollen auf wie seit Menschengedenken
nicht. Nun toste die Hexe zwischen den Felsen und Fichten und verbte
Unheil, so viel sie vermochte. In Wildemann und in Lautenthal hatte das
Httenvolk bei Tag und Nacht zu wehren, da sie nicht alles ruinierte;
aber in der Sgemhle zwischen den beiden Bergstdten befand sich
niemand mehr, der ihr wehren konnte. Da trieb sie ihr tolles Spiel nach
Herzenslust. Sie nahm das alte Rad in Trmmern mit; sie brach in das
Haus und bedeckte alles, so weit sie reichte, mit Kies und Puchsand. Sie
zerfra die Wnde und warf die Pfosten um; wie eine Tigerkatze spielte
sie da mit ihrer Beute.

Radebreckers Mhle stand fr immer verlassen seit jenem Abend, wo die
ewige Gerechtigkeit ihre Hand vermittelst der Hnde der nchsten
Behrden dranlegte. Nach den hannoverschen Grnrcken und den bunten
Jacken des Herzogs von Richelieu bei Nacht waren noch einmal gar wrdige
Herren in schwarzen Rcken und amtsmigen Percken bei Tage dagewesen,
hatten noch einmal eine genaue Untersuchung des Ortes angestellt und
auch mancherlei Dinge zum Kopfschtteln, Aha und Oho gefunden. Nachher
mochten Eule, Wolf und Luchs ihr Quartier da aufschlagen; das peinliche
Gericht kmmerte sich nicht weiter drob. Was von den Ruderibus noch fr
Menschenbedrfnis zu brauchen war, das wurde im nchsten Frhjahr und
Sommer so nach und nach abgeholt von Leuten der Umgegend, die altes
Eisenwerk gebrauchen und dergleichen nicht am rechten Orte kaufen
wollten.

So war es im Harz. Wir aber folgen dem Laufe der Innerste wiederum in
die Ebene hinaus.

Greulich wlzte sich den ganzen November durch die trbe Flut in das
Hildesheimische, und manchen Ortes bekam mehr als ein braver Mann
Gelegenheit, sich ein Lied von den zeitgenssischen Poeten zu verdienen,
kriegte jedoch, so viel uns bewut ist, keines. Auch die Mhle zwischen
Gro-Frste und Sarstedt hatte ihre liebe Not, sich der bsen,
schlammigen Strudel zu erwehren; und was man an Tischen und Bnken und
sonst dergleichen auffing an dem Wehr, damit htte man beinahe einen
vollkommenen Haushalt einrichten knnen.

Aber der junge Meister Bodenhagen hatte einen eingerichteten Haushalt.
Er zog das angeschwemmte Gerte nur aufs Trockene und wartete, da die
richtigen Eigentmer kamen und es wieder abholten. Einmal kam auch eine
leere Wiege die Innerste heruntergeschwommen, aber auch deren bedurften
Mller und Mllerin nicht; -- sie hatten vorsorglich eine solche bereits
auf dem Hausboden stehen und wollten sich von der Innerste am
allerwenigsten eine schenken lassen. Am fnfzehnten Dezember kam wieder
Besuch -- unerwarteter Besuch -- ein Gast, der jetzt zum dritten Male
eingekehrte und im Februar versprochen hatte, da er erst zur Taufe
wieder erscheinen wolle; -- um aber zu taufen, mute doch erst das
Kindlein vorhanden sein und die Wnde beschreien! Der Gast aber sah
gerade nicht danach aus, als ob er noch sehr zu dergleichen Festivitten
und sonstigen huslichen und ffentlichen Lustbarkeiten aufgelegt sei.

Der Korporal Jochen Brand kam mit wunden Fen, halb verhungert, in
Lumpen, da es ein Abschreck war, und um allem die Krone aufzusetzen,
aus dem Gefngnis zu Wildemann.

Wenn ich seit Torgau unter den Toten in der Grube gelegen htte, knnte
ich mir selber nicht zum greren Abscheu sein! chzte er, vor dem
erstarrten, die Hnde zusammenschlagenden jungen Paare in der Mhle auf
die Bank fallend. --

Sie kriegten einen guten Schrecken durch die Art und Weise, wie er sich
pltzlich in ihrer durch die junge Hausfrau so zierlich und reinlich
gehaltenen Stube prsentierte. Der Frau Lieschen brach der Faden und
stand das Spinnrad still, dem Meister Albrecht fiel die Pfeife aus dem
Munde, und Laudon, der Spitzhund, hatte noch nie einen Bettelmann so
auer sich und so giftig angebellt als diesen zerfetzten Wanderer.

Mit ^Bonjour^ und ^Serviteur^ kam der Korporal diesmal nicht herein, und
Gegenfragen des Befindens wegen legten ihm die Mllersleute auch frs
erste nicht vor. Nachdem sie sich von dem ersten Schrecken erholt
hatten, griffen sie um so werkttiger zu. Der Meister fate den
erfrorenen und verhungerten Kameraden unter den Armen und setzte ihn
bequemer zurecht. Die junge Frau schrte hastig das Feuer im Ofen, und
die alte Steinkruke mit dem Weckauf, dem Nebeldrcker und dem
Lerchentriller kam vor allem anderen schnell in den Gebrauch. Der
Korporal machte jedoch heute keine lustige Bemerkung darber.

Sie kamen mit dem letzten Schinken vom vorigen Jahre, der noch die
Hochzeit berlebt hatte, und sie brachten die beste Wurst vom letzten
Schweineschlachten. Dann aber kamen sie mit einem Kbel warmen Wassers
und warmen Tchern, und dann -- brachte der Mller Albrecht Bodenhagen
seinen einstigen Unteroffizier zu Bett in einer warmen Kammer.

