The Project Gutenberg EBook of Der Satansgedanke, by Rudolf Hans Bartsch

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Title: Der Satansgedanke

Author: Rudolf Hans Bartsch

Release Date: September 11, 2015 [EBook #49940]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SATANSGEDANKE ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna, Norbert Mller
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                         Rudolf Hans Bartsch

                        Grenzen der Menschheit




                         Rudolf Hans Bartsch

                                 Der
                            Satansgedanke

                    L. Staackmann Verlag. Leipzig




               Titelzeichnung von Oswald Weise, Leipzig


                             Alle Rechte,
              besonders das der bersetzung, vorbehalten


           Druck von Gnther, Kirstein & Wendler in Leipzig




Um die Zeit, als die ersten Jnger der Gesellschaft Jesu nach Innsbruck
gerufen wurden, um auch dort einer etwas verwilderten Deutschheit, die
selten lutherisch bibelfromm, sondern eher heidnisch und unglubig
geworden war, durch ihr, in den ersten Jahrzehnten hinreiendes
Beispiel, einen neuen, glhend passionierten Glauben zu erwecken, da
lebte im adeligen Damenstift ein altes Frulein, von dem es hie, da
es ehedem die schnste Jungfrau in dreien Knigreichen gewesen und mit
der griechischen Helena verglichen worden war, nach der sie auch hie.

Sie war die Tochter des Bankmannes und Hndlers Manuel Chrysoloras,
eines Nachkommen des berhmten Humanisten gleichen Namens.

Dieser Chrysoloras soll ein bis an alle Grenzen gescheiter und kalter
Geldmann gewesen sein, der sich brigens rhmte, das schnste und
das widerlichste Menschenkind auf Erden nebeneinander bei sich und
zu Diensten zu haben. Und wenn man sich ber das letztere, einen
schamlosen Knecht, entsetzte, pflegte er lachend zu sagen: Was wollt
ihr? =Er ist eben die Materia=, ohne allen Umweg menschgeworden. So ist
sie, und so sieht sie aus.

Der war einmal als Trobube, eine entlaufene Bestie vom
Landsknechtsheere, das Rom geplndert hatte, zu ihm gekommen: Klein,
krumm, frech, breitmulig und stark; zu alledem unerhrt behende und
gewandt, nur zu nichts Gutem. Der trug ihm seine Dienste an. Es wird
erzhlt, da ihn der Chrysoloras gefragt: Was willst du dafr?

Eh, Geld, hatte der Kerl gegrinst.

Was hast du bisher getrieben?

Ich? Na: Ich hab, als wir Rom eingenommen, einen berhmten Maler
erstochen. Weils mich gergert hat, da es sowas gibt. Ich hab' dem
Papst selber eine Maulschelle heruntergehauen, die war ungut, sag' ich
euch. Und ich hab' unsern alten Frundsperg dermaen gergert, da ihn
der Schlag darber gerhrt hat, auf der Stelle. Vor niemand hab' ich
Respekt. Blo vorm Geld. So tt' ich all' eure Feinde traktieren, und
wrens Papst oder Feldoberst!

Das sind ja hbsch weite Grenzen, die deine Natur da erreicht hat,
soll der Chrysoloras dazu gesagt haben. Aber wer brgt mir denn, da
du nicht auch mich erstichst, oder traktierst oder zutode rgerst?

He! Wer soll mich denn dann sicherer und besser bezahlen? fragte
die krummbeinige Bestie. Ihr knnt ja auch immer noch einen
entlohnen, der mich aus dem Hinterhalt niederschiet. Denn mir von
vorn entgegenkommen? Das hat noch jeden gereut. Wenn ich ihm Zeit dazu
gelassen, schlo er.

Dann stimmt die Rechnung, hatte der Chrysoloras gesagt und den
Trobuben in seine Dienste genommen. Jeder entsetzte sich darob, aber
dem ohnemaen khlen Geldmenschen gefiel er gut, wennschon er mit
ihm zeitlebens nicht hundert Worte geredet hat und sicherlich keines
zuviel. Es schien, als lchelte der Chrysoloras, da er sich das grte
Frechheitsexemplar der damaligen Zeit zinsbar und zu Diensten gemacht
htte. Soviel ber den Vater der Helena.

Sie selber war, seit man sie kannte, wunderlich; sie weinte viel und
man sagte, da in ihrem Blut die Melancholie erblich wre. Ein Vetter
von ihr, der sie inniglich geliebt, den sie aber freundlich abgewiesen,
hatte schon als junger Student die heilige Schrift vllig und ohn'
alle Rcksicht ergrnden wollen, hatte sogar bei Juden Unterricht dazu
genommen, war darber schwermtig geworden. Er htte sich erhenkt,
wenn die Base ihn nicht abgeschnitten und ihn nach Salzburg gebracht
htte, wo damals der berhmte Theophrast Paracelsus seinen Wissensdurst
wohl stillen konnte und wohin auch mehrmals der Doktor Faustus kam, mit
dem dann der Student und Helena gar vertraute Kundschaft hatten. Der
Bursch soll davon ein erschreckliches und elendigliches Ende genommen
haben und das Frulein ist dem Trbsinn gnzlich verfallen.

Sie sah sodann, eine Gealterte, keinen Menschen mehr recht an, ging an
allen vorbei wie ein Rauch. Nur Kinder liebte sie und holte sich solche
immer wieder herzu. Aber das kleine Volk, so viel es auch von dem
adligen Stiftsfrulein beschenkt wurde, frchtete und mied sie. Zuerst
wegen der tuschelnden Nachrede mit dem Zauberer Faustus. Dann aber
hatten sie Angst, weil das Frulein ihnen oft ein grusliges Volkslied
von einem buckligen Mnnchen vorsang, das immerzu dastnde, wenn und wo
ein Menschenkind einmal so recht allein wre. Hinter der Stiegen, in
der Speisekammer, bei der Mehltruhen. Sogar am Bette, wenn man zu Abend
beten wollte. Immer stand gleich das bucklig Mnnlein dabei, --

    -- fngt als' an, zu beten:
    Liebes Kindlein, ach, ich bitt,
    Bet' frs bucklig Mnnlein mit.

Die Helena hat sich dann ganz an die Vter von der Gesellschaft Jesu
angeschlossen und soll im Geruch der Heiligkeit gestorben sein.

Das zuvor, ehe von der besagten Helena Chrysoloras und dem Faust
nherer Bescheid ergehen soll, der damals nach Salzburg gekommen war,
niemand wute warum. Nur die versoffenen Studenten scherzten, er htte
durch seine Kunst dort des Bischofs halben Keller ausgesogen und
mit ihnen verzecht. Mit dem Kellermeister, der sie zu unguter Stund
erwischte, wre er auf eine hohe Tanne am Untersberg geflogen und htte
ihn dort im Wipfel alleingelassen, wie ja auch das alte Volksbuch zu
berichten wei.

Nun aber zum endlichen Bericht.




Das war am Hoch- und Domstift Salzburg. Mitten aus der erregten
Studentenmenge puffte sich ein wunderlicher Junge heraus, so sehr ihn
die andern zu halten versuchten. Lat mich allein, sag' ich!

Als er ging, hrte er gar wohl, da es hie: Armer Querschdel! Er
zuckte die Schultern. Bertel, Bertel Stainer? rief ihm noch einmal
einer nach. Er hrte gar nicht mehr hin; es ri ihn zu mchtig in
Einsamkeit und in freie Hhe, und er rannte den steilen Festungsweg zur
Bischofsburg hinauf. Droben war er dem Untersberge, dem Tnnengebirge
gegenber. Schneeeinsamkeit, gewaltige Verschwiegenheit, unnahbare
Hhenweiten. Danach war ihm selber zumut. Er htte auffliegen mgen,
um blo droben mit den Wolken allein zu sein. Nur nicht mehr unter
Menschen!

Ungeheures war ihm nahe.

Doktor Johannes Faustus selber war nach Salzburg gekommen, um den
Philippum Paracelsum aufzusuchen, wie es hie. Und man hatte die
beiden schon zusammen gesehen. Da turbulierte es unter dem jungen
Blute. Die ganze Studentenschaft versammelte sich; sogar die wenigen
frommen und glubigen Kleriker, welche es damals noch in Salzburg gab,
waren mit verschreckten Mienen herzugeeilt. Schon da der Philipp von
Hohenheim, der Aureolus Theophrastus Bombastus Paracelsus, wie er sich
prahlend nannte, der gottlose Sptter, frstbischflichen Schutzes und
reicher Belohnung geno, machte den christglubigen Seelen bange. Es
war nicht geheuer damals in Salzburg. Der die frstliche Tiara trug,
der erste Kirchengewaltige nach dem Papste, er hatte nicht einmal
die Priesterweihe genommen, weigerte sich ihrer auch beharrlich und
man konnte ihn, weil er der Bruder des Bayernfrsten war, nicht gut
maregeln.

So sah es fr die wenigen stillen Glubigen damals aus, als begnne nun
in Wahrheit das Reich des Antichrist im Schutze des Krummstabes des
heiligen Rupprecht.

Paracelsus war verhat und gemieden; aberglubisch tuschelte das Volk
dem bleichen Mnnlein mit den schwermtig mitrauischen Augen nach.
Aber er konnte gesund machen und er konnte Gold machen. So lie man ihn
beilufig in Ruhe. Auch glaubte er noch halberwege an Gott, Doktor
Johann Faustus aber bekannte sich offenkundig zur schwarzen Magie,
die man dem Paracelso nur insgeheim zutraute. Sogar die ketzerischen
Wittenberger Seelenhirten hatten Acht und Aberacht ber ihn geschrien.
Evangelischer und Katholik hatte ihm abgesagt und nur gottloses oder
verbrecherisch neugieriges Gesindel mehr lief dem Unheimlichen nach,
der sich dem Teufel lachend bergeben und verschrieben hatte und ihn
seinen Schwager nannte.

Denn des Teufels Schwester ist die sndige Schnheit.

Sympert Stainer hatte noch das wirre Durcheinanderfragen in den Ohren:
Wie sieht er aus? Was hat er an? Kann er keinem Menschen in die
Augen sehn, wie man sagt? -- Wehe dem, den er aber ansieht!

Wie sieht er aus? Stainer hrte noch, da ein kleiner Kerl pltzlich
gemacht hatte: Pssst! Und Alle waren zusammengeschrocken, weil sie
glaubten, der Schwarzrote stnde hinter ihnen. Aber der kleine Student
sagte ihnen, man drfe von Faustens uerm nicht laut reden: Das nimmt
er euch gewaltig bel. Und sorgt dann nur um eure Hls'!

Warum, warum?

Wit ihr nicht die Geschicht' aus Schwbischhall? Wo er ganz unerkannt
und verhohlen gelebt, weil ihm die Wittenberger Pfaffen an Leib und
Leben gewollt? Kein Mensch htt's erraten sollen, da der beschriene
Magus im Stdtel wr! Wie aber die dortigen Salzknappen, ein hohnvoll
und bermtig Volk, das keine Seel in Ruh ihrer Weg ziehen lt,
ihm wegen seiner kleinen und hckrigen Gestalt nachgespottet haben,
sop, sop, da hat er ihnen aus dem Fluwasser einen Feuerteufel
herauszitieret; -- auf grauslichste Weis' hat er's getan! Hat in seiner
Wut die Hosen heruntergerissen -- --

Still, rief ein Anderer. Aber es war diesmal nur Theophrast
Paracelsus, der an der Hochschule vorber nach der Residenz ging, wo er
zu einer alchymistischen Sitzung befohlen war. Die Studenten verhielten
sich sehr, solange der kleine, blasse Mann in Hrweite war. Er warf
aus seinen sonst unsagbar traurigen und vorwurfsvollen Augen nur einen
mrrischen Blick nach der Seite hin, wo das Rudel aufgeregter junger
Leute zusammenstand; den Kopf hielt er aber geradaus und ziemlich
geneigt. Aber mit den Augen sah er nach der Seite hin; -- mahnend? Oder
prfend? Ein Blick, ahnungsvoll klug wie der eines Kindes, oder eines
Tieres, und ebenso gengstet, ging allen durchs Innerste.

Als Paracelsus vorber war, ging das Tuscheln von neuem an:

Der Doktor Faustus hat beinah dieselben Augen: Ebenso traurig, aber
dazu eher grimmig und bedrohlich.

Wer ihn reizt, dem ergehts auch schlecht, sagte der kleine Student
von ehedem wieder.

Was haben die Salzsieder in Hall denn gesagt?

'Wer ist das elend klein huckrig Mnndl?' haben sie blo gefragt.

Hat ihn wer hier gesehen? Ist er hckerig?

Ja, sagte der, welcher vorhin so bedenksam ber die Augen des Magus
gesprochen hatte. Er geht in Schwarz und Rot, ist nach spanischer Art
gekleidet, hat ein klein' Barettl, einen kurzen, graugemischelten Bart,
der dicht ums ganze Gesicht geht, so da man die gepreten Lippen kaum
sehen mag. Nur eben die Augen kannst ansehen: Traurig, mitrauisch und
zornig schaut er her.

Ist es wahr, da er keinen Menschen mag ansehen?

No, mich hat er so von der Seiten her ganz kurz abtaxiert. Ist mir
hei und kalt davon worden. Er ist nicht grer als der Paracelsus und
hat wirklich ein bissel so einen hohen Rcken; geht also hucket neben
dem Paracelso her. Ich hinten nach. Sind aber allbeide recht einsilbig.

Aber geredt haben sie doch? war Sympert Stainer aufgefahren.

Ja, aber nur zwei Wrtl.

Was, was haben die zwei gesagt? drngte Stainer.

Der Faust hat gesagt: 'Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger.
Ein einziges Trachten bleibt schn: Der groen Kraft nachgehn.'

'Die sein wir ja selber', hat der Paracelsus gesagt.

'Die 'ist' auchs liebe Vieh', hat der Faust repliziert. 'Vom Sein hab'
ich nichts. Anfassen mu ichs knnen. Verstehen. Gebrauchen.'

Und der Paracelsus?

Hat geschwiegen.

Von da ab hatte Bertel Stainer nur mehr Klatsch, Wundergeschichten,
Derbheiten und Aberglauben ber den Faust gehrt und war endlich
weggerannt, um nur wieder zu seinem machtvoll aufbegehrenden Herzen
zurckzukommen.

Jetzt war er allein mit diesem klammgepreten Herzen, das ihn zwang,
immerzu nach Atem zu ringen. Er stand, holte Luft, aber es war zu
wenig. Aufsthnend wankte er weiter, gegen die Brgerwehr zu. Er sah
die hohen Schneeberge jammervoll an, dachte an die dnne und reine Luft
dort oben und da er dort leichter atmen wrde knnen und fate wieder
nach seinen tobenden Herzen, wie ein Erstickender.

Der allein auf Erden ist es, dem ich folgen mu, wohin er mich auch
fhren mag. Sei es in den Himmel oder in die Hlle!

Er blieb stehen und rang nach Luft. Mein Vater ist verketzert worden.
Mein Bruder glaubt an nichts auf dieser Erden, geht ins Italienische
und sagt: 'Musik ist noch das best' und einzig Ding; -- das macht
fliegen! Nur der Musikant kann sagen, wes Gemtes Gott und der Teufel
sein mgen.'

Etwas ruhiger und nachdenklicher setzte Stainer seinen Weg fort:
Und ich? Bei den Rabbis hab' ich Christus und den Glauben an irgend
eine Jungfrau verloren, mag sie heilig oder irdisch sein. Unsere
Professores, von denen ich mir aller Geheimnis Essenz erwartet hab',
die sind arme Esel. Sogar ich dummer Kerl ahn' doch, was die nimmer
wissen knnen! -- Der Paracelsus? Er steckt zuviel in der Chemie,
als da man von ihm erfahren knnt, was dies wr, dies erschrcklich,
grausam und s Geheimnis Leben!

Woher das kommen sein mag und warum wir nie davon genug haben mgen?
Warum wir's ewig genieen wollen, so viel Martern es hat? Und warum wir
wieder wegmssen, nachdem wir graue Brt' und kahle Kpf' und faltige
Hls' erleiden muten? Ein Schand und Spott, wenn das, von Gottes
Ebenbild, wahr wr'! Fauste! Fauste! -- -- Und er wiederholte sinnend:
Alls, was man entdeckt, macht nur trauriger. Ein einzigs Trachten
bleibt schn; der groen Kraft nachgehen!

Der krnkelnde Student hob beide Arme: Da allein glht die groe
Schatzkohlen! Da allein glost das Feuer, an dem ich mich wrmen kunnt!

Er sthnte noch einmal auf, als wre er auf den Tod verwundet. Mit
einem namenlos hilfsbedrftigen Blick sah er die Berge an, den hellen
Himmel, ber den leichtsinnig die kleinen Wolken hinzierten; nirgend
war Antwort! -- -- Ich geh' zum Fausto.




In der Bibliothek des Frstbischofs hatte Faust, wie berall, alle
Bcher durchwhlt. Je lter das Geschrift war, desto gieriger suchte
er in ihm und immer wieder warf er weg, was ihm unter den Hnden einen
Augenblick gezuckt hatte. Nichts. Nichts. Faustens Augen brannten
schwermtig und drohend. Steh' denn am Ende aller Weisheit dieser
Erden ich?! Das wr doch, um sie ins Feuer zu schmeien, wie Mist!

Einen Augenblick hielt er aber inne, -- als er in den Visionen des
Ezechiel bltterte. Da war eine Randnote in veralteter Schrift
beigesetzt, die sagte: Es gibt ein ding, geschaffen von gotte, ist die
Ursach alls Wunderbarn, so im Himmel oder auf Erden sein mag, als da
wr Tier, Stein und Kraut. Und ist selbigs kein ander ding, als unser
seel auch. Du findsts allerort, wenige kennens und keiner gibt ihm den
rechten namen. Ist auch vermummt unter zallos rtsel und gestaltung.
Aber ohn das knnen weder alchemie noch magia zu einem rat und ziel
kummen.

Faust nickte wissend. Dann las er im Ezechiel die Stelle, die zu jener
verschollenen Anmerkung gefhrt hatte:

Dieselbige Substanz, welliche der Grund aller Wurzel ist, gehrt zum
Ort, den man nennet Schamaim (heiet die Himmel). Ist ein Mysterium,
all jenen kundt, die von diesem himmlischen Stoffe wissen und von dem
jegliche Gattung alle Kraft und Frischheit ihres Wesens erhlt. Von
dorther auch kommt die Influenz, welche reicht bis auf den Ort, welcher
genennet wird Sheakin, oder die Aetherregion.

Das ist es; ja, das ist es, sagte Faust. Und weiter kam bisher
niemand. Ntzen kann mans. Anfassen und ergrnden nicht.

Er warf den Band zu dem brigen und griff nach einer Pergamentrolle mit
bunten Initialen. Lieder? sagte er bitter lchelnd. Aber er warf aus
Langeweile, oder aus Zeitvertreib, einen Blick hinein. Und dann las er:

    ow, war sint verswunden
    alliu mniu jr!
    ist mir mn Leben getroumet,
    oder ist ez wr?

Da lie Faust die Rolle sinken und lie auch das Haupt noch mehr
zwischen die armselig hohen Schultern sinken, als eh.

O weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!

Wo war dies Leben hin und was war es gewesen! Viel Betrug und lautes
Prahlen, Zechgelage, wste Nchte mit allsatten Weibern, welche die
Neugierde gereizt hatte, wie der Zauberer schmecken mochte. Oder
rcksichtslose Besitznahme von kleinen Mdchen, welche seine Kunst und
die Macht seiner Augen gelhmt hatte und die nun, zu frh erschauernd
und ohne Liebe, duldeten, was sie sonst, spter, aber inniglich, dem
Einzigen ihres Lebens hingegeben htten. Immer hatte er von der Furcht
der Menschen gelebt oder von ihrer Dummheit und hatte tricht, toll
und prasserisch gegen seine eigenen Krfte gelebt! Jene wunderbare
Kraft, die insonderheitlich aus den Augen strahlt, jene Kraft von
der jegliche Gattung alle Frische ihres Wesens erhlt, er hatte sie
ausgestreut und um sich geworfen wie Hckerling, jahraus, jahrein.
Und nun brannte sie nicht mehr in so durchnervender Glut aus seinen
erlschenden Augen wie ehedem. Er hatte sich ihrer bedient, wie eine
bse Schlange; also bestialisch.

Gaukeleien, Schabernacke, kleine Betrgereien, ob deren er von Land zu
Land ausgewiesen wurde. berall zwar gro Gered, aber auch das belste
Zeugnis hinter sich, Furcht, Ha und Abscheu aller Menschen. Dazu die
gelhmt gaffende und zitternde Neugier der kindlich Gebliebenen, denen
er gewaltiges Aufsehen erregte. Das war sein Anteil auf Erden und
darber war er nun alt geworden.

Gelten wollen! Das war das verzehrende Feuer seiner Kinderjahre
gewesen, wenn Andere, Starke, ihn wie ein Bndel in die Ecke
geschmissen! Gelten, erstrahlen wollen, trotz seinem Hcker! Wie dieser
Wunsch zehrte und brannte: So sehr, da er sich selber immer wieder
gromulig zu rhmen begann, wenns andere nicht tun wollten!

Spter, als die glhende Sinnlichkeit der Jnglingsjahre zu seiner
verzehrenden Gromannssucht noch hinzu kam, war es noch viel rger
geworden. Jeder schne Kerl nahm ihm ja lachend das Mdchen fort, das
er, mit brennenden Augen und fressenden Trumen, monatelang erbetet
und erlechzt hatte. Was fr Madonnengesichtlein wute er sndig und
doch schienen sie allen andern rein, wie ein heller Tag! Er aber
war hinterher geschlichen und hatte horchen und zusehen drfen. --
Zudem hatte sich sein Mitrauen mit seinem Sprsinn geschrft und
bald glaubte er berhaupt keine Reinheit mehr, -- auch wo sie war.
Ha und Verachtung dem Weibe, glhender Neid dem Manne, das war der
Inhalt seiner Jnglingsjahre. Nur wenn er anfhren, verleiten, in
Abgrund reien konnte, dann quoll ihm hoch das verwilderte Herz! Je
lsterlicher seine Zunge wurde, je schrfer sein Witz, je unfehlbarer
sein rachschtiges Wort, desto mehr Gefolgschaft fand er unter denen,
welchen dies Leben, wie ihm, zu karg zugemessen erschien. Ja, solche
Bestien hatten oft mehr Freude an seiner Bosheit, als er und wenn ihm
ob einem grauenhaft ersonnenen Schabernack selber das Blut in den Adern
zu Eis werden wollte oder seine Haare sich wegen der eigenen Bosheit
strubten, sie johlten und juchten wie freigelassene Sklaven dazu.
Unbndig war ihr Vergngen.

Da ihm manchmal so das Herz zuckte vor Mitleid, vor Reue oder vor
Scham, das waren noch seine besten Stunden gewesen.

Dann endlich kam der groe Ruf ber ihn. Wilde Studenten, die, wie
er, bald von Wittenberg nach dem katholischen Ingelstadt renegierten,
dort ebenfalls hinausgeworfen worden waren und nun nach Heidelberg
oder Straburg oder Innsbruck, nach Wien, Krakau, Graz und Prag
ausschwrmten, berhmten sich berall seiner Zechgenossenschaft. Und
sie hatten Tod und Teufel nicht gefrchtet. Und in Prag hatte der
Leibhaftige einmal unter Faustens Prsidium ein Fiduzit auf Alexander
Borgias Tod getrunken, seines Freunds, des Papstes! Gottverdammich,
wenns nicht wahr sei!

So, ja so war sein Ruhm angegangen in deutschen Landen, und was bisher
sein Elend gewesen und seine glhende Kohle im Herzen, da er nicht
gro und wohlgestaltet war, eben das wurde nun seine Tugend: Faustus
konnte nicht anders mehr aussehen; durfte nicht! Das Volk kannte ihn
so, frchtete sich vor dieser Gestalt und liebte insgeheim das berhmte
bucklig Mnnlein, das sich dem andern Frsten dieses Weltalls
verschrieben hatte!

Doktor Johann Faustus (der in Wittenberg sich, dem Kurfrsten zuliebe
Johann Georg genennet) hatte jetzt die wilde Freude, da er zu genieen
anfangen durfte in einem Alter, da sich die Weiber andern Mnnern
gegenber zu versagen beginnen. Als die Zahl Vierzig sich, mit den
ersten grauen Fden, um seine Schlfen schrieb, da erst begannen die
Frauen unter dem wilden und ausgefasteten Blick seiner Augen zu
errten oder angstgeschttelt zu erbleichen, und wuten, sie wren
verloren sobald er forderte.

Auch nannte seit diesen Tagen niemand mehr seinen etwas hohen Rcken
und seine gehobenen Schultern einen Hcker, wie ehedem die boshaft
bertreibenden Salzknappen in Schwbischhall. Es schien allen Menschen,
als knnte ein Mann bei solcher Last des Erkennens, bei solcher
Schwere des Gewissens und bei der ungeheuren Schwermut, am Ziele alles
Menschendenkens zu sein, gar nicht anders aussehen, als etwas gebeugt
und beschwerlich. Das Volk sah nur mehr seine grauen Augen und die
waren wie ein Element. So erstaunlich: Sie konnten wie der Himmel
leuchten, sie konnten wie das Meer wechseln, schillern, erlschen oder
drohen. Sie waren oft so demtigend ironisch, da es dem Angeschauten
durch Mark und Bein ging. Sie waren oft so todtraurig, da den Frauen
die Trnen kamen. Und niemand wagte sich mehr in seine majesttisch
gewordene Nhe, auer er redete ihn selber an.

Jetzt prahlte er nicht mehr. Es lag ihm, den frher die Nichtbeachtung
beinahe zerrissen hatte, nichts mehr an der Menschen Meinung. Das war
vorber. Seltsam, da ihn jemals das luftige Gebilde, welches in eines
vergnglichen Wesens Kopf ber ihn entstand, mehr aufwhlen konnte, als
das, was in irgend einem Kohltopf als Sud brodelt! War nicht sogar der
Kohltopf wichtiger, dauernder, notwendiger, als beinahe jedes Menschen
Gehirn mit der ewig bestochenen, ewig vernderlichen, ewig betrogenen
Meinung darin?

Und je gleichgltiger Johannes Faust ber der Menschen Achtung geworden
war, desto eifriger richteten sie, dichteten sie, verwunderten sie
sich. ber ihn, von ihm, von dem das ganze Reich fabelte.

Lngst galt er in Wittenberg als der lebendige Antichrist. Als
Gegenbild des frommen, gottestapfern Luther. Luther: fleiig, einfltig
und gewhrend wie Gott, Faust lssig, gescheit und absagend wie Satan.
Das waren die beiden seelischen Enden Deutschlands.

Aber des war Johannes Faustus nicht zufrieden. Htte er stehen
bleiben knnen auf dem Jetzt seiner fnfzig Jahre, er htte dem
Teufel unbedenklich die selben Vasallendienste verbrieft, die er ihm,
ungefordert, ohnedies tat! Aber er glaubte an keinen Teufel, und die
einzige Macht, die er frchtete und inbrnstig hate, das war die Zeit.
Noch brannten seine Sinne, und je weiter er auf Erden umhergekommen
war, desto mehr erkannte er, da er immer ergriffener zu wissen
begnne, was Schnheit sei.

Er suchte keine Weisheit mehr. Nur Schnheit begehrte er noch.

Er war durch Italien gekommen und hatte die antiken Bildsulen gesehen
und Giorgiones und Tizians entblte, goldklare Frauen. Jetzt erst war
er dahin gekommen, mit allen fnf Sinnen zugleich Liebe zu ergrnden!
Und jetzt rannte die Zeit vor ihm davon, wie sonst die kleinen Kinder.

Weh, wohin sind schwunden alle meine Jahr!

Und was hab' ich aus diesen Jahren gemacht? Zu allem Heil Gottes: was
hab' ich aus ihnen gemacht!

Irgendein gestrtes Fhlen weckte den Doktor aus seinen aufjammernden
Gedanken, -- er fuhr herum. Die Tre hinter ihm ging zgernd auf, dann
stand, leichenbla vor Erregung, Bertel Stainer, der Student, in der
Tre. Er war entsetzt, da der unheimliche Doktor, so muschenleise er
die Pforte zur Bibliothek geffnet hatte, seine grauen Augen geradezu
nach ihr hinbohrte, ehe sie aufgegangen sein konnte und er blieb stehen
wie ein Kind, dem bel wird.

Ich hab' Euch gefhlt, sagte Faust. Kommt immer heran. Was wollt
Ihr?

Der Ton seiner Stimme war ruhig und traurig; beinahe gerhrt. Da gewann
der Student einen mchtigen Mut, strzte zu Fausto hin und wollte sich
auf die Knie werfen: Der Doktor wehrte es ab.

Doktor, Doktor Johannes Fauste, rief er dem Manne, der eben selber so
hilflos mit dem Leben abgerechnet hatte, zu: Ihr allein auf der ganzen
weiten Erden knnt mir helfen und mich glcklich machen!




Es weilte damals auch das absonderlich schne Mdchen in Salzburg,
welches eine weitschichtige Base zu Bertel Stainern war. Sie hie
Helena und war des griechischen Kaufmannes Tochter, der alle
Lieferungen fr die Innsbrucker Hofhaltung des seligen Kaisers Max
besorgt hatte und jetzt, als ein reicher Mann, fr Karl den Fnften und
den rmischen Knig Ferdinand Geldgeschfte trug. Zu der war an jenem
Tag, sehr geistesabwesend, der junge Stainer gekommen und frug nach dem
Vater. Dann, als Helena dem Vetter gesagt hatte, da der zum rmischen
Knige gefahren wre, lie er sich niedersinken.

Ich wollte auch gar nicht nach dem Oheim fragen.

Was fhrt dich also her, Vetter? sagte das Mdchen beunruhigt.

Ich war beim Doktor Faust.

Beim Zauberer? fragte das Mdchen
erschrocken.

Ja.

Gott und die heilige Jungfrau behte dich!

Dieser beiden bedarf ich nicht mehr.

Bertel, Bertel, was sagst du da!?

So! Sagt ich was?

Was ist geschehen mit dir?

Ich wei nicht mehr. Mir ist, als wr ich aus einer Ohnmacht
aufgewacht und htte mich nun nur so hergeschleppt.

Hat er dir was getan? Hat er dir was angezaubert?

Ich wei nichts mehr; nichts. Alles ist vergessen, bis auf den
Augenblick, da ich eintrat. Er hatte seine tiefen, grauen Augen in die
Tre gebohrt und sagte: 'Ich wei, da du kommst.' -- Ich, zu seinen
Knien hin: 'Fauste hilf mir, du allein kannst es!' Und von da ab wei
ich nicht ein Ding auf Erden mehr, als da ich jetzt hier bin.

Du mut ihm nie wieder begegnen, du! Wer wei, was er mit dir gemacht
hat! Du darfst ihm nie wieder begegnen!

Helena, lieber begegne ich in Ewigkeit dem Erlser Herrn Jesu Christo
nicht mehr, als da ich vom Faust lasse!

Gott segne dich und mich; aber dann mu ich zu meinem Beichtvater und
durch ihn Gott anrufen, fr dich und gegen ihn. Und zum Erzbischof
will ich den Faust verklagen gehen; Vetter!

Der Erzbischof ist derselben Sucht und Sach verfallen, wie Faust
und Paracelsus, la das nur. Es ist gut, wenn du fromm bist und
sollst ungestrt dabei verbleiben. Und es ist gut, wenn ich dem Faust
nachgeh', und du sollst mich lassen, wie ich immer auch gehen mag. Ah,
Helena, dieses Schauen! Bis in den Grund der Seelen schaut er! Und so
traurig schaut er, wie der Engel Luzifer, da er sich von Gott lossagen
gemut; weil er nit anders gekunnt. -- Wie ich!

Dem schnen Mdchen erzuckte leise das Herz. Traurig? sagte sie. Ich
hab viel tolle und bermtige Ding erhrt von ihm; aber von seiner
Trauer redst erst du.

Ich kann nichts, als an ihn denken.

So erzhl mir von ihm. Man hrt so viel ble Sachen. Es tt mir wohl,
besser ber ihn denken zu knnen.

O, das war frher, rief der Student eifrig. Da hat ers gar schlimm
getrieben und viel rgernis und Feindschaft angestiftet. Aber nun ist
er still und weich worden; berhmt sich auch gar nicht mehr seiner
Knste. Dafr geht sein Lob aus der geachtetsten Leute Mund umher!
Der Philipp von Hutten nennt ihn einen Gesandten hherer Mchte, einen
tiefstudierten Weisen! Der groe Schulmann Camerarius sagt: 'Was redet
ihr ber den Fausto? Geh einer hin und suche er aller Weisheit Spuren
und Grnd' so feuriglich nach, wie der Faust, so will ich nur mehr
unbedeckten Haupts vor ihm stahn!' Das sind Zeugniss' unserer ersten
Mnner, Helena; und sind die frischesten und letzten. Alles andere ist
alte Feindschaft und altes Gered'!

Wie sieht er aus? fragte Helena. Und dieselbe Frage, die dem Stainer
an seinen Kommilitonen klein und nichtig erschienen war, gewann jetzt
ein blhendes Leben fr ihn. Er malte das vergrmte, tiefverstudierte
Wesen des seltenen Mannes; seine ewig anders schauenden, elementar
launenhaften Augen, die Brde seiner Schultern, das dstere Schwarz und
Rot seiner Kleidung, und wie die Halskrause den gramvoll nachdenklichen
Kopf ber alldem wie vereinzelt, abgetrennt, ja enthauptet erscheinen
liee. Man sieht zuletzt nur mehr dies Haupt auf weier Schssel
liegen und allein fr sich leben: dies Denkerhaupt, das der Weisheiten
letzte Grenzen berstiegen und Gott selber zu durchschauen sich
vermessen hat.

