The Project Gutenberg EBook of Wanderungen durch die interessantesten
Gegenden des Schsischen Obererzgebirges (Drittes Heft), by Johann Traugott Lindner

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Title: Wanderungen durch die interessantesten Gegenden des Schsischen Obererzgebirges (Drittes Heft)
       Ein Beitrag zur speciellern Kenntni desselben, seines
       Volkslebens, der Gewerbsarten, Sitten und Gebruche

Author: Johann Traugott Lindner

Release Date: June 6, 2015 [EBook #49148]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

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    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

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    Buches.




    Wanderungen

    durch die interessantesten Gegenden

    des

    Schsischen Obererzgebirges.

    Ein Beitrag

    zur speciellern Kenntni desselben, seines Volkslebens, der
    Gewerbsarten, Sitten und Gebruche

    vom

    Finanzprocurator Lindner

    in Schwarzenberg,

    Verfasser der Holzordnung von 1560 und der Gegenwart.


    Drittes Heft.

    Mit 4 lithographirten Ansichten.


    Annaberg,
    +Rudolph+ und +Dieterici+.
    1847.




Inhalt.

Drittes Heft.


                                         Seite

    Von Chemnitz ber Thum und Annaberg      1

    Greifenstein                             2

    Geyer                                    3

    Ehrenfriedersdorf                        4

    St. Anna                                 5

    Wiesenbad                                8

    Buchholz                                 9

    Kretscham an der rothen Sehma           12

    Oberwiesenthal                          13

    Brenstein                              18




Druck der Teubner'schen Officin in Leipzig.




    Wanderung
    durch die interessantesten Gegenden
    des
    Schsischen Obererzgebirges.




Von Chemnitz ber Thum nach Annaberg.


Dicht vor der altchemnitzer Vorstadt hat sich das, ber eine Stunde
lange, schne Dorf Altchemnitz in einem flachen Bogen gegen Sden
zwischen Wiesen und Feldern ausgespannt, auf dessen Sehne die Chaussee
hinluft, bis sich der Chemnitzflu mit der Wrschnitz vereinigt. Eine
Menge riesenhafter Spinnfabriken werden, dem Dorfe entlang, von diesem
Gewsser in Bewegung gesetzt und die Gewebe auf den Bleichen benetzt.
Harthau, welches zwischen Glimmer- und Thonschiefer-Gebirgen mit einer
Schaar meist gleichartiger Fabrik-Etablissements ausgefllt ist,
schliet sich bis auf einen kleinen Zwischenraum, wie eine versetzte
Eisfarth, an Altchemnitz an.

Von der Klaffenbacher Hhe aus mag der Wanderer nach der volkreichen
Fabrikstadt Chemnitz, das schsische Manchester, zurckschauen. Ist es
in den frhen Morgenstunden, so erblickt er ber der Huserschaar eine
lang gezogene rauchgraue Wolke, welche durch dicke Sulen schwarzen
Dampfes durchbrochen wird, der sich gespensterartig in der Luft
langsam vernichtet. Dieser Qualm entsteigt riesenhaften Rauchfngen der
verschiedenen Fabriken. Nur der Thurm der Jacobskirche in seinem weien
Gewand ist, wie ein Leuchtthurm, deutlich sichtbar. Weit ausgedehnte
Felder und Wiesen umflieen das Ganze, wie die Meereswellen einen
verloschenen Krater, der nur noch Rauchsulen ber sich verbreitet.

In den groen und volkreichen Drfern, Klaffenbach, Burkersdorf
und Neukirchen schnarrwerkt eine Unsumme von Strumpfwrkern und
das Rittergut letztern Orts mit seinem Schlosse, aus dem Eilften
Jahrhundert, kauert mit seinen Thrmleins, Thoren, Graben und
Schiescharten inmitten einer Wiese und lugt schchtern zwischen
hochstmmigen Linden hervor, als ob es sich der Thaten (und Unthaten)
seiner ursprnglichen Altvordern schmte.

Von dem Stdtchen +Thum+ und seiner Einwohnerschaft, die wenig ber
2000 Kpfe zhlt, lt sich nicht viel Interessantes sagen, wenn man
nicht etwa den Thumerstein, jetzt Axinit genannt, erwhnen will,
welcher in der Nachbarschaft des Stdtchens vorkam und von dem
berhmten Bergrath Werner bestimmt wurde; wohl aber ist der nahe




Greifenstein


nher zu betrachten und, da er auf einer Stelle zugnglich ist, auch
zu besteigen. Die Gestalt und Structur dieser Granitfelsen, sagt ~D.~
Naumann im 2. Heft der Erluterungen zur geognostischen Charte des
Knigreichs Sachsen ~pag.~ 174, -- ist so grottesk und abentheuerlich,
da der ehemals unter den Bewohnern der Umgegend vorkommende Glaube,
es seien Trmmer eines verwnschten Schlosses, nicht befremden
kann. Wie Wollscke oder dick ausgestopfte Betten thrmen sich die
Granitmassen bereinander in isolirten oder wenig zusammenhngenden
phantastischen Pfeilern, welche theilweise eine Art Gehfte bilden,
in welche man nicht leicht hinabklettert, weil berhangende Massen
scheinbar herabzustrzen drohen. Dieses Felsen-Wrak ist wahrscheinlich
in pradamitischen Zeiten, als glhend flssige Masse, aus dem
Erd-Innern hervorgebrochen und hat die frher erstarrten Schiefer und
Gneusschaalen, wovon im Granite selbst eine Menge Fragmente eingehllt
sind, durchbrochen, worauf sie in dicken Polstern allmhlig erkaltete.

