The Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 1-2: Mein Leben /
Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, by Johann Gottfried Seume and Christian August Heinrich Clodius

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Title: Smmtliche Werke 1-2: Mein Leben / Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802
       Vierte rechtmige Gesammtausgabe in acht Bnden

Author: Johann Gottfried Seume
        Christian August Heinrich Clodius

Commentator: Veit Hanns Schnorr von Carolsfeld

Release Date: September 11, 2015 [EBook #49938]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SMMTLICHE WERKE 1-2: MEIN ***




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                            J. G. Seume's
                          smmtliche Werke.


                  Vierte rechtmige Gesammtausgabe
                           in acht Bnden.

                             Erster Band.

                       Mit dem Bildni Seume's.

                               Leipzig,
                       Joh. Friedr. Hartknoch.
                                1839.






                      Inhalt des ersten Bandes.

   Mein Leben                                                          1
   Fortsetzung von Seume's Leben, mitgetheilt von C. A. H. Clodius    99
   Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Erster Theil              153

                      Inhalt des zweiten Bandes.

   Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802. Zweiter Theil               1
   Anmerkungen zum Spaziergang nach Syrakus von V. H. Schnorr v. K.  205




                             Mein Leben.


                    ^Veritatem sequi et colere, tueri justitiam
                    omnibus aeque bene velle ac facere,
                    nil extimescere.^

Das Miliche einer Selbstbiographie kenne ich so gut als sonst irgend
Jemand; und ich halte mich fr nicht wichtig genug, da berhaupt mein
Leben beschrieben werde. Wenigstens wre es nach vierzig Jahren noch
Zeit genug. Ein angesehener Buchhndler bot mir vor einigen Jahren, als
die Aspekten am litterarischen Himmel noch besser standen, eine
betrchtliche Summe, wenn ich ihm die psychologische Geschichte meiner
Bildung schreiben wollte. Ich gebe mich aber nicht gern zu dergleichen
Spekulationen her; und es geht etwas wider mein Wesen, auf meine Kosten,
vielleicht etwas eigenthmlich, einige allgemeine Wahrheiten zu sagen,
die die eine Hlfte lngst wei und die andere Hlfte nicht wissen will.
Folgendes hat mich indessen bestimmt, etwas ber mich selbst zu sagen.
Schon Herder, Gleim, Schiller und Weie und mehrere noch Lebende haben
mich aufgemuntert, nach meiner Weise die Umstnde meines Lebens, das sie
wohl fr wichtiger hielten, als es war, schriftlich niederzulegen. Ich
glaubte, das wre im achtzigsten Jahre noch frhe genug; aber meine
jetzigen Gesundheitsumstnde erinnern mich, es nicht zu verschieben,
wenn es geschehen soll. Mehrere meiner Freunde drohen mir,
wahrscheinlich genug, da ich auf alle Flle einem Biographen doch nicht
entgehen wrde: und da frchte ich denn, einem Sudler, oder
Hyperkritiker, oder gar einem schalen geschmacklosen Lobpreiser in die
Hnde zu fallen. Niemand kann doch besser wissen, was an und in ihm ist,
als der Mann selbst, wenn er nur redliche Unbefangenheit und Kraft genug
hat, sich zu zeigen, wie er ist. Ich berlasse es jedem, der etwas von
mir wei, zu urtheilen, ob das, was er von mir wei, das Geprge dieser
Unbefangenheit und dieser Kraft trgt. Ich erzhle also ehrlich offen,
ohne mich zu schonen, und nicht selten mit dem Selbstgefhl inneren
Werths, und ohne den Vorwurf der Anmalichkeit, oder die Krittler weiter
zu frchten, die vielleicht sodann ber mich nur Todtengericht halten.
Thorheiten werde ich wohl nicht wenige und nicht geringe zu beichten
haben; aber, so viel ich mir bewut bin, keine Schlechtheit. Wenn die
Erzhlung unterhlt und vielleicht hier und da die Jugend belehrt und in
guten Grundstzen befestiget, so habe ich nicht umsonst gelebt und
geschrieben.

Mein Vater Andreas war ein ehrlicher, ziemlich wohlhabender Landmann,
der, wie ich, die Krankheit hatte, keine Ungerechtigkeit sehen zu
knnen, ohne sich mit Unwillen und nicht selten mit Bitterkeit darber
zu uern. Seine Bekannten nannten ihn also einen hitzigen Kopf, und
einige Edelleute einen unruhigen Kopf, den man unterdrcken msse; das
war natrlich und mute auch gelingen. Nur ein einziges Beispiel seiner
Heftigkeit! Ich habe keines von meinen Groltern gekannt, wohl aber
einen Grogrovater, von Seiten des Vaters, einen Mann von mehr als
neunzig Jahren, den man nur den alten Jobst nannte, und der mir, als
kleinem Urenkel, fast eine Stunde Weges immer einen Kober voll
Frhkirschen brachte. Dieser war etwas im Geruch der Ketzerei, weil er
nicht das ganze Bonzenwesen des Pfarrers mit gehriger Gefangennehmung
seiner Vernunft glubig aufnahm, besonders einige Zweifel ber die
Richtigkeit einiger Decemforderungen hegte. Der alte Jobst stand bei der
Gemeine fr den Ri in Kollisionsfllen. Als er starb, berlie die
Familie mit Bescheidenheit dem Pfarrer die Anordnung des
Leichenbegngnisses, ohne Text und Lieder selbst zu whlen. Der Pfarrer
lie lauter Straflieder singen, unter welchen auch das bekannte O
Ewigkeit du Donnerwort war, und hielt zur Erbauung und Abschreckung
eine wahre Galgenpredigt. Mein Vater unter den Leidtragenden nahm in der
ersten Wirkung des Sermons einem alten Verwandten das spanische Rohr
weg, eilte damit vor die Sakristei, und htte gewi dem Strafredner eine
sehr fhlbare Replik beigebracht, wenn man ihm nicht in die Arme
gefallen wre. Herr, sagte er mit starker Stimme, wenn nur Sie und Ihre
Familie so ehrliche gute Leute sind, wie der Verstorbene und seine
Familie, so knnen Sie zufrieden sein. Er konnte und wollte Ihre weiten
unersttlichen Aermel nicht fllen; das war seine ganze Gottlosigkeit.
Es entstand daraus ein Konsistorialproze, der meinem Vater viel Geld
kostete. Der Verweis, den der Pfarrer erhielt, war leicht eingesteckt;
aber das Geld, das es meinem Vater kostete, war nicht so leicht
ausgezahlt. Der handfeste Khlerglaube scheint also die Sache meiner
Familie vterlicher Seite nicht gewesen zu sein; wewegen der ehrwrdige
Herr zu Frankfurt am Mayn unseres Namens, der einen gelehrten ^tractatum
de SS trinitate^ zu Anfange des vorigen Jahrhunderts geschrieben hat,
wohl schwerlich zu uns gehrt. Da meine Mutter mich gern als einen Mann
Gottes auf der Kanzel gesehen htte, ist eine gewhnliche Schwachheit
des Geschlechts: sie kam aber bald davon zurck, als sie meine
entschiedene Abneigung und verschiedene schlechte Geistliche in der
Nachbarschaft sah. Ich habe oft gehrt, da meine Mutter Regine Liebich,
in ihrer Jugend fr ein schnes Mdchen gehalten worden ist. Mein
Geburtsort ist Posern, ein Drfchen eine Viertelstunde von Rippach, wo
die Poststation war, wo die Vorfahren meiner Mutter seit dem
dreiigjhrigen Kriege ein Grundstck mit Brauerei, Brennerei und
Schenkrecht besaen, das sie, laut Documenten, als Appertinenz vom
Rittergut damals mit neunzig Thalern an sich gekauft hatten, und fr das
man 1803 zwlfhundert bot. Mein Geburtstag fiel, laut der alten
Familienbibel, die durch eingebundenes weies Papier zugleich die
Familienchronik war, den 29. Januar 1763, in einer, entsetzlich kalten,
Periode, woraus die Gevattern und Basen nach ihrer Weise allerlei
prophezeiten. Ohne eben mit Sterne weitlufig gelehrt ber den Einflu
uerer Umstnde bei dem ersten Eintritt in die Existenz zu spintisiren,
habe ich doch oft gedacht, da ich, nach der gewhnlichen Rechnung, ein
Produkt der Walpurgisnacht, und als Erzeugni zweier schnen sehr
lebendigen Menschenwesen, weit freundlicherer Natur und weit
merkurialischer sein sollte. Vielleicht hat folgender Umstand Einflu.
Da meine Mutter durch eine gewhnliche Vernachligung nach meiner
Geburt an der Brust litt, und eine Amme damals in der Gegend etwas
ungewhnliches war, wurde ich mit Kuhmilch aufgezogen. Ich kam mit dem
Hubertsburger Frieden an; man nannte mich also Gottfried, und Johann
wurde vorgesetzt, weil es ein alter Vetter, auf den man in der Familie
etwas hielt, durchaus haben wollte. Meine Erinnerung geht nicht so weit
zurck, da ich mich besinnen knnte, wie ich lesen und schreiben
gelernt habe. Der alte Schulmeister Held, dessen Tochter meine Pathe
war, und der mich daher mit viel Vorliebe und Strenge cht
altpdagogisch behandelte, brachte mir diese Fertigkeiten bei, so frh,
da sich die Zeit aus dem Gedchtnisse gewischt hat. Ich geno manches
kleine Privilegium zur Zeit der Erdbeeren und Johannisbeeren und
Pflaumen, und wenn der Honig geschnitten wurde; aber brigens wurde mir
der Bakel sehr reichlich zu Theil: nicht wegen der Lektion, denn diese
ging immer leidlich genug, sondern wegen mancher Unordnungen, die ich
nach meinem damaligen Bednken fr gar kluge Streiche hielt. Meine
frheste deutliche Erinnerung ist folgende: Ich hatte einen Vetter von
gleichen Jahren, mit dem ich mich oft wacker raufte, weil wir die besten
Freunde waren. Er ist nachher, wie ich hre, als Dragoner gestorben. Die
Schule lag auf einer kleinen Anhhe und vor derselben unten war ein
grner Rasenplatz, ber den der Abflu einer herrlichen Quelle, die
Heilige, nach dem dortigen Dialekt die Heleke genannt, sich schlngelte.
Ein herrlicher Platz zum Balgen und Raufen, wenn er nur nicht unter dem
Fenster des Schulmeisters gewesen wre! Wir zwei jungen Streithhne
hatten schon in der Schule Zwist gehabt, den der Bakel beschwichtigt,
aber nicht geschlichtet hatte. Nun waren wir nicht lnger zu halten; die
Errterung fuhr in die Finger, die Bcher wurden weggeschleudert und das
Knuffen und Beinstellen und Raufen ging an. Die Greren schlossen
theilnehmend einen Kreis und lachten, wie rstig die kleinen Kmpfer
sich tummelten. Der Herr Pathe Schulmeister rief und drohte mit dem
Haselstock aus dem Fenster vom Berge herab. Niemand sah und hrte; das
Boxen ging fort und bald lag Jakob oben, bald Gottfried, und die kleinen
Finger waren voll Gras und Haare. Pltzlich trennte sich der Kreis und
der alte Herr Pathe Held bearbeitete jugendlich rasch mit dem
Haselinstrument unsere Beinkleider und Schulterbltter. Das vershnte
schnell wie der Blitz die Streitenden; wir sprangen auf, rafften die
Bcher zusammen: der Kreis zog fort, und wir gegeielt hinter her. Der
Kreis lachte, die Pferdebndiger vor der Schmiede und Schenke lachten
laut, wir stimmten ein; und lchelnd zog der alte Schulmonarch, den
Friedensstifter des Haselbusches drohend noch in der Hand schwingend,
nach seinem Berge zurck. Die Sache machte Lrm im Dorfe und alles vom
Schulzen bis zum Nachtwchter lachte noch laut nach: nur mein Vater that
es verstohlen, um den Buben nicht in seinen Streichen zu bestrken. Noch
einige Jahre frher, und frher als meine Erinnerung reicht, htte ein
Zufall fast meiner Existenz ein Ende gemacht. Hinter dem Garten meines
Vaters flo der kleine Bach Rippach, der ungefhr eine Stunde von Posern
in die Saale fllt. Der Garten war mein Lieblingstummelplatz; nur
frchtete man fr den kleinen Buben das Wasser. Es wurden eben alte
Bume ausgerottet und junge gesetzt; ich wurde also dem alten Jakob, der
mit einigen andern arbeitete, zur Aufsicht bergeben, damit ich mich
nicht dem Bache nhern sollte. Das hielt man gewissenhaft, beachtete
aber nicht so sehr die Nhe. Ich springe und jage dort herum und
pltzlich fllt der alte Aepfelbaum, an dem man arbeitete, fat mich und
schlgt mich zu Boden. Die erschrockenen Alten wenden und kehren mich
nach allen Seiten; ich bin augenblicklich todt; Jakob nimmt mich auf den
Arm und trgt die vermeintliche Leiche hinein in den Hof, wo mein Vater
eben mit der Mutter an der Wsche ber Hausangelegenheiten sprach. Man
stelle sich die Botschaft vor; meine Aeltern liebten uns ohne
lcherliche Schwachheit mit wahrem tiefem Gefhl. Herr, hier bringe ich
den Jungen, sagte der Alte, indem er mich auf den Wschtisch legte, er
ist todt. Gott im Himmel wei, ich bin unschuldig; ich wollte, der Stamm
htte mich getroffen. Unter lautem Wehklagen suchte und schickte man
nach Hlfe. Der Barbier wandte alle seine Weisheit an, der Arzt kam;
alle Mittel waren umsonst; kein Zeichen des Lebens erschien. Zwlf
Stunden und darber war man so traurig vergeblich beschftigt und eben
im Begriff zu enden und an die Beerdigungsanstalten zu denken, als ich
das linke sehr verletzte Auge aufschlug. Man fing die Versuche wieder an
und brachte mich ins Leben zurck. Es hatte mich nicht der Stamm,
sondern nur einige starke Aeste mit den Zweigen getroffen und die tiefe
Betubung bewirkt. Damals mochte ich ungefhr drei Jahre alt sein. Von
den Quetschungen blieb wenig zu sehen, auer dem Flecken im erwhnten
linken Auge, den man im zwanzigsten Jahre noch wahrnehmen konnte. Ein
etwas spterer Vorfall htte mich auch bald in jene Welt getragen. Mein
Vater war damals schon in einer Pachtung als Gastwirth bei Leipzig. Das
grte Vergngen fr mich war die Pferde in die Schwemme und auf die
Weide zu reiten, wozu ich jedoch nur selten die Erlaubni bekam. Reiten
hie bei mir jagen, da die Mhnen flogen und die Haare sausten. So ritt
ich einmal gegen die Ordonnanz mit in die Schwemme. Das Thier liebte den
Strom eben so sehr, als ich das Reiten, scharrte, stampfte und brauste:
meine Hand war zu schwach es zu halten: es legte und wlzte sich mit
gewaltigen Wohlbehagen. Ich kam unter das Pferd, verlor die Besinnung
und der Strom fhrte mich weit weit mit sich fort. Indessen hier erholte
ich mich, als ich herausgezogen wurde, nach einigen Minuten Versuchen
sogleich wieder: und lange Zeit blieb dem jungen Centauren die Reiterei
untersagt. Endlich kam mein Vater einmal von der Messe und hatte Pferde
gekauft. Junge, ich habe auch eins fr dich mitgebracht, sagte er,
indem er sich zu mir wendete, und es wurde ein kleiner drrer
Rothschimmel hervorgefhrt, der nur vierthalb Fe hatte. Die Bestie
hinkte und wieherte komisch, und alle lachten ber meinen Vater, mich
und den Schimmel. Wir haben wohl recht viel Geld wegzuwerfen, sagte
meine Mutter halb rgerlich, da du noch dergleichen Fresser ins Haus
bringst. Frau, verdirb mir den Spas nicht! sagte er launig
selbstzufrieden. Ich habe es zur Zugabe, habe wahrscheinlich dem armen
Thiere das Leben gerettet: denn der Rotauscher sprach vom Schinder und
Todtstechen. Wir haben heuer viel Heu, die Weide ist hoch: es kann doch
wohl noch etwas thun: und da der Junge mit des Teufels Gewalt zu Pferde
will, so mag er reiten. Ich kratzte mich mrrisch hinter den Ohren und
bekmmerte mich wenig darum, was man mit meinem stattlichen Reitpferde
machte. Aber der Schimmel machte sich gut und gewann durch seine
Streiche Celebritt in der ganzen Gegend. Zuerst wurden wir aufmerksam,
als wir ihn galloppiren sahen, womit er jedermann in Erstaunen setzte.
Er hatte, wie gesagt, drei gesunde Hufe: der vierte war eine Art von
krummem Klumpfu, so da vorn statt des Eisens nur eine Platte von der
Gre eines Guldens lag. Der Schritt ging also jmmerlich und der Trott
jmmerlicher; aber Gallop und Karriere wie bei dem besten Renner; da
brauchte der kranke Fu kaum den Boden zu berhren, und wurde von den
brigen mit durchgetragen, welches im Schritt und Trott nicht mglich
war, weil da jeder Fu gleichmig seine Dienste thun mute. Da ich mich
um Schritt und Trott wenig kmmerte, war mir der Schimmel schon recht,
und ich gewann nicht selten die Wette ber die flchtigsten Rosinanten.
Er ward rund wie ein Apfel, und war klug, wie die Rosse des Peliden. Von
seinem Stammbaum habe ich nichts erfahren; aber es war ein satyrischer
origineller Gaul, der eine Menge Eigenthmlichkeiten besa. Zu Wagen und
Pfluge konnte er nicht gehen; aber eine leichte Egge auf leichten Boden
zog er possirlich genug. Er schwamm vorzglich gern durch die Flsse und
decimirte den Klee auf fremden Wiesen: und dann waren Dutzende von
handfesten flinken Kerlen nicht im Stande, ihn zu fangen, oder
einzutreiben. Er setzte cht strategisch auf dem besten Punkte allemal
durch und erreichte seine eigene Krippe. Nach dem Tode meines Vaters
verkaufte ihn meine Mutter in die Nachbarschaft fr eilf Thaler, wo er
hart mitgenommen wurde. Einige Zeit nachher sahe ich ihn fast wieder in
seinem ursprnglichen Elend, wie ihn mein Vater nach Hause brachte, auf
einer fremden mageren Weide, einen Sack um den Kopf, damit das arme
Thier nicht von seinen Wanderungstalenten Gebrauch machen knnte. Als er
meine Stimme hrte, kam er auf mich zu, und ich glaubte in seinem
Wiehern Liebkosen und Wehmuth zu finden. Auch meine Mutter war bei
meiner Erzhlung, welche von andern besttigt wurde so gerhrt, da sie
fast die Schwachheit gehabt htte, die heimische Kreatur wieder ins Haus
zu nehmen.

Mein Vater war zwar ein heftiger moralisch-strenger, aber kein harter
Mann. Im Gegentheil seine Heftigkeit kam meistens aus schneller tiefer
moralischer Empfindung her. Das Zuchtmeisteramt im Hause berlie er
fast immer meiner Mutter; und diese hatte bei ernsthaften Gelegenheiten
mit einigen Worten nur nthig, den Namen des Vaters zu nennen, um alles
in gutem Gleise zu erhalten. Der Vater wurde dadurch nicht als Popanz
gebraucht, sondern sein strenger Ernst in ernsthaften Dingen zum
gehrigen Zwecke ins gehrige Licht gestellt. Meine Geschwister haben
vielleicht nie von meinem Vater einen Schlag bekommen; nur ich erinnere
mich, da ich von ihm einmal thtig gezchtigt worden bin auf eine
schreckliche Weise, die ihn gewi noch mehr angriff, als mich; und zwar
waren beide, er und ich, im Ganzen unschuldig. Er war mit meiner Mutter
weg, ich glaube nach Weienfels, gefahren und hatte uns mit einer Magd
und unsern Spielgesellen allein im Hause gelassen. Unterwegs besinnt er
sich, da er den Schlssel an einer Oberstube hat stecken lassen, auf
welcher ein Tisch mit gezhltem Gelde stand, meistens in groben harten
Mnzsorten. Es war zu spt umzukehren; er eilte aber desto eher nach
Hause. Unterdessen waren wir in dem ganzen Hause herum gepoltert, ich
mit einem halben Dutzend meiner Spiegesellen, und auch in das Zimmer,
wo der Tisch mit dem Gelde stand. So viel Besinnung hatte ich doch schon
als ein Bube von sechs Jahren, da ich sagte, es sei hier fr uns kein
Spielplatz, auf Entfernung drang, den Schlssel abzog und in die Tasche
steckte. Ich glaubte der erste und letzte im Zimmer gewesen zu sein und
hatte niemand in der Nhe des Tisches gesehen. Mein Vater kam, ging
hinauf, fand den Schlssel nicht, kam herab: Junge, wo ist der
Schlssel zur Oberstube? Ich zog ihn hervor; er ging wieder hinauf und
zhlte nach: es fehlte an der Ecke ein Guldenstck. Mit sichtbarer
Verwirrung und Angst kam er wieder herunter: Junge, wer ist im Zimmer
gewesen? Wir alle, Vater, Jacob, Christian und die andern: da ich aber
sahe, da Geld aufgezhlt war, gingen wir sogleich wieder heraus und ich
nahm den Schlssel. Wer ist an den Tisch gekommen? Niemand als ich,
um die andern abzuhalten. Du hast ihn also genommen! fing er an
schwach zu sprechen und zu zittern. Ich habe nichts genommen,
antwortete ich zitternd, halbweinend. Der Worte waren wenig; er ward
heftiger, ich lugnete fest und laut weinend. Er fate mich
konvulsivisch mit den Fusten und mihandelte mich bis zur Grausamkeit,
da auf das Geschrei meiner Mutter die Hausleute und Nachbarn herbei
strzten und mich aus seinen Hnden retteten. Andres, lieber Andres,
sagte der alte sanfte Gevatter Schulmeister Held, Ihr seid ja auer
Euch; Ihr tdtet ja den Knaben; kommt doch zu Euch selbst! Ach Gott!
seufzte mein Vater halb weinend, warf sich in den groen Stuhl und
verhllte das Gesicht, ohne weiter ein Wort zu sagen. Die Scene ist oft
nachher wieder erzhlt worden und mir dewegen so lebendig geblieben.
Das Frchterliche seiner Lage in diesem Momente habe ich aus meinem
eigenen Gefhl seitdem mir oft vorgestellt. Er liebte seine Kinder mit
der ganzen Zrtlichkeit eines Vaters und der ganzen Heftigkeit seiner
Natur; ich war sein Erstgeborner: die Nachbarschaft hielt etwas auf
mich, vom Schulmeister bis zum Nachtwchter; man wird ihm also
verzeihen, da er es auch that. Nun denke man sich einen Vater, ein
ehrlichen, fein fhlenden, heftigen Mann, der seinen Liebling in einer
solchen Enormitt ergriffen glaubt, vor dem die schnen Hoffnungen, an
denen sein besseres Wesen hngt, auf einmal verschwinden! Man nahm mich
nun gtlich vor, und ermahnte mich, ich sollte nur bekennen; ich hatte
nichts zu bekennen. Es ist mir noch jetzt rhrend, wie urvterlich der
alte Schulmeister um uns besorgt war. Lieber Pathe sagte er, du hast
dich geirrt, du willst nur mit dem Gulden spielen. Sage es nur, so ist
es gut: du wirst schon einsehen lernen, was das zu bedeuten hat. Das
sehe ich schon jetzt ein, sprach ich, und habe nichts gethan. Dabei
blieb es. Mein Vater war von dem Tage an still in sich gekehrt, berhrte
die Sache nicht mehr, sah mich zuweilen halb zornig, halb wehmthig an
und verbat sich alles Einreden; sprach nichts Ermahnendes, nichts
Abschreckendes, sagte keines seiner Sprichwrter und war wie ein Wesen,
dessen beste Kraft gelhmt ist, so da auch meine Mutter sichtbar dabei
litt: die Unruhe sa in beider Seelen. Ungefhr nach drei Wochen klrte
sichs auf. Nachbars Samuelchen -- ich habe seitdem den Namen weder in
der Bibel, noch auer der Bibel recht leiden knnen -- wurde von seinem
Vater zum Krmer geschickt, um eine Dose voll Schnupftabak zu holen. Er
erhielt einen Gulden, um ihn wechseln zu lassen. Der Krmer hatte von
ungefhr nicht so viel kleines Geld, und sagte, er wolle anschreiben, er
mchte den Gulden nur wieder mitnehmen und es dem Vater sagen. Sei es
nun unwillkrlicher Irrthum, oder lachte der neue Gulden den Buben
besser an, als der vergriffene gestohlene; er gab den falschen Gulden
zurck. Hollunke, fuhr ihn der Vater an, das ist gewi der Gulden,
der dort drben so viel Unheil angerichtet hat. Samuelchen bekannte und
leugnete nicht, und erhielt in bester Ordnung von seinem etwas hrteren
Vater die Peitsche in zehnfachem Maae. Meinem Vater fiel bei der
Aufklrung der Sache ein schwerer Stein vom Herzen. Wer lgt, der
stiehlt, war sein Sprichwort, und wer stiehlt gehrt an den Galgen. Er
ward zusehends wieder heiter und suchte durch mancherlei versteckte
Liebkosungen wieder Ersatz zu geben; denn ffentlich durfte das Ansehen
nicht leiden.

Viele Neckereien bewogen meinen Vater, seine Grundstcke dort zu
verkaufen und eine Pachtung eines Wirthshauses mit betrchtlicher
Oekonomie in Knautkleeberg nicht weit von Leipzig einzugehen. Da spielte
ihm denn das heie Blut hier und dort schlimme Streiche. Der
Justitiarius von Posern hatte bei einer Rgensache, wo sich mein Vater
fast, wie Weiens Kunze mit dem Dintenfasse, benommen hatte, gedroht, er
msse kein Advokat und sein Principal kein Edelmann sein, wenn nicht die
Sache so weit gedeihen sollte, da der Andreas Seume noch ins Hundeloch
kme fr seine Ungebhrlichkeiten. Ungebhrlichkeiten nennt man aber
alles, was irgend einen alten Unfug antastet; und schon das feine Wort
fr Gefngni zeigt hinlnglich die Natur der damaligen
Patrimonialjustiz. Ich will doch dem Teufel und seiner Hlle
entlaufen, sagte mein Vater, und sollte ich in einer Kneipe
Schuhzwecken schnitzen und Schwefelhlzchen machen mein Leben lang; und
so packte er seine Familie auf einige Wagen und pilgerte frba an die
Elster in der Gegend von Leipzig. Er hatte in seiner Jugend das
Bttcherhandwerk gelernt, war auch mit dem Felleisen ber Naumburg nach
Gera und Saalfeld gewandert; da ergriff ihn aber, wie man ihm scherzhaft
vorwarf, die Sehnsucht nach der Geliebten, und er eilte ber Altenburg
und Luckau nach Hause an der Rippach, ward Meister in der Innung und
heirathete in seinem zwei und zwanzigsten Jahre stracks ohne weiteres
Bedenken. Htte er nicht etwas Vermgen gehabt, und wre genthigt
gewesen, sich in der Fremde etwas umzusehen, so htten vielleicht einige
Jahre Umschauen den Feuerkopf etwas khler gemacht; doch vielleicht
htte sich das Gefhl auch noch tiefer gesetzt und wre nur desto
bitterer geworden, wie es bei etwas mehr Bildung mir selbst gegangen
ist. Der Antritt der Pachtung fiel in eine sehr unglckliche Periode, in
die Hungerjahre 70 und 71. Der Besitzer des Gutes Lauer, zu dem das Dorf
Knautkleeberg gehrt, war der damalige Leipziger Stadtrichter, ^Dr.^
Teller, ein Bruder der bekannten Teller in Zeitz und Berlin, ein harter,
unerbittlicher Mann, der von dem Buchstaben nichts nachlie und alles
Unglck sehr klug dem Pachter zugestellt hatte. Vielleicht machte ihn
auch das Miliche seiner eigenen Geschfte und sein excentrischer
Ideengang noch mimthiger und bitterer. Man sagte damals, er sei an der
Ministerkrankheit gestorben, weil ihn die Hoffnung tuschte, die Stelle
als Prinzenhofmeister zu erhalten, durch welche der wackere,
rechtschaffene Gutschmidt fr sich und das Land eine so rhmliche
Laufbahn machte. Die Eigenheiten der Brder sind bekannt genug: der
Berliner, als der vorzglichste von ihnen, hatte am wenigsten. Mein
Vater, anstatt hundert Scheffel Korn in der neuen Pachtung jhrlich zu
verkaufen, mute zur Unterhaltung der weitlufigen Wirthschaft ber
funfzig dazu kaufen: und ich kann mich noch recht wohl erinnern, da er
den letzten Scheffel mit funfzehn Thaler bezahlte. Die Hungersnoth der
damaligen zwei Jahre ist in Sachsen als Landeselend bekannt. Hunger
haben wir nicht gelitten, aber meines Vaters Vermgen zusammen so
ziemlich verzehrt. So lange ich noch eine Metze Korn mit dem letzten
Thaler kaufen kann, sagte der wackere Mann, mu niemand in meinem
Hause ungesttigt vom Tische aufstehen. Es war, als ob die furchtbare
Theuerung doppelten Hunger erzeugt htte; denn jedermann a, wie man
bemerken wollte, fast noch einmal so viel, als gewhnlich. Ich galt
damals im Dorfe fr einen sehr glcklichen Prinzen, da ich, so viel ich
wollte, herrliches Butterbrot hatte, da mancher arme Teufel hungrig
halbneidisch vorber schlich. Da gab ich denn manchen Schnitt weg und
tauschte irgend ein Spielwerk oder einen Vogel dafr ein. Junge, wirst
du ewig nicht satt? sagte einmal meine Mutter halb froh halb traurig,
als sie mir ein frisches Butterbrot schneiden mute; es ist doch, als
ob der Himmel seinen Segen genommen htte auch von dem, was noch da
ist. Da es sich aber ergab, da ich meine vorige ziemlich starke
Portion fr einen Hnfling weggegeben hatte, fing sie an eine strenge
Zuchtmeistermiene anzunehmen, und ich glaube wirklich, sie wrde zu
Birkengottfriedchen gegriffen haben, wre nicht mein Vater dazu
gekommen. Der meinte nun, es sei wohl ganz gut, da ich mein Butterbrot
vertheile, nur nicht, da ich Hnflinge, Peitschen und Platzbchsen
dafr nhme und dann komme und mir ein anderes erlge: er knne brigens
jetzt nicht alle Hungrigen speisen, und sei froh, wenn er nur seinen
Haushalt leidlich gesttigt habe. Wenn du nun selbst traurig, hungrig
nach dem Butterbrot der andern sehen mtest? Junge, wer zu dir kommt,
den weise an mich oder die Mutter! Hunger thut weh, Junge, sagt man: das
haben wir noch nicht erfahren; wei der Himmel, ob es nicht noch kommt!
hrst du, Junge, Hunger thut weh. Dabei wischte er sich heimlich einige
Tropfen aus den Augenwinkeln, und ging und schnitt tief in ein groes
Brot, um einige Zeit Sonnenschein auf finstere niedergeschlagene
Gesichter zu bringen. Helfe euch Gott! sagte er mit Rhrung; bald
knnen wir nicht mehr helfen.

Bei meinem Herrn Pathen, dem Schulmeister Held in Posern, hatte ich fr
einen Phnix im Lernen gegolten; hier bei dem Herrn Weyhrauch in
Knauthayn galt ich fr einen ausgemachten Dummkopf. Wei der Himmel,
woher es kam: ob mir das Umsetzen wie einem jungen Baume nicht bekommen
wollte, oder was sonst die Ursache war, ich hie nur der dumme Junge von
Thringen einige Jahre lang. Herr Weyhrauch nahm es mit der Geographie
nicht sehr genau; denn Posern liegt noch zwei Stunden diesseits der
Saale: ich aber habe mich seit der Zeit oft alles Ernstes fr einen
Thringer gehalten, zumal da ich jenseit des Stroms verschiedene
Verwandte hatte und hier nie so recht einmeinern konnte. Ich schrieb
von Posern aus in meinem sechsten Jahre schon eine ziemlich leserliche
Hand; aber Herr Weyhrauch fand darin weder ^ductum^, noch ^fructum^, und
ich mute durchaus ganz von neuem seine Hopfenstangen von Buchstaben
nachmalen, worin ich sehr unglcklich war, da ich zum Zeichnen fast gar
kein Talent besitze. Herr Adam Weyhrauch war ein ehrlicher,
wohlmeinender, braver Mann, der eine gewaltige Zeit in Halle und Leipzig
hatte studieren helfen, weil ihn sein Vater Weyhrauch, ^ludimagister
ejusdem loci, quo postea filius^, mit aller Gewalt wenigstens zum
Kirchenrath machen wollte. Der Tod berraschte ihn aber im sechsten
Universittsjahre des Herrn Sohnes, und er hatte noch eben Kredit beim
Patron genug, da er der hheren Klerisei nicht recht trauen wollte, sich
denselben zum Nachfolger auszumitteln. Der Musensohn versorgte sich
stracks in Leipzig mit einem hbschen Brgermdchen zu Tisch und Bette,
und fing nun an mit allem Flei am Weinberge Zions zu arbeiten. Schade,
da er keine Kinder hatte, um das Geschlecht der Weyhrauche in der
Schulmeisterei zu Knauthayn rhmlichst fortzupflanzen. Die Bauern
meinten, sein Mangel an Produktivitt dieser Art rhre von seinem groen
Fleie in Leipzig und Halle her; doch sagten sie dieses nur ganz leise,
damit sein Ansehen bei der lieben Jugend nicht in Zweifel gerieth. Er
hatte seine liebe Noth mit mir, und ich mit ihm. Ich glaubte zwar seiner
Aburtheilung ber meine Dummheit nicht ganz; war aber doch ganz
verblfft, da ich dem Manne durchaus gar nichts zu Danke machen konnte.
Lange Zeit war ich so im vermeintlichem moralischem Hinbrten, bis sich
endlich, ich wei nicht wodurch, der Knoten lste, und tglich irgend
etwas Besseres zum Vorschein kam. Niemand war darber froher, als mein
Vater, der schon einige Mal traurig das Verdammungsurtheil ber meinen
Geist gehrt hatte. Wer zuerst etwas Aetherisches in mir entdeckte, war
der Pfarrer, Magister Schmidt, ein rechtlicher, jovialer, ziemlich
gebildeter und ziemlich orthodoxer Mann, in dessen Charakter aber der
Grundzug freundliches Wohlwollen und Gte des Herzens war. Er schlo aus
meinen oft sonderbaren Antworten in den ffentlichen Kirchenprfungen
auf meinen eigenen, zuweilen sehr barocken Ideengang, unterhielt sich
viel mit mir und berichtigte meine Gedanken. Er besa darin so viel
Geschicklichkeit, als ob er in dem sokratischen geistigen
Hebammeninstitut zur Lehre gegangen wre. Nun sprach er mit dem
Schulmeister, Herrn Weyhrauch, ber die Methode des Unterrichts bei
einem solchen Kopfe; die Einwendungen des Schulmeisters wurden gehoben;
der Pfarrer zeigte ihm, da ich kein Mechaniker und kein Schnschreiber
werden und mich schwerlich mit Nachbeten begngen wrde. Man beschrnkte
sich nun auf die Negative und berlie die Positive mir selbst. Von nun
an nahm man wenig Notiz mehr von meinen krummen und schiefen Linien auf
dem Papier und meinen Stelzfen und Buchstaben, sondern nur von meinen
Ideen, womit ich den Schulmeister und auch wohl zuweilen den Pfarrer in
einige Verlegenheit setzte. In kurzer Zeit bersprang ich alle
Matadorjungen des Dorfs in der Schule, und ward bald der Erste und
Statthalter des Herrn Weyhrauch bei dessen Abwesenheit als Bienenvater
und Spargelgrtner. Die Umstnde und die Gesundheit meines Vaters waren
unterdessen sehr gesunken, so da man meine bessere Anstelligkeit nicht
den Gratialen und der Gunst von Hause aus zuschreiben konnte. Ich mochte
ungefhr zehn Jahr alt seyn, als ich schon an der Spitze der
Dorfschuljugend stand, unter denen doch wohl einige ihr vierzehntes
geschlossen hatten. Mein Regiment galt fr sehr strenge, aber nie fr
ungerecht; und ich war damals der Dorfklerisei erster Minister bei
Einfhrung der neuen Schulordnung, die zu derselben Zeit etwas strenge
gehandhabt wurde. Ich erinnere mich aus dieser Periode bei eben dieser
Gelegenheit eines Vorfalls, wie ich ein Mrtyrer meiner Ueberzeugung
ward. Es war befohlen, die Kinder sollten ordentlich nach Rang und Alter
in der Schule paarweise nach Hause gehen, um das wilde Herumschwrmen zu
verhten. Ich gehrte zu dem Nebendorfe Knautkleeberg und hatte die
Aufsicht ber meine Kolonne. Die meiste Noth machte mir ein fast
funfzehnjhriges grogewachsenes Mdchen, das sich in der Schule durch
Langsamkeit im Lernen und auer derselben durch vorschnelle laute
Unbndigkeit auszeichnete. Bestndig war sie bald rechts, bald links aus
der Reihe, bald im Grase, bald im Schotenfelde, und schien des kleinen
ohnmchtigen Wichtes von Fhrer nur zu spotten. Es dem Herrn Weyhrauch
zu klagen, schien mir unter meiner Wrde, zumal da er ihrer Aeltern
wegen viele Nachsicht gegen sie zu zeigen schien: denn sie war die
Tochter des Mllers. Als ich ihr eines Tages einige Mal ohne Erfolg
Ordnung geboten hatte, ergriff mich mchtig schnell der Amtseifer, da
ich hinsprang, um sie aus einem Haferfelde in Reihe und Glied zu
bringen. Sie lachte und verlie sich auf ihre Gewalt; aber der Himmel
wei, wo in dem Augenblick meine Strke herkam, ich fasse das Weibsstck
beim Kragen, um sie in die Ordnung zu ziehen, schleudere sie aber aus
dem Haferfelde unglcklicher Weise den Berg hinab in die Sandgrube, wo
sie denn gar unsanfte Purzelbume scho und sich wenigstens Hnde und
Gesicht empfindlich an den Steinen zerstie, so da reichliches Blut
quoll. Nun ging alles schchtern nach Hause. Den Nachmittag war die
liebe Mama schon klagbar eingekommen; Herr Weyhrauch mit dem Haselzepter
citirte den jungen Primus vor zum Verhr und Standrecht. Ich erzhlte
die Sache und bestand auf meinem Recht; nur bedauerte ich den Sturz in
die Sandgrube, der nicht in meiner Absicht gelegen hatte. Der
Schulmeister wollte seinem Vikar doch so viel ausbende Justizgewalt
nicht zugestanden wissen, und meinte Weisung und Meldung sei sein Amt.
Ich behauptete im Gegentheil, da ich damit nicht auskommen knnte. Herr
Weyhrauch glhte auf und ich war eben nicht sehr nachgiebig; er brachte
mir im Amtseifer gehrigen Orts einen tchtigen Schilling bei. Diese
Schillingsmethode war bei ihm folgende: der pdagogische Vollstrecker
fate Delinquenten mit der linken Hand beim Haarschopf und brachte den
Kopf zwischen die Schenkel des Orbilius, wo er ihn an Nacken und Ohren
festklemmte und mit eben dieser linken Hand schnell den Hosengurt des
kleinen Snders ergriff, woraus eine Art von Schweben entstand: sodann
bearbeitete er mit der rechten, in welcher der Haselstock war, das
Oertchen, auf welchem man sonst ruhig sitzen soll, ^quantum satis^, und
wohl auch ein wenig mehr. Dieser Proze wurde auch an mir vollzogen, und
ich hatte meine Abfertigung. Beim Abmarsch nach meinem Sitze verwahrte
ich mich noch mit dem Protest, ich habe doch recht gethan. Hast du?
rief Herr Weyhrauch, und fing mit neuem Eifer die Exekution von vorn an.
Nun schritt ich rasch an meine Tafel, hielt die Hand, wo die Kallipyge
die Augen hindreht, und stie trotzig durch die Zhne: ich habe doch
recht gethan. Die Nachbarn lachten und der Schulmonarch fragte
despotisch, was da wre. Er habe doch recht gethan, meint er, sagten
sie; und die Citation begann peremptorisch von frischem. Ohne weitere
Errterung fing die Bearbeitung noch exemplarischer zum dritten Male an:
und nun erst berlegten beide Parteien, Exekutor und Inkulpat, ernsthaft
still, ob sie recht gethan htten. Man kann wohl denken, da die drei
Schillinge mir eine ewig frische denkwrdige Mnze sind, da sie zumal in
einer Lebensperiode ausgezahlt wurden, wo jede Art Gefhl sehr lebhaft
in dem treuen Gedchtnisse bleibt. Mein Vater, der den Vorfall hrte,
sagte weiter nichts als, sein bedenkliches Hm, und ich habe nie seine
Meinung ber den streitigen Punkt erfahren. Da man, wenn man recht
habe, dennoch demthig vor dem Ansehen schweigen msse, gehrte, wie ich
wute, nicht unter seine Glaubensartikel; aber noch weniger gehrte es
darunter, das nthige Ansehen des Lehrers wegen einiger Schwielen zu
kompromittiren. Herr Weyhrauch mochte das Harte seiner Zchtigung meiner
kleinen Hartnckigkeit fhlen: denn er suchte es durch allerhand
freundliche Auftrge, wofr mir gewhnlich eine Belohnung von herrlichem
Brot mit dem besten Honig ward, wieder in das alte Gleis zu setzen.

Um diese Periode, ich glaube, es war 1775 im Sommer, starb mein Vater.
Die Geschichte seiner Krankheit und seines Todes ist mir zu wichtig, als
da ich nicht einiges darber sagen sollte. Seine Pachtung war, wie
erwhnt, sehr unglcklich, und der grte Theil seines Vermgens war
darauf gegangen. Das lhmte aber nicht sein Kraftgefhl, und strte
seinen guten Muth nicht. Einst hatte er seine letzten hundert Thaler
nach Leipzig getragen zu ^Dr.^ Teller, um den letzten Termin zu
entrichten. Das Wetter war schneidend kalt; das Geschft mochte nicht
angenehm gewesen seyn. Gegen die Klte und den Verdru hatte er wider
seine Gewohnheit, ein Glas Wein getrunken und hatte sich so aufs Pferd
gesetzt, kam aber bis zur Erstarrung gefroren zu Hause an, so da ihm
der Knecht vom Pferde helfen mute, da er sonst der behendeste Mann war.
Nun bestellte er sich Koffee, den meine Mutter selbst in der Kche
besorgte. Als sie damit ins Zimmer tritt, findet sie, da er seinen
groen Stuhl verlassen und sich auf ein Bette geworfen hat, wo er tief
in Federn liegt und schlft. Sie denkt, Schlaf ist besser als alle
Arznei und lt ihn liegen. Den Tag darauf klagt er ber Schwere in den
Gliedern, und den folgenden Tag ber Schmerzen im Unterleibe. Es
scheint, die Bettwrme hatte die Klte, die sich nicht wieder mit dem
brigen Krper in Temperatur setzen konnte, zurck getrieben, und es
entstand daraus eine Blasenkrankheit, die ihn einige Jahre mit
unsglichen Schmerzen qulte und ihn am Ende des dritten durch eine
Apoplexie tdtete. Man kann denken, wie sehr seine Haushaltung bei
dieser traurigen Existenz leiden mute; und doch verlor er bis an sein
Ende niemals einen gewissen Grund von Heiterkeit und Frohsinn: nur
hatten ihn seine Erfahrungen etwas bitter gemacht, so da sich seine
wahre Meinung oft sprichwrtlich ziemlich sarkastisch uerte. Das
Minimum von allem Guten, wodurch die Welt regiert wird, war einer seiner
gewhnlichen Gedanken; nur konnte er ihn nicht so dichterisch schn
einkleiden, wie wir hier und da in Wielands Schriften finden. Junge,
pflegte er mir oft mit skoptischem Gesicht zu sagen, wenn man dir von
oben her zuruft, das Wasser luft den Berg hinauf, so mut du gleich
antworten: Gndiger Herr, so eben ist es oben. Aerzte wurden angenommen
und gewechselt ohne Erfolg, und ich erinnere mich gehrt zu haben, man
habe mehr als zweihundert Thaler umsonst verdoktert. Als er in seinem
37sten Jahre starb, lie er seine Geschfte in der milichsten Lage und
meine Mutter als Wittwe mit ungefhr fnf Kindern, wovon ich als der
lteste ungefhr zwlf Jahr war. Es entstand eine Art von Konkurs, wobei
aber durchaus niemand einen Heller verlor: nur blieb meiner Mutter
nichts, als die winzige Summe von zwei hundert Thalern, wofr ihr ein
kleines Huschen gekauft wurde. Alle nahmen sich unser mit Rath und That
sehr freundlich an, und es fehlte uns wenigstens nie an dem
Nothdrftigsten. Der brave Justitiarius Laurentius der Hohenthalischen
Gter vorzglich suchte die unglckliche Familie so sicher als mglich
zu stellen, und nahm fr seine vielen Bemhungen in unserer Sache nicht
allein nichts, sondern lie uns auf eine feine humane Weise noch manchen
kleinen Vortheil zuflieen. Mein Vater hatte kurz vor seinem Tode am
Ende der Pachtung eine kleine Oekonomie mit etwa sechzehn Ackern Feld
gekauft. Das Drckendste fr ihn an Krper und Geist war die Frohne, die
er selbst verrichten mute, wenn nicht sogleich alles zu Grunde gehen
sollte. Die Sense war seinem jetzt schwachen Arme zu schwer, er mute
einige Male die groe Wiese verlassen. Ich erinnere mich, da einige
entmenschte Seelen, wie es deren berall giebt, unter andern der zeitige
Vogt, ihre bitter groben Bemerkungen darber machten, als sie ihn vor
seiner Hausthre mit einem kleinem Knaben, meinem jngsten Bruder
spielen sahen. Der gute Mann wischte sich die Augenwinkel und legte sich
lange einsam in den entlegentsten Theil des Gartens. Nach drei Tagen lag
er auf der Bahre. Ob wohl diese rohen Seelen dabei einige bessere
Gefhle in sich empfunden haben? Dieser Vorfall vorzglich ist mit
Ursache meiner folgenden tief koncentrirten, nicht selten finster
mrrischen Sinnesweise. Ich habe die Katastrophe nie los werden knnen,
ob ich gleich selten oder nie davon gesprochen habe.

Der Graf von Hohenthal Knauthayn, der das Gut Lauer gekauft und mich
zuweilen in der Schule und bei Kirchenprfungen mit einigem Wohlgefallen
gesehen hatte, hatte bei meines Vaters Tode erklrt, er wolle fr mich
sorgen und mich etwas lernen lassen. Was dabei seine Gedanken waren,
wei ich nicht. Meine Mutter und ich deuteten auf irgend ein Handwerk;
wenigstens verstrich eine ziemliche Zeit, fast von zwei Jahren, ohne da
wieder etwas darber gesprochen wurde. Unterdessen nahmen sich der
Pfarrer, ^M.^ Schmidt, und der Schulmeister Weyhrauch meiner wirklich
sehr vterlich an. In meinen Kenntnissen kam ich zwar diese beiden Jahre
nicht merklich vorwrts, da ich den Uebrigen schon sehr voraus war und
man sich hchst selten mit mir beschftigte: aber es fing doch durch den
Umgang schon an sich der bessere Charakter der Humanitt zu entwickeln.
Mein Studium war biblische Geschichte aus Hbners biblischen Historien
und Luthers Bibel selbst, nebst einigen alten ascetischen Schriften, die
mir der Schulmeister gab. Damals gewann ich eine solche Festigkeit und
Gewandheit in der Bibel, da ich nur selten einen Spruch nicht hersagen
und angeben konnte, der verlangt wurde. Ich wute sehr viele Psalmen und
fast alle Evangelien auswendig, sagte ziemlich genau, wie viel jedes
Buch Kapitel und sogar, wie viel jedes Kapitel Verse hatte, und wo und
in welcher Verbindung die sogenannten Beweisstellen standen; so da mir
von dieser Zeit an die Gewohnheit geblieben ist, bei manchen
Gelegenheiten eine Reihe Bibelstellen anzufhren, worber zuweilen
selbst Theologen sich etwas wundern. Ob sie wirklich bewiesen, was sie
beweisen sollen, darnach fragte ich damals noch nicht: es war nur Sache
des Gedchtnisses und eines lebendigen Ideenspiels ohne weitere
Untersuchung. Im Examen wurde ich nur dann gefragt, wenn irgend ein
Knoten zu lsen war, oder die brigen verstummten, und dann setzte meine
Belesenheit und der Strom meiner Beweisstellen nicht selten sogar den
Pfarrer in Erstaunen. Nicht selten geschah aber auch ganz natrlich, da
die Sache anfing mir Langeweile zu machen, und da war ich denn, wenn ich
gefragt wurde, nicht gegenwrtig, sondern mit meinen Gedanken auf dem
Thurme bei den Sperlingen, oder im Busche bei den Sprenkeln, die ich
gestellt hatte. Das gab denn harte Verweise, die mich aber
verhltnimig weniger rhrten, weil ich anfing etwas mehr zu ahnden,
als bloes kaltes Spiel des Kopfs, wie ich endlich hier fand. Doch war
das nicht immer der Fall: denn der Pfarrer, ein wahrhaft guter warmer
Mann, hatte nicht ganz gewhnliche Rednertalente, und es machte jedes
Mal einen tiefen Eindruck auf meine Seele, dessen ich mir noch jetzt
lebendig bewut bleibe, wenn er irgend einen wichtigen moralischen Satz
mit eignen, oder, wie ich nachher fand, erborgten Worten feuervoll
vortrug. Dem Menschen ist sehr bald das Reinmenschliche heilig; so wie
er bald gleichgltig gegen das wird, was sein Kopf nicht begreift und
was sein Herz in keine Bewegung setzt.

Ich konnte lange zu keiner Wahl einer Lebensart kommen, so unbestimmt
waren noch meine Ideen vom Leben berhaupt. So lange mein Vater lebte,
wurde ich halb und halb zum Kaufmann bestimmt, da er einige
Bekanntschaft dieser Art in Leipzig hatte; und ich hatte damals geradezu
nichts dagegen. Allein das zerschlug sich mit seinem Tode, und ein
Handwerk sollte wahrscheinlich der Gipfel meiner Bestrebungen werden.
Aus einer angebornen Neigung zum Soliden entschlo ich mich endlich ein
Grobschmidt zu werden. Meine Mutter erschrak und ^M.^ Schmidt lachte,
als ich mit dem Resultat meiner Ueberlegungen herausrckte, und beide
hatten viele Mhe mir die Sache auszureden. Junge, Du bist ja nur ein
Zwerg und sinkst mit Hammer und Zange vor dem Ambo zusammen wie ein
Taschenmesser, sagte der gutmthige Pfarrer; dazu gehrt ein Cyclope
und kein Liliputer, wie Du bist. Ich verstand das letzte nur halb, gab
aber doch dem Einreden meiner Mutter nach und den vulkanischen Vorsatz
auf: doch gehe ich noch jetzt selten vor einer Schmiede vorbei, wo nicht
der alte Hang zur Soliditt merklich zurckkehrte. Nun bestimmte ich
mich zum Dorfschulmeister, wollte etwas Latein und Musik erlernen und
dachte mit dem brigen nach einiger Vorbereitung schon nicht bel
durchzukommen: denn ich galt fr einen gewaltigen Katecheten. Noch bei
Lebzeiten meines Vaters hatte ich einmal gelegentlich von ungefhr
gesagt, es mte nicht gut seyn, wenn ich nicht ber einen Satz hundert
Fragen bilden wollte, ohne eben am Ende zu seyn. Das traue ich ihm zu,
sagte der Schulmeister, dem es gesagt wurde; und die Fragen wrden toll
genug seyn. Der letzte Zusatz war mir eben nicht sehr willkommen und
machte mich aufmerksam. Seit der Zeit habe ich mich geflissentlich vor
vielen voreiligen Fragen gehtet, habe die Sache wahrscheinlich zu weit
getrieben und dadurch manches nicht erfahren, was ich htte erfahren
knnen und sollen. Ein Narr fragt mehr, fiel mir immer ein, als ein
Weiser beantworten kann. In der Bestimmung zum Dorfschulmeister mochte
wohl ganz leise der Blick auf Herrn Weyhrauch, sein herrliches
Bienenhaus, seine vortrefflichen Spargelbeete und seine schnen Rosen
und Nelken auch mitwirken: denn es schwebte mir vielleicht dunkel vor,
da bei gehriger Einleitung und Ausdauer das alles mein werden knnte.
Jede sitzende Lebensart war mir verhat, und obgleich ein Schulmeister
auch sitzen mu, so begriff ich doch schon damals, da sich viel
Wesentliches in seinem Amte sehr vortheilhaft peripatetisch abmachen
liee. Junge, was du fr Einflle hast! sagte ^M.^ Schmidt bei dieser
neuen Entdeckung: werde doch lieber Leinweber: ein Dorfschulmeister ist
ein jmmerliches Thier. Denkst Du denn, sie haben es alle wie unser
Weyhrauch? Und nun fing er an, mir ein gar schreckliches Gemlde der
armen Dorfschulmeisterlein in Thringen und Meien zu zeichnen. Ich lie
mich aber nicht abhalten, und meinte, jeder Stand habe seine Plage und
seinen Frieden. Nun wir wollen sehen, wie weit es geht, sagte er, und
that Meldung an den Grafen.

Einige Zeit darauf wurde Anstalt gemacht, mich zum Rektor Korbinsky nach
Borna zu bringen. Hier kam ich denn wie ein halber Hurone, moralisch gut
gebildet, wenigstens ganz unverdorben, aber wissenschaftlich ganz roh
und wild an. Der alte Herr nahm mich freundlich vterlich auf, und ist
von allen meinen Lehrern derjenige, dem ich am meisten verdanke. Er
hatte mehrere Pensionrs, unter denen ich der lteste und unwissendste
war; ausgenommen meine Bibelweisheit, in welcher mir es auch dort
niemand zuvor that. Das Haus war patriarchalisch gut, und seine Frau war
mehr als meine zweite Mutter. Er gab mir kurze, gemessene, deutliche,
sehr grndliche Anleitung; das Bedrfni drngte, der Ehrgeiz spornte,
und binnen einem Jahre stand ich so ziemlich mit den brigen auf
gleichem Fue, die schon vier und fnf Jahre hier gewesen waren: und am
Ende des zweiten war ich fast entschieden der erste an Kenntnissen. Der
erste an der Tafel konnte ich mit Salomons Weisheit nicht werden: denn
da waren zuerst Rcksichten, die ich schwer begriff und noch schwerer
billigte. Das schien mir die einzige schwache Seite des guten Mannes:
doch war sie bei ihm sehr unschdlich; denn es ging deutlich aus der
Behandlung hervor, da er etwas anders rangirte, als man in der Klasse
sa; und ich war nun schon so weit, da immer die schweren Stellen an
mich kamen. Der Rektor berlie mich mir selbst; und da war ich denn
zuweilen entsetzlich fleiig und zuweilen entsetzlich faul. Das zweite
bersah er zuweilen des ersten wegen: und ein Hm hm mit Kopfschtteln
oder ein Du kommst jetzt nicht vorwrts, mein Sohn! waren hinlnglich
mich in den Gang zu bringen. Wie ich im Lateinischen und Griechischen
dekliniren und konjugiren gelernt habe, wei ich selbst kaum. Ich las
und las, bis es fest blieb; dann las ich Stellen und analysirte und
setzte wieder zusammen, da denn die logische Nothwendigkeit sich meiner
Seele aufdrang, da es so seyn msse und auf diese Weise nicht anders
seyn knne. Die Ausnahmen, wenn man sie nur einige Mal gelesen hatte,
fielen deutlich genug in die Augen.

Hier lie mein Bibelstudium ziemlich nach und an dessen Stelle trat die
Beschftigung mit lateinischen Sprichwrtern, welche Weisheit des Lebens
lehren. Der Rektor Korbinsky selbst hatte eine Sammlung solcher
Sprichwrter in Altenburg drucken lassen; ein sehr ntzliches Buch fr
junge Anfnger, das aber wenig bekannt zu sein scheint. Da ich im Leben
schon etwas Gewandtheit besa und mein Vater gern in Sprichwrtern
redete, machte sich der Rektor ein Vergngen, mich die Uebersetzung auch
sprichwrtlich versuchen zu lassen, da denn zuweilen barockes Zeug zum
Vorschein kam. So kam einmal das horazische ^Quidquid delirant reges,
plectuntur Achivi^ vor; der Rektor forderte es sprichwrtlich. Wenn sich
die Knige raufen, mssen die Bauern Haare lassen, sagte ich. Recht
gut, recht gut! versetzte der Rektor; nur etwas zu sehr vom Dorfe,
etwas zu -- zu -- ich verstand, er wollte sagen zu grob. Ich
entgegnete, da das lateinische ^delirant^ und ^plectuntur^ eben auch
nicht sanft sei, und da man eine solche Sache recht handgreiflich sagen
drfe. Nun gut, es mag gehen, sagte er, da er selbst nicht gleich ein
feineres Sprichwort finden konnte. Die Frau Rektorin gab sich alle
ersinnliche Mhe mich fein und artig zu machen, so wie der Herr sich
bestrebte, mich zur Tugend und Weisheit zu bilden. In wie fern es dem
Rektor gelang, kommt mir nicht zu zu bestimmen; aber ihr gelang es sehr
schlecht. Mein Anzug war immer sehr nachlssig, meine Haare grotesk
struppig und meine Schuhe schmutzig. Vor allem hatte sie ihren Krieg mit
meiner Stirne, die ich nach ihrer Meinung unertrglich runzelte. Ehe ich
mirs versahe, versuchte sie eine Glttung mit der Hand oder auch wohl
mit der Brste und drohte sogar mit der Striegel: aber alles umsonst.
Sobald ich in Gedanken gerieth und etwas eigenes oder fremdes
ruminierte, traten die Runzeln wie Furchen auf die Stirne und die
Augenbraunen zogen sich finster zusammen. Das ist geblieben und man hat
mich oft fr melancholisch mimuthig gehalten, wenn ich meine seligsten
Gedanken hatte. Der Rektor nahm davon keine Notiz, da er selbst etwas
von der nmlichen Unart besa und es wahrscheinlich fr ein Adiaphoron
hielt. Er gab mir selbst das Zeugni, da ich bei ihm in zwei Jahren so
viel gethan habe, als andere in sechs Jahren, und drang bei meinen
Gnnern auf meine Entfernung, weil ich nunmehr meine Zeit besser
anwenden knne und msse. Ich htte bei ihm noch lange, noch sehr viel
lernen knnen: allein seine Zeit erlaubte ihm nicht, sich mit mir
besonders zu beschftigen. Doch gab er mir noch einige hebrische
Stunden, so da ich auch hierin ihm den ersten Grund dankte. Ich kam so
zu sagen ohne die geringste Kenntni zu ihm, und las doch meinen Cicero
und ein leichtes griechisches Buch ziemlich gelufig, als ich nach zwei
Jahren sein Haus verlie; nicht zu erwhnen, da ich ihm den besten
Grund in der Geschichte und Geographie und andern ernsthaften
Wissenschaften verdanke. So habe ich bei niemand wieder die
Reformationsgeschichte so deutlich, grndlich und pragmatisch gehrt,
als bei ihm. Er war berhaupt in der Kirchengeschichte sehr stark,
studirte unermdlich und lie nichts Gutes in jedem Fache ungelesen.
Auch Fischer, der mehrere Reisen mit Beifall geschrieben hat, und
Mahlmann sind seine Schler, und ich zweifle nicht, sie werden gern das
Wesentliche unterschreiben, was ich hier von ihm gesagt habe. Das Haus
dieses Mannes nebst meines Vaters Hause sind der Grund alles Guten, was
ich vielleicht in meinem Charakter habe. Ich habe erst nachher durch
Vergleichung recht gefunden, wie rein die Sitten und wie fein zugleich
in meines Vaters Hause waren. Ich hre jetzt oft in den besten
Gesellschaften und in sonst sehr guten Husern Gesinnungen und
Ausdrcke, fr die uns der Vater aus dem Hause in den Viehhof wrde
geschickt haben. Dergleichen Reden schicken sich wohl bei Tische,
sagte er oft frchterlich skoptisch, wenn jemand etwas Ungesittetes
uerte, nur nicht beim Mistladen. Wenn das Gesinde nicht gesittet
sprechen konnte, mute es schweigen; das war mit die erste Bedingung bei
der Annahme. Ohne je ein Wort Latein gelernt zu haben, bte niemand
strenger als er das ^sit reverentia pueris^! Er wute, ich wei nicht
wie, die meisten Stellen unserer damals neuesten Dichter, und Brgers
Weiber von Weinsberg erinnere ich mich zuerst von ihm gehrt zu haben,
mit Varianten bei milichen Stellen, deren sich vielleicht kein Kritiker
htte schmen drfen. Woher er das alles hatte, wei ich nicht, da er
wenig las, und wenig Zeit dazu hatte. Bei Korbinsky wurde dieses feinere
moralische Gefhl sorgsam genhrt. Niemand verstand die unschuldige
Eutrapelie des Lebens besser, als der alte Mann. Er nannte z. E. den
Schwager nie anders als Herr Bruder, die Schwgerin Frau Schwester u. s.
w.; und das mit viel wahrer Herzlichkeit. Alle seine Zglinge waren wie
seine Kinder, und er nahm auch nachher den wrmsten Antheil an ihren
Schicksalen. Es war ein Unglck im Hause, wenn einer seiner ehemaligen
Schler etwas gethan hatte, das einem schlechten Streiche hnlich sah.
Du lieber Gott, was soll aus dem Menschen werden? das macht mich sehr
unruhig. Und das verderbte ihm wirklich Schlaf und Mahlzeit. Ueber mich
soll er in der Folge oft abwechselnd getrauert und gejubelt haben, bis
er sich endlich fest berzeugt habe, ich werde auf keine Weise seiner
Erziehung Schande machen, glcklich oder unglcklich: dann sei er ruhig
geworden. Nur das Laster hielt er mit den Alten fr beweinenswerthes
Unglck. Der Aufenthalt bei ihm ist mir immer die schnste reinste
Erinnerung gewesen und wird es immer bleiben. Segen seiner Asche!

Zuletzt wurde es aber hohe Zeit, da ich wegkam, da ich die brigen sehr
bersahe und zuweilen bermthig und ppig, zuweilen verdrielich allein
stand. Das war denn die Zeit der Streiche, die oft etwas mehr als
lustig, die jugendlich verkehrt und unbesonnen waren. So nhten wir,
^dux gregis ego^, wenn er zuweilen eine kleine Erholungsreise machte,
alle alte Fudecken zu Zelten zusammen und hielten unser
Scheibenschieen mit dem Blaserohre darunter. Das ging an. Aber oben
lagen ein Paar alte Reiterpistolen. Feuergewehr war von meinen ersten
Jahren meine Lieblingssache. Die Pistolen wurden in den Dienststand
gesetzt, geputzt, geschmiert, und wieder geputzt und mit scharfen
Steinen versehen. Sodann wurde Pulver geholt bei dem Krmer, der kein
Bedenken trug es uns zu geben, da wir drauen in der Freiheit zuweilen
Schwrmer machten, die nichts schadeten. Nun ward das Scheibenschieen
und zwar in des Rektors Hofe, da wir nicht heraus durften, ernsthaft.
Eine groe Scheibe wurde mit den gehrigen Abtheilungen an die
Privetthre gemalt, und es war eine Lust, wie die Kugel durch das Bret
fuhr und der Knall inwendig an der Stadtmauer hindonnerte. Das Herz
zitterte allen im Leibe vor Freude. Ungefhr vier Schsse waren
gefallen, da erschien der Superintendent, Herr Richter, und der
Stadtwachmeister, Herr Herrmann, mit gar finstern Amtsgesichtern. Wir
standen nun selbst wie angedonnert da. Lassen Sie Sich nicht stren,
meine Herren, sagte Herr Herrmann, wir wollen blo ein bichen
zusehen, wie hier kanonirt wird. Der Superintendent, Herr Richter, im
groen weitwogenden Schlafrock, sagte kein Wort, und so gingen sie fort.
Schnell wurden die Gewehre wieder in die alte Rstkammer gebracht und es
war ein ngstliches Harren der Dinge, die da kommen sollten. Einige
ehrliche Spiebrger, die vorbei gingen und den Vorfall gehrt hatten,
hielten nun schreckbare Galgenpredigten ber das Verbrechen des
Schieens innerhalb der Stadtmauer. Der Abend kam und mit ihm der
Rektor; finster und stumm war sein Antlitz: denn wahrscheinlich schon am
Thore war ihm die Kanonade berichtet worden. Der Morgen kam und keine
Sylbe, weder freundlich noch ernst: nur fing man an sich ins Ohr zu
raunen, ich als der unbefugte Feldzeugmeister werde mit gewaffneter
Polizei ins Stadtgefngni abgeholt werden. Schon dachte ich auf die
Flucht, als der Rektor mich, den ersten Inkulpaten, zu sich ins Kabinet
citirte, und mir Namens des Magistrats, des Ministeriums und der Schule
eine Strafpredigt hielt, die ernst genug war. Ihr seid doch tolle
Menschen, schlo er endlich freundlicher mit entwlkter Stirne; man
darf euch keine Stunde allein lassen, so macht ihr sogleich ein Dutzend
wilde Streiche. Nun kamen die andern daran; mit denen ging es bald
hrter, bald glimpflicher. Am schlimmsten kam ein Dummkopf weg; denn der
hatte nichts, womit er wieder gut machen konnte. Nur hier bleibst du
nicht zurck, da bist du mit der erste, hie es. Allein ein solcher
Kopf kann auch mehr vertragen.

Ein andermal waren wir einem Vogelsteller in den Dohnstrich gerathen,
hatten die Krammetsvgel ausgenommen und Frsche dafr eingehngt. Der
Schnellfu berraschte uns; der Spott verdro ihn mehr als der Schaden:
ich war weit voraus: die andern kamen mit einigen Kopfnssen durch; ich,
als der ^auctor facinorum^ sollte eine exemplarische Zchtigung haben.
Aber durch viele Umschweife und groe Anstrengung entwischte ich
glcklich nach der Stadt. Die Krammetsvgel durften wir nicht nach Hause
bringen; blo der Schwank belustigte, und mit vieler Mhe stellten wir
ihm sein Eigenthum wieder zu und beschwichtigten ihn durch Bitten, nicht
klagbar bei dem Rektor gegen uns einzukommen.

Ein andermal hatten wir ein Vergngen das drre Laub von den Bumen
anzuznden und ein Freudenfeuer zu machen. Einmal versahen wir es, die
Flamme schlug um sich und es drohete ein gewaltiger Waldbrand zu werden,
als zu unserm Glcke der Wind sich noch wendete. Der Rektor meinte, ich
wrde ein Taugenichts werden, wenn ich nicht bald weiter kme, und hatte
Recht. Aber ich htte es auch in der Lnge nicht mehr ausgehalten,
sondern wre ganz gewi auf und davon gelaufen. Keine Lage ist
peinlicher, als wenn der Geist Bedrfnisse hat, die nicht erfllt
werden, und doch erfllt werden knnten und sollten. Was vorkam, waren
mir abgedroschene Sachen, und nur selten hatte der Rektor Zeit, sich mit
mir besonders zu beschftigen.

Einmal war ich diese Zeit ber zu Hause zum Besuche gewesen. Es war
nthig: denn man hatte mir einige Male so unschonend von der traurigen
Lage meiner Mutter und Geschwister gesprochen, da ich ziemlich
entschlossen war, den Cicero und Palphatus im Stiche zu lassen und nach
Hause zu gehen, um ihr durch meine Arbeit zu helfen. Ich fand zum Glck,
da man, wie gewhnlich, bertrieben hatte. ^M.^ Schmidt, der gute Mann,
mochte so etwas aus einzelnen Aeuerungen schlieen und aus meinem
Gesichte lesen, und sprach mit Theilnahme und Wrme. Wir knnen deine
Mutter nicht wohlhabend machen, sagte er, wir knnen ihr kein
gemchliches Leben verschaffen; aber so arm und so entmenscht sind wir
doch nicht, da wir sie und die Ihrigen an den ersten Bedrfnissen Noth
leiden lieen. Sei darber ganz ruhig, mein Sohn, und thue deine Pflicht
von deiner Seite! Als ich hier zugleich dem Grafen Hohenthal, meinem
Wohlthter und Erzieher, meine Aufwartung machte, war, nach meinen
damaligen Begriffen, eine sehr glnzende Gesellschaft von allerhand
Stnden zugegen, wo mich denn einer nach dem andern nach Lust und
Belieben ins Examen nahm. Es war dabei ein gewisser Herr Leithier, eine
pedantisch hofmeisterliche parasitische Seele, den ^M.^ Schmidt, ich
wei nicht, aus welcher Antipathie, gewhnlich ins Neutrum setzte:
dieser machte auch, und zwar vorzglich den Examinator. Wei der Himmel,
was er fr eine barocke Frage aus der babylonischen Geschichte that; ich
stand stumm und verblfft da. Er fragte weiter und sahe gerade aus, als
ob er aus dem Aristarch ein Orbilius werden wollte, wenns erlaubt wre.
Ich war noch verblffter und verwirrter. Da nahm sich ein alter
Legationsrath Kauterbach, der damals in Leipzig privatisirte, ein Mann
von stattlichen Kenntnissen, ansehnlicher Leibesstrke und tchtiger
Stimme, meiner an, nahm den Schulmeister mit einer Derbheit in die
Schule, die diesen weit verblffter machte, als ich armer Schcher
vorher war. Wer zum Teufel, sagte er, wird einem jungen Menschen so
blitzhagelsdumme Fragen vorlegen? Da mte Leibnitz verstummen, wenn er
nicht disputiren sollte. Lassen Sie mich examiniren. Der alte Herr trat
sein Amt an, fragte dieses und jenes aus der Geschichte, und ich bestand
so gut, als ein Mensch bestehen kann, der nur erst den Kornelius Nepos
ein Jahr bei den Ohren hat. Sogar das Latein ging ^ex tempore^
schnakisch genug, ohne da eben Priscian viel Ohrfeigen bekommen htte.

Endlich holte man mich von Borna ab, und brachte mich zum Antiquar
Martini nach Leipzig auf die Nikolaischule. Reiske wre freilich besser
gewesen: der war aber kurz vorher gestorben und Martini hatte als sein
Nachfolger groen Kredit gewonnen. Er mochte ihn auch als eklektischer
Gelehrter und Alterthumsforscher verdienen; aber Schulmann war er in
einem kaum ertrglichen Grade. Gleich im Examen fragte er mich
Quisquilien, von denen ich ihm halb verdrielich bemerkte, da Herr
Korbinsky mich dergleichen Dinge nicht mehr gefragt habe. Lieber wre
ich nach Pforte gewandelt, weil Klopstock dort gewesen war und einige
meiner alten Kameraden sich dort befanden. Ich kam nach Sekunde, und
hatte nun freilich wieder zu thun, um mit den andern gleichen Fu zu
fassen, zumal da die erste und zweite Klasse gewhnlich zusammen waren.
Auch ging das Studieren die erste Zeit, wenigstens nach meinem Sinne,
recht gut: dem Rektor wollte meine Weise nicht behagen, so wenig mir die
seinige: und doch sollte ich mich darnach richten. Er hielt viel auf
Vorbereitung, und das mit Recht: nur drang er auf sogenannte
Prparirzettel, die mir sehr zuwider waren. Denn unnthiges Schreiben
war gar nicht meine Sache, da ich auf einige Tage ein musterhaftes
Gedchtni hatte. Wo haben wir unsere Prparation? fragte er mich
einmal: Hier antwortete ich, und zeigte auf die Stirne. Wir sind etwas
keck; wir werden ja sehen. Sie war wirklich da, und etwas Brummen von
Eigendnkel beschlo den Sermon. Ich konnte aber drei Seiten lesen,
whrend ich einige Wrter niederklexte, die nun doch in meinem
Gedchtnisse lagen. Er hatte die Marotte der alten Schulmonarchen, die
nicht hflich sind und doch nicht grob sein wollen, immer nur mit Man
und Wir zu reden. Daraus entstand dann manches lcherliche ^Quidproquo^.
So sagte er einmal im hitzigen Eifer, ich glaube zum jetzigen
Buchhndler Sommer: Wir sind ein Esel. Ich meinerseits protestire,
antwortete dieser ganz lakonisch; und die Klasse wute nicht, wo sie mit
dem Lachen hinsollte. Es saen damals Haubold und Blmner und einige
andere jetzt nicht unbekannte Mnner mit in der Klasse, so da schon
Wetteifer des Fleies Statt fand. Auch gab uns der Konrektor Forbiger
durch seine ernsthafte grndliche Methode, vorzglich im Griechischen,
reichlich Ersatz. Die weitausgebreiteten Kenntnisse des Mannes in vielen
Fchern sind bekannt genug. Nur mute er sich zu uns sehr herablassen,
welches ihn zuweilen verdrielich zu machen schien. Hbschmann, der
Tertius, der uns auch einige Stunden gab, zeichnete sich durch einen
groen Bierba aus, den er sich auf den Kirmissen erworben hatte. Wenn
wir, wie wohl verzeihlich war, bei ihm ber Cicero's Pflichten die
Aufmerksamkeit verloren und Allotria treiben, nahm er die Sache ^en
gros^, und donnerte uns ^in corpore^ an: ^Lumina mundi^ wollt ihr
werden; ja, ihr Hollunken, ^lumpenhundi^ werdet ihr seyn; und damit
bearbeitete er im Eifer mit Hand und Fu und Buch das morsche Katheder.

Ich war bei dem Rektor in Wohnung und Kost und Holz verdungen; erhielt
aber meinen Speisetheil durch die Magd auf mein Zimmer. Das wollte mir
schon nicht behagen und schien mir illiberal: denn bei Herrn Korbinsky
in Borna war ich wie ein Kind vom Hause mit allen Uebrigen gehalten
worden. Indessen das mochte noch gehen; denn des alten Rektors Wrde
wrde mit mir allein ein barockes ^tte  tte^ gemacht haben. Der alte
Herr besuchte mich zuweilen auf meinem Zimmer; wahrscheinlich um zu
sehen, wie viel ich Holz verbrannte; denn um meine Studien bekmmerte er
sich weiter nicht. Nur ein einziges Mal guckte er in meinen Ovid und
fand statt der Metamorphose die Amores aufgeschlagen; worber ich denn
einen stattlichen Leviten erhielt. Aber warum stand auch alles in einem
Bande beisammen? Ich fand das ^caetera quis nescit^ viel leichter und
erbaulicher, als das ^in nova vert animus^. Das Holz war der groe
Gegenstand des Zwistes, ohne da es eben zur deutlichen Errterung
gekommen wre. Mein Stubengeselle und Quasihofmeister war Herr
Korbinsky, der lteste Sohn des Rektors in Borna, der mir noch einigen
Unterricht im Hebrischen gab. Neben uns wohnten noch zwei veterane
Studenten, der jetzige Professor Dindorf und der Archidiakonus in Borna,
Brunnemann. Auch diese hatten sich ins Holz verdungen; und es ging ihnen
wie uns. Da man uns sprlich hinlegte, langten wir selbst zu und bargen
den Vorrath im Zimmer. Herr Martini entbldete sich nicht, ihn selbst
wieder herauszuholen und das Holz zu verschlieen. Es war ein
Lattengitter davor; wir zwngten so lange, bis eine Latte losging, und
meine kleinere Personalitt, die andern waren groe, dicke, stattliche
Kerle, hineinschlpfen konnte. Nun bargen wir das Holz im Koffer unter
Verschlu. Nun lie man es in eine festverschlossene Kammer des alten
Gebudes bringen. Zum Glck oder Unglck schlo aber einer der vielen
Schlssel an den leeren offenen Kammern und die Gaunerei ging von beiden
Seiten fort. Zuletzt lie er den Vorrath hinunter bringen, und das arme
Mdchen mute alles drei Treppen herauf tragen. Auch von unten aus holte
ich keck genug von Zeit zu Zeit einen Schlafrock voll; und es mu potzig
anzusehen gewesen seyn, wie der dicke Hebrer Dindorf und der nicht
minder hebrische Korbinsky auf Schildwache standen, ich unten im
Holzverschlag lauschte und mich vor dem herabrauschenden Rektor in den
Keller versteckte und endlich mit einem Schlafrock voll Scheitholz die
Flucht in die Hhe nahm, als der Alte schon wieder ber das Tabulat
herpolterte. Es wurde eine erkleckliche Summe fr Heizung bezahlt, nach
der damaligen Zeit, und man lie uns vor Frost in den Dachstuben
zittern: und das Ganze war doch nur Ueberschu vom Schuldeputat. Bei
dieser Einrichtung waren die Klassen auch nicht berwarm: indessen das
dauerte eine kurze Zeit des Tages und eine Menge junger Leute knnen die
Zimmer schon hei machen.

Ich kann nicht umhin, hier, trotz der Ehrlichkeit meines Wesens, die
Diebsneigung meiner Natur in solchen Kleinigkeiten anzuklagen. Meine
Jugend ist voll davon. Man htte mich unter Goldhaufen sicher lassen
knnen, ich htte nichts angerhrt: aber in dem Garten war trotz aller
Verbote doch selten ein Apfelbaum, den ich nicht verstohlen decimirte.
Wenn wir Geschwister Borstorferpfel zum Braten in der Rhre hatten und
sie nun vollendet gut waren, verzehrte ich sehr bald die meinigen und
wute dann die brigen mit dem Federmesser so zu ffnen, da der
geniebare Inhalt mir zu Theil ward. Griff man sie sodann an, so ging
die eingeschlossene Luft ins Weite und die Schale war leer. Wenn ich in
die Wurstkammer kommen konnte, wo alles hbsch an Stangen hing, schnitt
ich wohl in der Mitte der Wurst etwas heraus und spiekerte sie mit einem
Hlzchen wieder ganz. Einmal jagte mich ein Bauer aus einem Schotenfelde
von Knauthayn fast bis Ltzen, ohne den Flchtling erwischen zu knnen.
Wegen dergleichen Streichen gab es viel strenge Moralen, und auch wohl
thtliche Zchtigungen. Nur erst, nachdem ich die Begriffe ernster
sichten lernte und das Unstatthafte der Unart einsah, gewhnte ich mir
diese othaheitische Sitte ab. Wenn jeder sich diese Kleinigkeit erlauben
wollte, wrde dem Eigenthmer bald wenigstens nicht der beste Theil
zurckbleiben. Bei gewissen Gelegenheiten ist eine furchtbare Strenge
hierin keine Ungerechtigkeit. Wenn z. E. jeder Soldat eines
marschirenden Corps eine Handvoll Kohlrben mitnehmen wollte, wie wrde
man das Feld finden? Man hat also mit Recht hier und da Todesstrafe auf
dergleichen Unordnungen gesetzt. Freilich ist das in unsern Tagen nicht
mehr, wo die Undisciplin wieder bis zur Barbarei herabgesunken ist.
Martini war bekanntlich ein guter Alterthumsforscher und hatte
vortreffliche Werke in diesem Fache. Die Schler bekamen selten eins
davon zu sehen, und ich lugte und guckte umsonst nach den schnen
Bcherschrnken, wenn ich zuweilen von ungefhr Zutritt zu dem Adyton
seines Museums hatte. Ob mir gleich der Tacitus lieber war, als die
Prachtantiquitten von Pompeji, so verdro es mich doch, mich so ganz
nachlssig wegwerfend als einen Laien behandelt zu sehen. Gegen mein
Wesen im Ganzen hatte nun der Rektor nicht viel, aber desto mehr im
Einzelnen gegen Kleinigkeiten, die ich sehr ungeschmeidig nach meinem
und nicht nach seinem Sinne that. Wir sind nun wohl ziemlich fleiig,
sagte er dann und wann, und es fehlt uns nicht an Talenten, die uns der
Himmel gegeben; aber wir sind doch entsetzlich eigensinnig und
hartnckig und wollen immer mit dem Kopfe durch die Wand. Wir werden
doch die Welt und ihre Formen nicht anders machen; das wollen wir nur
glauben. Da hatte nun der alte Herr ganz Recht, und sprach sich und mir
und der Welt zugleich das Urtheil: denn er richtete sich so sehr nach
der Form, da fast das Wesen darber verloren ging. Hier wurde denn auch
gedichtert oder vielmehr nur geverselt. Seine Methode war folgende. Er
versetzte ein Pensum eigener oder fremder Verse in Prose, doch so, da
kein Oedipus dazu gehrte, zu sehen, was es gewesen war und wieder
werden sollte. Dieses diktirte er und verlangte es in Versen zurck. Das
Spielwerk war zu leicht und unterhaltend. Ich pflegte da oft einen
Sprung zu machen und die Verse anders aufzubauen, als sie wohl mochten
gewesen seyn: darber mute meine voreilige Weisheit manchmal leiden.
Zuweilen mochte ich auch wohl die Verse verdorben haben; das liegt nun
so in der Natur: man stolpert einmal lieber ber Felsen, als da man
immer auf gleichem Wege fortschleicht.

Meine erste Poeterei war in Borna, wo wir zuweilen aus Gellert und
Hagedorn so ^vel quasi^ deklamiren muten. Das hatte mich beschftigt,
da ich sonst eben nichts zu thun hatte; ich setzte mich also hin und
machte eine satyrische Fabel: _der Hasenschwanz_. Man pflegte sich
nmlich zum Abwischen der schwarzen Tafeln der Hasenpfoten, oder auch
wohl der kurzen Hasenschwnze zu bedienen. Nun war einer der Alumnen,
der sich eben nicht durch Talente und Flei auszeichnete, bestndig
damit beschftiget, allerhand possirliche Spielwerke mit dem Hasenprzel
zu machen. Dabei blieb der Junge ein Geck, ein Dummkopf und ein
Hasenschwanz. Das war die sehr sinnreiche Erfindung, und sie erhielt
ungeheuern Beifall, weil denn doch wohl seit der Schwedenzeit in der
Klasse von einem Zgling nichts hnliches war ans Licht gestellt worden.
Es liefen Kopien herum; ich hoffe zu Gott, es ist keine mehr vorhanden.
Die Erfindung sieht man; der Vortrag wird wohl toll genug gewesen seyn,
und ber der Sprache, die bei mir berhaupt nicht sehr glatt ist, htte
man fglich die Schienbeine brechen knnen, so viel ich mich noch aus
einigen Ausdrcken erinnere. Wenn ich mit Martini's Versen fertig war,
fing ich nun zuweilen wohl auch noch an eigene zu zimmern: sie fielen
aber alle sehr hart und holperig aus, und ich war wohl etwas rgerlich
und neidisch, da einer meiner Nachbarn, der das Handwerk nicht
fortgesetzt hat, sie so flieend und rieselnd hervorbrachte. Der Rektor
Martini kam einmal dazu, als ich eben einmal einige zu einer
Feierlichkeit hatte drucken lassen, und war Anfangs hchlich aufgebracht
ber die Keckheit, wie er es billig nannte: indessen verlngerte er den
Strafsermon doch nicht weiter, nachdem er sie gelesen hatte; woraus ich
schlo, da sie doch nicht so ganz hundelose in seinen Augen mochten
gewesen seyn. Man sollte so etwas doch nicht unternehmen, sagte er;
man hat noch nicht Gewandtheit und Routine genug. Mir kam der
sthetische Urtheilspruch sehr sonderbar vor, nach dem, was ich schon
hier und da bei den Alten und Neuern ber die Sache gelesen hatte. Ich
machte sogar griechische Verse, Gott sei bei uns, die nicht in der
Schulordonnanz lagen: denn es wurde nur deutsch und lateinisch
geverselt; in dem Deutschen meistens Alexandriner, die ich seit der Zeit
nicht recht habe leiden knnen; und im Lateinischen verstieg man sich
nicht ber den Hexameter und das Distichon. Ich hatte zwar nicht das
Herz meine griechischen Verse geradezu dem Rektor zu bergeben, legte
sie ihm aber doch so in den Weg, da er sie fglich sehen konnte; er
nahm aber keine Notiz davon. Seit der Zeit habe ich nur einige Male im
philologischen Uebermuth einige gedrechselt; aber zum Glck ist keiner
brig geblieben: ob ich gleich mit einigen damals nicht bel zufrieden
war, und sie mit groem Wohlgefallen wohl zehnmal durchskandirte.
Martini pflegte mich selten in meiner Dachstube zu besuchen; und allemal
war er Aristarch, der in den Orbilius berzugehen drohte. Ich hatte,
wenn ich nicht Lust hatte zu arbeiten, ein gutes Talent zu schlafen: und
that mir etwas gtliches im Morgenschlaf, da mich vor Mitternacht die
Wanzen in dem alten verdammten Baue nicht ruhen lieen. Das sagte ich
ihm geradezu; und er brummte. Einmal fand ich, als ich etwas spt
aufstand, von seiner Hand mit Kreide an die Stubenthre geschrieben:
^Sex septemve horas dormisse sat est iuvenique senique.^ Ich vernderte
das ve in que; und nun lautete es: ^Sex septemque^ (sechs _und_ sieben,
also dreizehn) ^horas^. -- So blieb es stehen, bis er wieder kam. Ei
seht doch die Variante, rief er halb komisch, halb strafend; nicht
bel, gar nicht bel fr Faulenzer, wie wir sind. Htte er den
Hexameter nicht ungebhrlich zum Heptameter verlngert, so htte die
Schnurre nicht Statt finden knnen.

                   *       *       *       *       *

Hier las ich in meinem sechzehnten Jahre den ersten Roman, und zwar den
Siegwart, den mir mein Vetter Hahn, ein weienfelser Gymnasiast,
semmelwarm aus der dortigen Presse zuschickte, und zwar alle drei Bnde
auf einmal. Diese fertigte ich in einer Nacht ab mit ungeheuerm
Heihunger. Die erste Wirkung war auf die Phantasie gewaltig; als ich
aber prfte, fand ich schon damals alles zu sehr Spielwerk und Tndelei
der Einbildungskraft, die des Menschen bessere Zeit ohne Nutzen in
Beschlag nimmt. Nur das Wirkliche fing an mich zu interessiren. Warum
sollen wir mit solchen leeren Dichtungen ins Blaue hinaus greifen? Ohne
mich auf den Werth dieser Dichtungsart einzulassen, kehrte ich von der
Konfektnscherei immer sogleich zu der cht nhrenden gediegenen Dit
der Geschichte zurck. Auch Werther, der damals erschien, fiel mir
sogleich in die Hnde; und ich mu bekennen, er spielte dem jungen Kopfe
gewaltig mit; desto mehr, da alles dort der Geschichte so gleich ist,
und vielleicht meistens Geschichte ist. Da aber meine Seele noch ohne
Leidenschaft aller Art war, auer dem allgemeinen Enthusiasmus fr das
Groe, Gute und hohe Schne, so verflog die Wirkung bald wieder, da ich
die Katastrophe nicht in den Annalen der Geschichte verknpft
wiederfinden konnte. Nun htte man glauben sollen, ich habe mit vieler
Anstrengung Geschichte studirt. Das war aber auch nicht der Fall. Das
Studiren war mir Bedrfni, und war dieses gestillt, so pflegte ich fast
unwillkhrlich lange Zeit das Gelesene zu ruminiren, bis ich wohl
zuweilen in das sogenannte selige ^far niente^, den behaglichen, halb
dunkeln, ziemlich reinen, bloen Existenzgenu zurck sank, der
vorzglich der Kindheit eigen ist. Lange hielt ich natrlich diesen
nicht aus, und der Geist schritt zu etwas anderem.

Meine Seele hat von der frhen Kindheit an unbestimmt sehr an der Natur
gehangen; die ward nun zur Neigung. Das Einfachste war mir immer das
Liebste; ein gutes Butterbrot und reines Wasser mein bester Genu. Ich
erinnere mich darber eines drolligen Auftritts. Mein Vater nahm mich
einmal mit nach Leipzig; ich mochte ungefhr ein Bube von sieben Jahren
seyn. Er traf einen alten Bekannten, und beide wurden einig ein
Frhstck in einem Italinerkeller zu nehmen. Da ich nicht Lust hatte
mitzugehen und er mich nicht nthigen wollte, wies er mir eine
Peripherie an, aus welcher ich nicht kommen sollte, und den Eckstein, an
welchem man nach einer Viertelstunde mich wieder treffen wrde, und gab
mir einige Groschen, sie auf dem Markte nach meinem Belieben zu
verzehren. Als er zurckkam, hatte sich noch ein Bekannter
angeschlossen. Nun, hast du auch ordentlich gefrhstckt, Junge?
fragte er mich. Ja, Vater. Wie hast du denn dein Geld angewendet?
Ich habe mir eine Semmel gekauft, und Rben dazu. Was fr Rben?
fragten sie neugierig. Solche weie Rben, wie sie hier haben;
antwortete ich, indem ich hin auf die Grtner zeigte. Alle lachten laut.
Fr wie viel denn? Fr zwei Groschen. Junge, bist du toll? Fr zwei
Groschen weie Rben? Fr einen Dreier bekommst du ja drauen auf dem
Dorfe so viel, da sich sechs Fuhrknechte satt essen knnen. Wo denn?
Drauen berall. Ich habe nichts gesehen. Kannst du nicht warten,
bis sie gro sind? Warten, ja warten; sagte ich und kratzte mich
hinter dem Ohre. Es war noch frh im Jahr; ich htte wenigstens noch
einige Monate auf mein Lieblingsgericht warten mssen. Man lachte immer
fort ber den Dreier fr die Semmel und die zwei Groschen fr weie
Rben dazu. Ei so lat doch den Jungen zufrieden, sagte der alte
Verwandte; es ist doch wohl besser, als wenn er Pfeffernchen und
Zuckerbrot gekauft htte. Ich war blo dem Instinkt und der Neigung
gefolgt; aber als man vernnftig darber nachdachte, trat man denn doch
auf meine Seite. Der nmliche Alte war auch mein Advokat gegen den
Kaffee, der mir sehr zuwider war. Die ganze Familie trank ihn zum
Frhstck; ich sollte also auch. Wir werden dem jungen Herrn ein
Sppchen apart kochen, sagte meine Mutter, und wollte mich zur
allgemeinen Kaffeepartie nthigen. Ei so lat ihn doch zufrieden,
sagte der Alte; es wird ihm vielleicht einmal recht lieb seyn, wenn er
sich nicht an die verdammte Lorke gewhnt hat. Meine Mutter glaubte,
Butterbrot und kaltes Wasser zum Frhstck ohne etwas Warmes wrde mir
bel bekommen; da sie aber das Gegentheil sah, lie sie mich ruhig
meinen Weg gehen. An dem Brunnen waschen und trinken war also die
nmliche Partie: brigens lief ich meistens allein in allen Dickichten
herum, und kein Aelsternest war mir zu hoch, ich mute hinauf. Das
setzte ich denn etwas verndert in Borna und Leipzig fort. Ich trank
durchaus weder Wein noch Bier, bekmmerte mich nichts um Backwerk und
feinere Gerichte; aber die schnsten Kirschen und Pflaumen wurden immer
reichlich gekauft, sie mochten noch so theuer seyn: und mein Aufwand
darin ging fr meine Umstnde zuweilen fast bis zur Verschwendung. Jetzt
verband ich meine Streifereien mit meinen Studien. Man sahe mich
seltener auf ffentlichen Promenaden; sondern ich lag in irgend einem
Dickicht oder dem versteckten Winkel einer Wiese, und las ohne weitere
Wahl, was mir in die Hnde gefallen war; selten Romane, fast eben so
selten Gedichte im Deutschen; aber desto mehr ausgesuchte Stellen aus
den Rmern und Griechen. Es freute mich besonders nun bei den letzten
die Schwierigkeiten berwunden zu haben und mit Leichtigkeit vorwrts zu
gehen. Die eklektischen Sprche der Alten verdrngten immer mehr die
biblischen: doch hinderte das nicht die Wirkung, die auch hier und da
ein tief aus der Seele gegriffenes und in die Seele gesprochenes Wort
eines Hagiographen that.

In dieser Periode gab ich dem jetzigen Professor Hpfner in den
Anfangsgrnden der hebrischen Sprache Stunde: und wir haben nachher
manchmal darber gelacht, nachdem mir der Schler als Herausgeber des
Golius so gewaltig zu Kopfe gewachsen war. Zuweilen setzt mirs wohl der
Eitelkeitsteufel in den Sinn, da er meiner guten Unterrichtsmethode im
Anfange den schnellen Fortgang nachher verdanke.

Die gegenseitige Unzufriedenheit zwischen mir und dem Rektor stieg immer
hher. Ich ging durchaus nicht seinen Weg; und er wollte mich den
meinigen nicht gehen lassen. Moralische Fehler, auer etwas Geiz, habe
ich an dem Manne nicht wahrgenommen; aber desto mehr Grillen und
psychologisch-pdagogische Irrthmer und Schwachheiten. Ueberdie machte
mir mein Stubenfreund, Herr Korbinsky, ein Schler Fischers, und ein
gewaltiger Purist, dessen lateinischen Styl verdchtig: und man wei,
was eine Snde hierin bei einem Schulrektor fr ein Piakulum ist. Herr
Korbinsky htte wohl besser gethan, mir darber keine Sylbe zu sagen:
zumal da die Sache ihre Richtigkeit hatte. Man wei, da Quisquilien die
Welt mehr hudeln, als Sachen vom grten Belang.

Um diese Zeit war ein schsisches Lager bei Schnau, an der Strae nach
Weienfels. Nichts kitzelt einen jungen Menschen mehr, als militrische
Unternehmungen, wenn auch nur im Schattenri, zu sehen, wo der
menschliche Erfindungsgeist und die menschliche Kraft vereint mit
furchtbarer Anstrengung fr moralische, politische oder physische
Existenz kmpfen. Einen Nachmittag hatte ich Erlaubni erhalten hinaus
zu gehen, zu schauen. Ich hatte einen Verwandten im Lager, steckte
meinen Julius Csar zu mir, um doch auch etwas Militrisches an mir zu
haben, und wandelte auf und davon. Im Lager traf ich, ich wei nicht wo,
den Grafen Hohenthal, der mir seinen Beifall ber meine Neugierde zeigte
und nichts gegen meinen Wunsch hatte, die Nacht hier zu bleiben, und das
Manver des folgenden Tags zu sehen. Diese Erlaubni, oder
Quasierlaubni, denn eigentlich mute sie vom Rektor kommen, dehnte ich
auf zwei Nchte aus, und war in einer ganz neuen Welt, an die bisher
meine Phantasie nur wenig gedacht hatte. Ich hatte damals schon
mathematischen Sinn genug, mich um den glnzenden blitzenden
Donnereinbruch der Reiterei weniger zu bekmmern, obgleich mein Vetter
Dragoner war, und meine ganze Aufmerksamkeit auf die Behandlung
und Bewegung des Geschtzes und den Marsch, vorzglich der
Grenadierbataillone, zu richten. Das ^mucrone res agitur, ubi ad
triarios rediit^ schwebte mir bei jeder Gelegenheit aus den Alten vor:
und so verschieden auch unser Kriegssystem von dem ihrigen ist, hierin
kommt es ganz gewi mit demselben berein, wie die ganze Geschichte
aller Feldzge lehrt. Ohne eben Neigung zum Soldatenstande zu haben, las
und studirte ich doch schon unwillkhrlich solche Bcher, wo der
Riesenkampf der menschlichen Natur hell und lebhaft geschildert war: und
das fand ich mehr bei den Alten, als bei den Neuern, und finde es noch.
Als ich nach Hause kam, runzelte der Rektor die Stirne und beutelte das
Maul mehr als gewhnlich, sagte aber sehr wenig, und es schien, als ob
er mich als einen Refraktarium aufgegeben htte. Da ich mein Unrecht
fhlte, suchte ich durch Flei gut zu machen; da aber dieser Flei doch
nicht ber seinen Stock geschlagen war, konnte ich damit nichts
gewinnen. Ich erhielt um die nmliche Zeit ein Schulstipendium von zehen
Thalern. Wir haben zwar Talente und sind nicht mssig, sagte er mir
beim Aufzahlen; aber unsere Sitten haben diese Belohnung kaum
verdient. Nun machte er Miene, das Smmchen wieder einzustreichen und
es mir zu vier und vier Groschen gelegentlich fr die kleinen
Bedrfnisse zuzustellen, als ich ihm sagte, der Graf, mein Wohlthter,
wolle mir dieses Geld als Aufmunterung zur eigenen Verwendung
berlassen, und fr das Uebrige Sorge tragen. Das schien er nicht zu
billigen, wollte aber doch nichts dagegen haben. Ich erhielt das Geld;
und da das fr mich eine ungeheuere Summe war, dnkte ich mir damit
wenigstens ein Krsus zu sein. Vor allen Dingen wurde Obst gekauft, dann
Bcher, hier und da einem Armen reichlicher mitgetheilt; dann ging es
zum ersten Male in die Komdie. Man kann denken, wie lange und wie weit
ich reichte. Meine Mutter brauchte damals nichts und wollte durchaus
nichts als eine Kleinigkeit nehmen, um meine Gutmthigkeit nicht zu
beleidigen, wie sie sich ausdrckte. Da sie von meinen Bedrfnissen
wenig verstand, so konnte sie ber meine Verwendung bestimmt weder
Billigung noch Mibilligung uern. Man denke, wie ich kaufte, ich
glaube vom jetzigen Professor Schfer, der mein Schulnachbar war, eine
Geschichte oder Geographie, in neunzehn Bnden, ich wei nicht von
welchem alten Knaster, fr einen Speciesthaler. Schfer war froh, da er
das Schweinsleder los wurde, um Platz zu bekommen; und doch studirte ich
in den Schwarten so ungeheuer, um die Lcken auszufllen, da ich
wirklich glaube, ich habe daraus mehr gelernt, als aus manchem langen
Kollegio von viel Zeit und fr viel Geld. Als ich anfing das Buch
taxiren zu lernen, schaffte ich es mit wenig Verlust und viel Gewinn
wieder fort.

Das erste Theaterstck, das ich sahe, war Ariadne auf Naxos von Benda,
die damals neu war. Der bekannte mythologische Text rhrte mich wenig;
aber desto mehr die allgewaltige Magie der Musik, verbunden mit der
schnen Darstellung und der mir ganz neuen zauberhnlichen Maschinerie.
Das letzte verschwand bald; aber die Wirkung der Musik blieb und ist
geblieben: und noch jetzt kenne ich in der ganzen Peripherie meiner
musikalischen Literatur nichts Lieblicheres als Benda's Morgenrthe und
nichts Malerischeres als seinen Sonnenaufgang in diesem Stcke. Noch
jetzt, wenn es mir bei musikalischen Freunden recht heimisch gemthlich
ist, pflege ich zum hchsten Genu eines seligen Viertelstndchens mit
dem Notenbuche in der Hand zu kommen: Kinder, bringt mir die
Morgenrthe und lat mir die Sonne aufgehen! und nach dem Vortrage und
der Aufnahme dieser Stellen die Seelen zu beurtheilen. Die
Theaterneigung bemchtigte sich bald meiner bis zur Epidemie; vorzglich
als ich zur Akademie berging.

Der letzte Vorfall, der wahrscheinlich meine Entfernung von der Schule
bestimmte, war folgender. Wir lasen Xenophons Denkwrdigkeiten, ich
mochte wohl etwas zerstreut gewesen seyn, der Rektor war wegen einer
andern Veranlassung schon aufgebracht und heftig; er wendete sich
unversehens und kurz zu mir und verlangte die grammatische Auflsung
eines schweren Wortes: ich machte sie; er schien schon in der
Uebereilung zu seyn und fuhr mich hart epanorthotisch an: Man ist nie,
wo man seyn soll; es ist der Infinitiv in diesem und diesem Tempus. Es
war freilich augenscheinlich der Infinitiv; ber das Tempus war
Differenz. Er fuhr im Hermeneutisiren fort, ich setzte mich, brummte
unglubig und suchte meine alte Grammatik aus dem Winkel hervor, wo ich
denn fand, da ich Recht hatte. Das zeigte ich hchst wahrscheinlich
selbstgefllig genug meinem Nachbar: Was hat man schon wieder? strzte
der Rektor auf mich zu. Herr Rektor, erwiederte ich ganz gelassen,
ich wollte mich blo berzeugen, da ich Recht hatte. Das brachte den
Mann ganz aus seiner Fassung, er strmte und wthete und wollte mich ins
Carcer fhren lassen. Herr Rektor, bedenken Sie, sagte ich ganz ruhig,
es knnte einige Folgen haben. Er berlas die Periode noch einmal,
besann sich, und lie mich ohne Antwort sitzen. Die ganze Klasse war
stutzig. Ich wollte heut noch die Stelle im Buche wieder finden. Nach
der Stunde lie er mich rufen, stellte mir etwas gelinde meine
widerspenstige Sinnesart vor und gab mit einigen philosophischen
Apophthegmen seinen Irrthum zu. Die Neckerei und das halbe
Subordinationswesen war mir hchlich zuwider; ich kam frmlich mit der
Bitte beim Grafen ein, mich noch einige Zeit nach Grimma oder Pforte zu
schicken: hier wrde ich nunmehr meine Zeit ohne groen Nutzen
zubringen. Man war Anfangs mit meiner Unzufriedenheit eher unzufrieden,
mochte aber doch bei nherer Nachfrage finden, da ich so ganz Unrecht
nicht hatte, und beschlo eine Aenderung zu machen. Auch wenn ich nicht
Recht gehabt htte, wie das vielleicht hier und da der Fall war,
forderte es die richtige, psychologische Pdagogik, meinen Wnschen
nachzugeben und es auf eine andere Weise mit mir zu versuchen. Auer
etwas Chorgesang in den ffentlichen Stunden hatte man mich weiter keine
Musik treiben lassen, und ich sahe daraus, da man es mit mir nicht auf
die Schulmeisterei anlegte. Ohne eben damit unzufrieden zu sein,
bedauerte ich doch im Stillen, da ich eine so ganz unmusikalische Seele
bleiben sollte; zumal da ich glaubte und noch glaube, da in meinem
Geiste sehr viel sehr schne eigenthmliche Musik zu wecken gewesen
wre. Ich selbst konnte den zweckmigen Unterricht nicht erschwingen.
Ich gerathe bei lebendigen tief gegriffenen und tief eindringenden
einfach groen Stellen in die grte Rhrung, wie das bei Mozart und
Haydn und Hndel und Bach und einigen andern oft der Fall ist; und eine
lange blo knstliche Tonverstrickung lt mich unbeschftigt und leer.

Man schickte mich zu Morus und Wolf in die Prfung. Der erste ist
nachher immer mein guter vterlicher Lehrer geblieben, und ward sodann
mein Freund bis an seinen Tod; es wre unnthig, hier seinen moralischen
und wissenschaftlichen Werth zu preisen. Von dem zweiten der ein
vortrefflicher Lateiner als Ernesti's Schler war, hielt mich die
strenge ascetische Orthodoxie des Mannes mehr entfernt. Was sie meinen
Kenntnissen fr ein Zeugni gaben, wei ich nicht, ich erhielt es
versiegelt; es kann aber nicht ungnstig gewesen seyn: denn statt mich
noch auf eine Schule zu schicken, wurde ich sogleich auf die Universitt
gethan. Und so war ich denn in einer Zeit von ungefhr drei Jahren ein
wilder unwissender Landjunge, ein gnzlicher Analphabete, und Leipziger
Student; das ging freilich ein wenig rasch. Alles recht gut, sagte mir
der wackere Forbiger, als ich Abschied nahm, nur etwas zu frh! ein
Urtheil, das ich selbst gern unterschrieb. Martini entlie mich mit
Klte und Wrde, ohne jetzt weitere Empfindlichkeit zu uern. Korbinsky
blieb mein Stubenkamerad und Studienleiter, ohne weitere Verbindlichkeit
auf beiden Seiten. Ich danke der Gesellschaft dieses Mannes manche
bessere Einsichten in die Alten und manchen guten Wink, den ich nachher
benutzte. Er starb zu frh als Prediger in Waldheim, ich frchte als
Opfer des unmigen Tabakrauchens bei seiner schwachen Brust: er wre
gewi ein ausgezeichneter Orientalist geworden.

Nun tummelte ich mich in der Freiheit herum, und brauchte sie zwar nicht
ganz weise, aber doch so, da man es eben nicht Mibrauch nennen konnte.
Ich hatte nachzuholen, das fhlte ich, und that es redlich und
gewissenhaft: nicht eben durch viele Kollegien, sondern durch eigenen
sehr hartnckigen Flei. Vorher hatte ich die Alten nur fragmentarisch
gelesen; jetzt fing ich an, sie strenge ganz durchzugehen. Da ich nicht
Philolog zu werden gedachte, bekmmerte ich mich weniger um das
Partikelwesen und die Sprachnancen: das kommt nach und nach unmerklich
von selbst; sondern es beschftigten mich die Sachen und die Sprache
nur, insofern sie zur Sache gehrte und recht schn war. Ueber die
Griechen hrte ich weniger; und doch that ich in denselben mehr und war
lebendiger in ihnen als in den Lateinern, weil mich ihr Geist besser
ansprach. Oft pflegte ich und pflege noch jetzt halb im Scherz halb im
Ernste zu sagen: Was ich Gutes an und in mir habe, verdanke ich meiner
Mutter und dem Griechischen. Die dicken Ausgaben mit einem Sumpfe von
Noten waren mir als Zeitverderber verhat: und meine Meinung, wer mit
gehrigen Sprachkenntnissen noch eine groe Erklrung einer Horazischen
Ode braucht, fr den hat Horaz gar nicht geschrieben. Die schnsten
Stellen sind immer die einfachsten; und es ward mein sthetisches
Glaubensbekenntni: Wer nicht in wenig Worten ein rhrendes Gedicht, in
wenig Strichen eine schne Zeichnung und in wenig Takten eine
vielwirkende Musik hervorbringe, sei nie der Liebling der Musen gewesen.
So fiel mir damals das dickbeleibte Buch, Fischers Anakreon, in die
Hnde, wo des Dichters Grazien in einem Oceane von Notenkrmerei zu
Grunde zu gehen in Gefahr sind. Man findet nichts; und doch lockt die
Neugier alle Augenblicke nachzusehen. Knnte ich Anakreon nicht besser
genieen, als durch Fischer, ich liee sie beide, den alten und den
neuen Griechen, bei den Kseweibern liegen. Dewegen verkenne ich
Fischers groe Verdienste um Literatur und Pdagogik gar nicht. Ich
geniee vielleicht, ohne es zu wissen, manches, was die Frucht seiner
trockenen schweren Arbeit war.

Von den Kollegien, deren ich mich aus dieser Periode mit vorzglichem
Vergngen erinnere, waren Morus Vorlesungen ber die Annalen des Tacitus
unstreitig das erste. Er war ein Muster von Exegeten in jeder Rcksicht,
ausgenommen vielleicht in der Theologie, wo er mit ngstlicher
Ehrlichkeit zu sehr an der vorgeschriebenen Formel hing: und so wacker
der Mann als Theologe war, hat nach meiner Ueberzeugung die Theologie an
ihm doch nicht so viel gewonnen als die Philologie verloren. Ein sehr
gewhnlicher Migriff auf den meisten Universitten, der auf der
Einrichtung beruht! Morus berschttete uns nicht mit einer Sndfluth
philologischer Quisquilien, sondern machte seine Bemerkungen kurz,
bndig und gediegen, wie sein Autor den Text; er las nicht fr Knaben,
und war nicht Schuld, wenn er nicht verstanden wurde. Seine Uebersetzung
war ein durchdachtes Meisterstck; ich habe nie eine bessere gelesen:
dazu wurde sie noch durch einen selbst tiefgefhlten Vortrag und einen
Ausdruck groer Herzlichkeit gehoben.

Das Griechische des neuen Testaments wollte mir nach dem Honig der
attischen Biene nicht schmecken. Die Barbarismen, Solcismen und das
halb morgenlndische Wesen, wovon es voll ist, stieen mich immer
zurck: und es gehrte der schne begeisterte Enthusiasmus Jesu und die
liebenswrdige Moral seiner Lehre durch seine Schler dazu, um mir es
wieder in die Hnde zu geben. Des Hebrischen hrte ich bei Dathe sehr
viel und sehr fleiig; und ich erinnere mich, da ich damals Dutzende
Psalmen und ganze Kapitel aus den andern Bchern auswendig wute. Es war
blo Bedrfni des Wissens, und um nicht hinter den andern
zurckzubleiben. Und doch htte mir das Hebrisch bald einen beln
Handel zugezogen. Ich wohnte bei einem Bcker, wo Mutter und Tochter,
ganz angenehme Stckchen Erbsnde fast immer in ihren offenen Laden
Gesellschaft von jungen Leuten, bei sich sahen, die bei ihnen ihr
Frhstck hielten. Ich war bis in mein vier und zwanzigstes Jahr
ziemlich dster und grmelnd und bekmmerte mich wenig um das
Geschlecht. Mein Aufzug war meinen Umstnden angemessen und wohl weder
glnzend noch zierlich; ich hatte damals einen groen schweren
hebrischen Kodex, ich glaube von van der Hoogt, an dem ich hin und her
schwitzte. Ein Edelmann aus Thringen, der wohl auch einmal vor einer
hebrischen Schule vorbei gelaufen sein mochte, glaubte, er habe das
Privilegium, den jungen Theologaster zu hnseln, und rief mir beim
Durchgehen Mosheh veh Kalephedan (eine Regel aus der Grammatik) zu.
Einmal und zweimal litt ich das ruhig, das dritte Mal kehrte ich mich um
und sagte ihm, was zu sagen war. Er antwortete nicht artig, ich
erwiederte nicht sanft, und meinte, die Sache sei ohne Worte gehrig zu
schlichten; er mute zufrieden seyn, und ich war im Begriff den Degen zu
holen, um ihm zu folgen: da strzten die Damen, Mutter und Tochter, als
Vermittlerinnen herbei, und lieen nicht eher nach, bis sie die
hebrischen Streithhne mit gehrigen Grnden aus einander gebracht
hatten. Von nun an lie mich der Baron ruhig frba ziehen; das htte er
auch vorher thun knnen und sollen.

Jedermann, der mich so Hebrisch treiben sah, mute glauben, ich wrde
wenigstens der zweite Michaelis werden, oder gar ein neues eigenes
morgenlndisches Licht; es dauerte aber nicht lange: und seit der Zeit
habe ich diesen Artikel so ganz vergessen, da ich kaum mehr wei, was
Schwa und Mappik und Kal und Hithpael ist: denn ich glaube, ich habe
seit 1780 kaum wieder eine hebrische Zeile gelesen.

Ich hatte zur Unterhaltung meines Leibes monatlich fnf Thaler. Es war
damals zwar betrchtlich wohlfeiler als jetzt; doch kann man bedenken,
da ich mit dieser Summe nicht sehr ins weite greifen oder sybaritisiren
konnte. Aber ich hatte auch keine Bedrffnisse, die ich damit nicht
htte befriedigen knnen, auer der verdammten Theaterepidemie, die sich
meiner damals in einem hohen Grade bemchtigt hatte. Ich wei, da ich
damals monatlich gegen vier Thaler ins Theater getragen habe: man denke
sich nun dabei meine Kost. Mehrere Tage a ich trockene Dreilinge, um
nur einige Lieblingsstcke zu hren und vorzglich Reineke's Vortrag zu
genieen. Als ich diesen Mann das erste Mal sahe, gab er die
unbedeutendste Rolle von der Welt, einen Bedienten, der einen Brief zu
bringen und kaum sechs Worte zu sprechen hatte. Seine ersten Schritte
zeigten, wer er war und jedes Wort gab ihm seinen Rang. Ich, obgleich
damals noch ziemlich Idiot, rgerte mich ber den Migriff der Direktion
und setzte ihn sogleich bei mir als den ersten Mann der Gesellschaft
nieder. Er hatte blo einmal gemchlich ausruhen wollen, und ich sahe
ihn einige Tage nachher in seiner bessern Sphre. Es gewhrt mir noch
immer einen hohen Genu in der Erinnerung, diesen Liebling der Natur und
der Muse gesehen zu haben. Es konnte von ihm gelten, was Hamlet von
seinem Vater sagte: das ist ein Mann! Die deutsche Bhne hat allerdings
Knstler von grerem Verdienst, aber wohl schwerlich von grerem
Werth. Seine letzte Rolle schwebt noch lebendig vor meiner Seele. Er gab
Hamlets Geist, und sein Schwrt, Schwrt auf sein Schwert! war ein
ganzes Stck werth. Seit der Zeit habe ich immer und berall kaum
Hamlets Gespenst, nie seinen Geist wieder gesehen.

Um diese Zeit fielen mir die Englnder Shaftsbury und Bolingbroke in die
Hnde, oder vielmehr ich ihnen; man kann sich die Wirkung denken. Die
Kirchenformel und meine ehemalige cht orthodoxe Exegese hielten mich
nur noch an sehr schwachen Fden. Mein Stubengeselle Korbinsky hatte
einige Freunde, mit denen er dann und wann etwas freimthig ber die
Wolfenbttler Fragmente sprach. Einige Artikel aus dem Bayle hatte ich
auch schon gelesen. Alles dieses half meinen eigenen skeptischen
Ideengang ordnen, oder mich verderben, wie meine orthodoxen Freunde
meinten. Es war zum Durchbruch gekommen; nur wagte ich nicht, etwas laut
werden zu lassen. Ich glaubte nur, was ich begriff; und ich begriff von
den Kirchendogmen nur sehr wenige. Magister Schmidt, der Mittelsmann
zwischen mir und dem Grafen und mein wirklich vterlicher Freund, aber
ein heftiger Kirchenorthodox, hatte, ich wei nicht wie, doch etwas
erfahren, und nahm mich nach seiner Weise sehr warm vor. Der Klagepunkte
waren viele, vorzglich folgende, so viel ich mich erinnere: Ich wre
nicht ordentlich in die Kirche gegangen, und meistens nur zu Zollikofer;
ich htte mich oft gebadet; ich htte ber einige Dogmen frei und profan
gesprochen. Wegen dieser Ruchlosigkeiten sahe mich nun der gute Mann
schon leibhaft in der Hlle brennen. Das Theater wurde nicht berhrt;
und das wre doch wohl das schlimmste gewesen weil es mich so viel Geld
kostete, das ich nicht hatte. Ich lugnete nicht und vertheidigte mich
nicht; denn die Vertheidigung htte zu Errterungen gefhrt, die noch
schlimmer gewesen wren. Er go eine bitter epanorthotische Lauge ber
mich aus, die ich zwar rgerlich, aber doch geduldig abtriefen lie.
Vorzglich drohete er mit dem Grafen, der bei dieser meiner verkehrten
Sinnesart seine Hand von mir abziehen wrde. Diese letzte Bemerkung war
unpsychologisch, und wirkte gerade das Gegentheil von dem was sie wirken
sollte. Sie machte mich stolz, statt mich demthig zu machen. Ich nahm
das alles mit Stillschweigen hin, ohne Besserung zu versprechen, an die
ich gar nicht denken konnte. Meine Mutter wurde gar nicht erwhnt; und
doch wre diese das wirksamste Argument gewesen. Worin htte ich mich
ndern knnen ohne den bessern Sinn zu verlugnen? Wen von unsern
theuern Kirchenlehrern htte ich statt Zollikofers hren sollen? Das Bad
im Flusse hielt ich fr ditetisch gut, und, mit Bescheidenheit
gebraucht, nicht fr unanstndig. Da ich frei ber kirchliche Artikel
sollte gesprochen haben, ist wohl mglich; aber gewi nicht profan,
ausgenommen in so fern frei und profan eins ist: denn mir ist jeder
Volksglaube heilig, der einem ehrlichen Manne Beruhigung gewhrt, und
sollte er der Philosophie noch so empfindliche Nasenstber geben. Wer
einem leidenden Wanderer seinen alten Mantel nimmt, unter dem Vorwande,
er sei bel gemacht und durchlchert, ist ein Unmensch auf alle Weise.
Ich fordere alle auf, mit denen ich jemals in nhere Berhrung gekommen
bin, ob ich irgend ber etwas gespottet habe, das einem andern ehrwrdig
und heilig war.

Kurz darauf besnftigte ich den zelotischen Mann ohne Mhe durch die
Bitte mir eine Predigt zu erlauben, indem ich ihm zugleich das
Manuscript zur Durchsicht berreichte. Er bltterte nur wenig darin und
gab es mir mit der Gewhrung der Bitte und der Bemerkung vertraulich
zurck, schon das Motto gebe ihm die Versicherung, er drfe sich auf
meine Bescheidenheit verlassen. Es stand darber, glaube ich, aus dem
Quinctilian: ^Pectus est quod facit disertos.^ Ich hielt den Vortrag
in Rehbach und Knauthayn mit Beifall, und meine Ketzerei schien
vergessen zu seyn. Desto tiefer und fester sa sie aber bei mir. Es
versteht sich, da man in der Predigt nicht die leiseste Spur davon
fand. Ich wei nicht mehr, wovon ich sprach; aber es war ein reines
Thema der reinen allgemeinen Moral, wo der Mensch mit seiner bessern
Natur durch sich selbst in Anspruch genommen wird. Man konnte ihr, wie
Zollikofers Vortrgen, nur den Vorwurf machen, da sie auch fr Juden,
Trken und Heiden passe. Uebrigens mae ich mir nicht an, da die Rede
viel von den Vorzgen der Zollikoferschen gehabt habe.

Es fing nun an furchtbar in mir zu ghren. Ich begriff, da ich als
ehrlicher Mann nicht auf dem Wege fortwandeln konnte. Mit jeder neuen
Forschung entstand ein neuer Zweifel, und die Mystik fing an mir verhat
zu werden, da ich sie so oft Hand in Hand mit weltlicher Klugheit gehen
sahe. Ich verehrte die Bibel und versagte dem moralischen Theil
derselben den Eingang in meine Seele nicht. Ich verehrte Moses,
Christum, aber nach meiner Weise und nicht nach dem System. Heuchelei
war mir unertrglich; ich sagte immer nur, was ich dachte, ob ich gleich
nicht alles sagte, was ich dachte. Das heilige Palladium der
Menschennatur sind die Gedanken unter der Aegide der Vernunft, und es
wird hoffentlich niemals jemand gelingen es zu zerreien.

Meine Lage war sehr prekr und hing von der zuflligen Ueberzeugung
Anderer ab. Es war natrlich, da endlich der Graf alles erfahren mute;
und das schlimmste war, nicht so lebendig, wie es in meinem Innern lag.
Ohne seine Untersttzung konnte ich nicht in den Wissenschaften fort
leben. Ich wollte der Katastrophe zuvor kommen, zog mich in mich selbst
zurck und fate den Entschlu, auf allen Fall meine eigene Kraft zu
versuchen. Das konnte in Leipzig und berhaupt im Vaterlande nicht
geschehen. Nach vielen Kmpfen, die mir allerdings wohl das Ansehen
eines Melancholischen geben mochten, ging ich auf und davon, ohne einen
fest bestimmten Vorsatz, wohin und wozu. Ich nahm mein Monatsgeld,
verkaufte einige Bcher, die etwas Werth hatten, und nach Abzahlung
meiner kleinen Schulden, die ich nothwendig haben mute, blieben mir
ungefhr neun Thaler. Mit diesen dachte ich schon nach Paris zu kommen
und mich umzusehen, was da fr mich zu thun sei. Von dort aus -- wer
sieht nicht gern zuvor Paris? -- dachte ich nach Metz in die
Artillerieschule, da ich eben damals angefangen hatte, etwas ernsthaft
Franzsisch und Mathematik zu treiben. Das Uebrige berlie ich billig
dem Schicksal.

Das Traurigste war der qualvolle Gedanke an meine Mutter; und ich mu
bekennen, da ich mir alle obwohl vergebliche Mhe gab ihn zu
unterdrcken, da ich die Unmglichkeit sahe meine Sinnesart zu ndern
und die Unmglichkeit bei dieser Sinnesart als ehrlicher Mann hier zu
bleiben. Sie war zwar keine Zelotin und wrde mich nicht sogleich
verdammt haben; doch wrde ihr ruhiges Wesen es widersprechend gefunden
haben, da Ein Kopf sich nicht bei dem beruhigen knne, wobei sich so
viele Hunderttausende ehrsam beruhigen. Auf alle Flle wrde ihr meine
Lage, wenn ich geblieben wre, fast eben so schmerzlich gewesen seyn als
meine Entfernung. Ich ging also nach Berichtigung meiner Schulden fort,
ohne irgend jemand eine Sylbe gesagt zu haben. Den Degen an der Seite,
einige Hemden auf dem Leibe und im Reisesacke und einige Klassiker in
der Tasche, marschirte ich zwar ganz rstig und leicht, aber nichts
weniger als ruhig durch die Drfer nach Drrenberg, setzte dort ber die
Saale, ging ber das Schlachtfeld bei Robach und blieb die erste Nacht
in einem kleinen Dorfe bei Freyburg, das, glaube ich, Zeugefeld hie.
Hier schrieb ich in meiner Verlassenheit und mit schwerem Gefhl Abends
eine gar rhrende Elegie ber meinen Zustand. Sie gehrt zu den
Heiligthmern meiner Seele; Niemand hat sie gesehen und sie hat sich
bald aus meinem Taschenbuche verloren, so wie meine Stimmung sich
erheiterte und einen etwas stoischen Takt erhielt. Den zweiten Abend
blieb ich in einem Dorfe vor Erfurt, wo man mich mit vieler Theilnahme
sehr gut, sehr wohlfeil bewirthete, und mich schonend merken lie, ich
htte wohl jemand mit dem Instrumente da, man wies auf den Degen, etwas
bel behandelt und msse das Weite suchen. Ich widersprach zwar; aber
man schien doch so etwas zu glauben. In Errterungen mochte ich mich
nicht einlassen, und ihre Meinung that mir weiter keinen Schaden. Den
dritten Abend bernachtete ich in Bach, und hier bernahm trotz allem
Protest der Landgraf von Kassel, der damalige groe Menschenmkler,
durch seine Werber die Besorgung meiner ferneren Nachtquartiere nach
Ziegenhayn, Kassel, und weiter nach der neuen Welt.

Ich erfuhr nachher, da meine Entfernung in Leipzig einiges Aufsehen
gemacht hatte, ob ich gleich fast immer fr mich und eingezogen wie ein
Klosterbruder gelebt hatte. Man hatte ungefhr vierzehn Tage vorher eine
ungewhnliche Stille und Schwermthigkeit an mir bemerkt; sehr
natrlich: man machte also den voreiligen Schlu, ich habe mich ganz aus
dem Leben hinaus begeben. Vorzglich war ein alter Graf Ysenburg, der
gewhnlich bei dem Grafen Hohenthal lebte und mich mit vieler Gte immer
mit Zwieback gefttert hatte, sehr beschftigt, den eigentlichen
Zusammenhang der Sache ausfindig zu machen. Der alte Herr lie sich
keine Mhe verdrieen und stieg Treppe auf und Treppe ab, wo er
Nachricht von mir zu haben hoffte. Man erfuhr nichts von einem Duell,
konnte sonst nichts Ungebhrliches gegen mich aufbringen; meine kleinen
Schulden waren, und zwar den Tag vorher, alle bezahlt. Es war natrlich,
an eine Mdchengeschichte zu denken, und man nannte die Tochter eines
ehrsamen Handwerkers, mit welcher ich in Vertraulichkeit sollte gelebt
haben. Es war bestimmt eine Lge; denn die Anmuthung zum Geschlecht ist
bei mir sehr spte gekommen. Der alte Graf ging wirklich zu dem
Handwerksmanne, dessen Namen ich gar nicht erfahren habe, und trug seine
Gedanken so schonend als mglich vor: aber der alte heikpfige
Spiebrger nahm die Erffnung sehr bel auf und gerieth in Versuchung,
den unbefugten Nachforscher zur Ehre seiner Tochter handgreiflich die
Treppe hinab zu befrdern. Es blieb also den guten Leuten nichts brig
als zu glauben, der Melancholikus habe sich ein Leid angethan. In dieser
Vermuthung lie man mich sogar in die Zeitung setzen; ich habe das Blatt
viele Jahre nachher selbst gesehen. Da ich meine Schulden vorher
bezahlt hatte, schien mit ein starkes Argument gegen meinen Verstand zu
seyn: ein grlicher Gedanke ber die Immoralitt unserer Jugend!

Als der Graf durch meine Briefe aus Hessen die Geschichte, aber freilich
nicht den Grund derselben erfuhr, schien er es fr eine gewhnliche
Albernheit zu halten und mich fr einen Menschen zu nehmen, den man
seinem guten oder bsen Genius berlassen msse. Ich hatte im
Allgemeinen nur Drang die Welt zu sehen vorgeschtzt, und nur wenige
Hindeutungen auf mein inneres Ich angegeben. Wozu sollten Errterungen
und Auseinandersetzungen fhren, die Niemanden frommen konnten? Die
Herren wrden gedacht haben: ^contra principia negantem non est
disputandum^. Also war ich eine Prise des Schicksals, und mute nun
werden, wozu ich an der Hand desselben mich selbst machte.

Man brachte mich als Halbarrestanten nach der Festung Ziegenhayn, wo der
Jammergefhrten aus allen Gegenden schon viele lagen, um mit dem
nchsten Frhjahr nach Fawcets Besichtigung nach Amerika zu gehen. Ich
ergab mich in mein Schicksal, und suchte das Beste daraus zu machen, so
schlecht es auch war. Wir lagen lange in Ziegenhayn, ehe die gehrige
Anzahl der Rekruten vom Pfluge und dem Heerwege und aus den Werbestdten
zusammen gebracht wurde. Die Geschichte und Periode ist bekannt genug:
niemand war damals vor den Handlangern des Seelenverkufers sicher;
Ueberredung, List, Betrug, Gewalt, alles galt. Man fragte nicht nach den
Mitteln zu dem verdammlichen Zwecke. Fremde aller Art wurden angehalten,
eingesteckt, fortgeschickt. Mir zerri man meine akademische
Inscription, als das einzige Instrument meiner Legitimirung. Am Ende
rgerte ich mich weiter nicht; leben mu man berall: wo so viele
durchkommen, wirst du auch: ber den Ocean zu schwimmen war fr einen
jungen Kerl einladend genug; und zu sehen gab es jenseits auch etwas. So
dachte ich. Whrend unsers Aufenthalts in Ziegenhayn brauchte mich der
alte General Gore zum Schreiben und behandelte mich mit vieler
Freundlichkeit. Hier war denn ein wahres Quodlibet von Menschenseelen
zusammengeschichtet, gute und schlechte, und andere die abwechselnd
beides waren. Meine Kameraden waren noch ein verlaufener Musensohn aus
Jena, ein banquerotter Kaufmann aus Wien, ein Posamentierer aus
Hannover, ein abgesetzter Postschreiber aus Gotha, ein Mnch aus
Wrzburg, ein Oberamtmann aus Meinungen, ein Preuischer
Husarenwachmeister, ein kassirter Hessischer Major von der Festung und
andere von hnlichem Stempel. Man kann denken, da es an Unterhaltung
nicht fehlen konnte; und nur eine Skizze von dem Leben der Herren mte
eine unterhaltende lehrreiche Lektre seyn. Da es den meisten gegangen
war wie mir, oder noch schlimmer, entspann sich bald ein groes Komplott
zu unser aller Befreiung. Man hatte so viel gutes Zutrauen zu meinen
Einsichten und meinen Muth, da man mir Leitung und Kommando mit
uneingeschrnkter Vollmacht bertrug; und ich ging bei mir zu Rathe und
war nicht bel Willens, den Ehrenposten anzunehmen und die
funfzehnhundert Mann auf die Freiheit zu fhren und sie dann in Ehren zu
entlassen, einen jeden seinen Weg. Auer dem glnzenden Antrage kitzelte
mich vorzglich, dem Ehrenmanne von Landgrafen fr seine
Seelenschacherei einen Streich zu spielen, an den er denken wrde, weil
er verteufelt viel kostete. Als ich so ziemlich entschlossen war, kam
ein alter Preuischer Feldwebel zu mir sehr vertraulich. Junger
Mensch, sagte er, Sie eilen in Ihr Verderben unvermeidlich, wenn Sie
den Antrag annehmen. Selten geht eine solche Unternehmung glcklich
durch; der Zuflle sie scheitern zu machen sind zu viele. Glauben sie
mir altem Manne; ich bin leider bei dergleichen Gelegenheiten schon mehr
gewesen. Sie scheinen gut und rechtschaffen; und ich liebe Sie, wie ein
Vater. Lassen Sie meinen Rath etwas gelten! Wenn die Sache glcklich
durchgeht, werden wir nicht die letzten seyn, davon Vortheil zu ziehen.
Ich berlegte, was mir der alte Kriegsmann gesagt hatte, und
unterdrckte den kleinen Ehrgeiz, entschuldigte mich mit meiner Jugend
und Unerfahrenheit und lie die Sache vorwrts gehen. Der
Kanonier-Feldwebel hatte Recht; es wurde alles verrathen: ein Schneider
aus Gttingen, der ein Stimmchen sang, wie eine Nachtigall, erkaufte
sich durch die Schurkerei eine Unteroffizierstelle bei der Garde, und da
man ihn dort gehrig wrdigte und er des Lebens nicht mehr sicher war,
die Freiheit und eine Hand voll Dukaten. Ich erinnere mich der Sache
noch recht lebhaft. Alle Anstalten zum Ausbruch waren getroffen. Wir
lagen in verschiedenen Quartiren, in den Kasernen, dem Schlosse und
einem alten Rittersaale. Man wollte um Mitternacht auf ein Zeichen
ausziehen, der Wache strmend die Gewehre wegnehmen, was sich
widersetzte niederstechen, das Zeughaus erbrechen, die Kanonen
vernageln, das Gouvernementshaus verriegeln und zum Thore hinaus
marschiren. In drei Stunden wren wir in Freiheit gewesen; Leute, die
Weg wuten, waren genug dabei. Als wir aber den Tag vorher
abtheilungsweise auf den Exercirplatz kamen, fanden wir statt der
gewhnlichen zwanzig Mann deren ber hundert, Kanonen auf den Flgeln
mit Kanonieren, die brennende Lunten hatten, und Kartetschen in der
Ferne liegend. Jeder merkte was die Glocke geschlagen hatte. Der General
kam und hielt eine wahre Galgenpredigt. Am Thore sind mehr Kanonen,
rief er, wollt Ihr nicht gehen? Die Adjutanten kamen und verlasen zum
Arrest, Hans, Peter, Michel, Grge, Kunz. Meine Personalitt war eine
der ersten: denn da der verlaufene Student nicht dabei seyn sollte, kam
den Herren gar nicht wahrscheinlich vor. Da aber niemand etwas auf mich
bringen konnte, wurde ich, und vermuthlich noch mehr der Menge wegen,
bald los gelassen. Der Proze ging an; zwei wurden zum Galgen
verurtheilt, worunter ich unfehlbar gewesen seyn wrde, htte mich nicht
der alte Preuische Feldwebel gerettet. Die brigen muten in groer
Anzahl Gassen laufen, von sechs und dreiig Malen herab bis zu zwlfen.
Es war eine grelle Fleischerei. Die Galgenkandidaten erhielten zwar nach
der Todesangst unter dem Instrument Gnade, muten aber sechs und dreiig
Mal Gassen laufen und kamen auf Gnade des Frsten nach Kassel in die
Eisen. Auf unbestimmte Zeit und auf Gnade in die Eisen, waren damals
gleichbedeutende Ausdrcke und hieen so viel, als _ewig ohne Erlsung_.
Wenigstens war die Gnade des Frsten ein Fall, von dem Niemand etwas
wissen wollte. Mehr als dreiig wurden auf diese Weise grausam
gezchtiget; und Viele, unter denen auch ich war, kamen blo dewegen
durch, weil der Mitwisser eine zu groe Menge htten bestraft werden
mssen. Einige kamen bei dem Abmarsch wieder los, aus Grnden, die sich
leicht errathen lassen: denn ein Kerl, der in Kassel in den Eisen geht,
wird von den Englndern nicht bezahlt.

Endlich ging es von Ziegenhayn nach Kassel, wo uns der alte Betelkauer
in hchst eigenen Augenschein nahm, keine Sylbe sagte und uns ber die
Schiffbrcke der Fulda, die steinerne war damals noch nicht gebauet,
nach Hannverisch-Minden spedirte. Unser Zug glich so ziemlich
Gefangenen: denn wir waren unbewaffnet, und die bewehrten
Stiefletten-Dragoner und Gardisten und Jger hielten mit fertiger Ladung
Reihe und Glied fein hbsch in Ordnung. Ich geno, trotz der allgemeinen
Mistimmung, doch die schne Gegend zwischen den Bergen am Zusammenflu
der Werra und der Fulda, die dort die Weser bilden, mit zunehmender
Heiterkeit. Das Reisen macht froher, und unsere Gesellschaft war so
bunt, da das lebendige Quodlibet alle Augenblicke neue Unterhaltung
gab. So ging es denn auf sogenannten Bremer Bcken den Strom hinab.
Nicht weit von Hameln, glaube ich, machte man eine Absonderung der
Preuen, die man nicht durch Preuisch-Minden bringen durfte, und lie
sie einen Marsch zu Lande machen, um das Preuische zu vermeiden. Da mir
das zusammengedrckte eingepkelte Wesen auf den kleinen langen
Fahrzeugen nicht sonderlich behagen wollte, meldete ich mich als Preuen
beim Verlesen. Der Officier sahe in die Liste und sagte, hier steht ja
ein Sachse. So? sagte ich; nun so will ich ein Sachse bleiben. Er
schwieg, lie mich aber, nachdem alle verlesen waren, mit den Preuen
aussteigen. Man stellte sich und es ging zu Lande weiter. Ich hatte
damals die Gewohnheit, ein Buch zwischen Weste und Beinkleider unter den
Grtel zu stecken. Das Buch mochte diesmal etwas zu stark seyn und den
Leib unfrmlich machen. Was Teufel, ist der Kerl schwanger? sagte ein
Hauptmann Lesthen, der eben vor mir stand, und hob die Weste beim Flgel
auf, und es wurde der Julius Csar zu Tage gefrdert. Was Henker, macht
er denn mit dem Buche? fuhr er fort. Ich lese darin; war meine
Antwort. Wo hat Er denn das Latein gelernt? Das Latein pflegt man
gewhnlich in der Schule zu lernen. Er schttelte den Kopf. Ich hatte
in dem Buche eine Menge Randnoten aus dem Vegez, Frontin und andern
Alten und Neuen, auch wohl von mir selbst niedergeschrieben. Von wem
sind denn die Bemerkungen hier? Von mir; und vor mir von den
angegebenen Herren. Er sah mich fest an und endigte mit dem spttischen
Abschied: Er wird wohl einmal ein recht groer Mann werden.
Schwerlich, sagte ich; das ist unter den Deutschen gar nicht
wahrscheinlich: aber wenigstens will ich nicht Schuld seyn, da es nicht
wird. Nun ging es fort; und ich las, ohne eben weiter einen Zweck zu
denken, in den Ruhestunden zuweilen nach meiner Weise einige Kapitel,
aus bloem Bedrfni, mich besser zu beschftigen, als ich in meinen
Umgebungen sonst wohl konnte. Hier entspann sich in einem Nachtquartiere
wieder ein Komplott und sollte der Krze wegen, und da unsere Bedeckung
nicht sehr stark war, sogleich ausgefhrt werden: ich habe aber die
Beschaffenheit desselben nicht recht erfahren knnen. Diese
Rekrutenabtheilung bestand aus lauter Preuischen Landeskindern und
Preuischen Deserteuren, die bestndig vom alten Fritz und Seidlitz und
Schwerin sprachen und sich nichts Kleines dnkten. Aber wei der Himmel,
wie es war laut geworden: der kommandirende Officier requirirte sogleich
die ganze bewaffnete Brgerschaft und die Bauern aus der Gegend, machte
cht militrisch Miene, uns in der alten Kirche, wo wir lagen, zusammen
zu schieen; und es ging alles wieder ganz ruhig bis an die Weser auf
die Bremer Bcke. Hier half mir meine stoische Gengsamkeit und meine
Humanitt einen Streich machen, der mir in meiner Sphre zu keiner
kleinen Ehre gereichte. Gewinnsucht und Leidenschaft regirt, wie
bekannt, die Welt. Damit wir nicht verhungerten, hatte ein Entrepreneur,
ein Marketender im Groen, fr keine kleine Summe sich anheischig
gemacht uns zu bekstigen. Man wei, wie es geht. Wir wollten eben so
viel als mglich essen, und er wollte so viel als mglich gewinnen,
welches sich zusammen nicht wohl vertrug. Fast unsere ganze Lhnung ging
auf die Menage; und der Klagen liefen bei dem Obersten von Hatzfeld, der
den Transport kommandirte, viele ein. Der Mann hatte ein Gefhl fr
Recht und that was er konnte, den Speisewirth zur guten Behandlung zu
nthigen. Da Ermahnungen bei Gewinnschtigen gewhnlich vergeblich sind,
wurden wechselsweise von dem Transport nach den Schiffen Deputirte
gewhlt, die auf dem Kochschiffe nach dem Recht sehen sollten. Inde es
ging mit den Deputirten wie im englischen Parlament. Dort besticht man
mit Guineen, Stellen und Pensionen; hier bestach man mit Wein, Schnaps
und Kuchen: und so ging es denn, hier wie dort, nicht viel besser als
vorher. Als die Reihe mein Schiff traf, wurde ich von der Rekrutenschaft
einstimmig zum Deputirten erwhlt. Auf dem Kochschiffe wollte man mich,
wie gewhnlich hflich mit dem Weinglase empfangen und mit Konfect in
der Kajte halten. Ich habe gefrhstckt, war mein Bescheid, und blieb
bei den Kesseln stehen, um zu sehen, da die gehrige Quantitt Fleisch
und Gemse hinein kam. Als die Khne kamen, um zu holen, drang ich
darauf, da die Menagekessel voll gegeben wurden. Wir werden nicht
auskommen, sagte man. Wir werden wahrscheinlich auskommen, sagte ich,
auf meine Gefahr: denn so viel hatte ich noch rechnen gelernt. Es blieb
viel brig, ich lie zum zweitenmal holen und alle erhielten eine sehr
gute Mahlzeit. Noch blieb viel brig; doch nicht so viel, da man noch
einmal von vorn htte anfangen knnen. Da kamen unsere Zwangswchter,
die Dragoner, vom Ufer mit ihren Tpfen. Eine vorlaute schnippische
Kchin wollte austheilen und von den armen Teufeln Weipfennige dafr
einnehmen. Was soll das? rief ich: das Essen ist unser, wir haben es
bezahlt; die Leute mssen den Rest unentgeltlich haben. Das Liebchen
ward bse, und ich ergriff im Amtseifer den Schpflffel und theilte aus
bis auf den Boden, ohne einen Heller zu nehmen oder nehmen zu lassen.
Die alten Kerle drckten mir freundlich die Hand. Wir sehen leider
deutlich genug, raunte mir einer zu, wie Ihr betrogen werdet; knnen
aber nicht helfen. Als die belobte Kesselprinzessin es noch einmal
wagte, mich zu stren, schlug ich sie im Aerger so heftig mit der
Schpfkelle auf die Hand, da sie laut schreiend und drohend zum
Prinzipal in die Kajte sprang. Da man mich aber so fest entschlossen
sahe, unterstand man sich nicht mich weiter anzutasten. Ich bekam vom
Ufer und von den Bcken eine Menge Dankadressen, mit der Versicherung,
da man noch nicht so gut und so reichlich gespeist habe: und diese
Dankadressen hatten wohl wenigstens einen eben so guten Grund, als die
im Parlamente. Man nehme es, wie man will, ich halte diesen Tag fr
einen der schnsten meines Lebens: und das Bewutseyn macht mich stolz,
da ich als erster Volksdeputirter, trotz jeder Versuchung, Schmeichelei
oder Drohung, mit eben der beharrlichen Entschlossenheit wrde gehandelt
haben. Die Sache lief unter den Officieren herum, und ein jeder machte
seine Glossen darber nach seiner Sinnesweise. Die Reihe Deputirter zu
seyn kam nicht wieder an unsern Bock, also auch nicht wieder an mich.

So fuhren wir denn den ganzen Strom hinab von Minden bis zu Bremerlee,
wo uns die englischen Transportschiffe erwarteten. In Minden auf der
Wiese besichtigte uns der Mkler Fawcet, und es gab von den
Dragonerunterofficieren und Gardisten einige freundliche Rippenste,
weil wir nicht laut und voll und sonorisch genug: Es lebe der Knig!
schrien. Da ich als ein kleiner Kerl im Ranzengliede, das heit im
mittelsten, stand, entging ich den Puffen, ohne eine Sylbe zu sagen
genthigt zu seyn. Aber den Hut mute ich wenigstens mit schwingen.

Es wrde mir ein hoher Genu gewesen seyn, an der Hand eines Freundes
und Geschichtskenners die Partien der Weser von Korvey bis Bremen zu
besehen, wo die Schnheiten der Natur durch den Gedanken der alten jetzt
verlorenen Nationalehre magisch beleuchtet werden: aber damals war
unsere Reise ein sklavisches dumpfes Hinstarren auf die Gegenden, wo
ehemals Mnner fr ein besseres nicht so ppiges Vaterland kmpften. Von
Varus bis zu Bonifaz herab schwebten mir dunkel die Scenen vor; Bonifaz,
der mit heiliger Einfalt die heroische Tugend vertrieb und die
feinergewebte Sklaverei spann, die uns zum Spielwerk Anderer gemacht
hat. Von Bremen bis Bremerlee fuhren wir in andern Fahrzeugen, die schon
See halten knnen, aber sich nicht weit von den Ksten entfernen.
Unbekmmert legte ich mich Abends hin und schlief mitten auf dem Strome
und war sehr verblfft, als unsere ganz kleine Flotte des Morgens am
Ufer ganz trocken da sa, und wartete bis die Fluth sie wieder empor
hob: doch waren wir alle nicht halb so verblfft, als bei der hnlichen
Erscheinung Alexanders Soldaten auf dem Indus.

In den englischen Transportschiffen wurden wir gedrckt, geschichtet und
gepckelt wie die Heringe. Den Platz zu sparen, hatte man keine
Hangematten, sondern Verschlge in der Tabulatur des Verdecks, das schon
niedrig genug war: und nun lagen noch zwei Schichten bereinander. Im
Verdeck konnte ein ausgewachsener Mann nicht gerade stehen, und im
Bettverschlage nicht gerade sitzen. Die Bettkasten waren fr sechs und
sechs Mann; man denke die Menage. Wenn viere darin lagen, waren sie
voll; und die beiden letzten muten hineingezwngt werden. Das war bei
warmem Wetter nicht kalt: es war fr einen Einzelnen gnzlich unmglich
sich umzuwenden und eben so unmglich auf dem Rcken zu liegen. Die
geradeste Richtung mit der schrfsten Kante war nthig. Wenn wir so auf
einer Seite gehrig geschwitzt und gebratet hatten, rief der rechte
Flgelmann: Umgewendet! und es wurde umgeschichtet: hatten wir nun auf
der andern Seite ^quantum satis^ ausgehalten, rief das Nmliche der
linke Flgelmann; und wir zwngten uns wieder in die vorherige Quetsche.
Das war eine erbauliche vertrauliche Lage, ungefhr wie im hohen
Paradiese, wenn auf der Bhne des Volks Lieblingsstck gegeben wurde.

Ich habe vor vielen vielen Jahren diese liebliche Fahrt als Ouvertre
meines Schriftstellerwesens in Archenholzen's nun fast vergessenem
Journal Literatur- und Vlkerkunde mitdrucken lassen, will aber hier,
um den Faden nicht zu unterbrechen, das Wesentlichste wieder hersetzen.
Da das obengenannte Menschenragout die Unterhaltung unterhielt, wird
man nicht zweifeln. Die Seele derselben war ein dort vergessener
ehemaliger franzsischer Officier aus dem siebenjhrigen Kriege, mit
Namen Dechar, der seit der Zeit abwechselnd gemeiner Preuischer
Dragoner und Fselir-Unterofficier und Sprachmeister und Fechtmeister,
Unterofficier und polnischer Revolutions-Hauptmann gewesen war,
abwechselnd Gassen gelaufen, unter dem Galgen gestanden und im Felde
Kanonen genommen hatte, der in Frankfurt am Main und Kassel, Berlin und
Warschau, Breslau und Jauer alle Winkel kannte, alles Gute und Schlechte
wute, wie ein Achill focht und wie Heliogabal fra und soff, wie
Aristarchus sprach und wie Epikurs Kchenjunge lebte. Das Leben dieses
Abenteurers allein wrde Stoff zu einem groen Gemlde geben. Der
schlechteste, gelehrteste und traurigste Gesellschafter war der gute
Exmnch aus Wrzburg, von dessen entsetzlichem Ende ich hernach noch
Einiges sagen will.

Es war mir doch ein sonderbares Gefhl, als ich den andern Morgen auf
das Verdeck trat, und zum ersten Mal nichts als Himmel und Wasser um
mich sah. Der Ocean wogte majesttisch, und die Schiffe tanzten magisch
wie kleine Spielwerke auf der unbegrnzten, ungeheuren Flche: der
Himmel war bewlkt und theilte dem Wasser seine tiefe ernsthafte Farbe
mit. Ich war wirklich in einer andern Welt und fhlte mich abwechselnd
grer und kleiner, nachdem eine erhabene oder bange Empfindung eben in
der Seele herrschte. So war es, als unter meinem Fue Gewitter rollten
und furchtbar schne Zauberwelten bildeten, neben mir die schwarzrothen
Wolkensulen des Aetna strmten, und ber mir die milden Sonnenstrahlen
Wrme umhergossen und weithin die ganze groe Insel mit ihrer Fabelwelt
magisch frbten. Bald kam Sturm und mit ihm die Seekrankheit. Beide
waren weiter nicht gefhrlich, aber doch den Neulingen furchtbar genug.
Fnfe von der sechsmnnischen Menage waren krank; ich blieb leider
allein gesund. Die Seekrankheit ist nichts als die Wirkung der
ungewhnlich heftigen Bewegung, der man nicht Einhalt thun kann. Man hat
hnliche Erscheinungen genug auf dem Lande. Reiten und Fahren,
vorzglich rcklings, Schaukeln, Karousseldrehen und hnliche
gymnastische Uebungen sind die besten Vorbereitungen zu Seereisen. Die
nchsten Vorkehrungen sind, wenig essen und hart und kalt, und wenig
trinken und kalt und suerlich: also ist Wurst, Schinken und dergleichen
und Limonade und Wein vielleicht die gemessenste Dit die ersten Tage
zur See. Ich sage, ich blieb leider gesund; auch fr mich leider! Die
Seeluft giebt gewaltigen Appetit; die Schiffsportionen waren klein. Da
Niemand aus der Menage essen konnte, hatte ich die Flle zur Sttigung
und konnte Vorrath von Zwieback sammeln, so da ich wirklich eine ganze
groe Nachtmtze voll hatte. Bald kam einer und forderte seine Portion,
dann der andere, dann der dritte, und so fort; in kurzer Zeit war ich
auf mein eigenes kleines Kontingent gesetzt. Die Genesenen waren durch
die Krankheit und das Fasten gehrig auf die beschrnkte Portion
vorbereitet; die Gesunden hingegen hatten eine sehr unangenehme
Speisekapacitt gewonnen. Bald war mein kleiner Vorrath aufgezehrt, und
mein Magen war bei der ganzen Portion auf ein sehr unbehagliches
Halbfasten reducirt. Hier sorgte denn zufllig die Muse fr ihren
Zgling. Ich sa auf dem Quarterdeck und las eben Horazens ^Angustam,
amici, pauperiem^, als der dicke Steuermann mich sehr unfreundlich von
der Bank schleudern wollte. Ich brummte meine Unzufriedenheit in meinem
Bichen Englisch, das ich von Rogler gelernt hatte, so gut ich konnte,
und wollte hinunter in meinen Kasten schleichen, wo ich mich von Niemand
hudeln lie. Der Kapitn kam dazu, guckte mir in das Buch und hie mich
sitzen bleiben. Als er einige Anordnungen gemacht hatte, kam er zurck
und fing eine Art von Unterhaltung mit mir an: ^You read latin, my
boy?^ -- ^Yes, Sir.^ -- ^And you understand it?^ -- ^I believe, I
do.^ -- ^Very well; it is a very good diversion in the situation, you
are in.^ -- ^So I find, Sir; indeed a gread consolation^[1]. So ging
es denn freundlich und theilnehmend weiter. Er nahm mich mit in seine
Kajte und zeigte mir seine Reisebibliothek, die aus guten Englndern
und einigen Klassikern bestand, und versprach mir, wenn ich die Bcher
gut halten wrde, mir zuweilen eins daraus zu leihen. Durch seine
Freundschaft erhielt ich etwas mehr Freiheit auf dem Schiffe, zumal da
ich etwas Vergngen am Seewesen zeigte und in wenigen Tagen mir die
Nomenklatur der Taue und Segel merkte und sehr flink und sicher oben in
dem Mastwerke mit herum lief. Es war wieder das Bedrfni der
Thtigkeit, die mir allerhand kleine Vortheile schaffte und mich
vorzglich gesund erhielt. Da der Kapitn wohl merkte, da die
Schiffsportion meinem exemplarischen Appetit nicht zureichend war, lie
er mir gromthig heimlich zuweilen eine Nachtmtze voll Zwieback und
Rindfleisch zukommen, welches in der That im eigentlichsten Verstande
ein sehr wohlthtiges Stipendium war.

[Funote 1: Du liesest Latein, mein Sohn? -- Ja, Herr! -- Und
verstehst es? -- Ich glaube. -- Sehr gut: das ist eine sehr gute
Zerstreuung in Deiner Lage. -- Das finde ich auch, mein Herr! Es ist
in der That ein groer Trost fr mich.]

Die Kost war brigens nicht sehr fein, so wie sie nicht sehr reichlich
war. Heute Speck und Erbsen und morgen Erbsen und Speck; bermorgen
^pease and pork^ und sodann ^pork and pease^: das war fast die ganze
Runde. Zuweilen Grtze und Graupen, und zum Schmause Pudding, den wir
aus muffigem Mehl halb mit Seewasser, halb mit sem Wasser, und altem
Schpsenfett machen muten. Der Speck mochte wohl vier oder fnf Jahr
alt seyn, war von beiden Seiten am Rande schwarzstriefig, weiter hinein
gelb, und hatte nur in der Mitte noch einen kleinen weien Gang. Eben so
war es mit dem gesalzenen Rindfleische, das wir in beliebter Krze oft
roh als Schinken aen. In dem Schiffsbrote waren oft viele Wrmer, die
wir als Schmalz mitessen muten, wenn wir nicht die schon kleine Portion
noch mehr reduciren wollten: dabei war es so hart, da wir nicht selten
Kanonenkugeln brauchten, es nur aus dem grbsten zu zerbrechen; und doch
erlaubte uns der Hunger selten es einzuweichen; auch fehlte es oft an
Wasser. Man sagte uns, und nicht ganz unwahrscheinlich, der Zwieback sei
franzsisch; die Englnder haben ihn im siebenjhrigen Kriege den
Franzosen abgenommen, seit der Zeit habe er in Portsmouth im Magazine
gelegen, und nun fttere man die Deutschen damit, um wieder die
Franzosen unter Rochambeau und Lafayette, so Gott wolle, todt zu
schlagen. Gott mu aber doch nicht recht gewollt haben. Das
schwergeschwefelte Wasser lag in tiefer Verderbni. Wenn ein Fa
heraufgeschroten und aufgeschlagen wurde, roch es auf dem Verdeck wie
Styx, Pflegethon und Kocytus zusammen: groe fingerlange Fasern machten
es fast konsistent; ohne es durch ein Tuch zu seigen war es nicht wohl
trinkbar: und dann mute man immer noch die Nase zuhalten, und dann
schlug man sich doch noch, um nur die Jauche zu bekommen. An Filtriren
war fr die Menge nicht zu denken. Guten ehrlichen Landmenschen kommt
dieses ohne Zweifel schrecklich vor: aber wer Feldzge und Seefahrten
mitgemacht hat, findet darin nichts ungewhnliches. Rum wurde gegeben
und zuweilen etwas Bier, welches dem Porter hnlich war und bei den
Matrosen ^strong beer^ hie. Da ich den ersten nicht genieen konnte,
tauschte ich ihn gegen das letzte aus, welches mir Wohlthat war.
Zuweilen wurde mir auch eine Flasche Porter zugesteckt, da ich am Wein
durchaus keinen Geschmack fand.

Strme hatten wir oft, und einmal so stark, da uns der Aufsatz des
Vordermastes und die groe Raa zerbrach. Die Thrmung der Wogen, das
Heulen der Winde durch die Segel, das Schlagen und Klirren der Taue, das
Donnern der Wellen an die Borde, das Geschrei und Lrmen des
Schiffsvolks, der ganze furchtbar emprte Ocean, alles ist in dem
Neuling schrecklich: aber bald wird man es gewohnt und schlft ruhig
unter dem Kampfe der Elemente. Der sybaritische Amtmann am Rheine, der
die Nachtigallen wegschieen lie, weil sie ihn im Schlafe strten,
knnte keine bessere Kur brauchen, als eine Reise ber den Ocean --
zumal in einem englischen Transportschiffe. Nichts giebt aber auch dem
Sinn ein greres Bild von der Kraft des menschlichen Geistes als das
Regiment eines groen Schiffes. Man nehme eines aus der Linie. Man gebe
ihm neunzig Kanonen; es ist noch keines von den ersten. Sie sind alle
von dem grten Kaliber. Fr jedes Stck habe man zweihundert Schsse an
Pulver und Kugeln: welcher Vorrath! Segel und Taue und Stangenwerk;
vieles doppelt: eine Besatzung von tausend Mann, welche ungeheure Masse
fr ein Auge, das sie zusammen auf dem Lande sieht! Fr diese Mannschaft
Lebensmittel an Essen und Trinken fr viele Monate. Dieses alles in
einer einzigen Maschine beisammen, mit welcher die Wogen wie mit einem
Federballe spielen: und dieses ungeheure Ganze fhrt der menschliche
Geist stolz und ruhig durch emprte Elemente hin und her nach seiner
Wahl. Kurio's Theater, die sich mit halb Rom auf einem Schwerpunkt
drehten, als ob sie der Weltbeherrscher spotteten, waren kaum eine
grere Erscheinung.

Wir fuhren nicht durch den Kanal und die spanische See, weil damals noch
die Franzosen und Spanier dort mit Flotten kreuzten und auf uns
lauerten; sondern segelten um die Inseln nrdlich an den Orkaden weg.
Der Sturm trieb uns weit weit nordwrts: und der Sicherheit wegen gab
man vielleicht mehr nach als nthig war. Wir konnten muthmalich nicht
weit von Grnland sein; wir froren tief im Sommer, da wir zitterten Tag
und Nacht. Alles ging schlecht genug: wir brachten ber einer Fahrt, die
sonst gewhnlich nur vier Wochen dauert, zwei und zwanzig zu. Die
Portionen wurden noch knapper an Brot und Fleisch und Wasser; und meine
Bekanntschaft mit dem Kapitn war mir noch wohlthtiger. Krankheiten
nahmen sehr berhand; doch starben von ungefhr fnfhundert Mann nur
sieben und zwanzig, wenn ich nicht irre. Einige meiner nhern Bekannten
waren darunter, und unter andern der Exmnch aus Wrzburg. Er hatte fr
einen Mnch recht artige Kenntnisse, wute viel Geschichte und
Mathematik und sprach besser als gewhnlich Latein. Er war vom Anfange
an meine Zuflucht gewesen, wenn die Langeweile sich meiner zuweilen zu
bemchtigen drohte: aber vom Anfange an zeigte er einen Mimuth und eine
Gleichgltigkeit gegen das Leben, die ich fr nichts weniger als
philosophisch hielt. ^Perfer et obdura^ war schon damals eines meiner
Schibolete, und ich hielt es billig fr entehrend, mich von gewhnlichen
Streichen des Schicksals niederschlagen zu lassen. In Ziegenhayn und auf
dem Marsche hatte ich alle Mhe, den Kleinmthigen aufrecht zu halten.
Auf dem Flusse waren wir getrennt, und als wir auf dem Schiffe wieder
zusammen kamen, hatte er so vllig Verzicht auf das Leben gethan, da
keine Kraft mehr zu wecken war. Das Kloster ist freilich keine
Vorbereitung zum Felde. Es fehlte ihm nichts als Lebensmuth; aber
Faulheit und Indolenz, die er wohl Resignation und Apathie nannte,
hatten sich seiner in einem solchen Grade bemchtigt, da er sich fast
nicht mehr von der Stelle bewegte. Ein Faulthier war die Thtigkeit
selbst gegen ihn. Wenn ich auch ber den Ocean komme, sagte er, so
geht dort drben das Elend erst recht an. Noth und Mangel und
Mhseligkeit ist die ganze Aussicht, bis uns ein Rifleman durch die
Lunge schiet, oder ein Mohak skalpirt. Da hatte die Klosterseele
freilich nicht ganz Unrecht; aber ein braver Kerl hlt aus bis zuletzt:
und es ist doch wohl der schndlichste Tod, aus reiner absoluter
Faulheit zu sterben. Nur im Kloster kann eine solche Gedankenmigeburt
entstehen. Er blieb entschlossen, dem Elend nicht entgegen zu leben: und
mir war es eine neue Erscheinung, von welcher mir keine
Erfahrungsseelenkunde etwas gesagt hatte, da man ohne alle weitere
Krankheit und Veranlassung aus bloer Indolenz sterben knne. Kein Arzt
konnte die geringste Krankheitsanzeige finden, und er klagte ber
nichts, als ber das jmmerliche Leben und die noch jmmerlichere
Aussicht. Man prgelte ihn zur Bewegung, zum Luftschpfen, zum Waschen,
zum Essen sogar; ohne Prgel that er von allen dem nichts: nur Rum trank
er noch ein wenig ungeprgelt. Endlich ward man das Prgeln berdrssig
und lie ihn liegen: von dem Augenblicke an wurde nichts mehr gewaschen,
gekmmt und gebrstet, und fast nichts mehr gegessen. Er lag in den
Hinbrten des Todes. So lange ich konnte, besuchte ich ihn in seinem
Kasten neben den Aufgegebenen und versuchte noch, was Vernunft
vermochte; endlich machte es mir die Selbsterhaltung zur Pflicht, mich
zu entfernen. Nach dem Tode wollte das Klosterkadaver Niemand anrhren,
welches sehr zu entschuldigen war. Man suchte die schmutzigsten Gesellen
aus und gab ihnen zur Belohnung Rum, da sie den Todten ber Bord
warfen. Ich hatte doch noch so viel Theilnahme oder Neugierde, man nenne
es, wie man will, mich zu nhern und die Erscheinung zu sehen. Es war
ein grliches Bild menschlichen Elends und menschlicher Verworfenheit,
das ich, Gott sei Dank, bei aller meiner Erfahrung nie wieder gesehen
habe. Einige Monate hatte sich der Mensch nicht rasirt und in seinem
Unrath gelegen. Das Hemde, dessen Farbe man nicht mehr erkennen konnte,
das Kopfhaar, der Bart und die Augenbraunen und Wimpern wimmelten von
Insekten, als ob er an der Phthiriase gestorben wre, welches doch
bestimmt der Fall nicht war: denn vorher hielt er sich leidlich
reinlich.