Das schne Mdchen sa unbeweglich im Erker. Das sdliche Blut ihres
Vater machte ihre Wangen niemals rter werden, als es der braune
Elfenbeinton ihrer Haut zulie. Nur ihre Haare ringelten und rollten
sich wie deutsches Mrchengold ber der Blsse ferner, wrmerer Zonen.
Ihre braunen Augen schauten ins Weite. Seltsame Mr! Da das alles
wirklich war? Da es solch einen Menschen gab, der entweder der erste
und hchste unter den Sterblichen, oder ihr verworfenster war! Und wer
wollte sagen, ob dies, ob jenes! Man wute nur, eines der beiden Enden
der Menschheit war er!




Aber das war es, was Doktor Johann Faustus zu dem verzauberten
Studenten gesagt hatte, soeben; -- und ihm dann Vergessenheit aufgelegt:

Du bist mit Wissen und Willen, ja aus gar groer Sehnsucht zu Einem
gekommen, der schon mehr in der Sag und Phantasei der Menschen lebet,
denn da er selber wre. Ist dir nicht, als wr das ein Traum?

Du bist durch eine Magie, die dir selber unerklrbar ist, hingezogen
zu einem, der sich, hellwissend, dem Zerstrer dieser Gotteserden
verschrieben hat und begehrst Anteil am Reich des Versinkens. Dir ist
selber so, da dem nicht in Wahrheit so wre; -- sondern all das ist
ein Traum.

Es war einmal eine mchtig groe Insel im Ozean, der heute noch ihren
Namen trgt; hie Atlantis. Ein Prophet war dort, hie Gatamura. Der
erkannte zu Recht, da dort Land und Leut am lngsten gelebt haben
sollten und lie Wasser ein in einen feuerspeiend' Berg, so nach unten
barst. Und das ganze Land versank mit Mann und Maus in einer einzigen
Nacht. Ich aber, mit jedem Morgen, den ich erwach, sag: 'Hilf mir
zu dir und deiner Weisheit, Gatamura! Auf da ich alles Land, drauf
Menschen leben, versenk' in Feuer und Wasser.' -- Zu diesem bist du
gekommen. Faustus hei ich mich und das bedeutet: der Glckliche. Und
bist zu einem Glcklichen gekommen, der Tag und Nacht nichts anderes
sinnt, als wie er untergehen knnt zusammen mit dem erbrmlichen
Gezcht, das ein Gott angeblasen haben soll, ist aber jmmerlicher als
jede Katzenart und vertilgenswert wie Geschmei und Ungeziefer, anders
steht die Sach nit. Das alles ist wunderlich und ist ein banger Traum;
nit?

Immerzu sah Johannes Faustus dem Studentlein in die Augen, welche
zusehends grer wurden und zuletzt ins Endlose zu schauen begannen.
Und bei diesem letzten, ermunternden Worte: Nit? sagte der Student
mit ferner Stimme: Ja.

Willst du weitertrumen?

Ja.

Dann hr' und tu's in den Grund deiner Seelen. Es gibt nur zwei Arten
von Mensch. Die einen wollen aus sich fort und weiter, wie sie's
nennen. Die andern wollen zu sich selber. Jeden magst du prfen, immer
ist er nur das eine oder das andere. Die zu sich selber wollen, die
kriegen nur Tchter oder Shn', so des Lebens ganz unkrftig sein;
aber in ihnen selbsten wohnt eine unersttliche Gier, zu leben. All
ihre Vorfahren, Edelleut, Geldraffer, Bauern, Soldaten, Taglhner
und Bettler, die wollen noch einmal zusammengeballt in diesem einen
Menschlein auflodern, wie eine goldene Flamm und alles auf eine Karten
setzen, alls auf einen Zug austrinken, und wenns ein arm bucklet
Mnnlein wr, das sie sich ausersehen haben fr ihr angesammeltes
Begehr! Du bist so einer, ein Letzter; und mit dir wird die Pflanzen
deines Geschlechts abdrren, gleich wie sie mit dem heiligen
Franz abgedrrt ist oder hinter dem Aufblhen der hundertjhrigen
Aloepflanzen. Ist all eines und Heiliger und Wstling sind nur zwei
Strophen im Madrigal, das den Kehrreim hat: 'Verbrennen will ich vor
Gier nach Ewigkeit!'

Ich halt dich nit, Sympert Stainer; du selber mut dich an mich
halten, als wie wenn du gar nit anders kunntest. Ich halt dich nit; ich
warn dich und vermahn dich ganz ernsthaftiglich! Wer bisher mit mir hat
gehn wollen, der ist immer noch vorzeitig abgefallen vom ganz groen
Weg des Vernichtungsengels und hat sich selber einen jmmerlichen,
unreifen Schlu gemacht. Ich leb' immer noch, obwohl mich alle weghaben
wollen. In Kreuznach hat mich der Sickingen schon hinausgeschmissen, da
war ich noch ein junger Lecker; hab mich zum Lehrer bestellen lassen
und meinen Buben gesagt: 'Es ist nichts mit Welt und Gott und Menschen;
werdet die Letzten eures Blutes.' Da sein die einen ihren Eltern
aufsssig worden, die andern zu den Soldaten geloffen, die dritten zur
Bierbank. Das war meine Frucht und Schul: Keiner hats ausgehalten;
waren alle doch nur Menschen, die anderswohin dirigiert waren, als zu
sich selber hin.

Ich hab's damals noch nit verstehen mgen; hab' gemeint, alle wren
wie ich selber und kennten kein ander Begehr, als tief in ihr eigen
Blut versinken! Dann aber hat sich mein zweiter Famulus erhenket,
wie Judas, nachdem er den Wittenberger Pfaffen verraten, was ich ihn
gelehret. Lange Zeit hab ich keinen Famulum mehr haben mgen und hab
einen schwarzen Hund mit meiner Kunst Seel und allerlei Geheimnis
eingeblasen, so da die Leut vermeinten, es wr ein hllischer Diener.
Den Hund hab' ich verkaufen mssen; -- bin ja mein Lebtag ein armer
Schlucker gewest. Hie Prstigiar, der Hund und ein Abte zu Halberstadt
hat mir ihn abgeschwtzt. Der war mein allergetreuester Famulus. Sodann
kam der Christoph Wagner, der annoch zu Wittenberg sitzt und meine
alchymistischen Proben instand hlt und nacharbeitet. Der hat sich
verhurt und versoffen. Und so sind alle Menschen, die mir anhingen
immer blo die jmmerlichen, die ganz kleinen und geringen Abweg'
des Teufels gegangen und ihrer keiner den groen und stolzen Weg bis
zum Krieg gegen Gott. Das sollst du wissen und innerlich darber
nachtrumen, damit du dich frchtest und nimmer zu mir kommst, wenn
dein Begehren halb wr. Dreimal mtest du selber so zu mir kommen,
ehe denn ich dich annhme. Dann aber will ich es aufrichtig mit dir
halten und gemeinsame Arbeit tun mit dir, dir auch die Augen ffnen
fr die letzten Tiefen, vor denen Faustus und Infaustus gleich sind.
Jetzt aber erhol dich langsam deines Traumes und in whrenden Gehen von
hier erwach du immer mehr und geh zu dem liebsten Wesen, das du sonst
auf Erden magst haben und schtt ihr dein Herze aus. Von mir hast du
alles vergessen auer meiner groen Schwermut; da Gott diese Erden so
jammervoll migeschaffen hat am sechsten Tag. Das sollst du behalten
und nichts anderes fr heut. Geh, mein Sohn.

So und nicht anders hatte der Gewaltige die Phantasien des jungen
Menschen vorzubereiten begonnen, dessen angstvoll bittende Kinderaugen
ihm wohlgefallen hatten, wie seit Jahren keine andern. Denn wenn
Faust auch das Menschengezchte im ganzen hate und nichts anderes
sann, als wie er dem Gott diese miratene Art wieder abschneiden und
gnzlich zunichte machen knnte, so lie sich doch sein Wesen immer
wieder, einzelweise, zu ein wenig Liebe und Herzlichkeit heraus,
wie er denn auch stets der beste Herzbruder und Zechgesell seiner
Freunde war und niemals einem untreu. Sondern er tat mit herzlichster
Gutmtigkeit jedem, was er ihm nur an den Augen absehen konnte und hat
wohl niemandem, den er lieb gewonnen, jemals eine Bitte abgeschlagen.
Daher er auch niemals zu sonderlichem Vermgen gelangt war, ein paar
kostbare Geschenke von frstlichen Kleinodien abgerechnet, die er
irgendwo bei einer alten Muhme im Breisgau verwahrte, damit er sie
nicht auch wegschenke, bte ihn jemand darum.

Als aber der gebannte Junge weggegangen war, wie ein ganz Versponnener
und Faust ihm mitleidig nachgeblickt, fielen seine Augen, die ermdet
waren von dem vielen Ausstrmen der Willens- und Lebenskrfte, wieder
auf das alte Bulied: Ow, war sint verswunden --

Und mit einem schweren Seufzer sank der alternde Mann in den
verbrunten Lederstuhl und grbelte: Ein End', nur endlich ein End'
fr mich und alle, die da seit onen gefoppt und geqult durch den
kurzen Sonnenschein kriechen mssen und stets ganz andere onen lang
weiter den Lscheimer zum Sehnsuchtsbrande von Hand zu Hand reichen
werden mssen, bis die Erde kalt geworden ist wie eine Geliebte, die
uns verachten gelernt. Und stumpfe, gekrmmte Tiere werden sogar dann
noch eine Weile frierend beieinander hocken, gleich mir, der jetzt
schon fr alle gebeugt ist und fr alle frstelt!

Das war eine Lebensstunde des alternden Doktors Faust gewesen.




Aber sein Leben bestand nicht mehr wie ehedem aus Tollheiten,
Zechgelagen, Gaukeleien und Schabernack. Immer mehr trieb ihn das
Bewutsein des Wegsickerns seiner Tage zur Tat, zu seiner alleinigen
Tat, fr die niemand auer ihm prdestiniert war, vielleicht seit
Anbeginn der Schpfung, -- auer dem zornigen Priester und Magier
Gatamura, den ihm einstmals, in entrcktem Zustande, sein zweites
Gesicht vorgewafelt hatte und an dessen schauerliche Tat er voll
geheimer Hinneigung glaubte.

Darum war er nach Salzburg gekommen.

Es lebten hier zwei Menschen, deren er zu einem Plane bedurfte, welcher
immer magischer in ihm Gewalt gewann. Paracelsus war der eine; der
andere aber war der Frstbischof selber, gelehrter Mineralog und
aller geheimen Gnge und Schichtungen des Gesteines im bayrischen,
salzburgischen und tirolischen Hochgebirge kundig. Faust brauchte den
groen Alchemisten und er mute die Kenntniss' ber alle Bergadern
besitzen, ehe er gro werden und aufflammen lie, was als geheimes
Feuerlein in ihm glhte.

Es war die Stunde, zu welcher Paracelsus in die bischfliche Bibliothek
kommen sollte, um ungestrt mit Faust ber die geheimen Versuche
beider zu reden. Faust fhlte auch jetzt, da etwas Zhes und ihm
Widerstrebendes gegen ihn herschlich. Das war Paracelsus, der die
Treppen hinanstieg, voll Widerwillen gegen den, fr ihn zu Unrecht
berhmten Alleswisser.

Dennoch: Faust hatte ihm da eine wundervolle Entdeckung gebracht,
die auch den Alchymisten in hohe Gunst beim Kirchenfrsten setzen
mute. Es war ein Sprengmittel, vieltausendmal frchterlicher als
Pulver und griechisches Feuer zusammen, von dem ihm der Doktor die
Mitteilung gemacht hatte. Es blieb wohl noch das Schwierigste fr den
immer bekmmerten Laboranten zu suchen brig, das hatte Faust von
sich geschoben und ihm aufgetragen. Jenes Vernichtungsl hatte schon
in Ingolstadt einen forschungsgierigen Studenten zerrissen. Den Faust
htte es auch zweimal Leib und Leben gekostet, wenn er nicht seiner
Sicherheit sehr gewrtig gewesen wre und Christoph Wagner in Rimlich
bei Wittenberg, der ebenfalls fr den Doktor die gefhrlichen Proben
weiter besorgte, ging nur langsam und mit uerstem Mitrauen an die
gefhrlichen Versuche. Da sollte Philipp von Hohenheim, der Paracelsus,
das Bad ausgieen und das frchterliche Mittel zhmen! Ein stiller
Grimm mochte darum im Innern des groen Forschers kochen, aber Faust
hatte ihn gebunden; es konnte dem bettelarmen Arzte und Goldmacher
mehr eintragen, als der vergeblich gesuchte Stein der Weisen. Der
ewig von den aufwieglerischen Bauern bedrohte Frstbischof, dem die
neue Lehre bereits wrgend nach der Kehle griff, bedurfte einer
Zuchtrute, so gewaltig wie das Flammenschwert eines Cherubs, um sich
das widerborstige Volk zu zwingen.

Wenn die Bischflichen von ihrer Feste zu Hohensalzburg, bei der
ersten, sich bietenden Gelegenheit eines neuen Bauernaufstandes, nur
zwei oder drei Bomben mit jenem entsetzlichen Gewaltl unter die
Knollfinken geschleudert hatten, damit war Friede gemacht. -- Dort oben
dann lachten sie wie Gtter, und unten wimmerte das zertretene Gewrm.
Wenn die beiden Gelehrten dem Bischof alle Macht gesichert hatten, --
im Himmel und auf Erden; dann hatte der alternde Theophrastus Nahrung
fr seine letzten Tage. Mochte es denn sein.

Er trat zu Faust in die Bcherstube ein, mit seinem behutsam zgernden
Schritte; forschende, traurige Augen auf den Schwarzroten gerichtet.

Ich freu mich, zu sehen, da das Teufelsl Euch nicht hat zu Leibe
gehen knnen, sagte Faust sphend.

Wenn mans in reinen Gefen erzeugt und gnzlich verschlossen bewahrt,
dann hlts eine Weil; niemals gar zu lange. Weh dem aber, ders mit l
oder Terpentin, auch Fett oder Harn zusammentuen wollt! Da zerreit
die kleinste Prob ein Stck Welt ringsumher. Sogar Staub darf nicht
drankommen!

Das ist bse, sagte Faust nachdenklich. Fette und Urin knnte man
fernhalten und alles was Harz heit. Aber Staub?

Ihr sollt gleich zum Bischof kommen, sagte Theophrastus. Er hat aus
Kanonengut eine Bomben gieen lassen, grer als der dickste Krbis
und mit einem winzigen Schraubengang in die Mitten hinein, wie Ihr
vorgeschlagen habt, so da man ein einziges Trpfl des les hineingehen
lassen und alles dann bis auen mit einer langen Schrauben zuschlieen
kann.

Ist die Bomben wohl gut in die Erden verbettet? fragte Faust.

Glaubt Ihr denn, das winzige Trpfel werde soviel allerbestes und
zhestes Material auseinandertreiben knnen? erwiderte Paracelsus
verwundert.

Wenn das wr', dann knnt man ja die ganze Erden damit zerreien!

Faust blickte jhe nach dem Arzte hin, aber der stand gelassen
und vollkommen nachdenklich neben ihm. Da schwieg auch er. Aber er
rechnete: Am einundzwanzigsten Juni, da ich mit den Landsknechten
nach Italien kam im Siebenundzwanzigerjahr, da hat die Sonn' in
den berhmten Brunnen zu Sizilien dreihundertundzwei Klafter tief
hineingeschienen. Am selbigen Tage zwei Jahr nachher in Gotland --
ja ja: ich hab's ganz klar derrechnet: Die Erden hat fnftausend und
etlich hundert Meilen rundumher und fnfzig Millionen Klafter querdurch
gemessen. Ich nehm an, da die harte Rinden den zweihundertsten
Teil mag betragen, ehedenn das flssige Feuer anhebt, wie ichs bei
Neapel und Catania herausquillen hab' sehen. Der Bischof hat mir eine
Riesenbombe gieen lassen, deren Rinden darf nur ein Zweihundertteil
sein, vom Durchmesser. Dann bohr ich ein Lchl, nur ein Tausendstel so
tief wie die Rinden und tu ein staubkorngro des les daran. Zerreit
es das ganze Eisen, gut. Dann mag es auch im gleichen Verhltnis
Bergstein und Erden auseinandertun auf Nimmerwieder, wann ich das
Millionenfache in die allertiefste von allen Hhlen bring, die mir der
Bischof angedeut.




Erzbischof Ernst sa erregt zwischen den beiden Gelehrten. Seine fahle
Gesichtshaut war gertet, sein langer Bart zitterte.

Nimmer htt' ich vermeint, sagte er, da solch ein Nichts, so ein
Zehntel Trpflein, den ungeheuerlichen Erzkloben wrd' in Trmmer
zerreien. Da grauet einem! Aber jetzt gebt mir, wie Ihr versprochen
habt, das Rezept preis, Faust. Ich wills Euch ebenso lohnen, wie ich es
zugesagt. Aber niemand, auer des rmischen Knigs und des deutschen
Kaisers Majestten und wir allein, darf das Geheimnis wissen; das
schwrt Ihr mir unter Preisgab' Eures Lebens!

Faust reichte dem erregten Bischof feierlich seine Rechte hin und
begann dann:

Erstlich, wir brauchten Braunstein in groer Meng'; derselbe, den die
Glasmacher nutzen, um die schne, violene Farb' in ihre Zierglser
zu brennen und den man von dessenthalben Glasmacherseifen nennt. Mit
demselbigen legt man den Grund. Sodann bergieet man ihn mit _spiritus
salis Basilii Valentini_, langsam und bedchtlich; da kommet eine
grne Luft hervor, erschrecklich stickig und stinkig, darein kein Wesen
vermcht' zu atmen. Ein bissel nur daran gerochen und man vergibt sich
vor Husten. Ein halber Atemzug davon, und der strkste Mann bekmmet
einen Bluthusten, der tdlich sein kann. So ist diese grne Luft.

Es ist vielleicht dieselbe, die in der Hll' die Verdammten atmen
mgen, sagte der Bischof leicht erschaudernd. Dann raffte er sich
wieder auf: Weiter, sagte er.

Item, fuhr Faust fort, wenn diese grne Luft, die man in einer
offenen Flaschen halten kann wie Wasser, denn sie sinket schwer
zu Boden, wenn man also diese grne Luft erzeuget hat, dann
vermengt man sie mit _spiritus salis ammoniacum_, kanns aber nicht
durcheinandertreiben! Sondern alles mu langsam und unbewegt geschehen,
sonst zersprengt es sich schon _in statu nascendi_. Da wird also, von
denen beiden Hllenstnken, ein gelbes l und das ist nun dasselbige,
von welchem Eure Frstbischfliche Gnaden eben in so grausamer Weis'
ein winzig Trpflein eine Bomben zerspritzen gesehen haben, zu deren
Sprengung dreihundert Pfund Pulver vergeblich angewandt worden wren.

Wahr, das ist wahr. sagte der Erzbischof nachdenklich.

Wann mir Eure Bischfliche Gnaden nun auch in Herablassung die
seltsame Stell' angeben wollten, wo sich so viel Braunstein hat finden
lassen? Man knnt' das l ganz im Groen herstellen, alsdann.

Ich hab' Euch schon gesagt, es war fast untunlich, solchen Braunstein
zu gewinnen und zu frdern, sagte der Erzbischof. An der Stelle
im Lande Tirol, wo sich die Alpen, so aus Brennkalk bestehen, von
dem roten Porphyrstein scheiden, da haben wir goldhaltigen Quarz
eingesprengt gefunden und dabei Eure Glasmacherseif', damit wir ja
das Gold gleich herausscheiden konnten. War aber so wenig Goldes, da
es sich nicht gelohnt htte. Nun ist uns aber da ein Naturwunder kund
worden. Es mu, als Gott den Kalk und den Porphyrstein voneinander
schied, ein Ri durch die halbe Erden gegangen sein. Ja. Recht als
wie des Tempels Vorhang, da der Heiland starb, scheinet da die Erden
auseinandergerissen. Es hat sich besagte Kluft dann zum Teil wohl
wieder angefllet, denn nur ein enger Schlurf fhrt dort in die
grausame Tiefe, und ist eben jenes Braunsteines eine ungeheure Meng'
ins Bodenlose gerollt; denn je weiter unten, desto mehr haben unsere
Knappen, die sich hinuntergewagt, davon gefunden. Aber das Loch geht
dermaen tief in die Erden, da sie es zuletzt vor lauter Hitz' nicht
mehr ausgehalten haben, obwohl immer noch kein Ende war. Und keine
Schnur hat den Grund abreichen knnen; dagegen ist ein Wachslicht, das
man hinabgelassen hat, gnzlich verschmolzen. Woraus mir zu schlieen
deucht, da dort, unter jener Tiefen, das ewig' und hllische Feuer
beginnen mag. Es ist diese Kluft vielleicht derselbe Eingang zur
Hllen, den der italienische Dichter Dante beschreibt. Denn er hat
weder Grund noch Ende.

Der Bischof hatte wieder das blasse und krnklich versorgte Aussehen
bekommen, das er immer zeigte, und atmete schwer und mde. Fr heute
mags genug sein, Ihr lieben Herrn, sagte er.

Halten mir Eure Bischfliche Gnaden noch eine Frage zugute: 'Kennt man
jene Stell' im Lande Tirol an irgendeinem uerlichen Zeichen?'

Es steht die erste italienische Zypressen dort, wenn man vom Grat
gegen Waidbruck herzukmmet; aber sie ist ein ganz verkmmert Bumel
und vielleicht gar schon erfroren.

Und damit gab der Bischof den beiden Mnnern Urlaub und segnete sie.

Faust atmete schwer.

Wozu gebrauchet Ihr den Braunstein in so ungeheuerlichen Mengen?
fragte Paracelsus verwundert. Mit ein paar Dutzend Pfund ist dem
Bischof und dem Kaiser geholfen.

Mich hat blo jene erstaunliche Sag' vom Eingang in die Unterwelt mit
Neugier erfllt und die wollt ich bei solcher Gelegenheit erfahren.

Ihr wollet doch nicht am Ende Gott versuchen und dort in frevelhaftem
Vorwitz einfahren? rief Paracelsus.

Glaubt der Mann, der gesagt hat, das ganze Leben wr nichts als ein
alchymischer Proze, denn an einen persnlichen Gott? Und an eine
greifbar materielle Hll'? fragte Faust erstaunt.

Ich habe berall ein unerbittlich getreues Gesetz gefunden, wohin ich
geforschet und was immer ich ergrndet hab'. Und wo ein unerbittlich
Gesetz stehet, da stehet darob ein unerbittlicher Richter. Mag Gott
immerhin gnzlich anders sich formieren, als Pfaffen und Laien in ihrer
Einfalt sich darstellen, =er ist da=, sagte der Arzt feierlich und
nahm sein Barett ab.

Es trstet mich sehr, das zu wissen und von einem so abgrndig
studierten Mann dazu; das ist mir wichtiger und glaublicher, als alle
alten Bcher aus dumpfer Zeit. Wenn man einmal Fehde angesagt hat, dann
wrs doch gar zu lcherlich, wenn man zuletzt erfahren mt, da mans
gegen leere Luft und blauen Pfaffendunst getan.

Fehde gegen Gott, Herr Kollega?

Fehde gegen Gott, sagte Faust leise, aber nachdrcklich. Und als
sich Paracelsus verfrbte und ein Kreuz schlug, schlo er mit den
Worten: Wenn sich der schnste der Engel ehedem gegen seinen Schpfer
aufstemmte, wie drft' es nicht ein innerlich zerrissener und uerlich
buckliger Mensch?

Armer, armer Fauste, sagte Paracelsus mit tiefem Ernst. Ich hab'
Euch fr meinen Nebenbuhler gehalten im Wissen und Erforschen, auch fr
einen unehrlichen, der nichts ernst nimmt und dem alles blo geschenkt
wre ohne ehrenhafte, heie Arbeit. Jetzt mt ich froh sein, wenn ich
Euch fr einen armen Narren halten drft'.

Ein Narre vielleicht, Herr Doktor. Arm sicherlich, Herr Doktor. Und
dennoch tauschet ich mein wildes Herz nicht mit dem Weisesten und
Zufriedensten. Und nun gehabt Euch wohl, mein guter Herr.




Wer die tiefe Frmmigkeit der Zeiten Eckharts und Taulers bedenkt und,
hernach wieder, die hauptschlich von der Gesellschaft Jesu entzndete
heie Religionsglut spterer Zeiten, der glaubt nicht, wie lsterlich
frech und frei um die Humanistenzeit herum die Menschen zu jenem
Himmel sahen, den ihnen Luther mit seiner ehrlichen Kinderglubigkeit
noch nicht gerettet hatte. Etwa: Der Maler der sesten Madonnen und
Heiligen, Perugino, spottete ber Glaube und Ewigkeit, whrend er seine
Kirchenbilder malte und sagte (wenn er um ein holdselig frommes Antlitz
einen Heiligenschein zog): Ja, meine Freunde, mit diesem Leben ist
alles zu Ende. Es ist ein dummer Zufall, da diese und keine andern
Tiere entstanden sind, und es ist ein schmerzlicher Zufall, der mir
durchaus nicht gefllt und sehr unvernnftig ist, da wir Menschen
darauf gekommen sind, es gbe Gesetze, es gbe Vernunft und es gbe
einen unausweichlichen Tod. Das Tier hat eine dumpfe Angst; dennoch
aber lebt es, whrend es dahingrast, immer mitten in der Ewigkeit. Nur
wir Menschen grbeln, klagen an und mchten unsere Gescheitheit einem
Gotte geben, der von ihr nicht das mindeste an sich hat.

Solcher Reden hrte das beginnende Cinquecento gar viele. Die Knste
blhten, die Farben prahlten, das Leben schien eine Freude, die
Erkenntnisse wurden immer weiter, schauender, -- und die Herzen
verzweifelten.

Nur, weil Luther glaubte, glaubten auch die Sdlnder wieder, besserten
die Form, und echte, tiefe Gottesinbrunst wohnte vorher vielleicht nur
in den lawinennahen Bauernhtten des Hochgebirges; in den Husern der
Gelehrten und Knstler war sie selten. Da wohnte groes Sehnen nach
dem alten Heidentum; so gro, da sogar die immer gottesbedrftigen
Frauen fter vom Phbos Apollon trumten, als von den Verzckungen des
heiligen Franz.

Helena Chrysoloras!

Ihr Ahnherr war der erste Grieche, der in lateinischem Gebiete seine
gttliche Muttersprache lehrte und der einen ganzen Duftstrom der
Veilchen und des Honigs von Eleusis mit nach Italien brachte. Helena.
-- uerlich von jener aberglubischen Frmmigkeit, welche niemals
die Formen der Religion zu durchbrechen wagt und mit einem heidnischen
Herzen in christlichen Kirchen tiefgebeugt das Weihwasser nimmt,
hatte sie in ihrem Innern den glhenden Lebensdurst der Alten aus den
dionysisch frohen Zeiten, ehe noch die Stoa geboren war. Genau so war
auch ihr Ahnherr geartet gewesen. Als er dann whrend des Konziles
in Konstanz dahinstarb, verblieb sein Blut im deutschen Norden. Die
Chrysoloras waren zuerst Doktoren, dann Apotheker, kamen von da zum
Handel mit Gewrzen und Drogen, dann zur Seefahrt und damit zum
Reichtum, und der letzte Chrysoloras war bereits so geldmchtig, da
Karl der Fnfte und Ferdinand, der rmische Knig, manchmal bei ihm das
erborgen muten, was die Fugger und die Welser nicht geben wollten oder
konnten. Niemals aber hatten sie vergessen, da ihr Ahnherr der erste
Grieche Westeuropas gewesen war, und es gab keinen Humanisten, der
nicht, auf der Reise vom Norden nach Italien oder zurck, der verehrten
Dynastie, welcher man Homer wiederzuverdanken hatte, seine Reverenz
machte. Die sa in Innsbruck wie ein Frstengeschlecht. Helena wute um
ihr griechisches Blut und las -- soviel ihr Mdchenwissen erlaubte --
mit heiem Begehren die alten Sagen und Gedichte. Sie ging zur Messe,
ja. Aber sie gedachte mit brennendem Herzen der alten Gtter, der alten
Heiterkeit, der alten Schnheit.

Vielleicht eben darum war es, da ihr bislang keiner der neuen,
jungen Herrn gefallen hatte. Sie liebte, im Geheimsten, zu weit und
zu hoch hinaus, als da ihr ein Ritter, und war es Herr von Hutten
oder Sickingen selber gewesen, die antike Pracht verblassen machen
gekonnt htte. Allen Bewerbungen zum Trotz war sie, zwar sehnlich aber
unberhrt, voll jener achtungsvollen Neugier geblieben, die das Herz
bereitmacht.

Jetzt mute ihr der Vetter aus Tirol alle Tage vom seltsamen, vom
schmerzzerissenen, kleinen, ergrauenden Manne erzhlen, von dem so
beklemmende Nachricht ging.

Wenn sie ihn von ferne sah, dann frstelte ihr vor Angst; aber sie
dachte Tag und Nacht an ihn und wnschte sich, so recht vom Herzen
fromm und gottesglubig sein zu knnen, um den herzbrechend Unerlsten
zu erlsen; und war es mit ihrem Blute.

Es war doch der Eine und Einzigste unter allen Menschen; er kam und
ging wie ein lebendiger banger Traum durch ihr Sinnen.

Der Faust.

Johannes Faustus, der sich dem Widersacher Gottes verschrieben hatte,
der die Geister der alten, griechischen Geschichte wieder zu dmmerndem
Minutenleben rckgerufen hatte und der die Wundmale dorten trug, wo
Satan sie trgt: im Herzen.

Das lie ihr keine Ruhe und sie sagte eines Tages, nach vielen schweren
Seufzern, weil sie sich lange Zeit nicht berwinden konnte, ein
Bekenntnis an den jungen Vetter zu opfern:

Ich wei nicht, was ich gb, wenn ich den Doktor Faustus nahe sehen
und ihm ein paar Fragen stellen knnte. Es drckt mich so viel, und er
allein kann mir Antwort geben.

Da erschrak der junge Student sehr, denn abermals fhlte er, wie er
die seltsam schne Base gern htte, die, wie er, Leib und Seel' zu
verlieren bereit war, um guter Kundschaft zu den berirdischen willen.
Es drckte ihm jetzt das Herz ab, wie er bedachte, da dieses schne
Geschpf auch verstrickt und verfallen sein knnte; -- ewiglich.

Er sagte ihr also: Tu's nicht, Helena. Begehr' alles andere von mir
als das, sogar, da ich dich einem Andern zufhren mte ... was mir
gewilich vorkme, als mt' ich mein Herz aus dem Leibe geben. Ich
knnt' es dir nicht abschlagen. Aber zu dem Fausto sollst du niemals
gehen.

Da sagte sie ihm: Du willst wohl allein wissen, was kein Irdischer
sonst erfhrt?

Ja, erwidert er ihr, aber nicht aus evahafter und loser Neugierd'.

Damit machte er sie bse und sie weinte sehr, wollte sich auch von ihm
auf keine Art trsten lassen, bis er ihr doch endlich zusagte, es mit
dem Doktor zu versuchen.




Da war nun ein Tag des Septembers zur Zeit der Duldt. Der gehabte
sich so schn, da alles Volk auf die Wiesen vor die Stadttore
hinausgezogen wurde. Sehr geschwind entstanden dort auch kleine Buden
und Laubhtten, wo allerlei Ergtzung getrieben wurde. Da geschah
es denn, da der Doktor Faustus mit anderen ins Grne kam und viel
zwischen den Buden auf und abging, auch einen Zauberer, der Schlangen
bndigen konnte, damit verschreckte und in die Enge trieb, da ihm die
Schlangen immer ungebrdiger wurden und bermaen zu wachsen schienen,
bis zu Lindwurmgre, sobald nur der Doktor vorberging. Die Leute
erlebten's, da der Zauberer dem Faust zu Fen fiel und klglich
fragte, was er ihm denn getan htte, weil er, sein Diener, und ein Wurm
gegen ihn, solchen Unfug erleiden mte? Da sagte ihm Faust: Du mut
alles mit frommer Seele machen, oder mit einem ganz groen Ha. Um
Geld und zeitlichen Vorteil aber sollst und darfst es du, und andere,
niemals wagen!

Da erwiderte ihm der Schlangenbeschwrer: Ja, Herr Doktor, aber Ihr
dienet doch auch Gott nicht so, wie es die Schrift und die Kirche
will. Da sah ihn Faust so drohend an, da der andere augenblicklich
wieder bittend auf den Knien hinrutschte und sagte: Aber dem Andern.

Faust dachte eine Weile nach, ob er ihn jetzt strafen sollte, da kam
das Enkelkind des Manuel Chrysoloras daher und war so schn, da er
ganz irre ward und seinen Ingrimm augenblicks verga. Er sagte aber
noch folgendes zu dem Zauberer: Du hltst mir vor, ich tue nicht, was
eine Kirche vorschreibt, die sehr viel jnger und unerfahrener ist,
als meine Studien. Ich knnte dir zeigen, wie man alle Wunder Christi
an einem Tag wiederholt, doch ich sag dir: Wenn ich auch mehr als er
vermcht, und Herr ber jede Krankheit und jeden Tod wre, und wenn
ich die ganze Erden beherrschte und htte des Hasses nicht, so wre ich
ein armer Betrger wie du.

Und lie ihn stehen und ging.

Das aber hatte Helena Chrysoloras gehrt und zupfte ihren Vettern.
Der rief sogleich: Doktor, Doktor Fauste! Wenn Ihr mich schon gar
nicht mehr erkennen wollt, so ist doch mein Bslein wert, da Ihr eine
artige Minute an uns beide wendet. Da blieb Faust stehen und alle
merkten, da der beschriene Mann zaghaft wurde. Der, ber den alle sich
erschreckten, gab nun selber in seinen Augen nichts anderes zu lesen,
als Schreck und Staunen.

Es ging aber Helena Chrysoloras ganz bescheiden zu ihm, so, als merkte
sie seine Verwirrung nicht und fate ihn bittend an der Hand und sagte:
Doktor, ich habe eine Frage des Gewissens an Euch: Es ist eine Zeit,
da zerspaltet sich jetzt die arme christliche Religion und wir erleben
Wiedertufer und Protestanten und viele andere Sektierer, whrend die
ganze brige groe Erde noch so viel andere Wege zu Gott hat. Wer hat
recht? Die Juden, welche unermdlich in ihrem harten Gotte verharren?
Oder die Christen? Oder gar die Heiden, von denen ich als Griechin
reichliche Kundschaft wei?

