The Project Gutenberg EBook of Hxter und Corvey, by Wilhelm Raabe

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Title: Hxter und Corvey
       Erzhlung

Author: Wilhelm Raabe

Release Date: November 13, 2015 [EBook #50444]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HXTER UND CORVEY ***




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                            Wilhelm Raabe
                               Bcherei
                             Erste Reihe
                               Band 11

                            Wilhelm Raabe
                               Bcherei

                             Erste Reihe:
                               Kleinere
                             Erzhlungen

                             Elfter Band

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt fr Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                            Wilhelm Raabe




                                Hxter
                                 und
                                Corvey


                              Erzhlung

                            Dritte Auflage
                           11.-16. Tausend

                           Berlin-Grunewald
                  Verlagsanstalt fr Litteratur und
                        Kunst / Hermann Klemm

                 Gedruckt bei G. Kreysing in Leipzig
            Einbandzeichnung entworfen von Bernhard Lorenz
            Den Einband fertigte H. Fikentscher in Leipzig




                          Hxter und Corvey





                           Erstes Kapitel.


Wir haben unsern Lesern immer gern die Tageszeit geboten, aber so schwer
wie diesmal ist uns das noch nie gemacht worden. In der Stadt Hxter
waren die Turmuhren smtlicher Kirchen in Unordnung. St. Peter und St.
Kilian zeigten falsch, St. Nikolaus schlug falsch und bei den Brdern
stand das Werk ganz still; nur auf Stift Corvey, eine Viertelstunde
abwrts am Flu, befand es sich noch in geziemlicher Ordnung und hatte
sich auch eine Hand gefunden, die es darin erhielt und es zur rechten
Zeit aufzog. Es schlug vier Uhr am Nachmittage auf dem Turme der Abtei.

So viel fr die Tageszeit. Was die Zeit sonst anbetraf, so schrieb man
den 1. Dezember im Jahre 1673: am 23. November 1873 beginnen wir unsere
Erzhlung; es sind also gerade ungefhr zweihundert Jahre seit jenem
Wintertage vergangen. Maurer, Zimmerleute, Tischler, Schlosser, Glaser
und, vor allen Dingen, Uhrmacher sind am Werke gewesen, haben die Mauern
wieder aufgebaut, die Pfosten zurecht gerckt, die Tren eingehngt,
neue Fenster vorgeschoben und dafr gesorgt, da auch die Turmuhren
wieder die richtige Zeit anzeigen. Es hatte viele Arbeit und groe
Geduld gekostet; -- wehe dem, welcher von neuem frevelhaft die Hand
bietet, die Wnde abermals einzustoen, die Dcher abermals abzudecken
und die Tren und Fensterscheiben von neuem zu zertrmmern. Der
Gegenwart sei bemerkt, da das Wiederaufbauen, das Auf- und Einrichten
zu allem brigen stets auch viel Geld kostet.

Es war ein winterlicher, feuchtkalter Tag. Schweres Regen- und
Schneegewlk wlzte sich ber den Solling. Die geschwollene, stets
hastige und bereilige Weser rollte ihre erbsengelben Fluten in
anscheinend vllig breiartigen Wirbeln aus den Bergen zwischen
Frstenberg und Godelheim und Meigadessen her, quirlte durch das kahle
Weidengebsch und das welke Rhricht der Ufer und rgerte sich heftig
ber jeden Widerstand, der ihr auf ihrem Wege aufstie.

Solch einen Widerstand fand sie unter den Mauern der Stadt Hxter; denn
da traf sie nicht nur auf die Eisbrecher, sondern auch auf die
Pfeilertrmmer des uralten Vlkerbergangs: die Brcke selber fand sie
wieder einmal, wie so hufig, nicht. Grimmig schumte und kochte sie
empor an den bis auf den Wasserspiegel abgebrochenen Pfeilern und
Sttzen; aber es war auch etwas wie ein Triumphjubel in ihrem Rauschen:

Hoho, Menschenwerk! Menschennarretei! Hoho, drber weg und weiter, dem
Weltmeer zu, und mitgenommen, was zu greifen ist! Das alte Spiel durch
die Jahrtausende -- Triumph!

Die gelben Wellen der Weser mochten wohl hhnisch brausen. Sie hatten
die Brcken des Drusus und des Tiberius, des Knigs Chlotar und des
groen Karl auf ihrem Nacken getragen an dieser Stelle; -- jedes
Jahrhundert fast hatte ein halb Dutzend Male fr Krieg und Frieden hier
eine neue Brcke gebaut; -- Triumph! wo trieben heute die Balken und
Bohlen der letzten, die vor drei Jahren neu geschlagen wurde, und die
vorgestern Monsieur de Fougerais, der franzsische Kommandant von
Hxter, vor dem Abmarsche, seinem Feldmarschall Monsieur de Turenne
nach, hatte umstrzen lassen?

Vorgestern war Monsieur de Fougerais dem Marschall nach gen Wesel zu
abmarschiert. Ihre Hochfrstlichen Gnaden Christoph Bernhard von Galen,
Bischof zu Mnster, Administrator zu Corvey, Burggraf zu Stromberg und
Herr zu Bordelohe, hatten Kaiser und Reich, sowie der Republik Holland
ihren franzsischen Trumpf ausgespielt: der Franzmann hatte es sich
bequem gemacht, wie der Deutsche es gewollt hatte; und, wie gesagt, die
Uhrwerke auf den Trmen vom Rhein bis zur Weser waren darob wieder
einmal in Unordnung geraten und zeigten die unrichtige Stunde oder
standen ganz still. Was die westflischen Glocken anbetraf, so waren
deren eine ziemliche Menge von dem hohen Bundesgenossen des biedern
Reichsstandes mitgenommen worden, um in franzsische Geschtzlufe fr
die Reunionskriege, den berfall von Straburg und den spanischen
Erbfolgekrieg umgegossen zu werden.

Weiteres zu seiner Zeit. Vom Stift her wissen wir, was die Glocke
geschlagen hat; Christoph Bernhard hat dafr gesorgt. Es ist vier Uhr
nachmittags, und wir stehen im Bruckfelde am rechten Ufer des Flusses,
der zertrmmerten Brcke gegenber und warten auf die Fhre, die man
nach dem Abzuge der wsten gerufen-ungerufenen Gste und Bundesgenossen
aus dem Westen eingerichtet hat.

Wir warten auf einige Leute, die da kommen werden, um sich nach Huxar
bersetzen zu lassen, und sie kommen auch, einer nach dem andern.

Der erste ist ein Mnch aus der Abtei, der unter dem dunkelziehenden
Gewlk von dem Landwehrturm unter dem Walde, dem Solling, auf dem
Feldwege her der Weser zuschreitet. Es ist der Bruder Henricus, vordem
in der Weltlichkeit ein Herr von Herstelle; sein Prior, Nikolaus, vordem
im Skulum ein Herr von Zitzewitz, hat ihn vor acht Tagen mit einem
Briefe an den herzoglich braunschweigischen Vogt auf dem frstlichen
Amtshause zu Wickensen abgesendet, und er hat den Brief hingetragen und
kann sonderbare Sachen erzhlen.

An Stelle des Vogtes hat er auf dem Amtshause Seine Frstlichen Gnaden
den Herzog Rudolf August selber vorgefunden und zwar in bester Laune,
den Vorgngen und dem franzsischen Trubel am linken Weserufer zum
Trotz. Der Herzog hatte den wohlpetschierten Brief des Herrn Priors von
Corvey erbrochen, und es ist ein anderes Schreiben -- franzsisch
abgefat und adressiert -- herausgefallen, welches die Frstlichen
Gnaden zuerst gelesen haben, zu einem Drittel mit Stirnrunzeln und fr
den Rest mit einem Lachen und Spott.

Ihr tragt gewichtige Sachen im Lande Germanien um, ohne es zu wissen,
Bruder, hat der Herzog gesagt. Sintemalen wir nunmehro im Jahre
einundsiebenzig mit Gottes Hlfe und unserer Vettern Liebden Beistand
und freundlicher Handreichung unsere nunmehro zuletzt getreue
Landesstadt Braunschweig mit Waffengewalt und gutem Wort uns zu Willen
und Gehorsam gebracht haben, so danken wir dem Herrn Bischof von
Mnster, sowie den Herren Prioren, Kanzlern und Rten von Corvey, wie
imgleichen dem Herrn Marschall von Turenne fr freundliches Erbieten und
gedenken fernerhin, wie es uns zukommt, unserer Pflicht und frstlichen
Eidleistung gegen Kaiser und Reich. Wnschen dagegen dem Herrn Marschall
eine glckliche Reise gen Wesel und haben Euch, ehrwrdiger Bruder,
augenblicklich nichts mitzuteilen, als da Ihr, so lange es Euch
belieben mag, unser lieber Gast sein mgt; wie wir es gleichfalls in
Euer Belieben setzen werden, Euch in der Gegend umzusehen. Da uns das
Stift und das knigliche Hauptquartier zu Hxter aber in Eurer Person
einen Mann geschickt haben, der nicht immer die Kutte trug, sondern
vordem auch den Harnisch und den Krasserhelm, so verlassen wir uns
darauf, da Ihr uns zu Hause ^in re militari^ loben und den Herren zu
Huxar und Corvey nach bester Kenntnisnahme empfehlen werdet.

Da nun der Bruder Henricus auer seinem Schreiben willig auch den
mndlichen Auftrag mitgenommen hatte, sich in der Gegend rechts von der
Weser umzusehen, so machte er Gebrauch von der Einladung des Herzogs. Er
sah sich um, und jetzt kam er zurck, nachdem er sich umgesehen hatte.
Sehen wir uns ihn jetzt vor allen Dingen selber ein wenig genauer an.

Da stand er, auf seinen Wanderstock gesttzt, im Bruckfelde an dem
mrrischen Strome und wartete geduldig, bis es dem Fhrmann drben am
Brucktor zu Hxter gefiel, ihn herber zu holen. Und er sah trotz seinem
geistlichen Gewande wahrlich aus wie ein Mann, der wohl befhigt war,
seinen Vorgesetzten ber die militrischen Zurstungen und Vorkehrungen
Seiner Herzoglichen Gnaden zu Wickensen Bericht abzustatten, und zwar
einen sach- und fachgemen. Der Bruder Henricus von Herstelle trug sein
Benediktinergewand wrdig und stattlich genug, doch mute es auch dem
gnzlich Unbefangenen gar nicht unglaubwrdig erscheinen, da von dieser
breiten Brust und diesen derben Schultern seiner Zeit der eiserne Panzer
ohne alle Beschwerden getragen worden sei. Da die runzlige, aber immer
noch krftige Faust vor Zeiten etwas anderes umschlossen habe als den
harmlosen Stab von Weidorn, konnte dann einem irgend aufmerksamen
Betrachter auch weiter nicht zweifelhaft bleiben. Der Bruder Henricus
trug dem winterlichen Tage ins Gesicht die Kapuze zurckgeschlagen und
bot die Tonsur dem Wind, den vereinzelten Schneeflocken und den scharfen
Schauern seines Regens frei hin. Ein Kranz grauer, ein wenig borstiger
Haare umgab den runden wohlgeformten Schdel, und eine Narbe auf der
Stirn sprach von anderem und wilderem Zusammentreffen als mit den
Brdern und Vtern in Gott und Jesu Christ bei der Hora und Mette. Der
Junker Heinrich von Herstelle war jetzt ein alter Mann, doch jung und
frisch auf den Beinen. Sein Ruspern selbst und sein Niesen klang
krftig und mannhaft, und man konnte es dem Vater Adelhardus, dem
Stiftskellner, vordem ein Herr von Bruch, gar nicht verdenken, wenn er
die Freundschaft und gute Kameradschaft gerade dieses ehrwrdigen
Bruders jeglicher andern innerhalb der Mauern der Abtei vorzog.

Wo die Brcke geblieben ist, kann ich mir schon deuten, sagte der
Bruder Henricus kopfschttelnd. Ein rgernis ist es aber doch! fgte
er hinzu, die Hand ber die Augen legend und nach der Fhre ausschauend.
Er hatte noch zu warten, denn der Fhrmann drben zu Hxter beeilte sich
des einzelnen Fahrgastes wegen nicht. Faul hingestreckt lag er neben der
Wlbung des Brckentors auf seiner Bank und wartete auch; nmlich auf
die Ansammlung mehrerer Leute drben am braunschweigischen Ufer.

Endlich kam der zweite Fahrgast. Diesmal ein altes Weibchen, das auf dem
Schifferpfade von Lchtringen her heranhumpelte, keuchend unter einem
schweren Bndel; -- ein altes Judenweib, unter dem Namen Krppel-Leah
dem Pbel zu Huxar wohlbekannt, doch hochangesehen bei ihren
Glaubensgenossen; -- wegmatt, zeitmatt, kriegszerzaust und kriegerisch,
ja kriegerisch unter ihrem Packen trotz ihrem Alter und ihrer Mdigkeit
anzuschauen.

Mit tiefen Knixen und schchternen Verbeugungen nherte sich die Greisin
dem greisen Benediktinermnch, der aber neigte das Haupt, winkte mit der
Hand und sagte:

Der Gott Abrahams knpfe dem Schlingel da drben die Ohren auf. Tretet
heran, Frau: werft Euer Bndel ab und setzet Euch. Um uns beide rhrt
sich der lderliche Bursch frs erste noch nicht.

Ich danke Euch, guter ehrwrdiger Herr, erwiderte die Greisin. Alte
Knochen, mde Fe, schweres Herz --, ich kann wohl in Geduldigkeit
warten.

Ich auch! sprach der Mnch, und dann, mit einem Blick auf die durch
die Wirbel des Flusses vorragenden Trmmer der Brckenpfeiler, fragte
er: Wisset Ihr, Mutter, vielleicht genauer, was das nun wieder zu sagen
hat? Wenn man sich auch das Seinige zurechtlegt, so hrt man doch gern
eines andern Bericht. Als ich abging von Corvey, schritt ich noch
trocknen Fues ber die Weser.

Die Greisin schttelte den Kopf:

Ich kann es nicht sagen, ehrwrdiger Herr. Anno Siebenzig am
siebenzehnten Januar hat es der Flu selber getan. Vordem Anno
Sechsundvierzig tat es der Herr Feldzeugmeister von Wrangel; vordem
taten es Herr Kaspar Pflugk und die Herren Liguisten, -- vordem Herr
Christian von Braunschweig, den sie den tollen Herzog nannten.
Dazwischen dann wieder immer der Strom selber. Ja, wer hat's heute
getan?

Der Bruder Henricus lchelte ein wenig.

Was Ihr mir da eben ableiert, Frau, kann ich in seiner Richtigkeit fr
mehr als einen Axthieb ^in persona^ bezeugen. Wo kommt Ihr denn her,
Frau?

Von Gronau, im Frstentum Hildesheim. Da ist meiner Schwester Sohn
gestorben. Er war der letzte Mann in meinem Hause. Ich hab' ihn sterben
sehen und mir die Erbschaft geholt nach Hxter.

Hm! murmelte der Bruder Henricus und sah auf das Bndel, auf dem die
Alte zusammengekauert hockte, und von dem sie aus scheu und furchtsam zu
ihm seitwrts aufblickte.




                           Zweites Kapitel.


Um einen Mnch und ein altes Weib tu ich keinen Zug am Seil, brummte
Hans Vogedes, der Fhrmann, und rkelte sich auf seiner Bank von der
linken auf die rechte Seite; und die Brgerwacht unter dem Torbogen
lachte ^in choro^ und stimmte ihm ganz und gar bei.

Es war eine wunderliche Wachtmannschaft, in deren Zusammensetzung
sich die ganze Verwirrung des Gemeinwesens aussprach. Zwei
Mnstrisch-Corveysche Infanteristen schulterten da ihre Musketen; ein
Schuster, ein Zimmermann und zwei Schneider aus dem berwiegenden
lutherischen Teile der Stadtbevlkerung vom Rat aufgeboten, hatten sich
sonderlich gewappnet mit Helm und Harnisch aus der Liguisten- und
Schwedenzeit und lehnten martialisch an ihren Spieen und Stangen. Den
Oberkommandanten des Ganzen aber, Korporal Barthold Polhenne, hatte die
katholische Brgerschaft aus ihrer Mitte unter Beistand des Stiftes und
der Minoritenbrder in der Stadt gestellt: die Ordnung, die er hielt,
und die Autoritt, deren er sich rhmen durfte, waren denn auch danach.

Niedergetreten vom schweren Stiefelabsatz des Herrn von Turenne, mit
Kontributionen bis zum letzten ausgesogen vom Herrn von Fougerais; von
der welschen Besatzung in den Husern und auf den Gassen bis zum
uersten in alles Elend und alle Wut hineingeqult -- widerspenstige
Untertanen Seiner bischflichen Gnaden von Mnster, hungrige Brger der
guten Munizipalstadt Hxar, -- kurz, armes, notdrftiges, geplagtes,
verwirrtes, deutsches Volkswesen, wie es aus dem Trmmerschutt des
Religionskrieges aufwuchs, gleich den Wurzelsprossen um einen gefllten
Baum -- es sah eben bse aus in Hxter nach dem Abmarsch der hohen
franzsischen Alliierten!

Drben am rechten Ufer der Weser stand der Mnch bewegungslos auf seinen
Stock gelehnt, und Krppel-Leah sa auf dem Bndel mit dem Nachla des
Schwestersohnes. Sie warteten ruhig ab, da das Schicksal ihnen den
dritten Mann sende, um den Hans Vogedes vielleicht wohl fahren mochte;
und dieser dritte Mann erschien jetzt wirklich. Er kam durch das niedere
Feld und die Allerwiese vom Dorfe Boffzen her, -- auch ein alter Mensch,
hochgewachsen, drr, im schwarzen Rock und Untergewand, weitbeinig und
energisch-eilig -- Ehrn Helmrich Vollbort, der Pfarrherr der
lutherischen Kilianikirche zu Hxter. Es schien ihm gut zu dnken, bald
nach Hause zu kommen, denn die Witterung wurde nicht freundlicher, und
die Dmmerung nahm immer mehr zu. Ob der Pastor auch noch andere Grnde
fr seine Hast hatte, werden wir ja wohl erfahren; frs erste, als er
die stattliche Gestalt des Benediktiners an der Fhrstelle zu Gesicht
bekam, migte er seinen Schritt; jedoch nur fr die krzeste Weile,
denn sofort trat er um so krftiger auf und heran und grte kurz und
schweigend.

Hflich erwiderte der Bruder Henricus den Gru; die Judenfrau erhob sich
mhsam von ihrem Sitze und knixte. Es war eine seltsame Gruppe, die
unter dem strmischen, dunklen Himmel, vor den gelben grollenden, wild
hinstrzenden Wassern auf das Hxtersche Fhrschiff zu warten hatte; der
Mnch von Corvey aber war der erste, dem das Schweigen peinlich wurde,
und der also auch zuerst den Mund auftat. Wahrhaftig, es ist zweihundert
Jahre her, aber auch der Bruder Heinrich von Herstelle begann mit einer
Bemerkung ber das Wetter, und sie hatte dieselbe Wirkung wie
heutzutage.

Es ist freilich ein rauher Tag, erwiderte Ehrn Helmrich Vollbort, der
Pfarrherr zu Sankt Kilian, nach der Stadt hinber und auf die
zertrmmerte Brcke sehend. Ein Tag oder Abend, wie er wohl fr Ort und
Zeit pat.

Sie haben das richtige Wort gesprochen, Herr Pastor, sagte der Mnch.
Obgleich ich vom Hause abwesend war, so nehm' ich gern jede Anmerkung,
die hier und heute ^tempora et mores^ in ein Gleichnis bringt,
vollgeltend hin.

Die jdische Greisin, die sich wieder auf ihr Bndel niedergekauert
hatte, bedeckte das Gesicht mit der rechten Hand und seufzte schwer und
nickte verstohlen gleichfalls.

Sie befanden sich nicht beim franzsischen Abmarsch im Stift, mein
Pater? fragte der Pfarrherr.

Ich trug einen Brief zum Herrn Herzog Rudolfus Augustus, -- nmlich ich
traf ihn mit Heeresmacht zu Wickensen, auf seinem Amtshause, -- ich traf
ihn mit Heeresmacht dort im Walde, im Solling.

Ei! murmelte der Prediger von Sankt Kilian, hoch aufhorchend. Die
Herren zu Corvey waren sich dessen vermutend? Hat der welsche Holofer
--

Er brach ab und schlo -- seinerseits mit einem schweren Seufzer: Es
ist gleich; wir bleiben, wie wir sind, in der Not. Der Wille des Herrn
geschehe, jetzt und immerdar.

Amen! sagte der Bruder Henricus.

Das Fhrschiff lie noch immer auf sich warten; aber das Gesprch auf
dem rechten Weserufer war in Gang gekommen. Der Mnch fragte hflich und
der lutherische geistliche Hirt antwortete ebenso hflich, wenngleich
viel finsterer oder, sozusagen, verdrossener. Sie erfuhren beide
mancherlei voneinander, was ihnen wissenswert sein mute. Was den Bruder
Henricus im besonderen anbetraf, so erfuhr der nunmehr ganz genau, in
welcher Weise diesmal die Hxtersche Brcke stromab geschwommen sei und
wie drben, wieder einmal, das Haus wandlos und dachlos stehe, jedem
Regen- und Sturmsto preisgegeben. Die jdische Greisin murmelte
eintnig ihre Gebete vor sich hin, der schmutzige Flu rauschte
mrrisch, und am Brucktor von Huxar rstete Hans Vogedes sich endlich
zur Fahrt. Die sonderbare Wachtgesellschaft unter dem Tor hatte sich um
einen sonderbaren Menschen vermehrt, und dieser war's auch, der den
faulen Schiffer an sein Amt trieb.

Er war die Strae herabgekommen, die Hnde in den Taschen, den Hut
schief auf den verwilderten Lockenkopf gedrckt, in abgetragenes
gelehrtes Schwarz gekleidet, eine kurze, gestopfte, doch nicht brennende
Tonpfeife im Munde, sein einziges Eigentum in dieser lustigen
Welt, ^Quinti Horatii Flacci poemata^ in einem abgegriffenen
Schweinslederbande im Sack und -- seine eigene Version des rmischen
Poeten zwischen den Zhnen:

   Nun herrschet mit lockeren Flammen im Herzen
   Die Thrakerin Chloe zu Lachen und Scherzen,
   Nun singt sie, nun schlgt sie die Laute mir fein;
   Zu doppeln ihr Leben setz' meines ich ein.

Da wir mehr mit dem jungen Mann zu tun haben werden, so wollen wir
sofort sagen, wie er hie, wer er war, und wie es mit ihm stand.

Mit Namen hie er Lambertus Tewes, er war der Schwestersohn Ehrn
Helmrich Vollborts, des Predigers zu Sankt Kilian, und seines Zeichens
war er leider ein vor acht Tagen von der berhmten Universitt, der
Julia Karolina zu Helmstedt, relegierter Studiosus der Jurisprudenz.
Sein Alter belief sich auf neunzehn Jahre und vielleicht ein halbes
drber; sonsten war er heute wahrscheinlich der einzige Mensch
vergngten, wohlwollenden und unbesorgten Gemtes in der Stadt Hxter an
der Weser, und der sich auch dergestalt natrlich gab. Zu der
schmauchenden Wachtmannschaft trat er heran, um sich Feuer auf seinen
Tabak geben zu lassen; zu versumen hatte er sonst nichts und sah es
gern, wenn man ihm irgendwo, wie zum Exempel hier, augenblicklich Platz
auf der Bank machte.

Rck zu, Schulkamerad, wenn du nichts Besseres vor hast, rief einer
von der lutherischen Wacht, der mit dem Studenten vordem dem Hxterschen
Scholarchen durch die Hnde gelaufen war. Willst du aber ber die
Weser, so wird dich Hans Vogedes sogleich mitnehmen und sogar umsonst,
das heit, fr ein Stck Latein aus deinem Trster, whrend er das
Schiff lst. Nicht wahr, der Handel gilt?

Nicht wahr? Ei so! lachte der verwilderte Helmstedter Bursch. Du
fielst der alten Mutter Philosophia freilich eher aus der vielgeflickten
Schrze, als sie dich in den rmischen und griechischen Topf schtteln
konnte! Nun, du httest den Hxteranischen gelehrten Sauerkohl auch
nicht fetter gemacht.

Meister Polhenne, er fngt an, die Gemtlichkeit zu stren, sowie er
kommt. Man kennt deine Redensarten, du Trbernfresser.

Ruhe auf der Wacht. Magister Lambert, haltet den Mund; und Ihr,
Schuster Kappes, das Maul! Sonsten aber stimme ich auch fr ein Stck
aus dem alten Heiden, brummte der Korporal Polhenne.

Gefllt Euch der alte Heide so gut, Korporal?

Hier am Ort ist niemand, der es da Euch gleich tut. Das Latein kommt
immer mehr ab in der Welt. Jesus, wenn ich an meine Jugendzeit denke,
und wie sie da es uns von den Kanzeln an die Kpfe warfen!

^O nata mecum consule Manlio^, summte der Student, aber brach sogleich
ab, um seine Perlen nicht vor die Sue zu werfen, klopfte den Korporal
auf die Schulter und rief: Lasset nur das Latein, Polhenne --

   Corvinus vermahnt uns
   Bedachtvoll und klug,
   Das Fa aufzuwinden,
   Zu heben den Krug.
   Wie Sokrates redet,
   Doch trinkt auch wie er!
   So klingt schon beim Alten,
   Beim Cato die Lehr.
Sagt, Jungen, was gibt es denn zu trinken am Ufer
des gelben Tibers -- will sagen, der gelben Weser?
Was hat euch der falsche Punier, der grimmige Unhold
Hannibal fr euren und meinen Durst brig gelassen?

Wenn Ihr den Fougerais meint, Magister -- da! da luft es! schrie wie
ein Mann wtend die Wacht am Brucktor zu Huxar, auf den Weserstrom
deutend.

