The Project Gutenberg EBook of Die Strme des Namenlos, by Emma Waiblinger

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Title: Die Strme des Namenlos

Author: Emma Waiblinger

Release Date: September 17, 2015 [EBook #49992]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STRME DES NAMENLOS ***




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  Die Strme des Namenlos


  Roman
  von
  Emma Waiblinger


  [Illustration]

  Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
  1921

  Viertes bis fnftes Tausend

  Copyright 1920 by
  Eugen Salzer
  Heilbronn

  Carl Hammer, Hofbuchdruckerei
  Inh. Wilhelm Herget, Stuttgart




  Ludwig und Dorle Finckh
  gewidmet




Erstes Buch


Es gibt Zeiten und Stunden und halbe Nchte, in denen ich immerfort ber
die Ehe meiner Eltern nachdenken mu. Und manchmal scheint mir, mein Leben
sei, als es mir noch unbewut war und in meiner Mutter beschlossen, schner
und mchtiger und reicher gewesen, als nachher, da ich es selbst lebte.
Alles, was ich erfahre und erlebe, ist mir manchmal nur wie das Licht, das
immer heller wird, womit ich das Dunkel und Heiligtum meines Elternhauses
sehen kann; und mit jedem Jahr wird es mir klarer und deutlicher, wie
traurig und verworren-schn meine Mutter mit dem Vater lebte.

Er war schwermtig und fters, besonders gegen das Ende seines Lebens hin,
geistig gestrt. Er war von Jugend an so, galt aber in normalen Zeiten fr
einen begabten, strebsamen Menschen und lernte das Uhrmacherhandwerk, das
ihn und seine Familie auch bis zu seinem Tod getreulich ernhrte. Er hing
mit seltsamer, zher Zrtlichkeit an -- seiner Kunst -- htte ich beinahe
gesagt und redete stundenlang mit seinen Uhren, innig und leise, wie
nie mit einem Menschen. Als er noch Geselle bei einem Meister in meiner
Vaterstadt war, lernte er meine Mutter kennen, die im gleichen Haus als
Dienstmagd in Stellung war. Es hngt in unserer oberen Stube ein Bild, das
meine Mutter in diesen Jahren darstellt, und heute noch betrachte ich es
oft erstaunt und freue mich darber. Sie war gro und schn und sah sehr
glcklich aus. Ihr Haar, das ich mir nie anders als schneewei vorstellen
kann, war damals noch dunkelbraun und lief ihr weich ums Gesicht. Ihre
Augen aber waren heller und glnzender als spter, und sie hatte schne,
ganz rote, lchelnde Lippen. So sah sie wohl mein Vater, in dem geblmten
Kleid und dem weien Mdchenschurz, wie sie durch das Haus und ber die
Treppen lief wie das helle Licht, und er hatte sie lieb ber seine Kraft.
Er wollte sie heiraten, aber sie wies ihn ab. Da tat er das Arge, das ich
heute noch nicht sagen kann, ohne mich zu schmen: auf der Bhne des Hauses
hngte er sich auf. Die Leute fanden ihn, grauenhaft verzerrt und trugen
ihn fr tot weg. Man brachte ihn wieder zum Leben, und als er nach langen
Wochen einer schweren Gemtskrankheit genas, kam eines Tages meine Mutter
zu ihm und sagte, sie htte ihn lieb und wolle ihn heiraten.

Ein paar Wochen nach der Hochzeit schon wurde das Haar meiner Mutter grau
und ihre Augen dunkler und trauriger. Es mu unsglich schwer gewesen sein,
mit dem finsteren Narren zusammen zu sein, und sie wollte ihm fortlaufen,
denn sie hatte das schne, leichte Leben so sehr lieb gehabt vorher.

Das erste Kind, das meine Mutter zur Welt brachte, war verkrppelt und
entstellt. Es schrie fast immer und man merkte, da es vollstndig bld
war. Nach wenigen Monaten starb es an Krmpfen. Es war fr die Mutter gut;
in jenem Jahr ist ihr Haar ganz, ganz wei geworden.

Nicht lange nach seinem Tod trug meine Mutter ein zweites Kind unter dem
Herzen. Und da begannen die Wunder, die sie fr uns tat. Sie trug ihr Bett
in eine Kammer unter dem Dach und riegelte abends die Tr zu; da schlief
sie ungestrt mit ruhigen Trumen oder lauschte zum offenen Fenster hinaus
dem Gang der Nchte und fing die stillen, tiefen Lieder des Dunkels in sich
auf. Und sie erwachte morgens in die helle, krftige Sonne hinein, wusch
sich die Augen frisch und klar und lie sie berall da hin gehen, wo es
hell und gut war. Sie schleppte sich die Arbeit, wenn es irgend ging, auf
den kleinen, grnen Hof hinaus, der hinter dem Hause lag und sa manchen
Mittag in der Sonne oder im Grnen und lie die Nadeln klappern in die
geruhige Stille hinein; oder sie ging in die Stadt hinunter, den Korb am
Arm, sah in den Gassen den Kindern zu, wie sie spielten und sangen, stand
auf der Brcke und blickte auf das weite, glnzende Wasser hinaus. Unter
dem Betglockenluten ging sie wieder heim und lie in ihr Herz die tiefen,
feierlichen Tne fallen. Am Sonntag war sie in der Kirche; sie hatte
ihren Platz unter der Orgel, da die Tne sie deckten und umwogten wie
ein khles, herrliches Meer. Das Vaterunser betete sie mit aus einem
inbrnstigen Herzen heraus und sah von den gefalteten Hnden weg zu
den farbigen Kirchenfenstern hinauf und glaubte an Erhrung. War es ein
besonders lieblicher Text gewesen, las sie ihn zu Hause in der Bibel noch
einmal und freute sich daran. Im Gesangbuch hatte sie ein Lieblingslied:

  Die gldne Sonne voll Freud' und Wonne
  Bringt unsern Grenzen mit ihrem Glnzen
  Ein herzerquickendes, liebliches Licht!--

Das las sie oft, auch hrte man sie's an guten Tagen bei der Arbeit leise
vor sich hinsingen.

Und wenn sie Beschwerden hatte, strich sie still und liebkosend ber ihren
Leib und lchelte.

So machte sie es damals, und bei mir und bei allen.

Und nun frage ich mich selber: habe ich, da ich lebte, und da mich
wahrhaftig kein Mensch dran hinderte, auch so die Augen aufgetan und
wissentlich alle Schnheit und Helle gesehen und das Dunkel weggeschoben?
Habe ich es mir auch einmal so gut und licht gemacht und so tief um
Gottes Segen fr mich selber gebeten? Habe ich an Stimmen und Tnen und
Himmelslichtern auch so die rechte Freude und Beziehung auf mich selber und
den gttlichen Strom daran gefunden?

-- Ich wte es nicht. Ich kann mir da kein einziges, ganzes Jahr denken,
in dem nicht Schmerzen und tiefe Traurigkeiten genug gewesen wren; und
wenn ich genau zusehe, habe ich das meiste davon gewollt und mir selber
geschaffen.

Und dann: habe ich in meinem ganzen spteren Leben einen einzigen Menschen
gefunden, der mich so geliebt und mir alle Freuden und hellen, guten Dinge
so zugetragen htte? Der so fr mich lebte und um meinetwillen mit einer
mchtigen Kraft alle Schmerzen verbi und in seiner Not lchelte, weil es
fr mich gut war?

Auch das wte ich nicht.

Und es wird mir ganz unendlich wohl dabei, da es einmal so mit mir war,
und wenn ich auch noch gar nicht gelebt habe dabei.

Wir sind sechs Geschwister, zwei Buben und vier Mdchen. Unser Aeltester
hie Eberhard, wir nannten ihn aber nach dem Wrttemberger Grafen, dem
Rauschebart, den Greiner. Dann kamen wir Mdchen, Margret, Regina, Agnes
(das bin ich) und die Eva.

Der Kleinste war der Johannes.

Und wir alle sind in dem gleich: Wir gleichen nicht besonders dem Vater und
nicht der Mutter. Keines von uns ist schn, wie es die Mutter war; keines
aber auch trbsinnig und finster. Doch haben wir das schwere, drngende,
liebebegehrende Blut des Vaters in uns; es kommen zuweilen Stunden ber
uns, so voller Qual und Not, wie sie wohl selten ein anderer Mensch
durchleben mu, und wir wissen dann traurig, woher das in uns ist; wir
tragen ein sehnschtiges, schmerzliches Verlangen in unserer Seele, das uns
unablssig nach schnen und reinen Menschen suchen lt, die wir fr uns
gewinnen mchten; und wir vermgen solche dann so hei und mchtig und
leidenschaftlich zu lieben, da es einer Krankheit und einem Fieber
gleichkommt, das uns ungewollt berfllt und dem wir ohnmchtig und
willenlos unterliegen.

Und wenn wir schon manchmal in dunkeln Nchten um eine verlorene oder
versagte Liebe wachlagen, war uns das Leben so unertrglich und grauenvoll
und bitter, da es uns Erlsung und Seligkeit dnkte, das zu tun, was der
Vater damals um die Mutter getan hatte.

Es tut es aber keines von uns. Denn da ist froh und leuchtend das Erbteil
der Mutter: eine mchtige, warme Lebensfreude und ein tiefes, schweigendes
Bewutsein, da wir nicht fr uns selber da seien, sondern Leben und Krfte
von Gott htten, um sie in seinem Dienste fr die Menschen zu brauchen.

Zwischen jetzt und meiner Kinderzeit liegen mir so viele Erlebnisse und
starke Eindrcke, soviel mit einem hellen Bewutsein empfundene Stunden,
da mir die Dinge damals unendlich ferngerckt sind und gleichsam in einem
dmmerigen Vorleben und in fremden Lndern geschehen erscheinen.

Wre meine Jugend glcklich und heiter gewesen, mit vielen hellen
Augenblicken, so htte sich mir das doch einprgen mssen und wre mir
jetzt leicht und frhlich in Erinnerung. Es mte sein, wenn ich jetzt
einmal durch unser Haus liefe, da ich auf einmal lchelnd stehen bliebe
und meine Mutter fragte: Gelt, es ist da gewesen, wo wir als Kinder
die Undine aufgefhrt haben? Da, vom Kasten bis zur Kchentre ging der
geteilte Vorhang; das waren zwei aufgetrennte Rupfenscke. Die Margret war
der Ritter Huldbrand, die Hosen waren ihr zu lang und sind gerade bei den
rhrendsten Stellen manchmal heruntergerutscht. Dem Oheim Khleborn
ist jemand auf den weien Mantel getreten, so da er sich nachher hat
verantworten mssen wegen dem zerrissenen Leintuch. Es war wunderbar schn,
dir sind die Trnen gekommen vor Rhrung, als Undine den Ritter umschlang,
und der Vater hat zwanzig Pfennige Eintritt bezahlt.

Oder wenn ich in der Kammer droben nach einem Flicken suchen wrde und mein
Aug' fiele auf des Greiners alten Holzgaul, der nie einen Schwanz gehabt
hat, so mte da pltzlich ein ganzer schimmernder Christtag mitsamt
den farbigen Kerzen und den Springerlein und den groen Puppen und dem
Kaufladenglcklein dahinter auferstehen. Ich mte eine Viertelstunde lang
still versunken dasitzen, und es mte mir ordentlich weich und weit
ums Herz werden vor lauter unaufhrlichem Erinnern an einen schnen
Kinderchristtag.

Ich mte es mir noch denken knnen, wie mich mein Vater auf den Knieen
reiten lie, und es mten tausend Pltzlein im Haus und ums Haus herum
sein, bei deren Anblick in mir ein vertrauliches Licht und eine liebe alte
Erinnerung hell wrde. Aber es ist nichts da. Wenn ich mich auch noch so
sehr besinne -- es ist fast alles dunkel und tot. Und wenn es so war, wie
meine Geschwister erzhlen, da ich als Kind viel geweint habe und die
meiste Zeit still und bockig und verschlossen war, so bin ich froh, da ich
es vergessen habe und es nicht qulend oder mit Neid auf glckliche Kinder
mit mir herumtragen mu.

Ich habe ja gewi auch viele Freuden und Freudlein genossen. Und wo
sechs Kinder sind, gibt es Dummheiten und etwas zum Lachen, Hndel und
Friedensschlsse und ein unterhaltendes, buntes Leben, und wenn sich alle
finsteren Mchte dagegen verschworen htten.

Aber da das nicht stark und tiefgehend war, bezeugt, da es in meiner
Erinnerung ausgelscht ist. Ich wei von meiner Jugend nur, als von einem
wirren, traurigen, mir kaum bewuten Zustand mit einer dumpfen Sehnsucht
nach einem schnen, glcklichen Leben.

Es ist mir wie ein Traum und ein langer unruhiger Schlaf; nur ein paar
helle, deutliche Ereignisse heben sich davon ab, an die ich oft lchelnd
zurckdenke, und von denen ich manchmal meine, da sie mir lieber und
werter waren, als eine ganze reiche, glckliche Kindheit. Ich will
versuchen, alle Verklrung und verschnende Vernderung, die sich etwa im
Lauf der Jahre darber angesetzt hat, wegzutun und sie so aufzuschreiben,
wie ich sie damals erlebt und aufgenommen habe.

       *       *       *       *       *

Unser Haus liegt auf der Hhe ber der Stadt; es hat drei gerumige Stuben,
die Werkstatt und etliche Dachkammern; auch ist ein Geienstall hinten
angebaut, und ein kleiner Garten darum samt einer Wiese mit ein paar
Obstbumen, die uns das Gras fr die Geien liefert.

Das schnste daran ist aber der alte, steinerne Brunnen; er steht neben
dem Haus an der Strae und ist so gro und wasserreich wie weit und breit
keiner mehr und ein Labsal fr Mensch und Vieh.

Wenige Minuten von unserem Haus weg, weiter oben am Berg, fngt der Wald
an; auf der andern Seite aber, ins Tal hinunter, geht der alte Kirchhof,
der seit hundert Jahren nicht mehr bentzt wird. Und mehr als das Haus und
der Garten, als Mutter und Geschwister, war dieser Kirchhof mein Eigentum
und meine Unterhaltung.

Wenn die Geschwister mit drben waren, ging es wild her. Wir spielten
Ruberles und rissen die Hagenbutten und Drlitzen von den Zweigen.
Auch war in des Syndikus Grnzweig Grab eine schne, runde Lcke zum
Bohnenspielen. Aber es kam mir wie eine Entweihung der stillen Heiligkeit
vor, wenn die andern da so ber die Grber sprangen und lachten und sich
um die Frchte prgelten; und einmal liefen mir vor Zorn darber die Trnen
herunter, und ich ging in die dunkle Chornische, um mich auszuheulen.

Oft, wenn ich wute, da die andern alle beschftigt waren, schlich ich
mich hinber und freute mich, ungestrt da zu sein. Ich stieg auf das
Muerlein oder auf einen Baum und schaute ins Tal hinunter und dachte, ich
wre ein Wchter und Turmwart und focht mit unsichtbaren Gestalten, die den
Frieden der mir Anvertrauten bedrohen wollten.

Oder ich stand an den Hagebutten und pflckte sie langsam und suberlich in
meine Schrze, sa mit ihnen auf ein Grab und putzte die haarigen Kernlein
heraus. Dann suchte ich ein recht schnes Blatt oder einen netten Scherben,
legte die roten Schalen ordentlich darauf, trug sie so an irgend ein Grab
und lud den Bewohner feierlich ein, dieses Mahl mit mir zu teilen.

Im Sommer brach ich auf der Wiese Strue und grub sie in die Grber ein;
einmal war an einem Margritlein die Wurzel hngen geblieben; ich wute es
nicht, aber als ich im nchsten Jahr eine weie Blume auf dem Grab blhen
sah, hatte ich eine unbndige Freude daran, und holte nun ganze Bschel
von Margriten und Vergimeinnicht und Dotterblumen mit Wurzeln und einem
Klumpen Wiesenerde daran und pflanzte sie ein. Das Wachsen und Blhen
wollte mir nicht schnell genug gehen; ich flocht Krnze und Gewinde
und steckte mit einem drren Aestchen lange Ketten von Buchen- und
Kastanienblttern zusammen und putzte die Wege, d.h. ich fegte nur das
welke Laub weg, das Gras lie ich stehen und streute frische Blumen von der
Wiese und Heckenrslein darauf. Dann hielt ich einen groen Feiertag: ich
blies auf einem glatten, zhen Buchenblatt meine Lieblingslieder und lief
langsam und lchelnd und feierlich in den Wegen auf und ab und um
die Grber und richtete mir aus Birnen und Stachelbeeren und wildem
Schnittlauch eine Mahlzeit. Am Schlu aber rumte ich alle Krnze und
Verzierungen eifrig weg, rannte wie besessen in den Wegen herum, um das
Gras wieder wst zu machen und holte vom nchsten Gtlein den halben
Unkrauthaufen, verstreute ihn auf dem Boden und stampfte ihn fest, da man
gar, gar nichts mehr sah von der Schnheit vorher. Denn htte irgend jemand
etwas davon gemerkt, so htte ich mich elend geschmt.

Am liebsten auf dem Kirchhof hatte ich zwei Grber. Sie standen ganz nahe
beieinander; nur ein Streifen Gras war dazwischen. Auf dem einen stand
verwaschen, da man's kaum lesen konnte: Melitta Barbara Wonnigmacherin,
und auf dem andern stand gar nichts. Da lag ich oft in der Sonne zwischen
den beiden, legte auf jedes Grab eine Hand, lie mich von den Grsern
kitzeln und konnte es wohl leiden. Ich sprach mit ihnen und gab mir Mhe,
recht leis und lieb zu sein.

Die Melitta nannte ich kosend bei ihrem Namen, immer wieder, und strich
ihr ber den Grabstein, wie man einem bekannten, geliebten Menschen bers
Gesicht fhrt. Aber zu dem andern Grab wute ich nichts zu sagen.
Ich fragte einmal die Mutter darum, und sie meinte, es werde wohl ein
Handwerksbursch darin begraben liegen, dessen Namen man nicht gewut habe.

Ich hatte auch schon einen Handwerksburschen gesehen: er kam md und
langsam die Steige herauf und stand vor unserem Haus veratmend still. Die
Mutter rief ihn herein und gab ihm einen Kaffee; der Mensch sah nicht gut
aus, hustete oft und schauerte zusammen, und aus seinem rechten Stiefel sah
eine groe, rote Zehe heraus.

Am Schlusse sagte er vergelt's Gott, lchelte traurig meine Mutter an und
ging leise pfeifend weiter, in den Wald hinauf.

So dachte ich mir nun, er sei gestorben und liege da; und meine erste
traurig-schne Liebe erwuchs an dem Grab neben dem der Melitta.

Du armer lieber Namenlos, dachte ich, warum hast du so frieren mssen?
Warum hat dir niemand deine Socken geflickt und niemand dir Vergimeinnicht
aufs Grab gepflanzt, und warum hat dich keine lieb gehabt?

Ach du, ich mchte, du ttest noch leben, und ich knnte dich liebhaben und
mehr fr dich tun, als blo meine Hand auf dein Grab legen!

Es wuchs ein glhender Wille in mir, einmal fr einen Menschen alles tun zu
drfen, was man berhaupt konnte. Einmal einen Menschen so lieb zu haben,
da es wre wie ein mchtig wogender Strom, der mit fortreit, was man
hineinwirft, und bei dem man doch nicht anders mitkommt, als man springt
hinein und gibt sich ganz, -- und wenn man untergehen mte.

       *       *       *       *       *

Am liebsten von den Schwestern hatte ich die Margret. Sie war die Schnste
und Vergngteste und Strkste von uns, dazu fast fnf Jahre lter als ich;
so konnte sie mir wohl imponieren. Wir schliefen zusammen in einer Stube im
Dachstock; und wenn ich mich nher auf jene Zeit besinne, so fllt mir ein
Erlebnis ein, das eigentlich gar keines war und doch einen hellen Glanz auf
mein damaliges Leben warf und der Ursprung von vielen schnen Abenden und
Nchten meiner Kindheit war, da man sich im Dunkeln zrtlich an das Andere
schmiegte, vor dem Einschlafen noch lange tuschelte und nach der scheuen
und kstlichen Kinderart einander liebte.

Es war eine Nacht im Juni, schwl und voll Mondschein und so, wie sie den
Vater zum hellen Wahnsinn bringen konnten. Am Abend zuvor hatte er uns auf
dem Kirchhof herumtollen sehen; er geriet in Wut ber unsere Frhlichkeit,
und in irgend einer unsinnigen Willkr verbot er uns, noch einmal hinber
zu gehen. Wir wuten traurig, da man einem solchen Verbot, und sei es noch
so unbegrndet, die strengste Folge leisten mute, htte der Vater von da
an eins von uns noch einmal auf dem Kirchhof gesehen, ich glaube, er htte
es umgebracht.

Margret, die heftiger und empfindsamer war als wir andern, hatte sich
malos drber aufgeregt; nun, da es Nacht war und wir des Vaters Toben und
Fluchen durch die Stille bis zu uns herauf hrten, lag sie noch immer wach.
Sie stampfte mit dem Fu gegen ihre Bettstatt und murrte und sthnte, wie
es so ihre Art war, mit trockenen Augen vor sich hin. Ich war voller Angst,
man knne sie unten hren und suchte ihr die Decke ber den Kopf zu ziehen.

Hast du schon gebetet, Margretle? fragte ich, um sie zu beschwichtigen.

Ich bete berhaupt nicht mehr. Sie fuhr empor, sa aufrecht in ihrem
Bett, und im Mondschein konnte ich erkennen, wie wild und bse ihr Gesicht
aussah. Du bist dumm, Agnes. Das Beten hat doch keinen Wert! Der liebe
Gott ist berhaupt an allem Schuld. Er hat etwas in mich hinein getan, da
ich immerfort singen und lachen und vergngt sein mchte, und er htte
mich sollen eine Gei oder einen Vogel werden lassen, dann wre es recht
geworden. Und nun hat er mich so einem Vater gegeben, _so einem_, der einen
totschlgt, wenn man blo lacht und vergngt ist. -- Aeh -- pfui----!

Sie verzerrte ihr Gesicht in einer wilden Grimasse, dann fiel sie wie md
in ihr Kissen zurck und sprach leise vor sich hin.

Neulich, in der Schule, hat das Mariele Wildnagel erzhlt, ihre Mutter
habe den Fu gebrochen und msse im Bett liegen. Da sei ihr Vater zu ihr
hingesessen, und wenn sie angefangen habe zu jammern, habe er so lang
Spsse gemacht, bis sie wieder gelacht habe. Und dann habe er ihren
kleinen Bruder versorgt und ihr die Zpfe geflochten; darum sei sie heut
so strubelig. -- Guck, da ist in mir ein Heulen aufgestiegen, da ich dir's
nicht sagen kann! Aber ich hab nur wst und roh hinaus gelacht, da mich
die Andern ganz dumm ansahen, und es hat mich doch fast verwrgt!

Da sah ich, was ich noch nie gesehen hatte: die Margret weinte. Sie war
ganz still, lag da mit weit offenen Augen und groe Trnen liefen ihr bers
Gesicht; und mein eigener Jammer ging unter in einem groen, groen
Mitleid und einer heimlichen Freude. Es war mir ein Leuchten ber die Augen
gefahren; ich hatte durch Margrets Trnen in ihre Seele gesehen, die war
tief und schn, und es war zum erstenmal in meinem Leben, da ich einen
Menschen lieb hatte, -- ach, so richtig lieb! Jetzt war sie nimmer
meine Schwester, da heit, mehr als eine solche, und wir hatten die
eigentmliche Scheu, wie sie Geschwister fast immer vor einander haben,
verloren. Sie war meine Freundin und meine Liebste; ich mute zart und
lieb zu ihr sein, wenn sie traurig war, ich durfte das Liebhaben geben und
nehmen, und es war etwas Neues und Schnes in meinem Leben.

Margret weinte nun nimmer und lchelte mich an.

Margretle!-- sagte ich leis.

Ja.

Jetzt bin ich ganz nahe bei dir!

Ja.

Margretle, ich hr dein Herz schlagen!

Ich deins auch!

Du!

Du!

Dann schliefen wir ganz fest zusammen ein.

       *       *       *       *       *

Eine war in unserer Klasse, die bewunderte ich und wre gern ihre Freundin
gewesen. Sie hie Elsbeth Grther und hatte ein schnes, stilles Gesicht
und lange, schwarze Zpfe. Sie durfte aufpassen, wenn der Lehrer eine Weile
hinausging, auch nach dem Diktat die Hefte einsammeln und am Donnerstag das
Wochenbuch zum Rektor tragen. Es war gar keine Aussicht vorhanden fr mich,
ihr je einmal nher zu kommen; denn erstens war ich rmlich angezogen,
hatte ein trbseliges, farbloses Gesicht und dann sa ich in der Mitte und
sie war die Erste. In der Vesperpause war immer ein Hofstaat von netten,
wohlhabenden Mdchen um sie, die es nicht duldeten, wenn ich mitspielen
wollte. Ich drckte mich dann scheu in eine Ecke und sah zu, wie die Zpfe
der Grther hinter ihr drein flogen, wenn sie sprang, und wie sie manchmal
ganz stolz und befehlend sich nach den andern umdrehte.

Es war einmal ein Schulspaziergang, und die Grther trug ein weies Kleid,
aus dem ihr brauner Hals schlank und frei herauswuchs. Ich lief traurig
hinter ihr drein; wir kamen durch den Wald an ein Wirtshaus, und die
Mdchen drngten sich um den Schenktisch, um Limonade zu kaufen. Nur die
Grther und ich warteten auen; irgend eine Vornehmheit hielt sie davon ab,
sich in das gierige Getue drin zu mischen, und ich hatte kein Geld.

Da war ich froh, sie einmal ohne Anhang zu finden und stand zu ihr hin und
fragte sie, warum sie nicht hineinginge.

Weil ich keinen Durst habe, sagte sie und drehte sich um nach mir.

Wie viel hast du gestern in deinem Aufsatz bekommen?

Recht gut! sagte ich stolz. Und du?

Gut. Hilft man dir zu Haus?

Nein, sagte ich. Aber meine Mutter knnte es schon. Sie ist sehr
gescheit und kann auch franzsisch.

Ich sah, wie die Grther ein aufkeimendes Interesse fr mich hatte, mein
Herz schlug ganz schnell und ich wute, die Gelegenheit dauerte nicht
lange, dann kamen wieder die andern und verdrngten mich. Und ich prahlte
mit den paar Worten franzsisch, die meine Mutter in dem Haus, wo sie
gedient hatte, aufgeschnappt hat. Und ich log und wurde nicht einmal rot
dabei, und log immer rger, je mehr ich sah, da die Grther daraufhin nett
zu mir war.

Meine Mutter ist berhaupt Lehrerin gewesen, ehe sie meinen Vater
geheiratet hat und ich werde auch Lehrerin, ich knnte alles grad so gut
wie Aufsatz, wenn ich nur wollte!

Die Grther setzte sich auf eine Bank und ich mich neben sie und hatte eine
elende Freude, sie so pltzlich gewonnen zu haben und schwtzte immerfort,
bis die Emilie Maier, ihre Vertraute, gelaufen kam und sie von der Bank
herunterzog, bei ihr einhakte und verwundert auf mich sah. Die Grther aber
schaute mich noch einmal freundlich an und sagte: Morgen in der Freistunde
kannst du an der unteren Treppe auf mich warten; du mut mir dann noch mehr
von dir sagen!

Ich war so vergngt und munter an jenem Nachmittag wie noch nie. Und am
Abend rutschte ich ganz leis in Margret's Bett hinber: Du, Margretle,
kennst du die Grther in unserer Klasse?

Ja, nickte sie. Warum?

Sie hat heut ein weies Kleid angehabt, und morgen lauf ich mit ihr in der
Freistunde herum; dann weit du's gleich, wenn du uns siehst!

Am Morgen lief ich die Schultreppe hinauf, und wollte eben zum letzten
Stufenabsatz umbiegen, da hrte ich oben die Stimme der Emilie Maier.

Du, Elsbeth, die Flaig hat dich gestern elend angelogen. Ich hab's gleich
nicht geglaubt und heut morgen meine Mutter gefragt, die kennt die
Flaig's ganz genau. Die Frau ist blo Dienstmagd gewesen bei dem Kaufmann
Plieninger, und er war schon im Narrenhaus und die Kinder haben's sicher
von ihm geerbt, hat meine Mutter gesagt; das sei immer so. Ich soll nur
nie mit der Flaig gehen; sie ist auch so wst angezogen. Und wenn man so
lgt!--

Es wurde mir schwindelig, und ich mute mich fest am Treppengelnder
halten. Ich hatte die Empfindung, als fiele ich von irgendwo herunter
in eine groe Leere und wte gar nicht wohin. Endlich ging ich in die
Schulstube hinein, setzte mich leise in meine Bank und sah vor mich hin die
ganze erste Stunde.

Da rief der Lehrer die Elsbeth auf. Und wie so der Name Grther durch das
Zimmer tnte, war mir, als schwinge alles mit, wie die Luft um eine groe
Glocke herum; ich sah auf und die Elsbeth gro und fein dastehen. Die Sonne
schien zum Fenster herein, und mitten in den Strahlen war der Kopf mit dem
brunlichen, schnen Gesicht und dem dunkeln Haar.

Da htte ich aufschreien mgen vor Liebe und Schmerz; ich sprte, wie
mir alles Blut ins Gesicht stieg; ich krampfte die Hnde unter der Bank
zusammen und wehrte mich gegen das arge Wrgen, das mir heraufstieg. Ich
fhlte, jetzt kann ich mich nicht mehr beherrschen, ich stehe auf und sage,
es sei mir nicht wohl, -- ob ich nicht heim drfe -- oder ich weine --
jetzt--

Da lutete die Glocke zum Vesper und alle gingen in den Hof hinunter;
und in der pltzlichen verzweifelten Hoffnung, die Maier knne das vorhin
vielleicht auch zu jemand anderem gesagt haben, stellte ich mich an die
untere Treppe. Da kam meine Elsbeth herunter, mit der Maier Arm in Arm, und
wie sie bei mir war, drehte sie den Kopf mit einer seltsam stolzen Bewegung
ein wenig nach mir, streifte mich mit einem khlen, fremden Blick, wie eine
vornehme Dame einen ansieht und ging vorbei.

Da hatte ich die Freistunde, auf die ich mich so gefreut hatte, und konnte
wieder auf dem Hof ins Eck stehen und zusehen, wie sie mit den andern
lachte, und es war noch rger als vorher.

Margret fragte mich spter: Du, ich hab dich aber nicht mit der Grther
gesehen!

O, das ist ein hochmtiges Ding, ich will nichts von ihr! sagte ich, aber
groe Trnen liefen mir bers Gesicht.

Ich kam im nchsten halben Jahr in der Schule ziemlich vorwrts; ich wollte
mich vor der Grther nicht noch einmal schmen, und wenn ich so von hinten
her zwischen zwei Mitschlerinnen durch ihren lieben, feinen Kopf sah, war
es mir ein heier Ansporn. Auch war es zu Haus mit dem Vater schlimmer als
je. Wir Kinder brauchten die Schule und die Schularbeiten ntig, um unsere
Gedanken auszufllen; wir sprten ohnedies damals schon genug, was Nerven
seien, weil wir in der Nacht so wenig Ruhe hatten.

Da hatten wir einmal den Buben ein Spiel abgeguckt, das uns absonderlich
schn vorkam. Es war so, da alle die fr besiegt galten, die vom Gegner
auf den Boden geworfen waren, und es ging greulich wild her dabei. Nun
spielten wir's in der Freistunde. Wir waren zwei Parteien; die Elsbeth
Grther bei einer, ich bei der andern. Das Spiel war sehr lustig; eine
ganze Reihe lagen schon besiegt auf dem Boden und sahen gemtlich und
lachend dem tollen Ringen zu. Ich rannte gegen den Feind; da packten mich
zwei Arme, ich sah die Augen der Grther einen Moment frhlich blitzend
ber mir und wurde ohne Kampf mit einem prchtigen Schwung auf den Boden
geschmissen. Ein scharfer Schmerz lie mich aufschreien, aber in dem
allgemeinen Geschrei hrte das niemand. Ich war in einen spitzigen Stein
gefallen und hatte eine Wunde am Hinterkopf, aus der Blut ber meine Achsel
lief. Ich drckte mein Sacktuch darauf und schlo die Augen und blieb still
liegen.

Ich lachte in einem leisen Hohn. So, du vornehmes Frulein, du ehrenksige
Prinzessin du, jetzt hast du mir ein Loch in den Kopf geschmissen. --
Geschieht dir grad recht, jetzt sind wir wieder gleich. Ich habe dich
angelogen -- und du bist schuld an dem Blut, das mir herunterluft. Komm du
nur auch einmal in eine Verlegenheit, du heilige Unschuld. Mein Unrecht
und meine Verlogenheit kamen aus Elend und Schmerzen heraus; ich sprach
in heier Angst und Sehnsucht um dich. Pfui Teufel, wer wird so lgen! Ja
freilich. Und du kommst im hellen Hurra mit deiner Lausbubenkraft und gibst
mir einen Boxer, da ich mich blutig schlage. Es ist grad recht so; fein
ist das.

Ich sprte die Schmerzen mit einem grimmigen Behagen, und eine leise
Seligkeit lief mir ber den Leib.

Das Spiel war aus und man rief, ich solle aufstehen. Aber in einer
pltzlichen Mdigkeit und Schwche blieb ich liegen.

Jetzt kommt's; geschieht dir grad recht, dachte ich noch einmal. Die
Mdchen standen ratlos und aufgeregt um mich herum, und man holte die
Lehrerin.

Sie beugte sich ber mich, und als eine sagte, die Elsbeth habe mich
hingeworfen, rief sie laut nach ihr.

Richtig, da kam die Grther herber, und als ich ihre Stimme hrte, schlug
ich die Augen auf. Sie war so schn mit roten Backen vom Spiel und mit den
blitzenden, blauen Augen. Der schwarze Zopf hing ihr ber die Schulter nach
vorn herein, und wie ich sie so hbsch und begehrenswert sah, versank
mein stacheliges Gefhl von vorhin, und in einem jhen Schmerz und in
Traurigkeit fing ich an zu weinen.

Die Elsbeth war heillos bestrzt.

Ja, freilich, ich habe sie hingeworfen. Wir haben so ein Spiel gemacht,
wo man das mute. Sie mu aber in etwas hineingefallen sein, so arg war der
Fall nicht. Ach, das ist mir schrecklich arg!

Und dann stand sie ganz still da, und wute sich nicht zu helfen.

Die Lehrerin schob ihren Arm unter meinen Kopf und richtete mich auf.

Hast du weit heim? fragte sie.

Ich nickte. Eine halbe Stunde die Steige hinauf!

Wenn dich die Grther fhrt, kannst du so weit gehen?

Ich glaube, ja, sagte ich.

Da band sie mir ihr Taschentuch und das der Elsbeth um den Kopf, ging mit
uns ein Stck weit von der Schule weg, gab mir die Hand und kehrte wieder
um.

Die Elsbeth hatte ihren Arm sorgsam unter meinen geschoben und wir waren
beide still und verlegen. Als wir in der Webergasse waren, blieb ich stehen
und sagte: Jetzt geh nur wieder zurck! Ich komm' schon allein vollends
heim. Es kann dir ja blo recht sein, weil -- ich habe dich doch einmal so
arg angelogen!

Eine dunkle, rote Welle lief ihr ber das Gesicht.

Ach, das ist schon lange her!--

Ja, aber, du hast damals doch nichts mehr von mir wissen wollen, das ist
jetzt immer noch das gleiche!

Da tat sie einen ihrer schnen, vollen Blicke herber und sagte langsam:

Weit du, Flaig, es ist nicht das gewesen, da ich erfahren habe, da
deine Mutter nur eine Magd war und da dein Vater -- krank ist--, ich
htte es gern der Maier nun erst recht gezeigt, da ich mit dir verkehren
will. Aber es kam mir so ein bichen prahlerisch und verlogen vor und ich
mute nun bei jedem Aufsatz, den der Rektor von dir vorlas, denken: was die
wieder zusammenlgt! Aber gelt-- das sagte sie ganz leis und wurde wieder
rot dabei, als mte sie sich schmen, du hast nur _mich_ angelogen, da
ich nimmer so verchtlich sein sollte und so ekelhaft geringschtzig, wie
ich immer war, als wre ich etwas Besseres als du?

Ich nickte schweigend und sah weg. Da bot sie mir die Hand hin.

Gelt, du bist mir nimmer bse deshalb. Wir haben den gleichen Heimweg bis
zum Berg hin; da knnen wir jetzt jeden Tag zusammen heimgehen.

Ich schwieg immer noch und lie mich von ihr fhren, und jetzt wurde wieder
die hhnische Stimme von vorhin in mir laut: Ja, gelt,-- dachte ich,
jetzt kannst du dir Mhe um mich geben. Schwtz du nur; das ist jetzt grad
recht.

Hast du Schmerzen in deinem Kopf, fragte sie nach einer Weile.

Ja, sagte ich, und es war nicht gelogen.

Was kann man denn tun? fragte sie ratlos. Soll ich ein Taschentuch an
einem Brunnen na machen und es dir herumlegen?

Ich schttelte den Kopf. Nein, la nur, es hat doch keinen Wert.

Halbwegs an der Steige war eine Bank, da lief ich drauf zu und setzte mich
erschpft drauf hin. Sie stand vor mir und streichelte meine Hand. Jetzt
kannst du streicheln, dachte ich wieder, vorher httest du mich anspucken
knnen vor Verachtung, und ich zog meine Hand schnell weg.

Kannst du jetzt wieder weitergehen? fragte sie ngstlich. Oder soll ich
dich tragen? Ich habe schon Kraft.

Das habe ich vorhin im Schulhof gemerkt, sagte ich und lchelte. Da
wurde sie wieder rot. Ich sah, wie sie mit sich kmpfte und bla und wieder
dunkel wurde und mit einemmal neben mir sa und ihre Arme um meinen Hals
legte.

Du, Flaig, sagte sie leis, du mut nicht meinen, ich tue so, weil ich
meine, ich knne damit meine Grobheit von vorhin wieder gut machen. Aber
wie du im Schulhof gelegen bist und geweint hast, habe ich dich auf einmal
lieb gehabt. Man hat gut gemerkt, da das nicht wegen den Schmerzen war,
sondern um -- weil einen halt jemand gekrnkt und miachtet hat. Und ich
hab gedacht, ob die Maier oder die Klara Eiselen wohl auch geweint htten,
wenn ich nichts von ihnen gewollt htte. Oder wer das berhaupt getan
htte. Und da wute ich einfach, da ich dich lieb habe, und da du
mehr wert bist als die Maier und die Eiselen zusammen, weil du um meine
verlorene Freundschaft so traurig sein kannst. Und gelt, -- du Flaig, wie
heit du mit deinem Vornamen?

Agnes!

Da fuhr sie ganz liebreich und sanft ber meinen Kopf und sagte ein
paarmal: Agnes, Agnes, Agnes! Ich mchte so arg gern deine Freundin sein,
und da du mir alles sagst, wenn du traurig bist, und wie du deine
schnen Aufstze machst und an was du immer denkst, wenn du so zum Fenster
hinausschaust und beinah deine Augen zumachst.

Es war mir schwach und glcklich zu Mut. Ich sprte, wie immer mehr Blut
von meinem Haar herunterlief. Ich strich mir ber den Kopf und sagte:
Es tut mir so weh und so wohl. Es war eigentlich fein, da du mich
hingeschmissen hast.

Dann gingen wir ganz langsam weiter, und sie fhrte mich fest. Als wir
unser Haus sahen, dachte ich, ich mte mich schmen, wenn sie in unsere
rmliche Stube hineinkme und vollends, wenn mein Vater grad da wre und
die Werkstattre offen. Deshalb sagte ich zgernd und verlegen: Jetzt
komme ich ganz gut vollends heim, Grther. Weit du, es ist so wst bei
uns, und dann--

Sie begriff sofort. Also, ich wnsche dir, da es recht schnell heilt und
du bald wieder in die Schule kannst. Wie schn und frei euer Haus da droben
liegt in den Bumen, man mu herrlich ins Tal heruntersehen knnen.

Dann gab sie mir herzlich die Hand. Adieu, Agnes!

Ich erinnere mich, da das die schnste Krankheit meiner Jugend war, die
nun folgte. Die Wunde war tief und heilte sehr langsam. Aber es tat nimmer
sehr weh, und ich lag oben in meiner Kammer unter dem Dach, hrte nichts
als gelegentlich ein Schwtzen oder Weinen meiner kleinen Geschwister
herauf und die Glocken von der Stadt in der Ferne schlagen. Die Grther
achtete meinen stillen Wunsch, nicht in unser Haus zu kommen, mit einem
vornehmen Feingefhl und dachte meiner in einer lieben, zarten Weise, die
mich jedesmal in eine leise Seligkeit brachte.

Jeden Tag wartete sie, wenn die Schule aus war, auf Margret und gab ihr ein
Pckchen fr mich mit. Wei eingewickelt und seiden umbunden; ich glaube,
ich habe die Bndel alle noch aufgehoben. Meistens war Obst oder Schokolade
drin, einmal auch ein Geschichtenbuch und jedesmal lag ein Briefchen dabei,
aus dem ihr ganzes gtiges, adeliges Wesen hervorleuchtete und das rhrend
in seiner Einfachheit war.

In der Schule tat es nun einen groen Schnapper mit mir. Ich kam um
vierzehn Pltze weiter vor, und sa nun in der zweiten Bank gerade hinter
der Elsbeth. Manchmal zog ich mir ihre beiden langen Zpfe herauf und legte
sie ber meinen Tisch zu mir her. Wenn etwas ganz Schweres zum Rechnen
kam, nahm ich einen von ihnen in die Hand, unwillkrlich fest und
zuversichtlich, -- und auf einmal konnte ich es. Es war wie eine starke
Wirkung und Kraftstrmung von ihr her durch ihr Haar auf mich. Ich habe es
ihr einmal erzhlt, da lachte sie und sagte, nun msse sie den Plan, ihre
Zpfe aufzustecken, wieder aufgeben.

       *       *       *       *       *

In jener Zeit wurde mein Vater schwer krank; er bekam Tobsuchtsanflle und
man wollte ihn in eine Anstalt bringen. Als er es jedoch merkte, was mit
ihm geschehen sollte, wurde er pltzlich ganz klar und vllig vernnftig
und erklrte der Mutter mit der grten Bestimmtheit, wenn sie ihn forttue,
hnge er sich auf und sie drfe sicher sein, da er diesmal sorge, da
niemand den Strick abschneide. Und einmal sagte er: weit du denn das
nicht, immer, wenn du mich von dir forttust, mache ich ein Ende. Ich kann
halt ohne dich nimmer weiterleben, und du mut mich haben, bis ich sterbe.

So behielt sie ihn denn, verbot uns Kindern, irgend jemand von des Vaters
grlichem Zustand zu sagen, war Tag und Nacht bei ihm, pflegte, trstete,
bndigte und bezwang ihn und trug diese ganze letzte, frchterliche Zeit
mit einer bermenschlichen Kraft, bis er am zehnten Mai morgens in der
Frhe starb.

Nun erst erlaubte die Mutter, da man Hilfe hole; eine alte Verwandte kam
ber diese Tage zu uns; auch war eine Nherin da, um die schwarzen Kleider
zu richten, und Leute gingen aus und ein bei uns, da es uns in unserem
eigenen Hause fremd und beklommen zu Mut war.

Wie schn war meine Mutter an dem Tag als der Vater starb! Ich sah einmal
ein kleines Bild von einem unbekannten Knstler: Es ist vollbracht! Und
der Heiland am Kreuz trug nicht die blichen Leidenszge und den Jammer der
ganzen Welt im Gesicht, er war wie ein strahlender Held und ein Sieger in
der Stunde seiner hchsten Erhhung.

So war meine Mutter. Sie lief strahlend im Haus und um die ob solch
unpassendem Gebaren verdutzte Tante Fischer herum und lchelte uns an, als
habe sie uns schon lang nimmer gesehen. Am Abend a sie mit uns zu Nacht;
wir muten ein weies Tischtuch auflegen und sie trug den Brei in einer
schnen bemalten Schssel herein, wie es sonst nie geschah. Ich hatte auch
den Eindruck, als wre dies alles nicht blo der Tante Fischer zu Ehren.
Meine Mutter war nett und lieb, sie a mit gutem Appetit und unser aller
Stimmung war fast heiter. Dann kam die Nacht. Ich lag schlaflos in meinem
Bett. Eine warme, dunkle Mailuft kam zu dem offenen Fenster herein, es
war so weich und lau und einschlfernd. Ich sprte auch, wie der Margret
Atemzge regelmiger und tiefer wurden, das arme, liebe Ding! -- Sie
mute viel mehr unter dem allem gelitten haben als ich, und ich war fr sie
eigentlich noch froher als fr mich, da es so gekommen war. Ich rief leise
ihren Namen hinber, aber es kam keine Antwort.

Der Leichenbesorger, der sein Amt fr heut versehen hatte, stolperte die
Treppe hinab, ich hrte die Tante Fischer noch lange hin und her gehen
und leise sprechen und endlich auch in ihre Gastkammer hinaufsteigen. Die
Mutter schlo noch einen Fensterladen und riegelte die Haustr zu, dann
wurde es still.--

Auf einmal fiel mir etwas ein, das mich ungeheuer freute. Ich stand auf
und sah zum Fenster hinaus. Da drben war der Friedhof. Die Bume gingen im
Nachtwind hin und her, und ich mute denken, wie schn das nun wre, drben
zu sein in der lauen Luft, die mit dem Geruch des blauen Flieders getrnkt
war. Da schlpfte ich in meinen Aermelschurz und stieg zum Fenster hinaus
und vorsichtig an der Kammerz hinunter, ich tat zaghafte Schritte durch
den dunkeln Garten und hob zitternd die Zaunlatte weg. Dann sa ich im
nachtfeuchten Kirchhofgras, der Fliederbusch roch bers Muerlein und groe
Trnen liefen mir hinunter. Es ist, glaube ich, das letztemal gewesen, da
ich anhaltend geweint habe, und es scheint mir berhaupt, da diese Nacht
ein Abschlu, und wenn ich so sagen darf, wie eine Erlsung von meinen
Kinderjahren war. Es war mir einfach, als knnte ich leichter atmen und
sei ein bser Druck von mir weggewischt, da erst jetzt das eigentliche Ich
herauskme. Ich trug noch eine Scheu und Scham, es zu zeigen, und wollte
es mir selber noch nicht recht eingestehen, aber ich sprte, da es da war,
und fein und frhlich werden konnte. Ich lief die schmalen Wege auf und ab
und kostete die laue Seligkeit aus, die mich durchrann. Ich streichelte den
Rosenzweig der Melitta und warf mich auf des Namenlos' Grab und kte so
in die feuchte, herbe Erde hinein, weil etwas in mir berlief, mit dem ich
nicht wute, wohin.

Ich hab dich so lieb, Namenlos; ach, es schlgt ber mir zusammen und
flutet mit mir fort. Du bist es nicht allein, Namenlos; es ist alles
miteinander, weil es so schn ist, und ich wei es selber nicht!

       *       *       *       *       *

Es kam nicht so ganz, wie wir's uns vorstellten. Wohl war der Vater tot,
und alle Unruhe und lrmende Aufregung still; aber der Druck hatte zu lang
ber uns gelastet, er konnte jetzt nicht so mit einem Male behoben sein.

Ueberhaupt war das mit meiner Mutter seltsam. Sie war, ich glaube das mit
Bestimmtheit annehmen zu knnen, ehe mein Vater in ihr Leben trat, ein
lustiges und schnes, aber ganz ungebildetes Mdchen, das nicht viel ber
andere und noch weniger ber sich selbst nachdachte.

Dann kamen ihre Ehejahre, in denen sie innerlich reifte und wuchs, wie wohl
selten ein Mensch in spteren Jahren noch, da die Seele sich den Eindrcken
der jeweiligen Zeiten nimmer so anpassen kann. Es war pltzlich eine innere
Kraft in ihr, die sich noch sthlte an all den ungeheuren Anforderungen,
die ihr zugemutet waren.

Eine seltsame seelische Gre hob sie ber sich selbst hinaus und hie sie
in schweren Stunden in einer pltzlichen Eingebung das Rechte tun. Sie mu
sich in ihren leichtsinnigen Mdchenjahren, da sie umschwrmt und bewundert
und geliebt wurde, einen guten, festen Stolz auf sich selber und eine
unberwindliche Lebensfreude erworben haben. Das und ein starker
religiser Halt halfen ihr, da sie in allen Wettern und Nten ihrer Ehe so
steifnackig und jungfrulich stolz war und im Gemt so unverwundbar gesund
blieb.

Da aber nun die Anforderungen an meine Mutter ruhiger und kleiner wurden,
lie die Spannung ihrer Krfte langsam nach; sie fand in ihrer Hausarbeit
und Sorge fr uns gengende Aufgaben und Pflichten, die ihre Gedanken
vollauf beschftigten. Ich habe nun zwar nicht den Eindruck, als wre
irgend etwas, das meine Mutter in den Kreis ihrer Pflichten aufgenommen
hat, zu kurz gekommen, als htten wir etwa zu wenig Liebe und Sorgfalt
von ihr genossen; aber es ist mir so, als sei damals das Beste in ihr
unverbraucht verdorrt und die gttlichen Quellen in ihr versiegt, da man
ihrer nimmer bedurfte.

Und so war auch die prachtvolle, heitere Freundlichkeit von jenem Abend,
die uns so froh und erwartungsvoll gemacht hatte, von kurzer Dauer und ging
bei uns allen unter in einer stillen, unbehaglichen Zeit, da man sich mit
dem guten Zustande noch nicht recht abfinden konnte.

Auch waren wir ja durch den Tod unseres Vaters bitter arm geworden, was uns
manchmal nicht wenig niederdrckte. Nur mit allen vereinten Krften konnten
wir uns ber Wasser halten. Meine Mutter kaufte eine Strickmaschine und
wir Mdchen muten helfen mit Maschenauffassen und Zusammennhen. In den
Schulen bekamen wir Freistellen, und dem Greiner streckte jemand Geld vor
zum Studieren, weil er so ein ordentlicher, gescheiter Kerl war.

Eine Zeitlang nach unseres Vaters Begrbnis ging meine Mutter daran, das
Gela im Erdgescho, das ihm als Werkstatt gedient hatte, zu lften und
als Schlafstube fr uns Kinder umzurumen. Es war ein lichter, seliger
Sommertag; das Grtlein war in der Blte; ein Baum mit frhen Birnen stand
drin und das se Obst hing reif und lockend in der Sonne; auf der Wiese
blhten sich die roten Bettstcke, unsere Gei sprang frei dazwischen umher
und meckerte frhlich in die Lfte, dazu ging unaufhrlich ein weicher,
suselnder Wind, nicht warm, noch khl, aber mit einer leise tnenden,
seltsamen Schwingung und Bewegung. Es war uns allen ungemein wohl; pfeifend
stand der Greiner am Brunnen und putzte die Fensterlden, indes wir Mdchen
wie ein Schwarm Hummeln im Haus herumschafften; dazwischen ging lieb
und lchelnd die Mutter ab und zu, sah nach dem Rechten und kochte
Schwedenknpfe zu Mittag.

Des Vaters Stube war, da er nie erlaubt hatte, da man grndlich darin
putze, elend muffig und verruchert; um uns zu beweisen, wie schwarz
die Decke sei, zeichnete Margret, die oben auf der Leiter stand, mit dem
Zeigefinger einen Ring hinein; sodann zog sie quer durch noch eine Ellipse
-- da war es ein Saturn. Und weil es so hbsch aussah, geriet sie in
Begeisterung, und unversehens war da an der Decke ein ganzes Himmelszelt
mit Kometen und Sternbildern und Sonne und Mond in der Mitte, die Sonne
rundlich und lachend, der Sichelmond aber drr, spitzig und wtig, so da
der Hannes bemerkte, er sehe dem Vater gleich. Da fingen wir an zu lachen,
Margret schrieb der Eltern Namen unter die beiden groen Himmelslichter,
und da uns die Mutter den Spa nicht verdorben hat, ist noch heutigen Tages
in unserer unteren Stube das damals entworfene Firmament an der Decke zu
sehen; und wenn eines von uns aus der Fremde heimkommt und wieder einmal
eine Nacht in der alten Schlafstube liegt, freut es ihn unmig.

Merkwrdig, wie deutlich ich mich noch jenes sanft durchwehten Sommertages
erinnern kann! Ich wei sogar noch, da wir eine Drahtseilbahn vom
Dachstock herab errichteten, daran wir Betten, kleine Mbelstcke und
sonstiges Gerte in die neue Stube herunterlieen; unter infernalischem
Jubelgeheul schwebte zum Schlusse in einsamer Gre der irdene Pottschamber
nieder. Wir wurden immer wilder, und gegen Abend stiegen Lust und Geschrei
und Uebermut derart, da uns die Mutter zur Abkhlung ein Bad im Brunnen
riet. Meine Geschwister waren flinker als ich; bis ich die Rcke und mein
Hemdlein herunter hatte, saen sie schon alle im Wasser, und es gab keinen
Platz mehr fr mich.

Es war aber an der Seite unseres Brunnens ein gerumiges, steinernes
Trglein, in das das Wasser ablief und aus dem die Hunde soffen, weshalb
es bei uns der Hundsgumpen hie, da setzte ich mich hinein. Das Wasser
war wonnig khl an meinem heien Leib; hie und da lief von dem Toben der
Geschwister der Brunnenrand ber, und ein klarer Schwall flutete mir ber
Schultern und Rcken; das konnte ich mchtig gut leiden; ich hielt ganz
still und wartete auf eine neue Woge. Dazu war der sonderbare Wind nun
strker geworden, und von einer ganz leisen, abendlichen Khle; er strich
mir weich und lauernd um die klopfenden Schlfen, reizte mich und machte
mich seltsam erregt. Er wehte mich durch und durch; ich meinte, ihn in
allen Gliedern wie ein wundersames Fieber zu spren, das mir alle an diesem
Tage erlebten Dinge in einem neuen, rtselhaften Lichte zeigte.

Erschrocken, erstaunt ber mich selber sa ich da im Hundsgumpen, lie mir
das Wasser ber den Leib laufen und rhrte mich nicht; der Hannes schrie:
Mutter, 'sAgnesle spinnt! -- und schickte mir eine neue Flut; doch
strte es mich nicht. Es grte und arbeitete in mir, ich htte heulen
und lachen und sthnen mgen und sprte doch, da das, was da mit einer
mchtigen Kraft in mir durchbrechen wollte, damit nicht behoben wre.

Die Sonne ging unter; im Dunkeln ber dem Walde hing sehnschtig und
traurig ein Stern; meine Geschwister jauchzten, bespritzten ihre weien
Leiber und hielten die Kpfe unter den Strahl. Vor dem Brunnen stand
lchelnd meine Mutter, sie beugte sich ber uns und murmelte etwas:
Kinderlein -- o ihr! und dann -- es hat es aber niemand auer mir
gesehen, -- fiel ihr eine Trne in das Wasser.

Da kam mich ein wunderliches Sinnen an: Worte stiegen mir auf und Reime,
und Sonnen und Sterne und Trnen gingen mir im Kopf herum, da ich ihnen
nimmer wehren konnte.

Und spter in der Nacht, als wir in der neuen Himmelsstube lagen, hatte ich
es fertig, und es war ein Gedicht und hie so:

  Wir Kinder waren sechs Sterne,
  Wir standen traurig in der Ferne.
  Wir durften nicht tanzen und lachen,
  Denn unser Vater, der bse Mond,
  Tt uns so strenge bewachen.

  Unsere Mutter, die Sonne,
  Die sah uns vom goldenen Throne.
  Da wollte nicht hell sie mehr scheinen,
  Sie schwebte nur still auf die Erde hinab,
  Um viel tausend Trnen zu weinen.

  Und da kam auf einmal das Wunder:
  Wir fielen vom Himmel herunter,
  Grad in den Trnenbronnen;
  Da lachten wir und vergaen den Mond
  Und waren sechs frhliche Sonnen!

       *       *       *       *       *

Im letzten Jahr meiner Schulzeit verliebte ich mich in einen Vikar, der
uns Religionsunterricht erteilte. Die ganze Klasse schwrmte fr ihn, wir
liefen zu ihm in die Kirche, saen in der Bibelstunde zchtig neben den
angestammten, frommen Weiblein der Stadt, die erstaunt die zunehmende
Gottesfrchtigkeit der Jugend beobachteten, und ein paar von uns lernten in
der Eile stenographieren, um seine Predigten nachschreiben zu knnen. Der
Missionsverein war berfllt, weil er dort hie und da einen Vortrag ber
seine Studienreisen hielt und man bemhte sich mit innigem Eifer um die
Freundschaft der Mesnerstochter, die in unserer Klasse in der letzten Bank
sa und das beneidenswerte Glck geno, ihm zu den Kindstaufen die Bffchen
nachtragen zu drfen.