Da lag der Korporal und schlief vom Mittag bis zum Abend, worauf er
erwachte und mit matter Stimme dem Meister berichtete, was er erlebt
hatte seit seinem letzten Besuche im Auftrage der Innerste.

So schwach und hinfllig hatte er in seinem ganzen Leben nicht von
seinen Abenteuern erzhlt, und der Meister Bodenhagen mute sich oftmals
tief zu ihm niederbeugen, um ihn verstehen zu knnen. Wenn wir ihm Wort
um Wort folgen wollten, so drften wir manches zu verzeichnen haben, was
die schwrzeste Tinte gelb machte, und manchen Satz, der von der Leserin
sicherlich nicht mit Bleistift oder Stricknadel unterstrichen werden
wrde, auf da die liebe Freundin ihn auch ohne Mhe auffinde,
vorauslese oder ihn gar ausschreibe.

Es gab in dieser Zeit wahrhaftig Spitler die Hlle und Flle auf
deutschem Boden. Der dritte schlesische Krieg wute dafr zu sorgen und
war nicht blde, zuzugreifen und Kirchen und Rathuser zu nehmen, wo die
Rumlichkeiten nicht sonst ausreichten. In Torgau und um Torgau her in
den Ortschaften, die nicht in Flammen aufgegangen waren, lag's
augenblicklich, das heit seit dem dritten November, wieder einmal recht
voll, und geflucht wurde dort sicherlich mehr als gebetet. Aber der
Korporal Jochen Brand allein in seiner kommoden Kammer in der Mhle
leistete das Seinige im ersteren vollauf, und den Rechtsherren im Harz
mochten wohl die Ohren erklingen ob der Segenssprche und ernstgemeinten
Herzenswnsche, die ihnen da zugesendet wurden.

Wir begngen uns mit einem Auszuge der Relation des Korporals; aber wir
knnen einen Eid darauf ablegen, da sich alles so verhielt, wie der
Einarm dem frheren Kameraden erzhlte, whrend die junge Frau drunten
das Hauswesen versorgte.

Ich htte es schon wissen knnen, wie's mir ergehen wrde, als mir der
Feldscherer in Minden den Laufpa schrieb, seufzte der Invalide. Aber
als ich im Februar hier die Kameradschaft grte, hing mir der Himmel
doch noch voller Geigen, und ich meinte, sie mten mir doch auf mein
Heldentum ein Weniges zugute tun. Prost Mahlzeit! Ich bin nach Hause
gekommen mit meinem leeren rmel nach Grund, und ich bin richtig
zugrunde gegangen im Sumpfe, wie es Sitte ist seit den Feldzgen der
Knige in der Bibel und des Generals Julius Csar. Aber es geschah mir
schon recht: weshalb lie ich den Feldscherer gewhren und mir den
Stumpf verbinden? weshalb setzte ich mich auf Wassersuppen und sonstige
schmale Kost? Die Vetternschaft hat mich natrlich auf die letztgewohnte
Verpflegung verwiesen, und aus dem Korporal wurde der Landstreicher im
Handumdrehen. Der Verwandtschaft zu Grund mchte ich den Hals umdrehen;
aber der Meister Radebrecker soll leben: vivat hoch! -- Musketier
Bodenhagen, es wird Ihm sonderbar sein, es zu vernehmen; aber zu ndern
ist's nicht mehr; Sein Buschmller dreht sich im Winde, wie der Wind
will, und die Raben erlustieren sich an ihm nach ihrem Gefallen: wer
sollte ihm noch ein Vivat ausbringen, wenn ich's nicht tte -- he?! --
Philister ber dir! sie hatten uns alle fest, und ich sa an seinem
Tische, an seinem Ofen, und er traktierte wie ein braver Spitzbube. Sie
kamen uns wie der Hackelberg ber den Hals und nahmen uns allesamt mit
und lieen selbst die Doris nicht zurck, um das Haus zu hten.
Paarweise ging's zwischen den Bchsen und Musketen ins Prison, und die
Innerste ging mit! Du, Albrecht, bist immerdar ein Kind gewesen und
bleibst eins; aber ich war meinerzeit ein Mann und ein Kerl, wenn ich
auch jetzo hier liege und alle Vier von mir strecke. So machte ich mir
wenig daraus und ging gutwillig mit den anderen: Gefangenkost zwischen
vier dichten Wnden war immer noch nahrhafter und wrmer als Eicheln,
Buchecker und Tannenzapfen in freier Luft; aber es wre mir doch beinahe
zu teuer zu stehen gekommen, da ich mich auf meine Unschuld zu feste
verlie. Auf grnem Felde, und wenn ich den Feind dreiigtausend Mann
stark anmarschieren sah, habe ich gelacht vor Fuvolk, Reitern und
Geschtz und mich auf mein Sponton verlassen; aber vor dem grnen Tisch
ist mir das Lachen doch bald vergangen. Wenn ich's der jungen Frau
verzhlen wrde, was da von wegen der Buschmhle zur Sprache kam, so
wrde sie ihr Lebtage nicht wieder von Rosen, Goldlack und
Vergimeinnicht trumen. Da lob' ich mir ein Kriegsgericht, damit geht's
doch wenigstens rasch: marsch zurck in Reih und Glied oder marsch vor
die neun Flintenlufe oder zwischen die Spieruten! So ging's zu
Wildemann nicht. Da muten sie alles zu Papier haben und das meiste
doppelt und dreifach, und was wir um unsere Snden und -- unsere
Unschuldigkeit da ausgestanden haben, das haben wir an niemandem
gesndigt. Die Doris ist die einzige gewesen, welche die Nase hoch
behalten hat. Als sie ihr mit der Tortur drohten, hat sie gelacht und
sich wirklich davon weggelacht; vom Zuchthause aber htte sie sich wohl
nicht freigelacht, dazu mute sie die Reserven ins Feuer rufen, und,
Musketier Bodenhagen, bei Gott -- sie fliegt frei und kann Ihm jeden
Augenblick die Hand auf die Trklinke legen. Der anderen hngen sechs
wie die Krammetsvgel im Dohnenstiege, und der Meister Radebrecker als
Galgenmajor in der Mitte. Ein halb Dutzend haben sie in Eisen nach Celle
transportieret; zwei haben sie noch sitzen im Gewahrsam, mich haben sie
mit einem lateinischen Spruch laufen lassen, und -- Seine Doris, sitze
Er still, Kamerad! -- die Innerste hat sich selber ranzionieret. Am Tage
vor dem Urtelspruch, oder vielmehr in der stichdunklen Winternacht, ist
sie an der Feuerleiter am Turm heruntergestiegen; und wenn ich meine
Ahnung habe, wer von der Jgerschaft zu Lautenthal ihr die Leiter ans
Fenster gelehnt und ihr die Feile zugeschoben hat, so will ich doch
lieber auch noch den letzten Arm drangeben, als hier gegen Ritter und
Frulein den Angeber spielen. In der Buschmhle haben wir leider Gottes
auch von dir gesprochen, Bodenhagen, und so wahr ich wirklich und ohne
Lge meinerzeit der wilde Brand gewesen, so wollt' ich um dein arm,
lieb, jung Weib, du wrest sicher vor der Innerste, Musketier Albrecht
Bodenhagen! -- --

