The Project Gutenberg EBook of Die Hallig, by Johann Christoph Biernatzki

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Title: Die Hallig
       Die Schiffbrchigen auf dem Eiland in der Nordsee

Author: Johann Christoph Biernatzki

Commentator: Heinrich Dntzer

Release Date: August 4, 2015 [EBook #49592]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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Produced by Jens Sadowski





                               Deutsche
                       Hand- und Hausbibliothek

                          Collection Spemann




                              Die Hallig
                                 oder
                  die Schiffbrchigen auf dem Eiland
                            in der Nordsee
                                 von
                           J. C. Biernatzki


             Mit einer Einleitung von _Heinrich Dntzer_

                              Stuttgart
                        Verlag von W. Spemann

                       Alle Rechte vorbehalten.

      Druck der _C. Hoffmann'schen_ Buchdruckerei in Stuttgart.




                             Einleitung.


Auf die weder durch Deiche noch durch Dnen geschtzten ganz kleinen
Eilande an der Westkste Schleswigs, die als _Hallige_ bezeichnet
werden, richtete sich die allgemeine Aufmerksamkeit, als man von der
furchtbaren Sturmflut des 3. Februar 1825 vernahm, welche Kirchen,
Htten und jedes Besitztum weggeschwemmt und die dem Untergang
Entronnenen in solche Not versetzt hatte, da sie auch in weitern
Kreisen zu thatkrftiger Mildthtigkeit antrieb. Als Prediger der
nordwestlichsten dieser Halligen, welche von der im Jahre 1634 durch das
tobende Meer grtenteils verschlungenen umfangreichen Insel Nordstrand,
den Namen Nordstrandischmoor fhrt, wirkte damals Johann Christof
Biernatzki. Er war am 17. Oktober 1795 als Sohn eines Gastwirts in dem
holsteinischen Flecken Elmshorn geboren. Von Jugend an schwach und
krnklich, von den Blattern stark entstellt, kam er erst spt auf das
Altonaer Gymnasium, wo der durch langes Leiden in sich gescheuchte Knabe
eine grndliche Vorbildung empfing. Er war hier Zeuge der Leiden des
benachbarten Hamburg whrend des franzsischen Krieges. Nach
Deutschlands Befreiung widmete er sich zu Jena, Halle und Kiel der
Theologie und den morgenlndischen Sprachen, aber die auf den
Hochschulen herrschende, das Herz leer lassende Behandlung des
Christentums konnte ihn nicht befriedigen. Seine Seele verlangte nach
Erwrmung und Erhebung, die er aus der lebendig aufgefaten Offenbarung
in Gottes Wort und seiner Natur schpfte. Frischer Natursinn begeisterte
ihn, die Schnheit des Deutschen Vaterlandes, (denn als Deutscher fhlte
er sich) und die Wunder der Schweiz aufzusuchen. Als er im Jahre 1821
die Prfung weniger glnzend, als er gehofft, in Glckstadt bestanden,
nahm er die ihm angebotene Stelle als Prediger auf der Hallig
Nordstrandischmoor an, wie kmmerlich und von aller Welt abgeschnitten
auch das Leben der mit Spott oder Mitleid betrachteten Halligpriester
sein mochte. Nordstrandischmoor zhlte auf seiner kleinen
Viertelquadratmeile neun Htten mit etwa fnfzig Einwohnern, die sich
krglich von der Schafzucht nhrten. Die alte Kirche war 1816 von der
Flut weggerissen worden, der die Hallig so sehr ausgesetzt war. Bei dem
hchst schwachen Einkommen hatte der Priester, wie man die Prediger
nannte, auch den Schulunterricht zu besorgen. Alles dies schreckte ihn
nicht ab; er wollte als christlicher Prediger auf seine Gemeinde wirken,
und eine lenkbarere konnte er nicht finden, da auf der Hallig strengste
Sittlichkeit herrschte, dabei aber mute er auf jede erheiternde
Geselligkeit verzichten, da die Bewohner in sich verschlossen, nur dem
Bedrfnis des Tages und dem alten Gotte lebten. Gleich in der ersten
Zeit ri das aufgeregte Meer die neue Kirche weg und beschdigte das
Pfarrhaus, aber glubig hielt der treue Priester aus. Schon zwei Jahre
spter fhrte er in seine bescheidene Wohnung die Geliebte seiner Seele,
Henriette de Vries, die ihn mit einer ihm bald wieder entrissenen
Tochter beschenkte. Die Geburt einer zweiten erfreute ihn unmittelbar
vor der Sturmflut des Jahres 1825, die ihm nur Gattin und Tochter lie,
auch Kirche und Pfarrhaus verschlang, blos der alte goldene
Abendmahlskelch von 1549 fand sich wunderbar erhalten.

Fr Biernatzki war dieses Unglck die Veranlassung nicht allein zu
seiner Versetzung als Prediger der evangelisch-lutherischen Gemeinde in
Friedrichstadt, sondern auch zu seinem ersten Auftreten als Dichter;
denn noch in demselben Jahre lie er sein religises Lehrgedicht, der
Glaube, zum Besten seiner durch die letzte Ueberschwemmung zu Grunde
gerichteten Gemeinde erscheinen. Die Teilnahme war so gro, da noch in
demselben Jahre eine zweite Auflage folgte. Ruhte auch Biernatzki's Muse
nicht, die sich gern in reinen Herzenstnen erging, so trat er doch in
den nchsten neun Jahren nur bei besondern Gelegenheiten ffentlich auf:
das Jahr 1829 brachte das Festgedicht Der Knig und sein Volk, und als
der durch den Pariser Julisturm aufgeregte Freiheitsgeist aus
Schleswig-Holstein und Dnemark ergriff, suchte er durch eine im Druck
erschienene Predigt Die Pflichten des Brgers in einer unruhigen Zeit
christliches Oel auf die brandenden Wogen zu gieen. Bei der allgemeinen
Bewegung trieb es ihn, auch die Form des Romans, dessen
sittenverderblichen Einflu er tief bedauerte, in christlicher und
sittlicher Wirkung zu verwerten. Zehn Jahre nachdem er seine Hallig
verlassen, trat er mit den Erzhlungen Wege zum Glauben oder die Liebe
aus der Kindheit hervor, deren Absicht die nhere Bezeichnung
Wanderungen auf dem Gebiete der Theologie im Modekleide der Novelle
entschieden ausspricht. Denselben Nebentitel fhrt auch die im nchsten
Jahre erschienene Die Hallig, die schon 1840 zum zweiten, 1852 zum
drittenmal aufgelegt, auch ins Englische und Hollndische bersetzt
wurde. Ihr folgt 1839 die einfach als Novelle bezeichnete, von demselben
Geiste durchdrungene, Erzhlung Der brave Knabe oder die Gemeinde in
der Zerstreuung. Im Jahre 1840 wurde Biernatzki auf seinen Wunsch zum
Pfarrer von Rdern in Holstein befrdert, aber schon hatte ihn eine
schmerzliche Krankheit ergriffen, die ihn, ehe er seine neue Gemeinde
bernehmen konnte, am 11. Mai 1840 hinraffte. Seine 1844 gesammelten
Schriften brachten auch eine Novelle Des letzten Matrosen Tagebuch und
seine zum Teil in Zeitschriften zerstreuten Gedichte. Da von diesen,
wie auch von der Sammlung der Werke, eine neue Auflage sich ntig
erwies, deutet auf die Wirkung, welche der frhe hingeschiedene Dichter,
auch im Gedrnge verschiedenster Richtungen, auf empfngliche Gemter
gebt[1].

In seiner Hallig, die uns in den wenigen Monaten vom 9. September 1824
bis zum folgenden 3. Februar eine groe Menge von Ereignissen auf dem
kleinen, einsamen Eilande zeigt, hat Biernatzki seiner frhern Gemeinde
und sich selbst, als Priester und Dichter, ein dauerndes Denkmal
gegrndet, aber auch zum Besten der armen Halligpriester einen nicht
wirkungslosen Mahnruf erlassen. Die gemtliche, in tiefster Seele
wurzelnde Liebe der Bewohner von Nordstrandischmoor zur Heimat, ihre
still zufriedene Beschrnkung, ihr glubiges Vertrauen auf Gottes Wort
als Leitstern in allen Leiden und Nten tritt lebendig hervor, und wir
erschauen, wie gerade die uern Verhltnisse diesen Charakter immer
mchtiger den Halligern aufdrcken muten, die von aller Welt
geschieden, auf dem kleinsten Raum vom Meer beschrnkt, auf den Anblick
dieses gewaltigen Elementes, einer uerst krglichen Natur und der
ewigen Himmelsschrift angewiesen, von einem glubigen, wie sie selbst,
in drftigen Umstnden lebenden Priester geleitet, fast nur durch
schiffbrchige Fremde und die geforderten Abgaben mit der Auenwelt
verbunden waren. Und auf einem solchen Boden mu die echte Treue
wachsen, die sich nur des stillen Genusses freuen will und sich mit
allen Wurzelfasern in den einmal liebgewonnenen Zustand einsenkt. Nur
eine bermchtige Wirkung kann eine solche Treue wankend machen, wie es
Biernatzki auf ergreifende Weise zu schildern wei, so da kaum ein
leiser Zweifel an diese Mglichkeit aufzusteigen vermag.
Unerschtterlicher als die Treue, zeigt sich die Heimatsliebe, der das
unnatrliche Verhltnis weichen mu, zu dem der Verlobte, der so viele
Jahre lang nach seiner Geliebten sich gesehnt, durch einen wunderlichen
Zufall gerade beim Betreten seiner Hallig hingerissen worden. Wenn der
Geliebte, den auf der weiten Erde, die er gesehen, nichts abwendig
machen konnte, in einem unbewachten Augenblick sich vergit, so hlt das
liebende Mdchen unerschtterlich fest an seiner Treue, an seiner reinen
Einfalt und Unschuld; in ihrem Herzen ist Gottes Erdreich.

[Funote 1: Eine Gesamtausgabe der Schriften Biernatzki's ist im Verlag
von Ferd. Riehm in Basel erschienen, welche wir allen Freunden des
Schriftstellers empfehlen.]

Aber der Dichter zeigt uns nicht allein, wie die Hallig auf die
Eingeborenen wirkt, der Aufenthalt auf ihr bewirkt auch die Bekehrung
eines hochgebildeten fremden Kaufmanns, den Gott hier erkennen lt,
was uns Not thut. Dazu mssen freilich andere Umstnde und auch der
Priester mitwirken, aber alles dies beruht doch im Wesen des der
Herrschaft des Meeres unterworfenen Halligs. Hierin wie in der ganzen
Erfindung entwickelt Biernatzki groes Geschick. Nicht weniger zeigt die
Entwicklung der Seelenzustnde einen feinen Beobachter, wenn auch bei
einzelnen Zgen die Absichtlichkeit hervortreten mag. Die grte
Meisterschaft aber bewhrt er in den groartigen Naturschilderungen,
beim Schiffbruche und der Rettung nach der Hallig, bei dem schon gleich
am Anfang angedeuteten, spter so ergreifend in Scene gesetzten
Schicklaufe und zuletzt bei der die unglckliche Geschichte von Godber
und Maria zu einem bei allem Grausigen doch zu einem beruhigenden
Abschlu bringenden Sturmflut.

Neben allem aber tritt die Persnlichkeit Biernatzki's selbst uns in dem
voll ausgefhrten Bilde Holds, zu dem er selbst fast alle Zge geliefert
hat, hchst verehrungsvoll als Muster eines vom innersten Geiste
getriebenen werkttigen christlichen Geistlichen entgegen, das auch
diejenigen ansprechen wird, die eine ganz abweichende Ansicht von der
Offenbarung und der geistigen Bestimmung des Menschen haben, und seinen
Trumen von einer Zeit des Rechtes und der Wahrheit auf Erden eben nur
das Recht eines Traumes einrumen. Freilich mchten manche wnschen, da
die Bekehrungsgesprche nicht einen so breiten Raum einnhmen, besonders
aber, da die eigenen Bemerkungen, mit welchen der Dichter zuweilen
gleichsam mit dem Finger auf die sittliche Verfhrung mahnend hindeutet,
weggeblieben oder, so viel ntig, in die Darstellung verflochten wren.

Auch aus der ganzen sprachlichen Darstellung weht uns ein dichterisches
Gemt entgegen, das lebendig zu schildern, die rechten Farbentne zu
whlen, durch leicht flieenden, treffenden Ausdruck zu fesseln wei, so
da nur hier und da etwas Schleppendes, nie etwas Ungehriges oder die
Reinheit der Sprache Trbendes stren mchte. So ist auch der uern
Form nach die Hallig durchaus der Abdruck einer reinen, wolgestimmten
Seele.

                                                     Heinrich Dntzer.




                                  I.


   Der erste Blick, der auf zum Lichte schaut,
   Der erste schwanke Schritt im Staube,
   Des Mutternamens erster schwacher Laut:
   Giebt's eine Zeit, die sie dem Herzen raube?

An der Westkste des Herzogtums Schleswig finden sich, umflutet von den
Wogen der Nordsee, mehrere Inseln, die als Ueberreste einer
zusammenhngenden Landstrecke, welche dem Meere zum Raube geworden ist,
den Bewohner des festen Kstenlandes daran erinnern, sich mit allen ihm
zu Gebote stehenden Mitteln der Fluten zu erwehren.

Die greren dieser Eilande sind teils durch Deiche (knstliche
Seedmme), teils durch Dnen (natrliche Hhen von Meersand) vor den
Wogen geschtzt, die, tglich mit Flut und Ebbe kommend und gehend,
immer neue Versuche zu machen scheinen, die letzten Brocken ihres groen
Raubes in den gierigen Schlund des Meeres hinunterzuziehen. Bei der Ebbe
geht die See so weit zurck, da ein meilenweiter Schlickgrund
blogelegt wird, der noch in kruselnden Zgen das Bild der Wogen
darstellt, die ihn vor wenigen Stunden berfluteten. Einzelne Rinnen und
andere Senkungen werden aber auch dann nicht wasserleer, und besonders
winden sich fr jene Zeit sichtbar rings um die Inseln die, mit einander
und dem zurckgewichenen Ocean zusammenhngenden, sogenannten Tiefen,
gleichsam Schlangenarme, mit denen der eine Zeit lang an andern Gestaden
kmpfende Riese die nie vergessene Beute umschlungen hlt, da sie nicht
einen Augenblick der Hoffnung sich berlasse, von ihm aufgegeben zu
sein. Diese Tiefen, welche dem einsamen Wanderer, der auf dem weichen,
feinem Futritt fr eine kurze Zeit berlassenen Meeresgrunde Krabben,
Rochen oder einen von dem schnellen Abflu der Wogen berraschten
Seehund sucht, auch bei der hohlsten Ebbe unberschreitbare Grenzen
setzen, verhindern die Verbindung zwischen den Inseln zu Lande selbst
dann, wenn sie am scheinbarsten ist. Nur einzelne kleinere Eilande
erfreuen sich beim Rckgange des Meeres einer kurzen Gemeinschaft mit
einander oder mit dem festen Lande, auch ohne das umstndliche Mittel
der Schifffahrt; aber wehe dem Wanderer, der zu viel dem trgerischen
Riesen vertraute! Dieser kehrt oft mit ungewhnlicher Schnelligkeit
zurck, fhret den Nebel mit sich als Bundesgenossen, und der
Schlicklufer, so nennt man den, welcher die Ebbe zu greren
Wanderungen benutzt, siehet das heimische Gestade vor seinen Blicken
verschwinden, er fhlt die Flut um seine Fe spielen, Entsetzen strubt
sein Haar bei diesem Spiel, er eilt mit Todesangst vorwrts, die schon
ganz gefllten Rinnen versperren seinen Weg, er wendet sich seitwrts,
um sie zu umgehen, er verliert dadurch seine Richtung, luft hin und
her, ist gefangen ohne Ausweg, und mit jedem Augenblick kriecht die Flut
hher an ihn hinan, sein Geschrei verhallt in der groen, weiten
Wasserwste und wird zuletzt von den ihn berrauschenden Wogen ganz
erstickt, die bald seine Leiche bedecken; denn ein tiefflutendes Meer
ist da, wo noch vor Kurzem die Fustapfen des Armen sichtbar waren.

Im Gegensatz der greren, durch Deiche und Dnen gesicherten Inseln
werden die kleineren Eilande Halligen genannt. Eine solche Hallig ist
ein flaches Grasfeld, das kaum zwei bis drei Fu hher liegt, als der
Strand der gewhnlichen Flut des Meeres, und daher, weder durch Kunst
noch durch Natur beschtzt, sehr oft, und besonders in den Wintermonaten
sogar wol zweimal an einem Tage, von der wogenden See berschwemmt wird.
Die bedeutendsten dieser Halligen sind noch keine halbe Quadratmeile
gro; die kleineren, oft nur von einer Familie bewohnten, kaum ein paar
tausend Fu lang und breit; die kleinsten und unbewohnten dienen nur
dazu, ein wenig kurzes und feines Heu zu gewinnen, das aber sehr oft,
ehe es geborgen werden kann, von der Flut weggesplt wird. Das geborgene
Heu wird in Diemen zusammengehuft, ber die ein Flechtwerk von Stroh,
an beiden Enden mit Steinen belastet herabhngt, wodurch sie eine solche
Festigkeit gewinnen, da nur mit eisernen Spaten das zum jedesmaligen
Gebrauche Ntige abgestochen werden kann, und diese Heuberge an der
Seite des Hauses oft noch eine Zuflucht geben, wenn die Mauern vor der
Gewalt der Wellen niederbrechen. Auf knstlichen Erderhhungen oder
Werften stehen die einzelnen Wohnungen, die selten mehr Raum auf der
sich schrge absenkenden Hhe lassen, als zu einem schmalen Gang um die
Htte erforderlich ist. Daher trifft man denn auch auf fast allen
Halligen keinen Fleck Gartenland fr ein wenig Gemse, keinen einzigen
Strauch mit einer erquickenden Beere, keinen Baum zu einem Ruheplatz im
Schatten. Fr solche Gensse mte die Werfte grer sein, deren
Auffhrung und Unterhaltung aber schon, so klein sie ist, mehr Kosten
erfordert, als das einfache Gebude, das darauf steht. Auf der Ebene
sprot der Ueberschwemmungen wegen kein frhliches Gewchs, keine
nhrende Frucht. Sie ist eine Wste, die freilich durch ihr fahles Grn,
das noch dazu vielfach von schmutziggrau berschlickten Stellen
unterbrochen wird, andeutet, wie das gengsame Schaf hier wol seine
sprliche Nahrung finden mag, die aber keineswegs jenen frischen,
duftigen Graswuchs kennt, in welchen sich behaglich die fette Kuh
hinstreckt, oder ber welchem das wiehernde Ro mutwillig hin und her
sprengt. Suchst du sprudelnde Quellen, die einen Labetrunk geben
knnten, da, wo die Sonnenstrahlen, ohne durch eine buschigte
Bltterkrone gebrochen zu werden, auf das matte Grasfeld brennen? Wol
findest du vom Wellenschlag zerrissene Ufer; wol tiefe Einbrche des
Meeres, die sich oft in langen Krmmungen weit in's Land hinein
erstrecken, als wollten sie es in noch kleinere Stcke zerteilen, um
leichter desselben Herr zu werden; wol viele stehende Lachen, ein
Nachla der letzten Ueberschwemmung, zur Erinnerung, da das Land schon
halb dem Ocean gehre und ihm bald ganz zufallen werde: aber
Trinkwasser? Auf der Werfte wird ein Behltnis ausgegraben und ringsum
mit Grassoden ausgesetzt; dahin mag sich Regenwasser von oben her
sammeln oder von den Seiten durchsickern es dient den Schafen zur Trnke
und ihren Herren zur Bereitung ihres Thees, obwol es von dem mit
Meersalzteilen durchdrungenen Boden den widerlichsten Geschmack
angenommen hat, der es fr den nicht daran Gewhnten ungeniebar macht.
Vielleicht bringt auch gar einmal ein Boot ein Tnnchen Wasser mit vom
festen Lande, und in Zeiten der Drre kann solche Zufuhr zur
dringendsten Notwendigkeit werden. _Eine_ Freude hat doch wol der
Halligbewohner: das muntere Treiben eines tglichen und reichen
Fischfangs? Nein, nicht einmal den schnen Anblick eines in hellen,
grnlichen Wellen flutenden Meeres hat er; ein widriges, trbes Gelb in
Grau ist die gewhnliche Farbe der Gewsser um ihn her, und vor dem
Aufenthalt in einer Meeresstrecke, die bei der Ebbe stundenweit ihren
Schlammboden aufdeckt, hten sich die Fische und berlassen gern dem
Seehund und der hlichen Roche allein das wenig einladende Gebiet. Und
dies Meer, das die Halligen umgiebt und so oft berwogt, und das auf
seinen verschiedenen Punkten nach den Namen der im Lauf der Jahrhunderte
darin begrabenen Landstellen und ihrer Eigner bezeichnet wird, dies an
Gaben so arme und an Raub so reiche Meer ist noch dazu fortwhrend ein
Ruber, der bald mit langsamer, still untergrabender Macht, bald mit
wildstrmender Gewalt ein Stck Land nach dem andern von dem Eilande
abbricht, so da der Halligbewohner schon die Jahre zhlen kann, wann
den Htten und den Heerden der letzte Raum genommen sein wird.

Doch glcklich die Hallig, wenn hiemit ihr Bild vollstndig gezeichnet
wre! Aber es bleibt noch eine furchtbare Seite brig. Zur Gewohnheit
sind die Ueberschwemmungen geworden, die, alles flache Land berwogend,
an die Werfte hinaufsteigen und an die Mauern und Fenster der Htten mit
ihrem weien Schaum anschlagen. Da blicken denn diese Wohnungen aus der
weiten, umrollenden Wasserflle nur noch als Strohdcher hervor, von
denen man nicht glaubt, da sie menschliche Wesen bergen, da Greise,
Mnner, Frauen und Kinder unterdessen vielleicht ruhig um ihren
Theetisch hersitzen und kaum einen flchtigen Blick auf den umdrngenden
Ocean werfen. Manch' ein fremdes, aus seiner Bahn verschlagenes Schiff
segelte schon in solchen Zeiten bei nchtlicher Weile ber eine Hallig
weg und die erstaunten Seeleute glaubten sich von Zauberei umgeben, wenn
sie auf einmal neben sich ein freundliches Kerzenlicht durch die hellen
Fenster einer Stube schimmern sahen, die halb von den Wellen bedeckt,
keinen andern Grund als diese Wellen zu haben schien. Aber es bricht der
Sturm zugleich mit der Flut auf das bange Eiland ein. Die Wasser steigen
gegen zwanzig Fu ber ihren gewhnlichen Stand hinauf. Die Wogen dehnen
sich zu Berg und Thal, und das Meer sendet in immer neuen, langen Zgen
seine volle, breite Gewalt gegen die einzelnen Werften, um sie aus
seiner Bahn wegzuschieben. Der Erdhgel, der nur eine Zeit lang zitternd
widerstand, giebt nach; bei den unausgesetzten Angriffen bricht ein
Stck nach dem andern ab und schiet hinunter. Die Pfosten des Hauses,
welche die Vorsicht eben so tief in die Werfte hineinsenkte, als sie
darber hervorstehen, werden dadurch entblt; das Meer fat sie,
rttelt sie. Der erschreckte Bewohner des Hauses rettet erst seine
besten Schafe hinauf auf den Boden, dann sieht er selbst nach; und hohe
Zeit war es! Denn schon strzen die Mauern, und nur noch einzelne
Stnder halten den schwankenden Dachboden, die letzte Zuflucht. Mit
furchtbarem Siegesbermut schalten nun die Wogen in dem untern Teil des
Hauses, sie werfen Schrnke, Kisten, Betten, Wiegen mit wildem Spiel
durch einander, schlagen sich immer freieren Durchgang, um Alles
hinauszureien auf den weitern Tummelplatz ihrer unbndigen Kraft, und
der Sttzpunkte des Daches werden immer weniger, des Daches, dessen
Niedersturz rettungslos einer noch vor wenigen Stunden in huslicher
Geschftigkeit mit einander wirkenden, oder im sanften Arm des
Schlummers neben einander ruhenden Familie ein schumendes Grab
bereitet. Aengstlich lauscht das Ohr, ob nicht das Brausen des Sturmes
abnehme; ngstlich pocht das Herz bei jeder Erschtterung; immer enger
drngen die Unglcklichen sich zusammen. In der Finsternis sieht Keiner
das entsetzenbleiche Antlitz des Andern; im Donnergeroll der tobenden
Wogen verhallt das bange Gesthn; aber Jeder kann an seiner eigenen Qual
die marternde Angst seiner Lieben ermessen. Der Mann pret das Weib, die
Mutter ihre Kinder mit verzweiflungsvoller Todesgewiheit an sich; die
Bretter unter ihren Fen werden von der drngenden Flut gehoben; aus
allen Fugen quellen die Wasser auf; das Dach wird durchlchert vom
Wogensturz; ein irrer Mondstrahl dringt durch die zerrissenen Wolken,
fllt hinein auf die Jammerscene, die, von seinem bleichen, zuckenden
Lichte beleuchtet, in all' ihrer Furchtbarkeit erscheint und die
angstverzerrten Gesichter einander spiegelt. Da kracht ein Balken. Ein
furchtbarer Schreckruf! Noch eine martervolle Minute! Noch eine! Der
Dachboden senkt sich nach einer Seite; ein neuer Flutenberg schumt
herauf, und im Sturmgeheul verhallt der letzte Todesschrei. Die
triumphierenden Wogen schleudern sich einander Trmmer und Leichen zu.

Dennoch liebt der Halligbewohner seine Heimat; liebt sie ber Alles, und
der aus der Sturmflut Gerettete baut sich nirgends sonst wieder an, als
auf dem Fleck, wo er Alles verlor, und wo er in Kurzem wieder Alles, und
sein Leben mit, verlieren kann.

Wir bewundern den Sohn der afrikanischen Wste, der sein Zelt aufschlgt
unter der Glut einer versengenden Sonne, in der Mitte einer
unbersehlichen, brennenden Sandstrecke. Er hat doch ein weites Gebiet,
das er nach allen Richtungen hin auf seinem flchtigen Renner
durchstreift. Er hat doch seine Oasen, diese Inseln des Sandmeeres, wo
er im Schatten der Palme die Quellen sprudeln hrt und Lieder singt zur
Ehre der Wste, oder den wunderreichen Erzhlungen eines vielgereisten
Karawanenfhrers horcht. Die Heimat, die er liebt, ist doch nicht ohne
Abwechslung, sein Leben nicht ohne Vernderung. Er schleppt sich nicht
hin in steter Einfrmigkeit des Daseins, findet doch Raum fr seine
Kraft, und hat doch Fernen, denen der Reiz der Neuheit nicht ganz fehlt.
Der Halligbewohner bersieht mit einem Blick alle seine nahen Grenzen,
sein Thun und Treiben ist dasselbe einen Tag wie den andern, auer da
eine seltene Fahrt ihn zum Verkauf der Wolle seiner Schafe nach dem
festen Lande fhrt; und er fhlt sich bei seiner Abgeschiedenheit vom
Menschenverkehr fremd unter Fremden, sobald er seine Scholle im Meere
notgedrungen einmal verlassen hat. Alle seine Freuden und Gensse
bleiben wie seine Arbeiten in einem kleinen Umfang beschrnkt, ohne
lebhaften Reiz, ohne die Spannung einer Ungewhnliches erwartenden
Aussicht. Ein bei der geringen Zahl der Bewohner oft erst nach Jahren
auf der Hallig wiederkehrender Hochzeitstanz gehrt zu seinen hchsten
Vergngungen.

Die Gefahren selbst, denen der Halligbewohner ausgesetzt ist, entbehren
den einzigen Reiz, den die Gefahr haben kann, den Gegenkampf. Mag der
Sand der Wste, vom Sturm aufgewirbelt in die Wolken, als sollte das
Gewlbe des Himmels auch eine Sahara werden, daherjagen und Zeltdrfer
und Karavanenzge in sein heies, erstickendes Bett begraben: die
Mglichkeit der Flucht ist doch gegeben, und die Menschen versuchen auf
Rossen und Kamelen mit dem Sandsturm in die Wette zu jagen; und oft
gelingt es ihnen, dem drohenden Verderben zu entgehen. Der
Halligbewohner hat seinen Feind rund um sich; erhebt _der_ sich in
seiner schauervollen Macht, so mu er, hlfloser als ein Kind auf dem
Wege des tobenden Stieres, sich diesem Gewaltherrscher hingeben und
zitternd erwarten, ob er mitleidig schonend vorberziehe oder in blinder
Wut alles niederwlze; er mu Leben oder Tod als ein willenloses
Schlachtopfer annehmen, ohne Hand oder Fu zur vllig unmglichen, weder
Gegenwehr noch Flucht zu regen. Verstand und Kraft sind ihm unntz; nur
Ergebung ist sein Loos in dem vollen Bewutsein seiner Ohnmacht.

Und nicht etwa die Unbekanntschaft mit den Vorzgen anderer Lnder ist
es, was dem Halligbewohner seine Heimat lieb macht. Nein, er hat die
fruchtbarsten, reichsten Strecken vor seinen Augen. Hinter den Deichen
des festen Landes in seiner Nhe ist ein Boden, der seinen Bewohnern
einen Ueberflu bietet wie wenige Lnder der Erde ihn haben. Da reift
das schwere Korn; da streckt sich der breite Stier in den duftigsten
Klee; da erheben sich groe und schne Bauernhfe, deren Bewohner, mit
allen Genssen des Lebens vertraut und im Gefhl ihrer Wichtigkeit, mit
Stolz sich Bauern nennen. Oft auch, und frher noch mehr als jetzt,
fhrt den Halligbewohner in seiner Jugend und Mannheit der Dienst auf
Schiffen in ferne Lande. Durch seine Gengsamkeit und Rechtlichkeit auch
in der Fremde schwingt er sich zum Schiffsherrn auf; die reichsten
Handelspltze, die herrlichsten Gegenden werden ihm bekannt wie die
eigene Heimat. Aber er hat Alles gesehen, Alles verglichen, und -- Alles
vergessen. Er kehrt mit seinem Ersparten heim zu seinem geliebten
Eilande, heim zu diesem trostlosen Boden, zu diesem gefahrvollsten Fleck
der Erde, zu dieser Oede voll Entbehrung und Entsagung, und dankt Gott,
da seine Hallig noch nicht weggesplt ist; und kaum hat er sich da
wieder eingerichtet, so ist er in seinem Wesen und seinen Neigungen wie
Einer, der nie die Welt sah.

Es ist auch nicht die Freiheit, die dem Halligbewohner seine kleine
Heimat, wie dem Mauren die Wste, zum Paradiese macht. Er fhlt vielmehr
den Druck der Civilisation mit Abgaben, Zllen und dergleichen, und
benutzt dagegen wenig von ihren Vorteilen: von Sicherheit des Eigentums,
-- ihn schtzt ja schon genug seine Armut und seine Wogengrenze -- von
allgemeinem Verkehr, -- zu ihm fhrt keine gebahnte Strae, -- von
vermehrten Kenntnissen, -- zu ihm verirrt sich selten eine andere
Schrift als Bibel und Gesangbuch, -- von heiteren Knsten, -- die Kunst
dringt nicht zu seinen Htten. Nicht einmal die Geselligkeit, die er
haben knnte, gilt ihm etwas. Er ist meistenteils wenig gesprchig, lebt
gern auf seiner Werfte fr sich, und obwohl sein Prediger oder Priester,
wie er ihn nennt, von ihm sehr geehrt wird, so gelingt diesem doch nicht
leicht, es zu einer herzlichen Gemeinschaft zu bringen; da er, besonders
bei dem weiblichen Geschlecht, auer im Religisen, den vlligen Mangel
eines Anknpfungspunktes an seine Bildung erkennen mu, und seine
hochdeutsche Sprache ihn der friesisch sprechenden Gemeinde entfremdet.
Nur auf diesen Eilanden hat nmlich das Friesische, das dem Englischen
nahe verwandt ist, und worauf der deutsche Sprachforscher mehr, als
bisher, sein Augenmerk richten sollte, noch fast seine ganze
Eigentmlichkeit sich bewahrt, whrend es auf den Ksten des festen
Landes schon nahe daran ist, in ein bloes Gemisch auszuarten.

Eine dieser Halligen, von welchen wir im Obigen ein allgemeines und der
Wahrheit getreues Bild zu zeichnen versucht haben, ist der Ort der
nachfolgenden Handlung. Sie war damals, im Sommer des Jahres 1824, von
ungefhr fnfzig Menschen in neun Htten, auf sechs ber die Flche
einer kleinen Viertelmeile zerstreuten Werften bewohnt, welche sich
durch Schafzucht krglich, aber fr die geringen Bedrfnisse
ausreichend, nhrten. Eine, wenig vor den andern Wohnungen
ausgezeichnete, neue Kirche, nachdem 1816 die alte, und 1821 wieder eine
eben aufgebaute vom Meere weggerissen war, diente den gottesdienstlichen
Versammlungen der frommen Gemeinde.




                                 II.


   Das schlanke Schiff mit seinen weien Schwingen
   Durchschumt die Wogen, strebt hinauf, hinab;
   Auf Abgrunds Tiefen mu es vorwrts ringen:
   Der Weg zum Hafen fhrt ja ber's Grab.

Es war ein stiller, heiterer Nachmittag am 9. September 1824; der klare
Himmel spiegelte sich in der glatten Flut des Meeres, das eben nur durch
solchen Wiederschein sich heute schner als sonst malte, so rein und
deutlich ab, da selbst das duftigste Wlkchen, das einen leisen
Schatten auf seine Klarheit geworfen htte, auch auf dem Gegenbilde
sichtbar geworden wre; aber weder Wolkenstreifen noch kruselnde Wellen
trbten das lichte Blau.

Maria sa mit ihrer Mutter, einer betagten Witwe, in der kleinen,
niedrigen Stube ihrer Wohnung beim Spinnrade. Die hchste Reinlichkeit
und die blau und rot gemalten Wnde und Fensterbnke, die mit blankem
Messing gezierte Lade, die den Hausschatz von Leinenzeug, Feierkleidern
und seidenen Tchern enthielt und zugleich in einem Schiebfach einzelne
Kleinodien an goldenen Ringen und Ketten barg, die der Halligbewohner so
sehr liebt, gaben dem Ganzen ein freundliches Ansehen, wozu die mit
vielfarbigen Malereien geschmckten Thren der Wandbetten besonders
beizutragen bestimmt schienen. Freilich waren die mit losen Kissen
belegten Sthle und der Tisch, der durch seine Gre den Raum der Stube
sehr beengte, nur von ungefrbtem Holze und verdankten ihre Politur
allein dem bestndigen Gebrauch und der fleiig reinigenden und
glttenden Hand. Selten unterbrach ein einzelnes Wort aus dem Munde der
fleiigen Spinnerinnen die Stille, welche nur von den schnurrenden
Rdern mit ihrer eintnigen Geschftigkeit belebt wurde. Eben so still
sa der weie Schferhund auf der Fensterbank und blickte mit seinen
hellen und klugen Augen durch die kleinen, in Blei gefaten Scheiben
unverwandt auf das Meer hinaus, ohne da sich doch dort irgend Etwas
gewahren lie, das seine Aufmerksamkeit so rege erhalten konnte.

Doch auch Maria warf zuweilen, wenn ihre Arbeit es erlaubte, einen Blick
auf die See. Denn nach neunjhriger Abwesenheit sollte endlich in diesen
Wochen Godber wiederkehren, der nach weiten Seereisen zuletzt von
Hamburg aus geschrieben, wie er sich ein kleines Kapital erworben, um
seine vterliche Stelle auszulsen, und nun sich sehne, zu seiner Hallig
und zu seiner Maria zurckzukommen. Ihm war sie schon, nach der
Gewohnheit des Landes, seit ihrer frhesten Kindheit verlobt und hatte
ihm still und treu eine Liebe bewahrt, die freilich von jener
ungeduldigen Leidenschaftlichkeit, welche Viele ihrer Zeitgenossinnen
als eine notwendige Eigenschaft der Liebe zu betrachten scheinen, weit
entfernt war, die aber nichtsdestoweniger durch ihre Tiefe und Innigkeit
sich mit dem ganzen Dasein Maria's verschmolz, jede andere, auch nur
flchtige Neigung gnzlich ausschlo und allen Gedanken und Empfindungen
der Jungfrau die bestimmteste und entschiedenste Richtung auf ihre
Pflichten als die Braut und knftige Gattin Godber's schon lngst
gegeben hatte und erhielt. Wohl kam in den Briefen Godber's Manches vor,
das weit ber die Fassungskraft seiner einfach erzogenen Braut hinaus
war, und sie konnte sich einer heimlichen Scheu vor ihm, der so Vieles
gesehen und gelernt haben mte, da er so berklug zu schreiben
verstnde, nicht immer ganz erwehren; aber er hatte doch auch wieder des
Glckes gedacht, wenn er nun die Welt gleichsam hinter sich abschlsse
und allein fr seine Hallig und seine Maria lebe, um all' das bunte und
wirre Wesen und Treiben, das ihn ganz anwidere, auf dem kleinen,
friedlichen Raume, an der Seite einer geliebten, gleichgesinnten Gattin
zu vergessen. In solchen Aeuerungen fand ihr Herz sich heimatlich. Sie
zauberten ihr ein Morgenrot lieblicher Hoffnungen herauf, vor dem sie
die ihr fremde Frbung anderer Stellen seiner Briefe leicht bersah.

Heute mu er kommen, sprach sie zu ihrer Mutter, mir ahnet so etwas.

Dabei aber spann sie eben so emsig fort wie sonst; denn sie, wie ihre
Schwestern alle auf jenen Eilanden, wute nichts von einer Liebe, die
untreu macht den nchsten, bescheidenen Pflichten des Berufs.

Heute mchte ich Godber lieber nicht auf der See wissen, meinte die
Mutter, denn es ist ein Sturm im Anzuge. Hrst du nicht, wie die Mven
schreien?

Mutter, rief Maria, das thut der liebe Gott nicht! Ich habe ja so
fleiig gebetet, und Er hat mir ein so gewisses, frhliches Herz
gegeben, da ich wei, Er thut es nicht.

Was thut er nicht? fragte die Mutter.

Er lt keinen Sturm kommen, Godber zu verderben. Er lt nur die Winde
los, da sie die Segel straffer fllen und ihn recht schnell heimtragen
zu mir -- zu uns.

Er mache es nach seinem Wohlgefallen, sagte andchtig jene. Was Gott
thut, das ist wohlgethan! -- Komm, der Spitz ist schon vom Fenster
gesprungen und wartet voll Unruhe auf uns. La uns die Schafe
eintreiben, ehe das Wetter hereinbricht.

Und sie gingen hinaus auf das Feld, wo der Hund, der schon lange, sei es
durch seine Beobachtung der gewhnlichen Vorzeichen, oder durch die nur
seinen reizbaren Nerven merkliche Vernderung der Luft, die Witterung
von dem kommenden Sturm gehabt hatte, in raschen Sprngen vor ihnen
voraus eilte und mit eifrigem Bellen die Schafe zusammen- und
entgegentrieb. Schon gingen in einzelnen Sten die ersten Boten des
Sturmes ber die Wellen hin. Diese rauschten unmutig auf und sanken
langsam wieder herab, als seien sie zu trge, um sich zum Kampf zu
erheben. In Sdwesten stand noch die Abendsonne, aber nur nach oben hin
warf sie ihre Strahlen. Unter ihr war ein dunkles Gewlke
hervorgetreten, dessen Rand in gelbgrauen Farben spielte und das beinahe
eine Viertelstunde lang weder in der Hhe, noch in der Breite wuchs,
sondern gleichsam nur als Vorwacht ber die See hinlugte. Pltzlich
rauschte ein neuer strkerer Luftstrom daher, der aber mit noch
unsicherem Fu ber das Meer wandelte, so da nur hier und da eine
einzelne Welle vor ihm aufschumte; und Alles ward wieder still. Nun
aber, wie gehoben von einer nachdrngenden Macht, tauchten schwarze
Wolkenmassen empor und verhllten das Antlitz der Sonne. Immer schneller
und heftiger folgten die Windste einander, immer unruhiger schttelten
die Wogen das dunkle Haupt. Da streckte sich das dstere, schwere
Schattenbild am Rande des Horizonts zu langen Armen aus, die immer
weiter und weiter ber den noch lichten Himmel streiften, und deren
mchtige Schatten ber den Ocean hinjagten. Auf diesen Armen, wie auf
ihm gebahnten Straen, flog der Sturm daher in seiner Kraft, neigte sich
zum Meere nieder und die furchtbare Schlacht begann. Die Wellen wogten
in breiten, gewaltigen Reihen auf, als wollten sie die Wolken in ihre
Tiefe niederziehen; aber der Sturm peitschte sie wieder von ihrer Hhe
herab, da sie, vor Grimm schumend, gleich strzenden Gebirgen
niederbrachen, um mit neuer Wut nur noch hher sich zu erheben; und
immer rasender sauste der Sturm, und immer hohler rollten die Wogen mit
dumpfem Rauschen.

Unterdessen war eilig die kleine Herde auf die Werfte getrieben und
Maria wandte nun erst wieder den besorgten Blick auf das Meer, das
bereits ber das Land hinausgetreten war und die einzelnen Htten durch
seine Wellen von einander trennte. Da sah sie, und ihr Herz schlug hher
auf, einen weien Punkt, der bald auf dem Schaumrande einer
hochbrausenden Woge keck dahertanzte, bald, in den schwarzen Abgrund
niederfahrend, sich ihrem Auge entzog, als wolle er nimmer wiederkehren.
Ein Schiff, Mutter! rief sie, und dachte an Godber. Auch die Mutter
heftete teilnehmend ihren Blick nach der bezeichneten Gegend, wo sie
aber anfangs mit ihren vom Alter geschwchten Augen nichts entdecken
konnte. Aber nher und nher kam es; erst wie ein weier Fittig, der
einer verspteten Mve anzugehren schien, die bald einen Ausweg durch
das dunkle, drckende Gewlbe ber ihr zu suchen bemht war, bald in die
verschlingenden Wellen untertauchte. Allmhlig entfalteten sich die
Formen von Segeltchern, dann wurden die Masten sichtbar und endlich
konnte man den ganzen schnen Bau beobachten, wie er jetzt, vllig auf
eine Seite gelehnt, den vollen Bogen des straffen Leins zu den Wogen
niedersenkte, und jetzt, wenn diese wie im kindischem Spiel den
flchtigen Ku den Segeln gegeben, wieder gerade sich aufrichtete, und
wie ein stolzer Sieger, der seinem glorreichen Grabe jauchzend
entgegeneilt, in die Tiefe hinabschwebte. Aber immer tauchte wieder der
leichte Kiel mit seinen glatten Wnden und seinen schlanken Masten, mit
seinem vielfach, aber in fester Ordnung verschlungenen Tauwerk und
seiner vom Meeresgru dunkler gefrbten Segelflle aus dem Ocean hervor
und wiederholte stets auf's Neue denselben Auf- und Niedergang, dabei
mit mannigfacher Wendung einen scheinbar regellosen, aber von erfahrener
Hand geleiteten Weg durch die zahlreichen Untiefen jenes Fahrwassers
verfolgend.

Sie haben einen guten Steuermann, sagte die Mutter; und: Godber!
tnte es leise von Maria's Lippen nach.

Jetzt machte das Schiff eine neue Wendung, die es glcklich durch zwei
einander beinahe berhrende Untiefen hindurchbrachte, und trat aus dem
schumenden Schwall der brandenden Wogen eben siegesfroh in die dunklere
Flut hinein.

Steuer in Lee! kreischte die Mutter, als knnte sie mit ihrem im Sturm
verhallenden Kommando das Schiff regieren; aber links drehte es sich und
jeden Augenblick erwarteten die ngstlichen Zuschauer, da es nun an die
ihnen bekannte gefahrvolle Stelle kommen wrde, wo es bei der geringsten
Abweichung zur Linken oder zur Rechten auf den dort zu beiden Seiten der
Tiefe mehr als anderswo erhhten, jetzt freilich auch von der Flut
berdeckten Grund stoen mute. Doch pltzlich fielen alle schon lange
gerefften Segel gnzlich von den Masten ab, da diese mit ihren nackten
Spieren verdorrten Fichten glichen, durch die die Wucht des Sturmes
unschdlich hinstreift, und das schwankende Schiff bewegte sich langsam
in einem Halbkreis herum, so da das Boogspriet nun gegen den Wind
stand, nachdem es so lange die Richtung mit dem Winde angedeutet.

Sie haben Anker geworfen; rief Maria erfreut, und die alte kundige
Witwe bemerkte:

Wenn sie, wie ich glaube, nach Husum wollen, so knnen sie nun wieder
mit der eintretenden Ebbe in den rechten Kurs kommen, von dem sie vor
dem Sturm zu weit nach Norden abgetrieben sind.

Von ihrer Furcht fr die Seefahrer befreit, gingen die Beiden in ihre
Wohnung. So lange die Tageshelle es erlaubte, warf Maria noch manchen
Blick aus dem Hinterstbchen zu dem Schiffe hinber, das bei nun
eingetretener Ebbe ruhig auf seinem Platze liegen blieb, ohne da man
vom Lande aus irgend eine Bewegung auf demselben bemerken konnte. Als
die Abenddmmerung die Aussicht hinderte, spann sie wieder ungestrter
an der Seite ihrer Mutter fort, wobei zwischen den Beiden Manches ber
die Aussteuer und knftige Einrichtung verhandelt wurde. Denn auch die
Mutter war durch Maria's Zuversicht allmhlig mit dem Gedanken vertraut
geworden, da Godber auf dem Schiffe sei. Mit freundlichen Hoffnungen
gingen sie dann, spter als sonst, zur Ruhe; jedoch nicht eher, als bis
sie andchtig mit einander mit folgendem kurzen, kunstlosen Versgebet
sich dem Schutze des Hchsten empfohlen:

   In Sturm und Wellenbraus
   Behte Gott, mein Leben
   Und um mein schwaches Haus
   La Deine Engel schweben,
   Da sich die wilden Wogen scheu'n
   Wie Lmmer vor dem starken Leu'n.

   Doch hast Du andern Sinn,
   Naht mir ein jhes Ende:
   So nimm mich gndig hin
   In Deine Vaterhnde;
   Und Todesflut und Christi Blut
   Mach' es mit meinen Snden gut.




                                 III.


   Das Meer ist hier und dort
   Wie's woget und wie's weht,
   Gehorsam seinem Wort,
   Ein See Genezareth.

Wenden wir uns nun zu dem Schiffe, das, von des Ankers Zahn gehalten,
sich auf seiner gewhlten Stelle von den Wellen schaukeln lie, um das
Aufhren des Sturmes zu erwarten. Godber war wirklich, wie Maria es
geahnt hatte und wie die kundige Fhrung des Schiffes in diesen
Gewssern es erwarten lie, auf demselben als Steuermann, und auer ihm
befanden sich der Kapitn und vier Matrosen am Bord, nebst drei
Passagieren: Herr Mander, Kaufmann aus Hamburg, zugleich Eigentmer der
Ladung, und seine schon erwachsenen Kinder, ein Sohn: Oswald, und eine
Tochter: Idalia. Nicht um der Geschfte willen, sondern allein den
Bitten seiner Kinder zu Gefallen, die von einer Seetour sich das grte
Vergngen versprochen, hatte Mander die Reise unternommen.

Die Hoffnung des Kapitns, auf die, von der Mutter Maria's angegebene
Weise seinen Kurs wieder zu gewinnen, wurde getuscht. Denn als nach
einigen Stunden die Ebbe wieder eintrat, lief das Wasser wegen des
fortdauernden Sdwestwindes mit so geringer Strmung ab, da es nicht
mglich war, mit Hlfe derselben das Schiff gegen den Wind
aufzuarbeiten, wodurch auch die Absicht Godber's, der gerade jenen
Ankerplatz vorgeschlagen, weil der Zug der abflieenden Wasser dort
sonst besonders stark trieb, vereitelt wurde. Nun trat der gefhrliche
Uebelstand ein, da das Schiff, auf seiner Stelle notgedrungen
gefesselt, bei der Ebbezeit mit seinem Boden manchen schweren Sto gegen
den Meeresgrund auszuhalten hatte. Als darauf, nach Verlauf einiger
erwartungsvoller Stunden, die Flut wiederkehrte, und mit ihr der Sturm
in noch grerer Wut ausbrach, zeigte es sich bald, da einige von jenen
Sten gelste Fugen Wasser sogen. Jetzt galt es, einen entscheidenden
Entschlu zu fassen, da auch die Dunkelheit der Nacht die Gefahr noch
vermehrte. Die angefangene Beratung zwischen Kapitn und Steuermann
wurde wider ihren Willen nur zu schnell beendigt. Ein furchtbarer Sto,
der das Schiff in allen seinen Teilen erschtterte, als sollte es auf
einmal ganz aus einander gehen, deutete auf einen unerwarteten Fall.

Die Ankerkette ist gebrochen! Dieser Schreckensruf gab die Lsung des
Rtsels. Die Taue auch? schrie der Kapitn. Diese, viel schwcher,
aber lenksamer und dehnbarer, als die eiserne Gliederreihe, hielten
freilich fr den Augenblick noch an zwei kleinen Ankern, es war aber zu
erwarten, da der nchste Windsto auch diesen letzten Halt nehmen
wrde. Alle Segel auf! alle Lappen bei! die Anker gekappt! war nun,
nach schneller Uebereinkunft der Sachverstndigen, das nchste Kommando;
und, die ganze Wucht des Sturmes in seine weiten Fittige fassend, die
schumenden Wogen wie ein leichtes Schneegewlk auseinander stubend,
flog das Schiff dem Strande zu. Ueber diesen waren freilich die Wellen
auch schon wieder mit der Flut hinbergegangen; aber der so ganz kundige
Mann am Steuer wrde, obwohl die Dunkelheit die Werften nicht mehr
deutlich erkennen lie, ihn nicht verfehlt haben. Allein zu viel war den
Masten zugemutet. Sie bogen sich, als htten sie noch ganz die zhe,
elastische Kraft, mit der sie frher auf den Bergen der Heimat die
Gewalt der Strme tuschten; sie strebten vorwrts, als wollten sie den
schweren Leib des Schiffes weit hinter sich lassen; doch schon kndeten
immer hellere verdchtige Laute eine Ueberspannung ihrer Krfte. Der
Ruf: Alle Beile, alle Messer zur Hand! fhrte die Matrosen auf ihre
Posten, wo sie in ngstlicher Erwartung, mit gehobenem Arm horchten auf
das nchste Kommando. Krach! Krach! ging es pltzlich, Sturmgeheul und
Wogengebraus bertnend, durch alle Teile des Schiffes, und die ganze
volle Takelage schmetterte schrge auf das Vorderende nieder und tauchte
seitwrts in die Wogen hinab, da die untern, gebrochenen Enden der
Masten sich aufwrts kehrten. Kappt! Um Gotteswillen, kappt, kappt!
gellte die Stimme des Kapitns den Matrosen zu, die, obgleich vom Sturz
der Masten das Schiff im ersten Augenblick so tief in die Flut
hineingedrckt wurde, als sollte es nie wieder aus dem Abgrund sich
erheben, mit bewundernswrdiger Gewandtheit, getrieben von dem
Bewutsein, da ihr Leben von der schnellen und sichern Ausfhrung
abhinge, dem Befehl volle Genge leisteten. Da schwankte denn in dem
nchsten Momente das ganze Segelwerk, das eben noch mit seinen vollen,
weiten Schwingen und den khnen Masten so stolz sich zu heben und so
anmutig sich zu neigen wute, eine wirre und schlaffe Masse auf der
dunklen Oberflche des Meeres dahin, und das vllig seines besten
Schmuckes und seines fhrenden Zuges beraubte Schiff ward, ein
willenloser Spielball der gewaltigen Wogen, hin und her geschleudert. Es
war aus einem scheinbar belebten Wesen voll Zier, Mut und Strke, zu
einem stumpfen, toten Holze, zu einem lecken Wrack geworden.

In dieser Lage muten die, deren Leben nun in offenbarer Gefahr
schwebte, einen Entschlu fassen. Sollten sie erwarten, wie der Kampf
enden wrde, den Sturm und Flut um das entmastete Schiff fhrten, das
diese, immer unaufhaltsamer eindringend, in ihre Tiefe zu ziehen suchte,
jener, es immer gewaltsamer vor sich herschleudernd, auf Untiefen zu
zertrmmern drohte? Sollten sie es fr mglich halten, mit dem leichten
Boote, da die Schaluppe an ihrem Platze, am Fu des groen Mastes, vom
Sturz desselben zerschmettert war, die Kste zu erreichen und auf der
berschwemmten Hallig in der Finsterni an eine Werfte zu gelangen? Die
Reisenden forderten dringend diesen Versuch. Jede Aenderung war ihnen
eine Lebenshoffnung; auf dem Schiffe zu bleiben, schien ihnen der
gewisseste Tod. Dem Kapitn erlaubte es sein Pflichtgefhl nicht, so
lange noch eine Planke zusammenhielte, seinen Posten zu verlassen. Er
wollte aber auch seinen Passagieren nicht widerstreben, und berlie es
daher seinem Steuermann, wenn dieser die Mglichkeit der Rettung auf dem
Boote fr wahrscheinlicher halte, als auf dem rasierten und noch dazu
lecken Schiffe, Jene an's Land zu bringen. Godber, vertrauend auf seine
genaue Kenntnis des Fahrwassers und der Hallig, verstand sich dazu, und
ihm schlossen sich zwei Matrosen an, die, gleichwie die Andern an aller
Rettung verzweifelnd, dennoch es vorzogen, einen letzten Kampf um ihr
Leben zu wagen und kmpfend unterzugehen, als sich auf dem Wrack
unthtig und kraftlos dem Verderben hinzugeben. Konnte bisher noch eine
Hoffnung da sein, das Schiff auf die eine oder die andere Weise vom
gnzlichen Untergang zu retten, so mute diese, so schon auf das
schwchste Vielleicht gesttzt, vllig wegfallen in dem Augenblick, da
Godber, der allein mit dieser See voll Strmungen und voll Untiefen
Vertraute, dasselbe verlie. Ihm selbst flog dieser Gedanke durch den
Sinn. Schon wollte er von dem bernommenen Rettungsversuch zurcktreten;
aber die flehend bittende Idalia stand vor ihm, und -- jede andere
Bedenklichkeit mute schweigen. Die Heckjolle wurde daher vom Spiegel
des Schiffes in's Meer gelassen, von den drei Seeleuten mit Leichtigkeit
bestiegen, und mit erfahrener Gewandtheit an die Leeseite herumgebracht.
Aber es bedurfte einer vollen halben Stunde, um die Andern nur erst in's
Boot hinein zu bringen; denn das leichte Fahrzeug flog bald auf dem
schumenden Kamm einer Welle weit vom Schiffe ab, bald wieder, der
niederrauschenden Woge nach, mit solchem Schwung auf dasselbe zu, als
sollte es im nchsten Augenblick daran zerschellen. Daher muten die
Passagiere nach mancherlei Versuchen, die eben so oft die Furcht, als
der Mangel an Gewandtheit vergeblich machte, zuletzt an Seilen
heruntergelassen werden, und schwebend, von den am Schiffe brandenden
Wogen berschumt, erwarten, bis das Boot wieder unter ihnen war. Wurden
sie dann auch nur eine halbe Minute zu spt niedergelassen, so tanzte
das Boot schon wieder fern von ihnen auf den schwindelnden Hhen eines
Wasserberges, oder war in den Hohlen ihrem Blick entzogen, und sie
tauchten in die Salzflut unter. Mander und Oswald, deren Hoffnung, sich
auf der Jolle zu retten, bei dieser nicht erwarteten Schwierigkeit, sie
nur zu besteigen, gnzlich dahin war, fgten sich doch willenlos allen
Anordnungen. Idalia, erschreckt durch solche Vorkehrungen, weigerte sich
lange, ihrem Vater und Bruder zu folgen, und die Ungeduld, die ihr
Zaudern erregte, war wohl eine Mitursache, da, als sie sich endlich
entschlossen hatte, das Seil, welches sie so lange halten sollte, bis
das Boot sie aufgenommen, den Hnden der Matrosen auf dem Schiffe
entglitt und sie in's Meer hinabstrzte. Godber aber, der kein Auge von
ihr gewandt, sprang sogleich in die brausenden Wogen nach und hielt sie
mit starkem Arm empor. Doch auch der fertigste Schwimmer wrde einem
solchen tobenden Meer keine Beute entrissen haben. Glcklicher Weise
gelang es den Leuten im Boote, das Ende des Seils zu fassen, welches um
Idalia's Schultern gegrtet war, und so wurden Beide an Bord gezogen.

Bei diesem Aufenthalt und dieser alle Sinne in Anspruch nehmenden
Thtigkeit war es nicht leicht, die rechte Richtung nach dem kleinen
Fleck Landes, von dessen Auffinden ihre einzige Hoffnung abhing, wieder
zu gewinnen. Nur Godber, dem die Lage der Huser auf der nahen Hallig
genau bekannt war, und der whrend des Tages fast keinen Blick von der
lieben Heimat gewandt hatte, vermochte in der trben Finsterni, die
Alles einhllte, an einzelnen ihm allein bemerkbaren, dunkleren Flecken
sich zu vergewissern, welche Richtung einzuschlagen sei. Ein
gegenseitiges: Lebewohl! und: Beht' euch Gott! riefen sich die
Abfahrenden und Zurckbleibenden noch zu, und bald hatte sie die dunkle
Nacht und die wogende See so weit von einander geschieden, da kein
Zusammentreffen, wenn es auch versucht worden wre, mehr mglich war.
Mander sa mit Oswald und Idalia platt auf dem Boden des Bootes, und
diese drei schreckten nur dann und wann in die Hhe, wenn eine
aufbrandende Woge ihren Schaumwall ber das Boot hinschleuderte und es
in die Tiefe hinunterzuschwemmen drohte. Die Matrosen ruderten, obwohl
hoffnungslos, doch mit ruhiger, gleichmiger Anstrengung, als ob keine
Todesgefahr sie umgebe. Godber fhrte mit kraftvollem Arm das Steuer, in
knstlichen Wendungen dem Abbruch der niederstrzenden Flutmassen
auslenkend, und den am wenigsten gefhrlichen Weg durch die wogenden
Thler und auf den schwankenden Hhen mit dem Scharfsinn und der
Erfahrung eines auf den Wellen grogewiegten Seemanns fr sein schwaches
Fahrzeug suchend. Dabei beachtete er mit durchdringenden Augen sorgsam
die Ferne, wenn eine Welle, die das Boot emportrug, eine weitere
Aussicht als von Woge zu Woge mglich machte. Aber die Finsterni
lagerte sich immer dichter und undurchdringlicher ber das tobende Meer
hin, und nur an dem krzeren Schlag der Wellen unterschied er nach zwei
Stunden der angestrengtesten Arbeit seiner Ruderer und der
ungeduldigsten Aufmerksamkeit von seiner Seite, da das Boot auf das
berschwemmte Land der Hallig gekommen sei. Ein unter dem Wasser
verborgener Pfahl oder Ueberrest einer alten Werfte konnte jetzt den
Nachen kentern und Allen Verderben bringen. Mit dem gespanntesten Blick
forschte Godber daher nach beiden Seiten hin, ob nicht ein Streif hohler
gehender Wogen ihm einen schmalen Seearm bezeichne, von dem er wute,
da er sich an dieser Seite des Landes weit in dasselbe hinstrecke. Gott
schrfte seinen Blick und leitete sein Steuer. Er fand jene Einfahrt, wo
dem minder Kundigen Alles ein Wogenschwall zu sein schien. Nun forderte
er den jungen Mander auf, das Steuer zu nehmen. Dieser aber war gnzlich
von Todesangst erstarrt und aller Kraft des Handelns vllig beraubt, da
er bei dem Anruf regungslos sitzen blieb. Williger fand Godber den
Vater, der wenigstens halb bewutlos sich zum Steuer hinsetzte, aber
auch wohl ohne Nachhlfe der Matrosen, die mit ihren Rudern zur Lenkung
der Jolle beitrugen, wenig geleistet haben wrde, die schnell auf
einander folgenden Befehle Godber's, der sich auf das Vorderende des
Nachens mit einem langen Handstock gestellt hatte, rasch in's Werk zu
setzen. Da Niemand auf dem Boote Kunde hatte von der Einfahrt, in
welcher es sich nun fortbewegte, sondern Alle meinten, noch die tiefe
See um sich zu haben, so verstand auch Keiner den Zweck der Anordnungen
Godber's, seiner bald rechts bald links gebietenden Befehle; aber der
alte Mander gehorchte wie ein Sklave, der sich kein eigenes Denken und
Wollen erlauben darf, die Matrosen als Leute, die gewohnt sind, ihr
eigenes Urteil ganz dem strengsten Gehorsam unterzuordnen. Auf diese
Weise ging es bald mit dem Winde, bald hart an dem Winde noch anderthalb
Stunden fort, ohne da sie darum eine bedeutende Strecke vorwrts
gekommen wren, denn die oft so pltzlichen Wendungen brachten immer
einige strende Verwirrung in den Gang des Bootes, und die Krfte der
Ruderer waren beinahe erschpft. Da fhrte eine neue kurze Wendung das
Fahrzeug wieder in eine andere Richtung, und als ob sie pltzlich fast
ganz aus dem Bereich des Windes herausgekommen wren, hrten sie nur
noch sein Sausen, fhlten es aber nicht mehr, und die Wogen, deren
Rauschen noch beinahe lauter als vorher an ihr Ohr schlug, spielten doch
viel ruhiger um den Nachen. An dieser Stelle konnte der kleine Anker
wohl halten, den sie auf Godber's Befehl sogleich auswarfen und die
Ruder einlegten.

Staunend ber die rtselhafte Vernderung ihrer Lage, blickten die
seeerfahrenen Matrosen und der alte Mander, whrend seine Kinder sich
erst allmlig aus ihrer starren Angst erhoben, in die Nacht hinaus; aber
Alles um sie her war so schwarz verhllt, da sie kaum sich einander,
viel weniger irgend Etwas auerhalb des Bootes erkennen konnten, und
fragend wandten sich Alle an Godber. Er allein, der sie so wunderbar
gefhrt, mute Auskunft geben knnen. Wir sind zur Stelle! rief
dieser, sprang auf Idalia zu, lste das Seil, mit dem sie noch immer
umgrtet war, von ihren Schultern, schlang das eine Ende um seinen Leib,
band das andere Ende in einem Ring der Jolle fest, lehnte seine Stange
schrge aus von dem Boot und sprang mit einem mchtigen Satz in die
Finsternis und in die Wogen hinein. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr
Allen. Dann standen sie einige Minuten lang in stummer Erwartung, wie
dies ihnen ganz zwecklos dnkende Wagestck Godber's enden werde. Schon
gaben sie ihn verloren, und damit sank wieder jede Hoffnung, aus dem
Schrecken dieser Nacht gerettet zu werden. Pltzlich schallte ein lautes
Halloh! Halloh! wie aus den Wolken her ber sie hin. Die Matrosen
antworteten unwillkrlich dem ihnen gewohnten Ruf, obwohl sie nicht
begreifen konnten, woher die Stimme so nahe, und doch wieder so hoch von
oben her, als ob ein Riese neben ihnen stnde. Vergebens strengten sie
ihre Blicke an; ihr sonst so scharfes Auge fr alle Gegenstnde auf dem
Meere sah Nichts, als die undurchdringlichste Nacht. Wieder gingen
einige Minuten der gespanntesten Erwartung vorber. Siehe, da glnzte
pltzlich ein freundliches Licht durch die Fenster einer friedlichen
Wohnung dicht ber ihnen auf sie herab, und nach dem ersten regungslosen
Erstaunen begrten die Matrosen dessen Erscheinen mit einem jubelnden
Hurrah! whrend die Andern mit Thrnen der Freude einander in die Arme
sanken. Die ganze Lage der Dinge war jetzt klar. Der Nachen ankerte
neben einer bis zur halben Hhe von den Fluten bedeckten Werfte und ward
durch dieselbe und die darauf stehende Wohnung vor dem Winde geschtzt,
whrend noch rings umher der Sturm in gleicher Strke auf den Wellen
tobte und scheinbar noch wilder brauste, indem die an der Werfte vorbei
brandenden Wogen eine kleine Strecke hinter dem Boote gegen einander
aufwirbelten. Das eine Ende des Seils, das Godber mit hinaufgenommen,
hatte er schon an den Thrpfosten befestigt, zog daran das Fahrzeug so
nahe wie mglich zu sich und bildete damit zugleich eine ausreichende
Handhabe fr die Aufsteigenden, so da in wenigen Augenblicken sich alle
in dem sichern Schutz des Hauses befanden.

Hier mit der gutmtigsten Gastfreiheit aufgenommen und mit dem
geschftigsten Eifer erquickt, gewannen sie Zeit, ihrem frohen Erretter
den freudigsten Dank darzubringen, den die Matrosen mit einem warmen,
festen Hndedruck und einem: Du bist ein braver Steuermann! kurz und
bndig abmachten. Der alte Mander sagte ebenfalls nur wenige Worte und
sa dann stumm und sinnend da. Oswald konnte nicht Redensarten genug
finden, um seine Dankbarkeit auszusprechen, dabei war er lustig wie ein
Kind, lachte und scherzte ber die geliehenen Kleider, in die sie
angethan waren, und die freilich nicht eben im Modeschnitt anpaten,
aber doch eine behagliche Wrme den Durchnten bereiteten. Idalia, die
sich im Nebenzimmer umgekleidet, trat jetzt herein, und whrend Oswald
sie jubelnd umfate und sich totlachen wollte ber ihren Anzug, in
welchem, wie er meinte, sie notwendig auf dem nchsten Maskenball in
Hamburg Furore machen msse, starrte Godber sie als eine Erscheinung an,
die mit dem seligsten Entzcken alle seine Nerven durchbebte. Sie war
eine Jungfrau seiner Heimat. Dies glattgescheitelte Haar, von der
kleinen Haube nur ein wenig bedeckt, dieses grne Mieder mit seinen
kurzen Aermeln, dieses nachlssig in einen Knoten geschlungene Tuch von
bunter Seide, dieser gestreifte Rock, der nicht so lang war, die blauen
Strmpfe zu verbergen, dieser Anzug hatte die prunkschtige
Grostdterin zu einer bescheidenen Erbin seines Stammes umgeschaffen.
Aber diese hohe, weie Stirn, diese glnzend braunen sprechenden Augen,
diese feinen Gesichtszge und die zartgerteten Lippen und Wangen, diese
lieblich gerundeten Arme mit der kleinen zierlichen Hand: nein! sie war
das himmlische Bild einer irdischen Tochter der Hallig. Er war noch
verloren in ihrem Anblick, als Idalia sich endlich frei machte von den
Spssen ihres Bruders und nun, von ihrem lebendigen Gefhl hingerissen,
Alles um sich her vergessend, auf Godber zueilte, mit dem
leidenschaftlichsten Ungestm sich an seine Brust warf und ihn mit ihren
Thrnen und ihren Kssen bedeckte. Er war ihr ja nachgesprungen in die
grausige Tiefe; er hatte durch seine kluge und khne Fhrung sie und
ihren Vater und Bruder gerettet! Wie konnte sie daran denken, da die
ungehemmte Aufwallung ihrer Dankbarkeit die Grenzen berschritt? Wie
konnte sie, die nie gewohnt war, ihre Lebhaftigkeit nur aus Rcksichten
auf Andere in das Geleis des Gewhnlichen zu zwingen, in diesem
Augenblick zurckhaltender sein, als das Gefhl ihres Herzens sprach?
Einen Geist, wie der ihre war, der jeden Funken der Empfindung sogleich
zur hellen Flamme anfachte, hatten die Stunden der Schrecknis auf die
furchtbarste Hhe der Angst gesteigert, und so mute ihn auch die Freude
der Errettung Alles berwltigend fortreien. In den sesten Tnen, die
kaum zu Worten wurden, und die sich in immer von Neuem wieder
hervorbrechende Thrnenstrme auflsten, dankte sie Godber fr ihr
Leben; und so oft ein Gedanke ihr den Tod in den tobenden Fluthen wieder
vormalte, dem sie entgangen, schauderte sie vor dem Schreckensbilde
zusammen und klammerte sich fester um den Hals des Retters, als sollte
er sie noch einmal aus der grauenvollen Tiefe ziehen. Und Godber -- da
stand der mnnlich schne Jngling mit bebendem Entzcken, wie Einer,
dem pltzlich die Pforte eines neuen, nie geahnten, seligen Daseins
aufgethan ist. Ach! der Hoffnungsstern der armen Maria war untergegangen
in der Stunde, in welcher endlich ihr langersehnter Verlobter den
heimischen Boden betrat.




                                 IV.


   Bringst Du zur Heimat wieder
   Die alte Lieb' und Treu',
   Dann la Dich frhlich nieder,
   Es grt Dich Alles wieder
   Mit alter Lieb' und Treu'.

Am andern Morgen war der Himmel klar und heiter. Hinter dem Deiche des
festen Landes tauchte eben die Morgensonne empor und warf neugierig ihr
Strahlenauge ber die Halligen hin, um nach den Verwstungen der
vergangenen Nacht zu sehen und zu fragen, ob noch Wesen brig geblieben,
die ihres Lichtes sich freuten. Das Meer flo still und friedlich in
seiner gewohnten Bahn und schien den Menschen, in deren Ohr noch das
Wogengebrause der letzten Stunden nachklang, lchelnd zu sagen: Ihr habt
nur getrumt!

Godber, welcher trotz der Anstrengung, zu der ihn die im vorigen Kapitel
beschriebenen Gefahren gentigt hatten, wenig Ruhe fand, trat vor die
Thre der freundlichen Wohnung. Die verschiedenartigsten Gefhle
bestrmten sein Herz. Da lag vor ihm der Boden seiner Hallig, nach dem
er an den blhenden Ksten Italiens, auf den reichen Fluren Hollands mit
solchem Heimweh sich gesehnt; der Boden, auf dem er allein sich
glcklich fhlen konnte, von dem sich jetzt wieder loszureien ihm eine
Unmglichkeit gewesen wre. Fr diese Heimat hatte er in der Fremde
gestrebt und gedarbt; der Gedanke an sie hatte ihn gespornt zur
unermdlichsten Thtigkeit, zum willigsten Gehorsam, zum ngstlichsten
Eifer in Erfllung aller seiner Pflichten; hatte ihn ferngehalten von
allen Vergngungen seines Standes, ihn rastlos gemahnt zum sparsamsten
Haushalt. Jeder neue Beitrag zu seinem kleinen baaren Schatz, den er
stets bei sich getragen und daher auch jetzt gerettet, war immer der
Anfang eines lieben frohen Traumes von der Wiederkehr gewesen, dem er
sich an solchen Tagen oft Stunden lang in der Einsamkeit hingegeben. Nur
seine Begierde, sich zu unterrichten, sein Streben nach einer Bildung
ber seinen Stand hinaus, konnte ihn verfhren, seinen Schatz zuweilen
fr diesen Zweck anzugreifen; aber er darbte dann auch nur desto
sorglicher, um solche Ausgaben bald wieder zu ersetzen. Nun hatte er es
erreicht. Dort stand seine vterliche Wohnung. Schauer des Entzckens
rieselten durch sein Gebein; Thrnen der Freude brannten auf seinen
Wangen. Wer, selbst nicht Halligbewohner, diesen nackten Fleck, auf dem
das sprliche Gras von der letzten Ueberschwemmung her noch in
schlammigter Gltte niederlag, mit seinen tief ausgefurchten und
zerlcherten Werften angesehen und dazu noch der vergangenen Nacht
gedacht htte, die alle Lebendigen auf dieser Scholle im Meere dem
Wellentode so nahe gebracht, der wrde nie geahnet haben, da _diese_
Heimat des Jnglings Freudenthrnen hervorgerufen. Aber Godber hatte um
dieses Anblicks willen neun Jahre hindurch ein Leben voll Anstrengungen
und Gefahren, voll Entbehrungen und Entsagungen ertragen; und htte er
zwanzig Jahre so geduldet und gelitten, ihn wrde die Wiederkehr auf
diese Flur damit nicht zu theuer erkauft dnken.