Dieses Fa wird Euch so leicht nicht auslaufen, Herr Doktor! brummte
einer der Mnsterschen Musketierer ber die Schulter; der Student aber
schttelte sich:

Brr! -- er ist zuletzt abmarschiert, seinem Meister Turennius nach; --
^ultimo scabies^, die Krtze auf den Letzten. Bei den unsterblichen
Gttern, ihr Herren, da mag selbst dem Gutherzigsten der Germanen sein
kimmerischer Tag allzu grau werden, um den Horaz zu zitieren. Gebt mir
Feuer auf meine Pfeife.

Das geschah, und in dem nmlichen Augenblick kam von drben her ber den
Flu ein heiserer Ruf, und ein schwarzer Mann winkte durch die
Abenddmmerung mit seinem weien Sacktuch. Herr Lambert Tewes, der sich
zweier Augen von Falkenart rhmte, sagte:

Ich hab' ihn zu Hause gesucht, um noch einmal klglich vor ihm zu tun.
Doch ^chre tante^, ehe sie mir die Haustr vor der Nase zuschlug und
verriegelte, tat mir kund, der Herr Oheim sei nicht zu Hause, sei ber
die Weser zum Herrn Amtsbruder in Boffzen. ^Ecce vir excellentissimus^
-- ^avunculus divinus ac singularis^, -- und siehe ein Mnch und ein alt
Weib in den Handel! Hinber, Fhrmann, und holt mir den Herrn Oheim, ich
brauche ihn notwendiger, als ihr euch vorstellen mget, ihr Herren und
guten Freunde.

Ich hab' es dir schon lange gesagt, da du dich endlich aufmachest,
Hans, fiel einer der Spietrger bei. Es ist unser Herr Pastore, der
zuletzt ungeduldig geworden ist.

Das wirkte. Der Fhrmann stand auf, reckte sich, ghnte, stieg in sein
Schiff und griff nach dem Seil. Seinen Platz auf der Bank nahm, wie
gesagt, der Student ein.

Schwer arbeitete sich der Schiffer mit seinem Kahn, gegen die mchtig
drngenden, winterlich geschwollenen Fluten an, hinber zum anderen
Ufer. Die Wacht sah ihm mit behaglich-trger Anteilnehmung nach, und
Herr Lambert Tewes, den Rauch aus seiner kurzen Tonpfeife blasend,
summte:

   Mit Gleichmut nimm, was frommt, was dreut,
   Die Welt fleut gleich dem Strome her,
   Der sanft in seinem Bette heut
   Abgleitet zum Etruskermeer;
   Doch morgen in Emprung schwillt,
   Aus seinen Ufern berquillt,

   Gesteine schiebt,
   Den Wald zerstiebt,
   Die Herde schluckt in seinen Bauch,
   Den Hirten und die Htte auch;
   Wenn Jupiter der Menschheit grollt
   Und schwarz Gewlk vom Pol her rollt.




                           Drittes Kapitel.


Der Student hatte sich eben in solcher Weise die Ode seines rmischen
Poeten an den Gnner Mcenas mundgerecht gemacht, als das Fhrschiff das
jenseitige Ufer der Weser erreichte. Mit einer hflichen Mtzabnehmung
und mit einem Kratzfu lud Hans Vogedes den lutherischen Geistlichen
ein, einzusteigen. Den Mnch von Corvey, den Bruder Henricus, grte er
auch, doch um ein bedeutendes formloser. Was die alte Jdin anbetraf, so
machte er selbstverstndlich Miene, vom Lande wieder abzustoen, ohne
sie mit nach Hxter hinberzunehmen.

Der Mnch aber hatte ihr fr ihr Geld zu ihrem Rechte verholfen, zu
einem Sitze im Kahn, und auch der Prediger von Sankt Kilian war
zugerckt, um ihrem Bndel Platz zu machen.

Nun schwamm die Fhre von neuem der Stadt zu. Die beiden geistlichen
Herren saen still, die Jdin zusammengeduckt gleichfalls: der rohe
Fhrmann murrte bei seiner freilich nicht leichten Arbeit immerfort
leise Schimpfworte vor sich hin und warf von Zeit zu Zeit einen
verstohlenen Blick auf den Sack, der die Erbschaft der Krppel-Leah
enthielt. In der Mitte des Stromes fragte der Mnch:

Wie geht es Euch da -- zu Hause, Schiffsmann, seit das fremde Volk
Abschied genommen hat?

Der Teufel hat sein Hauptquartier da behalten, Pater, lautete die
Antwort. In Corvey war gro Jubilieren -- sie werden auch Euch das
Essen warm gestellt haben. Hxar hungert und kaut Wut; Ihr werdet dort
wenige Hauswnde finden, durch die der Wind nicht pfeift. ^Sacr^, wie
die franzsischen Hunde sagten, ich pfeife auch darauf, ich hab'
wenigstens nicht Weib und Kind zu versorgen. Um ein wenig besser
Handgeld wr' ich auch mit dem Fougerais abgezogen.

Der Bruder Henricus seufzte: auch der Pastor Helmrich Vollbort seufzte
und schlug mit der Faust auf den Rand des schwerflligen Fahrzeuges.

Der Pastor sagte dann:

Der Mann spricht Ihnen die Wahrheit, Herr Pater, wie ich schon vorhin
sie sagte. Es sieht bel aus in der armen Stadt; der Herr bewahre uns
vor weiterem Schaden.

Der wilde Flu wand sich unter dem Kahn gleich einem bsen Tier.

Die Welt ist gleich dem Strom, fuhr der Pastor fort, sie gehet
bedeckt mit Trmmern; aber der Herr wandelt dennoch auf den Wassern. Er
wird's wohl zwingen.

Amen! erwiderte der Bruder Henricus, und dann wurde nichts weiter
gesprochen, bis der Kahn unter der Hxterschen ruinierten Stadtmauer ans
Ufer stie. In demselben Augenblick schon sprang der Student von seiner
Bank am Brucktor auf und an den Rand der Fhre, zog den Hut zierlich,
bot dem Pfarrherrn von Sankt Kilian die Hand zum Aussteigen und sprach:

Ehrwrden Herr Onkel, ich hab' mir vorhin wieder einmal die Ehre
gegeben, Ihnen in Ihrer Behausung aufwarten zu wollen. Die Frau Tante
hat mich hierher gewiesen ^ab ostio ad Ostiam^, von der Tr -- die sie
mir leider vor der Nase verschlo -- nach Ostia, will sagen an den
Hafen. Ich mache mein Kompliment, Herr Oheim.

Und ich habe Euch nichts weiter zu sagen, Herr! Was stellt Ihr Euch
immer von neuem mir in den Weg?

Heraus, Alte! marsch, -- her den Fhrlohn und fort mit dir, du Hexe!
schrie der Fhrmann die Jdin an.

Gott Abrahams, gleich, lieber Mann! rief die Greisin. O, Erbarmen,
werdet nicht bse -- da, da!

Sie reichte mit zitternder Hand die schlechten Pfennige hin und
stolperte und fiel, als sie mit ihrem Bndel ber den Bord des Kahnes
stieg. Die von der Wacht lachten alle ber das alte Weib.

Von dem Mnch nahm der Schiffer seinen Lohn, ohne weiter etwas zu
bemerken; aber die beiden Mnsterschen Kriegsleute und der
Brgerkorporal Polhenne hielten die Hte in der Hand. Mit einem stummen
Grue fr alle und mit einem Kopfneigen fr seine Glaubensgenossen
schritt der Bruder Henricus durch das Brucktor, den brigen voran.

Die Krppel-Leah trieb einer der wachthaltenden Schneider
spahafterweise mit dem Spieende zum eiligeren Forthumpeln an. Ihr sah
der Fhrmann am nachdenklichsten jetzo nach und nahm einen und den
andern Kumpan aus dem Volk, das sich sonst noch an der Fhrstelle
angesammelt hatte, zu einem Geflster beiseite.

Der Student Meister Lambert Tewes hatte nach der kurzen und derben
Abweisung seines ehrwrdigen Verwandten den Hut wieder aufgesetzt; aber
als ein braver Bursch, der mit den Philistern umzugehen wei, lie er so
leicht nicht locker. Wenn er vorhin vom Etruskermeer gesungen hatte, so
begab er sich jetzt auf ein ander Gewsser, griff rckwrts nach dem
Horaz in seiner Tasche, um sich zu vergewissern, da dieser Trostbringer
noch vorhanden sei, und summte, was voreinst dem Aelius Lamia
vorgepfiffen worden war, dem unwirschen Onkel Helmrich von Sankt Kilian
hin:

   ^Musis amicus, tristitiam et metus^
   ^Tradam protervis in mare Creticum^
   ^Portare ventis^ --

er sang es aber deutsch in absonderlicher Umschreibung:

   Der Wind pfeift hin zur Kreterflut,
   Verdru und Wut
   Und Grmlichkeit
   Fhrt mit ihm weit!
   Dem Musensohn kommt's nrrisch vor,
   Kratzt sich der Philosoph am Ohr;

es wrde mir das Herz abdrcken, Ehrwrden Herr Oheim, wann ich als
Eurer Frauen Schwestersohn Euch so leichthin, ohne nochmals Eure Kniee
umfat zu haben, Eures Weges in belgewogenheit gehen liee. Es ist wohl
wahr, sie haben mir ^Consilium abeundi^ gegeben, aber --

Und ich und meine Hausfrau haben desgleichen getan! rief der Pastor
zornig. Herr, haltet mich nicht lnger auf; ich und mein Haus haben
nichts mehr mit Euch zu schaffen.

Der Prediger ging schneller zu; aber der Neffe hielt sich hartnckig an
seiner Seite.

Bei den Penaten Eures Herdes, Herr Oheim --

Er kam mit seiner Rede wiederum nicht zu Ende. Pltzlich stand der alte,
strenge Herr still und rief:

Was wollt Ihr eigentlich noch, Monsieur, nachdem ich Euch meine Meinung
so deutlich gesagt habe? Ist das eine Zeit fr Narrenteiding? Sehet Euch
um, ist das ein Schauspiel dem Auge, um dabei den Horatius abzuleiern?
Sehet mir in das Herz; -- in dem Hause Gottes haben die Fremden ihre
Rosse gestallt; in meiner Kirchen haben sie ihre Bacchanalia gehalten! O
rufet nur ^Evo^, ^Evo^, und lobet den Bacchus und die Venus, die --;
greifet Euch doch in das eigene Herz; ist denn das Volk der Teutschen,
das arme elende Volk -- hauslos und dachlos hier und an so mancher
anderen Statt -- in der Lust und Begierde, des rmischen Poeten geile
Reime an sein schmerzend Ohr klingen zu hren?! Sehet um Euch, Mensch,
und gehet und lasset mich meines Weges gehen; was hlfe es Euch, da Ihr
mit mir kmet? Auch bei mir wrdet Ihr eine verwstete Heimsttte und
einen kalten Herd finden.

Der geistliche Herr hatte eine Handbewegung um sich her gemacht, und was
diese harte, magere, knochige Hand andeutete, das sah freilich trostlos
genug aus.

Sturm auf Sturm war seit dem Jahre 1618 ber das Hxtersche Weichbild
hingefahren. Kein Chronist hat noch gezhlt, wie oft dieser Ort, die
Fhrstelle und Brcke am groen Vlkerbergang zwischen Ost und Westen
dem Schwert und der Brandfackel anheimgefallen war. Aber die Ruinen, die
wsten Stellen, die rmlichkeit der wenigen wieder aufgerichteten
Menschenwohnungen und diese in ihrer allerneuesten Verwstung zeugten
davon. Gleich einem verwesenden Krper lag die Stadt Huxar in dem grauen
Abendlicht des Dezembers da, und die alten schwarzen Kirchen ragten wie
das Knochengerst aus dem zerfallenen Fleische der Stadt. Und die Gasse
war voll des zerstampften Strohs, des Schutts, der Asche und Trmmer und
stank auch sonst dem Heer des allerchristlichsten Knigs bel nach; der
Student hielt sich die Nase zu, schob den Hut von einem Ohr zum anderen
und nickte:

Bei den Gttern, es ist ein Elend!

Das war es; aber das Laster sa eben doch zu tief im Blut. Herr Lambert
zitierte wieder; wenngleich mit klglichster Miene:

   Wem klagt das Volk des Reiches Fall,
   Wen ruft es an mit Seufzerschwall?
   Wen schickt uns Zeus als Rcher her,
   Wem legt er in die Hand die Wehr?
   Dein Licht verhllt, schwing nieder dich,
   Augur Apoll errette mich, --

^ad Augustum Caesarem^ ist die Ode berschrieben, Herr Oheim.

Den Herrn sollt Ihr anrufen; sein Name ist Zebaoth! Emanuel ist sein
heiliger Name! sprach der Pfarrherr, die drohende Hand erhebend und
weiter schreitend. Jetzt lie der Student und Neffe ihn ziehen und stand
still und sah ihm nach und dann noch einmal sich um in Hxter.




                           Viertes Kapitel.


Die Vetternschaft und zrtliche Verwandtschaft htten wir demnach also
vergeblich begret! sagte der in die Wildnis ausgetriebene Brger und
ungeratene Sohn der erlauchten und erleuchteten Mutter Julia Karolina.
Sie haben mir immer meinen Weichmut vorgeworfen; aber hier habe ich es
wahrlich nicht an Hartnckigkeit fehlen lassen. Da hab' ich doch getan
und versucht, was meine seligen Eltern nur verlangen konnten. Ein
anderer wr' lngst grob geworden und htte der lieben Frau Tante und
dem Herrn Onkel den Stuhl vor die Tr geschoben; nur solch ein
gutherziger Gesell wie ich lt sich dreimal aus ihr herauswerfen, ohne
auf die ihm von frher Jugend an eingeblute Pietas den Teufel
herabzubeschwren. Alle Hllengeister, erlset mich von dem weichen
Gemte!

Er kratzte sich bedenklich am Krauskopf, obgleich er vor zehn Minuten
noch jeden Weltweisen, der dergleichen tun wrde, arg in gebundener Rede
gelstert hatte. Dann griff er von neuem hinterwrts in den Sack, traf
aber auch diesmal auf wenig mehr drin als auf den Gnstling des Mcenas,
den Liebhaber Glycerens, den Freund des Varus, -- auf den alten sonnigen
Schker, den Flaccus. So stand er in der beginnenden deutschen
Winternacht, als pltzlich der weie Benediktinermnch, der Bruder
Henricus, abermals an ihm vorbeiging. Der Frater hatte noch einen Besuch
bei dem Minoritenprediger, den der Frstbischof Bernhard von Galen der
katholischen Kirche in Hxter als Hirten vorgesetzt, abgestattet, hatte
ihn jedoch nicht zu Hause angetroffen und war, vom Kster zu Sankt Peter
beschieden, ihm nach dem Hause des Brgermeisters Thnis Merz
nachgegangen. Er hatte seinen Minoriten richtig gefunden und sein Wort
mit ihm ausgetauscht, und nun war er auf dem Wege zum Corveytor.

^Salve Domine!^ sagte der Student recht freundlich; und der Mnch
schreckte auf, wie es schien, aus recht unbehaglichem Gedankenspiel. Er
grte aber auch freundlich mit einer Verneigung und wollte damit ruhig
an dem jungen Gelehrten vorber; aber so glatt ging dieses doch nicht.
Herr Lambert Tewes ging sofort mit ihm und fhrte die Unterhaltung
weiter.

Sie gehen nach Hause, ehrwrdiger Herr Pater?

Ich gehe nach einer langen, mhsamen Wanderung durch die arge Welt heim
in meine Zelle.

Und Sie wissen also wohl gar nicht, wie gut Sie es haben, mein Pater?

Trotz seiner Verstimmung mute der Alte doch lcheln, und seinen Schritt
migend, fragte er:

Sie gehen bei diesem blen Wetter noch nicht heim, gelehrter Herr
Studiosus?

Wie gerne! seufzte der Student; aber haben Sie auch einmal, Herr
Pater, einen Onkel und eine Tante gehabt? O heiliger Kilianus, in welche
Hnde ist dein Haus bergegangen! Ich hatte so sicher da auf eine
Abendmahlzeit und einen Strohsack unter dem Schutze deines Marterzeugs
gezhlt! Ehrwrdiger Herr, sehet hier; als sie mich von Helmstedt
wegtrieben, lie ich ihnen meine Schulden und nahm ihnen diesen
Gttersohn in Schweinsleder aus ihrer Bibliotheka mit. Den werde ich nun
bei dieser lieblichen Witterung die Nacht ber in einer dieser
Hxterischen Ruinen an einem eingefallenen Herde als Kopfkissen nehmen
mssen. Was meinen Sie aber, mein Pater, wenn Sie ihn mir abhandelten um
ein Billiges? Wenn Phbus nicht lngst diesem niedertrchtigen
Erdenwinkel den Rcken gewendet htte, wrde ich das Volum Ihnen gern
zur genauen Besichtigung ^ad oculos^ rcken. Es ist eine treffliche
Edition -- ^Amstelodami, ex officina Henrici et Theodori Boom^ -- mit
einem Frontispizium vom berhmten Maler und Kupferstecher Romyn de
Hooghe; he?!

Ich war ein Reitersmann in meiner Jungheit und habe schon und leider
als Junker Heinrich von Herstelle meines Informators Latein an den
Bschen hngen lassen, erwiderte der Mnch. Ich danke Euch herzlich,
mein lieber junger Freund, und befehle Euch dem Schutze des
Allerhchsten. Sonsten haben wir auch zu Corvey eine mchtige,
frtreffliche Bcherei, und sie wrden mich weidlich auslachen, wenn ich
von der Reise dergleichen ihnen mitbrchte und zutrge.

Eulen nach Athen, murmelte der Student. Ich will's aus Hflichkeit
glauben; also -- vergngliche gute Nacht, mein Pater.

Der Mnch verneigte sich abermals und ging; der Helmstedtsche Studiosus
blieb und rief, als der Bruder Henricus ihm aus Gehrweite entfernt zu
sein schien:

Also wiederum abgeblitzt! Da lohnte es sich in Wahrheit, seinen
Musquedonner oder seine Schnapphahnflinte zu laden! Pulver und Blei!
^Palsambleu! mille millions tonnerres!^ kein Fluch in teutscher Zunge
kann da ausreichen, um einem Menschenkind Luft zu machen. Da nimmt der
Pfaff meinen warmen Sitz am Corveyschen Stiftskchenfeuer in seiner
Kutte mit hin; aber -- das ist die Zeit, so ist die Zeit! so sind sie
alle -- gleichviel ob katholisch oder lutherisch aufgewichst! o du
heiliger Simson von der Kollegienkirche! o ihr Fleischtpfe der ^alma
mater Julia^! o du lange Burschenbank im Ducksteinkeller! -- Und solch
einem Botier hab' ich meinen Lauriger fr ein Nachtessen angeboten?!
Schme dich, Lambertus, und geh in dich! Bei den Unsterblichen, es
bleibt also bei einem Nachtquartier in den Ruderibus des Herrn
Feldzeugmeisters von Wrangel. Gesegnet sei sein Angedenken! gesegnet sei
sein Durchmarsch nach dem Allgu zum Bregenzer Sturm! Gesegnet seien
seine Kartaunen und Bombarden von Anno Sechsundvierzig! Da kriegte man
doch wahrlich Lust, selbst den Tilly und den Generalfeldmarschall von
Gleen und das Jahr Vierunddreiig mit seinem >Salzkotter Quartier!<
hochleben zu lassen. Was finge nun heute unsereiner an ohne die Ruinen
vom Hxterschen Blutbad?!

Ei ja, aber wer hatte sonst in dieser Nacht ein ruhig, warmes Quartier,
ein sicheres und behagliches Kopfkissen und Deckbett in Huxar an der
Weser? Eigentlich niemand. Es kam keiner zu einem gesunden Schlaf, auer
den gesunden Kindern. Es war eben in der Woche nach der Sndflut, und
wie die briggebliebene Familie Noah sehr bald in Geznk und Hohn
gegeneinander ihrem Unbehagen in der verwsteten Welt Raum gab, so lag
die Hxtersche Brgerschaft jetzt schon im Hader untereinander und sich
im Haar.

Sie hatten sich -- beide, Katholiken wie Lutheraner, -- manches von der
fremdlndischen Besatzung gefallen lassen mssen, von dem Herrn von
Turenne und dem Herrn von Fougerais. Nun waren die Franzosen abgezogen,
aber das Gift in den Herzen und Kpfen war geblieben. Ein jeglicher
suchte nach jemand, an dem er seine Galle, gestraft oder ungestraft --
freilich am liebsten in letzterer Weise -- los werden konnte, und beim
rechten Lichte besehen, war niemand vorhanden, der sich htte anmaen
drfen, den Wchter ber die kochenden Leidenschaften zu spielen und den
Deckel berzustlpen. Sie waren alle Partei! Und der, welcher die
strkste Hand htte haben knnen, nmlich Herr Christoph Bernhard, der
Bischof zu Mnster, fhrte Krieg mit den Herren Generalstaaten, pfiff
auf das Deutsche Reich, versah sich nichts Gutes von dem Herzog Rudolfus
Augustus auf dem Amthause Wickensen und wute zu allem brigen, da
seine gute Munizipalstadt, nmlich die Stadt Hxter, der Mehrzahl
ihrer Eingesessenen nach, gleichfalls nach Wickensen ausschaute, jedoch
aus einem ganz anderen Grunde als er, der Bischof.

Laufe schnell mal einer nach dem Brgermeister! heit es sonst wohl in
einem gutgeordneten Gemeinwesen; aber auch das war leider Gottes hier
und diesmal von wenig Nutzen. Auch der Brgermeister von Hxter, Herr
Thnis Merz, war Partei. Man hatte von katholischer Seite, um ihn und
seine arme gute Stadt unter die Botmigkeit des Stiftes und des Herrn
Frstbischofs zu bringen, ihm und ihr mit Schikanen und sogar auch
Handgreiflichkeiten arg zugesetzt. Seine Berichte und Klageschriften an
den Schutzherrn zu Wickensen schrien laut genug darob.

Wie lange war es her zum Exempel, da man ihn, den hochedlen
Brgermeister, samt seinem ehrbaren Rat auf die Sperlingsjagd geschickt
hatte? War das keine Schikane, da man von Corvey aus der guten und
glorreichen Stadt Huxar wie der geringsten Bauernschaft der Umgegend
auferlegte, ihr Quantum Sperlingskpfe im Stiftshofe abzuliefern,
vorzuzhlen und aufzuschtten?!

^Per vulnera Christi^ hatte die Stadt zum Herzog Rudolfus Augustus um
Hlfe geschrien, und der Bruder Henricus konnte darber aussagen, wie
die herzoglichen Gnaden ber den Fall dachten.

Ja, ja, wie sich der Bischof und der Herzog ber die Weser mit Briefen
und von braunschweigischer Seite vor kurzem auch mit einigen Kompagnien
Fuvolks und stattlichen Reiterzgen unter die Nase rckten und
jahrelang hin- und herzogen, das steht auf manchem Blatte zu lesen, das
gelb und muffig aus jener Zeit zu uns herabgekommen ist.

Die gute, uralte Stadt Hxar, welche umb ihrer Gerechtsamen und ihrer
heiligen Religion halber Leib, Gut und Blut verloren, wird nunmehr als
das geringste Dorf gehalten. Ihre Schlssel sind ihr benommen, in ihrem
guten Rechte, sich selber einen Scharfrichter zu halten, ist sie
turbiret. Selbst das Judengeleit, so die Stadt doch vor und nach Anno
1624 gehabt, ist ihr auch wieder weggenommen, da anitzo ein Hauffen
Juden alle in brgerlichen Husern allda wohnen, ihren Wucher treiben
und dennoch der Stadt nichts geben!

So schrie die lutherische Brgerschaft.

Wir werden Euch lehren, so anzpfliche Worte ohngescheut
auszusprengen! grollte der katholische Teil der Bevlkerung; und von
Corvey aus lieen sich die bischflichen Gnaden vernehmen:

Mit sonderbarer Milde und Clementz haben wir bis dato Euch ungeratene,
widerspnstige Leute zu Huxar traktiret. Unser landesfrstliches Recht
haben wir gewahret: wie reimet sich dann, was Ihr zur Bemantelung des
Braunschweigischen feindlichen Einfalls hervorbringet?

Sind nicht schon Brgermeistern Johann Wildenhorern deswegen, da er
vor 16 Jahren bey weyland Herrn Abts Arnolden Zeiten in damaligen seinem
Brgermeister-Ampte fr der Stadt Jura gestrebet, allererst vor drei
Jahren, wie itztermeldeten Herrn Abts Frstliche Gnaden schon todt
gewesen, Frchte weggenommen? klang's vom Rathause.

Und wer war Schuld daran, klang's zurck, da unserm Frstlich
Mnsterischen Hauptmann Meyer, welcher mit zwanzig Mann bei Euch lag,
das Trommelspiel, womit derselbe durch seinen Tambour die gewhnliche
Reveli, Scharwacht und Zapfenstreich schlagen lassen, gewaltthtig
weggenommen und zu der Braunschweigischen Munition unterm Rathhaus
hingebracht wurde?

Seid Ihr nicht in dieser anhngigen Sache gleichsam ^Judex, pars et
advocatus^? schrie die Stadt.

Mit nichten! Von Gottes Gnaden sind Wir, Christoph Bernhard, Bischof zu
Mnster, Administrator zu Corvey, Eueres heillosen, rebellischen
Municipii eingesetzter und gesalbter Landesherr! schallte es zurck.

Hm, Euer Liebden, kam's vom jenseitigen Ufer der Weser schriftlich
herber, ohne Euer Liebden in Ihrer unstreitigen Gerechtsame und
Landes-Frstlicher Hoheit zu nahe zu treten, so haben wir doch als
Erb-Schutz-Herr wegen unseres Frstlichen Hauses Interesse dahin zu
sehen, da die arme Stadt in solchem desperaten Zustande nicht gleichsam
vor unsern Augen zu Grunde gehen muge. ^Signatum^: Rudolff Augustus
An den Herrn Bischoffen von Mnster.