Da verneigte sich Faust bescheidentlich vor dem schnen Mdchen und
sagte ihr leise, so da es nur hren konnten, die ganz zunchst standen:

Mein Frulein. Die christliche Religion hat nur Worte. Merket wohl,
sie nennt sich 'das Wort'; aber es sind viele Worte. Nichts anderes.
Die jdische wre ein Edelstein: schn, durchsichtig, unzerstrbar
hart. Hatte also auch einmal Leben im Status der Kristallwerdung, ist
aber seither erstarret fr ewiglich. Die heidnische Religion aber lebt,
denn sie besteht aus Krutern. 'Sucht sie euch aus,' sagte Gott, als
er sie schuf. Es sind giftige Kruter darunter, und ganz nutzlose, und
Arzneien, und wieder solche, die bestehen aus lauter Schnheit. Mag man
auch von ihnen eines oder Tausende vernichten; sie sind immer wieder
da, leben ewig, und eher rottet ihr den Menschen aus, als da sie sich
nicht wieder auch auf einer gnzlich verbrannten Erden neu ansiedelten!
Bald hold, bald lstig, immer so unschuldig aber, -- mit Gott und dem
Teufel in sich, -- wie Kinder. Versteht Ihr mich, Frulein?

Sie sagte: Ja, Doktor, ich verstehe Euch, neigte den Kopf und lie
ihn vorber, fast wie einen Knig.

Er aber ging schnellen Schrittes von der Festwiese hinweg und verbat
sich von Jeglichem, da er ihm folgte. Auch den Stainer wies er hinweg,
aber mit viel milderer Stimme und freundlicheren Augen, als alle andern.

Wie sie nun wieder allein waren, sagte Helena Chrysoloras zu ihrem
Vetter: Warum geht diesem Manne nicht nach, was Seele hat auf Erden?
Da er doch so weit und tief blicken mu? Und warum hat er nichts als
Zechgesellen, so da man ihm nachsagt: 'An seinen Frchten mgt ihr
ihn erkennen.' Ich habe argen Verdacht, da nicht er an seinem Umgang
schuld ist, sondern da ihm jeder Umgang bisher zu geringe sein mute
und die Menschen schuldig daran sind, da er an ihnen verzweifelt und
nichts anderes wei, als mit ihnen trinken!

Da erwiderte ihr der junge Mensch: Helena, wenn wir zwei ihn so recht
herzlich umgeben knnten? Vielleicht, da er uns alle seine Weisheit
geben knnte, wir beide mit ihm aber zu Gott zurckfinden mchten?

Sie sagte: Du bist ein liebes Kind und es ist dir das jetzt von einem
guten Engel eingegeben worden, was du gesagt hast.




Von diesem Tage an redeten die beiden Geschwisterkinder nichts anderes,
als nur mehr vom Doktor Faust. Den ganzen Tag saen sie zusammen und
fabelten von ihm, und gewannen und verwarfen viele Plne: wie mchten
sie ihm nherkommen?

Zuletzt fate sich, als die Kunde ging, Faust mte zum Kaiser und zum
Knige nach Passau hinweg, der Student ein Herz und lief zum andernmale
hin zum Doktor der schwarzen Magie. Der wohnte damals, als Gast des
Bischofs nach seinem eigenen Wunsch droben in der Festung und hatte,
gegen die bayrische Ebene zu, ein Stblein hoch in den Mauern. Da sah
er alle Abend die vergehende Sonne an und ihm war das recht. Wenn sie
unterging, dann blickte er von seinen chaldischen Studien auf, die er
seit einiger Zeit, mehr aus Sehnsucht nach den Erinnerungen an junge
Tage, denn aus Hoffnung, noch irgendein neues Ding darin entdecken zu
drfen, weitertrieb.

Um Sonnenuntergang kam immer ein kleiner Vogel an sein Fenstergitter,
setzte sich an den Nagelfluhbord des Turmes und zwitscherte. Dann sah
ihn Faust an und sagte: Um solcher Kreatur willen knnt ich meine Hand
abziehen von der Vernichtung. Aber auch fr euch kleine Ding wr' es
besser, ihr schlieft ein, als da ihr euer Herzlein unter den Griffen
des Sperbers zum letztenmal klopfen fhlt. Und =wie= klopfen fhlet!

Um eine solche ergriffene Stunde, da Faust gerade Feierabend machte und
ins Unbestimmte verwoben war, klopfte Sympert Stainer zum andernmale an
die Tre Doktor Faustens und der rief: Immer zu!

Diesmal war der junge Student schon mutiger als damals, da es aussah,
da, wenn man ihn gestochen htte, er keinen Tropfen Blutes herzugeben
vermchte. Aber das Herz schlug ihm dennoch so verklemmt und zerpret,
da er nicht wute, wie es verbergen. Er frchtete auch, der Magus
wrde ihn abermals auf solche Weise ansehen, da er, obwohl lebendig,
dennoch dabei wie tot wre. Oft hatte er daran gedacht und sich ber
seine Bewutlosigkeit sehr gewundert. Diesmal aber gab ihm der Doktor
ein gutes Wort und hie ihn zu sich sitzen. Er brachte auch gleich die
Rede auf jenen wunderlichen Traumzustand, in welchen er den jungen
Menschen das letztemal versetzt. Er sagte ihm einiges, ganz weniges,
von dem, was er ihm damals zu vergessen geboten, so da der Bertel
Stainer hellauf staunte. Denn nun kam ihm das alles selber, dunkel
erinnerlich, wieder.

Du siehst, mein Jung', sprach Doktor Faust, was es also mit der
menschlichen Seelen fr eine Bewandtnis haben mag! Die Seelen ist von
Gott, ist sein Mitding, gehrt zu ihm und in ihn hinein. Wird sie aber
allein und ohne den Krper gelassen, so verlieret sie sogleich all'
das, was wir Menschen Witz und Vernunft nennen. Woraus du dir zur Lehr'
magst dienen lassen, da Gott weder witzig noch vernnftig ist, sondern
es ergeht ihm wie einem Schwindligen, der im Schlafe wandelt. Wo der
Wache sich zerstrzen wrde, dort gehet er sicherer seinen Weg, als
ein Dachkater. Die hochgepriesene Vernunft, die ist was Zugeflogenes
und er, aller Dinge Lebensentzcker, kennt von solchem Firlefanz gar
nichts. Aber er macht die Sterne kreisen, da auch nicht einer dem
andern in Weg kommt. Soviel von Gott, mein Jung'. Und wenn ich ihm
abgeschworen hab', so ist es darum, weil er die Vernunft hat aufkommen
lassen. Will sagen, das verlogenste aller Tiere, den Menschen. Er
selber ist der Vernunft ganz unmchtig: Zurck zu Gott kann nur, wer
sie ihm hinschmeit und sagt: 'Abba, Vater, hab mich gern und ich dank
dirs einen Dreck.'

Der junge Sympert wollte sich bei dieser Lsterung bekreuzigen, aber
Faust sah ihn so voll entsetzlicher Ironie an, da ers unterlie.

Nun werd' ich dich wegschicken mssen, sagte Faust und stand auf.

Der junge Mensch erschrak darber so, da er sich zu Fausti Fen warf,
seine Knie umschlang und bat: Nie mehr lat mich weg, sondern seid
und bleibt mein Meister und nehmt mich als Euren Famulum an, da doch
der Wagner Christoph ferne zu Wittenberg Eure Arbeiten schlecht tut!
Ich will Euch in allem dienstreich sein und Gott abschwren, wenn Ihr
das nur fr gut haltet. So wie Ihr jetzt von ihm geredet, will's mir
scheinen, als dientet Ihr ihm besser und innerlicher als jeder Pfaffe.
Mag's also mit Euch gehen, wohin es wolle, ich fahre mit!

Stah auf, mei' Jung', sagte Faust, und er sagte dieses Wort so weich,
da er in die Mundart seiner Jugend zurckverfiel und schwbelte,
was man sonst an dem eleganten Lateiner niemals herausmerkte. Stah
auf, mei' Jung' und berleg dir's halt no emal, aber gut; geh auch
zur Beicht und erprob dich vor den Vorwrfen des Priesters. Und ob
du das Sakrament gerne nimmst. Ich sag' dir nichts als das: Wr der
Herr Erzeuger der Menschen im Recht, so tt der Mensch sich seiner
Unkeuschheit nit schme, wie denn auch das Tier sich nit schmt. Aber
das heie Wunder, dadurch der Mensch entstehet, verdammen? Lcherlich
und sndhaft machen? Wie es die _religio_ tut? Das heit, dem Erzeuger
dasselbe zurcksagen wie ich: 'Das war nit gut von dir, Vater! Und
vielleicht hast du den siebenten Tag dazu bentzet, um dich auch so
tief zu schme.'

Du siehst also, ich bin von der christlichen Askes' blo dadurch
unterschieden, da ich klar sage, was sie sich nicht zu sagen getraut.
Und wenn du mir folgen willst, so mut du den Prahlaffen, -- den
deutsch oder spanisch angekleideten, ebenso wie den mit Nasenring und
Federputz herausgeschmckten Prahlaffen hassen und an nichts anderes
denken, als wie du diese miratene Sipp' ausrotten knntest! Alle
Seelen, mitsamt deiner eigenen, mut du dem groen Pfuscher mit einem
einzigen Todesseufzer zurckgeben, damit er was Gescheiteres damit
anfang'. Denn er kann ja doch nicht davon lassen, seine Tnz' irgendwie
von neuem zu beginnen!

Wie knnte das sein? sagte Stainer in namenloser Verwunderung. Alle
Menschheit vernichten?

Des getrau' ich mich wohl noch, sagte Faust. Fr dich bleibt
heute nur das zu vermerken, da du weit, worum es mir, Johannes
Fausten, geht! Denkst du immer noch zu mir zu halten, da du weit, es
geht unweigerlich in den Tod? Denn wir mssen mitfahren, wenn alle
dahinfahren!

Dem jungen Studenten lief ein kaltes Grauen ber den ganzen Rcken
hinab. Daran mt ich mich gewhnen. Ich hab' dem Tod noch nicht in
die Augenhhlen geschaut ... Daran mt ich mich erst gewhnen ...
Aber _magna voluisse magnum_. Welch ein Mensch hat jemals Greres
unternommen, als dem Schpfer das wegzunehmen, was man die Krone seiner
Schpfung benennt? Es ist mir noch zu ungeheuer. Lasset mir Zeit und
ich will mich vielleicht dazu hinabwinden.

Nicht, weil's ungeheuer und gro und schrecklich ist, sagte Faust,
das merke du wohl. Eitelkeit darf es nicht sein, die dich, wie den
weiland Empedokles von Akragas, in den tna springen heiet! Blo damit
einer oder viele Millionen Flachkpf' durcheinander reden: 'Er war ein
Gott.' Sondern du mut dich mit einer ungeheuren Menschenverachtung
durchtrnken, die so gro ist, da du an dir selber verzweifelst und
dich mit allen, die da zechen, beten, fluchen, handeln, betrgen,
komdiantisieren, ja sogar mit denen, die lieben und verzeihen,
zusammen in ein Pulverfa schmeiest, daran ich die Lunten legen werde!

Schrecklich, schrecklich, sagte der Student. Und ich bin noch so
jung.

Das ist auch dein Fehler, sagte der Doktor. Es war auch der meinige,
und nur mit dem fnfzigsten Lebensjahr bin ich dareingekommen, zu
sagen, was ich bis dahin nur leichthin und dunkel empfand: 'Der Mensch
soll lieber garnit sein.'

Ich werd' dem Gedanken nachhngen, Herr Doktor, sagte Stainer leise
und demtig.

Tu's, aber jetzt geh' und komm mir lieber nit wieder.

Ich werd' zum drittenmal kommen, sagte Stainer mit klglichem Blick:
Denn ich kann ja doch nimmer und nimmer los von Euch.




Einer aber war in Salzburg, der verfolgte mit seinen mitrauischen
Augen nachdenklich das Tun Faustens und sah sich auch die Leute an, die
zu ihm kamen und wie sie von ihm gingen. Auch rumorte ihm das Fragen
Faustens nach der tiefen Kluft im Lande Tirol im Kopfe und immer fragte
er sich: 'Was kann der Satanus nur wollen und wlzen?'

So bemerkte der ganz erschreckend scharfe Blick des Arztes auch die
Verstrung und das innerliche Winden und Kmpfen des jungen Stainer,
der ja auch unter der Lehrkanzel des Paracelsus sa und einen glhenden
Wissensdrang verspren lie. Er wute, der Student war zweimal zu Faust
geschlichen und er wute auch von dem Zusammentreffen des Stainer und
seiner schnen Base, der griechenbltigen Helena auf der sptsommerlich
heiteren Festwiese.

Vetter und Base staken mehr denn je zusammen und schienen
gnzlich eines Herzens zu sein. Beide waren sie sichtlich auf den
zigeunerhaften, verfehmenswerten Gaukler eingeschworen!

Da kam vom Vater Chrysoloras Kunde nach Salzburg, sein Kind solle im
Gefolge des Kirchenfrsten nchster Tage gegen Braunau am Inn abreisen,
da beide Majestten, von Innsbruck her, dorthin zu Schiffe erwartet
wrden und der Kaiser sowohl wie der rmische Knig mit dem Erzbischof
in der schmalkaldischen Angelegenheit zu reden htten. Groe Aufregung
war damals in Salzburg und sogar Philipp von Hohenheim bewarb sich beim
Erzbischof um die Gunst, denen Majestten mit entgegenreisen und ihnen
aufwarten zu drfen. 'Ja,' hatte ihm der Erzbischof gesagt. 'Denn ich
nehm' auch den Doktor Faustus mit und ich will die Angelegenheit wegen
des mchtigen les, das nur wir zu verwalten und zu handhaben gesonnen
sein, gleich zur Rede und ins Reine bringen.'

So fuhren denn alle in kostbarer Ausstaffierung gegen Braunau und
erwarteten dort das kaiserliche Schiff zu rechter Stunde, denn am
Abende desselbigen Tages, da der Erzbischof ankam, landete es.

Karl der Fnfte, bla, klein, argwhnisch und schwarz, und der rmische
Knig Ferdinand, blond, heiter, lebensfroh und offenherzig, saen beide
an einem Tische. Karl mit seinem Barett bedeckt, Ferdinand bloen
Hauptes, obwohl ihn der Kaiser wiederholt bat, sich seines Vorrechtes
zu bedienen. Mir ist halt hei, sagte der natrliche Mann lachend,
und meine Ehrfurcht vor Euer Majestt bleibt, ob ich nun mein Htel
aufhab oder nit.

Ah, sagte Karl, da ist ja der berhmte und treffliche Herr der
Geister, unser Doktor Faustus!

Und er erzhlte dem Erzbischof, der die beiden Gelehrten vor den
Kaiser gebracht, lebhaft und indem er mehrmals seine Hand auf den Arm
des rmischen Knigs legte, wie um einen Bundesgenossen und Zeugen
anzurufen, wie Faust vor lngeren Jahren in Innsbruck dem Kaiser eine
galante Ovation mit seiner Kunst gebracht htte. Mitten im Winter wre
morgens im Schlafgemach des Kaisers, als der erwachte, ein reizvoller
Lustgarten erstanden, wie er im Lande Italien nicht lenzlicher blhen
htte knnen! Veilchen, Narzissen und Orangen zugleich htten geduftet
und alle kstlichen Frchte des Sdens wren zugleich, an beladen
hngenden sten, gereift. Dazu war die feinste Musik, ganz leise und
dezent, und immerzu jauchzten die Vglein ihr Frhlingsglck von den
sten. Der Kaiser verzgerte sich in seiner Verwunderung wohl ber eine
Stunde und sah den holden Zauber an; als er aber seinen Truchse und
andere Herrn vom Hofe heibeirief, auch Befehl gab, man sollte geschwind
den rmischen Knig holen, da fegte ein khles Herbstwindlein durch
den Saal, die Bltter gilbten, welkten, fielen; die kleinen Vgel
flogen fort, das Staudenwerk zerdorrte, zerfiel in Staub, und alles war
vorber, ohne da eine Spur im Saal verblieb.

Mir hat der Doktor das nit vergnnt, brummte der rmische Knig mit
lchelndem Vorwurf.

Weil ich fr Eure knigliche Majestt was anderes bewahrt hab, sagte
Faust.

Ei, das mu man hren, riefen beide hohe Herrn. Was denn?

Gold, sagte Doktor Faust.

Hochauf lauschten die Frsten, auch der von Salzburg, bei dem Worte.

Gold zum Kriegfhren, und dazu ein furchtbarliches Zerstrungsmittel,
das alle Feinde Eurer Majestten in Staub schmettern und zerreien
wird. Wegen letzterem wolleten die Majestten nur den hier anwesenden
berhmten Gelehrten und Alchymisten Theophrastum Paracelsum ab
Hohenheim fragen.

Es ist ein ganz erschreckliches und grliches Gewaltmittel, sagte
Philipp von Hohenheim, und ich vermesse mich vorauszusagen, da es
dadurch noch Ende dieses Jahres keinen Feind auf Erden mehr wider die
Majestten geben knnt'. Aber was das Gold angeht, das setzt mich doch
selber in Verwunderung. Ist doch der Doktor nicht einer von den Reichen
und da wr mir der Manuel Chrysoloras schon lieber und sicherer.

Das sagt der Goldmacher selber? rief belustigt der rmische Knig.

Das sagt der Goldmacher selber, wiederholte Paracelsus sehr ernst.
Eben, weil ich wei, da die alchymistische Kunst das gelbe Metall
zwar mit vieler Mh' erzwingen und herstellen kann, da aber die
erhaltenen Brcklein so gering sind in Ansehung der Kosten und Mittel
und Zeit, und der Gefhrdung, da solches Gold zehnfach und noch
viel teurer zu erstehen kommt, denn das von Gott geschaffene und in
ehrlicher Menschenarbeit ergrabene.

Wenn die hohen und hchsten Herrschaften mir hier unter ihrer
kaiserlichen und kniglichen Ehr' versichern wollten, was es mit dem
auf sich htte, das ich zugesagt und versprochen hab', sagte Faust,
so wollt' ich vor dem von Hohenheim, der Meister in der alchymischen
Kunst ist, wohl mein Geheimnis lften.

Das sagen wir dir bei unserem heiligen Amt und bei unserer Kronen
zu, sagte der Kaiser und legte seine Hand in jene des Knigs und des
Erzbischofs.

Nun wohl denn, so will ich zuerst davon reden, was der Paracelsus
recht gut wei; da das Geheimnis des Goldes eine ganz erschreckliche
Glut und ein Druck ohnemaen ist; -- =eines= der Geheimnisse des
Goldes, fgte er hinzu.

Paracelsus nickte.

Ferner wei sowohl der Paracelsus, als auch die hchsten Herrschaften,
zumindest mein gndiger Herr Salisburgensis, da man das lauter und
gediegen Gold zumeist am Quarzkiesel findet, an dem es hanget und aus
dem es entstand.

Das ist wieder wahr, sagte der Erzbischof.

Zum dritten ist bekannt, da man solches Gold aus dem trchtigen
Kiesel mit Zuhilfenahm' der Glasmacherseifen, oder, wie man auch sagt,
des Braunsteines scheidet.

Ah, rief der Erzbischof erratend.

Nun wei hier mein gndiger Gnner, der hochwrdigste Frst der
Kirche, da in dem Eurer rmisch kniglichen Majestt erb- und
eigengehrigen Lande Tirol eine Kluft tief in die Erden gehet; da
kmmt ein geringerer, goldhltiger Quarz neben dem Porphyr vor und
ist zusamt vielem Braunsteine in diese so erschrecklich tiefe Kluft
hinuntergestrzt, da meines gndigen Bischofs Hochwrdigkeit sogar
Zweifel ausgesprochen hat, ob sie nicht gar bis ganz nahe ans ewige und
hllische Feuer heranginge.

Ich hab' von dieser Kluft gehrt, sagte Knig Ferdinand.

Nun haben wir das Gewaltl; und knnen wir davon erzeugen so viel,
da diese Kluft unten gar ausgefllt werden knnt', da wrde, wenn
man es mit einem Fett oder Terpentin zur _explosio_ brchte, in dem
Porphyrgestein eine solche Gewalt der Pressung entstehen, da der
Quarz, der seit Anbeginn der Schpfung dort noch nie unter hnlichem
Druck gestanden hat, sich verfinge und ummodulierte und das in ihm
eingeheimnite Gold ganz und gar herausgb, untersttzt von dem
schmelzenden Braunstein.

Das knnt sein, das knnt ja sein! rief der von Salzburg, und sogar
Paracelsus nickte verwundert: Ich sag' nicht nein.

So kommet denn, beide Herrn Doktores, zu gelegener Zeit, die wir euch
wissen lassen werden, gegen Innsbruck, sagte der Kaiser und erhob
sich. Zwei solche Kpfe, der heie des Faustus und der khle des
Paracelsus, die werden's vielleicht wohl zwingen.

Ihr seid mit solcher Mitarbeiterschaft wohl zufrieden, Faust? fragte
der Erzbischof, und Faust erwiderte mit tiefer Reverenz gegen den
Paracelsus: Es ist mir eine Erleichterung und eine freudige Hoffnung
dazu! Denn mit solchem Collaboranten zur Seite =mu= es gelingen!

Jetzt lchelte sogar der schwermtige Paracelsus, der eitel und darum
leicht geschmeichelt war, und mit Ehren, wie man sie sonst nur groen
Herrn erwies, wurden die beiden Doktores entlassen. Drauen drckte der
Paracelsus dem Faust die Hand.

Ich hab' Euch in meinem Innern Unrecht getan, sagte er. Aber jetzt
bitt' ich Euch das ab, dank Euch und vermein, es werd' uns endlich
Lohn und Segen werden; beiden, auf unsere alten Tag'. Wenn das Wunder
gelingt. -- Ich bin mancher Praktiken dazu kundig und will Euren
Gedanken, nachdem wir die Stell' besehen, verbessern und ausarbeiten,
was und so gut ich's vermag.

Das wollt' ich Euch gebeten haben, hochweiser Herr Kollega, sagte
Faust und nahm Urlaub vom Arzte.




Wie leicht auszudenken ist, war bei denen Doktors in Salzburg laute und
strmische Rede und noch mehr heimlich grabender und fressender Neid ob
der Berufung der zwei Landfremden zum Kaiser und Knig. Denn keiner der
Mediziner, ja nicht einmal einer von den Theologen hatte solcher Ehre
teilhaftig werden knnen, und auer den Chrysoloras waren nur ein paar
adlige Herrn vom Domkapitel mitgefahren.

In Salzburg wachsen keine Hiobs, wohl aber sind dort viel knorriger
Fuste zu finden. Erst ging die Rede, da man den beiden Marktschreiern
mit einer Ehrenketten aus gut gedrehtem Hanf entgegenkommen mte;
jedem eine, und darber einen Stammbaum, irgendwo an der Mosstraen, wo
die Raben ohnedies immer hungrig blieben. Dann gewannen die feineren
Stimmlein aufmerksame Ohren; die spannen aus, man mte eben die zwei,
die sich ohnedas nicht recht vertragen konnten, aufeinanderhetzen
und das Geschft, welches die Doktors an ihnen vorhatten, selber
besorgen lassen. Es sollte also an beide ein Gastgebot ergehen, so,
als wenn man sie dankbar feiern wollte, da sie die Salzburger Hoch-
und Domschul und ihre Wissenschaft zu unerhrten Ehren gebracht, an
der natrlich alle Anteil htten, Doktores, Magister und Studenten.
Dann im Weindunst wrde die eine Hlfte wider die andere zu streiten
anfangen, wessen Verdienst das grere wre. Die einen wollten dem
Prahler Faust mit Honigseim ein ganzes Wonnenbad bereiten, whrend
die andern 'dem exakten und erfreulich nchternen Paracelsio' eine
Festpforte aufzuputzen gewillt waren, whrend ihnen Faust als ein
unklarer Wirbulant zu gelten hatte, dem's einmal von ungefhr gelingen
wollt, und zehn andere Mal nicht.

Es war dem auch so. Paracelsus hielt sich, immer mehr, je lter er
geworden war, an den klaren und scharfen Verstand und alles verachtete
er, je lnger desto mehr, was nicht vor der Vernunft bestehen konnte.

Faust verachtete gerade die Vernunft, welche ihm die kltesten,
schlechtesten und verchtlichsten Menschen zu erziehen schien mit
immer grerem Hohn. Er sagte, ein Arzt mit bloer Vernunft lerne es
wohl gut, Menschen zu behandeln (_id est_ betrgen), aber nimmermehr
Krankheiten! Ein Juriste werde nichts als ein heimlicher Scharfrichter,
oder, wenn er sich gar zu den Advokaten geschlagen htte, ein Schinder.
Ein Handelsmann wrde zum dreifachen Juden, weil ihm dann die
Frmmigkeit zur Wohlttigkeit und Dankbarkeit des Juden fehlte. Und
ein Kriegsmann oder gar ein Frst? Wohin der mit allzu groer Vernunft
hinkme, das htte man ja sattsamlich am Vater und Sohn Borgia in
Italien erlebt.

Die dem Faust nun nher standen, erkannten, da er sich seines groen
Wissens sehr wohl zu bedienen wute, aber oft nur zu Betrgereien;
weil er die Menschen gerne prellte und weil er sie im ganzen hate.
Nicht aus Gewinnsucht. War er aber mit sich allein, so versenkte er
sich ins Unbewute und versuchte zu sein wie ein Kind, das in der
Dmmerstunde mit furchtsamen Ahnungen und Phantasien spielt. In der
von ihm immer ausgesprochenen berzeugung, da die hchste Kraft alles
nur mit der Unfehlbarkeit der Ahnung tue, kam er so vom Wege exakter
Forschung immer weiter ab und berlie sich den kstlichen Aufregungen
der Geisterwelt, der Magie und ihren schauerlichen Strmungen; wohl
bewut, da sie auch ihre Wirbel und Unterstrmungen hat, in welchen
der beste Schwimmer alle Gewalt verliert und hinabgezogen wird. So
spielte er sein lebelang mit dem ungeheuerlichen Sinnenkitzel (der dem
Menschen von der Vorsehung gegeben ist, damit er lebe und sich seines
Lebens wehre), mit der Todesangst. Das greuliche Spiel damit war ihm so
sehr zum Bedrfnis geworden, da ihm Liebe und Wollust nur als schale
Nebenreize erschienen, 'gut genug fr junge Buben, die noch keine
Ahnung von den Kstlichkeiten des Seilgehens ber dem Todesabgrund
haben.'

Seinem Famulus Wagner gab er die gewagtesten Experimente auf; denn
wie ihm selber wenig daran lag, frher oder spter dabei zerrissen
zu werden, so lag ihm auch an dem Leben eines lasterhaften, jungen
Leckers nichts. Wagner hatte Auftrag, alles in Fausti Namen zu tun;
er kaufte sogar, abends in der Dmmerung, in einem falschen Barte
ein, welcher dem des Doktors tuschend nachgemacht war, trug seine
Schaube und sahe des ftern hhnisch, als Doktor Faustus, zum Fenster
hinaus, wenn die Stadtguardi von Wittenberg vorberzog. Faust war
aus dem Wittenbergischen bei Leibes- und Lebensstrafe verwiesen;
aber keiner von den Soldaten und Hauptleuten der Guardi htte sich
verwunden, den schauerlichen Doktor dort oben auszuheben. Zudem mu
noch hinzugefgt werden, da man dem Faust nicht nur nachsagte, er
knnte sich mit Hilfe des hllischen Geistes in wenigen Stunden durch
die Luft ber ganz Deutschland hinwegheben, sondern er war auch des
Geheimnisses bewut, sich doppelgngerisch umzutun. Sogar Wagner hatte
sich mehrmals entsetzt, weil er manchmal, heimkehrend, ber seinen
beim Zechen vergessenen Arbeiten und Laborationen den Doktor Faust
ruspernd, kopfwackelnd und hstelnd drbergebeugt gefunden hatte,
welche Erscheinung ihn sogar einmal scharf und traurig angesehen, immer
aber auf Anruf in Nichts zerronnen war.

Darber ging in Wittenberg viel Gerede und die Theologen um Luthern
herum waren die eifrigsten, welche solche Geschichten austrugen, statt
da sie das Blendwerk verachtet und damit zu Nichts gemacht htten.

Es mu dies erzhlt sein, um das Verwunderliche zu begreifen, da
Faust auch die Anschlge der Salzburger Doktors ahnte. (Oder wute,
wie mans haben will.) Die einen sagten, er htte einen kleinen Geist
in einem Kristall eingebannt bei sich, der ihm, durch ein Sieb
hindurch, vorzitterte, was im selben Augenblick da oder dort geschhe,
von wo immer Faust Kundschaft haben wollte. Der Doktor selber hatte
davon geredet, wie es mit jenen Bildern im Sieb genau so wre, als
ob heie Luft ber einem Schornstein oder ber sommerlichen Feldern
zittere, so da alles, was dahinter geschhe, fortwhrend hin und her-
und ineinander rnne; auch wre es schon eine groe Aufregung und
Herzensangst, also bis in die Sphren der niederen Geister zu sehen und
zu vernehmen; wollte man jedoch in jene der befreiteren aufsteigen,
dann habe man jeden Augenblick zu gewrtigen, vor namenlosem Entsetzen
tot hinzufallen.

So viel von jenem Siebdrehen und dem gebannten Geistlein im Kristall.
Und genug, Faust =wute=; ob aus Schwarzkunst, ob aus Schlauheit, ob
aus Ahnungskraft? Er trumte auch in Nchten, wenn zuvor Intriguen
gegen ihn gerichtet und groer Ha aufgelaufen war, ungemein hart und
qualvoll davon. Faust also wute, was die Salzburger Doktors vorhatten
und berlegte, ob er sich mit dem Paracelsus gegen sie, oder mit ihnen
gegen den Paracelsus zusammenschlagen sollte, um eine der Parteien zu
schdigen.

Das also war, was der Doktor Faust auf der Rckreise von Braunau nach
Salzburg wlzte und plante. Nun auch zum Paracelsus.

Der berlegte lange und klglich, was der Faust von der Goldmacherei im
Groen gesagt hatte. Er, Paracelsus, war trotz allem Forschen niemals
zum gerechten und klaren System der Goldbereitung gekommen, sondern ihm
war, gerade bei aller alten, rezeptuellen Systematik, beinahe immer
milungen, auch nur das kleinste Prbchen Edelmetall zu erzwingen.
Dagegen waren ihm bei ganz wilden und zufallsreichen Versuchen sowohl
Lsungen geraten, aus denen allerfeinstes, graugrnes Goldpulver sich
niedergeschlagen hatte, ja manchmal war ihm sogar im Feuer die gelbe
Sndenmutter der Menschheit entgegengeschmolzen. Wie der Faust gesagt
hatte, nur unter groer Hitze und bei gewaltiger Pressung gediehe das
Ding, war das auch ihm stetiglich aufgefallen. Aber nun berlegte er,
da unter ihnen beiden denn doch er, Paracelsus, der weitaus klarere
Kopf wre. Wenn es irgendwo in der Natur und ihren Welten etwas zu
erforschen und dann zu formulieren gbe, da war der Faust weithin
nicht zu gebrauchen! Der erschauerte. Seine Ahnungen entstanden, wenn
der Geist ihn anpackte, so wie ein Nordlicht entsteht. Alles war ihm
unbewut geschenkt; -- nichts war erworben.

Sonderbar auch: wenn der Faust dmonisch wurde und Sprche tat, als
wren sie von einem hheren Geiste gesagt, so da der Paracelsus
selber aufstaunen mute und ausrief: Ja, ja! dann sah er's oft, da
des kleinen Magiers ergrauendes Haar sich gestrubt hatte, wie das
eines Hundes, der sich entsetzlich frchtet. Oder wie das Haar eines
Katzenfelles, das man mit einem Bernstein- oder Glasstabe berfhrt.
Irgend eine Kraft wohnte im Fausto; aber es war weder eine bewute,
noch eine logisch verfolgte. In Summa, der Faust konnte kaum ganz oder
auch nur halb hinter jenes ewig gaukelnde und sich verhtende System
geraten sein, wie man das rote Gold erzwingt!

Freilich, ein Nachdenkenswertes hatte der groe Zufall, da die Natur
an jener Stelle Glasmacherseife und goldhaltigen Quarz (obgleich
Porphyrquarz sonst nie Gold zu erzeugen schien) in solch engem
Hhlenschrund zusammengestrzt hatte. Es war vielleicht nur ein khner,
verwegener Einfall Faustens, auf Grad und Ungrad das zu bentzen und
ungeheuer viel von dem l zu erzeugen, welches aus nichts anderm, als
aus dem Unatembaren der Luft und aus dem Scharfen des Salzes bestand,
wie Paracelsus festgestellt zu haben glaubte. --

Und der Gelehrte mit den schwermtigen und argwhnischen Augen
grbelte, ob da nur eine groartige Alfanzerei des Faust, oder eine
dmonische Ahnung riesigen Gelingens, oder gar ein aufgetanes Wissen
dahinterstecken knnte ...

Es war ihm doch ein gar zu abenteuerliches Unternehmen. Gro genug,
um Kaiser und Reich, zunebst tausend Mann Bergknappen, die einen in
schwere Unkosten, und die andern auer Atem zu setzen! So da es, wenn
es milang, dem Fausto einen flittervergoldeten Alchymistengalgen
eintragen kunnt!

Und er wollte und wagte es dennoch. -- Seltsam.




Nun waren alle wieder in Salzburg auer dem Faust.