Von dieser Granitparthie aus ist die Fernsicht nach den Gebirgsknoten,
dem Fichtelberg, vorzglich schn, weil das Auge in den Thlern, welche
von ihm auslaufen, ohne Unterbrechung hinaufirrt und ihn in einer
grern Hhe beobachtet, als es sonst geschehen kann. Bis dicht an
die Wnde des Granites ist der Greifenstein mit Schwarzwald umgeben,
in welchem sich zur bessern Jahreszeit eine Tabgie befindet, wo
Erfrischungen und Sicherheit bei pltzlichen Gewittern zu erlangen ist.
Diese dankenswerthe Vorsorge weist zugleich auf den hufigen Besuch
dieses Felsens hin. An seiner nordwestlichen Abdachung beschftigen
sich mehrere Steinmetze, die fr Bauten sogenannte Werkstcke liefern.
Das nachbarliche Bergstdtchen




Geyer,


welches schon im 13. Jahrhundert Bergbau, hauptschlich auf Zinn
trieb, zhlt etwa 300 und etliche 40 Wohnhuser, in welchen gegen
3400 Menschen eingeschachtelt sind, worunter sich viel Posamentiere
befinden. Die Wohlfeilheit des Zinns und die zu groe Concurrenz in
der Arsenik-, Vitriol- und Schwefelbereitung, haben diesem Stdtchen
seine frhere Wohlhabenheit und Regsamkeit ziemlich weit abgestreift;
denn da diese bedeutend gewesen sein mu, lehren die Pingen, Halden,
Pochsttten und Wschen, insonderheit aber die groe Pinge dicht an der
Stadt, welche nach Art der Altenberger 1704 dadurch entstand, da eine
groe Granitmasse gegen 70 Ellen tief und 600 Schritte im Umfange, in
die durch Bergbau abgebauten Rume des Zwitterstocks niederfuhr und die
Gegend, wie ein Erdbeben, erschtterte.

Auer der Evanschen groartigen Spinnfabrik bei Geyer, hat man
gegenwrtig in diesem Stdtchen ein neues Rathhaus von Grund aus
aufgefhrt, welches, seiner Gre wegen, fr ein rasches Wachsthum
einer streitschtigen Einwohnerschaft, auf ein Jahrhundert hinaus und
dafr berechnet sein mag, dasselbe im Conterfei mit der Enkeltochter
der dasigen Glocke, welche beim Strmen des bekannten Prinzenraubes
zersprang, in einem Guckkasten auf Jahrmrkten herumtragen und
bewundern zu lassen.

Nur im Vorbeigehen mag das alte Bergstdtchen




Ehrenfriedersdorf


mit seinen 270 Husern, welche etwa 2300 Menschen bewohnen, wegen
seiner ungemeinen groen Menge an einander liegender Bergwerkshalden
am Sauberge, Erwhnung finden. Das Stdtchen selbst bietet, auer der
Knigl. Klppelschule, die in der That als Muster fr andere dasteht,
nichts Interessantes in seiner hlzernen Ausdehnung dar. Die gedachte
Halden-Menge hat etwas hnliches von einem vielfach durchwhlten
felsigen Bette eines in's Trockne gerathenen Wasserfalles -- steril und
immer kahl. Das Zinn kommt hier im Sauberge in schmalen Schnrchen nahe
bei einander vor, und der Bergmann kann dasselbe nicht andere gewinnen,
als da er immer taubes Gebirge mit absprengt, zu Tage frdert
und dann durch Auskutten den Zinnstein absondert. Diese schmalen
Zinnmittel, deren der Bergmann immer gleichzeitig mehrere vor Ort
hatte, werden dort -- Risse -- genannt. Das Auskutten nun mute jene
Schaar von Halden in der Art zur Folge haben, wie man sie zur Stunde
noch sieht. Die Apatite, Topase und andere interessante Fossilien
von Ehrenfriedersdorf sind bekannt, eben so, da in neuerer Zeit die
Chemnitz-Annaberger Chaussee durch das Stdtlein gelegt und diesem
dadurch eine ntzliche Lebendigkeit verliehen worden ist.

Zwischen hier und Annaberg sonnet sich in nachlssiger Behaglichkeit
das freundliche Dorf +Schnefeld+ bis hinab in die jugendliche
Zschopau. In demselben liegt die einladende Villa oder besser ~Beatus
ille etc.~ des Herrn Regierungsraths Reiche-Eisenstuck. Als dieser in
seinem frhern Wirkungskreise dem Obergebirge mehr angehrte, konnte
man dieses Rittergut als eine Wohlthtigkeits-Anstalt fr eine Schaar
guter Freunde betrachten, welche sich von Zeit zu Zeit zusammen fanden,
um daselbst ~ex officio~ zu essen, zu trinken und frhlich zu sein.
Selbst ein vornehmer Strfling hat in neuerer Zeit sein Strafbel hier
verlebt ohne ein ~Liber tristium~ zu schreiben.

In zchtiger Zierlichkeit ruht




St. Anna


auf ihrem erhabenen Stuhl, dessen basaltische Lehne sich 2638 Fu
ber das Meer erhebt; ihr mit Aehren und Feldblumen bestreutes Kleid
rollt in riesigem Faltenwurfe hinab zu den klaren Wellen der Sehma
und Zschopau und falbeln ihre Uferblumen an den Saum desselben. Diese
liebliche Stadt zhlt in ihren freundlichen massiven und mit Schiefer
bedeckten Husern, welche von mit Basalt gepflasterten Gassen und
Gchen vielfach durchzogen sind, ber 8000 Einwohner. Die Mauer,
welche den Huserschatz umgiebt und eine ansehnliche Hhe hat, scheint
mehr zum Schutz gegen die Strme des Himmels und der Raubthiere als
gegen den uern Feind errichtet worden zu sein. Die neuere Zeit hat
rings herum dieses Mauerwerk mit einem Grtel von Blumen, Bumen und
Strauchwerk umgeben und zwischen denselben Promenaden angelegt, welche
besonders alte Leute und Kinderwrterinnen benutzen.