Der Mller sa in seinem reinlichen weien Mllerhabit am Bette des
guten Kameraden, des tapferen und ehrlichen Soldaten, der sich aus aller
Verruchtheit und Verwirrung der Zeiten solch ein braves, frei und khnes
Herze mitgebracht hatte nach Grund in den Bettelstand. Und der Mller
sah wahrlich nicht aus, als ob man ihn jemals den wilden Bodenhagen
genannt haben knne. Was Vater und Mutter nach seiner Heimkehr aus dem
Kriege von dem alten Adam an ihm brig gelassen hatten, das hatte
Jungfer Lieschen Papenberg von Papenbergs Hofe in Gro-Frste grndlich
ihm vom Rocke abgebrstet.

Nachdem der Korporal erzhlt hatte, sprach oder stotterte der Musketier
seinerseits ein Langes und Breites ber die Innerste, die Buschmhle,
Radebreckers Tochter, Jungfer Doris Radebrecker, und der kriegs-, weg-
und weltmde Kamerad hrte ihn im Halbschlafe an und murrte nur von Zeit
zu Zeit ein beifllig Wort. Aber trotz Schlaf und Mattigkeit hatte der
Mller Bodenhagen hier einen Beichtvater, wie er keinen gleichen weder
im Dom, noch zu Sankt Godehard und Sankt Michael in Hildesheim gefunden
haben wrde. Mit beiden Armen umfate er zuletzt den treuen Freund und
seinen wackeren Unteroffizier und rief:

Jochen, wenn einer, seit er in der Welt ist, im Traume geht, so bin ich
das. Wenn einer sich nie zu schicken gewut hat, so bin ich's. Was mein
seliger Herr Vater aus dir gemacht haben wrde, kann ich nicht sagen;
aus mir hat er das gemacht, was ich gewesen bin. Aber mit dir hab' ich
doch in mehr als einer Bataille und Scharmtzel Schulter an Schulter
gestanden, und du kannst mir das Testimonium geben, da ich getan habe,
was die anderen taten, und ein Mehreres prtendiert selbst unser
Herrgott im Himmel nicht von unsereinem. Du bist mein Kriegsbruder und
Korporal gewesen und hast auch das Deinige an mir getan --

Hier lachte der Mann im Bette trotz seiner Schwachheit; doch der andere
fuhr fort:

Und der Oberst Colignon hat doch zu Hunderten und Tausenden Volk vom
Ofen, von der Strae, von der Schulbank, dem Handwerk und dem
Schreibetisch weggeholt, was leichter wog als ich. Ach, Jochen Brand,
wie viele Menschen gehen auf Erden, die nichts von sich wissen, und
denen es erst die anderen sagen mssen, was sie sind. Und wenn die
Zeiten still sind, dann erfahren sie's wohl niemals und werden achtzig
Jahre und bleiben, was sie waren, als sie zuerst ins Licht guckten. Aber
anjetzo bei Krieg, Blut und Brand haben die, welche in die Welt kommen
wie aus einem Schmiedeofen, gut lachen und _die_ Nasen rmpfen. Ich aber
wollte, mein Lieschen und ich, wir sen auf einer wsten Insel und
wren mit uns allein und kein Zugang zu uns bis an unser seliges Ende.

Gro Wasser rundum! Aber schreien drfte es nicht, wie die Innerste
schreien kann, murmelte der Korporal, und der Mller sagte nur:

Ja!

Dann hrte man den leichten Tritt der jungen Frau treppaufwrts kommen,
und der Korporal brummte:

Jetzt la mich erst ausschlafen. Drei Tage brauche ich dazu. Schaff
aber den Laudon ab -- den Mylord Sackville meine ich; er hlt dir die
Innerste doch nicht vom Leibe mit seinem Geklff. Heute wei ich noch
nicht, was oben und was unten an mir ist; aber komme ich wieder auf die
Beine, so will ich dir zum Dank fr Quartier und Menage und um des
lieben Herzens deiner Frau willen den Hofhund spielen. An die Kette
braucht ihr mich gerade nicht zu legen, denn davon hab' ich frs erste
genug gehabt im Turme zu Wildemann.