Helena Chrysoloras hatte den Doktor auf der ganzen Reise nicht
gesehen, weil sie gesondert und von Sympert begleitet in einer Snfte
reiste. Aber sie hatte den ganzen Tag mit dem Vetter von ihm getrumt.
Besonders, nachdem sie von der (beim Kaiser Karl, dem schweigsamen und
zurckhaltenden Spanier ganz ungewhnlichen) Ehrung erfahren hatte,
welche dem Doktor zuteil geworden war: Da Kaiser, Knig, Erzbischof
und die beiden Gelehrten eine ganz geheime und sogar bngliche
Besprechung miteinander gehabt htten; denn alle fnfe waren aus dem
Zimmer, im Gasthof zum schwarzen Lamm in Braunau, vllig bla und
mit allem Anschein einer tiefen Erregung herausgekommen, ohne da es
schien, als htten sie sich berworfen. Sondern alle schienen eines
einzigen Sinnes und Planes voll zu sein.

Niemand aber, auch nicht der vielmchtige Chrysoloras, konnte sagen
oder erfahren, um was solche Rede gegangen sein mochte.

Das fuhr dem verwhnten Griechentchterlein nur noch mehr in Herz und
Phantasie. Sie fhlte sich jetzt berechtigt, den bisher fr unheimlich
gehaltenen, bermchtigen Einflu des Doktors auf ihr ganzes Sinnen
eher reizvoll zu finden. Da doch die beiden mchtigsten Hupter der
Christenheit ihm erlegen zu sein schienen!

Es kam noch ein berraschendes Ereignis hinzu. Faust hatte seine
Rckreise verndert, da er, statt nach Salzburg, zuerst in das
Berchtesgadener Land und von da durch den Pa Lueg nach Hallein
gefahren war, wo er von den Bergknappen mglichst viele Vorteile in
der Gesteinsbohrung, im Eintrieb von Stollen und Schchten, in der
Sprengarbeit und anderen Praktiken mehr zu erfahren suchte. Er gewann
dabei viel, so da er sich mehrere Tage in den Bergwerken verzgerte
und nicht wute, da inzwischen eine verwunderliche und schreckliche
Kundschaft nach Salzburg gedrungen war, eine Nachricht, die ihn selber
schon in Braunau antreffen gekonnt htte.

Aus Wittenberg war Nachricht gekommen, da der vermaledeite Doktor
Johann Georg Faustus, nachdem er, obwohl landesverwiesen, mit Hilfe
seiner Zauberei immer wieder bslich und zuflei dahin, als in den
gelobten und frommen Bannkreis Luthers, zurckgekehrt wre, endlich
dort im Dorfe Rimlich sein verdientes Schicksal gefunden, allen
Anscheines nach vom Teufel geholt und dabei vom Bsen nchtlicherweile
unter erschrecklichem Lrm von einer Wand an die andere geschmissen
worden sei. Das zerspritzte Hirn wre bis an die Zimmerdecke
hinangeklebt; der vllig zerbrochene und schlotternde Krper aber zum
Fenster hinausgeschleudert und auf einem Misthaufen liegend gefunden
worden. Womit eine ehrliche Christenheit, endlich, ein sptes aber
um so abschreckenderes Zeugnis erhalten htte, wohin arg zauberische
Hinterlisten zum Beschlusse fhren mgen, hie es.

Dem Faust wurde die Nachricht ins Halleiner Bergwerk gebracht, wohin
ein Schler des Paracelsus gekommen war, der bei seinem Anblick fast
zum Tode erstarrt wre. Wie denn der Doktor lebe?! Da er doch, durch
seine Schwarzkunst, krzlich erst gegen Wittenberg entrckt und dort
seinem Schicksal in die Fnge geraten wre?

Faust schwieg lange Zeit und blieb unergrndlich, worber sich der
Scholar nur noch mehr entsetzte; denn da der Doktor nicht widersprach,
sondern blo zu erschrecken und dann tief nachdenklich zu werden
schien, so kam das dem Mediziner, der sehr aberglubisch war vor, als
htte der Faust zwei Leben. Und nun wre erst einmal sein Doppelgnger
von ihm gewichen und htte den einen Tod erleiden mssen ....

Der Schreck und der nachfolgende tiefe und schweigende Ernst des
Doktors kam aber daher, weil er nun fr sicher wute, da sein Famulus
Christoph Wagner bei einem Versuch in Stcke gerissen worden sei.

Wie er es denn fr sich selber auch nicht anders versehen htte.

Nun war sein letzter Mitarbeiter dahin. Freilich nicht sein
Mitwisser. Denn dem Zechbruder und Weiberlufer Wagner konnte man
so groschauerliche Ding', wie Faust sie in der Seele barg, nicht
enthllen.

Jetzt also wute niemand mehr um jene Satansgewalt, als die drei
Frsten, die es wegen seiner tdlichen und nur ihm bekannten Launen im
_statu nascendi_, -- niemals aus eigenem herzustellen vermocht htten,
-- und der Paracelsus. Im Grunde also blo mehr einer auer ihm.

Ob nicht dieser Eine schon zuviel war, nachdem er das seine getan
und entdeckt, da man das Hllenl zhmen oder ihm zum mindesten die
Reizmittel vorenthalten knnte, die es sich jederzeit zum Anlasse nahm,
um aufzufliegen?

Ich, ich werde nicht allein dahingehen, wie Wagner, murmelte damals
Faust vor sich hin. Stattlich Gefolge will ich bei meiner Himmelfahrt
haben; -- aber der Paracelsus wird mein Vorlufer sein mssen.

In Salzburg gab es heftiges Hin und Wider bei der Wittenberger
Nachricht. Die einen sagten, da man fr gewi wisse, Faust wolle und
knne nicht gegen Wittenberg gefahren sein. Die Gegenpartei erinnerte,
da es nur zu bekannt wre, wie Faust einmal seine Freunde in Erfurt
ber Nacht besucht habe, da alle Welt ihn in Prag beim Kaiser wute,
und in derselbigen Nacht wre er wieder gegen Prag zurckgefahren,
ehe der Hahn sich zu regen begann. Darum hatte er sich damals Martini
ausgesucht, wo die Nchte sehr lang werden. Nicht, um lngere Fahrzeit,
sondern um lngere Zechzeit zu haben! Er sei gewilich nach Wittenberg
weggezckt worden; ob durch eigene Zauberei oder durch die Macht des
Bsen, der ihn dort erwartete?

Dem widersetzte sich aber der zurckgekehrte Paracelsus mit vielem
Hohn, schuf sich dadurch nur um so mehr Feinde, aber erreichte mit
seinen khl abschtzenden Worten wenigstens, da weder der junge
Sympert Stainer noch die Chrysoloras in Verzweiflung kamen, sondern
eher zuversichtlich blieben.

Zum erst namenlosen Entsetzen der Salzburger ritt der Doktor, den man
von Freilassing oder sonst woher aus dem Nordosten erwartet htte, an
der Salzach zum Tor am Stein, also auf dem entgegengesetzten Ende,
gelassen, und nur um einiges ernster und schweigsamer, wieder in die
Stadt ein, und es war bald ein solches Laufen, Starren und zuletzt
Zurufen von Volk und begeisterten tollgewordenen Studenten um ihn,
da die Gegenpartei schon zu schreien begann, das Volk bereite ihm ja
beinah einen Palmsonntag.

Es schien auch verwunderlich. Gerade die katholischen Studenten und ihr
Anhang schienen am meisten ber die gesunde Rckkehr des totgeschrienen
Zauberers zu jubeln. Daran, da sie alle Ursach' hatten, ber die ins
Leere gegangenen moralischen Folgerungen der Wittenberger Lutheraner zu
lachen, dachte niemand. Faust wute, was er von all diesem Hosiannah
zu halten htte und verzog kaum eine Miene; wie er denn in letzter
Zeit immer unergriffener dreinzuschauen sich angewhnt hatte. Er war
so ferne von der Welt, vom Leben und seinen Eitelkeiten abgekommen,
da es, bei dem ehedem so leidenschaftlichen Betonen seiner selber,
kaum glaublich schien. Nur, wer ahnte, da er seiner ungeheuerlichen
Selbstbehauptung einen grausigen Schlupunkt plante, nur wer wute, da
er sich im Geheimen auf den herzzerreienden Jammerruf: 'O weh, wohin
sind schwunden alle meine Jahr',' eine berlebensgroe Antwort gesetzt
hatte, der begriff die Starrgewordenheit dieser Zge. Die schien
sonst auf Erden niemand zu haben als, auer Faust, -- nur mehr der
Kaiser. Derselbe erkenntnisreiche Kaiser, in dessen Reich die Sonne und
die Niedertracht nicht unterging. Karl der Fnfte war vielleicht der
Einzige, der alles so sehr berkostet hatte und ebenso weltmde war,
wie Faustus.

Nur, da Karl noch seinen Gott hatte, -- als Allerletztes.




Faust zog am Gasthof zum Stein vorber, wo Paracelsus, durch das Lrmen
angelockt, aus seinem Fenster schaute und grimmig lchelnd nickte. Der
Zauberer ritt ber die Salzachbrcke, immer mehr umdrngt vom Volk
und kam in die Getreidegasse, wo das Tosen die Hhe erreichte. Die
Studenten wollten ihn mit Gewalt auf die Hoch- und Domschule bringen
und jetzt erst begann sich Faust etwas unruhig auf seinem Klepper
umzusehen, wie er der gar so groen und entzckenden Liebe des ihm
verhaten Menschengeschmeies entrinnen mchte.

Da sah er aus dem Fenster eines Hauses die Griechin, welche mit
dem Namen auch den Ruhm des schnsten Weibes der alten Heidensage
trug. Ehe er einen fragenden Blick hinauftun konnte, ob er sich
unterwinden drfe, dort oben bei der Dame Schutz zu suchen vor den
Begeisterungsstrmen einer Rasse, an welcher alles tierisch dumm und
verblendet ist auer ihrer Verlogenheit, ehe er also seine dster und
trotzig gebliebenen Augen nur um ein weniges erhob, weil er fhlte,
hier wurden sie schchtern und knabenhaft, da breitete die Chrysoloras
auch schon beide Arme aus und rief hinunter: Fauste, mein Doktor, komm
herauf!

Jetzt wagten die Lrmbuben freilich nicht, dem immer rtselhafter
werdenden Manne zu folgen.

Da: erst berieten sich Kaiser, Knig und Frst insgeheim, in ehrender
Form, mit ihm. Sodann mute ihn der Teufel zu Wittenberg in eigener
Person holen, und nun schrie das stolzeste und von allen nur aus
scheuer Ferne angeglhte Mdel ihn mit ausgebreiteten Armen an:
'Fauste, mein Doktor, komm zu mir!'

Wenn =der= nicht hexen konnte -- -- --?

Droben aber ging ihm das Mdchen, welches jetzt schon verschchtert
war, entgegen, fate seine beiden Hnde und sagte: Ich wute ja, da
Ihr unmglich zu sterben vermchtet, ehe --

Ehe? sagte Faust nicht ohne leichten Schreck.

Ehe Ihr nicht das Grte vollbringt, was jemals ein Mensch getan,
fuhr Helena ganz betreten fort, als sie seine weitauf prfenden Augen
sah.

Ihr ahnt? Und grt mich dennoch so? fragte Faust in einer
Erschtterung, die ihm selber unerklrlich bers Herze rann. Da neigte
sich das stolze und schne junge Weib ber seine beiden Hnde, die sie
immer noch umklammert hielt und kte sie.

Stainer starrte ihn, wortlos geworden, an. Nein, da war kein
Siegeslcheln eines glcklichen Verfhrers. Er aber litt nur um so
mehr, weil er seine Base liebte; liebte mit aller Inbrnstigkeit des
Leibes und der Seele, die nichts anderes begehrt, als den Tod oder den
milden Ton der einen, trstenden Stimme.

Faust, ohne einen Zug in seinem traurigen Antlitz zu verndern, trat,
etwas vorsichtig und zgernd, ans Fenster, aus dem er, in gebhrender
Ferne, ruhig wartend auf die unten turbulierende Menge hinuntersah,
nicht anders, als wie ein geruhiger Mann, der auf das Ablaufen
schmutzigen Wassers bei einer berschwemmung wartet. Wohl blickte er
einmal nach den beiden mit entschuldigender Geste zurck. Einmal,
dann noch einmal. Sonst tat er nichts, was einer Verbindlichkeit oder
Werbung fr die schne Jungfrau gleichgesehen htte.

Helena sah nach dem Seltsamen hin. Ihre Augen schwammen in unwirklichen
Trumen.

Es war groe Stille im braunverblkten Zimmer, und drei Herzen
klopften, jedes in ganz anderem Schlage. Das eine zuckte in Verachtung
und Hohn; zugleich in Sorge, es knnte ein neuer Fallstrick Gottes um
sein Herz sich ringeln. Das Jungenherz ergrimmte sich in namenlosem
Trotz und Weh, weil es, zwischen dem Meister und der Seele aller
Seelen, eine unreine Verbindung frchtete. Helena war verzaubert und
liebte. Sie liebte mit jener wunderbaren Verseeltheit, die niemals ein
Mann verstehen kann.

Manchmal hatte auch der Faust ber hnliches gegrbelt: Es heit, das
Weib wre die Materie und der Mann die Erlsung und Abkehr? Und dennoch
begehrt der Mann stets den Krper, das beste Weib aber immer jenes, was
man mit dem Wunderworte 'Wesen' ausdrckt.

Nie sehnt sich ein unberhrtes Weib nach rasender Umarmung anders, als
um, gegen ihr reines, eigenes Gefhl, zu beweisen, da es, liebend,
auch erdulden kann.

Kein schner Junge wird das jemals verstehen und ergrnden.

Helena Chrysoloras sah nicht die sorgenhohen Schultern des ungroen
und dennoch so groen Mannes und sah nicht seine ergrauenden Haare
und seine umfurchten Augen. Sie sah nur seine Verachtung, seine
Vergrmtheit und seine riesengroe Ferne von allem; -- auch von Gott.
-- Und von ihr selber.

Und so liebte sie ihn.




Es geht also nicht anders; man mu die zwei Unheimlichen gegeneinander
hetzen, hie es bei den rzten und Professoren. Es wird, je lnger,
desto wilder in Salzburg! Faustens rauschender Einzug, sein kaltes
Gesicht, das auf unsagbaren Hochmut schlieen lie, sein eisiger Hohn
ber die falsche Wittenberger Todeskunde und die Enttuschung der
Kollegen brachten alle auf.

Aber, wenn ihm einer in der Stadt an den Kragen konnte, dann war es der
Paracelsus, der in den Knsten Fausti ebensowohl erfahren sein mute
wie jener. Und wenn einer an den Adepten und Arzt herankonnte, so war
es Faust allein.

Wie oft schon hatte man einen braven Italiener bezahlt, der dem Arzte,
welcher oft nchtlich einsam wandelte, eine abfertigende Coltellada
versetzen sollte. Immer aber waren Dolch oder Messer an dem Gefeiten
zerbrochen oder hatten sich krummgebogen. Kugeln, die aus sicherer
Entfernung nach ihm geschickt worden waren, prallten an ihm ab und
jaulten pfeifend in die Luft empor, als wren sie an einen Felsen
angefahren. Sie fielen dann wohl gar zu Fen des erschrockenen
Schtzen nieder, der sich heilig verschwor, niemals wieder auf den
Adepten zu zielen. Denn ein andermal konnte das viel unheimlicher
ausgehen! Man hatte nacheinander zwei, vom erzbischflichen Gericht
zum Tode verurteilte Steinbockschtzen, heimlich, unter der Bedingung
freigelassen, da sie mit ihrem unfehlbaren Stutzen dem Paracelsus
auflauerten. Da geschah es, da Paracelsus dem einen gebot, wieder in
die Haft zurckzukehren, wo ihn der sichere Tod erwartete. Und der
verzweifelte Kerl, welcher wute, da er auf eines Hirsches Rcken
geschmiedet in die Wlder gejagt und so elendiglich zerrissen werden
wrde, stelzte am andern grauen Morgen steif wie eine Maschinenpuppe
vor die Schranne und sagte wie aus einem Traum heraus: Ich bin der
Andr Rabenaltl, der dem Erzbischof die Steinbck weggeschossen hat und
auf Leib und Leben gefangen sitzen mu.

Worauf ihm, wegen seines sonderbaren Ausbruches, gar noch der Proze
wegen Zauberei gemacht wurde und er an einem Pflock erwrgt und dann
verbrannt wurde. So wenig war gegen den Paracelsus auszurichten.

Auch gegen Stein und Bein war der Adept gefeit; die Wrfe der
geschicktesten Buben hatten ihn zwar getroffen, aber ohne Wirkung,
als htte man Wasser nach ihm gespritzt. Einem aber war dabei der Arm
lahm geworden und das bel hatte sich lange Zeit nachher erst gegeben.
Seither warf kein Straenjunge mehr einen Stein nach dem Philipp aus
Hohenheim.

Ein namenloser Zorn und eine aberglubische Angst whlte also in den
Widersachern und oft sehr rohen und dummen Mitbewerbern des Paracelsus
um rztliche oder alchymische Kunst. Aber erst jetzt, nach drei Jahren
ohnmchtigen Grimmes, schien die Stunde gekommen.

Beide Mnner waren gewaltig eitel und prahlerisch gewesen: das nun
mute unter dem Einflu des Weines wieder angefacht werden. Dann konnte
man sie gegeneinander stellen.

Dazu kam noch ein Bses.

Faust und Paracelsus waren einmal am Abend zusammen, und, noch gnzlich
in Frieden, aus dem Laboratorium des Arztes gegangen, wo ihnen Sympert
Stainer assistieren gedurft hatte. Aber die beiden Mnner hatten bei
der ungeheuren Hitze des spten Septembertages erst Salzburger Bier,
dann eisgekhlten Klaret getrunken und waren jetzt scharf und reizbar
geworden.

So kam es zu einem Wortwechsel, den der Schler zu belauschen vermochte.

Ihr kommt ja doch nicht weiter, hatte Faust rgerlich gesagt, weil
sich das Geheimmittel wieder einmal mit furchtbarer Heftigkeit zersetzt
hatte, ohne da jemand an die Phiole gerhrt htte, die im Felsenkeller
am Stein zur Beobachtung stand. Der ganze Felsen war nchtens von der
Explosion bis hoch hinauf an den Franziskanerberg aufgerissen worden,
obwohl nur ganz wenige Quentchen des Satanles dort verwahrt gewesen
waren.

Ja mein Gelahrtester, hatte drauf Paracelsus erwidert: Jahrelang,
wie Malvasier, und in einem Fakeller, lt sich das Salzstickl (er
nannte es so) nicht bewahren und wenn Ihr etwan vermessentlich meint,
unseres Herrgotts Erdkugel damit auseinander zu treiben, dann hat's
noch gute Weg' damit!

Es war ein Glck, da der scheue Arzt dabei mignstig abseits und zu
Boden schauen mute, als ngste er sich selber ber die Wirkung dieses
Wortes; denn Faust war aschengrau geworden ber das ganze Gesicht. So
angreifend war dieses pltzliche Entfrben, da der junge Scholar, in
jhem Erkennen und Entsetzen, alles erriet und selber gelb wie Kse
wurde, als er Faustens Verfrbung bemerkte, die ja schnell wich.

Aber in die Wangen des jungen Menschen kam lange Zeit keine Farbe
wieder, Faust selber bemerkte das recht wohl.

Ruhig sagte er: Ich hoff' auch, die Welt erst zu meinem seligen
oder unseligen End' auseinander zu sprengen. Und da das recht weit
hinausgeschoben sein mg', des werd' ich mich gar wohl zu versichern
trachten.

Ich wei nit, murmelte Paracelsus, wie lang Euer Kontrakt mit dem
Unterirdischen reicht.

Faust tat, als hrte er nicht, reichte aber dem Arzte, beim Abschied,
zum ersten Male nicht die Hand hin. Ein langer Blick aus den
schwermtigen und argwhnischen Augen des Paracelsus begleitete ihn,
als er schied.

Stainer blieb zurck und hoffte begierig, da der Adept nun eine oder
die andere uerung ber Faust und sein gruliches Vorhaben machen
sollte. Aber Paracelsus lachte kurz und ganz sonderbar verlegen, sandte
den jungen Menschen auch gleich in aufflliger Hast von sich fort.
Stainer wute nicht, wie ihn die Fe zu seiner ruhigen Base trugen,
bei der alle Herzensnot und Angst sich fr ihn sonst immer zu lsen
pflegten.

Faust aber ging in sein Quartier auf die Bischofsfeste hinauf, langsam
und absichtlich zgernd, damit die Sonne untergehen und Stern auf Stern
am verdunkelnden Firmament sich entznden knnte.

Er beobachtete ihren Gang, er sphte, wie erst die groen, dann die
mittleren Sterne sich sichtbar machten, dann stellte er mehrmals das
Astrolabium prfend ein, schrieb einige Zeichen nieder, schttelte
wieder den Kopf, wurde ungehalten, als ihm ein Diener das Abendmahl
bringen wollte und wies es gnzlich zurck. Dann blieb er in die
emportauchende Nacht hinein auf der obersten Plattform des Reckturmes
und sphte dem Zug und der Drehung der Gestirne nach. Immer wieder
blickte er nach Osten, wo neue Sternscharen emporkamen, nickte den
untergehenden nach und besah die, sich heutigen Tages nahenden, mit
Aufmerksamkeit. Als dann die Mitternacht von den vielen Kirchentrmen
der Bischofsstadt, mit dem eigentmlich feuchten und verschwimmenden
Ton der Salzburger Glocken, zu schlagen anhub, stellte er das Horoskop
des Philipp von Hohenheim, genannt Aureolus Theophrastus Bombastus
Paracelsus.

Dann versank er bis in den Morgen hinein in Berechnungen, schrak
pltzlich zusammen und rief leise empor: Dann mu es bald sein
oder nie! Wenn er nur im Eintritt der Herbst- Tag- und Nachtgleiche
angreifbar ist, so knnt' ich ein Jahr verlieren! Hastig bltterte er
noch in einem Kalender, den er selber angefertigt hatte und sagte dann
mit bestimmtem und drohendem Tone: Heute noch!




Senkrecht ber der Vorstadt Mlln am Felsen lag, vor die Brgerwehr
geklebt, auf einer kleinen Bastion das Wirtsgrtlein zum Lindwurm. Dort
zechten heute, wegen der wunderbar fhnigen und lauen Septembernacht,
die Doktoren und hatten alle schon rote Kpfe. Das war nicht gut,
obwohl es ihnen Witz und Mut zu allerlei Hetz- und Neckreden machte.
Denn der Doktor Faustus, der in Heidelberg, in Kln und Ingolstadt
die ltesten Rauf- und Zechhelden unter der deutschen Studentenschaft
bis zur bergabe und Schandbarkeit niedergetrunken hatte, sa immer
noch unbewegten Gesichtes unter den Herren, die immerfort ihre beiden
Gste durcheinander rhmten und feierten, und bei dem vielen Zutrinken
selber mehr Geschmack am ausgezeichneten Weine bekommen hatten, als an
der Hetze und an ihrer Rache. Nur ein paar stillere, blasse und kleine
Beobachter mahnten immerzu, behutsam, zur Vorsicht und zur Tat.

Jovial zurckgelehnt versicherten die strkeren Mnner aber
fortwhrend, es habe noch lange nicht angefangen und der Spa mchte
sich doch nur hinziehen. Bald wrden ja der Paracelsus und der Faust
rote Kpfe wider einander bekommen und dann gehe das groe Hahnenspiel
an.

Den mcht ich sehen, der wider den hochberhmten Faustum irgend eine
Kunst der Erden wt, sie gegen ihn zu verwenden, rief ein kleiner,
magerer Herr mit groer Begeisterung. Es haben einmal vier Zauberer
seine Berechnungen mit List zu stren versucht und der Doktor hat sie
gewarnet; es wr einer im Zimmer, der ihm dawider wre, er mcht davon
ablassen, sonst erging es ihm bel! So gutmtig erwies sich unser
Doktor gegen seinen Widersacher. Aber der andere schlugs in den Wind.
Da ist es sehr bel ausgefallen fr jenen!

Ja, sagte Doktor Faust. Er war sehr bald tot. Und ist nicht
einmal gerichtlich ein Lrm gemacht worden, deshalb, weil ich gute
Zeugenschaft hatte, da er selber sich in den Tod hineingetan hat, wie
denn jeder Mensch immer seinen Tod selber mit Flei vorbereitet, er mag
tun, was er will: auch ausweichen; er arbeitet immer sehr geschickt an
seinem eigenen End'!

Bei den Trinkern mag das sein, sagte der Theophrast. Auch bei den
Buhlern. Aber da, haha, da fllt mir ein, der Doktor Faustus habe ja
einmal die griechische Helena zu Erfurt vor die Studenten gezaubert?
Dabei sollen die jungen Herrn vor Erinnerung und Begierde die ganze
Nacht nicht haben schlafen knnen. Da wir nun doch zusammen als
Confratres sitzen und uns nichts bel nehmen wollen, so mag uns der
Doktor doch mit Vergunst erzhlen, wie ihm selber die Erscheinung
bekommen habe?

Nun war die Geschichte mit der Flucht des Faust zu der schnen
Chrysoloras und seine freundliche Aufnahme bei der gefeierten Jungfer
schon so sehr in aller Mund, da ein gewaltiges Gelchter losdonnerte
und Faust Mhe hatte, sein unbewegtes Gesicht zu bewahren.

Heraus damit, wie wars mit der Helena? schrien die Gesellen.

Sie war ohnemaen schn, sagte Faust feierlich.

Und habt Ihr die Roll' des schnen Paris weiter gebt mit ihr? rief
ein mchtiger, rot angezechter Medikus.

Sie war noch nicht reif dazu, sagte Faust im gleichen Ernst.

Oho, in der Ilias steckt manches, das sie als recht reif fr allerlei
Mannsen schildert, rief ein anderer.

Jegliches menschliche Wesen scheint diese Erden, wie ein Komet,
in einer Parabel zu streifen, wie Ihr gelehrten Herrn rzte denn
im langsamen Reifwerden und langsamen Altern eine auffllige
Kurvengleichheit mit einer Parabel finden werdet. Die Parabel aber
hat ihren Schlu unermelich weit drauen, gar nicht zu errechnen und
wann sie wieder auf die Erden zurckschwingt, diese Kraft, welche
Helenen oder Paracelsum oder sonst einen der Herren hier, ins hiesige
Erdenlicht geschleudert hat, das ist sehr schwer auszurechnen. Manche
Parabel ist breit, kurz und stumpf. So kommt zum Beispiel der Herr
Doktor Wrstl sehr bald wieder auf die Erden und wird abermals, eitel
wie ein Sonnenstublein, in ihrem vergnglichen Lichte kreiseln.

Gro Gelchter schallte auf, einige aber riefen: Weiter, weiter von
der Helena!

Mit der Helena verhlt es sich so, da ich nicht die Macht habe, eine
Tote zu erwecken; aber manchmal kann ich von der Zukunft zuleihe nehmen
und aus ihrer Sphre Licht oder Schatten abziehen, wie Wein, wenn
sie nahe genug ist, und die Ziehkraft der Gestirne gnstig. So mute
Helena, bei ihrem Wiederschwung in den schmalen Sonnenstrahl, der in
unser Erdenzimmer fllt, nicht mehr weit sein, sonst htte ich sie
nicht in _materia_ zwingen knnen.

Mir scheint auch, sie wird nicht weit von hier sein, grhlte ein
betrunkener Herr. Einige lachten, andere machten: Kscht!

Faust behielt sein unbewegtes Antlitz. Ein anderer aber rief:

Und ich mu dennoch wieder sagen: Weder kann uns ein anderer
Sterblicher die Helena wiederzaubern als nur der Doktor Faustus, noch
kann ihm irgendwer durch seine Kunst Schaden zufgen! Niemand! Und
mischte der Paracelsus selber das Gift, er kann ihm nicht an.

Paracelsus knnte mich im Augenblick tten, sagte Doktor Faust
abermals ernsthaft und fast leise. Redet nicht so laut und reizt den
Hochberhmten nicht, von dessen Wissen Ihr keine Ahnung habt. Denn er
wre der einzige, dem ich mich berwinden wrde, zu sagen: Rabbuni,
Meister.

Knnt's auch, sagte der Paracelsus scheinbar kalt. Innerlich aber
glhten ihm Wein und Zorn, weil er, in seinem Mitrauen, Fausti ehrende
Worte fr Hohn und Ironie nahm.

Faust begann wiederum: Mein Doktor, ich meine das im Ernst und nicht
Ihr braucht's mir zu sagen, sondern ich selber rede davon. Ich wei
wohl, da mir alles, auer uerer Wohlgestalt, von der Natur geschenkt
worden ist und auch meinen Mangel hat mir die Vorsehung weislich
gegeben, damit ich bei meiner leichtsinnigen Art nicht gnzlich in
bloen Sinnengenu verfallen, sondern ein wenig leiden und grbeln
mge. Unser aller Meister und Vorbild aber, der Doktor Paracelsus, kann
jahrelang vor einer verschlossenen Pforte stehen und mit dem Engel des
Schweigens ringen, bis der sich berwunden gibt und ihm auftut und
antwortet! Das ist mehr, als mein Genius oder Dmonion mir leichthin
schenkt. Es ist auch mehr, als eure Forschung, meine Herrn. Es ist ein
ewiges Feuer, davon dann und wann einer von uns ein Fnklein haben mag,
er aber sitzt und htet den ganzen Hort. Paracelsus hat das Beste, was
dem Menschen gegeben sein kann. Was uns andern hchstens gndiglich zu
erraten gegeben ist, das ergrbt und erarbeitet er, und mt er seinen
Weg durch Eis, durch Eisen, durch Feuer und selbst durch ein Heer von
Kollegen hindurchgehen!

Diesmal schwiegen alle, nur Paracelsus lachte auf und trank einen
tchtigen Zug, setzte den Becher ab, sah noch einmal mitrauisch auf
Faust hin und sagte: So Ihr nicht wieder gescherzt habt, mein guter
Doktor, so will ich Euch alles abbitten, was ich im Argwohn gegen
Euch gesagt hab'. Es ist ja wahr, ich verfolg' meine Fhrten, wie die
Natur sie mir weist, als ein armer Sprhund Gottes. Aber so, wie wir
alle zusammen das Schwert niederlegen vor der Schnheit, mit der Satan
einen Anachoreten besiegen, und hinwiederum Gott den Teufel zhmen und
gut machen knnte, so hab' ich die grte Ehrfurcht vor dem Ingenio,
auch wenn es sich wie ein rechtes Kind, das es immer ist und sein mu,
alles schenken lsset. Und darum wnsch' ich Euch, mein lieber Doktor,
es mg' Euch das Letzte und Schnste geschenkt werden, was Eure sich
neigenden, aber immer noch rstigen Tag' vergolden knnt. Auf da Ihr
auch in der Frauenliebe seid, was Ihr Euch sonst mit Recht nennet:
Faustus, der Glckliche.

Die beiden berhmten oder doch mindestens beschrieenen Mnner tranken
sich Bescheid und murmelnd und verdutzt sahen die Neidharte zu, wie
sich beide Mnner eher zu verbnden als zu verfeinden schienen,
infolge der ganz unerwarteten Milde und Herzlichkeit des ehedem so
groprahlerischen Faust, der niemand neben oder gar ber sich gelten
lassen gewollt.

War es das Alter? War es die Liebe? Die Doktoren rieten auf alles,
nur auf das eine nicht, da es der nahe Tod war, der den Unbndigen
bescheiden, ja scheinbar liebevoll gegen den Paracelsus machte, weil
der ihm unerbittlich voraus mute. Er strte seine Zirkel.

Der Paracelsus kam jetzt sehr schnell wegen seiner Wissenschaft mit
einem starken, feuerroten und dicken Fnfmaweindoktor in Streit, dem
sich andere lrmend beimengten. Da schlich ein kleines, gelbes Mnnlein
an Faust heran und zischelte ihm zu: Ihr, der weitaus Berhmtere und
Geistesmchtigere werdet doch dem Handarbeiter, dem Laboranten nicht
schmhlich den Vortritt lassen? So zahmes Zukreuzekriechen eines groen
Mannes hab' ich meiner Tag weder erhrt noch fr mglich gehalten!

Was soll ich gegen den Paracelsum, was vermag ich denn gegen
ihn, sagte Faust seufzend, als she er selber ein, da da nichts
auszurichten wre und lie resigniert die Arme sinken.

Ist er denn ganz und gar unangreifbar? Gott hat tausend sterbliche
Stellen am Menschen gelassen. Der Teufel lt nur eine. Aber die ist
da, und Ihr wtet sie, wenn schon nicht anzugreifen, so doch zu
nennen.

Das wit Ihr selber, gab Faust trbselig lchelnd zurck. Er ist
gegen Eisen und Blei, gegen Stahl und Stein gefeit; nur ist niemand
gegen das Holz gefeit, weil es sich in aller Schpfung nicht begeben
darf, da ein Mensch weiterleben knnt' an derselben Materie, an der
der Heiland gestorben. Wenn der Doktor durch einen fallenden Baum
getroffen wrde, wie ich whne in seinem Horoskop gesehen zu haben,
oder selber gegen einen Baum fiele, was nach den dunklen Zeichen
ebenfalls mglich wre, dann mte er wohl versterben. Denn mit
Kntteln wollt Ihr ihn doch nicht erschlagen, meine Herrn. Das wre
eine Schande und ein Unglck fr Euch alle!

Faust stand auf und sah dem Doktor gerade ins Gesicht, so da der
zurckwich: Ich will dem Paracelo nicht zuleibe, rief er.

Ihr wollts, sagte Faust, so wie Ihr es mir wolltet. Mir tut Ihr
nichts, denn ich reis' in dreien Tagen ab und berdies kenne ich auch
meine Stund', die nicht in der Hand von Euresgleichen liegt. Dem Doktor
da drben aber ist diese Nacht gefhrlich, das sag' ich Euch und hab's
herausgelesen aus meiner Kunst. Wollt Ihr sie ntzen? Heute kann's
geschehen, und sonsten in Jahrfrist nimmer. Das sag' ich Euch, aber
meine Hand biet' ich dazu nicht anders. Und nun gehabt Euch wohl, weil
wir uns doch in diesem Leben nicht mehr sehen.