Das alles lie mich ziemlich kalt. Vielleicht wre er mir berhaupt
gleichgltig geblieben, wenn er nicht die Gewohnheit gehabt htte, im
Religionsunterricht bestndig an der ersten Bank zu stehen, dicht neben
der Elsbeth und grade vor mir. In den ersten Stunden dachte ich gar nichts
dabei; dann aber freute ich mich unwillkrlich auf jeden Donnerstag, an
dem der Vikar in die Schule kam und allmhlich erkannte ich in einem sen
Erschauern, da er ein Mann war und mich unendlich anzog. Wenn ein anderer
junger Mensch jede Woche einmal eine Stunde da so dicht vor mir gestanden
wre, htte er die gleiche Wirkung auf mich ausgebt; es war weniger eine
ausgesprochene Neigung zu eben _seiner_ Persnlichkeit, als vielmehr
eine Erkenntnis meiner selbst und ein Auskosten meiner ersten weiblichen
Empfindungen.

Dazu war es gerade Frhjahr, ein lauer Sdwind machte mich wohltuend
fiebrig; ich wei noch, da ich immer heie Wangen hatte und in den Wind
lief, um sie khlen zu lassen. Wolken zogen ber den Himmel und schufen
mit dem gedmpften, grauen Licht, das durch sie leuchtete, ber dem
bltentreibenden Land eine sinnverwirrend traurige Stimmung. Frhjahrsregen
gingen nieder, ihr herber Geruch mischte sich mit dem sen der Blumen, so
da ein starker Duft wie greifbar ber der Erde lag. Alle Viertelstunden
brach die Sonne in wunderbar schnem, blendendem Glanz durch das Gewlk,
licht schwammen weiche Ballen durch den geklrten Himmel, und die Aeste der
Kirschbume standen schneeig wei in die Blue. Nachts fuhr der Fhn ums
Haus bald laut bald leise, manchmal schlief er ganz ein. Dann lauschte ich
sehnschtig, bis er wieder anhub zu wehen.

Durch das alles lief ich mit einer nie gekannten, pltzlich sehenden und
verstehenden Freude und einem leise schmerzenden, drngenden Anteil. Bisher
war ich ein ruhiges, stilles Mdchen gewesen, gleichmig im Wesen und fast
ganz ohne Launen. Jetzt kam pltzlich eine halb kindische Sprunghaftigkeit
ber mich, jh wechselnde Stimmungen, die einmal jauchzend und wild ber
alle Ufer brachen und dann wieder trg und trauervoll weiterrannen. Ich
glaube, da das das echteste Zeichen meiner jungen Liebe war.

Es kam vor, da ich in einem gestreckten Trab von der Schule heim die
Steige herauflief. Hausaufgaben, mit denen ich mich sonst eine Stunde lang
abqulte, in zehn Minuten aufs Papier schmi, einen Mittag lang in einer
hellen Lust Holz spaltete oder im Garten schaffte wie einer vom Fach. Ich
sang und pfiff und jodelte in den Wind hinein, atmete krftig die herbe
Luft und bi mit innigem Vergngen in das Stck Schwarzbrot, das ich mir in
die Tasche gesteckt hatte.

Pltzlich aber konnte ich die Hacke wegwerfen, ganz still stehen mit
hngenden Armen und die Augen schlieen. Dann sah ich ihn im Geiste vor mir
stehen, und alle Kraft von vorhin wandelte sich in einen lhmenden Zauber;
ich sprte ihn s und schmerzhaft und wurde willenlos und unsglich
md davon. Auf dem Grab des Namenlos hockte ich stundenlang, kaute
geistesabwesend an einem Schnittlauchhalm, trumte und sprte meine Liebe
wie ein schweres, dunkles, warmes Blut meinen Leib durchrinnen.

Mit der Margret bekam ich in dieser Zeit einmal bse Hndel, die uns fr
immer auseinanderbrachten. Sie hatte wohl gemerkt, wie es mit mir stand
und spottete in ihrer frischen Art, die alle Schwrmerei hate und
verabscheute, darber. Das konnte ich nicht ertragen, einmal im Zorn schlug
ich sie, wir prgelten uns und ich blieb heulend am Boden liegen, in dem
erbrmlichen Gefhl der Niederlage und dem Schmerz um etwas Stilles und
Heimliches, das mir entrissen, entweiht und verzerrt war. Ich verschlo
meine Liebe tiefer in mir. Aber ich fhlte, da sie strker und heier
wurde.

Ich war nun freilich um den Trost gekommen, mich nchtlicherweile von
der Margret liebhaben und streicheln zu lassen, ein bitteres Gefhl der
Vereinsamung kam oft ber mich, wenn ich nachts wachlag und in all meiner
Bedrngnis wute, da ich ihr nichts davon sagen durfte.

Auch in meine Freundschaft mit Elsbeth Grther war eine unerklrliche
Fremdheit gekommen; wir sahen uns selten auer den Schulstunden. Einmal
sagte ich auf dem Heimweg vergngt zu ihr: Ich mu dich bald wieder einmal
besuchen, wir waren so lang nimmer beieinander, gelt? Soll ich morgen
Nachmittag kommen?

Ach, lieber nicht, sagte sie geqult. Diese Hitze macht mich ganz krank;
ich bin am liebsten allein gegenwrtig.

Ich sprte, da ich rot wurde, ich hatte mich wahrhaftig nicht aufdrngen
wollen. Und ich wunderte mich, da Elsbeth, die sonst so feinfhlig und
herzlich war, gar nicht zu merken schien, da sie mich verletzt hatte.

Es war seltsam; vielleicht war sie krank und wollte es mir nicht sagen.
Aber es lie mir keine Ruhe; am andern Tag, als ich schweigend hinter ihr
her trottete auf dem Heimweg von der Schule, fragte ich sie darum. Sie
drehte sich rasch um.

Ja, gelt, ich bin grlich ungeniebar, ach, ich wei es ja selber.

Sie bot mir mit einem hilflosen Lcheln die Hand hin. Verzeih, sprach sie
traurig. Ja, ich glaube, es ist mir nicht recht gut gegenwrtig, ich habe
oft Kopfweh. Man kann es nicht so recht sagen.

Als ich dann allein weiterging, fate ich einen Entschlu. Ich wollte nun,
da ich gesehen hatte, da ihr meine Gesellschaft und meine Fragen unlieb
waren, ganz fr mich bleiben und so weh es auch tat, ihre liebe Nhe
meiden, bis sie ber diese bse Zeit hinber und wieder mit sich zurecht
gekommen war. Elsbeth selber hatte mir ja gezeigt, wie man das in einer
feinen, zarten Weise tun knne, und wie so ein stilles Zurcktreten ein
schweres, aber schnes Opfer sei.

In diesen Tagen, als ich einmal auf dem Grab des Namenlos lag, mute ich
pltzlich denken: vielleicht soll es so sein und ist eine Einrichtung von
Gott, da, wenn man eine Liebe trgt, alles andere von einem abfllt, sich
zurckzieht und einen allein lt. Vielleicht mu man erst so recht hilflos
und einsam werden, um die ganze Kraft und Seligkeit dieses Wunders zu
spren; man wird alles, was einen vorher beglckt und erfllt hat,
wegtun mssen; nur ganz still in sich hineinhorchen auf das Rauschen der
gttlichen Flut.

Ich wurde froh und still bei diesem Gedanken und meinte, den lieben Gott
und seine Weltregierung wieder einmal recht verstanden zu haben.

So allmhlich war nun der Sommer gekommen; ich ging den alten Weg durch die
Wiesen zur Schule hinab; er war jeden Tag voller Sonne. Ich dachte immer
nur an ihn, Worte hingen mir im Kopf, und Verse lagen mir auf den Lippen.
Manchmal streckte ich mich ins Heu, machte die Augen zu und dachte, jetzt
msse er kommen und mich kssen. Ich empfand ein starkes, ses Grauen
bei diesem Gedanken; es war mir etwas Unheimliches dabei, bei der Liebe
berhaupt, ich verstand es nicht, aber ich ahnte es dunkel.

Wohl war ich nun einsam und es wurmte mich manchmal, da kein Mensch mein
Freund sein wollte; aber ich wute, da ich nun ein bewutes, eigenes Leben
lebe, das aus der Stumpfheit meiner Jugend erstanden war. Ich lie mich von
meinen Stimmungen tragen, gab ihnen nach, trumend und doch froh und wach
und war unsglich glcklich dabei.

Eines Abends lag ich in meinem Bett -- wir gingen immer schon in der ersten
Dmmerung schlafen, um Licht zu sparen -- drauen sank die Nacht, und
tausend Sehnschte hielten mich hellwach. Der Tag war schwl gewesen, erst
gegen Abend wurde es khler, und ein leichter Wind trieb langsame Wolken
ber den dunklen Himmel.

In einer wohligen Erregung stand ich auf und setzte mich unter das Fenster.
Das Heu roch s und krftig von der Wiese herber, die Bume gingen im
Nachtwind hin und her, und ich empfand pltzlich eine Lust, drauen zu sein
und ein Stck weit durch die Nacht zu laufen.

Leise kleidete ich mich an, tappte die Treppe hinab und suchte im Hausflur
meinen Hut. Dann schob ich vorsichtig den Riegel zurck und trat hinaus.
Ein lautloser Sommerregen ging nieder, und die Luft war voll jenes
bitterlichen Geruchs, den es gibt, wenn Regen auf heies Erdreich fllt und
Staub lscht. Ich liebte diesen Duft unsglich und trank ihn in durstigen
Zgen. Unversehens war ich so ums Haus herumgekommen, stand da in unserem
bescheidenen Grtlein und roch, da irgendwo Rosen in der Nhe seien. Ich
griff in Dunkelheit und nasses, khles Bltterwerk, endlich bekam ich ein
paar feuchte Blten in die Hnde und ri sie ab.

Da meinte ich, Mutter zu hren, wie sie neben mir sagte: nicht reien,
schneiden! Es tut den Rosen weh, wenn man sie abreit.

Ich lchelte schuldbewut, kte in einer weichen Seligkeit den Zweig,
als ob es damit wieder gut gemacht wre. Ich will die Rosen ihm bringen,
dachte ich. Ich will sie auf seine Hausstaffel legen; es ist Zeit, da ich
auch einmal etwas aus meiner Liebe tue und vollbringe!

Leise summend ging ich durch die Wiesen hinunter, der Regen fiel in warmen
Tropfen durch die Aeste auf mich herab; ich schritt dahin in einem Rausch
von Liebe, Wrme und Sommergeruch.

In der Stadt waren noch Lichter hell und Leute auf den Straen. Ich
versteckte die Rosen unter meiner Schrze und drckte mich verstohlen
an den Husern hin. Seine Haustr war weit offen, ein Treppenlmpchen
leuchtete zum ersten Stock hinauf; da war seine Tr. Ich warf mit heftigem
Herzklopfen die Rosen hin und sprang fort.

Am Gartenzaun stand reglos eine Gestalt, ich wollte vorber, hrte aber
meinen Namen rufen und blieb stehen.

Es war die Elsbeth; im Schein einer nahen Laterne sah ich ihr Gesicht und
da, -- ach, mit einemmal, ehe sie noch ein Wort gesprochen hatte, wute ich
alles und verstand ihr seltsames Wesen in der letzten Zeit und stand still
und wie gelhmt von einem bsen, dumpfen Schrecken.

Es trumt einem zuweilen, man gehe ber die Strae und entdecke pltzlich,
da man keine Kleider anhabe; genau dasselbe Gefhl kam nun, wie ich so vor
Elsbeths traurigen, vorwurfsvollen Augen stand, ber mich, und ich wte
nichts, was dem an peinvoller Scham und Beklemmung gleichkme.

Du brauchst mir nicht zu sagen, wo du warst, ich wei es schon! sagte sie
leise und traurig.

Dann schlang sie pltzlich ihren Arm fest um meine Schulter, zog mich an
den Zaun und beugte sich tief mit mir ber die Latten.

Du, Flaig, sagte sie schnell, heiser und eindringlich, du mut jetzt
einmal ganz vernnftig sein, hrst du! -- Ich bin deine einzige Freundin,
gelt? -- Und du hast mich gern, das wei ich sicher. Und hast du mir nicht
schon manchmal etwas zulieb tun oder schenken wollen und wutest nicht was?
Sag, ist es nicht so?

Ja, sagte ich tonlos.

Weit du, flsterte sie in leidenschaftlicher Erregung ganz dicht bei
meinem Gesicht, jetzt mchte ich etwas von dir: du mut mir den Vikar
lassen! Du mut es, Flaig! Sieh, ich kann da keine Rcksicht auf dich
nehmen!

Ich bin immer verwhnt worden, zu Haus und in der Schule und berall. Alle
Leute haben mich gern gehabt, und die Mdchen in der Schule waren beglckt,
wenn ich mich mit ihnen abgab. Nie ist mir eine Freundschaft versagt
geblieben; ich habe auch schon einen Gymnasiasten zum Schatz gehabt; er und
seine Freunde schwrmten fr mich.

Der Vikar steht mich nicht an. Er wei nicht, wie ich heie. Ich habe ihn
wahnsinnig lieb gehabt vom ersten Augenblick an, da ich ihn sah; ich meine
oft, die Stunde am Donnerstag nicht zu berleben vor Jammer und doch zhle
ich die Stunden bis wieder dahin! Jede Nacht stehe ich an seinem Haus und
starre hinauf; ich habe ihn noch nie gesehen; wenn er das Licht lscht,
gehe ich heim. -- Ich bin arg demtig und bescheiden geworden; du mut mir
mein bichen Freude schon ungeteilt lassen, Flaig, siehst du!

------ Ich will ja! sagte ich schluchzend, und sie streckte mir darauf
ihre Hand hin.

Ich danke dir schn! Jetzt geh nur wieder heim. Dann beugte sie sich
ganz tief ber die Zaunlatten und sagte leise, so leise, da ich sie kaum
verstehen konnte: Ich glaube ja, da es schwer fr dich ist; aber du mut
denken, da es mir noch tausendmal weher tut! O du -- das ist nicht zum
sagen! ---- Geh jetzt heim, bitte, und la mich allein; ich kann jetzt
nimmer sprechen!

Da lief ich wie gejagt, durch die Stadt, durch Wiesen und auf dunklen,
nie gegangenen Wegen in den rinnenden Regen hinein. Ich dachte nichts und
sprte nichts, als da mir etwas verzweifelt weh tat; ich rannte atemlos,
wie in wilder Flucht; aber es war hinter mir und ber mir und es schttelte
mich in Scham und Schmerz und Zorn.

Um einen Baum war hoch und locker ein Heuhaufen geschichtet, willenlos lie
ich mich fallen und whlte mich zitternd hinein.

Ich lag ganz still, der Regen fiel leise und das Rauschen wurde schwcher
und schwcher; durch den Baum, unter dem ich lag, fiel manchmal ein Tropfen
herunter, schlug auf die Bltter und kam immer tiefer; der Wind wehte leise
in den Wipfeln, das Heu roch um mich und ber mir, und meine Trnen liefen
hinein.

Die Gedanken wollten mir vergehen; md und fremd sah ich noch einmal den
Vikar dastehen und wieder verschwinden, dann schlo ich die Augen und wute
nichts mehr.

Mitten in der Nacht erwachte ich, frierend, und es war mir unbehaglich in
den nassen Kleidern; ich machte, da ich nach Hause kam und ins Bett, und
alles andere war mir gleichgltig.

Am Tag darauf war die Grther nicht in der Schule, es hie, sie sei krank.
Und zufllig wurde auch gerade in diesen Tagen der Vikar in eine andere
Stadt versetzt, da ich ihn nimmer sah. So waren wir beide einer Stunde
enthoben, die qulend peinlich fr uns gewesen wre.

Die Grther kam seltsam lang nicht mehr in die Schule; ich machte mir
allerlei Gedanken darber; da sah ich sie eines Tages auf der Strae und
rief sie an. Sie blieb stehen und wollte mir in einer pltzlich herzlichen
Freude die Hand reichen, lie sie aber schnell wieder sinken. Ich fragte,
wenn sie wieder in die Schule kme.

Ueberhaupt nimmer, sagte sie. Ich habe schon lang nach einer Gelegenheit
gesucht, es dir zu sagen. Ich gehe im Herbst ins Gymnasium zu den Buben,
ich will Medizin studieren. Ich glaube schon, da ich mitkomme. Also, du
weit es ja jetzt. Adieu, Agnes.

Da war sie schon ein paar Schritte weg! Elsbeth, rief ich ihr nach, und
ich wei, da sie es hrte. Sie blieb stehen, als ob sie sich besnne,
umzukehren und wendete halb den feinen Kopf, ich sah eine lichte Welle
in ihr Gesicht steigen, rter und dunkler werden und sah sie jh wieder
erblassen, still und stolz geradeaus sehen und weitergehen.

Da lief sie nun von mir weg, weil es ihr Stolz nicht litt, mit jemand
weiter zu verkehren, der sie einmal gedemtigt und verzweifelt gesehen
hatte, und sei es ihre beste Freundin gewesen. Es war mir, als gehe
ein feines liebliches Stck meiner Kindheit da die Gasse hinauf, um zu
verschwinden und mir verloren zu bleiben.

       *       *       *       *       *

Von dem Augenblick an aber wute ich, da ich auch Aerztin werden wolle.
Ich sprte eine ungeheure Strke in mir und sah ein Ziel in Klarheit vor
mir liegen wie noch nie. Ich lchelte beinahe, so froh war ich ber
die Erkenntnis und so erstaunt ber meine pltzlich umschwingenden
Lebenskrfte.

Ich sagte es meiner Mutter, war aber kaum erstaunt und nicht im mindesten
entmutigt, als sie mir nicht zustimmte. Aber gelt, wenn ich jemand
gefunden habe, der mir das Geld dazu gibt, hast du nichts mehr dagegen und
lt mich weiter machen? Das gab sie mir zu.

Da richtete ich meine Schulzeugnisse sauber zusammen, entlehnte von
der Margret ein Paar gute Stiefel und machte mich aufgeregt und mchtig
gespannt, aber felsenfest entschlossen auf den Weg zu einer reichen
Fabrikantenwitwe, von der ich wute, da sie jungen Leuten Geld zum Studium
vorstreckte und manchmal auch schenkte.

Ich fragte nach ihr und wurde sogleich in ein helles, nchternes Kontor
gefhrt, wo sie am Schreibtisch sa und rechnete. Sie sah flchtig auf und
dann, whrend sie sprach, immer auf ihre Papiere, so da man den Eindruck
hatte, als rede sie mit sich selber.

Was willst du? fragte sie mit einer Mannsstimme.

Ich mchte die Frau Kommerzienrat um eine Untersttzung bitten, weil ich
Medizin studieren mchte und wir kein Geld dazu haben. Ich wrde der Frau
Kommerzienrat, sobald ich verdiene, ganz sicher alles wieder zurckzahlen.

Wie heit du?

Agnes Flaig.

Und was ist dein Vater?

Er war Uhrmacher und ist vor zwei Jahren gestorben. Meine Mutter strickt
Strmpfe auf der Maschine.

Warum willst du studieren?

Da kam ich in eine heillose Verlegenheit; ich wute um alle Welt nicht
was sagen und schwieg gepeinigt. Endlich kam ich auf das allerdmmste, ich
streckte ihr meine Zeugnisse hin. So mute sie meinen, ich sei von meiner
Begabung und Schulklugheit so berzeugt, da ich darum aufs Studierenwollen
verfallen sei. Die Frau las und gab mirs zurck.

Wenn du nicht gescheiter bist, als es in deinem Zeugnis steht, wirst du es
auf einer Universitt auch nicht weiter als andere bringen. Und im brigen
untersttze ich nur Knaben. Guten Tag!

-- Ich fiel aus allen Himmeln und stand einen Augenblick wie betubt, und
obgleich ein grenzenloser Ekel vor allem weiteren Unternehmen und Planen in
mir war und es mich wrgte vor Scham und unterdrcktem Heulen, gelstete
es mich, der Frau da mit dem groen, harten Gesicht noch einen Trumpf
hinzuschmeien und heiser und besinnungslos sagte ich:

Vielleicht darf ich dann die Frau Kommerzienrat bitten, mir in ihrem
Geschft eine Stelle als Fabrikmdchen zu verschaffen, an irgend einen
Platz, wo meine Gescheitheit reicht, und wo Buben zu gut dafr sind.

Die Frau blieb vllig unbewegt. Jawohl, sagte sie ruhig. Wann kannst du
eintreten?

Vom 26.Juli ab mu ich nimmer in die Schule.

Gut, meinte sie, so komm am 1.August morgens um sieben Uhr in die
Fabrik hinber und bringe eine groe Schrze mit. Adieu!

Auf dem Heimweg dachte ich: ich znde ihr die Fabrik an oder ich hetze die
andern Mdchen gegen sie auf, sie soll nichts als Not und Verdru mit mir
haben!

Ach -- und am andern Morgen bekam ich den ersten Brief in meinem Leben und
er hie so: An Agnes Flaig, hier, Kirchhofsteige. Ich habe gemerkt, da es
dir an einigem Trotz und festem Willen, wenn er auch bs war, nicht fehlt;
und weil ich wei, da solche jungen Leute nicht gerade die unbrauchbarsten
sind, habe ich meinen Entschlu gendert. Ich bin bereit, dir die Mittel
zum Studium vorzustrecken; du kannst im Anfang des nchsten Monats einmal
zu mir kommen, um das Ntige zu besprechen; vorher habe ich keine Zeit fr
dich. Frau Berta Grifflnder, Kommerzienratswitwe.

-- Es tropfte mir hei ber die Backen hinunter, ich lief zur Tr hinaus,
vors Haus und in den strahlenden Morgen hinein. Vor dem Gesicht flimmerte
mirs vor Sonne und Glck, meine Augen waren des Lichts ungewhnt und schwer
von Trnen und taten mir leise weh; ich hielt die Lider halb geschlossen,
und doch sah ich einen Himmel ber mir aufgetan, so gottesnah leuchtend
und unendlich wie nie vorher und sah in einer pltzlichen Erkenntnis die
kstliche Welt daliegen, Tal und Flu und Berg, und hinter den Bergen fing
sie erst recht an; und sie gehrte mir, ich trug's verbrieft in meiner
Tasche.--

Ich lief ber gemhte Wiesen und kam in die Felder, die still und demtig
in der Sonne standen, ich strich ber die Halme und lachte, und das Papier
knisterte mir im Rocksack. Noch nie war es mir so bewut geworden, da ich
ein Mensch war und lebendig, und Krfte und warme Strme, Herzschlge und
tiefe Atemzge hatte. Ich sprte jedes Glied meines Leibes und war froh
darber, da es zu mir gehrte. Es zuckte mir in Fen und Hnden von einer
unbndigen Kraft, und mitten in diesem sen Bewutwerden meines jungen
Menschentums quoll pltzlich etwas in mir empor wie ein mchtiger Brunnen
und brach strmend durch alle Adern; ich kannte tausend Namen dafr, und
keiner war der rechte. Ich wute, da ich alle Menschen lieb hatte, mit
einem gewaltigen Willen, fr sie zu schaffen und mein Leben und meinen
ganzen quellenden Reichtum freudig in ihren Dienst zu stellen; ich war
nimmer ich selber, es waren tausend wogende Strme, die sich jauchzend in
die Welt ergossen, es war so herrlich stark und ohne Ende, und es fiel mir
ein, da es an des Namenlos Grab entsprungen war.

Und ich dachte, da das gewi noch kein Mensch gesprt habe und da ich es
niemand sagen konnte, weil es keinen Namen und keine Worte dafr gab; ich
konnte nur schaffen, schweigend und ohne Aufhren schaffen und die groen
Krfte brauchen.

Ach, und ich htte es doch am liebsten in die ganze Welt hinausgeschrien,
wie es mit mir war, es sprengte mir fast die Adern vor heiem Blut, und ich
geriet vor lauter Lust und strmender Kraft in eine schmerzende Bedrngnis,
aus der ich mir nimmer zu helfen wute. Da stand oben am Wald eine
alte Buche mit mchtigem Stamm, ich lief drauf zu und legte in einem
berquellenden Gefhl meine Arme darum, aber es fehlte eine halbe Spanne,
bis die Hnde zueinanderreichten. Da lachte ich hell auf: das war die
Kraftprobe.

Ich dehnte die Arme bis aufs uerste, die Gelenke knackten und es sauste
mir im Kopf; auf einmal war es gewonnen. Da war es die ganze weite Welt,
die ich in meinen Armen hielt, und die Strme meiner Liebe umspannten sie
fest.

       *       *       *       *       *

Die Tage, die jener Sonnenstunde folgten, waren ruhig und schn, und ich
kostete die leise, leuchtende Weihe aus, die von der Buche her noch darber
lag.

Mit einer berlegenen Frhlichkeit sa ich die letzten Schultage vollends
ab; auf dem Heimweg liebugelte ich schon mit dem Gymnasium.--

Ich brachte die tiefblauen Sommertage hinter mich in einer schweren Arbeit,
wie ich sie noch nie getan hatte; und doch war's oft so, da ich, wenn ich
abends todmd ins Bett gegangen war, nach ein paar Stunden festem Schlaf
munter und vllig ausgeruht, mitten in der Nacht erwachte, und mich
wunderte, da es noch nicht Tag war. Dann war mir aller Schlaf aus den
Augen, es litt mich nimmer im Bett; ich zndete mir ein Licht an, stahl
des Greiners lateinisches Lexikon und seine Grammatik und verlebte darber
kstliche Stunden in einer verschmt glcklichen Neugier und sa nachher
noch unterm Kammerfenster, oft lang in die schweigenden Nchte hinein.

Oder kleidete ich mich leise an und verlie das Haus, um droben im Wald
einsame Gnge zu tun; und es schien mir, als liege da mein Leben vor mir,
wie im Mondlicht die stillen Landstraen, die durch den Wald fhrten;
leuchtend von einer feierlichen Helle, geradeaus und weit, und kam
ein Querweg, wars wieder so: wei und eben, und verschwindend in einem
schimmernden Duft dem Mond zu oder dunkel in den Wald sich neigend.

Und immer wieder war das wunderliche Gewoge in mir, auf und nieder, da die
Strme meiner Liebe wach wurden und gewillt waren, sich der Erde und allen
Menschen hinzugeben.




Zweites Buch


Da starb Frau Grifflnder, meine Gnnerin, infolge eines Unglcksfalles,
der sie auf ihrer Sommerreise betroffen hatte, und obwohl ich, den Brief
vorweisend, bei ihren Erben verzweifelte Anstrengungen machte, die mir
versprochene Untersttzung dennoch zu bekommen, ntzte doch alles nichts
mehr; ich war rmer als zuvor und zerschlagen und unsglich erbittert.

Ich suchte eine Stelle als Dienstmagd und nahm ziemlich weit von meiner
Heimat weg eine an, ohne lang zu prfen und mich zu erkundigen; es war mir
so grlich gleichgltig, wo ich hinkam, ich wollte nur fort von zu Hause,
wo nun alle Dinge ohne Traum und Schimmer so abscheulich grell und nchtern
dastanden und mich hhnisch anstierten.

Es ist mir schlecht gegangen damals und nichts erspart geblieben; und jene
Zeit, da ich an nassen Novembertagen durch fremde Stdte und unter
kahlen Bumen ging, da ich in bsen Winternchten, von Klte und
Heimweh geschttelt, in wsten Kammern wachlag, da ich verzweifelte
Eisenbahnfahrten wagte, die doch immer wieder dem gleichen Elend zufhrten,
und da alles so schauerlich kalt und fremd war und ich verlassen und
ohne Licht und Weg und Rat im Dunkeln stand, jene Zeit steht noch immer
peinigend deutlich und so voller Schwermut und Bitterkeit in meinem
Gedchtnis wie keine andere.

Und dennoch meine ich manchmal, es liege gerade von jener Zeit her ein
leiser Schimmer ber meinem Leben, wie ein schmerzlicher Reichtum. Das ist
ein tiefes, demtiges Verstehen aller menschlichen Not, eine Weisheit
und ein seltsames Licht, das mir mit traurigem Lcheln in jede Armut und
Einsamkeit hinableuchtet; und seither ist mir jeder Landstreicher Bruder
und jedes verirrte Mdchen Schwester; unser aller Mutter ist die herbe
schne Erde, und heimatlos und verlassen eine Nacht unter freiem Himmel
an ihren Schollen geborgen schlafen zu mssen, kommt keinem andern Weh und
keiner andern Sigkeit gleich.

Ich war nun sechzehn Jahre alt geworden; da hatte ich aufs Frhjahr
eine Stellung als Hausmdchen bei einer vornehmen jungen Witwe in einer
sddeutschen Stadt angenommen. Es war gegen Abend, als ich vom Bahnhof her
durch die Straen lief und nach dem Haus fragte. Hoffnungen hegte ich kaum
mehr, und ich war mde und hungrig von der Reise; aber wie ich so vor dem
schnen, alten Gebude stand und einer sauberen jungen Magd zusah, die
pfeifend die Glockenzge putzte und den grnen Flu hrte, der dicht hinter
dem Haus vorbeiflo, da wurde es mir besser und ruhiger zu Mut als seit
langem.

An der Glastre empfing mich eine dicke Kchin, lachte mich gutmtig an,
als ich sagte, ich sei das neue Hausmdchen und gab mir zum Einstand gleich
einen krftigen Patsch. Dann fhrte sie mich zur gndigen Frau. Es war ein
hohes Zimmer, am Fenster in einem khlen, hellen Licht stand eine Dame,
die war schn wie eine junge Gttin. Sie reichte mir in einer vornehmen
Freundlichkeit die Hand und sprach mit einer tiefen, warmen Stimme, die
das ganze Zimmer mit einem sonderbaren Klang fllte: Guten Abend, Frulein
Flaig, haben Sie eine gute Reise gehabt? -- Ja! -- Dann ist's recht.
Ich hoffe, es gefllt Ihnen bei mir!

Und wie nun ihr Blick prfend auf mir lag und ich in dem klaren, khlen
Lichte der reinen Augen stand, war es mir, als fiele alles Elend der
letzten Zeit von mir ab wie ein schmutziger Kittel, ich war wieder jung und
gut und unberhrt und wute von nichts als von dem Wunsche, da mich die
schne Frau einmal liebhaben mchte und da ich den stolzen Mund einmal mir
lcheln she. In die Stille hinein hrte ich mein Herz schlagen; ich freute
mich daran, und es war wieder so ruhig und beinahe frhlich klar in mir wie
damals, als ich studieren wollte. Ich sprte eine neue Macht ber meinem
Leben und gab mich ihr hin wie einer Erlsung.

Spter am Abend erfuhr ich, da die schne Frau mit dem Vornamen Gunhild
heie, ich sah ihr blondes Haar, ihre feingebogene Nase und den schmalen,
stolzen Mund, und es war mir, als habe ich ihren Namen schon gewut, als
ich sie mit dem ersten Blick gesehen hatte.

Als wir unsere Arbeit getan hatten und alles im Hause still war, nahm die
Kchin eine Ampel und zeigte mir meine Schlafsttte. Es war eine saubere
Kammer unter dem Dach mit einem Fenster, das gegen den Flu zu ging. Wir
wnschten einander Gut'nacht, ich packte meinen Koffer aus, lschte das
Licht und entkleidete mich. Dann stand ich noch eine Weile unter dem
Fenster in der khlen Nacht, hrte den Strom in der Ferne ber ein Wehr
gehen, schlo die Augen und dachte in einem sen Schauer an Frau Gunhild.

       *       *       *       *       *

Als ich etwa acht Tage im Hause war, begegnete ich eines Abends der jungen
Magd, die damals am ersten Tag vor dem Haus die Glockenzge geputzt
hatte, auf der Treppe. Sie war Lehrerstochter und bekleidete bei der alten
Regierungsrtin im oberen Stock eine Stellung als Sttze der Hausfrau,
worunter man hierzuland eine Tochter aus guter Familie versteht, die in
ihrem Dienste alle Vorrechte eines Gebildeten zu genieen Anspruch hat.
Wir grten uns und sprachen ein paar Worte miteinander; als wir dann
vor meiner Kammertre standen, lud ich sie ein, noch eine Weile zu mir
hereinzukommen. Wir saen auf meinem Koffer nebeneinander; die hbsche
schwarzhaarige Person gefiel mir, wenn sie auch eine sonderbare Art, sich
zu geben hatte, und mir ein wenig frech vorkam. Sie fragte mich, wo ich
herkomme, ich seufzte und suchte verlegen, ihr mein Schicksal zu erklren.
Ach, ich wollte nimmer alles aufwrmen; es gehrte nichts davon in die
heitere, saubere Gegenwart.

Ach so, meinte sie lebhaft -- Sie haben Pech gehabt? Lassen Sie doch,
das brauchen Sie mir nicht zu sagen. Und trsten Sie sich, das geht den
meisten so -- viel Rutschen macht blde Hosen -- das ist gar nicht so. --
Pfeifendeckel -- ich bin froh, da ich ein Stck in der Welt herumgekommen
bin!

Wie man's nimmt, sagte ich, so schlimm wie mir wird's Ihnen wohl nicht
gegangen sein.

O jerem, lachte sie, bis zu meiner fnfzehnten Stelle hab ich's noch
gezhlt; seither lass' ich's bleiben. Als ich eine Woche in der Fremde war,
bin ich einmal rittlings das Treppengelnder hinuntergerutscht, und die
vier Kinder, die ich hten sollte, hinten nach. Ach, es war elend schn!
Nur wurden wir unten von der Frau abgefat und ich bekam eine an die Ohren
-- da bin ich ihr im Zorn aus dem Dienst gelaufen. Ich bin auch einmal ein
Vierteljahr lang bei einer Seiltnzertruppe gewesen!

Aber sind Sie denn in Ihrer jetzigen Stellung befriedigt? fragte ich
lachend.

Vollkommen. Sehen Sie, der Mensch mu halt auf seine Kosten kommen. Meine
alte Regierungsrtin ist ein liebes Schaf; ich habe es gut bei ihr und sie
kann noch hundert Jahre alt werden. Und sie ist stocktaub, wissen Sie, das
ist himmlisch! Ich kann den ganzen Tag singen und juchzen und Mundharmonika
spielen und sie hrt kein Schnuferlein; wenn ich ihr Antwort geben soll,
mu ich's auf eine Tafel schreiben. Und dann -- es gibt einfach im ganzen
Land kein so schnes, altes, kstliches Haus mehr an einen Flu hingebaut
wie dieses. Das werden Sie auch noch herauskriegen, wenn Sie sich
wahrscheinlich jetzt erst nur drber freuen, da keine Kutterkiste im Hause
ist, weil man alles ins Wasser schmeit. Aushalten werden Sie's schon. Die
Gunhild ist anstndig.

Anstndig--? fragte ich. Ich meine, sie sei wunder, wunderschn.

Nein, was die Ansichten verschieden sind! Ich kann sie nicht schmecken!
Haben Sie sie auch schon einmal lachen oder schimpfen oder jammern hren?

Es braucht doch nicht jeder sein Herz auf der Zunge zu tragen, sagte ich.

O, Sie knnen ruhig sein, die Gunhild hat berhaupt keins. Es ist bei ihr
ein Kieselbatzen statt einer Seele im Leib.

Sie ist so schn und fein und stolz, sagte ich nachdenklich. Ich glaube,
sie hat mehr Seele als eins von uns. Es wird eben tiefer bei ihr liegen als
bei andern Leuten und sie wird nicht wollen, da jeder hineinsehen kann.

Ach, wissen Sie, wenn's _so tief_ ist, dann lassen wir's lieber liegen!

Da mute ich lachen, wie sie mich so drollig treuherzig dabei ansah. Sie
erzhlte, sie heie Urschel Pfannenschmid und sei da oben bei Heidenheim
irgendwo zu Hause.

Seltsam, sagte ich, ich htte eher gedacht, Sie seien Italienerin oder
etwas hnliches!

Sie nickte. Es wird auch so sein. Wissen Sie, die Zigeuner fuhren einmal
im Galopp durch unsern Ort und ein Kindle fiel hinten aus einem Wagen
heraus und blieb liegen. Da fand's die Schulmeisterin und zog es auf; das
bin ich. Jetzt sagt sie natrlich, ich sei ihr Eigenes!

Ich wute nicht recht, war das zu glauben oder nicht.

Urschel aber stand auf und ging zum Fenster, wo sie in den Flu
hinuntersah, stie die krftigen, braunen Arme gegen die Decke und sagte
halb lachend, halb seufzend: Ach, ich spr's doch in allen Gliedern, da
ich eine Zigeunerin bin. Es liegt mir eine Unrast und eine Musik und ein
Tanz im Blut, das treibt mich unablssig zu Streichen und Dummheiten und
Lumpereien. Die Leute legen mir's als Leichtsinn und Bosheit aus, es ist
aber nichts als Musik und Zigeunertum, man kann nichts dagegen tun.

Das Schnste und das Grlichste aber ist die Sehnsucht, zu wandern und in
die Fremde zu ziehen. O, wenn ich nachts den Flu hre und den Wind wehen,
bringt es mich fast um vor brennender Lust, in die Ferne zu gehen. Zur
Trstung habe ich mir einen groen, feinen Atlas gekauft; da sitze
ich abends oft darber und mache schne Reisen, nach Indien oder nach
Sdamerika; -- Sie mssen einmal zu mir herberkommen, ich mchte Ihnen
meine Sachen zeigen.

Wir blieben den Abend beieinander und saen unter dem Fenster in die
geruhige Dmmerung hinein. Urschel war doch ein prchtiges Mdchen,
schwtzte, lachte, und war voller Witz und seltsamer Einflle. Als wir uns
dann getrennt hatten, spt in der Nacht, und ich eben zu Bett gehen
wollte, klopfte es noch einmal an meine Kammertr; Urschel stand drauen
im Unterrock, ein langer schwarzer Zopf hing ihr ber den weien Hemdrmel
herein, und sie sagte frhlich: Ich habe etwas vergessen! Wissen Sie,
Agnes, ich mchte gern Du zu Dir sagen!

Und sie streckte mir ihre warme Hand hin.

Von da aber war unsere Freundschaft geschlossen; ich fand in Urschel einen
Menschen, wie ich ihn so prachtvoll und natrlich und heiter nimmer gesehen
habe.

Ueberhaupt war mein Leben damals so hell und leicht wie noch nie. Ich geno
die heimliche Schnheit des grnen Flusses, der sommerschweren Kastanien
und die des alten, hohen Hauses mit dankbaren, empfnglichen Sinnen.
Die Arbeit ging mir gern und flink von der Hand, ich sprte, da sie
mir guttat, und der schnen Frau dienen zu drfen, war allein schon eine
immerwhrende Seligkeit, die alle Mhe leicht machte.

Urschel's warmherzigem, spring-lebendigem Wesen stand die Frau freilich
fast kalt und seelenlos gegenber, aber ich glaube, dies war nur eine
seltene Selbstbeherrschung, die durch eine feine, sorgfltige Erziehung zur
vollendeten Vornehmheit geworden war. Was ich einst an Elsbeth bewundert
und geliebt hatte, jene kstliche Wrde, die sich niemals etwas vergibt und
jener adelige Stolz, der klugen, schnen Geschpfen manchmal eigen ist, das
fand ich nun bei Gunhild wieder zu einem wahrhaften Kniginnentum gereift.

Um Gunhild herum war ein seltsamer Duft oder Schimmer, den ich spter
nirgends mehr gefunden habe, nur in Trumen meine ich manchmal noch, ihn
zu spren, und es wird mir wunderbar wohl dabei. Er hing in ihrem Haar, an
ihren Kleidern, er wehte durch ihre Zimmer und lag ber dem kleinen alten
Garten neben dem Haus, wo sie im Sommer sa und las oder nhte. Es war eine
reinliche, helle Khle, eine klare, seltsam leichte Luft und jedesmal, wenn
ich sie atmete, kam eine kindliche Frhlichkeit und Dankbarkeit ber mich;
ich war wunschlos und von Herzen glcklich, da ich in dem guten Lichte
stehen durfte, das von Gunhild ausging.

Nur ein oder zweimal kann ich mich von diesem ersten Jahr, das ich bei
ihr diente, erinnern, da mich eine leise, dunkle Gewalt von Liebe und
schmerzlicher Leidenschaft erfate, in der ich Gunhild schweigend nher
kam und da auch sie ihre Khle und Vornehmheit abstreifte und mir in einer
sonderbar kstlichen Art ihre Zuneigung zeigte.

-- Im Mai mute ich einmal an einem warmen Regenabend Frau Gunhild von
einer Gesellschaft abholen. Ich hatte mit Urschel Dummheiten getrieben,
gelacht und am Schlu gestritten und ging nun mde und hei durch das laue,
feuchte Dunkel der Platanenallee; der Wind ging in den Bumen, die Tropfen
fielen schwer und lssig durch die Bltter und von den nchtlichen Grten
kam eine verlorene se Luft herber. Mit jedem Schritt fiel die Mdigkeit
mehr von mir ab; die Schnheit der Nacht brachte mich in eine leise
Erregung, und in einer seltsamen sehnschtigen Freude dachte ich daran,
da ich nachher an Frau Gunhild's Seite noch einmal und mit doppelter Lust
unter diesen Bumen gehen drfe.

Als ich aus der Allee heraustrat, sah ich, da es aufgehrt hatte zu
regnen. Da war auch das Haus, ein breites Licht fiel aus der Glastre in
die Nacht hinaus, aus einem offenen Fenster hrte man Musik und lachende
Stimmen. Ich trat abseits in den Schatten; und auf einmal kam mir der
Wunsch, es mchte doch wieder anfangen zu regnen. Dann wrde Gunhild den
Schirm, den ich ihr gebracht hatte, nehmen und mich bitten, mit darunter
zu kommen, da ich nicht auch einen bei mir hatte. Der Gedanke aber, so
gedrngt nah bei der schnen Frau zu sein, brachte mich in eine pltzliche
Seligkeit und beglckende Unruhe, wie ich sie kaum zuvor gesprt hatte.

Ich mute lange warten. Endlich ging die Haustr auf; Gunhild kam eine
hell erleuchtete Treppe herab, sie trug ein paar Blumen in der Hand und sah
festlich schn und vornehmer aus als je; unten verabschiedete sie sich von
jemand, lchelte und trat dann sphend vor das Haus.

Ah, Agnes, hier sind Sie! Nicht wahr, Sie muten warten? Das tut mir leid,
ich kann nichts dafr!

Oh, sagte ich beglckt, da sie so lieb zu mir war, die Zeit ist mir
nicht lang geworden. Ich habe an etwas sehr Schnes gedacht.

An was denn, darf ich's wissen?

Da sagte ich ihr, da ich wnsche, es mchte wieder regnen; und wie schn
ich es mir dchte, mit ihr zusammen unter einem Schirm durch die dunkle
Allee zu gehen.

Und als ich es gesagt hatte, kam ich mir auf einmal malos frech vor und
war erschrocken und verlegen. Gunhild aber streckte ihre Arme aus, stand
einen Augenblick prfend still und sagte dann heiter: Ich glaube, ich habe
einen Tropfen gesprt.

Und wie sie den Schirm aufspannte und sich zum Gehen wandte, fiel das Licht
vom Hause her noch einmal hell ber ihr Gesicht: ich sah, da sie lchelte,
ein wenig belustigt, aber strahlend gtig und lieb; dann gingen wir durch
die Allee, ber die Brcke und in einer stillen, dunklen Strae nach Hause.
Und keines sprach ein Wort; aber ich meine, es sei mir nie reiner und
wohler zu Mut gewesen als bei jenem stummen nchtlichen Gang, da meine
Liebe so reich und erfllt war durch Gunhild's Lcheln und ihre kstliche
Nhe.

Als ich die Haustre aufschlo, trat sie pltzlich neben mich, fate mich
unter dem Kinn und bog mein Gesicht zu ihrem herauf, indem sie warm und
leise fragte: Sind Sie nun glcklich?

Ja, sagte ich, und suchte im Dunkeln das Licht ihrer Augen zu sehen, ich
bin sehr, sehr glcklich!

Dann gingen wir ins Haus.

-- Am nchsten Tag war Frau Gunhild khl, vornehm und ruhig wie immer. Das
tat mir weh und wenn ich in ihre Nhe kam, war ich verwirrt und befangen.
Ich wurde nicht klug aus ihr. Was war nun ihr wahres Wesen -- ihre
zurckhaltende Herbe oder die zarte, hingebende Gte jener Nacht?

Diese Zwiespltigkeit warf mir einen bsen Schatten ber ihr Bild und
qulte und bedrckte mich besonders abends stark, so da ich der lustigen
Urschel oft unmutig weglief, ihre Witze bld und geschmacklos fand und dann
noch stundenlang jmmerlich einsam in meiner Kammer sa und schlielich
traurig zu Bette ging.

Und da geschah es oft noch spt vor dem Einschlafen, da ich in einer
pltzlichen Klarheit das Bild der lieben Frau vor mir schweben sah,
ungetrbt, trstlich s und heiter lchelnd; ich hrte ihre Stimme wie
damals in der Nacht: Sind Sie glcklich? -- Ich sprte ihre Nhe, ich
atmete ihre Luft, und ich lag still und beseligt in ihrem Lichte. Und ich
nahm gern den ganzen verqulten Tag auf mich, um dieser flchtigen, wonnig
schnen Augenblicke willen.

Einmal lag ich mitten in der Nacht wach und meinte pltzlich, unten im
Hause ihre Schritte gehrt zu haben, eilte hinab und sah sie aus der Kche
kommen, in einem langen, weien Nachtkleid, ein Tuch und ein brennendes
Licht in der Hand. -- Sie erschrak, als sie mich sah. Agnes! Warum
schlafen Sie nicht?

Ich fragte, ob ich ihr nicht irgend etwas tun knne, ob sie nicht wohl
sei, und ich sah sie voller Angst an und konnte nicht hindern, da mir ein
Zittern ber die Glieder lief.--

Ich habe ein wenig Kopfweh gehabt und konnte nicht einschlafen. Nun habe
ich mir ein nasses Tuch geholt, das ist alles!

Sie stellte den Leuchter weg und sah mich klar und lieb, aber ohne Lcheln
an. -- Ich mu einmal mit Ihnen reden, Kind. Sehen Sie, Sie meinen wohl,
ich merke nicht, wie Sie mich liebhaben und an mich denken und einen Engel
oder Halbgott oder sonst irgend ein vollkommenes Wesen in mir erblicken.
Nicht wahr? -- Ich sehe und merke und spre das alles, und es ist mir leid.
Es freut mich immer, wenn ein Mensch mich gern hat; aber so wie Sie mich
lieben, ist es nicht recht. Sie vergeuden ihre besten Krfte und Gefhle
ohne Nutzen und Ziel mit dieser trichten Schwrmerei, und im Grunde haben
Sie gar nichts davon. Das mssen Sie sich selber sagen!

Ich meine, wenn man jemand liebhaben will, mu man erst in sich selber fest
geworden sein und gelernt haben, auf eine gute Art seine Kmpfe und Leiden
zu verschweigen und zu verwinden. Sehen Sie, Agnes, Sie sind noch so jung
und so gewhnt, Ihren Stimmungen und Neigungen nachzugeben und sie wichtig
zu nehmen, es geht ja allen jungen Leuten so. Aber wenn man lter wird,
sieht man ein, wie tricht und egoistisch das ist. Man mu immer mehr
lernen, an allem Schicksal nur das zu sehen, was einen gut und tchtig
macht, und sich mit dem andern, Ha und Verdru und berlaufende Freude
oder Schwrmereien, still und ruhig abzufinden, bis man es bezwungen hat
und darber steht. Im Grunde ist das Leben auch einfach und gar nicht so
viel dran wie wir oft in der Jugend meinen! -- Sie fuhr sich mde ber die
Stirn.

Wir waren eine Weile still.

Ach, gndige Frau, sagte ich, so wie Sie das meinen, werde ich's niemals
knnen. Wenn etwas schn ist, mu ich mich halt dran freuen und wenn ich
traurig bin, kann ich's nicht verbergen. Und -- ich habe Sie eben so sehr
lieb und wei mir nimmer zu helfen!

Das letzte sagte ich ganz leise und fast ungewollt und die Augen standen
mir voll Trnen.

Da legte mir Gunhild ihre Hand auf den Kopf, ganz fest und schwer.
Ein anderes wre mir vielleicht bers Haar gefahren oder htte mich
gestreichelt, aber es war wohl ihre Art so, und in ihrem Gesicht war wieder
das schne, verzeihende Lcheln, da es mich hei und selig berlief.

O, Kind, sagte sie, ich glaube, Sie sind ein kleiner Dichter und
Schwrmer, und Ihnen ist nicht zu helfen; solche Leute macht man nimmer
anders!

Dann nahm sie ihren Leuchter und nickte mir zu. Gute Nacht! Und schlafen
Sie gleich, ich will es auch so machen! -- Ich lief wie im Traum die
Treppe hinauf, legte mich ins Bett und schlief wundervoll fest. Und am
Morgen war ich noch im gleichen Traum befangen; immer meinte ich, Gunhild's
Hand auf meinem Kopf zu spren und sah in einem seltsamen Geflimmer ihr
schnes, lchelndes Gesicht deutlich und nahe.

Drei oder vier kstliche Tage ging ich in dem seligen Rausch und
Halbschlaf, bis ich jh und traurig davon erwachte. Es war an einem Abend;
ich sa mit Urschel unter dem Kammerfenster, trumte vor mich hin und hrte
dabei vergnglich mit halbem Ohr auf ihre munteren Schnurren hin, bis sie
auf einmal, ber den Flu hinberdeutend, sagte:

Guck einmal, da kommt deine Schneegans -- Schneeknigin wollte ich
sagen.--

Da drben ging Frau Gunhild unter den Kastanien, es war nahe und noch hell
genug, um ihr blasses, vornehmes Gesicht zu erkennen, das mir nie so khl
und fremd und abweisend schien wie in diesem Augenblick. Sie trug ein
reiches, weies Kleid, und wie sie so allein mit ihrem sonderbar langsamen
Gang durch die abendliche Allee schritt, hatte sie etwas unheimlich
Gestorbenes, fast Gespensterhaftes an sich.

Ich wei nun nicht, was es war: Urschel's blder Witz oder der Flu, der so
dunkel und tief und trennend zwischen mir und der geliebten Frau war oder
ihr verndertes Wesen -- mit einemmal zerstob der schne Traum von dem
Lcheln, es wurde mir unnennbar beklommen und jammervoll elend zu Mut, ich
sthnte und lief aufheulend aus der Kammer.

Pltzlich begriff ich, da ich dieser Frau niemals nahekommen konnte;
sie wrde mir nie, nie von Herzen zugetan sein, so wie es mein
brennender Wunsch war; und ich liebte sie doch so zh und unablssig und
leidenschaftlich, so -- wie es nur ein Kind meines Vaters tun kann.

Ich lag ein paar Stunden in einem Winkel unter dem Dach, ganz verstrt
und zerschlagen, mein Liebesjammer schttelte mich wie ein krperlicher
Schmerz, dazwischen sthnte ich und schrie leise ihren Namen, bis ich
endlich erschpft und still und todestraurig zu Bette ging.

-- Ich mochte vielleicht eine Viertelstunde gelegen sein, als leise meine
Tr aufging und Urschel hereinkam. Sie setzte sich stillschweigend zu mir
aufs Bett und fing an, ganz sanft und trstend einschlfernd auf ihrer
Mundharmonika zu spielen.

Ich mute in all meiner Betrbnis lcheln. Der Tollpatsch konnte doch
rhrend lieb sein! Ich lie sie eine Weile spielen; das Dunkel der Nacht,
die warme Nhe eines Menschen, der mich zu trsten versuchte und die
sanfte Musik gingen mir streichelnd ber die erregte Seele, bis ich langsam
ruhiger wurde.

Als sie aufhrte, zog ich sie neben mich aufs Kissen und erzhlte ihr leise
meine ganze Liebe zu Gunhild, vom ersten Blick an bis dahin, wo sie zu mir
sagte, ich sei ein Dichter und gehre somit zu einem Menschenschlag,
bei dem eben in Gottesnamen das Schwrmen und Spinnen und Sinnieren zum
Handwerk gehre und nichts dagegen zu tun sei. Da unterbrach sie mich.

-- Die Gunhild ist ein Ladstock! Bilde dir nur ja nicht ein, du seist
etwas Besonderes oder gar etwas Rechtes. Du bist so ein kreuzfades Gestell,
da du einem blo leidtun kannst. Ich kann's jetzt nimmer lnger mit
ansehen, du wirst ja krank dabei. Von jetzt ab gehst du alle Sonntage mit
mir in den Wald, -- abends will ich dich tanzen lehren und morgen frh
wecke ich dich um fnf Uhr zum Nachenfahren und Baden, da deine Grillen
versaufen, und im Winter laufen wir Schlittschuh und fahren die Steige
hinunter, bis dir der Dusel vergeht. Kannst du schwimmen? Ja? -- Ach, das
ist dein erster gescheiter Gedanke!------

Am Morgen gingen wir in einer tauigen, khlen Frhe vor die Stadt hinaus,
Urschel pfiff durch die stillen Gassen, da hie und da ein verschlafener
Kopf sphend an den Scheiben erschien. Hinter einem Weidenbusch zogen wir
uns aus; mit einem hellen Juchzer warf sich Urschel in das Wasser und war
mit ein paar Zgen mitten im Flu, indes ich noch langsam vom Ufer abstie.
Ein herbes Lftlein wehte vom Wald herunter, der blauschwarz zu Seiten
des heiteren Tales stand; die erste Sonne lag wundervoll in glnzenden,
wogenden Lichtern auf dem Flu, die Tropfen glitzerten und Urschel kam
vom anderen Ufer herbergerudert mit einem gestohlenen Nachen, frisch und
lachend wie der junge Tag.

Da lief mir das Herz ber von einer lang verhaltenen Frhlichkeit, meine
ganze zurckgedmmte Jugend scho mir wie ein toller Uebermut in alle
Glieder; ich kletterte zu Urschel ins Boot und sang mit Macht ein
Schifferlied in den wonnigen Morgen hinaus. Wir schnellten ber das Boot
hinunter wie die Fische, da das Wasser hoch ber uns zusammenschlug,
wir pusteten in die Hhe, strampelten springende Tropfen gegen die Sonne,
spazierten ber das Wehr, wo uns das Wasser reiend ber die Fe lief, und
als die Sonne krftiger wurde, lagen wir faul im Boot, lieen uns sachte
stromabwrts treiben und sahen helle Wolken ber den Himmel gehen.

Auf dem Heimweg stiegen wir ber einen Gartenzaun, stahlen zwei taufrische
Rosen und steckten sie uns an die Blusen. Wir machten uns ber die
Weckenscklein lustig, die an den verschlossenen Haustren hingen, sahen
den Brieftrger die Postkarten lesen, ehe er sie in den Kasten warf; wir
schellten Sturm an fremden Glockenzgen und verschwanden ungesehen in
verschwiegenen Gassen.

Und am Abend trugen wir das Licht auf die Bhne hinauf, Urschel fing an
zu pfeifen, einen Walzer nach dem andern, tanzte groartig und ri mich in
einen prachtvollen Schwung hinein.

       *       *       *       *       *

Als ich an jenem Abend endlich im Bette lag und mir das Herz noch klopfte
von Tanz und Leichtsinn, als ich noch einmal den ganzen kstlichen
Tag berdachte von dem morgensonnigen Wasser an bis zu dem nchtigen
Freudenfeste, da war es mir, als sei ich der Welt urpltzlich nahe gekommen
und liege dem lieben, reichen, warmen Leben selig an der Brust.

Und ich konnte mein Gefhl nicht anders unterbringen, als in einer groen
Dankbarkeit gegen Urschel, der ich von dem Tage an nachlief wie ein
Hndlein.

Es gab nichts kurzweiligeres und unterhaltenderes als ihre Stube. Sie
war grer als meine und hatte zwei Fenster, die auf die Dachrinne
hinausliefen, wo Urschel in alten Milchhfen, Schnittlauchkisten, an
Schnren und Stbchen einen unglaublich ppigen Blumenflor zog. Die Wnde
waren von oben bis unten mit Bildern, Photographien, Zeichnungen und
Postkarten tapeziert, was dem Raum ein ungemein reiches, buntes Aussehen
gab. Die Bilder waren meist Ausschnitte aus Zeitschriften: sdliche
Landschaften, Vgel, Blumen, Schmetterlinge, die mit mehr Vorliebe fr
prchtige Farben als mit gutem Geschmack ausgewhlt waren. Ueber dem Bett
hingen in verblffender Zusammenstellung die drei erklrten Auserwhlten
Urschel's: Kopernikus, Schiller und -- Zeppelin. Woher sie den Kopernikus
hatte, wei ich nicht; es war ein schner, alter Kupferstich und ihren
Andeutungen nach vermute ich, da sie ihn einer frheren Herrschaft, bei
der er unbeachtet in einer Bhnenkammer lag, gestohlen hatte. Die drei
Herren sahen urkomisch aus, wie sie so eintrchtig ber dem Mgdebett
hingen; Kopernikus in der Halskrause, Schiller im offenen Kragen, Zeppelin
modern geschnigelt. Ihn verehrte sie wohl am heiesten; sie interessierte
sich glhend fr Flugtechnik und zeigte mir verschmt in einem verborgenen
Schchtelchen den Grundstock zu einer Luftschiffreise, die zu ihren
glnzendsten Zukunftsplnen gehrte. Es waren, glaube ich, damals sieben
Mark und zweiundzwanzig Pfennige. Auch hing an einem Faden von der Decke
herab ein kleines Flugzeugmodell, wie es Knaben zum Spielen haben und sie
strich oft zrtlich versunken ber die Rder und Propeller. Auf ihrem
Tisch lag stets aufgeschlagen der groe, schne Atlas, der mit dem Globus
zusammen wohl ihr wertvollstes Besitztum bildete. Auch hatte sie eine Masse
loser Landkarten und eine Sternkarte, die ihr aber spter einmal, als sie
nachts bei einer astronomischen Betrachtung unter dem Fenster sa, entfiel,
im Flu versank und durch keine andere ersetzt wurde.