Und doch, ganz rein war seine Freude nicht. Er konnte sein Kniee nicht
beugen vor dem Gott, der ihn gndiglich behtet und heimgefhrt zu dem
Lande seiner Vter. Htte er es doch gethan! Vielleicht wrde er dann
ganz sein altes Herz wiedergefunden haben. Es wren die eitlen Trume
von ihm gewichen. Das Gelbde der Treue wre der frommen Maria bewahrt
und Idalia's verfhrerisches Bild htte seinen Zauber verloren.

In jedes Menschen Leben tauchen wohl solche Zauberbilder auf, die ihm
die innere Klarheit trben und den hellen Blick rauben fr die nchste
Pflicht; die, wenn sie nicht bloe Trume der Phantasie sind, sondern
vielmehr durch auerordentliche Lagen und Verhltnisse hervorgerufen
wurden, ihm als Bestimmungen seines Geschicks erscheinen. Sie gaukeln um
seine Seele wie ladende Boten eines Genusses, von dem ihn nur kleinliche
Rcksichten und Mangel an Selbstvertrauen bisher zurckhielten, und der
ihm gewi ist, wenn er es nur wagen will, sich in seiner Kraft zu
erheben. Sie malen ihm eine Zukunft vor, gegen die Alles, was ihm
ruhiges Beharren in dem gewhnlichen Gleise, treues Festhalten frherer
Grundstze, williger Gehorsam unter dem seither dafr gehaltenen Gesetz
Gottes zu bieten vermag, matt und farblos, ja seiner unwrdig vorkommt.
Es ist ihm zu Mute wie Einem, der nur den Fu vorwrts zu setzen
braucht, um einer langen Knechtschaft zu entfliehen, um in ein Paradies
einzutreten, dessen Pforte er nur zu lange schon sich selbst eigensinnig
verschlo. Er fragt sich, warum er nicht die schwachen Riegel, Pflicht
und Gewissen, ganz zurckschieben solle? Ja, es will ihn bednken, als
seien die Riegel nur ein Ammentraum, dem er entwachsen, oder als habe er
jetzt erst in Wahrheit erkannt, was Pflicht und Gewissen eigentlich von
ihm fordern. In solchen Zeiten hat der Mensch in sich selber Nichts, was
ihm einen Halt geben oder zum Wegweiser dienen knnte. Er hat gleichsam
den gewohnten Boden unter seinen Fen verloren, auf dem er sonst mit
Sicherheit auftrat; ihm ist das Ziel seines ganzen frheren Lebens
verrckt und seine Gedanken und Empfindungen sind doch noch nicht
heimisch geworden in der neuen Aussicht. Darum hat er keine andere
Hlfe, als die von Oben kommt. Er richte sein Sinnen und Denken hinauf
zu der festen Burg des klaren Rechtes; er hafte mit Blick und Herz an
dem ewigen Worte des Richters der Lebendigen und der Toten; er lasse die
Welt mit ihren Trumen einen Augenblick hinter sich und versenke mit
voller Hingebung sich in das Anschauen Dessen, der die fromme Brust
durch Seinen heiligen Geist zu einer Sttte der Gemeinschaft erwhlet
des Himmels und der Erden. Und dieser Geist wird ihm die Erleuchtung
bringen, deren er bedarf. Die Nebelgestalten werden von ihm gewichen
sein, wenn er wieder zurckschaut auf seinen Pfad. Er wird sie erkennen
als Schatten einer im Hintergrunde lauernden Snde und nun klar seinen
Weg wissen und ihn mit Zuversicht wandeln.

Aber Godber betete nicht, und sein Auge und seine Seele verfinsterten
sich, als sein Blick flchtig auf Maria's Wohnung hinstreifte. Es
ergriff ihn ein Gefhl wie Gewissensangst; aber er scheute sich vor
einer klaren Rechenschaft vor sich selbst und ward froh, als die
Erinnerung an das im Sturm verlassene Wrack und die darauf gebliebenen
Leute alle andern Gedanken verdrngte. Rasch wandte er seine forschenden
Blicke nach dem westlichen Ende der Hallig und -- da lag das Schiff
gekentert nicht weit vom Strande. Er eilte geflgelten Schrittes darauf
zu. Sein Weg aber fhrte ihn an Maria's Wohnung vorber, und es wurde
ihm unheimlich um's Herz, als er in die Nhe derselben kam; sein Blut
flog rascher in den Adern und frbte seine Wangen rter. Er trat
unwillkrlich leiser auf, als frchtete er, die Verlobte mit dem
Gerusch seiner Tritte aus einem Hoffnungstraume zu wecken und in die zu
seiner Freude noch geschlossene Thr zu rufen. Wie er vorbei war, fiel
ein Stein von seiner Brust, ohne da er bedachte, wie wenig mit einer
solchen kurzen Frist gewonnen sei. Jetzt fesselte wieder das Wrack seine
ganze Aufmerksamkeit, und bald hatte er das Ufer erreicht. Doch
vergebens strengte er seine Augen an, er sah keine menschliche Gestalt.
Er watete so weit als mglich auf den Schlick hinaus, lie sein
schallendes Halloh ertnen; Niemand antwortete. Stumm und unbeweglich
lag der jetzt so formlose Bau vor ihm, den frher, als er noch in seiner
Schne mit entfalteten Schwingen die Wogen rauschend durchschnitt, laute
und frhliche Thtigkeit belebte. Godber mute sich, nach wiederholten
Versuchen, einen Gegenlaut hervorzurufen, von dem unglcklichen
Schicksal seiner frheren Gefhrten berzeugen. Es drngte sich ihm die
Vorstellung auf, ob es ihm nicht besser gewesen wre, in den Wellen,
gleichwie sie, begraben worden zu sein, als mit dem Bewutsein einer
doppelten Untreue zu leben: gegen ein Schiff, dessen Steuer ihm
anvertraut gewesen war, und das er, wie jeder Seemann das seine, gleich
einer Braut geliebt hatte, und gegen die Verlobte seiner frhesten
Jugend. Lange starrte er mit trbem Sinnen vor sich hin, bis beim
Rckblick auf die Begebenheiten der vergangenen Nacht Idalia's Bild vor
ihn hintrat und alle seine Gedanken und Empfindungen allein auf sich
zog. Es ergriff ihn eine unbeschreibliche Sehnsucht, sie wieder zu
sehen. Er klagte sich an, ihren Morgengru nicht erst erwartet zu haben
und lenkte seine Schritte eilig zurck.

Achtlos wre er an der Wohnung seiner Verlobten vorbergegangen, aber --
da ffnete sich die Thr; Maria trat mit ihrem Wassereimer heraus. Ihr
erster Blick fiel auf Godber. Rasch warf sie ihren Eimer hin, sprang die
Werfte hinab, flog jubelnd auf ihn zu und mit einem freudigen Godber,
Godber, bist du da! ergriff sie seine Hand, die er ihr mechanisch
entgegenstreckte. Htte er sie an seine Brust gezogen, sie wrde seinen
Ku ohne Ziererei empfangen und wiedergegeben haben. Da er es nicht
that, verstimmte sie aber keineswegs; denn an eine ruhigere Aeuerung
der Liebe, als die grere Leidenschaftlichkeit der Bewohner des festen
Landes in solchen Verhltnissen sie zult, war die Tochter der Hallig
gewhnt. Wute sie doch, da er ihr treu geblieben sei; und wenn er es
auch nicht geschrieben htte, er war ja ein Sohn ihrer Heimat, auf der
Untreue unter den in frher Kindheit schon Verlobten eben so unerhrt
ist, als unter Gatten.

Wo kommst Du aber heute her? Wir erwarteten dich erst morgen von Husum;
denn, nicht wahr? Du warst auf dem Schiff, das wir gestern in der Ferne
ankern sahen? -- Wo ist denn das Schiff geblieben? Mit diesen Worten
sah sie nach der Ankerstelle, nach der sie gestern mit so sehnschtiger
Hoffnung hingeblickt hatte.

Da! sagte Godber und streckte seine Hand seitwrts aus nach dem Wrack.

Herr Gott! schrie Maria auf und wre nun fast an die Brust des
Geliebten gesunken. So kmpftest Du mit dem Tode, whrend ich so ruhig
von Dir trumte! Wir hrten wenig vom Winde in der Vorderstube und
meinten, der Sturm habe lngst ausgetobt. Ich sagte es der Mutter wohl,
da wir ein Licht in die Hinterkammer setzen sollten; ich htte gern
dabei gewacht. Sie aber meinte, es knnte die in dieser Gegend fremden
Schiffer irre machen und lachte mich aus, weil ich so gewi wissen
wollte, da Du auf dem Schiffe seist. Und nun seid Ihr doch gestrandet!
Ach! was hast Du wohl ausgestanden! und wie htte ich geweint, wenn Du
umgekommen wrest. Gewi, ich wre auch gestorben! und dabei deckte sie
die Augen mit ihrer Schrze und weinte vor Angst und vor Freude.

Godber zitterte wie ein Verbrecher. Die Thrnen des Mdchens fielen wie
glhende Tropfen auf seine Seele. Einen Augenblick kehrte sein frheres
volles Gefhl fr sie wieder zurck. Er umfing sie mit seinen Armen,
prete sie heftig an sich, und als sie mit ihren blauen, feuchten Augen
so voll Liebe zu ihm aufblickte, war Idalia's Bild ganz aus seinem
Herzen verschwunden. Aber Maria ri sich schnell von ihm los und rief:

Armer Godber! wie zitterst Du! Komm doch geschwind in's Haus. Der Thee
soll gleich fertig sein. Wie die Mutter sich freuen wird, wenn Du vor
ihr Bett trittst! Bist Du allein gerettet?

Diese Frage fhrte Godber's Gedanken schnell wieder zu Idalia hin. Er
fiel wieder in seinen frhern Kaltsinn gegen Maria zurck und sprach
hastig und in abgebrochenen Stzen:

Es sind noch Andere gerettet. -- Leb' wohl! -- fr jetzt! -- Ich mu
Bescheid bringen wegen des Schiffes.

Warte doch! entgegnete Maria. Wo sind sie? Ich gehe mit Dir. La'
mich nur erst der Mutter Nachricht bringen.

Damit sprang sie frhlich die Werfte hinauf und kam in wenigen
Augenblicken wieder zu Godber, der regungslos und in dumpfer
Verzweiflung auf dem Flecke geblieben war.

Sie gingen nun mit einander. Er mit trben Sinnen und einsilbigen
Lippen; sie mit leuchtenden Augen und mit einer muntern, ihr sonst ganz
ungewhnlichen Geschwtzigkeit. Sie hatte ihm ja so Viel zu erzhlen,
wie sehr sie sich nach ihm gesehnt, wie sie bei allen Arbeiten seiner
gedacht, wie fleiig sie gesponnen fr die Aussteuer, und sie rechnete
ihm dabei jedes einzelne Stck des knftigen Haushalts vor, das sie
teils von der lieben Mutter mitbekomme, teils selbst verfertigt habe.
Godber war zu Mute, als ob ein ngstlicher Traum ihn immer fester umwob
und sein Herz einschnrte; sie aber erzhlte weiter, wie sie so oft den
lieben Gott gebeten, ihn glcklich heimzufhren; mit welcher Zuversicht
sie auf die Erhrung ihres Gebetes vertraut; mit welcher Inbrunst sie
nun dem Vater im Himmel danken wolle fr Seine Gte und Barmherzigkeit,
der aber nicht bse werden msse, wenn sie jetzt vor lauter Frhlichkeit
noch nicht zu einem rechten vollen Dankgebet kommen knne. Wenn sie so
mit kindlich frommer Herzlichkeit bald mit Gott sprach, bald mit Godber
von dem ersten gemeinsamen Kirchgang, dann fiel es ihm wie Felsenlasten
auf die Brust und wie Bleigewicht in seine Fe; er mute still stehen
und Atem schpfen und seine Kniee drohten einzusinken. Maria bemerkte
es; aber die wahre Ursache nicht ahnend, fate sie ihn mit der
zrtlichsten Besorgnis am Arm und schalt, da er die Erquickung in ihrem
Hause verschmht. Er sei ja noch so angegriffen und es sei
unverantwortlich, da er sich nicht erst gehrig ausgeruht; aber:

Warte nur, fgte sie hinzu, nun sollst Du auch in den ersten vierzehn
Tagen nicht vom bequemen Lehnstuhl aufstehen. Ich will Dich pflegen wie
ein Schokind. In des seligen Vaters Schafpelz mit seiner wollenen
Nachtmtze ber den Ohren sollst Du wohl wieder warm werden.

Nein, es ist abscheulich, wie Du Deine Gesundheit durch Deine trotzige
Weigerung, bei uns einzukehren, auf's Spiel gesetzt hast! sagte sie im
Ernst zrnend und halb weinend, als sie zu dem schmalen Balken kamen,
der, ber den dort noch 16 Fu breiten Seearm gelegt, freilich nur einem
auf solchem Schwindelpfad gebten Halligbewohner ein Steg heien konnte,
da er, um die Schafe zu hindern, nur die scharfe Kante dem Fue darbot.
Maria war wie im Tanze hinbergehpft; Godber folgte ihr nur langsam und
schwankend nach.

Als sie in das Haus eintraten, fanden sie Alle um den groen Tisch beim
Frhstck, dessen ganzer Aufsatz freilich nur in Thee mit Schwarzbrot,
Butter und Schafskse bestand. Idalia trug noch die Kleidung der Hallig;
doch hatte sie mit erfinderischem Sinn und geschmackvoller Auswahl dem
Anzug, ohne Nachteil seiner Eigentmlichkeit, manchen ihm frher
fehlenden gewinnenden Reiz gegeben. Ihr Haar, obwohl von der Stirn
weggescheitelt, war doch nur in so weit unter die kleine Haube
aufgebunden, da noch mehrere Locken ber die Schultern hinfielen. Sie
hatte auch aus dem Schmuckkstchen der Familie, dessen reiche Flle ihre
Erwartungen bei weitem bertraf, die lange goldene Kette geborgt, die
jetzt von ihrer Brust glnzte, als oben weit und nach unten zu immer
krzer geschnrtes Band das Mieder zusammenhaltend, nach der Weise, wie
beim Brautputz solche Ketten auf den Halligen getragen werden. Die
groen, ebenfalls goldenen Medaillons, die sonst wohl noch darber
hngen, hatte sie mit besserm Geschmack unbenutzt gelassen. Bei Godber's
Eintritt stand sie rasch auf und trat mit dem unwiderstehlichsten
Liebreiz in allen ihren Zgen ihm entgegen, nicht mehr mit der Alles
vergessenden Leidenschaftlichkeit von gestern, sondern mit einem
Lcheln, in welchem das Bewutsein sich auszudrcken schien, da sie ihm
gefallen msse. Man wrde aber Idalia Unrecht thun, wenn man ihr
Benehmen gegen Godber als leere Gefallsucht auslegen wollte. Nein,
ungewohnt, die Verhltnisse zu beachten, oder die Folgen zu bedenken, wo
ihre Neigung sprach, gab sie sich auch jetzt ihrem Gefhle ganz hin; und
dies Gefhl war mehr als Dankbarkeit gegen den Retter ihres Lebens, es
war, wenn nicht volle, zu jeder Aufopferung fhige Liebe, doch eine
Aufwallung von Liebe mit allen Ansprchen, welche die wahre Liebe auf
den geliebten Gegenstand macht. Sie wollte gefallen, um sich des
Jnglings Herz zu gewinnen, fr den so Viel in ihrem Herzen sprach; und
fern war sie dem Gedanken, ihn nur als Sklaven ihrer Laune an den
Triumphwagen ihrer Reize zu fesseln, obwohl ihr ganzes Benehmen von
einer Absichtlichkeit geleitet wurde, zu welcher sonst nur eine Kokette
und nie eine wahrhaft Liebende fhig ist. Godber hing mit stummem
Entzcken an dem Anblick der lieblichen Erscheinung. Festgebannt auf der
Stelle, wo er stand, sah er sie mit einem Blicke auf sich zuschweben,
der alle Tiefen seiner Seele durchdrang. Wie sie nun seine Hand fate,
sie an ihre Brust drckte und mit schmelzenden Tnen und dem traulichen
Du fragte: Godber, mein Retter, wie konntest Du uns so frh verlassen
ohne meinen Dank fr den Morgen zu erwarten, den ich ohne Dich nie
gesehen? Da wre er fast ihr zu Fen gesunken, und Idalia feierte den
vollstndigsten Sieg, der ihr, wie das zufriedene Lcheln um ihre Lippen
verkndete, auch nicht unbemerkt blieb. An ihrer Seite mute er sich
niedersetzen, whrend Maria, scheu und verlegen und pltzlich verstummt
in der Nhe der Fremden, ihr gegenber kaum sich zu setzen wagte und nur
halbe Blicke zu Idalia aufrichtete, deren zarte Schnheit und deren ihr
wohl bekannte und doch wieder fremdartige Tracht ihre ganze
Aufmerksamkeit auf sich zog. Sie konnte sich eines unheimlichen Gefhls
nicht erwehren, das mehr war, als bloe Befremdung ber die
ungewhnliche Erscheinung und ber das zutrauliche Benehmen der Fremden
gegen Godber. Sie mute unwillkrlich die bei weicher Flle schlanken
Formen und die blendenden Reize Idalia's mit dem eignen, von der Sonne
gebrunten Antlitz, den von anstrengender Arbeit zeugenden Armen und
Hnden und der gedrungenen, nur Rhrigkeit und Gewandtheit
versprechenden, aber keineswegs in stolzer Hoheit imponirenden Gestalt
vergleichen. Sie, unter den Halligmdchen leicht die Schnste, stellte
sich in ihrer Bescheidenheit tief unter die Fremde, tiefer wohl noch,
als sie wirklich zu stehen verdiente. Was Godber's kalte Erwiderung auf
die Aeuerungen ihrer Freude beim Wiedersehen nicht zu wecken vermocht
hatte, das drngte beim Anblick der Fremden sich ihr auf: Zweifel an des
Verlobten Treue. Und nicht Idalia's Benehmen gegen Godber war es allein,
das solchen Stachel in ihr Herz drckte, sondern die Eifersucht der
Liebe, die auch dem einfachsten Mdchen einen nicht leicht zu
tuschenden Scharfblick leiht, wenn sie mit dem Geliebten in der Nhe
eines andern weiblichen Wesens weilt, wrde ihr, auch ohne die
Zutraulichkeit der Fremden gegen den Jngling, manche ihr unwillkommene
Bemerkung aufgedrungen haben. Maria's Herz sollte bald ganz gebrochen
werden.

Wer ist das liebe Mdchen? fragte Idalia mit dem freundlichsten Tone,
der aber mit einem scharfen, forschenden Blicke auf Godber begleitet
war, als wte sie schon, wie viel ihr an der Antwort gelegen sei.

Maria errtete tief, sah aber doch dabei mit einem gewissen Trotz zu der
Fremden auf. Godber erglhte noch tiefer; sein Auge senkte sich zu
Boden, und seine Stimme zitterte, als er erst nach einer Pause
antwortete: Maria Nommens. -- Er schien noch etwas hinzusetzen zu
wollen, aber -- er schwieg. Maria horchte noch eine ttliche Minute
lang, aber -- er schwieg. Da sank sie bleich in sich zusammen, prete
die Hand auf's Herz, in welchem alle Pulse stockten, und sah und hrte
nun nichts weiter. Da er nicht hatte hinzusetzen knnen oder wollen:
meine Braut! das war fr sie genug zur Entscheidung ihres Geschicks. Mit
diesem seinem Schweigen war das Glck ihres Lebens vernichtet. Sie wute
nun, da sie ihn verloren. Idalia ahnete wohl etwas von den
Verhltnissen. Ihr konnte die Bewegung Beider nicht entgehen; aber die
Freude, Godber fr sich gewonnen zu haben, berwog fast ganz ihr Mitleid
mit der armen Maria. Auch Godber fhlte, wie er durch das Verschweigen
seines Verhltnisses zu Maria schon Alles gesagt habe, und dachte gar
nicht daran, wie ja mglicherweise sie gar keine Bedeutung auf dies
Verstummen gelegt habe. Er wagte es nicht, aufzusehen und sa in der
peinlichsten Unruhe da, woraus er erst durch die Frage Mander's: ob er
nichts von dem Schiffe gesehen? zu seiner Freude gerissen wurde. Er
erzhlte nun, indem er aufsprang, mit einer Hast und mit einer
Teilnahme, die mit seinem bisherigen Stillschweigen ber diesen
Gegenstand gar nicht zu vereinigen war, was er gesehen und wie die
Zurckgebliebenen wohl ihren Tod in den Wellen gefunden htten.

Alle beschlossen jetzt nach dem Wrack hinzuwandern. Maria folgte allein
und langsam nach. Sie sah nur noch, wie an dem oben bezeichneten Steg
Idalia vor dem Schwindel erregenden Uebergang zurckbebte und nach
mehreren vergeblichen Versuchen, von Godbers Hand gefhrt,
hinberzugehen, zuletzt ihren Arm um seinen Nacken schlang, und so, von
ihm getragen, das jenseitige Ufer erreichte. Nun flossen ihre Thrnen
ungehemmt. Sie dachte nicht mehr daran, den Andern zu folgen, sondern
wankte, bei ihrer Wohnung angekommen, die Werfte hinauf und warf sich
laut weinend auf ihren Sitz nieder.

Maria blieb mit ihrem Schmerz allein. Ihre Mutter hatte die Neugierde an
den Strand gefhrt, wo schon fast alle Bewohner der Hallig versammelt
waren.

Als Godber sich mit den Freunden dazu gesellte, wurden nach der ersten
herzlichen Begrung des glcklich Wiedergekehrten Anstalten gemacht,
ein Boot ber den Schlick hinauszuziehen bis dahin, wo das Wasser tief
genug ward, es mit seiner Bemannung zu tragen. Von dieser wurde das halb
mit Wasser gefllte Wrack bestiegen, und auf das Genaueste untersucht.
Wie von lebenden Wesen fand man auch von Leichen keine Spur.
Wahrscheinlich war beim Kentern des Schiffes der Kapitn mit seinen
Leuten durch die Gewalt der Wogen vom Verdeck hinweggerissen, und es
stand zu erwarten, da in einer der nchsten Flutzeiten die Leichen ans
Land getrieben werden wrden. Einiges Wertvolle wurde sogleich
mitgenommen, und Godber verga nicht, fr Idalia eine Kiste mit
Sdfrchten und einen Korb, worin ein paar Bouteillen sen Weins
verpackt waren, beizufgen. Die Bergung der brigen Ladung, die
grtenteils aus Fssern mit Wein und aus Citronenkisten bestand, wurde
dadurch vorbereitet, da mehrere Schiffsseile, um die Stmpfe der Masten
und um andere Teile des Wracks geschlungen, mit dem andern Ende am
Strande befestigt werden sollten.

Whrend die Zurckgekommenen Alles berichteten, wie sie Schiff und
Ladung gefunden, und Mander, der Vater, dann mit den Leuten um den
Berglohn sprach, worber sie aber zu seiner Verwunderung jede
eigentliche Unterhandlung verwarfen und Alles in seinen guten Willen
stellten, wobei sie ihm ihre besten Dienste mit einer Herzlichkeit
gelobten, die fr die Aufrichtigkeit ihrer uneigenntzigen Gesinnung
sprach, hatte Idalia, mit Hlfe ihres nach einer, wie er sagte,
menschlichen Erquickung begierigen Bruders, das Kstchen mit Apfelsinen
und eine Flasche Wein geffnet, aus welcher Oswald sogleich ein paar
krftige Zge that. Darauf schlte sie mit ihren weien Fingern eine der
sen Frchte ab, teilte sie mit gewandter Kunsterfahrung in zwei
Hlften und bot Godber mit dem freundlichsten Dank fr seine
Aufmerksamkeit die eine Hlfte. Lchelnd schlrfte auch sie dann aus der
Flasche und reichte sie ihm mit der Bitte, den labenden Trunk nicht zu
verschmhen, wenn er auch dadurch mit ihren Lippen mittelbar in
Berhrung kme. Des beglckten Jnglings Lippen waren wie festgebannt
auf der Stelle, wo ihr Mund gesogen, und erst Idalias Frage: warum er
nicht daran gedacht habe, lieber ihren Koffer mit ihren Kleidern
mitzubringen? ri ihn aus seiner Begeisterung.

Ach, sagte er, ich mchte Sie nie in einer andern Kleidung sehen, als
in dieser Kleidung meiner Heimat.

Er errtete selbst vor dem Gestndnis, das in diesen Worten lag; Auch
Idalia's Wangen frbten sich hher, und erst nach einer Pause erwiderte
sie mit leiser Stimme, indem sie sich voll Anmut zu ihm neigte:

Ich werde keine andere mehr tragen, so lange es Dir Freude macht. Aber
Ihr seid auf diesem Eilande, wie ich glaube, Alle mit einander verwandt
oder verschwgert, denn ich habe noch keine andere Anrede gehrt, als
das liebe Du. Nimmst Du mich nun als ein Mdchen Deiner Hallig an, warum
denn mir allein das kalte Sie?

Ueberraschung und Schauer des Entzckens verschlossen Godber den Mund.
Eine Sekunde noch ruhte sein Auge fragend an ihrem Blick; doch der
weiche Anhauch einer tiefern Empfindung lag zu deutlich in diesem
freundlichen Lcheln, in dieser lieblichen Stimme. Er konnte nicht
lnger zweifeln an der Erfllung seiner khnsten Hoffnungen. Als jetzt
die langen, seidnen Wimpern sich niedersenkten, um gleichsam das Auge zu
strafen, weil es zu viel verkndet, als die enger angezogenen Lippen die
Furcht, mehr zu sagen, und zugleich die Erwartung, wie das Gesagte
aufgenommen wrde, anzudeuten schienen, da ri es ihn allmchtig hin zu
ihren Fen. Sie aber scheute die Nebenstehenden, und schnell besonnen,
obwohl berrascht durch die leidenschaftliche Bewegung des jungen
Mannes, ergriff sie seine Hand, und mit einer leichten Wendung von ihm
fhrte sie ihn in seine Schranken zurck. Wer aber konnte es dem
Liebetrunkenen wehren, in ihren Hndedruck, wie in den Blick, der diesen
begleitete, ein antwortendes: Dein! hineinzulegen? Sie rief nun ihren
Vater herbei und forderte ihn auf, an der Labung Teil zu nehmen, mit
welcher Alicante den Strand einer Hallig bedacht.

Wundern wir uns nicht, da Idalia die volle Gewiheit ihres Sieges ber
das Herz des Jnglings, an dem sie schon auf dem Schiffe mit
Wohlgefallen den Eindruck, welchen ihre Reize auf ihn machten, bemerkt
hatte, so schnell und mit einem kaum jungfrulichen Entgegenkommen
herbeifhrte. Es lag ganz in ihrem Charakter, an jenem Hangen und Bangen
der ahnenden Liebe keinen Geschmack zu finden. Sie wollte, was sie
wnschte, rasch entschieden sehen, ohne das ihr langweilige Schweben
zwischen Frchten und Hoffen, und dazu drngte sie noch die
wahrscheinliche Krze ihres Aufenthalts auf der Hallig, wodurch sie
frchten mute, nach wenigen Tagen vielleicht auf immer von Godber
getrennt zu werden, den sie, so weit ihr selbstisches Gemt lieben
konnte, wirklich liebte! Auch war durch frhzeitige Romanlektre jenes
zarte, scheue Wesen lngst abgestreift, das, gleichwie der weiche,
duftige Schmelz auf dem Farbengewande der Blume, diese Farben mildert
und dadurch verschnt, so den Empfindungen der Jungfrau jenen keuschen
Sinn leiht, der mehr ist, als erlernter Anstand, der eben zu ihrem
eigentmlichsten Sein gehrt und ihr den hchsten Reiz giebt, dessen
Nachffung zur widerlichsten Ziererei wird.

Dieses schne Erbteil, dieser nie wieder zu gewinnende Dufthauch der
jungfrulichen Weiblichkeit geht wenigstens immer Euren Tchtern
verloren, sorglose Eltern, die Ihr ihnen ohne Ausnahme fast Alles zu
lesen verstattet, was die belletristische Literatur darbietet. Mit Euren
Anstandsregeln, mit Euren Klugheitsvorschriften, mit Euren Ehrbegriffen
knnt Ihr nur bertnchen, nicht jene Weihe der sich ihrer selbst
unbewuten Unschuld wieder neu schaffen, welche das ganze Wesen und Thun
wie mit einem Odem aus reineren himmlischen Gefilden beseelt und in
welcher die Jungfrau an das Wort des Herrn von den Lilien erinnert: Ich
sage Euch, da auch Salomon in aller seiner Herrlichkeit nicht bekleidet
gewesen, als derselben eine. Mit dem Verlust dieser Mitgabe fr's Leben
ist aber nicht allein jene Lieblichkeit verloren, die durch keine noch
so blendende Schnheit, von keiner noch so glnzenden Bildung ersetzt
werden kann; es ist auch damit zugleich jeder wsten Leidenschaft ein
freier Eingang geffnet, wodurch so leicht ein Betragen hervorgerufen
wird, das aller Eurer guten Lehren spottet und Euer graues Haar mit
Schanden in die Grube bringt. Ihr pfleget Eure Blumen und bewahret sie
sorgsam vor dem Nachthauch und dem scharfen Mittagsstrahl, und Eure
Tchter setzet Ihr durch Romanlektre in eine Welt hinaus, in welcher
die schwle Stickluft lsterner Begierden und der helle Brand wilder
Leidenschaften fast allein das bewegende Triebrad sind, und welche um so
gefhrlicher ist, weil sie durch ihre reizende Hlle gefllt und der
Phantasie noch immer eine weitere Ausmalung brig lt. Die Religion,
die allein noch wehren knnte, ist dabei zu einer Blumenknigin
umgewandelt, die, mit heitern Krnzen geschmckt, dem frivolen Spiel
freundlich zusieht und nur Liebe, Gte, Milde, Duldung und Nachsicht
atmet.

Das Auge der Jungfrau, wie auch des Weibes, sollte berhaupt weniger
aufgetan sein fr den groen Markt der Leidenschaften in der Welt; sie
sollten mehr in harmloser Unbekanntschaft mit dem Irren und Wirren der
Menschheit ein ungetrbtes Gefhl fr alles Wahre, Gute und Schne sich
in einem stillen, frommen Gemt bewahren, ohne erst, wie der Mann, sich
in scharfem Unterscheiden und Zerlegen zu ben, und im besten Falle mit
langsam verharrschenden Narben aus dem Kampfe zurckzukehren. Ihre ganze
bescheidene Stellung in der Welt, ihre feinere Krperbildung und ihr
ihnen angebornes, zarteres Gefhl, wodurch sie mehr der vor jeder leisen
Berhrung erbebenden Sinnpflanze, als dem in Strmen aufwachsenden Baum
mit harter Rinde zu gleichen bestimmt sind, weisen sie auf ein
Stillleben hin. Dagegen fhrt, wenn nicht die Wirklichkeit, doch ihre
jetzt gewhnliche Lektre sie in ein Gebiet, das ihnen besser
verschlossen geblieben wre, und sie werden in Lagen versetzt, die, wenn
sie auch nur ertrumt sind, dennoch eine glckliche Binde von ihren
Augen nehmen, sie zur Unzufriedenheit mit ihrem Loose fhren, und eine
Frucht der Erkenntnis geben, wie die der Eva nach dem Sndenfalle,
wodurch ein Paradies verloren ging.

Fern sei es, bei der Bildung des weiblichen Geschlechts nur an den Herd
und die Wiege zu denken; aber gewi ist jede Bildung desselben, die den
Herd und die Wiege unleidlich macht, eine verkehrte. Fern sei jene
Oberflchlichkeit, welche nur die Versuche zu schimmern nhrt; aber doch
mge ihr Geist mehr an den Resultaten der Wissenschaft reifen, als da
er in die Tiefen aller Grnde und Beweise sich verliere. Fern sei jenes
Weben und Schweben in bloen Gefhlen ohne Halt und Kraft; aber doch
gehe das feinfhlende Herz dem berlegenden Verstande voran und merke
das Falsche und Sndliche eher, als jener es durchschaut, habe den
Willen schon dem Wahren, Guten und Schnen zugelenkt, whrend jener noch
das Fr und Wider abzuwgen nicht fertig ist. Und ber dieser Bildung
schwebe, sie mit ihrem milden Lichte durchdringend und verklrend, die
Religion als die himmlische Jungfrau, um welche die Ahnung einen
duftigen Rosenschleier webt, dessen geheimnisvoller Zauber nicht zur
Enthllung entflammt, sondern nur eine heilige Sehnsucht und Liebe
nhrt. Nur dem Manne mag, dem Weibe sollte nie die Religion als
Theologie erscheinen, als jene strahlende Knigin, die ihres Thrones
Stufen von den Trmmern des Aberglaubens, Unglaubens und der
Zweifelsucht erbaut.




                                  V.


   So gterreich,
   Und doch so arm;
   So knstlich hei,
   Und doch nicht warm;
   So berfein,
   Und doch so roh;

   Genu und Spiel,
   Und nimmer froh;
   Nur Glanz und Pracht,
   Kein Morgenrot:
   Fehlt da zum Schlu
   Denn noch der Tod?

Zu den am Strande Versammelten hatte sich nun auch der Pastor Hold
eingefunden, welcher Godber, den er, obwol erst seit einigen Jahren auf
der Hallig angestellt, doch schon aus Maria's Erzhlungen kannte,
freundlich begrte.

Da das Haus, welches die Fremden zuerst aufgenommen, nicht gerumig
genug war, sie auch ferner zu beherbergen, erboten sich Hold und Andere
der Gemeinde zur gastfreundlichen Aufnahme, wobei aber, aus demselben
Mangel an Raum, eine Trennung vorausgesetzt werden mute. Als nun Godber
mit dem Vorschlage hervortrat, seine vterliche Wohnung, die ja ganz
unbesetzt sei, mit den notwendigsten Mbeln und Gerten fr Alle
einzurichten, wie denn auch sein leerer Schafstall den besten Raum fr
die zu bergende Ladung darbte und die Anwesenden auf das
Bereitwilligste ihren Beitrag zu dieser Einrichtung versprachen,
entschied sich Idalia sogleich fr die Annahme. Sie sprach unter
frhlichem Hndeklatschen laut ihren Jubel darber aus, dort als
regierende Hausfrau zu schalten, und malte ihre Phantasie jenes
husliche Walten ihr zu dem lieblichsten idyllischen Bilde aus. Mander
fand es aber passend, eine ltere und erfahrenere Martha um ihre
Mithlfe zu bitten. So zogen denn Mander und Oswald, Godber und Idalia,
nebst einer bejahrten und verstndigen Frau von der Hallig, in Godbers
Wohnung ein und die Andern verfgten sich nach ihren verschiedenen
Husern, um dort das Notwendigste fr die ersten Bedrfnisse der fremden
Familie auszuwhlen.

Fr diesen Tag war Idalia vollauf beschftigt, um, so weit es die
Umstnde erlaubten und die empfangenen Sachen es zulieen, Alles auf das
Zierlichste und Freundlichste einzurichten. Wol zehnmal mute hier ein
Stuhl anders angesetzt, dort ein Tisch anderswohin gerckt werden, und
es gehrte der ganze geduldige Gehorsam einer Halligbewohnerin dazu, um
ihrer Gefhrtin bei diesen derselben ganz zwecklos scheinenden
Vernderungen nicht den bernommenen Dienst zu verleiden. Godber
lchelte innig vergngt ber diese Geschftigkeit, und putzte nach
Idalia's einander drngenden Anordnungen an der Reinigung und
Ausschmckung der Stuben mit, als gelte es, die Kajte des Kapitns fr
den Empfang vornehmer Gste zu bereiten. Mander selbst freute sich ber
dieses frher nie bemerkte Wolgefallen seiner Tochter an solchem
Treiben. Nur Oswald bemerkte spottend, wie gut es sei, da der
Mittagstisch heute vom Pastorate aus bestellt wrde, und verglich seine
Schwester mit dem Vetter Fritz, der, als man ihm bei einem Diesput
vorwarf: Sie werden ja immer confuser! rasch antwortete: Nein, ich
ordne nur meine Gedanken!

Es mchte hier Zeit sein, einen nhern Blick auf des jungen Mander's
Charakter zu werfen. Zeigte er sich bisher nur als einen jener faden und
rmlichen Menschen, auf die allein die sinnliche Seite des Lebens
Einflu hat, und die der Erhebung ber die Welt des Genusses nicht fhig
sind, so hat er sich damit nicht so ganz dargestellt, da unser Urteil
ber ihn nun als ausgemachte Wahrheit feststnde. Vielmehr, obwol
beinahe zwei Jahre jnger als seine dreiundzwanzigjhrige Schwester, war
doch auch sein Benehmen nicht mehr der offene Spiegel seines Herzens,
sondern wie sie Berechnung und Gefhl also verschmolz, da auch der
erfahrenste Menschenkenner oft schwer htte unterscheiden knnen,
wodurch ihr Betragen bestimmt und geleitet wurde, gleichwie ihr selbst
jene Unterscheidung nicht leicht mglich gewesen wre, so vereinte sich
bei ihm ein Herz, fhig der wrmsten Empfindung fr alles wahrhaft Groe
und Schne, mit der fast ausschlielichen Richtung seines Lebens auf das
sinnliche Gefallen und krperliche Behagen. Es war nicht etwa eine blose
Maske, die er vornahm, wenn er sich so aussprach und so handelte, als ob
er nichts Hheres kenne ber des Leibes Wolsein und der Sinne Ergtzung
hinaus; nein, er gehrte zu dem Schwarm junger Grostdter, die es
Lebensphilosophie nennen, alle ernster anschlagenden Saiten des Herzens
in den frivolen Ton einer Brust umzustimmen, in welcher nur Gedanken an
Theater, Schmausereien, Trinkgelage, Blle und Liebschaften Raum haben.
Er war noch zu jung, als da jene Philosophie, die Ausgeburt eines
gefallenen Geistes, der das Gemlde seiner Erniedrigung bertnchen und
die Stimme des Gewissens bertuben wollte, dadurch, da er fr seine
Tierheit den Namen System mibrauchte, in ihm so feste Wurzel gefat
haben sollte, um alle Keime des wahren Lebens zu berwuchern und zu
ersticken. Er war aber doch ein zu gelehriger Jnger zu den Fen dieser
Seelenverkuferin gewesen, um sich nicht selbst zu berreden, da er
ganz das sei, wofr er sich gab, um wenigstens nicht vor Andern das
Ansehen behaupten zu knnen, ein Meister in der Kunst der Erbrmlichkeit
zu sein. Natrlich muten Stunden im Leben, wie die auf der strmenden
See, ihm seine Ble zeigen; aber eben darum bemhte er sich nur desto
mehr, sie aus seinem Gedchtnis zu tilgen und den Eindruck, den in
solchen Momenten die traurige Gestalt seiner sogenannten Weltansicht auf
ihn und Andere gemacht haben knnte, durch eine schnelle Rckkehr in das
alte Geleis zu verwischen, so sehr auch die mahnende Stimme des
gewaltsam erweckten besseren Sinnes gegen ein solches Benehmen sprach.
Daher war auch sein Lachen und Scherzen gleich nach der Errettung aus
dem drohendsten Untergang mehr eine widernatrliche Anspannung seiner
Krfte gegen sich selbst, als, wie er sich und Andere berreden mochte,
ein Zeugnis seines leichten Sinnes.

Es gehrt die Stimme eines Propheten dazu, um die Nachtwandler zu
wecken, die auf dem Pfade fortgehen, den Oswald betreten, diese Damen
und Herren, denen im Besitz und Genu aller Gter des Lebens nur Eines
fehlt, das Leben selber. Aber nirgends deutlicher als an ihnen zeigt
sich die Wahrheit des Wortes Christi: wer nicht glaubet, ist schon
gerichtet! Die ganze fade Armseligkeit ihres Daseins mitten in der
Flle ist ihr Gericht. Gleich einer Verwnschung wirkt schon die
Zeichnung eines ihrer himmlischen Tage auf das Gemt. Diese
stundenlange Toilette mit allen ihren jmmerlichen Knsten und dabei das
Entzcken ber eine wolgelungene Schleife, ber die Zier eines
neumodischen Kleides, dieser letzte triumphierende Blick in den Spiegel,
dieser Wonnegedanke, so Bewunderung zu ernten. Nur ein paar Besuche
gegeben oder angenommen, Gesprche in nichtsmeinenden und nichtssagenden
Formeln sich bewegend, oder an der ersten Melone, an der neuesten Oper,
an dem letzten Ball mit einer Zhigkeit haftend, als ob man sich es
bewut wre, da darber hinaus aller Gedankenvorrat erschpft sei.
Glcklich, wenn eine Stadtneuigkeit, ein eben herausgekommener Roman,
oder ein Krnchen Medisance, das schnell auf fruchtbarem Boden
fortwuchert, von der Verstandesmarter, unterhaltend zu sein, erlsen und
das Lob eines interessanten Gesprchs auf die Sprecher zurckspiegeln.
Nun die Tafel mit ihren Leckerbissen und feinen Weinen. Eine gute
Gelegenheit, von zarter Constitution, Krieg und Frieden, Hungersnot und
Cholera, Volksaufstnden und Militrparaden in demselben Gemenge zu
reden, in welchem die Kunst des Koches vorliegt. Dann das Concert, wo
die schmelzendsten Tne den Weg nicht zum Herzen, sondern nur zu der
zahlenden und klatschenden Hand suchen, oder das Theater, wo Thekla auf
die Geisterstimme des Souffleurs lauscht und der ermordete Wallenstein
auf die Danksagung gegen das hervorrufende Publikum denkt, whrend
dieses allvergessend von Loge zu Loge kokettirt. Oder der Ball, der, den
Staub einer schwindschtigen Gallopade aufwirbelnd, noch das letzte
Fnkchen Leidenschaft in der hohlen Brust anfacht, um das knstlich
erregte Blut mit dem knstlichen Eise wieder zu dmpfen. Und dieses
Leben, dessen schmutzige Orgien, so wol sie sich mit der feinen Gltte
und Zierlichkeit jener Menschen vertragen, wir nicht aufdecken wollen,
sollte nicht mitleidenswert sein? Sollte nicht in seiner Flachheit und
Fadheit eine Jammergestalt darstellen, gegen die der frechste und
roheste Uebertreter aller gttlichen und menschlichen Gesetze noch ein
Mensch ist? Er ist doch noch ein Wesen, das Etwas ist, und darum kann er
auch noch inne werden den Richter der Lebendigen und der Toten und
umkehren von seinem Wege. Auf jener Flachheit gefriert aber der Thau vom
Himmel wie auf dem Spiegel des Eises. In jener Fadheit wird jedes
Mannakorn aus den Wolken zu geschmackloser Spreu. Wo eine Kraft wirken
soll, da mu auch eine Kraft sein, auf die sie wirken kann, sonst geht
ihre Wirkung in leere Winde. Wie soll man aber jene mit Dunst erfllten
Totengerippe fassen? Sie thun den Mund auf und nennen ihre Dunstblasen
feine Bildung; sie gehen ihren Weg hin und atmen sich ihre
Leichengerche zu als Nahrung fr Geist und Herz. Tritt ihnen das Leben
entgegen, so wenden sie sich verchtlich ab, als htten sie Moder und
Verwesung gesehen. Ihre Armseligkeit ist ihnen Reichtum, ihre
Erniedrigung Hoheit, ihr Unsinn Weisheit, ihre Verdammnis Seligkeit.

So sind sie, wenn auch fr den nur obenhin Schauenden mit lieblicher
Schale doch durch und durch eine faule Frucht, die, abgefallen vom Baume
des Lebens, im Staube liegt, und sich freuet dieses Staubes, ohne
Sehnsucht wieder hinauf zu der grnen, frischen Krone.

Hold mochte, als er spter den jungen Mander nher kennen lernte und
sich die eigenen in grostdtischen Kreisen gemachten Erfahrungen
vergegenwrtigte, manches dem hier Ausgesprochenen Aehnliche gedacht
haben. Denn wir finden in einer Handschrift von ihm, der er den etwas
auffallenden Titel: Gesichte gegeben hat, und woraus wir vielleicht
noch einige Mitteilungen vorlegen werden, aus jener Zeit unter Anderem
auch folgendes Gesicht:

Ich sah ein kleines Mdchen mit allen Zgen des Hungers auf den bleichen
eingefallenen Wangen und mit der Ble der tiefsten Armut angetan, am
Wege sitzen. Ihr Alter mochte zehn bis zwlf Jahre sein, aber ihr Krper
war klein und schlaff, wie das krnkelnde Gewchs eines Treibhauses. --
Und ein Weib, reinlich aber rmlich gekleidet, am Busen einen lchelnden
Sugling und an der Hand einen hpfenden Knaben. Ein Korb hing an ihrem
Arm. Ihr eilender Schritt stockte an der Seite des Mdchens am Wege; sie
lie die Hand des Knaben fahren und blickte auf ihren Korb. Aber sie
ging vorber und schritt ber einen Steg auf das Feld zu einem
arbeitenden Manne. Der wischte sich mit dem nervigen Arm den Schwei von
der Stirne und nahm das schwarze Brod aus dem Korbe, whrend der Knabe
fr ihn die Flasche aus der nahen Quelle fllte. Da sah das Mdchen am
Wege hinber nach dem Brote, und der Mann brach es in zwei Hlften und
trat hin und gab der Hungrigen die eine Hlfte. Sie dankte ihm mit der
Begierde, mit welcher sie die Gabe an ihren Mund brachte. Da glitt der
Blick des Mannes noch einmal ber die ganze Gestalt hin und er legte nun
auch die andere Hlfte des Brotes in ihren Schoo. Das Mdchen verga
ihren Hunger und blickte ihm staunend nach, wie er ber den Graben
zurckschritt. Sein Weib aber strich mit der Hand ber die Augen, als
weinte sie, und wischte dann mit ihrer Schrze sorgsam den Schwei von
seiner Stirne, und es schien mir auch, da sie ihn kte. Da setzte er
sich mit ihr nieder in den Schatten eines Dornbusches, und neben ihnen
stand der leere Korb. Sie aber spielten mit dem lchelnden Sugling.
Eine Karosse fuhr unterdessen vorber auf dem Wege, und die darinnen
wandten ihre Augen weg von den Menschen zur Rechten, und ich hrte nur
noch den Theaterbericht des Herrn, der zur Linken ritt: Ach! das dumme
Stck: die Waise.

Da dachte ich: sie sind schon gerichtet!

Weiter ging ich und sah nur noch, wie der Mann im Felde freundlich
nickte, als ich dem armen Mdchen, schamrot ber die geringe Gabe, zwei
Silberstcke gab. Wie viel mehr hatte er gegeben! -- Immer schner
entfaltete sich die Gegend vor meinem Blicke. Wie ein Garten Gottes lag
sie da, gekleidet in Seiner Schne, erfllt mit dem Reichtum Seiner
Herrlichkeit, trufelnd von dem Segen Seiner Gte und duftend in dem
Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schtzender Gebirge, deren freie
Gipfel aus der Tannenwaldung sich erhoben, hier das weiche Grn
kruterreicher Weiden, auf denen die gesttigte Kuh ihre breiten Glieder
in den Klee streckte, whrend das mutige Ro im geflgelten Lauf seine
Krfte bte. Tiefer hinab der schlngelnde Strom, dem fremden Segler
nach den Gefahren des Oceans eine willkommene Strae und dem Fischer am
Ufer eine Quelle gengsamen Reichtums. Weiter ging ich, doch nur bis zu
der breitstigen, dichtbelaubten Eiche am grnen Hgel. Da drang es, wie
eine Stimme aus der Hhe berwltigend in mein Herz: Sehet und
schmecket, wie freundlich der Herr ist! Mein Fu hatte in diesem Tempel
Gottes den Altar gefunden, an welchem Keiner vorbergehen kann, ohne ein
Opfer der Bewunderung und des Dankes gegen Den, dessen Werke so gro und
so viel, der sie alle weislich geordnet und die Erde erfllet mit Seinen
Gtern! Und es dauerte lange, ehe ich, froh und verklrt, wie Einer,
dessen Glaube zum Schauen geworden ist, dem Hause am Fue des Hgels
mich nahte. Mit seinen roten Ziegeln ragte es weit ber die schattenlose
Anpflanzung auslndischer Strucher hervor, und in seiner Gre
verdeckte es fast ganz das dahinterliegende Dorf. Die Inschrift: Zum
lndlichen Vergngen, prangte in goldenen Buchstaben ber der Thr. Auf
dem Vorhofe hielten mehrere Karossen, und reichbordirte Livreebediente
zechten und lrmten auf der nahen Kegelbahn. Die Gste drinnen aber
vergngten sich mit lautem Gerusch am Billard, und als ich ein stilles
Nebenzimmer suchte, trafen mich die finstern Blicke gestrter
Kartenspieler. Vor ihrem unfreundlichen Murren flchtete ich in eine
andere Stube. Hier aber saen viele Herren und Damen und bltterten in
Journalen und Modezeitungen, bis die Abbildung eines Pariser
Maskenanzuges alle Blicke auf sich zog, und allerlei sehnschtige
Ausrufungen und witzige Bemerkungen hervorriefen. Doch strten diese die
eine junge Dame nicht, die selbstgefllig eine Arie aus Fra Diavolo am
Fortepiano mit heller Stimme sang. Wie sie aber aufstand, drngte sich
Alles an sie heran, ihrem entzckenden Gesange und kunstreichen Spiele
zu huldigen.

Da kam mir der Garten Gottes rings um dies lndliche Vergngen her in
den Sinn, und ich dachte: sie sind schon gerichtet!

Pltzlich rief eine Stimme aus dem Fenster: Singe Du uns auch einmal
etwas vor! und als Alle nun sich dahin wandten, blickte auch ich mit
auf die Strae. Da stand das Mdchen vom Wege. Sie hatte auf den Gesang
gehorcht und wollte sich eben scheu wegschleichen, erschreckt ber die
Aufmerksamkeit, die sie erregte. Doch der eine Herr zeigte ihr eine
Silbermnze und befahl ihr zu bleiben und zu singen; whrend der Reiter,
den ich vom Wege her wieder unter den Gsten erkannte, mit finsteren
Augenbrauen und drohender Stimme ihr zurief: Pack' Dich, Dirne! Nein,
sie soll singen! forderten die Uebrigen. Der Reiter aber warf einen
Thaler vor sie hin auf die Strae und schrie noch einmal: Weg mit Dir!
Da riefen die Andern einen Diener, der ihr den Weg versperren mute, und
wollten sich den kstlichen Spa nicht nehmen lassen, den Knittelvers
irgend eines Gassenliedes von den Lippen der zagenden Unschuld zu hren.
Ich kann nicht singen, stammelte ngstlich die Kleine. So sag' uns
ein Lied her, das Du weit! Eher darfst Du keinen Finger nach dem Thaler
ausstrecken. Das Mdchen blickte nach dem Gelde, das zu ihren Fen
lag, dann nach dem Reiter, der sich aber mrrisch vom Fenster weggezogen
hatte, und begann endlich mit zitternder Stimme:

   Wer nur den lieben Gott lt walten
   Und glaubensvoll -- --

Aber bei dem schallenden Gelchter, das diese Worte hervorriefen,
schreckte das arme Mdchen zusammen; in ihre Wangen scho die volle Glut
der Scham auf, und wie ein gejagtes Reh floh sie ber die Strae hinweg.
Den Thaler nahm der Diener zu sich und eilte der Schenkstube wieder zu.
Die aber drinnen flehten nach diesem Intermezzo bei der Kunstbegabten um
eine Arie aus: Robert der Teufel.

Da dachte ich: sie sind schon gerichtet!

Zu eng ward mir es in diesem Hause; und ich wandte meine Schritte auf
die Strae durch's Dorf entlang. In der Nhe einer der letzten Htten
gellten die scheltenden Worte: Du Bastard, komm mir nicht wieder unter
die Augen! und eine alte, erboste Burin stie die Kleine vom Wege aus
ihrer Thr. Die aber setzte sich auf einen Stein und weinte bitterlich.
Ich trat hinzu und suchte sie zu trsten, und fragte dann, ob sie von
ihren Eltern das Lied gelernt, das sie vorhin hatte aufsagen wollen.
Von meinen Eltern? und dabei blickte sie mich verwundert an; die
Mutter schilt nur immer mit mir. Dem blinden Nachbar habe ich es an der
Thr abgehorcht, der singt es alle Abend. -- So versprich mir, jeden
Tag einen Vers aus diesem Liede fr dich herzusagen, bis Du gro bist.
Sie gab dieses Versprechen gern und weinte nicht mehr. Hier ist auch
der Thaler, fuhr ich fort, als Lohn fr dein Aufsagen am Fenster. Die
Kleine griff hastig nach dem Gelde. Dank, Dank! rief sie, nun kann
ich der Mutter eine Decke kaufen. Da erfuhr ich, ihre Mutter sei schwer
erkrankt und sie ausgesandt, die Gromutter im Dorfe um eine warme.
Decke zu bitten. Nun kann ich eine Decke _kaufen_! mit diesen Worten
blickte sie halb trotzig nach der Htte ihrer Gromutter auf, die sie
eben ausgestoen. Da sah sie die Alte am Fenster und eilte freudig allen
Zwist vergessend auf sie zu, in der hochgeschwungenen Hand ihr den
Thaler entgegen haltend. Und diese Freude, wem galt sie? Der Mutter, die
immer nur schalt! -- Hr', Kleine! rief ich ihr nach. Und ich fragte:
Hast Du nie Deinen Vater gekannt? Das Mdchen blickte schchtern um
sich her, als drohe ihr eine Gefahr; dann neigte sie sich nher zu mir
hin und flsterte leise: Vater ist reich und vornehm, aber ich darf ihn
nicht Vater nennen; und noch leiser und mit einer Hastigkeit, als
frchte sie sich vor ihren eigenen Worten, fgte sie hinzu: Der war's,
der mir den Thaler zuwarf.

Da dachte ich: sie sind schon gerichtet!




                                 VI.


   Der Geist mag sich im Werk verknden,
   Das schpferisch er Dir enthllt,
   Die Macht kann sich ein Zeugnis grnden,
   Das mit Bewundrung Dich erfllt.
   Willst Du nach einem Herzen fragen,
   Dem Deine Thrne nicht zu klein:
   Da mu das Herz an Deinem schlagen,
   Mu mit Dir dulden, mit Dir tragen,
   Da mu Dein Gott Dir Christus sein.

Am Nachmittag nach eingetretener Ebbe begannen die Versuche zur Bergung
der Gter aus dem Schiffe, wobei Mander und Oswald mit beschftigt
waren, Godber aber nicht, indem Idalia rund heraus erklrte, da sie
seine Hlfe nicht entbehren knne, wenn die Herren eine ruhige Nacht
wnschten.

Hold war zu Maria's Wohnung gegangen, um ihr seinen Glckwunsch zu der
Wiederkehr ihres Verlobten zu bringen. Wie ganz anders traf er es da,
als er erwartet hatte. Maria in Thrnen schwimmend, ihre Mutter
ngstlich um sie her trippelnd, und bald schmeichelnd trstend, bald
eifrig darein redend von Unverstand und Wunderlichkeit.

Gott Lob! rief diese, als sie Hold erblickte, Gott Lob! Herr Pastor,
da Sie kommen! Ich wei nichts mehr mit dem Mdchen anzufangen. Da
kommt sie diesen Morgen, deckenhoch springend, vor mein Bett gejubelt:
Godber ist da! da ich alte Frau noch den Schreck in allen Gliedern
fhle, und nun sitzt sie, seit ich vom Strande zurckgekommen bin, bis
jetzt laut weinend und schluchzend auf diesem Flecke, weil sie sich
einbildet, die fremde Stadtdame, die wunderlich genug aussieht in
unserer Tracht, habe mit ihren langen Locken ihm den Kopf verrckt. Als
ob so ein schiffbrchiges Milchgesicht das hbscheste und fleiigste
Mdchen in der ganzen Hallig so mir nichts dir nichts bei ihrem
Verlobten ausstechen knnte.

Und nun erzhlte sie, immer dazwischen wieder sich zu der jammernden
Maria wendend, Alles was sie von der Armen nach und nach, obwohl ohne
rechten Zusammenhang, erforscht hatte, und das freilich in ihrem Munde
und mit den mildernden Deutungen, die sie dem Benehmen Godber's
unterlegte, nicht geeignet war, den Pastor von der Untreue desselben zu
berzeugen. Doch war er auch zu sehr davon berrascht und ergriffen, ein
Herz trostbedrftig zu finden, dessen Jubel er zu einem freudigen
Dankgebet hatte leiten wollen, als da er nicht mit mehr Ernst, denn
sonst wohl, in Maria's Vorstellungen eingegangen wre. Er glaubte
zugleich zu ihrer Beruhigung besser wirken zu knnen, wenn er ihrem
aufgeregten Gefhle keinen Widerspruch entgegensetzte, und sagte daher:

Wir wollen einmal annehmen, liebe Maria, da Deine Liebe zu Godber
nicht _mehr_ in seinem Betragen erblickte, als darin lag, da die
natrliche Teilnahme, die er fr die durch ihn Gerettete haben mu,
weiter geht, als Du wnschen kannst, wird er nicht, wenn der erste
lebhafte Eindruck vorber ist, zu der Treue zurckkehren, die er Dir
gelobte? Wird er nicht bald sein Herz wiederfinden, das, wie Du aus
seinen Briefen weit, neun Jahre in der Ferne nur allein fr Dich
schlug, obwohl ihm gewi schon manche reizendere Gestalt als diese
Fremde entgegentrat?

Maria schttelte schweigend den Kopf.

Wenn auch, fuhr Hold fort, in diesem Augenblick die Zuneigung der
jungen Stadtdame fr Godber vielleicht ber die Grenzen der Freundschaft
und Dankbarkeit hinausgeht, ist damit schon eine ernsthafte Liebe gewi?
Willst Du von ihr verlangen, da sie, aus der drohendsten Todesgefahr
durch ihn gerettet, sogleich ihre Gefhle auf das Ma beschrnke, das
sie in der Zukunft bewahren mssen und werden? Diese lockende Sprache
und dies verfhrerische Benehmen, wodurch sie Dir jetzt so viel Weh
bereitet, werden sich frh genug zu einem freundlichen Dank, zu einer
besonnenen Bercksichtigung der Verhltnisse zurecht finden, und Godber
wird, vorausgesetzt, da Du sein Betragen an diesem Morgen recht
beurteilst, gar bald sich als das thrichte Gngelkind einer flchtigen
Aufregung erkennen.

Maria antwortete noch immer nicht.

Aber was reden wir weiter davon, schlo des Trstenden Zuspruch; ist
denn Dein Glaube an Godber's Liebe nicht fester, als da ein Augenblick
ihn erschttern kann? Ist Euer Bund nicht geschlossen unter dem
Aufschauen auf Den, der die Herzen der Menschen lenket wie Wasserbche?
Und sollte der Gott, der ihn nach neun Jahren aus jeglicher Gefahr zu
Dir heimgefhrt, nun nicht auch ferner wachen, frdern und helfen zu
einem glcklichen Ende? Gieb Deine Zukunft hin in des Herrn Hand; Er
wird's wohl machen nach Seinem weisen und gtigen Rat und Willen!
Befiehl Ihm Deine Wege. Er lie noch Keinen ohne Trost und Hoffen, der
ihm vertraute.

Amen! sagte die Mutter, die ihre Hnde andchtig gefaltet hatte; aber
Maria konnte nicht Amen sagen, und schluchzte nur noch lauter, bis sie
in die Worte ausbrach: Er hat mein Gebet verworfen und mein Vertrauen
nicht angesehen!

Kind, frevle nicht! rief die Mutter ngstlich, und: Gott behalt' ihr
die Snde nicht! flehte sie mit emporgehobenen Hnden, indem die
Thrnen ihr von den gefurchten Wangen perlten.

Hold sah zu seinem Erstaunen, zu welcher Leidenschaftlichkeit pltzlich
Maria's Liebe gestiegen sei, die whrend der langen Trennung und bei
Godber's gefahrvollem Leben auf der See so ruhig geblieben war. --
Fliet denn nicht auch der kleine Bach der Flur, wie unter des Himmels
Strmen, so im Sonnenschein, gleich ruhig dahin? Von einem rauhen Stein,
in seine Bahn geworfen, aber schumt er heftig auf. -- Es konnte hier
nicht mehr die Rede davon sein, ob ihre Ansicht falsch oder wahr sei;
sondern eine rasche und starke Hlfe that ihrer Seele not. Er fate
daher Maria's herabgesunkene Rechte und sprach in einem ernsten und
ruhigen, aber eindringlichen Tone:

Wehe den Herzen, die an Gott verzagen, und den Hnden, die nicht
festhalten! Wir aber schauen auf Jesum Christ, den Anfnger und
Vollender des Glaubens. Er kam, den Frieden zu bringen auf Erden. Er
hatte nicht, wo er Sein Haupt hinlegte. Er wurde von Seinen Feinden
geschmht, von Seinen Freunden verraten. Er weinte blutige Thrnen auf
Gethsemane, trug die wundenvolle Dornenkrone und war gehorsam bis zum
Tode, ja bis zum Tode am Kreuze. Er hat's vollbracht! Zu Ihm kommen die
Mhseligen und Beladenen und empfangen den Frieden, Seinen Frieden. Was
wollen wir weinen und klagen in unserm Leid beim Gedchtnis Seiner
Leiden fr uns? Was wollen wir weinen und klagen um unser kurzes,
vergngliches, irdisches Teil? Haben wir denn nicht mehr empfangen, als
die Welt uns nehmen kann? Haben wir nicht Teil an Seinen Segnungen und
in diesen den Reichtum der Gottseligkeit, die zu allen Dingen ntze ist
und die Verheiung hat _dieses_ und des zuknftigen Lebens? Ich aber
hebe meine Augen hinweg von der Welt auf zu der Hhe und frage: was ist
der Mensch, o Gott, da er mehr erbitte, als Deinen Willen, mehr
begehre, als Deine Liebe, die sichtbarlich geworden ist auf Erden, und,
selbst mit dem bittersten Leid getrnkt, freundlich naht dem Herzen voll
Gram und spricht: Sieh mich an und weine nicht! Der Himmel ist Dir
offen! Die aber der Welt Unruhe und Kmmernis scheidet von Christo und
Seiner Liebe, die kreuzigen Ihn auf's Neue und verderben sich selber.
Darum gieb Ihm Dein Herz und bewahre Ihm Deine Treue; und die Stunde in
die Du gekommen bist, wird Dich nicht berwinden, sondern durch den
Schmerz der irdischen Liebe Deine Liebe zu dem Heiland nur gelutert,
erhoben und verklret werden. Die mit Thrnen sen, werden in Freuden
ernten!

Und nun Maria's Hand in seiner gefalteten erhebend, whrend sie lautlos
in die Knie sank, rief er:

Herr Gott! Vater alles Dessen, was Kind heit im Himmel und auf Erden,
hier ist Deine Magd. Dein Wille geschehe! Amen.

Maria betete die letzten Worte leise und mit bebender Stimme nach. Ihre
Thrnen flossen linder, ihr Blut wallte ruhiger. Da stand sie auf, und
das Auge, in welchem noch die letzte Zhre schwamm, nach Oben richtend,
die Hnde ber die Brust faltend, hochatmend wie von einem langen Druck
befreit, sprach sie noch einmal lauter und mit festerem Tone:

Hier ist Deine Magd! Dein Wille geschehe! Nun gab sie voll Zuversicht
ihrer Mutter das Versprechen, Alles mit Geduld und Stille in des Herrn
Hand zu stellen und nur fr sie zu leben, und ihr nur Freude zu machen
in den Tagen ihres Alters.

Als Hold sich entfernte, dankten ihm weder Maria noch die Mutter fr
seine Trstung anders als mit einem Blick voll Herzlichkeit. Sie waren
es ja gewohnt, die Prediger auf den Halligen immer als Teilnehmer
solcher Stunden zu sehen und den Segen des geistlichen Amtes an sich zu
erfahren. Die Mutter, unter einem Vorwande Maria von der Begleitung
zurckhaltend, bat noch den Pastor unter der Thr, doch bei Gelegenheit
ein ernstes Wrtchen mit Godber zu reden, was er schon ohnedies sich
vorgenommen.

Auf dem Heimwege dachte Hold darber nach, warum die Hinweisung auf
Christum augenscheinlich so mchtig auf die Bekmmerte gewirkt. Er
glaubte diesen beruhigenden Einflu nicht allein daraus ableiten zu
mssen, da das Gedchtnis des Herrn in ein hheres Reich einfhre, in
welchem die weltlichen Freuden und Leiden nur als Schatten und Trume
erscheinen, sondern auch darin finden zu drfen, da der Friedefrst und
Ueberwinder der Welt uns nicht ohne Sein Kreuz und Seine Dornenkrone
erscheint.

Der Mensch will schauen, nicht etwa allein der, welcher den Glauben als
eine Entwrdigung der Vernunft verwirft, sondern auch der, welcher ein
kindlich gehorsames Herz sich bewahrte fr das Wort des ewigen Vaters.
Bei diesem ist dies Verlangen das allgemeine Bedrfnis der schwachen
Natur des Staubes, die auch da, und vielleicht da am dringendsten, eine
Ansprache an die Sinne fordert, wo es darauf ankommt, sich aus deren
Bereich zu erheben, wie der Adler, der zur Sonne aufstrebt, in der
niedern Luftschicht seinen Flgeln allein die Schwungkraft geben kann,
mit der sie ihn in ruhiger Schwebung emportragen. Ein Glaube, der nicht
von dem: Wer mich siehet, der siehet den Vater ausgehet, wird der
Vermittelung ermangeln, wodurch zu dem ewigen, einigen Geist ein Geist
sich aufringt, fr den das Leibliche nicht blos Behausung ist, sondern
zu dessen eigentmlichem Wesen und Sein es gehrt, so da er, wenn auch
diese Erdenhlle bricht, doch wieder in einen, wenn auch verklrten Leib
gekleidet wird. Mag auch das allgemeine Gefhl der Andacht den Menschen
hinauftragen zu den himmlischen Hhen, und, den blden Sinn
berwltigend, ihn an das Vaterherz Gottes legen mit solcher Innigkeit
und Zuversicht, als ob der Glaube zum Schauen geworden wre, so verliert
er sich doch auch wieder leicht in den Tiefen der Gottheit, ohne eine
feste Ruhesttte gefunden zu haben, und die Frucht seiner Andacht geht
ihm verloren in einem unbestimmten Verschwimmen seiner Gedanken und
Gefhle. Besonders aber wird es ihm schwer, in Leiden einen dauernden
gewissen Trost von dort her zu nehmen, wo kein Leid ist, wo er fr die
schmerzlichen Gefhle, die ihn bewegen, keinen Anknpfungspunkt findet
und daher oft so vergeblich ringt, das eine Ende seiner Gedanken, womit
er an den Schmerz gebunden ist, fahren zu lassen und das andere Ende zu
ergreifen, woran er auf der Himmelsleiter sich emporschwingen soll. In
Christo sind diese Enden verknpft. In Ihm sieht der Leidende den
friedvollen Himmel und die schmerzensreiche Erde vereint. Er sieht
seiner eigenen Herzenswunden blutige Gestalt und zugleich mit demselben
Blick den Sieg, der die Welt berwindet, den Frieden, der vom Himmel
stammt und zum Himmel fhrt. So ist ihm an Christi Hand die Bahn zum
Vater geebnet. Sie ist kein pltzlicher Aufschwung mehr ber den Abgrund
seines Kummers hinweg, sondern ein allmliger Uebergang aus den Dornen
in der Tiefe zu den Friedenspalmen auf der Hhe. Er trgt, indem er mit
dem leidenden Heilande aufsteigt, gleichsam seine eignen Leiden mit
hinauf und fhlt darum die heilende Hand nher und gewisser. Auch in
diesem Sinne ist es wahr: Niemand kommt zum Vater, denn durch den
Sohn!

   Heiland, Deine bangen Schmerzen
   Auf der dornenvollen Bahn
   Lassen jedem wunden Herzen,
   Ein vertrauter Freund, Dich nahn!

   Heiland, Deine Siegesfreuden
   In der Schmach und in der Pein,
   Leuchten auf den Quell der Leiden
   Mit des Himmels Wiederschein.

   Tau aus ew'gem Lichtgebiete,
   Zhren, wie die Erde weint:
   Perlen, ihr an einer Blte,
   Trank in einem Kelch vereint;

   Abgrund, den die Nacht geboren,
   Kreuz, voll Marter und voll Hohn:
   Zur Verherrlichung erkoren,
   Lebenswiege, Friedensthron!

   Ja, die Scheidung ist gefallen,
   Und verklrt der Erde Leid.
   Aufwrts darf der Seufzer wallen,
   Gilt er auch dem Traum der Zeit.

   Fand mein Schicksal andre Gleise?
   Welche Wandlung ist gescheh'n?
   Sieh', der Freund entfhrte leise
   Hin mich, wo die Palmen weh'n.




                                 VII.


   Wie sich Licht und Schatten wende
   Wechselnd in der Vlker Loos,
   Knechtschaft zieht die Freiheit gro,
   Unrecht schlgt die eignen Hnde.