Ehe der Doktor etwas erwidern konnte, war Faust, ohne Urlaub zu nehmen,
schon im Dunkel verschwunden und niemand merkte es, weil das Lrmen
um Paracelsus immer rger wurde. Der groe, rote, angetrunkene Arzt
brllte vor Wut, Paracelsus antwortete immer mit kleinen, kurzen und
eisern ruhigen und schlagfertigen Stzen. Alle andern hatten auch
schon rote Kpfe. Der kleine Doktor, der wenig getrunken hatte und
sich vorsichtig und khl verhielt, frchtete, da Paracelsus die
Gesellschaft vorzeitig im Zorne verlassen und ihnen so entgehen knnte.
Oder sie zogen die Messer und Degen gegen ihn und verschafften dem
Gefeiten einen neuen, aberglubischen Triumph. Ja, es schien, als
wollte Paracelsus das ertrotzen, da sie ihn zu erstechen versuchten,
um sich an ihrer vergeblichen Mhe schrill zu lachen.

Da trennte der kleine Doktor geschftig und geschickt die Streitenden,
und indem er sie zu begtigen suchte, redete er leise und eindringlich
mit dem einen und dem andern, von denen sich sogleich jeder verdutzt
nach dem inzwischen entronnenen Faust umsah.

Aber niemand zweifelte an der Tchtigkeit des Rates, den ihnen der
Schwarzknstler, wie von ungefhr, hinterlassen hatte.

Jetzt umgaben immer grere Gruppen vershnlich und vermittelnd
die noch Streitenden und den bermtigen Herausforderer der ganzen
Kollegenschaft. Sie riefen, es wre zu viel und wre auch zu spt
und man mte heimdenken. Einige umringten den ziemlich angezechten
Adepten und torkelten mit ihm hinter den andern her, auf allerlei
Schlngelwegen an Felsen den Steilpfad nach der Stadt hinunter suchend.




Faust vernahm schon am andern Tag in der Frhe vom entsetzten Stainer,
da das Gastgebot der rzte bel geendet htte. Der Paracelsus wre
von etlichen Doktores oder vielmehr von deren jungen Vikars ergriffen
und ber den Felsen heruntergestrzt worden, dort, wo die Felsputzer
eben mehrere Bume abgesgt hatten, welche lngst den Stein zu sprengen
und auf die Huser zu strzen gedroht hatten. Es standen dort viele
Strnke und dazu lagen auf einem Felsbndel auch die Stmme noch
langhin. Dorthin wre der Paracelsus abgestrzt und htte lange Zeit
jmmerlich gesthnt, bis andere in ihrer Angst ihn geholt htten, mit
Seilen aufgezogen, wobei er fortwhrend vor Schmerzen schrie. Wegen der
schweren Verletzungen des Paracelsus, die sonderbarerweise von auen
nicht sichtbar wren, htten diese Gemigteren und Abgekhlten ihn
dann in sein Quartier am Stein getragen, ihn vermahnt, wie alles nur
aus Trunkenheit und Streit erstanden wre und ihn dann, der sich alles
Reden verbeten, in Pflege gegeben und verlassen htten.

Nahezu drei Tage lebte der Verletzte noch. Schwach am Krper, aber
immer noch hellen Geistes, schien er an nichts anderes zu denken,
als Ordnung mit seinem Gotte zu machen, an dem der unerbittliche
Forscher, durch alle Irrgnge seines Denkens hindurch und trotz der
erschreckendsten Wahrheiten, die er sonst entdeckt, unverbrchlich
geglaubt hatte. Er sagte nichts aus, kannte keine Rache, verzieh
seinen Feinden, und als sein Freund, der Pfleger und Stadtrichter von
Hallein und der kaiserliche Notarius Kalbsohr den letzten Willen des
Sterbenden entgegennahmen, fanden sie ihn auf einem armseligen Bett
von Reisig sitzend, schwach, aber bei Sinnen und hrten mit Rhrung,
wie der Abschiednehmende sein recht kmmerliches Hab und Gut den
Armen vermachte. Nur eine Flasche mit Tinktur (sie wre das grte und
gefhrlichste Gift dieser Erde, wie er sagte), befahl er dem getreuen
Sympert Stainer auf der Salzachbrcke zu zertrmmern und in den Flu zu
werfen.

Viel wird hier nacherzhlt, wie Stainer die groe Phiole gegen das Joch
der Brcke geschmettert htte und die herausspritzende Flssigkeit
augenblicklich das Wasser der Salzach, sowie sie es berhrte, in
aufleuchtende Goldstaubwirbel verwandelt htte, die sogleich,
schwerlastend, untersanken.

Habt Ihr noch mehr solcher Tinktur? riefen der erregte Freund und der
Notar, als der Student das alchymistische Wunder erzhlte.

Glaubt Ihr denn, man braut sie eimerweise wie das Bier? sagte
Paracelsus, drehte sich gegen die Wand und verschied. Und das waren
seine letzten Worte gewesen.

Doktor Faust, dem all das erzhlt wurde, frstelte. Zuerst, weil er
dem Tode Tag und Richtung gewiesen hatte. Dann, weil er sich jetzt
vllig allein und in ganz Deutschland von niemandem mehr verstanden
vorkam. Und endlich, weil ihm jene letzte, ironische uerung des
Paracelsus ahnen machte, da er eine Waffe gegen den Unermelichen, in
unermelich groer Masse, zu erzeugen unternahm. Ob das glcken konnte?

Aber Paracelsus hatte immer allein fr sich hingeheimnit und, geizig
und neidisch, all seine Entdeckungen verschwiegen. Er, Faust, hatte
Kaiser und Reich zu Laboranten.

Aber drei Tage sperrte er sich gegen alle Welt, auch gegen die ihn
viel anflehende Helena ab und lie niemand an sich heran, fastete
auch und war gnzlich verstrt und heruntergekommen, als er wieder in
seiner geffneten Tre erschien und Auftrag gab, alles zur Abreise nach
Innsbruck zu rsten.

Denn schneller, als er selber dachte, war der Befehl vom Kaiser
gekommen, die Arbeit im Felsenloch zu beginnen.

Faust konnte wieder lcheln. Er lchelte bse. Gold. Da wurde selbst
der grmlich gleichgltige Kaiser, in dessen Reiche die Sonne nicht
unterging, und der sich, gelangweilt, nur mehr an die Gre Gottes
anzulehnen schien, eilfertig wie ein hastiger Jude, dem ein Geschft
entgehen knnte!




Helene Chrysoloras lie den Kopf sinken, je mehr und leidenschaftlicher
ihr junger Vetter in sie redete.

Ich liebe ihn, sagte sie.

Siehst du nicht, da er angejahrt ist, da seine Liebe alt und kalt
werden wird, da du nichts zurckerhltst fr deine dargebrachte
Jugend?

Ich liebe ihn, sagte das Mdchen ohne jegliche Logik.

Es ist unerwiesen, ob er dich liebt!

Was tut das? Ich liebe ihn.

Aber das kann nicht dauern! Es wird ein grlich Erwachen geben, fr
dich und mehr noch fr ihn, wenn er sich in deine Arme und in den Ton
deiner Stimme einspinnen liee! Bist du denn im Traum? Donnern mchte
ich mit dem Worte: 'Es kann nicht dauern!'

Was dauert auf Erden? fragte das Mdchen.

Liebe kann ein leblang dauern.

Mir ist jeder Augenblick, da ich ihn liebe, die Ewigkeit.

Du bist sinnlos, behext, lcherlich!

O, la mich das sein. Es ist schn!

Und wenn er dich mit seinen Knsten verzaubert htte?

Ich wrde ihm die Hnde kssen dafr, da er sich die Mhe um mich
gab, um mich allein auf Erden! Aber so schn und gut ist es mir ja
gar nicht vermeint. Er sieht mich nicht, beinahe er allein sieht mich
nicht.

Stainer schwieg betroffen. Auch ihn sah Faust nicht. Er lie ihn in
seine Nhe, denn lngst lie er niemanden mehr an sich heran und
selbst den Paracelsus hatte er bald, durch fremder Hnde Wut, wieder
weggeworfen. Es war entsetzlich, wie dieser eine Mensch, der frher
um die Hochmeinung anderer bis zur Grotuerei geworben haben sollte,
menschensatt geworden war. Alle Lehrer trachteten und warben, offen
oder versteckt, um ihre Jnger und brauchten sehr diese durstigen Ohren
nach ihrem recht billigen und erbrmlichen Wort. Der allein bentigte
niemandes auf Erden mehr. Darum war ihm Sympert vor allem nachgezogen.

Ob er dem Faust auch noch verfallen blieb, wenn der ihn endlich doch
vertrauend an sich zge und sein Wesen vor ihm ausleerte, das ja, wie
bei allen Vergnglichen, endlich auch zu Ende gelernt sein mute?
Ja: Und die Helena nicht auch? Alle warben um sie, -- nur nicht der
unheimliche Fremde. Wenn auch der um sie warb? Vielleicht war das
unvernnftig verwhnte und eitle Mdchen damit satt?

Er sah nach der Base, denn wenn sie sein Schweigen und Nachsinnen mit
rger oder mit Mitrauen vermerkte, so war schon vieles gut. Aber das
Mdchen schien ihm blo dankbar zu sein. Sie nahm ihn, als er wieder
reden wollte, an der Hand, drckte sie und legte ihm die andere Hand an
den Mund. Er sollte weiterschweigen, sie war so froh.

Nein, da schwieg er nicht. Noch einmal, er ist alt.

Dann ist er vollendet und am Ziele der grten Bahn, die ein Mensch
jemals durchlaufen hat. Das Mdchen hatte sich Zeit und Mhe nehmen
mssen, um berhaupt so gefllig zu sein, Antwort zu geben.

Er ist nicht einmal schlank oder gut gewachsen!

Helena sah auf. Dem Wuchse sollte ich, ich nachgehen?

Du scheinst deiner eigenen Schnheit satt zu sein.

Nein, ich begehre von ihm die endlose und berirdische Schnheit der
Seele dazu.

Das war dem sonst verschwiegenen Jungen zuviel. Nun mute sein
eiferschtiges und gengstetes Herz emporquillen. Er schmte sich, da
er jetzt zum Verrter wurde, und in seiner Wut ber die eigene Scham
fand er erst die reiend scharfen Worte zu dem, was jetzt unaufgehalten
losbrach.

Die endlose und berirdische Schnheit! Bist du denn so ahnungslos?
Und htte der verwichene Paracelsus recht, da es keinen andern
Teufel gbe, als den in der eigenen Brust, dann wre der Doktor der
ungeheuerlichste von allen! Die ewige Schnheit: weit du, wie er sie
sieht? In der Absage an Gott, in der Vernichtung seiner selber und
aller, in der Zerstrung des Hauses Gottes, dieser Erde.

Wie schn; und wie viel zu gro, um je geschehen zu knnen, lchelte
das Mdchen.

Viel zu gro? So sollst du wissen, da er ganz gut wei und es auch
vermag, gegen Gott aufzustehen und die Erde in Flammen aufgehen zu
machen! Weit du, wozu er mich anwerben hat wollen? Ich soll ihm
helfen, das grausame Mittel, zu dem ihm der Paracelsus Lehrjunge hat
sein mssen, in eine entsetzliche Kluft im Tiroler Lande zu gieen, um
die allein der Knig und der Erzbischof wissen und die bis zum Abgrund
der Hllen geht. Dort soll sich's entznden und so Gottes grne Erden
auseinanderreien und im berquellenden Feuer und Wasser verschwemmen!

Das Mdchen sah den Vetter an, wie zu Wachs umgebildet.

Was fr wirres Traumzeug ist das? fragte sie.

Er wirbelte noch einmal los und beschwor und bewies es ihr mit vielen,
jugendhaft heien Worten.

Helena Chrysoloras hatte die Augen zugetan.

Schlfst du gar schon? Hrst du das und bleibst verstockt? schrie der
verzweifelte Junge.

Das ist bermenschlich, sagte das Mdchen, welches dennoch sehr bla
geworden war.

Teuflisch, redete der junge Mensch in sie hinein. Der hat sich, wei
Gott, dem Widersacher nicht zu verschreiben gebraucht! Er selber ist
es, kann nichts anderes sein!

Ah, sagte das Mdchen nur, und sie dehnte ihre Arme.

Was, was um aller heiligen Leiden? Du bewunderst ihn?

Nein, sagte das Mdchen. Denn jetzt erst wei ich, da er der Liebe
bedarf.

Vor diesen Worten freilich erstarrte der Student.




Wer nur kann sich unterfangen, das Leid einer einzigen Nacht eines
jungen Herzens abzumalen, welches liebt! Wer erst kann das Fressen der
Todesangst in Worte setzen wollen!

Und aber, wer kann das erhabene Aufleuchten einer Menschenseele
wiedergeben, die Leid und Todesangst berwunden hat und nun
sakramentsbereit ist fr Vernichtung oder Gott!

Es war da ein armer, dummer, kleiner und schwermtiger Student;
verliebt bis zum Blutvergieen, verschwrmt bis ins Grenzenlose und
Tdliche. Ein junger, dummer Wurm ohne Reife, ohne Erlebnisse und ohne
lang dauernde Bereitungen oder Weihen. Und der hat das alles in einer
einzigen Nacht erlebt.

Wer ist, der es nicht glaubte? Und wer, der es glaubt, zweifelte
noch an Gott? Kann ein armes, junges, lebensgieriges Geschpf solche
Zuckungen durchleben und sich dann todbereit in kristallschner Ordnung
dem Morgen entgegenbieten?

Ist das mglich, wenn kein Ordner da wre?

Bei solchem Leid? -- Eben durch solches Leid.

Jener unverstehbare Kreisezieher kann noch den durch Tne rhythmisch
gewordenen Sand auf der Glasplatte und die Figuren der gefrornen
Fensterscheibe ohne Leid ordnen, die Schnheit der Perle schon nicht
mehr.

Nun also. Es ging der Student anderen Morgens in einer feinen und
lieben Stille wie ein gezhmtes, kleines Tier zum Faust und sagte:
Meister, jetzt komm' ich zum dritten Male und ich bin bereit, auch auf
meiner Seele Tod hin, mit Euch zu gehen bis an's Ende der Versuchung
und will mit Euch halten, diese Erden entzweizureien, ohne dabei an
Angst oder Eitelkeit zu denken. Sondern ich will alles Gott berlassen
voll Vertrauen. Gibt er's zu, dann war seiner Geschpfe Tod auch sein
Wille. Und gibt er's nicht zu, dann verzeiht er mir. Denn er hat mein
Leid gesehen.

Du liebst die Helena und sie hat dich verworfen, sagte Faust. Ich
steh' im Abreisen und drunten warten meine zwei Maultiere. Bleib
hier in Frieden. Der Frauen Herz ist wandelbar gleich dem unsern.
Unwandelbar sind nur die heillos Dummen. Bleib' und warte ab, bis dein
Frhling bei ihr blht. Erde und Jahreszeiten drehen sich. Lebwohl.

Und Faust stieg, ohne sich weiter nach dem Studenten umzusehen, auf das
weigraue Maultier, das der rmische Knig ihm geschickt hatte. Das
andere trabte, beladen mit dem Gert des Magiers, hinterher und ein
Diener ging mit.

Faust ritt in Sinnen dahin, der Salzach entlang aufwrts. Als er aber,
bei Hallein schon, und das war mehrere Stunden weit, auf- und hinter
sich schaute, da trabte, wie ein Hndlein, der Student geduldig und
schweigsam neben dem andern Maultier, als gehrte er nicht zu ihnen und
ginge nur so wie Kinder, in der Einsamkeit und aus Bangigkeit, neben
den Groen her.

Was hast du, kehr um, fuhr Faust den jungen Menschen an.

Ihr knnt auch noch mit dem Fue nach mir stoen, sagte der und kam
zutraulich wie etwas ganz Gezhmtes nher an den Meister heran.

Ich hab' dir gesagt, was ich will und was ich von dir denke, bedrohte
ihn Faust noch einmal.

Ja. Ja. Lat mich nun nur erstmal erzhlen, da ich Euch verraten
habe. Wer zuerst nachfolgt und dann verrt, der mag ein Judas sein. Wer
zuerst verrt und dann nachfolgt, den mgt Ihr schon annehmen.

Gro schaute der hagewohnte Mann auf das Mannskind hinunter. Lauf
nebenher und erzhl', gebot er kurz.

Erst mu ich Euch sagen, da Ihr gestern recht rietet. Da es mich, in
der ersten Verzweiflung, getrieben hat, Euch zu helfen, diese Erde nur
deshalb ganz und gar zunichte zu machen, weil die Einzige meines Lebens
mich verachtet und Euch liebt!

Mich, so, sagte Faust geruhig.

Ihr freut Euch nicht?

Ich wei nicht: ich bin ungeziemlich weit weg von diesen, einstmals
lieben Dingen, erwiderte Faust freundlich und fast bewegt.

Aus Alter nicht, sagte der Student.

Ich will mit dir reden, begann Faust nach einer Pause des
Nachdenkens, welche dem Worte des Jungen gefolgt war, der halb dem
Meister schmeicheln und Liebe erzeigen gewollt und halb die Urkraft
fhlte, die in dem stets unheimlichen Manne lavagleich verborgen und
versenkt schien. Immer ahnte man an ihm jene Strme von Kraft, die zu
besitzen sich sonst nur die Jugend vermit. Hier waren sie nicht nur
geblieben, sondern sie hatten sich zu ganz geheimnisvollen Figuren
geordnet.

Ich will mit dir reden. Warum meinst du wohl, da ich dich zu mir
gelassen habe und dir mein Herz weiter aufgetan, als irgend einem
Menschen? Denn sogar deinem schnen Mdchen wrde ich nicht geben, was
ich dir erffne.

Der junge Mensch schwieg, aber er trabte pochenden Herzens neben seinem
Meister her. Da stieg Faust vom Saumtier, rief den Diener und gab ihm
die Zgel: Reit immerzu mit den beiden Mulern sachte voraus und
erwart' uns in Hallein.

Nun gehen wir zu Fue nebeneinander wie zwei Handwerksgesellen und das
wollen wir auch sein, sagte Faust milder und vertraulicher, als der
Student sich's je erwartet und vermessen hatte.

Ich habe dir von Anbeginn an zugehrt und dich aufmerksam beachtet,
wie du das Wort 'Ich' in den Mund genommen hast! Die Menschen lernen es
verbergen das 'Ich'; manche lernen nicht einmal das. Aber horch auf:
Der geheime Ton, mit dem ein Mensch das Wort Ich in den Mund nimmt,
verrt ihn rettungslos! Es hab' einer nun eine Nrnberger Uhr in der
Taschen und sage blo: 'Ich hab' erst Glock Eins nach Mittags,' so
hrst du aus demselbigen Ich die ganze Beleidigung, da ein anderer
Mensch oder eine andere Turmuhr sich vermessen knnten, eine andere
Zeit zu zeigen; -- auch wann die Sonnen drei Uhr nachmittags zeigte!
Gibt es das? Ja? Jetzt lachst du, und ich hab' doch aller Erden
grtes Elend berhrt. Denn ich sage dir's: Ist das Gefhl, mit dem
wir dem Wurme oder den Sternen zusehen und das uns sagt: 'Das bist du
selber,' das allergttlichste, so ist das Wort Ich das jmmerlichste
und schandbarste, das Gott, in einer namenlosen Verhhnung dieser
Erde, schuf, oder entstehen und gelten lie. Es gibt ein freudiges
Ich edler, unbefangener, junger Leute; das kommt so frisch wie aus
Gottes Odem daher und niemand nimmt's ihnen krumm; wei auch jeder,
da dasselbe Ich gerade bei Denselbigen spter ein sehr beschmtes und
verschchtertes werden wird, weil solche frische Menschen den Urgrund
all' der Lge ahnen, der eben in diesem Ich bestehet.

Dazu mu mancher alt werden wie ich selber, der ich das aufdringliche
Wort wie Trompetenste in die Welt hinausschreien gemut, lcherlicher
als der Kuckuck sein'n Namen! Eben weil ich merkte, wie sich alles
darwider stemmte, rief ich's umso trotziger.

Htt' ein Mensch mir das gesagt, mit lieben und erffnenden Worten,
was heute ich dir sage, ich wre vielleicht ein schmiegsames Kind
Gottes geworden. So aber hab' ich dieses mein Wort immer zurckgeworfen
bekommen wie einen gehssig vermeinten Steinschmi. Immer wieder
hat mir alles in der Schpfung dieses Ich wieder ins Gesicht
zurckgeschlagen und schon hab' ich vermeint, da ich zu Unrecht
dastnde, wenn ich nicht gemerkt htte, da jegliches andere Ich sich,
wie um Leben und Seligkeit, selber gegen meines wollt aufspielen; wr
es auch so dumm, so rudhundsgemein und stinkig vor Gott und aller
Welt gewesen, wie ein krummbeiniger Kter. 'Ich, ich, ich' das ist
aller Welt Frechheit. Du allein hast es mit einem Ton geredet, als wre
es dir geliehen und wre ein zerbrechliches Gut, das du nur schnell
und heil weiterliefern mtest. Vor dritthalbtausend Jahren warst du
vielleicht der Jnger Johannes. Und da er zu mir kmet, wre sowohl
dem Johannes gut gewesen, als auch mir. Denn du weit, ich begehr
dieses Lebens und dieser Welt nicht lnger.

Der Zuweitgeratene, welcher sich 'der Faustus' zu nennen verma,
schwieg eine Weile und dem Schler klammte das Herz, weil er fhlte, er
war nunmehr gnzlich erwhlt oder gnzlich verworfen.

Im Innersten zuckte es ihm auch empor, es knnte das gar beiden Eins
sein, wie eine Kugel oder ein Ring sich rnden.

Das 'Ich' mu weg, sagte Faustus gedankenvoll. Du selber weit es
und hast es heute Nacht in dir erlebt. Ich wei, mehr als du, wie sehr
du die Innsbruckerin mit dem griechischen Namen liebst.

Der Bub' sah zu Boden.

Ich wei auch, da du jeden auf Leben und Tod herausgefordert und
erstochen httest, der sie dir nehmen gewollt. Da sandte der, den
du und Euresgleichen mit 'Gott' anruft, ein klein grau und bucklet
Mnnlein, das trieb mit aller Welt Zaubersp, nur nicht mit der
Jungfrau neben dir, und sie warf ihm ihre Seele zu. Ich hab' ihrer
niemals begehrt, aber du bist mir damit zugefallen. Es steht ein
geheimes Leuchten in dir, das wei ich; das ist der Tod. Aber es steht
unabirrbar in dir, weil du weit, auch ich msse sterben, auch sie,
auch alle, die sie dir spter nehmen wollten und knnten. Ich hab'
ein lebelang gebraucht, um dahinzukommen, da diese Welt zerschmissen
werden mu. Du hast blo ein Mdchen verlieren mssen. Der eine Weg war
weit, der andere gar kurz. Beide sind unfehlbar die rechten.

Meister, ich hab sie geliebt, weil sie schn, aber mehr noch, weil sie
rein ist. Das ist so viel! Mancher Christ, ja sogar mancher Jud' wrde
die heilige Jungfrau erfinden wollen, wenn die wirkliche abhanden km
in den Herzen der Menschen.

Hast recht, hie auch seit ewigher mit anderen Namen -- war immer
dieselbe, sagte Faust. Erst wann wir verlieren -- -- du Jungmensch!
Merk wohl auf: Du wirst dich noch verzweifelt an dein eigen Leben
klammern, wenn es soweit ist, da wir die Lunten anlegen an Gottes
Spottgebastel! Merk' dir das: Sein Leben gewinnt man nur im Rausch,
sein Leben verliert man nur im Rausch! Im Augenblick, wo du hilfst,
diese Welt auseinanderfetzen, bist du Gottes Ebenbrtiger! Das darf
keine Eitelkeit sein! Eitelkeit kann nicht ohne Spiegel bestehen.
Wenn du aber jenes tust, dann gibt's keine Spiegel mehr. Aber das
lsterliche, lcherliche Ich hast du ausgerottet und ich mein', du
rinnst in diesem einen Augenblick, da du dich mit allem Geschpf
dahingibst, mit Gott zusammen, mehr und grer als Christus!

Was meint Ihr, Meister, sagte der Scholar nach einer Weile und immer
noch schaudernd, aber magisch angezogen: Was wird der oder das, was
Ihr mit Gott meint, nachher tun?

Er wird wieder von neuem anfangen, gerad' so, wie ein Bienenschwarm
arbeitet, dem man den Honig zusamt dem Stock weggenommen. Aber so eine
Schandtat, wie er's mit dem Menschen zuwegegebracht hat, die gelingt
ihm kein zweites Mal wieder, des sei du versichert!

Um eines einzigen Herrn Christ willen mcht' ich die Menschen leben
lassen, sagte der Junge zaghaft.

Und um einer einzigen Helena Chrysoloras willen mchtest du sie
vernichten?

Im Herzen des jungen Menschen schwoll und tobte es, aber Antwort auf
das, was er nicht zu sagen wute, fand er nur in den Worten:

Wer immer mich anheit, Euch nachzulaufen, er schenke mir die Kraft,
auch neben Euch auszuhalten.

Es ist der Teufel, da magst du getrost sein, sagte Faust ruhig und
fuhr fort:

Was ich und du jetzt bedeuten, ist aber vor Gott ebensoviel, als das
schwankende Znglein an einer Wage. Und die Wage ist das Gesetz und
das Gesetz ist Gott. Liebt er's, da wir ihm antun, was wir vorhaben,
dann neigt er sein bewutlos trumendes Haupt uns zu. Neigt er's nach
der andern Seite, so haben wir fehl gerechnet, oder es war noch nicht
reif. Denn die Menschen sollen knftig wohl einander selber, jeder den
andern auffressen. Dort sie hinzuhetzen, wren ich und du zu mitleidig.
Verdammt sind wir in keinem Falle, du schwankendes Kind!

Warum aber macht Ihr mit Eurer ungeheuren Gelehrsamkeit nicht das Wort
gro, da die Menschen ja ohne Angst und Schmerz ihrer Zahl und dem
Gebren Halt gebieten knnten und die uns gelufigen Mittel anwendeten,
um ihrer wenige zu werden?

Narr du! Weil dann die Gedankenvollen aussterben und die Bestien
bleiben wrden! Weil nicht alle Welt deutsch versteht und noch weniger
Leute das Gebot der Vernunft! Und wenn Hollnder, Franzosen, Englnder
und Spanier, Italiener und Griechen sich ein Herz nhmen und sagten,
'der Doktor Faustus hat recht, lassen wir's gut sein mit uns und nicht
weiter,' so flutete die end- und grenzenlose Dummheit und Bestialitas
von Osten heran -- und berqulle unser gut angebautes und behaglich
gerichtetes Land, und triebe das alte Narrenspiel des Fleisches weiter!
Wenn auch sie Weise erzeugten, die ihnen zuriefen, da sie knapp vor
Aschermittwoch stnden? Dann kme die neue Tierheit von wo anders.
Nein. All' das mu weg: Kalmcken und Gromogul und Trkensultan und
Westindien, und das liebe Deutschland und deine Helena -- alles.

Von dieser Stunde an schwieg Faustus und lie den jungen Menschen mit
sich selber fertig werden, sah auch kaum aus einem Augenwinkel einmal
nach ihm, bis sie in die Wlder an der Scheide des Berchtesgadner, des
Salzburger und des Tiroler Landes kamen.

Da erst sagte Faust zu dem Jungen: Nun will ich dir eines der
Geheimniss' dartun, um derentwillen ich in der Welt riesengro
beschrien bin und die du mit mir verachten lernen sollst, damit du
reif wrdest, so jung du sein magst. Den Diener werden wir mit den
Saumtieren wegsenden; denn nunmehr werden wir den weiteren Weg durch
die Lfte fliegen.

Fliegen! rief der junge Mensch.

Das hab' ich gewut, da du mich anstarren wrdest, grauengeschttelt!
Denn jetzt =mu= Doktor Faust des Teufels sein, weil er dir zumutet, zu
unternehmen, was jeder Spatz kann! Fr die _canaglia_ heit das ja 'ein
Wunder'. Bis auf den Augenblick, da es geschieht. Dann ist's =kein=
Wunder gewesen.




Es war ein mchtig langer Sack, wie aus dnnem geltem Zeug, der
sich gestaltete wie ein aufstehender Wurm, als der Doktor unter ihm
eine gelinde Holzkohlenglut angefacht und sie lang erhalten hatte.
Der Wurm, der sich immer mehr, zu des jungen Menschen Staunen, aber
nicht Entsetzen, aufblies, war aus Tausenden feiner kleiner und
durchscheinender Hutchen zusammengefertigt. Ich hab' viel schwarze
Kunst und Alchymie treiben mssen, bis ich sie zusammengetauscht hatte
von den Goldschlgern, die damit ihr Blattgold aushmmern. Sie brennen
nicht leicht an; sei also getrost und hab' acht, da die Knoten an
unserm Luftwurm sich nicht lsen, die ihn halten; sonst fliegt er uns
gar davon.

Als das Ungebilde sich vollaufgeblht gegen den Himmel steifte und
in der waldeinsamen Sptabendluft rtlich zu schimmern begann vom
Widerschein des Holzkohlenfeuers, sah Faust den erregten Studenten an
und sagte ihm: Glotz' nicht so dumm! Das ist mein Teufelsro, auf dem
ich in einer halben Nacht von Prag nach Erfurt geritten bin. Der Rauch
steigt doch auch gegen Himmel? Und die Hitze eines Kamines? Ebenso.
Lass' sie eingeschlossen in einem so leichten Sack, na und? -- Wir sind
jetzt gleich einer Wolken.

Wie findet Ihr aber die Richtung? stammelte der halb verstehende
Junge.

Die sagen mir die Wolken und die Landkarten. Es ist dort oben stracker
Ostwind und das ist eine sehr bestndige Luft. Die Wolken, die den
Gaisberg bestrichen haben und die viel hheren, die ber Untersberg und
Stauffen hinwegziehen, die sind alle nach Tirol zu gegangen. Wir werden
mit ihnen streichen.

Meister!

Frchtest dich?

Nein.

Wunderst dich?

Nach dem, was Ihr gesagt habt, nicht mehr so sehr.

Freust dich aufs Fliegen?

Das mu gttlich sein, oder teuflisch!

Flieg nur drei oder vier Stunden, dann wird's keines von beiden sein.
So, wie mir die Welt und alle Wunder Gottes. Blo selbstverstndlich,
und langweilig. Und mit Flei und Absicht nehm ich dich mit und zeig
dir mein Geheimnis, auf da du entdecken mgest, was fr ein Dreck alle
Erfllung ist und da es sich wahrlich nicht lohnt, das zu erreichen,
was jeder Mistfink lngst kann. Und gar nicht darber zerplatzt vor
Hochgefhl und Glck!




Gegen den angrauenden Morgen hin lie Faust, als er das Tal ber Wrgl
mehr ahnte, als erkannte, das Kohlenfeuer langsam minder werden; und
als sie vllig undeutlich die Stdtlein Rattenberg und Schwaz unter
sich merkten, lie er es langsam eingehen. So nahe streiften sie
dann ber Hall dahin, da nur der Herbstnebel sie vor einem groen
Zetermordio schtzen konnte. Auf einer der vielen Wiesen, die das
Inntal gegen Absam hin umsumen, lieen sie sich nieder und Faust warf
die verlschenden Kohlen aus dem Becken auseinander. Wie ist dir?
fragte er hhnisch den Scholaren. Gelt? Ebenso wie nach dem Genu
eines ersehnten Mdels. Es war alles eben zum Ertragen, und du bist
weder vor Glck noch vor Entsetzen wahnsinnig geworden. Und jetzt bist
du schlfrig, mde und berdrssig. Das und so ist das Leben und so
sind alle seine Wunder und jetzt bist du geflogen wie ein Gott und bist
verkatzenjammert wie ein Saufbruder, frierst wie ein Hund und bist ein
ernchterter, armer Teufel. Und wenn du spter in einer Zechen davon
prahlen ttest, wie in jngern Tagen ich selber, so wrest du ein noch
viel rmerer Hund, als jetzt!

Soviel von dem oftbeschrieenen Geisterfluge des Faust, der in einer
Nacht zu Hallein Urlaub genommen und andern Morgens dem rmischen Knig
in der Innsbrucker Hofburg aufgewartet hatte.

Die Herrn in Salzburg und Innsbruck maen sichs gegenseitig spter
selber ab und verwunderten sich bis an die Gnsehaut.

Der junge Student aber, vllig stumpf darob geworden und gleichgltig
und mde, sagte nur: Ihr habt recht. Es ist nichts um alle Erden; gar
nichts.

Da erwiderte ihm Faust: Htt' ich geprahlt und unsere Herrlichkeit
und unser Gttertum eindringlich gerhmt, so wrst du jetzt frisch und
erhaben. Es gibt nur eingebildete Gren und Wunder.

Und dennoch gab es immer noch ein Wunder; hie Liebe.

Das griff Doktor Fausten selber an.




Kaum war er, der alternde Faustus, von Salzburg weggereist, so mute
auch beim verwhnten und verzogenen Mdchen des Innsbrucker Geldherrn
alles schnell zur Abreise gerstet und auch sogleich aufgebrochen
werden.

Was die Chrysoloras wollte oder ersehnte, das war ebenso gro und noch
viel reiner, als was der Faustus anstrebte: Loslsung vom Menschen, so
hie ja wohl beides. Nur da der Eine alles zerreien wollte, nur damit
wieder Licht wrde ber einer neuen Einde. Die Griechin aber wollte
grad' an den Lippen dessen, der sich also gegen Gott verma, den Namen
Gottes bis ins tiefste buchstabieren lernen.

Es hatte jeden gerhrt, der das reiche und ohne Maen verhofierte
Mdchen in jener Zeit gesehen. Als htte sie alle Weihen erhalten, so
gehoben und gereinigt fhlte sie sich, seitdem sie wute, der Mann, dem
sie ber alles nachhing, htte vor, Gottes Werk mit einem entsetzlich
dreisten und gewaltigen Griff aus den Angeln zu schleudern. Nicht, da
das bescheidene und eher schchterne Mdchen sich in Eitelkeit verlor:
=Der= mu leben und mein sein. In ihrem Bewutsein war es, als fhlte
sie die Aufgabe der Jungfrau Maria. Noch einmal mute durch ein Weib
die Liebe, die ganz groe Liebe in der Welt wieder aufgerichtet und die
Menschheit gerettet und gefristet werden wie damals.