Einige Monate ist das Herumschwimmen auf dem Ocean, bei gehrigen
Vernderungen, so lange die Erscheinungen neu sind, keine ble Parthie;
zumal wenn man so in zahlreicher Gesellschaft segelt, wie wir. Unsere
Flotte von Transportschiffen aller Art, begleitenden Kriegsschiffen und
Kaufmannsfahrzeugen, die die Gelegenheit der Sicherheit benutzten,
mochte sich wohl auf siebzig Segel belaufen: und der Abend und Morgen
einer solchen schwimmenden Kolonie hat sein Angenehmes, wenn die See
nicht zu hoch und zu still ist. Besonders hat das Gelute etwas traulich
Heimisches und doch etwas sehr Feierliches auf der unermelichen Flche,
da ich nicht selten zu einem sehr innigen Gebet gestimmt wurde. Was
weder Vernunft noch Gefahr bewirken, bewirkt oft die magische
Psychagogie der Tne durch das Gefhl.

Wenn ich nicht mit den Matrosen arbeitete, lag ich bei schnem Wetter
mit dem Virgil oben im Mastkorbe und verglich unsern berstandenen Sturm
mit dem seinigen, und fand ihn nie so lebendig wahr, als eben jetzt, wo
ich an den vorigen dachte und den kommenden erwartete. Sein ^Insequitur
clamorque virum, stridorque rudentum^ ist einfach malerisch schn, da
es den ganzen Auftritt giebt. Das hat er selbst gefhlt, weil es mit
wenigen Vernderungen in allen seinen Beschreibungen eines Seesturms
wieder kommt. Wenn wir auch nicht wten, da er zur See war, aus diesen
Stellen wrden wir es fast untrglich schlieen knnen; so wie ich aus
seiner Beschreibung des Atlas schliee, da er nie auf einem Berge
erster Hhe war. Ob ich gleich viele Hlfsmittel der Beschftigung in
und auer mir hatte, die den Andern fehlten, so fing das Einerlei der
Scenen doch endlich an mir lstig zu werden. Das Kabeliauangeln und das
Einsalzen zu Laberdan auf einigen Bnken in der Nhe von Amerika gab
einige Tage wieder gutes Essen und gute Unterhaltung. Ich erinnere mich,
da wir einmal so reichlich fingen, da auer der Vertheilung eilf
Tonnen in einem Nachmittage eingesalzen wurden. Keine Leber von irgend
einem Thier zu Wasser und zu Lande ist mir feiner und schmackhafter
vorgekommen, als die Leber vom Kabeliau; so wie der Fisch selbst, frisch
zubereitet und genossen, einer der kstlichsten ist. Ich wrde ihn
gleich nach dem Sterled und Thunfisch setzen, und ihn dem Lachse
vorziehen; zumal da er auch viel zarter und gesunder ist.

Endlich bekamen wir das Ufer von Akadien zu Gesichte und liefen unter
ungemeinem Freudengeschrei in der Bucht von Hallifax ein. Hallifax ist
unstreitig einer der besten Hafen am Ocean, vielleicht der beste, fr
eine unzhlige Menge Schiffe; sicher gegen alle Strme. Die Insel und
das Fort St. George nebst einigen starken Landbatterien vertheidigen den
Eingang: und es gehrt schon eine ziemliche Menge dazu, ihn zu forciren.
Seine Lage ist so, da er mit Flei und Aufwand unbezwinglich gemacht
werden kann, wenn man nur die Landseite zu vertheidigen im Stande ist.

Man brachte uns wahrscheinlich nach Hallifax, weil es in Neuyork und den
andern Provinzen schon hchst milich mit den Royalisten stand, und man
das Ausschiffen kaum wagen durfte. Der Tag der Ausschiffung war einer
der schnsten und einer der schlimmsten. Zwei und zwanzig Wochen waren
wir herumgeschwommen, ohne das geringste Land gesehen zu haben. Da wir
keine brittischen Amphibienseelen waren, sehnte sich Alles ohne Ausnahme
nach festem Fue; zumal da der Scharbock empfindlich zu werden anfing.
Es war ein Hungertag, da uns die Schiffe an das Land wiesen, und das
Landkommissariat, zumal da das Ausschiffen sich sehr spt verzgerte,
noch nicht geliefert hatte. Doch verga Jeder in der Freude gern die
Forderung des Magens, wenn er nur den Boden begren konnte. Ich
erinnere mich dabei eines sehr wehmthigen Auftritts. Ich war einer der
Ersten am Lande, und hatte nebst einigen Andern eine kleine Quelle
herrlichen Wassers am Ufer im Sande entdeckt. Lange hatten wir diese
kstliche Erquickung entbehrt; wir tranken mit Wollust und groen Zgen.
Schnell erscholl die Entdeckung und die Hungrigen und Durstigen strzten
in Haufen nach dem kleinen spiegelhellen Wasserschatze, drngten sich,
stieen sich, Jeder wollte gierig der erste Theilnehmer sein: in dem
Getmmel gerieth der Sand des abschssigen Ufers in Unordnung, gab nach,
und in einem Augenblicke war die ganze kleine herrliche Quelle
versandet. Sie brauchte Stunden, um sich wieder zu lutern, und die
Menge stand traurig um sie herum und betrachtete lechzend den Verlust.

Als ich vom Schiffskapitn Abschied nahm, drckte er mir mit herzlicher
Freundlichkeit die Hand. ^It is a pity, my boy^, sagte er, ^you do
not stay with us; you would soon become a very^ ^good sailor^.
^Heartily I would^, sagte ich, ^but you see, it is impossible^. ^So
it is^, rief er, ^god speed you well^[2]! Mit einem dankbaren Wunsche
fr den menschenfreundlichen Mann stieg ich die Leiter hinab ins Boot
und ruderte dem Ufer zu. Das Ufer um Hallifax her ist unfreundlich,
ziemlich de und unfruchtbar. Der Ort, der uns zum Lager angewiesen
wurde, war abhngiger Felsenboden. Wir kamen spt ans Land, und ehe die
Bedrfnisse herbeigeschafft wurden, ward es fast Nacht. Die Zelte kamen
an und sollten aufgeschlagen werden. Man hatte mich zum Unterofficir
ernannt; ich sollte also fr das Aufschlagen sorgen. Nun hatte ich in
meinem Leben nur ein einziges Lager ganz nahe gesehen und wute von der
Maschinerie eines Zeltes nicht einen Pfifferling. Schlippe, sagte ich
zu einem alten Preuischen Grenadir, der mir zugetheilt war, Latein und
Griechisch verstehe ich so ziemlich, aber wenig vom praktischem Militr;
helfe Er mir durch, vielleicht kann ich wieder durchhelfen. Der alte
Satyr lchelte, ergriff das Beil, nahm einige mit sich, that als ob er
meine weisen Befehle ausfhrte und in einer Stunde stand unser Zelt,
trotz den brigen so gut da, als es der harte Boden erlauben wollte. Die
Schwierigkeit war nicht klein, da die Zeltstangen und Zeltpflcke erst
aus dem Walde geholt und gehauen werden muten. Die Nacht kam ein Sturm,
wie ein Orkan, der unsrer Architektur weidlich spottete. Den folgenden
Morgen standen vom ganzen Lager nicht zehn Zelte mehr fest; das unsrige
stand nur halb; viele hatte der Wind in den Morast hinabgetrieben. Nun
fingen wir an, etwas solider zu bauen, wozu uns auch die Klte trieb;
denn es war schon spt im Jahr und ein cimmerisches Wetter auf der
verdammten Landzunge.

[Funote 2: Es thut mir leid, mein Sohn, da Du nicht bei uns bleibst.
Du wrdest bald ein guter Seemann geworden seyn? -- Herzlich gern
wollt' ich's; aber Sie sehen, das es unmglich ist. -- Das ist es,
Gott sei mit Dir!]

Da man den Transport nicht zu den Regimentern bringen konnte, wurden wir
in ein Bataillon von fnf Kompagnieen formirt und sollten fr uns
Dienste thun. Das ging toll genug; der Oberste Hatzfeld that sein
Mglichstes, das Gesindel in Ordnung zu bringen. Fast die Hlfte waren
gediente Leute; das machte die Sache etwas leichter: nur waren, wie
natrlich, die besten Soldaten fast immer die liederlichsten Kerle. Ich
als Unterofficir sollte nun den Exercirmeister machen und wute selbst
noch blutwenig. Schlippe, sagte ich wieder, Er sieht wohl, da es mit
mir noch etwas hapert. Wir wollen tglich eine Stunde in den Wald gehen,
als obs zur Jagd wre: da ist Er wohl so gut, mir einige Handgriffe
grndlicher zu zeigen, als ich sie bis jetzt gefat habe. Der alte
Satyr lchelte, und meinte: es wrde schon gehen; zur Noth auch ohne
ihn. Es ging; gerade wie bei einem Professor, ^qui docendo discit^,
ward es tglich mit mir besser; und bald galt ich fr einen Kerl, der
sein Gewehr meisterhaft zu handhaben verstand und sich in die kleinen
Evolutionen geschickt genug zu finden wute. Es gehrt nur einige
Kenntni mathematischer Figuren und etwas Geistesgegenwart zu dem
Letzten.

Das Leben im Lager im Sptjahr war schlecht genug; keine gute Kost, und
Klte bis zum Heulen und Zhnklappern. Unser Bataillon sah aus
buntschckig, wie eine Harlekinsjacke, da es aus den Uniformen aller
Regimenter bestand. Wir hatten weder Fahnen noch Kanonen, da es tglich
hie, wir sollten zu unsern Regimentern stoen. Ich nebst ungefhr
zwanzig andern war dem Regiment Erbprinz zugefallen, habe aber das
Regiment nie gesehen.

In dieser Zeit machte ich Mnchhausens, oder er vielmehr meine
Bekanntschaft. Ich sa im Zelte und wrmte mich gegen die nasse Klte
etwas an Flakkus Odenfeuer, da schlug ein Officir den Zeltflgel zurck
und fragte, ob ich der Sergeant Seume wre. Da ich denn der war, hie er
mich herauskommen. Ich warf mich in die Ordonnanz und trat hervor; er
belugte mich etwas neugierig, fate mich am Arm, und fort gings durch
mehrere Kompagniegassen dem Ende des Lagers zu, wo sein Zelt stand. Ich
wartete der Dinge, die da kommen sollten, da der Herr unterwegs ziemlich
einsylbig war. In seinem Zelte lagen auf dem Tische einige Verse, die er
mir hingab, und mich fragte, ob sie von mir wren. Ich besahe sie und
sagte ja. Es war eine tragisch-komische Elegie ber unser Leben im
Lager, die, wie der Gegenstand selbst, lcherlich-weinerlich genug seyn
mochte. Wir mssen bekannter werden, sagte er; sehr gern, sagte ich.
Er bat mich auf ein Stckchen Wildbraten, denn er ist bekanntlich ein
trefflicher Weidmann, den Abend zu Tische; und da in meinem Zelte
Schmalhans Kchenmeister war, so kam mir die Einladung sehr willkommen.
Seitdem waren wir fast berall zusammen, wenn uns der Dienst nicht
trennte; welches leider denn oft genug geschah. Mnchhausen war damals,
wie Johnson sich ausdrckt, ^a man of sound strong unletter'd sense^,
ein Mann von gesundem, gediegenem, ungelehrtem Verstande, welches ihm
und mir sehr zu Statten kam: denn ich hatte verdammt viel Schulstaub und
nicht wenig Schuldnkel an mir; obgleich meine klassischen Kenntnisse
noch sehr seicht waren. Sein Beifall war nun meine beste Belohnung und
seine Kritik meine beste Belehrung. Ich begriff, da bloe Schule nicht
alles sei; und er fand, da die Schule doch Vieles sei und desto mehr,
wenn sie durchaus Zgling und Folgerin der bessern Natur ist.

Es hat sich ein freundschaftlicher Zirkel von Officiren gebildet, in den
man mich unvermerkt fast unzertrennlich hinein zog, und mit vieler
Herzlichkeit behandelte. Mnchhausen war stillschweigend durch seine
Mischung von Ernst, Bonhommie und heiterer Laune darin die Hauptperson.
Jeder trug das Seinige dazu bei, die Unterhaltung und die Menage zu
wrzen. Die meisten jungen Herrn waren tchtige Nimrode; und so fehlte
es uns selten an etwas frischem Wild auf den Tisch: denn die
Lieferungsartikel, ausgenommen das Brot, welches vortrefflich war, waren
nicht viel besser, als auf dem Schiffe. Die Lieblingsneigung eines
jungen Mannes, welcher Buttlar hie, zur Konditorei, machte besonders
unsere Deserte sehr reich und kstlich, da es uns an Ingredienzen nicht
fehlte; und ich erinnere mich selten besseres Backwerk genossen zu
haben, als aus seiner Officin. Es war keine uninteressante Gruppe, wenn
einer eine wilde Ente spickte, der andere Madeira brachte, der dritte
das Gewehr putzte, der vierte Dienstaudienz gab, der fnfte mit Schrze
und Geschirr vor dem Kamine Pastetchen schuf, der sechste den
possirlichen Ansteher machte, und der siebente im Julius Csar las, aber
mehr auf die Ente und die Pasteten, als auf den Text sahe. Der Dominus
Konditor hatte eine paradiesische Freude und ein ganz verklrtes
Antlitz, wenn wir seinem Machwerk durch heroisches Essen und krftige
Lobsprche Ehre erwiesen; denn er geno selten etwas davon. Nun gab es
aber undankbare Schker, die zuweilen nach dem Genu eine bittere Kritik
darber anfingen: und dann gerieth nicht selten der junge Knstler in so
heftiges Feuer, da er Pfannen, Kasserolle, Kuchenformen und alle
Gerthschaften zornentflammt durch einander warf und dreimal heilig
schwur, er wolle fr uns undankbare Gesellen keine Schrze mehr
umbinden; welches er dann nach chter Dilettantenart gewhnlich drei
Tage hielt, wo ihn die Naturschwachheit und Gutmthigkeit wieder
besiegte. Es gelang den Herren nicht, mich zum Jger zu machen, ob ich
gleich zuweilen aus Geflligkeit mitzog, oder auch wohl allein mit dem
Gewehr am Wasser herumstreifte: woran vorzglich mein kurzes Auge Schuld
haben mochte. Denn von Jugend auf konnte ich nur auf eine kleine
Entfernung bestimmt sehen, ob ich gleich in der Nhe sehr scharf sahe
und die kleinste Schrift bei Mondschein las; welches noch jetzt ziemlich
unverndert eben so ist. In der alten Welt habe ich nie gefischt, auer
zuweilen als Knabe mit meinem Vater in der Gippach, welche herrliche
Schmerlen enthielt: in Amerika verfhrte mich der Reichthum des
Fischzugs nicht selten zu diesem Vergngen, wo ich in einer Stunde
manchmal mehr Hummer und ^black salmon^, eine Art kleinere,
schwarzbraune Lachse fing, als ich nach Hause zu bringen im Stande war.
Da beide Arten nicht zu meinem Geschmack gehrten, schenkte ich sie
gewhnlich dem ersten, der sie haben wollte. Fr Hummer whlte ich
kleinere zartere Krebse; und von den Fischen waren Aale, Makrelen,
Kabeliaus und einige Schollenarten meine Lieblinge, die alle sehr
reichlich und sehr wohlfeil dort zu haben waren: denn fr einen
englischen Stber wurde ein Kabeliau gekauft, der mit dem Kopf auf der
Schulter lag und mit dem Schwanze nicht selten die Erde berhrte. Die
Fische waren zwar im Lager als Fieber erzeugend verboten; aber ich lie
mich nicht abhalten meiner Liebhaberei zu folgen, und mute selbst
einmal dafr auf der Brandwache sitzen. Sie haben mir nie geschadet;
vielleicht weil ich sie sehr einfach und meistens gebraten a. Das war
besonders der Fall mit einer sehr groen Sorte Hringe, die zum
Einsalzen, wenigstens fr die dortige Kunst, zu mchtig waren, aber
einen herrlichen Bratfisch gaben. Ich bin nicht Naturhistoriker; aber es
macht mir oft ein eigenes Vergngen das Geschlecht der Hringe nach
meiner Meinung durchzugehen, von dem groen ellenlangen, Amerikanischen
Hringe herab bis zu der athenischen Aphye, die nur das Feuer zu riechen
brauchte, um gekocht zu seyn, und die auch mit zu den Hringen zu
gehren scheint. Dazwischen liegen der englische, der hollndische, der
schwedische, der dnische Hring; die Strmlinge und Killostrmlinge,
vorzglich aus der Peipussee; die Sprotten, die Anchovie, die Sardelle,
die mit der Aphye fast eins zu seyn scheint: und wei der Himmel, wie
viele Arten noch in den indischen Meeren leben, mit denen ich unbekannt
bin.

Mnchhausen munterte mich bestndig auf zur Arbeit, das hie zum
Dichten, wozu ich aber weder viel Zeit noch Lust hatte. Auch kann ich
mich nur weniger Kleinigkeiten erinnern, die ich damals geschrieben
htte, und keiner einzigen, die verdient htte aufbewahrt zu werden,
wre es auch nur als Beleg der Bildungsgeschichte; Alles war hchst
mittelmig. Dafr lief ich, wenn ich Zeit hatte, mit Horaz oder Virgil
in der Hand, oder auch wohl mit einem Homer, in den Wldern herum,
lagerte mich in einer Grotte oder alten Baumgruppe und verga nicht
selten ber meinen Lieblingsstellen den Sonnenuntergang, so da ich sehr
spt in das Lager oder die Kasernen zurckkam. Daneben war ein alter
Hagedorn und ein Exemplar von Hlty, die ich irgendwo aufgetrieben
hatte, meine Begleiter. Das Beste von Hlty wute ich damals auswendig,
wozu noch jetzt bei mir seine berhmten Traumbilder nicht gehren. Die
Elegie am Grabe eines Dorfmdchens und am Grabe seines Vaters sind fr
mich noch jetzt die lieblichste Wehmuth, die ich in der Literatur kenne.
Ich zeigte Mnchhausen die Schnheiten und ihre Grnde, welches mir bei
ihm sehr leicht ward; denn ich habe selten eine Seele fr wahre
Schnheit empfnglicher und enthusiastischer gefunden, als die seinige.
Er bedauerte, da er mir in den Klassikern nicht folgen konnte: aber was
ich ihm daraus bersetzte, so wenig meisterhaft auch die Uebersetzung
sein mochte, bewies ihm doch, da meine Vorliebe fr sie kein Vorurtheil
war, und weckte ganz leise die Neigung, die bald Entschlu und
Ausfhrung ward, selbst bekannt zu werden mit diesen reichen Schtzen
chter Kunst. Er berraschte mich einige Jahre nachher mit einer
Kenntni, die in Erstaunen setzte. In manchem Alten, vorzglich im
Flakkus, den er etwas hyperbolisch verehrte, hatte er mich
zurckgelassen.

Der Dienst war, zumal fr mich als Unterofficier, beschwerlich genug und
lie nicht viel Zeit brig. Ueberdie spannte mich noch dazu der Oberste
Hatzfeld in das Joch als Schreibersknecht, so da ich die noch brigen
Musestunden beim Adjutanten als Adjuvant sa, mir fast die Finger krumm
schmierte und weiter nichts erntete, als ein freundliches Wir bleiben
euch in Gnaden gewogen; wovon doch am Ende selbst Taubmanns Katze ihr
Bischen Geist aufgab. Ich hatte bei dieser Veranlassung einen sehr
tragikomischen Auftritt auf meine Unkosten. Niemand bemerkte die Runzeln
und den Murrsinn auf meiner Stirne; das hie Tag aus, Tag ein, schreib,
Teufel, schreib; bis ich in meinem verkehrten Sinn auf ein verzweifeltes
Mittel gerieth, mich zu befreien. So wie ich von der Wache kam, nahm ich
mein Gewehr und ging in den Wald, um nicht zugegen zu sein, wenn, wie
ich vermuthete, die Bothschaft zu Schreiberei kommen sollte. Das
geschah: meine Entfernung wurde sogleich auch als absichtlich mit
ziemlich boshaften Zustzen durch die gehrigen Instanzen rapportirt.
Du wirst den Teufel auf den Hals bekommen, riefen mir meine Kameraden
zu, als ich zurckkam; der Oberste hat zweimal geschickt; du sollst
schreiben. So, sagte ich; es ist gut. Ich glaube vielmehr, es ist
nicht gut, meinte der Feldwebel: auch kommen Sie morgen wieder auf die
Wache; es sind zwei auf Kommando gegangen. Den andern Morgen stand ich
in der Front der Wachtparade, als der Oberste ziemlich grimmig auf mich
zu kam und mir im Eifer einen Knopf vom Rocke drehete. Der Oberste war
ein kolossalischer Mann, der auftrat, wie ein Herkules, mit dem Blicke
Funken sprhte und eine Stimme sprach, wie eine Quartposaune, brigens
aber noch ziemlich human und wohlwollend war. Er soll zu seiner Zeit,
wie man sagte, zu Rinteln mchtig renomirt haben. Wo ist der Herr
gestern gewesen? donnerte er mich an. Auf der Jagd. Jedermann wute,
da ich sonst eben kein Jger war. Ich will den Sakrementer jagen,
fing er an und hielt eine kurze Art von energischer Galgenpredigt, deren
Finale war, da ich aus der Front ohne Sbel sogleich in die Wache
befrdert wurde. Nach der Parole wurde Exekution mit dem kalten Eisen
gehalten, immer unter Fortsetzung des obigen erbaulichen Sermons von
Distinktion und Unerkenntlichkeit und Halsstarrigkeit, mit einigen
starken Donnerwettern durchschossen, die sein furchtbarer Ba ziemlich
gut nachmachte. Sodann ging es wieder in die Wache. Den andern Morgen,
als ich freigelassen wurde, oder vielmehr, als man die Kette etwas
lnger lie, meldete ich mich ordonnanzmig bei den Instanzen, und also
auch bei dem Obersten. Sind wir nicht ein Paar recht dumme deutsche
Dorfteufel, kam er mir komisch polternd entgegen, da wir uns nicht
friedlich vertragen knnen und uns da so zanken und streiten mssen!
Ich darf nicht widersprechen, Herr Oberster, brummte ich halblaut
mrrisch, skoptisch durch den Bart. Zum Teufel, Herr, sei Er nicht
impertinent! rief er. Nun fing ich an zu exponiren in aller Ordnung mit
Bestimmtheit: da der Dienst hart und strenge sei, da ich von Wachen,
Visitiren, Kommando's wenig Nchte frei habe, da, wenn meine Kameraden
ausruheten, ich halb schlaftrunken mich am Schreibetische qulen msse,
da ich das nicht aushalten knne u. s. w. Der Oberste rieb die Stirne,
meinte, dem Dinge knne wohl abgeholfen werden; nur habe ich eine sehr
schlechte Methode ergriffen. Da hatte er Recht. Nun frhstckten wir
zusammen; er befahl, mich vom gewhnlichen Dienst zu befreien, auer
wenn das Bataillon manvrirte, um nur schreiben zu helfen; und dazu gab
er mir monatlich einige spanische Thaler Zulage. Die Ausgleichung war
besser, als der Proze. Die grte Freude ber meinen Unfall hatte wohl
das Zfchen, dem ich auf der Weser auf dem Speiseschiffe im Amtseifer so
strenge mitgespielt hatte, und das jetzt recht stattlich bei dem Major,
wie man sagte, eine Art von haushlterischer Liebschaft machte. Sie
lchelte mich so schadenfreundlich an, als ich mich vom Arrest meldete,
als ob sie mir den ganzen Auftritt bei Bremen zurckgeben wollte.

Nun ging es gut: ich schrieb eine lange Zeit viel Regimentslisten, und
that brigens sehr wenig. Die Arbeit war zwar trocken und langweilig
genug; da oft wegen eines alten morschen Pfanndeckels, der nicht zwei
Pfennige werth war, einige Bogen umkopirt werden muten: dafr fing aber
eben auch damals dort das papierne Jahrhundert recht praktisch an, und
hat seit der Zeit gehrige reichliche Frchte getragen. Bei Mnchhausen
konnte ich nun nicht so oft seyn, als ich wnschte und er zu wnschen
schien: und die guten Leute hoben mir manchmal mein Stck wilde Ente und
einige Pastetchen auf, bis ich erst spt zur Partie kommen konnte. Ich
that abwechselnd Dienste, nach dem Behuf, als Korporal, Sergeant,
Fourier und Feldwebel, so da ich alle Sigkeiten des kleinen
Soldatenlebens recht auskosten konnte. Als Fourier war ich ein reicher
Mann, weil bei den Lieferungen immer etwas an Brot, Butter, Fleisch, Rum
u. s. w. brig blieb; nur ein einziges Mal mute ich ber zehen
spanische Thaler zusetzen: da hie es denn: thut der Herr nicht die
Augen auf, so thue er den Beutel auf.

An eigene Arbeit wurde jetzt wenig gedacht, so sehr mich auch
Mnchhausen antrieb: einige Kleinigkeiten verdienen nicht Erwhnung. Nur
ein einziges Stck, das eine Art von Jagdstck war, wre vielleicht
nicht ganz unwerth als Bildungsanfang mit aufbehalten zu werden, wenn
nur noch irgendwo etwas davon zu finden wre, als in den Winkeln meines
Gedchtnisses, wo nicht viel davon brig ist. Einiger Verse erinnere ich
mich; sie lauteten, glaube ich, so:

      La uns ruhen, Freund, in dieser Hhle,
   Auf dem grauen Steine da,
   Den vielleicht noch keine Menschenseele
   Seit dem ersten Tag der Erde sah.

      Ha, wie schauervoll und furchtbar siehet
   Hier das Antlitz unsrer Mutter aus!
   Wie die Allmacht sie dem Nichts entziehet,
   Liegt sie hier, Natur, in Schreck und Graus.

      Felsen, seit der Fluth noch unbestiegen,
   Heben schwer ihr schwarzes Haupt empor,
   Und um ihre dunkeln Schdel fliegen
   Ungewitter aus der Kluft hervor.

      Kreuzend liegen tausendjhr'ge Eichen
   Durch einander, die das Alter fra;
   Morsche eingeborstne Stmme zeigen,
   Da den Wald hier nie ein Frster ma.

      Kein gesellig Thier besucht die Klfte,
   Wohin nie der Fu des Wandrers dringt,
   Wo kein Vogel durch die leeren Lfte
   Eine Melodie der Freude singt.

      Nur zuweilen brummt mit tiefem Grimme
   Ein bejahrter Br aus seiner Gruft
   Durch die Felsen, wo mit heisrer Stimme
   Nur ein alter grauer Adler ruft.

      Doch vielleicht kann noch ein Wilder lauschen,
   Der zum Mord sein krummes Messer schleift,
   Und sodann in blitzgeschwindem Rauschen
   Uns den Schdel von dem Hirne streift u. s. w.

Das Uebrige ist verwischt und wohl schwerlich irgendwo wieder zu finden,
oder des Aufsuchens werth. Das Skalpiren der Wilden ist bekannt genug:
und man erzhlt davon frchterliche Beispiele. Mir selbst ist keines
bekannt geworden. Sie skalpiren sehr ehrlich nur ihre Feinde; und unsere
Wilden waren durchaus nur freundschaftliche Leute. Ich kann wenig von
ihnen sagen, was nicht schon bekannt wre. Sie kamen sehr hufig in
groer Anzahl in die Stadt, um ihre Jagdbeute zu verkaufen, die meistens
aus Moosthieren, Geflgel und zuweilen Fischen, vorzglich Aalen,
bestand. Dafr bekamen sie Rum, europische Bedrfnisse und spanische
Thaler. Sie wuten den Werth des Geldes schon sehr gut zu schtzen, und
betrogen eben so oft, als sie betrogen wurden. Das Moosthier, oder das
Elent, ist ein majesttisches Geschpf, das an Gre dem grten
Holsteiner Pferde nichts nachgiebt, Schaufelgeweihe wie der Dammhirsch
hat, die prchtig und furchtbar ausgreifen und ihm ein schreckbares
Ansehen geben. Das Fleisch ist nicht immer gut; von einem jungen kann
man es zu den Leckerbissen zhlen, wenn es gut zubereitet wird. Man kann
sich die Menge dieser Thiere denken, die dort mssen gewesen sein, da
ganze englische Regimenter Tornister von Elentsfellen hatten. Die
sogenannten Wilden waren nicht viel schlechter gekleidet, als ich die
Letten, Esthen und Finnen gefunden habe. Ein grobes, graues Tuch,
knstlich genug um den Krper gewickelt, machte das Hauptkleidungsstck.
Sie kamen gewhnlich zur See, in ihren bekannten Booten von Birkenrinde,
die meisterhaft gebaut waren und die sie mit ihren kleinen Rudern
meisterhaft zu fhren verstanden. Die englischen Matrosen, die es ihnen
nachthun wollten, verloren sehr oft das Gleichgewicht und fielen in die
See, worber denn die Indier und ber das europische schwerfllige
Schwimmen recht herzlich lachten. Sie machen mit diesen Booten groe
Kstenreisen und stechen damit auerordentlich weit in die See. Ich
erinnere mich eines Falles, der uns wenigstens ziemlich unterhaltend
war. Ich hatte auf einer kleinen Auenbatterie die Wache, sa auf einer
Kanone und schaute behaglich in die See hinaus, die eben ziemlich hoch
und hohl ging. Da entdeckten wir in groer Ferne etwas, worber jeder
seine eigenen Muthmaungen hatte, was es wohl seyn knnte. Keiner rieth
die Wahrheit. Als es nher kam, sahen wir, es war ein indisches
Birkenboot, das der Wind grade zu uns ans Ufer trieb. Wir eilten hinab
und es lag ein ziemlich alter Uramerikaner darin, der in Sturm und
Wogenbruch recht ruhig schlief. Neben ihm lag eine leere und eine
halbleere Rumflasche, die seinem Schlummer sehr behlflich gewesen seyn
mochten. Er war nicht zu ermuntern; denn sein Zustand ist leicht zu
errathen. Wir fhrten ihn hinauf ins Wachthaus, legten ihn auf dem
ruhigsten Ort der Britsche nieder, wo er lethargisch fortschlief. Das
Boot zogen wir ans Land, die Flaschen bargen wir; den Beutel, den er am
Grtel trug, und in dem vierzig spanische Thaler waren, schlo ich aus
Vorsicht in den Schrank. Als er ernchtert erwachte, blickte er wild
verwundert um sich, da er sich auf einer europischen Wache befand. Da
wir ihm aber die gefhrliche Lage bedeuteten, in welcher er sich
befunden hatte, ward er heiter und schien im Begriff zu seyn, uns danken
zu wollen: da er aber auf den Grtel blickte und seinen Beutel vermite,
ward sein Gesicht lnger und breiter, und ein Gemisch von Gefhlen
schien in seiner Seele zu arbeiten, die alle besagten: Ha, ha! so ists?
du bist unter die weien Leute gerathen: als ich ihm aber den Beutel aus
dem Schranke darreichte und er schnell am Anblick merkte, da wohl
nichts fehlen wrde, er wohl auch eilig den Schlu machen mochte, da
man nicht einen Theil behalten wrde, wo man des Ganzen Meister war,
ward seine Freude urpatriarchalische Ausgelassenheit. Er umarmte einen
nach dem andern, und man sahe ihm an, da ihm das Geld nicht so lieb
war, als die Gesellschaft ehrlicher Leute; und als er die Summe endlich
vollzhlig fand, bestand er durchaus darauf, die Wache sollte eine
Handvoll Thaler nehmen. Ich hatte gute Grnde das zu verweigern; aber
einige muten wir behalten. Nun bugsirten wir ihn wieder in sein Boot,
mit guten Erinnerungen und Warnungen vor der Rumflasche. Er schien ganz
Dankbarkeit; das Wetter war besser und er ruderte gutes Muthes durch die
Bucht in den Ocean hinaus. Ein andermal hatte ich auf dem nmlichen
Platze den grauenvoll groen Anblick, da ein schnes herrliches Schiff
aus Unkunde des Weges bei starkem widrigen Winde auf einen verborgenen
Felsen lief. Ich hatte lange mit ngstlicher Theilnahme zugesehen, wie
es mit Mhe und Schwierigkeit herein lavirte. Meine Augen waren mit
gespannter Aufmerksamkeit dahin geheftet; meine Seele war ganz auf dem
Schiffe, da setzte es in keiner groen Entfernung mit einem furchtbar
krachenden Sto auf das versteckte Riff, so da die Maste zusammen
brachen und die ganze Maschine in Trmmer zu zerbersten drohte. Das
Geschrei der Leute war herzschneidend. Sogleich fielen einige
Nothschsse und sogleich eilten einige grere Schiffe, an ihrer Spitze
eine Fregatte, und eine Menge kleinere Fahrzeuge, zur Hlfe heraus. Von
der Mannschaft wurde Alles gerettet; aber von der Ladung fast nichts, da
sie aus lauter Artikeln bestand, die nicht das Wasser vertragen konnten.
Das schne fast ganz neue Schiff sa fest auf der Spitze, die ein
ungeheures Leck gerade unten mitten am Kiel eingebrochen hatte, und
weder menschliche Kraft noch Kunst war es herabzubringen im Stande, bis
endlich eine sehr einfache Maschinerie es mit der groen Springfluth
herunter hob. Man legte nmlich bei der niedrigsten Ebbe auf beiden
Seiten eine Menge groer leerer Rumfsser, befestigte sie
korrespondirend unter dem Kiel weg mit Tauen, und auf diese Weise hoben
die vielen leeren Gefe mit Hlfe der hohen Fluth das Schiff aus dem
Riff heraus und brachten es glcklich hinein auf den Werft. Ich war
durch einen glcklichen Zufall eben wieder gegenwrtig, als es
herabgehoben und hinein bugsirt wurde.

Die Wilden benahmen sich, so viel ich habe beobachten knnen, immer
anstndig; doch soll das nicht stets der Fall gewesen seyn, und der
Gouverneur soll sie militrisch haben einstecken lassen mssen, um ihren
Natrlichkeiten in Hinsicht des Geschlechts Einhalt zu thun. Wenn sie
des Rums etwas voll und lustig wurden, fhrten sie drollig genug
sogleich am Ufer den Ball auf und tanzten nach einer Art von brummendem
Gesang, wozu einige mit Kieselsteinen aus dem Stegreife den Takt
schlugen. Wir kamen nicht selten auf unsern grern Streifereien in ihre
Htten an Felsen und Bchen, die meisten hatten sich tiefer
zurckgezogen; ich habe aber nie gehrt, da sie einem von den Unsrigen
etwas zu Leide gethan htten: und dann wre es wahrscheinlich blo die
Schuld des Europers gewesen. Einige hielten es mit uns, einige mit den
Republikanern, nachdem ihre Stimmung und Lage war: und es wre wohl
schwer zu entscheiden, ob sie hier oder dort mehr betrogen wurden. Mit
dem Feuergewehr wuten sie schon seit langer Zeit sehr geschickt
umzugehen, und hatten gemeiniglich alte groe lange hollndische
Schieprgel, mit welchen sie mehrere hundert Schritte vortrefflich das
Ziel trafen und manchen Posten im Gebsche wegschossen, ohne da man
gewahr werden konnte, woher die Kugel kam. Als die Franzosen noch Herren
von Kanada waren, lieen sie sichs angelegen seyn, durch ihre
Missionarien die Amerikaner ins Christenthum einzupferchen: daher noch
mancher Alte unter ihnen, wenn er die Glocken hrt, sein Kreuz schlgt
und ^au nom de dieu, du pre, du fils et du saint esprit^ dazu sagt.
Das schien indessen auch der ganze Ueberrest von Kenntni in Sprache und
Religion zu seyn. Die Englnder kmmern sich um das Bekehrungsgeschft
wenig oder gar nicht: das htte nichts zu sagen, da man die Neubekehrten
nur gar zu gern in die Verhltnisse der Letten und Esthen treten lt;
wenn man die armen Urbewohner nur nicht cht europisch-christlich von
allen Seiten so zurck zwnge, da ihnen im Kurzen nichts als der Hals
von Kalifornien oder die unbekannten Eislnder brig bleiben werden. Die
ich gesehen habe, waren alle ein groer, schner, nerviger
Menschenschlag, mit lnglich regelmigen Gesichtern, ungefhr wie die
alten chten Brandenburger. Ich erinnere mich nicht einen unter ihnen
gesehen zu haben, der ber fnf Fu neun Zoll oder unter fnf Fu drei
Zoll gewesen wre; also sehr selten war einer so klein, wie meine eigene
Personalitt, die doch unter uns noch nicht zwerghaft ist. Die
kupferbraune Farbe kleidete die Mnner sehr anstndig ernsthaft;
ungefhr wie bei uns ein Grenadier, der ein halbes Dutzend Feldzge
mitgemacht hat, eine Farbe bekommt, die von seinem Feldkessel nicht sehr
verschieden ist. Aber die nmlichen Zge und die nmliche Farbe sind den
weiblichen Reizen nichts weniger als gnstig; und ich habe keine
Indianerin gesehen, die durch ihre Erscheinung den geringsten geflligen
Eindruck auf meinen europischen Sinn gemacht htte, ob ich gleich eine
Menge junger Mdchen gesehen habe und damals selbst ein junger rstiger
Kerl war. Die meisten sprechen jetzt etwas Englisch, da sie vom hchsten
Norden bis an die spanische Grnze hinab von lauter ursprnglich
englischen Kolonien umgeben sind. Kriegerische Vorflle haben wir auer
einigen Mrschen nicht gehabt: ein einziges Mal schien es zu etwas
Ernsthaftem kommen zu wollen, da die Franzosen den Ort anzugreifen
drohten. Aber auer einigen Schssen von den uersten Batterien fiel
nichts vor: es blieb bei den Drohungen, vermuthlich da sie die Englnder
strker und in besserer Bereitschaft fanden, als sie vermutheten. Mich
rgerte das; denn ich sahe der Landung und dem blutigen Handel mit aller
Neugier eines jungen Menschen entgegen, bei dem Kraftgefhl und
Thtigkeitstrieb die natrliche Furchtsamkeit berwand. Wenn ich
zuweilen von einigen Kriegsvorfllen gesprochen habe, als ob ich dort
gegenwrtig dabei gewesen wre, so ist das weniger jugendliche Eitelkeit
gewesen, als vielmehr, weil mich die Leute durch ihr ungestmes Fragen
hineinzwangen, und ich manchmal aus Aerger Ja sagte, weil ich bestndig
Nein gesagt hatte. Auch habe ich keine einzige Unwahrheit gesprochen, so
viel ich mich erinnere: nur geschah nicht Alles unter meinen Augen. Es
that mir nachher manchmal leid, da es doch gegen den Charakter der
Wahrhaftigkeit ist, der immer mein Ziel war: aber ich wollte nicht gern
zurcknehmen, und habe mich seit der Zeit gehtet, eine Sylbe ber die
strengste Wahrheit zu sagen: gegen dieselbe sprach ich nie.

So kam denn endlich die Nachricht vom Frieden uns eben nicht erwnscht:
denn junge thatendurstige Leute sehen nicht gern ihrer Bahn ein Ziel
gesteckt. Man hatte mir geschmeichelt, ich knnte Officier werden und
mir eine Laufbahn erffnen. Mit dem Frieden war Alles geschlossen: denn
nach unserer Ordnung konnte kein Brgerlicher in der Regel weiter
aspiriren, als bis zum Feldwebel; ein Ehrenposten, dessen
lebenslngliche Dauer ich eben nicht sehr beneidete. Bei uns mute man
Edelmann seyn, oder viel Geld haben, um im Staate ein Mann zu werden;
zwei Verdienste, deren Gltigkeit jedem Vernnftigen sogleich in die
Augen springt. Zuweilen that Verbindung und Empfehlung auch etwas; und
noch seltener wurde zuflligerweise auch wohl wirkliches Talent bemerkt.
Im Kriege, wo oft ^periculum in mora^ ist, wo man Mnner fr Aemter und
nicht Aemter fr Mnnlein sucht, sind die Ausnahmen hufiger und es
tritt da, dem Kastengeist zum schweren Aerger, nicht selten das alte
primitive impertinente Menschenrecht wieder ein, da jeder nur das gilt,
was er werth ist. Doch hat es bei uns noch lange Zeit, ehe es dahin im
Allgemeinen kommt: der Mensch gilt durchaus nur das, wozu ihn der Staat
stempelt, und es ist keine Gefahr, da Vernunft die Stempelordnung
machen und halten werde.

Ich hatte in Amerika einen Freund, von dem ich nicht wei, wo ihn das
Schicksal hingeschlagen hat, der zu den besten gehrt, die ich je gehabt
habe: einen gewissen Serre aus Halberstadt, von der franzsischen
Kolonie, der einige Zeit bei seinem Anverwandten Lavater in der Schweiz
gewesen war, und dessen besseren vernnftigern Enthusiasmus glhend hei
besa. Dieser war Unterofficier, wie ich, ein junger, muthvoller,
leichtsinniger Kerl. Das Leben englischer Sldlinge war uns eben nicht
angenehm, und wir beide hatten uns mit dem Gedanken getrstet, wir
wrden uns gelegentlich den Republikanern anschlieen knnen; ein sehr
natrlicher, verzeihlicher Gedanke fr junge Leute, die mehr mit
Plutarch, als mit Hobbes lebten. Die Gelegenheit wollte nicht kommen;
Serre suchte sie also herbei zu fhren; und er hatte eben den Entwurf
gemacht, durch die groen Waldungen ber die Buchten von Hallifax nach
Boston zu gehen; freilich eine Unternehmung auf Tod und Leben. Er hatte
sich schon ber die englischen Posten unterrichtet, fr Munition und
nothwendige Bedrfnisse gesorgt; und die Ausfhrung war beschlossen, als
eben der Friedensbote kam. Mich hatte nichts so sehr zurckgehalten, als
der Gedanke, Mnchhausen zu verlassen, der mit so redlicher Freundschaft
an mir hing; und die Sache war von der Beschaffenheit, da sie durchaus
keine Mittheilung litt. Die einzige Bedenklichkeit in unsrer
Freundschaft war, da Mnchhausen ein Edelmann war, der den Kopf voll
alten Ritterwesens hatte, welches ich auf alle Flle fr halbe Barbarei
hielt und noch halte. Freiheit und Gerechtigkeit hat bei Edelleuten
einen ganz andern Sinn, als uns Philosophie und Staatswissenschaft
lehrt: und das ^verba valent sicut nummi^ ist nirgends mehr anwendbar,
als in unserm sogenannten ffentlichen Rechte. Unserer Freundschaft
stand also der Mangel endlicher Uebereinstimmung entgegen, welches der
Fall bei Serre nicht war, der brigens weder Mnchhausens moralischen
Werth, noch feinen Lebenstakt hatte. Der Friede zerschlug unsere
Unternehmung, da wir nur nach Thtigkeit junger Leute geizten und nicht
gesonnen waren, neben und unter Huronen und neuen Republikanern unser
Leben fort zu vegetiren. Auf dem Schiffe wurde ich von Mnchhausen
getrennt; er kam auf ein anderes Fahrzeug. Der Guignon des Lebens
wollte, da ich ihn seit der Zeit nur zweimal wieder sahe; einmal, als
sich auf dem Meere unsere Schiffe so nherten, da wir mit der grten
Anstrengung uns einige Worte zurufen konnten; das anderemal, als ich aus
Italien und Frankreich kam, und ihn in Schmalkalden besuchte.

Unser Leben in Hallifax bestand in einem Drittel deutscher
Gewhnlichkeit, einem Drittel huronischer Wildheit und einem Drittel
englischer Verfeinerung; und nach dem verschiedenen Charakter der
Individuen stach eins von diesen Dritteln hervor. Bei mir blieb wohl
meistens der Deutsche sitzen, obgleich Britten und Huronen mein Studium
waren, und bald diese, bald jene den Vorzug behielten. Ich habe schon
oben gesagt, da Hallifax vielleicht einer der besten Hfen des
Erdbodens ist. Diese Insel und das Fort St. George am Eingange ist eben
stark genug, mit gehriger Besatzung jeder betrchtlichen Flotte die
Annherung zu verwehren. Die Stadt selbst, am Ufer hin, tief in die
Bucht hinein, hat ungefhr zehntausend Einwohner. Der englische Preis
aller Artikel ist immer etwas hher, als in andern Lndern, und im
Kriege war er es dort ungewhnlich. Ich erinnere mich, da ich manchmal
zum Abend nach unserm Gelde fast fr acht Groschen Brot, fr acht
Groschen Butter und fr acht Groschen Kartoffeln gegessen, und einmal
fr ein Stckchen Klberbraten und einen Gurkensalat eine halbe Guinee
bezahlt habe. Whrend eines ganzen Winters bestand mein Abendbrot fast
immer aus gerstetem Butterbrot mit geruchertem Lachs, dem wohlfeilsten
Artikel der Gegend. Das Pfund frisches Fleisch kostete nicht selten nach
unserm Gelde einen halben Thaler; frisches Gemse war kaum zu bezahlen.
Dafr konnte aber auch ein Handarbeiter am Hafen tglich drei spanische
Thaler verdienen: Alles kam ins Gleiche. Verschiedene sparsame Kerle
haben auf diese Weise mehrere hundert spanische Thaler gesammelt, und,
wenn sie der Zufall verschonte, sie mit in die Heimath gebracht. Ich
selbst hatte von dem Ertrag der Arbeitskommandos, welche von der Krone
bezahlt wurden, einige schwere Goldstcke zurckgelegt. Einige cht
soldatische Kameraden, in deren Taschen sich kein blindes Kupferstck
hielt, hnselten mich aber so lange und droheten mir, mir bei meinem
seligen Ende mit meinem eigenen Golde tchtig das Maul zu zerschlagen,
da ich sie sehr bald wieder in Umlauf gesetzt hatte. Wenn Mnchhausen
nichts Wildes lieferte, und ich den schwarzstriefigen Kommispeck und
auch den Rauchlachs zum Ueberdru gegessen hatte, scho uns Serre in den
Auengegenden auch wohl einen fetten Hund, oder einen feisten Kater,
deren frisches Fleisch und Fett uns nicht selten leckere Mahlzeiten
gaben.

Unsere Hinfahrt dauerte, wie ich oben sagte, zwei und zwanzig Wochen,
eine ungeheure Lnge; den nmlichen Weg machten wir rckwrts in drei
und zwanzig Tagen; also machte ich eine der besten und eine der
schlimmsten Fahrten mit. Heimwrts segelten wir, als flgen wir davon;
und es gewhrte ein eigenes groes, khnes Vergngen auf den ungeheuern
Maschinen im Sturm daher geschleudert zu werden. Es hatten sich eine
groe Menge Schiffe aller Arten und aller Nationen zuerst nach dem
Frieden gesammelt, und wir liefen wohl ber zweihundert zusammen in dem
Kanal ein, unter denen sich auch zwei amerikanische Fregatten mit der
neuen freien Staatenflagge befanden, fr einen Alt-Englnder wohl das
grte Herzeleid, seitdem die brittischen Flotten die Meere besegelten.
Die letzte Nacht gehrt zu den schnsten, die ich auf dem Wasser erlebt
habe. Es war ein gewaltiger Gewittersturm auf dem Kanale in der Gegend
von Portsmouth. Die zusammengeengte Flotte, das Heulen des Sturms, das
Schlagen des Tauwerks, das Rollen des Donners, das Leuchten der Blitze,
das grelle Aufhellen der glhenden Wogen und das augenblickliche
Schlieen zur schwrzesten Nacht, das Rufen und Schreien der Matrosen,
das Gelute der Glocken, der ferne dumpfe Hall der Signalschsse, das
Drhnen und Krachen der Schiffsfugen, und die Angst, da wir vielleicht
ber Klippen strzten -- man denke sich die Wirkung des Ganzen auf die
entzndete Einbildungskraft! Und mit dem sich heiternden Morgenhimmel
waren wir wirklich in der Nhe der Kreideberge, die dem Lande den Namen
Albion geben. Es war still und frisch und freundlich, wie nach einer
Gewitternacht, und die Schiffe schaukelten nur noch unwillkhrlich
heftig auf der emprten See. Bei diesen und hnlichen Gelegenheiten war
es mein gewhnliches Vergngen, mich im Raum unter die Oeffnung zu
setzen und in die Hhe an den Horizont hinaus zu sehen; da sah ich denn
die Schiffe rechts und links oben auf den Wellen tanzen. Man denke die
Winkel, welche die Schiffe auf der Woge machen muten, damit dieses
mglich war. Oft war die Tuschung so gro, da man minutenlang glaubte,
ein Schiff sei von den Wellen verschlungen, das pltzlich mit
Blitzesschnelle wieder auftauchte und eben so wieder verschwand. Bei
Deal lagen wir einige Zeit in den Dnen vor Anker, und da wurde uns denn
wohl einzeln erlaubt, an das Land zu gehen; das ist also das Ganze
meines Aufenthaltes in Alt-England und kaum der Erwhnung werth. Die
Fahrt ber die Nordsee war diemal sehr strmisch und langweilig,
welches desto verdrielicher war, da die Reise ber den Ocean so schnell
ging und wir das Uebrige nur noch fr einen Katzensprung hielten. Auf
einmal befanden wir uns bei Cuxhaven und Ritzebttel, vermuthlich weil
wir nicht in die Weser einlaufen konnten. Ich erinnere mich hier eines
Vorfalls, der die auerordentliche Gewalt der Fluth beweist. Ein Mensch
sa auf dem Verschlage, der als Bequemlichkeit diente. Die Fluth war im
Ablaufen; er mochte sichs bequem machen, und sein ganzes Gewicht ruhte
auf dem Seitenstcke; das Stck brach, er fiel hinunter, und obgleich
zwei der besten Schwimmer sogleich nachsprangen, so war er doch
augenblicklich verschwunden und wurde nicht wieder gesehen. Mit vieler
Mhe rettete das ausgesetzte Boot nur die beiden Matrosen und hatten
einige Stunden zu arbeiten, ehe es wieder an das Schiff kam. Nach
einigen Tagen segelten wir wieder nach Bremerlee, wo wir Fahrzeuge
wechselten und eben so wieder heraufbugsirt wurden, wie wir hinunter
fuhren.

Hier schreckte uns die Besorgni, da wir bei Minden wrden an die
Preuen verkauft werden. Es wurde laut gesprochen, und der bekannte
gewissenlose Seelenschacher des alten Landgrafen machte die Sache nicht
unwahrscheinlich. Serre also, ein gewisser Wurzner aus Gotha und meine
Personalitt hatten bei Elsfleth den lblichen Entschlu gefat, uns den
Fesseln der schndlichen Dienstbarkeit zu entziehen. Einige Nchte
lauerten wir ohne Erfolg auf Gelegenheit; denn die Bchsenschtzen
hatten ihre geladenen Lufe berall hin gerichtet. Aus Verdru und
Mdigkeit war ich auf meinem Habersack eingeschlafen, und als ich den
Morgen erwachte, waren die beiden Hechte fort und hatten mich
vermuthlich mit Sicherheit nicht wecken knnen. Ich kratzte mich hinter
den Ohren und sahe rgerlich nach dem Kahne, der sie in die Freiheit
gefhrt hatte. In Bremen versuchte ichs indessen allein auf meine eigene
Hand, und es gelang mir am hellen lichten Tage unter ziemlicher Gefahr.
Die nchste Veranlassung war ein Geznk mit dem Feldwebel ber
Brotlieferung, in welches sich der kommandirende Officir etwas
diktatorisch handgreiflich mischte. Das Gespenst der Preuen sa mir
fest im Gehirn; ich hatte ganz gegen meine Gewohnheit ohne alle Absicht
in einigen Glsern Wein mich etwas warm getrunken, und machte kurz und
gut auf und davon, am Ufer hin, ber die Brcke weg, in die Altstadt
hinein. Ein guter, alter, ehrlicher Spiebrger mochte mir doch wohl
einige Verwirrung ansehen; er kam freundlich zu mir und fragte: Freund!
Ihr seid wohl ein Hessischer Deserteur? Und wenn ich denn einer wre?
sagte ich. Da mu ich Euch sagen, unser Magistrat hat Kartel mit dem
Landgrafen. Und nun --




                             Fortsetzung
                                 von
                            Seume's Leben,
                             mitgetheilt
                                 von
                          C. A. H. Clodius.


Und nun -- das sind die letzten Worte, welche Seume geschrieben hat;
das Folgende ist leider nur Erzhlung aus den Erinnerungen einiger
Freunde des Verewigten. Ihnen, welche ihn genau gekannt und innig
geliebt haben, ist das Bild, welches er selbst gezeichnet hat, ein
Vermchtni, in welchem er bei ihnen fortlebt. Sie glauben ihn noch vor
sich zu sehen und reden zu hren, weil sein Leben sich eben so
anspruchslos und wahr, eben so heiter und gleichmthig in Worten und
Handlungen darstellte, als er es, whrend einer schmerzhaften Krankheit,
beschrieben hat. Seine Selbstbiographie zeigt uns seine Jugend, seine
brigen Schriften zeigen den Mann, und folgende Zge von einer Hand,
welche mit Treue zeignet, werden die Schilderung seines edlen und
liebenswrdigen Charakters vollenden. Groe Sorgfalt fr sein Inneres,
wenige fr sein Aeueres; ernstes Denken, ruhiges Erwgen und Tiefe des
Gemths; Mangel an Nachgiebigkeit und Reichthum an Nachsicht; Bewutsein
seines Werthes und Bescheidenheit eines gebildeten Menschen;
Freundlichkeit und Liebe im Herzen, oft finster um Stirn und Auge;
empfnglich fr das Schne und Erhabene; flammender Eifer fr die
Gerechtigkeit und eine gesetzmige Freiheit; selbststndig ohne Furcht;
bitter gegen schlechte Menschen aus Liebe zur Menschheit; -- so war
Seume.

Wieland nannte Seumen, wegen seiner Tugenden und wenigen Bedrfnissen,
den edlen Cyniker, einen Menschen von groem Werth. Dieses Lob des
berhmten und liebenswrdigen Mannes hat ihn sehr glcklich gemacht und
wird ihn ehren bei Allen, welche den Beifall der Besten unter den
Menschen fr den hchsten Ruhm halten, den ein Sterblicher gewinnen
kann. Einer seiner Freunde, der allen seinen entfernten Geliebten ein
Sternbild widmete, wobei er ihrer in stillen Nchten gedachte, wurde von
Seume gefragt: wohin er denn ihn einmal knftig einquartiren wrde? und
als er darauf im scherzenden Ton antwortete: Sie haben schon lange
Ihren Platz in dem hellen, nicht untergehenden Gestirn des groen
Bren; sagte Seume mit Lcheln: So, so! Meinetwegen! -- Die
Begebenheiten, welche hier angeknpft werden, sind Beweise zu dem Lobe,
welches eine unpartheiische Freundschaft ausgesprochen hat und knnen
als Belege dienen, da ein widriges Schicksal der Hebel edler Naturen
wird.

                   *       *       *       *       *

Das gutmthige Volk der guten Stadt Bremen drngte sich als eine
Schutzwehr um Seume herum und schob gewissermaen den Fremdling
hlfreich zum nchsten Thore hinaus. Seume, ein trefflicher Lufer, flog
wie ein Pfeil. Demungeachtet waren seine Verfolger, die Hessischen
Jger, ihm immer ganz nahe und trieben ihn endlich in den Sack zwischen
den beiden Flssen der Hunte und der Weser. Hier, glaubten sie, knnte
er ihnen nicht entspringen, und er hielt sich verloren: denn wollte er
sich ins Wasser strzen, so tdtete ihn, den durch und durch Erhitzten,
der Schlag; blieb er stehen, so war er das Opfer seiner Flucht. Zum
Glck sah er in einem Weidenbusch am Ufer der Hunte einen Fischerkahn
und sprang hinein. Der mitleidige Fischer, welcher der Menschenjagd
zugesehen hatte, hie ihn sich gleich auf dem Boden niederlegen, und
stie augenblicklich vom Lande ab. Nun kamen auch die Jger und
schossen; aber die Kugeln flogen ber das Schiff, und der gleichmthige
Schiffer arbeitete ruhig durch die Gefahr, bis er glcklich das
jenseitige Ufer erreichte. Hier Freund, sagte der Mann, seid Ihr
frei, und auf Oldenburgischen Grund und Boden. Gott helf Euch weiter!
Das Leben war gerettet, die Kette zerbrochen, und der Landgraf litt
einen Verlust von einer Handvoll Thaler, die er aus Seume's Verkauf zum
zweitenmal htte lsen knnen.

Den folgenden Tag kamen Hessische Officiere mit freundlichen Worten,
brachten Pardon, boten Geld, versprachen Befrderung; aber Seume lie
sich nicht verleiten, empfahl sich hflich und ging aus ihrer
Gesellschaft weg nach der Stadt Oldenburg. Der damalige, jetzt noch in
Ruland lebende Herzog dieses Landes, ein gebildeter, edler Frst,
untersttzte den einnehmenden, interessanten jungen Deserteur, und that
Vorschlge zu knftigen Lebensplnen; als aber Seume die Sehnsucht nach
der geliebten Mutter und dem Vaterlande uerte, entlie er ihn mit
einem ansehnlichen Geschenk. Durch diese Gromuth konnte der so lange
Geplagte und Verkaufte nun bequem frei und froh die Rckkehr zur lieben
Heimath antreten und der gerettete Sohn konnte wieder in die Arme der
Mutter eilen. Schon hatte er wohlgemuth die Oldenburgische Grnze
berschritten, als das unglckliche Vergessen, die Hessische Uniform mit
einem Civilrock zu vertauschen, ihn gerade in den verhaten Dienst
brachte, dem er durch seine Flucht hatte entgehen wollen, und ihm in
einem Augenblick wieder Freiheit, Hoffnung und kaum genossenes Glck
raubte. Preuische Werber hielten ihn an und schleppten ihn, als
Deserteur, ohne Umstnde nach Emden, wo er gemeiner Soldat werden mute.
Den Kfig, in welchen man ihn, wie alle unfreiwillig genommenen
Soldaten, eingesperrt hatte, zu zerbrechen, dem ehemals strengen
Preuischen Dienst und der verchtlichen Behandlung der Soldaten wieder
zu entgehen, das war die einzige trstliche Aussicht, welche ihm hier in
der Garnison brig blieb, und die ihn reizte, so bald als mglich zu
entfliehen. Einst in einer sternenhellen Nacht fhrte er seinen
Entschlu wirklich aus. Er mochte ungefhr eine Stunde gelaufen seyn,
als die Lrmkanone seine Flucht ankndigte und die ganze Gegend zum
Verfolgen aufrief. Seume lie sich dadurch nicht schrecken; aber ein
dicker Nebel verhllte ihm den Weg, machte ihn irre und fhrte ihn
wieder gerade nach Emden in die Hnde derer, welchen er zu entgehen
glaubte. In seinem Arrest schrieb er mit Kreide einen lateinischen Vers
an die Thre der Wachstube, welcher die traurige Stimmung seiner Seele
ausdrckte. Der wachhabende Officir fragte, wer den Vers geschrieben
habe? Vermuthlich der kleine schwarze Arrestant; antwortete die Wache.
Das Kriegsverhr begann mit der Untersuchung ber den Hexameter und ein
Kapitn behauptete: er sei nicht richtig. Seume bewies aus der Prosodie,
da er vollkommen schn sei und lehrte die Richter, was zu einem guten
Hexameter erfordert werde. Als aber demungeachtet der Kapitn seine
Kritik noch zu behaupten suchte, brachte Seume einen Beweis vor, der
entscheiden mute: er zog seinen Virgil aus der Tasche und zeigte, da
jener Vers aus dem grten Knstler der lateinischen Poesie genommen
war. Die Untersuchung ber eine Stelle aus dem Virgil fhrte zu der
Frage, wie er in den Dienst gekommen sei? und als Seume hierauf finster
antwortete: durch Gewalt von den Preuen, wie von den Hessen; lie man
Gnade fr Recht ergehen und befreite ihn von dem Arrest. Der brave
General Courbiere, welchen die Preuen, nach der Schlacht bei Jena, mit
Achtung ffentlich genannt haben, nahm sich seiner an, erleichterte ihm
den Dienst, trug ihm auf, seine Kinder zu unterrichten und empfahl ihn
mehreren Familien. Jetzt hatte Seume keine Noth. Aber, weil er nicht
hoffen durfte, wieder los zu kommen, und keine Aussicht hatte, befrdert
zu werden bei der Einrichtung Friedrichs II., nach welcher nur die
Adeligen Officirstellen erhalten konnten, dachte er an einen neuen
Versuch, zu entfliehen, ungeachtet der erste so wenig gelungen war. Es
war Winter; die grundlosen Wege und Felder in Ostfriesland mochten eben
hart und die weiten, tiefen Grben eben zugefroren seyn, als Seume
seinen Posten verlie und, in Dunkelheit der Nacht, das Weite suchte.
Noch in eben der Nacht fing es an zu thauen; der Regen strmte vom
Himmel und machte die Felder, worauf Seume seinen Weg in der Entfernung
von der Landstrae und den Drfern suchen mute, zu tiefen Morsten.
Lnger als 24 Stunden war er, durchnt und erhitzt, fortgewadet, durch
das Eis in tiefe Grben gesunken, und hatte mit fast bermenschlicher
Anstrengung sich bis nahe an die Grnze gearbeitet, als er sich
erschpft fhlte und der Ohnmacht nahe in ein Dorf ging. Die Leute
halfen ihm; aus seinen Stiefeln flo das Blut; man legte ihn in ein
Bett. Der freundliche Amtmann des Orts besuchte ihn, gab ihm
Erquickungen, und sandte ihn den andern Tag auf einem Wagen, sorgfltig
in Stroh gepackt, unter einer handfesten Bedeckung, wieder nach Emden in
die Ketten zurck. Wer vermochte jetzt den Unglcklichen, welchen
Jedermann schon froh in Sicherheit glaubte, den seine Officire selbst
mit Jammer wieder eingeliefert sahen, zu retten? Zum Unglck war der
General, sein Gnner, mit dem Obersten des Regiments gespannt; Keiner
traute dem Andern, um etwas fr den Arrestanten gegen die frchterlichen
Kriegsgesetze zu wagen. Die angesehensten Mnner in Emden verwandten
sich fr Seumen mit allen Krften, doch ohne glcklichen Erfolg;
vergeblich bat fast die ganze Stadt. Endlich kam die Jugend, an ihrer
Spitze die eigenen Kinder des Generals, und baten mit Thrnen und
Hnderingen fr ihren geliebten Lehrer um Gnade. Kinder, sagte der
General, konnte aber vor Wehmuth kaum sprechen, Kinder, ich kann nicht,
so gern ich wollte. -- Man nahm Seumen die Ketten ab und stellte ihn
vor das Kriegsgericht, welches ihn zu zwlfmal Spieruthen verurtheilte.
Finster und schweigend trat er ab, als der Oberste Halt! rief. Seume
trat wieder vor. Der Oberste sprach weiter: In Rcksicht des sonstigen
guten Betragens des Arrestanten, seines moralischen Lebenswandels und
des guten Gebrauchs, welchen er von seinen Talenten macht, auch wegen
der Art und Weise, wie er in den Dienst gekommen ist, verwandelt das
Kriegsgericht die bestimmte Strafe in sechswchentliches Gefngni bei
Wasser und Brod. -- Der General setzte halb laut hinzu: Arrestant wird
es wohl auch nicht bel nehmen, wenn ihm die Brger zuweilen ein Stck
Braten senden. Dieser Wink wurde gut verstanden. Seume schmausete
whrend der sechs Wochen seines Arrestes, durch die Gutmthigkeit der
Brger in Emden, besser als der General, und konnte noch von seinem
Ueberflu den Kameraden reichlich mittheilen.

Diese letzte Flucht, die blutige Strafe, welche die preuische Disciplin
fr eine zweite Desertion bestimmte, und die unerwartete glckliche
Wendung, muten Seumen noch bekannter machen, als er schon vorher war,
und ihm allgemeine Theilnahme erwecken. Die Sache hatte durchaus keine
nachtheiligen Folgen fr ihn; der Dienst wurde ihm nicht schwerer
gemacht, seine Freiheit nicht beschrnkter, als sie vor seiner
Entfernung war; er konnte seine Lehrstunden wieder fortsetzen, und es
fehlte ihm an nichts, als an Unabhngigkeit von dem preuischen
Dienstzwange. Einst fragte ihn ein begterter, braver Mann, ein Brger
der Stadt: Warum, Seume, suchen Sie nicht Urlaub, um einmal nach
Sachsen zu reisen? -- Ich wrde ihn nicht erhalten. -- Sie werden
ihn gewi erhalten; bieten Sie nur eine Kaution. -- Das kann ich
nicht: denn ich habe nicht so viel Geld. -- Dann habe ich. Bieten Sie
achtzig Thaler; sprechen Sie morgen mit dem General! -- Ich komme
nicht wieder. -- Was geht das mich an? machen Sie das, wie Sie wollen;
achtzig Thaler stehen parat. -- Seume bat um den Urlaub, erhielt ihn,
und kam glcklich bei seiner glcklichen Mutter in Poserne an.

Jetzt fate er den Plan, sich in Leipzig ganz den Wissenschaften zu
widmen, und whrend er seinem Krper, nach so vieler Anstrengung,
Erholung gewhrte, den Geist in grere Thtigkeit zu setzen. Wovon aber
sollten die achtzig Thaler Kaution, die ihm so edelmthig gegeben waren,
wieder erstattet werden? Die gute Mutter htte gewi den letzten Heller
fr den geliebten Sohn und das wiedergefundene Glck hergegeben; aber
der gute Sohn verschwieg die Schuld sorgfltig, weil er wollte, da die
liebende Mutter sich um seinetwillen nichts versagen, und in keine
Verlegenheit kommen sollte. Der Kreissteuereinnehmer Weie, der
liebenswrdigste Mensch, den ich in einem Zeitraum von einem halben
Jahrhundert habe kennen lernen, und dessen Gleichen ich auf meinen
Reisen nirgends gefunden habe, schaffte Rath und half Seumen auch aus
der Noth, die ihm jetzt noch auf dem Herzen lag. Weie gab Seumen einen
englischen Roman: Honorie Warren, zum Uebersetzen; als dieser mit der
Arbeit fertig war, ging jener damit zu dem Buchhndler Goeschen, sagte
ihm den Zweck derselben und erzhlte ihm die Geschichte des
Uebersetzers. Dieser Roman ist 1788 gedruckt erschienen. Das Honorar
dafr wurde nach Emden an den Mann gesandt, welcher durch seine Gromuth
Seume's Befreier geworden war, und auf die Wiedererstattung
wahrscheinlich gar nicht gerechnet hatte.

Vielleicht haben wenige Schriftsteller ihre Laufbahn aus so edlen
Absichten, als Seume, begonnen; denn sein erstes Werk ist ein rhrendes
Denkmal des Edelmuths eines Brgers (in Emden), der Dankbarkeit,
Redlichkeit und kindliche Liebe des Verfassers, wodurch dieses Buch
jedem fhlenden Herzen interessant werden mu.

Jetzt widmete sich Seume, nach einer langen und prfungsvollen
Unterbrechung, ganz den Wissenschaften mit aller der Freiheit, die er
sich ehemals gewnscht hatte und mit angeborner Liebe und Ausdauer, an
dem Orte, den er ehemals aus freiem Entschlu verlie. Der Abweg,
welchen er damals von seiner akademischen Laufbahn einschlug, hatte ihn
durch scharfe Dornen, durch ein zwar schmerzliches, doch luterndes
Fegefeuer gefhrt. Die wirkliche Welt, der Umgang mit edlen und
niedrigen Naturen, die sonderbaren Verhltnisse wilder, roher und
disciplinirter Menschen im Kampf unter einander und mit den Elementen
hatten ihm Lektionen gegeben, welche eine herrliche Vorbereitung zu den
Studien der Wissenschaften wurden, und ihn vor Pedanterie, Schulstaub,
Gehaltlosigkeit und Uebertreibung sicherten. Um den Aufwand fr die
geistigen und leiblichen Bedrfnisse auf der Universitt zu gewinnen,
gab er Unterricht in lebenden Sprachen. Seine Methode war erleichternd
fr das Gedchtni, bildend fr den Geist, erweckend fr das Gemth; sie
und die groe Anhnglichkeit der Schler an ihren Lehrer sind ein
Beweis, da ein vorzglicher Mensch auf jedem Standpunkt das Rechte
trifft und Achtung und Liebe einflt.

1792 wurde Seume Magister. Der Kster Rothe an der Thomaskirche gab ihm
dazu das Geld, zutrauensvoll, ohne Eigennutz, aus reiner Achtung und
Zuneigung; ihm ist das Gedicht in den Obolen: An meinen Freund Rothe,
gewidmet.

Zum Beweise hinlnglicher Geschicklichkeit zu einem Magister gehrte
damals auch die Ausarbeitung einer Chrie nach hergebrachter Form. Das
Formwesen war niemals Seume's Sache gewesen und war es noch weniger
jetzt. Da gab es denn beim Examen, statt der Fragen und Antworten,
Diskussionen ber das Wesentliche in der Meisterschaft der Kunst und in
dem Gebiete der Wissenschaft, welche dem Examinator sehr bedenklich und
anmaend vorkommen muten. Als aber Seume seine Disputation: _Die Waffen
der Alten, verglichen mit den Waffen der Neuen_, vertheidigte, war man
zufrieden, und hielt ihn des Rechts, Vorlesungen zu halten, vollkommen
wrdig. Der Soldat war in einen Magister verwandelt, oder, welches die
Eitelkeit lieber hrt, in einen Doktor der Philosophie. Man kann nicht
mit Gewiheit entscheiden, ob die Natur Seumen mehr Anlage zum
Militrstande, oder fr die Wissenschaften gegeben habe. Sein Krper war
stark, wie seine Seele. Aber es schien, als ob er zur Mathematik, die
einem Anfhrer in Feldzgen unentbehrlich ist, weniger Talent und
Neigung htte, als zu den schnen Wissenschaften, der Philosophie und
Philologie. Damals scheint Seume's Absicht gewesen zu seyn, sich fr
eine akademische Lehrstelle zu bilden. Er hatte vermuthlich deshalb, als
Vorbereitung, die Stelle eines Instruktors und Erziehers gesucht, und
eine solche gefunden in dem Hause der Grfin Igelstrhm, durch seinen
Gnner Weie, welcher, durch seine Kinderschriften, das Zutrauen
begterter Eltern in halb Europa erworben hatte und ganz Deutschland mit
Hofmeistern versorgte. Jene Dame hielt sich in Leipzig auf, so lange ihr
Sohn, der Seume zum Fhrer erhielt, dort studirte. Der Eleve war wild
und sein Erzieher nicht wenig muthig und rasch. Einst, als die jetzt
verewigte edle Frstin, Luise Henr. Wilh. von Dessau, bei der Grfin von
Igelstrhm zum Besuch war und bei ihr in einer stillen Laube des Gartens
sa, jagten die beiden Herren, wie ein Paar feurige junge Rosse, so
gewaltsam vor den nervenschwachen Freundinnen vorber, da die Frstin
gar sehr erschrak. Wer ist der finstre, wilde, junge Mann? fragte sie.
Der Fhrer meines Sohnes, antwortete die Grfin mit Lcheln. Fhrer?
wiederholte die Frstin und schttelte den Kopf. Ja, sagte die Grfin,
und ein sehr guter, wohl unterrichteter Fhrer! ein sehr redlicher,
interessanter Mann.

Als der junge Graf seine akademischen Studien geschlossen hatte, holte
ihn sein Vater von Leipzig ab. Dieser nahm auch Seume mit und fhrte ihn
zu seinem Bruder, dem russischen bevollmchtigten Minister und General
^en chef^. Er wurde Sekretr des Generals, kam mit demselben 1793 in
Warschau an, gewann die Achtung desselben und erhielt von ihm eine
Officirstelle bei den Grenadieren, damit er Gelegenheit zum Emporsteigen
bekommen mchte. Im Besitze des unbeschrnkten Vertrauens, mute er alle
wichtige diplomatische Papiere in jener kritischen Periode, welche der
Theilungsgeschichte Polens folgte, fr die groe Kaiserin Catharina die
Zweite ausarbeiten. Der General hat nicht unterlassen, den Verfasser
dieser Aufstze der Kaiserin zu nennen, und diese hatte ihm die
Befrderung seines Grenadierlieutenants empfohlen.

Igelstrhm und Seume! Das war eine Verbindung eigener Art. Der alte Hof-
und Staatsmann war ppig, prachtliebend, sinnlich, verstndig und klug;
aus Diensteifer ein tchtiger politischer Despot, brigens ein braver
Soldat, gromthig und gutmthig. Man hat ihn vieles Bsen beschuldigt:
aber Seume hat ihn mit Unparteilichkeit gerechtfertigt in einer Schrift,
welche er ber die damalige Lage der Dinge in Polen geschrieben hat, und
welche gleich erwhnt werden wird. Diesem Manne stand Seume zur Seite,
wie wir ihn kennen; Seume, der immer die Wahrheit unverholen sagte und
von den polnischen Angelegenheiten ganz andere Ansichten hatte, als der
General und die Kaiserin. Demohngeachtet bewies Igelstrhm seinem
Sekretair privatim und ffentlich die grte Achtung und ein
aufrichtiges Wohlwollen. Der polnische General Kosciusko hatte die
Russen geschlagen; diese nannten ihn einen Meuter und Bsewicht; Seume
sagte, er sei der edelste und bravste Pole, und Igelstrhm erwiederte
nichts weiter darauf, als: ^Mon cher^, Sie sind ein sonderbarer
Mensch. Wenn Seume in seinem schlechten Oberrock manchmal von seinem
Schreibetisch aufsprang, um den General ber etwas zu fragen, und ohne
Toilette durch das Vorzimmer eilte, worin die vornehmen Polen und Russen
vom Militr- und Civilstande auf Audienz warteten, so hielten ihn diese
fr einen Domestiken des Generals und behandelten ihn herablassend; er
sie dagegen ohne Komplimente, wie seines Gleichen. Der Mensch kam ihnen
noch sonderbarer vor, wenn sie ihn hernach an der Tafel mitten unter
sich sitzen sahen, wenn der General ihn nicht anders, als ^mon cher^,
nannte, und ihm auch wohl eine seltene Schssel sandte, wenn er wute,
da Seume sie gern a. Die Erscheinung war ihnen ein Rthsel, das sie
manchmal aus dem Takt brachte und dessen Auflsung oft komisch genug
war. Der Ton an des Generals Tafel war ungezwungen, heiter, interessant
und witzig. Nicht selten fochten die dort anwesenden Kriegsmnner mit
Epigrammen gegen einander, und unter ihnen waren mehrere, welche,
unbeschadet ihrer militrischen Verdienste, mit den Musen so vertraut
waren, da sie whrend dem Essen, sehr schne Verse aus dem Stegereif
machen konnten. Der junge, schne Major von Igelstrhm, eben so muthig,
als geistreich und gut, ein naher Verwandter des Generals und ein
glnzender Stern in jener Gesellschaft, war vorzglich Seume's Freund.

Nach und nach wurde es in Warschau bekannt, da der Sekretr bei seinem
Chef viel galt; da versuchte man denn eine Zeit lang, ihn zu allerhand
vortheilhaften Spekulationen zu benutzen, bis seine Uneigenntzigkeit
und Redlichkeit eben so bekannt wurden, als die Gunst des Generals, und
bis die Bestecher sich einander in's Ohr flsterten: mit dem Menschen
ist nichts anzufangen. Unter andern bat ein Jude um seine Protektion
bei Gelegenheit eines Magazinverkaufs. Er meinte, es sei doch besser,
da ein so verdienstvoller Mann, wie der Sekretr und ein so ehrlicher
Mann, als er, der Kauflustige, bei der Sache gewnnen, als ganz fremde
und habschtige Menschen. Was wollen Sie denn geben? fragte Seume;
der Jude nannte eine Summe. So viel, sagte Seume, ist die Sache nicht
werth; es scheint, Sie haben sich sehr verrechnet. Sie werden Ihre
Verbindlichkeiten nicht erfllen knnen. Bleiben Sie davon! Was?
erwiederte der Jude empfindlich, ich mich verrechnen? Ich versichere
Ihnen, da noch eine hbsche Summe schner Dukaten fr Sie, und fr mich
ein ganz honettes Profitchen brig bleibt. Seume wies den Mann zum
General und fertigte ihn mit der Versicherung ab, da er sich in ihm
sehr geirrt habe und auf ihn gar nicht rechnen drfe. So mu man es
anfangen, wenn man arm, aber ruhig leben und sterben will.

Der General Igelstrhm versuchte, den Stoiker ein wenig zu
sybaritisiren; aber auch er sagte sehr oft in guter Laune: an dem
Menschen ist Hopfen und Malz verloren.

Auf heiteres Wohlleben folgten nun wieder Schrecken des Todes. Die
Kaiserin verlangte eine Reduktion der polnischen Nationaltruppen; die
Polen widersetzten sich, und es brach die Revolution, welche schon lange
unter der Asche glimmte, endlich in vollen Flammen aus. Ueber 100,000
Polen hatten sich verschworen, und, was unglaublich scheint, diese aus
Menschen aller Art zusammengesetzte Verschwrung blieb zwei Jahre lang
verschwiegen. Die interessante Begebenheit, ihre Veranlassung und Folge,
erzhlt Seume in einer Schrift unter dem bescheidenen Titel: Einige
Nachrichten ber die Vorflle in Polen im Jahre 1794, Leipzig 1796,
welche er dem Herrn Grafen von Hohenthal auf Knauthayn aus Dankbarkeit
zugeeignet hat. Er sagt in der Vorrede:

Es war einer der schnsten Tage meines Lebens als ein rechtschaffner
Mann mich Ihnen, verehrungswrdiger Wohlthter, einst mit den Worten
empfahl: Er ist ein Knabe guter Art; der Segen seines Vaters ruht auf
ihm. Seine Empfehlung galt, und noch jetzt thut dem Kriegsmanne die
Erinnerung so wohl, als sie dem Jngling am Grabe des Vaters that. --
-- --

Nachdem er die Verbindlichkeit, welche der Graf ihm aufgelegt,
ffentlich erkannt hat, fhrt er fort:

Wenn irgend eine gute Seele bei einer gutgedachten und gutgesprochenen
Stelle mir mit einer leisen Empfindung des Dankes lohnen sollte, so
bergebe ich Ihnen den Zoll, den ich durch Ihre Gte zu empfangen in den
Stand gesetzt wurde.

Die Darstellung jener frchterlichen Tage in der genannten Schrift, als
ein wichtiges Stck aus Seume's Leben, und von ihm selbst geschrieben,
mu hier mit seinen eigenen Worten eingeschaltet werden.

Nachdem die Russen von den Polen geschlagen waren, fingen die Unruhen
auch in Warschau an. Der General Igelstrhm nahm dagegen Maregeln und
nun brach das Blutbad am grnen Donnerstag aus. Die Polen glaubten das
Prvenire whlen zu mssen. Ungefhr 4000 polnisches Militr befand sich
in Warschau, fr welches ihre Chefs mit ihren Kpfen zu brgen
versprachen; aber ihre Brgschaft half den Russen nichts. Das
Verstndni war nur unter einigen kleinen Officiren von der Krongarde zu
Fue und zu Pferde und von der Artillerie, kaum einigen Hunderten
Gemeinen und einigen Hunderten der unternehmendsten Kpfe von der
Populace. Sehr wenige Staabsofficire entschlossen sich, Partei zu
nehmen. Die Subalternen fhrten ihre Kompagnien, als ob es zum
Exercirplatz ginge, und Alles gewann bald ein ziemlich wohlgeordnetes
Ganze. Um Mitternacht brachten die Kosaken schon Rapport von hufigen
Bewegungen. Die Mirsche Kavallerie that frh ungefhr um fnf Uhr den
ersten Angriff auf einen russischen Posten von zwei Kanonen, nicht weit
vom eisernen Thore hinter dem schsischen Palaste, war glcklich in
schneller Ueberraschung, hieb den grten Theil der Leute nieder,
vernagelte die Kanonen und bald lief das Feuer durch die ganze Stadt.
Die Russen waren sogleich auf ihren bestimmten Posten, aber Alles war
noch wie in einer fremden Welt und wute so wenig von der Absicht der
Andern bei dem Lrm, da russisches und polnisches Militr noch mit
Honneurs vor einander vorberzogen. Mit vieler Geschicklichkeit hatten
die Polen, welche natrlich die russischen Posten wuten, die
verschiedenen Kommandos abgeschnitten. Nun gab es erst Erklrungen, und
im Kurzen war Alles in Feuer. Die Polen ffneten das Zeughaus und
fhrten ihre zahlreiche, ziemlich wohlbediente Artillerie heraus, und
fingen an, aus allen Krften mit derselben zu arbeiten. Bis ungefhr um
zehn Uhr war das Gefecht noch sehr furchtsam von Seiten der Polen, indem
die Populace sich noch scheute, sogleich thtig Parthei zu nehmen. Aber
um diese Stunde hatte man schon einige Officire gefangen, einige Posten
und einige Kanonen genommen, und Alles strmte nun nach dem Zeughause,
um Waffen und Munition zu holen, welche man denn auch an Alle und Jede
mit Vergngen austheilte. Auch war schon an verschiedenen Orten Munition
aufgefhrt. Man stelle sich vor, da von den Russen nicht mehr als 5500
Mann unter dem Gewehr standen, da fast eine gleiche Anzahl polnischer
Soldaten und gewi ber 20,000 Bewaffnete aller Art gegen dieselben
fochten, da die Polen eine Ueberlegenheit in der Menge ihrer guten und
wohlbedienten Artillerie hatten, da sie berall den Vortheil der
Position in den engen Gassen und allen Pltzen durch genauere Kenntni
der Lokalitt sich zu erwerben wuten, da sie nicht von Enthusiasmus,
sondern von Wuth hingerissen blind auf den Tod liefen; nehme man dieses
Alles, und man kann fast nach mathematischer Berechnung den Ausgang der
Aktion bestimmen. Einige Bataillons der Unsrigen gingen unstreitig etwas
zu frhe unter dem Kommando des General Novitzky, aus der Stadt, und das
Ganze konnte also deswegen noch weniger einen Vereinigungspunkt
gewinnen. Htte der General Igelstrhm am Donnerstage das ganze
Unternehmen der Polen, alle ihre Vortheile und die ganze augenblickliche
Lage der Seinigen gekannt, ich bin versichert, er wrde nicht mit
Hartnckigkeit die Stadt haben behaupten wollen, da ihm der Rckzug noch
frei stand. Aber Mangel an Kommunikation lie selbst den kommandirenden
General nur einen Theil der Geschichte bersehen, und diese
Kommunikation war unter den Umstnden gar nicht so leicht, als Mancher
wohl glauben drfte. Es wurden viele Kuriere erschossen oder gefangen,
die von einem Posten zum andern geschickt wurden. Das Gefecht dauerte
mit abwechselndem Glcke, den ganzen Donnerstag fort. Eine offene
Feldschlacht ist, nach dem Zeugni aller alten Officiere, ein Spielwerk
gegen eine solche Mnchsklepperei, wo der ehrliche Kerl aus dem Winkel
niedergeschossen wird, ohne einen Feind zu sehen. Die Schsse flogen von
den Ecken, aus den Kellern, aus den Fenstern, ber die Mauern, von den
Dchern, und von unten und oben und von allen Seiten und berall war
Tod, und Niemand zeigte sich. Ungefhr siebenzig Kanonen von
verschiedenem Kaliber arbeiteten ohne Aufhren durch die Pltze und
Gassen der Stadt; bald drngten die Russen, bald die Polen. Das
Rikoschet der Karttschen rasselte grell von einer Mauer zur andern, und
schlug nieder, was die geraden Kugeln nicht fassen konnten. Schon waren
die Straen mit Leichen gestreut. Man konnte schon deutlich sehen, da
wir uns unmglich wrden halten knnen. Die Nacht brach ein, das
Postengefecht dauerte fort. An allen Ecken und Pltzen der Stadt
arbeitete das Geschtz, und das kleine Gewehr machte von allen Quartiren
eine grelle Musik whrend der Pausen. Die Nacht war furchtbar schn. Der
Himmel schien sie gemacht zu haben, um den Menschen Spielraum zu ihrer
Thorheit zu geben; mit glnzender Ruhe blickte der Mond auf den Wahnsinn
der Elenden herab. Die beiden Abende werden lange, vielleicht immer, ihr
Bild in meiner Seele lassen; es ist gro und schrecklich. Der ferne und
nahe Donner der Stcke, der sich frchterlich dumpf durch die Straen
brach, das Gekletter der kleinen Gewehre, der hohle Ton der
Lrmtrommeln, der Todtenlaut der Sturmglocken, das Pfeifen der Kugeln,
das Heulen der Hunde, das Hurrahgeschrei der Revolutionre, das Klirren
ihrer Sbel, das matte Aechzen der Verwundeten und Sterbenden; nehmen
Sie dieses Alles in der tiefen, hellen, herrlichen Mitternacht, und
vollenden Sie das Gemlde nach Ihrem eigenen Gefhl! Ich verga unter
der Gre des meinigen der Gefahr und freute mich einige Augenblicke,
bei der schaurigen Scene gegenwrtig zu seyn. Schon den Donnerstag
Nachmittag waren die Polen in das Hintertheil des Igelstrhmischen
Palastes, wo der Ingenieurgeneral von Suchteln stand, einmal
eingedrungen, und hatten aus demselben alle Hofzimmer, unter denen die
Gesandtschaftskanzlei war, mit ihren Kugelbchsen zerschossen; wurden
aber nach einer Stunde wieder daraus vertrieben. Von allen Seiten wurde
der Palast gedrngt, und schon gegen fnf Uhr Abends das hintere Thor,
welches die Polen mit Gewalt zu erbrechen suchten, verrammelt, und der
Thorweg mit todten Pferden gesperrt. Zu verwundern war es, da nichts
Feuer fing, indem das Schieen von beiden Seiten so heftig war, da man
vor Dampfe keine Hand breit im Hofe sehen konnte. In der Nacht selbst
gab der General die Hoffnung auf, sich lnger halten zu knnen. Die Zeit
eines glcklichen Rckzugs war verstrichen, und nun dachte man blos auf
Rettung. Der General schickte verschiedene Officiere als Kuriere zu dem
damaligen Brigadier Mokronowsky, der an der Spitze der Revolutionre
stand, um wegen des Auszugs zu verhandeln; aber keiner kam zurck; und
wenn man auch dieses Verfahren der Polen mit der allgemeinen Verwirrung
entschuldigen wollte, da man ihnen durch die Wuth des Pbels keinen
sichern Rckweg schaffen konnte, so ist doch das folgende Benehmen der
Herren, die durchaus mit ihren Kanonen Gerechtigkeit predigen wollten,
sonderbar genug, indem man alle diese Officiere, unter welchen selbst
der Brigadier Bauer sich befand, hernach als Kriegsgefangene behielt, da
sie doch auf Treu und Glauben mit Trompetern gekommen waren; eine von
den vielen Inkonsequenzen, die man in der Geschichte findet! Der General
Igelstrhm schaffte sich endlich mit ungefhr vierhundert Mann, nachdem
er sich im engsten Gedrnge noch bis den Freitag Nachmittag geschlagen
hatte, mit Gewalt nach der Seite von Povonsk einen Ausweg. Htten die
Polen Disposition und Entschlossenheit genug gehabt, so wren wenige
Russen durchgekommen, gestehen selbst einige wackere Officiere von den
Unsrigen, die bei der Retirade waren; aber die Russen fochten wie
Russen. Die Grenadiere wiesen jeden Vorschlag und Zuruf, sich zu
ergeben, mit Verachtung zurck, und sagten: ihre Bajonette wrden ihnen
schon Durchgang verschaffen. Auch schleppten sich wirklich schwer
Verwundete unter dem heftigsten Feuer von allen Seiten bis vor die Stadt
hinaus, wo sodann die herbeieilenden Preuen ihren Rckzug deckten. Ich
hatte das Unglck, da ich eben einen schwerverwundeten Kameraden, den
ich schon einigemal besucht hatte, auf noch einige Augenblicke sehen
wollte, in der Eile zurckgelassen, abgeschnitten, von einem Orte zum
andern getrieben und endlich gefangen zu werden. Was seit der Zeit im
Felde vorgegangen ist, kann ich nicht als Augenzeuge, sondern nur durch
Nachrichten und aus der Wirkung wissen, die es auf Warschau hatte; und
auch dieses nur unzulnglich, da unsere Gefangenschaft so enge war, da
wir Kriminalverbrechern ziemlich hnlich sahen.

Den Freitag Nachmittag hatte sich also der General Igelstrhm mit den
einigen Hunderten, die er noch zusammenziehen konnte, durchgeschlagen
und sich mit den Preuen vereinigt. Die Zurckgebliebenen wurden
meistens niedergemacht, wenn sie nicht so glcklich waren, einem
vernnftigen Militr oder sonst menschlichen Menschen in die Hnde zu
fallen. Ich verbarg mich im Hotel des Grafen Borch, wo mein verwundeter
Freund lag, in welches ich, als ich zu den Unsrigen retiriren wollte,
von einer Partei zurckgetrieben wurde. Das Gemetzel fing nun erst an
recht wthend und grausam zu werden, da die Polen nun entschieden
berall das Uebergewicht hatten, und der bewaffnete Pbel selten Gefhl
fr Menschlichkeit hat; und das Schieen dauerte, wiewohl nicht so stark
als gestern und heute Vormittag, durch die ganze Stadt fort, bis
ohngefhr um Mitternacht, wo sodann nur unterbrochen aus kleinem Gewehr
gefeuert wurde. Den Sonnabend frh fing es in einzelnen Parteien, wo
sich noch die Feinde trafen, zuweilen hartnckig wieder an, indem sich
einige Rotten Russen wie Verzweifelte wehrten; hrte aber gegen den
Mittag ganz auf. Denn jetzt wurde zur Ruhe geschlagen und geblasen; und
hier mu ich gestehen, so gro vorher das Geschrei, der Lrm, das wilde
Geschiee und verworrene Geheul bei Morden und Plndern gewesen war, so
schnell war nun alles stille; es fiel kein Schu, kein Schlag mehr. Ich
war so glcklich gewesen, vor der Wuth der besoffenen Parteien mich
verborgen zu halten, indem ich wirklich in den Todesstunden, wo keiner
der Unsrigen, als nur Erschlagene und Halbtodte, mehr zu sehen war,
meine Retirade hinter ein groes Bollwerk alter Fsser auf einem der
obersten Bden nahm. Unzhlige Parteien zogen zu Mord und Raube unter
und neben mir hin, rekognoscirten glcklich umsonst alle Schlupfwinkel
um mich her, und zogen mit dem trstlichen Fluche frba: Verdammt,
hier sind keine Russen. Sie sehen, lieber Freund, da ich sehr
offenherzig erzhle, da Niemand um die Geschichte wei, als ich selbst;
denn da ich die Nacht vom Charfreitag zum heiligen Sonnabend hinter
einer Batterie Tonnen auf einem der hchsten Bden Warschaus ber Welt
und Menschen und ihre und meine Narrheit philosophirte, wird man wohl
schwerlich unter die Heldenthaten rechnen.

Nachdem ich einmal das Unglck gehabt hatte, zurck zu bleiben; und wer
damals zurckblieb, den konnte man eben nicht geradezu der Poltronerie
zeihen; nachdem ich mich ferner ziemlich mathematisch berzeugt hatte,
da ich allein wohl schwerlich Warschau behaupten wrde, so fing ich
^omnibus modis^ an darauf zu denken, wie ich nun meinen Hirnschdel
endlich sichern wollte; und der Himmel war so gndig mich zu schtzen.
Der frchterlichste Augenblick meines Lebens war den Sonnabend Morgens,
als das Gefecht in einzelnen kleinen Partien wieder anfing. Es hatten
sich nmlich noch einige von unsern Soldaten, mit mehreren Bedienten,
Weibern und Kindern von der Ambassade auf einen Boden des andern Flgels
retirirt, den von mir nur eine dnne Bretterwand schied. Eine starke
Partei vermuthlich von gestern, oder schon wieder heute besoffener
Polen, drangen auf den Boden, und die russischen Soldaten wollten den
Angriff zurcktreiben. Das Gefecht fing also oben an. Stellen Sie sich
vor, auf einem Obergebude das Krachen der Schsse, das Geklirr der
Gewehre, das wthende unartikulirte Gebrlle der Polen, das Geschrei der
Russen, das Kreischen der Weiber und Kinder in der Todesangst; es ist
doch etwas ganz anders, als wenn man dergleichen nachgemacht auf dem
Theater sieht und hrt. Ich selbst war fr mich in diesem Momente in
Sicherheit: aber mein Gefhl ergriff mich mchtig; ich bebte, ich fhlte
Klte durch meine Glieder fahren, die Haare starrten unter dem Hute; ich
glaube, es war selbst Todesangst: es war eine unnennbare schreckliche
Empfindung, die ich in meinem Leben weder vorher noch nachher gehabt
habe. Mir war diese Erfahrung Besttigung einer Meinung, die ich immer
gehabt habe: um das Gefhl eines Mannes zu seiner Hhe zu treiben,
gehrt nothwendig die ganze Macht der Sympathie: Zuflle seiner eigenen
abgesonderten Individualitt reien ihn nie so sehr auer sich, da er
sein Gleichgewicht verlre, oder er verdient nicht mehr, da man ihn
Mann nenne. Ich hatte whrend der ganzen Zeit meiner Kryptomilitrschaft
hinter den Tonnen meinen Degen in der Faust, um ihn an vernnftige Leute
mit Anstand abzugeben, oder ehrlich in der Arbeit zu sterben, wenn mich
eine Rotte Bedlamisten entdeckte; ein ^Tertium^ war schwerlich denkbar.
Ich hatte seit Mittwoch Abend nichts als einige Bissen Konfekt gegessen,
die mir ein Soldat vom Raube reichte, und einigemal einen Trunk Wasser
getrunken; Sie knnen also leicht denken, da mich den Sonnabend frh
Hunger und Durst plagte. Ich rekognoscire von oben herab die Strae, als
sich der Lrm etwas zu legen anfing; aber alles war noch voll Verwstung
und Verwirrung. In dem Hofe des Palastes waren zum wenigsten noch einige
Hunderte bunten Gesindels aller Art, mit Waffen aller Art, schrieen
Sprachen aller Art durch einander: und nur zuweilen brach mit
unaufhaltbarer Gewalt der Jubel: Freiheit und Kosciusko! durch den
Haufen. Ganz matt warf ich mich auf den Boden und schlief recht ruhig
ungefhr eine Stunde, als mich der hohle Lrm von Futritten und das
Stampfen der Gewehrkolben weckte: ich fuhr auf, und setzte mich wieder
in meine alte Positur; aber auch diese Gesellschaft ging fluchend
vorber, ohne mich zu wittern. Ich wartete noch eine Weile; Hunger und
Durst fingen von neuem an gewaltig zu werden; ich hsitirte noch etwas,
denn wer hsitirt nicht ein wenig, ehe er den Fu rckt, wenn der
Schritt den Kopf gilt? auch wenn er ziemlich hungrig und durstig ist.
Nach kurzer Ueberlegung lie ich den Degen liegen, ri die Kordons vom
Hute, warf Feldzeichen und Feder weg, und marschirte so entschlossenen
Muthes, da ich zum Glck nur einen blauen Ueberrock an hatte, durch das
Getmmel. Zwei Schildwachen standen am Eingange des Hauses, vier am
Thore; Niemand bemerkte mich, unter der Verwirrung. Alle Strassen lagen
voll todter Pferde, Sttel, Mntel, Monturen, Kasken und Exuvien aller
Art; die Kadaver der Gebliebenen hatte man gleich des Morgens gesammelt,
und in den verschiedenen Gegenden der Stadt in Haufen gestapelt, um sie
zu zhlen, und von da sie zu begraben, oder in die Weichsel zu werfen.
Mich ducht, in der Geschichte mehr Beispiele gelesen zu haben, da man
bei Warschau die Todten in die Weichsel warf. So philosophisch man auch
denken mag, emprt ein solches Verfahren doch immer das Menschengefhl.
Ehemals sah man es als etwas Charakteristisches der alten Barbarei an,
und jetzt kann es ein Beispiel seyn, da unser Jahrhundert sich von
derselben bei weitem noch nicht vllig losgemacht hat. Alles fand ich
auf der Strae: die Revolutionren mit noch blutigen Waffen unter
Hurrahrufen, die andern als Neugierige und nicht wenige zeigten sich, zu
ihrer eigenen Sicherheit; indem niemand sicher war, der nicht wenigstens
an der Freude uerlich Theil nahm. Pistolen und bloe Sbel waren in
Aller Hnden; und ich habe selbst Mnner wandeln gesehen, die zwei Paar
Pistolen im Grtel trugen, in der einen Hand den Sbel hatten, und am
andern Arm eine Dame fhrten. Sie knnen sich leicht vorstellen, da
meine Promenade keine der angenehmsten war; ich durchwandelte, ohne
geflissentlich viel Notiz zu nehmen, einige Gassen. Das Haus des General
Igelstrhms war ganz zerstrt, es stand nur das Gerippe davon da; in
denjenigen einiger andern Russen hatte man nicht viel glimpflicher
gehaut. Mein erster bestimmter Gang war zu dem schsischen Major Herrn
von Genitz, bei dem ich als einem Landsmanne mir die erste Nachricht
von dem Ausgange und der Lage der Sachen holen wollte, da ich selbst
weiter nichts wissen konnte, als da die Unsrigen fort waren. Der Major
kam mir mit weit grerer Angst entgegen, als ich selbst hatte, und bat
mich um Gotteswillen, nicht in sein Haus zu kommen. Dem Vater einer
Familie mute dieses Gefhl natrlich seyn; ich versicherte ihn, da ich
durchaus nicht meine Sicherheit auf Kosten der seinigen erkaufen wollte,
auch wenn man mich vor seiner Schwelle niederhauen sollte. Er konnte
oder wollte nicht viel sprechen, und schien meine augenblickliche
Entfernung zu wnschen. Auf seinen Rath sollte ich nach dem Rathhause in
der Altstadt zu dem erwhlten Prsidenten Sakreczewsky gehen, und mich
zum Arrest melden. Unwillkhrlich marschirte ich von ihm fort durch den
Schsischen Hof, um einen andern Freund, den Doktor Blauberg,
aufzusuchen, der als Arzt doch nicht mit bei der Schlchterei gewesen
seyn konnte. Hier erschien ich als ein Gespenst: denn ich sollte mit
Gewalt den vorigen Tag nicht weit von dem Hause gefallen seyn, und die
Bedienten hatten noch die Identitt meines Kadavers nach genauer
Besichtigung behauptet. Kaum wollte man mir glauben, da ich selbst das
Gegentheil versicherte. Den Doktor selbst hatte man eine halbe Stunde
vorher als den Russen anhngig abgeholt, und sein alter Schwiegervater
bat mich instndig, ihn nicht in Gefahr zu setzen. Er bot mir Sbel und
Pistolen an, damit ich unter der Maske eines Revolutionrs sicher in das
Arsenal kommen knnte. Ich liebe nie die Maske; ich dankte ihm, und
wandelte voll Verdru einige Gassen auf und ab. Der Mann meinte es gut;
er war selbst Pole, und konnte nichts anders thun, wir waren beide in
Verlegenheit. Ich kam unvermerkt wieder in den schsischen Garten, und
hielt hier, auf dem besten Spaziergange in Warschau, mit mir selbst
Kriegsrath, was ich wohl mit meinem Kopfe anfangen sollte. Alle Ausgnge
waren besetzt, die Gegend wimmelte von Truppen und wilden
Revolutionren; und vor der Stadt, sagte man mir im Hause des Doktors,
wird alles niedergehauen, was man auffngt. Noch unentschlossen was ich
thun sollte, war ich in Gedanken in die Krakauer Vorstadt gekommen, und
hier hielt das Schalinskische Regiment mit seinen Kanonen. Einige
Officiere sprachen franzsisch, und pltzlich fiel mir ein, es wre am
besten, ich bliebe hier; und sogleich war ich bei ihnen. Meine Herren,
sagte ich, ich bin ein russischer Officir, bei Ihnen kann ich
hoffentlich sicher seyn. Sie sahen mich voll Verwunderung an, und
mir selbst war es nun unbegreiflich, wie ich, da ich doch
Uniform-Unterkleider trug, und der Hut mit Knopf und Litze noch ganz
militrisch aussah, durch das wthige Gewimmel gekommen war. Meine erste
Bitte war um etwas Trinken, und sie lieen sogleich aus der nahen
Apotheke etwas Zimmetwasser holen, welches, mir mit einem Stcke
Kommibrot auf der Kanone recht kstlich schmeckte. Die Officiere waren
sehr hflich und artig, und fragten und sagten manches ber die
Begebenheit; einige davon erinnerten sich nun, mich in der Uniform
gesehen zu haben. Sogleich versammelten sich um uns her einige Dutzend
von der Populace, und fragten mit grimmigen Blicken, ob ich kein Russe
wre? da ihnen aber ein Officier sagte, ich sei ein Franzose, und sie
mich franzsisch sprechen hrten, gingen sie halb mitrauisch weiter.
Sie haben uns viel, sehr viel zu schaffen gemacht, sagte mir sodann
ein Officir, welcher deutsch sprach; unser Regiment hat 250 Mann
Verlust; aber wie konnte Ihr General die Stadt gegen unser Militr,
unsere starke Artillerie, unsere ganze bewaffnete Brgerschaft, gegen
alle unsere Vortheile, die uns Lokalkenntni gab, behaupten wollen?
Wahrlich die Idee war gigantisch. Ich sagte ihm, da man Vorflle nicht
immer vorher sehen knne, und da keiner gewinnen wrde, wenn sich der
Andere nicht verrechnete. Alle waren sehr artig; und zwei von ihnen
begleiteten mich nach dem kniglichen Schlo, wo mich Mokronowsky, der
eben dort war, auf die Hauptwache bringen lie. -- -- --

Als ich den Sonnabend Nachmittag im Schlosse anlangte, hatte man eben
vor dem Schlothore noch einige Russen niedergehauen, die die Wache
nicht retten konnte. Nun fing die Ungezhmtheit und Gesetzlosigkeit an,
ihre Krfte zu zeigen. Alles trug Waffen; und nur sehr wenige hatten
Vernunft genug, um zu sehen, was weiter geschehen wrde. Es fhrte zu
blos Ha, Wuth und Wahnsinn; und um die Grausamkeiten zu beschnigen,
erdichtete man die lcherlichsten Beschuldigungen. Leicht ist es, die
Rache des Pbels zu reizen, aber sehr schwer, sie zu besnftigen. Man
sprach von Freiheit, und Niemand hatte davon einen Begriff; alles war
zgellos, und bei der geringsten Veranlassung drohete man, alle
Gefangene ohne Unterschied zu morden. Die einstweilige Regierung wandte
zwar alles an, um wieder Ordnung herzustellen; aber folgendes Beispiel
zeigt, wie schwach das Ruder gegen den Sturm war. Bei einer kleinen
nichtswrdigen Veranlassung wurden den ersten Osterfeiertag achtzig
russische Gefangene niedergemetzelt. Ich habe die Geschichte mit den
Umstnden von einem Polen, der Augenzeuge des schndlichen Schauspiels
gewesen ist, der zuvor nichts weniger als russischer Partisan war, aber
nach und nach, durch wilde Unordnung und dergleichen Unmenschkeiten
getrieben, selbst in der grten Gefahr fast immer fr uns war. Obige
Anzahl Gefangener sollte von einem Orte zum andern gebracht werden.
Alles geht, natrlich voll Neugierde, bewaffnet vor, neben und hinter
ihnen her, um recht nach Herzenslust spotten und schimpfen zu knnen,
welches jederzeit das Vergngen des Pbels jeder Art ist. Ein kleiner
giftiger Junge, dem vermuthlich die Physiognomie eines der Gefangenen
zuwider war, oder der von ihm auf seine Spottfragen eine nicht genug
demthige Antwort erhalten hatte, schiet mit der Pistole nach ihm,
trifft aber zum Unglck einen dabei kommandirten Officir durch den Arm,
und hatte die listige Bosheit, die Pistole dem Gefangenen unter die Fe
zu werfen, und zu sagen: dieser habe sie ihm aus dem Grtel gerissen,
und nach dem Officir geschossen. Alles ward wthend, schrie Halt! und
wollte sogleich ber die Gefangenen herfallen. Die Menge wuchs, man
fhrte schon Kanonen mit Karttschen herbei, und kein Ansehen einiger
herbeigeeilten Magistratspersonen half etwas. Die Gefangenen fielen auf
die Knie, baten flehend und mit gefalteten Hnden, man mchte
untersuchen, und den Schuldigen tdten; nichts, man drohete, alle
Gefangene in allen Gefngnissen zu ermorden, wenn man ihnen nicht diese
Preis geben wollte. Die Krise war schrecklich: das Militrkommando nicht
stark genug, den bewaffneten Pbel zu zhmen; er fiel mit dem Sbel ber
die armen Elenden her, und metzelte sie mehr als schlchtermig alle
nieder. Leute, die zugegen gewesen sind, knnen das Grliche des
Anblicks nicht genug beschreiben, wie die noch zuckenden rauchenden
Glieder der Zerstmmelten in einem kleinen Raum auf der Methstrae umher
gelegen haben. Das ist Volkswuth. Gesetzt auch, welches doch selbst
Polen als nicht wahr eingestehen, da der Gefangene die Pistole im Grimm
ergriffen habe, so konnten doch nur Unmenschen deswegen so viele
Unschuldige niederhauen. Dieses war einer der kritischen Augenblicke fr
die Gefangenen; und der Major Wengersky, der durch seinen Volkston viel
Ansehen und Gewalt ber die bewaffnete Menge hatte, sagte nachher zu
uns: Kinder, dieser Sturm war gestillt; gebe Gott, da er nicht von
neuem ausbreche. Seyn Sie um Gottes Willen ruhig und vorsichtig; denn in
dieser Lage kann man fr nichts stehen. In der Schlowache waren
ohngefhr sechzehn gefangene Officiere von den Unsrigen, die meisten
verwundet, und einige sehr schwer. Hier wurden wir aus des Knigs Kche
gespeist, und man begegnete uns mit vieler Artigkeit. Nach vierzehn
Tagen wurden die Kranken in das Spital, und wir brigen in das
Kommissionshaus gebracht, wo wir mehrere unserer Kameraden vorfanden.
Hier trat die neuerwhlte Kommission ihre Funktion frmlich an, und wir
gewannen tglich mehr das Ansehen von Kriminalisten. Kaum hatten wir
Stroh zum Schlafen; zum Essen nicht Messer und Gabel; und erst nach
einigen Wochen lie man sich bedeuten, da wohl schwerlich ein Officier
ber Tische mit einer Gabel sich oder seine Wache tdten wrde. Man fing
an uns Messer und Gabel, jedoch nur bei Tische, zu erlauben, und
jedesmal standen bei dem Essen doppelte Posten mit bloem Sbel, oder
gespanntem Hahn. Bier wollte man anfangs nicht zulassen, aber an
Branntewein fehlte es nie, welches mir gewaltig inkonsequent duchte.
Bcher sollten gar nicht, und noch weniger Schreibmaterialien erlaubt
werden, so da sogar ein Arzt sein anatomisches Kompendium verstecken
mute, das er noch durch Zufall gerettet hatte. Hernach wurde man
humaner, und endlich hatte Herr Sablotzky von der Kommission sogar
selbst die Gte, mir einen betrchtlichen Vorrath Papiere zuzustellen,
weil er wute, da ich ein Poetaster war, und die Poeten sich um
politische Intriguen sehr selten bekmmern. Die zweite Krise war vor dem
Tage der Hinrichtung der Herren Ozarowsky, Ankewicz, Kossakowsky und
Sabiello. Ankewicz, gewesener Prsident des Conseil permanent, hatte,
sagt man, einen falschen Lrm veranstalten lassen, als ob die Russen und
Preuen zurckkmen, um die Stadt anzugreifen; bei dieser Gelegenheit
sollte dann seine Partei die Gefangenen befreien und so vereinigt
versuchen, ob fr ihn und sie nicht Rettung mglich wre. Alles strmte
nach dem Arsenale; es wurden Kanonen vorgefahren, es fielen hin und
wieder Schsse, und kein Gefangener durfte es wagen, sich am Fenster zu
zeigen, so drohete man abzudrcken. Man fand den Lrm bald falsch; aber
alles war deswegen in der entsetzlichsten Ghrung. Dieses war ein
Donnerstag; den Freitag wurden schnell die Dekrete fr die Obenbenannten
abgefat, und sie wurden hingerichtet. Noch immer droheten unvernnftige
und wahnsinnige Schwrmer den Gefangenen den Untergang, und die Strenge
gegen sie lie nicht nach. Man erlaubte kein Licht und keine Bcher,
aber wohl Brantewein und Karten; eine Maregel, die mir ganz abderitisch
vorkam; denn wirklich waren unter einer Menge junger Leute, die auch
nicht alle die feinste Bildung hatten, ber dem Spiele Rausch und
heftiger lrmender Zank nicht selten. Einige Tage nachher hatten einige
Officiere von Distinktion fr mich die Erlaubni erhalten, da ich in
den sogenannten Brhlschen Palast gebracht wurde, wo ehemals Repnin und
Stakelberg gewohnt hatten, und wo alle Ausgezeichnete unter den
Russischen Gefangenen und das ganze ^Corps diplomatique^ saen. Alle
waren bis auf das letzte Hemde ausgeplndert; eine Methode, die sich
doch wahrlich nicht mit der gepriesenen Menschlichkeit der Revolutionre
vertrug! Noch einige Monate nach der Periode machte der Graf Moschinsky
dem General Suchteln ein Geschenk mit einem Hute, weil er bestndig
hatte mssen mit bloem Kopfe gehen. Man erlaubte selbst keinem
Officiere, das Geld zu empfangen, das ihm von seinen Verwandten von
auen her zur Erleichterung ihres Zustandes zugeschickt wurde, sondern
zhlte es ihnen nach und nach in Dukaten zu, da sie sich kaum einzelne
Kleidungsstcke machen lassen konnten. Dieses ist zu entschuldigen, da
die traurigen Verhltnisse es nothwendig machten; da man aber die
Officiere wie Missethter auf der Erde liegen lie, da man ihnen nicht
einmal eine breterne Bettstelle, lange Zeit nicht einmal einen groben
Strohsack, und nur hchst wenig erbrmliches Stroh zum Lager gab, ist
wohl unter gesitteten Vlkern ohne Beispiel. Man lie uns nicht in die
Stadt gehen aus Besorgni vor der Wuth des Pbels, und da die
Besorgnisse nicht ungegrndet waren, beweist der frchterliche Aufstand,
in welchem der Frst-Bischof Massalsky, der Frst Czetwertinsky, der
Geheimerath Boskamp, der Kriminalgerichtsassessor Wulfers und mehre
andere ihre Opfer wurden. Zwar mu ich selbst hier der Populace die
Gerechtigkeit widerfahren lassen, da sie, als sie die Thore mit Gewalt
gesprengt hatten, gegen die Kriegsgefangenen nicht das Geringste weder
sprachen noch thaten, sondern einigen Erschrockenen und Weibern vielmehr
Muth einredeten, und, wie sie sagten, nur die Verrther, ihre
Landsleute, zum Galgen schleppen wollten. Allein wer kann einer
wthenden Menge trauen? Nur ein Funke ist genug, ein ganz neues Feuer
anzublasen.

Der Feind rckte heran; die polnischen Truppen unter Kosciusko waren
auf ihrer Retirade nicht weit mehr von Warschau. Die Gefngnisse waren
voll Staatsgefangener, welches eine starke Wache forderte. Der Dienst in
den Schanzen war natrlich sehr strenge und lstig; die Arbeit
beschwerlich. Sogleich machen einige Hitzkpfe das Projekt, die
gefangenen Polen, die alle den Tod verdient htten, oder doch die
Vornehmsten de facto hinrichten zu lassen. Man richtete des Nachts an
zwlf verschiedenen Orten Galgen auf und auch vor dem Thore des
Brhlschen Palastes ward unter einer Menge Fackeln und dem lautesten
Vivatrufen so ein Instrument des Volksgerichts aufgepflanzt. Die
Kommission lie mit Anbruch des Tages manche niederreien, und auch den
vor unserer Pforte; aber kaum erfuhr es die erbitterte Menge, so kam sie
mit groer Verstrkung unter den Waffen, und richtete ihn unter dem
grlichsten Lrm wieder auf. Einige Delinquenten hatten wirklich
Sentenz, und sollten diesen Tag gehangen werden; aber man strmte alle
Gefngnisse und fhrte mit Gewalt heraus, wen man bestimmt hatte. Der
Frst Bischof wurde unter unserm Fenster dicht an dem Thore in
Pontifikalibus gehangen, die brigen schleppte man an verschiedene Orte,
und oft von einem Galgen zum andern, wenn der eine schon besetzt war.
Verschiedene von den polnischen Officieren, die bei diesem Tumulte
Ordnung schaffen wollten, wurden verwundet. Die Krise lie das
Schlimmste befrchten. Zum Glck rckte Kosciusko nach dem Verlust des
Treffens bei Cezechoczin mit der Armee immer nher nach der Stadt, und
schickte sogleich einige tausend Mann Kavallerie herein, welche die
Ordnung wieder herstellen half. Auf den offenen Pltzen wurden Piquets
mit Kanonen aufgestellt, und gegen die Ruhestrer mit Strenge verfahren;
so da einige Tage nachher einige Tausend mige Taugenichtse als
Rekruten zur Armee geschickt wurden.

Die Belagerung der Stadt von den Preuen fing an; und whrend der
ganzen Zeit war die Stadt selbst in der grten Ruhe. Man begegnete nun
den Gefangenen, so viel als man in der Lage erwarten konnte, mit Achtung
und Anstand, ob man gleich natrlich von der Strenge nichts nachlassen
konnte. -- --

Die Preuen hatten Warschau zwar belagert, aber nicht genommen. Suwarow
verstand das Ding besser, erschien, nahm, zog siegend in die Stadt ein
und befreite die russischen Gefangenen.

Seume's Freunde in Leipzig hielten ihn als ein Opfer der revolutionren
Wuth fr verloren; aber wie wurden sie berrascht, und nicht wenig
erfreut, als er gerettet und wohlbehalten wieder vor ihnen stand! Er kam
auf Befehl der russischen Kaiserin nach Sachsen, als Begleiter und
Beistand des jungen Majors Muromzow, Sohn des Obersten, der bei
Katharina viel gegolten hatte, und auf dem Schlachtfelde schwer
verwundet liegend in polnische Gefangenschaft gerathen war. Der
Jngling, welcher durch die Brust geschossen war, suchte Heilung und
wurde durch den vortrefflichen Eckhold in Leipzig vllig hergestellt.
Diese Sendung war ehrenvoll fr Seume, und er konnte nun mit Sicherheit
darauf rechnen, im russischen Dienst bald einen bedeutenden Posten zu
erhalten, als am 27sten November 1796 der Tod die groe Monarchin von
der Erde wegnahm und Seume's schne Hoffnungen auf einmal wieder
vernichtete. In einer gehaltvollen Schrift: Ueber das Leben und den
Charakter der Kaiserin von Ruland Katharina II., die im Anfange des
Jahres 1797 in Leipzig erschien, hat Seume den Charakter und die Thaten
seiner Gnnerin kurz, unparteiisch, wrdig und meisterhaft geschildert.
Wer ihn fr einen unruhigen, mit den Maregeln aller monarchischen
Regierung unzufriedenen Menschen gehalten hat, der wird nach Lesung
jener Schrift eine andere Meinung von ihm bekommen, und die Grnde wie
den Zusammenhang seiner politischen Meinungen erst recht beurtheilen
knnen.

Paul I. bestieg nun den russischen Thron. Seine Maximen und Beschlsse
haben Vielen wehe gethan, auch Seume litt darunter. Alle russische
Officiere im Auslande wurden strenge zurck berufen, und die nicht
gleich kamen, wurden auf der Liste ausgestrichen. Seume war auf Befehl
Katharinens in Leipzig; sein Geschft war ohne seine Schuld noch nicht
vollendet; denn Eckholds Kunst und die Heilung der Natur richtete sich
nicht nach einem kaiserlichen Ukas; demohngeachtet strich man auch ihn
aus. Aber Seume war nicht weniger ein harter Kopf als Paul I. Er schrieb
und protestirte so lange und so nachdrcklich, bis man ihn einen
ehrenvollen Abschied sandte, und zugleich die Erlaubni ertheilte,
wieder zum Dienst zurckkommen zu knnen. Auf diese Erlaubni leistete
aber der Lieutenant Verzicht, wohl einsehend, da seine Art und Weise
mit Pauls I. Art und Weise gar nicht vertrglich war, und blieb frei und
unabhngig in Sachsen. Der Charakter des Kaisers ist bertrieben
getadelt; Seume hat ihn in mancher Rcksicht gerechtfertigt und
richtiger beurtheilt in einer Schrift, die unter dem Titel: Zwei Briefe
ber die neuesten Vernderungen in Ruland, 1797 herausgekommen ist,
und manche noch jetzt interessante Nachrichten ber die Organisation und
die treffliche Kleidung des russischen Militrs enthalten, wodurch man
geneigt werden kann zu glauben, da andere Nationen manches davon
nachgeahmt haben. Er lebte jetzt wieder in Leipzig von der
Schulmeisterei -- wie er zu sagen pflegt -- von dem Unterricht im
Englischen und Franzsischen. Seine Leiden und Freuden waren die
nmlichen, welche berhaupt dem Menschen zu Theil werden, wenn er ein
stark fhlendes Herz und einen gebildeten Geist, wenn er eine Bildung
hat, die kein Geprge fremder Gewalt ist, sondern aus dem eignen Geiste
durch die von Gott mitgetheilte Kunst entstand.

Ich wrde gesagt haben, er habe von jetzt an das Privatleben erwhlt,
wenn man also ein Leben nennen knnte, welches angewendet wird, fr das
Beste der ganzen Menschheit zu wirken. Er suchte keine Militrstelle,
weil nach seiner Meinung das deutsche Militr nicht fr das stritt, was
er fr das Beste hielt, und weil er auswrtigen Kriegern nicht helfen
wollte, Deutschland einst, wie er voraussah, den Folgen des Krieges
auszusetzen. Er suchte kein Amt -- in einem Amte durfte er das nicht
ffentlich sagen, was er mndlich und schriftlich sagen wollte -- und er
brauchte kein Amt; denn der Unterhalt fr ihn, der so wenig bedurfte,
war leicht zu gewinnen, und an Erheiterung konnte es ihm nicht fehlen,
weil ihm jedes gute Haus, jedes edle Herz offen stand, und er den
feinsten Sinn fr wahre Geselligkeit hatte.

Der Buchhndler Gschen, welcher damals einige schne Ausgaben deutscher
klassischer Schriftsteller druckte, bat Seume zu ihm nach Grimma zu
kommen, und die Revision der Handschriften des Drucks zu bernehmen. Er
nahm die Einladung an, arbeitete mit Liebe und Treue, und lebte hier in
der reizenden Natur, in den Bergen und Schluchten, an den lieblichen
Ufern der Mulde. Im Jahre 1780 gab er bei einem andern Buchhndler seine
Gedichte heraus. Sein Umgang waren einige gebildete Familien jener
Gegend, und einige Jnglinge, welche er durch Lehren und Beispiele
bildete, zur Entbehrung und Ertragung gewhnte. War der Winterabend
recht unangenehm, so stand er bei anbrechender Nacht von seiner Arbeit
auf, ging noch zu diesem oder jenem Freunde auf dem Lande, und gebot dem
Zgling, in einer Stunde ganz allein nachzukommen. Hatten sie dann
wieder ausgeruhet, so wandelten sie in dicker Finsterni durch
Schneegestber und Sturm, durch Hgel, Berge und Hohlwege nach Grimma
zurck. Es wurde auch wohl zu Mittage beim allerschlechtesten Wetter des
Monats December ein Spaziergang von sechs tchtigen Stunden nach Leipzig
beschlossen, um dort in das Schauspiel zu gehen, welches um sechs Uhr
Abends anfngt. War das Stck geendigt und eine warme Suppe gegessen, so
ging die Reise unaufhaltsam gleich zurck, und der Mentor und sein
Zgling kamen bald nach Mitternacht wieder in ihrer Wohnung an. Nicht
allein die Hrte des Winters, sondern auch die Hitze und die Gefahr des
Sommers sollte die Jugend ertragen lernen. Ein Freund lebte allein auf
dem Lande und litt viel von dem Einflu der Gewitter auf seinen Krper.
In einer schrecklichen Mitternacht flogen Blitze auf Blitze vom Himmel
und ein Donnerschlag unterbrach den andern; da dachte Seume an seinen
Freund, machte sich stracks mit seinem Zgling auf, und erschien bei dem
Leidenden als ein freundlicher Engel in der gefhrlichen Nacht. Einer
dieser Zglinge, welcher jetzt in Wien ein geschickter Tonknstler ist,
hatte eine sehr zarte weichliche Natur; demohngeachtet wurde diese
vermittelst jener Uebungen so gestrkt, da er den letzten Feldzug der
Oesterreicher gegen die Franzosen, ohne sich zu schonen, tapfer
mitgemacht und die grten Fatiguen glcklich ausgehalten hat. Die
Jnglinge wurden durch diese strenge Erziehungsart zwar hart, aber nicht
rauh, stark, aber nicht wild; sie blieben in ihrem Innern sanft, und
fhig des schnen Genusses der stillen huslichen Freuden, welche auch
ihr Lehrer so gern und so innig geno. Wenn seine Freunde ein
Familienfest feierten, so durfte Seume nicht fehlen und sie haben ihn da
recht herzlich froh gesehen. Es sind noch viele Gedichte vorhanden,
worin er jenen glcklichen Stunden ein Monument gesetzt hat, die jetzt
von den Besitzern als heilige Pfnder seiner Freundschaft angesehen
werden. Eins bei dem Wiegenfeste eines kleinen Mdchens soll hier
abgedruckt werden, weil es so leicht und ungezwungen ist.

                  Fr Lottchen zu ihrem neuen Jahre.

   Der Tag
   Mag
   So schauerlich
   Novemberlich sehn,
   Er ist doch nicht traurig;
   Ist schn.
   Das Jahr
   War
   Dem feinen Geschpfchen
   Mit niedlichen Kpfchen
   Ein Blumenaltar:
   So werde
   Die Erde
   Dem lieblichen Mdchen von Jahr zu Jahr
   Nun Lottchen,
   Du drolliges Bild,
   Du bist ja so wild,
   Lauf bald nun ein drolliges Trottchen
   Kosakisch,
   So schnakisch,
   Wie kaum es der liebe Papa
   In artiger Gruppe
   Der lrmenden Truppe
   Der huslichen Polterer sah.

Seume's einfache, klare und treuherzige Sprache mit dem Landvolke bewog
Gschen, auf einem lndlichen Spaziergang, ihn aufzumuntern, ein
Sittenbuch fr den Stand zu schreiben, den er so gut kannte und den er
liebte. Er schenkte die Handschrift seinem Freunde, dem wrdigen Pastor
Schieck in Pomsen, und sie ist, nach dem Tode ihres Verfassers, unter
dem Titel: Nachla moralisch religisen Inhalts, gedruckt worden. Fr
das Honorar derselben hat ihr ehemaliger Besitzer der Gemeine des Dorfs
Gro-Steinberg eine neue Altar- und Kanzelbekleidung besorgt, zum
Andenken an den edlen Mann, welcher eines Bauern Sohn war.

Es haben sich hier und dort einige Vers- und Reimmeister, welche in der
reinen Kunstform viel geleistet zu haben glauben, mit der Frage
vernehmen lassen: ob Seume auch ein Dichter sey? Besteht das Wesentliche
der Poesie in hohen Gedanken, in tiefem Gefhl des Groen und Schnen,
in Gebilden, welche in der Seele entstehen, und welche die Seele wahr,
lebendig, ergreifend, wohlklingend und melodisch ausspricht, so ist
Seume ein Dichter, ohngeachtet er kein romantisches Gedicht gemacht hat,
sondern nur das poetische Talent zur Untersttzung jener Ideen benutzte,
fr welche er seine Nation empfnglich machen wollte. Alle seine fr das
Publikum bestimmten Gedichte sind nur Vorbungen und Vorlufer zu einem
groen Lehrgedichte: Astra, welches er nicht ausfhren konnte, weil
ihn der Tod zu frh berraschte. Durch Schillers Thalia wurde das
Gedicht an Mnchhausen allgemein bekannt. Schnorr las dasselbe und es
ri ihn so hin, da er nicht eher ruhte, bis er die Bekanntschaft des
Dichters gemacht hatte. Aus dieser Bekanntschaft von den Musen geknpft
entstand ein Bund der Freundschaft, den zu lsen die Zeit nicht
vermochte. Bei Schnorr, diesem chten Knstler, wenn, wie Lessing meint,
der Kunstsinn den Knstler macht, bei Schnorr, diesem braven Hausvater,
der eine zahlreiche Familie durch unermdeten Flei und Entsagung aller
erknstelten Bedrfnisse erhlt und trefflich erzieht, bei dem heitern,
durch und durch guten Schnorr a Seume gewhnlich des Abends sein
Butterbrod und seine Kartoffeln, trank Wasser, wiegte die Kleinen eins
nach dem andern auf seinem Schoo, und lebte und webte hier in der
Kunst, und in der wahren lieblichen Natur.

Seume hatte Empfnglichkeit fr die Reize des schnen Geschlechts: er
war mehrere Mal wirklich verliebt mit der ganzen Strke und Heftigkeit
seines Gemths. Ich wrde dieses als etwas ganz Gewhnliches, das den
mehrsten Geschpfen zu begegnen pflegt, gar nicht erwhnen, noch weniger
bemerken, da er, wie alle therische und krftige Menschen, den Kopf
dabei ein wenig verloren habe, wenn es nicht auffallend gewesen wre,
da die beiden letzten Gegenstnde seiner Liebe reiche Mdchen waren. Er
suchte ihren Reichthum nicht, aber da sie reich waren, lie er sich hier
gehen, und strebte nach einer ehelichen Verbindung mit dem Gegenstand
seiner Liebe, weil, wenn er ein Opfer seiner Ueberzeugung und deren
lauter Verkndigung werden sollte, welches gar nichts Unmgliches war,
die Gattin nicht verlassen von Familie und Vermgen sein mchte. Gewi
haben mehrere Mdchen Eindruck auf ihn gemacht; aber wenn sie arm waren,
so suchte er gleich Anfangs Herr ber ein solche Liebe zu werden, und
ihrer Macht zu entgehen.

Es war berhaupt Plan in seinem Privatleben, wiewohl dieser Plan nicht
in die Augen fiel. Als Gschen ihm die Aufsicht ber seine damaligen
typographischen Unternehmungen antrug, antwortete Seume: Zwei Jahre
will ich bei Ihnen sitzen, dann mu ich mich aber wieder ein wenig
auslaufen. Ich will nach Syrakus. Mit dem letzten Tage der zwei Jahre,
im Anfange des Decembers 1801, reisete er ab, und nach neun Monaten trat
er an demselben Tage, den er als Ziel seiner Abwesenheit bestimmt hatte,
auch wieder in Gschens lndliche Htte, zum frohen Erstaunen der ganzen
Familie. Wenige Wochen vor seiner Abreise, am Geburtstage der Mutter
dieser Familie, seiner Freundin, sang er im Garten bei einer sternhellen
Nacht, verkleidet als Einsiedler, folgendes Lied:

   Der Abend giet, wie Dmmrungstraum,
   Sich friedlich durch den Apfelbaum,
   Und haucht dem Greis am Lebensziel
   Noch Jugendgeist ins Saitenspiel.

   Ich bin dem Sturm der Welt entflohn,
   Und Ruh ist meiner Seele Ton;
   Hoch wogt' ich einst von Pol zu Pol,
   Nun bin ich einsam, still und wohl.

   Ein Silberhaupt, das weise war,
   Sieht tief zurck durch manches Jahr,
   Und sieht aus der Vergangenheit
   Prophetisch den Erfolg der Zeit.

   Es weht mich von der Sternenbahn
   Jetzt himmlische Begeist'rung an:
   Hrt, Kinder, hrt mit stiller Ruh
   Dem Lied des alten Klausners zu!

      Engelharfen tnen laut
      Durch der Geister Reihn,
      Wo die Tugend Htten baut,
      Gut und froh zu seyn.
      Gott der Vater schuf die Erde,
      Da sie uns zum Himmel werde.

      Freundschaft giebt und Liebe nur
      Menschenmajestt;
      Jede Freude der Natur
      Wird durch sie erhht:
      Ohne diese mag der armen
      Traurigen sich Gott erbarmen.

      Wenn die Mutter zu dem Fest
      Ihre Kinder nimmt,
      Und die Freude jubeln lt,
      Die im Auge glimmt:
      Welche Zunge knnte sagen,
      Was beredt die Herzen schlagen!

      Schner als es gestern war,
      Schner ist es heut;
      Und so bringet jedes Jahr
      Seine Seligkeit.
      Mag die Zeit vorberflieen,
      Wisse, weise zu genieen.

      Engelharfen tnen laut
      Durch der Geister Reihn,
      Wo die Tugend Htten baut,
      Gut und froh zu seyn.
      Gott der Vater schuf die Erde,
      Da sie uns zum Himmel werde.

Whrend einer Handvoll Tage hatte er die Reise durch Oesterreich,
Italien, Sicilien, die Schweiz, von da einen Abstecher nach Paris, und
von Paris nach Sachsen zu Fue vollendet. Die Veranlassung zu dieser
Reise war keine andere, als der Wunsch, den klassischen Boden zu
durchwandeln, und in den groen Begebenheiten, in dem herrlichen Reiche
der Kunst des Alterthums, und in der schnen Natur Italiens anschaulich
zu leben. Er hat geschwelgt in diesen Genssen; aber er hat darber
nicht, wie Andere, den Geschmack des Guten und Schnen verloren, welches
die vaterlndische Erde und der Himmel unserer Heimath reichlich giebt.
Das beweiset folgendes kleine Gedicht:

                       Den 20. September 1802.

      Lieben Leute,
      Bringet heute
      Jeder seiner Gaben beste
      Zu der Freundin Jahresfeste!
      Freude bringt und frohen Sinn!
      Wo man freundlich sich begegnet,
      Seele sich durch Seele segnet,
      Wohnt des Lebens Knigin.

      Ihre Kinder
      Fliehn geschwinder,
      Doppelt froh sie zu begren
      Mit der Freude Feuerkssen,
      Heute zu der Mutter Schoo;
      Und der Mann des Herzens eilet
      Ihnen in den Arm und theilet
      Ihres Lebens schnes Loos.

      Aus den Blicken
      Strahlt Entzcken
      Und es leuchtet in der Ferne
      Mit der Hoffnung Flammensterne
      Schn und mild die Zukunft schon.
      Mgen, Freundin, Dir auf Erden
      Oft noch solche Stunden werden,
      Und die Zeit ist nicht entflohn.

   Am Aetna wchst die Frucht der Hesperiden
      Und Oel und goldner Wein;
   Allein man wohnt am Aetna nicht zufrieden
      Und kann nicht ruhig sein.

   Der Feuerberg strzt aus dem Hllenschlunde
      Oft seine Fluth herab,
   Und wlzt die Stadt mit Oel und Frucht zu Grund
      Und macht ein groes Grab.

   Am Hgel hier blhn jetzt noch schne Rosen, --
      Und wchst auch etwas Wein:
   Auch knnen wir beim Lied vertraulich kosen
      Und immer ruhig sein.

   Zwar nickt uns nicht von einem hohen Baume
      Die Ambrafeige zu,
   Doch pflcken wir vom Ast die Mohrenpflaume,
      Und essen sie in Ruh.

   Die Mandel fehlt, wir haben aber Kirschen,
      Und haben dran Gewinn;
   Und gben wir wohl unsre Purpurpfirschen
      Fr die Granate hin?

   Der Aetna ist ein hlicher Herr Vetter
      Mit seiner Feerei:
   Hier kommt wohl auch ein kleines Donnerwetter;
      Doch ist es bald vorbei.

   Drum wollen wir genieen, singen, kosen,
      Und froh sein wollen wir.
   Singt, Freunde, singt: Es leben unsre Rosen
      Auf unserm Berge hier!

Nach Vollendung dieser groen Wanderung ruhte er wieder in Leipzig aus,
und schrieb seinen Spaziergang nach Syrakus. Dieses Werk verschaffte
ihm als Schriftsteller und als Mensch eine groe Achtung bei allen Edeln
von der Newa bis an den Rhein. Jetzt, da die ffentliche Meinung fr ihn
war, tadelte er mit Khnheit alles, was er als Fehler und Mibruche in
den gesellschaftlichen Verhltnissen erkannte, und sagte ohne Schonung
der Personen das Gute und Bse einer jeden Verfassung gerade heraus. In
der Vorrede zu seiner Uebersetzung von Percivals Beschreibung des
Vorgebirges der guten Hoffnung (Leipzig 1805) macht er den Englndern
wie den andern Eroberern, ber ihr politisches Verfahren starke Vorwrfe
und sagt ihnen seine Meinung ohne Zurckhaltung. Der Verfasser, sagte
Seume, hat die Feinde seiner Nation so schlecht gemacht, als sich's mit
Ehre und einem Anschein von Wahrheit thun lie; aber dadurch wird die
Sache fr seine Landsleute nicht besser; denn wo sie die Meister
spielten und noch spielen, da geht es mit eben so wenig Migung und
Humanitt zu, als berall -- -- -- Andere wissen doch ihren Erpressungen
und Malversationen noch einen Anstrich von Wohlwollen zu geben, wodurch
sich freilich kein Sehender blenden lt. Percival sagt ohne Scheu
geradezu: wenn wir das Vorgebirge haben, beherrschen wir den Handel
Indiens, folglich den Handel der Welt, folglich -- die Folgen sind alle
klar. Das ist cht britisch. Britannia, Beherrscherin des Meeres! durch
die Wogen mache den Erdball zinsbar! -- Der jetzige politische Horizont
kommt mir vor, wie die Lage vor der Schlacht von Zama; siegt die eine
Partie, so haben wir wahrscheinlich eine Rmerei, vielleicht etwas
sanfter und glimpflicher, nach dem Geiste der Zeit, im Uebrigen aber
ganz hnlich. Wenn England im Streite nicht erliegt, ist dadurch nichts
gewonnen, als Dauer des Kampfes, wozu die andern die Krfte liefern. Die
Energie der Englnder ist nicht zu verkennen, so wenig als ihr
Freiheitssinn zu Hause; da sie sich aber durch Gerechtigkeit, Humanitt
und reines Wohlwollen vor Nationen in andern Welttheilen auszeichnen
sollten, wird ihnen Niemand glauben. -- Wo der Begriff Sklave noch im
Recht gilt, darf man durchaus nicht behaupten, da man die erste Stufe
reiner menschlicher Bildung erstiegen. Der Himmel bewahre uns auch vor
rmischer und griechischer Freiheit, wenn fr das allgemeine Heil der
Menschheit Hoffnung seyn soll. Freiheit ist durchaus nichts als
Gerechtigkeit, und diese nichts, als gleiche Befugni mit gleichen
Pflichten im Staate. Und so lange man sich ein Haar breit von dieser
Basis entfernt, so mag man Konstitutionen bauen, wie man will; es werden
blitzende Meteore seyn, aber nicht halten. Nur die Natur mit ihren
Gesetzen ist bestndig. --

Wahrscheinlich hat er auch damals seine Anmerkungen zum Plutarch in
lateinischer Sprache geschrieben, mit einer Vorrede, welche so khn war,
da sie kein Buchhndler drucken konnte und kein Censor die Erlaubni
dazu gab. Wo die Handschrift hingerathen ist, wei man nicht.

Der russische Konsul in Leipzig, Herr Hofrath Schwarz, suchte fr einen
jungen angesehenen Mann einen Begleiter bis Dorpat. Seume ergriff diese
Gelegenheit um den lngst gefaten Vorsatz auszufhren, seine Freunde
und ehemaligen Kriegsgefhrten in Petersburg zu berraschen. Diese
merkwrdige Reise durch Ruland, Finnland und Schweden hat er in dem
Werke: Mein Sommer, beschrieben, und er hat auch dieses Werk benutzt,
um das Leben seiner Seele ohne Schleier darzustellen. Die Vorrede zu
diesem Werke ist meisterhaft und gehrt in dieser Rcksicht zu dem
Besten, was die alte und neue Literatur in diesem Fache aufgestellt hat.

Die oft genug wiederholten Behauptungen Seume's waren jetzt
eingetroffen: die Franzosen wurden Beherrscher des Kontinents, und er
sah den Folgen in der Stille und Abgezogenheit zu. Er hatte einige Bogen
Papier zusammengeheftet und den Titel: Schmieralien darauf
geschrieben. Die verhngnivolle Zeit brachte gewissermaen in jedem
Menschen, nach seiner Individualitt, Schmieralien hervor, Zunder,
welchen die Begebenheiten entzndet hatten, und der bei andern bald
erlosch, dem aber Seume in seiner Seele Nahrung gab, und dann in sein
Magazin trug, welches, nach seinem Tode, unter dem Titel: Apokryphen
1811 erschien. Im Jahre 1808 erschien sein Miltiades. Dieses Werk ist
kein Spiel bestimmt gesehen zu werden, und weichen Seelen zu Thrnen zu
verhelfen; es ist ein Bild fr die Seele des Jnglings und des Mannes,
der in Flammen fr das Vaterland ausbrechen soll.

Gegen Johannis des eben genannten Jahres litt der Vielgewanderte an
einer Schwche des Fues, welche er seit den amerikanischen Feldzgen,
wiewohl ohne groe Beschwerde, schon zuweilen empfunden hatte, die aber
jetzt so gro war, da er einige Wochen das Bett hten mute. Das war
ein Vorbote der greren Leiden, die bald ber ihn ausbrachen. Am Ende
des Augusts begann eine Krankheit des Unterleibes, der Blasenkatarrh,
eine Krankheit, die mit den qualvollsten Schmerzen verknpft ist, ihm
fast allen Schlaf raubte, und, was noch grausamer fr ihn war, ihm weder
das Lesen, noch das Schreiben, ja nicht einmal das Sprechen verstattete.
Whrend dieser Pein hat er seine Trauer und seinen Trost in dem
rhrenden Gedichte: Kampf gegen Morbona ausgedrckt. Mge es Niemand
ungelesen lassen! Sein edler Freund, der treffliche Doktor Braun, that,
was er vermochte; er linderte die Schmerzen, hob die gesunkenen Krfte
immer wieder empor, und stellte ihn so weit wieder her, als es mglich
war. Mit Anfang des Jahres konnte er wieder ausgehen und seine Freunde
besuchen; jedoch blieb er immer schwach, weil der Same des Todes im
Wachsthume zwar geschwcht, aber nicht erstickt werden konnte. Die
treueste Freundschaft hat fr ihn whrend dieser Krankheit gesorgt und
ihn gepflegt. Der Kaufmann Hauner lie sich ehemals von Seume in der
englischen Sprache unterrichten, und nahm ihn hernach, um seinen Umgang
zu genieen, in seine Wohnung auf. Mehr kann kein Bruder fr den Bruder,
kein Sohn fr den Vater thun, als dieser Mann fr seinen Freund, whrend
der ganzen Krankheit, mit Delikatesse, mit Aufopferung, mit einer Art
von Eifersucht gegen die Freundschaftsbezeugungen Anderer gethan hat.

Im Frhlinge 1810 wagte Seume, ungeachtet seiner Schwche, eine Reise
nach Weimar zu seinem verehrten Freunde Wieland. Dieser, erschttert
durch die Hinflligkeit des ehemals so krftigen Mannes, und besorgt
wegen einer vielleicht hlflosen Zukunft, ging zu seiner Gnnerin, der
Erbprinzessin von Weimar, einer der seltenen Frstinnen, die alle gute
und edle Menschen liebt und von allen geliebt wird, erzhlte ihr Seume's
Geschichte und fhrte den edlen Mann selbst bei ihr ein. Sie nahm sich
desselben an, und verlangte von ihm, da er an ihren Bruder, den Kaiser
Alexander, nach Petersburg schreiben sollte. Seume schrieb nach seiner
Art wahr und wrdig. Wieland frchtete, der Ton des Briefes mchte hier
und da dem Kaiser auffallend seyn, die Grofrstin fand es nicht, nahm
den Brief und sandte ihn selbst an ihren erhabenen Bruder ab. Der gtige
Monarch bestimmte fr Seume eine Pension; aber leider bedurfte er
derselben nicht mehr, er hatte das Ende seiner irdischen Wanderschaft
und das Ende aller Sorgen erreicht.

Nach seiner Zurckkunft von Weimar fand er seine Wohlthterin und
Freundin, die Frau Elisa von der Recke, und den Dichter Tiedge, der ihn
unbeschreiblich achtete und liebte, im Begriff, nach Tplitz in das Bad
zu reisen. Er wurde dadurch zu dem Entschlusse bewogen, ihnen zu folgen
und in ihrer Gesellschaft zu versuchen, ob auch er an jener Quelle
Heilung und die Kraft seines Lebens wieder gewinnen knnte. Bei seinem
Abschiede bergab er dem ^D.^ Braun, als ein Pfand seiner Liebe, die
Handschrift des von ihm selbst niedergeschriebenen Lebens. Wir sehen aus
diesem und aus dem Gedichte Morbona, da bis jetzt die Krankheit
seinen Geist nicht berwltigt hatte. Lieen die Schmerzen nur etwas
nach, so war sein Gesprch heiter, freundlich, lehrreich und oft witzig.
Er war immer herzlich gegen die Freunde, zuweilen sanfter, als
gewhnlich, aber eben so stark und bitter, als sonst, gegen alle Feinde
der Vernunft, des Lichtes und der Humanitt.

Gegen das Ende des Monats Mai 1810 traf Seume in Tplitz ein, wo er im
goldnen Schiffe, oder der sogenannten Tpferschenke, eine Stube bezog,
welche ihm die heiterste Aussicht auf die Stadt und das Bad, von dem er
noch entscheidende Hlfe hoffte, auf ein paradiesisch grnendes Thal,
mit hohen, im Frhlingsdufte schwimmenden Bergen, aber auch auf die
Stelle seines knftigen Grabes gewhrte. Ganz nahe war er hier dem
Frstenhause, wo die Frau von der Recke und Tiedge wohnten, deren
Umgang ihn den vorhergehenden Winter so oft zu einer wahrhaft
menschenfreundlichen Heiterkeit gestimmt hatte, und ihm auch nun seine
letzten trben Stunden erhellte. Auch konnte so am leichtesten, aus der
Kche der Frau von Recke, fr seine, nach einer strengen Dit
angeordneten Speisen gesorgt werden, und dieses diente ihm zu keiner
geringen Beruhigung, da er selbst ber diese Dit, wenigstens anfangs,
sehr gewissenhaft hielt. Unterzeichneter, der ihn seit zwanzig Jahren
kannte und schtzte, hatte seine Wohnung eine Treppe hher ber ihm;
bald sammelten sich auch einige andere Freunde und Bekannte um ihn her,
und waren daher ebenfalls im Stande, durch kleinere Dienste fr ihn zu
sorgen, die Seume mit williger Dankbarkeit und anfangs unter
freundlichen Scherzen annahm. Ungeachtet Seume dieses Mal natrlich
Pferd und Wagen bei seiner Reise zu Hlfe genommen hatte, so ward es
doch bald bei Menschen aller Art in Tplitz bekannt, da der berhmte
_Fuwanderer_ angekommen sei, um hier das Bad zu gebrauchen, und seine
Ankunft sowohl, als der mgliche Erfolg seiner Kur, erregte allgemeine
Theilnahme. Er selbst wnschte diese Kur mglichst beschleunigt. Denn
die mitgebrachte, nicht unbedeutende Menge von Dukaten seiner
Baarschaft, ber welche er mit der Genauigkeit eines Financiers hufige
Revision hielt, wie auch die in seinem Taschenbuche aufgezeichneten
Reiserouten und Stdtenamen, wiesen auf einen Lieblingsplan hin, den
Rhein oder wohl gar die Schweiz zu besuchen. Leider schlugen aber bald
die Aeuerungen des wrdigen Tplitzer Brunnenarztes, ^D.^ Ambrozy, den
er wegen seines Zustandes um Rath fragte, seine und mit noch deutlichern
Ausdrcken die Hoffnungen seiner Freunde nieder. Der Gebrauch des
freilich weit wirksamern Stadtbades ward Seumen ganz untersagt, und nur
die Steinbder, in dem eine Viertelstunde Weges entfernten Dorfe
Schnau, wurden gestattet, welche _bei gnstiger Witterung_ gebraucht,
wenn auch den Grund seiner Krankheit nicht ganz heben, aber ihm doch
etwas Strke geben, wenigstens nichts schaden wrden. Die grte
Schwierigkeit lag fr Seume und seine Freunde darin, ihm ein medicinisch
zweckmiges Getrnk zu verschaffen. Das laue Trinkwasser in Tplitz ist
bekanntermaen, selbst nach seiner Erkltung ohne Kraft und kaum
trinkbar, weshalb man sich an die Biere und sterreichischen Landweine,
oder einen selbst mitgebrachten Weinkeller halten mu. Alle diese
Getrnke waren Seumen gerade, aus medicinisch bekannten Grnden, bei
seiner Krankheit verboten. Seume versuchte vom mineralischen Wasser der
benachbarten Brunnenstadt _Bilin_ zu trinken. Aber das Wasser dieses
Sauerbrunnens war ihm zu schwer, und vermehrte seine Uebel. Am Kloster
_Mariaschein_, eine Stunde von Tplitz, fliet das _Mariabrnnlein_,
eine erfrischende, mit zierlicher Kuppel berdeckte Quelle, von der ich
Seumen eine Flasche zur Probe mitbrachte. Allein auch diese Gabe der
Heiligen wollte unserm Kranken nicht zusagen, und berdem war die Quelle
zu entfernt. Seume war einmal an das Selterwasser gewhnt, welches man
aber anfangs in Tplitz vergebens suchte. Schon bemeisterte sich der
Unmuth unseres Freundes, und aus einer sehr gewhnlichen Tuschung schob
er alle Schuld seiner Schmerzen nicht auf seinen unheilbaren Zustand,
sondern auf den Mangel des Selterwassers, an das er gewhnt sei. Es ist
eine eben so bewhrte, als rhrende Erfahrung, da die Hoffnung den
Menschen selbst am Rande des Grabes nicht verlt, um ihm, wenigstens
durch ihren lieblichen Schein, die finstere Wahrheit der letzten Stunden
zu verschleiern. Auch Seume war davon ein Beispiel. Sein Muth fand sich
nicht wenig aufgerichtet, und sein Hang zur Selbststndigkeit vorzglich
geschmeichelt, als ihm selbst gelang, was keinem seiner Freunde gelungen
war, bei einem Krmer in Tplitz noch einige Flaschen Selterwasser
aufzutreiben. Aber bald sah er ein, da auch diese seine Panacee das
verlorne Gleichgewicht seiner Natur wieder herzustellen nicht mehr im
Stande war. Nichtsdestoweniger brauchte er, anfangs mit aller Vorsicht,
einige Steinbder, und sprte auch deren gute Wirkung. Ja selbst der
Gang nach Schnau und zurck, den er bei guter Witterung zu Fu, in dem
alten Reisecostm, das wir an ihm kannten, wacker unternahm, ermattete
ihn so wenig, da er gewhnlich seinen Mittag noch bei seiner Freundin
Elise zubringen, und mit ihr und Tiedge, nach alter Weise, ber die Welt
und sein Zeitalter philosophiren konnte. Zuweilen uerte er zwar hier
im Schooe vertrauter Freundschaft den in seiner Lage wohl erlaubten
Wunsch, durch den Tod bald von seinen Schmerzen befreit zu werden. Ja er
gab wohl nicht undeutlich zu verstehen, da ihn blos um der Schwachen
und Thoren willen die Pflicht des Beispiels abhielte, seinem fr sich,
und, wie er meinte, fr seine Freunde beschwerlichen Zustande ein Ende
zu machen. Indessen wechselte diese trbe Stimmung mit andern der
Lebensliebe und Lebenshoffnung wieder ab. Gewhnlich wird die viele
Sorge, welche ein Kranker an seine Heilung zu verschwenden pflegt, ein
neuer Grund der Lebensliebe. Denn wer wnschte wohl vergebens gesorgt zu
haben? Dies war auch bei Seumen der Fall, so wenig er sonst, in gesunden
Tagen selbst, das Gute des Lebens zu preisen gewohnt schien. Diese
abwechselnden Stimmungen brachten nun freilich einige Widersprche in
seinem Betragen, zuweilen ngstliche, bertriebene Folgsamkeit gegen die
ditetischen Regeln, zuweilen auch halsstarrige Unfolgsamkeit, bald
stoische Geduld, bald minder stoische Wunderlichkeit hervor, weswegen er
denn manche moralische, wohlmeinende Vorhaltung von seinen Freunden
anhren mute, die er mit seinen gewhnlichen Sarkasmen, oder mit einem
lakonischen: _Schon gut!_ hinnahm. Leider war er aber keinesweges, bei
der rauheren Witterung, die dem ersten Scheinfrhlinge folgte, dahin zu
bestimmen, das Baden ganz auszusetzen. Ja an einem mit Regen drohenden
Tage erwachte der alte militrische Geist in ihm so sehr, da er die fr
Kranke freilich mit mancherlei Beschwerlichkeit und Unkosten verknpfte,
einzige Transportanstalt verschmhte und seinen Weg zu Fu antrat,
welcher denn mit einem von mir nachgebrachten Regenschirme rckwrts
vollendet werden mute. Ich bin hierher gekommen, um zu baden, sprach
er, folglich mu ich baden und kann nicht auf die Witterung warten.
Diese traurige Konsequenz, verbunden mit der kleinen Inkonsequenz,
einmal nach dem Bade, der Einladung des gastfreien Prlaten von Ossegg
zufolge, sich umzuziehen, und, trotz aller Erinnerung, bei Tische selbst
seine ditetischen Regeln alle zu vergessen -- war entscheidend. Nur ein
paarmal sa er noch gebckt, in seinen Mantel gehllt und mit aschgrauer
Gesichtsfarbe, in dem gewohnten Kreise, und mute seinen Sitz bald mit
dem Sopha, endlich mit dem Bette vertauschen. Er konnte nun nicht mehr
aufdauern, und alles, was ihm sonst lieb gewesen war, widerstand ihm.

Gern hatte er vordem in dem Zirkel der Frau von der Recke von deren
Begleiterinnen die Lieder Elisens und Tiedgens zur Guitarre, oder
Schillers Ideale, nach Naumanns tief ins Herz dringender Composition,
zum Fortepiano singen hren, und den Sngerinnen durch manche
Herzlichkeit, ja selbst durch manche feinere Galanterie gedankt. Einst
brachte er den beiden Begleiterinnen Elisens _Eine_ Rose. -- Ich habe
nicht mehr, als die Eine Rose, sagte er zu ihnen, und ich glaube Sie
damit zu ehren, da ich Ihnen beiden nur _Eine_ gebe. Noch in Tplitz,
wo die Anwesenheit der liebenswrdigen und talentvollen Wittwe Naumanns
manche Veranlassung zu musikalischen Unterhaltungen gab, war Seume ein
aufmerksamer Zuhrer. Ja selbst in den letzten Tagen ehe er sich legte,
ward er einst durch die Stelle in einem von Elisens Liedern:

   Hinter jenen Sternen
   Hlt die Liebe Wort.

wunderbar ergriffen. Dieser Gedanke, welchen in einem sptern Liede
Schiller auf eine hnliche Weise ausdrckt, rhrte unsern, dster und in
sich gekehrt dasitzenden Seume so sehr, da er mitten unter dem Gesange
mit Thrnen in den Augen aufstand; Elisen die Hand drckte und sagte;
Elisa, das ist ein herrlicher Gedanke! Dieses war aber auch die letzte
Aeuerung unseres Freundes, die von Gefhl fr die Auenwelt und fr das
hhere Schne zeugte, wiewohl sie hinreichend seine Ueberzeugung von der
Fortdauer des edleren Daseyns in uns beurkundet. Man bot ihm an, als er
sich schon ganz in sein Krankenzimmer zurckgezogen und verschlossen
hatte, ihn wenigstens noch von ferne Musik hren zu lassen; aber er
verbat es, wie auch die Besuche selbst aller Freunde, die nicht, so zu
sagen, zu seiner medicinischen Wartung angestellt waren, aber ihm dabei
durch Handreichungen ntzlich seyn konnten. Ganz schien von nun an der
krftige Geist in sich selbst zusammen gerollt, hatte das uerliche
Wesen den krperlichen Leiden, ja selbst den wehmthigsten Aeuerungen
derselben, berlassen, und verkndete sich nur noch durch den starren,
aber durchdringenden, prfenden Blick, mit dem er die Umstehenden ansah.
Selbst auf meine mit mglichster Schonung und Vorsicht an ihn gerichtete
Frage, ob er noch einem abwesenden oder gegenwrtigen Freunde etwas zu
entdecken und aufzutragen habe, antwortete er nicht mehr verstndlich,
wiewohl er seinen Leipziger Arzt und vertrauten Freund, ^D.^ Braune, mit
Namen nannte. Den Trost einer hhern Welt, der in den herrlichsten
Sprchen der Weisen des Alterthums ausgedrckt, und in einem vor seinem
Sterbelager aufgeschlagenen Bande der Reisen des jngern Anacharsis
gesammelt, mehr seine trauernden Freunde erhob, als sein Ohr erreichte,
schien er nicht mehr zu bedrfen. Ueber Seume's religise
Ueberzeugungen, ber welche auch sein bei Gschen 1811 erschienener
_Nachla moralisch-religisen Inhalts_ befriedigenden Aufschlu giebt,
habe ich, so wie von einigen andern Zgen seines Charakters, bei
Gelegenheit einer frhern Handschrift seiner Gedichte in der _Minerva_
1812 einige Worte gesprochen. Es sei mir erlaubt, die hierher gehrige
Stelle zu wiederholen:

Freilich hatte wohl die Ansicht seines Zeitalters Seumen in den sptern
Jahren seines Lebens manches Symbol geraubt, das zu einer andern Zeit
ihm in dem letzten Kampfe seiner Natur eine heitere, minder bittere,
vershnte Stimmung htte geben knnen. Freilich sprach er wohl zuweilen
in eben dem rauhen Tone mit dem Himmel, wie mit seinen nchsten
Freunden, und glaubte vielleicht den Himmel, den er mit seinen Bitten
nicht bestrmen zu wollen erklrte, eben so dadurch zu ehren, wie seine
Freunde. Allein der Mann, der unter dem Sturme von Warschau, in einer
Stunde, wo achtzehntausend Menschen um einer politischen Maxime willen
hingeschlachtet wurden, zu Gott betete, -- betete auch zu Gott, als
einem Ewigseyenden, in seiner Todesstunde, und trat mit dem letzten
Seufzer ber das so grausende Gemlde des niedern Leben an die Schwelle
einer richtenden, aber auch vershnenden Ewigkeit. Eine Sterbenacht ist
schon an sich feierlich, und die Nacht, wo unser Freund seinen letzten
Kampf zu kmpfen begann, ward es noch mehr durch die Umgebungen, durch
das tief unter dem matt erhellten Krankenzimmer im Schatten liegende
Tplitzer Frhlingsthal, umringt und durchschnitten von grotesk
gestalteten Bergen, deren Rcken sich bis an die Fenster zog, durch das
fernher vom Begrbniplatze leuchtende, ahnungsvolle Licht einer
Kapelle, wo schon ein Leichnam bewacht wurde, der unserm Seume am
folgenden Tage weichen mute. Unmglich konnte man in solcher Stunde die
andchtigen Seufzer des sich verlassen fhlenden Sterbenden, der nur von
einem Freunde und einem jungen Feldscheer (auch einem Bewunderer des
berhmten Fuwanderers) bewacht wurde, fr blos zufllige Wirkungen des
Schmerzes, sein Aufsthnen zu dem, namentlich von ihm genannten Gotte
(wie der unglubige Lamettrie auf seinem Krankenlager selbst gesagt
haben soll) fr eine bloe _Redensart_ erklren. -- Minerva 1812. S.
290.

Ein Umstand, der weniger den Sterbenden, als seine um ihn versammelten
Freunde in den letzten Stunden beunruhigte, trug dazu bei, dem schaurig
romantischen Bilde seines Lebens eine sthetische Vollendung zu geben,
es gerade so wunderlich und flchtig schlieen zu lassen, als es
begonnen hatte, um eine poetische Weissagung unsres Diogenes zu
erfllen, die sich in der frhern Sammlung seiner unvollkommenen
Gedichte (s. Minerva am angef. Orte S. 304) befindet.

   Und weigerte man mir auch Sarg und Decke,
      Was liegt mir dran?
   Flaum oder Stein ist Eins; an welchem Flecke,
      Geht mich nichts an.

In einem Badeorte mssen die Wirthe, welche Kranke einnehmen, eigentlich
auf Todesflle gefat seyn. Indessen kann man es eines Theils doch
niemanden zumuthen, schon Sterbende einzunehmen, andern Theils einen
Kontrakt auf lngere Zeit gelten zu lassen, als man ihn eingegangen war.
Seume's Logis war weiter vermiethet, und diese sehr vortheilhafte
Vermiethung konnte durch seinen Todesfall gehindert werden. Die
Inhumanitt lag also mehr in dem wunderlichen Spiele des Schicksals, als
in den Menschen, da Seume in dem Augenblicke, da sein Engel (um einen
Seumischen, militrischen Ausdruck zu gebrauchen) _abgelst!_ rief,
juristisch genommen, eigentlich ohne Quartier war; und doch htte dieser
Umstand, wenn Seume anders in dem Zustand gewesen wre, ihn noch zu
beachten, seine Bitterkeit gegen die gesellschaftlichen Verhltnisse
gewissermaen rechtfertigen knnen. Alles war mit Seume's Bewilligung --
denn Sterbende verndern bekanntlich den Ort gern -- schon eingepackt,
um ihn hinber in seine Wohnung zu schaffen, als die Snftentrger, bei
der unerwarteten Beschleunigung seiner Auflsung, eben so wenig Lust
bezeigten, einen schon halb zur Leiche gewordenen Menschen fort zu
tragen, wie der neue Wirth, ihn aufzunehmen. Mit vieler Mhe und nur
durch die Dazwischenkunft der angesehensten Mnner von Tplitz, ja der
Polizei selbst, gelang es unseren Vorstellungen, die bisherigen
Wirthsleute zu bewegen, ihm die Sttte, wo er krank gelegen hatte, auch
zum Sterben zu lassen. Whrend man inde noch ber diesen irdischen
Wohnungswechsel stritt, -- lste Seume selbst den Knoten, brach seine
morsche Htte ab, und vertauschte die irdische Wohnung mit der
friedlichen und seligen im Schooe seines Schpfers. Dieses geschah in
den Vormittagsstunden des 13ten Juni 1810. Seine schon zusammengepackte,
fr einen vorbereilenden Wanderer nicht unbetrchtliche
Verlassenschaft, indem auer dem baaren Gelde seine Krankengarderobe
sehr gut ausgestattet war, wurde nun dem Magistrat bergeben, und
Anstalt zu seiner Beerdigung getroffen.

Hier darf nun der Edelmuth der katholischen Geistlichkeit von Tplitz
nicht ungerhmt bleiben, die manchem frhern Herkommen zuwider, jedoch
mit sichtbarer Zufriedenheit aller Einwohner, unserm, in verschiedenem
Glauben gebornen Freunde nicht nur das ehrenvollste Begrbni, ganz nach
unsern deshalb geuerten Wnschen, sondern auch auf ihrer eben so durch
die Natur, als durch die Kirche geweihten Erde eine freundliche
Ruhesttte gewhrte. Und so ward Seume's, des unruhigen Wanderers, der
ber manchen menschlichen Mibrauch im Leben geeifert hatte, Grabstein
zugleich ein schnes Denkmal friedlicher Gesinnungen zweier getrennter
Religionsparteien.