In der gehrigen Zeit nach diesem freundnachbarlichen Schreiben war --
eben der Herr von Turenne in Hxter eingerckt. Eine verstndlichere
Antwort auf den herzoglichen Brief hatte Herr Christoph Bernhard von
Galen nicht zu geben gewut, da aber der gute Nachbar auf dem Amtshause
Wickensen sie sofort verstanden hatte, wird uns deutlich werden, wenn
der alte Reiter Heinrich von Herstelle zu Corvey Kunde davon gibt, was
er im Solling sah.

Was die Judenschaft anbetraf, ber deren in Wegfall gekommenes
Geleitsrecht die Brgerschaft von Hxter gleichfalls so sehr erbost
war, so hielt sie sich verstndigerweise so still als mglich, ohne da
es ihr viel half. -- --

Und nun hatte der Herr von Fougerais am Tage vor der Heimkehr des
Bruders Henricus, nach Wesel abmarschierend, die gute Stadt des
Frstbischofs von Mnster verlassen und -- nicht ohne seine Grnde,
vorher die Brcke, die auf das rechte Weserufer berfhrte, abgebrochen.
Christoph Bernhard mit seiner Macht stand weit in der Ferne gegen
Holland: fr eine Zeit waren Hxter und Corvey sich selber
anheimgegeben, und wild und wst wie in den Husern und Gassen sah es in
den Gemtern aus.

Der Helmstedter konsiliierte Studente, der, seinem Worte wenigstens
nach, eben im Begriff war, ein Nachtquartier in irgendeiner Ruine
frheren Wohlstandes zu suchen, konnte da vielleicht unter Umstnden den
ruhigsten und behaglichsten Platz in ganz Huxar finden. Es war jetzt
ganz Nacht und viel zu dunkel, um den Horatius hervorzuholen und, mit
dem Zeigefinger zwischen die Bltter greifend, sich ein Vaticinium aus
ihm herauszulangen, wie man frher desgleichen sich aus dem Virgilius
holte. Herr Lambert ging deshalb einfach wie jedes andere Menschenkind,
wie das Schicksal ihn fhrte; und bis jetzt hatte dasselbe ihn, wo nicht
immer behaglich, so doch stets recht vergnglich durch die arge Welt
geleitet.




                           Fnftes Kapitel.


Wir sind allesamt in dieser argen Welt gleich Kindern, denen das
Schreiben gelehrt und vom Meister die Hand gefhrt wird. Nun gingen wir
nur allzu gern sofort dem Bruder Henricus nach; allein schon hat man uns
auf die Schulter geklopft und nach einer anderen Richtung hingedeutet.

Wie die beiden anderen, die mit ihr den wilden Strom berschifft hatten,
war die Krppel-Leah nach Hause gegangen. Und wenn der Pfarrherr von St.
Kilian hinter der vor dem Neffen verriegelten Tr sein Weib am warmen
Ofen, wenn der Mnch von Corvey seine Zelle fand, so fand die Greisin
ihre Heimat in Ordnung -- wie die Zeitlufte es erlaubten. Fnfzig Mann
von einem pikardischen Musketierregimente hatten in ihrem Hause gelegen
und es sich darin whrend ihrer Abwesenheit behaglich gemacht! Die
Haustr war halb aus den Angeln gerissen, der grte Teil der
Fensterscheiben auch hier zertrmmert. Smtliches Gert war in Stcke
zerschlagen worden. Die Wnde waren vom Rauch geschwrzt und sonst
besudelt und mit Namen und wsten Zeichnungen versaut: die fremden Gste
hatten nicht alle schreiben knnen, aber sie hatten smtlich zu zeichnen
verstanden -- und wie!

Die fnfzig franzsischen Kriegsmnner hatten das Judenhaus fr sich
allein gehabt; aber noch am Tage ihres Abzuges mit dem Herrn von
Fougerais oder vielmehr am Abende dieses Tages hatte sich jemand
eingefunden, der eine Weile starr mit gefalteten Hnden und
unterdrcktem Schluchzen ob der Wstenei dastand, bis er in ein lautes
Weinen ausbrach; und dieser Jemand war ein kleines Mdchen von vierzehn
Jahren, der Greisin letzte Enkelin, gewesen. Wo das Kind sich whrend
der letzten wilden Wochen verborgen gehalten hatte, war dem Stift und
der Stadt gleichgltig; wenn auch uns nicht. Jetzt war es wieder da und
weinte auf den Trmmern des Hauses seiner Gromutter gerade so laut und
bitterlich wie weiland der Prophet Jeremias auf den Trmmern der groen
Stadt Jerusalem.

Doch das Kind hatte sich gefat. Es war eben auch ein Sprling jenes
tapfersten aller Vlker, das sich auf jedem Brandschutt seines Glckes
schier noch hartnckiger als das deutsche Volk mit seinen Wurzelfasern
wieder anzuheften wute. Vor allen Dingen hatte das Kind aus dem Hause
der Glaubensgenossen, in welchem es von der Barmherzigkeit aufgenommen
worden war, ein Lmpchen geholt und mit diesem in der Hand seine schwere
Arbeit angefangen. Das kleine Judenmdchen hatte das Haus gereinigt!

Mit seinem Lmpchen in der armen, winzigen, zitternden Hand suchte es
das verwstete Haus ab vom Keller bis zum Boden, und hufig sthnte es
und rief den Gott seines Volkes an, wenn es wieder ein schlau und sicher
angelegtes Versteck von der in diesen Angelegenheiten noch schlaueren,
auch auf dergleichen ausstudierten Soldateska des Herrn Marschalls von
Turenne aufgefunden und ausgestbert fand. Und das Kind war ganz allein
in seiner Not gewesen. Niemand hatte sich darum gekmmert in Hxter,
wenn der Schimmer der kleinen Lampe bald hier, bald dort an einer der
leeren, schwarzen Fensterffnungen vorberflimmerte. Der Volks- und
Glaubensgenosse Meister Samuel hatte die Lampe hergeliehen; sein Weib
Siphra hatte einen Handkorb mit einem schwarzen Brot, einem schlechten
Messer ohne Griff, einen irdenen Krug und einen mit Draht umflochtenen
Kochtopf dazugetan:

Wir wrden dir die Taschen mit Gold und Silber fllen und dir eine
Herde von Zicklein und Bcklein voraufgehen und dir einen Wagen voll
Mehl und Honig und l und Gewrz nachfahren lassen, wenn wir's knnten;
aber wir knnen's nicht, Simeath! hatte man in Meister Samuels Hause
gesagt.

Da hast du noch einen Besen; es ist wohl der schlechteste, aber wir
brauchen alle brigen selber, hatte die Frau Siphra hinzugefgt, und so
war das Kind mit herzlichem Dank und berstrmenden Dankestrnen
gegangen und hatte es dem Knig Louis, dem Bischof von Mnster, dem
Herrn von Turenne, dem Herrn von Fougerais, dem Stift und der Stadt zum
Trotz mglich gemacht, sich einzurichten, bis die Gromutter heimkehrte.

Nach dem Hofe zu gelegen, befand sich im oberen Stockwerke des Hauses
ein enges, dunkles Gemach, in welchem ^monsieur le Sergeant^ mit seiner
Zuhlterin, einer dicken Champenoise aus Troyes, sein Quartier
aufgeschlagen gehabt hatte und das demnach nicht ganz so ruiniert worden
war als die brigen Rume. In dieser Kammer stand noch das Bett
aufrecht, sowie auch ein Tisch, dem nicht mehr als ein Bein abgeschlagen
worden war. Zwei oder drei noch sitzgerechte Schemel waren auch dem
scherzhaften Mutwillen des abziehenden Heeres entgangen. Schlimm genug
sah es freilich auch hier auf dem Estrich, in den Winkeln und an den
Wnden aus, und das Bettzeug warf Simeath sofort mit Schaudern in den
Hof hinunter. Jedoch da war der Besen und die fleiige, harte, kleine
Hand! Um Mitternacht war das Stbchen gekehrt, der Tisch festgestellt
und vom nchsten verlassenen Kavallerieposten in der Gasse ein
zurckgelassenes Bund Stroh in die Bettstelle der Mamzelle Genevion
heraufgeschleppt: eine Viertelstunde nach Mitternacht lag Simeath in
diesem Stroh und schlief der Heimkunft der Gromutter entgegen.

Wie das Kind erwachte -- vielleicht aus einem glcklichen Traume! -- wie
es aufrecht sa und sich verstrt zum Bewutsein kommend, in der
Scheulichkeit rings umher umsah; wie es den Tag bis zur abermaligen
Dmmerung des Abends hinbrachte, wollen wir auch nicht beschreiben. Wir
sahen die Gromutter mit ihrem Bndel, von dem Spott und den bsen
Blicken der Wachtmannschaft an der Weserfhre verfolgt, humpelnd ihren
Weg nach ihrer Behausung zu nehmen. Wir malen uns in der Phantasie aus,
wie sie vor dem Hause stand und nach den zerbrochenen Scheiben
hinaufstarrte, wie sie dann ber die zertrmmerte Schwelle durch die
trlose Pforte trat, und wie ihre Enkelin aufschreiend und mit
ausgebreiteten Armen ihr entgegenlief und umherdeutete:

Sieh! sieh! -- Alles hin! nichts heil; -- alles voll Ekel und Graus; --
alles wste, alles von den schlechten, wilden Menschen zugrunde
gerichtet!

Nachher hat die Greisin das Haupt gesenkt und einen Spruch in der
Sprache ihrer Vter gesagt. Nachher hat das kleine Mdchen die alte
Mutter die Treppe hinaufgeleitet und sie in das gereinigte Stbchen
gefhrt. Nachher ist es wieder ganz Nacht geworden; die kleine Lampe aus
dem Hause des Meisters Samuel und der guten Frau Siphra brennt auf dem
Tische, der von Simeath so knstlich zum Stehen gebracht wurde.
Gromutter und Enkelin sitzen an diesem Tisch einander gegenber. Das
Bndel mit der Erbschaft aus Gronau im Frstentum Hildesheim liegt unter
dem Tische.

Mein gut Kind, wie oft hat der Feind oder das bse Volk in der Stadt
dieses Haus umgestrzt, seit ich Atem ziehe? Wer so weit herkommt aus
der Zeit wie ich; wer den tollen Christian und den Tilly, den Herrn von
Gleen, die Herzogin von Hessen, den Feldmarschall Holzappel, den Wrangel
und so viele kleinere wilde Heeresfhrer vorberreiten oder ber sich
wegtreten lie, der macht sich wenig mehr aus dem Herrn von Turenne und
dem Herrn von Fougerais! Ich sehe nur wieder, was ich schon ein Dutzend
Male sah. Es ist eine Zeit, in welcher der Mensch das Schlimmste als das
Gewhnlichste hinnimmt. Weine nicht, mein liebes Herzchen, du bist jung
und magst noch in eine reinlichere, bessere Zeit hineinleben!

So hatte die Krppel-Leah getrstet, und whrenddessen hatte der Pastor
zu St. Kilian in der bekannten Weise seinem Neffen eine recht gute Nacht
gewnscht; whrenddessen hatte der Student seinen Trster im Jammer, den
Horatius, dem Bruder Henricus zum Kauf oder fr ein Abendessen und
Nachtquartier hingehalten; whrenddessen -- war von der Erbschaft der
alten Jdin an einem Orte, den wir jetzt erst betreten, die Rede.

Am Corveytor in einer Schenke, die im Schild als Zeichen einen Mann
fhrte, welcher in einem lkessel tanzte, in der Kneipe zum heiligen
Vitus, wurde von dem Bndel der Krppel-Leah gesprochen.

Der Student, Herr Lambert Tewes, war dreimal in das zerbrochene
Mauerwerk frheren stdtischen Wohlbehagens hineingetappt und hatte sich
nach den Ruderibus der Herdstellen hingetastet:

Brr, hatte er jedesmal gechzt, und zum vierten Male wiederholte er
den Versuch, sich ein Nachtlager unter den Ruinen des Dreiigjhrigen
Krieges in Hxter zu suchen, nicht.

^Basolamano, messieurs^, meine hochgnstigen Herren! sagte er hflich
beim Eintritt in die Kneipe zu Sankt Veit am Corveytor; ein heller Jubel
und lautstimmiges Halloh begrten ihn dagegen.

Bis auf den Stadtkorporal Polhenne waren sie allesamt wieder vorhanden
und noch einige ihres Gelichters dazu. Eine saubere Gesellschaft,
meistenteils auch bereits halb angetrunken und zu jeglichem Schabernack
und Unfug bereit! Da war auch der Schulkamerad Wigand Suberlich, mit
dem die Hxterianischen Scholarchen ihren gelehrten Kohl nicht hatten
schmalzen knnen; und dieser, nmlich der Suberlich, war's auch hier,
der den Studenten zuerst wieder am Knopfe fate, ihm mit einem
schumenden Bierkrug unter den Bart trat und schrie:

Da haben wir ihn! Kerl, wo hast du gesteckt? Seit einer Stunde sehnen
wir uns nach dir wie eine alte Jungfer nach dem Hochzeiter. Juchhe,
jetzt ist der Ofen geheizt und der Braten fertig! Tragt auf, gute
Gesellen; Messer und Gabel heraus! Du gehst doch mit uns, Lambert?

Wohin, Signor Strillone?

Keine fremden Zungen jetzo, Alter! Wir verbitten uns das. Du gehst mit
uns, wohin wir dich fhren werden.

Schlecht Wetter drauen --

Aber gut genug, um eine lustige Nacht daraus zu machen in Hxter!
Smtliche gegenwrtige, ehrbare und frhliche Kumpanei, Mann fr Mann,
geht mit.

Aber zuerst will ich doch wissen, was es gibt, Gevattern.

Hunger und Wut, Herr Doktor! schrie's aus dem Haufen. Alles, was die
Franzosen uns gelassen haben.

Und einen elenden Durst dazu!

Ja saufen knnt Ihr, aber es ist das letzte vom Fa, und kein
allerletztes gibt es offenkundig in Hxter! Gerade deshalb wollen wir
die Kellerschlssel holen. Die Lutherischen fallen auf die Katholiken
und umgekehrt. Da wir deinem Onkel auch in der Vergadderung einen
Besuch machen, wirst du sicherlich nicht belnehmen, Lambert.

^Scabies capiat^ -- der Teufel hole meinen Herrn Onkel! rief der
Student; doch jetzt nahm ihn Hans Vogedes am Arm und flsterte ihm zu,
um, wie er meinte, sein letztes Schwanken und berlegen triumphvoll zu
besiegen:

Und nachher oder darzwischen fallen wir auch den Juden auf die Kpfe!
Was? He? Was sagt Ihr?

Der Student sah den Verfhrer einen langen Augenblick an, und dann sagte
er:

Ihr seid eben aus Merxhausen, Fhrmann! Als worauf beinahe schon jetzt
der allgemeine Judenprgel hier in der Kneipe zum heiligen Veit
losgegangen wre. Um aber die Erwiderung des Studenten und die Erbosung
des Biedermannes Hans Vogedes vollkommen zu wrdigen, bedarf es einer
kurzen Erluterung des Wortes.

Als nmlich der bse Feind, der Versucher, unsern Herrn Jesus Christus
auf die Zinne des Tempels fhrte, sprach er zu ihm -- nach einer
Tradition, die sich an der Weser erhalten hat --: Wenn du niederfllst
und mich anbetest, soll dir dieses alles gehren, bis -- bis auf
Merxhausen und Sievershausen dort im Solling; -- die beiden Drfer
behalte ich mir vor.

Aus Sievershausen bist du nicht, Tewes, brllte Hans der Schiffer mit
erhobener Faust, aber deiner Ehrbarkeit wegen haben sie dich auch in
Helmstedt nicht mit Futritten aus dem Tor gejagt. Du aufgeblasener
Windsack, du Holzbock, willst hier und in jetziger Stunde einem braven
Kerl aufmucken? Wahre deinen lateinischen Schdel, du Bettelstudent!

Von oben bis unten betrachtete Meister Lambert sich den wtenden Strolch
von neuem; dann trat er gleichmtig einen Schritt weiter an den Tisch,
ergriff den ersten besten Krug, hob ihn an den Mund, lie den Inhalt
bedchtig die Gurgel herniederlaufen, seufzte, stie das leere Gef mit
einem Krach auf die Platte nieder und deklamierte mit vollem Pathos:

   Wie Lamm und Wolf befehden sich
   Von Anfang an, so hass' ich dich.
   Denk du an den Ibererstrick
   Und an die Striemen im Genick,
   Item am Bein der Schellenring,
   Monsieur, war ein beschwerlich Ding!

Ist das der Weg, auf dem du mich mit dir nehmen willst, o Menas?

Kreuz und alle Donner! schrie der Fhrmann, mit dem Schaume vor dem
Mund auf den Studenten losstrzend; aber Wigand Suberlich warf sich ihm
vor und fing seinen Arm auf:

Halt, halt! Es steht im Buche!

Steht das so im Buche? Steht das so in seinem Buche? schrie die brige
Kompagneia. Heraus damit, er soll's beweisen, der Lambert, da das so
ber den Hans gedruckt ist!

Es steht in meinem Buch, ihr Herren! lachte der Helmstedter, haltet
ihn mir nur noch einen kurzen Augenblick vom Leibe; ich trete den Beweis
der Wahrheit an, und nachher gebt jedem ein Rapier; -- auf die Faust la
ich mich nicht ein mit ihm!

Er hatte seinen Horatius hervorgezogen und las und jetzo mit dem
allerhchsten Pathos:

   ^Lupis et agnis quanta sortito obtigit,^
   ^Tecum mihi discordia est,^
   ^Ibericis peruste funibus latus^
   ^Et crura dura compede!^

Sackerment! sthnte die ganze hochlbliche Gesellschaft und kratzte
sich hinter den Ohren. Gib dich zufrieden, Hans Vogedes, dagegen kommst
du nicht auf! Das ist die Zunge, in der sie Urtel und Recht sprechen.
Das verfluchte welsche Galgenlateinisch knnte einem den ganzen Spa von
vornherein verleiden. Man sieht dabei ordentlich den grnen Tisch mit
seinem Behngsel von Graubrten und geifernden Rat-, Richter- und
Advokaten-Schnauzen vor sich! Na, wer geht nun noch mit ins Plsier?

Sie gingen dem Galgenlateinisch zum Trotze alle bis auf den Studenten;
dieser aber hielt noch eine kleine Rede.

Bin ich deshalb der erlauchten Mutter Julia, der gttlichen Karoline
durchgebrannt, um einem armen Judenweib und seinem Packen schiele Blicke
nachzuwerfen?! ^Apage, apage^ -- weiche von mir, das heit, ihr Herren,
was kmmert's mich! Macht, was ihr wollt; aber mich lat damit
ungeschoren. Ich werde das Haus hier hten und die Bank fr euch warm
halten.

Es ging noch ein Murren durch den schlimmen Kreis, doch Lambert lie
sich das wenig anfechten. Er rckte behaglich am obern Teil des Tisches
neben dem Ofen in die Reihe der noch Sitzenden, indem er das eine Bein
ber die Bank schwang.

Bruderherz, bedenke dich noch einmal, sprach ihm Wigand Suberlich zu.

Bruderherz, das tu' ich auch; aber sieh mal, Herzbruder, wer sollte
denn die Historie eurer glorreichen Heldentaten auf die Nachwelt
bringen, wenn einer eurer Knppel mir im Durcheinander das Hirn
ausschlge?

Also ohne dich! Marsch, ihr Brder! ^En avant^, wie der Herr
Kommandante, der Hund, der Fougerais, zum Abschied schrie. Es ist eben
eine Zeit, in der jeder seinen eigenen Willen haben mu. Unsere Vter
haben es uns nicht anders gelehrt!

Bei den unsterblichen Gttern, so ist's! schrie der Student, als aber
die Rotte hinausgestrmt war, sprang er von der Bank auf und auf den
Tisch und jauchzte:

Hxter und Corvey!

So rufen sie dort auf der Kegelbahn, wenn alle Neune fallen.




                          Sechstes Kapitel.


Das wird eine schne Katzbalgerei werden! Na, Wirt, bist du fr Stift
oder Stadt?

Alle beide sollen verrecken! Komm aber erst herunter vom Tisch, und
vertritt mir das Geschirr nicht, 's ist das letzte, was mir die Welschen
heil gelassen haben.

Da gilt's freilich Vorsicht fr den Rest, Alter, sprach der Student
und kam dem mrrischen Worte des Wirtes zum heiligen Vitus nach. Er
stieg herunter von der Tafel, reckte und dehnte sich behaglich, streckte
sich sodann lang auf der langen Bank aus, zog die qualmende Lampe nher
zu sich heran und schob seinen Lauriger jetzt als Ruhekissen unter den
Kopf. Dann schlug er die Hnde gleichfalls unter dem Hinterkopfe
zusammen und sah so halb schlfrig und ganz gleichgltig dem leise vor
sich hinbrummenden Hospes zu, der die Glser und Krge abrumte und von
Zeit zu Zeit an das niedere Fenster oder vor die Tr seiner Spelunke
trat, um in die Nacht hinaus- und seinen liebenswerten Stammgsten
nachzuhorchen. Aus der Tiefe des Hauses ertnte gedmpft das Krchzen
eines Suglings, dazwischen die singende Stimme der Wirtin zum heiligen
Veit. Auch den Wind vernahm man und von Zeit zu Zeit das Niederrauschen
eines Regenschauers. Bei allem diesem Getn entschlummerte nach den
geistigen und krperlichen Strapazen des Tages Herr Lambert Tewes sanft
und schlief eine halbe Stunde besser als vielleicht sonst irgendein
Mensch in Hxter.

Nach einer halben Stunde aber fuhr er wieder in die Hhe und starrte
verbiestert um sich und nicht ohne Grund.

Die Sturmglocken waren noch nicht ruiniert in Hxter: man lutete Sturm
auf St. Kilian und man lutete Sturm auf St. Niklas!

   Was will uns dieser Tummel doch?
   Schlagt in den Erdball mir kein Loch!

Hallo, da sind sie aneinander! Juchhe, Hxter und Corvey! Hxter und
Corvey! schrie der Student jubelnd, und wir -- halten uns beide Ohren
zu und gehen nunmehr den Weg, den vorhin der gute Mnch, Bruder Heinrich
von Herstelle, nach Hause gegangen war.

Heute fhrt eine schne Kastanienallee von der Stadt nach der Abtei, und
wir wissen von mehr als einem wolkenlosen Sommertage her ihren Schatten
zu wrdigen. Damals zog sich der Pfad, vom Kriege kahl gefressen, die
Weser entlang, nur da hier und da ein dickkpfiger Weidenstrunk
gespenstisch aus dem niedern Ufergebsch aufragte. Die Nacht und das
Winterwetter hatten den Weg fr sich; der Bruder Henricus zog die Kapuze
ber den Schdel und sah nicht nach rechts und links; er stolperte
selbst fr seine Geduld auf dem durch Rosseshuf und Rderspur
aufgewhlten und durchfurchten Boden allzu hufig.

Dem Herrn sei Lob! chzte er, als er endlich vor dem Tor von Corvey
stand und nach der Glocke des Pfrtners tastete; allein seine Geduld
sollte nunmehr noch auf die hchste Probe gestellt werden. Er htte
ebensogut vor das schlafende Schlo der Prinze Dornrschen kommen
knnen.

Er lutete, und er lutete vergeblich.

Sie schliefen alle, vom Herrn Prior, Niklas von Zitzewitz, an bis zum
Bruder Pfrtner. Kein Lichtstrahl fiel aus irgendeinem Fenster; -- wenn
Vater Adelhardus, der Kellermeister, noch Licht hatte, so half das
Bruder Henricus frs erste nichts, denn das Gemach des Pater Kellners
war gen Osten, dem Flusse zu gelegen und der mde Wanderer kam von
Westen vor dem Tor an.

All ihr Heiligen, was hat der Bse ihnen in den Schlaftrunk gemischt?!
sthnte der Bruder Henricus nach zehn Minuten unablssigen Pochens,
Rufens und Schellens. Nun hing er sich noch einmal an die Glocke, und
nimmer hatte er dieselbe im Kirchenturme so brnstig zur Hora oder Mette
gezogen.

Endlich! rief er grimmig, als sich dann das Fenster neben der Pforte
auftat und der Pfrtner die Frage tat, wer da Einla begehre?

Das wurde gesagt und der Bruder Henricus eingelassen. In frheren Jahren
wrde er jetzo den Torhter an der Gurgel genommen haben; als alter Mann
und demtiger, sanfter Diszipul des heiligen Benediktus aber begngte er
sich mit der unwirschen Frage:

Nun sagt nur, was ist denn eigentlich hier vorgegangen, da zu dieser
frhen Abendzeit das ganze Stift daliegt wie ein Hamsternest im Januar?

Wohlleben und Jubilation, ehrwrdiger Herr, erwiderte der
schlaftrunkene, kaum auf den Fen sich haltende und zwischen jeglichen
zwei Worten ghnende Pfrtner. Offenes Haus -- seit Eurer Abfahrt --
wochenlang -- die franzsische Generalitt bei Tag und Nacht! -- O, wir
haben uns als freundliche Wirte erwiesen, mein Frater -- wie es uns
zukam, mein Frater; -- und die franzsischen Herren waren auch sehr
zufrieden mit uns. Wir haben ein gutes Gedfte von uns mit ihnen in die
Ferne entlassen.

So, so, hm, hm, brummte der Bruder Heinrich von Herstelle, und
derweilen mute unsereiner im unwegsamen Solling umhervagieren und mit
des verdrielichen Braunschweigers kalter Kche und lackem Kofent
vorlieb nehmen! Ei, ei, und ich bringe doch auch Botschaft vom Gange --
wichtige Nachrichten! Ist denn niemand von den Vtern noch wach, da er
sie mir abnehme und mich der Responsabilitt erledige?

Keiner! Wir sind alle zu Bett in der groen Mdigkeit; -- wenn -- nicht
vielleicht der ehrwrdige Vater Adelhard --

Aha! brummte der Bruder Henricus. Saget nichts weiter, mein lieber
Sohn! Ich danke Euch, da Ihr mir das Tor geffnet habt; nun leget Euch
wieder, und Sankt Benediktus versorge Euch mit einem heilsamen und
frommen Traum.