[Illustration:

        ~Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg~

~ANNABERG.~]

Wohl mag im Jahre 1495, als unter Regierung Herzog Friedrichs des III.
Annaberg zu bauen angefangen und die Gegend noch -- die wilde Ecke --
geheien wurde, Niemand geahnet haben, da eine Zukunft kommen werde,
die alles verwische, was an Wildheit und Sterilitt erinnern knne. Der
Drang und die Sucht nach Silber und Kobalterzen, die am Schrecken- und
Schottenberge sich kund gaben, lie dem Bergmann alle Hindernisse und
Gefahren verachten und gab die nchste Veranlassung zur Erbauung der
Stadt.

Die Indulgenzen des Herzogs Friedrich und der sptern Landesherrn,
wodurch die Stadt an Ausdehnung gewann, ein Franziskaner-Kloster und
daneben aber auch eine Stadtkirche, Superintendur, ein Lyceum und
eine Patrimonial-Gerichtsbarkeit bekam, so wie das seltene Glck bis
in die neuern Zeiten herauf an der Spitze der Justizpflege und der
Verwaltung ausgezeichnete Mnner zu haben, die, wenn es das Schne,
Ntzliche und Nothwendige galt, nicht das Brgerthum allein zum
Geben nthigten, sondern selbst in die eigene Tasche griffen und zur
Nachahmung ermunterten --, mute nothwendig den Ort selbst sehr bald
zur Mittelstadt erheben. Die Namen eines Bretschneider, Lommatzsch und
des gemthlichen Schumann, als Superintendenten und eines Benedict,
Eisenstuck, Querfurth, Sldner, Glckner und anderer mehr bei der
Justiz und Verwaltung haben einen guten Klang. Noch jetzt, wenn man
durch die Gassen und Straen Annabergs wandert, dringt sich die
Meinung fr Ordnung und Nettigkeit, Schnheit und Schicklichkeit,
die sich die Einwohnerschaft angeeignet hat, unwillkhrlich auf.
Ihr socialer Verkehr bewegt sich nach Art eines patriarchalischen
Familien-Zusammenhanges, in welchem sich Jedermann, wer nur eingefhrt
ist, sehr wohl befinden kann.

Band-, Borden- und Spitzengeschfte, wozu sich in der neuern Zeit die
Thilo & Rhlingsche und Rhling & Fhrsche Seiden-Fabriken gesellt
haben, geben nicht nur der Stadt, sondern auch der Gegend umher Nahrung
und Gedeihen. Unmittelbar neben alten nackten Klostermauern ist in
einem stattlichen Gebude die Thilo-Rhlingsche Seidenfabrik in reger
Thtigkeit und da die Mnche in ihrer Mastanstalt unfehlbar keine Seide
spannen: so htten sie ohnehin ihren officiellen Mssiggang verlassen
mssen.

Annaberg hat sich seit zwei Jahren in ihrem sich angeeigneten
Zeitbewutsein und in dem Gebiete des geistigen Fortschritts dadurch
rhmlich hervorgethan, da es dem Einschmuggeln von jesuitischem
Schnrkelwerk in die neue rmisch-katholische Kirche, auf den Grund
der Verfassungs-Urkunde, krftig und deshalb mit Erfolg widersprach,
weil gleichzeitig die Triersche Rockparthie und Ronges Sendschreiben
an den Bischof Arnoldi, so wie die dadurch hervorgerufenen wrdevollen
Widerstrebungen gegen die rmische Hierarchie mit dem Baue ihrer Kirche
in dieser Stadt zusammen traf.

Wer hat hiernchst bei einer leichten Rechnungsaufgabe nicht oft
gehrt: Nach Adam Riesens Rechnenbuche betrgt es so oder so viel?
Dieser Adam Riese, ein geborner Annaberger, lebte im 16. Jahrhundert
als Bergschreiber in Annaberg und war der Verfasser eines allgemein
verstndlichen Rechnenbuchs. Er starb daselbst im Jahre 1559. Das
Vorwerk Riesenburg bei Geyersdorf, welches der Rieseschen Familie
gehrte und dessen Gebude 1641 von den Schweden zerstrt wurden, hat
sein Andenken mit erhalten.

Auf dem Todtenacker der Stadt, der seiner ganzen Ausdehnung und
Befriedigung, so wie der innern Einrichtung nach, der Liebe und
Achtung, die man seinen lieben Heimgegangenen schuldig ist, entspricht
und berall das Geprge der Piett in allen ihren Abstufungen an sich
trgt, ruht auch Barbara Uttmann aus Brabant, welche in Elterlein
erzogen und in Annaberg 1561 die Kunst, Spitzen zu klppeln, einfhrte,
whrend bis dahin nur genhte oder gewirkte Spitzen bekannt waren. Wer
die Segnungen des Spitzenklppelns im Obergebirge kennt und wei, da
Kinder, oft noch nicht zur Schule reif, leichte Muster klppeln und
fr die Reinlichkeit zugleich erzogen werden, der wird auch dankbar
zu den Stiftern des Denkmals emporblicken, die das Andenken an die
Wohlthterin Uttmann auf dem Friedhofe erneuerten und fr eine sptere
Zukunft zu erhalten strebten.