Am Morgen des 15ten Juni versammelten sich die in Tplitz anwesenden
Freunde Seume's in der Wohnung der Frau von der Recke, dem sogenannten
Frstenhause, um in Begleitung einiger anderen angesehenen Einwohner und
Badegste von Tplitz, die auch von fern den Namen des merkwrdigen
Menschen geehrt hatten, und unter Vortritt des wrdigen Geistlichen,
Seume's Reste der Erde zu bergeben. Auer der Frau von der Recke und
ihrer nchsten Umgebung, befanden sich unter der Begleitung Herr
Professor Fichte und seine Gattin, die Gattin des Herrn Hofrath Bttiger
von Dresden, die Wittwe Naumanns, Herr ^D.^ Weigel, der Seumen ebenfalls
in den letzten Stunden mit medicinischer Hlfe beigestanden hatte, und
spterhin die Besorgung seines Grabsteines bernahm, Herr Hofrath
Tittmann von Dresden, der Herr Graf Schnfeld der jngere aus Wien, der
sich Seume's bildenden Umgangs von Leipzig her dankbar erinnerte, und
andere mehr, welche die in ganz Deutschland verbreiteten Freunde des
Verstorbenen in dieser ernsten Stunde wrdig vertreten konnten. Das
Begrbnilied, das von den Schlern beim Eintritte in den kleinen,
lndlich berasten Kirchhof aus ihren Notenbchern gesungen ward, war
zuflliger Weise ganz in Seume's Sinne, und als wenn er es selber
gedichtet htte; zumal der letzte Vers, von dem ich mich erinnere, da
er den stolzen Sieger mit dem Erobererschwerte so gut wie jeden andern
Adamssohn, der dazu geboren ist, der Erde Frchte zu verzehren, und sich
-- erobern zu lassen, vor das Todtengericht und die Schaufel des
Todtengrbers lud. -- Hierauf empfing die Leiche in der kleinen Kapelle
den priesterlichen Segen als Mitgabe zu ihrer letzten Wanderung. -- Der
Sarg sank mit den Ueberresten unsers Geliebten in die schwarze,
rthselvolle Tiefe hinab, und unter dem Klange der Sterbeglocken, welche
das sichtbare Bild des Freundes hinabriefen, sprach der
Endesunterzeichnete vor dem Kreise der stilltrauernden umstehenden
Freunde folgende Worte:

Hier also, auf diesem Hgel kalter Erde, legt unser Seume seinen
Wanderstab fr immer ... nieder. Wohl Ihm, und uns, seinen Freunden, da
wir es sagen knnen von Grunde des Herzens! Nicht ziellos war seine
Reise, nicht vergebens sein wundervoll reiches Leben, so oft er diesem
Leben am Abend seiner Tage auch wohl zrnen mochte, berwltigt von
Schmerzen der Seele und ihrer irdischen Hlle! ...

Was _Seume_ war, ward er durch sich selbst. Nicht aus rohem Triebe
durchwanderte unser geliebter Wanderer von Syrakus die Erde. Er suchte
die Spuren der allwaltenden Ordnung in Schnheiten und Schrecknissen der
Natur, in den Trmmern gesunkener Vlker, in den Mordscenen seiner Zeit
... in den Gesinnungen der Menschen, seiner Brder. Ach, der rauhe Sohn
der Natur, mit gradem Blick, mit dem tiefsten, brennendsten Gefhle des
Rechts im Herzen, und dieses Herz auf der Zunge tragend, konnte seine
Menschen nur zrnend, nur murrend lieben. Dennoch liebte er sie, und die
edelsten seines Volks entgegneten dankbar seine Liebe. Itzt empfngt ein
fremdes Land, in dessen heilenden Quellen er Milderung seiner Qualen
suchte ... seine Asche, und endet diese Qualen mit ewiger Ruhe. Segnet,
Freunde, diesen heiligen Boden, der sein Grab ward! Unser Freund ward
hier nicht getuscht mit leeren Hoffnungen. Er whnte hier von Schmerzen
zu ruhen, die unheilbar waren, und fand hier das hchste Leben, das
keiner Heilung bedarf. Friede seiner Asche! Die Erde deckt die Bsen,
und die Guten drckt sie nicht. --

Dieselben Freunde, welche hierauf mit Thrnen Erde auf seinen Sarg
warfen, unterzeichneten sich mit noch mehreren theilnehmenden Menschen
zu einem kleinen Denkmal auf dem Grabe nahe an den Mauern der
schtzenden Kapelle. Unser Seume hat nun in fremder Erde, fern von den
Seinigen, einen _Stein_, schwerer, fester und in die Augen fallender,
als wohl jemals der unruhige Erdenpilger sich es htte trumen lassen.
Aber selbst der Todtengrber hat dieses Denkmal des wunderbaren,
menschenfreundlichen und menschenfeindlichen Weltbrgers lieb, und durch
eine harmonische Veranstaltung des Schicksals, besuchen und bekrnzen an
diesem von Fremden aller Vlker wimmelnden Orte, jhrlich viele
wandernde Fremdlinge das Grab desjenigen, der auf dieser Erde selbst
immer ein pilgernder Fremdling blieb.

                                                   _C. A. H. Clodius_.




                       Spaziergang nach Syrakus
                            im Jahre 1802.
                            Erster Theil.




                            Lieber Leser!


Voriges Jahr machte ich den Gang, den ich hier erzhle; und ich thue
das, weil einige Mnner von Beurtheilung glaubten, es werde vielleicht
Vielen nicht unangenehm, und Manchen sogar ntzlich seyn. Vielleicht
waren diese Mnner der Meinung, ich wrde es anders und besser machen;
darber kann ich, in der Sache, nur an meine eigene individuelle
Ueberzeugung appelliren; so gern ich auch eingestehen will, da sie hier
und da Recht haben mgen, was die Form betrifft.

Ich hoffe, Du bist mein Freund oder wirst es werden; und ist nicht das
eine und wird nicht das andere, so bin ich so eigensinnig zu glauben,
da die Schuld nicht an mir liegt. Vielleicht erfhrst Du hier wenig,
oder nichts neues. Die Vernnftigen wissen das alles lngst. Aber es
wird meistens entweder gar nicht, oder nur sehr leise gesagt: und mir
ducht, es ist doch nothwendig, da es nun nach und nach laut und fest
und deutlich gesagt werde, wenn wir nicht in Ewigkeit Milch trinken
wollen. Bei dieser Kindernahrung mchte man uns gar zu gern bestndig
erhalten. Ohne starke Speise wird aber kein Mann im Einzelnen, werden
keine Mnner im Allgemeinen: das hlt im Moralischen wie im Physischen.
Es thut mir leid, wenn ich in den Ton der Anmalichkeit gefallen seyn
sollte. Aber es ist schwer, es ist sogar ohne Verrath der Sache
unmglich, bei gewissen Gegenstnden die schne Bescheidenheit zu
halten. Ich berlasse das Gesagte der Prfung und seiner Wirkung, und
bin zufrieden, da ich das Wahre und Gute wollte.

Es ist eine sehr alte Bemerkung, da fast jeder Schriftsteller in seinen
Bchern nur sein Ich schreibt. Das kann nicht anders seyn, und soll wohl
nicht anders seyn; wenn sich nur jeder vorher in gutes Licht und reine
Stimmung setzt. Ich bin mir bewut, da ich lieber das Gute sehe und
mich darber freue, als das Bse finde und darber zrne: aber die
Freude bleibt still, und der Zorn wird laut.[3]

In Romanen hat man uns nun lange genug alte, nicht mehr gelugnete
Wahrheiten dichterisch eingekleidet, dargestellt und tausendmal
wiederholt. Ich tadle dieses nicht, es ist der Anfang: aber immer nur
Milchspeise fr Kinder. Wir sollten doch endlich auch Mnner werden, und
beginnen die Sachen ernsthaft geschichtsmig zu nehmen, ohne Vorurtheil
und Groll, ohne Leidenschaft und Selbstsucht. Oerter, Personen, Namen,
Umstnde sollten immer bei den Thatsachen als Belege seyn, damit alles
so viel als mglich aktenmig wrde. Die Geschichte ist am Ende doch
ganz allein das Magazin unsers Guten und Schlimmen.

Die Sache hat allerdings ihre Schwierigkeit. Wagt man sich an ein altes
Vorurtheil des Kultus, so ist man noch jetzt ein Gottloser; sondirt man
etwas nher ein politisches und spricht ber Malversation, so wird man
stracks unter die unruhigen Kpfe gesetzt: und beides wei man sodann
sehr leicht mit Bsewicht synonym zu machen. Wer den Stempel hat,
schlgt die Mnze. Wer fr sich noch etwas hofft und frchtet, darf die
Fhlhrner nicht aus seiner Schale hervorbringen. Man sollte nie sagen,
die Frsten oder ihre Minister sind schlecht, wie man es oft hrt und
liest; sondern hier handelt _dieser_ Frst ungerecht, widersprechend,
grausam; und hier handelt _dieser_ Minister als isolirter Plusmacher und
Volkspeiniger. Dergleichen Personalitten sind nothwendige heilsame
Wagstcke fr die Menschheit, und wenn sie von allen Regierungen als
Pasquille gebrandmarkt wrden. Das Ganze besteht nur aus Personalitten,
guten und schlechten. Die Sklaven haben Tyrannen gemacht, der Bldsinn
und der Eigennutz haben die Privilegien erschaffen, und Schwachheit und
Leidenschaft verewigen beides. Sobald die Knige den Muth haben werden
sich zur allgemeinen Gerechtigkeit zu erheben, werden sie ihre eigene
Sicherheit grnden und das Glck ihrer Vlker durch Freiheit nothwendig
machen. _Aber_ dazu gehrt mehr, als Schlachten gewinnen. Bis dahin wird
und mu es jedem rechtschaffenen Manne von Sinn und Entschlossenheit
erlaubt seyn zu glauben und zu sagen, da alter Sauerteig alter
Sauerteig sey.

Man findet es vielleicht sonderbar, da ein Mann, der zweimal gegen die
Freiheit zu Felde zog, einen solchen Ton fhrt. Die Entrthselung wre
nicht schwer. Das Schicksal hat mich gestoen. Ich bin nicht hartnckig
genug, meine eigene Meinung strmisch gegen Millionen durchsetzen zu
wollen: aber ich habe Selbststndigkeit genug, sie vor Millionen und
ihren Ersten und Letzten nicht zu verlugnen.

Einige Mnner, deren Namen die Nation mit Achtung nennt, haben mich
aufgefordert, etwas ffentlich ber mein Leben und meine successive
Bildung zu sagen: ich kann mich aber nicht dazu entschlieen. In meiner
Jugend war es der Kampf eines jungen Menschen mit seinen Umstnden und
seinen Inkonsequenzen; als ich Mann ward, waren meine Verflechtungen
zuweilen so sonderbarer Art, da ich nicht immer ihre Erinnerung mit
Vergngen zurckrufe. Wer sagt gern, ich war ein Thor, um durch ein
Beispiel einige lngst bekannte Wahrheiten vielleicht etwas
eindringlicher zu machen? Da ich als ein junger Mensch von achtzehn
Jahren, als theologischer Pflegling, von der Akademie in der Welt hinein
lief, fand man bei Untersuchung, da ich keinen Schulfreund erstochen,
kein Mdchen in den Klagestand gesetzt und keine Schulden hinterlassen,
da ich sogar die wenigen Thaler Schulden den Tag vor der Verschwindung
bezahlt hatte; und man konnte nun den Grund der Entfernung durchaus
nicht entdecken und hielt mich fr melancholisch verirrt, und lie mich
sogar in dieser Voraussetzung so schonend als mglich zur Nachsuchung in
ffentliche Bltter setzen. Da ein Student den Tag vorher ehe er
durchgeht, seine Schulden bezahlt, schien ein starker Beweis des
Wahnsinns. Ich berlasse den Philanthropen die Betrachtung ber diesen
Schlu, der eine sehr schlimme Meinung von der Sittlichkeit unserer
Jugend verrth. Dem Psychologen wird das Rthsel erklrt seyn, wenn ich
ihm sage, da die Gesinnungen, die ich seitdem hier und da und in
folgender Erzhlung geuert habe, schon damals alle lebendig in meiner
Seele lagen, als ich mit neun Thalern und dem Tacitus in der Tasche auf
und davon ging. Was sollte ein Dorfpfarrer mit diesen Ghrungen? Bei
einem Kosmopoliten knnen sie, auf einem festen Grunde von Moralitt,
wohl noch etwas Gutes wirken. Der Sturm wird bei mir nie so hoch, da er
mich von der Base, auf welcher ich als vernnftiger rechtlicher Mann
stehen mu, herunterwrfe. Meine meisten Schicksale lagen in den
Verhltnissen meines Lebens; und der letzte Gang nach Sicilien war
vielleicht der erste ganz freie Entschlu von einiger Bedeutung.

Man hat mich getadelt, da ich unstt und flchtig sei: man that mir
Unrecht. Die Umstnde trieben mich, und es hielt mich keine hhere
Pflicht. Da ich einige Jahre ber dem Druck von Klopstocks Oden und der
Messiade sa, ist wohl nicht eines Flchtlings Sache. Man wirft mir vor,
da ich kein Amt suche.[4] Zu vielen Aemtern fhle ich mich untauglich,
und es gehrt zu meinen Grundstzen, die sich nicht auf lcherlichen
Stolz grnden, da ich glaube, der Staat msse Mnner suchen fr seine
Aemter. Es ist mir also lieb, da ich Ursache habe zu denken, es mssen
in meinem Vaterlande dreiigtausend Geschicktere und Bessere seyn, als
ich. Wre ich Minister, ich wrde hchst wahrscheinlich selten einem
Manne ein Amt geben, der es suchte. Das werden Viele fr Grille halten;
ich nicht. Wenn ich Isolirter nicht strenge nach meinen Grundstzen
handeln will, wer soll es sonst?

Man hat es gemibilligt, da ich den russischen Dienst verlassen habe.
Ich kam durch Zufall hin, und durch Zufall weg. Ich bin schlecht belohnt
worden; das ist wahrscheinlich auch Zufall: und ich bin noch zu gesund
an Leib und Seele, um mir darber eine Suppe verderben zu lassen. In der
wichtigsten Periode, der Krise mit Polen, habe ich in Grodno und
Warschau die deutsche und franzsische diplomatische Korrespondenz
zwischen dem General Igelstrm, Pototzky, Mllendorf und den andern
preuischen und russischen Generalen besorgt, weil eben kein anderer
Officier im Hauptquartier war, der so viel mit der Feder arbeiten
konnte. -- Sie sind noch nicht verpflichtet, sagte Igelstrm zu mir,
als er mir den ersten Brief von Mllendorf gab. Sie haben nicht
geschworen. -- Der ehrliche Mann, antwortete ich, kennt und thut
seine Pflicht ohne Eid, und der Schurke wird dadurch nicht gehalten. --
Man hat den alten Stabsofficieren Dinge von groer Bedeutung abgenommen
und sie mir bergeben, als Mllendorf noch die Piliza zur Grenze
forderte, und als man nachher russisch die Dietienen in Polen nach ganz
eigenen Regeln ordnete und leitete.[5] Igelstrm, Friesel und ich waren
einige Zeit die Einzigen, die von dem ganzen Plane unterrichtet waren.
Ich habe gearbeitet Tag und Nacht, bis zur letzten Stunde, als der erste
Kanonenschu unter meinem Fenster fiel: und mir ducht, da ich denn
auch als Soldat meine Schuldigkeit nicht versumte, wenn ich gleich
whrend des langen Feuers karttschensicher zuweilen in einer
Mauernische neben den Grenadieren sa und in meinem Taschenhomer
bltterte. Zu den russischen Arbeiten hatte der General Dutzende; zu den
deutschen und franzsischen, die der Lage der Sachen nach nicht
unwichtig seyn konnten, niemand als mich: das wird Igelstrm selbst,
Apraxin, Pistor, Bauer und andere bezeugen. Als der Franzose Sion ankam,
waren die wichtigsten Geschfte schon gethan. Dafr wurde mir dann und
wann ein Geiger vorgezogen, der einem der Subows etwas vorgespielt
hatte. Das ist auch wohl anderwrts nicht ungewhnlich. Ich hatte das
Schicksal, gefangen zu werden. Der General Igelstrm schickt mich nach
Beendigung der ganzen Geschichte mit einem schwer verwundeten jungen
Manne, der mein Freund und dessen Vater der seinige war, nach Italien,
damit der Kranke dort die Bder in Pisa brauchen sollte. Wir konnten
nicht hin, weil die Franzosen alles besetzt hatten. Die Kaiserin starb;
ich konnte unmglich an dem Tage zurck auf meinem Posten seyn, den Paul
in seiner Ukase bestimmt hatte, und wurde aus dem Dienst geschlossen.
Man hat in Ruland wenig schne Humanitt bei dem Anblick auf das flache
Land. Schon vorher war ich bald entschlossen nicht zurckzugehen, und
ward es nun ganz. Der Kaiser gab mir auf meine sehr freimthige
Vorstellung an ihn selbst, da ich durchaus keinen Dienstfehler gemacht
hatte, endlich den frmlichen ehrenvollen Abschied, den mir der General
Pahlen zuschickte. Es ist sonst Gewohnheit in Ruland, Officieren, die
einige Dienste geleistet haben, ihren Gehalt zu lassen; ich erhielt
nichts. Das war vielleicht so Geist der Periode, und es wrde
Schwachheit von mir seyn, mich darber zu rgern. Wenn ich jetzt etwas
in Anregung bringen wollte, wrde man die Sache fr lngst antiquirt
halten und der Sinn des Resultats wird heien: Wir Lwen haben gejagt.
-- Ich will mir den Nachsatz ersparen. Wenn ich nicht einige Kenntnisse,
etwas Lebensphilosophie und viel Gengsamkeit htte, knnte ich den Rock
des Kaisers um ein Stckchen Brot im deutschen Vaterlande umher tragen.

Ich habe mich in meinem Leben nie erniedriget um etwas zu bitten, was
ich nicht verdient hatte; und ich will auch nicht einmal immer bitten,
was ich verdiente. Es sind in der Welt viele Mittel ehrlich zu leben:
und wenn keines mehr ist, finden sich doch einige, nicht mehr zu leben.
Wer nach reiner Ueberzeugung seine Pflicht gethan hat, darf sich am
Ende, wenn ihn die Krfte verlassen, nicht schmen abzutreten. Auf
Billigung der Menschen mu man nicht rechnen. Sie errichten heute
Ehrensulen und brauchen morgen den Ostracismus fr den nmlichen Mann
und fr die nmliche That.

Wenn ich vielleicht noch vierzig Jahre gelebt habe und dann nichts mehr
zu thun finde, kann es wohl noch eine kleine Ausflucht werden, die
Winkel meines Gedchtnisses aufzustuben, und meine Geschichte zur
Epanorthose der Jngern hervor zu suchen. Jetzt will ich leben, und gut
und ruhig leben, so gut und ruhig man ohne einen Pfennig Vorrath leben
kann. Es wird gewi gehen, wie es bisher gegangen ist: denn ich habe
keine Ansprche, keine Furcht und keine Hoffnung.

Was ich hier in meiner Reiseerzhlung gebe, wirst Du, lieber Leser,
schon zu sichten wissen. Ich stehe fr Alles, was ich gesehen habe, in
so fern ich meinen Ansichten und Einsichten trauen darf: und ich habe
nichts vorgetragen, was ich nicht von ziemlich glaubwrdigen Mnnern
wiederholt gehrt htte. Wenn ich ber politische Dinge etwas freimthig
und warm gewesen bin, so glaube ich, da diese Freimthigkeit und Wrme
dem Manne ziemt, sie mag nun Einigen gefallen oder nicht. Ich bin
brigens ein so ruhiger Brger, als man vielleicht in dem ganzen
meinischen Kreise kaum einen Thorschreiber hat. Manches ist jetzt
weiter gediehen und gekommen, wie es wohl zu sehen war, ohne eben besser
geworden zu seyn. Machte ich die Ronde jetzt, ich wrde wahrscheinlich
mehr zu erzhlen haben, und Belege zu meinen vorigen Meinungen geben
knnen.

Freilich mchte ich gern ein Buch gemacht haben, das auch sthetischen
Werth zeigte; aber Charakteristik und Wahrheit wrde durch ngstliche
Glttung zu sehr leiden. Niemand kann die Sache und sich selbst besser
geben, als beide sind. Ich fhle sehr wohl, da diese Bogen keine
Lektre fr Toiletten seyn knnen. Dazu mte vieles heraus und vieles
mte anders seyn. Wenn aber hier und da ein guter, unbefangener,
rechtlicher, entschlossener Mann einige Gedanken fr sich und Andere
brauchen kann, so soll mir die Erinnerung Freude machen.

Leipzig, 1803.

                                                              _Seume._






Nach gewissenhafter Ueberlegung habe ich im Wesentlichen nichts
verndern knnen. Faktisch waren die Dinge so, wie ich sie erzhle; und
in dem Uebrigen ist meine Ueberzeugung nicht von gestern und ehegestern.
Wahrheit und Gerechtigkeit werden immer mein einziges Heiligthum seyn.
Warum sollte ich zu entstellen suchen? Zu hoffen habe ich nichts, und
frchten will ich nichts. Ueber Vortrag und Styl werden freilich wohl
die Kritiker noch manche Ausstellung zu machen haben, gegen deren
Richtigkeit ich nicht hartnckig streiten will. Aber es war mir
unmglich das Ganze mehr umzuschmelzen, und die lebendigere
Individualitt mchte auch bei dem Gu mehr verloren als gewonnen haben.
Ich lege dieses zwar nicht als ein vollstndiges Gemlde, aber doch als
einen ehrlichen Beitrag zur Charakteristik unserer Periode bei den
Zeitgenossen nieder, und bin zufrieden, wenn ich damit nur den Stempel
eines wahrheitliebenden, offenen, unbefangenen, selbststndigen,
rechtschaffenen Mannes behaupte. Gegen den Strom der Zeit kann zwar der
Einzelne nicht schwimmen: aber wer Kraft hat, hlt fest und lt sich
von demselben nicht mit fortreien. Noch gebe ich die Hoffnung nicht
auf, da einst ursprngliche Gerechtigkeit seyn werde, obgleich die
unglcklichen Versuche noch viele platonische Jahre dauern mgen. Nur
wirke Jeder mit Muth, weil sein Tag whrt.




                                          _Dresden_, den 9. Dec. 1801.


Ich schnallte in Grimma meinen Tornister, und wir gingen. Eine Karavane
guter gemthlicher Leutchen gab uns das Geleite bis ber die Berge des
Muldenthals, und Freund Gromann sprach mit Freund Schnorr sehr viel aus
dem Heiligthume ihrer Gttin, wovon ich Profaner sehr wenig verstand.
Unbemerkt suchte ich einige Minuten fr mich, setzte mich oben Sankt
Georgens groem Lindwurm gegenber und betete mein Reisegebet, da der
Himmel mir geben mchte billige, freundliche Wirthe und hfliche
Thorschreiber von Leipzig bis nach Syrakus, und zurck auf dem andern
Wege wieder in mein Land; da er mich behten mchte vor den Hnden der
monarchischen und demagogischen Vlkerbeglcker, die mit gleicher
Despotie uns schlichten Menschen ihr System in die Nase heften, wie der
Samojede seinen Thieren den Ring.

Nun sah ich zurck auf die schne Gegend, die schon Melanchthon so
lieblich fand, da er dort zu leben wnschte; und berlief in Gedanken
schnell alle glcklichen Tage, die ich in derselben genossen hatte: Mhe
und Verdru sind leicht vergessen. Dort stand Hohenstdt mit seinen
schnen Gruppen, und am Abhange zeigte sich Gschens herrliche Siedelei,
wo wir so oft gruben und pflanzten und jteten und plauderten und
ernteten und Kartoffeln aen und Pfirschen: an den Bergen lagen die
freundlichen Drfer umher, und der Flu wand sich gekrmmt durch die
Bergschluchten hinab, in denen kein Pfad und kein Eichbaum mir unbekannt
waren.

Die Sonne blickte warm wie im Frhling, und wir nahmen dankbar und mit
der heitersten Hoffnung der Rckkehr von unsern Begleitern Abschied.
Noch einmal sah ich links nach der neuen Mhle auf die grte Hhe hin,
die uns im Gartenhause zu Hohenstdt so oft zur Grnze unserer Aussicht
ber die Thler gedient hatte, und wir wandelten ruhig die Strae nach
Hubertsburg hinab. In Altmgeln empfing man uns mit patriarchalischer
Herzlichkeit, bewirthete uns mit der Freundschaft der Jugend und
schickte uns den folgenden Morgen mit einer schnen Melodie von Gthens
Liede -- Kennst du das Land? -- unter den wrmsten Wnschen weiter
nach Meien, wo wir eben so traulich willkommen waren. Wenn wir uns doch
die freundlichen Bekannten an die sdliche Kste von Sicilien hin
bestellen knnten! Die Elbe rollte majesttisch zwischen den Bergen von
Dresden hinab. Die Hhen glnzten, als ob eben die Knospen wieder
hervorbrechen wollten, und der Rauch stieg von dem Flusse an den alten
Scharfenberg hinauf. Das Wetter war den achten December so schwl, da
es unserm Gefhl sehr wohlthtig war, als wir aus der Sonne in den
Schatten des Waldes kamen.

Seit zwlf Jahren hatte ich Dresden nicht gesehen, wo ich damals von
Leipzig herauf wandelte, um einige Stellen in ^Guichards mmoires
militaires^ nachzusuchen, die ich dort nicht finden konnte. Auch in
Dresden fand ich sie nicht, weil man sie einem General in die Lausitz
geschickt hatte. Nach meiner Rckkehr traf ich den Freibeuter Quintus
Icilius bei dem Theologen Morus, und fand in demselben nichts, was in
meinen Kram getaucht htte. So macht man manchen Marsch in der Welt, wie
im Kriege, umsonst. Es wehte mich oft eine kalte, dicke, sehr
unfreundliche Luft an, wenn ich einer Residenz nahe kam; und ich kann
nicht sagen, da Dresden diemal eine Ausnahme gemacht htte, so
freundlich auch das Wetter bei Meien gewesen war. Man trifft so viele
trbselige, unglckliche, entmenschte Gesichter, da man alle fnf
Minuten auf eines stt, das ffentliche Zchtigung verdient zu haben,
oder sie eben zu geben bereit scheint: Du kannst denken, da weder
dieser noch jener Anblick wohlthut[6]. Viele scheinen auf irgend eine
Weise zum Hofe zu gehren oder die kleinen Offizianten der Kollegien zu
seyn, die an dem Stricke der Armseligkeit fortziehen, und mit Grobheit
grollend das Endchen Tau nach dem hauen, der ihrer Jmmerlichkeit zu
nahe tritt. Ungezogenheit und Impertinenz ist bekanntlich am meisten
unter dem Hofgesinde der Groen zu Hause, das sich oft dadurch fr die
Mihandlungen schadlos zu halten sucht, die es von der eben nicht feinen
Willkhr der Herren erfahren mu. Hflichkeit sollte vom Hofe kommen;
aber das Wort scheint, wie viele andere im Leben, die Antiphrase des
Sinnes zu seyn, und Hof heit oft nur ein Ort, wo man keine Hflichkeit
mehr findet, so wie Gesetz oft der Gegensatz von Gerechtigkeit ist. Wehe
dem Menschen, der zur Antichambre verdammt ist! Es ist ein groes Glck,
wenn sein Geist nicht knechtisch oder despotisch wird! und es gehrt
mehr als gewhnliche Mnnerkraft dazu, sich auf dem gehrigen
Standpunkte der Menschenwrde zu erhalten.

Eben komme ich aus dem Theater, wo man Gromanns alte Sechs Schsseln
gab. Du kennst die Gesellschaft. Sie arbeitete im Ganzen gar nicht bel.
Das Stck selbst war beschnitten worden, und ich erwartete nach der
Gewohnheit eine frmliche Kombabusirung, fand aber bei genauer
Vergleichung, da man dem Verfasser eine Menge Leerheiten und
Plattheiten ausgemerzt hatte, deren Wegschaffung Gewinn war.
Verschiedene zu grelle Zge, die bei der ersten Erscheinung vor fnf und
zwanzig Jahren es vielleicht noch nicht waren, waren gestrichen. Aber es
war auch mit der gewhnlichen Dresdener Engbrstigkeit Manches
weggelassen worden, was zu Ehre der liberalen Duldung besser geblieben
wre. Ich sehe nicht ein, warum man den Frsten in einen Knig
verwandelt hatte. Das Ganze bekam durch die eigenmchtige Krnung eine
so steife Gezwungenheit, da es bei verschiedenen Scenen sehr auffallend
war. Wenn man in Knigsstdten die Knige zu bloen Frsten machen
wollte, wrde dadurch etwas gebessert? Sind nicht beide Fehlern
unterworfen? Die Furcht war sehr unnthig; und der Charakter des
wirklich vortrefflichen Churfrsten mu eher durch solche Winkelzge
beleidiget werden. Man hat ihm in seinem ganzen Leben vielleicht nur
eine oder zwei Uebereilungen zur Last gelegt, und davon ist keine in dem
Stcke berhrt. Da man die Grobheiten der verflossenen zwanzig Jahre
wegwischt, hat moralischen und sthetischen Grund: aber ich sehe nicht
ein, warum die noch immer auffallenden Thorheiten und Gebrechen der
Adelskaste nicht mit Freimthigkeit gesagt, gergt und mit der Geiel
des Spottes zur Besserung gezchtiget werden sollen. Wenn es nicht mehr
trifft, ist es nicht mehr nthig; da es aber noch nthig ist, zeigt die
ngstliche Behutsamkeit, mit der man die Lcherlichkeit des jngsten
Kammerjunkers zu berhren vermeidet.

_Christ_, als Hofrath, sprach durchaus bestimmt und richtig, und seine
Aktion war genau, gemessen, ohne es zu scheinen. Du kennst seinen feinen
Takt. Madam _Hartwig_ spielte seine Tochter mit ihrer gewhnlichen
Theatergrazie und an einigen Stellen mit ungewhnlicher, sehr
glcklicher Kunst. Madam _Ochsenheimer_ fngt an eine ziemlich gute
Soubrette zu werden, und verspricht in der Schule ihres Mannes viel
Gutes in ihrem Fache. _Ochsenheimer_ war nicht zu seinem Vortheile in
der Rolle des Herrn von Wilsdorf. _Thering_ und _Bsenberg_ kennst Du:
beide hatten, der erste als Philipp, der zweite als Wunderlich, ein
ziemlich dankbares Feld. Thering spielte mit seiner gewhnlichen
barocken Laune und mute gefallen; aber Bsenberg that einen
beleidigenden Migriff, der ihm vielleicht nur halb zur Last gelegt
werden kann. Wunderlich wollte fr den gelieferten Wagen ^stante bene^
bezahlt seyn: und nun denke Dir Bsenbergs oberschsische Aussprache
hinzu, die so gern das Weiche hart und das Harte weich macht, und die
dazu hier sehr markirt zu seyn schien. Der halblateinische Theil des
Publikums lachte heillos, und mir kam es als eine Ungezogenheit der
ersten Gre vor. Die brigen Rollen waren leidlich besetzt. Auch
_Drewitz_ machte den Fritz nicht bel, weil er ihn schlecht machte. Aber
_Henke_ war ein Major, wie ein Stallknecht, und arbeitete oder vielmehr
pfuschte zur groen Belustigung aller Militaire, die um mich her im
Parket saen. Der Fehler war nicht sowohl sein eigen, als des
Direktoriums, das ihn zum Major gemacht hatte. ^Non omnia possumus
omnes^; er macht den Bcker Ehlers in einem Ifflandischen Stcke recht
gut.

Man hatte uns bange gemacht, wir wrden Schwierigkeiten wegen
Oesterreichischer Psse haben; aber ich mu die Humanitt der
Gesandtschaft rhmen. Herr von Bel, als Sekretr, nahm uns sehr gtig
auf und fertigte, da er unsere Wnsche bald abzureisen vernahm, mit
groer Freundlichkeit sogleich selbst aus; und in einigen Stunden
erhielten wir die Papiere, von dem Grafen Metternich unterschrieben,
durch alle kaiserliche Lnder.

Du kennst meine Saumseligkeit und Sorglosigkeit in gelehrten Dingen und
Sachen der Kunst. Was soll ich Laie im Heiligthum? Die Gallerie sah ich
nicht, weil ich dazu noch einmal htte Schuhe anziehen mssen; den
Antikensaal sah ich nicht, weil ich den Inspektor das erstemal nicht
traf; und das Uebrige nicht, weil ich zu indolent war. Du verlierst
nichts; ein Anderer wird Dir Alles besser erzhlen und beschreiben.

Herrn _Grassi_ besuchte ich, mehr in Schnorrs Gesellschaft und weil ich
ihn ehedem schon in Warschau gesehen hatte, als weil ich mich sehr
gedrngt gefhlt htte, seine Arbeiten zu sehen; und doch halte ich ihn
fr den besten Maler, den ich bis jetzt kenne. Er hat ein glhendes und
doch sehr zartes Kolorit, mit einer richtigen und interessanten
Zeichnung. Mich ducht, er hat von dem strengen Ernst der alten chten
Schule etwas nachgelassen und seine eigene blhende, unaussprechlich
reizende Grazie dafr ausgegossen. Er hat mit besserm Glcke gethan, was
Oeser in seiner letzten Manier thun wollte, durch welche er, wie die
Kritiker der Kunst sehr gut wissen, unter die Nebulisten gerieth. Beide
schmeicheln; aber Grassi schmeichelt nur dem Kenner, und Oeser
schmeichelte nur dem Liebhaber. Grassi erzhlte mir noch manches von
Warschau, wo wir beide in der groen Krise der letzten Revolution
Berhrungspunkte fanden. Er hatte durch Teppers Fall einen Verlust von
fnftausend Dukaten erlitten, und mute whrend der Belagerung bei dem
Brgercorps als Korporal zehn Mann kommandiren. Stelle Dir den sanften
Knstler auf einer Batterie mit einer Korporalschaft wilder Polen vor,
wo die kommenden Kugeln durchaus keine Weisung annahmen. Kosciusko's
Freundschaft und Kunstsinn brachten den guten Mann endlich in
Sicherheit, indem der General ihm Psse zur Entfernung von dem
schrecklichen Schauplatze auswirkte und ihm selbst hinlngliche
Begleitung gab, bis er nichts mehr zu befrchten hatte. Du kannst
denken, da unser Freund Schnorr sich mit Enthusiasmus an den Mann
anschlo; und die Herzlichkeit, mit der sich beide einander ffneten,
machte beiden Ehre.

Heute frh wurde ich durch den Donner der Kanonen geweckt und erfuhr
beim Aufstehen, da dem Hause ein Prinz geboren war. Vielleicht macht
der Herr in seinem Leben nicht wieder so viel Lrm, als bei seiner
Ankunft auf unsern Planeten. Die Frsten dieses Hauses sind zum Glck
ihrer Lnder seit mehr als einem Jahrhundert meistens Kinder des
Friedens. Dadurch werden die Verdienste gewi erhht, und ihr Muth wird
doch nicht mehr problematisch, als ob sie Schlachten gewnnen.




                                                              _Budin._


Du weit, da Schreibseligkeit eben nicht meine Erbsnde ist, und wirst
mir auch Deiner selbst wegen sehr gern verzeihen, wenn ich Dir eher zu
wenig, als zu viel erzhle. Wenn ich recht viel htte schreiben wollen,
htte ich eben so gut in meinem Polstersessel bleiben knnen. Nimm also
mit Fragmenten vorlieb, aus denen am Ende doch unser ganzes Leben
besteht. In Dresden mifiel mir noch zuletzt gar sehr, da man zur
Bequemlichkeit der Ankmmlinge und Fremden noch nicht die Straen und
Gassen an den Ecken bezeichnet hat; ein Polizeiartikel, an den man schon
vor zehn Jahren in kleinen Provinzialstdten sogar in Polen gedacht hat,
und der die Topographie auerordentlich erleichtert: und Topographie
erleichtert wieder die Geschfte.

Den letzten Nachmittag sah ich dort noch die Mengsische Sammlung der
Gypsabgsse. Schnorr wird Dir besser erzhlen, von welchem Werthe sie
ist, und Kttner hat es, meines Wissens, schon sehr gut gethan. Du
weit, da ich hier ziemlich Idiot bin und mich nicht in das Heiligthum
der Gttin wage; ob ich gleich ber manche Kunstwerke, zum Beispiel ber
die Mediceerin, meine ganz eigenen Gedanken habe, die mir wohl
schwerlich ein Antiquar mit seiner Aesthetik austreiben wird. Schon
freue ich mich auf den Augenblick, wo ich das Original in Palermo sehen
werde, wo es, wie ich denke, jetzt steht. Hier interessirten mich eine
Menge Kpfe am meisten, die ich grtentheils fr rmische hielt.
Kttners Wunsch fiel mir dabei ein, da der Churfrst diese Sammlung,
zur Wohlthat fr die Kunst, mehr kompletiren mchte. Auch ist die
Periode des Beschauens zu beschrnkt, da sie den Sommer wchentlich nur
zwei Tage und den Winter ffentlich gar nicht zu sehen ist. Einige
Verordnungen, die Kunst betreffend, sind mir barock genug vorgekommen.
Kein Knstler, zum Beispiel, darf auf der Gallerie ein Stck ganz fertig
kopiren, wie man mich versichert hat. Die zeigt eine sehr kleinliche
Eifersucht. Es wre fr die Schule in Dresden keine kleine Ehre, wenn
Kopien groer Meister von dort kmen, die man mit den Originalen
verwechseln knnte. Auch darf kein Maler lnger als die bestimmten zwei
Stunden, oben arbeiten, welches fr die Kopisten in Oel eine Zeit ist,
in welcher fast nichts gemacht werden kann. Aber das Knstlervolk mag
seinen Muthwillen auch zuweilen bis zur Ungezogenheit treiben; und es
soll vor Kurzem ein nahmhafter Maler unsers deutschen Vaterlandes seine
Pinsel auf einem der schnsten Originale abgewischt haben, um die Farben
zu versuchen. Da wrde mir Laien unwillkrlich der Knotenstock sich in
der Faust geregt haben.

Den letzten Abend sah ich noch eine Oper, die mit ziemlich vieler Pracht
gegeben wurde. Mein Gedchtni ist wie ein Sieb, aber mich ducht, es
war die Grfin von Amalfi. Die Musik ist, wenn ich nicht irre, sehr
eklektisch. Es war bei der Vorstellung kein einziger schlechter Snger
und Akteur; aber, nach meiner Meinung, auch kein einziger
vortrefflicher, so sehr man auch in Dresden dieses behauptete. Die
Schuld mag wohl mein gewesen seyn, da ich mich fast in jedem Fache eines
bessern Subjektes unwillkrlich erinnerte.

In Pirna sahen wir ein Stndchen Herrn _Siegfried_, den Du als den
Verfasser von Siama und Galmori kennest und der uns mit einigen
Bekannten an die Grenze brachte. Nun ging es in die Hhe; und so mild es
unten am Flusse gewesen war, so rauh war es oben, und in einigen Stunden
hatten wir schon Schnee. Dieser vermehrte sich bis einige Stunden hinter
Peterswalde, nahm sodann allmlig wieder ab und hrte bei Auig wieder
ganz auf.

Man hatte mir gar sonderbare Begriffe von den auffallenden Erscheinungen
der bhmischen Katholicitt gemacht. Ich habe nichts bemerkt. Im
Gegentheil mu ich sagen, es gefiel mir Alles auerordentlich wohl.
Unser Wirthshaus in Peterswalde war so gut, als man mit gehriger
Genglichkeit es sich nur immer wnschen kann. Der Zollbeamte, der den
Pa bescheinigte, war freundlich. Die Mahlzeit war nicht bel und die
Aufwrterin gar allerliebst niedlich und artig. Lache nur ber diese
Bemerkung von mir Griesgram! Man mte eine sehr verstimmte und
unsthetische Seele haben, wenn man nicht lieber ein junges, hbsches,
freundliches Gesicht she, als ein altes, hliches, murrsinniges. Das
Mdchen setzte in unserm Zimmer ihr Silbermtzchen vor einem Spiegel,
der zwischen zwei Marienbildern hing, so reizend unbefangen in Ordnung,
als ob sie sich in Ehren eine kleine Unordnung recht gern wollte
vergeben lassen. Der Ketzer Schnorr sah dem rechtglubigen Geschpf so
enthusiastisch in die Augen, als ob er sich eben zu ihr bekehren, oder
sie wenigstens zum Modell nehmen wollte. Ueberdie ist der
bhmisch-deutsche Dialekt bis Lowositz ziemlich angenehm und gurgelt die
Worte nicht halb so dick und widrig hervor, wie der gebirgische in
Sachsen.

Der Weg von Peterswalde[7] nach Auig ist rauh, aber schn; von Auig,
wo man wieder an die Elbe kommt, romantisch wild, links und rechts an
dem Flusse hohe Berge mit Schluchten, Felsenwnden und Spitzen. Hier
tnte mir die Klage ber die Undisciplin unserer schsischen Landsleute
ins Ohr, die in dem baierischen Erbfolgekriege zur Feuerung hier alle
Weinpfhle verbrannten. Sie durften nur einige hundert Schritte hher
steigen, so hatten sie ganze Wlder. Das schmerzt mich in die Seele
Anderer. Wenn die Oestreicher es eben so schlimm machen, so werden wir
dadurch nicht besser. Wann wird unsere Humanitt wenigstens diese
Schandflecken wegwischen? Bei Lowositz endigen allmlig die Berge, und
von da bis Eger hinauf und Leutmeritz hinab ist schnes, herrliches,
fruchtbares Land, das zwei Stunden hinter Budin nun ganz Ebene wird. In
Budin, einem Orte, wo allgemeine Verlassenheit zu seyn scheint, traf ich
bei dem Juden Lasar Tausig eine kleine Sammlung guter Bcher an, und
lie mir von ihm, da er Lessings Nathan einem Freunde geliehen hatte,
auf den Abend Kants Beweisgrund zur einzig mglichen Demonstration ber
das Daseyn Gottes geben.




                                                               _Prag._


Von Budin bis hierher stehen im Kalender sieben Meilen, und diese
tornisterten wir von halb acht Uhr frh bis halb sechs Uhr Abends sehr
bequem ab, und saen doch noch ber eine Stunde zu Mittage in einem
Wirthshause, wo wir bei einem Eierkuchen durchaus mitfasten und dafr
funfzig Kreuzer bezahlen muten; welches ich fr einen Eierkuchen in
Bhmen eine stattliche Handvoll Geld finde. Da war es in Peterswalde
verhltnimig billiger und besser. Der Wirth zur Rose in Budin hatte
ein gutes Haus von auen und ein schlechtes von innen. Eine Suppe von
Kaldaunen, altes drres Rindfleisch und ein zher, lederner Braten von
einer Gans, die noch eine Retterin des Kapitols gewesen seyn mochte;
noch schlechter waren die Betten: aber am schlechtesten war der Preis.
Die schlechten Sachen waren ungeheuer theuer, wovon ich schon vorher
unterrichtet war. Aber Mu ist ein Bretnagel, heit das Sprichwort.
Dieser Wirth ist der Einzige in Budin und mich ducht, schon Kttner hat
gehrig sein Lob gesungen. Uebrigens lasse ich die Qualitt der
Wirthshuser mich wenig anfechten. Das beste ist mir nicht zu gut, und
mit dem schlechtesten wei ich noch fertig zu werden. Ich denke, es ist
noch lange nicht so schlimm, als auf einem englischen Transportschiffe,
wo man uns wie die schwedischen Hringe einpkelte, oder im Zelte, oder
auf der Brandwache, wo ich einen Stein zum Kopfkissen nahm, sanft
schlief und das Donnerwetter ruhig ber mir wegziehen lie.

In der Budiner Wirthsstube war ein Quodlibet von Menschen, die einander
ihre Schicksale erzhlten und hier und da, zur Verschnerung
wahrscheinlich, etwas dazu logen. Einige streichische Soldaten,
Stallleute und ehemalige Stckknechte, die alle in der franzsischen
Gefangenschaft gewesen waren, und einige Sachsen von dem Kontingent
machten eine erbauliche Gruppe, und unterhielten die Nachbarn lang und
breit von ihren ausgestandenen Leiden. Besonders machte einer der
Soldaten eine so greuliche Beschreibung von den Lusen im Felde und in
der Gefangenschaft, da wir Andern fast die Phthiriase davon htten
bekommen mgen. Mir war es nunmehr nur eine drollige Reminiscenz meiner
ersten Seefahrt nach Amerika, wo die Englnder uns gar erbrmlich
suberlich hielten, und wo wir, vom Kapitn bis zum Trommelschlger, der
Thierchen auch eine solche Menge bekamen, da sie das Tauwerk zu
zerfressen drohten. Ein Fuhrknecht erzhlte dann unter andern toll
genug, wie er und seine Kameraden in Iglau neulich einige Soldaten, in
einem Streit wegen der Mdchen, gar furchtbar zusammengeprgelt htten.
^Where there is a quarrel, there is always a lady in the case^, dachte
ich, gilt auch bei der streichischen Bagage. Ein Soldat meinte, da die
Fuhrknechte denn doch etwas sehr Miliches und Ungebhrliches
unternommen htten, sich an den Vertheidigern des Vaterlandes zu
vergreifen; die Geschichte wrde ihnen am Ende bitter bekommen seyn. Ei
was, versetzte der Fuhrknecht, es waren ja nur Legioner. Das ist
etwas anderes, erwiederte der Soldat beruhigt, das waren also nur
Studenten und Kaufmannsjungen, die den dritten Marsch um das Butterbrot
weinten, wie die Hellerhuren; die kann man schon mit einer tchtigen
Tracht Schlge einweihen, um ihnen den Kitzel zu vertreiben.

In Prag registrirte uns eine Art von Thorschreiber gehrig ein, gab uns
Quartierzettel und schickte unsere Psse zur Visirung auf das
Polizeidirektorium. Die Herren der Polizei waren, gegen alle Gewohnheit
der Klasse in andern Lndern, die Hflichkeit selbst; den andern Morgen
war in zehn Minuten Alles abgethan, und wir hatten unsern Bescheid bis
Wien. Unsere Bekannten wunderten sich sehr ber unser Glck, da man noch
kurz vorher Fremden mit Gesandtschaftspssen viele Schwierigkeiten
gemacht hatte.

Das Theater hier ist polizeimig richtig und nicht ohne Geschmack
gebaut. Das Stck, das man gab, war schlecht, die Gesellschaft arbeitete
nicht gut, und das Ballet ging nicht viel besser, als das Stck. Der
Gegenstand des letztern, das wilde Mdchen, war von dem Komponisten sehr
gut ausgefhrt; und es war Schade, da in der Vorstellung weder
Charakter, noch Takt richtig gehalten wurde. Guardasoni ist Unternehmer
der beiden Abtheilungen des Theaters, sowohl der deutschen, als der
italienischen. Die deutsche habe ich hchst mittelmig gefunden, und
die italienische soll noch einige Grade schlechter seyn, die wir doch
sonst in Leipzig bei ihm sehr gut besetzt und wohl geordnet fanden.
Heute wurde Hamlet gegeben, und Du kannst Dir vorstellen, da ich nicht
Lust hatte, einen meiner Lieblinge gemihandelt zu sehen.

Die Bibliothek war geschlossen, weil sie in Feuersgefahr gewesen war und
man den Schaden ausbauet; und das wird lnger dauern, als ich zu warten
gesonnen bin. Der Bibliothekar, Rath _Unger_, der um Literatur und
Aufklrung viel Verdienste und gegen Fremde groe Geflligkeit hat,
wrde indessen unstreitig die Gte gehabt haben, uns die gelehrten
Schtze zu zeigen, wenn wir ihn zu Hause getroffen htten. Es ist
bekannt, wie sehr sie im dreiigjhrigen Kriege von den Schweden
geplndert wurde, die, durch Einverstndni mit ihrer Partei, sogar die
unterirdischen Gewlbe ausfindig zu machen wuten, um die versteckten
Reichthmer hervorzuziehen. Durch die Aufhebung der Klster unter Joseph
dem Zweiten hat die Bibliothek zwar wieder auerordentlich gewonnen;
aber die aufgehuften Bcher und Schriften sind eben dadurch fr die
Literatur grerer Gefahr ausgesetzt, weil sie an einem einzigen Orte
beisammen liegen. Der letzte Vorfall hat die Besorgni besttigt und
erhht. Ein Glck war es, da eben damals mehr als vierzig Menschen oben
lasen, als durch die Nachlssigkeit eines Knstlers, der ber derselben
in Feuer arbeitete, die Gluth durchbrach. So ward selbst die liberale
Benutzung des Instituts, dessen Einrichtung zu den musterhaftesten
gehrt, ihre Rettung.

Auf Grodschin war das Wetter unfreundlich und finster, und ich blickte
durch die Schneegestber nach der Gegend hinaus, wo Friedrich schlug und
Schwerin fiel. Die Kathedrale hat fr die Liebhaber der Geschichte
manches Merkwrdige. Die Begrbnisse der alten Herzoge von Bhmen
gewhren, wenn man Mue hat, eine eigene Art von Genu; und das silberne
Monument eines Erzbischofs ist vielleicht auch fr den Knstler nicht
ohne Interesse. Whrend Schnorr es betrachtete, stand ich vor den
Grbern der Kaiser Wenzel und Karls des Vierten, und fand, da die
Zeiten der goldenen Bulle doch wohl nur fr wenige Frsten golden und
fr die ganze brige Menschheit sehr bleiern waren. Schlicks, des
Ministers Grabmal, gleich hinter dem Steine des Kaisers, ist ein
verdorbener gothischer Bombast ohne Geschmack und Wrde. Eine Pyramide
in der Kirche kommt mir vor, als ob man den Blocksberg in eine
Nachtmtze stecken wollte.

Der gute Nepomuck auf der Brcke, mit seiner ehrwrdigen Gesellschaft,
gewhrt den frommen Seelen noch viel Trost. Es scheint berhaupt in
Prag, sowohl unter Katholiken, als unter Protestanten, noch eine groe
Anzahl Zeloten zu geben: nur nicht unter den hheren Stnden, die in
dieser Rcksicht die Toleranz selbst sind.

Ich freute mich, als ich hinter Lowositz in Bhmen auf die Ebenen kam,
und hoffte nun, einen betrchtlichen Grad von Wohlstand und Kultur zu
finden, da der Boden rund umher auerordentlich fruchtbar zu seyn
schien. Aber meine Erwartung wurde traurig getuscht. Die Drfer lagen
dnn, und waren arm: noch mehr, als in dem Gebirge. Man drasch in den
Herrenhfen auf vielen Tennen und die Bauernhuser waren leer und
verfallen; die Einwohner schlichen so niedergedrckt herum, als ob sie
noch an dem hrtesten Joche der Sklaverei zgen. Mich deucht, sie sind
durch Josephs wohlthtige Absichten wenig gebessert worden, und hchst
wahrscheinlich sind sie hier noch schwerer durch die Frohnen gedrckt,
als irgendwo. Wo die Sklaverei systematisch ist, machen die Stdte oft
den Anhang des groen und kleinen Adels und theilen den Raub. Das schien
hier der Fall. Alles war in Furcht, als sich die Franzosen nahten; nur
die Bauern jubelten laut und sagten, sie wrden sie mit Freuden erwarten
und alsdann schon ihre Unterdrcker bezahlen. Ob der Landmann in
Rcksicht der Franzosen Recht hatte, ist eine andere Frage: aber in
seiner Freude bei der furchtbaren Krise des Vaterlandes lag ein groer
Sinn, der wohl beherzigt zu werden verdiente, und der auch vielleicht
den Frieden mehr beschleunigt hat, als die verlornen Schlachten.

Unsere guten Freunde jagen uns hier Angst ein, da rund umher in der
Gegend Ruber und Mrder streifen. Das knnten unsere guten Freunde nun
wohl bleiben lassen; denn fort mssen wir. In Leutmeritz sollen ber
Hundert sitzen, und in Prag nicht viel weniger. Die Auflsung der
militrischen Corps ist immer von solchen Uebeln begleitet, so wie bei
uns die Einrichtungen gewhnlich sind. Ich gehe getrost vorwrts und
verlasse mich etwas auf einen guten, schwerbezwingten Knotenstock, mit
dem ich tchtig schlagen und noch einige Zoll in die Rippen nachstoen
kann. Freund Schnorr wird auch das Seinige thun; und so mssen es schon
drei gut bewaffnete, entschlossene Kerle seyn, die uns anfallen wollen.
Wir sehen nicht aus, als wenn wir viel bei uns trgen, und auch wohl
nicht, als ob wir das Wenige, das wir tragen, so leicht hergeben wrden.




                                                              _Znaym._


Wir nahmen den Segen unsrer Freunde mit uns und pilgerten von Prag aus
weiter. Wo ich nichts gesehen habe, kann ich Dir natrlicher Weise
nichts erzhlen. Nachtlager sind Nachtlager; und ob wir Schinken oder
Wurst oder beides zugleich aen, kann Dir ziemlich gleichgltig seyn.

Es war ein schner, herrlicher, frischer Morgen, als wir durch Kolin und
durch die Gegend des Schlachtfeldes gingen. Daun wute alle seine
Schlachten mit vieler Kunst zu Postengefechten zu machen, und Friedrich
erfuhr mehr als einmal das gewaltige Genie dieses Kunktators. Wre er
bei Torgau nicht verwundet worden, es wre wahrscheinlich eine zweite
Auflage von Kolin gewesen. Die Gegend von Kolin bis Czalau kam mir sehr
angenehm vor; vorzglich geben die Drfer rechts im Thale einen schnen
Anblick. Die vorletzte Anhhe von Czalau gewhrt eine herrliche
Aussicht rechts und links, vorwrts und rckwrts, ber eine fruchtbare,
mit Drfern und Stdten besete Flche. Mich ducht, es wre hier einer
der besten militrischen Posten, so leicht und richtig kann man nach
allen Gegenden hinabstreichen: und mich sollte es sehr wundern, wenn der
Fleck nicht irgendwo in der Kriegsgeschichte steht. Nicht weit von Kolin
a ich zu Mittage in einem Wirthshause an der Strae, ohne mich eben
viel um die Mahlzeit zu bekmmern. Meine Seele war in einer eigenen,
sehr gemischten Stimmung; nicht ohne einige Wehmuth, unter den
furchtbaren Scenen der Vorzeit; da tnte mir aus der Ecke des groen,
finstern Zimmers eine schwache, zitternde, einfach magische Musik zu.
Ich gestehe Dir meine Schwachheit: ein Ton kann zuweilen meine Seele
schmelzen und mich wie einen Knaben gngeln. Eine alte Bhmin sa an
einem helleren Fenster uns gegenber und trocknete sich die Augen, und
ein junges, schnes Mdchen, wahrscheinlich ihre Tochter, schien ihr mit
Mienen und Worten sanft zuzureden. Ich verstand hier und da in der
Entfernung nur Einiges aus der Aehnlichkeit mit dem Russischen, das ich,
wie Du weit, ehemals etwas zu lernen genthigt war. Die Empfindung
bricht bei mir selten hervor, wenn mich nicht die Humanitt allmchtig
hinreit. Ich helfe, wo ich kann; wenn ich es nur fter knnte. Der Ton
des alten Instruments, welches ein goldhaariger junger Kerl in dem
andern dunkeln Winkel spielte, mochte auf die Weiberseelen strker
wirken, und ihre eigenthmliche Stimmung lebendiger machen. Es war nicht
Harfe, nicht Laute, nicht Zither; man konnte mir den eigentlichen Namen
nicht nennen; am hnlichsten war es der russischen ^Balalaika^.

Mich ducht, schon Andere haben angemerkt, da die Strae von Prag nach
Wien vielleicht die befahrenste in ganz Europa ist. Uns begegneten eine
unendliche Menge Wagen mit ungarischen Weinen, Wolle und Baumwolle: aber
die Meisten brachten Mehl in die Magazine bei Czalau und weiter hin
nach der Grenze.

Die bhmischen Wirthshuser sind eben nicht als die besten in Kredit,
und wir hatten schon zwischen Dresden und Prag einmal etwas cynisch
essen, trinken und liegen mssen. Man trstete uns, da wir in
Deutschbrot ein sehr gutes Haus finden wrden; aber nie wurde eine so
gute Hoffnung so schlecht erfllt. Wir gingen in zwei, die eben keine
sonderliche Miene machten, und konnten keine Stube erhalten; die
Officiere, hie es, haben auf dem Durchmarsche Alles besetzt. Das mochte
vielleicht auch der Fall seyn, denn Alles ging von der Armee nach Hause:
dewegen die unsichern Wege. Im dritten legte ich mimuthig sogleich
meinen Tornister auf den Tisch, und quartirte mich ein, ohne ein Wort zu
sagen. Der Wirth war ein Kleckser und nannte sich einen Maler, und seine
Mutter ein Muster von einem alten, hlichen, keifischen Weibe, das
schon seit vierzig Jahren aus der sechsten Bitte in die siebente
getreten war. Es erschienen nach uns eine Menge Juden, Glashndler,
Tabuletkrmer und Kastentrger aller Art, von denen einer bis nach
Sibirien an den Jenisey zu handeln vorgab. Die Gesellschaft trank, sang
und zankte sehr hoch, ohne sich um meine Aesthetik einen Pfifferling zu
bekmmern; und zur Nacht schichtete man uns mit den Hebrern so enge auf
das Stroh, da ich auf dem britischen Transport nach Kolumbia kaum
gedrckter eingelegt war. Solche Abende und Nchte muten schon mit
eingerechnet werden, als wir den Reisesack schnallten.

In Iglau habe ich bei meinem Durchmarsche nichts gesehen, als den
groen, schnen, hellen Markt, dessen Huser aber in der Ferne sich weit
besser machen, als in der Nhe, wie fast Alles in der Welt, das ins
Prchtige fallen soll, ohne Kraft zu haben. Ziemlich in der Mitte des
Marktes steht ein herrliches Dreifaltigkeitsstck, von Leopold dem
Ersten und Joseph dem Ersten, so christglubig als mglich, aber traurig
wie die Barberei. Einige feine Artikel waren zerspalten und bekleckst,
aber die ^conceptio immaculata^ und die ^sponsa spiritus sancti^ standen
unter dem Ave Maria zum Troste der Glubigen noch fest und wohl
erhalten. Es soll bei Iglau schon ein recht guter Wein wachsen; er mu
aber nicht in Menge kommen; denn ich habe in der Gegend nicht viel
Weingrten gesehen. Eine halbe Stunde diesseits Iglau stehen an der
Grnze zwei Pyramiden nicht weit von einander, welche im Jahr 1750 unter
Maria Theresia von den bhmischen und mhrischen Stnden errichtet
worden sind. Die Inschriften sind chtes neudiplomatisches Latein und
schon ziemlich verloschen, so da man in hundert Jahren wohl schwerlich
etwas mehr davon wird lesen knnen: und doch sind sie, wie gewhnlich,
zum ewigen Gedchtni gesetzt. In Mhren scheint mir durchaus noch mehr
Liberalitt und Bonhommie zu herrschen, als in Bhmen.

Im Stdtchen Stannen mssen betrchtliche Wollmanufakturen seyn; denn
alle Fenster sind mit diesen Artikeln behangen, und man trgt sehr viel
Mtzen, Strmpfe, Handschuhe und dergleichen zu auerordentlich
niedrigen Preisen zum Verkauf herum. Ein gutes, bequemes Wirthshaus, das
erste, das wir, seitdem wir aus Prag sind, trafen, hatte den Ort gleich
etwas in Kredit bei uns gesetzt. Wenn man nicht mit Extrapost fhrt,
sondern zu Fue trotzig vor sich hinstapelt, mu man sich sehr oft
huronisch behelfen. Meine grte Furcht ist indessen vor der etwas ekeln
Einquartirung gewisser weier, schwarzbesattelter Thierchen, die in
Polen vorzglich gedeihen und auch in Italien nicht selten seyn sollen.
Uebrigens ist es mir ziemlich einerlei, ob ich mich auf Eiderdunen oder
Bohnenstroh wlze. ^Sed quam misere ista animalcula excruciare possint,
apud nautas expertus sum^; darum haben ihnen auch vermuthlich die
Griechen den verderblichen Namen gegeben.

Hier in Znaym mute ich zum erstenmal Wein trinken, weil der Gttertrank
der Germanen in Walhalla nicht mehr zu finden war. Der Wein war, das Ma
fr vier und zwanzig Kreuzer, sehr gut, wie mich Schnorr versicherte;
denn ich verstehe nichts davon, und trinke den besten Burgunder mit
Wasser, wie den schlechtesten Potsdamer. Hier mchte ich wohl wohnen, so
lieblich und freundlich ist die ganze Gegend, selbst unter dem Schnee.
An der einen Seite stt die Stadt an ziemliche Anhhen, und auf der
andern, vorzglich nach Oestreich, wird die Nachbarschaft sehr malerisch
durch die Menge von Weingrten, die alle an sanften Abhngen
hingepflanzt sind. Die beiden Klster an den beiden Enden der Stadt
sind, wie die meisten Mnchssitze, treffliche Pltze. Das eine, nach der
Oestreichischen Seite, hat Joseph der Zweite unter andern mit
eingezogen. Die Gebude derselben sind so stattlich, da man sie fr die
Wohnung keines kleinen Frsten halten sollte. Im Kriege dienten sie zu
verschiedenen Behufen; bald zum Magazin, bald zum Aufenthalte fr
Gefangene: jetzt steht Alles leer.

Die rmische Ruine, die hier zu sehen ist, steht zwei Stunden vor der
Stadt, rechts hinab in einer schnen Gegend. Da ich aber in Mhren keine
rmischen Ruinen studiren will, wandelte ich meines Weges weiter. Ein
hiesiger Domherr hat sie, wie ich hre, erklrt, auf den ich Dich mit
Deiner Neugier verweise. Wenn ich nach den vielen schnen Weinfeldern
rund in der Gegend urtheile, und nun hre, da die Ruine von einem
Domherrn erklrt worden ist, so sollte ich fast blindlings glauben, sie
msse sich auf die Dionysien bezogen haben. Der Boden mit den groen
weitlufigen Weinfeldern knnte, da er berall sehr gut zu seyn scheint,
doch wohl besser angewendet werden, als zu Weinbau. Die Armen mssen
billig eher Brot haben, als die Reichen Wein; und Aebte und Domherren
knnen in diesem Punkte weder Sinn noch Stimme haben.

Auf der Grenze von Mhren nach Oestreich habe ich kein Zeichen gefunden;
nur sind sogleich die Wege merklich schlechter als in Bhmen und Mhren,
und mit den Weingrten scheint mir entsetzlich viel guter Boden
verdorben zu seyn. Ich nehme die Sache als Philanthrop und nicht als
Trinker und Procentist. Schlechtes Pflaster, das seit langer Zeit nicht
ausgebauet seyn mu, gilt fr Chaussee.

Wie hufig gute Mnze und vorzglich Gold hier ist, davon will ich Dir
zwei Beispielchen erzhlen. Ich bezahlte gestern meine Mittagsmahlzeit
in guten Zehnern, die in Sachsen eben noch nicht sonderlich gut sind;
das sah ein Tabuletkrmer, machte mich aufmerksam, wie viel ich verlre,
und nahm hastig, da ich ihn versicherte, ich knne es nicht ndern und
achte den kleinen Verlust nicht, die guten Zehner weg, und legte dem
Wirth, der eben nicht zugegen war, neue schlechte Zwlfer dafr hin. Ein
andermal fragte ich in einem Wirthshause, wo Reinlichkeit, Wohlhabenheit
und sogar Ueberflu herrschte, und wo man uns gut bekstigt hatte, wie
hoch die Dukaten stnden? Mir fehlte kleines Geld. Der Wirth antwortete
sehr ehrlich: Das kann ich Ihnen wirklich durchaus nicht sagen; denn
ich habe seit vielen Jahren kein Gold gesehen: nichts als schlechtes
Geld und Papier; und ich will Sie nicht betrgen mit der alten Taxe.
Der Mann befand sich brigens mit schlechtem Gelde und Papier sehr wohl
und war zufrieden, ohne sich um Dukaten zu bekmmern.




                                                               _Wien._


Den zweiten Weihnachtsfeiertag kamen wir hier in Wien an, nachdem wir
die Nacht vorher in Stockerau schon cht wienerisch gegessen und
geschlafen hatten. An der Barriere wurden wir durch eine Instanz
angehalten und an die andere zur Visitation gewiesen. Ich armer Teufel
wurde hier in bester Form fr einen Hebrer angesehen, der wohl Juwelen
oder Brabanter Spitzen einpaschen knnte. Ueber die Physiognomie! Aber
man mute doch den ^casum in terminis^ gehabt haben. Mein ganzer
Tornister wurde ausgepackt, meine weie und schwarze Wsche durchwhlt,
mein Homer beguckt, mein Theokrit herumgeworfen und mein Virgil
beschaut, ob nicht vielleicht etwas franzsischer Kontrebant darin
stecke; meine Taschen wurden betastet und selbst meine Beinkleider fast
bis an das heilige Bein durchsucht: alles sehr hflich; so viel nmlich
Hflichkeit bei einem solchen Processe Statt finden kann. ^I must needs
have the face of a smuggler.^ Meine Briefe wurden mir aus dem
Taschenbuche genommen, und dazu mute ich einen goldnen Dukaten
eventuelle Strafe niederlegen, weil ich gegen ein Gesetz gesndigt
hatte, dessen Existens ich gar nicht wute und zu wissen gar nicht
gehalten bin: Du sollst kein versiegeltes Blttchen in deinem
Taschenbuche tragen. Der Henker kann so ein Gebot im Dekalogus, oder in
den Pandekten suchen. Aus besonderer Gte, und da man doch am Ende wohl
einsah, da ich weder mit Brler Kanten handelte, noch die Post
betrgen wollte, erhielt ich die Briefe nach drei Tagen wieder zurck,
ohne weitere Strafe, als da man mir fr den schnen vollwichtigen
Dukaten, nach der Kaisertaxe, von welcher kein Kaufmann in der Residenz
mehr etwas wei, neue blecherne Zwlfkreuzerstcke gab. Uebrigens ging
alles freundlich und hflich her, an der Barriere, auf der Post, und auf
der Polizei. Wider alles Vermuthen bekmmerte man sich um uns mit keiner
Sylbe weiter, als da man unsere Psse dort behielt und sagte, bei der
Abreise mchten wir sie wieder abholen. Sobald ich meine
Empfehlungsbriefe von der Post wieder erhalten hatte, wandelte ich herum
sie zu berliefern und meine Personalitt vorzustellen. Die Herren waren
alle sehr freundschaftlich, und honorirten die Zettelchen mit wahrer
Theilnahme. Ich knnte Dir hier mehrere brave Mnner unserer Nation
nennen, denen ich nicht unwillkommen war, und die ich hier zum ersten
Male sah; aber Du bist mit ihrem Werth und ihrer Humanitt schon mehr
bekannt als ich.

Gestern war ich bei Fger und hatte eine schne Stunde wahren
Genusses.[8] Der Mann hat mich mit seinen Gesinnungen und seiner
Handelsweise sehr interessirt. Er hatte eben Geschfte, und ich konnte
daher seine offene Ungezwungenheit desto besser bemerken: denn er
besorgte sie so leicht, als ob er allein gewesen wre, ohne uns dabei zu
vernachlssigen. Wer in den Zimmern eines solchen Mannes lange Weile
hat, fr den ist keine Rettung. Er hat eben so einen Achilles bei dem
Leichname des Patroklus vollendet, der auch nun gezeichnet und in Kupfer
gestochen werden soll. Ich hatte die Stelle nur noch einige Tage vorher
in meinem Homer gelesen; Du kannst also denken, mit welcher Begierde ich
an dem Stcke hing. Es ist ein bezauberndes Bild. Der junge Held in
Lebensgre bei dem Todten, der bis an die Brust neben ihm sichtbar ist,
scheint sich so eben von seinem tiefsten Schmerz zu erholen und Rache zu
beschlieen. Die Figur ist ganz nackt, und scheint mir ein Meisterstck
der Zeichnung und Frbung; aber der Kopf ist gttlich. Du weit, ich bin
nicht Enthusiast; aber ich konnte mich kaum im Anschauen sttigen. Wenn
meine Stimme etwas gelten knnte, wrde ich mit der himmlisch
jugendlichen Schnheit des Gesichts nicht ganz zufrieden seyn. Der Held,
der hier vorgestellt werden sollte, ist nicht mehr der Jngling, den
Ulysses unter den Tchtern Lykomeds hervorsuchte; es ist der Pelide, der
schon gefochten und gezrnt hat, der schon das Schrecken der Trojaner
war. Um dieses zu seyn, scheint mir der Kopf noch zu viel aus dem
Gynceum zu haben. Mich ducht, der _Mann_ sollte schon etwas
vollendeter seyn: die Periode ist selbst nur sehr kurze Zeit vor seinem
eigenen Tode. Ich bescheide mich gern, und berlasse dieses den
Eingeweihten der Kunst. Ein Sklave steht hinter ihm, auf dessen Gesichte
man Erstaunen und Furcht liest.

Mehr als alles war mir wichtig sein Zimmer der Messiade. Hier hngt fast
zu jedem Gesange eine Meisterzeichnung, an der sein Geist mit Liebe und
Eifer gearbeitet hat. Er sagte mir, da er vor Angst einige Wochen nicht
zum Entschlusse habe kommen knnen, was er mit dem Gedicht anfangen
solle, bis auf einmal die ganze Reihe der Scenen sich ihm dargestellt
habe. Es sind zwanzig, und nur von vieren hat Gschen die Kupfer zu
seiner schnen Ausgabe erhalten. Es wre werth, da Gschen mit seinem
gewhnlichen Enthusiasmus fr Wahrheit und Schnheit in der Kunst mit
wackern Knstlern sich entschlsse, sie dem Publikum alle mitzutheilen:
aber die Unternehmung wrde keinen kleinen Aufwand erfordern, wenn Fger
auf keine Weise leiden sollte. Figuren und Gruppen sind vortrefflich,
die apostolischen Gesichter bezaubernd, und Judas mit dem Satan grlich
charakteristisch, ohne Karikatur. Vorzglich hat mich das Blatt gerhrt,
wo der Apostel nach dem Tode des geliebten Lehrers den Weibern die
Dornenkrone bringt. Die Stelle ist ein Meisterwerk des Pathos im
Gedicht; das hat der Knstler gefhlt und sein Gefhl mit voller Seele
der Gruppe eingehaucht. Der Eifer des Kaifas ist ein Feuerstrom und der
Hauptmann der Rmer gleicht einem, der in seinem Schrecken es noch
zeigt, da er zu dem alten Kapitol gehrt. Porcia ist ein gttliches
Weib. Am wenigsten hat mich das erste und letzte Blatt befriedigen
wollen, weil ich mich mit der Personificirung der Gottheit nicht
vertragen kann. Man nehme das Ideal noch so hoch, es kommt immer nur ein
Jupiter Olympius: und diesen will ich nicht haben; es ist mir nicht
genug. Christus ist das erhabenste Ideal der christlichen Kunst. Er ist
selbst nach der orthodoxesten Lehre noch unser Bruder. Bis zu ihm kann
sich unsere Sinnlichkeit erheben, aber weiter nicht. Unsere Apostel und
Heiligen sind die Gtter und Heroen des alten Mythus. Bis zu Platos
einzig wirklichem Wesen hat sich auch kein griechischer Knstler
emporgewagt. Der olympische Jupiter ist der homerische. Ich wnschte
Klopstock und Wieland nur eine Stunde hier in diesem Zimmer: sie wrden
Lohn fr ihre Arbeit finden, und Fger fr die seinige.

Ich mu Dir noch ber zwei Stcke von Fger etwas sagen, die ich in den
Zimmern des Grafen Fries antraf und die Du vielleicht noch nicht kennst.
Der Graf erinnerte sich meiner mit Gte von der Akademie her, und seine
Freundlichkeit und Geflligkeit gegen Fremde, so wie sein Enthusiasmus
fr Kunst und Wissenschaft, in denen er seinen besten Genu hat, sind
allgemein bekannt. Die beiden Gemlde sind ziemlich neu; denn das erste
ist nur zwei Jahre alt und das zweite noch jnger. Das erste ist Brutus
der Alte, wie er seine Shne verdammt; und der Moment ist das
furchtbare: ^Expedi secures!^ Man mu das Ganze mit einem Blicke
umfassen knnen, um die Gre der Wirkung zu haben, die der Knstler
hervorgebracht hat. Jede Beschreibung, die auseinandersetzt, schwcht.
Das Stck ist reich an Figuren; aber es ist keine mssig: sie gehren
alle zur Katastrophe, oder nehmen Antheil daran. Alles ist richtiger,
eigenthmlicher Charakter, vom Konsul bis zum Liktor. Alles ist cht
rmisch, und schn und gro. Ich darf nicht wagen zu beschreiben; es mu
gesehen werden. Vorzglich rhrend fr mich war eine sehr glckliche
Episode, die, so viel ich mich erinnere, der alte Geschichtschreiber
nicht hat, oder wenn er sie hat, wirkt sie hier im Bilde mchtiger als
bei ihm in der Erzhlung. Ein ziemlich alter Mann steht mit seinen zwei
Knaben in der Entfernung und deutet mit dem ganzen Ausdruck eines
flammenden Patriotismus auf den Richter und das Gericht hin, als ob er
sagen wollte: Bei den Gttern, so mte ich gegen euch seyn, wenn ihr
wrdet wie diese! Vater und Shne sind fr mich unbeschreiblich schn.

Das zweite Stck ist Virginius, der so eben seine Tochter geopfert hat,
das Messer dem Volke und dem Decemvir zeigt, und als ein furchtbarer
Prophet der knftigen Momente nur einen Augenblick dasteht. Dieser
Augenblick war einzig fr den Geist des Knstlers. Die beiden
Hauptfiguren, Virginius und Appius Klaudius sind in ihrer Art
vortrefflich: aber unbeschreiblich schn, rhrend und von den Grazien
selbst hingehaucht ist die Gruppe der Weiber, die das sterbende Mdchen
halten. Diese bekmmern sich nicht um den Vater, nicht um den
tyrannischen Richter, nicht um das Volk, um nichts was um sie her
geschieht; sie sind ganz allein mit dem geliebten Leichname
beschftiget. Eine so reizende Verschlingung schwebte selten der Seele
eines Dichters vor: nimm nun noch die Vollendung und Zartheit der
Figuren und das Pathos des Augenblicks dazu! Es ist eine der schnsten
Kompositionen aus der Seele eines Knstlers, den der Genius der hohen
und schnen Humanitt belebte. Ich wrde niederknieen und anbeten, wenn
ich die Rmer nicht besser kennte. Du weit aber schon hierber meine
etwas ketzerische Denkungsart. Als Philantrop betrachtet, mchte ich
lieber in Ruland leben, an der Kette der dortigen Knechtschaft, als
unter dem Palladium der rmischen Freiheit. Beschuldige mich nicht zu
schnell eines Paradoxons! Wehe den neuen Galliern, wenn sie die
altrmische Freiheit ihrer Nation, oder gar ihren Nachbarn aufdringen,
oder, wie Klopstock spricht, aufjochen wollen! Aber wo gerathe ich hin?

Fgers neuestes Werk, an dem er jetzt, wie ich hre, fr den Herzog
Albert von Sachsen-Teschen arbeitet, ist ein Jupiter, der dem Phidias
erscheint, um ihn zu seinem Bilde vom Olympus zu begeistern. Da es in
die Hhe kommen soll, ist die Anlage etwas kolossalisch. Der Gedanke ist
khn, sehr khn: aber Fger ist vielleicht gemacht, solche Gedanken
auszufhren. Mit einer liebenswrdigen Offenheit gesteht der groe
Knstler, da er einige seiner herrlichsten Kompositionen aus Vater
Wielands Aristipp genommen hat. Nun wnschte ich auch David einige
Stunden so nahe zu seyn, wie ich es Fger war; und ich hoffe, es soll
mir gelingen. --

Whrend der vierzehn Tage, die ich hier hausete, war nur einigemal ein
Stndchen reines, helles Wetter, aber nie einen ganzen Tag; und die
Wiener klagen, da dieses fast bestndig so ist. Da ging ich denn so
finster allein fr mich auf dem Walle und etymologisirte ^Vindobona,
quia dat vinum bonum; Danubius, quia dat nubes^; wer wei, ob die Rmer
bei ihrer Nomenklatur nicht an so etwas gedacht haben. Wenn Harrach,
Fger, Retzer, Ratschky, Mller und einige Andere nicht gewesen wren,
die mir zuweilen ein Viertelstndchen schenkten, ich htte den dritten
Tag vor Angst meinen Tornister wieder packen mssen.

Von dem Wiener Theaterwesen kann ich Dir nicht viel Erbauliches sagen.
Die Gesellschaft des Nationaltheaters ist abwechselnd in der Burg und am
Krnthner Thore, und spielt so gut sie kann. Das mnnliche Personale ist
nicht so arm, als das weibliche; aber Brockmann steht doch so isolirt
dort und ragt ber die Andern so sehr empor, da er durch seine
Ueberlegenheit die Harmonie merklich strt. Die Andern, unter denen zwar
einige gute sind, knnen ihm nicht nacharbeiten, und so geht er oft zu
ihnen zurck; zumal da auch seine schne Periode nun vorbei ist. Man gab
eben das Trauerspiel Regulus. Ich gestehe Dir, da es mir ungewhnlich
viel Vergngen gemacht hat; vielleicht schon dewegen, weil es einen
meiner Lieblingsgegenstnde aus der Geschichte behandelte. Ich halte das
Stck fr recht gut gearbeitet, so viel ich aus einer einzigen
Vorstellung urtheilen kann, wo ich mich aber unwillkhrlich mehr zum
Genu hingab, als vielleicht zur Kritik nthig war. Es sind allerdings
mehrere kleine Verzeichnungen in den Charaktern; aber das Ganze hat doch
durchaus einen festen, ernsthaften, nicht unrmischen Gang: die Sprache
ist meistens rein und edel, und ich war zufrieden. Zum Meisterwerke
fehlt ihm freilich noch Manches; aber Apollo gebe uns nur mehrere solche
Stcke, so haben wir Hoffnung auch jene zu erhalten. Es wird mir noch
lange einen groen Genu gewhren, Brockmann in der Rolle des Regulus
gesehen zu haben. Der weibliche Theil der Gesellschaft, der auf den
meisten Theatern etwas arm zu seyn pflegt, ist es hier vorzglich; und
man ist genthigt die Rolle der ersten Liebhaberin einer Person zu
geben, die mit Aller Ehre Aebtissin in Quedlinburg oder Gandersheim
werden knnte. Die Dame ist gut, auch gute Schauspielerin; aber nicht
mehr fr dieses Fach.

Die Italiener sind verhltnimig nicht besser. Man trillerte sehr
viel, und singt sehr wenig. Der Kastrat Marchesi kombabusirt einen
Helden so unbarmherzig in seine eigene verstmmelte Natur hinein, da es
fr die Ohren eines Mannes ein Jammer ist; und ich begreife nicht, wie
man mit solcher Unmenschlichkeit so traurige Migriffe in die Aesthetik
hat thun knnen. Das mgen die Italiener, wie vielen andern Unsinn, bei
der gesunden Vernunft verantworten, wenn sie knnen.

      Ich, meines Theils, will keine Helden,
   Die uns, entmannt und kaum noch mdchenhaft,
   Sogleich den Mangel ihrer Kraft,
   Im ersten Tone quiekend melden,
   Und ihre lcherliche Wuth
   Im Schwindel durch die Fistelhhen
   Von ihrem Bret herunter krhen,
   Wie Meister Hahns gekappte Brut.
   Wenn ich des Hmmlings Singsang nicht
   Wie die Taranteltnze hasse,
   So setze mich des Himmels Strafgericht
   Mit ihm in eine Klasse!

Schikaneder treibt sein Wesen in der Vorstadt an der Wien, wo er sich
ein gar stattliches Haus gebaut hat, dessen Einrichtung mancher
Schauspieldirektor mit Nutzen besuchen knnte und sollte. Der Mann kennt
sein Publikum und wei ihm zu geben, was ihm schmeckt. Sein groer
Vorzug ist Lokalitt, deren er sich oft mit einer Freimthigkeit
bedient, die ihm selbst und der Wiener Duldsamkeit Ehre macht. Ich habe
auf seinem Theater ber die Nationalnarrheiten der Wiener Reichen und
Hflinge Dinge gehrt, die man in Dresden nicht drfte laut werden
lassen, ohne sich von hherem Orte eine strenge Weisung ber
Vermessenheit zuzuziehen. Mehrere seiner Stcke scheint er im
eigentlichsten Sinne nur fr sich selbst gemacht zu haben; und ich mu
bekennen, da mir seine barocke Personalitt als Tyroler Wastel
ungemeines Vergngen gemacht hat. Es ist den Wienern von feinem Ton und
Geschmack gar nicht bel zu nehmen, da sie zuweilen zu ihm und Kasperle
herausfahren und das Nationaltheater und die Italiener leer lassen.
Seine Leute singen fr die Vorstadt verhltnimig weit besser, als
jene fr die Burg. Die Kleidung ist an der Wien meistens ordentlicher
und geschmackvoller als die verunglckte Pracht dort am Hofe, wo die
Stiefletten des Heldengefolges noch manchmal einen sehr rmlichen Aufzug
machen. So lange Schikaneder Possen, Schnurren und seine eigenen tollen
Operetten giebt, wo der Wiener Dialekt und der Ton des Orts nicht
unangenehm mitwirkt, kann er auch Leute von gebildetem Geschmack
einigemal vergngen; aber wenn er sich an ernsthafte Stcke wagt, die
hheres Studium und durchaus einen hheren Grad von Bildung erfordern,
mu der Versuch allerdings immer schlecht ausfallen, aber hier wird er
vielleicht sagen: ich arbeite fr mein Haus; dawider ist denn nichts
einzuwenden. Nur mchte ich dann nicht zu seinem Hause gehren. Er will
aber hchst wahrscheinlich fr nichts weiter gelten, als fr das Mittel
zwischen Kasperle und der Vollendung der mimischen Kunst im
Nationaltheater. Die Herren Kasperle und Schikaneder mgen ihre
subordinirten Zwecke so ziemlich erreicht haben; aber das
Nationaltheater ist, so wie ich es sah, noch weit entfernt, dem ersten
Ort unsers Vaterlandes und der Residenz eines groen Monarchen durch
seinen Gehalt Ehre zu machen.

Den Herrn Kasperle aus der Leopoldstadt hat, wie ich hre, der Kaiser
zum Baron gemacht; und mich ducht, der Herr hat seine Wrde so gut
verdient, als die meisten, die dazu erhoben worden. Er soll berdie das
wesentliche Verdienst besitzen, ein sehr guter Haushalter zu seyn.

Ueber die ffentlichen Angelegenheiten wird in Wien fast nichts
geuert, und Du kannst vielleicht Monate lang auf ffentliche Huser
gehen, ehe Du ein einziges Wort hrst, das auf Politik Bezug htte; so
sehr hlt man mit alter Strenge eben so wohl auf Orthodoxie im Staate,
wie in der Kirche. Es ist berall eine so andchtige Stille in den
Kaffeehusern, als ob das Hochamt gehalten wrde, wo jeder kaum zu
athmen wagt. Da ich gewohnt bin, zwar nicht laut zu enragiren, aber doch
gemchlich unbefangen fr mich hin zu sprechen, erhielt ich einigemal
eine freundliche Weisung von Bekannten, die mich vor den Unsichtbaren
warnten. In wie fern sie Recht hatten, wei ich nicht; aber so viel
behaupte ich, da die Herren sehr Unrecht haben, welche die Unsichtbaren
brauchen. Einmal spielte mir meine unbefangene Sorglosigkeit fast einen
Streich. Du weist, da ich durchaus kein Revolutionr bin, weil man
dadurch meistens das Schlechte nur schlimmer macht: ich habe aber die
Gewohnheit, die Wirkung dessen, was ich fr gut halte, zuweilen etwas
lauter werden zu lassen, als es vielleicht gut ist. So hat mir der
Marseiller Marsch als ein gutes musikalisches Stck gefallen, und es
begegnete mir wohl, da ich, ohne irgend etwas Bestimmtes zu denken,
eben so wie aus irgend einem andern Musikstcke, einige Takte
unwillkhrlich durch die Zhne brumme. Die geschah auch einmal,
freilich sehr am unrechten Orte, in Wien, und wirkte natrlich wie ein
Dmpfer auf die Anwesenden. Mir war mehr bange fr die guten Leute, als
fr mich: denn ich hatte weiter keinen Gedanken, als da mir die Musik
der Takte gefiel, und selbst diesen jetzt nur sehr dunkel.

Ich erinnerte mich eines drolligen, halb ernsthaften, halb komischen
Auftritts in einem Wirthshause, der auf die bergroe Aengstlichkeit in
der Residenz Bezug hatte. Ein alter, ehrlicher, eben nicht sehr
politischer Oberstlieutenant hatte whrend des Krieges bei der Armee in
Italien gestanden und sich dort gewhnt, recht jovialisch lustig zu
seyn. Seine Geschfte hatten ihn in die Residenz gerufen, und er fand da
an ffentlichen Orten berall eine Klosterstille. Das war ihm sehr
mibehaglich. Einige Tage hielt er es aus, dann brach er bei einem Glase
Wein cht soldatisch laut hervor und sagte mit recht drolliger
Unbefangenheit: Was, zum Teufel, ist denn das hier fr ein verdammt
frommes Wesen in Wien? Kann man denn hier nicht sprechen? Oder ist die
ganze Residenz eine groe Karthause? Man kommt ja hier in Gefahr das
Reden zu verlernen. Oder darf man hier nicht reden? Ich habe so etwas
gehrt, da man berall lauern lt: ist das wahr? Hole der Henker die
Mummerei! Ich kann das nicht aushalten und ich will laut reden und
lustig seyn. Du httest die Gesichter der Gesellschaft bei dieser
Ouvertre sehen sollen! Einige waren ernst, die andern erschrocken;
andere lchelten, andere nickten gefllig und bedeutend ber den Spa:
aber Niemand schlo sich an den alten Haudegen an. Ich werde machen,
sagte dieser, da ich wieder zur Armee komme: das todte Wesen gefllt
mir nicht.

Als die Franzosen bis in die Nhe von Wien vorgedrungen waren, soll
sich, die Magnaten und ihre Kreaturen etwa ausgenommen, Niemand vor dem
Feinde gefrchtet haben: aber desto grer war die allgemeine Besorgni
vor den Unordnungen der zurckgeworfenen Armee. Damals fing Bonaparte
eben an, etwas bestimmter auf seine individuellen Aussichten
loszuarbeiten, und hat dadurch zuflliger Weise den Oestreichern groe
Angst und groe Verwirrung erspart.

Doktor Gall hat eben einen Kabinetsbefehl erhalten, sich es nicht mehr
beigehen zu lassen, den Leuten gleich am Schdel anzusehen, was sie
darin haben. Die Ursache soll seyn, weil diese Wissenschaft auf
Materialismus fhre.

Man sieht auch hier in der Residenz nichts als Papier und schlechtes
Geld. Das Lenkseil mit schlechtem Gelde ist bekannt; man fhrt daran, so
lange es geht. Das Kassenpapier ist noch das unschuldigste Mittel, die
Armuth zu decken, so lange der Kredit hlt. Aber nach meiner Meinung ist
fr den Staat nichts verderblicher, und in dem Staat nichts ungerechter,
als eigentliche Staatspapiere, so wie unsere Staaten jetzt eingerichtet
sind. Eingerechnet unsere Privilegien und Immunitten, die freilich ein
Widerspruch des ffentlichen Rechts sind, zahlen die Aermeren fast
durchaus fnf Sechstheile der Staatsbedrfnisse. Die Inhaber der
Staatspapiere, sie mgen Namen haben wie sie wollen, gehren aber
meistens zu den Reichen, oder wohl gar zu den Privilegiaten. Die
Interessen werden wieder aus den Staatseinknften bezahlt, die meistens
von den Aermeren bestritten werden. Ein beliebter Schriftsteller wollte
vor kurzem die Wohlthtigkeit der Staatsschulden in Sachsen dadurch
beweisen, weil man durch dieses Mittel sehr gut seine Gelder
unterbringen knne. Nach diesem Schlusse sind die Krankheiten ein groes
Gut fr die Menschheit, weil sich Aerzte, Chirurgen und Apotheker davon
nhren. Ein eigener Ideengang, den freilich Leute nehmen knnen, die
ohne Gemeinsinn gern viel Geld sicher unterbringen wollen. Das Resultat
ist aber, ohne vieles Nachdenken, da durch die Staatsschulden die
Aermern gezwungen sind, auer der alten Last, auch noch den Reichen
Interessen zu bezahlen, sie mgen wollen oder nicht. Bei einem
Steuerkataster, auf allgemeine Gerechtigkeit gegrndet, wre es freilich
anders. Aber jetzt haben die Reichen die Steuerscheine, und die Armen
zahlen die Steuern. Man kann diese Logik nur bei einem Kasten voll
Steuerobligationen bndig finden. Wo htte der Staat die
Verbindlichkeit, den Reichen auf Kosten der Armen ihre Kapitale zu
verzinsen? Und das ist doch am Ende das Facit jeder Staatsschuld. Jede
Staatsschuld ist eine Krcke und Krcken sind nur fr Lahme. Die Sache
ist zu wichtig, sie hier weiter zu errtern. Ich weise Dich vorzglich
auf Hume's Buch, als das beste, was mir ber diesen Gegenstand bekannt
ist.

Sonderbar war es, da man in dem letzten Jahre des Krieges bei der
hchsten Krise, Wien zum Waffenplatz machen wollte; das Schlimmste, was
die Regierung fr ihre Sache thun konnte! Wenn damals die Franzosen den
Frieden nicht eben so nthig hatten, wie die Deutschen, oder wenn
Bonaparte andere Absichten hatte als er nachher zeigte, so war das
Unglck fr die streichischen Staaten entsetzlich. Was konnte man von
den Vorspiegelungen erwarten? Es war bekannt, Wien htte sich nicht acht
Tage halten knnen; und welche Folgen htte es gehabt, wenn es auf dem
Wege der Gewalt in die Hnde der Feinde gekommen wre? Die Wiener waren
zwar sicher, da es nicht dahin kommen wrde; aber eben dewegen waren
die Vorkehrungen ziemlich verkehrt. Man htte gleich mit
Entschlossenheit der Maxime des Ministers folgen knnen, dessen brige
Verfahrungsart ich aber nicht vertheidigen mchte. Hier hatte er ganz
Recht, wenn nur sonst die Krfte gewogen gewesen wren: Die Residenz
ist nicht die Monarchie; und es ist manchem Staate nichts weniger als
wohlthtig, da die Hauptstadt so viel Einflu auf das Ganze hat.

Fr Kunstsachen und gelehrtes Wesen habe ich, wie Dir bekannt ist, nur
selten eine glckliche Stimmung; ich will Dir also, zumal da das Feld
hier zu gro ist, darber nichts weiter sagen: Du magst Dir von Schnorr
erzhlen lassen, der vermuthlich eher zurckkommt, als ich.

Ich darf rhmen, da ich in Wien berall mit einer Bonhommie und
Geflligkeit behandelt worden bin, die man vielleicht in Residenzen
nicht so gewhnlich findet. Selbst die schnakische Visitation an der
Barriere wurde, was die Art betrifft, mit Hflichkeit gemacht. Den
einzigen botischen, aber auch cht botischen Auftritt hatte ich auf
der italienischen Kanzlei. Hier wurde ich mit meinem alten Passe von der
Polizei um einen neuen gewiesen. Im Vorzimmer war man artig genug und
meldete mich, da ich Eile zeigte, sogleich dem Prsidenten, der eine Art
von Minister ist, den ich weiter nicht kenne. Er hatte meinen Pa von
Dresden schon vor sich in der Hand, als ich eintrat.

Whr  Aehr? fragte er mich mit einem stierglotzenden
Molochsgesichte, in dem dicksten Wiener Bratwurstdialekt. Ich ehre das
Idiom jeder Provinz, so lange es das Organ der Humanitt ist; und die
braven Wiener mit ihrer Gutmthigkeit haben in mir nur selten das Gefhl
rege gemacht, da ihre Aussprache etwas besser seyn sollte. Ich that ein
kurzes Stogebetchen an die heilige Humanitt, da sie mir etwas Geduld
gbe, und sagte meinen Namen, indem ich auf den Pa zeigte.

Wu will Aehr hn?

Steht im Passe: nach Italien.

Italien  gruh.

Vor der Hand nach Venedig, und sodann weiter.

Slhftr holtr shr fehl sulch lederlchches Gesendel hrmmer.

Nun, Freund, was war hier zu thun? was war hier zu thun? Dem Menschen zu
antworten, wie er es verdiente? Er htte leicht Mittel und Wege
gefunden, mich wenigstens acht Tage aufzuhalten, wenn er mich nicht gar
zurckgeschickt htte; denn er war ja ein Stck von Minister. Ich suchte
also eine alte militrische Aufwallung mit Gewalt zu unterdrcken. Der
Graf Metternich in Dresden mu wohl wissen, was er thut, und wem er
seine Psse giebt: er ist verantwortlich dafr! sagte ich so bestimmt,
als mir der Ton folgte. Der Mensch belugte mich von dem verschnittenen
Haarschdel den polnischen Rock herab bis auf die Schariwari, die um ein
Paar derbe rindslederne Stiefeln geknpft waren.

Wu wll Aehr weiter hnn?

Vorzglich nach Sicilien.

Er glotzte von neuem, und fragte:

Was wll Aehr da machchen?

Htte ich ihm nun die reine, platte Wahrheit gesagt, da ich blos
spazieren gehen wollte, um mir das Zwergfell auseinander zu wandeln, das
ich mir ber dem Druck von Klopstocks Oden etwas zusammen gesessen
hatte, so htte der Mann hchst wahrscheinlich gar keinen Begriff davon
gehabt, und geglaubt, ich sei irgend einem Bedlam entlaufen.

Ich will den Theokrit dort studiren, sagte ich.

Wei der Himmel, was er denken mochte; er fuhr mich an, und sah auf den
Pa und sah mich wieder an, und schrieb sodann etwas auf den Pa,
welches, wie ich nachher sah, der Befehl zur Ausfertigung eines andern
war.

Abber Aehr drf schch ncht nn Venedig uffhalten.

Ich bin es nicht Willens, antwortete ich mit dem ganzen Murrsinn der
dstern Laune, und bekomme hier auch nicht Lust dazu. Er beglotzte
mich noch einmal, gab mir den Pa und ich ging.

Man hat mir den Namen des Mannes genannt und gesagt, da dieses durchaus
sein Charakter sey, und da er bei dem Kaiser in gar groem Vertrauen
und hoch in Gnaden stehe. Desto schlimmer fr den Kaiser und fr ihn und
die Wiener und Alle, die mit ihm zu thun haben! Sein Gesicht hatte das
Geprge seiner Seele, das konnte ich beim ersten Anblick sehen, ohne
jemals eine Stunde bei Gall gehrt zu haben. Seinen Namen habe ich
geflissentlich vergessen, erinnere mich aber noch so viel, da er, eben
nicht zur Ehre unserer Nation, ein Deutscher, obgleich Prsident der
italienischen Kanzlei war. Ist das der Vorschmack von Italien? dachte
ich; das fngt erbaulich an.

Von hier ging ich mit dem Passe hinber in die Kanzleistube, wo
ausgefertigt wurde; und hier war der Revers des Stcks, ein ganz anderer
Ton. Ich wurde so viel _Euer Gnohden_ gescholten, da meine
Bescheidenheit weder ein noch aus wute, und erhielt sogleich einen
groen Realbogen voll Latein, in ziemlich gutem Stil, worin ich allen
Ober- und Unterofficianten des Kaisers, im Namen des Kaisers, gar
nachdrcklich empfohlen wurde. Wenn es nur der Prsident etwas hflicher
gemacht htte; es htte mit der nmlichen oder weit weniger Mhe fr ihn
und mich angenehmer werden knnen. Auf dem neuen Passe stand ^gratis^,
und man forderte mir zwei Gulden ab, die ich auch, trotz der sonderbaren
Hermenevtik des Wrtchens, sehr gern sogleich zahlte und froh war, da
ich dem Ueberma der Grobheit und Hflichkeit zugleich entging.




                                                         _Schottwien._


Nun nahm ich von meinen alten und neuen Bekannten in der Kaiserstadt
Abschied, packte meine Siebensachen zusammen und wandelte mit meinem
neuen kaiserlichen Dokumente Tages darauf frhlichen Muthes die Strae
nach Steiermark. Schnorr hatte, als Hausvater, billig Bedenken getragen,
den Gang nach Hesperien weiter mit mir zu machen.[9] Man hatte die
Gefahr, die auch wohl ziemlich gro war, von allen Seiten noch mehr
vergrert; und was ich, als einzelnes isolirtes Menschenkind, ganz
ruhig wagen konnte, wre fr einen Familienvater Tollkhnheit gewesen.
Komme ich um, so ist die Rechnung geschlossen und es ist Feierabend:
aber bei ihm wre die Sache nicht so leicht abgethan. Er begleitete mich
den zehnten Januar, an einem schnen, hellen, kalten Morgen, eine Stunde
weit heraus, bis an ein altes, gothisches Monument, und bergab mich
meinen guten Genius. Unsere Trennung war nicht ohne Schmerz, aber rasch
und hoffnungsvoll, uns in Paris wieder zu finden.

Ich zog nun an den Bergen hin, die rechts immer grer wurden, dachte so
wenig, als mglich -- denn viel Denken ist, zumal in einer solchen
Stimmung und bei einer solchen Unternehmung, sehr unbequem -- und setzte
gemchlich einen Fu vor den andern immer weiter fort. Als die Nacht
einbrach, blieb ich in einem Dorfe zwischen Gnselsdorf und Neustadt. So
wie ich in die groe Wirthsstube trat, fand ich sie voll Soldaten, die
ihre Bacchanalien hielten. Die Reminiscenzen der Wachstuben, wo ich
ehemals Amts wegen eine Zeit lang jede dritte Nacht unter Tabacksdampf
und Kleinbierwitz leben mute, hielten mich, da ich nicht sogleich
zurckfuhr. Ich pflanzte mich in einen Winkel am Ofen, und lie ungefhr
dreiig Wildlinge ihr Unwesen so toll um mich her treiben, da mir die
Ohren gellten. Einige spielten Karten, Andere sangen, Andere disputirten
in allen Sprachen der Pfingstepistel mit Mund und Hand und Fu. Bald
entstand Streit im Ernst, und die Handfesten schienen schon im Begriff,
sich einander die ^argumenta ad hominem^ mit den Fusten zu appliciren;
da fing ein alter Kerl an in der Ecke der groen gewlbten Stube auf
einer Art von Sackpfeife zu blasen, und Alles ward auf einmal friedlich
und lachte. Bei dem dritten und vierten Takte ward es still, bei dem
sechsten faten ein Paar Grenadire einander unter die Arme und fingen an
zu walzen. Der Ball vermehrte sich, als ob Hons Horn geblasen wrde;
man ergriff die Mdchen und sogar die alte, dicke Wirthin, und aller
Zank war vergessen. Dann traten Solotnzer auf und tanzten steierisch,
dann kosakisch, und dann den ausgelassensten, ungezogensten Kordax, da
die Mdchen davon liefen und selbst der Sackpfeifer aufhrte. Dann ging
die Scene von vorn an. Man spielte und trank, und fluchte und zankte und
drohte mit Schlgen, bis der Sackpfeifer wieder anfing. Der Mann war
hier mehr als Friedensrichter, er war ein wahrer Orpheus. Der Wein, den
man aus groen Glaskrgen trank, that endlich seine Wirkung; Alles ward
ein volles, groes, furchtbar bacchantisches Chor. Hier nahm ich den
Riemen meines Tornisters auf die linke Schulter, meinen Knotenstock in
die rechte Hand und zog mich auf mein Schlafzimmer, wo ich ein
herrliches Thronbette fand und gewi wie ein Fuhrknecht geschlafen
htte, wre ich nicht von den Grenadiren durch eine frmliche Bataille
geweckt worden. Der ehrliche Wirth machte den Leidenden, berall das
sicherste bei militrischer Regierung, und htte seinen kriegerischen
Gsten wohl gern ihre Kreuzer geschenkt, wenn sie ihn nur in Ruhe
gelassen htten. Ein Officier, wie ich aus dem Tone vermuthete, mit dem
er sprach, machte endlich um zwei Uhr Schicht, und es ward ruhig.

Den andern Morgen fand ich einen ehrsamen, alten Mann bei seinem Weine
sitzen, der den Kopf ber die nchtliche Geschichte der Kriegsmnner
schttelte. Dieser erzhlte mir denn einiges ber die Einquartirung und
klagte ganz leise, da sie der Gegend sehr zur Last wre. Die Soldaten
waren auf Arbeit an dem Kanale, ber den ich gestern gegangen war, und
der, wie mir der Alte bedeutend zweifelhaft sagte, bis nach Triest
gefhrt werden solle. Vor der Hand wird er nur die Steinkohlen von
Neustadt nach Wien bringen. Das Wasser aus den Bergen bei Neustadt und
Neukirchen war so schn und hell, da ich mich im Januar htte hinein
werfen mgen. Schnes Wasser ist eine meiner besten Liebschaften, und
berall, wo nur Gelegenheit war, ging ich hin und schpfte und trank. Du
mut wissen, da ich noch nicht ganz diogenisch einfach bin, aus der
hohlen Hand zu trinken, sondern dazu auf meiner Wanderschaft eine
Flasche von Resina gebrauche, die reinlich ist, fest hlt und sich
gefllig in alle Formen fgt. Eine Stunde von Schottwien fngt die
Gegend an herrlich zu werden; vorzglich macht ein Kloster rechts auf
der Anhhe eine sehr romantische Partie. Das Ganze hat Aehnlichkeiten
mit den Schluchten zwischen Auig und Lowositz; nur ist das Thal enger
und der Flu kleiner; doch sind die Berghhen nicht unbetrchtlich und
sehr malerisch gruppirt. Das Stdtchen Schottwien liegt an dem kleinen
Flchen Wien zwischen furchtbar hohen Bergen, und macht nur eine
einzige Gasse. Vorzglich schn sind die Felsenmassen am Eingange und
Ausgange.

Es hatte zwei Tage ziemlich stark gefroren und fing heute zu Mittage
merklich an zu thauen; und jetzt schlagen Regengsse an meine Fenster
und das Wasser schiet von den Bergen und der kleine Flu rauscht
mchtig durch die Gasse hinab. Mir schmeckt Horaz und die gute Mahlzeit
hinter dem warmen Ofen meines kleinen Zimmers vortrefflich. Horaz
schmeckt mir, das heit, viele seiner Verse; denn der Mensch selbst mit
seiner Kriecherei ist mir ziemlich zuwider. Da ist Juvenal ein ganz
anderer Mann, neben dem der Oktavianer wie ein Knabe steht. Es ist
vielleicht schwer zu entscheiden, wer von den beiden den Anstand und die
guten Sitten mehr ins Auge schlgt, ob Horazens Kanidia oder Juvenals
Fulvia; es ist aber ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden zum
Vortheil des letztern. Wo Horaz zweideutig witzelt, oder gar ekelhaft
schmutzig wird, sieht man berall, da es ihm gemthlich ist, so etwas
zu sagen; er gefllt sich darin: bei Juvenal aber ist es reiner, tiefer,
moralischer Ingrimm. Er beleidigt mehr die Sitten als jener; aber bei
ihm ist mehr Sittlichkeit. Horaz nennt die Sache noch feiner und kitzelt
sich; Juvenal nennt sie, wie sie ist; aber Zorn und Unwille hat den Vers
gemacht.

Ein Felsenstck hngt drohend ber das Haus her, in welchem ich
bernachte. Hier fngt die Gegend an, die, wie ich mich erinnere, schon
andere mit den schnsten in der Schweiz verglichen haben. Wie wird es
aber auf den steiermrkischen Wegen werden, vor denen mir schon in Wien
selbst Eingeborne bange machen wollten? Es kann nun nichts helfen; nur
Muth! damit kommt man auch in der Hlle durch. Zwischen Neustadt und
Neukirchen, einer langen, langen Ebene zwischen den Bergen, die sich
hinter dem letzten Orte mehr und mehr zusammenschlieen, begegnete mir
ein starkes Kommando mit Gefangenen. Der letztern waren wohl einige
Dutzend; eben keine sehr gute Aussicht! Einige waren schwer geschlossen
und klirrten trotzig mit den Ketten. Die Meisten waren Leute, welche die
Straen unsicher gemacht hatten. Aber desto besser, dachte ich; nun sind
der Schurken weniger da; und diese werden gewi nicht so bald wieder
losgelassen. In Wien und hier auf dem Wege berall wurde erzhlt, da
man die Preburger Post angefallen, ausgeplndert und den Postillon und
den Schaffner erschlagen habe. Auch bei _Pegau_, nicht weit von Grtz,
war das nmliche geschehen. Das waren aber gewi Leute, die vorher
gehrig rekognoscirt hatten, da die Post betrchtliche Summen fhrte,
die sich auch wirklich zusammen ber hundert und dreiig tausend Gulden
belaufen haben sollen. Bei mir ist nicht viel zu rekognosciren; mein
Homer und meine Gummiflasche werden wenig Ruber in Versuchung bringen.




                                                          _Mrzhofen._


Von Schottwien bis hierher war heute in der Mitte des Januars eine
tchtige Wandlung. Der Smmering ist kein Maulwurfshgel; es hatte die
zweite Hlfte der Nacht entsetzlich geschneit, der Schnee ging mir bis
hoch an die Waden; ich wute keinen Schritt Weg, und es war durchaus
keine Bahn. Einige Mal lief ich den Morgen noch im Finstern unten im
Thal zu weit links, und mute durch Verschlge in dem tiefen Schnee die
groe Strae wiedersuchen. Nun ging es bergan zwei Stunden, und nach und
nach kamen einige Fuhrleute den Smmering herab, und zeigten mir
wenigstens, da ich dorthin mute, wo sie herkamen. Links und rechts
waren hohe Berge, mit Schwarzwald bewachsen, der mit Schnee behangen
war; und man konnte vor dem Gestber kaum zwanzig Schritte sehen. Oben
auf den Bergabstzen begegneten mir einige Reisewagen, die in dem
schlechten Wege nicht fort konnten. Der Frost hielt noch nicht, und
berdie waren die Gleise entsetzlich ausgeleiert. Herren und Bedienten
waren abgestiegen und halfen fluchend dem Postillon das leere Fuhrwerk
Schritt vor Schritt weiter hinauf winden. Ich wechselte die Schluchten
bergauf, bergab, und trabte zum groen Neide der dick bepelzten Herren
an dem englischen Wagen frba. Ein andermal rollten sie vor mir vorbei,
wenn ich langsam fortzog. So gehts in der Welt; sie gingen schneller,
ich ging sicherer. Auf dieser Seite des Smmerings kommt aus
verschiedenen Schluchten die Wien herab; und auf der zweiten Hlfte der
Station, nach Mrzzuschlag, nachdem man den Gipfel des Berges erstiegen
hat, kommt eben so die Mrz hervor, und ist in einer Stunde schon ein
recht schner Bach. Bei Mrzzuschlag treibt sie fast alle hundert
Schritte Mhlen und Hammerwerke bis herab nach Krieglach, wo sie grer
wird, nun schon einen ansehnlichen Flu bildet, und nur mit Kosten
gebraucht werden kann. Es ist angenehm, die Industrie zu sehen, mit
welcher man das kleine Wsserchen zu seinem Behufe zu leiten und zu
gebrauchen wei; und die kleinen Thler an dem Flusse herunter sind
auerordentlich lieblich, und machen auch unter dem Schnee mit ihren
fleiigen Gruppen ein schnes Winterbild.

Die Wrter Mrzzuschlag und Krieglach klangen mir nach den Wiener
Mordgeschichten gar sehr wie ^nomina male ominata^, deren Etymologie ich
mir gern htte erklren lassen, wenn ich nicht zu faul gewesen wre,
irgend einen Pastor aufzusuchen: und ich war herzlich froh, als ich
gegen Abend so ziemlich aus der abentheuerlichen Gegend heraus war. Es
ist etwas sehr gewhnliches, da man einem Gaste, wenn er die Zeche
bezahlt und abzieht, glckliche Reise wnscht, und man denkt weiter
nicht viel dabei: aber Du kannst nicht glauben, wie angenehm es ist,
wenn es in einer solchen Lage, im Januar, wenn der Sturm den Schnee
gegen die Felsen jagt, mit Theilnahme von einem artigen, hbschen
Mdchen geschieht, zumal wenn man den Kopf voll Ruber und Strauchdiebe
hat.




                                                              _Grtz._


Hier will ich einige Tage bleiben und ruhen: die Stadt und die Leute
gefallen mir. Du weit, da der Ort auf beiden Seiten der Murr sehr
angenehm liegt; und das Ganze hat hier einen Anblick von Bonhommie und
Wohlhabenheit, der sehr behaglich ist. Von Schottwien aus machte ich den
ersten Tag mit vieler Anstrengung nur fnf Meilen; und den zweiten mit
vieler Leichtigkeit sieben: aber den ersten stieg ich in dem
entsetzlichsten Schneegestber an der Wien bergauf; und den zweiten ging
ich bei ziemlich gutem Wetter an der Mrz bergab. Es ist ein eigenes
Vergngen, die Bche an ihren Quellen zu sehen und ihnen zu folgen, bis
sie Flsse werden. Die Mrz ist ein herrliches Wasser, und mu die erste
Meile schne Forellen haben. Man hat mich zwar gewarnt, nicht in der
Nacht zu gehen, und mich ducht, ich habe es versprochen: aber ich habe
bis jetzt doch schon zwei Mal dagegen gesndigt, und bin ber eine
Stunde die Nacht gelaufen. Indessen wer wird gern in einer schlechten
Kneipe bernachten, wenn man ihm sagt, da er eine Meile davon ein gutes
Wirthshaus findet?

An einem dieser Tage wurde ich zu Mittage in einem kleinen Stdtchen gar
kstlich bewirthet, und bezahlte nicht mehr, als achtzehn Kreuzer. Das
that meiner Philantropie sehr wohl; denn Du weit, da ich mir aus den
Kreuzern so wenig mache, wie aus den Kreuzen. Mein Ideengang kam dadurch
natrlich auf die schne Tugend der Billigkeit und auf die unbillige
Forderung, da alle Richter, als Richter, sie haben sollen. Billigkeit
ist die Nachlassung von seinem eigenen Rechte; und nun frage ich Dich,
ob ein Richter dabei etwas zu thun hat? Nur die Parteien knnen und
sollen billig sein. Bei billigen Richtern wre es um die Gerechtigkeit
geschehen. Mit diesen Gedanken setzte ich mich in dem nchsten
Wirthshause nieder, und legte das Resultat derselben in mein Taschenbuch
ber die Billigkeit.

      Verdammt den Richter nicht! er darf nicht billig seyn
   Fr ihn ist das Gesetz von Eisen,
   Und seine Pflichten sind von Stein,
   Ihn taub und kalt nur auf das Recht zu weisen.

      Nur das, was mir gehrt, geb' ich mit Bruderhand
   Dem Bruder fr die kleine Spende,
   Und schlinge freundlicher das Band,
   Das beide knpft, und schttle froh die Hnde.

      Hier ist der Uebergang zu der Erhabenheit
   Der gttergleichen Heldentugend,
   Die sich der Welt zum Opfer weiht;
   Der erste Blick von unsrer Geistesjugend.

      Die strenge Pflicht, die der Vertrag erzwingt,
   Bleibt ewig Grund zu dem Gebude;
   Doch Milde nur und Gte bringt
   Ins leere Haus den Harrenden die Freude.

      Mit seinem Eisenstaab befriedige das Recht
   Den groen Trost gemeiner Seelen;
   Mit dem olympischen Geschlecht
   Soll uns schon hier die Gttliche vermhlen.

Jeder _soll_ billig seyn fr sich; das ist menschlich, das ist schn:
aber alle _mssen_ gerecht seyn gegen alle; das ist nothwendig, sonst
kann das Ganze nicht bestehen. Der billige Richter ist ein schlechter
Richter, oder seine Gesetze sind mehr als mangelhaft. Die Billigkeit des
Richters wre ein Eingriff in die Gerechtigkeit. Zur Gerechtigkeit kann,
mu der Mensch gezwungen werden; zur Billigkeit nicht: das ist in der
Natur der Sache gegrndet. Wo die Parteien billig seyn wollen, handelt
der Richter nicht als Richter, sondern als Schiedsmann. Die
Gerechtigkeit ist die erste, groe, gttliche Kardinaltugend, welche die
Menschheit weiter bringen kann. Nicht die Gerechtigkeit, die in den
zwlf Tafeln steht und die nachher Justinian lehren lie. Jeder
unbefangene Geschichtsforscher wei, was die Zehnmnner waren, was sie
fr Zwecke hatten und verfolgten und wie sie zu Werke gingen, und wie
viel Unsinn Papinian von dem Putztische der heiligen Theodora annehmen
mute. Nicht die Gerechtigkeit unserer Frsten, die oft einige tausend
Bauern mit Peitschen vom Pfluge hauen, damit sie ihnen ein Schwein
jagen, das ein Jgerbursche zum Probeschusse tdten knnte. An der Seine
erschien vor einigen Jahren eine Morgenrthe, die sie hervorzufhren
versprach. Aber die Morgenrthe verschwand, es folgten Ungewitter, dann
dicke Wolken und endlich Nebeltage. Es war ein Phantom. Wenn Du
Gerechtigkeit in den Gesetzen suchst, irrest Du sehr; die Gesetze sollen
erst aus der Gerechtigkeit hervorgehen, sind aber oft der Gegensatz
derselben. Du kannst hier, wie in manchem unserer Institute, schlieen:
jemehr Gesetze, desto weniger Gerechtigkeit; jemehr Theologie, desto
weniger Religion; je lngere Predigten, desto weniger vernnftige Moral.
Mit unserer brgerlichen Gerechtigkeit geht es noch so ziemlich; denn
die Gewalthaber begreifen wohl, da ohne diese durchaus nichts bestehen
kann, da sie sich ohne dieselbe selbst auflsen: aber desto schlimmer
sieht es mit der _ffentlichen_ aus; und mich ducht, wir werden wohl
noch einige platonische Jahre warten mssen, ehe es sich damit in der
That _bessert_, so oft es sich auch _ndern_ mag. Dazu ist die Erziehung
des Menschengeschlechtes noch zu wenig gemacht, und diejenigen, die sie
machen sollen, haben zu viel Interesse, sie nicht zu machen, oder sie
verkehrt zu machen. Sobald Gerechtigkeit seyn wird, wird Friede seyn und
Glck: sie ist die einzige Tugend, die uns fehlt. Wir haben Billigkeit,
Gromuth, Menschenliebe, Gnade und Erbarmung genug im Einzelnen, blo
weil wir im Allgemeinen keine Gerechtigkeit haben. Die Gnade verderbt
alles, im Staate und in der Kirche. Wir wollen keine Gnade, wir wollen
Gerechtigkeit; Gnade gehrt blo fr Verbrecher; und meistens sind die
Knige ungerecht, wo sie gndig sind. Wer den Begriff der Gnade zuerst
ins brgerliche Leben und an die Sthle der Frsten getragen hat, soll
verdammt seyn, von bloer Gnade zu leben: vermuthlich war er ein Mensch,
der mit Gerechtigkeit nichts fordern konnte. Aus Gnaden wird selbst kein
guter, rechtlicher, vernnftiger Mann selig werden wollen, und wenn es
auch ein Dutzend Evangelisten sagten. Es ist ein Widerspruch, man
lstert die Gottheit, wenn man ihr solche Dinge aufbrden will. Aber,
lieber Freund, wo gerathe ich hin mit meinem Eifer in Grtz?

Mit diesen und hnlichen Gedanken, die ich Dir hier nicht alle
herschreiben kann, lief ich immer an der Mrz hinunter, kam in Brg an
die Murr und pilgerte an dem Flusse hinab. Schon zu Neukirchen waren mir
eine Menge Wagen begegnet, die leer zu seyn schienen und doch
auerordentlich schwer gingen. Auf dem Smmering traf ich noch mehr, und
entdeckte nun, da sie Kanonen fhrten, die sie hchst wahrscheinlich
von Grtz und noch weiter von der italienischen Armee brachten und deren
Lavetten vermuthlich verbraucht waren. Vor einem Wagen zogen oft
sechszehn Pferde, und der Wagen waren mehr als hundert. Fr mich hatten
sie den Vortheil, da sie Bahn machten. Hier und da war auch Bedeckung;
und Soldaten mit Gewehr sehe ich als Reisender jetzt immer gern: denn im
Allgemeinen darf man annehmen, diese sind ehrliche Leute; die schlechten
behlt man in den Garnisonen und lt sie nicht mit Gewehr im Lande
herumziehen.

Den zehnten um neun Uhr aus Wien, und den vierzehnten zu Mittage in
Grtz, heit im Januar immer ehrlich zu Fue gegangen. Die Thler am
Flusse herunter sind fast alle romantisch schn, die Berge von
betrchtlicher Hhe. Noch eine Meile von Brg, gleich an dem Ufer der
Mrz, steht ein schnes Landhaus; auf der einen Seite desselben siehst
Du auf der Gartenmauer Pomona mit ihrem ganzen Gefolge in sehr grotesken
Staten abgebildet, und auf der andern die Musik mit den meisten
Instrumenten nach der Reihe, noch grotesker und fast an Karikatur
grnzend. Das Ganze ist schnakisch genug, und thut eine possirliche
angenehme Wirkung. Der Trgerin des Fllhorns fehlte der Kopf, und da
die ganze Gesellschaft ziemlich beschneit war, konnte man nicht
entdecken, ob er abgeschlagen war, oder, ob man sie absichtlich ohne
Kopf hingestellt hatte. Die Oerter in der Gegend haben alle das Ansehen
der Wohlhabenheit.

Bei Rthelstein beschwerte sich ein Landmann, mit dem ich eine Meile
ging, ber den Schaden, den die Wlfe und Luchse anrichteten, die aus
den Bergen herab kmen. Der Schnee ward hoch und die Klte schneidend,
und ich eilte nach Pegau, blo weil der Ort fr mich einen
vaterlndischen Namen hatte. Aber das Quartier war so traurig, als ich
es kaum auf der ganzen Reise angetroffen hatte. Man sperrte mich mit
einem Kandidaten der Rechte zusammen, der aus der Provinz nach Grtz zum
Examen ging, und der mich durch seine drolligen Schilderungen der
ffentlichen Verhltnisse in Steiermark fr das schlechte Wirthshaus
entschdigte. Er hatte viel Vorliebe fr die Tyroler, ob er gleich ein
Steiermrker war, und lobte Klagenfurth nach allen Prdikamenten. Mit
ihm ging ich vollends hierher.

Grtz ist eine der schnsten groen Gegenden, die ich bis jetzt gesehen
habe; die Berge rund umher geben die herrlichsten Aussichten, und mssen
in der schnen Jahreszeit eine vortreffliche Wirkung thun. Das Schlo,
auf einem ziemlich hohen Berge, sieht man sehr weit; und von demselben
hat man rund umher den Anblick der schn bebauten Landschaft, die durch
Flsse und Berge und eine Menge Drfer herrlich gruppirt ist. Als ich
oben in das Schlothor trat, stand ein Korporal dort und pfiff mit
groer Andacht eines der besten Stcke aus der Oper: _die Krakauer_,
welche die letzte Veranlassung zum Ausbruch der Revolution in Warschau
war. Da ich die Oper dort genossen und das darauf folgende Trauerspiel
selbst mitgemacht hatte, so kannst Du denken, da diese Musik hier in
Grtz ganz eigen auf mich wirkte. Eben diese Melodie hatte mich oft so
sehr beschftigt, da ich manchmal in Versuchung gewesen war, fr mich
selbst einen eigenen Text darauf zu machen, da ich das Polnische nicht
sonderlich verstehe. Die Gefngnisse des Schlosses sind jetzt voll
Verbrecher, die mir mit ihren Ketten entgegen klirrten. Das Spital,
gleich unten am Schloberge, ein stattliches Gebude, ist von Joseph dem
Zweiten; und das neue, sehr geschmackvolle Schauspielhaus, mit einer
kurzen, cht lateinischen Inschrift, von den Stnden. Herr Kttner
spricht schon ziemlich gut von dem hiesigen Theater, und ich habe sein
Urtheil vllig richtig gefunden. Man gab eine neue Bearbeitung des alten
Stcks: _der Teufel ist los_. Der Text hlt freilich, wie in den
meisten Opern, keine Kritik aus. Schade, da man nicht in dem Tone
fortgefahren ist, den _Weisse_ angeschlagen hatte. Es htten eine Menge
zu niedriger Redensarten ausgemerzt werden sollen. Die Musik war
eklektisch und gab Reminiscenzen; war aber sehr gefllig, und schon mehr
italienisch als deutsch. Der Gesang war besser, als ich ihn seit
Guardasonis schner Periode irgendwo gehrt habe. Das Personale ist
ziemlich gut besetzt, und vorzglich das weibliche nicht so rmlich, als
in Dresden und Wien. Das einzige, was mir mifiel, waren die Furien und
Teufel, welche durchaus aussahen, wie die Kohlenbrenner vom Blocksberge.

In einer Prolepse mu ich Dir, nicht ganz zur Ehre unserer Mitbrger,
sagen, da ich auf meiner ganzen Wanderschaft kein so schlechtes
Schauspielhaus gesehen habe, als bei uns in Leipzig. Hier in Oestreich
und durch ganz Italien und auch in Frankreich sind berall gehrige,
bequeme Vorzimmer am Eingange, und die meisten haben Kaffeehuser von
mehrern Piecen, wo man Erfrischungen aller Art und gut haben kann. Bei
uns wird das Publikum in einem schlechten Winkel ziemlich schlecht
bedient, und fr Bequemlichkeit und Vergngen derjenigen, die nun gerade
diese Scene oder diesen Akt nicht sehen wollen, ist gar nicht gesorgt.
An Feuersgefahr scheint man eben so wenig gedacht zu haben, und sperrt
das Publikum auf Gnade und Ungnade ohne Rettung und Ausflucht zusammen.

Die Grtzer sind ein gutes, geselliges, jovialisches Vlkchen; sie
sprechen im Durchschnitt etwas besser deutsch, als die Wiener. Der Adel
soll viel alten Stolz haben. Das ist nun berall so sein Geist, etwas
grber oder feiner; ausgenommen vielleicht in groen Stdten und grern
Residenzen, wo sich die Menschen etwas mehr an einander schleifen und
abgltten. Lngs der Mrz und der Murr herunter giebt es links und
rechts noch manche alte Schlsser, die aber, dem Himmel sei Dank, immer
mehr und mehr in Ruinen sinken. Ihr Anblick erhht nur noch das
Romantische. Von Iffland, der voriges Jahr auch hier war, spricht man
sowohl hier als in Wien noch mit Enthusiasmus. An der Wirthstafel
erzhlten einige Gste vom Lande viel von der Brenjagd und den
Abenteuern, die es dabei gbe. Ich glaubte immer, diese Art von Pelzwerk
wre jetzt nur noch in Polen und jenseits zu Hause; aber voriges Jahr
wurden hier in der Gegend zwlfe geschossen, und auch diesen Jahrgang
wieder mehrere. Vor einigen Jahren ward eine Brin, die Junge hatte,
erlegt und auf einen Hof geschafft. Kurze Zeit nachher folgten die
Jungen der Fhrte der todten Mutter und setzten sich vor dem Hofe auf
einen alten Lindenbaum, wo sie sich endlich ruhig fangen lieen. Die
Grten und der Lindenberg waren verschneit, so da ich diese
Vergngungsrter nur von weitem sah.




                                                            _Laybach._


Hier mache ich, wenn Du erlaubst, wieder eine Pause und lasse meine
Hemden waschen, und meine Stiefeln besohlen.

Von Grtz aus war es sehr kalt und ward immer klter. Die erste Nacht
blieb ich in Ehrenhausen, einem ganz hbschen Stdtchen, das seinem
Namen Ehre macht, wo ich von meiner lieben Murr Abschied nahm. Der Ofen
glhte, aber das Zimmer ward nicht warm. Der Weg von Ehrenhausen nach
Mahrburg ist ein wahrer Garten, rechts und links mit Obstpflanzungen und
Weinbergen. Auch Mahrburg ist ein ganz hbscher Ort an der Drawa, und
die Berge an dem Flusse hinauf und hinab sind voll der schnsten
Weingrten. Eine herrliche konomische Musik war es fr mich, da die
Leute hier berall links und rechts auf Bohlentennen draschen. Man kann
sich keinen traulichern Lrm denken. Das Deutsche hrte nunmehr unter
den gemeinen Leuten auf, und das Italienische fing nicht an: dafr hrte
ich das krainische Rothwelsch, von dem ich nur hier und da etwas aus der
Analogie mit dem Russischen verstand. Die Russen thun sich etwas darauf
zu gute, da man sie so weit herab in ihrer Muttersprache versteht, und
nennen sich deswegen die Slawen, die Berhmten, ungefhr so wie die
heutigen Gallier sich eine groe Nation nennen. Bis nach Triest und Grz
wurden sie hier berall verstanden. Die Polen sprechen sogleich leicht
und verstndlich mit ihnen, und die Bhmen finden keine groe
Schwierigkeit. Ich selbst erinnere mich, als ich vor mehreren Jahren aus
Ruland zurckkam und einen alten russischen Grenadier als Bedienten mit
mir hatte, da er mir in der Lausitz in der Gegend von Lbben sagte:
Aber, mein Gott, wir sind ja hier noch ganz in Ruland; hier spricht
man ja noch gut russisch. So viel Aehnlichkeit haben die slawischen
Dialekte unter sich, von dem russischen bis zum wendischen und
krainischen.

Von Gannewitz aus ist ein hoher, furchtbar steiler Berg, weit steiler
als der Smmering; so da vier und dreiig Ochsen und sechs Pferde an
einem Frachtwagen zogen, den die sechs Pferde auf gewhnlichen Wegen
allein fortbrachten. Die Berge sind hier meistens mit schnen Buchen
bewachsen, da sie an der Murr fast durchaus mit Schwarzwald bedeckt
sind.

In Cilly kam ich ziemlich spt an, und that mir gtlich in sehr gutem
Bier, das nun ziemlich selten zu werden anfngt. Aus Verzweiflung mu
ich Wein trinken, und zwar viel; denn sonst wrde man mich ohne
Barmherzigkeit auf ein Strohlager weisen, und wenn ich auch noch so sehr
mit dem Gelde klingelte. Es wurde hier bei meiner spten Ankunft so
stark geschossen und geschrien, da ich glaubte, es wre Revolution im
Lande. Wie ich nher kam, hrte ich, da es Schlittenfahrten waren. In
Cilly htte ich auch bald meine irdische Laufbahn geschlossen: das ging
so zu. Ich a gut und viel, wie gewhnlich, in der Wirthsstube, und
hatte bestellt, mir ein gutes Zimmer recht warm zu machen, weil es
frchterlich kalt war: denn die steiermrkischen und krainischen Winter
halten sich in gutem Kredit, und der jetzige ist vorzglich strenge.
Nach der Mahlzeit ging ich auf das Zimmer, zog mich aus, stellte mich
einige Minuten an den Ofen, und legte mich zu Bette. Du weit, da ich
ein gar gesunder Kerl bin, und jeden Tag gut esse, und jede Nacht gut
schlafe. So auch hier. Aber es mochte vielleicht gegen vier Uhr des
Morgens seyn, als ich durch eine furchtbare Angst geweckt wurde und den
Kopf kaum heben konnte. So viel hatte ich noch Besinnung, da ich
errieth, ich schlief in einem neu geweiten Zimmer, das man auf mein
Verlangen gewaltig geheizt hatte. Als ich mich aufzurichten versuchte,
um das Fenster zu ffnen, fiel ich kraftlos und dumpf auf den Pfhl
zurck und verlor das Bewutseyn. Als es helle ward, erwachte ich
wieder, sammelte nun so viel Kraft, das Fenster zu ffnen, mich
anzuziehen, in der Eile das Zimmer zu verlassen, hinunter zu taumeln und
unten etwas Wein und Brot zu bestellen. Hier kam der zweite Paroxysmus;
ich sank am Tische hin in einen namenlosen Zustand, wie in einen
lichtleeren Abgrund wo Finsterni hinter mir zuschlo. So viel erinnere
ich mich noch; ich dachte, das ist der Tod und war ruhig: sie werden
mich schon gehrig begraben. Kurze Zeit darauf erwachte ich wieder unter
dem entsetzlichsten Schweie, der mich aber mit jedem Augenblicke
leichter ins Leben zurckbrachte. Der ganze Krper war na, die Haare
waren wie getaucht, und auf den Hnden standen groe Tropfen bis vorn an
die Ngel. Niemand war in dem Zimmer; der Schwei brachte mir nach der
Schwere des Todes ein Gefhl unaussprechlicher Behaglichkeit. Etwas
Schwindel kam zurck; nun suchte ich mich zu ermannen und nahm etwas
Wein und Brot. Die Luft, dachte ich, ist die beste Arznei, und auf alle
Flle stirbt man besser in dem freien Elemente, als in der engen Kajte.
So nahm ich meinen Tornister mit groer Anstrengung auf die Schulter und
ging oder wankte vielmehr fort; aber mit jedem Schritte ward ich
leichter und strker, und in einer halben Stunde fhlte ich nichts mehr,
ob mir gleich Kleid, Hut, Haar und Bart und das ganze Gesicht schwer
bereift war und der ganze Kerl wie schlecht verschossene Silberarbeit
aussah; denn es fiel ein entsetzlich kalter Nebel. Nach zwei Stunden
frhstckte ich wieder mit so gutem Appetit, als ich je gethan hatte.
Siehst Du, lieber Freund, so htte mich der verdammte Kalk beinahe etwas
frher, als nthig ist in jene Welt gefrdert. Doch vielleicht kam mir
dieses auch nur so gefhrlich vor, weil ich keiner solchen Phnomene von
Krankheit, Ohnmacht und so weiter, gewohnt bin. Etwas gewitziget wurde
ich inde fr die Zukunft, und ich visitirte nun allemal erst die Wnde
eines geheizten Zimmers, ehe ich mich ruhig einquartirte.

Zwischen Franz und Sankt Oswald steht rechts am Berge eine Pyramide mit
einem Postament von schwarzem Marmor, auf dem die Unterwerfungsakte der
Krainer an Karl den Sechsten eingegraben ist: ^Se substraverunt^, heit
es mit klassisch diplomatischer Demuth. Eine Viertelstunde weiterhin ist
links ein anderes neueres Monument, wie es mir schien, zur Ehre eines
Ministers, der den Weg hatte machen lassen. Es war sehr kalt; die
Schrift war schon ganz unleserlich und der Weg war auch wieder in beln
Umstnden, obgleich beides hchstens nur von Karl dem Sechsten.

Abends kam ich mit vieler Anstrengung in Sankt Oswald an, ob ich gleich
recht gut zu Mittag gegessen hatte; denn der Zufall mochte mich doch
etwas geschwcht haben. Der Wirth, zu dem man mich hier wies, war ein
Muster von Grobheit und hat die Ehre, der Einzige seiner Art auf meiner
ganzen Reise zu seyn; denn alle brigen waren leidlich artig. Ich trat
ein und legte meinen Tornister ab. Es war Zweidunkel, zwischen Hund und
Wolf. Was will der Herr? fragte mich ein ziemlich dicker, handfester
Kerl, der bei dem Prsidenten der italienischen Kanzlei in Wien
Kammerdiener gewesen zu seyn schien, so ganz sprach er seine Sprache und
seinen Dialekt. Du weit, da sehr oft ein Minister das Talent hat,
durch sein wirksames Beispiel die Grobheit durch die ganze Provinz zu
verbreiten. Was will der Herr? Ich trat ihm etwas nher und sagte:
Essen, trinken und schlafen. -- Das erste kann er, das zweite nicht.
-- Warum nicht? Ist hier nicht ein Wirthshaus? -- Nicht fr Ihn. --
Fr wen denn sonst? -- Fr andere ehrliche Leute. -- Ich bin
hoffentlich doch auch ein ehrlicher Mann. -- Geht mich nichts an. --
Aber es ist Abend, ich kann nicht weiter und werde also wohl hier
bleiben mssen, sagte ich etwas bestimmt, hier gerieth der dicke Mann
in Zorn, ballte seine beiden Fuste mit einer solchen Heftigkeit, als ob
er mit jeder auf einmal ein halbes Dutzend solcher Knotenstcke
zerbrechen wollte, wie ich trug. Mach der Herr nur kein Federlesens,
und pack Er sich, oder ich rufe meine Knechte, da soll die Geschichte
bald zu Ende seyn. Er deutete grimmig auf die Thr und ging selbst
hinaus. Ich wandte mich, als er hinaus war, an einen jungen Menschen,
welcher der Sohn vom Hause zu seyn schien, und fragte ihn ganz sanft um
die Ursache einer solchen Behandlung. Er antwortete mir nicht. Ich
sagte, wenn man mir nicht trauete, so mchte man meine Sachen in
Verwahrung nehmen, und Brse und Uhr und Pa und Taschenbuch dazu. Nun
sagte er mir ngstlich, der Herr wre aufgebracht, und es wrde wohl bei
dem bleiben, was er gesagt htte. Hier kam der dicke Herr selbst wieder.
Ist der Herr noch nicht fort? -- Aber, Lieber, es ist ja ganz Nacht;
ich bin sehr mde und es ist sehr kalt. -- Geht mich nichts an. --
Es ist kein anderes Wirthshaus in der Nhe. -- Wird schon eins
finden. -- Auch wieder ein solches? -- Nur nicht rsonnirt und
Marsch fort! -- Hier ist mein Pa aus der Wiener Staatskanzlei. --
Ei, was! rief er grimmig wthend, und ohne mit Respekt zu sagen, ich
sch.... auf den Quark! Was war zu thun? Zur Bataille durfte ich es
nicht wohl kommen lassen; denn da htte ich, trotz meinem
schwerbezwingten Knotenstock, Schlge bekommen fr die Humanitt,
^quantum satis^, und noch etwas mehr. Der Mensch schien Kaiser und Papst
in Sankt Oswald in einer Person zu seyn. Ich nahm ganz leise meinen
Reisesack und ging zur Thr hinaus. War das nicht ein erbaulicher,
sthetischer Dialog?

Nun ist in ganz Sankt Oswald, so viel ich sah, weiter nichts, als dieses
ziemlich ansehnliche Wirthshaus, die Post, ich glaube die Pfarre und
einige kleine Tagelhnerhtten. Zu der Postnation habe ich durch ganz
Deutschland nicht das beste Zutrauen in Rcksicht der Humanitt und
Hflichkeit: das ist ein Resultat meiner Erfahrung, als ich mit
Extrapost reis'te; nun denke Dir, wenn ein Kerl mit dem Habersack kme!
Er mchte noch so viel Dukaten in der Tasche haben, und zehren wie ein
reicher Erbe -- das wre wider Polizei und die Ehre des Hauses. Zu dem
Pfarrer htte ich wohl gehen sollen, wie ich nachher berlegte, um meine
Schuldigkeit ganz gethan zu haben. Aber das Unwesen wurmte mich zu sehr;
ich gab dem Heiligen im Geiste drei tchtige Nasenstber, da er seine
Leute so schlecht in der Zucht hielt, und schritt ganz trotzig an dem
Berge durch die Schlucht hinunter in die Nacht hinein. Die tiefe
Dmmerung, wo man aber doch im Zimmer noch nicht Licht hatte, und mein
halb polnischer Anzug mochten mir auch wohl einen Streich gespielt
haben: denn ich glaube fast, wenn wir einander htten hell ins Gesicht
sehen knnen, es wre etwas glimpflicher gegangen. Die Gegend war nun
voll Ruber und Wlfe, wie man mir erzhlt hatte, ich marschirte also
auf gutes Glck geradezu. Ungefhr eine halbe Stunde von dem Heiligen
der schlechten Gastfreundschaft traf ich wieder ein Wirthshaus das klein
und erbrmlich genug im Mondschein dort stand. Sehr ermdet und etwas
durchfroren trat ich wieder ein, und legte wieder ab. Da saen drei
Mdchen, von denen aber keine eine Sylbe deutsch sprach, und sangen, bei
einem kleinen Lichtchen, ihrer kleinen Schwester ein gar liebliches
krainisches Wiegentrio vor, um sie einzuschlfern. Endlich kam der
Wirth, der etwas deutsch radbrechte: dieser gab mir freundlich Brot,
Wurst und Wein, und ein Kopfkissen auf das Stroh. Ich war sehr froh, da
man mir kein Bett anbot; denn mein Lager war unstreitig das beste im
ganzen Hause. Es war mir lieb bei dieser Gelegenheit eine gewhnliche
krainische Wirthschaft zu sehen, die dem Ansehen nach noch nicht die
schlechteste war, und die doch nicht viel besser schien, als man sie bei
den Letten und Esthen in Kurland und Liefland findet. Gleiche Ursachen
bringen gleiche Wirkungen.

Bei Popetsch steht rechts von der Post, oben auf der Anhhe, ein
stattliches Haus, und hinter demselben zieht sich am Berge eine
herrliche Partie von Eichbumen hin. Es waren die ersten schnen Bume
dieser Art, die ich seit meinem letzten Spaziergange in dem Leipziger
Rosenthale sah. Im Prater in Wien sind sie nicht zahlreich; dort in der
Donaugegend sind die Pappeln und Weiden vorzglich.

Nicht weit von Laybach fallen die Save und Laybach zusammen; und ber
die Save ist eine groe hlzerne Brcke. Die Lage des Laybacher
Schlosses hat von fern viel Aehnlichkeit mit dem Grtzer; und auch die
Stadt liegt hier ziemlich angenehm an beiden Seiten des Flusses, eben so
wie Grtz an der Murr. Die Brcken machen hier, wie in Grtz, die besten
Marktpltze, da sie sehr bequem auf beiden Seiten mit Kaufmannslden
besetzt sind; eine groe Annehmlichkeit fr Fremde! Das Komdienhaus ist
zwar nicht so gut, als in Grtz, aber doch immer sehr anstndig; und
auch hier sind am Eingange links und rechts Kaffee- und Billardzimmer.

Schantroch, der hiesige Entrepreneur, der abwechselnd hier, in Grz, in
Klagenfurt, und auch zuweilen in Triest ist, gab Kotzebues Bayard. Er
selbst spielte in einem ziemlich schlechten Dialekt, und seine ganze
Gesellschaft hlt keine Vergleichung mit der Domaratiussischen in Grtz
aus. Man sprach hier von einem Stck in Knittelversen, das Alles, was
Schiller und Lessing geschrieben haben, hinter sich lassen soll. Herr
Schantroch, der mit mir an der nmlichen Wirthstafel speis'te, schien
ein eben so seichter Kritiker zu seyn, als er ein mittelmiger
Schauspieler ist. Doch ist seine Gesellschaft nicht ganz ohne Verdienst
und hat einige Subjekte, die auch ihren Dialekt ziemlich berwunden
haben: und Schantroch soll als Principal Alles thun, was in seinen
Krften ist, sie gut zu halten. Die Tagesordnung des Stadtgesprchs
waren Balltrakasserien, wo sich vorzglich ein Officier durch sein
unanstndiges, brskes Betragen ausgezeichnet haben sollte: und dieser
war, nach seinem Familiennamen zu urtheilen, leider unser Landsmann. Die
Kaffeehuser sind in Grtz und hier weit besser als in Wien; und das
hiesige Schweizerkaffeehaus ist weit artiger und verhltnimig
anstndiger, als das berhmte Milanosche in der Residenz, wo man sitzt,
als ob man zur Finsterni verdammt wre. Du siehst, da man fr das
letzte Zipfelchen unsers deutschen Vaterlandes hier ganz komfortabel
lebt und uns noch Ehre genug macht.

Einige Barone aus der Provinz, die in meinem Gasthofe speis'ten,
sprachen von den hiesigen Rechtsverhltnissen zwischen Obrigkeiten und
Unterthanen; oder vielmehr zwischen Erbherren und Leibeigenen; denn das
erstere ist nur ein Euphemismus: und da ergab sich denn fr mich, den
stillen Zuhrer, da Alles noch ein groes, grobes, verworrenes Chaos
ist, eine Mischung von rechtlicher Unterdrckung und alter Sklaverei.

Was Kttner von dem bsen Betragen der Franzosen in einigen andern
Grenzgegenden gesagt hat, mu wohl hier nicht der Fall gewesen seyn.
Alle Eingeborne, mit denen ich gesprochen habe, reden mit Achtung von
ihnen, und sagen, sie haben weit von ihren eigenen Leuten gelitten. Aber
auch diese verdienen mehr Entschuldigung, als man ihnen vielleicht
gnnen will. Die Armee war gesprengt. Stelle Dir die frchterliche Lage
solcher Leute vor, wenn sie zumal in kleine Parteien geworfen werden.
Der Feind sitzt im Rcken oder auch schon in den Seiten; sie wissen
nicht, wo ihre Oberanfhrer sind, haben keine Kasse, keinen Mundvorrath
mehr: nun kmpfen sie ums Leben berall, wo sie Vorrath treffen.
Gutwillig giebt man ihnen nichts oder wenig: und die Bedrfnisse vieler
sind gro. Natrlich sind die Halbgebildeten nicht immer im Stande, sich
in den Grenzen der Besonnenheit zu halten. Die Einen wollen nichts
geben, die Andern nehmen mehr, als sie brauchen. Da dieses so ziemlich
der Fall war, beweist der Erfolg. Es wurden hier einige Hunderte
eingefangen und auf das Schlo zu Laybach gesetzt. Nun waren sie
ordentlich und ruhig und sagten: Wir wollen weiter nichts, als Essen;
wir konnten doch nicht verhungern.

Das Erdbeben, von dem man in Grz frchterliche Dinge erzhlte, und
sagte, es habe Laybach ganz zu Grunde gerichtet, ist nicht sehr merklich
gewesen und hat nur einige alte Mauern eingestrzt. In Fiume, Triest und
Grz soll man es strker gesprt haben: doch hat es auch dort sehr wenig
Schaden gethan. Der Verkehr ist hier ziemlich lebhaft; die Transporte
kommen auf der Save von Ungern herauf in die Gegend der Stadt und werden
zu Lande weiter geschafft. Vorzglich gehen die Bedrfnisse jetzt ins
Venetianische, fr die dort stehenden Truppen, und auch nach Tyrol, das
sich von dem Kriege noch nicht wieder erholt hat.

Zwischen der Save und der Laybach, wo beide Flsse sich vereinigen, soll
in den Berggegenden ein groer Strich Marschland liegen, an den die
Regierung schon groe Summen ohne Erfolg gewendet hat. Eine Anzahl
Hollnder denen man in Unternehmungen dieser Art wohl am meisten trauen
darf, hat sich erboten, das Wasser zu bndigen und die Gegend brauchbar
zu machen, mit der Bedingung, eine gewisse Zeit frei von Abgaben zu
bleiben. Aber die Regierung ist bis jetzt nicht zu bewegen; aus welchen
Grnden, kann man nicht wohl begreifen: und so bleibt der Landstrich de
und leer, und das Wasser thut immer mehr Schaden.




                                                            _Prewald._


Von Laybach aus geht es nun allmlich immer aufwrts, und man hat die
hohe Bergspitze des Loibels rechts hinter sich. Bei Oberlaybach, einem
ziemlich kleinen Stdtchen, kommt die Laybach aus den Bergen und trgt,
gleich einige hundert Schritte von dem Orte des Ausgangs, Fahrzeuge von
sechzig Zentnern. Von hier geht es immer hher bis nach Loitsch und so
fort bis nach Planina, das, wie der Name zeigt, in einer kleinen Ebene,
ziemlich tief zwischen den rund umher emporsteigenden Bergen liegt. Der
Weg von Laybach bis Oberlaybach hat noch ziemlich viel Kultur; aber von
da ist er wild und rauh, und man trifft auer den Stationen bis nach
Adlersberg wenig Huser an. Hier in Planina hatte das Wasser wieder
Unfug angerichtet. Es dringt berall aus den Bergen hervor, und hat das
ganze schne Thal zu einer auerordentlichen Hhe berschwemmt, so da
die Eichen desselben bis an die Aeste im Wasser stehen. Dieses war noch
nicht ganz fest gefroren, und man setzte auf mehrern Fahrzeugen
bestndig ber nach Planina. Der Fall ist nicht selten in dieser
Jahreszeit; aber diesesmal war die Fluth auerordentlich hoch. Die
Hlfte von Planina, auf der andern Seite des Thals, stand unter Wasser.
Vorzglich soll die Fluth auch mit vermehrt werden durch den Bach von
Adlersberg, der dort bei der Schlohhle sich in die Felsen strzt, so
einige Meilen unter der Erde fortschiet und hier in einer Schlucht
wieder zum Vorschein kommt.

Von Planina aus windet sich der Weg in einer langen Schneckenlinie den
groen Berg hinan, und giebt in mehreren Punkten rckwrts sehr schne
Partien, wie auch schon, wenn ich nicht irre, Herr Kttner bemerkt hat.
Mich ducht, da man ohne groen Aufwand die Strae in ziemlich gerader
Linie hinauf htte ziehen knnen, die auch, mit gehrigen Abstzen, eben
nicht beschwerlich seyn wrde. Ehrliche Krainer hatten es hier und da
schon mit ihren kleinen Wagen gethan, und zu Fue konnte man schon
berall mit Bequemlichkeit durchschneiden. Die Herrschaft Adlersberg
liegt oben auf der grten Hhe und ist nur von noch hheren Bergspitzen
umgeben. Der Schloberg ist bei weitem nicht der hchste, sondern nur
der hchste in der Ebene, welche die Herrschaft ausmacht. Von allen
Seiten sammelt sich das Wasser und bildet einen ziemlichen Flu, der bei
der Grotte am Schloberge, nahe bei der Mhle, wie oben erwhnt worden
ist, in die Felsen strzt. Ich wollte, wie Du denken kannst, die Hhle
sehen, und es ward mir schwer einen Menschen zu finden, der mich
begleiten wollte. Endlich ging ein Mensch von der Mauth mit mir, kaufte
Fackel und Licht, und fhrte mich weit, weit vor den Ort hinaus, durch
den tiefsten Schnee, immer waldeinwrts. Das ging eine starke halbe
Stunde ohne Bahn so fort, und der Mensch wute sodann nicht mehr, wo er
war, und suchte sich an den Felsenspitzen und Schluchten zu orientiren.
Wir arbeiteten noch eine halbe Stunde durch den hohen Schnee, in dem
dicksten Fichtenwalde, und -- keine Grotte! Du begreifst, da es mir
etwas bedenklich ward, mit einem wildfremden, baumstarken Kerl so allein
in den Schluchten herumzukriechen und in Krain eine Hhle zu suchen:
mich beruhigte aber, da ich von dem ffentlichen Kaffeehause in der
Stadt vor Aller Augen mit ihm abgegangen war. Ich sagte ihm, die Hhle
msse, wie ich gehrt habe, doch nahe an der Stadt, am Schloberge seyn,
und er antwortete, jene in der Nhe der Stadt solle ich auf dem Rckwege
sehen; aber diese entfernte sei die merkwrdigere. Endlich kamen wir
nach vielem Irren und Suchen, nach einer halben Stunde, am Eingange der
Hhle an. Dieser ist wirklich romantisch, wild und schauerlich, in einem
tiefen Kessel, rund umher mit groen Felsenstcken umgeben und mit dem
dichtesten Schwarzwalde bewachsen. Hier zndeten wir in dem Gewlbe,
halb am Tage die Fackel an und gingen in die Hhle hinein, ungefhr eine
Viertelstunde ber verschiedene Felsenflle, sehr abschssig, immer
bergab. Beim Hinabsteigen hrte ich links in einer ungeheuren Tiefe
einen Strom rauschen, welches vermuthlich das Wasser ist, das bei der
Stadt in den Felsen fllt und bei Planina wieder herausdringt. Wir
stiegen nicht ohne Gefahr noch einige hundert Schritte weiter ber
ungeheure eingestrzte Felsenstcke immer bergab, und mein Fhrer sagte
mir, weiter wrde er nicht gehen, er wisse nun keinen Weg mehr und die
Fackel wrde sonst nicht den Rckweg dauern. Er mochte wohl nicht der
beste Wegweiser seyn. Aber die Fackel brannte wirklich in der groen
Tiefe und vermuthlich in der Nhe von Dnsten nur mit Mhe; wir stiegen
also wieder heraus und frderten uns bald zu Tage. Nun fand mein
Begleiter den Weg rckwrts nach der Stadt sehr leicht. Unterwegs
erzhlte er mir von allen den vornehmen und groen Personagen, welche
die Hhlen gesehen htten. Diese entferntere shen nur Wenige; und unter
diesen Wenigen nannte er vorzglich den Prinzen Konstantin von Ruland.
Mein Fhrer hatte den krzesten Weg nehmen wollen und hatte mich
unbemerkt auf den hohen Felsen ber der Hhle am Schlosse gebracht, wo
wir nun wie die Gemsen hingen und mit Gefahr hinunter klettern muten,
wenn wir nicht einen Umweg von einer halben Stunde machen wollten.
Einige Untenstehende riefen uns und zeigten uns die Pfade, auf denen es
mglich war hinunter zu kommen. Nun standen wir am Eingange der andern
Grotte, wo sich der Flu in den Felsen hinein strzt. Der Flu nimmt
sodann die Richtung ein wenig links; der Weg in der Grotte geht ziemlich
gerade fort rechts. In einiger Entfernung vom Eingange erweitert sich
das Gewlbe; es wird sehr hoch und breit, man hrt links den Flu wieder
herrauschen, und bald kommt man auf einer natrlichen Felsenbrcke ber
demselben, mitten unter dem Gewlbe. Hier thut die Flamme der Fackeln
eine furchtbare schne Wirkung. Man hrt das Wasser unter sich, und
sieht ber sich und rund um sich die Nacht des hohen, breiten Gewlbes.
Hier haben die Fhrer die Gewohnheit, einige Bund Stroh auf den
Felsenwnden der Brcke anzuznden, und hatten diesmal sehr reichlich
zugetragen. Die magische Beleuchtung der ganzen unterirdischen
Brckenregion mit ihrem schauerlichen Felsengewlbe, den grotesken
Felsenwnden und dem unten im Abgrunde rauschenden Strome, macht einen
der schnsten Anblicke, deren ich mir bewut bin. Wenn der Strohhaufen
fast verzehrt ist, strzt man ihn von der Brcke hinab in den Strom, und
so sieht man ihn unten in der Tiefe auf dem Wasserbett noch einige
Augenblicke fortglhen. Die pltzlich aufsteigende weite Flammenhelle
und die schnell zurckkehrende Finsterni, wo man bei dem schwachen
Fackellichte nur einige Schritte sieht, macht einen berraschenden
Kontrast. Es hatten sich einige gemeine Krainer zu uns gesellet, die
gern die Gelegenheit mitnehmen, das schne Schauspiel in der Grotte
wieder zu sehen, dabei ihre Geschichten auszukramen und noch einige
Groschen zu verdienen. Bis hierher sind die Franzosen gekommen, sagten
sie, als wir auf der Brcke standen; aber weiter wagten sie sich
nicht. -- Warum nicht? fragte ich. Die Kerle zogen ein wichtiges
Gesicht beim Fackelschein, und suchten den Muth der Franzmnner
verdchtig zu machen. Die Franzmnner mochten wohl andere Ursachen
haben. Sie waren hchst wahrscheinlich nicht zahlreich genug, hatten
drauen nicht gehrige Maregeln genommen und besorgten in der groen
Tiefe der Hhle irgend ein unterirdisches Abenteuer kriegerischer Natur.
Auerdem ist nichts zu frchten. Ich ging nun links am Flusse jenseit
der Brcke ungefhr noch einige hundert Schritte weiter fort; dann aber
muten wir anfangen mit Lebensgefahr ber die Felsen am Wasser
hinzuklettern. Mein Fhrer sagte, es sei unmglich weiter zu kommen. Das
glaubte ich nun eben nicht: aber es war Schwierigkeit und Gefahr; ich
wollte noch heute den Weg im Sonnenlichte weiter, und wir krochen und
wandelten zurck. Die Bielshhle bei Elbingerode hat mehr
Verschiedenheit und die benachbarte Baumannshhle einige vielleicht eben
so groe Partien aufzuweisen; aber sie haben nichts hnliches, wie die
furchtbare Hllenfahrt in der ersten und der Flu und die Brcke in der
letztern sind. Die Tropfsteine sind in den Harzhhlen hufiger,
grotesker und schner als hier. Zum Beweis, da dieser Flu das bei
Planina wieder herausstrmende Wasser sei, erzhlte man mir, man habe
vor einiger Zeit hier bei dem Einsturz ungefhr eine Metze Korke hinein
geworfen, und diese seien dort in der Bergschlucht wieder zum Vorschein
gekommen.

Hier sitze ich nun in Prewald, einer sehr hohen Bergspitze gegenber,
und zittere vor Frost, bis man mein Zimmer heizt. Die Hhle zu Lueg,
einem Gute des Grafen Kobenzl, habe ich nicht gesehen. Mein Wirth in
Adlersberg erzhlte mir abenteuerliche Dinge davon. Sie soll ehemals von
dort vier Stunden bis nach Wippach gegangen, aber jetzt durch ein
Erdbeben sehr verschttet seyn. Kttner hat sie gesehen und den Eingang
abgebildet. Das Land ist rund umher voll von dergleichen Hhlen, und
wre wohl der Bereisung eines Geologen werth. Vor einigen Jahren bauete
ein Landmann Weizen auf einem schnen Feldstriche am Abhange eines
Berges und erntete sehr reichlich; als er fr das knftige Jahr
bestellen wollte, scho der ganze Acker gegen zehn Klafter tief herab,
und es fand sich, da ein unterirdischer Flu unter demselben hin
gegangen war, und den Grund so ausgewaschen hatte, da er einstrzen
mute. Auch soll in einem See unweit Adlersberg eine noch ganz
unbekannte Art von Eidechsen hausen, von der man erst seit kurzem den
Naturkundigen einige Exemplare eingeschickt habe. Vor einigen Jahren
soll sogar ein Bauer ein Krokodil geschossen haben. Das alles lasse ich
indessen auf der Erzhlung des Herrn Merk in Laybach beruhen, der mir
jedoch ein sehr wahrhafter, unterrichteter Mann zu seyn scheint.




                                                             _Triest._


Da ich nicht Kaufmann bin und nach den Bemerkungen meiner Freunde
durchaus keine merkantilische Seele habe, wirst Du von mir ber Triest
wohl nicht viel hren knnen, wo alles merkantilisch ist. In Prewald
wohnte ich bei den drei Schwestern, die, wenn ich mich nicht irre, Herr
Kttner schon nennt. Die Mdchen treiben eine gar drollige Wirthschaft,
und ich befand mich bei ihnen leidlich genug. Zuerst waren sie etwas
barsch und behandelten mich, wie man einen gewhnlichen Tornistermann zu
behandeln pflegt. Da sie aber eine goldene Uhr sahen und mit hartem
Gelde klimpern hrten, wurden sie ziemlich hflich und sogar sehr
freundlich. Zum Abendgesellschafter traf ich einen katholischen
Feldprediger, der von Triest war, bei den Oestreichern einige Zeit in
Udine gestanden hatte und nun hier ganz allein bei den Mdchen gar
gemchlich in Kantonnirung zu liegen schien. Eine von den Schwestern war
ein noch ganz hbsches Stckchen Erbsnde, und htte wohl einen
ehrlichen Kerl etwas an die sechste Bitte erinnern knnen. Die erste
Bekanntschaft mit den drei Personagen -- ich nennte sie gerne Grazien,
wenn ich nicht historisch zu gewissenhaft wre -- machte ich drollig
genug in der Kche, wo sie sich alle drei auf Sthlen oben auf dem
groen Heerde um ein ziemlich starkes Feuer hergepflanzt und im Fond des
hintern Winkels an der Wand den Mann Gottes hatten, der ihnen
Hanswurstiaden so possirlich vormachte, da alle drei aus vollem Halse
lachten. Das war nun ein Jargon, Deutsch, Italienisch und Krainisch, von
jeder dieser Sprachen die sthetische Quintessenz, wie Du denken kannst,
und ich verstand blutwenig davon. Indessen stellte ich mich so nahe als
mglich, um von dem Feuer, wenn auch nicht der Unterhaltung, doch des
Heerds, meinen Antheil zu haben. Man nahm zuerst keine Notiz von mir,
belugte mich sodann etwas neugierig und fuhr fort. Der geistliche Herr
gewann mir bald Rede ab und sprach erst rein italienisch, radbrechte
dann deutsch und plauderte endlich das beste Mnchslatein. Da es hier
darauf ankam, so kannst Du glauben, da ich mit meiner Gelehrsamkeit
eben nicht den Filz machte, und der Mann fate bald eine gar gewaltige
Affection zu mir, als ich glcklich genug einige Dinge aus dem
Griechischen anfhrte, die er nur halb verstand. Nun empfahl er mich den
schnen Wirthinnen sehr nachdrcklich, und ich hatte die Ehre ihn zum
Tischgesellschafter zu erhalten. Die Mdchen staunten ber unsere
Gelehrsamkeit und htten leicht zuviel Respekt bekommen knnen, wenn
nicht der Mann zuweilen mit vieler Wendung eine tchtige Schnurre mit
eingeworfen htte. Natrlich erhielt er durch das Lob, das er mir
zukommen lie, selbst im Hause ein neues Relief: wer den andern so laut
und grndlich beurtheilt, mu ihn durchaus bersehen knnen.

Wenn ich nicht aus der trophonischen Hhle gekommen, nicht sehr mde
gewesen wre und nicht den folgenden Morgen ziemlich frh fort gewollt
htte, wre mir die lustige Unterhaltung des geistlichen Harlekins noch
lnger vielleicht nicht unlieb gewesen. Aber ich eilte zur Ruhe und lie
die Leutchen lrmen. Als ich den andern Morgen aufstand und fort wollte,
fand ich in dem ganzen, groen, nicht bel eingerichteten Hause noch
keine Seele lebendig. Die Thren waren nur von innen verriegelt und also
fr mich offen: aber wenn ich auch Schuft genug wre, so schlechte
Sottisen zu begehen, so knnte ich doch das Vertrauen so gutherziger
Leutchen nicht mibrauchen. Ich trabte mit meinen schweren Stiefeln
einige Mal ber den Saal weg: niemand kam, nirgends eine Bewegung. Ich
klopfte an einige Zimmer; keine Antwort. Endlich kam ich an ein Zimmer,
das nicht verschlossen war. Ich trat hinein, und siehe, das hbsche
Stckchen Erbsnde hob sich so eben aus dem Bette und entschuldigte sich
freundlich, da noch Niemand wach sey. Wei der Himmel, ob ich armes
Menschenkind nicht in groe Verlegenheit wrde gerathen seyn, wenn sie
nicht eben um ihre Schultern den Mantel geworfen htte, den gestern
Abend der geistliche Herr um die seinigen hatte. Der Mantel gab mir
sogleich eine gehrige Dose Stoicismus; ich bezahlte meine Rechnung und
trollte zum Tempel hinaus.