Als Hold in seine Wohnung zurckkehrte, fand er Mander und Oswald dort
vor. Sie waren gekommen, teils um zu danken fr die bewiesene Frsorge,
teils um zu sehen, ob fr ihren Aufenthalt auf der Hallig die
Annehmlichkeit eines gebildeten Umgangs wenigstens in einer Familie
ihnen nicht ganz fehlen wrde. Ihre Erwartungen waren freilich geringe,
und das Aeuere und Innere einer Wohnung, gegen welche das Haus des
Grtners auf ihrem lndlichen Ruhesitze bei Hamburg ein Palast war,
diente nicht dazu, ihre Erwartungen hher zu spannen. Einfachheit und
Beschrnktheit schienen hier die gengsamen Schaffnerinnen gewesen zu
sein. Reinlichkeit mute den Glanz, Nettigkeit die Schnheit, gefllige
Anordnung die Flle ersetzen; und der Anzug der Pastorin wie ihrer
Kleinen trug die Spuren der wirtschaftlichen Nadel, die den abgetragenen
Stoff so lange als mglich benutzen lehrt und ihm immer neue, wenn auch
kleidsame, doch wenig modische Formen verleiht. Uebrigens blhten Mutter
und Tochter in der Flle der Gesundheit: und der Eindruck, den das
herzliche Willkommen der Pastorin auf die Fremden machte, wurde nicht
allein durch die angenehmen Zge ihres Gesichtes und ihre gefllige
Gestalt, sondern auch durch ihr ungezwungenes, einen frhereren Umgang
in hheren Kreisen verratendes Wesen erhht. Oswald ward dadurch ganz
irre gemacht, da er nicht wenig darauf gerechnet hatte, durch gewandte
Verdeckung der gewi erwarteten Verste und durch freundliche
Herablassung zu den beschrnkten Vorstellungen und trivialen
Lieblingsgesprchen einer Familie, deren Gesichtskreis, wie er
voraussetzte, sehr eng sei, hier groes Lob zu ernten, nun aber bald
merkte, da es fr ihn nur darauf ankomme, mit gleicher Leichtigkeit den
rechten Umgangston fr eine unter solchen eigentmlichen Umstnden
gemachte Bekanntschaft zu treffen. Auch Mander, der feingebildete
Weltmann, der ein solches Benehmen zu beurteilen und zu schtzen wute,
fand sich davon nicht wenig berrascht bei der ebenfalls von ihm
vorgefaten Aussicht, auf unbeholfene Verlegenheit oder berlstige
Hflichkeit zu stoen. Nach den ersten Begrungen suchte er daher mit
geschickter Wendung eine Gelegenheit zu der Frage an die Pastorin, ob
sie sich in dieser ihrer Lage wohl glcklich fhlen knne?

Das ist eine Gewissensfrage, erwiderte sie lchelnd. Wir Frauen
hngen einerseits mehr als die Mnner von ueren Eindrcken ab. Die
Sttte, die uns gro gezogen, die Gespielinnen der Jugend, die Kreise
des geselligen Lebens, in denen wir uns freuten mit den Frhlichen und
weinten mit den Weinenden, die Gewohnheiten, die Formen einer frhern
Zeit bleiben treuer in unserm Gedchtnisse und behaupten lnger ihren
Einflu auf unsere Neigungen, Wnsche und Hoffnungen, als es bei dem
Manne der Fall sein wird, dem sein Beruf und sein Amt seine Welt ist, in
die er sich mit allem seinen Denken, Wollen und Thun hineinversetzt,
wodurch die Erinnerung an das Vergangene geschwcht und der Traum von
den zuknftigen Tagen weniger lebhaft unterhalten wird.

So mchte Ihnen denn Ihre Stellung hier weniger gefallen, als ihrem
Gatten?

Ich habe, sprach sie, nur von einer Kammer gleichsam des weiblichen
Herzens gesprochen, die andere wird mehr fr meine Zufriedenheit reden.
Unser demtiges, zweites Geschlecht ist ja an den Herrn der Schpfung,
wie der Mann sich selbst nennt, gewiesen. An ihn schlieen wir uns an,
ihm folgen wir; und Vater und Mutter soll ja das Weib verlassen und
ihrem Manne anhangen. Warum denn nicht auch eben so leicht ihm ihre
lieben Gewohnheiten, ihre bisherigen Neigungen opfern? Und wie von
selbst giebt sich das an der Seite des guten geliebten Gatten.
Vergangenheit und Zukunft verbleichen vor dem Rosenschimmer der
Gegenwart, wenn dieser auch nicht ber die vier Wnde des Hauses
hinausreicht, wenn dieser auch nur aus dem Auge des Gatten mir strahlt
und nicht aus der Umgebung. Er findet doch den Eingang in das offene
Herz und bt seinen verklrenden Zauber auf alle Dinge um sie her. Das
husliche Glck berwindet auch selbst eine Hallig mit allen ihren
Entbehrungen.

Aber unbegreiflich ist es mir, sagte Oswald, wie der Pastor sich hier
wohl fhlen kann, da er ja doch in seinen Studienjahren ein reich
bewegtes Leben hat kennen lernen mssen?

Nicht allein seine Studienjahre hat er zum Teil in Deutschland
zugebracht und sie zu Reisen in den schnsten Strecken unseres groen
Vaterlandes und der Schweiz mitbenutzt, sondern auch seine Kindheit und
erste Jugend verlebte er im Genusse alles dessen, was grostdtischer
Verkehr und grostdtische Sitte Angenehmes haben.

So werden gelehrte Untersuchungen es ihn vergessen machen, was er jetzt
entbehren mu? bemerkte Mander, der unterdessen einen Blick auf das
kleine Bcherrepositorium geworfen hatte.

Sie meinen, lchelte die Pastorin, weil Ihnen da die Titel arabischer
und persischer Bcher entgegenblitzen. Nein, das ist noch aus jener Zeit
her, in welcher, wie Hold sagt, der altertmliche Reifrock der seligen
Gromama oft eben so viel Anziehungskraft hat, als der duftende
Blumenkranz der lebensfrohen Enkelin; oder die herbe und trockene
Frucht, die aus der Ferne und Fremde kommt, lieblicher mundet, als die
frische Pflaume aus dem Garten der Heimat. Jetzt mu ich bei vielen
dieser Bcher dafr sorgen, da der Staub nicht ihre goldenen Titel
bedecke; nur wenige erfreuen sich noch des Immergrns der jungen Liebe.

Natrlich mssen die einzelnen Lieblingsstudien, sagte Mander, bei
dem gebildeten Manne vor dem Interesse fr die groen, neuen
Fortschritte der Wissenschaft zurcktreten; und so wenig ich auch mit
der theologischen Literatur bekannt bin, so wei ich doch, da der
Theologe, der eine bersichtliche Kenntnis des allgemeinen Ganges seiner
Wissenschaft sich bewahren will, schon hinreichend mit Lectre versorgt
ist.

Wenn es dem Halligprediger nur vergnnt wre, entgegnete die Pastorin
mit einer Stimme, deren Schwanken die Furcht verriet, mehr zu sagen, als
vor fremde Ohren gehrte, etwas fr die Befriedigung des
wissenschaftlichen Bedrfnisses aufzuwenden. Hold beklagt dies oft und
meinte noch neulich, da die Vierteljahrsgage eines der geringsten
Opernsnger oder Ballettnzer ausreichen wrde, um den vom Weltverkehr
und vom Bchermarkt ausgeschlossenen Geistlichen der Hallig die
Schriften und Journale in die Hnde zu geben, welche sie vor Lcken in
der Kenntnis des Standes ihrer Wissenschaft bewahren knnten. Dazu kommt
der tgliche Schulunterricht, der sich bei der geringen Bildungsstufe
der Halligbewohner und der gnzlich fehlenden Mithlfe der Eltern fast
nur auf die ersten Anfangsgrnde beschrnkt.

Wie! riefen Mander und Oswald erstaunt, der Geistliche ist
verurteilt, das ABC zu lehren und Buchstaben vorzumalen?

Wenn sie dies Verurteilung nennen wollen, habe ich nichts dagegen. Mir
thut es auch oft in der Seele weh, wenn ich im Nebenzimmer das eintnige
Buchstabieren anhre und dabei einen Blick auf diese Bcher werfe. Aber
Hold wei sich ganz darein zu fgen und geht eben so munter in die
Schulstube hinein, wie er aus derselben zurckkehrt. Auf allen Halligen
ist brigens der Schuldienst mit dem Pastorat verbunden.

Aber ich wrde mir einen Gehlfen halten, sagte Oswald etwas
unbedachtsam.

Dieselbe Ursache, erwiderte die Pastorin, indem sie die Augen senkte
und leise errtete, welche jene Verbindung ntig macht, erspart uns
auch den Gedanken an einen Gehlfen fr die Schule.

Die Pastorin wurde durch die Ankunft ihres Mannes aus dieser
Unterhaltung befreit, die fr sie etwas peinlich geworden war, da Frauen
berhaupt noch weniger als Mnner dazu geeignet sind, die beschrnkte
Lage des Hauswesens vor Fremden aufzudecken, und gern, so lange als
mglich, einen gewissen Schein zu bewahren streben.

Hold trat den Fremden mit freundlicher Offenheit entgegen und wute
ihren Dank fr Das, was auch er fr ihre gastliche Aufnahme auf der
Hallig gethan, sogleich mit den Worten abzuwenden: wie er ihnen vielmehr
danken mte, da sie hierher gekommen seien, ihm ein Bischen von der
Welt drauen zu erzhlen.

Whrend nun die Hausfrau den Thee mit den Butterschnitten von
Schwarzbrod bereitete, das Einzige, was der Halligbewohner in solchen
Fllen fr seine Gste hat, und was er den grten Teil der Woche
hindurch selbst als Mittagessen mit seiner Familie nur geniet, hatten
die Mnner im raschen Laufe des Gesprchs schon fast die ganze Erde
umflogen, hatten die wirren Bahnen der Politik durchwandelt, sich auf
den luftigen Hhen der Weltansichten bewegt und waren in die Tiefen der
Wissenschaft hinabgetaucht. Aber nirgends fanden sie sich in
Uebereinstimmung mit einander; nirgends gelang es ihnen, die
verschiedenen Noten, die jeder anschlug, zu einer melodischen Harmonie
zu verschmelzen. Wollte Oswald die aufgestellten Fragen leicht
abfertigen, so zeigten ihm Mander und Hold den schweren Ernst derselben
und den entscheidenden Einflu einer richtigen Beantwortung auf das Wol
und Wehe der Menschheit. Wollte Mander den Scharfsinn des menschlichen
Geistes in der seither versuchten Lsung dieser Lebensfragen bewundern,
dann schob ihm Hold die Erfahrung entgegen, wie wenig jene Lsung
gefruchtet.

Da aber jetzt die Politik das Gebiet ist, wie es in frheren Zeiten oft
die Theologie war, auf welchem sich die Geister am liebsten tummeln, der
Gemeinplatz, der fast keinem ganz fremd ist, der die verschiedensten
Stnde und Stmme mit gleichem Spruchrecht um das Beratungsfeuer sammelt
und zugleich fr den feineren Beobachter das Tinggericht, wo Vieler
Herzen offenbar werden und sich unter einander erkennen auch ber den
Zeitungs-Krieg und Frieden hinaus, so fanden sich unsere Freunde auch
immer wieder zu derselben zurck.

Hold sagte, als er dies bemerkte:

Es ist immer eine rmliche Zeit, die keinen ber die nchste Wand
hinausgehenden, Allen gemeinsamen Stoff zur Unterhaltung hat; sie brtet
einen widerlichen Kastengeist, ein kleinliches Mein- und Dein-Leben,
eine jmmerliche Ntzlichkeitsprosa aus. Ueber dem tglichen Verkehr,
ber dem Dichten und Trachten fr die Duodezwelt, die fr Jeden eine
andere ist, mu ein Reich aufgethan sein, das Alle zult, ohne nach Pa
und sonstiger Berechtigung zu fragen, das ihren Gedanken einen weiten
Raum giebt, ihre Empfindungen an Vieler Wol und Wehe gro zieht. Aus
diesem Grunde will ich die jetzt so allgemeinen politischen
Unterhaltungen, in die auch wir stets wieder unwillkrlich
hineingeraten, nicht ganz als bloen Zeitvertreib verwerfen; obwol die
Politik selbst, wie sie als Wissenschaft gelehrt und von den Staaten
gegen einander gebt wird, mir die verchtlichste Migeburt ist, die ich
kenne.

Wie! rief Mander voll Erstaunen, mssen Sie nicht den Staatsmann
achten, der in seinem Geiste das Schicksal der Vlker und Lnder abwgt;
der Vergangenes, Gegenwrtiges und Zuknftiges zu kombinieren wei und
mit einem Federstrich oft mehr ausrichtet, als die sieghaftesten Armeen;
der das Staatsschiff durch alle Klippen hindurch in den schwersten
Strmen steuert und auf tausend Umwegen glcklich an's Ziel fhrt?

Meinethalben mag seine Klugheit bewundernswert sein, entgegnete Hold;
aber sehe ich, da seine Winkelzge eben erst die Strme hervorgerufen
haben und die Klippen entstehen lieen; sehe ich, wie er eine Grube zu
seinen Fen grbt, whrend er sich selbstgefllig seiner Voraussicht in
die Zukunft rhmet; sehe ich, wie er mit Treu und Glauben, mit der
Heiligkeit der Vertrge, mit den Gesetzen des Rechtes, wie mit Schalen
spielt, die man wegwirft, wenn der saftreiche Kern ausgesogen ist und
auch wol bei Gelegenheit einmal wieder aufnimmt, um den letzten Tropfen
Oel noch herauszupressen; wenn er das eine Knie beugt, um mit vollem
Munde Gott und alle Heiligen fr sein gutes Recht und um Bestrafung des
Treubruchs anzuflehen, whrend er den andern Fu aufhebt, um die
Gerechtigkeit in den Staub zu treten, dann widert mich der Staatsmann,
oder vielmehr die Politik, die er reprsentirt, als die groe
babylonische Buhlerin unserer Zeit an, die sich am Verderben der Vlker
sttiget.

Sie wollen doch wol nicht die Gesetze der gewhnlichen Moral, die im
huslichen und brgerlichen Leben ihre gute Geltung haben, auch auf die
Leitung des Geschicks der Vlker bertragen?

Ja wol will ich das, erwiderte Hold mit groem Eifer. Gerechtigkeit
und Treue sind kein Menschenfndlein, an dem gedreht und gedeutelt
werden darf. Sie sind Gebote des lebendigen Gottes, der die Welten
lenket mit Rat und Weisheit und die Vlker des Erdkreises richtet mit
Gerechtigkeit. Der Gedanke, weil ich auf diesem Staubkrnlein Erde die
Miniaturgeschichte eines Pnktchens bersehe und ein paar Sekunden lang
sie weiter fhren soll, darum bin ich erhaben ber das Gesetz des
Schpfers und ewigen Regierers des Himmels und der Erden, dieser Gedanke
ist so mitleidswert armselig, da man ihn nur belcheln knnte, wenn er
nicht zugleich so verchtlich wre. Wahrlich, so lange das Gesetz Gottes
als allein bestimmende Richtschnur noch keine Sttte gefunden hat in der
kalten Brust der Leiter unserer Staatenmaschine, so lange bleibt diese
ein Rderwerk, das von Blut und Thrnen truft, und das, in wilder
Unordnung bald vorwrts, bald rckwrts gehend, den Baumeistern nur
Schande macht. An ihren Frchten sollt ihr sie erkennen! Was ist denn
Europa? Ein ewiger Tummelplatz des eisernen Wrfelspiels, ein immer neu
geffneter Kirchhof hingemordeter Millionen. Dabei jeder einzelne Staat
eine Schuldbank, die nur von neuen Glubigern vor dem Einsturz bewahrt
wird. Ueberall ein Beben und Schweben der Vlker und ihrer Hirten in der
Furcht, da die eben glcklich zum Stillstand gebrachte Maschine wieder
losrdere; und um diesen ngstlichen Stillstand zu erhalten, mssen
groe stehende Heere schlagfertig bleiben auch im gerhmten Frieden, dem
Meisterstck der Diplomatie.

Sie werden diesen Zustand nicht den Staatsmnnern zur Last legen.

Keineswegs; wohl aber der falschen, zweideutigen, rechtlosen Gttin,
der sie huldigen. Knnen Sie sich denken, da der Zustand Europa's
schlimmer wre, wenn die Diplomatiker, anstatt in ihr System die
Hintansetzung der Moral aufzunehmen, in allen Beziehungen der Staaten
gegen einander die Gesetze derselben als hchste Norm befolgt htten?

Aber das politische Gleichgewicht soll doch bewahrt werden, erinnerte
Oswald. Ein vorherrschender Staat wrde Einseitigkeit in die
Intelligenz der Vlker bringen, wrde die freie Entwicklung der
Nationaleigentmlichkeit hemmen, wrde die andern Herrscher zu Sklaven
eines allmchtigen Willens herabwrdigen. Und alle Politik geht doch am
Ende nur auf die Erhaltung jenes Gleichgewichts unter den Vlkern.

Was die Vlker betrifft, so wissen sie aus der Geschichte, da jedes
Uebergewicht eines Staates, das seinen Grund in der Ausdehnung ber die
natrlichen Grenzen hinaus hat, auch ohne die Gegenwirkung der Politik
seinem Falle nahe ist, eben gerade durch die falsche Politik, die zu
solcher Ausdehnung verfhrte. Sie wissen, da dies gerhmte, mit so viel
tausend Aufopferungen von ihrer Seite immer neu zu erkmpfende
Gleichgewicht doch stets ein eingebildetes bleibt, und im besten Falle
nur ein sehr schwankendes Gleichgewicht der grern Staaten gegen
einander ist, whrend die kleineren, wie ein Rohr, von jeglichem Winde
bewegt, bald in diese, bald in jene Schale sich neigen, und gar oft zur
Wiederherstellung der Balance jener diplomatischen Waagschale sich
zerstckeln lassen mssen. Dies wissen auch die Frsten dieser Staaten
und zgen gern sich und ihre Lnder aus jenem Conflict heraus, in
welchem das Recht des Strkern allein gilt, und der heiligste Vertrag
nur dann geehrt wird, wenn ihn ein paarmal hunderttausend Bajonette
aufrecht halten. Jenes Gleichgewicht wrde aber auch nie solche
Strungen erlitten haben, wenn eben nicht dem einzelnen Strenfried die
diplomatischen Fechterstreiche seiner Gegner seine Unternehmungen so
sehr erleichterten. Ist ein glcklicher Gegenkampf gegen einen solchen
begonnen, dann tritt sogleich die Politik mit ihrem scheelschtigen Auge
hinzu und deutet mit der weitsichtigsten Klugheit darauf hin, wie leicht
der eine Mitstreiter durch den gemeinsamen Sieg zuviel gewinnen knne,
und ffnet das Auge fr das, was so nahe liegt, fr das durch solches
Mitrauen dem zu bekmpfenden Gegner gegebene Uebergewicht nicht eher,
als bis es zu spt ist. Ist das nicht die Geschichte fast aller
Gleichgewichtskriege des letzten Jahrhunderts?

Ich darf Sie zu ihrer Widerlegung nur an den Befreiungskampf gegen
Napoleon erinnern, rief Oswald, in welchem auch mein Vater
mitgestritten hat.

Gerade jener Kampf spricht fr mich, entgegnete Hold. Es war fr die
unterjochten Frsten und Vlker ein Augenblick der Begeisterung, der
sich ber die diplomatischen Winkelzge der Politik erhob. Wenn dieser
Krieg ebenso mit derselben kalten, lauernden Berechnung, mit denselben
politischen Seitenblicken, wie die frheren Kmpfe gegen jenen Eroberer,
gefhrt worden wre, was wrde der Erfolg gewesen sein? Was aber die
Weisheit der Staatsmnner in jenen Tagen an Groartigkeit angenommen,
das flog ihr nur zu in Folge des Sturms der Auferweckung, der ber
Altre, Throne und Htten dahin brauste; es war kein Teil ihrer Natur.
Da die alte Heuchlerin einmal in einer Stunde der hchsten Not zum
Gebet getrieben wurde, hat sie damit aufgehrt, eine Heuchlerin zu sein?
Und hat sie nicht schon whrend jenes Gebetes, whrend sie die
Gerechtigkeit Gottes anrief, auf neue Ungerechtigkeit gebrtet? Hat sie
nicht die gefaltete Hand zugleich zum Raube gekrmmt und auf das
Siegesfeld die Drachenzhne neuer Zwietracht ausgeset?

Sie mgen darin Recht haben, erwiderte Mander; jedoch werden Sie auch
zugeben, da mancher Staat, bei einem strengen Festhalten an den
Grundstzen der Moral sich seinen Untergang bereitet htte, dem er nur
durch eine gewandte, den Umstnden und Verhltnissen sich anbequemende
Politik entgangen ist.

Wol wahr! Aber das ist ja eben der Fluch, da es so weit gekommen ist,
da der Teufel nur durch den Beelzebub ausgetrieben werden kann, da die
Notwehr uns die unwrdige Waffe des Angreifers in die Hnde zwingt.
Vergessen Sie jedoch nicht, da trotz seines politischen Spiels und
vielleicht eben durch dasselbe auch mancher Staat nur seinen Untergang
gefunden hat, und da wir die Geschichte der Staaten allein vor uns
haben, wie sie in jenem politischen Treiben geworden ist; also gar nicht
behaupten knnen, das Bestehen eines einzelnen Staates htte auer der
Reihe der Mglichkeiten gelegen, wenn seine Leiter in ihrer Haltung und
in ihrem Handeln nur die strenge Rechtlichkeit und die gewissenhafteste
Treue vor Augen gehabt htten.

Das mchte ich doch Keinem raten, meinte Oswald, so lange nicht die
Politik Aller sich zu Ihren Grundstzen bekehrt hat, und dahin wird es
nie kommen.

Und warum sollte es nie dahin kommen? antwortete Hold. Was wahr und
recht ist, das hat seine Wurzel droben im Himmel und senkt seine
Bltenzweige auf die Erde herab, um da einen guten Samen auszustreuen.
Mag dieser Same denn hier auf steinigtem Boden keine Nahrung zum Keimen
finden, dort im Sande der Wste verdorren: derselbe Himmel hat auch Tau
und Sonnenschein, um den Boden allmlig zu bereiten und ihn empfnglich
zu machen fr die gute Saat. Aus all' dem Irren und Wirren hienieden
wird ein Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des Friedens
hervorgehen, das seinen glcklichen Brger nicht ahnen lt, mit welchem
Blut der Boden gedngt ist, den er betritt; mit welcher Tuschung die in
den Grbern ruhen nach einem Frieden strebten, der vor ihnen her
wandelte, ohne da sie ihn sahen, mit welchem Unsinn man zweierlei
Gesetz stellte, eines fr die einzelnen Menschen: Du sollst Gott, Deinen
Herrn, ber Alles lieben und Deinen Nchsten als Dich selbst! und das
andere fr die Gesammtheit derselben Menschen, fr den Staat: Du sollst
nach jeglichem Winde lieben oder hassen, und Deinen Nchsten
bervorteilen, wie Du kannst!

Ein solches Friedensreich auf Erden bleibt immer, sagte Mander
lchelnd, nur der schne Traum eines liebevollen Herzens, und wrde
nicht einmal, wenn es mglich wre, frderlich sein fr die Entwickelung
der Menschheit; denn gerade der Kampf soll Regen und Bewegen in ihr
erhalten, soll die Kraft sthlen, den Geist schrfen. Die Geschichte mu
eine Epopee bleiben und kann nie eine Idylle werden. Auch in der brigen
Schpfung finden wir gleichen Kampf. Welche, auf furchtbare Umwlzungen
deutende Vernderungen bemerken die Astronomen an den Himmelskrpern!
Welche Erdbeben, Ueberschwemmungen, vulkanische Ausbrche; welche Zeiten
der Drre oder berflutender Wolkenbrche und dergleichen gehren zur
Geschichte des Erdbodens! Welcher rastlose Kampf unter den Tieren,
welches Recht des Strkern, welche Beraubung und Erwrgung der
Schwchern unter ihnen!

Und davon, entgegnete Hold, wollten Sie eine Anwendung auf die
Menschen machen, die erschaffen sind nach dem Bilde Gottes; denen Er das
Vermgen gab, die Erfahrungen der vergangenen Jahrtausende fr die
Gegenwart zu benutzen; denen Er Seine heiligen Gebote verkndet, welche
alle nicht allein das ewige Heil, sondern mit demselben auch das
irdische Wol zum Zweck und Ziel haben, denen Er in Jesu Christo den
Abglanz Seiner Herrlichkeit leuchten lie auf Erden, einer Herrlichkeit,
die da ist Gerechtigkeit und Liebe, Kraft und Friede?

Mute nicht auch Christus kmpfen, leiden und sterben, und ist nicht
auch durch Ihn so viel neue Zwietracht geweckt auf Erden?

Und darum sollten wir immer und ewig Seine Mrder bleiben mssen durch
die Verleugnung Seiner Lehren, Segnungen und Verheiungen? Sollten Ihn
zum Hausgott bestellen fr unsern kleinen huslichen brgerlichen
Verein; als Gott der Weltgeschichte aber den anbeten, der ein Mrder war
von Anfang an? Nein, so gewi wie, von Christo ganz abgesehen, der ber
jeden Vergleich hinaus ist, die Apostel, die das Evangelium hinausriefen
in die Welt, mehr Segen brachten den Menschenkindern, als Alle, die vor
ihnen und nach ihnen gelebt haben, so gewi wird auch dies Evangelium
durchdringen durch alle Tiefen und zu allen Hhen hinauf; und dann erst
ist das rechte Streben und Bewegen in der Menschheit, das nicht in der
Zwietracht, sondern in der Liebe thtig ist; dann wird mancher jetzt in
der Geschichte hochgepriesene Name, der seinen Ruhm auf verbrannte
Trmmer und zertretene Schdel erbaute, nur als ein Denkmal menschlichen
Unsinns eine kurze Spalte in dem Buche der Vorzeit fllen, whrend man
eifrig den Thaten dessen nachforscht, der einen Grundstein mitlegen half
zum Aufbau der bessern Zeit.

Und doch, bemerkte Oswald, haben die scheinbar verderblichsten Kriege
auch mit zur Frderung der Fortschritte der Menschheit gewirkt.

Weil ein Gott vom Himmel darein sieht und Alles zum Besten lenket: Die
Gewitter reinigen die Luft und frdern einen schnen Tag herauf. Aber
dieser schne Tag mu droben ber den Wolken und Strmen bereitet
werden, die Gewitter schaffen ihn nicht; sie entladen nur ihre eigene
heillose Kraft, die aus den Dnsten geboren ist, die sie zerstreuen.

Die Pastorin, der ihr Mann zu eifrig wurde gegen die Fremden, unterbrach
ihn hier lchelnd, indem sie sagte: Die Dnste meines Thees wrden auch
lngst Zeit gehabt haben, sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie
nicht so friedsamer Natur wren.

Mander aber setzte nach einer kurzen Unterbrechung das ernste Gesprch
fort. Ihm hatten die Erfahrungen vielbewegten Lebens jenes besonnene
Urteil gegeben, das nicht ber die Grenzen der Wirklichkeit hinausgeht,
und keinen Blick weit ber den Anknpfungspunkt hinberwagt; doch hrte
er gern einen Mann reden, der in der eignen, so viele Wnsche brig
lassenden, beschrnkten Lage nur von Idealen fr die Menschheit trumte,
und hatte mit Absicht nur so viel entgegnet, als ntig war, um Hold im
Feuer zu erhalten; wobei aber auch in seiner Brust manche lngst
entschlafene Empfindung wieder wach zu werden geneigt schien.

Ich kann mir es wol denken, wie Ihnen, bei Ihrer Bildung zum
Volkslehrer und in Ihrer Stellung als solcher, die Mnner der
Wissenschaft die hchste Bedeutung haben mssen.

Es giebt nur eine Wissenschaft, erwiderte Hold, von der das wahre
Leben ausgehet in Zeit und Ewigkeit, die Wissenschaft von dem Heil der
Menschheit in Gott. Unter das Licht und Gericht derselben soll Alles
gestellt werden, was ist und was geschieht; und nur in soweit hat unser
Wissen und Erkennen Gehalt und Bestand, als es uns und Andere frdert in
dem Bewutsein unserer Abhngigkeit von Gott, in der heiligen Lust an
Seinem Willen, in dem freudigen Vertrauen auf Seinen Rat, mit einem
Worte: in der Kindschaft zu Ihm. Gleichwie unser Wollen und Vollbringen
in so fern einen lebendigen Keim und eine bleibende Frucht in sich
trgt, als es dient jener Wissenschaft des Heils, da sie eine Gestalt
gewinne in unserm Leben und im Leben der Menschheit.

Auf diese Weise, bemerkte Mander, htten alle Wissenschaften nur eine
Aufgabe; whrend sie doch von so verschiedenen Punkten ausgehen, so ganz
verschiedene Richtungen einschlagen.

Lassen Sie mich ein Bild gebrauchen, war Hold's Antwort. Die eine
Wissenschaft ist die Sonne am Himmel der Menschheit; die andern
Bestrebungen der Wibegierde sind nur die Trger der Strahlen dieser
Sonne nach allen Seiten hin und in jedes Dunkel hinein. Vergessen sie
diesen ihren Beruf und gehen mit der eignen Hornleuchte umher, so werden
sie sich in Wsten verlieren und auf tausenderlei Irrwegen wandeln. Aber
sie werden doch auch ihr Wissen vollstndiger entwickeln, klarer
durchbilden und fester begrnden und dadurch reifen in der Erkenntnis
ihres wahren Berufes und in der Zurckfhrung alles Wissens auf die eine
Wissenschaft. Je vollstndiger des Irrtums Bahnen durchlaufen sind,
desto sicherer werden sie auch zurckgemessen und dienen dann nur als
Wegweiser auf den rechten Weg.

Sie sind Theologe, und Jedem ist seine Wissenschaft die erste.

Die Theologie ist nicht die Wissenschaft, die ich meine; sie ist nur
die Anleitung dazu. Sie stellt sich, wenn sie sich selbst erst begriffen
hat, die Aufgabe: Alles, was war, ist und geschieht, unter den
Brennpunkt der einen gttlichen Wissenschaft zu bringen, wo sich das
reine Erz von den Schlacken sondert; und in diesem Sinne soll Jeder ein
Theologe sein, indem er all' sein Denken, Wollen und Thun, alle Arbeit
und alle Erfahrung seines Lebens, alle seine Sehnsucht und seine
Hoffnung durchleuchten und durchlutern lt von der wahren
Wissenschaft, die aus Gott ist und zu Gott fhrt. Nur da der
eigentliche Theologe nicht allein, was _sein_ Leben bewegt, sondern die
Bestrebungen und Erfahrungen, die Meinungen und Hoffnungen aller Zeiten
und aller Vlker in das Licht und Gericht der gttlichen Weisheit stellt
und dadurch an Schrfe und Bestimmtheit in der Beurteilung des Treibens
seiner Zeit, im Durchblicken des Scheines, in der Erkenntnis der Quellen
des Irrtums und der Gottentfremdung der Menschheit und des einzelnen
Menschen gewinnen soll. Dadurch wird er geschickt werden zum Leiter der
Blinden, zum Lehrer der Ungebten, zum Ermahner der Leichtsinnigen, zum
Trster der Glaubensschwachen, zum Erwecker der Lauen und Gleichgltigen
und zum Sprecher des Gerichtes wider Die, welche fr sich selber das
Heil verschmhen und Andern den Zugang hindern. Und weil wir Alle nach
unserer Schwachheit und Sndhaftigkeit bald zu der einen, bald zu der
andern Klasse gehren, so darf es Keiner, sei er Priester oder Laie, an
dem weitern Anbau der wahren Wissenschaft fr sich selbst je fehlen
lassen, keine Gelegenheit versumen, zu reifen in aller Erkenntnis,
Tugend und Gottseligkeit.

Wo ist aber die wahre Wissenschaft zu finden, fragte Mander, auf die
wir Alles zurckfhren und an der wir Alles prfen sollen?

Sie ist nicht da und kann nicht da sein, entgegnete Hold, wo Irrtum
und Tuschung wenigstens mglich sind, in keinem System der Philosophie.
Sie kann nur aus dem Quell der Wahrheit selbst geschpft werden.

Ich mchte mit der Frage des Pilatus, sagte Mander, nicht ohne eine
schmerzliche Bewegung zu verraten, Ihnen antworten: was ist Wahrheit?

Das Wort Gottes! sprach Hold fest und ernst. Aber ein leises
Kopfschtteln des alten Mander und ein fast spottendes Lcheln seines
Sohnes zeigten ihm, wie wenig diese Antwort seine Zuhrer befriedigt
habe.

Oswald erinnerte jetzt, da es schon spt geworden sei, und die Gste
schieden mit dem gern angenommenen Versprechen, ihren Besuch bald zu
wiederholen.




                                VIII.


   Du klagst, da Deinen Blick umfloren
   Die Schatten um der Wahrheit Thron?
   Dein eigen Herz hat sie geboren;
   Sie sind der Snde Frucht und Lohn.

Idalia glaubte in ihrem ganzen Leben nie so glcklich gewesen zu sein,
als sie jetzt sich fhlte. Diese husliche Geschftigkeit, der sie sich
mit allem Eifer hingab, hatte, je ungewohnter sie ihr war, einen desto
greren, ja zauberischen Reiz fr sie, der noch durch das Eigentmliche
ihrer Lage und ihres Aufenthaltes auf einer Hallig erhht wurde. Die
Liebe lste in ihrer Brust, die frher nur Raum hatte fr das
flatterhafte Wesen eines eitlen Mdchens, alle Ahnungen der wahren
Weiblichkeit und den Sinn fr die Wrde einer Hausfrau. Zugleich wute
sie ja, da sie so gerade Dem am meisten gefalle, von welchem sie
geliebt sein wollte. Sie benutzte nicht einmal alle Vorteile, welche ihr
die Mittel ihres Vaters liehen, um Bedrfnisse und Annehmlichkeiten, die
sonst der Hallig fremd waren, fr ihren Zustand zu gewinnen; sondern
gefiel sich in der Einfachheit und Gengsamkeit ihrer jetzigen Heimat,
und machte tausend, fast immer unausfhrbare Vorschlge, um das Ganze
noch mehr in die Form einer Gesner'schen Idylle zu kleiden. Den Rand des
sogenannten Soods, in welchem sich das Regenwasser sammelte, umkrnzte
sie mit einer breiten Lage von Seemuscheln, die sie mhsam hatte am
Strande zusammensuchen mssen, weil dieser in jener Gegend auch damit
geizt. Der Bedarf an Trinkwasser mute jedoch fr die verwhnten Zungen
vom festen Lande herbergebracht werden. Den Schatten und die trauliche
Enge einer Laube zu ersetzen, hatte sie mit Godber's Hlfe ein Zelt von
Segeltchern auf der Werfte aufgeschlagen, und wenn das Wetter es nur
zulie, ward der Kaffee unter dem Dache desselben getrunken. Sie fhrte
auch mit ihrem Bruder manchen Streit, indem sie das Leben auf diesem
Eilande vor allen Herrlichkeiten der groen Stadt rhmte, und so oft sie
eine der Eigentmlichkeiten der Hallig, wenn auch nur scherzhaft, mit
den glnzendsten Lobeserhebungen anpries, fhlte sich Godber enger und
enger zu ihr hingezogen und gab sich den schnsten Trumen einer
goldenen Zukunft hin. Bei ihm war ja die Liebe zu seiner Heimat so mit
seinem innersten Wesen verwoben, da er Alles, was Idalia in dieser
Hinsicht sagte, nur fr natrliche Anerkennung der Wahrheit, fr ein
Zeugnis voller Uebereinstimmung ihrer Seelen nahm, und mit jedem Lobe
aus ihrem Munde wuchs daher auch seine Liebe zu ihr, die allein in der
Liebe fr das Land seiner Geburt ein Gleichgewicht hatte, sonst alle
seine andern Gedanken und Empfindungen weit berwog. Die Erinnerung an
Maria trat immer weiter in den Hintergrund zurck, und kamen auch
einzelne Augenblicke, die an Treu und Glauben mahnten, so bte sich
Godber in der Kunst, mit seinem Gewissen sich so zu beraten, da er
Recht behielt. Was konnte er dafr, da er jetzt erst den Stern
gefunden, der ihm auf seiner Erdenwallfahrt zu leuchten bestimmt war?
Da er nun erst sich selbst ganz gefunden durch die Gemeinschaft mit
einem Wesen, in welchem sein Denken und Fhlen sich wie in einem
verklrenden Spiegel abmalte, so da er selbst dadurch zu einer nie
geahnten Hhe erhoben und begeistert wurde? Er erschrak jetzt vor der
niedern Sphre, in welcher sein Geist und sein Herz geblieben sein
mten, wenn nicht Idalia's Zauberschlag an die Tiefen seiner Brust
gerhrt, wenn er mit der unbedeutenden Maria sein Leben hingebracht.

So war es bei ihm, und so ist es bei Allen, die Eitelkeit, die in den
verschiedensten Formen und Gestalten, mit den verschiedensten Wendungen
und Umkleidungen sich in unsere Selbstbetrachtungen mischend, den Dingen
einen Schein leiht, der uns verblendet gegen die klare Beurteilung der
Verhltnisse, gegen die offenen Forderungen des Rechtes und der Pflicht.
Darum ist es dem Menschen so not, da er sich halte an dem festen
prophetischen Worte. Er soll in Stunden, die er als Scheidewege erkennt,
weder blindlings folgen den von Auen gegebenen Eindrcken, noch es
versuchen, durch vielseitige Ueberlegung den rechten Pfad
herauszufinden. Bei solcher Ueberlegung wachen in ihm alle bsen Geister
auf, als fnde der Aberglaube seine Erklrung und Besttigung, der die
Kreuzwege zum Tummelplatz nchtiger Dmonen macht. Sinnlichkeit,
Eigennutz, Eitelkeit werden sein Urteil irre zu fhren suchen, und
selbst mit dem besten Willen wird seine Prfung nie eine gerechte
Wrdigung Dessen sein, was sich fr die eine oder andere Seite sagen
lt. Er soll vielmehr auch in diesem Sinne seine Vernunft, die durch
das Erwachen jener bsen Geister in der Abgebung eines wahrhaftigen
Zeugnisses gehindert wird, gefangen geben unter den Gehorsam des
Glaubens. Er soll fragen, was da sei des Herrn Wille? und die Antwort
darauf nicht suchen in sich selbst, als wre seine Brust eine Wohnung
des heiligen Geistes, da doch, wenn sie das wre, es der Frage nicht
bedurft htte; sondern er soll die Antwort suchen in den Geboten Gottes,
wie sie ihm gegeben sind in der reinen und lautern Offenbarung des
gttlichen Gesetzes. Ein solches in seiner festen Entschiedenheit, in
seiner einfachen Hoheit dastehendes Gesetz, an dem sich nicht drehen und
deuteln lt, so viel man es auch hin- und herwenden mag, und das kein
Zuthun und kein Abnehmen leidet, wenn man es nicht ganz verndern und in
Widerspruch mit sich selber bringen will: ein solches Gebot ohne
Ausflucht, ein solcher Wegweiser ohne Seitenarm, ein solches Ja und
Nein, ohne ein Wrtchen darber, mu allein entscheiden. Ohne einen
solchen Gesetzfels kommt es dahin und ist dahin gekommen, da jeder
Mensch seine eigene Moral hat, und da diese Moral noch dazu ein wahrer
Januskopf ist mit zweierlei Gesichtern, und mit Augen, die, was sie
heute grn sehen, morgen frh fr grau halten und umgekehrt. Berufst Du
dich auf Dein Gewissen, so ist dies ja eben nichts Anderes, wenn es den
Namen verdient, den Du ihm beilegst, als der Strom lebendigen Wassers
vom Felsen des Gesetzes; und ist es das nicht, so ist noch weniger
Verla darauf als auf eine von jedem Winde bewegte Wetterfahne, die
darin noch den Vorzug hat, da sie doch wenigstens die Richtung anzeigt,
woher der Wind blst. Also das klare, lautere, _gegebene_, nicht erst
nach den Umstnden und Verhltnissen zu machende oder zu modelnde Gesetz
Gottes sei Dir fr Dein Wollen und Thun ein unerschtterlicher Sinai.
Vor Seiner Stimme durch die Wolken mssen alle andern Stimmen schweigen;
und schmeicheln sie noch so lockend als Stimmen der Wahrheit um Dich
her, sie sind Lge mehr oder minder, in dem Mae, in welchem sie sich
von dem einfachen, offenen Sinn des Gesetzes entfernen. Denkst Du an die
Folgen? Ein lieblicher Sonnenschein lchelt Dir entgegen, wenn Du es nur
einmal nicht so streng und scharf nehmen wolltest mit den Geboten
Gottes, oder sie umkleidest in eine Dir geflligere Wahrheit. Schwere
Wolken dagegen hngen herab ber Deinen Pfad, bereit, ihre Gewitter und
ihren Hagelschlag auf Dich und die Deinen, auf die Saat Deines Nchsten
zu entladen, wenn Du ohne Weichen und Wanken beharrest in dem Worte des
Gesetzes. Beharre bis in den Tod, auf da Du das Leben gewinnest! Du
sollst Deine unsterbliche Seele beraten, da sie bestehe vor dem Richter
der Lebendigen und der Toten. Fr die Folgen da la Ihn sorgen; sie
stehen ja in Seiner, in des gndigen Vaters Hand. Sie sind nicht Deine
Sache. Dein ist es aber, treu erfunden zu werden! Dies sei Dir genug;
wenn auch die Erfahrung Dir nicht so oft zeigte, wie unsere Berechnung
der Folgen so leicht dem Irrtum unterworfen ist; wie das Licht die
Nacht, und die Nacht das Licht gebiert. Immerdar mssen ja auch alle
Dinge, sei's Reichtum oder Armut, Glck oder Unglck, Leben oder Tod,
zum Besten dienen dem, der da sagen kann: Hier bin ich, Herr! Dein Wort
war meines Fues Leuchte!

Woher kommt denn all die Armseligkeit selbst unter den sogenannten
guten Menschen? Woher denn bei ihnen diese vielen unschuldigen
Schwchen, diese feinen, scheuen Wendungen, wenn Gott einmal ein
Brandopfer wieder fordert auf dem Altar der Pflicht? Weil sie sich
selbst ihre Tugend gemacht haben, um sie, gleich einem bequemen und
behaglichen Kissen, bald nach der einen, bald nach der andern Seite hin
ihrem Erdenschlummer unterzulegen. Weil sie um den Sinai in der Wste
einen schattenreichen Park angepflanzt haben, der ihnen den Berg aus den
Augen rckt, whrend sie auf blumigen Pfaden ber Thal und Hgel
dahinwandeln, ganz zufrieden damit, wenn sie nur nicht so weit sich
entfernen, da die Mitgste im Park sie nicht mehr als ihres Gleichen
erkennen wollen. Wahrlich, es thut diesem Geschlecht der Flammenspiegel
des Gesetzes not, vor dem die Spreu, die sie eine gute Saat nennen, zur
Asche werden mu, nicht einmal geeignet, die drre Sttte zu bedecken.

Es stimmt freilich wenig mit der sogenannten Aufklrung unserer Zeit,
sich an ein solches festes Wort zu binden. Nein, wir wollen lieber uns
selbst Gesetz sein, und reden daher viel von dem ins Herz geschriebenen
Gebot, worunter wir, wenn wir die Wahrheit sagen wollten, eine weiche
Wachsflche verstehen, worin die ueren Eindrcke allerlei Figuren
malen, aus denen wir dann ein mit unsern Neigungen am besten
bereinstimmendes Orakel herauslesen, um ihm als einem Gtterspruch
nachzufolgen. Daher haben wir es denn auch so leicht gefunden, recht
gute und sittliche Menschen zu werden; weil wir, wenn unsere Neigungen
nur durch glckliche Umstnde, durch Erziehung und Scheu vor dem Urteil
der Welt in einer gewissen Flauheit gehalten werden, die es nicht zu
tobenden Ausbrchen der Leidenschaften kommen lt, davor bewahrt
bleiben, Diebe und Mrder zu heien. Ein bischen Hoffahrt, Weltlust,
Verleumdung, Rachsucht, Betrug, ja selbst ein bischen Buhlerei mag dabei
gern mit unterlaufen; es ist ja einmal das Erdenleben nicht anders, und
es ist ja kein Richter in unserer Brust, der es so genau nimmt; es ist
kein Gesetz da, das schrfer als ein zweischneidig Schwert teilet
zwischen Gott und Welt, Recht und Unrecht, Tugend und Snde. Wie im
lauen Wasser Wrme und Klte gemengt sind, so ist auch in unserem
selbstgeschaffenen Gesetz Licht und Finsternis zu einem die Augen nicht
angreifenden Nebel vereinigt. Wie die Schlangenlinie bald rechts und
bald links fhrt, und wenn sie der einen Seite zulenkt, schon die
Wendung nach der andern vorbereitet, so ist auch in unserm Wandel weder
ein Fortschreiten auf dem Wege des Lebens, noch ein vlliges Abirren auf
den Weg des Todes. Freilich, wenn der Tag aufgehet, an welchem Gott die
Vlker der Erde richtet; wenn Er Rechenschaft fordert auch von jeglichem
unntzen Wort, das aus unserm Munde gegangen ist; wenn von Seinem Throne
das Wort niederleuchtet: Ihr sollt heilig sein, denn Ich bin heilig!
dann freilich wird das weiche Wachs _unseres_ Gesetzes vor den
Flammenstrahlen _seines_ Gesetzes hinschmelzen; dann wird unser
gefgiger Mittelweg offenbar werden als ein Weg des Fleisches und des
Verderbens, der in seinen Windungen nur darum an den Weg des Lebens
hinstreifte, auf da wir keine Entschuldigung htten, als wre uns
verborgen geblieben, was der Herr, unser Gott, von uns fordert. -- Die
Fabel vom Gewissen, wie dies Wort gewhnlich genommen wird, mu
aufhren, eher mag keine rechte Tugend gedeihen. Und eine Fabel, noch
dazu mit gar schlechter Moral, ist das Gewissen; so es, wie bei den
meisten Menschen, nichts weiter ist, als ein Gebru von Lebensklugheit,
Sorge fr den guten Ruf, Beachtung des Anstandes, versetzt mit einem
Teil natrlicher Gutmtigkeit, die eben so gut Charakterschwche heien
mag, und einem Teil Erkenntnis des gttlichen Willen, die aber nicht
recht wei, wie sie sich mit jener Mixtur verbinden soll, und nur als
Bodensatz zu dienen scheint, der, wenn das Gewissen sich einmal
aufrttelt, unstt im Ganzen verschwimmt. Das wahre Gewissen ist kein
Gesetzgeber, sondern nur das Auge, das geffnet ist fr das gegebene
Gesetz. Es fragt nicht, wie entschieden werden soll, sondern zeigt nur,
wie entschieden ist durch Den, der da sprach: Du sollst, und Du sollst
nicht! es erlaubt sich kein Urteil ber die Umstnde und Verhltnisse;
sondern erinnert Dich nur an das Urteil Gottes ber den Fall, der
vorliegt. Dadurch allein bewahrt es sich in seiner Freiheit wider die
Anlufe bser Neigungen und Begierden, da es sein Licht und seine Kraft
nimmt aus einer Hhe, zu der diese nicht hinaufreichen. Will es selbst
den Weg finden, den Du wandeln sollst, dann fllt es der Knechtschaft
anheim; ist nur ein vielleicht hochmtiger, aber doch williger Diener
alles ungttlichen Wesens und der weltlichen Lste, und trgt die Livree
seiner Herren. Es ist also ein fester Pol, ein: Gieb mir, wo ich
stehe! dem Gewissen not, von welchem aus es die Welt berwinde. Es hat
sein Licht nicht in sich selber; sondern bedarf eben so gut, wie Dein
leiblich Auge das Licht von Auen her, um zu sehen. Ist denn etwa der
inwendige Mensch nach seinen verschiedenen Geistes- und
Seelenthtigkeiten so getrennt und gespalten, da jede ihr eigenes
Gebiet habe, welches sich frei hlt von aller Berhrung und Einwirkung
der andern? Da jede schaffet und waltet fr sich, ohne von der Bewegung
der andern sich mitbestimmen zu lassen? Also da, whrend das Herz sich
krmmt vor einem Opfer, das die Tugend fordert, whrend die Sinnlichkeit
der bsen Lust zustrebt, whrend die Klugheit eigenntzig rt, den
breiten Weg zu whlen, da nun das Gewissen, ohne einen Fhrer auerhalb
dieser Bewegung, sich ganz frei halten sollte von dem Einflu dieser
Hausgenossenschaft? Wird es nicht bald in den verfhrerischen
Sirenengesang mit einstimmen, oder wenigstens bald bertubt werden,
wenn ihm keine Hlfe von Auen her wird? Wenn lange Gewohnheit
leichtsinnig und gleichgltig machte gegen den Weg, den wir wandeln,
wenn die Geleise, die wir betreten, unserm Fu einmal so bequem und
natrlich geworden sind, da es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt,
andere zu whlen: ist dann Dein Gewissen nicht mit Dir in gleiche
Gewohnheit versunken? Wird es wachen, wenn Du schlfst? Wird es stille
stehen, wenn Du fortgehst? Wird es sehen, wenn Du blind bist? Wird es
reden, mahnen, strafen, anders als Du willst, als ob es kein Teil von
Dir wre, da Du es doch auf Dich selbst allein hinweisest, als auf den
Quell, woraus es seine Erkenntnis nehmen soll? Damit verlangst Du ja,
da Du Dir selbst widersprechen, Du selbst Dich selbst berwinden
sollst; verlangst Licht von der Finsternis, Kraft von der Ohnmacht,
Antwort von der Frage. -- Es mu Etwas auer uns sein, wohin wir
schauen, als auf einen festen Polarstern, ein Licht, das erhaben ist
ber die Nebeldnste dieser Welt, ein Wegweiser, auf den wir nicht
selbst den Weg malen, den wir fr den richtigen halten, sondern auf dem
er vorgezeichnet ist von Dem, dessen Wort unseres Fues Leuchte ist, und
ein Licht auf dunklen Wegen. Es mu ein heiliger Wille uns verkndet
sein vom Vater des Lichtes. Sonst leben wir in einem revolutionren
Lande, wo das alte Recht abgeschafft ist und noch kein neues wieder
gegeben; wo Jeder mit seinen Ansichten und Neigungen zu Rate geht, was
er thun und lassen soll, und wo der Eine mit dem besten Gewissen ein
Totschlger wird und der Andere mit gleich gutem Gewissen die Beute zu
sich nimmt. Nicht weil man ohne Gewissen handelte, wurden Scheiterhaufen
erbaut und die Guillotine aufgerichtet, sondern weil man das Gesetz
Gottes: Du sollst nicht tten! verga, und die eigenen Ansichten und
Neigungen sich zur Gewissenssache machte. Nicht _gegen_ sein Gewissen
lebt der, welchem die Befriedigung des irdischen Gelstens, das Treiben
in zeitlichen Geschften, der behagliche Genu des weltlichen Friedens
Alles ist; der, dem kein Blick der Andacht den Himmel ffnet, keine
ernste Frage nach den gttlichen Dingen das Herz bewegt, keine Heiligung
des Sinnnes und Wandels als Lebensaufgabe vorliegt. Er merkt vielmehr in
sich gar keinen Widerspruch gegen solche Weise, weil er es nicht gelernt
oder wieder verlernt hat, sein Leben im Spiegel des gttlichen Gesetzes
zu betrachten; und hat nichts destoweniger auch seine Ehrenpunkte, die
sein Gewissen ihm nicht zu verletzen erlaubt. Der Ton, der vielleicht
auch bei ihm in einzelnen Stunden wie aus einer hheren Welt anschlgt,
ist nur ein Nachklang des frher erkannten gttlichen Gesetzes, oder ein
Anklang desselben, durch Gottes Schickungen hervorgerufen. Das Gewissen
aber in seiner Wahrheit und Klarheit ist nichts mehr und nichts weniger,
als ein Abglanz der Herrlichkeit des gttlichen Gesetzes. Ein Spiegel
ist es, in welchem wir den Willen des Ewigen erkennen, wenn wir diesen
Willen davor halten. Wollen wir aber nur unser eigenes Bild davor
hinstellen, so sehen wir eben auch nur unser eigenes Bild, und unser
Wollen und Thun wird auch nichts Anderes sein, als eine Nachffung
dieses Bildes; kein Wollen und Vollbringen dessen, was der Herr, unser
Gott, von uns fordert. Der Pilger, der kein Ziel vor sich hat, nach dem
er strebt, oder keine Anweisung, wie und wohin er wandern soll, richtet
sich nach der Munterkeit oder Mdigkeit seiner Glieder, nach der
Annehmlichkeit oder Beschwerde des Weges, nach dem Sonnenschein oder
Regenwetter des Tages. So auch die Wallfahrt durch's Leben ohne Gesetz
von Auen her. Wo aber dies als Machtgebot des Richters der Lebendigen
und der Toten uns vorleuchtet, da gilt kein Sumen und kein Wanken, da
gilt kein Frchten und kein Gefallen, da gilt kein Leben und kein
Sterben, da gilt allein das strenge, unerbittliche Wort, das kein Drehen
und kein Deuteln zult, das keine Vorwnde und Entschuldigungen
annimmt, das keine Verfhrungen und Versuchungen anerkennt, das
Gehorsam, nur Gehorsam will. Ohne ein solches Wort der Zucht und der
Kraft, das ganz ber unser Klgeln und Mkeln hinausgehoben ist, werden
wir nie die Snde berwinden, nie wandeln in rechtschaffener
Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum soll unser Gewissen nie etwas
Anderes sein, als ein Merken und Erwgen dieses Wortes; und redeten auch
tausend Stimmen dagegen und sprche auch die ganze Welt ihr Anathema aus
gegen dessen Ausspruch, und flehten auch alle Seufzer und Thrnen Deines
Herzens gegen seine Erfllung, und gelte es auch den letzten Brosamen
unseres irdischen Glckes, die letzte Hoffnung unseres zeitlichen
Daseins: la fahren dahin, Du hast nur ein Gesetz, das Gesetz des Herrn!
und darin beharre bis an's Ende! Das Reich Gottes mu Dir doch bleiben.
Godber war in der Furcht Gottes und in der Zucht des Gesetzes erzogen.
Es war ihm darum nicht so leicht, sein Gewissen, das wenigstens mit
einem Fue noch auf dem Boden stand, zu seinen jetzigen Ansichten
hinzudrngen. Wenn er eben glaubte, da es mit ihm ruhig auf dem Wege
fortwandle, welchen er fortan als den fr ihn notwendigen, durch die
Fgungen des Geschicks ihm vorgezeichneten Lebensweg zu betrachten sich
zu gewhnen suchte, dann trat es eigensinnig aus dem Geleise und stand
wieder wie eingewurzelt auf der Stelle der Schrift: La Dich nicht
einen jeglichen Wind fhren, und folge nicht einem jeglichen Wege, wie
die unbestndigen Herzen thun; sondern sei fest in Deinem Gemt und
bleibe bei einerlei Rede! Doch wir sind nie schlauer und gewandter, als
da, wo es darauf ankommt, uns selbst zu betrgen; und so frderte sich
auch Godber immer weiter in der Kunst, aus der ehernen Gesetztafel eine
wchserne zu machen, und das strrige Ro seines Gewissens in ein
folgsames Paradepferd umzuwandeln. Der Herr aber in der Hhe wollte ihm
zeigen, wie eitel solche Kunst sei und wie wenig haltbar der Zgel, an
dem sie ein Gewissen, das einmal eine andere Fhrung gewohnt war, zu
leiten sucht. Gott sprach durch den Mund der Toten, und -- vor das
Paradies, in das Godber ruhig einzugehen meinte, trat der Engel mit dem
feurigen Schwert.




                                 IX.


   Die Stunde kommt, von Gott gesendet,
   Das sinnentrunkne Herz wird wach,
   Und jedes dunkle Blatt, es wendet
   Zurck sich an den hellen Tag.

Die Leichen der mit dem Schiffe Verunglckten wurden gefunden. Godber
hatte auf der alten Kirchwerfte einen Stein, in der Form eines groen
Taufbeckens, bemerkt und war auf Idalias Wunsch hinausgegangen, um zu
sehen, ob derselbe sich nicht fr ihre Absicht gebrauchen liee, seiner
Werfte eine neue Zier zu geben. Da lag vor ihm die Leiche seines
Schiffsherrn, und spter fanden sich, noch im Tode getreu, nicht weit
davon die beiden andern Seeleute. Sie hatten zusammen in den Hhlungen
des frhern, jetzt fast ganz dem Meere anheimgefallenen Friedhofs, der
aber noch durch manches vom Wellenschlag wieder ans Licht gebrachte
Gebein von seiner ehemaligen Bestimmung zeugte, ihre Ruhesttte
gefunden, nachdem sie lange ein Spiel der Wogen gewesen waren.

Haben die Toten da in den halboffnen und verwitterten Srgen, sagte
Hold, als er bald darauf herbeigerufen wurde, um die ntigen Anordnungen
wegen der Beerdigung zu treffen, nicht, gleichsam mitleidig ihre Arme
ausgestreckt, um diese Leichen neben sich zu betten? Ach! wie bald wird
auch der Platz, wohin wir sie bringen, ausgewaschen werden von der Flut,
und die Welle ihr Spiel erneuen mit den ruhelosen Gebeinen!

Die Abgeschiedenheit, in welcher die Halligen oft Wochen lang durch den
Wind und Wetter oder Eisgang gehalten werden, ntigt den Hausvater, auch
daran zu denken, da ein Sarg vorrtig sei. Unter seinem brigen Gert
darf auch dies ^memento mori^ nicht fehlen, so schwer und so ungern man
sich auch sonst anderswo daran gewhnen mchte, tagtglich mit seinem
Blick die enge Bretterkammer zu messen, die fr einen unserer Lieben
oder fr uns selbst bestimmt ist. An Srgen zur notwendig schnellen
Beerdigung der aufgefundenen Leichen fehlte es daher nicht, und diese
wurde auf den folgenden Tag, einen Sonntag, festgesetzt.

Der fast unerhrte Fall auf der Hallig: drei Leichen an einem Tage, die
auerordentlichen Umstnde, welche dies Ereignis herbeigefhrt, die
besondere Rettung der Andern vom Schiffe, dies Alles bestimmte Hold, die
ganze Feier des Tages daran zu knpfen. Es wurden also zur Kirchzeit die
drei Srge vor die Kirchthre gesetzt, da der innere Raum zu beschrnkt
war, sie und die Gemeinde aufzunehmen. Die Predigt nach Vorlesen des
Evangeliums fr jenen Tag, den 13. Sonntag Trinitatis, Lukas 17, 11--19,
nahm die Frage: Wo sind aber die Neun? als Thema aus dem Schrifttext
heraus, und die bloe Ankndigung dieses Themas mute, so wenig auch
nach den Regeln der Homiletik ein solches Herausgreifen eines einzelnen
Wortes oder Nebenumstandes gerechtfertigt werden kann, erschtternd
wirken, da gerade auch neun Personen in dem Schiffe zusammengewesen
waren. Diese einzige Frage stellte die Geretteten und Verunglckten
neben einander, fhrte die Gedanken zurck auf ihre frhere
Gemeinschaft, hin auf den jetzt so verschiedenen Zustand, und drngte
die Betrachtung auf: wie, wenn die Loose nun vertauscht worden wren?
Wo sind aber die Neun? fr die Fremden war dies Wort genug zu einer
unvergelichen Predigt. Es schien auch, als habe Hold durch Hervorhebung
dieser Frage nur einen kurzen, aber eindringlichen Schlag auf die Herzen
der anwesenden Fremden fhren wollen, denn in der Beantwortung redete er
weit weniger, als Viele seiner Zuhrer erwarten mochten, in Beziehung
auf den vorliegenden Fall; machte von dem Besonderen sogleich allgemeine
Anwendungen und verga ber die Einzelnen nicht die Gemeinde. Vielleicht
aber gerade deswegen fanden seine Worte Eingang auch bei diesen
Einzelnen. Sie hatten nun nicht die Unannehmlichkeit, alle Blicke und
Gedanken auf sich gerichtet zu sehen und nur von und fr sich reden zu
hren. Sie konnten nun mit voller Aufmerksamkeit dem Worte folgen, da
ihre Phantasie nicht immer wieder auf die erlebten Schreckensscenen
zurckgefhrt wurde. Sie fanden sich nun nicht gestrt durch falsche
Zeichnung der Umstnde ihrer Gefahr und Rettung, durch Andichtung von
Empfindungen, die sie nie gehabt, durch Zuschreibung von Wnschen oder
Gelbden, die nie in ihre Gedanken gekommen waren. -- Nach der Predigt
wurden die Srge auf den Gottesacker, der eine kurze Strecke von der
Kirche entfernt war, in drei verschiedenen Gngen getragen, da der
Mangel an Trgern es nicht erlaubte, sie mit einander hinzubringen. Aber
eine Gruft nahm die drei Toten auf, und die groe Flagge des Schiffs,
dem ihre letzten Dienste im Leben gewidmet waren, sollte ber die Srge
hingesenkt werden. Godber hatte diese Flagge, die mit schwarzem Flor
umhangen war, vorgetragen; aber als er sie hinabsenken wollte in die
Gruft, entglitt sie seinen zitternden Hnden und von dem Fall ihrer
Stange drhnten die Srge mit hohlem Klang. Godber aber sank totenbleich
und an allen Gliedern bebend auf die Umstehenden zurck.

Doch mssen wir hier wohl erst ein wenig wieder zurckgehen, um Godber's
innere Kmpfe bis zu diesem Augenblick zu verfolgen. Mit der Auffindung
der ertrunkenen Gefhrten war ber sein Gemt eine dstere Wolke
gezogen, die er mit der grten Anstrengung zu verscheuchen, oder
wenigstens vor Andern zu verbergen strebte. Die starren, strengen Zge
im Antlitz seines Kapitns, als er neben der Leiche desselben am Ufer
unter den zerrissenen Grften stand, schienen ihn zu fragen: warum hat
mein Steuermann vor mir das Schiff verlassen? und als er den Blick
verstrt zurckwandte, ging Maria eben mit langsamem Schritt auf ihre
Werfte hinauf, und er glaubte ihren Seufzer zu hren: warum hast Du
Deine Braut verlassen, Godber? Da ward es ihm finster vor den Augen, da
krampfte eine eisige Hand sich um sein Herz, da gellte es ihm wie
Hohngelchter in die Ohren: Du doppelt Meineidiger! Er eilte wie vom
Fluch gejagt hinweg von dieser grauenvollen Sttte und stand, ehe er
noch wieder zur Besinnung kam, vor Idalia. Wre diese ihm mit Thrnen in
den Augen, oder auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er
wrde an ihren Hals geflogen sein, und an ihrem Busen sein von Wehmut
und Bitterkeit gleich erflltes Herz ausgeweint haben. Sie aber kam mit
ihrem gewhnlichen holden Lcheln auf ihn zu, mit dem Lcheln, das so
oft ihn wie mit magischer Gewalt hingerissen hatte; jetzt aber in der
Stimmung, worin er war, wirkte es nur zurckstoend auf ihn; es
widersprach zu sehr allen seinen Empfindungen, und es fiel ihm gar nicht
ein, da sie, noch unbekannt mit Dem, was er eben gesehen, auch keine
Trauer ber das Geschick der Umgekommenen zeigen knne. Er mute,
anstatt zu ihr sich hinzuneigen, scheu zurckweichen. Er mute, whrend
er seinen Blick starr auf sie heftete, sich selber fragen: ist dies
herzlose, spottende Zauberbild eines doppelten Treubruchs wert?

Idalia trat stolz zurck. Sie war zu sehr an eine allvergessende
Huldigung gewhnt, als da sie sich htte entschlieen knnen, ihn
teilnehmend zu fragen: was ihm fehle? Mochte auch Liebe fr ihn eben so
dringend, als Neugierde, sie antreiben, den vllig Verstrten, der sich,
mit beiden Hnden die Augen bedeckend, auf einen Stuhl geworfen hatte,
um Aufschlu ber sein Benehmen zu bitten, so trug doch ihre
Empfindlichkeit den Sieg davon. Sie setzte sich grollend in eine andere
Ecke, sttzte ihren Kopf mit dem Arm, und, die kleinen Lippen hoch
aufwerfend, die Augen, wie feucht von einer Thrne, mit dem Schnupftuch
trocknend, nur dann und wann einen flchtigen und verstohlenen Blick auf
Godber werfend, spielte sie eben so sehr die Rolle einer Uebellaunigen,
als sie es wirklich war. Denn wenigstens das war ihr klar geworden, da
sie nicht so ganz allein herrsche in seinem Herzen, da es noch Etwas
gebe in der Welt, was ihn unempfindlich machen knne gegen die Macht
ihrer Reize; da daher ihr Sieg noch gar nicht so vollstndig sei, wie
sie bisher geglaubt. Und hatte seine Verstimmung wohl gar allein ihren
Grund in einem Zusammentreffen mit Maria? Wenn dieser Gedanke ihrer
Liebe, die nicht weniger abgttische Verehrung, als ausschlieliche
Hingebung des Herzens von dem Geliebten forderte, vielleicht Eintrag
that, so weckte er doch auch wieder ihren Stolz, und durch diesen den
Entschlu, ihn mit allen Mitteln ganz zu fesseln. Sie selbst urteilte
freilich nicht so klar ber ihre Empfindungen und rechnete auch der
Liebe einen nicht kleinen Anteil zu an diesem Entschlusse.

Godber aber schien vllig abwesend zu sein mit seinem Geiste. Er brtete
bald mit dumpfem Schweigen in sich hinein, bald kndeten einzelne
Seufzer und zuckende Bewegungen die tiefe Aufregung seines Innern.
Idalia wute sich in der Spannung zwischen Neugierde und Aerger kaum
mehr zu lassen. Selbst ihr Schluchzen hatte der Unempfindliche berhrt.
Zu ihrer Freude kam endlich ihr Vater, und aus dessen theilnehmenden und
trstenden Worten an Godber, der sich bei dem Eintritte Mander's
emporraffte und ruhiger zu erscheinen strebte, erfuhr sie nun die
Auffindung der Leichen. War ihr auch der Schmerz Godber's ber das
Geschick der schon lngst verloren gegebenen Gefhrten unbegreiflich,
fhlte sie sich auch noch mehr beleidigt, wie eine ihr so gering
dnkende Ursache ihn zu einem solchen Betragen gegen sie verleiten
konnte, so hatte sie _das_ doch wenigstens gewonnen, da nicht mehr die
Eifersucht sich in ihre Betrachtungen ber sein Benehmen mischte. Sie
mute mit einem Blick in den Spiegel ber sich selbst lcheln, da sie
nur einen Augenblick hatte daran denken knnen, da ein Halligmdchen
ihr den Rang streitig mache. Doch sollte Godber ernsthaft bestraft
werden; zu ihren Fen sollte er Verzeihung betteln, und erst nach
langem Flehen wollte sie ihm die Hand zum Kusse als Anfang der
Vershnung reichen; die rechte Vershnung sollte noch mehrere Tage
weiter hinausgeschoben werden, damit es ihm nie wieder einfallen mge,
zu vergessen, wie sein Glck allein von ihrer Liebe abhnge, und wie
dieses Glck mit voller Hingebung und Vergessenheit erkauft werden
msse.

Und das nennen sie Liebe!

Fr heute schien Godber keinen Anfang zur reuigen Rckkehr machen zu
wollen, denn, ohne nur mit einem Blicke nach Idalia zu sehen, ging er
mit Mander zu dem Pastor, um Verabredungen wegen der Beerdigung zu
treffen. Hold nannte die Hausvter, die wohl passende Srge haben
wrden, und Godber ging zu diesen. Als er spter wieder zum Pastorat
zurckkam, war Mander schon fortgegangen, und Hold hatte nun
Gelegenheit, ein Wort ber Godber's Verhltnisse zu Maria und Idalia zu
reden. Kaum aber begann er darauf hinzudeuten, als Godber mit dem
Ausruf, der aber keineswegs wie trotzige Abweisung, sondern eher wie ein
Schrei der Verzweiflung klang: Ich wei Alles, was Sie sagen wollen!
ihn unterbrach und aus dem Hause strzte.

Idalia wartete den Abend vergebens auf seine Rckkehr. Sie weinte jetzt
wirklich bittere Thrnen, die anfangs nur der tiefbeleidigte Stolz
hervorgerufen; die aber, weil sie nur den Schmerz der gekrnkten Liebe
darin sah, auch ihre Gefhle zu der Hhe der wahrhaften Liebe
steigerten.

Am andern Morgen fehlte Godber beim Frhstck, und es wute Niemand im
Hause, ob er berhaupt in der Nacht da gewesen sei. Idalia sah ihn
zuerst wieder, wie er bleich und verstrt mit der Trauerfahne an der
Werfte vor den Srgen her vorberschwankte.