Es ging um das ungeheuerliche Vermessen, die Erde zu erretten, welche
verbrennen sollte nach Faustens Urteil und ohne den Willen Gottes, ohne
seine erweckenden Posaunen, ohne sein Gericht; mitten in der Blte
ihrer Snden havoll und hhnisch verschttet, wie Sodom und Gomorrha.

Und der, welcher sich des verma, wurde von ihr angebetet, ersehnt und
verehrt, als wre er der erste und letzte Mann auf Erden.

Wie denn jedes Weib dem nachgehen wird, der der erste und allerletzte
zu sein sich vermit: wenn auch nur fr sie.

Mit Entsetzen vernahm die Chrysoloras in Innsbruck schon wieder neue
Mr von ihrem Unheimlichen. Da er in einer Nacht mit einem gottlosen
und verzweifelten Studenten von Salzburg anhergezuckt worden wre,
durch die Kraft des Feuers, wie der Student geheimnisvoll verlautbart
hatte. Ein Zeichen, da die unverbesserliche Jugend gegenber andern
immer wieder zu reden anfngt. Aber jeder will, sobald er andere sieht,
immerzu ein Stflein hher stehen, obwohl es das nicht gibt; so ist der
Mensch.

Das Mdel, das sonst immer angstvoll zchtig war und diese Art auch
jetzt dem bermenschlichen gegenber nicht verndern konnte, wute sich
jetzt nicht zu helfen; denn der Doktor war unauffindbar. Manchmal hatte
man ihn abends am Innrain oder in Kranebitten oder Htting gesehen,
immer halblaute Worte murmelnd; immer allein, immer aber auch scheu
gemieden und geschont von der Menge, welche zum Teil des rmischen
Knigs Gewalt frchtete, der dem Faust neuerdings so gndig war, teils
Fausti Zorn. Denn er konnte selbst in eine Kirche oder in ein Kloster,
welche doch heilige Orte waren, einen bsen Inkubum setzen, der dort
die Leute bei Tag und Nacht plagte. Und wenn irgendwer ihn fragte, ob
denn der Teufel auch Gewalt ber solche Sttten htte, lachte er und
sagte: Lngst und von dem Beginn her als der zweite, der unheilige
Mensch sich dort neben den ersten, den heiligen Stifter des Ordens,
gesetzt hat.

Auch wurde ihr in Innsbruck erzhlt, da er gelegentlich solcher
vermessener Reden auch gesagt htte:

Der erste ist immer der Schpfer; der zweite nur mehr der Jger und
der Koch. Der erste schafft ein neues Wesen; der andere ttet's und
macht es geniebar. Indem er es geniebar macht, ttet er es oder gibt
ihm den Todeskeim. Mglich, da Gott nur Engel schuf. Aber da kam der
Satan und machte den Menschen draus. Gott hat den Menschen gedacht wie
ein Kind. Der Teufel machte den Praktikus draus.

Der erste Mensch, welcher Gott fhlte, er war bergro, und sein
Gefhl mu ihm beinah den Tod gegeben haben vor Gre und Glck.
Der zweite, der es vernahm und es zu verstehen sich verma, hat es
augenblicklich klein gemacht.

Und so wird es nur zwei reine Geister geben auf Erden: Den einen, der
die Erde erschuf und den anderen, der sie vernichtet.

Das Mdchen sank vor Angst und Sorge beinahe in die Knie, als sie
solche Worte berliefert bekam und lief in alle Kirchen, um jene
anzurufen, von der allein sie Hilfe und Gedeihen gegen das bermchtige
und trotzige Unternehmen des vermessenen Mannsbildes erhoffen konnte:
Von der einzigen, reinen Frau und Mutter, die in allen Himmeln zu
finden war.

Der Faustus war aber gar nicht mehr in Innsbruck. Trotz des
hereingebrochenen Winters trieb sich eine, fr damalige Zeiten
unerhrte Schar von Bergknappen in dem roten Porphyrgefelse bei
Waidbruck umher, fllte Lrchenstmme in den Wldern und bohrte Rhren
darein, baute aus fichtenen Balken lange Steige und fuhr so immer
weiter, bergmannsmig arbeitend, in den unheimlichen Naturschacht ein.
berall lie der Faust seine Apparate anbringen, wo der Braunstein
strker zutage lag oder freigeschafft werden konnte. Dort sollte er, in
allen Tiefen und Hhen des Risses zugleich, mit dem _spiritus salis_
bespritzt werden, damit die grne Luft an allen Stellen zugleich
entstnde und sich in ungeheurer Menge nach unten senke. In einer Zeit
mute sie das ganze Loch im Gestein erfllen. Alles war in Massen
vorbereitet, welche man fr die damalige Zeit berlebensgro nennen
durfte; wie denn die Goldgier immer berlebensgro ist, zumal wenn ein
kriegfhrender Kaiser, ein ewig in Nten schwebender Knig und eine,
durch Luther bedrohte Pfaffheit zusammensteuerten und halfen.

Es ging ja auch der schmalkaldische Krieg an. Da mute erdrckend viel
Gold herbei. Wte irgendwer, wieviel Angst, Mitrauen und doch wieder
Aberglauben damals Kaiser und Knig in den verschrienen Nigromanten
setzten! Es war zum Lachen.

Wenn ein Kleiner etwas wirklich will, so wird er darin gefhrlich
gescheit. Die Ferne der Ziele macht ihn weitsichtig. Wenn ein Mchtiger
etwas wirklich will, so ist er entsetzlich dumm. Die verwirrende Nhe
der Machtmittel verwehrt ihm jeden Blick in die Ferne und wohin das
fhren soll, was er so gewilich in der Nhe errechnen hrt.

Rotte die Stadt Jerusalem aus, und du setzest der ganzen Erde die
Juden in den Pelz. Beherrsch' die Erde, und dein Enkel weint auf
einem fremden Stcklein Asyl. Wolle ein Volk vernichten und du
machst es gro. Fordere mehr Gold, als alle Schiffe aus der neuen
Welt heranbringen knnen, und du dienest blo einem Zauberer, der
dich selber umzubringen gedenkt. Es ist immer dafr gesorgt, da die
Bum' nit in Himmel aufschieen. So hatte ehedem ein Wahrsager Karl
dem Fnften prophezeit, als der, mit der Devise Jetzt! auf seinem
Schilde, nach Algier ausgezogen war. Solang er auf seinem Schilde das
Wort getragen hatte: Noch nicht!, da hatte die ganze Erde vor ihm
gezittert. Nun aber lachte sie.

Frher hatte sich vor Kaiser Karl alles geduckt. Seit dem
Kreuzfahrerspektakel von Algier war zuerst der Grotrke mutig geworden
und hatte bis Wien heran erobert; dann waren die lutherischen Frsten
aufsssig und endlich auch wieder der alte Franziskus von Frankreich.
Es wimmelte von Feinden seit der lcherlich gewordenen Devise: Jetzt!

In seiner Desparation glaubte und ergriff nun der Kaiser alles. So kam
Faust zu seiner Macht; der grten, die der alternde Mann je errungen,
-- trotz seiner Herrschaft ber die Geister, die ihm bisher nicht mehr
an uerm und innerm Glck eingetragen hatte, als das einer erhabenen
Verzweiflung.

Faust also begann sein Werk. Er bersah und besorgte alles, um die
Felsenkluft bis ins tiefste zu laden und hatte an seinem neuen Famulus
einen getreuen, wiewohl vernderlichen Diener. Denn sobald Wind und
Wetter wechselten, da gehabte sich der Junge anders. Immer wohl war
er von Faust besessen und ihm gehorsam. Aber es war merkwrdig.
Bei westlichem, feuchtem Winde war dieses Kind begeistert, willig
und erfindsam, tat auch alles, was man von ihm forderte, schien in
allen Dingen wissend in den Tod zu gehen. Kam aber der vermaledeite
ungarische Wind, der Wind der stupiden Kirghisen und Mongolen von
den Steppen des Ostens daher, da wurde er verzagt, kleinlaut, glaubte
weder an sich noch an Faustum, wollte sich irgendwo anklammern und
begann wohl gar reichlich von dem guten Weine zu saufen, der unweit von
jener Gegend ab Bozen bis zu betrender Se und Kraft heranwchst.
Voll Sorge sah Faust den jungen Menschen seine Phasen wechseln und
berechnete seine Perioden immer genauer, damit ihm der Junge nicht
einmal aus Schwche einen Streich spiele. Oft gedachte er, ihm die
Chrysoloras zuzuschanzen.

Aber die htte ihn ja wieder zum Leben gefhrt. Es mute im Gegenteil
ein neues, strkeres Unglck sein, welches den Helfer und Vikar des
Teufels vllig in die allein brauchbare Verzweiflung strzte.

Und das nun war der Grund, warum der Faustus seinen jungen Studenten
pltzlich mit sich nach Innsbruck nahm und warum er sich, vor den Augen
des leidenden, jungen Menschen, der Chrysoloras nherte. Diesmal ganz
mit Willen, mit Absicht und mit aller werbenden Gewalt seines Wesens,
das sogar auf wilde Zechgenossen, nach allen Quellen, unwiderstehlich
gewesen sein mute, wenn er nur recht wollte und nicht hoffrtig zu
werden begann.

Um den Tag _omnium sanctorum_, also zu Beginn Novembers, war der Faust
wieder zu Innsbruck, um des rmischen Knigs Majestt Bericht ber den
Fortgang im tiefen Loche der Porphyrfelsen zu geben.

Es hat damals der rmische Knig viel mehr zur Arbeit getrieben als
der Doktor selber. Denn zuerst wollte der seinen Famulus in die letzte
Verzweiflung hetzen. Bald danach aber kam es dahin, da Faust selber
der Zurckgehaltene und Verzgernde war.

Denn jetzt war etwas geschehen mit seiner Seele, von dem sogar das
alte Volksbuch in wunderlicher Mischung wei. Das eine Mal erzhlt
es, er htte sich, in seiner Sehnsucht nach Sinnenreiz und Heidentum,
die griechische Helena verschrieben und mit ihr wre er einen Bund
eingegangen. Soviel kam immerhin von der Wahrheit in das Sagenbuch.
Dann aber berichtet das Buch, da er nahe daran gewesen wre, aus des
Teufels Klauen errettet zu werden durch ein Sakrament, das ihn dem
Leben und der Schpfung Gottes wiedergeben htte sollen. Und das war
jenes der Ehe. Beide berlieferungen haben ihre Wahrheit und ihren
Grund und beide gehen auf die Geschichte mit der Helena Chrysoloras
zurck. In Innsbruck hie sie nicht anders, als die griechische
Helen'. Die fand er und fate zu ihr eine Neigung, die endlich zur
Hinverlorenheit und Leidenschaft wurde.

Die schlichte Urmr aber zu allen diesen Phantasien geht so:

ber das Mdchen war es wie Rausch von Glck und Schmerzen gekommen.
Hier war endlich der Mann, der bis in alle Hhen und Tiefen ragte. Und
er, der Wissendste aller Sterblichen, war zugleich der Absagendste und
Unglcklichste; den Tod zog er allem Glck und Glanze vor und wollte
in seiner tiefen Trostlosigkeit gleich die ganze Schpfung mit sich
in die Vernichtung reien. Der Weiseste und Weiteste war zugleich der
Verdammteste von allen, welche jemals gelebt hatten. Ihr graute vor
dem ungeheuren Streben dieser Menschenseele; aber eine Hinneigung
ohnemaen zog sie zugleich an. Anklagen und verraten htte sie den
Mann, den sie zu lieben begann, nimmermehr knnen. Zu verhindern wute
sie ihn auch nicht, und da selbst der getreue Sympert von ihr zu ihm
abgewichen war, so war sie vllig hilflos und allein zu einer Zeit, in
der sie wute, da die Arbeiten am Felsenri von immer zahlreicheren
Bergknappen betrieben wurden, die dort in ihrem Gewimmel, ameisenklein,
am schauerlichen Werke Faustens schafften und keiner Ahnung gewrdigt
waren, da sie immer mehr von den Tagen dieses Erdballs abbrckelten.
Denn da es dem Faustus gelingen wrde, daran zweifelte das Mdchen,
das ihn anbetete und sich blindlings unter seine Erkenntnis fgte,
keinen Augenblick. Der Doktor hatte jahrelange Berechnungen vorausgehen
lassen, hatte in allen Bergwerken die Hitze in den verschiedenen
Schachttiefen ermessen und kannte den Schmelzmoment jeglicher Materie;
er hatte das Satansl erprobt und errechnet, und was er selber nicht
zuwege brachte, das hatten seine tollkhnen Famuli und zuletzt gar der
unselige Paracelsus, in seinen Diensten, auserprobet und berechnet. Der
Menschheit eminenteste Gehirne waren an der Arbeit gewesen und Faust
hatte einmal gestanden, da, im Grunde, sein ganzes Leben an diese eine
Absicht gewurzelt gewesen wre. So war das leidenschaftlich bewegte
Mdchen das einzige, lebensfrohe Menschenkind auf Erden, das genau um
die Nhe des jngsten Tages wute.

Wie ihr, die zerrissen von Angst und Liebe war, zumute sein mochte,
ist nicht zu beschreiben. Es verdrehten sich beinahe alle Strnge
ihres Denkens und sie wre dem Wahnsinne anheimgefallen, wenn sie
nicht immer mehr den Glauben an Maria, die unsagbar gtige Magd, an
ihr verzweifelndes Herz gerissen htte. Tagelang lag sie auf den Knien
und betete mit Inbrunst und Reinheit um Errettung dieser Erden und um
Errettung ihres Faust aus einer Vernichtung, wie sie niemals in einem
Menschenhirn gelegen hatte.

An einem solchen Tage, da sie sich den Faustus mit aller Macht ihres
reinen Willens herbeigewnscht hatte, um sich ihm zu Fen zu werfen
und als Lsegeld fr die von ihm gerichtete Erde darzubieten, war Fhn
in der Gegend von Innsbruck ausgebrochen.

Es gibt wenige Gegenden, wo der nahende Fhn eine so unmige
Abspannung und Bangigkeit in den Gemtern der Menschen, ja sogar
der Tiere, erleben lt, wie im Innsbrucker Tal. Es legt sich ein
tdlicher Druck auf alle Lebenshoffnung, Kraft und Freudigkeit, da
jegliche Frische des Menschenherzens wie auf ewiglich verdammt und
dahingeschwunden erscheint. Es haben sich im Gang der vielen Jahre
Tausende von Menschen das berdrssig gewordene Leben zu solcher Stunde
genommen.

Am Grunde des El Ghor, da einstmals Sodom und Gomorra lag, kann kein
rgerer Druck und keine grere Trostlosigkeit sein, als sie in den
bangen Tagen und Stunden vor Fhnwetter zu Innsbruck ist.

In solchen Stunden rang und betete die arme Helena. In solcher Zeit kam
auch Faustus wieder nach Innsbruck; dumpf, unglubig an sich selber und
seinem Vorhaben, an seinem Werk, an seinen Berechnungen, an der Kraft
seines Hllenmittels und an der Mglichkeit, berhaupt so entsetzliche
Mengen des Greuels zu erzeugen, den er in verzweifelter Stunde erfunden
und zum Tode dieser Erde bestimmt hatte.

Wenn irgendwo ein kleinster Fehler lag, wenn alles lcherlich milang?
Was half ihm der Trost _magna voluisse magnum_? Er war aller
Eitelkeiten berdrssig, eben weil er viel zu sehr und viel zu gierig
den Eitelkeiten nachgejagt hatte, sein verstrmtes, verlornes Lebelang.

Wofr lebte er dann noch, wenn sein groer Ha, von dem allein er noch
Krfte erhielt, vor ihm selber klein und lcherlich geworden war?

Das zerpressende Wesen des Fhns drckte auf sein Gehirn, da er es
bersten zu fhlen meinte, erniedrigte sein Gemt, seinen Stolz, seine
Tatkraft. Alles erschien vergeblich, trostlos, unmglich und winzig.

Da kam in der Dmmerung des Abends Helena zu ihm, nachdem sie (es
war am Tage Allerseelen) tausend Lichtlein fr die Dahingegangenen
gespendet hatte und die Erlsten angerufen hatte, beim Vater der
Schpfung zu bitten, er mchte ihr die Kraft geben, den Faustus zu
erlsen.

Gegen Abend sank endlich der erwartete Sdwind von den Bergen herab und
begann an Fensterlden und Dchern schauerlich zu rtteln. Als kme
Frhling, so lau und veilchenweich wurde pltzlich die Luft. Aufatmeten
die Menschen.

Faust sa in seinem Studierstblein, das ihm der rmische Knig in
der Hofburg eingerumt hatte, und war vllig verduckt und gebrochen.
Steinalt und berlebt kam er sich vor. Da trat das Mdchen zu ihm und
leuchtete im Scheine des Kaminfeuers wie die goldene Bildsule einer
antiken Gttin; so schn und scheu und schlank war sie.

Frulein, sagte Faust in erbebendem Staunen, was fllt Euch ein, zu
solcher Stunde mein Zimmer aufzusuchen!

Helena sah ihn blo stumm und bittend und zrtlich an. Sie frchtete
sich und hatte zugleich ein so herzzerreiendes Mitleid mit dem,
der nichts anderes begehrte als den groen Tod, da sie kein Wort
hervorbrachte. Kaum zu bewegen vermochte sie sich.

Faust stand auf. Ich wei, was Ihr sagen wollt: Der Faustus ist
ein alter Mann und an ihm werden Jugend und Schnheit unbehelligt
vorbeigehen, schienen sie ihm gleich ausgeliefert!

Das ist es nicht, sagte die Chrysoloras zitternd. Es ist das
Gegenteil. Ich bin gekommen, um hier alles von mir abzutun, was man
uns Mdchen gelehrt hat an Scheu. Und, -- und ich bin, -- ich komme
Euch fragen, ob Ihr mich haben mgt und nehmen als Entgelt fr das
Entsetzliche, was Ihr vorhabt.

Der Doktor blieb erstarrend stehen: Mdel, du weit?

Alles, sagte sie.

Wer sonst noch wei das? schrie der Faustus. Alles andere empfand er
jetzt nicht, als das eine, da sein Plan verraten worden wre.

Niemand als der Sympertus und der dient Euch treulich, seit ich ihm
gesagt, da ich Euch liebte. Eben deshalb will er Euch, in seiner
Verzweiflung, von der Welt helfen; sich will er von seiner Liebe helfen
und mir von Euch.

Ihr wisset das also allein? fragte Faust staunend.

Er und ich allein, seit Paracelsus zu Tode geworfen worden ist.

Auch davon wit Ihr?

Wer Krieg fhrt gegen die Weltkugel Gottes, der tritt auch ber ein
einzelnes Leben hinweg, sagte sie mit zuckenden Lippen.

Und Euch graut nicht vor mir? Hat Ihr mich nicht und frchtet mich
nicht als den leiblichen Schwager des Satans, der ich ja bin?

Das seid Ihr nicht, sagte das Mdchen.

Ja, doch! Denn der bse Feind, das ist nicht der Tod. Das ist die
Hlichkeit: die Hlichkeit des Leibes und der Seele! Seine Schwester
ist der ewige Durst und die ewige Begierde und die hab' ich erheiratet.
Da wurde unser Kind daraus: der Ha und die Vernichtung. Weil es mir
nie im Leben vergnnt war, Schnheit und Liebe zu finden. Immer hab'
ich nur Phantome umarmt, auch wenn sie lebendig und schn ausgesehen
haben. Da ich sie aufbrach, da waren sie hohl und leer wie wurmstichige
Nsse! Alle, alle!

Vielleicht, da ich es nicht bin, sagte das Mdchen angstvoll. Das
bitterliche Weinen kam sie an.

Da getrstete sie der Mann, dessen Leben eine einzige Paternosterkette
erfllter Begierden und ekelvoller Ernchterungen gewesen war, zrtlich
wie ein Vater und fate sie unter dem Gesicht, so da er fhlte, wie
die Mdchentrnen auf seine Hnde prallten.

Helena, sagte er. Geh dahin und la mich mit meinem bsen Herzen
und meinem vielen Elend allein. Ich will das Unterfangen noch
einmal vor mein Nachsinnen stellen, um deinetwillen. Es ist ja die
Wahrscheinlichkeit, da es gar nicht ausschlagen und gelingen wird.
Um deines Daseins willen wollt ich wohl noch zuwarten; aber nicht
um solches Sklavengeschenk wie das deines Leibes, das dir die Angst
abgefoltert hat. Denn du mut wissen, der ungestme und hitzige Mann
geht zu allererst immer an die Zerreiung der Unschuld und versucht
das Weib auch in der Seele zur Genossin seiner Lste zu machen. So
bin ich immer gewesen und hab' das Fleisch genommen und hernach die
Seele weggeworfen, die mir immer zu klein und elendig erschienen ist.
Dasselbe wrde ich auch dir antun, und das darf nicht sein: Du sollst
keines Schwarzknstlers Buhlerin werden.

Es ist unser Los, obwohl mich darnach nicht verlangt, sagte Helena
mit gesenktem Kopfe. Magst du bedenken, Johannes, wer mich sonst
ergreifen und besitzen wrde? Wre er in dem einen besser als du? Und
wr' ich dir ihm wert?

Ah, sthnte Faust, in seiner ewigen Eifersucht getroffen, welche alle
andern hate.

Ich denke mir, es ist das, was mir immer hlich und beleidigend
vorkam, bei dir eine Vorhalle und Stufe zu deiner Seele und deinem
Vertrauen, ohne welche Prfung ich niemals bis an dich selber gelangen
kann. Nimm, was du mut und wisse nur, da ich's zwar nicht mit Lsten,
aber mit Liebe ertragen werde. Ich werde abwarten und dir so lange
mit dem Niedrigen dienen, bis du mich wegwirfst oder ohne mich nicht
mehr leben, noch sein, noch denken und bauen kannst in diesem Leben.
Entweder ich werde dir vllig zur andern Hlfte, der alles gehrt,
deine Plne, deine Vermessenheit und deine Verzweiflung und Demut, oder
ich hab' mich berhoben, dir so viel sein zu wollen. Dann hab' ich
meine Strafe und dann wirf mich zum Abfall deiner andern Ernchterungen
fort.

Faust schwieg stille.

So hatte er noch keinen Weisen auf Erden reden gehrt und keinen
arabischen Magus; keinen Priester und keine Jungfrau.

Das erste und das einzige Mal und das war jetzt und hier, da war es dem
Faustus, der sich in der Kirche nur mit Spott und verstndnisvollem
Grinsen vor der Hostie gebeugt hatte, so, als mte er in die Knie
brechen und weinen wie ein Kind. Hineinweinen in den reinen Scho
dieses Mdchens! Und aus diesen Trnen der gefallenen Seele und Helenas
bloem Opferbereitsein mte hier zum andern Male Der entstehen, der
zwar nicht die starre Welt, aber die noch viel starreren Menschenherzen
entzweisprengen wrde!




Der verhaltene und harte Mann schwand zwar nicht zum Kniefall vor dem
Weibe dahin, aber er setzte sich schwach und schwer nieder. Dem Kinde
wies er wortlos seinen eigenen Platz am Kaminfeuer und es war eine
lange Weile nichts zwischen ihnen, so da das Mdchen sehr bange um den
Ausgang seiner Herzenssache gewesen wre, wenn es nicht gemerkt htte,
wie es in dem gefhrlichen Mann zuckte und ri. Er kmpfte mit sich und
versteckte seine Rhrung, aber sie merkte es dennoch und streichelte
ihn, wie ein Kind, wie eine Geliebte und wie eine Mutter, alles in
einem. Und wute innerlich, da sie gesiegt und mit dem Fu eine groe
Schlange zertreten hatte.

Hat sie der alternde Faust eingenommen oder sie ihn? Es ist ein Ding,
ber das jederzeit beide sehr glcklich sind.

Faust konnte weinen; -- ganz leise ...

In jener Stunde also, da dem harten, gehssigen, hhnischen und
gelehrten Doktor Faust heimliche Trnen geschenkt waren, wie vielleicht
seit seiner Jugend nicht, hatte der Fhnsturm im Kamin allein seine
Rede. Die zwei Menschen schwiegen, er aber litt und klagte und
toste fr beide. Das Feuer verkroch sich unter seinem brausenden
Herunterfahren, dann rebellierte es doppelt; ebenso, wie die Herzen
jener beiden Menschen, die sich kein Wort mehr zu sagen hatten und
dennoch bald entbrannten, bald zu sterben und auszulschen vermeinten.
Immerzu aber sang das Element im Kamin. Es donnerte und es rieselten
Sand und Ziegelstcke hernieder; es verprete sich und schnaufte und
dann wieder weinte es; bald aufheulend, bald leise.

Das Mdchen: Heute ist der Tag Allerseelen. Denkst du nicht daran,
Johannes, da unser Volk hier herum sagt, wenn der Wind im Kamin so
sein Wesen hat, dann weinen die armen Seelen?

Faust nickte und sa zu ihren Fen hin, wie er vor langer Zeit bei der
frhgestorbenen Mutter getan.

Nun warst du eine verdammte, arme Seele bei lebendigem Leibe, sagte
das Mdchen, dem die Haare sich im Feuerscheine vergoldeten. Leide nur
immerzu mit; ich will dich nicht mehr verlassen.

Faust aber vergrub sein Gesicht in den Knien des Mdchens und atmete
das fremde, junge Wesen ein, ohne ihr etwas anzutun. Und so oft der
an alle Begierden Verlorene sprte: das ist ja das schnste junge
Weib der Erde, da stand er auf und ging mit groen Schritten auf und
nieder und es ist wahr, da ihm die Jungfrau dabei nicht aufatmend,
sondern traurig zusah, weil er ihr Opfer nicht annahm und weil sie sich
frchtete, der Feind knnte strker werden als alles, was sie zu geben
hatte.

Aber als der Sturm dermaen donnerte, da die ganze Stadt an nichts
anderes zu denken vermochte, als wie sie nur mit gesunden Dchern
und Husern den nchsten Tag herandmmern she, da fhlten beide
sich zuletzt so ausgeschlossen von den Gedanken aller Welt, da sie
vermessentlich alles fortwarfen: Jedes eine ganze Welt, dem andern
zuliebe.

Und von dem Tage an begann die Zeit, da ging der berhmte Doktor bei
der Hofraitkanzlei den Krebsgang; hielt zurck, bat um Stundung und um
Einhalt der Arbeiten wegen des Winters und war daran, ein Menschenkind
zu werden. Schwach, klein und mitleidswert wie alle andern lieben und
bsen, geratenen und milungenen Menschengebilde auch.

Die Chrysoloras aber war damals schner als je und war so glcklich,
da ihr Vater immer sagte: Du tolles Heidenkind.

Er allein wute noch nichts von ihren heimlichen Gngen zum
Nigromanten. Aber in der Welt entstand damals schon, zuerst durch
wegziehende Innsbrucker Studenten jene bekannte Fabel, der Faustus
habe sich durch bse und schwarze Kunst die schnste Frau aller Zeiten
erzaubert: die griechische Helena des Homer.

So wunderlich wird von den Menschen alles symbolisiert; immer steht nur
ein Krnlein Tatsache da.

Das aber war es nun, Gott nehme es als Klage an: Wre der Faust mit
diesem unbndigen Glck zufrieden und seliglich geworden und geblieben,
er wre nicht der Faustus gewesen.

Im stillen hatte ers oft verwnscht, da er der grten Schnheit
niemals teilhaftig geworden wre. Jetzt, wo es gekommen war, glaubte
er zuerst oft, er mte von Sinnen kommen und augenblicklich fertig
sein frs Tollenhaus, wenn er ihre still und bescheiden dargebotene
Schnheit mit den Augen prfen durfte. Er war weitherum in die Lnder
gereist, welche sich jahrtausendlang mit der Schnheit menschlichen
Krpers und seiner Bewegung verwhnt hatten und sah lngst nicht mehr
mit den Augen der bald zufriedenen deutschen Malermeister. Das aber,
was ihm hier geschenkt worden war, hatte an Ebenma kein Grieche
und kein Italiener in seinen hchsten Verzckungen erlebt. Er wute
es. Und, noch einmal, er erstaunte oft, da er vor Glck ber diese
allerletzte und spte Gabe Gottes nicht irrsinnig wurde.

Aber es grbelte und whlte in ihm von jungauf. Das konnte jetzt
nicht abgewhnt sein. Darum sagte sich der unzhmbare Mann: Fr ein
biegsam und malenswertes Mgdlein gibst du deine Feindschaft gegen
Gott hin? Diesmals lachen nicht alle Teufel; aber im Himmel mag es ein
klingelndes Gelchter geben darob!

Auch war noch etwas in ihm, von dem ungut sprechen ist. Aber weil
hier von einem Manne die Rede geht, der bis an die Grenzen aller
Sinnengierden gewstet hatte, so mu es, ungern, gesagt sein. Er
wollte von dem Mdel, das sich ihm aus einer Liebe ergeben hatte, die
man treulich die gttliche nennen htte drfen, andere Liebe haben;
ganz andere! Das heit aber, verdorben, verbuhlt wollte er sie; --
um kein bseres Wort zu brauchen. Irgend ein Teufel in ihm trieb ihn
zu diesem Wunsche, nach dessen Erfllung sie gewesen wre, wie eine
andere, hitzige Dirne, so da er sie dann vielleicht nicht einmal
gerhrt von ihrer vlligen Niederlage, verworfen htte. Das schne
Mdchen aber gab sich, ohne da die Snde sie hinri. Das whlte in ihm
wie eine Beleidigung.

Er wute sich schne und begehrte Weiber von einstens, die waren in
einer Stunde siebenmal vergangen und hatten ihre Seele weggeseufzt. So
wollte er die Chrysoloras haben. Er zerqulte sich, da sie ihm nicht
gab, was bei reinen Mdchen erst spt und aus einer blo krperlichen
Gewhnung entsteht und dann nur wunderlich, ihnen selber und ihrem
eigentlichen Wesen ferne und seltsam vorkommt. Denn sehr verschieden
sind die Frauen in der Umarmung.

Der mitrauische Mann aber legte das Wesen des Mdchens dahin aus,
da sie wohl unter dem Druck eines Jngeren dahinverbrennen wrde.
Blo ihm, nur ihm alternden Manne konnte sie das Entgegensprhen des
Elektrons nicht mehr geben! Das whlte und zerfra ihn.

Und doch kann keine Treue sicherer bestehen, als die, an der keine
Sinne teilhaben, sondern die sich an das urewige Wesen eines seltenen
Menschenkindes klammert und nichts anderes begehrt als das.

Aber so ist der Mann, da er den Leib im Staube sich winden sehen will,
wie den eigenen. Und daran, an dieser Grenze, geriet Faust am Gotte
vorbei.

Er glaubte nicht an das reine Weib und deshalb verzweifelte der unrein
gewordene Mann jetzt an sich selber. Gab sich und seinen Jahren
schuld. Konnte sie ihn beim Haupte nehmen und mit elfenbeinblassen
Armen umringen und mit den Hnden im Haar liebkosen, da meinte er, sie
suche nach, ob er schon gar zuviel graue Haare htte? So mitrauisch
und verloren war er und dachte sich das Mdchen so wie sich selber,
whrend sie ihn blo anbetete und inbrnstig ihm vergab und ihn koste,
so gut sie es konnte. Je ser sie in ihrer Liebe wurde, desto mehr
verzweifelte er an ihr und sich selber. Alles legte er zuletzt anders
aus.

Einmal, nachdem sie sich gesagt hatte: Du hast den erfahrensten Mann
dieser Erde in deinen Armen, frag ihn aus, da begann sie: Sag' mir,
Faust: Wozu, da du alles durchforscht hast, wozu meinst nun du, da
Gott den Menschen erschuf?

Da fuhr der mitrauische Mann auf: Du willst wohl Mutter werden und
dafr ein Sprchlein haben?

Das Mdchen richtete sich beinahe erzrnt und ernsthaft auf: Ich
frag', was ich frage, ohne einen andern Gedanken, als da du allein mir
darauf vor allen andern Menschen Antwort geben knntest.

Dasmal sah Faust ein, da ein Kind mit seiner Seele gefragt hatte und
erwiderte ihr in seiner Weise: Gott hat den Menschen erschaffen, damit
der ihm Antwort gb' auf Ding', die er selber nit wei!

Faust, ist das dein Ernst?

Mein Ernst. Soweit ich Gott neben die Vernunft gestellt habe, hat er
sich mir als ein liebes, dummes, aber ungeheuerlich sicheres Lasttier
erwiesen, das neben den gefhrlichsten Abgrnden gehen kann, ohne
hineinzustrzen. Bei diesem Schreiten neben Abgrnden kannst du auch am
Menschen abpassen, wieviel vom Gotte in ihm steckt. Unsere Vernunft ist
ihm, was uns ein Kartenspiel in migen Stunden ist; er sieht hinein,
macht Mischungen, fhrt verschiedene Spieler zusammen und wirft zuletzt
alles durcheinander: Es war ja nichts. Darum wollt' ich ihm ein Spiel
wenigstens verderben! Mehr vermag auch ich nicht.

Und hast es aufgegeben?

Und tt' es aufgeben, solange ich dein Gott wre. Dein einziger, dein
eiferschtiger, dein alldurchdringender, der nicht einmal ein armes
Holz- oder lbildlein neben sich dulden wrde!

Das bist du, ich schwre es dir, sagte das Mdchen und kte
den Mann, den sie so sehr liebte, weil er so ungeheuerlich und
gefahrdrohend gewesen war und nun ihr zuliebe so mild und gezhmt.
Wirklich, sie liebte ihn ber alles; denn keiner war so abseits und so
nahe am uersten. Auch hatte er abgrndig mitrauische, todtraurige
Augen; in die konnte sie nicht genug schauen. Dann war er in vielem
dennoch wie ein Kind geblieben. Er hatte dichtes Kraushaar. Auch sein
Mund war herb und irgend eine Lust war deshalb in ihr unersttlich,
diesen absagenden Mund in weichere Form zu kssen. Weiter, er war
hungrig nach ihr wie ein erst Gewordener. Das erhitzte sie nicht,
aber es schmeichelte ihr viel mehr, als er ahnte. Sodann, aber lange
nicht zuletzt, seine Stimme klang verschwebt und traurig; gar nicht
hart und haerfllt. So, da sie sich immerzu wundern mute, wie ein
Mann mit so entferntem Ton den Ingrimm fassen hatte knnen, alles
zusammenzuschmeien, was Gott in Jahrtausenden erbaut. Da nun sie
allein dawider und dazwischen kam, das machte ihr so hohen Mut und
solches Glck, da sie immer mehreres an ihm schn fand, als diese eben
gesagten Dinge, und wirklich und wahrhaftig in den zu Jahren kommenden,
armen Mann verliebt war, an dem es so viel zu bewundern, so viel, sich
zu entsetzen, und so viel zu bemitleiden und zu bemuttern gab!

