The Project Gutenberg EBook of Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 (of 4), by 
Adam Oehlenschlger

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Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 3 (of 4)

Author: Adam Oehlenschlger

Release Date: March 22, 2015 [EBook #48559]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 3 ***




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                                  Meine

                          Lebens-Erinnerungen.

                               Ein Nachla

                                   von

                          Adam Oehlenschlger.

                        Deutsche Originalausgabe.

                              Dritter Band.

                                 Leipzig
                        Verlag von Carl B. Lorck.
                                  1850.

                    *       *       *       *       *




Bei meiner Heimkehr traf ich meine Christiane und ihren Vater nicht mehr
in dem groen Hause und dem schnen Garten auf der Norderstrae; dieses
war durch das Bombardement in Asche gelegt worden. Sie hatten nun eine
beschrnkte Wohnung an der Ecke der Bngaard-Gasse; aber der Alte hatte
sein Bestes, seine Gemthsruhe und die stille Munterkeit, gerettet. Er
liebte wie frher Sprachstudien, Musik und mechanische Beschftigungen.
Mit Christiane besuchte ich die Grfin Schimmelmann, die sie lieb
gewonnen hatte und bestndig bei sich sah. Auch mit dem Herzoge von
Augustenburg hatte Christiane auf eine sonderbare Weise Bekanntschaft
gemacht. Sie war gerade eines Tages mit der Grfin in deren
Schlafkammer, als der Herzog sich melden lie. Die Grfin Schimmelmann,
die oft gute Einflle hatte, bat nun Christiane -- sie hatte gerade
ihren reichen Haarwuchs bewundert -- die Flechten aufzulsen, und sie
von dem Kammermdchen so zurichten zu lassen, da sie in den Haaren
verborgen wie in einer Glocke stand. Darauf ging die Grfin zum Herzog,
und bat ihn, eine junge Dame mitbringen zu drfen, welche wnschte, die
Bekanntschaft seiner Durchlaucht zu machen. Und nun trat eine Gestalt
ins Zimmer, von der man bis auf die Fe nichts weiter sah, als das
reiche glnzende blonde Haar. -- Auch die Bekanntschaft Knig Friedrichs
VI. hatte Christiane auf eine eigenthmliche Art gemacht. Als die zwei
Jahre von der Zeit meines Reisestipendiums verflossen waren, wollten
Schimmelmann und Reventlow mir die sechshundert Thaler gern noch auf
ein Jahr verschaffen; um aber eines guten Ausfalles gewi zu sein,
da die Poesie nicht in besonderer Gunst bei diesem guten, auf alles
Ntzliche vterlich bedachten Knige stand, wurde es bei Schimmelmann's
folgendermaen abgemacht: Christiane hatte sich in der letzten Zeit mit
einer Freundin im Schnschreiben gebt und es darin weit gebracht. Nun
mute =sie= das Gesuch so schn, als mglich, schreiben und Schimmelmann
brachte es zum Knige, dessen gutes Herz dadurch gerhrt wurde, da eine
Braut auf diese Weise ihrem Brutigam helfe; er bewilligte die Bitte,
bewunderte die schne Handschrift, und fragte, indem er mit dem Gesuch
in das Cabinetsecretariat hineinging: Kann Einer von Euch so hbsch
schreiben?

[Sidenote: Meine Heimkehr und Professur.]

Nach meiner Heimkehr machte ich dem Knige gleich meine Aufwartung.
Es demthigte mich Etwas, da er, als ich ihm meinen Namen nannte,
sagte: So, so, Sie sind Oehlenschlgers Sohn! Meinen Vater kannte er
natrlich vom kniglichen Schlo her viel besser, als mich. Aber als das
Gesprch gleich auf Axel und Valborg kam und er sagte: Das Stck ist
vortrefflich! fhlte ich mich wieder getrstet. Durch Schimmelmann's
Einflu auf den Herzog von Augustenburg und nach dessen Vorschlage,
wurde ich kurz darauf als Professor der Aesthetik bei der Universitt
angestellt, ohne da ich darum nachsuchte. Nach den geltenden Regeln
hatte ich eigentlich keine Berechtigung, denn ich hatte nur das
lateinisch-juridische Vorbereitungsexamen gemacht, wenn auch bereits
vor 10 Jahren eine akademische Abhandlung geschrieben, die der Prmie
wrdig erkannt worden war, und dies hat vermuthlich zu meiner Anstellung
beigetragen. Als ich dem Knige dafr dankte, sagte ich: Ich mu die
Gnade Ew. Majestt als einen Dichterlohn betrachten; aber dann mu ich
auch glauben, Sie wollen, da ich Dichter bleiben soll. Die Dichter
gehren zu den Vgeln, welche in einem Bauer schlecht singen; ich glaube
wohl, da ich im Winter Professor sein knne, wenn ich im Sommer Poet
sein darf, d. h.: wenn ich von den Sommervorlesungen entbunden werde.
Dies fand er billig, und so hielt ich 22 Jahre lang, _venia regis_,
keine Sommervorlesungen, bis ich mich ein Mal darein fand, um dadurch um
so leichter eine kleine Gehaltserhhung zu erlangen.

[Sidenote: Dichter-Honorare.]

Jetzt hatte ich 1200 Rbthlr., davon 600 von der Universitt, 600 von der
Finanzcasse. Daraufhin wollte ich mich nun verheirathen; man meinte,
das msse vortrefflich gehen, wenn ich Alles dazu legen wollte, was
Aladdin's Lampe (die Poesie) einbringen wrde. Ich glaubte es selbst;
bis jetzt hatte ich mich nicht sehr viel mit der Oeconomie abgegeben,
hatte mich mit meinen Ausgaben nach der Decke gestreckt, hatte keinen
Schilling Schulden, sollte Honorar fr Axel und Valborg bekommen, der
bald aufgefhrt wurde und hatte auerdem Correggio fr die Einnahme des
nchsten Jahres mitgebracht. Leider hatte ich mich aber nicht auf den
Buchhandel verstanden, und litt deshalb einen unersetzlichen Verlust und
verlor Einknfte, die meinen Wohlstand htten begrnden knnen. Vieles
konnte man aber auch nicht voraus wissen. Fr meine =ersten Gedichte=
gab Brummer mir 100 Rbthlr.; fr die =poetischen Schriften= erhielt ich
von Schubothe 6 Rbthlr. per Bogen, und mute noch Vorwrfe hren, da
das Buch so gro geworden sei. Die =nordischen Gedichte= bekam ich etwas
besser bezahlt, vielleicht das Doppelte; fr =Axel und Valborg= erhielt
ich endlich 300 Rbthlr.; aber 3000 Exemplare dieses beliebten Stckes
sind gewi im ersten Jahre verkauft worden. Fr die folgenden Auflagen
erhielt ich nicht einen Schilling. Nun war mir noch Correggio brig, den
mein frherer Verleger auch gern haben wollte. Als ich ihm erzhlte, da
ich das Stck selbst verlegen wrde, sagte er ganz betrbt: Ach Herr
Professor, das werden Sie doch nicht thun? -- Ja gewi, antwortete
ich, es kann mir Keiner verdenken, da ich mir selbst erwerben will,
was ich nothwendig selbst brauche. Ich behielt es also, und ohne dieses
Reiben der Lampe htte mein Geist mir seine Gaben nicht gebracht. Aber
er brachte nicht Gold und Edelsteine. Der grte Vortheil war in fremde
Hnde gekommen. Meine Schriften gingen wohl noch gut; aber nicht so
reiend, wie in der ersten Frhlingszeit meines Auftretens, wo Alles
neu und ungewhnlich war. Ich verstand mich auch spter nicht auf den
Buchhandel, das wute ich; Christiane verstand es auch nicht; aber sie
wute =es nicht=. Viel ging verloren; aber es kam doch so viel ein, da
ich in den ersten Jahren vor Nahrungssorgen sicher war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Professur in Gefahr.]

Ich mu bei Gelegenheit meiner Anstellung als Professor eines
Miverstndnisses von Seiten meines Gnners, des Herzogs, gedenken, das
mich fast um das Amt gebracht htte, ehe ich es erhielt. Als ich ihn
besuchte, um ihm zu danken, glaubte ich, da ich ihm aus Dankbarkeit
Etwas von meinen Plnen ber meine bevorstehenden poetischen Arbeiten
mittheilen msse. Ich sagte ihm also, da ich einen Roman schreiben
wolle (aus dem nie Etwas geworden ist), in dem ich den Character der
vier Religionen: des Christenthums, des griechischen und nordischen
Heidenthums und des Muhamedanismus, darzustellen beabsichtige. Kurz
darauf rief mich Schimmelmann zu sich, und sagte mir ganz betrbt,
da der Herzog befrchte mich zum Professor zu machen, weil ich meine
Vorlesungen in einen Roman einkleiden wolle; da ich durchaus zu ihm
hineilen msse, um dieses Miverstndni zu heben, das das Schiff meiner
Hoffnungen leicht stranden machen knne. Ich eilte also zum Patron,
und erklrte ihm, da das, was ich erzhlt hatte, durchaus nicht meine
Vorlesungen berhre: da das der Plan zu einem Gedicht sei, welches ich
im Kopfe htte. Dies beruhigte ihn wieder; denn, sagte er, wenn =das=
wre! -- Hierin lag gewissermaen noch eine Warnung. Und als ich ihn
verlie, mute ich an den Kutscher denken, der auf die Polizei beordert
war, weil er einen Menschen bergefahren habe, daselbst aber bewies,
da er es nicht gewesen sei; worauf der Actuarius, der doch meinte, da
er ihn nicht so ganz frei durchschlpfen lassen knne, sagte: Da Du
es nicht gewesen bist, so mag es diesmal so hingehen; da es aber nicht
fter geschieht! Uebrigens war der Herzog von Augustenburg mir stets
geneigt, erwies mir Achtung und schrieb mir einen freundlichen Brief,
als er sein Universittspatronat niedergelegt hatte, in welchem er mir
fr den Correggio, den ich ihm gesandt hatte, dankte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Genugthuung.]

Bei Schimmelmann's wurde eine Abendgesellschaft nach der andern gegeben,
in denen ich Axel und Valborg, das in Kurzem aufgefhrt werden sollte,
und Correggio Deutsch vorlas; dieser letztere war noch nicht bersetzt.
Alles Vornehme und zum Hof Gehrige (bis auf den Knig und die Knigin)
war zugegen. Eines Abends nach beendigter Vorlesung kam der Graf
Baudissin, der einer der Zuhrer gewesen war, auf mich zu. Ich hatte ihn
seit dem kurzen Besuch vor fnf Jahren in Berlin, wo er Minister war,
nicht gesehen. Er begrte mich mit vieler Achtung, und manvrirte um
mich her, indem er mir auf eine hfliche Weise zu Leibe rckte, bis er
mich in einen Winkel des Saales gedrngt hatte. Er stellte sich fest
und steif vor mich hin; ich merkte deutlich, da Etwas in ihm ghre,
womit er kmpfte, konnte aber nicht begreifen, was es sei; endlich
zwang er sich, rasch und bestimmt zu sagen: Ich habe Ihnen Unrecht
gethan, ich bitte Sie um Verzeihung! Nun verstand ich ihn, und es
rhrte mich, diesen adelstolzen, strengen, militrischen Mann (er war
damals Gouverneur von Kopenhagen) seiner Humanitt (wegen deren er
ebenso bekannt war, wie wegen seines Stolzes) dieses ihm gewi nicht
leichte Opfer bringen zu sehen. Ew. Excellenz haben mir kein Unrecht
gethan, sagte ich, aber ich Ihnen, weil ich als ein junger Mann, der
die herkmmlichen Formen nicht beachtete, es verga, Ihnen in Berlin
meine Aufwartung zu machen, wo Sie Gesandter waren. Ich mu also Sie um
Vergebung bitten! -- Damit war der Frieden geschlossen; und nun htte
ich ihm freilich den Besuch machen sollen, den ich in Berlin verga,
und von dem ich ihm selbst zugestanden, da ich ihn ihm schulde, -- aber
-- ich unterlie es wieder, und wir kamen wieder auf einen gespannten
und fremden Fu mit einander. Warum unterlie ich es denn? War es
Hochmuth von mir oder Undankbarkeit? Nein, gewi nicht; aber ich fhlte,
da dieser Mann und ich nicht sympathisirten, da das aristokratische
Vorurtheil ihn so sehr beherrschte, obgleich er ein sehr rechtschaffener
Mann war, da es frh oder spt mich wieder verletzen wrde; und daher
fand ich es fr besser, gleich abzubrechen. An dieser stolzen Schwche,
die aus Eigenliebe und Eitelkeit entspringt, leiden viele Menschen;
alle Stnde sind davon geplagt. Zu einer Zeit, wo der Adel noch Etwas
zu sagen hatte, war es natrlich, da dieses Gefhl des Geburtsstolzes
-- eigentlich ein Unding -- oft selbst edle Seelen beherrschte. So hat
selbst der Sohn dieses braven Mannes, ein genialer, kenntnireicher
und hchst gebildeter Jngling, der einem sptern, mehr aufgeklrten
Zeitalter angehrte, Shakespeare's Uebersetzer, Tieck's Freund, u. s.
w., einmal eine Abhandlung darber geschrieben: da kein Unadliger
eigentlich das Gefhl der Ehre haben knne; worin er ganz Recht hatte,
wenn er hiemit die falsche Don Quixottische Ehre meinte, welche das
Mittelalter beherrschte.