Euch desgleichen, mein Frater, erwiderte der Bruder Pfrtner und zog
sich zurck in seine Zelle; der Bruder Henricus fand seinen Weg schon
allein.

Er tappte die Gnge und Zellen entlang, und hinter mancher eichenen Tr
hervor vernahm er das sonore Schnarchen der Brder und Vter im Herrn.

Wie die Engel schlafen sie, brummte der Bruder Henricus, fgte aber
sonderbarerweise an: Na, na!

So kam er vor der Pforte des Stiftskellners Adelhardus von Bruch an und
klopfte.

^Domi!^ klang es im tiefen Ba -- ^domi^, das heit Bin zu Hause! Bin
drin!

Gott sei Dank, murmelte Bruder Heinrich und trat ein mit dem durch die
Ordensregel des heiligen Benedikts vorgeschriebenen Grue. Wer aber
nicht die Responsen darauf sang, das war der Vater Adelhardus. Der war
wirklich drinnen; er sa breit im bequemen Stuhle vor dem Eichentisch,
und wenn das, was da vor ihm stand, die letzten berbleibsel vom
franzsischen Feste waren, so war's freilich hoch hergegangen zu Corvey,
aber auch noch mancherlei brig geblieben.

Eine Schssel mit einem zur Hlfte leider vertilgten gekochten Schinken!
Eine Schssel mit dem Gerippe eines Truthahnes! Ein Brot wie ein halbes
Wagenrad und eine Reihe von Erdkrgen und Glasflaschen nebst einem
Humpen, der an und fr sich, das heit durch seine uere Erscheinung,
schon das Auge erfreute, was auch der Inhalt sein mochte!

^Non confido oculis meis^, ich traue meinen Augen nicht! rief der
Vater Adelhardus, ein wenig lallend. Bist du es, mein Sohn Heinrich?

Ich bin es, und was ich sehe, gefllt mir wohl, erwiderte der brave,
alte Reitersmann und gute Bruder von Corvey, Heinrich von Herstelle.

^Cor meum prae gaudio exultat^, das Herz hpfet mir vor Freude. Soll
ich aufstehen, mein Sohn, dir entgegenzueilen? ^Desiste^, stehe ab davon
-- setze dich lieber selber, denn ich wei, da man dich auf einen
mhseligen Gang hinausgesendet hat ^ad paganos^, zu den Heiden -- in die
Wsten, ^per deserta ac solitudines^. Ich habe dich sehr vermisset, mein
Sohn, in dem Drangsal der letzten Zeiten.

Der Bruder Henricus stellte seinen Stab im Winkel ab und kam und sah hin
ber den Tisch, und froh, gutmtig und heimisch-behaglich lchelnd auf
den Kellner im Weinberge des Herrn.

Ich bin gewandert und habe gesehen. Ich bin zurckgekommen mit
Nachricht aus der Wste und dem wilden Wald. Wollen Sie den Herrn
Priorem wecken, mein Pater, da ich berichte, was ich sah und
erkundete?

^Non sum hebes nec stupidus^, da mte ich ein Esel oder ein Schafskopf
sein. Setze dich, mein lieber Sohn, und erzhle frs erste mir, was du
sahest -- fr die andern hat's Zeit bis morgen.

Der Herr Prior hat mir aber bei seiner Seele anbefohlen, nach meiner
Rckkehr sogleich vor ihm zu erscheinen, sei es bei Tage, sei's bei
Nacht.

Halt! rief der Vater Adelhard, beide weiche und breite Hnde auf die
Lehnen seines Sessels sttzend und sich also mhesam erhebend: Er
erboset uns auch, so oft er kann; rgern wir ihn desgleichen! Komm mit
mir, mein Sohn Heinrich; ich wecke ihn dir.

Sie weckten ihn wirklich, den Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von
Zitzewitz, und er nahm ihren Eifer auf, wie es sich gebhrte.

Der Kellermeister ging zu ihm hinein, nachdem er dem Bruder Henricus
heimtckisch-schalkhaft den Ellenbogen in die Seite gestoen hatte. Der
Bruder Henricus wartete vor der Tr; aber er hatte gar nicht lange zu
warten.

Seine Hochwrden lassen dich gren, mein Sohn, und geben dir ihren
Segen --

Und?

Er htte mir beinahe das erste, was ihm unter seiner Bettstatt zuhanden
kam, an den Kopf geworfen. Morgen bei guter Zeit will er mit dir reden
und dich anhren, mein Sohn. Wnschest du nun vielleicht, da wir auch
zum Bruder von dem Felde, dem Vater Florentius, dem Herrn Subprior, uns
verfgen?

Ich denke, wir lassen es hiermit bewenden, meinte der Bruder Henricus
ein wenig klglich und verdrossen.

Oder zum Vater Metternich, unserm guten Probst Ferdinandus?

Der Bruder Henricus schttelte nur den Kopf.

Dann komme du wieder mit mir! Ich bin der einzige im Stift, der dir
noch ein Nachtessen und einen Trunk verschafft.

Der Vater Adelhardus legte traulich seinen Arm in den seines greisen
Sohnes: Ich sagte es dir ja; die Mhe htten wir uns ersparen knnen,
sagte er, als sie wieder in seinem Gemache vor dem Schinken und dem
Truthahn saen, und der Bruder Henricus den vorbemeldeten Humpen nach
einem langen, langen Zuge, -- wiederum seufzend, aber diesmal ganz
behaglich -- seinem -- besten Freunde im Stift Corvey zum ersten Mal
zurckschob, nmlich zu neuer Fllung aus einem der ungeheuerlichen
grauen Steinkrge mit dem in Blau gemalten Wappen der Abtei.




                          Siebentes Kapitel.


Da in Corvey die Mauern noch heil und die Tren nicht ausgehoben oder
eingeschlagen waren, wissen wir jetzt; in der Beziehung hatte das Stift
es besser als die Stadt; sonst aber lieen die Zustnde nach dem Abzug
der hohen Bundesgenossen auch bei den guten Benediktinern vieles zu
wnschen brig.

Der Pater Adelhardus gab nunmehr dem Bruder Henricus ausfhrlichen
Bericht darber.

Ich rate dir, mein Sohn, sprach er, halte dich an die Knochen; ich
habe einen harten Kampf gefochten, ehe ich sie hier im Klosett in
Sicherheit hatte. ^O gula, gula hominum!^ Ach, ber der Menschen
Fregierigkeit! es war nicht einer, nicht ein einziger unter der
Brderschaft, der mir die schmalen Bissen gnnte. Aber sie sollen es
verspren beim nchsten Bru; ^Cellarius sum^, ich bin der
Kellermeister! Halte du dich an mich und nimm vorlieb mit dem
Schinkenbein; an den Puterhahn hab' ich mich gehalten; doch nur weil
seine Besitzergreifung mir die gresten ngste und Nte verursacht hat.
Wahrlich, sie bliesen alle selber die Kmme auf und waren hinter mir
drein mit kalekutischem Gekoller, ^sed palmam reportavi^, ich habe
obgesieget!

So schlimm steht es hier bei Euch, Vater Adelhard?

Woui, ^mon fils^. Ehe sie uns nicht neues Schlachtvieh aus den obern
Drfern zutreiben, ist freilich Hunger der beste Koch zu Corvey. An den
Geflgelhof mag ich gar nicht gedenken. Halte dich an den Schinken, Sohn
Heinrich: Buchweizen heit es morgen, und Buchweizen wird es auch
bermorgen heien. Buchweizen, Buchweizen, eine gesunde Zukost; aber ich
liebe dich, Henrice, und bin nicht wie die anderen: ich gnne dir den
Schinken und sehe zur Seite, whrend du speisest.

Er sah wirklich weg, wenngleich tief seufzend.

Und es blieb freilich von dem Schinken wenig fr den andern Tag brig.
Seit langer Zeit hatte kein Corveyscher Mnch sich mit so gutem Rechte
zu seiner Palme eine Mrtyrerkrone verdient, wie der Vater Adelhard
von Bruch an diesem Abend.

Jetzo aber schlug der mchtige Knochen wie Holz auf den Teller; der
Bruder Henricus war gesttigt, und der Humpen nahm seinen Weg zwischen
den beiden braven alten Gesellen wieder auf.

Du httest doch zu Hause sein sollen, sprach der Cellarius. Wie es
bei uns herging, als der Herr von Turenne sein Hauptquartier in Hxter
nahm, weit du noch; aber wie freundlich noch zu guter Letzt der
Kommandante, den Turennius uns zurcklie, der Herr von Fougerais, war,
das ist dir nun leider entgangen. Hoch ging's her, bei Tage und bei
Nacht. Sie konnten nicht von uns lassen, und es wre auch dumm von ihnen
gewesen, denn wir trugen ihnen auf, da die Tische knackten -- o, du
httest die Brder sehen sollen. Das ging so hin -- unser
griechischgelehrter Vater Agapetus hat es uns aus dem Homero
verdeutschet -- weit du, Sohn Heinrich, wie, wie -- im Schlosse des
Knigs Odixus; und das Stift war die Knigin Penelope, und die
Franzmnner waren die ^ambitores^, die ^proci^, die Freier! ^Ebibe!^
trink aus, mein Sohn; ^deposuimus eos vino^, wir haben sie hufig genug
zu Boden getrunken; aber sie standen immer am andern Morgen wieder auf.
Seine frstlichen Gnaden von Mnster, unser Herr Administrator, knnen
es uns nimmer vergessen, was wir alles angestellt haben, um hochdero
Verbndeten den Aufenthalt bei uns kommode zu machen; ob sie uns
freilich die Auslagen wieder ersetzen werden, das stehet wohl dahin. Man
hat so glorreiche Alliierte eben nicht um ein Stck Haferbrot und einen
Trunk aus der Schelpe, was sonst ein gar khles und gesundes Wasser sein
soll!

Das meinte der Braunschweiger hohngrienig auch, sagte der Bruder
Henricus.

Davon nachher. Jetzt la dir weiter erzhlen. Siehe -- da liegt der
Schinken -- knochen! Wir hatten sie zu Hunderten in der Rauchkammer,
einen bei dem andern; vordem ein Anblick des Ergtzens, ^nunc lugubris
et tristis memoria^! Weg sind sie! Ja, ja, mein Sohn, ^via ad coelum
nonnisi lacrymis struitur^ -- der Weg zum Himmel gehet durch ein
Trnental. Wir hatten sie, ^Gallos^, meine ich, auf dem Tische und bei
Tische. Weg sind sie, ^galli et Galli^. Die einen in die Mgen der
andern; und wie es den Hennen zu Hxter ergangen ist, das werden die
nchsten neun Monden ausweisen. Da waren sie sich alle gleich, die aus
dem Languedoc und die aus der Bretagne, die aus der Normandie und die
aus der Pikardie, und ihr Haupthahn war nicht besser als sein Volk.
^Diabolus accipiat animam ejus^, der Bse nehme ihn beim Kragen auf
seinem Wege nach Wesel. Na, mein Sohn, du rittest mit dem Tilly in
deiner Jugend, du weit Bescheid --

Sprechen Sie jetzo das ^Gratias^, mein Pater, seufzte der Bruder
Henricus. Grade weil ich mit dem Tilly ritt, will das mir in diesem
Momento nicht anstehen. Nachher wollen wir uns schlafen legen.

Das wollen wir mit nichten, rief der Pater Adelhardus. ^Omnia
tempestive^, alles zu seiner Zeit. Habe ich mich deinethalben so heiser
gesprochen, so berichte mir nun auch, was du uns Gutes mitbringst vom
Herzog Rudolfus Augustus.

Das mgt Ihr nun nehmen, wie Ihr wollt, flsterte der Bruder Henricus.
Er hatte den Wald, den Solling, gewaltig verrammelt. Er stand mit
Geschtz, Reitern und Fuvolk vom Idth her bis an den Flu. Bis hieher
und nicht weiter! sprach er, nachdem er mir seine Rstung hatte
vorweisen lassen. Es wre selbst fr den Turennius ein harter Marsch
durch den wilden Forst und die Weserberge gewesen.

Deshalb blieb er auch ^confortabiliter^ bei uns und zeigte den
^Huxarienses^, den Hxternschen, und uns seine und unseres Herrn
Bischofen und Administratoren Macht und Gewalt!

Nachher fand ich heute die Weserbruck abgebrochen.

Der Cellarius von Corvey neigte bedchtig das Haupt:

Es hat alles seine Grnde in dieser Welt. Diesmal sind wir in Holland
in Not, sonsten wre es uns noch lnger ganz wohl zu Corvey gewesen; --
nicht wahr, ^messieurs^? -- Uns? uns! lieber alter Sohn Heinrich, wir
leben in einer bittern, verworrenen Zeit. Haben wir die Pikenierer und
Musketierer des Braunschweigers hier gehabt, so knnten wir wohl auch
noch einmal seine Artolleria ber den Flu rcken sehen. Der Herr von
Fougerais war ein kluger Mann und marschierte mit dem Bart auf der
Schulter ab. Sohn Heinrich, weit du, was mir ein Himmelstrost ist in
diesen schlimmen Tagen?

Nun, mein Pater?

Da ich nur Kellermeister zu Corvey bin und nicht Herr Christoph
Bernhard von Galen, Bischof zu Mnster; und da nach unseres guten Abts
Arnolden seligem Abscheiden Er Administrator vom Stift und von
hochberhmter Abtei geworden ist, und ich nicht Abt. Jetzo knnen wir zu
Bette gehen, mein Sohn!

Das konnten sie freilich; sie kamen nur frs erste noch nicht dazu. Sie
hrten die nmlichen Glocken, von denen der Helmstedter Student, Herr
Lambert Tewes, in der Schenke zum heiligen Veit erweckt wurde aus seinem
Schlummer.

St. Vitus, was ist dieses? rief der Bruder Henricus, die Hand hinters
Ohr legend.

Hrst du etwas, Henrice?

Es klingt wie Sturm.

So summt es mir schon tagelang im Kopfe; -- ich meine, es liegt in der
Corveyschen Luft. ^Collusio Diaboli^, Tuscherei und Blendwerk des
Teufels! Wir wollen schlafen gehen.

Nein, nein, das ist keine Gaukelei der Luftgeister. Sie luten Sturm zu
Hxter! rief der Bruder Henricus. Er war zu dem hohen Fenster mit den
kleinen runden Glasscheiben getreten und hatte einen Flgel geffnet.

Hren Sie, mein Vater?

Sohn Heinrich, du hast wieder einmal recht. Hilf mir auf; o, ber die
Heringskrmer, sie werden wohl auch einen Brand zu lschen haben! Sehen
wir, ob der Himmel im Westen rot wird.

Auf den Bruder Henricus gesttzt, wackelte der brave Vater Adelhardus
durch den langen Korridor in den westlichen Flgel des Gebudes, und
beide Alte sahen neugierig nach der Stadt hin. Das Himmelsgewlbe war
und blieb aber dort dunkel; und es war gleich schwarze Nacht im Morgen
und im Abend.

Dann ist es etwas anderes; und nun werden der Herr Prior, samt Subprior
und Probst doch wohl aus den warmen Nestern herfrmssen, brummte der
Cellarius, zwischen Schadenfreude und eigener Unbehaglichkeit
schwankend.

Ich habe es mir wohl gedacht; es sah bse aus in Hxter, als ich heute
abend von der Fhre kam. Die Gassen gefielen mir nicht, und was darin
geredet und geflstert wurde, gefiel mir noch weniger.

Rebellion? Tumult in der Stadt? ^Seditio ante portas?^

Unsern teuren Brdern zu St. Niklas war's auch nicht wohl zumute.

Also das alte Spiel! Trumpf Luther, -- Trumpf Papst! der Herr schtze
uns, Schellenknig -- Eckerdaus! Stich Mnster -- Stich Braunschweig! --
zieht Ihr die Lrmglocke von Corvey, Frater Henricus; treibt mir die
Klostermannschaft in die Hosen; ich will die Vter und Brder
hervorpochen. O Herr von Zitzewitz, ach Herr von Metternich, der Herr
gibt es den Seinen im Traum. Ho, ho, heraus! heraus! ^all' arme! all'
arme!^ Huxar im Aufstande!!! --

Nun war es doch spaig, in diesem Moment in diesem Korridor der groen
Abtei Corvey zu stehen und darauf zu achten, wie auf den Waffenruf das
sonore Schnarchgetn hinter den Zellentren pltzlich stille stand --
als ob ein Mhlwerk angehalten wurde. Dann aber polterte und grummelte
es hinter diesen Tren, dann ffneten sich die ersten derselben -- dann
wimmelte es hervor und zwar aus allen.

St. Veit und Benediktus, was gibt es denn nun schon wieder?

Der Vater Adelhardus lie sich auf keine Antwort ein; er weckte den
Herrn Prior zum andern Mal. Der Bruder Heinrich von Herstelle aber, ein
Mann, dem es ganz gleichgltig war, ob in seiner Abtei die fnf ersten
Bcher der Annalen des Tacitus wiedergefunden worden waren, verstand es
dagegen noch ganz trefflich, eine Lrmglocke zu ziehen und eine
Wachtmannschaft in den Harnisch und an die Spiee zu bringen.

Corvey lief durcheinander:

St. Veit, die Braunschweiger sind ber den Flu! St. Benedikt, der
Fougerais ist umgekehrt. Sie sind im Handgemenge in Hxter! Aus den
Betten fr das Stift! Auf fr Christoph Bernhard, -- auf fr Corvey!

Die ltesten Greise wankten hervor. Der Propst Ferdinand von Metternich
kam; es kam der Subprior Florentius von dem Felde, und zuletzt kam auch
der Herr Prior Nikolaus von Zitzewitz.

Das war mir eine schwere Mhe, erzhlte nachher der Vater Adelhardus.
^Elinguis stabat^, gleich einem lgtz, gleich einem Stocke stand er
und rieb sich die Augen. ^Vae turbatori^; wer auch die Schuld davon
tragen mag, -- mir vergit er die Molestierung in seinem Leben nicht.

Dem sei nun, wie ihm wolle, -- so kam Corvey auf die Beine! ... Hxter
und Corvey!




                           Achtes Kapitel.


Was uns anbetrifft, so kamen wir von den Beinen noch gar nicht herunter.
Verfgen wir uns zurck nach Hxter, und zwar mit khler Stirn und
gelassenem Gemt: es ist uns beides vonnten, und des letzteren rhmen
wir uns vor allem. Der groe Autor der Dasselschen Chronik Meister Hans
Letzner, natrlich schnde zubenamset der Fabelhans, konnte nicht
kritisch-ruhiger in den Wirrwarr seiner Tage oder insbesondere in das
Getmmel des St. Vitus-Festes hineingucken, als wir in diese Hxtersche
Lrmnacht nach dem Abmarsch des Marschalls von Turenne und des Herrn von
Fougerais.

In der Stadt war lngst alles auf den Beinen! Der Grimm mute heraus,
und jetzt hatte eben die Grung den Zapfen aus dem Spundloch getrieben:
sinnverwirrend ergo sich die trbe Flut, und da wir von Corvey kommen
und also wissen, wie es dort aussieht, so wissen wir auch, da frs
erste niemand vorhanden war, der den lzweig ber diese schlimmen Wasser
hintragen oder noch besser das l selber in sie hineingieen konnte.
Auch die Frauen befanden sich in den Gassen, und das war das
Allerschlimmste. Sie, die Weiber, hatten auch von der franzsischen
Einquartierung zu leiden, und zwar in mehr als einer Weise, und
wahrhaftig mehr als die Mnner. In welchen Winkeln hatten sie sich mit
ihren heulenden hungernden Kindern verkriechen mssen! Glcklich noch,
wenn sie nicht daraus hervorgezogen wurden, um die tgliche und
nchtliche Lustbarkeit durch ihre Gegenwart zu verschnen. Nun kamen sie
von ihren leeren Speiseschrnken, versudelten Betten, verschweinigelten
Fubden und suchten ihrerseits die geeigneten Persnlichkeiten und
Zustnde, an denen sie ihren Grimm und Groll auslassen konnten.
Katholikinnen wie Lutheranerinnen waren sich darin einig, da mehreres
gesagt und getan werden msse, ehe es wieder Ruhe und Anstand in Hxter
geben knne, und an ihnen -- den Hxterschen ^Dames^ -- hatte der
Helmstedter ^Relegatus^, Herr Lambert Tewes, vor allem sein Vergngen.

Meister Lambert, von seinem harten Lager in der Schenke zum heiligen
Veit auffahrend, wie beschrieben, schob den Horatius, der ihm als
Kopfkissen gedient hatte, in die Tasche und sprang vor die Tr der
Schenke. Wir haben auch bereits dem Leser mitgeteilt, da diese Kneipe
am Corveytor, also ein wenig entfernt vom Mittelpunkte der Stadt, lag.
Demnach war es still in der Umgegend; der ausgebrochene Tumult wtete
mehr in der Mitte der Stadt, und weitbeinig verfgte sich der Student
dorthin.

Was wrde mir nun das beste Federbett nebst Schlafrock und Pantuffeln
geholfen haben? Was hilft es nunmehro dem Herrn Oheim, da er die
Zipfelkappe ber die edlen Ohren zog? Mu er nicht auch heraus? Er mu!
Ja, ja, wieder hat es sich gezeigt, da die Bank das einzig richtige
Lager fr die Zeitumstnde ist. ^Paratus sum!^ und hinein mit Lust und
Mut in des Skulums Plsier und Jokositt. Ein einziger Jammer ist es
nur, da man hier nicht rufen kann: Bursche 'raus! wie unter den
Fittichen der hochgelobten Julia Karolina.

Es ging auch ohne das. Von einem heftigen Zulauf des Pbels mitgezogen,
tauchte er, natrlich mit dem altbekannten ^Quo, quo scelesti ruitis^,
jedoch ohne das diesmal in deutsche Reime zu bringen, zuerst vor der
lutherischen Pfarrei aus dem wsten Schwall auf und schwang sich auf
einen Prellstein; natrlich nur, um besser sehen zu knnen, was man
eigentlich mit den lieben Verwandten im Sinne habe.

Sieh, sieh! sagte er, und die Szene war in der Tat recht kuris zu
betrachten. Die katholischen ^Huxarienses^ strmten die lutherische
Pfarrei und waren natrlich zuerst auf die Frau Pastorin gestoen, die
von der Pforte ihres Hauses aus, mit dem Besen in der Hand, den tollen
Haufen frs erste noch mit merkwrdigem Erfolg bekmpfte. ber sein Weib
weg sprach der ehrwrdige Herr mit hocherhobenen Armen Vernunft und
dieses ganz vergeblich; -- sein Kster war's, der im Turm von St. Kilian
am Glockenseil hing und fr die Augsburgische Konfession um Hlfe
lutete, whrend von St. Nikolaus herber das Gelut kam, das fr den
zehnten Klemens -- Altieri -- sich an die stdtischen Auktoritten, das
Stift Corvey, den Bischof von Mnster und den dunkeln, strmischen
Nachthimmel wandte.

Sie hatten Fackeln mitgebracht, die Tumultuanten, um ja an keinen Stein
auf ihrem Wege zu stoen. Bei dem flackernden Lichtschein beobachtete
der Student alles ganz genau, hielt sich jedoch seinerseits vorsichtig
so viel als mglich im Schatten.

^Coraggio, chre tante^, jauchzte er. Siehest du, Freund Suberlich,
das heit man eine treffliche Quart. Pariere den! ... Hui, der sa
wieder, gerade auf dem Schnabel. Siehst du, mein Sohn, da hast du dein
Maul voll von dem franzsischen Nachla in den Gossen von Hxter! ^O
papae^, schlgt die Papissa eine gute Klinge oder besser einen saftigen
Besen!

Das tat sie; allein zuletzt half es doch wenig gegen den bermchtigen
Andrang. Sie wich, und wre die Ppstin Johanna an ihrer Stelle gewesen,
so wrde die auch gewichen sein. Der Student auf seinem Steine drckte
die Faust auf die Milz:

Was fllt er ihr denn in die Parade? Soll das Wort hie mehr helfen als
die Tat der Heldin? ^Retro retrorsum, Domine Pastor^, halten Sie sich
nicht auf! Herr Onkel, -- da, da!

Es war ungefhr so. Der wrdige Herr von St. Kilian hatte eingesehen,
da hier sein Wort von so schlechtem Nutzen sei als der Besen seines
Ehegesponses. Er hatte den Arm der Gattin erfat und zog sie rckwrts
die Treppenstufen hinauf in die Pforte des Hauses. Hinter ihnen drein
brllte der Haufen, hinter ihnen drein lachte der schadenfrohe Neffe:

Holla, es ist nicht das erste Mal heute, da Ihr sie einem vor der Nase
zuschlagt und den Riegel vorschiebt! So habt Ihr es denn, wie Ihr es
gewollt habt!

^Contra aegida Palladis ruere^, mit dem Kopf gegen die Schrze der
Weisheit stoen, nannte er's dann, als die Vordersten der erbosten
Bande, von den Hintersten geschoben, mit den Stirnen gegen die
verrammelte Pforte anrannten. Das Hxter des Jahres 1673 lie die
Knppel fallen und griff zu den Steinen.

Es flog der erste gegen die lutherische Pfarrei, ihm folgte das erste
Dutzend. Noch einen kurzen Augenblick zeigte sich Dominus Helmrich
Vollbort am Fenster, dann verschwand er im Innern des Hauses. Die
geistliche Frau hielt sich einen Augenblick lnger; jedoch die
Ochsenaugen zersplitterten um sie her. Sie verschwand gleicherweise,
whrend, wie der Pater Adelhardus sich ausgedrckt haben wrde, die
^infestatio cum bombardis^, das Bombardieren fortdauerte. Und in dem
Augenblicke, wo die Not am gresten wurde, verstummte der angstvolle
Hlferuf vom Turm; eine Handvoll biederer Hxteranischer Stadtinsassen
hatte die Tr des heiligen Kilianus, durch welche der Kster
eingeschlpft war, erbrochen, hatte den Kster am Werk und am Seil
gefunden, und -- jetzt lutete er nicht mehr, sondern aber es wurde auf
ihm gelutet; er bekam Prgel, entsetzliche Prgel.