                          Zwlftes Kapitel.


Am fnfzehnten Dezember war der Korporal in die Mhle eingerckt, aber
am zwanzigsten erst stand er wieder auf den Fen, ohne sich an die Wand
lehnen zu mssen. Auch das hatte er einzig und allein dem Quartier zu
danken; denn selten war ein kniglich preuischer einarmiger
Unteroffizier so trefflich verpflegt worden wie der brave Jochen Brand
aus Grund von dem Mller Bodenhagen und seiner Frau Liese.

Ich wollte, mein Mtterchen knnte vom Himmel aus observieren, was Sie,
junge Frau, an ihrem Jungen tut, sagte der Kriegsmann jeden Tag
wenigstens ein halb Dutzend Male mit mglichst fester und mannhafter
Stimme. Wissen aber mchte ich, was solch ein armer Bettelmann Ihr
dafr wieder zugute tun kann, Frau Bodenhagen?

Vorlieb soll Er nehmen, Korporal, sagte dann die Mllerin. Warte Er
aber nur bis zum heiligen Christ, da kann Er dann beim Kuchenbacken
helfen, und wenn Er da Seine Sache so gut macht wie bei Minden oder
sonstwo, so kann Er auch sonst noch Sein blaues Wunder erleben.

Dieses glaube ich, ohne da Sie es beschwrt, Lieschen; denn da man
eine Tanne aus dem Holze holt und mit Lichtern putzt und Weihnachten
feiert, das ist mir durch den Krieg, als ob's vor tausend Jahren Mode
gewesen wre. Der Knig und die Kaiserin und die Franzosen, Russen und
Schweden haben solches Plsier grndlich abgeschafft, und selbst in den
Winterquartieren hat man keine Zeit dazu gehabt. Wenn mir aber mein
leerer rmel es zuwege bringt, da ich noch einmal die Festtagsglocken
luten hre wie vordem, so schreibe ich einen Brief an den franzsischen
Knig Louis und bedanke mich noch gar schn fr seine sakermentsche
Kanonenkugel bei Minden. brigens ndert sich das Wetter wiederum. Der
nichtsnutzige Stummel brennt heute wieder zehnmal rger als gestern. --
--

Das Wetter nderte sich zum Frost, und wir haben zum hundertsten Mal ein
Wort ber die Innerste zu sagen.

Wenn nmlich der junge Mller vorhin meinte, da er am liebsten mit
seiner jungen Frau von aller Welt abgeschnitten auf einer Insel im
Wasser wohnen mchte, so war sein Wunsch zu zwei Dritteln in Erfllung
gegangen. Die Innerste stand ihm auf zwei Seiten um das Haus, trat auf
den Hof und berschwemmte den Garten bis unter die Fenster seiner Mhle.
Noch eine Spanne hher, und sie stieg ihm in das Haus und machte ihm
einen Besuch in der Stube. Seinem Wunsche zum Trotz hatte der Meister
Albrecht groe Sorge darob.

Gegen Gro-Frste zu war alles ein gelber Spiegel; in der Stadt Sarstedt
war die Not ebenso gro wie das Wasser, und in der Stadt Hannover, wo
die Ihme und die Leine das Ihrige dazu taten, wie das landlufige und,
genau besehen, sehr schlimme Wort sagt, -- Holland in Not!

Den ganzen Zwanzigsten ber wartete die Hausgenossenschaft mit Spannung
auf der Schwelle die weitere Bosheit der Innerste ab. Meister Albrecht
und seine beiden Knappen -- er hatte sich jetzt zwei Gesellen ins Gewerk
getan -- legten alle Viertelstunde den Zollstock an; aber gegen Abend
erwies sich des invaliden Gastes Armstumpf als ein hauptschlicher
Prophet. Es wurde bitter kalt und das Wasser fiel.

Die Innerste zog sich wieder zurck von dem Hause, aus den Stallungen,
vom Hofe und aus dem Garten gegen ihr gewohntes Bett. Auch die Wege nach
der Stadt und den umliegenden Drfern wurden allgemach wieder frei. In
der Nacht vom Zwanzigsten auf den Einundzwanzigsten legte sich eine
leichte Eisdecke ber den Flu, und am Dreiundzwanzigsten trug das Eis,
wenn nicht einen ausgewachsenen Mann, so doch ein Kind. Es kam auch ein
Kind, ein kleines Mdchen von Gro-Frste herber, bestellte einen
schnen Gru und brachte die Botschaft, da die Leute von Papenbergs
Hofe gern am ersten Festtage nach der Kirche zur Weihnachtsfeier kommen
wollten; sonsten aber sollte das junge Ehepaar den heiligen Abend allein
und fr sich nach seinem Plsier und Gusto feiern.

Wir sind zu drei mit den Mgden und den Gesellen uns auch genug,
Jochen, sagte der Mller, und der Korporal meinte: Mir ist's recht.

Es war aber doch ein eigen Ding diese ganzen Tage durch mit dem
Korporal. Er war nicht als der Alte vom Bette aufgestanden. Es murxte
etwas in ihm; was das sei, wute er freilich selber nicht. Still und
nachdenklich, doch nicht unfrhlich schlich er umher, und am
Dreiundzwanzigsten holte er sich des seligen Meister Christians groe
Bilderbibel vom Schranke und sa fast den ganzen Tag darber.

Die junge Frau guckte ihm von Zeit zu Zeit ber die Schulter, und dann
sah er jedesmal ihr mit einem Kopfschtteln in die klaren, freundlichen
Augen, und mehrmals sagte er auch ganz weichmtig: So wunderlich kurios
ist mir noch nie zumute gewesen, Frau.