[Sidenote: Adelshochmuth und Pbelplumpheit.]

Obgleich ich als Dichter zu allen Stnden gehrte und mit ihnen umging,
habe ich mich doch stets ebenso wenig in den Adelshochmuth, wie in die
Pbelplumpheit finden knnen; ich suchte das schn Menschliche im Palast
wie in der Htte, d. h. das Poetische; die hflichen Uebertreibungen
gingen mich Nichts an; doch entschuldigte ich stets leichter die
Plumpheit des Armen, als den Hochmuth des Vornehmen, weil der Mangel
an Erziehung, der Beides hervorruft, bei jenem, nicht aber bei diesem
verziehen werden knne. Das Rohe kann auerdem auch reif werden, nie
aber das Verweste; selbst Barbarei kann sich zur Schnheit erheben,
Luxus aber ist die ausgeartete, verirrte Schnheit; und im schlimmsten
Falle ist es weniger gefhrlich fr die Gesundheit, in der Nhe eines
Wagens zu stehen, der voller Dnger ist, als in einem Treibhause voll
blhender stark riechender Blumen zu sitzen; der Gestank kann trotz des
Widerlichen gesund sein; aber der bertrieben starke, feine Wohlgeruch
ist tdtend.

Als einen Beweis, wie ich trotz meines freundlichen Umganges mit
den Groen, stets Lust hatte, dem Adelsstolze, wo er sich geltend
machte, mit dem meiner Ansicht nach nothwendigen Trotze des gesunden
Menschenverstandes zu begegnen, will ich hier eine kleine Geschichte
erzhlen. Unter Denen, welche mir in diesen Kreisen ganz besondere
Freundlichkeit erwiesen, befand sich der Kanzleiprsident Friedrich
Moltke. Er war einer der Menschen, die selbst im Greisesalter Jnglinge
bleiben. Fr die Poesie hatte er eine ungeschwchte Liebe. Ewald war
sein Lehrer gewesen und hatte ihm die schne Ode: Des Schwertes Sausen
und der Lrm der Schilde gewidmet, welche so endet:

              Deshalb lchelnder Tugenden, reichen
              Wissens glhender Freund, der die Erde
              Liebet! Deshalb, mein edelster Moltke!
              Fllst Du mir mchtig die Brust und der Harfe
              Zitterndes Gold!

In Ewald's letzten schwachen Tagen war Moltke Kammerjunker, ich glaube
bei der Knigin Witwe, und hatte ihm eine kleine Pension verschafft,
indem er mit Begeisterung von ihm sprach. Bei alle Dem war Moltke
Aristokrat, und man sagte, da er sich nie mit dem krftigen Demokraten
Christian Colbirnsen vertragen konnte, der Deputirter in der Kanzlei
war, welcher Moltke als Prsident vorstand, und die Folge davon war,
da Moltke endlich aus der Kanzlei austrat und Stiftsamtmann in Aalborg
wurde.

[Sidenote: Der gefeierte Dichter.]

Kurz nach meiner Heimkehr wetteiferten Viele der Groen, ebenso wie
Schimmelmann's, mir Gesellschaften zu geben, z. B. der Staatsminister
Graf =Christian Reventlow=, Graf =Christian Bernstorff=, Geheimrath
=Moltke= und die Hofdamen Frulein v. d. =Maase=, Grfin Mynster und
Frulein =Levetzau=. Eines Abends war auch Moltke auf Friedrichsberg
bei einer dieser Damen; er hatte dem Knig und der Knigin seine
Aufwartung machen wollen; diese aber waren bei dem Geheimrath Rosenkrone
in der Friedrichsberger Allee. Rosenkrone's waren die Einzigen, welche
der Knig und die Knigin besuchten; das weckte vielleicht Moltke's
Eifersucht ein Wenig und er machte nun seine Bemerkungen darber, da
Rosenkrone's nicht aus alter Familie seien. Dies reichte hin, um mich
den Bogen spannen zu lassen, und ich sagte: Ew. Excellenz meinen, da
Rosenkrone ein Londemann ist! Ganz gewi; sein Vater war Bruder des
Schauspielers Londemann, der die dnische Bhne verherrlichte, und
das Zwergfell der guten Kopenhagener unablssig erschtterte; aber
vielleicht wissen Ew. Excellenz nicht, da der vortreffliche Darsteller
des Holberg'schen Henrik ein viel lterer Adelsmann war, als Sie selbst
sind, obwohl ich wei, da Ihr Adel alt ist, und da bereits zu Erik
Menved's Zeit von einem Moltke gesprochen wird. -- Moltke sah mich
verwundert an und gestand: Nein, das wisse er nicht. -- Das ist
leicht zu beweisen, sagte ich, Sie brauchen nur in der Vorrede zu der
Folioausgabe des Snorro Sturleson nachzuschlagen, wo Sie sehen werden,
da Londemann gerade vom Snorro Sturleson abstammte; Snorro Sturleson
stammt von Harald Schnhaar, und dieser von Regnar Lodbrok. -- Ja das
ist sehr mglich! sagte Moltke artig und lenkte das Gesprch auf einen
andern Gegenstand. Moltke war ein hbscher Mann, leicht und schlank,
sehr rasch in seinen Bewegungen und trotz seines schneeweien Haares
glhten seine braunen Augen doch in jugendlichem Feuer.

[Sidenote: Eine Anekdote von Thorwaldsen.]

Das Schlimmste, was man dem Geburtsstolze anthun kann, ist, da man auf
Lnder hinweist, wo es von Adligen wimmelt, wie Island, Schottland,
Corsica, Ungarn, Polen. -- Als Thorwaldsen mehrere Jahre nach diesem
Gesprche heimkehrte, wollten ihm gern Alle, Jeder auf seine Weise,
huldigen. Ich war eines Vormittags gerade bei ihm, als er auf ein
Paar Stiefel wartete, mit denen der Schuhmacher ihn im Stiche lie.
Da trat der brave Finn Magnussen sehr ernst und feierlich ins Zimmer
herein und legte Thorwaldsen eine Stammtafel vor, auf welcher bewiesen
wurde, da er (ebenso wie wahrscheinlich Finn Magnussen selbst) von dem
norwegischen Knige Magnus Barfu abstamme. Das will ich glauben,
sagte Thorwaldsen lchelnd zu mir, darum bekomme ich heut auch keine
Stiefeln!

[Sidenote: Reventlow. Bernstorff. Die Grfin Mynster.]

Um Thorwaldsen's willen gerieth ich doch etwas mit dem alten, feurigen
Minister, Grafen Christian Reventlow ins Unklare, wie die Seeleute
sagen. Ich war auch bei ihm eines Abends, sa an seiner Seite, und
er machte mir das Compliment, da ich fr den Correggio verdiente
Mitglied der Akademie der Knste zu werden. Aber als wir spter von
Thorwaldsen sprachen und Reventlow Canova weit ber ihn stellte, nahm
ich mir die Freiheit, durchaus der entgegengesetzten Ansicht zu sein.
Reventlow glaubte, dies sei Parteilichkeit fr einen Landsmann; aber
ich antwortete: Ew. Excellenz! in zehn Jahren wird Das, was ich jetzt
sage, fr eine Trivialitt angesehen werden. -- Der vortreffliche
Bauernfreund Reventlow hatte viel mehr Sinn fr das Oeconomische und
Ntzliche, als fr das Schne, und er bewunderte deshalb auch Rumford
als einen der grten Mnner der Zeit. Christian Bernstorff war durchaus
entgegengesetzter Art, und das Aeuere dieser Herren entsprach ihrem
Wesen. Reventlow gro, beweglich und stark, sah trotz seiner Sterne
und Bnder wie ein sinnreicher, tchtiger Handwerksmeister aus. Der
rasche, feine Bernstorff war edel in allen seinen Bewegungen, wie ein
englischer Lord. Er war nicht enthusiastisch wie seine Vetter, die
Stolberg's, nicht schwrmerisch, aber ebenso poetisch in Bezug aus den
Eindruck, und in seiner Ruhe billiger und vielseitiger. Sein Herz war
vortrefflich. Es bildete sich zwischen uns eine auf geistige Sympathie
gegrndete Vertraulichkeit. Als ich einmal in einem solchen Augenblicke
zu ihm sagte: es sei doch ein schner Beruf, Staatsminister zu sein,
entgegnete er: Ich habe nie Lust dazu gehabt; die Umstnde haben mich
dazu gemacht. Man hat ihm spter vorgeworfen, da er den Englndern
zu viel getraut habe, und da er ein Aristokrat gewesen sei. Dies
letztere war gewi stets auf eine sehr edle Weise, mit Bewunderung und
Anerkennung alles Groen und Guten, der Fall. Er hat auch Gedichte
hinterlassen, in denen seine edle Seele sich ausspricht. Seine schne
junge Gattin war seiner wrdig und durchaus liebenswrdig. Ich besuchte
sie oft auf Schlo Bernstorff.

                    *       *       *       *       *

Unter meinen neuen Freundinnen zeichnete sich die Grfin Mynster,
geborne Ompteda, Hofdame der Knigin, aus. Sie war in ihrer Jugend sehr
schn gewesen und sah noch gut aus. Sie war selbst deutsche Dichterin
und bersetzte einige meiner Gedichte, unter andern Die heimliche
Stimme. Ich habe es mit einigen Vernderungen in der Ausgabe meiner
deutschen Gedichte benutzt. Sie litt an einem schlimmen Uebel: einer
berspannten Sentimentalitt. Oft besuchte sie uns, und dann lasen wir
gewhnlich Gedichte mit einander. Sie strebte stets nach dem Hohen und
ich versuchte oft, theils um sie wieder in's Gleichgewicht zu bringen,
theils aus schelmischer Neckerei, sie in das Alltgliche herabzuziehen.
Als wir einmal Schiller's Lied an die Freude gelesen hatten, und sie
zwischen den Sternen und den Millionen umherschwrmte, sagte ich: Nun
zur Vernderung ein anderes kleines Lied, und recitirte das Gthesche:

                   Mich ergreift, ich wei nicht wie,
                   Himmlisches Behagen.
                   Will mich's etwa gar hinauf
                   Zu den Sternen tragen?
                   Doch ich bleibe lieber hier,
                   Kann ich redlich sagen,
                   Beim Gesang und Glase Wein,
                   Auf den Tisch zu schlagen!

Die letzte Zeile begleitete ich wirklich mit einem tchtigen Schlage auf
den Tisch, um sie von dem Firmament wieder in's Zimmer herabzuziehen;
aber sie grollte mir sehr anmuthig wegen dieses burschikosen Wesens, das
sie aus dem schnen Traume geweckt hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Vorlesung am Hofe.]

Ich la nun bald Correggio, bald Axel und Valborg so oft in diesen
Gesellschaften vor, da ich ihrer zuletzt ganz mde wurde; und Christian
Colbirnsen hatte gewi vollstndig Recht, da er ein Mal bei Prinz
Christian nach der Vorlesung von Axel und Valborg, sein Compliment
ber das Stck mit der Bemerkung begleitete, da er meine, es msse
etwas wrmer vorgetragen werden. _Variatio delectat_. Ich hatte so oft
meinen Vortrag loben gehrt, da es mir nun gefiel, von einem Manne
kritisirt zu werden, der, wie man sagt, selbst Beredsamkeit besa. Es
war das erste und letzte Mal, da wir zusammen sprachen; ich konnte ihm
den wahren Grund des Mangels an Wrme nicht angeben, und begngte mich
damit, ihm hflich fr seine richtige Bemerkung zu danken, indem ich die
Hoffnung aussprach, da ich es ein anderes Mal besser lesen werde.