Das war, in kurzem zusammengefat, die Liebe der Chrysoloras.
Und whrend die Theologen, ferne oder nahe in Innsbruck, die
erschreckendsten heidnischen Liebesnchte ahnten und der verhohlenen
Chrysoloras alle Laster ansahen und zumuteten, da war es so was
Herzliches und Inniges und Zutrauliches mit der Mdelseele, da man
wohl glauben htte drfen, Gott selber htte sie endlich und letztlich
zum Fausto gesendet, damit sie ihn errette und erlse. Denn mehr konnte
auch er nicht geben.

Es kamen noch andere Sendboten des Allgtigen zu dem verlornen Manne,
um seine Seele snftiglich zu ermahnen. So lie sich dieser Winter
dermaen milde und gtig an, da Faust, der immerzu an der Begierde
nach dem Sden, seiner vielen Sonne und seinen Frchten litt, beinahe
im Boznerlande zu sein glaubte; so weich und gut ging es zu Innsbruck
damals her, seit jenem Fhn.

Er ging einmal von seiner Geliebten, die ihm gefgig, demtig und
zrtlich erschienen war, wie sie ihm noch nie bednkt hatte -- (und das
war viel) -- mit einer Seele, die gerhrt war wie die eines Genesenden,
in den lieben Novembersonnenschein hinaus, ging ber den Paberg bis
zur Sillschlucht und schaute den herrlich klaren Sturzwassern zu, wie
die eilig gegen Sden hinwirbelten. Dorthin, wo sein erschreckliches
Werk weitergedieh, ohne da er mehr dabei sein wollte. Vielleicht floh
er mit Helena? Von einer lieblichen Willenlosigkeit erfat, lie er
seinen Tag dahinspielen, als wre er mitten in seiner Jugend.

Er war heute dermaen ergriffen ber die Liebe, die ihm, dem
unschnen und bejahrten Manne da gegeben worden war, da er an allem
Gefallen fand und dem Gotte, mit dem er sonst ingrimmig zu hadern
pflegte, in seiner unziemlichen Weise, aber nicht hhnisch, jetzt
zurief: Manchmal machst du es doch ganz hbsch, du alter Snder und
Lebetappel!

Es waren unschne Worte; jedoch sein Herz, das er vor sich selber zu
verstecken strebte, war an diesem Tage viel schner.

Da aber zogen Bauern vorbei und ein paar Brger; die hatten sich aus
Brixen und Sterzing zusammengetan, um in der Residenz den Andrmarkt zu
besuchen. Und das bermtige und gutlebige Volk sang, alle zusammen,
das damals berhmte Leiblied aller gesunden und derben Philister:

    Ach Gott, durch deine Gte
    Gib uns Mantel, Rock und Hte;
    Dann Rsser, Su' und Rinder,
    Schne Weib' und noch mehr Kinder!

Da blieb der Faust stehen.

Der urgesunde Hohn dessen, den er Gott nannte, stie krftiglich auf
seine Trume hernieder. Er machte ein bses Gesicht und schaute den
Kerlen nach.

Wenn ihrer einer, nur einer von ihnen so was wie dein Ebenbild wr,
du Dalk dort oben! Ein Ebenbild, wie die wlschen Maler hinstellen,
murrte er. Als die Davonziehenden aber das Lied nicht genug jubeln
konnten, da rief er ihnen nach: Da euch die Franzosen dazugesegnet
sein mgen, ihr Migebck! Und sah ihnen mit zornflammenden Augen
nach! Ich mcht' doch sehen, ob ich, der Faustus und Denker, mich je
unterwunden htt', einen Bamsen in die Welt zu setzen! Ich, ich tt'
mich des schmen und unwrdig fhlen! Da ist aber ihrer keiner, der
schner von Leib wre, als ich armer Schwartenhans! Ausschauen tun
sie, wie Bastarde von Feldrben und Alrundeln. Und solche Affenbande
mcht' sich nicht genug wiederholt und fortgezeugt wissen? Da einem
das Kotzen ankommen mt! Und so ist die ganze Erden getan. Ehedem
waren der Menschen gar wenig, da standen sie nahe bei Gott und hatten
einen Abglanz von ihm; -- so oder so. Der Schnheit war viel da und der
unholden Masse wenig. Jetzt sind es in den Stdten schon hundertmal
tausend Rauhwuzeln, Rpel und Dirnen. Millionen! Und schaun aus,
wie Ackerknollen. Mssen sich aber vermehren, da es langsam zum
Verzweifeln sein wird auf der berwimmelten Erden! Krieg und Qulerei
und Blutvergieen und andere Bosheit treiben sie genug, aber all' das,
samt der Pest, kommt nicht auf gegen ihre Wonne, immer mehr Affen ans
Tageslicht zu setzen!

Ein einzigmal war das Paradies. Da waren die unbewuten Tiere, die
jetzt mit Flei ausgerottet werden, die wimmelnde Menge. Und ber allen
stand allein aufgerichtet, das Haupt zum Himmel erhoben und ber sie
wegschauend, der eine Mensch. Der eine! So wie ich mich bednk', der
eine und einzige zu sein. War der Adam der erste, ich, der Faustus,
will der letzte sein. Geh' es, wie es mu!

Er atmete schwer in seinem Ingrimm. Da fiel ihm ein, wie ja gerade Gott
zu jenem hochaufgerichteten Einen und Einsamen die Eva hingestellt.
Ebenso, wie jetzt zu ihm? Da er doch schon ein langes Leben, allein und
trotzig abgeschieden von dem andern Geschmei, verharrt htte. Lngst
sah er die Menschen nicht mehr als Brder und seinesgleichen an.

Aber er schttelte alle lieben und weichen Gedanken von sich. -- Brder?

Sogar fr die Gekrnten hatte er nur Kurzweil und Possenspiel
losgelassen; denn sie, weniger noch als andere waren einer ernsten
Belehrung wert. So hatte er alle und alles verachtet und sogar von dem
Tiefsten und Schauendsten neben ihm, dem groen Paracelsus, hatte er
einmal gesagt:

Der ist nur ein Instrument der Menschheit. Ich bin der Mensch selber.

Und damit wollte er der Letzte sein.

Vergrmt und verekelt ging der Doktor seine einsamen Wege durch die
holde Landschaft weiter und merkte hhnisch, wie auf dem sonnigen Hang
gegen Schlo Ambras zu, den er jetzt wandelte, allerlei Blten sich
hervorwagten. Das ist Er; ja, das ist Er! Wo es nur angeht, drngelt
und ringelt er sich wichtig herfr! Und wr's im Dezember und mt da
alles gleich wieder erfrieren; die Dummheit mu gewagt und gemacht
sein!

Er blieb stehen. Bei jedem Menschen noch, den ich gesehen und erleben
mute, hab' ich mir die Frage gestellt: 'Ist er denn berhaupt wert,
da er lebt?' War er jung, so lag das Ja, dann und wann, aber gar
selten, nher; wegen der Hoffnung, da noch was Gttliches draus
erspriee. Aber was haben die dann alle aus sich gemacht!

'Herr, schenk' uns Su und Rinder, Weib und noch mehr Kinder!'

Und selbst wenn unsereins, in brennendem Bemhen, sein unersttlich
Herz zur Ewigkeit emporhlt und frgt: 'Gott, Gott, was ist das alles
und warum lt du uns ewiglich so weiterbetrogen sein?' Wer bei
ihm die Wahrheit sucht, der erlebt bestenfalles kalte Antwort, wie
er sie dem hochwissenschaftlichen Paracelsus oder auch irgend einem
Mathematicus gab! Er ist ein unsagbar nchterner Gesell, vor unserm
Verstande.

Nur wer dahingeht wie ein Kind, der lebt im Rausch. Aber im selben
Rausch wie diese Novemberblumen, die in drei Tagen erfroren sein
werden. Fopperei ist alles.

Er blieb wiederum stehen: Nur zwei Menschen gab es auf Erden. Den
ersten, der den Gott schuf; -- den zweiten, der ihm absagte.

Der Magier war wieder in seinen unzerreibar festen Gedankenkreis
hineingeraten: Dieses Spottbild einer Schpfung, mit dem Menschen
obenan, msse hinweg. Das hatte er sehr oft und mit hinreiendem Feuer
dem jungen Stainer in dessen ohnedies verwundete, arme Seele gelegt.
Er hatte es ihm flammender eingebrannt, als Farben in einem gemalten
Fenster sitzen. Der Junge konnte jetzt nur mehr mit Faustens Augen
sehen, nur mehr mit seinem Hasse atmen, nur mehr an Gott denken als den
groen Possenspieler, Fopper und Torkler, der, im Grunde ohne eigene
Vernunft, alles rundum elend machte, und dem mans zurckgeben mute!

Fr diese seine verzweifelnde Lehre hatte der Faust zu allen Zeiten
andere Worte und Laute. Zuweilen so rhrende wie ein Kind. Und gerade
dann ergriff er seinen magisch gebannten und nach ihm drstenden
Schler am meisten.

Es ist ja alles nur Heimweh und Heimbegehren, sagte er einmal in
ergreifendem Ton, der dem Jungen durch die Seele schnitt! Es ist ja
gar keine Auflehnung, was ich tue, sondern unsinnige Begierde: Zurck
zu ihm! Zurck in den Scho, wie ein ungeborenes Kind! Ist er der
Unbewute und Ahnende, als den ich ihn wei, warum bin ich verdammt, zu
wissen und zu durchschauen? Zu hohnlachen und zu verzweifeln?! Geb' er
uns doch sein entzogenes, vterliches Gut, uns allen, damit Ruhe wird
und die Hlichkeit nicht ganz und gar berhand nimmt! Sollen denn nur
die Guten aussterben? Denn dahin treibt es! Und die Krummbeinigen mit
den Affenstirnen werden frechhin die Erde berwimmeln! Hinweg also mit
den Sehnlichen, denn sie leiden zu viel: Hinweg, mehr noch, mit dem
Aasgeschmei! Mag sich die alte Feuerkugel stillbesinnlich wieder im
Tanze drehen wie ehe; ich ertrage den Menschen nicht mehr!

Nun mag man sich solche Worte und herzzerreiende Klagen in der
Seele eines todwunden Jungen wachsen vorstellen. Dessen geheime
und hinuntergebissene Liebe war hoffnungslos. Zudem neigt gerade
die blumenzarte Jugend viel mehr zum Tode hin und Schwermut, zum
Verzweifeln und zur Sehnsucht nach dem harmonischen Verklingen, als
der ltere, holzige und ausgedorrte Lebenswille. Das Sterben steht
in magischer Nhe zu jenen vielleicht, weil sie noch die unbekannt
gewordenen Harmonieen des Nichtseins im Ohr nachklingen haben.

Ja; es entstand eine reiende Sehnsucht in dem wahnsinnig gewordenen
Knaben nach der endlichen Vernichtung. Und da er allein ausersehen
sein sollte, der Amanuensis des groen Widerpartners Gottes zu sein,
der Arm des Vernichters, das zog ihn vollends hin.

An diesen seinen jungen Gesellen dachte Faust nunmehr die ganze Zeit
und er berlegte, ob er ihn nicht wieder heimachen und aufhetzen
sollte. Dann sah er um sich, sah die Erde lcheln, als wre Frhling,
entsann sich abermals, wie dieser Tag so recht ein Symbol des ganzen
Truges wre und warf sich, von zwiespltigsten Gefhlen berrannt und
verzweifelnd, am Weg ins frisch herausgekommene Gras, das so betrogen
war, wie er selber und sthnte: Vor Hilflosigkeit, vor Anklage, vor
Flehen um Gnade und Friede.




Das liebste Mdchen indessen wute, wie schwere Rckflle in die alte
entsetzliche Melancholie ihr einzigster Mann hatte und sie diente ihm
auf das zrlichste, aber auch auf das behutsamste und klgste. Da
nicht ein Brand der Sinne sie zu ihm gerissen hatte, vermochte sie
es, trotz aller Zrtlichkeit und Liebe und Sorge, sich zeitweise von
ihm fernzuhalten und so immer seine Sehnlichkeit nach ihr zu schren.
Wenn er dann ber die Maen hungrig nach ihr war, kam sie und gab
karg, bescheiden, aber unendlich zrtlich. So blieb Faust vollkommen
ihres Wertes bewut und wurde hingehalten und verzgert, einen Tag
um den andern. Bis eben auf jenen trgerisch bestrickenden letzten
Novembertag, der ihn an sein vergngliches, im Winter entstandenes
Frhlingsglck erinnerte.

Zu spt, zu vergnglich! Zu hold und eben darum unertrglicher, als wr
es zu rechter Zeit gekommen!

Wie Faust nun war, mitrauisch und immer aufs Vllige und Letzte
gierig, wollte er nunmehr erforschen, wie es in der Seele des
Mdchens aussehen mchte. Ob ihre Treue aushalten mchte? Auch um den
ergrauenden und gebckten Mann? Und ob er, der sich verma, der einzige
Mensch auf Erden zu gelten, ob er wenigstens dem jungen und schnen
Weibe der Erste und der Letzte, kurzum, der Einzige wre und bliebe?

Dann, so wollte er's in Gottesnamen hinnehmen und einen Vergleich
mit Gott eingehen und zufrieden sein, oder zufrieden tun, und sich
bezwingen; Amen.

Das aber, in die Seele des Mdchens zu blicken, wie in ein klares
Brunnenwasser, das vermochte der Doktor gar wohl. Schon da er, in
vielen Gegenden und Gelegenheiten, die Menschen ausgelernt hatte,
diente ihm auch hier, und er htte dem makellosen Mdchen, als erstem
Geschpf auf Erden vielleicht, vollhin vertraut. Aber er wute mehr
und konnte tiefer und weiter forschen. Und das war nun eine seiner
schwarzen Knste und er betrieb sie also:

Als er eines Tages wute, da am Abend das liebe Mdchen zu ihm kommen
wrde, bereitete er sich den ganzen Tag und sogar die Nacht vorher
darauf vor; strkte sein Innerstes durch Enthaltsamkeit und lie nichts
als unalltgliche Gedanken in sich. Aber auch davon so wenig, als er
ihnen nur immer abwehren konnte. Er sa, vllig in sich geschlossen
und geklammert, stille, bis die Lebenskraft in ihm weder aus noch ein
wute. Er aber bndigte sie weiter und wute sogar das Drohen und
Blitzen seiner unruhigen Augen in Starre zu bannen, ganz so, als
wre er aller Dinge berdrssig, apathisch und gleichgltig wie ein
hinsterbendes Tier, das nichts mehr auf Erden begehrt.

Gegen Abend dann erhob er sich langsam und nahm ein groes Stck
Holzkohle. Mit dem beschrieb er, sich mchtig ausdehnend, einen Zirkel
auf den Estrich seiner Stube. Der Zirkel war etwa so gro wie ein sehr
enges Brunnenloch; nicht mehr als anderthalb Ellen im Durchmesser.

Nun begann er das Rund mit schwarzer Kohle auszustreichen und er zog
seine breiten, dunklen Striche mit etwa solchen Bewegungen, wie eine
Katze tut, wenn sie erwacht und sich dehnt, um die allzu berschssige
Kraft herauszurecken. Oder wie ein gesunder Mensch, der sich nach
langem und tiefem Schlafe im Vollgefhl des bermutes dehnt.

So strmte Faustus dasselbe Geheimnis von sich, von dem er im Buche zu
Salzburg gelesen hatte: Wisset, da es einen wunderbaren Stoff gibt
im Krper des Menschen, genannt Luz. Der ist des Menschen ganze Kraft
und Tchtigkeit, zugleich die Wurzel und der Boden von allem Sein. Und
wenn der Mensch vergeht, so stirbt und vergeht diese Kraft nicht und
lst sich dabei nicht auf, wie der Zufall des Krpers. Selbst wenn sie
auf einmal in das grte Feuer getan wrde, so brennt sie und verzehrt
sich nicht. Sie kann auch nicht geteilt werden und zerbrochen oder
zerstampft oder zermahlen, sondern sie ist ewigdauernd. Im Menschen und
nach dessen Hinscheiden, so wie geschrieben steht im Ecclesiastica 26:
_Et ossa sorum impingabit_.

Diese Kraft nun, die Himmel und Erde und alle Fernen gleicherweise
durchpulst und alles erschauern macht, was geschaffen oder noch
ungeschaffen ist, gab Faust, der ihrer Herr geworden war, mit einer Art
Grauens von sich hin, so da sich ihm die Haare knisternd hoben und
sich strubten, wie bei einem, der arg entsetzt ist. Er aber bestrich
das ganze Rund vllig mit der schwarzen Kohle und streckte und dehnte
das hinein, was trichte Menschen den Willen nennen, was aber gar nicht
ihrer ist, sondern des unheimlichen Allbelebers Geheimnis.

Es kam nun das Mdchen.

Wenig geheimnisvoll, sondern unbefangen tuend, empfing sie Faust und
sprach von vielen Dingen, aber nicht besonders zuredentlich. Sondern
er lauerte leise dahin, wie sie immer mehr von dem schwarzen Rund
gefangen genommen wurde, wie ihr der Atem schon etwas krzer werden
wollte und sie, je lnger je mehr, nach dem dunklen Kreise starrte, so
da ihr zuletzt die Augen weit und angstvoll wurden und sie nicht mehr
loskonnte von dem, was sie unwiderstehlich dorthinzog.

Eva, la ab, sagte Faust, freundlich prfend. Hast doch schon
mehrere kabbalistische Charaktere bei mir gesehen und doch nicht
begehrt, in sie einzudringen. Wirst mir auch jetzt nicht neugierig
sein.

Helena schttelte die Locken aus dem Gesicht wie wirre Gedanken.
Sie versuchte, sie zu sammeln. Aber bald umging sie, im Kreise,
wieder den schwarzen Fleck. Immer nher kam sie ihm, es zog sie mit
unwiderstehlichen Gewalten hin. Mehr, viel mehr, als der Schwindel den
Erbleichenden an hoher Wand aus der Tiefe her erbeben macht, -- aber
hnlich.

Da du mir nicht zu nahe herantrittst, schrie Faust ihr bedrohend
zu: Es ist dort, wie ein tiefer Brunnen; abgrundtief, daraus die
Vergangenheit steigen kann und auch die Zukunft, so sehr reicht er bis
an die Ewigkeit hin! Du wrdest hineintaumeln und dich zerstrzen!
Um aller Krfte willen, geh nicht zu nah heran und betritt den Kreis
nicht! Hinunterschauen aber magst du immerhin.

Leichenbla und zitternd schritt das Mdchen hinzu und die Knie
schlotterten ihm so sehr, da Faust jeden Augenblick zu ihr zu
springen bereit war, um sie zu halten. Aber sie strzte dennoch nicht,
sondern vermochte sich, auf versagenden Fen, schwer und schleppend,
zu erhalten.

Was hast du? fragte Faust.

Das bejammernswerte Geschpf, das jetzt nicht einmal mehr schn zu
nennen war, so entstellt war es vor Schwche, Neugier und Entsetzen,
brach in ein irrsinniges, verlegenes Kichern aus.

Was hast du? wiederholte er. Da kicherte sie noch gepreter und
lachte dann krmpfig und schrill auf.

Gesteh's nur ruhig. Knie' daran hin und schau dich satt; es soll
dir keine Schande sein, trstete er. Da kniete sie an den Rand des
schwarzen Fleckes, und nun schien ihr wohler zu werden. Der Schwindel
lie nach, der Angstschwei verflog langsam und das Grauen verwandelte
sich in eine Art Jammer; dann in Mitleid, spter in Teilnahme, zuletzt
in Entzcken.

Nun, was siehst du? fragte Faust, mit nachschleichenden Augen.

Kinder, holde Kinder, wie Engelsputten, rief sie mit mtterlich
berquellender Liebe. Beinahe jauchzte das Mdchen.

Sie verga des Schwindels vor der schwarzen Brunnentiefe, die aus
unermelichen Abgrnden bis zu ihr heranreichte und stemmte die lieben
Arme zu beiden Seiten auf, whrend eine unsagbare Verzckung sie
holdseliger erscheinen lie, als jemals. Ihre Farbe war zurckgekommen
und ihre Wangen schn und erglhend; ihre Augen schwammen in
unermelicher Zrtlichkeit und Sehnsucht. Ah, rief sie, als zerprete
es ihr das Herz und die weie Kehle. Ah!

Red' dir's von der Seele, riet Faust mit erbebender Stimme.

Da fuhr sie zgernd, dann aber immer reiender, fort in ihren
Gesichten. Du, du, Zunchstes, du Kleines, Kleines!

Sie sah sich nach dem Manne um, der abseits stand, das nachdenkliche
Antlitz gesenkt und die Hand in den Bart und um das Kinn geklammert.
Siehst du nicht her? Jammert es dich nicht? Es bewegt die reizenden,
die vollen Lippen, und die hat es von dir. Und es hat den schauenden
Blick der Augen von dir, das geht mir bis ins tiefste! Du, Johannes!
Hrst du, es bewegt die Lippen, aber es mchte gar nicht saugen. Reden
mcht es, denk dir Johannes! Ihre Stimme verschlug sich beinahe vor
Mitleid und Liebe und bekam einen zauberisch sen, flehenden Ton: Sie
alle mchten schon reden, denk dir, du, du, hilf zu!

Und mit herzzerreiendem Blick: Sie wollen Mutti sagen!

Eine Weile starrte sie hinunter, dann fgte sie mit einem Schmerze und
einer Gequltheit ohnemaen hinzu: Und drfen nicht!

Sie sthnte in Sehnsucht, dann lief ihre Rede weiter: Aber du, sie
haben doch alle deine Augen, deine trotzigen, deine scheuen, deine
verdunkelten, geheimnisreichen Augen! Nur den Hals, den haben sie von
mir. Oh du, sie haben gar keine hohen, starken Schultern! Rund, rund
und lieblich ja, aber nicht belastet! Eins von ihnen kann sich jetzt
nimmer halten. Du, du! O die runden rmchen, wie sie sich stemmen!
Hilf, es will klettern. Die wehrlosen Knielein, wie sie sich abmhen,
und finden keinen Halt am Rande und -- -- Faust! Faust!

Mit der entsetzlichen Angst des Tieres, das nicht selber sterben
darf um der Jungen willen, sondern sie verderben sehen mu, was
unbeschreiblich grausam ist, rief sie: Ich lass' es nicht zu, ich will
nicht! Lieber will ich selber mit ihnen -- --!

Ein so entsetzlicher Schrei gellte aus der Kehle des gequlten
Mdchens, welches ihr junges Volk immer schwcher zu ihr streben und
haltlos gleiten, ja zu strzen beginnen sah, da Faust mit einem jhen
Sprunge heranschnaubte, sie zurckstie, so da sie hintenber in
Ohnmacht sank und seinen roten Mantel ber das schwarze Rund hinwarf.
Das Mdchen htte sich sonst zu den strzenden Kleinen in den Abgrund
geworfen und wre, auf dem magischen Kreise, tot liegen geblieben.

Schwer, wild und schwer atmete der erschtterte Mann.

Und er stand lange Zeit, schaudernd. Viele Knste hatte er gebt und
oft war er ber einen Hingestrzten weggeschritten, dem die Magie Herz
und Seele verklammt und ihn gettet hatte. Das, jetzt aber, war ihm
bis in die Nieren gegangen. Er vermochte selber nur mit Anstrengung
zu stehen und zu atmen. Starr blickte er auf das wesenlose Bndelchen
Leib, wie es da lag, zusammengekauert, sowie er es hingestoen und es
seine Besinnung verloren hatte. Endlich raffte er sich zusammen und
ging, mit einem keuchenden Seufzer, nach Mixturen. Dann redete er ihr
ruhig zu. Von dem, was er sagte, sind ihr spter die Verse erhalten
geblieben, die er mit dem tiefsten Mitleide und vterlicher Milde
sprach:

    Was willst denn du?
    Die ewig Unruh oder ewig Ruh?
    Die ewig Ruh, die kennt die Seligkeit,
    Die dir ein tiefer Schlaf allweile beut.
    Die Hast, die ist ein ewiger Herod',
    Der mord't dein Kind und gibt dir selbst den Tod.

Mehr unter dem Ton seiner Stimme, als unter solchen Worten schlug sie
gnzlich andere, irre, hilflose, aber nur mehr verwunderte Augen auf.
Nichts an ihr schien mehr gestrt; sie war blo wie nach einem schweren
Traume, von dem sie nichts mehr wute. Wie zerschlagen.

Nur aus ihrer elfenbeinweien Haut dampfte immer noch die Angst, und
Faust erschauerte, als htte er ein andres Wesen in den Armen. Sonst
hatte das einzige Mdchen einen Duft, behaglich, wie hei angeplttetes
Linnen; hausmtterlich und lieb. Jetzt sprte er Fremdes, ihm
Feindliches an ihr und als sie sich erholt und auf viele verwunderte
Fragen nur drftige Antwort erhalten hatte: Dir ist schlecht worden,
oder Geh nun zum Vater, ich habe Angst um dich, da mute sie sich
doch zum Fortgehen anschicken, war deshalb traurig, entschuldigte sich,
verwundert und verwirrt, da sie ihm statt Liebe und Lust nur Schrecken
gebracht htte und ging endlich, auf ihren schwachen, zitternden Fen
fort in die Nacht hinaus und nach Hause. Sie schmte sich sehr.

Hinter ihr aber ballte sich Faustens Seele schwarz und grimmig zusammen
wie Wettergewlk.




Auch auf der Gasse ging es nicht geheuer zu. Zwei Mnner hatten, jeder
verhohlen und ungesehen vom andern, auf die Chrysoloras gepat. Zuerst
sprang der junge Stainer aus dem Dunkel und wollte der Geliebten nach.
Sie ermorden, sie schtzen? Was wute er selber! Er war namenlos
unglcklich! Helena, die Dirne des Meisters!

Der andere ma ihn flink und berechnete seine Bewegung, seine Gestalt
und sein unsicheres Unterfangen; dann eilte auch er vor und fate den
Scholaren am Arm: Still, zischelte er.

Der Junge erstarrte. Im schwachen Mondlicht sah er ein Antlitz,
abgrndig hlich. Breite, freche, hhnische, nichts glaubende und
nichts bemitleidende Lippen, tckische Augen, breiter, niedriger
Wollschdel, abstehende Ohren, Lasterfalten am ganzen gemeinen
Antlitz heruntergezogen. Erst dachte er: Des Fausti Schwager, der
Leibhaftige! Aber dann ward er sogleich inne, da keiner der Bsen
so auszusehen vermchte. Mgen sie entsetzlich sein, sie sind Geister
und sind gro. Dieses Antlitz, in seiner niedrigeren Gemeinheit und
gnzlich seelenlosen Hlichkeit, konnte nur einem Menschen gehren!

Was wollt Ihr? stammelte der Student.

Warum hast du auf die Chrysoloras gelauert? fragte der andere so
drohend dawider, da Stainer sich verteidigte: Ich bin doch ihr
Vetter, der Sympert!

Dann mags gut sein; mich hat ihr Vater aufgestellt, der alte
Chrysoloras.

Du bist so einer, was die Welschen Bravo nennen? fragte Stainer mit
Grauen.

Ich bin sein Diener, weiter nichts; das merk dir. Du hast gesehen, wie
weit die beiden sind. Du weit nicht, ob du dawider sein sollst oder
dafr?

Wahrhaftig, das wei ich nicht, stammelte der junge Mensch.

Na. Ich will dir Zweifel und Mhe bald abnehmen.

Mann, sagte der Student traurig: Das wird kaum notwendig sein; denn
er selber sinnt sich nichts anderes, als seinen Tod.

Mag ehedem gewesen sein; ehe er das Mdel hatte.

Der junge Mensch griff sich nach dem Herzen. Wenn der Meister um des
Weibes willen, um seiner sehnlich Begehrten willen, abstand von dem
bergroen und sich im Getndel niederlie, dann war fr ihn das
allerletzte dahin. Da er die Helena erst hinnahm, aber dann dem Gott,
mit hhnischem Dank, wieder zustellte, das htte er ihm zugetraut. Aber
da der weitgewagteste aller Menschen -- -- Nein!

Der gibt sich weder gefangen, noch gibt er sich zufrieden, sagte
Stainer endlich. Lat ihn. Er wird Euren letzten Dienst nicht
brauchen. Auch knnt Ihr ihm nicht an. Nur er sich selber. Und das wird
geschehen.

Der fremde Mann trat kurz lachend in die Nacht zurck und Sympert sah,
wie lang der Oberleib des kleinen Kerls war und wie abscheulich krumm
und verdreht seine Beine. Ihn ekelte.

Was alles dem Meister nach dem Leben strebte, das er doch selber lngst
verachtete! -- Aber wenn sich der Faust dennoch auflste in dieser
spten Liebe?

Mit Zweifeln und Verzweiflungen sich umherschlagend, ging der junge
Mensch, der sich in den Todesgedanken so merkwrdig verstrickt hatte,
nach Hause.

Faust oben blieb allein und unbehelligt.

Er stand immer noch vor seinem hingeworfenen, roten Mantel und trug
beinahe selber Scheu, das greulich zum Leben erweckte schwarze Rund
wieder zu enthllen; -- so, in einsamer Nacht. Endlich ri er doch
die Schaube fort und lachte kurz und krmpfig auf. Ihm tat es nichts.
Er wischte die Kohle weg, die fr den Meister nichts als Kohle war, so
leicht, wie der loseste Spinnweb. berall flog sie nichtig umher, als
er sie zerstubte. Dann ging Faust in der Stube hin und wider.

So hab' ich sie! Jaha, so hab' ich sie: Das ewige, versteckte
Mtterchen! Ich soll den Affentanz mittun, weiterfhren und teilhaben
an dem Spottgewimmel; jaha! Und wenn mein Sohn Kaiser wrde:

Was ist mir, Fausto, der Kaiser? Ein allen voraustanzend' arm'
Prunkfflein; immer auf sein eigen Spiel bedacht. Demtig Dienst und
Erkenntnis seines Amts hat er nicht in sieben Tagen seines Lebens. Und
dann hat er dumme und rohe Einflsterer dazu. Nein, mein Sohn wr mir
zu gut, um Kaiser zu werden. Und was wrd' er dann sonst? Wie ekelfett
sind diese Herzen von Vtern, die ihre eigene Brut mit andchtiger
Liebe salben, blo weil sie, in ihrer verdeckten Eitelkeit, vermeinen,
die wren von ihnen!

Wer ist denn seines Vaters? Das Hurenkind deiner Frau ist nur um einen
einzigen Menschen ferner von dir, als dein eigenes. Gegen Myriaden,
die ehemaligen Blutes sind, stehst du ihm allein gegenber! Da sa
eine Grotant' auf ihrem Gelde, fest, bla und neidisch, mit kaltem
Blick und stumpfen Augen, wie eine kranke Krte. Dein Kind kriegt von
ihr die latente Habsucht! Da schnupperte ein heimlicher Hurer den
verschlamptesten Frauenzimmern nach, whrend dir selber gerad eine
einzige Liebe im Leben gengt htte, die aber bergro, und zu der
Besten und Schnsten! Deine Tochter aber kriegt =seine= schmutzige
Hundegier! Nein, ich lass' weder mich, noch die andern Menschen mehr an
den ewigen Sautrog heranzerren.

Er schritt wieder auf und ab, dann blieb er stehen:

Und kmpfte ich vergebens gegen ihn, der sich des Symbols der
Erden, des lechzenden Weibes, bedient, um Liebe zu heucheln, die nur
Eigenliebe ist? Gegen die Weiber soll ja Eisen und Feuer vergebens
sein! Und kmpfte ich vergebens, -- ich, der eine? Gibts was Schneres,
als der Einzige sein, gegen alle?!

O du, o du, o du! Und der ergrauende Mann mit den Irrlichtaugen
schttelte die Faust gegen den Himmel. Dann lachte er, sagte: Da ist
er ja gar nicht, Narr. Und prete die Faust gegen seine Brust.




Am andern Tage war der Doktor von Innsbruck fort und sowohl die Spher
des sich verhalten und vorsichtig gebrdenden, aber im tiefsten vor
Wut rotglhenden Griechen, als auch das besinnungslos liebende Mdchen
stellten ihm vergebens mehr die Wege ab. Er aber reiste durch eine
jener geheimen Knste, wie er sie dem Studenten gezeigt hatte, nach der
Stelle in den Bergen, wo sich der weie Kalk vom roten Porphyr zu jener
grauenhaften Kluft abgespalten hatte. Dorthin kam ihm nach wenigen
Tagen schon der junge Stainer nach, stillgeworden, in gepreter und
zusammengehaltener Verzweiflung. Mit dem arbeitete nunmehr Faust Tag
und Nacht. Es war alles so weit gediehen, da beinahe unausgesetzt die
schreckliche grne Stickluft unter der fortwhrend hinuntersplenden
Sure aus dem Braunstein trat und sich ins bodenlos scheinende
hinuntersenkte. Faust hatte die Tiefe zu ermessen versucht und
erwartete nunmehr mit klammem Herzen, ob es endlos dauern wrde, bis
die grne Bluthustenluft so weit stieg, da man an sie herniedermessen
konnte; denn sie sank, gleich einer schweren Flssigkeit, immer wieder
in die Tiefe. Um das zitterte der groe Zerstrer, da die Erde dort
unten einen geheimen Nebengang haben knnte, der unersttlich von
seinem Werk abtrnke und fre, so da er wohl bis zum jngsten Tage
da den Braunstein zersetzen konnte. Aber da er zur Probe immer wieder
lebende Tiere, in einem Korb an endlosen Schnren, in die Tiefe kurbeln
und dann wieder in die Hhe ziehen lie, da kamen sie, eines Tages
endlich, nicht mehr lebend zurck. So oft er den Versuch wiederholte,
immer waren sie drunten erstickt und rochen schandbar nach dem
reienden, grnen Gift. Nun besorgte er freilich wieder das Gegenteil,
die Kluft knnte nicht tief genug sein und verbrachte Tag und Nacht mit
verzweifelten Berechnungen. Aber es schien alles zur Genge richtig zu
sein. Dann stemmte er die Arme empor und lachte die Sonne jaulend wie
ein Verrckter an.