Noch gedenken wir eines wahrhaft edlen und vortrefflichen Mannes,
welcher den 28. Januar 1726 in Annaberg geboren wurde; es war der in
Leipzig verstorbene Kreissteuer-Einnehmer und Kinderfreund +Weie+. Was
er fr Kinder, besonders verarmte und Waisen that und fr sie schrieb,
ist zu bekannt, als da es einer Wiederholung bedrfte. Darum feierte
auch, in Anerkennung seiner Verdienste, seine Vaterstadt das 100jhrige
Geburts-Jubilum am 28. Januar 1826, nicht aber blos mit einem
Zweckessen, sondern durch eine Stiftung zur Erziehung armer verwaiseter
Kinder des Erzgebirges. Der Festverein veranstaltete eine Subscription
und aus allen Gegenden flossen Beitrge zusammen, so da bereits 7000
Rthlr. Kasse vorhanden ist, aus welcher alljhrlich jedesmal den 28.
Januar 7 verwaisete arme Kinder gekleidet und zur weitern Erziehung
versorgt werden. So wei Annabergs Einwohnerschaft die Verdienste
abgeschiedener Mnner und Frauen zu wrdigen; -- Glck auf!

In einem eben nicht umfangreichen Thalkessel, wo die, mit der Sehma
bereits vereinigte, Zschopau von der einen und die Phla, oder
richtiger Biela, von der andern Seite einander die Schwesterhand
reichen und vereint nach Wolkenstein hinabflieen, liegt in
anmuthvoller Einsamkeit




Wiesenbad


eine Stunde Wegs von Annaberg. Nur die Sommermonate wird es hufig
besucht und fr die Kur auf lngere oder krzere Zeit bewohnt. Der
Besitzer dieses Bades, Herr Kaufmann Eisenstuck, hat viel fr eine
freundlichere Aufnahme der Badegste und fr bequeme Logis gethan und
rhmlich dafr gesorgt, da es nicht an abwechselnden Vergngungen
fehlt. Eine Menge Gnge ber hoch emporsteigende, mit Wald bewachsene
Felsentrmmer und enge Thalschluchten, schattige Wege an den Ufern des
Flusses, der durch bunte Wiesen wandelt, werden gar sehr besucht.

Die Amethistgnge zu Wiesenbad, von schner hoch violblauer Farbe, sind
bekannt, weniger der Granitstock, welcher durch den Straenbau nach
Annaberg aufgeschlossen wurde, mit seinem Stockscheider, der grnen und
blauen Fluspath mit kleinen weien Apatiten fhrte.

[Illustration:

        ~Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg~

    ~Der PHLBERG bei ANNABERG~
    ~von Geiersdorf aus.~
]


Wir gehen vom Einfall der Phla hinauf nach Geyersdorf, und von da
zurck nach Annaberg. Am Ende des gedachten Dorfes und mithin von der
Thalsohle aus, erhebt sich der Phlberg (auch Bielaberg, folglich --
der weie Berg) an seiner Nordseite zum kahlen riesenhaften Kegel
empor, dessen Oberflche 2000 Schritte betrgt. Die Grundmasse ist
Basalt, mithin schwarz, dennoch wird der Berg der weie Berg genannt,
weil ihn gegen das Frhjahr hin ein weies Schneeband an der Stirne
noch lange umgiebt, was aus der Ferne gesehen, an die Zoll- und
Grenzaufsicht erinnert. Es ist Schade, da eine so groe Flche mit
ihren Abhngen noch nicht fr Holzcultur benutzt worden ist, da die
Sterilitt derselben nur eine kmmerliche Viehweide gewhren kann.

Von Annaberg nach Catharinenberg am Buchholz, gemeinhin




Buchholz


genannt, ist keine halbe Stunde Wegs. Etwa 2 bis gegen 2 Tausend
Menschen, meist Posamentier, sind in ihren gegen 250 Husern in ein
enges Felsenthal so eingequetscht, da man nur selten eine Wohnung
trifft, zu deren Eintritt nicht Stufen auf- oder abfhrten. Hoch oben
an der stlichen Thalwand steht, auf die Zehen gestellt, St. Catharina,
um ihre Schwester Anna immer im Auge zu behalten; ihr sind eine Parthie
Huser nachgeklettert und schauen herab in das Stdtchen, welches wie
ein Zeichen in einem halbaufgeschlagenen Buche liegt. Anfang und Ende
dieser Thalschlucht bieten dem Auge hchst anziehende Puncte dar: Unten
eine zu groe Brcke fr die kleine lustig dahin flieende Sehma, und
viel zu klein, um eine Erleichterung fr das Fuhrwerk am jenseitigen
Gehnge in der Art herbeizufhren, da der Chaussee-Schnitzer, wo
eine Scheune am steilen Berge nach Schlettau hin, wie ein Kegel in
der bekannten Quadrille, bis zur Halsbrecherei umfahren und umlaufen
werden mu. Jetzt bei der regen Gewerbsthtigkeit und der zunehmenden
Bevlkerung in Buchholz, hat man im Laufe dieses Jahres eine Menge
schmucke Huser an die Chaussee gebaut, um die hchst selten gewordenen
Quartiere fr fremde Arbeiter zu vermehren.

[Illustration:

        ~Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.~

~BUCHHOLZ.~]

Abwrts und ganz nachbarlich an diesen Neubauten und wo die Sehma
mehrere Einsprnge macht, hat sich der Emilienberg mit seinen Anlagen
und Lusthuschen bequemlich hingelagert, um die Aufmerksamkeit des
gegenber liegenden Waldschlchens auf sich zu ziehen. Ob es ihm
gelingen wird, -- steht dahin: denn Schlo und Schlchen sind
ritterliche Benennungen.