Dieses andere Mal strengte ich mich auch wirklich an; denn da fand
die Vorlesung bei dem Knig und der Knigin selbst statt, welche
auch den Correggio hren wollten und deshalb eine Assemble in dem
groen Palaissaale veranstalten lieen. Hier hatte ich einen kleinen
amsanten Prolog mit dem Oberceremonienmeister _Charles Louis Bouz de la
Calmette_, der, um mir das Vorlesen leichter zu machen, mir vorschlug,
ein Pult zu besorgen, an dem ich stehen knne, um mir die Brust nicht zu
drcken. Aber da ich diesen alten franzsisch-hollndischen Cavalier,
der mit seinen gepuderten Locken und dem Haarbeutel im Nacken durchaus
der _vieux bon-temps_ angehrte, in Verdacht hatte, da er mich wie
einen andern Virtuosen behandeln wolle, der im Stehen spielte, whrend
die Herrschaften saen, so versicherte ich ihm, da das Sitzen meiner
Gesundheit durchaus nicht schaden, da es mich vielmehr ermden wrde,
fnf lange Acte hindurch zu stehen, und da ich mir daher einen Stuhl
ausbte. Einige Jahre spter dachte ich an diese Scene, als ich die
Vringer schrieb, in der Scene mit Harald Haarderaade, wo der Kaiser dem
Harald befiehlt zu knieen, dieser aber stehen bleiben will.

[Sidenote: Das Brun'sche Haus.]

Man hatte befrchtet, da die Lectre des langen Stckes seine Majestt
ermden wrde; aber er hrte sehr aufmerksam vom Anfang bis zum Ende zu
und schien zufrieden zu sein.

                    *       *       *       *       *

Das angenehmste groe Haus in Kopenhagen war damals das Brun'sche.
Hier war ein Sammelplatz fr den Hof, fr die _beau monde_ und fr die
Knstler. Die anmuthige Ida sang vortrefflich, und die Musik war der
Genius, welcher hier das Ganze verband und verschmolz.

Meine Heimat hatte ich auer bei mir selbst noch an vier Orten: bei
meinem Vater, meinem Schwiegervater, bei Oersteds und Rahbeks. Bei dem
Alten speisten wir gewhnlich jeden Sonntag, wenn wir nicht auf dem
Lande waren, und er ein Mal die Woche bei uns.

Rahbek empfing mich sehr liebevoll, und mir war es eine groe Freude,
die liebenswrdige Karen Margrete wieder auf dem Hgelhause zu sehen;
aber Rahbek's Freundlichkeit fr mich fing doch bald an, sich aus
folgenden Grnden abzukhlen. Zuerst hatte er die Absicht, eine neue
Zeitschrift herauszugeben, an deren Herausgabe ich mich betheiligen
sollte; aber ich hatte durchaus keine Lust dazu, theils weil es mich
im Dichten gehindert haben wrde, wenn ich zu gleicher Zeit eine
Zeitschrift und die Vorlesungen hatte besorgen sollen, theils weil
Rahbek gerade damals durch eine zu flchtige Behandlung seiner Arbeiten
und dadurch, da er sich in Federkriege einlie, einen Theil seines
literarischen Ansehens eingebt hatte. Diese abschlgige Antwort
sagte ihm nicht zu, und als eine junge Schauspielerin, auf die er
auerordentlich viel hielt und von der er geglaubt hatte, da sie die
Hauptrollen in meinen Tragdien spielen wrde, mir nicht gefiel, so trug
auch dies etwas dazu bei, die Freundschaft abzukhlen. Doch war er an
dem Tage sehr liebevoll, wo er zum Ritter des Dannebrogordens ernannt
wurde, welche Ehre ich erst mehrere Jahre spter erlangte. Er bat mich
an dem Tage, wo er Ritter geworden war, die Nacht ber bei mir bleiben
zu drfen, da es zu spt sei, nach dem Hgelhause zu gehen. Dies war
das einzige Mal, wo er mein Schlafkamerad und zwar in einem sehr engen
Bette war, und ich dachte dabei an die Nacht in Paris, wo Baggesen auf
hnliche Weise mein Gast wurde.

Rahbek hatte viel Eigenthmlichkeiten, und einer von dieser verdankte
ich meine gute Stellung im brgerlichen Leben. Er war nmlich mehrere
Jahre lang Professor der Aesthetik an der Universitt gewesen, als es
ihm pltzlich einfiel, seinen Abschied aus einem hchst sonderbaren
Grunde zu nehmen: weil man ihm vorgeworfen hatte, da er die Kant'sche
Philosophie nicht studirt habe. Nun lebte er davon, da er schrieb und
bersetzte und Lehrer der Geschichte und des Lateinischen in einer
Privatschule war. Wre dies nicht geschehen, so wrde ich wahrscheinlich
nie Professor geworden sein, und Gott wei, was ich dann geworden wre.
Vielleicht wre ich dann nach Deutschland zurckgegangen (wo Correggio
viel Glck gemacht hatte) und wre ebenso wie Steffens nach und nach ein
Deutscher geworden.

[Sidenote: Vorlesungen ber Ewald und Schiller.]

Aber das war nun, Gott sei Dank, nicht der Wille der Vorsehung. Ich
wurde hier Professor und wenn ich auch kein Kantianer war, so hatte
ich doch ein volles Haus im Ehlers'schen Collegium. Im ersten Winter
las ich ber Ewald, im zweiten ber Schiller. Ich wiederholte diese
Vorlesungen im Local der harmonischen Gesellschaft vor Herren und Damen,
hatte viele Zuhrer und zhlte unter diesen Schimmelmann, Bernstorff,
Admiral Bille, Geheimrath Moltke, Oersteds, Professor Mynster, Etatsrath
Kirstein u. s. w.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufnahme meiner Tragdien in der Heimat.]

Ich war fnftehalb Jahre fortgewesen und hatte die Eitelkeit
keines Menschen durch meine Anwesenheit verletzt; man hatte meine
heimgesandten Schriften nur gelesen, wie man die hinterlassenen Werke
eines todten Mannes liest, und so kam es denn mit mir, wie es oft viel
Schlechteren begegnet, da ich zur =Mode= geworden war. =Hakon Jarl=
hatte auerordentliches Glck gemacht. Es war dies die erste auf die
Geschichte begrndete poetische Schilderung aus dem Heldenleben des
heidnischen Alterthums, welche auf der Bhne dargestellt wurde. Dies
allein htte doch nicht soviel Wirkung auf das grere Publikum ausben
knnen, wenn nicht auch Hakon's Verhltni zur Thora, oder richtiger
gesagt: ihres zu ihm, die Herzen der Weiber gerhrt htte. Beim
=Palnatoke= war dies nicht der Fall; da war gar keine Liebe und deshalb
war das Schauspielhaus bei den ersten Vorstellungen auch ziemlich leer;
aber =Axel und Valborg= machte Alles wieder gut; da gab's Liebe von
Anfang bis zu Ende. Obgleich das Stck noch nicht gedruckt war, so war
es doch berall bekannt, man hatte gewut sich Abschriften davon zu
verschaffen; diese wurden zu theuren Preisen verkauft, und so hatte man
das Vergngen, sich in die Mnchzeit vor Erfindung der Buchdruckerkunst
zurckzuversetzen, wo ein schn abgeschriebenes Exemplar den Genu
erhhte, weil es seltener war, und weil man etwas geno, das Andern
nicht zu Gebote stand. Reiche Englnder amsiren sich ja noch oft damit,
einige wenige prchtige Exemplare als Manuscript drucken zu lassen.
-- =Correggio= wirkte nun wieder auf eine andere Weise, whrend darin
doch zugleich wieder Stoff genug fr fhlende Herzen war. Sowie Hakon
Jarl den Sinn fr das Altnordische geweckt hatte, weckte Correggio den
Sinn fr die Kunst, und war vielleicht eine der ersten Triebfedern zu
ihrem fleiigen Studium in Dnemark, das spter reiche Frchte trug.
Was die damalige Auffhrung dieser Stcke betraf, so lt dieselbe sich
auf keine Weise mit der Auffhrung spterer Zeiten vergleichen. --
Meine Hauptsttze war gefallen; der Knstler, auf den ich am meisten
gerechnet hatte, der herrliche =Rosing= war lebend todt. Seitdem
habe ich selten an einen bestimmten Schauspieler gedacht, wenn ich
meine Dramen schrieb, was ihnen oft geschadet hat. Denn man kommt
hauptschlich ins Schauspielhaus, um die Schauspieler zu sehen; sie
knnen ein mittelmiges Stck interessant machen, und ein gutes Stck,
das im Ganzen schlecht gespielt wird, wird langweilig. Aber es war
mir unmglich, die idealen und neuen Charactere, die ich darzustellen
suchte, nach gewissen bekannten Menschen zu formen. Mit Rosing als Hakon
Jarl war es doch etwas Anderes! Alles in dieser Rolle pate fr ihn.
Er war voller Feuer und pathetisch, konnte kalt und klug sein, war ein
Bewunderer des weiblichen Geschlechts und ein krftiger Norweger von
Nidaros. -- So =war= er, als ich ihn kannte; jetzt bei meiner Heimkehr
sa er, von einer schrecklichen Gicht darniedergebeugt und konnte
weder Hand noch Fu rhren. -- =Schwarz=, frher in komischen Rollen
vortrefflich, war spter als wrdiger Vater in brgerlichen Dramen
ausgezeichnet; =Frydendahl=, Thalia's auserwhlter Liebling, konnte in
miglckten Versuchen unter Melpomene's Fahne Rosing nicht ersetzen.

[Sidenote: Deren Darstellung auf der Bhne.]

Aber ein ehrenwerthes Knstlerkleeblatt, ohne dessen Hlfe es mir
unmglich gewesen wre, durch die Bhne zu wirken, darf ich nicht
vergessen. Ich hatte die Freude, Diejenige, die mich vor 16 Jahren als
Dyveke und Kathinka entzckt hatte, =Heger's= Gattin, frher =Marie
Smith=, als eine edle Thora, als Valborg, als Marie im Correggio zu
sehen. -- =Stephan Heger=, der in der letzten Zeit ganz die Lust zu
spielen verloren hatte, lebte durch meine Stcke gleichsam wieder fr
die Kunst auf. Der hbsche, gebildete, geistreiche Mann mit dem schnen
Organ erfreute Alle als Einar Tambeskjlver, als Thorwald und als Giulio
Romano.

[Sidenote: Mein Freund der Schauspieler Foersom.]

Der dritte im Kleeblatt war mein lieber =Foersom=. Er hatte =sehr
viel mehr=, als was er auf dem Theater gebrauchte, aber Etwas, was er
dort nothwendig haben mute, fehlte ihm: ein starker Krper und ein
deutliches Organ. Dies mute er durch Anstrengung zu ersetzen suchen und
die sichtbare Anstrengung in der Kunst schwcht stets den Eindruck. Aber
Foersom war ein Mann von Genie. Er htte ein vortrefflicher Philologe
werden knnen, und er war Dichter; Dichter mehr als Schauspieler.
Einige seiner lyrischen Stcke tragen unverkennbar das Geprge der
Originalitt; als Shakspeare's Uebersetzer machte er Epoche. Seine
Uebersetzungen bedrfen vielleicht der Berichtigung und es fehlt ihnen
zuweilen die Feile; aber Shakspeare hat auch keine Feile gebraucht, und
in Foersom's feuriger Uebertragung tritt der eigentliche Shakspeare
oft strker, als in A. W. Schlegel's oft allzu correcter und glatter
Bearbeitung hervor, so gut diese auch brigens ist.

Der Shakspeare'sche Humor war Foersom's eigentliches Element, und
deshalb war auch der tiefsinnige, mit seiner Schwche kmpfende =Hamlet=
seine beste Rolle. -- Friede sei mit Deinem Staube, guter Foersom!
Ich bewahre noch das Exemplar Deines Lear's und Romeo's, in das Du
geschrieben hast: Dem Zwillingsbruder William Shakspeare's. Ich bin
stolz darauf, da =Du= mir das gesagt hast. -- Geist und Gefhl des
krftigen Helden vermochte er darzustellen; aber das Erotische schien
nicht gerade das zu sein, womit der tiefsinnige, launige Foersom am
meisten sympathisirte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Madame Schirmer als Thora.]