Vom ersten Frhjahr bis in den Winter hinein hatte sie das ganze Zimmer
voller Blumenstrue stehen, deren Pflege und Erneuerung ihr viel Arbeit
machte, da sie nie einen welken duldete. Daneben versorgte sie noch eine
Schildkrte, einen Raupenkasten und einen Stieglitz, der zwischen den
Fenstern in einem grnen Kfig hing; und weil ihr die Stube immer
noch nicht voll und belebt genug war, hatte sie ihre volkstmlichen
Musikinstrumente fein malerisch auf Tischen und Sthlen ausgebreitet:
Laute, Zither, Ziehharmonika und ein Piston mit schauerlichem Ton, das
sie aus Piett fr ihren Grovater, der es geblasen hatte, als einziges
Andenken von zu Hause mitgebracht hatte.

Am kuriosesten waren ihre Bcher, auf drei, vier Kistenbrettern stand
da, neben Schillers schn gebundenen Werken, eine zerfetzte, dreckige
Indianergeschichte: der letzte Mohikaner oder Rosa, die Prrieblume; neben
Tacitus' Germania ein modernes Experimentierbuch fr Knaben, sowie die
Sagen des klassischen Altertums und ein naives, schwbisches Liederbchlein
mit derartigem Inhalt:

  Was ntzet mir mei' neus Paar Stiefel,
  Wenn's andere drin spazieren gehn!
  Und treten's mir die Abstz' ab--
  Vallera, vallera!

Geschichtliche Erzhlungen las sie am liebsten; sie konnte oft ihren ganzen
Monatslohn ausgeben, um neue zu kaufen, wie denn berhaupt Geschichte ihre
grndlichste und ernsteste Liebhaberei war. Ich lieh ihr einmal ein Buch,
das ich mir um zwei Mark gekauft hatte: ein slich modernes, uerst
heikles Werkchen eines anerkannten Schriftstellers, das mir sehr gefiel und
schon halb in Fleisch und Blut bergegangen war.

Sie brachte es mir mit verchtlicher Miene zurck. Blech! sagte sie,
weit du -- das war frher doch noch eine andere Schreiberei als jetzt.
Da schrieb man Geschichten und Schicksale der Vlker und Stmme und
allein Helden und Knige wurden es gewrdigt, einzeln hervorgehoben und
beschrieben zu werden. Und heutzutage befat sich so ein Kerl da seitenlang
mit den Gefhlen eines Kindes im Mutterleib! Ach, ich kann das gar nicht
leiden!

Und in der hellen Teufelei warf sie das Buch zum Fenster hinaus in den
Flu, rief feierlich: fahr wohl! nach und rannte lachend zur Tr hinaus.

Das war mir zu bunt, ich rief ihr zornige, emprte Worte nach; ich kaufte
mir meine Bcher, wei Gott, auch nicht gerade zum ins Wasser schmeien;
sie nahm mir's bel, und wir bekamen bittere Hndel; bis sie nach ein
paar Tagen, wie es so ihre Art war, mitten in der Nacht halb angekleidet
pltzlich vor meinem Bett erschien, mich umarmte, kte, streichelte und
mit einer Nelke, die sie an langem Stiel zwischen den Fingern hielt, halb
tot kitzelte.

Filzlusle, Herrgottskferle, Schweinebrtle! sagte sie zrtlich, bockst
du immer noch? -- und dann kte sie mich aufs neue.

Agnes, ach Agnesle, mg' mich doch wieder! Ich will's nimmer tun. Komm,
ich will dir eine Geschichte erzhlen: In Stuttgart war einmal einer
Soldat, der hatte fnf Schtze; eine Kchin, eine Kellnerin, eine
Zimmerjungfer, die ihm seine Wsche wusch, eine Nherin, die sie ihm
flickte, und eine Nette, Kleine -- zum Gernhaben. Getreulich alle fnf
Sonntage besuchte er wieder die gleiche und entschuldigte sich mit Wache
und Stubendienst. Als nun seine zwei Jahre herum waren, kam er in eine
groe Verlegenheit und htte sie gern alle wieder losgehabt. Da bestellte
er sie am letzten Sonntag alle miteinander auf den Alten Postplatz vor die
Kaserne an das ganz gleiche Pltzchen.

Erst stehen sie wohlwollend beieinander und fragen einander nach ihrem
Schatz; -- da kommt die ganze Geschichte heraus, sie fahren einander in die
Haare, und zornwtig schieben sie ab, die eine die Rotebhlstrae hinauf
und die andere hinunter, eine die Poststrae hinunter und eine die
Calwerstrae hinber, die fnfte aber die Gartenstrae hinauf, dieweil
nmlich der Alte Postplatz in Stuttgart, just wie dafr geschaffen, fnf
Ausgnge hat. Der ungetreue Schatz aber sah es von der Kaserne aus und
lachte sich die Haut voll.

Magst du mich jetzt wieder? Immer noch nicht? -- Ich will dir noch etwas
erzhlen. Wir haben zu Haus einen Tisch, bei dem das eine Paar F' krzer
ist als das andere. Mein Grovater wollte partout immer am kurzen Ende
sitzen und endlich gestand er uns den Grund. Wisset ihr, Kinder, sagte
er, wenn's Welschkornbrei gibt, lauft alle Schmlze auf meine Seit'!

Was, du lachst? Wart, es ist mir noch etwas eingefallen! In der Kochschule
seinerzeit hatten wir eine Lehrerin, die hochdeutsch sprechen wollte und es
nicht konnte. Etwa so: Urschula, hannen Sie den Spatzenteig jetzet fertig?
-- Urschula, es ischt Ihnen ebbes nagefallen! -- Urschula, mit Ihnen mu
man sich z'tot rgren!

Einmal sollte beim Nachtessen eine Wurst brig bleiben, wurde aber aus
Versehen scheint's mitgegessen. Da schnaufte sie wtig an den Tischen
auf und ab: Wer hat zwei Wurschten gegessen? Es mu ebber zwei Wurschten
gegessen han! Das schlimmste aber war, da wir's ihr nachmachten und
zwar so arg, da wir bald nimmer anders konnten und uns die
Frulein-Schneider-Sprache herausfuhr, wo wir besser anders gesprochen
htten! Es hat mich nmlich einmal ein Herr um den Weg gefragt, und ich
sagte, ohne etwas dabei zu denken: Gangen Sie nur selle Stafflen dort na!

Dabei kitzelte sie und zwickte sie mich fortwhrend und fuhr mir mit der
Nelke im Gesicht herum, da ich fast erstickte vor Lachen.

Hast du mich jetzt wieder lieb, Agnesle? fragte sie sanft und hielt mir
die Nase zu. Ja, schnappte ich, und sie lie sogleich fahren, kte mich
herzlich auf den Mund und rannte fort, ihre Ziehharmonika zu holen, auf
der sie mir dann noch bis spt in der Nacht Volkslieder vorspielte und mit
ihrer weichen, schnen Stimme dazu sang. Sie sa auf meinem Bettrand und
ihre bloen Fe wippten den Takt dazu.

-- Wir gingen an den hellen Sommerabenden oft noch hinauf in die Wiesen und
Felder, brachen Strue von Kornblumen und lagen an rot versonnten Hngen,
lachten, sprachen, sangen oder waren still und sahen die Sonne untergehen.
Dann liefen wir in der lauen Dmmerung ins Stdtlein hinunter, bummelten
durch die Gassen und Alleen, standen oft lange auf der Brcke und trumten
den ziehenden Wellen nach oder fuhren still im Nachen noch ein Stck weit
den Strom hinunter, bis die Nacht gesunken war. Daheim in Urschels bunter
Stube begann dann erst das rechte Leben; wir misteten den Tieren, besorgten
die Blumen, sprangen in der Stube herum, rauften wie die Buben und
seiltnzerten in der Dachrinne, und wir tanzten, sangen und musizierten,
erzhlten einander Geschichten und schauten in den weiten gestirnten Himmel
hinaus.

Wir saen halbe Nchte lang ber dem Atlas, dachten uns die Herrlichkeiten
der sdlichen Lnder aus und litten ungebrdige Sehnschte darnach; wir
lasen mit glhenden Gesichtern Reisebeschreibungen, Weltgeschichte und
populre Schriften ber Technik und Chemie. Unermeliche Grnde taten sich
auf vor unsern Augen, Vlker erstanden und zerfielen wieder, Schicksale
brausten wie Strme durch die Lnder, und die Zukunft lag vor uns wie
ein unendliches, schimmerndes Meer, das uns voll Gre und Ungestm
entgegenbrandete. Tausend Himmel und Welten erschlossen sich uns, von
Wundern und Schnheit und gewaltigem Leben erfllt, da wir zitternd und
scheu davor standen, und doch in der berquellenden Lust unserer jungen
Jugend uns dazu berufen glaubten, alle diese Welten zu erfassen und
alle Schnheit des Lebens zu besitzen, und wir sprten den Drang und die
mchtige Kraft dazu in uns.

-- Dieses weite, reiche Leben, das ich wie einen kstlichen Vorgeschmack
meiner Zukunft geno, zog mich so in seinen Bann und erfllte mein ganzes
Herz, da meine unselige Schwrmerei fr die schne Gunhild bald verblate
und ich wieder unbefangen mit ihr reden und verkehren konnte; es blieb nur
eine dankbare, leise Wohligkeit zurck, die ich jedesmal empfand, wenn ich
ihr nahe war oder wenn sie mich ansah.------

So gegen den Herbst und Winter hin wurde Urschel immer lebendiger und
toller, es schumte in ihr wie ein brausender, junger Most, und es
kribbelte ihr in allen Fingerspitzen von Streichen und Teufeleien. Sie
kaufte sich Feuerwerk und Frsche, die sie zu nachtschlafender Zeit in
fremder Leute Grten loslie, sie lie mit den Buben Drachen steigen und
spielte eine halbe Nacht lang unter des Dekans Schlafzimmerfenster
auf ihrer Mundharmonika die gleiche Schauermelodie wohl fnfzig Mal
hintereinander, um den frommen Herrn aus der Fassung zu bringen. Auf
Staatsbeamte berhaupt hatte sie einen unerklrlichen Pick, in diesem Punkt
war sie vollkommen Zigeunerin.

Da sie aufs Luftschiffahren vorderhand verzichten mute, mietete sie sich
ein Fahrrad und bte abends vor dem Haus mit groem Geschick. Dabei kam sie
einmal zu Fall und verstauchte den Fu. Sie schmte sich, es mir zu sagen,
hinkte in ihr Bett und versuchte, sich allein zu kurieren. Als ich morgens
nach ihr sah, fand ich den Fu bs geschwollen und mit einer unheimlichen
Salbe dick beschmiert.

Was ist das? fragte ich entsetzt.

Hundsschmalz! Es hilft immer! sagte sie berzeugt.

Es half aber diesmal nicht, und Urschel mute eine gute Zeit lang im Bett
bleiben. Ich habe jene Tage noch wohl im Gedchtnis; es ist mir, als habe
sie sich nie liebenswrdiger, witziger und heiterer gezeigt als damals.

Manchmal lag sie den ganzen Tag still und spielte Mundharmonika oder
schnitt Papierpuppen aus, mit denen sie auf ihrer Bettdecke Schillers
Dramen auffhrte; auch konnte sie groartig Karikaturen zeichnen; ich habe
mir damals eines dieser Bltter ausgebeten und bewahre es mir noch heut.
Es zeigt die schne Gunhild und mich als schmachtende Anbeterin unter einem
Regenschirm, auf dem ein Amor sitzt und uns beide am Bndel hlt.

Immer aber war Urschel am Abend, wenn ich zu ihr hinaufkam, zum Platzen
voll von lustigen Einfllen und Geschichten, auf die sie sich den einsamen
Tag ber besonnen hatte. Ach, was haben wir damals zusammen gelacht! Sie
zeigte mir ihre vielen Narben und Schrammen, die sie am Leib herum trug und
die sie sich alle durch ihren bodenlosen Leichtsinn auf hnliche Weise
wie den bsen Fu zugezogen hatte; zu jeder wute sie ein witziges,
romantisches Anekdtlein zu erzhlen.

Ich habe so oft mit dem Tod gespielt, immer mit dem trstlichen Gedanken:
Unkraut verdirbt nicht! Es ist auch wahrhaftig wahr. Bis auf ein Nrblein
und ein Blau-Mal hat es mir nie etwas getan. Nun bin ich doch gespannt,
ob ich, wenn ich einmal ernstlich den Tod suche, auch wirklich umzubringen
bin! Ich glaube eben, der Tod will mich nicht.--

Weit du, fuhr sie fort, wenn ich mir einmal das Leben nehmen will,
steige ich an einem schnen Tag auf einen Kirchturm, ganz hoch hinauf auf
die oberste Brstung, tue die Arme auseinander und springe hinunter. Dann
habe ich mein Gelste gebt.

Von ihrer Kindheit wute sie in so glhenden Farben zu erzhlen, da mich
nachtrglich noch der helle Neid stach, weil ich nichts dagegen aufzuweisen
hatte, als etwa den alten Kirchhof. Als ich ihr's sagte, zog sie mich zu
sich aufs Bett und streichelte mich.

O du armer, armer Tropf du! Hat einen Kirchhof voll Begrabener zur
Unterhaltung gehabt! -- Der Herrgott sollte dich nachtrglich noch um
Verzeihung darum bitten, da er dich um das alles, was du damals hast
entbehren mssen, betrogen hat!

Damals haben wir auch zusammen Scheffels Werke gelesen. Urschel war auer
sich vor Freude darber. Der Ekkehard lag von da ab immer unter ihrem
Kopfkissen, und ich kann sie mir nie schner und seelenvoller denken,
als wenn sie mit mir durch den Wald lief und ein Lied dieses ihres
Lieblingsdichters in die Bume hinaufsang.

Im Winter liefen wir Schlittschuh und schlittelten verbotene steile Steigen
hinunter. Einmal wurden wir ertappt und von einem Polizeidiener gehrig
heruntergeputzt. Urschel lachte ihn aus und fuhr am nchsten Abend wieder
dort; da kam sie in des Polizeidieners Buch und mute zehn Mark Strafe
zahlen. In der hellen Wut stieg sie in des dicken Amtsrichters Garten und
schuf von dem frisch gefallenen Schnee ein kstlich getreues Abbild
des gestrengen Herrn mit einem gewaltigen Bauch und setzte ihm ein
Narrenkpplein auf. Sodann aber sammelte sie die zehn Mark in einzelnen
Pfennigen, packte sie suberlich zusammen und schickte sie aufs Rathaus.

Ich mchte dabei sein, wenn sie's zhlen, rief sie grimmig vergngt.

-- Am Sylvesterabend saen wir in meiner Stube, die einen Ofen hatte; wir
tanzten, brauten ein Pnschlein, und als es gegen Mitternacht ging, gossen
wir Blei. Zuerst kam ich: ein lngliches, dnnes Stcklein schwamm in der
Schssel.

Ein Wanderstab, meinte Urschel.

Es kann auch ein Federhalter sein, sagte ich nachdenklich.

  La das Dichten, sag's in Prosa!
  Was du weit, ds ka'scht au so sa!

sprach Urschel feierlich.

Als sie dran kam, lag ein wunderliches, geschnbeltes Gebilde im Wasser.
Ein Storch! schrie sie erschrocken; denn sie war furchtbar aberglubisch.
Ganz vernagelt sah sie auf meinen Fenstersims; als die Glocken durch die
klare Winternacht luteten, bekam sie wieder Mut. -- Ach was, es hat nicht
gegolten!

Und sie go noch einmal. Als es dann so etwas wie ein Herz war, war sie
zufrieden.

Die Nchte vor Fastnacht tanzte sie durch. Sie war auf jedem Maskenball,
in einem Spanierkostm, das ihr zu den schwarzen Haaren prchtig stand.
Morgens um fnf Uhr kam sie heim, schlich leise wie ein Vogel die Treppen
herauf, kte mich lachend wach und warf mir Konfetti bers Bett. Sie war
sehr, sehr hbsch in diesen Augenblicken, wenn sie mit dem Treppenlmpchen
auf mich herableuchtend, in dem fremdartigen Kostm vor mir stand,
strahlend vor Lust und Leichtsinn.

Auf einmal, im Mrz, als der Schnee taute, hatte sie einen Schatz. Er war
ein Schulmeister und sie hatte ihn an der Fastnacht kennen gelernt. Ich
bekam ihn lang nicht zu Gesicht; endlich an einem Sonntag im Mai ging
ich mit den beiden spazieren. -- Er hatte lange strohblonde Haare und ein
hbsches, freches Gesicht, das mir nicht recht gefiel. Besonders in seinen
Augen lag ein Ausdruck, den ich mit dem besten Willen nicht von dem Funkeln
unseres Katers unterscheiden konnte, wenn er in Frhjahrsnchten zu seiner
Ktzin ging.

Ich sagte es ihr, aber sie entgegnete nichts. Ein paar Tage drauf, an einem
ungewhnlich heien Maimorgen gingen wir zusammen zum Baden an den Flu.

Urschel war seltsam verstimmt. Was hast du? fragte ich.

Ich sag dir's auf dem Wasser, sagte sie verbissen.

Als wir miteinander mitten im Flu schwammen, stupste ich sie. Jetzt
sag's!

Da fuhr sie auf mich los wie eine wilde Katze, tunkte mich und ri mich
wieder herauf. Du Luder, du scheinheiligs, was geht dich mein Schatz an?
Hab ich dich drum gefragt? Braucht er denn dir zu gefallen, du Krott,
du elende! Wart, dich will ich dein bses Maul halten lernen! Und sie
schttelte mich wie toll, ri mich unters Wasser und sa mir im Genick, da
mir Hren und Sehen verging.

Willst du noch einmal etwas gegen den Schulmeister sagen?

Nein, -- sagte ich schwach und schwamm, als sie mich loslie, schnell ans
Ufer und ging schwer emprt und beleidigt heim.

Ich schaute sie ein paar Tage nicht an; aber sie fehlte mir unbeschreiblich
und ich beschlo, meine zweite Freundin nicht wieder wie die erste um einer
Liebschaft willen zu verlieren. Auch gefiel es mir, da sie ihren Schatz so
streitbar verteidigt hatte, und es dnkte mich, wohl so das Rechte zu sein,
wenn man eine Liebschaft habe.

Dann vershnten wir uns wieder. Urschel war herzlich und lieb, und ich
mute ihr versprechen, am nchsten Sonntag mit ihr und dem Lehrer spazieren
zu gehen.

Nie war sie toller und ausgelassener als an jenem Nachmittag. Wir gingen
einen schnen Weg durch Wiesen und heiteres Land, und Urschels hellblaues
Kleid leuchtete festlich zwischen dem jungen Grn. Sie lachte und schwtzte
in einem fort, hatte den einen Arm um den Blonden und den andern um mich
gelegt und erzhlte Geschichten, da uns die Trnen kamen vor Lachen.

In einem Wirtsgarten aen wir zu Abend, tranken roten Wein dazu, und als
Urschel vom Haus her Tanzmusik hrte, tat sie einen Schrei vor Entzcken
und ri uns lachend und glhend mit hinein.

Spt in der Nacht kamen wir heim; unten vor dem Hause hatten die beiden
Verliebten noch ein Geflster und Heimlichtun miteinander, das kein Ende
nehmen wollte. Schlielich schlo ich das Haus auf und machte mich daran,
allein hinaufzugehen. Ich komme gleich nach! rief Urschel, und der Blonde
grte.

Dann lag ich rgerlich in meinem Bett und horchte in die Dunkelheit hinein,
bis ihr leichter Schritt die Treppe heraufkme. Und dann pltzlich war
drauen ein Gerusch und kurz darauf in Urschels Kammer ein leises Lachen.
Ich sprang auf, lief vor ihre Tr und rttelte an der Klinke.

Urschel!

Es blieb alles totenstill.

Da wurde es mir auf einmal ganz elend und schwer in allen Gliedern; ich
lief in meine Kammer zurck, schlo die Tr hinter mir zu und lag dann
schluchzend in meine Kissen vergraben, bis ich mich in Schlaf geweint
hatte. Von Urschels Kammer nebenan war kein Ton mehr zu mir gedrungen.

------ Von jenem Sonntag an konnte ich mich nimmer ber Urschel beklagen.
Den Blonden schien sie vergessen zu haben; sie war nur noch fr mich da,
hielt mich umschlungen, wenn wir abends unterm Fenster saen und spielte
mir meine Lieblingslieder vor. Oft, wenn ich morgens erwachte, sah ich sie
in einem erschpften Schlaf mit verweinten Augen vor meinem Bett auf dem
Boden liegen, und wenn ich sie erschrocken weckte und befragte, kte sie
mich:

Ach, ich mchte eben immer bei dir sein!

Sie wurde noch fleiiger als vordem, zart und leise, und ihr Gesicht war
voll schmerzlich beseelter Schnheit; alles Wilde und Trichte fiel von ihr
ab. Sie nahm ihre vielen Bildchen von den Wnden und verschenkte sie. Den
Stieglitz lie sie fliegen, und die Schildkrte setzte sie in einen Garten,
da Kinder sie finden konnten. Mir blutete das Herz, wenn ich die frhliche
Stube so zerstrt sah; sie streichelte mich aber und fragte mit traurigem
Lcheln: Gelt, ich bin arg dumm gewesen frher! Jetzt bin ich gescheit;
ach, so kalt und grausam gescheit. Ich wei jetzt alles!

Nur die drei Mannen ber dem Bett blieben hngen in der ganzen Gre ihrer
Unsterblichkeit.

Dann kam jener schne traurige Abend im Juli. Urschel brachte eine Dte mit
groen, schwarzen Kirschen, wir saen im Abendschein unter ihrem Fenster,
aen und spuckten die Steine weit hinaus.

So ist es schn, Kirschen zu essen; an einem offenen Fenster, worunter ein
Flu vorbeifliet, da die Steine ungesehen verschwinden, sagte sie und
fing dann so unters Essen hinein leise zu erzhlen an, von Kirschbumen in
ihrer Heimat, von dem Stieglitz und von den Seiltnzern.

Du Agnes, sagte sie dann traurig, ich werde doch wohl keine Zigeunerin
sein. Ich glaube, ich bin zu sauber dazu; ich kann den Schmutz nicht an mir
leiden.

Nach einer Weile fragte sie ganz unvermittelt: Weit du, was die alten
Deutschen mit ihren schlechten Dirnen gemacht haben? Es ist mir so, als
htten sie sie in den Sumpf gejagt.--

Weit du's nicht?

Ich schttelte verwundert den Kopf und meinte, ich knne ja in irgend einem
Buch nachschlagen.

Nein, la nur, sagte sie. Es wird wohl stimmen mit dem Versufen!
Darauf seufzte sie leise und schwieg.

Spter, als es dunkel war, gingen wir noch zusammen an den Flu hinunter.
Es war eine wundersame stille Nacht, Brcke und Wasser lagen schimmernd im
feierlichen Lichte des Mondes, ber uns aus dem tiefblauen Grunde brachen
die Sterne so gro und deutlich leuchtend, da Himmel und Erde einander
nahe gekommen schienen in schweigender Schnheit.

Wir saen auf der Brcke, ergriffen von dieser Nacht, deren mchtige,
stumme Sprache in uns weiterredete, lauter und unbezwinglicher als in all
der Zeit, seit wir uns kannten. Ich legte mein Gesicht in ihren Scho,
groe, warme Trnen fielen aus den lieben Augen darauf nieder; sie
trocknete mir's mit ihrer Schrze und liebkoste mich stumm und innig.

Als wir dann aufstanden und weitergingen, sagte sie leise: Du bist ein
guter Kerl, Agnes. Aber ich glaube, du hast zu wenig dumme Streiche in
deinem Leben gemacht. Das ist nicht gut.

Dann lachte sie. Ich habe die meinigen gemacht und sie haben mich genug
gedrckt. Aber jetzt sind sie alle so leicht geworden, und wenn ich in den
Himmel komme, fliegen sie lustig und gemtlich wie Pfeifenwlkchen um meine
arme Seele herum, da der liebe Gott lachen mu und das Schimpfen vergit.

Wir machten ein Boot los und fuhren noch bis Mitternacht auf dem glnzenden
Wasser, dann ruderte sie mich ans Ufer und bat mich, heimzugehen, sie wolle
spter nachkommen.

Und als ich ans Land steigen wollte, da ri sie mich noch einmal ins
Schifflein zurck, prete meinen Kopf an ihr Herz und kte mich hei und
zitternd wie in Angst und Leidenschaft.

Sei doch nicht so wild und so wunderlich, -- du. Du machst mir ja Angst,
sagte ich. Komm, wir wollen uns die schne Nacht nicht verderben!

Ja, -- ich bin gleich ruhig. Aber, und dann fing sie auf einmal an, leise
zu lachen, wenn ich nun zum Beispiel heute Nacht ins Wasser sprnge, --
gelt, dann kme das Amtsgericht um die fnfundzwanzig Mark Strafe, die ich
noch schuldig bin? Ach, das tte mich noch in der Ewigkeit freuen!

Sie wurde aber gleich darauf wieder ernst und still und in ihren Augen
waren Trnen.

Dann half sie mir ans Land steigen, bot mir zum Abschied noch beide Hnde
herauf und sagte leise: Gute Nacht, Agnes. Wenn du einmal nach Spanien
kommst, sag einen Gru von mir! Darauf stie sie ab und blickte nimmer
zurck.

Ich schritt langsam heim und war sonderbar ergriffen. Aber nicht
traurig wie in jener andern Nacht, da Urschel den Blonden mit zu sich
heraufgenommen hatte, sondern glcklich und von einer tiefen, dankbaren
Freude erfllt, darber, da ich einen solch schnen, kstlichen Menschen
zum Freunde hatte wie meine Urschel. Noch vor dem Einschlafen fuhr ich ber
meine Wange, wo ihre Trnen und Ksse hingefallen waren und nannte zrtlich
ihren Namen.

Liebe, liebe Urschel!------

Am nchsten Morgen war Urschel verschwunden. Man fand ihre Schrze und
nassen Kleider am Flu; die Leute sagten, sie sei ins Wasser gegangen, weil
sie von dem Schulmeister ins Unglck gebracht und verlassen worden sei,
und Mnner mit Stangen suchten am Flusse nach ihr. Ach, ich glaubte es nun
auch, ich meinte, es noch gewisser zu wissen, als die andern!

Es war alles so namenlos traurig und schwer und entsetzlich.

Die Mnner fanden sie nicht; der Leichnam war wohl vom Flusse mit
fortgerissen worden.

-- Nach acht Tagen bekam ich einen Brief.

Liebe Agnes, ich bin in Hamburg. Damals in der Nacht habe ich mich im
Flu ertrnken wollen; ich bin aber nicht untergegangen, weil ich so gut
schwimmen konnte; es war zum Lachen. Jetzt ist es mir auch so recht. Ich
will nach Amerika. Wenn ich drben bin, schreib ich Dir wieder, und wenn es
schn ist, mut Du auch kommen; dann freue ich mich.

Du wirst schon wissen, warum ich es habe tun wollen. Aber ich fange jetzt
an, es lieb zu haben. Wenn es ein Mdchen wird, heie ich es nach Dir.
In Hamburg gefllt es mir gut; ich war schon am Hafen und habe Schiffe
gesehen; sie sind blo ganz frchterlich viel grer, als ich sie mir
vorgestellt habe. Wenn ich bei der Ueberfahrt nur auch die Maschinen sehen
darf! Neger habe ich auch schon gesehen und gestern einen Chinesen.

Viele Gre und einen Ku von Deiner Urschel.

-- Ich lachte und weinte, war halb nrrisch vor Freude und las den Brief
wohl hundertmal. Ach, das war sie, wie sie leibte und lebte; meine liebe,
liebe Urschel!

-- Sie hat mir nie mehr geschrieben.

Es ist mir, als habe ich es dazumal schon leise und dunkel geahnt, da
sie mir fr immer verloren sei. Und doch war es nun, da ich sie auf einem
Schiff ber's Meer fahren wute und einer neuen, begehrlich ersehnten
Zukunft entgegen, lange nicht so trbe und furchtbar, und tausendmal
besser zum Ertragen fr mich, als wenn sie die Stangenmnner vom Flusse
aufgefischt htten.

Aber die frhliche, helle Flamme meines Lebens fiel jh in sich zusammen,
nun, da ihr die Nahrung ausging. Es ist mir vergnnt gewesen, eine Zeitlang
von eines prchtigen und schnen Menschen Leben mitgerissen zu werden und
aus seinen Augen die Welt zu sehen; da war sie reich und bunt und voller
Leben und Ereignis und Unerschpflichkeit, und unser Schicksal war das
der Welt, weil wir khn mitten drin uns treiben lieen wie ein Boot auf
bewegtem Wasser, selber bewegt, selber vom Wind und Sturm getrieben und dem
groen, weiten Meer zusteuernd.

Und nun mit einem Schlage hatte ich mein eigenes, kleines, jmmerliches
Dasein wieder, und sah mit Entsetzen, da ich nicht Kraft und Witz und
Frhlichkeit genug hatte, es allein so weiter zu fhren, wie es vorher mit
Urschel gewesen war. Mein Schickslchen lief grau und armselig weiter und
wartete auf den groen Strom und das weite Meer, dem wir damals so nahe
standen, und mute noch lange warten.

In einer halb blden Stumpfheit lebte ich die nchsten Monate vor mich hin.
Einmal noch kam all der Schmerz grausam neu ber mich; in der Stunde, da
ich mein Erbe antrat: da ich den Schiller, Kopernikus und Zeppelin von der
Wand nahm und ihn unten in meinem Koffer barg.

Tags darauf zog in einem schwarzwollenen Kleid und mit falschen Zhnen eine
dicke Nane nebenan ein.

       *       *       *       *       *

Schon von meiner Kindheit an war ich gewhnt, mit irgend jemand in
herzlicher Vertrautheit zu leben und alles zu bereden, was mir auf der
Seele lag. An Margret und an Elsbeth hatte ich mit der gleichen,
warm erwiderten Liebe gehangen; und nun, da durch Urschels wundersame
Freundschaft alle Hingabe und Liebe und Neigung in mir geweckt und
erwartungsvoll war, stand ich allein, suchte vergebens nach einem Menschen,
dem ich meine Liebe schenken knnte, und das schwere Blut meines Vaters
regte sich in mir dunkel und drngend.

Und da war es wieder die Neigung zu der schnen, khlen Frau Gunhild,
die mich packte wie ein toller, ungebndigter Sturmwind, und es war keine
Urschel mehr da, die mich mit treuen, frhlichen Hnden davor bewahrte.

Wenn sie an mir vorberging, klopfte mir das Herz vor Beklemmung, ich
zitterte, wenn sie mich rief oder ansah und wenn sie mit mir sprach, kamen
mir Trnen in die Augen. In den einsamen, schwlen Sommernchten machte
mich die Leidenschaft halb verrckt; ich kte im Flur ihren Hut und ihre
Schuhe, manchmal schlich ich mich lautlos vor ihre Schlafzimmertr, warf
mich auf den Boden und krampfte meine Finger in die Matte. Und ich dachte
oft in schmerzlicher Verwunderung, wie es denn mglich sein knne, da
diese ungeheure Kraft so ganz verloren und ohne Widerhall bleiben knne;
ob es da nicht geheime Strmungen gbe, Fernwirkungen, die Trger und
Ueberbringer solcher stummer Sehnschte wren. Ach, sie mute es doch
spren, da ich sie lieb hatte!

Schlielich wurde ich mager und md und kam in der Kraft und Gesundheit
herunter; ich vernachlssigte meine Pflichten, und eines Abends, als ich
den Tisch vom Nachtessen abrumte, stellte sie mich zur Rede.

Was ist mit Ihnen, Agnes? Sind Sie krank?

Da sagte ich ihr mit abgewandtem Gesicht alles, wie ich sie lieb htte und
die Not meiner Nchte. Ich fragte sie traurig, ob sie es denn nicht gesprt
habe, da ich ihr leidenschaftliche Liebe entgegenbringe und Tag und Nacht
sehnschtig an sie denke.

Sie schwieg lange, wie es so ihre Art war. Dann sprach sie langsam: Nein,
ich habe nichts gesprt. Und dies kommt daher, weil ich nichts spren will!
Sehen Sie, ich kann so etwas nicht verstehen. Kmpfe und Schmerzen hat ein
jeder Mensch, auch ich; aber es ist etwas in mir, das mich davor behtet,
von einer Leidenschaft so jmmerlich haltlos gemacht zu werden, wie
Sie. Ich bin mir einfach zu gut dafr; ich habe es nicht ntig, jemand
nachzulaufen, der meine Liebe nicht mchte. Und ich will es Ihnen offen
sagen: die Leute, die so wenig Stolz und innere Kraft haben, da sie nicht
Herr ber sich selber werden, die verachte ich; eine solche Liebe ist
keines rechten Menschen wrdig, und ich mchte nicht, da mich -- so --
etwas -- berhre.--

Dann faltete die stolze Frau ihre Serviette zusammen, verlie das Zimmer
und lie mich unsagbar verwettert und keines Wortes mehr mchtig zurck.
Wie betubt starrte ich auf ihren leeren Stuhl und als ich mich endlich
wieder gefat hatte, schlich ich mich leise hinaus und die Treppe hinunter,
um meinen Jammer an den Flu zu tragen. An einer Stelle, unweit des Wehres,
wo ich oft mit Urschel gesessen hatte, und wo man weit ber das Tal sah,
setzte ich mich ans Ufer, zog meine Schuhe und Strmpfe aus und hngte die
Fe ins Wasser, -- und bedachte, da es wohl das beste wre, ich tue das,
was meine Urschel nicht fertig gebracht hatte.

Es war ein schwler, von einer seltsam bangen Unruhe erfllter Abend; ein
schweres Wetter stand am Himmel, im Westen schoben sich die Wolken ber
einem verhaltenen Leuchten, und in wunderbarer, blulicher Klarheit und
Nhe lagen Berge und Tal und Flu in der fahlen, dnnen Gewitterluft. Dicht
ber dem Wasser aber strichen zahllose Schwalben, wie in angstvoller Hast
mit sausendem Schwirren hin und her; dazu hrte man neben dem Rauschen
des Wehres hie und da einen dumpfen Donner ber das Gebirge her in die
gespannte, lauernde Stille hinein.

Und wie ich nun in Elend und Trauer daran dachte, da gerade ich, die das
drstende, begehrende Blut meines Vaters hatte, das mir schier die Adern
sprengte vor drngender, sehnschtiger Gewalt, alle Menschen, die mir lieb
waren, wieder verlieren msse, -- da ich Elsbeth und den Vikar, Urschel
und die schne Gunhild im Geiste vor mir sah und wie hei und echt ich
sie liebte und Schmerzen um sie litt und Leidenschaften verwrgte, und nun
erkennen mute, da mir keines von ihnen mehr blieb, -- da ich das Leben,
das ich glaubte in Tanz und frhlichen Nchten verstanden und besessen
zu haben, so nackt und unverhllt in seiner eigenen, nchtigen Unruhe und
stummen Sehnsucht sah, da fiel es mir urpltzlich wie ein Schleier von
den Augen; es erging mir wie Urschel, da sie sagte: ich bin so grausam
gescheit; ich wei jetzt alles!

Es kam eine Erkenntnis ber mich, schmerzlich freilich, grausam
schmerzlich, und doch wie ein gttliches Licht: ich wute, da ich das
Leben nicht gekannt hatte bis zu dieser Nacht und da es viel trauriger
und viel schner sei als ich je geglaubt hatte. Ich sah ein, da man keinen
Schmerz umsonst leide, ja, da Schmerzen und Verluste sein mten, um einen
reif und weise und wahrhaft glcklich zu machen. Und ich gelobte, kein Leid
und keine Sehnsucht mehr in so lppischer Ungebrdigkeit auszutoben wie die
Liebe zu Frau Gunhild; was von jetzt an an Schmerzen ber mich kme, wollte
ich bewut und still und eines tapferen Menschen wrdig hinnehmen und
tragen. Und ich war froh, da mir das Leben stumm seine traurigen Hnde
bot, da ich sie ergreife und mittue; jetzt, in Not und Einsamkeit, da
ich nichts anderes mehr hatte, kam die gtige Mutter Natur selber, mich zu
trsten, und ich sah in einer jhen Offenbarung ihre allmchtige Schnheit
und Gre.

Es wurde dunkel um mich; die Nacht hing in vielen drngenden, unerlsten
Gewittern; es fiel kein Tropfen, nur irre Lichter zuckten ber den
verwlkten Himmel, und der schwle Wind fuhr durch die Uferbsche. Und mit
jedem Wetterleuchten wurde es klarer in mir und gewisser; und als ich die
Fe aus dem Wasser zog, war ich ein anderer Mensch als vorher. Ich brachte
es nicht ber mich, meine Schuhe anzuziehen; ich mute meine liebe Erde
unter den bloen Fen spren und meinte, sie damit zu liebkosen.

Und als ich nun, die Strmpfe ber die Achsel gehngt, ber die Brcke
heimwrts lief, dichtete ich einen Lobgesang an das Leben: O du liebes,
wonniges Leben, wenn du nichts wrst als Frhling und Sommer und Winter,
so wrst du dem, der dich mit offenen Augen sieht, nichts als Lust und
Unerschpflichkeit; und wrst du nichts als Lieben und Schmerzenhaben und
Geliebtes wieder verlieren, so wrst du kstlich und wundersam!

Und es fielen mir Lieder ein und Gedanken, und ich fing an zu dichten
und dachte lachend, wie es schon einmal ein Fubad gewesen sei, das mich
derartig angeregt habe und beschlo, falls ich das Dichten einmal ntig
htte, mich wieder eines solchen zu bedienen.--

Am andern Morgen kndigte ich Frau Gunhild meine Stellung; sie sah
mich ruhig und ein wenig mitleidig an; nun, da ich mich selbst nimmer
bemitleidete, rhrte es mich nimmer, und ich kam glatt ber den
gefrchteten Augenblick weg. Dann schrieb ich auf ein Kindermdchen-Gesuch
in einer Zeitung, schickte Gunhilds Zeugnis hin und bekam die Stelle.

Am ersten Oktober reiste ich. In einer windigen Morgenfrhe fuhr ich noch
einmal ber den Flu, lief ber Brcke und Markt, und es war mir wehmtig
und froh zugleich zu Mute. Als ich Frau Gunhild zum letztenmal die Hand
gab, blickte ich sie mutig und zuversichtlich an und hatte die Freude, noch
einmal jenes kstliche, liebe Lcheln an ihr zu sehen, das mir wie eine
freundliche Verheiung fr mein ferneres Schicksal dnkte.

Nur ganz am Schlusse, als ich schon im Eisenbahnwagen sa, bermannte mich
noch einmal der Schmerz um alles, was ich hier zurcklie; der Zug fuhr
langsam zum Stdtlein hinaus, in der Platanenallee war es schon herbstlich
kahl; ich konnte zwischen den Stmmen eine Reiterin erkennen, die in
langsamem Trab daherkam und dem Zug nachschaute. Es war Gunhild; und als
ich die stolze Frau noch einmal so fein und kniglich auf ihrem Pferd
sitzen sah, lief es mir hei die Backen hinunter. Ich blickte nach ihr
zurck, solang ich sie sah und weinte bitterlich.

Mir ist, als habe sich von jener Reise an in meinem Leben eine bedeutsame
Wandlung vollzogen; war ich seither, durch Kindheit und frhe Jugend
gleichsam wie von einem gemchlichen und eigentlich garnicht zu mir
gehrigen Strom zumeist durch traurige oder doch sehnschtige und
halberfllte Zeiten weiter gesplt worden, so wurde jetzt mein Fahrwasser
zur Brandung, ich stand mitten drin in Wirbeln und Geschehnissen, und es
wurde mir wohl bewut, da dies zu mir gehrte, denn ich mute streiten und
mich wehren und festhalten, da ich nicht unterging.

Wiewohl mein Leben auch heute noch bewegt und bunt genug hinluft, so hat
es doch mit jenen Strmen nichts mehr zu tun; das alles drngte sich damals
in ein paar kurzen Jhrlein zusammen. Mit jener Reise war das zarte und
trumerische Vorspiel zu Ende; brausend und hinreiend brach nun die groe
und seltsame Musik meines Lebens ber mich herein.

Zunchst ging es nun noch betrblich und langweilig genug zu.

Ich kam in eine fremde groe Stadt als Kindermdchen, und ich, die Krfte
gehabt htte, sechs wilde Buben zu versorgen, mute nun, ohne da ich
im Haushalt mitangreifen durfte, ein kleines, schlfriges und sanftes
Mdelchen hten. Des Abends um neun Uhr mute ich im Bette liegen und
whrend der Nacht sollten fein suberlich Fenster und Lden geschlossen
bleiben, da ich mit der Kleinen in einem Zimmer schlief.

Ich durchlebte Stunden voll namenloser, drngender Unruhe, in denen
sich meine Jugend, Gesundheit und Schaffenslust emprten gegen dieses
aufgezwungene Migsein, -- Augenblicke, in denen alles an mir zitterte
vor zurckgedrngter Kraft und Vollbltigkeit und deren unerlste Qual mich
bedrckte wie eine Krankheit. Manchmal befiel mich dieses Fieber am
Tage, wenn ich Leute schwere Arbeit tun sah, manchmal abends, wenn ich im
Vorbergehen aus festlichen Slen Tanzmusik hrte, meistens aber in der
Nacht, wenn ich ohne Schlaf und Mdigkeit auf meinem Bette lag und alle
Sehnschte, aufzustehen und etwa ein Stck in die Nacht hinauszulaufen, in
mir unterdrcken mute, da ich das Kind nicht allein lassen durfte.

Und ich war es doch gewhnt, die halben Nchte durchzuschwrmen! Nun lag
ich trostlos allein im Dunkeln, durfte kaum ein Fensterriegelein offen
haben, inde doch von drauen mein liebes Leben in vielen lockenden Stimmen
herein drang. Und meine wache, begehrende Seele lag wie ein gefangenes
Raubtier und durfte nicht mittun, und jeder Katzenschrei in der Ferne
konnte mich zum Sthnen bringen vor Jammer.

Die langen Winterabende verbrachte ich so gut es ging mit Lesen; auch fing
ich, halb aus Langeweile, halb aus wirklichem Interesse an, mein bichen
Franzsisch und Englisch aus der heimatlichen Realschule weiter zu treiben;
doch fehlte mir hierzu die Konversation und zum ersten ein geistiges
Gewecktwerden berhaupt. Wohl hatte ich mit Urschel zusammen geschichtliche
Romane und Dramen mit Genu und Verstndnis gelesen, aber die moderne
Literatur und vor allem Lyrik schienen mir lediglich Empfindung und
Ausdrucksform einer gebildeten, mir unendlich fernstehenden Menschenklasse
zu sein, davon ich mich bald im Innern unberhrt abzog und deren Sinn mir
unverstndlich und unerschlossen war.

Im Frhsommer aber ging mir wieder ein Trlein zum Leben auf. Mein
Pflegling bekam den Keuchhusten und wir verreisten zum Zwecke einer
Luftvernderung in eine hochgelegene und waldreiche Gegend, um fr einige
Wochen in einem von allem Verkehr meilenfernen lndlichen Wirtshaus Wohnung
zu nehmen. Das Anwesen lag einsam inmitten Wiesen und Wald; man ging
bis zum nchsten Dorf wohl eine Stunde. Es war ein groer Bauernhof mit
Knechten, Mgden und vielem Vieh; frher hatte das Wohnhaus, hart an der
Landstrae gelegen, den vorbeiziehenden Fuhrleuten als Herberge gedient,
nun war es zu einer Art Kurhaus umgewandelt, und man wute nicht, machte
es die kstliche Luft da droben oder die gedeihliche Sorge der alten Wirtin
fr das Leibliche, die es einem so wunderlich wohl werden lie.

Mit brennendem Neide sah ich die Mgde auf dem Hof und in den Stllen
ihre Arbeit tun, hrte am frhen Morgen, wenn sie aufs Feld fuhren, ihr
Gelchter und ihre frhlichen Stimmen, und an den Sonntagen stand ich mit
zuckenden Fen an meinem Fenster, wenn ich wute, da sie drben in der
Scheuer mit den Knechten tanzten und die dnne Drehorgelmusik mir in den
Ohren war. Einmal, als man die ersten Heuwagen einfhrte und alles, was
auf dem Hof war, mit uerster Kraft das seine dazu tat, um vor einem
heraufziehenden Wetter das Heu hereinzubringen, lie ich das Kind allein
im Zimmer oben sitzen, rannte verbotenerweise in den Hof hinunter und half
diebisch vergngt beim Abladen. Die Wirtin sah es im Vorbeigehen, nickte
mir zu und lachte ein bichen; auch sprach sie spter am Abend, als wir
uns im Haus oben begegneten, eine Weile mit mir, wie dies schon fters
geschehen war. Ich fate zu der freundlichen und klugen Frau ein
sonderbares Zutrauen, schttete ihr mein Herz aus und sagte mit etlicher
Verzweiflung, da ich es in diesem faulen und unttigen Zustand nimmer lang
aushielte. Sie sagte aber nichts darauf und bot mir bald Gute Nacht.

Am andern Morgen, als ich mit der Kleinen frh ein wenig spazieren
lief, sah ich sie durch ihre Aecker gehen, um zu besehen, was das Wetter
geschadet habe. Als wir nher kamen, rief sie uns zu sich her und sagte,
sie wolle etwas mit mir besprechen. Ich sah sie erstaunt an.

Ich mchte Ihnen einen Vorschlag machen, begann sie. Ich mchte Sie
Ihrer Herrschaft nicht abspenstig machen; aber wenn Sie sich _doch_ einmal
eine andere Stelle suchen, -- dann knnen Sie zu mir kommen. Ich bin eine
alte Frau und komme mit manchem, was getan sein sollte, nimmer so recht
zustande; z.B. mit dem Briefschreiben und der feinen Wsche, Flicken und
solchen Sachen. Eine Bauernmagd kann ich dazu nicht brauchen, und meine
eigenen Kinder sind verheiratet und weit fort von hier. Sie sollen es
gut haben bei mir, auch im Lohn; und Sie knnen das Kochen lernen und das
Feldgeschft, wenn Sie das doch so gern tun.

Als sie aber meine freudige Rhrung heraufsteigen sah, fgte sie schnell
hinzu: Sie drfen sich die Sache aber nicht so leicht vorstellen; Sie
mssen schaffen wie ein Ochs und was dran kommt, -- man kann da bei uns
keinen Unterschied machen. Auch sagt man hier nicht Frulein zu Ihnen, wie
Sie das wohl gewhnt sind, und Sie mssen mit den andern Mgden und den
Knechten in der Kche essen. Ueberlegen Sie sich's wohl; ich will jetzt
noch gar keine Antwort.

Mir scho einen Augenblick durch den Kopf, da, wenn Frau Grifflnder
damals nicht gestorben wre, ich jetzt wohl Studentin sein knnte, auch,
da ich in der Schule einstens Englisch gelernt habe und da mein Bruder
ein gelehrter Herr sei; -- und da ich trotz alledem eben im Begriff
war, als Bauernmagd auf einem weltfernen Hof zu landen, wo ich mit den
Roknechten und Sutreibern zusammen am Tisch essen mute.

Aber es brachte mich blo zum Lachen; ich streckte der alten Frau, rot vor
Freude und Dankbarkeit, die Hand hin: Ich kann es Ihnen jetzt schon sagen,
Frau Finkenlohr; ich wei es heut so gut wie in einem Vierteljahr: ich
komme, sobald ich kann!

Somit war der Bund geschlossen; wir lachten eins das andere an, und
nach sechs Wochen hielt ich in einer stillen, niedlichen Stube des alten
Wirtshauses meinen Einzug.




Drittes Buch


Das Haus hie Zum gottlosen Zinken; und wenn dieses sich auch aus seiner
ruhmreichen Vergangenheit, wo es allem fahrenden Volk und Gesindel zum
Unterschlupf gedient hatte, schon einigermaen erklren lie, so kam mir
der Name zu Anfang doch mchtig befremdlich und lcherlich vor. Hr ich
ihn aber heute, nach all den vielen Jahren, einmal nennen oder ist er mir
selber auf den Lippen, so kommt mir eine Innigkeit und quellende Wehmut zum
Herzen, als ob man von einer vergangenen Liebschaft, einer seligen
Kindheit oder etwas hnlichem Schnen und Kstlichen sprche. Ich habe die
glcklichste Zeit meines Lebens dort oben zugebracht; es war, als sei mir
dort der Boden geschaffen, fr den ich geboren sei und die Luft, in die ich
gehre und das Leben grad so, wie es fr mich am herrlichsten war.

Das Land war eine Hochebene, von sanften Hgeln unterbrochen und an ihrem
Ende gegen waldige Flutler steil abfallend. Der Winter war lang und rauh,
von ungeheuerlichen Strmen begleitet, die in rasender Wucht ber das
freie Land hinfuhren und deren hnliche ich anderorts nirgends erlebte. Sie
tobten Tage und Nchte lang ununterbrochen; als sie in meinem ersten
Herbst droben einsetzten, schlief ich die Nchte nicht vor Zittern
und jmmerlichem Elendsgefhl und lief bei Tag herum wie ein verwehtes
Blttlein. Die Knechte hatten ihren Spott mit mir; ich gewhnte mich aber
bald daran; spter hatte ich die Strme gern und liebte besonders die
fhnigen, warmen, feuchten im April und Mai.

Zwischen dem sich endlos hinziehenden, herben Winter lag, kaum, da
Frhling oder Herbst gewesen wre, ein kurzer, glhender Sommer. Die Sonne
hatte eine wunderliche Kraft dort oben, sie schien mir strker zu brennen
als in meiner Heimat und an allen Orten, die ich kannte; man meinte,
ihr nher zu sein, als im Tal drunten. Das Kstlichste aber war die Luft
droben, im Winter und Sommer gleich klar und rein und wrzig vom Wald
her. Auch in sturmfreien Zeiten war sie leise bewegt, soda selbst in die
glhendsten Tage ein Hauch von Frische und Khle kam.

Zu Anfang war ich auch bei der migsten Arbeit sterbensmde, matt und
abgeschlagen in allen Gliedern; Frau Finkenlohr aber lachte dazu und
meinte, es ginge allen Fremden so in der ersten Zeit; man msse die gute
Luft erst ertragen lernen. Und es war so; wie sich meine Seele mit den
Strmen vertraut machte, so gewhnte sich mein Krper an Luft und Sonne und
was es an Gutem droben noch gab. Ich ging in die Hhe und Breite und war am
Ende des Sommers braun wie eine Haselnu.

Die Leute dort oben paten zu ihrem Land; sie waren rauh, derb, auen und
innen und ihren Strmen und Wettern gewachsen; aber es war, als sei von
der Glut ihrer Sonne ein Teil in sie bergegangen; selten hab ich so ein
lebenslustiges und leichtsinniges Vlklein beieinander gefunden, wie im
gottlosen Zinken droben. Mir war es recht. -- Auch die Wirtin stammte von
der Gegend; sie war eine Bauerntochter, hatte aber einen Geschftsmann
geheiratet und ihr Leben im Unterland zugebracht. Erst im Alter und als ihr
Mann gestorben war und die Kinder versorgt und verheiratet, war sie wieder
heraufgezogen und hatte den gottlosen Zinken gekauft, der damals in einem
bsen, verlotterten Zustand war.

Diese Frau geno ein Ansehen in der ganzen Gegend wie ein Knig. Es waren
eine Menge Anekdtlein und absonderlicher Geschichten ber sie im Umlauf,
da sie schon als Kind ungemein klug und willensstark gewesen sein mute.
So habe einst ihr Vater mit einem Nachbarn in einem bsen Streit und Proze
gelebt; kein Advokat und kein Richter der Umgegend habe zu ihrem Vater
geholfen, obwohl das Recht auf seiner Seite gewesen sei; denn der Nachbar
war der reichste und mchtigste Hofbauer weit und breit. Da sei sie kurzer
Hand eines Morgens auf einen Gaul gestiegen und gerades Wegs zum Herzog
in die Residenz geritten und habe ihm und seinen Rten die Geschichte
vorgetragen. Worauf der Herzog, der an dem khnen und wohlgestalteten
Bauernmdchen, das kaum zwanzig Jahre alt war, seine Freude hatte, denn
auch fr eine glnzende Abhilfe sorgte.

In ihrem Alter nun machte sie keine solchen abenteuerlichen Sprnge mehr.
Als ich sie kennen lernte, war sie schon ber siebzig; sie war ein bichen
dick und ihr freundliches Gesicht von einer Menge winziger Fltchen
bezogen; auch sa auf der linken Seite ihrer Nase eine komische, kleine,
braune Warze gleich einem unverschmten Witzlein. Sie arbeitete von frh
bis spt in einer geruhsamen und vergngten Art, die es einem unendlich
wohl machte, um sie zu sein. Im brigen bestand ihr Wesen aus vielen
wunderlichen, halb gtigen, halb heiteren und spassigen Eigenheiten.
Wenn sie ins Dorf ging, fhrte sie in ihrer Rocktasche stets eine
Schnupftabaksdose voll gestoenen Zuckers mit sich; schon von weitem
sprangen ihr dann die Kinder entgegen und zeigten ihre Hnde her. Wer aber
eine sauber gewaschene Hand hatte, durfte seinen Zeigefinger ablecken und
damit in die Dose fahren, soda er um und um mit Zucker behangen war.

Von der ganzen Gegend kamen die Leute zu ihr, um sich Rat und Beistand zu
holen. Sie wies nie einen ab und gab einem jeden freundlich und so gut sie
konnte Bescheid; nach einer Weile aber streckte sie ihm vergngt die Hand
hin: Ich will Sie jetzt nimmer aufhalten; Sie werden pressieren! und
geleitete ihn mit sanfter Entschiedenheit zur Tr.

Hngte sie Wsche auf, so war, wie auf Kommando, fast stets der
strahlendste Sonnenschein; darob war Frau Finkenlohr weit und breit
berhmt. Im Heuet schickten die Bauern ihre Mgde, zu fragen, wann im
gottlosen Zinken gewaschen werde, damit man sich mit dem Heuen darnach
richten knne. -- Hatte man einen bsen Buben, so schickte man ihn auf
den Zinken als Knecht; Frau Finkenlohr brachte ihn zurecht. Hatte man ein
Geldlein ntig, so lieh es Frau Finkenlohr; war eine Kuh krank, wute
jene mehr als der Tierarzt, und kam einer zum Sterben, so schickte man zur
Zinkenwirtin vor dem Pfarrer.

Dazu trug sie Sommer und Winter Kleider von einer frhlichen rtlichbraunen
Farbe mit einem sanft abtnenden Geflimmer schwarzer Strichlein drin;
zum Ausgehen einen khnen und leise wippenden Kapotthut nach lngst
entschwundener Mode, zum Arbeiten aber eine blaue Schrze dazu, soda sie,
wenn man noch das graue Haar und die roten Bcklein ansah, allezeit einen
vergnglich farbigen und aufheiternden Eindruck machte.

Was es auf dem Hof an Gutem, Schnem, Wertvollem und Heiterem gab, sei es
an Arbeit oder Genu gewesen, das ging fast alles von dieser Frau aus; und
je mehr ich mich diesem wonnigen Leben hingab, desto tiefer wurde in mir
die Verehrung und Liebe zu ihr. Ich war noch gar nicht lang im gottlosen
Zinken, als ich in einen verwunderlichen und komischen Zustand geriet:
ich sprte mit einemmal, da ich in die dicke alte Frau verliebt war --
verliebt mit allen Finessen und zu diesem Zustand gehrigen Stimmungen und
gelegentlichen Nten, wie ich es etwa in einen schnen jungen Herrn htte
sein knnen. Nahm ich mir voller Ernst und Energie des Morgens vor, ihr
nicht den ganzen Tag lang nachzulaufen wie ein Hndlein, so war ich,
kaum sah ich die blaue Schrze hinter irgend einem Stall oder Wiesenhang
auftauchen, unversehens an ihrer Seite, um zornentbrannt ber mich selber
und beschmt wie ein armer Snder alsobald wieder wegzulaufen, wenn sie
mich fragend und verwundert ansah. Ihr wachstuchenes Brillenfutteral auf
der Fensterbank der Wohnstube, ihre grauwollenen Schlupfpantoffeln unter
dem Ofen erfllten mich mit sonderbar zrtlicher Wonne und Innigkeit,
sobald ich sie erblickte; rief sie mir oder nannte meinen Namen, so lief
es mir wie ein ses Gestreichel ber den Leib; und zeigte sie mir in der
Kche etwa, wie man einen Hasen abzog und spickte und stand dabei so
dicht hinter mir, zusehend, wie ich Speckstreifelein schnitt und durch das
Fleisch zog, griff auch zuweilen ber meine Schulter, indem sie mirs besser
wies, so stieg mir das Blut zu Kopfe vor seliger Beklemmung, so nah und
vertraulich bei ihr zu sein. Auch ergriff mich manchesmal ein kindischer
Neid, wenn ich sie ein Bauernbblein streicheln sah, das von ihrem Zucker
bekam, und ich htte selber noch klein sein mgen und aus ihrer Dose
schlecken.