Du mut wissen, da ich entweder gar nicht frhstcke, oder erst wenn
ich zuvor einige Stunden gegangen bin, versteht sich, wenn ich etwas
finde. Seit diesem Tage machte ich mirs nun durchaus zum Gesetz, meine
Rechnung allemal den Abend vorher zu bezahlen, damit ich den Morgen auf
keine Weise aufgehalten werde. In Prewald gab man mir zuerst Grzer
Wein, der hier in der Gegend in besonders gutem Kredit steht und es
verdient. Er gehrt unter die wenigen Weine, die ich ohne Wasser trank,
welche Ehre, zum Beispiel, nicht einmal dem Burgunder wiederfhrt. Doch
kann ein Idiot, wie ich, hierin eben keine kompetente Stimme haben. Von
Prewald bis nach Triest sind fnf Meilen. Ich hatte den Morgen nichts
gegessen, fand unterwegs kein einladendes Haus; und, mein Freund, ich
machte nchtern im Januar die fnf Meilen recht stattlich ab. In Sessana
hatte mir das erste Wirthshaus gar keine gute Miene und es hielten eine
gewaltige Menge Fuhrleute davor. Der Ort ist nicht ganz klein, dachte
ich, es wird sich schon noch ein anderes besseres finden. Es fand sich
keins, ich war zu faul zu dem ersten zurckzugehen, ging also vorwrts;
und nun war von Sessana bis an die Duane von Triest nichts zu haben. Es
ist lauter steinigter Bergrcken und es war kein Tropfen gutes Wasser zu
finden: das war fr einen durstigen Fugnger das verdrielichste. Wenn
ich nicht noch zuweilen ein Stckchen Eis gefunden htte, das mir den
Durst lschte, so wre ich bel daran gewesen. Die Bergspitze von
Prewald sah ich bis nach Triest, und sie schien immer so nahe, als ob
man eine Falkonetkugel htte hinber schieen knnen. Von Schottwien bis
Prewald hatte ich abwechselnd sehr viel Schnee: bei Sessana hrte er
allmhlich auf, und hier liegt er nur noch in einigen finstern Gngen
und Schluchten. In Prewald zitterte ich noch vor Frost am Ofen, und hier
diesseits des Berges am Meere schwitzt man schon. Es ist heute, am drei
und zwanzigsten Januar, so warm, da berall Thren und Fenster offen
stehen.

Der erste Anblick der Stadt Triest von oben herab ist berraschend, der
Weg herunter ist angenehm genug, der Aufenthalt auf einige Zeit mu viel
Vergngen gewhren; aber in die Lnge mchte ich nicht hier wohnen. Die
Lage des Orts ist bekannt, und fngt nun an ein Amphitheater am
Meerbusen zu bilden. Die Berge sind zu hoch und zu kahl, um angenehm zu
seyn; und zu Lande ist Triest von aller angenehmen Verbindung
abgeschnitten. Desto leichter geht alles zu Wasser. Der Hafen ist
ziemlich flach, und nur fr kleine Fahrzeuge: die grern und alle
Kriegsschiffe mssen in ziemlicher Entfernung auf der Rhede bleiben, die
nicht ganz sicher zu seyn scheint. Die See ist hier geduldig, und man
kann ihr noch sehr viel abtrotzen, wenn man von den Bergen herab in sie
hinein arbeitet, und so nach und nach den Hafen vielleicht auch fr
groe Schiffe anfahrbar macht.

An den Bergen rund herum hat man hinauf und herab terrassirt und dadurch
ziemlich schne Weingrten angelegt. Die Triester halten viel auf ihren
Wein; ich kann darber nicht urtheilen, und in meinem Gasthause giebt
man gewhnlich nur fremden. Die etwas hhere Altstadt am Kastell ist eng
und finster. Die neue Stadt ist schon fast ganz der See abgewonnen. Ob
hier das alte Tergeste wirklich gestanden hat, mgen die Antiquare
ausmachen. Ich wohne in dem sogenannten groen Gasthofe, einem Hause von
gewaltigem Umfange und dem nmlichen, worin Winkelmann von seinem
meuchlerischen Bedienten ermordet wurde. Meine Aussicht ist sehr schn
nach dem Hafen, und vielleicht ist es das nmliche Zimmer, in welchem
das Unglck geschah. Die Geschichte ist hier schon ziemlich vergessen.

Ich fand hier den Philologen Abraham Penzel, der in Triest den
Sprachmeister fr die Italiener deutsch und fr die Deutschen
italienisch macht. Die Schicksale dieses sonderbaren Mannes wrden eine
lehrreiche, angenehme Unterhaltung gewhren, wenn sie gut erzhlt
wrden. Von Leipzig und Halle nach Polen, von Polen nach Wien, von Wien
nach Laibach, von Laibach nach Triest, berall in genialischen
Verbindungen. Der unglckliche Hang zum Wein hat ihm manchen Streich
gespielt und ihn noch zuletzt genthigt, seine Stelle in Laibach
aufzugeben, wo er Professor der Dichtkunst am Gymnasium war. Er hat
durch seine mannigfaltigen, verflochtenen Schicksale ein gewisses
barockes Unterhaltungstalent gewonnen, das den Mann nicht ohne
Theilnahme lt. ^Per varios casus, per tot discrimina rerum tendimus
Tergestum^, sagte er mir mit vieler Drolerie, damit uns hier, wie
Winkelmann, der Teufel hole. Wir gingen zusammen aus, konnten aber
Winkelmanns Grab nicht finden. Niemand wute etwas davon.

Das Haus eines Griechen -- wenn ich mich nicht irre, ist sein Name
Garciatti -- ist das beste in der Stadt und wirklich prchtig, ganz neu
und in einem guten Style gebaut. Eine ganz eigene recht traurige Klage
der Triester ist ber den Frieden. Mit christlicher Humanitt bekmmern
sie sich um die brige Welt und ihre Drangsale kein Jota und wnschen
nur, da ihnen der Himmel noch zehn Jahre einen so gedeihlichen Krieg
bescheren mchte, dann sollte ihr Triest eine Stadt werden, die mit den
besten in Reihe und Glied treten knnte. Dabei haben die guten
kaufmnnischen Seelen gar nichts Arges; schlagt euch todt, nur bezahlt
vorher unsere Sardellen und trkischen Tcher! Das neue Schauspielhaus
ist das beste, das ich bis jetzt auf meinem Wege gesehen habe. Gestern
gab man auf demselben ^Teodoro Re di Corsica^, welches ein
Lieblingsstck der Triester zu seyn scheint. Die Dekoration, vorzglich
die Partie Rialto in Venedig, war sehr brav. Es wre aber auch
unverzeihlich, wenn die reichen Nachbarn, die es noch dazu auf Unkosten
der Herren von Sankt Markus sind, so etwas nicht ausgezeichnet haben
wollten. Man sang recht gut, und durchaus besser, als in Wien.
Vorzglich zeichneten sich durch Gesang und Spiel aus die Tochter des
Wirths und der Kammerherr des Theodor. Die Logen sind alle schon durch
Aktien von den Kaufleuten genommen und ein Fremder mu sich auf ihre
Hflichkeit verlassen, welches nicht immer angenehm seyn mag. Die Herren
haben die Logen gekauft, bezahlen aber noch jederzeit den Eingang; eine
eigene Art des Geldstolzes! Der Patriotismus knnte wohl eine etwas
humanere Art finden, die Kunst zu untersttzen. Der Fremde, der doch
wohl zuweilen Ursache haben kann im Publikum isolirt zu seyn, ist sehr
wenig dabei bercksichtigt worden. Hier hrte ich zuerst den betubenden
Lrm in den italienischen Theatern. Man bedient sich des Schauspiels zu
Rendesvous, zu Konversationen, zur Brse, und wer wei wozu sonst noch?
Nur die Lieblingsarien werden still angehrt; brigens kann ein
Andchtiger Thaliens nicht viel Genu haben; und die Schauspieler rchen
oft durch ihre Nachlssigkeit die Vernachlssigung. Etwas eigenes war
mir im Hause, da das Parterre berall entsetzlich nach Stockfisch roch,
ich mochte mich hinwenden, wo ich wollte.




                                                            _Venedig._


Die Leute meinten hier wieder, ich sey nicht gescheidt, als sie hrten,
ich wollte zu Fue von Triest ber die Berge nach Venedig gehen, und
sagten, da wrde ich nun wohl ein Bischen todt geschlagen werden: aber
ich lie mich nicht irre machen und wandelte wieder den Berg herauf;
zwar nicht den nmlichen groen Fahrweg, kam aber doch, nach ungefhr
zweistndigem Herumkreuzen am Ufer und durch die Weinberge, wieder auf
die Heerstrae. Ich besuchte die Hhlen von Korneale nicht, weil die
ganze Gegend verdammt verdchtig aussah, und ich mich in der Wildni
doch nicht so ganz allein und wildfremd den Leuten in die Hnde geben
wollte. Die Berge, welche von Natur sehr rauh und etwas de sind, waren
sonst dewegen so unsicher, weil sie, wie die Genuesischen, der
Zufluchtsort alles Gesindels der benachbarten Staaten waren. Da ganz
Venedig aber jetzt in sterreichischen Hnden ist, wird es nun der
wachsamen Polizei leichter, Ordnung und Sicherheit zu erhalten. Man
sprt in dieser Rcksicht schon den Vortheil der Vernderungen. An dem
Zwickel der Berge kommt hier ein schner Flu aus der Erde hervor, der
vermuthlich auch Hhlen bildet. Hier sind, nach aller Lokalitt, gewi
Virgils Felsen des Timavus; und ich sah stolz umher, da ich nun
ausgemacht den klassischen Boden betrat. Der Einschnitt zwischen den
Bergen, oder das Thal zwischen Santa Croce und Montefalcone macht noch
jetzt der Beschreibung der Alten Ehre. Unten rechts am Meere stand
vermuthlich der Heroentempel im Haine, und links etwas weiter herauf am
Ausflusse des Timavus war der Hafen. Ich schlug mich hier rechts von der
geraden Strae nach Venedig ab ber die Berge hinber nach Grz, welches
sechs ziemlich starke Meilen von Triest liegt. Wenn man einmal ber die
Berge hinber ist, welche freilich etwas kahl sind, hat man die
schnsten Weinthler. Der Wein wird schon nach italienischer Weise
behandelt, hngt an Ulmen oder Weiden, und macht, wo die Gegend etwas
nachhilft, schne Gruppirungen.

Von Grz nach Gradisca sind die Berge links ziemlich sanft und man hat
die groen Hhen in betrchtlicher Entfernung rechts: und wenn man ber
Gradisca nach Palma Nuova herauskommt, ist man ganz in der schnen
Flche des ehemaligen venetianischen Friaul, hat links fast lauter Ebene
bis zur See und nur rechts die ziemlich hohen Friauler Alpen. Von Grtz
nach Udine stehen im Kalender fnf Meilen; aber streichische Officiere
versicherten mich, es seien gute sieben Meilen, und ich fand Ursache der
Versicherung zu glauben. Palma Nuova war eine venetianische
Grenzfestung, und nun hausen die Kaiserlichen hier. Sie exercirten eben
auf dem groen Platze vor dem Thore. Der Ort ist militrisch nicht ganz
zu verachten, wenn er gut vertheidigt wird. Man kann nach allen Seiten
vortrefflich rasiren, und er kann von keiner nahen Anhhe bestrichen
werden.

In Udine feierte ich den neun und zwanzigsten Januar meinen Geburtstag;
und hre, wie! Ich hatte mir natrlich den Tag vorher schon vorgenommen,
ihn recht stattlich zu begehen, und also vor allen Dingen hier Ruhetag
zu halten. Der Name Udine klang mir so schn, war mir aus der
Knstlergeschichte bekannt, und war berdies der Geburtsort unserer
braven Grassi in Dresden und Wien. Die groe feierlich tnende
Abendglocke verkndete mir in der dunkeln Ferne -- denn es war schon
Nacht, als ich ankam -- eine ansehnliche Stadt. Vor Campo Formio war ich
im Dunkeln vorbeigegangen. Am Thore zu Udine stand eine streichische
Wache, die mich examinirte. Ich bat um einen Grenadier, der mich in ein
gutes Wirthshaus bringen sollte. Gewhrt. Aber ein gutes Wirthshaus war
nicht zu finden. Ueberall wo ich hineintrat, saen, standen und lagen
eine Menge gemeiner Kerle bacchantisch vor ungeheuer groen Weinfssern,
als ob sie mit _Brger_ bei Ja und Nein vor dem Zapfen sterben wollten.
Es kam mir vor, als ob _Brger_ hier seine Uebersetzung gemacht haben
msse; denn der lateinische Text des alten englischen Bischofs hat
dieses Bild nicht. In dem ersten und zweiten dieser Huser hatte ich
nicht Lust zu bleiben; im dritten wollte man mich nicht behalten.
Ruhig! dachte ich; du gehst auf die Wache: morgen wird sichs schon
finden. Der Sergeant gestand mir gern Quartier zu, da ich der Wache fr
ihre Hflichkeit ein gutes Trinkgeld geben wollte. Nun holte man Brot
und Wein fr mich. Kaum war dieses da, so kam eine fremde Patrouille,
einige Meilen weit her, welche ihr Quartier auch in der Wachstube nahm.
Nun sagte der Sergeant ganz hflich, es sei kein Platz mehr da. Das sah
ich auch selbst ein. Er machte auch Dienstschwierigkeiten, die ich als
alter Kriegsknecht sehr bald begriff. Ich berlie Brot und Wein dem
Ueberbringer und verlangte, man solle mich auf die Hauptwache bringen
lassen. Das geschah. Dort fand ich mehrere Officiere. Ich erzhlte dem
Wachhabenden meinen Fall und schlo mit der Meinung, da ich doch
Quartier haben msse, und sollte es auch auf der Hauptwache seyn. Die
Herren lrmten, fluchten und lachten und sagten, es gehe ihnen eben so;
die Welschen schlgen die Deutschen todt nach Noten, wo sie knnten. Man
schickte mich zum Platzmajor. Gut! Dieser forderte meinen Pa, fand ihn
richtig, revidirte ihn, befahl, ich sollte mich den folgenden Morgen bei
der Polizei melden, die ihn auch unterschreiben msse, und machte einige
Knasterbemerkungen ber die Nothwendigkeit der guten Ordnung, an der ich
gar nicht zweifelte. Das ist alles recht gut; sagte ich; aber ich
kann kein Quartier finden. Ach das wird nicht fehlen, meinte er; aber
es fehlt, meinte ich. Der alte Herr setzte sein Glas bedchtlich
nieder, sah seine Donna an, rieb sich die Augenbrauen und schickte den
Gefreiten mit mir und meinem Tornister ^alla nave^. Der Gefreite wies
mich ins Schiff und ging. Als ich eintrat, sagte man mir, es sei
durchaus kein Zimmer mehr leer; es sei alles besetzt. Ich that gro und
bot viel Geld; aber es half nichts. Sie sollten es fr den vierten
Theil haben, antwortete mir eine alte ziemlich gedeihliche Frau; aber
es ist kein Platz. -- Ich kann nicht fort, es ist spt; ich bin mde
und es ist drauen kalt. Die Italienerin machte es wie der Mann von
Sankt Oswald, nur ganz hflich. Ich gehe nicht, sagte ich, wenn man
mir nicht einen Menschen mitgiebt, der mich wieder auf die Hauptwache
bringt. Den gab man. Nun war ich wieder auf der Hauptwache und erzhlte
und forderte Quartier. Man lrmte und fluchte und lachte von neuem. Ich
versicherte nun bestimmt, ich wrde hier bleiben. Wort gab Wort. Einer
der Herren sagte lachend: Warten Sie, vielleicht bin ich noch so
glcklich, Ihnen Quartier zu verschaffen. Es ist eine verfluchte
Geschichte; es geht uns oft auch so, wenn wir nicht mit Heereszug
kommen: aber ich habe hier einige Bekanntschaft. Der Officier ging
einige hundert Schritte weit davon mit mir in ein Haus, hielt Vortrag,
und ich erhielt sehr hflich Quartier. Zimmer und Bett waren herrlich.
Nun wollte ich essen; da war nichts zu haben. ^Ma Signore,^ sagte die
Wirthin, ^questa casa non  locanda; non si mangia qui.^ Ich hatte
sieben Meilen im Januar gemacht, und war auf dem Pflaster noch eine
Stunde herum trottirt; ich konnte mich also nicht entschlieen, spt in
der Finsterni noch einmal auszugehen. Der Officier war fort. Ich sah
grmlich aus, und man wnschte mir ohne Abendessen freundlich
^Felicissima notte^: ich ging rgerlich zu Bett und schlief herrlich.
Den andern Morgen, an meinem Geburtstage, sollte ich auf die Polizei
gehen. Der Sitz derselben war in vierzehn Tagen wohl vier Mal verndert
worden; man wies mich hierhin und dorthin, und ich fand sie nirgends.

   Der Henker hol' Euch mit der Polizei!
   Es ist doch lauter Hudelei.

So dachte ich in meinem Aerger, kaufte mir eine Semmel und einige Aepfel
in die Tasche, ging nach Hause, bezahlte den sehr billigen Preis fr
mein Quartier, steckte meinen Pa ohne die Polizei wieder in die
Brieftasche und reis'te zum Thore hinaus. Das war mein Geburtstag zum
Morgen. Den Abend aber -- denn zu Mittage konnte ich kein schickliches
Haus finden und fastete -- erholte ich mich wieder zu Codroipo. Eine
niedliche Piemonteserin, deren Mann ein Deutscher und Feldwebel bei
einem kaiserlichen Regimente war, kam zu Fue mit ihrem kleinen Jungen
von ungefhr zwei Jahren von Livorno und ging nach Grz. Du weit, ich
liebe schne reinliche Kinder in diesem Alter ungewhnlich, und der
Knabe fing so eben an, etwas von der Sprache seines Vaters und etwas von
der Sprache seiner Mutter zu stammeln und hatte sein groes Wesen mit
und auf meinem Tornister. Der Wirth brachte uns Polenta, Eierkuchen und
zweierlei Fische aus dem Tagliamento, gesotten und gebraten. Du siehst,
dabei war kein Fleisch: das war also an meinem Geburtstage gefastet und
nach den besten Regeln der Kirche.

Der Weg zwischen Triest und Venedig ist auerordentlich wasserreich;
sehr viele groe und kleine Flsse kommen rechts von den Bergen herab,
unter denen der Tagliamento und die Piave die vorzglichsten sind.
Zwischen Codroipo und Valvasone ging ich ber den Tagliamento in vier
Stationen, auf dem Rcken eines groen, ehrenfesten Charons, der seine
langen Fischerstiefeln bis an die Taille hinaufzog. Der Flu war jetzt
ziemlich klein; und dieses ist zu solcher Zeit die Methode Fugnger
berzusetzen. Sein Bett ist ber eine Viertelstunde breit und zeigt, wie
wild er seyn mu, wenn er das Bergwasser herabwlzt. Wenn die Bche gro
sind, mag die Reise hier immer bedenklich seyn; denn man kann durchaus
an den Betten sehen, welche ungeheuere Wassermenge dann berall
herabstrmt. Jetzt sind alle Wasser so schn und hell, da ich berall
trinke: denn fr mich geht nichts ber schnes Wasser.[10] Die Wohlthat
und den Werth davon zu empfinden, mut Du Dich von den Englndern einmal
nach Amerika transportiren lassen, wo man in dem stinkenden Wasser
fingerlange Fasern von Unrath findet, die Nase zuhalten mu, wenn man es
durch ein Tuch geschlagen trinken will, und doch noch froh ist, wenn man
die kocytische Tunke zur Stillung des brennenden Durstes nur noch
erhlt. So ging es uns, als wir in den amerikanischen Krieg zogen, wo
ich die Ehre hatte, dem Knige die dreizehn Provinzen mit verlieren zu
helfen.

In Pordenone traf ich das erste Mal eine ffentliche Mummerei von
Gassenmaskerade, mute bei gar jmmerlichen Fischen wieder fasten, und
wre bel gefahren, wenn mich ein kleines, niedliches Mdchen vom Hause
nicht noch mitleidig mit Kastanien gefttert htte. Hier sind in der
Markuskirche einige hbsche Votivgemlde, mit denen man sich wohl eine
halbe Stunde angenehm beschftigen kann. Von Udine bis Pordenone ist
viel drres Land; doch findet man mitunter auch sehr schne
Weinpflanzungen. Die Deutschen stehen, wie Du aus der Geschichte von
Udine gesehen hast, eben nicht in dem besten Kredit hier in der Gegend,
und es ist kein Unglck fr mich, da man mich meistens fr einen
Franzosen hlt, weil in meine Sprache sich oft ein franzsischer
Ausdruck einschleicht. Wenn ich gleich sage und wiederhole, ich sei ein
Deutscher, so will man es doch nicht glauben. In der Vermuthung, ich
msse ein franzsischer Officier seyn, der das Land umher durchzieht,
werde ich oft recht gut bewirthet. Dergleichen Promenaden der Franzosen
mssen also doch so ungewhnlich nicht seyn. ^Signore  Francese, ma non
volete dirlo. Fate bene, fate bene^: sagte man mir mit sehr freundlichem
Gesichte. Alles kommt freilich auf dem Parteigeist an, der hier eben so
mchtig ist, als irgendwo. Viele klagen ber die Franzosen; aber die
meisten scheinen es doch nicht gern zu sehen, da sie nicht mehr hier
sind.

In Conegliano fand ich einige junge Kaufleute, die von Venedig kamen und
den Weg nach Triest zu Fue machen wollten, den ich eben gekommen war.
Das Herz ward ihnen sehr leicht, als ich sagte, es gehe recht gut und es
sei mir keine Gefahr aufgestoen: denn man hatte auch diesen Herren von
der andern Seite das Gehirn mit Schreckbildern angefllt. Sodann war
auch dort, wie er sich selbst in der Gesellschaft einfhrte, ein groer
Philosoph, ungarischer Husarenunterofficier, der hier den politischen
Spion zu machen schien. Er donnerte gewaltig ber die Revolution und
brachte Anspielungen und indirekte Drohungen gegen meine Person, als
dieses Verbrechens verdchtig. Der Wirth hat das Recht, nach meinem
Passe zu fragen, mein Herr, versetzte ich, als mir die Worte zu stark
und zu deutsch wurden: wenn sie aber glauben, da es nthig ist, so
fhren Sie mich vor die Behrde zur Untersuchung. Uebrigens erbitte ich
mir von Ihrer Philosophie etwas Humanitt. Das wirkte: der Mann fing
nun an, ein halbes Dutzend Sprachen zu sprechen, und vorzglich das
Italienische und Ungarische mit einer horrenden Volubilitt. Sobald wir
nur lateinisch zusammenkamen, waren wir Freunde, und er war sogleich von
meiner politischen Orthodoxie berzeugt: und als ich ihn vollends zu
meinem Weine mit Pastetchen ehrenvoll einlud, gehrten wir durchaus zu
einer Sekte. Er hielt sich an den Wein, ich mich an die Pastetchen, und
alle Coneglianer, Trevisaner und Venetianer staunten den Strom von
Gelehrsamkeit an, den der Mann aus seinem Schatze hervorgo.

Von Conegliano bis Treviso hatte ich mir auf einem eingefallenen
Steinchen die Ferse blutig getreten, und gab daher zum ersten Mal den
Zudringlichkeiten eines Vetturino nach, der mich fr sechs Liren nach
Mestre bringen wollte. Mit der Bedingung, da ich gleich abginge, lie
ich mir die Sache gefallen: denn ich wollte noch gern diesen Abend in
Mestre seyn, um den folgenden Morgen zeitig nach Venedig berzusetzen.
Sechs Liren war mir ein unbegreiflich niedriger Preis fr einen vollen
Wagen mit zwei guten Pferden, den er mir vor dem Wirthshause als mein
Fuhrwerk zeigte: so da ich nicht wute, was ich denken sollte. Aber vor
der Stadt hielt er an und packte noch einen venetianischen Kaufmann und
eine Tyrolerin ein, die als Kammerjungfer ihrer Grfin nachreis'te; und
nun begriff ich freilich. Von Conegliano aus ist der Weg schon sehr
frequent, und die Landhuser werden hufiger und schner; und von
Treviso ist es fast lauter schner, mit Villen besetzter Garten. Die
Tyrolerin sentimentalisirte darber ununterbrochen deutsch und
italienisch; der Italiener war ein gar artiger Kerl, und da kamen denn
die beiden Leutchen bald in einen Ton allerliebster Zweideutigkeiten, zu
dem die deutsche Sprache, wenigstens die meinige, gar nicht geeignet
ist: und doch kann ich nicht sagen, da sie geradezu in Unanstndigkeit
ausgeartet wren. Blos der unreine Nasenton der Tyrolerin mifiel mir;
und da ich bei einer zuflligen Lftung des Halstuches in der untern
Gegend des Kinnbackens einige betrchtliche Narben erblickte, war ich
sehr froh, da ich mit excessiver Artigkeit dem Venetianer die
Ehrenstelle neben ihr im Fond berlassen hatte. Ich erhielt meinen Theil
Witz von ihnen fr meine berstoische Laune und Taciturnitt, und
rettete mich von dem Prdikat eines Gimpels vermuthlich nur durch meine
Unkunde in der italienischen Sprache und einige Sarkasmen, die ich ganz
trocken hinwarf. In Mestre wollte mich die Dame aus Artigkeit mit in ihr
Hotel nehmen und meinte, ich knnte morgen mit der Grfin und ihr
zusammen die Ueberfahrt nach dem schnen Venedig machen: aber ich fand
eine Gesellschaft von Venetianern, die noch diesen Abend bersetzen
wollte, und schlo mich an. Wir ruderten den Kanal hinunter. Die Andern
waren alle Einheimische, und hatten weiter nichts nthig, als dieses zu
sagen; aber ich Fremdling mute einige Zeit auf der Wache warten, bis
der Offiziant meinen Pa gehrig registrirt hatte. Er behielt ihn, und
gab mir einen Passirzettel, nach streichischer Sitte, mit der Weisung,
mich damit in Venedig auf der Polizei zu melden. Das forderte etwas
Zeit, da der Herr etwas Myops und kein Tachygraph war; und meine
Gesellschafter waren ber den Aufenthalt etwas bellaunig. Doch das gab
sich bald. Man fragte mich, als ich zurckkam, mit vieler Artigkeit und
Theilnahme, wer ich sei? wohin ich wolle? und dergleichen; und wunderte
sich hchlich, als man hrte, da ich zu Fue allein einen Spaziergang
von Leipzig nach Syrakus machen wollte. Der Abend war schn, und ehe wir
es uns versahen, kamen wir am Rialto an, wovon ich aber jetzt natrlich
weiter nichts als die magische Erscheinung sah. Ein junger Mann von
Conegliano, mit dem ich whrend der ganzen Ueberfahrt viel geplaudert
hatte, begleitete mich durch eine groe Menge enger Gchen in den
Gasthof ^The Queen of England^ und, da hier alles besetzt war, zum
goldnen Stern, nicht weit vom Markusplatze, wo ich fr billige Bezahlung
ziemlich gutes Quartir und artige Bewirthung fand.

Den dritten Februar, wenn ich mich nicht irre, kam ich in Venedig an,
und lief sogleich den Morgen darauf mit einem alten, abgedankten
Bootsmanne, der von Lissabon bis Konstantinopel und auf der
afrikanischen Seite zurck die ganze Kste kannte, und jetzt den
Lohnbedienten machen mute, in der Stadt herum; sah mehr als zwanzig
Kirchen in einigen Stunden, von der Kathedrale des heiligen Markus herab
bis auf das kleinste Kapellchen der ehemaligen Beherrscherin des Adria.
Wenn ich Knstler oder nur Kenner wre, knnte ich Dir viel erzhlen von
dem, was da ist und was da war. Aber das Alles ist Dir wahrscheinlich
schon aus Bchern bekannt; und ich wrde mir vielleicht weder mit der
Aufzhlung noch mit dem Urtheile groe Ehre erwerben. Der Palast der
Republik sieht jetzt sehr de aus, und der Rialto ist mit Kanonen
besetzt. Auch am Ende des Markusplatzes, nach dem Hafen zu, haben die
Oestreicher sechs Kanonen stehen, und gegenber auf Sankt George hatten
schon die Franzosen eine Batterie angelegt, welche die Kaiserlichen
natrlich unterhalten und erweitern. Die Partie des Rialto hat meine
Erwartung nicht befriedigt; aber der Markusplatz hat sie, auch so wie er
noch jetzt ist, bertroffen.

Es mgen jetzt ungefhr drei Regimenter hier liegen; eine sehr kleine
Anzahl fr ernsthafte Vorflle! So wie die Stimmung jetzt ist, nhme und
behauptete man mit zehntausend Mann Venedig; wenn man nmlich im Anfange
energisch und sodann klug und human zu Werke ginge. Das Militr und
berhaupt die Bevlkerung zeigt sich meistens nur auf dem Markusplatze,
am Hafen, am Rialto und am Zeughause; die brigen Gegenden der Stadt
sind ziemlich leer. Wenn man diese Partien gesehen hat und einigemal den
groen Kanal auf und abgefahren ist, hat Venedig vielleicht auch nicht
viel Merkwrdiges mehr; man mte denn gern Kirchen besuchen, die hier
wirklich sehr schn sind.

Das Traurigste ist in Venedig die Armuth und Bettelei. Man kann nicht
zehn Schritte gehen, ohne in den schneidendsten Ausdrcken um Mitleid
angefleht zu werden; und der Anblick des Elends untersttzt das
Nothgeschrei des Jammers. Um Alles in der Welt mchte ich jetzt nicht
Beherrscher von Venedig seyn; ich wrde unter der Last meiner Gefhle
erliegen. Schon Kttner hat viele Beispiele erzhlt, und ich habe die
Besttigung davon stndlich gesehen. Die niederschlagendste Empfindung
ist mir gewesen, Frauen von guter Familie in tiefen, schwarzen,
undurchdringlichen Schleiern knieend vor den Kirchthren zu finden, wie
sie, die Hnde gefaltet auf die Brust gelegt, ein kleines hlzernes
Gef vor sich stehen haben, in welches die Vorbergehenden einige Soldi
werfen. Wenn ich lnger in Venedig bliebe, mte ich nothwendig mit
meiner Brse, oder mit meiner Empfindung Bankerott machen.

Drollig genug sind die gewhnlichen Improvisatoren und Deklamatoren auf
dem Markusplatze und am Hafen, die einen Kreis um sich her schlieen
lassen und fr eine Kleinigkeit ber irgend eine berhmte Stelle
sprechen, oder auch aus dem Stegreife ber ein gegebenes Thema theils in
Prosa, theils in Versen sogleich mit solchem Feuer reden, da man sie
wirklich einigemal mit groem Vergngen hrt. Du kannst Dir vorstellen,
wie geringe die Summe und wie erniedrigend das Handwerk seyn mu. Eine
Menge Leute von allen Kalibern, Lumpige und Wohlgekleidete, saen auf
Sthlen und auf der Erde rund herum und warteten auf den Anfang, und
eine Art von buntscheckigem Bedienten, der seinem Prinzipal das Geld
sammelte, rief und wiederholte mit lauter Stimme: ^Mancan ancora cinque
soldi; ancora cinque soldi!^ Jeder warf seinen Soldo hin, und man
machte gewaltige Augen, als ich einigemal mit einem schlechten
Zwlfkreuzerstck der Forderung ein Ende machte und die Arbeit
beschleunigte. Welch ein Abstand von diesen Improvisatoren bis zu den
rmischen, von denen wir zuweilen in unsern deutschen Blttern lesen!

Auf der Giudecca ist es, wo mglich, noch rmlicher, als in der Stadt;
aber eben deswegen sind dort nicht so viele Bettler, weil vielleicht
Niemand hoffen darf, dort nur eine leidliche Ernte zu halten. Die
Erlserskirche ist daselbst die beste, und ihre Kapuziner sind die
Einzigen, die in Venedig noch etwas schne Natur genieen. Die Kirche
ist mit Orangerie besetzt, und sie haben bei ihrem Kloster, nach der See
hinaus, einen sehr schnen Weingarten. Diese, nebst einigen Oleastern in
der Gegend des Zeughauses, sind die einzigen Bume, die ich in Venedig
gesehen habe. Die Insel Sankt George hlt bekanntlich die Kirche und das
Kapitel, wo der jetzige Papst gewhlt wurde, und wo auch noch sein
Bildni ist, das bei den Venetianern von gemeinem Schlage in
auerordentlicher Verehrung steht. Der Maler hat sein Mgliches gethan,
die Draperie recht schn zu machen. Die Kirche selbst ist ein gar
stattliches Gebude und, wie ich schon oben gesagt habe, mit Batterien
umgeben.

Die Venetianer sind brigens im Allgemeinen hfliche, billige,
freundschaftliche Leute, und ich habe von Vielen derselben Artigkeiten
genossen die ich in meinem Vaterlande nicht herzlicher htte erwarten
knnen. Einen etwas schnurrigen Auftritt hatte ich vor einigen Tagen auf
dem Markusplatze. Man hatte mich bestndig in dem nmlichen Reiserocke
(die Ursache war, weil ich keinen andern hatte, da ich keinen andern im
Tornister tragen wollte) an den ffentlichen Orten der Stadt herumlaufen
sehen und doch gesehen, da ich mit einem Lohnbedienten lief und Liren
verzehrte. Ich zahlte dem Bedienten jeden Abend sein Geld, wenn ich ihn
nicht mehr brauchte; dieses geschah diesen Abend, da es noch ganz hell
war, auf dem Markusplatze. Einige Mdchen der Aphrodite Pandemos mochten
bemerkt haben, da ich bei der Abzahlung des Menschen eine ziemliche
Handvoll silberner Liren aus der Tasche gezogen hatte, und hingen sich,
als der Bediente fort war, und ich allein gemchlich nach Hause
schlenderte, ganz freundlich und gefllig an meinen Arm. Ich blieb
stehen und sie thaten das nmliche. Man gruppirte sich um uns herum und
ich bat sie hflich, sich nicht die Mhe zu geben, mich zu inkommodiren.
Sie fuhren mit ihrer artigen Vertraulichkeit fort, und ich ward ernst.
Sie waren beide ganz hbsche Snderinnen, und trugen sich ganz niedlich
und anstndig, mit der feineren Klasse. Ich demonstrirte in meinem
gebrochenen Italienisch, so gut ich konnte, sie mchten mich in Ruhe
lassen. Es half nichts; die Gesellschaft in einiger Entfernung lchelte,
und Einige lachten sogar. Die Gruppe mochte allerdings possirlich genug
seyn. Eine von den beiden Nymphchen schmiegte sich endlich so
schmeichelnd als mglich an mich an. Da wurde ich hei und fing an in
meinem strksten Batone auf gut Russisch zu fluchen, mischte so etwas
von ^Impudenza^ und ^senza vergogna^ dazu, und stampfte mit meinem
Knotenstocke so emphatisch auf das Pflaster, da die Gesellschaft sich
schchtern zerstreute und die erschrockenen Geschpfchen ihren Weg
gingen.

Ein anderer, etwas ernsthafterer Vorfall beschftigte mich fast eine
halbe Stunde. Ich verschliee den Abend mein Zimmer und lege mich zu
Bett. Als ich den Morgen aufstehe, finde ich meine Kleider, die neben
mir auf einem andern Bette lagen, ziemlich in Unordnung und meinen Hut
herabgeworfen. Ich wute ganz gewi, in welche Ordnung ich sie gelegt
hatte. Das Schlo war unberhrt und mir fehlte brigens nichts. Ich
dachte hin und her und konnte nichts herausgrbeln, und mir schwebten
schon mancherlei sonderbare Gedanken von der alten venetianischen
Polizei vor dem Gehirne, so da ich sogleich, als ich mich angezogen
hatte, zu dem Kellner ging und ihm den Vorfall erzhlte. Das Haus war
gro und voll. Da erhielt ich denn zu meiner Beruhigung den Aufschlu,
es seyen die Nacht noch Fremde angekommen, und man habe noch eine
Matratze gebraucht, und sie aus dem Bette neben mir mit dem
Hauptschlssel abgeholt. Htte ich nun die Sache nicht grndlich
erfahren, wer wei, was ich mir noch fr Einbildungen gemacht htte.

Jetzt ist meine Seele voll von einem einzigen Gegenstande, von Canova's
Hebe. Ich wei nicht, ob Du die liebenswrdige Gttin dieses Knstlers
schon kennst; mich wird sie lange, vielleicht immer beherrschen. Fast
glaube ich nun, da die Neuen die Alten erreicht haben. Sie soll eins
der jngsten Werke des Mannes seyn, die ewige Jugend. Sie steht in dem
Hause Albrizzi, und der Besitzer scheint den ganzen Werth des Schatzes
zu fhlen. Er hat der Gttin einen der besten Pltze, ein schnes,
helles Zimmer nach dem groen Kanal angewiesen. Ich will, ich darf keine
Beschreibung wagen; aber ich mchte weissagen, da sie die Angebetete
der Knstler und ihre Wallfahrt werden wird. Noch habe ich die
Mediceerin nicht gesehen; aber nach allen guten Abgssen von ihr zu
urtheilen, ist hier fr mich mehr, als alle ^Veneres Cupidinesque^.

      Ich stand vom sen Rausche trunken,
   Wie in ein Meer von Seligkeit versunken,
   Mit Ehrfurcht vor der Gttin da,
   Die hold auf mich herunter sah,
   Und meine Seele war in Funken:
   Hier thronte mehr als Amathusia.
   Ich war der Sterblichkeit entflogen,
   Und meine Feuerblicke sogen
   Aus ihrem Blick Ambrosia
   Und Nektar in dem Gttersaale;
   Ich wute nicht, wie mir geschah:
   Und stnde Zevs mit seinem Blitze nah,
   Vermessen griff ich nach der Schale,
   Mit welcher sie die Gottheit reicht,
   Und wagte taumelnd jetzt vielleicht
   Selbst dem Alciden Hohn zu sagen,
   Und mit dem Gott um seinen Lohn zu schlagen. --

Du denkst wohl, da ich bei dem marmornen Mdchen etwas auer mir bin;
und so mag es allerdings seyn. Der Italiener betrachtete meine Andacht
eben so aufmerksam, wie ich seine Gttin. Diese einzige Viertelstunde
hat mir meine Reise bezahlt; so ein sonderbar enthusiastischer Mensch
bin ich nun zuweilen. Es ist die reinste Schnheit, die ich bis jetzt in
der Natur und in der Kunst gesehen habe, und ich verzweifle selbst mit
meinem Ideale hher steigen zu knnen. Ich mu Canova's Hnde kssen,
wenn ich nach Rom komme, wo er, wie ich hre, jetzt lebt. Das goldene
Gef, die goldene Schale und das goldene Stirnband haben mich gewi
nicht bestochen; ich habe blo die Gttin angebetet, auf deren Antlitz
Alles, was der weibliche Himmel Liebenswrdiges hat, ausgegossen ist. In
das Lob der Gestalt und des Gewandes will ich nicht eingehen; das mgen
die Geweiheten thun. Alles scheint mir des Ganzen wrdig.

In dem nmlichen Hause steht auch noch ein schner Gypsabgu von des
Knstlers Psyche. Sie ist auch ein schnes Werk; aber meine Seele ist zu
voll von Hebe, um sich zu diesem Seelchen zu wenden. In dem Zimmer, wo
der Abgu der Psyche steht, sind rund an den Wnden Reliefs in Gyps von
Canova's brigen Arbeiten: eine Grablegung des Sokrates durch seine
Freunde; die Scene, wo der Verurtheilte den Becher nimmt; der Abschied
von seiner Familie; der Tod des Priamus nach Virgil; der Tanz der
Phacier in Gegenwart des Ulysses, wo die beiden tanzenden Figuren
vortrefflich sind; und die opfernden Trojanerinnen vor der Minerva,
unter Anfhrung der Hekuba. Alles ist eines groen und weisen Knstlers
wrdig; aber Hebe hat sich nun einmal meines Geistes bemchtiget und fr
das Uebrige nichts mehr brig gelassen. Wenn der Knstler, wie man
glaubt nach einem Modell gearbeitet hat, so mchte ich fr meine Ruhe
das Original nicht sehen. Doch, wenn dieses auch ist, so wrde seine
Seele gewi es erst zu diesem Ideal erhoben haben, das jetzt alle
Anschauer begeistert.

Da meine Wohnung hier nahe am Markusplatz ist, habe ich fast stndlich
Gelegenheit die Stellen zu sehen, auf welchen die berhmten Pferde
standen, die nun, wie ich hre, den konsularischen Pallast der Gallier
bewachen sollen. Sonderbar! wenn ich nicht irre, erbeuteten die
Venetianer, in Gesellschaft mit den Franzosen, diese Pferde nebst vielen
andern gewhnlichen Schtzen. Die Venetianer lieen ihren Verbndeten
die Schtze und behielten die Pferde; und jetzt kommen die Herren und
holen die Pferde noch. Wo ist der Brutigam der Braut, der jhrlich sein
Fest auf dem adriatischen Meere feierte? Die Briten gingen seit ziemlich
langer Zeit schon etwas willkhrlich und ungebhrlich mit seiner
geliebten Schnen um; und nun ist er selbst an der Apoplexie gestorben,
und ein Fremder nimmt sich kaum mehr Mhe, seinen Bucentaur zu besehen.
Venedig wird nun nach und nach von der Kapitale eines eigenen Staats zur
Gouvernementsstadt eines fremden Reichs sich modificiren mssen; und
desto besser fr den Ort, wenn dieses sanft, von der einen Seite mit
Schonung und von der andern mit gehriger Resignation, geschieht.

Gestern ging ich nach meinem Passe, der auf der Polizei gelegen hatte
und dort unterschrieben werden mute. Ich bin berhaupt kein groer
Wlscher, und der zischende Dialekt der Venetianer ist mir gar nicht
gelufig. Ich konnte also in der Kanzlei mit dem Ausfertiger nicht gut
fertig werden, und man wies mich in ein anderes Zimmer an einen andern
Herrn, der fremde Zungen reden sollte. In der Meinung, er wrde unter
einem deutschen Monarchen auch wohl deutsch sprechen, sprach ich
Deutscher deutsch. ^Non son asino ferino^, antwortete der feine Mann,
^per ruggire tedesco^. Das waren, glaube ich, seine Worte, die
freilich eine grelle Ausnahme von der venetianischen Hflichkeit
machten. Die Anwesenden lachten ber den Witz, und ich, um zu zeigen,
da ich wider sein Vermuthen wenigstens seine Galanterie verstanden
hatte, sagte ziemlich mrrisch: ^Mais pourtant, Monsieur, il est 
croire qu'il y a quelqu' un ici, qui sache la langue de votre
Souverain^. Das machte den Herrn etwas verblfft; er fuhr ganz hflich
franzsisch fort sich zu erkundigen, sagte mir, da mein Pa
ausgefertigt sei, und in drei Minuten war ich fort. Ich erzhle Dir
dieses nur als noch einen neuen Beweis, wie man hier gegen unsere Nation
gestimmt ist. Diese Stimmung ist ziemlich allgemein, und die Oestreicher
scheinen sich keine sonderliche Mhe zu geben, sie durch ihr Betragen zu
verbessern.

Morgen will ich ber Padua am Adria hinabwandeln, und mich, so viel als
mglich dem Meere nahe halten, bis ich hinunter an den Absatz des
Stiefels komme und mich an den Aetna hinber bugsiren lassen kann. Die
Sache ist nicht ganz leicht. Denn unter Ancona bei Loretto endigt die
Poststrae; ^sed non sine dis animosus infans^. Ich wei, da mich Deine
freundschaftlichen Wnsche begleiten, so wie Du berzeugt seyn wirst,
da meine Seele oft bei meinen Freunden und also auch bei Dir ist.




                                                            _Bologna._


Neun Tage war ich in Venedig herumgelaufen. Die Nacht war ich
angekommen, die Nacht fuhr ich mit der Corriere wieder ab. Die
Gesellschaft war ziemlich zahlreich, und wir waren wie im trojanischen
Pferde zusammengeschichtet. Das Wetter war nicht sehr gnstig; wir
fuhren also von Venedig nach Padua von acht Uhr des Abends bis den
andern Mittag. Der Weg an der Brenta herauf soll sehr angenehm seyn;
aber das Wasser hatte bekanntlich die Straen durch ganz Oberitalien so
frchterlich zugerichtet, da es ein trauriger Anblick war; und ich
grmte mich nicht sehr, da ich auf meiner Fahrt und wegen des
strmischen Wetters wenig davon sehen konnte. So wie wir in Padua
ankamen, ward das Wetter leidlich. Die Unterredung im Schiffe war bunt
und kraus, wie die Gesellschaft: aber es wurde durchaus nichts
gesprochen, was Bezug auf Politik gehabt htte. Die einzige Bemerkung
nehme ich aus, welche ein alter ziemlich ernsthafter Mann machte: es
wre nun zu hoffen, da wir in dreiig oder vierzig Jahren zu Fue nach
Venedig wrden gehen knnen. Er deutete blo kurz an, die alte Regierung
habe ein Interesse gehabt, die Stadt als Insel zu erhalten und habe sich
die Rumung der Lagunen viel Geld kosten lassen; die neue Regierung
werde ein entgegengesetztes Interesse haben, und brauchte dann nicht
viel Kosten darauf zu wenden, die Strae von Mestre nach Venedig fest zu
machen. Ich lasse die Hypothese dahin gestellt seyn.

Als ich in Padua meine Mahlzeit genommen hatte, nahm ich meinen
Tornister und machte vor meinem Abzuge dem heiligen Antonius einen
Besuch. Sogleich war ein Cicerone da, der mich fhrte, und meinte, ich
knne ganz fglich, so betornistert wie ich wre, berall herumlaufen.
Das nahm ich sehr gerne an, und wandelte in diesem etwas grotesken
Aufzuge, mit aller Devotion, die man dem alten Volksglauben schuldig
ist, in der gothischen Kathedrale herum. In der Kirche drngten sich mit
Gewalt noch zwei andere Ciceronen mit zu mir und lieen sich mit Gewalt
nicht abweisen; sie waren weit besser, als ich, gekleidet und zeigten
mir alle ihre Wunder mit vieler Salbung; und ich hatte die Ehre drei zu
bezahlen. Sodann ging ich das Monument des Livius aufzusuchen, von
welchem alle meine drei Fhrer nichts wuten. Er mu in seiner
Vaterstadt jetzt so auerordentlich berhmt nicht seyn: denn drei
stattlich gekleidete Mnner, die ich nach der Reihe anredete, konnten
mir weder vom Livius, noch von seinem Monumente erzhlen; und doch
sprachen zwei davon gelufig genug franzsisch. Endlich wies mich ein
alter Graukopf nach dem Stadthause, wo es sich befinde. Ich wandelte in
dem ungeheuren Saale des Stadthauses neugierig herum, und redete einen
Mann mit einem ziemlich literarischen Antlitz lateinisch an. Er
antwortete mir italienisch, er habe zwar ehemals etwas Latein gelernt,
aber es nun wieder ziemlich vergessen; und das meinige sey ihm zu alt,
das knne er gar nicht verstehen. Er wies mich hierauf an einen Andern,
der mit einem Buche in einer Ecke sa. Dieser stand auf und zeigte mir
mit vieler Humanitt den alten Stein ber dem Eingange der Expedition.
Du kennst ihn unstreitig mit seiner Inschrift, welche weiter nichts
sagt, als da die Paduaner ihrem Mitbrger Livius hier dieses Andenken
errichtet haben. Das neue, prchtige Monument, das der ehemalige
venetianische Senat und das paduanische Volk ihm gesetzt haben, sah ich
nicht, weil es zu entfernt war und ich diesen Abend nach Battaglia
patrouilliren wollte. Als ich ging, sagte mir der Paduaner sehr artig:
^Gratias tibi habemus pro tua in nostrum popularem observantia. Eris
nobis cum multis aliis testimonio, quantopere noster Livius apud exteros
merito colatur. Valeas nostrumque civem ames ac nobis faveas!^ Der Mann
sagte dieses mit einer Herzlichkeit und mit einer gewissen klassischen
Wichtigkeit, die ihm sehr wohl anstand.

Vom Livius weg ging ich mit dem Livius im Kopfe gerades Weges durch
seine alte trojanische Vaterstadt in das klassische Land hinein, das
ehemals so groe Mnner gab. Du weit, da ich sehr wenig Literator bin;
weit aber auch, da ich von der Schule aus noch viel Vergngen habe,
dann und wann einen alten Knaster in seiner eigenen Sprache zu lesen.
Livius war immer einer meiner Lieblinge, ob ich gleich Thucidydes noch
lieber habe. Ich wiederhole also wahrscheinlich zum tausendsten Male die
Klage, da wir ihn nicht mehr ganz besitzen, und finde den bereilten,
etwas rodomontadischen Lrm, den man vor einiger Zeit hier und da ber
seine Wiederfindung gemacht hat, sehr verzeihlich. Ein Gedanke knpfte
sich an den andern; und da fand ich denn in meinem Sinn, da wir wohl
schwerlich den ganzen Livius wieder haben werden. Freilich ist das zu
bedauern: denn gerade die wichtigsten Epochen der rmischen Geschichte
fr ffentliches Recht und Menschenkunde, und wo sich unstreitig das
Genie und die Freimthigkeit des Livius in ihrem ganzen Glanze gezeigt
haben, der Sklavenkrieg und die Triumvirate, sind verloren: aber was
kann Klage helfen? Den Verlust erklre ich mir so. Ich glaube durchaus
nicht, da er aus Zufall oder Vernachlssigung gekommen sei. Livius war
ein freimthiger, khner, entschlossener Mann, ein warmer Patriot und
Verehrer der Freiheit, wie alle seine Mitbrger, die es bei den letzten
Unruhen in Rom unter dem Triumvirate thtig genug gezeigt hatten; er war
ein erklrter Feind der Despotie. August selbst, dem die rmische
Schmeichelei schndlicher Weise einen so schnen Namen gab, nannte ihn
mit einer feinen Tyrannenmigung nur einen Pompejaner. Die Familie der
Csarn war nun Meister; man kennt die Folgen der erbaulichen Subjekte
derselben, die schon schlimm genug waren, wenn sie auch nur halb so
schlecht waren, als sie in der Geschichte stehen. Du findest doch wohl
begreiflich, da die Csarn nicht absichtlich ein Werk, wie die
Geschichte des Livius war, zu Lichte werden gefrdert haben. Es wird mir
sogar aus einigen Stellen des Tacitus sehr wahrscheinlich, da man Alles
gethan hat, sie zu unterdrcken, wenigstens die Stellen, wo der
aristokratisch rmische Geist und die Tyrannei der Csarischen Familie
insbesondere mit sehr grellen Farben gezeichnet seyn mute. Dieses waren
vorzglich der Sklavenkrieg und das Ende der Brgerkriege. Es war
berhaupt ein weitluftiges Werk, und nicht Jeder war im Stande sich
dasselbe abschreiben zu lassen. Alle fanden es also wahrscheinlich genug
ihrer Sicherheit und ihrem Interesse gem, die Stellen nicht bei sich
zu haben, die ihnen von dem Argwohn und der Grausamkeit ihrer Herrscher
leicht die blutigste Ahndung zuziehen konnten. Auf diese Weise ist das
Schtzbarste von Livius im eigentlichen Sinne nicht sowohl verloren
gegangen, als vernichtet worden: und als man anfing ihn ins Arabische zu
bersetzen, war er vermuthlich schon so verstmmelt, wie wir ihn jetzt
haben. So stelle ich mir die Sache vor. Und gesetzt, die wichtigsten
Bruchstcke fnden sich noch irgendwo in einem seltenen Exemplar unter
einem Aschenhaufen des Vulkans, so kannst Du, aus der Analogie der neuen
Herrscher mit den alten, ziemlich sicher darauf rechnen, da wir die
Schtze doch nicht erhalten werden; zumal bei dem erneuerten und
vergrerten Argwohn, der seit einigen Jahrzehenden zwischen den
Machthabern Statt hat. Wenn ich mich irre, soll es mir lieb seyn: denn
ich wollte drei Fureisen von der Elbe an den Liris machen, um dort von
dem Livius den Spartakus zu lesen, den ich fr einen der grten und
besten rmischen Feldherren zu halten in Gefahr bin.

Unter diesen Ueberlegungen, deren Consequenz ich Dir berlasse, wandelte
ich die Strae nach Rovigo fort. Diese Seite von Venedig ist nicht halb
so schn, als die andere von Treviso nach Mestre: die Ueberschwemmungen
mit dem neuen Regenwasser hatten die Wege traurig zerrttet, und ich zog
sehr schwer durch den fetten Boden Italiens weiter. Ueberall war der
Segen des Himmels mit Verschwendung ber die Gegend ausgeschttet, und
berall war in den Htten die jmmerlichste Armuth. Vermuthlich war die
noch mit Folge des Kriegs. Nicht weit von Montselice kehrte ich zu
Mittage an der Strae in einem Wirthshause ein, das nicht die schlimmste
Miene hatte, und fand nichts, durchaus nichts, als etwas Wein. Ich
wartete eine halbe Stunde und wollte viel zahlen, wenn man mir aus den
benachbarten Husern nur etwas Brot schaffen knnte. Aber das war
unmglich; man gab mir aus Gutmthigkeit noch einige Bissen schlechte
Polenta, und ich mute damit und mit meinem Schluck Weins weiter gehen.

Vor Rovigo setzte ich ber die Etsch und trat in das Cisalpinische. Der
kaiserliche Officier jenseit des Flusses, der meinen Pa mit aller
Schwerflligkeit der alten Bocksbeutelei sehr lange revidirte, machte
mir bange, da ich diesseits bei dem franzsischen Kommandanten wohl
Schwierigkeiten finden wrde. Als ich zu diesem kam, war Alles gerade
das Gegentheil. Er war ein freundlicher, jovialischer Mann, der mir den
Pa, nach einem flchtigen Blick auf mich und auf den Pa, ohne ihn zu
unterschreiben, zurckgab. Ich machte ihm darber meine Bemerkung, da
er nicht unterschriebe. ^Vous n'en avez pas besoin;^ sagte er: ^Vous
venez de l'autre cot?^ -- ^Je viens de Vienne et je m'en vais par
Ferrare  Ancone.^ -- ^N'importe:^ versetzte er; ^allez toujours.
Bon voyage!^ Die Hflichkeit des Franzosen, die ich gegen die
Nichthflichkeit des Prsidenten in Wien und des Polizeiherrn in Venedig
hielt, that mir sehr wohl. Rovigo war die erste eigentlich italienische
Stadt fr mich; denn Triest und Venedig und die brigen Oerter hatten
alle noch so etwas Nordisches in ihrer Erscheinung, da es mir kaum
einfiel, ich sei schon in Italien. Weder hier, noch in Lagoscuro, noch
in Ferrara fragte man mich weiter nach Pssen, ob ich gleich berall
starke franzsische Besatzungen fand. Vor meinem Fenster in Rovigo stand
auf dem Platze der groe Freiheitsbaum mit der Mtze auf der Spitze, und
gegenber in dem groen Kaffeehause war ein starkes Gewimmel von
Italienern und Franzosen, die sich der jovialen Laune der Ungebundenheit
berlieen. Aber Alles war sehr anstndig und ohne Lrm.

Ich mu Dir bekennen, da mir dieses heitere, khne Wesen gegen die
stille, bange Furchtsamkeit in Wien und Venedig sehr wohl gefiel, und
da ich selber etwas freier zu athmen anfing; so wenig ich auch eben
diese Freiheit fr mich behalten und sie berhaupt den Menschenkindern
wnschen mchte. Das Wasser hatte hier auerordentlichen Schaden gethan,
wie Du gewi schon aus ffentlichen Blttern wirst gehrt haben;
vorzglich hatte der sogenannte ^canale bianco^ seine Dmme durchbrochen
und links und rechts groe Verwstungen angerichtet. Es arbeiteten oft
mehrere hundert Mann an den Dmmen und werden Jahre arbeiten mssen, ehe
sie Alles wieder in den Stand setzen. Hier sah man emprende
Erscheinungen der Armuth in einem ziemlich gesegneten Landstriche; und
ich schreibe dieses auch mit dem Unheil zu, das die Flsse und groen
Kanle hier sehr oft anrichten mssen. Da eine Strae ganz abscheulich
war, lie ich mich bis Ponte di Lagoscuro auf den Po hinauf rudern, und
zahlte fnf Ruderknechten fr eine Strecke von drei Stunden die kleine
Summe von zehn Liren. Der Po ist hier ein groes, schnes,
majesttisches Wasser, und die heitere, helle Abendsonne vergoldete
seine Wellen, und links und rechts die Ufer in weiter, weiter Ferne. Es
war, als ob ein Ozean herabrollte, und die Griechen haben ihn mit vollem
Recht Eridanus, den Gabenbringer oder den Wogenwlzer, genannt, nachdem
Du nun die Erklrung machen willst. Eridanus und Rhodanus scheinen mir
ganz die nmlichen Namen zu seyn; und die beiden Flsse haben unstreitig
groe Aehnlichkeit mit einander.

Wenn man an einem hellen, kalten Abende zu Anfange des Februars einige
Stunden auf dem Wasser gefahren ist, so ist ein gutes, warmes Zimmer,
eine Suppe und ein frisch gebratener Kapaun ein sehr angenehmer
Willkommen. Diesen fand ich in Ponte di Lagoscuro, und wandelte den
Morgen darauf in dem frchterlichsten Regen auf einem ziemlich guten
Wege die kleine Strecke nach Ferrara. Hier blieb ich und schlenderte den
Nachmittag in der Stadt herum. Die architektonische Anlage des Orts ist
sehr gut, die Straen sind lang und breit und hell. Es fehlt der ganzen
Stadt nur eine Kleinigkeit, nmlich Menschen. Franzsische Soldaten sah
man berall genug, aber Einwohner desto weniger. Die ffentlichen
Gebude und Grten und Pltze sind nicht ohne Schnheit. Mehrere Stunden
war ich in der Kathedrale und dem Universittsgebude. Am Eingange sind
hier, wie in Wien an der Bibliothek, sehr viele alte lateinische
Inschriften eingemauert, die meistens Leichensteine sind und fr mich
wenig Interesse haben. Die Bibliothek aber ist ziemlich ansehnlich und
man wiederholte mir mit Nachdruck einigemal, da durchaus kein Frst
etwas dazu gegeben habe, sondern da Alles durch die Beitrge des
Publikums und von Privatleuten nur seit ungefhr funfzig Jahren
angeschafft worden sei. Auf der Bibliothek findet sich jetzt auch das
Grab und das Monument Ariosts, das sonst bei den Benediktinern stand:
das sagt die neue lateinische Inschrift. Man zeigte mir mehrere
Originalbriefe von Tasso, eine Originalhandschrift von Ariost und sein
metallenes, sehr schn gearbeitetes Dintenfa, an dem noch eine Feder
war. Ohne eben die Authenticitt sehr kritisch zu untersuchen, wrde ich
zu Oden und Dithyramben begeistert worden seyn, wenn ich etwas
inspirationsfhiger wre. So viel mu ich sagen, die Bibliothek beschmt
an Ordnung die meisten, die ich gesehen habe.

Im Gasthofe ftterte man mich den Abend sehr gut mit Suppe, Rindfleisch,
Wurst, Fritters, Kapaun, Obst, Weintrauben und Kse von Parma. Du siehst
daraus, da ich gewhnlich nicht faste, wie an meinem Geburtstage zu
Udine, und da die Leipziger Aubergisten vielleicht sich noch hier ein
kleines Exempel von den oberitalienischen nehmen knnten. Das Wetter war
frchterlich. Ich hatte gelesen von den groen gefhrlichen Morsten
zwischen Ferrara und Bologna, und die Erzhlungen besttigten es, und
sagten weislich noch mehr; so da ich nicht ungern mit einem Vetturino
handelte, der sich mir nach Handwerksweise sehr hflich aufdrang. Der
Wagen war gut, die Pferde waren schlecht und der Weg war noch
schlechter. Schon in Padua konnte ich eine kleine Ahnung davon haben;
denn eine Menge Kabrioletiers wollten mich nach Verona und Mantua
bringen; da ich aber sagte, da ich nach Bologna wollte, verlor kein
Einziger ein Wort weiter, als da sie Alle etwas von Teufelsweg durch
die Zhne murmelten. Meine Kutschengefhrten waren ein cissalpinischer
Kriegskommissr, und eine Dame von Cento, die ihren Mann in der
Revolution verloren hatte. Wir zahlten gut und fuhren schlecht, und
wren noch schlechter gefahren, wenn wir nicht zuweilen eine der
schlechten Strecken zu Fue gegangen wren. Einige Stunden von Ferrara
aus ging es leidlich, dann sank aber der Wagen ein bis an die Achse. Der
Vetturino wollte Ochsenvorspannung nehmen; die billigen Bauern forderten
aber fr zwei Stunden nicht mehr, als acht und zwanzig Liren fr zwei
Ochsen, ungefhr sechs Gulden Reichsgeld. Der arme Teufel von Fuhrmann
jammerte mich, und ich rieth ihm selbst, gar kein Gebot auf die
unverschmte Forderung zu thun. Die Gaule arbeiteten mit der
furchtbarsten Anstrengung absatzweise eine halbe Stunde weiter; dann
ging es nicht mehr. Wir stiegen aus und arbeiteten uns zu Fue durch,
und es ward mit dem leeren Wagen immer schlimmer. Erst fiel _ein_ Pferd,
und als sich dieses wieder erhoben hatte, das andere, und einige hundert
Schritte weiter fielen alle beide und wlzten sich ermattet in dem
schlammigen, thonigen Boden. Da hatten wir denn in Italien das ganze
deutsche salzmannische menschliche Elend ^in concreto^. Die Pferde
halfen sich endlich wieder auf; aber der Wagen sa fest. Nun stelle Dir
die ganz bekothete Personalitt Deines Freundes vor, wie ich mit der
ganzen Kraft meines physischen Wesens meine Schulter unter die
Hinterachse des Wagens setzte und heben und schieben half, da die Dame
und der Kriegskommissr und der Vetturino erstaunten. Es ging, und nach
drei Versuchen machte ich den Fuhrmann wieder flott. Aber ans Einsetzen
war nicht zu denken. Nun hatte ich das Amt, die Dame und den Kommissr
durch die engen, schweren Passagen zu bugsiren, und that es mit solchem
Nachdruck und so geschicktem Gleichgewicht auf den schmalen Stegen und
Verschlgen und an den Grben, da ich ihnen von meiner Kraft und
Gewandtheit eine gar groe Meinung gab. Schon hatten wir uns, als wir zu
Fue voraus ber den italienischen Rhein, einen ziemlich ansehnlichen
Flu, gesetzt hatten, in einem ganz artigen Wirthshause zu Malabergo
einquartirt und uns in die Pantoffeln des Wirths geworfen, als unser
Fuhrmann ankam und uns durchaus noch acht italienische Meilen weiter
bringen wollte. Ich hatte nichts dagegen, und die andern wurden
berstimmt. Von hier aus sollte nun der Weg besser seyn. Wir schroteten
uns also wieder in den Wagen und lieen uns weiter ziehen. Jetzt trat
eine andere Furcht ein: der Dame und dem Kriegskommissr -- drollig
genug an Italienern! -- ward bange vor Gespenstern. Der Kriegskommissr
schien berhaupt mit seinem Muthe nicht viel zur Befreiung seines
Vaterlandes beigetragen zu haben. Mir ward zwar auch etwas unheimlich,
nicht aber vor Geistern, sondern vor Straenrubern, fr welche diese
Strae zwischen tiefen, breiten Kanlen ordentlich geeignet schien:
indessen sammle ich in dergleichen Fllen als ein guter Prdestinatianer
meinen Muth und gehe getrost vorwrts. Gegen Mitternacht kamen wir
endlich glcklich auf unsere Station, einem isolirten, ziemlich groen
und guten Gasthof, an; der, wenn ich nicht irre, Althee hie und von dem
ich Dir weiter nichts zu sagen wei, als da man mir einen Wein gab, der
dem Champagner hnlich war und also meinen Beifall hatte. Bei diesem
Weine und der guten Mahlzeit verga der Kommissr alle Mhseligkeiten
des Tages und des Abends, und schien ganz eigentlich in seinem rechten
Elemente zu seyn: das ist ihm nun freilich nicht bel zu nehmen; denn
ich befand mich nach einer solchen Fahrt dabei auch ganz behaglich.

Den andern Mittag langten wir hier in der alten ppstlichen Stadt
Bologna an, wo man zuerst wieder nach meinem Passe fragte. Mit mir
Fremden nahm man es nicht so strenge, als mit meinem Kameraden, der aus
der Gegend von Parma war, und der ein frmliches Kandidatenexamen
aushalten mute. Auf der Polizei, wo ich den Pa signiren lassen mute,
war man eben so artig und hflich, als an dem Grenzflusse. Hier in
Bologna fand ich berall eine exemplarische Unreinlichkeit, die an
Schweinerei grnzt; und wenn man der huslichen Nettigkeit der Italiener
berhaupt kein groes Lob geben kann, so haben die Leute in Bologna den
grten Schmutz aufzuweisen. Auer dem Stolz auf ihr altes Felsine,
behaupten die Bologneser noch, da ihre Stadt so gro sei, wie Rom.
Daran thun sie nun freilich etwas zuviel; wenn man aber auf den Thurm
steigt und sich rings umher umschaut, so wird man den Raum doch gro
genug finden, um in eine solche Versuchung zu gerathen, zumal wenn man
etwas patriotisch ist. Der Hauptplatz mit der daran stoenden
Kathedrale, und dem Gemeinehause rechts, und den groen, schnen
Kaufmannshallen links, macht keine ble Wirkung. Der Neptun mitten auf
demselben, von Jean de Bologna, hat als State wohl seine Verdienste;
nur Schade, da der arme Gott hier so wenig von seinem Element hat, da
er wohl kaum den Nachbarn auf hundert Schritte in die Runde zu trinken
geben kann. Der Eingang des Gemeinehauses ist von Franzosen besetzt, und
die Brgerwache steht gar demthig in einem sehr spiebrgerlichen
Aufzuge daneben. Ueber dem Portal hngt ein nicht unfeines Bild der
Freiheit mit der Umschrift in groen Buchstaben: ^Republica Italiana^;
welches erst vor einigen Wochen hingesetzt war, da man die Cisalpiner in
diese Nomenklatur metamorphosirt hatte.

Vor dem Nationaltheater wurde ich gewarnt, weil man daselbst durchaus
immer die niedrigsten Hanswurstiaden gebe und zum Intermezzo Hunde nach
Katzenmusik tanzen lasse. Htte ich mehr Zeit gehabt, so htte ich doch
wohl die Schnurrpfeifereien mit angesehen. Dafr ging ich aber auf das
kleine Theater ^Da Ruffi^, und fand es fr eine so kleine Unternehmung
allerliebst. Ich kann nicht begreifen, wie die Leute bei einem so
geringen Eintrittsgelde und dem kleinen Raum des Schauspielhauses den
Aufwand bestreiten knnen. Man gab ein Stck aus der alten franzsischen
Geschichte, den Sklaven aus Syrien, wo natrlich viel ber Freiheit
und Patriotismus deklamirt wurde; aber schon wieder mit vieler Beziehung
auf Frstenwrde und Frstenrechte, welches man vielleicht voriges Jahr
noch nicht htte thun drfen. Die Donna und der Held waren gut. Der
Dialekt war fr mich deutlich und angenehm; die meisten Schauspieler
waren, wie man sagte, Rmer, und nur ein Einziger zischte venetianisch.
Nach dem Stck gab man das beliebte Spiel Tombola, wovon ich vorher gar
keinen Begriff hatte und auch jetzt noch keinen sehr deutlichen bekommen
habe, da es mir an jeder Art Spielgeist fehlt. Es ist eine Art Lotterie
aus dem Stegreif, die fr das Publikum auf dem Theater nach dem Stcke
mit allgemeiner Theilnahme enthusiastisch gespielt wird. Die Anstalten
waren sehr feierlich; es waren Munizipalbeamten mit Wache auf dem
Theater, die Loose wurden vorher ausgerufen, alle gezeigt, und einem
Knaben in den Sack geworfen. Ob man gleich nur um einige Scudi spielte,
htte man doch glauben sollen, es ginge um die Schtze Golkondas, so ein
Feuereifer belebte alle Theilnehmer. Mir htte das Spiel herzlich lange
Weile gemacht, wie alle dergleichen Hazardspiele, wenn nicht die
Physiognomien der Spielenden einiges Vergngen gewhrt htten. Mein
Cicerone war ein gewaltig gelehrter Kerl, und sprach und rsonnirte von
Schulen und Meistern und Gemlden so strmend, als ob er die Dialektik
studirt htte und Professor der Aesthetik wre; und er konnte es gar
nicht zusammen reimen, da ich nicht wenigstens vierzehn Tage hier
bleiben wollte, die Reichthmer der Kunst zu bewundern. Er hielt mich
halb fr einen Barbaren und halb fr einen armen Teufel; und ich
berlasse Dirs, in wie weit er in beiden Recht hat. Ich ging trotz
seinen Demonstrationen und Remonstrationen den andern Morgen zum Thore
hinaus.




                                                             _Ancona._


Von Bologna geht es auf dem alten Emilischen Wege in der Niederung durch
eine sehr wasserreiche Gegend immer nach Rimini herunter. Blos von
Bologna bis nach Imola geht man ber fnf oder sechs Flsse. Rechts
hatte ich die Apenninen, die noch beschneit waren; der Boden ist berall
sehr fett und reich. In Imola machte ich einen etwas barocken Einzug.
Ich kam gerade zu den Harlekinaden der Faschingsmasken, wovon ich in
Pordenone schon einen Prodrom gesehen hatte. Die ganze Stadt war in
Mummerei und zog in bunten Gruppen in den Straen herum. Nur hier und da
standen unmaskirt einige ernsthafte Mnner und Matronen und sahen dem
tollen Wesen zu. Meine Erscheinung mochte fr die Leute freilich etwas
hyperboreisch seyn; eine solide polnische Kleidung, ein
Seehundstornister mit einem Dachsgesicht auf dem Rcken, ein groer,
schwerer Knotenstock in der Hand. Die Maskerade hielt alle Charaktere
des Lebens, ins Groteske bersetzt. Auf einmal war ich von einer Gruppe
umgeben, die allerhand lcherliche Bockssprnge um mich herum machte.
Die ernsthaften Leute ohne Maske lachten, und ich lachte mit; einen
genialischen Aufzug dieser Art kann man freilich nicht auf der Leipziger
Messe haben. Pltzlich trat mit den possirlichsten Stellungen eine tolle
Maskenfratze vor mir hin und hielt mir ein Barbierbecken unter die Nase,
das Don Quixotte sehr gut als Helm htte brauchen knnen; und ein
anderes Bocksgesicht setzte sich hinter mich, um von seinem Attribute,
der Klystirspritze, Gebrauch zu machen. Stelle Dir das donnernde
Gelchter von halb Imola vor, als ich den Klystirspritzenkerl mit einer
Schwenkung vollends umrannte, meinen Knotenstock komisch nach ihm
hinschwang und meine Personalitt etwas aus dem Gedrnge zu Tage
frderte. Zum Unglck mu ich Dir sagen, da mein Bart wirklich ber
drei Tage lang war und da ich von den dortigen rothen Weinen, an die
ich nicht gewhnt war, mich in einer Art von Hartleibigkeit befand. Die
Menge zerstreute sich lachend, und ein ziemlich wohlgekleideter Mann
ohne Maske, den ich nach einem Gasthof fragte, brachte mich durch einige
Straen in die Hlle, Nummer Fnfe. Das war nun freilich kein
erbaulicher Name; indessen ich war ziemlich mde und wollte in meinen
Pontifikalibus nicht noch einmal durch das Getmmel laufen, um ein
besseres Wirthshaus zu suchen; also blieb ich Nummer Fnfe in der Hlle.
Nachdem ich meinen Sack abgelegt hatte, wandelte ich wieder vor zu dem
Haufen; und nun mu ich den Farcenspielern die Gerechtigkeit widerfahren
lassen, da sie sich, so weit es ihr Charakter erlaubte, ganz ordentlich
und anstndig betrugen. Ein entsetzlich zudringlicher Cicerone, der mich
in drei verschiedenen Sprachen, in der deutschen, franzsischen und
italienischen, anredete, verlie mich mit seiner Dienstfertigkeit nicht
eher, als bis einige franzsische Officiere mich von ihm retteten und
mit mir in ein nahes Kaffeehaus gingen. Vor diesem Hause war der beste
Tummelplatz der Maskirten, die in hundert lcherlichen Aufzgen und
Gruppirungen mit und ohne Musik auf und niederliefen. Ein siedend heier
politischer Imolait schlo sich an mich an und fhrte das Gesprch durch
verschiedene Gegenstnde sehr bald auf die Politik und erkundigte sich,
wie es in Wien ausshe. Ich antwortete ganz natrlich der Wahrheit
gem: Ganz ruhig. ^On les a bien forc  coups de bayonnettes  tre
en repos^; sagte er. ^Apparemment^, sagte ich. -- ^C'est toujours la
meilleure manire de disposer les gens  se conformer  la raison.^ --
^Mais oui^, entgegnete ich, ^aprs en avoir essay les autres; pourv
toute fois, qu'il y ait de la raison et de la justice au fond de
l'affaire.^ -- ^Est-ce que vous en doutez pour la ntre?^ -- ^On ne
peut pas rpondre  cela en deux mots.^ Nun wollte er eine Diskussion
anfangen und ward ziemlich heftig. Ich entschuldigte mich mit meiner
alten Formel; ^Quand on commence, il faut toujours commencer par le
commencement^; da wrde sich denn ergeben das alte ^Iliacos intra muros
peccatur et extra^. Der Abend rief mich zum Essen und zur Ruhe, und wir
schieden recht freundschaftlich, indem er meinte: Wenn es auf uns beide
angekommen wre, wrde wohl kein Krieg entstanden seyn. Das glaubte ich
wenigstens fr mich auf meiner Seite, und ging ganz andchtig in die
Hlle Nummer Fnfe, wo ich bis zum Sonnenaufgang recht sanft schlief.
Ist Imola nicht ein Ort, wo ein Bischof sich zum Papst bilden kann?

In Faenza sah ich die erste franzsische Wachparade, und in Forli
nichts. Nicht eben, als ob da nichts zu sehen wre: Antiquare und
Knstler finden daselbst reichliche Unterhaltung fr ihre
Lieblingsfcher. Aber ich dachte weder an alte noch neue Kriege und zog
gerades Weges ins Wirthshaus, das ^Htel de Naples^. Auf mein
Italienisch war man nicht auerordentlich hflich, vermuthlich, weil es
nicht sonderlich gut war. ^Ne pourrais-je pas parler au maitre de la
maison?^ fragte ich etwas trotzig, indem ich meinen Tornister abwarf.
Auf einmal war alles freundlich, und alles war zu haben. Sonderbar, wie
zuweilen einige Worte so oder so wirken knnen, nachdem man sie hier
oder da sagt. In Ferrara mochte ich wohl mit meinem Reisesacke einigen
Herren etwas drollig vorkommen, und sie schienen sich hinter mir ber
mich mit lautem Gelchter etwas zu erlustigen. ^Qu'est ce qui'l y a l,
Messieurs?^ fragte ich mit einer enrhumirten rauhen Stimme. ^Niente,
Signore^, war die Antwort; und alles trat still in eine bescheidene
Entfernung. In Spoleto htte mir die Frage ein Stilet gelten knnen. Ich
fand in dem ^Htel de Naples^ zwei Kaufleute und drei Schiffer; der
Kellner war ein jovialischer Mensch; man begrte mich in einer Minute
zehn Mal mit dem Prdikate ^cittadino^, gab mir den Ehrenplatz und
ftterte mich ^ qui mieux^ mit den besten Gerichten. Es machte keinen
Unterschied, als man nun erfuhr, ich sei ein Deutscher; so sehr bestimmt
der erste Augenblick die knftige Behandlung! Wir pflanzten uns, da der
Abend sehr rauh und strmisch war, um den Kamin her, machten einen
traulichen, freundlichen Familienzirkel und tndelten mit einem kleinen
allerliebsten Jungen, der, wie ein Toast der Gesellschaft, von den
Knieen des Einen zu den Knieen des Andern ging.

Zwischen Forli und Cesena sind die Reste des alten ^Forum Pompilii^, und
die Trmmer einer Brcke, welche auch alt zu seyn scheint. Ich sah von
allem sehr wenig wegen des entsetzlichen Wetters. Die Brcke gleich vor
Cesena ber den Savio ist ein Werk, das bei den Italienern fr etwas
sehr Schnes gilt; das kann aber nur in dieser Gegend seyn. Das
frchterlich schlechte Wetter hielt mich in Cesena, da ich doch nur von
Forli gekommen war, und also nicht mehr als vier Stunden gemacht hatte.
Hier wurde ich von dem Wirthe mit einer gewissen kalten Frmlichkeit
aufgenommen, die sehr merklich war, und in ein ziemlich rmliches Zimmer
hinten hinaus gefhrt. Ich hatte weiter nichts dawider. Nachdem wir aber
eine Stunde geplaudert hatten, ich in einem Intermezzo des Regens etwas
ausgegangen war, um die Stadt zu sehen und ein Kaffeehaus zu besuchen,
und wieder zurckkam, fand ich meine Sachen umquartirt und mich in ein
recht schnes Zimmer vorn heraus versetzt. Die Wirthin machte die
Erklrung: man habe mich fr einen Franzosen gehalten, der von der
Munizipalitt logirt wrde: nun pflegte die Munizipalitt seit langer
Zeit fr die zugeschickten Gste gar nichts mehr zu bezahlen: man knnte
es also nicht bel deuten, da sie auf diese Weise so wohlfeil, als
mglich durchzukommen suche. Aber ein Galantuomo, wie ich, msse mit
Anstand bedient werden. Das fand ich auch wirklich. Die Mdchen vom
Hause waren recht hbsch und so hflich und freundlich, als man in Ehren
nur verlangen kann. Es kam noch ein Schiffskapitn, der mir Gesellschaft
leistete und mir von seinen Fahrten im mittellndischen Meere eine Menge
Geschichten erzhlte. Er bedauerte, da es Friede sei und der
Schleichhandel nun nicht mehr so viel eintrage: das sagte er nmlich,
ohne sich sehr verblmt auszudrcken. Die Rechnung war fr die sehr gute
Bewirthung auerordentlich billig. Cesena ist brigens eine alte, sehr
verfallene Stadt, und der aufgepflanzte Freiheitsbaum machte unter den
halbverschtteten Husern des fast leeren Marktes eine traurige Figur.
Pius der Sechste mu fr seine Vaterstadt nicht viel gethan haben: es
wrde ihm weit rhmlicher seyn, als der verunglckte Palast fr seinen
verdienstlosen Nepoten.

Vor Savignano ging ich, nicht, wie Csar, ber den Rubikon.
Wahrscheinlich hat der kahlkpfige Weltbeherrscher hier oder etwas
weiter unten am Meere den ersten entscheidenden Schritt gethan, die
sonderbare Freiheit seines Vaterlandes zu zertrmmern, da er als Despot
des neu eroberten Galliens zurckkehrte. Ein eigener Charakter, der
Julius Csar! Es ist von gewissen Leuten schwer zu bestimmen, ob sie
mehr Liebe oder Ha verdienen. Ich erinnere mich, da es mir in einem
solchen moralischen Kampfe einmal entfuhr, Csar sei der
liebenswrdigste Schurke, den die Geschichte aufstelle. Die Aeuerung
htte mir fast die Beschuldigung der verletzten Majestt aller Monarchen
zugezogen. Dagegen wollte man mir neulich beweisen, Brutus sei
eigentlich der Schurke gewesen, und Csar ganz Liebenswrdigkeit. So,
so? ^bien vous fasse^! Ihr seid es werth, Csarn mit seiner ganzen
Sippschaft und liebenswrdigen Nachkommenschaft zu Herrschern zu haben;
ob ich es gleich nicht ber mich nehmen wollte, den Junius Brutus
durchaus zu vertheidigen. Also hier gingen wir beide ber den Rubikon,
Csar und ich; haben aber brigens beide nichts mit einander gemein, als
da wir -- nach Rimini gingen.

In Savignano war Markt; der Platz wimmelte von Leuten, die zur Ehre der
neuen Kokarde weidlich zu zechen schienen. Ich fragte einen
wohlgekleideten Mann nach einem Speisehause. Er besah mich ganz
mitrauisch, schaute nach meinem Hute und da er rund herum keine Kokarde
entdeckte, ward sein Ansehen etwas grimmig und er schickte mich mit der
hflichen Formel weiter: ^Andate al diavolo!^ Das war die Kehrseite von
Cesena. So gehts zu Revolutionszeiten: fr das nmliche wirst Du hier
gepflegt, dort beschimpft; glcklich, wenns nicht weiter geht.

In Rimini schlief ich gewi ruhiger, als der mchtige Julius nach seinem
Uebergange und dem geworfenen Wrfel geschlafen haben mag. Vor der Stadt
sind einige herrliche Aussichten. Auf dem Platze ^della Fontana^ steht
der heilige Gaudentius von Bronze, der eine gar stattliche Figur macht.
Auch ein Papst Paul, ich wei nicht welcher, hat hier ein Monument fr
eine Wasserleitung, die er den Brgern von Rimini bauen lie. Eine
Wasserleitung halte ich berall fr eins der wichtigsten Werke und fr
eine der grten Wohlthaten; und hier in Italien ist es doppelt so. Wenn
ein Papst eine recht schne wohlthtige Wasserleitung bauet, kann man
ihm fast vergeben, da er Papst ist. Auf dem andern Platze stand der
Baum mit der Mtze und der Inschrift: ^L'union des Franois et des
Cisalpins.^ Aber welche Union! Das mag der heilige Bartholomus in
Mailand sagen.

Wenn ich nun ein ordentlicher, systematischer Reisender wre, so htte
ich von Rimini rechts hinauf, auf die Berge gehen sollen, um die selige
Republik Sankt Marino zu besuchen; zumal, da ich eine kleine Liebschaft
gegen die Republiken habe, wenn sie auch nur leidlich vernnftig sind.
Aber ich ging nun gerade fort nach Cattolica und Pesaro. Die Arianer
hatten, wie man sagt, auf dem Koncilium zu Rimini den Meister gespielt:
deshalb gingen die rechtglubigen Bischfe mit Protest herber nach
Cattolica und verewigten ihre muthige Flucht durch den Namen des Orts.
Auch steht, wie ich selbst gelesen habe, die ganze Geschichte auf einer
groen Marmorplatte ber dem Portal der Kirche zu Cattolica: ich nehme
mir aber selten die Mhe etwas abzuschreiben, am wenigsten dergleichen
Orthodoxistereien. In Pesaro, wo ich beilufig die erste Handvoll
ppstlicher Soldaten antraf, fragte ich, weil ich mde war, den ersten
besten, der mir begegnete, wo ich logiren knnte? Bei mir, antwortete
er. Sehr wohl! sagte ich und folgte. Der Mann hatte ein Schurzfell und
schien, mit Shakespear zu reden, ein Wundarzt fr alte Schuhe zu seyn.
Nun fragte er mich, was ich essen wollte? Das stellte ich denn ganz
seiner Weisheit anheim, und er that sein Mglichstes mich zufrieden zu
stellen, ging aus und brachte Viktualien, machte selbst den Koch und
holte zweierlei Wein. Das war von nun an oft der Fall, da der Wirth
sich hinstellte und mir die patriarchalische Mahlzeit bereitete und ich
ihm hlfreiche Hand leistete. Er klagte mir ganz leise, da die
gottlosen Franzosen vier der schnsten Gemlde von hier mit weggenommen
haben. Als ich den andern Morgen im Kaffeehause sa und mein Frhstck
verzehrte, lieen mir eine Menge Vetturini nicht eher Ruhe, bis ich
einen von ihnen nach Fano genommen hatte. Dieser mein Vetturino war nun
ein chter Orthodox, der vor jedem Kreuz sein Kreuz machte, sein
Stogebetchen sagte, seine Messe brummte und brigens fluchte wie ein
Lanzenknecht. Vor allen Dingen war sein Gesang charakteristisch. Ich
habe nie einen so entsetzlichen Ausdruck von dummer Hinbrtung in
vernunftlosem Glauben gehrt. Wenn ich lnger verdammt wre solche
Melodien zu hren, wrde ich bald Materialismus und Vernichtung fr das
Konsequenteste halten: denn solche Seelen knnen nicht fortleben.

Vor Pesaro und noch mehr bei Fano wird die Gegend ziemlich gebirgig, ist
voll Schluchten und Defileen in den Hhen, und es wird leicht
begreiflich, wie die fremden Karthager sich hier verirrten und den
Rmern leichtes Spiel machten. Der Metaurus ist, wie fast alle Flsse,
welche aus den Apenninen kommen, ein gar schmutziger Flu, und hat eben
so wenig wie der Rubikon ein klassisches Ansehen. Man wollte mir
zwischen Fano und Sinigaglia den Berg zeigen, wo Hasdrubal geschlagen
worden sein soll. Ich kann darber nichts bestimmen, da mir die
Geschichte der Schlacht aus den alten Schriftstellern nicht gegenwrtig
war. So viel ist gewi, da sie hier in der Gegend und am Flusse
vorfiel; und mit dem Polybius und Livius in der Hand drfte es
vielleicht nicht schwer seyn, den Platz genau aufzusuchen. Da ich aber
wahrscheinlich nicht in Italien kommandiren werde, war ich um den Posten
nicht sehr bekmmert. Der Himmel habe den Hasdrubal und die rmischen
Konsuln selig!

Sinigaglia ist ein angenehmer Ort durch seine Lage: vorzglich geben die
ppig vegetirenden Grten der Landseite der Stadt ein heiteres Ansehen.
Ich hatte zum ersten Mal das Vergngen ein italienisches Stiergefecht zu
sehen, wo die Hunde ziemlich hoch geworfen wurden und ziemlich blutig
wegkamen, und woran halb Sinigaglia sich sehr zu ergtzen schien. Das
Prototyp der Dummheit, mein Vetturino, fhrte mich weiter bis Ancona, da
ich einmal in die Bequemlichkeit des Sitzens gekommen war. Die See ging
hoch und die Brandung war schn; rechts hatte ich herrliche Anhhen, mit
jungem Weitzen und Oelbumen geschmckt. Vor Ancona blhten den
neunzehnten Februar Bohnen und Erbsen. Die Thler und Berge rechts geben
abwechselnd mit Wein und Obst und Oel und Getreide eine herrliche
Aussicht. Der Hafen von Ancona mag fr die Alten auerordentlich gut
gewesen seyn; fr die Neuern ist er es nicht mehr in demselben Grade:
und wenn nicht der Molo viel weiter hinaus gefhrt worden wre, wrde er
wenig mehr brauchbar seyn. Es knnen nur wenig groe Schiffe sicher
darin liegen. Am Anfange des alten Molo steht der sogenannte
Triumphbogen Trajans von weiem Marmor, der aus den Antiquittenbchern
hinlnglich bekannt ist. Die Schrift fngt nun an ziemlich zu
verwittern, und man mu schon sehr ziffern, wenn man den Sinn heraus
haben will. Es mte denn nur mir so gegangen seyn, der ich im Lesen der
Steinschriften nicht gebt bin. Der neue Bogen des Vanvitelli, weiter
hinaus, steht gegen den alten sehr demthig da. Ganz am Ende des Molo
steht ein Wachthurm, und vor demselben standen einige Piecen Artillerie
auf dem Molo hereinwrts, die den Hafen bestreichen. Die brigen Stcke
decken oder wehren blos den Eingang von der Seite von Loretto. Am Thurme
stand eine franzsische Wache, deren man in der ganzen Stadt sonst nicht
viele fand, obgleich die Besatzung ziemlich stark ist. ^Est-ce qu'il
est permis de monter la tour pour voir la contre?^ fragte ich.
^Non^, war die Antwort: ich mute also zurckgehen und die Berge rund
umher besteigen, wenn ich die Aussicht theilweise haben wollte, die ich
hier htte ganz haben knnen. Es mag freilich wohl der beste
militrische Augenpunkt seyn, so da man billig Bedenken trgt,
Jedermann sich auf demselben umsehen zu lassen. Das Seelazareth an dem
andern Ende des Hafens, gleich am Wege von Loretto und Sinigaglia, der
sich dort trennt, ist ein sehr schnes Gebude ganz im Meere, so da
eine Brcke hinber fhrt. Es hat rund herum eine Menge schner,
bequemer Gemcher, eine Kapelle mitten im Hofe, frisches Wasser durch
Rhren vom Berge, und ein ziemlich groes Waarenhaus. Auch das
Militrspital auf dem Lande ist ein schnes, weitlufiges Gebude. Die
Schiffe sind meistens fremde, und die Handlung hebt sich nur sehr
langsam durch die Maregel des rmischen Hofes, da man Ancona zu einem
Freihafen erklrt hat. Auf der sdlichen Hhe der Stadt steht die alte
Kathedralkirche, wo auer dem unverweslichen heiligen Cyriakus noch
einige andere Kapitalheilige begraben liegen, deren Namen mir entfallen
sind. Man findet dort eine schne, prchtige, funkelnagelneue
Inscription, da Pius der Sechste auf seiner Rckkehr aus Deutschland,
wo er die Wiener gesegnet hatte, daselbst die Unverweslichkeit des
Heiligen in Augenschein genommen, bewundert und von neuem dokumentirt
habe. Dieses Monument des Wunderglaubens ist dem Papst auf Kosten des
Volks und der Stnde der Mark Ancona in der glnzenden marmornen Krypte
der Heiligen errichtet worden. ^O sancta!^

Die Brse ist ein groer, schner, gewlbter Saal mitten in der Stadt,
mit interessanten, gut gearbeiteten Gemlden und Staten, welche
moralische und brgerliche Tugenden vorstellen. Die erstern sollen von
Perugino seyn, wie man mir sagte; ich htte sie nicht fr so alt
gehalten.

Im Theater gab man die alte Posse, _der lustige Schuster_, gar nicht
bel, und das italienische Talent zur Burleske mit dem feinen Takt fr
Schicklichkeit und Anstand zeigte sich hier sehr vortheilhaft. Ich
konnte nicht umhin, Dir hier einige Worte ber unsere deutschen
Landsleute auf der Bhne zu sagen. Es wre wohl zu wnschen, da sie
etwas von der Delikatesse der Wlschen hierin htten oder lernten. Das
ist bei uns ein ewiges Kssen und sogar Schmatzen auf den Bretern bei
jeder Gelegenheit. Wenn man glaubt, da dieses eine schne sthetische
Wirkung thun msse, so irrt man sich vermuthlich; wenigstens fr mich
mu ich bekennen, da mir nichts langweiliger und peinlicher wird, als
eine solche Zrtlichkeitsscene. Ein Ku ist alles, und ein Ku ist
nichts; und hier ist er weniger als nichts, wenn er so seine Bedeutung
verliert. Er gehrt durchaus zu den Heimlichkeiten der Zrtlichkeit, in
der Freundschaft wie in der Liebe, und wird hier entweiht, wenn er vor
die Augen der Profanen getragen wird. Ich wei die Einwrfe; aber ich
kann hier keine Abhandlung schreiben, sie alle zu beantworten. Der
Italiener wei durch die feinen Nanzen der Umarmung mehr zu wirken, als
wir durch unsere Ksse. Es versteht sich, da seltene Ausnahmen Statt
finden. Ein anderer Artikel, den wir etwas zu materiell behandeln, ist
das Essen und Trinken und Tabaksrauchen auf dem Theater. Das alles ist
von sehr geringer sthetischer Bedeutung, und sollte fglich wegfallen.
Es ist als ob wir unsere Strke zeigen wollten, um die Preminenz unsers
Magens zu beweisen: und der Gebrauch der Theemaschine und der Serviette
gehrt bei mir durchaus nicht zu den guten Theaterknsten; zumal wenn
man eine Theekanne auf das Theater bringt, die man in der letzten
Dorfschenke kaum unfrmlicher und unreinlicher finden wrde. Auch sieht
man zuweilen einen Korb, der doch Eleganz bezeichnen sollte, als ob eben
ein Bauer Hhnermist darin auf das Pflanzenbeet getragen htte. Nimm mir
es nicht bel, da ich da in dramaturgischen Eifer gerathe! Es wirkt
nicht angenehm, wenn man Schicklichkeit und Anstand vernachlssigt.

Von Leipzig bis hierher habe ich keinen Ort gefunden, wo es so theuer
wre wie in Ancona; selbst nicht das theure Triest. Ich habe hier
tglich im Wirthshause einen Kaiserdukaten bezahlen mssen, und war fr
dieses Geld schlecht genug bewirthet. Man schiebt noch alles auf den
Krieg und auf die Belagerung; das mag den Aubergisten sehr gut zu
Statten kommen. Alles war voll Impertinenz. Dem Lohnbedienten zahlte ich
tglich sechs Paoli; dafr wollte er frh um neun Uhr kommen und den
Abend mit Sonnenuntergang fortgehen; und machte gewaltige
Extraforderungen, als er bis nach der Komdie bleiben sollte, da ich in
der winkligen Stadt meine Auberge in der Nacht nicht leicht
wiederzufinden glaubte. Er pflanzte sich im Parterre neben mich und
unterhielt mich mit seinen Impertinenzen; und dafr mute ich ihm die
Entre bezahlen und zwei Paoli Nachschu fr die Nachtstunden. Die
Barbiere bringen jederzeit einen Bedienten mit, eine Art von Lehrling,
der das Becken trgt und die Kunst des Bartscherens von dem groen
Meister lernen soll. Nun ist das Becken zwar in der That so gerumig,
da man bequem einige Ferkel darin abbrhen knnte, und man wundert sich
nicht mehr so sehr, da die erhitzte Phantasie Don Quixotte's so etwas
fr einen Helm ansah. Hast Du den Herrn recht gut bezahlt, so kommt der
Junge, der die Serviette und den Seifenlappen in Ordnung gelegt hat und
fordert etwas ^della buona mano, della buona grazia^, und macht zu einer
Kleinigkeit eben kein sehr freundliches Gesicht. Mein Bart hat mich bei
den Leuten schon verzweifelt viel gekostet, und wenn ich lnger hier
bleibe, wrde ich mich an die Bequemlichkeit der Kapuziner halten.

Die Leute klagten ber Noth und hielten bei hellem Tage durch die ganze
Stadt Faschingsmummereien, da die Franzosen die Polizeiwache verdoppeln
muten, damit das Volk einander nur nicht todt trat; so voll waren die
Gassen gepfropft. Da gab es denn possirliche Auftritte, wie in Imola.
Vorzglich schnakisch sah es aus, wenn eine sehr feine Gesellschaft in
dem hchsten Maskeradenputz vorbeizog, ein wirklicher Ochsenbauer mit
seinen weitgehrnten Thieren, die Weinfsser fuhren, sich eingeschoben
hatte und eine Gruppe zierlicher Abbaten hinter den Fssern hertrollte,
nicht vorbei konnte, mit Ungeduld ihre Blicke nach den Damen schickten,
endlich durchwischten und mit den handfesten Fuhrleuten in ernsthafte
Ellbogenkollision kamen. Das gab dann Leben und Lrm unter den
dichtgedrngten Zuschauern links und rechts. Die armen Leute, welche
ber Hunger klagten, warfen doch einander mit Bonbons aller Art; aber
vorzglich gingen freundschaftliche, zrtliche Kanonaden mit einer
ungeheuren Menge Maizs, den man in Krben als Ammunition zu dieser
Neckerei dort zum Verkauf trug. Mich ducht, man htte nachher wohl zehn
Scheffel sammeln knnen. Freilich lesen den andern Tag die Armen auf,
was nicht im Koth zertreten und zerfahren ist; und damit entschuldigt
man das Unwesen. Es ist eine sonderbare, sehr nrrisch lustige Art
Almosen auszutheilen.

Die Kaffeehuser sind hier sehr gut eingerichtet und man trifft daselbst
immer sehr angenehme, unterhaltende Gesellschaft von Fremden und
Einheimischen. Eine sonderbare Erscheinung mu die Belagerung der Stadt
im vorigen Kriege gemacht haben, wo fast alle Nationen von Europa,
Oestreicher, Englnder, Russen, Italiener und Trken gegen die neuen
Gallier schlugen, die sich trotz allen Anstrengungen der Herren doch
darin behaupteten, und die nun blo durch die gewaltige Frmmigkeit
ihres Machthabers daraus vertrieben werden. Ancona ist gewi in jeder
Rcksicht einer der interessantesten militrischen Posten an dieser
Seite, und nchst Tarent der wichtigste am ganzen adriatischen Meere.
Bis nach Ancona lautete mein Pa von Wien aus, weil der hfliche
Prsident der italienischen Kanzlei ihn durchaus nicht weiter schreiben
wollte. Aber hier machte man mir gar keine Schwierigkeit mir einen Pa
zu geben, wohin ich nur verlangte. Man war nur meinetwegen besorgt ich
mchte dem Tode entgegengehen. Dawider lie sich nun freilich kein
mathematischer Beweis fhren: ich machte den guten, freundschaftlichen
Leuten aber deutlich, da meine Art zu reisen am Ende doch wohl noch die
sicherste sey. Wer wrde Reichthmer in meinem Reisesacke suchen? Mein
Aufzug war nicht versprechend; und um nichts schlgt man doch nirgends
die Leute todt.




                                                 _Rom_, den 2ten Mrz.


Wider meine Absicht bin ich nun hier. Die Leutchen in Ancona legten es
mir so nahe ans Gewissen, da es Tollkhnheit gewesen wre, von dort aus
an dem Adria hinunter durch Abruzzo und Kalabrien zu gehen, wie mein
Vorsatz war. Ihre Beschreibungen waren frchterlich, und im Wirthshause
betete man schon im voraus bei meiner anscheinenden Hartnckigkeit fr
meine arme erschlagene Seele. ^Vous avez bien l'air d'tre un peu
Franois; et tout Franois est perdu san ressource en Abruzzo. Ce sont
des sauvages sans entrailles^; sagte man mir. Das klang nun freilich
nicht erbaulich, denn ich denke noch manches ehrliche Kartoffelngericht
in meinem Vaterlande zu essen. ^On Vous prendra pour Franois, et on
Vous coupera la gorge sans piti^, hie es. ^Fort bien^, sagte ich,
^ou plutt bien fort^. Was war zu thun? Ich machte der traurigen Dame
zu Loretto meinen Besuch, lie auch meinen Knotenstock von dem Sakristan
mit zur Weihe durch das Allerheiligste tragen, beguckte etwas die
Votiven und die gewaltig vielen Beichtsthle, lie mir fr einige Paoli
ein halbes Dutzend hoch geweihte Rosenkrnze anhngen, um einige
glubige Snderinnen in meinem Vaterlande damit zu beglckseligen, und
wandelte durch die Apenninen getrost der Tiber zu. Freilich gab es auch
hier keinen Mangel an Mordgeschichten, und in einigen Schluchten der
Berge waren die Arme und Beine der Hingerichteten hufig genug hier und
da zum Denkmal und zur schrecklichsten Warnung an den Ulmen aufgehngt:
aber ich habe die Gabe, zuweilen etwas dmmer und rmer zu scheinen, als
ich doch wirklich bin; und so bin ich dann glcklich auf dem Kapitol
angelangt.

Die Gegend von Ancona nach Loretto ist herrlich, abwechselnd durch
Thler und auf Hhen, die alle mit schnem Getreide und Obst und
Oelbumen besetzt sind; desto schlechter ist der Weg. Es hatte noch
etwas stark Eis gefroren, eine Erscheinung, die mir in der Mitte des
Februars bei Ancona ziemlich auffiel; und als die Sonne kam, vermehrte
die Wrme die Beschwerlichkeit des Weges unertrglich.

Ich war seit Venedig berall so sehr von Bettlern geplagt gewesen, da
ich auf der Strae den dritten Menschen immer fr einen Bettler ansah.
Desto berraschender war mir ein kleiner Irrthum vor Loretto, wo es
vorzglich von Armen wimmelt. Ein ltlicher, rmlich gekleideter Mann
stand an einem Brckensteine des Weges vor der Stadt, nahm mit vieler
Deferenz seinen alten Hut ab, sprach etwas ganz leise, das ich, daran
gewhnt, fr eine gewhnliche Bitte hielt. Ich sah ihn flchtig an, fand
an seinem Kleide und an seiner Miene, da er wohl bessere Tage gesehen
haben msse, und reichte ihm ein kleines Silberstck. Das setzte ihn in
die grte Verlegenheit; sein Gesicht fing an zu glhen, seine Zunge zu
stammeln: er hatte mir nur einen guten Morgen und glckliche Reise
gewnscht. Nun sah ich dem Mann erst etwas nher ins Auge und fand so
viel Bonhommie in seinem ganzen Wesen, da ich mich ber meine
Uebereilung rgerte. Wahrscheinlich hielten wir beide einander fr etwas
rmer, als wir waren. Du wirst mir zugeben, da solche Erscheinungen,
die kleine Unannehmlichkeit des augenblicklichen Gefhls abgerechnet,
unserer Humanitt sehr wohl thun mssen. Die Gegend um Loretto ist ein
Paradies von Fruchtbarkeit und die Engel mssen ganz gescheidte Leute
gewesen seyn, da sie nun einmal das Huschen im gelobten Lande nicht
behaupten konnten, da sie es durch die Luft aus Dalmatien hierher
bugsirt haben. Es steht hier doch wohl etwas besser, als es dort
gestanden haben wrde, wo es auch den Unglubigen, so zu sagen, noch in
den Klauen war. Zwar hatte es den Anschein, als ob der Unglaube auch
hier etwas berhand nehmen wollte und einen dritten Transport nthig
machen wrde; denn die entsetzlichen Franzosen, die doch sonst die
allerchristlichste Nation waren, hatten sich nicht entbldet, der
heiligen Jungfrau offenbar Gewalt anzuthun, worber die hiesigen Frommen
groe Klagelieder und Verwnschungen anstimmen: aber die neue Salbung
des groen Demagogen giebt auf einmal der Sache fr die Gottseligkeit
eine andere Wendung. Die Mummerei nimmt wieder ihren Anfang, man macht
Spektakel aller Art, wie ich denn selbst das Idol des Bacchus auf einer
ungeheuern Tonne zum Fasching vor dem heiligen Hause in Pomp auf- und
abfhren sah; und man verkauft wieder Indulgenzen nach Noten fr alle
Arten von Schurkereien. Es ist berhaupt nicht viel Vernunft in der
Vergebung der Snden; aber wer diese Art derselben erfunden hat, bleibt
ein Fluch der Menschheit, bis die Spur seiner Lehre getilget ist.

Mit diesen und hnlichen Gedanken wandelte ich die lange Gasse von
Loretto den Berg hinauf und hinab, durch die schnen Thler weiter und
immer nach Macerata zu. Links haben die Leute eine herrliche
Wasserleitung angelegt, die das Wasser von Recanati nach Loretto bringt.
Wenn ich berall eine solche Kultur fnde, wie von Ancona bis Macerata
und Tolentino, so wollte ich fast den Mnchen ihre Mncherei verzeihen.
In Macerata bewillkommte mich im Thor ein ppstlicher Korporal und nahm
sich polizeimig die Freiheit, meinen Pa zu beschauen. Der Mann war
brigens recht hflich und artig, und schickte mich in ein Wirthshaus
nicht weit vom Thore, wo ich so freundlich und billig behandelt wurde,
da mir die Leutchen mit ihrem gewaltig starken Glauben durch ihre
Gutmthigkeit auerordentlich werth wurden. Ich machte mir ein gutes
Feuer von Ulmenreisig und Weinreben, las eine Rhapsodie aus dem Homer
und schlief so ruhig wie in der Nachbarschaft des Leipziger Paulinums.
Es war meine Gewohnheit, des Morgens aus dem Quartier auf gut Glck zum
Frhstck auszugehen, und mich an das erste beste Wirthshaus an der
Strae zu halten. Die Gegend war paradiesisch links und rechts; aber zu
essen fand sich nichts. Hinter Macerata geht der Weg links nach Abruzzo
ab, und ich gerieth in groe Versuchung, mich dort hinunter nach Fermo
und Bari zu schlagen. Blo mein Versprechen in Ancona hielt mich zurck.
Ich bat die guten Bruttier um Verzeihung fr mein Mitrauen und meinen
Unglauben, und wanderte frba. Der Hunger fing an mir ziemlich unbequem
zu werden, als ich rechts am Wege ein ziemlich schmutziges Schild
erblickte und nach einem Frhstck fragte. Da war nichts als Klage ber
Brotmangel. Endlich fand sich, da ich viel bat und viel bot, doch noch
Wein und Brot. Das Brot war schlecht, aber der Wein desto besser. Ich
war nchtern, hatte schon viel Weg gemacht, war warm und trank in groen
Zgen das Rebengeschenk, das wie die Gabe aus Galliens Kampanien perlte
und wie Nektar herunterglitt. Ich trank reichlich, denn ich war durstig,
und als ich die Kaupone verlie, war es, als schwebte ich davon, und als
wre mir der Geist des Gottes sogar in die Fersen gefahren. So viel
erinnere ich mich, ich machte Verse, die mir in meiner Seligkeit ganz
gut vorkamen. Schade, da ich nicht Zeit und Stimmung hatte, sie
aufzuschreiben; so wrdest Du doch wenigstens sehen, wie mir Lyus
dichten hilft; denn meine brige Arbeit ist sehr nchtern. Die
Feldarbeiter betrachteten mich aufmerksam, wie ich den Weg dahin
schaukelte; und ich glaubte, ich tanzte die Verse ab. Da fragte mich
ganz traulich-pathetisch ein Eseltreiber: ^Volete andare a cavallo,
Signore?^ Ich sah seine Kavallerie an, rieb mir zweifelnd die Augen und
dachte: Sonst macht wohl der Wein die Esel zu Pferden: hat er denn hier
die Pferde zu Eseln gemacht? Aber ich mochte reiben und gucken, so viel
ich wollte, und meine Nase komisch mit dem Hofmannischen Glase
bebrillen, die Erscheinungen blieben Esel; und ich gab auf den
wiederholten Ehrenantrag des Mannes den diktatorischen Bescheid: ^Io
sono pedone e non voglio andare a cavallo sull' asino.^ Die Leute sahen
mich an und der Eseltreiber mit, und lchelten ber meinen Gang und
meine Sprache; aber waren so gutartig und lachten nicht. Das waren
urbane Menschenkinder; ich glaube fast, da im gleichen Falle die
Deutschen gelacht htten.

In Tolentino gings gut, und ich lie mich berreden, von hier aus durch
die Apenninen, denen man nichts Gutes zutraut, ein Fuhrwerk zu nehmen,
um nur nicht ganz allein zu seyn. Hier kommt der Chiente den Berg
herunter und ist fr Italien ein ganz hbscher Flu, hat auch etwas
besseres Wasser als die brigen. Man geht nun einige Tagereisen zwischen
den Bergen immer an dem Flusse hinauf, bis zu seinem Ursprunge bei
Colfiorito, wo er aus einem See kommt, in welchem sich das Wasser rund
umher aus den hchsten Spitzen der Apenninen sammelt. Ich hatte einen
Wagen gemiethet, aber der Wirth als Vermiether kam mit der
Entschuldigung, es sei jetzt eben keiner zu finden; ich msse zwei
Stunden warten. Das war nun nicht erbaulich. Aergerni htte mich aber
nur mehr aufgehalten; ich fate also Geduld und lie mich mit meinem
Tornister auf einen Maulesel schroten; mein Fhrer setzte sich, als wir
zur Stadt hinaus waren, auf die Kruppe, und so trabten wir italienisch
immer in den Schluchten hinauf. Diese wurden bald ziemlich enge und
wild, und hier und da aufgehangene Menschenknochen machten eben nicht
die beste Idylle. Ich blieb auf einer Station, deren Namen ich vergessen
habe, nicht weit von dem alten Kamerinum, dessen Livius im punischen
Kriege sehr ehrenvoll erwhnt. Hier pflegte man mich sehr gastfreundlich
und ich erhielt den bedungenen Wagen nach Foligno. Serravalle ist ein
groes langes Dorf, in einer engen, furchtbaren Bergschlucht am Flu,
nicht weit von der grten Hhe des Apennins; und ich wunderte mich, da
man hier so gut und so wohlfeil zu essen fand. Von dem See bei
Colfiorito, einem Kessel in den hchsten Bergwnden, geht es bald auf
der andern Seite aufwrts, und der Weg windet sich sehr wildromantisch
in einer Felsenschnecke hinunter. Case Nuove ist ein armes Oertchen am
Abhange des Berges, fast eben so zwischen Felsen wie Serravalle auf der
andern Seite. Die Leute hier verstehen sich sehr gut zu nhren, indem
sie die Sympathie der Reisenden in Anspruch nehmen. Sie bertheuern den
Fremden nicht, sondern wenden sich bei der Bezahlung mit rhrender
Ergebung an seine Gromuth. Wenn man nun einen Blick auf die hohen,
furchtbaren nackten Felsen rund um sich her wirft -- man mte keine
Seele haben, wenn man nicht etwas tiefer in die Tasche griffe und den
gutmthigen Menschen leben hlfe.

Von Case Nuove nach Foligno ist eine Partie, wie es vielleicht in ganz
Italien nur wenige giebt, so schn und romantisch ist sie. Man erhebt
sich wieder auf eine ansehnliche Hhe des Apennins, und hat ber eine
sehr reiche Gegend eine der grten Aussichten. Unten rechts, tief in
der Schlucht, sind in einem sich nach und nach erweiternden Thale die
Papiermhlen des Papstes angelegt, die zu den besten in Italien gehren
sollen. Oben sind die Berge kahl, zeigen dann nach und nach Gestruche,
geben dann Oelbume und haben am Fue ppige Weingrten. Hier sah ich,
glaube ich, zuerst die perennirende Eiche, die in Rom eine der ersten
Zierden des Borghesischen Gartens ist. Auf der Hhe des Weges soll man
hier, wenn das Wetter rein und hell ist, bis nach Assisi und Perugia an
dem alten Thrasymen sehen knnen. Ich war nicht so glcklich; es war
ziemlich umwlkt: aber es war auch so schon ein herrlicher Anblick. Wer
nur ein Kerl wre, der etwas Ordentliches gelernt htte! Hier komme ich
nun schon in das Land, wo kein Stein ohne Namen ist. Mit magischen
Wolken berzogen liegt das alte, finstere Foligno unten im Thale, wo der
Segen Hesperiens ruht. Rechts und links liegen Anhhen mit Gebuden, die
gewi in der Vorzeit alle merkwrdig waren. Links hinunter weideten
ehemals die vom Klitumnus wei gefrbten Stiere, welche die
Weltbeherrscher zu ihren Opfern in die Hauptstadt holten; und tief, tief
weiter hinab liegt in einer Bergschlucht das alte Spoleto, vor dessen
Thoren das vom Thrasymen siegreich herabstrzende Heer Hannibals zum
ersten Mal von einer Munizipalstadt frchterlich zurckgeschlagen wurde.
In und bei Foligno ist artistisch nicht viel zu sehen, nachdem die neuen
Gallier das schne Madonnenbild mitgenommen haben. Die Kathedralkirche
wird jetzt ausgebessert und mich ducht, mit Geschmack. Man hatte mich
in die Post einquartirt, wo man mich zwar ziemlich gut bewirthete, aber
ungeheuer bezahlen lie. Eine Bewirthung, fr die ich den vorigen Abend
auch auf der Post oben in den Apenninen sieben Paoli gezahlt hatte,
mute ich hier in dem Lande des Segens mit sechszehn bezahlen. Man
wollte mich berdie mit Gewalt zu Wagen weiter spediren, und da
ich die durchaus nicht einging, sollte ich wenigstens ein
Empfehlungsschreiben meines freundlichen Bewirthers nach Spoleto an
einen seiner guten Freunde haben. Natrlich, da ich auch dafr dankte;
denn er hatte mir vorher durch sich selbst seine guten Freunde nicht
sonderlich empfohlen. Sobald als der Morgen graute nahm ich also mein
Bndel und wandelte immer wieder im Thale hinauf nach Hannibals
Kopfsto. Hier kam ich bei den berhmten Quellen des Klitumnus vorbei,
die jetzt von den Eselstreibern und Waschweibern gewissenlos entweiht
werden, ob sie gleich noch eben so schn sind als vormals, als Plinius
so enthusiastisch davon sprach. Groe Haine und viele Tempel giebt es
freilich nicht mehr hier; aber die Gegend ist allerliebst und ich stieg
emsig hinab und trank durstig mit groben Zgen aus der strksten Quelle,
als ob es Hippokrene gewesen wre. Hier und da standen noch ziemlich
hohe Cypressen, die ehemals in der Gegend berhmt gewesen seyn sollen.
Vorzglich sah es aus, als ob Athene und Lyus ihre Geschenke hier in
ihrem Heiligthume niedergelegt htten. Es sollen in den Weinbergen noch
einige Trmmer alter Tempel seyn; ich suchte sie aber nicht auf. Als ich
so dort mich auf den jungen Rasen sonnte, setzte sich ein stattlich
gekleideter Jger zu mir, lenkte das Gesprch sehr bald auf Politik, zog
einige Zeitungsbltter aus der Tasche und wollte nun von mir wissen, wie
man nach dem Frieden die endliche Ausgleichung machen wrde, und wie
besonders der heilige Sitz und die geistlichen Churfrsten dabei bedacht
werden sollten. Daran hatte ich nun mit keiner Sylbe gedacht, und sagte
ihm ganz offenherzig, das berliee ich denen, ^quorum interesset^.

Ich bin nicht gern bei solchen Ausgleichungsprojekten; denn es ist fast
immer etwas Emprendes dabei. Ein Beispielchen will ich Dir davon
erzhlen. Du kannst Dir nichts Anmalicheres, Verwegneres,
Hohnsprechenderes, Impertinenteres denken, als den russischen
Nationalgeist; nicht den des Volks, sondern der hoffnungsvollen
Sprlinge der groen Familien, die die nchste Anwartschaft auf Aemter
im Civil und bei der Armee haben. Einer dieser Herren, der nur wenig
seinen Kameraden vorging, uerte in Warschau ffentlich im Vorzimmer,
er hoffe wohl noch russischer Gouverneur in Dresden zu werden und zu
bleiben. Die Frage war eben, wie man Oestreich ber die zweite Theilung
in Polen zufrieden stellen wolle? Der Neffe des Gesandten, der doch
Major bei der Armee und also kein Trobube war, meinte ganz naiv und
unbefangen, da gbe es noch Churfrsten und Frsten genug zu spoliiren.
Dein Freund stand bei den Excellenzen, deren einige durchaus die
moralische Antiphrase ihres Titels waren, und kehrte sich trocken weg
und sagte: Das ist wenigstens der richtige Ausdruck: So geht es hier
und da.

Der Jger verlie mich nach einem halben Stndchen Kosen, und ich
verlie den Klitumnus. In Spoleto ging ich ohne Schwierigkeit gerade
durch das Thor hinein, durch welches Hannibal, laut der Nachrichten,
nicht gehen konnte. Fast htte ich nun Ursache gehabt zu bedauern, da
ich das Empfehlungsschreiben des billigen Mannes in Foligno nicht
angenommen hatte; denn ich lief in dem Neste wohl eine halbe Stunde
herum, ehe ich ein leidliches Gasthaus finden konnte. Endlich fhrte man
mich doch in eins, wo man fr den dritten Theil der gestrigen Zeche eben
so gut bewirthete. Es ist ein groes, altes, dunkles, hliches,
jmmerliches Loch, das Spoleto; ich mchte lieber Kster Klimm zu Bergen
in Norwegen seyn, als Erzbischof zu Spoleto. Die Leute hier, denen ich
ins Auge guckte, sahen alle aus wie das bse Gewissen; und nur mein
Wirth mit seiner Familie schien eine Ausnahme zu machen. Dewegen habe
ich mich auch keinen Deut um ihre Alterthmer bekmmert, deren hier noch
eine ziemliche Menge seyn sollen. Aber alles ist Trmmer; und Trmmern
berhaupt, und zumal in Spoleto, und berdie in so entsetzlichem
Nebelwetter, geben eben keine schne Unterhaltung. Ueber dem Thore, das
man Hannibals Thor nennt, stehen die Worte in Marmor:

^_HANNIBAL_ CAESIS AD THRASYMENUM ROMANIS INFESTO AGMINE URBEM ROMAM
PETENS AD SPOLETUM MAGNA STRAGE SUORUM REPULSUS INSIGNE PORTAE NOMEN
FECIT.^

So ist die Ueberschrift. Ich wei nicht, ob es die Worte des Livius
sind; mich ducht, bei diesem lautet es etwas anders. Die Sache hat
inde nach den alten Schriftstellern ihre Richtigkeit; nur wei ich
nicht, ob es eben dieses Thor seyn mchte: denn wie vielen Vernderungen
ist die Stadt nicht seit den punischen Kriegen unterworfen gewesen! Doch
ist es eben das Thor, durch das der Weg von Perugia geht. Der Marmor
scheint ziemlich neu zu seyn. Jetzt drfte sich wohl schwerlich ein
franzsisches Bataillon zurckwerfen lassen.

Ich Idiot glaubte, als ich in Foligno angekommen war, ich sei nun den
Apennin durchwandelt: aber das ganze Thal von Klitumnus mit den Stdten
Foligno und Spoleto liegt in den Bergen. Von Spoleto bis Terni ist der
furchtbarste Theil desselben: und hier war ich wieder zu Fue ganz
allein. Den Morgen als ich Spoleto verlie, sah ich links an dem Felsen
noch das alte gothische Schlo, wo sich wackere Kerle vielleicht noch
einige Stunden um die Stadt schlagen knnen, ging vor den sonderbaren
Anachoreten vorbei und immer die wilde Bergschlucht hinauf. Wo ich
einkehrte, unterhielt man mich berall mit Rubergeschichten und
Mordthaten, um mir einen Maulesel mit seinem Fhrer aufzuschwatzen: aber
ich war nun einmal hartnckig und lief trotzig allein meinen Weg immer
vorwrts. Oben auf dem Berge soll der ^Jupiter Summanus^ einen Tempel
gehabt haben. Es ist wohl nur von Rom aus nach Umbrien der hchste Berg;
denn sonst giebt es in der Kette viel hhere Partien. Der Weg aufwrts
von Spoleto ist noch nicht so wild und furchtbar, als der Weg abwrts
und weiter nach Terni. Das Thal abwrts ist zuweilen kaum hundert
Schritte breit; rechts und links sind hohe Felsenberge, zwischen welche
den ganzen Tag nur wenig Sonne kommt, mit Schluchten und Waldstrmen
durchbrochen. Drfer trifft man auf dem ganzen Wege nicht, als auf der
Spitze des Berges nur einige Huser und ein halbes Dutzend in Strettura,
dessen Name schon einen engen Pa anzeigt. Hier und da sind noch einige
isolirte Wohnungen, die eben nicht freundlich aussehen, und viele alte,
verlassene Gebude, die ziemlich den Anblick von Ruberhhlen tragen.
Fast nichts ist bebaut. Die meisten Berge sind bis zu einer groen Hhe
mit finstern, wilden Lorbeerbschen bewachsen, die vielleicht eine
Bravobande zu ihren Siegeszeichen brauchen knnte. Ich gestehe Dir, es
war mir sehr wohl, als sich einige italienische Meilen vor Terni das
Thal wieder weiterte und ich mich wieder etwas zu Tage gefrdert sah und
unter mir schne, friedliche Oelwlder erblickte, unter denen der junge
Weitzen grnte. Das Thal der Nera ffnete sich und es lag wieder ein
Paradies vor mir. Hohe Cypressen ragten hier und da in den Grten an den
Felsenklften empor, und der Frhling schien in den ersten Gewchsen des
Jahres mit wohlthtiger Gewalt zu arbeiten.

Vorgestern kam ich auf meiner Reise hierher in Terni an. Mein Wirth, ein
Tyroler, und stolz auf die Ehre, ein Deutscher zu seyn, ftterte mich
auf gut sterreichisch recht stattlich, und setzte mir zuletzt ein
Gericht Sepien vor, die mir zum Anfange viel besser geschmeckt htten.
Er mochte mich fr einen Maler halten und glauben, da dieses zur Weihe
gehre. Zum Desert und zur Delikatesse kann ich den Dintenfisch, nach
dem Urtheil meines Gaumens, nicht empfehlen; schon seine schwarzbraune
Farbe ist in der Schssel eben nicht sthetisch. Nachdem ich gespeist,
Interamner Wein getrunken und meinen Reisesack gehrig in Ordnung gelegt
hatte, trollte ich fort nach dem Sonnentempel, nmlich der jetzigen
Diminutivkirche des heiligen Erlsers. Sie war verschlossen, ich lie
mich aber nicht abweisen und ging zum Sakristan, der weiter keine Notiz
von mir nahm, bei seiner Schssel und seinem Buche unbeweglich sitzen
blieb und mich durch eine alte Sara in die Kirche weisen lie. Der Mann
hatte in seinem Sinne recht; denn er dachte ohne Zweifel: Der da kommt
weder mir noch meiner Kirche zu Ehren, sondern blo der heidnischen
Sonne sein Kompliment zu machen. Richtig. Die Leute haben bekanntlich
das Tempelchen wie wahre Obskuranten behandelt und dafr gesorgt, da in
dem Sonnentempel keine Sonne mehr scheinen kann. Alle Eingnge sind
vermauert und zu Nischen gemacht, in deren jeder ein Heiliger fr
Italien schlecht genug gepinselt ist; und ber dem Altare steht ein
Sankt Salvator, der seinen Verfertiger auch nicht aus dem Fegefeuer
erlsen wird.

Nun stieg ich, ob ich gleich diesen Tag schon durch vier Meilen
Appenninen von Spoleto herber gekommen war, noch eine deutsche Meile
lang den hohen Steinweg zu dem Falle des Velino hinauf. Das war
Belohnung. Der Tag war herrlich; kein Wlkchen, und es wehte ein lauer
Wind, der nur in der Gegend des Sturzes etwas khl ward. Die Sonne stand
schon etwas tief und bildete aus der furchtbaren Schlucht der Nera hoch
in der Atmosphre einen ganzen hellen, herrlich glhenden und einen
grern dunklen Bogen im Staube des Falles. Ich sa gegenber auf dem
Felsen, und verga einige Minuten alles, was die Welt sonst Groes und
Schnes haben mag. Etwas Greres und Schneres von Menschenhnden hat
sie schwerlich aufzuweisen. Folgendes war halb Gedanke, halb Gefhl, als
ich wieder bei mir selbst war.

      Hier hat vielleicht der groe Mann gesessen,
   Und dem Entwurfe nachgedacht,
   Der seinen Namen ewig macht;
   Hat hier das Riesenwerk gemessen,
   Das grte, welches je des Menschen Geist vollbracht,
   Es war ein gttlicher Gedanke,
   Und staunend steht die kleine Nachwelt da
   An ihres Wirkens enger Schranke,
   Und glaubet kaum, da es geschah.
   Wie schwebte mit dem Regenbogen,
   Als durch die tiefe Marmorkluft
   Hinab die ersten Donnerwogen
   Wild schumend in den Abgrund flogen,
   Des Mannes Seele durch die Luft!
   So eine selige Minute
   Wiegt einen ganzen Lebenslauf
   Alltglichen Genusses auf;
   Sie knpft das Groe an das Gute.
   Es schlachte nun der zrnende Pelide
   Die Opfer um des Freundes Grab;
   Es zehre sich der Philippide,
   Sein Afterbild, vor Schelsucht ab!
   Es weine Csar, stolz und eitel,
   Nach einem Lorbeerkranz um seine kahle Scheitel;
   Es mache sich Oktavian,
   Das Muster schleichender Tyrannen,
   Die je fr Sklaverei auf schne Namen sannen,
   Mit Schlangenlist den Erdball unterthan;
   Die Motten zehren an dem Rufe,
   Den ihre Ohnmacht sich erwarb,
   Und jedes Skulum verdarb
   An ihrem Tempel eine Stufe.
   Hier steigt die Glorie im Streit der Elemente,
   Und segnend frbt der Sonnenstrahl
   Des Mannes Monument im Thal,
   Wo sanft der Oelbaum nickt, und hoch am Firmamente,
   Das Feuer glht mir durch das Rckenmark,
   Und hoch schlgt's links mir in der Seite stark;
   Wer so ein Schpfer werden knnte!

Oben am Sturz rund um das Felsenbette ist zwischen den hohen Bergen
ungefhr eine kleine Stunde im Umkreise eine schne Ebene, die voll
umgehauener Oelbume und Weinstcke steht. Ich wollte schon den
Ppstlern ber das Sakrilegium an der Natur fluchen, als ich hrte,
dieses sei im letzten Kriege eine Lagersttte der Neapolitaner gewesen.
Sie schlugen hier Anfangs die Franzosen durch den alten Felsenberg
hinunter, und ich begreife nicht, wie sie mit gewhnlicher Besinnung es
wagen konnten, sie weiter zu verfolgen. Sie gingen in das Manver und
bezahlten fr ihre Kurzsichtigkeit unten sehr theuer. Es ist traurig fr
die Humanitt, da man sich mit Tigerwuth sogar unter den Zweigen des
friedlichen Oelbaums schlgt. So sehr ich zuweilen der Hrte
beschuldiget werde, ein Oelbaum und ein Weizenfeld wrde mir immer ein
Heiligthum seyn; und ich knnte mich gleich zur Karttsche gegen
denjenigen stellen, der beides zerstrt. Die Sonne ging unter, als ich
den schnen Olivenwald herabkam, und kaum konnte ich unter den
Weinstcken noch einige Veilchen und Hyacinthen pflcken, die dort ohne
Pflege blhen.

Es war zu spt, noch die Reste des Theaters in dem Garten des Bischofs
zu sehen, und den andern Morgen wanderte ich nach Narni. Die Gegend von
Narni aus an der Nera hinunter ist furchtbar schn. Die Brcke bei
Borghetto ber die Tiber ist zwar ein sehr braves Stck Arbeit, aber als
Monument fr drei Ppste immer sehr kleinlich, wenn man sie nur gegen
die Reste des alten ^ponte rotto^ bei Narni ber die Nera hlt. Das sind
doch noch Triumphbogen, die Sinn haben, diese Brcke und der Trajanische
bei Ancona. Der schnste ist wohl der Wasserfall des Velino, der oben
fr die ganze Gegend von Rieti schon ber zweitausend Jahre eine
Wohlthat ist, weil er sie vor Ueberschwemmung schtzt. Ich bekenne, da
ich fr zwecklose Pracht, wenn es auch Riesenwerke wren, keine
sonderliche Stimmung habe.

Eine halbe Stunde von Narni lt man die Nera rechts und der Weg geht
links auf der Anhhe fort, immer noch wild genug, aber doch nicht so
grauenvoll, wie zwischen Spoleto und Terni. Das Interamner Thal, das man
hier bei Narni zuletzt in seiner ganzen Ausdehnung an der Nera hinauf
bersieht, stand bei den Alten billig in groem Ansehen, und ist noch
jetzt bei aller Vernachlssigung der Kultur ein sehr schner Strich
zwischen dem Ciminus und dem Apennin. In Otricoli, einem alten
schmutzigen Orte nicht sehr weit von der Tiber, wo ich gegen Abend
ankam, lud man mich gleich vor dem Thore hflich in ein Wirthshaus, und
ich trug kein Bedenken meinen Sack abzuwerfen und mich zu den Leutchen
an das Feuer zu pflanzen. Es hatte freilich keine sonderlich gute Miene;
aber ich htte vielleicht Gefahr gelaufen, im Stdtchen selbst ein
schlechteres oder gar keins zu finden und den Weg zurck zu machen, wo
ich dann nicht so willkommen gewesen wre. Kaum hatte ich einige Minuten
ziemlich stumm dort gesessen, als ein ganz gut gekleideter Mann sich
neben mich setzte und mir mit einigen allgemeinen theilnehmenden
Erkundigungen Rede abzugewinnen suchte. Er war ein starker, heier
Politiker, und, wie sehr natrlich, mit der Lage der Dinge und
vorzglich mit den allerneuesten Vernderungen nicht sonderlich
zufrieden, und meinte weislich, die Sachen knnten so keinen Bestand
haben. Sein Ansehen versprach eben keinen ausgezeichneten Stand, und
doch war er einer der gescheidtesten, bewandertsten Mnner, die ich noch
auf meiner Wanderung in Italien von seiner Nation gesehen habe.
Orthodoxie in Kirche und Staat schien seine Sache nicht zu seyn; und er
mute etwas Zutrauen zu meinem Gesichtsentwurf gewonnen haben, da er
mich ohne Zurckhaltung so tief in seine Seele sehen lie. Er kannte die
heutigen Staatsverhltnisse ungewhnlich gut und war in der alten
Geschichte ziemlich zu Hause. Der alte Rmerstolz schien noch tief in
seinem Innern zu sitzen. Er sprach skoptisch vom Papste und schlecht von
den Franzosen; besonders hatte sein Ha den General Murat recht herzlich
gefat, von dessen schaamlosen Erpressungen er zhneknirschend sprach,
und der schon durch seinen Mameluckennamen allen Kredit bei ihm verloren
hatte. Dieser Otricolaner war seit langer Zeit der erste Mann, der
meinen Spaziergang richtig begriff, und meinte, da sein Vaterland auch
jetzt noch ihn verdiene, so tief es auch gesunken sei. Wir schttelten
einander freundschaftlich die Hnde, und ich ging mit der folgenden
Morgendmmerung den Berg hinunter, neben den Ruinen der alten Stadt
vorbei, auf die Tiber zu.

Bis jetzt war es Vergngen gewesen auch im Kirchenstaate zu reisen.
Jenseits der Berge vor und hinter Ancona, bei Foligno und Spoleto und
Terni und Narni war die Kultur doch noch reich und schn, und in den
Bergen waren die Scenen romantisch gro und zuweilen erhaben und
furchtbar. Man verga leicht die Gefahr, die sich finden konnte. Von der
Tiber und Borghetto an wird Alles wst und de. Die Bevlkerung wird
immer dnner und die Kultur mit jedem Schritte nachlssiger. Civita
Castellana gilt fr das alte Falerii der Falisker, wo der Schurke von
Schulmeister seine Zglinge ins feindliche Lager spazieren fhrte und
vom Kamill so brav unter den Ruthenstreichen der Jungen zurckgeschickt
wurde. Es ist angenehm genug, nach einer eingebildeten, militrischen
Topographie sich hier den wirklich schnen Zug als gegenwrtig
vorzustellen. Die Lage entspricht ganz der Idee, welche die Geschichte
davon giebt. Der Ort ist rund umher mit Felsen umgeben, die von Natur
unzugnglich sind. Der Anblick flte mir gleich Respekt ein, und ohne
an Cluver zu denken, der, wie ich glaube, es ziemlich sicher erwiesen
hat, setzte ich sogleich eigenmchtig die alte Festung hierher. Von
Borghetto her fhrt eine alte Brcke ber eine wilde, romantische
Felsenschlucht, und nach Nepi und Rom zu hat Pius der Sechste eine neue
Brcke gebaut, welche das Beste ist, was ich noch von ihm gesehen habe.
Es ist brigens gar erbaulich, in welchem pompsen Styl diese Dinge in
Aufschriften erzhlt werden: solche ^ampullae et sesquipedalia verba^
scheinen recht in der Seele der heutigen Rmlinge zu liegen. Die alten
Rmer thaten und lieen reden, und diese reden und lassen thun. Ich habe
auf meinem Wege von Ancona hierher viele erhabene Ehrenbogen gefunden,
welche in einer angeschwollenen Sprache weiter nichts sagten, als da
Pius der Sechste hier gewesen war und vielleicht ein Frhstck
eingenommen hatte. Diese Bogenspanner verdienten einen solchen
Herrscher. Von Civita Castellana aus trennt sich die Strae; die alte
flaminische geht ber Rignano, Malborghetto und Primaporta nach der
Stadt, und die neue von Pius dem Sechsten ber Nepi und Monterosi, wo
sie in die Strae von Florenz fllt. Ich dachte mit dem alten
Sprichwort: Nun gehen alle Straen nach Rom; und hielt mich halb
unwillkhrlich rechts zu dem neuen Papst. Der alte Weg kann wohl nicht
viel schlimmer seyn, als ich den neuen fand. Doch von Wegen darf ich mit
meinen Landsleuten nicht sprechen; die sind wohl selten in einem andern
Lande schlimmer und gewissenloser vernachlssigt, als bei uns in
Sachsen.

Erlaube mir ber die Straen im Allgemeinen eine kleine vielleicht nicht
berflssige Expektoration! Es ist emprend, wenn dem Reisenden Geleite
und Wegegeld abgefordert wird und er sich kaum aus dem Koth herauswinden
kann, um dieses Geld zu bezahlen. Die Straen sind einer der ersten
Polizeiartikel, an den man fast berall zuletzt denkt. Geleite und
Wegegeld und Postregal haben durchaus keinen Sinn, wenn daraus nicht fr
den Frsten die Verbindlichkeit entspringt, fr die Straen zu sorgen;
und die Unterthanen sind nur dann zum Zuschu verpflichtet, wenn jene
Einknfte nicht hinreichen. Denn der Staat hat unbezweifelt die
Befugni, die Natur und Zweckmigkeit und den gesetzlichen Gebrauch
aller Regalien zu untersuchen, wenn es nothwendig ist, und auf
rechtliche Verwendung derselben zu dringen. Das ergiebt sich aus dem
Begriff der brgerlichen Gesellschaft, wenn gleich nichts davon im
Justinianischen Rechte steht, welches berhaupt als ^jus publicum^ das
traurigste ist, das die Vernunft ersinnen konnte, so sehr es auch ein
Meisterwerk des brgerlichen seyn mag. Bei den Straen tritt noch eine
Hauptvernachlssigung ein, ohne deren Abstellung man durchaus auch mit
groen Summen und anhaltender Arbeit nicht glcklich seyn wird. Ich
meine, man sucht nicht mit Strenge das schdliche Spurfahren zu
verhten. Es ist so gut, als ob keine Verfgungen deswegen vorhanden
wren, so wenig wird darauf gesehen. Es ist mathematisch zu beweisen,
da die Gewohnheit des Spurfahrens, zumal der schweren Wagen, die beste,
festeste Chaussee in kurzer Zeit durchaus verderben mu. Ist einmal der
Einschnitt gemacht, so mag man schlagen und ausfllen und klopfen und
rammeln, so viel man will, man gewinnt nie wieder die vorige Festigkeit;
die ersten Wagen fahren das Gleis wieder aus, und machen das Uebel
rger. Fngt man an ein zweites Gleis zu machen, so ist dieses bald eben
so ausgeleiert; und so geht es nach und nach mit mehrern, bis die ganze
Strae ohne Hlfe zu Grunde gerichtet ist. Wenn aber der Weg nur
einigermaen in Ordnung ist und durchaus kein Wagen die Spur des
vorhergehenden hlt, so kann kein Gleis und kein Einschnitt entstehen;
sondern jedes Rad versieht, so zu sagen, die Stelle eines Rammels und
hilft durch die bestndige Vernderung des Drucks die Strae bessern.
Man wrde eben so sehr endlich den Weg verderben, wenn man ohne Unterla
mit dem Rammel bestndig auf die nmliche Stelle schlagen wollte. Durch
das Nichtspurfahren verndern auch die Pferde bestndig ihre Tritte, und
das Nmliche gilt sodann von den Hufen der Thiere, was von den Rdern
des Fuhrwerks gilt. Fast durchaus habe ich den Schaden dieser bsen
Gewohnheit gesehen, und nur im Hannverischen hat man, so viel ich mich
erinnere, strengere Maregeln genommen, ihn zu verhten. Aber ich mu
machen, da ich nach Rom komme.

Die Italiener mssen denn doch auch zuweilen ein sehr richtiges Auge
haben. Zwei etwas stattlichere Spaziergnger, als ich, begegneten mir
mit ihren groen Knotenstcken bei Nepi, vermuthlich um ihre Felder zu
besehen, auf denen nicht viel gearbeitet wurde. ^Signore  Tedesco e va
a Roma!^ sagte mir einer der Herren sehr freundlich. Die Deutschen
mssen hufig diese Strae machen; denn ich hatte noch keine Sylbe
gesprochen, um mich durch den Accent zu verrathen. Sie riethen mir, ja
nicht in Nepi zu bleiben, sondern noch nach Monterosi zu gehen, wo ich
es gut haben wrde. Ich dankte und versprach es. Es ist sehr angenehm,
wenn man sich bei dem ersten Anblick so ziemlich gewi in einer fremden
Gegend orientiren kann. Nach meiner Rechnung mute der mir links
liegende Berg durchaus der ^Soracte^ seyn, obgleich kein Schnee darauf
lag; und es fand sich so. Jetzt gehrt er dem heiligen Sylvester, dessen
Namen er auch trgt; doch hat sich die alte Benennung noch nicht
verloren, denn man nennt ihn noch hier und da Soratte. Nun rgerte es
mich, da ich nicht links die alte flaminische Strae gehalten hatte;
dann htte ich den Herrn Soratte, der sich schon von weitem ganz artig
macht, etwas nher gesehen, und wre immer lngs der Tiber hinunter
gewandelt. Der Berg steht von dieser Seite ganz isolirt; das wute ich
aus Anmerkungen ber den Horaz, und dewegen erkannte ich ihn sogleich,
da mir seine Entfernung von Rom bekannt war. Hinten schliet er sich
durch eine Kette von Hgeln an den Apennin. Der Berg ist zwar ziemlich
hoch, aber gegen die Apenninen selbst hinter ihm doch nur ein Zwerg. Ich
will mir doch einmal ein recht schulmeisterlich hermenevtisches Ansehen
geben, und Dir hierbei eine pragmatische Bemerkung machen. Vielleicht
weit Du sie schon: thut nichts; eine gute Sache kann man zweimal hren.
Du darfst von dem hohen Schnee des Horaz nicht eben auf die Hhe des
Berges schlieen. Der Sorakte hat, weil er mit der groen Bergkette der
Apenninen verglichen, doch nicht auerordentlich hoch ist und tiefer
herab in der Ebene liegt, nur selten Schnee; und Herr Horaz wollte durch
seinen Schnee den ziemlich starken Winter anzeigen, wo man wohl thte,
Kastanien zu braten und sich zum Kamin und Becher zu halten. Das finde
ich denn ganz vernnftig. Vielleicht war er eben damals in Tibur, wo er
von Mcens Landgute blo die Spitze des beschneiten Sorakte sehr
malerisch gruppirt vor sich hatte. Uebrigens thue ich dem Horaz keine
kleine Ehre, da ich mich mit einem seiner Verse so lange beschftige;
denn er ist durch seine Sinnesart mein Mann gar nicht, und es ist
schade, da die Musen gerade an ihn so viel verschwendet haben.

Nepi knnte ein herrlicher Ort seyn, wenn die Leute hier etwas fleiiger
seyn wollten: aber je nher man Rom kommt, desto deutlicher sprt man
die Folgen des ppstlichen Segens, die durchaus wie Fluch aussehen.
Hinter Monterosi packte mich ein Vetturino, der von Viterbo kam und nach
Rom ging, mit solchem Ungestm an, da ich mich nothwendig in seinen
Wagen setzen mute, wo ich einen stattlich gekleideten Herrn fand, der
eine todte Ziege und einen Korb voll anderer Viktualien neben sich
hatte. Die Ziege wurde eingepackt und der Korb beiseite gesetzt; ich
legte meinen Tornister zu meinen Fen gehrig in Ordnung, und pflanzte
mich Barbaren neben den zierlichen Rmer. Er belugte mich stark und ich
ihn nur obenhin; nach einigen Minuten fing das Gesprch an; und ich
schwatzte so gut ich in der neuen rmischen Zunge konnte. Das ewige
Thema waren leider wieder Mordgeschichten, und der Herr guckte jede
Minute zum Schlage hinaus, ob er keine Pistolenholfter she. Ganz
spahaft ist es freilich nicht, wie ich nachher erfahren habe: aber eine
solche Furcht ist doch sehr possirlich und lcherlich. Diese Angst hielt
bei dem Mann an, bis wir an die Geierbrcke von Rom kamen, wo er sich
nach und nach wieder erholte. Am Volksthore, denn durch dieses fuhren
wir ein, fragten die ppstlichen Patrontaschen nach meinem Passe und
brachten ihn sogleich zurck mit der Bitte: ^Qualche cosa della grazia
pella guardia!^ So so; das fngt gut an: ich mute wohl einige Paoli
herausrcken. Da hielten wir nun vor dem groen Obelisken und ich
berlegte, nach welcher von den drei groen Straen ich auf gut Glck
hinunter gehen sollte. Eben hatte ich meinen Gesichtspunkt in die Mitte
hinab durch den Corso genommen und wollte aussteigen, als mein Kamerad
mich fragte, wo ich wohnen wrde? Das wei ich nicht, sagte ich; ich
mu ein Wirthshaus suchen. Er bot mir an, mich mit in sein Haus zu
nehmen. Er habe zwar kein Wirthshaus, ich solle es aber bei ihm so gut
finden, als es Geflligkeit machen knne. Ich sah dem Manne nher ins
Auge und las wenigstens keine Schurkerei darin, dachte, hier oder da ist
einerlei, setzte mich wieder nieder und lie mich mit fortziehen. Man
brachte mich, dem heiligen Franziskus mit den Stigmen gegenber, in den
Palast Strozzi, wo mein Wirth eine Art von Haushofmeister zu seyn
scheint.




                                                                _Rom._


So bin ich denn unwidersprechlich hier an der gelben Tiber, und zwar in
keinem der letzten Huser. Man hat hier im Hause viel Hflichkeit fr
mich, und mehr Aufmerksamkeit, als mir lieb ist: denn ich merke, da ich
viel theurer leben werde, als in irgend einem Wirthshause; wie mir meine
Landsleute, die den rmischen Rommel etwas verstehen, auch schon erklrt
haben. Ich habe meine Addressen aufgesucht. Uhden und Fernow empfingen
mich mit Humanitt und freundschaftlicher Wrme. Du kennst die Mnner
aus ihren Arbeiten, welche gut sind; aber sie selbst sind noch besser,
welches nicht immer der Fall bei literrischen Mnnern ist. Ich bin also
schon kein Fremdling mehr am Kapitole. Auch den selbststndigen,
originellen und etwas barocken Reinhart sah ich gleich den zweiten Tag,
und mehrere andere deutsche Knstler. Gmelin ist ein lebhafter,
jovialischer Mann, der nicht umsonst die Welt gesehn hat, und der eine
eigene Gabe besitzt, im Deutschen und Franzsischen mit der lebendigsten
Mimik zu erzhlen.

Der Kardinal Borgia, an den ich einen Brief hatte, nahm mich mit vieler
Freundlichkeit auf. Ein Anderer wrde in seinem Stil Herablassung sagen;
nach meinem Begriff lt sich kein Mensch herab, wenn er mit Menschen
spricht: und wenn irgend ein sogenannter Groer in seinem Charakter noch
Herablassung nthig hat, so steht er noch lange nicht auf dem rechten
Punkte. Ich war genthigt meine Anrede franzsisch zu machen, da ich mir
im Italienischen nicht Wendung genug zutraute, mit einem solchen Manne
eine zusammenhngende Unterredung zu halten. Er antwortete mir in der
nmlichen Sprache; aber kaum hrte er, da ich Latein wute, so fuhr er,
fr einen Kardinal drollig genug, lateinisch fort, dieser Sprache das
Lob zu reden, durch welche die Nationen so fest zusammenhangen. ^Haec
est illa lingua^, setzte er hinzu, ^quae nobis peperit Livios atque
Virgilios^. ^Et Tiberios et Nerones^, htte ich fast durch die Zhne
gemurmelt. Ein Wort gab das andere, ich mute ihm einiges von meiner
Kriegswanderung nach Amerika erzhlen und von meinem Wesen in Polen, und
der alte Herr fiel mir mit vieler Gutmthigkeit um den Hals, und fate
mich im Ausbruch der Jovialitt nicht allein beim Kopf, sondern sogar
bei den Ohren. Ein alter militrischer General Sr. Heiligkeit stand
dabei, und es wurde ein herzliches Trio gelacht, in das ich so
bescheiden als mglich mit einstimmte. Du wirst schon wissen, da man in
Rom mehr Mnchsgenerale, als Kriegsgenerale antrifft. Beide spielen mit
Kanonen, und es wre nicht schwer zu entscheiden, welche die ihrigen am
besten zu gebrauchen wissen. Ich erhielt die Erlaubni ohne
Einschrnkung immer zu dem Kardinal zu kommen, welches fr einen Pilger,
wie ich bin, keine Kleinigkeit ist. Er stutzte gewaltig, als er hrte,
ich wolle bermorgen mein Bndel nehmen und des Weges weiter wandeln,
billigte aber meine Grnde lachend, als ich ihm sagte, ich wollte vor
der heien Jahreszeit meinen Spaziergang nach Syrakus endigen und auf
meiner Rckkehr mich lnger hier aufhalten. Er bot mir keine Empfehlung
nach Veletri an, um dort freieren Eintritt in das Familienkabinet zu
haben, worber ich mich einigermaen wunderte. Aber man hat
Schwierigkeiten mit den Franzosen gehabt, und Einige frchteten sogar,
die Franzosen wrden die ganze Sammlung wegschaffen lassen. Das
geschieht nun zwar, wie ich hre, nicht: aber es ist doch begreiflich,
da dadurch etwas Furchtsamkeit und Unordnung entstanden seyn mag.
Uebrigens bin ich nicht nach Italien gegangen, um vorzglich Kabinette
und Gallerien zu sehen und trste mich leicht mit meiner
Laienphilosophie.

Eben habe ich Canova gesehen und unsere Freunde, Reinhart und Fernow. Es
ist berall wohlthtig, wenn sich verwandte Menschen treffen; aber wenn
sie sich auf so klassischem Boden finden, gewinnt das Gefhl eine eigne
Magie schner Humanitt. Canova hat eine zweite Hebe fr die Pariser
gearbeitet, die mir aber mit den Vernderungen, die er gemacht hat und
die er doch fr Verbesserungen halten mu, bei weitem nicht so wohl
gefllt, wie die venetianische. Du kennst meinen Enthusiasmus fr diese.
Er hat, ducht mir, dem Urtheil und dem Geschmacke der Franzosen
geschmeichelt, denen ich aber in der Anlage einer Batterie eher folgen
wollte, als in der Kritik ber reine Weiblichkeit. Es bleibt an allen
ihren schnen Weibern immer noch etwas von dem Charakter aus dem alten
Palais Royal zurck. Er hat auch zwei Fechter nach dem Pausanias
gemacht, die nach langer Ermdung zur Entscheidung einander freien Sto
geben. Der Eine hat so eben den furchtbarsten Schlag vor die Stirne
erhalten, -- dieses ist der Moment -- und reit sodann mit entsetzlichem
Grimm seinem Gegner mit der Faust auf einen Griff das Eingeweide aus.
Sie gelten fr Muster der Anatomie und des Ausdrucks. Da sie keine
Beziehung auf reine, schne Humanitt haben, konnten sie mich nicht so
sehr beschftigen: denn Furcht und Grimm sind Leidenschaften, von denen
ich gerne mich wegwende. Die Stelle aus dem Pausanias ist mir nicht
gegenwrtig; ich weise Dich auf ihn. Demoxenus heit, glaube ich, der
eine Fechter.

In einigen Tagen werde ich durch die Pontinen nach Terracina und sodann
weiter nach Sden gehen, damit ich vor der ganz heien Jahrszeit, wenn's
glckt, wieder zurckkomme. Miglckt es -- denn man spricht gar
wunderlich -- so mgen die Barbaren mich auf ihrer Seite haben. Ich will
mich nicht durch Furcht ngstigen, die auf alle Flle kein guter
Hausgenosse in der Seele ist. Zu Ende des Jahres hoffe ich ^post varios
casus^ Dich wieder zu sehen.




                                                          _Terracina._


Du siehst, da ich aus den Smpfen heraus bin. Die Prophezeiung meiner
Freunde in Rom ist eingetroffen. Der Herr Haushofmeister in dem Palaste
Strozzi, dem heiligen Franz mit den Stigmen gegenber, berlie es
meiner Gromuth, die seinige zu belohnen. Das heit nun die Leute
meistens am unrechten Flecke angefat. Ich griff mich indessen an, so
viel ich konnte, und gab fr drei Tage Wohnung und drei Mahlzeiten --
die brigen hatte ich auswrts gehalten -- zwei Kaiserdukaten, welches
ich fr ziemlich honett hielt. Der Mann machte in Rom ein flmisches
Gesicht, aber doch weiter keine Bemerkung, sondern begleitete mich noch
gefllig bis Sankt Johann von Lateran, wo er mir am Thore seine Adresse
gab, damit ich ihn bei meiner Rckkehr finden mchte. Er mochte doch die
Rechnung gezogen und berlegt haben, da einen ganzen Monat
verhltnimig das Geldchen noch mitzunehmen wre. Das war nun aber mir
nicht gelegen; meine Brse wollte sich in die Lnge nicht so gromthig
behandeln lassen. Man hat der Ausgaben mehrere. Ich ging nun durch die
weitlufigen, halb verfallenen Grten der Stadt und durch die ganze
wste Gegend vor derselben nach Albano hinber.

Einige Millien vor der Stadt wandelte links unter den Ruinen der alten
Wasserleitung, die vom Berge herabkamen, ein Mann mit einem Buch einsam
hin, suchte sich rund umher zu orientiren, und schlo sich, als ich
nher kam, an mich an. Es war ein Franzose, der sich in Velletri schon
lange huslich niedergelassen hatte, in der Stadt gewesen war und jetzt
heimging. Seine Gesellschaft war mir hier hchst angenehm, da er mit der
Geschichte der Zeit und den Vorfllen des Kriegs bekannt war und rund
umher mir alle Auftritte erklrte. Links hinauf nach den Hgeln des
Albanerbergs hatten sich die Franzosen und Insurgenten hartnckig
geschlagen. Die Insurgenten hatten zuerst einigen Vortheil und hatten
dewegen nach der Weise der Revolutionre angefangen, hchst grausam zu
verfahren: aber die Franzosen trieben sie mit ihrer gewhnlichen Energie
bald in die Enge, und nun fehlte es wieder nicht an Gewaltthtigkeiten
aller Art. Einige Millien von Albano ist rechts am Wege eine Gegend,
welche Schwefelquellen halten mu; denn der Geruch ist entsetzlich und
mu in der heien Sommerperiode kaum ertrglich seyn. In einer
Peripherie von mehrern hundert Schritten keimt dewegen kein Grschen,
obgleich brigens der Strich nicht unfruchtbar ist.

Die Albaner bilden sich ein, da ihre Stadt das alte Alba Longa sei, und
sagen es noch bis jetzt auf Treu und Glauben jedem Fremden, der es hren
will. Die Antiquare haben zwar gezeigt, da das nicht seyn knne, und
da die alte Stadt, laut der Geschichte, an der andern Seite des Sees am
Fue des Berges msse gelegen haben: aber drei oder vier Millien, denken
die Albaner, machen keinen groen Unterschied; und es ist wenigstens
Niemand in der Gegend, der ein nheres Recht auf Alba Longa htte, als
sie. Wir wollen sie also in dem ruhigen Besitz lassen. Die jetzige Stadt
scheint zur Zeit der ersten Csaren aus einigen Villen entstanden zu
seyn, von denen die des Pompejus die vorzglichste war. Dadurch sieht es
nun freilich um das Monument der Kuriatier milich aus, das auf dem Wege
nach Aricia steht, und welches mir berhaupt ein ziemlich gothisches
Ansehen hat. Nach der Geschichte sind alle, die drei Kuriatier wie die
beiden Horatier, unten vor der Stadt Rom begraben, wo der Kampf geschah
und wo auch ihre Monumente standen; indessen lt sich wohl denken, da
die neuen Albaner aus altem Patriotismus ihren braven Landsleuten hier
ein neues Denkmal errichteten, als unten die alten verfallen waren.
Wenigstens ist nicht einzusehen, wozu das Ding mit den drei Spitzen
sonst sollte aufgefhrt worden seyn. Ein Kastell zur Vertheidigung des
Weges wre das Einzige, wozu man es machen knnte; aber dazu hat es
nicht die Gestalt.

In Albano fand mein Franzose Bekannte, bei denen er einkehrte, und ich
lie mich auf die Post bringen, welche das beste Wirthshaus ist. Sobald
ich abgelegt hatte, trat ein artiger, junger Mann zu mir ins Zimmer, der
aus der Gegend war und mit vieler Gutmthigkeit mir die Unterhaltung
machte. Mit ihm wandelte ich noch etwas in der schnen Gegend hin und
her, und namentlich an das Monument, von dessen Alterthum er indessen
auch nicht sonderlich berzeugt war. Antiquitten schienen zwar seine
Sache nicht zu seyn; aber dafr war er desto bekannter mit der neuen
Welt. Er sprach Franzsisch und Englisch mit vieler Gelufigkeit, weil
er in beiden Lndern einige Zeit gewesen war; eine nicht gewhnliche
Erscheinung unter den Italienern! ^Je m'appelle Prince^, sagte er,
^mais je ne le suis pas^; indessen hatten ihn die Franzosen nach
seiner Angabe prinzlich genug behandelt, alle seine Oelbume umgehauen,
und ihm auf lange Zeit einen jhrlichen Verlust von zweitausend Piastern
verursacht. Die Wahrheit davon lasse ich auf seiner Erzhlung beruhen.
Der junge Mann zeigte viel Offenheit, Gewandtheit und Humanitt in
seinem Charakter. Sodann fhrte er mich einige hundert Schritte weiter
zu einer alten Eiche an dem Wege nach Aricia, nicht weit von dem
Eingange in den Park und die Grten des Frsten Chigi. Die Eiche sollte
von seltener Schnheit seyn, und sie ist auch wirklich sehr ansehnlich
und malerisch: aber wir haben bei uns in Deutschland an vielen Orten
grere und schnere.

Den Herren Frsten Chigi kannte ich aus Charakteristiken von Rom, und
htte wohl Lust gehabt seine Besitzungen nher zu besehen. Er selbst ist
als Dichter und Deklamator in der Stadt bekannt, und soll wirklich unter
diesen beiden Rubriken viel Verdienst haben. Er mu inde ein
sonderbarer Bukoliker und Idyllendichter seyn; denn in seinem Park hat
er den schnsten und herrlichsten Eichenhain niederhauen lassen, und in
dem Ueberreste lt er die Schweine so wild herumlaufen, als ob er sich
ganz allein von ihrer Mastung nhren wolle. Darber sind nun besonders
die Maler und Zeichner so entrstet, da sie den Mann frmlich in
Verdammni gesetzt haben, und ich wei nicht, wie er sich daraus erlsen
will. Die Gegend ist dessen ungeachtet noch eine der schnsten in
Italien, und das romantische Gemisch von Wildheit und Kultur, die hier
zu kmpfen scheinen, macht, wenn man aus der Oede Roms kommt, einen
sonderbaren wohlthtigen Eindruck. Die Leute in dieser Gegend haben den
Ruhm, vorzglich gute Banditen zu seyn.

Von Albano ging ich den andern Morgen ber eben dieses Aricia, dessen
Horaz in seiner Reiseepistel von Rom nach Brindisi gedenkt, nach Gensano
und Velletri und immer in die Pontinen hinein. Die Leute von Gensano
sind mir als die fleiigsten und sittigsten im ganzen Kirchenstaate
vorgekommen, und sie haben wirklich ihre Fleckchen Land so gut
bearbeitet, da sie den Wohlthaten der Natur Ehre machen. Die Lage ist
sehr schn; Berge und Thler liegen in dem lieblichsten Gemische rund
umher, und der kleine See von Nemi, unter dem Namen der Dianenspiegel,
giebt der Gegend noch das Interesse der mythologischen Geschichte.

Vor Velletri holte mich ein Franzose ein; nicht mein gestriger, sondern
ein anderer, der bei der Condeischen Armee den Krieg mitgemacht hatte,
jetzt von Rom kam und mit Empfehlungen von dem alten General Suworow
nach Neapel zu Akton ging, von dem er Anstellung hoffte. In zwei Minuten
waren wir bekannt und musterten die Armeen durch ganz Europa. Nach
seinen Briefen mute er ein sehr braver Officier gewesen seyn, der
selbst bei Perugia ein Detachement kommandirte; und ich habe ihn als
einen ehrlichen Mann kennen lernen. Wir aen zusammen in Velletri und
schlenderten sodann ganz vergngt die Berge hinab in die Smpfe hinein,
die einige Stunden hinter der Stadt ihren Anfang nehmen. In Cisterne
wollten wir bernachten: aber das Wirthshaus hatte die schlechteste
Miene von der Welt, und die ppstlichen Dragoner trieben ein gewaltig
lrmendes Wesen. Uebrigens fiel mir ein, da dieses vermuthlich der Ort
war, wo Horaz so sehr von den Flhen gebissen wurde und noch andere
traurige Abenteuer hatte; da auch der Apostel Paulus hier geschlafen
haben soll, ehe man ihn nach Rom in die Kerker des Kapitols einsperrte.
Das war nun lauter bses Omen. Wir beschlossen also, zumal da es noch
hoch am Tage war, noch eine Station weiter zu wandeln, bis ^Torre di tre
ponti^. Hier kamen wir aus dem Regen in die Traufe. Es war ein groes,
leeres Haus; der Wirth war nach Paris gereist, um, wenn es mglich wre,
seine Habe wieder zu erhalten, die man ihm in die Wette geraubt hatte.
Erst plnderten die Neapolitaner, dann die Franzosen, dann wieder die
Neapolitaner, und die Streiter des heiligen Vaters zur Gesellschaft: das
ist nun so rmische Wirthschaft. Es war im ganzen Hause kein Bett, und
die Leute sahen nicht auerordentlich freundlich aus. Der Wirth war
abwesend; es waren viele Fremde da, die in den pontinischen Smpfen,
wohin sogar der Auswurf aus Rom flchtet, kein groes Zutrauen einflen
knnen. Die alte gutmthige Haushlterin gab uns indessen eine groe
Decke; wir verrammelten unsere Thre mit Tisch und Sthlen, damit man
wenigstens nicht ohne Lrm hinein kommen knnte, legten uns beide, der
franzsische Oberstlieutnant und ich, in die breite mit Heu gefllte
Bettstelle, stellten unsere Stcke daneben, deckten uns zu und
schliefen, so gut uns die Klte, die Flhe und die quakenden Frsche
schlafen lieen. Den Morgen darauf war das Wetter frchterlich und
machte den nicht angenehmen Weg noch verdrielicher: vorzglich fluchte
der Franzose nach altem Stil ^tous les diables^ mit allem Nachdrucke
durch alle Instanzen, die Yorick gegeben hat. Es konnte indessen nichts
helfen; ich Hyperboreer zog brenmig immer weiter; der Franzmann aber
versteckte sich in ein altes leeres Brckenhaus ber dem Kanal und
wollte den Sturm vorbeigehen lassen. Wenn man na ist, mu man laufen,
ich lie ihn ruhen, und versprach, hier in Terracina im Gasthofe auf ihn
zu warten.