Axel und Valborg machte Glck; doch entging es nicht dem Tadel der
Mitglieder der ltern Schule. Der verstorbene Professor Kierulf fand
es unnatrlich, da Axel ein =Schwanenlied= sang, ehe er starb. Ich
hatte nmlich Schwanengesang ber Axel's letzten Monolog geschrieben,
worunter ich nichts Anderes, als seinen Herzensseufzer im Tode meinte.
Es wre vielleicht besser gewesen, jene Ueberschrift auszulassen.
Als man Thaarup einmal whrend der Auffhrung fragte: Woran stirbt
Valborg? antwortete er: An einem Liede! Valborg's Tod mag etwas
Auffallendes und fr Viele etwas Unnatrliches haben; aber ich glaube
doch nicht, da es unmglich ist, und das ist fr den Dichter genug. Ich
habe spter einmal in Dresden eine Madame =Schirmer= gesehen, welche
den Tod der Valborg dadurch motiviren wollte, da sie vom 3. Acte an
ein gewisses schmachtendes Dahinschwinden andeutete, welches Valborg zu
verbergen sucht; aber dies verdirbt das Ganze, ohne die Einzelnheiten zu
retten. Valborg's Herz mu pltzlich durch einen Nervenschlag brechen,
den ihr berspannter Zustand herbeifhrt. Sie stirbt also stark bewegt
und entschlummert nicht elegisch. Es wrde leicht sein, ihren Tod ohne
Nachtheil fr das Stck zu verndern; aber davor werde ich mich wohl
in der Ausgabe der Tragdien selbst hten. Die Leser sind nun einmal
an die alte Form gewhnt und mit ihr zufrieden, und wrden eine solche
Vernderung fr einen Eingriff in das ffentliche Eigenthum ansehen.
Wenn indessen Etwas an der sogenannten Knstlerunsterblichkeit ist,
so mu sie doch wenigstens einige Menschengeschlechter berleben.
Es wird also eine Zeit kommen, wo man sich auch von Jugend auf an
die Vernderungen in einem Dichterwerke ohne Verlust persnlicher
Gefhle und Erinnerungen gewhnen kann. Fr diese -- und fr die
Leser der Jetztzeit, die sich, wenigstens in einer Biographie fr die
verschiedenen Ideen eines Verfassers interessiren drften, will ich hier
einen Monolog anfhren, den ich in spteren Jahren gedichtet habe, und
mit dem Valborg das Stck beendigen knnte, wenn Wilhelm seine letzte
Replik gesagt hat, und sie todt glaubt.

[Sidenote: Neue Schluscene zu Axel und Valborg.]

                                 Valborg

        (erhebt sich von Axel's Leiche und nhert sich Wilhelm):

             Nein Herr! Ihr habt nicht recht gesprochen!
             Hoch Euer Lied ich preise,
             Doch Valborg's Herz ist nicht gebrochen.
             Durch Aage's und Else's Weise.

             Der Tod wird langsam mich bezwingen
             Bis dann in's Grab ich steige.
             Doch kann ich leicht dies Opfer bringen,
             Da meine Treu' ich zeige!

             Kommt nun, Herr Bischof! zu Gottes Ruhm
             Woll't mir den Segen ertheilen!
             In jenem dunkeln Heiligthum
             Will bis zum Tod ich weilen.

             Kommt Jungfrau'n nun, und Ritter werth,
             Es schaff't Euch keinen Harm!
             Kommt, weih't mich, und werfet die dunkle Erd'
             Ueber jung Valborgs Arm.

             Nun gehet Valborg mit Nonnen daher
             Und betet die frommen Messen.
             Versumen wird sie's nimmermehr
             Und Axel nie vergessen.

             Besser doch nimmer geboren sein,
             Als nur sich in Leid zu versenken;
             Wenn die Sonne taucht in das Meer hinein
             Verlor'ner Freuden zu denken.

             Gott denen verzeihe, die Ursach' sind
             Da die nicht zusammen geblieben,
             Die einander so treu von Herzen geminnt
             Und in Zucht und Ehren sich lieben!

So wrde die Tragdie sich fromm und recht an das alte Lied anschlieen,
von dem sie ausging, und Valborg's Tod, wenngleich im Grund derselbe,
wrde natrlicher erscheinen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Migeschick.]

Ich hatte mir im ersten Winter nach meiner Rckkehr ein groes Zimmer
gemiethet, in dem auch mein Bett stand. Hier empfing ich fleiig Besuch.
Mein alter Freund Weyse kam auch zu mir, und wollte durchaus haben, da
ich ihm gleich ein Singspiel schreiben solle, welches er componiren
knne. Hier fing nun mein Migeschick an; in dem sichern Vertrauen
auf mein poetisches Ansehen und den Beifall, den ich unbedingt geno,
beeilte ich mich, mitten in dem Schwarm von Besuchen und Unterbrechungen
eine Skizze, =Faruk=, zu entwerfen, die zwar nicht ohne Poesie war, aber
doch keine strenge Kritik aushalten konnte. Weyse war sehr zufrieden
damit und ging gleich an die Arbeit. Als er fertig war, mute ich
zum Knige hinauf gehen, und um ein Benefiz auch fr den Componisten
bitten; denn es war nur eins fr den Verfasser bestimmt, das wir dann
htten theilen mssen, und damit war Weyse nicht zufrieden. Der Knig
war im Anfange dagegen, und machte es mir zum Vorwurf, da ich das
Stck nicht Kuntzen, der Kapellmeister war, gegeben hatte; als ich aber
seiner Majestt vorstellte, da ein so groes Genie, wie Weyse, doch
auch Gelegenheit haben msse, sich zu zeigen, fand er sich darein, und
bewilligte Jedem von uns ein Benefiz. Das erste kam mir zu; aber ich
berlie es Weyse. Dasselbe mute ich ein paar Jahr spter mit =Ludlams
Hhle= thun. Bei Faruk aber, das auch nicht gut gegeben wurde, begannen
nun allmlig sich die Wolken des Tadels gegen mich zusammenzuziehen.
Von Deutschland aus hatte ich weiter keine Hlfe, obgleich Correggio
auf allen Bhnen gespielt wurde und eine Reihe von Jahren hindurch
auerordentliches Glck machte. Aber -- ich hatte nun Gthe gegen mich,
ich hatte die sogenannte romantische Schule verlassen, und dadurch Tieck
und Steffens gegen mich lau gemacht. Meine Gegner und Neider in Dnemark
fingen an, die Kpfe zusammenzustecken. =Sander= war immer feindlich
gegen mich; er hatte zwei Stcke: das Hospital und Knut Lavard
geschrieben, die ausgepfiffen wurden; nicht von einer einzelnen kleinen
Partei der Menge gegenber, sondern die Menge selbst verurtheilte sie.
Daran sollte ich nun Schuld sein, obgleich ich whrend der Execution
nicht zugegen gewesen war und die Stcke vor meiner Heimkehr nicht
kannte.

[Sidenote: Sander und seine Alphabete.]

Sander hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, ehe er herkam und
rhmte sich oft aller der Alphabete, die er herausgegeben hatte.
Das Glck, welches sein Niels Ebbesen machte, der Dnisch geschrieben
war, nachdem er die Fertigkeit der Sprache erlangt hatte, bte einen
schdlichen Einflu auf seinen moralischen Character aus. Ein paar Jahre
lang ging er in dem Glauben umher (in dem auch Rahbek ihn bestrkte),
da er ein sehr groer Dichter sei, und -- wenn er so fortfhre --
Dnemarks erster Tragiker werden knne. Das Alles fiel nun zu Hospital
und Knut Lavard hinab, und die Verachtung, die diesen matten Arbeiten
gezeigt wurde, machte ihn ganz verdreht im Kopf. Ich habe erzhlt, da
er eine kurze Zeit in der Schule fr die Nachwelt, als ich noch Zgling
daselbst war, Unterricht im Deutschen gab. Da dieser Zgling vier Jahre
darauf ihn verdunkeln wrde, hielt er der Natur nach fr ganz unmglich
und betrachtete es als eine abscheuliche Kabale. Ich erstaunte im
hohen Grade, als ich den Mann, der in der Schule unablssig Tugend und
Humanitt im Munde fhrte, so schwach sah, da er sich zu schamlosen
Angriffen meines moralischen Characters herablie. Es ging so weit, da
einer meiner Freunde ihm mit dem Gerichte drohte. Vor diesem Freunde
that er privatim Abbitte, und entschuldigte sich damit, da er krank
geworden wre, wenn er seiner Galle gegen mich nicht Luft gemacht htte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Dichtung und das Strenghistorische.]

Aber Sander war nicht mehr gefhrlich; dagegen traf ich bei meiner
Heimkehr einen gewissen historischen Eifer an, der der Poesie mit dem
Untergange drohte. Durch Dichterwerke angeregt, hatte man gelernt,
die alten Heldensagen zu schtzen; man legte sich grndlich auf
dieses Studium, und das war gut und recht; aber nun fand man, da
die Dichter die Geschichte allzu oberflchlich behandelt htten;
man meinte viel weiter in der Kunst zu kommen, wenn man sich nur an
das Strenghistorische hielte. Die Dichter sollten treue Bilder des
Alterthums zeichnen, durchaus ihre eigne Natur, die eigne Zeit, ihre
Denkungsart verleugnen und sich in eine barbarische Zeit versetzen; erst
dann erhielten ihre Werke tiefere Bedeutung, Wahrheit und Schnheit. --
Ich glaubte und glaube noch, da die Poesie sowohl Vergangenheit, wie
Gegenwart, und weder das eine oder das andere =allein= sein sollte. Ich
unterschrieb Schiller's Worte:

                 Alles wiederholt sich hier im Leben,
                 Ewig jung ist nur die Phantasie;
                 Was sich nie und nirgends hat begeben,
                 Das allein veraltet nie.

Der Dichter mu dem Ideale nachstreben; das menschlich Schne
besteht in einer harmonischen Verbindung geistiger und krperlicher
Vollkommenheiten. Zu verschiedenen Zeiten hat bald das Geistige, bald
das Krperliche geherrscht; der Dichter mu Etwas von Beiden aufgeben,
um sie Beide vereinigen zu knnen. Seine Helden drfen weder Barbaren
noch Philosophen sein, sondern krftige Menschen mit Verstand und Herz.
Er mu also Etwas von der Bildung und Milde seiner Zeit ber die allzu
wilde Kraft der alten Heldenzeiten ausbreiten. Diese giebt die Handlung
und die Charactere, aber er mu zu groem Theile die Barbarei entfernen.
Kurz, er mu im Geiste Palnatoke's handeln, wenn dieser sagt:

            Ihr Brder! =Kraft= und =Frmmigkeit=, das sind
            Die beiden Flammen, die ins Leben strahlen.
            Es scheint die Kraft der Sonne gleich am Tage,
            Und weckt mit ihren starken Sommerstrahlen
            Die schnen Blumen aus dem todten Grunde;
            Es leuchtet Frmmigkeit ein bleicher Mond,
            Verleiht den Blumen ihren schnsten Reiz.

            Doch diese beiden Flammen mssen =wechseln=!
            Denn wenn der Sonne Gluthen ewig brennen,
            So wird der Garten einer Wste gleich,
            Der Held ein Irrlicht; strahlt der Mond
            Bestndig seine frommen matten Flammen,
            So schwindet bald des Lebens Macht, der Mensch
            Wird zum Gespenste, das vor seinem Tode
            Umherirrt in der Nacht verschwiegnen Grbern.

[Sidenote: Die Grundtvig'sche Schule.]

In diesem Geiste habe ich meine Tragdien gedichtet. -- Aber bei meiner
Rckkehr fand ich einen neuen Absenker der neueren Schule mit einiger
Variation der vorigen, aber doch in demselben Geiste, dessen Anfhrer
=Grundtvig= war. Dieser geniale, aber -- meiner Ueberzeugung nach --
allzu einseitige und schwrmerische Mann hatte mit zwar seine Scenen
aus dem Untergang des Heldenlebens dedicirt, aber ich bemerkte doch
bald, da er zugleich gegen mich kmpfte.