Das macht das Ungewohnte, Herr Kamerad, meinte die Mllerin. Er hat
die alten Bilder eben lange nicht umgeblttert. Wenn ich Zeit htte,
wollte ich mich wohl zu Ihm setzen und mit ihm die Hirten und Engel und
die Propheten und die auslndischen Kamele und Palmenbume besehen. Als
Mdchen hab' ich mir in diesen Tagen immer ein Stndchen dazu
bergespart. Es ist so heimelig, wenn's drauen so kalt ist und in der
Stube so warm und der Kuchen durchs ganze Haus riecht. Es gehrt alles
zueinander und --

Sakerment! schrie der Korporal, auf das alte Bilderbuch schlagend,
und kein Mensch sollt's fr mglich halten, da der Broglio heute noch
in Kassel sich verschanzt hlt! O Frau Liese, Sie kann doch nicht so
darber reden wie ich, der ich verstmmelt aus dem Kriegsleben komme und
alle groen Bataillen des Knigs Fritz und des Prinzen Ferdinand
mitgemacht habe! Sie sollte es probiert haben im Spital zu Minden und
dann unter der Vetternschaft zu Grund und dann in Radebreckers Mhle und
zu guter Letzt im Prison zu Wildemann und dann sich pltzlich finden
hier in der Friedlichkeit und Stilligkeit. Kotz Blitz, will Sie Ihr
lieblich Heimwesen besser kennen als ich? Eins sage ich Ihr: keiner soll
mir dran rhren -- beim lebendigen Gott und so wahr ich Jochen Brand
heie!

Die junge Frau war sehr erschreckt vor der ungebhrlichen Aufregung und
dem Fluchen und Rsonnieren ihres Gastes zurckgefahren.

Nehme Sie es nicht bel, Lieschen. Ich wollte, ich knnte deutlicher
sagen, was ich im Sinn und Herzen habe, seufzte der Korporal. Aber da
drauen Albrecht hat recht, und in dieser Minute absolvier' ich ihn ganz
und gar, und er soll das Seinige behalten; niemand -- nicht Mann und
Weib soll ihn drin verstren, so lange ich's hindern kann.

Wie meint Er denn das, Korporal? fragte die junge Frau scheu; doch
pltzlich griff sie sich an die Stirn und rief, ganz bleich werdend:
Jesus, Jesus -- es ist ja wahr! Das Jahr geht zu Ende und sie hat ihren
Willen nicht gekriegt!

Jetzt gibt Sie mir eine Nu zum Knacken, Frau Meisterin!

Die Innerste meine ich, Korporal Brand! An dem Tage, als die Mutter
gestorben ist, hat sie geschrien, und diesmal habe auch ich mit meinen
Ohren sie schreien hren, so wahr ich lebe!

Pu-u-uh! machte der Korporal und versuchte noch einmal so auszusehen
wie in frheren Tagen, wo er den Hut am liebsten schief auf dem Ohr
trug. Es kam aber eine Visage dabei heraus, die allzu sehr nach jenem
Oktoberabend in Radebreckers Mhle aussah, um vergnglich sein zu
knnen.

Mache Sie sich selber keine Dummheiten weis, brummte er und fgte
sonderbar mrrisch hinzu: brigens aber, Frau Liese, ist ein schwarzes
Huhn im Notfall immer noch zu beschaffen.

Ich kriege auch meinen Albrecht noch dran! rief die Mllerin; dann
aber wurde sie von einer eiligen Magd abgerufen, und der Korporal war
wieder allein.

Wunderlich, wunderlich, wunderlich! murmelte er, eine der Bildtafeln
in der groen Bibel umschlagend. Ich habe aber mal im Lager bei Krefeld
verzhlen hren, da auch der Knig Fridericus solcherlei Anwandlungen
habe. Na, vor Hochkirch hatte er aber keine dergleichen; also verlassen
kann man sich auch darauf nicht. -- --

Am vierundzwanzigsten nachmittags drei Uhr war weier Sand frisch
gestreut in der Stube, und der Korporal wagte kaum noch aufzutreten, als
er die Blumentpfe im Fenster scharf in Reihe und Glied rckte. Als die
Dmmerung kam, ging ihm auch die Pfeife aus, und um fnf Uhr sa er
still mit dem Mller -- seinem frheren Musketier -- auf der Ofenbank
und blickte durch die Dmmerung mit einer Art von drolligem Respekt auf
die noch dunkle Weihnachtstanne, an deren Aufputz er selber mit geholfen
hatte. Die junge Frau vernahm man in der Kche, und jetzt legte der
Einarm dem Kameraden fast zrtlich die Hand aufs Knie und sagte:

Kerl, ich habe oft meinen Jokus an dir gehabt, aber diesmal ist's mir
Ernst mit dir! Es ist eine Kriegswelt, und ohne deinesgleichen htten
wir anderen uns schon lngst untereinander aufgefressen. Deshalb gibt's
von deinesgleichen am mehrsten auf Erden -- der Herrgott hat's so
eingerichtet, und er mu Bescheid wissen. Und weil dieses so ist, so
bleib bei deiner Natur, halte dein Haus rein, sei vergngt mit deinem
Weibe und kmmere dich nicht um Dinge, in die du hineingeraten bist wie
der Esel in die Dragonerremonte. Augenblicklich aber habe ich dir wie
mir nichts weiter zu wnschen, als da der Christabend zu Ende gehe, wie
er jetzo angefangen hat.

