The Project Gutenberg EBook of Der Postsekretr im Himmel und andere
Geschichten, by Ludwig Thoma

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Title: Der Postsekretr im Himmel und andere Geschichten

Author: Ludwig Thoma

Release Date: September 3, 2015 [EBook #49871]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER POSTSEKRETR IM HIMMEL ***




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                           Ullstein-Bcher


                            Eine Sammlung
                           zeitgenssischer
                                Romane




                      Der Postsekretr im Himmel

                        und andere Geschichten

                                 von

                             Ludwig Thoma


                      Ullstein & Co Berlin-Wien




    Alle Rechte, insbesondere das der Uebersetzung vorbehalten. --
                   Copyright 1914 by Ullstein & Co




                      Der Postsekretr im Himmel


Zwei Tage vor Mari Lichtme wurde der Postsekretr Martin Angermayer
zu Mnchen von einem echt bayerischen Schlaganfall derartig getroffen,
da er schon nach einer halben Stunde den Geist aufgab.

Seine Seele schickte sich jedoch nicht sogleich zur Reise an,
sondern sie gab wohl acht, ob den irdischen Resten auch alle
bliche Ehre widerfahre, und zhlte und prfte die Krnze, welche
von einigen Verwandten, auch vom Stammtisch im Franziskaner, dem
Verkehrsbeamtenverein und seinem Kegelklub gespendet wurden.

Sie bemerkte sodann noch mit Genugtuung, da der Herr Postrat
Leistl beim Begrbnis zugegen war, da auch die Haushlterin Zenzi
in Trnen zerflo, und sie fuhr gen Himmel, indes ein Quartett des
Mnnergesangvereins eine erhebende Weise sang.

Da sa nun Sekretr Angermayer im Vorraume des Paradieses und fhlte
sich keineswegs so glckselig, wie man es nach den Schilderungen
frommer Bcher eigentlich glauben sollte.

Schon da er nackend war, benahm dem an Ordnung gewhnten Beamten die
Sicherheit, und es wollte das Gefhl, ein respektabler Mensch zu sein
und auch als solcher zu gelten, nicht recht in ihm aufkommen.

Zudem frstelte es den an berheizte Bureaurume Gewhnten in dem
Luftreiche, und der Verdacht, da es von irgendwoher ziehe, qulte
ihn nicht minder wie die Unmglichkeit, jemanden zum Schlieen eines
Fensters auffordern zu knnen.

Denn dieser Vorhof des Paradieses war nach drei Seiten hin eigentlich
offen, nur vom eigentlichen Himmel trennte ihn eine Wolkenwand, und
zwischen den wundervollen Sulen, die ihn rings umgaben, konnte
freilich die balsamische Luft ungehindert einstrmen, und gleichermaen
von oben, da sie kein Dach abhielt.

Angermayer schickte seine Blicke mimutig in das unendliche Blau, das
sich ber ihm wlbte, und in die rosigen Fernen, die sich zwischen den
Sulen auftaten, und diese Unbegrenztheit war ihm fremd, und was ihm
fremd war, das war ihm nun einmal zuwider.

Dann stand, seine Unbehaglichkeit zu steigern, eine Menge von Leuten
um ihn herum, die sichtlich nicht alle aus Bayern oder gar aus Mnchen
gekommen waren.

Er konnte im Gegenteil bemerken, da es Menschen aus aller Herren
Lndern waren, gelbe, braune, schwarze, Leute mit langen Haaren, wie
sie spinnende Schwabinger tragen, Leute mit buschigem Wollhaar, Leute
mit Zpfen, kurzum zumeist fremdartige Wesen, denen er nie hold gewesen
war, und die meisten verdrehten ihre Augen verzckt und selig und
benahmen sich auffllig.

Jedem einzelnen von ihnen htte er in den Straen seiner Heimatstadt
verchtlich nachgeschaut unter bissigen Bemerkungen. Jedem htte er
aus seinem Schalter heraus Respekt beigebracht, aber hier, so mitten
unter ihnen, war er hilflos und, was das schlimmste war, er gehrte
eigentlich zu ihnen, oder schien wenigstens einer von ihnen zu sein.
Dann: Zeit seines Lebens war er kein Freund von Kindern gewesen, und
ihre Unarten, die von nachsichtigen Eltern womglich noch gepriesen
werden, fielen ihm stets unangenehm auf, und er war nie geneigt, ihrer
Unerfahrenheit oder ihrer Jugend etwas zugute zu halten.

Hier trippelten sie nun scharenweise vor seinen Augen herum und
jauchzten, und niemand war da, der sie mit Strenge zur Ruhe gewiesen
htte, ja als er einen Bengel, der ihm zu nahe kam, einen ungezogenen
Fratz nannte, schttelte ein langhaariger fader Kerl, der neben ihm
stand, mibilligend den Kopf.

Da drngte sich Angermayer unwirsch durch die Menge und stellte sich
hinter eine Sule, um nur das Getue nicht mehr mit ansehen zu mssen.

Seine Gedanken kehrten sehnschtig nach der Erde zurck, wo gerade
heute als an einem Donnerstage der Kegelabend stattfinden mute, und er
beneidete die Glcklichen um ihr harmloses Vergngen.

Die Kollegen redeten gewi von der Ueberbrdung des Amtes, bekrittelten
die Leistungen der Vorgesetzten und erzhlten, wie sie diesem und
jenem die Meinung gesagt htten, und sicherlich war auf diese Art die
allergemtlichste Unterhaltung im Gange.

Vielleicht wrden sie heute auch an ihn denken und wohl gar mit
Bedauern seine Abwesenheit bemerken?

Er hatte freilich nicht das meiste zur Frhlichkeit beigetragen, aber
er war immer pnktlich zur Stelle gewesen und hatte sich jederzeit als
eifriges Mitglied gezeigt, und wenn auf Zeit und Zustnde geschimpft
wurde, hatte es nie an seinem Beifall und seiner krftigen Mitwirkung
gefehlt.

Ach ja -- Mnchen!

Angermayer seufzte tief, und der lsterliche Gedanke stieg in ihm auf,
wie gerne er sich aus Elysium weg nach der bayerischen Hauptstadt
versetzen liee, und wie bereit er wre, mit einem Kollegen zu tauschen.

Aber er war schon ein Pechvogel.

Auf Erden hatte man ihn oft bergangen, ihm nie die verdiente
Befrderung zuteil werden lassen, und wie er dann schimpfend und
nrgelnd und doch im Innern zufrieden sich mit seiner Sekretrstellung
abfand, mute er weg mitten unter die nackten, ekelhaften Schlawiner
hinein -- -- --

Angermayer!

Er fuhr aus seinen Gedanken auf, als er seinen Namen mit einiger
Ungeduld rufen hrte, und sah einen groen Engel am Himmelsportale
stehen, der ungefhr so aussah, wie ein Genius vom Oberammergauer
Passionsspiel, und der jetzt die Hnde vor den Mund hielt und wiederum
den schallenden Ruf ertnen lie:

Martin -- Angermayer aus Mnchen!

J -- ja! antwortete mimutig der Sekretr, was wollen's denn?

Vielleicht ist es Ihnen endlich gefllig, einzutreten? schrie der
Engel.

I kumm scho, knurrte Angermayer, und er schob sich langsam durch
die Gaffer hindurch, die erstaunt ber sein Zgern die Kpfe nach ihm
umdrehten, und die noch berraschter waren, als sie der Genosse ihrer
knftigen Freuden mit groben Ellenbogen beiseite schob.

Da bin i. Desweg'n brauchen's do net so plr'n, sagte der Sekretr
zum Engel, der den merkwrdigen Gast mit leuchtenden, kugelrunden Augen
ma.

Ich habe Dich mindestens dreimal gerufen, sprach er dann mit leisem
Tadel.

Von mir aus sechsmal, erwiderte Angermayer mit einer im langjhrigen
Schalterdienst erprobten Grobheit, und er setzte beinahe feindselig
hinzu:

Fr de Arbeit wer'n Sie wahrscheinlich zahlt wer'n.

Dein Ton ist ungehrig, sagte der Engel. Hier ist ganz und gar nicht
der Ort fr solche Aeuerungen, mein lieber Angermayer.

I bin net Eahna Lieber, verstengen Sie mich! Und d' Su hamm ma aa
no net mitanand' g'hat. Und drittens bin i der kniglich bayerische
Sekretr, des mirken's Eahna!

Das bist Du gewesen! Und jetzt bist Du eine Seele, und sonst nichts,
und hast Dich in die Hausordnung zu fgen.

Wo is denn Eahna Hausordnung? Wenn Sie a Hausordnung hamm, nacha
schaugn's zerscht, da de Kinder net so umanandrolz'n und lassen's
de Schlawiner da d' Fa wasch'n. Ds waar a Hausordnung, verstengen
Sie mich, und dena knnen's was vazhl'n von Eahnara Hausordnung, aba
net an kniglich'n Sekretr, der wo seiner Lebtag g'wit hat, was si
g'hrt...

Ja, Michael! rief es ungeduldig von drinnen.

Gleich! erwiderte der Engel und schob mit einer im Himmel sonst nicht
blichen Energie den streitschtigen Sekretr in das Paradies hinein.

Jeder andere wre geblendet gewesen von dem schier undenkbaren
Glanze, der hier strahlend ausgebreitet war, und jeder andere htte
verzckt dem unbeschreiblichen Wohllaute der in der Ferne singenden und
musizierenden Engel gelauscht.

Allein Angermayer hatte sich schon von allem Anfang vorgenommen, hier
nichts so bermig schn zu finden, und dann war er von Natur nicht
berschwenglich, und dann war er noch verbittert durch seinen Streit
mit dem Erzengel.

Also blickte er mrrisch darein und schnitt ein Gesicht, das deutlich
fragte:

Is ds all's?

Vor ihm sa inmitten von schn gelockten Engeln ein unglaublich gtig
lchelnder Greis, der eine dunkelblaue Toga trug, in welche goldene
Schlssel eingestickt waren.

Es war der heilige Petrus, der unserm Angermayer nunmehr freundlich
zunickte und sagte: Da bist Du ja, mein Sohn! Sei willkommen in
unserem Reiche!

Was sagst Du? fgte er bei, da der Sekretr etwas vor sich
hinmurmelte.

Mi htt'ns scho no a Zeitlang drunt lass'n kinna. Es htt ma gar net
pressiert, wiederholte dieser, und seine griesgrmige Miene wollte
sich nicht aufhellen.

Aber Martin! rief der Apostel, Du bist der erste, der an dieser
Stelle nicht vor Freude jauchzt.

Mit'n Jauchz'n hab' i's berhaupts net, und i waar froh, wenn i drunt
mein Grabig'n htt'.

Petrus wandte sich lchelnd an die Engel, die neben ihm saen.

Seht da, ein Mnchner, der sich erst an den Himmel gewhnen mu!

Und ernster sagte er zu Angermayer: Nun geh' und freue Dich und
bedenke, da manches in Deinem armseligen Leben Strafe verdient htte.
Aber es ist Dir Mitleid erwiesen worden.

Der Sekretr merkte am Tone, da der Heilige als Vorgesetzter
gesprochen hatte, und er schwieg.

Ein lebhafter Jngling mit hpfendem Gange, der genau so aussah wie
einer aus der Schwabinger Stefan-George-Gemeinde, fate ihn bei der
Hand, indem er in singendem Tone sprach:

Komm, seltsamer Geist, ich will Dich fhren.

In dem Postsekretr regte sich wohl sogleich die grimmige Abneigung
gegen die Art seines Begleiters, aber er war zu niedergedrckt, um die
rechten Worte zu finden, und er schritt griesgrmig und schweigsam
neben dem Engel einher.

Der wurde nun gesprchig und erklrte dem Neuling die Grundidee des
paradiesischen Lebens.

Du mut wissen, sagte er, da hier alles auf unendliche
Frhlichkeit gestimmt ist. In den obersten Regionen, wohin wir ja nicht
gelangen, befinden sich die erhabenen Geister, welche in fortlaufenden
Gesprchen ihrer unbeschreiblichen Freude Ausdruck verleihen. Die
Heiligen befinden sich in Verzckung, die Engel musizieren, und Du
hrst ja die erhabenen Klnge des Konzertes, wir andern aber, zu denen
Du nun auch gehrst, bilden die Heerschar der Seligen, und wir haben
die Aufgabe, nach unsern bescheidenen Krften den Eindruck des hchsten
Glckes hervorzubringen.

Zu diesem Zwecke erhlt jeder eine Harfe.

Ich fhre Dich jetzt zu unserm Obersten, dem Engel Asrael, welcher sie
Dir verabreichen wird.

Was tua denn i mit a Harpfen? unterbrach ihn Angermayer sehr unwirsch.

Du mut frohlocken, sagte sein Begleiter.

M-hm, ja! Is scho recht! Weil i gar so guat aufg'legt bi, und
berhaupts -- i ko gar net Harf'n spiel'n -- --

Du mut nur in die Saiten greifen -- siehst Du, so ...

Der lebhafte Jngling nahm sein Instrument, das an einem rosaroten
Bande ber seine Schulter hing, und klimperte ein wenig.

Dabei hpfte er im Takte abwechselnd einige Male auf dem rechten und
linken Fue nach vorne und sang mit nselnder Stimme: Ha -- a -- l
--  -- lu -- u -- jah ... Ha lalala -- ha lll -- u -- u -- ha --
ha!...

Er hielt inne und blickte den Sekretr lchelnd an.

Der machte ein Gesicht, als wenn er saures Bier getrunken htte.

Wia hoat ma ds?

Das ist das Frohlocken der Heerscharen, antwortete der Jngling.

Und Sie glaub'n, sagte Angermayer, und ein bitterer Hohn spielte um
seine Mundwinkel, Sie glaub'n, da i bei so was mittua? I? Ds knna's
Eahna ja denk'n, da i umanandhupf wia r'a spinneter Hanswurscht ...

Deine Sprache ist rauh, erwiderte der Jngling, und Dein Anlitz
zeigt weder Ruhe noch Glckseligkeit, aber bald wird Harmonie Dein
Wesen verklren ...

De Sprch mag i, antwortete der erbitterte Postsekretr, und nach
einer Weile fgte er hinzu: Sie, passen's auf, was san denn Sie frher
g'wes'n?

Was ich ...?

Ja, was Sie bei Lebzeit'n g'wen san?

Ach so, als ich noch auf Erden wandelte?

Und als Angermayer nickte, berflog ein seliges Lcheln der Erinnerung
die Zge des lang gelockten Jnglings, und er flsterte mehr, als er
sprach:

Ich war Lehrer fr rhythmische Gymnastik und harmonische Exterikultur.

Was is ds? brummte sein Begleiter, ds versteh' i net.

Ich lehrte die Jugend, sich rhythmisch bewegen und ...

Jetza! schrie der Sekretr, i hab ma's do glei denkt! A Schlawiner,
a Tanzmoasta! Und von Eahna soll i was lerna, frohlock'n oda so an
Schmarrn? Jetzt hamm's Zeit, da Eahna verziahgn, sunst nimm i Eahna d'
Harpfen und schlag Eahna umanand damit ...

Der Jngling entfloh mit einem Schreckensruf und lie Angermayer allein
zurck, mitten in einer Asphodeluswiese, auf die er sich nun hinsetzte,
voll innerlichen Zornes ber das Schicksal, das einen kniglichen
Sekretr dazu brachte, nackend im Grnen zu weilen.

Er starrte grimmig vor sich hin und berdachte die Mglichkeiten, von
hier zu entrinnen. Da sich ihm keine zeigen wollte, und da er sich
immer mehr darber klar wurde, da seine Versetzung in diese Gegend
eine definitive wre, bestrkte er sich in dem Entschlusse, jede
Zumutung abzulehnen, die mit seinem Charakter, seinen Neigungen und vor
allem mit seiner Beamteneigenschaft nicht in Einklang ...

Er wurde in seinem Gedankengange unterbrochen.

Zwei riesige Engel ergriffen ihn, jeder bei einem Arm, und entfhrten
ihn so schnell und gewaltsam, da seine Fe den Boden kaum mehr
berhrten.

Aber seltsam!

Angermayer empfand gegen diese Begleiter weit weniger Widerwillen als
gegen jenen sanften Jngling, und die Gestalten, die Gesichter, die
Manieren dieser ungefgen Geister muteten ihn beinahe vertraut an, so
da er trotz der rasenden Schnelligkeit, mit der er vorwrts getrieben
wurde, in hflichem Tone zu fragen versuchte:

Sie entschuldig'n ...

Halt's Mu! schrie der Engel zur Linken.

Jegerl! A Landsmann! rief der Angermayer erfreut und machte einen
Versuch, stehen zu bleiben, aber er wurde mit unwiderstehlicher Gewalt
fortgerissen, und so keuchte er atemlos: Geh, sag'n S' mir doch, wo S'
her san?

Wennst D'as scho wiss'n willst, brllte der Engel zur Rechten, mir
war'n Klosterhausknecht in Andechs ..

Jessas Andechs! jauchzte der Sekretr, und wunderkhle Nachmittage
hinter den Makrgen des Brustberls fielen ihm ein, und er schnalzte
unwillkrlich mit der Zunge.

Und an Backsteiner und an Radi! setzte er die Reihe der seligen
Erinnerungen fort.

Mit wie wenig kann ein Mensch doch glcklich sein, und zu was brauchte
man ein solches Paradies, wenn man es auf Erden hatte!

Sein Herz fhlte sich hingezogen zu diesen groben Geistern.

Was teat's denn mit mir, Leuteln? fragte er beinahe zrtlich.

Mir geb'n da nacha scho d' Leuteln! sagte der Engel zur Linken.

Aui schmei'n tean ma Di, rief der Engel zur Rechten.

Und kaum waren ihm die Worte entfahren, so fhlte sich Angermayer
von einem heftigen Wurfe einige Stufen abwrts geschleudert mit dem
Kopfe in gefrorenen Schnee fahren, und tausend Sterne flimmerten vor
seinen Augen. Ein Tor fiel donnernd hinter ihm zu. -- -- Er erwachte
von dem Falle und der khlen Luft, die um ihn strich. Er rieb sich
die Augen und sah an sich hinunter mit entzcktem Erstaunen, denn
er war bekleidet, und er sah um sich und erkannte den lieben alten
Rathausturm, dessen beleuchtete Uhr die dritte Morgenstunde zeigte.

Da merkte er froh, da er im Bruhause eingeschlafen war und alles nur
getrumt hatte, bis auf den Hinauswurf.

Der war erlebte Wirklichkeit.




                            Die Hinterseer

                 Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, Mnchen


An den Straenecken der Residenzstadt X. waren groe Plakate
angeschlagen, welche verkndeten, da die Hinterseer ihre
Vorstellungen im Hoftheater mit dem oberbayerischen Gebirgsstcke Der
Schnackeltoni am Heutigen beginnen wrden.

Man war auf die schauspielerischen Leistungen dieser Kinder der
bayerischen Alpen um so mehr gespannt, als die Tagesbltter seit
Wochen rhmende Berichte ber die urwchsige, naive Kunst dieser
einfachen Bauern gebracht hatten. Der berufenste Kritiker der Stadt,
Herr Moritz Brenthal, hatte noch gestern in seinem Theaterbriefe Nr.
288 geschrieben: Es sind Bauern. Nur Bauern. Einfache, mit Lederhosen
bekleidete Bauern. Aber, was sie uns bieten, ist echte Kunst. Reine,
unverflschte Kost. Man verstehe mich. Ich sage nicht: es ist =die=
Kunst. Ich sage nicht, da sie allen meinen Vorschriften in Brief 68
und 132 (siehe diese) entspricht. Aber es ist =doch= Kunst. Die Stcke
sind gut. Man gehe hinein. M. B.

Ein anderes Blatt hatte ein Feuilleton ber die Hinterseer gebracht.
Die bekannt geistreiche Verfasserin desselben schrieb: Aus diesen
Volksstcken weht es uns entgegen wie Waldesluft und Bergesodem. Wir
hren das Murmeln der Bche und das Rauschen der Bume, und ber
alledem schwebt leise verklingend ein melodischer Jodler aus der
Kehle eines drallen Bauernmdchens, whrend im Hintergrunde der 'Bua'
jauchzend und hpfend einen Schuhplattler tanzt.

Kein Wunder also, da die erste Auffhrung der Hinterseer das ganze
gebildete Publikum der Stadt im Hoftheater versammelte.

Auch Serenissimus hatte sich mit Allerhchstdero Gemahlin eingefunden.
In eingeweihten Kreisen erzhlte man sich, da der hohe Herr vor Beginn
der Vorstellung sich heiter angeregt von dero Gemahlin ber das Milieu
hatte belehren lassen.

Die hchste Frau war nmlich vollstndig vertraut mit den Sitten
und Gebruchen des Gebirgsvolkes, da Hchstsie einigemale bereits
durchgereist waren.

Ihre Durchlaucht schilderten den bekannten Stolz des reichen Bauern,
welcher seine Tchter nur wiederum an Bemittelte verheiratet,
was insofern nicht ganz den Intentionen der hbschen Landmdchen
entspricht, als diese gewhnlich ihre treuherzige Zuneigung einem
Bediensteten des Vaters schenken.

Durchlaucht erwhnten dann noch den rhrenden Kampf zwischen Pflicht
und Liebe seitens der Tochter, berhrten auch die Entsagung des
armen Knechtes, den Konflikt desselben mit dem starrkpfigen Alten
und bemerkten, da alle diese Gefhle am Schlusse des Stckes durch
Patschen auf die entblten Knie rhythmisch zum Ausdrucke gelangen.

Serenissimus hrten sichtlich interessiert zu und waren sich beinahe im
klaren, als das Stck begann.

Es war eine echte, taufrische Dichtung.

Die Tochter des reichen Freihofbauern liebte den Fler Toni, welcher
der beste Schtze und Kegelschieber rundum war.

Der Alte hatte beschlossen, seine Afra an den buckeligen Sohn des
steinreichen Holzhndlers Schmid zu verheiraten. Alles war besprochen
und verabredet zwischen den Eltern.

Da kommt pltzlich die Entdeckung, da der arme Schnackeltoni diese
Plne stren will.

Bei einem Preiskegeln ist der Freihofbauer ber die Kunst des strammen
Burschen so entzckt, da er ihm freistellt, einen Wunsch zu uern,
gleichviel welchen; er wolle ihn gewhren. Und als Toni das nicht
glaubt, schwrt er bei seiner Ehre und dem Grabe seiner Eltern.

Da wnscht der Uebermtige die Hand der Afra Wegleitner zum ehelichen
Bunde!!

Der nchstfolgende Akt schildert packend den Seelenkampf des Alten,
welcher vor der schweren Wahl steht, ob er dem Holzhndler Schmid oder
dem Floknechte Toni das gegebene Wort brechen soll. Er entscheidet
sich schweren Herzens zu letzterem und greift mit rauher Hand in das
Lebensglck seiner Tochter, welche nach einem schrecklichen Kampfe
zwischen Eltern- und Burschenliebe den Helden des Stckes in die Fremde
schickt.

Toni zieht in den Krieg, rettet bei Sedan einen Oberst und zwei
Generle, erhlt das Eiserne Kreuz, wird verwundet und sieht im
Lazarette seine Afra wieder, welche Krankenpflegerin geworden ist.

Im letzten Akt kommt die Vershnung. Der alte Wegleitner will
immer noch starrkpfig den Floknecht verschmhen, da bringt der
Brgermeister ein Handschreiben des Knigs, welcher die Ehe der
lieblichen Alpenrose mit dem tapferen Ritter des Eisernen Kreuzes
befiehlt.

Wortlos starrt der Alte auf den Brief.

Mit zitternder Stimme sagt er:

Wos? Vom Kini? Von unserm Kini? An Briaf von unserm Kini? No, Toni, da
hast halt Dei Afra! Bal's da Kini selber hamm will, ko der Freihofbauer
net dagegen sei. Leuteln, spielt's oan auf!

Und nun beginnt auf der Bhne, welche sich rasch mit Burschen und
Mdeln fllt, ein lustiges Tanzen, Stampfen und Patschen.

Serenissimus waren sichtlich ergriffen und befahlen die Darsteller
der Hauptrollen zu sich. Der Intendant von Pritzelwitz geleitete die
Naturkinder in die Loge. Sie schoben sich schwerfllig in den vornehmen
Raum, und ihr Wortfhrer, der Fischersimmerl, begrte die hohen
Herrschaften mit der naiven Schlichtheit seines Volkes.

Gra Di Good, Herr Frst! Gra Di Good, Frau Frstin! Seid's
alleweil g'sund beinand?

Aeh, was? Was sagt der Krl? fragte Serenissimus.

Er frgt Euer Liebden nach dero Wohlergehen, flsterte die Herzogin.

So, so? Hm! Aeh, h ... sagen Sie mal, mein Lieber, woher sind Sie
eigentlich?

Vo Hintersee aua, z' allerhchst im Gamsgebrg.

Wie? Was sagt der Krl?

Er bemerkt, da er aus dem Hochgebirge ist, Euer Liebden.

So? Aeh ... sagen Sie mal, patschen bei Ihnen zu Hause die Leute alle
so stark auf die Knie?

Du moanst an Schuahplattler, Herr Frst? Da hast recht. Woat, des is
unser Nationaltanz; da leg ma alles nei, was mir hamm, inser Herz und
inser G'mat und die Liab zu insern Herrscherhaus.

Schon gut, hm, h, h ... schon gut. Ich verstehe den Krl absolut
nicht, der stottert ja! Sagen Sie mal, Pritzelwitz, der Krl war doch
ein janz gewhnlicher Bauer? Was?

Ja, Euer Liebden.

So, wie die Krls bei uns, die, die Mist schieben, was?

Genau so, Euer Liebden.

Und jetzt ist er Knstler, he?

Ja, Euer Liebden. Ein ganzer, echter, deutscher Knstler.

Mrkwrdig, hm, h ... mrkwrdig! Geben Sie den Krls ein paar
Medaillen fr Kunst und Wissenschaft.

Mit einer gndigen Handbewegung entlie der Frst die kunstfreudigen
Landbewohner.




                          Peter Spanningers
                           Liebesabenteuer

             Aus: Kleinstadtgeschichten. Verlag Albert Langen, Mnchen


Die oberbayrische Stadt Drnbuch liegt keineswegs an der Eisenbahn.

Vor etlichen fnfzig Jahren stand es der Regierung im Sinne, eine
Hauptbahn an die Stadt zu legen. Aber der Brauereibesitzer Peter
Spanninger, der Grovater des jetzigen Peter Spanninger, wehrte mit
anderen Brgern die Neuerung ab. Man sagte der Regierung mit klaren
Worten, da die Drnbucher am Alten und Hergebrachten hingen. Sie
wollten mitnichten das Fuhrwesen von der Landstrae bringen und alle
Wirte und Lohnkutscher schdigen. Der Weitblickende mge bedenken,
da mit ihnen die Schmiede, Sattler und Wagner Einbue litten, die
Bruer minderen Absatz fnden und die anderen Geschftsleute in Gefahr
schwebten. Denn alle Kundschaft knne mit der Bahn schnell und mhelos
die groe Stadt erreichen und dort Geld ausgeben, was besser in
Drnbuch bleibe.

Die Regierung wollte die treue Bevlkerung nicht krnken und legte den
Schienenstrang so weit entfernt von der Stadt, da die Nachkommen des
Peter Spanninger zwei Stunden mit dem Omnibus fahren mssen, wenn sie
den Pfiff einer Lokomotive hren wollen.

Heute noch rumpelt frhmorgens um sechs Uhr der Postwagen ber den
Stadtplatz, und der Postillon Johann Glas lenkt die Pferde, wie es sein
Vater tat.

Zu Winterszeiten sitzt er verfroren auf dem Bocke und schaut neidisch
auf die dunklen Fenster, hinter denen die Brger in warmen Betten
liegen.

Wenn es aber Frhling wird, und ein feiner Morgen tagt, setzt er das
Posthorn an und blst sein altes Lied. Dann kommen Leute an die Fenster
und prfen mit verschlafenen Augen das Wetter.

So hat sich in Drnbuch das gute alte Wesen erhalten.

Hierin wie berhaupt.

Drnbuch hat dreitausendvierhundertneunzehn Einwohner. Darunter
sind vier Protestanten und ein Israelit; die brige Bevlkerung ist
rmisch-katholisch.

Auch darf man nicht glauben, da jene Andersglubigen Eingeborene sind.

Der Stadtschreiber Rellstab, der mit seiner Frau und zwei Kindern der
evangelischen Konfession angehrt, ist Mittelfranke.

Der Israelit heit Isidor Blumschein, stammt aus dem Schwbischen und
wurde durch den Produktenhandel in die Gegend gefhrt.

Im brigen erlitt das katholische Bekenntnis keinerlei Schaden durch
die Fremdlinge. Bei den jngsten Wahlen fielen alle Stimmen auf den
ultramontanen Kandidaten, Kaufmann J. B. Irzenberger.

Der Stadtschreiber wollte die politische Ueberzeugung der Herren Brger
schonen, und auch Blumschein heulte mit den Wlfen.

Drnbuch ist der Sitz ansehnlicher Behrden, nmlich eines kniglichen
Bezirksamtes, Amtsgerichtes, Rentamtes und Notariates; es hat eine
Gendarmerie-, eine Post- und Telegraphenstation. Zu den Lehranstalten
gehren auer der Volksschule eine Tchterschule der armen
Schulschwestern und eine Realschule.

Ferner befinden sich dort sechs Kirchen, acht Bruhuser, eine
Kunstmhle und ein herrschaftliches Schlo, welches aber nicht mehr
bewohnt wird.

In frheren Zeiten gehrte es den Grafen Selz-Drnbuch, einem alten
Geschlechte.

Der letzte Drnbuch, Johann Anton, starb unverehelicht als kurfrstlich
bayrischer Kmmerer im Jahre 1764.

Der Besitz ging auf die Familie der Freiherrn von Selz-Ggging ber,
deren letzter Sprosse um die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das
Zeitliche segnete.

Vor seinem Tode verkaufte er das Gut Drnbuch an den Fiskus. Dieser
bewirtschaftet noch heute den schnen Forst, lt aber das Schlo
verfallen, weil die Kosten der Instandhaltung zu hoch kommen.