Trotz all' der Huldigungen und des Lobes, das ich von ihm bekommen
hatte, konnte ich doch nicht sonderlich zufrieden sein; seine Ansicht
war, da ich den ersten -- halb geglckten, halb miglckten -- Versuch
gemacht, und so eigentlich nur Anderen den Weg gebahnt habe. Ich las
Grundtvig's Heldenscenen, und obgleich diese, wie er selbst sie nennt,
nur Gesprche ohne dramatische Handlung und Kunst sind, so staunte ich
doch ber das Feuer und die Kraft in der Sprache, ber die Vertrautheit
mit den alten Sagen, welche ihn mit Wrtern und Ausdrcken und mit
vielen characteristischen Zgen in den Schilderungen bereichert hatten,
die dieses Buch zu einem merkwrdigen Produkte der dnischen Literatur
machen. Er war in einer gewissen Richtung der Geschichte um einige
Linien auf dem poetischen Compa nher gekommen, als ich; aber alle
seine Helden waren doch nur lyrisch begeisterte Wortfhrer der rohen
Kraft; und dies geht sogar so weit, da Vagn Akison ohne Mibilligung
der Anderen damit prahlt, einem Sklaven ein Auge ausgeschossen zu haben,
als er es versuchen wollte, Palnatoke's Schu nach dem Apfel auf des
Sohnes Haupte nachzumachen. In der ltesten nordischen Geschichte finden
sich doch nur wenige Zge solchen aristokratischen Hochmuths und solcher
Grausamkeit, an denen die Geschichte des Mittelalters so reich ist. Was
die objectiven Darstellungen betraf, so wagte ich stets zu glauben, da
ich mehr altnordisch sei, als Grundtvig, bei dem das subjective Streben
sich stets vorherrschend uerte.

[Sidenote: Mein Briefwechsel mit Grundtvig.]

Er ging bald einen ganz entgegengesetzten Weg. -- Er bewunderte nicht
mehr Thor's Hammer; nicht das Christenthum, wie ich es fhlte, stellte
ihn zufrieden; er schrieb mir ein Mal einen Brief, und ich beantwortete
ihn. Da wir spter unsere Ansichten nie unterdrckt haben und diese in
der langen Zwischenzeit wohl kaum viel verndert worden sind, will ich
hier diese Briefe auszugsweise mittheilen. Grundtvig schrieb:

Wie ich ber Sie und Ihre Werke urtheile, wissen Sie vielleicht;
aber ich will es Ihnen doch sagen; denn ich will mich nicht bei Ihnen
einschmeicheln, unser Verhltni aufklren will ich, damit es dann von
unsern Herzen und nicht von Miverstndnissen abhngt, welche Stellung
wir einander gegenber einnehmen sollen.

Wenn Sie einst in der Erinnerung die Stimmung bei sich wiedergebren
wollen, in der Sie Ihre poetischen Schriften dichteten, und sich
diese Stimmung als eine feste, ruhige Ueberzeugung denken, von der
Alles getrennt ist, was nicht im Christenthume wurzelt, so werden Sie
besser, als es Worte auszudrcken vermgen, fhlen, wie ich Ihre neue
Dichterlaufbahn beurtheilen mu; denn da Sie, nachdem Sie Hakon Jarl's
Denkmal beendigt hatten, eine neue einschlugen, ist Ihnen sicherlich
bewut. Da ich nicht blind bin fr die Schnheit Ihrer spteren
Gedichte sowie fr die bei Weitem grere Abrundung und Proportion
derselben, werden Sie mir auf mein Wort glauben; aber es versteht sich
von selbst, da es mich innig betrben mu, da der religise Ernst Ihre
Gedichte mehr und mehr verlassen hat, und in Ihren letzten Arbeiten
durch ein gewisses Spielen mit dem Geistigen verdrngt wird, wie auch,
da ich diese Gedichte im Grunde viel weniger poetisch (begeistert)
nennen mu. Am meisten schmerzt mich dies, weil eine solche Umwandlung
ihren Grund im innersten Wesen des Dichters findet. Daraus folgt, da er
das ernste Nachdenken ber sein eigenes geistiges Verhltni zu Gott als
dessen Diener auf Erden aufgiebt; da er mehr Gewicht darauf legt, zu
glnzen und Ehre und Beifall zu gewinnen, als seine Brder zur Anbetung
Gottes im Geist und in der Wahrheit zu erheben.

Ich wei, da Sie und viele Andere in mir einen Schwrmer und Fanatiker
sehen, aber glauben Sie mir, ich bin es nicht. Wenn das Leben eine Farce
ist, welche endigt, sobald der Vorhang des Todes fllt, so habe ich
entschieden Unrecht; aber das ist nicht zu befrchten; ich bin meiner
Sache gewi. Gbe Gott, da es mit Ihnen ebenso wre! dann wrde Ihr
Herz eine reinere und stetigere Freude erfllen, ein hherer Geist Ihren
Gesang beseelen und Sie wieder mit ihren seltenen Gaben ein strahlendes
Licht fr tausend Ihrer Brder werden, die in dem Schatten des Todes
schlummern und unstet auf Irrwegen umherwandeln.

[Sidenote: Die Dichtung in ihrem Verhltni zur christlichen Religion.]

Ich antwortete:

Wodurch verdiene ich die krnkenden Anschuldigungen, die Sie gegen
meine hhere Menschlichkeit, das ewig Heilige, das sich mit der Gottheit
und Ewigkeit verbindet, aussprechen. Worin habe ich in meinen spteren
Werken eine Abweichung von meinem hhern Ziele gezeigt. Wahrlich, ich
wrde sehr betrbt sein, wenn ich nicht fhlte, da meine Seele sich
entwickelt und veredelt hat. Ich behaupte auch, da mein Palnatoke,
Axel und Valborg, Correggio und Strkodder den Beweis dafr liefern. In
Hakon Jarl zeigt sich noch der polemische Gegensatz zwischen der Form
des Christenthums und der des Heidenthums. Hiermit sympathisirt Ihr
polemischer Character am Meisten. Das Christliche uert sich daselbst
auch mehr in hervortretenden lyrischen Sentenzen Olaf's, der brigens
noch ein sehr miger Christ war. In den anderen Stcken ist nicht
vom Christenthum die Rede; aber ich glaube, es findet sich mehr wahres
Christenthum darin. Denn die Ideen von der Vershnung, der Liebe,
die unverschuldeten Leiden der liebenswerthen Tugenden und die ewige
Hoffnung werden in der Handlung dieser Stcke dargestellt und mssen
einen Jeden, der nicht absichtlich seine Augen schliet, berzeugen, da
nicht irdische Eitelkeit ihren Verfasser begeistert hat.

Wie wir auch die christliche Offenbarung betrachten mgen, so mu man
sie doch ihrem eigenen Geiste nach fr das ewig Gttliche halten, das
in der Zeit auf eine sinnliche Weise anschaulich wurde; Gott war es,
welcher Mensch: der Geist, welcher Fleisch wurde und unter uns wohnte.
Das Gttliche mssen wir als unvernderlich betrachten; aber das
Sinnliche, das Menschliche, gehrt der Zeit und wird mit ihr verndert.
Statt sich nur stets an dem Christusbilde, wie die historische
Bibelnachricht es umgiebt, zu halten, sucht der Dichter den Geist
Christi mit mehreren Bildern zu vereinigen. Dies ist sein Wesen, und
ohne dieses giebt es keine Dichtkunst.

Die ewige Liebe hat sich sowohl vor, wie nach Christus offenbart; er
selbst steht als das schnste, heiligste Beispiel der Vereinigung des
Gttlichen und Menschlichen da. Aber seine Stellung ist so hoch, da der
bescheidne Dichter, der daran verzweifelt, ihn so herrlich darstellen zu
knnen, wie er es verdient, sich lieber in Demuth an etwas Menschliches
wendet, das ihm gleich ist, und einen Schimmer seiner himmlischen
Tugenden hat. Das Licht bricht sich in Farben; mit diesen knnen wir
malen, nicht mit dem Lichte selbst. Ich habe Nichts dagegen, da man
dies ein Spiel mit dem Geistigen nennt; es ist ein Spiel, wie Correggio
sagt; aber dieses Spiel schliet den hchsten Ernst in sich. Auch nach
der Abrundung von Schnheit in der Kunst, welches Sie gleichfalls als
etwas sehr Untergeordnetes zu betrachten scheinen, strebt der wahre
Knstler; denn Schnheit ist nichts Anderes, als die vollkommene Form
des Guten, und Abrundung ist Reife und die Herrschaft des Knstlers
ber das Werk.

Damit war der Briefwechsel geendigt, und kurz darauf wiederholte
Grundtvig in seiner Weltchronik, was er mir im Briefe gesagt hatte.
Ich fhlte, wie unmglich es mir werden wrde, mit diesem Manne zu
sympathisiren, dessen Feuer, Begeisterung, Beredsamkeit ich bewunderte,
und von dessen gutem Willen ich berzeugt war, dessen Gefhl und
Lebensanschauungen aber in zu starkem Gegensatz zu dem meinigen standen.
Hier, wie so oft, erkannte ich die Wahrheit von Gthe's Worten:

         Ganz vergeblich versuchst Du des Menschen
         Schon entschiedenen Hang und seine Neigung zu wenden;
         Aber bestrken kannst Du ihn wohl in seiner Gesinnung,
         Oder wr er noch neu, in Dieses ihn tauchen und Jenes.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Winter in der Heimat.]

Den grten Theil des ersten Winters nach meiner Rckkehr nach
Kopenhagen brachte ich in groen Gesellschaften zu; um mich wieder zu
erholen und eine alte Freundschaft aufzufrischen, zog ich ein paar
Wochen nach Friedrichsburg hinaus, wo mein Jugendfreund Winckler
Regimentschirurg war. Whrend dieser Zeit war ich sein Gast. Wir
wanderten in der stillen Winterlandschaft weit umher, sprachen viel mit
einander und frischten alte, liebe Erinnerungen auf. Er machte mich mit
der Familie des Justizraths und Gesttmeisters =Nielsen= bekannt, wo
ich doch nicht den jungen Mann fand, der einige Jahre spter so sehr
viel zu dem glcklichen Erfolge meiner Tragdien auf der Bhne beitragen
sollte. Es machte mir vielen Spa, all' die gewaltigen Hengste ihre
Capriolen machen zu sehen; einer der schnsten und strksten von ihnen
war Palnatoke genannt. Aber auch kleinere Thiere amsirten mich in
Friedrichsburg: ich hatte ein Zimmer gemiethet, da Winckler keines brig
hatte; hier waren Muse, und ich zog eine von diesen so, da sie an
mein Bein hinaufkroch und etwas Brot a, das ich dort hinlegte, whrend
ich am Ofen sa und las. Bei der kleinsten Bewegung schlpfte das
Thierchen wieder in sein Loch. Ich dachte hierbei an Norkroff und viele
andere arme Gefangene, die in solcher Gesellschaft ihren einzigen Trost
und Zeitvertreib gefunden hatten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Trauung.]

Am 17. Mai 1810 speiste ich mit meiner Christiane bei ihrem Vater in
Kopenhagen zu Mittag; darauf fuhr ich mit ihr allein nach Gientofte, wo
Herr Pastor =Hegh=, nachdem ich ihm die nthigen Papiere gezeigt hatte,
mit uns in die Kirche ging und uns traute. Als Mann und Frau setzten
wir uns wieder in den Wagen und fuhren nach dem schnen Christiansholm
bei Seeluft, das uns Graf Schimmelmann freundlich zur Sommerwohnung
angeboten hatte.

Dieser Sommer war schn und angenehm. Die munteren witzigen Frulein
=Hammeleff=, die Freundinnen meiner Frau, und der derbe, treue Norweger
=Reinhardt= (spter Professor der Zoologie und mit der einen Freundin
verheirathet) bildeten damals hauptschlich unsere Gesellschaft, wenn
wir nicht auf Seeluft waren. -- In diesem Sommer dichtete ich einige
lyrische Gedichte, sowie die Erzhlung =Aly und Gulhyndy=. Von den
lyrischen Gedichten war =Sigrid mit dem Schleier= das lngste. Da der
Stoff romantisch ist und sich den Ariost'schen Mhrchen nhert, schrieb
ich es in Ottaverimen, und die Erinnerung an Italien, das ich vor Kurzem
verlassen hatte, verlieh ihm ein sdliches Colorit. Aber um doch Denen,
die da behaupteten, da ich nicht mehr nordisch sei, zu zeigen, wie
wenig ich das Nordische vergessen htte, schrieb ich zu gleicher Zeit
=Harald Fangzahn=, dessen Form stark nordisch ist, in einem schweren
alten islndischen Ton, sowohl in Reimen, wie in Reimbuchstaben.