Die letzte Station vor Terracina war fr mich die abenteuerlichste. Die
alte appische Strae geht links etwas oben an den Bergen hin und macht
dadurch einen ziemlichen Umweg; aber die Neuen wollten dem Elemente zum
Trotz klger seyn, und zogen sie unberlegt genug gerade fort. Sie sieht
recht schn aus, wenn sie nur gut wre. Das Wasser war gro; ich hatte
den Abweg links ber eine alte Brcke nicht gemerkt, und ging die groe
gerade Linie immer weiter. In einer halben Stunde stand ich vor Wasser,
das rechts aus der See hineingetreten war und links durch die Gebsche
weit hinauf ging. Durch den ersten Absatz schritt ich rasch; aber es kam
ein zweiter und ein dritter noch grerer. Es war dabei ein furchtbarer
Regensturm und ich konnte nicht zwanzig Schritte sehen. Ich ging fast
eine Viertelstunde auf der Strae bis ber dem Grtel im Wasser, und
wute nicht, was vor mir seyn wrde. Einige Mal waren leere Pltze links
und rechts; und da stand ich in den Einschnitten wie im Meere. Nur die
Bume, die ich dunkel durch den Regensturm sah, machten mir Muth
vorwrts. Endlich war ich glcklich durch die ppstliche Stelle, und zog
eine parallele zwischen den Alten und Neuen, die eben nicht zum
Vortheile meiner Zeitgenossen ausfiel. Wie ich heraus war, ward der
Himmel hell, und ich sah den Berg der gttlichen Circe in der Abendsonne
zu meiner Rechten und zu meiner Linken die Felsen von Terracina glnzen.
Es war wirklich als wenn die alte Generalhexe eben einen Hauptproce
machte, und ich konnte froh seyn, da ich noch so gut mit einem Bichen
Schmutz davon gekommen war. Nachdem ich in der ^Locanda Reale^, einem
groen stattlichen Hause an dem Heerwege vor der Stadt, Quartier gemacht
hatte, recognoscirte ich oben den Ort auf dem weien Felsen, wie ihn
Horaz nennt, wo man rechts und links von dem Circeischen Vorgebirge bis
an das Kajetanische und ber die Inseln eine herrliche Aussicht hat. Ich
bekmmerte mich wenig um die Ruinen des alten Jupitertempels und um den
neuen Palast des Papstes, sondern weidete mich an der unter mir
liegenden Gegend, den herrlichen Orangegrten, die ich hier zuerst ganz
im Freien ausgezeichnet schn fand, und der ppigen Vegetation aller
Art. Auch mehrere Palmbume fand ich hier schon, da in Rom nur ein
einziger als eine Seltenheit nicht weit vom Kolosseum gezeigt wird. Von
der letzten Station fhrt eine herrliche Allee der schnsten und grten
Aprikosenbume in die Stadt.

Mein Franzose kam, und es fand sich, da der arme Teufel mit seiner
Brse auf den Hefen war. Ich mute ihn also doch nach Neapel hinber
transportiren helfen. Zu Abend traf ich im Wirthshause ein Paar ziemlich
reiche Mailnder, die mit schner Equipage von Neapel kamen, und wir
aen zusammen. Die Herren waren ganz verblfft zu hren, da ich von
Leipzig nach Agrigent tornistern wollte, blo um an dem sdlichen Ufer
Siciliens etwas herumzuschlendern und etwa junge Mandeln und ganz
frische Apfelsinen dort zu essen. Die Unterhaltung war sehr lebhaft und
angenehm, und die Norditaliener schienen die schne Neapel ^quovis
modo^, literrisch, sthetisch und physisch genossen zu haben. Morgen
gehts ins Reich hinber; denn so nennt man hier das Neapolitanische.




                                                             _Neapel._


Der Morgen war frisch und schn, als wir Anxur verlieen, der Wind stark
und die Brandung hochstrmend, so da ich am Strande eingenetzt war, ehe
ich daran dachte. Die Wogen schlugen majesttisch an den steilen Felsen
herauf. Am Eingange des Reichs hatte mein franzsischer Reisekamerad
Zwist mit der Wache, die ihn nicht recht gern wollte passiren lassen.
Meinen Pa vom Kardinal Ruffo besah man blo, schrieb meinen Namen aus,
und ich war abgefertigt. Der Franzose packte seine ganze Brieftasche
aus, sprach hoch, erwhnte Suwarow, appellirte an den Minister und zwang
die Wache durch etwas Impertinenz in Respekt, die von ihrer Seite auch
wohl etwas ber die Instruction gegangen seyn mochte. In Fondi, wo wir
zu Mittag aen, trafen wir ziemlich viel Militr, unter dem mehrere
Deutsche waren. Die Stadt selbst liegt, wie es der Name zeigt, in einem
der angenehmsten Thler, nicht sehr weit vom Meere. Der Weg von
Terracina dahin ist abwechselnd fruchtbar und lachend, durch hohe Felsen
und fruchtbare Felder. Nicht weit von Fondi sollen, glaube ich, links an
den Bergen noch die Ueberreste von der Villa des Nerva zu sehen seyn;
ich hielt mich aber an die Orangegrten, und verga darber den Kaiser,
die alten Stadtmauern, den See, den heiligen Thomas und alle andere
Merkwrdigkeiten. Noch einige Millien nach Itri hinaus ist die Gegend
zwischen den Bergen ein wahres Paradies. Auf der Hlfte des Weges stand
in einem engen Felsenpasse eine Batterie aus dem vorigen Kriege, wo die
Franzosen tchtig zurckgeschlagen wurden. Sie suchten sich aber einen
andern Weg ber die hohen Berge; ein Einfall, von dem die Neapolitaner
sich gar nichts hatten trumen lassen! Das war eine etwas zu gutmthige
Zuversicht; man thut besser zu glauben, da die Feinde alle Gemsenjger
sind, und in einer Entfernung von sechs deutschen Meilen ist es nie
unmglich, da sie die Nacht noch kommen werden. Die Neapolitaner sahen
den Feind im Rcken und liefen ber Hals und Kopf nach Kajeta.

Itri war von den Franzosen hlich mitgenommen worden. Man hatte die
Kirchen verwstet und Pferdestlle daraus gemacht. Das ist nun freilich
nicht sehr human; von Religiositt nichts zu sagen. Der Ort liegt in
einer Bergschlucht tief begraben. Es standen hier nur wenige Soldaten
zur Polizei, deren Kommandant ein ehemaliger streichischer Sergeant,
jetzt neapolitanischer Fhnrich war, der uns die Ehre that, mit uns
einige Stunden Wein zu trinken. Mein Franzose hatte keine Schuhe mehr;
ich mute ihm also doch Schuhe machen lassen. Den Morgen darauf konnte
er nicht fort, weil seine Fe nicht mehr im baulichen Wesen waren, und
ich wollte nicht bleiben, er suchte mich berdie zu berreden, ich
mchte mit ihm von Kajeta aus zur See gehen, weil er den Landweg nicht
aushalten wrde. Das ging fr mich nun nicht, denn ich wollte ber den
Liris hinunter nach Kapua und Kaserta. Ich gab ihm also zu dem
Ausgelegten noch einen Kaiserdukaten, quittirte in Gedanken schon,
bergab ihn und mich dem Himmel, und wandelte allein ab. Fast htte ich
vergessen, Dir eine etwas ernsthafte Geschichte von Itri zu erzhlen,
nmlich ernsthaft fr mich. Itri ist ein Nest; das Wirthshaus war
schlecht. Unsere Wirthin war eine ziemlich alte Maritorne, die ihren
Mann in der Revolution verloren und sich zur Haushaltung und den brigen
Behufen einen jungen Kerl genommen hatte. Ich legte mich oben auf einem
Saale zu Bette, und mein Kamerad zechte unten noch eins mit dem Herrn
Fhnrich Kommandanten, der wiedergekommen war, und kam mir sodann nach.
Er war etwas ber See und schlief sogleich ein; ich philosophirte noch
eins topsyturvy. Da hrte ich unten einen wilden Kerl nach dem andern
ankommen und sehr laut werden. Die Anzahl mochte wohl bis zehen oder
zwlf gestiegen seyn. Nun vernahm ich, da es ber unsere armen
Personalitten geradezu herging und da man ber uns eine ziemlich
furchtbare Nachtinquisition hielt. ^Sono cattiva gente.^ hie es in
einem hohen Ton einmal ber das andere; und man that mehr als einmal den
Vorschlag, mit uns zu verfahren nach der Neapolitaner Revolutionsweise.
Mein Franzose schnarchte. Du kannst denken, da mir nicht sonderlich
lieblich dabei zu Muthe ward. Man schlgt hier zum Anfang sogleich die
Leute todt, und macht sodann nachher -- eben weiter keinen Proze. Die
alte Dame, unsere Wirthin, nahm sich unser mit einem exemplarischen Muth
an, sprach und schrie was sie konnte, und behauptete, da wir ehrliche
Leute wren; der Kommandant htte unsere Psse gesehen. Nun schien man
zum Unglck dem Kommandanten selbst in der Politik gerade nicht viel
Gutes zuzutrauen. Der Himmel wei, wie es noch mchte geworden seyn. Ich
zog ganz stille Rock und Stiefeln an, nahm meine ganze Kontenanz und
mein ganzes Bichen Italienisch zusammen, und machte Miene die Treppe
hinab unter sie zu gehen. Meine Herren, sagte ich so stark und
bestimmt als ich konnte, ich bin ein fremder Reisender; ich dchte, im
Wirthshause, wo ich bezahle, drfte ich zur Mitternacht Ruhe erwarten.
Ich hre, ich bin Ihnen verdchtig; fhren Sie mich vor die Behrde,
wohin Sie wollen: aber machen Sie die Sache mit Ernst und Ruhe und als
ordentliche brave Leute ab! Es ward stiller; die Wirthin und Einige von
ihnen baten mich oben zu bleiben, welches ich natrlich sehr gern that;
und nach und nach schlichen sie alle fort. Spahaft ist es nicht ganz;
denn dort geht man selten ohne Flinte und Messer, und jeder ist zur
Execution fertig.

Den andern Morgen wandelte ich also allein zwischen den Oelbergen nach
Mola di Gaeta hinber. Die Amme ist durch dieses Etablissement ihres
Namens fast berhmter geworden, als ihr frommer Milchsohn. Warum war ich
nun nicht gestern noch bis hierher gegangen? Hier fand ich ein groes,
schnes, ziemlich billiges Gasthaus, wo ich bei frischen Eiern und bei
frischen Fischen, die nicht weit von mir aus dem Meere gezogen wurden,
und frischen herrlichen Frchten ein vortreffliches Frhstck hielt.
Unter mir stand ein Citronengarten in der schnsten Gluth der Frchte;
und links und rechts bersah ich die Bucht von der Spitze des
Vorgebirges rund herum bis hinber nach Ischia und Procida. Es ist, in
der Entfernung von einigen hundert Meilen, das kstlichste Dessert, wenn
wir uns durch die Erinnerung irgend eines kleinen Vorfalles mit unsern
Freunden wieder in nhere Berhrung setzen knnen. Hier auf der
nmlichen Stelle hatte vor mehrern Jahren _Friedrich Schulz_ gesessen
und Fische und Frchte gegessen, und mich aufgefordert, seiner zu
gedenken, wenn ich von Mola auf das klassische Land umher schauen wrde.
Jetzt ist er nicht mehr, der Liebling seiner Freunde und der Grazien,
der die Freude bei den Fittigen zu halten verstand und sie rund umher
gab. Wo auch seine Asche ruht, ein Biederer msse hingehen und sie
segnen! Keiner seiner Schwachheiten werde gedacht; er machte durch sein
Herz gut, was sein Kopf versah.

Nun ging ich vergngt und froh die schne magische Gegend hinauf und
hinab, bis hinunter, wo der Nachricht zufolge ehemals Cicero's Formi
stand, bis an den Liris hinab. Langsam wallte ich dahin; mir duchte,
ich she die Schatten des Redners und des Feldherrn, des Tullius und des
Marius, daher ziehen. Hier legte der Patriot den Kopf zur Snfte heraus,
und lie sich von dem Hauptmanne, dem er das Leben gerettet hatte,
entschlossen den Lohn fr seine Philippiken zahlen. Es ist mir der
ehrwrdigste Moment in Cicero's Leben; der einzige vielleicht, wo er
wirklich ganz rein als selbststndiger Mann gehandelt hat. Als er gegen
Verres sprach, war es vielleicht Ruhmsucht, von der Rednerbhne zu
glnzen; Gefahr war nicht dabei; als er gegen Katilina donnerte, stand
seine Existenz auf dem Spiel und er hatte keine andere Wahl, als zu
handeln oder mit zu Grunde zu gehen; als er gegen Antonius wthete,
trieben ihn wahrscheinlich Ha und Parteisucht. Im Glck prahlte er, im
Unglck jammerte er: er zeigte in seinem ganzen Leben oft viel
Ehrlichkeit und Wohlwollen, aber nur im Tode den Muth, der dem Manne
ziemt. Sein Tod hat mich in gewisser Rcksicht mit seinem Leben
ausgeshnt; so wie es Mnner in der Geschichte giebt, deren Tod fast das
Verdienst ihres Lebens auslscht. Dort unten lag Minturn; dort, stelle
ich mir vor, stand das Haus, wo der Cimbrer mit dem Schwerte kam, als
ffentlicher Henker den Ueberwinder seiner Nation zu tdten, und wo
dieser gefangene Ueberwinder ihn mit einigen Worten Todesschrecken in
die Glieder jagte. Mensch, wagst du es, den Kajus Marius zu morden?
Weiter hinab rechts ist die Sumpfgegend, wo nach der Flucht der erste
Mann der ersten Stadt der Welt sich im Schilfe verbarg, bis er sich
hinber nach Afrika retten konnte. Ich setzte unter diesen Gedanken ber
den Garigliano, und merkte kaum, da ich diesseits von einer Menge
Mauleseltreiber umgeben war, die mir alle sich und ihre Thiere zum
Dienst anboten. Da half kein Demonstriren, sie machten die Kleinigkeit
der Forderung noch kleiner, und setzten mich halb mit Gewalt auf ein
lastbares Stck, schnallten meinen Reisesack in Ordnung, und so zog ich
mit der lieblichen Karavane weiter. Ein Kalabrese hatte mich in Mola
gebeten, ihm meine Gesellschaft zu erlauben, und ich konnte nichts
dawider haben. Ein Junge von ungefhr dreizehn Jahren hatte sich einige
Millien weiter herab angeschlossen, der in der Residenz sein Glck
versuchen wollte, weil seine Stiefmutter zu Hause den Kredit ihres
Namens etwas zu streng behauptete. Beide liefen nebenher. Es wurde bald
alles durchgefragt, und der Junge mute etwas weitluftig seine
Geschichte erzhlen. Nun fing mein alter Eseltreiber an mit wahrhaft
vterlicher Wrme dem jungen Menschen die Gefahr vorzustellen, der er
entgegen liefe. Er that dieses mit einer Zrtlichkeit, einer Heftigkeit,
und zugleich mit einer Behutsamkeit im Vortrage, die mir den alten Mann
sehr werth machten. Wre ich Sultan gewesen, ich htte den Eselstreiber
zum Mufti gemacht, und es wrde gewi gut gegangen seyn. Diese schne
bedachtsame Philanthropie wre manchem unserer Moralisten zu wnschen.
Auch schien er ber die ehrenvolle Gesellschaft durch seinen Verstand
und seinen heitern Ernst ein ziemliches Ansehen zu haben. Kurz vor Sessa
schieden wir; ich setzte mich von dem Esel wieder auf meine Fe. Er gab
dem jungen Menschen zu seinem Rathe noch etwas Geld; und ich griff
natrlich ber dem Alten und dem Jungen auch etwas tiefer in die Tasche,
als wohl gewhnlich. Mein Kalabrese begleitete mich, ich mochte wollen
oder nicht, auf die Post, als das beste Wirthshaus. Der Junge ging
weiter.

Da es noch hoher Tag war, spazirte ich hinauf nach Sessa, das, wie ich
hrte, viel alte Merkwrdigkeiten hat, und ehemals eine Hauptstadt der
Volsker war. Der Weg von der Post hinunter und in die Stadt hinauf ist
angenehm genug; und die Lage des Orts ist herrlich mit den schnsten
Aussichten, rechts nach Kajeta und links ber die Niederung weg nach dem
Gaurus hinber. Als ich in der Kathedralkirche stand und einen heiligen
Johannes, der enthauptet wird, betrachtete, und eben so sehr die Andacht
einiger jungen ganz hbschen Weiber beherzigte, die den schnen Mann auf
dem Bilde mit ihren Blicken festhielten, trat mein alter Eseltreiber,
der auf der andern Seite heraufgekommen war, zu mir, mich zu begren.
Er hatte mich vielleicht wegen einiger Aeuerungen etwas lieb gewonnen,
und vermuthlich die Silberstcke gesehen, die ich dem Buben gegeben
hatte; und als wir aus der Kirche traten, fhrte er mich in den Zirkel
seiner Zunftleute und stellte mich wohl funfzig Eseltreibern aus Sessa
und der Gegend mit der freundschaftlichsten Theilnahme vor. Mir ducht,
wenn die Leute hier Wahltag gehabt htten, sie htten mich, dem Minister
zum Trotz, einstimmig zu ihrem Deputirten im Parlamente gemacht: so sehr
bezeigten sie mir alle ihr Wohlwollen; und ich kann Dir nicht lugnen,
es duchte mir mit vlligem Rechte wenigstens eben so wohl, als da mich
in Warschau die alte kommandirende Excellenz unter den Arm fate, in dem
Zimmer herumfhrte und mir in vollem Kreise die Ausfertigung einer
Depesche ins Ohr flsterte. Aus diesem Zirkel zogen mich einige sehr
artige junge Leute, die mich weiter herum begleiteten, und vorzglich zu
den Augustinern fhrten, die hier fr ihre Buche den behaglichsten
Ruheplatz mit der schnsten Aussicht nach allen Seiten ausgesucht
hatten. Der einzige Beweis, da die Leute doch noch etwas klassischen
Geschmack haben mssen, ist, da sie die Falerner Berge bersehen. Ihr
Gebude ist fr das Gelbde der Armuth eine Blasphemie. Doch daran bin
ich schon gewhnt; man braucht eben nicht erst ber den Liris zu gehen,
um so ausschweifende Pracht, so unsinnige Verschwendung zu sehen. An der
Ueberfahrt ber den Garigliano oder Liris sieht man noch die
Substruktion einer alten Brcke, und nicht weit davon jenseits die Reste
einer Wasserleitung. Der Flu selbst, der nicht sehr breit ist, mu,
trotz dem Prdikate der Stille, das ihm Horaz giebt, doch zuweilen
gefhrlich zu passiren seyn: denn er ist ziemlich tief und jetzt im
Frhling sehr schnell; und man erzhlte mir, da, als die Franzosen
ungefhr zwei Stunden aufwrts mit der Reiterei durch denselben setzen
wollten, ihrer viele dabei umgekommen wren. An den Ufern desselben
weiden groe Heerden Bffel.

Als ich wieder hinunter kam, setzte man mir auch Falerner Wein vor; fr
die Aechtheit will ich indessen nicht stehen. Es ist blo die klassische
Neugierde ihn getrunken zu haben; denn er hat schon lngst seinen alten
Kredit verloren. Hchst wahrscheinlich ist die Ursache der Ausartung
Vernachlssigung, wie bei den meisten italienischen Weinen, die sich
besser halten wrden, wenn man sie besser hielte. Als wir den Morgen
auswandelten, ward meinem Kalabresen entsetzlich bange; er behauptete,
das folgende groe Dorf bestnde aus lauter Rubern und Mrdern, welche
die Passage von Montagne Spaccate zu ihrem Tummelplatz machten. Jeder
Windsto durch das Gestruch erschreckte ihn; und als wir vollends
einige bis auf die Zhne abgedorrte Kpfe in eisernen Kfichen an dem
Felsen befestigt sahen, war er der Auflsung seines Wesens nahe, ob er
gleich den Krieg als kniglicher Kanonier mitgemacht hatte, und ein Kerl
wie ein Br war. Er faselte von lauter ^mariuoli^, wie er sie nannte,
die gar frchterliche Leute seyn sollten und von denen er erschreckliche
Dinge erzhlte. Als ich mir eine Beschreibung der Kerle ausbat, sagte
er: man wte nicht, woher sie kmen und wohin sie gingen, sondern nur
was sie thten; sie plnderten und raubten und schlgen todt, wo sie
knnten; gingen zu Dutzenden bewaffnet, und erschienen und verschwnden,
ohne sich um etwas zu bekmmern. Nach seiner Angabe kommen sie meistens
aus den Bergen von Abruzzo. Ich habe nun freilich zur Schande der
Regierung gefunden, da der Mensch ziemlich Recht hat. Er pinselte mir
aber die Ohren so voll, da ich ihm sagte, er mchte mich ungehudelt
lassen mit seinen erbrmlichen Litaneien; wenn ich todt geschlagen
werden sollte, so wollte ich mich doch wenigstens vorher nicht weiter
beunruhigen. Das kam dem Kerl sehr gottlos vor, und mir seine
Klagelieder sehr albern. Er trieb mich immer vorwrts, mich nur durch
die berchtigte Felsenpassage zu bringen, und dankte allen Heiligen
inbrnstiglich, als wir aus der Gegend heraus waren. Er segnete meinen
Entschlu, als ich mich auf der Strae von einem Vetturino bereden lie,
mich einzusetzen und mich mit ihm bis nach Kapua bringen zu lassen. Als
wir in Kapua ankamen, war der Gouverneur nach Kaserta gefahren, und man
wollte durchaus, ich sollte seine Rckkehr erwarten, damit er meinen Pa
ratificiren mchte. Endlich bestrmte ich den ^Capitaine du jour^ so
viel, da er mir den Pa ohne Visirung zurck gab, und dem Officier an
dem Thore Befehl schickte, er solle mich gehen lassen; er selbst wolle
die Ausnahme verantworten.

Nun wollte ich ber Altkapua nach Kaserta gehen; dazu war aber mein
Kalabrese durchaus nicht zu bringen; er meinte, das wre der sichere
Tod; da wimmelte es von Mariuolen. Ich gab dem Schuft einige Karlin,
verstehe neapolitanische, lie ihn rechts nach Aversa fortrollen, um
dort am rechten Orte seine attellanischen Fabeln zu erzhlen, und schlug
mich links nach Altkapua. Einige ehrsame Brger aus der Festung
Neukapua, die ich einholte und denen ich die lcherliche Furcht des
Menschen erzhlte, meinten, es sei zwar etwas Gefahr, werde aber immer
bertrieben, und man habe nun doch schon seit einigen Wochen nichts
gehrt. Die Herren schienen sich patriotisch ihrer vaterlndischen
Gegend anzunehmen. Wo ehemals Kapua war, steht jetzt, glaube ich, der
Flecken Sankt Martin, ungefhr eine Stunde von der neuen Stadt, die
unten am Vulturnus in einer bessern militrischen Position angelegt ist.
Sankt Martin ist noch jetzt eine Lustpartie fr die Brger der neuen
Stadt, so sehr behauptet der alte Platz seinen Kredit. Es steht
bekanntlich noch der Rest eines alten Amphitheaters, das aus den Zeiten
der Rmer und also verhltnimig neu ist, welches die Antiquare
hinlnglich kennen, auf die ich Dich verweise. Ich ging durch die
Trmmern eines Thors, welches vermuthlich das nmliche ist, durch das
Hannibal seinen Ruhm hinein und nicht wieder heraus trug, lie nach
kurzer Beschauung das Theater links liegen und pilgerte den Weg nach
Kaserta fort. Es stehen dort an der Strae links und rechts nicht weit
von einander ein Paar Monumente, die vermuthlich rmische Begrbnisse
sind, und von denen eines wenigstens in sehr gutem Styl gearbeitet zu
seyn scheint.

Es wre berflssig, Dir eine Beschreibung des Schlosses in Kaserta
anzufangen, die Du hier und da gewi weit genauer und besser finden
kannst. Der erste Anblick ist gro und wirklich imponirend. Die Garten
links, die schnen Pflanzungen rechts, der prchtige Schloplatz und die
Gebude rund umher, Alles beschftigt. Vorzglich wird das Auge
gefesselt von der Ansicht durch das groe Thor, welche durch das ganze
Schlo und die Grten bis weit hinaus auf die Berge geht, ber welche
man die berhmte Wasserleitung herber gebracht hat. Diese schne,
reiche Kunstkaskade schliet den Grund der Partie. Man wird selten
irgendwo so etwas Magisches finden. Du weit, da auch hier die Franken
etwas willkhrlich gehaus't haben: jetzt ist der Kronprinz und Seine
Sardinische Majestt hier.

Auf der Post empfing man mich, ob ich gleich Fugnger war, mit vieler
Artigkeit, und ich hatte bald einen Trupp Neugieriger um mich her, die
mich von Adam bis Pontius Pilatus ausfragten; und Alle wunderten sich,
da ich den Rubern noch nicht in die Hnde gefallen wre. Humane
Theilnahme und Billigkeit zeichnete das Haus vor vielen andern aus. Ich
hatte nur noch einige Stunden Zeit die Stadt zu besehen; die war aber
zur Auffassung eines richtigen Totaleindrucks genug. Den andern Morgen,
als ich abgehen wollte, arretirte mich wieder ein Vetturino an der Ecke
des Marktes: ^Volete audare in carozza, Signore?^ -- ^Ma si, si^,
sagte ich, ^se partite presto presto^. -- ^Questo momento; favorisca
montare.^ Ich stieg ein und setzte mich neben einen stattlichen dicken
Herrn; sogleich kamen noch zwei andere und wir rollten zum Thore hinaus.

Dieses ist als das schne reiche, seelige Kampanien, das man, seit es so
bekannt ist, zum Paradiese erhoben hat, fr das die rmischen Soldaten
ihr Kapitol vergessen wollten! Es ist wahr, der Strich zwischen Aserva,
Kapua, Kaserta, Nola und Neapel, zwischen dem Vesuv, dem Gaurus und den
hohen Apenninen, oder das sogenannte Kampanerthal, ist von Allem, was
ich in der alten und neuen Welt bis jetzt noch gesehen habe, der
schnste Platz, wo die Natur alle ihre Gaben bis zur hchsten
Verschwendung ausgegossen hat. Jeder Futritt trieft von Segen. Du
pflanzest einen Baum, und er wchst in kurzer Zeit schwelgerisch breit
und hoch empor; Du hngst einen Weinstock daran und er wird stark, wie
ein Stamm, und seine Reben laufen weitausgreifend durch die Krone der
Ulme; der Oelbaum steht mit bescheidener Schnheit an dem Abhange der
schtzenden Berge; die Feige schwillt ppig unter dem groen Blatte am
gesegneten Aste; gegenber glht im sonnigen Thale die Orange, und unter
dem Obstwalde wallt der Weizen, nickt die Bohne, in reichlicher
lieblicher Mischung. Der Arbeiter erntet dreifach auf dem nmlichen
Boden in Flle, Obst und Weizen und Wein; und Alles ist ppige, ewig
jugendliche Kraft. Unter diesen magischen Abwechselungen kamen wir in
einigen Stunden in Parthenope an. Der stattliche dicke Herr, mein
Nachbar, schien die Deutschen etwas in Affektion genommen zu haben, war
ehemals einige Monate in Wien und Prag gewesen, wute einige Dutzend
Wrter von unserer Sprache, und war die Geflligkeit selbst. Er war aus
dem kniglichen Hause, und mich wunderte deswegen seine Artigkeit etwas
mehr, da Hflichkeit in der Regel bei uns nicht mit zu den
ausgezeichneten Tugenden der Hausofficianten der Groen gehrt. In
Neapel brachte er mich in einem eigenen Wagen in das Haus eines seiner
Bekannten an dem Ende des Toledo, bis ich den Herrn Heigelin aufgesucht
hatte, an den meine Empfehlung von Wien lautete. Es ist wirklich sehr
wohlthtig, wenn man, bei dem ersten Eintritt in so einen Ort, wie
Neapel ist, als Wildfremder eine so freundliche Hand zur Leitung findet,
bis man sich selbst etwas orientiren kann.




                                                             _Neapel._


Du mut und wirst von mir nicht erwarten, da ich Dir eine topische,
statistische, literarische oder vollstndige kosmische Beschreibung von
den Stdten gebe, wo ich mich einige Zeit aufhalte. Dazu ist mein
Aufenthalt zu kurz; die kannst Du von Reisenden von Profession, oder aus
den Fchern besonderer Wissenschaften gewi besser bekommen. Ich erzhle
Dir nur freundschaftlich, was ich sehe, was mich vielleicht beschftigt
und wie es mir geht. Meine Wohnung ist hier auf Monte Oliveto. Wie der
Ort zu dem Namen des Oelberges kommt, wei ich nicht; er ist aber eine
der besten Straen der Stadt, nicht weit vom Toledo, mit welchem er sich
oben vereiniget. Die Besitzerin des Hauses ist eine Franzsin, die sich
seit einigen Jahren der hiesigen Revolution wegen zu ihrer Sicherheit in
Marseille aufhlt. Ich habe Ursache zufrieden zu seyn: es ist gut und
billig. Die Gesellschaft besteht meistens aus Fremden, Englndern,
Deutschen und Franzosen; die letzten machten jetzt hier die grte
Anzahl aus.

Seit einigen Tagen bin ich mit einem alten Genuesen, der halb Europa
kennt und hier den Lohnbedienten und ein Stck von Cicerone macht, in
der Stadt herumgelaufen. Der alte Kerl hat ziemlich viel Sinn und
richtigen Takt fr das Gute und sogar fr das Schne. Er hielt mir einen
langen Sermon ber die Landhuser der Kaufleute rund in der Gegend
umher, und bemerkte mit censorischer Strenge, da sie das Verderben
vieler Familien wrden. Man wetteiferte gewhnlich, wer das schnste
Landhaus und die schnste Equipage habe, wer auf seinem Casino die
ausgesuchtesten Vergngen geniee und genieen lasse, und wetteiferte
sich oft zur Vergessenheit und endlich ins Unglck. Sitten und Ehre und
Vermgen wrden vergeudet. Kaum habe der Kaufmann ein kleines
Etablissement in der Stadt, so denke er schon auf eines auf dem Lande;
und das zweite koste oft mehr, als das erste. Spiel und Weibergalanterie
und das verfluchte oft abwechselnde Cicisbeat seien die strksten
Gegenstnde des Aufwands; und doch sei das Cicisbeat hier noch nicht so
herrschend, als in Rom. Wenn Du mir einwendest, da das ein
Lohnbedienter spricht; so antworte ich: Jeder hat sein Wort in seinem
Fache, und hier ist der alte Kerl in dem seinigen. Seine Amtsbrder in
Leipzig und Berlin knnen gewi auch weit bessere Nachrichten ber
gewisse Artikel geben, als man auf dem Rathhause finden wrde. Jeder hat
seine Sphre, der Finanzminister und der Thorschreiber. Ich sah die
Kirche des heiligen Januar in der Stadt; Neapel sollte, ducht mir, eine
bessere Kathedrale haben. Das Vorzglichste darin sind einige
merkwrdige Grabsteine und die Kapelle des Heiligen. Dieses ist aber
nicht der Ort, wo er gewhnlich schwitzen mu; das geschieht vor der
Stadt in dem Hospital bei den Katakomben. In den Katakomben kroch ich
ber eine Stunde herum, und beschaute das unterirdische Wesen, und hrte
die Gelehrsamkeit des Cicerone, der, wie ich vermuthete, Glckner des
Hospitals war. Ueber den Grften ist ein Theil des Gartens von Capo di
monte. Der Fhrer erzhlte mir eine Menge Wunder, welche die Heiligen
Januarius und Severus hier ganz gewi gethan haben, und ich war
unterdessen mit meinen Konjekturen bei der Entstehung dieser Grfte.
Hier und da lagen in den Einschnitten der Zellen noch Skelette, und
zuweilen ganze groe Haufen von Knochen, wie man sagte, von der Zeit der
groen Pest. Die rmischen Katakomben habe ich nicht gesehen, weder nahe
an der Stadt noch in Rignano, weil mich verstndige Mnner und Kenner
versicherten, da man dort sehr wenig zu sehen habe und es nun ganz
ausgemacht sei, da das Ganze weiter nichts als Puzzolangruben gewesen,
die nach und nach zu dieser Tiefe und zu diesem Umfang gewachsen. Das
ist begreiflich und das Wahrscheinlichste.

Die heilige Klara hat das reichste Nonnenkloster in der Stadt und eine
wirklich sehr prchtige Kirche, wo auch die Kinder des kniglichen
Hauses begraben werden. Die Nonnen sind alle aus den vornehmsten
Familien; und man hat ihre Thorheit und ihr Elend so glnzend, als
mglich zu machen gesucht. Mein alter Genuese, der ein groer Hermenevte
in der Kirchengeschichte ist, erzhlte mir bei dieser Gelegenheit ein
Stckchen, das seinen Exegetentalenten keine Schande macht, und dessen
Wrdigung ich den Kennern berlasse. Die heilige Klara war eine
Zeitgenossin des heiligen Franziskus und des heiligen Dominikus; und man
giebt ihr Schuld, sie habe beide insbesondere glauben lassen, sie sei
Jedem ausschlielich mit sehr feuriger christlicher Liebe zugethan.
Dieses thut ihr in ihrer Heiligkeit weiter keinen Schaden. Jeder der
beiden Heiligen glaubte es fr sich und war selig, wie das zuweilen auch
ohne Heiligkeit zu gehen pflegt. Dominikus war ein groer, starker,
energischer Kerl, ungefhr wie der Moses des Michel Angelo in Rom, und
sein Nebenbuhler Franziskus mehr ein therischer, sentimentaler Stutzer,
der auch seine Talente zu gebrauchen wute. Nun sollen auch die heiligen
Damen zu verschiedenen Zeiten verschiedene Qualitten lieben. Der
handfeste Dominikus traf einmal den brnstigen Franziskus mit der
heiligen Klara in einer geistlichen Exstase, die seiner Eifersucht etwas
zu krperlich vorkam; er ergriff in der Wuth die nchste Waffe, welches
ein Bratspie war, und stie damit so grimmig auf den unbefugten
Himmelsfhrer los, da er den armen schwachen Franz fast vor der Zeit
dahin geschickt htte. Inde der Patient kam davon, und aus dieser
schnen Zchtigung entstanden die Stigmen, die noch jetzt in der
christlichen Katholicitt mit allgemeiner Andacht verehrt werden. Ich
habe, wie ich Dir erzhlte, ihm in Rom gegenber gewohnt, und sie dort
hinlnglich in Marmor dokumentirt gesehen. Mein Genuese sagte mir die
heilige Anekdote nur vertraulich ins Ohr, und wollte brigens als ein
guter Orthodox weiter keine Glosse darber machen, als da ihm halb
unwillkhrlich entfuhr: ^Quelles btises on nous donne  digrer!
Chacun les prend  sa faon.^

Heute besuchte ich auch Virgils Grab. Die umstndliche Beschreibung mag
Dir ein Anderer machen. Es ist ein romantisches, idyllisches Pltzchen;
und ich bin geneigt zu glauben, der Dichter sei hier begraben gewesen,
die Urne mag nun hingekommen seyn, wohin sie wolle. Das Gebudchen ist
wohl nichts anderes, als ein Grab, nicht weit von dem Eingange der
Grotte Posilippo, und eine der schnsten Stellen in der schnen Gegend.
Ich wei nicht, warum man sich nun mit allem Flei bemht, den Mann auf
die andere Seite der Stadt zu begraben, wo er nicht halb so schn liegt,
wenn auch der Vesuv nicht sein Nachbar wre. Ich bin nicht Antiquar;
aber die ganze Behauptung, da er dort auf jener Seite liege, beruht
doch wohl nur auf der Nachricht, er sei am Berge Vesuv begraben worden.
Das ist er aber auch, wenn er hier liegt; denn der Berg ist gerade
gegenber: in einigen Stunden war er dort, wenn er zu Lande ging; und
setzte er sich in ein Boot, so ging er noch schneller. Die Entfernung
eines solchen Nachbars, wie Vesuv ist, wird nicht eben so genau
genommen. Lag er dort, so hat ihn auf alle Flle der Berg tiefer, halb
in den Tartarus gebracht. Aber alle brigen Umstnde sind mehr fr diese
Seite der Stadt. Hier ist die reichste, schnste Gegend; hier waren die
vorzglichsten Niederlassungen der rmischen Groen, vornehmlich auf der
Spitze des Posilippo die Grten des Pollio, der ein Freund war des
rmischen Avtokrators und ein Freund des Dichters; nach dieser Gegend
lagen Puteoli und Baj und Cum, der Avernus und Misene, die
Lieblingsgegenstnde seiner Dichtungen; diese Gegend war berhaupt der
Spielraum seiner liebsten Phantasie. Wahrscheinlich hat er hier gewohnt,
und wahrscheinlich ist er hier begraben. Donat, der es, wenn ich nicht
irre, zuerst erzhlt, konnte wohl noch sichere Nachrichten haben, konnte
davon Augenzeuge gewesen seyn, da das Monument noch ganz und wohl
erhalten war; hatte durchaus keine Ursache, diesem Fleckchen irgend
einen Vorzug vor den brigen zu geben, und dieses ist der Ort seiner
Angabe: zwei Steine von der Stadt, an dem Wege nach Puteoli, nicht weit
von dem Eingange in die Grotte. Ich will nun auch einmal glauben -- man
hat fr manchen Glauben weit schlechtere Grnde -- und also glaube ich,
da dieses Maros Grab sei. Den Lorbeer suchst Du nun umsonst; die
verkehrten Afterverehrer haben ihn so lange bezupft, da kein Blttchen
mehr davon zu sehen ist. Ich nahm mir die Mhe hinauf zu steigen, und
fand nichts, als einige wild verschlungene Kruter. Der Grtner beklagte
sich, da die gottlosen vandalischen Franzosen ihm den allerletzten
Zweig des heiligen Lorbeers geraubt haben. Dichter mssen es nicht
gewesen seyn: denn davon wre doch wohl etwas in die Welt erschollen,
da der Lorbeer von dem Lateiner neuerdings auf einen Gallier
bergegangen sei. Vielleicht schlgt er fr die Glubigen am Grabe des
Mantuaners wieder aus. Man sollte wenigstens zur Fortsetzung der schnen
Fabel das Seinige beitragen; ich gab dem Grtner geradezu den Rath.

Als ich hier und bei Sanazars Grabe nicht weit davon in der
Servitenkirche war, verfolgte mich ein trauriger Cicerone so
frchterlich mit seiner Dienstfertigkeit, mir die Antiquitten erklren
zu wollen, da er durchaus nicht eher von meiner Seite ging, bis ich ihm
einige kleine Silberstcke gab, die er sehr hflich und dankbar annahm.
Ich habe mich nicht enthalten knnen, bei dieser Gelegenheit wahres
Mitleid mit dem groen Cicero zu haben, da sein Name hier so erbrmlich
herumgetragen wird. Die Ciceronen sind die Plagen der Reisenden, und
immer ist einer unwissender und abenteuerlicher, als der andere. Den
vernnftigsten habe ich noch in Tivoli getroffen, der mir auf der
Eselspromenade zum wenigsten ein Dutzend von Horazens Oden rezitirte und
nach seiner Weise kommentirte.

Ich versuchte es an dem Fue des Posilippo am Strande hinaus bis an die
Spitze zu wandeln: es war aber nicht mglich weiter als ungefhr eine
Stunde zu kommen: dann hrte jede Bahn auf, und das Ufer bestand hier
und da aus schroffen Felsen. Hier stehen in einer Entfernung von
ungefhr einer Viertelstunde zwei alte Gebude, die man fr Schlsser
der Knigin Johanna hlt, wo sie zuweilen auch ihr berchtigtes Unwesen
getrieben haben soll. Sie sind ziemlich zu so etwas geeignet, gehen weit
ins Meer hinein, und es liee sich sehr gut zeigen, wozu dieses und
jenes gedient haben knnte. Zwischen diesen beiden alten leeren Gebuden
liegt das niedliche Casino des Ritters Hamilton, wo er bestndig den
Vesuv vor Augen hatte; und man thut ihm vielleicht nicht ganz unrecht,
wenn man aus dem Orte seiner Vergngungen auf etwas Aehnlichkeit mit dem
Geschmack der schnen Knigin schliet, die von der bsen Geschichte
doch wohl etwas schlimmer gemacht worden ist, als sie war. Ich war
genthigt wieder zurckzugehen, und nicht weit von der Villa Reale
nahmen mich eine Menge Bootsleute in Beschlag, die mich an die Spitze
hinausrudern wollten. Es schien mir fr den Vormittag zu spt zu seyn;
dewegen wollte ich nichts hren. Aber man griff mich auf der schwachen
Seite an; man blickte auf die See, welche sehr hoch ging, an den Himmel,
wo Sturm hing und auf mich mit einer Miene, als ob man sagen wollte: das
wird dich abhalten. Dieser Methode war nicht zu widerstehen, ich
bezahlte die Gefahr sogleich mit einem Piaster mehr, und setzte mich mit
meinem alten Genuesen in ein Boot, das ich erst selbst herunter ziehen
half. Der Genuese hatte auch mehrere Seereisen gemacht, und hatte Muth,
wie ein Delphin. Aber die Fahrt ward ihm doch etwas bedenklich; der
Sturm heulte von Sorrent und Capri gewaltig herber, und die Wogen
machten rechts eine furchtbare Brandung, das Wasser fllte reichlich das
Boot, und der Genuese hatte in einem Stndchen die Seekrankheit bis zu
der letzten Wirkung. Ich wollte um das Inselchen Nisida herum gerudert
seyn; das war aber nicht mglich: wir muten, als wir einige hundert
Schritte vor dem Einsiedler vorbei waren, umkehren und unsere Zuflucht
in ein einsames Haus nehmen, wohin man in der schnen Zeit von der Stadt
aus zuweilen Wasserpartien macht, wo es aber jetzt traurig genug aussah.
Indessen ftterte uns doch der Wirth mit Maccaroni und gutem Kse. Nicht
weit von hier, nahe an dem Inselchen Nisida, auf welchem auch Brutus vor
dem Tode der Republik sich einige Zeit aufgehalten hat, sind die
Trmmern eines alten Gebudes, die aus dem Wasser hervorragen, und die
man gewhnlich nur Virgils Schule nennt. Wenn man nun gleich den Ort
wohl sehr uneigentlich Virgils Schule nennt, so ist es doch sehr
wahrscheinlich, da er hier oft gearbeitet haben mag. Es ist eine der
angenehmsten klassischen, mythologischen Stellen, welche die
Einbildungskraft sich nur schaffen kann. Vermuthlich gehrte der Platz
zu den Grten des Pollio. Er hatte hier um sich her einen groen Theil
von dem Theater seiner Aeneide, alle Oerter, die an den Meerbusen von
Neapel und Baj liegen, von den phlegrischen Feldern bis nach Sorrent.

Nicht weit von der Landspitze und von dem Wirthshause, wo ich einkehrte,
stand ehemals ein alter Tempel der Fortuna, von dem noch einige Sulen
und etwas Gemuer zu sehen sind. Jetzt hat man an dem Orte ein
christliches Kirchlein gebauet und es der ^Madonna della fortuna^
geweiht. Man hat bekanntlich Manches aus dem Heidenthum in den
christlichen Ritus bergetragen, die Saturnalien, das Weihwasser und
vieles Andere; aber besser htte man nicht umndern knnen: denn es ist
wohl auf der ganzen Erde, in der wahren Geschichte und in der Fabellehre
kein anderes Weib, das ein solches Glck gemacht htte, als diese
Madonna. Ein wenig weiter landeinwrts sind in den Grten noch die
gemauerten Tiefen, die man mit Wahrscheinlichkeit fr die Fischhlter
des Pollio annimmt, und in dieser Meinung eine groe marmorne Tafel an
der Thr angebracht hat, auf welcher lateinisch alle Gruel abscheulich
genug beschrieben sind, die der Heide hier getrieben hat; wo denn
natrlich die Milde unserer Religion und unserer Regierungen cht
kardinalisch gepriesen wird. Ich wei nicht, ob man nicht vielleicht mit
dem britischen Klagemann sagen sollte: ^A bitter change, severer for
severe!^ Es ist jetzt kaum ein Sklave brig, den Pollio in den Teich
werfen knnte.

Mein Genuese bat mich um alles in der Welt, ihn nicht wieder ins Boot zu
bringen. Auch ich war sehr zufrieden, auf einem andern Wege nach der
Stadt zurck zu kehren. Ich zahlte also die Bootsleute ab, und wir
gingen auf dem Rcken des Posilippo nach Neapel. Diese Promenade mut Du
durchaus machen, wenn Du einmal hierher kommst; sie ist eine der
schnsten, die man in der herrlichen Gegend suchen kann. Lange Zeit hat
man die beiden Meerbusen von Neapel und Baj rechts und links im
Gesicht, geniet sodann die schne Uebersicht auf die Partie jenseits
des Berges nach Pozzuoli, welche die Neapolitaner mit ihrer verkehrten
Zunge nur ^chianura^ oder die Ebene nennen. Man kommt nach ungefhr vier
Millien des herrlichsten Weges in der Gegend von Virgils Grabe wieder
herunter auf die Strae. Der Spaziergang ist freilich etwas wild, aber
desto schner.

Man sagte mir, die Regierung habe wollen eine Strae rund um den
Posilippo herum auf der andern Seite nach Pozzuoli fhren, so da man
nicht nthig htte, durch die Grotte und die etwas ungesunde Gegend
jenseits derselben zu fahren, sondern immer am Meere bliebe. Das wird in
der That einer der herrlichsten Wege werden; ungefhr eine halbe Stunde
ist gemacht: aber wenn doch die neapolitanische Regierung vorher das
Nthige, Gerechtigkeit, Ordnung und Polizei, besorgte; das andere wrde
sich dann so nach und nach schon machen.

Bekanntlich wird das Fort Sankt Elmo mit der darunter liegenden
Karthause fr die schnste Partie gehalten; und sie ist es auch fr
alle, die sich nicht weiter auf den Vesuv, oder zu den Kamaldulensern
bemhen wollen. Es ist ein ziemlicher Spaziergang auf die Karthause, den
unser schlesischer Landmann, Herr Benkowitz, schon fr eine groe
Unternehmung hlt, auf welche er sich den Tag vorher vorbereitet. Ich
Tornistertrger steckte die Tasche voll Orangen und Kastanien und
wandelte damit zum Morgenbrote sehr leicht hinauf. In das Fort zu kommen
hat jetzt bei den Zeitumstnden einige Schwierigkeit, und man mu vorher
dazu die Erlaubni haben. Man sieht in der Karthause fast eben soviel,
nur hat man nicht das Vergngen, zehen oder zwanzig Klaftern hher zu
stehen. Die Karthause hat der Knig ausgerumt und sich die meisten
Schtze zugeeignet. Es ist jetzt nur noch ein einziger Mnch da, der den
Ort in Aufsicht hat. In der Kirche sind noch mehrere schne Gemlde,
besonders von Lanfranc, und ein noch nicht ganz vollendetes Altarblatt
von Guido Reni; auch der Konventsaal hat noch Stcke von guten Meistern.

Um die schnste Aussicht zu haben, mut Du zu den Kamaldulensern
steigen. Die Herren sind in der Revolution etwas decimirt worden, haben
aber den Verlust nicht schwer empfunden. Man geht durch die Vorstadt
Frascati und einige Drfer immer bergauf und verliert sich in etwas
wilde Gegenden. Weil man nicht hinauf fahren kann, wird die Partie nicht
von sehr vielen gemacht. Wir verirrten uns, mein Genueser und ich, in
den Feigengrten und Kastanienwldern, und ich mute dem alten Kerl noch
mit meiner Topographie im Orientiren helfen. Das rgerte mich gar nicht;
denn wir trafen in der wilden Gegend einige recht hbsche Partien nach
allen Seiten. Es gab Stellen, wo man bis nach Cajeta hinber sehen
konnte. Da wir uns versptet hatten, muten wir in einem Dorfe am
Abhange des Berges zum Frhstck einkehren und einen zweiten Boten
mitnehmen. Dieser brachte uns auf einem der schnsten Wege an dem Berge
ber dem Agnano hin in das Kloster. Es ist dort nichts zu genieen als
die Aussicht; die Kirche hat nichts Merkwrdiges. Ein Laienbruder fhrte
mich mit vieler Hflichkeit durch alle ihre Herrlichkeiten, und endlich
an eine ausspringende Felsenspitze des Gartens unter einige perennirende
Eichen, die vielleicht der schnste Punkt in ganz Italien ist. Von
Neapel sieht man zwar nicht viel, weil es fast ganz hinter dem Posilippo
liegt; nur der hohe Theil von Elmo, Belvedere und einige andere
Stckchen sind sichtbar. Aber rund umher liegt das ganze schne magische
klassische Land unter Einem Blick. Portici, das auf der Lava der Stadt
des Herkules steht, der sich empor thrmende Vesuv mit dem Somma, Torre
del Greco, Pompeji, Stabi, Sorrent, Massa, Capri, der ganze Posilippo,
Nisida, Ischia, Procida, der ganze Meerbusen von Baj mit den Trmmern
der Gegend, Misene, die Thermen des Nero, der Lukriner See und hinter
ihm versteckt der Avernus, die Solfatara, bei heiterm Wetter die Berge
von Cum, der Gaurus und weiter hin die beschneiten Apenninen, unten der
Agnano mit der Hundsgrotte, deren Eingang nur ein hervorspringender
Hgel bedeckt; der neue Berg hinter der Solfatara; alte und neue Berge,
ausgebrannte und brennende Vulkane, alte und neue Stdte, Elysium und
die Hlle: -- alles dieses fassest Du mit Deinem Auge, ehe Du hier eine
Zeile liesest. Tief, tief in der Ferne sieht man noch Ponza und einige
kleinere Inseln. Da haben die Mnche wieder das Beste gewhlt. Freund,
wenn Du einmal hrst, da ich einmal unbegreiflich verschwunden bin, so
bringe mit unter Deine Muthmaungen, da ich vielleicht der schnsten
Natur zu Ehren die grte Sottise gemacht habe, und hier unter den
Anachoreten hause. Hier den Homer und Virgil, den Thucydides und etwas
von der attischen Biene, abwechselnd mit Aristophanes, Lucian und
Juvenal -- so knnte man wohl in den Kastanienwldern leben und das
Bichen Vernunft bei sich behalten: denn diese wird jetzt doch berall
wieder konterband. Also gehe zu den Kamaldulensern, wenn Du auch nicht
in Versuchung bist, bei ihnen oben zu bleiben!

Jetzt schliee ich und schreibe Dir vermuthlich noch einiges ber
Neapel, wenn ich aus Trinakrien zurckkomme; denn eben mu ich zu
Schiffe nach Palermo.




                                                            _Palermo._


Wir hatten einige Tage auf leidlichen Wind zum Auslaufen gewartet:
endlich kam eine starke Tramontana und fhrte uns aus dem Zauberplatze
heraus. Es war gegen Abend, die sinkende Sonne vergoldete rund umher die
Gipfel der schnen Berge, der Somma glnzte, der Vesuv wirbelte
Rauchwlkchen, und die herrliche Knigsstadt lag in einem groen, groen
Amphitheater hinter uns in den magischen Strahlen. Rechts war Ischia und
links Capri; die Nacht senkte sich nach und nach und verschleierte die
ferneren Gegenstnde in tiefere Schatten. Ich konnte in dem
Abendschimmer nur noch deutlich genug die kleine Stadt auf Capri
unterscheiden. Die gemeinen Neapolitaner und Sicilianer nennen mit einer
ihnen sehr gewhnlichen Metathesis die Insel nur Crap. Sie ist jetzt
ziemlich kahl. Ich htte von Neapel aus gern eine Wasserfahrt dahin
gemacht, um einige Stunden auf dem Theater herum zu wandeln, von welchem
zur Schande des Menschenverstandes ein sybaritischer Wstling einige
Jahre das Menschengeschlecht mihandelte; aber ich konnte keine gute
Gesellschaft finden, und fr mich allein wren nach meinen brigen
Ausgaben die Kosten zu ansehnlich gewesen. Ueberdie war es fast immer
schlechtes Wetter. Zur Ueberfahrt hierher hatte ich mich auf ein
Kauffahrteischiff verdungen, weil ich auf das Packetboot nicht warten
wollte. Der Wind ging stark und die See hoch, aber ich schlief gut: man
erkannte gleich daraus und aus meinem festen Schritt auf dem Verdeck,
da ich schon ein alter Seemann seyn msse. Da es Fasten war und die
Leute lauter Oel aen, wollte sich der Kapitn mit dem Essen fr mich
nicht befassen: ich hatte also auf acht Tage Wein, Orangen, Brot, Wurst
und Schinken fr mich auf das Schiff bringen lassen. Den ganzen Tag ging
der Wind ziemlich stark und gut; aber gegen Abend legte er sich und die
See ward hohl. Doch hatten wir uns gegen Morgen, also in allem sechs und
dreiig Stunden, in den Hafen von Palermo hinein geleiert. Das war eine
ziemlich gute Fahrt. Auf der Hhe hatten wir immer die Kanonen scharf
geladen und ungefhr vierzig groe Musketons fertig, um gegen die
Korsaren zu schlagen, wenn einer kommen sollte. Denn Du mut wissen, der
Unfug ist jetzt so gro, und die neapolitanische Marine ist jetzt so
schlecht, da sie zuweilen bis vor Capri und sogar bis vor die Stadt
kommen, um zu sehen, ob sie etwa Geschfte machen knnen, wie sich auch
die Spielkaper in den deutschen Bdern ausdrcken. Das ist nun freilich
eine Schande fr die Regierung, aber die Regierung hat dergleichen
Schandflecke mehr.

Wir kamen hier, ich wei nicht zu welchem Feste an, wo in der Stadt so
viel geschossen wurde, da ich die Garnison wenigstens fr zehntausend
Mann stark hielt. Aber ich habe nachher die Methode des Feuerns gesehen.
Sie gehrt zur einheimischen Frmmigkeit und ist drollig genug. Man hat
eine ungeheure Menge kleiner Mrser, die man in der Reihe nach einander
geladen hinstellt: absatzweise stehen etwas grere, die wie Artillerie
donnern. Sie sind alle so gestellt, da, wenn am Flgel angezndet wird,
das Feuer regelmig schnell die ganze Fronte hinunter greift und am
Ende mit einigen groen Stcken schliet. Von weitem klingt es wie etwas
Groes; und am Ende besorgt es ein einziger alter, lahmer Konstabel.
Unser Hauptmann von der Aurora lie sich mit seiner Artillerie stark
hren.

Ich wurde auf der Sanitt, wohin ohne Unterschied alle Ankommende
mssen, mit vieler Artigkeit behandelt, und man lie mich sogleich
gehen, wohin ich wollte, da die andern, meistens Neapolitaner, noch
warten muten. Mein erster Gang, nachdem ich mich in einem ziemlich
guten Wirthshause untergebracht hatte, war zu dem kniglichen
Bibliothekar, dem Pater Sterzinger, an den ich von dem Sekretr der
Knigin aus Wien Briefe hatte. Der Gte dieses wirklich sehr ehrwrdigen
Mannes danke ich meine schnsten Tage durch ganz Sicilien. Er gab mir
durch die ganze Insel Empfehlungen an Mnner von Wissenschaft und
Humanitt, in Agrigent, Syrakus, Catanien und Messina. Der Saal der
Bibliothek ist unter seiner Leitung in herrliche Ordnung gebracht, und
mit allen sicilianischen Alterthmern sehr geschmackvoll ausgemalt
worden, so da man hier mit einem Blick alles Vorzgliche bersehen
kann. Es finden sich in der hiesigen Bibliothek viele Ausgaben von
Werth, und mir ist sie im Fache der Klassiker reicher vorgekommen, als
Sankt Marcus in Venedig. Eine Seltenheit ist der chinesische Konfuzius
mit der lateinischen Interlinearversion, von den Jesuiten, deren
Missionsgeschft in China damals glckliche Aussichten hatte. Hier habe
ich weiter noch nichts gethan, als Orangen gegessen, das Theater der
heiligen Ccilia besehen, bin in der Flora und am Hafen herumgewandelt
und auf dem alten Erkte oder dem Monte Pellegrino gewesen.

Von hier aus, sagte man mir, ist es durchaus nicht mglich, ohne Fhrer
und Maulesel durch die Insel zu reisen. Selbst die Herren Bouge und
Caillot, an die ich von Wien aus wegen meiner fnf Dreier hier gewiesen
bin, sagen, es werde sich nicht thun lassen. Ich habe nicht Lust mich
jetzt noch hier lnger aufzuhalten, lasse eben meine Stiefeln besohlen
und will morgen frh in die Insel hineinstechen. Da ich barfu nicht
wohl ausgehen kann und doch etwas anderes zu schreiben eben nicht
aufgelegt bin, habe ich mich hingesetzt und in Sicilien einen Sicilier,
nmlich den Theokritus, gelesen. Der Cyklops kam mir eben hier so
drollig vor, da ich die Feder ergriff und ihn unvermerkt niederschrieb.
Ich will Dir die Uebersetzung ohne Entschuldigung und Prambeln geben
und werde es sehr zufrieden seyn, wenn Du sie besser machst; denn ich
habe hier weder Apparat noch Geduld, und wre mit ganzen Stiefelsohlen
wohl schwerlich daran gekommen. Also wie folgt:

   Nicias, gegen die Liebe, so ducht mich, giebt es nicht andres
   Pflaster und keine andere Salb', als Musengesnge.
   Lindernd und mild ist das Mittel, doch nicht so leicht es zu finden.
   Dieses weit Du, glaub' ich, sehr wohl, als Arzt und als Liebling,
   Als vorzglicher Liebling der helikonischen Schwestern.
   Also lebte bei uns einst leidlich der alte Cyklope
   Polyphemus, da hei er in Galateen entbrannt war.
   Nicht mit Versen liebt' er und Aepfeln und zierlichen Locken,
   Sondern mit vlliger Wuth, hielt alles andre fr Tand nur.
   Oft, oft kamen die Schafe von selbst zurck von der Weide
   Zu der Hrd', und der Hirt sa einsam und sang Galateen
   Bis zum Abend vom Morgen schmelzend am Ufer im Riedgras,
   Mit der schmerzlichen, schmerzlichen Wunde tief in dem Herzen,
   Von der cyprischen Gttin, die ihm in die Leber den Pfeil warf.
   Aber er fand das Mittel; er setzte sich hoch auf den Felsen,
   Schaute hinaus in das Meer und hob zum Gesange die Stimme:
   Ach Galatea, Du Schne, warum verwirfst Du mein Flehen?
   Weier bist Du wie frischer Ks und zarter wie Lmmer,
   Stolzer wie Klber und herber wie vor der Reife die Traube.
   Also erscheinest Du mir, wenn der se Schlaf mich beschleichet;
   Also gehst Du von mir, wenn der se Schlaf mich verlt;
   Fliehest von mir wie ein Schaf, das den Wolf, den grauen, erblickte.
   Mdchen, die Liebe zu Dir schlich damals zuerst in das Herz mir,
   Als mit meiner Mutter Du kamst, Hyacinthen zu sammeln
   Auf dem Hgel, und ich die blumigen Pfade Dich fhrte.
   Seitdem schau ich immer Dich an, und kann es durchaus nun,
   Kann es nicht lassen; doch kmmert es Dich, beim Himmel auch gar
      nichts.
   Ach ich wei wohl, liebliches Mdchen, warum Du mich fliehest:
   Weil sich ber die ganze Stirne mir zottig die Braue,
   Von dem Ohre zum Ohre gespannt, die einzige, lang zieht,
   Nur ein Auge mir leuchtet, und breit mir die Nase zum Mund hngt.
   Aber doch so wie ich bin hab' ich tausend weidende Schafe,
   Und ich trinke von ihnen die seste Milch, die ich melke:
   Auch geht mir der Kse nicht aus im Sommer, im Herbst nicht,
   Nicht im sptesten Winter; die Krbe ber den Rand voll.
   Auch kann pfeifen ich schn, wie keiner der andern Cyklopen,
   Wenn, Goldpfelchen, Dich und mich den Getreuen, ich singe
   Oft in der Tiefe der Nacht. Ich fttr' elf Hirsche mit Jungen.
   Alle fr Dich, und fr Dich vier junge zierliche Bren.
   Komm, ach komm nur zu mir! viel findest der Schtze Du mehr noch.
   La Du die blulichen Wogen nur rauschen am Felsengestade;
   Ser schlfst Du bei mir gewi die Nacht in der Grotte.
   Lorber hab' ich daselbst und schlanke, leichte Cypressen,
   Dunkeln Epheu zur Laub' und s befruchteten Weinstock;
   Frisches Wasser, das mir der dicht bewaldete Aetna
   Von dem weiesten Schnee zum Gttertranke herabschickt.
   Sprich, wer wollte dagegen die Wogen des Meeres erwhlen?
   Und bin ich ja fr Dich, mein liebliches Mdchen, zu zottig,
   Ei, so haben wir eichenes Holz und glhende Kohlen:
   Und von Dir vertrag' ich, da Du die Seele mir ausbrennst,
   Und, was am liebsten und werthsten mir ist, das einzige Auge.
   Ach, warum ward ich nicht ein Triton mit Flssen zum Schwimmen?
   Und ich tauchte hinab, Dir das schne Hndchen zu kssen,
   Wenn Du den Mund mir versagst, und brchte Dir Lilienkrnze,
   Oder den weichesten Mohn mit glhenden, klatschenden Blttern.
   Aber jenes blhet im Sommer und dieses im Sptjahr,
   Da ich Dir nicht alles zugleich zu bringen vermchte.
   Aber ich lerne gewi, ich lern', o Mdchen, noch schwimmen,
   Kommt nur ein fremder Schiffer zu uns hierher mit dem Fahrzeug,
   Da ich doch sehe, wie lieblich sich dort bei euch unten es wohnet.
   Komm, Galatea, herauf, und bist Du bei mir, so vergi dann,
   Wie ich hier sitzend am Felsen, zurck nach Hause zu kehren!
   Komm und wohne bei mir und hilf mit weiden und melken,
   Hilf mir mit bitterem Lab die neuen Kse bereiten!
   Ach, die Mutter nur ist mein Unglck, sie nur verklag' ich;
   Denn sie redet bei Dir fr mich kein freundliches Wrtchen.
   Und sieht doch von Tage zu Tage mich magerer werden.
   Sagen will ich ihr nun, wie Kopf und Fe mir beben,
   Da auch sie sich betrbe, da ich vor Schmerzen vergehe.
   O Cyklope, Cyklope, wo ist dein Verstand hingeflogen?
   Gingst Du doch hin und flchtest Dir Krbe und mhetest Gras Dir,
   Deine Lmmer zu fttern; das wre frwahr doch gescheidter.
   Melke das Schfchen, das da ist; warum verfolgst Du den Flchtling?
   Und Du findst Galateen; auch wohl eine schnere Andre.
   Mdchen die Menge rufen mir zu zum Scherze die Nacht durch:
   Alle kichern mir nach. So will ich denn ihnen nur folgen:
   Denn ich bin auf der Welt doch wohl auch wahrlich ein Kerl noch.
   Also weidete Polyphemus und sang von der Liebe,
   Und es ward ihm leichter, als htt' er Schtze vergeudet.

Ist es nicht Schade, da wir das zrtliche Liebesbriefchen des
Polyphemus an seine geliebte Galatee von dem Tyrannen Dionysius nicht
mehr haben? Er wurde, glaube ich, durch einen Triton bestellt. Die
sicilischen Felsen machen alle eine eigene idyllische Erscheinung; und
wenn ich mir so einen verliebten Cyklopen Homers oder Virgils in
schmelzenden Klagen darauf sitzend vorstelle, so ist die Idee gewaltig
possirlich. Das giebt brigens auch, ohne eben meine persnlichen
Verdienste mit den Realitten des Polyphemus zu vergleichen, eigene,
nunmehr nicht unangenehme Reminiscenzen meiner bergroen Seligkeit,
wenn ich ehemals meine theuer gekaufte Sptrose der kleinen Schwester
meiner Galatee geben konnte, und wenn ich drei hyperboreische Meilen auf
furchtbarem Wege in furchtbarem Wetter meinen letzten Gulden in das
Schauspiel trug, um aus dem dunkelsten Winkel der Loge nicht das
Schauspiel, sondern die Gttin zu sehen. Ich hatte mit meinem Cyklopen
gleiches Schicksal und brauchte mit ziemlichen Erfolg das nmliche
Mittel.

Eben hatte ich die letzten Verse geschrieben, als man mir meine Stiefeln
brachte; und diesem Umstande verdankst Du, da ich Dir nicht auch noch
seine Hexe oder sein Erntefest bringe.




                                                           _Agrigent._


Siehst Du, so weit bin ich nun, und bald am Ende meines Spaziergangs,
der bei dem allen nicht Jedermanns Sache seyn mag. Von hier nach Syrakus
habe ich nichts zu thun, als an der sdlichen Kste hinzustreichen; das
kann in einigen Tagen geschehen, wenn ich nun ein chter Gelehrter oder
gar Antiquar wre, so wrde ich mich rgern: denn ich habe viel
versehen. Ich wollte nmlich von Palermo ber Trapani, Alcamo und
Sciacca gehen, um in Segeste und Selinunt die Alterthmer zu sehen, die
noch dort sind. Auch Barthels hat sie nicht gesehen, wenn ich mich recht
erinnere; und der Tempel von Segeste wre doch wohl eine so kleine
Abschweifung werth. Ich wohnte in Palermo mit einem neapolitanischen
Officier, einem Herrn Canella aus Girgenti, zusammen, mit dem ich ein
langes und breites darber sprach; und dieser hatte die Gte mir einen
Mauleseltreiber aus seiner Vaterstadt als Wegweiser zu besorgen. Nun
denke ich in meiner Sorglosigkeit weiter mit keiner Sylbe daran, und
glaube, der Kerl wird mich gerade an den Eryx bringen. Ich setze mich
auf und reite in der grten Andacht, in welcher ich meine Orangen nach
und nach aufzehre, wohl zwei Stunden fort, als mir einfllt, da ich
doch zu weit links von der See abkomme. Der Eseltreiber versicherte mich
aber sehr ehrlich, das sei der rechte gewhnliche Weg nach Agrigent. Ich
bin wieder einige Millien zufrieden. Endlich kommen wir bei Bei Frati
an, und ich finde mich zu sehr mitten in der Insel. Nun orientirte und
erklrte ich mich, und da kam denn zum Vorschein, da sich der
Eseltreiber den Henker um meine Promenade bekmmert hatte, und mit mir
gerade den alten rmischen Weg durch die Insel geritten war. Was war zu
thun? Rechts einlenken? Da war eine ganze Welt voll Berge zu
durchstechen, und Niemand wollte den Weg wissen: und das Menschenkind
verlangte nicht mehr als sechs goldene Unzen, um nach Palermo zurck und
den andern Weg zu machen. Das war meiner Brse zuviel: ich entschlo
mich endlich mit etwas Griesgrmlichkeit nun so fort zu reiten, und die
erycinische Gttin andern zu berlassen, die vielleicht ihren Werth
besser zu wrdigen verstehen. Wir ritten von Palermo bis fast an die
Bagarie den Weg nach Termini, und stachen dann erst rechts ab. Die
Partien sind angenehm und knnten noch angenehmer seyn, wenn die Leute
etwas fleiiger wren. So wie man sich von der Hauptstadt entfernt, wird
es ziemlich wild. Wir kamen durch einige ziemlich unbetrchtliche
Oerter, und der Abfall der Kultur und des uerlichen Wohlstandes war
ziemlich grell. Alles war weit theuerer, als in der Hauptstadt, nur
nicht die Apfelsinen, an denen ich mich erholte und von denen ich mein
Magazin nicht leer werden lie. Nicht weit von Bei Frati blieb uns
rechts auf der Anhhe ein altes Schlo liegen, das man Torre di Diana
nannte, und wo die Sarazenen ehemals mit den Christen viel Grausamkeit
getrieben haben sollen. Es war mir noch zu zeitig bei den schnen
Brdern zu bleiben, zumal da das Wirthshaus geradezu der Revers des
Namens war; wir ritten also ungefhr fnf Millien weiter an ein anderes.
Hier war auch nicht einmal Maccaroni zu haben. Wir ritten also wieder
weiter; mein Eseltreiber und noch ein armer Teufel, der sich
angeschlossen hatte, fingen an sich vor Rubern zu frchten, und ich war
es auch wohl zufrieden, als wir endlich ziemlich spt in Sankt Joseph,
nicht weit von einem Flusse, ankamen, dessen Namen ich vergessen habe.

Hier fanden wir eine ganze Menge Mauleseltreiber aus allen Theilen der
Insel und doch wenigstens Maccaroni. Aus Vorsicht hatte ich fr mich in
Palermo Brot gekauft, das beste und schnste, das ich je gesehn und
gegessen habe. Hier war es mir eine Wohlthat, und ich selbst konnte
damit den Wohlthter machen. Die Leutchen im Hause, unter denen ein
Kranker war, segneten die fremde Hlfe: denn das wenige Brot, das sie
selbst hatten, war sehr schlecht. Ist das nicht eine Blasphemie in
Sicilien, das ehemals eine Brotkammer fr die Stadt Rom war? Ich konnte
meinen Unwillen kaum bergen.

Einen lustigen Streit gab es zum Dessert der Maccaroni. Die Eseltreiber
hatten mir abgelauert, da ich wohl ihre Alterthmer mit besuchen
wollte, wie sich denn dieses in Sicilien einem Fremden sehr leicht
abmerken lt. Da erhob sich ein Zwist unter den edelmthigen
Hippophorben ber die Vorzge ihrer Vaterstdte in Rcksicht der
Alterthmer. Der Eseltreiber von Agrigent rechnete seine Tempel und die
Wunder und das Alter seiner Stadt her; der Eseltreiber von Syrakus sein
Theater, seine Steinbrche und sein Ohr; der Eseltreiber von Alcamo sein
Segeste und der Eseltreiber von Palermo hrte kniglich zu und sagte --
nichts. Ihr knnt euch auch gro machen, sagte der Treiber von
Catanien zu dem Treiber von Alcamo, mit eurem Margarethentempelchen,
der nicht einmal euer ist, und fing nun an auch die Alterthmer seiner
Vaterstadt, als der ltesten Universitt der Erde, herauszustreichen,
wobei er den Alcibiades nicht verga, der in ihrem Theater geredet habe.
Du mut wissen, Margarethe heit bei den Siciliern durchaus ein
geflliges, feiles Mdchen; das war fr die Mutter des ehrsamen Mannes
der Aeneide kein sonderlicher Weihrauch. Ohne mein Erinnern siehst Du
hieraus, da die sicilischen Mauleseltreiber sehr starke Antiquare sind,
ob sie die Sache gleich nicht immer auerordentlich genau nehmen; denn
der Agrigentiner rechnete den benachbarten Macaluba zu den Alterthmern
seiner Vaterstadt, ohne da seine Gegner protestirten; und htte der
Streit noch lnger gedauert, so htte der Catanier vielleicht den Aetna
auch mit aufgezhlt.

Den Morgen darauf gingen wir durch die Jumarren, einen heillosen Weg,
unter sehr schlechtem Wetter. Nie habe ich eine solche Armuth gesehen,
und nie habe ich mir sie nur so entsetzlich denken knnen. Die Insel
sieht im Innern furchtbar aus. Hier und da sind einige Stellen bebaut;
aber das Ganze ist eine Wste, die ich in Amerika kaum so schrecklich
gesehen habe. Zu Mittage war im Wirthshause durchaus kein Stckchen Brot
zu haben. Die Bettler kamen in den jmmerlichsten Erscheinungen, gegen
welche die rmischen auf der Treppe des _spanischen_ Platzes noch
Wohlhabenheit sind; sie bettelten nicht, sondern standen mit der ganzen
Schau ihres Elends nur mit Blicken flehend in stummer Erwartung an der
Thre. Erst kte man das Brot, das ich gab, und dann meine Hand. Ich
blickte fluchend rund um mich her ber den reichen Boden, und htte in
diesem Augenblicke alle sicilische Barone und Aebte mit den Ministern an
ihrer Spitze ohne Barmherzigkeit vor die Karttsche stellen knnen. Es
ist heillos. Den Abend blieb ich in Fontana Fredda, wo ich, nach dem
Namen zu urtheilen, recht schnes Wasser zu trinken hoffte. Aber die
Quelle ist so vernachlssiget, da mir der Wein sehr willkommen war. Ich
mute hier fr ein Paar junge Tauben, das einzige, was man finden
konnte, acht Karlin, ungefhr einen Thaler nach unserm Gelde, bezahlen;
da ich doch mit dem ewigen Maccaroni mir den Magen nicht ganz
verkleistern wollte. Das Beste war hier ein groer, schner, herrlicher
Orangengarten, wo ich aussuchen und pflcken konnte, so viel ich Lust
hatte, ohne da es die Rechnung vermehrt htte, und wo ich die
kstlichsten, hochglhenden Frchte, von der Gre einer kleinen Melone,
fand. Gegenber hngt das alte Sutera traurig an einem Felsen, und Campo
Franco von der andern Seite. Das Thal ist ein wahrer Hesperidengarten
und die Segensgegend wimmelt von elenden Bettlern, vor denen ich keinen
Fu vor die Thr setzen konnte; denn ich kann doch nicht helfen, wenn
ich auch alle Taschen leerte und mich ihnen gleich machte.

Der Flu ohne Brcke ber den ich in einem Strich von ungefhr drei
deutschen Meilen wohl funfzehn Mal hatte reiten mssen, weil der Weg
bald diesseits, bald jenseits gehet, ward diesen Morgen ziemlich gro;
und das letzte Mal kamen zwei starke cyklopische Kerle, die mich mit
Gewalt auf den Schultern hinber trugen. Sie zogen sich aus bis aufs
Hemde, schrzten sich auf bis unter die Arme, trugen Stcke wie des
Polyphemus ausgerissene Tannen, und suchten die gefhrlichsten Stellen,
um ihr Verdienst recht gro zu machen: ich htte gerade zu Fue
durchgehen wollen, und wre nicht schlimmer daran gewesen als am Ende
der pontinischen Smpfe vor Terracina. Ihre Forderung war unverschmt,
und der Eseltreiber meinte ganz leise, ich mchte sie lieber willig
geben, damit sie nicht bsartig wrden. Sie sollen sich sonst kein
Gewissen daraus machen, Jemand mit dem Messer, oder dem Gewehrlauf, oder
geradezu mit dem Knittel in eine andere Welt zu liefern. Die
Gerechtigkeit erkundigt sich nach solchen Kleinigkeiten nicht weiter.
Der Flu geht nun rechts durch die Gebirge in den See. Ich habe seinen
eigentlichen Namen nicht gefat; man nannte ihn bald so, bald anders,
nach der Gegend; am hufigsten nannten ihn die Einwohner ^Fiume di San
Pietro^. Von nun an war die Gegend von hierher nach Agrigent abwechselnd
sehr schn und fruchtbar, und auch noch leidlich bearbeitet. Nur um den
Macaluba, den ich rechts von dem Wege ab aufsuchte, ist sie etwas mager.

Ich will Dir sagen, wie ich den Berg, oder vielmehr das Hgelchen fand.
Seine Hhe ist sehr unbetrchtlich und sein ganzer Umfang ungefhr eine
Viertelstunde. Rund umher sind in einer Entfernung von einigen Stunden
ziemlich hohe Berge, so da ich die vulkanische Erscheinung Anfangs fr
Quellwasser von den Hhen hielt. Diese mgen dazu beitragen; aber sie
sind wohl nicht die einzige Ursache. Die Hhe des Orts ist
verhltnimig doch zu gro, und es giebt rund umher doch viel tiefere
Gegenden, die auch wirklich Wasser halten. Am wenigsten liee sich seine
periodische Wuth erklren. Wo ich hinaufstieg, fand ich einen einzelnen,
drei Ellen hohen Kegel, aus einer Masse von Thon und Sand, dessen Spitze
oben eine Oeffnung hatte, aus welcher die Masse immer herausquoll und
herabflo, und so den Kegel vergrerte. Auf der Hhe des Hgels waren
sechs grere Oeffnungen, aus denen bestndig eben dieselbe Masse
hervordrang; ihre Kegel waren nicht so hoch, weil die Masse flssiger
war. Ich stie in einige meinen Knotenstock gerade hinein, und fand
keinen Grund; so wie ich aber nur die Seiten berhrte, war der Boden
hart. In der Mitte, und ziemlich auf der grten Hhe desselben, war die
grte Oeffnung, zu der ich aber nicht kommen konnte, weil der Boden
nicht trug, und ich befrchten mute, zu versinken. Zuweilen, wenn es
anhaltend sehr warm und trocken ist, soll man auch zu diesem Trichter
sehr leicht kommen knnen. Ich sah der Oeffnungen rund umher grere und
kleinere, ungefhr dreiig. Einige waren so klein, da sie nur ganz
kleine Blschen in Ringelchen ausstieen, und ich konnte meinen Stock
nur mit Widerstand etwas hineinzwingen. Die Ausbrche und die
Regenstrme ndern das Ansehen des Macaluba bestndig; er ist daher noch
etwas wandelbarer, als seine grern Herren Vettern. Ihm gegenber
liegt, in einer Entfernung von ungefhr zwei Stunden, auf einer
betrchtlichen Anhhe eine Stadt, die von weitem ziemlich hbsch
aussieht, und, wenn ich nicht irre, Ravonna heit. Die Einwohner dieses
Orts und einiger naheliegenden kleinen Drfer wurden, wie man erzhlte,
vor drei Wochen sehr in Schrecken gesetzt, weil der Zwergberg anfing
inwendig gewaltig zu brummen und zu lrmen. Es ist aber diemal bei dem
Brummen geblieben. Von dem Diminutiv-Vulkan bis hierher sind ungefhr
noch acht Millien durch eine ziemlich rauhe Gegend ber mehrere Berge.

Mein Eintritt in die Locanda hier war eine gewaltig starke
Ohrfeigenpartie. Das ging so zu. Als ich das Haus betrachtete, ob es mir
anstehen und ob ich hier bleiben wrde, kam ein sehr dienstfertiger
Cicerone, der mich wahrscheinlich zu einem seiner Bekannten bringen
wollte. Ehe ich mir's versah, scho ein junger starker Kerl aus einer
Art von Kche heraus, fuhr vor mir vorbei, und packte den hflichen
Menschen mit einer furchtbaren Gewalt bei der Gurgel, warf ihn nieder,
und fing an, ihn mit den Fusten aus allen Krften zu bearbeiten. Ich
sprach zum Frieden, so gut ich konnte, und er lie den armen Teufel
endlich los, der auch sogleich abmarschirte. Ich sagte dem Fausthelden
so glimpflich als mglich, da ich diese Art Willkommen etwas zu
handgreiflich fnde; da trat er ganz friedlich und sanft vor mich und
demonstrirte mir, der Kerl habe seine Mutter geschimpft; das knne und
werde er aber nicht leiden. Nun machte man mir ein Zimmer bereit; und so
schlecht es auch war, so zeigten die Leute doch allen guten Willen; und
damit ist ein ehrlicher Kerl schon zufrieden. Nun suchte ich den Ritter
Canella, den Onkel meines militrischen Freundes in Palermo, und den
Kanonikus Raimondi auf. Beide waren sehr artig und freundschaftlich, und
der Ritter besuchte mich sogar in meinem Gasthause. Raimondi, welcher
Direktor der heiligen Schrift ist, fhrte mich in die alte gothische
Kathedrale, wo ich den antiken Taufstein sah und das akustische
Kunststck nicht hren konnte, da er den Schlssel zu der verschlossenen
Stelle vergessen hatte, und es unbescheiden gewesen wre, ihn wegen der
Kleinigkeit noch einmal zu bemhen. Man findet es in vielen Kirchen.
Wenn man an dem einen Ende ganz leise spricht, geht der Schall oben an
dem Bogen hin, und man hrt ihn an der andern Seite ganz deutlich. Jetzt
hat man den Ort dewegen verschlossen, weil man auf diese Weise die
Beichtenden belauschte. Der alte Taufstein, der die Geschichte des
Hippolytus enthlt, ist aus den Reisenden und Antiquaren bekannt genug,
und ich fand bei Vergleichung auf der Stelle, da Dorville, welcher bei
Raimondi lag, fast durchaus auerordentlich richtig gezeichnet hat.

Canella gab mir einen Brief an den Marchese Frangipani in Alicata. Mein
Mauleseltreiber kam bestndig und machte den Bedienten und Cicerone. ^Io
saggio tutto, Signore, Io conosco tutte le maraviglie^, sagte er mit
einer apodiktischen Wichtigkeit, wider welche sich eben so wenig
einwenden lie, als wider die Infallibilitt des Papstes. Da ich das
meiste, was ich sehen wollte, schon ziemlich kannte, hatte ich weiter
nichts gegen die Gutherzigkeit des Kerls, der ein Bursche von ungefhr
neunzehn Jahren war. Ich hatte das ganze Wesen der alten Stadt schon aus
den Fenstern des Herrn Raimondi bersehen, steckte also den folgenden
Morgen mein Morgenbrot in die Tasche, und ging hinunter in die
ehemaligen Herrlichkeiten der alten Akragantiner. Was kann eine
Rhapsodie ber die Vergnglichkeit aller weltlichen Gre helfen? Ich
sah da die Schutthaufen und Steinmassen des Jupiterstempels, und die
ungeheuern Blcke von dem Tempel des Herkules, wie nmlich die Antiquare
glauben; denn ich wage nicht, etwas zu bestimmen. Die Trmmern waren mit
Oelbumen und ungeheuren Karuben durchwachsen, die ich selten anderswo
so schn und gro gesehen habe. Sodann gingen wir weiter hinauf zu dem
fast ganzen Tempel der Concordia. Das Wetter war frisch und sehr windig.
Ich stieg durch die Celle hinauf, wo mir mein weiser Fhrer folgte, und
lief dann oben auf dem steinernen Geblke durch den Wind mit einer
nordischen Festigkeit hin und her, da der Agrigentiner, der doch ein
Mauleseltreiber war, vor Angst bla ward, an der Celle blieb und sich
niedersetzte. Ich that das nmliche mitten auf dem Gesims, bot den
Winden Trotz, nahm Brot und Braten und Orangen aus der Tasche, und hielt
ein Frhstck, das gewi Scipio auf den Trmmern von Karthago nicht
besser gehabt hat. Ich konnte mich doch einer schauerlichen Empfindung
nicht erwehren, als ich ber die Stelle des alten, groen, reichen
Emporiums hinsah, wo einst nur ein einziger Brger unvorbereitet
vierhundert Gste bewirthete, und jedem die ppigste Bequemlichkeit gab.
Dort schlngelte sich der kleine Akragas, welcher der Stadt den Namen
gab, hinunter in die See; und dort oben am Berge, wo jetzt kaum noch
eine Trmmer steht, schlugen die Karthager, und das Schicksal der Stadt
wurde nur durch den Muth der Brger und die Deisidmonie des feindlichen
Feldherrn aufgehalten. Wo jetzt die Stadt steht, war vermuthlich ehemals
ein Theil der Akropolis. Nun ging ich noch etwas weiter hinauf zu dem
Tempel der Juno Lucina und den brigen Resten, unter denen man mehrere
Tage sehr epanorthotisch hin und her wandeln knnte. Die systematischen
Reisenden mgen Dir das Uebrige sagen; ich habe keine Entdeckungen
gemacht. Der jetzige Knig hat einige Stcke wieder hinauf auf den alten
Concordientempel schaffen lassen, und dafr die schne alte Fronte mit
der pompsen Inschrift entstellt: ^Ferdinandus IV. Rex restaurauit.^
Ich htte den Giebel herunterwerfen mgen, wo die kleinliche Eitelkeit
stand.

Die beiden ziemlich gut erhaltenen Tempel stehen nicht weit von den
alten Mauern, in deren solidem Felsen eine Menge Aushhlungen sind, aus
denen man nicht recht wei, was man machen soll. Einige halten sie fr
Grber. Mir kommt es wahrscheinlicher vor, da es Schlafstellen fr die
Wache waren, eine Art von Kasernen; und sie sind vermuthlich nur aus der
neuern Zeit der Saracenen oder Gothen. Diese Mauern, so niedrig sie auch
gegen die hohen Berge umher liegen, sind doch als Felsen betrchtlich
genug, da man von der See aus die Stadt das hohe Akragos nennen konnte;
und noch jetzt wrden unsere Vierundzwanzig-Pfnder genug zu arbeiten
haben, eine Bresche hineinzuschlagen. Es ist wohl nicht ohne Grund
geschehen, da man die schnsten Tempel der Mauer so nahe baute. Sie
waren das Heiligthum der Stadt; ihre Nhe beim Angriff mute anfeuern,
wo die Brger augenscheinlich ^pro aris et focis^ schlugen. Auch der
Tempel des Herkules mu unten nicht weit von der Mauer gestanden haben.
Dort sind aber die Mauern nicht so hoch und stark gewesen, weil die
Natur dort nicht so untersttzte; eben dewegen setzte man dorthin den
Tempel des Herkules, um die Brger an der schwachen Seite mehr an Kampf
und Gefahr zu erinnern; eben dewegen liegen wahrscheinlich dort Tempel
und Mauer in Trmmern, weil vermuthlich daselbst die Stadt mehreremal
eingenommen wurde. Was ich aus dem sogenannten Grabmal Hierons machen
soll, wei ich nicht; ich berlasse es mit dem Uebrigen ruhig den
Gelehrten. Ich habe nicht Zeit, gelehrt zu werden. Am krzesten drfte
ich nur meinem Maultiertreiber folgen; der sagt mir glubig fest
bestimmt. ^Kischt'  il tempio di San Gregoli; Kischta Madonna 
antica^; und wer es nicht glauben will, ^anathema sit^. Der gute Mensch
hat mich recht herzlich in Affektion genommen, und meint es recht gut;
vorzglich zeigt er mir gewissenhaft alle Klster, und sagt mir, wie
reich sie sind. Nun interessiren mich die Klster und ihre Bewohner nur
[Griechisch: kat' antiphrasin ts kalokagathias]; ich sagte also diesen
Morgen zu einem solchen Rapport ganz unwillig murmelnd in meinem
Mutteridiom: Ich wollte, es wren Schweinstlle! Wei der Himmel, was
der fromme Kerl verstanden haben mochte: ^Si, si, Signore, dice bene^,
sagte er treuherzig; ^kischt'  la cosa^. Er rechnete es mir hoch an,
da er Italienisch sprach, und nicht den Jargon seiner Landsleute, mit
denen ich gar nicht fortkommen wrde: doch kam ich mit seinen
Landsleuten in ihrem Jargon noch so ziemlich ohne ihn fort. Auf der
heutigen Promenade erzhlte er mir von einer kleinen Stadt, nicht weit
von Alcamo hinab in dem Gebirge, wo die Leute Griechisch sprchen, oder
gar Trkisch, so da man sie gar nicht verstehen knnte, wie das oft der
Fall zu Girgenti auf dem Markte wre. Hier fhrte er eine Menge ihrer
Wrter an, die ich, leider! wieder vergessen habe. ^Non sono cosi boni
latini, come noi autri^, sagte er. Du siehst, der Mensch hat Ehre im
Leibe.

Den musikalischen Talenten und der musikalischen Neigung der Italiener
kann ich bis jetzt eben keine groe Lobsprche machen. Ich habe von
Triest bis hierher, auf dem Lande und in den Stdten, auch noch keine
einzige Melodie gehrt, die mich beschftigt htte, welches doch in
andern Lndern manchmal der Fall gewesen ist. Das Beste war noch von
eben diesem meinem sthetischen Cicerone aus Agrigent, der eine Art
Liebesliedchen sang, und sehr emphatisch drollig genug immer
wiederholte: ^Kischta nutte, kischta nutte iu verr, iu verr.^
(^Questa notte io verr.^)

Eben bin ich unten am Hafen gewesen, der vier italienische Meilen von
der Stadt liegt. Der Weg dahin ist sehr angenehm durch lauter
Oelpflanzungen und Mandelgrten. Hier und da sind sie mit Zunen von
Aloen besetzt, die in Sicilien zu einer auerordentlichen Gre wachsen;
noch hufiger aber mit indischen Feigen, die erst im September reif
werden, und von denen ich das Stck, so selten sind sie jetzt, in der
Stadt mit fast einem Gulden bezahlen mute, da ich die Seltenheit doch
kosten wollte. Die Karuben, oder Johannisbrotbume gewinnen hier einen
Umfang, von dem wir bei uns gar keine Begriffe haben. Sie sind so
hufig, da in einigen Gegenden des sdlichen Ufers das Vieh mit Karuben
gemstet wird. Der Hafen, wie er jetzt ist, ist vorzglich von Karl dem
Fnften gebaut. Buonaparte lag einige Tage hier und auf der Rhede, als
er nach Aegypten ging: und damals kamen auch einige Franzosen hinauf in
die Stadt, wo gar keine Garnison liegt. Sie mssen sich aber nicht gut
empfohlen haben; denn der gemeine Mann und Brger spricht mit Abscheu
von ihnen. Der Hafen ist ungefhr wie in Ancona, und keiner der besten.
Nicht weit davon sind eine Menge unterirdischer Getreidebehlter, weil
von Agrigent sehr viel ausgefhrt wird. Die politische Stimmung durch
ganz Sicilien ist gar sonderbar, und ich behalte mir vor, Dir an einem
andern Orte noch einige Worte darber zu sagen.




                                                            _Syrakus._


Die ist also das Ziel meines Spazierganges, und nun gehe ich mit
einigen kleinen Umschweifen wieder nach Hause.

Ich will Dir von meiner Wanderung hierher so kurz als mglich das
Umstndliche berichten. Das Reisen zu Maulesel wird mir doch ziemlich
kostbar. Von Agrigent aus verlangte man fr einen Maulesel nicht weniger
als eine Unze tglich, etwas mehr als einen Kaiserducaten; oder eine
Pezzo, wenn ich ihn selbst fttern und den Fhrer bekstigen wollte.
Die war nun sehr theuer; und mein eigener Unterhalt kostete, zumal auf
dem Lande, nicht wenig. Ich handelte also mit meinem Mauleseltreiber, er
sollte mich zu Fue auf einer Ronde um die Insel begleiten; dafr sollte
er mit mir ordentlich leben, so gut man in Sicilien leben kann, und ich
wollte ihm tglich noch fnf Karlin, ungefhr einen deutschen Gulden,
geben: dabei knnte er doch zusammen whrend der kurzen Zeit drei
goldene Unzen Gewinn haben. Der Handel wurde gemacht; ich gab ihm zwei
Unzen voraus, um sich fr die eine, eigene Bedrfnisse auf die Reise
anzuschaffen, und die zweite unterdessen seiner alten Mutter zu lassen.
Er kaufte mir einen Habersack, ungefhr wie man ihn den Mauleseln mit
dem Futter umhngt, that meine zwei Bcher, meine Hemden mit den brigen
Quinquaillerien und etwas Proviant hinein, und trug ihn mir nach oder
vor. Meinen stattlichen Tornister hatte ich, um ganz leicht zu seyn, und
auch aus Klugheit, versiegelt in Palermo gelassen: denn er fand berall
so viel Beifall und Liebhaber, da man mir einigemal sagte, man wrde
mich blo meines Tornisters wegen todtschlagen.

Noch mu ich hier eine Bekanntschaft nachholen, die ich in Agrigent
machte. Als ich in meinem Zimmer a, trat ein stattlich gekleideter Mann
zu mir herein, und erkundigte sich theilnehmend nach allen gewhnlichen
Dingen, nach meinem Befinden, und wie es mir in seinem Vaterlande
gefiel, und so weiter. Die Bekanntschaft war bald gemacht; er wohnte in
einem Zimmer mir gegenber in dem nmlichen Wirthshause, bat um die
Erlaubni, sein Essen zu mir bringen zu drfen, und wir aen zusammen.
Es fand sich, da er eine Art Steuerrevisor von Palermo war, der in
kniglichen Geschften reiste. Die Sicilianer sind ein sehr gutmthiges,
neugieriges Vlkchen, die in der ersten Viertelstunde ganz treuherzig
dem Fremden Alles abzufragen verstehen. Ich fand nicht Ursache, den
Versteckten zu spielen; und so erfuhr denn der Herr Steuerrevisor ber
Tische auf seine Frage, da ich ein Ketzer war. Der dicke Herr legte vor
Schrecken Messer und Gabel nieder, und sah mich an, als ob ich schon in
der Hlle brennte; er fragte mich nun ber unser Religionssystem, von
dem ich ihm so wenig als mglich, so schonend als mglich sagte. Der
Mensch war in der Residenz verheirathet, hatte zu Hause drei Kinder, und
mute, nach seiner offenen Beichte, auf der Landreise jede Nacht zur
Bequemlichkeit, wo mglich, sein Mdchen haben; fluchte brigens und
zotirte auf Lateinisch und Italienisch trotz einem Bootsknecht: aber er
konnte durchaus nicht begreifen, wie man nicht an den Papst glauben und
ohne Mnche leben knne. Dabei hatte er ziemliche Studien aus der
rmischen Legende. Doch entschlo er sich, mit mir fortzuessen, fragte
aber immer weiter. Es fehlte ihm nicht an etwas Gutmthigkeit und einem
Schein von Vernunft; aber er donnerte doch halb spahaft das
Verdammungsurtheil ber uns Alle her: ^Siete tutti minchioni, siete
come le bestie.^ Das nenne ich mir Logik! indessen, lieber Freund, es
giebt dergleichen Logik noch viel in der Welt, ^in jure canonico, civili
et publico^, die uns fr Sterling verkauft wird. Uebrigens trug der Mann
viel Sorge fr mich, schlo sich brderlich an mich an, und meinte, ich
ginge groen Gefahren entgegen. Das war nun nicht zu ndern. Als ich
abging, band er mich dem Eseltreiber auf die Seele, gab ihm fr mich
seine Adresse in Palermo und lie mich Ketzer doch unter dem Schutze
aller Heiligen ziehen.

So zog ich denn mit meinem neuen Achates den Berg hinunter, ber den
kleinen Flu hinweg nach dem Monte Chiaro hin, auf Palma zu, welches die
hiesigen Einwohner Parma nennen. Ein junger Mensch, der in Syrakus einen
Handel machen wollte, gesellte sich mit seinem Esel zu uns. Mir war das
nicht sehr lieb, weil ich immer die Ehre hatte fr alle Eseltreiber der
ganzen Insel zu bezahlen. In Palma traf ich einige meiner Bekannten, die
Antiquare von Sankt Joseph, die sich ber das Margarethentempelchen von
Segeste zankten. Diese Herren staunten ber meine Verwegenheit, da ich
zu Fue reisen wollte. Hier hatte ich ein Unglck, da mich auch den Weg
allein fortzusetzen zwang. Mein Begleiter von Agrigent war sehr fromm,
es war Fasten; er a so viel Paste, da ich ber seine Capacitt
erstaunte. Inde ein Sicilianer dieser Art hat seine Talente, die unser
einer nicht immer beurtheilen kann. Ich mochte nichts sagen; er htte
glauben knnen, es wre wegen der Bezahlung. Wir gingen fort; aber kaum
waren wir eine halbe Stunde gegangen, so fing die Paste an zu schwellen,
und verursachte dem frommen Menschen frchterliche Passionen. Ich fing
nun an ihm den Sermon zu halten, warum er so viel von dem Kleister und
nicht lieber etwas mit mir gegessen habe. Hier rhrte ihn von neuem das
Gewissen, und er bekannte mir, er habe schon furchtbare Angst gehabt,
da er mit mir in der Fasten zu Fontana Fredda eine halbe Taube
gegessen. Sein Beichtvater habe ihn hart darber angelassen. Die Sache
ward nun schlimmer. Er fiel nieder, wlzte sich und schrie vor Schmerz
und konnte durchaus nicht weiter fort. Was sollte ich thun? Ich konnte
hier nicht bleiben. Nachdem ich ihm so derb und sanft als mglich den
Text ber seinen unvernnftigen Fra gelesen hatte, nahm ich ihm meinen
Sack ab, bergab ihn seinem Freunde und Landsmanne, berlie ihn seinen
Heiligen und ging allein weiter. Es war mir lieb, da ich ihn so gut
versorgt sah; ich htte ihm nicht helfen knnen; doch that es mir um den
armen dummen Teufel leid. Ich habe nachher erfahren, da er sich erholt
hat. Wenn er gestorben wre, wre es gewi zum Wunder blo darum
gewesen, weil er in der Fasten mit einem Ketzer junge Tauben gegessen
hatte, und nicht wegen seines bestialischen Maccaronifraes. Ich habe
vernnftige Aerzte in Italien darber sprechen hren, da jhrlich in
der Fasten eine Menge Menschen an der verdammten Paste sich zu Tode
kleistern; denn der gemeine Mann hat die ganze lange Zeit ber fast
nichts anderes als Makkaroni mit Oel.

Ich ging also nun allein auf gut Glck immer an der Kste hin, bald das
Meer im Auge, bald etwas weiter links in das Land hinein, nachdem mich
der Weg trug. Bei Palma ist wieder schne, herrliche Gegend, mit
abwechselnden Hgeln und Thlern, die alle mit Oelbumen und
Orangengrten besetzt sind. Die hier wachsenden Orangen sind etwas
kleiner, als die brigen in der Insel, aber sie sind die feinsten und
wohlschmeckendsten, die ich gegessen habe; selbst die von Malta nicht
ausgenommen, deren man eine Menge in Neapel findet. Gegen Abend kam ich
in Alicata an, wo ich vor der Stadt zwei sehr wohlgekleidete
Spaziergnger antraf, die mich zu sich auf eine Rasenbank einluden und
in zehn Minuten mir meine ganze Geschichte abgefragt hatten. Wir gingen
zusammen in die Stadt; ich halte sie fr die beste, die ich nach Palermo
bis jetzt noch auf der Insel gesehen habe. Das Wirthshaus, das ich fand,
war ziemlich gut, ich hatte also nicht Ursache, dem Marchese Frangipani,
an den ich empfohlen war, beschwerlich zu fallen. Indessen gab ich doch
meinen Brief ab, und er nahm mich mit vieler Artigkeit in seinem
ziemlich groen Hause auf, wo ich eine ansehnliche Gesellschaft fand.
Man nthigte mich, mit den Damen etwas Franzsisch und mit den
geistlichen Herren, deren einige zugegen waren, Lateinisch zu sprechen.
Als man sich zum Spiele setzte -- ^c'est partout comme chez nous^ -- und
ich daran nicht Theil nehmen wollte, noch konnte, da ich nie ein
Kartenblatt anrhre, empfahl ich mich und befand mich in meinem
Wirthshause recht wohl. In der schnsten Abenddmmerung machte ich noch
einen Spaziergang an dem Strande und sah der Fischerei zu. Die hiesige
Rhede mu fr die Schiffe nicht viel werth seyn, so viel ich von der
Lage mit einem Ueberblick urtheilen kann. Gleich vor Alicata, von Palma
her, liegt ein am Meere sich herziehender Berg, der von den Gelehrten
mit Grund fr den Eknomos der Alten gehalten wird. Jenseits des
Salzflusses, oder des sdlichen Himera -- denn der nrdliche fliet bei
Termini -- ist ein anderer Berg, dessen Name, glaube ich, Phalarius
heit: und diese beiden Berge paradiren in den karthagischen Kriegen.
Der Eknomos soll nach der Erklrung Einiger seinen Namen davon haben,
weil der agrigentinische Tyrann Phalaris den Perillischen Stier hier
aufgestellt haben soll. Dieses scheint aber mehr auf den Phalarius zu
passen. Wenn Du mir erlaubst eine Konjektur zu machen, so will ich
annehmen, da der Eknomos dewegen so genannt worden sei, weil er ganz
allein, isolirt, von der ganzen brigen Bergkette rund herum abgesondert
liegt; die andern Berge hngen in einem groen Amphitheater alle
zusammen. Der griechische Name ducht mir, knne die bedeuten:
[Griechisch: ek tou nomou tn alln horn keitai gelophos]. Der Berg
ist jetzt ziemlich gut bebaut, mit schnen Oelgrten und mehreren
Landhusern besetzt, und giebt der Gegend ein sehr freundliches Ansehen.
Links ist an dem Himera hinauf eine schne groe Ebene mit
Weitzenfeldern; eine der besten, die ich je gesehen habe. Alicata ist
der erste Ort, wo ich in Sicilien billig behandelt wurde.

Ueberall warnte man mich vor bsen Wegen und vorzglich hier in Alicata,
wo man sagte, da die achtzehn Millien von hier nach Terra Nuova die
schlimmsten in der ganzen Insel wren. ^Sono cattiva gente^, hie es;
und ^cattivo^ war der ewige Euphemismus, wenn sie zu Ehre ihres Landes
nicht Ruber und Banditen sagen wollten. Hier hat mich wahrscheinlich
nur meine armselige Figur gerettet. Ich wandelte gutes Muthes am Strande
hin, las Muscheln und murmelte ein Liedchen von Anakreon, machte mit
meinen Gedanken tausend Circumherumschweife und blieb bei der schnen
Idee stehen, da ich hier nun vermuthlich in die geloischen Felder kme:
da sah ich von weitem drei Reiter und zwar zu Pferde auf mich zu
trottiren. Die Erscheinung eines Maulesels oder Esels ist mir in
Sicilien immer lieber, als eines Pferdes. Mir war etwas unreimisch, und
ich nahm mir vor, so ernsthaft als mglich vor ihnen vorbeizugehen. Das
litten sie aber nicht, ob sie es gleich auch mit ziemlichem Ernst
thaten. Sie waren alle drei mit Flinten bewaffnet; der Dolch versteht
sich von selbst. Ich grte nicht ganz ohne Argwohn. Man rief mir Halt!
und da ich that, als ob ich es nicht gleich verstanden htte, ritt einer
mit Vehemenz auf mich zu, fate mich beim Kragen und ri mich so heftig
herum, da das Schisma noch an meinem Rocke zu sehen ist. Wer seid
Ihr? -- Ein Reisender. -- Wo wollt Ihr hin? -- Nach Syrakus. --
Warum reitet Ihr nicht? -- Es ist mir zu theuer; ich habe nicht Geld
genug dazu. -- Einer meiner Freunde in Rom hatte mich in dem barocken
Aufzuge gezeichnet, den ich damals machte, damit ich, wie er mir sagte,
doch sagen knnte, ich habe mich in Rom malen lassen. Ich schicke Dir
die Zeichnung zur Erbauung, und Du wirst hier wenigstens meine Eitelkeit
nicht beschuldigen, da sie sich ins beste Licht gesetzt hat. Man ri
meinen Sack auf und fand darin freilich keine Herrlichkeiten, ein Hemde,
zwei Bcher, ein Stck hartes Brot, ein Stckchen noch hrteren Kse und
einige Orangen. Man besah mich aufmerksam von der Ferse bis zum
Scheitel. -- Ihr habt also kein Geld zum Reiten? -- Ich kann so viel
nicht bezahlen. -- Meine Figur und der Inhalt meines Sackes schienen
ihnen hierber ein gleichlautendes Dokument zu seyn. Man nahm das weie
Buch, in welches ich einige Bemerkungen geschrieben hatte, um die
Reminiscenzen zu erhalten: man fragte, was es wre, und durchbltterte
es neugierig, und Einer, der etwas Ansehen ber die beiden Andern zu
haben schien, machte Miene es einzustecken. Ich sagte etwas betroffen:
Aber das ist mein Tagebuch mit einigen Reisebemerkungen fr meine
Freunde. Der Mensch betrachtete mich in meiner Verlegenheit, besann sich
einige Augenblicke, gab mir das Buch zurck und sagte zu dem Andern:
Gieb ihm Wein! Dieses hielt ich, und wohl mit Recht, fr das Zeichen
der Hospitalitt und der Sicherheit. Ob ich gleich nicht lange vorher
reichlich aus einem Felsenbache getrunken hatte, so machte ich doch
keine Umstnde, der ehrenvollen Gesellschaft Bescheid zu thun, so gut
ich konnte, und trank aus der dargereichten engen Flasche. Diese
Flaschen mit sehr engen Mndungen sind, wie Du vielleicht schon weit,
hier fr das arme Klima sehr ditetisch eingerichtet. Man ist durchaus
genthigt sehr langsam zu trinken, weil man doch nicht mehr schlucken
kann, als heraus luft. Nun fragte man mich dieses und jenes, worauf ich
so unbefangen als mglich antwortete. -- An wen seid Ihr in Syrakus
empfohlen? -- An den Ritter Landolina. -- Den kenne ich; sagte Einer.
-- Ihr seid also arm und wollt den Giro machen, und geht zu Fue? Ich
bejahte das. Nun fragte man mich: Versteht Ihr das Spiel? Ich hatte
die Frage nicht einmal recht verstanden: da ich aber, auer ein wenig
Schach, durchaus gar kein Spiel verstehe, konnte ich mit gutem Gewissen
Nein antworten. Diese Frage ist mir vorher und nachher in Sicilien oft
gethan worden, und die Erkundigung ist, ob man etwas vom Lotto verstehe,
welches auch hier, Dank sei es der schlechten Regierung, eine allgemeine
Seuche ist. Das gemeine Volk steht hier noch oft in dem Wahn, der Fremde
als ein gescheidter Kerl msse sogleich ausrechnen, oder auszaubern
knnen, welche Nummern gewinnen werden. Man wnschte mir gute Reise und
ritt fort. Was war nun von den Leuten zu halten? Aus gewhnlicher
Vorsicht hatte ich die Uhr tief gesteckt: sie war also nicht zu sehen:
mein Taschenbuch, in welchem ungefhr noch sieben und zwanzig Unzen in
Gold liegen mochten, war inwendig in einer Tasche hoch unter dem linken
Arm und wurde also nicht bemerkt. Die Leute hatten keine Uniform und
durchaus kein Zeichen als Polizeireiter: brigens waren sie fr Sicilien
sehr anstndig gekleidet. Gewehr und Dolche trgt in Unteritalien zur
Schande der Justiz und Polizei jedermann. Wenn sie ehrlich waren, so
thaten sie wenigstens alles mgliche es nicht zu scheinen: und das ist
an der sdlichen Kste von Sicilien fast eben so schlecht, als wenn bei
uns in feiner Gesellschaft ein abgefeimter Schurke gerade das Gegentheil
thut. Ich denke immer, meine anscheinende Armseligkeit hat mich
gerettet, und die Uhr und die Unzen htten mir den Hals brechen knnen.

Vor Terra Nuova wurde ich wieder freundschaftlich angehalten. Die Leute
hoben Getreide aus ihren unterirdischen Magazinen, wahrscheinlich um es
einzuschiffen. Ich fragte nach einem Gasthause. Man lud mich ein, mich
dort ein wenig niederzusetzen und auszuruhen: ich war wirklich mde und
that es. Neugierigere Leute als in Sicilien habe ich nirgends gefunden;
aber im Ganzen fehlt es ihnen nicht an Gutherzigkeit. Was schlecht ist,
kommt alles auf Rechnung der Regierung und Religionsverfassung. Man
fragte mich sogar, ob ich eine Uhr trge, und begriff wieder nicht, wie
ich es nur wagen knnte, so zu reisen. Und doch bin ich berzeugt, das
war immer noch die sicherste Art, da ich allein war.

In der Stadt im Wirthshause gab man mir ein Zimmer, worin kein Bett,
kein Tisch und kein Stuhl war, und sagte dabei, ich wrde in der ganzen
Stadt kein besseres finden. Ich warf mich auf einen Haferspreu, die in
einem Winkel aufgeschttet war, und schlief ein. Ein Stndchen mochte
ich vielleicht geschlafen haben und es war gegen Abend; da wurde ich
geweckt. Mein Zimmer, wenn man das Loch so nennen kann, war voll Leute
aller Art, einige stattlich gekleidet, andere in Lumpen. Vor mir stand
ein Mann im Matrosenhabit, der eine frmliche lange Inquisition mit mir
anhob. Er war ganz hflich, so viel Hflichkeit nmlich bei so einem
Benehmen Statt finden kann, fragte erst Italienisch, sprach dann etwas
Tyrolerdeutsch, da er hrte, da ich ein Deutscher sei; dann
Franzsisch, dann Englisch und endlich Latein. Die Anwesenden machten
Ohren, Maul und Nase auf, um so viel als mglich zu kapiren. Man war
geneigt mich fr einen Franzosen zu halten, fragte, ob ich der Republik
gedient habe, und so weiter: aber ber die eigene Stimmung gegen die
Franzosen gaben sie selbst nicht das geringste Merkzeichen. Der Mann im
Matrosenkleide sagte, ich mte Franzose seyn, weil ich das Franzsische
so gut sprche. Das konnte nur ihm so vorkommen, weil er es sehr
schlecht sprach. Das Examen ward mir endlich sehr widerlich und lstig,
so wie ein Br am Pfahl zu stehen und mich auf diese Weise beschauen und
vernehmen zu lassen; ich sagte also bestimmt: Wenn ich verdchtig bin,
mein Herr, so bringen Sie mich vor die Behrde, wo ich mich legitimiren
werde; oder wenn Sie selbst von der Polizei sind, so sprechen Sie offen,
damit ich mich darnach benehmen kann! Erlauben Sie mir brigens etwas
Ruhe in einem ffentlichen Hause, wo ich bezahle; es ist warm und ich
bin mde. Das sagte ich italienisch so laut und gut ich konnte, damit
es alle verstehen mchten; einer der Herren bat mich hflich um
Verzeihung, ohne weiter eine Erklrung zu geben; die Neugierigen
verloren sich; und nach einigen Minuten war ich wieder allein auf meiner
Haferspreu. Den Abend, nachdem ich bei einigen Seefischen sehr gut
gefastet hatte, brachte man mir Heu; und ein gutmthiger Tabuletkrmer
aus Katanien gab mir zur Decke einen groen Schafpelz, welcher mir
lieber war als ein Bett, das man nicht haben konnte.

Den andern Morgen ging ich ber den Flu Gela und durch ein herrliches
Thal nach Santa Maria di Niscemi hinauf. Dieses Thal mit den Partien an
dem Flusse links und rechts hinauf machte vermuthlich die Hauptgruppe
der geloischen Felder aus. Wenn auch Gela nicht gerade da stand, wo
jetzt Terra Nuova steht, so lag es doch gewi nicht weit davon, und
hchst wahrscheinlich nur etwas weiter bergabwrts nach dem Flusse hin,
wo noch jetzt einige alte Ueberreste von Gemuern und Sulen zu sehen
seyn sollen. Das Thal ist auch noch jetzt in der uersten
Vernachlssigung sehr schn, und es lt sich begreifen, da es ehemals
bei der Industrie der Griechen ein Zaubergarten mag gewesen seyn. Hier
in Niscemi ist es wahrscheinlich wo vor mehrern Jahren ein merkwrdiger
Erdfall geschehen ist, den Landolina beschrieben hat.

Von hier aus wollte ich nach Noto gehen, und von dort nach Syrakus. Aber
wenn man in Sicilien nicht bekannt ist und ohne Wegweiser reist, so
bleibt man, wenn man nicht todt geschlagen wird, zwar immer in der
Insel; aber man kommt nicht immer geraden Weges an den bestimmten Ort.
Einige Meilen in der Nachbarschaft der Hauptstadt ausgenommen, kann man
eigentlich gar nicht sagen, da in Sicilien Wege sind. Es sind blo
Mauleseltriften, die sich oft verlieren, da man mit ganzer
Aufmerksamkeit den Hufen nachspren mu. Der Knig selbst kann in seinem
Knigreich nicht weiter als nach Montreal, Termini und einige Meilen
nach Agrigent zu im Wagen gehen: will er weiter, so mu Seine Majestt
sich gefallen lassen, einen Gaul, oder sicherer einen Maulesel zu
besteigen. Das lt er denn wohl bleiben, und dewegen geht es auch noch
etwas schlechter, als gewhnlich anderwrts, wo es die Frsten nur sehr
selten thun. Man rieth mir, von Santa Maria nach Caltagirone zu gehen;
das that ich als ein Wildfremder. Aber kaum war ich ein Stndchen
gegangen, als ich in einen ziemlich groen Wald perrennirender Eichen
kam, wo ich alle Spur verlor, einige Stunden in Felsen und
Bergschluchten herumlief, bis ich mich endlich nur mit Schwierigkeit
wieder links orientirte, indem ich den Gesichtspunkt nach einer hohen
Felsenspitze nahm. Hier fand ich vorzglich schne Weiden in den Thlern
und groe zahlreiche Heerden. Um Caltagirone herum ist die Kultur am
leidlichsten; man kann sie noch nicht gut nennen. Die Stadt, welche auf
einer nicht unbetrchtlichen Hhe liegt, hat rund umher schne
angrenzende Thler, und es herrscht hier fr Sicilien noch eine
ziemliche Wohlhabenheit. Ich war nun auf einmal wieder beinahe mitten in
der Insel. In der Stadt war auf dem Markte ein gewaltiger Lrm von
Menschen; man a und trank, und handelte und zankte, und sprach berall
sehr hoch, als auf einmal das Allerheiligste vorbeigetragen wurde;
schnell war alles still und strzte nieder, und der ganze Markt,
Schacherer und Fresser und Znker, machte in dem Moment eine sonderbare
Gruppe. Ich konnte aus meinem Fenster bei einer Mahlzeit getrockneter
Oliven, die hier mein Lieblingsgericht sind, unbemerkt und bequem alles
sehen. Ein so gutes Wirthshaus htte ich hier nicht gesucht; Zimmer,
Bett, Tisch, alles war sehr gut, und verhltnimig sehr billig.

Von hier aus wollte ich nach Syrakus, ging aufmerksam den Weg fort, den
man mir bezeichnet hatte, und war, ehe ich mirs versah, durch eine sehr
abwechselnde bunte Gegend, in Palagonia, dem Stammhause des seligen
Patrons der Ungeheuer, barocken Andenkens. Wre ich an seiner Stelle
gewesen, ich wre hier geblieben; denn Palagonia gefllt mir viel
besser, als die Nachbarschaft von Palermo, wo er das Tabernakel seiner
sthetischen Migeburten aufschlug. Wieland lt den gechteten Diagoras
in der Gegend von Tempe, aus Aergerni ber Gtter und Menschen, ein
hnliches Spielwerk treiben; aber der Grieche thut es besser und
genialischer, als der Sicilianer. Palagonia liegt herrlich in einem
Bergwinkel des Thales Enna. Kommt man von Caltagirone herber, so geht
man zuletzt durch furchtbare Felsenschluchten, und steigt einen Berg
herab, als ob es in die Hlle ginge: und es geht in ein Elisium. Schade,
da die exemplarische sicilianische Faulheit es nicht besser benutzt und
geniet! Die Stadt ist traurig schmutzig. Ueber den Namen der Stadt habe
ich nichts gehrt und gelesen; welches freilich nicht viel sagen will,
da ich sehr wenig hre und lese. Ich will annehmen, er sei entstanden
aus Paliconia, weil nicht weit davon rechts hinauf in den hohen Felsen
der Naphthasee der Paliker liegt, von dem die Fabel so viel zu erzhlen
und die Naturgeschichte manches zu sagen hat. Wre ich nicht allein
gewesen oder htte mehr Zeit, oder stnde mit meiner Brse nicht in so
genauer Rechnung, so htte ich ihn aufgesucht.

Von hier aus wollte ich nun nach Syrakus. Einer der berraschendsten
Anblicke fr mich war, als ich aus Palagonia heraustrat. Vor mir lag das
ganze groe schne Thal Enna, das den Fablern billig so werth ist.
Rechts und links griffen rund herum die hohen felsigen Bergketten die es
einschlieen, und von Noto und Mazzara trennen; und in dem Grunde
gegenber stand furchtbar der Aetna mit seinem beschneiten Haupte, von
dessen Schdel die ewige lichte Rauchsule in der reinen Luft
emporstieg, und sich langsam nach Westen zog. Ich hatte den Altvater
wegen des dunkeln Wetters noch nicht gesehen, weder zu Lande noch auf
dem Wasser. Nur auf der sdlichen Kste in Agrigent, vor dem Thore des
Schulgebudes, zeigte man mir den Riesen in den fernen Wolken; aber mein
Auge war nicht scharf genug, ihn deutlich zu erkennen. Jetzt stand er
auf einmal ziemlich nahe in seiner ganzen furchtbaren Gre vor mir.
Katanien lag von seinen Hgeln gedeckt; sonst htte man es auch sehen
knnen. Ich setzte mich unter einen alten Oelbaum, welcher der Athene
Polias Ehre gemacht haben wrde, auf die jungen wilden Hyacinthen
nieder, und geno eine Viertelstunde eine der schnsten und herrlichsten
Scenen der Natur. Das war wieder Belohnung, und ich dachte nicht weiter
an die Schnapphhne und das Examen von Terra Nuova. Ich wrde rechts
hinaufgestiegen seyn in die Berge, wo viele Hhlen der alten sikanischen
Urbewohner in Felsen gehauen seyn sollen; aber ich konnte dem Orientiren
und der migen Neugierde in einer sehr wilden Gegend nicht so viel Zeit
opfern. Ich verirrte mich abermals, und kam, anstatt nach Syrakus, nach
Lentini. Es war mir indessen nicht unlieb, die alte Stadt zu sehen, die
zur Zeit der Griechen keine unbetrchtliche Rolle spielte. Sie ist in
dem Mikredit der schlechten Luft, wewegen auf einer grern Anhhe
Karl der Fnfte, ducht mir, Carlentini anlegte. Ich sprte nichts von
der schlechten Luft; aber freilich kann man vom Ende des Mrz keinen
Schlu auf das Ende des July machen. Der See giebt der Gegend ein
heiteres, lachendes Ansehen, und die Luft wrde sich sehr bald sehr
gesund machen lassen, wenn man nur fleiiger wre. Um die Stadt herum
ist alles ein wahrer Orangengarten; und Du kannst denken, da ich mit
den schnen Hesperiden nicht ganz enthaltsam war, da ich doch nun nicht
hoffen durfte, Syrakusertrauben zu essen. Mir hat es gefallen in
Lentini; und wenn die Leute daselbst krank werden, so sind sie
wahrscheinlich selbst Schuld daran, nach allem, was ich davon sehe. Ich
war nun zwei Mal irre gegangen, und hielt es daher doch fr besser,
einen Mauleselfhrer zu nehmen. Er erschien und wir machten bald den
Handel, da ich nicht viel merkantilisches Talent habe und gewhnlich
gleich zuschlage. Nun wollte der Mensch die ganze Summe voraus haben:
das fand ich etwas sonderbar und meinte, wenn er mir nicht traute, so
mten wir theilen. Damit war er durchaus nicht zufrieden; aber noch
drolliger war sein Grund. Er meinte, wenn ich geplndert, oder
erschlagen wrde, wie sollte er sodann zu seinem Gelde kommen? Das war
mir zu toll; ich schickte ihn rgerlich fort, und ging mit meinem
Schnappsack allein.

Von hier wollte ich endlich nach Syrakus; aber ich ging in den
Mauleseltriften der Bergschluchten und Hhen und Thler abermals irre,
und kam, anstatt nach Syrakus, nach Augusta. Das erste Stndchen Weg war
schn und ziemlich gut bebaut: aber sodann war einige Stunden nichts als
Wildni, wo rund umher Oleaster, fette Asphodelen und Kleebume wuchsen.
Eine starke Stunde vor Augusta fing die Kultur wieder an, und hier ist
sie vielleicht am besten auf der ganzen Insel. Der Wein, den ich hier
sah, wird ganz dicht am Boden alle Jahre weggeschnitten, und die einzige
Rebe des Jahres giebt die Ernte. Das kann nun wohl nur hier in diesem
Boden und unter diesem Himmel geschehen. Es ist ein eigenes Vergngen,
die Verschiedenheit des Weinbaues von Meien bis nach Syrakus zu sehen;
und wenn ich ein weingelehrter Mann wre, htte ich viel lernen knnen.
Die Landzunge, auf welcher Augusta liegt, mit der Gegend einige Stunden
umher, gehrt zu dem ppigsten Boden der Insel. Vor der Stadt machte man
Salz aus Seewasser, zu welcher Operation man einen groen Strich todtes
Erdreich brauchte. Nirgends habe ich so schwelgerische Vegetation
gesehen, als in dieser Gegend. Die Stadt ist ringsum vom Meere umgeben,
und es fhrt nur eine ziemlich feste Brcke hinber. Von der Landseite
ist der Ort also gut genug vertheidigt, und es wrde eine frmliche
Belagerung dazu gehren, ihn zu nehmen. Von der Seeseite scheint das
nicht zu seyn. Die wenigen Werke nach dem Wasser zu wollen nicht viel
sagen. Die Stadt selbst ist nicht viel kleiner, als die Insel Ortygia,
oder das heutige Syrakus. Ich wurde zum Stadthauptmann gefhrt, der
meinen Pa besah, und mir ihn sogleich ohne Umstnde mit vieler
Hflichkeit zurckgab. Hier wurde ich, aus meinem Passe, Don Juan
getauft, welchen Namen ich sodann auf dem brigen Wege durch die ganze
Insel bei allen Mauleseltreibern durch Ueberlieferung behielt. Der
Gouverneur, oder Stadthauptmann, was er seyn mochte -- denn ich habe
mich um seinen Posten weiter nicht bekmmert -- bewirthete mich mit dem
berhmten Syrakusischen Muskatensekt, den endlich dieser Herr wohl gut
haben mu, und mit englischem Ale und Biscuit. Das Ale war gut, und das
Biscuit besser; und ber den Wein habe ich keine Stimme. Mir war er zu
stark und zu s. Ein Perrukenmacher, der in dem Hause des
Stadthauptmanns war, fhrte mich gerades Weges in sein eigenes,
bewirthete mich ziemlich gut, und lie mich noch besser bezahlen. Dafr
wurde ich aber so viel beexcelenzt, als ob ich der erste Ordensgeneral
wre, der den groen pbstlichen Abla auf hundert Jahre herumtrge. Man
erzhlte mir, da vor einigen Monaten ein Deutscher mit seiner Frau aus
Malta durch Sturm hier einzulaufen genthigt worden sei, und, da er
keinen Pa gehabt, zwanzig Tage habe hier bleiben mssen, bis man Befehl
von Palermo eingeholt habe. Solche Guignons knnen eintreten!

Um nicht noch einmal in den Bergen herumzuirren, nahm ich nun endlich
einen Maulesel mit einem Fhrer hierher nach Syrakus. Ich hatte eine
groe Strecke Weges an dem Meerbusen wieder zurckzumachen. So lange ich
mich in der Gegend von Augusta befand, war die Kultur ziemlich gut; aber
so wie wir Syrakus nher kamen, ward es immer wster und leerer. Der
Aetna, der ber die andern Berge hervorragte, rauchte in der schnen
Morgenluft. Der Mauleseltreiberpatron hatte mir zum Fhrer einen kleinen
Buben mitgegeben, der sich, sobald wir heraus waren, auf die Kruppe
schwang, mir einen kleinen eisernen Stachel zum Sporn gab, und so mit
mir und dem Maulesel ber die Felsen hintrabte. Diese Thiere hren auf
nichts, als diesen Stachel, der ihnen, statt aller brigen Treibmittel
am Halse applicirt wird. Wenn es nicht recht gehen wollte, rief der
kleine Mephistopheles hinter mir: ^Pungete, Don Juan, sempre pungete.^
Siehst Du, so kurz und leicht ist die Weisheit der Mauleseltreiber und
der Politiker. Das scheint das Schiboletchen aller Minister zu seyn. Wie
der Hals des Staats sich bei dem Stachel befindet, was kmmert das die
Herren? Wenn es nur geht, oder wenigstens schleicht. Mein kleiner Fhrer
erzhlte mir hier und da Geschichten von Todschlgen, so wie wir an den
Bergen hinritten. Rechts lieen wir die Stadt Melitta liegen, die auf
einer Anhhe des Hybla noch eine ziemlich angenehme Erscheinung macht.
Sonst ist der Berg ziemlich kahl. Acht Millien von Syrakus frhstckte
ich an der Feigenquelle, wo der Feigen sehr wenig, aber viel sehr schne
Oelbume waren, fast der Halbinsel Thapsus gegenber. Nun trifft man
schon hier und da Trmmern, die zwar noch nicht in dem Bezirk der alten
Stadt selbst, aber doch in ihrer Nhe liegen. Noch einige Millien weiter
hin ritt ich den alten Weg durch die Mauer des Dionysius herauf, und
befand mich nun in der ungeheuren Ruine, die jetzt eine Mischung von
magern Pflanzungen, kahlen Felsen, Steinhaufen und elenden Husern ist.
Als ich in der Gegend der alten Neapolis zwischen den Felsengrbern war,
dankte ich meinen Fhrer ab, und spazierte nun zu Fue weiter fort. Der
Bube war gescheidt genug, mir einen Gulden ber den Akkord abzufordern.
In Syrakus ging ich durch alle drei Thore der Festung als Spaziergnger,
ohne da man mir eine Sylbe sagte: auch bin ich nicht weiter gefragt
worden. Das war doch eine artige stillschweigende Anerkennung meiner
Qualitt. Den Spaziergnger lt man gehen.

                 Druck von B. G. Teubner in Leipzig.

                            J. G. Seume's
                          smmtliche Werke.

                  Vierte rechtmige Gesammtausgabe
                           in acht Bnden.

                            Zweiter Band.

                               Leipzig,
                       Joh. Friedr. Hartknoch.
                                1839.




                       Spaziergang nach Syrakus
                            im Jahre 1802.
                            Zweiter Theil.




                                                            _Syrakus._


                    Heute will ich frhlich, frhlich seyn,
                    Keine Weise, keine Sitte hren,
                    Will mich wlzen und vor Freude schrein:
                    Und der Knig soll mir das nicht wehren.

So singt Asmus den ersten Mai in Wandsbeck; so kann ich doch wohl vier
Wochen frher, den ersten April, in Syrakus singen; so froh bin ich; ob
ich gleich vor einigen Stunden beinahe in dem Syrakasumpfe ersoffen oder
erstickt wre. Wo fange ich an? Wo hre ich auf? Wenn man in Syrakus
nicht weit von der Arethuse sitzt und einem Freunde im Vaterlande
schreibt, so strmen die Gegenstnde auf den Geist: vergieb mir also ein
Bichen Unordnung!

So wie ich zum Thore herein war und eine Strae herauf schlenderte, --
wohl zu merken, mein Sack hielt keine groe Peripherie, und ich konnte
ihn mit seinem Inhalt leicht in den Taschen verbergen -- so rief mir ein
Mann aus einer Bude zu: ^Vous tes tranger, Monsieur, et Vous cherchez
une auberge? -- Vous l'avez touch, Monsieur!^ sagte ich. ^Ayez la
bont d'entrer un peu dans mont atelier: j'aurai l'honneur de Vous
servir.^ Ich trat ein. Der Mann war ein Hutmacher, Franzose von Geburt,
und schon seit vielen Jahren ansssig in Syrakus. Er begleitete mich in
ein ziemlich leidliches Wirthshaus, das auch Landolina nachher als das
beste nannte. Die Nahrung, wenigstens das Hutmachen ist in Syrakus so
schlecht, da mein Franzose es gern zufrieden war, bei mir so ein
Mittelding von Haushofmeister und Cicerone zu machen. Ich traf Landolina
das erste Mal nicht; er war auf einem Landgute. In einer Festung kann
ich doch gutwillig nicht bleiben, wenn man mich nicht einsperrt; ich
lief also hinaus an den Hafen, nmlich an den groen, oder an den
Meerbusen; denn der kleinere auf der andern Seite nach den Steinbrchen
zu hat jetzt nichts Merkwrdiges mehr, so viel auch Agathokles Marmor
daran verschwendet haben soll. Ich ging gerade fort ber den Anapus,
weit hinber ber das Olympeum, und wre vielleicht bis an die andere
Abtheilung des Berges hinunter gegangen, wenn der Tag nicht schon zu
tief gewesen wre. Ich bin doch schon ziemlich weit gegen Sden
gewandelt; denn, wenn ich nicht irre, so segelte in den punischen
Kriegen der Rmer Otacilius von hier aus nach Afrika, machte groe Beute
in Utika, und war den dritten Abend wieder zurck. Ob Syrakus oder
Lilybum der Ort war,[11] von dem er ausfuhr, darber wird Dir Dein
Livius Bescheid geben: wer kann alles behalten? Du siehst doch, da ich,
wenn ich sonst nur ein chter Weidmann wre, in einigen Tagen die
Jagdpartie des frommen Aeneas und der Frau Dido mitmachen knnte.

Plemnyrium liegt hier vor mir und sieht sehr wild aus, und hat jetzt
durchaus nichts mehr, das nur einen Spaziergang werth wre. Eine zweite
Sumpfgegend hielt mich auf; sonst wre ich doch wohl noch etwas weiter
gegangen. Auf dem Rckwege setzte ich mich ein Viertelstndchen an die
zwei Sulen, die fr die Ueberreste von dem Tempel des Jupiter Olympius
gelten. Es versteht sich, da die Tempel des Gttervaters meistens auch
eine schne Aussicht gewhren; hier ist sie herrlich. Indem ich sie
geno, setzte ich mich in die Zeit zurck, wo Dionysius eben so
willkhrlich den Haushofmeister der Olympier, als den Zuchtmeister der
Sterblichen machte. Und die Geschichte des Mantels und Bartes ist eben
so charakteristisch als des Dichters, der seine Verse nicht loben
wollte. Als ich wieder ber den Anapus herber war, dachte ich gerade
nach Neapolis heraus zu schneiden und so einen etwas andern Weg zurck
zu nehmen. Die Sonne stand noch nicht ganz am Rande, ich sahe alles vor
mir und dachte den Gang noch recht bequem zu machen. Aber o Syraka!
Syraka! An solchen Orten sollte man durchaus mit der Charte in der Hand
gehen. Ehe ich mirs versah, war ich im Sumpfe; ich dachte es zu zwingen
und kam immer tiefer hinein: ich dachte nun rechts umzukehren, um keinen
zu groen Umweg zu machen: und da fiel ich denn einige Mal bis an den
Grtel in noch etwas Schlimmeres als Wasser. Es ward Abend, und ich
frchtete, man mchte das Thor schlieen; wo man denn eben so
unerbittlich ist, als in Hamburg. Endlich arbeitete ich mich doch mit
vielem Schwei in einem nicht gar erbaulichen Aufzug wieder auf den Weg,
und kam so eben vor Thorschlu herein. Mein Franzose, der auf mich in
meinem Wirthshause wartete, war schon meinetwegen in Angst, und erzhlte
mir nun Wunderdinge von dem Sumpfe. Vor einiger Zeit, als die Franzosen
hier waren, hatten einige Offiziere gejagt. Einer der Herren verluft
sich auf einem kleinen Abstecher in den Syraka, denkt wie ich, ist aber
nicht so glcklich, und sinkt bis fast unter die Arme hinein. Er kann
sich nicht herausbringen, ruft umsonst, und feuert mit seinem Gewehr um
Hlfe: darauf kommen seine Kameraden, und mssen ihn nach vielem
vergeblichen Rekognosciren von allen Seiten mit Stricken herausziehen.
La Dir es also nicht einfallen, wenn Du rechts am Anapus spazieren
gehest, gerade hinber nach der schnen Anhhe zu gehen: bleib hbsch
auf dem Wege; sonst kommst Du, wie wir in eine schmutzige Tiefe, in den
Syraka.

                   *       *       *       *       *

Eben komme ich von einem Spazierritte mit Landolina zurck. Der Mann
verdient ganz das enthusiastische Lob, das ihm mehrere Reisende geben:
ich habe es an mir erfahren. Er ist einige Mal mit wahrhaft
freundschaftlicher Theilnahme mit mir weit herum geritten und gegangen.
Du weit, da er Ritter ist, und er hatte versprochen, mich zu Pferde in
meinem Quartier abzuholen. Ich hatte mir also auch einen ordentlichen
Gaul bestellt, so stattlich als man ihn in Syrakus finden konnte, um dem
Manne durch meine zu barocke Kavalkade nicht Schande zu machen. Wir
ritten weit hinaus bis nach Epipol, wo wir unsre Pferde lieen und nach
den uersten Festungswerken der alten Stadt ber viele Felsen zu Fue
gingen. Hier besah ich mit dem besten Fhrer, den Du vermuthlich in ganz
Sicilien in jeder Rcksicht finden kannst, die Schlsser Labdalum und
Euryalus. Die ausfhrlichere Beschreibung mit dem Plan magst Du bei
Barthels sehen: alles wrde doch bei mir, wie bei ihm, Landolina
gehren. Wir waren schon weit umher gestiegen, und setzten uns hier auf
eine der hchsten Stellen der alten Festung nieder, um rund um uns her
zu schauen. Ich halte dieses halbe Stndchen fr eines der schnsten,
die ich genossen habe, wenn ich nur die Melancholie herauswischen
knnte, die fr die Menschheit darin war. Von dieser Spitze bersah man
die ganze groe ungeheure Flche der ehemaligen Stadt, die nun halb als
Ruine und halb als Wildni da liegt. Rechts hinunter zog sich die alte
Mauer nach Neapolis, dem Syraka und dem Hafen; links hinab ging bis ans
Meer die gegen vier Millien lange berhmte neuere Mauer, welche
Dionysius in so kurzer Zeit gegen die Karthager auffhren lie. Von
beiden sieht man noch den Gang durch die Trmmern, und hier und da noch
mchtige Werkstcke aufgefgt. Tief hinunter nach der Insel, die jetzt
das Stdtchen ausmacht, liegen die Scenen der Gre des ehemaligen
Syrakus, die nunmehr kaum das Auge auffindet. Rechts kommt der Anapus in
dem Thale zwischen den Bergen hervor, und weiter hin jenseits zieht sich
eine lange Kette des Hybla rund um die Erdspitze herum. Hinter uns lag
der ^mons crinitus^, wo die Athenienser bei der unglcklichen
Unternehmung gegen Sicilien standen. Dort unten rechts an der alten
Mauer, welche die Herren von Athen umsonst angriffen, stand das Haus des
Timoleon, wo man bei der kleinen Mhle noch die Trmmer zeigt. Links
hier unten brach Marcellus herein, drang dort hervor bis in die Gegend
des kleinen Hafens, wo der schpferische Geist Archimeds mit dem Feuer
des Himmels seine Schiffe verzehrte; dort stand er im Lager und wagte es
lange nicht weiter zu gehen, weil er sich hier vor der starken Besatzung
der Auenwerke in Epipol frchtete. Dort weiter links hinunter auf der
Ebene liegt der Acker, den der Verrther erhielt, welcher die Rmer
fhrte. Weiter hinab lag Thapsus, und in der Ferne Augusta, jenseit
eines andern Meerbusens. Hier htte ich Tage lang sitzen mgen, mit dem
Thucydides und Diodor in der Hand. Diese Schlsser sind vielleicht das
Wichtigste, was wir aus dem Kriegswesen der Alten noch haben: und wenn
sich ein Militr von Kenntnissen und Genie Zeit nehmen wollte, sie zu
untersuchen, es wrde eine angenehme, sehr lehrreiche Unterhaltung
werden. Die Werke sind von ziemlichem Umfang, und die Neuern haben an
Soliditt und Gre schwerlich etwas Aehnliches aufzuweisen. Wenn sie
nicht etwas zu weit von der Stadt lgen, wrden sie derselben von
unendlichem Nutzen gewesen seyn. Aber so waren es durch die Lage blo
sehr feste Auenwerke, deren Wichtigkeit vorzglich der peloponnesische
Krieg gezeigt hatte. Die Athenienser hatten die Mauer rechts von der
Seite des Anapus nicht zwingen knnen: ihre Anzahl war vermuthlich zu
geringe, und sie hatten keinen Alcibiades zum Fhrer mehr. Die Rmer
drangen durch die groe Linie links. Wre diese Linie krzer gewesen,
oder mit andern Worten, htte die Hauptbefestigung nicht zu weit hinaus
gelegen; es wre vielleicht dem Marcellus, trotz der Verrtherei, nicht
gelungen. Jede Dehnung schwcht, wo man sie nicht in der offenen
Schlacht zum Manver benutzen kann.

Jetzt sitze ich hier und lese den Theokrit in seiner Vaterstadt. Ich
wollte, Du wrst bei mir und wir knnten das Vergngen theilen, so wrde
es grer werden. Mein eignes Exemplar hatte ich, um ganz leicht zu
seyn, aus Unachtsamkeit mit in Palermo gelassen, bat mir ihn also von
Landolina aus. Dieser gab mir mit vieler Artigkeit die Ausgabe eines
Deutschen, unseres Stroth: und dieses nmliche Exemplar war ein Geschenk
von Stroth an Mnter, und von Mnter an Landolina, und ich las nun darin
an der Arethuse. Der Ideengang hat etwas Magisches. -- Sei nur ruhig!
ich habe jetzt zu viel Vergngen dabei und meine Stiefelsohlen sind noch
ganz; Du sollst hier mit keiner Uebersetzung geplagt werden.

Auch heute komme ich von einem Spaziergange mit Landolina zurck. Wir
waren nur in der Nhe, in der alten Neapolis, die aber wirklich das
Interessanteste der alten Ueberreste enthlt. Die Antiquare sind dem
unermdeten patriotischen Eifer Landolinas unendlich viel schuldig. Er
hat eine Menge Sulen des alten Forums wieder aufgefunden, welche die
Lage desselben genauer bestimmen. Es lag natrlich gleich an dem Hafen,
und besteht jetzt meistens aus Grten und einem offenen Platze, gleich
vor dem jetzigen einzigen Landthore. Etwas rechts weiter hinauf hat
Landolina das rmische Amphitheater besser aufgerumt und hier und da
Korridore zu Tage gefrdert, die jetzt zu Mauleseleien dienen. Die Rmer
trugen ihre blutigen Schauspiele berall hin. Die Arena giebt jetzt
einen schnen Garten mit der ppigsten Vegetation. Weiter rechts hinauf
ist das alte groe griechische Theater, fast rund herum in Felsen
gehauen. Rechts, wo der natrliche Felsen nicht weit genug hinaus
reichte, war etwas angebaut, und dort hat es natrlich am meisten
gelitten. Die Inschrift, ber deren Aechtheit und Alter man sich zankt,
ist jetzt noch ziemlich deutlich zu lesen. Es lt sich viel dawider
sagen, und sie beweist wohl weiter nichts als die Existens einer
Knigin, Philistis, von welcher auch Mnzen vorhanden sind, von der aber
die Geschichte weiter nichts sagt. Die Wasserleitung geht nahe am
Theater weg; vermuthlich brachte sie ehemals auch das Wasser hinein. Die
Leute waren etwas nachlssig gewesen, so da ein Zug Wasser gerade auf
den Stein der Inschrift flo, die etwas mit Gestruchen berwachsen war.
Landolina gerieth darber billig in heftigen Unwillen, schalt den Mller
und lie es auf der Stelle abndern. Gegenber steht eine Kapelle an dem
Orte, wo Cicero das Grab des Archimedes gefunden haben will. Wir fanden
freilich nichts mehr: aber es ist doch schon ein eignes Gefhl, da wir
es finden wrden, wenn es noch da wre, und da vermuthlich in dieser
kleinen Peripherie der groe Mann begraben liegt. Nun gingen wir durch
den Begrbniweg hinauf und oben rechts herum, auf der Flche von
Neapolis fort. Es wrde zu weitlufig werden, wenn ich Dir alle die
verschiedenen Gestalten der kleinen und grern Begrbnikammern
beschreiben wollte. Wir gingen zu den Latomien und zwar zu dem
berchtigten Ohre des Dionysius. Akustisch genug ist es ausgehauen und
man hat ihm nicht ohne Grund diesen Namen gegeben. Ein Blttchen Papier,
das man am Eingange zerreit, macht ein betubendes Gerusch, und wenn
man stark in die Hand klatscht, giebt es einen Knall, wie einen
Bchsenschu, nur etwas dumpfer. Wir wandelten durch die ganze Tiefe,
und darin hin und her. Landolina zeigte mir vorzglich die Art, wie es
ausgehauen war, die ich Dir aber als Laie nicht mechanisch genau
beschreiben kann. Man hob sich von unten hinauf auf Gersten, wovon man
noch die Vertiefungen in dem Felsen sieht, und erhielt dadurch eine
Hhlung von einem etwas schneckenfrmigen Gang, der ihm wohl vorzglich
die lange Dauer gesichert hat. Bei Neapel habe ich, wenn ich nicht irre,
etwas Aehnliches in den Steingruben des Posilippo bemerkt. Nirgends ist
aber die Methode so vollendet ausgearbeitet, wie hier in diesem Ohre. Ob
Dionysius dasselbe habe hauen lassen, liee sich noch bezweifeln,
obgleich Cicero der Meinung zu seyn scheint; aber da er es zu einem
Gefngnisse habe einrichten lassen, hat wohl seine Richtigkeit. Cicero
nennt es einen schrecklichen Kerker. Hin und wieder sieht man noch Ringe
in dem Felsen, in der Hhe und an dem Boden, und auch einige
durchbrochene Hhlungen, in denen Ringe gewesen seyn mgen. Diese gelten
fr Maschinen, die Gefangenen anzuschlieen. Wer kann darber etwas
bestimmen? Oben am Eingange ist das Kmmerchen, welches ehemals fr das
Lauschepltzchen des Dionysius galt. Es gehrt jetzt viel Maschinerie
dazu, von unten hinauf, oder von oben herab dahin zu kommen. Ich bin
also nicht darin gewesen. Landolina erklrt das Ganze fr eine Fabel,
die Tzezes zuerst erzhlt habe. Dieses Behltni hat durch Erdbeben sehr
gelitten; an der tiefen Hhle selbst aber, oder an dem eigentlichen
Ohre, ist kein Schade geschehen. Gleich am Eingange hat Landolina eine
eingestrzte Treppe entdeckt, die er mir zeigte. Die Stufen in den
zusammengestrzten Felsenstcken sind zu deutlich; und es lt sich wohl
etwas Anderes nicht daraus machen, als eine Treppe. Man nimmt an, diese
habe durch einen verdeckten Gang in das Gefngni gefhrt, durch welche
der Tyrann selbst Gefangene von Bedeutung hierher brachte. Mit dem
Dichter, der seine Verse nicht loben wollte, wird er wohl nicht so viel
Umstnde gemacht haben. Landolina sagte mir, er habe sich vor einigen
Jahren durch Maschinen mit einigen Englndern in das obere kleine
Behltni bringen lassen und eine Menge Experimente gemacht; man hre
aber nichts, als ein verworrenes dumpfes Gerusch.

Die Spiebrger von Syrakus lassen sich aber den hbschen Roman nicht so
leicht nehmen; und gestern Abend rsonnirte einer von ihnen gegen mich
bei einer Flasche Syrakuser verfnglich genug darber ungefhr so: Wozu
soll das Kmmerchen oben gewesen seyn? Zum Anfange einer neuen
Steingrube, wozu man es gewhnlich machen will, ist es an einem sehr
unschicklichen Orte, und rund umher sind weit bessere Stellen. Die
Treppe, welche Landolina selbst entdeckt hat, fhrt gerade dahin; kann
nach der Lage nirgends anders hinfhren. Wenn man jetzt oben nichts
deutlich mehr hrt, so ist das kein Beweis, da man ehedem nichts
deutlich hrte, die Erdbeben haben an dem Eingange Vieles zertrmmert
und eingestrzt, also auch sehr leicht die Akustik verndern knnen. Man
sagt, Dionysius habe in dieser Gegend der Stadt keinen Palast gehabt.
Zugegeben, da dieses wahr sei, so war dieses desto besser fr ihn,
allen Argwohn seiner nahen Gegenwart zu entfernen. Er konnte dewegen
bei wichtigen Vorfllen sich immer die Mhe geben von Epipol hierher zu
kommen und zu hren; ein Tyrann ist durch seine Spione und Kreaturen
berall. Dionysius war keiner von den bequemen sybaritischen
Volksqulern. Damit lugne ich nicht, da er drauen in Epipol noch
mehrere Gefngnisse mag gehabt haben: man hatte in Paris weit mehrere,
als wir hier in Syrakus. Ich berlasse es den Gelehrten, die Grnde des
ehrlichen Mannes zu widerlegen; ich habe nichts von dem Meinigen hinzu
gethan. Mir ducht, fr einen Brger von Syrakus schliet er nicht ganz
bel.

In dem Vorhofe des sogenannten Ohres treiben jetzt die Seiler ihr Wesen,
und vor demselben sind die Intervallen der Felsenklfte mit kleinen
Grten, vorzglich von Feigenbumen, romantisch durchpflanzt. Weiter hin
ist ein anderer Steinbruch, der einer wahren Feerei gleicht. Er ist von
einer ziemlichen Tiefe, durchaus nicht zugnglich, als nur durch einen
einzigen Eingang nach der Stadtseite, den der Besitzer hat verschlieen
lassen. Von oben kann man das ganze kleine magische Etablissement
bersehen, das aus den niedlichsten Partien von inlndischen und
auslndischen Bumen und Blumen bestehet. Die Pflaumen standen eben
jetzt in der schnsten Blthe, und ich war berrascht, hier den
vaterlndischen Baum zu finden, den ich fast in ganz Sicilien nicht
weiter gesehen habe. Er braucht hier in dem heieren Himmelsstrich den
Schatten der Tiefe. Das Vorzglichste, was ich mit Landolina auf diesem
Gange noch sah, war ein tief verschttetes altes Haus, dessen Dach
vielleicht ursprnglich sich schon unter der Erde befand. Das Eigene
dieses Hauses sind die mit Kalk gefllten irdenen Rhren in der
Bekleidung und Dachung, ber deren Zweck die Gelehrten durchaus keine
sehr wahrscheinliche Konjektur machen knnen. Vielleicht war es ein Bad,
und der Eigenthmer hielt dieses fr ein Mittel, es trocken zu halten,
da diese Rhren vermuthlich Luft von auen empfingen und die
Feuchtigkeit der Wnde mit abzogen. Der enge Raum und die innere
Einrichtung sind fr diese Vermuthung des Landolina. Nicht weit davon
ist eine alte Presse fr Wein oder Oel in Felsen gehauen, die noch so
gut erhalten ist, da, wenn man wollte, sie mit wenig Mhe in Gang
gesetzt werden knnte.

Bei den Kapuzinern am Meere, in der Gegend des kleinen Marmorhafens,
sind die groen Latomien, die vermuthlich die furchtbaren Gefngnisse
fr die Athenienser im peloponnesischen Kriege waren. Ich bin einigemal
ziemlich lange darin herumgewandelt. Die Mnche haben jetzt ihre Grten
darin angelegt, aus denen noch eben so wenig Erlsung seyn wrde. Man
knnte sie noch heut zu Tage zu eben dem Behuf gebrauchen, und zehn Mann
knnten ohne Gefahr zehntausend ganz sicher bewachen. Der Gebrauch zu
Gefngnissen im Kriege mag sich auch nicht auf das damalige Beispiel
eingeschrnkt haben; dieses war nur das grte, frchterlichste und
grlichste. Die Mnche bewirtheten mich mit schnen Orangen, und
bedauerten, da die Englnder schon die besten alle aufgegessen und
mitgenommen htten, sagten aber nicht dabei, wie viel das Kloster
Geschenke dafr erhalten haben mag: denn man bezahlt gewhnlich
dergleichen Hflichkeit ziemlich theuer. Hier hat man einen hnlichen
Gang, wie das Ohr des Dionysius; er ist aber nicht ausgefhrt worden,
weil man vermuthlich den Stein zu dem Behufe nicht tauglich fand. Man
kann stundenlang hier herum spaziren, und findet immer wieder irgend
etwas Groteskes und Abenteuerliches, das man noch nicht gesehen hat.
Wenn man nun die alte Geschichte zurckruft, so erhlt das Ganze ein
sonderbares Interesse, das man vielleicht an keinem Platze des Erdbodens
in diesem Grade wieder findet. Besonders rhrend war mir hier an Ort und
Stelle die bekannte Anekdote, da viele Gefangene sich aus der
schrecklichen Lage blo durch einige Verse des Euripides erls'ten: und
mir ducht, ein schneres Opfer ist nie einem Dichter gebracht worden.

In dem heutigen Syrakus, oder dem alten Inselchen Ortygia ist jetzt
nichts Merkwrdiges mehr, als der alte Minerventempel und die Arethuse.
Diese Quelle ist, wenn man auch mit keiner Sylbe an die alte Fabel
denkt, bis heute noch eine der schnsten und sonderbarsten, die es
vielleicht giebt. Wenn sie auch nicht vom Alpheus kommt, so kommt sie
doch gewi von dem festen Boden der Insel; und schon dieser Gang ist
wundersam genug. Wo einmal etwas da ist, kommt es den Dichtern auf
einige Grade Erhhung nicht an, zumal den Griechen. Ich habe bei
Landolina eine ganze ziemlich lange Abhandlung ber die Arethuse
gesehen, die er mit vieler Gelehrsamkeit und vielem Scharfsinn aus der
ganzen Peripherie der griechischen und lateinischen Literatur von den
ltesten Zeiten bis auf den heutigen Tag zusammengetragen hat. In
Sicilien und Italien dankt ihm jetzt Niemand fr diese Arbeit: es wre
aber fr die brigen Lnder von Europa zu wnschen, da sie bekannter
wrde. Vielleicht lt er sie noch in Florenz drucken. Mehreres davon
ist durch seine Freunde schon im Auslande bekannt. Er hat eine Menge
sonderbarer Erscheinungen an der Quelle bemerkt, die mit dem Wasser des
Alpheus Analogie haben, und die vielleicht zu der Fabel Veranlassung
geben konnten. Sie quillt zuweilen roth, nimmt zuweilen ab und bleibt
zuweilen ganz weg, da man trocken tief in die Hhle hineingehen kann;
und dieses zu einer Zeit, wo sie nach den gewhnlichen physischen
Wetterberechnungen strker quellen sollte: sie vertreibt Sommersprossen,
welches selbst Landolina zu glauben schien. Durch diese Gabe mu die
Nymphe nothwendig schon die Gttin der Damen werden. Aehnliche
Erscheinungen will man an dem Alpheus bemerkt haben. Nun kamen die
Griechen von dort herber, und brachten ihre Mythen und ihre Liebe zu
denselben mit sich auf die Insel; so war die Fabel gemacht: das Andenken
des vaterlndischen Flusses war ihnen willkommen. Die neueste
Vernderung mit der Quelle findet man, ducht mir, noch in Barthels zum
Nachtrage in einem Briefe, der hchst wahrscheinlich auch von Landolina
ist. Seitdem ist das Wasser s geblieben, heit es. Ich fand eine Menge
Wscherinnen an der reichen, schnen Quelle. Das Wasser ist gewhnlich
rein und hell, aber nicht mehr, wie ehemals, ungewhnlich schn. Ich
stieg so tief als mglich hinunter und schpfte mit der hohlen Hand: man
kann zwar das Wasser trinken, aber s kann man es wohl kaum nennen; es
schmeckt noch immer etwas brackisch, wie das meiste Wasser der Brunnen
in Holland. Die Vermischung mit dem Meere mu also durch die neueste
Vernderung noch nicht gnzlich wieder gehoben seyn. Alles Wasser auf
der kleinen Insel hat die nmliche Beschaffenheit, und gehrt
wahrscheinlich durchaus zu der nmlichen Quelle. In der Kirche Sankt
Philippi ist eine alte tiefe, tiefe Gruft mit einer ziemlich bequemen
Wendeltreppe hinab, wo unten Wasser von der nmlichen Beschaffenheit
ist; nur fand ich es noch etwas salziger; das mag vielleicht von der
groen Tiefe und dem bestndig verschlossenen Raum herkommen. Landolina
hlt es fr das alte Lustralwasser, welches man oft in griechischen
Tempeln fand. Sehr mglich; es lt sich gegen die Vermuthung nichts
sagen. Aber kann es nicht eben sowohl ein gewhnlicher Brunnen zum
ffentlichen Gebrauche gewesen seyn? Er hatte unstreitig das nmliche
Schicksal mit der Arethuse in den verschiedenen Erderschtterungen. Man
wei, die Insel machte bei den alten Tyrannen von Syrakus die
Hauptfestung aus. Man hatte auer der Arethuse wenig Wasser in den
Werken. Diese schne Quelle liegt am Meere und war sehr bekannt. Der
Feind konnte Mittel finden, sie zu nehmen, oder zu verderben. War der
Gedanke, sich noch einen Wasserplatz auf diesen Fall zu verschaffen und
ihn vielleicht geheim zu halten, nicht sehr natrlich? Ich will die
Vermuthung nicht weiter verfolgen und eben so wenig hartnckig
behaupten. Das Wasser als Lustralwasser konnte nebenher auch diese
politische Reservebestimmung haben.

Als ich hier in der Kirche sa, die eben ausgebessert wird, und den
Schlssel zur erwhnten Gruft erwartete, gesellte sich ein
neapolitanischer Officier zu mir, der ein Franzose von Geburt und schon
ber zwanzig Jahre in hiesigen Diensten war. Er sprach recht gut Deutsch
und hatte ehemals mehrere Reisen durch verschiedene Lnder von Europa
gemacht. Wenn man diesen Mann von der Regierung und der Kirchendisciplin
sprechen hrte -- man htte Feuer vom Himmel zur Vertilgung der Schande
flehen mgen. Alles besttigte seine Erzhlung, und bsartige
Unzufriedenheit und Murrsinn schien nicht in dem Charakter des Mannes zu
liegen. Vorzglich war die Unzucht der rmischen Kirche, nach seiner
Aussage, ein Gruel, wie man ihn in dem weggeworfensten Heidenthume
nicht schlimmer finden konnte. Blutschande aller Art ist in der Gegend
gar nichts Ungewhnliches und wird mit einem kleinen Ablagelde nicht
allein abgebt, sondern auch ungestraft fortgesetzt. Der Beichtstuhl
ist ein Kuppelplatz, wo sich der Klerus fr eine gemessene, oft kleine
Belohnung sehr leicht zum Unterhndler hergiebt, wenn er nicht selbst
Theilnehmer ist. Wer profane Schwierigkeiten in seiner Liebschaft
findet, wendet sich an einen Mnch, oder sonstigen Geistlichen, und die
ehrsamste sprdeste Person wird bald gefllig gemacht. Der Mann sprach
davon dem Altare gegenber, wie von gewhnlichen Dingen, die Jedermann
wisse, und nannte mir mit groer Freimthigkeit zu seinen Behauptungen
Namen und Beispiele, die ich gern wieder vergessen habe. Ich erzhle die
Thatsache, und berlasse Dir die Glossen.

Minerva hat, in ihrem Tempel, der heiligen Lucilie Platz machen mssen.
Man hat das Gebude nach der gewhnlichen Weise behandelt, und aus einem
sehr schnen Tempel eine ziemlich schlechte Kirche gemacht. Das Ganze
ist verbaut, so da nur noch von innen und auen der griechische
Sulengang sichtbar ist. Das Frontispice ist nach dem neuen Styl schn
und gro, sticht aber gegen die alte griechische Einfachheit nicht sehr
vortheilhaft ab.

Bald wre ich heute unschuldigerweise Veranlassung eines Unglcks
geworden. Ein Kastrat, der in der Kathedralkirche singt und nicht mehr,
als sechzig Piaster jhrlich hat, war mein Gast in dem Wirthshause, weil
er sehr freundlich war und ein sehr gutmthiger Kerl zu seyn schien. Ein
Geiger, sein Nebenbuhler, neckte ihn lange mit allerhand Sarkasmen ber
seine Zuthulichkeit, und kam endlich auch auf einen eigenen eigentlichen
topischen Fehler seiner Natur, an dem der arme Teufel wohl ganz
unschuldig war, da ihn Andere vermuthlich ohne seine Beistimmung an ihm
gemacht hatten. Darber gerieth das entmannte Bild pltzlich so in Wuth,
da er mit dem Messer auf den Geiger zuscho und ihn erstochen haben
wrde, wre dieser durch die Anwesenden nicht sogleich fortgeschafft
worden. Auch der Snger konnte die Aergerni durchaus nicht verdauen und
entfernte sich.

Eben sitze ich hier bei einem Gericht Aale aus dem Anapus, die hier fr
eine Delikatesse der Domherren gelten, und die ich also wohl eben so
verdienstlos verzehren kann. Ich habe sie selbst auf dem Flusse gekauft
und halb mit gefischt. Ich fuhr nmlich heute Nachmittags mit meinem
Franzosen ber den Hafen den Anapus hinauf, um das Papier zu suchen. Das
Papier fand ich auf der Cyane links bald in einer solchen Menge, da wir
das Boot kaum durcharbeiten konnten: aber die schne Quelle der Cyane
konnte ich nicht erreichen. Es war zu spt; wir muten frchten
verschlossen zu werden und kehrten zurck. Das rgerte mich etwas; ich
htte frher fahren mssen. Das Wasser ging hoch und wir kamen noch eben
wieder zum Schlusse an. Hier am Hafen wollten einige Kche der hiesigen
Schmecker mir durchaus meine Beute abhandeln und boten gewaltig viel fr
meine Aale, machten auch Anstalt sich derselben provisorisch zu
bemchtigen, als ob das so Regel wre: ich hielt aber den Fang fest und
sagte bestimmt, ich wollte hier in Syrakus meine Aale aus dem Anapus
essen, und wrde sie weder dem Bischof, noch dem Statthalter, noch dem
Knig selbst geben, wenn er sie nicht durch Grenadire nehmen liee. Die
Leute beguckten mich und lieen mich abziehen. Ueber das Papier selbst
und des Landolina Art es zuzubereiten habe ich nichts hinzuzufgen: ob
ich gleich glaube in den bisherigen Beschreibungen der Pflanze, zwar
keine Unrichtigkeiten, aber doch einige Unvollstndigkeit entdeckt zu
haben. Die Sache ist indessen zu unwichtig. Unser schlechtestes
Lumpenpapier ist immer noch besser, als das beste Papier, das ich von
der Pflanze vom Nil und aus Sicilien gesehen habe. Wir knnen nun das
Sumpfgewchs und den Kommentar des Plinius darber entbehren; es hat nur
noch das Interesse des Alterthums.

Eine drollige Anekdote darf ich Dir noch mittheilen, welche die
gelehrten Spher und Seher betrifft, und die mir der besten einer unter
ihnen, Landolina selbst, mit vieler Jovialitt erzhlte, als wir nach
einem Spaziergange in dem alten griechischen Theater saen und
ausruhten. Landolina machte mit einer fremden Gesellschaft, von welcher
er einen unserer Landsleute, ich glaube den Baron von Hildesheim,
nannte, eine hnliche Wanderung. Hier entstand nun ein Zwist ber eine
Vertiefung in dem Felsen, die ein jeder nach seiner Weise interpretirte.
Einige hielten sie fr das Grab eines Kindes irgend einer alten
vornehmen Familie, und brachten Beweise, die vielleicht eben so
problematisch waren, wie die Sache, welche sie beweisen sollten. Man
sprach und stritt her und hin. Das bemerkte ein alter Bauer nicht weit
davon, da man ber dieses Loch sprach. Er kam nher und erkundigte sich
und hrte, wovon die Rede war. Das kann ich Ihnen leicht erklren, hob
er an; vor ungefhr zwanzig Jahren habe ich es selbst gehauen, um meine
Schweine daraus zu fttern: da ich nun seit mehrern Jahren keine
Schweine mehr habe, fttere ich keine mehr daraus. Die Archologen
lachten ber die bndige Erklrung, ohne welche sie unstreitig noch
lange sehr gelehrt darber gesprochen und vielleicht sogar geschrieben
htten. So geht es uns wohl noch manchmal, setzte Landolina sehr
launig hinzu.