Die Sle zu ebener Erde hat Isidor Blumschein um geringen Preis
gemietet; er bentzt sie als Lagerrume fr Landesprodukte.

Handel und Industrie stehen in Drnbuch in gedeihlicher Blte.

Die Landbevlkerung bringt ihre Erzeugnisse in die Stadt und deckt
hier wiederum ihre Bedrfnisse.

Die zwei greren Warenhandlungen von J. B. Irzenberger und Gabriel
Riedlechner haben erklecklichen Umsatz.

Die Brauereien sind gut betrieben; die bedeutendste von Peter
Spanninger Zum Stern siedet ber achttausend Hektoliter Malz ein.

Die Kunstmhle war bis vor wenigen Jahren im Besitze des Herrn Jakob
Bonholzer, ist aber jetzt in eine Aktiengesellschaft umgewandelt.

Der Handel mit Getreide und Vieh ist rege; auch mit Holz werden gute
Geschfte gemacht.

Das ehrsame Handwerk gedeiht.

So ist im allgemeinen die Bevlkerung wohlhabend, auch wohllebig.
Die Arbeit wird mit bedachtsamer Ruhe getan, und alle Feste werden
gewissenhaft begangen.

Jeder Familienvater mu in pnktlicher Reihenfolge die Wirtschaften
besuchen, um die Beziehungen aufrecht zu erhalten.

In der behbigen Art der Brger liegt es begrndet, da gerade diese
Seite der geschftlichen Tchtigkeit am besten ausgebildet ist.

Ueber Lage und Bau der Stadt lt sich Rhmendes sagen.

Drnbuch liegt vierhundertachtzig Meter ber dem Meere, in dem von
Hgeln durchzogenen Alpenvorlande.

Die Hhen sind bewaldet; aber das dunkle Fichtenholz wechselt ab mit
Wiesen und Getreidefeldern, was ein freundliches und mannigfaltiges
Bild gewhrt.

Man erblickt in der Nhe zahlreiche Drfer und Weiler; auch in grerer
Ferne, wo sich die Huser dem Auge verbergen, lugt da und dort ein
spitzer Kirchturm ber die Hgel hervor.

Der Ort Drnbuch ist um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts
entstanden. An die alte Zeit erinnern einige Reste der Stadtmauer und
ein gut erhaltenes Tor. Man gelangt durch dasselbe auf den mig groen
Marktplatz, dessen Mitte ein Marienbrunnen ziert.

Hier steht auch die schne Pfarrkirche, welche im sptgotischen Stile
erbaut ist.

Auf der Sdseite des Platzes erheben sich die drei stattlichen
Brauereien zum Stern, zum Rappen und zum Goldenen Lamm.

Sie strecken, wie einige Wirtschaften gegenber, groe schmiedeeiserne
Schilder in die Luft hinaus. Die blinken freundlich in der Sonne und
verheien Eingeborenen wie Fremden behagliches Unterkommen.

Die Gassen, welche in den Marktplatz einmnden, sind krumm, eng und
uneben.

Die Huser sind mannigfaltig gebaut. Viele haben nach italienischem
Muster breite Fassaden, welche in geraden Maueraufstzen die Dcher
berragen.

Diese sind mit Schindeln gedeckt und stoen hart aneinander. Nicht
selten ben waghalsige Knaben auf der gefhrlichen Hhe ihre Spiele,
indem sie ber alle Dcher klettern von einem Hause zum andern.

Und die Kater haben hier oben ein weites Feld fr ihre Liebesfahrten.

Der Stolz der Stadt ist eine Lindenallee, welche am Schlosse vorbei bis
Holzhausen fhrt.

Zum mindesten einmal im Jahre beschreibt der quieszierte Lehrer Furtner
ihre Reize im Alzboten, gewhnlich in den Herbsttagen, weil er an
die wundervolle Frbung der Bume und an den wehmtigen Anblick der
sterbenden Natur passende Gedanken ber den Allerseelentag anzuknpfen
wei.

Dem Drnbucher Brger ist die Allee mit allen Erinnerungen des Lebens
verwachsen.

Hier hat er als Kind gescherzt, hier schlich er in dmmernden
Abendstunden an der Seite eines weiblichen Wesens, und hier schreitet
er jetzt, wenn die Zeit der Torheiten vorber ist, am hellen Tage neben
seiner ehrbaren Frau und neben dem Kinderwagen her.

Sdlich der Allee fliet die Alz, ein stattlicher Flu. In seinem
klaren Wasser spiegeln sich die Rckseiten der Huser, Weidenbsche
und Erlen und die Khe, die den kleinen Leuten der Vorstadt gehren.
Und manches Mal auch die Wsche der Drnbucher Damen, welche am Ufer
zum Trocknen aufgehngt wird. Im Luftzuge wiegen sich die blhweien
Geheimnisse hin und her, und der Spaziergnger kann hier vieles
erblicken, was er sonst nicht zu sehen kriegt.

       *       *       *       *       *

Man darf es als Tatsache hinstellen, da die Spanninger in vier
Geschlechtern die reichsten und damit die angesehensten Leute von
Drnbuch waren; da auch der jetzige Besitzer der Bierbrauerei zum
Stern auf dieser Hhe steht. Und daran knpft man die Hoffnung, da
sich kein Spanninger in absteigender Linie bewegen wird.

Die erblichen Eigenschaften wie die Stellung der Familie schlieen
Befrchtungen aus. Einem Spanninger ist der Weg geebnet und die Bahn zu
allen Ehrenstellen offen.

Ein Spanninger kann mit der Ueberzeugung ins Leben treten, da er
Distriktsrat wird, und da dermaleinst an seinem offenen Grabe die
smtlichen Vereine Drnbuchs mit umflorten Fahnen stehen werden.

Diese Laufbahn ist ihm vorgezeichnet; die Achtung der Brger hngt an
seinem Besitze.

Die Spanninger strebten nie darber hinaus und sanken nie darunter
hinab.

Sie waren in vier Geschlechtern gutmtige Menschen; und jeder hatte
mit fnfundzwanzig Jahren seinen Bauch, mit sechzig Jahren seinen
Schlaganfall.

Was dazwischen lag, war Durst, Frhlichkeit und Verstndnis dafr, da
auch die armen Teufel leben wollen.

Die Bildung der Spanninger hielt zwar Schritt mit den Anforderungen der
Zeit, aber sie blieb innerhalb der Grenzen des Notwendigen. Den lteren
Geschlechtern hatten die Grundelemente: Lesen, Schreiben und Rechnen,
gengt; die gewerbliche Kunst wurde daheim gelernt.

Der jetzige Inhaber der Brauerei mute schon mehrere Jahre die
neugegrndete stdtische Realschule oder, wie man sie damals hie,
Gewerbeschule besuchen.

Die Neuerung wandelte den Familiencharakter nicht um; sie blieb ohne
einschneidende Wirkungen. Und das war gut. Denn mancher, der eine
hhere Stufe der Erkenntnis erklimmen will, gewinnt nichts als eine
Verachtung der tieferen, die ihm guten Halt gegeben htte.

Der Sternbru geriet nicht in die Gefahren der Zwiespltigkeit von
Beruf und Bildung. Er streifte die angeflogenen Kenntnisse ab und
behielt als Rest nur eine Vorliebe fr Fremdwrter.

Durch ihren hufigen Gebrauch erhob er sich mit einiger Befriedigung
ber die groe Menge. Noch ein anderes kam ihm zustatten. Sein Vater
hatte ihn nach Straubing geschickt; er verbrachte hier ein volles
Jahr als Volontr in der Kollerschen Brauerei und galt spter den
Drnbuchern als ein Mann, der sich in der Welt umgetan hatte. Der
Sternbru zog daraus die Lehre, da der bloe Anschein ungewhnlicher
Regsamkeit das Ansehen mehrt.

Und diese Erfahrung leitete ihn wieder bei der Erziehung seines
Sohnes. Er war nicht bekmmert, als der heranwachsende Peter in der
Realschule sehr geringe Tchtigkeit bewies. Es ist nicht einmal sicher,
da er die Semesterzeugnisse aufmerksam las; die Noten, welche hinter
Algebra, Geschichte, Geographie, franzsischer Sprache standen, waren
ihm herzlich gleichgltig. Das Wichtige, nicht fr jetzt, sondern fr
alle Zeit war, da so bedeutend klingende Wissenschaften mit seinem
Sohne berhaupt in Zusammenhang gebracht wurden. Dabei konnte er wohl
die schulmeisterliche Ansicht ber Flei und Talent eines Spanninger
bersehen.

Als Peter das achtzehnte Lebensjahr erreichte, schickte er ihn nach
Weihenstephan.

Darin lag ein Zugestndnis an die Forderungen des Zeitgeistes.
Der Besuch der Brauerschule gewhrt den allgemeinen Vorteil jeder
akademischen Bildung; dazu den besonderen der scheinbaren Umwertung
einer gewerblichen Ttigkeit in eine Wissenschaft.

So verbrachte also der junge Sternbru zwei Jahre unter den
Jnglingen, die in Freising ungeschlachte Frhlichkeit zeigen. Sie
bildeten einen Verein Gambrinia und fanden ihre Freude in der
Nachahmung studentischer Manieren. Die Berufsehre bedingte, da
sie noch trinkfester waren als die Jnger der Hochschulen. Peter
tat rechtschaffen mit und glaubte an das Verdienstliche und an das
Bedeutende dieses Treibens. Er war von der besonderen Ehre der drei
Farben rot, gold und blau berzeugt, schwur ihnen Treue und verma sich
im Gesange, fr rot, gold und blau in Kampf und Tod zu gehen.

Es war eigentlich nicht die Art der Spanninger, so groe Dinge zu
versprechen; noch weniger, sie zu erfllen. Aber da sich Peter nicht
viel dabei dachte, strte der fremde Zug den Grundton seines Wesens
nicht allzusehr. Die Flammen seiner Begeisterung schlugen nicht hoch.
Und wenn er sie mit dunkeln und hellen Bieren lschte, geriet er wieder
in Drnbucher Fahrwasser. Nach zwei Jahren kehrte er in das Elternhaus
zurck und pate sich ohne Mhe dem brgerlichen Leben an. Die
uerlichen Spuren der Weihenstephaner Zeit verwischten sich freilich
nicht. Peter war dick geworden, und die Augen traten noch mehr aus dem
stark gerteten Gesichte hervor. Das in der Mitte gescheitelte Haar
kmmte er in die Stirne.

Die Schultern zog er hoch, um sie noch breiter erscheinen zu lassen.
Er schlo gerne den untersten Knopf seiner Jacke, damit sich die Brust
bauschig wlbe. Beim Gehen ballte er die Hnde zu Fusten und hielt sie
mit dem Daumen an den Hosentaschen fest.

Die Drnbucher bemerkten das studentische Gebaren sehr wohl und
waren geneigt, darin die Kennzeichen eines reizvollen Lebenswandels
zu erblicken. Denn weil sie keine Erfahrung in akademischen Dingen
besaen, statteten sie ihre Meinung darber mit den abenteuerlichen
Vorstellungen ihrer geheimen Sehnsucht aus. Sie wollten es nicht anders
gelten lassen, als da der Sohn ihres reichsten Mitbrgers zwei Jahre
mit seltsamen Liebeshndeln hinter sich gebracht habe. Wer in solchem
Rufe steht, ist gut daran, wenn ihn das brgerliche Gewissen im Besitze
der ntigen Mittel schtzt. Und darum zog Peter ohne sein Zutun Nutzen
aus dem, was eigentlich ein Vorwurf war. Nun lebte damals in der
Kreuzgasse ein Mann, der vielen unheimlich war, weil die Art seines
Erwerbes nicht klar zutage lag.

Er hie Korbinian Frschl und trieb weder Handel noch Handwerk.
Er hatte aber nicht etwa die Mittel, welche ihm das Leben eines
Privatmannes mglich machten, sondern er stand in offenkundiger
Drftigkeit. Seinen Unterhalt verdiente er durch leichte
Geschicklichkeiten, die auf geheimes Wissen begrndet waren und schon
darum den Verdacht der sehaften Brger erregten.

So war er ein Quellenfinder. Wenn er mit einem Gabelzweige in der
Hand ber die Hgel schritt, konnte er mit untrglicher Sicherheit
bestimmen, wo man nach Wasser graben knne. Ueberdies besa er gute
Mittel gegen landesbruchliche Krankheiten, so da er den Bauern als
schtzbarer Heilknstler galt.

Weil er aber viele Kenntnisse nur mit Heimlichkeit verwerten durfte,
hatte er ein schweigsames Wesen angenommen, welches das Vertrauen
verscheuchte. Ueberdies war er nach seinem Aeueren eine dstere
Erscheinung, und manche seltsame Nachrede hing sich an seinen Namen.
Dieser Korbinian Frschl besa eine zwanzigjhrige Tochter mit Namen
Anna; sie war eine schn gewachsene Person, von angenehmen Zgen,
jedoch ohne rechte weibliche Tugend. Ihre Kindheit war nicht behtet
worden. Die Mutter war frh dem Tode verfallen, und der Vater, den
seine Geschfte oft vom Hause fernhielten, kmmerte sich wenig um die
Erziehung.

So gewhnte sich Anna nicht an Pflichterfllung und entbehrte der
trstlichen Grundstze, da Arbeit das Leben verst und Armut nicht
schndet.

Vielmehr hing sie ihr Herz an vergngliche Dinge und hegte den Wunsch,
ihre Schnheit, die ihr wohlbekannt war, mit nichtigem Putze zu heben.

Dieses Frauenzimmer lernte der junge Spanninger durch einen
gewhnlichen Zufall kennen.

Es war zu Ende April, und die Drnbucher Welt hatte ein frhlinghaftes
Aussehen. Die Stare pfiffen in allen Grten, und die Schlehdornhecken
waren mit weien Blten bedeckt, und Gabriel Riedlechner und J. B.
Irzenberger hatten ihre Neuheiten in Frhlingsstoffen ausgelegt.

Da ging Anna Frschl ber den Stadtplatz und blieb vor den
Ladenfenstern stehen. Sie betrachtete Pers und Zephir, blau gemusterte
Baumwollstoffe, Musselin und Mull.

Sie fertigte sich in Gedanken von jedem Zeuge eine Bluse an und suchte
sich bunte Grtel aus, die dazu passen konnten, und drehte sich vor den
Spiegelscheiben, als htte sie nun die ganze Pracht zu probieren.

Peter, der vor seinem Hause stand, sah die gefllige Person von weitem
und ging wie von ungefhr ber den Platz. Er spazierte einige Male mit
hochgezogenen Schultern an dem Laden vorber und bemerkte unterweilen
die Vorzge des Frauenzimmers.

Auch dieses bersah seine Aufmerksamkeit nicht, und als es sich zum
Gehen schickte, warf es ihm einen brennenden Blick zu.

Peter berlegte, ob er darin eine Aufmunterung erblicken drfe, aber
da trat Kaufmann Irzenberger aus dem Laden und begann ein Gesprch mit
ihm.

Peter fragte gleichgltig und nebenher, wer die Person gewesen sei, die
so lange die Auslage betrachtet habe.

Irzenberger gab genaue Auskunft, und so erfuhr der junge Spanninger,
da die Tochter des anrchigen Frschl seine Beachtung gefunden hatte.
Das khlte ihn ab.

Die natrliche Scheu, welche gutsituierte Leute von zweifelhaften
Elementen ferne hlt, war in ihm stark entwickelt. Nicht weniger das
dunkle Gefhl, da arme Leute immer bestrebt sind, die Wohlhbigkeit
auszuntzen.

So war er abgeneigt, sich in ein unrhmliches Abenteuer einzulassen,
und schon wenige Tage spter bestrkte ihm eine zufllige Begegnung
diesen Vorsatz.

Er ging um die Mittagszeit das Alzufer entlang und sah nahe der Brcke
einen Menschen, der mit nackten Beinen im Flusse stand und ein Netz aus
dem Wasser hob. Zwei kleine Fische zappelten darin. Der Mann fate sie
mit der Hand und warf sie in eine rostige Giekanne. Es war Korbinian
Frschl.

Peter erkannte ihn und sah auch, da er ein schmutziges Hemd auf dem
Leibe trug und eine Hose, die an vielen Stellen nicht geflickt war. Da
fhlte Peter mit Macht, wie gut er getan hatte, solche Leute selbst auf
verbotenen Wegen zu meiden.

Allein Anna hatte die Blicke des jungen Spanninger nicht vergessen. Im
Gegenteil dachte sie hufig daran und brachte sie in Zusammenhang mit
ihren heimlichen Wnschen nach hellen Blusen und gelben Ledergrteln.
Sie ging jetzt hufig auf den Stadtplatz, und immer so, da sie an der
Brauerei zum Stern vorberkam.

Doch traf es sich nie mehr, da sie dem Peter in die Hnde laufen
konnte.

Ein oder das andere Mal stand er im Kreise der Honoratioren,
welche sich allabendlich auf dem Brgersteige vor Sonnenuntergang
zusammenfanden. Aber er war durch die dicken Buche und breiten Rcken
so versteckt, da sie ihm keine Blicke zuwerfen konnte.

Da nahm sie einen raschen Entschlu und schrieb einen Brief an den
Jngling, der sein Glck nicht verstand.

Sie whlte ein beraus zierliches Papier, das mit Spitzen umrndert
und auf der ersten Seite mit einem schnbelnden Taubenpaare geschmckt
war.

Darunter setzte sie den Vers:

    Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so hei
    Wie heimliche Liebe, von der niemand nichts wei;

und weil sie die Anrede nicht zu kalt und nicht zu warm whlen mochte,
half sie sich, indem sie ein Fragezeichen und zwei Ausrufezeichen ber
den Text schrieb.

Dann sagte sie, es sei vielleicht ein gewisser Jemand, dem man
krzlich begegnete, erstaunt ber diese Khnheit, und vielleicht
denke er sich gar etwas Schlechtes. Sie habe lange gezweifelt, ob
es sich schicke, einem fremden und doch nicht fremden jungen Herrn
zu schreiben, und sie wisse, es schicke sich eigentlich nicht. Denn
besonders in Drnbuch seien die Leute gleich bereit, ein Mdchen
schlecht zu machen, aber sie hoffe, da ein gewisser Jemand nicht
so sei. Und wenn sie das nicht dchte, und wenn sie glauben mte,
er knne etwas Schlechtes meinen, dann wrde sie berhaupt nicht
schreiben. Aber sie msse doch schreiben, weil sie ihm sagen wolle,
da sie gerne den gewissen Jemand wiedersehen mchte, und wenn er
deswegen nichts Schlechtes denke, dann solle er am Mittwochabend in
die Kreuzgasse kommen, weil ihr Vater nicht daheim sei. Jedoch, wenn
er etwas Schlechtes denke, dann solle er um Gottes willen nur ja nicht
kommen. Und er solle nicht vor der Dunkelheit kommen, weil neidische
Augen wachten.

Darunter schrieb sie:

  Ungenannt und doch bekannt.

                              A. F.

Und sie setzte wiederum ein Fragezeichen und zwei Ausrufezeichen hinter
die Buchstaben.

Der Brief strzte Peter in Ratlosigkeit. Er sah das frische Mdchen
vor sich mit allen runden Heimlichkeiten, die sein Blick begehrlich
gestreift hatte, aber als Spanninger konnte er nicht blind in den
Strudel der Leidenschaft tauchen. Denn, wie gesagt, er war von Kind
auf mit groem Mitrauen gegen das andere und rmliche Menschentum
angefllt worden. Und dachte er auch zu manchen Stunden, da er wohl
verstohlen in den Liebesgarten schleichen knne, so berlegte er
baldigst wieder, da solche Leute wie Frschl Geheimnisse gerne zu Geld
machen.

Stndlich wechselte er mit seinem Entschlusse seine Stimmung.

Jedesmal, wenn er sich vornahm, zu entsagen, wurde sein Gemt leicht
und froh, und jedesmal, wenn er der Lockung folgen wollte, fhlte
er sich bedrckt. Die helle Stube, der sauber gedeckte Tisch, alle
Behbigkeiten des Elternhauses mahnten ihn, die brgerliche Ehrsamkeit
zu wahren, aber wieder winkten ihm die lebhaften Gedanken an
beachtenswerte Reize.

Denn trotz aller Meinungen, die in Drnbuch feststanden, war es sein
erstes Abenteuer.

Und weil sich seine Tugend nicht auf gefestigte Grundstze, sondern
auf uerliche Bedenken sttzte, mute sie immer wieder ins Wanken
geraten.

Am Tage des Stelldicheins spazierte Peter gleich nach dem Mittagessen
durch die Kreuzgasse. Er wollte unauffllig die Oertlichkeit erkunden,
und darum hatte er sich zur Jagd gerstet.

Vielleicht dachte er nebenbei, da er so das Wohlgefallen an seinem
Aeueren heben knne, denn er war mit Joppe und Gewehr gewaltttig
anzusehen.

Ueberdem hatte er seine Waden mit ledernen Gamaschen umkleidet, obschon
die Sonne leuchtend am Himmel stand und alle Wege in Trockenheit lagen.

So stieg er mit langen Schritten durch die Gasse.

Die Huser waren unbehaglich anzuschauen; es fehlte ihnen die rechte
Breite. Sie standen eng aneinander gepret und ragten steil in die
Hhe, damit sie oben Luft schpfen konnten. Kleine Fenster saen
unregelmig neben- und bereinander, die Scheiben waren trbe, und
viele ghnten schmucklos in die Gasse herunter. Nur wenige waren mit
dunkelfarbigen Vorhngen geschmckt.

Was Peter sah, wirkte erkltend auf seine Gefhle, und er wnschte
jetzt, unbemerkt zu entkommen. Aber die stille Gasse war an hallende
Tritte und knarrendes Leder so wenig gewohnt, da sie erwachen mute.

Der Flickschneider Sllbeck, der mit untergeschlagenen Beinen in
seiner Werksttte sa, erhob sich rasch, um dem jungen Manne mit den
prallsitzenden Beinkleidern nachzusehen.

Gegenber trat die Frau Buchbinder Gnadl unter die Tre und schttete
schmutzige Brhe auf das Pflaster. So hatte sie ein Recht, im Freien
zu weilen und zu ergrnden, was den Sohn des Sternbru in die Gegend
fhren knnte.

Nebenan trug die Schusterin Brummer ihr Knblein auf dem Arme heraus,
und dieses begann alsogleich zu schreien.

Da ffneten sich herben und drben die Fenster, und alle neugierigen
Augen folgten dem blanken Jgersmanne.

Peter trachtete vorwrts, aber in der Mitte der Gasse stutzte er, denn
er sah Anna Frschl, die freundlich auf ihn herablchelte. Weil ihr
Jckchen nicht vllig geschlossen war, sah man den Ansatz der runden
Brust.

Peter fate sich ein Herz und grte und merkte, da das Mdchen
zweimal nickte.

Das gab ihm und den andern zu denken. Dem Flickschneider Sllbeck blieb
es fr den Nachmittag ein Gegenstand innerlicher Betrachtung, und die
Gnadlin erschien von da ab bis zum Abend jede halbe Stunde vor ihrem
Hause, um Splwasser auszuschtten und Rundschau zu halten.

Peter verlie die Stadt und schritt ber Felder und Wiesen. Er hatte
Gefahr und Glck des Abenteuers dicht beieinander gesehen und war in
neue Zweifel verstrickt. Aber als nun die Bume lange Schatten warfen,
hatte die Tugend einen groen Sieg errungen, und die Schar der Guten
war um einen vermehrt.

Der junge Spanninger war entschlossen, auf Liebe und schlimme Nachrede
zu verzichten. Und er machte sich auf den Heimweg.

In Drnbuch lutete man den Englischen Gru. Die hellen und tiefen
Tne der Glocken klangen mit gemessener Feierlichkeit in den Abend, und
wre Peter eine stimmungsvolle Natur gewesen, so htte er empfinden
mgen, da seine reinliche Seele sich in diesem Augenblick aufwrts
erhob, bis zu den rosaroten Wolken des Frhlingshimmels. Jedoch auch
sein grberes Gemt kam in Schwingung, freundliche Heimatsgefhle
faten ihn an. Er sah im Geiste ungestrte Behaglichkeit, reichlich
gedeckte Tische und Ordnung. Und so sicher wute er sich, da er den
Rckweg wiederum durch die Kreuzgasse whlte. Sie lag schon im Dunkeln,
als er sie betrat. Am Eingange brannte ein trbes Licht; der Schein der
Laterne reichte kaum bis zum zweiten Hause.

Peter wollte seinen Gang beschleunigen, als eine vermummte Gestalt ihm
entgegentrat.

Herr Spanninger!

Er blieb stehen und erkannte Anna, die sich in ein Tuch gehllt hatte.

Sie sagte mit leiser Stimme, da sie an sein Kommen nicht mehr geglaubt
habe, und bei diesen Worten zog sie ihn sanft in den Schatten der Mauer.

Peter folgte mit halbem Widerstreben und antwortete, da er gleich
wieder gehen msse, weil man ihn daheim erwarte. Er horchte dabei
ngstlich in die Gasse hinaus. Es war tiefe Stille und nichts zu
vernehmen als die Atemzge des Mdchens.

Das flsterte, der Herr Spanninger knne doch ein wenig verweilen.

Ein anderes Mal gerne, sagte Peter, aber nur heute ginge es nicht, weil
er Besuch habe von einem Freisinger Freunde.

Der wrde sicherlich warten, meinte Anna, und der Herr Spanninger knne
sagen, da er sich auf der Jagd versptet habe. Und der Herr Spanninger
drfe nicht glauben, da sie ihn lange aufhalten wolle, denn sie wisse
wohl, da es fr sie nicht schicklich sei, bei einem Herrn zu stehen,
obgleich sie gewi niemand erblicken knne.

Peter wurde allmhlich sicher und fragte, warum ihm das Frulein
geschrieben habe.

Nur so und berhaupt, erwiderte Anna, und dann habe sie sich gedacht,
da der Herr Spanninger sie vielleicht noch kenne, denn sie sei ihm in
frheren Jahren fter begegnet.

Daran knne er sich nicht erinnern, sagte Peter.

Sie glaube es wohl, antwortete Anna, denn ein so vornehmer Mann gbe
kaum acht auf ihresgleichen.

Das Gesprch stockte, indem Peter nichts zu erwidern wute.

Anna knpfte den Faden auf ein neues an. Sie habe gemeint, der Herr
Spanninger kenne sie noch, denn er habe ihr neulich nachgeschaut.

Das sei nicht darum gewesen, sagte Peter, sondern weil ihm das hbsche
Frulein aufgefallen sei.

Das knne sie aber gewi nicht glauben, erwiderte Anna, und sie she
deutlich, da der Herr Spanninger sie verspotte. Denn es gbe Schnere
als sie in Drnbuch.

Es sei keine so hbsch, versicherte Peter.

O, da msse sie lachen, sagte Anna, denn er sei ein galanter Herr, der
solche Dinge allen Mdchen sage. Aber sie wisse recht gut, da vornehme
Leute gerne ihren Scherz trieben.

Peter schwieg und horchte mit Unbehagen auf Schritte, die vom untern
Ende der Gasse her klangen.

Das sei der Schuhmacher Brummer, flsterte Anna, und Herr Spanninger
mge in das Haus eintreten. Sie nahm ihn bei der Hand und schlich auf
den Zehenspitzen voran.

Peter konnte nicht widerstreben, da die Schritte nher kamen. Es war
ihm jedoch in dem engen Hausgange keineswegs wohl zumute, und er
beschlo, baldigst Abschied zu nehmen.

Anna lehnte die Tre zu und lugte durch die Spalte hinaus.

Der nchtliche Spaziergnger kam vorbei, und es war wiederum stille.

Jetzt gab Peter kund, da er nicht mehr lnger bleiben knne; aber
das Mdchen lie ihn nicht ziehen. Er msse noch warten, denn der
Schuhmacher Brummer knne umkehren. Bei den Worten schmiegte es sich an
den jungen Mann; er fhlte ihre Schulter und roch den Duft ihrer Haare,
aber er rhrte sich nicht.

Anna seufzte.

Was sich der Herr Spanninger denken msse, da sie jetzt so
mutterseelenallein im Dunkeln bei ihm stnde?

Peter sagte, sie knne nichts dafr, da sie sich verbergen mten, und
es dauere nicht mehr lange.

Nein, nein! erwiderte Anna, so leicht sei es nicht zu nehmen, alle Welt
sei dabei, von einem Mdchen immer das Schlechteste zu denken, und der
Herr Spanninger habe gewi eine schlimme Meinung von ihr.

Er habe eine gute Meinung von ihr, sagte Peter.

Anna seufzte wieder.

Das hoffe sie fest. Denn sonst msse es sie bitter gereuen, da
sie den Brief geschrieben habe. Und eigentlich, sie knne es nicht
begreifen, wie sie den Mut gefunden habe.

Es sei nichts weiter dabei, sagte Peter.

Fr ihn nicht, erwiderte Anna. Aber was wrden die Leute von ihr sagen,
wenn sie es erfhren? Sie knnte sich nicht mehr auf der Strae blicken
lassen, so wrden alle ber sie herfallen.

Das erfahre niemand, sagte Peter.

Ja, das msse der Herr Spanninger versprechen, das Geheimnis msse
er wahren. Er drfe nicht sagen, da sie ihm geschrieben habe, und
er drfe nicht sagen, da er in ihrem Hause gewesen sei in der
stockfinsteren Nacht und ganz allein.

Er werde nie davon sprechen, sagte Peter.

Sie habe jedoch davon gehrt, erwiderte Anna, da die Vornehmen sich
darber lustig machen, wenn sie einem Mdchen den Kopf verdrehen. Und
der Herr Spanninger habe gewi viele Abenteuer gehabt und lache ber
die Mdchen, die ihm Glauben schenkten.

Er werde gewi nichts verraten, versicherte Peter, und berdem, jetzt
wolle er gehen.

Anna ffnete zgernd die Tr und schlo sie hastig wieder.

Denn auf ein neues klangen Schritte in der engen Gasse.

Es waren feste, grob aufgesetzte Tritte. Eilige Tritte.

Das Mdchen fuhr erschrocken zusammen.

Jesus! Der Vater! flsterte sie.