Vergngte Weihnachten! Eine Stunde spter war die ganze Bewohnerschaft
der Mhle um die lichterglnzende Tanne versammelt, und der Korporal
Brand hielt der Abwechselung wegen den leeren rmel mit den Zhnen; er
hatte sich mit dem Aufschlage die Augen gewischt, und da er seit seinem
Auferstehen vom Bett ganz und gar in einem Kostm seines Kameraden und
Wirtes stak, so wute er mit den Knpfen daran noch nie so gut Bescheid
wie mit jenem einzelnen Knopf, der ihm im Oktober von der Montur Seiner
Majestt des Knigs Friedrich von Preuen allein brig geblieben war.

Arm in Arm standen Mller und Mllerin vor dem Tisch mit dem
Tannenbaume, und ein jeder der zwei Mhlknappen hatte seinen Arm um die
Hfte einer der beiden kichernden Mgde der Frau Lieschen Bodenhagen
gelegt. Da der Marschall Broglio zu Kassel lag und die Vorposten der
Franzosen ber Gttingen und Einbeck und bis in den Harz hineinstanden,
kmmerte keinen in der Mhle bei Sarstedt an der Innerste. Sie sahen die
Lichtlein und goldenen pfel funkeln, sie knackten ihre Nsse wie die
Eichhrnchen im Neste, und dann saen sie und sahen die Lichter an ihrem
Weihnachtsbaum niederbrennen, und die drei Weiber sangen ein
Weihnachtslied, in das die Mannsleute hinter ihren Tonpfeifen
hineinsummten.

Die Welt ist im Krieg; wir aber gebrauchen die gute Stunde, Frau
Meisterin! rief der Korporal frhlich.

Das sage ich auch, sprach die Frau Meisterin.

Fr das, was sonst kommen kann, haben wir ja auch die vier Bchsen
geladen an der Wand, Jochen, meinte der Mller. Im vorigen Monat, als
du ruhig im Turm lagst und der Franzos bei Einbeck sich verschanzte, ist
das Gesindel oft genug an der Tr gewesen. Die Schererei reit nicht
ab.

Die beiden Mhlknappen gaben auch ihr Wort dazu; das letzte Lichtlein an
der Tanne brannte herunter.

Heidi! rief der Korporal; und der Mllerin kleine Blechlampe lieferte
wieder das einzige Licht fr die Stube und Kumpanei. Nun schnurrten die
Spinnrder wieder, die Mnner schmauchten und tranken und sprachen von
allerlei Abenteuern, die sie erlebt hatten, jedoch mit Modestitt, und
da auch das Frauenzimmer sein Behagen dran haben konnte.

Um neun Uhr fing es an zu schneien, und um zehn Uhr fiel der Schnee sehr
dicht. Flu und Land wurden von einer weien reinlichen Decke berzogen,
und nur Gestruch und Gartenzaun, sowie das Gebsch am jenseitigen Ufer
der Innerste hoben sich schwrzlich im Schneelicht ab. Vom Zieten im
Busch kamen die Mnner auf ein ander behend Geschpf im Busch, und wie
man das in Schlingen in der Hecke fngt und sich einen billigen Braten
im Schlafe schenken lt. Grinsend legte der Meister Albrecht den Finger
auf den Mund und rief:

Haltet die Muler, wir haben sonst morgen benebst der Verwandtschaft
die ganze Sarstedter Frsterei hier, um uns in die Tpfe zu riechen. Sie
wissen immer noch einen Hasen von einem Hammelviertel zu unterscheiden.

Dabei stand er auf, ging zum Fenster, ffnete es und schob den Kopf
hinaus. Kein Lftchen rhrte sich; das weie Gewimmel kam wie im
leichten Spiel vom dunklen Firmament herab, aber ziemlich hell ist es
die ganze Nacht durch geblieben, denn der Vollmond hat nicht nur im
Kalender, sondern wirklich hinter dem Gewlk gestanden.

Wenn das so weiter geht, Lieschen, wie's angefangen hat, so werden
Vater und Mutter morgen auf ihrem Wege hierher die Beine hbsch hoch
heben mssen. Wir wollen aber eine Wacht stellen, da sie sich nicht
einfallen lassen, schon dem Eis zu trauen. Die Innerste --

Er brachte das, was er noch sagen wollte, nicht heraus. Hell und klar --
ja unendlich melodisch klang ein Ruf durch die Nacht ber die Innerste
her -- ein singender harzischer Bergruf, und in demselben Moment blitzte
und krachte ein Schu aus dem Weidenbusch, und die Kugel streifte dem
Meister Bodenhagen die Stirn, fuhr durch die Weihnachtstanne und schlug
in die Stubenwand. Zu gleicher Zeit erschtterten heftige Schlge die
Tr der Mhle, und ein zweiter Schu schien in das Trschlo abgefeuert
worden zu sein. Die nchtlichen Angreifer waren im Hause, ehe sich ein
einziger in der Stube von dem pltzlichen Schrecken aufgerafft hatte.
Durch ein greulich Fluchen jauchzte die helle Stimme wieder.

Jesus Christus, die Innerste! jammerte die Mllerin, und die beiden
Mgde drckten sich mit Zetergeschrei in den Winkel. Von allen zuerst
hatte diesmal der Mller seine Sinne beisammen. Schon hatte er eine der
Flinten, von denen er vorhin sprach, vom Nagel gerissen.

Die Marodebrder! Ob's mir geahnt hat?! Hans, Fritz, die Bchsen
herunter -- Lieschen, unter die Bank -- Courage!

Courage! schrie auch der Korporal, das Gesindel feg' ich mit der
Linken vom Tisch. Kriecht unter, Weibervolk -- da sind sie, und es ist
auch nur ein Weihnachtsbesuch!