Zerreien, um an zwei Orten zugleich sein zu knnen, konnten wir uns
leider nicht, aber da die Katzenmusik, welche die lutherischen
Huxarienser zu Ehren des franzsischen Abmarsches den Minoriten bei St.
Niklas besorgten, nicht geringer ausfiel als die bei St. Kilian, das
knnen wir auf unser Wort und unsere Ehre versichern! Die katholische
Pfarrei litt nicht weniger von den Freunden unseres Freunds Lambert
Tewes als die lutherische; das Schauspiel war das nmliche dort wie
hier. Es fiel in Wort und Werk nichts daneben, und der einzige Trost fr
die Herren bei St. Niklas am Klaustor lag einzig und allein in dieser
bsen Nacht darin, da es den Herren von der andern Seite gerade so
ergehe: ein leidiger Trost ist eben auch ein Trost.

Wre es nunmehr nicht unsere Pflicht, nach dem Burgemeister zu laufen?
Durchaus nicht, denn er kommt am letzten Ende doch immer ganz von
selber, und so auch jetzt, und zwar begleitet von den ltesten und
Wrdigsten der Gemeinde.

chzend kam er, Thnis Merz der Brgermeister, und mit ihm die andern:
Kaspar Albrecht der Senator und Jobs Tielemann und Heinrich Kreckler und
Hans Jakob zum Dahle, und Hans Freisen und Hans Sievers und Hans Tropen
und Hans Heinrich Wulf und Heinrich Vokuhl und Adam Sievers, die
Dechanten von den Gilden und Konrad Kahlfu der Gemeinheit Meister! Sie
erschienen, um Ordnung zu stiften, und etwas Groes war das auch gar
nicht, wenigstens an dem Orte, an welchem sie jeweilig auftraten.

De Burgemester! krchzte eine Stimme im Haufen, und sofort kam ein
Schwanken und dann ein Erstarren in die wogende Flut. Kopfber strzten
die Angreifer von den Treppenstufen des Pfarrhauses hinunter,
auseinander stob der Pbel, und der Konsul stie dem Senator den
Ellenbogen in die Seite und sprach:

Gevatter, was habe ich gesagt?!

Ob es aber mehr darauf, was er gesagt hatte, oder was der Herr Pfarrer
und die Frau Pfarrerin jetzo sagten, ankam, das wollen wir dahingestellt
sein lassen. Wer da sagt: Racha! der ist des Rats schuldig; und es wurde
dergleichen ausgerufen; -- sehen wir zu, wo derweilen unser Helmstedter
geblieben ist. --

Wenn das erboste katholische Volk bei St. Kilian auseinander gelaufen
war, so war's danach freilich noch nicht ruhig nach Hause und ins Stroh
gegangen, sondern im Lauf durch die Gassen St. Niklas zu.

Leichtfig war der Student von seinem Eckstein heruntergesprungen. Er
hatte alles hier in Obacht genommen, was ihn interessieren konnte, doch
die Blte des Spaes pflckte er nun erst ab.

Der Platz vor der Pfarrerwohnung war leer. In der wieder geffneten Tr
standen heftig gestikulierend der Onkel und die Tante, auf den
Treppenstufen der Brgermeister mit der Hand auf der Brust, am Fue der
Treppe in einem Halbkreis der Chor der Senatoren, Patrizier, Tribunen
und Gilden-Hauptleute. Gravittisch schritt jetzt Herr Lambert Tewes aus
der Dunkelheit hervor, in das Licht der Laterne, die der Gemeinheit
Meister Konrad Kahlfu trug, hinein, zog hflich den Hut, verbeugte sich
tief und richtete an die Herrschaften das, was achtzig Jahre spter die
Literaturbriefe, wenn sie Herrn Dusch vornahmen, mit unsern galanten
Briefstellern die Courtoisie nennen. Dann schritt er langsam querber
in die nchste Gasse und lief, sobald er der entrsteten ^Auctoritas^
aus den Augen war, so schnell ihn die Fe trugen, dem Tumult bei St.
Nikolaus zu:

   Wer frchtet des Skythen, des Parthiers Wut,
   Wer scheuet Germaniens greuliche Brut?
   Nun sitzt man geruhig beim frhlichen Schmaus,
   Es schndet kein Frevler des Biedermanns Haus!

Hiemit, das heit mit diesem heitern, wenn auch nicht vllig
zutreffenden Zitat aus der fnften Ode des vierten Buches der Lieder des
Quintus Horatius Flaccus kam er an bei den Minoriten am Klaustor und
wiederum ganz im richtigen Augenblick.




                           Neuntes Kapitel.


Ganz zur richtigen Zeit, denn eben schwieg die katholische Sturmglocke,
und bekam der katholische Kster gleichfalls Prgel. In ganz Hxter aber
hatte Lambertus keinen bessern Bekannten als Jordan Hunger, den
katholischen Kster; dieser ging noch ber den Fhrmann Hans Vogedes,
den Korporal Polhenne und Seine Hochedelgeboren Herrn Wigand Suberlich,
der mit dem Studenten dem Onkel Vollbort durch die Schule gelaufen war
und wie er, Meister Tewes, auf keiner Seite Partei nahm, sondern auf
jeder nur sein Vergngen.

Dieses Vergngen war nunmehr vor der Pfarrwohnung der von Christoph
Bernhard bei St. Nikolaus eingesetzten Minoriten im vollen Gange. Der
von St. Kilian herstrmende katholische Haufen fiel dem lutherischen
beim heiligen Niklas nicht in den Arm, sondern in die Arme. Im letzten
Grunde hatten sie alle nur den einzigen Zweck, Unheil zu stiften, und
das verrichteten sie denn auch, und zwar ohne jegliche Courtoisie. Das
Steinbombardement auf die Fenster der katholischen Herren wurde ebenso
krftig unterhalten, wie das auf die Fenster des Onkels Vollbort.

Sieh, sieh! sagte auch hier wieder der Studente frhlich; doch eben,
als er sich von neuem auf den Prellstein schwingen wollte, fate ihn ein
Weib am Rockscho, zog ihn zurck und zeterte:

Um Jesu Christi willen, Herr Magister, sie haben meinen Mann
totgeschlagen! Er liegt unter den Glocken, und sie tanzen auf ihm
herum!

^O mon dieu!^ rief der Consiliatus. Ist Sie es, Gevatterin? ^Mon
dieu^, und er war doch so gut Freund mit dem Fougerais bei unserm
letzten Disput!

Dafr haben sie ihn auch windelweich geschlagen, und er liegt unter
seinem Seil. O Lambert, kommt und helft mir, lat Euren besten Kameraden
nicht umkommen. Sie sagen, das Stift sei auf dem Wege hierher; aber was
hilft das mir, wenn sie mir meinen Mann vorher zunichte gemacht haben.
Das leiden wir nun um Corvey!

Hxter und Corvey! jauchzte der Student, und dann lie er sich von der
Ksterin den Glocken von Sankt Nikolaus nur zu gern zu ziehen. Der Spa
war ihm in dieser Nacht eben berall in Huxar.

Weggelaufen war der unglckselige Monsieur Jordan nicht aus seinem
Turmgewlbe whrend der Zeit, da sein Weib hingegangen war, die
barbarische Welt um Hlfe anzuschreien. Er lag unter seinem baumelnden
Seile noch da, wie ihn seine nichtswrdigen Feinde und seine brave
Gattin verlassen hatten, mit der Nase im Staube. Seine Schultern
zuckten, er zappelte mit den Fen und chzte jmmerlich.

Mit der Nase im Staube! und der Student wute sofort ein Zitat aus dem
Horaz und trug natrlich dasselbe dem Unglcklichen, Geschlagenen erst
lateinisch und sodann in freier deutscher bersetzung vor:

   So strzet der Tannbaum mit donnerndem Hall,
   So liegt nun der Kster nach furchtbarem Fall!
   Im Blachfeld des Teukrers, dem Feinde zum Raub,
   Druckt itzt Don Bravatscho die Nas' in den Staub!

Hu, winselte der Kster von Sankt Niklas, bist du's, Lambert? Ist
meine Frau auch da? Hu, dreht mich um -- um Gottes Barmherzigkeit
sachte! vorsichtig, sachte. Die Teukrer, oder wie das Dorf heit, waren
es nicht; der Teufel vergelte es den Hxterschen Bsewichtern, die mich
um der Kirche willen so greulich zugerichtet haben. O, o, o, das ist
viel schlimmer als die letzte Schlacht um die Bosseborner Laterne --
weit du, Lambert, die vor drei Jahren, in der du auch einen Prgel
fhrtest, obgleich es dich als lutherschen Ketzer gar nichts anging.

Der Student hatte den Armen weich und vorsichtig unter den Armen gefat,
whrend die Frau Ksterin die Fe gehoben hatte, um den halb Gerderten
auf den Rcken zu legen; aber der Kster hatte zu seinem Schaden sein
letztes Wort hervorgesthnt.

Als Herr Lambert Tewes von der letzten Bosseborner Laternenschlacht
hrte, lie er sofort los und streckte, um einem ganz andern Gefhl als
seinem Mitgefhl Luft zu machen, die ausgespreiteten Hnde hoch in die
Luft.

Mit einem lauten Aufschrei fiel der Kster wieder auf das Gesicht; doch
lustkreischend schrie der Student:

Bei den unsterblichen Gttern, die Bosseborner Laternenschlacht! Ei
freilich, Jordan, von dorther bist du's schon gewohnt, den Mund voll der
ernhrenden Erde zu nehmen. Du kriegtest wahrlich dein gut Teil ab von
der Prgelsuppe in der Ksterschlacht.

Aber es war doch eben eine Ksterschlacht! winselte Jordan Hunger,
eine katholische Ksterschlacht! wir schlugen uns doch nur unter uns
selber um die Ehre Gottes; aber diesmal --

Er vermochte es nicht, seinen Satz zu Ende zu bringen; jedoch der
Student nahm ihm das Wort trstend ab:

Sei nur still, Alter, das Martyrtum ist auch um so grer.

Hu, das brauchst du mir wahrlich nicht zu sagen, sthnte der Mrtyrer,
und whrend man ihn von neuem umwendet und frs erste mhsam in eine
sitzende Stellung bringt, knnen wir unseren Lesern mitteilen, was es
mit der Bosseborner Laterne auf sich hat.

Heute geht das Ding als eine Sage um, mit welcher sie Die von Bosseborn
vom Dorfvorsteher bis zum letzten Kossaten bei jeglicher passenden
Gelegenheit bis aufs Blut, wie die eine Redensart, oder bis zum
Schwarzwerden, wie die andere heit, rgern. Sie, die Bosseborner
nmlich, sollen, von einer Hochzeit nach Hause ziehend, ihren Weg
durchaus nicht mehr gefunden haben, sondern arg in Gestrpp, Sumpf und
Moor verloren gegangen sein. Da soll denn der Kster, der Nchternste in
der Gemeine (Sokrates beim Symposion Platonis!) ihnen geleuchtet haben,
und zwar auf absonderliche Art. Man sagt, er habe einen Einfall gehabt,
selber ein Licht unter den Umstnden; er habe den Hemdenschwanz hinten
aus den Hosen gezogen und niederhngen lassen, und der habe hell genug
durch die Nacht geschienen, um der Bauernschaft als Laterne zu ntzen.
So sei der Kster von Bosseborn vorangeschwanket, ihm nach der
Vorsteher, dem nach der Gemeinderat und dem wieder die torkelnde gemeine
Bauernschar, im Gnsemarsche alles -- einer hinter dem andern -- ein
ewig memorabler Zug bis ins Dorf hinein.

Die Geschichte ist gut; wenn ihr nur so wre! Aber die Sache hat einen
ganz andern und viel ernsthaftern Angang.

   Wann kompt in Sommer Sanktus Veit,
   So endert sich beid Tag und Zeit.
   Dem schlaff geht zu, dem Wachen ab,
   Wie sich das alter neigt zum Grab,
   Und wer dan hat der pfenning viel,
   Der mach sich auff zu diesem ziel,
   Und wander hin wol nach Sankt Veit,
   Ihr kann man werden leichtlich queid --

singt bei Hans Letzner ein rechter erfahrener Landtkndiger; und von
der groen Prozession nach Corvey auf Sankt-Vitus-Tag stammt die
Laternenfrage her, sowie jede Schlacht, die an dem Tage darum geschlagen
wurde; vorzglich aber die des Jahres Siebenzig, welche eine der
hartnckigsten und blutigsten war, infolge der Indulgenz, die Seine
Heiligkeit Papst Clemens IX. kurz vor seinem seligen Abscheiden auf den
Tag fr dasmal gelegt hatte.

Nun war es aber ein alt Herkommen, da die jngste Pfarrei den
feierlichen Zug erffne, -- das ltere und Wrdigere folgte, der Reihe
nach; und also -- sollten Die von Bosseborn voran mit der Laterne und
wollten's natrlich den Ovenhusern zuschieben, die ihnen folgten: ^hinc
illae lacrimae!^ Denen von Ovenhausen gingen nach Die von Frstenau,
diesen die Boedexer, diesen die Amelunger, diesen Die von Wehrden und
Jakobsberge. Dann zogen Ottbergen und Bruchhausen, nachher kam das Dorf
Stahle, nachher Die von Albaxen, Brenckhausen, Lchtringen und
Godelheim. Zuletzt aber kam dicht vor den Reliquien des Heiligen die
Stadt Hxter mit ihrer Stadtmusik, zusammen mit den Corveyern. Noch
hinter dem heiligen Veit zog das Kapitel auf, sowie der
braunschweigische Gesandte mit einem kleinen Abtsstab in der mit einem
Velum bedeckten Hand (auch nach der Reformation und als Protestant!), er
wurde geleitet vom Corveyer Marschall. Den Beschlu machte das
Venerabile unter einem Baldachin, den die Hxternschen Nobiles trugen,
-- und Jordan Hunger, der Kster von Sankt Nikolaus, war im Jahre 1670
Kster zu Bosseborn gewesen und hatte die Bosseborner Laterne, d. h. die
Kirchenfahne seines Dorfes tragen sollen -- --

   Wie mancher kompt gar weis' und klug,
   Im Heimgehn er einen Narren trug.
   Mancher kompt daher ganz Sinnreich,
   Und geht weg ganz bs und grimmich.
   Ihr viel da kommen frisch und gesundt,
   Da gehn sie heim in Todt verwundt,
   Oder sonst gefallen, geschlagen --

singt der erfahrene Landtkndiger weiter, und so war es. Sie schlugen
sich jedesmal wacker um die Bosseborner Laterne; und wenn Bosseborn und
Ovenhausen zwischen sich den Streit begannen, so war kein Dorf, das
zurckbleiben wollte, sondern sie fielen alle drein und aufeinander.
Ohne das gab es kein Sankt-Vitus-Fest zu Corvey, und weder das Kapitel
noch der braunschweigische Gesandte konnten das geringste da tun, auer
da sie es abermals fertig brachten, da auch das nchste Mal Bosseborn
wieder die Bosseborner Laterne trug.

Doch whrend wir hier das Krumme gerade machten und der Wahrheit zu
ihrem Rechte verhalfen, tobt der Mutwillen viehisch fort in Hxter, wird
der zerschlagene Meister Jordan Hunger von seinem heulenden Weib und
vergngten Freunde nach seinem Bette geschleift und -- -- zieht eine
andere Prozession langsam heran. Letzterer wenden wir uns jetzt zu und
treffen sie auf dem Wege, den vorhin der Bruder Henricus zur Abtei
beschritten hatte. Der Bruder Henricus ma diesen Weg jetzt zurck, er
befand sich mit an der Spitze dieses Zuges, der von Corvey kam. Er war
ein Kriegsmann gewesen in seiner Jugend, und sein Prior, Herr Nikolaus
von Zitzewitz, hielt sich an ihm und lie ihn nicht von seiner Seite.
Dicht hinter ihm hielt sich der Subprior Florentius von dem Felde und
der Probst Ferdinandus von Metternich. Den guten Vater Adelhard, den
Cellarius, hatte man seiner Unbehlflichkeit halben in diesen
gefhrlichen Nten zu Hause gelassen, um dort Ordnung zu halten.

Die Abtei zog heldenhaft nach der Stadt, um sich selber Nachricht ber
die Vorflle dort zu holen, da ^impie et nefarie^ ruchloser- und
leichtfertigerweise niemand gekommen war, um ihr solche zu bringen.

Aber Corvey konnte nicht anders; Corvey mute auf den Plan! Die Abtei,
eben in ihren Rechten durch den fremdlndischen Helfer, den gresten
der franzsischen Feldherren, gegenber der rebellischen Brgerschaft
von Huxar und dem braunschweigischen Schutzherrn gekrftigt, mute alles
daran setzen, da ihr die soeben nach langem Streite endlich einmal
wieder fester gepackte Obergewalt nicht von neuem aus den Hnden gleite.
Es galt, Hxter gegen jeglichen Feind oder Aufrhrer festzuhalten, und
so zog das Stift in Waffen gegen die Munizipalstadt. Unter Umstnden
verstand es Herr Christoph Bernhard von Galen, merkwrdig bse Gesichter
zu schneiden, und Corvey wute das und kannte das.

Die Lrmglocke, die Bruder Heinrich von Herstelle gezogen hatte, war
gehrt worden. Die Klostermannschaft war in die Rstung gefahren, die
Herren Benediktiner hatten sich ^taliter qualiter^ selber gewaffnet, und
die waffenfhige Mannschaft des nchst, aber am andern Ufer der Weser
gelegenen Dorfes Lchtringen war in Khnen ber den Flu gekommen, um
der Abtei zu Hlfe zu eilen. Die Prioren und sonstigen Vorgesetzten
gingen natrlich nur im geistlichen Habit, doch manch rstiger Frater
und Pater hatte mutig und freiwillig die Bchse oder Halbpike auf die
Schulter genommen und verma sich, Heldentaten zu tun, von denen der
Chronist von Corvey noch nach Jahrhunderten zu erzhlen haben sollte.
Der Kriegerischste aber in der ganzen geistlich-weltlichen Heerschar war
doch Bruder Henricus, der sicher und mnnlich, trotz seinem hohen Alter,
mit einem gewaltigen Schwerte ging, das wahrscheinlich beim bergang der
Hussiten ber die Weser im Kloster stehen geblieben war; -- der Zug sah
mehr auf ihn als auf die im Fackelschein voranflatternde Sturmfahne mit
dem Bilde des heiligen Dionys. Der heilige Patron trug seinen Kopf nur
unterm Arm, der Bruder Heinrich dagegen den seinigen noch wacker auf den
Schultern.

Meinen Segen nimmst du mit, mein Sohn; komme mir aber auch ja gesund
und vergngt wieder, hatte beim Abschied am Klostertor der Vater
Adelhardus zu ihm gesprochen und ihn dabei ganz zrtlich auf die
Schulter geklopft.

Nun waren sie auf dem zerfahrenen und zerwhlten Wege, den wir vorhin
geschildert haben, mit der Parole: Sankt Vitus! und dem Feldgeschrei:
^Abbatia urbi imperat!^ Corvey ber Hxter! Nun gerieten sie in die
Smpfe, die Lcher und unter die harten Feldsteine, -- nun hielten sie,
um Atem zu schpfen -- und nun chzten sie wieder weiter.

Bruder von Metternich, das ist eine Nacht, um Anathema zu sagen!
sthnte der Prior einmal ber das andere. Was ist deine Meinung?

Der Gerechte siehet vor seine Fe und gehet den Weg, den ihn der Herr
schickt.

^Bene, bene!^ Wie dunkel aber die Nacht ist! Htten wir doch ein
jeglicher eine Laterne anstatt der Fackeln mit uns genommen! Nun hrt
auch das Strmen vom Turm gar auf, Henrice.

Es ist vielleicht doch nur ein schlechter Gassenlrm gewesen, und die
Tummelanten haben des Spaes genug und gehen zu Bett.

Und wir sind heraus und hier mitten im Felde? ^O corpus Christi^, der
Bann auf ihre Hupter! -- Fort, voran, ihr alle, wahrlich, man soll
Corvey nicht ungestraft hohnnecken; ^abbatia urbi imperat^, da ist das
Corveytor! Ruft: Sankt Vitus! und lat uns einziehen!

Nach einem mehr als halbstndigen Marsche waren sie jetzt wirklich vor
diesem Tore von Hxter angelangt; allein das Einziehen ging so leicht
nicht. Frs erste fand das Stift die Tr verschlossen, obgleich es
selber die Schlssel dazu hatte -- freilich in den Hnden seines
tapfern, oben schon benannten Hauptmanns Meyer, den wir ebenfalls von
Person kennen lernen werden.

Lasset uns anpochen, sprach der Subprior.

Das wird viel helfen, der Graben ist dazwischen, murmelte der Propst.

So lasset den Zinkenisten von Corvey hertreten, Sohn Heinrich! Er soll
sich den Hals zersprengen; aber uns den Pfrtner auf die Mauer schaffen.
Das ist eine scheuliche Nacht! grollte der Prior.

Das alte Stift hatte seinen Trompeter mitgebracht, und er blies, -- er
blies und blies sich halb die Lunge heraus, bis sein Blasen von der
gewnschten Wirkung war.

Endlich, endlich flimmerten Laternen auf der Mauer, und dann rasselte
die Brcke unter dem alten Torturm herunter; mit dem Hute in der Hand,
von seinen Laternentrgern begleitet, wackelte der Hauptmann Meyer
eilfertig und atemlos hervor, den Prior und das Stift zu begren: ein
freundlicher, ltlicher Herr, rtlichen Angesichts, breitbuchig und
behglich, auch einer der besten Freunde des Pater Cellarius, Adelhardus
von Bruch.

Hchst verdrielich empfingen ihn fr diesmal die brigen Wrdentrger
des Stiftes.

Sie sind wirklich mit Degen und Feldbinde da, Monsieur? schrie der
Prior. Weshalb kommen Sie nicht auch im Schlafrock und denen
Pantuffeln, mein Herr Hauptmann? Aus dem Bett kommen Sie ja doch! Bei
Sankt Veit, Herr, es geht lustig zu in Hxter. Die Sturmglocke bringt
das ganze Land in Aufruhr, und der Herr Kapitn drehen sich auf die
andere Seite und geruhen weiter zu ruhen. Wo steckt Ihr mit Euren
Leuten, Meyer? Hat man Euch dazu der Stadt Obhut zum zweiten Male
anvertrauet?

Der bischflich Mnstersche Befehlshaber lie dieses und noch eine Reihe
hnlicher Vorwrfe und Fragen wie das Hochwasser aus einem aufgezogenen
Schtt ber sich hingehen. Erst als der Prior von Corvey mit seinem Atem
zu Ende war, verantwortete er sich oder fing wenigstens an, sich zu
verantworten.

Aus dem warmen Bett komme ich nicht, Hochwrden, sondern von den
Wesermauern am Brucktor, allwo ich seit angehobenem Tumult auf den Noht
gepasset habe nach meinem Eid und meiner Pflicht.

Auf den Noht?!

Ja, Hochwrden, auf des Herzogen Rudolf Augusten Oberstwachtmeister
Noht!

Sankt Veit und Corvey, aber weshalb denn gerade auf den?

Wer anders hat uns denn diesen Aufruhr angerichtet als der? Aber beim
Teufel, hat er mir einmal meine Trommel genommen, zum zweiten Male soll
er sie nicht in die Tatzen kriegen, und wenn er sich noch so verstohlen
ber die Weser schliche!

Bei Fackelschein und Laternenlicht sah sich der Prior, Herr Nikolaus von
Zitzewitz, verzweiflungsvoll und zweifelnd auf den Gesichtern seines
Gefolges um. Sie grinsten alle, und Bruder Heinrich von Herstelle lachte
sogar. Es blieb dem Prior von Corvey nichts anderes brig, als sich
fustampfend von neuem an den biedern Hauptmann zu wenden.

Aber um Gottes willen, was luteten sie denn Sturm? wer zog die Glocken
und warum?

Ja, sehet, Herr Prior, sagte der tapfere Kapitn gemtlich, da treten
Sie doch nher und sehen selber! Was uns betrifft, so sind wir, seit der
Lrm anging, unter den Waffen und auf der Mauer. In das Handgemenge habe
ich den Korporal Polhenne hineingeschickt, doch der kann auch nichts
ausrichten. Es geht eben wieder einmal durcheinander, Ratz, Katz und
Ketzer, und unsere sind auch dabei. In allen Pfarreien haben sie zu
Ehren des hohen franzsischen Abmarsches die Fenster eingeschmissen, und
alle Kster haben sie ganz oder halb totgeschlagen. Doch damit sind sie
auch zu Ende, und eben gehen sie, Ketzer und Katholiken, in christlicher
Eintracht ber die Juden.

Und dabei steht der Mensch, lehnt sich auf die Ellenbogen und guckt vom
Brucktor aus in die Nacht und ber die Weser nach dem Oberstwachtmeister
Noht aus! chzte der Prior, die Hnde ber dem Kopfe zusammenschlagend.
Seine Trommel?! seine Trommel! Herrgott und Sankt Veit, sollte man da
nicht wnschen, da zehn Jahre lang die Trommel auf ihm selber
geschlagen wrde?

Ich rate nun doch, da wir schleunigst in Hxter einrcken, meinte
jetzo Bruder Heinrich von Herstelle, und der Prior, ganz und gar nicht
wie ein geistlicher Hirt, Vater und Berater kommandierte wtend:

Marsch!

So zog das Stift in die Stadt und nahm auch seinen Hauptmann wieder mit
hinein.




                           Zehntes Kapitel.


Nun auf die Juden! Wer bei Sankt Niklas das Wort zuerst in die
durcheinander tobende und im Unheil gemeinschaftliche Sache und
Brderschaft machende katholische und lutherische Menge warf, ist
niemals historisch klar geworden. Wir haben unseren Freund, den Fhrmann
Hans Vogedes, im Verdacht. Gegen die Juden ging es; -- hier war das
^tertium comparationis^, wie der Helmstedter relegierte junge Weltweise
sich ausdrckte, richtig gefunden. Der Pbel hatte sich zuerst gegen das
Haus des Meisters Samuel gewlzt, und Lambert Tewes war ihm
selbstverstndlich auch dorthin gefolgt.