Peter fhlte sein Herz stille stehen. Er wollte hinaus in das Freie.

Um Gottes willen nicht! sagte das aufgeregte Mdchen. Es ist zu
spt! Da hinein! Sie mssen da hinein! Hastig zog sie ihren Besucher
in den Gang zurck, bis sie an eine Tre kam, die sie aufri. Ein
dumpfer Kellergeruch schlug Peter entgegen, aber Anna lie ihm keine
Zeit zur Besinnung. Sie gab ihm einen heftigen Ruck, also da er
stolpernd nachfolgen mute. Dann stand er schwer atmend in einem
moderigen Gewlbe und horchte. Die Haustre wurde geffnet. Eine rauhe
Stimme fluchte ber die Nachlssigkeit, da um diese Stunde nicht
abgesperrt sei. Dann rief die Stimme Anna beim Namen, mehrmals, und
mit jedem Male lauter. Dann klangen schwer genagelte Stiefel gegen die
Treppenstufen. Frschl wollte ber die Stiege hinaufgehen, um seine
faule Tochter zu wecken. In diesem Augenblicke machte Peter in seiner
Angst eine Bewegung und schlug mit dem Gewehrkolben heftig gegen die
Giekanne, die hinter ihm stand. Der Schlag tnte laut durch den Gang,
und Frschl schrie, was das sei? Hallo, was das sei?

Anna kam hervor und sagte, da sie es wre, und was der Vater wolle.

Frschl herrschte sie an, was sie in der Kammer um diese Zeit zu tun
habe, und das wolle er gleich sehen.

Peter hrte, wie der grimmige Mensch mit einer Zndholzschachtel
hantierte, und dann sah er Licht aufblitzen.

Schreckliche Gedanken bestrmten ihn. Erinnerungen an teuflische
Geschichten von Menschen, die in verborgenen Kellern umgebracht
wurden, von Totengerippen, die erst nach vielen Jahren bei baulichen
Vernderungen gefunden wurden; von jungen Mnnern, die spurlos
verschwanden. Er warf sein Gewehr von sich, denn er dachte, da der
Anblick der Waffe die Roheit seines Feindes steigern wrde. Und er
schrie mit heiserer Stimme: Schonen Sie mich! Ich bin der Sohn
achtbarer Brgersleute!

Was und wie? grollte Frschl.

Und Peter wiederholte es:

Halten Sie ein! Hier steht der Sohn ehrbarer Leute!

So, so, der Herr Spanninger! hhnte Frschl, indem er den
todbleichen Jngling beleuchtete. Dann wandte er sich um gegen seine
Tochter, und als er merkte, da sie ber die Stiege eilte, folgte er
ihr mit schrecklichen Worten.

Peter tastete sich die Mauer entlang bis zur Haustre. Er ri sie
auf und strmte hinaus und lief mit tollen Sprngen durch die
Kreuzgasse. Er lief bis in die Mitte des Stadtplatzes und machte erst
am Marienbrunnen Halt, um Atem zu schpfen. Als er wieder zu sich kam,
hielt er Umschau.

Von drben, wenige Schritte entfernt, blinkte das Licht ber dem
goldenen Stern, dem ehrenvollen Wahrzeichen seines Hauses. Nie hatte es
ihm freundlicher gelacht.

Es berkam ihn wie Dankbarkeit gegen den Schpfer, der es nicht
zugelassen hatte, da ein Spanninger sein junges Leben verlor in den
schmutzigen Kellern des Frschlhauses.

Dann ging Peter heim.

Er wartete die Gelegenheit ab, da er unbemerkt auf sein Zimmer
schleichen konnte, und kleidete sich um. Seine Joppe und den Hut mit
der verwegenen Feder warf er beiseite, und als er gleich darauf in
der vterlichen Wirtsstube sa, fhlte er krftiges Wohlbehagen und
herzliche Freude an der brgerlichen Ehrbarkeit.

Er hoffte zuversichtlich, da sein Abenteuer geheim bleiben wrde.
Frschl hatte guten Grund, ber seine Mordplne zu schweigen, und das
Mdchen nicht weniger. Denn sicherlich war das ein abgemachtes Spiel
gewesen.

Die Nacht schlief Peter unruhig. Arge Trume qulten ihn. Er sah einen
wilden Menschen und eine ppige Weibsperson in einem Keller schwere
Verbrechen begehen. Sie pkelten einen Leichnam in das riesige Krautfa
ein; und der Tote trug die Zge des Peter Spanninger.

Schweitriefend erwachte er. Es pochte heftig an die Tre; der
Hausknecht trat ein und brachte ein Gewehr. Der Frschl habe es
abgegeben, sagte er und drckte sein linkes Auge bedeutsam zu und
lchelte.

Und dieses Gehaben mute Peter durch mehrere Wochen sehen. Nmlich
alle Bruburschen und alle Dienstboten und die Kellnerinnen und die
Gste und der alte Sternbru selber hatten es angenommen, mit den Augen
zu blinzeln, wenn sie Peter sahen.

Und noch viele Jahre spter, als Herr Spanninger senior schon lngst
von smtlichen Vereinen zu Grabe geleitet war und Herr Spanninger
junior hinwiederum einen Sohn und knftigen Sternbru erzeugt hatte,
erzhlten sich die Drnbucher, da Peter gar seltsam hinter den schnen
Mdchen her gewesen sei.

Und auch dieses mehrte sein Ansehen.




                           Der Kohlenwagen

                 Aus: Assessor Karlchen. Verlag Albert Langen, Mnchen


Ein groes, schwer beladenes Kohlenfuhrwerk fuhr auf dem
Tramwaygeleise, als eben ein Wagen der elektrischen Straenbahn daher
kam.

Der Kutscher des Kohlenfuhrwerks sagte: Wst, ah, wst und fuhr
so langsam aus dem Geleise, als wre die elektrische Bahn nur eine
Straenwalze.

Er bewerkstelligte auch, da er gerade noch mit dem hinteren Rade an
den Wagen stie.

Das Rad brach und der Kohlenwagen senkte sich krachend mitten in das
Geleise.

Du Rammel, Du g'scherter, kannst net nausfahren? schrie der
Kondukteur.

Jetzt nimma, Du Rindviech! antwortete der Kutscher. Und er hatte ganz
recht, denn eine Kohlenfracht kann man nicht auf drei Rdern wegbringen.

Der Kondukteur legte dem Fuhrmanne noch einige Fragen vor. Ob er
glaube, da er das nchste Mal aufpassen wolle; ob er vielleicht
=nicht= aufpassen wolle und ob noch ein solcher dummer Kerl Fuhrmann
sei.

Dies alles brachte den Kutscher nicht aus seiner Ruhe.

Er stieg ab und stellte fest, da das Rad vollstndig kaputt sei.

Und da er infolge dieser Tatsache die Meinung gewann, da sein
Aufenthalt von lngerer Dauer sein werde, zog er die Tabakpfeife aus
der Tasche und begann zu rauchen.

Erst jetzt fate er den Kondukteur nher ins Auge, und als er ihn
genug besichtigt hatte, erklrte er dem sich ansammelnden Publikum, da
er =nicht= aufpasse, weder auf die Tramway, noch auf den Kondukteur.

Und dann lud er die Aktiengesellschaft sowie deren smtliche
Bedienstete zu einer intimen Wrdigung seiner Rckseite ein.

In diesem Augenblicke drngte sich ein Schutzmann durch die Menge und
stellte sich vor den Wagen hin.

Was gibt's da? Was ist hier los? fragte er.

A hinters Radl is los, sagte der Kutscher.

So? Das wer'n wir gleich haben, erwiderte der Schutzmann, und ich
glaubte, da er ein Mittel angeben wolle, wie man umgestrzten Wgen am
schnellsten auf die Rder hilft.

Der Schutzmann zog ein dickes Buch aus der Brusttasche, ffnete es und
nahm einen Bleistift heraus, der an dem Deckel steckte.

Whrend er ihn spitzte, kam wieder ein elektrischer Wagen angefahren.

Der Lenker desselben machte groen Lrm, als er nicht vorwrts konnte,
und der Schaffner blies heftig in sein silbernes Pfeifchen.

Was ist denn das fr ein unverschmtes Gefeife? Wollen S' vielleicht
aufhren zu feifen? fragte der Schutzmann und blickte den Schaffner
durchdringend an, whrend er den Bleistift mit der Zunge na machte.

So, sagte er dann, indem er sich wieder zu dem Kutscher wandte,
jetzt sagen Sie mir, wie Sie heien tun.

Matthias Kchelbacher.

Mat-thi-as K-chel-bacher. Wo tun Sie geboren sein?

Han?

Wo Sie geboren sein tun?

Z' Lauterbach.

So? In Lau-ter-bach. Glauben S' vielleicht, es gibt blo =ein=
Lauterbach? Wollen S' vielleicht sagen, wo das Hft ist? Tun S' ein
bissel genauer sein, Sie!

Inzwischen hatte sich die Menge, welche den Wagen umstand, immer mehr
vergrert.

Ein Herr in der vordersten Reihe untersuchte mit sachverstndiger Miene
den Schaden.

Er bckte sich und sah den Wagen von unten an; dann ging er vor und
fate die lange Seite scharf ins Auge, und dann bckte er sich wieder
und klopfte mit seinem Stocke auf die drei ganzen Rder.

Und dann sagte er, es sei blo eines kaputt, und wenn es wieder ganz
wre, knne man sofort wegfahren.

Die Umstehenden gaben ihm recht. Ein Arbeiter sagte, man msse
versuchen, ob man den Wagen nicht wegschieben knne. Er spuckte in die
Hnde und stellte sich an das hintere Ende des Wagens.

Dann sagte er: h ruck! h ruck! und schttelte den Wagen, und
spuckte immer wieder in seine Hnde, bis ihn die Schutzleute
zurcktrieben. Diese entwickelten jetzt eine groe Ttigkeit. Sie gaben
acht, da die Zuschauer sich anstndig benahmen und in einer geraden
Linie standen. Das war nicht leicht. Wenn sie oben fertig waren,
drngten unten die Neugierigen wieder vor, und deshalb liefen sie hin
und her und wurden ganz atemlos dabei.

Noch dazu muten sie acht geben, da jeder Schutzmann, der hinzukam,
seinen Platz erhielt, wenn ein Vorgesetzter erschien, muten sie ihm
alles erzhlen, und wenn ein neuer Tramwaywagen daherfuhr, muten
sie dem Kondukteur einschrfen, da er nicht durch die anderen Wgen
durchfahren drfe.

Ich wei nicht, wie die Sache ausgegangen ist, weil ich nach zwei
Stunden zum Abendessen gehen mute. Aber ich las am nchsten Tage mit
Befriedigung in den Blttern, da der Polizeidirektor, der Minister des
Innern und unsere zwei Brgermeister am Platze erschienen waren.




                              Auf Reisen

                Aus: Pistole oder Sbel. Verlag Albert Langen, Mnchen


Ich fuhr nach Tirol. Das Coup zweiter Klasse war gut besetzt. Neben
mir sa ein wrdig aussehender Herr mit langen Koteletten, offenbar der
Gatte der beleibten Dame, welche so stark transpirierte und wie eine
Moschusseife roch.

Die drei jungen Mdchen, welche aus ihren Reisetschchen
Ansichtspostkarten hervorholten und abwechselnd Lachkrmpfe bekamen,
schienen die Tchter des Ehepaares zu sein. Der Herr mit den Koteletten
versuchte mich in ein Gesprch zu verwickeln.

Ich mu hier eine Eigentmlichkeit meines Charakters erwhnen.
Ich besitze ein beraus sanftes Temperament. Wenn mich aber im
Friseurladen oder in der Eisenbahn ein Fremder anspricht, verspre
ich ein sonderbares Prickeln in der Kopfhaut. Ich begreife in solchen
Augenblicken, da es Kannibalen gibt, welche ihre Mitmenschen
auseinandersgen lassen.

Ja, ich beneide sie um die Macht hiezu.

Wenn der Herr mit den Koteletten eine Ahnung gehabt htte, wie ich in
Gedanken mit jedem Gliede seines Krpers verfuhr, er wrde geschwiegen
haben, er wrde nicht den Mut gefunden haben, mir zu erzhlen, da es
warm mache und da eine Reise im Winter verhltnismig angenehmer sei,
weil man sich gegen Klte leichter schtzen knne als gegen Hitze.

Er ahnte nichts und bersah es, da in der Art, wie ich ihm den
Zigarrenrauch in das Gesicht blies, etwas Gefahrdrohendes lag.

Er bersah es so vollstndig, da er mir versprach, aus seinen
Reiseerlebnissen Beispiele anzufhren, welche die Richtigkeit seiner
Behauptung klarlegen sollten.

In diesem Augenblicke erinnerte ich mich, da ich meine
schwergenagelten Bergschuhe angezogen hatte; ich wartete, bis er den
ersten Satz seiner Erzhlungen begonnen hatte, und stie ihm dann gegen
das linke Schienbein, da ihm die Augen na wurden.

Wenn er glaubte, da ich mich nach seinem Befinden erkundigen wrde,
tuschte er sich.

Ich verhielt mich schweigend und bemerkte mit Genugtuung, da ihn die
Roheit meines Benehmens verstimmte.

Er wandte sich an seine Gemahlin.

Bei dieser Hitze htten wir auch was Besseres tun knnen, als reisen.

Dir zuliebe knnen wir nicht im Winter nach Tirol fahren, erwiderte
die beleibte Dame ziemlich gereizt.

Tja! Aber 'n Vergngen is es nun gerade nich.

Otto, willst Du den Mdchen auch =diesen= Genu verderben?

Die Frage klang so drohend, da niemand gewagt htte, sie mit ja zu
beantworten. Der Herr mit den Koteletten auch nicht. Er setzte sich
zurck, rieb das Schienbein und las die Annoncen.

Vielleicht dachte er darber nach, weshalb seine Meinungsuerungen so
geringen Beifall fanden.

Die beleibte Dame warf ihm noch einen feindseligen Blick zu, welcher
gengte, den Mann auf eine halbe Stunde totzumachen. Dann lie sie ber
ihre Zge den Ausdruck mtterlichen Wohlwollens gleiten und schenkte
ihre Aufmerksamkeit den Tchtern.

Ella! Hilde! Kinder, was habt Ihr?

Die ltere, eine Blondine von knospendem Embonpoint, unterdrckte ihren
bengstigenden Lachanfall.

Ach, Mama! Die Karte von Rudolf!

Zeig sie mal!

Ella reichte eine bunte Ansichtskarte herber. Ich sa so nahe, da ich
das Bild sehen konnte. Ein dicker Student, auf einem Bierfasse sitzend,
in der einen Hand die Pfeife, in der andern den Makrug.

Die Mama las halblaut vor:

    Ihr kneipt Natur
    In Wald und Flur;
    Ich kneipe hier
    Bei Wurst und Bier.

Es war schrecklich, wie die Mdchen aufs neue kichern muten; sie
hielten ihre Taschentcher vor, bissen darauf und lieen die Augen in
Trnen schwimmen.

Die beleibte Dame lchelte gtig und streifte mich mit einem Blick, in
welchem viel Mutterstolz lag.

Ich sah deutlich, da sie mich auf Umwegen zum Sprechen bringen wollte,
und beschlo, ihr fr diesen Fall auf den Fu zu treten; es war ein
Glck fr sie, da der Zug hielt und die Couptr aufgerissen wurde.

Ein Herr wollte einsteigen, aber die beleibte Dame erklrte energisch,
da kein Platz frei sei.

Es entspann sich ein lebhafter Wortwechsel, in welchen auch der Mann
mit den Koteletten eingriff. Er schpfte Mut aus der Gewiheit, auf der
gleichen Seite zu stehen wie seine Frau, und seine Haltung gewann an
Festigkeit mit jedem Satze, welcher von ihr beifllig aufgenommen wurde.

Anfnglich sekundierte er, dann bernahm er die Fhrung, und zuletzt
gehabte er sich so schrecklich zornig, da ihm die Gemahlin ngstlich
abwehrte.

Aber Mnnchen, beruhige Dich doch! Du bist ja entsetzlich in Deiner
Wut ...

Nein, Mausi, la mich! Ich dulde nicht, da man Euch zu nahe tritt.

Und er brllte wieder zur Couptre hinaus:

Was glauben Sie eigentlich? Was fllt Ihnen ein? Sehen Sie nicht, da
hier Damen sitzen? Diese Damen stehen unter =meinem= Schutze, haben Sie
mich verstanden? Unter =meinem= Schutze! Ich dulde absolut nicht ...

Aber Mnnchen!

Die beleibte Dame klammerte sich ngstlich an ihn, als frchte sie, da
er im nchsten Augenblicke etwas sehr Unbesonnenes tun wrde.

Er machte sich sanft aus der Umarmung los und schrie, da seine Ohren
sich blau frbten.

In Deutschland nimmt man Rcksicht auf Damen. Da knnte so etwas nicht
passieren, verstanden! Haben Sie in Oesterreich noch nicht gelernt, wie
man sich gegen Damen zu benehmen hat? Aber Sie irren sich, wenn Sie
glauben. Ich dulde absolut nicht ...

Mnnchen, setze Dich zurck! Ich bitte Dich ...

Nein, Mausi! Ich will mal sehen, ob man ...

In diesem Augenblicke kam der Schaffner und erkundigte sich nach der
Ursache des Lrmes.

Der Herr drauen sagte sie ihm.

Der Schaffner konstatierte, da nur sechs Personen im Coup seien,
whrend vorschriftsmig acht Platz htten.

Er schob den Herrn zur Tre herein, schlug zu und pfiff, worauf sich
der Zug in Bewegung setzte.

Der Mann mit den Koteletten beugte sich zum Fenster hinaus und rief dem
Beamten mit der roten Mtze zu:

Natrlich! Das sind sterreichische Zustnde! Das sind echt
sterreichische Zustnde!

Als keine Antwort erfolgte, zog er sich endlich zurck und sah so
martialisch um sich, als htte ich ihm niemals in das Schienbein
getreten.

Ich beobachtete den neuen Fahrgast. Ein fetter, blonder Herr mit
Gesichtspickeln. Seine wasserblauen Augen sahen verstndnislos in
die Welt; an seinen dicken, runden Fingern glnzten fnf oder sechs
Brillantringe.

Ich mute sie bemerken, weil er hufig die rechte Hand mit einer
schnen Geste an den Mund fhrte und sich rusperte.

Er versuchte, der Reihe nach die drei Mdchen anzulcheln, aber er
begegnete sehr abweisenden Mienen.

Die beleibte Dame scho ihm Blicke zu, welche ihm durch und durch
gingen.

Er fhlte sich sehr unbehaglich und wollte das eisige Schweigen brechen.

Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, aber ich bin sehr gegen meinen
Willen hier eingedrungen und bedaure lebhaft die Strung.

Niemand schenkte ihm Gehr.

Sie drfen mir glauben, da ich lieber in einem leeren Coup fahre als
in einem vollen. Noch dazu, wenn geraucht wird. Ich bin Tenor.

Die Wirkung seiner Worte war groartig.

Die drei jungen Damen wandten sich ihm lebhaft zu, und die Mama
glttete smtliche Falten, welche ihre Stirn durchfurcht hatten.

Sie sind Berufssnger? fragte sie.

Aber ja, antwortete der Herr mit den Gesichtspickeln, ich bin
Mitglied der Wiener Hofoper, wann Sie gestatten. Sperlbauer Pepi is
mein Name.

Sie sind hier zum Sommeraufenthalt? fragte die beleibte Dame wieder.

Ja; ich erhole mich etwas von den Bayreuther Strapazen.

Sie haben bei den Festspielen mitgewirkt?

Aber ja; ich habe im Ring mitg'sungen, wann Sie gestatten.

Ein betubender Lrm erhob sich.

Elsa! Mama! Hilde! Im 'Ring'! Das ist ja gottvoll! Und wie er das
sagt! Ist er nicht s? O, er mu uns etwas in das Album schreiben!

Kinder! Wir drfen doch den Herrn nicht plagen.

Ach, Mamachen! schmollte die Aelteste, denk nur, was fr Augen sie
bei Rpkes machen werden, wenn wir einen Vers von einem echten Snger
haben. Bitte! Bitte! Mein Herr! fgte sie schmelzend hinzu und sah den
Tenor seelenvoll an.

Knnen Sie grausam sein? fragte die Mutter.

Aber bitte, wie knnen Sie glauben? erwiderte Pepi Sperlbauer,
ich schtze mich glcklich, wann ich so hbschen, jungen Damen eine
Geflligkeit erweisen darf.

Er sah dabei jede mit seinen wasserblauen Augen an und lchelte
gewinnend.

Frulein Ella reichte ihm errtend ihr Album und einen Bleistift.

Er netzte ihn und sah zur Decke hinauf.

Wann ich nur wte, was ich Ihnen schreiben soll.

O bitte! Irgend etwas. Eine Zeile. Einen Vers.

Vielleicht etwas von Wagner?

Pepi Sperlbauer sprach den Namen aus, als wenn er mit drei a
geschrieben wrde.

Entzckend! Ja, das wre herrlich!

Der Snger schrieb und berreichte mit einem innigen Blicke das Album
der Besitzerin.

Ich bedaure nur, sagte er, da ich bei der nchsten Station mich von
der liebenswrdigen Gesellschaft trennen mu. Aber freilich, Sie werden
froh sein, wann der Eindringling fort ist.

O, wie schade! Mama! Ach Gott, wie knnen Sie denken!

Eine gewisse Strung habe ich doch verursacht, meinte der Tenor mit
einer kleinen Verbeugung gegen den Herrn mit den Koteletten.

Dieser fhlte, da er etwas sagen sollte.

Na, pardong! Ich hatte natrlich keine Ahnung, verehrter Meister,
aber ...

Er kam nicht weiter, weil seine Frau ihn durch einen frchterlichen
Blick in die Kissen zurckwarf.

Und weil der Zug hielt. Pepi Sperlbauer erhob sich und verabschiedete
sich mit vielen Verbeugungen und herzlichen Hndedrcken.

Er winkte leutselig mit dem Hute, als wir weiter fuhren. Frulein
Ella lie ihr Taschentuch wehen und trat erst nach geraumer Weile vom
Fenster zurck.

Wie schade, da er schon aussteigen mute!

Er wre vielleicht geblieben, wenn nich jemand so roh gegen ihn
gewesen wre, sagte die Mama mit scharfer Betonung.

Der Herr mit den Koteletten vertiefte sich anscheinend in die Zeitung,
die ihn vor den Blicken der Gattin schtzte.

Was hat er nur in das Album geschrieben? fragte Hilde.

Ach ja, das Album! Ella ffnete es hastig und las vor:

    Ehrt Eure deutschen Meister,
    So bannt Ihr gute Geister.

                    =Pepi Sperlbauer.=

Wie hbsch! Wie geistvoll! riefen die Tchter.

Es ist aus den 'Meistersingern', erklrte ihr Vater und sah ber die
Zeitung herber.

Und es ist offenbar eine Anspielung, da man sich gegen gottbegnadete
Knstler nicht so roh benehmen soll, sagte die Mama.




                         Auf der Elektrischen

                     Aus: Nachbarsleute. Verlag Albert Langen, Mnchen


In Mnchen. Der schwere Wagen poltert auf den Schienen; beim Anhalten
gibt es einen Ruck, da die stehenden Passagiere durcheinandergerttelt
werden.

Ein Schaffner ruft die Station aus.

Mliansplatz!

Heit eigentlich Maximiliansplatz.

Aber der Schaffner hat Schmalzler geschnupft und kann die langen Namen
nicht leiden.

Ein Student steigt auf. Er trgt eine farbige Mtze, und der Schaffner
salutiert militrisch.

Er wei: das zieht bei den Grnschnbeln. Sie bilden sich darauf was
ein.

Und wenn sich Grnschnbel geschmeichelt fhlen, geben sie Trinkgelder.

Er ist Menschenkenner und hat sich nicht getuscht.

Der junge Herr mit der groen Lausallee gibt fnf Pfennig.

Er sieht dabei den Schaffner nicht an; er sieht gleichgltig ins Leere;
er zeigt, da er dem Geschenke keine Bedeutung beimit. Der Schaffner
salutiert wieder.

Wumm! Prr!

Der Wagen hlt.

Deonsplatz! schreit der Schaffner.

Heit eigentlich Odeonsplatz.

Eine Frau, die ein groes Federbett trgt, schiebt sich in den Wagen.

Ein Sitzplatz ist noch frei.

Die Frau zwngt sich zwischen zwei Herren. Sie stt dem einen den
Zylinder vom Kopfe.

Das rgert den Herrn. Er klemmt den Zwicker fester auf die Nase und
blickt strafend auf das Weib.

Aber erlauben Sie! sagt er.

-- ?! --

Aber erlauben Sie, mit einem solchen Bett!

Die Leute im Wagen werden aufmerksam.

Der Mann scheint ein Norddeutscher zu sein; der Sprache nach zu
schlieen. Ein besserer Herr, der Kleidung nach zu schlieen.

Was fllt ihm ein, die arme Frau aus dem Volke zu beleidigen?

Ein dicker Mann, dessen grnen Hut ein Gemsbart ziert, verleiht der
allgemeinen Stimmung Ausdruck.

Warum soll denn ds arme Weiberl net da herin sitzen? Soll's
vielleicht drauen bleib'n und frier'n? Blo weil's dem nobligen Herrn
net recht is? Wenn ma so noblig is, fahrt ma halt mit da Droschken!

Der dicke Mann ist erregt. Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Einige Passagiere nicken ihm beifllig zu; andere murmeln ihre
Zustimmung.

Ein Arbeiter sagt:

Ueberhaupt is de Tramway fr an jed'n da. Net wahr? Und dera Frau ihr
Zehnerl is vielleicht g'rad so guat, net wahr, als wia dem Herrn sei
Zehnerl.

Die Frau mit dem Bett sieht recht gekrnkt aus. Sie schweigt; sie will
nicht reden; sie wei schon, da arme Leute immer unterdrckt werden.

Sie schnupft ein paarmal auf und setzt sich zurecht. Dabei fhrt sie
mit dem Bett ihrem anderen Nachbarn ins Gesicht.

Der stt das Bett unsanft weg und redet in soliden Batnen:

Sie mit Eahnan dreckigen Bett brauchen S' mir fei's Maul net
abwisch'n! Glauben S' vielleicht, Sie massen's mir unta d' Nasen
halt'n, weil S' as jetzt aus 'm Versatzamt g'holt hamm?

Die Passagiere horchen auf.

Da ist noch einer, der die Frau aus dem Volke beleidigt; aber, wie es
scheint, ein sddeutscher Landsmann.

Die Stimmung richtet sich nicht gegen ihn. Uebrigens sieht er so aus,
als wenn ihm das gleichgltig sein knnte.

Er hat etwas Gesundes an sich, etwas Robustes, Hinausschmeierisches.

Er imponiert sogar dem Herrn mit dem grnen Hute.

Und dann, alle haben es gesehen:

Die Frau ist ihm wirklich mit dem Federbette ber das Gesicht
gefahren. So etwas tut man nicht. Der Mann selbst ist noch nicht fertig
mit seiner Entrstung. Er wirft einen sehr unfreundlichen Blick auf die
Frau aus dem Volke und einen sehr verchtlichen Blick auf das Bett.

Er sagt:

Ueberhaupt is ds a Frechheit gegen die Leut', mit so an Bett do
rei'geh'. Wer woa denn, wer in dem Bett g'leg'n is? Vielleicht a
Kranker; und mir fahren S' ins G'sicht damit! Sie ausg'schamte Person!

Einige murmeln beifllig.

Der Mann mit dem grnen Hute gert wieder in Zorn.

Er sagt:

Der Herr hat ganz recht. Mit so an Bett geht ma net in a Tramway. Da
kunnten ja mir alle o'g'steckt wer'n. Heuntzutag, wo's so viel Bazllen
gibt!

Der Gemsbart auf seinem Hute zittert.

Alle Passagiere sind jetzt wtend ber die Unverschmtheit der Frau.

Man ruft den Schaffner.

De mua aui! sagt der Mann mit dem Gemsbart, und berhaupts,
wia knna denn Sie de Frau da einaschiab'n? Mua ma si vielleicht
ds g'fallen lassen bei der Tramway? Da de Bazllen im Wag'n
umanandfliag'n?

Der Schaffner trifft die Entscheidung, da die Frau sich auf die
vordere Plattform stellen mu.

Sie verlt ihren Platz und geht hinaus.

Ds war amal a freche Person! sagt der Mann mit dem Gemsbart.

Der Herr mit dem Zwicker meint:

Eigentlich war sie ganz anstndig. Nur mit dem Bette ...

Was?! schreit sein robuster Nachbar. Sie woll'n vielleicht ds
Weibsbild in Schutz nehma? Gengan S' aui dazua, wann's Eahna so guat
g'fallt!

Alle murmeln beifllig.

Und der Arbeiter sagt:

Da siecht ma halt wieda de Preien!

       *       *       *       *       *

Ein kalter Wintertag.

Die Passagiere des Straenbahnwagens hauchen groe Nebelwolken vor sich
hin. Die Fenster sind mit Eisblumen geziert, und wenn der Schaffner die
Tre ffnet, zieht jeder die Fe an; am Boden macht sich der kalte
Luftstrom zuerst bemerklich.

Die Passagiere frieren, nur wenige sind durch warme Kleidungen
geschtzt, denn der Wagen fhrt durch eine rmliche Vorstadt.

Da kommt ein Herr in den Wagen, er trgt einen pelzgeftterten
Ueberrock; eine Pelzmtze, dicke Handschuhe.

Er setzt sich, ohne seiner Umgebung einen Blick zu schenken, zieht eine
Zeitung aus der Tasche und liest.

Die anderen Passagiere mustern ihn; das heit seine untere Partie. Die
obere ist hinter der Zeitung versteckt.

Die grte Aufmerksamkeit schenkt ihm ein behbiger Mann, der ihm
gerade gegenbersitzt.

Er biegt sich nach links und rechts, um hinter die Zeitung zu schauen.

Es geht nicht.

Er schiebt mit der Krcke seines Stockes das hemmende Papier weg und
fragt in gemtlichem Tone:

Sie, Herr Nachbar, wissen Sie, aus welchan Pelz Eahna Hauben is?