Godber hatte in der Nacht bei den Toten gewacht und sich ausdrcklich
jede Teilnahme Anderer an dieser Wache verbeten, so ungern sich auch die
beiden mitgeretteten Matrosen aus alter Neigung zu ihrem Kapitn und
ihren Gefhrten davon zurckweisen lieen. Er wollte allein sein, allein
mit den glcklichen Toten und seinem unglcklichen Herzen. Sein Schmerz
lste sich in dieser Stille zu Thrnen der Wehmut auf. Seine ganze
glckliche Kindheit, seine Spiele mit Maria, das Gelbde, das er ihr
gegeben, die Briefe, die er ihr geschrieben, die Trume von einer
schnen Zukunft an ihrer Seite mitten in den Gefahren des Meeres, mitten
unter dem geruschvollen Treiben seines Berufs, die einsamen Nchte am
Steuer, wenn die Wellen fremder Meere wie Gre aus der Heimat um den
Kiel rauschten und die Sterne am Himmel von dem Frieden dieser Heimat
redeten: Alles dieses wiederholte sich in seiner Erinnerung und ging an
ihm vorber wie Bilder eines verlorenen Paradieses. Warum konnte er dies
Paradies nicht wieder gewinnen? Warum die Fesseln, die die Untreue
gebunden, nicht von sich abstreifen? so fragte er sich selbst; und
Idalia's Bild vermochte nicht einen Augenblick seinen Geist in diese
Bande zurckzufhren. Vielmehr erwachte in ihm eine unendliche
Sehnsucht, Maria, seine Maria wiederzusehen. Um Mitternacht verlie er
die Totenkammer, trat leise hinaus in's Freie; und siehe! die Sterne
blickten so freundlich lchelnd auf ihn herab, als wollten sie seinen
Gang segnen. Er eilte raschen Laufs vorwrts, bersprang mehrere Grben,
um nicht durch den Umweg ber die Stege aufgehalten zu werden. Da
blinkte ihm schon von fern ein Lichtglanz aus der ersehnten Wohnung
entgegen. Es fiel ihm nicht auf um diese spte Stunde. Er meinte, es
msse so sein; sie warte ja auf ihn, sie zeige ihm ja damit nur den Weg
zurck zu seinem Gelbde der Treue. Hastig, aber doch sorgsam jedes
Gerusch meidend, ging er die Werfte hinauf. Ein Stein an der Mauer
erlaubte ihm, ber die niedrigen Fensterladen hinwegzusehen. Da sa
Maria am Bette ihrer Mutter, die Hnde gefaltet in den Scho gelegt und
mit den halbgeschlossenen Augen, wie trumend, nach Oben blickend.
Angewurzelt blieb Godber auf seiner Stelle, den Atem zurckpressend in
der aufwallenden Brust, mit unverwandtem Auge an der Jungfrau haftend,
die ihm jetzt, wenn er in diesem Augenblick htte vergleichen knnen,
als eine himmlische Erscheinung gegen Idalia's irdisches Schattenbild
vorgekommen wre. Lange, lange stand er so. Maria nickte zuweilen vom
Schlummer berwltigt ein, und Godber's Herz klopfte dann hrbar vor
Angst, da sie fallen mchte. Wenn sie die Augen wieder aufschlug,
wartete er immer darauf, da sie ihn sehen und wie am ersten Tage mit
dem Ausruf: Godber, Godber, bist Du wieder da! zu ihm hineilen sollte.
War denn nicht heute der erste Tag? kam es ihm doch vor, als habe er nur
schwer getrumt und sei erst eben angekommen auf der Hallig. Aber Maria
nahm das Licht, leuchtete sorgsam nach dem Bette ihrer Mutter hin und
horchte auf ihren Odemzug. So waren Stunden entflohen; fr Godber waren
es Minuten. Der Morgen begann schon zu dmmern; fr Godber war es noch
Mitternacht. Die Khle aber, welche dem Aufgang der Sonne vorhergeht,
fieberte auch ihn an. Er merkte es nicht; nur wurden seine Gedanken
dadurch von Maria auf die Ursache ihres Nachtwachens hingefhrt. Ach!
dachte er, gewi ist die Mutter krank, und du, du allein trgst die
Schuld! Du bringst die Mutter in's Grab, und die Tochter -- er konnte
nicht vollenden -- wird ihr nachfolgen! Hinein mute er, zu ihren Fen
die Stunde der Reue feiern, an ihrer Brust wieder zum neuen Leben
erwachen. Er hatte die Hand schon an der Thrklinke. Da krhte der Hahn
im Stalle dicht neben ihm dem Morgen entgegen. Er schrak zusammen, wie
ein ertappter Verbrecher. Petrus der Verrther! murmelte er dumpf in
sich hinein, zog die Hand rasch von der Thr hinweg und blickte wild um
sich. Die Sterne waren untergegangen und ein grauer Nebel verdeckte noch
die erste Rte des Tages. Godber's hochatmende Brust sog die kalte,
schwere Luft mit vollen und raschen Zgen ein. Er fhlte auf einmal alle
Bande wieder, in die er sich verwirrt, und strzte fort. Atemlos kam er
in der Totenkammer wieder an. Die Lampe war fast ganz niedergebrannt und
warf nur noch einen schwachen Schimmer in die Dunkelheit hinein. Sein
rascher Futritt stie an einen der Srge an, dumpf drhnten die
trocknen Bretter und besinnungslos sank der Lebende bei den Toten zu
Boden.

Nach dieser Nacht mute fr Godber der folgende Tag wahrhaft martervoll
werden. Die vllige Erschpfung seiner Krperkrfte trug dazu bei,
seiner Phantasie volle Herrschaft ber ihn zu geben. Er sah und hrte in
Allem nur Anspielungen auf seinen Treubruch. In dieser Kirche hatte ja
Maria fr seine glckliche Rckkunft gebetet; hierher gedachte sie den
ersten Gang an seiner Seite zu machen. Diese ganze Gemeinde wute ja von
seinem Gelbde; alle Blicke kndeten die tiefste Verachtung; alle diese
heimlichen Unterredungen sprachen schon den Bann ber ihn; alle Tritte
lenkten von seiner Nhe ab. Die Buchstaben selbst des Gesangbuches
drngten sich von seinem Blick hinweg und die Tne flohen seinen
vergifteten Odem. Bei der Frage Hold's: Wo sind aber die Neun? grten
ihn die fahlen Gesichter der Toten und sprachen grinsend: Die Neun sind
wieder beisammen! Da diese Worte der Predigt angehrten, konnte ihm
nicht in den Sinn kommen; er sah und hrte nur die Toten, die sich immer
nher an ihn herandrngten und deren eisiger Hauch ihm durch die Gebeine
rieselte, whrend heie Tropfen von seiner Stirne fielen. So wurde er
nach dem Schlu der Kirchenfeier in den Leichenzug als Trger der
Trauerfahne willenlos hineingezogen. Aber die Flagge des seiner Hand
vertraut gewesenen Schiffes ward ihm zu einer groen, schweren Woge, die
vor ihm herrollte und ihn mit fortzog. Er klammerte seine Hand so fest
um den Stock, da ihn der Arm schmerzte, und je mehr er den Schmerz
fhlte, desto fester klammerte er seine Finger zusammen; denn desto
gewisser ward es ihm, da er, in die Flut geschleudert, die letzte
Planke des zertrmmerten Schiffes gefat habe. Dreimal hatte er, von den
ngstlichen Bildern gefoltert, den schweren Gang machen mssen, und trat
nun an das offene Grab. Er starrte hinein und strengte seine Augen
vergebens an, den Abgrund zu seinen Fen abzusehen. Immer tiefer dehnte
sich vor ihm die unergrndliche Gruft. Er wre, wie er sich immer weiter
vorbog, um mit seinem irren Blick die Tiefe zu ermessen, hinabgestrzt,
wenn ihn nicht Mander und Oswald, die in ihm nur den um den Verlust
seiner Schiffsgenossen tieftrauernden Mann sahen, zurckgehalten htten.
Da hrte er, wie Hold, in Bezug auf des Kapitns Weigerung, das ihm
anvertraute Schiff zu verlassen, sagte: Es ist ein Segen bei der Treue,
wenn nicht in der Zeit, doch in der Ewigkeit! Dieses Wort schmetterte
seine letzte Kraft hin. Er murmelte leise wie ein Sterbender mit
gebrochenem Herzen: Und ein Fluch bei der Untreue in Zeit und
Ewigkeit! Jetzt schon wre er hingesunken, wenn er sich nicht mit
schlaffen Gliedern auf die Flaggenstange gelehnt, die neben ihm in den
Boden gesteckt war. Hold mute ihn erinnern, die Flagge in die Gruft zu
senken. Er fate sie krampfhaft an und schwankte wieder vornber auf das
Grab zu. Da standen die drei Srge; aber wie vorher die Tiefe
unergrndlich schien, so rckten nun die schwarzen Srge dicht vor seine
Augen hin. Die Deckel ffneten sich, die Toten rttelten sich zornig
drohend gegen ihn auf. Er taumelte entsetzt zurck, und die Flagge fiel
aus seinen ohnmchtigen Hnden auf die Srge hin.




                                  X.


   Es reift in stiller Htte
   In einfach frommer Sitte
   Das wunderreiche Herz,
   Dem Segen jede Wunde,
   Dem Licht die trbste Stunde,
   Dem Tau der grte Schmerz.

Maria's Benehmen in diesen Tagen war ganz der Spiegel ihres
gottergebenen Herzens. Sie erfllte die huslichen Pflichten, die ihr
oblagen, mit demselben Eifer und derselben Ausdauer wie frher. Wer sie
nicht, belebt von der Hoffnung einer schnen Zukunft, gekannt hatte,
konnte nicht ahnen, welchen Schmerz die Jungfrau, der dies stille,
ruhige Wesen angeboren zu sein schien, zu berwinden sich im tglichen
Gebet bte, und welcher Kraft sie bedurfte, um fest zu werden in ihrer
Erwhlung, eine Magd des Herrn zu sein. Gott, der da sorget fr die
gebrochenen Herzen, und Keinem mehr auflegt, als er tragen kann,
erleichterte ihr ihren Kampf durch die Krankheit, welche die Mutter
befiel. Und Maria gab, als ob sie es empfunden, da diese Krankheit
ihrer Wunde Heilung bringen sollte, sich mit einer Sorgsamkeit und
Aufopferung der Pflege ihrer Mutter hin, da all' ihr Sinnen und Denken
gleichsam verschlungen ward von diesem ihren neuen Beruf. Aerztliche
Hlfe bot die Hallig nicht dar; und auswrts sie zu suchen, berstieg
die Vermgenskrfte der Witwe, wenn auch nicht der Wille gefehlt htte,
da Ruhe, Pflege und einige Hausmittel dem Halligbewohner in
Krankheitsfllen genug dnken. Hold besuchte die Kranke mehrere Male,
und wenn diese zuweilen auf Godber's Untreue zu sprechen kam, fiel ihr
Maria schnell in die Rede und sagte: La das, Mutter. Ich kann Dich ja
nun besser pflegen, als wenn ich an ihn dchte. Sprach sie mit Hold
allein, dann drang wohl noch ein Ton des Schmerzes durch; aber als htte
er nur einen Friedensgru aus der Hhe von den Lippen des Seelsorgers
locken wollen, ging er gleich wieder in die aufrichtige Sprache frommer
Ergebung ber.

Lcheln aber mute Hold, als Maria ihm bei einem dieser Besuche ein paar
damals vielgelesene Romane mit der Bitte gab, sie dem jungen Herrn
zurckzubringen. Er erfuhr nun, da Oswald, vielleicht nur um eine,
seinen Neigungen entsprechende Abwechslung in die Einfrmigkeit des
Lebens, zu dem er gezwungen war, hineinzubringen, die Bekanntschaft des
Mdchens gesucht, den einen Tag der Mutter eine Flasche Wein, den andern
Tag der Tochter die Bcher gebracht habe.

Sie aber, meinte diese, knne eben so wenig aus seinen Reden, wie aus
seinen Bchern vernehmen. Ihr werde unheimlich dabei zu Mute; denn das
sei eben die Sprache, welche Godber in seinen Briefen auch zuweilen
geredet, und die wol die Schuld trage, da er seine Verlobte nun
verachte; und unbekannt mit der Blume, die durch ihren Namen die
Erinnerung fesseln soll, fgte sie mit dem scharfen Spott eines
tiefverwundeten Herzens hinzu:

Da reden sie von Vergi mein nicht, als ob man so Etwas abpflcken
knne, wie eine Blume, die zum Verwelken bestimmt ist. Kein Wunder, da
sie so leicht vergessen!

O, diese feinen Herren, dachte Hold beim Heimwege, die die Fhlfden
ihrer Lsternheit nach jedem hbschen Gesicht ausstrecken und es nicht
merken, wenn sie die Einfalt der Unschuld vor sich haben, an der all'
ihre Gifttropfen, wie an einem Krystall, abfallen, ohne eine Spur zu
lassen. Nein, mein kluger Oswald, mit Deinen Romanen wolltest Du wol
erst geschickt den Boden bereiten fr deine Liebschaft. Aber hier ist
kein Boden, auf dem solche Schlingflanzen Wurzel fassen knnen. Hier ist
Gottes Erdreich und nicht das faule Beet verborgen gehaltener Begierden.
Ehe Maria Dich und Dein Gift versteht und dadurch ihm die Kraft zu
schaden giebt, mtest Du sie gar lange in Deine Schule nehmen. Und dann
noch das Vergimeinnicht, welches in ihrem Herzen als eine Blume aus dem
Garten Gottes blht, das pflckst Du nicht so leicht ab, das schtzen
Gottes Engel vor jedem versteckten oder offenen Angriff.

Um Mander zu schonen, wartete Hold eine Gelegenheit ab, die Bcher an
Oswald ohne Zeugen abzugeben, und sagte ihm dabei:

Glauben Sie ja nicht, da ich diese Schriften dem Mdchen abgenommen.
Sie gab mir sie ganz freiwillig, weil sie dergleichen nicht verstehen
knne.

Ich glaubte, stotterte Oswald verlegen, da dem uerlich so wol
gebildeten Mdchen eine grere innere Bildung keinen Nachteil bringen
wrde.

Und Sie dachten, entgegnete Hold strenge, eben erst wegen dieser
Wolgestalt ihres Aeuern an eine innere Bildung? warum denn, wenn Sie
ihre sogenannte Bildung so hoch schtzen, gingen Sie ohne Teilnahme an
den gleich ungebildeten, aber weniger mit krperlichen Reizen
Geschmckten vorber?

Es ist natrlich, da die auch blo uere Schnheit ein regeres
Interesse weckt.

Ja wol, natrlich, erwiderte Hold, wenn wir gewohnt sind, uns vom
Sinnenreiz in unserm Interesse bestimmen zu lassen.

Sie nehmen die Sache zu ernst, lachte Oswald, der sich von seiner
augenblicklichen Verwirrung erholt. Als Hirte mssen Sie freilich
darauf achten, da kein Schaf Ihrer Heerde zu Schaden kommt.

Also auf einen Schaden war es doch abgesehen? fragte Hold mit scharfer
Betonung, und als Oswald, wol fhlend, wie er sich in seinem eignen
Ausdruck gefangen habe, erst nach einer Pause antwortete:

Ich sagte Ihnen ja schon, da ich dem Mdchen, das, wie ich nicht
leugnen will, mir gleich beim ersten Anblick sehr gefiel, eine reichere
Bildung des Geistes und des Herzens wnschte, und darum ihr die Bcher
gab, fuhr er fort:

Um Maria's Willen wrde ich kein Wrtchen in dieser Sache verloren
haben. Sie hat jene Unschuld, die da Gift trinken mag, und es wird ihr
nicht schaden, die auf Schlangen treten mag, und ihr Fu wird nicht
verwundet werden; denn sie ist einfltiglich frommen Sinnes. Fr ihren
Verstand ist die Snde zu hoch und ihr Herz zu hoch fr die Snde. Aber
um Ihretwillen, junger Mann, mchte ich noch ein Wort sagen. Vergleichen
Sie sich einmal in Ihrem Gewissen mit dieser Maria. Sie wissen Vielerlei
und Maria gar Wenig. Sie kennen die Geschichte der Vlker, ihre
Sprachen, ihre Sitten; Maria's Kunde von diesem Allen ist fast nur auf
den Umfang dieses Eilandes beschrnkt. Sie haben Mancherlei gesehen und
erfahren, und wissen von hunderttausend Dingen zu reden, von denen Maria
nicht einmal die Namen kennt. Sie gelten durch die Feinheit Ihres
Benehmens, durch geflligen Anstand und kluge Benutzung aller Vorteile
der Erziehung fr einen gebildeten Mann; Maria geht schlicht und recht
dahin und redet, wie es ihr um's Herz ist, ohne Zier und Schminke. Sie
suchen dabei die Erholung von Geschften in allerlei Vergngungen,
welche die Sinne reizen und die Gelste des sterblichen Leibes
befriedigen; Maria betet und arbeitet einen Tag wie den andern und sorgt
mit aufopfernder Liebe fr die Pflege ihrer kranken Mutter. Sie nehmen
Freuden und Leiden als Spiele des Zufalls; Maria dankt ihrem Gott und
vertraut ihrem Vater im Himmel. Sie stehen hoch ber ihr, so hoch, wie
die Erde mit ihren Gaben und Genssen nur erheben kann, und -- er fate
Oswald's Hand und schlo mit erhobener Stimme: ich sage Ihnen, wenn Sie
an einen Gott glauben, in dem Namen dieses wahrhaftigen Gottes: Maria
steht hoch ber Ihnen, denn ihr Wandel ist im Himmel!

Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham und erwiderte mit
einer Stimme, in der Trotz und Verlegenheit sich mischten:

Ein wenig Bildung mehr wrde der frommen Jungfrau keinen Schaden thun.

Maria's Bildung, entgegnete Hold, ist fr ihren Stand und Beruf
hinlnglich; und was ihr sonst zu wissen ntzlich wre, lernt sie
wahrlich nicht aus diesen Bchern. Ja, -- verzeihen Sie, wenn auch ich,
als ein Landsmann Maria's, schlicht und recht rede, wie mir's um's Herz
ist, -- was Sie von ihr lernen knnen, ist bei weitem mehr und
wichtiger, als das, was Sie ihr aus allem Ihren Wissen und aus allen
Ihren Bchern an Belehrung zu geben vermgen. Gesetzt auch, sie knnte
die Bildung annehmen, die Sie ihr darreichen wollen, was htte sie damit
gewonnen? Unzufriedenheit mit ihrer Lage, Sehnsucht nach einem ihr
unerreichbaren Leben, und was noch schlimmer ist, Erregung von
Leidenschaften, die jetzt ihr Herz unzugnglich finden. Verloren aber
htte sie, unwiederbringlich verloren: die Geduld und die Stille eines
in Gott ergebenen Gemtes, den Frieden einer den irdischen Schmerz
berwindenden Seele; verloren die Ruhe eines unbefleckten Gewissens und
die sichere Freudigkeit eines kindlich frommen Glaubens.

Wie mgen Sie diesen unschuldigen Romanen einen so schdlichen Einflu
zuschreiben? sie sind ja nur zu einer augenblicklichen Unterhaltung
bestimmt und bilden dabei unmerklich den Verstand.

_Wir_ nehmen, war Hold's Entgegnung, solche Bcher fr das, was sie
sind, fr Erzeugnisse der Einbildungskraft und sind zu bekannt mit dem
Leben, das sie schildern, um mehr darin zu finden, als uns selbst, nur
in andern Kleidern. Fr Maria aber wrden sie eine Welt erffnen, wenn
sie dieselbe verstehen knnte; eine Welt, die ebenso heie Begierden
entflammen und darum ihr ebenso schdlich werden wrde, wie Amerika bei
der ersten Entdeckung es den Spaniern ward. -- Doch ich vergesse, da
Ihr Versuch fr die Bildung Maria's nur eine versuchte Vorbildung fr
ein hnliches Spiel war, wie Ihre Schwester es mit Godber treibt.

Oswald lie sich nicht darauf ein, diesen erneuten Vorwurf noch einmal
abzulehnen. Er ergriff vielmehr mit einer Hast, die seine Freude kund
gab, auf einen andern Gegenstand das Gesprch gewandt zu sehen, die
Gelegenheit, Idalia als Streitpunkt vorzuschieben.

Was kann sie denn dafr, wenn ihre Reize so hinreiend wirken? sie hat
schon ganz andere Mnner zu ihren Fen gesehen, als diesen Godber.

Was kann ich dafr! antwortete Hold mit Spott. Dies Wort kommt mir
vor, wie ein verlorener Posten, der auf's Geradewol dem anrckenden
Feinde entgegengeworfen wird, weil es an einer ordentlichen Wehr zur
Verteidigung fehlt. Aber es wrde unntz sein, mit Ihnen hierber zu
reden, da Sie gerade ja schon in die Fustapfen Ihrer Schwester getreten
wren, wenn nicht ein gebrochenes Herz, besonders wenn Gottes heilige
Engel sich darin gelagert haben, so schwer zu erobern stnde, wie ein
Herz, wo Eitelkeit und Sinnlichkeit die Wache halten, dagegen leicht.
-- Als Oswald vor Unwillen erglhend jetzt nach seinem Hute griff, fgte
der Pastor hinzu:

Noch Eins, Herr Mander! Sie werden mich immer bereit finden zu all' der
Freundlichkeit, die wir den Gsten unserer Hallig schuldig sind. Sie
werden mich verbinden, wenn Sie durch Ihre Unterhaltung dazu beitragen
wollen, fr diese Wochen mir den Genu einer heitern Geselligkeit zu
verschaffen. Es wird mir wol thun, mit Ihnen und Ihrem Herrn Vater
einmal wieder ber Dinge reden zu knnen, die frher das Gesprch
mancher schnen Stunde mit meinen Freunden waren. Sie werden es mir aber
erlauben mssen, da ich mich auf _meine_ Weise um Ihre Achtung bewerbe,
und daher Ihnen bei jeder passenden Gelegenheit in mir den Seelsorger
zeige. Versumte ich dies, liee ich Sie bei mir das Amt vergessen, das
mir von Gott vertraut ist, dann wrde ich ja die Achtung eines
vernnftigen Mannes verscherzen. Gehen _Sie_ daher Ihren Weg, wie Sie
wollen. Lassen Sie _mich_ auf dem Wege, den Beruf und Gewissen mir
vorschreiben; und dabei wollen wir uns die kurzen Stunden unserer
Gemeinschaft gegenseitig zu erheitern suchen, und ich hoffe, wir werden
dann als Mnner von einander scheiden, die sich gerne gesehen haben.

Oswald war etwas verdutzt ber diese Wendung und entfernte sich mit
einigen wenig sagenden, aber doch freundlich sein sollenden Worten.




                                 XI.


      Aus der Furche Nacht und Tau
      Hebt die Lerche khn die Schwingen,
      Von der lichten Morgenau
      Her den jungen Tag zu bringen.
   So aus schweren Erdenleid der Glaube,
   Da dem Himmel er den Himmel raube.

Fr Godber waren jene Phantasien, die ihn zuletzt ohnmchtig am Grabe
niederwarfen, der Anfang des in jenen Gegenden gewhnlichen Fiebers, das
zwei Tage den Kranken mit Heftigkeit ergreifend, ihm den dritten Tag
Ruhe gnnt, sich auf den nchsten Fiebertag zu bereiten. Idalia zeigte
jetzt die ganze Heftigkeit ihres Charakters. Sie warf sich an Godber's
Lager nieder. Sie bedeckte seine kalten Lippen mit ihren glhenden
Kssen. Sie rief Himmel und Erde zu Zeugen an, da sie ohne ihn nicht
leben knne, und machte sich die lautesten Vorwrfe ber ihr
teilnahmloses Betragen gegen ihn. Mander sah mit Erstaunen, welche
Gewalt die Liebe ber seine Tochter ausbte. Ihm war wol ihre Neigung
fr den Retter ihres Lebens nicht verborgen geblieben; doch meinte er,
wenn erst die Zeit die Dankbarkeit schwche, werde auch die Entfernung
die flchtige Aufregung eines aus ihr hervorgegangenen Gefhls vergessen
machen. Er hatte den Jngling, der ihm wert sein mute, bedauert, wenn
er wahrnahm, wie dieser von Idalia's Reizen gefesselt wurde. Aber
gewohnt, seinen Kindern mehr teilnehmender Begleiter auf ihrer
Lebensbahn, als ein vterlicher Erzieher zu sein, hatte er sich
gescheut, die in dieser augenblicklichen Zuneigung so Glcklichen durch
klare Aufdeckung des wahren Verhltnisses zu stren. Jetzt freute er
sich ber die Zurckhaltung; denn war Idalia's Liebe so tief und innig,
wie sie sich nun ihm zeigte, so wollte er ihrer Wahl kein Hindernis
entgegenstellen. Fehlte es ihm doch nicht an Mitteln, Godber zum Herrn
eines schnen Schiffes zu machen, und durfte er doch hoffen, bei der
erprobten Geschicklichkeit und Rechtschaffenheit des jungen Mannes, wie
bei dem guten Herzen und festen Charakter desselben, in ihm einen
wrdigen Schwiegersohn zu sehen, in dessen Hand Idalia's Glck fest
begrndet sein wrde. Bei dieser Betrachtung bedurfte es nicht erst der
flehenden Bitten seiner Tochter, ihn anzutreiben, fr rztliche Hilfe zu
sorgen. Oswald fuhr deshalb nach Husum hinber und kam am folgenden Tag
mit dem Arzte zurck, den Idalia in der ngstlichsten Spannung erwartet
hatte. Dieser konnte, unbekannt mit dem Seelenzustande des Jnglings,
nur ein gewhnliches Fieber in dessen Krankheit sehen und sagte, da
jetzt allein Dit und Pflege, nach einigen Tagen erst Medicamente
ntzlich werden knnten.

Idalia mute sich mit diesem Ausspruche zufrieden geben, so schwer es
ihr wurde. Sie hatte fast die ganze erste Nacht an Godber's Bette
gewacht und konnte nur mit Mhe bewogen werden, selbst Ruhe zu suchen,
als endlich der Kranke nach den heftigsten Phantasien, in welchen sich
die Gefhle, die seine Brust bewegten, in den wunderlichsten Bildern
durch einander wirrten, eingeschlummert war. Godber's Jugendkraft schien
die Krankheit durch einen langen Schlaf berwinden zu wollen. Als er
erwachte, war der Frost des wiederkehrenden Fiebers schon vorber und
die Hitze begann aufzusteigen, die alten Phantasien mit sich fhrend.
Idalia sa bereits wieder an seinem Lager. Er blickte starr auf sie hin,
ohne eine Antwort auf ihre Frage nach seinem Befinden. Es schien, als
strenge er sich an, seine Gedanken zu ordnen, und als wre die vor ihm
sitzende Jungfrau eine ganz fremde Gestalt, die er nicht in den Kreis
seiner Vorstellungen hinein zu bringen vermchte. Pltzlich zuckte er
zusammen; seine Zge verzerrten sich, wie getroffen von dem Anblick
einer grlichen Todesgefahr, und mit dem Ausruf: dreifach
Meineidiger! barg er sich sthnend in die Kissen.

Idalia konnte nur zum Teil erraten, was den Jngling so tief erschttert
hatte; auch war sie oft geneigt, Alles fr Phantasiespiele des Fiebers
zu halten, die keinen Grund in seinen wirklichen Gefhlen htten; doch
freute sie sich innig, als in den nchsten Tagen diese Phantasien mit
den Fieberanfllen wiederkehrten und Godber's volle Zrtlichkeit fr sie
sich auf das deutlichste aussprach, weicher, hingebender als je zuvor.
Seine krperliche Schwche milderte den Kampf in seinem Innern. Idalia's
treue Pflege rhrte ihn tiefer, mit seinem Wesen bereinstimmender als
alle frheren Zeugnisse ihrer Liebe, wenn diese ihn auch
leidenschaftlicher entzckt hatten. Er gab sich gleichsam seinem Loose
hin, ohne weiter durch die Erinnerung an das Vorhergegangene zu
widerstreben. Nur an ihr haftete sein matter Blick; nur wenn sie neben
ihm sa, war er zufrieden; nur ihr Lcheln erheiterte auch sein bleiches
Gesicht. Wie ein Kind der Mutter folgte sein Auge allen ihren
Bewegungen; und mehr stumm, als wortreich, malte sich doch gerade in
seinem Schweigen die tiefste, vollste Liebe. Gleich wie die Abendrte
nach einem strmischen Tage der wieder Lebensodem schpfenden Natur die
lieblichste Frbung leiht, so war ber Godber's Wesen nun eine ganz
eigene Milde, Zartheit und Hingebung verbreitet. Diese Wendung seiner
frher mehr heftig bewegten Gefhle ging zum Teil aus wirklich jetzt
innigerer Liebe zu Idalia, zum Teil aber auch aus der ihm freilich nicht
klar bewuten Notwendigkeit hervor, sein Dasein nun ganz mit dem ihren
zu verweben, um den Frieden seines Lebens wieder zu gewinnen.

Auf Idalia's Herz blieb diese Innigkeit Godber's nicht ohne bedeutenden
Einflu; es hatte der wahren Liebe nie so nahe gestanden, als jetzt.
Diese ungewohnte, nie geahnte und ihrem Charakter fremde Weichheit, die
vllige Verschmelzung aller Gedanken und Gefhle mit dem geliebten Wesen
zog sie unwiderstehlich an, und sie fhlte in einzelnen Stunden
Aehnliches. In einer solchen Stunde sang sie unter Begleitung der Laute,
die sie mit hoher Kunstfertigkeit spielte, und deren Erhaltung im
Schiffbruch sie der Sorgfalt verdankte, mit welcher sie dieselbe, als
ein Mittel, mit ihrem Talent zu prunken, nach jedem Gebrauch wieder
verschlo, das folgende Lied, welches sie auf Godber's Bitte ihm nun
tglich wenigstens einmal vorsingen mute:

   Was ich einst gewesen,
   Wei ich's denn noch mehr?
   Kann ich Kunde geben,
   Wie ich anders _wr_?

   War mir Lebenswiege
   Nicht Dein erster Gru?
   Wie mir Todessiegel
   Wr' Dein letzter Ku.

   Kann die Blume scheiden
   Sich von Licht und Tau?
   Kann die Welle steigen
   Auf in's ferne Blau?

   Giebt's fr Dein Gebilde
   Eine andre Welt,
   Wo Dein Schpferwille
   Es nicht trgt und hlt?

   So nur _Deine_ Gabe
   Geb' ich Dir zurck,
   Wenn ich liebend atme
   Nur in Deinem Glck.

Godber sah in diesen und hnlichen Ausdrcken die vollsten Beweise der
hingebendsten Liebe, und sie dienten dazu, ihn in dem Bestreben zu
bestrken, sein Verhltnis zu Maria mit dem Schleier vlliger
Vergessenheit zu bedecken; wie sie zugleich ihm die unbegrenzte
Erwiderung solcher Liebe gleichsam als eine Pflicht auflegten, an deren
Erfllung doch auch sein Herz den grten Anteil hatte.

So gingen beinahe vierzehn Tage hin, und bis auf die nach einer solchen
krperlichen und geistigen Aufregung sehr natrliche Mattigkeit war
Godber's Krankheit fast ganz vorber, und durch sie der Bund der
Liebenden fester als je geknpft. Zugleich gab die Weise, wie Mander
jetzt ber diesen Bund sprach, der Neigung, die bisher dem freundlichen
Traum der Gegenwart als einer flchtigen Gunst des Geschicks ohne
weitere Erwgung sich hingegeben, die bestimmte Richtung auf die
Zukunft, gab ihr den brutlichen Charakter in seiner Entschiedenheit des
Bewutseins.

Idalia betrachtete, obwol sie es sich gestehen mute, da auch in ihrer
Brust durch die Liebe zu Godber manche neue Saite angeschlagen sei, doch
diesen gegen die Worte ihres Liedes als _ihr_ Gebilde. Hatte sie ihn
nicht aus einer Beschrnkung des Daseins erhoben, in der er sich frher
wolgefallen? Hatte sie ihm nicht eine neue Welt geffnet, an deren
Pforte kaum sein khnster Traum ihn ohne sie gefhrt htte? Mute er
nicht in ihr das Gestirn erkennen, das ihm in eine schnere,
genureichere Zukunft hineinleuchtete, als wozu ihm seine Geburt und
sein bisheriges Leben bestimmt zu haben schien? Da sie dies klar denken
und darnach, seltene Momente der Vergessenheit ausgenommen, ihre ganze
Stellung gegen den Jngling beurteilen und ihr Benehmen regeln konnte,
zeigt, wie wenig ihre Brust der echten, weiblichen Liebe zugnglich war.

Vielleicht mochte ein Vorfall am neunten Tage der Krankheit Godber's
noch mehr dazu beitragen, Idalia zu einer scharfen, bersichtlichen
Wrdigung ihrer Verhltnisse zurckzufhren.

Es war ein heiterer Nachmittag. Die milde Herbstsonne blickte so
freundlich und warm in die kleine, aber in ihrer lebhaften Frbung und
zierlichen Ordnung recht gemtlich ansprechende Stube hinein. Whrend
verschiedene Geschfte alle brigen Bewohner vom Hause entfernt hielten,
sa Idalia allein an Godber's Lager und bewachte seinen ruhigen
Schlummer. Sein bleiches Gesicht, von dem alle Spuren des rauhen
Seelebens verschwunden waren, whrend die beginnende Genesung schon ihre
erste leise Rte auf die Wangen gehaucht hatte, erschien, halbbeleuchtet
von einem schrgen Sonnenstrahl, in einem Lichte, das die mnnlich
schne Form desselben auf das Anmutigste hervorhob. Sie hatte ihn noch
nie so anziehend gefunden und konnte sich nicht enthalten, mit einem
leichten Ku seine Lippen zu berhren. Erwachte er auch nicht davon, so
mute er diese Berhrung doch gefhlt haben, denn sie schien, wie das
stille Lcheln um seinen Mund bezeugte, sich mit einem angenehmen Traum
vermhlt oder diesen erst hervorgerufen zu haben. Idalia lehnte sich auf
ihren Sitz zurck und ihre Augen mit behaglicher, verschwimmender Ruhe
auf den Schlafenden richtend, fiel sie selbst auch bald in jenen
Halbschlummer, der zwischen Wachen und Trumen die Mitte hlt, und in
welchem wir liebliche Erscheinungen der Phantasie bald mit
halbgeffneten, bald wieder mit geschlossenen Augen anlcheln; gleichwie
das Kind, welches der Mutter freundlich Antlitz ber der Wiege wei, oft
in seinen leisen Trumen durch die kaum gehobenen Wimpern den Blick
durchschimmern lt zu der Mutter auf.

Befremdet, aber noch ungewi, ob sie wache oder trume, erhob Idalia
sich aus diesem Schlummer, als sie eine dunkle Gestalt am Ende des
Bettes stehen sah, die mit unverwandtem Blick sie und Godber betrachtete
und bei Idalia's Aufschauen den Finger auf den Mund legte, mit einer
leisen Neigung gegen Godber, seinetwillen um Schweigen bittend. Es htte
vielleicht dieser Weisung kaum bedurft, da die unerwartete Erscheinung
Maria's, denn diese war es, wie lhmend auf ihre Nebenbuhlerin wirkte;
wozu noch das von Nachtwachen und Seelenschmerz in eine Totenblsse
verwandelte Gesicht der Verlassenen nicht wenig beitrug, sowie die ganze
auf tiefe Trauer deutende Kleidung derselben. Besonders aber gab das
schwarze Tuch, welches um den Kopf geschlungen, Stirn und Kinn fast ganz
verhllte, und die bleichen Wangen und den matten Glanz der Augen noch
mehr hervortreten lie, dieser Erscheinung etwas Schauerliches. Maria
hatte den einfachen Goldreif, den Godber noch immer von ihr trug, mit
vorsichtiger Berhrung von seinem Finger abgestreift und barg ihn in die
Falten ihres Busentuchs. Dann zog sie den Verlobungsring an ihrer Hand
langsam ab und neigte sich gegen Idalia hin, als wollte sie denselben
ihr geben. Dabei bewegten sich ihre Lippen in dem Versuch, einige Worte
zu lispeln; aber die Zunge versagte den Dienst, nur ein hrbarer Seufzer
drngte sich aus ihrer Brust, eine heie Zhre fiel auf Idalia's Hand
und der Ring in deren Schoo. Maria aber wandte sich rasch, warf aber an
der Thr noch einen langen, schmerzlichen Blick auf Godber hin, sah dann
mit einem vertrauensvoll bittenden Lcheln Idalia an, als wolle sie ihr
damit Godber's Glck an's Herz legen und -- war verschwunden.

Idalia sa noch lange auf derselben Stelle, ehe eine klare Vorstellung
ber das Geschehene sich aus ihren irren Gedanken und wechselnden
Gefhlen losrang. Da sie das Herz eines liebenden Mdchens gebrochen,
war ihr nun zur vollen Gewiheit und ihr Mitleid im hchsten Grade rege
geworden. Zugleich fhlte sie sich unangenehm in der freien Leitung
ihres eigenen Herzens auf gewisse Weise dadurch beschrnkt, da es ihr
eine notwendige Pflicht geworden war, eine solche Liebe, wie Maria kund
gab, dem Jngling zu ersetzen, welchen sie jener entzogen. Stimmte auch
diese Pflicht mit ihren Neigungen berein, so war sie doch nun eine
Fessel und darum fr diese Neigung nach ihrem Charakter weniger zu einem
Sporn, als zu einem Rckhalt geeignet. Auch verbarg sie vor Godber den
empfangenen Ring und verschwieg ihm sorgfltig das Erscheinen Maria's an
seinem Lager. So brachte sie die Unbehaglichkeit einer Verheimlichung in
ihr Verhltnis zu ihm. Sie mochte heimlich fhlen, da _ihre_ Liebe
nicht jeder Prfung gewachsen sei; wie konnte sie das rechte, volle
Vertrauen zu _seiner_ Liebe haben?

Maria wre wohl kaum je dahingekommen, auf die obenerzhlte Weise Idalia
an sich zu erinnern, wenn nicht der Tod ihrer Mutter alle ihre Gefhle
noch hher aufgeregt, als sie es schon durch die Untreue des Verlobten
waren, und ihr eine Spannung gegeben htte, die sie aus dem einfachen
Geleise ihres sonstigen Ganges hinaustrieb.

Der Arzt, der um Godber's willen die Hallig besuchte, hatte auf Hold's
Bitte auch nach der kranken Witwe gesehen, obwohl ihre Unplichkeit fr
wenig gefhrlich gehalten wurde. Wie erschrack Hold, als der Arzt ihm
erklrte, da hier alle Hlfe zu spt komme, und die Alte ihrer
Auflsung rasch entgegengehe. So sollte denn Maria ganz verwaist in
ihrem Schmerze dastehen? Ihr schwererkmpftes Vertrauen zu der
vterlichen Fhrung Gottes sollte durch einen neuen Schlag erschttert
werden? Hold suchte sie auf den ihr drohenden Verlust so schonend als
mglich vorzubereiten. Sie nahm zu seiner Verwunderung die allmlige
Mitteilung des rztlichen Ausspruches mit Gelassenheit auf. Konnte ihr,
nach dem Schmerze, den sie berwunden, noch Etwas zu schwer zu tragen
sein? Sie schien gleichsam dem Himmel trotzen zu wollen, sie noch hrter
zu treffen. Nur als Hold sie darauf aufmerksam machte, wie wenig eine
solche Ergebung diesen Namen verdiene, wie sehr sie sich darin
versndige, den Schmerz nicht fhlen zu wollen, den ihr der himmlische
Vater auf's Neue bereite; als er mit scharfem Worte diese Gelassenheit
eine unchristliche, heidnische nannte, da brach sie in Thrnen aus und
fragte wehmtig: Was wollen Sie denn von mir?

Ich will, antwortete Hold, ein offenes Gemt, wo der warme
Sonnenstrahl der gttlichen Barmherzigkeit, die sich auch im Leiden
offenbaret, eine fruchtbare Sttte findet; keine eisige, verschlossene
Brust, an welcher die Strme vorberwehen, ohne sie zu berhren. Ich
will kindlichen Gehorsam und nicht eigensinnigen Trotz. Ich will Leben
und nicht Tod. Der Herr soll Deine Thrnen sehen und Deine Seufzer
hren, da sich darin kund gebe Deine Demut und Dein Getroffensein von
Seinen Schlgen. In Seinen Himmel hinauf soll Dein Gebet und Flehen
dringen um Kraft und Strke. Du sollst nicht schweigen vor Ihm, als
httest Du schon, was du bedarfst. Du sollst lernen von dem Anfnger und
Vollender des Glaubens, dem es ein Geringes gewesen wre, sich jenen
kalten, harten Gleichmut anzueignen, mit dem Du tragen und dulden
willst, der aber weinte und betete: Vater ist's mglich, so gehe dieser
Kelch an mir vorber! Siehe Maria, es ist ein Geist ber Dich gekommen,
der nicht der rechte ist, so sehr er sich auch rhmen mag seiner Geduld
und Stille. La uns, die wir einen Vater im Himmel haben, auch zu diesem
Vater kommen in der Traurigkeit, wie in der Freude. Wir wollen traulich
mit Ihm reden, mit der Kinder Offenheit und Herzlichkeit; wollen Ihn
fragen, und Er soll sich verantworten und uns offenbaren, warum Er das
gethan! Und gewi, wir werden eine Antwort erhalten, wie der Heiland sie
erhielt, als er rief am Kreuze zum Himmel auf: Gott, mein Gott! warum
hast Du mich verlassen? und die Antwort hatte, als Er im Verscheiden
betete: Vater in Deine Hnde befehle ich meinen Geist! Geh' in Dein
Kmmerlein und weine Dich aus vor dem Vater in der Hhe, da Deine
Thrnen nicht mehr wie brennende Tropfen auf eine drre Sttte fallen,
sondern zum himmlischen Tau werden, der die Wunden Deines Herzens
khlt.

Maria's Thrnen flossen strker, und sie sagte endlich: Ich verstehe es
nun an mir selber, was es heit: Herr, ich glaube! hilf meinem
Unglauben!

Ja, so ist es, erwiderte Hold. Das Verstndnis der Schrift geht uns
immer erst allmlig auf. Sie wrde uns stets ein Buch mit sieben Siegeln
bleiben, wenn die Erfahrungen unseres Lebens nicht hinzukmen und uns
offenbarten die Offenbarungen Gottes in ihrer Flle, als Worte der
Wahrheit und des Heils. Wir leben uns in die Schrift hinein, und dadurch
wird sie uns wieder zu Licht und Leben. Das bloe Hineinlesen lt uns
vielfach in der Dunkelheit selbst da, wo wir meinen, klar zu sehen. So
klopfe auch Du nur mit Deinen Erfahrungen, und mit Allem, was Dir noch
bevorstehen mag, an diese heilige Pforte an und sie wird Dir aufgethan
werden. Ein reicher Schatz des Trostes wird Dir offen liegen, und eine
Ergebung in den Willen des himmlischen Vaters wird Dein werden, die da
traurig ist und doch frhlich, die da zaget und doch berwindet, die da
schmerzlich fhlt, was genommen, und doch selig ruhet in Gott, der es
genommen.

Maria's Mutter starb, wie sie gelebt, still und fromm. Sie empfing das
heilige Mahl, nicht zu einem bis auf die Todesstunde vorbehaltenen
Ruhekissen des wunden Gewissens, sondern als letzte Versiegelung eines
Glaubens, in welchem sie treu beharret bis ans Ende. Ihr Alter machte
sie unfhig, die Tiefe der Wunde zu beurtheilen, an welcher ihre Tochter
blutete. Weil am Rande des Grabes ihre Gedanken abgelenkt waren von den
irdischen Dingen, und die Eitelkeit unserer zeitlichen Wnsche und
Hoffnungen in solcher Nhe der ewigen Heimat ihr klarer vorstand,
vermochte sie sich nicht mehr in die Gefhle eines jugendlichen Herzens
hineinzuversetzen, das seine Ansprche auf das Glck dieser Welt nicht
so leicht aufgiebt. Daher frchtete sie auch nichts fr ihre Tochter, um
so mehr, da sie in dem religisen Sinn derselben eine sichere Gewhr
sah, da ihr der Trost aus der Hhe nicht fehlen werde, Alles zu
berwinden. Ihr letztes Wort an Maria war die Ermahnung: Bleibe fromm
und halte Dich recht, denn solchen wird es zuletzt wohlgehen! und sie
verschied mit dem Ausruf: Herr Jesu, nimm meinen Geist auf!

So endete eine Frau, die manches Herbe in ihrem Leben erfahren, aber
ihren festen Glauben und innern Frieden nie verloren. Sie schied aus
einer Welt, in der sie nur gar Wenige gekannt hatten, und in der sie
fast allein von ihrer Tochter vermit wurde; und doch mchte Mancher,
dessen Leben Millionen bewunderten und dessen Nachruhm Millionen feiern,
diese an Geist und Gut arme und in ihrem kleinen Kreise bald vergessene
Witwe um ihren Platz am Throne Gottes beneiden. Wen sein Beruf oft an
Sterbelager fhrte, und wem da Gelegenheit ward, ein einfach
christliches Gemt in der Abschiedsstunde von einem ebenso einfach
stillen Leben zu beobachten, dem ist jeder Prunk irdischer Gre
widerlich, selbst da, wo er wahres Verdienst zur Folie hat, und wo dies
Verdienst fehlt, kostet es ihm Mhe, sein Mitleid nicht in Verachtung
bergehen zu lassen.




                                 XII.


   Ach! du gleiest, ohne je zu laben!
   Oede Weisheit einen Augenblick
   Gieb mir nur den Glaubenstraum des Knaben,
   Gieb mein Herz, mein kindlich Herz zurck!

Es mchte vielen Menschen, denen das stille Kmmerlein im Hause fehlt,
und auch den Meisten, welchen es nicht fehlt, recht gut sein, wenn sie
Gelegenheit htten, auf lngere oder krzere Zeit einmal ganz aus dem
Kreise ihrer bisherigen Umgebung und Thtigkeit herauszutreten, und sie
in einem muereichen Stillleben sich allein auf sich selbst
zurckgewiesen shen. Da wird Manches laut, was in dem Gewirre des
tglichen Verkehrs bertubt wurde, Manches kommt ans Licht, was im
Dunkel des Herzens verborgen schlief, manche Blume keimt hervor, der es
frher an dem ihr willkommenen Boden, an der ihr zusagenden Luft
mangelte, wie zugleich auch in mancher glnzenden Frucht der Wurm
offenbar wird. Wir sind mehr oder minder auch geistig Sklaven unseres
Erdenberufs und des Kreises, in dem wir leben. In den Ketten und Banden,
mit welchen unsere Stellung in der Welt uns umschlingt, verlieren wir
gar leicht Sinn und Kraft fr ein freies Um- und Aufschauen aus dem uns
von ihr angewiesenen Gesichtskreise hinaus. Die Anforderungen und die
Gensse, ja die Vorurtheile des Standes, dem wir angehren, und des
Verhltnisses, in welchem wir zu Andern stehen, ben eine unmerkliche
Herrschaft ber unsere Gedanken und Empfindungen und sind eben so viel
Hemmketten fr eine reinmenschliche Auffassung unseres Standes in der
Schpfung und im Reiche Gottes.

Das erkannte Mander auf der Hallig. Es war ihm, als habe er das Kleid
ausgezogen, das er bestndig getragen, und wollte er es nun auch wieder
fest um sich wickeln, so blieb doch immer eine Oeffnung, durch welche
ein Geist ihn anwehte, der das alte Gewand nicht duldete. Seither hatte
er geglaubt, er werde endlich einmal in der Philosophie, welcher er alle
seine Nebenstunden widmete, das reine Sonnenbad finden, das ihn zu dem
vollen, freien, bersichtlichen Blick ber Gttliches und Menschliches,
Bleibendes und Vergngliches befhige, obwohl er sich gestehen mute,
da er es zu dieser Stunde noch nicht weiter gebracht, als bis zu den
Flgelschlgen des seinem Neste noch nicht entwachsenen Vogels, und da
zwischen dem Suchen nach dem Altarlicht, von dem alle Erleuchtung
ausgeht, und der Verklrung durch dasselbe und in demselben eine weite
Kluft befestigt sei. Jetzt drngte sich ihm nun gar die Frage auf, ob es
der Philosophie berhaupt mglich sei, den Staub der niedern Welt, ber
welcher sie richtend thronen wolle, je ganz von sich abzuschtteln? ob
nicht auch auf den scharfsinnigsten Denker seine Zeit, sein Volk, seine
Lebensverhltnisse, seine ererbten Gewohnheiten, die Irrtmer seiner
Vorgnger einen nie vllig zu beseitigenden Einflu ben muten? Die
Erfahrung schien diese Frage bejahend zu beantworten. Denn die
vermeintlich hchste Stufe war ja immer nur der Anfang einer hheren
gewesen, und die Philosophie mit ihren wechselnden Systemen glich einer
ewig sich hutenden Schlange. So glnzend auch die neue Haut anfangs
erscheinen mochte, konnte sie doch nicht dem Geschick entgehen, bald als
dunkle abgestreifte Hlle einer andern zur bloen Folie zur dienen.

Diese Betrachtungen fhrten Mander zu manchen ernsten Unterredungen mit
dem Pastor, in welchen, wenn Oswald nicht dabei gegenwrtig war, er
jenen allmlig einen offenen Blick in sein in religiser Hinsicht
unbefriedigtes Herz thun lie.

Wie oft, sagte Mander, habe ich mich auf ein neu angekndigtes System
der Weltweisheit, wie ein Kind auf die Weihnachtsgabe, gefreut, und wenn
ich durch die schwere Sprache mich zum Verstndnis durchgearbeitet, fand
ich nur neue Fragen ohne Antwort, neue Rtsel ohne Auflsung; wohl tiefe
Blicke ins Herz, aber keine Nahrung fr das Herz; wohl geistreiche
Untersuchungen, aber keinen lohnenden Fund. Die Philosophen kamen mir
vor wie Schatzgrber, die nach einem Schatz graben, dessen hohler Klang
sie zu immer neuen Anstrengungen reizt, whrend neckische Geister ihn
immer tiefer vor ihnen versenken.

Lassen Sie uns, erwiderte Hold, bei einem scheinbaren Nebenumstande
stehen bleiben, bei der schweren Sprache der Philosophen. Im Worte liegt
eine wunderbare Macht. Indem der Mensch einem Dinge einen Namen gibt,
macht er sich dadurch gleichsam zum Herrscher desselben. Es ist nun kein
unbestimmtes Etwas mehr, das seine Gedanken verwirrt und sich denselben
jeden Augenblick frei entziehen kann; nein, es ist gebunden unter dem
Gehorsam seines geistigen Anschauens und mu ihm Rede stehen, sobald er
es bei seinem Namen ruft. Es liegt ein tiefer Sinn darin, wenn nach der
biblischen Schpfungsgeschichte Gott dem Menschen die Tiere vorfhrt und
ihn sie nennen lt. Damit war diesem eine feste Herrschaft ber sie
gegeben, weil nun mit dem Worte sogleich ihre Gestalt, ihre
Eigenschaften, ihre Triebe in einem Gesammteindrucke vor die Seele
traten, und er nun ihre Aehnlichkeit und Unhnlichkeit, ihre
Ntzlichkeit oder Schdlichkeit mit einem Blicke bersehen konnte. So
sind wir auch dann erst einer Vorstellung wirklich mchtig geworden,
wenn wir fr sie das entsprechende Wort gefunden. Unser Denken ist
Sprechen, sei es nun allein ein Sprechen in uns, oder auch zugleich fr
unser Ohr. Um nun Gottes mchtig zu werden, wie die Philosophie es will,
welche die gttlichen Dinge in den Bereich des menschlichen Wissens
herunterzieht, mten wir auch eine Sprache haben, die Seiner mchtig
wre. Fehlt aber diese Sprache uns, und ich meine die hohle,
geschraubte, die gleich einem lebendig Begrabenen unter dem
Leichensteine sich windende Sprache der bisherigen Philosophie gibt uns
sattsam Kunde, da sie uns fehle, so drfen wir auch von dieser
Philosophie keine Aufschlsse ber die gttlichen Dinge erwarten. --
Und drfen gar keine erwarten! seufzte Mander; denn jeder Aufschlu
mu uns doch durch eine Sprache zukommen?

Mit keiner Menschensprache, entgegnete Hold, wohl aber mit der
Gottessprache, mit dem Glauben.

Mander schttelte schweigend den Kopf.

Halten Sie es fr so wunderbar, fuhr Hold fort, da Gott, der
Unsichtbare und Unendliche, einen andern Weg nimmt, sich uns zu
offenbaren, als auf welchem die sichtbaren und endlichen Dinge zu
unserer Vorstellung kommen? Diese knnen wir besprechen, dies Wort
zugleich im Sinne des Schlangenbeschwrers genommen, wir knnen sie
ergreifen, umfassen, uns ihrer bemchtigen mit dem Vermgen des Geistes,
das seinen Ausgang und die Spitze seiner Kraft im Worte hat. Sollte dies
Vermgen, dessen Entwickelung und Vollendung von der Sprache bedingt
wird, auch darum hinreichen, Gott eine Sttte in unserm Staube zu
bereiten, da wir ihn betrachten, haben und halten, als einen mit der
Merute unserer Vorstellungen zu messenden, in den Banden unserer
Begriffe zu fesselnden, als einen zu besprechenden Gegenstand? Drfen
wir nicht vielmehr schon im Voraus erwarten, da wenn Er von uns erkannt
sein und unser werden will, Er auf einem andern Wege erkannt und unser
wird? Der Glaube ist nun die Art und Weise, wie Gott zu uns kommt und
wir zu Ihm kommen; er ist die Sprache, in der sich Himmel und Erde
allein verstehen, und wir heben dies Verstndnis zwischen Beiden auf,
und verlernen, uns selbst und Andern verstndlich zu reden, wenn wir in
der Sprache, mit welcher wir uns das Irdische gleichsam zur Anschauung
bringen, ein Mittel zur Anschauung Gottes zu haben glauben.

Reden Sie aber auch nicht als Prediger von Seinem Wesen, Seinen
Eigenschaften, Seinem Walten?

Wie ich vom Geiste rede, sagte Hold; nur immer in Rcksicht auf
krperliche Dinge; von seiner Unsichtbarkeit, Unteilbarkeit und in
Rcksicht auf sein Hervortreten im Glauben. Nie kann es mir einfallen,
ihn davon gesondert, als einen nackten Begriff in das Wissen meiner
Zuhrer einfhren zu wollen. So auch mit Gott. Die Predigt nennt Ihn
Schpfer, Erhalter und Regierer; sie weiset Ihn nach in allen Seinen
Zeugnissen, in der Natur, in den Fgungen des Erdengeschicks, im
Glauben, im Gewissen der Menschen, in der Offenbarung; aber auf diese
Weise ebnet sie Ihm nur die Wege zum Menschenherzen, will nicht selbst
dieser Weg sein; ja wre nicht Gott schon vor ihr die Strae gewandelt,
dann wrde ihr Ebnen und Bahnen Ihn nicht des Weges fhren. Darin, meine
ich, versieht es nun eben die Philosophie. Sie stellt sich hin als Weg
zu Gott; sie greift dem heiligen Geist ins Amt und verwaltet es gar
schlecht, weil sie Sein Werkzeug, den Glauben, entweder gar nicht, oder
nur als Notbehelf benutzt, nicht als alleinige Himmelsleiter, nicht als
das alleinige Bindemittel zwischen dem, was droben ist, und dem, was
unten ist.

Spricht aber der Glaube klar und deutlich genug in Aller Herzen?
entgegnete Mander. Mu nicht die Philosophie das Heer der Irrtmer
bekmpfen, das sich in die Vorstellungen von Gott hineindrngt? Mu sie
nicht fortwhrend an einem Damm gegen den Aberglauben bauen, der gleich
einem drngenden Meer immer von Neuem die Menschheit zu berfluten
droht? Hat sie darum nicht immer die Anstrengungen der edelsten Mnner
beseelt?

Lassen Sie mich, war Hold's Erwiderung, auf das Letzte zuerst
antworten. War in der Rede der Propheten: Der Herr spricht! war in dem
Worte Jesu Christi: Meine Rede ist nicht mein, sondern De, der mich
gesandt hat! Philosophie? Ja, ist selbst nur des Sokrates Dmon, oder
ist in Platon's Mythen Philosophie? Ist nicht vielmehr in diesem Allen
der Rede von Gott das Sprechen Gottes als vorausgegangen angegeben?
Liegt darin nicht die Weisung fr unsere Philosophen, da
Verstandeserzeugnisse keine Offenbarungen von den Tiefen der Gottheit
geben, die Niemand erforscht, denn der Geist Gottes, und wem Er es
offenbaren will? Was Sie aber von der Philosophie als Damm gegen den
Aberglauben sagen, so hat ja Der, welcher in die Welt kam, das Licht der
Welt zu sein, und dessen Lehre, Sie mgen von seiner Person denken, was
Sie wollen, der mchtigste Damm wider den Aberglauben gewesen ist,
mchtiger, krftiger wehrend, als alle Schulsysteme zusammen, weder in
Hrslen gelernt und gelehrt, noch die dunkle und verschrobene Sprache
der Hrsle geredet. Er hat ja immer bezeugt, da Er nicht aus sich
selber rede, sondern nur verknde, was Gott ihm gegeben zu verknden.
Was aber die Irrtmer betrifft, welche die Philosophie bekmpft, so
mssen Sie gestehen, da sie, wie die sich einander bekmpfenden
Philosopheme schon zeigen, in ihrem Kampfe gegen diese Irrtmer selbst
die Wahrheit noch nicht gefunden hat, und oft Irrtmer hervorruft, die
noch schdlicher sein wrden, als die bestrittenen, wenn das Gift nicht
eben in der schweren Zunge der geistigen Giftmischer sein Gegengift
fnde. Wenigstens haben Sie selbst schon gestanden, da die Philosophie
Ihnen den Frieden zu geben nicht fhig sei und also fr Sie ihren Zweck
verfehle.

Das eben ist es, was mich so sehr verstimmt, sagte Mander. Ich kann
nicht hinleben und mich wie ein Maulwurf in die Erde hineingraben. Ich
werde von einer ruhelosen Gewalt aus diesem kleinlichen Zeittreiben, aus
diesem eklen Sinnengenu, aus dieser niedern Weltsorge herausgetrieben
und mu immer wieder fragen und seufzen: was ist Wahrheit? und immer
wieder ausschauen und mich sehnen nach dem Licht, das wie ein Irrlicht
mich auf falsche Wege fhrt, nach dem Frieden, der mich lockt und mich
flieht.

Ei, so wirf denn einmal weg, was Du weit und nicht weit! rief Hold
eifrig. Hinweg mit dem alten Gewande all' Deines Forschens und
Grbelns! Gieb einmal wieder hin dem Vater im Himmel ein kindlich
offenes Herz, das Nichts will, als empfangen. Tauch einmal wieder empor
mit freiem Geist aus den Abgrnden, in die Du Dich versenkst, und schme
Dich des Flehens und der Thrnen nicht, und wahrlich! auch Du wirst es
erfahren, da die Sterne Augen und Thrnen haben fr solch ein
suchendes, sehnendes Menschenherz, da noch immerdar Tau vom Hermon
fllt auf die Berge Zions! -- Glauben Sie mir, Mander, wir sollen nur
fernhalten, was hindert und wehret, sollen nur nicht das Glas ber die
Blume setzen und meinen, da ihre Ausdnstung sich wieder zum
erquickenden Tau fr sie bilde. Nein, wir sollen die Blume hinstellen
unter Gottes freien Himmel, und die Erquickung wird ihr nicht fehlen.

Mander fhlte sich von der begeisterten Rede des Pastors getroffen, in
seinem Auge zitterte eine Thrne, und die Rhrung der Pastorin, die
ihrem Gatten die Hand drckte und sich nach einem Blick der vollsten
Liebe an dessen Brust neigte, erhhte noch seine Gefhle. Er konnte
nicht gleich antworten, und nur als die Pastorin, wie zwischen den
beiden Mnnern vermittelnd, sagte:

Es mchte dem Manne nicht immer so leicht sein, als es dem weicheren
Frauengeschlecht ist, sich und sein Wissen zu vergessen und die
Selbstthtigkeit des Geistes in die Empfnglichkeit des Herzens aufgehen
zu lassen, erwiderte er:

Nein, glauben Sie mir, nie sind meinem Leben solche Stunden ganz fremd
geworden, in denen alle Zweifel und Fragen berwltigt wurden vom
religisen Gefhl, und ich habe nie aufgehrt, sie als Feierstunden
meines Lebens zu lieben und zurck zu wnschen. Doch, da sie eben nur
Feierstunden in den langen Werktagen, nur Strahlen in die Nacht hinein,
nicht die Morgenrte einer schnen Zukunft waren, das ist es, was mich
betrbt, ja, mich mitrauisch gegen sie macht. Wie denn auch diese
dunkeln, unbestimmten Gefhle, die wir nicht leiten und ordnen knnen,
die uns vielmehr wie eine fremde Macht fortreien, uns unmglich ein
auch fr ruhigere Betrachtung befriedigendes Gottesbewutsein geben
knnen.

Hold's Antwort hierauf war:

Warum nennen Sie auch Das, was in solchen Feierstunden Sie bewegt,
Gefhl? Ich wrde es viel lieber eine Pfingstpredigt nennen, die der
Herr Himmels und der Erden in seinem Erbarmen ber Ihren schwachen
Glauben Ihnen hlt. Das Wort Gefhl lt uns schon von vornherein an
Dunkelheit, Unbestimmtheit, Unverllichkeit denken; wir deuten es als
etwas uns Eigenes, ja Sinnliches. Doch erinnern Sie sich dessen, was ich
vorhin sagte von der Sprache, in der Gott seinen Kindern im Staube
offenbar wird. Nehmen Sie jene religise Erregung, jene andchtige Feier
in Ihrem Innern, als diese Sprache Gottes, wie Sie selbst ihren Eindruck
mit einer fremden Macht vergleichen, und Sie werden ihr mehr Vertrauen
schenken. Wenn die Brust aufwallt, wie von einem neuen, frischen
Lebensodem gehoben, wenn ein Beben durch die Gebeine geht, als sprten
auch sie die Geisternhe mit empfnglichem Sinn, wenn die Thrne in's
Auge heraufquillt aus dem innersten Herzen, wenn die Seele von einer
Flle berstrmt wird, in der sie sich so reich und so selig fhlt, wenn
der Geist frei und rein aufatmet, als sei er aller Schranken und
Schlacken bar, warum wollen wir es in solchen Augenblicken leugnen und
nicht bekennen: Der Herr spricht! Wie soll denn der ewige Geist sich dem
endlichen Geiste anders ankndigen, als durch ein solches
Insichaufnehmen, das mit einer Ueberwltigung der Staubeshlle verbunden
sein mu und daher ganz andere Empfindung erzeugt, als dieser sonst
eigen sind. Der zweideutige Ausdruck: religises Gefhl, nimmt solchem
Nahen und Walten des heiligen Geistes den Wert fr uns und den Einflu
auf uns zur Erleuchtung, Heiligung und Beseligung.

Knnte nicht jene Aufregung und Erhebung der Andacht auch Tuschung
sein, eine Folge unserer aus der Kindheit herbergenommenen, vielleicht
falschen Vorstellungen von Gott.

Ist es Menschenwerk, antwortete Hold, unser Selbstwerk, das uns
treibt in solchen Stunden, woher denn die ber alle unsere sonstigen
Sinne und Gefhle weit hinausgehende Erhebung? Nur uns Aehnliches knnen
wir erzeugen, nur steigern, was wir haben, nur einen Schritt weiter uns
fortbewegen auf unserm Geleise; nicht die Tiefe berspringen, nicht das
Neue schaffen. Ich frage aber Sie, ich frage Jeden, dem einmal solche
Andachtsfeier aufging, ob er nicht ein ganz Anderer war denn zuvor? ob
der alte Mensch nicht zurcksank wie ein Gewand, und ein Neues in ihm
geboren wurde, wodurch er selbst eine neue Creatur ward voll Licht und
Leben, so lange, bis die vorige Finsternis wieder ber ihn kam, und er
sich wieder erkannte in dem alten Gewande? Wer kann aber solch Neues
schaffen, als der alleinige Schpfer?

Dieses Alles zugegeben, sagte Mander: so ist damit noch keine Frage
beantwortet. Auch bei mangelhaften religisen Vorstellungen mgen solche
Momente der Weihe nicht fehlen. Sie sind vielleicht eine Offenbarung der
Gottheit; aber eine Offenbarung, wodurch fr das Wissen von Gott Nichts
gewonnen ist.

Es ist wenigstens Freude, Friede, Seligkeit fr Augenblicke gewonnen,
und die Gewiheit, da Gott Wege hat zum Menschenherzen, die nicht wie
unsere Wege zu Ihm voll von Steinen des Anstoes sind. Es ist das
Vertrauen gewonnen, da Er Sein Kind im Staube nicht lassen wird in
Irrtum und Verblendung, sondern aus Seiner Flle geben wird, was
demselben zu wissen not ist, um der rechten Empfnglichkeit fr Seinen
heiligen Geist nicht zu ermangeln, um aus jenen Weihestunden die rechte
Frucht mit in's Leben hineinzunehmen. Ja, Seine freie Gabe soll es sein,
was wir von Ihm wissen, nicht das zweifelhafte, schwankende, trgliche
Ergebnis unserer Forschungen.

Ist aber nicht auch die Vernunft Gottes Gabe? bemerkte Mander. Und
wenn wir sie als das Mittel unserer Erkenntnisse von Gott annehmen, so
leiten wir damit ja all' unser Wissen in den gttlichen Dingen, wenn
auch nicht unmittelbar, doch am Ende nur aus einer und derselben Quelle
mit den Offenbarungsglubigen ab.

Dem Licht des Tages, entgegnete Hold, dankt unser Auge das Vermgen
zu sehen; will es aber in die Sonne schauen, dann sinkt es geblendet
zurck. Es war vorzglich unserer Zeit vorbehalten, eine Offenbarung
Gottes an die Menschen auerhalb der Grenzen der Vernunft zu leugnen.
Wir treffen das: Der Herr spricht! sonst in allen Religionen der Erde.
Wollen Sie mir dagegen bemerken, das komme daher, weil die ungebildete
Vernunft ber ihren selbstgemachten Gewinn erstaunt und sich nicht
selbst die Ehre zuzuschreiben wagt, oder weil die einzelnen Weisen
meinten, eine gttliche Autoritt erlgen zu mssen, um Leiter des
blinden Volkes zu werden, so kann ich ebenso wahrscheinlich sagen: es
kommt daher, weil man eben wute, eine gttliche Offenbarung empfangen
zu haben. -- Doch warum reden wir denn ber diese Dinge? Ist es nicht,
weil Sie die Hhen und Tiefen, die Lnge, Weite und Breite des Gebiets
der Vernunft durchwandert haben und nun kommen und fragen: was ist
Wahrheit?

Wandeln aber nicht so Viele in Frieden ihren Weg und halten sich an die
Vernunftreligion?

Nennen Sie diese unbestimmten Ideen von Gott, Freiheit des Willens und
Unsterblichkeit Vernunftreligion, so vergessen Sie nicht, da es eben
noch ausgemacht werden soll, ob diese Ideen denn Gaben der Vernunft
sind, und nicht vielmehr ein Raub an der Offenbarung begangen. Und woher
denn der Friede dieser Vielen? Eben weil sie gar keine weitere Nahrung
suchen ber diese zufllig aufgerafften Brosamen hinaus, oder weil sie
ihre Vernunft, die nach hellerem Lichte aus dem Halbdunkel hinausstrebt,
ngstlich in Zgel halten, als wre sie ein scheues Ro, das mit seinem
Vorwrtsrennen den Reiter in einen Abgrund strzen knnte. Wie oft hrt
man das Wort: >Darber mu man nicht weiter nachdenken, sonst knnte man
den Verstand verlieren.< O, du gerechter Himmel! Ueber das Band, das
mich halten soll in der Gemeinschaft mit dem Ewigen, ber das Licht, das
mein Leben auf Erden verklren soll zu einem Wandel der Kinder Gottes,
ber den Pfad, der mir die Brcke bauen soll ber der Zeit
Vergnglichkeit und des Todes Verwesung hinweg zum ewigen, seligen
Leben: darber sollte ich mich scheuen, weiter zu denken? in diesen
Dingen klar zu schauen mich frchten? vor tieferem Aufschlu mich
ngstlich zurckziehen? Wo es sich um die Anbetung Gottes im Geist und
in der Wahrheit handelt, wo mein eigentliches Sein, meine Zuversicht im
Leben und im Sterben, mein Heil in Zeit und Ewigkeit in Frage steht: da
sollte ich mir das Schicksal der Mcken zur Warnung dienen lassen, die
ihre Flgel an den Flammen versengen?

Aber ist dies nicht oft das Schicksal Derer geworden, die weiter
forschten? meinte Mander. Wenn sie es auch nicht selbst empfunden
haben in der Leidenschaft fr ihre glnzenden Systeme, so spricht es
sich doch aus in dem schnellen Wechsel derselben, in den Widersprchen,
die darin offenbar werden, in dem geringen Einflu ihrer Weisheit, die
kaum in wenigen Jngern fortlebt und sich in denen schon anders
gestaltet, als sie aus dem Haupte des Meisters, eine scheinbar so wol
gerstete Minerva, hervorging.

Was bedrfen wir weiter Zeugnis? erwiderte Hold. Sind wir nicht zu
der Notwendigkeit einer gttlichen Offenbarung gekommen?

Vielleicht htte das Gesprch noch bis tief in die Nacht hinein
gedauert, wenn nicht Oswald gekommen wre, um seinen Vater abzuholen, da
es schon sehr spt geworden war. Die Pastorin gestand, da sie sich
freue, die Fortsetzung einer solchen Unterhaltung verschoben zu sehen,
da sie nicht lassen knne, zuzuhorchen und doch merke, wie solche
Untersuchungen erkltend auf ihr Herz wirkten.

Oswald sagte lachend: Gewi lt mein Vater sich noch von Ihnen
bekehren, Herr Pastor. Aber ehe ich vor Bileams Esel meine Kniee beuge,
mte mein Haar so grau werden, wie die Haut des Esels vermutlich war.

Sein Vater warf ihm einen unwilligen Blick zu und htte ihm mit hartem
Wort seinen unziemlichen Spott verwiesen, wenn nicht Hold rasch das Wort
genommen:

Halten Sie Ihrem Sohn ein wenig Derbheit zu Gute. Er giebt nur auf
seine Art wieder, was er in meiner Art davon bei unserer letzten
Unterredung hat erfahren mssen. Uebrigens mchte ich, fuhr er, zu dem
ber diese Anspielung lchelnden, aber doch errtenden Oswald gewendet,
fort, da Ihr Haar recht bald so grau wrde, wie Sie es haben wollen,
um Ihr Knie zu beugen, wenn auch nicht vor Bileams Esel, doch vor Dem,
den ein gleiches Tier trug, als Er einzog in Jerusalem, keinen
gezwungenen, sondern einen freiwilligen Segen zu bringen, nicht einem
Volke, sondern allem Volke.

Verzeihen Sie, Herr Pastor, erwiderte Oswald, wenn ich mich zu hart
ausdrckte. Aber es ist mir immer unbegreiflich gewesen, wie vernnftige
Menschen keinen Ansto an solchen Erzhlungen im sogenannten Worte
Gottes finden.

Hold antwortete: Halten Sie den Spruch: >Du sollst lieben den Herrn,
Deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemte;<
oder den andern: >Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was
keusch, was lieblich, was wollautet, ist etwa eine Tugend, ist etwa ein
Lob: dem denket nach,< fr gute und reine Lehre?

Ja, gewi.

Nun, dann thun Sie, was diese Sprche sagen. -- Wie wrden Sie einen
Menschen nennen, der an einer mit kstlichen Speisen reichbesetzten
Tafel deswegen vorberginge, weil er ein Gericht bemerkt, an dem er
keinen Geschmack finden kann?

Ich werde mich wol hten, lachte Oswald, diesen Menschen einen Narren
zu heien; sonst schickten Sie mich mit der Extrapost meines eigenen
Wortes in's Tollhaus. Aber Sie werden doch auch zugeben, da Ihre
verfngliche Frage eben nur ein Ausweichen und kein Antworten ist.

Lassen Sie mich bei dem Bilde bleiben, entgegnete Hold. Der Gast, der
sich an die fr ihn bereitete Tafel setzt und seinen Hunger und Durst an
den Speisen, die er loben mu, stillet, der mag wol fragen, was es mit
der einen Speise bedeute, die ihm geschmacklos vorkommt. Wer aber um
ihretwillen alle andern auch verschmht, der hat kein Recht zur Frage.

Abgefhrt! rief Oswald, drehte sich auf dem Absatz herum und entfernte
sich mit seinem Vater.




                                XIII.


   Um zu nehmen, mut Du geben.
   Siehst Du auf Dich selbst zurck,
   Flieht Dich das gehoffte Glck.
   Nur fr Opfer zahlt das Leben.

   Kindlein in des Meeres Wiege,
   Eiland an der Wellen Brust!
   Scholle Du im Weltgebiete,
   Meine Heimat, meine Lust!