Je lnger ich aber um sie war und ihr einfaches und gesundes Wesen auf mich
wirkte, je fter ich ihr in die lieben, vergngten Augen guckte, um so mehr
fielen meine hanswurstigen Gefhle von mir ab; ich begann sie ohne alle
sentimentalen Abschweifungen und Verwirrungen allmhlich gerade heraus und
ohne viele Worte einfach von Herzen lieb zu haben; und das so unabnderlich
und ohne jede Trbung wie auer meiner Mutter wohl keinen Menschen mehr.

-- Im Sommer fuhr ich zumeist mit aufs Feld; man blieb die ganzen, langen,
heien Tage drauen und kam des Abends todmde heim, wo man denn auch ohne
viel Feierabend gleich nach dem Abladen in seine Kammer zum Schlafen ging;
kaum, da die Mgde beim Heimfahren ein Lied vor sich hinsangen oder die
Knechte nach der Abendsuppe noch eine Pfeife rauchten. Aber selig, schn
und wie lauter strahlende Feste standen jeweils zwischen den schweren
Wochen die Sonntage. Frau Finkenlohr litt es nie, da man am Sonntag aufs
Feld ging oder etwas auf dem Hof schaffte, wie es die Bauern in den Drfern
auch meist am Sonntag taten; und mochte es noch so dringend sein. Nach dem
Mittagessen ging man auf seine Kammern und hielt einen langen herrlichen
Schlaf, darein einem kein Kurgast schellen durfte; die spten Nachmittage
aber vertanzte man in einer leeren Scheuer hinter dem Haus. Es kamen
noch junge Leute vom Dorf dazu; die Mdchen hatten helle und sonntgliche
Kleider an, die Knechte und Bauernburschen aber tanzten in ihren weien
Hemdrmeln. Zumeist waren es groe und kraftvolle Leute mit braunen,
schnen Gesichtern; sie waren oft wie rasend vor ausgelassener
Frhlichkeit, rochen nach Heu und nach Sonne und man hing beim Tanze
kstlich leicht und sicher in ihren starken Armen. Ein barfiger Bub sa
auf einem Strohhaufen im Eck und spielte uns auf einer Ziehharmonika;
je und je sah uns ein Kurgast zu, der drauen vorbeiging oder trat Frau
Finkenlohr vergnglich lachend unter die Tr, freute sich an uns und
stellte uns ein paar Schsseln mit Kchlein hin oder einen Korb voll
Birnen und einen Krug mit einem khlen Wein. Wurde es dunkel, so ging man
auseinander; die Knechte besorgten das Vieh, die Mgde gingen zum Melken,
taten die Hennen ein und kochten zu Nacht. Hatte man aber gegessen, so
war man noch lang in die Nacht hinein beieinander. Es waren im Hof dicke,
tannene Stmme zum Trocknen hingelegt, darauf sa es sich bequem und
wer keinen Platz mehr bekam, hockte auf die Kchenstaffel oder auf den
Brunnenrand. Die, die einander gut waren, kten sich ohne Scheu und
hielten sich umschlungen; und die Jungen unter den Mgden, die noch
keinen Schatz hatten, taten kaum minder zrtlich miteinander, wisperten,
schkerten und lachten in die Nacht hinaus. Man trieb allerlei Spsse
miteinander, sang Lieder mit vielen schwermtigen Versen und einer zog die
Harmonika dazu; auch erzhlte man Geschichten, war einmal frhlich, einmal
traurig und ging oft erst um Mitternacht in seine Kammern.

Im Winter war es nicht so schn; fiel auch die strenge Feldarbeit weg, so
lie doch die herbe Jahreszeit die ausgelassene Frhlichkeit der warmen
Tage nicht aufkommen. Doch war an den langen Abenden alles in der groen
warmen Kche beieinander; die Knechte kamen vom Holzfllen im Wald heim,
stellten die vereisten Rohrstiefel gegen den Herd, da Wasserbche davon
liefen und zndeten sich die Pfeife an. An der niedrigen Decke liefen
kstliche Gerchlein hin vom Gansbraten und Butterkuchen der Kurgste
sowohl wie von der geschmlzten Abendsuppe und dem geruchten Speck des
Gesinds. Im Backofen lagen mit lieblichem Gebrutzel die roten Winterpfel,
von denen Frau Finkenlohr allabendlich eine Schrze voll fr uns
hineinschob. Die Kittel der Knechte tauten allmhlich auf; man sa in einem
warmen Dampf, untermischt mit dicken Pfeifenwolken, rings um einen herum
war ein heiteres Gesumme und Gesprch, und hrte man noch dazu von drauen
den Schneesturm ums Haus gehen, so wurde es einem ohne Grenzen wohl und
geborgen zu Mut.

Zuweilen hatte ich freilich eine unbestimmte Sehnsucht nach etwas, das hier
auf dem Gottlosen Zinken nicht Brauch und Sitte war. Ich wute es selber
nicht so recht; aber es war etwa danach, ein schnes Buch zu lesen, von
alter Zeit oder von fremden Lndern, oder eine feine, kluge Freundin
zu haben, oder -- wenn ich mich sehr hoch verstieg, einmal mit einem zu
tanzen, der kein Bauernknecht war. Besonders packten mich solche Gelste,
wenn ich je und je einen Brief von den Geschwistern bekam. Meinem groen
Bruder hatte ich zu irgend einem bestandenen Examen ein Stck Speck und
einen saftigen Bauernks geschickt; nun sandte er mir zum Dank dafr eine
Photographie, darauf er mit ein paar Freunden zu sehen war. Das waren feine
und vornehme Leute, und es packte mich ein leiser Neid, da er mit solchen
zusammen sein durfte, ich aber eine Bauernmagd war, -- und wir waren doch
einer Mutter Kinder.

Die Regine war auf einem Lehrerinnenseminar; die Margret aber seit ein
paar Jahren verheiratet. Er sei Buchhndler, ein gebildeter und gescheiter
Mensch und spiele wunderbar schn Klavier; die Schwestern schrieben, die
beiden seien ein prchtiges Paar; Kinder hatten sie auch und wohnten in
einer Stadt, wo es sehr schn sei und sie viel Verkehr htten.

Wenn ich solche Briefe las, wute ich traurig, wohin meine Sehnsucht ging.
Warum war ich nicht auch ein Mensch, der in einem solchen Leben mittun
durfte, das mir sonderlich hher, inhaltsvoller und erstrebenswerter dnkte
als das Dasein auf dem Gottlosen Zinken?

Doch waren solche Stimmungen selten und verflogen wie Wolken an einem
heien Sommertag. Die Gegenwart war zu selig und zu heiter, als da man
htte lang an etwas Trbes oder Trauriges denken mgen. Das Leben war ohne
Sorgen und so voller Wonnen jeden Tag, -- was konnte man Schneres tun,
als schaffen und seine Krfte spielen lassen, genieen, mittun und darin
untergehen!--

       *       *       *       *       *

Um die Weihnachtszeit kam eine Menge reicher Kurgste auf den Gottlosen
Zinken zum Schneeschuhfahren, darunter war ein Mensch, der sich merklich
von den andern fernhielt. Er war auf sein Alter hin schwer zu schtzen
und mochte etwa fnfunddreiig Jahre alt sein, ebensogut aber lter oder
jnger. Er hie Herr Brger und war von Beruf Kaufmann, wenigstens stand im
Fremdenbuch so, und seinen Lebensuerungen nach schien er reich oder
doch sehr wohlhabend zu sein. Er ging stets tadellos gekleidet, trug
auerordentlich langes, sorgfltig glattgescheiteltes Haar, worunter
ein regelmiges und hbsches Gesicht hervorsah. Es hatte einen guten,
kindlichen Ausdruck, und es lag stets eine leise Mdigkeit und Trauer
darber.

Dieser Herr hatte mancherlei ausgesprochene Eigenheiten; kam ich des
Morgens mit einer Schrze voll Scheitholz in sein Zimmer, um Feuer
zu machen, so sa er stets am Tisch und schrieb in ein groes,
schwarzgebundenes Buch. Dazu trug er einen himmelblauen Schlafrock, und
man htte ihn mit seinen langen Haaren und dem mageren, bartlosen Gesicht
akkurat fr eine alte Jungfer halten knnen. Wenn ich so nach Mdchenart
meine Augen durch das Zimmer gehen lie, entdeckte ich auf dem Nachttisch
neben des Herren Bettstatt ein gleiches schwarzes Buch und dabei einen
langen, schn gespitzten Bleistift und eine Nachtlampe. Es sah aus, als sei
der Herr ein Gelehrter oder Dichter, der auf alle Flle gerstet war, wenn
ihn etwa meuchlings bei Nacht ein guter Gedanke berfalle; fr Diebe
und Mrder aber, die das Gleiche zu tun pflegen, lag dicht daneben ein
frchterlicher Revolver, von dem ich stets hoffte, da er nicht geladen
sei. Ich hatte noch bei keinem auf dem Zinken ein derartiges Instrument
gesehen, und es kam mir beraus merkwrdig vor, da man sich hier so
bewaffnen msse.

Noch merkwrdiger, um nicht zu sagen, etwas erheiternd erschien mir eine
Art von Ausstellung, die allmorgendlich auf der Kommode Herrn Brgers
prangte. Das war in peinlich genauer, unverrckbarer Anordnung eine Reihe
jener Gegenstnde, die ein anderer Mensch gleichgltig des Abends, wenn
er zu Bette geht, mit seinem brigen Zeug ablegt und denen er weiter keine
erhebliche Achtung schenkt. Hier aber lag Morgen fr Morgen unverndert
auen links das seidene Sacktchlein aus der oberen Jakettasche, in das man
nicht schneuzt, zweitens das grere Sacktuch aus der Hosentasche, sodann
ein zweiter Revolver und ein zweites, etwas kleineres Notizbuch, aber immer
noch grer als die, die andere Leute mit sich fhren. Dann kam die goldene
Uhr mit geometrisch gerade liegender Kette, darnach ein Geldbeutel, ein
Fllfederhalter, ein Feuerzeug und eine Taschenapotheke, und zur uersten
Rechten machte ein Abonnement der stdtischen Straenbahnen der Stadt
Karlsruhe den Beschlu, und ich sann vergeblich, was ihm dieses wohl auf
dem Gottlosen Zinken ntze.

Jeden Morgen ergtzte ich mich an der seltsamen Parade; kam ich spter
wieder hinauf, um das Zimmer zu machen, so war alles verschwunden, kein
einziges Notizbuch mehr zu sehen, und Herrn Brgers Zimmer unterschied sich
in nichts von den andern, auer einer tadellosen Ordnung. Der Herr selber
sa dann im Gehrock unten an einem entrckten Tischlein des Speisezimmers
und las die Zeitung oder schrieb in sein geheimnisvolles schwarzes Buch.

Tagsber ging er nicht etwa mit den andern spazieren oder zum Skilaufen,
sondern blieb zumeist auf seinem Zimmer; und wenn ich klopfte, um nach
dem Feuer zu sehen, sa er am Tische und schrieb unverdrossen weiter. Nur
zuweilen, wenn die andern in den Wald abgezogen waren, vernahm ich aus
seinem Zimmer das Spiel einer Geige, das mir fein lieblich dnkte. Ich
hrte es gerne, stand manchmal eine Weile still vor seiner Tr, um zu
lauschen und gewann den seltsamen Menschen darum fast ein bichen lieb.

Nun hatte er bei Tisch eine Nachbarin, ein junges, hbsches Frulein namens
Sderblm. Es war ein quecksilberiges, ausgelassenes Frauenzimmer, lachte
und sang und tollte durchs Haus und fhrte die Leute an der Nase herum. Es
war wirklich ein Unglck fr den stillen Herrn, da diese Person neben ihm
sa. Sie plagte ihn mit allen Boshaftigkeiten, ber die sie verfgte,
hatte ihn bestndig zum Narren und machte ihn vor den andern lcherlich.
Besonders liebte sie es, bei Tische etwas fallen zu lassen, etwa ihren
Serviettenring oder ihr Taschentuch, worauf er sich stets berhflich
hinunter beugte und auf dem Boden herumsuchte, da er ihrs wieder
berreichen konnte. Dabei hing ihm der ganze, strhnige Schopf seiner
langen Haare ber Stirn und Nase hinunter; wenn er sich erhoben hatte,
versuchte er ngstlich und verschmt, die Sache in Ordnung zu bringen, aber
es ward dadurch nur um so frchterlicher. Mit der Mhne eines Mordbrenners
oder Rebellen schaute er dann aus seinem guten und kindlichen Gesichte
zaghaft umher und erregte jedesmal eine ungemeine Heiterkeit.

Mir tat er leid; wenn das Frulein etwas hinunter warf, sprang ich jedesmal
schnell herzu, um den bsen Zustand zu verhten. Denn es schien mir oft,
als sei Herr Brger wirklich ein Dichter, der nun einmal mit seinen Trumen
und Eigenheiten und seiner weltfernen Innerlichkeit nicht zu dem lustigen
und geruschvollen Leben der andern pate, und dann war es doch bel
angebracht, ihn deshalb zu verhhnen und zum Narren zu haben.

Frulein Sderblm war auch sonst hinter ihm her; besonders, wenn er
irgendwo mit einem seiner schwarzen Bcher erschien, ja, sie zog sogar
mich in ihren mutwilligen Handel hinein. Eines Tags berief sie mich in
ihr Zimmer, hie mich schwren, da ich niemand verrate, was sie mir jetzt
sage, -- wartete aber meinen Schwur gar nicht ab, sondern fing an, eifrig
auf mich einzusprechen. Ich sollte versuchen, eins von Herrn Brgers
schwarzen Heften zu erwischen, um es dann ihr zu bringen; etwa, wenn der
Herr einen Augenblick nicht im Zimmer sei oder sonst wie. Sie wolle mir
verbrgen, da sie alles auf sich nehme, er auch sein Heft unversehrt
wieder zurck bekme, und ich solle nicht die geringsten Unannehmlichkeit
damit haben; hingegen versprach sie mir ein berreichliches Trinkgeld.
Wissen Sie, Kindchen, sagte sie am Schlusse, bei groen Dichtern mu man
das immer so machen; nachher, wenn sie das Lob und den Ruhm haben, ist
es ihnen selber recht, wenn man ihrer Schchternheit ein wenig zu Hilfe
gekommen ist.

Nachher, als ich drauen war, drehte ich ihr eine lange Nase; ich zweifelte
sehr, ob sie Herrn Brger fr einen groen Dichter halte, und ich war
keinesfalls gesonnen, ihr ein solches Heft auszuliefern, auch wenn ich
Gelegenheit dazu gehabt htte; eher wollte ich selber einen Blick hinein
tun.

Als es ihr nicht so gelingen wollte, suchte sich das schne Frulein nun
aufs herzlichste mit Herrn Brger anzubiedern, und eines Tages lud sie
sich selber mit ihrer Schwester und einer Freundin zu ihm aufs Zimmer ein,
worauf der arme Mensch in der Kche erschien und mit todestraurigem Gesicht
einen Kaffee fr vier Personen bestellte. Frau Finkenlohr schickte mich,
fr die Bestellung zu sorgen; ich freute mich darber und ging mit einem
Brett voll Geschirr und guter Sachen vergngt hinauf in Herrn Brgers
Zimmer. Da saen die Frulein bei ihm am Tisch, taten schn mit ihm,
lachten ihn mit silbrigem Geklinge an, schwtzten in lustigem Lrm alle
durcheinander auf ihn ein und trugen Lockenhaare und seidene Kleider. Und
dieweil ich ein weies Tuch auf den Tisch tat, die Tassen hinstellte und
spter leise hin und her ging, die Herrschaften zu bedienen, verging mir
sachte meine Frhlichkeit, und es wurde immer stiller und trauriger in mir.
Ich sprte mit wunderlicher Klarheit, da ich den armen, einsamen Menschen
lieb habe, und es wallte hei und hoch in mir auf, etwas fr ihn tun zu
drfen und ihm zu helfen. Und ich dachte mit Bitterkeit, da die
feinen Damen ja nur ihren Schabernack mit ihm hatten und ihn im Grunde
verspotteten und auslachten; die aber durften um ihn sein, weil sie
von seinem Stande waren, und es war ihr gutes Recht, seine Gesellschaft
aufzusuchen und sich mit ihm zu unterhalten. Ich aber mute daneben stehen
und meine demtige Hingabe in mir unterdrcken, und es war mir wohl fr
immer versagt, ihm etwas Liebes tun zu drfen, weil ich eine Bauernmagd und
arm und ungebildet war.

Zum erstenmal seit langer Zeit erfllte mich eine groe und tiefe
Traurigkeit; sobald ich konnte, stieg ich in meine Kammer hinauf, und es
liefen mir heie Tropfen auf die weie Schrze hinunter.

Nicht lange darauf reiste Herr Brger ab, frher, als er beabsichtigt
hatte, und ich vermute, da dies wegen Frulein Sderblm geschah. Ich
bekam in den nchsten Tagen einmal ein Bild geschenkt, darauf alle Kurgste
photographiert waren und entdeckte darunter mit Freuden auch Herrn
Brger. Ich hob es auf und schaute es zuweilen an; auch dachte ich in den
strmenden Winternchten, da ich lange schlaflose Stunden auf meinem Bette
lag, manchmal mit leiser Betrbnis noch an ihn. Als aber das Frhjahr
anbrach und auf dem Gottlosen Zinken das schne Leben wieder anging, hatte
ich ihn ob dem vielen andern, das mein Herz erfllte, snftlich vergessen.

       *       *       *       *       *

In den ersten Junitagen widerfuhr mir ein kleines Unglck; ich brachte
den rechten Zeigefinger in die Futterschneidmaschine, und es war ein
ordentlicher Schrecken. Das Blut lief wie ein Brnnelein, und mir wurde,
als ich das fetzige Glied besah, bel und schwindelig zu Mut. Doch wurde
ich alsbald in Frau Finkenlohrs Schlafzimmer in einen tiefen und weichen
Grovterstuhl gesetzt, bekam ein ses Likrlein zur Strkung und, da mir
vor dem Doktor graute, verband mich die alte Frau sachte und kunstgerecht
mit einer weien Leinwand. Die nchsten Tage vergingen mir in hchlich
angenehmer Faulenzerei; zumeist sa ich, den Arm in der Schlinge, auf dem
breitstigen Holzbirnbaum im Garten, dessen niedriger Stamm bequem mit
einer Hand zu erklettern war, sah neidlos und mit geheimer Vergnglichkeit
die andern ihrem schweren Geschft nachgehen, wohl wissend, da ich bald
genug wieder mittun knne, und las einen alten Kalender oder in Frau
Finkenlohrs Kochbuch, -- oder feierte so ins Blaue hinein.

Doch dauerte dies nicht lange; es wurde mir bald jmmerlich langweilig und
ich htte herzlich gern wieder mitgeschafft. Auch stand es mit dem Finger
nicht gut; er wollte nicht recht heilen, begann zu eitern und tat mir weh.

In diesen Tagen kam der reiche Herr Brger wieder auf den Gottlosen Zinken
gereist, um seine Sommerfrische da zu verbringen. Er bewohnte seine alte
Stube wieder und lebte genau wie im Winter; ich sah ihn aber kaum, da ich
wegen des Fingers keine Gste bedienen durfte.

Nun geschah es eines Nachmittags, da Herr Brger ins Dorf gehen wollte,
um in der Kirche Orgel zu spielen, und Frau Finkenlohr bat, ihm jemand vom
Gesind mitzugeben zum Blge treten. Es war aber alles drauen beim Heuen
und alle Krfte aufs hchste angespannt, soda keine Fuzehe brig war zu
Herrn Brgers unntzem Geschfte. Da kam Frau Finkenlohr zu mir: ob ich
nicht eine Stunde Orgel treten wolle; ich tte ihr einen groen Gefallen
damit, weil sie den hflichen und ordentlichen Herrn nur ungern abgewiesen
htte. Ohne Besinnen sagte ich zu und lief alsbald an Herrn Brgers Seite
fort. Er wollte es erst nicht zulassen, da ich mitging, weil ich ja
verwundet sei und am End auch noch Schmerzen habe; als ich ihm aber lachend
versicherte, da man ja nicht mit den Hnden Orgel trete, ich an den Fen
aber gesund sei und mich auf die Musik freue, nahm er's an.

Alsdann waren wir in der stillen, khlen Kirche; das Licht flo in ruhigen
Strahlen durch die dunkelfarbenen Fenster in den hohen Raum. Der Herr
spielte, die Musik schien mir selig schn und erfllte mit feierlichem
und mchtigem Gewoge die Stille. Ich stand zunchst der Orgel auf einem
schmalen Brette, schwebte langsam und snftiglich auf und nieder und die
strmende Schnheit erfllte mich mit beklommenem Jubel. Dieweil ich aber
mit Innigkeit auf Herrn Brger herunter sah und gewahrte, da sein dnnes
Kittelein, das er der Hitze wegen trug, am Aermel vorne ausgefranst und ein
wenig zerrissen war, auch am Kragen etwas fleckig, was wohl daher kommen
mochte, da niemand sich liebend um ihn kmmerte, als ich so von der Seite
her sein mdes, trauriges Gesicht und seinen schon leise grau werdenden
Kopf anschaute, da erfate mich eine tiefe Bewegung, ich konnte nimmer
Herr drber werden, und mit einemmale war in mir wieder die ganze glhende,
sthnende, todestraurige Liebe zu dem feinen Herrn wie ehedem bei jener
Kaffeevisite.

Nun brach eine bse Zeit ber mich herein. Jeden Tag ging ich mit Herrn
Brger ins Dorf zum Orgeltreten, und die stille, khle Kirche wurde mir
zum Orte strmendster Not und Bedrngnis; Musik, dunkel glhendes Licht
und meine junge, sich schmerzvoll bumende Liebe rissen mir am Herzen
in sthnender Lust und Qual. Da stand ich, betrend nahe dem geliebten
Menschen, auf meinem schwankenden Brettlein, zitternd vor sehnlicher
Begier, da ich den armen, mden Kopf htte an mein Herz nehmen mgen und
ihm Liebes tun.

Sprach er irgendwann mit mir in seiner gewohnten, freundlichen Weise,
so scho mir eine strmende Rte ins Gesicht, es machte mich schwach und
elend, und oft wandte ich mich ab und lief davon, damit er nicht she, wie
mir das Wasser in die Augen kam.

Ach, jene Liebe spielte mir bel mit; dazu wurde der Finger immer
schlimmer, sah bs und dick und geschwollen aus und tat mir Tag und Nacht
weh. Frau Finkenlohr meinte, man knnte nun allerhchstens noch einen oder
zwei Tage zuwarten, dann aber msse ich zum Doktor. Wenn ich des Morgens
in ihrem weichen Sessel sa und sie mich unendlich zart und behutsam und
geschickt verband, dann mute ich allen Willen zusammennehmen, da ich
nicht aufheulte und mich an ihre Brust warf und ihr _das_ erzhlte, wozu
ich ihre Liebe und Zartheit noch viel ntiger gehabt htte. Aber das durfte
man nicht; man mute alles allein ausfressen.

Sobald es dunkel wurde, fing es in dem bsen Finger an, ohne Unterla
qulend, peinigend zu klopfen und mit einem stechenden Schmerz gegen den
Unterarm hinauf zu ziehen. So ging es bis zum andern Morgen immerfort; aufs
letzte hin waren es schlimme, schlimme Nchte. Ebenso unaufhrlich aber,
glhender und bser trieb die Liebe mit mir ihr stummes grausames Spiel. Es
wre mir Seligkeit gewesen, im Dunkeln an seine Stube zu gehen und gleich
einem Hund, wie damals bei Frau Gunhild, vor seiner Trschwelle zu liegen,
und ich htte dann viel Schmerzen nimmer gesprt. Und doch, wenn ich nur
an so etwas dachte, so schttelte mich die Scham und ekelte mir vor mir
selber. Schlaflos lag ich auf meinem Bette, warf mich geqult hin und her
und sah Herrn Brgers Gesicht mit hohnvoller Deutlichkeit vor mir schweben,
sprte Gewalten in mir, die ihm htten helfen mgen und ihm Strme von
Liebe schenken und durch tausend Feuer fr ihn gehen. Und ich durfte es ihm
mit keinem Blicke zeigen!

Dann sprang ich auf und rttelte in blinder Wut an meinem Trpfosten und
bi die Zhne in das harte Holz, da ich nicht schrie vor Traurigkeit.
Hhnisch erschien vor meinen Augen jener Abend am Flusse, da ich gemeint
hatte, auf alles ein Sprchlein zu finden und mein Herz gefeit zu haben
gegen jegliche Not und Verzweiflung; und nun war die ganze Weisheit
zerronnen wie Nebel, ich war trauriger und verzweifelter als je, suchte
vergebens nach einem Sinn, nach einem Funken von Erhabenheit und Gre
in diesem hndischen Elend. Die Natur, die mir damals voller Liebe ihr
unverhlltes Gesicht gezeigt hatte, blieb mir heute stumm und fern; vor
meinem Fenster hing die Nacht, schwarz, tot, reglos, ohne Strme, ohne
Sterne, und es war alles blind und bldsinnig.

So trieb ichs die langen, schweren Nchte hindurch, sthnte, weinte und
litt Schmerzen, und es kam kein Schlaf in meine Augen. Am Morgen lag ich
erschpft und zerschlagen auf meinem Bett, und in allem Elend und in aller
Mdigkeit war mir gleichsam als bitterer Trost das eine bewut, da es so
nicht lang mehr weiter gehen knne, weil ich am Ende meiner Kraft sei; auch
war eine lauernde Spannung in mir, wie dies alles wohl ausgehe und sich
lsen knne.

Als sich Frau Finkenlohr etwa am achten Tage, da Herr Brger wieder im
Hause war, in der Frhe beim Verbinden meinen Finger besah, meinte sie, es
sei nun soweit und ich msse anderntags zum Doktor in die Stadt, und als
ich nach dem Mittagessen mde und verheult in der Kche hockte, schickte
sie mich in meine Kammer; ich solle zu schlafen versuchen, Herr Brger gehe
heut nicht zum Orgeln.

Stumm lief ich aus der Kche; vor der Kammer aber graute mir, als warteten
dort alle Nte meiner nchtlichen Kmpfe auf mich; so stieg ich denn
im Garten auf meinen Birnbaum und geriet in einen wunderlichen reglosen
Dmmerzustand, da ich vor Mdigkeit wie betubt und doch zum Schlaf zu
unruhig, geqult und zu traurig war; nur eins war mir klar bewut, -- da
es bald irgendwie ein Ende geben msse.

Aus diesem dumpfen Hindmmern weckte mich am spteren Nachmittag ein
Geraschel im Laub des Gartens unter mir; hinabsphend gewahrte ich Frau
Finkenlohr in der blauen Schrze, wie sie geruhsam auf dem Boden hockte
und ihre Erbsen an Stcklein band. Ihr grauer Scheitel sah durch das Grn
herauf; ich hielt mich aber lautlos stille, und als ich sie so vergngt
und mit Behagen ihre Arbeit tun sah, ergriff mich ein Gefhl von Neid und
Bitterkeit, und es gelstete mich, ihr eine der harten Holzbirnen an
den Kopf zu werfen, -- zu sehen, ob auch sie einmal aus ihrer ber alles
erhabenen Gelassenheit und ihrem vergngten Frieden zu bringen sei.

Nach einer Weile kamen Schritte den Garten herauf; es war Herr Brger; er
gesellte sich zu Frau Finkenlohr und fing ein Gesprch mit ihr an. Und als
sie mit ihren Erbsen fertig war, ging er mit ihr weg, dem Haus zu.

Blde stierte ich auf den Fleck hinab, wo die beiden gestanden waren;
pltzlich aber wurde ich rot und bla und beugte mich zitternd vor.
Wahrhaftig, da lag auf dem Gartenweg Herrn Brgers schwarzes Schreibheft;
es war dasselbe, in das er noch am Vormittag an einem Tisch im Garten
hineingeschrieben hatte, und es mute ihm entfallen sein, als er vorhin
seine Nase geputzt hatte.

Und schon stieg ich an allen Gliedern bebend von meinem Baum herab; ich
mute es haben, ich hatte mir durch meine Liebe tausend schmerzliche
Rechte dran erworben. O, seine Gedichte, -- seine geliebten Gedanken und
Trumereien!

Ich war unten, sphte herum, ob mir niemand zushe und stieg dann schnell
mit dem Heft wieder in die Hhe. Sthnend prete ich es an mein Herz. Dann
schlug ich mitten drin auf und las.

---- Projekt: Ausflug nach Unterbutzenbach. Wecker geht 5Uhr30
herunter. Sofortiges Aufstehen. Blick aus dem Fenster: Schnee. Westliche
Hlfte des Himmels etwas bewlkt, stlich jedoch klar. Sterne. -- Toilette.
Zahnputzwasser etwas zu kalt, was jedoch zu entschuldigen ist, da Bedienung
eine Stunde frher aufstehen mute. Aus dem Kamm bricht ein Zinken;
nach dreiwchentlichem Gebrauch schon der zweite. (Kamm wurde bei
Umschneider&Co., Blumenstrae7, gekauft; genannte Firma ist also knftig
zu ignorieren.) Vorbereitungen; an Mundvorrten:......

Bla und verstrt bltterte ich vorwrts; das konnte doch wohl nicht das
rechte sein. Ich las an einer andern Stelle des Hefts.

------ Mittags 12Uhr40. Frulein Sderblm erscheint in einem
gemusterten Kaschmirkleid. Muster: grnlichblaue Quadrate mit
gelblichweiem Grund. Darber weie Sportjacke. Mittagessen. Ausgezeichnete
Nudelsuppe; Schweinskotelette, schwach geschtzt etwa 12 auf 15 Zentimeter
groߠ--------

Das Buch entfiel meinen Hnden, kollerte durch den Baum hinunter und blieb
auf dem Wege liegen.

------ Es wurde Abend; lngst hatte Herr Brger sein Heft wieder geholt.
Der Himmel berzog sich trbe, und es fing zu regnen an. Ich sa noch immer
mit krampfig steifen Gliedern auf meinem Baum, einen schweren, blden Druck
im Hirn. Als der Regen strker kam, ging ich willenlos vom Baum herunter
und wollte ins Haus zur Abendsuppe, da mir schwach und elend vor Hunger
war. Und da fing in meinem Innern etwas an, in einem solch starken und
wunderlichen Gewoge auf und nieder zu gehen, wie ich es nie mehr in meinem
Leben versprt habe; Scham und schttelnde Heiterkeit, Glck, Erleichterung
und tiefe Beklommenheit liefen mir in mchtig bewegten Wellen durch die
Seele, und ich vermochte kaum dem tollen Wirbel standzuhalten und die Augen
noch offen zu haben und weiter zu gehen. Aus Frau Finkenlohrs Schlafstube
schien ein helles Licht in die Nacht hinaus. Da sa sie wohl und wartete,
da ich wie allabendlich zum Verbinden hinaufkme. Ach ja, ich wollte zu
ihr; es drhnte mir im Kopf, in Schwindel und Schwche kmpfte ich mich die
Treppe hinauf, droben brach ich in ihren Armen zusammen und wute nichts
mehr von mir.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich in Frau Finkenlohrs Bett; sie beugte
sich ber mich, sagte, ich htte Fieber und lie mich an jenem Abend nimmer
von sich. Sie zog mir sachte die Kleider aus, brachte mir zu essen, und gab
mir ein Schlafmittel. Auch lie sie mich in ihrem eigenen Bett liegen; sie
selber rstete sich daneben ein Lager, und als ich ihr ruhiges und heiteres
Schnarchen hrte und das wohlige Gerchlein ihrer Kissen sprte, verwogten
allmhlich die hohen Wellen in meinem Gemt; es ergriff mich das Gefhl
eines ungeheuerlichen Erlstseins, und in einer Mdigkeit ohne Grenzen
schlief ich trotz der qulenden Schmerzen in meinem Finger schnelle ein.

-- Am andern Morgen lie Frau Finkenlohr anspannen und fuhr mit mir zum
Doktor in die Stadt. Es war schlimm, und ich mute eine Zeitlang dort
bleiben.

Dann, an einem frhen Morgen machte ich mich wieder auf den Heimweg nach
dem Zinken. Und es geschah, da ich mich veratmend an den Wegrand setzte.
Es war ein khler, wolkiger Morgen; man wute noch nicht, wollte der Tag
schn oder trbe werden. Der Sturm hatte eingesetzt und lief mit mchtigem
Wehen ber das weite, flache Land. Und dieweil ich so in der tiefen,
bewegten Einsamkeit sa und mein Herz voll einer seltsamen Trauer und
groer, unverbrauchter Liebe war, lste sich's in mir langsam, wurde zu
Worten und Reimen, und es war mir dies seltsam trstlich. Es hie so:

  So oft auch der Sturm mit Toben
  Uebers Land hingeht,--
  Er ist noch immer zerstoben
  Und mde verweht.

  Die Strme ziehen mit Brausen
  Und mchtig daher;
  Und mssen doch alle drauen
  Verrinnen im Meer.

  -- Meine Liebe steht unaufhrlich
  Voll Sehnsucht und gro,
  Glht ungestm und begehrlich--,
  -- Und wird doch blo

  Gleich Strmen und rauschenden Flssen
  Irgendwo still
  Verwehn und verrinnen mssen,
  Weil niemand sie will.

Als ichs am Abend aufschrieb, kam Frau Finkenlohr dazu. In einer
pltzlichen, seltsamen Anwandlung schenkte ich ihrs. Sie las es, meinte, es
sei schn, blo wre es nicht gut zum Singen. Sodann bedankte sie sich und
schlo es in ihre Schatulle.




Viertes Buch


Wohl war nun der Sommer ber dem Gottlosen Zinken und mein Finger heil, da
ich wieder im Felde stehen konnte und meine drngende Kraft von mir tun;
die schnen, warmen Sonntagnchte waren da mit ihren schwermtigen Liedern
-- und doch war mein Herz nimmer so recht dabei. Ich hielt mich ein bichen
fern von den andern; oft machte ich einsame Gnge und warf mich an einem
Feldrand nieder, um ungestrt meinem Sinnen nachgehen zu knnen. Es hatten
mich wunderliche Gedanken gepackt; seit Herr Brger fort war, hatte mich
eine drngende Unruhe erfat. Eine mhsam verhaltene, dunkel glhende Kraft
lief mir durch die Glieder; es war so seltsam in diesem Sommer: nach der
schwersten Arbeit war immer noch etwas in mir, unverbraucht und mchtig,
und regte sich lauernd, hervorzubrechen. War ich des Abends erschpft auf
mein Bett gesunken, so erwachte ich oft jh mitten in der Nacht und lag
unruhevolle Stunden ohne Schlaf; unbezwinglich sang mir die schmerzliche
Gewalt in allen Adern.

Es ging mir, so von auen betrachtet, gut und war alles in Ordnung und
htte knnen nicht besser sein. Ich hatte eine schne, mavolle Arbeit,
gute Menschen um mich herum, Essen und Trinken vollauf und ein lustiges
Leben ohne Sorgen. Und doch, -- ich htte es weggeworfen um einer einzigen
Nacht willen, da ich htte wieder fr einen Menschen glhen drfen und
Schmerzen und Wonnen um ihn haben und dem Leben am Herzen liegen! Und
da war wieder die Erfahrung von jenem abendlichen Flusse her, sie stand
siegreich ber mir und hatte ihr Recht behalten. Nicht das war Leben:
anstndig weiter zu kommen und keine Schulden zu haben, in einem guten
Futter zu stehen und hie und da einen Mittag zu vertanzen; Leben war
lieben, Schmerzen haben, glhen, leiden, von Wonnen sich durchtoben zu
lassen und von strmenden Gewalten gebogen und zerbrochen zu werden. Ach,
ob Lust, ob Schmerzen, war einerlei; es war beides Wonne, Schnheit, Glhen
und wahrhaftestes Leben.

Ich htte gerne die bsen Nchte noch einmal auf mich genommen und mein
Herz verwhlen lassen; besser, tausendmal besser, als nebendrauen zu
stehen, glanzlos, glcklos, schmerzlos, nicht mittun zu drfen und von
seiner eigenen, dumpf darnach drngenden Sehnsucht verwrgt zu werden.

Die Liebe um Herrn Brger hatte alles in mir aufgerissen, was Gutes,
Groes, Glhendes je in mir gewesen war. In den warmen, schlaflosen Nchten
berfiel mich wieder das drngende, bittere Weh meiner ersten Jugendtage;
ich dachte an den Namenlos, an jenen Sommermorgen bei der Buche; der
quellende Strom meiner Liebe war wieder wach, und ein schluchzender Jammer
schttelte mich, da er von niemand begehrt war und ohne Ziel und Erlsung
sich in schweigende Tiefen und Einsamkeiten verlor.

Wenn ich htte in jener Zeit sterben mssen, htte ich verlangend zu Gott
geschrieen, er mge mich doch noch lnger auf der Welt lassen; mein Leben
knne doch gewi noch nicht fertig sein; es habe ja noch nicht angefangen;
alles bisher sei jmmerlich und nichtig und nicht zu leben wert gewesen;
nun msse es erst kommen.

Der weise, lchelnde Gott aber lie mich nicht sterben; er gab mir, was ich
gewollt; eine groe, erfllte Liebe und ein Schicksal dazu.

Auf dem Gottlosen Zinken war in jenem Jahre wie in den vorigen ein Enkel
Frau Finkenlohrs zum Besuch ber die Sommerferien, und da im selben
Sptsommer fast keine Kurgste da waren, lebte er nher und vertrauter mit
der Gromutter und uns als sonst. Seine Eltern waren frhe gestorben, und
er besuchte in der Stadt, wo Margret wohnte, das Gymnasium. Er mochte nun
etwa siebzehn Jahre alt sein, ein magerer, krnklicher Mensch mit einem
Gesicht von einer erstaunlich zarten und hellen Farbe, darein ihm, sobald
ihn etwas bewegte, unbezwingliche, dunkle, rote Wellen liefen. Er trug
ein liebenswrdiges, kindliches Wesen zur Schau, schien auch den Humor der
Gromutter geerbt zu haben, denn er war zumeist frech und lustig wie ein
junger Spatz; im brigen spielte er die mehr komische als ehrenvolle, etwas
langweilige Rolle des Stadtjungen unter Bauernknechten. Doch lie er sich
von jenen, in deren Rohrstiefeln er ersoffen wre, nie ganz unterkriegen;
hatten sie ob seiner Drftigkeit und seines zarten Hutleins ihren Spott
mit ihm, so parierte er mit Witz und einer behenden Spitzbberei, davor die
ungeschlachten Kerle das Maul halten konnten.

Ich kam nicht nher mit dem jungen Menschen zusammen als die andern auch;
wir liefen in vergngter Gleichgltigkeit aneinander vorbei. Doch geschah
es, wenn ich, als wir mitten in der heien Sommerarbeit waren, in irgend
einer Wiese das blonde Miggngerlein im Grase liegen sah, ein Buch in
der Hand oder in den Himmel schauend, da der Anblick seiner lssigen und
zierlichen Glieder, der guten und unbestubten Kleider, des Buches oder
seines feinen, hellen Gesichtes in meiner eben noch vergngten Seele eine
leise, dunkle und sehnschtige Wirrnis erregte, da mir der junge Blasse
mehr denn irgend ein anderer als Teilhaber und Sendbote jenes hheren,
geistigen Reiches erschien, nach dem in manchen Stunden meine heimliche
Begierde ging. Und so oft ich ihn dann sah, wurde ich von einer
wunderlichen Traurigkeit erfllt, die mir das gegenwrtige und greifbare
Schne trbte und schal und wertlos erscheinen lie und von einem Neid und
eigentmlichen Wnschen gepackt, das nicht etwa seiner Faulenzerei
oder seinem Herrenshnchentum galt, noch weniger gar mit weiblichen und
schwrmenden Gefhlen die eigene Person des Schmchtigen umfing, sondern
lediglich nach jener Atmosphre ging, daher die klugen, feinen Gesichter,
die schmalen und ungebrunten Hnde und die schnen Bcherrcken kamen.

In jenem Sommer nun, zu dessen Anfang die Geschichte mit Herrn Brger
gespielt hatte, war der junge Mensch absonderlich lustig und toll, so als
wolle er schnelle, ehe er vollends erwachsen und ein Herr sei, nach alles
Bubige und Rpelhafte auf einmal heraus lassen. Dazumal verbte er auch
jenen Streich, von dem man sich heute noch auf dem Zinken erzhlt.

Es gab nmlich eine Verfgung Frau Finkenlohrs, da sich alle Samstagabende
das Gesinde, hbsch gesondert, erst die Knechte, dann die Mgde, in der
groen Kche zusammen fand, um sich hier bei sicher verriegelten Tren in
einer behaglichen Wrme den Staub und Schwei der Woche von Gesicht und
Leibe zu waschen, wozu es Kbel und Geltlein genug, dazu Kessel voll heien
Wassers, reichlich Seife und prchtige, groe Trockentcher gab. Auch
konnte man sich an einem aufgespannten Garbenseil ein Vorhnglein von
Rupfentchern und dahinter mittelst eines runden Zubers ein vornehmes und
uerst heimliches Badstblein errichten. -- Denn die weise Frau fand, da
die Sauberhaltung und Hautpflege ihrer Untergebenen auf diese Weise, zumal
im Winter, bei weitem angenehmer, unterhaltsamer und vor allen Dingen
betrchtlich grndlicher geschehe, als wenn dies jedes fr sich auf seiner
kalten Kammer besorge, wo es dann dementsprechend schnell und obenhin ginge
und zu wesentlichen Teilen ganz unterlassen wrde.

Nun war die Wscherei jedesmal ungemein ergtzlich und beinahe so schn wie
der Tanz am Sonntag. Drauen trieben die Knechte Narreteien und Spsse um
die verriegelten Tren, und da sie gern herein geguckt htten, machte
uns noch vergngter. Man verfhrte ein groes Gepltscher und Rumoren in
Waschschsseln und Fukbeln, spritzte sich und nhte einander die Strmpfe
oben und die Hemden unten zu, wie derlei Sachen eben so im Brauch waren
und einen zum Lachen brachten. Zum Schlusse wusch man sich gegenseitig die
Haare und hockte dann zum Trocknen in unbegrenzter Behaglichkeit in
der Dmmerung um den Herd herum, erzhlte einander Gespenster- oder
Liebesgeschichten, und es war schauerlich schn.

In diese Idylle brach nun eines Samstagabends der junge Gottfried
Finkenlohr ein wie der selige Wolf unter die sieben jungen Geilein, indem
er sich an einem Seil durch den alten Rauchfang unbemerkt herunter lie,
uns eine Minute mit schallendem Gelchter betrachtete und dann flink und
leicht wieder empor schwebte. Die Aufregung war rasend. Die alte Ktter,
whnend, es sei der Teufel, riegelte in grlichem Entsetzen die Tr auf
und floh im Hemde durch das Haus; die kleine Gns-Amei warf ihren Badzuber
um, vor der nahenden Flut sprangen die andern auf den Tisch; in der nun
geffneten Tr standen brllend vor Lachen die Knechte, und lange, nachdem
der junge Uebeltter verschwunden war, war das Haus noch von Lrm und
Schrecken und Gejohle erfllt.

Dieses hatte zur Folge, da der junge Mensch am Sonntag morgen in seiner
Gromutter Stube moralisch bearbeitet ward, bis er mrb war wie eine
russische Bretzel, sodann, da der alte Rauchfang in den folgenden Tagen
zugemauert wurde und da wir Mgde, dieweil wir uns an der Ehre gezwickt
sahen, die Knechte mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln bearbeiteten,
da sie den Snder ein wenig verhauen sollten. Nun, als er am Sonntag abend
schon im halben Dmmer vom Haus herkam, um, wie er es immer tat, den Abend
mit uns auf dem Hof zu sitzen, fielen sie unversehens ber ihn her, und
es sah gefhrlich aus. Einen Augenblick schien es, als wolle er sich
verzweifelt zur Wehr setzen, dann stie er einen kurzen, komischen und
betrbten Schrei aus, lie sich blitzschnell auf den Boden fallen und
blieb da steif wie ein Stock liegen. Die Kerle, die sich malos ber seinen
Streich gefreut hatten und ihm keineswegs ernstlich bel wollten, gingen
sofort auf seinen Witz ein und lieen von ihm ab.

Ihr seht, wandte sich der Roknecht erklrend an uns, er ist schon hin;
da ist nichts mehr zu verhauen!

Der Knecht hob des jungen Menschen Arm ein wenig in die Hhe: steif und
leblos fiel er wieder herunter.

O Gott, ja, sagte ein anderer bedauernd, ganz verreckt, -- wahrhaftig!
Ein Dritter schnffelte an ihm herum. Er stinkt schon, sagte er, wir
wollen ihn begraben.

Wo?

Auf dem Mist!

So legten sie ihn auf ein Brett, trugen ihn hinten in den Garten, wo ein
Unkrauthaufen lag und lieen ihn langsam und feierlich drauf nieder. Dazu
sangen sie in tiefen, dsteren Bssen:

  Stiefel mu sterben,
  ist noch so jung, so jung,
  Stiefel mu sterben,
  ist noch so jung.

  Wenn ds der Absatz wt,
  da 'sStiefele sterben mt----

und schneuzten sich kummervoll. Der Roknecht hielt die Leichenpredigt,
wir andern standen im Kreis herum und zum Schlusse spuckte man statt
Kranzspenden dreimal ber das Grab.

-- Da wir nun alle der guten und gewissen Ueberzeugung waren, da
das Herrlein den Ueberfall nicht etwa aus irgend welchen dunklen und
gefhrlichen Trieben heraus vollbracht hatte, sondern allein aus
reinem, bubenhaftem Vergngen an einem dummen Streich, -- da auch jener
Sonntagabend ganz ungeheuer fidel war und wir alle wie besessen vor
Lustigkeit und Uebermut, so wurde ihm einmtig verziehen, er konnte
kecklich auferstehen und sich wieder zeigen und wurde nun erst recht als
Held und Khner gefeiert.

Als ich am andern Tag im Hof am Brunnen Rben putzte, stand pltzlich der
junge Finkenlohr vor mir, ein wenig rot, ein wenig verlegen und ein wenig
spitzbbisch.

Ich mu Ihnen etwas sagen, Frulein. Aber wenn Sie mich ansehen, bring
ich's nicht heraus!

Dann will ich mich umdrehen und weggucken, sagte ich lachend und
neugierig.

Ich -- ich mchte Sie um Verzeihung bitten fr -- fr das am Samstag
abend. Wenn ich gewut htte, da Sie dabei wren, htte ich es nicht
getan. Es ist mir leid.

Ich drehte mich um und mute immer mehr lachen. Ach, das ist ja
schrecklich. Hat Sie Ihre Gromutter geschickt?

Nein. Das tue ich von mir selber aus. Sind Sie mir nicht bse?

Ach, nein, es war doch so lustig. Und man mu einen Spa verstehen
knnen.

Nicht wahr? sagte er strahlend. Ach, die Bestattung gestern war schn.
Die Kerle haben das wundervoll gemacht!

Von da an sprachen wir manchmal miteinander; und dann kam er eines Tags
ber den Hof gelaufen, aufgeregt, und die dunklen Flmmlein waren in sein
Gesicht gestiegen. Er hielt ein Papier in der Hand, und dieweil ich den
Hennen mistete, stand er vor mir, sprach atemlos auf mich ein und sah mich
aus den guten und ehrlichen Bubenaugen glnzend an. Ich war verdutzt und
erschrocken und begriff nicht, was er meinte.

Ach, Frulein Agnes, Sie mssen es mir nicht bel nehmen, wenn ich nun
dahinter gekommen bin; ich kann nichts dafr. Ich mute fr die Gromutter
in der Schatulle etwas suchen, und da kam mir's in die Hnde, und ich wei
nun, da es von Ihnen ist. O, ich mu es immer wieder lesen, es ist schn
und wie von einem groen Dichter, und Sie sind geizig, wenn Sie so etwas
fr sich behalten, wissen Sie!

Nun wute ich freilich, was er meine: er hatte das Gedicht in der Hand, das
mir an jenem Morgen eingefallen war. Das wurde nun auf einmal gefhrlich
lebendig; ich war voller Scham und htte es gern wieder zurck gehabt.

Ich meine, sagte ich verlegen und nahm den Reisigbesen wieder in die
Hand, Sie sollten ein wenig da weggehen; Sie werden sonst dreckig.

Er sah mich gro und betrbt an. Sie tun ganz recht dran, wenn Sie mich
verspotten! Da lauf ich an Ihnen vorbei, als ob Sie die Gns-Amei wren,
und Sie mssen auf dem Acker stehen und Rben heraustun und Mist fhren
und haben so etwas Wunderbares in sich drin. O, ich schme mich so! und ich
meine, es mte der Gromutter und allen auch so gehen, weil keiner gewut
hat, was fr ein groer Mensch Sie sind. -- Machen Sie denn oft so etwas?
O, Sie mssen Mrike lieb haben, nicht wahr, wenn Sie so dichten?

Ich gestand beklommen, da ich weder von Mrike noch andern Dichtern viel
wisse; doch glitt er allsogleich zart und schnell ber das hinweg, was mich
beschmte, und strahlte mich in heller Freude an. O, ich habe ein ganzes
Kistlein voll Bcher da. Homer und Hlderlin und ein paar Bnde Goethe und
viel Moderne. Sie knnen alle, alle haben. Kommen Sie doch heute Abend
in meine Stube; ach ja, Sie mssen kommen. Es ist auch eine
Literaturgeschichte da. O Frulein, ich mchte so gern Ihr Freund sein.

Ich kann mich jenes Abends noch mit seltsamer Deutlichkeit erinnern. Da der
junge Mensch nicht ablie, mit Bitten und Drngen zu betreiben, da ich auf
den Feierabend in seine Stube kme, so versprach ich's endlich zgernd und
widerwillig. Ich drckte mich den ganzen Nachmittag unmutig herum, besann
mich noch im letzten Augenblick auf eine Ausrede und ging endlich doch
zur verabredeten Zeit zu ihm hinber. Dann sa ich steif und feierlich auf
einem Stuhle, schmte mich in meinen Kleidern, die nach Dung und Kuhstall
rochen, elend vor dem noblen, jungen Herrn, dazu hatte ich ein Hhnerauge,
das mich bel plagte, und hielt mhselig die schlfrigen Augen offen; es
war alles unbehaglich und beschmend und lcherlich, und das Unbehaglichste
und Widersinnigste war, da ich dachte, ich msse nun inmitten dieser
komischen Situation von meinen Empfindungen und geheimen, innerlichen
Angelegenheiten reden, was mir beraus abgeschmackt und widerwrtig
erschien.

Doch war der junge Mann in denkbar bester Laune und einer freudigen
Erregung, nahm von seinen aufgestapelten Bchern eins und fing an, mir
daraus vorzulesen. Es waren Gedichte; und indem der feine Junge so am
Fenster stand in einer schnen, abendlichen Helle und ihm die blonden
Haare leicht und lssig und kindhaft in sein wei und rotes Gesicht fielen,
berkam mich die Begier und dunkle Sehnsucht, in jenem andern, hheren
Reiche zu leben, das unsichtbar und kstlich und edel alle diese Leute
zusammen hielt, so stark und mchtig, da jh alle Schlfrigkeit und alle
Pein und Komik von mir abfielen, und ich mit drstender Gespanntheit und
Begierde Sinn und Worte und Schnheit dieser Stunde in mich aufnahm. Mein
Geheimstes und Innerlichstes, das eben noch voller Scham zurckgedrngt
war und vieles davon mir selber noch kaum bewut, lag nun frei und offen
zutage, der Dichter sprach in seinen Versen so gro und glhend und
hinreiend von solchen Dingen, da es mir Wonne erschien, mein eigen Teil
daran zu haben, und da ich nun ohne Scheu dachte, da man in einem guten
Ernste auch davon reden knne. Und als ich den jungen Menschen in seiner
ganzen liebenden, jugendlichen Inbrunst diese Verse sagen hrte, war
mir jene Welt, die mir bisher tot und unzugnglich und fern gewesen war,
urpltzlich nahe gerckt, goldene Tore und ungeheure, schimmernde Reiche
waren vor mir aufgetan, und ich gab mich voll tiefen Beglcktseins hin, sie
zu erfassen.

Als es dunkel wurde, legte der junge Mensch das Buch weg, und wir waren
eine Weile still. Dann fing er an, in die dmmerige Stube hinein zu
sprechen.

Ach Frulein, wenn Sie wten, wie sehr ich Sie darum beneide, da Sie
dichten knnen! Es ist gewi nicht wegen dem Ruhm oder weil Sie vielleicht
spter Geld damit verdienen knnen; blo deshalb, weil Sie das Alles so in
sich verschaffen knnen, und die Macht haben, es mit einem Lied oder Vers
wieder von sich zu tun. Sie haben es unverschmt gut, wissen Sie, da Sie
Ihre Leidenschaften und Ueberschwnge so ableiten knnen, wenn sie Ihnen zu
viel werden. Wenn Sie mir blo ein bichen davon geben knnten! Sehen Sie,
das ist bei mir sicher eine Krankheit und nicht in Ordnung so; ich kann
alles Groe und Schne nur in ganz migen Grenzen ertragen; wenn es
darber hinaus geht, bin ich einfach am Ersticken und am Verrcktwerden!

Er lief zum Fenster hinber. Da ist nun blo ein Himmel in der Nacht und
ein dunkles Feld darunter; und das ist berall so und schon millionenmal
so gewesen, und alle andern Leute sehen's auch, und die wenigsten sagen
was drber. Mich aber kann schon dieses, weil es so schwermtig ist und so
still und so unsglich schn, vor Wonne zum Sthnen und Rasen bringen. Und
ich stehe stumm dabei und kann es in kein noch so armseliges Reimlein und
Tnlein bringen, und es erdrckt mich doch fast! Wenn nun einmal irgend
etwas Groes und Gewaltiges ber mich kommt, -- o, ich wei nicht, was dann
draus wird!

Goethe sagt das auch manchmal, fuhr er traurig fort; es ist im Werther;
hier, hren Sie. Er nahm ein Buch, holte eine Kerze her und zndete sie
an. -- Die menschliche Natur hat ihre Grenzen: sie kann Freude, Leid und
Schmerzen bis auf einen gewissen Grad ertragen und geht zugrunde, sobald
der berstiegen ist. ---- Und hier, ein paar Seiten vorher, als er von
jenem Frhlingsmorgen schreibt: -- ich gehe darber zugrunde, ich erliege
unter der Gewalt der Herrlichkeit dieser Erscheinungen.--

Ach, wie ein Anderer sich vor Schwermut und Kummer das Leben nimmt, sagte
Gottfried, so knnte ich's vor Lust und Ergriffenheit tun; wie selbiger
seine Trauer einfach nimmer ertragen kann, so geht mir's mit der Schnheit;
ich empfinde sie in manchen Augenblicken so bermig stark, da meine
Nerven dann vllig versagen!

Aber knnen Sie denn nicht doch etwas tun, um das in sich zu verschaffen?
meinte ich; etwa Klavier spielen oder singen oder zeichnen, oder
schlielich tanzen----?

Das geht alles nicht; ich bin talentlos wie ein Sgbock. Und mit der Musik
steh' ich berhaupt verschroben. Ich habe keine Ahnung von Gehr; Musik ist
mir meistens blo ein Gerusch, dem ich nichts abgewinnen kann. Als Kind
habe ich geheult, wenn jemand sang oder Klavier spielte; dann kam eine
Zeit, wo ich mir wirklich Mhe gab, etwas Schnes an der Musik heraus zu
finden, und wenn jemand Klavier spielte, strich ich drum herum wie um ein
verschlossenes Gartentrlein. Aber ich lief meistens betrbt wieder davon,
denn es war so wie vorher auch. Und ich konnte ungeheuer wtend werden,
da es etwas gibt, wo jeder sich umsonst Genu und Schnheit und Erquickung
holen kann, und ich allein kapiere es nicht und habe nichts davon! ----
Jetzt bin ich manchmal froh dran, da es so ist; wenn ich auch noch Musik
empfnde, knnt ich vollends ganz umschmeien. Sehen Sie, ich gehe so
leidenschaftlich gern ins Theater, wenn nun ein wirklich groes, schnes
Stck gegeben wird, habe ich immer Angst, ich mte etwa einmal sthnen
oder heulen, oder ich knne nicht bis zum Schlusse still sitzen, oder es
sonstwie nicht ertragen; da ist es mir immer recht, es ist ein bichen
Musik dabei, oder es ist eine Oper; das Geschtter und Getne hlt mich
dann so angenehm nchtern und khlt mich ab. -- Gelt, Sie sind entsetzt--;
es ist aber leider wahr.