Der Herr zieht die Zeitung unwillig an sich.

Lassen Sie mich doch in Ruhe!

Nix fr ungut! sagt der Behbige.

Nach einer Weile klopft er mit seinem Stocke an die Zeitung, die der
Herr noch immer vor sich hinhlt.

Sie, Herr Nachbar!

Wa denn?!

Sie, ds is fei a Biberpelz, Eahna Haub'n da.

So lassen Sie mich doch endlich meine Zeitung lesen!

Nix fr ungut! sagt der Mann und wendet sich an die anderen
Passagiere.

Ja, ds is a Biberpelz, de Haub'n. Ds is a schn's Trag'n und kost'
a schn's Geld, aba ma hat was, und es is an oanmalige Anschaffung. De
Haub'n, sag' i Eahna, de trag'n noch amal de Kinder von dem Herrn. De
is net zum Umbringa. Freili, billig is er net, so a Biberpelz!

Die Passagiere beugen sich vor. Sie wollen auch die Pelzmtze sehen.

Aber man sieht nichts von ihr; der Herr hat sich voll Unwillen in seine
Zeitung eingewickelt.

Da wird sie ihm wieder weggezogen. Von dem behbigen Manne, mit der
Stockkrcke.

Sie, Herr Nachbar ...

Ja, was erlauben Sie sich denn ...?!

Herr Nachbar, was hat jetzt de Haub'n eigentlich gekostet?

Der Herr gibt keine Antwort.

Wtend steht er auf, geht hinaus und schlgt die Tre mit Gerusch zu.

Der Behbige deutet mit dem Stock auf den leeren Platz und sagt:

Der Biberpelz, den wo dieser Herr hat, der wo jetzt hinaus is, der hat
ganz gewi seine zwanz'g Markln kost'; wenn er net teurer war!

       *       *       *       *       *

Der alte Professor Spengler fhrt jeden Morgen gegen acht Uhr vom
groen Wirt in Schwabing bis zur Universitt.

Er fllt auf durch seine ehrwrdige Erscheinung; lange, weie Locken
hngen ihm auf die Schultern, und er geht gebckt unter der Last der
Jahre.

Ein Herr, der auf der Plattform steht, beobachtet ihn lngere Zeit
durch das Fenster.

Er wendet sich an den Schaffner.

Wer ist denn eigentlich der alte Herr? Den habe ich schon fter
gesehen.

Der? Den kenna Sie nt?

Nein.

Ds is do unsa Professa Spengler.

So? so? Spengler. M--hm.

Professar der Weltgeschchte, ergnzt der Schaffner und schttet eine
Prise Schnupftabak auf den Daumen.

Mhm! macht der Herr. So, so.

Der Schaffner hat den Tabak aufgeschnupft und schaut den Herrn
vorwurfsvoll an.

Den sollten S' aba scho kenna! sagt er. Der hat vier solchene Bacha
g'schrieb'n.

Er zeigt mit den Hnden, wie dick die Bcher sind.

So ... so?

Lauter Weltgeschchte!

Ich bin nicht von hier, sagt der Herr und sieht jetzt mit sichtlichem
Respekt auf den Professor.

Ah so! Nacha is 's was anders, wenn Sie net von hier san, erwidert
der Schaffner.

Er ffnet die Tre.

Universitt!

Professor Spengler steigt ab. Der Schaffner ist ihm behilflich; er gibt
acht, da der alte Herr auf dem glatten Asphalt gut zu stehen kommt.
Dann klopft er ihm wohlwollend auf die Schulter.

Soo, Herr Professa! Nur net gar z' fleiig!

Er pfeift, und es geht weiter.

Der Schaffner wendet sich nochmal an den Herrn:

Alle Tag, punkt acht Uhr, fahrt ds alte Mannderl auf d' Universitt.
Nix wia lauta Weltgeschchte!

       *       *       *       *       *

In =Berlin=. Der Straenbahnwagen fhrt durch den Tiergarten. Seitab
werden Bume gefllt, und es ist ein sonderbarer Anblick, mitten in der
Grostadt Waldarbeit zu sehen.

Der Schaffner wendet sich an einen Herrn, der Aehnlichkeit mit dem
Kaiser hat. Die man in Norddeutschland so hufig trifft. Starkes Kinn.
Habyschnurrbart.

Der Schaffner sagt: Das geht nun schon so vier Wochen.

Er deutet auf die Holzarbeiter.

Der Doppelgnger Kaiser Wilhelms schweigt.

Wenn sie nur nich den ganzen Tiergarten umschlagen! sagt der
Schaffner.

Keine Antwort.

Der Schaffner versucht es noch einmal.

Den ganzen Tiergarten! Es wr doch jammerschade!

Jetzt blickt ihn der Doppelgnger Kaiser Wilhelms an; strenge und
abweisend.

Und er sagt:

Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen in eine Konversation
einzulassen.




                              Der Klient

                Aus: Pistole oder Sbel. Verlag Albert Langen, Mnchen


Der Rechtsanwalt Isak Tulpenstock war nach einigen Vermahnungen an das
Kanzleipersonal soeben im Begriffe, sich in das Landgerichtsgebude zu
begeben, als ihm der Besuch des Oekonomen Mathias Salvermoser gemeldet
wurde.

Was fr ein Volk, diese Bauernlmmel! Immer in der letzten Minut!
Immer zu spt! Gerad' als ob ... lassen S' ihn rein!

Salvermoser hatte auf die Erlaubnis nicht gewartet, sondern war schon
hinter dem Schreiber eingetreten.

Nu, was wollen Sie? fragte Tulpenstock immer noch rgerlich.

A Frag htt i, Herr Dokta.

Wenn's ein gescheite Frag is, kommen Sie spter. Ich mu zum Gericht.

Salvermoser verlor seine Ruhe nicht.

Nacha geh' i halt mit, sagte er, i ko Eahna ja auf'm Weg aa frag'n.

Tulpenstock bedachte, da ein unangenehmer Klient besser ist als
keiner, und lie es zu, da der Oekonom neben ihm her ging.

Es war ihm peinlich, weil die Leute sich nach ihnen umsahen und weil
Salvermoser mit seinen Stiefeln auf dem Brgersteige einen sehr
unfeinen Lrm machte.

Nu, rcken Sie halt emal raus mit der Sprach! sagte er ungndig; was
haben Sie fr eine Frag?

Mathias Salvermoser blinzelte ein wenig mit dem linken Auge, dann stie
er den kleinen Rechtsgelehrten mit dem Ellenbogen an und sagte:

Sie, Herr Dokta, was kost' des, bal ma oan mit an kloan Stecken am
Kopf aufi haut?

Was das kost? Das kost emal viel, emal weniger. Da gibt's keinen
Tarif.

Des woa i scho. Aba unser Burgermoasta hat g'sagt, nach dem neuen
G'setz werd's billiger.

Nach was fr en neuen Gesetz?

No, halt nach dem preuischen G'setz, wo's jetzt eig'fhrt hamm.

Ach so! Das Brgerliche Gesetzbuch! Da steht nix drin von Strafen
wegen Krperverletzung.

Salvermoser zeigte sich erstaunt.

Des kon i do scho net glaab'n, sagte er, da de G'setzmacher auf des
vergessen hamm. Da htt's es ja berhaupt net braucht, da ma was Neu's
kriag'n. Des glaab i scho ganz und gar durchaus net.

Glaubst Du nicht? Brauchst Du nicht zu glauben, sagte Tulpenstock
sehr rgerlich.

Guten Morgen, Herr Kollega! rief er einem Vorbergehenden zu, lassen
Sie mich mitkommen, ich begleite Sie.

Salvermoser lie sich nicht abschtteln.

Halten S' a wengl, Herr Dokta! I bin no net firti. Moana S', es ko
mir was g'schehg'n? I ko hundert Eid schwr'n, da i in einer Notwehr
befunden g'wen bin. Ueberhaupts hob i eahm blo mit an kloan Steckerl
am Kopf aufi g'haut.

Nu, um so besser fr Sie. Ich hab' jetzt kei Zeit mehr.

Sie, Herr Dokta, mit an ganz kloan Steckerl. Es is net dicker g'wen
als wia mei Finga.

Was reden Sie dann? Wenn er nicht krank war, gibt es vielleicht gar
keinen Proze.

Jaa, krank war er scho.

So?

Tulpenstock interessierte sich doch etwas fr den Fall.

Wann war die Sache? fragte er.

Vor a sechs, an acht Wocha, beim Unterwirt.

Also eine Wirtshausgeschichte. Mhm! Wie lange war der Mann krank? Hat
er sich ins Bett gelegt?

Jaa, sell scho.

Nu, wie lang is er gelegen?

Salvermoser blinzelte wieder mit dem linken Auge.

Er liegt no, sagte er.

Was? Das ist ja ernsthaft! Ich kann nicht lnger auf der Strae
bleiben, kommen Sie ins Bureau!

Sie, Herr Dokta ...!

Spter, spter! Der Rechtsanwalt betrat schleunig das Gerichtsgebude
und lie seinen Begleiter stehen. Als er nach drei Stunden wieder
herauskam und eben daran ging, seinem verehrten Herrn Kollega
Schiedermann einen verwickelten Rechtsfall klar zu machen, wurde er
jhlings unterbrochen.

Mathias Salvermoser rief ihn mit lauter Stimme an.

Des is g'scheit, da i Eahna siech. Jetzt hab i Eahna do no derwarten
kinna. I bin beim Wirt g'sessen neben an Landg'richt.

Ich habe Ihnen doch gesagt, da Sie in die Kanzlei kommen sollen.

Scho. Aba, i hab leicht g'wart; i hab halt a paar Halbe mehra trunken.

Diese Versicherung war berflssig, denn Salvermoser roch so stark
nach Bier, da man es weithin merken konnte. Er hielt sich mit einiger
Mhe aufrecht und fate beim Reden den Sachwalter am Rock, um sich zu
sttzen.

Tulpenstock war sehr peinlich berhrt. Da er jedoch dem Volke, welches
Rechtshilfe sucht, im allgemeinen geneigt war und sich nur ungern dazu
verstand, seinen Schutz zu verweigern, beschlo er, den Oekonomen zwar
anzuhren, aber mglichst schnell abzufertigen.

Erzhlen Sie mir halt, was Sie auf dem Herzen haben, und spter kommen
Sie in mein Bureau.

Sehg'n S', des is a Wort, lallte Salvermoser; i hab's glei g'sagt,
der Tulpenstock, hab i g'sagt, des is halt a Mo, der wo ... sag' i.
Han?

Schon gut, schon gut! Erzhlen Sie nur rasch! Ich habe noch nicht zu
Mittag gegessen.

Ah, des macht nix. Passen S' auf, i erzhl's Eahna ganz g'nau. Also
i geh beim Unterwirt aua, net? Und da steht a Holzhaufa, net? Oha!
Salvermoser stolperte nach vorwrts und mute sich wieder an dem
Rechtsvertreter einhalten.

Mein Lieber, gehen Sie jetzt und erholen Sie sich.

Na, na, Herr Dokta. Sehg'n S', Sie san a so g'fhriger Mo, i mu 's
Eahna glei verzhlen. I kimm nacha viel liaba.

Also meinetwegen; nur rasch, rasch!

Ja, und da bin i beim Unterwirt aua und da steht a Holzhaufa, net?
Ja, und des han i o'gschaugt. A schn's Holz is g'wen, lauter feichtene
und buachene Scheiteln. Do hob i mir denkt, was werd jetzt ds Holz
kosten, net? Sie, Herr Dokta! Oha!

Tulpenstock wurde nervs.

Entweder erzhlen Sie mir den Vorfall, oder ...

Es kimmt scho. Passen S' nur auf, Herr Dokta. Alsa, i ziag a Scheitel
aua, und wia'r i 's o'schaug, geht g'rad der Brunner Peter daher. Ja,
und nacha hat er g'sagt: 'Was tuast denn Du do?' 'Nix,' hab i g'sagt,
und nacha hab i eahm a bisserl am Kopf aufi g'haut.

Mit dem Holzscheit? So? Und warum?

Ja, es is ganz kloa g'wen. Und berhaupts hon i eahm gar net treffen
wollen. I ho mir denkt, i hau in d'Luft, da er derschrickt. Aba, er
mua g'rad neig'rennt sei. I glaab, da er des mit Flei to hat. Sie,
Herr Dokta, oha! Moana S', da i freig'sprocha wer?

Tulpenstock war ber diese Frage etwas erstaunt; aber da er einem
Klienten nicht gerne die Stimmung verdarb, sagte er: Freigesprochen?
Hm, ja, wer wei? Wir mssen eben abwarten.

Ja, passen S' auf, Herr Dokta. Mir macha de G'schicht a so: bal i
frei wer, zahl i Eahna, und bal i g'straft wer, nacha kriag'n Sie nix.

Was fllt Ihnen ein? Ich lasse mir doch keine Bedingungen stellen.

So, Sie mgen des net? fragte Mathias Salvermoser und blinzelte
wieder mit dem linken Auge, jetzt kenn i mi scho aus. Bal Sie a
richtige Fiduz auf mein Proze htt'n, nacha redeten Sie ganz anderst.
Na, mei Liaba! Do geh i zua an andern.




                        Die Familie in Italien


Hinter Ala wappnet sich die reisende deutsche Familie mit Mitrauen
und wird sich recht ihrer Superioritt bewut. Seit Archenholtz und
vielleicht noch lnger beweist es Klugheit, jeden Italiener fr einen
Spitzbuben zu halten und dieses sdliche Vlkchen fr einen Schwarm
von Leuten, welche ausschlielich von dem guten Gelde der kunstfrohen
Deutschen leben.

Dieser Glaube uert sich im aufbrausenden Zorne, im stirnrunzelnden
Unbehagen des so viel wertvolleren Nordeuropers, und wieder
im vterlichen Wohlwollen, im verzeihenden Lcheln ber diese
leichtsinnigen Naturkinder. Aber er uert sich immer und berall.

Mama gibt auf das Gepck acht, zhlt zweimal und dreimal die Stcke
nach, wirft den Trgern durchbohrende Blicke zu; die beiden Tchter
bewachen mit Argusaugen ihre Hutschachteln oder was ihnen sonst auf
Erden teuer ist und sie beweisen durch hastige Zurufe, durch Mienen und
Gebrden, da sie absolut nicht in Vertrauen einzulullen sind.

Papa umschreitet die Gruppe, vielleicht nicht ganz so aufgeregt, aber
doch mit dem Ausdrucke nicht zu tuschender Vorsicht und auch einer ihm
wohlanstehenden Energie.

Dieser Camillo, Miltiade oder Marcello ist wirklich ein guter
Kerl, weil er heiter und gelassen alle diese Zweifel an seiner
Rechtschaffenheit ertrgt.

Er lchelt milde ber die stechenden Blicke, die ihm zugeworfen
werden, er ist hflich, er will Ruhe einflen in die Herzen
dieser aufgeregten Famiglia, er beteuert mit Worten und mit jenen
unnachahmlichen Gesten, da er ein Ehrenmann ist.

Er schleppt eifrig die Stcke ins Coup, ist hilfsbereit und
liebenswrdig und beschwichtigend. Es ist nichts weggekommen, alles ist
unversehrt da; Camillo weist mit einer triumphierenden Handbewegung auf
die Gepckstcke, Mama zhlt nach, die Tchter zhlen nach.

_Ecco!_

Wie kann man so hastig, zufahrend, taktlos und beleidigend sein?

Aber das denkt Camillo nicht einmal, er lchelt noch immer, nimmt die
doppelte Taxe und dreht beim Wechseln dem mit unbesieglichem Mitrauen
gewappneten Papa einige minder gute Geldstcke an.

       *       *       *       *       *

Mama hat sich das Wort Hain angeeignet. Kurz vor Florenz und im
Anblicke der schnen Hgel ist es ihr eingeschossen.

Olivenhain, Pinienhain, Zypressenhain.

Sie spricht es mit Wohllaut und Schmelz, so da der Hrer merkt und
auch merken soll, wieviel tiefes Empfinden fr eine toskanische
Landschaft in ihr wohnt und aufquillt.

Vermischt mit Erinnerung an etwas Gelesen-Habendes oder im Theater
Gesehen-Habendes; vermischt mit dunklen Ahnungen von etwas Poetischem,
von etwas als Mdchen Geschwrmt-Habendem.

In Zypressenhainen gehen gelockte Jnglinge umher, an denen
weie Gewnder in malerischen Faltenwrfen herunterflieen, in
Zypressenhainen tremolieren die Carusi, in Zypressenhainen schwelgt
berhaupt die Phantasie.

Die Wirklichkeit sitzt daneben, hat drei Knpfe der Weste offen und
raucht eine Zigarre.

Wenn man Papa ansieht, mte man eigentlich an dem Worte Hain
ersticken.

Mama schliet die Augen und trumt von Gestalten, die sich besser fr
diese Landschaft eignen.

       *       *       *       *       *

So!

Da wre man nun glcklich in Florenz!

Die Tchter sind selig darber, da alles so wahnsinnig italienisch
aussieht, der Himmel, die Stadt und die Leute.

An einer Straenecke steht ein allerdings nicht malerisch aussehender
Mann, der auf der Mandoline spielt und etwas von _stella, bella_ und
_amore_ singt. Mit wahnsinnig echtem Tonfall.

Papa bemerkt berall die Beweise des sdlichen Schlendrians und belehrt
seine Familie ber die Segnungen deutscher Ordnung und deutschen
Fleies.

Das sollte sich mal bei uns einer erlauben!

Wie hier das Fleisch in offenen Lden hngt, dem Straenstaube
ausgesetzt, wie hier die Kerls herumstehen und nach rechts und links
ausspucken, wie hier die halbgewachsenen Bengels ... Was ist? Die
Signoria? So ... hm ... wie hier die halbgewachsenen Bengels einem
nachlaufen und betteln. Auf die Weise erzieht man doch ...

Mama erzwingt sich mit einem jener Blicke Stillschweigen und
Bercksichtigung des erhabenen Moments, in welchem man zum erstenmal an
dieser bedeutenden Stelle Bdekers sich befindet.

Loggia dei Lanzi ... m--hm ... Perseus von Benvenuto Cellini ...
m--hm... eine Kopie des David von Michelangelo vor der Signoria...
m--hm... auf diesem Platze ist Girolamo Savonarola verbrannt
worden... Wo? wo? Eine lebhafte Bewegung ist in die Familie gekommen,
selbst Papa zeigt Interesse.

Ein Kartenhndler, der sie beobachtet hat, eilt hinzu.

Postkarten ... wollen Sie? Schne Postkarten ... wollen Sie?

Man antwortet ihm nicht, aber der Mann kennt die Wibegierde der
Italienfahrer.

Er klopft mit dem Fu auf das Pflaster.

_Savonarola .. qui_ .. ist verbrunnen ... _qui Savonarola .. qui_ ...

Die Familie gibt ihre Zurckhaltung auf, und Mama frgt mit
italienischem Akzent: _Savonarola_ .. hier? -- _Si .. si .. in
questo punto ... qui_ .. ist verbrunnen. Er zeigt mit lebhaften
Gebrden, wie man ein Zndholz anzndet, und beschreibt mit
ausholenden Armen Rauch und Flammen _e combusto_ .. ist verbrunnen ..
_Savonarola.. qui_ ..

Die Schauer der Weltgeschichte berkommen die Familie. Und Papa drckt
dem minderwertigen Sohne Italiens ein Trinkgeld in die Hand.

       *       *       *       *       *

Kinder! sagt Papa, Kinder, Bdeker ist ja ganz recht, und niemand
kann mehr Respekt vor der wahren Kunst haben als ich, aber nur nich
bertreiben! In gewissem Sinne mu man sich doch auch von Bdeker frei
machen knnen! Ich gebe ja zu, da junge Kunstbeflissene hier einfach
die Pflicht haben, jede Einzelheit zu studieren, aber ich als Mann,
der im praktischen Leben steht, wie komme ich dazu, mir von Bdeker
vorschreiben zu lassen....

Nanu, halte keine Predigt! erwidert Mama, und wenn die Kinder daheim
was erzhlen wollen von Italien, mssen sie eben auch ordentlich dazu
tun. Du kannst ja einstweilen in Dein Pilsner Bierlokal gehen, das Du
glcklich entdeckt hast....

Natrlich gehe ich hin, und wenn Ihr ehrlich sein wolltet, mtet Ihr
zugeben, da Euch die ewigen Lippi un Lippinos und wie die Kerle alle
heien ...

Aber Otto!

Na ja, ich habe den pflichtschuldigen Respekt vor diesen Meistern der
Rensanxe, aber macht mir keine Wippchen vor! Ihr habt die Kerls auch
ber!

Tu mir den einzigen Gefallen, Otto -- ja? Tu mir den einzigen Gefallen
und sprich nich so! Ich kann das hier nich vertragen, das reit einen
ja aus ... aus allen Illusionen! Ich meine, hier knntest Du wirklich
mal Deine prosaischen Ansichten ein bichen vergessen!

Och! Och! Prosaisch! Nanu, Wilhelmine, ich will mich nich nher
ausdrcken, aber weit Du, was Ihr hier fr'n Theater spielt, Du un
die Mdels, so was von Verzckung, nee! Un gestern habt Ihr's vor'm
falschen Bild gemacht. Das mit'n Kreuz war hinter Euch an der Wand!

Also, Otto, ich erklre Dir ein fr allemal ..

Was erklrste?

Ich erklre Dir ein fr allemal, da wir auf Deine Begleitung
verzichten. Ich will mir nicht jeden weihevollen Moment ...

Och! Och! ...

Jawohl, Otto, ich will mir nicht jede andchtige Stimmung zerreien
lassen. Geh Du zu Deinem Pilsner ...

Mach ich auch ...

Ja, und uns zerstre wenigstens hinterher nich den Eindruck, den wir
von allem Geschauten mitbringen. Alma war gestern frmlich bedeppert
ber Deine Witze ber die Sixtinische Madonna ...

Die ist ja jar nich hier, Wilhelmine ...

Das mut Du ja wissen!

Wee ich zufllig ... die is in Drsen. Herjemmersch! Wenn mir's doch
gestern der blonde Professor eine geschlagene Stunde erzhlt hat!..

Also gut, dann war's eine andre. Jedenfalls war das Mdchen aus allen
Himmeln gestrzt ...

Och.... och!

       *       *       *       *       *

Eigentlich hatte Papa ja recht.

Natrlich nicht mit seiner taktlosen Manier, fortwhrend Witze zu
machen ber das Kunstverstndnis seiner Familie, aber so im allgemeinen
und berhaupt.

Wenn man es sich nur eingestehen wollte, war es nicht doch furchtbar
ermdend, immer und immer diese Heiligenbilder zu sehen?

Der Kopf wurde einem wirblig davon, und dann, war eigentlich nicht eins
genau so wie's andere? Und sich frmlich die Beine in den Leib stehen
vor den ganz berhmten Gemlden!

Und dieser innerliche Zwang, von einer Sehenswrdigkeit zur anderen
zu laufen, und eine frmliche Angst, seine Aufgabe fr den Tag nicht
gemacht zu haben! Wie in der Schule!

Nee! Das reine Vergngen war's gewi nicht! Schn is anders!

       *       *       *       *       *

Allmhlich erst lebt man sich in einer fremden Stadt ein, aber dann
bemerkt man erstaunt, da die Art, sich zu unterhalten, gewissermaen
europisches Gemeingut und darum auch hier eingebrgert ist. Papa
findet es in der _birreria_, wo man frisches Pilsner trinkt und sehr
lange sitzen bleiben kann; die Damen finden es im _tea-room_, wo alle
heimatlichen Gensse sich darbieten. Winselnde Geigentne und der
letzte Operettenkitsch, auch _one_ und _two step_, Sigkeiten zu
essen -- _toltschi_, wie Mama mit tglich sich mehrender Kenntnis der
italienischen Sprache sagt -- junge, merkwrdig hbsche Offiziere, ganz
moderne, merkwrdig schicke Frhlingshte, und kurz und gut, Klang und
Duft des internationalen _tea-room_, in dem Punkt 5 Uhr nunmehr wohl
das ganze faulenzende Europa sich begafft, anbietet und entgegennimmt.
Die Damen erholen sich von der Qual der Museumsbesuche und wiegen sich
in se Trume bei den Klngen des letzten grauslichen Walzers.

Wo bleiben Rensanxe und Tschinquetschento?

Sie versinken in den Wogen des eleganten Lebens, sie ertrinken in
Pilsner Bier.

Doch einmal des Tages lebt die Erinnerung an die Pflichten der Bildung
auf.

Wenn Alma und Elvira Postkarten an die Freundinnen schreiben.

Man whlt zu diesem Zwecke wahnsinnig echt aussehende Landschaften,
Zypressen- und Olivenhaine, oder Reproduktionen jener Bilder, deren
Besuch ja eigentlich den Reiz des Aufenthaltes strt.

Dann schreibt man Verzckungen darunter. Es ist unsagbar schn, Ihr
glaubt nicht, was man hier erlebt, Jeder Tag ist ein neues Wunder.
Und Mama als gute Seele verfehlt nicht, an besonders Liebe zu Hause,
einen Stoseufzer beizufgen: Warum seid Ihr nicht hier, um all dies
Schne mitzuerleben? Die Lieben empfangen die Karten mit sffisantem
Lcheln, wenn sie den Mumpitz selbst schon mitgemacht haben, mit
unglubigem Neid, aber doch mit Neid, wenn sie's noch vor sich haben.

Und dann gehen sie daheim in den _tea-room_, wo sie winselnde Geigen
hren, schne Offiziere und neue Hte sehen.

Bildung schafft eine gewisse Gleichheit der Ansichten und der
Lebensfhrung.

       *       *       *       *       *

Heimkehr.

Papa sehr aufgerumt ber die Aussicht, in zwei Tagen smtlichen
Gewohnheiten wieder frnen zu knnen, Mama innerlich ebenso glcklich,
nun bald von der Fahrt nach dem schnen Sden erzhlen zu drfen und
dabei von ihren Unbequemlichkeiten erlst zu sein, die Tchter in Wonne
schwimmend.

Eigentlich, sagt Papa, eigentlich war diese Reise doch kolossal
interessant und belehrend. Man mag ber Italien denken, wie man
will, aber so das rechte Verstndnis fr das Schne in der Kunst
gewinnt man doch nur hier. Man hat zuletzt 'n ganz andern Blick fr
Kunstgegenstnde, aber es is doch famos, da wir wieder heimkommen.

Eine ablehnende Handbewegung von Mama lt ihn verstummen.

Frauen sind doch wirklich unehrlich und haben ungemein
schauspielerisches Talent.

Vielleicht in keiner Sache und vielleicht noch nie war Mama innerlich
so einig mit ihrem Gatten wie in dieser Ablehnung des Tschinquetschento
und der aufgezwungenen Bildungsweise, und dabei konnte sie in ihre
Augen den geradezu frappanten Ausdruck des Schmerzes ber seine
Unbildung legen!

Dabei konnte sie so trumerisch und sehnschtig zum Fenster
hinaussehen, als zgen sie bermchtige Gefhle zurck nach Florenz --
Firenze, wie sie stets auf Postkarten schrieb -- als wre ihr Durst
nach den Herrlichkeiten der Rensanxe noch lange, lange nicht gestillt!

So tuschend machte sie es, da er, der gewiegte Kenner ihrer
nchternen Seele, beinahe daran glaubte.

Hinterhalb Mailand, in Zrich, wre sie um ein Haar aus der Rolle
gefallen.

Man hatte dort Station gemacht, und beim Frhstck im Hotel, als
Honig, Kse, Butter und Wurst lieblich ausgebreitet lagen, rief Papa:
Nee, Kinner, sagt mir, was Ihr wollt! Kunst ist gut, Kunst verschnt
das Leben, aber so'n Frhstck im Schweizer Stil ... Kinner, da kann
Italien nich ran!

Und in das Aufjauchzen der Tchter htte Mama beinahe eingestimmt.

Aber sie besann sich noch und nahm den sehnschtigen Blick, rckwrts
nach dem Tschinquetschento, mit ber den Bodensee und durch
Mitteldeutschland bis nach Berlin, wo er nunmehr als ihr Trick und ihre
Sehenswrdigkeit gilt bei allen Einladungen am Kurfrstendamm.




                           Der Interviewer


Zu deutsch: der Zusammenknftler. Der Mann, der mit Ihnen
zusammenkommt, ohne da Sie ihn gerufen haben.

Er kennt Ihre Marke, unter der Sie im Publikum kursieren, und will, da
Sie Ihre Eigenart recht originell zum Ausdrucke bringen.

Erlauben Sie sich also nicht, diesem wildfremden Menschen reserviert
entgegenzukommen.

Seien Sie vom ersten Augenblicke an herzig und liab, wenn das Ihr
Firmenzeichen ist, oder biderb grob oder geistvoll und sarkastisch,
und glauben Sie ja nicht, da Sie den Mann durch gleichgltiges
Benehmen tuschen knnen.

Er wei, wie Sie sind, und prft genau, ob Ihre Konversation
musterecht ist.

Beobachten Sie den Mann, whrend Sie Indifferentes sagen.
Seine Gesichtszge verraten eine innere Qual, die sich bis zur
Hoffnungslosigkeit steigert, wenn Sie Ihr Charakteristisches lange
zurckhalten.

Es kommt nicht ... es kommt nicht ... da! Es ist Ihnen, ohne da Sie
es wissen, ein Aperu entfahren, noch dazu eines aus Ihrem innersten
Wesen heraus. In den Augen des Zusammenknftlers flammt das Feuer des
Verstndnisses auf, er schleckt seinen Bleistift ab und schreibt darauf
los.

Sie sind festgenagelt, mein Lieber; man hat Sie.

Sagte ich schon, da Wien die Stadt dieser Zusammenknfte ist? Wenn
nicht, dann mchte ich es hiermit nachgeholt haben.

In Deutschland werden fast nur Staatsmnner ausgebohrt, und jedenfalls
geht man mit dem Experiment nicht unter Richard Strau hinunter.

Diesem begabten Musiker sind allerdings schon so viele Wrmer aus der
Nase geholt worden, da es verwunderlich erscheint, wenn noch einer
drin sein sollte.