Ein unsterblich heroisch Poem werde ich schreiben und Professor der
Eloquenz in Helmstedt werden. Bei Venus und Mars, die alten Percken
dort sollen mir nicht ohne Strafe das Consilium gegeben haben; als ein
kaiserlich gekrneter Dichter will ich sterben! Diese trojanische
Blutnacht haben mir die Gtter eigens zubereitet. Es sei ihnen Dank
gesagt!

So schrie er, und sein Horaz schlug ihm im Laufen an die Schenkel. Wir
wenden uns und sehen, wie die Krppel-Leah und die kleine Simeath diese
heroische trojanische Nacht bis jetzt hingebracht haben.

Sie hatten kurz vor Anfang des Lrms beide todmde in das Bett des
Sergeanten und das franzsische Kavalleriestroh kriechen wollen und
waren natrlich nicht dazu gekommen. Mit einem Angstruf hatte das Kind
den Fu vom Bettrande wieder zurckgezogen:

Horch, horch, was ist das, Gromutter?

Es waren die Hxteraner vor der Pfarrkirche von Sankt Kilian.

La sie rasaunen! Komm, Tchterlein, wir wollen uns wieder an den Tisch
setzen. Lege deinen Kopf an mich. Wir wollen die Decke warm um uns
schlagen, und ich will dir erzhlen wieder von der alten Zeit, sagte
die Gromutter, und die Enkelin kam. Sie kauerten von neuem zusammen vor
der kleinen Lampe in dem kalten verwsteten Stbchen.

Unsere Knige waren Hirten in den Zeiten der Ehren. Aber die Herden
weideten unter den Palmenbumen -- die Sonne des Herrn leuchtete, das
Land unserer Vter duftete nach Myrrhen und Weihrauch. Sie waren groe
Krieger in glnzenden Panzern und schlugen Schlachten -- sie frchteten
niemand -- sie waren tapferer als jetzt irgendein Heerfrst --

Es ging nicht. Sie muten zu genau auf den Tumult vor der zerbrochenen
Tr, vor den zerschlagenen Fenstern horchen. Auch die Greisin, die so
viel Brand und Blut in ihrem Leben gesehen hatte, mute horchen. Das
strkste und geprfteste Herz lernt da nicht zu Ende.

Sie werden auch auf uns wieder hereinbrechen! jammerte Simeath.

Sie werden uns nichts nehmen knnen. Sei still, Liebchen, habe Mut! Ja,
wenn noch der Riegel vorgeschoben wre und das Haus reich, da wre Grund
zur Angst. Wenn das Haus noch wre wie zu deines Urgrovaters, meines
Vaters, Zeiten, unscheinbar von auen, doch voll Gter drinnen, so
mchten wir eher Furcht haben. Was wollen sie uns heute nehmen, da wir
nichts weiter haben als unser Elend?

Sie haben jetzt auch nur noch das ihrige, Gromutter, sagte das Kind
klug. Weil sie diesmal so schlimm daran sind wie wir, sind sie so wild;
und sie werden um so grausamer sein gegen uns, je weniger sie finden.

Der Herr Gott, der Gott unserer Vter, ist unser Schutz von der Welt
Anfang an. Er wird seine Hand auch in dieser Nacht ber uns halten, wie
er sie seit fnftausend Jahren ber sein armes Volk in der Prfung
gehalten hat. Wir sind dem Herrn zu Ehren noch immer da, was sie auch
mit Marter und Bosheit gegen uns ausgebt haben. Horch -- es ist
Triumph! Sie wten jetzt gegeneinander! Sei still, Kind, es geht heute
Nacht nicht gegen Israel!

Aber, Gromutter, sie haben dich nach Hause gehen sehen mit deinem
groen Bndel. Du hast ihnen gesprochen von deiner Erbschaft,
Gromutter, flsterte die verstndige Simeath.

Die armen Lappen! rief die Alte, ihr Bndel unter dem Tische nher an
sich heranziehend. Wir sind gewickelt in die Decke von dem letzten
Lager deines Oheims. Das ist aber das Kstlichste von der Erbschaft.

Wenn sie es glauben wollten, wren wir wohl glcklich, Gromutter,
seufzte die Kleine, und -- so war es, wie sie sagte.

Von Sankt Kilian gegen Sankt Niklas und von dort vorerst zum Hause des
Meisters Samuel und seines frommen Weibes Siphra! Sie brachen ein und
stahlen, sie schlugen den Hausherrn zu Boden und drckten seine Ehefrau
gegen die Wand; sie schlugen auch seine jungen Kinder, da kein Kster
mehr zu mihandeln war, und alles ging drunter und drber. Vergeblich
wehrten Ratmannswachen und der Korporal Polhenne; -- wie wir wissen, gab
whrenddessen der Stadthauptmann Meyer genau darauf acht, da ihm seine
Trommel nicht zum zweiten Male vom Braunschweigischen Oberstwachtmeister
Noht abgenommen werde. Sie legten jetzo auch die erste Brandfackel an,
und in dem Moment, als der letzte Mann vom Zuzuge des Stiftes Corvey in
das Corveytor zog, schlug die Flamme aus den Fenstern, sprang der rote
Hahn aufs Dach, reckte sich, schlug mit den Flgeln und krhte wild
hinaus:

Feuer! Feuerjo!

Jetzt sah der Vater Adelhardus am hohen Bogenfenster im Korridor der
Abtei den Himmel rot werden ber Hxter.

O die ^Incendiarii^! O, die ruchlosen Mordbrenner! sprach er. Haben
die Brenhuter der Dcher noch zu viel ber den gottverlassenen Kpfen?
Nun, ich habe den guten Heinrich gewarnt, da er sich nicht die Finger
verbrenne. Der Herr Prior und die brigen werden sich wohl schon selber
zu hten wissen und nicht zu nahe daran gehen.

Darauf lie er sich von einem Laienbruder einen Sessel und Fuschemel an
das Bogenfenster rcken, schickte einen zweiten Laienbruder in den
Keller nach einer Flasche vom Besseren gegen den Zorn und stellte
diese Flasche mit dem Glase handgerecht in die Fensterbank. Da sa er
dann, faltete die Hnde ber dem Buchlein und hrte durchaus nicht, wie
die ltesten Herren Patres ihn hinter seinem Rcken mit dem grausamen
Kaiser Nero beim Brande Roms verglichen. In der Stummerigengasse aber
vor dem nun lichterloh flammenden Hause des Juden Samuel wurde es unserm
Freunde, Herrn Lambert Tewes, jetzo doch gar bel zumute.

Er lachte nicht mehr, sondern bi die Zhne aufeinander. Die Lust zum
Zitieren des Horatius war ihm vllig vergangen.

Was zu viel ist, das ist zu viel! chzte er. Und dies ist eine
Bestialitt. ^Hierosolyma perdita?^ Auf fr Jerusalem! Nieder mit den
mordbrennerischen Halunken! Und der Monsieur Samuel ist der einzige in
ganz Huxar, der auf ein dankbar Herz bei mir rechnet. Und jetzt stehlen
sie mir meines Vaters Taschenuhr in seinem Verschlu! Himmel, Hlle und
alle Teufel, zu Boden mit dir, du Vieh!

Das letzte Wort war, begleitet von einem Faustschlag, an einen der
Tumultuanten gerichtet. Der Kerl lag sofort am Boden, allein im selbigen
Augenblicke war auch schon dem Studenten der Hut ber Stirn, Augen und
Ohren hinabgeschlagen, und er bekam einen Futritt in die Rippen, der
ihm fr mehrere Minuten den Atem benahm. Als er den Hut endlich wieder
in die Hhe bekommen hatte, fand er sich zum zweiten Male in dieser
Nacht Aug in Auge mit dem Bruder Heinrich von Herstelle, und der Bruder
packte sofort zu, griff ihm an die Brust und donnerte dem Hauptmann
Meyer zu:

Fort mit dem! Ins Gewahrsam! Wenn einer in dieser Nacht mitgewrfelt
hat, so ist's dieser! Ins Prison mit ihm!

Holla! rief der Student lachend, wenn einer in dieser Nacht in Hxter
auf Ordnung, Sitte und Tugend geachtet hat, so bin ich's! Meyer, Ihr
kennt mich und wit die Unschuld zu stimieren. Nehmt lieber meine Hlfe
an, ^domine^ -- allein kriegt Ihr die Schlingel doch nicht herunter.

Prioren, Probst und smtlicher Zuzug von Corvey sahen zweifelnd beim
roten Schein der Feuersbrunst; doch der Hauptmann Meyer sagte, sich
hinterm Ohr krauend:

Was ich sagen soll, wei ich nicht; aber, ehrwrdige Herren, ich kenne
ihn freilich, und das Nutzbarste wr's, wir rollierten ihn ein in unsere
Musterrolle.

Dann vorwrts und Sturm! kommandierte der Bruder Henricus, seinen
Flamberg erhebend; und mit der linken Schulter voran, Piken,
Hellebarden, Halbpiken und hainbchene Knppel vorgestreckt und in der
Luft, warf sich die bewaffnete Macht von Corvey auf die ^Huxarienses^,
um den Schutzjuden des Stiftes wenigstens das noch zu retten, was von
ihrem Leben noch brig geblieben war. Zwei nackte Kinder trug Lambert
Tewes aus dem brennenden Hause, die Siphra errettete vor weiterer Unbill
der Bruder Heinrich; den Freund Suberlich nahm der Hauptmann Meyer mit
Hlfe des Korporals Polhenne beim Kragen. Die Herren von Metternich und
von Zitzewitz stellten sich ritterlich und trieben jeglichen Corveyschen
Hintersassen, der Lust bezeigte, sich nach Hause zu schleichen, mutig in
die Schlacht zurck. Es kamen berhaupt jetzt die ersten Regungen der
Besinnung in der Bevlkerung wieder zum Vorschein, und Hxter fing an,
sich zu schmen. Brgermeister Thnis Merz und sein Rat fingen an,
ihrerseits einzugreifen. Die Mordbrenner und Plnderer wurden
berwltigt oder flohen nach allen Seiten; es wurde Raum in der Gasse,
und da jetzt, gegen Mitternacht, der Wind sich legte, so brannte das
Haus des Meisters Samuel ruhig und ohne weitere Gefahr nieder. Man lie
es brennen.




                           Elftes Kapitel.


In die wollene Decke vom letzten Bett des Schwestersohnes zu Gronau im
Frstentum Hildesheim gewickelt, hatten whrenddessen die Krppel-Leah
und Simeath mit Schauder und Schrecken gehorcht. Der rote Schein der
Feuersbrunst, der in die leeren Fensterffnungen und die Tr fiel, hatte
auch den Mut der Alten gebrochen.

Siehst du, Gromutter, es geht doch wieder gegen uns, sie haben Vater
 Samuels Haus in Brand gesteckt; -- sollen wir nicht fort? Wir knnen
ber den Hof schleichen und in des Nachbars Garten; Herr Jakob zum
Dahle wird nicht zu schlimm sich stellen, wenn er uns morgen frh in
seinem Stalle findet.

Ja, ja, Kind, sthnte die Greisin. Leise, leise -- da ist mein Bndel
-- hilf's mir wieder auf! Du hast recht, wir mssen hinaus -- sie
kommen, und sie kennen kein Erbarmen.

Sie versuchte es, aufzustehen, allein es ging nicht an. Der Weg von
Gronau her war dem alten Weibchen doch zu viel gewesen. Sie fiel zurck
auf den Stuhl, legte die Arme auf den Tisch und das Gesicht auf die
Arme.

Gromutter, Gromutter, jammerte das junge Mdchen. Besinne dich --
wach auf, la mich deinen Sack tragen! La ihnen den Sack, la uns nur
laufen -- Barmherzigkeit, sie kommen -- da sind sie!

Nun kreischte die alte Jdin noch lauter als die junge. Sie kamen, sie
polterten die Treppe herauf -- sie waren da -- nur drei Mann, aber die
Bsesten in Hxter -- Hans Vogedes, der Fhrmann, mit einer Axt den
beiden anderen vorauf. In dem Augenblick, als das Stift anrckte und
Lambert Tewes seinen Freund Wigand Suberlich zu Boden schlug, hatten
sie sich aus dem Getmmel vor dem Hause des Meisters Samuel
weggeschlichen, und sie machten von vornherein gar kein Hehl daraus, da
sie dem Geruche von der Gronauschen Erbschaft nachgegangen seien.

Fnf Minuten spter, nachdem sie die zertrmmerte Schwelle berschritten
hatten, durchschnitt von dem Hause der Krppel-Leah her ein so
frchterliches und schrilles Jammergeschrei die Nacht, da es allen
sonstigen Lrm in der Stummerigenstrae bertnte und jedermann den Kopf
aufwarf und mit jhem Schrecken horchte.

An der Brandsttte hatte die Szenerie sich aber bereits verschoben. Im
Ornate war Ehrn Helmrich Vollbort unter den Mnchen und stdtischen
Beamten aufgetreten und hatte scharf geredet, sowohl gegen den dunkeln
Nachthimmel, wie gegen den Herrn Prior von Corvey, Herrn Nikolaus von
Zitzewitz, und gegen den Mnsterschen Gubernator und Stadthauptmann
Herrn Meyer.

Er hatte um Rache fr sein beleidigt Haus und seinen geprgelten Kster
geschrien, und ber die Schulter des Bruders Henricus hatte der Neffe
seine rechte Freude an dem Oheim gehabt.

Sie haben ja unseren Kster bei Sankt Niklas gleicherweise windelweich
und blitzblau geschlagen, ehrwrdiger Herr, hatte der Prior
eingeworfen. Da ist doch wahrlich die vollkommene Paritt vorhanden
gewesen -- was sollen wir in dieser Nacht bei solchen Umstnden Ihnen
noch zugute tun?

Stift und Frstliche Gnaden von Mnster haben immer nach Vernunft mit
sich reden lassen, hatte Herr Florentius von dem Felde begtigend
hinzugesetzt, und --

Schlagt ihm vor, da Ihr mich vor seiner Tr hngen lassen wollt,
hatte der tolle Helmstedter dem Bruder Heinrich von Herstelle ins Ohr
geflstert.

Der Bruder Heinrich hatte das nicht vorgeschlagen, denn nunmehr hatte
Herr Ferdinandus von Metternich, der Propst von Corvey, Vernunft
gesprochen und wirklich verstndige Dinge gesagt.

Es sei eine ble Nacht, hatte er gemeint. Niemand wisse, wie er daran
sei. Morgen sei wieder ein Tag -- totgeschlagen sei gottlob und mit
Hlfe des heiligen Veit bis jetzt keiner; -- die beltter habe man auf
dem Stroh im Prison, und selbst die Juden seien noch mit dem Leben
davongekommen, soviel man wisse. Wer am meisten bei der greulichen
Unruhe gelitten habe, das sei doch wohl das Stift Corvey, das nun auch
noch zu allem brigen den schlimmen Marsch nach Hause vor sich habe. Er
-- der Propst -- hatte zum Schlu seiner Rede geraten, jetzt vor allen
Dingen wieder zu Bett zu gehen und fr alle Flle vielleicht eine
Salveguardia, gemischt aus Corveyscher Mannschaft und Brgerwachten, in
der Stummerigenstrae zurckzulassen.

So soll es sein! hatte der Prior geschlossen, und zehn Minuten nach
seiner Ankunft vor dem Hause des Meisters Samuel befand sich das Stift
bereits wieder im eiligen Rckmarsche nach den warmen Betten.

Hoffentlich hat uns der Vater Adelhardus, whrend wir die Philister
schlugen, ein gutes Warmbier zugerichtet, flsterte der Subprior dem
Propst unter dem Corveytor zu.

Dem mochte nun sein, wie ihm wolle; zornigen Herzens schritt doch noch
der Pfarrherr von Sankt Kilian im eifrigen Gesprch mit dem
Brgermeister Thnis Merz auf und ab und warf finstere Blicke auf den
guten Bruder Henricus. Diesen letzteren nebst einigen handfesten
Klosterknechten hatte die Abtei zurckgelassen, um sich von ihnen bei
mglichen ferneren Ereignissen kriegstchtig vertreten zu lassen; und
whrend der lutherische Pastor aufgeregt hin- und widerschritt, stand
der greise Mnch in dieser Stummerigenstrae im Lichte der Feuersbrunst
nachdenklich auf sein hussitisch Schlachtschwert gesttzt und gedachte
frherer Tage. Der Student hielt sich zu ihm und zog ihn jetzt am rmel
seiner Kutte.

In so tiefen Gedanken auf der heiligen Strae, mein Pater? Ich hab'
Ihnen vorhin den Lauriger angeboten, um einen Sitz am warmen Herde; nun
hat uns das Fatum einen noch wrmeren Ofen geheizt. Was, mit Erlaubnis
zu fragen, lassen Sie die Ohren hngen, mein Pater?

Der alte Mnch blickte auf und murmelte:

O, Just von Burlebecke!

Sie sollten ein Wort zu mir sprechen, Ehrwrdiger meinte der Student
zutunlich. Sie gefallen mir, und es wre mir lieb, wenn auch ich Ihnen
gefiele. Haben Sie mich am Abend schnd abfahren lassen, so haben wir
doch jetzo Schulter an Schulter gefochten, und -- schon den grimmigen
Blicken meines Herrn Onkels da drben zu Liebe solltet Ihr meinen Arm
nehmen und die Wacht ^suaviter^ mit mir verschwatzen. Mit dem Morgen bin
ich auf dem Wege nach Wittenberg, allwo sie schon lngst mit Herzspann
sich nach mir sehnen, und Ihr bekommt mich nimmer wieder zu Gesicht,
alter Hahn.

Sie sind ein Narr, mein Herr Studente, sagte der Bruder Henricus,
wider Willen ber den Schelmen lachend. Wre Just von Burlebecke nicht,
ich brchte dich auf der Stelle ungesegnet auf den Weg nach Wittenberg.
Aber so war Just auch zu seiner Zeit, und ich stehe eben nie in der
Stummerigenstrae, ohne mit betrbtem Sinn der alten Zeit und an Just
von Burlebecke zu gedenken.

So sagen Sie mir, wer Just von Burlebecke war, mein Pater, und ich
werde gern mich mit Ihnen ber ihn betrben.

Da, sprach der Mnch, gegen das Stummerigentor hindeutend, im Sommer
Zweiundzwanzig nahm er mit zwanzig Reitern Hxter im Sturm. Er ritt fr
den tollen Christian, ich mit dem Tilly. Mit zwlftausend zu Fu und
neuntausend Reitern ging der Christian hier bei Hxter ber die Weser,
und ich ihm und dem wilden Just nach als ein Fhnrich im Regiment
Baumgarten. Auf dem Felde bei Stadtloo ist Just von Burlebecke unter den
^Toutpourelle^schen eingescharrt. Ich hab' ihn unter den Toten gesehen,
und er war mein allerbester Herzfreund.

Das war der groe Krieg, und Ihr seid heute ein Benediktinermnch zu
Corvey, mein Vater! rief der Student.

Ja! sagte der gute Greis ruhig und schttelte nur noch einmal den
Kopf, die Stummerigenstrae hinaufschauend.

Er jagte ihnen lachend ins Tor und fiel ber die Spiebrger gleich dem
Blitz aus dem Sonnenschein; ich mu heute noch darber lachen! Ach,
httet Ihr den tollen Christian und seine Reiter gekannt, so wrdet Ihr
auch Just von Burlebecke zu wiegen wissen, Herr Studente. Sie saen vor
ihren Tren und lieen sich die Sonne in die Muler scheinen, da schlug
er ein aus dem blauen Himmel, und ehe sie sich besannen, hatte er mit
seinen zwanzig Gesellen Hxter in der Hand wie der Junge das Vogelnest,
dem Stift und der liguistischen Armada vor der Nasen; freilich nur auf
ein Viertelstndlein, doch das gerade war der Spa.

Der Alte hatte jetzt wirklich den Arm Lamberts genommen und schritt mit
ihm langsam die Stummerigenstrae hinauf bis zu dem Hause der
Krppel-Leah.

Hier, gerade hier auf dieser Stelle hie es denn: Simson, Philister
ber dir! Weshalb erzhle ich Euch aber das alles, anstatt Euch, wie es
sich gehrte, zur Sittsamkeit zu vermahnen und an Eure Bcher zu
schicken?

Weil ich nur allzu lange und zu sittsam ber den Bchern gesessen habe,
Herr Pater. O, Sie werden mir doch noch meinen Horaz abhandeln; ich habe
ihn allgemach so fest im Kopfe, da er mich nur noch dumm macht!
Amsterdamer Ausgabe, Frontispiz von Romyn --

Der Mnch winkte abwehrend mit der Hand.

Nein, sagte er, ich rede zu Euch, weil Ihr eben noch ein trichter
Knabe seid, und es dem Alter so gut tut, die Jugend bei sich zu haben,
wenn es der Jugendtollheit gedenkt. Wie war es denn? Ja, als sie sich
besonnen hatten um des kleinen Hufleins, das mit Just von Burlebecke
jubilierend die Hand auf sie legte, da bliesen sie Alarm. Damals war
Hxter auch noch ein volkreicher Ort, voll Handels und Gewerbe, und es
gab keine Ruinen und wste Sttten in den Ringmauern. An den tollen
Christian dachten sie nicht, sie sahen nur auf Just und seine zwanzig
Reiter. So griffen sie denn nach den Spieen und Bchsen. Es ist ein
lustig Schlagen gewesen; aber hier auf dieser Stelle erschossen sie dem
Herzbruder den Gaul, und so kam er zu Boden unter den Gaul und die
Fuste von Huxar. Seinen Gesellen ging's dann natrlich auch nicht
anders; zu Hunderten schwrmten sie um den Trupp, holten sich ihrerseits
manchen blutigen Kopf, aber schlugen doch auch wacker zu und rissen die
Eroberer mit Haken und Stangen von den Pferden. Das ist denn ein Gezerr
gewesen, bis die alten und verstndigen Leute es mglich machten, sich
durch das Getmmel zu zwngen und Vernunft zu sprechen. Da nahm der
Stadtschreiber das Protokoll ber den Fall zu Papier, und als sie es auf
dem Papiere hatten, da ging ihnen das richtige Licht auf, und sie
kriegten ein Grauen ber ihre eigene heldenmtige Tapferkeit und das,
was sie sich durch dieselbige eingebrockt hatten.

Sie berlegten sich, da der Christian dem guten Ritter Just nachtrabe
und nicht blo mit zwanzig Mann, lachte der Student.

Mit neuntausend zu Ro und zwlftausend zu Fu, wie ich es Euch schon
sagte. Als ich nachher mit den Liguisten dem Administrator nachritt,
hrte ich die ganze Historia. Ei ja, es war von da an fr Rat und
Brgerschaft an diesem schlimmen Flubergang ein beschwerlich Ding,
sich durch die Zeiten und Parteien zu winden.

Und heute ist's schier noch nicht besser, meinte Herr Lambert; doch
der Mnch erwiderte:

Httet Ihr das Hxtersche Blutbad erlebt, auch selber eine Pike an der
Mauer gefhrt, Ihr wrdet wohl anders sprechen. Seht Euch um danach und
htet Euch fernerhin, Eure Hand zu bieten, noch mehr der Ruinen zu
machen.

Dann fuhr er in seiner Erzhlung fort:

Sie lachten auch in des Tilly Hauptquartier allhier zu Hxter; Merode
lachte, Dem von Piccolomini wackelte der Bauch, und der Savelli
schttelte sich unter seiner groen Percke. Es gefiel ihnen allen die
Art, wie Just von Burlebecke die Stadt genommen hatte. Ich lag damals
bei dem Stadtschreiber und hab' sein Protokoll mir zeigen lassen. Es war
ein erbrmlich Gekritzel und Gekratz, gerad ob als die rote Ruhr mit dem
Hasenfu bei seinem Federkunststck am Tische gesessen habe. Und Just
als ein wackerer Kavalier hatte auch seinen Namen darauf gehauen, und
der ging ber die halbe Seite und jede berschrift von Brgermeister und
Ratmannen dick und schwarz weg wie ein Krassierregiment durch ein
Erbsenfeld. Einen ganzen Abend hat mir der Stadtschreiber von dem
Rittmeister Just erzhlen mssen; -- wie sie ihn unter dem Gaule
vorzogen, wie sie ihm den Rock brsteten, wie der eine mit dem Pistol
kam, das er dem Gemeindemeister an den Kopf geworfen hatte, wie der
zweite den Degen brachte, der ihm im letzten Ringen abhanden gekommen
war, und wie der Hader und das Blutvergieen in eine Festivitt auf dem
Rathause auslief. Ja, den ganzen Tag hat man getafelt und getrunken zu
Ehren Justs von Burlebecke und seiner Reiter -- den tollen Christian
eingeschlossen! Da haben sie Brderschaft gemacht und sich mit trnenden
Augen in den Armen gelegen, der Brgermeister von Hxter und Just von
Burlebecke, und am Abend hat man der Stadt Judenschaft angehalten, den
guten Kavalieren eine Reiterzehrung zu zahlen, und sie mit Triumph, der
Stadt Musici vorauf, vor das Tor gebracht und sie mit einem hflichen
Complimentum an die Frstlichen Gnaden von Halberstadt ihres Weges
reiten lassen, und nicht einer hat sich um diese Stunde so fest auf dem
Gaule gehalten wie am Morgen beim Einsturm ins Stummerigentor.

Ich hab' doch auch schon manche Tr im Sturme genommen, aber so galant
hat mich noch nie ein hochedler Senat oder Magistrat darob traktiert,
sagte der Student lustig-klglich; und in diesem Augenblick erscholl das
erbarmungswrdige Weibergeschrei aus dem Hause, vor welchem vordem Just
von Burlebecke unter den Fusten von Huxar an der Weser gelegen hatte.
Wir wissen, wer da schrie.




                          Zwlftes Kapitel.


Sie stutzten alle in der Gasse, vor allen brigen jedoch der Mnch und
der Student.

Sankt Veit, rief der Bruder Henricus, will die Mordnacht nie zu Ende
gehen? Hier, hier Corvey!