Oberhalb Buchholz tritt uns ein weit geffneteres Thal mit seiner
Lieblichkeit entgegen. Es schliet die Karchische Spinnerei und
die Cunersdorfer Gemeindemhle in seinen Schoo, und rechts steigt
ein mit drftigem Nadelholz bewachsener hoher Felsenkamm empor,
der nach Buchholz hin steil abgebrochen ist und dicke Schaalen
von Gneus zurckgelassen hat, auf deren Kanten Spatzierwege zu
Lusthusern, Einsiedeleien und Ruhebnken fhren, von welchen herab
man unmittelbar an das Ende aller Lebensherrlichkeiten erinnert wird:
das ist der Todtenacker! Zwischen Grbern kauert ein verbrettertes
beschindeltes und in der Ausfhrung vllig verpfuschtes Gebude, wie
ein pradamitisches fossiles Thier; um dasselbe herum stehen eine
Menge geisterartige, weigetnchte Leichensteine, die, wie die Todten
im Sterbekleid, in der Dmmerung einen Versuch zur Auferstehung
zu machen scheinen. Die ganze Friedhofsparthie verleidet den
Genu des herrlichen Thales und man kann zu dem gesunden Sinn und
Zeitgeschmack der Parochianen wohl die Hoffnung hegen, da sie dieser
Gespenster-Gesellschaft entgegentreten und dafr sorgen werden, da die
Ueberlebenden gerne die Ruhepltze ihrer abgeschiedenen Lieben besuchen
und Blumen auf ihre Grber streuen.

Das ganze lange liebliche Thal, welches aus Norden gegen Sden
allmhlig nach dem entfernten Fichtelberg ansteigt und von der Sehma
durchwssert wird, hat die freundlichen Drfer Sehma, Cranzahl und
Neudorf (letzteres in ltern Zeiten Kraksdorf geheien) aufgenommen,
durch welche eine Chaussee luft. Ueber beiden Seiten der ziemlich
flachen Thalwnde ziehen sich gutgehaltene Felder hinaus, auf welchen,
nchst den gewhnlichen Krnerfrchten, auch viel Flachs gebauet
wird, wodurch, sowie durch den Verkehr des gewerbreichen Annaberg und
Buchholz der Unterhalt der Einwohnerschaften hauptschlich gesichert
wird. Das schne, einladende Erbgericht zu Sehma, mit seinem schmucken
Tanzsaal, ladet die Umgegend fters zu seinen Concerten und Bllen
ein, wird auch auerdem deshalb sehr lebendig gefunden, weil die
Unzulnglichkeit der Quartiere in Buchholz viele Arbeiter nach dem
nachbarlichen Sehma zu drngen pflegt.

Wer ein Freund der Forstbotanik ist, der vergesse nicht den
freundlichen Oberfrster Mller in Neudorf und mit ihm seine Culturen
und seinen Pflanzgarten zu besuchen. Letzterer gewhrt ein um so
grerem Interesse, als man in einer solchen rauhen Gegend die groe
Masse Laubholzpflanzen in freudigem Wachsthume, nicht vermuthen kann.




Kretscham an der rothen Sehma,


gemeinhin Kretschamrothensehma genannt, erreicht man von Neudorf
aus ber einen ziemlich hohen Berg in einer halben Wegstunde. Das
Erbkretscham mit seinen Freiheiten und Rechtsamen liegt an einem
kleinen Bache, welcher in den Torflagern der Luxheide entspringt,
brunlich gefrbtes Wasser fhrt und deshalb die rothe Sehma genannt
wird. Um das Bauwerk dieses Kretscham stehen noch etwa 9 bis 10
lschpapiergraue hlzerne Huserchen und schauen trbsinnig dem engen
Kranz der Fichtenwaldungen, von welchen sie umgeben werden, nach allen
Richtungen entgegen. So anmuthlos indessen diese winzige Colonie sein
mag, so hat sie doch in sofern ein Interesse, als dieses Erbkretscham
lange Zeit fr den Ort gegolten hat, wo im Jahr 1455 den 8. Juli Prinz
Albert durch den Khler Georg Schmidt (nach der Zeit Triller genannt)
aus Kunz von Kaufungens Ruberhnden seine Freiheit wieder fand. Die
Gerechtsame des gedachten Kretschams erklrte man fr eine Belohnung
der rhmlichen That, weil man auerdem dafr gar keine Veranlassung
auffinden konnte. Dieser Irrthum ist nun lngst berichtiget. In der
Mitte des sechzehnten Jahrhunderts verkaufte Wolf von Schnburg diesen
Erbkretscham an den Erbaren Hann Prenner, Brger zu Nrnberg, fr 130
fl. -- mit dem Vorbehalt, da derselbe bei der Grafschaft Hartenstein
zu Lehen gehen solle. Und als Cornelius Eberwein und Casper Seligmann
in den Besitz dieser Realitten kamen, erhielten diese erst den 27.
Jun. 1661 landesherrliche Concession zu Erbauung eines Malzhauses, weil
Churfrst August den obern Theil der Grafschaft Hartenstein von Wolf
und Hans von Schnburg schon im Jahr 1559 an sich gekauft hatte.