Die herausgekommene Sammlung unter dem Namen von =Dichtungen=, welche
kurz darauf durch einen Band =Erzhlungen= fortgesetzt wurden, fanden
viele Leser und Liebhaber. Aber es hie doch in gewissen Kreisen, da
dies nur ein matter Abglanz meiner frheren Gedichte sei. Ueberhaupt
-- mit Ausnahme der Werke, die ich aus der Fremde ins Vaterland sandte,
oder kurz vor meiner Abreise herausgab -- ist das Meiste ziemlich streng
getadelt worden, wenn es erschien, und gewann erst nach und nach Beifall.

So ging es selbst mit Correggio, obgleich Foersom durch seine geistvolle
Darstellung diesem Character auf der Bhne Interesse zu verleihen
verstand. Um Gottes Willen, sagte ein Mann, der damals viel beim
Theater zu thun hatte, wie kann es nur das Publikum amsiren, einen
armen Maler ein ganzes Stck hindurch chzen zu hren? Man hielt damals
eine solche Aeuerung, die von einzelnen Anderen wiederholt wurde, fr
eine Einfltigkeit; aber wir haben gesehen, da sie selbst von einem
Gthe und Tieck untersttzt worden ist.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine Bekanntschaft mit Christian Stolberg.]

Bei Schimmelmanns machte ich die Bekanntschaft mehrerer bedeutender
Personen; unter anderen die des Grafen =Christian Stolberg=, der mir
mit geistvoller Freundlichkeit entgegenkam. Sein genialer Bruder
=Friedrich Stolberg= war nicht zugegen. Es wrde mich gefreut haben,
diesen Dichteraar zu sehen und zu sprechen, der Axel und Valborg liebte
-- wenn nicht der katholische Mysticismus bereits seine Flgel gestutzt
htte. Auch die Schwester des Grafen Stolberg, =Kthchen=, ein alte
Dame, welche umherreiste, und sich bald bei dem einen, bald bei dem
andern ihrer Freunde einquartirte, lernten wir kennen. Sie war immer
entzckt und exaltirt, aber sehr gutmthig und hatte vielen Verstand und
Bildung. Als sie hrte, da wir auf Christiansholm wohnten, sagte sie:
Ach, da mu ich Sie besuchen! Sie kam auch. Auf Christiansholm waren
zwei groe Zimmer mit Glasthren zu beiden Seiten. Sie trat durch die
eine herein; aber kaum sah sie durch die andere die Bume, so rief sie:
Ach, wie schn! da mssen wir hinaus! worauf sie durch die andere
ging, und wir muten mit ihr weiter spazieren, ohne da es ihr einfiel
zurckzukehren. Man erzhlte eine komische Geschichte von ihr, wie sie
in Holstein, ich glaube beim Grafen Reventlow, in einem Saal der zweiten
Etage, ohne es Jemand zu sagen, ein Blumenbeet angelegt hatte, indem
sie unbemerkt Erde in ihrer Schrze hinaufschaffte. Diese Rabatte hatte
sie voll Vergimeinnicht gepflanzt und tglich sorgfltig mit Wasser
begossen. Eines Morgens, als der Graf zur Decke seines Zimmers emporsah,
konnte er nicht begreifen, was das fr groe, dunkle Flecken seien, die
er daselbst bemerkte. Er lie seinen Verwalter kommen, und als er ihn
fragte, was das fr Flecke seien, antwortete dieser: Die hat Comtesse
Kthchen gemacht, sie ist verrckt! Der Graf wurde ber diese groben
Aeuerungen bse; aber der Verwalter bat ihn mit hinauf zu kommen, und
zeigte ihm das Blumenbeet, worauf der Graf antwortete: Sie ist freilich
verrckt; aber Sie sollen es doch nicht sagen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kthchen Stolberg. -- Characterzge Schimmelmanns.]

Hier mu ich einen Characterzug von Schimmelmann erzhlen. Er hatte
eines Abends ein deutsches Buch politischen Inhalts erhalten, und bat
mich, ihm daraus Etwas vorzulesen. Das Buch gefiel mir nicht, weil
der Ton mir darin affectirt und schwlstig erschien. Ich las deshalb
die bertriebensten Tiraden in einem lcherlichen geschraubten Tone,
worber Schimmelmann endlich bse wurde, mir das Buch aus der Hand ri
und sagte: Nein, so knne man auch die Bibel lesen! Ich schwieg,
obgleich ich heftig bewegt wurde. Er schwieg auch. Die Grfin knpfte
ein neues Gesprch an; wir setzten uns zu Tisch. Es ging ziemlich still
zu, und ich ging nach Hause, nachdem ich hflich, aber verlegen gute
Nacht gesagt hatte. Am nchsten Morgen, als wir auf Christiansholm beim
Frhstck saen, rief Christiane, die zum Fenster hinaus die schne
Allee vor dem Hause hinunterblickte: Da kommt wahrhaftig Schimmelmann!
-- Der herrliche Mann kam, um es wieder gut zu machen, obgleich ich
doch eigentlich erst unartig gegen ihn gewesen war, indem ich ein
Buch lcherlich machte, das er gern hatte, und aus dem er mich bat,
vorzulesen.

Noch einen andern Zug von ihm mu ich erzhlen. Es kam einmal in meiner
Gegenwart die Nachricht von seiner Baronie Lindenburg, da daselbst ein
Schiff gestrandet sei, worauf er das Strandrecht hatte. Das ist ein
eigner Fall! rief er, und fuhr fort, indem er auf mich zeigte: das mu
Aladdin haben!

Da es ein falsches Gercht war, und da Aladdin also Nichts bekam,
dafr konnte Schimmelmann nicht; er hatte doch den guten Willen gehabt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Geburt meiner Tochter Charlotte.]

Im nchsten Frhjahr 1811 am 21. April wurde meine lteste Tochter
geboren; die Grfin Schimmelmann hielt sie ber die Taufe, und sie wurde
nach dieser Charlotte genannt.

Wir brachten wieder eine kurze Zeit des Sommers auf Christiansholm zu.
Aber dies war das Kometjahr, und das fhrte eine abscheuliche Hitze
mit sich, die ich nicht vertragen konnte. Im Anfange hielt ich mich
doch noch tapfer, und um meinen Landsleuten noch ferner zu beweisen,
da ich das Nordische nicht vergessen hatte, dichtete ich die Tragdie
=Strkodder=. Aber kurz darauf bekam ich das kalte Fieber und die
Gelbsucht. Christiansholm ist wunderschn beim Thiergarten gelegen; aber
von Smpfen umgeben; diese hauchten in dem heien Jahre wahrscheinlich
strkere Dnste als gewhnlich aus; es lagerte ein weier Nebel ber
ihnen, wenn ich in der Abendkhle spazieren ging. Der vortreffliche Arzt
=Callisen= besuchte mich. Er hatte mich stets seit der Zeit lieb gehabt,
wo ich ihm bei seinem Rcktritt von der Universitt ein Abschiedslied
dichtete. Aber ungeachtet seiner Hlfe kam das kalte Fieber doch immer
wieder.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein seltsamer Besuch.]

Eines seltsamen Nachmittags aus jener Zeit entsinne ich mich noch
deutlich. Meine Frau war in Kopenhagen, es regnete heftig; ich ging in
den groen einsamen Zimmern allein, unbarbirt und gelb, wie ein Zigeuner
umher und fing an, die Fieberklte zu empfinden. In demselben Augenblick
trat das Mdchen ein und sagte: Die Grfin Schimmelmann stehe drauen
mit einer groen Gesellschaft, die mir eine Visite machen wolle. -- Ich
sah durch das Fenster eine Menge wohlgekleideter, munterer, gesunder
Menschen, die von einem guten Mittagstisch kamen, und nun zum Dessert
den Poeten in der Waldwohnung sehen wollten. Es war mir unmglich,
sie zu empfangen; das Mdchen mute der Grfin sagen, da ich mich
niedergelegt htte. Von einem Winkel aus sah ich die groe Gesellschaft
wieder durch die Bume verschwinden, und trotz meines Fiebers athmete
ich einen Augenblick leichter, als ich der drohenden Gefahr entgangen
war, den Schngeist in einem Augenblicke spielen zu mssen, wo ich
nichts weiter, als ein armer, kranker Mensch war. -- Ich setzte mich
nun in den Lehnstuhl und wollte mich wirklich auskleiden und zu Bette
gehen, als ich in demselben Augenblicke die Augen aufschlug, und einen
fremden Mann vor mir in der Halle stehen sah. Er war ziemlich schlecht
gekleidet, hatte ein sehr blatternarbiges Gesicht und eine sonderbare
Miene. In meinem Fieberzustande fing ich an, an die Mglichkeit eines
Rubers zu denken, als er in demselben Augenblicke sehr freundlich den
Mund ffnete, und sagte, da er vom Dr. S. gesandt sei, ob ich ihm nicht
die =Schrift= leihen wolle? -- Ich glaubte erst, er wolle die Bibel
haben; aber als es zu nherer Erklrung kam, war es Brger Qvist,
der den Harlequin im Thiergarten spielte und gehrt hatte, da ich
seine Komdie in Verse gebracht htte (Sct. Johannisabendspiel) und nun
wnschte, sie in dieser Gestalt zu lesen. Ich hatte das Gedicht nicht
zur Hand und mute ihn unverrichteter Sache fortgehen lassen. -- Als er
fort war, verfiel ich in verschiedene traurige Betrachtungen. Es waren
andere Zeiten, dachte ich, da du noch als Kind dich drauen an dem
Harlequin erfreutest. Nun sitzest du hier, hast Fieber und Gelbsucht
und blickst dem prosaischen Entrepreneur in die Coulissen. Die Illusion
ist aufgehoben, die Kindlichkeit verschwunden; und was ist der Mensch
ohne Kindlichkeit und Illusion? -- Nun kam das kalte Fieber, und so
denkt ein Fieberpatient. Dem gesunden, frischen Dichter fehlt es nie an
Kindlichkeit, nie an freudiger Illusion. Selbst in seinen Wehmuthszhren
spiegelt sich ein schnfarbiger Regenbogen, der den Himmel mit der Erde
verbindet; und seine begeisterte Kraft erhrtet diesen lustigen Bogen zu
einer Brcke, auf welcher =Thor= mit allen Gttern herabreitet.

Das kalte Fieber kehrte immer wieder; ich wurde immer matter und
gelber, und htte mich meine Frau nicht, nach Callisen's Rath, in einen
wohlverwahrten Wagen eingepackt, und mich zur Stadt gefahren -- so htte
ich mich vielleicht niemals erholt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Tragdie Strkodder.]

In meiner neuen Tragdie Strkodder hatte ich die Idee der =Reue= und
der =Besserung= eingeflochten. Wenn diese Worte nicht nur ein hohler
Klang sind, so mu eine solche Vernderung bei dem Menschen mglich
sein. Hier ist nicht die Frage: konnte ein Mann, wie Strkodder, eine
ehrlose Handlung begehen? sondern die Frage ist: konnte ein Mann, der
jene Handlung begangen hat, ein Mann wie Strkodder werden? -- Und das
glaube ich zur Ehre der Menschheit. -- Man mu sich in jenes Zeitalter
versetzen. Ein Mensch, der ein solches Verbrechen =jetzt= beginge, wre
ein Elender, der ohne Zaudern dem Tode berantwortet werden mte. --
Aber was wnscht Strkodder? Nur den Tod! Und wie wird er gestraft? mit
dem Leben, das ihm eine drckende Last ist. In den heidnischen Zeiten
war Mord und Todtschlag so allgemein, da man sich nicht die Bedenken
ber dergleichen Handlungen machte, wie in unseren Tagen; Geldgier war
das allgemeine Laster der industrielosen Barbarei, und die Industrie
hat es nicht ausgerottet, obgleich sie sich seltner so plumper Mittel
bedient. -- Er hatte in einem bereilten Augenblicke im Rausche den Mord
begangen. Das Gewissen verfolgt ihn whrend glnzender Thaten, jede
einzelne gro genug fr einen Mann, um der Unsterblichkeit gewi zu
sein.

            Hier steht ein andrer Mann, ein fremdes Wesen;
            Ein Name nur: Strkodder ist geblieben
            In der Vergangenheit. Was ist Strkodder?
            Ein Laut, ein Klang, ein Nichts! Und doch mu er
            Fr jenes jungen Thoren Unrecht ben!

Doch endlich werden die Gtter vershnt, -- und diese
nordisch-heidnischen Gtter -- die (gleich den griechischen) mehr die
ewigen Naturkrfte, als die moralischen Vollkommenheiten reprsentiren,
bedenken sich nicht, den tapfersten Sterblichen in ihre Zahl aufzunehmen.