Aber darin haben Sie recht: es wre vielleicht alles gut bei mir und in
Ordnung, wenn ich musikalisch wre und irgend ein Instrument spielen wrde.
Mein halbes Leben gb ich drum, wenn ich geigen knnte!

Er schwieg und sah bekmmert in die Flamme seiner Kerze.

Ich glaube, sagte ich nach einer Weile, ich habe schon ehe Sie mir das
gesagt haben, gewut, da so irgend etwas Besonderes mit Ihnen los ist.
Und ich erzhlte ihm, wie er mich diesen Sommer schon manchmal aus dem
Gleichgewicht gebracht habe, und wie er gerade es gewesen sei, der mir
immer jenes Reich der Feinen und Gebildeten verkrpert habe, nachdem es
mich so sehnschtig zge.

Ach, Frulein, rief er nun wieder hell und lebhaft, ich glaube, da sind
Sie auf einer falschen Spur. Sie mssen doch nicht an mir hinauf sehen,
weil ich Bcher habe und Zeit, sie zu lesen, und weil ich einen sauberen
Kittel besitze und im Gras liege, wenn Sie arbeiten; das ist doch nicht so
etwas extra Schnes oder Erstrebenswertes, und Sie knnen jederzeit auch
dazu gelangen, sobald Sie nur wollen und schlielich Zeit und Geld
dazu haben. Ich verstehe Sie schon, wenn Sie von einem geistigen und
unsichtbaren Reich sagen; aber spren Sie denn nicht, da Sie da schon lang
selber drin sind? Ach, Frulein Agnes, wenn man solche wunderbaren Sachen
macht wie Sie!

Aber es gibt etwas, das mir eigen ist und vielleicht haben Sie das
herausgemerkt; es ist das Einzige, warum Sie mich vielleicht ein bichen
liebhaben und verstehen mssen. Ich wte sonst nichts, das mich Ihnen
nherbringen knnte, und ich mchte doch so schrecklich gern, da ich ein
bichen Ihr Freund sein darf.

Sehen Sie, ich habe mich schon darber besonnen und kann es Ihnen doch
nicht so recht sagen. Es ist vielleicht das: da ich oft bei Nacht
pltzlich aufstehen mu und ans Fenster laufen und eine Weile in die
Nacht hinaussehen, oder da ich einen Baum oder eine Blume oder ein Bild
liebhaben mu wie einen Menschen und stundenlang bei ihm sein und es kssen
und mit ihm sprechen und lauter solche Sachen, die doch ein anstndiger und
geistig normaler Mensch eigentlich nicht tut. Und zum Beispiel, da es bei
mir gar nicht auf irgend etwas Aeuerliches ankommt, wie es mir zu Mute
ist und in welcher Laune ich bin; denn wenn das wsteste Wetter ist und ich
dazu hin Hunger oder einen Schnupfen habe oder mir jemand gestorben ist,
kann es mir trotzdem unbegrenzt frhlich zu Mut sein, und dagegen bin ich
oft traurig, wenn alles stimmt und es mir gut geht. Oder da ich mich so
wahnsinnig drber rgern kann, wenn einer, der blo it und trinkt und
schlft oder nach Geld oder einer guten Stelle strebt, glcklich ist und
sich noch damit rhmt, da es ihm so gut geht; und dabei ist er eine ganz
gemeine Kreatur und das, was er tut, gar nicht gelebt. Oder da ich einem
schnen Menschen nachlaufen mu oder ihn immerfort ansehen, auch wenn es
sich gar nicht gehrt. Und wenn mich etwas freut oder wenn ich es schn
finde und dafr begeistert bin, geht es manchmal mit mir durch, und ich mu
heulen oder sthnen oder davon laufen und kann mich nicht mehr bezwingen.

Er atmete tief auf und sah mich erregt und begierig an.

Und nun mssen Sie sagen, ob Sie das nicht auch so haben, und ob wir nicht
ein wenig zusammen gehren, gerade, weil wir beide so -- so sind?----

Ich nickte ihm zu und mute lcheln. Ein bichen schon, wenn Sie das
trstet, Herr Finkenlohr, aber ich wei nicht einmal, ob mir das recht sein
soll. Ich habe auch nicht so viel Zeit dazu und bin dazuhin lter als Sie
und mu nun anfangen, vernnftig zu werden. Es ist fr ein armes Mdchen
wie mich, das schaffen mu und sich durchbringen, nicht sehr rentabel, so
zu sein.

Und ich erzhlte ihm Urschels Urteil ber solche moderne Menschen, von
denen sie sagte: -- weit du, das sind gewi sehr interessante Leute, und
man kann recht schne Bcher von ihnen schreiben; aber im Grund sind es
eigentlich doch traurige und erbarmungswrdige Trpfe, leisten nichts
und bringen die Welt um keinen Pfifferling vorwrts; wenn sie ordentlich
schaffen mten, wren sie bald grndlich kuriert.--

Ich bin dann immer beschmt in mich gegangen. -- Aber nun mu ich doch
lachen, wie ich Ihnen das erzhle und tue, als ob ich Ihre Gromutter wr.
Und ich bin doch im gleichen Spital krank!

Ach, da hat Ihre Freundin aber nicht recht gehabt, rief er; mein Gott,
ja, wenn man sich Mhe gibt, kann man sich vieles abgewhnen, und wenn ich
arbeiten mu wie ein Zugochs, werde ich auch nicht mehr viel andere Gelste
haben als Hunger und Schlaf. Aber dann wr ich glcklich auf jenem Bcken-
und Flaschnersstandpunkt angekommen und mte mich selber anspucken vor
Verachtung. Wenn einer ein Dichter ist oder Musiker oder sonst irgend etwas
Positives dabei leistet, dann lassen die Leute seine Art und seine Launen
und seine Empfindsamkeit schon gelten; sie sind nur nicht zufrieden, wenn
nichts dabei herauskommt.

Wer wei, fiel ich ein, vielleicht werden Sie doch noch einmal ein
Dichter. Wenn Sie doch das Spintisieren und Sonderbarsein dazu schon in
sich haben.

Nun sah er mich belustigt an. Wissen Sie, ich hoffe immer, Sie verraten
mir das Rezept dazu. Ich habe so eine blasse Vorstellung, da man sich dazu
auf sein Sofa setzt und das, worber man dichten will, als Aufstzlein oder
in Stichwrtern sauber auf ein Papier schreibt:

  Rose
  Mdchen
  duften
  Abendsonne
  wunderbar

und nachher probiert man dann, wie sich's reimt. Nicht wahr?

Nun muten wir beide lachen und kamen darber in ein kurzweiliges und reges
Gesprch, daraus uns unvermutet und erschreckend der erste Hahnenschrei
ri.

Um Gotteswillen, Herr Finkenlohr, es ist schon bald Morgen, und um halb
sechs mu ich wieder im Stall sein!

Ach, lassen Sie sich's nicht gereuen! Schlafen knnen wir, wenn wir alt
sind und klapperig und keine Zhne mehr haben. Ich freue mich doch so, da
Sie da sind. Und morgen kommen Sie wieder, gelt?

Er stand so vor mir, seinen blinzelnden Kerzenstumpf in der Hand, und sah
mich mit einem prchtigen Lachen an, da es mir warm und glckhaft durch
den Leib rann und ich ihm lchelnd meine Zusage nickte.

Indem wir uns dann gute Nacht und guten Morgen sagten, bat ich ihn, er mge
mir noch geschwind zum Abschied die letzten jener Verse lesen, die mir am
Abend so gefallen htten. Dann stand ich an der Tr und hrte zu; und als
er zum Schlusse kam, ging ich still hinaus und lie einen Spalt offen,
da mich Vers und Kerzenscheinlein noch ein Stck die dunkle Stiege hinauf
geleiteten. In meiner Kammer aber lie mich ein seltsam gehobenes und
absonderliches Gefhl, das ich noch nie gekannt hatte und mir nicht zu
erklren wute, noch eine Weile nicht zur Ruhe kommen; es packte mich
so, da ich in sanfter Verwirrung meinen alten Kleiderkasten kte und
streichelte, meinen Kopf am Fensterrahmen rieb und die Katze, die, durch
meinen nchtlichen Gang aufgestbert, sich schnurrend vor der Tr herum
trieb, zu mir herein nahm und zrtlich aufs Fuende meiner Bettstatt legte,
bis ich durch dergleichen nrrischen und gefhlvollen Hokuspokus endlich
doch im Bette landete, wo ich mir mit andchtiger Freude die eben
verklungenen Verse wiederholte, soweit ich sie noch im Gedchtnis
behalten hatte. Ich bekam sie aber doch nicht ganz zusammen, besann mich
frchterlich darauf, reimte und reimte und brachte einen unendlichen Unsinn
zuwege, worber ich am Ende in vergngter Beschmtheit einschlief.

Wir waren nun im September und die strengste Feldarbeit vorber; dies kam
mir mchtig zugute, denn nach einem vierzehnstndigen Erntetag wre ich
abends auch ber dem Faust -- eingeschlafen. So aber begann mich nun der
junge Mensch in ein schwrmerisches nchtiges Leben hineinzuziehen. Es ging
eine herrliche Zeit an, und jeder Tag war ein Fest.

Des Morgens lief ich mit zwei groen Krben in die weiten Baumwiesen
hinber, um das Obst aufzulesen, das in der Nacht gefallen war; und
das kstliche Schauspiel des frhen Nebels, der zu Anfang noch mit
zauberischem, blauem Duft die Ferne verhing und vor dem klaren und
krftigen Glanz der heraufsteigenden Sonne in leise Dnste verrann,
erfllte mich mit andchtiger Wonne, darein der Jubel meines bewegten
Herzens samt allen Versen, Geschichten und heiteren Gedanken des
vergangenen Abends und den schnen Trumen der Nacht frohbeschwingt
mit einstimmte. Ueber Mittag gab es in Haus und Kche drngend viel zu
schaffen, und ich war, wenn auch nicht mde, so doch weniger lebhaft
dabei als die Wochen zuvor, denn stetig ging mir stille und in innerer
Abgekehrtheit die neu aufgeblhte Lust weiter. Kam es aber gegen Abend, so
wurde ich von einer hellen und mchtig feierlichen Stimmung erfat; kaum
war nach der Abendsuppe der Lffel gewischt, verschwand ich auf meine
Kammer, um dort eine Reihe von Handlungen zu verrichten, die mir unendlich
wichtig und durchaus notwendig zu den bevorstehenden wunderbaren Stunden
schienen, und die ich so weihevoll als mglich ausfhrte. Ich holte mir
eine groe Schssel voll frischen Wassers und wusch mich darin vom Kopf bis
zu den Fen, da mich die Haut brannte vor Sauberkeit, brstete die
Haare frisch und flocht meine Zpfe aufs sorgfltigste, auch zog ich meine
schnsten Schuhe und ein helles, gutes Kleidlein an und das alles mit einer
Weihe, als ob's zu einer heiligen Handlung ginge, und jeden Schuhbndel
knpfte ich mit Feierlichkeit und jeder Brstenstrich war freudevolle
Andacht. War ich dann fertig und ging die dmmerige Stiege hinunter zu
Gottfrieds Stube, so konnte ich nie vor seiner Tr stehen, ohne da mein
Herz leise und verwirrend zu klopfen anfing. Wenn ich hineinkam, stand er
immer am Fenster wie an jenem ersten Abend, da aus aller Dmmerung heraus
sein liebes Gesicht sich leuchtend abhob und voll eines warmen, roten
Abendscheins war, in sanftem Gewoge ging der Wind in den Vorhngen um ihn
her, und seine Stimme tnte mir herzlich und voller Freude entgegen.

Das erste Buch, das wir zusammen lasen, war die Ilias. Kam es mir auch zu
Anfang unwirklich und komisch vor, da jene Leute, ehe sie sich die Speere
an die Rippen schmissen, zuvor lange und schne Reden aneinander hin
hielten, so war mir doch von Urschel her eine starke Liebe fr solche
Bcher geblieben, und da mir Gottfried mit einer fast heiligen Begeisterung
die Gesnge vorlas, dauerte es nicht lange, bis die Schnheit jener Verse
und Bilder mein empfngliches Gemt erfat hatte.

Gottfried hatte einen schnen Plan gemacht, wie er meiner literarischen
Einfalt und Unschuld am ehesten beikommen knne und gedachte so an Hand
seiner Literaturgeschichte mir erst Homer und die Aeltesten beizubringen
und dann ber die deutschen Klassiker auf die Modernen zu kommen; doch
waren wir auf dieser Leiter noch keine halbe Stufe weit gestiegen, als
er eines Abends, da zufllig das Gesprch drauf kam, fast erschrocken
ausbrach: Ach Gott, Sie kennen ja den Gsta Berling noch nicht! Und
wir lasen ihn noch in derselben Nacht und taten von nun an alle Plne
und Systeme beiseite, berschlugen, was uns langweilig schien, lasen
Bruchstcke, durcheinander, von der Mitte an, von hinten herein und wie es
uns Willkr und Stimmung gab. Ach, und wir genossen, schwrmten, glhten
und waren begeistert.

Wenn ich heute an jene Zeit zurckdenke, so wird mir besonders eines mit
Dankbarkeit bewut: da ich nmlich auf diese Weise sehr wenig schlechte
und minderwertige Bcher gelesen habe und nicht wie die meisten der Leute,
die ich inzwischen kennen lernte, durch einen Wust von Backfisch- und
Modeliteratur erst zum Echten und Schnen durchgedrungen bin. Und da
ich, weil ich von Natur, Sonne, Erde und Mistgabel her unvermittelt in
die gttlichen Gefilde Homers und Goethes versetzt wurde, mein Lebtag lang
einen guten und sauberen Geschmack behalten habe. Vielleicht ist gerade
daraus bei mir jenes besondere Verhltnis zur Literatur geboren, das ich
vor den meisten andern Leuten eigen habe und von dem ich spter noch reden
will.

-- An einem Sonntagabend hockten wir bei den andern im Hof auf den Stmmen.
Es war schon spt und die warme Nacht voll einem weichen, zrtlichen
Gelchter, Gesumm und Heimlichtun. Wir saen mitten darunter und nahe
beieinander und hrten so drauf hin.

Finden Sie nicht, sagte Gottfried auf einmal unvermittelt und leise,
da so eine ber Goethe und Schiller gegrndete Freundschaft, wie wir sie
haben, hierher pat wie zu meiner Gromutter eine himmelblauseidene Bluse?
Hier oben hat man sein Mdchen zum in den Arm hineinnehmen und verkssen.
Hren Sie doch, wie die Kerle schmatzen; es ist der reine Hohn fr uns. Wir
schnden den ganzen Zinken mit unserem platonischen Geflte!

Sie gehren verhauen! sagte ich entrstet. Wollen Sie auf der Stelle
still sein mit solchen Sachen!

Er lachte, wurde aber darauf wieder ernst. Ja, ja, ich werde gleich
aufhren. Aber eines mu ich Sie noch fragen, wenn wir schon dran sind. Und
Sie mssen mir Antwort drauf geben.

Er beugte sich dicht zu mir herab und fragte ganz leise: Haben Sie einen
Schatz, Frulein Agnes?

Nein, sagte ich ohne jedes Besinnen, doch war es mir sofort heftig leid,
und es wurde mir irgendwie dunkel bewut, da ich htte vorsichtiger sein
mssen und das nicht so gerade heraus htte sagen drfen; indem ich aber
noch verwirrt und berrumpelt nach Worten suchte, begann um uns herum ein
allgemeines Auseinandergehen und Aufbrechen. Auch Gottfried stand auf und
bot mir in seiner gewohnten Vergngtheit gute Nacht; es blieb mir nichts
anderes brig, als auch auf meine Kammer zu gehen.

Gottfrieds Worte hatten mir einen unangenehmen und beschmenden Eindruck
hinterlassen; ich gab mir die grte Mhe, ihnen nicht mehr weiter
nachzudenken und sie so schnell als mglich zu vergessen; und dies gelang
mir auch.

In dieser Woche ging ich an einem Abend zur gewohnten Zeit in Gottfrieds
Stube hinunter. Er stand nicht wie sonst am Fenster, sondern sa am Tisch,
hatte den Kopf in die Arme gesttzt und sah mir mit einem sonderbaren Blick
entgegen.

Nun, was ist Ihnen fr eine Laus bers Leberlein gelaufen? fragte ich ihn
und lachte.

Ach, ich habe einen bldsinnigen Nachmittag gehabt, fing er an. Bitte,
setzen Sie sich doch! -- Wissen Sie, nach dem Essen stberte ich in meinem
Schrank, da kamen mir ein paar Schokoladetafeln, die ich mir hierher
mitgebracht hatte, in die Hand. Und da kam mir mit einemmal der Gedanke:
wenn du alt bist, magst du vielleicht keine Schokolade mehr, und das war
mir derartig grlich, da ich meinen ganzen Vorrat nacheinander aufa.
Dann wurde mir sehr bel, und ich mute schnell hinters Haus gehen. Und als
es mir wieder leichter war, sehe ich am Krautgarten zehn Schritte weg von
mir den Roknecht stehen und die schwarze Marie im Arm haben; die hatten in
ihrem Eifer von meiner ganzen Sache nichts gehrt. Und ich kann Ihnen schon
sagen, wie der so an ihr herumtappte und sie abschmatzte, da wurde mir noch
viel bler als von der Schokolade, und ich rannte wie besessen zwei Stunden
weit; und als ich mich zum Ausruhen ins Gras legte, war ich bis auf die
Gunterwiesen hinauf gekommen. Da droben war es sehr schn; ich nahm einen
Strau Enzian mit, den wollte ich Ihnen bringen. Auf dem ganzen Heimweg
dachte ich immerfort an Sie, und es war mir sehr vergngt und auch ein
wenig sonderbar dabei; ich wei nicht, wie. Eh ich auf den Zinken kam,
schob ich die Enzianen in meine Hosentasche, damit sie niemand she und
schlich ganz unbemerkt in Ihre Stube und wollte die Blumen auf Ihren Tisch
legen. Und dann mute ich mit einemmal denken, da Sie eine Dichterin sind
und ein ganz wunderbarer und schner und groer Mensch und ich blo
ein Schulbube; und da wurde es mir wieder schlecht und wtend und alles
miteinander, und ich lief davon und warf die Blumen auf den Mist; dort,
Sie knnen sie gerade noch sehen. Ich habe sogar noch geheult, und zum
Nachtessen bin ich auch nicht gegangen!

Aber nun kommen Sie, wir wollen die Lampe anznden und Mrike lesen und
nimmer davon sprechen, sonst ist auch noch der schne Abend beim Teufel.

So fing er an zu lesen, und es schien alles ganz gut und glatt weiter zu
gehen, bis vielleicht nach einer Viertelstunde seine Worte langsam und
immer sonderbarer wurden, und der groe Mensch mit einemmal seinen Kopf
vornber auf den Tisch in die Arme warf und schluchzte wie ein Kind.

Bitte, gehen Sie ---- ich kann wirklich nicht mehr ---- verzeihen Sie,
Frulein Agnes------

In groer Bestrzung und Verlegenheit ging ich schnell hinaus und auf
meine Kammer. Unausgekleidet sa ich auf dem Rand meines Bettes, starrte
erschrocken in das Dunkel und hrte, wie mein Herz laut und heftig schlug.
Und indem die Dumpfheit und Verwirrung allmhlich von mir wich und es
mir leise klar wurde, wie es dem guten Jungen zu Mute sei und da er wohl
Aehnliches durchlebte wie ich damals um Frau Gunhild oder Herrn Brger,
und indem mir vollends als etwas ganz Unerhrtes und Freches der Gedanke
aufstieg, da dies um mich sei, befiel mich eine mchtige Scham, das Blut
stieg mir kochend hei in die Backen, und ich begann so zu schwitzen, da
mir groe Tropfen auf der Stirn standen. Dazu sprte ich Mitleid mit dem
armen Kerl und ward traurig darber, da er mich weggeschickt hatte, und
zwischen alldem dmmerte mir endlich eine schwache Seligkeit herauf, die
ich nimmer unterdrcken konnte. Es litt mich pltzlich nicht mehr
auf meinem Bett, mir kaum bewut, was ich tat, nahm ich meine
Streichholzschachtel und lief schnell und leise damit aus meiner Tr, zum
Haus hinaus und auf die Miste hinber. Ich brauchte elf Zndhlzlein, bis
ich Gottfrieds Blumen gefunden hatte; mit klopfendem und glcklichem Herzen
brachte ich sie auf meine Stube und stellte sie ins Wasser.----

Was mich in den nchsten Tagen bewegte, war nun nicht gerade Seligkeit. Ich
war mit einer stndigen Unruhe erfllt und ging Gottfried mglichst aus dem
Wege; sah er mich doch, so wurde ich rot und unendlich verlegen. Des Abends
hielt ich mich ngstlich auf meiner Stube und hing lauter dummen Gedanken
nach; da die Angelegenheit, die mich bedrckte, vielleicht noch einmal
auf etwas Schnes und Erfreuliches hinauslaufen knne, daran wagte ich in
schreckhafter Aberglubigkeit nicht zu denken. Mein einziger Trost war ein
Band mit Goethes Erzhlungen, den mir Gottfried einmal mit herauf gegeben
hatte und der zufllig noch auf meiner Stube war. Ich las oft darin, und es
tat mir wirklich wohl.

-- Da geschah es am vierten jener Tage, da spt abends noch ein paar neue
Kurgste auf dem Zinken ankamen. Dieweil Frau Finkenlohr sie in ihre Stuben
fhrte, richtete ich in der Kche unten noch ein Nachtessen. Ich machte
einen Salat, schnitt vom gerucherten Schinken auf und ging dann noch, ehe
ich das Rhrei hintat, in den Garten, geschwind den Schnittlauch dazu zu
holen. Es regnete, als ich hinaus kam, und war eine tiefe, graue Dmmerung.

Nun ist am Hauseck, wo man in den Gemsegarten geht, unter etlichem
Buschwerk ein kleines, steinernes Bnklein; und als ich daran vorbei
wollte, griff eine Hand nach der meinen; es sa da im Regen ein Mensch, und
als ich hinschaute, erkannte ich Gottfrieds Gesicht.

Ich erschrak, und es befiel mich eine jhe Schwche; zitternd legte ich
mein Kchenmesser aus der Hand und setzte mich in einem leisen Schwindel
neben ihn auf das Bnklein. Der Regen lief in eiligem Gestrme auf uns
nieder, und wir waren ganz stille.

Dann sagte Gottfried: Ich habe immer -- immerfort an Sie gedacht, Frulein
Agnes. Und ich -- wnsche mir etwas. Ich mchte einmal ber Ihr Haar
streicheln drfen.

Ich blieb regungslos sitzen; doch liefen mir, ohne da ich's hindern
konnte, die Trnen herunter.

Da fuhr er mir mit der rechten Hand einmal ganz scheu und schnell ber den
Kopf, und dann legte er beide Arme um meinen Hals und drckte sein Gesicht
an meines, und beide waren na vom Regen und von Trnen.

Whrenddem hrte ich Frau Finkenlohr in der Kche. Ich stand schnell auf,
holte meinen Schnittlauch und kochte weiter, als ob nichts geschehen wre;
und doch war pltzlich die ganze Welt verndert, schwankte und zitterte vor
meinen Augen und war wie erhellt von tausend seligen Feuern.

Es war seltsam: auch jetzt noch glaubte ich nicht daran, da zwischen
mir und dem reichen, feinen Jungen eine Liebschaft werden knne. Doch war
gerade diesem zum Trotz seit dem Geschehnis auf dem Bnklein ein Wille
und Trieb in mir, bestndig daran zu denken, -- von einer erfllten und
glcklichen Liebe zu Gottfried zu trumen und diesen Traum mit der ganzen
Kraft meiner Phantasie auszumalen und zu nhren. Vielleicht war es, mir
selber kaum bewut, gerade die Angst, aus diesem Traum doch bald aufwachen
zu mssen und die traurige Gewiheit, die am Ende doch dahinterstand,
da ich meine beglckende Einbildung um so zher festhielt und mich umso
strker in sie einspann.

Es war ja auch wahrlich nicht schwer, zu dem guten und feinen Menschen eine
Liebe zu fassen, umso weniger unter den gegebenen Verhltnissen und bei
meiner Veranlagung. So lie ich nun in meinem Innern alle Gluten brennen
und alle Strme selig und ungehindert flieen; ich war so voll Gehobenheit
und Ruhe, da ich sogar Gottfried, wenn wir uns begegneten, herzlich und
fast unbefangen gren und anblicken konnte. Wir sahen uns selten, zumeist
vor andern und sprachen nie miteinander; Gottfried stand wenige Tage vor
seiner Abreise.

Alles, was in meinem Leben war, kann ich beschreiben und kann versuchen, es
euch nahe zu bringen; von jenen Tagen aber kann ich nur stmperhaft, grob
und ungengend reden; sie waren das Zarteste und Heiligste, das je in
meiner Seele war, und es gibt nicht die rechten Worte dafr. Ich glaube,
da man das blo einmal erlebt, und ich glaube auch, da es nur wenig
Menschen erleben.

Ich war jene Tage voll einem starken und ruhigen Glcke, und es war
immerwhrend ein Zustand um mich gleich einem schwebenden, schnen und
feierlichen Traum; wachte ich auf, so war er sogleich da und kstlich ber
mir; schlief ich ein, nahm ich ihn selig in das Dunkel mit hinber; die
harten Aecker waren Paradiese, sobald ich darber ging; war mir etwas
schwer, so dachte ich: Gottfried--, und es wurde vogelleicht. Im kleinsten
Ntlein wute ich: Gottfried--, und allsogleich war es behoben.

       *       *       *       *       *

Jeden Herbst und jedes Frhjahr reiste Frau Finkenlohr auf zwei Tage in die
Hauptstadt, einesteils um nach ihren alten Bekannten zu sehen, besonders
aber, um fr das nchste Halbjahr die ntigen Einkufe zu besorgen. Da sie
nun eines kleinen Uebels am Fu wegen in diesem Jahr am Reisen verhindert
war, so wurde beschlossen, da ich fahren sollte und zwar mit Gottfried
zusammen, der nun wieder in sein Gymnasium einrcken mute und die gleiche
Strecke reiste. Ein paar Tage vorher brachte Gottfried aus der Zeitung die
Nachricht, da am selben Abend im Hoftheater der Faust gegeben werde;
die Gromutter schenkte uns beiden das Geld dazu, und Gottfried bestellte
strahlend die Karten.

In einer Frhe zogen wir los; Gottfried trug in einem Kfferlein mein
schnes Kleid in Seidenpapier eingewickelt, auch ein Paar anstndige Schuhe
und fr jeden von uns etliche Vesper; das Textbchlein aber hielt er in der
Hand und lie es nimmer von sich. Frau Finkenlohr schaute im Morgenkittel
aus ihrer Schlafstube, trug uns viele Gre auf an das Bslein Babett, bei
dem wir nchtigen muten, und wir sollten es doch bei Leib nicht vergessen,
vom Unterland ein paar Traubenbltter zu den Rebhhnern mitzubringen, die
sie bermorgen braten wolle.

Es war uns auf dieser ganzen Reise feierlich und still zumut; wir sprachen
kaum, und je nher wir der Hauptstadt zufuhren, desto mehr wuchs in uns
eine leise Bangigkeit vor dem Abend, und es war gut, da wir keine brige
Zeit zum Drbernachdenken hatten, denn es gab vollauf zu tun, bis wir die
verschiedenerlei Einkufe und Besorgungen erledigt hatten. Gottfried trabte
in unendlichem Vergngen mit mir durch einige Lden; wir kauften eine
neue Kaffeemhle und ein Bgeleisen, einen Ersatzteil zu Frau Finkenlohrs
knstlichem Gebi, sowie ein Rslein auf ihren Kapotthut und graues
Fersengarn zu ihren Strmpfen, auch vergaen wir die Kimmichkchlein nicht
und die berhmten Schtzenwrste des Metzgers Eichenwolf. Als wir noch die
Traubenbltter hatten und endlich zu dem alten Bslein kamen, erfllten uns
die festlichen Vorbereitungen, die sie uns zu Ehren traf, mit steigender
Heiterkeit, darin vollends unser bngliches Herzklopfen auf ein paar
Stunden unterging.

Das Jngferlein hrte nimmer gut, und trotz einer ungeheuren Brille sah sie
auch nimmer recht, -- und sie hatte uns zum Empfang einen wunderbaren Tee
gekocht; mit Vanille und Zimmet gewrzt, damit er doch ja recht gut wre.
Doch habe ich sie im Verdacht, da sie infolge ihrer Kurzsichtigkeit statt
des Zimmets ein anderes Gewrz erwischt hatte, denn der Tee schmeckte
abscheulich. Da sie es uns aber tdlich bel genommen htte, wenn wir ihn
verschmht htten, ihn selbst auch ausgezeichnet fand, verlebten wir
nun auf dem geschnrkelten Kanapee eine ergtzliche Stunde; das Bslein
trippelte ab und zu; war sie bei uns in der Stube, unterhielten wir sie
mit Eifer und taten, als ob wir darber das Trinken vergen -- ging sie
hinaus, berieten wir, wie man das seltsame Getrnk am ehesten hinunter
brchte; probierten bald kleine, bald groe Schlcke, hielten auch beim
Trinken die Nase zu, und schlielich nahm Gottfried ritterlich meine Tasse
und bego damit die Geranienstcke vor dem Fenster, ehe die Alte wieder
eintrat.

Unter groer Heiterkeit kleideten wir uns dann frs Theater an, als ich
mir vor des Bsleins blindem Spiegel die Haare frisch aufsteckte, stand
Gottfried am Fenster und las mir noch einmal den Prolog vor; da kam die
feierlich bange Erwartung doch wieder. Die Base geleitete uns alsdann bis
vors Haus, befrchtete, da sie nimmer wach wre, wenn wir heimkmen und
gab uns den Hausschlssel mit.

In den Straen war eine seltsame Schwle; der Sommer hatte seine Hitze noch
einmal in einem sengenden Tage zusammen getan; am Himmel sah es aus, als
ob's ein bses Wetter gebe. Wir gingen ganz still durch die Straen und
Pltze und die breiten Staffeln des Theaters hinauf, saen dann stumm und
tief beklommen, bis das Haus sich fllte und der Vorhang aufging.

Dann kam der Faust. Und indes von der Bhne der Gewaltige in seinen
gttlichen Worten zu uns redete, jeden Kummer mit tiefen, leuchtenden
Farben trnkte und was schmerzvoll war, vergeistigt und voll Se
und stiller Schnheit erscheinen lie, alle Freude aber schumend und
vertausendfacht, -- indes der Mchtige alles, was scheu, verschleiert
und dunkel in uns war, zerri und zerbrach, da wir nackt, wissend und
pltzlich in schmerzhaft blendendes Licht gestellt, vor einander waren, und
doch von seiner lohenden, gttlichen Flamme erfat, in seligem Jubel uns zu
seinen Hhen hinreien lieen, -- indes Szenen, Menschen, Schicksale an uns
vorbeizogen und die abendlichen Stunden fllten, wandelte es sich in uns;
wozu es sonst vielleicht Monate und Jahre gebraucht htte, war nun in
ein paar Stunden geschehen. Unsere Liebe war uns mit einemmal bewut,
krperhaft, nahe und gro geworden, und wir selber vermeinten, reif und
andere Menschen zu werden.

       *       *       *       *       *

Nach dem letzten Akt wurden die Lichter hell. Zitternd ri mich Gottfried
empor, und wir liefen schnell durch das Haus; hinter uns brachen Lrm,
Gedrnge und Gelchter aus den geffneten Tren; als wir aber die breiten
Stufen ins Freie hinab schritten, heulte uns durch schwarze Nacht ein
tobender Sturm entgegen, gleiendes Feuer schlug auf uns herunter,
verzuckte wieder und die Nacht war noch finsterer, noch schauerlicher
darnach.

Da war der alte Stadtgarten; unter Donner und kaltem prasselndem Regen
liefen wir tief in das Dunkel der Bsche und hohen Bume hinein. Erst
hasteten noch eilige Menschen gleich flchtigen Schatten an uns vorbei,
dann waren wir allein. Zitternd und stumm vor Erregung hielten wir uns an
den Hnden; im sprhenden Flammen der Blitze sah ich zu Gottfried auf; sein
blasses Gesicht war voll Farbe und Bewegung, und seine Augen so glnzend
und schn, wie ich es nie mehr gesehen habe.

Dann standen wir in Blitz und Getse, hielten einander umschlungen und
waren rasend und trunken vor Liebe und Leidenschaft. Gottfried bedeckte
mein Gesicht, meinen Hals und meine Brust mit Kssen, und ich hing zehrend
immer wieder an seinem Munde. Wir nannten uns bei unseren Namen und
stammelten Liebesworte, und nahm uns Sturm und Donner die Stimme von den
Lippen, so schrien wir's sthnend in das wilde Wetter hinaus. Und endlich,
nach Stunden, als wir von dem lohenden Rausch gesttigt und mde waren,
suchten wir durch die dunkeln und fremden Straen, die voll khlem,
strzendem Regen waren, unsren Heimweg zu des alten Bsleins Wohnung.

Ich war die ganze Nacht froh und helle wach; die Base hatte mir in ihrer
Schlafstube ein Bett gerichtet; lange sa ich aufrecht und unausgekleidet
darauf; als ich merkte, da jene wie ein Murmeltier schlief, zndete ich
mir ein Licht an und ging damit in das Gaststblein hinber, wo Gottfried
in erschpftem Schlafe lag. Ich setzte mich an sein Bett, stellte das
Licht daneben und sah lange in stummer, jubelnder Andacht auf den geliebten
Jungen nieder. Das Stblein war muffig und roch nach Mottenpulver, des
Bsleins Kerze brannte tief herunter, und es fror mich an den Fen,
der nassen Schuhe wegen; ich sa Stunde um Stunde und achtete es nicht.
Brausender als je waren in mir die Strme des Namenlos entfesselt, und zum
erstenmal geschah es, da ich ihnen in weiter, verschwindender Ferne, aber
doch deutlich und feststehend ein Ziel gesetzt sah.

Als der trbe Morgen durch das Fensterlein kam, regte sich Gottfried
und erwachte. Bist du schon da! sagte er voller Innigkeit, als er mich
gewahrte; er ergriff meine beiden Hnde und zog sie zu sich her. Du, du
Liebe.

Und dann geschah etwas Seltsames: pltzlich standen seine Augen voll
Trnen, er schlang seine Arme um meinen Hals und ri mich mit verzweifelter
Wildheit zu sich herab, da ich fast schrie vor Schmerz. Dabei zitterte
er am ganzen Leib, sthnte, schluchzte, und ich fhlte sein Herz durch die
Decke des Bettes hindurch strmisch schlagen.

Tief erschrocken hielt ich diesem Ausbruch stand und wute mir nicht zu
helfen. Gottfried, Schatz, was machst du fr Geschichten! Fehlt dir etwas,
sag?

Nein, schluchzte er; aber -- es ist -- so -- so viel ---- ich ertrage
es fast nimmer------

Da nahm ich seinen Kopf an meine Brust und strich mit meiner Hand sanft und
zrtlich drber, und indem ich immer so fortfuhr und ganz leise war, wurde
er ruhiger. Nach einer Weile lag er still und bla und erschpft da und
lchelte mich an.

Verzeih, Agnes! Es ist so mit mir durchgegangen.

Dann lachte er voller Spott: Das ist ein schner Brutigam, gelt! Kannst
du denn mich noch lieb haben, wenn ich -- _so_ bin?

Ja, sagte ich ganz ernst und sah ihn an, gerade weil du so bist, deshalb
habe ich dich lieb.

Ich wandte mich ab, und es ging mir durch den Sinn, wie wunderbar es sei,
da nun dieser reine, glhende und schumend junge Mensch mich liebe und
zu mir gehre, und als ich dies so recht erfate, geriet ich in eine so
ungeheuerliche Seligkeit, da es mir beinahe gegangen wre, wie vorhin
Gottfried.

-- Wir faten den Plan, da Gottfried wieder zurck reise und den ganzen
Tag noch mit mir zusammen sei, doch ohne da die Gromutter es wisse; und
wir freuten uns darber wie die Diebe.

Die engen Huser der Gassen drngten sich grau und steil vor unserem
Fenster, wir beschlossen, noch ehe das Bslein erwache, das Weite zu
suchen. Ohne Scheu vor einander kleideten wir uns zusammen an; dieweil ich
nachher die Betten und unsere Sachen in Ordnung brachte, war von Gottfried
nichts mehr zu hren; als ich ihn suchte, fand ich ihn in der Kche, vor
dem Herde sitzend und verzweifelt bemht, mit dem Blasebalg der Base ein
Feuer instand zu bringen.

Ach, Agnes, ich wollte dir einen heien Kaffee bringen; du mut doch etwas
Warmes haben, wenn du die Nacht nicht geschlafen hast. Aber es wird einfach
nichts! klagte er.

Mein Liebster mit dem Blasebalg aber wrmte mich mehr als des Bsleins
Rbenkaffee; lachend schrieben wir ihr noch ein Brieflein zum Hinterla und
gingen eilig, um mit dem Frhzug noch fort zu kommen.

Vom Mittag an bis in den spten Abend trieben wir uns dann auf den Feldern
fern vom Zinken herum; wir legten uns in eine Ackerfurche und sahen in
den Himmel, der weit und helle ber dem flachen Land aufstieg, und der
herbstliche Sturm ging in mchtigen Sten ber uns weg. Wohl waren wir
hungrig und voll Mdigkeit, sprten die Khle des Sturms und die Hrte der
Erde und genossen doch die schwelgerische Lust, hier in der einsamen Weite
Krper an Krper beieinander zu liegen, die Hnde ineinander zu haben
und uns Liebes zu sagen, ungemindert und kosteten sie aus bis zum letzten
Augenblick.

Spt am Abend gingen wir zum Zinken hinber; ich lie Gottfried nicht
fort, ohne da ich nicht versucht htte, ihm irgendwie etwas zum Essen zu
verschaffen. Als wir ans Haus kamen, war alles schon stille, nur in der
Kche brannte noch ein Licht, und wir sahen zum Fenster hinein. Frau
Finkenlohr stand vor einer irdenen Schssel und lie einen Hefenteig an;
und indes wir nun wie arme Snder so in der einsamen Nacht drauen standen
und die rundliche und zufriedene Alte in ihrer warmen Kche hantieren
sahen, wie sie, eine weie Schrze vorgebunden und die Milchpfanne samt
einem groen Schmalzhafen zur Seite, ihren Teig klopfte, der ihr
in mehligen Brten von den Fingern hing, kam mich mit einemmal ein
wunderliches Gefhl an. Ich bedachte mit Zaghaftigkeit und Kleinmut, wie
unsere Liebe, die mir eben noch mchtig genug erschienen war, um alle
Himmel zu strmen, vor dieser soliden, tchtigen und nahrhaften Welt der
Gromtter und der Schmalzhfen bestehen knne; und ich mu gestehen, da
mir jmmerlich dabei zumute war. Ich zog meinen Liebsten dicht zu mir her
und sprach leise und eindringlich auf ihn ein.

Gottfried, du mut mir versprechen, da du keinem Menschen etwas davon
sagst, da wir einander lieb haben; am wenigsten jemand vom Zinken und
deiner Gromutter.

Wenn du es so willst, -- ich kann schon schweigen.

Du mut dir Mhe geben, da du es nicht merken lt, nicht wahr?

Ja.

Du mut es mir schwren, Gottfried!

Ich schwre es dir. Und wir besiegelten es mit einem Kusse. Dann nahmen
wir leisen und zrtlichen Abschied; Gottfried verschwand um die Hausecke,
um unter meinem Kammerfenster zu warten; ich aber ging mit Gerusche zur
Haustr hinein und in die Kche, wo es eine laute und herzliche Begrung
gab. Die alte Frau wusch sich die Hnde, hie mich in ihre Wohnstube gehen
und trug mir dort einen gehrigen Imbi auf; sodann setzte sie sich zu mir,
ich mute essen, auspacken, vorrechnen, erzhlen und Gre ausrichten,
und es wurde mir immer wrmer und bedrngter, wenn ich an den armen Jungen
drauen dachte. Als ich auf der alten Kastenuhr sah, da eine halbe Stunde
um war, hielt ich es nimmer lnger aus; ich wute mir nicht anders zu
helfen, als da ich pltzlich eine groe Mdigkeit heuchelte und ein
schmhliches Geghne auffahren lie, mit den Augendeckeln klapperte und hie
und da mit dem Kopf nickte wie die alten Weiber in der Kirche, worauf Frau
Finkenlohr denn auch richtig hereinfiel und mich schleunigst auf meine
Kammer schickte. Brot, Butter und Rauchfleisch gab sie mir mit hinauf,
damit ich neben dem Auskleiden vollends essen knne.

Strahlend vor Freude kam ich mit meinen Schtzen in die Kammer und zndete
zitternd mein Licht an, was von unten mit einem leisen Pfiff quittiert
wurde. Glcklich schnitt ich die Brote, strich und belegte sie und
wickelte sie mit ein paar pfeln, die ich noch oben hatte, sauber in einen
Oberlnder Boten. Dann lschte ich das Licht und lie mein Paket an einer
Schnur zum Fenster hinab, wo Der unten es in Empfang nahm. Wenn er nun
musikalisch gewesen wre, htte er vielleicht irgend etwas leise gepfiffen
oder gesungen; so aber -- und es war der Sicherheit halber fast besser
fr uns, begann er, indem er vom Hause weglief, mit seinem weien Sacktuch
stumm und wtend und herzbewegend zu mir herauf zu wedeln, rund herum,
schrg und auf und nieder. Der Hofhund schlug an, war aber alsobald wieder
still, da er ihn kannte, und durch die dunkle und von einem leisen Sturm
bewegte Nacht sah ich ferner und ferner das gespenstische Liebessignal zu
mir heraufleuchten.

       *       *       *       *       *

Gottfried schrieb mir oft; mir wurde Kammer und Haus zu enge, wenn ich
seine Briefe las. Ich lief voll strmenden Jubels in Schnee und Sturm
und Regen hinaus und schrie es leise in die tosenden Wetter und zu den
einsamen, sthnenden und windverwhlten Bumen im Wald hinauf, wie lieb
ich diesen Menschen htte! Und ich barg den Brief an meinem Herzen, bis der
nchste kam.

Auf Weihnachten wollte er kommen. Ich freute mich drauf wie ein Kind, tat
alle Arbeit verkehrt und lief zitternd immer wieder auf die Landstrae
hinaus, zu sehen, ob der alte Postwagen noch nicht kme. Und einmal kam
durch den Schnee ein einsamer Mensch angestapft; ich lief auf ihn zu, und
er war es, wir schrien auf und lagen einander in den Armen.

Es war in diesen Weihnachtstagen bitter, bitter kalt; wohl brannten in
Kche und Fremdenstuben und Frau Finkenlohrs groem Wohngela mchtige
Feuer, doch saen wir beide in einer abgelegenen Kammer, wo der Sturm eisig
durch Tr- und Fensterfugen fuhr. Wir bauten uns klappernd vor Frost in ein
Nest von alten Strohscken, Pferdedecken, Bettstcken und wollenen Tchern
ein, hatten Handschuhe an und Pelzstiefel, und Gottfried brachte strahlend
eines Abends noch einen wattierten Schlafrock des seligen Grovaters
Finkenlohr fr mich.

In jenen Stunden lasen wir zusammen Gottfrieds Lieblingsdichter, Hlderlin;
-- seine Gedichte, den Hyperion und aus dem Empedokles, und es geschah,
da Gottfried mit einemmal aufsprang und sich zornig aus dem warmen Wall
losschttelte, die Handschuhe voller Verachtung an die Wand warf und laut
mit ausbrechender Begeisterung des herrlichen Dichters Worte mir vortrug.

Jeder Tag dieser Weihnachtsferien war, wiewohl es ein bses, trbes,
strmisches Wetter war, voll innerlichen Glanzes und voller Schnheit, so
da wir am Ende ohne Traurigkeit, fast gesttigt von Glck, voneinander
schieden.

       *       *       *       *       *

Nun mu ich aber, ehe ich weiter gehe, noch etwas von jenem Winter
schreiben, -- und von einer Liebe sagen, die mir damals aufging und gleich
der zu Gottfried helle und leuchtend in mein Leben schien.

Bei jenem einen Verslein, das mir damals, an jenem Morgen eingefallen war,
war es nicht geblieben; je und je, in einer Sturmnacht oder wenn ein Brief
von Gottfried gekommen war und ich bewegt in die einsamen, verschneiten
Felder hinaus lief, kam es, da es mich pltzlich gleich einer feinen,
aufreizenden Lust ergriff, stehen zu bleiben, Worte, Gedanken, Reime in mir
auf und nieder steigen zu lassen und eigentlich ohne mein Zutun dann auf
einmal einen Vers fertig zu haben.

Es ging mir dabei ein wunderliches Geriesel durch den Leib und war eine
halb reizende, halb wonnige Spannung in mir; ich brauchte fast gar nichts
zu tun oder zu denken dabei, nur jenem stille zu halten und mich von ihm
berlaufen zu lassen; nachher, wenn es vorbei war und ich klar und ohne
Mhe den Vers in mir wute, war ich manchmal wirklich krperlich mde und
leicht erschpft.

Mit den so entstandenen Gedichtlein wute ich nicht viel anzufangen; sie
glichen jenem ersten, waren simpel und wenig gehaltvoll; manchmal schickte
ich sie Gottfried, doch war es mir peinlich, da er so viel Wesens draus
machte, und spter schlo ich sie alle in eine alte Zigarrenkiste.

Das Dichten selber aber wurde mir allmhlich zum gesteigerten Genusse und
zur leisen Leidenschaft. Ich sehnte mich darnach, da jene fremde Macht
wieder ber mich kme und mich wegfhrte, obgleich ich nichts dazu tat,
solches etwa knstlich wecken und herbeifhren zu wollen. Sprte ich aber,
da es ber mich kommen werde, war ich entzckt, ging, wenn ich unter
andern war, schnell abseits und kostete die rieselnde Lust voll geheimem
Glcke aus, bis sie mich wieder verlie, und das Leben dnkte mich durch
diesen neuen Reiz betrchtlich hher und wertvoller.

Dazu kam noch, da Gottfried mir seine Bcher dagelassen hatte, mir auch
immer wieder solche schickte und zu Weihnachten ein ganzes Kistlein davon
schenkte. Seither hatte das Leben kaum Beglckenderes fr mich gehabt, als
aus vollen Krften arbeiten zu drfen, dazu unter vergngten Leuten zu sein
und drunterhin einen Tanz und eine frhliche Nacht zu haben, und an hheren
Bedrfnissen waren in mir nicht mehr gewesen als in jedem gesunden Menschen
berhaupt, -- der Wunsch schlielich, eine Freundin oder einen Schatz zu
haben. Und nur in seltenen Stunden war in mir der Gedanke an ein Reich des
Geistes gewesen, mit Traurigkeit, freilich, und einem stumpfen Verlangen,
aber ohne Feuer und Leidenschaft und Dazutun; so, wie man etwa von Palmen
und weien Elefanten und blauen Meeren trumt und dazu sagt, man mchte
auch einmal gern eine Weile in Indien gewesen sein.

Nun aber lief ich in jene andere Welt hinber mit vollen Segeln. Gottfried
hatte mich hineingefhrt und sie mir aufgetan, wie es kein anderer htte
knnen; durch ihn, durch die Zeit der strmenden Liebe zu ihm, die
ich erlebt hatte, und nicht zuletzt durch mein eigenes, wunderliches
Versemachen war mir mit einemmal ein Sinn aufgegangen fr das Reich des
Geistes und der Kunst, vor allem fr die wundersame Welt der Dichtung.
Ach nein, nicht einer, alle Sinne, alle Fhigkeiten in mir, die
staunen, bewundern und lieben konnten, zitterten nun wie taumelnde
Nachtschmetterlinge diesem allmchtigen Lichtkreis entgegen, konnten
jauchzen und rasen vor Entzcken drber, da es solche Gedanken gbe, und
solche betrende Musik der Worte, da man sie damit umkleide.

Ja, ich glaube, es wre mir oft genug ber einem gliederschnen,
reintnenden Verse, ber einer Reihe s und kraftvoll hingegossener
Worte der eigentliche Sinn und Gedanke verloren gegangen, wenn mir nicht
Gottfried in seinen Briefen sachte die rechten Wege gewiesen htte. Aber
ich finde heut noch ein Gedicht, dessen Sinn mir und anderen nicht recht
behagt, wenn es nur Vers und Musik und flieend ist und den geringsten Wert
hat, eben wundersam schn.

Doch war damals dieser bermige lyrische Rausch bald verflogen; ich ging
nun die stilleren und tieferen Pfade der Erzhlung, bewunderte und liebte
auch da; aber es wehte durch die meisten modernen Bcher ein sonderbarer
Geist, -- Weltschmerzlichkeit, ppig wuchernde Mystik und oft auch allerlei
Unsauberes, darein ich mich mit meinen gesunden, unverbogenen Sinnen noch
nicht recht finden konnte. Mein Herz hing am Werther, am Wilhelm Meister;
es hing an Gottfried Keller und an denen, die in seinen Fustapfen gingen;
wohl lag auch ber diesen Bchern eine leise Schwermut und ein grbelnder
Ernst, die meiner Jugend und Frhlichkeit widersprachen; doch war es
mir, als ob die Helden dieser Geschichten alle an einer wunderlichen,
interessanten, geistigen Krankheit litten, an einer solchen, um deretwillen
man sich nicht zu schmen braucht, sondern heimlich bewundert wird.

Und es ergriff mich eine heftige Lust, immer mehr von jenem schnen,
geheimnisvollen Leiden zu lesen und zu hren, und schlielich eine
Sehnsucht, es selbst zu haben und seinen Reiz und seine Qual und Se am
eigenen Gemt zu empfinden. Ich wute, da auch Gottfried diese Krankheit
habe; ja, vielleicht hatte er sie mehr als irgend ein anderer, und
gegenber der unsglichen Reizbarkeit seiner Seele, gegenber seinem
Auskosten aller Stimmungen und Launen und seinem berfeinen Empfinden kam
ich mir selber in meiner unverweichlichten Kraft und Kindhaftigkeit stumpf
und plump vor; -- mein Wunsch, Gottfried seelisch nahe zu kommen und
ihm nachempfinden zu knnen, vermischte sich nun mit dem, selber dieses
verfeinerten, traumhaft schnen Lebens teilhaftig zu werden; ich fing an,
den Regungen meiner Seele nachzugehen, sprte, da in meinem Geschick
und Wesen rtselhaft viel war, das mit dem der Dichter zusammen klang, es
freute mich, und ich war damals wahrhaftig nahe daran, jenes mige, in
Schnheit trumende Leben der Romane fr unendlich wertvoller zu halten als
meine unmodern gesunde Jugend, meine Lust an krperlicher Arbeit und alles,
was noch echt und brauchbar an mir war.

Nun fing ich auch an, meine eigenen Verse fr mehr zu halten als frher;
der Quell, daraus sie flossen, war reich und springend. Es ging ein groes
Blhen und Plnemachen in mir an; ich wollte spter einen Roman schreiben
und ein Drama und noch viele, viele Gedichte. Am meisten Lust hatte ich
vorerst zu einer kleinen, feinen, gut geformten Novelle; ich dachte daran
als an etwas, das mir lieb und kostbar war wie ein Mensch, und ich fing
auch an, sie zu schreiben.

Von alledem sagte ich niemand etwas; ich stand in der Kche und im Feld,
tat am Leben der andern so vergngt als es gehen wollte, mit und freute
mich nur immerwhrend des geheimen Lichts, das ich in mir trug und des
unsichtbaren Reiches, zu dem ich nun gehrte.

-- Da schrieb mir meine Mutter einen Brief, darin sie mich mit lieben
Worten bat, den Gottlosen Zinken zu verlassen und zu sehen, ob ich nicht in
jener Stadt, wo meine Schwester verheiratet war, eine Stellung bekme. Es
scheine ihr, als sei bei der Margret nicht alles, wie es sein solle, und
als ob es gut wre, wenn sie einen Menschen in der Nhe htte, der manchmal
nach ihr she.

Nun mu ich aber ehrlich sagen, da, als ich in dem Brief der Mutter den
Namen jener Stadt las, mein Herz nicht vor Sorge, was mit der Margret los
sein knne, pltzlich zu klopfen anfing, sondern weil dort Gottfried wohnte
und weil der Gedanke, _ihm_ dann nahe zu sein, mich jh mit strmischer
Freude erfllte.

Ich trug den Brief zur Gromutter Finkenlohr; wir bedachten uns ein paar
Tage; und als wir eine geeignete Stellung fr mich in jener Stadt erfuhren,
war mein Schicksal beschlossen.

Ach, es war nicht leicht, von dem guten, warmen, frhlichen Zinken
fortzugehen und in einer fremden Stadt ohne den Schutz der lieben,
mtterlichen Frau Finkenlohr zu leben, die letzten Tage vergingen herb
und voll Wehmut. Zum Abschied tat man mir noch alles Gute; Frau Finkenlohr
begleitete mich selber zur Bahn, schob mir noch eine Schachtel voll
Zimmetsterne in den Wagen und kte mich warm auf beide Backen. Der Zug
fuhr an, lange sah ich noch in der Ferne ihren Kapotthut mit den roten
Rslein frhlich wippen, und es war mir trbselig zu Mut, solange ich
durchs Wagenfenster mein geliebtes Hochland sah. Doch wurde mir besser,
als ich durchs Unterland fuhr und Flsse erblickte und helle Drfer in der
Obstblte, und als am Abend die Trme der Stadt in einem roten Sonnenschein
vor mir lagen, schlug mein Herz vergngt und verlangend der Zukunft
entgegen.




Fnftes Buch


Ich war im Hause eines reichen Professors untergekommen und bernahm allda
die Kche und die Fhrung und Leitung des Haushalts. Auer mir waren noch
eine alte, abgedankte Haushlterin da, die frher das Regiment gefhrt
hatte und der nun die persnliche Bedienung der Herrschaften oblag -- und
noch eine kleine Bauernmagd fr die groben Geschfte. Kinder waren keine im
Haus, dafr aber Gste, Gesellschaften und ein bewegtes Leben. Was mir mein
Amt lieb machte, war, da mich die Professorsleute schtzten und in Ehren
hielten, mich frei und selbstndig schaffen lieen und dann noch das, da
mir die Kche bertragen war. Schon auf dem Gottlosen Zinken hatte ich das
Kochen mit Leidenschaft betrieben, nun, da ich's ohne Aufsicht durfte und
merkte, da man viel Wert drauf legte, tat ich's erst recht gern. Ich kann
mir nun nicht helfen -- es ist schon so, und ich kann's auch in keinerlei
idealem oder geistigen Zusammenhang erklren, warum ich diese so uerst
materielle und vulgre Neigung mit solcher Liebe hegte, ich habe wenig
anderweitige Talente, kann weder Klavier spielen, noch malen oder gut
singen; ich bin aber stolz darauf, gut kochen zu knnen, und wenn es mir
gelingt, etwa ein Spanferkel rsch und knusperig zu braten, eine feine
Sauce fertig zu bringen oder ein Slzlein schn und ohne Tadel zu bereiten,
so bin ich mit Hochgefhl und tiefer Befriedigung erfllt und wer mich
deshalb verachtet, soll es tun; anders macht mich keiner.

Auch traf es sich, da des Professors Haus ganz nahe dem meines Schwagers
stand, ein schmaler Hof lag dazwischen und die Grtlein hinter dem Haus
stieen zusammen. Die Gasse, darin die beiden Huser waren, zog sich dicht
am Schloberg hin; von der Wohnung meiner Verwandten ging ein hlzerner
Steg zum Berg hinber, wo sie unterhalb der Schlomauer ein sonniges
Stcklein Land besaen.

Zu Anfang litt ich an einem mchtigen Heimweh nach dem Gottlosen Zinken;
es war mir ein kleines Zimmer zugewiesen, das gegen den Berg zu ging und
in dem es ewig dunkel und khl war. Ach, da war kein weiter, heller,
hochgewlbter Himmel, kein freies, stilles, schnes Land, es gab keine
tosenden Strme, die in herber Herrlichkeit die Nchte durchfuhren, es gab
keinen nahen Wald mit sthnenden und windverwhlten Bumen! Man mute sich
hbsch bescheiden lernen; hier war alles voller Berge, Gassen und Gelrm
und bedrckte mich elend.

Allmhlich aber gewhnte ich mich dran; eine Menge neuer, farbiger
Eindrcke strmten auf mich ein, das vordem so leuchtende Bild des
Gottlosen Zinkens verblate sacht in mir.