In der Nachbarschaft dieses mit Fichten eingehegten trbsinnigen
Kretschams sind gleichwohl einige interessante Puncte fr Mineralogen,
nmlich ein schon lange verstrzter Bruch von schnem weien Marmor,
von welchem ein groer Theil als Trottoirs in der katholischen Kirche
zu Dresden verwendet worden ist. Auf seinen Spaltungsflchen trifft man
dann und wann seladongrnen Tremolith. Mannigfaltiger sind aber die
Vorkommnisse auf einer etwa eine Viertel Stunde gegen Sden gelegenen
Grube -- Gottes Segen am Stmpel. Hierher gehren die schnen
Pistazite, welche an Arendal in Schweden erinnern, edler Granat,
Zoisit, der cubische Quarz, Rutil, auch, obschon seltner, gelb Menakerz
und dergleichen mehr. Die Lager-Vorkommnisse, welche in krnigen
Kalkstein eingeschoben sind, werden steinbruchartig bebaut und als
Zuschlge bei den nachbarlichen Hammerwerken benutzt.

Die mchtigen Kalksteinlager sind weit verbreitet und ziehen sich
gegen Osten auf einem Gebirgsrcken hin, streichen bei Brenloh, wo
die fiskalischen Brennereien sind, zu Tage aus und bilden daselbst ein
groes Stck Unterlage der dortigen Chaussee.

Eine Stunde Wegs von hier ruht




Oberwiesenthal


(ursprnglich -- Neustadt -- geheien) wie ein gutgeartetes Kind im
Schoos der Mutter, am stlichen Abhange des Fichtelberges, zwischen
dem Zechen- und Jungferngrund mit seinen 1800 Einwohnern, welche in
200 und etlichen Husern wohnen. Die Husergruppe ist in geradlinige
Gassen abgetheilt, wie Gartenbeete mit ihren Furchen, was, da die
Wohnungen groen Theils ein hbsches Aeuere und bequemliche Rume im
Innern haben, dem Stdtchen ein einladendes Ansehen gewhrt. Eine
namhafte Menge Nadler, Posamentier, Gerber und andere Handwerker machen
den Nahrungsstand des Ortes aus, der durch die Jeremias Richtersche
Tabackfabrik, Errichtung eines Knigl. Justitiariats und die Schpfung
einer Chaussee nach Carlsbad, nur noch mehr gewonnen hat.

[Illustration:

        ~Lith. Anst. v. Rudolph & Dieterici in Annaberg.~

~WIESENTHAL.~]

Mit diesem Stdtchen und hinter selbem steigt gegen Westen der
Fichtelberg 3795 Fu ber das Meer empor, dessen kahler Scheitel, meist
von Wolken bedeckt, seit langen Jahren her durch einen unverstndigen
Holzschlag den Wiederanflug entbehrt. Wre jedoch der Gipfel dieses
Berges mit Nadelholz bewachsen, so wrde man die wunderhbsche Aussicht
nach allen Weltgegenden sehr beschrnkt finden. So schaut das Auge
gegen Osten nach dem Leutmeritzer Kreise in Bhmen, wo sich gesegnete
Fluren um Basalt-Trachit und Porphyrberge lagern; weit nher der
Kupferberg mit seiner Kapelle. Gegen Sden erkennt man deutlich den
baierschen Fichtelberg in seinen blablauen Umrissen; wogegen nach
West und Nord bei Weitem zum grern Theil der Blick ber unabsehbare
Waldungen, welche wie riesenhafte Heuschober in halbkuglige Pyramiden
gegliedert sind, ermattet und verschwimmt. Die Gegend von Carlsbad wird
durch den Keilberg in Bhmen, welcher mittelst eines flachen Sattels
mit unserm Fichtelberg in Verbindung steht, verdeckt.

Die kristallnen Quellen mehrerer Flsse, als die des Schwarzwassers,
des Kaffbachs, der weien Sehma, der Phla, der Mittweide und anderer
mehr, rieseln aus den Abhngen des, meist aus Gneus bestehenden und
mit interessanten Wackengngen durchsetzten, Fichtelberges hervor. Auf
den gedachten Gngen wurden in frhern Jahren reiche Erze gewonnen
und noch jetzt treibt man Bergbau, im sogenannten Zechengrunde,
darauf. Letzterer ist ein sehr enges und tief eingeschnittenes Thal,
in welchem das kleine durch Bergbau erschrotene Gewsser fliet,
welches Sachsen von Bhmen trennt. In dieser Schlucht finden sich
noch die Ueberbleibsel von Pochwerken, Wschen und Kauen, als Zeugen
eines namhaften Bergbaues in der frhern Zeit, und da, wo das Thal
pltzlich ansteigt und mit dem Bergrcken ausluft, steht noch ein
eingeklemmtes Zechenhuschen, wohin in den kurzen Sommertagen bisweilen
Gesellschaften ziehen, um Bier zu trinken und Kegel zu schieben. Die
Kegelbahn hat das Sonderbare, da die Kegel in Bhmen stehen und von
Schiebern in Sachsen zum Fallen kommen. Die Schneemassen hufen sich
zur Winterszeit gar sehr und bisweilen unglaublich hoch an. So hatte
z. B. der Winter vom Jahr 1843 zu 1844 eine solche Menge Schnee unter
Sturmwind geliefert, da zu mehrern verschneiten Husern Tunnel und
Stollen getrieben wurden, um dem lebendigen Inhalt Ein- und Ausgang
zu verschaffen. Eine Nische wurde in eine Schneemasse gegraben, deren
Inneres auf einer Colonade von Schnee-Pfeilern ruhte. Sie wurde Abends
beim Punschgelage illuminirt. Man kann den eigentlichen Winter, wenn
die ble Witterung denselben ankndigt und verabschiedet, gegen sechs
Monate veranschlagen. Gleichwohl herrscht auf Feldern und Wiesen eine
auerordentliche Vegetation; die Saaten, drei bis vier Wochen spter
geset als in den mildern Gegenden, haben diese gleichwohl in sechs
bis sieben Wochen erreicht, wo nicht gar bertroffen. Darum hat man
auch die stliche Seite des Fichtelberges weit ber drei Viertel seiner
Hhe urbar gemacht. Die Wiesen lngst der Phla (Biela) hinab sind
dreischrig; obschon das zweite Grummet nicht immer zum Fttern fr
das Vieh gebraucht werden kann, so giebt es doch Streu fr dasselbe.
Darum ist auch die Viehzucht ansehnlich und gut gelegene Grundstcke
erhalten sich im hohen Preise. Laubhlzer giebt es nicht, wenn nicht
die von Strmen gebeugten Vogelbeerbume (~Sorbus aucup.~) und einiges
verkrppeltes Strauchwerk, dafr einstehen drfen. Und da es gleichwohl
im Sommer Staare giebt, so trifft man allerwrts fr ihr eheliches
Glck Ksten an Stangen und Hausgiebeln angenagelt.