Aber reden wir von Wien! Das ist die Stadt, wo immer jemand mit einem
zusammenkommt. Man braucht keinen Rosenkavalier vertont zu haben,
es gengt, da man vom zweiten Stockwerk herunterfllt, oder ein
aussterbender Fiaker ist, um ber seine Weltanschauung oder gehabte und
noch habende Schmerzen eine druckreife Meinung uern zu drfen.

Wenn im Deutschen Reiche ein Mann aus dem Volke von einem Automobil
berfahren wird, so erscheint bei dem Verunglckten zuerst der Arzt, in
Wien aber der Zusammenknftler.

Wiches woarn Ihre Gedanken, als Sie bemerkten, da das Rad ber Sie
hinwegginge?

Woarn Sie im erst'n Schmrz bewutlos?

Wiches woarn Ihre Gefiehle im Hinblick auf Ihre Gattin und die
zahlreichen Kinder?

Ein geschulter Wiener wird diese Fragen immer so beantworten, da aus
seinem Schmerzenslager ein Duft von Treuherzigkeit in die Zeitung
weht, und wenn das Malheur in der inneren Stadt passiert ist, wird
er nicht verfehlen, den Stephansturm in rhrende Beziehung zu seinem
berfahrenen Zustande zu bringen.

Aber der Fremde steht einem Zusammenknftler denn doch etwas hilflos
gegenber.

Ich denke dabei nicht gerade an einen sich ereignet habenden
Unglcksfall, es ist schon bitter genug, wenn jemand zu einer Vorlesung
oder zur Auffhrung seines Theaterstckes in die Donaustadt reist.
Hier gilt also das, was ich von der Hausmarke sagte. Die Redaktion
sagt ihrem galizischen Kundschafter, da der Mann sarkastisch sei,
regierungsbissig, respektlos.

Also mu etwas auf diese Eigenschaften Bezug Habendes in den Bericht.

Der fremde Schriftsteller steht auf, zieht zunchst einmal die
Unterhosen an, denkt an gar nichts und ghnt.

Es klopft.

Ein Zimmermdchen schiebt durch die Trspalte eine Visitenkarte herein.

Siegfried Parketl, Vertreter der 'Interessanten Welt'.

Was will man machen?

Der Fremde lt Herrn Parketl bitten. Und nun kommt ein kleiner Mann
herein, von fleischiger Nase und mit klugen, listigen Augen, Augen wie
die einer Kanalratte.

Der Zusammenknftler.

Er hat sich seine Rolle ausgedacht; er wird volkstmlich und
vertrauenerweckend sein.

Guat Murg'n! Srvus!

Er blinzelt den Fremden an, als erwarte er schon im Gegengru etwas
Sarkastisches, Respektloses, Regierungsbissiges.

Es kommt nichts.

Der Fremde ist blo hflich.

Wiche besonderen Verhltnisse haben Sie im Aage gehabt bei
Verabfassung Ihres neien Stckes?

Der Fremde sagt, er habe nur ganz allgemein, verstehen Sie, und so
weiter.

Oba bitt!

Herr Parketl lchelt vertrauenerweckend. Ihm gegenber sollte man
nicht so zurckhaltend sein.

Der Fremde versteht ihn nicht.

Er glaubt wirklich, da er Daten fr die Literaturgeschichte deponieren
msse.

Ich wollte also den Konflikt schildern, der sich einerseits aus
der Ueberspannung des Pflichtgefhls, andererseits aus menschlichen
Leidenschaften ...

Ah wos! Ah wos!

Wie?

Lieba Freind! Vor mir brauchen S' Ihnen oba wirklich keine Resrve
aufzuerlegen!

Ja, ich verstehe nicht ...

Also sagen S' ma nur dos: wiche Ueberspanntheiten und von wicher
Regierung haben Sie geieln wohlen?

Regierung?

Oba jo! Lieba Freind, net woah, das Publikum erwoatet von Ihnen
dennoch eine gewisse Satire, etwas Pikantes, etwas Prickelndes ...?

Sie wollten doch wissen, was ich in diesem Stcke ...

No freili!

Wie gesagt, ich wollte in dramatischer Steigerung den Konflikt
beruflicher und menschlicher Gefhle....

Jetz hren S' oba auf! Mir knnen Sie dos wrklich sag'n, gegen
wiche Regierung Sie Ihre satierische Geiel geschwungen haben.

Davon ist in diesem Stcke also wirklich nicht ...

Wem erzhlen S' denn dos, lieba Freind? Wann i a Konflikt hamm
will, net woa? Oder eine dramatische Steigerung, nachdem geh ich zum
Schnherr Koarl oder zum Hofmannsthal, aber von Ihnen erwoatet man doch
was anderes, so a bisserl wos Despektierliches. Hm?

Der Fremde versteht nicht.

Obwohl ihm Herr Parketl auf die Schulter klopft und mit jeder Minute
herzlicher und familirer wird, kommt ihm nichts Respektloses aus. Er
kennt weder seine Rolle noch seine Pflicht gegen einen Zusammenknftler.

Parketl horcht angestrengt.

Jetzt? Jetzt?

Nichts.

Er geht niedergeschlagen weg.

Denn was hilft es ihm, da er am selbigen Tag in die Interessante
Welt schreibt, er habe den fremden Dichter in sprhender Laune
angetroffen, und habe dieser auch sowohl bezugnehmend auf das neue
Stck als im allgemeinen nach allen Seiten hin seiner bekannten Satire
die Zgel schieen lassen.

Das glaubt ihm kein Zusammenknftler, also kein Wiener. Er htte was
Prickelndes bringen mssen.




                           Die Halsenbuben


Beim Halsen heit ein schner Hof in Lenggries. In den sechziger
Jahren hauste darauf der Quirinus Gerold mit seinem Weibe und zwei
Shnen.

Er war ein wohlhabender Mann, dem bares Geld im Kasten lag und der wohl
an vierzig Stck Jungvieh zu Almen trieb.

Seine Shne, der Halsen-Toni und der Blasi, waren im ganzen Isartale
bekannt wegen ihrer Kraft und Verwegenheit.

Sie waren von gutem Schlage, hochgewachsene und breitbrustige
Burschen. Und flink und lustig dazu. Es htte ihnen jeder eine
vergngliche Zukunft voraussagen mgen; sie ist ihnen aber nicht
geworden.

Denn alle zwei sind in jungen Jahren gefallen von Jgershand und sie
starben im grnen Walde.

Zuerst der Blasi.

Das war im Jahre 1869 gegen den Herbst zu.

Da ist den Jgern in der Vorder-Ri eine Botschaft zugekommen,
da zur Nachtzeit ein Flo mit Wilderern und ihrer Beute die Isar
herunterkommen werde.

Wie es auf den Abend zuging, sind die Jagdgehilfen von ihren
Reviergngen heimgekommen und haben sich recht auffllig in der
Wirtsstube des Forsthauses bei Essen und Trinken gtlich getan.

Denn es waren, wie immer, Fler und Holzknechte als Gste da, und
vielleicht die meisten von ihnen waren Spiegesellen der Wilddiebe.

Darum haben sich die Jger nichts merken lassen.

Nach ein paar Stunden sind sie einzeln aufgebrochen und haben sich
freundlich Gute Nacht gewunschen, als wolle sich jeder friedlich aufs
Ohr legen.

Auch die Fler und Holzknechte haben sich entfernt; sie gingen in die
Sgmhle, wo sie auf dem Heu bernachten wollten.

Die Lichter in der Wirtsstube sind ausgelscht worden und das Forsthaus
lag still und verschlafen in der finsteren Nacht.

Hinter einem Fenster des oberen Stockes brannte noch ein kleines Licht.

Denn die Frau Oberfrster lag gerade um dieselbige Zeit in den Wehen
und die Tlzer Hebamme wachte bei ihr.

Hie und da steckte der lange Herr Oberfrster seinen Kopf zur Tre
herein und fragte mit leiser Stimme, wie es um die Frau stnde.

Er machte ein ernstes Gesicht, denn diese Nacht qulten ihn manche
Sorgen.

Wenn ihn die Hebamme beruhigte, ging er mit langen Schritten an das
Gangfenster und lugte scharf in die Nacht hinaus.

Er sah etwas Dunkles auf der abschssigen Wiese, die gegen die Isar
hinunterfhrt. Das bewegte sich rasch und verschwand.

Einer von den Jagdgehilfen, die sich vorsichtig an den Flu prschten.

Eine Stunde und mehr verstrich.

Es war eine feierliche Stille, wie immer in dieser Einsamkeit.

Man hrte nichts als das Rauschen des Wassers.

Da blitzte auf einmal in der Sgmhle ein Licht auf und verschwand
wieder, kam noch zweimal und erlosch.

Das war ein Zeichen, und alle scharfen Jgeraugen, die an der Isar
wachten, erkannten es.

Einen Bchsenschu oder zwei fluaufwrts liegt ein einsamer Bauernhof.

Man heit es beim Ochsensitzer.

Da wurde jetzt auch ein Fenster hell, dreimal in gleichen Abstnden.

Bande, verfluchte! brummte der Jagdgehilfe Glasl, der keine hundert
Schritte davon entfernt hinter einer Fichte stand.

I hab's wohl g'wit, da de wieder dabei san.

Und er horchte angestrengt in die Nacht hinaus.

Es war nichts zu hren, und lange war auch nichts zu sehen.

Da kam der Mond ber die Berge herber. Sein flimmerndes Licht fiel
auf den Flu, und immer lnger dehnte sich der glitzernde Streifen aus
und er ging in die Breite, bis zuletzt das ganze Tal angefllt war von
seinem Glanze.

Und jetzt konnte man einen Schatten sehen, der in der Mitte des Flusses
mit Schnelligkeit dahinglitt.

Das waren sie.

Glasl fate sein Gewehr fester und zog den Hahn ber.

Das Flo kam nher.

Man hrte das Eintauchen des groen Steuerruders, und eine verhaltene
Stimme rief:

Besser rechts halt'n, Dammerl! Besser rechts! Mir treib'n z' nah
zuawi.

Glasl lie das Flo vorbeigleiten und stellte sich so, da er gegen den
Mond sah.

Die Umrisse der an den Rudern Stehenden hoben sich vom lichten
Hintergrunde ab, und der Jagdgehilfe konnte mit einiger Genauigkeit das
Visier nehmen.

Er zielte kurz und feuerte.

Knapp und scharf antwortete das Echo auf den Schu, dann brach sich
der Hall und grollte das Tal entlang. Und weckte den schlafenden Wald.

Wildtauben flogen auf und Krhen schimpften.

Vom Wasser her kam ein unterdrckter Schrei, und ein krftiger Fluch.

S' werd eppa'r oan g'rissen hamm, brummte der Glasl und schaute dem
Floe nach.

Das fuhr mit unverminderter Schnelligkeit weiter.

Aber jetzt, ein, zwei, vier Schsse; und wieder einer, und wieder ein
paar.

Da blitzte es auf, dort brach ein Feuerstrahl aus dem Walde.

Ein paar Kugeln schlugen klatschend ins Wasser, aber andere trafen das
Ziel.

Wart's, Lumpen! lachte der Glasl, heunt habt's a schlecht's Wetter
dawischt.

Und er scho den zweiten Lauf ab.

Die Wilderer antworteten auch mit Pulver und Blei.

Aber sie schossen nur aufs Geratewohl, whrend sie selber ein gutes
Ziel boten.

Dazu muten sie achthaben auf die starke Strmung und die Felsblcke,
welche hier zahlreich aus dem Wasser ragen.

Sie hielten stark an das rechte Ufer hin und glitten unter der Brcke
durch.

Wie das Flo nun in einer Linie mit der Sgmhle war, stellten die
Jger das Feuern ein.

Der Glasl Thomas hatte sein Gewehr wieder geladen und schlich von Baum
zu Baum das Ufer abwrts.

Er gab wohl acht, da er nicht in das Mondlicht hinaustrat, damit ihn
kein sphendes Auge erblicken konnte.

Nach einiger Zeit machte er halt und ahmte den Ruf der Eule nach.

Ein hnlicher Laut antwortete ihm, und bald stand er in guter Deckung
neben dem Jagdgehilfen Florian Hei.

Kreuz Teufi! sagte Glasl und lachte still in sich hinein. Flori, ds
mal is was ganga.

Net z'weni, erwiderte Hei. Bei Dein' erst'n Schu hat's oan
g'numma.

I htt's aa g'moant.

Ganz g'wi. I hab's g'sehg'n. Den Lackl am Ruader hint' hast 'nauf
belzt.

Auf den hon i aa g'schossen, sagte Glasl; aber es wer'n no mehra
troffen sei'.

Was lat si sag'n? De Lump'n hamm viel Waldprat am Flo g'habt, und da
wer'n sie si fleii dahinter eini duckt hamm.

Mein zwoatn Schu hab' i eahna da Lngs nach eini pfiffa. Vielleicht
hat der aa no a bissei was to.

Recht waar's scho, gab Hei zurck.

Was tean mir jetzt?

Steh' bleib'n a Zeitlang, nacha prsch'n mir uns hinter'm Ochsensitzer
umi, und gengan ber'n Steg. An der Bruck'n ob'n derf'n mir uns net
sehg'n lassen.

Sie blieben schweigend stehen.

Nach einer Weile stie Glasl seinen Kameraden an.

Da schaug abi!

In der Sgmhle flammte ein Licht auf, und erschien bald an dem einen,
bald an dem anderen Fenster.

In der Sag' sans wach wor'n, flsterte Hei.

De hamm heut' no net g'schlafa, de Tropf'n, erwiderte Glasl.

Jetzt gengan mir.

Sie prschten leise weg in den Hochwald.

       *       *       *       *       *

Im Forsthause war groe Aufregung.

Die Schsse hatten das Haus geweckt; die Dienstboten waren aufgestanden
und hinausgeeilt. Im Krankenzimmer stellte sich die Hebamme erschrocken
ans Fenster und horchte furchtsam auf den Lrm.

Die Frau Oberfrster richtete sich unruhig im Bette auf.

Was is? Was gibt's?

Nix, nix.

Hat's net g'schossen?

Na, Frau Oberfrster, da hamm's Ihnen tuscht.

Die Kranke lie sich beschwichtigen; die mden Augen fielen ihr zu.

Da tnte wieder vom Flusse herauf ein scharfer Knall, und Schu auf
Schu.

Um Gottes willen!

Die Kranke fuhr auf.

Wo is mein Mann?

Regen's Ihnen net auf, Frau Oberfrster! Er is daheim. Er is halt im
Bett.

Er is drunten!

Wo?

An der Isar. Ganz g'wi er is drunten!

Geh, geh! Was is denn? sagte eine tiefe Stimme und der Oberfrster
trat in das Zimmer.

Bist da, Max? Gott sei Lob und Dank!

Die Kranke streckte ihm ihre kleine, abgemagerte Hand entgegen und ihre
Augen leuchteten.

Weil nur Du da bist!

Aber was hast denn, Mamale?

Ich hab' so Angst g'habt. So Angst. Gelt, Du gehst net weg?

I bleib scho bei Dir.

Wer schiet denn da?

Ah, desweg'n brauchst Dich net kmmern. Der Ochsensitzer hat si
beschwert, da die Hirsch'n alle Nacht in seiner Wiesen sind. Jetzt
hab' i's heut vertreib'n lassen.

Max!

Was?

Warum bist Du heut' noch ganz anzog'n?

Der Kontrolleur von der Hinter-Ri war da. Mir sin a bissel lnger
sitzen blieb'n.

Jetzt gehst aber ins Bett? Gelt?

Ja, ich hab Schlaf. Aber hast Du kein' Angst mehr?

Nein.

Weg'n dem dummen Schieen?

Nein.

Ich hab' g'meint, sie vertreib'n de Hirsch a so. Ich hab' net denkt,
da g'schossen wer'n soll.

Das macht nix. Ich bin schon wieder ruhig.

Dann Gut' Nacht, Mamale!

Gut' Nacht, Max!

Der Oberfrster zog die Tre leise hinter sich zu und blieb horchend
stehen.

Er schlich auf den Fuspitzen die Stiege hinunter und gab acht, da
keine Stufe knarrte.

An der Haustr kam ihm ein Bursche entgegen.

Herr Oberfrstner!

Red' staad, Kerl!

Sie mcht'n in d'Sag abi kemma. Es is an Unglck g'schehg'n.

Wem?

A so halt.

Ds erzhlst mir im 'nuntergehn. Komm no glei mit!

I mcht gern ...

Nix. Du gehst mit mir! Mit meine Dienstbot'n hast Du net z'reden!

Sie schritten in die Nacht hinaus und gingen zur Sge hinunter.

Der Bursche voran.

Also was is? fragte der Oberfrster.

I hab' mir denkt, Sie wissen's scho.

Was soll ich wissen?

No ja. A so halt.

Wenn's D' net red'n magst, la bleib'n. Hat Di der Mller g'schickt?

Ja.

Sie waren vor der Sge angekommen.

Die Haustre stand offen und aus einem Zimmer drang matter Lichtschein
in den Gang hinaus.

Man hrte flstern, dann setzten zwei weibliche Stimmen mit Beten ein.

Der Oberfrster trat nher.

In der Mitte der Stube war auf zwei Sthlen die Leiche eines jungen
Mannes aufgebahrt, der Kopf lag auf einem mit Heu gefllten Sack
gebettet.

Die erkalteten Hnde hatte man zusammengelegt und darein ein kleines
Kreuz gesteckt.

Es war ein unheimlicher Anblick in dem halbdunkeln Raume.

Der Oberfrster sah auf das wachsgelbe Gesicht des Toten; es mochte
hbsch und mnnlich gewesen sein; jetzt trug es die entstellenden
Spuren eines gewaltsamen Endes und war schmerzlich verzogen.

Wer is das, Mutter? fragte der Oberfrster.

Der Halsenblasi, dem Halsen von Lenggries sein Aeltester.

Wie kommt der zu Euch?

Seine Kamerad'n hamm an abg'liefert.

Wann?

Voring. Mit'n Flo san's kemma.

San's no da?

Na, na! Sie san glei weiter g'fahr'n.

Warum hast Du mich holen lassen?

Es is no oaner bei mir. Der brauchat a Hlf.

Die Mutter deutete mit dem Daumen auf die Nebenstube.

Der Oberfrster ging hinein.

Da lag ein Mann auf dem Boden, in eine grobe Kotze gehllt; unter den
Kopf hatte man ihm ein Kissen geschoben.

Er wandte sein blasses, von einem starken Bart umrahmtes Gesicht den
Eintretenden zu.

Wo fehlt's? fragte der Oberfrster.

Er is schwar g'schossen ober'm recht'n Knia, sagte der Mller.

Und der Verwundete nickte zur Besttigung.

Is er verbund'n?

Sell wohl. Und an Einschu hamm ma mit Pulver eig'rieb'n, da 's
Bluat'n aufg'hrt hat.

Ja, der mu zum Doktor; so schnell wie mglich. I schick glei nach
Lenggries.

Der Verwundete schttelte abwehrend den Kopf.

Dann sagte er mit schwacher Stimme:

Vergelt's Gott, aber mir waar's liaba, wann's mi selber auf Lenggries
bringet'n. Na waar i dahoam.

Ja, halt'st de Fahrt aus? Tuat's Dir net z' weh?

Na; i halt's scho aus. I mcht hoam.

Er is jung verheiret, sagte der Mller.

Ich leih ihm mein Wag'n. Recht gern; Ihr mat's 'n halt mit der
Tragbahr zum Weg 'nauf bringen.

Jawohl, Herr Oberfrster. Und vergelt's Gott dafr.

Wer is denn der arme Teufel?

Der Hag'n-Anderl von Lenggries.

Er werd' hoffentli wieder g'sund wern, sagte der lange Forstmann und
nickte dem Verwundeten zu.

Der schaute ihm verwundert und dankbar nach.

So menschlich geht es nicht immer ab unter Todfeinden.

       *       *       *       *       *

Ein paar Stunden spter fuhr der Hag'n-Anderl in weiche Betten gehllt
und gegen die Klte geschtzt auf Lenggries zu.

Die Pferde gingen im Schritt und der Knecht gab Obacht, da der Wagen
nicht ber grobe Steine ging.

Hinterdrein kam ein anderes Fuhrwerk; ein Leiterwagen und darauf in
Scke eingenht der Halsen-Blasi.

Und der hat kein Schtteln und Rtteln mehr gesprt.

Er ist mit vielen Ehren in Lenggries begraben worden; von weit her sind
die Leute zum Leichenbegngnis gekommen.

Es ist ihm nachgerhmt worden, da er so oft auf freier Prsche war und
seine Bchse in allen Revieren rings herum krachen lie; und da er nun
starb wie ein rechter Wildschtz.

Die Burschen schworen, sie wollten es den Jgern heimzahlen; und der
Bruder des Gefallenen, der Halsen-Toni, sagte, mehr wie =ein= Grner
msse dafr hingelegt werden.

Er ist aber selber ein paar Jahre spter von einer Kugel getroffen
worden.

Das erzhle ich ein anderes Mal.




                          Schneehendlpfeifen


Jetzt znd'n mir uns z'erscht a Pfeif' o, Ludwig; nacha will i Dir
verzhlen, wie mir amal in 's Schneehendlpfeifen ganga san. Der
Jagdgehilfe Glasl schob mir seinen Tabakbeutel herber und ich nahm
eine Handvoll von dem k. k. Rollenkanaster.

Der Knaster is guat, sagte er, Dei Vata hat koan andern net
g'raucht, und der hat g'wi was verstanden.

Der Glasl war nmlich vor bald vierzig Jahren unter meinem Vater als
Jagdgehilfe in der Vorderri angestellt worden.

Zuerst hat er seine Anerkennung erworben durch Schneidigkeit und
Treue; nach und nach ist er dem wortkargen Oberfrster ein Freund
geworden und ist es geblieben, bis eines Tages der Herr Max Thoma in
dem sieben Schuh langen Sarge auf den Friedhof getragen wurde.

Oder damit ich es recht sage, er ist ihm ber den Tod hinaus anhnglich
geblieben und wei noch heute kein besseres Lob fr eine Sache, als
da er ihr nachrhmt, sie htte vermutlich dem alten Oberfrster Thoma
gefallen.

Brennt's? fragte der Glasl.

Es brennt scho, sagte ich.

Nacha pa auf! Ds is g'wesen selbigsmal, wie Dei Muatta de kloa
Luisel auf d' Welt bracht hat; anno 69 glaab i.

Also da hamm d'Lumpen an Bartel derschossen g'habt, vielleicht a halb's
Jahr davor. Ds war a braver Mensch und a Jager von der erster Klass'.

Den hamm a paar Jachenauer derschossen, wia 'r a auf 'n Vorderkopf
aufi ganga is. Aus de Latschen raus und net weiter wia fnf Schritt.
Der Bartel hat an G'wehrlauf g'sehg'n und schreit no: Net schiaen!

Derweil hat's scho kracht und der Bartel hat de ganz Schrotladung
droben g'habt. Es hat 'n im Schnall 'neig'haut, und an Xaver, der dabei
g'wen is, han d' Latschennadeln in 's G'sicht g'spritzt, da er im
erschten Augenblick nix g'sehg'n hat. Wia 'r a si g'reicht hat, san
d'Lumpen scho auf und davo g'wen, und kennt hat er koan.

No, Dei Vater hat an Vadru g'habt, wia 's an Bartel daher bracht hamm,
maustot. Den saubern Burschen, den a jeder Mensch gern g'habt hat.

Bei der Untersuchung hat ma g'sehg'n, wia nah da der Schu g'wen is,
weil 's Hemd vorn o'brennt war vom Papierpfropfen.

Mir hamm an Bartel in der Hinterri ei'graben und der Pater Benno hat
in der Leichenred' g'sagt, da da Himmi den Mrder strafen werd'.

Mir hamm uns auf ds net verlassen und hamm uns denkt, a bisserl wern
mir selber mit die Jachenauer z'sammrucken.

I hab' zum Hei g'sagt, eh'nder freut mi koa Essen und Trinken nimma,
bis i net oan von de Tropfen hi'g'legt hab'.

De Jachenauer hamm ds wohl g'spannt, da de G'schicht nimma sauber is;
ma hat nix mehr g'hrt und nix mehr g'sprt, da oana in 's Revier rei'
waar.

Und lang hat si nix g'rhrt.

Nacha am Matheistag, i woa no wia heut, denk' i mir, an abg'schaffter
Feiertag is, wo d' Bauern nix arbet'n; da darf ma zwoamal guat
Obacht geb'n; und 's Wetta is aa so warm g'wen, da i mit 'n Hei
ausg'macht hab', mir gengan an Berg aufi und probieren's mit 'n
Schneehendelpfeifen. An Hei is glei recht g'wen und mir san in aller
Fruah weg.

's Marschieren is mahsam g'wen; der Schnee war no hoch und hat nimma
recht tragen, weil da Sdwind a paar Tag ganga is. Bei jeden Schritt
bist einig'fallen samt de Schneereif und hast an Arbet g'habt, bis ma
'r an Haxen wieder aua bracht hat.

Um an achti bin i am Platz g'wen. Der Hei is weiter drunt' blieben; i
hab' mi auf da Schneid o'g'setzt und hab' sch staad umanand g'schaugt.

Ma siecht von den Platz aus in d' Jachenau abi und da is ma wieder der
Bartel ei'g'fallen.

Mir san Spezl g'wen vo lang her und i hab' eahm de Stell bei Dein
Vater zuabracht. Er hat mir koa Schand' nit g'macht de drei Jahr, wo
er da g'wen is. Allawei fleii im Deanst und nachtern. In da dritten
Woch' hat a scho a paar Tiroler abg'fangt und hat's vom Berg oba
transportiert. A Scharnitzer is dabei g'wen, a Mordskerl a groer.
Der hat si unter 'n Weg amal stellen wollen und waar nimma weiter
ganga. Aber der Bartl hat 'n scho gangig g'macht; er hat 'n glei
niederg'schlag'n, da er d' Haxen in d' Hh g'reckt hat; nacha is der
Tiroler wieder ganz handsam und fromm wor'n.

Ds is berhaupt das bescht', Ludwig. No net lang umschaug'n mit de
Lumpen!

Und da Bartl is so oaner g'wen. G'redt ganz weni, aba scharf, wenn 's
drauf o'kemma is.

Mit de Jachenauer hat 'r aa fter was z'toa g'habt und desweg'n hamm 's
'n aa derschossen.

No, ds is mir all's a so ei'g'fallen, wia 'r i auf dem Platz g'hockt
bi.

Z'letzt hon i mir denkt, jetzt mua i 's do amal probier'n mit 'n
Schneehendelpfeifen.

G'rad wia 'r i o'fanga will, siech i was unter meiner; a paar kloane
Feichten rhren si und der Schnee fallt oba.

I schaug scharf abi und richti, glei d'rauf kimmt a Kerl aus 'n Dicket
mit an -- g'schwrzten G'sicht.

So, denk' i mir, Manndei, da schau her! Du kimmst ma jetzt g'rad recht.

I rhr' mi net und wart', was der Lump eppa tuat. Er bleibt steh' und
luxt umanand; nacha steigt a wieder gegen mi aufa und bleibt wieder
steh' und stroaft an Schnee von sein G'wehrlauf oba.

I hab' glei g'moant, i mat 'n kenna nach da Figur. A groer Kamerad
mit eckete Schultern, und Pratzen so gro, da ma 'r an halbeten
Tisch htt' zuadecken knna damit. Wenn ds net da Sagschneider Blasi
is, denk' i mir, nacha bin i net da Glasl. Und der sell Blasi is an
ausg'machter Lump g'wen. Tag und Nacht im Revier, und glei firti mit 'n
Schiaen.

Da der mit dabei g'wen is, wia 's an Bartl durchto hamm, des sell hon
i nia anderst glaabt.

Wenn i an Kugellauf dabei g'habt htt', nacha htt' i glei abi
g'schossen d'rauf. Aba 'r a so hon i warten massen, und hab' mi ganz
staad g'hebt. Er steigt allawei hcher und jetzt hon i schon kennt,
wo er hi will. Hinter meiner is a guata Wechsel g'wen. Da htt' er si
vielleicht o'setzen mg'n, und weil er allaweil umg'schaugt hat, san
g'wi no a paar dabei g'wen; de htt'n eahm trieben.

Er kimmt allawei ncher -- warum rauchst denn nit, Ludwig?

Mir is d' Pfeif' ausganga.

Ja, da muat fter o'znden, der Knaster lscht gern aus, aba sinscht
is er guat. Brennt's?

Brennt scho, sagte ich.

Also der Lump kimmt allawei ncher, und i hab'n schnaufen g'hrt. Er
hat si aa plag'n massen. Auf drei'g Schritt hab' i'n herlassen; nacha
fahr i auf und pumms! schia i eahm mitten in's G'fri.

Den hat 's umg'legt. Er fallt streckterlngs in Schnee eini und rhrt
si net.

Manndei, denk' i mir, jetzt woat aa, wia 's is. I bin aber net von
mein Platz weg, weil i g'moant hab', es kunnt no oaner nachkemma.

Es dauert net lang, pfeift der Hei. I gib eahm staad o, und er
prscht si zuawa.

Host a Hendl? fragt er.

Ja, sag' i.

Wo is denn?

Da drunt flackt 's, sag i, und er schaugt abi und siecht den Lumpen.
Da pfeift er durch die Zhn' und lacht.

So, sagt er, aba 'r a bissel gro is.

Jetzt bleib do, Hei, sag i, i glaab allawei, der is net alloa
g'wen. Sei no grad staad!

I lad' mein Schrotlauf wieder, und der Hei setzt si neben meiner.

Auf oamal hr'n ma huppen, net laut. Aba Du woat ja, Ludwig, wenn da
Schnee liegt, hrst no mal so guat.

I gib an Hei mit'n Ellabog'n an Renner, und er blinzelt mi o.

Hu-upp, tuat's wieder. Oamal links weiter drunt, nacha weiter
heroben rechts.

Jetzt siech i zwoa, drei, vier Kerl aus 'n Dicket kemma.

Vieri, sagt der Hei ganz staad, Herrgottsackerament, wenn ma no
grbere Schrt dabei htt'n, oder gar a Kugel!

La Da Zeit, sag i, wenn's den andern flacken sehg'n, gengan's
vielleicht zuawi.