   Keine Waldung Dich verhllet,
   Dich kein Felsengrtel hlt,
   Rings umher die Wasserflle,
   Ueber Dir des Himmels Zelt:

   Legst Du offen Dein Gelnde
   Hin vor Gottes Angesicht,
   Kennst im Kampf der Elemente
   Andre Wehr und Waffe nicht.

   Friede wohnt in Deinen Htten,
   Deine Armut ist Dein Glck;
   Treu blieb hier der Vter Sitte
   In der Enkel Kreis zurck.

   Frmmigkeit und Tugend heimen
   Gern an Deinem stillen Herd,
   Wo kein Gut, das Andre neiden,
   Wo kein Herz, das Mehr begehrt.

   Kindlein in des Meeres Wiege,
   Eiland an der Wellen Brust!
   Menschen schiffen kalt vorber;
   Doch der Engel weilt mit Lust!

Diese Verse fand Godber auf einem losen Zettel, der als Merkzeichen in
einem der Bcher diente, welche Mander von Hold geliehen. Es mute ihn
dieses einfache Lied mchtig ergreifen, weil der Inhalt so ganz aus
seinem Herzen genommen war. Er las es fast nie ohne Thrnen, und htte
gern gegen den Pastor, der es allein verfat haben konnte, seinen
innigsten Dank fr dasselbe ausgesprochen, wenn ihm nicht dieser bei
jedem zuflligen Zusammentreffen eine Scheu eingeflt, wie die des
Schuldbewuten vor seinem Verklger. Den Schlu der Verse: Doch der
Engel weilt mit Lust! wandte er auf Idalia an, und sie lie sich auch
dies gefallen, weil seine Liebe ihr die Tage wirklich recht angenehm
machte, und sie ja wute, da die Zeit ihres Aufenthalts auf der Hallig
nicht mehr so lange dauern wrde. Sie konnte daher auch auf seine
Darstellungen von dem knftigen Zusammenleben auf seinem heimatlichen
Eilande auf eine Weise eingehen, die es ihm lange verbarg, wie sie nur
Trume in diesen Gemlden eines so gengsamen und weltverachtenden
Glckes sah. Htte sie es im Geringsten nur fr mglich halten knnen,
da Godber bei der Wahl zwischen ihrem Besitz und dem Verlust der Heimat
im Ernst schwanken wrde, dann wrde sie sich stolz, ja verchtlich,
wenn auch mit wundem Herzen, von ihm zurckgezogen haben. Fhlte sie
sich auch auf dieser den Flur glcklicher, als je frher im Glanz der
Welt, so dankte sie dieses Glck ja doch keineswegs dieser rmlichen
Scholle, sondern der hingebenden Liebe des Jnglings, von dem sie
annahm, da ihm auer ihr Alles gleichgltig sei. Gefiel sie sich auch
in der Lebensweise, die sie jetzt fhrte, so war es doch nur der
augenblickliche Reiz des Ungewohnten, des von ihren sonstigen
Verhltnissen gnzlich Abstechenden und das Anziehende der
hausfrulichen Sorge. Fr die Unterhaltung weniger Wochen war dies Leben
gut genug, mochte immerhin als eine neue Art von Badereisen gelten; aber
fr immer auf diesem Fleck zu bleiben, der Entbehrung und Entsagung
aller Lebensgensse von seinen Bewohnern fordert, wo das Leben selbst
immer auf der Spitze der Gefahr schwebt: das war ein Gedanke, der ihr zu
fern stand, als da sie ihn in der Seele eines Andern vermuten konnte,
dem ein Tausch mglich war, und noch dazu ein Tausch, der alles Glck,
das Liebe, Reichtum, Weltverkehr geben konnte, in die Wagschale legte.

Wenn wir aber Godber mit dem Gedanken htten vertraut werden lassen, fr
jenes Glck seine Heimat aufzugeben, dann wrde in ihm kein echter
Halligbewohner gezeichnet sein.

Wir haben die Hallig, welche der Schauplatz unserer Erzhlung ist, in
einer Zeit gesehen, als die eine Hlfte der Wohnungen von den Fluten in
Trmmerhaufen an den Deichen des festen Landes aufgedmmt und die andere
Hlfte, nur noch bloe Pfahlgerippe darstellend, allein an dem Dache als
gewesene Wohnungen kenntlich war; als ein einziges Haus auf der
durchlcherten Werfte kaum noch so weit stand, da es zu einer Zuflucht
der dem Wellentode Entronnenen dienen konnte; als die Aussicht auf die
nchste Hallig nur einen kahlen Fleck zeigte, von dem Werfte, Huser,
Herden und Menschen in einer Nacht hinweggesplt waren, ohne eine Spur
ihres Daseins zu lassen. Wir haben Die, denen das nackte Leben kaum eine
dankenswerte Gabe heien konnte, mitten in der grausen Zerstrung, worin
sie Alles eingebt, in der vollen Lebendigkeit der Schreckenserinnerung
an die furchtbare Nacht, mit dem Eindruck, den Frost, Hunger, Nsse auf
den Krper und durch ihn auf die Seele machen; wir haben sie in diesem
Zustande gesprochen, wir haben es ihnen vorgehalten, wie die nchste
Nacht die Verwstung in dem Untergange Aller vollenden knne, und
konnten nur zwei hochbejahrte Leute, die allein standen und zu schwach
waren, sich ein Bretterdach aufzuschlagen, dazu berreden, ein sicheres
Asyl anzunehmen. Alle andern blieben, und bauten, als spter die
wahrhaft christliche Mildthtigkeit der Hohen und Niedrigen, der Reichen
und Armen im Lande es erlaubte, sich auf der geliebten Scholle wieder
an. Sie htten Wohnungen haben knnen, wo sie es wnschten, so reichlich
flossen die Untersttzungen; aber sie fhlten wol, da Heimweh ihnen den
Tod bringen wrde auch auf den gesegnetsten Fluren. Sie sprachen sogar
den Wunsch aus, da wir fr immer bei ihnen bleiben mchten, und in
ihrer Vorliebe fr ihre Heimat meinten sie nicht, damit ein Opfer zu
verlangen, wogegen sich unsere Ansprche an das Leben struben knnten;
denn fr sie war eine Hallig, selbst nach den neuesten Erfahrungen, doch
eine Sttte, die alle Wnsche befriedige.

Dies muten wir hier einschalten, um es dem Leser begreiflich werden zu
lassen, wie Godber dem Gedanken so fern stand, die Hallig wieder zu
verlassen, und wie er sich schmeicheln konnte, Idalia werde diese Heimat
gern mit ihm teilen. Lange konnte freilich diese Tuschung nicht whren,
und Oswald war der erste, der dem Trumer die Augen ffnete.

Wenn man hier nur eine alte Mhre herberbringen knnte! uerte Jener
einmal bei Tische. Es geht gar zu langsam mit dem Transport der Gter.
Sollen wir ebenso langsam in die Frachtschiffe einschleppen, wie wir aus
dem Wrack herausgeschleppt haben, so kann der Winter kommen und uns mit
diesem Kindlein in des Meeres Wiege in Eis und Schnee einwindeln bis
zum Frhling. Auch wre es gut, wenn mein knftiger Herr Schwager sich
ein bichen in der Reitkunst ben knnte.

Hier bedarf es keiner Reitkunst, und hier werd' ich knftig an der
Seite meiner Idalia leben, hier sterben, erwiderte Godber.

Oswald sah erstaunt bald auf ihn, bald auf Idalia, die auch in dem Tone,
mit welchem Godber sprach, nicht den Scherz finden konnte, der doch
notwendig in seinen Worten liegen mute.

Idalia hier! rief Oswald aus, als er wieder Worte fand fr seine
Verwunderung. Hier, auf dieser einsam treibenden Rbe im weiten Kessel
des Oceans! Hier auf dieser Amphibie, von der man nicht wei, ob sie ein
Landtier oder ein Seebutt ist! Hier in dieser Stube voll Himmelblau und
Purpurrot! Hier bei dem ewigen Theetopf und seinen treuen Gevattern:
Schafskse und Schwarzbrot! Hier Idalia die Knigin der Blle! die
Herrscherin im Herzgebiete der Mnnerwelt! die Entzckung und
Verzweiflung von hundert Anbetern! die unbestrittene Siegerin im Kreise
der Modedamen! Das war ein kstlicher Gedanke von Dir, Godber, ber den
ich in acht Tagen mich nicht ausgelacht habe.

Godber wandte sich vor Unwillen errtend von ihm, und zuversichtlich
Idalia's Hand ergreifend wiederholte er ihr mit dem zrtlichsten
Ausdruck ihres eigenen Liedes:

   Giebt's fr _Dein_ Gebilde
   Eine andre Welt,
   Wo Dein Schpferwille
   Es nicht trgt und hlt?

Es blieb den Worten nach zweifelhaft, ob er darin _seine_
Bereitwilligkeit, ihr berall zu folgen, oder ihre Gesinnung mit ihrem
eigenen Ausdruck darlegen wollte. Er glaubte in ihrer Seele zu reden, da
er ja auch nur ihre Sprache gebrauchte, die ihn so oft als Besttigung
seines hchsten Wunsches entzckt hatte. Sie aber, -- ob ganz ohne
Ahnung, da es im Widerspruch mit seiner Meinung sei, wollen wir nicht
entscheiden, -- nahm die Worte fr die Sprache _seines_ Herzens, und
noch ohne dies ganz offen auszusprechen, sagte sie:

Unsere Liebe wird uns jeden Fleck der Erde zur angenehmen Heimat
machen, so mir, wie _Dir_. Die scharfe Betonung des: wie Dir, traf
Godber's Herz wie ein Schmerzensstich, in seine Wangen stieg eine dunkle
Rte auf, und mit einer Frage auf den Lippen haftete sein Blick lange
und ernst auf Idalia. Das Wort aber blieb auf seiner Zunge und scheute
sich hervorzutreten, gleichsam im bangen Vorgefhl des verletzenden
Widerspruchs, den es finden wrde. Sie hielt seinen Blick lchelnd aus,
und eine leichte Berhrung seiner Lippen mit ihrer Hand drngte seine
Frage ganz zurck. Oswald dagegen lie das Gesprch nicht so schnell
fallen.

Das klingt wie ein Schferroman, lachte er; und ich habe eben Nichts
dagegen, obgleich ich kein Myrtill bin und eine Daphne anbete; wenn nur
nicht von einer Hallig die Rede wre, die kaum ein liebendes
Seehundspaar wohnlich finden wrde.

Mander, der bisher dem Gesprch wie einem Scherz zugehrt, erinnerte
seinen Sohn, da sie gar keine Ursache htten, von diesem Eilande
verchtlich zu reden, dem sie nchst Gottes Hlfe und Godber's Mut und
Geschicklichkeit ihre Rettung verdankten, wo der Friede, dem Tausende in
groen Stdten bis an ihr Ende vergeblich nachjagten, bei allen
Bewohnern von der Wiege bis in's Grab heimisch zu sein schiene.

Godber ergriff freudig das Lob seiner Heimat. Nicht wahr, rief er,
ist das Leben hier nicht schn? Gerade diese mannigfachen Entbehrungen,
diese Abgeschiedenheit von der Welt, dieser Mangel an uern Reizen
fhren den Menschen auf sich selbst zurck und lehren ihn in seiner
eigenen Brust, in seinem kleinen huslichen Kreise sein Glck finden,
das eben darum ein sicheres, dauerndes ist, weil es unabhngig von
Auendingen seinen Grund und Boden, wie seine Nahrung in dem Menschen
selber hat. Selbst die Gefahren, die mit diesem Aufenthalt verbunden
sind, dienen nur dazu, den kindlich demtigen und glubig ergebenen Sinn
in uns zu erhalten, aus welchem Vertrauen und Zuversicht, und freudiges
Aufschauen zum Vater in der Hhe hervorgehen. Hier wird der Mensch
wieder Mensch und streift all' die bunten Flitter ab, die ihm doch am
Ende mehr Sorge als Freude machen. Hier ist er frei von den Ketten, die
ihm die groe Welt da drauen schmiedet durch tausend Bedrfnisse und
Gewohnheiten, von denen sein Herz nichts wei und nichts zu wissen
braucht, um glcklich zu sein; ja die er selbst nur zu oft als
Hemmketten fhlte, ohne vor der Welt es wagen zu drfen sich ihrer zu
entledigen. Hier ist er, was er ist; nicht Das, wozu ihn die Sitte macht
und was er um Anderer willen sein mu. Hier kann er sich freuen und
weinen, thtig sein und ruhen, lieben und meiden, wann, wie und wen er
will. Er hat nur sich zum Herrn, und Keiner darf ihm darein reden. Nicht
um aller Schtze der Erde willen liee ich mich wieder spannen in das
Joch der verkehrten Welt, die da ruft Friede, Friede! und ist kein
Friede, sondern eitel Zwietracht, Migunst und Haschen und Jagen nach
einem Ziel, das weit hinter ihr liegt; die da rennet mit verblendetem
Auge nach Lust und Freude, und nie sie findet, sondern nur Ekel,
Ueberdru, Uebersttigung ohne Genu; die heute auf Eiern schleicht,
morgen auf Leichen tritt; die mit dem sesten Lcheln die Giftschale
darreicht und zugleich sich selbst in ihrem Unverstande den Becher des
Lebens vergiftet.

Auch mir wrdest Du in diese verkehrte Welt nicht folgen? fragte
Idalia mit dem freundlichsten Blick, whrend Mander und Oswald ber die
grauenvolle Beschreibung ihrer Welt scherzten.

Dir? sagte Godber, wie erschreckt von einem pltzlichen Lichtstrahl.
Sich selbst beruhigend setzte er aber sogleich hinzu: Darum eben kettet
sich ja meine Seele so fest an Dich, darum bist Du mir die kstliche
Perle im Ocean, weil Dein reiner Lichtglanz keine Frbung angenommen von
der frheren Umgebung; weil Du, in der dunklen Wiege eingeschlossen,
dennoch den keuschen Sinn Dir empfnglich gehalten hast fr das wahre
Glck, von dem jene Welt Nichts wei.

Idalia fand nicht gleich eine Antwort auf diese Worte, und ihr Blick, in
welchem sich Erstaunen und Verlegenheit malten, go eine eisige Klte
ber Godber's Begeisterung. Oswald aber sagte mit tragikomischem Pathos:

Leb' wohl, Idalia! In tiefer Bewunderung beuge ich mich vor der
knftigen Primadonna im grnen Mieder und bunten Rock; aber um Deines
Ruhmes willen mu ich Dich verlassen. Ein geflgelter Bote will ich
eintreten in die Theezirkel Deiner trauernden Vaterstadt, ein Verknder
Deines seligen Martertums auf diesem meerumflossenen Altar der Liebe.
Dein Name soll glnzen an dem, in den letzten Zeiten etwas bleich
gewordenen Sternenhimmel weltberwindender Liebesmacht. Postfrei will
ich Dir jede Woche hundert klangvolle Sonnette und fnfzig schwungreiche
Oden bersenden, die von Lippen armer, unter der Last ihrer Krbe
seufzender Poeten ertnen zur Feier Deines weltverachtenden Herzens.
Eine feurige Kohle sollst Du jeder Jungfrau werden, die nicht Deinem
Vorbilde nachfolgen will.

   Eine Htte, eine Scholle,
   Einen Mann und einen Hund,
   Eines Schafes grobe Wolle,
   Thee und Schwarzbrot fr den Mund;
   Die von andern Dingen spricht,
   Kennt Idalia's Liebe nicht!

Idalia bemerkte freilich, da, wenn der Herr Bruder knftig noch einmal
wieder Verse auf sie machen sollte, sie hoffe, diese wrden dann an
Inhalt und Form etwas zierlicher und feiner ausfallen; aber dabei lachte
sie doch ber Oswald's Spe, und der Schmerz Godber's ber dies Lachen
drngte den auflodernden Zorn zurck und erstickte die harte Rede, die
auf seiner Zunge lag. Mander bemerkte die Blsse auf Godber's Gesicht
und das Zittern, das dessen Glieder berflog; er sagte daher lchelnd:

Unser Freund kann besser scherzen, als Scherz vertragen! und setzte
ernster hinzu: Ich mchte auch nie so verchtlich reden von einem
Fleck, der uns einmal so willkommen war. Es wird Godber schwer werden,
seine Heimat zu verlassen; denn die Liebe zu derselben scheint ja zur
andern Natur Aller zu gehren, die hier geboren sind. Er ist aber
zugleich zu vernnftig, als da er die Heimatliebe, die ihn selbst
beseelt, nicht auch bei Idalia voraussetzen sollte, und daher wird er ja
von ihr kein Opfer verlangen, das selbst zu bringen er sich nicht fhig
hielte; besonders wenn er zugestehen mu, da der Hallig den Vorzug vor
Hamburg zu geben nur eben einem Eingeborenen dieses Eilandes mglich
ist.

Godber fand sich tief getroffen durch diese Bemerkung. Es war ihm noch
gar nicht eingefallen, da, wie er nur in seiner Heimat sich glcklich
fhlen knne, auch Idalia nur in ihrer Vaterstadt ihr Glck finden
wrde; da dasselbe Recht, welches er fr sich in Anspruch nahm, ein
Halligbewohner bleiben zu drfen, er ihr nicht verweigern knne, wenn
sie eine Grostdterin bleiben wolle. Fhlte er, da selbst an ihrer
Seite ihn in der Fremde Heimweh verzehren wrde, wie durfte er ihr denn
an seiner Seite auf der Hallig Heimweh verargen? Diese Betrachtung hielt
ihn stumm. Tiefe Schwermut lagerte sich wie eine bange Last ber seine
Seele. Er verlor sich in Gedanken, die an seine Untreue gegen Maria nahe
genug hinstreiften, um eine Empfindung wie Reue zu wecken.

Oswald unterbrach die verlegene Pause, indem er das Glas erhob, um auf
einen frohen Verein in Hamburg anzustoen. Mechanisch ergriff auch
Godber sein Glas und stie mit an, aber er setzte es wieder hin ohne zu
trinken.

Mit diesem Tage trat eine gewisse Spannung zwischen den Liebenden ein.
Idalia ward ernster, nachdenklicher, zurckhaltender, und obwohl sie
nicht zweifelte, da Godber seine Grille fahren lassen wrde, war es ihr
doch unangenehm, da er sie genhrt hatte, da er sie wenigstens nicht
sogleich habe vergessen knnen, als er ihre Abneigung bemerkte, eine
Halligfrau zu werden. Er dagegen war traurig bewegt; dabei jedoch so
hingebend, so achtsam, so besorgt, immer die vollste Liebe zu zeigen,
als nhre er noch eine geheime Hoffnung, sie zu dem Opfer bewegen zu
knnen, von welchem das Glck seines Lebens abhing. Beide vermieden es,
auch nur mit dem leisesten Worte jene Verschiedenheit ihrer Ansprche an
die Zukunft zu berhren.

Die verwaiste Maria war unterdessen in Hold's Familie aufgenommen und
dadurch der Wohnung Godber's nher gebracht. Es konnte nicht fehlen, sie
muten sich von jetzt an fter sehen, wenn auch nur aus der Ferne. Ja,
es geschah auch wohl, da ihre Wege neben einander vorbeifhrten, so
sehr sie auch jede Begegnung zu vermeiden suchten. Doch eines Tages
trafen sie sich am Steg und waren, gedankenvoll hinwandelnd, sich schon
zu nahe, um ohne Gru vorbergehen zu knnen. Sie standen vor einander,
Beide die Augen zu Boden schlagend; Maria die Hand auf die beklemmte
Brust gepret, Godber mit bebenden Lippen, ohne eines Wortes mchtig zu
sein. Endlich fate er ihre Hand und sagte leise:

Maria, es mute so sein!

Sie blickte auf, und eine Thrne zitterte in ihrem Auge.

Der Herr hat es so gewollt! seufzte sie. Er mache Dich glcklich.

Und Dich, Marie! antwortete er.

Sie aber schlug den Blick gen Himmel, und es brach wie ein Lichtglanz
durch ihre Thrnen:

Seine Kraft ist in dem Schwachen mchtig.

Maria, rief Godber, und drckte ihre Hand fester, kannst Du mir
vergeben?

Als ich den Ring von Deinem Finger zog, antwortete sie, da habe ich
Dir vergeben!

Godber lie ihre Hand fahren und sah nach seinem Ringe. Zum ersten Mal
bemerkte er, da dieser ihm fehle. Er starrte auf die Stelle, wo er ihn
getragen, konnte nicht begreifen, wann das Pfand der Treue von seiner
Hand gekommen, und es war ihm, als sei nun erst seine Untreue vollendet,
als sei nun erst jede Rckkehr unmglich geworden. Er htte in diesem
Augenblick viel darum gegeben, den Ring noch zu haben; er htte ihn in
diesem Augenblick um keinen Preis fahren lassen. Der Gedanke, da er ihn
nicht mehr habe, dehnte eine Kluft vor ihm aus, die ihn auf ewig von
Maria trennte. Nun erst war sie fr ihn verloren, unwiederbringlich
verloren, als wenn nicht schon lngst sie von einander geschieden
gewesen wren. Als er wieder aufsah, war Maria verschwunden.

Idalia hatte diesen Auftritt von weitem angesehen, und ohne ein Wort
darber zu verlieren, ward sie nur immer klter und fremder gegen
Godber. Er aber hing sich mit seiner Liebe ihr desto fester und fester
an. Sie war gleichsam das Anker, das ihn halten sollte im Sturm der
widersprechenden Gefhle, in dem Kampf der sich unter einander
verklagenden Gedanken. Er fhlte, da wenn sie ihn aufgebe, die Kraft
seines Lebens gebrochen wre, da ihm dann das Bewutsein ausginge,
warum denn Alles so gekommen sei, da er dann in der Wste des Meeres
umhertaumele, wie ein Leichnam, der von der felsigen Kste ringsum immer
wieder in die Wogen zurckgeworfen wird.




                                 XIV.


   Gabe ist, was Licht und Leben,
   Gnade ist, was Frieden gab!
   Sollen Engel niederschweben,
   Du kannst nicht die Leiter heben,
   Engel senken sie herab.

Mander wrde vielleicht die Liebenden aufmerksamer beobachtet und so
bald die Pflicht des Vaters erkannt haben, ein Verhltnis, das bei dem
gnzlichen Mangel an Uebereinstimmung in den Wnschen und Hoffnungen
fr's Leben unmglich glcklich enden konnte, bei Zeiten zu lsen, wenn
er nicht zu sehr mit sich selbst beschftigt gewesen wre. Er mochte
keinen Versuch mehr wagen, aus sich selbst heraus die Himmelsleiter zu
erbauen, und doch scheute sein Geist vor dem Gedanken zurck, da Gott
sie in seiner Barmherzigkeit und Liebe lngst herabgelassen habe.

Wie mgen Sie doch nur annehmen, sagte er in seinen Unterredungen mit
dem Pastor ber die Offenbarung, da Gott, der mehr Welten regiert, als
das Alter der Erde Sekunden zhlt, als der Ocean Tropfen, als die Wste
Staubkrner hat, da dieser Gott so groe Dinge thun sollte, um dieses
winzigen Menschengeschlechts willen, dessen mchtigste Geister, von
bloen Gewalthabern gar nicht einmal zu reden, wie Mcken sind, die im
Sonnenstrahl spielen?

Und dessen groe und kleine Geister doch meinen, sprach Hold, sich
den Gott, den sie anzubeten berufen sind, auf das weie Blatt ihres
Weltsystems hinsetzen zu knnen wie einen Tintenfleck, den man mit dem
Lschpapier auftrocknet, um darber hinzuschreiben!

Lassen wir Das! fiel ihm Mander in die Rede. Ich merke wohl, hier auf
dieser flachen Scholle, den Himmel so weit ber sich, das Meer so weit
um sich, fast ohne einen Gegenstand, der an kleinliche Menschenarbeit
erinnert, weitet sich das Herz, und die Gedanken wollen sich nicht mehr
zgeln und gngeln lassen in Begriffen und Schlssen, sondern schweifen
frei in die Unendlichkeit aus, als wren sie einem Kerker entflohen. Als
ich gestern Abend auf dem Taufstein am alten Kirchhof sa und nur Meer
und Sternenhimmel sah, da kam ich mir vor, als schwimme auch ich im
Weltocean, selbst eine kleine Welt, bewegt von Gottes Odem, getragen von
Gottes Macht, verklrt von Gottes Geist, friedlich und selig, wie die
andern Sterne, feiernd wie sie den Schpfer, Erhalter und Regierer. Und
es ist mir noch jetzt, als knnte ich, seit ich einmal so reich war, nie
wieder in der Zukunft so arm werden an Glauben und Glaubensfreudigkeit,
wie ich frher es gewesen.

Nun, sprach Hold wie segnend, so mge denn Ihnen immerdar leuchten
der Morgenstern, der aufgegangen ist in Ihrem Herzen. Mu es denn nicht
ein liebevoller Gott sein, der solche Stunden dem Menschen giebt?
Sollten wir leugnen, da in solcher Feier Gottes Sprache ist, dies
leugnen, weil unsere Sprache keine Worte hat, sie nachzustammeln? Aber
sie fragten, wie Gott fr das winzige Menschengeschlecht so groe Dinge
thun sollte, sich ihm zu offenbaren in Seiner Herrlichkeit, und ihm
Licht zu bringen in der Finsterni, Frieden in der Zwietracht, auf eine
solche Weise, wie das Evangelium von Christo aussagt. Ich gehe noch
weiter. Nicht allein ein winziges, schwaches, ohnmchtiges,
vergngliches Geschlecht nenne ich die Menschen, sondern auch ein durch
Selbstverschuldung verblendetes und sndiges. Es ist Keiner, auch nicht
Einer, der vor Gott gerecht erfunden wre. Es ist der Spiegel unseres
Herzens befleckt mit unheiligem Wesen, und unser Wandel Trgheit zu
allem Guten und Ungehorsam gegen Gottes Gesetz. Jeder Gedanke an Gott,
den heiligen und gerechten Richter der Lebendigen und der Toten, mu
eine Beichte sein und ein Flehen um Gnade, wodurch auch der leiseste
Vorbehalt von eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit hinweggenommen
wird, wie Gottes Sonnenstrahl den Regentropfen wegnimmt, der auf einem
Grabstein liegt. Doch nicht um dies winzige Geschlecht allein auf einem
Staubkorn Seiner Welt, auch um dies durch eigne Schuld verderbte und
tglich neue Schuld hufende Geschlecht hat Gott so groe Dinge gethan;
denn das ist Seine Liebe. Und wre auf diesem Erdboden auch nur eine
Seele unter allen Millionen gewesen, empfnglich fr Seine Segnungen und
Verheiungen, fr diese eine Seele wrde Er Himmel und Erde bewegt haben
in ihren Axen, diese Eine an Sein Vaterherz zu ziehen; denn das ist
Seine Liebe! Und wre diese eine Seele siebenmal siebzigmal wieder
zurckgefallen in ihre Finsternis und ihr Verderben, Er wrde siebenmal
siebzigmal Himmel und Erde bewegt haben in ihren Axen, diese Eine wieder
heimzufhren in das Reich der Gerechtigkeit, der Freude und des
Friedens; denn das ist Seine Liebe! Wir reden von Seiner Allmacht und
Weisheit, die die Unermelichkeit fllen mit ihren Zeugnissen; wir sehen
den kleinsten Wurm im Staube so fein und knstlich gebildet und sein
gedacht, wie des Seraphs, dessen Hallelujah durch die Himmel rauschet;
und Gottes Liebe sollte nicht eben so vollkommen sein, wie alle Seine
andern Eigenschaften? Sie sollte eine Begrenzung, Beschrnkung, einen
Rckhalt kennen, wovon Seine Allmacht und Seine Weisheit nichts wei? Es
kann und darf nie gefragt werden, sollte Gott je so gndig und
barmherzig sein wollen, wie das Evangelium Ihn verkndet in der Lehre
vom Vershner? Denn das ist eine Frage, die ihm eine Vollkommenheit
abspricht; eine Vollkommenheit gerade im Herrlichsten, was Himmel und
Erde kennen, in der Liebe. Es ist nur eine Frage: thut es dem Menschen
not zu seiner rechten Heiligung im Geiste des Gemts, zu seinem Frieden
im Leben und im Sterben, da sich Gott ihm offenbare als Weg, Wahrheit
und Leben, als Heiland, Vershner, Erlser, Friedensfrst? Mu sich der
Mensch diese Frage mit >Ja< beantworten, wenn er aufrichtig prfet sein
Wissen, sein Wesen und seinen Wandel, wenn er es gelernt hat, Halbheit
und Lauheit im Denken, Wollen und Thun zu verschmhen und zu verachten,
dann kann er mit khner Hand in die Wolken greifen, dann kann er freudig
miteinstimmen: also hat Gott die Welt geliebt! Dann darf er nicht
weiter fragen: wie mag solches zugehen? Denn wie alles Wesen ber des
Menschen Wissen und Verstehen ist, wie sollte denn nicht auch die Liebe
Gottes ber sein Wissen und Verstehen sein?

Sie haben einen Glauben, der im Stande wre, Berge zu versetzen! sagte
Mander tief bewegt.

Ich wollte, ich htte ihn, erwiderte Hold, dann wrden wir bald eines
Glaubens sein.

Ich mchte fragen, was mu ich thun, da ich das ewige Leben erbe?
sprach Mander mehr in sich hinein, als zu Hold gewandt.

Fragen Sie die Schrift, die von Christo zeuget. Lassen Sie vor Allem
erst Ihr Nachdenken weilen beim Gesetze. Prfen Sie all' Ihr Wesen und
Thun mit unerbittlicher Strenge an den Geboten Gottes und an dem
Vorbilde des Herrn. Machen Sie keine Snde zur Schwachheit, keine
Unlauterkeit zur Natur des Staubes, keine Versuchung zu einer
unberwindlichen Macht, keine Vergleichung mit Andern zur Entschuldigung
fr sich. Malen Sie sich keine Liebe Gottes aus, die nachsichtig,
begtigend, vergelich ist, wie die krnkelnde Liebe der Menschen,
sondern eine Liebe die mit der strengsten Gerechtigkeit Hand in Hand
gehet; auf da der Wetterstrahl des Gerichtes Sie durchleuchte und
durchflamme, auf da Sie hingeschmettert werden in den Staub und Ihre
vermeinte Tugend und Ehrbarkeit, wie Splitter und Spreu, von Ihnen
fliege; auf da Sie zittern und zagen lernen vor Dem, der Rechenschaft
fordert auch von jeglichem unntzen Worte, das aus unserm Mund gegangen
ist; und Ihre Seele, so wenig sie auch noch jetzt glauben mag, da es
dahin mit ihr kommen knne, zu kommen brauche, in Reu und Leid zage
unter dem Licht und Gericht des gttlichen Gesetzes. Nur durch
Traurigkeit zur Freude! Nur durch's Gericht zur Gnade! Nur durch
Zwietracht zum Frieden! Nur durch Tod zum Leben! Nur die Niedrigen
werden erhht und die Demtigen angenommen! So lange wir uns vor Gott
noch dnken, Etwas zu sein, sind wir Nichts. Hineinpredigen aber lt
sich solche schmerzensreiche Bue nicht. Die mu von Oben kommen, als
Liebesgabe und gttliche Gnade. Nur raten kann mein Wort dazu; nur an
dem Bollwerk rtteln, das hindert; nur leise rtteln an des Herzens
Thoren, da ihre Angeln leichter sich umwenden, wenn der Herr kommt zum
Gericht! Gehen Sie in eine einsame Stunde und treten Sie Ihren
Dornenpfad an.

Sind Sie auf demselben Dornenpfade zur Glaubensfreudigkeit gekommen?
fragte Mander leise.

Ich gehe diesen Weg noch tglich und bin doch froh und selig im Herrn!
erwiderte Hold.

Das ist wunderbar!

Nicht so wunderbar wie der Bund der gttlichen, vershnenden Liebe und
der strengrichterlichen Gerechtigkeit mit einander. Nicht so wunderbar,
wie Christi Zagen vor dem Kreuze und doch Hingebung an's Kreuz. Darber
aber gebe ich Ihnen keine Erklrung, bis Sie in die Stunde gekommen
sind, die ich zuerst von Ihnen fordern mu, die Gott von Ihnen fordert,
weil Er Sie derselben so nahe gebracht hat; wenn Sie dann noch nach
einer Erklrung fragen sollten.

Es war aber keineswegs so leicht, Mander auf den Dornenweg zu bringen,
wo seine Selbstzufriedenheit bluten sollte. Mancher Abend ging noch in
lebhaften Unterredungen hin, in welchen Hold vorzglich Mander's
erwachende Neigung bekmpfte, sich eine Art von philosophischem
Christentum zu construiren.

Sind aber nicht alle Materialien dazu gegeben, in der Schrift, wie in
den sonstigen Zeugnissen Gottes? verteidigte sich Mander.

Materialien fr Sie bergenug, entgegnete Hold; aber der Mrtel fehlt
noch, das Herzblut, das die Reue erprete, und die Thrnenflut, welche
die Sehnsucht nach einem Frieden, wie ihn die Welt und die Weltweisheit
nicht geben kann, aufquellen lie. Sie sind in Gefahr, in der Halbheit
zu bleiben, weil Sie anfangen, die Baustcke an einander zu passen, ehe
das Gebude in seiner Hhe und Tiefe, in seiner Lnge und Breite vor
Ihrer Seele steht.

Es mchte aber der Weg zum Glauben nicht fr Alle derselbe sein,
meinte Mander.

Ohne die Demut kommt Keiner in diesen Weg hinein; und ohne die tiefe,
durchdringende, ja zermalmende Erkenntnis der Sndhaftigkeit vor Gott,
ohne das laute, aufrichtige, in Reu' und Leid ringende Bekenntnis
derselben ist keine Rckkehr fr den, der, wie Sie, in den Irrpfaden der
geistigen Selbstanbetung sich erging. Da Sie jetzt schon Baumeister
sein wollen, ehe Sie selbst wahrhaft erbauet sind, oder jedenfalls noch
in der ersten Frhlingslust der beseligenden Erbauung leben sollten,
scheint mir anzudeuten, da Sie noch unter der Knechtschaft Ihres
eigenen Geistes gefangen und nicht durchgedrungen sind zur Freiheit der
Kinder Gottes, deren Glaube keine dorische oder korinthische
Sulenordnung, sondern eine khn aufstrebende Sule ist, deren fester
Fu in den Tiefen des Herzens steht und deren Spitze der Regenbogen der
Verheiung krnzt.

Eine sichere Begrndung, warf Mander ein, kann dem Glauben nicht
schaden, ja ihn allein der Vernunft annehmbar machen, da sie mitstimme
mit dem Herzen, das seiner bedarf.

>Der Glaube ist eine gewisse Zuversicht des, was man hoffet, und nicht
zweifelt an dem, was man nicht siehet<, sagt schon der Apostel, war
Hold's Antwort. Unter diesem >was man nicht siehet< ist doch auch wohl
das Nichtsehen der Vernunft durch Begriffe und Schlsse mitverstanden;
denn was sie so sich zusammenkettet, Glied an Glied, das _sieht_ sie,
das hrt auf Gegenstand der Hoffnung und des Glaubens zu sein; es wird
Gegenstand des Wissens und bleibt Stckwerk, wie all' unser Wissen
Stckwerk ist. Der Glaube aber ist ein Ganzes, Volles, Vollkommenes, ein
Tag ohne Wolken, ein Kleinod, des wir uns freuen ohne Diebe und Ruber
zu frchten. Er ist kein Raub, sondern eine Gabe. Wir schaffen ihn
nicht, sondern er schafft uns. Er ist nicht unser, sondern wir sind
sein. Wir kommen nicht zu ihm dadurch, da wir ihn in unser Gebiet
hereinziehen, sondern dadurch, da wir aus unserm Gebiet heraustreten
und in sein Gebiet eingehen. Darum bauen Sie vergeblich an einem
Fachwerk; es bleibt ein Gerst, durch dessen Sparren jeglicher Wind
weht, und worin der Geist Gottes nie heimatlich wird.

Thun denn aber die gelehrten Theologen etwas Anderes, als was ich
versuche?

Leider thun sie oft nichts Anderes. Aber da geht es denn auch Vielen
ihrer Zuhrer, wie es mir ging, erwiderte Hold, und nahm vom Bcherbord
ein Heft aus seiner Studentenzeit, auf dessen letzter Seite sich
folgender Epilog zur Dogmatik fand:

   So hat denn alle Wissenschaft gelogen!
   Vom blinden Wahne sollt' der Geist gesunden;
   Und nun ist jeder lichte Blick verschwunden,
   Und um den Frieden ist das Herz betrogen.

   Ich seh' mich auf ein Meer hinausgezogen,
   Wo keine Nadel mag den Pfad erkunden,
   Wo nie ein Blei den Ankergrund gefunden,
   Wo alle Winde weh'n auf irren Wogen.

   _Der_ Lootse winkt zur Rechten, der zur Linken:
   Sieh, wie Dir dort der Heimat Sterne blinken!
   Nein, folge mir, da drut ein Felsenriff!

   Der Dritte nickt ein Ja zu beiden Seiten;
   Ein Vierter fngt mit Allen an zu streiten;
   Und unterdessen sinkt das lecke Schiff.

   Doch halt! Was will der Mann mit Kennermienen?
   Mein Sohn, Du sogst die rechte Weisheit ein.
   La nun Dein Pfund dem blinden Volke dienen.
   Er spricht's, und ich -- soll Seelenhirte sein!

Es mag schlimm genug sein, sagte Mander, Fhrer sein zu sollen, wenn
man noch selbst ungewi auf dem Kreuzwege steht. Aber da man sich erst
die Leiter zurecht stellt und Stufe auf Stufe prft, ist doch klger,
als wenn man sich vornimmt, erst auf der hchsten Staffel sich nach dem
sichern Stande und der Haltbarkeit der Stufen umzusehen.

Ach! zu solchem Vornehmen, entgegnete Hold, lt es der Glaube gar
nicht kommen. Er bedarf keiner Leiter. Er ist ein Adler, den seine
Schwingen sogleich ber die Wolken hinauftragen. Er _wird_ nicht,
sondern er _ist_. Er macht sich nicht allmlig, sondern steht da in
seiner Herrlichkeit. Ein schwacher, lauer und halber Glaube ist ein
Unding. Wohl mag er auf Zeiten, in Stunden der Prfung oder vor den
Anlufen des ungttlichen Wesens und der weltlichen Lste zurckweichen;
aber eine Mischung, Zersetzung und Teilung kennt er nicht. Er ist Alles
oder Nichts; ganz oder gar nicht. Nur im Wissen, Wollen und Thun giebt
es Halbheit, nicht im Glauben. Er kann nur beseligen oder verdammen,
nicht ein wenig trsten, ein bischen erheben, ein wenig schrecken, ein
bischen zittern machen. Er kmpft nicht, sondern er siegt nur. Er
schreitet daher in seiner Kraft und erfllet mit seiner Flle das Herz;
schmettert es nieder in den Abgrund und trgt es aus dem Abgrunde mit
Jauchzen empor zu den himmlischen Hhen. Von diesen Hhen herab mgen
wir den Glaubensweg erkunden, nicht von unten auf; nur mit dem Senkblei,
nicht mit dem Fernrohr.

Mander war oft in Versuchung, den Pastor der Einseitigkeit und
Beschrnktheit zu zeihen. Oft wieder war er in schmerzlichem Ringen nach
Zuversicht der demtigste und gelehrigste Jnger. Dann aber klagte er
ber Dunkelheit in Hold's Ausdrcken; wogegen dieser bemerkte:

Das Wort ist Same und nicht mehr und minder. Im Samen liegt aber der
Keim verborgen unter der Hlle und wartet auf Sonnenstrahl und Tau von
Oben her, um die Hlle zu durchbrechen und Blte und Frucht zu werden.

Bald klagte er ber die Dunkelheit der Offenbarungen Gottes. Hold
erinnerte ihn:

Die Fackel fr die mancherlei Wege der gttlichen Offenbarungen ist die
eine Offenbarung der heilsamen Gnade Gottes in Christo. Ist diese
aufgegangen dem Herzen in ihrem vollen Glanze, so fliet ihr Lichtstrom
ber die ganze dunkle Gegend aus, und Alles wird hell! Nur Licht giebt
Licht. Unser blder Verstand mag uns wohl dazu fhren, da wir die
Wahrheit nicht bei ihm erwarten. Unsere Sndhaftigkeit kann uns wohl die
Sehnsucht wecken nach der Gnade Gottes; aber was Wahrheit ist, lernen
wir erst durch die Wahrheit, und die Erlsung kennen wir erst durch die
Erlsung. Sie aber ringen nach Beiden, als htten sie schon das Wesen
derselben erforscht und ihre Kraft erfahren. Da dies aber nicht der
Fall ist, zeigt Ihr Kampf mit einzelnen Dunkelheiten: denn Schatten
weisen weg vom Licht und sind keine Wegweiser zum Lichte, wofr Sie sie
nehmen, da Sie sich so lange bei ihnen aufhalten.




                                 XV.


   Von der Heimat sel'gem Frieden
   Nach dem wsten Streit hienieden
   Zeugt das lichte Sternenzelt;
   Doch des Liedes klarer Spiegel
   Offen der Verheiung Siegel
   Zeig' er in dem Kampf der Welt.

Ein Amtsgeschft ntigte Hold zu einer Reise nach der nchsten, eine
Meile entfernten Insel. Oswald begleitete ihn, teils um einige
Angelegenheiten, die schnellere Ueberfhrung der geborgenen Ladung nach
Husum betreffend, zu ordnen, teils um den fr ihn so langweiligen
Aufenthalt auf der Hallig durch einen Tag in anderer Umgebung zu
unterbrechen. Ein gnstiger Wind trug in der mondhellen Nacht das Schiff
mit dem ruhigen Gleiten eines Schwans dem Ziel der Reise entgegen, und
Oswald, der diese Meeresstrecke in dem furchtbarsten Aufruhr gesehen und
auf derselben in Todesgefahr geschwebt hatte, sprach einmal ber das
andere seine Verwunderung ber den Gegensatz aus.

Heute so still und mit kaum merkbaren Wellen das kleine Schiff
fortwiegend; damals anzuschauen wie eine ungeheure Woge, auf der das
mchtige Gebude auf und nieder schwankte, wie eine Feder, von Knaben in
die Hhe geblasen. Heute der leise Hauch, der die Segel eben fllet und
sich zu frchten scheint, mehr zu thun, als wir gerade wollen; damals
ein Heulen und ein Rasen, als wollte die tolle Windsbraut unser Schiff
wie einen Knuel zusammenwickeln und es gen Himmel schleudern. Dem Winde
hat man so viele Namen gegeben, um seine wechselnde Weise zu bezeichnen.
Das Meer heit Meer, mag es wie ein gefgiger Sclave uns dienen, mag es
wie ein wtender Tyrann mit unserm Leben wrfeln.

Der Mensch heit Mensch, bemerkte Hold, mag er kindlich friedlich mit
Blumen spielen, oder in blinder Leidenschaft Leichenhgel auftrmen; und
der Uebergang von der einen zur andern Art zu sein, ist bei demselben
Menschen nicht weniger berraschend, als bei dem Meere, und es ist nur
gut, da die ungestmen Wogen unserer Brust gewhnlich wenig Macht
haben, Unheil zu stiften.

Darum halte ich es damit, sagte Oswald, dem Leben die leichte Seite
abzugewinnen und das Blut hbsch ruhig zu halten. Alles Aufwogen, sei's
in Ha, sei's in Liebe, ist nicht meine Sache. Dadurch habe ich es so
weit gebracht, da ich lache und scherze, wo Andere sich totgrmen
wollen und auer sich vor Angst oder Zorn sind.

   So nutz' ich das Leben,
   Und nehm' es, wie's ist;
   Eh' kalt mich im Grabe
   Das Leben vergit.

Wenn Sie Jahre lang in einem Kerker schmachten sollten, Jahre lang auf
ein Krankenlager hingestreckt lgen, meinen Sie dann, da Sie mit diesem
Verse die feuchten Wnde zieren, oder mit dieser Melodie Ihre Schmerzen
einlullen wrden? fragte Hold.

Das will ich nicht behaupten, erwiderte Oswald; aber darum freue ich
mich, da ich nicht in diese Probe gefhrt werde.

Warum trachten Sie aber nicht lieber nach einer Zuversicht, die auch
solche Proben aushalten kann? Knnen Sie eine Ansicht fr Wahrheit
halten, welche von Auendingen abhngt, die nicht in unserer Gewalt
sind? Rechnen Sie den Glimmerschiefer zu den Edelsteinen, weil er im
Sonnenstrahl wie Diamanten funkelt?

Sie haben vollkommen Recht, lieber Pastor, antwortete Oswald, eben
weil sie Pastor sind, fr mich aber Unrecht, weil ich singe:

   Vergessen ist Freude
   Und Denken nur Pein;
   Und _gilt_ er Dir Wahrheit,
   Ist Wahrheit der Schein.

Ich kann Ihnen auch einen Vers dazu geben, sagte Hold:

   O, kindisches Treiben!
   O, rmlicher Wahn!
   So schaukeln die Wellen
   Den herrnlosen Kahn.

Und dieser Vers fhrt mich auf die Frage: was dachten und fhlten Sie in
den Stunden, als Sie auf diesem Meere vor einigen Wochen zwischen Tod
und Leben kmpften?

Ich dachte und fhlte gar nichts. Mir war alles Denken und Empfinden
rein ausgegangen. Ich war eine hohle Schale, in die erst nach unserer
Rettung ein Kern zurckkam. Was htten mir auch alle Gedanken und
Gefhle helfen sollen? Sie konnten den wilden Ocean nicht bndigen und
den gebrechlichen Kahn nicht zusammenhalten.

_Ihr_ Denken und Empfinden konnte Ihnen freilich nichts helfen; aber
wohl wre es anders mit dem gewesen, der in Sturm und Wogendrang htte
sprechen knnen nach den Worten des Liedes, das Sie nur halb kennen
wollen:

   Wer kmpfend und fallend
   Dem Siege vertraut,
   Der hat sich errungen
   Das Jawort der Braut.

   Sie fhrt dem Altare
   Der Heimat ihn zu.
   Sein Glaube wird Schauen;
   Der Staub ist zur Ruh.

Ich streite nicht mit Ihnen, Herr Pastor, antwortete Oswald. Ich gebe
Ihnen, wie gesagt, vollkommen Recht. Ich ehre Ihre Ueberzeugungen und
Sie um derselben willen. Ich wrde auf Ihre Redlichkeit und Treue mehr
bauen, als auf mich selbst. Aber -- ich bleibe, was ich bin; und wie ich
bin; wenn ich nicht, wie ich es Ihnen schon halb versprochen, einst im
grauen Haar zu Ihnen zurckkehren sollte, um zu lernen, wie man die
Falten des Leichentuchs mit Anstand um sich wickelt. Gewi, lieber
Hold, schlo Oswald, als er merkte, wie der Pastor sich bei dieser
letzten Aeuerung unwillig von ihm wandte, ich will nicht spotten, wenn
es auch manchmal so klingt; es ist nur ein hohler Klang, dem Sie keine
Bedeutung unterlegen mssen, die er nicht haben soll. Aber wir stehen
uns so fern und so fremd in unsern Ansichten und Meinungen, da keine
Vereinigung mglich ist. Sie stehen fest auf Zion, und ich treibe, ein
leichter Nachen, jeden Blumenbach entlang, der mich eben tragen will.

Den hohlen Klang nehme ich Ihnen nicht bel, erwiderte Hold; aber da
es eine Stunde in Ihrem Leben geben konnte, in welcher Sie nach Ihrem
eignen Ausdruck eine hohle Schale waren, und doch nun, bei solchem
Gestndnis, sich noch lnger in der ganzen Hohlheit und Leerheit Ihrer
Ansichten, die eigentlich, wie Sie es selbst aussprechen, nichts weiter
als Gedankenlosigkeit sind, wohl fhlen knnen, das verstehe ich nicht.
Ich frchte, Gott wird Sie noch einmal mit gar schwerer Hand anfassen,
oder vielmehr ich mu es wnschen.

Sie werden es mir erlauben, sprach Oswald lachend, den Dank fr
diesen frommen Wunsch bei Ihnen zu ersparen.

Hold wandte das Gesprch auf andere Dinge, und da sie sich in der
Bekanntschaft mit dem Liede, aus dem die vorher von ihnen angefhrten
Strophen genommen sind, zusammengefunden, ward die Poesie der Gegenstand
ihrer Unterhaltung. Hierin stimmten die Urteile Beider fast ganz
zusammen. Oswald's ausgebreitete Belesenheit in diesem Fache hatte sein
richtiges Gefhl nicht verwirrt, sondern nur geschrft. Kein blendender
Bilderschmuck bestach ihn; kein dichterischer Gedanke ging ihm um der
mangelhaften, poetischen Form willen verloren. Ossian, der Barde, der
selbst dem Nebel Kraft und Anmut einzuhauchen wute, war sein Liebling,
und er behauptete mit Hold's vlliger Zustimmung, da man in dem Brodem
des Plumpuddings gro gezogen sein mte, um Ossian's Gedichte zu dem
untergeschobenen Machwerk eines ^gentleman^ machen zu knnen. Je
lebendiger Oswald sprach, je reicher er seine vielseitige Kenntnis der
schnen Literatur entfaltete, je wahrer er das Flache von dem Tiefen,
die gemachte von der wirklichen Begeisterung unterschied, desto mehr
mute sich Hold wundern, wie ein Mensch zugleich so scharf und richtig
urteilen, und doch so gedankenlos hinleben; so wahr und so stark
empfinden, und doch so gefhllos fr den Geist Gottes sein knne. Es war
ihm unbegreiflich, wie Oswald bei den Ergssen himmlischer Begeisterung
eines Dichters mit inniger Anerkennung weilen konnte, ohne dadurch auf
sich selbst und seine Entfremdung von allem Gttlichen gefhrt zu
werden. Es war, als trge ihn seine Phantasie mit in den Aufschwung
dieser Dichter hinein, und als she er dennoch darin nur den Flug eines
Luftballons, der aus seiner Hhe ohne weitere Kunde von den gttlichen
Dingen zur Erde herabsinkt. Aber -- sie haben Augen und sehen nicht; sie
haben Ohren und hren nicht.

Fr die Leser, welche das Gedicht, aus welchem wir oben einzelne Verse
in die Erzhlung verflochten haben, ganz kennen zu lernen wnschen, mge
es hier stehen.


                              Das Leben.

   Ein Anfang ohn' Ende;
   Ein Schleier ohne Bild;
   Ein Trumen und Sehnen,
   Das nimmer gestillt;

   Ein Blhen und Duften;
   Ein schmeichelndes Lied;
   Und Alles nur Tuschung,
   Die lockt und entflieht.

   Ein Wollen und Knnen,
   Und nie ein Vollbracht;
   Ein Lernen und Wissen,
   Das klger nicht macht.

   Ein Drngen und Treiben
   Bergauf und bergab;
   Ein Sorgen und Mhen
   Fr's wartende Grab.

   Fr Herren und Knechte
   Ein wunderlich Spiel,
   Als Ernst gar zu wenig,
   Als Scherz gar zu viel:

   Und dennoch zum Leben
   Die Liebe so gro? --
   Gern sitzen die Narren
   Der Narrheit im Schoo.

                   *       *       *       *       *

   Was zrnst Du dem Leben,
   Dem gaukelnden Spiel?
   Du fragst nach dem Ziele?
   Der Weg ist das Ziel!

   Dein Hoffen und Wagen,
   Und wr's ohne Lohn; --
   Im Hoffen und Wagen
   Genieest Du schon.

   Entstrmt ohne Lorber
   Dem Helden sein Blut;
   Doch freut sich im Streite
   Des Kmpfenden Mut.

   Der Rtsel so viele?
   Die Antwort so kahl?
   Frag' nicht nach den Reben
   Den vollen Pokal.

   Vergessen ist Freude,
   Und Denken nur Pein;
   Und _gilt_ er Dir Wahrheit,
   Ist Wahrheit der Schein.

   So nutze das Leben,
   Und nimm es, wie's ist,
   Eh' kalt Dich im Grabe
   Das Leben vergit.

                   *       *       *       *       *

   O, kindisches Treiben!
   O, rmlicher Wahn!
   So schaukeln die Wellen
   Den herrnlosen Kahn!

   Das Leben ein Schleier,
   Den Keiner durchschaut;
   Doch ehre den Schleier;
   Er wallt um die Braut,

   Die wstem Verlangen
   Nur keuscher sich hllt,
   Den Glauben mit froher
   Verheiung erfllt.

   Es wehet ihr Odem
   Dahin und daher,
   So gret von Kste
   Zu Kste das Meer.

   Und wandelt der Pilger
   Nach Sd und nach Nord,
   Sie ladet ihn liebend
   So hier und so dort.

   Sie blickt von den Sternen
   Ihm freundlich herab;
   Und lchelt weissagend
   Auf Wiege und Grab;

   In Kmpfen, in Strmen,
   In wolkiger Nacht,
   Von Weisen gescholten,
   Von Spttern verlacht,

   Schmck' khn Dir mit Krnzen
   Hochzeitlich das Haupt,
   Vom Baume der Hoffnung,
   Der nimmer entlaubt.

   Wer streitend und fallend
   Dem Siege vertraut,
   Der hat sich errungen
   Das Jawort der Braut.

   Sie fhrt dem Altare
   Der Heimat ihn zu.
   Sein Glauben wird schauen;
   Der Staub ist zur Ruh.




                                 XVI.


   -- Und jede neue Welle sumte
   Fr mich am feuchten Leichentuch.
   Und jede neue Welle schumte
   Entgegen mir den Todesspruch.

Wir bergehen den kurzen Aufenthalt auf der Insel, die, umgeben und
durchschnitten von starken Deichen mit einer Hhe von mehr als zwanzig
Fu und einem Belauf von achtzig bis hundert Fu, in der Mitte ihrer
Abteilungen oder Koege, wo das Meer vllig dem Auge entzogen war, das
Ansehen eines von festen Wllen umgrteten Lagers darbot, das von den
Kriegern verlassen, nun dem friedlichen Landmann angehrte, der es nur
biher versumt, die Wlle abzutragen.

Auf der Rckfahrt nach der Hallig mute das Schiff anfangs mit widrigen
Winden kmpfen; spter trat eine vllige Windstille ein, und eine
Viertelmeile vom Ziel wurde Anker geworfen, da auch die Ebbe dazu kam,
die kein Weiterkommen selbst bei gnstigem Winde gestattet htte. Noch
war es heller Nachmittag, und klar lagen die einzelnen Wohnungen der
Hallig vor dem Blicke der ungern Verweilenden. Das Schiff stand bald
ganz auf dem Trocknen, und es schien so leicht, die kurze Strecke zum
Ufer zu Fu zu machen. Sollte auch hie und da ein bichen in dem weichen
Schlamm gewatet, oder eine und die andere Wasserrinne bersprungen
werden mssen, so kam man doch vor Abend nach Hause. Der Gedanke, so
festgebannt zu sein, machte Oswald ungeduldig, und fr Hold war jede
Stunde der Entfernung von den Seinen ein Abbruch an seinem huslichen
Glck. Die beiden Schiffer hatten nichts dagegen, ihr Fahrzeug bis zur
nchsten Ebbe liegen zu lassen, wie sie dies schon oft gethan, und so
traten denn die vier Reisegenossen ihren Weg zur Hallig an. Freilich
htten die vielen Unglcksflle, welche durch dies sogenannte
Schlicklaufen herbeigefhrt werden, sie abhalten sollen; aber die Luft
so heiter, das Land so nahe, woher denn Gefahr? Oswald lachte laut auf,
als Hold nur so obenhin sagte, da solche Versuche, das Land zu
gewinnen, schon Vielen das Leben gekostet, und dieser fgte auch selbst
gleich hinzu, da heute freilich nichts zu frchten sei. O, des
kurzsichtigen Geschlechts, das sich so sicher dnkt, indem es dem Tode
entgegenrennt! Kaum zehn Minuten spter standen die Wanderer schon
ratlos und angstvoll da, und wuten nicht mehr, wohin sie die Schritte
wenden sollten, ob rckwrts, ob vorwrts. Ein dicker Nebel, der
urpltzlich, man wute nicht, ob von oben herab, oder von unten
heraufgestiegen kam, lagerte sich um sie her.

Die Nebel oder Seednste sind oft nicht hher als sechs bis acht Fu,
und es begegnete uns einmal, da wir vom Schiffe aus mit den Leuten am
Ufer uns unterredeten, ohne da wir auch nur das Geringste mehr sehen
konnten, als deren Kpfe, die im hellsten Lichte auf der grauen
undurchdringlichen Masse gleichsam schwammen, und deren Bewegungen von
einer Stelle zur andern, ohne da man die bewegenden Glieder sah, einen
wunderbaren Anblick gewhrten. Was wir in dem Folgenden erzhlen, mag
ebenfalls fr Den, welcher jene Meeresstrecke nicht kennt, manches
Wunderbare haben; aber wir legen auch hier, wie andern Stellen dieser
Schrift, unsere eigenen Erfahrungen zu Grunde.

Sobald der Nebel aufkam, wandten sich Aller Blicke unwillkrlich auf das
Schiff zurck. Wenn nur noch irgend etwas zu sehen gewesen wre! Aber
die weiter als drei Schritte von einander standen, waren ja schon nicht
mehr fr einander da und muten sich durch Rufen zusammenfinden. Oswald
ahnte noch nicht die Gre der Gefahr und konnte sich in das ngstliche
Beraten der andern nicht finden, da er meinte, sie mten bald das Ufer
gewinnen, wenn sie nur darauf hielten, die gerade Richtung nicht zu
verfehlen. Auch der Schlu der Beratung fiel dahin aus, vorwrts zu
gehen, weil die freilich entferntere Hallig sich doch immer in diesem
Nebelmeer wahrscheinlicher treffen lie, als das nahe, aber leicht zu
verfehlende Schiff. Oswald schritt keck voran und trllerte ein
Liedchen. Doch als tiefere Stellen, die nicht zu durchwaten waren,
umgangen werden muten, als Rinnen kamen, an denen man in mancherlei
Wendungen hinzuwandern gezwungen war, ehe eine Stelle gefunden ward,
schmal genug, um hinberzuschreiten, als bald der eine, bald der andere
Gefhrte im Nebel oft eine geraume Zeit verschwand, da wurde er stiller
und stiller. Als er ein paarmal, entweder unbesonnen forteilend, oder
zaghaft zurckbleibend, nur nach lautem Geschrei, da der Nebel den
Schall hemmte, sich den Genossen wieder anschlieen konnte; als er bald
im Schlamme tief einsinkend, bald mit ungewissem Sprung die Weite
verfehlend, alle Mhseligkeiten des Weges erfuhr, da begann ein kalter
Schwei von seiner Stirne zu perlen, und bei jedem Stillstand fhlte er
das Beben der Angst in seinen Gebeinen. Solcher Stillstand ward immer
fter ntig, teils um die erschpften Krfte wieder zu sammeln, teils um
ber die rechte Richtung sich zu vergewissern. Welche Umwege aber wurden
in der dichten Nebelhlle gemacht, die bei heller Witterung leicht
htten vermieden werden knnen! Vielleicht war der Uebergang ber eine
Rinne nur ein paar Fu weiter rechts oder links, und eine halbe Stunde
wurde vergeudet, um ihn aufzufinden, weil man ihn an der Seite
vermutete, wo er nicht war, und wenn man sich endlich berzeugte, da er
da nicht zu finden sei, wo man ihn suchte, ging wieder eine neue halbe
Stunde darber hin, um zu dem alten Fleck zurckzukommen. Zuletzt muten
sich die vier Leidensgefhrten anfassen, um nicht durch die graue Wand,
die zwischen ihnen jetzt schon bei der Entfernung von auch nur einem
Schritt von einander aufgetrmt war, getrennt zu werden. Bisher waren
nur wenige, durch die Umstnde gebotene Worte gesprochen. Jeder ging
still, sich seinen trben Gedanken berlassend, hinter dem andern her;
nur Oswald unterbrach nun durch sein Sthnen und Klagen vielfach das
ngstliche Schweigen. Aber nicht lange, da tnte die Schreckensfrage von
Mund zu Mund: wohin sollen wir uns wenden? Ach! die sich
widersprechenden Antworten zeigten nur zu gewi, da man sich auf keine
Antwort mehr unbedingt verlassen konnte. Die Richtung, bisher noch teils
durch die Aufmerksamkeit auf jede neue Wendung, teils auch durch die
Kenntnis der Schiffer von dem Lauf wenigstens der greren Rinnen,
vielleicht nicht ganz verloren, ward nun Allen vllig zweifelhaft. Denn
die zu machenden Wendungen und Krmmungen waren immer verschlungener,
des Hin- und Hergehens, Vor- und Rcklaufens immer mehr geworden; und
unheilbringendes Zeichen! die Rinnen wurden allmlig breiter, flossen zu
zahlreicheren Wasserstraen ber, welche bald langsam wie heimtckische
Ruber dahinschlichen, indem sie zwischen den kleinen Erhhungen in
vielfachen Krmmungen sich fortwanden, oder lauernd und auf neuen
Zuschu wartend an einer greren Bank sich verweilten; bald aber auch
wie mutige Krieger von einem erklimmten Wall auf die Ebene niederwogten
und dort sich nach allen Richtungen ausbreiteten. Von diesen Bewegungen
sahen die Wanderer freilich Nichts, obgleich der Nebel jetzt anfing,
sich ein wenig zu verteilen. Aber sie kannten ja die Stunde, in welcher
ihr Todfeind die Herrschaft wieder antrat auf den Marken, die sie mit
mutwilligem Fu zu betreten gewagt hatten. Sie merkten sich auch schon
von seinen verstrickenden Netzen umschlossen, denn wohin sie sich
wandten, stieen sie auf seine Gnge, wohin sie sich wandten, folgte er
ihnen nach, und bald splte er allenthalben um die Fe der gejagten
Beute. Nun kroch er, sich hebend und sich senkend, langsam, aber mit
sicherm Fortschritt, immer hher hinauf, steigerte in gleichem
Stufengang das Bangen und die Beklemmung der Umherirrenden, deren Tritte
immer heftiger, aber auch immer unsicherer wurden auf dem berschwemmten
Boden, und wallte jetzt um die schlotternden Kniee mit hhnischem
Rauschen, in welchem sich nur zu deutlich die grausame Freude aussprach:
Ihr entgeht mir doch nicht mehr! Was half die erneute Beratung: wohin
sollen wir uns kehren? Ja htte nun auch die rechte Richtung ausgemacht
werden knnen, wie ja wirklich die aufmerksame Beachtung der Bewegung
der Flut sie ungefhr erraten lie, hatte man nicht vor sich Rinnen, die
jetzt zu undurchdringlichen Tiefen geworden waren? Durfte man, selbst
dies Hindernis nicht mit erwgend, es sich verbergen, da eine ungefhre
Richtung gar keine sei, da sie an der Scholle, die im weiten Ocean
aufgefunden werden sollte, eben so gut rechts oder links vorbei als
darauf hin fhren konnte? Doch wurde ein Versuch gemacht, vorwrts zu
dringen, aber schnell wieder aufgegeben, als der Fhrer des Zuges
pltzlich bis ber die Achsel in eine Tiefe versank, aus der er nur mit
Mhe herausgezogen werden konnte. Jetzt blieb nichts anderes brig, als
auf dem Platze, wo man gerade sich befand, stehen zu bleiben und sich in
voller Hlflosigkeit der Macht des immer hher schwellenden Oceans zu
berlassen, und dem Vater im Himmel, der allein den Wogen gebieten kann:
bis hierher und nicht weiter! Leib und Leben im Gebet zu empfehlen.
Mein armes, armes Weib! dachte Hold; und sein Geist war so ganz in
diesem Gedanken aufgegangen, so ganz mit ihrem Schmerz um den Verlust
des Gatten eins geworden, da ihm die Teilnahme fr die nahe Bedrngnis
verloren ging in der vollen Empfindung ihres Jammers. Die beiden andern
Mnner standen in dumpfer Hingebung schweigend da. Oswald aber verlor in
dieser gezwungenen Unthtigkeit alle Fhigkeit, seiner Todesangst irgend
ein strkeres Gefhl entgegenzusetzen, oder auch nur sie unter einer
anscheinenden Ruhe zu verbergen. So lange noch Versuche zur Rettung
gemacht werden konnten, war er bei jedem gnstigen Anschein voll
Hoffnung, und die Beschwerden der Wanderung lieen es ihn zuweilen ganz
vergessen, da sie auf dem Wege wandelten, der sie vielleicht nur immer
fester als Opfer des Meeres umstrickte. Aber stille zu stehen, rings um
sich die Wste des Oceans, in jedem leisen Wellenschlag einen neuen
Todesboten zu merken, mit welchem der beutesichere Feind neckisch sein
Opfer grte, eine Marter auszuhalten, die ohne die Abwechslung des
Schmerzes in immer gleicher Ruhe einen Tropfen aus dem Becher der
Hoffnung nach dem andern auszhlte; diesem schwerfllig aufkriechenden
Tode, als wrde der Krper von einer ungeheuren Schlange in immer hher
schwellenden Windungen langsam umzogen, von Sekunde zu Sekunde seinen
Gang nachzumessen, ihn immer nher und nher am hochschlagenden Herzen
zu fhlen: das war mehr, als Oswald zu ertragen vermochte. Anfangs drang
er in seine Gefhrten mit dem leidenschaftlichsten Ungestm, doch irgend
ein Mittel zur Rettung zu ergrnden. Als er endlich ihren vielfltigen
Beteuerungen glauben mute, da Alles versucht sei, was versucht werden
knne, und da jetzt nur noch die Mglichkeit als letzter Hoffnungsstern
brig bleibe, wenn der Nebel sich noch mehr verteile, und das Land nahe
sein sollte, durch ihr Geschrei ein Boot herbeizurufen, da schrie er, in
jeder lngern Zgerung den gewissen Tod sehend, so gellend auf, da es
diesem herzzerschneidenden Ruf anzumerken war, wie nur die furchtbarste
Seelenangst ihm die bernatrliche Strke gegeben. Mit diesem Ruf war
aber auch alle seine Kraft dahin, seine Fe wollten ihn nicht mehr
tragen, alle seine Gebeine schttelten sich wie aus ihren Fugen heraus,
seine Zhne hmmerten auf einander und sein Haar strubte sich hoch
empor; keines zusammenhngenden Wortes war er weiter mchtig. Er wre
jetzt schon umgesunken, wenn Hold ihn nicht gehalten. Es ward auch fr
Alle ntig, sich gegenseitig zu sttzen, da die Wellen schon so hoch
gestiegen waren, da es schwer wurde, die Fe gegen ihren Andrang
festzustemmen. Schweigend standen die Mnner so neben einander, fest die
Hnde in einander geschlungen. Jeder hatte in seinem Innern die Rechnung
mit dem Leben zu schlieen und weder Zeit zu klagen, noch Lust zu
trsten. Oswald wollte freilich auch seine Seele in Gottes Vaterhuld
empfehlen und rang sich aus seinen durch einander tobenden Gedanken und
wild lodernden Empfindungen zu einem Blick nach oben durch, aber der
Himmel, an dem schon hin und wieder ein Stern durch den Nebelflor
schimmerte, nahm seinen Blick nicht an, wenigstens sank des Jnglings
Auge sogleich scheu wieder zurck, und in demselben Augenblick rauschte
eine Woge, hher als die brigen, hinter ihm auf; ein doppelter
Wasserstrahl ging von seinem Nacken um den Hals her und flo ber seine
Brust hin. Du bist gerichtet! schauderte es durch seine Seele, und ein
neuer Angstschrei ri sich aus seiner Brust los, dem ein dumpfes
anhaltendes Sthnen, untermischt mit abgebrochenem Aechzen, folgte.
Festeren Gemtern wre vielleicht dieses Sthnen widerlich gewesen, auf
seine Leidensgefhrten wirkte es dahin, da auch sie ohne Rckhalt
seufzten und klagten.

Die Wasser aber rauschten heran, heran; eine Woge legte sich ber die
andere hin, und mit jeder kommenden Woge lief eine Sekunde ab von der
kurzen, den Armen noch zugemessenen Lebensstunde.

Der Nebel sank endlich vllig und begrub seine feuchten Dnste in die
Flut. Am Himmel blinkten nur einzelne Sterne, und auf dem Meere war fr
Die, denen das Wasser schon bis an die Brust stand, nichts zu sehen, als
bald hier, bald da auf dem kruselnden Kamm einer Welle der Wiederschein
eines Sternenlichts. Die Dunkelheit verbarg das Schiff. Doch da, da, und
wieder da! Das sind Lichter der Heimat! -- Schliet Eure Rechnung
schneller, Unglckliche, die Lichter der Heimat werden zu Lampen fr die
Toten hingestellt. Wie seid Ihr irre gegangen! Jene Lichter zeigen Euch,
da Ihr wenigstens drei Mal weiter von der Heimat entfernt seid, als Ihr
es waret, da Ihr das Schiff verlieet. Kein Ruf dringt hinber zu der
fernen Kste; ja, knnte ein Ruf hinberdringen, kein Boot, und wrde es
auch noch so rstig getrieben, vermag Euch zu erreichen, ehe noch das
Meer mit Euren Leichen spielt. Da sitzen Eure Lieben und warten auf
Euch! Nun mu er bald kommen! sprechen Vater und Mutter, Weib und
Kind, Bruder und Schwester, und Euer Platz wird leer gelassen in ihrer
Mitte, bis Ihr kommt. Fr Euren freundlichen Empfang, fr Eure
Erquickung nach der Reise sind Alle geschftig; wohnlich und gastlich
soll Euch Alles anlcheln; traulich und herzlich das Willkommen sein,
das Euch begrt. Erzhlen sollt Ihr den horchenden Lieben, was Ihr
gesehen, und die gemtliche Heimat von Neuem loben. -- Euer Platz wird
leer bleiben in der Mitte der Lieben, denn die Wasser rauschen heran,
heran; eine Woge legt sich ber die andere hin, und mit jeder kommenden
Woge luft eine Sekunde ab von der kurzen, Euch noch zugemessenen halben
Stunde.

Mein armes Weib! mein Kind! mein Kind! rief Hold laut zum Himmel auf.
Neben ihm seufzten die Mnner, und Oswald's Gesthn klang
verzweiflungsvoll dazwischen. Aber der trbe Geist, der Hold's Seele
niederdrckte, und der dadurch so lhmend auf den sonst so
glaubensfreudigen Mann wirkte, weil dieser besonders durch eine Regung
von Eitelkeit verleitet war, sich der Wanderung ber den Schlick nicht
zu widersetzen, zu der er lieber zustimmen, als fr furchtsam gehalten
werden wollte, dieser trbe Geist war mit jenem Ausruf auf die hchste
Spitze gelangt, wo ihn nun wie ein Wetterstrahl aus der Hhe das Wort
traf: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern den
Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht! Da war es, als trte Hold mit
vollem Siegesjubel heraus aus dem Schatten der Finsternis und den Banden
des Todes, die ihn so lange gehalten, und er hub an zu predigen in den
Wellen mit lauter und fester Stimme; freilich mehr in abgebrochenen
Stzen, wie es die Lage der Dinge natrlich machte, als in dem
Zusammenhange, welchen unsere Aufzeichnung seinen Worten gegeben hat.