Das Phlawasser, welches, wie bereits gedacht, Sachsen von Bhmen
trennt, ist in seinem Meanderlauf nicht viel ber eine Elle breit:
denn es kssen sich die Blumen beider Ufer; das dies- und jenseitige
Geflgel der Wlder und Fluren begattet sich und zieht mit nie
ermdender Zrtlichkeit ihre Jungen auf, ohne da ber ihre gemischten
Ehen und ber die Erziehungsweise ihrer, dem Neste entwachsener
Kleinen, ein Federkrieg entsteht, weil es vernunftlos sein wrde. Ihr
armen Menschen! knnt ihr euch durch eure Geistesarmuth und durch
den todten Glaubenswust so viel herauswhlen und euch den Gesang der
Lerche erklren, den sie nach den Wolken trgt? Habt ihr ber die
Oekonomie der Bienen und Ameisen nachgedacht und ist euch der Knstler
bekannt, der unter tausendfachen Formen und Schattirungen den Schmelz
auf die Blumen zeichnet? Wit ihr, wer die Blitze aus den Wetterwolken
schleudert und im Donner spricht, da die Erde drhnt, und wer die
Sonne aus ihrem Gezelt hervorgehen heit, da sie vershnend ihre Bahn
um den Erdkreis wandle und Segen und Gedeihen allen Wesen ertheile?

       *       *       *       *       *

Am Fue des Fichtelberges und unmittelbar unter dem Stdtchen
Oberwiesenthal hat sich ein Haufen Huserwerk ziemlich ordnungslos
zusammen festgeschoben, wie durch eine Wasserfluth. Mitten hindurch
fliet der Grenzbach, die Phla; der Huserklumpen diesseits ist
Unterwiesenthal und jenseits bhmisch Wiesenthal. Beide Ortschaften
leben in einem friedlichen Verkehr, weil sie sich von jeher wegen ihres
Pasch- und Schmuggelgeschfts nicht fglich entbehren konnten und die
sonstigen nachbarlichen Verhltnisse sie enger mit einander verbanden.
Darum sind auch die bhmischen Grenzbewohner in der Regel, gegen die
tiefer im Lande befindlichen Katholiken, verstndiger und sittlich
abgerundeter. Bhmisch Wiesenthal und schsisch Unterwiesenthal,
dehnen sich ber eine Stunde lang mit kurzen Unterbrechungen an beiden
Ufern des Grenzbachs hinab, whrend beide Ortschaften allenthalben
eine dorfartige Physiognomie beibehalten; der fremde Wanderer erkennt
aber gleich, was davon nach Bhmen gehrt: alle Weibspersonen haben
stets den Kopf und meist in weie Tcher eingehllt; an den Straen
und Wegen trifft man Crucifixe, heilige Bilder und Kapellen fr
die Andacht aufgestellt, die gewhnlich von Wind und Wetter sehr
entstellt sind. Dies strt aber die fromme Einfalt im Kniebeugen und
Kreuzemachen nicht. Der Kriegssecretair Hr. W......r erzhlte mir,
da, als er sich einmal mit Hhenmessungen an der bhmischen Grenze
beschftiget, fr diesen Zweck sein Barometer in einer Waldschneue an
einen Baum geschraubt und sich dann nach der Berghhe begeben htte,
ihm ein bhmisches Weib entgegen gekommen, welches vor dem Barometer
niedergekniet, sich bekreuziget und dann weiter gegangen sei.

Schsisch Unterwiesenthal ist lter als Oberwiesenthal und trug bis
in die neue Zeit eine halb verpfuschte stdtische Verfassung an sich,
das heit es hatte Kmmerer, Viertelsmeister, Brauerei und dergleichen
mehr, aber nur einen Richter und Gerichtsschreiber ohne mehr
Jurisdiction zu haben, als wie man auf Drfern zu treffen pflegt, wo
Erbgerichte sind. Diese winzige Rechtspflege in einem ungeheuer groen
Gerichtshause, gab der Einwohnerschaft wenig Trost, aber viel Wrme
-- beim Bezahlen. Jetzt hat der Ort Stadtgerechtigkeit bekommen, das
lndliche Ansehen aber dennoch beibehalten mssen; welches von beiden
mehr Vorteile gewhrt, -- ist nicht bekannt.

Das Eisenhttenwerk -- rother Hammer -- ist gerade in einem solchen
Theil des Thals eingebettet, welcher wenig Romantik darbietet. Vor
mehreren Jahren besa es ein gewisser Breitfeld, dem die triste Parthie
nicht lange zusagte; er verkaufte das Werk und wendete sich mit seiner
freundlichen Familie nach dem Hammerwerk Erla. Das Eisenwerk Schlssel
ist eingegangen, die Htten sind meistentheils abgetragen und der
Complex der Grundstcke wurde fr konomische Zwecke eingerichtet.