Da lebte vor allem im Hause selber ein Mensch von hchst wunderlichem
Gebaren, das war die alte Haushlterin Genovev; da sie von Alters wegen
fast keinen Dienst mehr tun konnte und das Zusehen hatte, wie eine Junge
ihr das Regiment aus der Hand nahm, tat sie mir leid, und ich bemhte mich
geflissentlich um ihre Gunst, was sie mit der Wrde und Majestt einer
gekrnkten Kaiserin hinnahm. In seltenen guten Stunden fhlte sie sich
bewogen, mir aus dem Schatze ihrer reichen Lebenserfahrung einen guten Rat
zu geben; etwa, da, wenn eine Sauce zu dunkel wre, man Milch hineintue;
werde sie aber zu hell, so nehme man Zichorie oder Kaffeesatz.

Von auen betrachtet, war sie ergtzlich anzusehen, -- klein, fett, mit
verschmitzten Sauuglein, aus denen sie ganz nach Belieben dicke, runde
Trnen kullern lassen konnte, soviel sie bentigte. Auf dem Haupt trug sie
ein halbes Pfund Haarnadeln und ein winziges, graues Schwnzlein in wenig
schner Anordnung. Sodann hatte sie eine betrchtlich rote Nase mit sanften
blulich-violetten Schattierungen; diese aber, sowie tglich mehrmaliges,
geheimnisvolles Verschwinden der Alten in der Richtung auf den Keller
zu, auch manch mysterises Sich-zu-schaffen-machen an des Professors
Likrschrank und ein affenartig schnelles Verschwinden, wenn in solchen
Augenblicken jemand in die Stube trat, brachten mich auf finstere
Verdchte, die sich leider immer tiefer begrndeten. Ich bestrebte mich nun
zwar, zu tun, als ob meine Augen nichts gesehen htten und mein Herz von
nichts wte; doch schwand meine tiefe Hochachtung und ich brachte es von
da an nimmer fertig, sie zu behandeln, als ob sie aus Marzipan oder die
Kaiserin von China sei. Sobald sie aber dies herausgefunden hatte, nderte
auch sie sogleich ihr Benehmen gegen mich und bombardierte mich nun tglich
mit einem Schwarm von uerst schlauen, feinen Bosheiten.

Dessenungeachtet aber war sie ungeheuerlich fromm, Bibelsprche und
erbauliche Liederverse liefen ihr wie Wasser vom Mund; keine Predigt, keine
Betstunde noch Beerdigung waren vor ihr sicher. Mit tiefer und
wortereicher Verachtung sah sie auf die brige Menschheit herab, die voller
Gottlosigkeit und Unzucht dem Pfuhl der Hlle zustrebte; sie selber war
eine Heilige, Mrtyrerin und gttlich Begnadete; sie hatte bedeutsame
Trume und Gesichte, darin der Herr selber mit ihr sprach und ihr Propheten
und Apostel erschienen, ja, zeitweise war sie ganz in den Himmel entrckt,
schwankte, lallte Unverstndliches, schlief darnach wie ein Kartoffelsack
und erzhlte Tags darauf von der Herrlichkeit des himmlischen Jerusalems,
die sie geschaut hatte.

Besonders des Abends, wenn zuvor Genovev und Kellerschlssel dunkle,
geheimnisvolle Viertelstunden lang entrckt gewesen waren, war jene
gttliche Begnadigung gro. Das Hausmdchen und ich standen andchtig
lauschend in der Kche bei ihr, sie aber sa mit mchtig tnendem
Redeschwalle, nur von gelegentlichen grunzenden Lauten unterbrochen, auf
ihrem breiten Kchenstuhl, die Aeuglein glnzend und verzckt gen Himmel
geschlagen, und sie drckte daraus fleiig kugelnde Trnen ber die fetten
Backen hinab. Sie sprach von der Verderbnis der Welt und menschlichen Natur
und mehr noch von dem Golde und den Harfen und Engelscharen der Oberen
Stadt, darinnen sie schon im Geiste weilte, sie gestikulierte mit
unsichtbaren Evangelisten, Heiligen, Prlaten und Generalsuperintendenten,
mit denen sie auf du und du stand, schneuzte mit Ekstase in ihr kariertes
Sacktuch, schluchzte dazwischenhinein, da es ihr Herzste gab und hob
die Arme schwrmend himmelan. Bis sie dann von all diesen Erscheinungen,
Gesichten und vom Lobe Gottes md war, immer mysterisere Laute von
sich gab, gefhrlich auf ihrem Stuhl zu schwanken begann und schlielich
vornber auf den Kchentisch sank und alsbald ein krftiges Schnarchen
hren lie.

Diese Stunden aber waren so ungeheuer nrrisch und erheiternd, da ich
jedesmal darnach erfrischt und aufs lebhafteste ermuntert wie nach einem
kstlichen Bade die Kche verlie, und da mich oft in der Nacht noch das
Lachen schttelte, wenn ich dran dachte. Auch brachte ich es um deswillen
fertig, ihr alle Boshaftigkeit, die sie mir antat, zu verzeihen, so da
unser Verhltnis vorerst bis auf ein paar kleine, spitzige, schlau und
verhllt gefhrte Feldzge tglich das denkbar beste war.

-- Bei meinen Verwandten war ich am ersten Abend noch geschwind gewesen;
Margret schien es krperlich nicht gut zu gehen, auch wollte es mich
bednken, als stnde es mit des Schwagers Geldwesen nicht gut; man htte
im Haushalt einteilen und sparen sollen, dazu war aber die schne, lustige
Margret nicht geschaffen, auch wenn sie sich Mhe gab, brachte sie's nicht
fertig. Eine Magd konnten sie sich nicht halten; es war nur eine Frau da,
die des Morgens im Haushalt etliches half. Nun wurde es Margret zuviel, der
Schwager wollte gut gekocht haben und ein geselliges Leben fhren, und dazu
waren die vier kleinen, lebhaften Kinder da.

Doch merkte man von diesem allem, so von auen betrachtet, auer etlicher
Schlamperei in den Stuben und gelegentlich einem zerrissenen Hemmedlein
der Kinder kaum etwas, die Eheleute hatten einander lieb wie in den
Flitterwochen, fhrten ein eigenartiges, hchst vergngtes Leben, lieen
fnfe gerade sein und machten sich keine Sorgen. Mein Schwager war ein
groer, imponierender Mann mit einer mchtigen Leibesflle; so wenig
mir sein dicker Bauch gefiel, so schn erschien mir sein Gesicht, -- von
frhlichem, gewinnendem Ausdruck, wahrhaft edel im Schnitt und voller
Gescheitheit, dazu von dichten, dunkeln und gelockten Haaren umstanden. Er
war ruhig und sicher im Wesen und gefiel mir recht gut.

An meinem ersten freien Sonntag, ber den ich schon von der Frhe an
verfgen durfte, ging ich nun hinber, um ihn mit meinen Verwandten zu
verleben; es war morgens um acht Uhr, und die Sonne schien heiter auf das
Schild am Haus: Adolf Fouqu, Antiquariat und Sortiment.

Die Wohnung lag ber zwei Treppen hoch; da die Glastr unverschlossen
war, trat ich ein und gelangte vor das Wohnzimmer, daraus mir eine schne,
feierliche Klaviermusik entgegenkam. Mein Klopfen wurde nicht gehrt,
so ging ich hinein, und es bot sich mir ein vergnglicher und seltsamer
Anblick. Mein Schwager sa im Hemd am Klavier und spielte; durch die
weit offene Tr sah man in ein noch von der Nacht her mit einer genialen
Schlamperei beseeltes Schlafzimmer, wo Margret mit rot geschlafenen Backen
und strahlenden Augen im Bette lag, ihr Jngstes im Arm, und die hellen
Zpfe hingen wirr und halb offen bers Kissen hinunter. Die Sonne fllte
blendend beide Stuben, in ihrem Schein sah man alle Mbel mit einem
gemtlichen Staube bedeckt; auf dem Klavier war mit dem Finger geschrieben
ein griechischer Vers in dem grauen Pelzlein zu lesen. Auch hatten die
meisten Dinge hier wie in der Schlafstube die Eigenart, just an dem Orte zu
liegen, wo sie nicht hingehrten, von Margrets himmelblauem Sonntagskleid
an bis zu dem Sandkistlein der Katzen, deren etliche mit frhlichem
Getmmel die Stube bevlkerten und in prchtiger Ungeniertheit ber Tische,
Betten und Klavier spazierten.

Der Schwager fuhr rcksichtsvoll in eine Hose, als er mich erblickte, lie
sich dann aber nicht weiter in seinem Spiele stren; Margret bedeutete mir
stumm, mich zu ihr auf's Bett zu setzen. Weit du, sagte sie leise, als
ich bei ihr war, das ist bei uns alle Sonntage so; ich darf mir meine
Lieblingsstcke bestellen, Adolf spielt alles ohne Noten. Das ist unsere
Morgenandacht. Ach, hr doch, das ist Bach -- ist das nicht wunderbar
schn? Du mut nun ganz still sitzen bleiben, gelt, und zuhren!

So sa ich denn, obgleich es mein Hausfrauenherz mchtig gelstete, die
Betten zu schtteln, das Kind anzuziehen und schlielich das Ntigste
abzustauben, nun hchst unvernnftigerweise stille auf meiner Schwester
Bett, und allmhlich drang der Zauber dieser morgendlichen Stunde auch
in mein verstocktes Gemte. Margret lag in halber Verzckung da; war der
Schwager mit einem Stck zu Ende und hielt einen Augenblick inne, so sagte
sie unverweilt und mit Feierlichkeit, als liege ihr das Wort seit langem
freudig bereit, den Namen eines nchsten, worauf er denn auch alsbald
lchelnd weiter spielte.

So ging es schn und festlich in den sonnigen Morgen hinein; als Adolf
endlich aufstand und mit der Begrndung, er habe Hunger wie ein Loch, den
Klavierdeckel herunterklappte, war es ber zehn Uhr. Margret fuhr munter
in einen Schlafrock, lief barfig aus und ein und trug, indes Adolf seinen
Kaffee kochte, auf dem ungedeckten Tisch ein auserlesen leckeres Frhstck
zusammen: die Sonntagsbrezeln und ein paar alte Pumpernickel, eine
Bchse mit Oelsardinen, einen Rest Kse und einen Zipfel Wurst, sowie ein
Stcklein Braten; die Butter lie sich lngere Zeit nicht finden, -- schon
hatte man den Kater im Verdacht, da brachte sie Margret im Triumph herein:
hchst seltsamerweise war die Butter an ihrem richtigen Platz gewesen, wo
man aber leider alten Erfahrungen gem zuletzt gesucht hatte.

Und mit dem gleichen schwelgerischen Genusse wie zuvor an Mozart und
Beethoven labten sich die Eheleute nun an ihrem ppigen Frhstck; aus der
Schlafstube der Kinder nebenan drang nun allmhlich ein ohrenbetubender
Lrm, die Katzen waren hungrig und liefen mit steil erhobenem Schwanze auf
dem Tisch zwischen Ks und Fischlein einher, steckten auch ab und zu den
Kopf in das Milchknnchen; es ging nun gegen elf Uhr, -- und doch saen die
beiden, ohne sich im mindesten stren zu lassen oder sich etwa zu beeilen,
voll unbegrenzter Behaglichkeit vor ihrem Kaffee, waren herzlich vergngt
ber meinen Besuch und unterhielten mich prchtig.

Spter tat dann Adolf einen seltsamen, vogelartigen Pfiff, darauf kollerten
mit Jubelgeheul die drei hemmetigen Sprlinge herein, fielen ber
Eltern, Katzen, Brezeln und Kse her, und die Wonne stieg zusehends. Auch
entwickelte man dann eine rhrige Betriebsamkeit, wusch und kmmte sich
allerseits, zog schne Kleider an und besorgte das Mittagessen. Der
Schwager erwies sich als uerst geschickt in Haushaltungssachen, tat
kunstgerecht den Braten ans Feuer, badete den Sugling und versuchte
die Suppe. Des Nachmittags ging man insgesamt spazieren, auf einer
frhlingswarmen Wiese legte sich der dicke Schwager ins Gras, die
Kinder kletterten ihm auf dem Bauch herum; er wute eine Unmenge kleiner
Kunststcke und Spsse, soda selbst uns Groen vor Lachen die Trnen
hinunter liefen. In einem Dorfwirtshaus lie der Schwager dann ein
frstliches Abendessen auffahren; man trank auch Wein dazu, und es war spt
in der Nacht, als wir mit den todmden Kindern wieder nach Haus kamen.

War nun auch der Eindruck, den ich an jenem Sonntag von meinem Schwager
erhielt, ein vorwiegend guter und heiterer, so erwies sich leider, als ich
ihn in der nchsten Zeit von nahem kennen lernte, da Fouqu ein uerst
bequemer, egoistischer, ja, sozusagen grundfauler Mensch sei, der fr alles
Lust, Talent und Liebe hatte, nur keinen Funken davon fr sein Geschft.
Er hatte in seiner Jugend verschiedentliches studiert, wovon aus dunklen
Grnden nichts zum Abschlu gekommen war, hatte dann zum Buchhndler
umgesattelt und vom vterlichen Erbe sein jetziges Geschft gekauft. Auch
sei er schon einmal kurz verheiratet gewesen; seine Frau, eine Tochter aus
guter Familie, sei ihm aber nach halbjhriger Ehe wieder davon gelaufen,
weil er sie nicht habe verhalten knnen.

Nun war er an die Margret gekommen; die Grundstze und Anschauungen der
beiden, was ein frhliches Leben und eine geniale Wursthaftigkeit gegenber
aller Pflicht und allem Ernste anbelangte, fgten sich so prchtig zusammen
wie ihre schnen, heiteren Gesichter. Wenn sie nun nicht bedauerlicherweise
jedes Jahr ein Kind bekommen htten, fr das gesorgt sein wollte, wenn
nicht auch von diesen beiden Glcklichen jeden Tag eine tchtige Portion
Arbeit und Dazutun gefordert worden wre, ja, dann wre wohl alles gut und
glatt gegangen.

Der Schwager war zu einem schnen Leben, zum Freuen und Genieen geschaffen
wie selten einer; ob er aus seines Ladens Bedrngnis heraus eine Weile in
seinem Mauergrtlein sich frische Luft und Sonne zufhrte und an seinen
Rosen roch, ob er mit seinen hbschen Kindern Narreteien trieb, ob er
Mozart hrte oder ein Gansleberlein a, -- immer tat er es voller Andacht,
bedachtsam alles Schne, auch das Bescheidenste, tief und dankbar in
sich aufnehmend und voll kstlich bewuter, genieerischer Lust und
spitzfindigem Auskosten alles Gebotenen. Er verfgte ber eine Masse
Talente und Fertigkeiten, die das Dasein etwa schn und vergnglich
machen konnten, er dichtete, spielte Klavier, konnte kochen und war ein
ausgezeichneter Grtner; er hatte eine seltsame, sichere Art, viel Wein zu
trinken und darnach heiter und voll prchtiger Laune zu werden, ohne jemals
auch nur im geringsten betrunken zu sein. Er war sehr belesen und weit
gereist, dazu klug und fabelhaft witzig, konnte zwanzig Leute auf einmal
unterhalten, gewinnen, hinreien und bestrickend leichtsinnig und bermtig
lachen wie ein Knabe.

Und nun war es wiederum so: wre Herr Fouqu ein Rentner oder Baron oder
schlielich auch Kanzleirat mit sieben zu verschlafenden Brostunden
tglich und gesichertem Gehalte gewesen, -- so htte knnen alles in
Ordnung sein und er wahrscheinlich hoch angesehen und wertgeschtzt von
allen Seiten. So aber war er in der Stadt in einem blen Gerchlein und von
etlichen Stimmen als Lump und Fauler verschrieen; denn es war wohl bekannt,
da er bis zehn Uhr morgens im Bette lag und nie vor elf im Geschft
erschien, da er oft bis weit ber Mitternacht sich mit ihm ebenbrtigen
Kumpanen in der Weinstube zum Blauen Kater herum trieb, da man die hbsche
Frau Fouqu stets, wenn es die Miete oder einen Wechsel zu bezahlen gab,
verweint und augenscheinlich in groen Nten sah; fernerhin, da, wenn
einer etwas bei Fouqu bestellte, es ihm stets mit liebenswrdigster
Bereitwilligkeit auf den bernchsten Tag versprochen wurde, aber meist
nicht vor Ablauf etlicher Wochen besorgt, -- wenn es Fouqu nicht etwa ganz
verga. Ja, man erzhlte sich sogar, da die Weihnachtsnovitten pnktlich
vom vierundzwanzigsten Dezember ab bei Fouqu zu haben waren.

Dieses alles erkannte ich nun so nach und nach und wurde mit Betrbnis
inne, in welches Loch voll wunderlichen Elends die Margret da geraten
war; denn wenn's die beiden auch mit Vergngtheit und zumeist mit Anstand
trugen, so war es doch da und tat mir umso weher, je mehr sie mit Blindheit
und leichtem Sinn drber weg gingen, kein Fingerlein regten, es besser
zu machen und immer tiefer hinein gerieten. Am meisten Sorge machte mir
Margrets Gesundheit; ich htte sie am liebsten eine Weile heim zur Mutter
geschickt und inzwischen ihrem verlotterten Haushalt ein bilein auf die
Fe geholfen; doch ging es nicht, weil ich ja gebunden war; auch lachten
mich Margret und der Schwager ob eines solchen Vorschlags schallend aus; so
weit sei's nun doch noch nicht.

Da war es nun gut, da ich in mir einen mchtigen, unsichtbaren Strom
trug, der voller Glut und Unerschpflichkeit darnach drngte, gebraucht
zu werden: hier konnte ich ihn springen lassen, und er wurde allsogleich
drstend und dankbar aufgesogen. Fast jeden Abend war ich nun drben bei
Fouqus, um Margret zu helfen; jede freie Stunde, die ich erbrigen konnte,
jeden Sonntag und tief in die Nchte hinein schaffte ich, -- die Mutter
sollte mir nicht umsonst geschrieben haben; ich rumte Margrets Stuben
auf, kochte ihr Geslz ein, flickte des Schwagers Socken und der Buben
Hosenbden, und je lnger ich drben war, desto mehr und inniger wuchs mir
die ganze frhliche Bande ans Herz.

-- Jeden Dienstag waren die Professorsleute bei Bekannten zum Abendessen
eingeladen. Wir waren alsdann frhe mit der Hausarbeit fertig, kochten uns
noch einen Brei, und nach dem Essen sagte man einander Gut Nacht.

Diese Abende nun hatte ich fr Gottfried bestimmt; jeden Dienstag zur
verabredeten Zeit wartete er vor meinem Haus auf mich, und ich ging mit ihm
auf seine Stube.

Dann saen wir beieinander, immer hatte er die Hefte weggerumt und einen
Strau auf dem Tische stehen, der Hlderlin lag dabei, und vom Gottlosen
Zinken war ein Korb voll rot und gelber Aepfel da. Ich sa auf dem alten,
geschweiften Sofa in der Ecke, und Gottfried hatte seinen Kopf auf meinem
Schoe liegen.

Ich glaube, da kaum ein Mensch eines solch unsglichen Glckes teilhaftig
ward, wie ich es in jenen Stunden genossen habe, mein Leben stand in seinem
hchsten Glanz, wurde erfllt und gesttigt. Und was etwa noch darnach
kommen mochte an Not und Schmerzen, mute ich willig annehmen und tragen,
denn was irgend an Herrlichkeit und gttlichem Glanze einem Menschen
gegeben wurde, das hatte ich nun empfangen und ausgetrunken bis zum Grunde.

       *       *       *       *       *

Es war Anfang Februar und bitter kalt, als Gottfried an einem Dienstag
abend zur gewohnten Stunde nicht vor meinem Hause zu sehen war. Ich lief
ungeduldig auf und ab und sphte nach ihm aus, wartete noch eine Weile und
ging dann schlielich allein durch die schon beinahe dunkeln Gassen zu dem
Haus, in dem er wohnte und die wohlbekannte Stiege hinauf.

Droben klopfte ich, und im nchsten Augenblick hing er an meinem Halse.

O du, ich freue mich unsglich, da du da bist. Eben wollte ich Angst
bekommen, du kmst am Ende nicht. -- Weit du, ich habe einen Husten,
und es war mir schon den ganzen Nachmittag nicht so recht gut, -- so ein
bldsinniges Stechen den Rcken herauf und da, an der Seite. Aber nun bist
du ja da! Gelt, du mut verzeihen, da ich dich nicht abgeholt habe--.

Er kte mich und nahm mir Mantel und Pelzmtze ab. Dann aber zog ich ihn
auf's Sofa und nahm ihn strenge ins Gebet.

Seit wann er die Schmerzen habe? Was er dagegen tue? Warum er nicht im Bett
liege und keinen Arzt habe holen lassen?

Ich wute ja, da du kmst, sagte er ruhig und sah mich mit glnzenden
Augen an.

Ich wollte nun entschieden, da er sich sofort ins Bett lege und stand auf,
um wieder meinen Mantel anzuziehen und zu gehen. Doch hielt er mich mit
aller Kraft fest und bat so flehentlich, ich mge doch noch eine Weile da
bleiben, da ich ihm den Willen tat.

Ich habe den ganzen Nachmittag immer fort an dich gedacht und die Stunden
gezhlt, bis du da sein wrdest, nun darfst du nicht so wieder gehen. Komm,
du kannst mir nichts Lieberes tun, als wenn du mir etwas vorliest, und ich
darf meinen Kopf in deinen Scho legen; dann vergesse ich alles, was mir
weh tut.

Also blieb ich, legte eine Decke um ihn und setzte mich zu ihm; ich zog die
Lampe zu mir her und las ihm aus Grimms Mrchen vor.

Wir kamen jedoch nicht weit. Jhlings wurde Gottfried von einem bsen und
qualvollen Husten befallen, und whrenddem ich ihn fest und trstend in
den Armen hielt, sprte ich wohl, wie hei sein Kopf war und wie ihn die
Schmerzen wrgten und schttelten, und ich hrte, wie er leise sthnte.

Das hat verzweifelt weh getan, sagte er, als es vorbei war. Wenn ich nun
heute Nacht allein bin, und es kommt noch oft so?----

Wir sahen einander bekmmert und ratlos an.

Pltzlich richtete er sich auf und legte die Arme um meinen Hals. Du
Agnes, ich wei etwas: Du bleibst heut Nacht bei mir. Du hast schon oft
gesagt, da man es bei euch nicht merkt, wenn du spt heimkommst. -- Morgen
frh gehst du beizeit, nimmst meinen Hausschlssel mit, da du hinaus
kannst, und deine Schlssel hast du ja bei dir; siehst du, es geht
herrlich!

Ich wehrte ernst und erschrocken ab, er brachte immer neue Einwnde vor,
schmeichelte und bat instndig. Dann wandte er sich auf einmal weg, sein
Gesicht war dunkel berlaufen, und er sagte traurig und leise: Ach, ich
wei schon. Ein Mdchen tut so etwas nicht gern. Nein, dann geh nur. Ich
mu halt allein auskommen.

In mir strzten die Gedanken hin und her; ich war verlegen, traurig und
verwirrt und wute mir nicht zu helfen. Meine ganze sehnliche Liebe zog
mich, da zu bleiben; schlielich tat ich alle Philisterei beiseite, mein
junges und glhendes Menschentum stand gewaltig und zwingend in mir auf wie
nie zuvor und ich konnte nicht anders, als mich zu ihm hinbeugen und sagen,
da ich bei ihm bleiben wolle.

Wir gingen dann noch vor seine Stube hinaus und sahen die Treppe hinunter,
ob bei der Vermieterin, die einen Stock tiefer wohnte, das Licht aus sei;
sie pflegte alsdann im Bette zu sein, was uns sehr lieb gewesen wre, und
richtig war alles still und dunkel drunten. Der Hausknecht vom Laden
im Erdgescho hatte nebenan seine Kammer, er war vor einer Weile
heraufgekommen, und wir hrten sein Geschnarche durch die Tr hindurch.

Als wir nun wieder in der Stube waren, und die Tr verschlossen hatten,
brachte uns das Bewutsein, da wir nun eine ganze Nacht zusammen
sein drften, in einen tollen und freudigen Liebesrausch; wir standen
minutenlang und hielten uns eng umschlungen, kten uns und wurden erst
daraus gerissen, als Gottfried von einem neuen Hustenanfall gepackt wurde.

Dann kam die Nacht; und von den Nchten meiner Jugend, da ich geliebt,
gelitten, gefeiert hatte und selig war, ist mir jene vor allen schn und
rein und leuchtend im Gedchtnis.

Ich verstand wei Gott nichts von Krankenpflege; ich tat eben so, wie es
mir Liebe und Einfalt eingaben. Wie ein Kind brachte ich Gottfried zu Bett,
deckte ihn zu und legte ihm einen kalten Umschlag auf die Stirn. Still,
wunschlos und in seliger Zufriedenheit lag er da, lie alles mit sich
geschehen und sah mir immerfort lchelnd nach, wie ich in der Stube ab und
zu ging, das Feuer frisch schrte, ein Papier vor die Lampe hngte, damit
ihm die Helle nimmer weh tue und ihm zu trinken brachte. Wir hatten ja
nichts da als Wasser und ein paar Stcklein Zucker; schlielich fiel
mir sein Aepfelkorb ein, und es kam mir darin eine schne und saftige
Winterbirne in die Hnde. Ich schlte sie und schnitt sie in kleine
Stckchen; damit ftterte ich ihn wie einen kleinen, kranken Vogel, und es
war mir wonnig bewut, wie kstlich es sei, so zu tun. Wenn ihn ein Husten
ankam, war ich bei ihm, richtete ihn ein wenig auf und hielt ihn fest und
zrtlich an meiner Brust, bis es vorbei war; alsdann deckte ich ihn wieder
sorgfltig zu. Dazwischen sa ich still an seinem Bett und hielt seine
Hand in der meinen. Auch kam mir der Gedanke, es mchte ihm vielleicht
Erleichterung bringen, wenn er ein warmes Tuch auf der Brust htte; ich
holte aus seiner Schublade ein Hemd, machte es am Ofen hei und legte es
ihm zusammegefaltet um, was ihm wirklich ein wenig wohltat.

Und es war sonderbar, solches machte uns glcklicher und erfllte uns mit
grerer Seligkeit als alle Ksse und Umarmungen der guten Zeit.

Spter meinte Gottfried, es werde ihm besser, und ich msse nun schlafen.
So richtete ich mir auf dem Sofa ein Lager her, lschte das Licht und legte
mich nieder.

Schlafen konnte ich nicht; doch verfiel ich mit offenen Augen in eine
absonderliche und beglckte Trumerei, darein mir als einzig Wirkliches
und Irdisches Gottfrieds schnelles Atmen drang. Vor dem Fenster hing der
nchtige Himmel rein und voll glnzender Sterne, ich dachte weder, da
Gottfrieds Krankheit gefhrlich sein knne noch daran, da es etwa nicht
ehrbar und anstndig fr mich wre, hier in der Nacht bei meinem Schatz
in der Stube zu liegen, -- alle meine Gedanken und Trume konnten in
unbeschwerter Wonne nur das fassen, wie wunderbar diese Nacht sei.

Hrte ich von Gottfrieds Bett her das geringste Gerusch oder erkannte ich
auch nur an seinem Atmen, da er wach sei und ihn etwas plage, so war ich
im nchsten Augenblick bei ihm drben und tat, was gerade ntig war, gab
ihm zu trinken, wechselte seinen Umschlag oder hielt ihn, wenn ihn ein
Husten berkam.

Er streichelte dankbar meine Hand. Wie machst du's denn, da du es immer
so genau weit, wann ich dich ntig habe? Wenn ich nur denke, ich mchte
etwas von dir haben, dann stehst du schon neben mir!

Einmal sagte er mit leisem Lachen: Du, wenn die Pfarrer und Schulmeister
richtig wten, wie das ist, dann wrden sie schleunigst dafr sorgen, da
alle Primaner und Konfirmanden eine Liebschaft anfingen. Die einen von den
Herren drohen mit der Hlle, wenn man etwas Bses tue, und die andern mit
dem Gefngnis; sei man aber brav, so werde man ein ehrbarer Mann und komme
in den Himmel. Glaubst du, so etwas knne mich abschrecken oder anfeuern?
An eine Hlle glaube ich nicht, und blo so fr mich selber oder weil ich
einmal Geheimrat werden mchte, lohnt sich die Streberei wirklich nicht.

Und siehst du, seit ich dich kenne, ist es einfach selbstverstndlich, da
ich nichts Gemeines tue und ein anstndiger und tchtiger Kerl werde.
Und es ist immerfort ein Wille und Trieb in mir, etwas Groes und
Ungeheuerliches zu leisten und heldenhafte Sachen zu vollbringen. Wenn ich
jetzt etwa ganz arge Schmerzen aushalten mte oder sterben wrde, so wre
das nur etwas Kleines von dem, was ich um dich tun mchte. Weit du, ich
bin mit diesen Gedanken schon auf ganz bldsinniges Zeug gekommen; ich
habe mir die Nase zugehalten und dabei auf die Uhr gesehen, wie lange
ich's aushalten knne, ohne zu atmen, und wenn es recht lang war, war
ich glcklich. Oder ich bin die Burgfelsen hinaufgestiegen und habe einen
frchterlichen Schwindel berwunden. Und es wre doch wahrhaftig keine
Heldentat gewesen, wenn ich heruntergefallen wre! -- Aber es war alles aus
einem Willen zu etwas Groem und Gutem heraus und weil ich dich lieb habe.
Es ist schade, da das die Herren nicht so wissen oder vielleicht vergessen
haben.

-- Spter nahm er meine Hand und legte sie auf seine Brust. Da, spr
einmal, wie schnell mein Herz schlgt! Und indem ich fhlte, wie heftig
und unruhig das arme Ding sich gebrdete, fuhr er leise fort: So hat es
schon oft geschlagen, wenn ich an dich gedacht habe. Ich habe dich so lieb,
wie es kein Mensch sagen und ausdrcken kann. Seit du hier bist und ich
deine Nhe immerfort spre und deine und meine Liebe, bin ich oft wie
betrunken vor Seligkeit. Ich kann es manchmal kaum mehr ertragen. Wenn du
abends bei mir warst und ich dich heimbegleitet habe, mu ich immer noch
stundenlang in der Nacht herumlaufen und auf einen Berg hinauf, da ich es
ein bichen verschaffe. Ich beie mir oft in die Hnde, oder ich renne
mit dem Kopf gegen eine Mauer, und wenn es stark weh tut, dann wird mir's
leichter.

Um halb fnf Uhr rstete ich mich zum Gehen; Gottfried war sehr mde und
meinte, er wolle nachher zu schlafen versuchen, doch war sein Leintuch
verstrampft und die Kissen so verwhlt, da er mir leid tat.

Nein, du, so geht das wirklich nicht. Weit du was, -- ich wickle dich
warm ein und trage dich aufs Sofa hinber, da ich dein Bett ordentlich
schtteln kann.

Ich bin dir doch viel zu schwer, meinte er unglubig; doch wickelte ich
ihn in seine wollene Decke und nahm den mageren Jungen auf die Arme.

Siehst du, da ich es kann, sagte ich vergngt, und beim Hinbertragen
sahen wir einander selig in die Augen.

Als er dann wohl gebettet und versorgt war und ich schon in Mantel
und Mtze vor ihm stand, sah er mich gro und ernst an und meinte dann
nachdenklich: Weit du, das Allerfeinste mte sein, wenn man dein Kind
wre! Und seufzte ein wenig dazu.

Wir verabredeten, da er zum Arzt schicken solle und da ich am Abend
wieder kommen wolle; dann nahmen wir heien, zrtlichen Abschied, und ich
ging leise und eilig fort.

Auf dem ganzen Heimweg begegnete ich keinem Menschen; die Huser ragten
hoch und stumm, und mein Schritt hallte durch die Gassen; es war so
khl und feierlich und stille, als ging ich in einem Dom oder schweigend
morgendlichen Walde, und darber stand der Himmel mit den schon leise
verblassenden Sternen dunkel und voll tiefer Klarheit. Ein Sturm von Jubel
und glhender Lust war ber mich hereingebrochen. Alle Zukunft und
alles, was vordem war, war nicht; mein Leben bestand in dieser einzigen,
gttlichen Stunde voll ungeheuerlicher Wonne. In den mchtigen Brnden
des Liebhabens und Geliebtwerdens, die ich in mir trug, war diese
unerschpfliche Seligkeit geboren; doch dachte ich weder an Gottfried noch
an meine Liebe und nicht an Quell und Ursache dieses Geschehens; Welt und
Menschen waren versunken, kaum war mir noch meine eigene Krperhaftigkeit
bewut, so jauchzend war ich dem Unirdischen und Herrlichen zugetan, das
mich erfat hatte. Mein Weg fhrte ber eine kleine Brcke, zu deren Seiten
schmale, steinerne Brstungen hinliefen, und darunter strmte ein tiefes
Wasser schwarz und gurgelnd. Jhlings berkam es mich, da ich auf
diese Brstung steigen und mit ausgebreiteten Armen schwingend und leise
schwankend ber die dunkle Tiefe zum andern Ende gehen mute. Wre ich
gestrzt, so wre es in ser, schumender Entrcktheit geschehen und ohne
Angst und Reue gewesen. Tod und Leben waren eins geworden und einander
gleich in berauschender Schnheit. Immerfort lagen mir Verse und Gesnge
auf den Lippen, vergingen, und es kamen neue und schnere, und es war
eine brausende Musik in mir, da ich htte laut singen mgen oder darnach
tanzen.

Als ich vor meinem Hause ankam, war mein Gesicht na von Trnen. Der
strmende Jubel meines Innern lie langsam nach; doch war mir das Herz noch
den ganzen Tag schmerzend schwer vor Glck.

       *       *       *       *       *

Als ich am Abend zu Gottfried wollte, waren Bett und Stube leer; seine
Hausfrau sagte mir, ein Arzt sei dagewesen, und vor einer Stunde habe man
ihn ins Krankenhaus getan.

In einer wunderlichen und verwirrten Bestrzung ging ich eilig die Treppe
hinunter und den Weg zum Krankenhaus, und richtig klar und angstvoll wurde
mir erst, als ich in einer hell erleuchteten Vorhalle stand und mit dem
kleinen, strammen Portier verhandelte.

Die Besuchszeit ist vormittags von elf bis zwlf Uhr und nachmittags von
zwei bis vier Uhr, Frulein.

Ja, freilich; aber mein -- Verwandter ist erst heute abend hierher
gebracht worden, und ich mu ihn ganz notwendig noch geschwind sprechen,
verstehen Sie doch!

Ganz unmglich, Frulein; durchaus gegen die Hausordnung!

Oder wenigstens fragen, wie es ihm geht!

Ich mu jetzt das Tor schlieen, Frulein; Sie knnen morgen
anfragen------

In meiner Verzweiflung zog ich den Geldbeutel heraus und gab dem Mann, was
darin war; ich glaube, es war ein halber Monatslohn; darauf setzte er sich
in Trab, und ich lief ihm nach ber einen Hof und Gnge und Treppen, bis
ich in einem kleinen, leeren Zimmer vor einer Schwester stand. Es gehe dem
Herrn Finkenlohr nicht gut; Lungen- und Rippfellentzndung und noch etwas
am Herzen; darauf sagte sie noch etwas Frommes, dann ging ich wieder.

Ziemlich blde trieb ich mich alsdann in den Straen herum, bis ich,
dem Umsinken nahe vor Mdigkeit, Klte und einem wrgenden Bangen vor
Gottfrieds Haus stand. Es stieg so etwas wie Freude in mir auf, als mir
einfiel, da ich den Hausschlssel noch in der Tasche hatte. Leise wie eine
Katze stieg ich zu Gottfrieds Stube hinauf, sie war offen, und ich schlo
schnelle die Tr hinter mir zu. Ich zog Mantel und Schuhe aus und ging zum
Bett hinber, es war noch so unaufgerumt und verwhlt, wie sie ihn draus
weggebracht haben mochten. In meiner verzweifelten Mdigkeit legte ich mich
drauf hin, und pltzlich sprte ich deutlich zwischen den Kissen und Decken
noch eine leise Wrme, die von Gottfried herrhren mute.

Ich kann nicht sagen, wie wunderlich und trstend und lieb mir diese Wrme
war und wie unendlich wohl sie mir tat. Ich deckte mich zu, wickelte mich
fest darein und schlief schnelle ein.

Frh am Morgen war ich wieder im Krankenhaus; mein Portier schien eben
aufgestanden zu sein und war auerordentlich hflich. Er bedauerte, da
man so frh noch nicht fragen knne; doch werde er mich ber das Schlimmste
beruhigen knnen, die Nachtwache habe eben das Totenbchlein herunter
gebracht; er wolle nachsehen. Er lie sich den Namen des Patienten nennen
und schlug sein Heftlein auf.

O, bedauerlich, bedauerlich ---- hier, wollen Sie vielleicht selbst
sehen, Frulein?

Da stand es:

Gottfried Finkenlohr, 19 Jahre alt, =ex.= am 8.=II.=, 3=h=25=a/m=. Dann
kamen in einer Klammer noch zwei schwere lateinische Wrter, die ich nicht
behalten konnte. Ich fragte noch, ob es sicher wahr sei, wenn es in diesem
Bchlein stehe, was der Mann mir beinahe bel nahm und mit Eifer bejahte;
dann meinte auch dieser etwas Frommes, ich hielt mich ein wenig an seinem
Tisch, sagte danke schn und ging schnell hinaus.

       *       *       *       *       *

Von den nchsten Tagen wei ich nichts mehr, als da ich gegen alle Leute
bse und bissig war, mein Beihilfmdchen bei jeder Gelegenheit zornig
anschrie und eine von Fouqus Katzen, die mir etwas stehlen wollte, beinahe
tot prgelte. Bis ich am Abend des zweiten Tages, als es lutete, die
Glastr ffnete, -- und die alte Frau Finkenlohr drauen stand.

Gr dich Gott, Agnes; Ich bin wegen Gottfried hierher gekommen; -- weit
du es schon------?

Ja, sagte ich und starrte finster auf den Boden.

Vielleicht hast du ein bichen Zeit fr mich? Wenn es nur ein kleines
Weilchen wre, sagte sie freundlich.

Ich ging ihr stumm voraus in mein Zimmerlein und stellte mich gleichgltig
ans Fenster.

Ich darf mich doch setzen? Ich bin ein wenig mde von der Reise; aber ich
will dich nicht lang aufhalten.

Hhnisch sah ich ihr zu, wie sie ihren Schirm in eine Ecke stellte und sich
einen Stuhl holte, und ich rhrte kein Glied.

Wir blieben eine Zeitlang still, und ich berlegte schon, wie ich sie
wieder hinaus werfen knnte, da fing sie von Gottfried an. Der liebe Bub!
Man kann es schier nicht begreifen--

Nun hielt ich es nicht mehr aus.

Damit Sie es nur wissen, Frau Finkenlohr, wir haben eine Liebschaft
zusammen gehabt; es hat schon auf dem Zinken angefangen. Schimpfen Sie nur;
Sie knnen ja jetzt doch nichts mehr machen! Und es kam so gereizt und
ruppig heraus wie nur mglich.

Die alte Frau blieb gnzlich unbewegt und verriet mit keiner Miene, ob sie
das berrasche oder ob sie davon gewut habe.

Ich bin recht froh, da ich gleich zu dir herauf gekommen bin, sagte sie.
Mir scheint, da wir einander ntig haben. Willst du dich nicht zu mir
hersetzen? Komm, du hast mir ja noch nicht einmal einen Patsch gegeben.

Dabei lag ihr Blick hell und so recht liebreich und fest auf mir, da ich
ihm nicht mehr ausweichen konnte, und whrend ich nun die alte Frau so
anschaute, fiel es mir erst auf, da ich sie zum allererstenmal in einem
schwarzen Kleide sah und da auch das Rslein auf ihrem Hut fehlte. Alles
Farbige und Vergngliche schien von ihr abgewischt, und sie sah recht alt
und mde und bekmmert aus. Und als ich mich darauf besann, wie auch sie
ihn so lieb gehabt hatte und wie es auch ihr jetzt weh tun mochte, da er
gestorben war, fing ich an, mich mchtig zu schmen.

Dann lag ich vor ihr und hatte meinen Kopf in ihren Scho vergraben und
schluchzte.

Spter brachte ich sie zu Fouqus hinber, in deren Gaststube sie nchtigen
konnte, und ich war diesen und den nchsten Abend mit ihr zusammen. Wir
sprachen viel, viel von Gottfried und gaben uns gegenseitig Mhe, einander
zu trsten und Liebes zu tun und damit war schon ein Teil des rgsten
Schmerzes von mir genommen.

-- Zur Beerdigung war ich nicht gegangen, doch habe ich Gottfried am Morgen
im Leichenhaus noch einmal gesehen. Er war aber gelb und entstellt und
unkenntlich, und es tut mir deshalb leid; ich mu mich bemhen, jenen
letzten, bsen Anblick zu vergessen und sein reines, helles Gesicht so in
der Erinnerung zu behalten, wie es in guten Zeiten war. Es ist auch
keine Photographie von ihm da; es bleibt mir nichts anderes, als treu und
unablssig an ihn zu denken, und ich wei, so lang ich das tue, bleibt mir
sein geliebtes Bild so rein und unverwischbar im Herzen, wie es war als er
noch lebte.




Sechstes Buch


In der Zeit, die nach Gottfrieds Tod kam, wurde es so recht offenbar, was
ich trotz aller Schwrmerei und hheren Bedrfnissen, trotz meinem Dichten
und eines gelegentlichen Schwunges im Grunde fr ein ungenialer, gut
brgerlicher und lcherlich irdischer Mensch sei. Man htte doch meinen
sollen, da nun, nachdem mein Leben in allen seinen Grundfesten erschttert
worden war, ich wurzellos und schwermtig darinnen stehe, es verabscheue,
hasse und mglichst schnell auch daraus zu kommen wnsche; doch war
dem keineswegs so. Als ein ordentlicher Mensch suchte ich mich so im
allgemeinen mit dem Vergangenen abzufinden, streckte strebsam meine Fhler
aus, auf was ich nun meine Zukunft aufbauen knne und fand auch alsbald ein
Fach, in das ich mich einzureihen habe; nmlich das der ntzlichen alten
Jungfern.

Ich mu gestehen, da ich dabei nicht unbeeinflut war. Unserem Haus
gegenber wohnten im Oberstock zwei bejahrte, ledige Schwestern namens
Heitenreiter. Sie hatten in huslichen Berufen ihr Leben hingebracht und
man erzhlte sich, da die beiden auerordentlich treu und tchtig seien.
Nun genossen sie in den zwei Stblein ihr Erspartes und einen friedlichen
Lebensabend. Ich sah sie oft, wie sie ihre Blumenstcke begossen, ihr
Staubtuch zum Fenster hinaus schttelten oder auf ihrem winzigen Balknchen
saen und Kinderkittel strickten; und ihr geruhiges und heiteres Hantieren
erfllte mich mit einer kleinen wohligen Sehnsucht. Auf der Strae sah man
die beiden alten Frulein stets zusammen, und ihnen zu begegnen und einen
Blick in die guten, runzligen Gesichter tun zu drfen, war mir jedesmal ein
Genu. Es lag so eine feine, seltene Friedlichkeit darber und trotz aller
Gte und Bescheidenheit etwas leise Ueberlegenes und fast Hoheitsvolles,
das mir einen wirklichen Respekt abntigte.

Ja, es lohnte sich schon, einmal Frulein Heitenreiter zu werden und mit
siebzig solche friedlichen und abgeklrten Runzeln zu haben. Fest schaffen
wollte ich schon, und das so gewissermaen als halbe Heilige zu tun und
die Leute nicht merken zu lassen, da man sonst noch etwas wisse oder etwa
Goethe gelesen habe, dabei samt seinem abgehauenen Lebensglck vergngt zu
sein, das hatte seinen eigenen Reiz. Vielleicht machte dies den sonderbaren
und heimlichen Adel der Heitenreitergesichter aus, da sie so wacker allein
und ohne Mann ihr rechtschaffenes Leben hinter sich gebracht hatten und
dabei ohne jenes wunderliche Geschmcklein, ohne Mops und ohne Bitterkeit
gelandet waren. Es war freilich schwer, auf Liebesfreuden und Kinderhaben
verzichten zu mssen, und es lag mir vorerst sehr wenig, solches nicht mehr
als das Natrliche und Gute und Erstrebenswerte fr mich anzusehen;
ich mute nun eben versuchen, den andern Kstlichkeiten des Lebens
nachzusteigen und wenig mehr in die Tiefe zu gehen. Die Hauptsachen, um
eine alte Jungfer zu werden, hatte ich ja; das Gedchtnis einer schnen
und unglcklich ausgegangenen Liebschaft und ein Kommdlein mit Fchern
und heimlich verwahrten Dingen darin. Das und mein geistiges Erbe aus jener
Zeit mten ausreichen, mir das habhafte Glck der andern zu vergten,
und es kam mir so vor, als sei meine Liebe schn genug dazu gewesen und
unglcklich genug ausgegangen.

In diesen Zukunftstraum nun spann ich mich immer mehr ein und dachte
schon im Voraus mit gerhrter Freude, welch echte und gute Tante die
Fouquskinder an mir bekmen.

Andere, denen so etwas wie mir geschehen war, gingen ja wohl in ein Kloster
oder wurden Barmherzige Schwestern, und auch ich hatte mich kurze Zeit mit
solchen Plnen getragen. Das sich selber vergessen und fr andere schaffen
gefiel mir ja recht gut daran; doch hatte ich das Leben zu inbrnstig lieb,
als da ich es htte auf diese Art in Sack und Asche tun mgen. Nein, es
reiften vielmehr gerade in dieser Zeit die abenteuerlichsten Plne in mir,
etwa in die Kolonien zu gehen und Farmersmagd zu werden oder nach Amerika
und meine Urschel zu suchen. Und als ich dieser Sehnsucht nach fremden
Lndern, nach neuen Eindrcken und Erlebnissen und sdlicher Schnheit
ein wenig auf den Grund ging, entdeckte ich bald, da sie zwar schon seit
Urschels Zeiten in mir angeregt war und seither leise in mir fortbestanden,
ihren richtigen Ursprung aber doch erst in der jngsten Vergangenheit hatte
und in engem Zusammenhang stand mit einer Sache, die mich gegenwrtig stark
erfllte und, wie ich hoffte, meinem Leben eine gute und nicht unwichtige
Wendung geben sollte.

So viel ich sonst bei Fouqus drben war, so unmglich schien es mir, an
den Dienstagsabenden unter Menschen zu gehen. Zu Anfang nach Gottfrieds
Tode sa ich still und traurig in meinem kleinen Zimmer, las seine Briefe
und weinte viel. Als nun eine Zeit vorber war, fiel mir jene Erzhlung in
die Hnde, die ich damals auf dem Zinken angefangen hatte, und ich bekam
Lust, sie weiter zu schreiben; auch befand ich die Dienstagabende fr
wrdig, damit ausgefllt zu werden. Und indem ich nun zu schreiben anfing,
wurde ich gewahr, da die fremde, wonnig rieselnde Gewalt, die mich seit
meiner Abreise vom Gottlosen Zinken fast unberhrt gelassen hatte, wieder
ber mir war, und ich war erstaunt, wieviel strker, buntglhender und
schner sie als damals war. Ich wute nicht, machte dies das mchtige
Erlebnis dieses Jahres und die vielen neuen Eindrcke, oder war ich
berhaupt reifer und geistig krftiger geworden; jedenfalls sprte ich
es mit Freuden und Dankbarkeit und war fest entschlossen, es diesesmal
auszuntzen. Man mu mir glauben, da ich dabei sicherlich nicht daran
dachte, einmal berhmt und ein groer Dichter zu werden und mich im Geiste
schon gefeiert und umschmeichelt sah; ich hatte keineswegs viel Glauben
an mich und meine Verse, und es htte mir gengt, einmal ein Buch, das
ich geschrieben htte, gedruckt zu sehen und mir dadurch bei meinen
Geschwistern und dem Schwager ein bichen Achtung zu verschaffen. Eher noch
hoffte ich, da die Schreiberei mir ein wenig Geld einbrchte; doch war
ich auch darin bescheiden genug und hatte berdies keine Ahnung, was so
ein Honorar etwa betragen mge; wenn ich fr meine Novelle zwei Mark und
fnfzig Pfennige bekommen htte, wre ich wahrscheinlich recht zufrieden
gewesen. Am meisten freute mich das Dichten sozusagen fr mich selber; es
half mir auf eine feine und fast edle Art ber die Trauer hinweg und das
Tgliche und etwa Drckende und Kleinliche heiter und still beglckt zu
tragen; auch erfllte es mich mit einer ttigen Freude und wieder wie
damals mit Genu und leiser Leidenschaft.

Uebrigens pate es zu dem Plneschmieden dieser Zeit ausgezeichnet. Mute
ich mit meinen Zukunftsplnen doch noch einigermaen auf festem Boden
bleiben, so konnte ich mich hier ungehindert in schwindelnd phantastische
Hhen versteigen. Auch fand ich, da es sich in meinen Lebensplan trefflich
fge; wenn man wie ich allein durchs Leben gehen wollte, hatte so etwas
nicht unerhebliche Bedeutung, und es vertrug sich mit dem Reisen und fremde
Lnder sehen so prchtig wie spter mit dem Altjungferntum im Dachstock.

Die Novelle war beinahe fertig, und an den schnen stillen Sommermorgen,
wenn ich in der Kche stand und Gemse putzte oder Beeren zum Einkochen
richtete, dachte ich mir einen feinen, langen Roman aus.

-- Leider hatte ich zum Schreiben noch weniger Zeit als damals auf dem
Zinken; bei Fouqus war es ntiger als je, da eine gute Seele sich um den
Haushalt annahm. Zu eben jener Zeit kam ich einmal vom Markt heim und sah
einen der Fouqusbuben vor seines Vaters Ladentr herum spazieren, nur mit
einem Hschen bekleidet, das an einem Paar trbseliger und verschlissener
Hosentrgerlein hing.

Ja, Heiner, wo hast du denn dein Hemd? fragte ich ihn.

Ha, es ist doch in der Wsche! sagte er und sah mich erstaunt an, ob ich
das nicht begreifen knne; mir aber fiel es bedrckend auf die Seele.

Margret war nun glcklich mit dem fnften Kind in gesegneten Umstnden.
Ihr Mann bedauerte es, da es mit ihrer Gesundheit nicht gut stand; sie aber
freute sich, als ob's das erste wr'. Es ist blo halb gelebt, wenn man
keine kleinen Kinder hat, sagte sie oft.

Zu ihrem angeborenen Hang zum Migsein und einer genialen Faulenzerei kam
nun die krperliche Entkrftung, und wenn sie Schmerzen oder
Beschwerden hatte, eine grenzenlose Gleichgltigkeit gegenber ihren
Haushaltungsgeschften. Sie konnte stundenlang im Garten sitzen und mit
ihrem jngsten Kinde spielen indes im Haushalt alles drunter und drber
ging, und das Sonderbare daran war nur, da sie dies keineswegs bedrckte,
sondern da sie vergngt dabei war und sich ihrer Mue und der guten Stunde
freute. Ich kam einmal dazu, wie sie mit einer Lauffrau Putzerei hielt,
wobei sie, die Laute im Arm, auf der obersten Leiterstufe sa: Schpperle,
ach liebe Schpperle, putzen Sie mir doch den Boden vollends naus! Wissen
Sie, Sie knnens viel schner! Gelt, Frau Schpperle? Kommen Sie, ich will
Ihnen auch was Schnes dazu vorspielen:

  Hinter meiner Schwiegermutter ihrem groen Himmelbett
  Steht ein groer Sack voll Sechser, wenn i nur die Sechser htt'!

Sie konnte in solchen Augenblicken bestrickend liebenswrdig sein und
einfach unwiderstehlich, man mute ihr den Willen tun.

Eines Morgens stand sie vor meiner Glastr und trug dem Hausmdchen auf,
sie wolle mich einen Augenblick sprechen. Als ich kam, guckte sie mich lieb
und spitzbbisch an und bettelte mit den Augen wie ein Kind. Ob ich ihr
nicht aushelfen knne; sie htten eine Rechnung zu zahlen und im Augenblick
nicht so viel beieinander.

Peinlich erschrocken nahm ich sie schnell in mein Zimmer, und als sie so im
hellen Morgenlicht vor mir stand, nahm ich mit Entsetzen wahr, da sie noch
nicht gekmmt und ihr hbscher weier Halskragen sehr schmutzig sei. Es
fiel mir noch so mancherlei auf; ach, ich schmte mich so, da ich gar
nicht mehr hinsehen mochte. Schweigend gab ich ihr alles Geld, das ich da
hatte und versprach ihr, am Mittag noch mehr von der Sparkasse zu holen,
worauf sie mir jubelnd um den Hals fiel und mich warm und dankbar kte.

Ich wute ja, da du mir aushelfen wrdest! Du bist halt eine Gute. Man
kommt nicht umsonst zu dir. Aber gelt, es macht dir auch Freude, wenn
du uns was tun kannst? Du, komm heut Abend bald herber; ich will einen
Heringssalat machen, weil du ihn so gern magst! Adieu, Adieu!

Dann war sie hinaus und die Treppe hinunter; mir aber war es gar nicht nach
Heringssalat zumute.

Ich sprte in dieser Zeit wohl, da es mit meiner Auslandsreise noch eine
gute Zeit anstehe und da ich Fouqus noch gewaltig unter die Arme greifen
msse, ehe ich an mich selber denken drfe.

-- Neben all diesem gab es noch Stunden voll verzweifeltem Heimweh nach
Gottfried, wo ich alle meine Plne und alle Dichterei mit Freuden gegeben
htte, um noch einmal eine Stunde mit ihm zusammen zu sein, wo ich weinte
und wtete und nicht begreifen konnte und es in mir jmmerlich elend
war. Dann fielen die Luftschlsser und guten, strebsamen Gedanken zu
erbrmlichen Trmmerhaufen zusammen, und ich begriff mit grauenhafter
Erkenntnis, wie unsglich viel ich verloren habe und wie es nie, nie mehr
zu ersetzen wre.

Und lange Zeit trumte ich jede Nacht denselben Traum. Ich sa auf dem
geschweiften Kanapee in Gottfrieds Stube, er hatte seinen Kopf in meinem
Scho liegen, sagte Liebesworte und sah mit strahlenden Augen zu mir auf.
Der Hlderlin lag auf dem Tisch, auch war der Apfelkorb da und ein Krug mit
Blumen.

Und jedesmal sagte ich traurig: Ach, das ist alles blo im Traum so, und
nachher, wenn ich aufwache, bist du gestorben und ich bin allein. Ich wei
es gut, es ist immer so.

Nein, nein, sagte er und schlang seine Arme um meinen Hals, diesesmal
ist es gewi kein Traum, du darfst mirs glauben; ich bleibe immer, immer
bei dir!

Das sagst du immer. Und dann wache ich auf, und es ist gelogen.

Aber so glaube es mir doch diesesmal noch--, hrst du, Agnes, liebe,
liebe Agnes! Spre doch, wie ich lebendig bin. Und er kte und liebkoste
mich und tat so innig und voller Liebe, und wenn es am schnsten war,
erwachte ich und lag in einer dunklen Nacht und in na geweinten Kissen.

       *       *       *       *       *

Obschon ich vermeinte, eine leidlich angenehme und anstndige Person zu
sein, gab es doch einen Menschen, der mich hate wie die Snde und ewige
Verdammnis und mir diesen Ha tglich und stndlich in wohl gemessenen und
gewrzten Portionen zu Gemte fhrte.

Dieser Mensch war Genovev. -- Sie mute durch irgend wen von meiner
Liebesgeschichte und ihrem bsen Ausgang erfahren haben; war es durch
Margrets Monatsfrau, hatte die Alte gehorcht oder hehlings meine Schubladen
ausspioniert, ich wute es nicht; da es sich aber so verhielt und sie
genau unterrichtet war, erfuhr ich nun mit jedem Tage um so deutlicher.

In langen, vor Entrstung bebenden Reden erging sie sich nun mit vor
geheimer Schadenfreude triumphierenden Seitenblicken auf mich, wie
gewisse Leute schon in der frhen Jugend so voller Sndigkeit, Unzucht und
verabscheuungswrdiger Liederlichkeit wren, da sogar Gott der Herr, der
doch gewi langmtig, gndig und voller Geduld sei, nicht mehr lnger habe
zusehen knnen und seinen Zorn habe auf den einen der Snder herabfahren
lassen und ihn zermalmet. Und wie der andere Snder, statt Bue zu tun, in
sich zu gehen und sich zu bekehren, nichtsdestoweniger sein Gemt verhrte
und verstocke, da es einen Stein erbarme. Schlielich, als sie sich
beinahe einmal verschnappte, woher sie es wisse, behauptete sie noch, Gott
der Herr selber habe ihrs geoffenbart, da in ihrer Nhe eine weibliche
Kreatur sei, die des Nachts zu fremden Mnnern ginge und dergleichen
abscheuliche und lsterliche Dinge triebe, davor sie, Genovev, der Herr
behten mge, solches auch nur auszusprechen, und sie beschwor hnderingend
und trnendrckend die kleine Hausmagd, sich vor gewissen bsen
Frauenspersonen in acht zu nehmen, die oft in des Menschen nchster Nhe
und schlimmer als der Satan selber seien.