Gelobet sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der Vater der
Barmherzigkeit und der Gott alles Trostes! Der uns trstet in aller
unserer Trbsal, da wir auch trsten knnen, die da sind in allerlei
Trbsal, mit dem Troste, damit wir selber getrstet werden von Gott. --
Lobet den Herrn in allen Seinen Werken, denn alle Seine Werke sind
unstrflich! Auf Sein Gebot kommen und gehen die Wasser. Er wehet das
Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es weichet scheu vor Ihm
zurck. Er wehet das Meer an mit dem Hauche Seines Mundes, und es
schwellet und wallet heran folgsam Seinem Ruf; und was Er gebeut, das
geschieht zur rechten Stunde. So ist es denn auch Seine Stunde, in die
wir gekommen sind. Es ist Sein Rat, der uns dies Grab bereitet; und
darum leitet auch Seine Hand uns hinber in Sein Reich. -- Freuet Euch!
Er hat in diesen Stunden der Angst uns gereiniget von unsern Snden. Er
hat uns hingegeben in unsere Ohnmacht, da die letzten Trmmer unseres
Dnkels niederbrchen unter Seinem Wort: Seid stille und erkennet, da
ich der Herr bin! -- Er hat uns hienieden schon gerichtet, und unter
Seiner Heimsuchung ist unsere Schuld und Missethat ber unser Haupt
gewachsen, wie das Meer ber unser Haupt wchst; also da wir weit von
uns geworfen haben das eitle Gewand eigner Gerechtigkeit und unsere
Seele gekleidet in das hochzeitliche Kleid der Gerechtigkeit in Christo,
die vor Gott gilt. -- Hallelujah dem Gott der Strke, dem Vater der
Liebe! In Seiner Kraft berwinden wir die Welt, und Seine Gnade erfllet
die verzagten Herzen mit Freude und Friede. Und die da weinen um uns, --
Herr, unser Gott, durch die Wolken hindurch dringt unser Gebet aus der
Tiefe, und Du erhrest, erhrest uns, die wir ausschtten unser Herz vor
Dir. Ja, wir bitten und zweifeln nicht: Du bist ein Helfer und Vater der
Witwen und Waisen, unter dem Schatten Deiner Flgel ruhen sie. Du
richtest sie auf, wo sie meinen vergehen zu mssen. Du weisest ihnen
Wege, wo sie keine Wege sehen. Vater trste sie, strke sie, fhre sie
um unserer Bitte willen, wie Du verheien: Bittet, so wird Euch
gegeben. -- Nicht fr uns bitten wir. Wir haben nur Dank, da Du uns
hast hren lassen Dein Wort zu uns mit wahrhaftigem Sinn und vlligem
Glauben. Wir haben allenthalben Trbsal, aber wir ngstigen uns nicht.
Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden
unterdrckt, aber wir kommen nicht um. Denn Du hast einen hellen Schein
in unsere Herzen gegeben, und unser Glaube ist schon hienieden zum
Schauen geworden, also da Dein Licht uns umleuchtet in der Finsternis,
da unsere Seelen auffahren mit Flgeln, wie Adler, aus der Tiefe, da
wir Dich loben und preisen im Sterben. -- Hallelujah! Ehre und Preis
unserm Gott, der uns den Sieg gegeben hat ber den Tod! Hallelujah! Dem
Herrn sei Dank und Preis in Einigkeit! Amen.

Auf die beiden Mnner der Hallig machten diese begeisterten Worte ihres
Pastors den entschiedensten Eindruck. Sie hatten eben noch seine Seufzer
und Klagen gehrt, ihn die Schwche und Trostlosigkeit seiner
Leidensgenossen teilen sehen, und nun erhob er sich auf einmal zu
solcher Hhe des Glaubens und der Todesfreudigkeit, da sie seinen
Zuspruch, obwohl dieser sich ganz in den Grenzen ihres geistigen Gebiets
hielt, aufnahmen als eine Stimme von Oben, als die Sprache eines
weltberwindenden Geistes, der wie im Sturm den Geist der Furcht und des
Zagens ausgetrieben, und dessen Sttte eingenommen in der Brust ihres
vorher mit ihnen verzagten Seelsorgers. Da fast jedes Wort seiner
Trstung an einen Bibelspruch erinnerte, gab ihr fr Diejenigen, welche
von Kindheit an die heilige Schrift als Gotteswort geehrt hatten, den
vollen Stempel der Untrglichkeit und daher noch gewisseren Einflu auf
die Gemter. Fr Oswald jedoch war jede Trstung verloren. Whrend Jene
lobten und dankten, als sei die Todesstunde ein Fest geworden, klang ihm
dies Zeugnis der Glaubensfreudigkeit wie ein Hohn ber die Oede seines
Herzens. Oft versuchte er es, ein Wort des Glaubens und der Hoffnung
seinen Gefhrten nachzusprechen; aber er wute nicht einmal, ob es ber
seine Zunge ging, wenigstens kam es ganz leer zu ihm zurck und fand in
seiner von Todesngsten gemarterten Brust keine Sttte, um auch nur
einen Augenblick zu haften. Er glaubte zu jammern und zu schreien, um so
irgend eine Macht zum Mitleid zu bewegen, aber dies Jammern und Schreien
war nur in ihm, seine Lippen fieberten nur, ohne da ein Laut ber
dieselben kam; er glaubte mit aller Macht zu kmpfen wider die
umdrngende Flut, aber seine Nerven zuckten nur krampfhaft, alle
Muskelkraft war aus den erschlafften Gliedern entschwunden. So bot er
das vollendete Bild eines Menschen dar, der an seinem Unglauben und
seiner Gottvergessenheit zum Mrtyrer geworden ist.

Die Wasser aber rauschen heran, heran; eine Woge legt sich ber die
andere hin und mit jeder kommenden Woge luft eine Sekunde ab von der
kurzen, den Opfern des Meeres noch zugemessenen Viertelstunde.




                                XVII.


   Alles wollen sie begreifen,
   Alles wollen sie verstehn;
   Alles schneiden sie in Streifen,
   Um -- zusammen sie zu nhn;
   Und was wider ihre Lehren
   Ist wahrhaftiglich geschehn,
   Soll das offne Ohr nicht hren,
   Nicht das offne Auge sehn.

Nicht allein mit den obenstehenden Versen mchten wir die zunchst
folgende Erzhlung einer bis zur Erscheinung gesteigerten Einwirkung der
Seele auf die Seele einleiten. Mit der bloen Behauptung oder Verwerfung
einer Ansicht oder Erfahrung, die von der gewhnlichen Meinung, von dem
alltglichen Gange der Dinge abweichen, ist Nichts gewonnen. Auch von
den Grnden, welche unsere Erfahrung einer solchen Einwirkung in eine
leere Tuschung aufzulsen streben, mssen wir bekennen, da sie ihre
Kraft bisher noch nicht an uns bewiesen haben, so zweifelnd-prfend wir
uns auch auf diesem dunkeln Felde der hheren Seelenkunde bewegen.
Hold's Versuch, sich eine nicht abzuleugnende Thatsache fr seinen
Glauben annehmlicher zu machen, teilt die gewhnliche Eigenschaft
solcher Versuche, er ist Grau in Grau gemalt, erklrt das Wunderbare
durch das Wunderbare. Doch benutzen wir ihn gern, wenn auch nur zu einer
bescheidenen Einleitung in dieses Kapitel.

Ist nicht so Vieles in unserm Geiste, sagte er, das ber die
gewhnlichen Gesetze des Denkens und Empfindens hinaus ist? Oeffnet die
Andacht nicht Tiefen in unserer Brust, die wir ohne sie ganz bersehen?
und sind die Perlen und Edelsteine, die sie aus diesen Tiefen zieht,
nicht von einer Art, da unser Wissen und Verstehen jede Schtzung
aufgeben mu? Die Andacht aber ist in ihrer hchsten Blte Einswerden
mit Gott, ein Verschmelzen unseres Geistes mit Seinem Geiste, also, da
wir absterben unserm frheren selbsteigenen Geistesleben, und in Gott
leben, weben und sind, wodurch wir fhig werden, zu denken, zu fhlen
und zu handeln ber unsere sonstige Kraft weit hinaus, weil die Kraft
Gottes in dem Schwachen mchtig ist. Wie nun die Liebe zu Gott solches
Wandeln auf Hhen, zu denen unsere gewhnlichen Gaben nicht
hinaufreichen, mglich macht, so auch ffnet die irdische Liebe uns Wege
vom Herzen zum Herzen, auf die kein uns ohne diese Liebe bekanntes
Seelenvermgen hinweist. Es gibt auch hier eine Sprache und Mitteilung,
die eben wie die Andacht nur in einzelnen Momenten ihre Hieroglyphe in
das Buch unseres Lebens hineinschreibt. In Augenblicken, in welchen wir
uns selbst ganz vergessen, und all' unser Denken und Empfinden in die
Seele des geliebten Gegenstandes hineinversenken, wird die Ferne zur
Nhe und die Trennung zur Gemeinschaft; und unsere Bitten, Warnungen,
Seufzer und Gre werden Gedanken und Empfindungen der geliebten Seele,
und damit sie nicht als eigene Trume unbeachtet bleiben, kleiden sie
sich auch wohl in das Gewand sichtbarer Gestalten, hrbarer Worte, die
aber nur eine Abspiegelung der auf solche Art geweckten Vorstellungen
sind, daher nicht in die Sinne der diesen fremden Personen fallen. Es
sind Erkennungen, denen hnlich, mit welchen wir uns droben in den
ewigen Htten wiedererkennen, wenn die Seele mit dem neuen Leibe
berkleidet wird, von dem unsere irdische Hlle nur der grbere Schatten
ist. Doch werden diese Wechselwirkungen der Seelen auf einander wohl nur
da mglich sein, wo eine Liebe ist, nicht allein der vollsten Hingebung
fhig, sondern auch in derselben durch langes Erkennen und innige
Verschmelzung der Gedanken und Empfindungen erprobt und bewhrt.

Nun zu unserer Erzhlung.

Godber und Idalia saen in der Abenddmmerung dieses Tages, der fr die
Hallig ein Tag der schmerzensreichsten Trauer zu werden drohte, neben
einander in der Stube ihrer Wohnung. Das Gesprch zwischen ihnen stockte
oft, eben weil Beide sich Mhe gaben, es zu unterhalten.

So geschieht es immer, wenn zwei Menschen zusammen sind, die Etwas auf
dem Herzen haben, worber eine gegenseitige Erklrung notwendig ist,
diese Notwendigkeit auch erkannt, aber die offene Erklrung vermieden
wird, weil man von ihr ein Resultat frchtet, das noch unangenehmer die
Seele berhrt, als die drckende Empfindung der Ungewiheit und
Unentschiedenheit es thut.

Idalia verbarg ihre Verstimmung nur wenig, whrend Godber sich ernstlich
anstrengte, alle mgliche Weichheit und Zrtlichkeit in seine Worte und
sein Benehmen zu legen. Getrennt waren die Herzen schon. Erloschen war
fast ganz das Feuer der Liebe; nur da Beide sich noch nicht berwinden
konnten, dies einander oder auch sich selbst nur recht zu gestehen;
Idalia nicht, weil ein gewisses Mitleid mit dem Jngling, der sein Leben
fr sie gewagt und ihr die Verlobte geopfert, noch in ihrer Brust sich
regte, und dies Gefhl dem schwachen Rest ihrer Neigung ein Gewicht
lieh, das er eben nur durch diese fremdartige Zugabe noch hatte. Godber
wagte nicht, ber seine Empfindung klar zu denken, weil er das Kleinod,
fr welches er so viel gegeben, nicht fahren lassen wollte, obgleich er
eingesehen, da es ihn nicht glcklich mache, und weil ihm graute vor
der Leere eines Herzens, das zwischen der weggeworfenen und der zur
Tuschung gewordenen Lebenshoffnung in der Mitte stnde.

Als eben wieder eine lange Pause eingetreten war, ffnete sich pltzlich
die Thre, und die Pastorin, eine ganz unerwartete Erscheinung in diesem
Hause, stand bleich und bebend vor den Erstaunten.

Godber, sagte sie hastig, Godber! ich beschwre Dich, nimm Dein Boot
und fahre dem Schiff entgegen. Sie sind in Gefahr, mein Gatte ist in
Gefahr. Um eines armen unglcklichen Weibes willen, erbarme Dich,
Godber, und fahre hinaus.

Dabei hatte sie seine Hand ergriffen mit dem flehendsten Ausdruck der
furchtbarsten Angst, und war im Begriff, vor ihm niederzusinken, als
Godber aufsprang und die halb ohnmchtige Frau auf seinen Stuhl sich
setzen lie.

Beruhigen Sie sich, Frau Pastorin! rief er. Ich will Alles thun, was
Sie wnschen. Ist irgend eine Nachricht da?

Auch Mander, der jetzt aus dem Nebenzimmer trat, in welchem er bei den
Bchern, die ihm Licht geben sollten in der Dmmerung seines Glaubens,
geweilt hatte, fragte erschreckt ber die Angst der Pastorin, woher sie
von der Gefahr des Schiffes wisse?

O Ihr fragt, ihr glaubt nicht! klagte diese hnderingend, und
unterdessen versinkt mein Gatte in den Fluten. Ihr saht ihn nicht, wie
ich ihn sah. An mein Fenster klopfte sein Finger. Ich eilte freudig vor
die Hausthr. Er stand da. Ich sah sein Gesicht so hell im Nebel. Ich
wollte ihn umarmen und in's Haus fhren. Aber da flossen seine Zge
auseinander, und wie sie verschwammen, hrte ich den Seufzer: mein
armes, armes Weib! O Godber, hab' Erbarmen und fahre hinaus. Ich will
mit Dir, ich bin stark genug zum Rudern. Du weit nicht, wie stark die
Frau und Mutter ist, die fr den Gatten kmpft.

Vergebens bemhte sich Mander, die Verstrte auf die Macht der
Einbildungskraft hinzuweisen, und wie natrlich es sei, da ihre Liebe,
die jede Abwesenheit des geliebten Mannes so schwer ertrge, ihr
allerlei schreckhafte Bilder vorgaukele, die ihren Grund nur in ihrer
Sehnsucht nach dem Abwesenden htten, und in dem vielleicht in der
Einsamkeit zu weit verfolgten Gedanken: wie, wenn er einmal von solcher
Reise nicht wiederkehrte? Vergebens sprach Godber zu ihr vom Winde, vom
Wetter, von der Flut, wie durchaus keine Gefahr denkbar sei, aber eine
Verzgerung notwendig htte eintreten mssen. Die Pastorin setzte diesem
Allem immer wieder die ihr gewordene Erscheinung entgegen. Sie gab genau
an, was sie vorher bis zu dem Augenblick dieses Gesichtes gedacht und
gethan, sie erklrte, gerade in jenem Momente nur ein heiteres Bild der
Heimkehr vor der Seele gehabt zu haben, und sprach mit solcher
Sicherheit der Ueberzeugung und solcher bestimmten Ausmalung der
kleinsten Umstnde, da wenigstens der offene Widerspruch verstummte. Ja
Godber, der mit den meisten Seeleuten die Empfnglichkeit fr den
Glauben an geheimnisvolle Einwirkungen und wunderbare Vorbedeutungen
teilte, hatte kaum noch einen Zweifel daran, da hier etwas dergleichen
sich kund gebe. Als daher bei der Pastorin die Angst um den Gatten wie
eine fr kurze Zeit mhsam zurckgehaltene Flut wieder alle ihre
Gedanken und Empfindungen berwogte und sie mit den herzzerreissendsten
Jammertnen ihn anflehte: Godber, rett' ihn, rett' ihn! beeilte er
sich, ihren Bitten zu willfahren. Mander und Idalia begleiteten aber die
von der Sorge um ihren Gatten gequlte Frau, bei der nun, da sie ihren
Zweck erreicht hatte, eine Erschpfung aller Krfte eintrat, und die
doch nicht lnger von ihrem Kinde entfernt bleiben wollte, nach Hause,
whrend Godber mit den beiden Seeleuten, seinen frheren
Schiffsgenossen, an den Strand ging und sein Boot bestieg.
Glcklicherweise lag dieses, da es am nchsten Morgen zur Ueberfhrung
einiger Kisten von der geborgenen Ladung auf ein Frachtschiff gebraucht
werden sollte, auf einer Stelle, von der sie, wiewohl die Flut eben erst
das Gestade benetzte, gleich fortrudern konnten; und obschon der Nebel
noch wenig gesunken war, fanden sie doch das Schiff, das sie suchten,
bald auf, da der Eine der Matrosen es kurz vor dem Eintritt der hohlen
Ebbe hatte vor Anker gehen sehen. Als ihr lauter, mit kurzen
Unterbrechungen vom ersten Gewahren des Schiffes an fortgesetzter Ruf
unbeantwortet blieb; als sie auf das Verdeck, in die Kajte hinabstiegen
und keine Seele antrafen, da blieb kein Zweifel brig, da die
Unglcklichen, die auf dem Fahrzeuge gewesen waren, irgendwo auf dem
Schlick umherirrten, oder vielleicht schon dem anschwellenden Meere zur
Beute geworden waren. Wo sie suchen? Nach welcher Gegend hin das Boot
wenden? Godber stand eben mit diesen Fragen auf dem Verdeck, sah mit dem
angestrengtesten Blick, als knnte er die dichten Dnste mit seinem Auge
durchsphen, rings umher und hrte das Pltschern der Wellen um den Kiel
mit einem Grausen, als stnde er, selber ein ratloses Opfer, mitten in
den andrngenden Fluten; da -- Horch! was war das? riefen alle drei
Mnner auf einmal. Es kam durch den Nebel hin wie ein pfeifender Schrei
aus weiter, weiter Ferne her. Wir wissen, da es Oswald's gellender
Angstruf war, und auch jene glaubten darin einen Hlferuf der Gesuchten
zu hren. Sie wurden freilich wieder zweifelhaft, als ihr vereintes
Geschrei keine Antwort brachte, obwohl sie es mehrmals wiederholten.
Doch da jede Richtung, die sie htten einschlagen knnen, gleich ungewi
war, so zogen sie die Richtung vor, von welcher sie jenen Ton vernommen.
Rasch ruderten sie vorwrts, wechselten oft, um immer mit gleicher Kraft
den Lauf des Bootes zu beschleunigen, hielten nur zuweilen einige
Augenblicke an, um auf eine Antwort auf ihren Ruf zu horchen. Da diese
aber immer ausblieb, da die Flut schon so hoch gestiegen war, da in der
Gegend, wo sie sich befanden, es kaum noch denkbar schien, die
Unglcklichen, wenn sie sich hieher verirrt htten, am Leben zu finden,
und da, obgleich der Nebel nicht mehr die Aussicht hinderte, die Flche
des Meeres, so weit sie bersehen werden konnte, nur das ununterbrochene
Spiel der Wellen im Sternenlicht zeigte, so beschlossen sie, noch einmal
alle Kraft zu einem gemeinsamen Ruf zu vereinen, und dann eine andere
Richtung zu nehmen.

Wir kehren jetzt zu Denen zurck, die wir in der uersten Todesgefahr
verlieen. Ihre Kraft, dem immer hher anschwellenden Meere zu
widerstehen und sich gegen die wogende Flut aufrecht zu halten, nahm
mehr und mehr ab. Wre der Wind nicht so ganz still gewesen, dann wrden
sie schon lngst ihren Tod gefunden haben. Die Begeisterung, welche Hold
und durch seine Ansprache auch die beiden Mnner von der Hallig ber die
Not des Augenblickes emporgetragen, war in eine schweigende, fast
bewutlose Ergebung bergegangen, whrend in Oswald's Brust bei vlliger
Erstarrung des Krpers alle Schrecken des kommenden Gerichts forttobten,
und das vergebliche Ringen nach irgend einem Gnadenworte ihn bis zur
wahnsinnigen Verzweiflung hinaufmarterte. Wohl hatte er in seinen
frheren Lebensverhltnissen zu Denen gehrt, welche sich in den
Gesetzen uerlicher Ehrbarkeit bewegen, wenn sie auch die Grenzen
dieser uerlichen Ehrbarkeit so weit stecken, da allerlei sogenannte
natrliche Schwachheitssnden mit hineinpassen; wohl hatte er in dem ihm
nie versagten Titel eines liebenswrdigen, geflligen, unterhaltenden
jungen Mannes das Ziel aller Forderungen, die an ihn gemacht werden
knnten, erreicht geglaubt, und dennoch -- jetzt diese schreckliche
Leere und Ble im Angesicht der Einigkeit! Warum lie ihn denn das
gute Herz, dessen er sich doch in allen einzelnen ernsteren
Augenblicken sonst so wohl zu getrsten wute, nun so ganz ohne Trost
und Hoffen? Seine Freundlichkeit gegen Jedermann, seine Teilnahme fr
Anderer Wohl und Wehe, seine Bereitwilligkeit, ihr Bestes zu frdern,
sein Flei in seinem Berufe, ja selbst seine Rhrung in, frher
wenigstens, nicht so ganz seltenen Momenten beim Aufblick zum
Sternenhimmel, beim Lesen schner Stellen in Dichterwerken, wodurch er
sein weiches, empfngliches Gemt bekundet, konnte ihm solcher Ruhm
jetzt nicht helfen in der Nhe des Todes? Warum wich dies Alles so scheu
nun aus seinem Gedchtnis hinweg, da er es herzerren mute in seine
Erinnerung, und es dennoch, wenn er darauf haften wollte, gleich einem
flchtigen Schatten wieder entschwunden merkte? Warum lag trotz diesem
Allen sein Leben vor ihm wie eine nackte, drre Haide, auf der kein
Blmchen sich pflcken lie fr die Ernte, die jetzt nach seiner Aussaat
fragte? Waren doch Tausende noch lange nicht wert, ihm gleichgestellt zu
werden, und Tausende so tief versunken in Snde und Schande, da er
gegen sie noch ein Heiliger genannt werden konnte; und doch -- warum
wendete der Herzenskndiger, den ja die Frommen als den Gott der Liebe
und der Gnade bezeichnen, nicht das Flammenschwert des Gerichtes von ihm
ab, das ihm die Seele durchschnitt und das innerste Mark seiner Kraft
verzehrte? Warum rollte, ein immer nher kommender Donner, vor seinem
Ohr das furchtbare: Verloren! Verloren!?

Knnten auch Dir vielleicht, lieber Leser, wenn Gott hnliche
Schreckensstunden ber Dich verhngte, gleiche Fragen den letzten Kampf
schwer machen?

Dieser Kampf schien fr die von den Fluten fast Bedeckten gekommen.

Herr, in Deine Hnde! rief Hold, und glaubte das letzte Wort fr sich
und seine Gefhrten gesprochen zu haben; da -- da scholl ein mchtiger
Ruf ber die Wasser hin und zuckte durch die Seelen Derer, die schon
jede Lebenshoffnung aufgegeben, wie ein Auferstehungsgru. Aber eine
lange Minute voll Entzcken und voll Angst ging darber hin, ehe sie zu
antworten vermochten. Die ersten Laute waren kaum mehr, als ein bloes
Aufatmen aus den Tiefen der Brust und dienten nur dazu, die Furcht zu
wecken, da ihre Stimme gar nicht hrbar werden wrde. Zugleich war jene
schwer errungene Ergebung in Gottes Willen pltzlich mit jenem Ruf von
ihnen gewichen, und das volle Gefhl ihrer schrecklichen Lage, das
Gedchtnis der Lieben, die ihr Tod in Gram und Herzeleid versenken
wrde, wieder in seiner ganzen Strke zurckgekehrt. Endlich ri sich
mit der furchtbarsten Anstrengung aus jeder Brust ein Schrei los, der
weithin gellte, und der, da das Band der Zunge einmal gelst war, fast
ununterbrochen fortdauerte, ja immer strker wurde, je nher die
Antworten tnten. Und nun hob es sich dort wie eine schwarze Woge und
rauschte heran ein Boot, getrieben von starken Ruderschlgen, welche die
im Sternenlicht blitzenden Wassertropfen wie ein Feuerregen von sich
sprhten. Ein wirres Jauchzen klang herber, hinber. Schauer des
hchsten Entzckens rieselten durch die Gebeine der dem Leben
Wiedergegebenen. In sehnschtiger Erwartung streckten sie schon von fern
ihre Arme dem Nachen entgegen, der, von der begeisterten Kraft seiner
Ruderer getrieben, je nher dem Ziel mit desto rascherem Fluge durch die
Wellen schumte. Jetzt war er bei ihnen. Der Freudenruf der Retter
verschmolz mit dem Jubel der Geretteten, und bald trug das eben im
letzten Augenblick Erlsung bringende Boot froh die dem Meere
entrissenen Opfer dem heimatlichen Heerde zu.




                                XVIII.


   Nur Spiegel ist das Leben,
   Das Herz ist die Gestalt;
   Das Wort, das _Du_ gegeben,
   Tnt her nur aus dem Wald.

Auf der Hallig war die Absendung des Bootes und die Ursache dieser
ungewhnlichen Maregel schnell bekannt geworden. Daher fanden die
Ankommenden die ganze Gemeinde am Strande versammelt. Schon von weitem
sah man, da Niemand fehle, und die ngstliche Besorgnis der Pastorin
wurde als Zeugnis ihrer Liebe zu dem Gatten gutmtig entschuldigt. Als
aber nun kund ward, in welcher Gefahr die vier Mnner geschwebt hatten,
als deren vllige Erschpfung diese Gefahr auf das Deutlichste bezeugte,
da wandten sich Aller Augen auf die Frau, deren lebendige Ahnung sie nun
als das Werkzeug des barmherzigen Gottes erscheinen lie. Sie aber hing
sprachlos im Arm des geliebten Mannes und teilte ihre seliglchelnden
Blicke zwischen ihm und dem Sternenhimmel. Dahin deutete sie auch, als
eine der Frauen, deren Gatte mit Hold gewesen war, ihr laut dessen
Rettung zuschrieb. In ihren Husern angekommen, fhlten die Geretteten
erst ganz die krperlichen Folgen der berstandenen Gefahr. In dem Mae,
wie die natrliche Aufregung des Geistes sich in der Ruhe snftigte,
nahm die leibliche Schwche bis zur vlligen Ohnmacht zu und weckte neue
Besorgnisse in der Brust der Lieben. Der nchste Tag ging ihnen in einem
Halbtraum hin, von dem sie kaum auf wenige Augenblicke erwachten, um die
ihnen dargebotenen strkenden Mittel zu sich zu nehmen. Hold, der dem
Ansehen nach am wenigsten kraftvolle, war doch der erste, der geistig
und krperlich Alles berwunden hatte. Vielleicht deswegen, weil sein
Gemt eher als die Andern die wohlthuende Richtung nach Oben nahm und in
freudigem Dank gegen Gott sich ergo. Oswald lag mehrere Tage in einem
unruhigen, durch krampfhafte Erschtterungen und ngstliche Trume
unterbrochenen Schlummer und bedurfte sorgfltiger rztlicher Pflege.
Erst am fnften Morgen erwachte er neugestrkt nach einem mehrstndigen,
tiefen Schlaf, aber es gingen noch einige Tage hin, ehe er zum ersten
Male auf lngere Zeit das Bett verlassen konnte. An seines Vaters Arm
wandelte er in der Stube auf und nieder und suchte im Gesprch mit
demselben ber das Vorgefallene schon wieder seine alten leichtsinnigen
Redensarten hervor, freilich jetzt mit einem ihn oft bermannenden
inneren Widerstreben. Der alte Mander aber war ernst und feierlich, und
sagte endlich:

Oswald, la uns nicht widerstreben Gottes Fgungen. Ja, er hat uns auf
dies Eiland gefhrt, da wir erkennen sollen das Eine, was not thut. Er
will uns retten! Auch mich hat er auf's Neue ergriffen mit Dem, was Er
ber Dich verhngt in jenen schrecklichen Stunden Deines Lebens. Ich
kann Ihm nicht lnger widerstehen. Ich mu Ihn loben und Ihm danken, da
Seine Gnade grer gewesen ist, als meine Verblendung und meine Schuld.
Ich will fortan Ihm, nur Ihm allein dienen, und mchte sagen knnen: ich
und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen! Wie furchtbar hat Er sich
Dir offenbart in Seinem Gericht, und doch zugleich auch in Seiner Gnade,
die nicht will, da Einer verloren gehe, sondern Jedermann sich zu Ihm
kehre und Bue thue. Wie die Hausmutter einen Brand aus dem Feuer reit,
da er nicht ganz verzehret werde, so reit auch der Herr Deine Seele zu
sich. Oswald, mein Sohn, widerstrebe Ihm nicht lnger!

Aber, Vater, erwiderte Oswald, ebenso verlegen, als bewegt bei
Mander's sichtbarer Rhrung, soll ich denn meine Jugend einem finstern,
freudenlosen Ernst opfern?

Nein, nicht opfern, rief Mander, heiligen, verklren sollst Du sie
und Dein ganzes Leben bis an's Ende mit einer Freude, die mehr ist und
reicher giebt, als Alles, was Du bisher an Lust und Genu gekannt hast.
Eine innere sichere Freudigkeit sollst Du gewinnen, die selbst Stunden
der Angst, wie die, welche Dich fr immer gezeichnet haben, berwinden
lehrt.

Oswald hatte, in Verwunderung ber die Worte: welche Dich fr immer
gezeichnet haben, einen Blick in den Spiegel geworfen, und blieb voll
starren Entsetzens vor demselben stehen. Im grauen Haar, hatte er
spottend zu Hold gesagt, wolle auch er an seine Bekehrung denken, und
siehe! nun hatte die eine schreckliche Nacht sein Haar grau gefrbt; er
war ein Greis geworden in der Blte der Jugend. Lange blieb er bebend an
allen Gliedern, mit der Blsse des Todes bergossen, lautlos in seiner
Stellung, dann sank er mit dem Ausruf: Gott, ich erkenne Dich! seinem
Vater ohnmchtig in die Arme.

Als er wieder zu sich selbst kam, verlangte er nach einem Spiegel, den
er aber nach dem ersten Blick in denselben sogleich wieder schaudernd
und sthnend von sich wies. Auf alles Zureden, sich zu beruhigen,
antwortete er nur mit abgebrochenen Lauten, welche bald die von allen
Schrecken der Verzweiflung gemarterte Seele, bald das nach dem Trost aus
der Hhe lechzende Herz verkndeten.

Lat ihn allein! sagte Hold, an den Mander sich gewandt hatte. Es ist
genug, wenn er still beobachtet wird; merken mu er es nicht. Der Herr
hat ihn ergriffen und will einen Kampf mit ihm ausringen, in welchem
jede menschliche Hlfe eine unntze, ja gefhrliche Zuthat ist. Oswald
mu noch Stunden erfahren und durchleben, furchtbarer als die in der
See, und es ist nicht gut, wenn ihm das rettende Boot zu frh
entgegengefhrt wird. Er mchte es dann bald wieder verlassen.

Und der besorgte Vater sah und hrte, wie Oswald sich vom Lager aufri,
mit hastigen Schritten trotz seiner frheren Mattigkeit in der Stube
auf- und abeilte, jetzt mit beiden Hnden die Augen bedeckte und am
Rande seines Bettes das Gesicht in die Kissen begrub, wie er nun zu
beten versuchte, nun sich alle Hoffnung auf Gott absprach, bald wieder
mehr wie ein unruhig Trumender, als wie ein Schlafender lautlos dalag.
Erst gegen Abend hrte man ihn auf seinem Bette still schluchzen und
weinen, und in diesem Zustande nahm er schwach und willenlos die
leibliche Erquickung an, die sein Vater ihm darbot. Auf dessen Frage
aber nach seinem Befinden, ergriff er die Hnde desselben, benetzte sie
mit heien Thrnen und flehte:

Vater, Vater, vergieb mir!

La uns Beide Gott bitten, uns zu vergeben, mein Kind, erwiderte
Mander weich, und seine Thrnen mischten sich mit denen seines Sohnes.

Doch der Gedanke an die Notwendigkeit der gttlichen Vergebung regte
alle Schrecken der letzten Stunden wieder auf in Oswald's Brust, und
Mander hatte eine Nacht am Lager seines Sohnes, von der er nachher
selbst gestand, da sie eine Schule der strengsten, aber zugleich
heilsamsten Zucht auch fr ihn gewesen sei.

Der Morgen kam, und mit ihm kam fr Oswald das schpferische Werde mit
seinem Siegesruf: das Alte ist vergangen, und siehe! Alles ist neu
geworden! Der Sturm des Aufruhrs in seiner Brust schwieg, das Meer lag
still und eben, und Gottes Sterne spiegelten sich in seinen friedvollen
Tiefen. Dieser Uebergang aus der qualvollsten Unruhe zur seligsten Ruhe
glich nicht dem langsamen Sinken der Wellen, wenn der Flgelschlag der
Windsbraut immer matter und matter wird, sondern jener wunderbaren
Wandlung, als der Herr hrte die Bitte Seiner Jnger: Herr, hilf uns!
wir verderben! und stand auf und bedruete Wind und Meer. Da ward es
ganz stille. Auf gleiche Weise hatte auch hier das angstvolle: Herr,
hilf uns! wir verderben! die rechte Zeit und Stunde gefunden, und aus
der tobendsten Wetternacht trat pltzlich die Sonne siegstrahlend und
friedebringend hervor. So hat oft die Stunde der geistigen Wiedergeburt
in der Stunde der leiblichen Geburt ihr Gleichnis. Wie dort die
schwersten Wehen mit einem Augenblick in die Seligkeit aufgehen, da das
Kindlein geboren ist, so fhlt hier sich die Seele auf einmal aller
Zweifel und Schrecken, aller Banden und Kmpfe entlastet und ruht
glubig selig am Vaterherzen. Und haben nicht alle Stunden der Andacht,
wenn sie nicht ein bloses Anklopfen bleiben sollen ohne Eingang zum
Vater, solche Momente, in denen das Gefhl der Gottesnhe und die Freude
der Gemeinschaft mit ihm das Herz berwallen ohne allmlige Entwicklung,
ohne sptere Steigerung? -- Oswald war wie ein Kind, das aus dem
ngstlichen Traum erwacht und -- den hellen Glanz der Weihnachtsfreuden
vor sich ausgebreitet sieht. Kein Gedanke an die Schrecken, die noch
eben seine Seele durchschauerten, strte das Hosianna des neuen Lebens.

Mander's Empfindungen waren mehr nur ein Nachklang der Gefhle Oswald's
und seine Freude darber, da dieser den Frieden gefunden, lie es bei
ihm nicht gleich zur vollen Anerkennung dessen kommen, was er selbst in
dieser Nacht gewonnen.

Hold fand ihn in der Frhe dieses Tages auf den Knieen am Lager
des Sohnes. Beider Hnde waren in einander geschlungen zum
gemeinschaftlichen. Gebet. Beider Augen, in denen noch die letzten
Thrnen schwammen, verloren im Aufschauen zu Dem, der ihnen Seine
heilsame Gnade hatte widerfahren lassen.

Das Werk des heiligen Geistes war vollbracht. Daher sprach Hold nur
wenig. Sein Wort berhrte keine Vergangenheit, gab keine Mahnung fr die
Zukunft, sondern war mehr nur der Segen zum Schlusse, das letzte
nachtnende Hallelujah der Friedensfeier.

Erst am zweiten und dritten Tage lie Hold sich auf eine lngere
Unterredung ein und fand den jungen Mander so empfnglich fr alle
Segnungen und Verheiungen des Evangeliums, so bereit und willig, in
alle Tiefen des Glaubens zu folgen, ja nach der ersten Hinleitung und
Anweisung so klar und entschieden in seinem Verstndnis der
Offenbarungen Gottes, da er voll Verwunderung ausrief:

Seit wann haben Sie das Alles gelernt?

Gelernt? antwortete Oswald. Wei ich's doch selbst nicht, wann und
wie? Jene qualvollen Stunden in der See kommen mir vor wie
Hammerschlge, die nur das Golderz an das Tageslicht bringen, das lange
harrte der Erlsung von den Schlacken. Wie schrecklich mir auch jene und
die nachfolgenden Stunden waren, jetzt ist es mir, als htte ich Nichts
erduldet fr den Frieden der nun mein Teil ist; als mte ich einen noch
viel herberen Kelch trinken, um nur einigermaen den Gnadenreichtum
aufzuwiegen, der seine Flle ber mich ausgeschttet. O, wie ist Gott so
voll Liebe, Gte und Barmherzigkeit, weit, weit ber unser Wissen und
Verstehen! Und ich konnte Ihn so lange verkennen! Wie vielfach hat Er
mich geladen. Ich sehe Ihn nun so sorgsam um meine Seele bemht von
Anfang an; verstehe nun jede Stimme an mein Herz, die frher mir
unbeachtet verhallte. Ja, mein ganzes vergangenes Leben liegt vor mir
als eine ununterbrochene Kette von Ansprchen an mein Herz, von
Mahnungen fr mein Gewissen, von Hinweisungen auf den rechten Weg, von
Erinnerungen an Sein Gericht. Wie konnte ich doch nur so taub und
verblendet sein?

Wir taufen die Kinder mit Wasser, sagte Hold fr sich; aber Gott
whlet Seine Stunde, sie mit Geist zu taufen. Und sollen wir denn die
Gnade richten, wenn wir meinen, unsere Bereitung zu dieser Taufe sei
lnger und schmerzlicher gewesen, und die Taufe selber doch nicht
gabenreicher, als die des andern Kindes, das Gott bestimmt hat zu einem
Zeugnis Seiner wunderbaren Liebesmacht?

War dies Selbstgesprch Hold's, der erst nach schweren Kmpfen und auf
weiten Umwegen durchgedrungen war zu der Glaubenshhe, auf der er stand,
eine Anwandlung von Neid, oder ein kluges Mitrauen in die Wiedergeburt
des frher so gottentfremdeten Jnglings? Vielleicht kam das Erstere zum
Letzteren mit hinzu, ohne da Hold selbst das Eine von dem Andern in
seinen Gedanken klar unterschied.

Am folgenden Morgen gab Oswald seinen Entschlu zu erkennen, sich zum
Missionar vorzubereiten.

Ich mu, rief er, hinaus unter die Heiden! Ich mchte meine Arme
ausstrecken nach Allen, die noch wandeln in der Finsternis, und ihnen
zurufen; Gehet ein zu Eures Herrn Friede! Es wird die Liebe, die ich
erfahren, mir zur Last und Brde, wenn ich Nichts dafr thun und leiden
kann. Sie wird zu einer Flamme, die mich verzehrt, wenn ich nicht Andern
von ihrer Glut mittheilen soll.

Hold bekmpfte diesen Entschlu; anfangs damit, da er den Rat gab,
nicht bei der ersten Aufwallung der Begeisterung auf die Beharrlichkeit
zu rechnen, die dem Apostel ntig sei. Als aber Oswald die gnzliche
Umwandlung seines Wesens und Charakters versicherte, als er es fr
seinen knftigen Frieden durchaus notwendig erklrte, fr das Evangelium
in Not und Tod zu gehen, da erinnerte Hold mit einer Strenge, die in
seinen vorhin angedeuteten Gedanken ber Oswald's Umwandlung ihre
Erklrung findet:

Wie schwer lernen wir es, wahrhaft demtigen Herzens zu sein! Wie sehr
struben wir uns noch immer gegen das Empfangen und wollen nehmen,
wollen uns selber geben, wenigstens nach Mglichkeit abverdienen, was
wir dem Herrn verdanken. So wollen auch Sie jetzt kmpfen, tragen und
dulden, um sich doch am Ende noch ein wenig eigen Verdienst zurechnen zu
knnen bei der reinen Gnadenthat des Vaters im Himmel.

O, gewi nicht! rief Oswald. Ich fhl' es so ganz, da Nichts mein
ist, da Alles Sein ist, da nur Sein warmer Frhlingsodem die kalte
Winternacht weggehaucht hat von der Wste meines Lebens. Mir ist so
wunderbar neu zu Mute, wie die Erde, wenn sie eine Seele htte, fhlen
mte in den Tagen des Lenzes, vor dessen Blick die lange erstarrten
Strme niederschmelzen und alle Quellen wieder rieseln, auf dessen Gang
die Keime wieder erwachen zum Leben und zu Blten und Dften
aufschwellen im Sonnenlicht. Ich will ja weiter Nichts, als dies Blhen
und Duften hinaustragen in die Wste, wo noch der Winter lagert. Ich
will ja nur eine Seele suchen, die mit mir erwacht zum Leben, mit mir
den Vater preist, der so Groes an uns gethan.

Vergessen Sie nicht, erwiderte Hold, da noch genug Stunden kommen
werden in Ihrem Leben, in welchen Sie Ihre Armut fr sich selber fhlen,
obgleich Sie sich nun reich genug dnken, Andern mittheilen zu knnen.
Und dann mchte ich wenigstens fr die Heiden lieber Mnner einfachen
Sinnes von Jugend auf, wie die ersten Apostel es waren; Mnner, die
unverwirrt und unverirrt ein empfngliches, offenes Herz dem Herrn
darbrachten von Anfang an; Mnner, deren Rckblick in die Vergangenheit
weniger von Reue verfinstert wird, und die daher das Amt der
Verkndigung nur aus reiner Liebe, nicht mit dem Nebengedanken, ein
Buopfer zu bringen, bernehmen. Deren Predigt wird einfacher sein,
weniger berechnend, weniger aus dem Eigenen schpfend, allein mehr
gebend, was sie empfangen vom Herrn und von Ihm haben in Seinem Worte.
Sie wird nicht so sehr das Ausreuten des Verkehrten zu ihrem Geschft
machen, als vielmehr nur darreichen, was dienet zur Erleuchtung,
Heiligung und Beseligung. Sie wird den Boden der Heidenwelt nicht so
ausschlielich als ein Feld betrachten, das zubereitet werden mu fr
die Saat; sondern sie wird den Samen streuen in Hoffnung und sein
Gedeihen dem Tau und Sonnenschein von Oben berlassen; und ich glaube,
das ist die rechte apostolische Weise, von der aber gar zu leicht
derjenige abgeht, dessen Herz selbst lange ein Feld voll Unkraut war,
ehe der Weizen Raum finden konnte.

Ach! da Sie auch immer Recht haben mssen, seufzte Oswald. Aber
unmglich kann ich wieder zurckkehren zu jenen trocknen, nur fr
irdische Gensse arbeitenden Geschften meines frheren Berufs;
unmglich wieder heimatlich werden in der mir jetzt widerlichen Welt
meiner Vaterstadt.

Der Glaube verklrt Alles, sagte Hold, all' unser Lieben, Wirken,
Leiden und Hoffen. Haben Sie bisher im Kaufmannsstande nur ein Wirken
fr irdische Gensse gesehen, so werden Sie ihn jetzt in einem neuen
Lichte betrachten. Er ist es, der alle natrlichen und knstlichen
Grenzen zwischen den Vlkern der Erde niederbricht. Er sendet sein
Banner hinber ber die weite Ebene des Oceans, treibt sein Rad die
Felsengebirge hinauf und hinab, zieht das Saumtier durch Wsten und
Einden. Ihn schreckt keine Mhe und keine Gefahr. Er trotzt dem
versengenden Mittagsstrahl und dem Eis des mitternchtlichen Pols.

Ja, fiel Mander hier in die Rede, auch wir dienen der geistigen
Entwickelung der Menschheit. Ich habe erst, seit ich mir dies recht
vergegenwrtigt von der Lectre der Schriften, die den Geist emportrugen
ber alles Eitle und Weltliche, ohne Murren aufstehen und an die Brse
gehen knnen. Wir frdern die allmlige Verbrderung und hhere Reife
der Vlker, indem wir ihre Entfremdung von einander rastlos bekmpfen
und dadurch auch die Folgen derselben: Mitrauen, Feindseligkeit,
Verachtung, Einseitigkeit und Unwissenheit. Denn der Handel ist ein ber
den Erdboden sich hinstreckendes, lebendiges, ewig bewegliches Gewebe,
dessen Fden ber alle Scheidungen hinweg die Vlker an einander ziehen,
sich gegenseitig von einander abhngig machen und dadurch sie sich
einander achten und lieben lehren. Er ist der Trger eines nie ruhenden
Umtausches, nicht allein irdischer Gter, sondern auch geistiger
Fortschritte. Mit seinen Frachtbriefen sendet er Wissenschaft, Kunst,
Cultur den entferntesten Nationen zu; macht durch seine Ballen zum
Gemeingut Aller nicht allein die Produkte jeder Zone, sondern auch die
Geistesflamme, die ohne seine weltumfassende Thtigkeit nur einem
kleinen Fleck der Erde gestrahlt htte. Er mindert die Kriege, weil
seine Interessen, die bei jedem Kriege so hart verletzt werden, immer
schwerer in die Wagschale fallen. Er schafft, da die Erde ein Vaterland
und die Menschheit ein Volk werde, das, so verschieden an Sprachen und
Sitten, doch im gegenseitigen Verkehr sich befreundet, das, so oft auch
entflammt in Zwietracht, doch nach dem ersten Friedensblatt sogleich
wieder verbunden ist durch brderlichen Austausch.

Und, fuhr Hold fort, ffnet nicht das Kaufschiff dem Boten des
Evangeliums die sonst feindlich verschlossene Kste? Baut nicht der
Handelsverkehr die Brcke von Land zu Land, von Volk zu Volk dem Worte
Gottes? Nehmen Sie den Stand des Kaufmannes hinweg, wie fern wrde dann
noch die Zeit sein, von der es heien soll: Eine Heerde unter Einem
Hirten, Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater Aller!? Wir
knnen nicht Alle unmittelbar, aber Alle mittelbar wirken fr das Reich
Gottes. Und wollen wir uns unser Wirken, das scheinbar allein dem
Nchsten, dem irdischen Wolergehen dienet, verklren, so mssen wir ihm
jene Beziehung auf das Eine, was not thut, auf die Erhebung der Kinder
des Staubes zu Kindern Gottes zu geben wissen. Es ist dem Arzt eine
Freude, wenn er den Kranken von der Nhe des Grabes durch seine Kunst
zurckgerufen hat zum Genu des Lebens. Seine Freude wird aber hher,
himmlischer, wenn er dabei bedenkt, da Gott durch ihn einer
Unsterblichen Seele eine lngere Frist bereitet hat, fr die Ewigkeit zu
reifen, da Gott durch ihn dem Snder noch Raum gab zur Bue, dem
Glaubensschwachen noch Gelegenheit zum hheren Verstndnis, dem Frommen
zur weitern Vollendung. So auch der Kaufmann. Er sorgt fr Bedrfnisse
und Gensse, die vielleicht nur die niedere sinnliche Natur des Menschen
befriedigen, und er ist ein Werkzeug in der Hand Gottes, die Wege zu
ebnen und die Bahnen zu brechen den Segnungen und Verheiungen, die
Freude und Friede bringen in Zeit und Ewigkeit. In solchem Bewutsein
treibt er freudig sein Geschft. Es ist ein Werk Gottes fr ihn
geworden. Er beneidet nicht mehr den Priester um sein den gttlichen
Dingen allein geweihtes Amt. Er ist, wie dieser, ein Diener des Herrn,
der da will, da Allen geholfen werde an allen Enden der Erde.

Nun lerne ich mehr verstehen, bemerkte Mander, was Sie frher einmal
sagten, da Sie alle Bestrebungen der Menschheit nur in Beziehung auf
ihren Dienst fr die eine Wahrheit wrdigten.

Aber, entgegnete Oswald, sind nicht gerade groe Handelspltze die
Sttten der grten Entfremdung von den gttlichen Dingen? Fhrt nicht
das Streben nach Erwerb und Gewinn am leichtesten von dem Ringen nach
den wahren Gtern des Lebens ab?

Alle groen Stdte sind jetzt hierin gleich, war Hold's Antwort. Doch
ist Irreligiositt keineswegs eine natrliche Zugabe des
Handelsverkehrs. Im Mittelalter waren die groen Kaufstdte, -- denken
Sie an Augsburg mit seinen edlen Geschlechtern: Fugger und Welser, -- an
Frmmigkeit, Tugend und Ehrbarkeit reicher, als viele andere Stdte,
deren Ruhm sich nur auf einen Bischofssitz oder auf ein Residenzschlo
grndete. -- Kehren Sie zurck zu ihrem frhern Beruf. Zeugen Sie
inmitten der Verderbnis vom Reiche Gottes. Stellen Sie in Sinn und
Wandel einen Handelsherrn dar, der seinen rechten Schatz im Himmel wei,
der wach und thtig in seinem Weltberufe, diesen verklret durch das
Bewutsein seines hhern Berufes. Schmen Sie sich auch unter den
Spttern nicht des Evangeliums von Christo, geben Sie Rede und Antwort
ber Ihren Glauben vor Jedermann, erwerben Sie ihm Achtung auch von
Denen, die ihn nicht teilen; und Sie sind, was Sie vorher zu werden
wnschten, Sie sind ein Arbeiter im Weinberge des Herrn; und vielleicht
gesegneter in Ihrer Ernte fr Sein Reich, als wenn Sie die Sttten
aufsuchten, die noch vllig brach liegen.

Sie erffnen mir eine Aussicht, erwiderte Oswald, deren Reiz ich
nicht verkenne; aber Sie senden mich zurck in einen Kampf, dem ich
schon einmal nicht gewachsen war.

Doch nun angethan mit den Waffen des Lichtes, doch nun gerstet mit dem
Schwert des Glaubens und gedeckt von seinem Schilde! Wol aber ist Ihnen
sorgsame Vorsicht, strenge Aufmerksamkeit not. Was der Herr auch Groes
an Ihnen gethan, Sie sind, Oswald, doch noch eine junge Blte im
Glauben, die der Entwickelung und Ausbildung auch noch ferner sehr
bedarf, ehe sie Andere erfreuen mag mit ihren Dften und Frchten.
Bitten Sie Gott, da Er Sie krftige und vollbereite. So wird Er Sie
darstellen zum Zeugnis, ohne da Sie sich dazu drngen, ein Zeuge zu
sein.

Oswald wagte keine weitere Gegenrede, doch fhlte er sich verletzt durch
das wenig verhehlte Mitrauen in seine vllige Umwandlung zu einem neuen
Menschen und htte daran wol am besten erkennen knnen, wie gerecht dies
Mitrauen sei.

Zur weiteren Durchbildung und gleichsam Wurzelung im Heil wre ein
lngerer Aufenthalt auf der Hallig und Hold's Anleitung und Anregung
gewi ntzlich gewesen, und Oswald's Siegesfreude ging mehr allein aus
dem Rckblick auf die Vergangenheit hervor, als da sie von einem
ernsten Aufschauen auf den Anfnger und Vollender des Glaubens begleitet
war.

Vielleicht mochte auch Hold zu wenig auf die Macht des lebendigmachenden
Glaubens rechnen, und eine Umwandlung, wie die vorliegende, nicht ganz
zu wrdigen wissen, weil sie als eine fr ihn neue Erscheinung auftrat.
Auerdem beurteilte er frher den jungen Mander nur nach Dem, was dieser
selbst von sich erkennen lie, und verborgen war ihm die leise Arbeit,
wodurch der Geist Gottes, der die Herzen lenkt wie Wasserbche, diesen
scheinbar so drren Boden schon lange empfnglich gemacht; wie ja auch
Oswald diese stille Bereitung nicht verstanden, und darin nur Regungen
kindischer Schwche gesehen, die er bekmpfen, und, um den vermeinten
Ruhm eines starken Geistes nicht zu verlieren, sorgfltig verbergen zu
mssen glaubte. Und wer konnte zeugen von der furchtbaren Qual der
Luterung in jenen Stunden, als jede kommende Woge zu einem Boten ward,
der das immer gleiche Wort wiederholte: dem Menschen ist es gesetzt zu
sterben, und darnach das Gericht!? wer zeugen von seinen sptern
schweren Kmpfen, bis der Morgenstern aufging in seinem Herzen?

Doch in seinen sptern Jahren machte auch Oswald noch manche trbe
Erfahrungen, wie er sich im ersten Augenblick der Begeisterung zu viel
zugetraut, wie auch unter dem Morgenrot der Gnadensonne noch Wolken und
Strme nicht fehlen, wie oft wir in einzelnen Momenten Hhen
berstiegen, die wir nachher erst wieder mit Mhe erklimmen mssen. Die
Kmpfe blieben fr ihn nicht aus. Der Umwege wurden noch viele. Nur Das
hatte er gewonnen, da seine Augen aufgethan waren fr das rechte Ziel,
und da er darum sich immer wieder auf den rechten Weg zurckfand, und
da die Thrnen seiner Reue gesegnet waren mir dem Troste: Freude ist
im Himmel ber einen Snder, der Bue thut!

Und mehr gewinnen ja auch die Meisten nicht vom Glauben an das
Evangelium. Ihrer guten Werke sind vielleicht nicht mehr, als die Derer,
welche das Heil in Christo verschmhen; aber sie wissen, da diese Werke
ohne Verdienst und Gerechtigkeit sind, und halten darum um derentwillen
Nichts von sich selber, sondern bekennen in Demut ihr Zurckbleiben in
der Nachfolge des Herrn. Sie sind vielleicht nicht strker in der
Versuchung als Jene; aber sie fhlen ihre Unwrdigkeit und kehren bald
um in Reue und Bue und tragen Leid ber ihre Sndhaftigkeit. Daher,
wenn auch Beide wenig unterschieden sind nach ihrer uerlichen
Erscheinung, ist doch im Innern ein vlliger Gegensatz. Hier Demut; dort
Eitelkeit. Hier Betrbnis ber den Mangel an Heiligung und immer tiefer
gefhltes Bedrfnis der Erlsung; dort leichtsinniges Entschuldigen und
Vergessen und Vertrauen auf das sogenannte gute Herz und auf die
einzelnen lblichen Bestrebungen, als ausreichend zur Befriedigung der
Forderungen des gttlichen Gesetzes.

Wir sagen: die Meisten gewinnen kaum mehr von ihrem Glauben an das
Evangelium, und bekennen gern, da sie schon damit unendlich Viel
gewonnen haben; keineswegs aber wollen wir dieser Halbheit irgend einen
Vorschub leisten; sondern stellen das Ziel der Vollendung auf, wonach
wir unermdlich ringen sollen mit Gebet und Flehen, mit Seufzern und
Thrnen, mit Wachen und Streiten, mit Treiben und Drngen, mit Sorgen
und Hoffen: die vllige Erneuerung im Geiste des Gemtes, die Verklrung
des inwendigen Menschen, die sich abspiegelt in allen Gedanken und
Gefhlen, in allen Worten und Werken, die alles ungttliche Wesen und
die weltlichen Lste austreibt, wie vor der Sonne die Nebel und Schatten
schwinden; die Wiedergeburt, wodurch das Erdengeschpf in seinem Wesen
und Thun zu einem Kinde Gottes, und der Wandel auf Erden zu einem Wandel
im Himmel wird, wodurch die Welt selbst dem also Wiedergeborenen auch zu
einer neuen Schpfung sich umwandelt, deren Freuden und Leiden nur
Zeugnisse sind, da sie Gottes Welt ist. Mit dem Glauben an die Erlsung
tritt erst die Mglichkeit einer solchen Wiedergeburt ein, weil durch
ihn im Menschen die Liebe, die reinste und strkste Triebkraft im Himmel
und auf Erden, auf das Gttliche gelenkt wird; aber dieser Glaube ist
nicht die Wiedergeburt selbst, wie unsere Halbheit sich oft gern
berreden mchte, er ist nur die notwendige Bedingung dazu und bleibt
ein totes Erz und eine klingende Schelle, wenn er nicht in der Liebe
thtig ist, in der Liebe, die da schaffet und wirket zur Heiligung des
Sinnes und Wandels.

Aber -- wer darf dann auf Erden ein Wiedergeborner heien? -- --

Lat uns den Vater bitten, da er uns unsere Schwachheit vergebe doch
wehe uns, wenn wir sie uns selbst verzeihen!




                                 XIX.


   Reift mir auf Erden nicht Aehre noch Traube,
   Bleibt mir doch immer das hoffende Herz.
   Wird ihm zum Schauen auch nimmer der Glaube,
   Bricht es im Tode doch himmelwrts.

Die Nhe des Winters erinnerte die fremden Gste der Hallig an ihre
Abreise zu denken. Ungern entschlossen sich Mander und Oswald dazu, den
Tag der Entfernung von einer Sttte zu bestimmen, die ihnen zu einem
Altar des Hchsten geworden war. Dieses Eiland war ja ihr Vaterland,
denn hier hatten sie zuerst mit vollem Lebensgefhl den Vaternamen
stammeln lernen; hier in dem Irren und Wirren ihres Geistes die Ruhe
gefunden, nach der sie so lange mehr oder minder gedurstet. Hier war fr
sie die Nacht gewichen und der Morgenstern aufgegangen in ihrem Herzen.
Beide scheuten sich, wieder in die ihnen unheimlich gewordene Welt ihres
frheren Lebens hinauszutreten. Dort muten sie sich Gste und
Fremdlinge fhlen, whrend sie die Hallig als eine, wenn auch neue, doch
fr sie segensreiche Heimat liebten. Mit Schmerz dachten sie zugleich an
die Trennung von Hold und seiner Gattin. Sie verehrten in ihm den Fhrer
zum Lichte und zum Frieden, den Mann, dessen wissenschaftliche
Geistesrichtung sich mit einem so kindlichen Glauben verschmolz, den
Seelsorger, welcher bei aller Vielseitigkeit seiner Bildung dennoch fr
seine so unbedeutende Stellung im Amte zu leben schien. Sie verehrten in
ihr das liebende Gemt, das stille Walten im huslichen Kreise; und an
Beiden die Zufriedenheit in einem mehr als bescheidenen Erdenloose, in
welchem Tausende, bei solcher Kenntnis des Besseren, sich hchst
unglcklich gefhlt htten. Sie wuten nicht, da ein Halligprediger
schon als solcher wenig geehrt wird, und da dieser Titel bei Vielen
genug ist, eine halb verchtliche Miene anzunehmen; aber htten sie dies
gewut, dann wrden sie auf die Entbehrungen und Entsagungen, auf die
Mhseligkeiten und Gefahren eines solchen Amtes aufmerksam gemacht
haben, wrden die Aermlichkeit der Einnahme, die notwendige
Beschftigung mit all' den kleinlichen Arbeiten des Hauses und der
Schafhrde, wodurch grtenteils allein jene Einnahme gewonnen wird, die
Abgeschiedenheit von der Welt und allem wissenschaftlichen Verkehr haben
reden lassen fr Diesen und Jenen der Amtsbrder Hold's, dem es an
geselliger Gewandtheit im Leben und an bersichtlicher Kenntnis der
Fortschritte der Wissenschaft fehlen mag. Hat der Geistliche, so htte
etwa ihre Verteidigung gelautet, den Ihr bewundert wegen seiner
Feinheit im Betragen und wegen seines Anstandes in vornehmen Zirkeln,
den Ihr oben an setzet in der Zahl der Geistreichen, Hochgebildeten,
Hochgelehrten, hat er die schnsten Jahre seiner Jugend und Manneskraft
als Halligprediger verlebt? Hat er es versucht, was es heit: aus der
reichen Welt des Genusses in solche Entbehrung versetzt, mit dem warmen
fr die ganze Menschheit schlagenden Herzen auf solche vergessene
Scholle verpflanzt, aus dem blhenden Paradiese hoffnungsvoller
Jugendtrume in solcher Umgebung zu erwachen, in welcher die Natur nicht
weniger als der Mensch darbt, wie keine noch so kahle Haide darbt, von
den Quellen des Wissens in solche fr den Geist nahrungslose Oede
verbannt, zu solchen niedern Arbeiten, zu solchem Betriebe eines
Schafzchters verurteilt zu werden? Hat er es versucht, was es heit:
bei einem so sprlichen, auf solche Art verdienten Lohne hauszuhalten
und dabei in jeder kommenden Sturmflut den Tod vor Augen zu sehen, und
wenn Weib und Kind ihn berleben, diese als Bettler in die Welt
hinausgestoen zu wissen? Fraget ihn, auf sein Gewissen, ob er dann noch
der Mann geblieben wre, als den Ihr ihn jetzt lobt und ehrt? Fraget
ihn, ob er sich getraue in solcher Lage auch nur einige Jahre hindurch,
-- und mancher Halligprediger kommt zeitlebens nicht von seiner Scholle,
-- sich jene Kraft zu bewahren, die an dem innern Lohn und an dem
Bewustein von dem Segen seines Amtes genug hat, und die eben darum
Geist und Herz aufrecht hlt selbst in solcher Kmmerlichkeit des
uerlichen Daseins?

Fr Euch, seine frheren Amtsgenossen, will der Verfasser dieser Bogen,
-- der sich nicht schmt, daran zu erinnern, da auch er ein
Halligpriester, wie man Euch oft nennt und damit meint etwas Spttisches
gesagt zu haben, in den ersten Jahren seiner Amtsfhrung war, und
vielleicht noch wre, wenn ihm das Meer nicht zweimal die Kirche
weggerissen, deren neuer Aufbau zuletzt unthunlich ward, -- hiermit ein
Wort des Ernstes wider die stolz auf Euch Niederblickenden gesagt haben.
Es wird dieses Wort Euch keine Frucht bringen und keine Hand bewegen,
einen Fond zu sammeln, um wenigstens fr den wissenschaftlichen Bedarf
zu sorgen, ohne den auch der denkendste und gelehrteste junge Geistliche
bald dem Stande der Wissenschaft nicht mehr gewachsen sein wird, und
ohne den es ein wahrhaft seltener Sieg ber die Schwche der
menschlichen Natur sein mu, wenn nicht Mangel, Einsamkeit,
Elementarunterricht, Besorgung der Wollheerde, Abhngigkeit vom Preise
des von ihr gewonnenen Produkts allmlig den lteren Mann abstumpfen fr
die hhere Richtung des Geistes. Nur wer _vor_ dieser Prfung schon
vllig durchgedrungen ist zum rechten Leben im Geiste, mag in ihr
bewhrt erfunden werden. Fr Den, welchen sie vor der Reife trifft, ist
die Bitte not, da sie nicht lange whre. Wenn auch fruchtlos, sei doch
fr Euch mit warmem Eifer geredet ein Wort des Bruders, der ber die
Wasser hin Euch die Hand reicht, und dem es lange ein Bedrfnis war, fr
Euch zu sprechen. Kommt auch sein Wort leer zu ihm zurck von der
Herzenspforte Derer, welche aus ihrer sichern und bequemen Hhe auf Euch
herabsehen, Eurem Herzen wird es wolthuend sein; und es ist das erste,
das ffentlich Eure gute Sache fhrt wider die ungerechte Beurteilung
und wenige Bercksichtigung Eures Mrtyrertums im Dienste der Kirche.[2]

Idalia fand es, da der Tag der Abreise bestimmt ward, durchaus
notwendig, mit Godber offen zu reden. Gern htte sie das ganze
Verhltnis sich ohne eine solche Entwicklung lsen sehen. Sie war mit
ihren Gedanken schon der Abreise vorausgeeilt und sah sich wieder in der
glnzenden Umgebung der Vaterstadt, in allen Genssen eines
reichbewegten Lebens. Dort hoffte sie auch, wrden ihr Vater und ihr
Bruder von den wunderlichen Grillen, welchen nur die Einsamkeit und die
Gesprche mit Hold Nahrung geben konnten, bald wieder genesen. Ihre
Abneigung gegen den mystischen Anstrich, wie sie es nannte, verleidete
ihr die Hallig nun ganz, und ihr Mifallen an dieser erstreckte sich
auch auf ihr Verhltnis zu Godber, der ja mit seiner Hallig so vllig
eins war, da er zu schwanken schien, ob er dieser oder seiner Liebe
entsagen solle. Freilich sprach sich in Godber's Benehmen noch immer die
alte Zrtlichkeit aus; aber sie wute ja doch, da er nicht ohne
Bedenken die Heimat um ihretwillen verlassen wrde, und seine Weichheit
und Hingebung kam ihr jetzt, da in ihrem Herzen seine Neigung keinen
gleichen Anklang mehr fand, unmnnlich und kindisch vor. Sie konnte
nicht begreifen, wie sie frher an ein engeres Verhltnis mit ihm habe
denken knnen. Sie wute nicht mehr, was sie Ungewhnliches und
Anziehendes an ihm gefunden, und schalt sich eine Thrin, da sie sich
von der Dankbarkeit fr ihre Lebensrettung habe so weit fhren lassen.
Sie frchtete nun im Ernst, da er sich noch entschlieen mchte, ihr zu
folgen, und machte sich allerlei Plne, wie sie ihn, wenn er mit nach
Hamburg kommen sollte, allmlig ntigen wollte, sich so in den
Hintergrund zu ziehen, da er jede Hoffnung auf ihren Besitz aufgeben
msse. Aber fragen mute sie ihn doch nun erst, denn er schien ja nicht
reden zu wollen, obgleich sie schon durch Ablegung der Kleidung der
Hallig ihm ihre Meinung deutlich genug offenbart, und vergebens auch
suchte sie durch Klte und Verschlossenheit ihn zu reizen; es war, als
ob er nur desto magnetischer zu ihr hingezogen wrde, je mehr sie ihn
zurckstie. Wol mute er merken, da seine Liebe nicht mehr wie frher
erwidert ward, wol war auch seine Leidenschaft fr sie erkaltet, doch
kettete ihn das Bedrfnis, einen Gegenstand zu haben, ber den er sich
selbst vergessen knnte, an Idalia. Er sah ihre peinliche Frage voraus,
sah die Stunde der Entscheidung immer nher kommen, und wich doch
ngstlich jeder Hindeutung auf dieselbe aus.

[Funote 2: Durch obige Worte veranlat, haben einige edle Frauen in
Kopenhagen einen Versuch gemacht, die Lage der Halligprediger zu
verbessern. So wenig nun auch das Resultat ihren Wnschen entsprach, so
wollte ich doch nicht ihre Bemhungen mit Stillschweigen bergehen. Die
Zinsen des zusammengebrachten Kapitals werden wenigstens dazu dienen, in
der Zukunft einer etwaigen Witwe eines Halligpredigers einen kleinen
Zuschu zu dem drftigen Witwengehalt zu geben, und so wird auch diesem
Scherflein der Dank nicht fehlen. Auch ich, dem von einer dnischen
Insel her das einzige Zeugnis ward, da mein Wort fr die Halligprediger
nicht ganz ohne Anklang geblieben sei, nehme meinen Gru an diese Insel,
freilich in Erwartung eines reicheren Ausfalls damals dargebracht, nicht
zurck und setze den letzten Vers dieses Grues noch mit ebenso warmem
Herzen hierher, wie ich ihn zuerst niederschrieb:

   Hilfer hoit, i Gaedestoner,
   Den, hvor i Kamp og Raad
   Borgerdyd hver Tinding kroner;
   Taarer fandt jeg der og -- Daad.]

An einem heitern Novembertage stand er am Ufer des Meeres und blickte
auf das Spiel der Wellen zu seinen Fen. Eine wehmtige Rhrung
breitete ihren weichen Schleier immer weiter ber seine Gedanken und
Gefhle und snftigte sie, wie die Mutter das unruhige Kind, wenn sie es
in ihr Gewand hllt und an die warme Liebesbrust drckt. Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft flossen ihm wie in eine Thrne zusammen, in
welcher all' sein Trumen und Sehnen sich zu dem lieblichen Bilde eines
friedlichen Stilllebens ausmalte; aber ob vom aufgehenden Morgenstrahl
oder vom scheidenden Abendrot dies Bild beleuchtet werde, das wute er
nicht; nur da es ein Bild nicht der Wirklichkeit, sondern nur der
Sehnsucht sei, erinnerte ihn die feuchte Perle, die ber seine Wangen
niederrollte. Lange stand er so da, in dem Vergessen, das doch wieder
kein Vergessen ist, indem um die Schwinge des schnsten Traumes immer
noch der Flor der Trauer weht, und das Herz zu keiner stolzen Hhe voll
Licht und Seligkeit zu erheben vermag. In solcher Stimmung erschien ihm
seine Hallig als der einzige Fleck der Erde, der ihm zusagen konnte, als
die Sttte, auf der allein die Wunden seiner Brust Heilung finden
wrden; es war ihm unmglich sich in den Verkehr der Welt
hineinzudenken, und er schauderte vor der furchtbaren Einsamkeit und
Verlassenheit unter den Menschen, die sich in dem lauten Treiben des
Lebens bewegten.

Hold, in welchem gerade entgegengesetzte Wnsche durch den Verkehr mit
den Fremden, durch die aufregenden Gesprche, durch die Erneuerung des
geistigen Austausches, durch die Erinnerung an das lebendige Treiben der
Welt rege geworden waren, und der, fter als sonst, jetzt sehnschtig
ber die Wogen hinschaute die ihn vom festen Lande und dessen geistiger
und politischer Lebensflle trennten, berraschte Godber in seinen
Trumen. -- Sie waren bald in ihrem Gesprch bei dem, was Beiden, Jedem
auf seine Weise, nahe lag: bei der Abreise der Fremden.

Du wirst uns, fragte Hold, nun wol verlassen?

Nein, nein, rief Godber heftig, ich verlasse meine Heimat nicht.

Und Idalia bliebe hier? war die verwunderte Gegenfrage.

Ich wei es nicht, erwiderte Jener leise mit unsicherem Tone.

Du weit es nicht? und dabei sah Hold den Jngling, der schweigend und
gesenkten Auges vor ihm stand, prfend an.

Du weit es nicht? Godber, hast Du Dich selbst, hast Du das Rechte
wiedergefunden? und als Godber noch immer nicht antwortete, fuhr er
lebhaft fort: Gewi, Du kannst nicht glcklich werden in der groen
Stadt, in dem rauschenden Leben und Treiben, unter Menschen, die jeder
Thrne, wie sie ja noch in Deinem Auge hngt, nur spotten. Du mit Deinem
einfachen stillen Wesen wrdest Dich unheimlich fhlen mssen in ihren
glnzenden Kreisen. Fr den Sohn der Hallig ist nur die Hallig der
Boden, wo sein Leben gedeihlich wurzelt, nirgends sonst kann es ihm wol
werden. Und Idalia? Die Neigung, die sie Dir zugewandt, ist wol nur
Regung der Dankbarkeit, Folge der ungewohnten Einsamkeit, Ausfllung
miger Stunden, hchstens Aufwallung leidenschaftlicher Gefhle, in
denen sie wechselt wie mit ihren Modekleidern.