Die hiesigen Katakomben unterscheiden sich wesentlich von denen zu
Neapel. Was beide ursprnglich gewesen seyn mgen, ist wohl schwerlich
zu bestimmen; aber da beide in der Folge zu Begrbnipltzen gedient
haben, ist ausgemacht. Von den syrakusischen liee sich vielleicht aus
dem Bau mehr behaupten, da sie ursprnglich dazu gehauen wurden. Der
groe Unterschied der neapolitanischen und syrakusischen besteht darin,
da in den neapolitanischen die Leichenbehlter von dem Boden aufwrts,
und hier in die Tiefe der Wand hineingearbeitet sind. Dort sind unten
die grern und dann an der Wand herauf die kleinern Behlter; hier sind
vorn die grern und dann weiter in der Felsenwand hinein die kleinern:
so da in Neapel das Dreieck der Lage an der Seite aufwrts, in Syrakus
mit der Spitze einwrts niedergelegt zu denken ist. Beschreibung ist
schwer und Zeichnung macht noch mehr Umstnde; ich wei nicht, ob ich
Dir deutlich geworden bin. Ein avtoptischer Anblick giebt es in einem
Moment. In Neapel lagen die Kadaver in kleineren Nischen an der Wand
hinauf, unten die greren und aufwrts immer kleinere; in Syrakus in
den Felsen hinein, vorn grere und hinterwrts immer kleinere. Hier
habe ich den einzigen vernnftigen Mnch als Mnch in meinem Leben
gesehen. Wo man sonst auch noch zuweilen gute und vernnftige trifft,
sind sie es wenigstens nicht als Mnche. Der Eingang in die Grfte ist
hier eine alte Kirche des heiligen Johannes, wo nur noch selten
Gottesdienst gehalten wird. Dieser Mnch ist der einzige Bewohner der
Kirche und der Katakomben, Glckner und Sakristan, und Abt und Kellner
und Laienbruder zugleich. Das erstemal, als wir kamen, war er nicht zu
Hause, sondern in der Stadt nach Lebensmitteln. Als wir umkehrten,
begegneten wir ihn in den Feigengrten, und gingen wieder mit ihm zurck
nach Sankt Johannis. Er machte fr einen Religiosen einen etwas
sonderbaren genialischen Aufzug. Seine Eselin hatte gesetzt, und doch
hatte er sie nthig, um seine Viktualien aus der Stadt zu holen; er nahm
sie also mit dem jungen Esel von dreiundzwanzig Stunden zusammen. Der
kleine Novize des Lebens konnte natrlich die groe Tour nicht
aushalten. Der Mnch mit seinem langen Talar nahm seinen Zgling auf die
Schultern und ging voran, und die Mutter folgte in angeborner Sanftmuth
und Geduld mit den Krben. So fanden wir den Gottesmann. Er ist brigens
ein ehrlicher Schuster aus Syrakus, der drei Shne erzogen und zur Armee
und auf die See geschickt hat. Nach dem Tode seiner Frau, da seine
abnehmenden Augen dem Ort und dem Draht nicht mehr recht gebieten
wollten, hat ihn der Bischof hierher gesetzt; vielleicht das
Gescheidteste, was seit langer Zeit ein Bischof von Syrakus gethan hat!
Die Krypte der Kirche, wo noch Gottesdienst gehalten wird, ist auch
schon tief und schauerlich genug. Von den Gemlden in den verschiedenen
Abtheilungen der Katakomben lt sich wohl nicht viel sagen; denn sie
sind meistens neu. Aus einer griechischen Inschrift habe ich auch nichts
machen knnen: das ist indessen kein Beweis, da es andere nicht besser
verstehen. Die Leute fabeln hier, da diese Katakomben bis nach Catanien
gehen; vermuthlich weil man ehemals dort auch Katakomben gefunden haben
mag. Das ist eben so, als wenn zuweilen der Fhrer der Baumannshhle
versichert, da sie sich bis nach Golar erstrecke.

Der Sommer mu hier zuweilen schon frchterlich seyn; denn Landolina
erzhlte mir von einem gewissen Sdwestwinde, den man ^il ponente^
nennt, welcher zuweilen in einem Nachmittage durch seinen Hauch alle
Pflanzen im eigentlichen Sinne verbrenne, die Bume entlaube und den
Wein verderbe. Der Sirocco soll ein khlendes Lftchen gegen diesen
seyn: man finde nachher in einem solchen Grade alles verdorret, da man
es sogleich zu Asche reiben knne. Zum Glck sei er nur sehr selten.
Auch der Hagel, der hier zuweilen falle, sei so gro und scharf, da er
die Stengel der Pflanzen und die Aeste der Bume nicht zerknicke,
sondern zerschneide. Dieses seien die zwei gefhrlichsten Landplagen in
dem sdlichen Sicilien. Die Winter sind gewhnlich von keiner Bedeutung;
nur der vergangene ist etwas hart gewesen, und man hat seit zehn Jahren
wieder den ersten Schnee, aber auch nur auf einige Stunden, in Syrakus
gesehen. Ein solcher Tag ist dann ein Fest, besonders fr die Jugend,
welcher so etwas eine sehr groe Erscheinung ist. Sonst sieht man den
Schnee nur auf den Gipfeln ferner Berge.

Syrakus kommt immer mehr und mehr in Verfall: die Regierung scheint sich
durchaus um nichts zu bekmmern. Nur zuweilen schickt sie ihre
Steuerrevisoren, um die Abgaben mit Strenge einzutreiben. Es war mir
eine sehr melancholische Viertelstunde, als ich mit Landolina oben auf
der Felsenspitze von Euryalus sa, der wrdige patriotisch eifernde Mann
ber das groe traurige Feld seiner Vaterstadt hinblickte, das kaum noch
Trmmer war, und sagte: Das waren wir! und mit einem Blick hinunter
auf das kleine Hufchen Huser: Das sind wir! Ich habe whrend der
vier Tage Umgang mit ihm, in ihm einen der reinsten und
liebenswrdigsten Charaktere gefunden, und er sprach mit schnem
Enthusiasmus von seinen nordischen Freunden Mnter und Barthels und
einigen andern, die ihn besucht hatten, und von Heyne, den er noch nicht
gesehen hatte. Syrakus allein hatte ehemals mehr Einwohner, als jetzt
die ganze Insel. Nur der dritte Theil der Insel ist bebaut, und dieses
ziemlich schlecht. Das habe ich auf meinen Zgen gefunden, und
Eingeborne, die zugleich Kenner sind, besttigen es durchaus. Ehemals
schickte man bei der groen Bevlkerung Korn nach Rom, und die Insel
wurde fr ein Magazin der Hauptstadt der Welt gehalten. Neulich ist man
genthigt gewesen, Getreide aus der Levante kommen zu lassen, damit die
wenigen rmlichen sdlichen Kstenbewohner nicht Hunger litten. Kann man
eine bessere Philippika auf die Regierung und den Minister in Neapel
schreiben? Man giebt der physischen Verschlimmerung des Landes durch die
Erdrevolutionen viele Schuld: aber die Berge sind noch alle fruchtbar
bis fast an die Spitzen. Wenn man die Gipfel der Riesen, des Eryx, des
Taurus und einige Felsenpartien ausnimmt, knnte von allen gewonnen
werden, wenn man Arbeit daran wagen wollte. Die Jumarren, diese
verschrieenen Gegenden, geben reichlich, wenn man fleiig ist. Sicilien
ist ein Land des Fleies, der Arbeit und der Ausdauer. Man will aber
jetzt nur da bauen, wo man fast nicht nthig hat zu arbeiten. Es sind
freilich wenig groe Striche hier, die so schwelgerisch fruchtbar wren,
wie das Kampanerthal: aber es knnte viel schnes Paradies geschaffen
werden.

Der Hafen ist fast leer, und ist vielleicht einer der schnsten auf dem
Erdboden. Wenn man ein Fort auf Plemnyrium und eines auf Ortygia hat, so
kann keine Felucke heraus und hinein. Jetzt kreuzen die Korsaren bis vor
die Kanonen. Als im vorigen Kriege die Franzosen Miene machten, sich der
Insel zu bemchtigen, war hier schon alles entschlossen sich recht
tapfer zu ergeben. Man erzhlte mir eine Anekdote, die mir unglaublich
vorkam; aber sie wurde verschieden im Publikum hier und da wiederholt.
Der Gouverneur, um ja durchaus auer Stande zu seyn, schnell zu handeln,
lt alle Kaliber der Kugeln durch einander werfen und die Munition in
Unordnung bringen. Die Franzosen nahmen ihren Weg nach Aegypten und es
war weder Gefecht noch Ergeben nthig; die Excellenz zog sich durch ein
sanftes seliges Ende aus allem Verdru. Htten die Franzosen ihren
Vortheil besser verstanden, anstatt an den Nil zu gehen vorher die Insel
anzugreifen; mit zehntausend Mann htten sie dieselbe mit ihrer
gewhnlichen Energie genommen und mit gehriger Klugheit behauptet.
Freilich wren dazu andere Maaregeln nthig gewesen, als ihre Generale
und Kommissre zur Schande der Nation und ihrer Sache hier und da
ergriffen haben. Sicilien wre auch in einem stlichen Kriege ein ganz
anderer Zwischenpunkt als Malta; das zeigt die ganze Geschichte und
schon ein einziger Blick auf die Insel. -- Es kommen jetzt selten
Schiffe aus Syrakus. Blo im vorigen Kriege war es ein Zufluchtsort
gegen die Strme: und dabei hat die Stadt wenigstens etwas gewonnen.
Jetzt nach dem Frieden vermindert sich die Anzahl der Ankommenden
bestndig wieder.

Noch etwas Literarisches mu ich Dir doch aus dem sdlichen Sicilien
melden, damit Du nicht glaubest, ich sei ganz unter die Analphabeten
getreten. Landolina lt jetzt in Florenz eine Abhandlung drucken, in
welcher er beweist, da der heutige berhmte Syrakuser Muskatenwein der
[Griechisch: oinos pollios] oder [Griechisch: polios] der Alten sei. Die
klassischen Hauptstellen darber sind, glaube ich, die Grten des
Alcinous im Homer, und Hesiodus in seinen Tagewerken im sechshundert und
zehnten Vers. Im Homer heit es, da an den Weinstcken reife Trauben
und grnende Blthen zugleich gewesen seien, worber sich unsere
Ausleger zuweilen qulen, sagte Landolina. Sie drften nur die Sache
wrtlich nehmen und zu uns nach Syrakus kommen, so knnten sie sich bei
der ersten Ernte des Muskatenweins zu Anfang des July leicht berzeugen.
Aber nur die Muskatentraube hat diese Eigenschaft des Orangenbaums, da
sie reife und unreife Frchte und Blthen zu gleicher Zeit zeigt.
Landolina behauptet, diese Traube sei zunchst aus Tarent nach Syrakus
gekommen; das mag er beweisen. Dieses alles wird Dir, als einem
weingelehrten Manne, weit wichtiger seyn, als mir Abacchevten. Er hat
mir manche nicht unangenehme philologische Bemerkung ber manche
griechische Stelle gemacht, fr die ihm sein Freund Heyne in Gttingen
Dank wissen wird, dem er sie wahrscheinlich auch alle mitgetheilt hat.
An der Arethuse kann man freilich manches etwas besser sehen, als an der
Leine. Uebrigens sagte er noch, da Homer, der, nach der Genauigkeit
seiner Beschreibung zu urtheilen, durchaus in Sicilien gewesen seyn
msse, vielleicht nicht sonderlich hier aufgenommen worden sei, weil er
bei jeder Gelegenheit einen etwas bsartigen Tik gegen die Insel uere.




                                                           _Catanien._


Du siehst, ich bin nun auf der Rckkehr zu Dir. Syrakus, oder vielleicht
schon Agrigent, war das sdlichste Ende meines Weges. Vor einigen Tagen
ritt ich zu Maulesel wieder mit einem ziemlich kleinen Fhrer hierher.
Man kann die Reise in einem Sommertage sehr bequem machen; und wenn man
recht gut beritten ist, recht frh aufbricht und sich nicht sehr
umsieht, kann man wohl Augusta noch mitnehmen. Die Maulesel machen einen
barbarisch starken Schritt, und das ^Pungete, Don Juan, pungete!^ wurde
auch nicht gespart. Es war ein herrlicher warmer Regenmorgen, als ich
Syrakus verlie; der Himmel hellte sich auf, als ich aus der Festung
war, und die Nachtigallen sangen wetteifernd in den Feigengrten und
Mandelbumen so schn, wie ich ihnen in Sicilien gar nicht zugetraut
htte, da sie sich noch nicht sonderlich hatten hren lassen. Ich ging
wieder vor der Feigenquelle vorbei und durch einen Strich der schnen,
herrlichen Gegend von Augusta. Aber vor derselben und nach derselben war
es wste, ununterbrochen wste, bis diesseits der Berge an die Ufer des
Simthus. In einem Wirthshause am Fue der Berge, ungefhr noch zehn
Millien von Catanien, wo ich essen wollte, und wenigstens Maccaroni
suchte, gab der Wirth skoptisch zur Antwort: in Catanien sind
Maccaroni; hier ist nichts. Der Mensch hatte die trotzige, murrsinnige
Physiognomie der gedrckten Armuth und des Mangels, der nicht seine
Schuld war, und gewann nicht eher eine etwas freundliche Miene, als bis
ich seinen Kindern von meinem schnen Brote aus Syrakus gab; dann holte
er mir mein Lieblingsgericht, getrocknete Oliven. In der Gegend des
Simthus war das Wasser ziemlich gro, das man auf die Felder umher auf
den Reis leitete. Mein Maulesel, den ich nordischer Reiter wohl nicht
recht geschickt lenken mochte, fiel in eine morastige Lache des Flusses,
und bekam meine halbe Personalitt unter sich. Mein linker Fu, der
wegen einer alten Kontusion nicht viel vertragen kann, wurde gequetscht
und etwas verrenkt und ich kam lahm hier an. Sehr leicht htte ich eines
sehr unidyllischen schmutzigen Todes in dem Schlamme des Simthus
sterben knnen: doch zrne ich dewegen dem Flusse nicht; denn er ist
doch der einzige Flu, der diesen Namen auf der Insel verdient, und
durchaus der grte; wenn gleich einige den Salzflu bei Alicata, oder
gar den Himera bei Termini grer machen. Der Simthus ist ein
eigentlicher Flu, die Zierde und der Segen des eigentlichen Thales
Enna, und die andern sind nur Waldstrme, die sich freilich zuweilen mit
vieler Gewalt von den Bergen herabwlzen mgen, wie ich schon selbst die
Erfahrung gemacht habe. Das dauert aber gewhnlich nur einige Tage; dann
kann man wieder zu Fu durch ihre Betten gehen. Nicht weit diesseit des
Simthus, ber den hier eine ziemlich gute Fhre geht, fhrte mich mein
unkundiger Eseltreiber tief in Bsche und Morste hinein, da weder ich,
noch er, noch der Esel weiter wuten. Mein Schmutz und mein Schmerz am
Fue hatten mich etwas grmlich gemacht, so da ich im Aerger dem Jungen
mit der Ruthe einige Schlge ber das Kollet gab. Darber fing er an
jmmerlich zu schreien; wir erholten uns beide, und er sagte mir sodann
mit vieler Eseltreiberweisheit, das sei sehr unklug von mir gewesen, da
ich so wenig Geduld gehabt habe; ich habe zwar von ihm nichts zu
frchten, weil er ehrlich sei! aber ich sei doch immer in seiner Gewalt.
Avis dem Leser! der Junge hatte Recht, und ich schmte mich meiner
Uebereilung; wir vershnten uns, und ritten philosophisch weiter. Die
fernere Nachbarschaft von Catanien ist, fr Catanien, schlecht genug
bebaut, die ganze Gegend des Simthus knnte und sollte besser
bearbeitet seyn. In der Nhe der Stadt fngt die Kultur schner an. Ich
lie an dem Stadtthore den Jungen mit der Bezahlung laufen, und
spazierte oder hinkte vielmehr, etwas gesubert, die Strae hinab,
wendete mich an die erste Physiognomie, die mir gefiel, und die mich
auch in dem Elephanten sehr gut unterbrachte. Fr den beschdigten Fu
gab mir ein Arzt bei dem Professor Gambino Muskatennul, und es ward
sogleich besser, und jetzt marschire ich schon wieder ziemlich fest. Das
habe ich auch nthig; denn ich will auf den Aetna, wo sich mancher schon
den Fu vertreten hat.

Eben stehe ich von einer cht klassischen Mahlzeit auf, mein Freund, und
ich glaube fast, es wre die beste in meinem Leben gewesen, wenn nur
einige Freunde, wie Du, aus dem Vaterlande mit mir gewesen wren. Aber
mein Tischgeselle war ein hiesiger Geistlicher, eben die Physiognomie,
die ich auf der Strae zum Fhrer bekam. Der Mann ist indessen fr einen
sicilischen Theologen vernnftig genug, und hat mir eben, ich wei nicht
wie, klassisch bewiesen, da Catanien das Vaterland der Flhe sei. Meine
Mahlzeit, Freund, war ganz vom Aetna, bis auf die Fische, welche aus der
See an seinem Fue waren. Die Orangen, der Wein, die Kastanien, die
Feigen und die Feigenschnepfen, alles ist vom Fue und von der Seite des
Berges. Ich bin Willens, ihn auf alle Weise zu genieen; dewegen bin
ich hergekommen; und wohl nicht absichtlich, um das Unwesen der
Regierung und der Mncherei zu sehen. In Catanien ist es wohl von ganz
Sicilien und vielleicht von ganz Italien noch vielleicht am hellsten und
vernnftigsten; das hat Biskaris und einige seiner Freunde gemacht,
durch welche etwas griechischer Geist wieder aufgelebt ist. Es ist hier
sogar eine Art von Wohlstand und Flor, der den schlechten Einrichtungen
in der Insel Hohn spricht. Hier wrde ich leben, wenn ich mich nicht bei
den Kamaldulensern in Neapel einsiedelte. Hier fngt man wenigstens an,
das Unglck des Vaterlandes, die Unordnungen und Malversationen aller
Art, die schrecklichen Wirkungen der Unterdrckung und des dummen
Aberglaubens recht lebhaft zu fhlen. Die Mnche haben den dritten Theil
der Gter in den Hnden; und wenn ihre Mast das einzige Uebel wre, das
sie dem Staate verursachen, so knnte der grliche Druckfehler des
Menschenverstandes doch vielleicht noch Verzeihung finden. Aber -- mein
Gott, wer wird ein Wort ber die Mnche verlieren! Bonaparte wird sich
zu seiner Zeit ihrer schon wieder eben so thtig annehmen, wie der
Uebrigen, da sie mit ihnen zu seinem Systeme gehren. Es entfuhr mir aus
kosmopolitischem Ingrimm hier in einer Gesellschaft, da ich etwas
unfein sagte: ^Les moines avec leur cortge sont les morpions de
l'humanit.^ Die Sentenz wurde mit lautem Beifall aufgenommen, und auf
manchen vorbergehenden Kuttentrger angewendet. Du begreifst, da man
schon ziemlich liberal seyn mu, um so etwas nur zu vertragen: freilich
vertrgt man es nicht berall; aber die Stimmung ist doch sehr lebendig
gegen das Ungeziefer des Staats. Die Franzosen haben in der ganzen Insel
keine geringe Partei; und diese nimmt es Bonaparte sehr bel, da er
nach Aegypten ging, und nicht vorher kam und sie nahm, welches nach
ihrer Meinung etwas Leichtes gewesen wre. Muth, Klugheit, allgemeine
Gerechtigkeit und Humanitt, von welchen Eigenschaften er wenigstens die
erste Hlfte besitzt, htten mit zehen tausend Mann die Sache gemacht:
und es ist leicht zu berechnen, was Sicilien fr den Krieg gewesen wre;
wenn es auch jetzt nicht mehr so wichtig ist, als in den karthagischen
Kriegen, oder unter den Normnnern. Alle vernnftige Insulaner sind
vllig berzeugt, da sie bei dem nchsten Kriege, an dem Neapel nur
entfernt Antheil nimmt, die Beute der Englnder, oder Franzosen seyn
werden; und ich gab ihnen mit voller Ueberlegung den Trost, da sie sich
im Ganzen auf keinen Fall verschlimmern knnten, so sehr auch einzelne
Stdte leiden mchten. Sie schienen das leicht zu begreifen, und sich
also nicht zu frchten.

Es wrde zu weitluftig werden, wenn ich anfangen wollte, Dir nur etwas
systematisch ber Literatur und Antiquitten zu schreiben. Andere haben
das besser vor mir gethan, als ich es knnte. Es hat sich wesentlich
nichts gendert. Der thtige Geist des alten Biskaris scheint nicht ganz
auf seinen Nachfolger bergegangen zu seyn: obgleich auch dieser noch
immer die nmliche Humanitt zeigt. Das Kabinet ist wohl nicht ganz in
der besten Ordnung. Was mich im Antikensaale vorzglich beschftigt hat,
waren einige sehr schne griechische und rmische Kpfe, ein Torso fast
von der nmlichen Gestalt, wie der jetzige Pariser, und den Einige
diesem fast gleich schtzen, und eine Bste der Ceres, die beste, die
ich gesehen habe. Es sind mehrere Staten der Venus da; aber keine
einzige, die mir gefallen htte. Unter den kleinen Bronzen zeichneten
sich fr mich aus, ein Atlas, der Himmelstrger, ein Mars, ein Merkur
und ein Herkules. Es sind auch noch einige andere von vortrefflicher
Arbeit. Die Lampensammlung ist sehr betrchtlich, vorzglich die
Matrimoniallampen, unter denen viele sehr niedliche, leichtfertige,
aphrodisische Mysterien sind, die dem Charakter nach aus den Zeiten der
rmischen Kaiser zu seyn scheinen. Manches gehrt wohl auf keine Weise
in eine solche Sammlung; vorzglich nicht die Gewehre, welche wenig
Interesse fr Knstler und Kenner haben: einzelne Anekdoten mten denn
die Stcke merkwrdig machen. Vorzglich schn ist noch eine lngliche
Vase, wo Uly und Diomed die Pferde des Rhesus bringen.

Das Uebrige findet man besser und geordneter bei dem Ritter Gioeni,
dessen Fach ausschlielich die Naturgeschichte ist, und vorzglich die
Naturgeschichte Siciliens. Man findet bei ihm alle vulkanische Produkte
des Aetna, des Vesuv und der liparischen Inseln, und es ist ein
Vergngen, die Resultate eines anhaltenden Fleies hier zusammen zu
sehen. Hier sind alle sicilischen Steine, von denen die Marmorarten
vorzglich schn sind. Bei Landolina und Biskaris und Gioeni sind
Tische, die aus allen sicilischen Marmorarten gearbeitet sind. Das Fach
der Muscheln findet man wohl selten so schn und so reich, als bei dem
Letzten. Was mich besonders aufhielt, waren die verschiedenen niedlichen
Sorten von Bernstein, alle aus Sicilien, die ich hier nicht gesucht
htte. Ich wute wohl, da man in Sicilien Bernstein findet, aber ich
wute nicht, da er so schn und gro angetroffen wird: und ich habe aus
der Ostsee keine so schne Farben und Schattirungen davon gesehen. Die
Arbeiten waren sehr niedlich und geschmackvoll. In der neuern Chemie und
Physik mu man indessen nicht sehr gewissenhaft mit fortgehen: denn es
wurde zufllig von der Platina gesprochen, die Gesellschaft war nicht
ganz klein und nicht ganz gewhnlich, und man gestand sogar Deinem
idiotischen Freunde eine Stimme ber die specifische Schwere des
Metalles zu. Endlich mute unser Landsmann Bergmann den Zwist
entscheiden, und ich war wirklich seinem Ausspruche am nchsten
gekommen. Der Ritter und sein Bruder sind Mnner von vieler Humanitt
und unermdetem Eifer fr die Wissenschaft.

Ich hatte das Vergngen in dem Universittsgebude einer theologischen
Doktorkreation beizuwohnen. Der Saal ist gro und schn und hell. Rund
herum sind einige groe Mnner des Alterthums nicht bel abgemalt, von
denen Einige Catanier waren, nmlich Charondas und Stesichorus; auch
Cicero hatte fr seinen Eifer fr die Insel die Ehre hier zu seyn;
sodann der Syrakusier Archimed und einige andere Sicilier. Theokrit war
den frommen Leuten vermuthlich zu frivol; er war nicht hier. Der
Candidat war ein Dominikaner, und machte in ziemlich gutem Latein die
Lobrede der Stadt und der Akademie Catanien. Der Promotor hielt sodann
der Theologie eine Lobrede, die sehr mnchisch war, und die ich ihm blo
der guten Sprache wegen nur in Sicilien noch verzeihe. Nun, dachte ich,
wird die Disputation angehen; und vielleicht vergnnt man sogar, da die
Versammlung nicht zahlreich und ich von einem hiesigen Professor
eingefhrt war, mir Hyperboreer auch ein Wrtchen zu sprechen. Aber das
war schon alles ^inter privatos parietes^ mit dem Examen abgemacht: man
gab dem Candidaten den Hut, die Trompeter bliesen, und wir gingen fort.
Die Universittsbibliothek ist nicht zahlreich, aber gut gewhlt und
geordnet, und der Bibliothekar ist ein freundlicher, verstndiger Mann.
Er zeigte mir eine erste Ausgabe vom Horaz, die mit den Episteln anfing,
und die, wie er mir sagte, Fabricius sehr gelobt habe.

In den antiken Bdern unter der Kathedrale, durch welche eine Ader des
Amenanus geleitet ist, die noch fliet, war die Luft so bel, da der
Professor Gambino es nur einige Minuten aushalten konnte. Meine Brust
war etwas strker; aber ich machte doch, da ich wieder herauskam. Sie
werden selten besucht. Auch in den dreifachen Korridoren des Theaters
etwas weiter hinauf kroch ich eine Viertelstunde herum: von hier hat der
Prinz Biskaris seine besten Schtze gezogen. Auch hier ist ein Aquaedukt
des Amenanus, aber sehr verschttet. Nicht weit davon ist ein altes
Odeum, das jetzt zu Privatwohnungen verbauet ist. Die Kommission der
Alterthmer hat aber nun die Oberaufsicht; und kein Eigenthmer darf
ohne ihre Erlaubni einen Stein regen.

Das Kloster und die Kirche der reichen Benediktiner sind so gut, als man
eine schlechte Sache machen kann. Die Kirche gilt fr die grte in ganz
Sicilien und ist noch nicht ausgebauet; an der Facade fehlt noch viel.
Sie mag dessen ungeachtet wohl die schnste seyn. Die Gemlde in
derselben sind nicht ohne Werth, und die Stcke eines Eingebornen, des
Morealese, werden billig geschtzt. Am meisten thut man sich auf die
Orgel zu gute, die vor ungefhr zwanzig Jahren von Don Donato del Piano
gebauet worden ist. Er hat auch eine in Sankt Martin bei Palermo
gebauet; aber diese hier soll, wie die Catanier behaupten, weit
vorzglicher seyn. Man hatte die wirklich ausgezeichnete Humanitt, sie
fr einige Freunde nach dem Gottesdienste noch lange spielen zu lassen;
und ich glaube selbst in Rom keine bessere gehrt zu haben. Schwerlich
findet man eine grere Strke, Reinheit und Verschiedenheit. Einige
kleine Spielwerke fr die Mnche sind freilich dabei, die durchaus alle
Instrumente in einem einzigen haben wollen: aber das Echo ist wirklich
ein Meisterstck; ich habe es noch in keiner Musik so magisch gehrt.
Die Abenddmmerung in der groen, schnen Kirche, und dann die feierlich
schaurige Beleuchtung wirkten mit. Die Bibliothek und das Kabinet der
Benediktiner sind ansehnlich genug, und knnten bei den Einknften des
Klosters noch weit besser seyn. Im Museum finden sich einige hbsche
Stcke von Guido Reni und, wie man behauptet, von Raphael. Mehrere
griechische Inschriften sind an den Wnden umher. Eine auf einer
Marmortafel ist so gelehrt, da sie, wie man sagte, auch die
gelehrtesten Antiquare in Italien nicht haben erklren knnen: auch
Visconti nicht. Ich hatte nicht Zeit; und was wollte ich Rekrut nach
diesem athletischen Triarier? Doch kam es mir vor, als ob sie in einem
spteren griechischen Stile das Mrterthum der heiligen Agatha
enthielte. Wenn Du nach Catanien zu den Benediktinern kommst, magst Du
Dein Heil versuchen. In der Bibliothek bewirthete man mich, als einen
Leipziger, aus Hflichkeit mit den ^Actis eruditorum^, die in einer
Klosterbibliothek in Catanien auch wirklich eine Seltenheit seyn mgen.
Die Byzantiner waren alle mit ^Caute^ in Verwahrung gesetzt, und werden
nicht jedem gegeben. Als einen sehr groen seltenen Schatz zeigte man
mir eine auerordentlich schn geschriebene Vulgata. Ich las etwas
darin, und verschttete die gute Meinung der Herren fast ganz durch die
voreilige Bemerkung, es wre Schade, da der Kopist gar kein Griechisch
verstanden htte. Man sah mich an: ich war also genthigt zu zeigen, da
er aus dieser Unwissenheit vieles idiotisch und falsch geschrieben habe.
Die guten Leute waren verlegen und legten ihr Heiligthum wieder an
seinen Ort, und ihre Mienen sagten, da solche Schtze nicht fr Profane
wren. Der Pater Secretr, ein feiner, gebildeter Mann, der in seinem
Zimmer ein herrliches Instrument hatte, gab mir einen Brief an ihren
Bruder oben am Berge im Namen des Abts, da er hrte, da ich auf den
Berg wollte. Er schttelte indessen zweifelhaft den Kopf und erzhlte
mir schreckliche Dinge von der Klte in der obern Region des Riesen: es
wrde unmglich seyn, meinte er, schon jetzt in der frhen Jahreszeit
noch zu Anfange des Aprils hinaufzukommen. Er erzhlte mir dabei von
einigen Westphalen, die es noch bei der nmlichen Jahreszeit gewagt
htten, aber kaum zur Hlfte gekommen wren und doch Nasen und Ohren
erfroren htten. Ich lie mich aber nicht niederschlagen; denn ich wre
ja nicht werth gewesen, nordamerikanischen und russischen Winter erlebt
zu haben.

Das Kloster hat achtzigtausend Scudi Einknfte, und steht in Kredit, da
es damit viel Gutes thut. Das heit aber wohl weiter nichts, als funfzig
Faulenzer ernhren hundert Bettler; dadurch werden beide dem Staate
unntz und verderblich. So jemand nicht will arbeiten, der soll auch
nicht essen, sagt unser alter Sirach; und ich finde den Ausspruch ganz
vernnftig, auch wenn er mir selbst das Todesurtheil schriebe.

Eine schne Promenade ist der Garten dieses nmlichen Klosters der
hinter den Gebuden auf lauter Lava angelegt ist, und wo man links und
rechts und geradeaus die schnste Aussicht auf den Berg und das Meer und
die bebaute Ebene hat. Die Lavafelder geben dem Garten das Ansehen einer
groen, mchtigen Zauberei. Gleich neben diesem Garten, neben dem
Klostergebude nach der Stadt zu, hat ein Kanonikus einen kleinen
botanischen Garten, wo er schon die Papierstaude von Syrakus als eine
Seltenheit hlt. Noch angenehmer ist der Gang in die Grten des Prinzen
Biskaris in der nmlichen Gegend. Als er ihn anlegte, hielt man es fr
eine Spielerei; aber er hat gezeigt, was Flei mit Anhaltsamkeit und
etwas Aufwand thun kann. Er hat die Lava gezwungen; die Pflanzung grnt
und blht mit Wein und Feigen und Orangen und den schnsten Blumen aller
Art. Der Grtner brachte mir die gewhnliche Hflichkeit, und ich legte
mehrere Blumen in mein Taschenbuch fr meine Freunde im Vaterlande.

Das Jesuitenkloster in der Stadt ist zum Etablissement fr Manufakturen
gemacht; und ob dieses Etablissement gleich noch nicht weit gediehen
ist, so ist doch durch die Vernichtung des Klosters schon viel gewonnen.
In der Kathedrale hngt in einer Kapelle ein schrecklich treues Gemlde,
ungefhr sechs Fu im Quadrat, von der letzten groen Eruption des
Berges 1669, die fast die Stadt zu Grunde richtete. Ein chter Knstler
sollte es nehmen und ihm in einer neuen Bearbeitung zur Wahrheit des
Ganzen auch Kunstwerth geben. Es wrde ein furchtbar schnes Stck
werden, und das ganze Gebiet der Kunst htte dann vielleicht nichts
Aehnliches aufzuweisen. Hier htte Raphael arbeiten sollen; da war mehr
als sein Brand.

Unten wo der zertheilte Amenanus wieder aus den Lavaschichten
herausfliet, steht noch etwas von der alten Mauer Cataniens, ungefhr
in gleicher Entfernung zwischen dem Molo links und dem Lavaberge rechts,
der dort weiter in die See hinein sich emporgethrmt hat. An dem Molo
hat man schon lange mit vielen Kosten gearbeitet; ich frchte aber, die
See wird gewaltiger seyn, als die Arbeiter. Wenn links ein Felsenufer
etwas weiter hervorgriffe und den Wogensturz von Calabrien her etwas
dmmte, so wre eher Hoffnung zur Haltbarkeit. Die Erfahrung, von der
ich nichts wute, hat schon meine Meinung besttigt, und einige
verstndige Leute pflichteten mir bei. Catanien wird sich wohl mssen
mit einer leidlichen Rhede begngen, wenn nicht vielleicht einmal der
Aetna, der groe Bauer und Zerstrer, einen Hafen bauet. Er darf nur
links einen solchen Berg ins Meer schieen, wie er rechts gethan hat, so
ist er fertig. Es fragt sich, ob das zu wnschen wre. Die Strae
Ferdinande, von dem prchtigen Thore von Syrakus her, ist die
Hauptstrae: eine andere, die ihr etwas aufwrts parallel luft, ist
fast eben so schn. Wenn Catanien so fortarbeitet, macht es sich nach
einem groen Plane zu einer prchtigen Stadt. Fast alle ffentlichen
Monumente sind von der Kommune aus eigenen Krften bestritten, und es
sind derselben nicht wenig; des Hofes geschieht nur Ehrenerwhnung. Es
ist der lieblichste Ort, den ich in Sicilien gesehen habe, und brigens
sehr wenig mit der Regierung in Kollision; so da viel Gutes zu erwarten
ist. Die Dazwischenkunft der Hfe verderbt wie ein Mehlthau meistens das
natrliche Gedeihen der freien Industrie.




                                                            _Messina._


Ich mu mich etwas fassen, da ich Dich den Weg ber den Berg und
Taormina hierher mit mir nicht gar zu unordentlich machen lasse; ob Du
gleich Geduld genug wirst haben mssen, denn ich bin ein gar schlechter
Systematiker. Der Wirth im Elephanten in Catanien, in dessen Buche ich
viele Bekannte fand und der sich als einen sehr guten Hodegeten
ankndigte, besorgte mir eben nicht wohlfeil einen Mann mit einem
Thiere, der mit mir die Fahrt bestehen sollte. Ich packte meinen Sack
voll Orangen und ritt nun bergan. Wie viel ich Drfer und Flecken
durchritt, ehe ich am Sandkloster ankam, wei ich nicht mehr. Dieses
Kloster gehrt bekanntlich den reichen Benediktinern unten in der Stadt,
die hier nur einen Laienbruder haben, welcher die Oeconomie besorgt,
denn sie haben rund umher weite Distrikte von Weinbergen. Bei den
Mnchen gilt selten das Sprchwort: im Weine ist Wahrheit, sondern: im
Weine ist Schlauheit. Ich kann mir nicht helfen, und wenn mich die
Mnche zum Abt machten, ich wrde sagen: je grer das Kloster, desto
grer die Sottise. Die Mnche unten sind gar feine Kauze, die das
Inconsequente und Bedenkliche und Kritische ihrer jetzigen Lage sehr gut
fhlen und die Kutte durchzuschauen wissen: diese waren freundlich und
hflich. Der Laienbruder hier im Sande war etwas grmelnd und
murrsinnig. Er nahm meinen Empfehlungsbrief, betrachtete ihn und sagte
mir ganz trocken: Der Abt, mein Vorgesetzter, hat ihn nicht
unterschrieben; er geht mich also nichts an. Das ist schlimm fr
mich, sagte ich: Ja wohl! sagte er. Was soll ich nun thun? fragte
ich: Was Sie wollen; antwortete er. Er besann sich indessen doch
etwas; man trug eben das Essen auf. Er fragte mich, ob ich mitessen
wollte; und ich machte natrlich gar keine Umstnde, weil ich ziemlich
hungrig war. Wir setzten uns also, und ber Tische ward mein Wirth etwas
freundlicher. Mein Maulesel mit dem Fhrer wurde nach dem nchsten Orte
Nicolosi geschickt und mir Quartier und Pflege gesichert. Man meldete,
da eine fremde sehr vornehme Gesellschaft ankommen wrde, die auch auf
den Berg steigen wollte; das war mir lieb. Wir aen dreierlei Fische.
Denke Dir, ein Laienbruder der Benediktiner in der hchsten Wohnung am
Aetna zur Fasten dreierlei Fische! Denn ber diesem Kloster sind nur
noch einige Huser links hinber, und weiter nichts in der Waldregion
bis hinauf an die alte Geihhle. Ich spreche von dieser Seite; die
andern Pfade kenne ich nicht. Es kam ein anderer Herr, der uns trinken
half. Dieser schien ein etwas besseres Stck von Geistlichem zu seyn.
Mein Wirth zog den Brief aus der Tasche und lie ihn von dem andern
vorlesen; da ergab sich mir denn erst, da der Herr Laienbruder wohl gar
nicht lesen konnte. Der Brief lautete ungefhr, da der Pater Secretr
ihn im Namen und auf Befehl des Abtes schreibe, den deutschen reisenden
Herrn, der von dem Minister sehr empfohlen wre, nach Wrden bestens zu
bewirthen. Von meiner Entfernung war nun gar nicht mehr die Rede. Der
Bruder ward gesprchiger und erzhlte mir seine Reisen und seine
Schicksale, und da ihn der Papst kenne. Bald kam er auf meine Ketzerei
und segnete sich. Er lie sich mein Seelenheil und meine Bekehrung noch
etwas angelegener seyn, als der palermitanische Steuerrevisor in
Agrigent, fand mich aber ganz refraktarisch: er mute mich also mit
seinem besten Futter in die Hlle gehen lassen. Der vornehmste Grund,
den er brauchte, mich zum Christen zu machen, war: Ich htte doch einen
sehr gefhrlichen Weg vor mir, es seien auf dem Berge schon Viele
umgekommen; nun knnte ich, wenn ich auch todt gefunden wrde, nicht
einmal christlich begraben werden. Das war nun freilich ein triftiges
Argument; denn bei diesen Herren ist kein Akatholikus ein Christ. Ich
sagte ihm so sanft als mglich die Anekdote des Diogenes, der sich im
hnlichen Falle ausbat, man mchte ihm nach dem Tode nur einen Stock
hinlegen, damit er die Hunde wegjagen knnte. Der Mann schttelte den
Kopf und -- trank sein Glas. Nun wurde mir ein Fhrer bestellt, der
theuer genug war, und auf alle Flle Alles in Ordnung gesetzt, wenn auch
die Gesellschaft nicht kommen sollte. Eben als die Einrichtung getroffen
war, wurde gemeldet, da die Englnder nicht kommen wrden, sondern in
Nicolosi blieben. Darber war der Mann Gottes sehr ergrimmt und betete
etwas unsanft, wie Elisa, der Brenprophet, ber einige seiner Feinde
unten in Catanien und oben in Nicolosi. Ich machte einen Ausflug
gegenber auf die ^Monti rossi^, die sich bei der letzten groen
Eruption gebildet haben, vermuthlich von der Farbe den Namen tragen und
von ihren Gipfeln eine herrliche Aussicht geben. Man hatte eine starke
Viertelstunde nthig sie zu ersteigen, und von ihnen sieht man noch
jetzt den ganzen ungeheuren Lavastrom, der hier ausbrach, alles umwlzte
und zernichtete, einen groen Theil der Stadt zerstrte und tief hinter
derselben sich als eine hohe Felsenwand in der See stemmte. Ich wei
wohl, da Stollberg anderer Meinung ist; aber ich habe es hier so von
vielen Einwohnern gehrt, unter denen auch manche ziemlich unterrichtete
Mnner waren. Als ich herunterstieg, begegnete ich zwei Englndern von
der Partie aus Nicolosi, die den nmlichen Spaziergang hierher gemacht
hatten. Ihrer waren fnfe, lauter Officiere von der Garnison aus Malta,
die von Neapel kamen und unterwegs den Berg mitsehen wollten; ein Major,
ein Hauptmann und drei Lieutenants. Sie freuten sich noch einen zur
Partie zu bekommen, und ich holte flugs meinen Sack vom Mnche und zog
herunter zu den Englndern ins Wirthshaus nach Nicolosi, wo schon vorher
mein Fhrer einquartirt war. Der Mnch machte ein finsteres Gesicht,
murrte etwas durch die Zhne, vermuthlich einige Flche ber uns Ketzer
alle; ich dankte und ging.

Hier trieben wir nun, die fnf Briten und Dein Freund, unser Wesen sehr
erbaulich. Die Englnder hatten den Wirth vom goldenen Lwen aus
Catanien mitgebracht; ich trat zur Gesellschaft, man schaffte mir ein
Bett so gut als mglich, und wir legten uns nieder und schliefen nicht
viel. Die Herren erzhlten ihre Abenteuer, militrische und galante, von
der Themse und vom Nil: und bald traf die Kritik einen General, bald ein
Mdchen. Vorzglich war der Gegenstand ihrer Reminiscenzen eine gewisse
originelle Trompetersfrau, die sie nach allen kernigen Prdikamenten zur
Knigin ihres Lagers in Aegypten erhoben. Gegen Mitternacht kamen die
Fhrer, und nun setzte sich die ganze Karavane zu Maulesel: sechs
^Signori forestieri^, zwei Fhrer mit Laternen und ein Provianttrger.
Es war, wenn ich nicht irre, den sechsten April zu Mitternacht, oder den
siebenten des Morgens. Den vorigen Tag war es trbes Wetter gewesen,
hatte den Abend ziemlich stark geregnet, hellte sich aber auf, so wie
wir aus dem Wirthshause zogen. Wir gingen bei meinem Mnche in Sankt
^Nicola del bosco ovver della rena^ vorbei. Es war frisch und ward bald
kalt, und dann sehr kalt. Wir trottirten und lrmten uns warm. Dann
deklamirte der Major Grays Kirchhof, dann sangen wir ^God save the
King^, nach Hndel, und ^Britannia, rule the waves^, und andere
englischpatriotische Sachen. Jeder gab seinen Schnak. ^We are already
pretty high^, sagte der Eine: ^it is a bitter nipping cold^, der
Andere, ^Methinks, I hear the dogstar bark, and Mars meets Venus in the
dark^; fuhr ein Dritter fort. ^Is that not smoke there?^ fragte ein
subalterner Myops; ^I believe I see already old Nick smoking his
pipe.^ -- ^But my dear^, sagte der Major, ^You are purblind upon
your starbord eye: it is an oaktree.^ So war es: das gab Gelchter und
wir gingen weiter. Bald kamen wir aus der bebauten Region in die waldige
und gingen nun unter den Eichen immer bergauf. Ungefhr um ein Uhr kamen
wir in der Gegend der Geihhle an, die aber bis jetzt auer Gebrauch
kommt. Der Frst von Paterno hat dort ein Haus gebaut, wo die Fremden
eintreten und sich bei einem Feuer wrmen knnen. Das Haus ist schlecht
genug, und ein deutscher Dorfschulze wrde sich schmen, es nicht besser
gemacht zu haben. Indessen ist es doch besser als nichts, und
vermuthlich bequemer als die Hhle. Hier blieben wir eine kleine halbe
Stunde, bestiegen wieder unsere Maulthiere und ritten nunmehr aus der
waldigen Region in den Schnee hinein. Ungefhr eine Viertelstunde ber
dem Hause und der Hhle hrte die Vegetation ganz auf und der Schnee
fing an hoch zu werden, der schon um das Haus her und hier und da neu
und alt lag. Wir muten nun absteigen und unsere Maulthiere hier lassen.
Der Schnee ward bald sehr hoch und das Steigen sehr beschwerlich. Unsere
Fhrer riethen uns nur langsam zu gehen, und sie hatten Recht: aber die
Herren ruhten zu oft absatzweise, und darin hatten diese nicht Recht.
^Methinks, I smell the morning air^, sagte der Major, und fuhr ganz
drollig fort, als ein junger Lieutenant durch den hohlen Schnee auf ein
Lavastck fiel und ber den Fu klagte: ^Alack, what dangers do environ
the man that meddles with cold iron!^ Die Klte des Morgens ward
schneidend und die Englnder, die wohl in Aegypten und Malta eine solche
Partie nicht gemacht hatten, schttelten sich wie die Matrosen. Endlich
erreichten wir den Steinhaufen des sogenannten Philosophenthurms, und
die Sonne tauchte eben glhend ber die Berge von Kalabrien herauf und
vergoldete was wir von der Meerenge sehen konnten, die ganze See und den
Taurus zu unsern Fen. Ganz rein war die Luft nicht, aber ohne Wolken;
desto magischer war die Scene. Hinter uns lag noch Alles in Nacht, und
vor uns tanzten hier und da Nebelgestalten auf dem Ocean. Wer kann hier
beschreiben? Nimm Deinen Benda, und la auf silbernem Flgel dem Mdchen
auf Naxos die Sonne aufgehen: und wenn Du nicht etwas von unserm
Vergngen hast, so kann Dir kein Gott helfen.[12] So ging uns Titan auf;
aber wir standen ber einem werdenden Gewitter: es konnte uns nicht
erreichen. Einer der Herren lief wehklagend und hoch aufschreiend um die
Trmmern herum; denn er hatte die Finger erfroren. Wir halfen mit Schnee
und rieben und wuschen, und arbeiteten uns endlich zu dem Gipfel des
Berges hinauf. Mir ducht, man mte bis zum Philosophenthurm reiten
knnen; bis dahin ist es nicht zu sehr jh: aber die Klte verbietet es;
wenigstens mchte ich eben dewegen ohne groe Verwahrung nicht von der
Kavalkade seyn. Von hier aus kann man nicht mehr gehen; man mu steigen,
und zuweilen klettern, und zuweilen klimmen. Es scheint nur noch eine
Viertelstunde bis zur hchsten Spitze zu seyn, aber es ist wohl noch ein
Stckchen Arbeit. Die Briten letzten sich mit Rum, und da ich von diesem
Nektar nichts genieen kann, a ich von Zeit zu Zeit eine Apfelsine aus
der Tasche. Sie waren ziemlich gefroren; aber ich habe nie so etwas
Kstliches genossen. Als ich keine Apfelsinen mehr hatte -- denn der
Appetit war stark -- stillte ich den Durst mit Schnee, arbeitete immer
vorwrts, und war zur Ehre der deutschen Nation der Erste an dem
obersten Felsenrande der groen ungeheuern Schlucht, in welcher der
Krater liegt. Einer der Fhrer kam nach mir, dann der Major, dann der
zweite Fhrer, dann die ganze kleine Karavane bis auf den Herren mit den
erfrorenen Fingern. Hier standen und saen und lagerten wir, halb in dem
Qualm des aufsteigenden Rauchdampfes eingehllt, und keiner sprach ein
Wort, und jeder staunte in den furchtbaren Schlund hinab, aus welchem es
in dunklen und weilichen Wolken dumpf und wthend herauftobte. --
Endlich sagte der Major, indem er sich mit einem tiefen Athemzuge Luft
machte: ^Now it is indeed worth a young man's while to mount and see
it; for such a sight is not to be met with in the parks of old
England.^ Mehr kannst Du von einem chten Briten nicht erwarten, dessen
patriotische Seele ihren Gefhrten mit Rostbeef und Porter ambrosisch
bewirthet.

Die Schlucht, ungefhr eine kleine Stunde im Umfange, lag vor uns, wir
standen alle auf einer ziemlich schmalen Felsenwand, und bckten uns
ber eine steile Kluft von vielleicht sechzig bis siebenzig Klaftern
hinaus und in dieselbe hinein. Einige legten sich nieder, um sich auf
der grausen Hhe vor Schwindel zu sichern. In dieser Schlucht lag tief
der Krater, der seine Strme aus dem Abgrunde nach der entgegengesetzten
Seite hinber warf. Der Wind kam von der Morgensonne und wir standen
noch ziemlich sicher vor dem Dampfe; nur da hier und da etwas durch die
Felsenspalten heraufdrang. Rund herum ist keine Mglichkeit, vor den
ungeheuern senkrechten Lavablcken, bis hinunter ganz nahe an den Rand
des eigentlichen Schlundes zu kommen. Blo von der Seite von Taormina,
wo eine sehr groe Vertiefung ausgeht, mu man hineinsteigen knnen,
wenn man Zeit und Muth genug hat, die Gefahr zu bestehen: denn eine
kleine Vernderung des Windes kann tdtlich werden, und man erstickt,
wie Plinius. Uebrigens wrde man wohl unten am Rande weiter nichts sehen
knnen. Htte ich drei Tage Zeit und einen entschlossenen, der Gegend
ganz kundigen Fhrer, so wollte ich mir wohl die Ehre erwerben, unten
gewesen zu seyn, wenn es der Wind erlaubte. Man mte aber mit viel
grerer Schwierigkeit von Taormina hinaufsteigen.

Nachdem wir uns von unserm ersten Hinstaunen etwas erholt hatten, sahen
wir nun auch rund umher. Die Sonne stand nicht mehr so tief, und es war
auch auf der brigen Insel schon ziemlich hell. Wir sahen das ganze
groe, schne herrliche Eiland unter uns, vor uns liegen, wenigstens den
schnsten Theil desselben. Alles was um den Berg herum liegt, das ganze
Thal Enna, bis nach Palagonia und Lentini, mit allen Stdten und Flecken
und Flssen, war wie in magischen Duft gewebt. Vorzglich reizend zog
sich der Simthus aus den Bergen durch die schne Flche lang hinab in
das Meer, und man bersah mit Einem Blick seinen ganzen Lauf. Tiefer hin
lag der See Lentini und glnzte wie ein Zauberspiegel durch die
elektrische Luft. Die Folge wird zeigen, da die Luft nicht sehr rein,
aber vielleicht nur desto schner fr unsern Morgen war. Man sah
hinunter bis nach Augusta und in die Gegend von Syrakus. Aber die
Schwche meiner Augen und die Dnste des Himmels, der doch fast
unbewlkt war, hinderten mich weiter zu sehen. Messina habe ich nicht
gesehen: und mir ducht, man kann es auch von hier nicht sehen: es liegt
zu tief landeinwrts an der Meerenge und die Berge mssen es decken.
Palermo kann man durchaus nicht sehen, sondern nur die Berge umher. Von
den Liparen sahen wir nur etwas durch die Wlkchen. Nachdem wir rund
umher genug hinabgeschaut hatten, und das erste Staunen sich etwas zur
Ruhe setzte, sagte der Major nach englischer Sitte: ^Now be sure, we
needs must give a shout at the top down the gulf^; und so stimmten wir
denn drei Mal ein mchtiges Freudengeschrei an, da die Hhlen der
furchtbaren Riesen wiederhallten, und die Fhrer uns warnten, wir
mchten durch unsere Ruchlosigkeit nicht die Teufel unten wecken. Sie
nannten den Schlund nur mit etwas vernderten Mythus: ^la casa del
diavolo^ und das Echo in den Klften ^la sua risposta^.

Der Umfang des kleinen tief unten liegenden Kessels mag ungefhr eine
kleine Viertelstunde seyn. Es kochte und brauste und wthete und tobte
und strmte unaufhrlich aus ihm herauf. Einen zweiten Krater habe ich
nicht gesehen; der dicke Rauch mte vielleicht ganz seinen Eingang
decken, oder dieser zweite Schlund mte auf der andern Seite der Felsen
liegen, zu der wir wegen des Windes der den Dampf dorthin trieb, nicht
kommen konnten. Auch hier waren wir nicht ganz von Rauche frei; die
rothe Uniform der Englnder mit den goldenen Achselbndern war ganz
schwarzgrau geworden; mein blauer Rock hatte seine Farbe nicht merklich
verndert.

Ich hatte mich bisher im Aufsteigen immer mit Schnee gelabt; aber hier
am Rande auf der Spitze war er bitter salzig und konnte nicht genossen
werden. Nicht weit vom Rande lag ein Auswurf von verschiedenen Farben,
den ich fr todten Schwefel hielt. Er war hei und wir konnten unsere
Fe darin wrmen. Wir setzten uns an eine Felsenwand, und sahen auf die
zauberische Gegend unter uns, vorzglich nach Catanien und Paterno
hinab. Die ^Monti rossi^ bei Nicolosi glichen fast Maulwurfshgeln, und
die ganze groe ausgestorbene Familie des alten lebendigen Vaters lag
rund umher, nur er selbst wirkte mit ewigem Feuer in furchtbarer
Jugendkraft. Welche ungeheure Werkstatt mu er haben! Der letzte groe
Ausbruch war fast drei deutsche Meilen vom Gipfel hinab bei Nicolosi.
Wenn er wieder durchbrechen sollte, frchte ich fr die Seite von
Taormina, wo nun die Erdschicht am dnnsten zu seyn scheint. Die Luft
war, trotz dem Feuer des Vulkans und der Sonne, doch sehr kalt, und wir
stiegen wieder herab. Unser Herabsteigen war noch belohnender, als der
Aufenthalt auf dem obersten Gipfel. Bis zum Philosophenthurm war viel
Behutsamkeit nthig. Hier war nun der Provianttrger angekommen, und wir
hielten unser Frhstck. Die Englnder griffen zu der Rumflasche, und
ich hielt mich zum gebratenen Huhn und dann zum Schnee. Brot und Braten
waren ziemlich hart gefroren, aber der heie Hunger thaute es bald auf.
Indem wir aen, genossen wir das schnste Schauspiel, das vielleicht das
Auge eines Menschen genieen kann. Der Himmel war fast ganz hell, und
nur hinter uns ber dem Simthus hingen einige kleine lichte Wlkchen.
Die Sonne stand schon ziemlich hoch an der Kste Kalabriens; die See war
glnzend. Da zeigten sich zuerst hier und da einige kleine Fleckchen auf
dem Meere links vor Taormina, die fast wie Inselchen aussahen. Unsere
Fhrer sagten uns sogleich, was folgen wrde. Die Flecken wurden
zusehens grer, bildeten flockige Nebelwolken und breiteten sich aus
und flossen zusammen. Keine morganische Fee kann eine solche Farbengluth
und solchen Wechsel haben, als die Nebel von Moment zu Moment annahmen.
Es scho in die Hhe und glich einem Walde mit den dichtesten Bumen von
den sonderbarsten Gestalten, war hier gedrngter und dunkler, dort
dnner und heller, und die Sonne schien in einem noch ziemlich kleinen
Winkel auf das Gewebe hinab, das schnell die ganze nrdliche Kste
deckte und das wir hier tief unter uns sahen. Der Gluthstrom fing an die
Schluchten der Berge zu fllen, und hinter uns lag das Thal Enna mit
seiner ganzen Schnheit in einem unnennbarem Halblichte, so da wir nur
noch den See von Lentini als ein helles Fleckchen sahen. Dieses alles
und die Bildung des himmlischen Gemldes an der Nordseite war das Werk
einer kleinen Viertelstunde. Ich werde eine so geschmckte Scene
wahrscheinlich in meinem Leben nicht wieder sehen. Sie ist nur hier zu
treffen; und auch hier sehr selten; die Fhrer priesen uns und sogar
sich selbst dewegen glcklich. Wir brachen auf, um, wo mglich, unten
dem Regen zu entgehen: in einigen Minuten sahen wir nichts mehr von dem
Gipfel des Berges; alles war in undurchdringlichen Nebel gehllt, und
wir selbst schossen auf der Bahn, die wir im Hinaufsteigen langsam
gemacht hatten, pfeilschnell herab. Ohne den Schnee htten wir es nicht
so sicher gekonnt. Nach einer halben Stunde hatten wir die Blitze links,
immer noch unter uns. Der Nebel hellte sich wieder auf, oder vielmehr
wir traten aus demselben heraus, das Gewitter zog neben uns her nach
Catanien zu, und wir kamen in weniger, als der Hlfte Zeit wieder in das
Haus am Ende der Waldregion, wo wir uns an das Feuer setzten -- nmlich
diejenigen, die es wagen durften. Die Englnder hatten zu dieser
Bergreise eine eigene Vorkehrung getroffen. Wei der Himmel, wer sie
ihnen mochte gerathen haben: die meinige war besser. Sie kamen in
Nicolosi in Stiefeln an, setzten sich aber dort in Schuhe, und ber
diese Schuhe zogen sie die dicksten wollenen Strmpfe, die man sich
denken kann, und die sie sogar, wie sie mir sagten, schon in Holland zu
diesem Behufe gekauft hatten. Der Aufzug lie sonderbar genug; sie sahen
mit den groen Aetnastcken von unten auf alle ziemlich aus, wie
samojedische Brenfhrer. Ich ging in meinem gewhnlichen Reisezeug, mit
gewhnlichen baumwollenen Strmpfen in meinen festen Stiefeln. Schon
hinaufwrts waren einige hollndische Strmpfe zerrissen; herabwrts
ging es ber die Schuhe und die Unterstrmpfe. Einige liefen auf den
Zehen, die sie denn natrlich erfroren hatten. Meine Warnung langsam und
fest, ohne abzusetzen, fortzugehen, hatte nichts geholfen. Mir fehlte
nicht das Geringste. Vorzglich hatte einer der jungen Herren die
Unvorsichtigkeit gehabt, sich mit warmem Wasser zu waschen und an das
Feuer zu setzen. In einigen Minuten jauchzte er vor Schmerz, wie Homers
verwundeter Kriegsgott, und hat den Denkzettel mitgenommen. Vermuthlich
wird er in Catanien, oder noch in Malta zu kuriren haben. Du kannst
sehen, welcher auffallende Kontrast hier in einer kleinen Entfernung in
der Gegend ist; unten bei Catanien raufte man reifen Flachs, und die
Gerste stand hoch in Aehren; und hier oben erfror man Hnde und Fe.
Nun ritten wir noch immer mit dem Gewitter durch die Waldregion nach
Nicolosi hinab, wo wir eine herrliche Mahlzeit fanden, die der Wirth aus
dem goldenen Lwen in Catanien kontraktmig angeschafft hatte. Wir
nahmen Abschied, die Englnder ritten zurck nach Catanien, und ich
meines Weges hierher nach Taormina.

Es ist vielleicht in ganz Europa keine Gegend mit so vielfltigen
Schnheiten, als die Umgebung dieses Berges. Seine Hhe kann ich nicht
bestimmen. In einem geographischen Verzeichnisse wurde er hier
betrchtlich hher angegeben, als die hchsten Alpen: das mgen die
Italiener mit den mathematischen Geographen ausmachen. Der Professor
Gambino aus Catanien will diesen August mit einer Gesellschaft hinauf
gehen, um oben noch mehrere Beobachtungen anzustellen. Man hat in der
Insel das Sprchwort vom Aetna: ^On le voit toujours le chapeau blanc
et la pipe  la bouche.^ -- Der Schnee soll nie schmelzen: das ist in
einem so sdlichen Klima viel. Man nennt ihn in Sicilien meistens, wie
bekannt, nur ^Monte Gibello^: aber man nennt ihn auch noch sehr oft
Aetna, oder den Berg von Sicilien, oder geradezu vorzugsweise den Berg.
Die letzte Benennung habe ich am hufigsten und zwar auch unten an der
Kste gefunden. Mir scheint es berhaupt, da man jetzt anfngt, die
alten Namen wieder hervorzusuchen und zu gebrauchen. So habe ich auch
den Flu unten nicht anders als Simthus nennen hren.

Bis an das Bergkloster der Benediktiner ist der Aetna von dieser Seite
bebaut; weiter hinauf ist Wald und fast von lauter Eichen, die jetzt
noch alle kahl standen; und nicht weit von der Geihhle, oder dem
jetzigen Hause von Paterno hrt die Vegetation ganz auf. Wir fanden von
dort an bis zum Gipfel Schnee. Die bebaute Region giebt eine
Abwechselung, die man vielleicht selten mehr auf dem Erdboden findet.
Unten reifen im lieblichsten Gemische die meisten Frchte des wrmern
Erdstrichs; alle Orangengeschlechter wachsen und blhen im goldenem
Glanze. Weiter hinauf gedeiht die Granate, dann der Oelbaum, dann die
Feige, dann nur der Weinstock, und die Kastanie; und dann nur noch die
ehrwrdige Eiche. Am Fue triffst Du alles dieses zusammen in schnen
Gruppen, und zuweilen Palmen dazu.

Auf meinem Wege nach Taormina zeigte mir mein Fhrer, nur auf einem
Punkte, den alten, groen, berhmten Kastanienbaum in der Ferne. Kaum
kann ich sagen, da ich ihn gesehen habe; ich wollte ihm aber nicht
einen Tag aufopfern. Die Nacht mute ich in einem kleinen elenden
Drfchen bleiben. Der Weg nach Taormina gehrt zu den schnsten,
besonders einige Millien vor der Stadt. Dieser Ort, welcher ehemals
unten lag und nun auf einem hohen Vorsprunge des Taurus steht, hat die
herrlichste Aussicht nach allen Seiten, vorzglich von dem alten
Theater, einem der khnsten Werke der Alten. Rechts ist das ewige Feuer
des Aetna, links das fabelhafte Ufer der Insel, und gegenber sieht man
weit, weit hinauf an den Ksten von Calabrien. Hchst wahrscheinlich ist
das Theater nur rmisch; man hat es nach der Zerstrung durch die
Saracenen so gut als mglich wieder zusammengesetzt, scheint aber dabei
nach sehr willkhrlichen Konjekturen verfahren zu seyn. Es ist
bekanntlich eines der erhaltensten, und Alles, was alt ist, ist sehr
anschaulich, aber fr das neue Flickwerk mchte ich nicht stehen: und
doch hat eben der schnste, prchtigste Theil am meisten von den
Barbaren gelitten. Das alte Schlo, welches noch viel hher als die
Stadt liegt, mu schwer zu nehmen seyn. Die Patronin, die heilige Mutter
vom Felsen, mte es also ziemlich leicht sehr gut vertheidigen, wenn
ihre Kinder verstndige und brave Kriegsleute wren. Nach Taormina hatte
ich eine Empfehlung von Catanien an den Kommandanten, die einzige in
Sicilien, welche schlecht honorirt wurde. Man wies mich in ein
Wirthshaus unten am Fue des Berges, welches aber eine Stunde hinunter
ist. Das konnte mir mein Mauleseltreiber auch sagen; und htte ich oben
ein Wirthshaus finden knnen, so wre ich dem Herrn gar nicht
beschwerlich gefallen. Bei den Kapuzinern sprach ich gar nicht ein; denn
ihre Ungeflligkeit und ihr Schmutz waren mir schon geschildert worden.
Ich schickte hier meinen Mauleseltreiber fort und wanderte wieder allein
zu Fue weiter: denn an der See hinauf, dachte ich, kann ich nun Messina
nicht verfehlen. Ein alter Sergeant von Taormina, der mir sehr
freundlich den Cicerone machte, wollte mir eine Ordre an den
Kommandanten von Sankt Alexis, einen unter ihm stehenden Korporal,
mitgeben, da er mir dort das Schlo auf der Felsenspitze zeigen sollte:
ich dankte ihm aber mit der Entschuldigung, da ich nicht Zeit haben
wrde. Der Weg hinauf und herab von Taormina ist etwas halsbrechend, hat
aber einige schne, sehr gut bebaute Schluchten. Mein Aufenthalt oben
dauerte aus angefhrten Ursachen nur zwei kleine Stunden, bis ich das
Theater gesehen, und Fische und Oliven mit dem Sergeanten gegessen
hatte. Der ehrliche alte Kerl wollte mich fr die Kleinigkeit noch
einige Millien begleiten, damit ich den Weg nicht verlieren mchte.
Einen gar sonderbaren, langgezogenen, tiefen, nicht unsonorischen
Dialekt haben hier die Leute. Auf die Frage, wie weit ich noch zum
hchsten Orte habe, erhielt ich die Antwort: ^Saruhn incuhra cinquuh
migliah^: welches Jeder ohne Noten verstehen wird.

Die Nacht blieb ich in einem kleinen Orte, der, glaube ich, Giumarrinese
hie, und noch achtzehn Millien von Messina entfernt ist. Ein Seebad
nach einem ziemlich warmen Tage that mir recht wohl; und die frischen
Sardellen gleich aus der See waren nachher ein ganz gutes Gericht. Man
thut sich hier darauf etwas zu gute und behauptet mit Recht, da man sie
in Palermo nicht so schn haben kann. Einige Millien von Messina fand
ich wieder Fuhrgleise, welches mir eine wahre Wohlthat war; denn seit
Agrigent hatte ich keinen Wagen gesehen. In Syrakus kann man nur eine
Viertelstunde an der See, bis an ein Kloster vor der Stadt und bis in
die Gegend des Anapus fahren: und eine geistliche Snfte, von Mauleseln
getragen, die ich in den Bergschluchten zwischen Augusta antraf, war
Alles, was ich einem Fuhrwerk hnliches gefunden hatte.




                                                            _Messina._


In der langen Vorstadt von Messina traf ich einige sehr gut gearbeitete
Brunnen, mit pompsen lateinischen Inschriften, worin ein Brunnen mit
Recht als eine groe Wohlthat gepriesen wurde. Nur Schade, da sie kein
Wasser hatten! Die Hafenseite ist noch eine furchtbare Trmmer, und doch
der einzige nahe Spaziergang fr die Stadt. Noch der jetzige Anblick
zeigt, was das Ganze mu gewesen seyn; und ich glaube wirklich, die
Messinesen haben Recht gehabt, wenn sie sagten: es sei in der Welt nicht
so etwas Prchtiges mehr gewesen, als ihre Facade an dem Hafen, die sie
dewegen nur vorzugsweise den Palast nannten, und ihn noch jetzt in den
Trmmern so nennen. Das Schicksal scheint hier eine schreckliche
Erinnerung an unsere Ohnmacht gegeben zu haben: Das knnt ihr mit Macht
und angestrengtem Flei in Jahrhunderten; und das kann ich in einem
Momente! Die Monumente strzten, und die ganze Felsenkste jenseits und
diesseits wurde zerrttet! -- Nur die Heiligennischen an den Enden
werden wieder aufgebauet und Bettelmnche hineingesetzt, den geistlichen
Tribut einzutreiben. Aufwrts in der Stadt wird sehr lebhaft und sehr
solid wieder aufgebauet. Die Huser bekommen durchaus nicht mehr, als
zwei Stockwerke, um bei knftigen Erderschtterungen nicht zu sehr unter
ihrer Last zu leiden. Das unterste Stockwerk hat selbst in den
furchtbarsten Erdbeben berall nur wenig gelitten.

Messina ist reich an Statuen ihrer Knige, von denen einige nicht
schlecht sind. Ich habe stundenlang vor dem Bild Philipps des Zweiten
gestanden, und die Geschichte aus seinem Gesichte gesucht. Mir ducht,
er trgt sie darauf; und selbst Schiller scheint seinen Charakter
desselben von so einem Kopfe genommen zu haben. Die heilige Jungfrau ist
bekanntlich die vorzglichste Patronin der Messinesen, und Du kannst
nicht glauben, wie fest und heilig sie noch auf ihren Schutzbrief
halten. Wenn sie hier nicht im Erdbeben hilft, so wie Agatha in Catanien
den Berg nicht zhmt, so mssen freilich die Snder gestraft werden. Ich
hatte so eben Gelegenheit, eine groe feierliche Ceremonie ihr zu Ehren
mit anzusehen. Die ganze Geistlichkeit mit einem ziemlich ansehnlichen
Gefolge vom weltlichen Arm hielt das Palmenfest. Mich wundert nicht, da
die Palmen in Sicilien nicht besser fortkommen und immer seltener
werden, wenn man sie alle Jahre auf diese Art so gewissenlos plndert.
Alles trug Palmenzweige, und wer keinen von den Bumen mehr haben
konnte, der hatte sich einen schnitzen und frben lassen. Der Aufzug
wre possirlich gewesen, wenn er nicht zu ernsthaft gewesen wre. Ein
Mnch predigte sodann in der Kathedralkirche eine halbe Stunde von der
heiligen Jungfrau und ihrem gewaltigen Kredit im Himmel und ihrer
besondern Gnade gegen die Stadt, und fhrte dafr Beweise an, ber die
selbst der chteste, glubigste Katholik htte ausrufen mgen: ^Credat
Judaeus Apella!^ Sodann kam der Erzbischof in einem ungeheuern, alten,
vergoldeten Staatswagen mit vier stattlichen Mauleseln, stieg aus und
segnete das Volk, und es ging selig nach Hause. Die Kathedrale hat in
ihrem Baue nichts Merkwrdiges, als die Sulen, die aus dem alten
Neptunustempel am Pharus sind. Der groe, prchtige Altar war verhngt;
er gilt in ganz Sicilien fr ein Wunder der Arbeit und des Reichthums.
Man machte mir Hoffnung, da ich ihn wrde sehen knnen, und nahm es
ziemlich bel, da mir die Sache so gleichgltig schien.

Man sagt, die Hafenseite liegt dewegen noch so ganz in Trmmern, weil
die Regierung sie durchaus eben so schn und ganz nach dem alten Plan
aufgebauet wissen wolle, die Brger aber sie nur mit dem Uebrigen
gleich, zwei Stock hoch, aufzufhren gesonnen seien. Mir ducht, das
Ganze ob ich es gleich von sehr unterrichteten Leuten gehrt habe, sei
doch nur ein Gercht; und wenn es wahr ist, so zeigt es den guten
soliden Verstand der Brger, und die Unkunde und Marotte der Regierung.
Die Statue des jetzigen Knigs, Ferdinand des Vierten, hat man noch 1792
mitten unter die Trmmer gesetzt. Wenn hier der gute Herr nicht seinen
lethargischen Schnupfen verliert, so kann ihm kein Anticyra helfen. Was
die Leute bei der Aufstellung der Statue hier eben mgen gedacht haben,
ist mir unbegreiflich, da der Knig weder eine solche Ehre, noch eine
solche Verspottung verdient. Die Statue war auf alle Flle hier das
Letzte, was man aufstellen sollte. In dem Hafen liegen eben jetzt vier
englische Fregatten, und es scheint, als ob die Briten ber die Insel
Wache hielten; so bedenklich mag ihnen die Lage derselben vorkommen. Es
sind schne, herrliche Schiffe, und so oft ich etwas von der englischen
Flotte gesehen habe, habe ich unwillkhrlich den bermthigen Insulanern
ihr stolzes ^Britania rule the waves^ verziehen; eben so wie dem
Pariser Didot sein ^Excudebam^, wenn ich die Arbeit selbst
betrachtete.

Von der Wasserseite mchte es immer etwas kosten, Messina anzugreifen:
aber zu Lande von Scaletta wrde man so ziemlich gleich gegen gleich
fechten, und der Ort wrde sich nicht halten. Ich war hier an einem
Prpositus in einem Kloster empfohlen, der viel Gte und Freundlichkeit,
aber ziemlich wenig Sinn fr Aufklrung hatte, welches man dem guten
Mann in seiner Lage so bel nicht nehmen mu. Er begleitete mich mit
vieler Geflligkeit berall hin, und wollte mich in dem Kloster logiren;
aber ich hatte schon in der Stadt ein ziemlich gutes Wirthshaus. Die
Kirche des heiligen Gregorius auf einer ziemlichen Anhhe ist reich an
Freskogemlden und Marmorarbeit: aber was mir wichtiger ist, als dieses,
sie giebt von ihrer Faade links und rechts die schnste Aussicht ber
die Stadt und den Meerbusen; und mit einem guten Glase mu man hier
sehen knnen, was gegenber am Ufer in Italien und in Reggio auf den
Gassen geschieht. In dem Hause des Herrn Marini, eines Patriciers der
Stadt, steht als neuestes Alterthum ein Stck von einer alten Sule mit
Inschrift, das vor einiger Zeit gefunden worden ist. Sie hat auf einem
Brunnen gestanden, und man behauptet, die Inschrift sei griechisch; aber
Niemand ist da, der sie erklren knnte. Ob ich gleich leidlich
griechisch lese, so konnte ich doch nicht einmal herausbringen, ob es
nur griechische Lettern wren. Vielleicht ist es altes phnizisches
Griechisch, und in diesem Falle vielleicht eins der ltesten Monumente.
Schrift und Marmor haben sehr gelitten, da sie lange unter der Erde
gelegen haben. Das Stck ist, so viel ich wei, noch nicht bekannt, und
wird sorgfltig aufgehoben. Ich empfehle es Mnnern, die gelehrter sind,
als ich; da es doch vielleicht fr irgend einen Punkt der Geschichte
nicht unwichtig ist.

Die Herren des Klosters luden mich ein, zum Fasttage bei ihnen zu essen.
Dieses ist die einzige Mahlzeit, die ich in Italien bei Italienern
genossen habe; und sie war stattlich. Von den brigen Herren habe ich
viel Hflichkeit erhalten, aber nichts zu essen. Das ist nun so die
italienische Weise, die ich weder loben noch tadeln will. Das Kloster
bestand nur aus wenigen Geistlichen: der Laienbrder, welche die
Bedienten machten, waren mehr. Man gab mir den Ehrenplatz und war sehr
artig und ich sollte daher wohl dankbar seyn; aber erst fr Humanitt --
^magis amica veritas^! Ich habe mir die Gerichte gemerkt, und mu sie
Dir nennen, damit Du siehst, wie man an einem sicilischen Klostertische
fastet. Zum Eingang kam eine Suppe mit jungen Erbsen und jungem
Kohlrabi; sodann kamen Maccaroni mit Kse; sodann eine Pastete von
Sardellen, Oliven, Kapern und starken aromatischen Krutern; ferner ein
Kompott von Oliven, Limonen und Gewrz; ferner einige groe herrliche,
goldgelbe Fische aus der See, die ich fr die beste Art von Brschen
hielt; weiter hochgewrzte, vortreffliche Artischocken; das Dessert
bestand aus Lattichsallat, den schnsten jungen Fenchelstauden, Kse,
Kastanien und Nssen: Alles, und vorzglich das Brot, war von der besten
Qualitt, und schon einzeln ^quantum satis superque^. Vor allen habe ich
die Kastanien nirgends so schn und so delikat gebraten gefunden. Nun
frage ich Dich, heit das nicht mit diesem Fasten einem ehrlichen Kerl
mit aller Gewalt die Erbsnde in den Leib jagen? Bei dieser Dit mu man
freilich orthodoxen Glauben gewinnen, der die Vernunft verachtet. Ich
ging hinaus und lief einige Meilen am Strande herum, bis zur Charybdis
hinunter; aber die frommen Glubigen blieben zu Hause in der
Gottseligkeit. Das nenne ich einen Fasttag: nun denke Dir den Festtag!
Meine fuwandelnde Person war wohl nicht so wichtig, da man dewegen
eine Aenderung in der Klosterregel sollte gemacht haben. Nun fhrte man
mich oben in dem unausgebauten Kloster herum, und zeigte mir die Anlagen
und das Modell, das man dazu aus Rom hatte kommen lassen. Ich hoffe vom
Himmel zum Heile der Menschheit, die Sottise soll nicht fertig werden.
Ob so etwas auf meiner Nase mag gesessen, wei ich nicht; die Herren
zeigten mir nichts mehr von ihren brigen Herrlichkeiten. Hier las man
mir ein Manuscript von einem Abt Sacchio vor, das eine Beschreibung und
Geschichte der Stadt Messina enthielt und das man sehr hoch schtzte;
aber nach dem zu urtheilen, was davon gelesen wurde, brauchen wir es
nicht zu bedauern, da der Schatz im Kloster liegt; die Abhandlung
scheint blo fr Mnche pragmatisch.

Die Festung zu sehen, mu man Erlaubni haben, welches etwas schwer
hlt. Ich bemhte mich nicht darum, da ich schon so viel aus der Anlage
sah, da man mit zweitausend braven Grenadieren ohne Erlaubni
hineingehen knnte. Alles ist nur auf einen Angriff zu Wasser berechnet.
Der Hafen hier und in Palermo sind noch die einzigen Oerter, wo ich in
Sicilien einige artige Weibergestalten gesehen habe. Anderwrts und
vorzglich in Agrigent und Syrakus, war ich mit meinen griechischen
Idealen aus dem Theokrit traurig durchgefallen. Der Hafen ist auch hier
und in Palermo die einzige Promenade, und fr den Menschen, der Menschen
studiren will, gewi eine der wichtigsten; so bunt und kraus sind die
Gestalten vieler Nationen durch einander gruppirt! Schon in der Stadt
selbst wohnt eine groe Verschiedenheit, und der Fremden sind eine
Menge. Einen der schnsten Augenblicke hatte ich gestern Abends, bei dem
ich als Mensch ber die Menschen mich fast der Freudenthrnen nicht
enthalten konnte. Ein fremdes Schiff kam aus dem mittellndischen Meer
die Meerenge herab. Ich wei nicht, ob es durch Sturm oder irgend einen
andern Unfall gelitten hatte; es war in Gefahr und that Nothschsse. Du
httest sehen sollen, mit welchem gttlichen Enthusiasmus fast
bermenschliche Kraft zwanzig Boote von verschiedenen Vlkern durch die
Wogen auf die Hhe hinausarbeitete, um die Leidenden zu retten.
Italiener, Franzosen, Englnder, Griechen und Trken wetteiferten in dem
schnsten Kampfe: sie waren glcklich und brachten Alles ohne Verlust in
den Hafen. In diesem Momente rgerte ich mich fast, da ich nicht reich
war, hier den Rettern ein menschliches Fest zu geben: aber ein zweiter
Augenblick gab mir Besinnung; das Fest war so schner. Das brave bunte
Gewimmel war mehr belohnt durch die That; und ich war sehr glcklich,
da ich sie gesehen hatte. Als ich zurckging, wurde ich an einer
Heiligennische ^per la santa vergine^ um ein Almosen gebeten; ich sah
den Mann forschend an und er fuhr fort: ^Date nella vostra idea, date
pure! sara bene impiegato.^ Der Mensch verstand wenigstens den
Menschen, wenn er ihn auch betrgen sollte: ich gab.




                                                            _Palermo._


Hier bin ich nun wieder von der Runde zurck. Der letzte Zug von Messina
hierher war der beschwerlichste, aber er hat auch viel Belohnendes. Die
Berge waren mir gar frchterlich beschrieben worden; ich miethete mir
also einen Maulesel mit seinem Fhrer und setzte ruhig aus. Beschftigt
mit den alten Messeniern, der eisernen Tyrannei der Spartaner, der
muthigen Flucht der braven Mnner nach Zankle und allen ihren
Schicksalen, Unglcksfllen, Ausartungen und Erholungen, die Seele voll
von diesen Gedanken stieg ich neben meinem Maulesel den Berg hinauf und
blieb oft stehen, einen Rckblick auf zwei so schne Lnder zugleich zu
nehmen. Melazzo auf einer weitausgehenden Landzunge macht von fern einen
hbschen Anblick, und das Land umher scheint nicht bel gebauet zu seyn.
Auch diese Gegend hat viel im letzten Erdbeben gelitten. Unten am Pelor
sah ich zum erstenmal wieder grne vaterlndische Eichen und die
Nachtigallen schlugen wetteifernd aus den Schluchten. Mir war auf einmal
so heimisch wohl dabei, da ich hier htte bleiben mgen. Es geht doch
nichts ber einen deutschen Eichenwald. Bei Barcellona, wie man mir den
Ort nannte, sah ich das schnste Thal in ganz Sicilien; und Andere sind,
ducht mir, schon vor mir dieser Meinung gewesen. Es ist ein reizendes
Gemische von Frchten aller Art, Orangen und Oel, Feigen und Wein,
Bohnen und Weizen; und die ausschlieenden Berge sind nicht zu hoch und
zu rauh, sondern ihre Gipfel sind noch alle mit schner Waldung bekrnt.
In Patti war kein Pferdestall zu finden: wir ritten also von einem Orte
zum andern immer weiter hin bis Mitternacht. Patti dankt, ducht mir,
seinen Ursprung, oder wenigstens seinen Namen, einem dort geschlossenen
Vergleiche in den punischen Kriegen. Den Ort meines Nachtlagers habe ich
vergessen, aber die Art nicht. Die See war furchtbar strmisch, und es
hatte entsetzlich geregnet. Mit vieler Mhe konnten wir noch einige
Fische und Eier erhalten. Es hatten sich zwei Fremde zu mir gesellt, die
auch von Messina kamen und ins Land ritten. Wein war genug da, aber kein
Brot. Man gab mir aus Hflichkeit die beste Schlafstelle; diese war auf
einem steinernen Absatze neben der Krippe; die andern Herren legten sich
unten zu den Schweinen. Mein Mauleseltreiber trug zrtliche Sorge fr
mich und gab mir seine Kaputze: und man begriff berhaupt nicht, wie ich
es habe wagen knnen, ohne Kaputze zu reisen. Diese sonderbare Art von
schwarzbraunem Mantel mit der spitzigen Kopfdecke ist in ganz Italien
und vorzglich in Sicilien ein Hauptkleidungsstck. Ich hatte ganz
Geschmack daran gewonnen; und wenn ich von dieser Nacht urtheilen soll,
so habe ich Talent zum Kapuziner; denn ich schlief sehr gut. Den ersten
Tag machten wir fnfzig Millien.

In Sankt Agatha, einem Kloster von einer sehr angenehmen Lage, wollten
wir die zweite Nacht bleiben; und dort scheint kein bles Wirthshaus zu
seyn; aber es war noch zu frh und wir ritten mehrere Millien weiter bis
Aque Dolci, wo der schne Name das beste war, wie vor Agrigent in
Fontana Fredda. Hier waren Leute, wie die sikanischen Urbewohner der
Insel, gro und stark und rauh und furchtbar; und hier, glaube ich, war
ich mit meiner Ketzerei wirklich in einer etwas unangenehmen Lage. Ein
Stck von Geistlichkeit hatte Lunte gerochen und nahm mich sehr in
Anspruch, und ich hielt ihn mir nur durch Latein vom Halse, vor dem er
sich zu frchten schien. Anderwrts war der Bekehrungseifer gutmthig
und wohlwollend sanft; hier hatte er etwas cyklopisches. Nicht weit von
dem Ort ist oben in dem Felsen eine Hhle, die man mir sehr rhmte und
in die man mich mit Gewalt fhren wollte. Es war aber zu spt und ich
hatte auch nicht recht Lust, mit solchen Physiognomien allein in den
polyphemischen Felsenhhlen herumzukriechen. Ich war hier nicht in
Adlersberg. Hier mute ich fr ein Bett sechs Karlin bezahlen, und als
ich bemerkte, da ich fr Bett und Zimmer zusammen in Palermo nur drei
bezahlte, sagte mir der Riese von Wirth ganz skoptisch: Freilich; aber
dafr sind sie auch eben jetzt nicht in Palermo und bekommen doch ein
Bett. Der Grund war in Sicilien so unrecht nicht.

Wir hatten schon, wie mir mein Fhrer sagte, mit Gefahr einige Flsse
durchgesetzt. Nun kamen wir an einen, den sie Santa Maria nannten. Es
mute oben fluthend geregnet haben; denn die Waldstrme waren
frchterlich angeschwollen. Dieses macht oft den Weg gefhrlich, da
keine Brcken sind. Einer der Cyklopen, den man fglich fr einen
Polyphem htte nehmen knnen -- so riesenhaft war er selbst und so gro
und zackig der wilde Stamm, den er als Stock fhrte -- machte die Gefahr
noch grer. Die Gesellschaft hatte sich gesammelt; keiner wollte es
wagen zu reiten. Meinem Fhrer war fr sich und noch mehr fr seinen
Maulesel bange. Es war nichts. Die Insulaner sind an groe Fle nicht
gewhnt. Man machte viele Kreuze und betete Stogebetchen zu allen
Heiligen, ehe man den Maulesel einen Fu ins Wasser setzen lie; und
dankte dann vorzglich der heiligen Maria fr die Errettung. An einem
solchen Strome, wo ich allein war, wollte mein Fhrer, ein Knabe von
funfzehn Jahren, durchaus umkehren und liegen bleiben, bis das Wasser
von den Bergen abgelaufen wre. Das htte mich Piaster gekostet und
stand mir nicht an. Ich erklrte ihm also rein heraus, ich wrde reiten,
er mchte machen was er wollte. In der Angst fr sein Thier und seine
Seele schlo er sich auf der Kruppe fest an mich an, zitterte und
betete; und ich leitete und schlug und spornte den Maulesel glcklich
hinber. Da haben uns die lieben Heiligen gerettet, sagte er, als er
am andern Ufer wieder Luft schpfte; und mein Stock und der Maulesel,
sagte ich. Der Bursche kreuzigte sich drei Mal ber meine Gottlosigkeit,
fate aber doch in Zukunft etwas mehr Muth zu dem meinigen. Sodann
blieben wir in einem einzigen isolirten Hause vor einem Orte, dessen
Namen ich auch wieder vergessen habe. Ich htte gelehrter seyn sollen,
oder bestndig einen Nomenklator bei mir haben. Das Donnerwetter hatte
mich diesen und den vorigen Tag verfolgt: und es schneite und graupelte
bis ber einen Fu hoch. Die Waldstrme waren wirklich sehr hinderlich
und zuweilen vielleicht gar gefhrlich fr Leute, die nicht an das
Element gewhnt sind und nicht Muth haben. Einmal verdankte ich aber dem
groen Wasser eine schne Scene. Der Flu war, nach der Meinung meines
Begleiters, unten durchaus nicht zu passiren, und er ritt mit mir immer
an demselben hinauf, wo er eine Brcke wute. Der Weg war zwar lang und
ich ward etwas ungeduldig; aber ich kam in ein Thal, das einen so
schnen groen Orangenwald hielt, wie ich ihn auf der ganzen Insel noch
nicht gesehen hatte. Des Menschen Leidenschaft ist nun einmal seine
Leidenschaft. Fr einige Kreutzer konnte mein Magen berall haben, so
viel er nur fassen konnte: aber meine Augen wollten noch zehren, und
diese brauchten mehr zur Sttigung, und lieen dann gern alles hngen
und liegen.

Endlich kamen wir in Cefalu an. Fr groe Schiffe ist hier wohl kein
Hafen zum Aufenthalt. Der Ort hat vermuthlich den Namen vom Berge, der
einer der sonderbarsten ist. Wir hatten bisher die liparischen Inseln
immer rechts gehabt; nun verschwanden sie nach und nach. Von Messina bis
Cefalu ist es sehr wild; von hier an fngt die Kultur wieder an etwas
besser zu werden. Es kommen nun viele Reifelder. Bei Cefalu sah ich
eine schne, lange, hohe, herrliche Rosenhecke, deren erste Knospen eben
zahlreich ppig aufbrachen. Diese Probe zeigte, was man hier schaffen
knnte. Ich htte dem Pfleger die Hnde kssen mgen; es waren die
ersten, die ich in ganz Unteritalien und Sicilien sah.[13] Die Leute
sind schndliche Verrther an der schnen Natur.

In Termini erholte ich mich; hier findet man wieder etwas Menschlichkeit
und Bequemlichkeit. Meine Wirthin war eine alte freundliche Frau, die
alles Mgliche that mich zufrieden zu stellen, welches bei mir sehr
leicht ist. Sie examinirte mich theilnehmend ber alles; nur nicht ber
meine Religion, ein seltener Fall in Sicilien; stellte mir vor, was
meine Mutter jetzt meinetwegen fr Unruhe haben mte, und rieth mir
ernstlich, nach Hause zu eilen; sie htte auch einen Sohn auf dem festen
Lande, den sie zurck erwartete. Wenn ihre Theilnahme und Pflege auch
sehr mtterlich war, so war indessen doch ihre Rechnung etwas
stiefmtterlich.

Als ich in einer melancholisch ruhigen Stimmung ber Vergangenheit und
Gegenwart hing und mit meinem Moniden in der Hand aus dem Garten auf
den Himeraflu hinabschaute, ward unwillkhrlich eine Elegie in meiner
Seele lebendig. Es war mir, als ob ich die Gttin der Insel mit noch
mehr Schmerz, als ber ihre geliebte Tochter am Anapus klagen hrte, und
ich gebe Dir ohne weitere Bemerkung, was aus ihrer Seele in die meinige
herber hallte.

                          Trauer der Ceres.

   Meine Wiege, wie bist Du verdet, Du liebliches Eiland,
   Ach wie bist Du verdet, Du herrlicher Garten der Erde,
   Wo die Gtter der Sterblichen einst den Olympus vergaen!
   Zeus Kronion, Du Retter, o rette Trinakriens Schne,
   Da sie nicht endlich ganz mit der letzten Trmmer vergehe!
   Glhend rinnt mir die Thrne, wie sie Unsterblichen rinnet,
   Rinnt mir schmerzlich die Thrne vom Aug' beim Jammer des Anblicks.
   Wo, wo sind sie, die Kinder, die frhlichen, seligen Kinder
   Meiner Liebe, die einst mit Tethrippen die Wege befuhren,
   Wo jetzt kaum ein rmlicher Bastard des Langohrs hinzieht?
   Ach wo find ich die Mnner von Akragas, von Syrakus,
   Von Selinunt, die stolzen Shne der stolzeren Vter,
   Welche die hohe Karthago bedrohten mit Macht und mit Reichthum
   Und die hhere Rom? Wo find' ich die Reihen der Jungfraun,
   Die die heiligen Zge mir fhrten in brutlichem Glanze,
   Da die Olympier selbst mit Scheelsucht neidisch herabsahn?
   Schaaren von Glcklichen drngten sich einst aus marmornen Thoren
   Durch die schattigen Haine der Gtter, zu Traubengebirgen,
   Durch die reichen Gefilde, die ich bedeckte mit Garben.
   Eherne Krieger zogen zum Streit, dem Stolze des Fremdlings
   Furcht und Verderben; es hallte von Felsen zu Felsen das
      Schlachtwort,
   Fr die Sache der Freiheit und fr des Vaterlands Sache.
   Leben und Freude athmeten hoch vom Aetna zum Eryx,
   Vom Simthus, dem Heerdenernhrer, zum fetten Anapus.
   Zeus Kronion, wenn ich mit Stolz die Gesegneten sahe,
   War ich die reichste Mutter und fhlte doppelt die Gottheit.
   Ach wie bist Du gefallen, mein Liebling, wie bist Du gefallen
   Tief in Jammer und Armuth, Zerstrung und furchtbares Elend!
   Deine Stdte, mein Stolz, sie liegen in Trmmern am Meere,
   Ihre Tempel verwstet und ihre Odeen zerstret,
   Ihre Mauern verschttet und ihre Wege verschwunden.
   Im Gefhl des unendlichen Werths des Menschengeschlechtes
   Schritten erhabene Shne der gtterbefreundeten Hellas
   Mchtig durch die Gebirge und schufen den Felsen zum Tanzsaal
   Gegenber des Aetna ewigen Feuerhaupte.
   Jetzt durchwandelt die Thale der Jammer des bettelnden Volkes.
   Einsam, scheu, mit Hunger im bleichen gesunkenen Auge,
   Nur mit schmutzigen Lumpen die zitternde Ble behangen;
   Und im Antlitz furcht noch die Wuth des heiligen Unsinns.
   Hymnen ertneten einst den Gttern in glcklichen Chren.
   Durch die Stdte der Insel; melodisch pflgte der Landmann,
   Schnitt der Winzer und zog die Netze der freundliche Fischer.
   Finster lauscht jetzt Mitraun tief in den Furchen der Stirne;
   Stumm und einsam schleicht es daher, und, tnet die Seele
   Unwillkhrlich Gesang, so klingt er wie Aengste des Todes.
   Gastlich empfingen den Fremdling einst Siciliens Ksten,
   Und er wandelte froh, wie in den Fluren der Heimat;
   Wildni starret nunmehr dem khnen Pilger entgegen,
   Und mit der Miene der Mordlust ziehen die Ruber am Ufer.
   Wie einst vor den unwirthlichen Zeiten der alten Cyklopen
   Trgt das Land den Anblick der wildesten Hhlenbewohner,
   Als bes es noch nicht mein herrliches Aehrengebinde,
   Nicht den friedlichen Oelbaum, nicht die erfreuliche Traube,
   Und noch nicht der Hesperiden goldene Frchte.
   Zeus Kronion, Du Retter, o rette Trinakriens Schne,
   Da sie nicht endlich ganz mit der letzten Trmmer vergehe!

Von Termini aus kann der Knig wieder fahren. Indessen htte der
Minister, der den Weg gebauet hat, ihn mit weniger Kosten vermuthlich
besser und dauerhafter machen knnen. Die Wasserleitung ist nicht
sonderlich beachtet. In der Bagaria sah ich von auen noch einige
sublime Grotesken des sublim grotesken Frsten von Palagonia, die nun
nach seinem Tode nach und nach alle weggeschafft werden. Ich hatte weder
Zeit noch Lust das innere Heiligthum der Ungeheuer zu sehen. Wenn
indessen seine drollige Durchlaucht nur etwas zur Verschnerung der
Gegend umher beigetragen hat, so will ich ihm die Mihandlung der
Mythologie, der ich brigens selbst nicht auerordentlich hold bin, sehr
gern verzeihen. Die ganze Gegend um die Stadt, vorzglich nach Palermo
hin, ist die bebauteste und ordentlichste, die man in Sicilien sehen
kann, wenn es gleich keine der schnsten und reichsten ist.

Mir ward es wirklich recht wohl, als ich wieder in die Nachbarschaft von
Palermo kam, wo ich mich nun schon als etwas heimisch betrachtete. Mein
Einzug in die Residenz war, als ob ich ihn noch bei dem hochseligen
Frsten von Palagonia bestellt htte. Es holte uns eine Snfte irgend
eines Bischofs ein, vermuthlich des Bischofs von Cefalu. Sie war sehr
charakteristisch berall mit Schellen behangen, und wurde, nach der
Gewohnheit des Landes, von zweien der strksten Maulesel getragen, die
von einigen reitenden Bedienten gefhrt wurden. Die Snfte war ziemlich
gerumig und mochte bequem Platz haben fr den Bischof und seine Nichte;
denn ich habe es in Sicilien durchaus gemerkt, da die vornehmen
Geistlichen viel auf Nichten halten. Ein alter, dicker, satirischer
Eseltreiber setzte sich gravittisch hinein, und fing an barock daraus
zu diakoniren und mit groen Grimassen den Segen zu spenden. Die
Schellen klangen, er nickte und machte ein Bocksgesicht, und die
Karavane lachte ber die Posse, bis die Nhe der Stadt der Profanation
ein Ende machte. Nun zog die ganze originelle Kavalkade hinter mir mit
Schellengelute in Palermo zum Seethor ein. In Leipzig htte ich damit
ein Schauspiel fr ein Quartir der Stadt machen knnen; in Palermo
lachten blo zwei Visitatoren.




                                        _Palermo_, auf dem Paketboote.


Mein alter Wirth hier schickte mich zu einem neuen, seinem Freunde, weil
sein Haus voll war. Ich war hier eben so gut wie dort, und noch etwas
billiger; und hatte berdie die Aussicht auf den Hafen. Nun habe ich
wieder meinen Reisegefhrten von Seehund, welcher den Maro mit einigen
andern Kameraden hlt. Die Zeit wird mir aber so wenig lang, da ich nur
selten die alten Knaster aus dem Felle nehme.

Vor einigen Tagen war hier Osterjahrmarkt am Hafen, auf welchen die
Palermitaner etwas zu halten scheinen, wo aber auer einigen
Quinquaillerien nicht viel zu haben ist. Man hat wenigstens dabei die
Gelegenheit, fast die ganze galante Welt von Palermo spazieren gehen und
fahren zu sehen. Man sieht hier mehr schne Wagen als in Messina, ob
dort gleich im Allgemeinen mehr Wohlstand zu seyn scheint. Es herrscht
hier, wie fast an allen Hfen, Verschwendung und Armuth. In Messina ist
man in Gefahr, von den Wagen etwas gerdert zu werden; aber hier hat man
fr die Fugnger am Strande einige Wege gemacht, die fr schn gelten.
Du magst darber Herrn Hager lesen; ich kann Dir nicht alles erzhlen.
Noch einmal habe ich die Promenade auf den Monte Pellegrino gemacht, als
ob ich auch ein heiliger Pilger wre. Mich lockte blo die Aussicht,
wiewohl auch die meisten andern Pilger blo irgend eine Aussicht locken
mag. Das Wetter war mir wieder nicht gnstig; ich lie mich indessen
nicht abhalten, und stieg bis ziemlich auf den hchsten Gipfel des
Felsenbergs hinauf. Wo das Kloster steht, ist ein Absatz von etwas
fruchtbarem Erdreich, das noch sehr gutes Getreide hlt. Ich ging hinaus
bis an die uerste Spitze, wo eine Kapelle der heiligen Rosalia steht
mit ihrem Bilde, das fglich etwas besser seyn sollte. Die Fremden aller
Lnder hatten sich hier verewigt und mir wenig Platz gelassen. Alles war
voll, und Stirne und Wange und Busen des heiligen Rosalienmdchens waren
beschrieben; es blieb mir also nichts brig, als ihr meinen Namen auf
die Nasenspitze zu setzen. Vielleicht dachte Jeder durch Aufsetzung
seines Namens das Gemlde zu verbessern; die Nasenspitze ist wenigstens
durch den meinigen nicht verdorben worden: und dieses ist das einzige
Mal, da ich auf der ganzen Wandlung meinen Namen geschrieben habe, wenn
mich nicht die Polizei dazu nthigte.

Zwischen diesem isolirten Felsen und der hheren Bergkette liegt ein
herrliches kleines Thal, das sich von der Stadt immer enger bis an die
See vorzieht. Es ist von der Natur reichlich gesegnet, und der Flei
knnte noch mehr gewinnen. Hier mu nach der Topographie das Stdtchen
Hykkara gelegen haben, aus welchem Nicias die schne Lais holte und nach
Griechenland brachte. Weiter hinaus suchte ich mit meinen Hofmannischen
Augen den Eryx bei den Trapani, und knpfte in vielen schnellen
Uebergngen Wieland, Aristipp und die erycinische Gttin zusammen. Wei
der Himmel, wie ich in diesem Thema auf den Hudibras kam; die
Ideenverbindung mag wohl etwas schnell und gesetzlos gewesen seyn, und
ich halte es nicht fr wichtig genug, sie wieder aufzusuchen. Ich guckte
also hin nach Trapani und sang oder murmelte vielmehr nach einer
beliebten Melodie aus Mozarts Zauberflte die schnen harmonischen Verse
von Buttler, die ich immer fr ein Meisterstck der Knittelrhythmik
gehalten habe. Sie paten vortrefflich zur Melodie des Vogelfngers.
Also ich brummte:

   ^So learned Taliacotius from^
   ^The brawny part of porters bum^
   ^Cut supplemental noses, which^
   ^Would last as long as parent breech,^
   ^And as the date of Knock was out,^
   ^Off dropt the sympathetic snout.^

Ich hatte in meinem musicalischen Enthusiasmus nicht auf den Weg Achtung
gegeben; und kaum hatte ich die letzte Zeile gesungen und wollte die
erste wieder anfangen, so fiel ich auf die Nase, welches mir selbst auf
den Aetna nicht begegnet war, wo doch die Landsleute Buttlers in ihren
Strmpfen alle sehr oft zu Falle kamen. Hatte vielleicht die Gttin von
Amathunt und vom Eryx die Profanation rchen wollen? die Nase blutete
mir. Besser die Nase, als das Herz, dachte ich. Auch dieses war mir wohl
ehedem etwas enge gewesen; jetzt war ihm lngst wieder leicht. Ich hatte
aus Gewohnheit noch ein kleines, niedliches Madonnenbildchen an einer
seidenen Schnur am Halse hangen, das mir oft das Prdikat der
Katholicitt erworben hatte. Das Original hatte mich kniglich
betrogen[14]. Jetzt nahm ich es unwillkhrlich von der linken Seite,
nach welcher sich das Idolchen immer neigte, schlo unwillkhrlich das
Glas auf, nahm das elfenbeinerne Tfelchen heraus und erschrak, als ich
es heftig unwillkhrlich in zehn Stcke zersplittert zwischen dem Daumen
hielt. War das lauter Rache Rosaliens und der vom Eryx? Mgen sie sich
an niemand bitterer rchen! Ich hielt die Trmmerchen in der Hand;
Freund Schnorr mag verzeihen: er hatte mit Liebe an dem Bildchen
gepinselt. Einige Minuten hielt mich Phantasus noch mit Wehmuth am
Original; ich sa auf einem Felsenstcke des Erkta, und sah es im Geist
an der Spree im goldenen Wagen rollen. Rolle zu! und so flogen die
Stcke mit der goldenen Einfassung den Abgrund hinunter. Ehemals wre
ich dem Bildchen nachgesprungen --; noch jetzt dem Original. Aber ich
stieg nun ruhiger den Schneckengang nach der Knigsstadt hinab; die
rthlichen Wlkchen vom Aetna her flockten lieblich mir vor den Augen.
Ich verga das Gemlde: mge es dem Original wohl gehen!

Ich hatte mich bis tief in die Nacht versptet, und wurde zu Hause
grlich bewillkommt. Aber da mu ich Dir noch Mehreres erzhlen, ehe Du
dieses gehrig verstehst. Du erinnerst Dich des guten Steuerrevisors,
der sich in Agrigent meiner so freundschaftlich annahm, da er mir fast
die Menschheit streitig machte. Kaum hatte ich in meinem Wirthshause die
erste Nacht ausgeschlafen, als mein Steuerrevisor zu mir hereintrat. Das
that mir nun recht wohl; denn wer freut sich nicht, da sich jemand um
ihn bekmmert? Er erzhlte mir, er sei meinetwegen in groem Schrecken
gewesen, als der Eseltreiber zurckgekommen, und habe geglaubt, ich
werde nun sicher umkommen, da ich allein ohne Waffen in der Insel
herumlaufe. Der Mauleseltreiberjunge, mein Begleiter, sagte er mir zum
Trost, sei vllig von der Paste wieder genesen, und er habe die zwei
Unzen, bis auf den Abzug einiger Kleinigkeiten, ihm wieder herausgeben
mssen. Gut, dachte ich; also wieder zwei Unzen gerettet; ich kann sie
brauchen. Sogleich nach seiner Ankunft in Palermo habe er sich nach
meinem Wirthshause erkundigt und es bald erfahren. Nun sei er seit acht
Tagen tglich da gewesen, um nachzufragen. Heute frh habe er meine
Ankunft erfahren und sei sogleich hierher zu mir geeilt. Nun lud er mich
ein, zu ihm in sein Haus zu ziehen. Das war mir indessen nicht ganz
recht; denn ich wre lieber geblieben, wo ich war. Aber der Mann bat so
freundlich, war so besorgt gewesen; ich packte also ein, und lie
hintragen. Er wohnte vor dem Thore nach Montreale. Wir aen, und seine
Frau, eine heie zelotische nicht unfeine Sicilianerin, fing nun meine
Bekehrung an. Das Examen ging ber Tische und zum Dessert von Artikel zu
Artikel, von dem Papste und den Mnchen bis auf die unbefleckte
Empfngni. Das Letzte war das Allerheiligste, von dem ich nichts wute.
Die gute Frau htte, wie es schien, lieber ihre eigene Keuschheit in
Gefahr gesetzt, als das geringste von der Jungferschaft Mariens
aufgegeben. Man sprach mit aller Wrme und Salbung, mich zu berzeugen;
aber vergebens. Man fing nun an mir Aussichten zu erffnen: ja, lieber
Gott, wenn ich ein anderer Kerl wre, als ich bin, knnte ich im
Vaterlande Aussichten haben, wo man sie doch am liebsten hat. ^Don Juan,
fatevi cristiano, e statevi in Sicilia. -- Ma lo sono. -- Ma non siete
cattolico. -- Io sono bene cosi; non si puo megli.^ Die Frau a im
Eifer Bonbons und trank Wein, und war heftig; und da ich denn trocken
halsstarrig fortblieb, rief sie in heiliger Wuth aus, indem sie den
Teller von sich stie: ^Ma voi altri voi siete tutti baroni f-t-ti..^
Ueber diese Naivett erschrak ich, und wre jetzt fr zwei Unzen gern
zurck in meinem Wirthshause gewesen. Nach Tische ging ich zu Rosalien,
wie ich Dir erzhlte. Ich glaubte das Haus meines neuen Wirths recht gut
gemerkt zu haben und irrte mich doch: ich kam in ein unrechtes. Nun
wollte ich eben fragen, ob hier Don Filippo wohne, als ein Kerl ^Ladro,
briccone, furfante^ herausschrie und wthend mit dem Messer auf mich
zustrzte. Ich hob so schnell ich konnte die Eisenzwinge meines
Knotenstocks, flchtete eben so schnell zum Hause hinaus und eilte die
finstere Gasse hinunter. Die Nachbarschaft gerieth in Lrm: eine schne
Nachbarschaft; dachte ich, und ging in mein altes Gasthaus. Dort war ich
sehr willkommen. Ich hatte mich eben zu Bette gelegt, als der Herr
Steuerrevisor kam und mich aufsuchte. Er hatte den Lrm gehrt und war
meinetwegen in Todesangst. Ich erzhlte ihm mein Abenteuer und sagte,
da ich in einer solchen Nachbarschaft nicht wohnen mchte; er lie aber
nicht nach, bis ich ihm versprach, morgen wieder zu ihm zu kommen; denn
diesen Abend war ich nicht wieder aus dem Bette zu bringen. Den andern
Morgen war er wieder sehr frh da und holte mich ab. Nun lebten wir
leidlich ordentlich einige Tage, das Vorgefallene wurde bedauert und
meine Ketzerei weiter nicht mehr, als nur im Allgemeinen, in Anspruch
genommen. Aber wenn wir zuweilen zusammen ausgingen, welches der Herr
sehr gut zu veranstalten wute, hatte er immer etwas zu kaufen und kein
Geld bei sich; ich war also ziemlich stark in Auslage und bezahlte jede
Mahlzeit dadurch sehr theuer. Ich mute Geld haben von dem Kaufmann, und
er erbot sich sogar meine Geschfte bei ihm zu machen, da ich doch der
Sprache nicht recht mchtig wre. Aber dazu war ich bei aller meiner
indolenten Gutherzigkeit denn doch schon zu sehr gewitziget, dankte und
verbat seine Mhwaltung, und holte meine Baarschaft nicht eher, als bis
ich abreisen wollte. Er half mir zuletzt noch manches besorgen, und da
er sich meinetwegen bei Nacht etwas enrhmirt hatte, mute ich bei dem
schlechten Wetter mit ihm doch wohl einen Wagen nehmen. Hier erzhlte
mir der Mann sehr naiv etwas nher seine Amtsbeschftigungen. Wir
mssen, sagte er, in der Insel herumreisen, die rckstndigen Steuern
einzutreiben, und im Namen des Knigs den Leuten Kleider, Betten und das
brige Hausgerthe wegnehmen, wenn sie nicht bezahlen knnen. Es packte
mich bei diesen trockenen Worten eine Klte, da ich im Wagen meine
Reisejacke dichter anzog und unwillkhrlich nach meinem Halstuche griff.
Die zwei Unzen wurden vergessen, und ich erinnerte nicht; ob ich sie
gleich nun lieber dem Mauleseltreiber gelassen htte, der so groen
unglcklichen Appetit an der Paste hatte. Ueberdie war ich mit Vielem
in Auslage, und es war mir sehr lieb, als der Kapitn an Bord rufen
lie. Er begleitete mich bis ans Wasser im Wagen mit seinen beiden
kleinen Mdchen, die in der That allerliebst niedliche Geschpfchen
waren. Beim Abschied in meiner Kajte bat er sich noch eine Unze zum
Geschenk fr diese aus: ich ungalanter Kerl zog mrrisch die Brse und
gab ihm schweigend das Goldstck hin. Er hatte mir es sehr verbelt, da
ich mir auf dem Packetboote ein Zimmer fr mich genommen und mich an die
Tafel des Kapitns verdungen hatte. Das war, nach seiner Meinung,
Verschwendung, und ich htte fr das Viertel der Summe mich lieber unter
die Takelage des Raums sollen werfen lassen. Ein erbaulicher Wirth, der
Herr Steuerrevisor! Der Wind blieb widrig; wir fuhren nicht ab, und ich
zog lieber wieder hinaus ins Wirthshaus: sogleich suchte er mich wieder
auf und wollte mich wieder zu sich haben. Der Mensch ward endlich
unertrglich zudringlich und weggeworfen unverschmt, und ich mute noch
bei einigen Partien fr ihn bezahlen. Um mich aber endlich recht
bestimmt, nach der schicklichsten Weise fr ihn, zu benehmen, a ich in
einem Speisehause unbefangen mit groem Appetit ein Gericht nach dem
andern, ohne ihn einzuladen, oder fr ihn zu bestellen. Nun wnschte er
mir endlich gute Reise, und ich sah ihn nicht wieder, den Herrn
Steuerrevisor Don Filippo -- -- seinen Geschlechtsnamen will ich
vergessen. Sterzinger, mit dem ich nachher noch sprach, kannte ihn und
lachte. Er hatte in der Welt mehrere gelehrte und merkantilische
Metamorphosen gemacht, bis er zu seiner witzigen Wrde gedieh. Der
Himmel lasse ihn meine Unzen zur Besserung bekommen!

Das Gebude des botanischen Gartens hinter der Flora am Hafen ist nun
fertig. Der Franzose Julieu hat es gezeichnet und ein Palermitaner es
nach dem Ri aufgefhrt. Die Sicilianer sind mit der Ausfhrung, aber
nicht mit der Idee zufrieden. Wo man rechts und links, auf der Insel und
dem festen Lande, noch so viele Monumente griechischer Kunst hat, ist
man freilich etwas schwierig. Die Sulen sind nicht rein und oben und
unten verziert. Der Saal ist nach der Anlage des Linneischen in
Schweden, und vielleicht einer der prchtigsten dieser Art. Rund umher
stehen die Bsten der groen Mnner des Fachs in Nischen, von Theophrast
bis zu Bffon. Dem Zeichner des Gebudes hat man die Ehre angethan, sein
Gesicht unter einem andern alten Namen mit darunter zu setzen; eine
eigene sonderbare Art von Belohnung!

Der alte Cassero oder Corso, in allen italienischen Stdten von
Bedeutung die Hauptstrae, hat jetzt seinen Namen verndert und heit
Toledo nach der Hauptstrae von Neapel; vermuthlich dem anwesenden Hofe
eine Schmeichelei zu machen. Uebrigens mu der Hof eben nicht
auerordentlich geliebt seyn; denn ich habe oft gehrt, da man nie so
schlechtes Wetter auf der Insel gehabt habe, als die vier Jahre, so
lange der Hof hier sei.

Die Polizei scheint hier nicht sehr genau zu seyn, oder berechnet Dinge
nicht, die es doch wohl verdienten. Vor einigen Tagen fhrte man auf
einer breiten Gasse ffentlich ein Banditendrama auf. Es war sogar
Militrwache dabei, um Ordnung zu halten, und die ganze Gasse war
gedrngt voll Zuschauer. Die Schauspieler arbeiteten grlich schn, und
der Held htte dem Handwerk Ehre gemacht. Freilich wird er mit
poetischer Gerechtigkeit wohl im Stcke seine Strafe erhalten; aber
dergleichen Scenen, wo noch so viel natrliche heroische Kraft und
Deklamation ist, sind zu blendend, um in Unteritalien auf ffentlichen
Pltzen unter dem grten Zulauf gegeben zu werden. Man zahlt nichts;
jeder tritt hin und schaut und nimmt was und wie viel er will. Haben
doch sogar Schillers Ruber einmal Unfug bei uns angerichtet. Auf diese
Weise kommt man dem siedenden Blute nicht wenig entgegen. Auch ist das
Messer noch eben so sehr im Gebrauch und vielleicht noch mehr als vor
zwanzig Jahren. Ich hatte vor einigen Tagen ein Schauspiel davon. Ich
ging den Morgen aus; ein Kerl scho blutig an mir vorbei und ein anderer
mit dem Dolche hinter ihm her. Es sammelte sich Volk, und in einigen
Minuten war einer erstochen, und der Mrder verwundet entlaufen. Die
Wache, welche nicht weit davon stand, that, als ob sie gar nichts dabei
zu thun htte. Sie haben einen erschlagen, klingt in Sicilien und
Unteritalien nicht hrter als bei uns, wenn man sagt, es ist einer
berauscht in den Graben gefallen. Nur gegen die Fremden scheinen sie,
aus einer alten religisen Sitte, noch einige Ehrfurcht zu haben. Sie
erstechen sich unter einander bei der geringsten Veranlassung, hrte ich
einen kundigen wahrhaften Mann urtheilen; aber ein Fremder ist heilig.
Ich mchte mich freilich nicht zu sehr auf meine fremde Heiligkeit
verlassen, aber die Sache ist nicht ohne Grund. Ich blieb, zum Beispiel,
zwischen Messina und Palermo in einem einzelnen Hause, dessen zwei
handfeste Besitzer ich gleich beim ersten Anblick classificirt hatte.
Alles besttigte meinen Argwohn und meine Besorgni. Man speiste mich
indessen leidlich und machte mir sodann ein Lager auf einer Art von
Pritsche, so da alle Schiegewehre und Dolche in einem Winkel zu meinem
Kopfe lagen. Man machte mich auch darauf aufmerksam, da ich allein
bewaffnet wre, und ich schlief nun ziemlich ruhig.

Nach Sankt Martin bin ich nicht gekommen, weil das Wetter bestndig sehr
unfreundlich war, und ich mich die letzten Tage nicht entfernen durfte,
da man mit dem ersten guten Winde abfahren wollte. Die Mnche dort oben
sollen die prchtigste Mast in der ganzen Christenheit haben. Wenn das
Christenthum Schuld an allem Unheil wre, das man bei seinen Priestern
und durch seine Priester sieht, so wre der Stifter der hassenswrdigste
der Menschen. Das astronomische Observatorium auf dem Schlosse konnte
ich nicht fglich sehen, weil Piazzi nicht zugegen war. Uebrigens bin
ich auch ein Laie am Himmel. Vielleicht hat es eine wohlthtige Wirkung
auf die Insel, da die Sicilianer nun ihre Gttin unter den Sternen
finden; bisher haben sie das Heiligthum der Ceres und ihre Geschenke
gewissenlos verachtet. Eine vaterlndische Neuigkeit ist mir noch
aufgestoen. Der Kaiser Karl der Fnfte hat um Sicilien groe
Verdienste, und sein Andenken ist billig den Insulanern ehrwrdig.
Ueberall findet man noch Arbeiten von ihm, die seinen thtigen Geist
bezeichnen, und die jetzt vernachlssigt und vergessen werden. Die
Wachthrme rund umher, die er nach seiner afrikanischen Unternehmung
auffhren lie, zeigen von seinem Muth und der damaligen Kraft der
Insel. Auch der Molo des Hafens von Agrigent ist von ihm. Seine
Bildsule steht also in Palermo fast mitten in der Stadt am Toledo auf
einem freien Platze; aber mit einem Bombast, der nicht in der Natur des
Mannes lag. Er hat in der Inschrift eine lange Reihe Beinamen, und heit
unter andern, vermuthlich wegen der Schlacht, auch der Sachse und Hesse.
Knnte man nun unsern Kurfrsten Moritz, dessen Enkomiast ich brigens
nicht ganz unbedingt werden mchte, nicht wegen der Ehrenberger Klause
den Oestreicher und Spanier nennen? Sein Sieg war bedeutend genug, und
die Folge des Tages fr die Protestanten auf immer wichtig.




                                                          _Bei Kapri._


Der Wind schaukelt uns ohne Fortkommen hin und her, und schon fast den
ganzen Tag tanzen wir hier vor Massa, Kapri und Ischia herum. Den ein
und zwanzigsten April Abends gab das Kriegsschiff, welches jetzt, glaube
ich, die ganze Flotte des Knigs von Neapel ausmacht, das Signal, und
wir arbeiteten uns aus dem Hafen heraus. Den andern Morgen hatten wir
Sicilien und sogar Palermo noch ziemlich nahe im Gesichte; der
Rosalienberg und die Spitzen von Termini und Cefalu lagen ganz deutlich
vor uns: das andere war von dem trben Wetter gedeckt. Mehrere Schiffe
mit Orangen und Oel hatten sich angeschlossen, um die sichere Fahrt mit
dem Kriegsschiffe und dem Packetboot zu machen. Das letztere hat auch
zwanzig Kanonen und ist zum Schlagen eingerichtet. Wir saen lange
zwischen Ustika und den liparischen Inseln, und ich las, wei der Himmel
wie ich eben hier auf diesen Artikel fiel, whrend der Windstille die
Georgika Virgils, die ich hier besser geno, als jemals. Nur wollte mir
die Schlufabel von dem Bienenvater nicht sonderlich gefallen: sie ist
schn, aber hierher gezwungen. Dann las ich, da der Wind noch nicht
kommen wollte, ob wir gleich in seinem mythologischen Vaterlande waren,
ein groes Stck in die Aeneis hinein. Hier wollte mir nun, unter vielen
Schnheiten im vierten Buche, die Beschreibung des Atlas wieder nicht
behagen, so herrlich sie auch klingt. Es ist dnkt mich, etwas Unordnung
darin, die man dem Herrn Maro nicht zutrauen sollte. Da ich eben nicht
viel zu thun habe, will ich Dir die Stelle ein wenig vorschulmeistern.
Merkur kommt von seinem Vater auf der Ambassade zu Frau Dido hierher.
Die Verse heien, wie sie in meinem Buche stehen:

   ^-- jamque volans apicem et latera ardua cernit^
   ^Atlantis duri, coelum qui vertice fulcit;^
   ^Atlantis, cinctum assidue cui nubibus atris^
   ^Piniferum caput et vento pulfatur et imbre;^
   ^Nix humeros infusa tegit: tum flumina mento^
   ^Praecipitant senis, et glacie riget horrida barba.^

Die Verse sind unvergleichlich schn und malerisch: aber er bringt auf
dem obersten Scheitel Sturm und Regen, lt den Schnee auf den Schultern
liegen, Flsse aus dem Kinn strmen und weiter unten den Bart von Eis
starren. Das ist nun alles ziemlich umgekehrt, wenn ich meinem bichen
Erfahrung glaube. Ich wei nicht, was Heyne aus der Stelle gemacht hat.
So weit oben werden schwerlich noch Fichten wachsen. Ich berlasse es
Dir, Deinen Liebling zu vertheidigen: ich selbst bleibe hier in meiner
Hermenevtik etwas stecken. Wer in seinem Leben keine hohen Berge gesehen
und bestiegen hat, nimmt so etwas freilich nicht genau. Schade um die
schnen Verse!

Diese Nacht begegneten uns viele franzsische Schiffe, die ihre
Landsleute von Tarent holen wollen. Alles ist ungeduldig bald am Lande
zu seyn; aber Aeolus hat uns noch immer seinen Schlauch nicht gegeben,
und wir mssen aushalten. Das Essen ist recht gut und die Gesellschaft
noch besser; meine Geduld ist also weiter auf keiner sehr groen Probe;
und ich habe noch die ganze Odyssee zu lesen. Der russische und
englische Gesandte sind auf dem groen Schiffe; wir haben also noch die
Ehre, ihrentwillen recht langsam zu fahren, da das Kriegsschiff schwerer
segelt. Die Geschichte des Tages auf unserer Flotte sagt eben, da der
Leibgaul der russischen Excellenz gefhrlich krank geworden ist. Wie
viele von den Leuten seekrank sind, oder sterben, das ist eine
erbrmliche Kleinigkeit: aber bedenke nur, der Leibgaul des russischen
Gesandten! -- der ist ein Kerl von Gewicht. Man erzhlt bei Tische die
und jenes: sogar die Geschichten der Hofleute aus ihrem eigenen Munde
besttigen die schlechte Meinung, die ich durchaus von der
neapolitanischen Regierung habe. Es waren einige sybaritische Herren des
Hofes bei uns, die doch nicht lassen konnten, dann und wann etwas
vorzubringen und einzugestehen, was Stoff zu Aergerni und Sarkasmen
gab. Meine Taciturnitt nahm daraus die Quintessenz. -- Es ist wieder
tiefe Nacht im Golf geworden; der Wind blst hoch und wirft uns
gewaltig. Ich habe auf allen meinen Fahrten, Dank sei es meiner guten
Erziehung, nie die Seekrankheit gehabt: ich lege mich also ruhig nieder
und schlafe.




                                                             _Neapel._


Ich erwachte im Hafen. Eine Mtze voll gnstiger Wind und die
Geschicklichkeit des Kapitns hatten uns hereingebracht. Nun machte ich
in drei Minuten meine Toilette, nahm den ersten besten Lazarone und
wandelte in mein altes Wirthshaus auf Montoliveto, wo ich sogar meine
alte Stube wieder leer fand. Das war mir sehr lieb; denn ich bin gar
kein Freund von Vernderung. Mein alter Genuese war bei einem andern
Fremden, und ich konnte den ersten Tag keinen Lohnbedienten erhalten,
weil man gehrt hatte, da ich sehr viel zu Fue herumlief und laufen
wollte, ob ich mich gleich erbot einige Karlin mehr als gewhnlich zu
zahlen. Das nenne ich kampanische Bequemlichkeit, von der man eine Menge
drollige Anekdoten hat. Den ersten Tag wollte mir keiner folgen; dann
wollte ich keinen haben.

Ich machte mich ganz allein mit der Morgenrthe auf nach Pozzuoli. Dort
fehlte es nicht an Wegweisern, und ich wurde gleich beim Eingange in
Beschlag genommen. Ich lie mir gern gefallen, mich in dem Meerbusen von
Baj herumzurudern und da die alten Herrlichkeiten zu sehen. Du kennst
sie aus andern Bchern; ich will Dich also mit ihrer Beschreibung
verschonen. Wenn ich Dir auch alle Sulen des Serapistempels anatomirte,
wir wrden dewegen in unsern Konjekturen nicht weiter kommen. Was ich
aus der sogenannten Brcke des Kaligula machen soll, wei ich nicht: die
Meinung der Antiquare, da es ein Molo gewesen seyn soll, will mir nicht
recht einleuchten. Es sind noch dreizehn Stcke davon brig, die in
verschiedenen Distanzen aus dem Wasser hervorragen. Wenn es nicht zu
idiotisch klnge, wrde ich sie wohl fr die Reste der berchtigten
Brcke halten. Die Entfernung von Pozzuoli nach Baj ist nicht so gro,
da es einem Menschen, wie das Stiefelchen, nicht htte einfallen
knnen, so einen Streich zu machen. Damals war der Meerbusen
landeinwrts nach dem Monte Nuovo zu vielleicht noch etwas tiefer; der
Lukriner See hing mit dem Avernus zusammen und half den Julischen Hafen
bilden, der Umweg war also etwas grer als jetzt. Zum Molo fr Pozzuoli
scheinen mir die Trmmern weder Gestalt, noch gehrige Richtung zu
haben. Meinetwegen sei es, wie man wolle! Ich stieg bei dem Lukriner See
aus, der durch die Erdrevolution sehr viel eingeengt worden ist. Jetzt
ist er nichts besser als ein groer Teich. Wir gingen, vermuthlich durch
den Einschnitt des Berges, hinein, durch welchen man ehemals die beiden
Seen, den Lukriner und den Averner, zusammen verbunden hatte, um den
Julischen Hafen zu bilden. Hufige Erdbeben und vulkanische Ausbrche
haben alles gendert. Der Zugang zum Avernus ist noch jetzt romantisch
genug, und der Eintritt in die sogenannte Grotte der Sibylle wirklich
schn und schauerlich. Ich setzte mich am Eingange hin und sah rechts
gegenber den alten Tempel, der fr den Tempel des Apollo gilt. Es ist
ein Wunder, wie dieser Tempel bei der Erhebung des neuen Berges stehen
blieb, die doch ohne groe Erschtterung der Nachbarschaft unmglich
geschehen konnte. Man kann nichts Romaneskeres haben, als den kleinen
Gang von dem Averner See bis zum Eintritt in die Grotte, zumal wenn man
den Kopf voll Fabel hat. Hier zndeten wir die Fackel an und gingen nun
in dem Gewlbe hinter, bis man rechts tief hinunter in das Sakrarium
steigt. Vermuthlich hat Virgil seine Erzhlung an diesem Orte
gearbeitet; denn das ^Facilis descensus Averni^ scheint wrtlich hier
weggenommen zu seyn. Es ging immer tiefer und tiefer, bis wir an ein
etwas weites Gemach kamen, welches ziemlich voll Wasser war. Hier mute
ich mich auf den Rcken meines Fhrers setzen, und hinber reiten.
Rechts und links fand ich jenseits einen langen Katalog von Neugierigen
aller Nationen. Mein Name steht oben auf dem Erkta, wo die Karthager so
brav und lange schlugen, der heiligen Rosalia auf der Nase; und damit
genug. So ganz allein mit einem Wildfremden in dieser Hhle
herumzuschleichen, mein Freund, macht doch etwas unheimisch.

   Ein Schauerchen fuhr mir beim Fackelschein
   Im Heiligthum durch das Gebein;
   Das Wasser ging mir in der Hhle
   Des Mtterchens bis an die Seele.
   Mir ward so ernst und feierlich
   Und voll von Eifersucht setzt' ich mich
   An einem dreifach dunkeln Flecke
   Auf einen Stein in einer Ecke.
   Mein Fhrer lie mir eben etwas Zeit
   Mit seiner Stromgelehrsamkeit,
   Und machte sich zur Fahrt ins Licht bereit:
   Da hab' ich denn in aller Stille
   Die alte kumische Sibylle
   Fr Dich und mich um Rath gefragt;
   Sie hat mir aber -- nichts gesagt.
   Mit Danke nahm ich ihr Orakel an,
   Und glaube, sie hat wohlgethan.

Kaum hatte ich diese Verschen kumisirt, als mein Leiter mich aus meiner
Andacht mit der Bemerkung drollig genug weckte: ^Era questa Sibilla
gran puttana; ed era questo qui un gabinetto segreto, dove fece -- --^
Hier brauchte er einige Tne, die in allen Sprachen ziemlich
verstndlich sind. Nun war meine Prophetin sogleich eine gemeine
Zigeunerin. Was doch die Phantasie nicht Alles macht, nachdem man nur
die Sache ein wenig hher oder tiefer nimmt! Die Leute fabeln hier, da
aus der Hhle ein Gang nach Baj und ein anderer nach Cum gegangen sei,
wo die Hexe ein zweites Heiligthum hatte. Das ist sehr leicht mglich
und war vielleicht weiter nichts, als der jetzige groe Gang, der nach
dem Avernus fhrt und also nach Cum offen und nach dem Lucriner, oder
nach Baj verschttet ist. Auch hier knnte er sehr leicht wieder
geffnet werden. Die ganze Anlage ist ein Werk der Kunst, vielleicht
durch die schne romantische Lage der Berge und Seen und einige
Felsenspalten veranlat; aber vermuthlich von hohem Alter. Die
Wasservgel schwimmen recht lustig auf dem Avernus herum, und die Luft
war auch nicht leer von Geflgel: so da der Ort nunmehr die Antiphrase
seines Namens ist.

Nun wandelte ich an den Meerbusen hinunter und sah die ehemaligen
Thermen des Nero. Solltest Du glauben, da ich nicht im Stande war,
hinunter zu steigen? Ich hatte mich ausgezogen, und versuchte es
zweimal. Der Dampf trieb mir aber auf den vierzig Schritten, die ich
ungefhr vorwrts ging, einen so entsetzlichen Schwei aus, da ich
umkehrte. Ich lie den Kerl allein seine Eier kochen. Meine vornehmen
Landsleute, die unten gewesen seyn sollen, mssen den Schwitzkasten
besser vertragen knnen, als ich: das Experiment war mir zu hei. Ob die
alten Gebude, die am Strande hin stehen, Tempel oder Bder gewesen,
vermag ich nicht zu entscheiden. Sie gehren augenscheinlich zu Baj,
und zu Baj waren viele berhmte Bder; doch findet man sie sonst wohl
nicht leicht von dieser Tempelform. Es sind zwei Rotunden, jetzt
ziemlich hoch mit Erde angefllt, und das Echo darin ist furchtbar
stark. Das sogenannte Grab Agrippinens verdient wohl gesehen zu werden,
es mag gehren, wem es will. Die Arbeit ist gut und die Wandverzierungen
sind sehr niedlich und geschmackvoll. Ich fand darin ein Stckchen
Bernstein von der Gestalt eines Diskus, mit einem kleinen Loche in der
Mitte, durch welches ein Draht oder Ring gegangen zu seyn schien. Der
Himmel mag wissen, ob es alt ist, oder wie es sonst dahin gekommen seyn
mag. Von dem Tempel des Herkules, in dessen Nhe Agrippina umgekommen
seyn soll, werden, hart unter dem Vorgebirge Misene, noch einige Trmmer
gezeigt. Baul ist jetzt ein kleines, armseliges Drfchen. Was die
Piscine und die Felsengnge, oder die sogenannten Gefngnisse des Nero
mgen gewesen seyn, darber zanken sich noch die Gelehrten. Ich begreife
nicht, warum sie nicht von Menschen, wie die rmischen Censoren von der
schlechtesten Sorte waren, zu Kerkern sollen gebraucht worden seyn. Sie
sind grlich und die Gefngnisse in Syrakus sind Ballsle dagegen: wie
denn alles Grausame bei den Rmern schrecklicher und scheulicher war,
als bei den Griechen, die Spartaner vielleicht ausgenommen, die mehr
einen rmischen Stempel trugen. Bis fast hinaus auf die Spitze des
Vorgebirges und bis hinab an die elysischen Felder und das todte Meer
sind schne Pflanzungen von Wein und Feigen. Misene ist eine von dieser
Seite auslaufende Erdzunge, die sich mit dem hohen Felsen dieses Namens
schliet. Gegenber liegt nicht weit davon sogleich Procida, und man
erzhlte, da die Englnder im vorigen Kriege von dort herber nach
Baul geschossen haben. Das ist aber doch nicht wohl mglich; es mu aus
den Schiffen auf dem Passe zwischen Procida und Misene geschehen seyn.
Im Vorbeigehen darf ich Dir noch sagen, da ich neulich in Rom in den
deutschen Propylen eine Recension von Gmelins Blttern von dieser
Gegend gesehen habe, wo man sich fast ausdrckt, als ob das Mare morto
und der Avernus eine und die nmliche See wren; eine Unbestimmtheit,
die man doch in den Propylen nicht antreffen sollte!

Ich lie mich von Misene gern ber den Meerbusen hinber nach Pozzuoli
rudern, wo ich zwar etwas spt, aber mit desto besserm Appetit eine
herrliche Mahlzeit nahm. Der Bajische Meerbusen ist wegen seiner
Schnheiten berhmt: aber berall, wohin man blickt, findet man nur
Trmmer, Zerstrungen der Zeit, der Barbarei und der Erdrevolutionen,
als ob sich Alles vereinigt htte, diesen Sitz der schndlichsten
Despotie zu vernichten und nur die Reize der Natur brig zu lassen. Der
neue Berg wird jetzt ziemlich bearbeitet und giebt guten Wein, wie man
sagt. Die Leute behaupten hier mit Gewalt, hier habe ehemals der
Falerner Berg gestanden und sei in verschiedenen Erdrevolutionen mit
verschttet worden; geben auch noch eine Sorte Wein fr Falerner, der
allerdings besser seyn soll, als der chte Falerner bei Sessa auf der
andern Seite des Gaurus. Eine sonderbare Phantasie ist mir vorgekommen;
ich wei nicht, ob ich der Erste bin, der sie gehabt hat. Capri sieht
von hier, und noch mehr von der Spitze des Posilippo und bei Nisida aus,
wie der Kopf eines ungeheuern Krokodils, das seinen Rachen nach Sorrent
dreht. Diese Einbildung kam mir immer wieder, so oft ich dahin sah; und
sie giebt der Tiberiade einen abscheulichen Stempel.

Der Weg von Pozzuoli nach Neapel zurck geht durch ein ppig reiches
Thal an dem Posilippo hin. Die Gegend ist aber als sehr ungesund
bekannt, wegen der Solfatara und des Agnano, die links in der Nhe
liegen. Der betrchtliche Berg Posilippo liegt rechts vor Dir; Alles ist
geschlossen und nirgends eine Schlucht zu sehen, und Dir wird vielleicht
etwas bange vor der Auffahrt und Abfahrt. Diese ersparst Du; denn Du
fhrst, wie ein Erdgeist, gerade durch den Berg hin. Die ist die
berhmte Grotte. Vermuthlich war die Veranlassung dazu der Steinbruch,
den man tief hineinarbeitete. Man konnte dabei leicht auf den Gedanken
kommen durchzugehen, und so einen geraden Weg zu machen. Der Eingang von
Neapel ist schner, als von Pozzuoli, und wenn man bei einer gewissen
Mischung der Atmosphre aus der Mitte in die schne Beleuchtung
hinaussieht, ist es ein unbeschreiblicher Anblick. Auch von dieser
Arbeit ist die Zeit der Entstehung unbekannt. Zur Zeit der Rmer mu das
Werk nicht unternommen worden seyn; denn diese htten wahrscheinlich
etwas davon gezeichnet, weil sie, als sie hierher in diese Gegend kamen,
schon ziemlich eitel waren. In der Mitte der Hhle ist, links von Neapel
aus, ein Behltni eingehauen, welches jeder Vernnftige sogleich einer
Polizeiwache anweisen wrde. Aber hier giebt man es der heiligen
Jungfrau zur Kapelle, und dann und wann sollen sich Ruber darin
aufhalten und daraus die Gegend unsicher machen!

Eben komme ich vom Vesuv. Aber da ich auch von Pstum komme, mu ich vom
Anfange anfangen, wenn Du nur einigermaen promeniren sollst. Meine
Absicht war, so ganz gemchlich ber Salerno in einigen Tagen allein
hinunter nach Pstum zu gehen: aber ohne alle Kunde mchte es doch etwas
bedenklich gewesen seyn. Ueberdie drckte mich die Hitze auf dem
staubigen Wege nach Pompeji unertrglich, meine Fusohlen hatten durch
langen Gebrauch einige Hhneraugen gewonnen, die den Marsch in der Hitze
eben nicht befrdern. Ich lie mich also in Terre del Greco, wo jetzt
der beste Wein wchst, berreden, eine Karriole zu nehmen. Eine der
schnsten Partien, vielleicht in ganz Italien, ist der Weg von Pompeji
nach Salerno, vorzglich um Cava herum. Ohne mich um die Alterthmer zu
bekmmern, ergtzte ich mich an dem, was da war; ob ich gleich nicht
lugnen kann, da Flei und Anhaltsamkeit es hier und da noch schner
htten machen knnen.

In Salerno, wo ich sehr zeitig ankam, wollte ich die Nacht bleiben, und
den folgenden Morgen weiter fahren. Ich wandelte also in der Stadt
herum, und bald fate mich ein Geistlicher bei der Krause, der mir alle
Herrlichkeiten seiner Vaterstadt zeigte. Die Kathedrale mit ihren
Wundern war das erste. Das Bassin am Eingange, von einem einzigen Stcke
gearbeitet, liee sich wirklich auch in Rom noch sehen. Man zeigte mir
eine Menge Grber von alten Erzbischfen und Salernitaner Advokaten, die
den Leuten gewaltig wichtig waren. Einige schne alte Basreliefs aus
Pstum hat man hier und da mit zur Verzierung neuer Monumente gebraucht.
Das Merkwrdigste sind mehrere sehr schne antike Sulen, die man auch
aus Pstum geholt hat. Man fhrte mich in das Adyton der Krypte des
Schutzpatrons, welches Matthus ist. Hier stand die ^statua biformis^
des Heiligen, die einem Janus ziemlich hnlich sieht. Bei dieser
Gelegenheit wurden mir denn alle Wunder erzhlt, die der Apostel zum
Heile der Stadt gegen die Saracenen gethan hatte. Es lt sich wohl
begreifen, wie das zuging, und wie irgend ein Spruch von ihm und der
Enthusiasmus fr ihn so viel wirkten, da die Unglubigen abziehen
muten. Und nach der alten Rechtsregel, ^quod quis per alium^ -- kommt
ihm dann die Ehre billig zu. Das wissen die Spitzkpfe unter den Herren
gar trefflich zu amalgamiren: die Plattkpfe haben es gar nicht nthig,
die nehmen es starkglubig geradezu. Im Hintergrunde der Krypte stehen
noch ein Paar weibliche Heiligkeiten, deren Namen ich vergessen habe,
deren Blut aber noch bestndig fliet. Ich hrte es selbst rauschen und
kann es also bezeugen; ich wagte glubig keine Erklrung des
Gaukelspiels. Unter den vielen Narren war auch ein Vernnftiger, der mir
vorzglich die Sulen aus Pstum alle und von allen Seiten in den
schnsten Beleuchtungen zeigte: er drckte mir stillschweigend die Hand,
als ich fortging. Nun brachte man mich noch mit Gewalt in eine andere
Kirche, wo eine schne Kreuzigung, weder gemalt, noch gehauen, noch
gegossen, sondern ins Holz gewachsen war. Mit Hlfe einiger Phantasie
konnte man wohl so etwas heraus- oder vielmehr hineinbringen; und die
Wunder berlasse ich den Glubigen. Einige wunderten sich, da ich doch
gar nichts aufschriebe, wie andere Reisende, und einer der jungen
Herren, die mich begleiteten, sagte zu meinem Lobe, ich wre von Allem
hinlnglich unterrichtet und berzeugt. Da sagte er denn in beidem eine
groe Lge. Als ich wegging, bat sich mein Hauptfhrer, der sich, glaube
ich, einen Kastellan des Erzbischofs nannte, etwas fr die Armen aus;
das gab ich: sodann etwas zu einer Seelenmesse fr mich; das gab ich
auch. Schadet Niemand und hilft wohl! Man mu die Glubigen strken,
lautet das Schibolet, das Gthens Reinecke der Fuchs von seiner Mutter
bekommt. Dann bat er sich auch etwas fr seine Mhe aus. Dazu machte ich
endlich ein grmliches Gesicht und zog noch zwei Karlin hervor. Als ich
sie hinreichte, schnappte sie ein Profaner weg, der sich einen Korporal
nannte, und von dem ich eben so wenig wute, wie er zur Gesellschaft,
noch wie er in den Dienst der Kirche gekommen war. Darber entstand
Streit zwischen dem Klerikus und dem Laien. Der geistliche Herr sagte
mir ins rechte Ohr, da der Korporal ein liederlicher Sufer wre;
dieser zischelte mir ins linke, das Mnchsgesicht sei ein Gauner und
lebe vom Betruge: ich antwortete beiden ganz leise, da ich das nmliche
glaube und es wohl gemerkt habe. Es ist ein heilloses Leben.

   Mein Freund, Du suchest in Salerne
   Den Menschensinn umsonst mit der Laterne
   Denn, zeigt er sich auch nur von Ferne,
   So eilen Kutten und Kaputzen,
   Der heiligen Verfinsterung zum Nutzen,
   Zum dmmsten Glauben ihn zu stutzen.
   Da lscht man des Verstandes Zunder,
   Und mischt mit Pfaffenwitz des Widersinnes Plunder,
   Zum Trost der Schurkerei, zum Wunder:
   Und jeder Schuft, der fromm dem Himmel schmeichelt,
   Und wirklich dumm ist, oder Dummheit heuchelt,
   Kniet hin und betet, geht und meuchelt,
   Gewi, Vergebung seiner Snden
   Beim nchsten Plattkopf lsterlich zu finden.

Ich kann mir nicht helfen, Lieber, ich mu es Dir nur gestehen, da ich
den Artikel von der Vergebung der Snden fr einen der verderblichsten
halte, den die Halbbildung der Vernunft zum angeblichen Troste der
Schwachkpfe nur hat erfinden knnen. Es ist der schlimmste
Anthropomorphismus, den man der Gottheit andichten kann. Es ist kein
Gedanke, da Snde vergeben werde: Jeder wird wohl mit allen seinen
bsen und guten Werken hingehen mssen, wohin ihn seine Natur fhrt.
Eine miverstandene Humanitt hat den Irrthum zum Unglck des
Menschengeschlechts aufgestellt und fortgepflanzt: und nun wickeln sich
die Theologen so fein als mglich in Distinktionen herum, welche die
Sache durchaus nicht besser machen. Was ein Mensch gefehlt hat, bleibt
in Ewigkeit gefehlt; es lt sich keine einzelne That aus der Kette der
Dinge herausreien. Die Schwachheiten der Natur sind durch die Natur
selbst gegeben, und die Herrscherin Vernunft soll sie durch ihre Strke
zu leiten und zu vermindern suchen. Der Begriff von Verzeihung hindert
meistens das Besserwerden. Gehe nur in die Welt, um Dich davon zu
berzeugen! Soll vielleicht dieser Trost groen Bsewichtern zu Statten
kommen? Alle Schurken, die sich nicht bessern knnen, die von Beichte zu
Beichte tglich schlechter, weggeworfener und niedertrchtiger werden,
diese sollen, zum Heile der Menschheit, verzweifeln. Jeder soll haben,
was ihm zukommt. Die Verzweiflung der Bsewichter ist Wohlthat fr die
Welt; sie ist das Opfer, das der Tugend und der Gttlichkeit unserer
Natur gebracht wird. Verzweifle, wer sich nicht bessern, sich nicht
vernnftig beruhigen kann! Die Vergebung der Snden kann ich nicht
begreifen: sie ist ein Widerspruch, gehrt zu den Gngelbndern der
geistlichen Empirik, damit ja Niemand allein gehen lerne. Man darf nur
die Lnder recht beschauen, wo diese entsetzliche Gnade im grten
Umfange und Unfuge regiert. Kein rechtlicher Mann ist dort seiner
Existenz sicher. Die Geschichte belegt.

Hier in Salerno erhielt ich einen neuen Fhrer, der mir sehr
problematisch aussah. Er machte mich darauf aufmerksam, da ich bei ihm
auerordentlich sicher sei, weil er alles schlechte Gesindel als
freundliche Bekannte grte, und meinte, in seiner Gesellschaft knne
mir nichts geschehen. Das begriff ich und war ziemlich ruhig, obgleich
nicht wegen seiner Ehrlichkeit. Er hatte mich ffentlich in der Stadt
bernommen; es galt also seine eigene Sicherheit, mich dahin wieder
zurckliefern: weiter htte ich ihm dann nicht trauen mgen. Wir fuhren
noch diesen Abend ab, und blieben die Nacht an der Strae in einem
einzelnen Wirthshause, wo sich der Weg nach Pstum rechts von der
Landstrae nach Eboli und Calabrien trennt. Diese Landstrae geht von
hier aus nur ungefhr noch vierzig Millien; dann fngt sie an
Sicilianisch zu werden, und ist nur fr Maulesel gangbar. Es war
herrliches Wetter; der Himmel schien mir an dem schnen Morgen
vorzglich wohl zu wollen: meine Seele ward lebendiger, als gewhnlich.

   Ich eilte fort und Nachtigallen schlugen
   Mir links und rechts in einem Zauberchor
   Den Vorgeschmack des Himmels vor,
   Und laue, leise Weste trugen
   Mich im Genu fr Aug' und Ohr
   Durch Gras wie Korn, und Korn, wie Rohr.
   Balsamisch schickte jede Blume
   Mir ppig ihren Wohlgeruch,
   Der Gttin um uns her zum Ruhme,
   Aus Florens groem Heiligthume;
   Und rund umher las ich das schne Buch
   Der Schpfung, jauchzend, Spruch vor Spruch
   Die goldnen Hesperiden schwollen
   Am Wege hin in freundlicher Magie,
   Und Mandeln, Wein und Feigen quollen
   Am Lebensstrahl des Segensvollen
   In stillversteckter Eurhythmie,
   Und Klee, wie Wald, begrnzte sie.
   Ich eilte fort, hochglhend ward die Sonne,
   Und fhlte schon voraus die Wonne,
   Mit Pstums Rosen in der Hand,
   An eines Tempels hohen Stufen,
   Wo Maro einst begeistert stand,
   Die Muse Maros anzurufen.
   Die Tempel stiegen, gro und her,
   Mir aus der Ferne schon entgegen,
   Da ward die Gegend menschenleer
   Und d' und der um mich her,
   Und Wein wuchs wild auf meinen Wegen.
   Da stand ich einsam an dem Thore
   Und an dem hohen Sulengang,
   Wo ehmals dem entzckten Ohre
   Ein voller Zug im vollen Chore
   Das hohe Lob der Gottheit sang.
   Verwstung herrscht jetzt um die Mauer,
   Wo einst die Glcklichen gewohnt,
   Und mit geheimem tiefem Schauer
   Sah ich umher und sahe nichts verschont;
   Und meine Freude ward nun Trauer.
   Umsonst blickt Titan hier so milde,
   Umsonst bekrnet er im Jahr
   Zwei Mal mit Ernte die Gefilde --
   Du suchst von allem, was einst war,
   Umsonst die Spur; ein zottiger Barbar
   Schleicht mit der Dummheit Ebenbilde,
   Ein Troglodyt, erbrmlicher als Wilde,
   Um den verschtteten Altar.
   Nur hie und da im hohen Grase wallt,
   Den Menschensinn noch greller anzustoen,
   Dumpf murmelnd eine Mnchsgestalt.
   Freund, denke Dir die Seelenlosen!
   In Pstum blhen keine Rosen.

Ich gebe Dir zu, da in diesen Versen wenig Poesie ist; aber desto mehr
ist darin lautere Wahrheit. Ich hielt mich hier nur zwei Stunden auf,
umging die Area der Stadt, in welcher nichts, als die drei bekannten
groen, alten Gebude, die Wohnung des Monsignore, eines Bischofs, wie
ich hre, ein elendes Wirthshaus und noch ein anderes jmmerliches Haus
stehen. Das ist jetzt ganz Pstum. Hier dachte ich mir _Schillers_
Mdchen aus der Fremde; aber weder die Geberin, noch die Gaben waren in
dem zerstrten Paradiese. Ich suchte, jetzt in der Rosenzeit, Rosen in
Pstum fr Dich, um Dir ein klassisch sentimentales Geschenk
mitzubringen; aber da kann ein Seher keine Rose finden. In der ganzen
Gegend rund umher, versicherte mich einer von den Leuten des Monsignore,
ist kein Rosenstock mehr. Ich durchschaute und durchsuchte selbst alles,
auch den Garten des gndigen Herrn; aber die Barbaren hatten keine
einzige Rose. Darber gerieth ich in hohen Eifer und donnerte ber das
Piakulum an der heiligen Natur. Der Wirth, mein Fhrer, sagte mir, vor
sechs Jahren wren noch einige da gewesen; aber die Fremden htten sie
vollends alle weggerissen. Das war nun eine erbrmliche Entschuldigung.
Ich machte ihm begreiflich, da die Rosen von Pstum ehedem als die
schnsten der Erde berhmt gewesen, da er sie nicht mute abreien
lassen, da er nachpflanzen sollte, da es sein Vortheil seyn wrde, da
jeder Fremde gern etwas fr eine pstische Rose bezahlte; da ich, zum
Beispiel, selbst jetzt wohl einen Piaster gbe, wenn ich nur eine
einzige erhalten knnte. Das Letzte besonders leuchtete dem Manne ein;
um die schne Natur schien er sich nicht zu bekmmern: dazu ist die
dortige Menschheit zu tief gesunken. Er versprach darauf zu denken, und
ich habe vielleicht das Verdienst, da man knftig in Pstum wieder
Rosen findet: wenigstens will ich hiermit alle bitten, die nmlichen
Erinnerungen eindringlich zu wiederholen, bis es fruchtet.

Eine Abhandlung ber die Tempel erwarte nicht. Ich setzte mich an einem
Rest von Altar hin, der in einem derselben noch zu finden ist, und ruhte
eine Viertelstunde unter meinen Freunden, den Griechen. Wenn einer ihrer
Geister zurckkme und mich Hyperboreer unter den letzten Trmmern,
seiner Vaterstadt she! Hier ist mehr, als in Agrigent. Ich bin nicht
der Erste, welcher es anmerkt, was die Leute fr gewaltig hohe Stufen
gemacht haben, hier und in Agrigent. Man mu sehr elastisch steigen,
oder man ist in Gefahr sich einen Bruch zu schreiten. Da einer von den
Tempeln dem Neptun gehre, beruht wahrscheinlich nur auf dem Umstand,
da Neptun der vorzglichste Schutzgott der Stadt war: so wie man eines
der Gebude fr eine Palstra hlt, weil es anders, als die gewhnlichen
Tempel, mit zwei Reihen Sulen ber einander gebauet ist. Sollte dieses
nicht vielmehr ein Bulevterion gewesen seyn? Denn es lt sich nicht
wohl begreifen, wozu die obere Sulenreihe in einer Palstra dienen
sollte. Vielleicht war es auch Bulevterion und Palstra zugleich; unten
dieses, oben jenes. Nicht weit von den Gebuden zeigte man mir noch als
eine Seltenheit einen Stein, der nur vor kurzem gefunden seyn mu, weil
ich ihn noch von niemand angefhrt gefunden habe. Es ist aber nur ein
gewhnlicher Leichenstein, und zwar ziemlich neu aus der lateinischen
Zeit. Das Quadrat der Stadt ist noch berall sehr deutlich zu
unterscheiden durch die Trmmer der Mauern. Das Thor nach Salerno hin
hat noch etwas hohes Gemuer, und das Bergthor ist noch ziemlich ganz
und wohl erhalten. Die beiden brigen, die man mir als das Seethor und
Justizthor nannte, zeigen nur noch ihre Spuren. Die Hauptursache, warum
dieser Ort vor allen brigen so gnzlich in Verfall gerathen ist,
scheint mir das schlechte Wasser zu seyn. Ich versuchte zwei Mal zu
trinken, und fand beide Mal Salzwasser: das Meer ist nicht fern, die
Gegend ist tief, und auch aus den nahen Bergen kommt Salzwasser. Das
se Wasser mute weit und mit vielen Kosten hergeleitet werden. Die
Vegetation rechtfertigt noch jetzt Virgils Angabe. Der Anblick ist einer
der schnsten und traurigsten. Als ich auf dem Rckwege zu Fue etwas
vorausging, lag auf den Aesten eines Feigenbaumes eine Schlange
geringelt, die mich ruhig ansah. Sie war wohl strker als ein Mannarm,
ganz schwarz von Farbe und ihr Blick war furchtbar. Sie schien sich gar
nicht um mich zu bekmmern, und ich hatte eben nicht Lust, ihre
Bekanntschaft zu machen. Es fiel mir ein, da Virgil ^atros colubros^
anfhrt, die er eben nicht als gutartig beschreibt: diese schien von der
Sorte zu seyn.

Auf meiner Rckkehr hatte ich Gelegenheit, zwei sehr ungleichartige
Herrn von dem neapolitanischen Militr kennen zu lernen. Ich wurde
einige Millien von Salerno an der Strae angehalten, und ein Officier
nicht mit der besten Physiognomie setzte sich geradezu zu mir in die
Karriole, ohne eine Sylbe Apologie ber ein solches Betragen zu machen,
und wir fuhren weiter. Ich hrte, da mein Fuhrmann vorher
entschuldigend sagte: ^E un signore Inglese^: das half aber nichts;
der Kriegsmann pflanzte sich ein. Als er Posto gefat hatte, wollte er
mir durch allerhand Wendungen Rede abgewinnen: seine Grobheit hatte mich
aber so verblfft, da ich keine Sylbe vorbrachte. Vor der Stadt stieg
er aus und ging fort ohne ein Wrtchen Hflichkeit. Das ist noch etwas
strker, als die Impertinenz der deutschen Militre hier und da gegen
die sogenannten Philister, die doch auch zuweilen systematisch ungezogen
ist. Als ich gegen Abend in der Stadt spaziren ging, redete mich ein
Zweiter an: Sie sind ein Englnder? -- Nein. -- Aber ein Russe? --
Nein. -- Doch ein Pole? -- Auch nicht. -- Was sind Sie denn fr ein
Landsmann? -- Ich bin ein Deutscher. -- Thut nichts; Sie sind ein
Fremder und erlauben mir, da ich Sie etwas begleite. -- Sehr gern; es
wird mir angenehm seyn. Ich sah mich um, als ob ich etwas suchte. Er
fragte mich, ob ich in ein Kaffeehaus gehen wollte. Wenn man Eis dort
hat: war meine Antwort. Das war zu haben: er fhrte mich und ich a
tchtig, in der Voraussetzung, ich wrde fr mich und ihn tchtig
bezahlen mssen. Das pflegte so manchmal der Fall zu seyn. Aber als ich
bezahlen wollte, sagte die Wirthin, es sei alles schon berichtigt. Das
war ein schner Gegensatz zu der Ungezogenheit vor zwei Stunden. Er
begleitete mich noch in verschiedene Partien der Stadt, besonders hinauf
zu den Kapuzinern, wo man eine der schnsten Aussichten ber den ganzen
Meerbusen von Salerno hat. Ich konnte mich nicht enthalten, dem jungen,
artigen Manne das schlimme Betragen seines Kameraden zu erzhlen. Ich
bin nicht gesonnen, sagte ich, mich in der Fremde in Hndel
einzulassen; aber wenn ich den Namen des Officiers wte und einige Tage
hier bliebe, wrde ich doch vielleicht seinen Chef fragen, ob dieses
hier in der Disciplin gut heie. Der junge Mann fing nun eine groe,
lange Klage ber viele Dinge an, die ich ihm sehr gern glaubte. Wir
gingen eben vor einem Gefngnisse vorbei, aus dessen Gittern ein Kerl
sah und uns anredete. Dieser Mensch hat vierzig umgebracht, sagte der
Officier, als wir weiter gingen. Ich sah ihn an. Hoffentlich kann es
ihm nicht bewiesen werden; erwiederte ich. -- Doch, doch; fr
wenigstens die Hlfte knnte der Beweis vllig gefhrt werden. Mich
berlief ein kalter Schauder: und die Regierung? fragte ich. Ach
Gott, die Regierung, sagte er ganz leise, -- braucht ihn. Hier fate
es mich wie die Hlle. Ich hatte dergleichen Dinge oft gehrt; jetzt
sollte ich es sogar sehen. Freund, wenn ich ein Neapolitaner wre, ich
wre in Versuchung, aus ergrimmter Ehrlichkeit ein Bandit zu werden und
mit dem Minister anzufangen. Welche Regierung ist das, die so
entsetzlich mit dem Leben ihrer Brger umgeht! Kann man sich eine
grere Summe von Abscheulichkeit und Niedertrchtigkeit denken? Jetzt
wird er doch nun hoffentlich seine Strafe bekommen; sagte ich zu meinem
unbekannten Freunde. Ach nein, antwortete er; jetzt sitzt er wegen
eines kleinen Subordinationsfehlers, und morgen frh kommt er los. --
Wieder ein hbsches Stckchen von der Vergebung der Snde! Die Amnestie
des Knigs hat die Armee und die Provinzen mit rechtlichen Rubern
angefllt. Er nahm die Banditen auf, sie waren brav, wie ihr Name sagt;
er belohnte sie kniglich, gab ihnen Aemter und Ehrenstellen, und jetzt
treiben sie ihr Handwerk als Hauptleute der Provinzen gesetzlich. Dieses
wird in der Residenz erzhlt, auf den Straen und in Provinzialstdten,
und es werden mit Abscheu Personen und Ort und Umstnde dabei genannt.

Ich lief eine Stunde in Pompeji herum, und sah, was die andern auch
gesehen hatten, und lief in den aufgegrabenen Gassen und den zu Tage
gefrderten Husern hin und her. Die Alten wohnten doch ziemlich enge.
Die Stadt mu aber bei dem allen prchtig genug gewesen seyn, und man
kann sich nichts netter und geschmackvoller denken, als das kleine
Theater, wo fast alles von schnem Marmor ist; und die Inskription mit
eingelegter Bronze vor dem Proscenium ist, als ob sie nur vor wenigen
Jahren gemacht wre. Die Franzosen haben wieder einen betrchtlichen
Theil ans Licht gefrdert und sollen viel gefunden haben, wovon aber
sehr wenig nach Paris ins Museum kommt. Jeder Kommissr scheint zu
nehmen, was ihm am nchsten liegt, und die Regierung schweigt,
wahrscheinlich mit berechneter Klugheit. Es ist etwas mehr als unartig,
da die alten schnen Wnde so durchaus mit Namen bekleckst sind. Ich
habe viele darunter gefunden, die diese kleine Eitelkeit wohl nicht
sollten gehabt haben. Vorzglich waren dabei einige franzsische
Generale, von denen man dieses hier nicht htte erwarten sollen: bei der
Sibylle ist es etwas anders.

Von Salerno aus war ich mit einer Dame aus Caserta und ihrem Vater
zurckgefahren. Als diese hrten, da ich von Portici noch auf den Berg
wollte, thaten sie den Vorschlag Partie zu machen. Ich hatte nichts
dagegen; wir mietheten Esel und ritten. Was vorherzusehen war, geschah:
die Dame konnte, als wir absteigen muten, zu Fue nicht weit fort und
blieb zurck; und ich war so ungalant, mich nicht darum zu bekmmern.
Der Herr Vetter strengte sich an, und arbeitete mir nach. Als wir an die
Oeffnung gekommen waren, aus welcher der letzte Strom ber Torre del
Greco hinunter gebrochen war, wollte der Fhrer nicht weiter und sagte,
weiter ginge sein Akkord nicht. Ich wollte mich weiter nicht ber die
Unverschmtheit des Betrgers rgern und erklrte ihm ganz kurz und
laut, er mchte machen was er wollte; ich wrde hinaufsteigen. Doch
nicht allein? meinte er. Ganz allein, sagte ich, wenn Niemand mit
mir geht; und ich stapelte immer rasch den Sandberg hinauf. Er besann
sich doch und folgte. Es ist eine Arbeit, die schwerer ist, als auf den
Aetna zu gehen; wenigstens ber den Schnee, wie ich es fand. Der Sand
und die Asche machen das Steigen entsetzlich beschwerlich: man sinkt
fast so viel rckwrts, als man vorwrts geht. Es war brigens
Gewitterluft und drckend hei. Endlich kam ich oben an dem Rande an.
Der Krater ist jetzt, wie Du schon weit, eingestrzt, der Berg dadurch
betrchtlich niedriger, und es ist gar keine eigentliche grere
Oeffnung mehr da. Nur an einigen Stellen dringt etwas Rauch durch die
felsigen Lavaritzen hervor. Man kann also hinuntergehen. Die Franzosen,
welche es zuerst thaten -- wenigstens so viel man wei -- haben viele
Rotomontade von der Unternehmung gemacht: jetzt ist es von der Seite von
Pompeji ziemlich leicht. Fast jeder, der heraufsteigt, steigt hinab in
den Schlund; und es sind von meinen Bekannten viele unten gewesen. Ich
selbst hatte den rechten Weg nicht gefat, weil ich eine andere kleine
Oeffnung untersuchen wollte, aus welcher noch etwas Dampf kam und
zuweilen auch Flamme kommen soll. Die Zeit war mir nun zu kurz; sonst
wre ich von der andern Seite noch ganz hinunter gestiegen. Gefahr kann
weiter nicht dabei seyn, als die gewhnliche. Whrend mein Fhrer und
der Kasertaner ruhten und schwatzten, sah ich mich um. Die Aussicht ist
fast die nmliche, wie bei den Kamaldulensern: ich wrde aber jene noch
vorziehen, obgleich diese grer ist. Nur die Stadt und die ganze Partie
vom Posilippo diesseits der Grotte hat man hier besser. Nie hatte ich
noch so furchtbare Hitze ausgestanden, als im Heraufsteigen. Jetzt
schwebten ber Sorrent einige Wlkchen und ber dem Avernus ein
Donnerwetter: es ward Abend und ich eilte hinab. Hinunter geht es sehr
schnell. Ich hatte schon Durst, als die Reise aufwrts ging; und nun
suchte ich lechzend berall Wasser. Ein artiges liebliches Mdchen
brachte uns endlich aus einem der obersten Weinberge ein groes, volles
Gef. So durstig ich auch war, war mir doch das Mdchen fast
willkommener, als das Wasser: und wenn ich lnger hier blieb, ich glaube
fast, ich wrde den Vulkan gerade auf diesem Wege vielleicht ohne Fhrer
noch oft besuchen. In einem groen Sommerhause, nicht weit von der
heiligen Maria, erwartete uns die Dame und hatte unterdessen Thrnen
Christi bringen lassen. Aber das Wasser war mir oben lieber, als hier
die kstlichen Thrnen, und die Hebe des ersten wohl auch etwas lieber,
als die Hebe der zweiten.