Im Anfang war ich noch zu traurig, um auf das bigotte Geplrre richtig
hinzuhren, und es konnte mich kaum zu einem mden Lachen bringen.
Spter begriff ich es erst richtig, und es brachte mich in eine herzliche
Heiterkeit, wenn ich mir unter den frchterlichen fremden Mnnern meinen
lieben, zarten, kindlichen Jungen vorstellte. Die Sache fing erst an, mich
zu rgern, als die Alte nach einem Vierteljahr immer noch nicht versiegt
war; und als sie ihren Ha mittelst allerhand spitzigen und boshaften
Ttlichkeiten auf das unumgngliche Beieinandersein und Miteinanderarbeiten
des tglichen Lebens bertrug, ging es mir gegen die Gemtlichkeit.

An einem Sonntag abend hatten Fouqus Gste, wobei es meistens recht heiter
und bermtig zuzugehen pflegte; ich war etwas trber Laune und konnte
keine Lust aufbringen, hinber zu gehen. Als nun Genovev wieder mit ihrer
Bue und Bekehrung anfing und ich sie besnftigen wollte, machte ich ihr
die Freude und versprach, heute abend einmal mit in ihre Betstunde zu
gehen. Wir liefen also miteinander den ziemlich weiten Weg dorthin durch
den regnerischen Abend, und whrend Genovev mit der Bestndigkeit eines
Wasserfalls an mich hin und an mir vorbei schwtzte, hatte ich Mue zu
bedenken, wie es eigentlich in Wirklichkeit mit meiner Frmmigkeit stehe.

Ich war zwar fters, besonders vom Zinken aus, zum Gottesdienst in der
Kirche gewesen, doch hatte ich nie einen sonderlichen Gewinn daraus
davongetragen. Ich erinnerte mich, da ich in meiner Kindheit sehr fromm
gewesen sei, oft und bei dem geringsten Anla gebetet habe und bei jeder
kindlichen Unart mich sehr vor Gott gefrchtet hatte. Wie mir dieses dann
eigentlich verloren gegangen war, kann ich mich nicht mehr entsinnen, doch
fiel mir darber ein viel spteres Erlebnis ein. Frau Gunhild hatte einen
Kanarienvogel, dessen Kfig alle Samstage zu putzen mir anvertraut war.
Nun war ich einmal so unachtsam, dieses Geschft auf der offenen Veranda zu
besorgen, der Kerl entschlpfte, tat die Flgelein auseinander und flog in
einem hohen, schwingenden Bogen davon. Ich wute, wie sehr Frau Gunhild an
dem Tierlein hing und wie aussichtslos es war, ihm nachzugehen oder
sonst etwas zu unternehmen, und ich empfand namenlose Reue und Betrbnis.
Pltzlich kam ich darauf, zu beten und formte in meinem Innern eine Bitte
an Gott, die hei und dringlich htte werden sollen. Aber ob ich mir
auch die grte Mhe gab, mein Herz tat nicht mit, und es blieb kalt und
unbewegt in mir; die Worte kamen mir so sonderbar verloren und fremd vor
und schienen mir so sinnlos, da ich bald wieder aufhrte. Nachher war
mir, als sei mein Kinderglaube so unwiederbringlich davon geflogen wie der
kleine, schne, helle Vogel, der am Ende irgendwo ersoff.

Unterdessen waren wir in dem Betsaal angekommen. Es waren viele, fast
lauter ltere Leute da und eine ble Luft darin. Erst war noch von der
Tr her ein groer Spektakel mit den Regenschirmen; dann fing jemand an,
Harmonium zu spielen, und man sang ein Lied mit vielen Versen. Hierauf
bestieg ein Bruder das Knzelein, betete, las aus der Bibel und redete
darber. Er sagte ziemlich wohlgesetzt und mit priesterlichen Gebrden etwa
das, da Mhe und Arbeit mit nichten am Schlusse dieses Lebens ein
Ende htten, sondern da im Gegenteil droben im Himmel das Schaffen und
Sichregen und Wirken noch viel gewaltiger los ginge, und ein jeder im
Weinberg des Herrn und Reiche Gottes Tag und Nacht und ohne Ende arbeiten
msse zu des Hchsten Lob und dergleichen mehr. Und die mden und
verhrmten Gesichter der Frauen wurden noch viel mder und verhrteter und
trber dabei und senkten sich traurig vornber. Manche Kpfe fingen an zu
nicken, und ich rgerte mich heillos ber den Kerl. Nach ihm kam einer und
erzhlte seine Bekehrung, die mir beraus verlogen vorkam. Und indem ich
schon mit Langeweile und Ungeduld auf den Schlu wartete, stieg noch einer
auf das kleine Pult, und pltzlich schmte ich mich, der Aerger und die
Langeweile waren weg, und ich sprte, da es um des Gesichtes dieses einen
willen wert gewesen sei, hierher zu kommen.

Der Mann mochte etwa vierzig Jahre alt sein oder lter und war von nicht
sehr groer, untersetzter Figur. Sein Gesicht war ein wenig bleich und so,
wie man die Heilandsgesichter gemalt sieht, ernst, gut und sanft und mit
einem krftigen, dunklen Bart. Die Augen waren gro und braun und dabei so
himmelgut und gesttigt von einem inneren Glanze, wie ich's vermeinte, noch
nie gesehen zu haben. Mit Scham und doch mit Freude sah ich zu dem Manne
auf, und es wurde mir unter seinem Blick seltsam wohl und ruhig. Ueber was
er sprach und ob er gut sprach, kann ich nicht mehr sagen. Als ich mich
zusammenri und darauf aufpassen wollte, ging er eben wieder herunter.

Dann sagte einer: Wir wollen noch einen Seufzer beten! worber ich lachen
mute, man sang ein Lied und dann war es aus.

Ganz unter dem Banne der guten braunen Augen ging ich an Genovevs Seite
heim; ich beschrieb ihr den Mann und befragte sie, konnte aber nur
erfahren, da er Roth heie, Kanzleigehilfe sei und am Entengraben wohne.
In meiner Bewegung und Begeisterung versprach ich Genovev, das nchstemal
wieder mitzugehen, was sie beraus gndig aufnahm.

Als ich nun wieder und auch noch ein drittesmal in die Betstunde ging, war
der Mann wohl da, und ich konnte zwischen vielen Leuten hindurch seinen
dunkelhaarigen Kopf mit dem buerlichen Nacken sehen; jedoch sprach er
nicht und ging am Schlusse schnell aus dem Saal.

Betrbt machte ich mich an jenem dritten Abend auf den Heimweg. Genovev war
diesesmal nicht mit, und da es so schn und sommerlich und dmmerig war,
machte ich noch einen Umweg durch ein paar stille, entlegene Gassen. Nach
einer Weile hrte ich Schritte hinter mir und dann neben mir hergehen,
und als ich den Kopf ein wenig zur Seite wandte, erkannte ich meinen
Braunugigen; er hatte wohl noch irgend etwas besorgt oder mute
aufgehalten worden sein. Er grte mich, wie es unter Stundenleuten so
der Brauch war und mochte wohl bei meinem Gegengru die herzliche Freude
gesehen haben, denn er verlangsamte seinen Schritt, ging neben mir her und
fing ein freundliches, allgemeines Gesprch mit mir an. Als wir eine Weile
so gegangen waren, sagte ich ihm, da ich die letzten Male vergeblich drauf
gewartet habe, ihn sprechen zu hren und wann er es denn wieder tue.

Ich werde berhaupt nimmer sprechen, sagte er, und als ich ihn erstaunt
um den Grund fragte, sah er mich einen Augenblick prfend und mit einem
ganz leisen Lcheln an.

Wenn Sie Interesse dran haben, drfen Sie es schon wissen. Blo, -- ich
kann mich nicht aufhalten; meine Frau ist im Wochenbett, -- es ist unser
drittes Kind, -- und sie wartet auf mich. Aber vielleicht haben Sie Zeit,
mich ein Stck zu begleiten?

Ich sagte gerne und dankbar zu und lief an seiner Seite weiter durch den
warmen, stillen Abend. Er schwieg eine Weile, dann fing er an.

Ich mu mich eigentlich schmen, da ich zweiundvierzig Jahre alt geworden
bin und viele, viele Male in der Stunde gesprochen habe, ehe ich zu dieser
anderen Erkenntnis gekommen bin. Nun wissen Sie, ich bin vor ein paar
Monaten krank gewesen und mute viel liegen, da hatte ich Zeit, um ber
all das so recht nachzudenken. Und seither ist es allmhlich anders mit mir
geworden.

Sehen Sie, wenn einer in der Stunde spricht oder Stadtmissionar wird oder
zur Heilsarmee geht oder auch nur einen Beitrag gibt zu einem Kirchenbau,
so tut er es doch im Grunde deshalb, weil er die Menschen ein wenig besser
machen mchte und sie mehr zum Guten bringen, auch, weil er innerlich das
Bedrfnis dazu hat und es ihn froh macht, fr das Reich Gottes etwas tun zu
drfen. Und wenn man das nun ehrlich und genau bedenkt, sieht man, da
es fast ein Hohn ist, wie wenig dabei heraus kommt und wie wenig man in
Wirklichkeit mit diesem ntzt und an den Menschen fertig bringt. Ach,
so furchtbar wenig; und als ich so darber nachgedacht habe, hat es mich
namenlos traurig gemacht.

Nun habe ich das alles auf die Seite getan. Ich will zu keinem Menschen
mehr sagen, er soll gut sein und in die Kirche gehen und ein Christ werden;
ich will von jetzt an ber das alles schweigen und alle Krfte und alle
inneren Triebe nur noch dazu anwenden, selber ein rechtes Leben zu fhren,
gut zu werden, und so wenig als mglich dazu und davon sagen. -- Sie
meinen, ich sei doch schon seither ein guter Mensch gewesen? Ach, nur so im
Sinn der Leute und im ganz, ganz Groben. Wenn man das richtig machen will,
dann hat man ganz unendlich viel zu tun und fleiig zu sein und an sich zu
arbeiten, die dreiig oder vierzig Jahre, die ich, wenn's gut geht, noch zu
leben habe, werden mir kaum dazu reichen. Sie drfen ja nicht meinen, da
das immer so leicht sei, so auf die rechte Art sein Leben zu fhren; es
wird einem manchmal so schwer, da man an sich verzweifeln mchte; freilich
macht es einen dann nachher froh und glcklich, -- o, man kann nicht sagen,
wie. Und das drfen Sie auch gewi nicht denken, da ich etwa meine, ich
knne auf diese Art gerecht und sndenfrei werden; ach nein, man braucht
Christi Gnade immer noch haufenweis' dazu. Ich spre es jeden Tag, da ich
kein Heiliger werde; blo so gut und tchtig, wie es ein Mensch auf dieser
Erde erreichen kann, mchte ich werden.

Herr Roth war eine Weile still und schien sich zu besinnen. Dann fuhr er
langsam fort:

Sie und die meisten anderen Menschen werden das sonderbar finden, --
ich glaube aber ganz fest daran, da keine Mission und Betstunde die Welt
besser macht, sondern das stille und gute Leben der Einzelnen. Und ich wei
es ganz gewi, da ich als armer und einfacher Mann, auch wenn ich die Gabe
habe, zu reden, nichts tun kann was besser und wertvoller wre, als mit
einem festen Willen und mit Gottes Hilfe zu versuchen, ein rechter und
guter Mensch zu werden.

Und sehen Sie, es fhrt am Ende doch noch eine Brcke zu den anderen
Menschen. Wenn meine Frau jeden Tag sieht, wie ich lebe und wie es mich
froh macht, so gefllt es ihr vielleicht, und sie versucht es auch. Wenn
wir nun unsere Kinder so in unserem Sinne erziehen, und sie ererben und
sehen von uns nichts als Gutes und Lauteres, so werden vielleicht auch sie
fest darin, und wenn am Ende meines Lebens dann doch durch mich auch nur
zwei oder drei gute und frohe Menschen in der Welt wren, so wre ich
unsglich glcklich.

Unterdessen waren wir vor Herrn Roths Haus angekommen; es war ein kleiner
Garten davor, und als ich die prachtvoll blhenden Rosen bewunderte, meinte
er: Ich mchte Ihnen gern ein paar davon schneiden; wenn Sie derweil
meiner Frau Gr Gott sagen wollen, so wird es uns freuen.

Er ging mit mir hinein, die Kinder sprangen uns entgegen, und in einem
weien Bett lag eine saubere und vergngte Frau und hatte ein winzig
Kleines an der Brust. Ich gab ihr die Hand und bestaunte das Kindlein;
wir sprachen ein wenig miteinander und merkten sogleich, da wir einander
verstanden und schon gleich ein bichen lieb gewannen. Als dann Herr Roth
mit den Rosen kam, luden sie mich ein, bald einmal wieder zu kommen, und
ich versprach es Ihnen und wunderte und freute mich.

Dann ging ich durch den immer leise hellen Sommerabend heim; die warme Luft
war je und je voll einem starken und sen Geruch aus den Grten, und indem
ich ber den seltsamen Menschen nachdachte, meinte ich, dies alles schon
einmal gehrt zu haben, blo viel krzer und noch schner, dann fiel es
mir ein und da es mit Gottfried zusammen in den schnsten Stunden meines
Lebens gewesen war, und zu Hause schlug ich es auf und las es:

  Reines Herzen zu sein,
  Das ist das Hchste,
  Was Weise ersannen,
  Weisere taten.

-- Das Erlebnis jenes Abends war mir ein mchtiger Antrieb und zndender
Funke in die Plne hinein, die ich mir fr mein Leben ausgedacht hatte; es
freute mich, da ich immer noch etwas dazu erfuhr und kennen lernte, wie
ich dieses reich und fein und wertvoll machen knne. Ich probierte es auch
zwei Tage lang, so ganz gut und richtig zu leben, wie Herr Roth es mir
geschildert hatte; aber im Gedrnge und in den Sorgen des dritten Tages
lie ich es wieder fahren. Doch hatte ich immerhin etwas von dem sen und
frohen Frieden geschmeckt und legte mir Herrn Roths Lebensplan und Weisheit
gleichsam zurck, bis ruhigere Tage kmen, als einen Schatz, den mir
niemand stehlen und den ich jederzeit nach Bedarf bentzen knne.

In die Betstunde ging ich nimmer, wohl aber des fteren zu meinen neuen
Freunden am Entengraben. Ich sprte, da es nichts Verllicheres gab,
als diese beiden Menschen; ich kann nicht sagen, da wir sehr interessante
Gesprche mit einander gefhrt htten oder da ich mir viel geistige
Anregung dort geholt htte, aber wenn ich nach einem bewegten und
sorgenvollen Tag eine Viertelstunde unter dem Blick der milden braunen
Augen sa, fiel eins ums andere von dem was mich plagte weg, und es wurde
mir sonderbar leicht und wohl. Herr Roth war ein stiller, ernster Mensch,
er sprach nicht viel und war eher zum grbeln und sinnieren geneigt;
dagegen war seine Frau von einer beraus warmen und gtigen Frhlichkeit
und wenn auch bei weitem nicht so klug wie ihr Mann, viel mehr geeignet zum
Helfen und zum Trsten und einem etwas Liebes tun. Trotz aller Frmmigkeit
verfiel sie gelegentlich in eine kleine Neckerei mit ihrem steifen und
schwerflligen Mann, die beraus ergtzlich anzuhren war. Er hing mit
fast zu groer Liebe an ihr, einmal klagte er mir, er knne den von ihm
angestrebten Grad von Reinheit und Frmmigkeit nie erreichen, da er
seine Frau mit solcher Glut und Leidenschaft liebe, wie es Gott unmglich
gefallen knne.

An einem Abend kam ich zu ihnen, als sie eben am Essen saen; die Frau hie
mich mit frhlicher Herzlichkeit willkommen, holte einen Stuhl und belud
mir einen Teller mit Gemse und Kartoffeln. Ich tat mit, und whrend dem
Essen versprach sie sich ein bers anderemal, indem sie mich duzte und sich
zwar gleich darauf verbesserte, mich aber so lieb und neckisch dabei ansah,
da man ihre Absicht merken konnte, und am Ende gestand sie's freimtig,
sie und ihr Mann htten mich gern und wrden sich freuen, wenn ich gute
Freundschaft mit ihnen halte und zu ihnen beiden von jetzt an Du sagen
wolle.

Ich war froh darber, so eine gute und friedliche Heimat gefunden zu haben,
und war den lieben Leuten von Herzen zugetan. So klar und einfach ihr
Wesen war, blieb es mir doch noch lange merkwrdig, und zum Hochachten und
Bewundern ist es mir noch heute. Sie stammten beide von Bauersleuten, doch
besa Herr Roth einige Bildung und hatte als junger Mensch viel gelesen und
gehrt. Er sa auch jetzt noch gerne des Abends ber einem Buch, doch war
es mir befremdlich, wie gnzlich unwichtig und unntig ihm alles dieses
zum Leben schien und wie undenkbar es ihm war, da solches einen wahrhaft
glcklich machen und erfllen knne; gleichwie er alles Schne auf der Erde
gelten lie und, wo es ihm beschert war, mit dankbarer Freude hinnahm und
doch in jeder Stunde bereit war, es mit fast derselben Freude wieder zu
verlieren und hinzugeben.

Wenn ich mit diesen Leuten von meinem Leben sprach, erschien es mir, als ob
viel Gutes und Schnes darin gewesen sei. Ich sagte ihnen viel von meiner
Mutter, nach der sie immer wieder fragten, und auch von Elsbeth und der
schnen Gunhild und Frau Finkenlohr; sie verstanden mich und hrten es
gern, wenn ich erzhlte. Und es war sonderbar, mit diesen beiden, die doch
fr eng und strenge rechtlich galten, konnte ich von meiner Liebschaft
und sogar von jener wunderbaren Nacht sprechen, und sie verurteilten
mich nicht, sondern gaben mir die Hand und waren lieb und zart mit mir.
Vielleicht sprten sie die echte Liebe, die dahinter stand.

       *       *       *       *       *

Ich mu nun leider berichten, wie ich in der frmmsten Zeit meines Lebens
und da ich den besten Umgang, das beste Beispiel und die besten
Vorstze hatte und eben im Begriff stand, mich zu einer halben Heiligen
emporzuschwingen, einen ganz greulichen Fall und Absturz tat, und wie der
etwaige Stolz auf meine Tugend mit einer recht beschmenden Geschichte
gestraft wurde.

Mein edler Mitmensch Genovev machte mir zu jener Zeit das Leben ordentlich
sauer. Es war nicht blo, da sie wtender und verachtungsvoller als je
ber mich predigte und ber jeden Spllumpen und jede Kutterschaufel, die
ich in der Hand gehabt hatte, das Kreuz schlug, ehe sie sie berhrte; das
htte ich noch ertragen. Aber die Alte sprte, da es mir doch allmhlich
auf die Nerven ging und mich rgerte und sah ihren Plan, mich hinauszuekeln
und eine andere neben sich zu bekommen, die ihr weniger auf die Finger
guckte, verlockend nahe. Auch baute sie im Grunde so sehr auf meine
Naivitt und Unwissenheit, die wohl niemals etwas von ihren heimlichen
Gngen erfahren habe, da sie nun die meiste Vorsicht und Diplomatie fahren
lie und mir offensichtlich und so bel als mglich meinen Tag und meine
Arbeit versalzte.

Ich hatte die Novelle fertig, sauber abgeschrieben und an eine Zeitschrift
geschickt, und neben dem seltsam leeren und den Gefhl an den Dienstagen
plagte mich nun noch das bestndige und unruhevolle Fieber der Erwartung,
das sich trotz aller Beherrschung nicht umgehen lie; denn schlielich war
ich eben doch ein junges Mdchen und dieses Ereignis zu wichtig in meinem
Leben.

Dazu jhrte es sich in diesen Tagen, da ich meinen fnftgigen
Sommerurlaub gehabt hatte und auf den Zinken gereist war, wo auch Gottfried
seine Ferien wieder verbrachte. Die selige Zeit leuchtete mir nun hei und
ungewollt im Gedchtnis auf, ich mute mehr als je an Gottfried denken, und
es war mir schmerzlich und ungut zumute.

Nun hatten die Professorsleute zu einem Abendessen eine feine und grere
Gesellschaft eingeladen, und schon tagelang vorher war deshalb ein
mchtiger Umtrieb und Spektakel. Jedes wollte sich von seiner besten Seite
zeigen; die Professorin legte mir mit Ernst und grtem, anerkennendem
Vertrauen das gute Gelingen des Mahles ans Herz, ich tat so etwas gerne,
freute mich auf eine stramme Kocherei und hoffte, die trben und trichten
Gedanken darber eine Weile los zu werden.

Den Glanzpunkt des Essens sollte eine franzsische Geflgelpastete geben,
ich hatte sie den Tag zuvor gebacken, damit man sie dann vor dem Anrichten
nur noch zu wrmen und zu fllen brauche. Sie war prachtvoll geworden, ach,
ich sehe sie im Geiste heut noch vor mir. Der Abend kam also, da
Genovev zum Herumreichen zu unappetitlich war, besorgten es ich und das
Hausmdchen. Mit Vergngen und Eifer gingen wir daran; zuvor hatte ich noch
meine Pastete in den Wrmofen gestellt und es Genovev aufs eindringlichste
angekndigt, mir darauf aufzupassen, und als die Suppe vorbei und der Fisch
aufgetragen war, lie ich das Hausmdchen allein bei den Gsten und ging
eilig in die Kche, meine Pastete fertig zu machen. Ich zog sie stolz aus
dem Ofen und stellte sie auf den Tisch. Da merkte ich es erst.

Sie war schwarz verbrannt, beinahe wie ein Mohr, und aus einer Ecke tnte
Genovevs leises Gewieher wie Hohngelchter von sieben Teufeln.

Ich schabte und putzte ja nun, so gut es gehen wollte und trug es mit Wrde
und Ergebenheit, wie nachher der Hausherr, als er mich mit der verhunzten
Pracht zur Tr hereinkommen sah, ohne Ahnung der Moritat zu seinem
Gegenber sagte: Passen Sie auf, Doktor, nun kommt das Glanzstck dieses
Abends; Pasteten sind nmlich die Spezialitt unserer jungen Sttze; Sie
essen's nirgends besser------ In meinem Innern aber wute ich, da ich
heute noch Genovev unter meinen Fusten haben und ihr den Buckel verhauen
mute, oder es war mir keine Minute mehr wohl und ertrglich in meiner
Haut. Das mit der Pastete hatte dem Fa den Boden ausgeschlagen.

Der Abend verlief vollends schn und ohne weiteren Zwischenfall. Gleich
einem gewiegten Uebeltter und Totschlger lie ich mein Opfer mit keinem
Blicke ahnen, was ich Finsteres im Sinne hatte, war wohl gleichgltig gegen
Genovev, doch im brigen durchaus nicht anders als sonst. Gegen halb elf
Uhr gingen die Gste, wir rumten noch schnell die Tafel ab, dann sagte ich
laut Gutenacht und ging hrbar in mein Zimmer.

Eine Weile spter schlich ich mich lautlos in den Hof hinunter; es war sehr
dunkel und stille. Einmal glaubte ich zwar, von Fouqus Grtlein, das dicht
daneben war, ein Gerusch zu vernehmen, doch war es alsbald wieder ruhig.
Richtig tappte nach einer Viertelstunde fast so leise wie ich Genovev die
Treppe herunter; die Kellertr knarrte ein wenig, dann stellte ich mich
davor und lauerte. Ach, es klappte groartig! Sie kam, ich packte sie am
Kragen, drohte bei dem geringsten Laut, den sie von sich gebe, da ich
morgen alles Gesoffene und Gestohlene haarklein dem Professor erzhle und
schleppte sie in den Hof, wo ich es ihr so grndlich besorgte, da es mich
trotz allem heute noch freut.

Lautlos wankte sie davon, ich hrte noch, wie sie sich droben in ihrer
Stube einschlo, dann setzte ich mich md und zitternd vor Aufregung
auf den Kellersims im Hof. Ach, es war mir kein bichen sieghaft oder
triumphierend zumut; meine abgrndige Wut war jh verraucht, es blieb nur
eine Schlaffheit und weinerliche Abgespanntheit und alles Bedrckende und
Traurige von vorher fiel doppelt schwer ber mich herein. Wenn ich an
meine Freunde Roth dachte und an das gute und rechte Leben, das ich fhren
wollte, wurde ich noch in der Dunkelheit rot vor Scham; -- und mit meiner
Schreiberei war es auch nichts, sonst htte ich doch schon irgend eine
Antwort bekommen mssen. Es war mir zum Heulen elend und jmmerlich zumut.

Das hast du fein gemacht, Ageli! sagte pltzlich eine Stimme nahe mir,
laut und lachend.

Ich sprang auf, wahnsinnig erschrocken, und starrte in die Dunkelheit. Um
Gotteswillen, wer ist da----?

Dein Schwager, liebes Kind, sprach die Stimme mit spottend sanftem Ton,
und ich erkannte nun wahrhaftig im Dunkeln Fouqus dicke Gestalt am Zaun
lehnend. Komm an mein Herz, Kind, und la dir gratulieren. Sieh, es
sind hier liebenswrdigerweise zwei Zaunlatten weg; komm noch eine Weile
herber, es wrde mich auerordentlich freuen.

Wenn du es niemand sagst----, sprach ich, immer noch zitternd vor
Schreck.

Ganz, wie du es wnschest, sagte er liebenswrdig; erhob jedoch zu meinem
namenlosen Entsetzen gleich darauf seine Stimme zu einer Strke, da es
in der stillen Nacht gewaltig laut und hallend tat: Ich werde es niemand,
niemand, niemand sagen, da ich hocherfreuter Zeuge dessen war, wie in
stiller Stunde--

Unterdessen war ich aber schon bei ihm drben, fauchte ihn an wie ein
wilder Kater und schttelte ihn weinend und bebend.

Adolf -- wenn du nicht augenblicklich still bist--

Verhaust du mir auch den Ranzen? fragte er lachend; doch war er gleich
darauf ruhig, nahm meinen Arm und fhrte mich zu einem versteckten
Gartenbnklein, wo er mit vterlicher Gte sein groes Sacktuch herauszog
und mir die Trnen damit wegputzte, bis ich lachen mute. Darauf ging er
ins Haus und kam nach einer geraumen Weile mit einem Krglein Wein und zwei
Glsern wieder. Er schenkte ein und hielt mir das Glas an die Lippen.

Wir tranken also, es wurde mir ein bichen besser zumut, und da es mir
war, als sei ich Adolf eine Erklrung schuldig, erzhlte ich ihm die
ganze tragische Geschichte der letzten Wochen und wie mich die Bosheit
und Gemeinheit dieses Frauenzimmers geplagt und bombardiert und gezwiebelt
habe, und am Schlusse sprach ich traurig von dem trben Ereignis mit der
Pastete. Adolf sa unbeweglich und hrte mir zu; nur hin und wieder vernahm
man sein leises, erfreutes und prachtvolles Lachen durch die Stille.

Du hast gut lachen, sagte ich am Ende bitter. Du bist ber alle solche
Sachen erhaben, und es kann dich nichts aus deiner Ruhe bringen. Ich
glaube, dich htte nicht einmal die schwarze Pastete angefochten!

Nein, wahrhaftig nicht! lachte er. Ich starrte trbe vor mich hin. Wei
Gott, wie du's machst!

O, ich tue blo das Gegenteil von dem, wie du's machst, sagte er ruhig.
Du hast doch jetzt selber gemerkt, da es nicht ganz schlau war, wie du's
angegriffen hast. Du httest der Alten keinen greren Gefallen tun knnen,
als auf ihre Bosheit einzuschnappen. Die nimmt gern ihren Buckel voll Hiebe
in den Kauf, wenn sie wei, wie unmig sie dich gergert hat. Siehst du,
man mu die Leute ansehen, wie wenn sie alle einen Tropfen an der Nase
htten oder ein Loch im Aermel -- und auch so mit ihnen umgehen. Im Anfang
ist das eine Kunst, spter geht's von selber. Um ganz unabhngig und frei
und glcklich zu sein, gehrt freilich noch ein dickes Fell dazu, --
und dann noch -- weit du, noch ein paar innerliche Sachen, die du
wahrscheinlich doch noch nicht verstndest, auch wenn ich dir's jetzt
erklren wrde. Ich sag es dir spter einmal, wenn du mehr von Philosophie
verstehst. Du bist jetzt auch noch ein wenig zu jung dazu.

Ich sann dieser sonderbaren Lehre betroffen nach und fragte zweifelnd,
ob er wirklich meine, da ein Mensch nur mit diesem und so ohne weitere
Anstrengung richtig glcklich werden knne.

Unbedingt ja, antwortete er felsenfest und ruhig. Ich sagte ihm nun, da
ich immer gemeint habe, man knne sein Glck und seine innere Frhlichkeit
nur durch einen rechtschaffenen und ttigen Lebenswandel erwerben und
setzte ihm Herrn Roths Lebensanschauung auseinander, die ja nun auch die
meine war.

Ei, so plage dich doch! rief er. Wir wollen sehen, wer in seinem Leben,
und, worauf ihr es doch am meisten abgesehen habt, am Ende dieses Lebens,
glcklicher ist, du oder ich!

Wir gerieten in ein heftiges Wortgefecht; Adolf redete mich schlielich
in Grund und Boden hinein. Ich sa still und wute nichts mehr drauf zu
erwidern.

Das kann alles wahr sein, sagte ich nach einer langen Weile, und es
kann fr alle andern Menschen passen und recht sein. Aber da _mein_ Glck
irgendwo anders liegt, das glaube ich eben doch. Wenn ich wte, da du es
ernst nehmen und mich nicht auslachen wrdest, knnte ich es dir vielleicht
sagen.

Ich lache dich sicher nicht aus, antwortete er freundlich und ohne Spott.
Im Gegenteil; ich freue mich recht, wenn du es mir sagen willst.

Da fing ich an, da schon lange, ehe mir Herrn Roths Weisheit aufgegangen
sei und lange, ehe ich berhaupt mit Bewutsein und Verstand ber solche
Sachen nachgedacht habe, etwas in mir gewesen sei, das viel echter und
glhender und gewaltiger sei und viel mehr zu mir selber gehrt habe und
aus mir selber gekommen sei als alles das andere. Ich erzhlte ihm von dem
Grab des Namenlos und der groen, roten, nackten Zehe, auch von dem Morgen
bei der Buche und von der Zeit, nachdem der spitzfindige Herr Brger vom
Zinken abgereist war. Und spter von der Nacht in des Bsleins Babetts
Gastkammer, von der Zeit mit Gottfried und von allen diesen Stunden, da ich
die gttlichen Strme in mir gesprt habe. Und als ich zu Ende war, wurde
ich sehr verlegen und wute nicht, wie er es aufgenommen habe.

Ich danke dir, Ageli, sagte er herzlich. Es ist sehr fein und etwas ganz
Besonderes, und ich glaube schon, da man damit glcklich werden kann. Ich
bin nun gespannt, wie es dir im Leben geht. Blo sieh, du sprichst davon,
da es dich drnge, alle Menschen zu lieben und ihnen zu dienen. Weit du,
da ist eben das gewhnliche brave Geschmcklein dran, und du wirst es auch
so im blichen -- hm -- christlichen Sinn meinen?

Nein, sagte ich zgernd, --ich glaube, ich -- ich meine -- das --
menschlich!

Da fing er nun doch an, laut und aus Herzensgrund in die schweigende Nacht
hinaus zu lachen; ich hielt ihm erschrocken und beschmt den Mund zu, aber
es lachte dennoch bermtig und knabenhaft darunter hervor. So, so, du
meinst das Lieben menschlich! ---- ach, Mdel, du bist kstlich!----

       *       *       *       *       *

Ein paar Wochen darnach kam an einem Morgen Margrets Aeltester zu mir
herauf, aufgeregt und verstrt: Die Mutter liege auf dem Boden und jammere
und knne nicht mehr aufstehen; der Vater sei nicht da, ob ich nicht
geschwind herberkommen knne.

Eilig ging ich mit dem Buben hinber; wirklich lag Margret umgesunken da,
unfhig, sich zu erheben, und wimmerte und wand sich in Schmerzen. Ich
brachte sie ins Bett, Adolf kam und holte einen Arzt und eine Pflegerin,
und man sprach von einer Ueberfhrung ins Krankenhaus, falls Frau Fouqu
zu Hause nicht die ntige Pflege habe. Margret wehrte sich flehentlich
dagegen.

Meine Schwgerin ist sehr gewissenhaft, sagte Adolf zu dem Arzt und
sah mich an. Wenn du hier bleiben knntest--! Ich nickte ihm eilig und
selbstverstndlich zu, und alles war in Ordnung. Man lie Margret da, auch
die Pflegerin blieb vorerst, und zur Besorgung des Haushalts erbot sich
eines der Frulein Heitenreiter gerne auszuhelfen, bis ich frei wre.
In einer Stunde war alles beschlossen. Das Zusammensein mit Genovev
und dadurch meine ganze Arbeit war seit jenem dunklen Abend herzlich
unerquicklich und htte doch kaum so weiter gehen knnen. Also kndigte ich
und war schon nach vierzehn Tagen mit meinen Sachen in Fouqus Gastzimmer
untergebracht.

Es bleibt bei diesem nur noch zu sagen brig, da Genovev ihre guten Tage
nicht mehr lange genieen konnte; sie wurde nach einem halben Jahre in eine
Anstalt berfhrt, da sie am =delirium tremens= erkrankt war.

Bei Margret ging es etwas besser, sie hatte keine Schmerzen mehr, und die
Pflegerin war entbehrlich, als ich hinkam. Nur war sie sehr geschwcht
und durfte das Bett nicht verlassen; wir beschlossen nun, da ich auf eine
lange Zeit ganz dableiben solle, zum mindesten bis das Kind da sei und
ber das Grbste hinaus, bis dem Haushalt wieder auf die Fe geholfen und
Margret wieder ganz, ganz gesund sei. Ueber diese Aussicht geriet nun die
ganze Familie Fouqu in eine solch freudige Begeisterung, da ich halb tot
gekt und gedrckt wurde und alle Ursache hatte, gerhrt und beglckt zu
sein.

Margret wurde zum erstenmal in ihrer Ehe gepflegt, versorgt, verwhnt,
sie lag strahlend und selig da und fhlte sich bestndig als Frstin oder
Prinzessin, wie sie jeden Morgen so sauber gekmmt und gewaschen in ihrem
reinen weien Bett lag und in ihrer aufgerumten Stube herumsah. Hatte sie
sich jemals Sorgen oder trbe Gedanken gemacht, so fiel das nun vllig von
ihr ab; fragte ich sie etwas ber irgend eine Geldangelegenheit, so hielt
sie sich die Ohren zu, zog unwillige Stirnrunzeln und drehte sich auf die
andere Seite. Sie berlie das alles mir; mochte ich sehen, wie ich damit
zurecht kam; -- wenn ich nur sie in Ruhe lie. Nun, da sie keine Schmerzen
mehr hatte, lag sie stets vergngt und ledig aller irdischen Beschwertheit
da und lebte gleich einem Kind ihre schnen, migen Sommertage hin.

Ich bin so arg glcklich, sagte sie oft. Es ist mir in meinem Leben noch
nie so gut gegangen wie jetzt. Gelt, Adolf, es ist die schnste Zeit
von unserer ganzen Ehe? Und das ist alles, weil das Ageli da ist! -- Ach
Kinder, ihr mt es schrecklich lieb haben. Es ist eine arg Gute!

Fouqu schwrmte kaum minder fr mich; doch war ich klug und ehrlich genug,
wohl zu wissen, da dieses nicht den etwaigen Reizen meiner Persnlichkeit,
meinen geistigen Interessen oder meiner Aufopferungsfhigkeit zugrunde
lag, sondern lediglich deshalb war, weil ich gut kochen konnte. Er hatte
bestndig ungeheuerliche Lobsprche dafr auf Lager, und wir konnten uns an
den Abenden, wenn ich bei einer Nherei sa, stundenlang ber italienische
und franzsische Kochrezepte unterhalten. An die Philosophie kamen wir
vorerst nicht viel.

Trotz allem, was ich schon von Margrets Haushalt kannte und wute, htte
ich mir die Karre nicht so jmmerlich verfahren vorgestellt. Es war
wirklich stark, und ich schmte mich unendlich vor der ordentlichen und
appetitlichen Frulein Heitenreiter, da sie diese Wirtschaft gesehen
hatte! Spter gewhnte ich es mir ab, mich zu schmen.

Alles was man in die Hand nehmen wollte, war kaputt oder nicht sauber
oder berhaupt verschlampt. Die ganz notwendigen Gebrauchsgegenstnde, wie
Margrets Haarbrste, die Schere und das Kchenmesser fand ich an Schnren
gebunden, die an der Wand festgenagelt waren, damit sie wenigstens nicht
abhanden kmen. Dafr entdeckte ich an den absonderlichsten Orten
ganze Kolonien von Stecknadeln, Kaffeelffeln, einzelnen Strmpfen und
Kinderhandschuhen und abgegangenen Hosenknpfen. Es fehlte so am ntigsten,
da ich heimlich auf die Sparkasse ging und etwas von meinem Geld holte
und Kinderleintcher und ein wenig Anderes drum kaufte. Fouqus merkten
so etwas nicht. Es tat not, da ich um fnf Uhr morgens aufstand, um fr
Margret und das Jngste zu waschen, und ich mute bis tief in die Nacht
hinein ber dem Nhen und Flicken sitzen. Und dennoch war es mir, als
rutsche das was ich arbeite, allsogleich wieder in ein Loch und verschwinde
ungesehen; und alles was ich tue, sei umsonst; ich war verzweifelt, da
trotz meiner Aufbietung aller Krfte kein Schwung in diesen jmmerlichen
und verlotterten Haushalt zu bringen war. Man mute noch ganz froh und
zufrieden sein, wenn wieder ein Tag herumging, ohne da man aus seiner Haut
fuhr, und wenn am Abend alle satt und noch am Leben waren.

Die Buben waren prchtige und aufrichtige Kerle, blo von solch unbndiger
Wildheit und einem solchen Leichtsinn, da mir Margret in ihrer Kindheit
noch als Lamm dagegen erschien; ach, sie mochten von der Fouquschen Seite
noch so das Richtige dazu bekommen haben. Mit bleichem Grauen sah ich ihre
frchterlichen Expeditionen ber den Laufsteg hinber und am Schloberg,
ich htte, wei Gott, von keinem geglaubt, da er das vierzehnte Lebensjahr
erreiche und noch den Kopf und alle Glieder habe. Es passierten jeden Tag
ungezhlte Malheure; der eine warf den Milchtopf um, der zweite tappte in
die Scherben und blutete; ich schickte den dritten zur Milchfrau, da man
doch wieder Milch haben mute, und dieweil ich dem einen seine Hiebe gab
und dem andern den Fu verband, kam er wieder und hatte das Geld verloren,
weil er auf der Strae irgend etwas nachgesprungen war; nur in der Kche
stand inzwischen trstlich ein Trupp fleiiger Katzen und leckte die Milch
auf. Tglich gab es Beulen, Risse, Schnitte und Lcher in den Kpfen,
dazwischenhinein wurde gelegentlich auch ein Arm oder Bein gebrochen, wobei
man dann leider zum Doktor schicken mute; bei allem brigen derartigen
lachte mich Margret schallend aus, wenn ich es tragisch nahm oder Anstalt
machte, die Buben zu verbinden und in der Stube zu behalten. Kam einer
heulend und blessiert angelaufen, so nahm sie ihn geschwind zu sich ins
Bett, erfand irgend eine fabelhafte Geschichte, kitzelte ihn ein bichen
und lachte mit ihm, dann schickte sie ihn wieder weg. Lcher in den Hosen
nahm sie viel schwerer, da diese nicht von selber zuheilten. Auch Adolf,
wenn er beim Mittagessen seine Buben sah, lachte in einem solchen Fall
gemtlich und sagte hchstens: So, Kerl, warst du wieder auf der Mensur?

Bei dieser Gelegenheit erinnerte ich mich auch, da ich eines Morgens ins
Schlafzimmer kam, wo das dreijhrige Mdelchen noch im Bett lag, und wo ich
mit Entsetzen wahrnahm, da die Kleine auf ihrem weien Deckbettlein mit
einem ansehnlichen Klumpen prchtig nassen Gartenlehms spielte, den sie
sich in einem unbewachten Augenblick geschwind barfig geholt hatte. Ehe
ich noch ein Wort sagen konnte, fing Margret herzlich an zu lachen und
meinte bittend: Gelt, du schimpfst jetzt nicht und lt ihr's noch eine
Weile; sie spielt gerade so fein und das Bett ist sowieso schon dreckig!

Schlimmer als das bedrckten mich die Geldnte der Familie. War es bei uns
zu Haus auch sehr arm zugegangen, so war doch nie eine wirkliche Not und
immer noch irgendwo ein Sparpfennig gewesen. Bei Fouqus a man Forellen
oder Geflgel, wenn es gute Zeiten waren, ging das Geld aus, holte man in
der Ladenkasse, und war auch da nichts, so hatte man eben Tee und Brot zu
Mittag. Jedesmal, wenn die Miete oder eine Rechnung zu zahlen war und kein
Geld dafr da, berlegte ich mir's, ob ich nicht mein Erspartes holen solle
und dran geben; und jedesmal schlug ich mir's wieder aus dem Kopf. Lieber
wollte ich den Dingen ein wenig auf den Grund gehen.

Im Laden unten war als Gehilfe -- Lehrling gab es keinen -- ein Junggeselle
namens Breisel. Ob er ein tchtiger Buchhndler sei, konnte ich nicht
beurteilen; doch besa er eine uerst treue Seele und mein Schwager hatte
ihn mit dem Geschft bernommen. So groartig, so vornehm und verwhnt nun
Fouqu auftrat, so dnn und bescheiden war Breisel. Ich kam bald dahinter,
da er kein ordentliches Gehalt bezog, sondern gleich uns aus der
Ladenkasse nahm, was er brauchte, wobei der arme Tropf recht schlimm
wegkam, da er mehr als gewissenhaft war und gengsam wie eine Kirchenmaus.
Er htte bis nachts zwlf Uhr gearbeitet, wenn ihn nicht Adolf zur Zeit
heimgeschickt htte; -- er htte es schlielich auch ganz ohne Gehalt
getan, so mit Leib und Seele war er im Bann der schnen Fouqus.

Mit diesem Breisel nun suchte ich mich hinter dem Rcken meines
Schwagers anzubiedern; ich wute, da er eine Schwche habe, nmlich fr
Zwetschgenmarmelade. So kochte ich ihm einen Topf voll ein und brachte
sie an einem Abend, als Adolf verreist war, hinunter. Wenn Breisel ein
Hundeschwnzchen gehabt htte, so htte er nun gewedelt; er war unendlich
gerhrt. Ich blieb aber sehr ernst, sagte, wie ich wohl wisse, da ihn mein
Schwager nicht recht bezahle und man ein wenig fr ihn sorgen msse. Von so
vieler Liebe hingerissen, setzte sich Breisel auf den Ladentisch, baumelte
aufgeregt mit seinen dnnen Beinen und schttete mir sein Herz aus. Und was
ich lngst geahnt hatte, wurde mir nun dster besttigt, da nmlich das
Geschft trotz des aufgebrauchten Kapitals und trotz der Schulden htte
ordentlich gehen knnen und das Einkommen ausreichen mssen, wenn Fouqu
kein solch unheimlich fauler Tropf und Schlamper gewesen wre.

Ich mu fast den ganzen Tag im Laden sein und bedienen, sagte Breisel
klagend; wenn nun eine Sendung kommt, so bleibt sie eben unausgepackt, bis
ich dran komme, -- und wenn es noch so pressiert; Herr Fouqu tut es nicht
und sonst ist niemand da. Es gbe so viele Bestellungen zu erledigen, ach,
es wird mir schwindelig, wenn ich dran denke; -- wissen Sie, besonders
jetzt auf Weihnachten hin. Aber ich habe keine Zeit dazu und Herr
Fouqu schiebt es von Tag zu Tag hinaus. Man sollte Auswahlsendungen
zusammenstellen, und man sollte Remittenden packen, die Auslagen neu machen
und Rechnungen herausschreiben; und mit dem Bcherfhren sind wir schon
seit Jahren im Rckstand; ich wei mir nicht mehr zu helfen wegen der
Steuer. Und die neuen Brsenbltter hat Herr Fouqu in der Tasche, ach, und
wenn ich sie brauche und haben mchte, dann findet er sie meistens nimmer.
Aber das Allerrgste ist mir, da er mich mit Ladenschlu fortschickt,
und alles, was zu tun wre, bleibt liegen! Ich sag' es immer: allzugut ist
liederlich, jawohl: liederlich------!

Am hellen Tage aber oder in Adolfs Gegenwart htte der sanfte Herr Breisel
etwas Derartiges nicht gesagt.

Ich lie es mir durch den Kopf gehen; die geheime Mitverschworenheit und
alle guten Eigenschaften Breisels hatte ich mir gesichert, da ich von
nun an stets darauf bedacht war, da in dem kleinen Ladenstblein neben
Breisels Hut ein Geslzhafen stehe, der gleich dem Oelkrglein jener Frau
von Sarepta nimmer leer wurde. Ich lie mir zeigen, wie man Bestellungen
machte und einfache Geschftsbriefe schrieb, wie man Bcherballen packte
und ein Schaufenster richtete, und am Ende weihte mich Breisel sogar
in seine Strazzen ein. Fouqu kam mit dem gewohnten Scharfsinn sofort
dahinter; als er mich ertappte, sah er mich eine Weile mit seinem seltsam
spttischen und berlegenen Blicke an, und ich wurde rot darunter, als
mte ich mich schmen und nicht er sich. Ach, richtig -- du brauchst ja
so etwas, um glcklich zu sein, nicht wahr? Dann tu es nur; ich verderbe
dir die Freude nicht. Blo den Breisel darfst du mir nicht ber die Zeit
anspannen, sonst geht er ein.

Und Adolf lie mich ruhig gewhren.

---- Eines war mir damals voller Unbegreiflichkeit und beinahe Heiligkeit:
Margrets Ehe. Ging auch keines der beiden darin irgendwie ber seine
Grenzen hinaus, so, da es sich etwa dem andern zu lieb berwunden htte,
etwas strebsamer und tchtiger zu werden, so lag doch die Liebe, die sie
zu einander hatten, verklrend und wie ein bestndiger Adel ber dem trgen
und so wenig tiefen Leben der beiden. Es war die Liebe eines Brautstandes
oder einer ganz jungen, ungetrbten Ehe, -- voller Zrtlichkeit,
Leidenschaft und Ueberschwang und einer bei den beiden doch sonst so
seltenen glhenden Bestndigkeit. So im Lauf der Krankheit nahm mir Adolf
fast die ganze Pflege Margrets ab; es war ganz wenig, was ich noch an ihr
tun durfte. Er brachte ihr zu essen, wusch und bettete und besorgte sie und
das alles leicht und gewandt und mit unglaublich geschickten Hnden.
Ich wei noch, wie mir Margret eines Morgens, als ich sie betten wollte,
erklrte: Ich danke schn, Ageli; ich mchte lieber warten bis Adolf
kommt. Du mut mir verzeihen, aber er macht das so viel zarter und feiner
als du!

Er berhufte sie mit Geschenken, Blumen und Leckerbissen und dachte sich
die feinsinnigsten Sachen aus, mit denen er sie erfreuen und zum
Lachen bringen konnte. War er um sie, zeigte er stets seine hellste und
gewinnendste Frhlichkeit, und wenn sie bei Nacht wach lag und nicht
einschlafen konnte, stand er auf und spielte auf dem Klavier ihre
Lieblingsstcke.

Und fr Margret wiederum gab es nichts Schneres, als, wenn er nicht da
war, immerwhrend von ihm zu sprechen und zu schwrmen. Ueberaus gern
erzhlte sie von der Zeit, da sie ihn kennen gelernt hatte und von ihrem
Brautstand; wenn ihr etwas besonders Feines daraus einfiel, so konnte sie
mich von der Arbeit wegrufen, um es mir zu sagen, so wichtig war es ihr.
Einmal hatte ich mich wegen irgend einer Schlamperei gewaltig ber Adolf
gergert; obwohl ich es vor Margret mglichst zu verbergen suchte, so
merkte sie es doch und rief mich zu sich her. Du machst es noch nicht ganz
recht mit ihm, Ageli, sagte sie mit ganz ungewohntem Ernst und sah mich
fast vorwurfsvoll an. Ich wei wohl, da er Fehler genug hat, aber du mut
immer daran denken, da er ein Genie ist und so ungewhnlich und bedeutend,
da solche Sachen doch ganz verschwinden. Ein wahrhaft groer Mensch hat
sich noch nie mit Streberei vertragen, und es ist ein Verbrechen, wenn man
ihn mit dem gewohnten und kleinlichen Mastab mit. Du mut doch merken,
da man ihm seine kleinen Snden hingehen lassen mu, wenn man solche einem
Maier oder Huber auch nicht verzeihen wrde. Und sie wurde ganz erregt
dabei.--

-- Seine erste Frau mu ein Frosch gewesen sein, sagte sie oft. Denk dir
blo, wie man von Adolf weglaufen kann!

An einem Abend, als er im Konzert war, sprachen wir auch wieder von ihm.
Weit du, da er ein Dichter ist? fragte Margret.

Meinst du seine Knittelverse?

Nein, sagte sie geheimnisvoll. Wenn du mich nicht verrtst, will ich dir
etwas zeigen. In seinem Bcherschrank steht ganz rechts, ich glaube in
der zweiten Reihe, ein Band lyrischer Gedichte von einem ganz unbekannten
Modernen. Und als ich das Bchlein geholt hatte, fuhr sie fort: Sieh,
es steht auf jeder Seite blo ein ganz kleines, dnnes Verslein von dem
Menschen, da hat es Adolf gejuckt, auf den unmenschlich vielen leeren Platz
etwas hinzuschreiben, weit du, nur des Spasses und der schlechten modernen
Verse wegen!

Wir schlugen das Buch auf, und siehe, um den sen Lyriker herum standen
Adolfs Kratzefe in holder Eintracht. Ich habe mich seit jenem Abend noch
manchmal an dem wunderlichen Bchlein ergtzt und will hier ein paar von
den Gedichten niederschreiben.

  Wenn die Becher klingen,
  Denk an kein Zerspringen!
  Wenn der Frchte goldene Sonnen
  Ihre Flle senken,
  Lasset uns an kein Zerronnen--
  Heute nicht an Morgen denken!
  Lat uns singen,
  Da die Lieder, die die Gtter schenken,
  Hell erklingen!

       *       *       *       *       *

  Leben heit die tolle Dirne,
  Die Dein Arm in Lust umfange.
  Rosen decken ihre Stirne,
  Geht ihr Mund in keckem Sange.

  Trink den Wein aus ihrem Glase.
  Schmeckt er nicht, so nimm den Scherben,
  Wirf ihr eine blutige Nase.
  Buhl mit ihrer Schwester Sterben.

       *       *       *       *       *

  Verspielt war Lieb und Lust und Glck
  Und nichts mehr brig blieben.
  Da hab ich einen Augenblick
  Dem Teufel mich verschrieben.

  Da flo der Wein, da sprang mein Blut
  Rot in die graue Stunde.
  Und winkend brach mir Flammenglut
  Vom khl verbotnen Munde.

  Mit leeren Hnden griff ich drein
  Und haschte nach den Funken,
  Und hab vom Mund und roten Wein
  Das ganze Feuer trunken!

       *       *       *       *       *

  Schatz, mein Schatz, Du machst mir bittern Schmerz!
    Ich hab Dich wollen kssen,
    Ward nausgeschmissen,
    Das bricht mein Herz.

  Schatz, mein Schatz, mir war's so kalt im Haus!
    In Deinen schnen Armen
    Wollt' ich erwarmen,
    Jetzt ist es aus.

  Schatz, mein Schatz, nun bist Du gar verlobt!
    Nach Deinen weien Brsten
    Tt mich gelsten,
    Nun han ich ausgetobt!

       *       *       *       *       *

  Mit Faulheit bin ich hochbegabt
  Und Lust am Rauch der Pfeife.
  Da einer sich am Schanzen labt,--
  Wer wei, wann ich's begreife.

  Mein Sinn, der wilde Meereswind,
  Will keine Mhlen treiben,
  Zerschellt an Klippen, toll und blind
  Und heult um kleine Scheiben.

  Wer betet oder spinnt und klagt,
  Der habe meinen Segen.
  Ich wei allein, was mir behagt,
  Und will des Lebens pflegen.

       *       *       *       *       *

-- Im November kam das Kind. Es war ein groer prchtiger Knabe, und
Margret behauptete, es sei keins von ihren andern so schn gewesen. Sie
konnte das schlafende Bblein stundenlang in ihrem Bette haben und es mit
Glck und Rhrung betrachten, auch fiel es mir auf, wieviel ngstlicher und
sorgsamer als mit den Groen sie mit ihm war. Es ist ein ganz Besonderes!
sagte sie oft, ich seh es schon jetzt. Ich mchte gern, da du ihm Patin
wirst, Ageli, weil du so eine Liebe bist. Und du mut mir versprechen, da
du fr ihn sorgst, wenn wir es einmal nicht knnen sollten. Er soll es gut
haben, Ageli, gelt, du verbrgst es mir?

Ich versprach es; als das Peterlein getauft wurde, stand ich Gevatter, und
im Innern machte ich Plne mit ihm, als ob's mein Eigener wre.

Etwa drei Wochen nach der Geburt des Kleinen sagte der Arzt zu Adolf
und mir, da Margret nicht mehr lange zu leben habe. Ich war gnzlich
unvorbereitet, da sie ohne Schmerzen und immerwhrend glcklich und
vergngt gewesen war, nun berfiel es mich mit Schrecken und Grauen; ich
konnte es nicht fassen, war namenlos betrbt, da das schne und frhliche
Wesen nicht mehr sein solle und brach in ein fassungsloses Schluchzen aus.
Adolf nahm es ruhig und schweigend auf.

-- Wenn ich nun gedacht htte, da es bei Fouqus von jetzt ab anders
werden wrde, etwa stiller und ernster, so hatte ich mich grndlich
getuscht. Der Winter kam, und die Kinder waren meist auf das Haus und die
Stuben angewiesen; nun trugen sie ihre Spiele, ihre Hndel, ihren Unband
und ihr Gelchter an Margrets Bett. Das Kleine lag in seinem Krblein
daneben, krhte und strampelte, da es eine Lust war, und alle Augenblicke
stand Adolf da mit Blumen und Spssen, bereit zu Liebesdiensten und
heiterer Gesellschaft. Margret wurde zwar matter, und an ihrem Krper sah
man die Zerstrung wohl, aber es war keine Stunde, in der sie einen trben
Gedanken gehabt htte und nicht befriedigt und strahlend glcklich gewesen
wre.

An einem Mrztag, als die Kinder schon wieder drauen waren und Adolf auf
einen halben Tag nach auswrts gereist, rief mich Margret zu sich. Es
ist mir ein bichen bang, sagte sie zu mir, und ich kann es fast nimmer
erwarten, bis Adolf da ist. Kann man nichts tun, da er frher heimkommt?

Ich besann mich, doch war alles ziemlich aussichtslos; man mute eben
warten. Margret gefiel mir nicht--. Ich holte Adolfs Gedichte, legte ihr
den Kleinen aufs Bett und setzte mich zu ihr. Endlich kam Adolf; Margrets
Gesicht glnzte und lachte, und sie lag selig still in seinen Armen.

Dann tat sie noch einen fast verlegenen, spitzbbischen und bittenden Blick
zu mir herber und sagte ganz leise: Gelt, Ageli, du bist so gut und lt
uns jetzt allein--!

Betrbt und beinahe rgerlich ging ich hinaus und an meine Arbeit. Als
nach einer Stunde die Kinder heimkamen, trat Adolf aus dem Schlafzimmer und
sagte, da Margret gestorben sei.

-- Als ich ihm am Abend dieses Tages Gute Nacht gesagt hatte und eben in
mein Zimmer wollte, hielt er mich noch ein wenig am Aermel fest und sah
mir ernst und eigentmlich in die Augen: Es ist schade, da du nicht dabei
warst, als sie starb. Ich sage dir nur, du kannst froh sein, wenn es mit
samt deiner Anstrengung und Plackerei an deinem Ende so schn und glcklich
hergeht. Gute Nacht, Ageli; es ist nichts mit eurer Weisheit.

Als am Morgen die Leichenfrau kam, setzte ihr Adolf ein gutes Vesper vor,
fragte sie nach der Schuldigkeit und bezahlte sie. Dann, als sie an ihre
Arbeit gehen wollte, bot er ihr ihre Jacke und ihren Hut und ntigte sie
freundlichst zur Tr hinaus. Wir danken Ihnen recht schn, Frau Mller;
das andere besorgen wir gerne selber!