Er schien gnzlich besessen, und ebenso verzaubert und benommen
war auch der junge Mensch, den er sich da gezgelt und gerichtet
hatte. Sie redeten beinahe nichts miteinander, trieben ihr Werk mit
zusammengebissenen Zhnen und arbeiteten und arbeiteten, zwischen
dem wimmelnden und scheuen Knappenvolk, das zwar allerhand Sagen
tuschelte, aber immer von dem einen Gedanken wieder gelhmt und
verdummt wurde: Gold.

Kurze Zeit aber vor dem Tag Christi Geburt kam Helena Chrysoloras zu
den unheimlich schaffenden Mnnern.

Manuel, ihr Vater, hatte sie hart angefahren. Dann in sie geredet, was
Menschenberedsamkeit vermochte. Hatte sie beruchert. Hatte sie durch
Priester beschworen, da sie entzaubert wrde. Aber sie weinte nur um
Faust. Man hatte ihr seinen etwas hohen Rcken bis zu einem Buckel
grogelogen. Aber sie wurde nur um so irrer und verzweifelter, indem
sie ausrief: Dann, wenn er so hckrig ist, wei ich, warum er mich
verlt: Ich bin immer noch nicht schn genug, um all' das gutzumachen,
was ihr an ihm Hliches entdeckt! Zuletzt war sie all' ihrem Anhang,
ihrer Freund- und Verwandtschaft heimlich entwichen und kam, eine halb
Gestrte, in den wsten Felsen an, in denen der verlorene Faustus
arbeitete.

Dort war er schon so weit gediehen, da der Hirschhorngeist, den der
Doktor zur letzten Herausbringung seines zerstrenden les bedurfte,
immerzu, seit langem schon und tglich von neuem durch Wagenkolonnen
in Fssern herangefhrt worden war. Er aber hatte eine Vorrichtung
erdacht, wie man jedem dieser Fsser mit einem Male den Boden ffnen
und so seinen ganzen Inhalt auf einmal in die Tiefe strzen knne.
Damit aber die grne Stickluft in all' ihren Schichten gleichmig
damit durchgossen wrde, so hatte Faust diese Fsser verschiedentlich
tief versenken lassen; je ein Dutzend auf je hundert Ellen Tiefe und
ein unendliches Gewirre von feinem Tauwerk ging aus den Abgrnden
herauf, an dem man mit einem einzigen Ruck an dem groen Flaschenzug,
der alle diese kleinen Sehnen vereinte, smtliche Fsser mit dem
Hirschhorngeist aufbrechen lassen konnte. Es war in der Gegend auch ein
unertrglicher Geruch von dem Geiste des _sal ammoniacum_, dem sich
immer wieder ein Hauch jener entsetzlichen, grnen Luft beimengte, die
dort in den Bergtiefen versenkt und angesammelt war, so da jedem,
der in die Nhe kam, das Wasser aus den Augen gebissen wurde und die
Bergknappen immer mehr zu raunen begannen, hier habe der Satanas sein
wahrhaftiges und ruchbares Reich aufgeschlagen. Immer aber hielten
die Habgierigen unter ihnen das frmmere und erschreckende Volk hin;
weil Faust ihnen allen einen schweren Anteil an dem ungeheuren Ophir
versprochen hatte, das er da drunten mit seiner schwarzen Kunst
erzeugen und ertrotzen wollte.

Faustus war durch die ble Luft und durch die ungeheure Erregung und
Anspannung aller Seelenkrfte ganz gelb im Antlitz geworden; sein
Schler aber glich schon grauem Papier, wie jenes ist, aus dem die
Wespen ihre Nester bauen.

Es ist wohl wahr, da beide immerzu von neuem frchterliche Krmpfe und
Kmpfe in ihrem Innersten mit der Verzweiflung des Lebens zu durchtoben
hatten, das sich aufschreiend ins Sonnenlicht zurckretten wollte. Es
war nur merkwrdig, da der Junge diese entsetzlichen, malos reienden
Todesngste viel weniger und auch seltener versprte, als der Faustus,
dem sich alles Ingeweide wand und wehrte, je nher er an sein Ziel zu
kommen whnte. Frher hatte er an dem Wagnis, immer knapp an den Rand
des Wahnsinns oder des Todes heranzutreten, ein verderbtes Gefallen
gefunden. Jetzt zerfra ihn die bedingungslose Feigheit der Kreatur oft
so sehr, da er whnte, sich nie und nimmermehr aufraffen, sondern ihr
unterliegen zu mssen. Es ist auch das einzige vllig bermenschliche
an ihm, da sein Stolz und seine rettungslose berzeugung vom Unrecht
und der Torheit Gottes sich immer wieder aus diesen Vernichtungen
emporwanden und er, wenn er nchtens die Helena und ihre kleinen Kinder
jammervoll herbeigerufen und zurckgewnscht und die liebe Sonne sein
Eins und Alles genannt hatte, am Tage wieder verbissen und eisern wurde.

Der Student war vllig seiner Melancholie verfallen und so
stumpfsinnig, wie ein Tier in der Tretmhle. Er begeisterte sich nicht
mehr, er liebte nicht mehr und hate nicht mehr, wollte nichts mehr
ergrnden noch wissen, sondern trieb, wie ein Aas auf dem Flusse,
wesenlos kreiselnd dem Untergange zu. So mute Faust ihn haben und so
allein war er zuverlssig und zu gebrauchen.

Aber da geschah das Unerwartete.

Der verlorene und gestrte Schler stand hstelnd am Abgrunde
des Felsenschachtes und sah glasaugig zu, wie die Fsser mit dem
Hirschhorngeiste, der entsetzlich aus ihnen hervorstank, in die Tiefe
gelassen wurden. Da trat ein Wesen neben ihn und erfate flehend seine
Hand, kniete vor ihn hin, kte gar diese seine eiskalte Hand. Er
starrte sie an.

Der kahle Wintersonnenschein fiel auf ihr wirres Haar, und obwohl das
nach Art einer Begine nonnenhaft gekleidete Wesen an den Schlfen
ganz wei geworden war, so erglhte noch ihr Scheitel, wie sie die
Stiftsfrauenhaube zurckzog, im traumhaften Golde einer zersprungenen,
seligen Erinnerung.

Helena!

Der Bube starrte seine Base an.

Eine Zerstrung ohnegleichen hatte ber diese rhrende Schnheit
hinweggefegt. Um die Augen waren Gramsprenkel ringsumher und tiefste,
tierische Angst starrte heraus, wenn man in ihre Sterne sah. Der
Mund war scharf und heruntergezerrt; ein Winkel hing willenlos und
greisenhaft hernieder und nur die feine, klare Nase war sich hnlich
geblieben. Blo war sie leidvoll schmal und kindlich geworden.

Immer noch starrte der Student in die Verwstung. Unfern von ihm sa
der Faustus; der schien davon zu wissen und hatte seinen zottigen
Kopf wie ein Trotzender vergraben. Alles kam dem Studenten wie ein
grauenhaft unwahrscheinlicher Traum vor. Er rang nach Atem und
bekam einen ganzen Schwall Hllenluft in die Lungen. Jetzt sah er
in die Tiefe. Da wirrten die Schnre hinunter, liefen die Taue der
Flaschenzge, an denen immer neue Fsser voll Stank in das Eingeweide
der Erde versanken.

Mit einem neuen Entsetzen stierte er wieder auf die, welche seine
allerschnste und allerfernste Base gewesen war.

Die nickte traurig und jammervoll. Aber es schien, als sei ihr die
Gabe der Rede vllig geschwunden. Genau ebenso, wie jene ungebornen
Kindlein, die sie in ihrer rasenden Sehnsucht und Bezauberung gesehen,
so bewegte sie die mmmelnden Lippen. Es sah elend und herzzerstechend
aus, aber sie brachte kein Wort hervor und keinen Ton.

Die Knappen wimmelten an den Wnden des Schachtes umher, klebten daran
oder hingen an Seilen, alle hstelnd, so da es wie ein ewiges Ticken
und Trpfeln klang; alles ganz unwirklich. Alles ameisenhaft. Alles wie
heller Hohn auf Menschen. Gold glaubten sie zu erkrabbeln und fingerten
und hantierten fr den entsetzlichen Tod. War es jmmerlicher oder war
es verchtlicher, da all' das einen solchen Sinn hatte? Und das ganze
Leben, war es nicht dasselbe Fingern und Hantieren und Wimmeln um einen
sicheren Tod?

Wie hatte der Faust gehhnt? 'Die Menschen sind die immerwhrenden
Leichenmaden am ewig faulenden und ewiglich sterbenden Leibe Gottes!'

Da ging ein Ri durch die ganze Seele des schwermtigen Knaben. Ein
Ri, den das Wesen nicht mehr aushielt. Die zerstrte Schnheit der
hinreiend Geliebten, das Madengewimmel der Menschlein ringsum, der
Gestank; -- der stumpfe Hllenmeister da drben! Es war so grlich,
da das erwachende junge Blut augenblicklich berkochte und ins Rasen
geriet.

Er, der Student Sympert Stainer, mute zerstren, was zerstrt sein
wollte. Die Nhe? Oder die Ferne mit? Ob die ganze Erde, ob nur sich
und diese jammervolle Umgebung, gleichviel, es war nicht mehr zu
ertragen. Und, beinahe im Augenblick, wie dieser schmerzhafte Ri durch
sein ganzes Wesen zerrte, sprang er zum groen und wohlverwahrten
Flaschenzuge hin, dessen Geheimnis nur ihm und Faust bekannt war, lste
ihn und zog mit wahnwitzverzerrtem Angesichte, das vor Anstrengung ins
Blaurote quoll, an dem Todestau.

Die Chrysoloras faltete die Hnde, als betete sie. Wute sie, was das
bedeute?

Es war, eine ungeheuerlich scheinende Weile, ganz stille und man hrte
kaum aus der Tiefe ein Gurgeln und Rieseln und dann ein strkeres
Rauschen; zuletzt ein Kollern, und dann war Ruhe.

Fahl und entseelt wie ein Betrogener schaute Stainer um sich. Sollte
alles fehlgerechnet gewesen sein und war auch hier die ewige
Unzulnglichkeit am Werke, die, nach Fausti Hohn, ganz allein diese
Erde am Leben erhielt?

Da aber scho es aus der Tiefe brllend und grauenvoll empor, wie ein
vertausendfachter Geyser Islands. Nur nicht kochendes Wasser. Aber
Feuer, Steine, grne Stickluft und ammonisches Gas durcheinander, das
sich wieder zu Feuer und Krachen vereinte. Eine Hllengarbe, eine
Protuberanz, unmig und scheulich in die Luft fahrend. Fast senkrecht
hinauf gegen die Sonne, als htte Satan selber eine Faust gegen Gott
ausgereckt, so tricht und jmmerlich und frevelhaft, wie Faust die
seine.

Was in der Nhe war, das zerri in Winzigkeiten und flog mit empor.

Der Schlund spie alles, was man ihm gegeben, wie aus einem ungeheuren
Blaserohr, in einem engen Verderbensstrahle in die Hhe. Blo oben, in
den Wolkenhhen trieb das aufgeschossene Ungeheuer sich auseinander,
wie ein riesenhafter Giftschwamm, dessen Stiel kaum mehr sichtbar
war, dessen Hut dort oben aber strotzte, sich zerballte und faul
auseinanderfiel. Auf die steinige Wste dieser Hhen sanken Rauch und
Staub und Stickluft trge hernieder; ihnen voran prasselten ungezhlte
Steinmengen, vor denen zerstob, was bisher an aufschreiendem
Menschenleben noch im Runde festgebannt war.

Und zum Prasseln der herniederfallenden Steine rollte die Erde
ihren Antiphon dazu. Das schwarze Loch, das zuerst weiter
auseinanderzuklaffen schien, schlo sich unter den sich neigenden
Felsen. Mit Donnern rollten die endlosen Gesteinschtten hinunter und
versiegelten es auf ewig.

Der Ri zwischen Kalkfels und Porphyr, der bis zu den Feuergrnden der
Erde fhren sollte, war nicht mehr.

Der ihn ntzen hatte wollen stand aber immer noch, weitaufgerissenen
Auges und ragend, und beinahe erwartend da. Rundum schmetterten die
Steine hernieder und zerschleuderten Mensch und Wagen und Zugvieh. Er
stand und starrte und lauschte.

Eine unermeliche Wolke von Staub und Rauch hllte die ganze Gegend
ein. Ihrer inmitten stand und wartete immer noch der Faust. Er
blieb ungetroffen, blieb innerlich ebenso unberhrt vom Entsetzen
des Geschehens. Er hatte nichts als eine grenzenlose Verwunderung,
ein Ringen nach Erklrung in sich, und einen heien Schreck: Hei,
zerreits wohl jetzt die Erden?

So ungeheuerlich war der Satanspfiff aus der Riesenflte gefahren, da
der Faustus wirklich glaubte: Ich hab' den jngsten Tag angerichtet,
mag alles mit mir zum Teufel sein. Mehr und anderes dachte er nicht,
wie denn, im Augenblick des Allergrlichsten, dem Menschen oft weder
Verstehen, noch Entsetzen, noch groe Worte und Begriffe zu Gebote
stehen, sondern zumeist nur ein volkstmlich derber Ausruf.

Aber so lang er auch in der Wolke stand und ihm der Atem klammte, es
geschah nichts mehr. Blo im Berge grollte und rollte und donnerte es
noch lange nach.

Dann verzog sich der Rauch. Etwas Sonne kam wieder hernieder und mit
namenlos entgtterten Augen sah der Faustus, wie winzig sein Werk sich
gehabt hatte.

Es waren etliche Dutzend Knappen erschlagen, die andern waren
verkrochen und geflchtet. Ein paar Zugtiere lagen tot, einige
versuchten auf die Beine zu kommen, andere rasten ber die Hochflche
wildscheu dahin.

Faust sah noch, wie ein Gespann an den Felsrand kam und abstrzte, sah
es haargenau und stand immer noch, -- wie gelhmt von so jher Lsung
so entsetzlicher Spannung, -- whrend seine Augen und Ohren gleichmtig
weiterzuarbeiten schienen.

In der Nhe kniete die Chrysoloras und schluchzte.

Wahrlich, die konnte schluchzen!

Vom Famulus war keine Spur zu sehen. Der war in Nichts zersprht
worden. Der Gebenedeite! Er war es los und ledig. Vor Fausti eigenen
Augen aber war die ganze Kraft seines Manneswillens vernichtet. All
sein Wesen zerstob mit in diesem Milingen. In ihm blieb nichts mehr.
Pltzlich kam eine grauenvolle Angst ber den Tter gekrochen. Alles
milungen und er der Schuldige? Der goldene Galgen? Der Ha und das
Geschrei der unsagbar verchtlichen Menge, die er wegschaffen hatte
wollen? In die Hnde der Menschen fallen? In die Hnde der ewigen
Niedrigkeit und Hlichkeit? Der Mann war dahin, -- zum ersten Male
erwachte das kindische Alter.

Da rannte er um sein Leben; er, der aller Leben hatte gefordert.

Immerzu gegen Nordwesten, wo die Grenze am nchsten war. Er mute das
Finstermnz gewinnen, ehe ihm die Ferdinandischen Reiter oder die
Spione des Chrysoloras auf dem Halse waren.

Die Angst griff ihm erbarmungslos ins Genick. Er stolperte, raffte
sich auf, berlegte, sparte bald Krfte, dann schund er wieder aus
seinem alten Leibe mehr Eile heraus, als der hergeben konnte.

Den Rhein hinunter, am Bodensee auf kleinem Kahn, bettelarm und ohne
Hilfe, als sein Flehen bei armen Leuten schuf, die ihm kmmerliche
Nahrung gaben, so kam der Faust in Kostnitz an und wagte dort
aufzuatmen; aber nur wie einer, dem Frist, nicht Gnade gewhrt worden
war. Er schrieb einen langen demtigen Brief an den rmischen Knig
ber sein Unglck und wie der Student das Unternehmen vorschnell
zerstrt htte. Man mge die Chrysoloras ausfragen, die dabei Zeugin
gewesen sei: er htte sich nicht vor der Rache oder Strafe seines
gndigsten Herrn, die er ganz und gar nicht verdient, sondern nur vor
dem Grimm des Bergknappenvolkes geflchtet. Und damit ging es weiter;
-- unwrdig, klein, zerbrochen, zitterndes Gebettel um's Leben und um
den armseligen Tag!

So war Faust geworden.

Immer sa ihm das Grauen im Nacken. Er wute, einer setzte im
stetiglich nach; er sprte es im Wachen und im Traume und er gebrauchte
verzweifelnd alle seine verwirrenden, magischen Betrge, um den zu
verhindern, zu verschrecken, aufzuhalten, abzulenken, vor dem er so
namenloses Grauen hatte. Aber er fhlte, es hlfe wenig. So zerrte
er sein jmmerliches Leben weiter rheinabwrts, am brausenden Falle
vorber, ohne auch nur einen Augenblick zu denken: Wirf dich hinein.

Nur in Sicherheit sein, nur atmen, nur leben drfen!

Damals waren das Elsa und der Breisgau die einzigen und letzten
Sttten im ganzen rmisch-deutschen Reiche, wo Landfahrer aller
Art, Gauner, Nigromanten, Hochstapler und Dirnen noch Unterschlupf
fanden, wenn sie anderswo schon berall ausgetrieben und verbannt und
verhat waren, gleichwie Faust. Da der Breisgau dem Hause sterreich
zugehrte, kmmerte den Faust nicht so sehr, denn Kaiser und Knig
waren mit ihm in Schuld und er hatte meisterlich verstanden, sich zu
reinigen und zu verantworten. Mochte man den Urteilsspruch ber den
lngst zerrissenen Buben ergehen lassen, damit sich das Volk beruhigte.
Ihm konnte von der allerhchsten und mitschuldigen Stelle nicht leicht
etwas widerfahren, weil man seine hinterlassenen Aufzeichnungen
frchten mute, nun er Zeit gehabt hatte, die in Sicherheit zu bringen.
Das hatte er dem rmischen Knig auch zu merken gegeben: er mge
seines eigenen Rufes, zugleich mit Fausti Leben, schonen.

Aber der Vater, der vielvermgende Vater, dem sein Kind zerstrt worden
war durch den Verfhrer!

Es war auch so: Der immerzu kalte Geldmann hatte endlich seines Lebens
groe Hitze bekommen und er verhohl seinen berechnenden Grimm, wie er
sonst nur groe Geschfte zu verbergen suchte. Der Nigromant mute
fr sein Kind dahinfahren: unbereut, berrascht und somit der ewigen
Verdammnis geweiht. Daran glaubte Herr Chrysoloras, der streng glubig
war, wie viele kalte Rechner, ganz festiglich.

Er lie sich Zeit. Er lie das Jahr bis knapp an seinen Rand
dahinrinnen, um den Faust sicher zu machen, der endlich in seinem
letzten Neste bei Staufen in Breisach sa, wo er seine paar Schtze und
Habseligkeiten zusammen mit den Bchern verwahrt hielt und ein kleines
Laboratorium in einem verlassenen Weingartenhuschen vor der Stadt
hatte.

Chrysoloras lie sich Zeit. Er sagte sich, da der leichtsinnige
Abenteurer sehr schnell wieder zu hoffen beginnen wrde. So verging das
Weihnachtsfest und alles blieb stille.




Dann war der letzte Tag des eintausendfnfhunderteinundvierzigsten
Jahres nach der Geburt des Herrn.

Wieder ein Jahr herum. O weh, wohin sind gangen alle? -- -- --

Der Faustus war jetzt vollkommen einsam und gar niemand kam zu ihm:
Kein Kranker, kein forschbegieriger Student. Dunkle Kunde von einem
greulichen Unglck, das er im Lande Tirol angerichtet oder an dem er
doch mitschuldig geworden war, trpfelte bis in das Stdtlein, vor
dessen Toren er, einsam und gemieden, seinen letzten Schlupfwinkel
bezogen hatte.

Wieder ein Jahr herum! Ein Jahr, in welchem ihm das schnste Mdchen
aus antikem Blut, das liebreichste Weib der Christenheit htte knnen
beschert sein. Er hatte es in frevlem bermut zurckgewiesen und das
wunderbare Gebilde Gottes zerstrt. Das war das Werk dieses Jahres
gewesen. Er hatte Mord angestiftet an einem Manne, der ehrlicher und
tiefer seinen Lebensweg gegangen war, als er und der Menschheit
groe Geheimnisse freigegraben hatte. Er hatte dann das Werk Satanas
auf eigene Schultern laden wollen, und? Und hatte ein mittelgroes
Bergwerksgruel angerichtet, das vielleicht sogar bald vergessen
gemacht werden konnte, wenn der rmische Knig sehr verlegen darber
geworden war.

Nichts, nichts. Zerstrzt, verjammert, verhhnt und umsonst war dies
Jahr gewesen, wie alle andern. Der tiefgebckte, graue Faust, der
jetzt noch viel lter aussah, als er war, sa, krummgezogen von seinem
Elend und seiner entnervenden Kleinheit im kahlen, scharfriechenden
Laboratorium und fror jmmerlich. Niemand fachte ihm Feuer an. Zuletzt,
als er zu all' seinem Elend den Schttelfrost bekam, stand er doch
selber aus seiner mden Willenlosigkeit auf und legte Scheite und
zusammengescharrtes Reisig in den Kamin. Aus der Stadt herber schlugen
die Uhren die elfte Nachtstunde. Der Sdwind fegte durchs Rheintal,
kam aus dem Mnstertal herzu und umkreiselte heulend das Haus. Die
Flamme kmpfte und Faust schaute dem unschuldig gebliebenen Hllenkinde
zu, das er immer geliebt hatte. Die Wrme kroch an ihn heran. Etwas,
wie eine Bereitschaft, weiterzuleben, wagte in ihm, schmerzlich
zuckend, aufzuwachen. Er dachte daran, wie jetzt in den Reben vor
seinem Huschen ein erstes Ahnen auftrumen mochte, da es wieder ein
Weinjahr geben knnte. In diesen Tagen stellten die Weinbauern die
abgeschnittenen Probezweiglein ins Wasser und beobachteten scharf,
wieviel Kraft heuer in den Ranken angesammelt sein mchte. Trieben sie
bermtig und viel, so war, wenigstens der Menge nach, ein gutes Jahr
zu erwarten. Faust dachte daran, wie die Weingrten den ganzen Berg
ber dem Stdtlein bis zum Schlosse hinaufkletterten und im Sommer
bermtig grne Fhnlein schwenkten. Wr' man doch nur eine Pflanze!
Wr' man doch nur eine Rebe und kein Mensch! Wieviel Freuden, wieviel
Erlsung geben die. Und er?

Ach, er wre auch als Weinstock so geworden, da bei dessen Trunk die
Menschen sich viehwtig in die Haare und an den Hals gesprungen wren!

Er hatte der Liebe nicht. Er war verflucht und nun mute er noch
erleben, da er zur Kleinheit verflucht war. Das hatte er noch niemals
in seinem Leben wahrhaben wollen.

Was kam noch? Was stand noch vor ihm?

Eine Uhr tickte stark und langsam in der Stube des Faust. Die
eisernen, groen Rder taten einen harten Gang durch Myriadenstubchen
der Zeit hindurch, welche sie messen muten. Hoffnungslos horchte
der Faustus hin. Es ist ja dem gesunden Menschen zu Nacht schon das
Uhrticken oft, als versickere da sein Blut und er msse zuhren,
wie ein jedes Trpflein, mit dem Pendelschlagen zugleich, in den
unterirdischen See der Trostlosigkeit hineintrufelte. Nun aber er,
in des Jahres letzter Stunde: in eines solchen Jahres letzter Stunde!
Gealtert, elend geworden, ruiniert bis in den letzten Winkel der
Seele. Und dabei das habgierige Anklammern des beginnenden Greises im
Herzen, das sich mit einem Male sonderbar geizig werdend, mit mageren
Avarenfingern an das abgedorrte Leben krallt.

Die Uhr ging, gleichmtig, als stnde sie da als Anwalt des Gottes
wie er ihn sah: ewig gesetzesstarr, fhllos, und mit der gleichen
Grausamkeit. Aus verdeten Augen sah der Faustus hin auf sie und
verstand sie.

Eisiges Grauen kroch ihm ber den sorgenhohgewordenen Rcken herauf.
Er wollte die Gespensterkatze, die ihm da am Buckel entlangschlich,
wegschtteln und fuhr herum. Da sah er in einen Spiegel und erblickte
sich selber. Er entsetzte sich mehr, als wenn er irgend etwas
Jenseitiges gesehen htte.

Unmglich war es, da er sich auch nur einen Augenblick lnger
betrachten konnte. Er wendete sich trostlos und dumpf verzweifelnd
nach dem Fenster und wollte in die Nacht schauen. Denn da war doch
wenigstens das Nichts; nicht das zerreiende Etwas, der anklagende Rest
dessen, der sich Faustus genannt hatte und der ihn leerer ansah, als
ein Gespenst.

Da aber ward es nur schlimmer. Menschenaugen, freche Menschenaugen
stierten aus einem ledergelben, breiten Angesicht von drauen auf ihn.

Deutlich sah er die Augen und einen grinsenden Mund mit mehreren,
ungleichen, schwrzlichen Zhnen. Da ging es einmal umgekehrt, als
wie es bisher immer ergangen war, wenn der Doktor Johann Faust mit
Menschen zusammengeraten war. Er wurde wie eine erstarrende Schlange;
er vermochte kein Glied zu rhren und in diesem Stcke Holz, zu dem er
erkaltet war, flossen nur unbeschreibliche Strme des Entsetzens hinauf
und hernieder.

Es war der Kerl des Geldmannes.

Langsam griff er durch eine der zerbrochenen Butzenscheiben, die mit
Pergament verklebt war, hindurch und die krallige Hand ffnete den
Riegel des Fensters innen; auf taten sich die Flgel. Dann sprang das
Geschpf des Nichts mit einem hunnischen Satze ins Zimmer herein.

Was willst du? wollte Faust sagen; aber es erging ihm wie im Traum,
wenn uns die Trud Herz und Stimme abdrckt. Blo seine Lippen bewegten
sich, farblos und krampfig.

Der Kerl stand auf seinen krummen Beinen vorsichtig da und sah sich
ringsumher in der Stube um, ob irgend Fallen da sein knnten oder
gar Hilfe fr den Doktor. Aber da war nichts als das niederbrennende
Kaminfeuer; keine Retorte daran, die platzen htte knnen und kein ihm
unbekannter Apparat. Ein paar Waffen hingen an den Wnden, die sah
die Kotgeburt nur mit Grinsen an. Das Greislein da konnte sich ihrer
gegen ihn ja nicht bedienen, der im Gebrauche der Waffen flink und
blutdrstig wie ein Wiesel war.

Er kam, immer noch etwas behutsam und abwartend, an Faust heran, weil
ihm dessen Gebanntsein nicht ganz geheuer vorkam. Vielleicht hatte
der endlich festgelegte Fuchs doch noch im Geheimsten irgend eine
Finte, die ihm, dem Abrechner noch unbekannt war. Aber er sah, wie das
Antlitz des Doktors immer grauer wurde, wie weie Ringe des Entsetzens
sich um dessen Augen bildeten und wie das Weie der Augen selber immer
unnatrlicher gro wurde.

Das kannte er und nickte grausam und sachverstndig. In den Schlachten,
wenn die Kriegsleute der Hundsfott berkam, dann sahen sie so aus.
Das Weie in den Augen wurde entsetzlich gro bei denen, die den Tod
erkannten und vorkosteten. Er hatte ihn sicher und fest, den Doktor.

Kein Wort war geredet worden.

Erwgend und abschtzend kam der krummbeinige Kerl an sein Opfer
heran und immer noch konnte sich Faust nicht rhren. Er erkannte
in dem nchtlich Gekommenen Den, den er von je vernichten gewollt.
Den Hlichen an Leib und Seele; den Ausgeschmten, den Mord- und
Lebensgierigen, den, der nie verdiente, auch nur erfunden und gedacht
zu werden und der durch sein Dasein der frchterlichste Vorwurf war,
den man Gott antun konnte.

Das, das war der Mensch, wie er ihn immer gesehen hatte.

Wie er ihn immer wegtilgen gewollt.

Der Mensch, den Faustus im tiefsten hate. Sauber herausmodelliert
mit allen Gaben, die bewute, rettungslose Bestie, die Schandkrone
der Schpfung! Darum die Starrheit Faustens vor dem, was ihm da
entgegenlauerte.

Noch einmal warf der Kerl einen kurzen Blick um sich, ma die
Entfernung, seine Krfte und Fausti Gestalt, und fuhr ihm dann an die
Kehle.

Als die hornigen Hnde sich um seinen Hals wrgten, da erst konnte
Faust ringen, ankmpfen und schreien. Er wute, heute war die Nacht
nicht hilfelos! Heute warteten die Brger auf den Neujahrschoral, den
die Trompeten, Zinken und Waldhrner vom Turme bliesen. Heute war das
Stdtlein Staufen wach: Hilfe, Hilfe, ihr guten Leut!

Der Kerl, der ihm am Halse sa, rgerte sich bis zur Gelbwut. Das
Doktornichts wehrte sich jetzt? Es zeigte Krfte, krperliches
Strampeln, whrend es sein lebelang nur immer mit dem sogenannten Geist
gefackelt hatte? Ei, der wilde Studentenonkel versuchte diesmal nicht
zu gaukeln, sondern krmmte und wand sich wie ein ganz rechtschaffener
Wurm! Immer wieder entkam der runzlig werdende Hals aus den wrgenden
Klauen. Immer wieder schrie Faust mit halber, ja zuweilen sogar mit
ganzer Stimme um Hilfe? Seht an, seht an, man mu doch fester zufassen.
Da das vermaledeite Fenster auch offenstand!

Im Hin- und Herpoltern strzten Bcher, Sthle, Gestelle mit Phiolen
und Glsern durch- und bereinander. Es wurde ein Hllenspektakel, der
geschwind ein Ende haben mute. So warf der Kerl den Doktor darnieder,
prete ihm seine festen, durch tolles Reiten ausgedrehten Knie auf
Brust und Hals und wrgte nun aus wilden Lsten darauflos. Jetzt
zeterte das Doktorlein nimmer.

Der Kerl htte schon gerne losgelassen; aber aus Pflichtgefhl und
Sicherheit wrgte er immer noch weiter, auch als er wissen konnte, es
mte lngst zuende sein. Dabei horchte er immerzu nach dem Fenster,
ob man kme oder ob man gar sein Pferd entdeckt htte, das in einem
Weingartwchterhuslein versteckt war.

Aber die Nacht war so stille, wie der Faustus selber.

Da stand der Gesell des reichen Herrn grinsend auf, sah noch einmal
zum Fenster hinaus, nickte dem starren Menschenbndel am Boden zu und
zog ein schweres, kupfernes Pulverhorn heraus, an dem vorbereitet
eine kurze Zndschnur hing. Das band er dem Regungslosen an den Hals,
holte sich aus dem Kamin einen Brand und zndete an. Dann sprang er
katzengeschwind zum Fenster hinaus und schlo es, so gut es gehen
wollte.

Dreihundert Schritte davon wartete sein Pferd und schnaubte ihn unruhig
an, weil er fremd roch. Er nahm es am Halfter und fhrte es, immer neu
horchend und innehaltend, an die Strae, die gegen den Rhein zufhrt.
Einmal wre er beinahe umgekehrt, um, ungeduldig, nochmals nach dem
Rechten zu sehen. Da aber geschah ein Lichtblitz im einsamen Huslein
des Faust und ein mchtiger Knall folgte. Jetzt war er ganz zufrieden.

Mochten sie es im Stdtle gehrt haben. Man sah es dem Zerrissenen
jetzt nimmer sehr gut an, wer ihn so greulich mihandelt hatte. Es war
sehr gut, da er sein lebelang den Teufel Herr Schwager genannt.

Das kam ihm so unwiderstehlich vor, da er fr den Leibhaftigen
gehalten werden sollte von den Spieern, da er Lachkrmpfe kriegte.

Hahahahahahaha, gellte es durch die Nachtstille, bis er sich endlich
wieder zuwegekriegte und seinem Ro ein paar Sporne gab.

Denn jetzt fingen die Neujahrschorle an von dem Pfarrkirchturm gar
erbaulich auf die liebe Christenheit herunterzublasen. Er machte, da
er auer Hrweite kam.

Weidlich tutete ihm die Brgerfrmmigkeit nach, so da es ihn beinahe
zu rgern begann. Dann aber wurden die Tne schwcher; noch ein Akkord,
dann war es aus und die Uhren schlugen die erste Viertelstunde des
neuen Jahres.

Die ganze Nacht ritt er und dachte, um es sich hbscher zu machen,
immerfort daran, da er sich mit dem Gelde Wein, und Pluderhosen zu
seinen etwas wenig gelungenen Beinen kaufen konnte. Und vor allem, was
fr Dirnen! Feurige Dirnen!

Mit heiserer Stimme sang er:

    Gott, bescher' uns Pferd und Rinder,
    Schne Weib und noch mehr Kinder!

Er konnte jetzt welche ausstreuen; da und dort, wo er es zahlen wollte;
-- um dann weiterzuziehen!

Denn sieben rheinische Gulden und zwlf Groschen hatte das Leben des
Doktors Johann Faust dem Bankier Herrn Chrysoloras gekostet.

    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text,
    der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
    war, wurde mit _ markiert.

    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen nur
    offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.





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START: FULL LICENSE

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

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