So is a g'wen.

Oana von de vieri bleibt auf oamal steh und schaugt.

Pst! macht a.

De andern halten, und er deut' aufi, zu dem Platz, wo der g'leg'n is.

Aber so schlau san's do g'wen, da's net schnurg'rad drauf zua san. Sie
verteilen si, und ziag'n si wieder ins Dicket z'ruck, und kemman in an
Halbbogen aufa.

Jetzt, sag i, Hei, schaug Du links umi, i nimm de, wo rechts
kemman. Schia net z'bald; von de Lumpen hat g'wi oana 'r an Kugellauf
dabei. Mir massen schaug'n, da ma zwoa hi'legen. Nacha is d' Rechnung
gleichauf.

Es dauert a halbe Stund. Hie und da hr' i an Astl, aber g'sehg'n hat
man nix.

Jetzt san's heroben.

Von oan siech i d' Haxen; er schiabt de Aest auf d' Seiten und halt an
Grind aua und horcht. Der Hei und i, mir rhren uns net. Zum Schiaen
is no z'weit g'wen.

Wia der Lump nix hrt, kimmt er ganz aua und geht auf den andern hi,
der im Schnee flackt.

I ziag ganz staad auf. Dawei schnallt's beim Hei und oana schreit.

Jetzt hat's pressiert.

Z'sammschaug'n und schiaen is bei mir oans g'wen, und den mein' hat's
g'rissen.

Von de andern zwoa hamm ma nix mehr g'sehg'n; aber g'rumpelt hat's
links und rechts; de san schnell abi ber 'n Berg.

Drei hamm ma, sagt der Hei.

Und richtig is der im Schnee g'hockt, den wo er aufi g'schossen hat.

Jetzt mach'n ma, da ma weiter kemma, sag i, mir lassen uns net
sehg'n, und de andren hol'n eahnere Kameraden scho.

Mir san z'ruckprscht und abi; ds is g'schwind ganga, Ludwig.

Wia ma drunt g'wen san, sag' i zum Hei: Jetzt mach'n ma 'r an Umweg
und gengan ber d' Isar und kemman von der andern Seit'n hoam. Da woa
nacha koa Mensch nix, da mir zwoa da herob'n g'wen san.

Ds hamm mir aa to. Mi san no zwoa Stund umganga und san auf den Weg,
der von da Hinterri eina fhrt. Wia ma auf der Straen san, kimmt
hinter uns a Schlitten daher.

Der Pater Benno is droben g'sessen und no a Kapuziner.

Hei, sag i, jetzt feit si nix mehr.

Wia da Schlitten bei uns is, gra'n mir, und i fang glei an Dischkurs
o mit 'n Pater Benno.

Gra Gott und wohi, was ma so sagt.

Waren Sie schon auf der Jagd? fragt der Pater.

Ja, sag i, mir kemman g'rad von Scharfreiter.

Das seh' ich, sagt er, und ein warmer Tag heute, sagt er. Is
besser aa, sag' i, Matheis bricht's Eis, hat er koans, na macht er
oans.

Ja, ja, sagt er, und adieu!

Und nacha draht er sie no mal um und fragt: Von den Mrdern des Bartel
hat man noch immer keine Spur?

Na, sag' i, jetzt wer'n ma 'r a kaam mehr was raus kriag'n. Es is
scho z'lang her.

Dem Strafgericht Gottes entrinnen sie nicht, sagt er.

Hoffentli, sag' i, und hab' ma was denkt.

Der Gaul ziagt o, und weg san 's.

Hei, hab' i g'sagt, jetzt hamm ma glei gar an geischtlichen Zeug'n,
da mir auf der andern Seiten war'n.

Es is aba nix raus kemma, und mir hamm an Herrn Pater Benno z'letzt gar
nimma braucht.

Und was is mit die Jachenauer worn? fragte ich.

De? No, der Bader hat viel Arbet g'habt und der Dokta vo Mittenwald aa.

G'storben is koana; net amal der Sagschneider Blasi; aba der hat
's G'hr verloren. So viel hamm eahm de Schrt do g'macht. Und koan
Jagdg'hilfen hat der nimma derschossen. Von de andern zwoa is spter
oana selber Jagdg'hilf wor'n und is elend z'grund ganga, auf da
Benediktenwand. Ma hat'n g'funden unter an Haufen Stoana; in der Brust
hat er an Schu g'habt, aber net so schwaar, da er glei tot g'wen is.
Da san d'Lumpen herganga und hamm an mit Felsbrocken zuadeckt, da er
langsam krepiert is.

Ah, Herrgottsakrament!

Ja, Ludwig, ds is a scharfe Zeit g'wen in de sechz'ger Jahre. Da san
im Isarwinkel hint' viel Leut in da G'schwindigkeit umi g'roast, ohne
Reu' und Leid.




                             Die Wilderer

                                         Verlag Albert Langen, Mnchen


Das Dorf Biberwiehr liegt in Tirol, an der Strae, die ber den Fernpa
in das Inntal fhrt.

Die Einwohner sind kleine Bauern; der Reichste hat so ein Dutzend Khe
im Stall.

Von der Viehzucht leben sie, schlecht und recht und in harter Arbeit.
Ebenes Land ist nicht viel vorhanden und das meiste Gras mssen sie von
den Hngen an der Sonnspitze herunterholen.

Es sind magere, unansehnliche Leute; nicht so, wie man die Tiroler
gewhnlich malt. Auch sind sie nicht so lustig, wie man das fter liest.

Singen tun sie nicht; tanzen wohl auch nicht viel, und wenn sie eine
Unterhaltung fhren, geschieht es sonderbar ruhig.

Jeder denkt, da man leicht zu viel redet, und auch, da keiner so dumm
ist, seine wahre Meinung zu sagen.

Nebendem sind die Biberwiehrer fromme Menschen, arg katholisch.

Sie sind es noch heute; aber vor siebenzig Jahren und so herum mu es
ganz stark gewesen sein.

Und in der Zeit hat sich diese Geschichte zugetragen.

Also es war Fronleichnam, sagen wir anno 1834.

Ein schner Junimorgen, glockenhell. Nichts wie blauer Himmel ber den
steilen Wnden des Wettersteins und ber dem waldigen Rcken des David.

Klare Luft und gelber Sonnenschein; ein Wetter, das einen feierlich
stimmt selbst an mhsamen Werktagen.

Wie noch mehr, wenn die Arbeit ruht und alle Dinge einen festlichen
Anstrich haben!

Und das hatten sie.

Bunte Altre waren in den Wiesen aufgebaut, die Wege waren mit Gras
bestreut, und im Dorfe standen vor jedem Hause lichtgrne Birken. Aus
den Fenstern hingen rote Tcher, und alle Huser waren mit frommen
Bildern geschmckt.

Die Bller krachten und schickten das Echo in die Berge hinein.

In Leermoos und Ehrwald blieben sie die Antwort nicht schuldig und
schossen nicht minder eifrig den heiligen Tag an.

Aus der Kirche zogen nun in langer Prozession die Biberwiehrer, Mnner,
Weiber und Kinder.

In der Mitte ging unter dem roten Himmel der hochwrdige Herr Pfarrer,
angetan mit einem goldglitzernden Gewande und in Weihrauchwolken
eingehllt.

Den Himmel trugen die vier ehrbarsten Mnner des Dorfes, darunter der
Schreinermeister Jakob Holzweber.

Dann kamen die Behrden: der Herr Posthalter, zwei Grenzaufseher und
drei Gendarmen. Sie trugen brennende Kerzen in den Hnden und zeigten
sich gottergeben und mit Frmmigkeit erfllt.

Denn das war so der Brauch und die Forderung der Zeit. Mit Gottes Hilfe
wird es auch wieder so kommen.

Die Prozession zog durch das Dorf, in die Felder hinaus.

So war es ein liebliches Bild. Die geputzten Menschen, die flatternden
Fahnen; bunte Farben im Grnen.

Wo ein Altar stand, da hielten sie; die Gebete verstummten, und in der
tiefen Stille las der hochwrdige Herr das Evangelium.

_Do--ho--hominus vo--ho--biscum!_

Seine fette Stimme klang ber die Menge hin.

Die bekreuzte sich andchtig zu den fremden Worten und fiel auf die
Knie, als der Geistliche die Monstranz zum Himmel hob.

Der Jakob Holzweber hielt ehrfrchtig den Hut vor das Gesicht und
wisperte seinem Nachbar zu:

Peter, da spr ich woltern ein starken Hirsch. Der hat Tritt! Schaug
sell hin!

Die Himmeltrager knieten zunchst dem Altar am Straenrand, und da sah
man auf dem feuchten Boden einige Hirschfhrten.

Das heit, wenn man die guten Augen vom Holzweber hatte, oder vom Peter
Hosp, der sie gleichfalls bemerkte und dem Jakl zublinzelte.

_A--ha--ha--men!_ sang der Schullehrer und das letzte Evangelium war
vorber.

Die vier ehrbarsten Mnner des Dorfes hoben den schwankenden Baldachin
auf, der Pfarrer schritt darunter hin.

Heimwrts zu, denn jetzt war die heilige Handlung zum Ende gekommen.

       *       *       *       *       *

Zwei Wirtshuser waren in Biberwiehr, und in jedem schenkte man einen
guten Landwein; zehn Kreuzer das Viertele.

Aber in keines ging der Jakob Holzweber. Obwohl ihn der Posthalter
darum anredete und ihn freundlich einlud.

Ich kann nit, sagt der Jakl, Du weit selm, da mei Frau nit ganz
guet ischt; an anderesmal, Posthalter.

Damit ging er vorbei und bog beim Schmied in den Feldweg ein.

Mittenwegs holte ihn der Hosp ein, und weil ein paar Weiber in Rufnhe
waren, redeten sie ber das schne Wetter und den guten Verlauf der
heutigen Frmmigkeit.

Es war heilig schn, meinte der Jakob, und so viel andchtig.

Und so viel andchtig, ja, ja!

Was isch, Peter? fragte er, wie jetzt die Frauenzimmer weit genug weg
waren.

Von die Jger war nit ein einziger da, sagte der Hosp.

Ich wei wohl.

Der Kasper hat sie g'wahrt, wie sie in aller Frh ber die Kapellen
hinaus sind.

Die sein am Seeben, und der Reif pat am Koppen. Mei Bueb isch im
Leitnerstadel drein g'sessen und hat acht auf ihn 'geben.

Peter, mir geh'n ins Bayrische nber.

Es isch woltern g'fhrlich, Jakl.

Nit, wann man's richtig angeht.

Jakl, das letztemal is auf ein Haar krumm gangen.

Sell woll, und es is so g'wesen, wie i g'sagt hab. Wann der Kasper mir
g'folgt htt, wr' alles besser gangen. So hamm mir den Gamsbock hinten
lassen mssen.

Ja, ja, brummte der Peter, der Mensch is so viel hitzig; schiat er
nit am helliachten Tag no a mol! Zu viel g'wagt, is leicht verspielt.

Heut geh'n wir's anderst an, Peter. Auf den Abend sein mir in der
Schanz; der Seppel und der Kasper geh'n voraus und warten am Lehner bei
der einschichtigen Lerchen. Der Mond kummt um elf Uhr, da kriag'n mir
das schnste Liacht.

Der Weg is weit, Jakl, und lnger wie zwei Tag kann i nit bleiben.

Sell isch lang g'nua. Zwei und drei Hirsch hamm mir schnell. I wart
bei der Schanz.

Also i komm, sagte der Peter und ging rechts ab, gegen sein Haus.

Bei der Tre drehte er sich um und rief:

Jakele, um zwei isch der Rosenkranz.

Der Holzweber blieb stehen und gab recht freundlich zurck:

I wei woll, Peter. Guet Morge!

       *       *       *       *       *

So lange man's denkt, waren die Hohenreiner bayrische Forstleute. Eine
gute Jagdrasse, von einem Geschlecht zum andern rein gezchtet.

Kam einer zu Jahren, dann heiratete er ein frisches Bauernmdel und
kriegte gesunde Buben.

Die wuchsen in den einsamen Forsthusern heran wie junge Schweihunde.
Alle Sinne geschrft fr das Weidwerk, dem sie vom ersten Tage an
zugehrten; vom Vater in guter Lehre gehalten, scharf und eifrig im
Beruf, sonst umgngliche Menschen, die gern einmal lustig waren.

In Griesen sa ein Max Hohenreiner; der hatte wieder zwei Buben.

Der lteste, auch Max mit Namen, war in Garmisch als Forstgehilfe
stationiert, der zweite, der Anderl, sa daheim und wartete auf die
Anstellung.

Der Vater konnte ihn wohl verwenden, denn das Revier war gro, und
Lumpen gab es genug.

Der Anderl war wie alle Hohenreiner. Ein langbeiniger Kerl, scharfugig
und flink. Rotbraune Haare, die keinen Strich annahmen, die Nase leicht
gebogen und mit Sommersprossen bedeckt, wie auch das bartfreie Gesicht.

Also kein bildsauberer Bursch, aber doch einer, dem die Mdeln gut
sein konnten, wenn er Zeit fr sie hatte.

Und das war nicht viel, denn der Herr Vater rauchte keinen guten im
Dienst.

Am Fronleichnamstag, von dem ich erzhle, war der Anderl auf der
Frhprsch gewesen und machte sich jetzt auf den Heimweg.

Der feine Tag gefiel ihm; er setzte sich auf einen Stock und schaute
das waldige Tal hinunter, welches sich von Griesen gegen Garmisch
erstreckt.

Ein leichter Frhnebel lag ber dem Loisachufer und kroch in halber
Baumhhe die Wlder entlang.

Volles Sonnenlicht lag auf den Felsen der Zugspitze, die heute
merkwrdig klar in den Himmel ragte.

Den Anderl berkam ein rechtes Behagen an dieser Schnheit, und er
schaute freudig ringsherum. Dabei lie er die stete Vorsicht des Jgers
nicht auer acht und vermied alles Gerusch und jede hastige Bewegung.

Auf einmal tauchte so hundert Schritte unter ihm ein roter Fleck auf.

Ein Reh, das sich zwischen den Tannenboschen langsam bewegte und hier
und dort an den frischgrnen Trieben ste.

Gespannt schaute der Anderl hinunter. Da zog das Reh weiter nach links;
der Grind wurde frei.

Herrgottsaggerament! Ein Bock! Und was fr einer! Gut Ding handbreit
ber die Luser reckte sich das Gewicht, dunkel, die Spitzen aber
blitzten hellicht herauf. Der Anderl zog auf, lautlos; den Daumen am
Hahn, den Zeigefinger am Drcker.

Der Wind war nicht gut, er ging von oben herunter, wie allemal an
schnen Tagen.

Und wei der Teufel, da hatte ihn der Bock schon gewindet und ugte
herauf. Dann sprang er weg.

Nicht in voller Flucht, aber doch so, da man die Unruhe merkte. Ein
paar Sprnge, und er wre im Dickicht verschwunden.

Da wute sich der Anderl noch ein Mittel. Er stie einen leisen Pfiff
aus.

Der Bock den Pfiff hren und verhoffen war eins.

Diesmal ugte er schrfer herauf, schnurgerade auf den Anderl hin.

Nur einen Augenblick, aber lange genug.

Der Schu krachte; der Bock schlug mit den hintern Lufen aus und
sprang abwrts in das Dickicht hinein, da die Steine flogen. Dann war
es still.

Saggera, sagte der Anderl, den hab i woadwund g'schossen. Nachgeh'
derf i eahm gar net; jetzt mua i's scho lassen, wia's is.

Er rckte den Hut aus der Stirne und schaute nachdenklich auf die
Stelle hinunter, wo der Bock gestanden hatte.

Dann legte er die Bchse wieder an und zielte.

Grad um a Ruckerl war's z'toa g'wen. A bissel weiter, wenn i vorn'
ablass', lieget der do. Jetzt gibt's a lange Suach, und der Alt werd'
aa net schlecht schimpfa.

Er stand auf und prschte leise weg.

Schritt fr Schritt, und mit groer Achtsamkeit stieg er bergab, damit
ihn der kranke Bock nicht vernehme und noch einmal hoch wrde.

Wie er so eine Viertelstunde lang gegangen war, trat pltzlich rechts
neben ihm ein baumlanger Mensch aus dem Hochholz auf ihn zu.

Ein alter Kerl, verwittert wie ein Tannenbaum. In dem braunroten
Gesichte, noch mehr aber in dem lederfarbenen Halse waren scharfe
Furchen, als htte man sie mit dem Messer hineingeschnitten.

Ein Raubvogelgesicht; die scharfgebogene Nase hing ber den buschigen
weien Schnurrbart, dessen Haare sich wie Federn strubten.

Kalte, graue Augen mit kleinen Pupillen, die sich ruhig aber scharf
auf einen Gegenstand richteten, nicht hin und her fuhren und Gedanken
verrieten. Wer den alten Burschen sah, mute erkennen, da er schon
lange in des Herrgotts grnem Walde herumrevierte.

Und das war auch nicht daneben geraten.

Denn der Jagdgehilfe Lorenz Sprengelsperger tat schon ber vierzig
Jahre Dienst, und er hatte wahrhaftig nicht alle Nchte im Bette
geschlafen.

Ah, der Lenzei! rief Anderl und nickte dem Alten freundlich zu.

Der erwiderte den Gru und fragte:

Hast auf an Bock g'schossen, Anderl?

Ja.

Auf der Roaner Leiten, gel?

Ja, auf der Roaner Leiten.

Aufklaubt hast'n net?

Na, woadwund hab' i 'n g'schossen, den Herrgottsaggerament, sagte der
Anderl eifrig, a Mordstrumm Sechserbock is. Aba woat scho, wia's oft
geht; er is ma z'schnell uma. Grad halt no, da i z'schiaen kemma bi.
Da hab i's um a Handbroat z'weit hint' schnallen lassen.

Hat's 'n a bissel z'sammg'rissen?

Ja, und mit de hinteren Luf hat a 's Zoacha geben.

Do, da kriag'n ma'n scho, Anderl. Der is net weit g'sprunga. Mir
genga jetzt mitanand hoam und hol'n mein Prschei[A]. Der fhrt ins am
Schwoa, da 's nix Schners net gibt.

Vom Alten wer i an Schnaps[B] kriag'n, meinte Anderl.

Der Sprengelsperger schmunzelte ein wenig und sagte:

Ah was! Ds is eahm aa scho passiert; aba jetzt geh ma, i ho Zeit, da
i hoam kimm.

Sie erreichten bald die Garmischer Strae und schritten rstig gegen
Griesen zu.

Wo bist denn Du herkemma? fragte Anderl.

Ueber d' Laaber G'schwend bin i einag'stiegen, und waar sch staad
hoam. Da hon i Dein Schu g'hrt und bi eahm nachganga.

Hast eppa gar glaabt, es waar a Lump um an Weg?

No, ma woa net.

Jetzt da herin traut sie ja do koaner z'schiaen! So nah bei der
Straen!

Moana sollt'st das! Aba de Luada san jetzt so frech wor'n, da
all'ssamt mgli waar.

Hast wieder oa g'sprt?

G'sprt? Ja, g'sprt! Auf drei Bchsenschu bin i dro g'wen. Und
wenn nit da Teufi sei G'spiel dabei g'habt htt, nacha htt' oana mei
g'hrt.

In da G'schwend hinten?

Ja, de vorig Woch'. Beim helliachten Tag, in da Fruah um simmi! I steh
obern Holzer Schlag; da fallt hinter meiner a Schu. Du woat ja, wo de
Gralerwand an Eck einamacht? Hinter dera is g'wen. Ich glei umi, wia
da Teufi, ber d' Reien; aba da hat mi scho oana g'spannt. I hr an
Pfiff, und wia'r i bers Wandl umi kimm, siach i grad no, a vierhundert
Schritt unter meiner, wia'r oana in d'Latschen einispringt. Aufziag'n
und schiaen is oans g'wen, aber treffa hon i 'n net kinna. Es is ja
oamol z'weit g'wen. Jetzt schau Di o, a solchene Frechheit!

Herrgott, do wenn i dabei g'wen waar! sagte der Anderl.

Httst 'n aa nimmer dawischt. Der Lump hat z'viel Vorsprung g'habt.
Und es san aa mehra beinand g'wen, so Tiroler Spitzbuam.

De Lumpen, de vadchtigen, stimmte Anderl bei.

Woat, wia'r i abikimm, fuhr der Sprengelsperger fort, liegt a
Gambsgoa da. 's Kreuz hamm 's ihr a'gschossen. Aba mir kemma scho no
amol z'samm, und nacha geht's anderst. Mi soll da Teufi lotweis holen,
wenn i net oan 'naufschia, da er flacken bleibt auf da Votzen. Den
leg i um, oder i ho's no nia to!

So zornig war der Sprengelsperger geworden, da ihm die Pfeife ausging.
Er blieb stehen und zndete sie wieder an und blies den Rauch links und
rechts durch den Schnurrbart hinaus.

Und dazwischen kamen wieder ehrende Namen fr die glaubenstreuen
Tiroler, de Hund de miserabligen, de ganz schlechten.

Der Anderl nickte beistimmend mit dem Kopfe und hrte dem Alten zu.

Aber doch nur mit geteilter Aufmerksamkeit, denn er sah weiter vorne
ein Frauenzimmer des Weges kommen und dachte, wer es wohl sein knnte.

De Lumpenbande, de ausg'schamte! sagte der Sprengelsperger, und
setzte sich wieder in Gang.

Und achtete in seinem Eifer nicht auf das Weibsbild, welches jetzt nahe
herankam.

Desto besser spitzte der Anderl hinber, was ihm nicht zu verbeln war.
Das Mdel htte sich jeder angeschaut.

Kein Gesicht wie Milch und Blut, ziemlich grobe Zge, aber Brust und
Hften im besten Stand.

Und wie sie den sinnlichen Mund zu einem Lachen verzog, sah man die
weien Zhne, einen am andern.

Di sollt' i kenna, Deandl, sagte der Anderl, und blieb stehen.

A wengei kennst mi scho, sagte das Mdel und lachte wieder.

Hamm mir net am Garmischer Markt beim Husarenwirt tanzt?

Ja.

Gel, i ho mir's do glei denkt. So was saubers vergit ma net.

Geh, hr' auf! Hast lang gnua braucht, bis Dir ei'g'fallen is.

Na, na, Deandl, versicherte der Anderl eifrig, mi hat's grad 'blend,
wia'st a so resch daher kemma bist. Wia kimmst denn Du da eina?

Auf de Buachwieser Alm kimm i. Da bin i z'erscht zu enk eini, auf
Griesen.

Gehst grad a so auf d'Alm?

Na, i mach' heuer d'Sennerin droben.

Was? Ja, Herrgott! Du, do kimm i fei aufi zu Dir.

Vo mir aus.

Lat mi eini, bal i klopf' bei der Nacht?

Bei der Nacht schlaf i, sagte das Mdel und streifte den strammen
Burschen mit einem Blick, der ihm alles Gute versprach.

Der Anderl blinzelte lustig mit den Augen.

I weck Di schon auf, sagte er, aba jetzt pfat Di Good, i mua geh.

I hon aa koa Zeit mehr, gab sie zurck, pfat Di!

Sie drehte um und ging.

Und was sie von rckwrts zeigte, war auch nicht schlecht. Die Rcke
flogen, einmal rechts, einmal links, und der Anderl rief ihr nach:

La mi net z'lang warten bei der Nacht! Es is no kalt.

Und sie antwortete mit einem frhlichen Lachen.

Jetzt machte der Anderl kehrt und eilte dem Sprengelsperger nach.

Den hatte die Begegnung nicht gestrt in seinen Gedanken; er zog noch
grimmig an seiner Pfeife und sagte nach einiger Zeit:

Oan leg' i um von dena Herrgottsaggerament. Ds woa i g'wi.

Der Anderl hrte es nicht; er dachte an etwas anderes.

Schn hoch is am Berg, und eb'n is am Land, Und a almerisch Deandl hat
Holz bei der Wand.

Ds hot's aber aa, wiederholte er in Gedanken, und griff mit seinen
langen Beinen aus.

Da schimmerte rechts vom Wege etwas Weies aus dem Walde heraus. Es war
das Forsthaus Griesen, welches auen so freundlich und sauber erschien
wie innen.

Hier grte von allen Wnden des edle Weidwerk. Im Hausflur der
Gewehrrahmen mit einer stattlichen Reihe von Bchsen; daneben
Schneereifen, Tellereisen und Entenfallen; in den Zimmern hing ein
Hirschgeweih neben dem andern; dazwischen Rehgewichtel und Gamskrikeln,
die meisten gut; nur selten ein geringes darunter.

Ausnehmend behaglich war die Wohnstube. Der gescheuerte Tisch, die
kleinen schneeweien Vorhnge gaben der Frau Frster kein schlechteres
Zeugnis als die wohlgepflegten Blumenstcke an den Fenstern.

Doch wer ihr Schaffen recht wrdigen wollte, mute in die Kche gehen
und das blinkende Geschirr sehen.

Da hing alles am rechten Platze, Kessel und Pfannen, und vor dem
reinlichen Herde stand eine kleine Frau, aus deren Gesichte ein Paar
blanke ehrliche Augen sahen.

Die Haare waren schon grau, aber die flinken Hnde lieen nicht an
Alter und Gebrechlichkeit denken.

Es war ihr gut zusehen beim Arbeiten; und das mochte auch der Herr
Frster denken, welcher breitbeinig unter der Tre stand und die Hnde
hinter dem Rcken zusammenlegte.

Er hatte eine behagliche Mdigkeit und einen scharfen Hunger
heimgebracht.

So is recht, Muatta, sagte er aufmunternd, koch ma no an groen
Teller voll Voressen; i wer scho firti damit.

Kimmt der Anderl net hoam? fragte seine Frau entgegen.

I denk wohl. An Schu hab i aa g'hrt. Ds mua er g'wesen sei. Ach,
do is er scho.

No, was is? wandte er sich an den Anderl, der eben eintrat und Hut
und Bchse an den Rahmen hing.

Gra Gott, Vata! A Bock is, aba z'erscht ma'n ma'n suacha. Gra Di
Gott, Muatta! Was kochst denn auf?

Ds is bei Dir allaweil 's erst, erwiderte die Alte und gab dem
Burschen lachend die Hand.

No, und warum hast den Bock net kriagt? mischte sich der Vater wieder
ein. Wo hast'n denn hi'g'schossen?

Der Anderl kratzte sich verlegen hinter dem Ohre.

I glaab schier gar, a bissel woadwund.

Bist halt a Patzer, solang'st warm bist. Hast Da halt wieder amal net
Zeit lassen?

I hab scho koa Zeit g'habt. Ds hat g'schwind geh' massen. Aber da
Sprengelsperger moant aa, mir hamm an schnell mit'n Hund.

Is denn da Sprengelsperger bei Dir g'wen?

Na, aba 'r an Schu is er nachganga.

So, is er jetzt dahoam?

Ja, drent in sein Stbl. Er wird glei umakemma.

Der Anderl winkte seinem Vater verstohlen mit den Augen. Er durfte vor
der Mutter nichts erzhlen von den Wilderern.

Die Frauenzimmer sind immer gleich ngstlich, und dann knnen sie ein
Geheimnis erst recht nicht halten.

Ja, geh ma'r in d' Stuab'n, sagte der Frster, d' Muatta bringt uns
nacha 's Essen eini.

Er ging voran und gab acht, da Anderl die Tre hinter sich schlo.

Was gibt's? fragte er dann kurz.

Der Sprengelsperger hat auf an Lumpen g'schossen.

Hat er'n umg'legt?

Na; es is viel z'weit g'wen.

Wo hat er'n auftroffa?

Beim Holzer Schlag. Es san eahna mehra g'wen.

Beim Holzer Schlag? Mitten im Revier hierin? Ja, da soll ja do scho
glei ...

Sei staad, Vata! D' Muatta kimmt.

Die Frau Frster brachte das Essen herein und stellte es auf den Tisch.

Es entging ihr nicht, da mit dem Alten eine Vernderung vorgegangen
war.

Was machst denn auf oamal fr a G'sicht? fragte sie.

Ah was! Wenn der Kamerad an Bock wieder woadwund schiet! Konn i mi
scho rgern!

So, wegen dem Bock? Sie sah ihren Mann mitrauisch an.

Der zog den Teller nher zu sich und fing recht unbefangen das Lffeln
an.

Die Frau Frster wute, da sie mit Fragen zu nichts komme, und ging
zur Tre.

Der Sprengelsperger is drauen, sagte sie.

Soll a no glei einakemma! rief der Frster eifrig.

Aha! Jetzt woa i, da wieder was los is, meinte die Alte.

Ah, was Da Du allaweil ei'bildst! Nix is los. He, Lenzei, kimm eina!

Der Sprengelsperger erschien unter der Tre, und als ihn der Frster
so auffllig vor seiner Frau fragte, was er zu melden habe, da wute er
gleich Bescheid.

Und auf eine Lge hatte er sich nie besinnen mssen, solange er reden
konnte. Er stellte sich hin und sagte mit einem recht berzeugenden
Pflichteifer:

Herr Frster, einen recht einen schnen Gru soll ich ausrichten vom
Herrn Oberfrster. Und ob der Herr Frster net mit'n Herrn Oberfrster
morgen z'sammkomma will am Oachlkpfi hint', weil der Herr Oberfrster
einen Bock schieen mcht, hat er g'sagt.

Ds is aba fad! meinte der Frster, grad morg'n is ma z'wida. Wo hat
denn Di der Teufi mit'n Oberfrster z'sammbracht?

Er durfte die Frage riskieren, denn er kannte seinen Sprengelsperger
und wute, da den kein Beichtvater in Verlegenheit bringen konnte.

Beim Buachwiaser Eck hab' i 'n troffa. Er is vo Grainau kemma. 'Ds
is g'scheit,' hat er g'sagt, wia 'r a mi g'sehg'n hat, 'da ich Ihnen
treff, Sprengelsperger,' sagt er, 'jetzt knnen glei Sie die Botschaft
bernehmen. Sunst htt ich ein von meine Leut nach Griesen schicken
mssen,' hat er g'sagt.

So, so! brummte der Frster, wenn's eahm an andersmal ei'g'fallen
waar, htt' i 's liaba g'habt.