Es war schon ziemlich dunkel, als wir in Portici ankamen, und wir
rollten noch in der letzten Abenddmmerung nach Neapel. Mit dem Museum
in Portici war ich ziemlich unglcklich. Jetzt war es zu spt, es zu
sehen. Das erste Mal war es nicht offen und ich sah blo das Schlo und
die Zimmer, die, wenn man die Arbeit aus Pompeji, einige schne
Lavatische und die Statuen zu Pferde aus dem Herkulanum wegnimmt, nichts
Merkwrdiges enthalten. In dem Hofe des Museums liegen noch einige
bronzene Pferdekpfe aus dem Theater von Herkulanum: die Statuen selbst
sind in der Lava zusammengeschmolzen. So viel ich von den Kpfen
urtheilen kann, mchte ich wohl diese Pferde haben, und ich gbe die
Pariser von Venedig sogleich dafr hin. In dem Theater von Herkulanum
bin ich eine ganze Stunde herumgewandelt, und habe den Ort gesehen, wo
die Marmorpferde gestanden hatten, und den Ort, wo die bronzenen
geschmolzen waren. Bekanntlich ist es hier viel schwerer zu graben, als
in Pompeji: denn diese Lava ist Stein, jene nur Aschenregen. Dort sind
nur Weinberge und Feigengrten auf der Oberflche; hier steht die Stadt
darauf: denn Portici steht gerade ber dem alten Herkulanum; und fast
gerade ber dem Theater steht jetzt oben eine Kirche. Die Dame von
Caserta gab mir beim Abschied am Toledo ihre Adresse: ich hatte aber
nicht Zeit, mich weiter um sie zu bekmmern.

Obgleich der Vesuv gegen den Aetna nur ein Maulwurfshgel ist, so hat er
doch durch seine klassische Nachbarschaft vielleicht ein greres
Interesse, als irgend ein anderer Vulkan der Erde. Ich war den ganzen
Abend noch voll von der Aussicht oben, die ich noch nicht so ganz nach
meinem Genius hatte genieen knnen. Ich setzte mich im Geist wieder
hinauf und berschaute rund umher das schne blhende magische Land. Die
wichtigsten Scenen der Einbildungskraft der Alten lagen im Kreise da;
unvermerkt gerieth ich ins Aufnehmen der Gegenstnde um den Vulkan.

   Vom Schedel des Verderbers sieht
   Mein Auge weit hinab durch Flchen,
   Auf welchen er in Feuerbchen
   Verwstend sich durch das Gebiet
   Der reichgeschmckten Schpfung zieht.
   Wo steht der Nachbar ohne Grausen,
   Wenn zur Zerstrung angefacht
   Aus seinem Schlund der Mitternacht
   Ihm hoch die Eingeweide brausen?
   Wenn donnernd er die Felsen schmelzt,
   Und sie im Streit der Elemente,
   Als ob des Erdballs Asche brennte,
   Hinab ins Meer hoch ber Stdte wlzt?
   Der Riese macht mit seinem Hauche
   Die schnste Hesperidenflur
   Zur drrsten Wste der Natur,
   Wenn er aus seinem Flammenbauche
   Mit rother Glut und schwarzem Rauche
   Die Brandung durch die Wolken hebt,
   Und meilenweit was Leben trinket,
   Wo die Zerstrung niedersinket,
   In eine Lavanacht begrbt.
   Parthenope und Pausilype bebt,
   Wenn tief in des Verwsters Adern
   Die Feuerfluthen furchtbar hadern;
   Und was im Meer und an der Sonne lebt,
   Eilt weit hinweg mit blassem Schrecken,
   Sich vor den Zorn des Tdtenden zu decken.
   Es kocht am Meere links und rechts,
   Bis nach Sorrent und bis zu Baja's Tannen,
   Wo er die Bder des Tyrannen
   Aus der Verwandtschaft des Geschlechts,
   Indem er weit umher verheeret,
   Mit seinem tiefsten Feuer nhret.
   Er macht die Berge schnell zu Seen,
   Die Thler schnell zu Felsenhhen,
   Und rauschend zeigen seine Bahn,
   So weit die schrfsten Augen gehen,
   Die Inseln in dem Ocean.
   Wer brget uns, wenn ihn der Sturm zerrttet,
   Da er nicht einst in allgemeiner Wuth
   Noch frchterlich mit seiner Fluth
   Den ganzen Golf zusammen schttet?
   Nicht alles noch, wo jetzt sein Feuer quillt,
   Aus seiner Werkstatt tiefstem Grunde,
   Von Stabi bis zu dem Schwefelschlunde,
   Mit seinen Lavaschichten fllt?
   Hier brach schon oft aus seinem Heerde
   Herauf, hinab des Todes Flammenmeer,
   Und machte siedend rund umher
   Das Land zum grten Grab der Erde.

Unter diesen Phantasien schlief ich ruhig ein. Ob ich gleich gern das
furchtbare Schauspiel eines solchen Vulkans in seiner ganzen
entsetzlichen Kraft sehen mchte, so bin ich doch nicht hart genug es zu
wnschen. Ich will mich mit dem begngen, was mir der Aetna gegeben hat.
Der Vesuv kruselt zuweilen einige Rauchwlkchen; aber ich frchte, sein
Schlaf und sein Verschtten sind von schlimmer Vorbedeutung. Der Aetna
war auch verschttet, ehe er Catanien berstrmte, und in dem Krater des
Vesuvs waren zuweilen groe Bume gewachsen. Bei seinem knftigen
Ausbruche drfte die Gegend von Portici, eben da, wo oben der heilige
Januar steht, um den Feind abzuhalten, am meisten der Gefahr ausgesetzt
seyn; denn dort ist, nach dem uern Anschein, jetzt die Erdschale am
dnnsten. Man scheint so etwas gefhlt zu haben, als man den heiligen
Flammenbndiger eben hierher setzte.

Die Russen in Neapel machen eine sonderbare Erscheinung. Sie sind des
Knigs Leibwache, weil man ganz laut sagt, da er sich auf seine eigenen
Soldaten nicht verlassen kann. Wenn dieses so ist, so ist es ganz gewi
seine eigene Schuld; denn ich halte die Neapolitaner fr eine der
bravsten und besten Nationen, so wie berhaupt die Italiener. Was ich
hier und da Schlimmes sagen mu, betrifft nur die Regierung, ihre
schlechte Verfassung oder Verwaltung und das Religionsunwesen. Die
Russen haben sich sehr metamorphosirt und ich wrde sie kaum wieder
erkannt haben. Du weit, da ich die Schulmeisterei in keinem Dinge
verachte, wenn sie das Grndliche bezweckt: aber ich glaube, sie haben
sich durch Pauls Vernderungen durchaus nicht gebessert. Brav werden sie
immer bleiben; das ist im Charakter der Nation: aber Paul htte das Gute
behalten und das Bessere geben sollen. Ich habe nicht gesehen, da sie
Linie und besser den Schwenkpunkt hielten, und fertiger die Waffen
handhabten: aber desto schlechter waren sie gekleidet, sthetisch und
militrisch. Die steifen Zpfe, die Potemkin mit vielen andern
Bocksbeuteleien abgeschafft hatte, geben den Kerlen ein Ansehen von ganz
possirlicher Unbehlflichkeit. Potemkin hatte freilich wohl manches
gethan, was nichts werth war; aber diese Ordonnanz bei der Armee war
sicher gut. Paul war in seiner Empfindlichkeit zu einseitig. Uebrigens
werden hier die russischen Officiere, wie ich hre, zuweilen nicht wegen
ihrer Artigkeit gelobt, und man erzhlte sehr auffallende Beispiele vom
Gegentheil. Das sind hoffentlich nur unangenehme Ausnahmen; denn man
lt im Ganzen der Ordnung und der Strenge des Generals Gerechtigkeit
widerfahren.

Der heilige Januarius wird als Jakobiner gewaltig gemihandelt und von
den Lazaronen auf alle Weise beschimpft: es fehlt wenig, da er nicht
des Patronats vllig entsetzt wird. Dafr wird der heilige Antonius sehr
auf seine Kosten gehoben; und es wird diesem sogar durch Manifeste vom
Hofe gehuldigt. Doch ist die Januariusfarce wieder glcklich von Statten
gegangen, und er hat endlich wieder ordentlich geblutet. Ich habe fr
dergleichen Dinge wenig Takt, bin also nicht dabei gewesen, ob die
Schnurre gleich fast unter meinen Augen vorging. Einer meiner Freunde
erzhlte mir von den furchtbaren Aengstigungen einiger jungen Weiber und
ihrer heien Andacht, ehe das Mirakel kam, und von ihrer ausgelassenen
heiligen ekstatischen Freude, als es glcklich vollendet war. Womit kann
man den Menschen nicht noch hinhalten, wenn man ihm einmal seine
Unbefugnisse genommen hat?




                                                                _Rom._


Nun bin ich wieder hier in dem Sitz der heiligen Kirche, aber nicht in
ihrem Schooe. Wie Schade das ist! Ich habe so viel Ansatz und Neigung
zur Katholicitt, wrde mich so gern auch an ein Oberhaupt in
geistlichen Dingen halten, wenn nur die Leute etwas leidlicher,
ordentlich und vernnftig wren. Meiner ist der Katholicismus der
Vernunft, der allgemeinen Gerechtigkeit, der Freiheit und der Humanitt;
und der ihrige ist die Nebelkappe der Vorurtheile, der Privilegien, des
eisernen Gewissenszwanges. Ich hoffte, wir wrden einst zusammen kommen;
aber seit Bonapartes Bekehrung habe ich fr mich die Hoffnung sinken
lassen. Dank sei es der Frmmelei und dem Mamelukengeist des groen
franzsischen Bannerherrn, die Rmer haben nun wieder Ueberflu an
Kirchen, Mnchen und Banditen. Er hat uns zum wenigsten wieder einige
hundert Jahre zurckgeworfen. ^Homo sum^ -- sagt Terenz; sonst knntest
Du leicht fragen, was mich das Zeug anginge. Aber ich will den Faden
meiner Wanderschaft wieder aufnehmen.

Den letzten Tag in Neapel besuchte ich noch den Agnano und die
Hundsgrotte. Schon Fgger in Wien hatte mich gewarnt, ich mchte mich
dort in Acht nehmen; allein im Mai, dachte ich, hat so ein Spaziergang
wohl nichts zu sagen. Der Morgen war drckend und schwl, und ber der
Solfatara und dem Kamaldulenser Berge hingen Gewitterwolken. Alles ist
bekannt genug; ich wollte nur aus Neugier das Lokale sehen und weiter
keinen Hund auf die Folter setzen. Nachdem ich aber ungefhr ein
Stndchen am See herumgewandelt war und mir die Lage besehen hatte, ward
mir der Kopf auf einmal sonderbar dumpf und schwer, und ich eilte, da
ich durch die Bergschlucht wieder heraus kam. Es war ein eigenes
furchtbares Gefhl, als ob sich alle flssigen Theile mischten und die
festen sich auflsen wollten. So wie ich mich von der Gegend entfernte,
kehrte mein heller Sinn zurck, und es blieb mir nur eine gewisse
Schwere und Mdigkeit von der Wrme. Eine eigene Erscheinung in meinem
Physischen war es mir indessen, als ich gleich nachher in einem
Wirthshause nicht weit von Posilippo a, da ich mir an einer eben nicht
harten Kastanie auf einmal drei Zhne bis fast zum Ausfallen locker bi.
Der Agnano und die Hundsgrotte kosten dich ein wenig zu viel, dachte
ich, und that schon Verzicht auf meine drei Vorderzhne. Aber
Vernderung der Luft und etwas Schonung haben sie bis auf einen wieder
ziemlich festgemacht; und dieser wird sich hoffentlich auch wieder
erholen. Will er nicht, nun so will ich ihn der Hundsgrotte opfern.

Von Rom nach Neapel war ich zu Fue gegangen: von Neapel nach Rom fuhr
ich der Schnelligkeit wegen mit dem neapolitanischen Courrier. Noch die
Nacht fuhren wir ber Aversa nach Kapua, und den Tag von Kapua nach
Terracina. Anstatt einer attellanischen Fabel erzhlte man uns in Aversa
als wahre Geschichte, da eben die Ruber vom Berge herunter gekommen
wren und einen armen Teufel um sechzig Piaster erschlagen. In Fondi
stahl ich mich mit etwas bsem Gewissen voraus, weil ich dem Herrn
Zolleinnehmer nicht gern in die Hnde fallen wollte. Dieser Herr hatte
nmlich auf meiner Hinreise einen sehr groen Gefallen an meinem
Seehundstornister bekommen, wollte ihn durchaus haben, und bot mir bis
zu drei goldenen Unzen darauf. Ich wollte ihn nicht missen, hatte seiner
Zudringlichkeit aber doch einige Hoffnung gemacht, wenn ich zurckkme:
und jetzt wollte ich ihn eben so wenig missen. Wer bringt nicht gern
Haut und Fell und alles wieder heil mit sich zurck? Durch die Pontinen
ging es diemal die Nacht, welches ich sehr wohl zufrieden war. Der
Morgen graute, als wir in Velletri eintrafen. Nun kam aber eine cht
italienische Stelle, ber der ich leicht htte den Hals brechen knnen.

Ich habe die Gewohnheit, bestndig vorauszulaufen, wo ich kann. Zwischen
Gensano und Aricia ist eine schne Waldgegend, durch welche die Strae
geht. Oben am Berge bat der Postillon, wir mchten aussteigen, weil er
vermuthlich den Hemmschuh einlegen wollte, und am Wagen etwas zu hmmern
hatte. Der Oficier blieb bei seinen Depeschen am Wagen, und ich
schlenderte leicht und unbefangen den Berg hinunter in den Wald hinein,
und dachte, wie ich Freund Reinhart in Aricia berraschen wrde, der
jetzt daselbst seyn wollte. Ungefhr sieben Minuten mochte ich so
fortgewandelt seyn, da strzten links aus dem Gebsche vier Kerle auf
mich zu. Ihre Bothschaft erklrte sich sogleich. Einer fate mich bei
der Krause, und setzte mir den Dolch an die Kehle; der andere am Arm,
und setzte mir den Dolch auf die Brust; die beiden brigen blieben
dispositionsmig in einer kleinen Entfernung mit aufgezogenen
Karabinern. In der Bestrzung sagte ich halb unwillkhrlich auf Deutsch
zu ihnen: Ei so nehmt denn ins Teufels Namen alles, was ich habe! Da
machte einer eine doppelt grliche Pantomime mit Gesicht und Dolch, um
mir zu verstehen zu geben, man wrde stoen und schieen, sobald ich
noch eine Sylbe sprche. Ich schwieg also. In Eile nahmen sie mir nun
die Brse und etwas kleines Geld aus den Westentaschen, welches beides
zusammen sich vielleicht auf sieben Piaster belief. Nun zogen sie mich
mit der vehementesten Gewalt nach dem Gebsche, und die Karabiner
suchten mir durch richtige Schwenkung Willigkeit einzuflen. Ich machte
mich blo so schwer als mglich, da weiter thtigen Widerstand zu thun
der gewisse Tod gewesen wre: man zerri mir in der Anstrengung Weste
und Hemd. Vermuthlich wollte man mich dort im Busche gemchlich
durchsuchen und ausziehen, und dann mit mir thun, was man fr gut finden
wrde. Sind die Herren sicher, so lassen sie das Opfer laufen; sind sie
das nicht, so geben sie einen Schu oder Stich, und die Todten sprechen
nicht. In diesem kritischen Momente -- denn das Ganze dauerte vielleicht
kaum eine Minute -- hrte man den Wagen von oben herabrollen und auch
Stimmen von unten: sie lieen mich also los, und nahmen die Flucht in
den Wald. Ich ging etwas verblfft meinen Weg fort, ohne jemand zu
erwarten. Die Uhr sa, wie in Sicilien, tief, und das Taschenbuch stak
unter dem Arme in einem Rocksacke: beides wurde also in der
Geschwindigkeit nicht gefunden. Die Kerle sahen grlich aus, wie ihr
Handwerk; keiner war, nach meiner Taxe, unter zwanzig, und keiner ber
dreiig. Sie hatten sich gemalt, und trugen falsche Brte; ein Beweis,
da sie aus der Gegend waren, und Entdeckung frchteten. Reinhart traf
ich in Aricia nicht; er war noch in Rom. So htte ich wohl noch leicht
in der schnen klassischen Gegend bleiben knnen. Dort spielt ein Theil
der Aeneide, und nach aller Topographie bezahlten daselbst Nisus und
Euryalus ihre jugendliche Unbesonnenheit; nicht eben, da sie gingen,
sondern da sie unterwegs so alberne Streiche machten, die kein
preuischer Rekrut machen wrde. Wer wird einen schn polirten,
glnzenden Helm bei Mondschein aufsetzen, um versteckt zu bleiben? Herr
Virgil hat sie, vermuthlich blo der schnen Episode wegen, so ganz
unberlegt handeln lassen.

Hier in Rom brachte man mir die trstliche Nachricht, da zwei von den
Schurken, die mich in dem Walde geplndert htten, erwischt wren, und
da ich vielleicht noch das Vergngen haben wrde sie hngen zu sehen.
Dawider habe ich weiter nichts, als da es bei der jetzigen Unordnung
der Dinge sehr wenig helfen wird. Ich habe hier etwas von einem
Manuscripte gesehen, das in kurzem in Deutschland, wenn ich nicht irre,
bei Perthes gedruckt werden soll, und das ein Gemlde vom jetzigen Rom
enthlt. Du wirst Dich wundern, wenn ich Dir sage, da fast alles darin
noch sehr sanft gezeichnet ist. Der Mann kann auf alle Flle kompetenter
Beurtheiler seyn; denn er ist lange hier, ist ein freier, unbefangener,
kenntnivoller Mann, bei dem Herz und Kopf gehrig im Gleichgewicht
stehen. Die Hierarchie wird wieder in ihrer grten Ausdehnung
eingefhrt; und was das Volk eben jetzt darunter leiden msse, kannst Du
berechnen. Die Klster nehmen alle ihre Gter mit Strenge wieder in
Besitz, die Kirchen werden wieder geheiligt und alle Prlaten behaupten
frs allererste wieder ihren alten Glanz. Da msten sich wieder die
Mnche; und wer kmmert sich darum, da das Volk hungert? Die Strassen
sind nicht allein mit Bettlern bedeckt, sondern diese Bettler sterben
wirklich daselbst vor Hunger und Elend. Ich wei, da bei meinem
Hierseyn an einem Tage fnf bis sechs Personen vor Hunger gestorben
sind. Ich selbst habe Einige niederfallen und sterben sehen. Rhrt
dieses das geistliche Mastheer? Der Ausdruck ist emprend, aber nicht
mehr als die Wahrheit. Jedes Wort ist an seiner Stelle gut, denke und
sage ich mit dem Alten. Als die Leiche Pius des Sechsten prchtig
eingebracht wurde, damit die Exequien noch prchtiger gehalten werden
knnten, erhob sich aus dem glubigen Gedrnge ein Fnkchen Vernunft in
dem dumpfen Gemurmel, da man so viel Lrm und Kosten mit einem Todten
mache, und die Lebendigen im Elende verhungern lasse. Rom ist oft die
Kloake der Menschheit gewesen, aber vielleicht nie mehr, als jetzt. Es
ist keine Ordnung, keine Justiz, keine Polizei; auf dem Lande noch
weniger als in der Stadt; und wenn die Menschheit noch nicht tiefer
gesunken ist, als sie wirklich liegt, so kommt es blo daher, weil man
das Gttliche in der Natur durch die grte Unvernunft nicht ganz
ausrotten kann. Du kannst denken, mit welcher Stimmung ein vernnftiger
Philanthrop sich hier umsieht. Ich hatte mich mit einer bittern
Philippika gerstet, als ich wieder zu Borgia gehen wollte. ^Nil valent
apud vos leges, nil justitia, nil boni mores; sagittantur sacerdotes,
perit plebs, caecutit populus; vilipenditur quodcunque est homini
sanctum, honestas, modestia, omnis virtus. Infimus et improbissimus
quisque cum armis per oppida et agros praedabundus incedit, furatur,
rapit, trucidat, jugulat, incendia miscet. Haec est illa religio
scilicet, auctoris ignominia, rationis opprobrium, qua vos homines
liberos et viros fortes ad servitia et latrones detrudere conamini.^ So
gohr es, und ich versichere Dich, Freund, es ist keine Sylbe Redekunst
dabei. Aber gesetzt auch, ein Kardinal htte das hingenommen, warum
sollte ich dem alten, guten, ehrlichen Manne Herzklopfen machen? Es
hilft nichts; das liegt schon im System. Man wird schon Palliativen
finden: aber an Heilung ist nicht zu denken. Die Herren sind immer klug
wie die Schlangen; weiter gehen sie im Evangelium nicht. Die neuesten
Beweise davon kannst Du in Florenz und Paris sehen. Ich ging gar nicht
zu Borgia, weil ich meiner eigenen Klugheit nicht traute. Ueberdie
hielt mich vielleicht noch eine andere Kleinigkeit zurck. Die rmischen
Vornehmen haben einen ganzen Haufen Bedienten im Hause und geben nur
schlechten Sold. Jeder Fremde, der nur die geringste Hflichkeit vom
Herrn empfngt, wird dafr von der Valetaille in Anspruch genommen. Das
hatte ich erfahren. Nun kann man einem ganzen Hausetat doch schicklich
nicht weniger als einen Piaster geben; und so viel wollte ich fr den
Papst und sein ganzes Kollegium nicht mehr in Auslage seyn.

Ich will das Betragen der Franzosen hier und in ganz Unteritalien nicht
rechtfertigen: aber dadurch, da sie die Sache wieder aufgegeben haben,
ist die Menschheit in unsgliches Elend zurckgefallen. Ich wei, was
darber gesagt werden kann, und von wie vielen Seiten alles betrachtet
werden mu: aber wenn man schlecht angefangen hat, so hat man noch
schlechter geendiget; das Zeugni wird mit Zhneknirschen jeder
rechtliche Rmer und Neapolitaner geben. Geschichte kann ich hier nicht
schreiben. Durch ihren unbedingten, nicht nothwendigen Abzug ist die
schrecklichste Anarchie entstanden. Die Heerstraen sind voll Ruber;
die niedertrchtigsten Bsewichter ziehen im Lande herum. Blos whrend
meiner kurzen Anwesenheit in Rom sind drei Courriere geplndert und fnf
Dragoner von der Begleitung erschossen worden. Niemand wagt es mehr,
etwas mit der Post zu geben. Der franzsische General lie wegen vieler
Ungebhr ein altes Gesetz schrfen, das den Dolchtrgern den Tod
bestimmt, und lie eine Anzahl Verbrecher vor dem Volksthore wirklich
erschieen. Die Hrte war Wohlthat; nun war Sicherheit. Jetzt trgt
jedermann wieder seinen Dolch und braucht ihn. Die Kardinle sind immer
noch in dem schndlichsten Kredit, als Beschtzer der Verbrecher. Man
erzhlt jetzt noch Beispiele mit allen Namen und Umstnden, da sie
Mrder in ihren Wagen aus der Stadt in Sicherheit bringen lassen. --
Ueber ffentliche Armenanstalten bei den Katholiken ist schon viel
gesagt. Rom war auch in dieser Rcksicht die Metropolis. Jetzt sind
durch die Revolution fast alle ffentliche Armenfonds wie ausgeplndert,
und die Noth ist vor der Ernte unter der ganz armen Klasse schrecklich.
In ganz Marino und Albano ist keine ffentliche Schule, also keine Sorge
fr Erziehung; in Rom ist sie schlecht. Der Kirchenstaat ist eine Oede
rund um Rom herum, dewegen erlaubt aber kein Gterbesitzer, da man auf
seinem Grunde arbeite. Das Feudalrecht knnte in Gefahr gerathen. Wenn
er nicht geradezu hungert, was gehn ihn die Hefen des Romulus an? Die
Mncherei kommt wieder in ihren crassesten Flor, und man erzhlt sich
wieder ganz neue Bubenstcke der Kuttentrger, die der Schande der
finstersten Zeiten gleichkommen. Man sagt wohl, Italien sei ein
Paradies, von Teufeln bewohnt; das heit der menschlichen Natur Hohn
gesprochen. Der Italiener ist ein edler, herrlicher Mensch; aber seine
Regenten sind Mnche, oder Mnchsknechte; die meisten sind Vter ohne
Kinder; das ist Erklrung genug. Ueberdies ist es der Sitz der Vergebung
der Snde.

Ich will nur machen, da ich hinauskomme, sonst denkst Du, da ich
beiig und bsartig geworden bin. Die Partien rund herum sind ohne mich
bekannt genug: ich habe die meisten, allein und in Gesellschaft, in der
schnsten Jahreszeit genossen. Man kann hier seyn und sich wohl
befinden, nur mu man die Humanitt zu Hause lassen. Mit Uhden habe ich
die Partien von Marino, Grottaferrata, Fraskati und den Albaner See
gesehen. Eines der ltesten Monumente ist am See der Felsenkanal, der
das Wasser aus demselben durch den Berg in die Ebene hinablt; und der,
wenn ich nicht irre, noch aus den Zeiten des Kamillus ist. Die
Geschichte seiner Entstehung ist bekannt. Man wirkt noch heute eben so
durch den Aberglauben, wie damals. Wenn der Gott von Delphi den
Ausspruch der Mathematiker nicht besttigt htte, wren die Rmer
schwerlich an die Arbeit gegangen. Das ganze Werk steht noch jetzt in
seiner alten, herrlichen ursprnglichen Gre da und erfllt den Zweck.
Uhden wunderte sich, da Cluver, ein sonst so genauer und gewissenhafter
Beobachter, sagt, es seien noch Spuren da, da doch der ganze Kanal noch
eben so gangbar ist, wie vor zwei tausend Jahren. Mir ducht, zu Cluvers
Rechtfertigung kann man annehmen, da der Eingang eben damals
verschttet war, welches sich periodenweise leicht denken lt: und der
Antiquar untersuchte nicht nher. Der Eingang ist ein sehr romantischer
Platz und der Gegenstand der Zeichner: vorzglich wirkt die alte
perennirende Eiche an demselben. Das Schlo Gandolfo oben auf dem Berge
ist eine der schnsten Aussichten in der ganzen schnen Gegend. Hier
zeigte man mir im Promeniren einen Priester, der in einem Gefechte mit
den Franzosen allein achtzehn niedergeschossen hatte. Das nenne ich
einen Mann von der streitenden Kirche! Wehe der Humanitt, wenn sie die
triumphirende wird! Wer auf Hadrian eine Lobrede schreiben will, mu
nicht hierher gehen, und die Ueberreste seiner Villa sehen: man sieht
noch ganz den Pomp eines morgenlndischen Herrschers, und die Furcht
einer engbrstigen tyrannischen Seele. Auch sogar sein Grabmahl hat die
ppstliche Zwittertyrannei zu ihrem Ergastel gemacht. Trajan hat
Monumente besserer Bedeutung hinterlassen. Wo bei Frascati
wahrscheinlich des groen Tullius Tuskulum gestanden hat, sieht man
jetzt sehr analog -- eine Papiermhle. Das Pltzchen ist sehr
philosophisch; nur wrde Thucydides hier schwerlich die tuskulanischen
Qustionen oder gar ^de natura deorum^ geschrieben haben. Der schnste
Ort von allen antiken Gebuden, die ich noch gesehen habe, ist
unstreitig die Villa des Mcen in Tivoli. Man kann annehmen, da der
Schmeichler Horaz hier mehrere seiner liebsten Oden gedichtet habe, fr
den gewaltigen Mann, neben und unter den er hier haus'te. Man wollte
mich unten am Flusse jenseits nicht weit von den Stllen des Varus in
ein Haus fhren, wo noch Horazens Bad zu sehen seyn soll; aber ich hatte
nicht Lust: es fiel mir seine Canidia ein. Virgil war ein feinerer Mann
und ein besserer Mensch. Kein Stein ist hier oben ohne Namen, und um die
Kaskade und die Grotte und um die Kaskadellen. Wenn ich Dir die
Kaskadellen von unserm Reinhart mitbringen knnte, das wrde fr Dich
noch Beute aus Hesperien seyn: ich bin nur Laie.

Von den Kunstschtzen in Rom darf ich nicht anfangen. Die Franzosen
haben allerdings Vieles fortgeschafft; aber der Abgang wird bei dem
groen Reichthume doch nicht sehr vermit. Ueberdie haben sie mit
wahrem Ehrgefhl kein Privateigenthum angetastet. Einigen ihrer
vehementesten Gegner haben sie zwar gedroht; doch ist es bei den
Drohungen geblieben: und die Privatsammlungen sind bekanntlich zahlreich
und sehr ansehnlich. Nur einige sind durch die Zeitumstnde von ihren
Besitzern zersplittert worden; vorzglich die Sammlung des Hauses
Colonna. Aus den Grten Borghese ist kein einziges Stck entfernt. Blo
der Fechter und der Silen haben einen klassischen Werth, wie ihn mehrere
der nach Paris geschafften Stcke nicht haben. Die grte Sottise, die
vielleicht je die Antiquare gemacht haben, ist, da sie diesen Silen mit
dem lieblichen jungen Bacchus fr einen Saturnus hielten, der eben auch
diese Geburt fressen wollte. Der erste, der diese Erklrung auskramte,
mu vor Hypochondrie Konvulsionen gehabt haben. Vorzglich beschftigte
mich noch eine Knabenstatue mit der Bulle, die man fr einen jungen
Britanicus hlt. Sei es wer es wolle, es ist ein rmischer Knabe, der
sich der mnnlichen Toga nhert, mit einer unbeschreiblichen Zartheit
und Anmuth dargestellt. Ich habe nichts Aehnliches in dieser Art mehr
gefunden.

In der Gallerie Doria zog meine Aufmerksamkeit vornmlich ein weibliches
Gemlde von Leonardo da Vinci auf sich, das man fr die Knigin Johanna
von Neapel ausgab. Das kann Johanna nicht seyn, sagte ich, unmglich;
ich wre fr das Original von Leukade gesprungen: das kann die
Neapolitanerin nicht seyn. Wenn sie es ist, hat die Geschichte gelogen,
oder die Natur selbst ist eine Falschspielerin. Man behauptete, es wr
ihr Bild und ich geno in der Trumerei ber den Kopf den schnen
Salvator Rosa im andern Flgel nur halb. Als ich nach Hause kam, fragte
ich Fernow; und dieser sagte mir, ich habe Recht; es sei nun ausgemacht,
da es eine gewisse Grfin aus Oberitalien sei. Ich freute mich, als ob
ich eine Kriminalinquisition los wre.

Auf dem Kapitol vermite ich den schnen Brutus. Dieser ist nach Paris
gewandelt, hies es. Was soll Brutus in Paris? Vor funfzig Jahren wre es
eine Posse gewesen, und jetzt ist es eine Blasphemie. Dort wachsen die
Csarn, wie die Fliegenschwmme. Noch sah ich die alte hetrurische
Wlfin, die bei Csars Tode vom Blitz beschdigt worden seyn soll. Die
Seltenheit ist wenigstens sehenswerth. Von dem Thurme des Kapitols
bersah ich mit Einem Blick das ganze, groe Ruinenfeld unter mir. Einer
meiner Freunde machte mir ein Geschenk mit einer Rhapsodie ber die
Peterskirche; ich gab ihm dafr eine ber das Kapitol zurck. Ich
schicke sie Dir hier, weil ich glauben darf, da Dir vielleicht die
Aussicht einiges Vergngen machen kann.

   Du zrnst, da dort mit breitem Angesichte
   Das Dunstphantom des Aberglaubens glotzt
   Und jedem Feuereifer trotzt,
   Der aus der Finsterni zum Lichte
   Uns fhren will; Du zrnst den Bbereien,
   Dem Frevel und dem frechen Spott,
   Mit dem der Plattkopf stiert, der Tugend uns und Gott
   Zum Unsinn macht; den feilen Schurkereien,
   Und der Harpye der Mnchereien,
   Dem hlichsten Gespenst, das dem Cocyt entkroch,
   Das aus dem Schlamm der Dummheit noch
   Am Leitseil der Betrgereien
   Zehntausend hier, zehntausend dort ins Joch,
   Dem willig sich die Opferthiere weihen,
   Zum Grabe der Vernunft berckt,
   Und dann mit Hohn und Litaneien
   Aus seiner Mastung niederblickt:
   Du zrnst, da man noch jetzt die Gtzen meielt,
   Und mit dem Geist der Mitternacht
   Zu ihrem Dienst die Menschheit niedergeielt,
   Und die Moral zur feilen Dirne macht
   Bei der man sich zum Sybariten kruselt
   Und Recht und Menschenwerth verlacht.

      Dein Eifer, Freund, ist edel. Zrne!
   Oft giebt der Zorn der Seele hohen Schwung
   Und Kraft und Muth zur Besserung;
   Indessen lau mit seichtem Hirne
   Der Schachmaschinenmensch nach den Figuren schielt
   Und von dem Busen seiner Dirne
   Verchtlich nur die Puppen weiter spielt.

      Geh hin und lies, fast ist es unsre Schande,
   Es scheint, es war das Schicksal Roms,
   In Geierflug zu ziehn von Land zu Lande;
   Es schlug die Erde rund in Bande,
   Und wechselt nur den Sitz des Doms.
   Was einst der Halbbarbar ins Joch mit Eisen sandte
   Beherrschet nun der Hierofante
   Mit dem Betruge des Diploms.
   Jetzt thrmet sich am alten Vatikane
   Des Aberglaubens Burg empor,
   In deren dumpfigen Arkane
   Sich lngst schon die Vernunft verlor,
   Und wo man mit geweihtem Ohr
   Und Nebelhirn zur neuen Fahne
   Des alten Unsinns glubig schwor.
   Dort steht der Dom, den Blick voll hohen Spottes
   Mit dem er Menschensinn verhhnt;
   Und mchtig stand, am Hgel hingedehnt,
   Einst hier die Burg des Donnergottes,
   Wo noch des Tempels Trmmer ghnt;
   Und wer bestimmt aus welchem Schlunde
   Des Wahnsinns stygischer Betrug
   Der armen Welt die grte Wunde
   Zur ewigen Erinnrung schlug?

      Hier herrschten eisern die Katonen
   Mit einem Ungeheur von Recht,
   Und stempelten das menschliche Geschlecht
   Despotisch nur zu ihren Frohnen;
   Als wre von Natur vor ihnen Jeder Knecht,
   Den Zevs von seinem Kapitole
   Mit dem Gefolge der Idole
   Sich nicht zum Lieblingssohn erkohr;
   Und desto mehr, je mehr er khn empor
   Mit seines Wesens Urkraft strebte
   Und sklavisch nicht, wie vor dem Sturm das Rohr
   Beim Zorn der Herr'n der Erde bebte.
   Nur wer von einem Ruber stammte,
   Dem Fluch der Nachbarn, wessen Heldenherz,
   Bepanzert mit dem dicksten Erz,
   Zum Hohn der Menschheit lodernd flammte,
   Wer alle Andern, wie Verdammte,
   Zur tiefsten Knechtschaft von sich stie
   Und den Beweis in seinem Schwerte wies --
   Nur der gelangte zu der Ehre,
   Ein Mann zu seyn im groen Wrgerheere.
   Oft treibt Verzweiflung zu dem Berge,
   Dem Heiligen, dem Retter in der Noth,
   Wenn blutig des Bedrckers Scherge
   Mit Fesseln, Beil und Ruthen droht:
   Und, was erstaunt jetzt kaum die Nachwelt glaubet,
   Dem grten Theil der Nation,
   Dem ganzen Sklavenhaufen, raubet
   Der Blutgeist selbst die Rechte der Person,
   Und setzt ihn mit dem Vieh der Erde
   Zum Spott der Macht in eine Heerde.
   Der Wstling warf dann in der Wuth,
   Fr ein zerbrochnes Glas, mit wahrer Rmerseele
   Den Knecht in die Murnenhhle,
   Und ftterte mit dessen Blut
   Fr seine schwelgerischen Tische
   Die seltenen, weitgereis'ten Fische;
   Und fr die Kleinigkeit der Sklavenstrafe lie
   Mit Zorn der schlauste der Tyrannen,
   Den seine Welt Augustus hie,
   Zehn Tage lang den Herrn von sich verbannen.
   Nimm die zwlf Tafeln, Freund, und lies,
   Was zum Gesetz die Blutigen ersannen;
   Was ihre Zehner khn gewannen,
   Durch die man frech die Menschheit von sich stie.

      Wer zhlet die Proskriptionen,
   Die der Triumvir niederschrieb,
   In denen er durch Henker ohne Schonen
   Die Bande von einander hieb,
   Die, das Palladium der Menschlichkeit zu retten,
   Uns brderlich zusammenketten.
   Durch sie wird Latium in allen Hainen roth
   Bis in die Grotten der Najaden,
   Und mit dem Grimm des Schrecklichen beladen,
   Des Fluchs der Erde, gingen in den Tod
   An Einem Tage Myriaden:
   Und gegen Sullas Henkergeist
   Ist, zu der neuen Zeiten Ehre,
   Der Aftergallier, der Blutmensch Robespierre,
   Ein Genius, der mild und menschlich heit.

      Man wrgte stolz, und hatte man
   Mit Spott und Hohn die Unthat frech gethan,
   So stieg man hier auf diesen Hgel
   Und heiligte den Schreckenstag,
   Der unter seiner Schande Siegel
   Nun in der Weltgeschichte lag.
   Man schickte, ohne zu errthen,
   Den Liktor mit dem Beil und lie
   Im Kerker den Gefangnen tdten,
   Der in der Schlacht als Held sich wies,
   Vor dessen Tugend man selbst in der Raubburg zagte
   Und nicht sie zu bekmpfen wagte.

      Dort gegenber setzten sich
   Die Csarn auf dem Palatine,
   Wo noch die Trmmer frchterlich
   Herber ghnt, und jetzt mit Herrschermiene
   Auch aus dem Schutte der Ruine,
   Wie in der Vorwelt Eisenzeit,
   Mit Ohnmacht nur Gehorsam noch gebeut.
   Dort herrschten, hebt man khn den Schleier,
   Im Wechsel nur Tyrann und Ungeheuer;
   Dort grub der Schmeichler freche Zunft
   Mit Schlangenwitz am Grabe der Vernunft:
   Dort starben Recht und Zucht und Ehre;
   Dort betete man einst Sejan,
   Narci und sein Gelichter an,
   Wenn die Neronen und Tibere
   Nur scheel auf ihre Sclaven sahn --
   Sie selbst der Schndlichkeit Heloten,
   Die Qual und Tod mit einem Wink geboten,

      Dort ragt der Schandfleck hoch empor.
   Wo, wenn des Scheusals Wille heischte,
   Des Tigers Zahn ein Menschenherz zerfleischte,
   Und wo der Sklaven grelles Chor,
   Dem Blutspektakel Beifall kreischte,
   Und keinen Zug des Sterbenden verlor;
   Wo zu des Rmerpbels Freude
   Nur der im Sand den hchsten Ruhm erwarb,
   Der mit dem Dolch im Eingeweide
   Und Grimm im Antlitz starb.

      Von auen Raub und Sklaverei von innen,
   Bei Cato, wie bei Seneka.
   Stehst Du noch jetzt entzckt vor Deinen Rmern da,
   Und stellst sie auf des Ruhmes Zinnen?
   Vergleiche, was durch sie geschah,
   Von dem Sabiner bis zum Gothen,
   Die Kapitolier bedrohten
   Die Menschheit mehr als Attila,
   Trotz allen preisenden Zeloten.
   Betrachtest Du die Stolzen nur mit Ruh.
   Fr einen Titus schreibest Du
   Stets zehn Domitiane nieder.
   Behte Gott nur uns und unsre Brder
   Vor diesem blutigen Geschlecht,
   Vor Rmerfreiheit und vor Rmerrecht!
   Wenn Peter stirbt, erwache Zevs nicht wieder!

In dem Palast Spada besuchte ich einige Augenblicke die Statue des
Pompejus, die man bekanntlich fr die nmliche ausgiebt, unter welcher
Csar erstochen wurde. Dieses kann aber vielleicht so wahrscheinlich
gemacht werden, als solche Sachen es leiden. Die Statue hat sonst nichts
Merkwrdiges und ist artistisch von keinem groen Werth. Unter dieser
Statue sollten alle Revolutionre mit wahren, hellen, gemigten
Philanthropen zwlf Mitternchte Rath halten, ehe sie einen Schritt
wagten. Was rein, gut oder schlecht in dem Einzelnen ist, ist es nicht
immer in der Gesammtheit; auf der Stufe der Bildung, auf welcher die
Menschheit jetzt stehet.

Die Peterskirche gehrt eigentlich der ganzen Christenheit, und die
Hierarchie wrde vielleicht gern das enorme Werk vernichtet sehen, wenn
sie das unselige Schisma wieder heben knnte, das ber ihrem Bau in der
christlichen Welt entstanden ist. Etwas mehr gesunde Moral und Migung
htte damals die Ppste mit Hlfe des aberglubischen Enthusiasmus zu
Herren derselben gemacht: diese Gelegenheit kommt nie wieder. Ob die
Menschheit dadurch gewonnen, oder verloren htte, ist eine schwere
Frage. Es ist, als ob man der stillen Gre der alten Kunst mit diesem
herkulischen Bau habe Hohn sprechen wollen. Du kennst das Pantheon, als
den schnsten Tempel des Alterthums. Stelle Dir vor, einen
verhltnimigen ungeheuern Raum, als die Area des Heiligentempel, zu
einer groen Hhe aufgefhrt, und oben das ganze Pantheon als Kuppel
darauf gesetzt, so hast Du die Peterskirche. Das Riesenmige hat man
erreicht. Wir saen in dem Knopfe der Kuppel unser drei, und bersahen
die gefallene Roma. Diese Kirche wird einst mit ihrer Kolonnade die
grte Ruine von Rom, so wie Rom vielleicht die grte Ruine der Welt
ist.

In dem benachbarten Vatikan beschftigten mich nur Raphaels Logen und
Stanzen und die Sixtinische Kapelle. Beide sind so bekannt, da ich es
kaum wage, Dir ein Wort davon zu sagen. Ein Englnder soll jetzt das
jngste Gericht von Michel Angelo in zwlf Blttern stechen. Das erste
Blatt ist fertig und hat den Beifall der Kenner. Er sollte dann
fortfahren und die ganze Kapelle nach und nach geben. Die Sibyllen haben
eben so herrliche Gruppirungen und sind eben so voll Kraft und Seele.

Vor der Schule Raphaels habe ich stundenlang gestanden und mich immer
wieder hingewendet. Nach diesem Sokrates will mir kein anderer mehr
genug thun. So mu Sokrates gewesen seyn, wie dieser hier ist; und so
Diogenes, wie dieser da liegt. Pythagoras hielt mich nicht so lange
fest, als Archimedes mit seiner Knabengruppe. In dieser hat vielleicht
der Knstler das vollendetste Ideal von Anmuth und Wrde dargestellt.
Ich sah den Brand und im Vorzimmer die Schlacht: aber ich ging immer
wieder zu seiner Schule. Ich wrde vor dem erhabenen Geiste des
Knstlers voll drckender Ehrfurcht zurckbeben, wenn ich nicht an der
andern Wand seinen Parna she, auf welchen er als den Apoll den
Kammerdiener des Papstes mit der Kremoneser Geige gesetzt hat. Aber ich
mchte doch lieber etwas angebetet haben, als eine solche
Vermenschlichung sehen -- den Apollo mit einer Kremoneser Geige! Die
Logen fangen an, an der Luftseite stark zu leiden. Sie sind ein wrdiger
Vorhof des Heiligthums und vielleicht reicher, als das Adyton selbst.
Hier konnten die Gallier nichts antasten; sie htten denn als Vandalen
zerstren mssen: und das sind sie doch nicht, ihre Feinde mgen sagen,
was sie wollen. Ich mte Dir von Rom allein ein Buch schreiben, wenn
ich lnger bliebe und lnger schriebe: und ich wrde doch nur wenig
erschpfen.

Zum Schlu schicke ich Dir eine ganz funkelnagelneue Art von Centauren,
von der Schpfung eines unserer Landsleute. Aber ich mu Dir die
Schpfungsgeschichte erzhlen, damit Du das Werk verstehst.

Es hlt sich seit einigen Jahren hier ein reicher Britte auf, dessen
grilliger Charakter, gelinde gesprochen, durch ganz Europa ziemlich
bekannt ist, und der weder als Lord eine Ehre der Nation, noch als
Bischof eine Zierde der Kirche von England genannt werden kann. Dieser
Herr hat bei der Impertinenz des Reichthums die Marotte, den Kenner und
Gnner in der Kunst zu machen und den Geschmack zu leiten, und zwar so
unglcklich, da seine Urtheile in Italien hier und da bei Verstndigen
fast schon allein fr Verdammung gelten. Vorzglich hat er Raphael und
zieht bei jeder Gelegenheit seine ^deos minorum gentium^ auf dessen
Unkosten hervor. Indessen er bezahlt reich, und es geben sich ihm, zur
Erniedrigung des Genius, vielleicht manche gute Kpfe hin, die er dann
ewig zur Mittelmigkeit stempelt. Viele lassen sich Vieles von dem
reichen Britten gefallen, der selten in den Grenzen der feinern
Humanitt bleiben soll. Fr einen solchen hielt er nun auch unsern
Landsmann; dieser aber war nicht geschmeidig genug sein Klient zu
werden. Er lief und ritt und fuhr mit ihm, und lud ihn oft in sein Haus.
Der Lord fing seine gewhnlichen Ungezogenheiten gegen ihn an; fand aber
nicht gehrigen Knechtsgeist. Einmal bat er ihn zu Tische. Der Knstler
fand eine angesehene Gesellschaft von Fremden und Rmern, welcher er von
dem Lord mit vielem Bombast als ein Universalgenie, ein Erzkosmopolit,
ein Hauptjakobiner vorgestellt wurde. Jakobiner pflegt man dort, wie
fast berall, Jeden zu nennen, der nicht ganz unterthnig geduldig der
Meinung der gndigen Herren ist, und sichs wohl gar beigehen lt,
Unbefugnisse in dem Menschen zu finden, die er behaupten mu, wenn er
Menschenwerth haben will. Dem Knstler mute dieser Ton mifallen, und
ein Fremder, der es merkte, suchte ihn durch Hflichkeit aus der
peinlichen Lage zu ziehen, indem er ihn nach seinem Vaterlande fragte.
Ei was? fiel der Lord polternd ein; es ist ein Mensch, der kein
Vaterland hat, ein Universalmensch der berall zu Hause ist. Doch,
doch, Mylord, versetzte der Knstler, ich habe ein Vaterland, dessen
ich mich gar nicht schme; und ich hoffe, mein Vaterland soll sich
meiner nicht schmen: ^Sono Prussiano.^ Man sprach Italienisch.
^Prussiano? Prussiano?^ sagte der Wirth; ^Ma mi pare che siete
ruffiano.^ Das war doch Artigkeit gegen einen Mann, den man zu Tische
gebeten hatte! Der ehrliche brave Knstler machte der Gesellschaft seine
Verbeugung, wrdigte den Lord keines Blicks und verlie das Zimmer und
das Haus. Nach seiner Zurckkunft in sein eigenes Zimmer schrieb er in
gerechter Empfindlichkeit ihm ungefhr folgenden Brief.

Mylord.

Ganz Europa wei, da Sie ein alter Geck sind, an dem nichts mehr zu
bessern ist. Htten Sie nur dreiig weniger, so wrde ich von Ihnen fr
Ihre ungezogene Grobheit eine Genugthuung fordern, wie sie Leute von
Ehre zu fordern berechtigt sind. Aber davor sind Sie nun gesichert. Ich
schtze Jedermann, wo ich ihn finde, ohne Rcksicht auf Stand und
Vermgen, nach dem was er selbst werth ist; und Sie sind nichts werth.
Sie haben alles was sie verdienen -- meine Verachtung.

Der Lord hielt sich den Bauch vor Lachen ber die Schnurre; er mag an
solche Auftritte gewhnt seyn. Aber der Zeichner setzte sich hin und
fertigte das Blatt, das ich Dir gebe. Das langgestreckte Schwein, die
vollen Flaschen auf dem Sattel, die leeren zerbrochenen Flaschen unten,
das Glas, der Finger, der Krummstab, der groe antike Weinkrug, der an
dem Stocke lehnt, Alles charakterisirt bitter, auch ohne Kopf und Ohren
und ohne den Vers; aber Alles ist Wahrheit. Der alte fnf und
siebenzigjhrige Pfaffe lt noch kein Mdchen ruhig.

   Auch seines Lebens letzten Rest
   Beschftigt noch Lucinde;
   Wenn Ihn die Snde schon verlt,
   Verlt er nicht die Snde.

Der Lord erhielt Nachricht von der Zeichnung, deren Notiz in den guten
Gesellschaften in Rom herumlief, und knirschte doch mit den Zhnen. Fr
so verwegen hatte er einen Menschen nicht gehalten, der weder Bnder,
noch Geld hatte. Endlich sagte er doch, nach der gewhnlichen Regel, wo
man zu bsem Spiele gute Miene macht: ^Il s'est veng en homme de
gnie.^ Die Zeichnung bekam ich und ich trage kein Bedenken sie Dir
mitzutheilen. Fr solche Delinquenten ist keine Strafe, als die
ffentliche Meinung: und warum soll die ffentliche Meinung nicht --
ffentlich seyn und ffentlich dokumentirt werden? Die Parteien sind der
Maler Reinhart und Lord Bristol. Von Bristol ist nun wohl keine
Besserung zu erwarten; aber Andere sollen nicht so werden, wie er ist:
dewegen wird es erzhlt.




                                                            _Mailand._


Von Rom hierher ging ich halb im Wagen, halb zu Fue: im Wagen, so weit
ich mute, zu Fue, so weit ich konnte. Man hatte whrend meines
Aufenthalts in Rom auf der Strae von Florenz Courriere geplndert,
Soldaten erschossen und groe Summen geraubt. Es wre Tollkhnheit
gewesen, allein zu wallfahrten, wenn man nicht geradezu ein Bettler war,
und sich durch das ^cantabit vacuus^ sichern konnte. Ich fuhr also mit
einer Gesellschaft nach Florenz. Von Ronciglione nach Viterbo gehts am
See hinauf ber den Ciminus. Auf dem Berge empfehle ich Dir die Aussicht
rechts hinber nach dem Soratte; sie ist herrlich. Man sieht hinber
nach Nepi und Civitacastellana, bis fast nach Otricoli, und weiter hin,
in die noch beschneiten Apenninen. Die Nebelwlkchen kruselten sich
herrlich und bezeichneten den Lauf der Tiber. Trotz der gedrohten Gefahr
konnte ich doch nicht im Wagen bleiben, und trollte meistens zu Fue
voraus und hinterher. Nicht weit von Viterbo begegnete uns eine
Gesellschaft, die, nach aller Beschreibung, die ich schon in Rom von
ihnen hatte, eine Karavane deutscher Knstler war, welche von Paris nach
Rom gingen. Der Wagen fuhr eben bergab sehr schnell, und ich konnte mich
nicht erkundigen.

Du kannst denken, da ich auf Thmmels Empfehlung in Montefiascone den
Estest nicht verga. Er ist fr mich der erste Wein der Erde; und doch
hatte ich nicht bischfliches Blut: zwei Flaschen trank ich den Manen
unsers Landsmannes. Ich brauchte mich nicht hineinzubemhen in die
Stadt, deren Anblick auch sehr wenig einladendes hatte: der Wirth
erzhlte unaufgefordert die Geschichte des seligen Herrn, und machte mir
mit der Landsmannschaft ein Kompliment. Es war gut, da ich nicht hier
bleiben konnte; ich glaube, ich wre Kster bei dem Bischofe geworden,
und htte hier lernen Wein trinken. Aus dem Munde des Wirths lautete die
Grabschrift; ^Est, est, est, et propter nimium est dominus Fuggerus hic
mortuus est.^ Ob nun der Herr Bischof, der sich hier an den herrlichen
Wein in die selige Ewigkeit hinbertrank, wirklich aus unserm edeln
Geschlecht dieses Namens war, das berlasse ich den geistlichen
Diplomatikern. Ich lief rstig vor dem Wagen her, nach Bolsena zu, am
See hin, nach Sankt Lorenz, dem Lieblingsorte Pius des Sechsten. Die
ganze Gegend um Bolsena ist romantisch. Da unten Altlorenzo so
auerordentlich ungesund seyn soll, kann ich nicht begreifen. Daran
scheint nur die Indolenz der Einwohner Schuld zu seyn, die die
Schluchten nicht genug aushauen und bearbeiten.

Als eine Neuigkeit des Tages erzhlte man hier die Geschichte von einem
Komplott in Neapel. Murat, den ich selbst noch in Neapel gesehen habe,
soll die Rdelsfhrer durch seine Versprechungen zur Entdeckung der
ganzen Unternehmung sehr fein berredet und sodann die ganze Liste dem
Minister berreicht haben. Wei der Himmel, wie viel daran ist! Ganz
ohne Grund ist das Gercht nicht. Denn schon in Rom wurde davon
gesprochen, und der Knig von Sardinien war aus Caserta daselbst
angelangt, wie man laut sagte, aus Furcht vor Unruhen in Neapel, und
wohnte im Palast Colonna. Die neapolitanische Regierung hatte dabei in
ihrem Ingrimm ihre gewhnliche alte, unberlegte Strenge gebraucht. In
Montefiascone traf ich einen Franzosen, der zwei und zwanzig Jahre in
Livorno gehandelt hatte und ein gewaltiger Royalist war. Ich wollte
schon vor zwlf Jahren zurckgehen, sagte er mir, aber mein Vaterland
ist diese ganze Zeit ber eine Mrdergrube und ein verfluchtes Land
gewesen. Die Republikaner und Demokraten sind alle Bsewichter. Nun, da
Bonaparte wieder Knig ist, werde ich nach Hause gehen und mein Alter in
Ruhe genieen. Der Mann sagte dieses alles mit den nmlichen Worten;
ich bin nur Uebersetzer.

Acquapendente an dem Flusse macht eine schne Partie und ist fr den
Kirchenstaat eine nicht unbetrchtliche Stadt. Was das fr eine
nrrische Benennung der Oerter ist, sagte ein Englnder, Acquapendente
und Acquafiascone. Vor Radikofani an der Grenze bei Torricelli hatte
man auch den Courrier geplndert, und ein toskanischer Dragoner war
dabei umgekommen. Siena ist ziemlich leer. Der heilige Geruch des
Erzbischofs benahm mir alle Lust, nur aus dem Wirthshause zu gehen. Es
ist der nmliche Herr, der zur Zeit Josephs des Zweiten ppstlicher
Legat in den Niederlanden war, und daselbst allem Guten sehr thtig
widerstrebte. Neuerlich in der Revolution hat er sich durch seine
heroische Unvernunft ausgezeichnet. Die Juden mochten bei Ankunft der
Franzosen den Glauben gewonnen haben, da sie auch Menschen seien, und
sich also brgerlich einige Menschlichkeiten erlaubt haben. Nach Abzug
der Franken hielt der christglubige Pbel zu Siena im Sturm ber die
verruchten Israeliten Volksgericht, und fhrte dreizehn der Elenden
lebendig zum Scheiterhaufen. Einige muthige vernnftige Mnner baten den
Erzbischof, sein Ansehn zu interponiren, damit die Abscheulichkeit nicht
ausgefhrt wrde. Die Energie des Glaubens aber weigerte sich standhaft
gegen die Zumuthungen der Menschlichkeit, und die Unglcklichen wurden
zum frommen Schauspiel der Christenheit lebendig gebraten. Als die
Volksexecution nach Hause zog, gab der geistliche Vater den Kindern mit
Wohlgefallen seinen Segen. Doch dieses ist in Italien noch Humanitt.

Von Siena nach Florenz ist ein schner, herrlicher Weg; und so wie man
Florenz nher kommt, wird die Kultur immer besser und endlich
vortrefflich. Von Monte Cassino, dem letzten Ort vor Florenz, ist die
schnste Abwechselung von Berg und Thal bis in die Hauptstadt. Was
Leopold fr Toskana gethan hat, wird nun eilig alles wieder zerstrt,
und die Mnche fangen hier ihr Regiment eben so wieder an, wie in Rom.
Der allgemeine groe Wohlstand, der durch die streichische, hier sehr
liberale, Regierung erzeugt worden war, wird inde nicht sogleich
vertilgt. Hier sind Segen und Flei zusammen. Der neue Knig wird nicht
geachtet; jedermann sieht ihn als nicht existirend an: blo der rmische
Hof gewinnt durch seine Schwachheit Strke. Dieser Leopold, sagt der
Nuntius, hat vieles gethan als ein ungehorsamer Sohn, das durch den
Willen des heiligen Vaters und das Ansehen der Kirche ^ipso jure^ null
ist. Du kannst denken, wie stark man sich am Vatikan fhlen und wie
schwach man die am Arno halten mu, da man eine solche Sprache wagt.
Aber sie wissen, da sie mit dem Herrn in Paris zusammengehen; das
erklrt und rechtfertigt vielleicht ihre Khnheit. Die grte Anzahl
seufzt hier nach der alten Regierung; Neuerungsschtige hoffen auf
Verbindung mit den Herren jenseits des Berges, oder gar mit den
Franzosen; die jetzige Regierung hat den kleinsten Anhang. Der Knig ist
nicht gemacht, ihn zu vergrern: das hat man sehr wohl gewut, sonst
htte man ihn nicht zum Schattenspiel brauchen knnen. In der Stadt
luft die Anekdote sehr laut herum, da er in seinem Privattheater den
Balordo vortrefflich macht, und niemand wundert sich darber.

Es wurde hier ber Meyers Nachrichten von Bonapartes Privatleben
gesprochen; und Leclerc, der ihn doch wohl etwas nher kennen mu, soll
darber ganz eigene Berichtigungen gemacht haben. Die Feinheit der
Kardinle zeigte sich vorzglich in der Papstwahl. Pius der Siebente
war, als Bischof von Imola, Bonapartes Gastfreund gewesen; auf diesen
Umstand und den individuellen Charakter des korsischen Beherrschers der
Franzosen lie sich schon etwas bauen. Du siehst, es ist gegangen.
Vielleicht halfen die Rothhte dem Korsen erst deutlich sein System
entwickeln. In Imola kann man gut Maskerade spielen. Der Papst und seine
Gesellen vergessen das Gebot des heiligen Anchises noch nicht, das er
seinem frommen Sohne beim Abschied aus der Hlle gab; und wo ein Mittel
nicht hilft, hilft das andere. In eine eigene Verlegenheit kamen
indessen die Herren mit der Madonna von Loretto, welche bekanntlich die
Franzosen mit sich genommen hatten. Ein Mnch kommt nach ihrer
Entfernung und sagt: Das habe ich gefrchtet, da sie das heilige
Wunderbild wegfhren wrden: dewegen habe ichs verborgen und ein
anderes dafr hingestellt: hier ist das chte. Dieses wird nun den
Glubigen zur Verehrung hingesetzt, ohne da man in Rom sogleich etwas
davon erfhrt. -- Ich habe es in Loretto selbst gesehen, mich aber um
die Aechtheit des einen und des andern wenig bekmmert. -- Nun
unterhandelt man in Rom ber das Pariser, und die Franzosen schicken es
mit Reue zurck. Es kommt in Rom an, wo es noch stehen soll. Nun fragt
sich, welches ist das chte? Eins ist so schlecht wie das andere, und
beide thun natrlich Wunder in die Wette!

Von den hiesigen Merkwrdigkeiten ist das Beste in Palermo: die
Mediceerin, die Familie der Niobe und die besten Bilder; wenigstens hat
man mich in dem leeren Saale so berichtet: doch hat die Gallerie immer
noch sehr interessante Sachen, vorzglich fr die Deutschen. Mit der
Mediceischen Venus ist es mir sonderbar genug gegangen. Ich wnschte
vorzglich auf meiner Pilgerschaft das Wunderbild zu sehen, und es ist
mir nicht gelungen. In Palermo habe ich mit Sterzinger in dem nmlichen
Hause gegessen, wo oben die Schtze unter Schlo und Siegel und Wache
standen. Sie waren durchaus nicht zu sehen. Der Inspektor von Florenz,
der mit in Palermo war, hatte Hoffnung gemacht, ehe alles wieder
zurckginge, wrde er die Stcke zeigen. In Rom und Neapel wute man
ffentlich gar nicht recht, wo sie waren: denn man hatte absichtlich
ausgesprengt, das Schiff, welches alles aus Livorno nach Portici und
weiter nach Palermo schaffen sollte, sei zu Grunde gegangen, um die
Aufmerksamkeit der Franzosen abzuziehen. Es steht aber zu befrchten,
sie werden eine gute Nase haben, und sich die Dame mit ihrer
Gesellschaft nachholen. So viel ich Abgsse davon gesehen habe, keiner
hat mich befriedigt. Sie ist, nach meiner Meinung, wohl keine himmlische
Venus, sondern ein gewhnliches Menschenwesen, das die Begierden
vielleicht mehr reizen, als beschwichtigen kann. Mir kommt es vor, ein
Knstler hat seine schne Geliebte zu einer Anadyomene gemacht; das Werk
ist ihm ungewhnlich gelungen: das ist das Ganze. Ueber die Stellung
sind alle Knstler, welche Erfahrung haben, einig, da es die
gewhnlichste ist, in welche sich die Weiblichkeit setzt, sobald das
letzte Stckchen Gewand fllt, ohne je etwas von der Kunst gehrt zu
haben. Ich selbst hatte einst ein eigenes ganz naives Beispiel davon,
das ich Dir ganz schlicht erzhlen will. Der russische Hauptmann Graf
Desessarts -- Gott trste seine Seele! er ist, wie ich hre, an dem
Versuche in Quiberon gestorben, den ich ihm nicht gerathen habe -- er
und ich, wir gingen einst in Warschau in ein Bad an der Weichsel. Dort
fanden sich, wie es zu gehen pflegt, gefllige Mdchen ein, und eine
junge, allerliebste, niedliche Snderin von ungefhr sechszehn Jahren
brachte uns den Thee, um wahrscheinlich auch gelegentlich zu sehen, ob
Geschfte zu machen wren. Wir waren beide etwas zu ernsthaft. Das arme
artige Geschpfchen dauert mich, sagte der Graf; aber der Franzose
konnte doch seinen Charakter nicht ganz verlugnen. ^Je voudrois
pourtant la voir tout entire^, sagte er, und machte ihr den Vorschlag
und bot viel dafr. Das Mdchen war verlegen und bekannte, da sie fr
einen Dukaten in der letzten Instanz gefllig seyn wrde; aber zur Schau
wollte sie sich nicht verstehen. Mein Kamerad verstand seine Logik,
brachte mit feiner Schmeichelei ihre Eitelkeit ins Spiel, und sie gab
endlich fr die doppelte Summe mit einigem Widerwillen ihr Modell.
Sobald die letzte Falte fiel, warf sie sich in die nmliche Stellung.
^Voil la coquine de Medicis!^ sagte der Graf. Es war ein gemeines
polnisches Mdchen mit den Geschenken der Natur, die fr ihren
Hetrensold sich nur etwas reizend gekleidet hatte; eine Wissenschaft,
in der die Polinnen vielleicht den Pariserinnen noch Unterricht geben
knnten! Allemal ist mir bei einem Bilde der Aphrodite Medicis die Polin
eingefallen und meine Konjektur kam zurck: und mancher Knstler war
nicht bel Willens meiner Meinung beizutreten. Urania knnte in der
Glorie ihrer hohen siegenden Unschuld keinen Gedanken an die bedeckten
Kleinigkeiten haben, die nur ein Satyr bemerken knnte. Ihr Postament
war jetzt hier leer.

Es ist vielleicht doch auch jetzt noch keine unntze Frage, ob Moralitt
und reiner Geschmack nicht leiden durch die Aufstellung des ganz Nackten
an ffentlichen Orten. Der Knstler mag es zu seiner Vollendung
brauchen, mu es brauchen: aber mir ducht, da Sokrates sodann seine
Grazien mit Recht bekleidete. Kabinette und Museen sind in dieser
Rcksicht keine ffentlichen Orte; denn es geht nur hin, wer Beruf hat
und wer sich schon etwas ber das Gewhnliche hebt. Sonst bin ich dem
Nackten in Grten und auf Spaziergngen eben nicht hold, ob mir gleich
die Feigenbltter noch weniger gefallen. Emprend aber ist es fr
Geschmack und Feinheit des Gefhls, wenn man in unserm Vaterlande in der
schnsten Gegend das hlichste Bild der Aphrodite Pandemos mit den
hlichsten Attributen zuweilen aufgestellt sieht. Das heit die
Sittenlosigkeit auf der Strae predigen; und blo ein tiefes Gefhl fr
Freiheit und Gerechtigkeit hat mich gehindert, die schndlichen
Ausgeburten zu zertrmmern, oder in die Tiefe des nahen Flusses zu
strzen.

Auf der Ambrosischen Bibliothek zu studiren hatte ich nicht Zeit. Die
Philologen mssen in die Bibliothek des Grafen Riccardi gehen, wo sie
fr ihr Fach die besten Schtze finden. Mir war es jetzt wichtiger, in
der Kirche Santa Croce die Monumente einiger groen Mnner aufzusuchen,
die sich zu Brgern des ganzen Menschengeschlechts gemacht haben. Rechts
ist vorn das Grabmal Buonarottis, und weiter hinunter auf der nmlichen
Seite Machiavellis, und links der Denkstein Galileis. Es verwahrt wohl
kaum ein Pltzchen der Erde die Asche so vortrefflicher Mnner nahe
beisammen.

Fr den Antiquar und den Gelehrten ist von unserer Nation jetzt in
Florenz noch ein wichtiger Mann, der preuische Geheimerath, Baron von
Schellersheim, ein Mann von offenem, rechtlichem Charakter und vielen
feinen Kenntnissen, dem sein Vermgen erlaubt, seiner Neigung fr Kunst
und Wissenschaft mehr zu opfern, als ein anderer. Er besitzt vielleicht
mehr antike Schtze, als irgend ein anderer Privatmann. Was ich bei ihm
gesehen habe, war vorzglich eine komplette alte, rmische Toilette von
Silber; ein groes, altes, silbernes, ziemlich kubisches Gef, welches
ein Hochzeitsgeschenk gewesen zu seyn und Hochzeitsgeschenke enthalten
zu haben scheint. Auf den vier Seiten sind von der ersten Bewerbung bis
zur Nachhausefhrung die Scenen der rmischen Hochzeitgebruche
abgebildet. Dieses ist vielleicht das grte silberne Monument der alten
Kunst, das man noch hat. Ferner hat er vier silberne Sinnbilder der vier
Hauptstdte des rmischen Reichs, Rom, Byzanz, Antiochia und Alexandria,
welche die Konsuln, oder vielleicht auch die andern kurulischen
Magistraturen, an den Enden der Stangen ihrer Tragsessel fhrten. Diese
mssen, der Geschichte nach, etwas neuer seyn. Weiter besitzt er einige
alte komplette silberne Pferdegeschirre mit Stirnstcken und
Bruststcken. Aber das Wichtigste sind seine geschnittenen Steine, unter
welchen sich mehrere von seltenem Werth finden, und seine rmischen
Goldmnzen; mehrere konsularische von Pompejus an, und fast die ganze
Folge der Kaisermnzen von Julius Csar bis Augustulus. Hier fehlen nur
wenige wichtige Stcke. Du siehst, da dieses eine Liebhaberei nicht fr
Jedermann ist. Ich schreibe Dir dieses etwas umstndlicher, weil es Dich
vielleicht interessirt und Du es noch nicht in den Bchern findest: denn
seine Sammlung ist noch nicht alt, und sie konnte nur in den
Verhltnissen des Besitzers so bald, so reich gemacht werden.

Die schnen Gegenden um Florenz zwischen den Bergen an dem Flusse auf
und ab sind bekannt genug, und Du erwartest gewi nicht, da ich als
Spaziergnger Dir alle die andern Merkwrdigkeiten auffhre. Das hiesige
Militr kam mir traurig vor; schne Leute, aber ohne Wendung und
Geschicklichkeit! Zum Abschiede sah ich den Morgen noch die amalfischen
Pandekten; und die Franzosen haben sich etwas bei mir in Kredit gesetzt,
da sie diesen Kodex nicht genommen haben; und gegen Abend wohnte ich
auf dem alten Schlosse noch einer Akademie der Georgophilen bei. Hier
hielt man eine Vorlesung ber die vortheilhafteste Mischung der Erdarten
zur besten Vegetation, und sodann las einer der Herren eine Einleitung
zu einem chemisch physischen System. Zum Ende zeigte man einige seltene
neue Naturprodukte. Neben meinem Zimmer im Bren wohnte eine
franzsische Familie, nur durch eine dnne Wand getrennt; diese betete
den Abend ber eine ganze Stunde ununterbrochen so inbrnstig und laut,
da mir ber der Andacht bange ward. Seit Ostern ist, wie ich hre,
berall das Religionswesen wieder Mode; und in Frankreich scheint Alles
durchaus nur als Mode behandelt zu werden.

Nach Bologna hatte ich mich ber den Berg wieder an einen Vetturino
verdungen, und fand im Wagen einen franzsischen Chirurgus, der von der
Armee aus Unteritalien kam, und eine italienische Dame mit ihrem kleinen
Sohn auf dem Schooe; und endlich kam noch ein schweizerischer
Kriegskommissr mit einem furchtbar groen Sbel, der in
Handelsgeschften seines Hauses gereis't war. Die Dame, eine Frau von
Rosenthal, deren Mann streichischer Officier war, ging allein mit ihrem
Kinde, einem schnen sehr lieblichen Knaben von ungefhr anderthalb
Jahr, nach Venedig, um dort ihren Mann zu erwarten, der in Livorno und
anderwrts noch Dienstgeschfte hatte. Da der Junge ein berkomplettes
Persnchen im Wagen und doch so allerliebst war, machte er die Ronde von
der Mutter zu uns allen. Die Gesellschaft lachte ber meine grmliche
Personalitt mit dem Kleinen auf dem Arm, und ich kam mir wirklich
selbst vor, wie der Silen im Kabinet Borghese mit dem jungen Bacchus. Du
siehst, da ich mir gehrige Ehre wiederfahren zu lassen wei. Die
Leutchen muten das Nmliche meinen; denn die Gruppirung fand Beifall,
und der Junge war gern bei mir.

Der Berg von Florenz aus ist ein wahrer Garten bis fast auf die grte
Hhe. Du kannst denken, da ich viel zu Fue ging; der Franzose leistete
mir dann zuweilen Gesellschaft. Der Schweizer mit dem groen Sbel kam
selten aus dem Wagen. Etwas unheimisch machen es oben auf dem Bergrcken
die vielen Kreuze, welche bedeuten, da man hier jemand todt geschlagen
hat, weil man gewhnlich auf die Grber Kreuze setzt. Die Rmer sind in
diesem Falle etwas weniger fromm und politischer, und setzen nichts
darauf; denn sonst wrde der ganze Weg bei ihnen eine Allee von Kreuzen
seyn. Ich mu Dir bekennen, da ich von dem Kreuze gar nicht viel halte.
Warum nimmt man nicht etwas Besseres aus der Bibel? Das Emblem scheint
von der geistlichen und weltlichen Despotie in Gemeinschaft erfunden zu
seyn, und alles khne Emporstreben der Menschennatur zur knechtischen
Geduld niederzudrcken, und diese subalterne Tugend zur hchsten
Vollkommenheit der Moral zu erheben. Wozu braucht man Gerechtigkeit,
Gromuth und Standhaftigkeit? Man predigt Geduld und Demuth. Demuth ist
nach der Etymologie Muth zu dienen, und die zweideutigste aller
Tugenden. In der alten griechischen und rmischen Moral findet man diese
Tugenden nicht; und die Einfhrung ist eben kein Vorzug der
christlichen. Sie kann nur im Evangelium der Despoten stehen, welche sie
aber fr sich selbst doch sehr entbehrlich finden. Es ist freilich auch
philosophisch besser, Unrecht leiden, als Unrecht thun; aber es gibt ein
Drittes, das vernnftiger und edler ist als beides: mit Muth und Kraft
verhindern, da durchaus kein Unrecht geschehe. In unserm lieben
Vaterlande hat man das Kreuz zwar meistens weggenommen, aber dafr den
Galgen hingesetzt. So schlecht auch dieser ist, kommt er mir doch etwas
besser vor. Das Kreuz verhlt sich zum Galgen, wie die Mnche zu den
Soldaten: die ersten sind die Instrumente und die zweiten die Handlanger
der geistlichen und weltlichen Despotie; die permanente Guillotine der
Vernunft. Christus hat gewi seiner Religion keinen so jmmerlichen
Anstrich geben wollen, als sie nachher durch ihre unglcklichen Bonzen
bekommen hat. Freilich, wenn man den Gekreuzigten nicht an allen
Feldwegen zeigte, knnte es doch wohl der Menge einfallen, ihre
Unbefugnisse etwas nher zu untersuchen, und zu finden, da keine
Konsequenz darin ist, sich durch den Druck des Feudalsystems und durch
das Privilegienwesen ohne Aufhren kreuzigen zu lassen. Berechnet ist es
ziemlich gut, wenn es nur gut wre.

Bei Pietramala sah ich oben den zweideutigen Vulkan nicht, weil er zu
weit rechts hinber in den Felsen lag, und der Wagen nicht anhalten
wollte. Nun hatten wir von den Oelbumen Abschied genommen; auf dieser
Seite des Apennins sind sie nicht mehr zu finden. Auf der Sdseite sind
Oelbume, auf der Nordseite nach Bologna herber Kastanien. Man kommt
nun wieder dem lieben Vaterlande nher; alles gewinnt diesseits des
Berges schon eine etwas mehr nrdliche Gestalt. Mein alter gelehrter
Cicerone in Bologna hatte eine groe Freude, mich glcklich wieder zu
sehen; und ich lief mit ihm so viel herum, als man in zwei Tagen laufen
konnte. Aber der Schweizer Kriegskommissr fhrte mich mehr in die
Kaffeehuser, als in die Museen. Ein polnischer Hauptmann von der
Legion, der, wie ich in Mailand fand, eigentlich nur Fhnrich war, und
sich selbst einige Grade avancirt und hier geheirathet hatte, schlo
sich geflissentlich an uns an, und freute sich, mit Deutschen deutsch zu
plaudern: denn er war lange kaiserlicher Unterofficier gewesen. Der
Mensch sagte, er sei in seinem Leben kein Republikaner gewesen -- das
lie sich von einem polnischen Edelmanne sehr leicht denken -- und er
sei nun froh, da die H--e von Freiheit nach und nach wieder abgeschafft
werde. Man hatte eben das Wappen ber dem Generalzollhause gendert, und
anstatt der Freiheit die Gerechtigkeit hingesetzt, welches eigentlich
Eins ist. Die wahre Freiheit ist nichts anders als Gerechtigkeit: nur
behte uns der Himmel vor Freiheiten und Gerechtigkeiten! Sodann erhob
er die Tapferkeit und die Kriegszucht der Polen, von der ich selbst
Beweise hatte, und an welcher ich also nicht zweifelte.

Von allen Merkwrdigkeiten, die ich in Bologna noch zu sehen genthigt
war, will ich Dir nur die Gallerie Sampieri erwhnen. Sie ist nicht
gro, aber kstlich. Die Plafonds sind von den drei Caracci, Hannibal,
Ludwig und August, und knnten mit Ehren in Rom unter den besten stehen.
Das schnste Stck der Sammlung, und nach Einigen die beste Arbeit von
Guido Reni, ist der reuige Petrus. Die Kunst mag allerdings dieses
Urtheil der Kenner rechtfertigen; aber mich hat weit mehr beschftigt
die Hagar von Guercino. Dieser Knstler hat den Mythus gefat, wie
Rechtlichkeit und Humanitt es fordern, nicht wie die leichtglubige
Frmmigkeit ihn herbetet. Hagar ist ein schnes, herrliches, Ehrfurcht
gebietendes Weib, das in dem Gefhl seines Werths dasteht; der Vater der
Glubigen ist ein jmmerlicher Snder unter dem Scepter seiner
Ehehlfte, und diese kann halb versteckt ihre kleine, boshafte,
neidische Seele kaum verbergen. Nur dem Knaben Ismael wre vielleicht
jetzt schon etwas mehr von dem khnen Trotze zu wnschen, der ihn in der
Folge so vortheilhaft auszeichnete. Es kann mit der Volksbildung nicht
wohl weiter gedeihen, so lange man noch dieses Buch als gttliche Norm
der Moral aufdringt, und jedes Jota desselben mit Theopnevstie stempelt.
Es enthlt so vielen schiefen Sinn, so viele Unsittlichkeiten in
Beispielen und Vorschriften, da ich oft mit vieler Ueberlegung zu sagen
pflege, der Himmel mge mich vor Davids Frmmigkeit und Salomons
Weisheit behten. Man windet sich aus Betrachtungen hierber eben so
schlecht, wie bei der Vergebung der Snden. Wenn man das Ganze als ein
Gewebe menschlicher Thorheiten und Tugenden, als einen Kampf der
erwachenden Vernunft mit den despotischen und hierarchischen Kniffen
nhme, so wre das Gemlde unterhaltend genug, und als das lteste
Dokument der Menschenkunde heilig: aber wozu dieses dem Volke, das davon
nichts brauchen kann? Das Papstthum hat vielleicht keinen glcklichern
Einfall gehabt, als dem Volke dieses Buch zu entziehen; wenn man ihm nur
etwas reineres und besseres dafr gegeben htte. Die Legenden der
Heiligen aber und die Ausgeburten des Aberglaubens aus dem Mittelalter
sind freilich noch viel schlimmer. Was den ersten heiligen Geboten der
Vernunft widerspricht, das kann kein heiliger Geist als Wahrheit
stempeln.

Von Bologna aus nahm ich meinen Tornister wieder auf die Schulter und
pilgerte durch die groe schne Ebene herber nach Mailand. In Modena
gefiel mir's sehr wohl, ohne da ich den erbeuteten Eimer sah. Die Stadt
ist reinlich und lebendig und lachend; die Wirthshuser und Kaffeehuser
sind gut und billig. Ein ganzes Dutzend Tambours schlugen den
Zapfenstreich durch die ganze Stadt, ohne da ein einziges Bajonett
dabei gewesen wre. In der neuen Republik ist man wenigstens berall
sicher; die Polizei ist ordentlich und wachsam, und alles bekommt ein
rechtliches Ansehen. Massena, der hier kommandirte, ergriff eine
herrliche Methode Sicherheit zu schaffen. Einige Schweizer Kaufleute
waren in der Gegend geplndert worden; der General hie sie arretiren
und die Sache strenge untersuchen; die Angabe war richtig. Nun wurden
die Gemeinheiten, in deren Bezirke die Schurkerei geschehen war,
gezwungen das Geld zu ersetzen, und man lie die Fremden ziehen. Ich
finde darin, wenn es durchaus mit Strenge und Genauigkeit geschieht,
keine Ungerechtigkeit. Wenn man die Ruber hbsch ordentlich henkte und
eine Kasse zur Wiedererstattung, wie die Brandkasse, anlegte, das wrde
die ffentliche Sicherheit recht sehr befrdern.

In Reggio lag ein polnisches Bataillon, und ein Unterofficier desselben,
der am Thore die Wache hatte und ein Anspacher war, freute sich hchlich
wieder einen preuischen Pa zu sehen, den ich mir von dem preuischen
Residenten in Rom hatte geben lassen, weil ich ihn mit Recht zu meiner
Absicht fr den besten hielt.

Nun wollte ich den Abend in Parma bleiben und einen oder zwei Tage dort
ausruhen und Bodoni sehen, an den ich Briefe von Rom hatte. Aber hre,
wie schnurrig ich um das Vergngen gebracht wurde! Am Thore wurde ich
den achten Juni mit vieler Aengstlichkeit examinirt und sodann mit einem
Gefreiten nach der Hauptwache geschickt. Ich kannte die Bocksbeutelei,
ob sie mir gleich auf meiner Wanderung hier zum ersten Mal begegnete.
Unterwegs freuete ich mich ber die gutaussehenden Kaffeehuser und sa
schon im Geist bei einer Schaale Eis: denn ich hatte einen warmen Marsch
gehabt. Die Parmesaner saen gemthlich dort und schienen viel Bonhommie
zu prsentiren; nur hier und da zeigte sich ein breites aufgedunsenes
Gesicht, wie ihr Kse. Auf der Hauptwache las der Officier meinen Pa,
rief einen andern Gefreiten und befahl ihm, mit mir zu gehen. Ich
glaubte, ich sollte zu dem Kommandanten gebracht werden, und hoffte
schon auf eine hnliche Bewirthung, wie in Augusta in Sicilien. Aber der
Zug dauerte mir sehr lange; ich fragte und erfuhr nun, ich mte zum
Thore hinaus: ich drfte nicht in der Stadt wohnen. Es war mir gleich
aufs Herz gefallen, als ich auf dem Markte die Grenadire so schn
gepudert sah. Die Kerle trugen hinten Haarwlste, so gro wie das
Kattegat. Ich forderte, man sollte mich zum Kommandanten bringen. ^Ma,
mio caro, non posso mica^; sagte mein Begleiter. Ich drang darauf.
^Ma, mio caro, non sapete il servizio; questo non posso mica.^ Ich
alter Kriegsknecht mute mir die Sottise gefallen lassen. Warum hatte
ich mich vergessen? Der Mensch hatte Recht. Wir kamen ans Thor, und ich
fragte den Officier, indem ich ihm meinen Pa wies, ob das eine humane
Art wre, einen ehrlichen Mann zu behandeln. Er sah mich an, sagte mir
hfliche Worte und berief sich auf Befehl. Ich verlangte noch einmal,
zum Kommandanten gebracht zu werden; ich wollte hier bleiben, ich htte
Geschfte. Er zuckte die Schultern; ein alter Sergeant, der ein etwas
liberaleres Antlitz hatte, meinte, man knnte mich doch hinschicken; der
Officier war unschlssig: ^Ma, mio caro, non possiamo mica^, sagte der
Gefreite von der Hauptwache, der noch dabei stand. Der Officier sagte
mir, er knne mir jetzt nicht helfen; ich knne morgen wieder
hereinkommen und dann thun was ich wolle. Jetzt ging ich trotzig den Weg
zum Thore hinaus. Der Gefreite htte keine bessere Charakteristik von
Parma und den Parmesanern geben knnen: ^Ma, mio caro, non possono
mica.^ Aergerlich und halb lachend ging ich in ein Wirthshaus eine gute
Strecke vor dem Thore. Das nenne ich mir eine aufmerksame, besorgliche
Polizei! Ich hatte mir in Reggio den Bart machen lassen, ein reines,
feines Hemd angezogen, mich geputzt und gebrstet. Ihre problematischen
Landsleute zwischen Alicate und Terra Nuova, und ihre nicht
problematischen Landsleute zwischen Gensano und Aricia hatten mir zwar
bei ihrer braven Visitation einige Schismen in Rock und Weste gebracht;
aber dessen ungeachtet hatte man noch in Bologna in guter Gesellschaft
meinen Aufzug fr sehr polito erklrt. Ich zog bei dem Officier einige
Mal meine goldne Uhr und erbot mich zehn Louisd'or Kaution zu machen,
und im Passe war ich stattlich mit Signor betitelt: nichts, man
gestattete mir kein Quartir in der Stadt. Und nun denkst Du, da ich den
andern Morgen hineinging und mich des fernen erkundigte? Das lie ich
hbsch bleiben. Wenn ich im Himmel abgewiesen werde, komme ich nicht
wieder: diese Ehre erhalten die Parmesaner nicht. Ich a gut und schlief
gut, und schlug den andern Morgen den Weg nach Piacenza ein. Man merkte
sogleich, da die Leute hier in Parma noch orthodox und nicht von der
Ketzerei ihrer Nachbarn angesteckt sind; denn ich sah hier weder viele
Dolche und Schiegewehre, wie bei den Italienern jenseits der Berge. Die
Nachtigallen sangen folgenden Morgen so herrlich und so schmetternd, und
ich wunderte mich, wie sie in der Nhe eines so konfiscirten Orts noch
einen Ton anschlagen knnten. Aber sie schlugen fort, und endlich verga
ich das Eis, den Kse, Bodoni und Mica, und wandelte auf den Po zu. Ich
hatte in Rom ein herrliches Gemlde von dem Uebergange ber den Flu aus
dem letzten Kriege gesehen: der Knstler war hier gewesen und hatte nach
der Natur gearbeitet und ein Meisterstck der Perspektive gemacht. Jetzt
suchte ich mich zu orientiren. Der Ort ist sehr leer und de, aber der
Flu macht schne Partien.

In Lodi a ich wohl ruhiger zu Mittage, als Bonaparte, wenn ich mir
gleich nicht so viel Ruf erwarb, und konnte gemchlich den Posten
besehen, wo man geschlagen hatte. Unter andern guten Sachen traf ich
hier die schnsten Kirschen, die ich vielleicht je gegessen habe. Wenn
gleich das alte Laus Pompeji nicht gerade hier lag, so ist doch wohl der
Name daraus gemacht und der Ort daraus entstanden: wenigstens wird das
hier auf einem Marmor am Rathhause behauptet. Die Mnner von Lodi mssen
ein sinnreiches Geschlecht seyn; das sah man an ihren Schildern. Unter
andern hatte ein Schuhmacher auf dem seinigen einen Genius, der sehr
geistreich das Maa nahm.

Hier in Mailand verlasse ich nun Hesperien ganz, und bin schon lngst
nicht mehr im Lande, wo die Zitronen blhn. In Rom sagte man, da das
Erdbeben vorigen Monat den Dom von Mailand sehr beschdigt habe; es ist
aber kein Stein heruntergeworfen worden. Dieses gothische Gebude
streitet vielleicht mit dem Mnster in Straburg um den Vorzug, ob es
gleich nicht vollendet ist, und es nun vielleicht auch nie werden wird.
In der Kapitale der italischen Republik geht alles nach gallischen
Gesetzen; und hier und dort, wie Du weit, alles nach dem Willen des
korsischen Avtokrators. Wenn es nur gut ginge, wre vielleicht nicht
viel dawider zu sagen. Man scheint hier der goldenen Freiheit nicht
durchaus auerordentlich hold zu seyn. Einer meiner Bekannten begleitete
mich etwas durch die Stadt und unter andern auch in die Kathedrale.
Hinter der kunstreichen Krypte des heiligen Borromeo steht in einer
Nische der geschundene heilige Bartolomeo, mit der Haut auf den
Schultern hangend. Er gilt fr eine grlich schne Anatomie. Der
Italiener stand und betrachtete ihn einige Minuten: das sind _wir_,
sagte er endlich; die Augen hat man uns gelassen, damit wir unser Elend
sehen knnen. Die Franzosen machen eine schne Parade vor dem Pallast
der Republik; nur wird es mir schwer, die allgewaltigen Sieger in ihnen
zu erkennen, vor denen Europa gezittert hat. Das alte weitluftige
Schlo vor der Stadt wird sehr verengt und vor demselben der Platz
Bonaparte gemacht: jetzt ist dort noch alles wste und leer.

Vor allen Dingen besuchte ich noch das berhmte Abendmahlsgemlde von
Leonardo da Vinci in dem Kloster der heiligen Maria. Das Kloster ist
jetzt leer, und das Refektorium, wo das Gemlde an der Wand ist, war
whrend der Revolution, wie man sagt, einige Zeit sogar ein Pferdestall.
Das Stck ist einige Mal restaurirt. Volpato hat es zuletzt gezeichnet
und Morghen gestochen, und wahrscheinlich ist der Stich, der fr ein
Meisterstck der Kunst gilt, auch bei euch schon zu haben: Du magst ihn
also sehen und urtheilen. Ich sah ihn in Rom zum ersten Mal. Auch in dem
verfallenen Zustande ist mir das Original noch weit lieber, als der
Stich, so schn auch dieser ist. Volpato ist vielleicht etwas
willkhrlich bei der Kopirung zu Werke gegangen, da das Stck dem
gnzlichen Verfalle sehr nahe ist. Wir sind indessen dem Knstler Dank
schuldig fr die Rettung. Ich sage nichts von dem schnen Charakter der
brigen Jnger; mit vorzglich feinem Urtheil hat der Maler den
Sckelmeister Judas Ischariot behandelt, damit er die ehrwrdige
Gesellschaft nicht durch zu grellen Kontrast schnde. Auch der Geist des
Mannes ist nicht verfehlt. Er sitzt da, wie ein khner, tiefsinniger,
mit sich selbst nicht ganz unzufriedener Finanzminister, der einen
groen Streich wagt; er rechnete fr die Gesellschaft, nicht fr sich.
Auch psychologisch ist Ischariot noch kein Bsewicht; nur ein
Unbesonnener. Ein Bsewicht htte sich nachher nicht getdtet. Er
glaubte, der Prophet wrde sich mit Ehre retten. Ich mchte freilich
nicht Judas seyn und meinen Freund auf diese Weise in Gefahr setzen;
aber vielleicht eben nur darum nicht, weil ich nicht so viel Glauben
habe, als er. -- Jetzt mu man auf einer Leiter hinuntersteigen in den
Saal, der untere Eingang ist vermauert: und nun leidet das Stck durch
feuchte, dumpfe Luft vielleicht eben so sehr, als vorher durch andere
ble Behandlung.

Hier sah ich seit der heiligen Cecilie in Palermo wieder das erste
Theater. In Neapel brachte mich Januar darum, weil acht Tage vor und
acht Tage nach seinem Feste kein Theater geffnet wird. Ohne Spiel
wollte ich auch das Karlstheater nicht sehen. In Rom machten mir meine
Freunde eine so schlimme Schilderung von dem dortigen Theaterwesen, da
ich gar nicht Lust bekam, eins zu suchen. Man sagt, das Haus sei hier
eben so gro, als das groe in Neapel. Der Gesang war nicht
ausgezeichnet, und fr das groe Haus zu schwach. Man erzhlte mir hier
eine Anekdote von Demoiselle Strinasacchi, die jetzt in Paris ist. Ich
gebe sie Dir, wie ich sie hrte: sie ist mir wahrscheinlich, weil uns
etwas Aehnliches mit ihr in Leipzig begegnete, nur da weder unser
Mifallen, noch unser Enthusiasmus so weit ging, als die italienische
Lebhaftigkeit. Die Natur hat ihr nicht die Annehmlichkeiten der Person
auf dem Theater gegeben. Bei ihrer ersten Erscheinung erschrak hier das
ganze Haus so sehr vor ihrer Gestalt und gerieth so in Unwillen, da man
sie durchaus nicht wollte singen lassen. Der Direktor mute erscheinen
und es sich als eine groe Geflligkeit fr sich selbst erbitten, da
man ihr nur eine einzige Scene erlaubte, dann mchte man verurtheilen,
wenn man wollte. Die Wirkung war vorauszusehen; man war beschmt und
ging nun in einen rauschenden Enthusiasmus ber: und nach Endigung des
Stcks spannte man die Pferde vom Wagen und fuhr die Sngerin durch
einen groen Theil der Stadt nach Hause. Es wre eine psychologisch
nicht unwichtige Frage, das aufrichtige Bekenntni der Weiber zu hren,
ob sie das Zweite fr das Erste erkaufen wollten. Die Heldin selbst hat
keine Stimme mehr ber die Sache.

Das Ballet war schottisch und sehr militrisch. Man arbeitete mit einer
groen Menge Gewehr und sogar mit Kanonen: und das Ganze machte sich auf
dem groen Raume sehr gut. Der Charaktertanz war aber mangelhaft,
vorzglich bei der Mutter. Man hatte gute Springer, aber keine Tnzer;
ein gewhnlicher Fehler, wo das Ganze nicht mit Einer Seele arbeitet!
Ich habe nie wieder so gute Pantomime gesehen, als in Warschau aus der
Schule des Knigs Poniatowsky. An ihm ist ein groer Balletmeister
verloren gegangen und ein schlechter Knig gewonnen worden.

In Rom hatte ich einige Hflichkeitsauftrge an den General Dombrowsky
erhalten, und er nahm mich mit vieler Freundlichkeit auf und lud mich
mit nordischer Gastfreiheit auf die ganze Zeit meines Hierseyns an
seinen Tisch. Hier fand ich mit ihm und andern von Polen aus Berhrung.
Ich hatte ihn einige Mal in Suwarows Hauptquartire gesehen; und er hatte
von seinem ersten Dienst unser Vaterland Sachsen noch sehr lieb. Er ist
einer von den heutigen Generalen, die die meiste Wissenschaft ihres
Faches haben; und Du findest bei ihm Bcher und Charten, die Du
vielleicht an vielen andern Orten vergebens suchst. Er ist ein sehr
freier, strenger Beurtheiler militrischer Zeichnungen, fordert das
Wesentliche und bekmmert sich nicht um zierliche Kleinigkeiten. Er hat
eine schne Sammlung guter Kupferstiche von den Kpfen groer Mnner;
besonders ist darunter ein Gustav Adolph, der sehr alt und
charakteristisch ist, und auf den er viel hlt. Eine Anekdote aus diesem
nur geendigten Kriege wird Dir vielleicht nicht unangenehm seyn.
Dombrowsky liebte Schillers dreiigjhrigen Krieg und trug ihn in seinen
Feldzgen in der Tasche. Bei Trebbia oder Novi schlug eine Kugel gerade
auf den Ort, wo unten das Buch lag, und dadurch wurde ihm wahrscheinlich
das Leben gerettet. Ich habe das durchschlagene Exemplar selbst in Rom
gesehen, wo er es einem Freunde zum Andenken geschenkt hat, und die
Erzhlung aus dem eigenen Munde des Generals. Er sagte mir lachend:
Schiller hat mich gerettet, aber er ist vielleicht auch Schuld an der
Gefahr: denn die Kugel hat eine Unwahrheit herausgeschlagen. Es stand
dort: die Polen haben bei Ltzen gefochten; das ist nicht wahr; es waren
Kroaten. Die Polen haben nie fr Geld geschlagen; selbst jetzt schlugen
wir noch fr unser Vaterland; ob es gleich nunmehr unwiderbringlich
verloren ist. Das gab etwas Sichtung der vergangenen Politik. Ich
meinte, es wre vorauszusehen gewesen, da fr Polen keine Rettung mehr
war. Die Franzosen wrden sich in ihrer noch kritischen Lage nicht der
ganzen Wirkung der furchtbaren Tripleallianz blostellen, um ein
Zwitterding von Republik wieder zu etabliren, an deren Existenz sie nun
gar kein Interesse mehr hatten. Eifersucht zwischen den groen,
mchtigen Nachbarn ist wahrscheinlich und ihnen vortheilhaft. Wenn die
Polen noch unter einem einzigen Herrn wren, so liee sich durch eben
diese Eifersucht noch Rettung denken. Das schienen sie vorher selbst zu
fhlen, und thaten, da die Katastrophe nun einmal herbeigefhrt war,
hier und da etwas, um nur unter Einen Herrn zu kommen. Ich wei selbst,
da ich als russischer Officier in Posen vor der Hauptwache vor den
preuischen Kanonen von einem Dutzend junger Polen belagert wurde, die
mir's nahe an's Herz legten, da doch die Kaiserin sie alle nehmen
mchte; sie sollte ihnen nur einige Bataillone Hlfe schicken, so
wollten sie die Preuen zurckschlagen. Sie brachten eine Menge
scheinbare Grnde, warum sie lieber russische Unterthanen zu seyn
wnschten; aber die wahren verbargen sie gewi. Sie dachten unstreitig:
bleiben wir nur beisammen, so knnen wir durch irgend eine Konjunktur
bald wieder politische Existenz gewinnen. -- Der General fand die
Schlufolge ziemlich bndig, sagte aber, ein Patriot drfe und msse
auch die letzte schwache Hoffnung fr sein Vaterland versuchen. Das ist
brav und edel.

Die Polen haben hier noch ganz ihre alte Organisation und tragen ihre
alten Abzeichen, so da man die alten Officiere noch fr Sachsen halten
knnte. Der Mangel im Kriege mu in Italien zuweilen hoch gestiegen
seyn; denn es wurde erzhlt, da einmal die Portion des Soldaten auf
acht Kastanien und vier Frsche reducirt gewesen sei. Die Zufriedenheit
wird gegenseitig mit einer ganz eigenen Art militrisch drolliger
Vertraulichkeit geuert. So sagten die Franzosen von den Polen: ^Ah,
ce sont de braves coquins; ils mangent comme les loups, boivent
diablement, et se battent comme les lions.^ Die polnischen Officiere
konnten den franzsischen Soldaten nicht Lob genug ertheilen ber ihren
Muth, ihre Unverdrossenheit und ihren pnktlichen Gehorsam. Wo die
Franzosen nicht durchdrangen: waren gewi alle Mal ihre Anfhrer Schuld
daran. Es wurde behauptet, da das polnische Corps bei der letzten
Musterung noch 15000 Mann stark gewesen sei; und jetzt wird eben in
Livorno ein Theil davon nach Sankt Domingo eingeschifft. Es hat das
Ansehen, als ob Bonaparte alle Truppen, die ihm zu seinen Absichten in
Europa als etwas undienstlich vorkommen, auf diese gute kluge Weise
fortzuschaffen suche, welches man auch hier und da zu merken scheint.
Auch werden die Unruhen dort vielleicht geflissentlich nicht so schnell
gedmpft, als wohl sonst die franzsische Energie vermchte.

Die freundliche Aufnahme des Generals hielt mich mehrere Tage lnger
hier, als ich zu bleiben gesonnen war; und in den Muestunden lese ich
mit viel Genu Wielands Oberon, den mir ein Landsmann brachte. Die
ersten Tage hatte man mich im Wirthshause mit einem gewissen Mitrauen
wie einen gewhnlichen Tornistertrger behandelt; da ich aber tglich
zum General ging, feine Hemden in die Wsche gab, artige Leute zum
Besuch auf meinem Zimmer empfing, und vorzglich wohl, da ich einige
schwere Goldstcke wechseln lie, ward das ganze Haus vom Prinzipal bis
zum letzten Stubenfeger ungewhnlich artig. Noch mu ich Dir bemerken,
da ich in Mailand von ganz Italien nach meinem Geschmack die schnsten
Weiber gefunden habe: auch den Corso in Rom nicht ausgenommen. Ich
urtheile nach den Promenaden, die hier sehr volkreich sind, und nach den
Schauspielen. Hier im Hause hatte ich nun vermuthlich, wie in Italien
oft, das Unglck, fr einen reichen Sonderling zu gelten, den man nach
seiner Weise behandeln msse. Ich mochte in Unteritalien und Sicilien
oft protestiren, so viel ich wollte, und meine Deutschheit behaupten, so
war ich ^Signor Inglese^ und ^Eccellenza^; und man machte die Rechnung
darnach. So etwas mochte man auch nach verjngten Mastabe in Mailand
denken. Die Industrie ist mancherlei. Ich sa an einem Sonntag Morgens
recht ruhig in meinem Zimmer, und las wirklich zufllig etwas in den
Libertinagen Katulls; da klopfte es und auf meinen Ruf trat ein Mdchen
ins Zimmer, das die sechste Bitte auch ohne Katull stark genug
dargestellt htte. Die junge, schne Snderin schien ihre Erscheinung
mit den feinsten Hetrenknsten berechnet zu haben. Ich will durch ihre
Beschreibung mein Verdienst weder als Stylist, noch als Philosoph zu
erhhen suchen. ^Signore, comanda qualche cosa?^ fragte sie in
lieblich lispelndem Ton, indem sie die niedliche Hand an einem Krbchen
spielen lie und Miene machte es zu ffnen. Ich sah sie etwas betroffen
an und brauchte einige Augenblicke, ehe ich etwas unschlssig ^No^
antwortete. ^Niente?^ fragte sie, und der Teufel mu ihr im Ton
Unterricht gegeben haben. Ich warf den Katull ins Fenster und war hchst
wahrscheinlich im Begriff, eine Sottise zu sagen, oder zu begehen, als
mir schnell die ernstere Philosophie still eine Ohrfeige gab.
^Niente^, brummte ich grmelnd, halb mit mir selbst im Zwist; und die
Versucherin nahm mit unbeschreiblicher Grazie Abschied. Wer wei, ob ich
nicht das Krbchen etwas nher untersucht htte, wenn die Teufelin zum
drittenmal mit der nmlichen Stimme gefragt htte, ob gar nichts
gefiele. So war die Sache, mein Freund; und wre sie anders gewesen, so
bin ich nicht so engbrstig und knnte sie Dir anders, oder gar nicht
erzhlt haben. Ich ging also nur leidlich mit mir selbst zufrieden zum
General.




                                                             _Zrich._


Nun bin ich bei den Helvetiern und fast wieder im deutschen Vaterlande,
und bereite mich, in einigen Tagen einen kleinen Abstecher zu den
Galliern zu machen. Viel Erbauliches wird nach allen Aspekten dort jetzt
fglich nicht zu sehen und zu hren seyn: indessen da ich einmal in
Bewegung bin, will ich doch an die Seine hinunterwandeln. Wenn ich
wieder fest sitze, mchte es etwas schwer halten.

Den vierzehnten Juni ging ich aus Mailand und ging diesen Tag herber
nach Sesto am Ticino, den ich nicht fr so betrchtlich gehalten htte,
als ich ihn fand. In der Gegend von Mailand war schon eine Menge
Getreide geerntet und Alles war in voller Arbeit; und als ich ber den
Berg herberkam, fing das Korn nach Altdorf herunter eben erst an zu
schossen: das ist merklicher Kontrast. Die grte Wohlthat war mir nun
wieder das schne Wasser, das ich berall fand. Von Mailand hatte ich
die beschneiten Alpen mit Vergngen gesehen und nun nahte ich mich ihnen
mit jedem Schritte, und kam bald selbst hinein. Von Sesto aus fuhr ich
auf dem Tessino und dem Lago maggiore herauf, blo um die schne Gegend
zu genieen, die wirklich herrlich ist. Ich kam aus Unteritalien und
Sicilien, und gab mir also keine groe Mhe, die Borromeischen Inseln in
der Nhe zu sehen, da mein Schiffer mir sagte, es wrde mich einen Tag
mehr und also wohl zwei Dukaten mehr kosten. Ich sah also bei Varone
links an der Anhhe den gigantischen heiligen Karl Borromeo aus der
Ferne, und fuhr dann sowohl bei der schnen Insel, als bei der
Mutterinsel vorbei. Man htte mir hchst wahrscheinlich dort nur
Orangengrten gezeigt, die ich in Unteritalien besser gesehen habe, und
htte mir gesagt, hier hat Joseph, hier Maria Theresia und hier
Bonaparte geschlafen. Das wre mir denn zusammen kaum so wichtig
gewesen, als da mich der Kastellan von dem Schlosse zu Weienfels
belehrte, hier in diesem Bette schlief Friedrich der Zweite nach der
Schlacht bei Robach. Die Fruchtbarkeit an dem See ist hier zuweilen
auerordentlich gro, und wo die Gegend von den rauheren Winden
geschtzt wird, findet man hier Frchte, die man in der ganzen Lombardei
umsonst sucht. Man sieht noch recht schne Oelbume, die man diesseits
der Apenninen nur selten findet, und sogar indische Feigen in der freien
Luft. Ich schlief am Ende des Sees in Magadino, wo der obere Tessin
hineinfllt, in einem leidlichen Hause, schon zwischen rauhen Bergen.
Den andern Morgen trat ich den Gang an dem Flusse herauf ber Belinzona
an, der mich nach einigen Tagen ber den Gotthard herber brachte. Zwei
Tage ging ich am Flusse immer bergauf. Die Hitze war unten in der
Schlucht ziemlich drckend, bis nach Sankt Veit, wo man, ich glaube zum
Frohnleichnamsfeste einen Jahrmarkt hielt, der mir besser gefiel, als
der Ostermarkt in Palermo, obgleich fr mich weiter nichts da war, als
Kirschen. Den ersten Abend blieb ich in einem kleinen Orte, dessen Name
mir entfallen ist. Der Tessin strzte unter meinem Fenster durch die
Felsen hinunter; gegenber lag am Abhange ein Kloster, und hinter
demselben erhob sich eine furchtbar hohe Alpe in schroffen Felsenmassen,
deren Scheitel jetzt, fast zu Johannis, mit Schnee bedeckt war. Die
Bewirthung war besser, als ich sie in diesen Klften erwartet htte;
vorzglich waren die Forellen aus dem Tessin kstlich. Die Leute
schienen viel ursprngliche Gte zu haben. Mein grter Genu waren
berall die Alpenquellen, vor denen ich selten vorbeiging, ohne zu ruhen
und zu trinken, wenn auch beides nicht nthig war, und in den Schluchten
um mich her zu blicken, und vorwrts und rckwrts die Gegenstnde fest
zu halten. Jetzt schmolz eben der Schnee auf den Hhen der Berge, und
oft hatte ich vier bis sechs Wasserflle vor den Augen, die sich von den
nackten Huptern der Alpen in hundert Brechungen herabstrzten, und von
denen der kleinste doch immer eine sehr starke Wassersule gab. Der
Tessin macht auf dieser Seite schnere Partien, als die Reu auf der
deutschen; und nichts mu berraschender seyn, als hier hinauf und dort
hinunter zu steigen. Ayrolles war mein zweites Nachtlager. Hier sprach
man im Hause Deutsch, Italienisch und Franzsisch fast gleich fertig,
und der Wirth machte mit seiner Familie einen sehr artigen Zirkel, in
dem ich sogleich heimisch war. Suworow hatte einige Zeit bei ihm
gestanden, und wir hatten beide sogleich einen Berhrungspunkt. Er war
ganz voll Enthusiasmus fr den alten General, und rhmte vorzglich
seine Freundlichkeit und Humanitt, welches vielleicht Vielen etwas
sonderbar und verdchtig vorkommen wird. Aber ich sehe nicht ein, was
den Wirth in Ayrolles oben am Gotthardt bestimmen sollte, eine Sache zu
sagen, die er nicht sah. Suworow war nicht der einzige General, der ihm
im Kriege die Ehre angethan hatte, bei ihm zu seyn: er zeichnete sie
alle, wie er sie gefunden hatte. Mehrere davon sind allgemein bekannt.
Ich habe das zweideutige Glck gehabt, fr den Enkomiasten des alten
Suworow zu gelten, und ich suchte doch nur seinen wahren Charakter zu
retten und einige Phnomene zu erklren, die ihm zur Last gelegt werden.
In Prag hat er zu einem hlichen Gemlde gesessen. Der Lwe ist todt
und nun wird zugeschlagen. Ich wei sehr wohl, da das ganze Leben
dieses Mannes eine Kette von Eigenheiten war; aber wenn man seine
Nichtfreunde in Prag und Wien hrte, wre er ein ausgemachter alter,
mrrischer Geck von einem weggeworfenen Charakter gewesen; und der war
er doch gewi nicht. Sonderbarkeit war berhaupt sein Stempel: und in
Prag war er in einer eigenen Stimmung gegen ihn. Die politischen
Verhltnisse lassen vermuthen, in welcher peinlichen Lage er damals von
allen Seiten sich befand. Weder sein eigener Monarch, noch der
streichische Hof waren mit seinem Betragen zufrieden. Er hatte ohne
Schonung ber Fehler aller Art und ohne Rcksicht der Personen
gesprochen. Er war alt und krnklich und sah dem Ende seines Lebens
entgegen. Seine Grillen konnten unter diesen Umstnden sich nicht
vermindern. Die Ungezogenheiten einiger seiner Untergebenen wurden
wahrscheinlich ihm zur Last gelegt; und er selbst war freilich nicht der
Mann, der durch schne Humanitt und Grazie des Lebens immer seinen
Charakter htte empfehlen knnen. Seines Werthes sich bewut, fest
rechtlicher Mann, aber eisern consequenter Soldat, war er voll
Eigenheiten, von denen viele, wie Bizarrerien und Marotten aussahen; war
uerst strenge gegen sich und sodann auch in seinen Forderungen gegen
Andere, und sprach skoptisch und sarkastisch ber Alles. Seine
Bigotterie war sehr wohl berechnet, und unstreitig nicht so tadelhaft,
als sie an der Seine gewesen wre; aber auch in diesem Stcke
verlugnete ihn sein eigener Charakter nicht und gab ihr ein Ansehen von
Possirlichkeit. Er soll in Prag eine schmutzige Filzerei gezeigt haben,
weggefahren seyn, ohne einen Kreuzer zu bezahlen, und nichts, als einen
alten Nachttopf zurckgelassen haben, den man als eine Reliquie ganz
eigener Art aufbewahrt. Dies ist nun gewi wieder ein barockes
Quidproquo: denn Geiz war so wenig in seinem Charakter, als prahlerische
Verschwendung. Wenn ich diese Dinge nicht von wahrhaften Leuten htte,
wrde ich nur den Kopf schtteln und sie zu den lcherlichen Erfindungen
des Tages setzen. Aber man mu auch den Teufel nicht schwrzer machen,
als er ist; und ich bin fest berzeugt, da Suworow durchaus ein
ehrlicher Mann und kein Wthrich war, wenn er auch eine starke Dose
Excentricitt hatte, und mit der Welt im Privatleben oft Komdie
spielte, so wie man seine Energie im ffentlichen zu lauter
Trauerspielen brauchte. Du weit, da ich dem Manne durchaus nichts zu
danken habe, und kannst also in meinen Aeuerungen nichts, als meine
ehrliche Meinung finden. Wenn wir einigen Englndern glauben wollen, die
durch ihren persnlichen Charakter ihre Glaubwrdigkeit nicht verwirkt
haben, so ist der Nordlnder Suworow, wenn auch Alles wahr war, was von
ihm erzhlt wird, immer noch ein Muster der Humanitt gegen den Helden
des Tages, Bonaparte, der auf seinen morgenlndischen Feldzgen die
Gefangenen zu Tausenden niederkarttschen lie.

Hier oben behauptete man, wenn Suworow Zeit gehabt htte, nur noch
sechstausend Mann ber den Berg hinber nach Zrich zu werfen, so wre
die Schlacht eben so frchterlich gegen die Franzosen ausgefallen, wie
nun gegen die Russen. Alle Franzosen, mit denen ich ber die Geschichte
gesprochen habe, gestehen das Nmliche ein, und sagen, blo die
Entfernung des Erzherzogs, der in die Falle des falschen Manvers am
Unterrhein ging, sei die Ursache ihres Glcks gewesen; und sie bekennen,
da sie im ganzen Kriege meistens nur durch die Fehler der Gegner
gewonnen haben. Hier in Zrich habe ich rund umher mich nach dem
Betragen der Russen erkundigt, und man giebt ihnen berall das Zeugni
einer guten Auffhrung, die man doch anderwrts als abscheulich
geschildert hat. Man beklagt sich weit mehr ber die Franzosen, deren
Art Krieg zu fhren dem Lande entsetzlich drckend seyn mu, da sie
selten Magazine bei sich haben, und nur zusammentreiben was mglich ist.
Das geht einmal und zweimal, das drittemal mu es gefhrlich werden,
welches die Schlaukpfe auch sehr wohl wissen. Sie berechnen nur klug;
Humanitt ist ihnen sehr subalterner Zweck. Dieses ist einigen Generalen
und Kommissren, und nicht der ganzen Nation zuzurechnen.

Ayrolles ist der letzte italienische Ort, und diesseits des Berges in
Sankt Ursel ist man wieder bei den Deutschen. Zwei Tage war ich
bestndig bergauf gegangen; Du kannst also denken, da der Ort schon auf
einer betrchtlichen Hhe steht. Rund umher sind Schneegebirge, und der
Tessin bricht rauschend von den verschiedenen Abtheilungen des Berges
herab. Ich schlief unter einem Gewitter ein; ein majesttisches
Schauspiel hier in den Schluchten der hchsten Alpen. Der Donner brach
sich an den hohen Felsenschdeln, und rollte sodann furchtbar in das
Thal hinunter, durch das ich heraufgekommen war. Ein solches Echo hrst
Du freilich nicht auf der Ebene von Ltzen.

In dem Wirthshause zu Ayrolles sa ein armer Teufel, der sich leise
beklagte, da seine Brse ihm keine Suppe erlaubte. Du kannst denken,
da ich ihm zur Suppe auch noch ein Stckchen Rindfleisch schaffte; denn
ich habe nun einmal die Schwachheit, da es mir nicht schmeckt, wenn
Andere in meiner Nhe hungern. Er war ein ziemlich alter wandernder
Schneider aus Konstanz, der, wie er sagte, nach Genua gehen wollte,
einen Bruder aufzusuchen. Er hrte aber berall so viel von der
Theuerung und der Unsicherheit in Italien, da er lieber wieder zurck
ber die Alpen wollte, und erbot sich, mir meinen Reisesack zu tragen.
Ich sagte ihm, ich wollte auf seine Entschlieung durchaus keinen
Einflu haben, er mte seine Umstnde am besten wissen, ich wre
gewohnt meinen Sack selbst zu tragen. Er wollte aber bestimmt wieder
zurck, und ich trug nun kein Bedenken, ihn meinen Tornister umhngen zu
lassen. Wir stiegen also den kommenden Morgen, den achtzehnten Juni,
rstig den Gotthardt hinauf. Es war nach dem Gewitter sehr schlechtes
Wetter, kalt und windig, und in den obern Schluchten konnte man vor
Nebel, und noch weiter hinauf vor Schneegestber, durchaus nichts sehen;
links und rechts blickten die beschneiten Gipfel aus der Dunkelheit des
Sturms drohend herunter. Nach zwei starken Stunden hatten wir uns auf
die obere Flche hinaufgearbeitet, wo das Kloster und das Wirthshaus
steht, und wo man im vorigen Kriege geschlagen hat. Das erste liegt
jetzt noch wst, und der Schnee ist von innen hoch an den Wnden
aufgeschichtet; das Wirthshaus ist ziemlich wieder hergestellt, und man
hat schon wieder leidliche Bequemlichkeit. Es mu eine herkulische
Arbeit gewesen seyn, hier nur kleine Artilleriestcke heraufzubringen,
und es war wohl nur in den wrmsten Sommermonaten mglich. Der Schnee
liegt noch jetzt auf dem Wege sehr hoch, und ich fiel einigemal bis an
die Brust durch. Den hchsten Gipfel des Berges zu ersteigen wrde mir
zu nichts gefrommt haben, da man im Nebel kaum zwanzig Schritte sehen
konnte. Es ist vielleicht in den Annalen der Menschheit aus diesem
Kriege ein neues Phnomen, da man ihn hier zuerst ber Wolken und
Ungewitter herauftrug: ^coelum ipsum petimus stultitia^. Das Wasser auf
der obersten Flche des Berges hat einen ziemlichen Umfang; denn es
giet sich rund umher die Ausbeute des Regens und Schnees von den
hchsten Felsen in den See, aus dem sodann die Flsse von mehreren
Seiten hinabrauschen. Es mte das grte Vergngen seyn, einige Jahre
nach einander Alpenwanderungen machen zu knnen. Welche Verschiedenheit
der Gemlde hat nicht allein der Gotthardt? Kornfelder wogen um seine
Fe, Heerden weiden um seine Kniee, Wlder umgrten seine Lenden, wo
das Wild durch die Schluchten strzt; Ungewitter donnern um seine
Schultern, von denen die Flsse nach allen Meeren herabstrmen, und das
Haupt des Adula schwimmt in Sonnenstrahlen. Das gestrige Gewitter mochte
vielleicht Ursache des heutigen schrecklichen Wetters seyn: doch war die
Vernderung so schnell, da in einer Viertelstunde manchmal dicker
Nebel, Sturm, Schneegestber, Regen und Sonnenschein war, und sich die
Wolken schon wieder von Neuem durch die Schluchten drngten. Als ich
oben gefrhstckt hatte, ging ich nun auf der deutschen Seite ber Sankt
Ursel, durch das Ursler Loch und ber die Teufelsbrcke herab. Denke Dir
das Teufelswetter zu der Teufelsbrcke, wo ich links und rechts kaum
einige Klaftern an den Felsen in die Hhe sehen konnte, und Du wirst
finden, da es eine Teufelspartie war: ich mchte aber doch ihre
Reminiscenz nicht gern missen. Als wir weiter herabkamen ward das Wetter
heiter und freundlich, und nur einige Schluchten in den furchtbaren
Schwarzwldern waren noch hoch mit Schnee gefllt, und die Spitzen der
Berge wei. Mein Schneider von Konstanz erzhlte mir Manches aus seinem
Lebenslaufe, der eben nicht der beste war, wovon aber der Mensch gar
keine Ahnung zu haben schien. Sehr naiv machte er den Anfang mit dem
Bekenntni, da er in seinem ganzen Leben nicht gearbeitet habe, und nun
in seinem achtundvierzigsten Jahre nicht erst anfangen werde. -- So,
so, das ist erbaulich; und was hat Er denn gethan? -- Ich habe
gedient. -- Besser ist arbeiten als dienen. -- Nun erzhlte er mir,
wo er berall gewesen war: da war denn meine Personalitt eine Hausunke
gegen den Herrn Hipperling von Konstanz. Er kannte die Boulevards
besser, als seine Hlle, und hatte alle Weinhuser von Neapel diesseits
und jenseits der Grotte versucht. Zuerst war er kaiserlicher Grenadier
gewesen, dann Reitknecht in Frankreich, dann Kanonir in Neapel und
zuletzt Mnch in Korsika. Er fluchte sehr orthodox gegen die Franzosen,
die ihm seine Klosterglckseligkeit geraubt hatten, weil sie die Nester
zerstrten. Jetzt machte er Miene, mit mir wieder nach Paris zu gehen.
Ich gab ihm meinen Beifall ber seine ewige unstte Landluferei nicht
zu erkennen, und er selbst schien zu fhlen, er htte doch wohl besser
gethan, sich treulich an Nadel und Fingerhut zu halten. Wir schlenderten
eine hbsche Partie ab, da wir in einem Tage von Ayrolles den Berg
herber bis herab ber Altorf nach Flren am See gingen. Altorf, das vor
einigen Jahren durch den Blitz entzndet wurde und fast ganz abbrannte,
wird jetzt recht schn, aber eben so unordentlich wieder aufgebauet. Die
Berggegend sollte doch wohl etwas mehr Symetrie erlauben. Eine Stunde
jenseit Altorf war das Wasser sehr heftig aus den Bergen
heruntergeschossen und konnte nicht schnell genug den Weg in die Reu
finden, so da wir eine Viertelstunde ziemlich bis an den Grtel auf der
Strae im Wasser waden muten. Es war kein Ausweg. Den andern Morgen
nahm ich ein Boot herber nach Luzern, ohne weiter den Ort besehen zu
haben, wo Tell den Apfel abgeschossen hatte. Nicht weit von der Abfahrt
strzt rechts ein Wasserfall von sehr hohen Felsen herab, nicht weit von
Tells Kapelle, und man erzhlte mir, da oben in den Alpen ein
betrchtlicher See von dem Wasser der noch hhern Berge wre, der hier
herabflsse. Schade, da man nicht Zeit hat, hinaufzuklettern; die
Partie sieht von unten aus schon sehr romantisch, und oben mu man eine
der herrlichsten Aussichten nach der Reu und dem Waldstdtersee haben.
Die Fahrt ist bekannt, und Du findest sie in den meisten
Schweizerreisen. In dem seligen Republikchen Gersau frhstckten wir,
und die Herren beklagten sich bitter, da ihnen die Franzosen ihre
geliebte Autonomie genommen hatten. Die ganze Fahrt auf dem Wasser herab
bis nach Luzern ist eine der schnsten; links und rechts liegen die
kleinen Kantone, und hher die Schneealpen, in welche man zuweilen weit
weit hineinsieht. Der Pilatusberg vor Luzern ist nur ein Zwerg, der den
Vorhof der Riesen bewacht. In Luzern fand ich im Wirthshause unter der
guten Gesellschaft einige Freunde von Johannes Mller, die mit vieler
Wrme von ihm sprachen. Nachdem ich die Brcken und den Flu beschaut
hatte, ging ich zum General Pfeiffer, um seine wchserne Schweiz zu
sehen. Die Sache ist bekannt genug, aber kein so unntzes Spielwerk, wie
wohl Einige glauben. Der Mann hat mit Liebe viele schne Jahre seines
Lebens daran gearbeitet, und mit einer Genauigkeit, wie vielleicht nur
wenig militrische Charten gemacht werden. Die Franzosen haben das auch
gefhlt, und Lecourbe, gegen den der alte General zuerst eine
entschiedene Abneigung zeigte, wute durch seine Geschmeidigkeit endlich
den guten Willen des Greises so zu gewinnen, da er sich nun als seinen
Schler ansehen konnte. Die Schule hat ihm gentzt; und es wird
allgemein nicht ohne Grund behauptet, er wrde den Krieg in den Bergen
nicht so vortheilhaft gefhrt haben, ohne des Alten Unterricht. Die
Wachsarbeit ist bekannt: es ist Schade, da ihm die Jahre nicht
erlauben, das Uebrige zu vollenden. Dieser Krieg hat die Bergbewohner in
Erstaunen gesetzt: man hat sich in ihrem Lande in Gegenden geschlagen,
die man durchaus fr unzugnglich hielt. Die Feinde haben Wege gemacht,
die nur ihre Gemsenjger vorher machten; vorzglich die Russen und die
Franzosen. Man hat sich auf einmal berzeugt, da die Schweiz bisher nur
vorzglich durch die Eifersucht der groen Nachbarn ihr politisches
Daseyn hatte. Die Russen und Franzosen kamen auf Pfaden in das Murter
Thal, die man nur fr Steinbcke gangbar hielt. Die Katholicitt scheint
hier sehr gemigt und freundlich zu seyn. Das Merkwrdigste fr mich
war noch, da mir der Kellner im Gasthofe erzhlte, man habe in dem See
zweiunddreiig Sorten Forellen, so da man also bei der kleinsten
Wendung der Windrose eine andere Sorte hat. Diejenigen, welche man mir
gab, htten einen Apicius in Entzcken setzen knnen; und ich rathe Dir,
wenn Du hierher kommst, Dich an die Forellen zu halten, wenn Du gleich
nicht alle Sorten des Kellners finden solltest.

Von Luzern lie ich mich auf dem Wasser wieder zurckrudern, durch die
Bucht links, ging ber den kleinen Bergrcken herab an den Zuger See,
setzte mich wieder ein, und lie mich nach Zug bringen. Wre ich etwas
frmmer gewesen, so wre ich rechts fort zur heiligen Mutter von
Einsiedel gegangen. Auf dem Bergrcken zwischen diesen beiden Seen steht
die bekannte andere Kapelle Tells mit der schnen Poesie. Alles ist sehr
gut und sehr patriotisch; aber ich frchte, nicht sehr wahr: denn wenn
auch die Schweizer noch die Alten wren, wrden sie sich doch in diesen
Konjunkturen schwerlich retten. Man nimmt die greren fruchtbaren
Kantons und lt die Alpenjger jagen und hungern; sie werden schon
kommen und bitten. Blo die Eifersucht gegen Oestreich gab der Schweiz
Existenz und Dauer.

Von Zug aus nahm ich meinen Tornister selbst wieder auf den Rcken. Der
Schneider sah einige Minuten verblfft, brummte und bemerkte sodann ich
msse doch sehr furchtsam seyn, da ich ihm meinen Reisesack nicht
anvertrauen wolle. Ich machte ihm begreiflich, da hier zwischen Zug und
Zrich gar nichts zu frchten sei, da mich allenfalls mein Knotenstock
gegen ihn schtze, da ich ihm aber keine Verbindlichkeit weiter haben
wolle: seine Gesellschaft sei mir auch zu theuer, er sei unbescheiden
und fast unverschmt; ich wolle weiter nichts fr ihn bezahlen. Dabei
erklrte ich ihm, da ich in Luzern fr meine eigne Rechnung
vierunddreiig Batzen, und fr die seinige sechsunddreiig bezahlt habe;
das stehe mir nicht an. Er entschuldigte sich, er habe einen Landsmann
gefunden und mit ihm etwas getrunken, und der Wirth habe zu viel
angeschrieben. Vielleicht ist beides, sagte ich. Er hat zu viel
getrunken, und Jener hat noch mehr angeschrieben, ob mir das gleich von
dem ehrlichen Luzerner nicht sehr wahrscheinlich vorkommt: aber, mein
Freund, Er hat vielleicht der Landsleute viele von Neapel bis Paris; ich
zahle gern eine Suppe und ein Stck Fleisch und einige Groschen, aber
ich lasse mich nur Einmal so grob mitnehmen. Er verlie mich indessen
doch nicht; wir wandelten zusammen den Albis hinauf und herab, setzten
uns unten in ein Boot und lieen uns ber den See herber nach Zrich
fahren wo ich dem Snder noch einige Lehren und etwas Geld gab, und ihn
laufen lie. Er wird indessen beides schon oft bekommen haben.

Hier bin ich nun wieder unter vaterlndischen Freunden, und knnte bald
bei Dir seyn, wenn ich nicht noch etwas links abgehen wollte. In Zrich
mchte ich wohl leben; das Oertliche hat mir selten anderwrts so wohl
gefallen. Ich trug einen Brief aus Rom zu Madame Gener, der Wittwe des
liebenswrdigen Dichters, und ging von ihr hinaus an das Monument, das
die patriotische Freundschaft dem ersten Idyllensnger unserer Nation
errichtet hat, an dem Zusammenflusse der Siehl und der Limmat. Das
Pltzchen ist idyllisch schn, und ganz in dem Geiste des Mannes, den
man ehren wollte; und der Knstler, sein Landsmann, hat edle Einfalt
nicht verfehlt, welche hier erfordert wurde. Akazien, Platanen
Silberpappeln und Trauerweiden umgeben den heiligen Ort. Einige Zeit
verwendete ich darauf, die Schlachtgegend zu berschauen; und ich kann
nicht begreifen, wie die Oestreicher ihre Stellung verlassen konnten.
Ich verschone Dich mit Beschreibungen, die Du in vielen Bchern
vielleicht besser findest. Eine eigne Erscheinung war es mir hier, da
bei Vidirung des Passes zwei Batzen bezahlt werden muten. Ich mchte
wohl wissen, wie man dieses mit liberaler Humanitt, oder nur mit
Rechtlichkeit in Uebereinstimmung bringen wollte.

Nun erlaube mir noch, Dir fragmentarisch etwas ber meinen Gang durch
Italien im Allgemeinen zu sagen! Du hast aus meiner Erzhlung gesehen,
da es jetzt wirklich traurig dort aussieht; vielleicht trauriger, als
es je war. Ich bin gewissenhaft gewesen, und jedes Wort ist Wahrheit, so
weit man historische Wahrheit verbrgen kann. Da Brdone in Sicilien
gewesen ist, bezweifelt niemand; aber Viele haben Vieles gegen seine
schnen Erzhlungen. So viel wei ich, da in Sicilien selbst, und
vorzglich in Agrigent und Syrakus, man sehr bel mit ihm zufrieden ist;
aber Barthels ist doch vielleicht zu strenge gegen ihn verfahren.
Mehrere Rgen, die ich hier nicht aufzhlen kann, haben ihre
Richtigkeit; und sein Hauptfehler ist, da er seiner poetischen
Phantasie zu viel Spielraum gab. Die Besten ber die Insel von den
Neuern sind wohl Barthels und Mnter. Dorville habe ich fast durchaus
sehr genau gefunden, so viel ich auf dem Fluge habe bemerken knnen.

Das ganze Knigreich Neapel ist in der traurigsten Verfassung. Ein
Courier, der von Messina ber Rheggio nach Neapel gehen soll, hlt den
Weg immer fr gefhrlicher als einen Feldzug. Der Officier, mit dem ich
nach Rom reis'te, war sechszehnmal geplndert worden, und dankte es nur
seiner vlligen Resignation, da er noch lebte. Ich knnte sprechen,
sagte er, aber dann drfte ich keine Reise mehr machen, oder ich wre
auf der ersten ein Mann des Todes. Alle Gruel, die wir von Paris
whrend der Revolution gehrt haben, sind noch Menschlichkeit gegen das,
was Neapel aufzuweisen hat. Was die Demokraten in Paris einfach thaten,
haben die royalistischen Lazaronen und Kalabresen in Neapel zehnfach
abscheulich sublimirt. Man hat im eigentlichen Sinne die Menschen
lebendig gebraten, Stcken abgeschnitten und ihre Freunde gezwungen
davon zu essen; der andern schndlichen Abscheulichkeiten nicht zu
erwhnen. Ein wahrhafter, durchaus rechtlicher Mann sagte mir, man sei
mit einer Tasche voll abgeschnittener einzelner Nasen und Ohren zu ihm
gekommen, habe aufgezhlt, wer die Eigenthmer derselben gewesen, und er
habe seine ganze Standhaftigkeit und Klugheit nthig gehabt, nicht zu
viel Mibilligung zu zeigen, damit er nicht selbst unter die Opfer
geriethe. Das ist unter Ruffo geschehen, dessen Menschlichkeit sogar
noch hier und da gerhmt wird. Die Geschichte der Patrioten von Sankt
Elmo ist bekannt. Nelson und seine Dame, die Exgemahlin Hamiltons,
lieen im Namen der Regierung die Kapitulation kassiren, und die Henker
hatten volle Arbeit. Auf diese Weise kann man alles was heilig ist
niederreien. Man nennt den Namen des Admirals und noch mehr den Namen
der Dame mit Abscheu und Verwnschung, und bringt Data zur Belegung. In
Kalabrien soll jetzt allgemeine Anarchie seyn. Das ist begreiflich.
Bildung ist nicht, und das Bichen Christenthum ist, so wie es dort ist,
mehr ein Fluch der Menschheit. Die Franzosen kamen und setzten in
Revolution; die Halbwilden trauten und wurden verrathen. Ruffo kam im
Namen des Knigs, und versprach: die Betrogenen folgten und wtheten nun
unter ihm bis zur Schande der menschlichen Natur in der Hauptstadt.
Jetzt sagen sie, der Knig habe sie noch rger betrogen, als die
Franzosen. Wer kann bestimmen, wie weit sie Recht haben? Die Regierung
des Dey kann kaum grausamer seyn; schlechter ist sie nicht. Im ganzen
Knigreich und auf der Insel zusammen sind jetzt kaum funfzehn tausend
Mann Truppen: diese haben einen schlechten Sold, und dieser schlechte
Sold wird noch schlechter bezahlt. Du kannst die Folgen denken.
Unzufriedenheit gilt fr Jakobinismus, wie fast berall. Ich habe die
meisten Stdte des Reichs gesehen, und nach meinem Ueberschlage ist die
Zahl der Truppen noch hoch angenommen. Die sogenannten Patrioten
schreien ber Verrtherei der Franzosen und knirschen die Zhne ber die
Regierung. Migung und Gerechtigkeit ist in Neapel kein Gedanke. Mit
fnf tausend Franzosen will ich das ganze Reich wieder reformiren und
behaupten, sagte mir ein eben nicht zelotischer Parteignger. Die
rechtlichsten Leute wurden gezwungen der Revolution beizutreten, um sich
zu retten, und wurden hernach wegen dieses Zwanges hingerichtet.
Vorzglich traf dieses Schicksal die Aerzte. Es wurden Beispiele mit
Umstnden erzhlt, die Schauder erregen. Filangieri war zu seinem Glcke
vorher gestorben. Die Regierung nimmt bei ihrer gnzlichen
Vernachlssigung noch alle Maregeln, die Gemther noch mehr zu
erbittern; ist saumselig, wo rechtliche Strenge nthig wre, und
grausam, wo weise Mssigung frommen wrde. In Sicilien treibt das
Feudalsystem in den grlichsten Gestalten das Unheil fort: und obgleich
mehr als die Hlfte der Insel wste liegt, so wrde doch kein Baron
einen Fu Land anders, als nach den strengsten Lehnsgesetzen bearbeiten
lassen. Die Folgen sind klar. Wie geachtet die Regierung und geliebt der
Minister ist, davon habe ich selbst ein Beispielchen von den Lazaronen
in Neapel gehrt. Es kam ein Schiff von Palermo an mit etwas Ladung aus
der Haushaltung des Knigs. Unter andern wurde ein groer, schner
Maulesel ausgeschifft; das neugierige Volk stand wie gewhnlich gedrngt
umher. ^Kischt'  il primo minischtro^, sagte ein Kerl aus dem Haufen,
und die ganze Menge brach in ein lautes Gelchter aus. Ohne Zweifel ist
der Minister nicht so schlecht, als ihn seine Feinde machen; aber er ist
doch genug, um ein schlechter Minister zu seyn. Das Facit liegt am Tage:
das Reich verarmt tglich mehr, und der Minister wird tglich reicher.
An Manufakturen wird gar nicht gedacht: die Englnder und Deutschen
versorgen alle Provinzen. In Neapel brauchte ich Strmpfe; die waren
englisch: in Syrakus war nichts Einheimisches zu finden. Ueberall sind
fremde Kaufleute, die mit fremden Artikeln handeln. Man sagt in Neapel
auf allen Straen ganz laut, der Minister verkaufe als Halbbrite die
Nation an die Englnder. Man schreit ber die ffentliche Armuth und die
ffentliche Verschwendung; man lebe von der Gnade der Franzosen und
halte drei Hfe, in Palermo und Kaserta und Wien. Einzeln erzhlte
Vorflle sind emprend. Der Knig ist ein Liebhaber von schnen Weibern.
Das mag er: andere sind es auch, ohne Knige zu seyn. In der Revolution
wurde eine Dame als Staatsverbrecherin mit ergriffen, und das Tribunal
verurtheilte sie zum Tode. Die vornehme interessante Frau appellirte an
den Knig, und ihre Freunde brachten es so weit, da sie zur endlichen
Entscheidung ihres Schicksals nach Palermo geschickt wurde. Der Knig
lebte dort in ihrer Gesellschaft einige Zeit nach der Liebhaber Weise;
endlich drangen die strengen Strafprediger an sein Gewissen: die Frau
wurde nach Neapel zurckgeschickt und -- hingerichtet. Sie erzhlte das
Ganze selbst vor ihrem Tode auf dem Blutgerste. Das ist verhltnimig
eben so schlimm, als die eingesalzenen Nasen und Ohren. Man hat mir
Namen und Umstnde und den ganzen Proze wiederholt genannt.

Die Kassen sind leer, die Offizianten mssen warten, und dabei soll man
Jagdpartien geben, die ber 50,000 neapolitanische Dukaten kosten. Der
General Murat erhielt Geschenke, deren Werth sich auf 200,000 Thaler
belief. Ich wei nicht, wer mehr Unwillen erregt, ob der Knig, oder
Murat? Jener handelt nicht als Knig, und dieser schlecht, als
Republikaner. Anders that Fabricius. Die Ruber streifen aus einer
Provinz in die andere, und plndern und morden, ohne da die Justiz
weiter darnach fragt. Man lt die Leute so gut und so schlecht seyn,
als sie wollen; nun sind der Schlechten fast immer mehr als der Guten,
zumal bei solchen Vernachlssigungen: so ist die Unordnung leicht
erklrt. Die Beschaffenheit des Landes hilft dem Unfuge; die Berge
bergen in ihren Schluchten und Winkeln die Bsewichter, gegen welche die
Regierung keine Vorkehrungen trifft. Ich habe in dem ganzen Reiche keine
einzige militrische Patrouille gesehen, aber Haufen Bewaffnete bis zu
fnf und zwanzig. Diese sollen auch Polizei seyn: aber sie tragen kein
Abzeichen, sind von den Schurken nicht zu unterscheiden, und alle
ehrliche Leute frchten sich vor ihnen.

Ueberhaupt habe ich in Neapel jetzt drei Parteien bemerkt, die Partei
des Knigs und der jetzigen Regierung, zu welcher alle Anhnger des
Knigs und des Ministers gehren; die Partei der Kronprinzen, von dem
man sich ohne vielen Grund etwas Besseres verspricht; und die Partei der
Malkontenten, die keine Hoffnung von Vater und Sohn haben, und glauben,
keine Vernderung knne schlimmer werden. Die letzte scheint die
strkste zu seyn, wei aber nun, da sie von den Franzosen gnzlich
verlassen worden ist, in der Angst selbst nicht, wohin sie den
Gesichtspunkt nehmen soll.

In Rom arbeitet man mit allen Krften an der Wiederherstellung aller
Zweige der Hierarchie und des Feudalsystems: Gerechtigkeit und Polizei
werden schon folgen, so weit sie sich nmlich mit beiden vertragen
knnen. Die Mnche glnzen von Fett, und segnen ihren Heiland Bonaparte.
Das Volk hungert und stirbt, oder flucht und raubt, nachdem es mehr
Energie, oder mehr fromme Eselsgeduld hat. Es wird schon besser werden,
so viel es das System leidet.

In Hetrurien wei man sich vor Erstaunen ber alle die Vernderungen zu
Hause und auswrts noch nicht zu fassen. Die Meisten, da die Menschen
nun doch einmal beherrscht seyn mssen, wnschen sich wieder das sanfte
streichische Joch, wie es unter Leopold war. Die Vernnftigern klagen
leise oder auch wohl laut ber die Anmalichkeit des rmischen Hofes und
die Schwachheit der Regierung; und die hitzigen Polypragmatiker hoffen
auf eine Vernderung diesseits der Berge.

Die italienische Republik windet sich, trotz den Eigenmchtigkeiten und
Malversationen der Franzosen, ihrer Herren Nachbarn, nach und nach aus
der tausendjhrigen Lethargie. Hier war an einigen Orten viel
vorgearbeitet: aber auch das alte Ppstliche erholt sich und wird etwas
humaner. Das Ppstliche diesseits der Apenninen scheint indessen nie so
tief gesunken zu seyn, als in der Nhe des Heiligthums. Weit von dem
Segen war immer etwas besseres Gedeihen. Alles liegt hier noch im Werden
und in der Krise. Die groen Stdte klagen zwar ber Verlust, aber das
platte Land hebt sich doch merklich. Das lt sich wieder sehr leicht
erklren. In Italien scheinen berhaupt die Stdte das Land verzehrt zu
haben, welches wohl weder politisch, noch kosmisch gut ist.

Die Franzosen im Allgemeinen haben sich in Italien gut betragen, so wie
man ihnen das nmliche Zeugni auch wohl in Deutschland nicht versagen
kann. Man erzhlt Beispiele von Aufopferung und Edelmuth, die dem
humanen Zuhrer auerordentlich wohl thun, und seine sympathetische
Natur fr den Gegensatz entschdigen, der sich zuweilen zeigt. Einzelne
Generale, Kommissre und Officiere machen oft grelle Ausnahmen. Unter
den Generalen wird Murat als Erpresser und Plagegeist berall genannt;
und mir ducht, der Augenschein besttigt die Beschuldigung: er wird bei
einem groen Aufwand reich. Ich habe eine ewige Regel, deren Richtigkeit
ich mir nicht abstreiten lasse: Wer in dem Dienst des Staats reich wird,
kann kein Mann von edelm Charakter seyn. Jeder Staat besoldet seine
Diener nur so, da sie anstndig leben und hchstens einen
Sicherheitspfennig sparen knnen: aber zum Reichthum kann es auf eine
ehrenvolle Weise keiner bringen. Es giebt nach meiner Meinung nur zwei
rechtliche Wege zum Reichthum, nmlich Handel und Oekonomie; einige
wenige Glcksflle ausgenommen. Ist der Staatsdiener zugleich
Handelsmann, so hrt er eben dadurch auf, einem wichtigen Posten gut
vorzustehen. Die Kommissre haben einmal das unselige Privilegium, die
Nationen zu betrgen, weil man ihnen unmglich alles genau durchschauen
kann; und die franzsischen sollen es sehr ausgedehnt gebraucht haben.
Emprend ist es fr mich gewesen, wenn ich hrte, da viele franzsische
Officiere frei durch alle Provinzen reis'ten, mit oder ohne Geschft,
sich nach ihrem Range fr sich und ihre Begleitung eine Menge Pferde
zahlen lieen und doch allein gingen und knickerisch nur zwei nahmen,
und das Geld fr die brigen einsckelten. Manche arme Kommune, die kaum
noch Brot hatte, mute bei dergleichen Gelegenheiten exekutorisch ihren
letzten Silberpfennig zusammenbringen, um den fremden, so genannten
republikanischen Wohlthter zu bezahlen. Das nenne ich Vlkerbeglckung!
Man mu bekennen, da die Franzosen selbst ber diese Schndlichkeit
fluchten; aber sie geschah doch oft. Wo Murat als General kommandirt,
fllt so etwas nicht auf; Moreau wrde sich und seine Nation von solchen
Schandflecken zu retten wissen. So viel ich von den Franzosen in Italien
gemeine Soldaten und Unterofficiere gesehen habe, und ich bin manche
Meile in ihrer Gesellschaft gegangen, habe ich sie als gesittet, artig,
bescheiden und sehr unterrichtet gefunden. Sie urtheilten meistens mit
Bndigkeit und Bestimmtheit und uerten durchaus ein so feines Gefhl,
da es mir immer ein Vergngen war, solche Gesellschaft zu treffen. Das
alte vornehme Zotenreien und Fluchen ist sehr selten geworden, und sie
sprechen ber militrische Dispositionen mit einer solchen Klugheit und
zugleich mit einem solchen Subordinationsgeist, da sich nur ein
schlechter Officier andere Soldaten wnschen knnte.

In Ansehung des Physischen ist ein Gang von Triest nach Syrakus und
zurck an den Zricher See, wenn er auch nur flchtig ist, mit vielen
angenehmen Erscheinungen verbunden. Auf der Insel ist das lieblichste
Gemisch des Reichthums aller Naturprodukte, so viel man ohne Anstrengung
gewinnen kann; Orangen aller Art, Palmen, Karuben, Oel, Feigen, indische
und gemeine, Kastanien, Wein, Weitzen, Rei. Bei Neapel werden die
indischen Feigen, die Karuben und Palmen schon selten; diesseits der
Apenninen Oel und Feigen. Die sdliche Seite des Berges, von Florenz
aus, hat noch die herrlichsten Oelpflanzungen; beim Herabsteigen nach
Bologna findet man sie nicht mehr: alles sind Kastanienwlder. In der
Lombardei ist der Trieb ppig an Wein und Getreide; aber alles ist schon
mehr nrdlich. Ein einziger Weinstock macht noch eine groe Laube, und
auf einem einzigen Maulbeerbaume hingen zuweilen sechs Mdchen, welche
Bltter pflckten: aber ein Oelbaum ist schon eine Seltenheit. Die
sdlichen Seiten der Alpenberge geben durch ihre Lage hier und da noch
Frchte des wrmern Erdstrichs, und am Lago maggiore hat man noch
Orangengrten, Olivenpflanzungen und sogar, obgleich nur sprlich,
indische Feigen. Am Tessino herauf trifft man noch Kastanien die Menge
und sehr schne und groe Bume, und bis Ayrolles wchst gutes Getreide.
Dann hrt nach und nach die Vegetation auf. An der Reu diesseits kann
man weit tiefer herabgehen, ehe sie wieder anfngt. Sankt Ursel liegt
vielleicht tiefer als Ayrolles und man hat dort nichts von Getreide.
Kastanien trifft man auf dieser Seite nicht mehr oder nur hchst selten,
und der Nubaum nimmt ihre Stelle ein. Weiter herab ist alles
vaterlndisch.




                                                              _Paris._


Von Zrich hierher ist ein hbsches Stck Weges, und ich schreibe Dir
davon so wenig, als mglich, weil alles ziemlich bekannt ist. Einige
Freunde begleiteten mich den 24sten Juni ein Stndchen von Zrich aus,
und schickten mich unter des Himmels Geleite weiter. Bei Eglisau
begrte ich das erste Mal den herrlichen Rhein und ging von da nach
Schafhausen, blo um den Fall zu sehen. Er hat an Masse freilich weit
mehr, als der Velino; aber ich wre sehr verlegen, welchem ich die
grte malerische Schnheit zugestehen sollte. Dort ist die Natur noch
grer als hier, und der Sturz noch weit furchtbarer. Mir ducht, ich
habe gehrt, ein Englnder habe versucht, den Fall herunterzufahren: und
ich glaube, die Donquischotterie ist allerdings nicht unmglich, wenn
der Flu voll ist. Bei kleinem Wasser wrde man unfehlbar zerschmettert.
Nur mte die Seite von Laufen gewhlt werden; denn die von Schafhausen
wrde ziemlich gewisser Tod seyn. Ich sage nicht, da man nicht auf der
Unternehmung umkommen knne: aber gesetzt, ich wrde auf der Seite von
Laufen oben verfolgt und she keine Ausflucht, so wrde ich kein
Bedenken tragen, mich in einem guten Boot den Fall hinabzuwagen und
wrde meine Rettung nicht unwahrscheinlich finden. In der Krone in
Schafhausen war sehr gute Gesellschaft von Kaufleuten, Kommissren und
Englndern.

Den 25sten stach ich in den Breisgau herber. Laufenburg, wo ich die
Nacht blieb, ist ein rmlicher Ort, wo der Rhein einen zweiten kleinen
nicht so gefhrlichen Fall bildet: doch ist auch dieser Schu zwischen
den Felsen sehr malerisch. Weiter hin stehen in den Drfern noch
Franzosen bis zum Austrag der Sache, und die Einwohner sind in
Verzweiflung ber den Druck von allen Seiten. Blo unsere geringe Anzahl
verhindert uns, sagte man mir laut, gewaltsame Mittel zu unserer
Befreiung zu versuchen. Die Franzosen mssen hier sehr schlechte,
abscheuliche Mannszucht halten: denn ich habe wiederholt erzhlen hren,
da sie durchreisende Weiber mit Gewalt hinauf in den Wald zur
Mihandlung schleppen. An den Eingeborenen wagen sie sich nicht zu
vergreifen, weil sie unfehlbar todtgeschlagen wrden, es entstnde
daraus was wolle: diese Unordnung frchten sie doch. Jeder Einquartierte
mu tglich zwei Pfund Brot, ein Pfund Fleisch und eine Flasche Wein
erhalten. Seit einiger Zeit mssen die Wirthe fr den Wein zehn Kreuzer
tglich bezahlen: dafr werden den Soldaten Kittel angeschafft. Das ist
denn doch fr die groe Nation verchtlich klein. Dieses ist heute den
26sten Juni unseres Jahres 1802; und der Kommandant der Truppen mag
seine Ehre retten, wenn er kann: ich sage, was ich vielfltig gehrt
habe.

Die Gegend am Rhein herunter ist fast durchaus schn, und besonders bei
Rheinfelden. In Basel am Thore lud man mich zum Kriegsdienste der
Spanier ein, die hier fr junges Volk von allen Nationen freie Werbung
hatten, ausgenommen die Franzosen und Schweizer. Mir war das nicht
unlieb, ob ich gleich die Ehreneinladung bestimmt ausschlug: denn es
zeigt wenigstens, ich sehe noch aus, als ob ich eine Patrone beien und
mit schlagen knne. Im wilden Manne war die Gesellschaft an der
Wirthstafel ziemlich zahlreich und sehr artig. Der franzsische
Kommandant, zu dem ich wegen meines Passes ging, war freundlich und
hflich. Der preuische Pa war in Mailand revidirt worden, und der
General Charpentier hatte daselbst blo darauf geschrieben, da er durch
die Schweiz nach Paris gltig sei. In Basel wies man mich an den ersten
Grenzposten, ungefhr noch eine Stunde vor der Stadt. Als ich dort
ankam, sah der Officier nur flchtig hinein, gab ihn zurck und sagte:
^Vous tes bien en rgle. Bon voyage!^ und seitdem bin ich nirgend
mehr darnach gefragt worden. So wie ich in das franzsische Gebiet trat,
war alles merklich wohlfeiler und man war durchaus hflicher und
artiger. In einem Dorfe nicht weit von Belfort hielt ich eine herrliche
Mittagsmahlzeit mit Suppe, Rindfleisch, Zwischengericht, Braten,
zweierlei Dessert und gutem Wein und zahlte dafr dreiig Sols. Dafr
htte ich jenseits der Alpen wenigstens dreimal so viel bezahlen mssen.
Den nmlichen Abend, vier Meilen von Basel, zahlte ich fr ein recht
gutes Quartier mit Zehrung nur sechsundvierzig Sols. So ging es
verhltnimig immer fort; und auch nicht viel theurer ist es in Paris.
Mir thut die Humanitt und das allgemeine Wohlbefinden besser, als der
wohlfeile Preis. Man spricht dort noch etwas deutsch und Leute von
Erziehung bemhen sich, beide Sprachen richtig und angenehm zu reden.
Das Dorf war ziemlich gro und als ich gegen Abend noch einen Gang an
den Grten und Wiesen hin machte, hrte ich in der Ferne an einem
kleinen buschigen Abhange einen Gesang, der mich lockte. Das war mir in
ganz Italien nicht begegnet; und als ich nher kam, hrte ich eine
schne einfache lndliche Melodie zu einem deutschen Texte, den ich fr
ein Gedicht von Matthison hielt. Die Sngerinnen waren drei Mdchen, die
man wohl in der Abendrthe fr Grazien htte nehmen knnen. Die Zuhrer
mehrten sich und ich war so heimisch, als ob ich an den Ufern der Saale
gesessen htte.

Nun ging ich ber Besanon und Auxonne nach Dijon herunter. Es war ein
Vergngen zu wandeln; berall sah man Flei und zuweilen auch Wohlstand.
Wenigstens war nirgends der drckende Mangel und die exorbitante
Theurung, die man jenseits der Alpen fand: und doch hatte hier die
Revolution gewthet und der Krieg gezehrt. Besanon ist wohl mehr ein
Waffenplatz, als eine Festung. Der Ort ist seit Csars Zeiten immer ein
wichtiger Posten gewesen. Aber bei einer Belagerung wrde jetzt die
Stadt bald zu Grunde gehen und der Ort sich kaum halten. In Auxonne
wurden alle Festungswerke niedergerissen, und jedermann ging und ritt
und fuhr ungehindert und ungefragt aus und ein. Das fand ich selbst
gegen die Schweiz sehr liberal. Einen Abend blieb ich in Genlis, dem
Gute der bekannten Schriftstellerin. Die Besitzung ist sehr nett, aber
sehr bescheiden; und die Dame wird, trotz allem, was ihre Feinde von ihr
sagen, hier sehr geliebt.

Dijon hat ungefhr eine Stunde im Umfange und rund um die Stadt einen
ziemlich angenehmen Spaziergang. Der Ort empfindet die Folgen der
Revolution vor allen brigen, weil sie hier vorzglich heftig war. Die
Leute wissen bis jetzt vor Angst noch nicht, wo sie mit ihrer Stimmung
hin sollen: die Meisten scheinen knigisch zu seyn. Mein Wirth, der sehr
hflich mit mir herumlief, erzhlte mir in langen Klagen den ganzen
Verlauf der Sachen in ihrer Stadt, und die schreckliche Periode unter
Robespierre, wo viele brave Leute theils guillottinirt wurden, theils in
den Gefngnissen vor Angst und Gram starben. Die Sache hat freilich
mehrere Seiten. Viele scheinen nur das Anhngsel der ehemaligen Reichen
vom Adel und der Geistlichkeit zu machen; diese knnen allerdings bei
keiner vernnftigen Einrichtung gewinnen. Alle groe Stdte, die nicht
auf Handel, Fabriken und Industrie beruhen, die Hauptstadt ausgenommen,
mssen durch die Vernderung nothwendig verlieren, da die
Parlamentsherren, der reiche Adel und die reiche Geistlichkeit nicht
mehr ihr Vermgen daselbst verzehren. Aber dewegen ist dieses noch kein
wesentlicher Verlust fr die Nation. Der Park des Prinzen Cond vor dem
Petersthore ist jetzt verkauft und ein ffentlicher Belustigungsort. Im
Ganzen ist die Stadt sehr todt.

Von Dijon fuhr ich, weil mir das Wetter zu hei ward, mit dem Courrier
nach Auxerres und von dort mit der Diligence nach Paris. Auxerres ist
eine Mittelstadt, aber ziemlich lebhaft, wenigstens weit lebhafter, als
Dijon. Zum Friedensfeste hatte man an dem Boulevardkaffee der Hebe einen
Tempel aufgefhrt, der der franzsischen Kunst eben keine Ehre macht.
Die Gesellschaft war aber angenehm und die Bewirthung gut und billig.
Die Wirthin, ein Prototyp der alten cht franzsischen Hflichkeit und
Gutherzigkeit, setzte sich zu mir in die Gartenlaube, hielt mir bei
Gelegenheit der Bezahlung einen langen Unterricht ber den Geldkurs, und
gab mir Warnungen, damit ich als Fremder mit der Mnze nicht betrogen
wrde; welches indessen, zur Ehre der Nation, nur sehr selten geschehen
ist. In Italien war der Fall hufiger, und auch in der Schweiz.

Die Gesellschaft in der Diligence war besser, als der einsylbige
Courrier von Dijon. Ein alter General von der alten Regierung, ein
fremder Edelmann aus der Schweiz, ein Landpfarrer, der zugleich
Mediciner war, ein Kaufmann, ehemals Adjutant des Generals Lecourbe, ein
Gelehrter von Auxerres, der vorzglich in der Oekonomie stark zu seyn
schien und einige andere Unbekannte machten eine sehr bunte
Unterhaltung. Ich sa zwischen dem Geistlichen und dem Gelehrten im
Fond, und vor mir der General auf dem Mittelsitze. Der General hatte
ehemals in Domingo kommandirt, wre fast bei seiner Rckkehr in Brest
guillotinirt worden, und nur die Intervention vieler angesehener
Kaufleute hatte ihn gerettet, die seiner politischen Orthodoxie in der
damaligen Zeit das beste Zeugni gaben. Der Geistliche war ausgewandert
gewesen und hatte als Arzt einige Zeit auf der Grnze gelebt, war aber
mit vieler Klugheit zu rechter Zeit zurckgekommen und hatte seitdem
nach dem Winde lavirt. Jetzt zeigte er nun wieder mehr seinen
eigentlichen Geist. Er war ein Mann von vielen Kenntnissen und vielem
Scharfsinn und vieler Verbindung mit den ehemaligen Groen; also
allerdings kein Plattkopf, sondern ein Spitzkopf.

Er erzhlte, als ob das so seyn mte, eine Menge heilige Schnurren
seiner Jugend, die sogar in seinem eigenen Munde zwar unterhaltend, aber
eben nicht salbungsreich waren. So war er bei Sens einmal als falscher
Bischof gereist und hatte falsche Officialien gehalten, und man hatte
sich todt gelacht, als er den Spa entdeckte. Ein andermal hatte er
einst als Chorschler gesehen, da ein Bauer seinem Beichtvater einen
groen, schnen Karpfen brachte und ihn unterdessen in den Weihkessel
setzte. Schnell stahl ihn der Hecht mit seinen Gesellen zum Frhstck,
und hatte seine groe Freude, als der absolvirte Bauer kam und in und
unter dem Weihkessel umsonst den eingesetzten Karpfen suchte, um ihn nun
in die Kche des geistlichen Herrn abzuliefern. Dergleichen Schnurren
hatte er zu Dutzenden, und erzhlte sie besser, als ich. Noch eine
Drolerie zeichnete sich aus, aus der alten franzsischen Geschichte. Es
lebte unweit Sens ein Kanzler von Frankreich auf seinen Gtern, und war
als sehr guter Haushalter bekannt. Einst kommt ein Bauer von seinem Gute
in die Beichte und beichtet, er habe dem Kanzler die Perrcke gekmmt.
Nun, seid ihr denn ein Perrckenmacher? fragte der Beichtvater. --
Nein; ich habe sie ihm nur so gekmmt. -- Das sind Possen; die knnt
ihr knftig bleiben lassen: was gehn euch des Kanzlers Perrcken an? --
Dieser geht mit der Absolution fort und ein anderer kommt und beichtet,
er habe dem Kanzler die Perrcke gekmmt. Die nmliche Snde, der
nmliche Verweis, die nmliche Vergebung: da kommt ein dritter mit der
nmlichen Beichte. Da fllt dem geistlichen Herrn pltzlich auf, das
msse eine ganz eigene Kmmerei seyn. Die Vorhergehenden hielten in der
Kirche noch etwas Andacht; ^coutez donc, Messieurs les perruquiers^,
ruft er ihnen zu, ^venez encore en peu ici! il y a encore  peigner^.
Was hat das fr ein Bewandtni mit der Perrcke? Nun erklrte denn das
beichtende Kleeblatt, der Kanzler habe sehr schne Heuschober drauen
auf der Wiese stehen, und sie gingen zuweilen mit dem Rechen hinaus und
zgen rund herum bedchtig herunter, da es niemand merkte: das nennten
sie des Kanzlers Perrcke kmmen. Die neue Manier die Perrcke zu
behandeln wurde also nun scharf gergt, untersagt und schwer verpnt.

Nun fing der Herr an im Ernst sehr fromm zu erzhlen, was die heiligen
Reliquien hier und da in der Nachbarschaft von Paris wieder fr Wunder
thten, und dem Himmel zu danken, da man endlich wieder anfange an die
allerheiligste Religion zu denken und sie nun wieder wagen drfe, ihr
Haupt empor zu heben. Er erzhlte wenigstens ein halbes Dutzend ganz
nagelneue Wunder, von denen ich natrlich keins behalten habe. Er selbst
hatte mit heiem, heiligem Eifer ^Un abrg prcis sur la vrit de la
religion chrtienne^ geschrieben, so hie, glaube ich, der Titel, und
das Buch dem Kardinal Caprara zugeschickt. Nach dem Tone zu urtheilen,
kann ich mir die Grnde denken. Der Kardinal habe ihm, wie er sagte, ein
schnes Belobungsschreiben gegeben und ihn aufgemuntert, in seinem Eifer
muthig fortzufahren. Einen komplettern Beweis fr die Wahrheit in dem
Buche kann man nun fglich nicht verlangen, als das Urtheil und den
Stempel des Kardinals Caprara.

Nun wurde von den alten Zeiten gesprochen, die Ceremonien und
Feierlichkeiten des Hofs beschrieben und nicht ganz leise angedeutet,
da man die glckliche Rckkehr derselben bald hoffe. Der geistliche
Herr, der den Sprecher machte und wirklich gut sprach, erhob nun
vorzglich die Mtressen der Knige von Frankreich, von der schnen
Gabriele bis zur Pompadour und weiter herunter. Es wurde dabei das
Ehrengesetz der Galanterie nicht vergessen: ^Les rois ne font que des
princes^, ^les princes font des nobles et les nobles des roturiers.^ Er
behauptete aus gar nicht unscheinbaren Grnden, da alle diese Damen
sehr gutmthige Geschpfe gewesen, und ich bin selbst der Meinung, da
sie dem Reiche weit weniger Schaden zugefgt haben als die Minister und
die Knige selbst, deren Schwachheiten gegen beide oft unerhrt waren.
Nur klang die Apologie aus dem Munde eines sehr orthodoxen Geistlichen
etwas drollig. Gegen Bonaparte hatte er weiter nichts, als da er zu
schnell gehe, da man aber von dem groen Manne noch nicht urtheilen
drfe. Da hatte ich denn freilich gesndigt; denn ich hatte nun leider
einmal geurtheilt. Das Urtheil ber ffentliche Mnner, es mag nun wahr
oder falsch seyn, kommt nie zu frh, aber oft zu spt. Mit frommer
Andacht meinte er noch, ^que Bonaparte seroit le plus grand homme de
l'univers et de toute l'histoire^, ^s'il mettoit en se retirant le vrai
rejetton sur le trne^. Schwerlich wird der Konsul den Pfarrer zu seinem
geheimen Rath machen. Das alles wurde ohne viele Vorsicht ffentlich in
der Diligence geuert: Du siehst, da sich die Fahne sehr gedreht hat.
Man sagte laut, da die Mehrheit den Knig wnsche, und ihre
Zuchtmeister mgen ihnen wohl den Wunsch ausgepret haben. Die Generale
nannte man nur ^les mangeurs de la rpublique^, und das ohne Zweifel mit
Recht.