Er eilte gegen das Haus, aus welchem der Schrei hervordrang, und von den
Klosterknechten sprangen auch schon einige von der Brandstelle her.

Der franzsische nachgelassene Unrat lag vor der Tr der Krppel-Leah in
hheren Haufen als sonst irgendwo in Hxter, und ehe der Bruder Studio
dem Bruder Heinrich von Herstelle mit einem Sprung ber den Unflat
nachfolgte, schwang er natrlich den Hut in die Luft und jauchzte:

   Itzt, rmscher Jngling, zuck dein Schwert
   Und sei der edlen Eltern wert;
   Frb rot die See mit Pnerblut,
   Verlach, verlach des Pyrrhus Wut;
   Wirf nieder den Antiochum,
   Sein syrisch Knigreich strz um;
   Und mit Kanon und Flintenknall
   Scheuch fort den grausen Hannibal!

Das alles war nun gerade nicht ntig; allein Eile tat nichtsdestoweniger
not. Herr Lambert sprang und berholte infolge seiner Sprnge den
watenden Benediktiner um einen Schritt auf der Treppe. Von allen, die
auf den neuen Notschrei herzuliefen, befanden sich der Bruder Henricus
und der Student auf dem Schauplatze des Jammers und im Handgemenge mit
den Unheilstiftern, ehe ihnen irgend jemand von der Abtei und der Stadt
Hlfeleistung und Handreichung tun konnte. Keine gesperrte Tr hielt sie
ja auf; und dem Mnche voran sprang der Bruder Studio ein in das
Quartier des Sergeanten vom Regiment Fougerais und der lustigen Mamsell
Genevion von dem nmlichen Regimente.

Sie kamen zur richtigen Zeit, wenngleich nicht fr die drei Hxterschen
Ruffiane. Der brave Fhrmann Hans Vogedes hielt eben die Greisin auf dem
Boden, ihr die Gurgel zusammendrckend, sein einer Raubgenosse zog mit
groben Fusten die zeternde Simeath an den Haarflechten durch das
Kmmerchen, der andere der Halunken hatte bereits das armselige Bndel
mit der Gronauschen Erbschaft unter dem Tische hervorgezerrt, kniete
gierig whlend und verstreute fluchend den Inhalt um sich her auf dem
schmutzigen Boden. Die Lampe des armen Vaters Samuel und das flammende
Haus desselben verbreiteten ihren Schein ber diese hliche Szene, wie
sie Callot so gern zeichnete und malte in dem scheulichen Jahrhundert,
dem alle Gegenwrtigen angehrten. Sechzehnhundert solcher Bilder hat
Maitre Jacques gefertigt bis zum Jahre 1635, und der einzige Trost fr
uns liegt darin, da seine Erbin zuletzt doch das Kupfer smtlicher
Platten dieser ^misres et malheurs de la guerre^ in Kchengeschirr
verwandelte und ihre Suppen darin kochte.

^Ecce iterum Crispinus!^ schrie der Student, gegen den die Kehle der
Greisin freilassenden Hans Vogedes losstrzend. Im weit ausholenden
Schwung warf er ihm zuerst den steifen Schweinslederband seines Flaccus
auf die Nase, da sofort das Blut hervorstrmte.

Da hast du dein Recht auf rmisch, du Mauskopf!

Und schon hatte er ihn selber an der Gurgel und auf dem Boden, ehe der
Fhrmann sein Mordbeil aufgreifen konnte. Mit beiden Fusten aber erhob
der Bruder Heinrich von Herstelle sein mchtig Schlachtschwert und lie
es flach auf den Schdel des Strolches fallen, der die Simeath
bedrngte. Der dritte der Raubbrder lie feige das Bndel der Alten im
Stiche, sprang empor und wollte mit einem Satz ber den
niedergestreckten Leib seines Kameraden die Tr, die Treppe und die
Gasse gewinnen, fiel aber auf der Treppe den heraufpolternden
Klosterleuten und dem ihnen nachkeuchenden tapfern und weisen Hauptmann
und Gubernator Meyer in die Arme. Sie fingen ihn zrtlich auf und
drckten ihm fast die Seele aus dem Leibe, und ganz gutwillig lie er
sich in der Stummerigenstrae die Hnde auf dem Rcken zusammenschnren.
So war die Schlacht hier denn fast eher beendigt, als sie begonnen
hatte, und neben den beiden auf der Erde zappelnden Besiegten stehend,
blickten die zwei Sieger, Bruder Mnch und Bruder Studio, einander sogar
ein wenig verwundert darob an.

Doch jetzo trat der Herr Hauptmann Meyer herein und sah sich seinerseits
ein wenig in dem Gemache der Krppel-Leah um.

Militrisch grend und auf den Fhrmann und seinen Gesellen deutend,
fragte er dann:

Mit Permission, mein Pater, wie ist es nun mit der Gerichtsbarkeit in
Hxter? Hier haben wir den Casum von neuem, behalten wir von Stifts
wegen die beiden Lmmel, oder schicken wir sie dem Brgermeister Merz?
Hngen wird sie ja doch wohl Corvey in Anbetracht, da Bischfliche
Gnaden der Stadt das Blutgericht genommen haben?!

Zweifelnd krauelte sich der Bruder Henricus am Ohr; doch der Student
nahm ihm das Wort vom Munde:

Einen schnen Gru von mir und einen Handku desgleichen an den alten
E--, an die hochehrbare Exzellenz von Huxar, Herrn Thnis Merz, und ich
-- Lambert Tewes, schicke ihm hier was und erbitte mir dafr morgen ein
Viatikum auf den Weg nach Wittenberg von wegen geleisteter Dienste frs
gemeine Wesen. Macht keine langen Worte, behaltet nur ein einziges Mal
Eure Weisheit und ^sesquipedalia^ -- Eure sechs Fu langen
Bedenklichkeiten -- fr Euch. Den Hans da empfehle ich Euch und dem
Brgermeister besonders, Centurio. Gebt es ihm mit der Weinrebengerte
gleichfalls mit einem Kompliment von mir.

Der Hauptmann sah hchst verdrielich auf den seine Wrde so wenig
achtenden Redner, doch der Bruder Henricus meinte lchelnd:

Fr diese Nacht wird's wohl das beste sein, da wir tun, wie der
Tollkopf vorschlgt, Herr Kapitn. Sagen Sie auch meinen Gru dem Herrn
Brgermeister. Des Stiftes Rechte zu wahren, stellen Sie zwei Mann zu
der Ratmannswacht vor den Turm.

Der Hauptmann hob wiederum martialisch den Hut; die zwei blutenden
Hausfriedenbrecher wurden hinaus- und die Treppe hinuntergeschleift, und
der Bruder Heinrich sowie der Student fanden nunmehr die erste Mue,
sich nach den beiden armen Frauenzimmern umzusehen, die sie in so
tapferer Weise aus den Klauen der ihrer franzsischen Einquartierung,
dem Herrn von Turenne und dem Herrn von Fougerais, nachtumultuierenden
Huxarienses errettet hatten.

Das junge Mdchen kniete auf dem Boden und hielt den Kopf der alten Frau
im Schoe.

O, Gromutter, Gromutter, schluchzte es, sag doch was, sprich doch
nur ein Wort, wir leben noch, sie haben ihren Willen nicht vollfhren
knnen! Die guten Herren haben uns von ihren Griffen erlst, dem hohen
Gott sei Dank! -- -- Ach, Gromutter, besinne dich!

Die Greisin zuckte frs erste nur mit den Armen und krampfte die Finger
auf und zusammen; der Benediktiner beugte sich zu ihr herab und
leuchtete ihr mit der kleinen Lampe ins Gesicht.

Der Bsewicht hat sie arg gewrgt. Helft mir, Herr Student, wir wollen
sie auf das Bett tragen. Es ist ein Jammer, da wir den arzneikundigen
Bruder Briccius hier nicht vorhanden haben. Der wrde sie uns in einem
Augenzwinkern wieder aufrecht hinsetzen.

Herr Lambert Tewes hatte bereits den Kopf der Alten der Simeath aus den
Armen genommen; der Mnch fate sie an den Fen, und so trugen die
beiden sie auf das Bett des Sergeanten; der Student mit einem
verstohlenen Seitenblick auf das hbsche zerzauste Judenmdchen.

Trockne deine Trnen, schwarzlockige Nera, sagte er gutmtig. Tu's
mir zu Liebe -- das alte Mtterchen hat in seinem langen Dasein mehr
ausgehalten als solch ein Katzengekrall; -- eure Patriarchen und
Patriarchinnen haben ein verflucht zhes Leben, und Gromutter kommt
diesmal noch sicher darber weg auch ohne den Bruder Briccius.

Ich will es dem edlen Herrn nie vergessen! rief Simeath nur noch
lauter weinend; und dann beugte sie sich, griff nach der Hand des wilden
Scholaren und wollte eben die Lippen darauf drcken, als Meister Lambert
ihr seine Pfote rasch entzog und ihr einen laut schallenden Ku auf den
Mund gab.

So steht's geschrieben in den Legibus der Julia Karolina, und Herr
Mynsinger von Frundeck, der Kanzler, wute wohl, was er tat, als er den
Paragraphum einschob.

Errtend trat das junge Kind gegen das Lager der Greisin zurck; der
Mnch hatte wohl ein wenig die Stirn gerunzelt, doch er hatte allzu viel
um die allmhlich wieder ins Bewutsein zurckkommende Krppel-Leah zu
tun, um allzu genau auf die sonstigen Vorgnge in seiner Umgebung achten
zu knnen. Mit dem Wasser aus dem Kruge des Vaters Samuel rieb er der
Alten die Schlfen; -- da nieste sie endlich und stie einen heiseren
Schrei aus, und dann sa sie wirklich aufrecht auf dem Stroh und sah aus
stieren Augen umher. Der rote Schein der niedersinkenden Feuersbrunst
leuchtete noch immer in das Gemach.

Salzkotter Quartier. Die Liguisten in der Stadt! sthnte sie und fiel
zurck, die Hnde ber die Augen schlagend.

Sie ist noch nicht ganz bei sich -- das Feuer wirrt sie, murmelte der
Bruder Henricus gegen den Studenten gewendet. Sie sieht wieder den
Grndonnerstag von 1634. Wir gaben kein Quartier, weil in Salzkotten uns
keines gegeben worden war.

Und der Greis legte auch die eine Hand auf die Stirn und sttzte sich
mit der anderen gegen die Wand mit den unzchtigen Zeichnungen des
Regiments Fougerais:

Herr, Herr, mein Gott, wann kommt der Frieden in deine arme Welt?! --

Lambert Tewes stand nun ernst genug mit untergeschlagenen Armen da.

Hxter und Corvey! sagte er finster. Meine lutherischen Vter standen
fr Stadt und Stift. Die Liga war's, die Hxter in Trmmer legte und
Sankt Viti Sarkophagen zerbrach. Eure fremdlndischen Obersten und
Kavaliers waren es, die die Gebeine unter sich verteilten, welche der
Kaiser Ludwig hierher an die Weser getragen hatte.

So ist es, sagte Heinrich von Herstelle. Das ist die Historia von
Hxter, und ich -- bin Mnch zu Corvey! Ich zog fr die Liga; fr den
Winterknig, die schne Elisabeth und den tollen Christian ritt Just von
Burlebecke, der mit mir aufgewachsen und von meiner Mutter mit mir
erzogen war.

Just von Burlebecke! klang es wie ein Echo von dem Bette her, und
untersttzt von der Enkelin deutete die Greisin mit zitternder,
schwankender Hand auf den Erdboden, wo ihre Erbschaft zerstreut lag.




                         Dreizehntes Kapitel.


Der Student griff eben seinen Horaz, den er diesmal zum ersten Male in
dieser Historie als unwiderlegbares Argument gebraucht hatte, auf. Das
Buch lag mitten zwischen dem von der Diebeshand zerwhlten Trdel, und
Lambert, drber hinblickend, rief:

Bei Merkur und Radamanth, ist das der Kder, der das Geschmei anzog?
Mutter Leah, das habt Ihr aus dem Frstentum Hildesheim auf Eurem alten
Buckel nach Hxter geschleppt? O Moses und all ihr Propheten, wenn der
Titus nicht mehr aus Jerusalem mit sich gefhrt htte, so wrde das
^spolium^, der Plunder, wahrlich nicht der Mhe gelohnt haben.

Das war richtig, und einen erfreulichen Eindruck machte die
Schaustellung, die jetzt der Zufall und die Rubertatze bewerkstelligt
hatten, nicht; armselige Wschestcke, wohlfeile zinnerne oder bleierne
Schaumnzen auf alle mglichen Ereignisse, kaiserliche, schwedische und
franzsische Viktorien und Niederlagen -- ein halbverbranntes
hebrisches Gebetbuch mit silbernen Beschlgen und sieben Stck
schlechter Lffel! Eine Halskette von bhmischen Glasperlen mit einem
kupfernen Kreuz und ein zusammengedrckter winziger silberner Becher
waren die wertvollsten Gegenstnde, eine kupferne Pfanne und ein kleiner
eiserner Kochtopf die umfangreichsten, bis auf die Decke von dem
Sterbelager des Gronauschen jdischen Mannes.

Was weit aber du von Just von Burlebecke, Weib? rief der Bruder
Henricus bewegt, die Hand der Greisin fassend.

Ich hielt seinen blutigen Kopf in meinem Scho hier vor meines Vaters
Tr, sagte die alte Leah, mit Mhe die Worte hervorstoend. Sie hatten
ihm das Ro erschossen, und niemand wollte den schlimmen Feind im Anfang
aufheben. Ach und doch hub damals der Krieg erst an! Da -- da, sucht; er
gab mir ein Angedenken, das ist aus einer Hand bei uns dann in die
andere gekommen. In Gronau hab' ich es wiedergefunden.

Die Krppel-Leah fiel wieder zurck auf das Stroh, der Student hielt dem
Benediktiner sein Buch noch einmal hin:

Was meint Ihr, Reverendissime, jetzt werfe ich's zum brigen, und wir
fangen das Trdlergeschft in Kompagnie an. Was leget Ihr aber in den
Handel ein?

Der greise Mnch stie ihn nunmehr wirklich von sich; er kniete schon
und suchte auf dem Boden. Mit unsicherer Hand warf er die Lumpen und
Lappen hin und wider und lie das Kchengeschirr und die erbrmlichen
Raritten und Kostbarkeiten untereinander erklingen.

Beim heiligen Vitus, rief er pltzlich, das ist meiner seligen Mutter
Werk! Sie gab die Handschuh ihm, als er vor mir auszog. Sie war im
Herzen fr die neue Lehre; ich ging fr meinen Vater zu den
Kaiserlichen! Das ist Justs Handschuh mit meiner Mutter Spruch: Geh
grad! -- O Frau, o Leah, meine Mutter hat mit ihrer guten Hand die
Goldfden gezogen!

Der Bruder Henricus hielt einen Reiterhandschuh, der mit verblatem
Golde gestickt war, und nahm hastig, doch gerhrt, von neuem die
fieberhafte Hand der alten Jdin:

Das hat er Euch gegeben, Leah?

Die Greisin strich die weien, durch das Ringen mit dem Ruber gelsten
Haare aus der Stirn und sagte:

Ich verstehe den gndigen Herrn Abt nicht.

Sie war noch immer nicht ganz bei sich, oder die Betubung trat doch
immer noch von neuem ein.

Des tollen Herzogs toller Reiter, Just von Burlebecke! rief der Bruder
Heinrich, sich wieder an den Studenten und die kleine Simeath wendend.
Er hat noch ein gut und lustig Jahr gehabt; dann ist er bei Stadtloo im
Ernst erschossen, und niemand hat sein blutend Haupt mitleidig in den
Scho genommen, Leah!

Wie war denn das? murmelte die Alte. Es ist soviel nachher gekommen
-- der Herr Feldmarschall von Tilly und im Jahre Neunundzwanzig der Herr
Schwede Baudissin -- nein, Neunundzwanzig war's der Tilly wieder und der
Herr von Pappenheim. Der General Graf Baudissin erstrmte Zweiunddreiig
die Stadt. -- -- Dann war der blutige Grndonnerstag -- Vierunddreiig.
Anno Vierzig berannten Seine Exzellenz der Feldzeugmeister Piccolomini
Hxter. Die kamen mit Akkord herein, aber Sechsundvierzig strmte wieder
der Herr Feldzeugmeister Wrangel; -- wer redete da von dem Herzog
Christian und Just von Burlebecke? Welch ein Jahr schreiben wir heut,
Simeath?

Das junge Mdchen nannte leise die Zahl, und die fiebernde Greisin
flsterte mit geschlossenen Augen:

Gott Abrahams! der Herr ist der Herr der Heeresscharen; Zebaoth ist
sein furchtbarer Name.

Das sagte mein Oheim vorhin auch, meinte der Student, im schaudernden
Unbehagen die Schultern in die Hhe ziehend.

Der Bruder Henricus hatte den Schemel an das traurige Bett der
Krppel-Leah gerckt und sa nun da nieder, sein rostiges Schwert zu
seinen Fen.

Ja, ja, sagte die Greisin, in ihrem verwirrten Sinn sich
zurckdenkend, ich erinnere mich wohl. Wir waren jung, und der Krieg
kam eben erst aus dem Bhmerlande zu uns herber. Mein Vater war der
einzige Jd, der in Hxter wohnen durfte, und ich ein jung Mdchen,
Simeath. Wir freuten uns noch des Sommers, und der junge Kavalier ritt
mit Lachen in das Stummerigentor. Was trieb mich aus dem Haus? Es ist
einerlei -- ich trocknete ihm mit meinem Sacktchlein das Blut von der
Stirn. Seine Kriegsgesellen schlugen sich noch mit der Brgerschaft; er
aber sah mich an und sagte: ^Merci, mademoiselle!^ er wute ja nicht,
da ich ein jdisch Mdchen war. Dann kam der Herr Brgermeister, und
mich zog mein Vater ins Haus, und meine Mutter schlug mich. Sie hrten
in der Stadt, mit wie groer Macht der Herzog Christian im Anzuge sei,
und da pokulierten sie zusammen auf dem Rathause. Ja, ja, und am Abend,
ehe sie ihn vors Tor geleiteten, kam er auf dem edlen Pferd, das ihm die
Stadt gegeben hatte, vor meines Vaters Haus, und ich sa am Fenster, und
er warf mir seinen Handschuh zu und eine Kuhand und rief: >Denkt an
Just von Burlebecke, Frulein; er wird Eurer immer lieb gedenken!< Und
doch wute er da schon, da ich eine Jdin sei -- er war aber ein guter
Ritter, und ich habe seiner wirklich oft gedacht. Meine Mutter schlug
mich noch einmal am Abend und mein Vater dazu: denn der Rat hatte die
Reiterzehrung, die er dem guten Ritter verehrte, auf den jdischen Mann
gelegt. Den Handschuh hab' ich heimlich versteckt, sonst htten sie ihn
mir mit einem Fluche vor der Nase verbrannt. Dann haben meine Kinder
damit gespielt; es ist ein Wunder, da er noch da ist; -- meine Kinder
sind tot, dreimal hat mein Haus im Schutt gelegen. Ja, ich hab' des
tapfern Ritters Handschuh von Gronau mitgebracht, o ehrwrdiger Herr,
nehmet ihn und lasset es die Simeath nicht entgelten, da Ihr ihn bei
uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen Simeath, durch
diese Nacht! --

Das alles war mehr gerchelt als gesprochen worden. Die Greisin schwieg
jetzt und atmete im Halbschlaf schwer weiter. Der Greis sprach:

So ist es, Mutter; wir beide denken noch zurck an die Zeiten des
Friedens. Als meine Mutter diesen Handschuh dem Just aufs Pferd reichte,
da vermeinte freilich noch niemand, da lnger denn ein Menschenalter
durch das deutsche Volk durch einen See von Blut waten werde unter einem
Himmel rot und qualmig von den brennenden Stdten!

Was kmmert's mich? schrie die Krppel-Leah scharf und schrill aus
ihrem Traum heraus. Meine Vter haben nie Frieden gehabt seit dem
Kaiser Titus. Was kmmert's uns, was ihr gemacht habt aus eurem Lande?
Ich ngste mich um Luft; der Schubjack hat mir die Brust zerschlagen,
doch ich wollte singen in dieser Nacht, wenn die Simeath nicht wre.

Die Gromutter hat recht mit dem guten Kaiser Titus, flsterte der
Student dem Kinde zu. Nun bin ich auch ein Rmer -- ^civis Romanus
sum^, und kenne mein Latein, Jungfrulein; aber fr uns beide soll das
kein Grund sein, uns die Gesichter zu zerkratzen.

O, freundlicher Herr, scherzet jetzt nicht! rief Simeath, die der
Greisin eben wieder den Wasserkrug an die Lippen setzte.

Leah trank gierig und lange; dann stie sie den Krug zurck und setzte
sich wieder krftig auf. Sie wachte nunmehr vollstndig und sah hell
umher.

La ihn, Kind! Er tut wohl, da er sich lachend in die Welt schickt.
Die Zeit schwingt und schwingt; -- auch seine Stunde wird kommen, wo er
mit gerunzelter Stirn auf den schweren Pendul sieht. Ehrwrdiger Herr
Mnch, Sie waren ein Reiter, nun sind Sie ein Bruder zu Corvey -- Ihr
seid auch ein alter Mann; habt Ihr den Frieden gefunden in den Mauern
der groen Abtei?

Der Bruder Heinrich von Herstelle hatte, die Stirn mit der Hand
sttzend, in tiefen Gedanken gesessen, auf die Frage fuhr er auf und
wiederholte sie:

Den Frieden?

Er zog wie im Spiel den Handschuh Justs von Burlebecke an; dann sprach
er:

Den Frieden? -- Geh grad! -- Den Frieden? Weshalb sollt' ich auch den
Frieden zu finden wnschen? Ich bin kein gelehrter Mann, wie hier der
Herr Student, der den heidnischen Philosophum, den Horatius, auswendig
wei; ich kann's nicht sagen, wie's mir zumute ist. In meiner Jugend
habe ich Freude gehabt am bunten Leben; -- hab' ich denn den Frieden
suchen wollen, als ich ein Mnch wurde? Ja, ja, -- denn bei Sankt Veit,
es wird wohl so sein! Ei ja, dann hab' ich ihn gefunden. Ich bin
freilich ein alter Gesell, und da hab' ich mein Gengen zu Corvey; aber
-- geh grad! -- die Zeiten haben mich gelassen, wie ich war, als ich
anfing, mich zu besinnen in der Welt. Was Blut und Feuer?! Da das uns
vom Herrgott bestimmt war, so mag auch Er -- sein Name sei gepriesen --
die Rechnung beschlieen. Sie wird wohl stimmen, sowohl fr ihn als fr
uns.

Die Alte lachte rauh:

Da seid Ihr also auch auf dem Trost, der uns gesungen wird seit den
Tagen des Knigs Nebukadnezar. Die Stolzen beugen sich, und der Herr
lacht ber sie -- -- -- --

Und dieses alles, weil gestern der Lump, der Monsieur Fougerais, von
Hxter abmarschiert ist! rief jetzt der Student ungeduldig dazwischen.
Zum Teufel, den Frieden haben wir erst dann, wenn niemand mehr sofort
nach dem Prgel im Winkel greift, wenn er sich darauf gespitzt hat zu
hren: Vivat Doktor Luther! und es ihm vom andern Tisch herkrchzt:
Vivat Clemens der Zehnte -- oder umgekehrt! Der Fougerais ist fort -- --

   ^Nunc est bibendum, nunc pede libero^
   ^Pulsanda tellus^ --

das Lied vom Trinken und Tanzen ist zwar schon nach der Schlacht bei
Aktium gesungen und auf den Niederfall der Knigin Kleopatra von gypten
gemnzt; aber ich mnze es hufig auf was anderes, und tausend Jahre
nach mir wird man's auch so halten. Item, man hat Jerusalem mehr als
einmal wieder aufgebaut, Mutter Leah.

Doch die Fremden hausen auf der Wohnsttte des Samen Abrahams, junger
Herr. Die Kinder von Juda und Israel irren als ein Spott und Spuk
zerstreut; sie haben keinen Ort mehr, da sie Herren ihres Hauses und
Leibes sind. Auch fr Euch ist noch keine Zeit, den Siegestanz zu
tanzen, junger Herr. Wollt Ihr wirklich dem Herrn von Fougerais und dem
groen Marschall Turenne nachsingen und tanzen? Sie haben Hxter leer
genug gemacht.

Meines hochwrdigsten Herrn zu Mnster glorreiche Verbndete! murmelte
der Bruder Henricus. Lasset das Tanzen noch eine Weile, Herr Studente.

In diesem Augenblicke erfllte von neuem ein heftiges Getse die Gasse
und nherte sich dem Hause der Krppel-Leah.




                         Vierzehntes Kapitel.


Wann die Hochwasser sich verlaufen haben, dann hngt der Schlamm noch
fr lange Zeit an den Bschen und berdeckt Wiesen und Felder, und es
bedarf mehr als eines klaren Regens und heitern Sonnenscheins, um das
Land der Wstenei wieder zu entledigen. Und wenn die Flut gar in die
Stdte und Stuben der Menschen drang, dann ist das, was sie hineintrug
und zurcklie, gleichfalls nicht so bald ausgekehrt und vor die Tore
abgefahren.

In diesen schlechten und stinkenden Tagen sieht aber der Herr mit
Vorliebe auf solche leichte, unverwstliche Gesellen, die lachend ber
den Schmutz weghpfen und ihre Hand zur Hlfeleistung gern und lachend
da anbieten, wo sich mancher Ehrbare, Wohlweise und Hochansehnliche mit
Ekel und Unlust abwendet und die Sache sich selber berlt. Der Herr
der Heerscharen hatte nach dem franzsischen Abzug in Hxter seine
Freude an dem relegierten Helmstedter, Herrn Lambert Tewes.

Inkommodieren sich Euere exzellenten Liebden nicht, rief der Student.
Redet das Beste hinter meinem Rcken von mir; ich werde mich
erkundigen, was fr einen neuen Unfug da die alte Bosheit, Meister
Beelzebub, in Huxar ausgebrtet hat. Hab' ich es nicht ein Dutzend Mal
gesagt: -- ^neque tectum neque lectum^, das ist die einzig stichhaltige
Devise fr diese Nacht!