Hast fr'n Sprengelsperger net aa 'r an Teller voll? fragte er seine
Frau.

I glaub, es is no was da, antwortete sie und ging zgernd hinaus.

So ganz traute sie der Geschichte nicht, aber zu machen war da nichts.
Das sah sie wohl ein.

Als sie drauen war, sagte der Frster: I kimm nacha zu Dir umi, Lenz.

Der Sprengelsperger nickte zustimmend, setzte sich neben den Anderl
hin und nahm mit Dank das Voressen in Empfang, welches ihm die
Frsterin brachte.

Er a mit vielem Appetit und rief einen schnen Gru und nochmal ein
Vergelt's Gott in die Kche hinein, als er ging.

Eine gute Stunde spter kam der Frster zu ihm und lie sich den
Vorgang haarklein erzhlen.

Tiroler san's g'wen; ds is g'wi, meinte er, aba wia sie de Lumpen
so weit eina trau'n, des sell vasteh i net. An Tag ehnder, wenn s'
rber waaren, htten s' ma in d'Hnd einalaffen massen, an der
brennten Wand droben. Aba grad gestern bin i auf der drentern Seit'
g'wen. Und der Anderl hat nach Partenkirchen eini massen.

Der Sprengelsperger pfiff leise durch die Zhne und fragte:

So, der Anderl war z'Partenkircha? Ds hat a ma no net g'sagt. Herr
Frster, is ber ds g'redt wor'n, da er eini mua?

Net, da i 's woa. Warum fragst, Lenz?

I moa grad.

Halt! sagte pltzlich der Frster, oana hat's do g'wit. Der
Oberaufseher hat eahm an Brief mitgeben. Aba vo dem hrt's do koa Lump!

Von eahm net, aba vielleicht von an andern.

Lenz, Du hast an Vadacht. Ruck aua damit!

Herr Frschter, zu 'r an Vadacht g'langt's no net, aba 'r im Wind hab
i a bissei was.

Red halt!

Der Sprengelsperger sah nachdenklich auf den Boden und dann sagte er
bedchtig:

Vor a Wochen a fnf is bei die Oesterreicher a neuer Grenzer
ei'g'stellt wor'n, net wahr?

Ja. Der Redenbacher oder wia 'r a hoat.

Der is a Tiroler. Vo Leermoos is a, hamm s' mir g'sagt.

Und nacha?

Dem sellen trau i net, Herr Frschter, da i 's glei schnurgrad sag!
Dem trau i net weiter, als i 'n siech.

Da muat do an Grund dafr hamm?

Ds ko ma net allaweil so sag'n. Wenn i an ganz an g'wissen Grund
htt', nacha htt' i scho lang mit Eahna g'redt. Aba zu dem hat's net
g'langt.

Der Sprengelsperger machte eine kleine Pause. Dann fuhr er fort:

Sehg'n's, Herr Frschter, wia 'r i den schelchaugeten Kerl zum
erschtenmal g'sehg'n hab, da hon i mir glei denkt: Manndei, du g'fallst
ma net. Und ds is blieben. No, nacha is ma 'r aufg'fallen, da der
Mensch an Aug auf ins hat. I ko bei 'n Tag und auf 'n Abend net kumma
und net furtgeh', da der Kamerad net beim Zollhusl heraus steht oder
sunst um an Weg is. Und nacha grat a so freundli, und is ma 'r aa
schon vorkemma, da er mi g'fragt hat: 'Wo gehen S' heut no hi, Herr
Sprengelsperger?'

Lenz, sagte der Frster nachdenklich, jetzt fallt's ma selber auf,
da ma den so oft siecht; viel fter wia 'r an jeden von de andern.

Ja, passen S' no auf; der Ostler Hans is de vorig Woch in da Schanz
drin g'wen. Wia 'r a in d' Stuben nei kimmt, siecht er den Kerl da, den
Redenbacher, bei a paar Tiroler am Tisch hocken. Es waar eahm weiter
net aufg'fallen, wann de Kameraden net auf oamal so muserlstaad g'wen
waaren. Der Grenzer hat sie glei drauf am Weg g'macht, und d' Wirtin
fragt 'n, ob's eahm denn gar a so pressiert. 'Heut scho,' sagt er und
is aui. Wia 'r aba der Ostler Hans a guate Viertelstund spater amol
aui geht, siecht er'n hinterm Haus stehn und mit oan von dena Tiroler
reden. Und grad notwendi hat er's g'habt. Des sell is an Hans so
g'spai frkemma, da er ma's glei am nchsten Tag vazhlt hat.

Da schau her, a so a Schlaucher is ds! brummte der Frster vor sich
hin.

Ja, schlauch! sagte der Sprengelsperger, der kimmt mir net schlauch
vor. A recht a dumma Teufi is, sinscht waar er net nach fnf Wocha
vadchti. Den kriag i leicht g'nua dro, den Tiroler Spitzbuam, den ganz
miserabligen.

Hm, ja. Vielleicht is was dro, Lenz.

I moa scho. Und hat uns der Bazi oamal auf'n Weg pat, nacha tuat as
fta.

Der Frster stand auf und schaute nachdenklich zum offenen Fenster
hinaus. Nach einiger Zeit drehte er sich um und sagte in seiner
ruhigen, bedchtigen Weise:

So weit rei ins Revier trau'n si de Lumpen de erst Zeit nimma,
weil'st g'schossen hast, aba um d' Grenz rum is koan Tag net sauba.
Du und der Anderl, s zwoa geht's heut nach 'n Essen in d' Roaner
Leiten hintri und schaugt's, da den Bock kriagt's. Bal's 'n habt's,
brecht's 'n auf und versteckt's 'n guat. Auf 'n Abend kemmt's uma ins
Buachwieser G'steig. Da halt's Enk heut amol, und bal nix B'sonders net
is, morgen in der Fruah aa no. I kimm um a zehni auf d' Buachwieser
Alm. Notabene, koana schiet, auer es geht auf an Lumpen. Hast mi guat
vastanden?

Jawohl, Herr Frschter.

Nacha is recht. I wer jetzt a bissel zum Oberaufseher in Hoamgarten
nber geh'. Vielleicht is der Herr Redenbacher wieder um an Weg. Mit 'm
Anderl red i no. Du holst 'n um zwoa ab; s geht's aba net hint' aui,
sondern auf da Straen, da enk a jeder sehg'n ko.

Jawohl, Herr Frster.

So, nacha pfat Di! Und no was. Bal'st an Anderl abholst, gehst
z'erscht zu uns nei, und wann grad mei Alte da waar, nacha verzhlst
ihr, da s zwoa den Rehbock suacht's.

Damit ging der Frster.

Eine halbe Stunde spter schlenderte er gemchlich zum
sterreichischen Zollhaus hinber.

Das lag friedlich da im warmen Sonnenschein und zeigte die behagliche
Ruhe, welche allen k. k. Amtsgebuden eigentmlich ist.

Auf der Bank, die neben der kleinen Freitreppe stand, lag eine Katze
und blinzelte in die Sonne hinein; drei oder vier Hhner gruben sich in
den heien Sand.

Sonst war weit und breit nichts zu sehen.

Im khlen Amtszimmer sa ein Grenzer und blies nachdenklich den
Tabakrauch vor sich hin.

Von Zeit zu Zeit nahm er die Pfeife aus den Zhnen und spuckte im
weiten Bogen vor sich hin.

Dieser beschauliche Mensch war Josef Redenbacher, und als der Frster
ihn sah, war er angenehm berrascht.

Er grte ihn freundlich und fragte nach dem Oberaufseher.

Der wird wohl oben sein, antwortete Redenbacher. Warten S' ein
wenig, ich hol 'n gleich herunter.

Nach einiger Zeit erschien der Stationsvorsteher Praxenthaler, ein
kleiner, dicker Mann, mit einer sehr fetten Stimme. Jedes Wort klang,
als wre es in Schmalz gebacken.

Ah, der Hohenreiner! Mit was kann ich dienen?

I hab Di grad frag'n wollen, ob ma net zum Kaffee a kloans Tarkerl
machen? Mei Alte spielt aa mit.

Warum denn nicht? Da bin ich allemal dabei.

Aba recht lang konn i net spielen; um a vieri mua i ins Revier.

Da fang'n mir halt ein bissel frher an; glei nach 'm Essen.

Gilt scho, sagte der Frster, und trat mit seinem Freunde vor das
Haus. Er bemerkte, da die Fenster offen standen, und war berzeugt,
da Herr Redenbacher sich in ihrer Nhe aufhielt. Er redete nun in
gedmpftem Ton, da es den Anschein hatte, als wollte er etwas Geheimes
verhandeln.

Praxenthaler, sagte er, mir hamm wieda Lumpen im Revier.

Ah!

Der Sprengelsperger hat a Gambsgoa g'funden, erscht vor a paar Tag.

Hat er s' nit derwischt?

Na, dsmal san s' auskemma. Aber woat, allemal geht's net so.

Wo is denn das passiert? An der Grenz?

Na, beim Holzer Schlag. Aber, Praxenthaler, sagte der Frster leise,
vielleicht probieren's de Tropfen und holen de Gambsgoa.

Dabei blinzelte er seinen Freund an.

Der Herr Oberaufseher machte ein pfiffiges Gesicht und lachte herzhaft.

Das mag leicht sein, schrie er mit seiner Trompetenstimme, das mag
leicht sein, und wenn s' kommen, finden s' vielleicht auch was? Mut
wahrscheinli deswegen schon fort um vier Uhr?

Pst! machte der Frster, Du muat ber ds net reden. Aber sei
kunnt's, da de Lumpen kemma, weil Feiertag is.

Ein Fensterflgel rhrte sich, fast unmerklich, aber Hohenreiner hatte
es blitzschnell gesehen.

Er wute, da der Lauscher genug gehrt hatte, wenn der Verdacht
Sprengelspergers begrndet war, und dachte, da ein lngeres Reden ihn
stutzig machen konnte. Deswegen nahm er Abschied von dem ehrlichen
Praxenthaler, der sich in das Amtszimmer begab und gemeinschaftlich mit
Herrn Redenbacher k. k. Kommitabak verbrannte.

       *       *       *       *       *

Es war ein paar Stunden spter, gegen zwei Uhr mittag.

Der alte Sprengelsperger holte seine Bchse vom Nagel herunter
und prfte das Schlo. Er stach mit einer Nadel durch die beiden
Zndlcher, um sich zu vergewissern, da sie nicht durch Staub oder
sonstwie verstopft seien; dann setzte er neue Zndhtchen auf und
sicherte die Hhne.

Als er damit fertig war, pfiff er dem Hunde, der freudig an ihm
heraufsprang, und ging.

Vor dem Forsthause wartete er auf den Anderl und grte die Frau
Frster, welche sich im Garten an den Blumenbeeten zu schaffen machte.

Sie winkte ihm und trat selbst an den Zaun heran.

Sprengelsperger, sagte sie, ich hab's schon kennt, da was los is.
Mei Mann will mir's ausreden, aber i kenn Euch alle gut g'nug.

Aba, Frau Frschterin, wia S' no solchene Aengsten hamm mgen.
Der Anderl hat halt an Bock ang'schossen, und den derf'n ma do net
verfaul'n lassen.

Ja, ja; is scho recht. Du redst halt, was Dir ang'schafft is.
Aba glaubst denn, i hab's net g'merkt, da Du wegen was B'sondern
rberkommen bist, und da mei Mann bei Dir drent war? Und da i heut
nach 'm Essen mit 'n Oberaufseher htt' taroken sollen, des hat do aa
sein Grund g'habt.

Ja, aba wenn i Eahna sag ...

Geh, sei staad! Sag'n tuast ma's ja do net; aba des muat ma
wenigstens versprechen, gib mir acht auf'n Buab'n.

Jetzt, Sie san g'spaig, Frau Frschterin. I woa net, was i da sagen
soll.

Nix, weil'st mi ja do blo o'lagst. Aba gib acht auf'n Anderl. I bin
in der grt'n Angst dahoam.

Sie reichte ihm die Hand ber den Zaun, und Sprengelsperger drckte
sie mit einer verlegenen Gebrde. Er war froh, da Anderl endlich aus
der Tre trat und dem Gesprche ein Ende machte. Dieser grte die
Mutter flchtig, wie er es sonst gewohnt war, und trieb zur Eile an.
Die alte Frau wollte nicht zeigen, da sie eine schwere Sorge bewegte.
Sie trat darum in das Haus, mit einer Hast, die dem Anderl auffiel.

Was hat denn d'Muatta? fragte er.

De hat's guat g'spannt, da heut was net sauber is, gab der
Sprengelsperger zur Antwort. Mi hat's anderst in d'Eng trieben, mei
Liaba! Dei Muatta waar guat zum Beichtsitzen. Sappera no amol!

Ja no, sagte der Anderl gleichmtig, mir knnan ihr net helfa,
wann's as aa g'neit hat. Aba jetzt mach, da ma weita kemman!

Sie setzten sich frisch in Gang. Nach ein paar Schritten blieb der
Sprengelsperger stehen und bckte sich zu seinem Hunde nieder. Er tat
so, als richtete er etwas am Halsbande; dabei warf er einen forschenden
Blick zum Zollhause zurck, und bemerkte Herrn Redenbacher, der
zufllig seinen Kopf zum Fenster herausstreckte.

Der Alte richtete sich auf und schritt mit einem heimlichen Lachen um
die Mundwinkel dem Anderl nach.

Den Fuchs kriag'n ma, sagte er zu sich selber. I wett an
Kaisergulden, da er in a paar Stund bei de Lumpen is und was
ausplaniert.

Er ging schweigend neben seinem Begleiter her, in langen, zgigen
Schritten, und berdachte sorgfltig, wie die Lumpen ihren Prschgang
anstellen knnten, und wo sie am ehesten zu fangen wren.

Anderls Gedanken waren nicht so strenge auf einen Gegenstand
gerichtet. Der Vater hatte ihm den Plan mitgeteilt, und er war als
richtiger Jger mit Eifer bei der Sache. Daneben hatte er doch
herausgehrt, da die Zusammenkunft auf der Buchwieser Alm sein sollte.
Er mute an das Weibsbild denken, dem er heute begegnet war, und er
dachte gern daran. Bei der brauchte es keine langen Reden; und ein
schlechter Brocken wre sie auch nicht. Teuflisch gut gestellt; wie ihr
die Rcke um die Beine schlugen, war es zu sehen. Vielleicht konnte er
in der Nacht auf die Alm; das wre nicht zuwider.

So schritten die zwei auf der schattenlosen Landstrae dahin, und
keiner redete ein Wort.

Nach einer halben Stunde bogen sie links ein und stiegen bergauf, bis
sie zur Anschustelle kamen.

Anderl, sagte Sprengelsperger, halt Du an Hund und la mi suacha.

Er blickte scharf auf den Boden und sah bald genug die Rehfhrte.

Da is da Bock uma; wo hast'n g'schossen, Anderl?

Geh no an Schritt, a zwoa weita fri, Lenz; halt! Jetzt bleib steh'!
Da mua g'wen sei.

Sprengelsperger kniete nieder und breitete mit der Hand das Gras
auseinander.

Pltzlich stie er einen leichten Pfiff aus und rief:

Hat 'n scho! Ah, do schau her! Du hast eahm durch d'Leber g'schossen.

Anderl trat heran und betrachtete die dunkeln Schweitropfen, welche an
den Grashalmen hingen.

Sprengelsperger ging einige Schritte weiter.

Da geht scho wieda a Lack'n Schwoa her, rief er, der hat ja damisch
g'schwoat, Anderl. I moan, den hamm ma schnell. Gib ma'r amol an
Prschei her!

Er fhrte den Hund, welcher schon unruhig an der Leine zog, zur
Anschustelle.

Prschei schnupperte gierig am Boden, und als ihn Sprengelsperger
loslie, verschwand er rasch im Dickicht.

Der hat 'n bald, Anderl, werst as sehg'n, sagte der Alte.

Moanst net, mir sollen eahm nachgeh?

Ah, g'wi net. Der verbellt 'n so sch, da 's nix zwoat's gibt. Der
Bock liegt koane hundert Schritt weit drin, pa amol auf.

Er zndete bedchtig seine Pfeife an, whrend Anderl gespannt horchte.

Pltzlich tnte helles, scharfes Bellen aus dem Hochwalde herber; der
Hund gab Laut; wenn er in gleichmigen Pausen absetzte, gab das Echo
deutlich die Tne zurck.

Sprengelsperger verzog sein Gesicht zu einem freundlichen Lachen.

Hrst'n? Ja, da Prschei! I kenn' an ja!

La Da no Zeit, Anderl; ds pressiert gar net; und an Hund massen ma
'r an Bock no a bissel verbellen lassen. I hr's oamal z'gern.

Seine Augen schauten vergngt darein, und er nickte jedesmal zustimmend
mit dem Kopfe, wenn der Hund in gleichmigen Abstzen anschlug,
krftig und voll.

So, jetzt geh ma umi! sagte er nach einer Weile und schritt dem
Anderl voran ber die Lichtung.

Sie umgingen das Dickicht und nherten sich von oben der Stelle, an der
Prschei Laut gab.

Sprengelsperger blieb stehen und deutete mit dem Bergstocke nach unten.

Da lag unter einer mchtigen Tanne der Bock verendet, und vor ihm stand
der Hund; ein erfreuliches Bild fr einen Jgersmann.

Sie stiegen rasch hinunter. Sprengelsperger lockte den Hund herein
und lobte ihn fr sein braves Verhalten. Inzwischen musterte Anderl
vergngt den stattlichen Bock.

Der hat sauber auf; wia 'r a ma 's denkt hab. Handbroat ber d'
Luser; schau her, Lenz!

A schne G'wichtel, sagte der Alte, da ko'st Dei Freud dro hamm. Und
a guata Bock; achtadrei'g Pfund hat a g'wi.

Sie suchten nach dem Schusse.

Stimmt scho, meinte Anderl, i hab eahm durch d'Leber g'schossen. Is
no besser ausg'fallen, als i g'moant hab.

Dann brach er den Bock auf, weidgerecht, ohne die Aermel aufzustlpen
oder die Joppe auszuziehen. In der damaligen Zeit hielt man darauf, da
ein Jger nicht wie ein Metzger hantierte.

Als er fertig war, zog er den Bock in das Dickicht und bedeckte ihn mit
Fichtenzweigen.

    Steig' i aufi auf d'Alm,
    Ja da werd ma's Herz weit -- und
    Siech ich d' Senndrin geh',
    Tuat s' mi gra'n sch',
    Ko's nit sag'n, wie's mi freut.

                                 (Altes Lied)

Die Nacht kam heran; eine helle, warme Sommernacht. Blaue Schatten
kamen die Felsen herunter und senkten sich in das Tal; an den steilen
Wnden verglhte langsam das Licht der scheidenden Sonne, und ber
ihnen wlbte sich der dunkle Himmel.

Da und dort blitzte unruhig flimmernd ein Stern auf und sah dann mit
ruhigem Scheine herab.

Der Bergwind fuhr in die Gipfel der Tannen, und sie rauschten so
feierlich, da es klang wie voller Orgelton.

Alle Dinge, in der Ferne und Nhe, nahmen groe, seltsame Formen
an; drohend streckten die Bume ihre riesigen Aeste aus; Gestruche
und Stockwurzeln zeigten verzerrte Gestalten. Der Wald war lebendig
geworden.

Ein Schatten lste sich von seinem Rande los; nun stand er im hohen
Grase. Eine Hirschkuh, die erschrocken den Grind emporhielt und nach
einer mchtigen Fichte ugte.

Unter der sa Anderl und zog unruhig die Fe an sich. Seit vier
Stunden war er auf dem Posten; nichts Verdchtiges hatte sich geregt,
und nun kam die Dunkelheit.

Was wollte jetzt noch ein Wilderer tun? Auf fnf Schritte htte man
nicht schieen knnen. Er visierte gegen das Stck hin; das Korn war
nicht mehr zu sehen. Da wurde er ungeduldig, und so leise auch das
Gerusch war, im Augenblicke hatte das Tier es vernommen, warf den
Grind auf und setzte in den Wald zurck.

Geh zu'n Teufi! brummte der Anderl mimutig.

Himmelseiten, war das langweilig! Gibt's ja gar nicht, da Lumpen
kommen. Und der Sprengelsperger wollte auf das Mondlicht warten, also
noch zwei Stunden. Zu was denn da herauen?

Das knnte man doch leichter auf der Htte. In einer Viertelstunde wre
man drben, und wenn ein Schu fiel, den hrte man dort auch. Und von
der Htte wren es nicht mehr wie tausend Schritte zur Buchwieser Alm.
Und wie das Mensch sauber gestellt war! Und das Lachen. Die hielt die
Tre nicht zu, wenn er klopfte. Der Anderl zog wieder die Uhr heraus.

Ah was! Vor zwei, drei Stunden rhrt sich nichts. Und derweil war er
lang zurck; eine Viertelstund hin, eine Viertelstund her. Und dann war
es mondlicht und viel besser zum Passen als jetzt.

Er stand auf und rckte den Hut von einem Ohr auf das andere. Dann
blickte er gegen die Stelle hin, wo der Sprengelsperger pate;
achthundert Schritt weiter oben.

Der bleibt hocken, und wenn es drei Tage dauert. Eigentlich sollte er
auch ... Aber was liegt daran!

Und rasch, damit ihn der Entschlu nicht reute, machte sich der Anderl
auf den Weg.

Mit langen Schritten ging es bergauf, viel schneller als sonst; durch
das Hochholz und ber die Almwiese.

Da lag die Htte im Dunkeln.

Die Lden waren geschlossen, und nichts war zu hren.

Der Anderl stolperte ber ein Holzscheit und trat in eine Pftze.

Er hatte es eilig.

Ein leiser Pfiff.

Deanei!

Nichts rhrte sich.

Deanei, mach auf! I bin's!

Und wieder ein Pfiff.

Dann wartete der Anderl und horchte gespannt hinauf.

Nichts.

Jetzt nahm er den Bergstock, langte in die Hhe und klopfte an den
Laden.

Es dauerte eine Weile, dann hrte man ein Gerusch.

Der Laden kreischte in den Angeln, und eine weibliche Stimme fragte:

Was is?

I bin's, der Anderl.

Ja, was willst denn Du no um de Zeit?

Geh, frag net lang! Hoamgarten mcht i.

Hoamgarten? Jetzt no? Zu was denn?

A so, halt!

I hon aba Schlaf, schaug! Und morgen mua i beizeiten aua.

Ds macht ja nix. I halt Di net lang auf. Grad a bissei dischkrier'n
mcht i mit Dir.

Ds knna ma ja so aa.

So is nix, Deandl. Da mua ma beinand hocka.

Ja freili!

Herrgottsakrament! Geh, tua net so lang umanand und la mi eini! Du
hast ma's ja vasprocha.

Ds hab i Dir net vasprocha.

No, balst net willst, nacha konn i aa nix macha. I ho ma denkt, Du
bist a Madl, de wo ihr Wort halt. Balst Du a solchene bist, und 's Wort
brichst, ds htt' i net glaabt vo Dir. Ds is net sch.

I hob Dir gar nix vasprocha.

Jo! G'wi is wahr. Deandl, i tat's net sag'n, bal's net a so waar.
Lag'n, ds gibt's net bei mir. Durchaus net. Da kennst mi schlecht.

Ja, und wann i Di einala, nacha woa i's scho.

I tua Dir nix; g'wi net. I rhr Di net o.

Is ds wahr?

No, wann i's amol sag.

Nacha wart a bissei, i kimm glei oba.

Is scho recht. Tummel Di a wengl, Deanei.

Die Sennerin trat vom Fenster zurck, und der Anderl schob den Hut in
den Nacken und pfiff leise vor sich hin.

I hab mir's do glei denkt.

Jetzt wurde die Tre zgernd geffnet; Anderl half nach und schlang
eine Minute spter seinen Arm um das vollbusige Frauenzimmer.

O'schaug'n derfst mi net, Anderl! I hab grad an Unterkittel o.

Na, na! I schaug di net o. Geh' ma'r aufi; daherunten kunnt's da
z'kalt sei, und droben, da knna ma leichter dischkrieren.

Sie stiegen die hlzerne Stiege hinauf und es war oben leichter zu
diskurieren.

Die Stunden vergingen.

Volles Mondlicht lag auf den Bergwiesen; auch in die Kammer der
Sennerin stahlen sich die hellen Strahlen.

Aber die zwei achteten nicht darauf.

Magst mei Schatz bleib'n, Anderl?

Freili mag i.

Ja, ds sagst jetzt, und morgen denkst nimma dro.

Wia ko'st ds glaab'n, Deandl?

Oes Jaga seid's alle so.

De andern vielleicht; aba i net.

Kimmst nacha oft zu mir aufa?

So oft als 's geht. Am liabsten jeden Tag.

Sie schwiegen wieder.

Drauen rauschte der Brunnen; sonst tiefe Stille.

Auch der Bergwind hatte ausgesetzt, und schweigend stand der Wald wie
eine dunkle Mauer hinter den hell beleuchteten Matten.

Da!

Ein scharfer Knall und rollender Donner die Berge entlang.

Herrgottsackerament! A Schu! Ds war a Schu!

Im Nu stand Anderl auf den Fen.

Wo is mei Bchs? Wo hab' i's denn?

Das Mdel richtete sich erschrocken auf.

Was hast denn?

Hast as net g'hrt, g'schossen hat's. Und i bin do herin! Mei Bchs
will i.

De hast ja drunt lassen.

Nacha mua i abi! Wo is denn d'Stiag'n? G'schwind, sag i!

Oho! Pressiert's denn gar a so? Sagst ma net amal pfat Good?

I ho koa Zeit. An andersmal.

Rasch war er unten, ri die Tre auf und fate nach dem Gewehr.

Dann eilte er in mchtigen Sprngen ber die Wiese, so schnell es ging,
in das Hochholz.

Im Dunkeln ging es weiter; immer bergab.

Dort stand die Fichte, unter der er gesessen war.

Aber es war nicht ratsam, ber die freie Wiese zu laufen. In dem Lichte
konnte er weithin gesehen werden. Von den Lumpen, oder auch vom alten
Sprengelsperger.

Und der sollte es doch nicht wissen, da er vom Posten gegangen war,
wegen dem Weibsbild.

Er umging den Platz und prschte von unten im Schatten herauf.

Da rhrte sich etwas neben dem Baume. Der Anderl stutzte einen
Augenblick und schlich nher.

Das war ja der Prschei! Und der Sprengelsperger stand unter der Fichte.

Der Alte sagte mit leiser Stimme: Jetzt kimmst daher? Wo warst denn
Du?

I bin a bissei da abi prscht, antwortete Anderl.

Pst! Staad sei! Hast den Schu net g'hrt?

Freili, deswegen bin i glei wieder aufa.

Der Alte sah den Anderl prfend an; er glaubte ihm die Ausrede nicht,
aber es war nicht Zeit, darber zu reden.

Der Schu is am Buachwieser Eck g'fallen. Mir massen umi. Wenn'st net
wegg'laffen warst, kunnt'n ma scho bald drent sei.

       *       *       *       *       *

Hlftewegs zwischen Ehrwald und Griesen liegt die Schanz; ein gutes
Wirtshaus, bei dem alle Fuhrleute anhalten. Es war daher nichts
Auffallendes, da der Schreinermeister Holzweber den Feiertag bentzte,
um dort einen Schoppen Landwein zu trinken. Er sa im Freien mit
anderen Honoratioren aus Ehrwald, redete anstndig und gesetzt von
allerlei Dingen und lobte auch den schnen Abend.

Zwischenhinein fragte er seinen Nachbar: Du, Seppel, wer isch der
selle Grenzaufseher, der dort sitzt?

Der? Des ischt ein neuer; Redenbacher oder so heit 'r. Er ischt no
nit lang in Griesen.

So? I han mir's denkt, da er neu ischt, weil i 'n no gar nie g'wahrt
hab.

Er sagte es recht gleichgltig und redete wieder von etwas anderem.

Nach kurzer Zeit meinte er, es sei nun spt geworden, und er wolle
sich auf den Heimweg machen. Er bezahlte seine Zeche und ging gegen
Ehrwald zu. Aber nur so lange, bis ihn eine Biegung des Weges den
Blicken der Wirtshausgste entzog. Da blieb er stehen und sah sich
vorsichtig um. Als er weit und breit niemand sah, ging er von der
Strae ab in den Wald hinein. Hinter einem Gebsche machte er wieder
Halt und hielt Ausschau.

Jetzt war er berzeugt, da ihm niemand nachgegangen war; er schritt
rstig bergauf und kam bald an eine Waldlichtung, in deren Mitte eine
alte Lrche stand.

Er hielt die Hand an den Mund und ahmte den Taubenruf nach. Von drben
kam Antwort, dreimal in langgezogenen Tnen, und Holzweber nickte
befriedigt mit dem Kopfe.

Er trat in die Lichtung hinaus und stand gleich darauf bei seinen
Kameraden Josef und Kaspar Gfeiler.

So isch recht, sagte er, ihr seid's pnktlich g'west. Jetzt wart'n
mir no auf'n Peter; der hat no mit dem Redenbacher z' reden.

Es dauerte nicht lange, dann kam auch Peter Hosp und brachte Nachricht
von dem Grenzaufseher.

Also, die Jger sein heut am Sunkerberg oder am Schell-Eck; alle
drei.

Woher wei der Redenbacher? fragte Holzweber.

Er hat's mit eigene Ohren g'hrt, wie der Frschter mit'm Praxenthaler
g'red't hat. Er hat woltern g'flucht ber die Lumpen, weil s' ihm unter
der roten Wand a Gambs g'schossen haben, und er vermeint, da mir
wiederkommen.

Vielleicht hat er's blo g'sagt; i kann's nit recht glauben, da alle
drei dort sein.

Es isch a so, Jakele. Der Redenbacher hat guat achtgeben und hat
g'wahrt, wie der Sprengelsperger und der jung Hohenreiner hinter sein.
Er hat no a zwei Schtund g'wartet, bis der Frschter selber fort isch.
Und er isch links nber am Nudelwald; genau wie er's an Praxenthaler
ang'sagt hat.

Der Holzweber zweifelte noch immer.

Der Frschter hat do nix g'merkt, da ihm der Redenbacher abpat?
fragte er.