Er hatte ein Handbeil aus der Ecke aufgegriffen und trat gegen die
Stubentr: ^Bon soir, messieurs!^

Es waren drei Kerle, die in die Stube drangen; -- Gesindel, wie es sich
zwischen den Heeren umtrieb, und wie der Bauer jener Zeit es zu seinem
Schrecken und Schauder nur allzu gut seit Jahren kannte! Der Rock des
fnfzehnten Ludwig neben der zerfetzten Uniform Knig Friedrich des
Zweiten! Um den dritten Galgenstrick aber zu kostmieren, mute die
ganze Reichsarmee Mann fr Mann einen Fetzen hergegeben haben, und es
wre wahrlich ein Kunststck gewesen, aus seiner ueren Erscheinung her
bestimmt abzunehmen, welchem Herrn er zuletzt falsch geschworen hatte.

Was nun in der Mhle vorging, lt sich schwer nacheinander erzhlen.
Besinnen und Bedenken war nicht am Ort. Der Meister Mller, den sie
einst den tollen Bodenhagen nannten, scho zuerst, und traf auch. Die
Eindringlinge feuerten ihre Pistolen ab.

^Sacre nom de dieu! En avant les autres!^

Der Korporal Brand schlug fr den Musketier Bodenhagen zu, wie er vordem
auf ihn gehauen hatte; und ob den beiden guten Knappen Hans und Fritz
wrde dem Oberst Colignon das Wasser im Munde zusammengelaufen sein. Es
wurde ein Raufen, Heulen, Sakermentieren und chzen im Dunkeln, denn der
Tisch strzte um mit der Lampe und der Weihnachtstanne, und die weien
Mllerhabiter hatten jetzo ihr Gutes; es war ihretwegen keine Not, da
Meister, Gesell und Gast aufeinander schlugen. Der Schnee leuchtete
ihnen aber auch von drauen.

Sie trieben die Ruber bis auf die, welche zu Boden lagen, in den
Hausgang zurck und dann auch wieder aus dem Hause hinaus. Sie konnten
nur noch die Kolben gebrauchen, aber sie gebrauchten sie trefflich; da
die Not sie beten lehrte, konnte man gerade nicht behaupten. Die Mhle
wehrte sich tapfer, und die Frauenstimme, die so melodisch das Zeichen
zum Angriff gegeben hatte und immer von Zeit zu Zeit von neuem in den
Lrm des berfalls klang, wurde immer greller, kreischender, zorniger,
giftiger! Die drei armen Weiber, die im Winkel am Ofen in ein zitternd
Bndel zusammengeduckt knieten, vergingen am meisten vor dieser Stimme
in Schauder und Ohnmacht. Seltsamerweise hatte nchst den Frauen der
Korporal Jochen das feinste Ohr fr sie; der junge Meister Albrecht
Bodenhagen, sein Haus und Weib verteidigend, achtete kaum darauf.

Es ging scharf -- scharf um das Heimwesen des Mllers an der Innerste.
Fritz und Ferdinand, Soubise und Broglio waren mit ihren Armaden
vertreten unter den dunklen Gestalten, die im Schneegestber aus dem
Weidengebsch am Flu vorhuschten, ber das Eis glitten und ber den
Gartenzaun kletterten, um die Mhle und ihre Bewohner in ihre Gewalt zu
kriegen; aber der wilde Bodenhagen und sein Haus hielten sich gut. Wenn
es ein Glck war, da die alte Frau diese Nacht nicht erlebte, so war es
doch schade, da der alte Meister Christian sein Shnchen diesmal nicht
bei der Arbeit sehen konnte.

Sie verrammelten die eingestoene Pforte, sie luden und schossen aus den
Fenstern. Sie trafen dann und wann auch, und der einarmige Korporal
meinte:

Wenn sie uns das Dach nicht ber den Kpfen anstecken, halten wir uns
bei Gott, bis Brgermeister und Rat aus Sarstedt zum Sukkurs kommen!
Courage! Courage! -- Uh, wer stopft die Weiberkehle da?

Die letzte Frage hatte er zwischen den Zhnen gemurmelt. Dicht unter dem
zertrmmerten Fenster, an dem er mit seinem Beile stand, war der
schrille Schrei erklungen, und wieder wurden zwei oder drei Schsse in
die Stube hinein abgefeuert. Ein durchdringender Jammerlaut aus dem
Ofenwinkel folgte sofort, und der eine der Knappen scho zurck aus dem
Fenster und traf. Die dunklen Gestalten im Garten huschten durcheinander
und fluchten deutsch und franzsisch. Das Weib rief scharf und spttisch
drein: und noch einmal strzten sich die Angreifer auf die zertrmmerte
Haustr, deren Verrammelung von dem Meister Albrecht und seinem zweiten
Gesellen in Verzweiflung verteidigt wurde.

Hans Lages, willst du mit? In dem Dampf hier vergeht einem doch der
Atem; -- ich hab's mir versprochen, und so lang' ich lebe, kriegt die
Innerste ihren Willen nicht!

Hops ber, Herr Unteroffizier, wir springen ihnen auf den Buckel! rief
der tapfere Mhlknappe, und sie schwangen sich ein jeder aus einem der
beiden Fenster und fielen den nchtlichen Rubern wirklich in den
Rcken, der eine mit seiner Handaxt, der andere mit dem Kolben. Wie
nicht ganz selten in dergleichen Fllen bertraf der Erfolg die
Erwartung. Der Schnee fiel strker denn je; die Marodebrder hatten mehr
als einen guten Mann verloren, und eine Panik fiel ber sie. Sie wichen
zurck und gerieten, wie das dann gewhnlich zu geschehen pflegt, ins
Laufen. Auch der Meister Bodenhagen und der Knappe Fritz sprangen jetzt
hervor aus ihrer Verschanzung, und es wurde eine Verfolgung durch den
Garten gegen die Innerste zu. Noch ein kurzes Ringen fand auf dem
Windeise des bergetretenen Flusses statt, und da ertnte zum letzten
Male, aber auch am markdurchdringendsten, der schlimme gespenstische
Schrei: es ging ein Knattern durch das Eis -- das Wasser bekam doch
seinen Willen in diesem Jahre Siebenzehnhundertsechzig: unter dem Eise
weg trieb eine Weiberleiche abwrts gegen die Stadt Sarstedt zu, ist
jedoch erst im Mrz des nchsten Jahres, als der Tauwind blies, zutage
gekommen.