Er sprang hinaus, doch die diesmaligen Hausfriedensbrecher kamen ihm
bereits an der offenen Pforte entgegen, an ihrer Spitze sein Oheim Ehrn
Helmrich Vollbort, der Pfarrherr bei St. Kilian.

Der, Ehrn Helmrich, hatte, whrend am Bett der Krppel-Leah ber den
Handschuh Justs von Burlebecke gehandelt wurde, in der Stummerigenstrae
sein Zwiegesprch mit dem Brgermeister Thnis Merz eifrig fortgesetzt
und willige Horcher im erbosten gemeinen Wesen von Huxar gefunden.

So haben sie wiederum der Stadt Negotien nach ihrem Willen geordnet,
die Herren von Corvey, hatte er zornig gesprochen. Wird sich
lutherische Brgerschaft auch diesmal wieder den Maulkorb selber
berhngen? Lutherisches Kirchenamt wird reden und sich nicht den Mund
verbieten lassen!

Wir haben doch auch geredet, Ehrwrden; -- aber was hilft's? meinte
der Brgermeister.

Was es hilft? O ihr nrrischen Leute, klingt es euch denn noch nicht
genug in die Ohren von dem Gnaden- und Segen-Reze, den euch der von
Galen, so sich Bischof von Mnster und euer Landesherr nennt, ber
dieselbigen gleich einer Schlafhaube ziehen wird? Behaltet nur das Wort
in der Kehle und die Faust im Sack nach eurer faulen Art und wartet das
nchste Jahr ab. Den Hechtsfang und sonstige schnde Nichtigkeiten wird
man euch wohl lassen; aber eure Kirchen und Schulen wird man euch vor
den Nasen schlieen; dann sehet, ob ihr die Schlssel mit euren Netzen
wieder auffischen werdet aus dem Flu.

Was sollen wir tun? rief der Brgermeister, und -- Was sollen wir
tun, Ehrwrden? klang es im Haufen zornig und weinerlich nach.

Der Herzog -- wollte Herr Thnis Merz schwachmtig von neuem beginnen,
doch der alte eifrige Prediger unterbrach ihn sogleich:

Redet mir nicht von dem Braunschweiger. Der rckt euch nicht mehr ber
die Weser zur Hlfe. Ihr krochet vor ihm, wie ihr vor dem Mnsterer
krochet, und sie lachten hinter eurem Rcken ber euch. Greifet selber
an und zu, wie und wo ihr knnt, weichet nur zollbreit, rcket immer
wieder zu, Artikul fr Artikul; lasset euch das Geringste als das
Hchste sein. Was wollt ihr noch viel verlieren?

Das wei der liebe Gott! chzte die lutherische Brgerschaft von
Hxter.

Der wei es und hilft denen, die sich selber helfen wollen, sprach
Ehrn Helmrich Vollbort feierlich. Lasset diese Nacht nicht vergehen,
ohne da ihr euch rhrt gegen Corvey. Sie sind heimgezogen und zu Bett,
wir aber sind wachgeblieben. Werfet Panier auf gegen das Stift; fordert
mit heller Stimme, sei es, was es sei; lasset den Kampf nicht schlafen
gehen, wie die Mnche schlafen gegangen sind. Bei Sankt Veit schwren
sie, wir aber rufen den allmchtigen Gott, -- voran gegen Corvey!

Sie haben uns der Jden Geleit genommen; wir aber haben es auf dem
Papier, meinte zaghaft der Brgermeister.

Lasset den Tag nicht dmmern, ohne da die Abtei sich einem neuen
^Factum, Actum et Gestum^ gegenber finde; wir sind in dem Kriege, den
sie wollen, und den letzten Frieden wird Gott der Herr machen.

Die Jden aus der Stadt! schrie gell eine Stimme aus dem Haufen, und
hundertstimmig folgte der Ruf: Fort mit den Jden aus Hxter! Unser
Recht! unser Recht! unser Recht!

Schon drngten sich wtend die Weiber vor:

Sie standen mit den Franzosen auf du und du! Sehet ihre Huser, -- sie
blieben unversehrt, whrend in unseren kein Stuhl und keine Bank heil
blieb! -- Sie zahlten dem Turenne! sie zahlten dem Schandkerl, dem
Fougerais -- sie konnten sich loskaufen, und die hohen Offiziere lagen
bei ihnen und lieen bei uns ihr wstes Volk nach Belieben hausen. Die
Jden, die Jden aus der Stadt! Weg mit den Jden aus Hxter!

Nun stehen auch wir abermals einem Faktum gegenber: das Wort, das in
der lutherischen Brgerschaft fiel, fand seinen vollen Widerhall in der
katholischen. Zum zweiten Mal in dieser Nacht strzte sich ganz Hxter
auf seine Juden, und selbst der Gubernator, der Herr Hauptmann Meyer,
ging mit, -- widerwillig freilich; aber sie zogen ihn freundlich, an
jedem Arm einer -- rechts die katholische, links die evangelische
Kirche.

Den Meister Samuel samt seiner Familie nahmen sie von der Gasse vor
seinem brennenden Hause, die zwei oder drei anderen Familien holten sie
zusammen, und so kamen sie im greulichen Gedrnge, das elende jammernde
Huflein halbnackter Menschen in ihrer Mitte, und hielten mit
ohrzerreiendem Lrmen vor dem Hause der Krppel-Leah, um auch die mit
ihrem Enkelkinde abzurufen und mit den brigen, Corvey zum Trutz, vor
das Tor zu fhren.

Der Mnch war aufgestanden von seinem Schemel und hatte auch das
hussitische Schwert vom Boden wieder aufgegriffen; der Student aber trat
den eindringenden Hxterschen Wrdentrgern im Vorgemach entgegen,
kmmerte sich um den Brgermeister und den Hauptmann gar nicht, nahm
dafr jedoch den Pfarrherrn von Sankt Kilian mit zrtlicher
Unverschmtheit in die Arme und rief:

^Mon Dieu^, der Herr Onkel -- nach zwei Uhr morgens noch in der
schdlichen Winterluft! Was verschafft mir die Ehre in _meinem_
schlechten Quartier?

Fort, Narrenspiel! sagte der Alte, mit krftiger Faust den Neffen vor
die Brust schlagend und ihn von sich stoend.

Was wnschen die Herren? fragte der Bruder Henricus von der Schwelle
der Kammer des Sergeanten; und der Gubernator Meyer trat geduckt vor,
mit dem Federhute in der Hand, und stotterte:

Ehrwrdiger Pater, das Haus und die Gasse ist voll von ihnen -- von den
Unsrigen und Ihrigen. Sie kommen und fordern alle dasselbige. Sie kommen
Arm in Arm gegen die Jden und wollen sie in dieser Nacht noch vor die
Mauer setzen.

Und wir nehmen nur unser Recht, ehrwrdigster Herr Pater, rief der
Brgermeister. Wir haben der Juden Geleit gehabt vor und nach dem Jahre
Vierundzwanzig und sind durch den Frieden auch ^in specie^ dieses
Punktes ganz und gar restituieret. Das wei man zu Mnster wie zu
Corvey, und zu Hxter ist da kein Unterschied des Glaubens. Wir kommen
alle um unser Recht.

Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen Armen und sah
finster auf den Mnch; der Bruder Henricus aber sah einzig und allein
auf ihn.

Sie stehen in einem schlimmen Schein, Herr Pastore, sprach der Mnch.
Die Flamme des Brandes zngelt noch hinter Ihrem Rcken; hatte dieses
nicht Zeit, bis die Asche und der Schutt dieser Nacht kalt geworden
waren?

Ich komme mit den Leuten, die mir in dieser selbigen Nacht das
friedliche Haus strmten und mit Steinen auf mich und mein Weib warfen.
ndert es, Herr; -- das ist Hxter und Corvey!

Es hatte sich whrend dieses Gesprchs immer mehr des Volkes in das
Gemach eingeschoben. Schrill rief eine Weiberstimme den Namen Leahs und
auf der Strae schrien Hunderte ihn nach. Der Bruder Henricus hatte den
Stadthauptmann zornig am Arm gepackt und schttelte ihn: Wo sind Eure
Leute -- sendet einen Boten nach Corvey -- o Sankt Veit und -- Kreuz
Element, bei meiner Reiterehre, der erste, der einen Schritt voran tut,
liegt mit blutiger Platte am Boden! Hier fr Corvey! Mnster und
Corvey!

Hxter und Corvey! Her mit den Jden! Weg mit den Jden! Hxter und
Corvey! schallte es zurck; und nun tat der Student einen Satz fast bis
an die schwarze Decke des Zimmers:

Hxter und Corvey! Kann ich den Ozean still brllen und sollte Huxar
nicht stillen?! Bei meiner Burschenehre, wer im Tummel kennt mich als
guten Kameraden und den einzigen Hxteraner mit Grtze im Hirnkasten?
Wollt ihr nun Vernunft annehmen oder nicht? He Wigand -- Wigand
Suberlich, tu's mir zuliebe und bring mir die Zeter-Liese da vor dir
zur Rson und nach Hause. An die Krppel-Leah wollt ihr? ^Et tu Brute^,
mein Sohn Hans Rehkop?! Donner und Teufel, seid ihr fr Hxter und
Corvey, so bin ich, Lambert Tewes, diesmal fr Juda und Israel.
Helmstedt gab mir ^consilium abeundi^, -- Hxter ^relegatio in
perpetuum^, nicht wahr, Herr Onkel? Aber Jerusalem hat mich seit Jahren
ernhret, getrnket und gekleidet; -- hier fr Juda und Israel, und
wer's gut meint mit Hxter und Corvey, der schreie mit: ^Vivat
Hierosolyma!^

Nun hatte er die Lacher auf seiner Seite und damit ein Groes gewonnen.
Schon aber hatte er sich im engeren Kreise umher gewandt, und da schlug
er den Bruder Henricus auf die Schulter:

Wissen Sie noch ein und aus in Hxter, Herr Pater?

Sankt Veit! rief der Mnch, ratlos nach der Decke aufschauend.

Ihr, Herr Burgemeister?

O je, o gtiger Himmel! chzte Herr Thnis Merz.

Ihr, Herr Gubernator?

Du hast mich gekannt, ehe mir der braunschweigische Algierer, der Noht,
die Trommel abnahm, Lambert; das ist mein Trost und meine Reputation.
Jetzo gehe ich nur, wie man mich schiebt.

So gehet Euren Weg, Herr Oheim, sprach der Student zu dem Prediger bei
Sankt Kilian, und --

Ja! antwortete Ehrn Helmrich Vollbort und trat ber die Schwelle in
das Kmmerchen der alten Jdin.

Vernunft? Wer ist eine Stunde nach der Sndflut imstande, Vernunft
anzunehmen?!




                         Fnfzehntes Kapitel.


Auf das Ja des Predigers hatte der Bruder Henricus die Achseln
gezuckt, aber er war zur Seite getreten und hatte ihm weiter kein
Hindernis in den Weg gelegt. Der Student sagte:

Nicht einmal ein Citatum aus dem Flacco fllt einem ein.

Am Bette der Gromutter sa Simeath und blickte angstvoll zu dem
finstern Mann im schwarzen Chorrock auf:

Gromutter ist eingeschlafen!

Ehrn Helmrich Vollbort beugte sich ber das Stroh und das kmmerliche
Kleiderbndel darauf; dann nahm er die Lampe des Meisters Samuel vom
Tische und lie den Schein auf das Bett fallen:

Erhebe dich, Weib. Willst du in dieser elenden Stadt die einzige sein,
die da schlft in dieser Nacht?

Wahrlich, das war so: die Krppel-Leah schlief! Da hielt der Bruder
Heinrich von Herstelle die brigen nicht mehr; -- sie drangen in das
Gemach, so viel ihrer es halten wollte. Lambert Tewes schlug den Arm um
die zitternde Simeath:

Frchte dich nicht, Juda hat seit der Makkaber Zeit keinen bessern
Kavalier gehabt als mich. Das Stift ist zu Bett; treiben sie es noch
weiter, so knnen auch noch andere Leute als der luthersche und
ppstliche Kster Sturm in Hxter luten. Machen sie es allzu bunt, so
steht der Besen immer in der Ecke, und wir kehren und fegen mit den
Juden auch Hxter wie Corvey doch noch in die Weser!

Das war ein freches Wort; aber es war Wahrheit dahinter. Es wurde
gelacht im Haufen, und eine haarige Faust hob einen ansehnlichen
Knotenstock gegen die Decke:

Immer mit dem Zaunpfahl, Bruder Lambert! Gib du das Feldgeschrei, du
Sakermenter. Es sind genug vorhanden, die endlich Ruhe in der Wirtschaft
haben wollen. Hxter und Corvey in die Weser, und -- Vivat der heilige
Veit am Corveytor! Nimm du das Kommando, Lambert!

Vernunft!? -- --

Sie machten ein groes Geschrei und schttelten das schlafende alte
Judenweib an der Schulter. Sie hob noch einmal den Arm, als wolle sie
das Gesicht gegen einen Schlag schtzen; aber dann fiel der Kopf schwer
zurck und auch der Arm wieder herab, der Leib streckte sich, und der,
welcher sie an der Schulter gerttelt hatte, trat betroffen zurck und
rief:

Zum Donner, die weckt keiner mehr in Hxter und Corvey!

Da stie das Kind einen Jammerruf aus und warf sich ber die Gromutter,
doch die Gromutter konnte auch auf die arme Simeath nicht mehr achten.

Sie hat nun freilich die Stadt verlassen, und es war nicht ntig, da
wir mit Stangen und Schiegewehr kamen, sie zu holen, sagte der Bruder
Henricus gegen Herrn Helmrich Vollbort gewendet. Es sind nur Minuten,
da fragte sie mich, ob ich den Frieden gefunden habe.

Der Pfarrherr von Sankt Kilian antwortete nichts, aber der Brgermeister
murmelte:

Selbst Herr Christoph von Galen mte sie jetzo liegen lassen, wie sie
liegt. Herr Pastore, lasset uns zu den Brgern sprechen und morgen auf
dem Rathause ein weiteres bereden. Ihr Leute, wer von euch will diese
Leiche vor die Mauer schaffen?

Da ging ein Murren durch die rohe Gesellschaft in der Schlafkammer des
Sergeanten vom Regiment Fougerais, und es kam die verdrossene
Entgegnung:

Dazu ruft die Gildemeister auf oder ladet sie Euch selber auf den
Buckel.

Es wurde Raum im Gemach und Platz auf der Treppe; vergeblich hatte sich
schon seit einiger Zeit der Bruder Heinrich von Herstelle nach seinem
Studenten umgesehen. Im richtigen Augenblicke erschien dieser wieder auf
der Schwelle, des Meisters Samuel zitterndes Weib, die Siphra, vor sich
herschiebend:

Jetzt lat das Heulen, Mutter. Die Kinder schaffe ich Euch auch, und
wenn's den Trost vollkommen macht, den Alten gleichfalls. Da, hebt das
arme Mdchen auf und sprecht zu ihr. Euer Haus liegt nieder, also nehmt
hier Quartier und richtet Euch ein; es wird Euch niemand mehr stren.
Hxter geht zuletzt doch auch zu Bett, also haltet Eure Totenwacht.

Vernunft! -- Wenn einer in dieser Nacht in Hxter an der Weser Vernunft
gesprochen hatte, so war das der Tod gewesen.

Die gute Munizipalstadt Huxar benutzte in dieser Nacht nicht mehr ihre
Judenschaft, um einen politischen Widerhaken in das Fleisch des Stiftes
Corvey und des Bistums Mnster zu schlagen. Wir wren vollkommen zu
Ende, wenn wir nicht aus vielfacher Erfahrung wten, da der
hochgnstige Leser deutschen Gebltes sich so leicht nicht zufrieden
gibt.

Im groen Refektorium der berhmten Benediktiner-Abtei Corvey sah's um
diese frhe Morgenzeit wunderlich aus. Nachdem der Vater Adelhardus von
Bruch von seinem Bogenfenster aus den Feuerschein ber Hxter zur Genge
beobachtet und glossiert hatte, tuschte er das Vertrauen des Subpriors
Herrn Florentius von dem Felde nicht. Behaglich schaudernd hatte er an
seine geistlichen Brder in der rauhen Winternacht gedacht, und bei der
Heimkehr hatte des Stiftes Armada wirklich ihr Warmbier in den
dampfenden Krgen auf den langen Eichentafeln aufgetischt gefunden; dazu
die fen in Glhhitze und den Cellarius item und bereit, jegliches Lob
von Prior und Probst bescheidentlich, aber seines Wertes bewut,
entgegenzunehmen.

Nun lag die Abtei zum zweiten Male in den Federn, aber der Vater
Adelhardus hatte sich noch grer erzeigt: er war nicht mit den andern
zu Bett gestiegen; einsam und allein hatte er inmitten der Halle, gerade
unter der groen Kupferlampe, Stand gehalten und auf seinen Sohn
Heinrich gewartet.

In ihrer Selbstsucht sind sie hingegangen, nach genossenem Guten; mich
aber soll er finden, so er ^labente lingua^, mit lechzender Zunge,
anlangt! Und der Bruder Henricus hatte seinen geistlichen Vater auf
seinem Posten gefunden, nachdem er mit seiner Schar den Pfrtner zum
zweiten Male herausgeschellt hatte; und jetzo wollten wir, wir htten
des weien Papieres noch so viel vor uns als zu Anfang dieser echten und
rechten Geschichte, denn mit dem Bruder Henricus kam nun doch der Bruder
Studio gen Corvey, und sie schttelten einander die Hnde ber dem
Tisch, der Pater Kellermeister und Meister Lambert Tewes.

Erst um fnf Uhr morgens dann hatte der Cellarius geseufzt:

^Molliter, molliter!^ sachte, o sachte, mein Kind! und die Warnung war
vonnten gewesen, denn es war eben der Studente, der ihn zu Bette
brachte; -- und an des Kellermeisters Tr kten sie einander, und der
Vater Adelhard schluchzte:

Nach Wittenberg willt du, mein Junge? Junge, was willt du in
Wittenberg? -- Bleibe bei mir -- eine Bi-bli-_ooo_-thek haben wir auch,
-- ich will sie dir morgen zeigen; -- bleibe du in Corvey, mein braves
Kind -- ich zeige dir auch den Keller.

Na, alter Bursch, dieses wollen wir beschlafen. Seht Ihr aber, Pater
Henrice, so haben uns die Gtter nach ihrem Ratschlu, dem Ihr schnde
ins Angesicht sprangt, doch diesen Hafen zubereitet!

Der Bruder Heinrich von Herstelle aber hatte das Haupt geschttelt, als
er vor seiner Zellentr sein hussitisch Schwert gegen die Wand lehnte:

Es ist nur eine gewesen, die den Hafen in dieser Nacht in Hxter oder
in Corvey erreicht hat.

Der gute alte Mnch trug noch immer den Handschuh Justs von Burlebecke
an seiner linken Hand; jetzt zog er ihn ab und schlang ihn in den Griff
der Hussitenwaffe; er nahm das alte Angedenken nicht mit in seine Zelle.
Dem Studenten wies er ein Bett an, und zehn Minuten spter sgte, sang
und raspelte Lambert, wie im Wettkampf mit ganz Corvey, Horen und Metten
zu gleicher Zeit. Da raschelte es im Abteihofe in einem Reisighaufen;
frsichtig schob sich ein scharfbeschnbeltes, rotkmmig Haupt hervor,
der eine Hahn, den der Gallier briggelassen, das heit, der dem
Kchenmesser sich entzogen hatte, wagte sich halb verhungert zum ersten
Mal aus seinem Versteck, schwang sich auf die Hhe des Reisigs und
krhete: Da horchte der Vater Adelhardus im tiefen Schlafe auf, -- und
es war [eine>>ein] neuer Tag geworden, gerade so grau und winterlich
strmisch wie der letztvergangene.

In Hxter hielt das hebrische Vlklein der toten Leah die Leichenwacht,
und die Weiber sangen den Trauergesang und sprachen der Simeath Trost
zu. Der Meister Samuel aber hatte noch ein anderes zu schaffen. Er war
mit Hammer, Sge und Axt beschftigt, die Tr des Hauses der
Krppel-Leah wieder einzurichten. Der Herd war bereits notdrftig in
Ordnung gebracht, und es flackerte auch schon ein Feuerchen darauf und
sang das Wasser in einem Kesselchen. Durch die Fenster zog freilich noch
immer der Wind; wenn jemand im siebenzehnten Jahrhundert in Deutschland
schwer zu beschaffen war, so war das der Glaser.

Ehrn Helmrich Vollbort sa eingeschlossen in seinem Studierstblein,
welches nach dem Garten zu gelegen war und seine Scheiben noch
unversehrt hatte. Wahrlich ein Mann, so sa der Pfarrherr von Sankt
Kilian inmitten seines Rstzeugs und spitzte scharfe Keile zum
Eintreiben in die Paragraphen und Fugen des drohenden Gnaden- und
Segen-Rezesses Christoph Bernhards von Galen, Bischofs zu Mnster und
Administrators von Corvey, der eben mit dem franzsischen Louis Krieg
gegen Holland fhrte und gern das Seinige tat und riet, so beilufig
Kolmar franzsisch zu machen. -- Der Brgermeister von Hxter aber hub
eben an, die Gassen seiner Stadt nach dem franzsischen Abmarsch zu
kehren: -- er, Herr Thnis Merz, hatte des guten Exempels halber selber
einen Besen genommen und den zweiten Herrn Wigand Suberlich hflich in
die Hand gentigt.

Nach Mittag inspizierte der Corveysche Gubernator und bischflich
Mnstersche Hauptmann Herr Meyer wieder einmal die Wacht am Brucktore
und warf sphende, argwhnische Blicke ber den Flu nach dem
verdchtigen, nebeligen jenseitigen Ufer; er traute dem
Oberstwachtmeister Noht immer noch nicht, und dieser heimtckische Nebel
war ihm uerst unbehaglich. Der alte Flu rauschte und grollte wie
gestern ber die zertrmmerte Brcke fort; doch ein neuer Fhrmann war
bestellt worden und zwngte seinen Weg, keuchend, wie gestern Hans
Vogedes den Wassern ab.

Der Fhrkahn schwamm auf der Weser, und in ihm stand, mit einer
Scholarenzehrung des Stifts Corvey in der Tasche und seinen Horaz unter
dem Arm, der Student Lambert Tewes und schwang den Hut dem Bruder
Henricus zu, der dem tollen Lateiner wohlwollend nachwinkte. Der Student
ging doch nach Wittenberg, obgleich er den Keller des Vaters Adelhardus
kennen gelernt hatte.

Nun trat eben der Hauptmann zu dem Bruder Heinrich von Herstelle, ihn zu
begren; und der Bruder wendete sich zu ihm und sagte:

ber Sie ist noch geredet im Konvent, Herr Gubernator. Man wird Sie bei
erster passender Gelegenheit Seiner frstlichen Gnaden von Mnster zur
Promotion vorschlagen, zum Avancement.

Da lchelte der Hauptmann gerhrt und meinte:

Ein Gnadengehalt, vielleicht mit dem Titul Major, wre mir wohl das
Annehmlichste. Ich bin und bleibe ein halber Mensch seit der verfluchten
Trommelgeschichte.

Der alte, tapfere Mnch zuckte die Achseln und blickte wieder seinem
Freunde Herrn Lambert nach.

Zu dem sagte eben, als der Kahn drben ans Ufer stie, der Fhrmann:

Du willst also doch nochmalen in das gelehrte Wesen hinein, Tewes? Tu's
nicht; la dir raten, bleib in Hxter. Wir stehen alle zu dir und machen
dich seinerzeit zum Burgemeister, du passest uns ganz und gar auf den
Leib.

Da lachte der Student und zitierte noch einmal den Flaccus, doch jetzt
nicht in schlechten Reimen, sondern, wie er meinte, in guter poetischer
Prosa, selber verwundert ob des klassisch-melodischen Tonfalls:

Unsinn trieb ich lange genug und tappte im Irrsal; ging um die Kirche
herum, ein Verchter der Gtter und Menschen. Doch nun wend' ich das
Segel und rckwrts steur' ich bedenklich.

Na, noch ist's Zeit, brummte der Fhrmann, besinn dich, Lambert. Es
ist nichts Kleines, Brgermeister von Hxter!

Fr heute lassen wir den alten Merz in Ruhe auf seinem kurulischen
Lehnstuhl, Jochen, rief der Student, dem Schiffer die Hand drckend,
dem Herrn Onkel und der Frau Tante mchte ich freilich schon das
Vergngen und die berraschung gnnen. Weit du was? -- Ich komme
wieder!

Damit sprang er ans Ufer und ging raschen Schrittes auf Lchtringen zu.

Ich komme wieder! das wird oft und leicht gesagt. Dieser Helmstedter
Studiosus der Rechtsgelahrtheit ist zwei Jahre nach der Krnung des
ersten Knigs in Preuen als Professor der Beredsamkeit zu Halle
gestorben, und sein Horatius soll sich in den vierziger Jahren des
achtzehnten Jahrhunderts in der Bibliothek des ersten Professors der
sthetik, Alexander Gottlieb Baumgarten, wiedergefunden haben.




Anmerkungen zur Transkription


Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 13]:
   ... Der Bruder Hinricus lchelte ein wenig. ...
   ... Der Bruder Henricus lchelte ein wenig. ...

   [S. 60]:
   ... Bei allem diesen Getn entschlummerte nach den geistigen ...
   ... Bei allem diesem Getn entschlummerte nach den geistigen ...

   [S. 143]:
   ... uns fandet. Helfet dem unschudigen Kinde, der kleinen ...
   ... uns fandet. Helfet dem unschuldigen Kinde, der kleinen ...

   [S. 154]:
   ... Der Pfarrherr von Sankt Kilan stand mit untergeschlagenen ...
   ... Der Pfarrherr von Sankt Kilian stand mit untergeschlagenen ...






End of the Project Gutenberg EBook of Hxter und Corvey, by Wilhelm Raabe

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