Unter diesen und andern Ventilationen kamen wir den 6. July in Paris an,
wo man mich in das ^Htel du Nord^ in der Strae Quincampoi brachte, wo,
wie ich hre, der berchtigte Law ehemals sein Wesen oder Unwesen trieb.
Das war mir zu entfernt von den Pltzen, die ich besuchen werde. Mein
erster Gang war Freund Schnorr aufzusuchen[15]. Ich fand mit der Adresse
sogleich sein Haus und hrte zu meinem groen Leidwesen, da er vor
sieben Tagen schon abgereist war. Seine Stube war aber noch leer, der
Colonnade des Louvre gegenber; ich zog also wenigstens in seine Stube;
und aus dieser schreibe ich Dir, in der Hoffnung Dich bald wieder zu
sehen; denn meine Brse wird mich bald genug erinnern, die vterlichen
Laren zu suchen.




                                                              _Paris._


Es wrde anmalich seyn, wenn ich Dir eine groe Abhandlung ber Paris
schreiben wollte, da Du davon jeden Monat in allen Journalen ein Dutzend
lesen kannst. Mein Aufenthalt ist zu kurz; ich bin nur ungefhr vierzehn
Tage hier und mache mich schon wieder fertig abzusegeln.

Nach Paris kam ich ohne alle Empfehlung, ausgenommen ein Papierchen an
einen Kaufmann wegen meiner letzten sechs Dreier. Ich habe nicht das
Introductionstalent, und im Allgemeinen auch nicht viel Lust, mich
sogenannten groen Mnnern zu nahen. Man opfert seine Zeit, raubt ihnen
die ihrige und ist des Willkommens gewi; trifft sie vielleicht selten
zur schnen Stunde, und htte mehr von ihnen gehabt, wenn man das erste
beste ihrer Bcher, oder ihrer ffentlichen Verhandlungen vorgenommen
htte. Das ist der Fall im Allgemeinen; es wre schlimm, wenn es nicht
Ausnahmen gbe. Mir ducht, man ist in dieser Rcksicht auch zuweilen
sehr unbillig. Man erwartet, oder verlangt vielleicht sogar von einem
berhmten Schriftsteller, er solle in seiner persnlichen Erscheinung
dem Geist und dem Witz in seinen Bchern gleich kommen, oder ihn noch
bertreffen; und man bedenkt nicht, da das Buch die Quintessenz seiner
angestrengtesten Arbeiten ist, und da die gesellschaftliche
Unterhaltung ein sonderbares Ansehen gewinnen wrde, wenn der Mann
bestndig so in Geburtsnoth seyn sollte. Die Zumuthung wre grausam, und
doch ist sie nicht ungewhnlich. Es giebt zuweilen glckliche Geister,
deren mndlicher extemporrer Vortrag besser ist, als ihre gesichtetste
Schrift; aber dieses kann nicht zur Regel dienen.

Ich ging zu Herrn Millin, weil ich dort Briefe zu finden hoffte. Diese
fand ich zwar nicht, aber man hatte ihm meinen Namen genannt, und er
nahm mich sehr freundlich auf; und ich bin, so wie ich ihn nun kenne,
versichert, ich wrde auch ohne die freundlich aufgenommen worden seyn.
Millin ist fr die Fremden, die in literrischer Absicht Paris besuchen,
eine wahre Wohlthat. Der Mann hat eine groe Peripherie von Kenntnissen,
die chte franzsische Heiterkeit, selbst eine schne Bchersammlung in
vielen Fchern und aus vielen Sprachen, und eine seltene Humanitt.
Mehrere junge Deutsche haben den Vortheil, in seinen Zimmern zu arbeiten
und sich seines Raths zu bedienen. Ich habe ihn oft und immer gleich
jovialisch und gefllig gesehen. Auf der Nationalbibliothek herrscht
eine musterhafte Ordnung und eine beispiellose Geflligkeit gegen
Fremde. Da in der ffentlichen Gerechtigkeit groe Lcken sind, ist
bekannt, und da ihre gepriesene Freiheit tglich prehafter wird,
leidet eben so wenig Zweifel. Ich hatte selbst ein Beispielchen. Die
Kaiserin Katharina die Zweite hatte dem Papst Pius dem Sechsten ein
Geschenk mit allen russischen Goldmnzen gemacht; schon der Metallwerth
mu betrchtlich gewesen seyn. Diese lagen mit den brigen Schtzen im
Vatikan. Die Franzosen nahmen sie weg, um sie nach Paris zu den brigen
Schtzen zu bringen. In Rom sind sie nicht mehr; aber dewegen sind sie
nicht in Paris. Man sprach davon; ich fragte darnach. -- Sie sind nicht
da. -- Aber sie sollten da seyn. -- Freilich. -- Wer hat denn die
Besorgung gehabt? -- Man schwieg. -- Der Kommissr mu doch bekannt
seyn. -- Man antwortete nicht. -- Warum untersucht man die Sache
nicht? -- Man zuckte die Schultern. -- Aber das ist ja nichts mehr als
die allergewhnlichste Gerechtigkeit und die Sache der Nation, ber die
jeder zu sprechen und zu fragen befugt ist. -- Wenn die Herren an der
Spitze, sagte man leise, die doch nothwendig davon unterrichtet seyn
mssen, es nicht thun, und es mit Stillschweigen bergehen -- wer will
es wagen? -- Wagen, wagen! brummte ich; so so, das ist schne
Gerechtigkeit, schne Freiheit! Meine Worte und mein Ton setzten die
Leutchen etwas in Verlegenheit; und es schien, ich war wirklich seit
langer Zeit der Erste, der nur so eine Aeuerung wagte. Wo keine
Gerechtigkeit ist, ist keine Freiheit; und wo keine Freiheit ist, ist
keine Gerechtigkeit; der Begriff ist eins; nur in der Anwendung verirrt
man sich, oder vielmehr man sucht andere zu verwirren.

In dem Saale der Manuscripte arbeiten viel Inlnder und Auslnder, und
unter andern auch Doctor Hager an seinem chinesischen Werke. Ich lie
mir den Plutarch von Sankt Markus in Venedig geben, um doch auch ein
gelehrtes Ansehen zu haben, bin aber nicht weit darin gekommen. Es wird
mir sauer, dieses zu lesen, und ich nehme lieber den Homer von Wolf,
oder den Anakreon von Brunk, wo mir leicht und deutlich alles vorgezogen
ist. In der Kupferstichsammlung hngt an den Fenstern herum eine
gezeichnete Kopie von Raphaels Psyche aus der Farnesina; aber sie
gewhrt kein auerordentlich groes Vergngen, wenn man das Original
noch in ganz frischem Andenken hat.

Mein erster Gang, als ich ins Museum im Louvre kam, war zum Laokoon. Ich
hatte in Dresden in der Mengsischen Sammlung der Abgsse und in Florenz
bei der schnen Kopie des Bandinelli einen Zweifel aufgefangen, den man
mir dort nicht lsen konnte. Man sagte mir, es sei so im Original; und
das konnte ich nicht glauben, oder ich beschuldigte den alten groen
Knstler eines Fehlers. Die Sache war: das linke Bein, um welches sich
an der Wade mit groer Gewalt die Schlange windet, war im Abgu und in
der Marmorkopie durchaus gar nicht eingedrckt. Ich wei wohl, da die
groe Anstrengung der Muskeln einen tiefen Eindruck verhindern mu: aber
eine solche Bestie, wie diese Schlange war, und auf dem Kunstwerk ist,
mute mit ihrer ganzen Kraft der Schlingung den Eindruck doch ziemlich
merklich machen. Hier sah ich die Ursache der Irrung auf einen Blick.
Das Bein war an der Stelle gebrochen, und so auch die Schlange; man
hatte die Stcke zusammengesetzt: aber eine kleine Vertiefung der Wade
unter der Pressung war auch noch im Bruche sichtbar. Beim Abgu und der
Kopie scheint man darauf nicht geachtet zu haben, und hat die Wade im
Druck der Schlange so natrlich voll gemacht, als ob sie nur durch einen
seidenen Strumpf gezogen wrde. Ich berlasse das Deiner Untersuchung
und Beurtheilung; mir kommt es vor, als ob die so verschnerte Wade
dewegen nicht schner wre.

Den Apollo von Belvedere will man jetzt, wie ich hre, zum Nero, dem
Sieger machen. Klassische Stellen hat man wohl fr sich, da Nero in
dieser Gestalt existirt haben knne; es kommt nur darauf an, da man
beweise, er sei es wirklich. Es wre Schade um das schne, hohe Ideal
der Knstler, wenn seine Schpfung eine solche Veranlassung sollte
gehabt haben. Indessen bin ich fast in Gefahr, in der Miene und
besonders um den Mund des Gottes etwas Neronisches zu finden. Der
Musaget gefllt mir nicht, so wenig als einige seiner Mdchen: aber
dafr sind andere dabei, die hohen Werth haben. Unter der Gesellschaft
steht ein Sokrateskopf, nach welchem Raphael den seinigen in seiner
Schule gemacht haben soll. Wie knnte ich Dir den Reichthum beschreiben,
den die Franken hergebracht haben! Ich wollte nur, die Mediceerin wre
auch da, damit ich doch das Wunderbild sehen knnte. Vorzglich
beschftigten mich einige Geschichtsstaten und Geschichtskpfe,
meistens Rmer; und vor allen die beiden Brutus, die man links am
Fenster in ein ziemlich gutes Licht gesetzt hat, welches im Ganzen nicht
der Fall ist; denn die meisten Kunstwerke, selbst der Laokoon und der
Belvederische Apoll, stehen schlecht. Ich bin oft in dem Saale auf und
ab gewandelt, und habe links und rechts die Schtze betrachtet; aber ich
kam immer wieder zu den Kpfen und vorzglich zu diesen Kpfen zurck.
Ich gestehe Dir meine Schwachheit, da ich lieber Geschichtskpfe sehe,
als Ideale: und auch unter den Idealen finde ich mehr Portrts und
Geschichte, als die Knstler vielleicht zugestehen wollen.

Die Gemldesammlung oben ist verhltnimig noch reicher und kostbarer,
als der Antikensaal unten; aber die Ordnung und Aufstellung ist
vielleicht noch fehlerhafter. Wenige Stcke, ausgenommen der groe
Vordersaal, haben ein gutes Licht. Die Madonna von Foligno war bei
Madonna Bonaparte, und die Transfiguration war verschlossen unter den
Hnden der Restauratoren: ich habe sie also nicht gesehen. Dafr war ich
so glcklich, den Saal der Zeichnungen offen zu treffen. Wie sehr
bedauerte ich, da Schnorr nicht mehr hier war! er wre hier in seinem
eigentlichen Element gewesen. Das Wichtigste darunter ist doch wohl auf
alle Flle die vllig ausgearbeitete Skizze Raphaels von seiner Schule,
mir ducht, fast so gro, wie das Gemlde selbst. Er hat bekanntlich
nachher im Vatikan in der Arbeit einige wenige Vernderungen gemacht.
Ich geno, und lie die andern gelehrt vergleichen; nahm hier wieder den
Sokrates und Diogenes und Archimedes. Im nmlichen Saale sah ich auch
die Vasen und einige Tische. Die bekannte Mengsische Vase mit der
doppelten griechischen Aufschrift zeichnet sich durch Schnheit vor den
meisten brigen aus. Da die eine Inschrift [Griechisch: Depas] heit,
ist die hchste Wahrscheinlichkeit: aber die Entzifferung der andern
beruht wohl nur auf Konjektur des Gegenstandes; denn man knnte aus den
Zgen eben so gut [Griechisch: Korakas], als [Griechisch: epauso]
machen. Die Vermuthung ist indessen sinnreich, wenn sie auch nicht
richtig seyn sollte. Vielleicht giebt irgend eine Stelle eines alten
Schriftstellers einigen Aufschlu darber.

Ich hatte gewnscht, David zu sehen, hrte aber in Paris so viel
Problematisches ber seinen Charakter, da mir die Lust verging. Ich sah
ihn nur ein einziges Mal in seinem kleinen Garten am Louvre, und sein
Anblick lud mich nicht ein, ihm nher zu kommen. Das that mir leid, denn
ich finde in dem Manne sonst Vieles, was mich hingezogen htte. Aber
reine Moralitt ist das Erste, was ich von dem Manne fordere, den ich zu
sehen wnschen soll. Vielleicht thut man dem strengen, etwas finstern
Knstler auch etwas zuviel; desto besser fr ihn und fr uns Alle! Sein
Sohn hatte die Hflichkeit mich in das Atelier seines Vaters zu fhren,
wo Brutus der Alte steht, ein herrliches Trauerstck. Man nennt es hier
nur die Reue des Brutus, und ich begreife nicht, wie man zu dieser Idee
gekommen ist. Die Leichen der jungen Menschen werden eben
vorbeigetragen, der weibliche Theil der Familie unterliegt dem Gewicht
des Schmerzes, die Mutter wird ohnmchtig gehalten. Diese Gruppirung ist
schn und pathetisch. Der alte Patriot sitzt entfernt in der Tiefe
seines Kummers; er fhlt ganz die Verwaisung seines Hauses. Die ist,
nach meiner Meinung die ganze Deutung des Stcks. Reue ist nicht auf
seinem Gesichte, und kann, so viel ich wei, nach der Geschichte nicht
darauf seyn. Diese Arbeit hat mir besser gefallen als die Sabinerinnen,
welche in einem abgelegenen Saale fr 36 Sols Entre gezeigt werden. Ich
wei nicht, ob David es nthig hat, sich Geld zahlen zu lassen: aber die
Methode macht weder ihm, noch der Nation Ehre. Ich hatte nichts gezahlt,
weil mich sein Sohn fhrte. Es thut mir in seine und jedes guten
Franzosen Seele leid, da die Kunst hier so sehr merkantilisch ist.
Ueber das Stck selbst schweige ich, da ich im Ganzen der Meinung der
andern deutschen Beurtheiler bin.

In Versailles war ich zweimal; einmal allein, um mich umzusehen; das
zweitemal in Gesellschaft mit Landsleuten, als die Wasser sprangen. In
Paris sah man Alles unentgeltlich, und berall war zuvorkommende
Geselligkeit: in Versailles war durchaus eine Begehrlichkeit, die gegen
die Pariser Humanitt sehr unangenehm abstach. Ich zahlte einem
Lohnlakei fr zwei Stunden einen kleinen Thaler; darber murrte er und
verlangte mehr. Ich gab dem Mann in den ehemaligen Zimmern des Knigs
dreiig Sols; dafr war er nicht hflich. Alles war theurer und
schlechter und alle Gesichter waren mrrischer. Das scheint mir nun so
die eingewurzelte Natur des alten Hofwesens zu seyn. Du wirst mir die
Beschreibung der Herrlichkeiten erlassen. Unten das Naturalienkabinet
ist sehr artig, und enthlt mehrere Kuriositten, mu aber freilich viel
verlieren, wenn man einige Tage vorher den botanischen Garten in Paris
gesehen hat. Eine eigene Erscheinung ist in dem hintersten Zimmer eine
Zusammenhufung der Idole der verschiedenen Kulten des Erdbodens.
Darunter stand auch das Kreuz und mich wundert, da man es nach
Abschlieung des Konkordats noch nicht wieder von hier weggenommen hat,
da es doch sonst durchaus wieder in seine Wrde gesetzt ist. Die Gemlde
auf den Slen oben sind alle aus der franzsischen Schule, und es sind
viele Stcke darunter, die durch Kunst und noch mehr durch
Geschichtsbeziehung interessant sind. Der Garten und vorzglich die
Orangerie wird in guter Ordnung gehalten. Sie ist schn, und es ist wohl
wahrscheinlich, was man sagt, da Bume dabei sind, die schon unter
Heinrich dem Vierten hier gestanden haben. Die Partien nach Trianon
hinber sind noch eben so schn, als sie vor zwanzig Jahren waren. Die
Versailler, welche unstreitig von allen am meisten durch die Revolution
verloren haben, und bei denen das monarchische Wesen vielleicht noch am
festesten sitzt, schmeicheln sich, da der Hof wieder hierher kommen
werde, damit sie doch nicht gnzlich zu Grunde gehen. Das ist geradezu
ihre Sprache und ihr Ausdruck; und sie haben wohl daran nicht Unrecht.
Wenn sie vom Grokonsul sprechen, nennen sie sein Gefolge seinen Hof;
und wenn man die Sache recht ohne Vorurtheil nimmt, ist er absoluter und
despotischer, als irgend ein Knig von Frankreich war, von Hugo Capet
bis zum letzten unglcklichen Ludwig. Jetzt wird St. Cloud fr ihn
eingerichtet.

Gestern habe ich ihn auch endlich gesehen, den Korsen, der der groen
Nation mit zehnfachem Wucher zurckgiebt, was die groe Nation seine
kleine seit langer Zeit hat empfinden lassen. Es war der vierzehnte Juli
und ein groes Volksfest, wo der ganze Pomp der seligen Republik hinter
ihm herzog. Frh hielt er groe Parade auf dem Hofe der Tuilerien, wo
alles Militr in Paris und einige Regimenter in der Nachbarschaft die
Revue passirten. Ich hatte daher Gelegenheit, zugleich die schnsten
Truppen von Frankreich zu sehen. Die Konsulargarde ist unstreitig ein
Corps von den schnsten Mnnern, die man an einem Orte beisammen denken
kann: nur kann ich mir in den franzsischen Soldaten, ich mag sie
besehen, wie ich will, immer noch nicht die Sieger von Europa
vorstellen. Wir sind mehr durch den Geist ihrer Sache und ihren hohen
Enthusiasmus, als durch ihre Kriegskunst, geschlagen worden. Die
taktische Methode des Tiraillirens, die aber vielleicht nur der
Ueberlegene an Anzahl brauchen kann, hat das Ihrige auch gethan. Von
Bonaparte sollte ich wohl lieber schweigen, da ich nicht sein Verehrer
bin. Einen solchen Mann sieht man auf zweihundert Meilen vielleicht
besser, als auf zehn Schritte. Es scheint aber in meinem Charakter zu
liegen, Dir ber ihn etwas zu sagen; und das will ich denn mit Offenheit
thun. Ich bin keines Menschen Feind, sondern nur der Freund der
Wahrheit, Freiheit und Gerechtigkeit. Neid und Herabsetzungssucht sind
meiner Seele fremd; ich nehme immer nur die Sache. Ich bin dem Manne von
seiner ersten Erscheinung an mit Aufmerksamkeit gefolgt, und habe seinen
Muth, seinen Scharfblick, seine militrische und politische Gre nie
verkannt. Problematisch ist er mir in seinem Charakter immer gewesen,
und ist es jetzt mehr, als jemals, wenn man ihn nicht geradezu verdammen
soll. Bis auf den Tag von Marengo, wo ihn Desaix's Tod aus den
republikanischen Grenzen heraushob, hat er als Republikaner im
Allgemeinen handeln mssen: seitdem hat er nichts mehr im Sinne eines
Republikaners gethan.

Als er aus Aegypten kam, trat er die Krise seines Charakters an. Wir
wollen sehen, was er in Paris thut, dachte ich, und dann urtheilen. Ich
tadle ihn nicht, da er das Direktorium strzte: es war keine Regierung,
die unter irgend einem Titel die Billigung der Vernnftigen und
Rechtschaffenen htte erhalten knnen. Ich tadle ihn nicht, da er so
viel als mglich in der wichtigen Periode das Ruder des Staats fr sich
in die Hnde zu bekommen suchte: es war in der Vehemenz der Faktionen
vielleicht das einzige Mittel, diese Faktionen zu stillen. Aber nun
fngt der Punkt an, wo sein eigenster Charakter hervorzutreten scheint.
Seitdem hat er durchaus nichts mehr fr die Republik gethan, sondern
Alles fr sich selbst -- eben da er aufhren sollte, irgend etwas mehr
fr sich selbst zu thun, sondern Alles fr die Republik. Jeder Schritt,
den er that, war mit herrlich berechneter Klugheit vorwrts fr ihn, und
fr die Republik rckwrts. Land gewinnen heit nicht die Republik
befestigen. Die erste Konstitution zeigte zuerst den Geist, den er
athmen wrde. Sie wurde mit dem Bajonett gemacht, wie fast alle
Konstitutionen. Es that mir an diesem Tage wehe fr Frankreich und fr
Bonaparte. Das Schicksal hatte ihm die Macht in die Hnde gelegt, der
grte Mann der Weltgeschichte zu werden: er hatte aber dazu nicht
Erhabenheit genug und setzte sich herab, mit den brigen Groen auf
gleichen Fu. Er ist grer, als die Dionyse und Cromwelle; aber er ist
es doch in ihrer Art, und erwirbt sich ihren Ruhm. Da er nicht sah, da
seine Konstitution die neue Republik zertrmmern und dem vollen
Despotismus die Wege bahnen wrde, das lt sich von seinem tiefen Blick
nicht denken: und ber seine Absichten mag ich nicht Richter seyn. Ich
habe wider das Konsulat nichts, nichts wider das erste Konsulat. Aber
seine Macht war sogleich zu exorbitant, und die Dauer war nicht mehr
republikanisch. Ich gebe zu, da die Dauer der rmischen Magistraturen
von einem Jahre zu kurz war, zumal bei der Unbestimmtheit und
Schlaffheit ihrer Gesetze ^de ambitu^; aber die Dauer der neuen
franzsischen von zehn Jahren war zu lang. Der letzte Sto war, da der
alte Konsul wieder gewhlt werden konnte. Ein Mann, der fast zehn Jahre
lang eine fast grenzenlose Gewalt in den Hnden gehabt hat, mte ein
Bldsinniger, oder schon ein ffentlicher, verchtlicher Bsewicht seyn,
wenn er nicht Mittel finden sollte, sich wieder whlen zu lassen, und
sodann nicht Mittel, die Wahl zum Vortheil seiner Kreaturen zu
beherrschen. Kleine Bedienungen mgen und drfen in einer Republik
lebenslnglich seyn; wenn es aber die groen sind, geht der Weg zur
Despotie. Das lehrt die Geschichte. Ich htte nicht geglaubt, da es so
schnell gehen wrde; aber auch dieses zeigt den Charakter der Nation.
Fast sollte man glauben, die Franzosen seien zur bestimmten Despotie
gemacht, so kommen sie ihr berall entgegen. Sie haben whrend der
ganzen Revolution viel republikanische Aufwallung, oft republikanischen
Enthusiasmus, zuweilen republikanische Wuth gezeigt, aber selten
republikanische Vernunft. Nicht, als ob nicht hier und da einige Mnner
gewesen wren, die das Letzte hatten; aber der Sturm verschlang sie. Es
sind durch diese Staatsvernderung freilich Ideen in Umlauf gekommen und
furchtbar bis zur Wuth gepredigt worden, die man sich vorher nur sehr
leise sagte, und die so leicht nicht wieder zu vertilgen seyn werden:
aber die halbe und falsche Aufklrung dieser Ideen und der Mibrauch
derselben geben den etwas gewitzigten Gegnern die Waffen selbst wieder
in die Hnde. Die Republik Frankreich trgt, so wie die rmische, und
zwar weit nher, als jene, ihre Auflsung in sich, wenn man keine
haltbarere Konstitution bauet, als bis jetzt geschehen ist. Mir thut das
leid; ich habe vorher ganz ruhig dem Getmmel zugesehen und immer
geglaubt und gehofft, da aus dem wildghrenden Chaos endlich noch etwas
Vernnftiges hervortauchen wrde. Seitdem Bonaparte die Freiheit
entschieden wieder zu Grabe zu tragen droht, ist mir, als ob ich erst
Republikaner geworden wre. Ich bin nicht der Meinung, da eine groe
Republik nicht dauern knne. Wir haben an der rmischen das Gegentheil
gesehen, die doch, trotz ihrer gerhmten Weisheit, schlecht genug
organisirt war. Ich halte dafr, da in einer wohlgeordneten Republik am
meisten Menschenwrde, Menschenwerth, allgemeine Gerechtigkeit und
allgemeine Glckseligkeit mglich ist. Beweis und Vergleichung weiter zu
fhren, wrde wenig frommen und hier nicht der Ort seyn. Wo nicht der
Knabe, der diesen Abend in der letzten Strohhtte geboren wurde, einst
rechtlich die erste Magistratur seines Vaterlandes verwalten kann, ist
es Unsinn von einer vernnftigen Republik zu sprechen. Privilegien aller
Art sind das Grab der Freiheit und Gerechtigkeit. Schon das Wort erklrt
sich. Eine Ausnahme vom Gesetz ist eine Ungerechtigkeit, oder das Gesetz
ist schlecht. In Deutschland hat man klglich die Geistlichen und
Gelehrten in etwas Theil an manchen Privilegien nehmen lassen, damit der
Begriff nicht so leicht unbefangen auseinander gesetzt werde, und die
Beleuchtung Publicitt gewinne. In Frankreich hat man zwar die
Privilegien mit einem einzigen Machtspruche zertrmmert und glaubt nun
genug gethan zu haben. Aber sie werden sich schon wieder einschleichen
und festsetzen; und man arbeitete schon selbst dadurch fr sie, da man
auf der Gegenseite ohne Schonung strmte, und zu weit ging. Die
Republik der Fische ist durch die freie Fischerei zerstrt, sagte der
geistliche Herr ganz skoptisch in dem Postwagen; und die freie Jagd
giebt der Polizei genug zu thun; denn es macht allerhand Gesindel im
Lande allerhand Jagd. Mu man denn bei Abstellung der Ungebhr durchaus
die Jagd frei geben? Oder ist dieses nur ein Rechtsbegriff? Sie kann
nicht frei seyn. In jedem wohlgeordneten Staate ist sie nur ein Recht
der Eigenthmer; und nur der Eigenthmer kann die Befugni haben, das
Wild auf seinem Grundstcke zu tdten, und hat den Proze gegen den
Nachbar, der es zum Schaden seiner Nachbarn nicht thut. Das Lehnsystem
ist in Frankreich abgeschafft. Es wird sich aber von selbst wieder
machen; denn man hat keine Vorkehrungen dagegen getroffen. Nach meiner
Ueberzeugung ist die Grundlage der Freiheit und Gerechtigkeit in einem
Staate, da der Staat durchaus nur reine Besitzungen giebt und sichert,
und dafr reine Pflichten fordert. Durch diesen Grundsatz allein werden
die Rechtsverhltnisse vereinfacht, und die Beeintrchtigung aller Art
aufgehoben. Es entsteht daraus zwar nothwendig ein Gesetz, das eine
Einschrnkung des Eigenthumsrechts zu seyn scheint; dieses ist aber
nicht weiter, als insofern gar Niemand ein Eigenthumsrecht zum
Nachtheile des Staats haben kann und darf. Niemand darf nmlich die
Erlaubni haben, seine Grundstcke mit Lasten zu verkaufen, oder auf
immer zu vergeben, sondern mu sie durchaus rein veruern. Nur durch
dieses Gesetz wird der Rckkehr des Feudalsystems der Weg versperrt,
werden alle Frohnverhltnisse, alle Leistungen an Subordinirte,
Emphyteusen, alle Erbpachtungen aufgehoben. Denn alles dieses ist der
Weg zum Lehnsystem, und dieses ist der Weg zu Ungerechtigkeiten aller
Art und zur Sklaverei. Wo es noch erlaubt ist, mit Lastklauseln
Grundstcke umzutauschen, kann in die Lnge keine wahre Freiheit und
Gerechtigkeit bestehen. Dagegen sind wohl schwerlich gltige
Einwendungen zu machen. Wenn jemand zu viele Grundstcke hat, da er sie
nicht durch sich und seine Familie verwalten, oder durch Pchter
besorgen und bestellen lassen kann, so hat er eben dewegen fr den
Staat in jeder Rcksicht schon zu viel; er ist ihm zu reich. Er mag dann
verkaufen, aber rein verkaufen und ohne Bedingung, so theuer, als er
will. Intermedire Lasten knnen nicht bleiben: der Brger kann Niemand
Pflichten schuldig seyn, als dem Staate: und Brger ist jeder, der nur
einen Fu Landes besitzt. ^In detrimentum reipublicae^ finden keine
Besitzungen Statt. Es versteht sich von selbst, da dann alle
Steuerkataster nach der Regel Detri gemacht werden: und die erste
Realimmunitt ist der erste Schritt zur Despotie. So lange unsere
Staaten nicht nach diesen Grundstzen gemacht werden, drfen wir nicht
allgemeine Gerechtigkeit, nicht allgemeines Interesse, nicht Festigkeit
und Dauer erwarten. In Frankreich ist kein Gesetz, das den belasteten
Verkauf der Grundstcke untersagte; die Folge ist vorauszusehen.

Die Errichtung der Ehrenlegion mit Anweisung auf Nationalgter ist der
erste betrchtliche Schritt zur Wiedereinfhrung des Lehnsystems; das
ward allgemein gefhlt: aber Niemand hat die Macht, dem Allmchtigen zu
widerstehen, der den Bajonetten befiehlt. Die Bajonette sind, wie
gewhnlich, sehr fein mit ins Spiel gezogen, und die meisten Fhrer
derselben nehmen sich nicht die Mhe, bis auf bermorgen vorwrts zu
denken. Wo die Regierung militrisch wird, ist es um Freiheit und
Gerechtigkeit gethan. Rom fiel, sobald sie es ward. Die Geistlichkeit
spricht wieder hoch und laut. Freilich wird sie nicht so schnell wieder
zu der enormen Hhe steigen, wo sie vorher stand, so wenig, wie der
Adel. Aber das alte System wurde auch nicht in einem Tage gebauet. Ich
erinnere mich, da vor einiger Zeit ein Emigrant in Deutschland, der
brigens nicht Schuld daran war, da die Esel keine Hrner haben, sich
hchlich freute, da nun wenigstens ein Edelmann allein an der Spitze
stehe: das Uebrige werde sich schon machen. Der Mann mu in seiner
Unbefangenheit eine prophetische Seele gehabt haben. Es hat wirklich
alles Ansehen, sich zu machen. Man sagt, Caprara habe schon auf
Wiederherstellung der Klster angetragen, sei aber von Bonaparte
zurckgewiesen worden. Bonaparte mte nicht der kluge Mann seyn; der er
ist, wenn er ohne Noth solche Sprnge machen wollte, oder mehr gbe, als
er zu seinem Behufe mu. Es ist das Glck des Adels und der
Geistlichkeit, da sie mit Modificationen in seine Zwecke gehren. Wenns
Noth thut, wird sich schon Alles geben. Da die Katholicitt in
Frankreich noch vielen Anhang, theils aus Ueberzeugung, theils aus
Gemchlichkeit, theils aus Politik hat, beweist das Konkordat sehr
deutlich. Man hat wirklich den Katholicismus zur Staatsreligion, das
heit zur herrschenden, gemacht, und ich stehe nicht dafr, wenn es so
fort geht, da man in hundert Jahren das Bekehrungsgeschft nicht wieder
mit Dragonern treibt. Ich selbst wurde durch die Rolle, die Bonaparte
dabei spielte, gar nicht berrascht; es war seine Konsequenz: er war bei
der Osterceremonie der nmliche, welcher er in Aegypten war, wo er sein
Manifest anfing: Im Namen des einzigen Gottes, der keinen Sohn hat! Er
dachte ^mundus vult -- ergo --^; aber das Sprichwort ist nicht wahr: und
es wre zu wnschen gewesen, da er nicht so gedacht htte. ^Il est un
peu singe, mais il est comme il faut^; sagte der geistliche Herr im
Postwagen. Wenn er Bonaparte dadurch richtig gezeichnet hat, so ist es
zugleich ein grliches Verdammungsurtheil fr seine Nation. Nur die
Zeit kam erleuchtend. Der Mann ist von seiner Gre herabgestiegen. Es
wird erzhlt, er habe die Fahnen weihen wollen, sei aber durch das
Gemurmel der alten Grenadiere davon abgehalten worden, die doch
anfingen, die Dose etwas zu stark zu finden. Ein Mann, der in Berlin und
Petersburg entschieden republikanische Maregeln nimmt, gilt dort mit
Grund fr widerrechtlich und die Regierung verfhrt gegen ihn nach den
Gesetzen; das Gegentheil mu aus dem nmlichen Grunde seit zehn Jahren
in Frankreich gelten: man mte denn in der Berechnung etwas hher
gehen; welches aber sodann jedem Revolutionr ^in utramque partem^ zu
Statten kommen wrde.

Jetzt lebte er einsam und mitrauisch, mehr, als je ein Morgenlnder.
Friedrich versumte selten eine Wachparade; der Konsul hlt alle Monate
nur eine einzige. Er erscheint selten und immer nur mit einer starken
Wache, und soll im Schauspiel in seiner Loge sogar Reverberes nach allen
Seiten haben, die ihm Alles zeigen, ohne da ihn Jemand sieht. Bei
andern liberalern Maregeln knnte er als Fremdling, wie eine
wohlthtige Gottheit unter der Nation herumwandeln, und sein Name wrde
in der Weltgeschichte die Gre aller andern niederstrahlen. Nun wird er
unter den Augusten, oder wenigstens unter den Dionysen glnzen; dafr
hat er auf den kleinlichen Ruhm eines Aristides Verzicht gethan. Ich
knnte weinen; es ist mir, als ob mir ein bser Geist meinen Himmel
verdorben htte. Ich wollte so gern einmal einen wahrhaft groen Mann
rein verehren; das kann ich nun hier wieder nicht.

Man sagt sich hier still und leise mehrere Bonmots, die seinen Stempel
tragen. Von dem Tage des gyptischen Manifestes an hat sich meine Seele
ber seinen Charakter auf Schildwache gesetzt. Das Konkordat und die
Osterfeier sind das Nebenstck. Als ihn ein zelotischer Republikaner in
die ehemaligen Zimmer des Knigs fhrte, die er nun selbst bewohnen
wollte, und ihm dabei bedeutend sagte: ^Citoyen, vous entrez ici dans
la chambre d'un tyran^; antwortete er mit schnellem Scharfsinn: ^S'il
avoit t tyran, il le seroit encore.^ Eine furchtbare Wahrheit aus
seinem Munde! Als ihm vorgestellt wurde, das Volk murre bei einigen
seiner Schritte, er mchte bedenken, erwiederte er: ^Le peuple n'est
rien pour qui le sait mener.^ Dem Sieyes, den die Partei des Konsuls
bei jeder Gelegenheit als einen Flachen, sehr subalternen Kopf
darstellt, soll er auf eine Erinnerung sehr skoptisch gesagt haben: ^Si
j'avois t roi en 1790, je le serois encore; et si j'avois dit alors la
messe, j'en ferois encore de mme.^ Ich sage Dir, was man hier und
bedchtlich an ffentlichen Orten spricht; denn laut zu reden wagt es
Niemand, weil seine ^lettres de cachet^ eben so sicher nach Bicetre
fhren, als unter den Knigen in die Bastille. Als das bekannte Buch
ber das lebenslngliche Konsulat erschien und er es nicht mehr
unterdrcken konnte und doch den Verfasser, der ein angesehener und von
der Nation allgemein geachteter Mann war, willkhrlich gewaltsam in der
Krise anzutasten nicht wagte, begngte er sich zu sagen: Es sei Alles
sehr gut, aber jetzt nur etwas zu frh. Jedermann, der etwas weiter
blickte, behauptete, es sei leider etwas zu spt. Das gesetzgebende
Corps nennt man hier nur die Versammlung, durch welche er Gesetze giebt.
Als ein Kommissr mit dem feinen Vorschlag des lebenslnglichen
Konsulats nicht sogleich berall erwnschten Eingang fand, sondern
vielmehr Schwierigkeiten aller Art antraf, soll er bei dem schnellen
Rapport ungeduldig mit den Fingern geknackt und gesagt haben: ^Ah, je
saurai les attraper.^ Das hat er gehalten. Er schmiedete das Eisen
schnell, weil es warm war: nach vierzehntgigen Abkhlungen und
Ueberlegungen mchte die Sache anders gegangen seyn. Ueber die Stimmung
werden sonderbare Anekdoten erzhlt; aber sie ist nun geschehen.

Man nennt ihn hier mit verschiedenen Namen, ^le premier consul^, ^le
grand consul^, ^le consul^ vorzugsweise. Die beiden andern, die auch nur
das Drittheil der Wache haben, sind neben ihm Figuranten und ihrer wird
weiter nicht gedacht, als in der Form der ffentlichen Verhandlungen.
Scherzweise nennt man ihn auch ^Sa Majest^, und ich stehe nicht dafr,
da es nicht Ernst wird. Auch heit er ziemlich ffentlich ^empereur des
Gaules^; vielleicht die schicklichste Benennung fr seinen Charakter,
welche die Franzosen auch zugleich an die mgliche Folge erinnert! Auf
Csar folgte August, und so weiter.

Die Feier des Tages des Bastillensturms beschlo ein Konzert in den
Tuilerien, wo in dem Gartenplatze vor dem Orchester am Schlosse eine
unzhlige Menge Menschen zusammen gedrngt stand. Die ganze
Nationalmusik fhrte es aus, und that es mit Kunst und Fertigkeit und
Wrde. Die Musik selbst gefiel mir nicht, ein Marsch ausgenommen, der
durch seinen feierlichen Gesang eine hohe Wirkung hervorbrachte. Ich
habe den Meister nicht erfahren. Das erste Orchester und vielleicht die
erste Versammlung der Erde htte bessere Musik haben sollen. Auf dem
Balkon waren alle hohen Magistraturen der Republik, wie sie noch heit,
in ihrem Staatsaufzuge, und von den fremden Diplomatikern diejenigen,
denen der Rang eine solche Ehre gab. Der erste Konsul lie sich
einigemal sehen, ehe man Notiz von ihm nahm. Endlich fingen einige der
Vordern an zu klatschen; es folgte aber nur ein kleiner Theil der Menge.
Der Platz hielt vielleicht ber Hunderttausend, und kaum der hundertste
Theil gab die Ehrenbezeigung. Der Enthusiasmus war also nicht so
allgemein, als man fr ihn in seiner neuen Wrde htte erwarten sollen.
Auch die Illumination war nicht die Hlfte von dem, was sie voriges Jahr
gewesen seyn soll: und man sprach hier und da davon, da die
republikanischen Feste nach und nach eingehen sollten. Das ist
begreiflich. Indessen werden sie doch etwas lnger dauern, als die
Republik selbst; wie die meisten Zeichen lnger whren, als die Sache
selbst.

Von den Merkwrdigkeiten in Paris darf ich nicht wieder anfangen wenn
ich kein Buch schreiben will; und dazu habe ich weder Lust, noch Zeit,
noch Kenntni. Die bunte Scene wandelt sich alle Tage interessant. Blo
der Garten der Tuilerien mit den elysischen Feldern, welcher die
Hauptpromenade der Pariser in dieser Gegend ausmacht, gewhrt tglich
eine unendliche Verschiedenheit. Die Prefreiheit ist hier
verhltnimig eingeschrnkter, als in Wien, und ich bin fest
berzeugt, wenn der Tartffe jetzt erschiene, man wrde ihn eben sowohl
verdammen, als damals; und Moliere knnte wieder sagen: ^Monsieur le
prsident ne veut pas, qu'on le joue.^ Die Dekaden sind durch das
Konkordat und die Einfhrung der rmischen Religion nothwendig geradezu
wieder abgeschafft; sie heben einander auf. Auch rechnet man in Paris
fast berall wieder nach dem alten Kalender und zhlt nach Wochen. Die
ffentlichen Verhandlungen werden bald folgen. Die Fasten werden in den
Provinzen in Frankreich hier und da strenger gehalten, als selbst in
Italien. In Italien konnte ich fast berall essen nach Belieben; in
Dijon mute ich einigemal, sogar an der Wirthstafel, zur Fasten mit der
Gesellschaft Froschragout essen: es war kein anderes Fleisch da. Mir war
es einerlei, ich esse gern Frsche; aber diese Mahlzeit ist doch sonst
nicht Jedermanns Sache. So ging mir es noch mehrere Mal auf der Reise.
In Paris nimmt man freilich noch keine Notiz davon; aber man that es
auch ehemals nicht. Die alten Namen der Oerter und Gassen treten nach
und nach alle wieder ein, und eine republikanische Charte von der Stadt
ist fast gar nicht mehr zu brauchen. Viele stellen sich, als ob sie die
neuen Namen gar nicht wten; so sah mich ein sehr wohlgekleideter Mann
glupisch an, als ich in die ^rue de loi^ wollte, wies mich aber sehr
hflich weiter, als ich sie ^rue de Richelieu^ nannte. Das Pantheon
heit wieder die heilige Genoveve, und wird hchst wahrscheinlich nur
unter dieser Rubrik vollendet werden. Ob sich dieses alles so sanft
wieder machen wird, wei der Himmel. Man scheint jetzt von allen Seiten
mit gehrigen Modificationen darauf hinzuarbeiten. Die wieder
eingewanderten und wieder eingesetzten Geistlichen treten schon berall
von neuem mit ihren Anmalichkeiten hervor, und finden Engbrstigkeit
genug fr ihre Lehre. Sie versagen, wie man erzhlt, hier und da die
Absolution, wenn man die Gter der Emigranten nicht wieder herausgeben
will. Das kann in einzelnen Fllen sogar republikanische Gerechtigkeit
seyn: aber der Mibrauch kann weit fhren. Man erzhlt viele Beispiele,
da die franzsischen Roskolniks durchaus keine gemischten Ehen
gestatten. Lat nur erst die Geistlichkeit in die Justiz greifen, so
seid ihr verloren! Vor einigen Tagen las ich eine ziemlich sonderbare
Abhandlung in einem ffentlichen Blatte, wo der Verfasser eine Parallele
zwischen dem franzsischen und englischen Nationalcharakter zog. Man
blieb ungewi, ob das Ganze Ernst, oder Ironie war. Er lie den Briten
wirklich den Vorzug des tiefern Denkens, und behauptete fr seine Nation
durchaus nur die schne Humanitt und den Geschmack. Wenn sich das
Letzte nur ohne das Erste halten knnte. Die Ausfhrung war wirklich
drollig. Er sagt nicht undeutlich, die ganze Revolution sei eine Sache
des Geschmacks und der Mode gewesen; und wenn man die Geschichte
durchgeht, ist man fast geneigt, ihm Recht zu geben. Aber diese Mode hat
Strme Blut gekostet; und wenn man so fortfhrt, wird fast so wenig
dadurch gewonnen werden, als durch jede andere Mode der Herren von der
Seine.

Die Polizei ist im Allgemeinen auerordentlich liberal, wenn man sich
nur nicht beigehen lt, sich mit Politik zu bemengen. Das ist man in
Wien auch. Der Diktator scheint das alte Schibolet zu brauchen: ^panem
et circenses^. Wenn ich in irgend einer groen Stadt zu leben mich
entschlieen knnte, so wrde ich Paris whlen. Die Franzosen haben
mehr, als eine andere Nation dafr gesorgt, da man in der Hauptstadt
noch etwas schne Natur findet. Die Tuilerien, die elysischen Felder,
die Boulevards, Luxenburg, der botanische Garten, der Invalidenplatz,
Frascati und mehrere andere ffentliche Orte gewhren eine schne
Ausflucht, die man durchaus in keiner andern groen Stadt so trifft.
Eine meiner sentimentalen Morgenpromenaden war, die Wachparade der
Invaliden zu sehen; in meinem Leben ist mir nichts rhrender gewesen,
als diese ehrwrdige Versammlung. Kein einziger Mann, der nicht fr sein
Vaterland eine ehrenvolle Wunde trug, die ihm die Dankbarkeit seiner
Mitbrger erwarb! Zur Ehre unserer Chirurgie und Mechanik wandelten
Leute ohne beide Fe so fest und trotzig auf Holz, als ob sie morgen
noch eine Batterie nehmen wollten. Die guten Getuschten glauben
vielleicht immer noch fr Freiheit und Gerechtigkeit gefochten zu haben
und verstmmelt zu seyn.

Morgen will ich zu Fue fort, und bin eben blo aus Vorsicht mit meinem
Passe auf der Polizei gewesen; denn man wei doch nicht, welche
Schwierigkeiten man in der Provinz haben kann. Meine Landsleute und
Bekannten hatten mir gleich beim Eintritt in die Stadt gesagt, ich mte
mich mit meinem Passe auf der Polizei melden, und redeten viel von der
Strenge. Ich fand keinen Beruf hinzugehen. Es ist die Sache der Polizei,
sich um mich zu bekmmern, wenn sie will; ich wei nichts von ihrem
Wesen. Man hat von Basel aus bis hierher nicht nach meinem Passe
gefragt; auch nicht hier an der Barriere. Der Wirth schrieb meinen Namen
auf und sagte brigens kein Wort, da ich etwas zu thun htte. Wenn
mich die Polizei braucht, sagte ich, wird sie mich schon holen lassen;
man htte mir das Nthige an der Barriere im Wagen oder im Wirthshause
sagen sollen. Es fragte auch niemand. Indessen, da ich fort will, ging
ich doch hin. Der Officier, der die fremden Psse zu besorgen hatte,
hrte mich hflich an, besah mich und den Pa und sagte sehr freundlich,
ohne ihn zu unterschreiben: Es ist weiter nichts nthig; Sie reisen so
ab, wenn Sie wollen. -- Der Pa war noch der Preuische von Rom aus. --
Wenn Sie ihn allenfalls vom Grafen Lucchesini wollen vidiren lassen,
das knnen Sie thun; aber nthig ist es nicht. Ich dankte ihm und ging.
In dergleichen Fllen thue ich nicht gern mehr, als ich mu; ich ging
also nicht zu dem Gesandten.




                                                          _Frankfurt._


Dem Himmel sei Dank, nun bin ich wieder diesseits des Rheins im
Vaterlande. Ich werde Dir ber meinen Gang von Paris hierher nur wenig
zu sagen haben, da er so oft gemacht wird, und bekannter ist, als eine
Poststrae in Deutschland.

Den ein und zwanzigsten ging ich aus Paris und schlief in Meaux. Der Weg
ist angenehm und volkreich, wenn gleich nicht malerisch; und die
Bewirthung ist berall ziemlich gut, freundlich und billig. Wenn ich
zwischen Rom und Paris eine Vergleichung ziehen soll, so fllt sie in
Rcksicht der Literatur und des Lebensgenusses allerdings fr Paris,
aber in Rcksicht der Kunst immer noch fr Rom aus. Du darfst nur das
neueste sehr treue Gemlde von Rom lesen, um zu sehen, wie viel fr
Humanitt und Umgang dort zu haben ist; fr Wissenschaft ist fast nichts
mehr. Alte Geschichte und alles was sich darauf bezieht, ist das
einzige, was man dort an Ort und Stelle grndlich und geschmackvoll
studiren kann. In Paris sind die ffentlichen vortrefflichen
Bchersammlungen fr Jedermann, und es gehrt sogar zum guten Tone,
wenigstens zuweilen eine Promenade durch die Sle zu machen, die Fcher
zu besehen, die Rarittenkasten zu begucken und einige Kupferstiche zu
beschauen. Wer sie benutzen will, findet in allen Zweigen Reichthmer;
und alles wird mit Geflligkeit gereicht. In Rom wurde die vatikanische
Bibliothek, so lange ich dort war, nicht geffnet. Die Schtze schlafen
in Italien, und es ist vielleicht kein Unglck, da sie etwas geweckt
und zu wandern gezwungen worden sind.

Mit der Kunst ist es anders. Wre ich Knstler und htte die Wahl
zwischen Rom und Paris, ich wrde mich keine Minute besinnen und fr das
erste entscheiden. Die Franzosen hatten allerdings vorher eine hbsche
Sammlung, und haben nun die Hauptwerke der Kunst herber geschafft: aber
dadurch haben sie Rom den Vortheil noch nicht abgewonnen. In Gemlden
mag vielleicht kein Ort der Welt seyn, der reicher wre, als Paris; aber
die ersten Meisterwerke der grten Knstler, die lauter Frescostcke
sind, konnten doch nicht weggeschafft werden. Die Logen, die Stanzen,
die Kapelle, die Farnesina, Grottaferrata und andere Orte, wo Michel
Angelo, Raphael, die Caracci, Domenichino und andere den ganzen
Reichthum ihres Geistes niedergelegt haben, muten unangetastet bleiben,
wenn man nicht vandalisch zerstren wollte. Die Schule von Athen allein
gilt mehr, als eine ganze Gallerie. Die venezianischen Pferde, welche
vor dem Hofe der Tuilerien aufgestellt sind, mgen sehr schne Arbeit
seyn; aber mir gefallen die meisten Staten in Italien besser. Die Rasse
der Pferde ist nicht sehr edel. Ich zweifle, ob sie unter den
Pferdekennern so viel Lrm machen werden, als sie unter den Knstlern,
oder vielmehr unter den Antiquaren gemacht haben. Das Pferd des Mark
Aurel auf dem Kapitol ist mir weit mehr werth, und die beiden
Marmorpferde aus Herkulanum in Portici wrde ich auch vorziehen. Der
einzige Vorzug, den sie haben, ist, da sie vielleicht die einzigen
alten Tethrippen sind, die wir noch brig haben: und auch dazu fehlt
ihnen noch viel. Schlecht sind sie nicht und man sieht sie immer mit
Vergngen; aber fr die schne Arbeit sollten es schnere Pferde seyn.
Man hat ihnen die gallischen Hhne zu Wchtern gegeben. Gegen das
Kapitol haben diese nicht nthig zu krhen, wie die Gnse gegen die
Gallier schrieen; wenn sie nur sonst die wichtigste Weckstunde nicht
vorbei lassen.

                   *       *       *       *       *

Die Franzosen haben brigens nur ffentliche Sammlungen, die
vatikanische und kapitolinische, in Kontribution gesetzt. Es ist kein
Privateigenthum angegriffen worden. Die Privatsammlungen machen aber in
Rom vielleicht den grten Theil aus. In der Villa Borghese steht alles,
wie es war; und der Fechter und der Silen mit dem Bacchus sind Werke,
die an klassischem Werth in Paris ihres Gleichen suchen. Die schnsten
Basreliefs sind noch in Rom in dem Garten Borghese und auf dem Kapitol
und sonst hier und da. Sarkophage, freilich sehr untergeordnete
Kunstwerke und Badegefe sind in Rom noch in groer Menge von
ausgesuchter Schnheit: in Paris sind von den letztern nur zwei rmliche
Stcke, die man in Rom kaum aufstellen wrde. Uebrigens ist die Gegend
um Rom selbst mehr eine Wiege der Kunst. Die Natur hat ihren Zauber
hingegossen, den man nicht wegtragen kann. Man hat zwar die Namen
Frascati und Tivoli nach Paris gebracht und alles schn genug
eingerichtet: aber Frascati und Tivoli selbst werden fr den Maler dort
bleiben, wenn man auch alles umher zerstrt. Der Fall, die Grotte, die
Kaskadellen und die magischen Berge knnen nicht verrckt werden, und
stehen noch jetzt, wie vor zweitausend Jahren, mit dem ganzen Zauber des
Alterthums. Das Haus des Mcen verfllt, wie die Huser des Flaccus und
Katullus: man zieht keine Musen mehr aus ihrem Schutt hervor: aber die
Gegend hat noch tausend Reizungen, ohne sie. Man hat in Paris keinen
Albaner-See, kein Subiaco, kein Terni in der Nhe. Der Gelehrte gehe
nach Paris; der Knstler wird zur Vollendung immer nach Rom gehen, wenn
er gleich fr sein Fach auch hier an der Seine jetzt zehnmal mehr
findet, als vorher. Sobald die Franzosen Raphaele und Buonaroti haben
werden, sind sie die Koryphen der Kunst, und man wird zu ihnen
wallfahrten, wie ins Vatikan.

Fgger und David scheinen mir indessen die einzigen groen Figurenmaler
zu seyn. Die Italiener haben, so viel ich wei, keinen Mann, den sie
diesen beiden an die Seite stellen knnen. Dafr haben die andern keinen
Canova. Ein groer Verlust fr die Kunst ist Drouais Tod, und es giebt
nicht gemeine Kritiker, die seinen Marius allen Arbeiten seines Lehrers
vorziehen.

Den zweiten Tag trennte sich der Weg, und ohne weitern Unterricht schlug
ich die Strae rechts ein, war aber diesmal nicht dem besten Genius
gefolgt. Sie war sehr de und unfruchtbar, die Drfer waren dnn und
mager, und es ward nicht eher wieder konfortabel, bis die Straen bei
Chalons wieder zusammenfielen. Ich verlor dadurch einen groen Strich
von Champagne, und die schnen Rebhhneraugen in Epernay, auf die ich
mich schon beim Estest in Montefiascone gefreut hatte. Das liebe Gut,
das man mir dort in den Wirthshusern unter dem Namen Champagner gab,
kann ich nicht empfehlen. Einige Stunden von Chalons schlief ich die
Nacht an einem Ort, der Pogny heit, und der seinem Namen nach
vielleicht der Ort seyn kann, wo Attilla sehr tragisch das Nonplusultra
seiner Zge machte. Dann bernachtete ich in Longchamp, dann in Ligne en
Barrois. In Nancy, wo ich Vormittags ankam, besah ich Nachmittags das
Schlo und die Grten, welche jetzt einen angenehmen ffentlichen
Spaziergang gewhren und ziemlich gut unterhalten werden. Hier hatte ich
den 26sten Juli schon reife, ziemlich gute Weintrauben. Der Professor
Wilmet, den ich mit einem Briefe von Paris besuchte, macht seinem
hollndischen Namen durch wahre Philanthropie Ehre, ob er gleich weder
Deutsch, noch Hollndisch spricht. Er ist Millins Pflegevater und
spricht mit vieler Zrtlichkeit von ihm, so wie dieser oft mit
kindlicher Dankbarkeit in Paris den Professor nannte. Wilmet war mit der
deutschen Literatur und besonders mit dem Zustande der Chemie und
Naturgeschichte in Deutschland sehr gut bekannt und schtzte die
Genauigkeit und Grndlichkeit der deutschen Untersuchungen.

Von da ging ich ber Toul immer nach Straburg herauf. Von Nancy aus
pflegt man die Notiz auf den Wirthshausschildern in franzsischer und
deutscher Sprache zu setzen, wo denn das Deutsche zuweilen toll genug
aussieht. Bei Zabern ist die Gegend ungewhnlich schn und es mu in den
Bergen hinauf romantische Partien geben. Da ich den letzten Abend noch
gern nach Straburg wollte, nahm ich die letzte Station Extrapost und
lie mich in die Stadt Lion bringen. Das Wetter ward mir wieder zu hei
und ich wollte den andern Morgen mit der Diligence nach Mainz fahren:
aber des alten wackern Oberlins Hflichkeit und einige neue angenehme
Bekanntschaften hielten mich noch einige Tage lnger bis zur nchsten
Abfahrt. Oberlin traf ich auf der Bibliothek und er hatte die Gte, mir
ihre Schtze selbst zu zeigen. Unter den bronzenen Stcken ist mir ein
kleiner weiblicher Satyr aufgefallen, der nicht bel gearbeitet war. Die
Seltenheit solcher Exemplare erhht vielleicht den Werth. Der alte
verstorbene Hermann hatte auf der Bibliothek die Stcke der
verstmmelten Staten vom Mnster mit sarkastischen Inschriften auf die
vandalischen Zerstrer aufbewahrt, wo Rhl und einige andere sich nicht
ber ihre Enkomien freuen wrden. Das schne Wetter lockte mich mit
einer Gesellschaft ber den Rhein herber, und ich betrat nach meiner
Pilgerschaft bei Kehl zuerst wieder den vaterlndischen Boden, und sah
die Verschttungen des Forts und die neuen Einrichtungen der Regierung
von Baden. Es ist schon sehr viel wieder aufgebaut. Da ich mich etwas
auf dem Mnster umsah, brauche ich Dir wohl nicht zu sagen. Man hat eine
herrliche Aussicht auf die ganze, groe, schne, reiche Gegend und den
majesttischen Flu hinauf und hinab. Es wre vielleicht schwer zu
bestimmen, ob der Dom in Mailand, oder diese Kathedrale den Vorzug
verdient. Diese beiden Gebude sind wohl auf alle Flle die grten
Monumente gothischer Baukunst. Als ich in der Thomaskirche das schlecht
gedachte und schn gearbeitete Monument des Marschall Moritz von Sachsen
betrachtete, kamen einige franzsische Soldaten zu mir, die sich
wunderten, wie hierher ein Kurfrst von Sachsen kme, und ich mute
ihnen von der Geschichte des Helden so viel erzhlen, als ich wute, um
sie mit sich selbst in Einigkeit zu setzen. Auf der Polizei wunderte man
sich, da mein Pa nirgends unterschrieben war und ich wunderte mich
mit, und erzhlte meine ganze Promenade von Basel bis Paris und von
Paris bis Straburg; da gab man auch hier das Papier ohne Unterschrift
zurck.

Nun fuhren wir ber Weienburg, Landau, Worms und so weiter nach Mainz.
Nach meiner alten Gewohnheit lief ich bei dem Wechsel der Pferde in
Landau voraus und hatte wohl eine Stunde Weges gemacht. Die Deutschen
der dortigen Gegend und tiefer jenseits des Rheins herauf haben einen
gar sonderbaren Dialekt, der dem Judenidiom in Polen nicht ganz
unhnlich ist. Ich glaube doch ziemlich rein und richtig Deutsch zu
sprechen: desto schnurriger mute es mir vorkommen, da ich dort wegen
eben dieser Aussprache fr einen Juden gehalten wurde. Ich sa nmlich
unter einem Nubaum und a Obst, als sich ein Mann zu mir setzte, der
rechts hereinwanderte. Ich fragte, ob ich nicht irren knnte und ob die
Diligence hier nothwendig vorbei mte? Er bejahte dieses. Ein Wort gab
das andere, und er fragte mich in seiner lieblichen Mundart; Der Hrr
sayn ain Jd, unn rhsen nacher Mhnz? -- Ich reise nach Mainz; aber
ich bin kein Jude. Warum glaubt Er, da ich ein Jude sei? -- Whl der
Hrr okkeroth sprcht w ain Jd. Man hat mir zu Hause wohl manches
Kompliment ber meine Sprache gemacht; aber ein solches war nicht
darunter.[16]

Von der Gegend von Weienburg kann ich militrisch nichts sagen, da es
noch ziemlich finster war, als wir dort durchgingen. Landau ist weiter
nichts, als Festung, und alles was in der Stadt steht, scheint blo auf
diesen einzigen Zweck Beziehung zu haben. Wir kamen in Mainz gegen
Morgen an und man schickte mich in den Mainzer Hof, welcher, wie ich
hre, fr den besten Gasthof gilt. In Mainz sieht man noch mehr Spuren
von Revolutionsverwstungen, als an irgend einem andern Orte. Der Krieg
hat verhltnimig weniger geschadet. Ich hielt mich nur einen Tag auf,
um einige Mnner zu sehen, an die ich von Oberlin Addressen hatte. Auch
unser Bergrath Werner von Freiberg war hier und geht, wie ich hre, nach
Paris. Sein Name ist in ganz Frankreich in hohem Ansehen.

Den andern Tag rollte ich mit der kaiserlichen Diligence durch einen der
schnsten Striche Deutschlands hierher.

Auf meinem Wege von Paris hierher fragte man mich oft mit ziemlicher
Neugierde nach Zeitungen aus der Hauptstadt, und nahm die Nachrichten
immer mit sehr verschiedener Stimmung auf. Sehr oft hrte ich vorzglich
die Bemerkung ber den Konsul wiederholen: ^Mais pourtant il n'est pas
am^; besonders von Militren. Das ist begreiflich. Es giebt
Regimenter und ganze Korps, die ihn nie gesehen haben und die doch auch
fr die Republik brave Mnner gewesen sind. Diese wnschen sich ihn
vielleicht sehr gern zum General, aber nicht zum Souverain, wie es ganz
das Ansehen gewinnt. ^Il faut diablement des choses, ce petit corporal
d'Italie; cela va loin!^ sagte man; und ein Wortspieler, der ein
katonischer Republikaner war, bezeichnete ihn mrrisch mit folgendem
Ausdruck: ^Bonaparte qui gloriam bene partam male perdit.^ In der
Gegend von Straburg habe ich hier und da gehrt, da man bei seinem
Namen knirschte, und behauptete, er fhre allen Unfug geradezu wieder
ein, den man auf immer vertrieben zu haben glaubte. Was ein einziger
Mann wieder einfhren kann, ist wohl eigentlich nicht abgeschafft. Man
wollte in der ersten Konstitution, sagten sie, dem Knig keine
auslndische Frau erlauben, und jetzt haben wir sogar einen fremden
Abenteurer zum Knig, der willkhrlicher mit uns verfhrt, als je ein
Bourbonide: wer ihm mifllt, ist Verbrecher, und ihm mifllt jeder,
der selbststndige Freiheit und Vernunft athmet. Er wei sich
vortrefflich die ehemalige Wuth und den Ha der Parteien zu Nutze zu
machen.

Weiter nach Mainz redete man nichts mehr von der Republik und den
ffentlichen Geschften, sondern klagte nur ber den Druck und die
Malversation der Kommissre, und jammerte ber die neue Freiheit. Den
Zehnten geben wir nicht mehr, den behalten wir, sagen die Bauern mit
Bitterkeit. Eine grausamere Aposiopese kann man sich kaum denken, wenn
auch die neun Zehntheile eine groe Hyperbel sind. Ein Zeichen, da die
Regierung wenig nach vernnftigen Grundstzen verfhrt, ist nach meiner
Meinung immer, wenn sie militrisch ist und wenn man anfngt,
ausschlielich den Brger von dem Krieger zu trennen. In Frankreich
macht der Soldat wieder alles, und was ein General sagt, ist Gesetz in
seinem Distrikt. Die nchsten Militre nach dem Konsul bezeichnen ihren
Charakter genug durch ihre Bereicherung. Der allgemeine Liebling der
Nation ist Moreau, und der Mann verdient ohne Zweifel die groe, stille
Verehrung seines ganzen Zeitalters. Ich bin nirgends gewesen, in
Deutschland, Italien und Frankreich, wo man nebst seinen Kriegstalenten
nicht seine tadellose Rechtlichkeit, seine Migung und Humanitt
gepriesen htte. Er soll es ausgeschlagen haben, Officier der
Ehrenlegion zu werden, die so eben errichtet werden soll, und die jeder
Republikaner fr unrepublikanisch und fr die Wiederauflebung des
Feudalwesens hlt. Man thut ihm vielleicht keinen Dienst, ihn mit dem
ffentlichen System in Kollision zu setzen; aber seine Unzufriedenheit
wird berall ziemlich laut erzhlt. Seine Parteignger, die weniger
Migung haben, als er selbst, wnschten ihn hier und da laut am Ruder,
und sagen bedeutend nur, ^Moreau grand consul^; zogen aber die Worte so
sonderbar, da es klang wie ^Mort au grand consul^. Die Sprache
erleichtert viel solche Spiele, hinter welche sich die Parteisucht
versteckt.

Das System des Konsuls liegt nun wohl ziemlich am Tage, und leidet keine
Mideutung. Alles ist gekommen, wie vorherzusehen war, nur mit etwas
schnelleren Schritten. Das Buch _Napoleon Bonaparte und das franzsische
Volk_, giebt den Gang der Dinge ziemlich richtig an; wenn man nur die
Vehemenz gegen die Person und einige unwichtige Irrthmer und
gleichgltige Personalitten abrechnet. Die Zeichnung der Nation ist in
demselben, trotz der klassischen Gelehrsamkeit, zu grell; und jedes
andere Volk wrde in den nmlichen Umstnden hchst wahrscheinlich das
nmliche seyn. Die Briten, als die entgegengesetzteste Nation, haben es
bei ihrer Revoluzion auch bewiesen. Bonaparte ist unstreitig der
vollendetste Mann seiner Art; die Geschichte hat bis jetzt keinen
grern. Er erschpft ganz den griechischen Sinn des griechischen Worts.
Traurig ist es fr den geluterten Menschensinn, da solche
Erscheinungen bei unserm gepriesenen Lichte noch mglich sind: aber
zermalmend fr alle bessern Hoffnungen, da man sie sogar als nothwendig
annehmen mu. Alles, was zur Grundlage einer vernnftigen Freiheit und
Gerechtigkeit dienen konnte, ist wieder zerstrt. Die militrische
Regierung ist mit dem eisernsten Zwange wieder eingefhrt; alle Wahlen
sind so gut, als aufgehoben, die Juries, als das letzte Palladium der
Freiheit, sind vernichtet: und damit die emporstrebende Vernunft der
Despotie keine Streiche spiele, ist durch eine gemessene Erziehung sehr
klug jeder liberale Forschergeist in Philosophie und Naturrecht
verbannt. Ob Bonaparte mit seinem Anhang dabei die menschliche Natur
ganz richtig berechnet habe, ist sehr zu bezweifeln. Mir selbst ist es
ziemlich klar, da er auf diesem Wege das alte Herrschersystem mit
seinem ganzen Unwesen wieder grnden wird, oder eine neue Revoluzion
nothwendig macht. ^Tertium non datur.^ Die Folge fr die Humanitt ist
dabei leicht zu berechnen. Er htte ein Heiland eines groen Theils der
Menschheit werden knnen, und begngt sich, der erste wiedergeborne Sohn
der rmischen Kirche zu seyn. Er lt sich halten, wo er htte stehen
knnen. Er hat eine lichtvolle Ewigkeit gegen das glnzende Meteor eines
Herbstabends, Ehre gegen Ruhm ausgetauscht. Noch ist er zwar nicht bis
zu Dionysens Nuschaale und Pferdehaar gekommen; aber die Umschanzung
von seinen Sldlingen und Trabanten zeigt hinlnglich von der unsichern
Angst, welche das System nothwendig macht.

Ob Moreau schuldig, oder unschuldig ist, ist ein Problem, dessen Lsung
das Publikum wohl schwerlich erfahren wird. Sind aber die
Beschuldigungen gegen ihn gegrndet, so gehrt seine Sache vor die
Aerzte, ehe sie vor die Richter kommt. Das Papier ist geduldig; und
Glauben verdient nichts, als was in sich konsequent und durch rechtliche
Zeugen faktisch erwiesen ist. Da Moreau nicht des Konsuls Freund war,
und da er fr sein Vaterland anderes Heil sah und wnschte, ist leicht
zu begreifen: da er sich aber zu einem solchen Complott mit den Feinden
der Nation wegwerfen sollte, konnte man nur von einem Bedlamiten
erwarten. Er htte dadurch seinen tadellosen Charakter, seinen von der
Nation geliebten und von ganz Europa geachteten Namen in den Koth
geworfen, ohne den geringsten Gewinn fr sich selbst, als ewige Schande,
und ohne einigen Anschein von Wohlthat fr sein Volk. Wre dieses
dennoch, so htte allerdings der Franzos Recht, welcher von ihm sagte:
Moreau hat nur zwischen dem Rhein und der Donau Verstand.

Die beiden letzten Jahrzehende scheinen dazu geeignet zu seyn, dem
aufmerksamen Beobachter eine Synopse der Menschengeschichte zu geben; so
glnzend und so gttlich, und so unsinnig und verchtlich erscheint
unser Geschlecht in der nmlichen Periode! Die neapolitanischen Gruel,
die Wassertaufen, und der Schandfleck bei Rastadt mit den letzten
Missionsniedertrchtigkeiten sind Erscheinungen, die nur an Gre des
Umfangs hinter der Bartholomusnacht und den Riesenverbrechen der
rmischen Triumvirn zurckbleiben, und die einem rechtlichen Manne eine
momentane Scham abzwingen, da er ein menschliches Gesicht trgt. Man
schwor ehedem sogar in Ruland bei Pichegrs Namen: und welcher ehrliche
Mann wollte den letzten Theil seines Lebens gelebt haben, htte auch der
erste noch zehn Mal mehr Glanz und Gre? Mir ist es allemal mehr um den
Charakter eines Mannes zu thun, als um sein Schicksal. Hat er diesen
verloren, so wird dieses hchst gleichgltig. Nemesis schlage jeden mit
ihrer Ruthe! Leider mchte man bei einem Blick ber die Sache der
Menschheit halb phrenetisch ausrufen: heiliger Aristides, bitte fr uns!
Ach der groe Moment fand nur ein kleines Geschlecht.

In der Postkutsche von Mainz hierher war ein Gewimmel von Menschen, und
einige segneten sich wirklich ganz laut, da sie aus der vermaledeiten
Freiheit einmal heraus wren, in der man sie blutig, so sklavisch
behandle. Dies waren ihre eigenen Ausdrcke. Und doch waren sie mit
ihrem ganzen Vermgen noch jenseits des Rheins in der Freiheit. Vor
Hochheim wandelte ich in Gesellschaft eines Spaziergngers der Gegend,
wie es schien, den Berg herauf. Der Mann nahm mit vielem Murrsinn von
der ersten muntern hbschen Erntearbeiterin im Felde Gelegenheit, eine
furchtbare Rhapsodie ber die Weiber zu halten, hatte aber ganz das
Ansehen, als ob er der Misogyn nicht immer gewesen wre und nicht immer
bleiben wrde; denn alles Uebertriebene hlt nicht lange. Er nahm seine
Beispiele nicht blo von den Linden weg und aus dem Egalittspalaste,
und mute tiefer in die Verdorbenheit der Welt mit dem Geschlecht
verflochten seyn. Er machte mit lebhaftem Kolorit ein Gemlde, gegen
welches Juvenals ^lassata viris^ noch eine Vestalin war; und ich war
froh, als mich der Wagen auf der Ebene wieder einholte und ich wieder
einsteigen konnte. Du weit, ich habe eben nicht Ursache, geflissentlich
den Enkomiasten der Damen zu machen; indessen mu man ihnen doch die
Gerechtigkeit wiederfahren lassen, da sie -- nicht schlimmer sind, als
die Mnner: und die meisten ihrer Snden leiden vielleicht noch etwas
mehr Apologie, als die Sottisen unseres Geschlechts.

Frankfurt mu, dem Anscheine nach, durch den Krieg weit mehr gewonnen
als verloren haben. Der Verlust war ffentlich und momentan, der Gewinn
ging fast durch alle Klassen und war dauernd. Es ist berall Wohlstand
und Vorrath; man bauet und bessert und erweitert von allen Seiten, und
die ganze Gegend rund umher ist wie ein Paris; besonders nach Offenbach
hinber. Man glaubt in Oberitalien zu seyn. Unser Leipzig kann sich
nicht wohl mit ihm messen, ob es gleich vielleicht im Ganzen netter ist.

Von hier kann Dir jeder Kaufmann Nachrichten genug von der Messe
mitbringen. Ich besuchte nur einige alte Bekannte und machte einige
neue. Wenn ich ein Kerl mit der Brse ^ mon aise^ wre, wrde ich
vermuthlich Frankfurt zu meinem Aufenthalt whlen. Es ist eine
Mittelstadt, die gerade genug Genu des Lebens giebt fr Leib und Seele,
um nicht zu fasten und sich nicht zu bersttigen. Im Fall eines Krieges
mit den Franzosen liegt es freilich schlimm: die Herren knnen alle
Nchte eine Promenade von Mainz herber machen, den Morgen hier zum
Frhstck und zum Abendbrote wieder zu Hause seyn.

Bei der Frau von Laroche in Offenbach traf ich den alten Grafen
Metternich, wenn ich nicht irre, den Vater des kaiserlichen Gesandten in
Dresden. Er war ehemals Minister in den Niederlanden; und nie habe ich
einen Mann von ffentlichem Charakter gesehen, zu dem ich in so kurzer
Zeit ein so groes reines Zutrauen gefat htte: so sehr trgt sein
Gesicht und sein Benehmen den Abdruck der festen Redlichkeit mit der
feinsten Humanitt!




                                                            _Leipzig._


Meine Runde ist nun vollendet und ich bin wieder bei unsern vterlichen
Laren an der Pleie. Von Frankfurt aus ging ich ber Bergen in
Gesellschaft nach dem Oertchen Bischofsheim, wo man mir ein freundliches
Mahl zugedacht hatte. Bei Bergen und Kollin haben unsere Landsleute
gezeigt, da sie nicht Schuld an den beln Streichen bei Pirna waren.
Vor Hanau ging ich vorbei und hielt mich immer die Strae nach Fulda
herein. Die Hitze des vorzglich heien Sommers drckte mich zwar
ziemlich, aber ich nahm mir Zeit, ruhte oft unter einem Eichbaume und
war die Nacht mit den schlechten Wirthshusern zufrieden. Auf meiner
ganzen Reise hatte ich sie nicht so schlecht gefunden, als hier einige
Mal in Hessen. Zwischen Fulda und Hhnefeld drckte mich die Hitze
furchtbar und der Durst war brennend; und auf meiner ganzen Wanderung
habe ich vielleicht keine so groe Wohlthat genossen, als da ich sodann
links an der Strae eine schne Quelle fand. Leute, welche einen guten
Flaschenkeller im englischen Wagen mit sich fhren, haben von dieser
Erquickung keinen Begriff. Der Hitze haben sie im Wagen zwar nicht viel
weniger, aber die Erfrischung knnen sie nicht so fhlen. Du darfst mir
glauben, ich habe dieses und jenes versucht. In Hnefeld war Schieen,
die Gesellschaft der Honoratioren speiste in meinem Wirthshause, und ich
hatte das Vergngen, die Musik so gut zu hren, als man sie
wahrscheinlich in der Gegend und aus Fulda hatte auftreiben knnen. Wenn
auch zuweilen eine Kakophonie mit unter luft, thut nichts; sie knnen
das Gute doch nicht ganz verderben, eben so wenig als man es in der Welt
durch Verkehrtheit und Unvernunft ganz ausrotten kann.

In Vach hatten mich die Handlanger des alten Landgrafen in Beschlag
genommen und nach Ziegenhain und Kassel und von da nach Amerika
geliefert. Jetzt sollen dergleichen Gewaltthtigkeiten abgestellt seyn.
Doch mchte ich den frstlichen Bekehrungen nicht zu viel trauen; sie
sind nicht sicherer, als die demagogischen. Es wre unbegreiflich, wie
der Landgraf seit langer Zeit so unerhrt willkhrlich, zum Verderben
des Landes und einzig zum Vortheil seiner Kasse, mit seinen Leuten
geschaltet und frmlich den Seelenverkufer gemacht hat, wenn es nicht
durch einen Blick ins Innere erklrt wrde. Die Landstnde wurden selten
gefragt, und konnten dann fast keine Stimme haben. Der Adel ist nicht
reich und unabhngig vom Hofe. Die Minister und Generale hatten ihren
Vortheil, dem Herrn zu Willen zu leben. Jeder hatte vom Hofe irgend
etwas, oder hoffte etwas, oder frchtete etwas, fr sich oder seine
Verwandten. Die groen Officiere gewannen Geld und Ehre, die kleinen
Untersttzung und Befrderung. Die Uebrigen litten den Schlag. Das Volk
selbst ist bis zum Uebermaa treu und brav. Hier und da war
Verzweiflung; aber der alte Kriegsgeist half. Die Hessen glauben, wo
geschlagen wird, mssen sie dabei seyn. Das ist ihr Charakter aus dem
tiefsten Alterthum. Ich erinnere mich in einem Klassiker gelesen zu
haben, da die Katten lange vor Christi Geburt als Hlfstruppen unter
den Rmern in Afrika schlugen. Jetzt hat der Landgraf, wie versichert
wird, die fremden Verbindungen dieser Art aufgegeben.

Von Vach wollte ich Post nach Schmalkalden zu meinem Freunde Mnchhausen
nehmen. Der Wirth verpflichtete sich, da nicht sogleich Postpferde zu
haben waren, mich hinberzuschaffen, lie sich die Posttaxe fr zwei
Pferde und den Wagen bezahlen und gab mir einen alten Gaul zum Reiten.
Das nenne ich Industrie. Was wollte ich machen? Ich setzte mich auf,
weil ich fort wollte. Doch kam ich zu spt an. Es war schon tief Nacht,
als ich den Berg hinein ritt, und gegen zehn Uhr war ich erst in dem
Thale der Stadt. Die Meinungschen Oerter und Drfer, durch die ich ging,
zeichneten sich immer sehr vortheilhaft aus. Das Einzige, was mir dort
nicht einleuchten wollte, war, da man berall so viel herrliches Land
mit Tabakspflanzungen verdarb. Dieses Giftkraut, das sicher zum
Verderben der Menschen gehrt, beweist vielleicht mehr, als irgend ein
anderes Beispiel, da der Mensch ein Thier der Gewohnheit ist. In
Amerika, wo man noch auf fnfhundert Jahre Land genug hat, mag man die
Pflanze auf Kosten der Nachbarn immer pflegen, aber bei uns ist es
schlimm, wenn man durchaus die Oekonomie mehr merkantilisch, als
patriotisch berechnet.

Ich lie mich den andern Morgen meinem Freunde ohne meinen Namen, als
einen Bekannten melden, der von Frankfurt kme. Wir hatten uns seit
neunzehn Jahren nicht gesehen und unser letztes Gesprch waren einige
Worte auf dem Ocean, als der Zufall unsere Schiffe so nahe zusammen
brachte. Die Zeit hatte aus Jnglingen Mnner gemacht, im Gesichte
vielleicht manchen Zug verndert, verwischt und eingegraben. Ich wute,
vor wem ich stand und konnte also nicht irren. Er schien schnell seinen
ganzen dortigen Zirkel durchzugehen, stand vor mir und kannte mich
nicht. Hier habe ich ein kleines Empfehlungsschreiben, sagte ich, indem
ich ihm meinen Finger hinhielt, an dem sein Bild von ihm selbst in einem
Ringe war. Es war, als ob ihn ein elektrischer Schlag rhrte, er fiel
mir mit meinem Namen um den Hals und fhrte mich im Jubel zu seiner
Frau. Dieses war wieder eine der schnsten Minuten meines Lebens. Einige
Tage blieb ich bei ihm und seinen Freunden, und geno, so weit mir meine
ernstere Stimmung erlaubte, der frohen Heiterkeit der Gesellschaft.

Mir ist es oft recht wohl gewesen, wenn ich durch das Gothaische und
Altenburgische ging. Man sieht fast nirgends einen hhern Grad von
Wohlstand. Es herrscht daselbst noch eine gewisse alte Bonhommie des
Charakters, da ich viele Gesichter fand, denen ich ohne weitere
Bekanntschaft meine Brse htte anvertrauen wollen, um sie an einen
bezeichneten Ort zu bringen, wo ich sie sicher wieder gefunden haben
wrde. Ich habe in diesem Lndchen weniger Bekanntschaft, als sonst
irgendwo: Du kannst also glauben, da ich nicht aus Geflligkeit rede.
So oft ich darin war, habe ich immer die reinste Hochachtung und
Verehrung gegen den Herzog gefat. Um einen Frsten zu sehen, braucht
man nicht eben seine Schlsser zu besuchen, oder gar die Gnade zu
genieen, ihm vorgestellt zu werden. Oft sieht man da am wenigsten von
ihm. Seine Stdte und Drfer und Wege und Brcken geben die beste
Bekanntschaft -- vorausgesetzt, er ist kein junger Mann, der die
Regierung erst antrat. In diesem Falle knnte ihm viel Gutes und
Schlimmes unverdienter Weise angerechnet werden. Wo das Bier schlecht
und theuer und das Brot theuer und schlecht ist, wo ich die Drfer
verfallen und elend und doch die Visitatoren nach dem Sacke lugen sehe,
da gehe ich so schnell als mglich meines Weges. Nicht das Predigen der
Humanitt, sondern das Thun hat Werth. Desto schlimmer, wenn man viel
spricht und wenig thut.

Schon in Paris hatte ich gehrt, die Preuen wren in Erfurt, und
wunderte mich jetzt, da ich sie noch nicht hier fand. Diese
Saumseligkeit ist sonst ihre Sache nicht, wenn etwas zu besetzen ist.
Fast sollte man glauben, die langsame Bedchtlichkeit habe einen
pathologisch moralischen Grund. Hier erinnerte mich ein heimlicher
Aerger, da ich ein Sachse bin. Ich hielt mir lange Betrachtungen ber
die Gromuth und Uneigenntzigkeit der kniglichen Freundschaften; ich
verglich den Verlust des Knigs mit seinem Gewinn; ich berdachte die
alten, rechtlichen Ansprche, die Sachsen wirklich noch machen konnte
und machen mute. Wenn Sachsen eine Macht von hundert tausend Mann wre,
so wrde die gewhnliche Politik das Verfahren rechtfertigen. Jetzt mag
es alles seyn, was Du willst, nur ist es nicht freundschaftlich. Mir
ducht, da man in Dresden doch wohl etwas lebendigere, wirksamere
Maregeln htte nehmen knnen und sollen. Es war alles voraus zu sehen.
Die Leipziger werden die Folgen spren. Freilich wird man vielleicht die
ersten zehn Jahre nichts, oder wenig thun: aber man hat doch nun die
Kneipzange von beiden Seiten in den Hnden, und kann sicher das ^festina
lente^ spielen. Politisch mu man immer das Schlimmste denken und
glauben; was geschehen kann, wird geschehen. Die Geschichte und das
Naturrecht rechtfertigen diese Maxime: in brgerlichen Verhltnissen ist
man durch Gesetze geschtzt; hier sichert nur Klugheit und Kraft, selten
Gerechtigkeit. Der gegenwrtige Schritt rechtfertigt die Furcht vor dem
knftigen. Zutrauen giebt das nicht. Ich htte von Berlin in diesen
Verhltnissen zu Dresden solche Resultate nicht erwartet.

In Weimar freute ich mich, einige Mnner wieder zu sehen, die das ganze
Vaterland ehrt[17]. Der Patriarch Wieland und der wackere Bttiger
empfingen mich mit freundschaftlicher Wrme zurck. Die Herzogin Mutter
hatte die Gte, mit vieler Theilnahme sich nach ihren Freunden diesseits
und jenseits der Pontinen zu erkundigen und den unbefangenen Pilger mit
Freundlichkeit zu sich zu laden. Jedermann kennt und schtzt sie als die
verehrungswrdigste Matrone, wenn sie auch nicht Frstin wre.

Als ich den andern Morgen durch das Hlzchen nach Naumburg herber
wandelte, begegnete mir ein preuisches Bataillon, das nach Erfurt zog.
Wenn man in dem nmlichen Rocke, mit der nmlichen Chaussre ber Wien
und Rom nach Syrakus und ber Paris zurckgegangen ist, mag der Aufzug
freilich etwas unscheinbar werden. Es ist die nicht lbliche Gewohnheit
unserer deutschen Landsleute, mit den Fremden zuweilen etwas unfein
Neckerei zu treiben. Die Soldaten waren ordonnanzmig artig genug; aber
einige Officiere geruhten sich mit meiner Personalitt ein Spchen zu
machen. Ich ging natrlich den Fusteg am Busche hin, und der Heereszug
zog den Heerweg. Einer der Herren fragte seinen Kameraden in einem etwas
ausgezeichneten pommerischen Dialekte, den man auf dem Papier nicht so
angenehm nachmachen kann: Was ist das fr ein Kerl, der dort geht? Der
andere antwortete zu meiner Bezeichnung: Er wird wohl gehen und das
Handwerk begren. Nein, antwortete eine andere Stimme, ich wei
nicht, was es fr ein nrrischer Kerl seyn mag; ich habe ihn gestern bei
der Herzogin im Garten sitzen sehen. Uebersetze das erst etwas ins
Pommerische, wenn Du finden willst, da es mir ziemlich schnakisch
vorkam. Indessen glaube ich unmageblich, die Herren htten ihre
Untersuchung und Beurtheilung ber mich etwas hflicher doch wohl einige
Minuten sparen knnen, bis ich sie nicht mehr hrte. Aber mit einem
Philister macht bekanntlich ein preuischer Officier nicht viel
Umstnde[18]. Ob das recht und human ist, wre freilich etwas nher zu
bestimmen.

Meiner alten guten Mutter in Posern bei Weienfels war meine Erscheinung
berraschend. Man hatte ihr den Vorfall mit den Banditen schon erzhlt,
und Du kannst glauben, da sie meinetwegen etwas besorgt war, da sie als
orthodoxe Anhngerin Luthers berhaupt nicht die beste Meinung von dem
Papst und seinen Anordnungen hat. Sie erlaubte durchaus nicht, da ich
zu Fue weiter ging, sondern lie mich bedchtlich in den Wagen packen
und hierher an die Pleienburg bringen. Du kannst Dir vorstellen, da
ich froh war meine hiesigen Freunde wieder zu sehen. Schnorr war der
erste, den ich aufsuchte, und das enthusiastische Menschenkind warf
komisch den Pinsel weg, zog das beste seiner drolligen Gesichter und
machte mit einem Sprung einen praktischen Kommentar auf Horazens Stelle,
da man bei der Rckkehr eines Freundes von den Cyklopen wohl ein
Bischen nrrisch seyn knne.

Morgen gehe ich nach Grimma und Hohenstdt, und da will ich ausruhen
trotz Epikurs Gttern. Mir ducht, da ich nun einige Wochen ehrlich
lungern kann. Wer in neun Monaten meistens zu Fue eine solche Wanderung
macht, schtzt sich noch einige Jahre vor dem Podagra. Zum Lobe meines
Schuhmachers, des mannhaften, alten Heerdegen in Leipzig, mu ich Dir
noch sagen, da ich in den nmlichen Stiefeln ausgegangen und
zurckgekommen bin, ohne neue Schuhe ansetzen zu lassen, und da diese
noch das Ansehen haben, in baulichem Wesen noch eine solche Wanderung
mit zu machen.

Bald bin ich bei Dir, und dann wollen wir plaudern; von manchem mehr als
ich geschrieben habe, von manchem weniger.




                             Anmerkungen
                                 zum
                       Spaziergang nach Syrakus
                                 von
                         V. H. Schnorr v. K.




                            Vorerinnerung.


Seume war mein Freund und ich der Seinige im wahren Sinne des Wortes:
unsere Freundschaft war auf gegenseitiges tiefes Gefhl fr Redlichkeit
und Rechtlichkeit gegrndet.

Ich war sein Begleiter bis Wien, wo ich dem Rath einiger Mnner von
Bedeutung zufolge, denen ich empfohlen war, zurckbleiben mute. Man
erlaube mir also, Seume'n im Geiste weiter zu folgen, und hier und da
ein Wort fr die Leser einzuschalten, die er interessirt.

Meine Anmerkungen betreffen blo die Individualitt des Reisenden, und
da ich _dazu_ einigen Beruf fhle, mge der Umstand rechtfertigen, da
Seume neun Jahre lang mein Tischgenosse und tglich in meinem Hause war.

Er ist nicht mehr, und ich und die Meinigen -- haben Einen redlichen
Freund verloren.






[Funote 3: Ich bin mir bewut &c.

Das wird Niemand lugnen, der S. nher gekannt hat; und er befand sich
nicht wohler, als in dem huslichen Kreis einer rechtlichen Familie. Er
war auch bei weitem nicht so griegrmig, als Manche vielleicht
glaubten, und nahm, wenn er aufgefordert wurde, selbst Antheil an der
Ausfhrung kleiner Possen, zuweilen als Dichter, zuweilen als
mitspielende Person.

So bernahm er einmal die Rolle des Heroldes, als wir in der herrlichen,
romantischen Gegend bei Grimma, in Plen, auf freiem Felde den Don
Quixote im abenteuerlichsten Kostm auffhrten, und die Kleopatra machte
er selbst in seinem Schnurrbarte, als wir die Posse von Kotzebue in
Hohenstdt gaben, um Freund G. eine heitere Stunde zu machen.

So finster sein Blick und so ernsthaft er berhaupt war, so nherten
sich ihm doch bald selbst die kleinen Kinder, die er mit innigem, tiefem
Gefhl in seine Arme schlo.

Sein grter Kummer war, nicht selbst Weib und Kind zu haben. Das
Schicksal war ihm nicht gnstig gewesen, und er hatte in dieser Hinsicht
bittere Erfahrungen gemacht. Dieses zeigt schon sein frheres Gedicht:
der Abschied an Mnchhausen. In seinen sptern Gedichten und besonders
im gegenwrtigen Buche hat er sich darber hier und da deutlicher
ausgesprochen.

So sagt er einmal zu mir: _Wenn es nicht wider meine Grundstze wre_,
so mchte ich wohl von einem gesunden Bauermdchen einen Jungen haben.

S. war durchaus streng sittlicher Mensch. Hrte er von einer Handlung
schner Humanitt sprechen, so war seine Aeuerung kurz: _Nun, das ist
vernnftig! das ist human, das ist brav!_ Aber sein Herz wurde
wohlthtig erwrmt.

Ein solches herzerhebendes Freudenfest gab ihm auch jenes Ereigni, das
er in diesem Buche aus Messina selbst erzhlt.

Er pflegte immer zu sagen: das Gute lobt und belohnt sich selbst.

Ueber Niedertrchtigkeiten aber, ber Herabwrdigung und Entehrung der
Menschenwrde ergrimmte er zhneknirschend in seinem Innersten, so
tolerant er auch immer menschliche Schwachheiten beurtheilte.

Das Wohl der Menschen, auf allgemeine Gerechtigkeit und Freiheit -- fr
seine Ansichten eigentlich nur Synonyma -- gegrndet, lag ihm zu sehr am
Herzen. Indessen war er besonnen. Mit den Individuen aus dem Volke lie
er sich nie, weder in politische, noch in religise Gesprche ein. Das
kann da nichts helfen, pflegte er zu sagen: das Vernnftige mu von
oben herabkommen und allgemein gemacht werden. Und so gab er auch nicht
einmal seiner Mutter und seinen Verwandten seine Schriften. Ihr
versteht das nicht, sagte er. Gehorcht ihr den Gesetzen und geht in
eure Kirche.

Er war nie mit den _schnellen, sogenannten_ Aufklrern zufrieden, strte
Niemand in seinem Glauben, und schtzte wackere, gewissenhafte Prediger
sehr.

Unter seiner Mutter Bildni, das ich einmal vor ohngefhr 15 Jahren fr
ihn zum Andenken gezeichnet und radirt hatte, lie er Folgendes stechen:

_Regina Christina Seumin._

_Liebe und Hochachtung den Aeltern, Treue den Freunden, Ehrfurcht der
Religion, Gehorsam den Gesetzen, Muth dem Vaterlande, Gerechtigkeit und
Menschlichkeit Allen._]

[Funote 4: Man wirft mir vor, da ich kein Amt suche &c.

Oft hrte ich ihn sagen: was soll ich mit dem Amte, da -- dort -- oder
gar am Hofe?

Das dauert vier Wochen und -- ihr sehet mich wieder. Rcksichten zu
nehmen, war ihm in ffentlichen Angelegenheiten unmglich, darum vermied
er lieber die Kollisionen. So wurde er einmal aufgefordert, ein
politisch-literarisches Zeitungsblatt zu schreiben; er dankte aber sehr
dafr, so gro der Gewinn geschildert ward, so glnzend ihm auch die
Aussichten erffnet wurden. -- S. wrde das Naturrecht vortrefflich
gelesen haben -- er hatte groe Lust dazu -- allein, es wrde ihm bald
untersagt, und ein geschriebenes konfiscirt worden seyn.

Am passendsten wrde fr ihn eine Inspektion ber den allgemeinen
Straenbau gewesen seyn; und ich bin berzeugt, wir wrden im
Vaterlande, wenn auch keine spanischen Chausseen, doch bessere Wege
haben; denn da diese mitunter recht schlecht sind, darber ist unter
allen Reisenden nur eine Stimme.

Allgemeines Menschenglck beschftigte ihn vor Allem. Sein Herz war voll
von dem Gedanken einer allgemeinen Gerechtigkeit. Es belebten ihn
zuweilen groe Hoffnungen, so weit er auch den Zeitpunkt besserer Zeiten
hinaussetzte.

Er war inde nicht mssig und hat manches Gute gewirkt, mehrere junge
Leute von Herz und Kopf, die er unterrichtete und die sehr redliche,
achtungswrdige Menschen geworden sind, haben gestanden, da sie Seume's
rechtlichen, festen Grundstzen unendlich viel zu verdanken haben.
Selbst viele junge, studirende Adelige, denen er wahrlich um keinen
Preis schmeichelte, kamen doch immer wieder, aus wahrer Achtung gegen
den Mann und seine Grundstze. Mit einem Worte, S. geno als allgemein
anerkannt redlicher Mann eine allgemeine Achtung, und ich hoffe mit
Zuversicht, sie wird ihm ewig bleiben.]

[Funote 5: Man hat alten Stabsofficieren Dinge von groer Wichtigkeit
abgenommen und sie mir bergeben &c.

Als der General von Schwerin, Neffe des bekannten groen Schwerin, vor
ungefhr 10 Jahren in Leipzig war und mir zum Malen sa, fragte er nach
S. Ich zeigte ihm einige Briefe von ihm; ja, ja! das ist seine Hand,
sagte er, ich kenne sie.

Von der unfreundlichen Behandlung, die er auf dem Rckwege aus Ruland
von dem alten Igelstrm erfuhr, erzhlt er in seinem Sommer (seiner
letzten Reise nach Ruland) selbst. So fallen -- nicht eben sehr selten
-- die Belohnungen fr geleistete, redliche Dienste aus!]

[Funote 6: Man trifft so viele trbselige Gesichter &c.

Das war in seinem moralischen Ingrimme gesprochen, wo seine Phantasie
und die Rckerinnerung an so manche Herabwrdigung der Menschenwrde,
besonders in den Residenzen, auf ihn einstrmte. Er empfand dieses
damals tief und giebt dieses Gefhl hier zu erkennen. Er wollte aber
keinesweges dadurch eine ganze Stadt beleidigen, wie sich von selbst
versteht.]

[Funote 7: S. hatte einige griechische und lateinische Autoren und ich
etwas Italienisches in den Tornister gepackt. In Peterswalde fing er an
zu lesen, -- ich glaube den Florus -- und ri, mit mancher drolligen und
sarkastischen Bemerkung, ein gelesenes Blatt nach dem andern heraus und
warf zuletzt die Schale in den Ofen. Diese Prozedur machte er planmig
mit mehreren Bchern, die ihn weniger interessirten, um nach und nach
den Tornister wieder leichter zu machen. Den Homer, Virgil und Horaz
brachte er wieder zurck und verschenkte sie an seine Freunde.]

[Funote 8: Gestern war ich bei Fger &c.

Die damaligen Momente sind mir noch ganz gegenwrtig, und mich dnkt,
Seume zeigt hier, da er nicht so sehr Profaner war, als er auf der
ersten Seite selbst sagt. Er hatte fr Kunstwerke, besonders nach seiner
Zurckkunft aus Italien, einen sehr richtigen Takt, vorzglich was den
Charakter und Ausdruck betrifft. Ich habe seinem Umgange auch in dieser
Hinsicht Vieles zu danken. Seine Aeuerungen waren fast immer treffend.]

[Funote 9: Schnorr hatte als Hausvater billig Bedenken getragen.

Es sei mir hier vergnnt, mit wenig Worten die Grnde anzufhren, durch
welche ich bewogen wurde, den Gang nach Italien und Sicilien aufzugeben,
und zwar um so mehr, da man hier und da an meinem Muthe gezweifelt haben
mochte.

Ich verlie Leipzig mit frohem Gemthe, mit wahrem Vertrauen auf die
Vorsehung. Es kam mir kein Gedanke von Furcht in die Seele, wie es wohl
bei Menschen, beseelt von Enthusiasmus fr irgend etwas Gutes und bei
reiner Absicht, der Fall zu seyn pflegt. Als ich aber in Wien meine
Empfehlungsbriefe, besonders die von Weie (dem Verfasser des
Kinderfreundes) an Mnner abgab, denen ich besonders als Familienvater
an das Herz gelegt worden war, so rieth man mir einstimmig, nicht weiter
zu gehen, da so hufig jetzt Straenrubereien vorgefallen seien. Wenn
wir nun auch nicht annehmen wollen, sagte Fger, da Sie
todtgeschlagen werden; zur Vereitelung Ihres ganzen Endzweckes ist es
schon genug, wenn Sie einige Male Ihres Geldes beraubt werden. Mit einem
Worte, er rathe mir, dieses Mal meinen Enthusiasmus, Italien und
Sicilien zu sehen, zu bekmpfen und als Familienvater ohne alles
Vermgen, meine sauer ersparten einige hundert Thaler nicht zu wagen.

Fger's Sprache war so herzlich, da ich, tief gerhrt, an Weib und
Kinder dachte, und zu bleiben beschlo. Seume konnte dieses selbst nicht
mibilligen; er war zu sehr redlicher Mann und Freund, und vllig
bekannt mit meinen Verhltnissen, als da er egoistisch mir htte
zureden sollen. Die Trennung that uns Beiden weh!!]

[Funote 10: Jetzt sind alle Wasser so schn und hell &c.

Reines, schnes Wasser war fr S. wirklich ein groer Genu, und wo wir
dergleichen trafen, wurde mit Frohsinn geschpft.

Aus Wein machte er sich in der That nichts, Champagner war noch der
einzige Wein, den er liebte.

Wasser war fr ihn ein universelles Mittel fr Alles: er kurirte selbst
den verdorbenen Magen damit, wie er mir in Mhren zu meiner Verwunderung
durch folgenden Vorfall bewies.

Wir waren mit vielem Appetit und durchfroren zur Abendmahlzeit im
Wirthshause angelangt. Sehr fetter, kalter Schweinsbraten und
suerliches Bier, statt des schlechten Wassers machte unsere ganze
Mahlzeit aus. Wir begaben uns darauf in eiskalte Betten zur Ruhe.

Mitten in der Nacht wurde ich pltzlich durch ein ngstliches, lautes
Sthnen und Rcheln aus meinem Schlafe geweckt. Blitzschnell aus dem
Bette springen, mit dem Gedanken an Mord meinen Stock ergreifen und nach
meines Freundes Bette fliegen, war das Werk eines Augenblicks.
Entschlossen auf Tod und Leben erfate ich in der tiefsten Finsterni
gewaltsam ein menschliches Wesen und war eben im Begriff zu kmpfen, als
sich auf einmal das Rthsel lste -- und ich bemerkte, da ich Seume'n
selbst gefat hatte. Die ganze Mordgeschichte endigte sich mit Lachen.

So wie wir des Morgens das Haus verlieen, griff S., trotz meinen
Vorstellungen, nach reinem Schnee, bis wir Wasser fanden, hungerte und
genas.

S. war bis in sein vierundvierzigstes Jahr, bis nach seiner letzten
Zurckkunft aus Ruland, ohngeachtet der vielen Strapazen, in seinem
Leben nie krank gewesen, als sich nachher bei ihm ein Uebel nach dem
andern entwickelte, welche besonders durch Mangel an Bewegung befrdert
wurden. Dem Letzteren wurde er durch das hufige Vertreten seines durch
eine frhere Kontusion geschwchten linken Fues ausgesetzt, wohin sich
nach und nach eine strkere Geschwulst zog.

Auch glaube ich, da ihm die hufigen Einladungen an reichbesetzte
Tafeln im Kontrast seiner gewohnten, einfachen Lebensweise Schaden
gethan haben.]

[Funote 11: ^Lilybaeum^. ^Liv.^ 23, 41. (_Clodius._)]

[Funote 12: Wer kann hier beschreiben? &c.

S. hatte in seinem Leben viel Musik gehrt, liebte sie -- besonders die
Vokalmusik, und sein Urtheil darber war voll richtiger Empfindung.

Aber keine Musik ergriff ihn so gewaltig, als die Ouverture aus Benda's
Ariadne auf Naxos. Und war er auch durch Weltereignisse und zuletzt
durch seine Krankheit noch so migestimmt, und er hrte diese Musik gut
vortragen, so gerieth sein Innerstes in frohen Aufruhr, und sein Geist
erhob sich ber alles Irdische und Kleinliche dieser Erde. Sein Auge
strahlte hohe Freude und sein Ausdruck sprach eine hohe Ahnung eines
unsterblichen, ewigen Wesens aus.

Er hatte diese Musik unter ganz eigenen Umstnden, in einer eigenen
Situation seines Lebens zum ersten Male und zwar gut gehrt. So erffnet
zuweilen ein Moment eine unversiegbare Quelle der wohlthtigsten
Empfindungen durch die Erinnerung in unserm Herzen.]

[Funote 13: Ich htte dem Pfleger die Hnde kssen mgen &c.

S. liebte die Blumen sehr, vorzglich die Rosen. Ein Rosengarten war ihm
der erfreulichste Anblick und er bezahlte zuweilen die Erlaubni, die
Rosen selbst abschneiden zu drfen -- ein wahres Fest fr ihn --
ziemlich theuer. Handeln war berhaupt seine Sache nicht: hatte er auf
die Forderung etwas weniger geboten und man war nicht sogleich
zufrieden, so gab er das Geforderte, ohne weiter ein Wort zu verlieren;
oder machte militrisch links um und ging. Es war zuweilen possirlich,
ihn kaufen zu sehen; auch fhlte er sehr gut, da ihm das Handelstalent
abging, und wir muten daher so manches fr ihn besorgen. Hier einige
seiner Auftrge in schnurrigen Knittelversen:

   Mein lieber Herr Gevatter Schnorr,
   Wohl unsern freundlichen Gru zuvor.
   Ihr wit, da wir mit jedem Wind
   Wohl Euer treuer Gevatter sind,
   Als bitten wir, Ihr wollet dann
   Auch einen Dienst uns lobesann
   Aus lauter Gunst und guten Willen
   Uns thun und hbsch mit Flei erfllen:
   Ihr wollet nmlich unsre Sachen
   Bei Meister Brohm zusammenmachen
   Und nach und nach fr die Gebhren
   Zu uns herber expediren.
   Da sich's auf eins nicht tragen lt,
   So knnt Ihr wohl den Ueberrest
   Bei Euch behalten, bis man ihn
   Gemchlich kann herber ziehn.
   Sodann behndigt diesen Brief,
   Der, wie Ihr seht, ein wenig schief
   An Gschen, der wird Euch sofort
   Fr mich zu weiterem Transport
   Wohl achtzig Thaler zahlen lassen;
   Ihr kennt Herr Rothen an der Ecke,
   Der half mir rstig aus dem D....e;
   Nun diesem zahlet zwanzig Thaler,
   Dabei entschuldigt den Bezahler,
   Da er nicht selbst von Angesicht
   Mit seinem alten Freunde spricht:
   Es thut mir selber herzlich leid;
   Allein jetzt hab' ich keine Zeit.
   Und zwanzig lat Ihr bei Euch liegen,
   Die will ich bald in's Kleine kriegen;
   Und vierzig schickt Ihr mir herber:
   Das ist die Summe bis zum Stber.
   Sodann noch eins; allein verzeiht
   Die Schererei, mein lieber Veit:
   Kauft mir doch ein halb Dutzend Paar
   Von Strmpfen wie im vor'gen Jahr.
   Sodann noch eins: Es ist uns fast
   Das Leben ohne Ton zur Last;
   Drum schafft uns doch in unsern Nthen
   Nur eine von den alten Flten,
   Damit, wenn uns die Grillen hudeln,
   Wir doch ein Stckchen knnen nudeln.
   Und das vor Allem, hrt ihr, Veit!
   Denn mit den Strmpfen hat es Zeit.
   Wir hoffen brigens, da Ihr
   Euch immer werdet, so wie wir,
   In Eurer lieben Stadt der Linden
   Mit Euren Leuten ba befinden,
   Und wnschen, da Ihr mich recht bald
   In meinem _Grimm'gen_ Aufenthalt
   Besuchen werdet. -- Meinen Gru!
   Ich bffle jetzt mit Kopf und Fu.

                                                              _Seume._

Er hatte berhaupt manche Eigenheiten. Dahin gehrt, da er nicht gern
allein a, daher geno er selten etwas zu Hause. Zur Gurkenzeit pflegte
er des Morgens zu kommen und Gurken mitzubringen. Meine Kinder, die
seine Gewohnheit kannten, holten dann schwarzes Brot, Pfeffer und Salz,
und so geno er die Gurken mit vielem Appetit. Fand er in einem Garten
Zwiebelbeete, so war er ganz Spanier; und mit seinen Freunden Frchte
abzunehmen war ihm ein groes Fest.]

[Funote 14: Das Original hatte mich kniglich betrogen &c.

Ich schalte hier Seume's eigene Expektorationen an sein Idolchen, wie er
es selbst nennt, ein.

                         Erster Brief an M...

Eben will ich mich schlafen legen, liebes Mdchen, und es ist recht
spt, und ich bin recht mde, weil ich viel Zeugs gearbeitet habe, was
mir kein Vergngen macht: aber Dir mu ich doch vorher schreiben. Das
gehrt zu meinem Dessert des Abends. Wenn Du die Briefe und Briefchen
alle zusammenzhlst, Mdchen, die ich Dir schon geschrieben habe; ich
glaube, man knnte das Augsburger Archiv damit anfllen. Und was mag ich
Dir wohl immer Alles geschrieben haben? Was kann das seyn? Und wenn ich
tausend Foliobnde an Dich schriebe, so wrde Alles nur Liebe seyn.
Wenigstens mut Du jede Zeile aus meinem Briefe streichen, die nicht
etwas von Liebe athmet.

   Und wenn ich hundert Jahre schriebe,
   Ich schriebe Dir doch nichts als Liebe.
   Der Puls, der Dir nicht Liebe schlgt,
   Der Wunsch, der mich zu Dir nicht trgt,
   Gehret nicht zu meinem Wesen,
   Ist meiner Seele fremd gewesen.
   Die Liebe nur belebt mein Herz
   Und hebet froh es himmelwrts;
   Die Liebe, die Du mir zum Leben
   Und fr die Ewigkeit gegeben.
   Ich sah und sog mit tiefem Geiz
   Von Deinem Antlitz jeden Reiz,
   Ich kam und nahm aus Deinen Blicken
   Der Seele sestes Entzcken
   Ich sah Dich und ein neuer Schmerz
   Zog wonnevoll mir in das Herz.
   Du sprachst mir, und von Deiner Lippe
   Flo sanft der Strom der Aganippe.
   Du sahst mich an, und denkend stand
   Ich wie gefesselt hingebannt.
   Ach, einsam bin ich oft gelaufen,
   Um mir mit Weisheit Ruh' zu kaufen;
   Die Weisheit schlug vor meiner Ruh',
   Wenn ich erschien, die Laden zu.
   Ich kam mit Deinem holden Bilde
   Zurck vom herbstlichen Gefilde,
   Mit jedem Tritte folgtst Du mir,
   Und selig war ich stets mit Dir.
   Da wagt' ich endlich nah' zu treten
   Und meine Seele vorzubeten.
   Die Angst, die mich gefoltert hat,
   Hast Du in Deinen bngsten Stunden
   Gewi im Leben nicht empfunden;
   Die Freude, die mich schnell durchlief,
   Als ich den ersten lieben Brief
   Mit Beben las, den Du geschrieben,
   Ist mir noch heute so geblieben,
   Wie damals sie mein Herz empfand,
   Als ich wie neu geschaffen stand,
   Vergieb mir, Mdchen meiner Seele,
   Wenn ich Dir mein Geschwtz erzhle;
   Ich denk' an jeden Augenblick,
   Wo ich Dich einst nur sah, zurck,
   Und jauchze bei der Gttergabe,
   Da ich Dich, Mdchen, Dich nun habe.
   Nun bin ich Gottes liebster Sohn;
   Ich singe mit dem schnen Lohn
   Trotz jedem Knig hohe Psalmen,
   Und ihre Scepter sind nur Halmen.
   Was kmmert mich ihr Flittergold;
   Du, liebes Mdchen, bist mir hold;
   Ich lege mich zu Deinen Fen,
   Und Du bckst Dich herab zu Kssen.
   Von nun an soll mir ganz allein
   Nur Deine Liebe Weisheit seyn;
   Aus Deinen seelenvollen Blicken
   Soll sie mich nur allein beglcken;
   Und dann von diesem Glcke warm,
   Studir' ich nur in Deinem Arm,
   Und was ich Dir am Herzen lerne,
   Ist schner als die Morgensterne.
   Ach wre nur die Zeit erst da,
   Die ich schon oft im Traume sah!
   Wo Du Dich lieblich an mich schmiegest
   Und Dich in meinem Arme wiegest,
   Wo Du mir Deinen Feuerku
   Zum Morgen- und zum Abendgru
   Mit froher, froher Liebe bringest,
   Und mir ein Lied der Freude singest;
   Dann kann ich meinen besten Ku
   Zum Morgen- und zum Abendgru
   Dir mit der frohsten Liebe bringen,
   Und dir ein Lied der Freude singen.

Die Verse sehen wohl etwas schlfrig aus? Es ist Mitternacht, Mdchen!
da ist es ganz natrlich. Du mut mit mir Schwtzer recht viel Geduld
haben. Wenn Du mich einmal ganz hast, so magst Du mich nach Deiner Weise
ziehen; wenn Du nmlich noch etwas Taugliches an mir findest. Folgsam
will ich wohl seyn, wenn Du mir das Gute ordentlich vordemonstrirst. Was
machst Du Liebe? Werde ja gesund! Werden Papa und Mama nicht bald wieder
irgend einen Schmaus haben? Ich wnsche den Leuten recht viel
Geselligkeit. Gre Schwesterchen; und werde ja gesund; das ist sehr
wichtig, durchaus, hrst Du? Schreib mir bald, da Du besser bist.

   Ich ksse Dir mit Zrtlichkeit Hand und Mund.
   Ewig Dein Treuer; werd' ja bald gesund!

                                                                    S.

                      Zweiter Brief an Dieselbe.

Auch heute mut Du mit mir Geduld haben, liebes Mdchen; ich bin
bestndig wie auf der Post. Heute kam Igelstrm zu mir und zeigte mir
seine Ordre, sich sogleich bei dem Kommando zu stellen. -- Sei ruhig,
Liebe, ich reise nicht. -- Sein Befehl war, sogleich bei Empfang
abzugehen. Die Ursache wei ich sehr wohl. Auch einige andere Officiere
haben schnell zu ihren Corps gehen mssen. Nun mute ich ihm eine Menge
Geschfte besorgen helfen, die ich einem Freunde schuldig bin. Man mu
mir nicht den Vorwurf machen, da ich meine ernsthafteren Pflichten
nicht willig und pnktlich erflle. Man sagte uns, es seien auch Briefe
an uns auf der Post: Du kannst denken, Liebe, da mir das Herz schlug,
ob wir nicht auch vielleicht Befehl erhalten wrden. Die Briefe kamen,
und waren zwar vom General, aber sie enthielten blo freundschaftliche
Allotria. Eigentlich wre es nun wohl besser gewesen, ich wre jetzt
gereist; denn je eher ich hinkomme, desto eher bin ich wieder zurck.
Aber Dich jetzt so krank zu verlassen, Dich vielleicht nicht einmal
sehen zu knnen, das wrde mein Herz nicht ausgehalten haben, so hart es
auch seyn mag. Ich bitte Dich, liebes, theures Mdchen, werde ja nicht
krank, nicht schlimm krank, oder ich kann nicht dafr brgen, da ich
nicht gerade zu Deinem Vater gehe. Liebe, schreib' mir, da es besser
mit Dir ist; schreib' nicht viel, wenn es Dir schwer wird; nur einige
Zeilen zu meiner Beruhigung. Wenn ich Dich nur wohl wei, so bin ich
glcklich genug. Tglich fhle ich mehr, wie sehr Liebe unser ganzes
Wesen stimmen kann. Mein Vater starb, und ich fhlte Schmerz und weinte
Thrnen; aber welcher Unterschied zwischen jenem Gefhle und dem
zrtlichen Kummer, den mir nur Dein Uebelbefinden macht. Mdchen, ich
liebe Dich unaussprechlich: das habe ich so oft gesagt; aber ich sage es
eben so oft, weil ich meine Liebe nicht aussprechen kann. Deine
Gesundheit beschftigt mich jede Stunde. Oft breche ich mitten in der
Periode meiner Schreiberei ab, lege die Feder seitwrts, und sehe
minutenlang, viertelstundenlang auf das leere Blatt. Meine theure,
einzig innig geliebte M., ich bitte Dich bei der Glckseligkeit, die Du
mir gegeben hast und geben willst, bei der ganzen innigen Zrtlichkeit,
mit der ich Dich ewig lieben werde, sei sorgsam und aufmerksam auf Deine
Gesundheit. Es macht mir unaussprechlich viel Unruhe, wenn ich Dich
krank denken mu; um so mehr, da ich nicht hin kann, um Dich von Deinem
Zustande zu berzeugen. Ein einziger Blick ist mehr, als eine lange
Erzhlung. Es hat mich recht geschmerzt, da Du fandst, ich sei
unordentlich; denn ich kann es nicht ganz fr Scherz nehmen. Habe nur
Geduld, ich halte viele Dinge zu sehr fr Kleinigkeiten: im Wesentlichen
hat mir noch Niemand Unordnung vorgeworfen. Du sollst finden, da Du
nicht vergebens zu mir gesprochen hast. Habe nur Muth, mit mir kannst Du
alles Gute machen. Ich fhle, Mdchen, da bei jedem Deiner Ksse meine
Seele sich immer noch zrtlicher an dich schliet. Nie habe ich Begriffe
von der Liebe eines Mdchens gehabt, jetzt ist mein ganzes Herz voll
davon. Ich lasse Dir Gerechtigkeit, liebes Mdchen, ohne Errthen
Gerechtigkeit wiederfahren, Du bist zrtlicher als ich. Diesen Vorzug
giebt Dir Deine Weibernatur, die lauter Grazie und Sanftmuth ist; denn
bei Gott! in der Strke der Liebe will ich mich auch von Dir nicht
bertreffen lassen. Wenn ich Dich nicht glcklich mache, ich fhle den
Werth meines Herzens, so glaube ich, es kann kein Sterblicher Dir Glck
und Zufriedenheit geben. Ich habe Dir meinen ganzen alten Stolz
geopfert, und unendlich gewonnen; ich wrde Dir den Feldherrnstab und
alle Ordensbnder opfern und immer gewinnen. Wenn doch die Menschen
immer richtig nach Kopf und Herz men, so wrde nicht so viel
Miverstand seyn. Wenn wird die glckliche Zeit kommen, Liebe, wo ich
Dir wenigstens tglich eine gute Nacht sagen darf? Aber wrde der Geiz
damit zufrieden seyn? Ich bin so glcklich, so glcklich, wie ein
sterblicher Erdenbewohner seyn kann; lehre mich Gengsamkeit, Liebe. Nur
fr Deine Gesundheit will ich beten. Glaube mir, ich bin frmlich fromm
geworden, seit ich Dich liebe.

Die Gottlosen sollten lieben, und sie wrden sogleich aufhren zu
lstern: die Abgtterei, welche Liebende begehen, ist mehr ein Lob des
Schpfers, als eine Blasphemie. Ein unnennbar ses Gefhl bebt durch
mein ganzes Wesen, hebt meine ganze Seele von der Erde empor, wenn Du
mit frommer Vertraulichkeit mit einem Kusse Dich zu mir neigst. Ich bin
vielleicht ein Kind; aber der Himmel erhalte mir und Dir diesen
Kindersinn. Gre Schwester F.......... Nimm den Ku der Zrtlichkeit,
und da Dir der Himmel Gesundheit gebe.

                                                    Ewig Dein _Seume_.

                      Dritter Brief an Dieselbe.

Da soll ich arbeiten, liebes Mdchen, und meine ganze Seele ist bei Dir.
Dein Briefchen hat mich nicht so sehr getrstet, als mich Sch.'s
Nachrichten beunruhigt haben. Du bist sehr krank, wie ich hre, und ich
soll ruhig seyn! Dein Arzt ist nicht zu Hause, zu dem Du noch das meiste
Zutrauen hast; Du kannst nicht sprechen, Du leidest die empfindlichsten
Schmerzen; und ich soll ruhig seyn! Da liegt der Bogen, den ich in die
Druckerei liefern soll; ich habe ihn weggeworfen. Ich wei in meinem
Zustand mit nichts zu vergleichen, er ist mir ganz fremd: ich bin sehr
traurig und mchte doch um Alles in der Welt nicht frhlich seyn, wenn
mir Jemand meine Traurigkeit nehmen wollte. Liebes, krankes Mdchen, und
Du leidest sicher meinetwegen; meinetwegen hast Du Dich nicht geschont;
wie werde ich, wie kann ich Dir alle Zrtlichkeiten vergelten, die Du
mir schon gezeigt hast. Ich fhle, ich mu von Dir die Liebe lernen;
ach, Theuerste, werde nur gesund, Du sollst ganz mit Deinem Schler
zufrieden seyn. Es ergreift mich bestndig unwillkrlich eine Wehmuth,
von welcher ich mich nicht losreien will. Die Saiten, die ich Stmper
auf dem Klaviere anschlage, beben alle melancholische Akkorde, und alle
kleinen Stcke, die ich von der Laute greife, sind ungewhnlich
elegisch. Einige Tne, welche den Ton der Seele treffen, knnen einen
Laien tiefer rhren, als den Meister die Kunstharmonien ihrer Zauberer.
Ich bekenne Dir, Liebe, ich gbe ganze Konzerte von Haydn fr zwei Tne
auf der Laute hin, wenn sie die Stimmung der Seele zurckbeben.

Es ist schon sehr hart, in einer solchen Entfernung von seiner Geliebten
zu leben, wie ich: in einem so eigenen traurigen Verhltnisse zu stehen,
wie ich; solche schne Hoffnungen und so eigene Schwierigkeiten zu
haben, wie ich; aber jetzt, da Du krank bist, da ich herumschleiche, wie
ein Verirrter, da ich Dir so nahe bin und so fern, hat meine Lage keine
hnliche an qualvoller Angst. Ich spreche nicht, weil ich meine
Empfindung lieber behalte als ausgebe; ich wrde Dir auch nicht
schreiben, wenn ich Dir verbergen knnte, wie es in meiner Seele
aussieht. Selbst meine Gedanken sind so irrsam durcheinander, da Du es
vielleicht sogar meinem Briefe ansiehst. Es ist, als ob ich mich
hinsetzen sollte zu sterben. Vergieb mir, bestes, theuerstes, ewig
geliebtes Mdchen; ich sollte nicht klagen; denn ich bin ein Mann, und
ein Mann soll stark seyn. Ein Knig mit seiner Macht knnte meinen Augen
sicher keine Thrne auszwingen; meine eigenen Empfindungen haben oft
schon die glhenden Tropfen bis an die Wimper getrieben. Ich weine wohl
nicht, aber meine Augen brennen und eine hohe Gluth fhrt elektrisch
durch meinen Nacken. In welchem Lichte mag ich Dir erscheinen, Liebe?
Man klagt mich so sehr der Hrte, der Unempfindlichkeit, der Rohheit an:
und in meinem Charakter, der meistens der eisernen Vernunft folgt, liegt
etwas, das jener Beschuldigung einigen Anschein von Wahrheit giebt. Aber
ich versichere Dich, bei allem, was einem ehrlichen Mann heilig seyn
kann, es ist nur Schein, und wer in den Charakter nicht tiefer
eindringt, bleibt bei dem Schein stehen. Du machst mir vielleicht einst
den nmlichen Vorwurf, wenn meine Liebe sich in das Kleid des
Vernunftmigen schickt, meine Seele sich vielleicht in die alte
stoische Ruhe setzt, und Du dann glaubst, das Feuer meiner Empfindungen
sei ausgestorben. Das wrde mir schrecklich werden; denn ich versichere
Dich, bei meiner anscheinenden Ruhe kocht es oft in der Tiefe wie ein
Vulkan. Thue mir nie das Unrecht, Liebe, je an meinem Herzen zu
zweifeln; setze es auf die Probe, wie Du willst, und es wird Probe
halten. Meine Empfindungen sind ewig, denn sie sind wahr. Wenn ich nur
einmal so glcklich wre, nher um Dich zu seyn, mit Dir in innigern
Verhltnissen zu stehen, damit Du mich ganz kennen lerntest, und shest,
da ich ein Herz wie das Deinige ganz verdiene. Siehst Du, bestes,
trautes Mdchen, meine Verse knnten Schminke tragen, meine Moral knnte
Wortgeprnge seyn, meine Briefe knnten lgen, meine Reden knnten Brast
seyn, meine Ksse knnten Dir heucheln; denn wer wrde nicht ein
schnes, liebenswrdiges Mdchen feurig kssen, wenn er ihr Herz
bestricken wollte: Alles an mir knnte Dich betrgen; aber nicht meine
Handlungen, welche Dokumente bleiben, fr oder gegen mich, nicht die
herzliche, innige, zrtliche Aufmerksamkeit, mit der ich ununterbrochen
mein ganzes Leben fr Deine Glckseligkeit wachen wrde. Meine heieste
Liebe zu Dir macht mich nicht blind, M..... ich kann Dich bei dem Glck,
das ich von dieser Liebe hoffe, versichern, ich wrde Dir es mit
zrtlicher Schonung sogleich entdecken, wenn ich etwas an Dir fehlerhaft
fnde; aber Alles, Alles hat an Dir, so viel ich jetzt gesehen habe,
meine Billigung, Manches hat mich entzckt, und selbst der kltere
Beobachter wrde nichts zu tadeln finden. Der Himmel hat mich in Deinem
Herzen sehr gesegnet; ich habe so viele Glckseligkeit durch meine
undankbar kalte Philosophie nicht verdient. Aber ganz kalt bin ich nie
gewesen, ich hatte wenigstens die Empfnglichkeit der Wrme mir
erhalten, sonst htte ich Dich nicht geliebt, sonst httest Du mir nicht
geantwortet. Die Welt wird Dich sehr tadeln, wenn sie Deine Wahl
erfhrt; aber ich will Dich rechtfertigen dadurch, da ich ihr zeige,
ein Weib knne an meiner Seite wohl so glcklich seyn, als in einem
goldnen Wagen. Mdchen, ich darf Dir bekennen, ich freue mich auf die
Zeit wie ein Knabe, der noch zehn Jahre zu warten hat, bis ihm der Bart
keimt. Gewi, ich bin ein guter Mensch durchaus, und ein solcher wird
nie ein schlechter Mann. Werde nur, werde nur gesund; ich bitte Dich,
meine Theure, sorge fr Dich; befolge jetzt die Vorschriften, die Dir
der Arzt giebt, sei ruhig und habe Geduld. Wenn ich nur selbst ruhig
seyn knnte, ich wollte Dir recht gute Predigten ber die Ruhe halten.
Mir ist alle Tage, als ob ich in euer Haus strmen mte, so zieht mich
eine unaufhaltbare Gewalt immer in Deine Gegend. Mdchen, wenn Du
wtest, wie oft ich in meinen Mantel gehllt Abends dort in der Strae
auf und abwandle; ich blicke nicht hinauf, weil ich nichts sehen wrde,
aber es thut mir doch etwas wohl, Dir so nahe zu seyn, bis mich meine
Ungeduld fort nach Hause treibt. Ich habe mit Dir und blo durch Dich
schon manche schne, herrliche Stunde genossen; aber eben dieser volle
Genu zeigt mir nun die Leerheit aller brigen. Es ist, als ob ich nicht
lebte, wenn ich nicht wenigstens in Gedanken bei Dir bin, so sehr bist
Du Alleinherrscherin meines ganzen Wesens geworden. Ich kann, ich will
nicht ruhig seyn, so lange Du nicht wohl bist, so lange Du nicht sicher
in meinen Armen ruhest. M...., liebes, krankes, theures Mdchen, gewi,
es soll Dir noch recht wohl gehen, und Du sollst gesund seyn, und des
Arztes nicht bedrfen. Denn blos eure verkehrte Lebensweise ist Schuld
an euerm bestndigen Uebelbefinden. Wenn ich doch so glcklich wre, als
ein sehr gleichgltiger Bekannter in euerm Hause zu seyn, nur dieses:
nur um mich zu berzeugen, was ihr Leutchen fr eine Menage fhrt, da
ihr immer nicht wohl seid. Aber was sage ich Unbesonnener? An Deiner
Krankheit bin ich Schuld, blos ich; und sonst ist wohl Alles in der
Familie wohl. Ich werde mir die Strafe auflegen, Dich nie wieder so zu
sehen. Aber wenn werde ich Unglcklicher Dich nun wieder sehen? Das
Schicksal bietet Alles auf, mich fr meine ehemalige Hrte recht weich
zu machen. Ich kann Dir nun versichern, M....., ich bin nun so demthig,
als es nur die christliche Moral immer haben will. Werde nur wieder
gesund, und rufe mich zu Dir; oder rufe mich auch nicht zu Dir und werde
nur gesund.

   Wenn nur Hygea ihre Kraft des Lebens
   Durch Deiner Glieder Flle giet,
   Wenn nur in Pulsen eines leichten Strebens
   Dein Blut sanft auf und nieder fliet,
   Wenn Du nur Gottes Luft mit freien Zgen
   Und frischer Brust zum Wohlseyn trinkst,
   Will ich entzckt an Deinen Busen fliegen,
   Wenn Du dem lieben Schwrmer winkst.
   Ich will zum Himmel wie ein Pilger beten,
   Da Dir der Himmel Arzt und Heilung sei;
   Und darf ich bald Dir wieder nahe treten,
   So eil' ich hohen Herzensschlags herbei,
   Und sinke, Liebe, hin zu Deinen Knieen,
   Und danke mit dem seligsten Genu
   Dir und dem Himmel nur in einem Ku,
   In welchem alle Hochgefhle glhen.

Herrliches, liebes Mdchen, ich wnsche Dir baldige, feste, dauerhafte
Genesung. Dann mut Du durchaus Dein Arzt selbst seyn, wenigstens keinen
andern als mich haben. Wenn ich nur ruhig seyn knnte! Ich ksse Dich so
zrtlich als ich Dich liebe. Dein auf ewig.

                                                              _Seume._

                      Vierter Brief an Dieselbe.

Heute bin ich schon etwas ruhiger Deinetwegen, da mir Sch. Nachricht von
Deiner Besserung bringt. Aber ganz ruhig werde ich nicht eher, als bis
ich Dich wieder einmal selbst sehe, und urtheile, da Du gesund und wohl
bist. Denn Deiner Versicherung ber Deine Gesundheit glaube ich auch
nicht; Du hast mich so oft getuscht. Du glaubst, liebes Mdchen, hier
ist die Tuschung wohlthtig und besser als Wahrheit. Das spricht Deine
Liebe; aber das kann meine Liebe nicht glauben. Als ich Dich das letzte
Mal in meinen Armen hielt, liebes Mdchen, wie gut und zrtlich warst Du
da! wie liebevoll hingst Du an meinem Halse und athmetest an meinem
Herzen. Aber Du warst krank, Du warst schon recht krank, armes Mdchen.
Mir war's, als ob Deine Ksse doppelte Zrtlichkeit htten; es ist etwas
Unaussprechliches in einem solchen Blicke, einem solchen Kusse. Wehe dem
Menschen, den ein solcher Ku nicht ganz zum reinen Geweihten seiner
Liebe macht. Es liegt Wehmuth darin, unbeschreibliche Wehmuth,
theuerstes Mdchen, ich glaube, ich fange jetzt erst recht an, Dich zu
lieben, wie ich soll, und werde Dich an Zrtlichkeit bertreffen, wenn
ein Mann je ein Mdchen an Zrtlichkeit bertreffen kann. Siehst Du,
Liebe, ich lasse Dir und Deinem Geschlecht Gerechtigkeit wiederfahren;
ich gestehe, ihr mgt zrtlicher lieben, aber liebt ihr auch treuer und
standhafter und unverbrchlicher? Das ist eine Frage, die ich nicht
entscheiden mag. Mich ducht, Du mut ein Muster aller dieser Tugenden
seyn, weil Du mich whlen konntest. Das klingt stolz, Liebe, aber es ist
wahr; und mit diesem Stolze wirst Du wohl zufrieden seyn. Du konntest
wohl glauben, da ein Mann, wie Du Dir meinen Charakter vorstellen
mutest, vorzglich in so ernsten Dingen sehr ernst denkt, und doppelt
ernst handelt: und doch eiltest Du in meine Arme. Du bist ein Engel fr
mich; ich wei gar nicht, Mdchen, wie ich Dich ganz verdienen werde:
aber verdienen will ich Dich, das Zeugni sollst Du mir einst noch
geben. Ich glaube, im ganzen Vaterlande ist kein Mdchen, das so gut und
liebevoll wre, als Du bist, M..... Mdchen, ich fhle Deinen Werth in
mancher ganz kleinen Nance, und liebe Dich tglich mehr. Das ist
vielleicht eine Formel; denn ich glaube, ich kann Dich nicht mehr
lieben, als gestern und ehegestern; und doch kommt mir's jedesmal so
vor, wenn ich Dich in meinen Armen halte. Aber weit Du, Liebe, da ich
Dich jetzt als meine theuerste Geliebte doch noch nicht so liebe, als
ich Dich lieben werde, wenn Du einst mein Weib seyn wirst: das fhle
ich, das lieget in der Natur und ich wollte es philosophisch beweisen.
Die Geliebte ist dem Liebhaber freilich das hchste, glhendste Ziel
aller seiner Wnsche und Hoffnungen, aber das Weib mu dem Manne
durchaus Alles, Alles, der ganze Zirkel seines Wesens seyn. Der Mann ist
ein Verrther, dem sein Weib das nicht ist; und wehe dem Weibe, welches
dieses alles dem guten Manne nicht seyn kann. Vergieb mir, liebe M.....,
Du weit, ich bin kein Ueberzrtlicher, vergieb mir meine se
Schwrmerei: das denke ich mir durchaus als die seligste Periode der
ganzen Erdenexistenz, wenn Du mir einen Knaben oder ein liebliches
Mdchen entgegen tragen wirst. Da Du mich kennst, wirst Du mich deswegen
nicht tadeln; da ich Dich kenne, darf ich wohl in den hohen Empfindungen
meines Herzens ein Wort dieser Art zu Dir sprechen. Wenn ich so oft
unter einer glcklichen Familie sa, und mich an den reinen Gesichtern
der kleinen, frhlichen Kinder weidete, stieg oft eine unbekannte
Sehnsucht in mir auf. Ich dachte nie an die Hoffnung, selbst einst so
glcklich zu werden, und lie die kleinen, krauslockigen Jungen mich in
den Haaren zausen und am Barte rupfen. Die Leute sagten immer, trotz
meiner Wildheit, shen sie daraus, da ich ein guter Mann sei. Du,
M....., hast mir diese neue Hoffnung geschaffen, und ich danke Dir dafr
wrmer, als fr alle Deine Ksse. Werde nicht eiferschtig ber meine
sonderbare Philosophie. Du bist mir doch, bleibst mir doch Alles, der
ganze Inbegriff des Segens, den ich mir vom Himmel erbitte. Mdchen
werde nur wieder gesund: denkst Du etwa, das sei so ganz egoistisch? und
da Du so blos meinetwegen gesund werden sollst? Glaube das nicht,
Liebe, ich wollte gern fr Dich leiden und dulden, wenn ich Dir nur
Deinen Schmerz abnehmen knnte. Seit ich Dich so herzlich liebe, bin
ich, so wahr ich lebe, ein anderer Mann; ich habe das Leben selbst weit
lieber, und mich ducht, es sei nun doch des Wunsches werth zu leben.
Ehemals nahm ich mir wahrlich kaum die Mhe, das Leben zu wnschen.

   Sonst sah' ich manchen Frhling blhn,
   Und sahe manchen Sommer fliehn,
   Und bckte an des Beetes Saum
   Mich nach der schnsten Blume kaum.
   Sonst strich mir mancher Herbst vorbei
   Und war mir immer einerlei,
   Ich a da Aepfel ohne Dank,
   Die Traube ohne Frohgesang.
   Jetzt, M...., lieb' ich Dich
   Und Alles wird nun froh um mich
   In jeder Blume trgt die Luft
   Mir Labung zu, und Balsamduft.
   Der Apfel, den ich eben a,
   Schmeckt wrziger, als Ananas;
   Rund um ist Alles eingeweiht,
   Und selbst der Schnee ist Feierkleid.

Werde nur wieder gesund, meine Liebe! Ich ksse Dich zrtlich, recht
zrtlich. Ewig Dir treu und der Deinige, liebes Mdchen, ewig.

                                                                    S.

          Fnfter Brief an Dieselbe. (Einige Wochen spter.)

M....

Dein Vater hat mir das Versprechen abgefordert, die Korrespondenz
abzubrechen: ich hatte schon geschrieben, es ihm zu geben; er hatte aber
nicht die Gte, den Brief, der es enthielt, anzunehmen; folglich habe
ich es ihm nicht gegeben: und sein Wille ist fr mich unbedingt kein
Gesetz. Aber Du scheinst der nehmlichen Gesinnung zu seyn; und Deine
Wnsche sollen mir heilig seyn, bis zu meinem letzten Hauche. Frchte
nicht, da ich Dich weiter mit Zudringlichkeiten beschweren werde: nur
das traurige Vergngen kann ich mir nicht versagen, in diesem letzten
Briefe noch einmal herzlich zu Dir zu sprechen. Ich will mich
rechtfertigen vor Dir, rechtfertige Du Dich auch vor Dir selbst. Mein
Herz soll und mu schweigen; ich habe Ursache zu frchten, da seine
Sprache nicht mehr verstanden wird; und ich will seine Empfindungen
nicht entweihen. Es ist seit einiger Zeit meine Beschftigung gewesen,
da ich alle Deine Briefe mit bitterm Gefhle wiederholt durchgelesen;
es ist, als ob die schne Tuschung noch um mein Herz spielte, als ob
ich nicht aus dem sen Traum erwachen knnte. Ich kenne viele Arten des
Zweifels; aber keiner giebt solche Scorpionenstiche, wie der Zweifel,
den Du mir gegeben hast. Ich bin glcklich gewesen, in meinem Wahn
glcklich gewesen, das danke ich Dir. Du kannst stolz seyn, es hat mich
kein weibliches Geschpf glcklich gemacht, als Du; Du kannst sehr stolz
seyn, es wird mich keine wieder glcklich machen. Du bringst mich zu
meiner alten Philosophie ber die Weiber zurck, und noch sehr zu
rechter Zeit. M...., Du hast nicht gromthig, nicht redlich mit mir,
nicht weise mit Dir selbst gehandelt. Warum hast Du mir nicht Wahrheit
gesagt? Glaubst Du, da ich Wahrheit scheue, auch wenn sie mich zu Boden
schlgt? Ich merkte Deine Vernderung gleich mit den Feiertagen: ich
lief herum voll Angst wie ein Gejagter. Von Dir kam kein Gru, keine
liebreiche Erkundigung, keine Nachfrage nach einem Briefe, deren ich
wohl sieben geschrieben und zerrissen habe. Meine Seele war auf der
Folter; endlich sagte mir Sch., das Verhltni msse abgebrochen werden,
das wolltest Du; Du, die Du mir noch vor vierzehn Tagen die heiligsten
Betheuerungen schicktest: Dein Vater habe Dir alle Hoffnung benommen,
Dir mit seinem Fluche gedrohet. Von Allem dem war nichts wahr, wie ich
aus Deines Vaters Briefe sehe. Welche Partie glaubst Du denn, da ich
nach meinem Charakter nehmen konnte, als Deinem Vater nun geradezu zu
schreiben, da ich nach Deiner Botschaft annehmen mute, er wisse schon
Alles? Httest Du mir die Wahrheit sagen lassen; ich htte Dir mit einem
kurzen Kampfe Alles zurckgeschickt. Du klagst ber meinen Stolz, und
nimmst Dir die Mhe, mich ganz zu demthigen. Vielleicht gelingt es Dir,
vielleicht nicht. Dein Vater will keine Briefe von mir annehmen, auch
Deine Mutter nicht. Du vielleicht auch nicht. Das erniedrigt mich nicht;
ich finde mein Betragen ziemlich konsequent, so konsequent man in meiner
Gemthsstimmung seyn kann. Was soll ich nun thun? Dein, Dein eigener
Antrieb war es, zu brechen. Du httest mir und Dir und Deinen Aeltern
viele schmerzliche Gefhle ersparen knnen, wenn Du mit etwas mehr
Ueberlegung gehandelt httest. Es scheint, als ob Du Dir ein Vergngen
gemacht httest, meine Empfindungen zu einer solchen Hhe zu winden, um
mich dann mein Nichts fhlen zu lassen. Es ist Dir ganz gelungen. Das
Mdchen, das noch kurz vorher an meinem Nacken hing, und mich um meine
Treue bat, hat nun nicht einmal den Muth, zu sagen, da es mich liebt.
Ich bin zur Galanterie zu ernst, und Du hast Dich geirrt, wenn Du mich
unter diese Rubrike gebracht hast. Wir haben einander, wie es scheint,
Beide nicht gekannt; und drfen also einander keine Beschuldigungen
machen. Da ich Deine Ruhe gestrt habe, vergieb mir; da Du mir so
schne Hoffnungen geschaffen und vernichtet hast, da durch Dich mein
Friede zu Grunde gegangen ist, das will ich Dir vergeben, meine
Bldsinnigkeit anklagen, und Dich zu den ganz gewhnlichen Mdchen
rechnen. Wenn ich das nur knnte, M...., ich wre noch glcklich genug.
Mein Ernst hat Dir nicht gefallen; um ihn zu heilen, hast Du Bitterkeit
hineingegossen. Deinen Aeltern rechne ich nichts an; sie handeln nach
ihrem Begriff der Pflicht: aber wie Du nach Deinem Begriff der Pflicht
handelst, kann ich nicht einsehen. Du warst weder gegen Deinen Vater,
noch gegen mich, wie Du solltest. Die Grnde, welche Dein Vater gegen
mich anfhrt, sind alle gltig genug, da Du ihnen Gewicht giebst: ein
einziger hat mich mehr als alle getroffen, er heit die Wankelmthigkeit
des Weibes. Dein Vater lt Dir Gerechtigkeit wiederfahren. M...., Du
httest redlicher mit mir seyn sollen. Ich bin nicht der Mann, der das
weiche Herz eines Mdchens mibraucht; ich fordere Dich auf, die
Wahrheit zu sagen. Bin ich nicht offenherzig mit Dir gewesen? Habe ich
Deine Empfindungen bestochen? Meine ganze Seele hngt noch an Dir, und
wird sich ewig nicht loswinden knnen. Wenn Du meiner unwerth wrest,
wrde ich ber Dich weinen und trauern. Sage mir nur offenherzig Deine
Wnsche, und traue mir Gromuth genug zu, sie alle zu befriedigen, und
wenn es mein Leben kostete. Wider meine Ehrlichkeit kannst Du nichts
fordern. Deine Briefe solltest Du lngst wieder haben, wenn sie Dein
Vater nicht verlangte. Bekommen soll er sie nicht; aber lesen soll er
sie, wenn er darauf dringt, zu seiner Beruhigung und Deiner
Rechtfertigung. Hast Du etwas geschrieben, was Du zu gestehen Dich
schmest? Dich zu schmen Ursache hast? Mdchen, dann sind wir Beide zu
beklagen, Dein Vater und ich; und Du am mehrsten. Dann sollen sie zur
Tilgung alles Mitrauens vor seinen Augen vernichtet werden. Wenn ich
auch das Angesicht Deines Vaters scheue, will ich mich doch vor ihm
nicht schmen. Ich bin gewohnt, mir Achtung zu erzwingen, wenn ich mir
auch keine Gewogenheit erwerbe. Ich kann mir vorstellen, wie viel
Nachtheiliges man Dir auf meine Kosten vorsagen wird; wenn Du das so
geradezu ohne Sichtung glaubst, so habe ich jede Empfindung meines
Herzens umsonst verschwendet. Ich bedaure Dich bei allem meinem Schmerz
noch weit mehr, als mich selbst: denn ich werde hchst wahrscheinlich
zeitlebens Dir zum Vorwurf herumlaufen. Mein Betragen wird Deine Strafe
seyn. Ich versichere Dich, Liebe, ich werde Dich nicht aus meiner Seele
verlieren. Ich habe mit keinem Mdchen in einer nhern Verbindung
gestanden; Du bist das einzige, das sich ganz in meinem Herzen
festgesetzt hat. Gehe hin, wo Du willst; ich werde Dich mit zu Grabe
nehmen. Du hrst vielleicht nach dreiig Jahren von mir noch den
nmlichen Ton, wenn Du Dich meiner gelegentlich erinnerst. M...., ich
bitte Dich um Gotteswillen, bei dem Glcke, das Du noch hoffst, sei
Deiner werth; ich kann nichts Schlimmes von Deinem Herzen glauben. Sei
Deines Vaters Freundin, wenn Du nicht meine Geliebte mehr bist. Wenn
mein Ku Dich nicht edler gemacht hat, bin ich ein Verworfener, oder Du
ein Geschpf ohne Sinn. Thue nichts, nichts heimlich: was ich that,
geschah Deinetwegen; sonst trete ich immer in's Licht. Meinetwegen zeige
auch diesen Brief Deinen Aeltern; ich werde ihnen gelegentlich nicht
bergen, da ich ihn geschrieben.

Erlaube mir noch einmal, mich in die se Tuschung der Harmonie unserer
Herzen zu setzen. Du hast ein schnes Werk zerstrt, Liebe; das httest
Du nicht thun sollen, oder nicht sollen bauen helfen. Du fragst, was ich
denke? und nicht, was ich fhle? Ich bin unendlich traurig; und von
welcher Art meine Empfindungen sind, magst Du in Zukunft von meinem
Gesichte lesen. Ich bin vielleicht nie wieder so glcklich, eine Sylbe
mit Dir zu sprechen; aber mein Herz wird Dich begleiten, denn ich bin
unvernderlich.

                                                              _Seume._

                            An Herrn ***.

Mein Herr!

Wir kennen einander nicht; aber die Unterschrift wird Ihnen sagen, da
wir einander nicht ganz fremd sind. Meine ehemaligen Verhltnisse zu
Ihrer Frau knnen, drfen und mssen Ihnen nicht unbekannt seyn. Sie
wrden vielleicht nicht bel gethan haben, meine Bekanntschaft frher
gemacht zu haben; ich stre Niemandes Glck. Ob Madam *** gegen mich
ganz gut gehandelt hat, kann ich nicht entscheiden, eben so wenig als
Sie; da wir Beide nicht gleichgltig sind. Ich vergebe ihr gern und
wnsche ihr Glck; es war ja nie etwas anders der Wunsch meines Herzens.
Einige meiner Freunde wollen mir Glck wnschen, da die Sache so
gekommen ist; sie berzeugen fast meinen Kopf, aber mein Herz blutet bei
der Ueberzeugung. Da Sie mich nicht kennen, drfen Sie ber mich nicht
urtheilen. Ich bin weder Antinous, noch Aesop, und Mademoiselle *** mu
doch vorzglich den ehrlichen, guten Mann zu sehen geglaubt haben, als
sie mir sehr theuere Versicherungen gab. Doch stille davon! Es geziemt
mir nicht, mich zu rechtfertigen, und noch weniger, Andere anzuklagen.
Was die Leidenschaft that, hat -- die Leidenschaft gethan. Ich bin nicht
Ihr Freund, das leiden die Verhltnisse nicht: da ich aber ein ehrlicher
Mann bin, ist es fr Sie so gut, als ob ich es wre. Sie selbst, mein
Herr, haben bei der Sache als ein junger, nicht ganz ernsthafter Mann
gehandelt. Ich wnsche Ihnen Glck; Sie haben das nthig. Ihre Frau ist
gut, ich habe sie tief beobachtet, und ich wrde nicht im Stande gewesen
seyn, mein Herz an eine Unwrdige zu verlieren. Da zwischen uns nichts
Strafbares vorgefallen ist, dafr mu Ihnen mein Charakter und meine
jetzige Handelsweise brgen. Sie hat Fehler: sie kann hassen, verzeiht
nicht leicht, und ist leichtsinnig. Sie haben also keinen leichten Gang
mit ihr. Sie mssen ihr manchen Fehler vergeben und selbst keinen
begehen. Es ist mir daran gelegen, da Sie Beide glcklich sind: das
wird Ihnen begreiflich seyn, wenn Sie etwas vom Herzen des Menschen
wissen und mich nicht fr einen ganz gewhnlichen Menschen halten. Ich
werde hchst wahrscheinlich unterrichtet seyn, wie Sie leben, so weit
man im Allgemeinen unterrichtet seyn kann: denn ich bin in B., wo ich
oft war, nicht ganz Fremdling: Ich kann nun einmal nicht wieder
gleichgltig werden, das htte Madam *** ehemals glauben und ihre
Maregeln zur Zeit nehmen sollen. Das Schrecklichste wrde mir seyn,
wenn Sie je eine Ehe nach der Mode fhren sollten. Ich bitte Sie bei
Ihrem Glck und bei dem Rest von meiner Ruhe, noch mehr aber bei dem
Glck der Person, die uns theuer seyn mu, nie -- nie leichtsinnig zu
seyn. Sie sind Mann; von Ihnen hngt Alles ab. Wenn M.... je von ihrem
Charakter sinken knnte, ich wrde den meinigen frchterlich rchen.
Verzeihen Sie und halten das nicht fr Impertinenz. Sie mssen Zeiten
und Menschen kennen. Furcht giebt Sicherheit. Ich werde Ihre Frau mit
meinem Willen nie wieder sehen. Wenn Sie selbst Ihre Pflichten immer
erfllen, so fhren sie ihr immer in _einer ernsthaften Stunde_ mein
Andenken wieder zu. Es kann ihr heilsam werden, und soll Ihnen nicht
schaden. In meiner Seele kann in diesen Verhltnissen nur Liebe oder
Verachtung wohnen; ich kenne mich; die erste kann nur mit dem
Stufenjahre Freundschaft werden, und der Himmel bewahre Sie und mich vor
der zweiten: ihr Vorbote wrde schrecklich seyn.

Ich kann aus der Seele des Weibes herauslesen, was Madam *** jetzt ber
oder auch wohl wider mich sagen wird, und ich wnsche aufrichtig, da
sie nie mit Reue an mich zu denken Ursache habe. Es ist Ihr eigenes,
groes Interesse, mein Herr, dafr mit bestndiger Aufmerksamkeit zu
sorgen (hier fehlt ein Stck von der sehr zerknitterten Handschrift) --
-- gewhnliches Weib; nur -- -- Unglck, wenn sie -- -- wre.

Hchst wahrscheinlich kann ich Ihnen nie einen Dienst leisten, so wenig
als Sie mir bei meiner Denkungsart. Sollten Sie aber je glauben, da ich
es knnte, so htte ich in mir Ursache genug, es mit Vergngen und Eifer
zu thun.

Ich erwarte weder Antwort, noch Dank; sehen Sie nur das, was ich so kalt
als mglich sagte, mit meiner Seele oder nur mit gehriger Gleichmuth
an, und Sie werden Alles sehr natrlich finden.

Ich versichere Sie herzlich meiner vlligen Achtung, und es mu Ihnen
daran gelegen seyn, sie zu verdienen. Leben Sie wohl und glcklich! Auch
dieser Wunsch geht ganz von Herzen, ob er gleich mit etwas mehr Wehmuth
geschieht, als der Mann fhlen sollte.

Grimma.

                                                            _Seume._ ]

[Funote 15: Mein erster Gang war Schnorr aufzusuchen &c.

Ja auch mir thut es heute noch leid! --! Ich dachte so oft an meinen
Freund, allein ich erwartete seine baldige Ankunft in Paris durchaus
nicht. Htte ich nur die leiseste Ahnung davon gehabt, ich wrde mich
gern auf's mglichste eingeschrnkt haben, so sehr auch mich der kleine
Rest meiner Baarschaft an die Rckkehr in mein Vaterland mahnte.]

[Funote 16: Man hat mir zu Hause wohl manches Kompliment ber meine
Sprache gemacht &c.

S. sprach sehr gut Deutsch und hatte etwas von dem Dialekte der
gebildeten Lievlnder, der bekanntlich einer der angenehmsten ist. Auch
war sein Vortrag so gut und so bndig, da man ihn stets htte
nachschreiben knnen.]

[Funote 17: In Weimar freute ich mich &c.

Vom Vater Wieland sprach S. stets mit einer reinen, kindlichen
Verehrung. Wenn ich des Abends meinen kranken Freund besuchte, und es
war wieder einmal ein Brief von Weimar angekommen, so erheiterte ihn
stets ein sehr wohlthtiges Interesse fr den ganzen Abend.]

[Funote 18: Aber mit einem Philister macht bekanntlich ein preuischer
Officier nicht viel Umstnde &c.

Guter Seume, Du bist todt, und die alte Klage ist noch oft gehrt
worden. Es wre traurig, wenn es nicht Ausnahmen gbe, die sich von
selbst verstehen. Unter diese fr die Erinnerung so wohlthtigen
gehrten auch jener preuische Oberste mit seinem Hauptmanne, welche wir
auf den Ruinen in Tharand trafen. Wie freundlich redeten sie uns an, --
und wir waren eben nicht prchtig gekleidet -- und mit welchem Ausdruck
von Achtung behandelten sie Dich, verewigter Freund, als sie mit
Diskretion nach unsern Namen gefragt hatten.

Diese Herren waren auch preuische Officiere; aber gebildete und
kenntnivolle Mnner!

Wie wahr unser Seume auch damals in einem langen, interessanten Gesprch
mit diesen Mnnern das Kommende prophezeihte, und wie sehr alles dieses
denselben einleuchtete, dessen erinnere ich mich noch mit dem
lebhaftesten Gefhl.

Unser guter, redlicher S. war in so mancher Hinsicht zu beklagen; aber
am meisten schmerzte ihn, da er sich mute die letzten Jahre ernhren
lassen. Er uerte dann und wann nur wenige Worte gegen mich; aber auch
die wenigen Worte waren hinreichend, seine schmerzhaften Gefhle zu
erkennen zu geben. Noch ein groes Glck war es fr ihn, da er seine
Untersttzung aus den Hnden achtungswrdiger Menschen erhielt! Ruhe
sanft, redlicher Mann! jedes Andenken ist ein Segen Deiner Asche
geweiht!]

                 Druck von B. G. Teubner in Leipzig.




Anmerkungen zur Transkription


Das Inhaltsverzeichnis des zweiten Bandes wurde direkt hinter das
Inhaltsverzeichnis des ersten Bandes verschoben.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original
g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren,
wurden ^so^ markiert.

Die variierende Schreibweise und Grammatik der Vorlage wurden weitgehend
beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier
aufgefhrt, teilweise unter Verwendung weiterer Ausgaben
(vorher/nachher):

   [S. I.11]:
   ... aus schnelle tiefer moralischer Empfindung her. Das
       Zuchtmeisteramt ...
   ... aus schneller tiefer moralischer Empfindung her. Das
       Zuchtmeisteramt ...

   [S. I.17]:
   ... seiner Aburthelung ber meine Dummheit nicht ganz; war aber ...
   ... seiner Aburtheilung ber meine Dummheit nicht ganz; war aber ...

   [S. I.19]:
   ... grogewachsenes Mdchen, da sich in der Schule durch ...
   ... grogewachsenes Mdchen, das sich in der Schule durch ...

   [S. I.20]:
   ... weitere Erterung fing die Bearbeitung noch exemplarischer
       zum ...
   ... weitere Errterung fing die Bearbeitung noch exemplarischer
       zum ...

   [S. I.38]:
   ... kein Oepidus dazu gehrte, zu sehen, was es gewesen war und ...
   ... kein Oedipus dazu gehrte, zu sehen, was es gewesen war und ...

   [S. I.40]:
   ... nicht weiter, nachdem er sie gelesen hatte; woraus ich
       schlo, das ...
   ... nicht weiter, nachdem er sie gelesen hatte; woraus ich
       schlo, da ...

   [S. I.40]:
   ... der sthetische Urthelspruch sehr sonderbar vor, nach dem,
       was ...
   ... der sthetische Urtheilspruch sehr sonderbar vor, nach dem,
       was ...

   [S. I.42]:
   ...  mir immer das Liebste; ein gutes Butterbrot und reines ...
   ... war mir immer das Liebste; ein gutes Butterbrot und reines ...

   [S. I.66]:
   ... da heit im mittelsten, stand, entging ich den Puffen, ohne ...
   ... das heit im mittelsten, stand, entging ich den Puffen, ohne ...

   [S. I.70]:
   ... Seewasser, halb mit sem Wasser, und altem altem
       Schpsenfett ...
   ... Seewasser, halb mit sem Wasser, und altem Schpsenfett ...

   [S. I.80]:
   ... selten an etwas frischem Wild auf den Tisch: denn die
       Lieferungsartikek, ...
   ... selten an etwas frischem Wild auf den Tisch: denn die
       Lieferungsartikel, ...

   [S. I.105]:
   ... Roman ist 1788 gedruckt erschien. Das Honorar dafr wurde
       nach ...
   ... Roman ist 1788 gedruckt erschienen. Das Honorar dafr wurde
       nach ...

   [S. I.126]:
   ... waren, beweist der fchterliche Aufstand, in welchem der
       Frst-Bischof ...
   ... waren, beweist der frchterliche Aufstand, in welchem der
       Frst-Bischof ...

   [S. I.130]:
   ... Deceember ein Spaziergang von sechs tchtigen Stunden nach ...
   ... December ein Spaziergang von sechs tchtigen Stunden nach ...

   [S. I.132]:
   ... welche er seine Nation enpfnglich machen wollte. Alle seine
       fr ...
   ... welche er seine Nation empfnglich machen wollte. Alle seine
       fr ...

   [S. I.147]:
   ... letzten Seufzer ber das so grausende Gemlde des niederns
       Leben ...
   ... letzten Seufzer ber das so grausende Gemlde des niedern
       Leben ...

   [S. I.156]:
   ... Es eine sehr alte Bemerkung, da fast jeder Schriftsteller in ...
   ... Es ist eine sehr alte Bemerkung, da fast jeder
       Schriftsteller in ...

   [S. I.176]:
   ... Gesellschaft, gewhrt dem frommen Seelen noch viel Trost. Es ...
   ... Gesellschaft, gewhrt den frommen Seelen noch viel Trost. Es ...

   [S. I.182]:
   ... und Aebte und Domherren knnen in diesem Punkte weder Sitz ...
   ... und Aebte und Domherren knnen in diesem Punkte weder Sinn ...

   [S. I.201]:
   ... zuwider. Da ist Juvenal ein gang anderer Mann, neben dem ...
   ... zuwider. Da ist Juvenal ein ganz anderer Mann, neben dem ...

   [S. I.202]:
   ... dem letzten Orte mehr und mehr zusammenschieen, begegnete
       mir ...
   ... dem letzten Orte mehr und mehr zusammenschlieen, begegnete
       mir ...

   [S. I.227]:
   ... meine Rechnung und wollte zum Tempel hinaus. ...
   ... meine Rechnung und trollte zum Tempel hinaus. ...

   [S. I.258]:
   ... Vergngen bewhrt htten. Mein Cicerone war ein gewaltig
       gelehrter ...
   ... Vergngen gewhrt htten. Mein Cicerone war ein gewaltig
       gelehrter ...

   [S. I.288]:
   ... und klopfen und rammeln, so viel man will, mann gewinnt ...
   ... und klopfen und rammeln, so viel man will, man gewinnt ...

   [S. I.290]:
   ... hierbei eine pragmatische Bemerkung machen. Vielleicht wei
       Du ...
   ... hierbei eine pragmatische Bemerkung machen. Vielleicht weit
       Du ...

   [S. I.292]:
   ... So bin ich den unwidersprechlich hier an der gelben Tiber,
       und ...
   ... So bin ich denn unwidersprechlich hier an der gelben Tiber,
       und ...

   [S. I.328]:
   ... Melke das Schfchen, das da ist; warum verfolgst Du den
       Flchtling ...
   ... Melke das Schfchen, das da ist; warum verfolgst Du den
       Flchtling? ...

   [S. I.349]:
   ... ist es warscheinlich wo vor mehrern Jahren ein merkwrdiger
       Erdfall ...
   ... ist es wahrscheinlich wo vor mehrern Jahren ein merkwrdiger
       Erdfall ...

   [S. II.9]:
   ... wenn es noch da wre, und das vermuthlich in dieser kleinen ...
   ... wenn es noch da wre, und da vermuthlich in dieser kleinen ...

   [S. II.9]:
   ... ich Dir alle die veschiedenen Gestalten der kleinen und
       grern Begrbnikammern ...
   ... ich Dir alle die verschiedenen Gestalten der kleinen und
       grern Begrbnikammern ...

   [S. II.10]:
   ... nennt es einen schreckichen Kerker. Hin und wieder sieht ...
   ... nennt es einen schrecklichen Kerker. Hin und wieder sieht ...

   [S. II.10]:
   ... habe sich vor einigen Jahren durch Maschine mit einigen
       Englndern ...
   ... habe sich vor einigen Jahren durch Maschinen mit einigen
       Englndern ...

   [S. II.19]:
   ... einen Religiosen einen etwas sonderbaren genialischen Auszug. ...
   ... einen Religiosen einen etwas sonderbaren genialischen Aufzug. ...

   [S. II.22]:
   ... hier, die so schwelgerisch furchtbar wren, wie das
       Kampanerthal: ...
   ... hier, die so schwelgerisch fruchtbar wren, wie das
       Kampanerthal: ...

   [S. II.22]:
   ... sich durch ein sanftes seliges Ende aus allen Verdru. Htten
       die ...
   ... sich durch ein sanftes seliges Ende aus allem Verdru. Htten
       die ...

   [S. II.23]:
   ... auch alle mittgetheilt hat. An der Arethuse kann man ...
   ... auch alle mitgetheilt hat. An der Arethuse kann man ...

   [S. II.29]:
   ... und sein Bruder sind Mnner von vieler Humanit und
       unermdetem ...
   ... und sein Bruder sind Mnner von vieler Humanitt und
       unermdetem ...

   [S. II.43]:
   ... bildeten flockige Nebenwolken und breiteten sich aus und
       flossen zusammen. ...
   ... bildeten flockige Nebelwolken und breiteten sich aus und
       flossen zusammen. ...

   [S. II.72]:
   ... um die schnen Verse; ...
   ... um die schnen Verse! ...

   [S. II.74]:
   ... ehemals die beiden Seen, der Lukriner und den Averner,
       zusammen ...
   ... ehemals die beiden Seen, den Lukriner und den Averner,
       zusammen ...

   [S. II.99]:
   ... Die Uhr sa, wie in Sicilien, tief, und das Taschenbuch stark ...
   ... Die Uhr sa, wie in Sicilien, tief, und das Taschenbuch stak ...

   [S. II.110]:
   ... Herber ghnt, und jetzt mit Herschermiene ...
   ... Herber ghnt, und jetzt mit Herrschermiene ...

   [S. II.145]:
   ... Menschheit aus diesem Kriege ein neues Phnomen, das man ihn ...
   ... Menschheit aus diesem Kriege ein neues Phnomen, da man ihn ...

   [S. II.160]:
   ... Nun ging ich ber Basanon und Auxonne nach Dijon herunter. ...
   ... Nun ging ich ber Besanon und Auxonne nach Dijon herunter. ...

   [S. II.172]:
   ... ist. Ueber das Skck selbst schweige ich, da ich im Ganzen ...
   ... ist. Ueber das Stck selbst schweige ich, da ich im Ganzen ...

   [S. II.204]:
   ... Menschenkind waef komisch den Pinsel weg, zog das beste ...
   ... Menschenkind warf komisch den Pinsel weg, zog das beste ...

   [S. II.234]:
   ... Dir zusprechen; aber mein Herz wird Dich begleiten, denn ich
       bin ...
   ... Dir zu sprechen; aber mein Herz wird Dich begleiten, denn ich
       bin ...






End of the Project Gutenberg EBook of Smmtliche Werke 1-2: Mein Leben /
Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802, by Johann Gottfried Seume and Christian August Heinrich Clodius

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additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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