Diese dramatische Handlung verband ich mit =Episoden=, indem ich
mich in Bezug auf Solches an die Shakespeare'sche =Historie=, sowie
in den groen Situationen an die lyrisch-pathetische griechische
Tragdie hielt. Ich glaube, da diese Episoden, die, wie Aristoteles
es verlangt, theils nach Nothwendigkeit, theils mit Wahrscheinlichkeit
der Haupthandlung angeknpft sind, diese untersttzen und das Stck
=interessant= machen, was heut zu Tage keine Tragdie entbehren kann;
obgleich ich wohl wei, da das Pathetische das Interessante berwiegen
mu, und auch hoffe, da dies im Strkodder wie in meinen anderen
Tragdien der Fall ist.

=Knudsen= spielte den Strkodder; und obgleich diese Rolle auerhalb
seines Faches lag, kam ihm doch seine Begeisterung, seine Kraft und
sein nationales Gefhl zu Hlfe und war von Wirkung; doch war es erst
einem =Ryge= vorbehalten, den eigentlichen Strkodder darzustellen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Unbedeutendere Dramen.]

Meine folgenden Dramen waren unbedeutender. Ein Maler kann nicht immer
groe historische Gemlde schaffen; er malt auch zur Abwechselung,
whrend der Geist zu greren Werken ruht, kleinere Genrebilder. Ich
hatte Lust, den leichten franzsischen Conversationston in gereimten
Versen zu versuchen, und schrieb den =Canarienvogel=. Ein Scherz mit
einem gutmthigen, alten Manne, der ohne Ursache aus seine junge, schne
Frau eiferschtig ist, und dafr von seinem eignen Bruder durch einen
kleinen Schrecken gestraft wird. Wre man damals ebenso, wie jetzt, in
dieser leichten gereimten Diction gebt gewesen, so htte das Stck
vielleicht mehr Wirkung hervorgebracht. Ich habe es spter umgearbeitet
und verkrzt und glaube, da es dadurch gewonnen hat. In =Ehrlich whrt
am lngsten= verlangte ich zu Viel von dem theaterbesuchenden Publikum.
Ich hatte nicht an Gthe's Worte in dem Vorspiel zum Faust gedacht: Wir
wollen stark Getrnke schlrfen. Ich wagte ein kleines naives Idyll
ohne Musik, ohne Intrigue, aber -- nach dem Urtheil der Kenner -- nicht
ohne poetisches Leben darzustellen. Ein einfltiger, alter Bischof,
brigens ein gutmthiger Mensch, der an der Ehrlichkeit zweifelt,
wird durch die natrliche Unschuld eines jungen Hirten beschmt; und
die Rheingegend des sdlichen Deutschlands dient dieser Skizze zum
Hintergrunde. Diese kleinen Arbeiten zugleich mit =Faruk= wurden nun von
meinen Gegnern als miglckte Bagatellen betrachtet, welche deutlich
zeigten, da ich nicht mehr Der sei, der ich gewesen war.

[Sidenote: Die Tragdie Hugo von Rheinberg.]

Mehr Wirkung machte die Tragdie =Hugo von Rheinberg= (geschrieben
im Jahre 1813), obgleich sie weder vaterlndisch noch historisch
ist. Hier ist Alles in der von mir selbst erfundenen, tragischen
Hausscene auf Effect abgesehen. Ritter Hugo und Frau Bertha fliegen wie
Nacht-Schmetterlinge in das Licht, das ein unglckliches Schicksal ihnen
vorhlt. Kunigunde und Ritter Walther sind trotz ihrer tugendhaften
Eigenschaften durch Unvorsichtigkeit und Eigensinn selbst Schuld an
ihrem Unglcke. Sie bringt unvorsichtiger Weise Bertha auf die Burg zu
Hugo, nachdem Walther Bertha verlassen hat, um auf Abenteuer auszugehen.
In ihnen Allen geht etwas Gutes zu Grunde, welches Rhrung erweckt.
Ein Don Quixote aus dem Mittelalter, Moritz, und sein plumper Vater
Ruprecht, werfen in humoristischen Scenen Lichtpartieen in das dunkle
Gemlde. Auch sie gehen durch eigne Schuld zu Grunde. Der Eine im eitlen
Geznke, der Andere durch blutigen Rachedurst. Der dnische Harald ist
der vernnftigste. Die Scene, in welcher er im Snorro Sturleson liest,
und wo der Harnisch herabfllt, ist immer von Wirkung, obgleich man im
Voraus wei, was geschehen wird. Einige werden meinen, da er leben
bleiben und zum Vaterlande zurckkehren msse; aber er ist doch auch
einseitig leidenschaftlich in seiner Freundschaft und wnscht selbst
den Tod, um seinem einzigen Freunde zu folgen. So gehen alle heroischen
Personen in diesem Gemlde starker Leidenschaften zu Grunde; nur
idyllisches Glck, auf bescheidene Weise und Gengsamkeit gegrndet,
zeigt sich als trstender Gegensatz bei ihren Dienern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Burschenschaft. -- Der Conferenzrath Brandis.]

Whrend dieser Zeit lernte ich in den vornehmen Zirkeln einen hchst
interessanten Mann, den humoristischen, genialen Etatsrath (sptern
Conferenzrath) =Brandis= kennen. Wenn ich ihn hrte, so war mir's, als
ob Kstner und Lichtenberg wieder auflebten, um mehr Witze zu machen,
aber als ob Gthe ihnen seine geistreichen Beobachtungen fr die kleinen
characteristischen Zge des Lebens und seine freundliche Ironie geliehen
htte.

Brandis und ich bekamen Lust, eine derjenigen ganz entgegengesetzte
Gesellschaft zu grnden, in der wir unsere erste Bekanntschaft gemacht
hatten, wo aber doch auch den Musen gehuldigt werden sollte. Er
hielt medicinische Vorlesungen und es waren mehrere Kieler Studenten
nach Kopenhagen gekommen, um ihn zu hren. Nun stifteten wir eine
=Burschenschaft=; er, um diesen Spa noch ein Mal in seinem Leben
durchzumachen, ich, um ihn berhaupt ein Mal durchzumachen, da ich ihn
nie vorher gekannt hatte. Sein ltester Sohn, der jetzige Professor
Christian Brandis in Bonn, und unser Freund (spterer Conferenzrath)
=Bech=, der in Deutschland gewesen war, nahmen Theil daran. Die
Gesellschaft war bald bei dem Einen, bald bei dem Andern, gerade so,
wie ein Collegium politicum. Man sa da an einem langen Tische bei
Butterbrod, Bier, Branntwein und Tabak. -- Ich rauchte nicht mit, lie
mich aber gern von den Anderen einruchern. Und nun kamen wieder alle
alten, lustigen Geschichten an den Tag. Man konnte sich mit Rcksicht
auf die Form keinen grern Unterschied zwischen diesem und dem feinen
Damenzirkel denken; aber in der Hauptsache glichen beide Gesellschaften
doch einander, in soweit, als sich geistreiche Menschen darin, zum Theil
poetisch, unterhielten. Da diese Burschenschaft brigens von zahmerer
Natur war, als die deutschen, war eine Folge der Ueberpflanzung auf
dnischen Grund, und da zwei Professoren als Mitglieder an derselben
Theil nahmen.

[Sidenote: Anekdoten von Brandis.]

Von dem merkwrdigen Brandis mu ich etwas mehr erzhlen. Er war
von untersetztem, aber starkem Krperbau; sein auerordentlich
ausdruckvolles, blatternarbiges Gesicht mit blauen Augen war voller
Humor; sein groer, dicker Kopf mit buschigem, herabhngendem Haar glich
etwas einem Lwenkopfe, weshalb Camma Rahbek ihn auch den Lwen nannte.
Er war in seinen jngeren Jahren Badearzt und Gastwirth in Driburg
gewesen. In Hildesheim hatte er sich auch aufgehalten und in Gttingen
studirt. Er wute eine groe Menge Geschichten zu erzhlen, die sich
alle mit ihm in diesen Orten ereignet hatten. In Holstein hatte er
der Knigin Maria Vertrauen gewonnen und war nun unter sehr gnstigen
Bedingungen ihr Leibarzt. In den erwhnten Kreisen war er oft zugegen
gewesen, wenn ich meine Tragdie vorlas; aber er verstand nicht Dnisch
und bemhte sich niemals, es zu erlernen. Doch gebrauchte er einmal
in einem Wortstreit mit einem Dnen, der nicht Deutsch reden wollte,
das Wort Nidingsfrd (Bubenstck), und als sich dann seine Familie
wunderte, wo er das Wort herbekommen habe, sagte er: Hab' ich doch so
viele Tragdien von Oehlenschlger hren mssen, mu ich doch Etwas
davon behalten. Es war merkwrdig, da er mich wirklich lieb hatte, und
sich gern in Gesprche und Scherze mit mir einlie, whrend ihn meine
Poesie, sowie berhaupt dnische Poesie durchaus nicht interessirte.
=Diese= Helge, sagte er einmal zu einem meiner Freunde, mag ich nun
gar nicht leiden. Und als ich nun spter hierber spottete und ihn
darauf aufmerksam machte, da er das verurtheilte Gedicht so wenig
kenne, da er glaube, Helge sei ein Frauenzimmer, lachte er selbst
darber. Er konnte es recht gut vertragen, wenn man ihn mit gleicher
Mnze bezahlte, wie ich es immer that. Einmal sagte er: Mein Herr, wenn
ich von Tugenden und Moralien hren will, gehe ich in die Kirche. Ich
antwortete: So hren Sie es ja gar nicht, denn in die Kirche kommen Sie
nie. -- Er lachte.

Einmal spielte man Shakespeare's Hamlet, und er kam mitten im ersten
Acte. Warum haben sie das Stck verstmmelt? fragte er, es ist ja
eine Scene vorher mit dem Geiste und dem Sohne. Ich antwortete: Die
Scene ist auch gespielt worden, aber =Sie= sind zu spt gekommen! --
So, so! sagte er. Darauf wandte er sich gegen das Parterre hin und
sagte: Warum sind denn so wenige Leute heute Abend hier? Die Leute
haben keinen Geschmack. Und nachdem er das gesagt hatte, ging er selbst
fort.

Einer seiner Shne konnte ein wenig singen, und da er ein sehr
zrtlicher Vater war, so arrangirte er seinetwegen zuweilen
Abendconcerte, und lud Weyse und Kuhlau dazu ein; diese entschuldigten
sich aber. Hierber wurde Brandis bse. Diese Musikanten, sagte
er, bilden sich so viel ein. In alten Tagen waren die Musikanten
Kammerdiener. Es fiel mir zu spt ein, ihm darauf zu antworten: Ja,
und die Aerzte.

Aus allen diesen Geschichten sieht man, da Brandis unartig sein
konnte; und wer ihn nicht persnlich kannte, wird nicht einsehen
knnen, was etwa anziehend bei ihm war. Aber das war sein Witz, sein
reicher Geist, seine Weltkenntni und Beredsamkeit, obgleich er etwas
stammelte, seine wissenschaftliche Bildung und sein Genie als Arzt.
Wenn man gefhrlich-krank war, so wandte man sich an Brandis, und
die Aerzte selbst riethen dazu; aber gefhrlich mute es sein, sonst
kmmerte er sich nicht darum. Als ich ihn nach dem frher erwhnten
kalten Fieber eines Abends auf seinem Landsitze auf Oesterbro besuchte,
wollte er durchaus spazieren gehen, und mit mir im Garten nach
Sonnenuntergang plaudern. Ich machte ihn darauf aufmerksam, da ich ein
Fieberreconvalescent sei. Ach, sein Sie kein Kind! sagte er. Wenn
unser grter Arzt sagt, da es keine Gefahr habe, fuhr ich fort, so
bleibe ich; wenn ich meinem eignen Gefhl folgte, so ginge ich nach
Hause. Ich htte gut gethan, wenn ich diesem Gefhle gefolgt wre;
denn den Tag darauf bekam ich wieder das Fieber. -- Einige seiner Witze
will ich hier als Probe anfhren. Von einem Manne, von dem man glaubte,
da er sich sehr viel Mhe gbe, Orden zu bekommen, sagte er: Er hat
den Bandwurm. -- Von einer Patientin, deren Verstand verwirrt gewesen
war, und die nun wieder anfing, sich zu erholen, sagte er Einem, der
fragte, ob sie nun bald wieder ganz vernnftig sein wrde: Ja, klger,
als sie war, ehe die Krankheit kam, kann ich sie nicht liefern. -- Ein
reicher Mann, der immer auf die finanziellen Zustnde des Landes schalt,
rief ein Mal in einem Gesprch mit ihm aus: Ach, wir sind alle arme
Hunde! -- Bitt' um Verzeihung, mein Herr! entgegnete Brandis, =Sie=
sind nicht arm, und =ich= bin kein Hund! -- Als ein alter Mann, der
sich mit einem hbschen jungen Mdchen verheirathet hatte, ihn fragte:
Darf ich Kinder hoffen? entgegnete er: Nein -- aber frchten!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Professor Schielderup.]