Sell isch do gar nit menschenmglich, versicherte der Jakele eifrig,
der Redenbacher sagt, da der Frschter ganz vertraut ischt mit ihm.
Und nachher, er hat ja gar nit g'wut, da der Redenbacher alles hrt;
sell war grad unter'm Fenschter, und er hat no recht heimli g'redt
mit'n Praxenthaler.

Und die zwei andere hat 'r auch g'sehen?

Ja; sie sein schnurgrad am Sunkenberg hinter; sie knnen nirgends
anderscht hin sein.

Also guet! sagte der Holzweber, nachher probieren mir's heut am
Miesing; i wei an gueten Platz und find an Weg bei der Nacht. Mir
messen zwei Schtund gehen; es isch jetzt acht; bis zehn sein mir g'wi
dort. I schtell Euch an und geh hernach von hint aufer; da komm i mit'n
schlechten Wind runter und mach di Hirsch geh'n. Ihr habt a leicht's
Schiaen; es isch a freie Wies da, und 's Mondlicht wird hell.

So isch guet, Jakele, sagte Hosp.

Und es werd uns scho wieder recht nausgeh, fgte Kaspar hinzu, i
hab a Wallfahrt zur Muetter Gottes von Hinterri verschprochen und der
Pater Benno hat mir a g'weihtes Bild mitgeben; das hilft gegen Pulver
und Blei. I trag's alleweil bei mir, wenn grad wirkli amal a Jager
kemmen tt.

So machten sie sich auf den Weg ber den Scharberg gegen den Miesing zu.

Holzweber fhrte, denn er kannte alle Steige von Jugend auf und fand
sich im Dunkeln zurecht.

Er ging schnurgerade auf die Stelle zu, wo er in einem hohlen Baume
sein Gewehr versteckt hatte, und mit derselben Sicherheit fand er die
Schiewaffen seiner Gefhrten.

Er hatte die Schuhe ausgezogen und schlich wie eine Wildkatze durch den
Bergwald; kaum einmal knackte ein drrer Ast unter seinen Fen.

Als sie nach ermdender Wanderung ankamen, wiederholte er flsternd
seinen Plan und stellte jeden an seinen Platz.

Schie nit zu frh, Kaschper, sagte er, und tu g'nau, was i Dir sag.
Wann Du nit folgst, kannst uns no alle ins Unglck bringen.

Als die drei auf ihren Posten standen, prschte er zurck.

Es war spt geworden.

Ueber dem Zimmerskopfe lag schon ein heller Schein und bald schob sich
in majesttischer Ruhe die Scheibe des Mondes ber die Felsen herauf.

Silbernes Licht fiel auf die Almwiese und schob die Dunkelheit zurck,
immer weiter, bis sie an den hochragenden Fichten hngen blieb.

Und so still war es, wie in der Kirche; so still, da der Gfeiler
Kaspar schon von weitem den Hirsch trappen hrte und sich zum Schusse
bereit machen konnte.

Auf zwei Zimmerlngen kam er ihm, blieb stehen und sicherte nach
rckwrts.

Kaspar hatte das Gewehr an der Backe und zielte.

Es schiet sich verdammt schwer im Mondlicht. Einmal sieht man das
Korn, einmal nicht.

Neben dem Hirsche glitzerte ein heller Fleck. Ein Wassertmpel.

Auf den zielte er und schaute sich das Visier zusammen; jetzt ein wenig
hher und rechts fahren.

Das mu woltern das Wildbret sein.

Pum!

Dem Schtzen gab es eine Ohrfeige, und der Hirsch brach zusammen; hob
schwerfllig den Grind und brach wieder zusammen.

Da zeigte es sich, da Kaspar ein dummer Kerl war, der im Eifer
allemal die Lehren des Herrn Schreinermeister Holzweber verga.

In seiner Freude ber den Schu trat er auf die Wiese heraus und ging
auf das verwundete Stck zu.

Er meinte wohl, das bleibe so liegen und er knnte es recht mit
Vergngen betrachten.

Aber wie ihn der Hirsch sah, nahm er die letzte Kraft zusammen, raffte
sich auf und sprang in wilden Stzen den Hang hinunter.

Im Augenblicke nahm ihn der Wald in seinen Schutz auf; man hrte Aeste
krachen, Steine poltern; dann war es ruhig.

Da stand jetzt der Kaspar Gfeiler und schaute. Und wre er nicht ein
gottesfrchtiger Tiroler gewesen, htte er wohl abscheulich geflucht.
Sein Bruder und der Peter waren schnell bei ihm und sagten ihre Meinung
ohne Ehrfurcht.

Was war jetzt zu machen?

Auf alle Flle warten, bis der Jakele kam.

Sell hascht wieder amol sauber angangen; a so a Malefizpatzerei! Der
Hirsch hat unser g'hrt, wenn D' no grad a Viertelstund auf'm Schtand
blieben wrscht!

Der Holzweber hatte sich leise herangeprscht.

Was isch?

Der Kaschper hat ...

Nit so laut! Und geht von der Wies' weg! Ihr schtellt Euch grad ins
Licht.

Sie traten in den Schatten zurck, und Peter erzhlte leise den Hergang.

I kenn Di ja, Kaschper, sagte Holzweber, i wei, wie D' as alleweil
machscht! Sell wei i ja schon lang. Nit acht geben, nit Zeit lassen!

Was tun mir jetzt, Jakele? fragte Hosp.

Ja, was tun mir jetzt? Des Allerbescht wr', mir geh'n heim.

Aber mir lassen do den Hirsch nit hint! sagte Kaspar.

Wrscht ihm halt vllig nachg'laufen; vielleicht htt'scht ihn
derwischt. Bei der Nacht knnen mir ihn doch nit suchen!

Weit kann er nit sein.

Weit oder nah, sell isch gleich. Mir knnen nix machen.

Der Gfeiler Josef kam seinem Bruder zu Hilfe.

I mein, sagte er, mir warten, bis es hell wird. In aller Frh knnen
mir den Hirsch noch suachen.

Sell isch ganz g'fhrlich, erwiderte Holzweber, wenn die Jger den
Schu g'hrt haben, gehen s' ihm nach, und mir laufen ihnen grad in
d'Hnd'.

Den Schu haben sie nit g'hrt; sie sein zu weit weg.

Sell wei man nit.

Jakele, ganz leer sollen mir nit heim, riet jetzt auch Hosp, mir
knnen noch bei der Dmmerung den Hirsch suachen. I sag, mir haben ihn
schnell; aft brechen mir ihn auf und verschtecken ihn, und holen ihn
morgen bei der Nacht.

Holzweber gab nach, wenn auch mit Widerstreben. Er sagte immer wieder,
da solche Wagnisse zur Entdeckung fhrten, und da ihn sein Vater oft
und oft davor gewarnt habe, anders als bei Nacht zu wildern.

Seine Kameraden blieben fest, und er wute, da sie ohne seinen
Beistand wenig ausrichten wrden.

Zuletzt reizte ihn auch der erhoffe Gewinn, und er blieb bei den andern.

Sie gingen tiefer in das Holz hinein und warteten unter einer mchtigen
Rottanne auf das Tagesgrauen.

Allmhlich lichtete sich das dunkle Blau des Himmels, und die
flimmernden Lichter erloschen. Ein Flstern ging durch die Baumkronen,
das strker und strker wurde und bald in volles Rauschen berging.

Ueber den Hhen tauchte der Morgenstern auf und zitterte heftig, als
machte ihn der frische Bergwind frsteln.

Eine Amsel pfiff.

Da stand der Holzweber auf und sagte, es wre so weit, da man
aufbrechen drfte. Er schlich vorsichtig an den Waldrand vor und sphte
ber die Wiese hinaus.

Nichts regte sich.

Er wandte den Kopf und schaute die Felsen hinauf.

Ein Stein polterte herunter und fiel mit dumpfem Schlage auf. Der
Holzweber blickte schrfer hin und gewahrte unter den Latschen einen
hellgelben Fleck.

Eine Gambs.

Und er sah auch, wie sich hoch oben auf die Wnde des Wettersteins ein
leichter Schimmer legte, und wie sich der Schleier von den Felszacken
lste und langsam heruntersenkte.

Es war Zeit!

Also auf!

Seine Kameraden waren gerne bereit, zu gehen. Der Kaspar hauchte in die
Hnde und steckte sie in die Hosentaschen; der Peter hob einen Fu um
den andern in die Hhe, und der Seppel machte es ihm nach.

Es war ein frischer Morgen, und aus dem feuchten Waldmoos stieg es kalt
herauf.

Mir bleiben beinander, und i geh voran, sagte der Holzweber, wo is
der Hirsch nei?

Sell unten, wo der Wald das Eck macht, erwiderte Kaspar.

Aft ist er eh'nder wie nit in Scharer Graben rei, entschied
Holzweber und ging rstig voraus.

Nach einiger Zeit blieb er stehen und deutete auf den Boden.

Richtig, da war eine Hirschfhrte; und dort wieder.

Pltzlich kniete Holzweber nieder und bog mit der Hand einen Bschel
Farrenkraut zurck.

Schwerer Tau lag auf den zierlichen Blttern, aber dazwischen tauchten
rote Flecken auf, erst sprlich, dann reichlicher, und zuletzt zeigte
Holzweber den andern schmunzelnd ein Blatt, das ber und ber mit Blut
bespritzt war.

Er hat woltern stark g'schweit, sagte er, und mua bald hergeh'n.

Sie gingen weiter und kamen an einen langgestreckten Graben, der eine
Tiefe von etwa hundert Schuh hatte.

Die ziemlich abschssigen Wnde waren mit Steinen bedeckt, zwischen
denen der Huflattich seine Bltter ausbreitete.

Sie stiegen hinunter; Holzweber voran, die Blicke aufmerksam auf den
Boden gerichtet.

Mit einem Mal fuhr er auf, blieb kerzengerade stehen und lauschte.

Was hoscht denn? fragte Kaspar, der ihm zunchst folgte.

Pst! machte Jakele und sah ngstlich auf die andere Seite des Grabens
hinber.

Was war das fr ein Gerusch gewesen?

Ein klingender Ton; wie Eisen auf Stein. Als wenn einer mit dem
Bergstocke aufstt.

Es rhrte sich nichts.

Geh do amol zua! drngte Kaspar, es isch ja nix!

Holzweber wollte es glauben; er warf noch einen scharfen Blick hinber,
dann stieg er weiter abwrts, fnf, sechs Schritte.

Aber er war unruhig geworden und schaute wieder zurck.

Rhrte sich nicht ein Tannenboschen? Dort, wo das Jungholz an den Rand
des Grabens heranging?

Und wohl rhrte es sich; recht heftig mit einem Mal.

Ein alter Kerl stand drben, mit blitzenden Augen, das Gewehr im
Anschlag; und daneben noch einer.

Eine wtende Stimme.

Halt! oder i schia!

Das ging ans Leben.

In mchtigen Stzen sprang Holzweber abwrts; die andern hinterdrein.

Jetzt waren sie unten.

Zwanzig Schritte entfernt stand eine Fichte; die erste Deckung.

Ohne Besinnen eilte Jakele darauf zu; dicht neben ihm Kaspar.

Die anderen zwei flchteten aufwrts.

Ein Schu krachte.

Der Gfeiler Sepp hrte ihn nicht mehr. Er fiel vorneber auf das
Gesicht, schlug mit den Armen ein paarmal um sich und blieb regungslos
liegen.

       *       *       *       *       *

Sprengelsperger und Anderl waren so schnell, als es die Vorsicht
erlaubte, an das Buchwieser Eck geeilt und standen bald an der
Waldwiese, auf welcher Kaspar den Hirsch geschossen hatte. Wren sie
eine Viertelstunde frher angelangt, so htten sie mit den Tirolern
zusammentreffen mssen; jetzt war es zu spt.

Am End' is da Schu gar net da g'fallen, sagte Anderl; mir is a so
frkemma, als ob's weita weg g'wen waar. Es ko' Di halt tuscht ham,
Lenz.

Na, na, mei Liaba, erwiderte Sprengelsperger, do gibt's koa
Tuschung. Der Schu is do g'wen, und es is aa gar net anderst mgli.
De Lumpen knna beim Mondliacht blo auf an freien Platz schiaen; im
Holz drin geht's net. Und von do bis zu da Kohlhtten hintri is koa
Wiesen mehr. Also hamm s' do g'schossen. I ho's aa so deutli g'hrt,
da koan Zweifi net gibt.

Nacha san ma z'spat kemma, Lenz.

Des sell woa ma no net.

I moa do scho, wann d'Lumpen nimma da san.

La Da no Zeit, und red staader. De Spitzbuam knna vielleicht
z'nachst do sei.

Oder aa net.

Oder aa net, des is richti. Jetzt la mi aba a wengl b'sinna, was ma
am g'scheitesten tean.

Beide schwiegen und sahen auf die mondbeglnzte Wiese hinaus.

Nach einer Weile sagte Sprengelsperger:

Anderl, jetzt woa i's. Mir gengan in Scharergraben hintri.

Fr was denn? Wann ma passen, nacha is do g'scheiter, mir bleib'n do,
wo ma'r alles seh'gn knna, wenn si was rhrt.

Na, sag i, ds hat gar koan Wert net, erwiderte der Alte
entschlossen. De G'schicht is so. I glaab net, da de Lumpen auf a
Reh g'schossen hamm; da is eahna da Platz z'guat, weil s' an Hirsch aa
leicht kriag'n. Bal's aba an Hirsch hamm, nachha san s' no net weit.
Als a ganzer bringa s' 'n net hoam, den massen s' allawei z'legen, und
ds geht net so schnell, do knna ma'r eahna no leicht d'Reib o'lassen,
und ber'n Scharer Graben massen s' kemma. De gengan do mit dem
schwaren Wildpret an nchsten Weg und steig'n net z'erscht no a Stunden
weit auf'n Berg aufi. Und z' frchten hamm s' eahna herunt aa net mehra
als wia drob'n. Bal's aba wirkli so waar, da s' a Reh g'schossen hamm,
nacha san s' no net hoam. Ds g'langt eahna net; do san s' no weita ins
Revier eina. Und grad so is, wann s' vielleicht g'feit hamm; ds kunnt
ja aa sei. Also i sag, ber'n Scharer Graben kemman s' uns allawei,
oder i mat schon gar nix vasteh.

Der Anderl mute ihm recht geben.

Sie gingen eine Strecke zurck, denn Sprengelsperger war der Ansicht,
da sie Zeit genug htten, und da sie einen greren Umweg machen
mten, um ja nicht gehrt zu werden.

Im weiten Bogen umgingen sie das Buchwieser Eck und kamen an den
Scharer Graben. Schritt fr Schritt stiegen sie abwrts und gaben wohl
acht, da sie nicht in das Mondlicht hinaus traten.

Als sie auf der gegenberliegenden Seite die Hhe wieder erreicht
hatten und den Graben entlang schlichen, rumpelte unter ihnen ein Wild
auf und sprang weg.

Die Jger blieben stehen und horchten.

Sie hrten die dumpfen Tritte; kurze Zeit, dann war es still.

Es is net aufwrts, flsterte Sprengelsperger, und mua si scho
wieder niederto hamm. Jetza moan i, kemma ma de Lumpen auf d'Spur.

Sie prschten vorwrts, so zweihundert Schritte.

Und wieder hrten sie deutlich, wie unten im Graben das Wild wegsprang.

Jetzt is de G'schicht oafacher wor'n, sagte Sprengelsperger, des
hamm de Lumpen o'gflickt. Jetz wissen ma's g'wi.

Er hatte recht. Es war der Hirsch, den Kaspar angeschossen hatte.

Soll ma glei do bleiben? fragte Anderl.

Na, mir gengan an Bchsenschu weiter z'ruck, bis zu'n Jungholz. Da
hamm ma'r a guate Deckung.

Moanst, da s' ins kemman?

G'wi aa no. De Tropfen suachen des Stckl, und bal s' auf der Spur
nachgengan, lassen s' ins schnurgrad ani.

Sie versteckten sich im Dickicht und saen hart am Rande des Grabens
auf Baumstcken. Von ihrem Platz aus hatten sie einen guten Ausblick
nach links und rechts; sie selbst waren durch ein paar junge Fichten
gedeckt.

Sie horchten schweigend in die Nacht hinaus; hie und da ertnte der
klagende Ruf einer Eule; sonst war nichts zu hren, als der tiefe
Atemzug des Waldes.

Anderl kmpfte mit dem Schlafe; er war am frhen Morgen zur Prsche
hinaus, war den ganzen Tag herumgelaufen, und hatte obendrein seinen
Besuch auf der Buchwieser Alm gemacht.

Jetzt packte ihn die Mdigkeit, und so oft er sich auch zusammenri,
der Kopf sank immer tiefer herunter, und die Augen fielen ihm zu.

Und dann sah er freundliche Bilder.

Den Sechserbock im Frhlicht, der stattlich ber die Schneise
herberwechselte; ein kapitaler Kerl.

Und das Weibsbild mit den lustigen Augen. Wie sie den Riegel
zurckschob und gleich so vertraut war.

Jetzt muat aba mei Schatz wer'n, Anderl, gelt?

Und eine Hand fate nach der seinen; er wollte sie zrtlich drcken.

Aber das waren harte, knochige Finger. Er fuhr auf und sah den
Sprengelsperger neben sich, der ihn geweckt hatte.

Der Morgen brach an.

Anderl setzte sich gerade und rieb sich die Augen. Er wollte in seiner
Verlegenheit etwas sagen, aber bei der ersten Silbe warf ihm der Alte
einen grimmigen Blick zu und legte den Finger auf den Mund.

Dann beugte er sich vor und horchte.

Kam jemand?

Nein.

Und doch!

Da krachte wieder ein drrer Ast; eine Krhe flatterte auf und flog
kreischend davon.

Und drben trat ein Mensch aus dem Hochholze heraus, ein Gewehr in der
linken Hand, vorsichtig nach allen Seiten hinsphend.

Hinter ihm -- einer -- zwei -- drei.

Herrgottsackerament!

Vier Lumpen, und nicht weiter weg wie achtzig Schritt!

Der vorderste stieg jetzt in den Graben herein.

Sprengelsperger spannte ruhig den Hahn und fuhr langsam auf.

Anderl griff hastiger nach seinem Gewehr; der Bergstock rutschte aus
und stie mit der eisernen Spitze an einen Stein.

Wie vom Blitz getroffen blieb der vorderste Wilderer stehen und sah
herber; die zwei Jger rhrten sich nicht. Da ging er weiter, und die
anderen folgten.

Sprengelsperger und Anderl standen auf, jeder die Bchse im Anschlag.

Und der Alte schrie:

Halt oder i schia!

Teufel! Wie es die Tiroler zusammenri! Wie sie hinuntersprangen! Und
drunten erst eine wilde Jagd! Die einen geradeaus, die andern den
Graben hinauf.

Anderl lie die Bchse sinken. Sollte er schieen? Er schaute den
Sprengelsperger an. Der stand im Anschlage und zielte. Da blitzte es
auf, und einer von den Lumpen strzte im Feuer zusammen.

Sprengelsperger setzte ruhig ab und sagte: Den hat's g'wi. Grad
am Rucksackbutzen is ma da Schu brochen. Warum hast denn Du net
g'schossen?

Ja, i ho ma denkt ... i woa net, weil s' davo g'loffen san.

Waar net schad' g'wen, bal no oaner hi g'wen waar. Aber jetzt is a so
aa recht, sagte der Alte, und keine Miene an ihm verriet Erregung.

Soll'n ma net abi zu dem Kerl? fragte Anderl.

Freili! Da oaner aus'n Dickat rausschiat auf ins! Na, mei Liaba, den
la ma flacken; weh tuat eahm aa so nix mehr. Mir gengan z'ruck. I mua
auf d' Buachwieser Alm, wia's Dei Vata o'gschafft hat, und Du muat
glei hoam und auf Garmisch eini schicken, da a Kommission kimmt.

Ja, i kunnt aa 'r auf d' Buachwieser Alm, balst Du vielleicht liaba
hoamgangst, erwiderte Anderl.

I dank Dir recht sch, aba so is g'scheiter; Dei Muatta werd a so a
bissel Angst hamm und is froh, bal s' Di siecht. Und i mcht Dein Vata
die Meldung glei selm macha, sagte der Alte.

Sie kehrten um und gingen in guter Deckung zurck.

Nach einiger Zeit trennten sie sich; Anderl ging bergab gegen Griesen
zu.

Der Sprengelsperger sah ihm nach und stopfte sich eine Pfeife.

Auf da Buachwieser Alm mua er was hamm, brummte er, heut nacht moan
i, is er aa drent g'wen.

Er stieg langsam bergauf, und seine Gedanken wandten sich dem letzten
Vorfalle zu.

Aber es waren nicht etwa Gewissensbisse, die sich in ihm regten. Er
war durchaus zufrieden damit, da einer von den dreimal verdammten
Spitzbuben ins Gras gebissen hatte; er htte es jetzt nicht anders
gemacht.

Er berlegte nur, ob nicht etwa die Herren vom Gericht sich ber den
Schu Gedanken machen wrden, weil der Lump von hinten geschossen war.

Aber es konnte nicht schief gehen.

Wenn vier beinander sind, kann man nicht warten, bis sie in Sicherheit
sind und dann vielleicht den Stiel umkehren.

Und nicht einer hatte das Gewehr weggeworfen.

Feit si nix, sagte der Sprengelsperger und ging auf die Buchwieser
Alm zu.

Es war noch frh, aber die Sennerin war schon auf.

Als der Alte sie sah, stie er einen leisen Pfiff aus und drckte das
linke Auge zu.

Ds is ja de, wo ma gestern g'sehg'n hamm. Aha! Jetzt woa i, wo der
Schlauberger g'wen is.

Gra Di Good, Sennerin! sagte er laut.

Gra Di Good, Jaga! Wo kimmst denn Du scho so zeiti her?

Vo da Prsch halt. Magst ma koa Milisuppen kocha?

Jo. Hock Di eina!

Sprengelsperger trat ein und sah zu, wie das rstige Frauenzimmer am
Herd hantierte.

Saggera Hosenzwickel, dachte er, der Anderl is no lang net der
Dmmst'. De hat Holz bei da Htten!

Die Sennerin drehte sich um und fragte:

Gel, Du bist vo Griesen?

Ja.

Habt's s mit de Schtzen was z'toa g'habt?

Wer 's'?

No, Du halt, und .. der Anderl.

Der Anderl? Der is ja gar net do. Der is, glaab i, am Sunkenberg
hint.

Na, der is da heroben!

So? Da woa i gar nix. Hast'n denn Du g'sehg'n, Madel?

Ja, gab sie zgernd zur Antwort, vo weiten hon i 'n geh sehg'n.

Vo weiten host 'n g'sehg'n? fragte er und verzog keine Miene dabei,
no, wenn a herob'n is, wer' i 'n vielleicht treffa. Soll i eahm was
ausrichten?

Na. I hab blo g'moant, s seid's mit Schtzen z'sammkemma.

Mit die Schtzen hamm mir 's ganze Jahr nix z'toa, erwiderte
Sprengelsperger treuherzig. De Lumpen kemma Gott sei Dank net zu uns
eina.

I hab aber bei der Nacht schiaen hren.

Ds hat Di hchstens tuscht. Oder es san Leut g'wen, de an Feiertag
no a wengl o'g'schossen hamm. Aba koane Lumpen hamm mir net do herin.

Die Sennerin fragte nicht weiter und stellte einen Weidling warme Milch
auf den Tisch.

Sprengelsperger schnitt sich Brot hinein und a.

Hie und da blinzelte er vergngt auf das Weibsbild hinber, welches am
Herde arbeitete.

Mei liaba Anderl, dachte er, auf de Spur bin i Dir schnell kemma.
Ds mua i Dir amol unter d' Nasen reib'n.

Er blieb noch eine Weile, bis er den Frster ber die Wiese
herberkommen sah. Da stand er auf und nahm kurzen Abschied. Unter der
Tre blieb er stehen und sagte: Du, Madel, balst an Anderl wieder amol
vo weiten siechst, nacha kochst eahm an Schmarren auf. Den it er oamal
z'gern.

Drauen ging er auf Hohenreiner zu und grte ihn. Dabei blinzelte
er mit den Augen; der Frster kehrte um, und sie schritten ruhig und
unauffllig nebeneinander her.

Was is, Lenz?

Oan hat's scho g'rissen.

Wo is der Anderl?

Hoam, da er d' Kommission in Garmisch b'stellt.

Hast Du g'schossen?

Ja.

Hast 'n g'scheit aufi brennt?

Sell wohl. Im Scharer Graben flackt a.

Er erzhlte den Hergang.

Hohenreiner hrte mit gespannter Aufmerksamkeit zu und sparte nicht mit
seinem Beifalle.

Als Sprengelsperger fertig war, fragte er ihn:

Woat g'wi, da der Kerl hin is?

Ja freili woa i's. I hab's gnau gnua g'sehg'n.

Na la' ma'n liegen und gengan abi. I bin aa de ganz Nacht auf g'wen,
und morg'n hamm ma de Lauferei mit der Kommission. Da is g'rad recht,
wenn man a wengl schlafen knna.

       *       *       *       *       *

Den andern Tag kam die Kommission nach Griesen; der Herr Oberfrster
Hofer, der Herr Landrichter Wei, der Herr Bezirksarzt Steiger und ein
Gerichtsschreiber. Sprengelsperger und Anderl wurden sogleich in der
Wohnstube des Forsthauses vernommen. Beide sagten, da sie berzeugt
seien, die vier Wilderer htten nur Deckung gesucht, um dann auf sie zu
schieen. Keiner htte das Gewehr weggeworfen oder sei auf den Anruf
stehen geblieben.

Der Landrichter nahm ihre Aussagen mit Wohlwollen auf und sagte, da er
ihre Befrchtungen ganz begrndet fnde.

Auerdem sei ihm vom Herrn Oberfrster der Sprengelsperger als sehr
ruhiger und pflichttreuer Mann geschildert worden, der gewi seine
Befugnisse niemals berschreiten wrde.

Soweit war es gut gegangen, und der alte Lenz rauchte nach der
Vernehmung seine Pfeife mit grerem Behagen als den Abend vorher.

Die Herren von der Kommission frhstckten und machten sich dann unter
Fhrung des Hohenreiner sowie des Anderl und Sprengelsperger auf den
Weg zum Tatorte. Auerdem nahm man zwei Holzknechte zur Bergung der
Leiche mit.

Auf Ersuchen des Herrn Landrichters, welcher an einer Herzverfettung
litt, wurde der Aufstieg zum Scharer Graben langsam gemacht; endlich
kam man an, und Sprengelsperger bezeichnete zuerst die Stelle, an
welcher er geschossen hatte.

Man sah die Leiche unten im Graben liegen.

Der Landrichter erklrte, da er die Stellung des Toten auch von
oben mit gengender Sicherheit konstatiert habe, und da er es fr
berflssig halte, selbst hinunterzusteigen.

Dies sollte der Herr Bezirksarzt in Begleitung Sprengelspergers tun.

Die beiden schritten abwrts und nherten sich dem Toten.

Aber was war das?

Da lag der Wilderer, just so, wie er hingefallen war, doch der Kopf
fehlte.

Der Kopf war kurzweg abgeschnitten.

Ein grausiger Anblick.

Der Bezirksarzt untersuchte die Leiche; er fand keine Wunde. Die Kugel
mute durch den Kopf gedrungen sein, wenn sie den Toten berhaupt
getroffen hatte.

Auf die sonderbare Meldung hin erklrte der Herr Landrichter, da die
Untersuchung damit beendigt sei; man knne nur feststellen, da der
Rumpf einer mnnlichen Leiche gefunden worden sei. Trotz genauester
Visitation derselben habe sich ber die Herkunft nicht das geringste
ergeben; ebensowenig knnte die Todesursache festgestellt werden.

Die Holzknechte erhielten den Auftrag, den verstmmelten Rumpf
einzuscharren, und die Kommission begab sich mit den Forstleuten nach
Griesen.

Man machte in der damaligen Zeit nicht viele Umstnde.

       *       *       *       *       *

Nun will ich allen glubigen Christen sagen, da sie nicht Angst
haben sollen um das Seelenheil des Josef Gfeiler, weil sein Krper in
ungeweihter Erde begraben liegt.

Ein jeder Tiroler wei, und die anderen Leute sollen es erfahren, da
die Seele des Menschen im Kopfe wohnt.

Darum ging der fromme Jakob Holzweber zur Nachtzeit mit Peter Hosp in
den Graben zurck, und darum trennten sie dem toten Kameraden das Haupt
vom Leibe und brachten es heim nach Biberwiehr.

Hier legten sie eine schwarzgekleidete Strohpuppe in den Sarg und
setzten den Kopf darber.

Alle teilnehmenden Freunde und Verwandten glaubten, da sie die
sterbliche Hlle des so pltzlich verunglckten Josef Gfeiler vor sich
htten, und verrichteten die gebruchliche Andacht vor der Leiche.

Am Sonntage nach Fronleichnam war das Begrbnis.

Und als der Pfarrer die Trauerversammlung aufforderte, ein Vaterunser
fr den Abgestorbenen zu beten, da tat es der Herr Schreinermeister
Holzweber mit einer solchen Inbrunst, da es allen Glubigen zum
erhebenden Beispiele gereichte.




                                Inhalt


                                                   Seite

  Der Postsekretr im Himmel                         5

  Die Hinterseer                                    27

  Peter Spanningers Liebesabenteuer                 39

  Der Kohlenwagen                                   83

  Auf Reisen                                        93

  Auf der Elektrischen                             111

  Der Klient                                       129

  Die Familie in Italien                           141

  Die Interviewer                                  161

  Die Halsenbuben                                  173

  Schneehendlpfeifen                               197

  Die Wilderer                                     215




                              FUSSNOTEN


[A] Prschmann, ein Hundename.

[B] Schelte.




    Anmerkungen zur Transkription


    Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. Text,
    der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua gesetzt
    war, wurde mit _ markiert.

    Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden bernommen nur
    offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt.





End of the Project Gutenberg EBook of Der Postsekretr im Himmel und andere
Geschichten, by Ludwig Thoma

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER POSTSEKRETR IM HIMMEL ***

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