Godber errtete bei diesen Worten vor Scham, und Hold, der es bemerkte,
ergriff seine Hand und sagte:

Es krnkt Deinen Stolz, da ich Dir dies sage; es thut Dir wehe, da
ein Anderer von Dir wei, Du habest mehr zu gelten geglaubt, als Du
giltst. Aber es wrde Deinen Stolz ja noch mehr empren mssen, dies an
ihrer Seite erst dann zu lernen, wenn kein Rckschritt mehr mglich,
wenn Du durch ein heiliges Band in den Zauberkreis ihres blendenden
Schimmers gebunden bist, und, wie Du selbst Dich darin unbehaglich
fhlst, sie auch es fhlen lieest, da Du ihr ein unbehaglicher
Schatten bist. Und es ist ja nicht Deine Schuld, da Du vertrautest
ihrer sen Rede und ihrem schmeichelnden Benehmen. Es ist ja vielmehr
Deine Ehre, da Du dadurch getuscht werden konntest. Der Mensch, der
sagen knnte: ich bin nie getuscht worden, der hat sich selber sein
Urteil damit gesprochen, und ich wrde mich vor seiner Freundschaft
ebenso sehr hten, wie ich mich drnge zu Dem, dessen Herz blutet von
den Wunden, welche das getuschte Vertrauen schlug. Ja, Godber, darum
und weil ich mir es gelobte in dem rettenden Boote, in welchem Du mich
zu meiner Gattin und zu meinem Kinde zurckbrachtest, drngte ich mich
an Dich und bitte um Dein offenes Vertrauen. Ich werde es nicht
tuschen, so lange ich des Augenblicks gedenke, als Dein und Deiner
Gefhrten Ruf ber die Wasser scholl, die um mein Haupt splten.

Godber widerstand nicht lnger; ein Blick, in welchem der glnzende Tau
einer dankbaren Thrne perlte, und ein fester warmer Hndedruck
bezeugten es dem Pastor, da die Zurckhaltung, die jener immer gegen
ihn beobachtet, nun einer herzlichen Annherung gewichen sei.

Offen sprach jetzt Godber ber seine ganze Lage und Stimmung. Er
verschwieg nicht, wie Idalia's Benehmen in der letzten Zeit ihn
gekrnkt, und ihm fast die Gewiheit gegeben, sie wnsche das Verhltnis
mit ihm gelst zu sehen.

La fahren dahin! rief Hold. Scheide, was schon lngst geschieden ist
und sich entgegensteht wie Sd und Nord. Und will Dein Herz noch bluten,
so wirf es mit all' seinen Wunden an's groe Vaterherz dort oben; Gott
wird es zu heilen wissen, da es aus dem schweren Kampfe hervorgehet,
ein Held, fr den seine Narben zeugen, da man sich verlassen darf auf
seine Kraft und Treue.

Hold vertraute der Zukunft mehr, als Godber, denn nur dieser kannte ja
ganz die Gewissensunruhe, die ihn bei jedem ernsten Gedanken ber sich
selbst folterte. Nur eine scheinbare Kraft lieh ihm den Entschlu, ein
letztes, entscheidendes Wort mit Idalia zu reden. Der Grund seiner
Schwche lag tiefer, als in der Trauer der unerwiderten Liebe, denn dann
wre ihm jetzt die Rckkehr zur vollen Freiheit des Geistes nahe
gewesen, da er im Begriff stand, eine Fessel zu lsen, die ihn bisher
von dem Glcke zurckgehalten, fr welches er jahrelang in Geduld und
Hoffnung gearbeitet, und das selbst durch die Flammen der neuen
Leidenschaft oft noch als ein milder, freundlicher Stern
hindurchgeblickt. Doch wre seine Liebe zu Idalia auch fortan fr ihn
nichts weiter gewesen als ein Traum, der bei unserm Erwachen kaum in
kurzer Erinnerung fortlebt, konnte er damit auch vergessen, da um
ihretwillen er vor der letzten Planke das Schiff verlassen, dessen
Steuer ihm anvertraut gewesen, da er um ihretwillen seinen Gelbden
gegen Maria untreu geworden war? Wenn diese ihm auch verzeihen wollte,
konnte er sich selber verzeihen? Nur so lange er noch hoffen durfte, die
zu besitzen, fr welche er so viel geopfert, hatte dieses Opfer noch
eine lichte Seite, hatte noch einen, wenn auch zu teuer erkauften
Vorteil, hatte einen Altar, auf dem es dargebracht war; nun, da er
selbst es erfolglos zu machen im Begriff stand, fiel es auf sein Herz
zurck wie eine dunkle, schwere Wolke, durch die kein Streif des
Morgenrotes brechen konnte, die Aussicht in die kommenden Tage zu
erhellen. Nur das Eine, was die Gegenwart von ihm forderte, die Trennung
von Idalia, blieb ihm klar; jede Zukunft war fr ihn Nacht und
Finsternis, whrend Hold einer frohen Entwickelung des Geschicks der
durch frhe Gelbde Verbundenen, oder vielmehr einer ruhigen Rckkehr in
das ebene Geleis ihrer Vereinigung fr's Leben mit freudiger Teilnahme
entgegensah.

Du wirst mit Deinem Vater reisen? sagte Godber am andern Morgen zu
Idalia, mit einem Tone, dessen Frage wie gewisse Voraussetzung klang,
nachdem ihn die Ueberlegungen einer schlaflosen Nacht noch entschiedener
in dem Entschlu gemacht hatten, mit dem Mute der vollendeten
Hoffnungslosigkeit sich ganz in das dunkle Gewand eines unausweichlichen
Geschicks zu hllen.

Idalia erbebte sichtbar. War es die letzte Regung fr den Jngling, war
es die pltzliche Nhe der lngst gewnschten Entscheidungsstunde,
wodurch sie so heftig bewegt wurde? Sie vermochte nicht gleich etwas zu
erwidern. Sie sann auf eine Antwort, die, indem sie ihm jede Hoffnung
auf ihren Besitz abschnitt, dennoch so wenig als mglich ihn verletzen
sollte, und, wie es gewhnlich in solchen Fllen geht, sie verwundete
ihn gerade auf's Tiefste mit ihrer Erwiderung.

Wie vielen Dank bin ich Dir, schuldig, Godber. Ohne Dich htte ich
meine Vaterstadt, nach der ich mich jetzt so sehne, nie wiedergesehen.
Nie, dabei ergriff sie seine Hand und drckte sie innig, nie werde ich
es vergessen, wie Du mir nachsprangst in die rollende See. Nie wird
meine Dankbarkeit, nie werden meine Wnsche fr Dein Glck aufhren!
Und, nicht wahr? wir haben ein freundliches, liebliches Spiel mit
einander gehabt auf diesem Eilande, woran wir uns immer gern erinnern
werden, als an eine im Leben so seltene, kindliche Vergessenheit.

Godber erglhte vor Scham und Zorn. Also ein Spiel durfte sie nennen,
was ihn und die arme Maria um das Glck des Lebens betrogen! Er prete
die Lippen zusammen und stand eine Zeit lang da, wie Einer, der
zweifelhaft ist, ob er die innere Wut bezhmen oder auslassen soll.

Idalia wurde immer unruhiger, je lnger sein Schweigen whrte. Sie
wollte ihren Stolz zusammenraffen und sich kurz von ihm wenden; aber das
Gefhl ihres Unrechts, nicht ohne eine Beimischung von Furcht vor dem so
tief gekrnkten Jngling, berwog, und sie sagte mit schmeichelnden
Tnen:

Welch ein Festtag wird es fr mich werden, wenn Du uns einmal in
Hamburg besuchst! Dann wollen wir wieder plaudern von den alten Zeiten,
und Du wirst sehen, wie treu mein Gedchtnis auch die kleinsten Umstnde
unseres Zusammenlebens auf diesem Eilande bewahrt haben wird.

Godber hatte diese letzteren Worte ganz berhrt; aber der zornige
Aufruhr seiner Seele ging pltzlich in eine Wehmut ber, die seine Augen
mit Thrnen fllte. Ein gewhnlicher Uebergang der Empfindungen in
seinem Gemt, dessen Schwche einer heftigen Bewegung nicht lange
gewachsen ist. Die Spannung, in seinen Zgen wie in seiner Stellung
lste sich in eine Schlaffheit auf, vor der sich Idalia fast noch mehr
scheute, als vor dem Ausbruch des Zorns, da sie davon eine rhrende
Scene frchtete, die sie um jeden Preis vermeiden wollte, weil diese
doch zu Nichts fhren konnte, und weil sie bei der tiefen Erschtterung
Godber's zugleich fhlte, da sie ihres Herzens noch nicht so vollkommen
Meister sei, wie sie es geglaubt hatte.

Doch Godber besann sich, da Alles ja doch nur so gekommen sei, wie es
kommen mute, da er selber Entscheidung gewnscht, ja da diese
Entscheidung schon lngst da gewesen, und ihr nur das Wort gefehlt habe.
Er wandte sich rasch um und eilte fort, ohne nur einen Blick des
Abschieds auf Idalia zu werfen. Diese htte gern eine freundlichere
Trennung gesehen. Sie schwankte einen Augenblick, ob sie ihm nicht
nachfolgen und noch ein paar herzlichere Worte mit ihm reden sollte;
aber ehe sie sich darber besonnen, war es zu spt. Godber eilte die
Werfte hinab, und bald trieb sein Boot mit ihm einsam auf den Fluten.
Erst nach der Abreise der Fremden fand er sich auf der Hallig wieder
ein.

Auch wir knnen von Idalia hier Abschied nehmen, indem wir einen
flchtigen Blick in ihre Zukunft werfen. Htte sie es verstanden, ihre
Neigung fr Godber zur wahren weiblichen Liebe zu erheben, sie wrde
vielleicht selbst seine Abneigung, der Heimat untreu zu werden,
berwunden haben, und er htte an ihrem Herzen wohl vergessen, wie teuer
er das Glck an ihrer Seite erkauft. Da sie aber nun einmal solche
Hingebung erfahren und von sich gestoen, durfte sie erwarten, je wieder
ein Herz zu finden, das nur in ihrer Liebe alle Sehnsucht erfllt sah?

Sie fand sich in Hamburg bald wieder in all' die Zerstreuungen, in
welchen sie frher gelebt, und heiratete zuletzt einen Mann, dessen
Vermgen und Neigung es ihr erlaubte, auch als Gattin in den Thorheiten
zu glnzen, welche die Zeit ausfllen, ohne das Herz zu befriedigen,
vielmehr dasselbe zu einer wahren Parforcejagd nach immer neuen
Befriedigungen der Eitelkeit und der Weltlust stacheln. Was ihre Seele
bewegte, welche Erinnerungen aus der Vergangenheit auftauchten, wenn sie
in den doch nicht ganz zu vermeidenden einsamen Stunden ihrer
kinderlosen Ehe, den Kopf auf die Hand gesttzt, die Stickerei
vergessend auf dem Schooe ruhen lassend, mit halbgeschlossenen Augen
wie in die Leere hinausstarrend, oft lange dasa, so lange, bis sie
erschreckt von einer heien Thrne, die auf ihren Arm fiel, aufsprang,
hastig die Laute ergriff und die Saiten strmen lie, als sollten die
wilden Tne gewaltsam eine Lust aufregen, von der das Herz nichts wissen
wollte, das mgen Die beurteilen, welche folgende Verse verstehen:

   Einen Maitag hat das Leben,
   Einen Schpfer-Augenblick;
   Lt Du ihn vorberschweben,
   Kehrt er nimmer Dir zurck.

   Einmal kommt das Glck Dir nahe,
   Winket Dir mit offner Hand;
   Wer es einmal scheiden sahe,
   Hat es ewig fortgebannt,

   Und dann ruft es keine Zhre,
   Wieder hin in Deine Spur!
   Treibe bis zum fernsten Meere.
   Pilgre bis zur fernsten Flur.

   Breit' der Erde Gter alle
   Um Dich her in weiten Reih'n,
   Fhr' in Deine reiche Halle
   Jede Lebensfreude ein,

   Schlrfe tief aus voller Schale: --
   Ach! Du seufzest im Genu;
   Denn es fehlt dem Feiermahle
   Der verscherzte Weiheku;

   Denn es fehlet Deinen Krnzen
   Das verschmhte Immergrn;
   Deine Blumen, wie sie glnzen,
   Blhen nur, um zu verblhn.

   Einmal durftest khn Du hoffen,
   Brutlich grte das Geschick;
   Einmal sahst Du Eden offen --
   Hoff' auf keinen zweiten Blick.




                                 XX.


   Was der Herr den Seinen giebt, das trage
   Nicht hinein in's khne Wortgefecht.
   Was von Oben stammt, will keine Frage,
   Fordert Glauben als ein gttlich Recht.

Mander und Oswald wnschten noch das Mahl des Herrn, gleichsam als eine
Versiegelung ihres neuen Bundes mit Ihm, in der ihnen so lieb gewordenen
Gemeinde zu feiern. Idalia antwortete auf die Frage ihres Vaters, ob
sie sich der heiligen Handlung anschlieen werde? da ihre Gedanken zu
sehr auf die Abreise gerichtet wren, als da sie mit Andacht an der
Feier Teil nehmen knne.

Gewi ist es uns am angenehmsten, wenn wir das: ich bitte Dich,
entschuldige mich! in das blendende Gewand einer zarten Ehrfurcht vor
dem Heiligen einkleiden knnen; und es giebt Leute, die, wenn man ihren
Worten glauben soll, allein aus jener gewissenhaften Scheu vor einer
zerstreuten Teilname am Gottesdienst die Kirche zeitlebens meiden und
die husliche Andacht auch nur darum unterlassen, weil sie bis an das
Ende ihrer Tage darauf warten, einmal mit rechter Wrde andchtig sein
zu knnen.

Mander fragte Hold, als er demselben seinen und seines Sohnes Entschlu
zu erkennen gab, zum Tische des Herrn zu gehen: welcher Ansicht vom
heiligen Abendmahle er zugethan sei? Hold erwiderte:

Ich wollte, Sie htten mich nicht gefragt, sondern sich, unberhrt vom
Streite der Meinungen und Ansichten, mit voller Seele dem Eindruck
dieser Feier hingegeben, um an sich zu erfahren, was sie Ihnen sein
soll. Vielleicht ist das Abendmahl fr Jeden nach seinem Bedrfnis und
seiner Empfnglichkeit etwas Anderes, und ich htte lieber von Ihnen
gehrt, welchen Gehalt Sie in diesem Kleinod der Christenheit gefunden,
als da ich Ihnen Anleitung gegeben zu einem vorgefaten Urteil, da dies
nicht angeht, ohne eine Trennung in der Gemeinde des Herrn zu errtern,
die dem Abendmahl den Charakter der Communion nimmt.

Aber es kann doch nur eine Ansicht die wahre sein, entgegnete Mander,
und es kann doch nur der das Mahl des Herrn mit dem vollen Segen fr
sich feiern, der wei, was der Herr mit dieser Feier wollte?

Aller Segen kommt von Oben, war Hold's Antwort, und ich glaube, es
haben Viele, welche mit den verschiedensten Ansichten zum Mahle des
Herrn kamen, doch den gleichen Segen davon gehabt, weil im Augenblick
der Feier Keiner mehr seiner Ansichten gedachte, sondern sich hingab dem
Einflu, den die Feier auf ihn ausbte. Freilich wird dieser Einflu bei
Allen sicherer und auch wohl dauernder sein, wenn sie vorher und nachher
die ganze Bedeutung dieses Genusses erwgen.

Sie sind bisher mein Lehrer gewesen, seien Sie es auch ferner, bat
Mander. Ihr Urteil mu bei Dem, was ich Ihnen sonst verdanke, eine
groe Autoritt haben.

Meine Autoritt soll Ihnen nicht weiter gelten, als was ein
langjhriges Nachdenken ber die Heilsordnung des Evangeliums voraus hat
vor der erst krzlich gewonnenen Einsicht in die Wahrheit der
Offenbarung Gottes in Christo. Nun lassen Sie es sich noch einmal gesagt
sein: ich knpfe den Segen der Feier, die Sie vor sich haben, nicht so
sehr an das volle Verstndnis von dem Charakter derselben, als an eine
Gnadenwirkung Gottes auf das empfngliche Gemt. Sie sollen daher nicht
zum Tische des Herrn treten mit der Ueberzeugung: Dies oder Jenes werde
ich an mir erfahren, sondern vielmehr warten der Verheiung, die diese
Feier hat; sich und Ihre Andacht nicht binden an diese und jene
Auffassung vom Abendmahl, sondern willig und bereit sein, mit reiner
Hingebung anzunehmen, was der Herr Ihnen in demselben darreicht. Ich fr
meinen Teil stehe auf dem Grunde der Kirchenlehre.

Fassen wir das Ganze der Offenbarung in Christo als eine Wunderthat der
erlsenden Gnade Gottes, wodurch ein wirklich Neues, nicht den
bisherigen Mitteln der Gemeinschaft mit dem Himmel Aehnliches, etwa nun
nur in hherem Grade sich Entfaltendes, in das Leben der Menschheit
eintrat, als eine Erhebung der Natur des Staubes zu einer Trgerin des
Lebens, welches war bei dem Vater und erschienen ist auf Erden, so
knnen wir uns auch nicht dagegen struben, ein Fortleben und Fortwirken
dieser That in bestndigen Wundern anzunehmen. Ist einmal statt der
Vermittelung zwischen dem, was droben ist, und dem, was hienieden ist,
welche an die uns verliehenen geistigen Gaben ihre Geistesgaben
anknpft, -- so bei uns in den Weihestunden der hchsten Andacht, so bei
den Propheten im reichsten Mae, -- ein Mittler gegeben, in welchem
Himmel und Erde eins wurden, so drfen wir auch die Lehren, Segnungen
und Verheiungen dieses Mittlers nicht mit dem Mastabe messen, welchen
wir den Dingen anlegen, die dem gewhnlichen Gesetz folgen, nach welchem
Himmel und Erde in ihrem Wesen sich ewig fern bleiben, und nur durch das
Band der Gemeinschaft im Geiste sich einander nhern. Wir drfen
vielmehr erwarten, da Alles, was von jener That ausgeht, einen
Charakter habe, der dieselbe nicht allein fortspiegelt als eine
wunderbare, sondern der alles dieses von ihr Ausgehende in sich selber
ein Wunder sein lt. So das Abendmahl. Es ist nicht das Gedchtnis an
die That der Vershnung, das neu geboren werden soll, sondern die That
selber, die neu geboren wird im Glubigen. Das Mahl des Herrn ist Er,
der sich mir neu giebt, es ist nicht Ich, der ich mich Ihm neu gebe. Wie
die Erlsung durch sein Leibesleben und Lebensleiden auf Erden bedingt
war, so ist das Abendmahl nicht allein eine geistige Nahrung fr den
Geist; sondern eine irdisch-himmlische Speise, durch die wir Sein werden
und Er unser wird durch eine volle Vereinigung. Im Abendmahl ist der
ganze Christus, der Lehrer und der Erlser, der Leidende und der
Ueberwinder, der Gekreuzigte und der Auferstandene, der Sohn der Maria
und der Sohn Gottes, und der erstere nicht weniger als der letztere.
Whrend uns in jeder andern Feier bald der Eine, bald der Andere strker
hervortritt, ist beim Abendmahl Jener mit Diesem, und Dieser mit Jenem
in einer Hlle verbunden, und geht in einer Gemeinschaft in uns ber.
Ohne die leibliche Gegenwart Christi im Abendmahl wird die Erlsung eine
That in der Zeit, die allein durch den Glauben fortlebt, aus dem
irdischen Gebiet ganz wieder in das geistige aufgegangen ist; whrend
sie auch nach ihrer irdischen Seite im heiligen Abendmahle fortleben
soll, nicht allein weil Christus nun im Geiste der Glubigen fortlebt,
sondern weil Er selber noch fr sie da ist. Denn Sein Fortleben in
unserm Geiste ist doch immer nur unser Leben in Ihm, abhngig von
unserem Verstndnis und unserer Andacht, ist nicht in der That und
Wahrheit Sein Leben in uns, ist immer nur Wir, nicht Er. Unsere Zeit
aber ist nicht rmer, als die der ersten Jnger, wenn wir sie nicht arm
machen. Sie hat nicht allein Seine Lehren, Segnungen und Verheiungen;
sie hat Ihn, Seinen Leib und Sein Blut. Auch uns wird die neue Schpfung
geboten, die Durchdringung und Verklrung unseres geistigen Daseins zur
Einheit mit Ihm. -- Wie mag Solches zugehen? ist hier nicht die Frage,
und alle Theorien und Formeln sind Gebrechlichkeit. Es ist nur die
Frage: stimmt solche Lehre vom Abendmahl, wie sie sich in der echt
lutherischen Theorie und Formel, soweit unsere irdische Sprache
berhaupt fr solche Dinge ausreicht, am wenigsten klgelnd und deutelnd
ausspricht, berein mit den Worten der heiligen Schrift, mit dem ganzen,
wunderbaren Rat Gottes zur Erlsung der Kinder im Staube, mit der
Thatsache der Erlsung selbst, und mit dem Glauben der Mnner, denen wir
ein Erzpriestertum in der groen Gemeinde des Evangeliums beilegen
mssen? Mit diesem letzten Punkt schiebe ich keine menschliche Autoritt
vor, da er seinen Rckhalt in der gemeinsamen Uebereinstimmung der
Antworten auf alle andern Punkte haben soll; aber wohl behaupte ich
damit, da wie die Wahrheit die Frucht des Geistes, so die gttliche
Wahrheit allein die Frucht des gttlichen Geistes sein kann. Dieser
Geist nun hat seine Zeit und Stunde fr Das, was dem Glauben der Kirche
dienet. Fr Das, was dem Glauben des Einzelnen dienet, weiset er zurck
auf eine solche Stunde der Menschheit, die eben so wenig auf Concilien,
als am Schreibpult hinter der nchtlichen Lampe geboren wird; sondern
deren Wiege ein Herz ist, das mit seinem weltberwindenden Glauben auch
wirklich eine Welt berwindet, ein Herz, das nicht etwa einzelne
Lichtfunken aus Schutt und Asche hervorsucht, sondern das durchglhet
ist vom heiligen Feuer, und gereinigt und gelutert ist von diesem Feuer
zu einer Sttte, von welcher aus Gott gern seine Stimmen in die Welt
aussendet. Darum wer neue Theorien und Formeln in den gttlichen Dingen
aufstellen will, der frage nicht allein, was er wisse, sondern auch, was
er sei an Leben in Gott und Wandel vor Gott. Mit Schulweisheit und
kritischem Scharfsinn mag man einen Homer zu zerstckeln wagen, und es
wird doch nur so lange gelingen, bis die Flammen der Begeisterung, die
in einzelnen Stcken fortglhen, wieder in eine helle Lohe
zusammenschlagen, und der Erzgu auf's Neue dasteht in uralter Kraft und
Herrlichkeit. Kann nun jene kalte, trockene Scheidekunst selbst an einer
Schpfung des menschlichen Geistes und Herzens nur zum Ritter von der
traurigen Gestalt werden, dessen kurzer Sieg bald zur desto gewissern
Niederlage wird, mit welcher Aussicht kann er sich dann auf dem Gebiete
des Gttlichen versuchen? Sowohl die rechte Lehre von den gttlichen
Dingen, als auch das rechte Wort dafr kann nur der Geist Gottes geben,
und Der will Tempel und Altar sehen, will Horebs Hhen und Mamres
Palmen, will Herzen, deren Flgelschlag zu einem Adlerfluge fhig ist,
will Mnner, die Mut und Demut genug haben, Gott zu bitten um
Erleuchtung.

Hat aber nicht die reformirte Kirche, bemerkte Mander, die doch auch
Mnnern, wie Sie eben bezeichneten, ihr Dasein verdankt, eine Ansicht
vom Abendmahl, nach welcher es eine blose Gedchtnisfeier ist?

Auch die reformirte Kirche, war Hold's Entgegnung, gewann bald wieder
durch Calvin die Richtung auf einen tieferen Sinn; obwohl in der
katholischen und lutherischen Kirche, so wenig auch beide in der nheren
Bestimmung dieser Lehre und den Folgerungen daraus bereinstimmen,
allein eine wirklich tiefere Wrdigung des Abendmahls gefunden wird; da
Alles, was man sonst dieser Feier beizulegen versucht hat, durch
Vergeistigung der Gefhle beim Andenken an den Herrn auf die
schwindelndsten Hhen hinauf nur eine gewisse Scheu bei einem blosen
Gedchtnismal stehen zu bleiben, zu erkennen giebt, ohne doch wirklich
etwas mehr daraus zu machen. Man fhlt wohl das Bedrfnis, der Gemeinde
eine Nahrung zu geben, die nicht blose Brosamen darreicht, sondern eine
sttigende Lebensspeise; aber man thut nur Gewrze hinzu, und denkt
nicht daran, da Gewrze eben nur zur Wrze dienen und nicht zur
Sttigung.

Wie vereinen Sie aber dieses Vergessen mit dem Erzpriestertum, wie Sie
es vorher solchen Mnnern beilegten, die Sulen der Kirche Gottes sind,
zu welchen Sie doch auch Zwingli und Calvin mitrechnen? fragte Mander.

Erinnern Sie sich, da ich diesem Punkt von der Autoritt solcher
Heroen des Evangeliums einen Rckhalt gab in der Uebereinstimmung mit
andern Zeugnissen. Wo diese Uebereinstimmung ist, da gebe ich mich
freudig hin, und sie ist gerade in dem Kern des Evangeliums, in der
Lehre von der Erlsung; wo sie fehlt, da suche ich mit desto grerem
Eifer selber in dem Worte des Lebens, freue mich aber doch, wenn die
Wahrheit, die ich finde, auch viele Zeugen Gottes in der Kirche, wenn
auch nicht alle, fr sich hat.

Aufrichtig mu ich bekennen, sagte Mander, da gerade das Wort:
Solches thut zu meinem Gedchtnis, mir in dem Augenblick, in welchem
es gesprochen wurde, kurz vor dem Tode am Kreuze, so natrlich vorkommt
in dem Munde des Herrn, und da die Stiftung, auf welche es deutet, mir
ebenso natrlich allein aus der Scheidestunde hervorgegangen zu sein,
und darum auch ihr Wesen und ihren Charakter nur in der Erhaltung einer
lebendigen Erinnerung an des Stifters Leiden und Sterben fr uns zu
haben scheint.

Dagegen mu ich bekennen, entgegnete Hold, -- so verschieden ist das
Urteil! -- da mir Nichts wundersamer vorkommt, als eine Feier zum
Gedchtnisse Dessen, der uns Weg, Wahrheit und Leben ist, von dem die
ganze jetzige Bildung des Menschengeschlechts ihren Anfang und ihren
Ausgang hat, dem wir in der Taufe geweiht sind, in dessen Licht wir
atmen, in dessen Gemeinde wir leben, dem wir Freude, Friede und
Seligkeit verdanken im Leben und im Sterben. Kann Der, welcher spricht:
>Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte nicht!< und: >Ich bin
bei Euch bis an der Welt Ende!< gemeint haben, mit solchem Mahl allein
ein Erinnerungsfest einzusetzen, wie allenfalls Derjenige es stiften
mag, welcher frchtet, es knnten seine Lehren und Segnungen vergessen
werden, und doch gern in seiner Persnlichkeit, als ein Mann, der zu
seiner Zeit und fr seine Zeit Gutes gewollt, in der Erinnerung
fortleben mchte? Ja, mte solche Stiftung nicht in der christlichen
Kirche mehr und mehr an Bedeutung verlieren, je lebendiger der Herr
lebte im Gedchtnis der Seinen? Je inniger die Seele Ihm angehrte, je
tiefer der Geist sich versenkte in die Flle Seiner Segnungen und
Verheiungen, desto weniger knnte eine Feier gelten, die nur erinnern
soll, Ihn nicht zu vergessen.

Der Apostel Paulus redet ferner auf solche Weise vom Abendmahl, da
jeder Gedanke an ein bloses Gedchtnismal wegfallen mu. Er spricht:
>Welcher unwrdig von diesem Brot isset oder von dem Kelch des Herrn
trinket, der ist schuldig an dem Leibe und Blute des Herrn. Der Mensch
aber prfe sich selbst, und also esse er von diesem Brote und trinke von
diesem Kelch. Denn welcher unwrdig isset und trinket, der isset und
trinket ihm selber das Gericht, damit, da er nicht unterscheidet den
Leib des Herrn.<

Erlauben Sie mir noch die Frage, sagte Mander hierauf: Konnten die
ersten Jnger, die mit dem Herrn zu Tische saen, in dem Brote und dem
Kelche ein solches Sacrament, wie sie es vorher auslegten, genieen, da
der Herr noch bei ihnen war?

Ich brauchte Ihnen keine Antwort auf diese Frage zu geben, erwiderte
Hold, ehe Sie mir nicht meine Einwendungen gegen eine blose
Erinnerungsfeier widerlegt, bevor Sie nicht erwiesen haben, da die
Deutungen, mit welchen man dem Abendmahl einen hheren Charakter geben
will, ohne die leibliche Gegenwart zu bekennen, wirklich mehr sind als
blose Zuthaten, die bei aller ihrer scheinbaren Flle es doch nur ein
Gedchtnismahl bleiben lassen, ein Mahl, dessen Genu in seinen
Wirkungen auf den Glubigen nichts Anderes giebt, als was schon jede
andere lebendige Erinnerung an den Heiland und Erlser geben kann. Aber
ich will Sie doch daran erinnern, da auf die Beantwortung Ihrer Frage
gar nicht so viel ankommt. Erkennen wir im Abendmahl eine Stiftung fr
die Kirche, fr alle kommenden Christengemeinden, -- und das haben nur
Wenige gelugnet, -- so kann es gern fr die spteren Bekenner eine
andere Bedeutung haben, als er fr die ersten Jnger, denen die
sichtbare Gegenwart des Herrn das Sacrament war, schon haben konnte, und
welchen es erst Das wurde, was es uns ist, als der Herr heimgegangen war
zu Seinem himmlischen Vater. Diese andere Bedeutung besteht ja denn doch
immer nur darin, da wir mit, in und unter dem Brote und Wein haben, was
sie noch sichtbar vor sich hatten. Die Kraft des Mahls, die
sacramentliche Flle bleibt dieselbe, nur bei ihnen Schauen, bei uns
Glaube. Doch ich fhle, wie es mit allem Erweisen eine miliche Sache
ist auf diesem Gebiete. Die gttlichen Dinge wollen erfahren sein.

Mir ist so unsicher um's Herz geworden, sprach Mander mit einem
Seufzer, da ich wollte, ich htte nicht gefragt!

Ich sagte es Ihnen im Voraus, da Sie keine andere Frucht nehmen wrden
aus dieser Errterung. Aber vielleicht werden Sie noch knftig mit mir
Denen, die das Abendmahl nicht in seiner ganzen Bedeutung wrdigen,
zurufen: Entkleidet nicht die Kirche ihres heiligen Schmuckes; nehmt ihr
nicht die Krone von ihrem Haupte; reit sie nicht los von der Wurzel des
Lebens, von der innigen, ewigen, thatschlichen Gemeinschaft mit dem,
der vom Vater kam, um vom Vater zu zeugen! Uebrigens treten Sie hinzu zu
dem Tische des Herrn mit Andacht und Hingebung, und erwarten Sie, was Er
Ihnen darreicht aus Seiner Flle. Er ist Allen, die zu Ihm kommen,
Etwas, und leitet sie selber dazu, da Er ihnen Alles werden kann. Sein
Segen wird Ihnen nicht fehlen!

Die Stunde der Feier war gekommen. Die ganze Gemeinde, die, nach der am
Sonntage vorher geschehenen Bekanntmachung, sich zur Communion gemeldet
hatte, da auf den Halligen es nicht immer zu erwarten ist, da die sonst
bestimmten Tage zu solcher Feier wegen des oft durch Sturm und Wellen
verhinderten Kirchganges regelmig gehalten werden knnen, sammelte
sich in der an Hold's Wohnung anstoenden, mit ihr durch ein Dach
verbundenen Kirche. Nach Beendigung des Gesanges trat Hold vor den Altar
und hielt eine kurze, eindringliche Rede, die in ihren schlichten Worten
nur auf das Verstndnis seiner gewhnlichen Zuhrer berechnet schien,
whrend sie gerade in ihrer Einfachheit, in ihrer festen Hinstellung
Dessen, was den Beiden, die heute zum erstenmal mit rechter Sehnsucht
nach der Verheiung, die er verkndete, zum Tische des Herrn traten,
noch nicht als gewisse Zuversicht aufgegangen war, auf diese einen
wahrhaft erbauenden, begrndenden Eindruck machte. Darauf trat der
Bejahrteste in der Gemeinde, ein Mann mit schneeweiem Haar, vor Hold
hin und sprach mit einer Stimme, deren Zittern von Altersschwche und
zugleich von tiefer Rhrung zeugte, folgende Worte, bei denen sich Alle
von ihren Sitzen erhoben:

Wrdiger, lieber Herr! Also rede ich fr mich und fr Alle: Ich bitte
Euch, wollet meine Beichte hren und mir die Vergebung sprechen.

Ich armer sndiger Mensch bekenne und beklage mich, da ich die
heiligen Gebote Gottes unseres Vaters mannigfaltig bertreten, und mich
gegen Gott und meinen Nchsten oft versndigt habe, damit ich Gottes
gerechte Strafe, zeitlichen und ewigen Tod wohl verdienet. Aber alle
meine Snde gereuet mich ernstlich und ist mir von Herzen leid, und ich
habe keinen andern Trost, denn die Gnade Gottes, die grer ist, als
meine Schuld, und das teure Verdienst meines Herrn Jesu Christi. Komme
daher in der Zeit der Gnaden, da ich mge Vergebung empfangen und damit
neue Freudigkeit zu Gott und Kraft zur Heiligung durch Seinen Geist.
Amen.

Dieser den Fremden unerwartete Auftritt verfehlte nicht seine Wirkung
auf ihr Herz. Mander fhlte tief den Wert einer solchen thtigen
Teilnahme der Gemeinde am Gottesdienst bei dieser Feier. Er fhlte sich
in dem Augenblicke gleichsam eins geworden mit dem Greis, der fr Alle
sprach. Er fhlte in dessen Bekenntnis sein Bekenntnis, in dessen Bitte
seine Bitte und darum sich klarer und deutlicher als Einer, der da nahet
mit demtigem Flehen und der Verheiung entgegensieht, als wenn der
Geistliche allein geredet. Oswald zitterte heftig. Jedes Wort, das der
Greis sprach, klang in allen Tiefen seiner Brust wieder. Es war ihm, als
tnte die Bitte von seinen eigenen Lippen, aber als wrde sie inniger,
dringender, flehender, indem sie der Ausdruck seiner Sehnsucht wurde,
als gestaltete sie sich zu einem Ruf aus der Tiefe, zu einem Schrei des
Erbarmens, zu einem Seufzer, an dessen Erhrung sein Leben hing.

Als der Greis geendet, faltete Hold seine Hnde, hob die Augen empor in
stillem Gebet und sprach dann nach einer kurzen, erwartungsvollen Pause,
indem er seine Rechte segnend auf das Haupt des alten Mannes vor ihm
legte, der unterdessen seine Knie gebeugt hatte an den Stufen des
Altars:

Der in die Welt kam, nicht da Er die Welt richte, sondern da die Welt
durch Ihn selig werde, der da die Mhseligen und Beladenen zu sich ruft,
da Er sie erquicke, Der spricht durch das Amt, das Er mir vertraut, zu
Dir und zu der Gemeinde, die durch Dich bekannt hat ein gutes
Bekenntnis: Sei getrost, Deine Snden sind Dir vergeben.

Und als nun Hold seine Hnde weiter ausbreitete ber die ganze Gemeinde
hin, und noch einmal die Worte wiederholte: Sei getrost, Deine Snden
sind Dir vergeben! da sank es wie eine Decke von Mander's und Oswald's
Seele. Das Evangelium war nun vllig Licht, Kraft und Leben in ihnen
geworden, und alle Dmmerung, Schwachheit und Lauheit schwand wie der
letzte winterliche Nebeltag vor dem siegenden Frhlingsodem. Sie fhlten
sich so offen und empfnglich fr jeden Gru aus der Hhe, so klar und
entschieden im Glauben, so leicht und frei in der Erfllung der
Verheiung, da das Reich der Wunder, durch die das Gttliche sich dem
Staube offenbart, ihnen als eine natrliche Welt erschien, in welcher
sie schon lngst heimisch, und sie traten zum Tische des Herrn als in
Allem Bekenner der Lehre ihrer Kirche.




                                 XXI.


   Schmerzen giebt es, deren Wunden
   Nur die _stumme_ Brust ertrgt;
   Wenn das khne Wort sie wgt,
   Ist des Duldens Kraft geschwunden.

Auf den nchsten Mittag war die Abreise bestimmt. Die Geschfte wegen
der Bergung waren schon einige Tage vorher zur Zufriedenheit beendigt,
und Mander und Oswald nahmen von allen Bewohnern der Hallig durch
Besuche in jeder Wohnung Abschied, und wurden allenthalben als liebe
Freunde, die man nicht hoffen darf, wiederzusehen, mit der Feierlichkeit
eines solchen letzten Zusammenseins aufgenommen und entlassen, an keiner
Stelle ganz ohne Thrnen der gutmtigen, fr jede ihnen bewiesene
Teilnahme leicht empfnglichen Halligbewohner. Da diese Leute, besonders
auf der Hallig, die wir im Sinne haben, -- auf welcher, so weit das
Kirchenbuch geht, keine auereheliche Geburt, und so weit die Erinnerung
der ltesten Personen reicht, nie ein leidenschaftlicher Streit
vorgekommen war, -- gar zu leicht geneigt sind, die Welt auerhalb ihrer
kleinen Eilande, und besonders in den groen Stdten, nur als eine
unglubige und zuchtlose sich zu denken, so hatte die Teilnahme der
Fremden am Abendmahl diese in ihren Augen so gehoben, da sie dieselben
mit einer Art bewundernder Ehrfurcht betrachteten. Sie ahneten nicht,
da ihr Eiland erst das Emmaus gewesen war, wo jene den Herrn erkannten.
Jede einzelne Familie brachte auch ihren besonderen Dank dar fr die
silbernen Altarleuchter, welche Mander der Gemeinde geschenkt, und die
Hold freilich aus bestimmten Grnden nicht am gestrigen Tage schon auf
den Altar gesetzt, aber sie den Hausvtern, die nach der Feier bei ihm
gewesen, gezeigt hatte. Am bewegtesten war der Abschied von Hold. Einige
Gaben, welche die Freundschaft und Dankbarkeit der Scheidenden dem
Pastor und seiner Gattin darboten, wurden ohne Ziererei angenommen. War
doch auch die Schwierigkeit, welche mit der Besorgung dieser Gaben aus
der Ferne verbunden gewesen sein mute, ein Beweis mehr, da sie, wie
lange vorbedacht, so auch Zeugnisse einer Freundschaft sein sollten, die
lnger dauern wrde, als der Aufenthalt auf der Hallig. Nur gegen ein
groes Fa mit Wein, das auf seiner Hausflur aufgestellt wurde,
protestirte Hold, da er sich dieses Getrnks lngst entwhnt habe. Doch
er mute auch hierin nachgeben, da Mander versprach, bei der ersten
Gelegenheit fr kleinere Gebinde zum Umfllen zu sorgen, und darauf
aufmerksam machte, da, wenn auch Hold selbst keinen Genu davon haben
wolle, doch den Kranken und Schwachen in der Gemeinde eine solche
Strkung oft wohlthtig werden knne.

Wer htte bei diesem Hin- und Herreden daran denken sollen, da das
Leben mehrerer Menschen ganz allein, und die Gesundheit der ganzen
Gemeinde grtentheils allein von der Annahme dieses anfangs
verschmhten Geschenkes abhinge!

Oswald trennte sich von Maria nicht ohne eine ernstere Regung, als mit
welcher er von den brigen Bewohnern der Hallig Abschied genommen, und
Mander legte fr sie und Godber, da er mit Hold auf eine baldige frohe
Vereinigung dieses Paares hoffte, eine Summe Geldes bei dem Pastor
nieder und machte sich zu einer jhrlichen Summe schriftlich
verbindlich. Auch den Verlobungsring Godber's, den Maria Jenem auf
seinem Krankenlager vom Finger gezogen, hatte Idalia ihrem Vater
zurckgegeben, um ihn Maria einzuhndigen. Mander gab ihn Hold, da er
die passende Gelegenheit zur Rckgabe abwarten mchte.

Am Ufer fanden die Abreisenden die ganze Gemeinde versammelt, und noch
einmal rief ein Hndedruck und ein herzliches Lebewohl alle Gefhle des
Abschieds wach, und mit Thrnen in den Augen bestiegen Mander und Oswald
das Schiff. Auch Idalia wandte mehr als einmal den von einem feuchten
Tau umflorten Blick auf das bald in einem lichten Nebel schwindende
Eiland zurck. Sie htte gern dem Schiffe Halt geboten, nicht um die
Hallig wieder zu betreten, aber sie im Auge zu behalten. Alle ihre
Gedanken und Empfindungen waren wie in einer Schwebe, und sie konnte
ihnen ebensowenig die volle Richtung in die Zukunft geben, als sie in
die Vergangenheit ganz zurckwenden. Sie htte es fr eine Wohlthat fr
ihr Herz gehalten, wenn das Schiff, das sie unaufhaltsam forttrug, von
der Ebbe bereilt, stehen geblieben wre zwischen den beiden Ufern, wie
sie sich selbst auf einem leeren Raum zwischen dem Zeitstrom der
Vergangenheit und dem der Zukunft zu stehen schien. Als sie die Kste
des festen Landes betrat, da zitterte und schwankte sie, wie Einer, der
nach einem langdauernden, heftigen Sturm den mit der wogenden Bewegung
des Schiffs nicht durch frhe Uebung vertrauten Fu an's Land setzt.

Auf der Hallig blieben die Bewohner derselben so lange am Ufer
versammelt, als noch der Nebel einen Blick vom Schiffe erhaschen lie,
und sowohl die auf demselben, als auch die Zurckbleibenden winkten bis
dahin einander zu, ohne bestimmt zu wissen, ob ihre Abschiedsgre noch
bemerkt und erwidert werden knnten.

Hold war den Tag ber in einer Stimmung, der er den Namen der Wehmut
ber die Trennung von den Freunden gab; und doch war es mehr als diese
Trennung, was ihn so tief bewegte. Alle Trume seiner Jugend waren durch
die Gesprche mit diesen Gsten aus der Welt, in welcher er sich frher
so hoffnungsreich und lebenskrftig bewegt, wieder wach geworden. Seine
frheren Freunde, denen er gleichsam ohne Kunde durch Versetzung auf die
Hallig entschwunden war, winkten ihn nun von Neuem in ihren Kreis. Die
Lnder, die er an ihrer Seite durchpilgert, breiteten wieder alle ihre
Schnheiten vor ihm aus. Das rege Treiben der politischen Welt, von der
ihm jetzt kaum dann und wann die Zeitung eine drftige Nachricht
brachte, trat wieder vor seine Gedanken hin, als ein Zauberbild, das
hell vor unserer Nacht vorberzieht. Das reiche Feld der Wissenschaft
blhte und duftete vor seinem Geist in der kstlichen Blumenpracht auf,
aber wie ein schner Garten, den wir durch ein Gitter anschauen, in
welchem wir uns nicht ergehen drfen. Und hier diese de Hallig! Dies
wste Meer um sich her! Dieser Nebel, der ihn verhllte, als wollte er
ihn fr immer von der Welt ausschlieen. Hatte er denn den Becher
Djemschids, auf dessen Rand sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
malt, nur an die durstenden Lippen gesetzt, um nun fr sein ganzes Leben
mit ungestilltem Verlangen nach einer Labung aus demselben zu
schmachten? Mit welch' ganz andern Gefhlen, mit welch' schnen
Hoffnungen fr sein Erdenleben wandelte er auf den Schweizerbergen, an
den Ufern der Strme des Vaterlandes! des Vaterlandes, aus dem er nun
vielleicht fr immer fortgebannt war, vergessen auf einer von trben
Meeresfluten umflossenen Scholle, hingegeben jeder Entsagung und
Entbehrung! Er ging hinaus an das Ufer. Er schaute sehnschtig in die
Nebel hinein, als knne sein Auge sie durchdringen, und den Gedanken
folgen, die ber das Meer hinflogen und ber Berg und Thal schweiften.
Seine Sehnsucht wurde zum Liede, das wie ein langer Seufzer sich aus den
Tiefen seiner Brust losrang:

   Schwebt hinber, Trauertne,
   Grt den heimatlichen Strand;
   Grt das liebe, wunderschne,
   Heil'ge, deutsche Vaterland.

   Grt, wo ber Thal und Hgel --
   Hell des Jgers Horn erschallt,
   Wo der blaue Wellenspiegel
   Um die Fischerbarke wallt.

   Grt, wo die Lawinen toben
   In des Staubbachs Silberduft,
   Ach! wie drngt das Herz nach Oben,
   Nach der Berge Himmelsluft;

   Wo mit brutlich schnen Krnzen
   In der Abendrte Glhn,
   Jungfrau, Deine Scheitel glnzen;
   Knnt ich dahinber ziehn!

   Oder hin zum Strand der Saale,
   Wo der Tannen schwankes Dach
   Wlbt sich ber Heldenmale,
   Die der Zeiten Sturm zerbrach.

   Allenthalben an der Elbe,
   An der Donau und am Rhein,
   Ist mein Vaterland dasselbe,
   Wert der Deutschen Land zu sein.

   Reich an Reben, reich an Eichen,
   Felsenkrftig, blumenmild,
   Malt es rings in treuen Zeichen
   Seines treuen Volkes Bild.

   Schwebt hinber, Trauertne,
   Grt den heimatlichen Strand,
   Alle Lust und alles Schne
   Blieb zurck im Vaterland.

   Ach! vergebens wecken Klagen
   Die verhaltnen Schmerzen nur,
   Keine milden Lfte tragen
   Sie zur heimatlichen Flur.

   Mich umrauschen Meereswogen,
   Nebel hllen meinen Blick;
   Meine Gre sind verflogen, --
   Keine Antwort kommt zurck!




                                XXII.


   Nur das Heute ist das Alte,
   Jede Morgenrte weiht
   Uns fr eine neue Zeit,
   Und wer sagt uns, wie sie walte?

Godber war bald nach der Abreise der Fremden auf die Hallig
zurckgekehrt und lebte einsam in seiner Wohnung. Wenn man ihn sah,
schlich er trbsinnig und in sich gekehrt dahin und vermied mit
ngstlicher Scheu jede Anrede. Sein Haus und seine Werfte waren whrend
seiner langen Abwesenheit und nach dem Tode seines Vaters ganz
verfallen; er aber that Nichts fr die versumte Ausbesserung und schien
es nicht zu beachten, da die Fluten in den strmischen Weihnachtstagen
groe Beschdigungen anrichteten, die seinen Aufenthalt sehr unsicher
machten.

Hold kam oft zu ihm und versuchte es, ihn zu neuer Lebenshoffnung zu
erheben. Er erzhlte viel, so wenig auch Godber solche Gesprche zu
lieben schien, von Maria's frommer Ergebung in den Willen des Herrn, von
der Ruhe, mit welcher sie ihr knftiges Geschick erwarte, von der Gte
ihres Herzens, die keiner Beleidigung lange gedenke. Er suchte, ohne
geradezu Godber's Verhalten zu entschuldigen, doch Alles auf, was es in
einem mildern Lichte erscheinen lassen konnte, und wies hin auf die
erbarmende Liebe Gottes, die uns nicht umkommen lt unter der Brde des
bsen Gewissens.

Als er eines Tages auch wieder so sprach, erhob sich Godber, der bisher
ihn schweigend angehrt, von seinem Sitze, trat vor ihn hin, blickte mit
starren Augen ihn an und sprach mit einer Stimme, die feierlich und
schauerlich klang:

Wird der Gott, den Du verkndest, auch jene Nacht wieder ungeboren
machen, in der ich das Steuer des Schiffes verlie, um _Die_ zu retten,
um deretwillen ich ein doppeltes Gelbde brach? Wird Er, wie Er Maria's
verwundetes Herz zu heilen verstand, auch den schnen Bau wieder
zusammenfgen, der durch mich zu einem elenden Wrack geworden ist. Wenn
Du in blinder Leidenschaft Deine Kirche angezndet, wrdest Du das so
leicht vergessen, da Du meinest, ich sollte vergessen, was ich an dem
Schiff gesndigt? Wird Gott auch die drei Toten dort aus ihrer Gruft
in's Leben zurckrufen, da ich es von ihnen wieder hre: >Godber ist
ein braver Steuermann!< ohne ein Hohngelchter der Hlle daneben zu
hren?

Hold erbebte sowol vor dem irren Ausdrucke in Godber's Zgen und Worten,
als vor der Entdeckung einer nicht geahnten Brde auf dem Gewissen des
Jnglings. Godber aber fuhr fort:

Du zitterst vor solchem Verbrechen und hrst es doch nur, und ich, der
es gethan, sollte nicht zermalmt werden unter seiner Last? Fr mich ist
keine Hlfe mehr!

Mit weicherer Stimme, deren leises Beben den Uebergang aus starrer
Verzweiflung in eine wehmtige Rhrung bezeugte, setzte er nach einer
kleinen Pause hinzu:

Und kannst Du mir auch Maria brutlich froh in den Arm legen, Du kannst
nicht sagen: dieses Auge hat nicht um Deinetwillen geweint; dies Herz
hat nicht um Deinetwillen geblutet; an der Treue des Halligsohnes haftet
durch Dich kein Makel. Maria hat nur meine Schuld zu vergessen. So ein
Vergessen ist leicht. Ich soll mich selbst vergessen. Da mu der Tod
helfen. -- Und _der_ kann ja auch nicht helfen, schrie er entsetzt auf,
denn droben ist das Gericht!

Damit schlug er beide Hnde vor's Gesicht und sank in dumpfem Brten auf
seinen Sitz zurck.

Hold bedurfte einiger Zeit, um sich zu sammeln, dann trat er vor Godber
hin und sagte:

Ich will nicht mit Dir reden von dem Schiffe; nicht Dich darauf
aufmerksam machen, wie Deine Kunst und Erfahrung es doch vielleicht
nicht htte retten knnen; wie viel wahrscheinlicher Euer Aller Tod bei
solchem Versuch gewesen wre, whrend nun fnf Menschen Dir ihr Leben
verdanken. Ich will aber reden von dem Amte, das die Vershnung predigt.
-- Wir sind allzumal Snder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott
haben sollen. So wir mit aufrichtigem Herzen prfen unser Selbstwerk,
mssen wir bekennen, da wir nicht bestehen knnen vor dem heiligen und
gerechten Gott, mssen bekennen, da unter dem Licht und Gericht des
gttlichen Gesetzes unsere Tugend wie ein Schattenbild zerfliet, und
dagegen unsere Uebertretungen wachsen wie Wogen, die ber unser Haupt
zusammenschlagen. Vor dem Worte: >Ihr sollt heilig sein, denn Gott ist
heilig!< vor der Wahrheit: >Ihr sollt Rechenschaft geben auch von jedem
unntzen Worte, das aus Eurem Munde gegangen ist!< bestehet keine
Entschuldigung, kein Vorwand, keine Rechtfertigung. Unsere Schwachheit
ist Lge, denn sie ist eine Frucht des Lgengeistes, der uns Gottes
Gesetz verfinstert und entstellt, der diese Macht aber nicht haben
wrde, wenn wir sie ihm nicht selber gegeben, dadurch, da wir die bse
Lust in uns wuchern lieen. Was wir Verfhrungen und Versuchungen
nennen, sind blos Antworten von Auen her auf die Lockstimmen der Snde
in unserm Innern. Wer das >Heilig< nicht in seiner ganzen Bedeutung
nimmt, als eine vllige Reinigung unseres Sinnes und Wandels von allem
ungttlichen Wesen und den weltlichen Lften, als eine vollkommene
Verklrung vom Kinde des Staubes zum Kinde Gottes in allen Gedanken,
Worten und Werken, der wei noch gar nichts von Gott und seinem Willen
und unserer Berufung auf Erden, und meint noch teilen zu knnen zwischen
Gott und dem Mammon; whrend alle Halbheit und Lauheit vor Gott ein
Greuel ist, whrend, wer das Gesetz hlt und sndigt an einem, des
ganzen Gesetzes schuldig ist. Von solcher Strenge haben wir keine Macht,
uns Etwas nachzulassen, und Gott selber hat nicht die Macht, denn Er ist
heilig!

Godber rang die Hnde und schluchzte laut:

Fr mich ist keine Hlfe mehr!

Hold aber fuhr fort:

So wir nun solches zu Herzen nehmen, knnen wir nicht mit Freudigkeit
weder vor Gott treten, noch mit Freudigkeit Sein Gesetz erfllen. Denn
zwischen Ihn und uns wird sich unsere Snde legen und eine dunkle
Scheidewand, die uns ausschliet von allem Trost und allem Hoffen; und
unser Versuch zur Aenderung des Sinnes und Wandels mu scheitern, weil
die Snde, die einmal mchtig geworden ist in uns, nur in schweren
Kmpfen berwunden wird; zu solchem Kampfe aber Freudigkeit zu Gott und
Liebe zu Ihm gehren, die wir nicht haben, so lange unser beladenes
Gewissen nur zeugt von dem Richter der Lebendigen und der Toten.

Er hat schon gerichtet! rief Godber.

Wir mssen das alte Gewand ausziehen und ein hochzeitliches Kleid
anziehen knnen. Wir mssen die Last von uns werfen und leichten Herzens
ein neues Leben beginnen knnen. Wir mssen die Traurigkeit von uns thun
und in Freudigkeit zum Himmel aufschauen knnen. Ein solches Knnen
liegt aber nicht in unserer Macht. Wollen wir es aus eigener Macht
versuchen, da werden wir den kurzen Flgelschlag des frohen Entschlusses
bald wieder gelhmt fhlen durch das Gedchtnis der ungeshnten Schuld.
Wir knnen aber uns selber Nichts vergeben, auch den geringsten
unlautern Gedanken nicht; denn wir stehen nicht unter unserm Gesetz und
Gericht, sondern unter Gottes Gesetz und Gericht.

Ich wei es! Ich wei es! sthnte Godber.

Hold aber fuhr mit erhobener Stimme fort:

Wir bedrfen _Gottes_ Vergebung. Nicht aber in einem bloen Ahnen,
Meinen, Hoffen, sondern in einer Zuversicht, welche die Pforten der
Hlle nicht berwltigen. Und nun, Godber, die Zeit ist erfllet, die
Nacht ist vergangen und der Tag ist herbeigekommen! Es ist kund geworden
auf Erden das groe Geheimnis der Erlsung: Gott war in Christo und
vershnte die Welt mit Ihm selber! Empor, Du mde, sndenvolle Seele!
Empor! Denn Freude ist im Himmel ber einen Snder, der Bue thut. Das
ist kein Wort, das trostbedrftige Sehnsucht dem Menschen eingab; dann
wre es nichts ntze, htte keinen Halt wider die ewig neuen Anlufe des
anklagenden Gewissens. Es ist das Wort Dessen, der vom Vater kam, um vom
Vater zu zeugen, und es stehet fester, als die Veste des Himmels. Der
Herr spricht, der Herr, dessen Wort nicht Sein Wort, sondern De, der
Ihn gesandt; der Herr spricht, und durch Ihn der Richter der Lebendigen
und der Toten: >Sei getrost, Deine Snden sind Dir vergeben!< So thue
auch Du, Godber, Deine Brust auf, und la die Liebe, die anklopfet mit
solchen Stimmen an Deines Herzens Thore, mchtig werden, wo das Gericht
mchtig war. Wirf hin Deine Last und Brde und tritt freudig an die neue
Bahn, als wrest Du heute neu geboren und die Vergangenheit nicht Dein.
Gedenke ihrer nur, um immer in der Demut zu bleiben die sich Nichts
dnket mit eigenem Verdienst und eigener Gerechtigkeit, um im lebendigen
Eifer zu bleiben nach der Krone der Vollendung in aller Heiligung des
Sinnes und Wandels, um die Snde zu verabscheuen, die so unselig macht,
wie Du es erfahren, um die Gnade des himmlischen Vaters, der so groe
Dinge fr Dich gethan, in Freude, Friede und Seligkeit bis an Dein Ende
zu preisen. Aber gedenke der Vergangenheit nicht Dir zum Fluch, sondern
zum Segen; wie Gott ihrer nur gedenkt, um Dich aus ihr heraus
einzufhren in das Reich Seiner Segnungen und Verheiungen.

Godber war tief ergriffen von Hold's Worten, und wenn sie ihm auch nicht
die Ruhe zurckgeben konnten, die von ihm gewichen war, so dienten sie
doch dazu, das Auge wieder mit einem, wenn auch nur kurzen und scheuen,
doch suchenden Blick nach oben zu lenken, durch den Sturm der
anklagenden Stimmen ein leises Wehen, wie vom Friedenslande her,
durchzittern zu lassen und heie Thrnen hervorzurufen, in welchen die
verzehrende Flamme der Reue gleichsam einen Ausweg fand und darum an
sinnverwirrender Macht ber ihn verlor. Er fate Hold's Rechte, beugte
sein Haupt herab und drckte seine heie Stirne auf die Hand des Mannes,
dessen guten Willen, ihm ein Fhrer aus seinen Nchten heraus zu sein,
er nicht verkannte.

Der Unglckliche aber, der den guten Willen, ihn zu trsten, dankbar
erkennt, der ist auch schon auf dem besten Wege, sich trsten zu lassen.

Von Tag zu Tag gelang es nun Hold sichtlicher, Godber's Gemt mehr zu
beruhigen. Dadurch, da er -- von der anfnglichen schonenden Weise
zurckgekommen, -- dessen Betragen in den letzten Monaten mit eiserner
Strenge beurteilte, hatte er des selber sich so streng Verdammenden
Vertrauen ganz gewonnen und damit ihn zugleich zu den Fen des Erlsers
gedrngt. Denn der Weg nach Golgatha geht nur ber den Sinai, und wer
auf freundlicheren Umwegen dahin will, der bleibt auf halbem Weg stehen
und findet darum auch nur einen halben Frieden, der keiner einsamen,
ernsten Stunde, keiner wahrhaftigen Selbstprfung gewachsen ist.

Zugleich aber wandte Hold nun fter die Gesprche auf zeitliche Dinge,
machte Godber aufmerksam auf den schlechten Zustand seiner Werfte, auf
die bisherige Vernachlssigung seiner kleinen Heerde, gab ihm Rat und
fragte ihn um Rat bei kleinen huslichen Arbeiten und weckte ihn
dadurch zur Thtigkeit und zur Teilnahme fr die gewhnlichen
Lebensverhltnisse. So glaubte er denn vllig den Sieg gewonnen zu haben
und der Ausgleichung der unglcklichen Trennung zwischen Godber und
Maria nahe zu sein. Aber hierin fand er einen unerwarteten Widerstand.
Jede Hindeutung auf die Wiedervereinigung Beider ward lebhaft
zurckgewiesen.

Ueber die ewige Halbheit! sagte Hold endlich rgerlich. Da hat nun
der liebe Vater im Himmel Alles gethan, da Seine Kinder sich freuen
sollten der Erde und ihrer guten Gaben; hat uns in Seiner Gnade
geholfen, los zu sein von dem bsen Gewissen, verlangt keine Bue und
kein Opfer mehr, sondern will, da wir in Erkenntnis und Erfahrung
seiner unendlichen Liebe nun auch froh und selig wandeln unter dem
Himmel und kindlich annehmen und genieen, was Er uns darreicht aus
Seiner Flle. Kinder will er haben, die offnen und empfnglichen Herzens
sind fr Seine Liebe, nicht fr die Liebe allein, die da redet mit
Orgelklang, sondern auch fr die, welche locket mit Fltentnen. Kinder
will Er haben, die sich freuen nicht allein Seines Himmels, sondern auch
Seiner Erde, die nicht allein danken dem Vater in der Hhe, der Seinen
Trost ausgiet ber die Mhseligen und Beladenen, sondern auch dem Vater
hinieden, der da wandelt unter den Glcklichen und lieb hat die Herzen,
die ihm danken, da Er ihre Wallfahrt so reich machte an heiterm
Sonnenschein und lieblicher Bltenflle. Und wir? Wir wollen uns ein
Verdienst daraus machen, da wir fort und fort ben, und gefallen uns
darin, Seiner Gte fr diese Zeit zu entsagen, als knnten wir dadurch
irgend einen Anspruch auf Seine Verheiungen in der Ewigkeit erwerben.
Das ist die falsche Scham, die sich schmet, Alles aus Seiner Hand zu
nehmen; die ein Selbstwerk hinzuthun will zu dem Gotteswerk der
Erlsung, der der frohe Glaube und die kindliche Liebe und die
Heiligung, die aus solchem Glauben und solcher Liebe, wie die Frucht aus
der Blte, hervorgeht, nicht genug sind; sondern die in der Verschmhung
der Freude an Gottes Werken und Gottes Gaben hienieden noch ein
vermeintlich verdienstliches Opfer darbringen will!

O nein, rief Godber, das ist es nicht! Und habe ich auch wol frher
dergleichen gedacht, Sie haben mich lngst geheilt von dieser
krankhaften Demut, die eine Tochter des Stolzes ist. Aber -- Maria wird
nie an meiner Brust glcklich werden. In jeder Wolke, die meine Stirne
trbt, wird Idalia vor ihr stehen; aus jedem Gedanken, dem ich achtlos
nachhnge, wird sie diesen Namen herauslesen. Von bangen Trumen in
ihrem Schlummer gestrt, wird sie meine Trume belauschen, und ich werde
an ihrer Seite in der bestndigen Furcht wandeln, ihren Zweifeln an
meiner Liebe einen, wenn auch unschuldigen Anla zu geben. Es wre ein
Anderes, wenn wir uns vorher nie gekannt htten; aber ein Treubruch lt
immer einen Stachel zurck, den oft die aufmerksamste Liebe nur tiefer
drckt, weil sie dem einmal so bitter Getuschten als Berechnung
erscheint!

Hold wute hierauf nicht Viel zu erwidern, und vielleicht hatte Godber
Recht. Wenigstens machte Hold die Bemerkung, da Maria wol Aehnliches im
Sinne tragen mochte; denn auch sie warf jede Hindeutung auf
Wiederherstellung des frheren Verhltnisses mit einem Kopfschtteln
weg, das bei der jetzigen Lage der Dinge kaum dem Zweifel an Godber's
Werbung um ihre Hand gelten konnte. Im Uebrigen war in ihrem ganzen
Wesen ein so kindlich heiterer Friede, da wer, unbekannt mit ihren
bittern Erfahrungen, sie sah, fr die Unbefangenheit einer
hoffnungsvollen Jugend halten mute, was die Frucht vlliger Ergebung in
den Willen des himmlischen Vaters und der Spiegel eines gottseligen
Herzens war.

La uns von der Zeit, sagte Hold zu seiner Gattin, die Lsung dieses
Knotens erwarten!

Von der Zeit? Ja, wenn die Zeit nur unser wre!




                                XXIII.


   Und solche Nacht, die bleibt im Leben
   Ein Denkmal, das auf Felsen ruht;
   Der Schein, den sie in's Herz gegeben,
   Verlischt in keiner Thrnenflut.

So kam der dritte Februar 1825 heran. Wir stehen in der nachfolgenden
Erzhlung wieder fast ganz auf dem Boden der Geschichte, deren Schuld es
ist, wenn Manches dem Leser als zu khnes Gemlde der Phantasie
erscheinen sollte, was doch nur die Erfahrung an die Hand gab. Es ist
gerade da, wo die Begebenheiten in's Gebiet des Wunderbaren
hinberstreifen, am sorgsamsten darauf gehalten, nur die ungefrbte
Thatsache zu geben, und deswegen auch der Stoff fr die folgenden
Schilderungen allein aus der Geschichte jener furchtbaren Nacht der
Trbsal in der Gemeinde des Verfassers genommen.

Heftige Strme aus Nordwesten trieben die Fluten ber das Land hin, so
da selbst bei der Ebbe die Hallig vom Meere bedeckt blieb. Doch gewhnt
an solche Strme, und ihre Kraft und Richtung vergleichend mit frheren,
glaubten die Halligbewohner diesmal Nichts zu frchten zu haben, und
whrend die Wogen an die Werften heranbrausten und die Htten
erzitterten vor dem Anprall der Windsbraut, legten die Meisten am frhen
Abend sich ruhig nieder. Hold sa noch etwas spter auf, beschftigt mit
einer literarischen Arbeit. Seine Gattin, die in einigen Monaten zum
zweiten Male Mutter zu werden hoffte, schlummerte sanft in der
Nebenkammer an der Seite ihrer Erstgeborenen.

Da trat zu Hold's Erstaunen Maria leise in's Zimmer.

Das Wasser steigt hoch, sagte sie mit bebender Stimme.

Wie! rief Hold, und dmpfte aus Besorgnis fr die Ruhe seiner Frau
schnell den Ausruf des Schreckens: Gegen zwei Uhr ist erst Flut! Jetzt
ist es kaum zehn!

Und schon ist beinahe die ganze Werfte bedeckt, fuhr Maria fort.
Schon schlagen einzelne Wellen an Godber's Wohnung hinauf, schon hat
sich die eine Seite derselben gesenkt. Aus meinem Fenster sah ich ihn
vor der Thr. Er blickte so starr nach mir herber.

Hold war schnell aufgesprungen und trat mit Maria vor die geffnete
Hausthr.

Ein wahrhaft blendender Mondschein go sein Licht ber das Meer aus, das
mit vollen, breiten Wogen schumend und rauschend, in dunklen Thlern
und leuchtenden Hhen wechselnd, sich um die einzelnen Wohnungen
gleichsam ber sich selber ausschpfte, als wollte ein Meer das andere
berfluten.

Gott sei unserer armen Seele gndig in dieser Nacht! rief Hold, und
blickte unwillkrlich zurck in dem Gedanken an seine Gattin. Da stand
diese schon hinter ihm, und mit einer Fassung, wie sie gerade bei dem
weiblichen Geschlecht in Stunden der hchsten Gefahr fast fter gefunden
wird, als bei Mnnern, sagte sie, indem sie den Arm um seinen Nacken
schlang:

Wir sterben doch zusammen, Du und ich und unser Kind. Ich bleibe nicht
allein zurck, wie damals, als nur Dich diese Wogen bedrohten!

In demselben Augenblick brach ein Teil von Godber's Wohnung hinab in die
Flut, und es war vorauszusehn, da der jetzt schon so deutlich werdende
schlechte Zustand der Werfte bald den vlligen Untergang des Hauses und
den schnellen Tod seines Bewohners herbeifhren wrde. Godber aber
schien, obgleich manche zu seinen Fen brandende Woge ihn mit ihrem
Schaum hoch bespritzte, ganz unempfindlich fr die Gefahr. Noch stand
er, im klaren Lichte des Mondes fast bis zu den Zgen seines Antlitzes
kenntlich, auf derselben Stelle, wo Maria ihn zuerst gesehen; aber sein
Blick war nicht mehr auf Hold's Wohnung gerichtet, sondern starrte nach
der Seite hinaus, wo der Kirchhof lag, von dem freilich kaum mehr der
uerste Kamm des ihn umgebenden Walles dann und wann noch sichtbar
wurde. Da ein Fach seiner Wohnung niederbrach, strte ihn nicht auf.
Maria rief aus angstgepreter Brust ihm zu. Er hrte es nicht. Da -- war
es ein zuflliges Ausgleiten auf dem glatten Rande der vom Wellenschlag
gepeitschten Werfte, war es bedachter Versuch zu Godber hinzudringen, --
sank Maria in die Flut hinab und tauchte in der nchsten Minute schon
gegen zwanzig Schritt von der Werfte aus dem schumenden Berge einer
Woge auf und glitt dann wieder in dem langen dunklen Bogen der folgenden
Welle fort.

Der Schrei des Entsetzens von den Lippen Hold's und seiner Gattin weckte
Godber aus seinem Brten. Sein Blick flog rasch ber die Fluten hin in
der Richtung, die ihm der gellende Angstruf gegeben, und in demselben
Augenblick rauschte die Welle, die Maria trug, wieder empor, und in dem
glnzenden Schaumgewlk ihres Absturzes zeigten sich die hocherhobenen
Arme und der Kopf der Jungfrau. Da strzte Godber hinein in die rollende
See, mit schneller Besonnenheit die Bewegung der Flut ermessend, die
glcklicherweise fast gerade auf seine Werfte zutrieb. Einen langen
Bootshaken hatte er eben in der Hand gehabt, um sich damit gegen den
wtenden Sturm festzustemmen, und dieser diente ihm nun zu einem
Ankerhalt in dem Kampfe mit den tobenden Wasserbergen, denen seine
Krfte nicht gewachsen waren, whrend er, wo seine Kraft ausreichte
seinem Ziele in schrger Richtung entgegenstrebte. Und siehe! da er eben
aus dem ihn hochberdeckenden Strudel einer abbrechenden Woge
aufathmete, scho von dem Schaumrande der nchsten Wassermauer vor ihm
eine dunkle Gestalt herab und schwebte, von der neuen Welle getragen,
ihm entgegen, und -- in wenigen Augenblicken stand Godber wieder auf
seiner Werfte. Maria hing wie leblos in seinem Arm.

So weit waren die ngstlichen Blicke Hold's und seiner Gattin den
Bewegungen Beider gefolgt, jetzt erinnerte aber eine hochrauschende
Woge, die die Hausflur bersplte, sie daran, die ntigen Vorkehrungen
fr die eigne Rettung zu machen. Hold schlo alle Fensterlden fester
und verriegelte die Hausthr. Die besten Schafe htten auf den Boden
gebracht werden sollen, aber dazu sahen sich Beide ohne anderweitige
Hlfe unfhig. Daher wurden nur sonstige wertvolle Dinge, die leichter
zu transportieren waren, hinaufgebracht, und um ihr Kind nicht oben der
Klte ohne Not auszusetzen, und um bereit zu sein, wenn vielleicht durch
kleine Nachhlfe die Thren gegen die heranbrechenden Fluten haltbarer
gemacht werden knnten, entschlossen sie sich, so lange als mglich
unten zu bleiben. Wol fingen bald leichtere Gegenstnde um sie her zu
treiben an, da die Zugnge in's Haus nicht gegen die dasselbe umgebende
Wassermasse ganz verstopft werden konnten; aber doch war dem wogenden
Element noch kein solcher Zugang geffnet, der demselben eine
zerstrende Macht ber das Inwendige der Wohnung gegeben htte. Nur
hatte die Pastorin fr jeden Fall ihr Kind in den Arm genommen, das nach
einem schlfrigen, aber freundlichen Blick auf die Eltern ruhig
fortschlummerte. Diese sprachen wenig, sondern saen neben einander auf
dem schweren Eichentisch, der ein Erbstck des Pastorats wol schon fter
die See um sich her gehabt hatte, und drckten bei jedem Wogenschlag,
der die Grundfesten des Hauses erschtterte, sich fester an einander. In
der nchsten halben Stunde trieben schon alle Koffer und Kasten im
ganzen Hause, und das Wasser stand an dem Rande des Tisches. Da muten
sie sich entschlieen, ihren Platz zu verlassen, um der Bodentreppe
zuzuwaten. Allein ehe sie diese noch erreichten, schlug es wie mit
gewaltigen Donnerschlgen gegen die Thr an der Westseite des Hauses;
diese brach zugleich mit einem ganzen Fachwerk der Mauer ein, und das
Vorderende eines mchtigen Balkens drang mit einem rasenden
Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren Anprall die
Bodentreppe. Im starren Schreck standen die Unglcklichen einige Minuten
regungslos und athemlos; sie umklammerten sich fest und bargen die
todesbleichen Gesichter Einer an des Andern Brust. Da hrten sie laute
Klagetne neben sich, und aus dem Halbdach, das jener Balken hinter sich
schleppte, und das in dem Augenblick in Trmmer zerri, wurde der
Nachbar, dessen Werfte nur in einem geringen Abstande vom Pastorat lag,
mit seiner Frau auf das erschreckte Paar hingeworfen.