Von hier aus thut man wohl, auf der an der Grenze sich hinabziehenden
bhmischen Chaussee die Wanderung fortzusetzen, indem man von da aus
die schsischen Ortschaften Hammer-Unterwiesenthal, Niederschlag,
Stahlberg und Brenstein immer im Auge behlt. Das Thal dahin ist
milder, durch seine Lebendigkeit ansprechender und freundlicher,
insonderheit ist es auch das bhmische Stdtchen Weipert, dessen
Gewehrfabrik eine gewisse Art von Wohlhabenheit herbeigefhrt hat, die
sich an der Nettigkeit der Huser, Grten und sonstigen Zubehrungen
kund giebt. Die Kirche daselbst zeichnet sich insonderheit durch
seinen innern Reichthum an heiligen Bildern, vergoldetem Schnitzwerk,
Staffagen und andern Herrlichkeiten aus, die das Auge fllen und das
Herz leer lassen. Vor der Kirche sah ich einen altersgrauen Mann unter
einem Crucifixe sitzen, welcher ber der Andacht eingeschlafen war. Er
hatte in einer mit Hauszwirn geflickten Schachtel Birnen zum Verkauf
ausgekramt.




Brenstein


dehnt sich in nachlssiger Geflligkeit am sdstlichen Abhange seines
kahlen Basaltkegels, welcher sein Haupt 2745 Fu ber das Meer erhebt,
hinauf und die Chaussee-Inspection hat ihm den Gefallen gethan mit
ihrer Strae nachzuklettern, wahrscheinlich ging es auch nicht anders.
Das Plateau des Berges gewhrt mehrere wunderliebliche Fernsichten nach
Sachsen und Bhmen; Stdte, Drfer mit ihren fleiig bebauten Fluren,
von Buschwerk umhllt, und dunkle Streifen von Nadelholz schwimmen
berall im Aether-Meer in den mannigfaltigsten Farben umher, bis sie am
fernsten Horizont, wohin das Auge nicht reicht, in bla schmalteblauen
Luftschichten verschwinden. Wie sehr fhlt man sich doch vershnt
mit allem, was in den Dunstkreisen zusammengedrngter Menschen bel
berhrt und das Leben erschwert, wenn man hoch auf den Bergen steht und
Gottes Odem in vollen Zgen trinkt. Schade, da so nahe unten im Thale
Gewehrfabriken sind, berechnet fr Thier- und Menschenmord.

Von Brenstein nordwrts luft die Chaussee auf einem Bergrcken fort,
welcher seiner Lnge nach von dem Knigswalder- und Sehmathal umarmt
wird, bis er sich nach 1 und  Stunde Wegs gegen Annaberg hernieder
senkt. Von Brenstein aus erreicht man zunchst eine Handvoll Huser,
die wie ein Pasch-Wrfel an einem Bergabhange hinabgestreut sind, ohne
Rcksicht zu nehmen, welche Stellung sie finden mochten. Dies Oertchen
heit: der Khberg. Nicht weit davon ladet ein stattlicher Gasthof,
-- Knigslust geheien, -- zur Einkehr ein, den in frhern Jahren ein
gewisser Knig aus Annaberg erbaute und von da auch immer den meisten
Zuspruch erhielt, besonders im Winter bei guter Schlittenbahn. Allein
diese Stadt hat sich's bequemer gemacht mit Glumanns Garten, dem
Waldschlchen, dem reizend gelegenen Wiesenbad Sehma und im Winter
mit ihrem Museum und Harmonie, so da die knigliche Lust ber lang
oder kurz in Vergessenheit kommen wird, wie alle Lebensherrlichkeiten
der Erde. Vergessen kann aber ein Freund der Natur die anmuthigen
Fernsichten nicht, welche er auf dem Rcken des Gebirgszuges geniet,
welcher sich von Brenstein nach Annaberg hin ausdehnt. Rechts hat
sich Knigswalde in ein ziemlich enges und tiefes Thal eingebettet
und klettert mit seinem Zugviehe Jahr fr Jahr an seinen Thalwnden
herum, Saaten zu bestellen fr Hafer-, Flachs- und Kartoffelbau. Links
in dem etwas mildern Sehmathal und an seinen Gehngen, besonders in
Cunersdorf, liegen hufig Halden und Pingen, als Zeugen auflssig
gewordener Zechen, die in frhern Zeiten ihren Segen spendeten.

Nah und fern auf diesem Wege eine endlose Abwechselung und
Mannigfaltigkeit! ein Bunterlei von halb oder ganz versteckten Drfern,
deren Dasein die Thurmspitze einer Kirche verrth; ein Streifen
Nadelholz, aus welchem sich hin und wieder eine jugendliche Baumallee
hervorspinnt, die einer Chaussee angehrt; eine lange Kegelbahn nach
Norden -- es ist die schnurgerade Kunststrae von Gehringswalde nach
der hoch gelegenen Heinzebank, und berall der Gotteshauch einer
erquickenden Luft, der uns, vershnend mit dem Getriebe der Thalwelt,
umweht.

[Illustration]




    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Unterschiedliche Schreibweisen von Ortsnamen wurden beibehalten.

    Die Abbildungen wurden in die entsprechenden Kapitel verschoben.





End of the Project Gutenberg EBook of Wanderungen durch die interessantesten
Gegenden des Schsischen Obererzgebirges (Drittes Heft), by Johann Traugott Lindner

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WANDERUNGEN ***

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