Nun wusch er Margret mit seinen schnen, weien Hnden, bekleidete sie und
legte sie in den Sarg und machte das alles ruhig und unendlich zart
und fein. Ich sah nur zu und stand still dabei, kaum da ich ein paar
Handlangerdienste tun durfte.

Auch als nun die Trauerbesuche kamen, benahm er sich ernst und wrdig und
war ohne Spott und ohne seine boshaften Blicke. Nur als am zweiten Tag der
Stadtpfarrer ihn aufsuchte, um ihm Beileid zu sagen und etliches wegen
der Leichenrede zu fragen, geschah ihm etwas recht Miliches. Ich war eben
ausgegangen und Adolf mit seinem kleinen Mdelchen allein in der Wohnung.
Das Kind war in dem fremden und ungewohnten Getriebe ngstlich und
weinerlich geworden; Adolf setzte sich daher mit ihm auf einen Stuhl in den
Gang und versuchte in seiner herkmmlichen Weise, es zu trsten. Die beiden
gerieten dabei an jenes schne und ergtzliche Spiel, wobei man sich erst
an der Nase zieht und dazu die Zunge herausstreckt, sich sodann erst am
rechten, hernach am linken Ohrlppchen packt und die Zunge jeweils in der
angedeuteten Richtung bewegt, endlich aber sich aufs Kinn stupst und die
Zunge dabei hineinschnappen lt und dieses alles so nrrisch und gewandt
als mglich wiederholt. Und sie betrieben dieses Spiel mit Eifer und
herzlicher Vergngtheit eben in dem Augenblick, als der geistliche Herr
die Treppe heraufkam und durch die offene Glastr das seltsame Gebaren der
trauernden Hinterbliebenen sehen konnte. Er sah es aber nicht lange mit
an, sondern ging meuchlings, ohne Gru und in tiefer Entrstung die Treppe
wieder hinunter, und die Leichenrede am andern Tag fiel auch darnach aus.

Auch meine Mutter war zu Margrets Begrbnis hergekommen; wir hatten uns
seit damals nimmer gesehen, und sie erkannte mich kaum mehr, so gro und
stark war ich inzwischen geworden. Es war mir ein eigenes Gefhl, als
sie mich kte und mir in die Augen sah; ich wute nicht, sollte ich mich
schmen oder stolz sein. Die alte, herzliche Liebe war aber schnell wieder
da, und wir waren in jenen Tagen viel beieinander. Die Mutter hatte sich
nicht verndert; sie sah schn und vornehm aus in ihrem vollen weien Haar
und dem feinen Kleid, das ihr der Greiner geschenkt hatte, und sie sa wie
eine fremde, alte Knigin unter uns.

-- Als die Trauergste fort waren und eben die letzten von ihnen um die
Straenecke bogen, stand Adolf unter dem Fenster und schaute ihnen nach;
er rusperte sich von Herzen und spuckte hinter ihnen her in den schnen
weien Mrzenschnee hinunter. Dann schnaufte er tief auf und drehte sich
um. Als ich spter am Wohnzimmer vorbei kam, hatte er die Tr und
alle Fenster sperrangelweit aufgerissen, so da der kalte Wind mchtig
durchfuhr. In der Stube aber lief Adolf mit einer krftigen Zigarre auf
und ab, die dicken Wolken in alle Winkel blasend, als ob er ein bles
Gestnklein ausruchern wolle; und als er mich, die ich erschrocken ber
ein solch befremdendes Getue in der offenen Tr stehen geblieben war,
gewahrte, nickte er mir freundlich zu: So, nun knntest du die Stube
wieder warm heizen; man kann's jetzt wieder aushalten hier drin! Und er
machte seine Fenster zu.




Letztes Buch


Es verstand sich von selber, da ich vorerst dablieb, bis die Verhltnisse
etwas geordneter waren und das Kind grer. Und merkwrdig schnell brachte
ich nun das fertig, was zu Margrets Lebzeiten nicht gelungen war: den
verlotterten Haushalt einigermaen herauf zu bringen. Ich machte freilich
die wilden und jeder Pnktlichkeit abholden Buben nicht von heut auf morgen
anders, und tglich kam mir Adolf mit einer Schlamperei oder seine Katzen
mit irgendwelcher Tragdie zwischen meine edlen Bestrebungen. Aber mit
einemmal blieben die Stuben sauber und aufgerumt, es hatte keiner mehr ein
zerrissenes Hemd an, die Mahlzeiten standen pnktlich auf dem Tische, und
Adolf ging wenig mehr ins Wirtshaus, da ich ihm auf den Abend etwas Gutes
kochte, vorher die Kinder ins Bett tat und einen hbschen Tisch dazu
deckte. Das Geld reichte besser, wenn man es einteilte, -- nach und
nach wurde auch der Weizeugkasten durchgeflickt, und der jahrelang
aufgespeicherte Staub kam hinter den Mbeln hervor. Und wenn man genau
hinsah, so schien es fast, als sei in diesem Haushalt einzig Margret das
hemmende Element gewesen. Nun, da sie nicht mehr da war, war auch mit einem
Schlage jenes unheimliche Loch verschwunden, fr das ich seither gearbeitet
hatte; und unter meiner unentwegten Arbeit ging es glatt und gedeihlich
vorwrts.

Am Anfang war es freilich keinem wohl dabei. Adolf suchte betrbt nach
einem Staub, in den er seine Verse schreiben konnte, den Buben war es
unbehaglich in ihren neuen Hosen; auch war es nicht gemtlich, immer zur
pnktlich festgesetzten Essenszeit von seinem Spiel oder Geschft weglaufen
zu mssen, und vor lauter Ordnung fand erst keiner seine Sachen mehr. Dazu
fehlte einem der vergngte Spektakel, der stets um Margret herum gewesen
war, das leere Bett bedrckte einen ordentlich, und es dauerte eine gute
Zeit, bis man sich an alles das gewhnt hatte und bis die alte Frhlichkeit
in neuere und festere Bahnen gelenkt war.

An den Abenden bekam ich nun auch eher die Hnde frei fr Breisels Nte.
Ich erinnere mich, da wir in jenem Jahr zum erstenmal mit den Bchern in
Ordnung waren, da wir Ladenputzerei hielten und da unsere Rcksendungen
noch beinahe recht zur Ostermesse nach Leipzig kamen.

In jener Zeit mute ich oft und ungewollt ber meinen Schwager nachdenken.
Wir lebten ja nun so nahe zusammen, da ich ihn grndlich kennen lernen
konnte. Es erfllte mich mit grenzenloser Verachtung, da er zumeist, wenn
ich spt abends todmde vom Geschft heraufkam, in behaglicher Faulenzerei
am Klavier sa; und doch, -- _wie_ er es tat und wie er mich dabei lchelnd
und leisen Spottes voll anschaute, so mute es mir doch wieder gefallen.
Ich wute, wie unendlich gewinnend und anziehend er sein konnte und da er
etwas an sich hatte, das einem jungen Mdchen gefhrlich war. Doch hatte
ich einen mchtigen und doppelten Talisman dagegen: ich durfte nur einen
Augenblick an meinen toten Gottfried denken und sein leuchtendes Bild in
meinem Innern erstehen lassen oder ich brauchte blo ein wenig Goethe oder
Hlderlin zu lesen, so schwand gleich alles Schwle und Dunkle. Ich stand
wieder in dem reinen und glhend hellen Lichte jener Liebestage, davor
Fouqu samt seinem Breisel und dem verfahrenen Haushalt nichtig und
jmmerlich wurden und es nimmer wert waren, da ich ihnen auer der Kraft
meiner Hnde noch etwas anderes schenkte. Und dann kam noch ein Ereignis
dazu, das mich vollends aus dem Fouqu'schen Banne ri und hoch darber
emporhob.

Eines Morgens, nachdem ich lngst alle Hoffnung aufgegeben hatte, bekam
ich Nachricht von meinem eingesandten Manuskript. Ich htte es falsch
adressiert, -- nun sei es nach vielen Irrfahrten aber doch in die rechten
Hnde gekommen; man habe es angenommen, wolle es bald abdrucken und biete
mir fnfzig Mark dafr an. Dann standen noch einige Fragen in dem Brief,
-- ob ich schon mehr habe erscheinen lassen, was ich noch vorrtig habe
und dergleichen mehr. Ich freute mich unsglich darber, schrieb hin und
schickte ein paar Gedichte mit. Darauf kam von dem wohlwollenden Redakteur
eine Einladung, ob ich ihn nicht an einem Abend einmal besuchen mge; er
htte mich gern kennen gelernt.

Die Stadt lag mit dem Zug zu fahren eine Stunde von der unsern weg;
ich erfand nun Adolf gegenber eine Ausrede, fuhr hin und wurde von dem
Redakteur und seiner lebhaften Frau freundlich empfangen. Dann wurde ich
zum Nachtessen eingeladen, es war noch ein Herr da, der etwas von der
Schriftstellerei verstand, ich mute erzhlen, sprach auch von meinem
Roman, den ich schreiben wolle, und es war mir zumut wie im Traum
und Mrchen. Dabei erfuhr ich auch zum erstenmal, da man mit dem
Bcherschreiben wirkliches Geld verdienen konnte; Gottfried hatte das nicht
so recht gewut, und Adolf hatte ich in meiner Angst, er mchte etwas von
meiner Schriftstellerei erfahren und mich deshalb auslachen, nie darber zu
fragen gewagt. Nun war ich ungemein erstaunt und erfreut darber.

In der schnen Sommernacht fuhr ich heim. Das Herz war mir voller
Hoffnungen und seligklopfender Erwartung. Die ganze leuchtende Ferne
meiner Trume war vor mir aufgetan; die fremden Lnder und Meere und
Herrlichkeiten meiner Sehnsucht wollten Wirklichkeit werden und waren mir
zum erstenmal verlockend nahe. Ach, nun sollte alles Zufllige, Kleinliche
und Hemmende wegfallen, mein Leben sollte mir gehren und ganz in dem
bestndigen, unangreifbaren Reich des Geistes sein. Ich konnte mir zwar
noch nicht recht vorstellen, wie das werden wrde; wenn ich einen Plan
fassen wollte oder mir etwas Nheres ausdenken, so flo alles in einen
feinen schimmernden Duft und Nebel zusammen. Doch war es kstlich und kam
den Wonnen einer allerersten Jugend gleich, so halb blind und trumend
diesem Schnen und Wunderbaren, das auf mich wartete, entgegen zu
fahren und die reine und kindliche Seligkeit des Ahnens und unbewuten
Vorausfreuens zu genieen. Deutlich sprte ich nur das Eine: das, was
mir all dieses erschlieen sollte, jene fremde, schpferische Lust, war
gewaltig und drngend ber mir, jeden Augenblick bereit, mich wegzufhren
und hinzureien und mich mit ihrer gttlichen Flle zu berschtten.

Seit Gottfrieds letzten Tagen war ich nimmer so selig gewesen wie bei
dieser nchtlichen Fahrt durch das warme Land; ja, es war mir, als sei mir
eine neue Liebschaft aufgegangen und liege mir s und betrend im Blute.

In den nchsten Tagen schaffte ich wie ein Gaul aus lauter bedrngender
Freude heraus, und mit den Buben war ich so lustig und bermtig, da der
sanfte Breisel ba verwundert durch sein Fensterlein in den Hof hinaus
ugte. Aber mein Herz und meine Gedanken waren weit ab davon; sie dichteten
und fuhren auf blauen Meeren und sahen in Fouqus Sortiment ein Buch
liegen, das die Agnes Flaig geschrieben hatte. Etliche Male nahm ich
einen Anlauf, Adolf davon zu sagen, ihn zu veranlassen, da er sich eine
Haushlterin suche und mir meine Freiheit gebe. Ich hatte im Sinne, mich
einige Zeit in irgend einer schnen Stille von meinem Ersparten zu nhren,
bis ich meinen Roman geschrieben hatte. Das Honorar wollte ich fr das
Peterlein zurcklegen, damit es vorlufig etwas fr die Not habe; dann aber
wollte ich in die Welt hinaus, und die Herrlichkeit konnte losgehen. So
oft ich aber anhub, Adolf meinen Entschlu zu sagen, blieb es mir vor
Zaghaftigkeit im Halse stecken und ich brachte es nicht heraus.

Nun hatte ich mir's aber fr einen Sonntagabend ordentlich vorgenommen, und
nach Frauenart suchte ich Adolf in mglichst gute Laune zu bringen, damit
er's gndig aufnehme. Ich sorgte also, da Blumen da waren und ein Wein,
den er gern hatte, und richtete ein gutes Abendessen. Am Nachmittag gingen
wir mit den Kindern und dem Kleinsten im Wgelein zu Margrets Grab hinaus
und brachten ihr einen frischen Kranz; hernach aber machten wir einen
weiten Spaziergang ber die sommerlichen Berge. Adolf war in prchtigster
Laune; es htte meiner schlauen Frsorge fr den Abend gar nicht bedurft.
Er neckte mich bestndig und stiftete die Buben zu allerhand Unfug an, der
mich zur Entrstung und zum Schrecken bringen sollte, worber mich dann
alle unbndig auslachten. An einem kleinen See im Wald ruhten wir aus, die
Kinder spielten um uns herum und aen ihr Vesperbrot, indes Adolf und ich
im Grase lagen und genieerisch ber das stille, glnzende Wasser hinsahen.

Es ist doch elend fein hier, sagte Adolf. Was meinst du, -- wir wollen
jedes ein Gedicht darber machen und es dann einander vorlesen, welches
schner ist--?

Ich ging darauf ein, setzte mich ein wenig abseits und begann mit
frchterlicher Sorgfalt und Bemhung den stillen See anzudichten, denn ich
wollte mich nicht vor Adolf schmen mssen. Dann schrieb ich's auf und ging
zu ihm hinber. Bist du fertig, Adolf?

Er nickte. Aber lies du dein's erst.

Es waren ein paar ganz leidlich nette Verse geworden. Als ich fertig war,
sah ich Adolf mit Spannung an. So, nun kommst du!

Ach, weit du, ich habe gar kein Gedicht gemacht; ich wollte nur
herauskriegen, wie du dichten kannst! Und er fing gewaltig an zu lachen;
die Buben kamen angesprungen und lachten der Spur nach mit, und ich rgerte
mich wirklich ein wenig darber, da ich mich so hatte hereinlegen lassen.
Doch zeigte ich's nicht und freute mich im stillen meines Trumpfes, den ich
fr diesen Abend im Sack hatte.

Dann, als wir wieder zu Hause waren und ich die Kinder ins Bett getan
hatte, kleidete ich mich um und deckte den Tisch zum Abendessen recht fein
und hbsch, wie Adolf es gern hatte. Auch zwickte ich mich noch einmal
tchtig ins Ohrlppchen, ehe ich ihn rief, -- um mir Mut zu machen. Als er
in's Zimmer kam, blieb er berrascht vor mir stehen.

Ei, Mdel, was bist du hbsch!

Er stand ganz stille vor mir, lie seine Augen lchelnd und voll groem
Wohlgefallen auf mir ruhen, und am Schlusse nahm er meinen Kopf zwischen
seine Hnde und kte mich auf den Mund.

Dann setzten wir uns zum Essen; es war mir zwar unter dem Kusse etwas warm
geworden, doch tat ich so unbefangen als mglich und gab mir Mhe, recht
vergngt zu sein. In dem Winter, ehe Gottfried starb, hatte ich mir einen
feinen lichtfarbenen Stoff gekauft und ein Kleidlein daraus genht; das
trug ich nun, und es war das erstemal, da mich Adolf darin sah. Ich habe
das reiche, braune Haar unserer Mutter geerbt und bin gerade und wohl
gewachsen; auch war mir das Kleid gelungen und hbsch und festlich
geworden; so mag es wohl sein, da ich an jenem Abend gut ausgesehen habe.
-- Auf dem Tisch stand ein groer, farbiger Strau von allen Blumen des
Gartens, die Fenster waren weit offen, lieen Wrme und Sommergeruch
herein, und als das Licht brannte, hielt die schwrmerische Schar der
Nachtfalter ihren Einzug und begann um Lampe und Tischtuch einen leisen
schwirrenden Tanz zu halten. Das Essen war gut und schmeckte uns herrlich;
zum Schlusse gab es ein ses Speislein und einen hellen, herb und kstlich
duftenden Wein. Adolf strahlte in seiner heitersten Stimmung, war voller
Witz und Uebermut und ri mich bald in seine Ausgelassenheit mit hinein.
Mir erschien diese kstliche Nacht so recht als ein Vorschmack des neuen
Lebens, in das ich nun hinber gehen wollte, und da schon in der nchsten
Stunde der entscheidende Schritt dazu getan werden sollte, erfllte mich
mit einem geheimen, glcklichen Rausch.

Nach dem Essen setzte sich Adolf ans Klavier und spielte Mozart, von dem er
wute, da es mein Liebling unter den Musikern war. Ich trug den Tisch ab,
setzte mich dann an's Fenster in Margrets Korbstuhl und dachte, in dieser
gehobenen Stimmung msse ich nun meine Angelegenheit fein heraus bringen.
Adolf hrte mit seiner Musik auf, kam zu mir herber und setzte sich auf
den Nhtisch vor mich hin. Nun wollte ich es ihm sagen. -- Es kam jedoch
anders.

Adolf beugte sich zu mir herunter und suchte meinen Blick; dann sah er mir
ernst und seltsam in die Augen und fing an, mit einer leisen und weichen
Stimme auf mich einzusprechen.

Ich mchte dir etwas sagen, Ageli, aber du mut mir dein ganzes schnes,
feines Verstndnis entgegenbringen, sonst wei ich nicht, wie ich's machen
soll. Wenn ich mir noch so groe Mhe gebe, es zart und anstndig zu sagen,
so kommt es doch plump und ruppig heraus und tut dir vielleicht weh. Nicht
wahr, du hilfst mir ein bichen?

Ich blieb still und hielt den Atem an; da sprach er langsam weiter.

Ich mchte dich fragen, ob du mich nicht ein bichen lieb hast und ob du
vielleicht meine Frau werden mchtest. Und sieh, jetzt meinst du gewi, ich
tue das nur deshalb, weil du den Haushalt so gut verstehst und die Kinder
und mich so fein versorgst, und damit ich keine Haushlterin brauche und
weil es fr mich das bequemste so ist. Aber das darfst du ganz gewi nicht
meinen. Du bist so ein feiner, lieber Kerl; sieh, wenn du das alles gar
nicht an dir httest, so stnde ich jetzt dennoch vor dir und wrde dir
dasselbe sagen, du mut es mir glauben. Denn ich habe dich sehr lieb, und
ich meine, wir knnten glcklich miteinander werden. Besinn' dich einmal
darber.

Als ich aus meiner dumpfen Bestrzung einigermaen aufgewacht war, wartete
ich immer noch darauf, da er irgend etwas von Margret sage. Gott im
Himmel, war er denn wahnsinnig, da er jetzt, kaum ein Vierteljahr nach
ihrem Tode, _so_ vor einer anderen stand! Er mute sich doch entschuldigen,
er mute es mir begreiflich machen, warum er so etwas Gemeines tat, er
mute noch irgend etwas sagen, da es das Abscheuliche und Unbegreifliche
ein wenig wegnahm. Ich wartete zitternd.

Es blieb aber alles still, er beugte sich nur noch ein wenig mehr zu mir
herunter.

Da packte mich ein unsinniger Zorn und Ekel; ich schrie auf und stie ihn
weg und lief schluchzend aus dem Zimmer.

In meiner Stube schlo ich mich ein. Gottfried ---- sagte ich in das
Dunkel hinein, --lieber, lieber Gottfried. Und vor dem reinen Glanze,
der in diesem Namen war, erfate mich eine mchtige Scham fr mich und fr
Adolf, und dieser erschien mir in diesem Augenblicke so widerwrtig und so
unsglich gemein, da es mich schttelte vor Abscheu und Emprung. Ich
warf mich auf mein Bett und lag da mit wildem heftigem Schluchzen. Hell
und hohnvoll kam mir mein auswendig gelerntes Sprchlein, das ich noch vor
einer Viertelstunde hatte zu Adolf sagen wollen, ins Gedchtnis, vor meinem
Innern erstand die schne, schimmernde Welt, die ich sehen und besingen,
lieben und haben wollte, und der selig wunderliche Drang meines Dichtens
trieb mit warmen Wellen in meinem Blut. Und nun sollte ich den dicken
Fouqu heiraten, und alles sollte aus sein!

-- Seine erste Frau war ihm weggelaufen, die zweite war ihm gestorben und
wre es vielleicht nicht, wenn sie es besser bei ihm gehabt htte. Was
sollte es mir viel anders gehen! Und wenn man ein Vierteljahr tot war, war
man vergessen, und er ging zu einer anderen.

       *       *       *       *       *

Flammend und emprt stand alles in mir auf. -- Nein, nein, nein--! Ich
wollte es nicht, und es konnte mich niemand dazu zwingen. Ich putzte mir
mit Heftigkeit die Trnen ab, und mein fester Entschlu war bald gefat.
Eine Stunde noch blieb ich stille liegen, dann horchte ich zu meiner Tr
hinaus, ob Adolf wohl noch auf sei. Das Licht brannte nimmer, und ich
konnte nichts von ihm hren. So ging ich leise daran, mein schnes Kleid
auszuziehen und mit allem andern in meinen Koffer zu packen. Ich verschlo
und adressierte ihn, schrieb noch einen Brief an Breisel, da er ihn mir
besorgen und auch meine Bcher gleich mitschicken solle, und nach ein paar
Stunden war ich fertig. Leise ging ich durch den dunklen Gang zur Glastr;
aus dem Schlafzimmer der Kinder drang ein kurzer, weinerlicher Ton; es war
das Peterlein, und an meinem Herzen tat es mir einen Augenblick stark und
lhmend weh. Doch lief ich schnell vorbei und die Treppe hinunter und bi
die Zhne zusammen, da ich es berwand.

Es wurde in diesen Hochsommernchten niemals vllig dunkel drauen; als ich
auf die Strae kam, war nur eine tiefe Dmmerung, und irgendwo wollte es
schon hell werden. Und wieder wie in jener Nacht, da ich die alte Genovev
verhauen hatte, war pltzlich und geisterhaft Adolfs Stimme ber mir:

Einen Augenblick, Ageli! Du hast deine Hausschuhe vergessen! -- Und aus
der Hhe flog es rechts und links zu meinen Fen auf das Pflaster und
schlug hhnisch klatschend auf.

Grimmig starrte ich nach oben; Adolf lehnte geruhig aus dem Fenster. Ich
mchte blo wissen, wann du eigentlich schlfst, rief ich bitter und
wtend hinauf.

Nie! sagte er unerschtterlich. Auf Wiedersehen, Ageli!

Da kannst du lang warten, dachte ich emprt, lie die Pantoffel liegen
und verschwand so schnell als mglich um die nchste Straenecke.

An einem Hotel lutete ich an der Nachtglocke; ich bekam ein Zimmer, und
es war auch ein schnes Bett darin; blo schlafen konnte ich in jener Nacht
nimmer.

-- Nach zwei Tagen schon war ich als Kurgast in einem Forsthaus
untergekommen, ein paar Stunden weit vom Gottlosen Zinken weg. Ich atmete
wieder die geliebte Luft meines Hochlandes, ich sprte die sdliche Glut
seiner Sonne, und in den Nchten lauschte ich mit zitternder Sehnsucht
dem ersten Sturm entgegen. Lag es mir auch zu Anfang von des kleinen Peter
Schreilein her noch manchesmal wie ein bser und qulender Druck auf der
Brust und meinte ich oft, durch die Zweige der Tannen das gute Gesicht
meines Freundes Breisel betrbt und vorwurfsvoll auf mich gerichtet zu
sehen, so verschwand dieses doch mit jedem neuen der gttlichen Tage mehr,
und bald war ich sorglos wie ein junger Vogel meiner sen, ungekannten
Freiheit hingegeben.

Ich hatte eine Stube voll alter brauner Mbel, und zu den Fenstern hinaus
sah man einen kleinen, burischen Garten in der Sommerblte, ein Stck
stndig blauen Himmels und unermelich viel Wald, davon ab und zu ein
leiser Wind in meine Stube kam und mit den weien Vorhngen ein zrtlich
anmutiges Spiel trieb. Es war mir unsagbar verwunderlich, wenn ich so still
dasa und mich den ganzen Tag um nichts bekmmern durfte als um mich
selber und lauter schne Sachen. Die Mahlzeiten wurden mir auf meine Stube
gebracht; jeden Abend gab es dasselbe: Kartoffeln und Rauchfleisch zusammen
in eine Pfanne geschnitten, was dann mit Butter und Zwiebeln gebraten
wurde. Dieses Gericht unterhielt mich so neben dem Schreiben her des Abends
wohl eine Stunde lang in angenehmer Weise, indem erst in der Kche unten
ein Geklapper mit Tellern und Pfannen und ein mchtiges Gebrutzel losging,
sodann in lieblichen Wogen das entstandene Gerchlein zu meinem Fenster
hereinkam, bis endlich die Frsterin die Treppe heraufschlurfte und mir die
Herrlichkeit samt einem Glase khler Milch auf's Tischtuch stellte. Jeden
Morgen ging ich an den einsamen Bach hinunter, um zu baden; auf dem Heimweg
nahm ich mir mit der Frsterin Erlaubnis einen Strau aus dem Garten mit.
Meine Hnde wurden jeden Tag feiner und weier, und es war mir am
Anfang ein seltsam wonniges Gefhl, bestndig ohne Schrze und in guten,
sommerlichen Kleidern zu sein.

Jede Stunde kam und ging in seliger Blue und war voll zarter innerlicher
Heiterkeit--; halb bewut und genieerisch, halb mit einer trumerischen
Trunkenheit, die mich durch die jhe und mchtige Wandlung meines Lebens
erfat hatte, nahm ich die Schnheit in mich auf. Es war mir so wohl, da
ich htte den ganzen Tag singen und jubeln und tanzen mgen.

Und gleich dem jauchzenden Ungestm meines eigenen und sinnlichen
Menschentums war wie ein Sturm die fremde Macht ber mir und sang und
glhte und quoll in unerschpflicher Flle. Zum erstenmal nun durfte ich
ihr untertan sein ohne Hindernisse und Hemmungen; ich tat es mit tiefer
Beglcktheit und brauchte und benutzte sie so verschwenderisch, wie sie
sich mir gab. Ich dichtete und schrieb, und ich arbeitete mit solcher Wut
und Malosigkeit, wie ich es in der herbsten Erntezeit auf dem Zinken nicht
getan hatte. Jede Minute tat mir leid, die von dieser Kstlichkeit abging;
nur, wenn der Schlaf mich wirklich unberwindlich bezwang, legte ich mich
nieder, und oft geschah es, da ich nachts jhlings erwachte, und da es
mich aus dem Bette trieb vor Erregung und glhend rieselnder Lust.
Dann zndete ich mein Licht an, setzte mich an den Tisch und schrieb im
Nachthemd weiter.

Mitunter geschah es am Tage, da mich ein krperliches Erschpftsein zwang,
minutenlang die Feder aus der Hand zu legen und mich mde ein wenig an
meinen Stuhl zu lehnen. Und es schien mir, als ob diese stillen Pausen, in
denen nur das Bienengesumm ber dem blhenden Garten vernehmbar war, das
schnste von diesem allem seien. Wie das Fluten von schweren, langsamen
Wogen ging es mir dann durch den Leib, und in der wonnigen Entspannung der
Krfte sah ich ber mein Buch hinweg und schner noch als das Gegenwrtige
mir die bunten und schimmernden Bilder meiner Sehnsucht nahe zuleuchten,
und ich vermeinte zu spren, wie die Welt mit allen Herrlichkeiten sich mir
entgegenneigte.

Es mochte etwa vierzehn Tage so gegangen sein, da merkte ich, wie die
seltsame Gewalt in mir langsam nachlie. Es kam gar nicht pltzlich, es
fing leise und allmhlich an und war jeden Tag ein wenig mehr so. Auch
verwunderte es mich zu Anfang gar nicht. So wtend htte das ja nicht
weiter gehen knnen, und ich sprte auch, da ich schlaff und beranstrengt
sei.

Also machte ich an einem Nachmittag einen weiten Spaziergang, schlief
darnach grndlich und ausgiebig wohl zwlf Stunden aneinander, nahm mein
Morgenbad im Bache und setzte mich frischen Muts wieder hinter meine
Schreiberei. Siehe, es ging wirklich besser. Nur am andern Tage mute
ich mich wieder absonderlich lang besinnen, bis mir etwas einfiel, und am
dritten tat es not, da ich aufs neue spazieren ging und schlief. Als
es dann so kam, da ich zwei Tage faulenzen und marschieren mute, um am
dritten etwas schreiben zu knnen, berechnete ich, da mir das zu teuer
kme und sann auf ein anderes Mittel. Es war mir von der Landwirtschaft
her erinnerlich, da man einen Boden dngen msse, wenn er mager war und
dennoch tragen sollte. Meine Bcher hatte ich ja da, und ich sagte mir
vor, da auch ein ganz groer Geist nicht immer aus der Phantasie schpfen
knne, sondern hie und da eine Anregung dazu haben msse. Nun machte ich
mir ein paar gute Tage, las den Grnen Heinrich noch einmal und Werthers
Leiden, fand auch heraus, da mich merkwrdigerweise Jean Pauls ergtzliche
und vielgeschwnzte Mode am meisten anrege, und derart angetrieben lief
meine Schreiberei, wenn auch mhselig, wieder ein paar Tage weiter. Dann
half auch das nimmer; ich war stecken geblieben, sa mig, kaute an der
Feder und lauerte tagelang vergebens, da mir etwas einfalle. Mit recht
betrblichen und unangenehmen Gefhlen mute ich mir sagen, da es mit
meiner Inspiration aus sei, doch lie ich darum den Kopf noch nicht ganz
hngen. Das Gerste meines Romans wute ich genau in mir, es handelte sich
also noch ums Niederschreiben und Ausmalen, und ich meinte, man knnte das
auch ohne Inspiration, wenn man sich nur die ntige Mhe dazu gebe. So sa
ich nun mit zhem Eifer auf meinem Stuhle fest, und wendete alles auf, was
ich an Flei und Ausdauer und Schwei besa, damit es weiter ginge.

Und nun kam eine Zeit, wie es so kurios und jmmerlich und beschmend in
meinem Leben keine mehr gab.

Jeder noch so blliche Funken an Geist oder irgend einer hheren Gewalt
hatte mich verlassen; ich sa lange Stunden unbeweglich stille und starrte
auf mein Papier; ich htte mich ja sehr gern manchmal ein wenig gekratzt,
wenn mir eine Mcke ber den Scheitel lief, und es wre mir eine holde
Abwechslung gewesen, ein bichen was auf mein Lschblatt zu malen; aber ich
frchtete zu sehr, da dann der Gedanke, der etwa grad in diesem Augenblick
aufsteigen wollte, dadurch behindert werden knnte; und ich beherrschte
mich mit eiserner Energie. In meinem Hirn war eine dumpfe und finstere
Spannung; es schien mir zumute zu sein wie einer alten Kanone, die geladen
war und aus irgend einem Grunde nicht losging. Ich bltterte in meinem
Manuskript vorwrts, um mich durch den vielen, leeren Platz, der noch
dahinten war, anspornen und anfeuern zu lassen; jedoch blieb in mir alles
gleich zhe, dunkel und vernagelt, und die Seiten starrten mich betrbt und
blde an. Ich bltterte auch rckwrts und fand alles, was da stand, ganz
gut und vortrefflich, ja, wirklich, es war nichts zu tadeln dran und alles
ausgezeichnet -- wenn es nur so weiter gegangen wre. Auch bltterte ich in
meinen schnen Bchern, die ich zur Anregung rings um mich aufgebaut hatte,
und fand es hier noch viel besser und vortrefflicher; blo ntzte es mir
nichts, und ich steckte das Lesen bald ganz auf, weil es mich nur noch
mehr irremachte; wenn mir ein halbwegs brauchbarer Satz einfiel, wute ich
zuletzt nimmer, war er von mir oder von Goethe.

Mit einer eselhaften Geduld probierte ich alles mgliche aus, was etwa gut
und zweckdienlich sein knnte. Ich sa der Reihe nach auf allen Sthlen
meines Zimmers herum, hatte bald die Beine langausgestreckt, bald das eine
ber das andere geschlagen, bald in Wut und Verzweiflung beide an den Bauch
heraufgezogen. Das einemal sa ich auf dem Sofa und hatte sogar noch ein
Kissen untergeschoben, damit es nur ja nicht an der Bequemlichkeit fehle,
dann fand ich, da dieses verkehrt sei und setzte mich auf den eckigsten
und hrtesten Stuhl, damit ich den Ernst der Stunde spre. Ich lag im Bett
und besann mich an die rissige Stubendecke hinauf, ich machte Dauerlufe in
der Stube hin und her, die Hnde auf dem Rcken und den Blick gesenkt; --
es war alles vergebens, es blieb dunkel und unfruchtbar in mir. Mit Grauen
entdeckte ich, da ich keinen Kinderaufsatz mehr htte schreiben knnen,
so vllig ausgesogen war mein Gehirn; wenn mir vorher einer diesen Zustand
geschildert htte, -- ich htte nicht geglaubt, da es so etwas gebe.
Ich mute oft nach Worten suchen und mich lange und mhevoll auf Sachen
besinnen, die ein Schwachkopf gewut htte; ich hatte gehrt, da schon
mancher Dichter verrckt geworden sei, und manchmal glaubte ich im Ernste,
da es mit mir auch so werde und da dies der Anfang davon sei.

Und immer noch gab ich mir Mhe und meinte, es msse wieder anders
werden. Einmal an einem khlen Tage hatte ich ein warmes rotwollenes Kleid
angezogen, und siehe, am Abend hatte ich eine halbe Seite aufs Papier
gebracht, die man stehen lassen konnte. Ich dachte nun, es liege vielleicht
am Kleid, behielt das rote auch in den nchsten Wochen noch an und briet
und schwitzte mich mit rhrender Geduld durch die heien Tage hindurch.
Wert hatte es leider auch keinen. Desgleichen probierte ich es mit dem
Fasten, nach dem bedeutsamen Worte: ein voller Bauch studiert nicht gern;
doch war es nichts damit; eher sprte ich nach dem Genu von Rettichen eine
leise Andeutung von Besserung in meinem Hirn. Ich a also Rettige, bis ich
Leibschmerzen bekam. Am schlimmsten ging es mir mit dem Alkohol; in einer
Nacht fiel mir pltzlich ein, da schon hie und da ein Dichter nur mit
Saufen habe schreiben knnen. Ich log also dem Frster vor, ich htte
Bauchweh und bekam dafr ein Glas bitteren Wacholderschnaps, den ich mit
frchterlicher Anstrengung hinunter brachte; dann bekam ich einen Rausch
und darauf einen Katzenjammer, mute einen Tag im Bett liegen, winselte und
vermeinte, der Bittere wolle mir in den Himmel verhelfen. -- Nein, es war
wirklich nicht schn.

Zuweilen gelang es mir mit alle diesem, als Frucht eines Tages ein paar
Stze fertig zu bringen, in einem ausgesucht prachtvollen Stil, in noch
prachtvollerer Schrift und im brigen so, da ich am andern Morgen wtend
alles wieder ausstrich.

Dazu hatte mich schon nach ein paar Wochen ein Uebel befallen, das
schlimmer als dies alles war; eine Sehnsucht nach krperlicher Arbeit. Ach,
ich kannte dieses drngende und schwle Fieber von einer frheren Zeit
her; nur war es diesmal viel strker, und es trat auf wie eine richtige
Krankheit mit Kopfweh und Schlaflosigkeit und bsen, nervsen Zustnden.
Oft, wenn ich am Tage stille dasa und in meine hoffnungslose Borniertheit
versunken war, erschien mir wie in einer Vision das Peterlein, ich stellte
mir die Seligkeit vor, es zu baden, in die Windeln zu packen und ihm seinen
Schoppen zu geben. Mit allen schnen und herrlichen Farben malte ich mir
aus, wie man einen Kuchen buk oder eine Wsche wusch, bis mich irgend
ein Gerusch aus meiner Versunkenheit weckte und ich mit einem Seufzer
emporfuhr. Ich dachte dann bitter, wie ich _dazu_ noch so viel Phantasie
habe. Einmal ging es mit mir durch; ich half den Frstersleuten beim
Oehmdabladen; es war eine Stunde Paradies in all diesem Elend; ich sah
aber ein, da ich mir eine solche Pflichtvergessenheit nicht zum zweitenmal
erlauben drfe.

Und jeden Tag war stets derselbe leuchtend blaue Himmel; unabnderlich
schien die Sonne ber dem kleinen Garten, nur da darin die Blumen seltener
wurden und die Aepfel rter. Das Essen war so gut wie im Anfang, es
schmeckte mir sogar, und mit seltsam bitterem Hohne merkte ich, da ich bei
diesem Leben in die Dicke geriet und mir die Kleider enge wurden.

Einmal machte ich einen weiten Gang, planlos in die Wlder hinein, nur,
damit ich in der Nacht ein bichen schlafen knne. Auf einer Anhhe hielt
ich stille und sah mich um. Fern im Abendschein sah ich ein Gehft liegen,
ich schrie auf und hatte den Gottlosen Zinken erkannt. Dann lag ich am
Boden, stampfte und weinte und schluchzte in einer ungeheuerlichen Scham.

-- Ich wei nicht, was schlielich noch aus diesem Jammer htte werden
knnen; mit einiger Vernunft wre ich abgereist, htte irgendwo eine
Stellung angenommen und ruhig abgewartet, bis sich der Brunnen meiner fremd
herrieselnden Lust aufs neue wieder gefllt habe; so aber war ich verbockt
und darein verbohrt, da es in diesem Sommer noch und aus eigener Mhe
und Anstrengung geschehen msse. So sa ich Tag fr Tag in stierer
Verzweiflung, mein Geld ging zur Neige, und mit bsem Grauen dachte ich an
die kalten Tage.

Da kam ein Brief von meinem jngsten Bruder, der noch zu Hause war, --
von Breisel nach hier umgeschrieben--: die Mutter habe den Fu gebrochen,
msse im Bett liegen, und von den Schwestern knne keine abkommen, um sie
zu pflegen. So ging der Hilferuf weiter an mich.

Ich packte schon meine Sachen zusammen, noch ehe ich den Brief zu Ende
gelesen hatte. Ach, ich htte nie gedacht, da ich in meinem Leben noch
einmal so roh werden wrde, -- ich lachte und weinte und jubelte vor Freude
darber, da meine Mutter den Fu gebrochen habe.

       *       *       *       *       *

Nun war ich daheim; die Mutter lag freundlich und geduldig in ihrem Bett,
ich pflegte sie, besorgte den Haushalt und die Geien, und lag des Nachts
in der alten, wohlbekannten Stube mit dem Firmament. Es war ruhig im Haus,
nun, wo sogar der Mutter Strickmaschine nicht mehr klapperte. Regine
war jetzt als Lehrerin irgendwo angestellt, und die kleine Eva lernte
Krankenpflege in einer groen, fernen Stadt. Nur der stille Hannes war noch
da und ging in der Stadt in die Schule; er wollte Lehrer werden, und die
beiden groen Geschwister hatten ihm das Geld dazu versprochen.

Wie ein wster Traum lag die bse letzte Zeit hinter mir; die bitterlichen,
beschmenden Einzelheiten waren mir kaum mehr erinnerlich, nur als
ein wochenlanger und greulich dicker Stumpfsinn blieb mir das Ganze im
Gedchtnis; und schon jetzt gab es Stunden, wo ich es so weit berwunden
und hinter mich gebracht hatte, da ich von Herzen drber lachen konnte.
Ich war mir selber fremd, so pltzlich von allen Strmen weg im Frieden als
Kind bei der Mutter zu sein und lief wie verwandelt durch das stille Haus
und auf den alten Stiegen. Es war mir urseltsam zumut, nicht schwer und
nicht ganz leicht; sonderlich in der Nacht fuhr ich oft erschrocken aus
dem Schlafe, vermeinend, das Peterlein habe geweint, -- oder sah ich Adolfs
schnes, lachendes Gesicht in bengstigender und verwirrender Nhe ber mir
und hatte Mhe, mich von dem Spuk wieder frei zu machen.

An einem Abend, als der Bub zu Bett gegangen war, hatte ich der Mutter
alles erzhlt, von Gottfried an bis zu Fouqus Heiratsantrag und zu dem
schnden Ende meines Sommeraufenthalts; sie hrte stille zu, am Ende nahm
sie meine Hand und streichelte sie ein bichen: Du Armes, was hast du
alles erleben mssen. Aber nun bleibst du bei mir, bis du wieder mit dir
zurecht gekommen bist.

Ich verstand nicht so recht, wie sie das meine; sie sagte sonst nichts
darber, nur ihren Blick sprte ich oft lieb und nachdenklich auf mir
ruhen. Ich freute mich immer auf die Abende, wo wir still und vertraut
beieinander waren und ich ihrem tiefen, wundersamen Wesen nahe sein durfte.
Wenn die Arbeit im Haus herum getan und der Hannes in seinem Stbchen war,
trug ich die Lampe auf das Tischlein neben sie und setzte mich mit meinem
Strickzeug dazu auf ihren Bettrand hin.

Und da geschah es nun, da, wenn wir so in der tiefen Stille beieinander
saen, die Mutter anhub zu erzhlen. Etwa von jenen Zeiten, da sie noch
Dienstmagd gewesen war, dann von meinem Vater, von ihrem Brautstand und so
allmhlich von ihrer Ehe und jenen Tagen und Stunden, um deretwillen ihr
Haar wei geworden war.

Mich packte das alles mit einer mchtigen Wucht und mehr, als sie
wahrscheinlich ahnte. Hatte ich etwa in der letzten Zeit gemeint, da ich
selber viel erlebt und durchgefressen habe, so stand ich nun jmmerlich
klein und winzig neben diesen Tiefen und Hhen und Abgrnden, die sich vor
mir auftaten. Und dann frug ich mich voll innerer Unruhe: war nicht doch
eine Absicht dabei, wenn mir die Mutter das sagte? Meinte sie am Ende
doch, ich sollte den Schwager heiraten? Ich wute, da sie ihn selber nicht
sonderlich hochschtzte; aber an den Kindern hing sie mit ihrer ganzen
inbrnstigen Mtterlichkeit, und es war ihr wohl um diese. Sie sagte noch
immer kein Wort von alle dem, aber je lnger ich um sie war, desto gewisser
wurde es mir, wie sie es meinte. Von da an lag ich oft tief in die Nchte
hinein wach, und es wurde mir alles wieder neu und schmerzlich lebendig.
Ich wehrte mich gegen die Unruhe und Plackerei, die mich da in meinem
sauberen Frieden so meuchlings berfiel, und konnte sie doch nicht bannen;
es trieb mich unsichtbar und mchtig um, und ich wute nicht, was ich tun
sollte.

Und wie nun die Mutter so zu mir sprach wie zu einem reifen und rechten
Menschen, der es wert ist, da man ihm sein bestes gibt, wie sie ernst
und leise, doch tapfer und ohne Scham mir auch das Verschwiegenste
und Heiligste ihres Herzens sagte und mich ihres kstlichen Vertrauens
wrdigte, da begriff ich, da sie etwas ganz ungeheuer Groes tat, das
Grte und berhaupt das Einzige, was mir ein Mensch tun konnte. -- Von
da ab wehrte ich mich nimmer; ich lie mein Herz ruhig in den Brnden der
Scham und Liebe liegen und alles still an mir geschehen. Ich htte noch
wohl auskneifen knnen, vor Adolf und vor meiner Mutter; nun konnte ich es
aber vor mir selber nimmer.

Ich sprte mit Wehmut und Lcheln, da mir in diesen Nchten leise meine
Jugend entgleite; jene Zeit, von der die khle Frau Gunhild einmal gesagt
hatte, da man sich zu wichtig nehme und da es Torheit und Egoismus sei.

Es mochte sein, da da manche Lust und schimmernde Hoffnung mit unterging,
aber was ich dafr eintauschte, war unvergleichlich schner.

Denn wenn es Ziel und Kern des Lebens war, seinen eigenen, unvollkommenen
und verwirrten Menschen samt aller Leidenschaft und Unruhe hinzugeben und
zu verlieren, um sich dafr als ein Teil jener Kraft wieder zu finden, die
von Gott ausgeht als seine reinste, ureigenste Gewalt, zu uns strmt und
durch uns wieder zu ihm, da wir Armen, sobald wir unser selbst vergessen
und fr andere leben, drfen selber Gtter sein, selber Strme der Klarheit
und Unsterblichkeit in uns haben, um sie in die Welt zu strahlen, da wir
selber in Herzen und in Hnden drfen spren, was des Lebens Ursprung
ist, -- ach, so ist keine farbige Jugend so helle, da sie vor jenem Licht
bestehen knnte.

-- Dann kam eine Nacht im November, der Sturm ging ums Haus und brauste in
den Kirchhoftannen; ich sa unausgekleidet unter meinem Fenster und hrte
darauf hin. Es war mir wunderlich wie nie und elend und rhrselig zumut, es
kribbelte mir in allen Gliedern, schlielich konnte ich nimmer widerstehen.
Leise kletterte ich zum Fenster hinaus, meine Fe gingen einen
wohlbekannten Weg, -- da war der Kirchhof und ein armes, vergessenes Grab.

Namenlos, ach du lieber, lieber Namenlos.

Ich lag in seinen feuchten Blttern und hielt den wilden Busch umschlungen
wie ehedem als ganz kleines Mdchen. Meine Trnen liefen in seine Erde
hinein; in dieser Stunde aber bekam er einen Namen, und ich versank in
seinen Fluten, da ich fr immer drin bleiben mute.

Am andern Tag war es Sonntag und die Mutter versuchte ihren ersten Gang
seit jenem Unfall. Ich fhrte sie ein Stck bergan, dann ruhten wir auf
einem Bnklein aus und sahen in das Tal hinunter.

Da sagte ich es ihr. Du, Mutter, fing ich an, ich glaube, ich mchte
Adolf doch heiraten.

Sie sah mich an, ein liebes, kstliches Lcheln ging ber ihr Gesicht, und
indem sie mich auf Mund und Stirne kte, sagte sie leise: Ich habe es
gewut, Agnesle!

Und in dem Augenblick war ich nimmer ihr Kind, es war, als sei ich ihre
Schwester geworden und reif und weise, das Leben zu tragen wie sie.

       *       *       *       *       *

Ein paar Tage vor Weihnachten fuhr ich von zu Hause fort. Auf der ganzen
Reise frchtete ich mich vor Adolfs Spott und Triumph und wre froh
gewesen, wenn ich den Empfang schon hinter mir gehabt htte. Nur um eines
freute ich mich, nmlich, da er nichts von meinem verkrachten Roman wute.
Sonst htte ich mich auch wahrlich kaum zu ihm getraut.

Es war kalt und regnerisch und spter Abend, als ich hinkam. Unten im Laden
war alles schon dunkel; da die Tr zum Hinterstblein unverschlossen
war, ging ich einen Augenblick hinein und drehte das Licht an. Ach es sah
frchterlich aus; mit wehmtiger Heiterkeit machte ich mir einen Begriff
davon, wie es wohl oben sein mge. Unversehens streiften meine Blicke
Breisels Geslzhafen; lchelnd schaute ich hinein und sah am Boden eine
winzige, betrbte, schimmelige Kruste. Armer Kerl; -- es sollte wieder
anders werden.

Mit klopfendem Herzen stieg ich hinauf und fand Adolf in der Kche, wo er
eine hchst seltsame Hantierung betrieb. Es schien, als sei gar keine Magd
oder Haushlterin da. Erst konnte ich nicht erkennen, was er eigentlich
da mache; da sah ich, da er schmutzige Windeln und Kinderwsche waschen
wollte, indem er nmlich jedes einzelne Stck mit einem Reinagel an den
Rand des Schsselbrettes ber den Ablauf festspiete, dann einen Schlauch
am Wasserhahnen befestigte und nun hchst genial drauf los flte, auf und
ab und an allen Stcklein herum.

Und wie ich nun so stand, glhend vor Erregung, wie ich das Lachen verbi,
whrend mir doch vor Scham und Rhrung und Zaghaftigkeit ein paar Trnlein
herunterliefen, da drehte sich Adolf um und erkannte mich. Ueber sein
Gesicht kam eine ungeheure Frhlichkeit, ehrlich und kindhaft und ohne
Spott, und er strahlte mich voller Liebe an.

Schau, das Ageli. -- Fein!

Dann kam er auf mich zu, hielt seine nassen Hnde ausgebreitet und weit von
sich ab; er beugte sich zu meinem Gesicht und kte mich auf den Mund.

Und nach einer Viertelstunde sa ich drinnen im Wohnzimmer; Adolf hatte mir
mit seinen weien, zrtlichen Fingern den Mantel und die Mtze abgenommen
und mir das Haar zurckgestrichen. Er machte mir einen Tee, buk mir ein
Eierkchlein und lief voller Eifer ab und zu. In der Gaststube zndete er
ein Feuer an, richtete das Bett und tat sogar eine Wrmflasche hinein; nur
einmal kam er mit groer Betrbnis zu mir.

Du mut entschuldigen, Ageli; es ist neulich ein Katzenschichen auf dein
Bett gekommen, und es mffelt noch ein wenig. Es ist mir wirklich leid;
aber gelt, du nimmst es nicht zu schwer--!

Als ich nun in meine Stube ging, kam er noch einmal, sah mich voller
Uebermut und Spitzbberei an und berreichte mir meine Pantoffeln.

Ich habe sie damals wieder von der Strae herauf geholt und sie dir
aufgehoben; ich wute ja, da du wieder kommen wrdest.

Ich wurde rot und sah zu Boden. Und ach, da erblickte ich pltzlich, da
Fouqus Hausschuh ein Loch habe, durch das Loch guckte der Strumpf heraus,
und der hatte auch eins, so da ich ein Stcklein nackte Zehe sah. Und ber
dem erschien mir unverweilt jene andere blaugefrorene Zehe, die in meinem
Leben so bedeutsam war; ich sprte zitternd, wie die mchtigen Strme des
Namenlos ber mich hereinbrausten, und inmitten der strmenden Bedrngnis
zog ich Adolfs lockigen Kopf zu mir her und kte ihn hei und herzlich.
Und das war damals bei Gottfried auch nicht anders gewesen.

Dann leuchtete er mir mit dem Lmpchen in meine Stube und spielte hernach
auf dem Klavier eine zarte und selige Melodie, bis ich eingeschlafen war.

       *       *       *       *       *

Darber ist nun schon manches Jahr hingegangen. Ich mu sagen, da ich
meinen Mann herzlich liebe; wir ergnzen uns und passen ineinander, wie es
prchtiger nimmer sein knnte. Ich habe selber noch zwei Kinder bekommen,
und es ist stets ein farbiges, frhliches und beglckendes Getmmel um mich
herum, so, wie ich es immer geliebt habe. Des Werktags habe ich Sorgen und
schaffe und lasse meine Krfte springen; Sonntags und an manchen Abenden
aber gibt's Musik und Literatur und heitere Gesellschaft bei einem Glase
Wein; ja, seit ich entdeckt habe, da mein Mann ein guter Tnzer ist, gehen
wir sogar hie und da miteinander zu einem Tanze. Im Sommer aber, wenn's
im Sortiment ruhig ist, wenn Breisel hinter dem Ladentisch nickt und
einer neuen Zwetschgenernte entgegen trumt, machen wir alle zusammen ein
Reislein auf den Gottlosen Zinken hinauf; blo, da Frau Finkenlohr schon
lange nicht mehr da, sondern mitsamt ihrem Zuckerschleckbchslein zur
ewigen Ruhe eingegangen ist.

Mit meinen Freunden Roth lebe ich immer noch in einer warmen, ungetrbten
Freundschaft; zwar habe ich Herrn Roths Lebensweisheit nicht mehr weiter
bei mir angewandt; im Gegensatz zu ihm gebe ich mir in solchen Sachen
keine groe oder besondere Mhe, sondern lasse mich einfach von meinen
innerlichen Strmen weiter treiben; aber manchmal will es mich bednken,
als liefen unsere beiden Lebensplne und Anschauungen am Ende doch irgendwo
in Einem zusammen.

Und dann ist da noch etwas, das ich sagen mu. Zuweilen, etwa in einer
Sommernacht, wenn ich ein Kind an der Brust habe und Adolfs Klavierspiel
durch die Nacht zu mir herber kommt, geschieht es, da ich die fremde,
rieselnde Dichterlust meiner Jugendtage wieder ber mir spre. Sie hat jene
Leidenschaft und drngende Gewalt ganz verloren; es ist nur, als ob es in
meinem Gemte leise und kstliche Wellen schlge. Ich sitze dann still und
horche in mich hinein; Verse und Lieder steigen in ruhiger und mheloser
Klarheit in mir auf, und sie sind so reif und schn und selig wie keines
von damals. Ich behalte es aber fr mich und sage niemand etwas davon.

Und dieses ist mir beinahe so lieb, als wenn am Ende meines Lebens in
Fouqus Sortiment meine gesammelten Werke lgen.


  _Ende_




Verlag von Eugen Salzer in Heilbronn.


Anna Schieber

  _Alle guten Geister..._ Roman. 101.-105. Aufl. Geb. Mk. 21.50.

  _Ludwig Fugeler._ Roman. 26.-30. Aufl. Geb. Mk. 12.--.

  _Wanderschuhe_ und andere Erzhlungen. 21.-25. Taus. Geb. Mk. 11.--.

  _... und htte der Liebe nicht._ Weihnchtliche Geschichten. 111.-130.
          Tausend. Geb. Mk. 3.--.

  _Amaryllis_ und andere Erzhlungen. 61.-70. Taus. Geb. Mk. 3.--.

  _Das Kind._ Erzhlung. 31.-40. Taus. Geb. Mk 3.--.

  _Der Lebens- und Liebesgarten._ 21.-30. Taus. Geb. Mk. 3.--.

  _Heimat._ Erzhlungen. 38.-41. Taus. Geb. Mk. 7.50.

  _Bruder Tod._ Ein Lied vom lebendigen Leben. 1.-5. Taus. ca. Mk. 8.--.

  _Das Opfer._ Erzhlungen. 1.-10. Taus. Geb. ca. Mk. 12.--.


Auguste Supper

  _Da hinten bei uns._ Erzhlungen aus dem Schwarzwald. 11.-13. Aufl.
          Geb. Mk. 6.50.

  _Leut'._ Schwarzwalderzhlungen. 6.-7. Aufl. Geb. Mk. 8.--.

  _Die Mhle im kalten Grund._ Roman. 10.-12. Taus. Geb. Mk. 12.--.

  _Herbstlaub._ Gedichte. 3. Aufl. Geb. Mk. 5.50.

  _Vom Wegesrand._ Erzhlungen. 31.-35. Taus. Geb. Mk. 3.--.

  _Kuze._ Erzhlungen. 16.-20. Taus. Geb. Mk. 3.--.

  _Der Mnch von Hirsau._ 3. Aufl. in Vorbereitung.

  _Der schwarze Doktor._ Erzhlung aus Wrzburgs dsterer Zeit. 2. Aufl.
          in Vorbereitung.




[ Hinweise zur Transkription


Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Hagebutten" --
"Hagenbutten", "um so" -- "umso", "war's" -- "wars",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 10:
  "" hinter "?" entfernt
  (wo wir als Kinder die Undine aufgefhrt haben?)

  Seite 15:
  "," gendert in ","
  (Du armer lieber Namenlos,)

  Seite 19:
  "," gendert in "."
  (um Limonade zu kaufen. Nur die Grther)

  Seite 19:
  "," gendert in ","
  (Nein, sagte ich.)

  Seite 26:
  "" eingefgt
  (Soll ich ein Taschentuch an einem Brunnen)

  Seite 26:
  "," eingefgt
  (anspucken knnen vor Verachtung, und ich zog meine)

  Seite 26:
  "," gendert in ","
  (Du, Flaig, sagte sie leis)

  Seite 38:
  "," hinter "ich" entfernt
  (Bisher war ich ein ruhiges)

  Seite 43:
  "," gendert in ","
  (Ich will die Rosen ihm bringen,)

  Seite 55:
  "" eingefgt
  (-- Dann ist's recht.)

  Seite 55:
  "Fener" gendert in "Fenster"
  (unter dem Fenster in der khlen Nacht)

  Seite 73:
  "" vor "Was" entfernt
  (Was, du lachst?)

  Seite 129:
  "" eingefgt
  (wenn Sie so dichten?)

  Seite 132:
  "" eingefgt
  (ich wei nicht, was dann draus wird!)

  Seite 136:
  "" eingefgt
  (Ich bin dann immer beschmt in mich gegangen)

  Seite 240:
  "und und" gendert in "und"
  (den Haushalt so gut verstehst und die Kinder)]







End of Project Gutenberg's Die Strme des Namenlos, by Emma Waiblinger

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE STRME DES NAMENLOS ***

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