Mein Kind, mein Kind! schrie die Nachbarin mit dem herzzerreiendsten
Jammer, als sie sich von der ersten Betubung erholte. Ach! das Kind war
auf eine Heudieme festgebunden, da der Vater den Sturz seines Hauses
vorausgesehen, und die armen Eltern wuten nicht, ob es von dem Fall der
Mauer zerschmettert sei oder mit dem Heu in den Wogen treibe.

Mein Kind, mein Kind! schrie die Mutter wieder und wieder, und der
Vater jammerte mit ihr. Beide vergaen, da sie, wenigstens fr den
Augenblick, gerettet, Beide vergaen, da die nchste Minute auch sie
als Opfer der tobenden See auf schumenden Wellen forttreiben knne.

Die Lage der Armen ward zur furchtbarsten Angst gesteigert. Um sie her
fluteten die Wellen mit schrecklicher Gewalt, schlugen nach und nach
alle Seitenmauern im Innern des Hauses ein, warfen sich mit rasendem
Spiel die schwersten Lasten wie leichte Federblle zu, und jeden
Augenblick in Gefahr, von den umhergeschleuderten Massen zerschmettert
zu werden, standen die schon halb dem Tode Verfallenen vor der offenen
Bodenluke, von der eine lngere Lebenshoffnung wie neckisch
herabschaute, da keine Stiege mehr hinauffhrte. Einige Erleichterung
gewhrte es ihnen, da ein Teil der Mauer an der dem ersten Einbruch
entgegengesetzten Seite jetzt niederstrzte, whrend gerade hinter ihnen
die Wand noch fest hielt. Nun trieben doch wenigstens die bisher ohne
bestimmte Richtung umhergeschleuderten Kisten, Balken und Mauerstcke in
wildem Gedrnge diesem Ausgang zu, und sie hatten bald nur allein mit
den immer hher schwellenden Wogenstrzen zu kmpfen, da nur noch nackte
Pfhle um sie her waren. Wre die Wand hinter ihnen gebrochen, dann
freilich htten die Wellen auch sie hinausgerissen in die weite Tiefe.
Doch immer hher und hher stieg die Flut, und immer gewisser ward der
Untergang, auch wenn jene Wand nicht nachgab, da kaum mehr die hchste
Anstrengung die Unglcklichen aufrecht zu halten vermochte, und keine
Mglichkeit da war, auf den Boden hinaufzukommen; und schon schlugen
einzelne Wellen ber ihr Haupt hin; und Hold's Gattin mute das weinende
Kind, das sie selbst nicht ihrem Manne abgeben wollte, hher halten, um
es vor dem Ertrinken im Arm der Mutter zu bewahren.

Aber lange vorher, ehe solche Gefahr von einem Sterblichen geahnt werden
konnte, war die Hlfe schon bedacht und bereitet. Das Weinfa, das
Mander ihm aufgedrungen, schlug, da vermutlich die Wasser den Grund, wo
es gestanden, untergraben, von einer schweren Woge gefat, vorne ber
und stand aufrecht gerade vor der so sehnsuchts- und verzweiflungsvoll
angestarrten Oeffnung im Boden. Auf diesem Fasse retteten sich die mit
neuer Hoffnung nun Beseelten nach Oben. Welche Zuflucht aber? Ein vom
Sturm schon hie und da zerrissenes Dach auf schwankenden, von jedem
Wellenschlag erschtterten Pfhlen. Rings um und unter sich den emprten
Ocean, dessen Wellen ihren Schaum oft hoch ber das zitternde Obdach
hinspritzten und reiche Wasserstrahlen durch die Lcher desselben
hereingossen. In dieser, gegen die frhere unten im Hause ruhigeren Lage
sank Hold's Kleine wieder in ihren sanften Schlummer und wurde selbst
nicht von den heien Thrnen erweckt, die aus den Augen der Mutter auf
die teure Brde in ihren Armen herabfielen; aber die Nachbarin erwachte
hier aus ihrer dumpfen Hingebung und jammerte von Neuem laut um ihren
Sohn. Jetzt strzte die Kirche, die mit Hold's Wohnung, wie schon
erwhnt, ein Haus ausmachte, zusammen. Es wrde Allen unbemerkt
geblieben sein, da im Heulen des Sturmes und im Brausen der Wellen, wie
im Knarren und Krachen aller Fugen des Geblks auch selbst des Himmels
Donnerschlge aus dem betubenden Gemisch von Tnen nicht heraus gehrt
worden wren, wenn nicht mit dem Sturz der Kirche auch an zwei Seiten
das noch bisher das Obdach tragende Pfahlwerk weggerissen, und somit
nicht allein der Bodenraum auf ein paar schmale Bretter mit einigen
Sparren ber sich, um welche das Ried des Daches in Fetzen flatterte,
beschrnkt worden, sondern auch eine freie Aussicht nach Norden und
Osten hin gegeben wre.

Welche Aussicht! Ein weites unbersehliches Wogenfeld, das bald zu einem
Bogen sich vor ihnen auftrmte, der ihre Zuflucht mit seiner mchtigen
Last mit einemmale niederzumalmen drohte, bald in einem tiefern Zuge
darunter hinschumte, als wollte es dieselbe hoch in die Luft drcken
und in fliegende Trmmer aus einander sprengen. Dabei jagten sich
Balken, Bretter, Kisten, Betten, Wiegen, tote Schafe durcheinander,
gleichsam in ngstlichem Wetteifer, wer zuerst eine Ruhesttte hinter
den Deichen des festen Landes erreiche, die vom Sturm und Wellenschlag
gebotene Richtung verfolgend. Aus diesem Gewirre, welches das Schicksal
auch der brigen weiter nach Nordwesten gelegenen Halligen beurkundete,
tauchte dann und wann eine Gestalt auf, die den aller Lebenshoffnung
Entsagenden ihr eignes Schicksal in einem schauerlichen Bilde malte. Das
grelle Licht des Mondes breitete einen frchterlich hellen Schein auf
dies Schreckensgemlde, als htte die Nacht darum des Tages Schimmer
geborgt, um mitleidlos dem Menschen kein Entsetzen zu ersparen. Von den
Husern der Hallig htte nur Godber's Wohnung von der offenen Seite
gesehen werden knnen, und diese war verschwunden. Doch sieh! standen
nicht dort zwei Gestalten eng umschlungen, gleichsam nur von der
Brandung getragen, denn kein fester Punkt war zu sehen, worauf die Fe
hafteten. Es waren Godber und Maria. Mit bermenschlicher Kraft schien
er sich gegen Sturm und Wogendrang zu stemmen. Er bog sich bald dem Sto
der tollen Windsbraut entgegen, da mit ihr die Wasser ganz ber ihn
hinrauschten, bald hob er sich und die Jungfrau in seinem Arm wieder
empor, um aus dem Wogenschwall herauszuatmen zu neuen Anstrengungen.
Aber vergebens! Der Stand unter seinem Fu -- war es ein Mauerwerk, war
es Geblk, -- hielt nicht lnger. Eine frchterliche Woge rauschte wie
ein gieriges Meerungeheuer heran, und einen Augenblick schwebten Godber
und Maria, ein vereintes Paar, als wrden sie so gen Himmel gehoben,
noch ber den Wassern und hinauf bis zu dem uersten Hhenschaum der
langgestreckten Woge; dann sanken sie hinab in den brausenden Strudel,
aus dem keine Rettung mehr mglich. Ueber diesen Anblick hatten die,
welche Zeugen des Unterganges der Liebenden waren, ihre eigne Gefahr
eine Zeit lang vergessen; aber jetzt dachten sie wieder an sich selbst
zurck, wie Leute, die den Tod, den sie selber erleiden mssen, an
andern sahen, und die nun die Nchsten in der Reihe der Opfer sind.
Furcht vor dem Tode war nicht mehr das vorherrschende Gefhl, obwohl bei
jeder starken Erschtterung des schwankenden Asyls diese Furcht mit dem
Beben der schauerlichen Erwartung des letzten Augenblicks durch Geist
und Gebein flog. In den kurzen Momenten der Erwartung eines neuen
Todesboten ging die gewisse Aussicht des Unterganges beinahe in
Hoffnung, ja in Sehnsucht auf baldige Erlsung aus der Schreckensstunde
durch ein schnelles Ende ber. Nur lenkte Godber's und Maria's Versinken
in die Fluten die Gedanken der Nachbarin wieder auf den Verlust ihres
Kindes, von dem sie auch nicht anders erwarten konnte, als da es zum
Spiel der Wellen eine Leiche auf dem Meere treibe; und ihr Jammer wurde
von Neuem laut. Da verfinsterte sich die Aussicht, als zge eine dunkle
Wolke vorber. Es war eine Heudieme, die noch von dem Flechtwerk, an
welchem von beiden Seiten schwere Lasten herabhingen, zusammengehalten
wurde, nun aber an einen vorragenden Balken hinangeschleudert,
berschlug und aus einander ging. Der obere Teil scho unter das Dach,
und berschttete die auf dem Boden liegenden mit nassen Heuhaufen. Und
siehe! zu den Fen der Mutter lag ihr lngst verloren gegebenes Kind
lebend und unverletzt! O, wer fat die Wonne der Eltern. Mit tausend
Kssen bedeckte sie den Knaben, mit Lob und Dank feierten sie des Herrn
Gte und Barmherzigkeit. Jeder Gedanke, da der Tod Allen noch immer
gleich nahe sei, war verschwunden. Selbst Hold und seine Gattin hob die
Teilnahme an der Freude der Eltern zu einer vlligen Vergessenheit der
gemeinsamen Lage; und htte in diesem Augenblick das leichte Geblk dem
Sto der Wellen nachgegeben, sie wrden mit einander, noch voll von der
Wonne des Entzckens ber die Rettung des Kindes, von den Fluten bedeckt
worden sein. Als die Gedanken an die durch jene Rettung nicht
verminderte Gefahr zurckkehrten, war diese schon vermindert. Der Sturm
tobte nicht mehr so heftig und snftigte sich mit jeder Minute. Die
Wogen gossen nicht mehr so gewaltige Massen ber das gebrechliche Dach
aus und rauschten bald nur noch darunter hin. Doch wurde der Jubel der
mit neuer Lebenshoffnung Erfllten dadurch sehr gemigt, da die
Sttzen der wenigen Querbalken und Bretter, durch die sie ber der Tiefe
gehalten wurden, jetzt kaum mehr auch den kleinsten Sten und Schlgen
gewachsen schienen, sondern heftiger als vorher schwankten und in ihre
Fugen sich mehr und mehr lsten; ja da mit dem Rckgang der Flut der
Grund, auf dem die tragenden Stnder ruhten, in groen Brchen abfiel
und daher die eine Seite des kleinen Bodenraums sich so sehr neigte, da
es den Bedrngten nur durch das Umklammern der einzeln stehenden Sparren
allein mglich ward, sich noch eine Zeit lang auf den schrgen und
glatten Brettern zu halten. Das Meer aber schlug noch mit einzelnen
schweren Wogenzgen nach der Beute hinauf, die es ungern zurcklie, und
whlte, als es immer tiefer sank, den Grund um die Sttzpfhle so gierig
ab, da diese fast allen Halt verloren, und die Gefahr der bis dahin
gesparten Opfer jetzt erst den hchsten Grad erreichte. Je hher deren
Hoffnung gestiegen, das Leben zu retten, desto ngstlicher ergriff sie
der Gedanke, nun der immer mehr und mehr abfallenden Macht der Sturmflut
doch zuletzt noch zu unterliegen. Wie langsam flossen die Minuten hin!
Wie langsam ging die See zurck! Doch die Zeit zhlte sich an dem
Pulsschlag der pochenden Herzen ab, und nach sechs Stunden, in denen
jede Minute ein Todesbote in der furchtbarsten Gestalt gewesen, standen
die Geretteten wieder auf dem Boden der Mutter Erde.




                                XXIV.


   Gott siehet herab! und -- horch! die Wetter schweigen,
   Errettung kommt, woher Verderben kam;
   Des Tages langersehnte Blicke zeigen,
   Wie Gott uns schtzte und was Gott uns nahm.

Aus der Ueberschwemmung 1825.

Aber mit welchen Gefhlen sahen sich die dem Tode Entronnenen auf der
Sttte ihres frheren, bei allen Entbehrungen ihnen doch so
freundlichen, huslichen Stilllebens! Wer mchte sie richten, da nicht
gleich der erste Aufblick Dank war. Kaum konnte das Leben als eine
willkommene Gabe erscheinen, da ihnen Alles genommen, was das Leben in
dieser Erdenzeit zur Erhaltung und zum Genu fordert. Ausgeschwemmt war
der Boden, wo die Mauern des Hauses gestanden, die das gengsame, und
darum so reiche Glck eines liebenden Paares umschlossen. Das Gotteshaus
war fort und damit der Verknder des Evangeliums in dem innersten Leben
seines Berufes auf's Tiefste verwundet und von seinem zweiten Heiligtum,
von dem stillen Herde seines huslichen Glcks, waren ihm nur einige
Trmmer geblieben, die kaum noch die Sttte desselben bezeichneten. Er
und seine Gattin sahen mit Thrnen auf die Verwstung. Er gedachte
seiner Bcher, auch nicht eins war ihm geblieben; sie dachte an die
tausend kleinen Mittel und Zeugnisse der Wirtschaftlichkeit, auch keine
Spur war brig gelassen, woran sich ein neuer Hausstand anknpfen lie.
Was Beide verloren, konnte eine Geldrolle aufwiegen; aber die Freude an
Dem, was sie unter Sorgen und Mhen erworben, die Liebe zu Dem, was
freundliche Erinnerungen ihrem Herzen teuer gemacht, das Band, mit
welchem die Gewohnheit uns auch an ein sonst wenig beachtetes Eigentum
bindet, die alte Traulichkeit, mit der uns ein Besitz anblickt, der
gleichsam als treuer Freund und Genosse zu den Freuden und Leiden
unseres huslichen Lebens gehrt, das Alles konnte kein Gold wieder
erstatten. Und wre dies auch mglich gewesen, woher der Ersatz? Standen
sie nicht arm und blo da? -- Ohne Aussicht fr die Zukunft! Ohne
Aussicht auch nur fr des Tages Bedrfnis! Das Leben aus der tobenden
See gerettet, mute es nicht vielleicht schon in den nchsten Tagen dem
Hunger und dem Froste unterliegen? Durften sie jetzt schon vertrauend
hinberblicken zu den Ksten des festen Landes, von wo die Hlfe kommen
sollte, ehe sie wuten, wie weit die Ueberschwemmung sich auch ber
Deiche und Dmme ergossen, wie weit die Milde und die Mittel ihrer
Nebenmenschen reichen und wie schnell die Blicke von jenen Ufern auf
ihren Zustand geleitet werden wrden? Hatte doch wohl damals Keiner in
unserm Vaterlande erwartet, da fr die Halligen so viel rasche
Thtigkeit sich entwickeln, so reichliche Untersttzung ihnen zuflieen
werde, als die Folge bewhrte; wie viel weniger konnten im ersten
Augenblick, in dem vollen Gefhl ihrer furchtbaren Lage, die
unglcklichen Halligbewohner selbst erwarten?

Hold und seine Gattin weilten trostlos auf der nun wsten Sttte ihres
frheren Glckes, und ihr Kind weinte vor Klte. Sie wandten ihre Blicke
umher und allenthalben sahen sie dieselbe Verwstung. Leere Werften oder
noch einzelne Pfhle hier und da, die ein zerrissenes Dach trugen! Nur
eine Wohnung war weniger zerstrt und konnte einigermaen noch Schutz
und Obdach bieten. Dahin lenkten sie ihre wankenden Schritte. Als Hold
von der zerlcherten Werfte hinabstieg, bemerkte er eine Platte von dem
umgestrzten eisernen Ofen, unter der ein Buch hervorragte. Und er stand
still, und eine dunkle Rte, wie die Glut der Scham, go sich ber sein
bleiches Gesicht. -- Dann aber flossen seine Thrnen strker, doch aus
den Thrnen hob sich ein leuchtender Blick zu dem umwlkten Himmel. Er
fate die Hand seiner Gattin, drckte sie fest und innig und sprach:

Siehe, da redet der Herr wieder zu uns! Nein, und damit schlo er Weib
und Kind in seine Arme, wir wollen nun und nimmer verzagen. Er will,
da wir Ihn hren. Wie klar hat Er auf's Neue geredet! Er selber hat mir
am Abend zu schreiben gegeben, was mir am Morgen dienen sollte zur
Strkung meines schwachen Glaubens.

Und nun erzhlte er auf dem Wege zu der Zufluchtssttte, was er in das
Buch seiner Gesichte, denn dies war das gefundene, am gestrigen Abend
zuletzt geschrieben:

Und wieder war der Himmel geffnet wie in der Zeit, da Jakob, der Sohn
Isaaks, schlummerte auf dem Felde. Aus dem lichten Gewlk, das den
Eingang zu der Sttte der Engel, die das Antlitz Gottes schauen,
umwallte, ging herab die Himmelsleiter hinein in die schweigende Nacht
der winterlichen Erde. Die Strebesulen der Leiter waren wie zwei
breite, von Morgendften umflossene Sonnenstrahlen, und die Stufen wie
Mondenschimmer, durchblitzt von Sternenlicht. Niederstieg ein Bote
Gottes, anfangs anzuschauen wie ein weies, duftiges Gewlk, das sich
wieget am Sommertage in dem blauen Himmelsmeer; dann nher zur Erde
schwebend erschien seine Gestalt, wie den Himmlischen die Gestalt einer
frommen Seele erscheinen mag, wenn sie in dem verklrten Leibe, fr den
unser Auge keinen Blick hat, der Heimat beim Vater zueilt. Mein Auge
aber sollte geffnet werden, den Engel zu schauen auch in dieser
Gestalt, denn eine feurige Kohle war mir bereitet in des Vaters Rat,
weil meine Schwachheit gezagt hatte in Sorgen der Nahrung. Und der Engel
betrat die Erde, winkte und schwebte mir voran leise und leicht, wie
Sommerfden durch die Lfte ziehen. Wir wandelten ber Berg und Thal hin
durch die stille Winternacht, und mein Fu strauchelte nicht auf der
glatten Eisdecke und wurde nicht mde in dem weichen Schnee, als
berhrten meine Sohlen nicht den Grund unter mir. Auch an einzelnen
nchtlichen Pilgern kamen wir vorber, aber sie sahen uns nicht, denn
auch meine Gestalt war vor Menschenaugen nicht da. Kam es mir doch
selber vor, als htte ich den schweren, dunklen Erdenschatten
zurckgelassen auf seiner Schlummersttte, und es pilgerte meine Seele
in dem Kleide der zuknftigen Heimat. So kamen wir in eine groe Stadt
und die Thore ffneten und schlossen sich ohne Gerusch, wie eine
Nebelwand auseinanderfliet und den Sonnenstrahl durchlt, der, eine
schlummernde Knospe zu wecken, mit raschem Blick auf die Flur
niederleuchtet. In den Straen war es de und still, und wir schritten
durch die langen Huserzeilen wie zwei Lustwandler, die, versptet auf
ihrer Ausflucht, nun die Pforten ihrer Wohnung verschlossen fanden und
eine gastliche Sttte suchen bei einem entfernten Freunde. So wandelte
der Engel Gottes mit mir durch die weite Stadt, und die da schliefen in
den hohen Palsten, trumten von dem Reichtum, den Ehren und den
Wollsten dieser Erde, wie zuvor; und die da schliefen in den Htten der
Armut, sorgten auch im Schlafe in Sorgen der Nahrung und waren voll Neid
und Gier, wie am Tage; aber der Engel Gottes ging vorber und Niemand
merkte ihn. Nur ber des Kindleins Angesicht, das noch unbekannt mit der
Welt in der Wiege schlummerte, und noch nicht wute, ob es reich oder
arm geboren sei, mochte ein Lcheln hinwallen, schner und lieblicher,
als das Lcheln der Braut, die im Traum den Verlobten sieht. Da lag am
andern Ende der Stadt eine hohe Kirche, deren schlanke Thrme sich in
die Wolken streckten, durchbrochen vom leuchtenden Schein des
Mondlichts, und deren breite Seiten und Sulenhallen dahin gebaut
schienen, um die dahinterliegenden engen Gchen, die Heimat der Elenden
und Verachteten, zu bedecken. Durch die hohen Fensterbogen glnzte
Lampenschimmer, und wie wir an der gewlbten Pforte standen, lutete ein
liebliches Glockenspiel zur Frhmette. Mich ergriff das Gelute vom
Thurm und der Gesang der Priester am Altar mit heiligen Schauern, und es
drngte mich hineinzugehen mit den einzelnen Andchtigen, die zum Gebet
eilten. Der Bote Gottes aber winkte zu bleiben und wandte seinen Blick
hinauf zu dem Gesimse des stattlichen Tempels. Da fiel ein Sperling,
erstarrt in dem scharfen Winterfrost, herab vom Dache zu den Fen des
Engels. Dieser aber hob ihn auf und barg ihn mitleidig in die Falten
seines Gewandes, ihn zu erwrmen an seinem Busen. Und als ob damit sein
Geschft aus wre an dieser Sttte, schritt er rascher, und wie es mir
schien, mit freudigerem Antlitz weiter vorwrts, hinein in das gechtete
Viertel der Stadt, hinein in die dunklen, schmalen und gewundenen Gassen
bis an die uerste Ringmauer. Da stand eine Htte, also verfallen, da
mir bange war, nur vorberzugehen. Aber der Bote Gottes ging hinein und
ich mute ihm unwillkrlich folgen. Eine morsche Stiege hinauf, und noch
eine, da traten wir in eine schmale Bretterkammer unter dem Dache. Das
einzige Fenster der rmlichen Behausung hatte ber die Ringmauer hinweg
die Aussicht auf das offene Feld und bot mit seinen geborstenen Scheiben
dem rauhen Winde freien Eingang, zugleich aber auch dem vollen
Mondstrahl, also da ich alle Gegenstnde deutlich erkennen konnte, als
wre es heller Tag. Vielleicht mochten auch meine Augen klarer sein,
denn sonst. Auf dem Strohlager in der einen Ecke lag ein Sterbender, ich
hrte es an dem Rcheln seiner Brust. Ach! er war der Versorger, der
einzige, letzte Versorger der Seinen, die um sein Lager standen, sein
Weib mit sechs Kindern und das siebente an ihrer Brust. Die Kinder
rangen die Hnde und weinten laut. Die Mutter aber blickte mit dem
bleichen, starren Antlitz vor sich hin und hatte keine Thrne mehr. Nur
der Sugling lag am Busen der Verzweiflung und sog die wenige Nahrung.
Der Sterbende richtete sich mit matter Anstrengung auf und blickte mit
den hohlen Augen hin auf die Seinen. In allen seinen Zgen lag die
martervolle Sehnsucht nach einer Trstung fr sie, er pflckte
krampfhaft mit den hagern Fingern in den Strohhalmen vor ihm, als hoffte
er, noch eine Aehre zu finden, die ihn erinnere an den Gott, der den
Hungrigen Brot giebt; aber die Halme waren leer, und sein Seufzer ward
zum Verzweiflungsgesthn. Die Kinder weinten lauter, und der Mutter
brachen die Kniee, da sie niedersank neben dem Gatten.

Wohin fhrst Du mich? sprach ich leise zu dem Engel. Hilf hier, wenn
Du kannst, oder la uns von hinnen gehen, la mich weinen ber das Elend
des menschlichen Lebens.

Der Engel aber antwortete, und seine Worte tnten wie das Wehen, das dem
erwachenden Morgen vorangeht:

Das Auge unseres himmlischen Vaters schauet herab auf alle seine Kinder
im Staube. Die Hlfe ist in seinem Rat. Er wird auch hier Keinen
verlassen und versumen. Ich aber bin von ihm nur gesandt, da die Seele
des Sterbenden im Frieden von hinnen fahre.

Bei diesen Worten lftete er die Falten seines Gewandes, und der
Sperling, neubelebt an seiner Brust, flatterte hervor und dem Fenster
zu. Auf der Fensterbank lag der Rest einer Brodrinde, der letzte Vorrat
der Armen. Und der hungrige Vogel lie sich nieder und machte sich an
die Brodrinde, und pickte geschftig eine Krume nach der andern ab. Da
flo es wie ein Strahl der Verklrung ber das Antlitz des Sterbenden.
Sein Auge beobachtete mit leuchtendem Blick jede Bewegung des Vogels,
der bald an die eine, bald an die andere Seite hpfend von der
gefundenen Nahrung kostete. Und immer glnzender spiegelte sich die
Freude, immer seliger der Friede in den Zgen des dem Tode nahen. Hher
richtete er sich auf, als wre ihm die jugendliche Kraft zurckgekehrt,
eine Thrne des Dankes schimmerte in seinem nun zum Himmel gewendeten
Auge; Vertrauen, Zuversicht, Hoffnung thronten auf seiner heitern Stirn.
Dann schaute er zurck auf die Seinen, streckte die Hand aus ber die
Gattin und die Kinder hin, wies auf den Sperling am Fenster und rief mit
voller, fester und klarer Stimme:

Sehet die Vgel unter dem Himmel an: sie sen nicht, sie ernten nicht,
sie sammeln nicht in die Scheunen und euer himmlischer Vater nhret sie
doch. Seid ihr denn nicht viel mehr, denn sie?

Er sprach's und sah nur noch, wie aus der Gattin Auge, das so lange
thrnenleer gewesen war, wieder eine milde Zhre flo, da -- schied
seine Seele in Frieden.




                                 XXV.


   Hinauf zum Himmel, tiefgebeugte Seele,
   In Thrnen reift die Saat der Ewigkeit,
   Da sich der Mensch das bessre Teil erwhle,
   mahnt ihn des irdischen Vergnglichkeit:
   Das Zeitliche vergeht der Zeit zum Raube,
   Doch ewig bleibt die Liebe und der Glaube.

Aus der Ueberschwemmung 1825.

Am Morgen nach dieser Nacht der Verwstung war die ganze Gemeinde,
Mnner, Frauen, Greise, Kinder, in dem einen Hause versammelt, das
allein noch obdachfhig geblieben war! Alle brigen Wohnungen waren
teils gnzlich weggerissen, teils zu einem blosen Pfahlwerk geworden.
Welche Aussicht fr die Zukunft der unglcklichen Halligbewohner! Hab
und Gut und Herden dahin! Fr die kommenden Tage kein Obdach, kein
Erwerb; fr den Augenblick nicht einmal trockene Kleidung und
Nahrungsmittel! Krankheit, Hunger, Frost, Ble, Verzweiflung oder Tod
in den Wellen mit der nchsten wiederkehrenden Flut: das war das
Geschick, dessen Vorboten schon zu nahe waren, um sie zu bersehen. So
lange noch nicht Alle die Zuflucht erreicht hatten, gaben die
Erzhlungen der einzeln Ankommenden immer neue Nahrung zur lauten
Bewunderung der gttlichen Macht und Gte. -- So war unter Andern eine
Frau mitten in der ernsten Stunde, die zum ersten Male ihre mtterlichen
Hoffnungen erfllen sollte, von den Wellen auf ihrem Lager berrascht
worden. Auf den Boden getragen, strzte sie mit dem niederbrechenden
Hause auf eine Heudieme hin. Hier klammerte sie sich an und hielt, von
schweren Balken belastet, die mit jeder Woge sich hoben und senkten, die
ganze Nacht aus, watete dann gegen Morgen bis ber die Kniee im Wasser
hin zu dem Hause, in welchem sie jetzt sogleich nach ihrer Ankunft eines
gesunden Kindes[3] genas. -- Als aber, auer Godber und Maria, Niemand
mehr fehlte, wandten sich Aller Gedanken und Gefhle auf den Verlust,
den sie erlitten, auf die Hoffnungslosigkeit ihres Zustandes, und Alle
klagten, weinten und schluchzten mit einander. Nur Hold, dessen Aussicht
fr die Zukunft, nach Ueberwindung der ersten Not, weniger betrbend
war, der seit dem Antritt seines gefahrvollen Kirchendienstes auf der
Hallig sich oft hnliche Lagen gedacht, und den der Herr, wie wir
gesehen, bereits mchtig getrstet in seiner Trbsal, gewann bald wieder
das Gedchtnis der Verpflichtungen, die sein Amt ihm auferlegte; und nie
war ihm die Herrlichkeit seines Berufes so klar gewesen, als sie ihm in
diesen Stunden ward. Er wandte sich bald an Alle, bald wieder an
Einzelne; machte auf die wahrhaft wunderbaren Errettungen aufmerksam,
von denen vorher Einer dem Andern erzhlt; suchte das Vertrauen zu dem
Vater zu wecken, der die Vgel unter dem Himmel nhrt und die Blumen des
Feldes kleidet; zeigte, wie so viele kstliche Sprche gleichsam gerade
fr die Lage geredet seien, in welcher sie sich befnden, und
ermunterte, da seine ersten Vorstellungen, eine Zuflucht auf dem festen
Lande mit Hlfe des einzigen Schiffes zu suchen, das noch unzertrmmert
an seinem Anker lag, zurckgewiesen waren, nun selbst dazu, mit voller
Hingebung auf dem geliebten Boden der Heimat Alles zu erwarten, was im
Rate Gottes beschlossen sei. Dem Tiefgebeugten flo seine Rede wie Manna
in der Wste und erinnerte ihn an den glimmenden Docht, der nicht
verlischt, an das geknickte Rohr, das nicht zerbricht. Die
Verzweifelnden strafte er mit mchtigem Wort: Demtiget Euch unter die
gewaltige Hand Gottes! Wer ist jemals zu Schanden worden, der auf Gott
gehoffet? Wer ist jemals verlassen, der in der Furcht des Herrn
geblieben ist? Haben wir Gutes empfangen von Gott, warum sollten wir
denn auch nicht Uebles annehmen? Darum seid geduldig in der Trbsal!
Und ber Alle hin rief er: Wenn ich nur Dich habe, Allmchtiger, so
frage ich nichts nach Himmel und Erde. Wenn mir auch Leib und Seele
verschmachten, so bist doch Du, Gott, allezeit meines Herzens Trost und
mein Heil! Allmlig gewann seine Trstung Eingang in die bekmmerten
Gemter, immer mehr schlossen sich ihm an und stimmten in seine Reden
ein; und die Klagen verstummten, die Thrnen flossen linder, und die
Seufzer wurden zu stillen Gebeten.

[Funote 3: Dieser Knabe, in dem Kirchenbuche der nun der
nchstgelegenen Insel zugepfarrten Gemeinde das vorletzte Kind, -- die
nach dem frhen Tode der erstgeborenen jetzt lteste Tochter des
Verfassers dieser Novelle ist das letzte, -- wurde in der Taufe:
Johannes (Gott ist gndig) genannt.]

Nun mahnten Frost und Hunger, eine nhrende und wrmende Speise zu
bereiten. War es auch mglich, ein Feuer anzuznden, so fehlte es doch
an Nahrungsmitteln, die nicht vllig vom Meerwasser durchnt waren, und
vor Allem fehlte es an sem Wasser zum Kochen, da die Ueberschwemmung
alle Brunnen mit ihrer Salzflut gefllt. Doch Hold erinnerte an das
Weinfa, das ihm und den Seinen zur Rettung gedient, und einige junge
Leute gingen hin, es zu suchen.

Diese stieen bei ihrem Herumwandern auf Godber's Leiche, die ihren
Ruheplatz in der durch die Sturmflut wieder aufgerissenen Gruft des
Kapitns und der beiden Matrosen gefunden hatte. Gleichsam als sicheres
Zeichen der Vershnung war er also gebettet! Htte er sich selber eine
Grabsttte whlen sollen, er wrde keine andere gewhlt haben.

Der Mensch ist in Stunden besonderer Aufregung gar leicht geneigt, dem
Zusammentreffen einzelner Umstnde eine tiefere Bedeutung unterzulegen,
als es vielleicht fr ihn haben sollte. Wir wollen daher gern dem Leser
das Urteil frei lassen, ob Hold Recht hatte, als er spter im Gesprch
mit seiner Gattin ber die Auffindung der Leiche Godber's in jener Gruft
seiner frheren Schiffsgenossen sich dahin uerte:

Mir ist, als habe Gott mir dadurch eine groe Beruhigung geben wollen.
Ich kann nun an Godber denken ohne den geringsten Zweifel, da ihm
vergeben ist. Diese Vereinigung im Tode mit allen Denen, welche er mit
Recht oder Unrecht als Opfer seiner Untreue betrachtete, kommt mir als
eine bejahende Antwort vor auf die Frage der Ueberlebenden: >Ist seine
Reue angenommen im Gericht?< Wir sollten in Frieden sein gedenken, darum
sahen wir seine Leiche in Frieden schlummern neben Denen, deren Tod sein
Gewissen beunruhigte. Ich wenigstens mu Gott danken, da Er es also
gefgt, und mchte um keinen Preis Godber's Leiche an einer andern
Stelle gefunden wissen. Er mute erst den Weg dahin machen, wohin ihn
die Shne rief. Maria gehrte nicht dahin. Darum wurden ihre Leichen
getrennt. Mit ihr vershnten ihn die letzten Augenblicke seines Lebens;
und sie sind nun vereint in den ewigen Htten.

Gewann unsere Erzhlung Deine Teilnahme, lieber Leser, so scheide auch
Du von Godber, ohne mit Unwillen seiner Schwche zu gedenken. Wer hat
die Gewalt der Leidenschaft ermessen, deren lodernde Flamme oft in einem
unseligen Augenblick Alles verzehrt, was an Pflicht und Treue wir unser
nennen, und wir stehen vor dem Aschenhaufen und fragen verwundert: Wie
konnte es doch so kommen? Richten wir uns selber, dann sei keine
Strenge zu streng; urteilen wir aber ber Andere, dann flstere das
Bewutsein unserer Schwachheit das Gebet uns zu: Herr, fhre uns nicht
in Versuchung!

Das gesuchte Fa ward glcklicherweise wohlbehalten aufgefunden,
geffnet, und darauf wurden in Wein die vorrtigen Nahrungsmittel
gekocht, deren Genu nun den Durchnten und Durchklteten eine
erquickende Lebenswrme zurckgab.

Bis hieher hat der Herr geholfen! rief Hold, nachdem Alle gesttigt
waren. Lasset uns hinziehen zu der Sttte, wo Sein Heiligtum stand, da
wir Ihm dort danken, wo wir so oft Seinen heiligen Namen angerufen
haben. Dort im Angesicht der Zerstrung alles Dessen, was wir von Ihm
hatten an zeitlichem Gut, wollen wir Ihn preisen, da er unsere Lieben
erhalten und Seine Liebe uns bewhrt auch da, als Seine Hand schwer auf
uns lag.

Und er stimmte aus Luther's Kernliede: Aus tiefer Not schrei' ich zu
Dir! die folgenden Verse an, in welche die ganze Gemeinde auf dem Zuge
zu der Sttte, wo die Kirche gestanden, mit einfiel:

   Und whrt es auch bis in die Nacht,
   Und wieder an den Morgen,
   So soll mein Herz an Gottes Macht
   Verzweifeln nicht, noch sorgen.
   So thut der Fromme rechter Art,
   Der aus dem Geist erzeuget ward,
   Und seines Gottes harret.

   Ob bei uns ist der Snden viel,
   Bei Gott ist viel mehr Gnade.
   Sein Arm zu helfen hat kein Ziel,
   Wie gro auch sei der Schade.
   Er ist allein der gute Hirt,
   Der Israel erlsen wird
   Aus seinen Nten allen.

Als Hold die Kirchenwerfte betrat, die kaum in ihrer Zerstrung noch
eine Werfte heien konnte, und auf der auch kein Stein und kein Balken
zurckgeblieben, die daran erinnern konnten, da hier ein Haus
gestanden, war das Erste, das ihm in die Augen fiel: Maria's Leiche.
Diese mute mit der rckgehenden Flut hierher getrieben sein und lag in
einer der Hhlungen der zerrissenen Werfte in einer fast sitzenden
Stellung, so da sie beim ersten Anblick als eine Lebende erschien, die
hier einen Schutz vor den rauhen Winden gesucht. Alle drngten sich um
Hold her, als er sich mit einer Thrne im Auge ber den Leichnam
niederbeugte. Er war so weich und wehmtig geworden, da er die
freudige, gottvertrauende Stimmung, in welcher er die Gemeinde
hierhergefhrt, vergebens wieder suchte.

So war denn dies jugendliche Leben dahin, das vom irdischen Glck nur
getrumt. Als der Traum in Erfllung gehen sollte, breitete der Morgen
seinen scharfen Winterfrost ber die Blten der brutlichen Hoffnung und
sie welkten alle. Auch Du mit Deinem bescheidenen, einfachen Wesen, die
Du geschaffen schienst, um friedlich ber die Erde hinzugehen,
unbeachtet vom Geschick, das die stolzen Herzen trifft und die reichen
Gemter prft, auch Du mutest bluten, ein stillduldendes Opfer der von
Leidenschaften bewegten Welt. Doch der Stern eines schnern Morgens war
ja aufgegangen in Deinem Herzen und weckte Blten, die die Erde nicht
geboten, wider die der feindliche Winterfrost nichts vermochte, die von
dem Tau des himmlischen Friedens und von den Thrnen des irdischen
Schmerzes zugleich genhrt, nur desto reicher sich entfalteten und desto
lieblicher aufdufteten der Heimat zu. Nicht in ein anderes Land ist
Deine Seele bergegangen, sie war ja schon hienieden losgebunden von den
Fesseln zeitlicher Wnsche, war hienieden schon eine Pilgerin nicht zum
Himmel, sondern im Himmel. Die Thrne, die auf Deine Leiche fllt, gilt
nicht Dir, deren Glaube zum Schauen geworden ist, sie gilt der Welt, die
nicht einmal fr Dein anspruchsloses Herz eine ruhige Sttte hatte. Ja,
wir sind Gste und Fremdlinge auf Erden!

Indem Hold sich tiefer hinabbeugte, weniger um die Tote nher zu
betrachten, als vielmehr, um seine Thrnen zu verbergen, sah er neben
Maria den goldenen Abendmahlskelch liegen, der seit 1459 der Gemeinde
gedient[4]. Dieser Fund ergriff ihn wie eine Botschaft aus der Hhe. Mit
siegender Kraft kehrte sein heiterer Glaubensmut in seine Brust zurck.
Er fate schnell das ihm und der Gemeinde so werte Kleinod, hob es hoch
empor in der Linken, whrend seine Rechte wie segnend ber den Huptern
der ihn umgebenden Gemeinde lag. Sein freudeverklrter Blick ruhte am
Himmel, durch dessen leichte Wolken eben die Sonne brach, deren Strahl
die grause Zerstrung umher beleuchtete, zugleich aber ber das Antlitz
Hold's einen Schimmer ergo, in welchem sich seine innere
Gottesfreudigkeit klar und glnzend abspiegelte. So stand er auf der
hchsten Stelle der zertrmmerten Werfte, den Mittelpunkt eines
wunderbaren Gemldes bildend. Zunchst an ihm Maria's Leiche in
halbsitzender Lage, wie eine fromme Schlerin zu den Fen ihres
Lehrers, das Gesicht mit dem mildesten Frieden des Todes in den Zgen
gleichfalls dem Himmel zugewendet. Die Gemeinde ringsum in den
mannigfaltigsten Stellungen mit mehr oder minder deutlichen Zeichen der
Ermattung; Alle nur in leichter Kleidung, der man die Verwirrung der
Nacht ansah, die Mnner mit freiem Nacken und offener Brust, die Frauen
und Mdchen mit dem langen, nassen Haar, das ber die Schultern
herabfiel; bei dem Einen das Antlitz ganz verklrt im Aufschauen zum
Herrn, bei dem Andern ein Zug von Trauer und Wehmut beim neuen Anblick
der Vernichtung ihres irdischen Glckes; die Kinder furchtsam umschauend
und den Eltern sich anschmiegend, als shen sie die Schreckbilder der
vergangenen Nacht noch einmal zurckkehren. Dabei die zerrissene Werfte,
hier in tiefen Hhlungen ausgewaschen, dort in steilen Abbrchen und
herumliegenden Erdhaufen einem gesprengten Festungswall gleichend. Auf
der einen Seite das halbgesunkene Balkengerst, der einzige Ueberrest
der Wohnung Hold's; auf der andern die Aussicht ber die glatte Flche
des Landes hin, voll zerstreuter Trmmer, die durch einzelne Streifen
des am Morgen gefallenen Schnees von dem dunklen, feuchten Grunde
gehoben wurden. Weiterhin das Meer, dessen Wellen nach der Erschtterung
des letzten Sturmes noch in ungewhnlicher Bewegung waren und die Macht
bezeugten, die solche Zerstrung angerichtet. Das Ganze gab ein Gemlde,
das in seiner Wahrheit jede Schpfung der Phantasie weit hinter sich
zurcklie.

[Funote 4: Dieser Becher befindet sich jetzt in der Kunst- und
Antiquittenkammer in Kopenhagen.]

Frchte Dich nicht, Du kleine Gemeinde! rief Hold. Siehe der Herr ist
Dir nahe! Wie der Regenbogen nach der Sndflut der Welt ein Zeichen und
Zeugnis war, da Gottes Gnade fortan grer sein werde als ihre Schuld,
so giebt Gott uns diesen Kelch, der so vielen Geschlechtern gedient, und
der so manche Sturmflut berdauert hat, heute wieder zum Zeichen und
Zeugnis, da er sich unser erbarmen will mit alter Lieb' und Treue.
Frchte Dich nicht, Du kleine Gemeinde! Der Gott, der Jesum Christum in
die Welt gesandt, da Er den Kelch der Vershnung flle mit Seinem
Blute, der Gott spricht durch dies Gef der heiligsten Feier zu Dir:
Ich will Dich nicht verlassen, noch versumen! Herr, wir halten fest an
Deinem Worte! Herr, wir bauen auf Deine Zeugnisse! Wer mag noch daran
gedenken, was diese Nacht ihm genommen? Wessen Brust ist nicht
durchstrmt von dem Trost aus der Hhe? Wessen Herz schlgt nicht
kindlich froh dem Vaterherzen droben entgegen? Er hat Seinen Boten
vorausgesandt, diesen Kelch. Er ist da und teilet einem Jeden aus Seiner
reichen Flle. Er ist da und mit Ihm weltberwindende Kraft und freudige
Hoffnung. Er ist da, Du Tochter Zions, und hat aufgerichtet in Deinem
Herzen Sein Heiligtum, dessen Grund ist der Fels der Zuversicht, dessen
Sulen sind Licht und Gnade, dessen Altar ist Verheiung dieses und des
zuknftigen Lebens, dessen Zinne ist Friede und Seligkeit. Arm und
hlflos, wie wir aus dem Mutterschoe hervorgegangen sind, stehen wir
wieder vor Ihm. Er will uns neugeboren werden lassen, da wir fortan
ganz die Seinen sind, genhrt nur von der lautern Milch des Glaubens,
stark nur in Seiner Strke, reich nur in Seinem Reichtum, selig nur in
Seiner Liebe. Herr, unser Gott, hier sind wir! Wir sind Dein; Deines
Reiches Erben, nicht mehr Kinder der Zeit!

   Das Zeitliche vergeht der Zeit zum Raube;
   Doch ewig bleibt die Liebe und der Glaube!




                                 Die
                          Collection Spemann


ist in der Absicht begrndet, den guten alten Brauch einer eigenen

                      Hand- und Hausbibliothek

wieder zu Ehren zu bringen. Neben dem vollberechtigten Interesse an der
anziehenden Zeitungslektre wollen wir die Freude an dem
_abgeschlossenen Buche_ wieder zu wecken suchen.

Keine Litteratur der Welt besitzt einen solchen Reichtum von eigenen wie
von angeeigneten Werken unvergnglichen, klassischen Wertes, als gerade
die deutsche. Wie die Werke unserer deutschen Geisteshelden dem
Fortschritt der Menschheit die Wege gewiesen, so hat die Litteratur der
ganzen Welt durch unsere Uebersetzungsknstler auf uns zurckgewirkt.
Franzosen und Englnder, Russen und Italiener, Spanier und
Skandinavier, Rmer und Griechen muten ihr Bestes hergeben -- durch
musterhafte Uebertragungen sind sie in unsere Litteratur
aufgenommen. Romane, Novellen und Dramen, schildernde und sachlich
belehrende Reisebeschreibungen, Memoiren und Geschichtswerke,
naturwissenschaftliche und medizinische Schriften -- ein unermelicher
Reichtum des Besten und Edelsten ist unser.

Aber wem ist es geboten, fr die Stunden der Mue und geistigen Erbauung
sich aus dieser reichen Flle das Edelste und Beste, das Brauchbare und
Gute auszusuchen und zusammenzustellen zu einem wahren litterarischen
Hausschatz? Nur wenig Bevorzugten! Die Gesammtheit des Lesepublikums ist
mehr oder minder darauf angewiesen, es dem Zufall zu berlassen, was er
ihm bietet oder was uere Mittel zu erlangen gestatten.

Da ist es nun die Hand- und Hausbibliothek, deren Zusammenstellung
bewhrte und kenntnisreiche Mnner leiten, die beseelt sind von dem
schnen Gedanken, die geistigen Errungenschaften weitesten Kreisen
zugnglich zu machen -- die Deutsche Hand- und Hausbibliothek die mit
jedem neuen Band jenen Hausschatz bereichert und vermehrt in
wohldurchdachter Wahl. Ja noch mehr, die den Genu dessen, was sie
bietet und bringt, erhht und erweitert durch Einleitungen der
namhaftesten Forscher, durch biographisch-kritische Vorworte
gewissermaen die engere Bekanntschaft zwischen Autor und Leser
vermittelt.

Das deutsche Buch ist fast sprichwrtlich geworden durch seine hohen
Preise, die nur Wenige zu erschwingen im stande sind. Fnf bis sieben
Mark ist der gewhnliche Preis einer Oktavbandes. Wir wagen es und geben
unsere Bnde

                         gebunden fr 1 Mark,

ein Preis, wie er noch nie und nirgends aufgestellt ist.

Wir geben unsere Bnde _gebunden_ in schnem und solidem, von
Knstlerhand entworfenen Einband. So sind unsere Ausgaben nie dem
Auseinanderfallen beim Lesen und ebenso nie der Fhrlichkeit ausgesetzt,
von ungeschickten Buchbindern verdorben oder in hlicher Ungleichheit
gebunden zu werden. Damit auch dem so rgerlichen Verlieren beim
Ausleihen vorgebeugt werde, hat jeder Band ein Bibliothekschild zur
Einzeichnung des Namens des Besitzers. Da ferner alle Bnde in gleichem
Einband erscheinen, so kann der Bezug der _Collection Spemann_ an jedem
Ort Deutschlands und des Auslandes begonnen und fortgesetzt werden.

Jeder Band ist einzeln kuflich. Wir erffnen aber auch ein Abonnement
auf eine Serie von 20 Bnden. Alle zwei bis drei Wochen soll ein Band
erscheinen und jeder Abonnent einer Serie erhlt

                         den 20. Band gratis.

Damit ist Gelegenheit geboten, eine musterhafte Bibliothek fr sich und
die Familie fr einen Betrag zu erhalten, welcher kaum den
Abonnementsbetrag einer greren Leihbibliothek berschreitet.

Wir hegen die Zuversicht, da die Nation der Deutschen Hand- und
Hausbibliothek eine freundliche Aufnahme gnnen werde.

                       Inhalt der ersten Serien
          (vorbehaltlich etwaiger Abnderung im Einzelnen).

_Louise von Franois, Zwei Erzhlungen._ Mit einem
biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_.

Zwei Kabinettsstcke vollendeter Erzhlungskunst, welche mit den besten
Mitteln die tiefste und sthetisch reinste Wirkung erzielt.

_Karl Immermann, Der Oberhof._ Mit einer Einleitung von _Levin
Schcking_.

Die vorzglichste deutsche Dorfgeschichte, die treffendste Schilderung
westflischen Bauernlebens, voll realistischer Wahrheit, anmutender
Frische, zum Herzen sprechender Poesie.

_Miguel de Cervantes Saavedra, Moralische Novellen._ Eingeleitet von
_Otto von Leixner_.

Durch Selbstndigkeit und Mannigfaltigkeit der Stoffe nicht weniger als
durch scharfe, lebensvolle Charakteristik ausgezeichnete Leistungen des
berhmten Verfassers des Don Quixote.

_J. Ch. Biernatzki, Die Hallig oder die Schiffbrchigen auf dem Eilande
in der Nordsee._ Roman. Mit einer Einleitung von _Heinrich Dntzer_.

Mit fesselnder Anschaulichkeit geschriebene Nordseegeschichte, die das
so eigenartige Lokalkolorit meisterhaft wiedergiebt und die Sturmflut
von 1825 mit ergreifender Wahrheit schildert.

_August Becker, Auf Waldwegen._ Mit einer Einleitung von _Joseph
Krschner_.

Eine durch Einfachheit der Charakterzeichnung wie Naturwahrheit der
Scenerie gleich ausgezeichnete Erzhlung des wohlbekannten Verfassers
von Rabbis Vermchtnis.

_Nicolas Gogel, Russische Novellen._ Mit einer Einleitung von _Friedr.
Bodenstedt_.

Die mitgeteilten Novellen enthalten u. A. die vollendetste Leistung
Gogols Tara Bulba, eine Erzhlung aus der Ukraine von berwltigender
Schnheit und erhabener Einfachheit.

_Sophie Junghans, Die Erbin wider Willen._ Mit einem
biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_.

Eine Familiengeschichte im besten Sinne des Worte, die den Leser
anheimelt und von der er mit dem vollen Bewutsein scheidet, eine gute
und liebe Bekanntschaft gemacht zu haben.

_Alain Ren Lesage, Der Hinkende Teufel._ Miteiner Einleitung von _Ferd.
Lotheien_.

Der hinkende Teufel Asmodi gewhrt seinem Retter einen Einblick in alle
Huser Madrids, was zu den lebendigsten und kstlichsten Schilderungen
von Scenen verschiedenster Art Anla giebt.

_James Fenimore Cooper, Der Bravo._ Mit einer Einleitung von _L.
Prscholdt_.

Diese der Geschichte Venedigs entnommene Erzhlung des bedeutendsten
amerikanischen Romanschriftstellers erregt durch reiche Handlung und
ungemein lebendige Schilderungen bis zum Schlu anhaltende Spannung.

_Ludwig Achim von Arnim, Die Kronenwchter._ Roman. Mit einer Einleitung
von _Johannes Scherr_.

Bedeutender historischer Roman aus dem Zeitalter Maximilians, groartig
concipiert, ein treuer Spiegel des deutschen Lebens im Mittelalter, in
echt poetischer Beleuchtung.

_Levin Schcking, Etwas auf dem Gewissen._ Mit einem
biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_.

Eine der besten neueren Leistungen des gefeierten deutschen Erzhlers,
von origineller, fesselnder Prgung.

_Washington Irving, Alhambra._ Mit einer Einleitung von _L. Prscholdt_.

Eine der reizendsten Schpfungen Irvings, welche alle Vorzge des
beraus gewandten Schriftstellers im hellsten Lichte zeigt und mehr
bekannt zu werden verdient, als sie es ist.

_Homers Odyssee._ Uebersetzt von Vo. Mit einer Einleitung von _Jakob
Mhly_.

Von Homers Epen, den hervorragendsten und unvergnglichen der
Weltlitteratur, schildert die Odyssee die Irrfahrten und schlieliche
Heimkehr des Odysseus.

_Ludovika Hesekiel, Von Lieb' und Treue!_ Erzhlungen. Mit einem
biographisch-kritischen Vorwort von _Joseph Krschner_.

Die hchst originelle Art des Erzhlens, die L. Hesekiel so
charakteristisch von vielen ihrer Kolleginnen unterscheidet, zeigt sich
in diesem Bande um so mannigfaltiger, als es eine ganze Reihe einzelner
Erzhlungen sind, die sie bietet.

_Charles Dickens (Boz), David Copperfield._ Mit einer Einleitung von _L.
Prscholdt_.

Der beste Roman des berhmten Romanschriftstellers und vorzglichen
Humoristen, um so anziehender und interessanter, als der Dichter darin
zum Teil seine eigenen Erlebnisse schildert.

_A. Schroot, Der Dampf im Dienste der Menschheit._ Mit zahlreichen
Illustrationen.

In allgemein verstndlicher Form gehaltene und anziehende Darstellung
der Verwendung eines der wichtigsten Faktoren im industriellen und
Verkehrsleben der Gegenwart, mit erluternden historischen Rckblicken.

_Wunderbare Reisen und Abenteuer des Freiherrn von Mnchhausen._ Mit
einer Einleitung von _Joseph Krschner_.

Die mehr dem Hrensagen nach, als aus der Lektre im Publikum bekannten
unglaublichen Lgengeschichten des Freiherrn Hieronymus von Mnchhausen,
die noch heute bei Jung und Alt allgemeinen Interesses gewi sind.

_Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe._ Eingeleitet von _Robert
Boxberger_.

Eines der schnsten Vermchtnisse des unvergnglichen Dichterpaares,
eine Fundgrube erhebender Gedanken, die lautersten Offenbarungen ber
die Beziehungen der groen Geister zu einander und zu ihrer Zeit, das
unentbehrliche Supplement zu allen Ausgaben ihrer Werke.

_Zehn Jahre geographischer Forschungen und Entdeckungen._ Nach den
Originalberichten der berhmtesten Reisenden zusammengestellt u. mit
einer Einleitung versehen.

Treue und anschauliche Schilderung der groen Entdeckungsfahrten, welche
whrend des letzten Jahrzehnts unternommen wurden, mit entsprechendem
kritischen Beiwerk zur Erkenntnis ihrer wissenschaftlichen Bedeutung.

_E. T. A. Hoffmann, Elixire des Teufels._

Diese fr die Geschichte der romantischen Schule hochbedeutsamen
Nachtstcke sind mit glhender Phantasie geschrieben, welche auch da, wo
sie ins Ungeheuerliche gert, die spannendste Illusion erzeugt.

_Karl Julius Weber, Demokrites oder hinterlassene Papiere eines
lachenden Philosophen._ Ausgewhlt und mit einer Einleitung versehen.

Hchst unterhaltendes Buch mit einer unerschpflichen Flle von Witz,
Humor, Ironie, guten Einfllen und kstlichen Anekdoten, die auch dem
schwrzesten Hypochonder ein Lcheln abntigen.

_Max King, Frauenherzen._ Zwei Erzhlungen. Mit einer Einleitung.

Zwei tief empfundene kleine Novellen, aus dem Herzensleben der Frau,
ihren Irren und Erkennen, Leiden und Siegen, auf dem Hintergrund gut
getroffener gesellschaftlicher Zustnde.

_Linguet, Enthllungen aus der Geschichte der Bastille._ Mit einer
Einleitung.

Der Advokat Linguet, der seiner Zeit wohlbekannte Publizist, erzhlt in
diesem Buch seine Haft und Behandlung in dem berhmten franzsischen
Staatsgefngnis kurz vor der franzsischen Revolution.

_Frederick Marryat, Der Pirat._ Mit einer Einleitung.

Ueberaus fesselnder und spannender Roman dieses namhaftesten Meisters
der Seeromandichtung mit glcklich entworfener und durchgefhrter
Handlung, farbenprchtigen Schilderungen.

_A. Schroot, Die Elektricitt._ Mit zahlreichen Abbildungen.

Zeitgemes Seitenstck zu desselben Autors Buch vom Dampf. Auf Grund
der besten Quellen entworfene Geschichte der Dienstbarmachung der
Elektricitt im Dienste der Menschheit, unter Bercksichtigung der
epochemachenden Fortschritte auf diesem Gebiet in unserer Zeit.

_Joh. Jak. Engel, Lorenz Starck._ Ein Charaktergemlde. Mit einer
Einleitung.

Einer der vorzglichsten Familienromane der deutschen Litteratur, sowohl
durch inneren Gehalt wie durch die Darstellungsform ausgezeichnet.

_Daniel Defo, Leben und wunderbare Abenteuer Robinson Crusos._ Mit
einer Einleitung.

Dieses zu den verbreitetsten Bchern der Welt gehrende Werk, aus
zahlreichen Bearbeitungen fr die Jugend bekannt, erscheint hier in der
Originalfassung, die den Leser lebhaft fesseln und manche liebe
Reminiscenz an die Kindheit auffrischen wird.

_Wohlgeflltes Schatzkstlein deutschen Scherzes und Humors._ Zu Nutz
und Frommen lachlustiger Leser aus den Schchten deutscher Litteratur
ans Licht befrdert.

Reichhaltigste Sammlung alles Dessen, was an Scherz und Humor vereinzelt
verschiedenen Orts vorkommt, zur Unterhaltung und Krzung miger
Stunden nicht minder, wie als Beitrag zur Erkenntnis deutschen Gemts
und Verstandes zusammengetragen.

_Hans Christian Andersen, Der Improvisator._ Roman. Mit einer
Einleitung.

Der sinnige Kinderfreund, der liebenswrdige Mrchenerzhler Andersen
bietet in dem Improvisator den Erwachsenen unter seinen Verehrern ein
vollendetes Kunstwerk, das meisterhaft erzhlt, ungemein ansprechend
wirkt.

_Aus dem Leben eines deutschen Reichsritters._ Selbstbiographie _Gtz
von Berlichingens_. Mit einer Einleitung.

Eines der charakteristischen Memoirenwerke aus dem 16. Jahrhundert,
bedeutsam zur Beurteilung des damaligen Adels und fr den deutschen
Leser um so interessanter, als der grte deutsche Dichter den
Selbstbiographen zum Helden eines unvergnglichen Dramas machte.

_Ludwig Ziemssen, Umwege zum Glck._ Ein Roman. Mit einer Einleitung.

Sinnige anmutige Erzhlung des beliebten Schriftstellers, der darin in
ansprechendster Weise ein Vorkommnis im modernen Leben mit lebensvollen
und lebensfrischen Farben ausfhrt.

_Aus den Briefen der Madame de Sevign._ Mit einer Einleitung.

Die Briefe der Md. de Sevign, eine der vorzglichsten
Schriftstellerinnen Frankreichs, zeichnen sich durch lebhaften Geist,
wahres Gefhl aus und bieten die lebendigsten Schilderungen,
charakteristischsten Aeuerungen und Anekdoten der franz.
Hofverhltnisse im 17. Jahrhundert.

_Konrad Arnold Kortm, Die Jobsiade._ Ein komisches Heldengedicht. Mit
einer Einleitung.

Mit prchtiger Laune und vielem Witz geschriebenes niedrig-komisches
Gedicht, das in seinem Genre als das beste Erzeugnis der deutschen
Litteratur gilt und heute noch ebenso wie zur Zeit seiner Schpfung
wirkt.

_Alessandro Manzoni, Die Verlobten._ Eine mailndische Geschichte. Mit
einer Einleitung.

Einer der vorzglichsten historisch-nationalen Romane der
Weltlitteratur, der das italienische Leben im 17. Jahrhundert mit
Meisterschaft schildert, mit einer Wahrheit, einem Farbenreichtum, der
das Geschriebene als Wirklichkeit erscheinen lt.

_Friedrich Freiherrn von der Trencks merkwrdige Lebensgeschichte._ Mit
einer Einleitung.

Selten haben die Schicksale eines Menschen so lebhaftes und allgemeines
Interesse erregt, wie die des Freiherrn von der Trenck, dessen
Lebensbeschreibung eine Flle interessanter Momente darbietet.

_Aus dem Leben eines Humanisten im 16. Jahrhundert._ Selbstbiographie
_Thomas Platers_. Mit einer Einleitung.

Hochinteressantes und kulturhistorisch wichtiges Memoirenwerk, eines
durch Nacht zum Licht gelangten Mannes, der es vom Ziegenhirten bis zum
Rektor der lateinischen Schule in Basel brachte.

_Joseph Franz Isla, Geschichte des berhmten Predigers Gernudio von
Campazas._ Mit einer Einleitung.

Nchst dem Don Quixote des Cervantes der bekannteste Roman der
spanischen Litteratur, sittengeschichtlich hchst wertvoll und von
packendem Humor.

_H. J. Christoffel von Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplicissimus
Teutsch._ Mit einer Einleitung.

Die bedeutendste Sittenschilderung des 17. Jahrhunderts in der deutschen
Geschichte. Die Arbeit zeigt die tiefsten Einblicke in das Kriegsleben,
den Aberglauben der Zeit u. s. w. in buntestem Wechsel und das alles mit
einer Frische und einem Humor von geradezu frappierender Wirkung.

_Heinrich von Kleist, Mustererzhlungen._ Mit einer Einleitung.

Dieser Band eint die besten der durch ihren klassischen Stil, wie durch
Schrfe der Charakteristik, vorzgliches Kolorit und lebendige Spannung
ausgezeichneten Erzhlungen des Dichters der Hermannsschlacht und des
Kthchens von Heilbronn.

_Aus dem Briefwechsel Charlotte Elisabeths von der Pfalz._ Mit einer
Einleitung.

Eine der treffendsten Schilderungen von den Verhltnissen und Personen
am Hofe des groen Knigs Ludwigs XIV. aus der Feder der
scharfblickenden Witwe des einzigen Bruders des letzteren.

_Wolfram von Eschenbach, Parzival._ Mit einer Einleitung.

Die tiefe und gedankenreiche Schpfung aus dem Anfang des 13.
Jahrhunderts, die den ersten Platz unter den hfischen Epen der
deutschen Litteratur einnimmt, drfte in unseren Tagen mit um so mehr
Interesse gelesen werden, als es zur Zeit ein deutscher Dichter
unternommen hat, den Parzival als musikalisches Drama der Nation
vorzufhren.

_Wilhelm Hauff, Lichtenstein._ Mit einer Einleitung.

Von dem besten deutschen Erzhler im ersten Viertel dieses Jahrhunderts
die mit Recht beliebteste Erzhlung, die auf einem prchtig gezeichneten
historischen Hintergrund eine poetisch anmutende Herzensgeschichte
abspielen lt.

_Ludwig Brne, Briefe aus Paris._ Mit einer Einleitung.

Die geschichtlich hochinteressanten Aufzeichnungen, von denen Gottschall
sagt, es seien dithyrambische Philippiken, elegische Wehrufe,
satyrische Bambocciaden, der blutrote Maskenscherz eines weichen
Gemts.

_Walter Scott, Kenilworth._ Mit einer Einleitung.

Einer der berhmtesten historischen Romane des Schpfers dieser Gattung,
der in der Regierungszeit der Knigin Elisabeth spielt und all' die
berhmten Vorzge Scott'scher Erzhlungskunst aufweist.

_Georg Christ. Lichtenberg, Vermischte Schriften._ Mit einer Einleitung.

Auswahl der besten Arbeiten des eben so geschmackvollen wie geistvollen
Schriftstellers, der ber den feinsten und schneidigsten Witz verfgte
und die Ueberspanntheit in der Litteratur seiner Zeit mit Erfolg
bekmpfte.

_Saint Simon, Denkwrdigkeiten._ Mit Erluterungen und einer Einleitung.

Die Denkwrdigkeiten Saint-Simons, des Tacitus Frankreichs, werfen
grelle Lichter auf den Hof Ludwig XIV. und Ludwig XV. und sind in
unserer Ausgabe unter Vermeidung des weniger Wichtigen und Anziehenden
wiedergegeben.

_Caroline von Wolzogen, Agnes von Lilien._ Mit einer Einleitung.

Dieser vortreffliche Roman der Schwgerin Schillers, der hchst
ansprechende Schilderungen des deutschen Familienlebens enthlt, wurde
bei seinem ersten Erscheinen selbst von den beiden Schlegels fr ein
Werk Goethes gehalten.

_Johann Heinrich Jung Stillings Lebensgeschichte._ Mit einer Einleitung.

Der Verfasser dieser Autobiographie geno wie bekannt des groen
Altmeisters Goethes besondere Gunst, der auch die als chtes Volksbuch
wirkende erste Abteilung (Jugendgeschichte) selbst zum Druck befrderte.

_Das Nibelungenlied._ Ins Hochdeutsche bertragen und mit einer
Einleitung versehen.

Das vollendetste deutsche Volksepos, in dem sich in reinster
Unmittelbarkeit das ganze innere und uere Leben des deutschen
Mittelalters spiegelt.

_Jean Jacques Rousseau, Die neue Heloise._ Mit einer Einleitung.

In poetischer Sprache geschriebener Roman, welcher dem Autor einen
seiner glnzendsten Erfolge verschaffte. Das reine Naturleben wird darin
den abstoenden Verhltnissen des wirklichen Seins gegenber gestellt.

_Mathias Claudius, Vermischte Schriften._ Mit einer Einleitung.

Auswahl der besten, im Volkston gelungensten litterarischen Arbeiten des
Wandsbecker Boten, die von edler, biederer Einfachheit zeugen, welche
aus gutem, ehrlichen Gemt hervorging.

_Benjamin Franklins Selbstbiographie._ Mit einer Einleitung.

Der hervorragendste Staatsmann Amerikas und einer der berhmtesten
Schriftsteller dieses Landes erzhlt hier die ebenso interessante wie
lehrreiche Geschichte seines reichbewegten Lebens, das nicht nur dem
engeren Vaterland, sondern den Interessen der ganzen Menschheit geweiht
war.

_Horace Walpole, Das Schlo von Otranto._ Mit einer Einleitung.

In dieser Arbeit des geistvollen englischen Schriftstellers wird zum
erstenmal die Feudalzeit fr den Roman verwertet und man mu ihn als
Ausgangspunkt der Romantik fr Walter Scott bezeichnen.

_Denkwrdigkeiten der Markgrfin von Ansbach._ Mit einer Einleitung.

Originelle und anziehende Memoiren von historischem und
kulturgeschichtlichem Interesse.

_Edgar Allen Poe, Amerikanische Geschichten._ Mit einer Einleitung.

Sammlung einer Reihe besonders ausgezeichneter Arbeiten des
amerikanischen Dichters, der vorzglich zu erzhlen, spannend seine
Stoffe zu entwickeln wei und ber eine ganz auergewhnliche Phantasie
verfgt.

_Adalbert v. Chamisso, Vermischte Schriften._ Mit einer Einleitung.

Da Beste, was der Dichter schuf, der die lobenswerten Eigenschaften der
Franzosen mit denen der Deutschen verband, ist hier zusammengetragen
worden und giebt ein vollstndiges Bild der eigenartigen
Dichter-Individualitt.

_Joachim Nettelbecks Selbstbiographie._ Mit einer Einleitung

Der mutige Retter Kolbergs, der Freund Schills und Genosse Gneisenaus,
den alle deutschen Brgertugenden zierten, giebt hier das Bild seines
reichbewegten Lebens, dessen fesselnden Reiz niemand verkennen wird.

_Edward George Bulwer, Eugen Aram._ Mit einer Einleitung.

Vortrefflich geschriebener Roman des namhaften englischen Dichters und
Staatsmannes, ausgezeichnet vor allem durch psychologische Feinheiten
der Schilderung.

_Giovanni Franceso Straparola, Erzhlungen._ Mit einer Einleitung.

Eine Folge ansprechender Novellen, die leicht und angenehm erzhlt und
in origineller Weise aneinander gereiht sind.

_Till Eulenspiegel._ Mit einer Einleitung.

Lange Zeit eines der beliebtesten Volksbcher, in denen eine Menge loser
Streiche um eine Person gesammelt werden, die als Held der Handwerks-
und Landfahrerwitze ein noch heute nicht verschwundenes Dasein fhrt.

_Historia von Dr. Johann Fausten, den weitbeschreyten Zauberer und
Schwarzknstler._ Mit einer Einleitung.

Wiedergabe des berhmten alten Volksbuches, aus dem die zu einer
auerordentlichen Flle angewachsene Faustlitteratur hervorgegangen ist.

                   Jeder Band ist einzeln kuflich,
    gebunden 1 Mark = 1 Frc. 35 Cts. = 60 Kr. . W. -- Franko per
                           Post 1 M. 25 Pf.




Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Fremdsprachige Textstellen, die im Original in Antiqua
gesetzt sind, wurden ^so^ markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 6]:
   ... Der Knig und sein Volk, und als er durch den Pariser
       Julisturm ...
   ... Der Knig und sein Volk, und als der durch den Pariser
       Julisturm ...

   [S. 27]:
   ... versucht worden wre mehr, mglich war. Mander sa mit ...
   ... versucht worden wre, mehr mglich war. Mander sa mit ...

   [S. 50]:
   ... dem Oden Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schtzender ...
   ... dem Odem Seiner Allgegenwart. Dort der Saum schtzender ...

   [S. 71]:
   ... sie zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so
       friedsamer ...
   ... sich zu einem Gewitter zu sammeln, wenn sie nicht so
       friedsamer ...

   [S. 80]:
   ... unserm Fu einmal so bequem nud natrlich geworden ...
   ... unserm Fu einmal so bequem und natrlich geworden ...

   [S. 85]:
   ... auch gar mit Zorn nnd Schelten entgegengetreten, er wrde an ...
   ... auch gar mit Zorn und Schelten entgegengetreten, er wrde an ...

   [S. 94]:
   ... Der junge Mander schwankte zwischen Unmut uud Scham ...
   ... Der junge Mander schwankte zwischen Unmut und Scham ...

   [S. 96]:
   ... bei jeder passenden Gelgenheit in mir den Seelsorger zeige. ...
   ... bei jeder passenden Gelegenheit in mir den Seelsorger zeige. ...

   [S. 107]:
   ... dabei gegenwrtig war, er jenem allmlig einen offenen Blick
       in ...
   ... dabei gegenwrtig war, er jenen allmlig einen offenen Blick
       in ...

   [S. 152]:
   ... Tages, der fr die Hallig ein Tag der chmerzensreichsten
       Trauer ...
   ... Tages, der fr die Hallig ein Tag der schmerzensreichsten
       Trauer ...

   [S. 161]:
   ... Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zuch auch
       fr ...
   ... Schule der strengsten, aber zugleich heilsamsten Zucht auch
       fr ...

   [S. 182]:
   ... sein zu knen. ...
   ... sein zu knnen. ...

   [S. 192]:
   ... der Scheidende dem Pastor und seiner Gattin darboten, ...
   ... der Scheidenden dem Pastor und seiner Gattin darboten, ...

   [S. 206]:
   ... Flutenschwall in's Haus und zerspitterte im furchtbaren ...
   ... Flutenschwall in's Haus und zersplitterte im furchtbaren ...






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