In Sarstedt wie in Gro-Frste hatte man nun aber allgemach die
berzeugung gewonnen, da das Flinten- und Bchsenfeuer mitten in der
Nacht irgendeinen Grund habe, und zwar einen bedenklichen. Im Dorfe zog
man die Sturmglocke, und von der Stadt her kamen Brgermeister und
Brgerschaft wirklich zum Sukkurs.

Man kam mit Laternen und Fackeln und allen mglichen Gewaffen und
verwunderte sich ber die Art, in welcher die Mhle des Meisters
Bodenhagen die Weihnachten hatte feiern mssen. Drei Leichen und fnf
mehr oder weniger schwere Verwundete lieen die Marodeurs vor der Mhle
zurck, und einen toten Raubvogel hob man im Hausgange auf. Die
mnnlichen Bewohner der Mhle bluteten smtlich, doch nur aus leichten
Wunden, bis leider auf den tapferen Korporal Jochen Brand, den man am
Rande der Innerste unter dem Gartenzaun bewutlos in seinem Blute
liegend fand. Ein Messersto hatte ihn in die Seite getroffen ber der
rechten Hfte, und er kam nur noch einmal zum Bewutsein, und zwar am
folgenden Morgen, als in Dorf und Stadt die Glocken zur
Weihnachtsfrhkirche luteten und das Singen durch die Christenwelt
anhub: ^dies est laetitiae^, oder zu deutsch: der Tag, der ist so
freudenreich, wie es seit vielen, vielen hundert Jahren gesungen wird in
den Kirchen.

Da sprach der Korporal mit schwacher Stimme zu dem jungen Mller:

Lebe wohl, adjes, Musketier Bodenhagen; du hast deine Sache gut
gemacht, und ich habe meine Lust an dir gehabt. Halte dich fernerhin gut
und halte dein lieb Weib gut. Es war die Radebreckersche; -- es war --
unsere Doris, mit der ich mich auf dem Eise zerrte! Sie ist immer so gut
gewesen wie ihr Wort; aber den Sto hab' ich doch eigentlich nicht von
ihr verdient, denn ich war der einzige von allen Gsten der Buschmhle,
der's gut mit ihr meinte -- besser als nach ihren Meriten. Wer kann aber
wider das wilde Wasser, und wo sollte die arme Kreatur hin aus dem Turm
in Wildemann? Ich bin zu dir und deiner Liese gekommen, aber fr sie war
keine Zuflucht als die Lagerkameradschaft, der Krieg mit der Welt bis
aufs Messer und was dran hngt an dem Kriege! Adjes, Albrecht, ich mache
mir nichts draus, und ich glaube, sie macht sich auch nichts draus, da
es zu Ende ist.

Der Mller weinte, und als dann die Mllerin in die Kammer kam, weinte
sie gleichfalls, und beide mit vollem Rechte.

Adjes, Frau Liese, sagte der Korporal noch schwcher als zuvor. Vor
der Innerste braucht Sie keine Furcht mehr zu haben, junge Frau; sie hat
ihr schwarz Huhn. Aber mit meiner Gevatterschaft ist's auch nichts; --
es war kurios, aber ich habe mich die letzten Tage ber gar nicht mehr
drauf gefreut. Gott helf' Euch durch die Zeit; -- Knig Fritzen geht's
auch hart -- vivat Fridericus! Durch kommt er doch, und Friede wird
auch; -- ich habe den meinigen heute schon versiegelt und bin ganz im
Reinen. Ein unntzer invalider Vagabond war ich doch, und der beste
Kamerad wre auf die Lnge meiner berdrssig geworden.

Durch sein Schluchzen wollte der Mller dem Sterbenden noch ein Wort
dreinreden in sein letztes Wort; doch es ist immer ein bedenklich Ding,
das Dreinreden in ein letztes Wort.

Wie gesagt, auch diese Mhle an der Innerste steht heute nicht mehr;
aber es haben nach dem Meister Albrecht noch zwei Bodenhagen drauf
gesessen. Erst seit dem Jahre 1803, als die Franzosen unter Mortier im
Hannoverschen waren, ist sie allgemach nahrungslos geworden und endlich
um das Jahr 1820 abgebrochen. Die Innerste ist reguliert worden wie die
Ihme und die Leine; sie hat zwar auch jetzt noch ihre Ncken und Tcken
und verlangt dann und wann wohl ein Lebendiges zum Fra; aber da sie
danach schreie, glaubt heute kein Mensch mehr.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 18]:
   ... aus dem er auch vielleicht augfestiegen sein konnte,
       zurcksank. ...
   ... aus dem er auch vielleicht aufgestiegen sein konnte,
       zurcksank. ...

   [S. 18]:
   ... an den Hut und rief von neuem ber die Innerste. ...
   ... an den Hut und rief von neuem ber die Innerste: ...

   [S. 19]:
   ... ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...
   ... Ihr kein Quartier? Hunger, Durst und einen zerschlagenen ...

   [S. 107]:
   ... gemacht zu haben, und mit der Menge mu es ...
   ... gemacht zu haben, und mit der Menage mu es ...






End of the Project Gutenberg EBook of Die Innerste, by Wilhelm Raabe

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