Einen andern sehr witzigen Arzt, der noch mehr stammelte, als Brandis,
mu ich bei dieser Gelegenheit nennen: den Norweger Professor
=Schielderup=. Er war brigens sehr verschieden von Brandis, lang und
mager, mit einem sehr bescheidnen Wesen. Er befate sich nicht damit,
Schngeist zu sein, obgleich er das Schne sehr achtete. Ich bin solch'
ein Vieh, sagte er ein Mal ganz ernst und bescheiden zu mir, da ich
keine andern sthetischen Schriften gelesen habe, als Wilhelm Meister
und Benevenuto Cellini. Ich antwortete, da der Anfang gut sei, er
solle so fortfahren. -- Eine Eigenthmlichkeit bei ihm war, da er
nicht stammelte, wenn er Vorlesungen hielt. Aber als er einmal in der
skandinavischen Gesellschaft eine Abhandlung vorlas, kamen in derselben
zuweilen Worte vor, ber die seine Zunge ebenso wenig hinwegkonnte, wie
ein Wagen ber groe Steine, die auf der Landstrae liegen. Ich brach
beinahe in ein Gelchter aus, wandte mich in meiner Noth an meinen
Freund, den Professor Thorlacius, meinen Nachbar, und sagte: Ich kann
mich vor Lachen nicht halten, meine Fingerspitzen sind ganz na vor
Anstrengung. Mit gutmthigem Lcheln meinte Thorlacius, man drfe
keinen Naturfehler verspotten. Ach, mein lieber Freund, sagte ich,
dieser Schonung bedarf ein so ausgezeichneter Geist, wie Schielderup
ist, gar nicht. Eigentlich ist der Trieb, den ich zum Lachen fhle,
nur eine Folge der Bewunderung und Achtung, die ich fr ihn hege. Wenn
ein Dummkopf stammelt, so ist das nicht lcherlich: es ist die rechte
Melodie zum Text. Aber wenn es einem begabten Manne schwer wird, seltene
Gedanken auszudrcken, wo ein Dummkopf sich mit grter Leichtigkeit
uert, so ist das eine Ironie, eine Schelmerei von der Natur, welche
die muntere Fantasie zum Lachen zwingt. -- Von Schielderup's Einfllen
will ich nur zwei anfhren. Er fuhr ein Mal in einer Leichenprocession
nach dem Kirchhofe mit einem Spiebrger, den er nicht weiter kannte,
der aber diese Gelegenheit benutzen wollte, um von Schielderup ohne
Recept und Bezahlung zu erfahren, was er mit all' seinen Leuten zu
Hause, die krnkelten, thun solle. Schielderup lie ihn schwatzen und
weitlufig Alles erklren, schwieg aber stockstill. Endlich, nachdem
der Mann sich fast eine halbe Stunde expectorirt hatte, ohne Antwort zu
bekommen, wurde er zuletzt ungeduldig und rief: Aber Herr Gott, hren
Sie denn nicht, was ich sage? -- Ja wohl, sagt Schielderup, ich
hre es. -- Aber warum antworten Sie denn nicht? -- Ich ha -- habe
keine Zeit! -- Was haben Sie denn zu thun? -- Ich fa -- fahre! --
Ein anderes Mal fragte ihn Einer mit einer rothen Nase, ob er ihm diese
nicht fortschaffen knne? -- Ja, antwortete Schielderup, es kommt nur
darauf an, welche Cou -- Couleur Sie lieber haben wollen?

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Meine beiden Shne.]

War ich so nun bald in vornehmer, bald in gelehrter Gesellschaft, so
befand ich mich wiederum zu Hause, in huslicher Ruhe in einem dritten,
durchaus andern Kreise, in dem meiner Kinder. Lotte lief bereits wie
eine kleine Puppe auf dem Fuboden umher, und unsere Wiegen waren, erst
mit dem einen Knaben und dann mit dem andern in Bewegung. =Johannes
Wolfgang= ist am 7. Februar 1813, =William Conrad= am 19. December 1814
geboren.

                    *       *       *       *       *

In diesem Jahre besuchte ich Frau =Gyllembourg=, frhere Frau =Heiberg=.
Diese geistreiche, muntere Frau versammelte eine angenehme Gesellschaft
um sich. Es kamen H. C. Oersted, Weyse und Pram zu ihr. Der junge
=Johann Ludwig= sa als halb erwachsener Knabe da, und lernte damals
wohl Manches von uns Aelteren. Ich lie es mir am allerwenigsten
trumen, da ich wenige Jahre darauf so viel von ihm lernen wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Neue Umgangskreise.]

In dieser Zeit erwarb ich mir ein paar Freunde, deren Verkehr mich viele
Jahre hindurch erfreute, den Chef der Seekadetten, Capitain =Peter
Frederik Wulff= (der als Admiral starb), und seine liebenswrdige
Gattin. Wulff hatte sehr viel Liebe fr die Poesie, schrieb selbst,
gleich seinem Vorgnger Sneedorff, hbsche Verse, und bersetzte
spter mehrere von Shakspeare's Werken. Er nahm mich zuweilen mit
auf das Kadettenschiff. Ich entsinne mich noch einer Partie, die wir
zusammen nach Helsingr machten, wo ich einen angenehmen Abend in der
Gesellschaft der Frulein =Tuxen= (spteren Admiralinnen Rothe und
Mller) zubrachte. Durch Wulff wurde ich auch mit dem Olsen'schen Hause
bekannt, wo man stets einen lebendigen, muntern Kreis vieler Gste fand.
Etatsrath =Olsen=, ein kleiner, magerer, bleicher, leichtbeweglicher,
sehr hflicher Mann, theilte die Gastfreiheit seiner Frau, und sie
selbst hatte das liebenswrdigste Talent, Wirthin zu sein und Munterkeit
und Zufriedenheit rund um sich her zu verbreiten. Ihre Schwgerin,
Rittmeisterin =Balle=, war schn und anmuthig; was Wunder, wenn man gern
dort in das Haus kam. Bei dieser Gelegenheit erneuerte ich eine alte
Bekanntschaft. Ich traf nmlich bei Olsen's den =Bischof Balle=, mit
dem ich nicht gesprochen hatte, seitdem ich als kleiner Junge von sechs
Jahren zwischen seinen Knieen stand und hersagte, was ich auswendig
gelernt hatte. Es war eigenthmlich, diesen alten Mann, der durchaus
einer dahingeschwundenen Zeit angehrte, feierlich still, fast wie ein
Gespenst, im Priesterrock mit steifem Kragen und gepuderter Percke,
mitten in den lrmenden, modernen, lustigen Cirkel hineintreten zu sehen
und wie er sich an den Abendtisch setzte, wo fast von nichts Anderm als
von dem Schauspiele und den Stcken gesprochen wurde, die kurz vorher
gegeben waren; denn Olsen war Theaterdirector und die Damen hatten jeden
Abend freies Entre in der Directionsloge. Der alte Bischof kam nie ins
Theater, sprach nie von diesen weltlich eiteln Dingen, und obgleich
er nicht, wie sein Vorgnger Pontoppidan in seiner Erklrung ber
Comdien, Wirthshausgehen, die stets an und fr sich Snden sind, an
Feiertagen aber doppelte Snden, geklagt hatte, so war der Ton von
Balle's Lehrbuch doch nicht sehr verschieden von dem in Pontoppidan's
Erklrung. -- Ich gewann brigens sein Herz dadurch, da ich ein Mal,
als wir allein im Zimmer waren, ihm am Clavier viele der alten Psalmen,
die ich auswendig wute, vorsang; woraus er ersah, da der Zucker, den
ich von ihm am Altare bekommen hatte, doch nicht ganz ohne Wirkung
gewesen war.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Schauspieler Dr. Ryge.]

Bei meiner Schwester, die den Sommer immer in Friedrichsberg wohnte,
bei meinem Vater auf dem Schlosse, und bei Rahbeks auf dem Hgelhause
erneuerte ich das Andenken an liebe, verschwundene Tage, und sang mit
Baggesen: Ach, nie vergit das Herz doch der ersten Jugend Kreis!

Im Uebrigen sangen Baggesen und ich nicht mehr viel zusammen. Er
besuchte mich oft, aber ich bemerkte bald, da der Wurm des Neides an
seinem Herzen nagte.

Ich hatte ein mchtiges Organ fr meine Tragdien in Dr. =Ryge=
gefunden, der Schauspieler geworden war und einen seltenen Beweis dafr
abgab, was Enthusiasmus fr die Kunst ber weltlichen Vortheil und
Ansehen vermag. Er war Stadtphysikus in Flensburg gewesen und hatte ein
sehr eintrgliches Amt, als er es pltzlich niederlegte, -- einzig und
allein, um dem Triebe seines Herzens als Tragiker zu gengen. Er war ein
vortrefflicher Eleve Brandis'. Obgleich nun Brandis, selbst ein Mann
von Geist, Sinn und Interesse fr die schnen Wissenschaften hatte,
so konnte er doch, in einer ltern Zeit gebildet, gewisse Vorurtheile
gegen den Schauspielerstand nicht berwinden, und darber lie er sich
auf seine gewhnliche, derbe Art Ryge gegenber, der hierin natrlich
durchaus nicht mit ihm sympathisirte, aus. Wissen Sie wohl, sagte
Brandis einmal zu ihm, da Sie ein ausgezeichneter Arzt htten werden
knnen, wenn Sie Ihre Wissenschaft ferner gepflegt htten? -- Es giebt
Ihrer genug, die Menschen todt schlagen, antwortete Ryge; wissen Sie
wohl, da ich lieber Statist beim Theater, als der ausgezeichnetste
Arzt sein will? -- Wie sonderbar geht's doch in der Welt zu! Htte mir
Jemand im Voraus gesagt, da ein Stadtphysikus aus Flensburg bald als
ein echter Hakon Jarl, Palnatoke, Wilhelm, Michel Angelo, Strkodder
u. s. w. auftreten wrde -- so htte ich geglaubt, Holberg's Geert
Westphaler erzhlte verrckte Flensburgsgeschichten von seiner groen
Reise von Hadersleben nach Kiel. Und doch war es so! Ryge's Liebe fr
die Kunst war auerordentlich. Ich entsinne mich noch, wie wir an einem
herrlichen Frhlingstage zusammen nach Friedrichsberg hinausgingen und
ber eine Rolle sprachen, die er in einem meiner Stcke spielen sollte.
Der Frhling war gerade in seinem schnsten Glanze erwacht; obwohl mich
das Gesprch in hohem Grade interessirte, zog doch auch das herrliche
Maigrn meine Aufmerksamkeit auf sich, und ich wollte, da Ryge an
meiner Bewunderung Theil nehmen sollte. Aber er wrdigte vor lauter
Verliebtheit in Melpomene, die Flora nicht eines Blickes (obgleich er
seine Brille aufhatte); und als ich ihn fragte: Aber erfreut denn die
Natur nicht auch Sie? antwortete er auf seine gewhnliche humoristische
Weise: Nein, beim Teufel, das thut sie nicht! Sprechen wir nun wieder
von der Kunst.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Kritiker Baggesen. -- Zwei neue Singspiele.]

Das Glck, welches meine Tragdien besonders durch Ryge's
ausgezeichnetes Spiel machten, verdro Baggesen. Er, der sich frher
nie mit dramatischer Kunst abgegeben, und in seinen eigenen Versuchen
gezeigt hatte, wie wenig er davon verstand, setzte sich auf das hohe
Pferd und fhrte das groe Wort. Aber in den ersten Kritiken zeigte
er nur Unkenntni und bertriebenes Selbstvertrauen, ein gewhnlicher
Fehler bei Recensenten; der Ton in seinem Tadel hatte noch nicht die
Grenzen des Anstandes berschritten, obwohl man es wohl merkte, da er
es nicht gut mit mir meinte. Ich hatte einige Antikritiken, ohne alle
Persnlichkeiten, nur wissenschaftliche Prfungen der Baggesen'schen
Sophismen, geschrieben; aber =Benzon=, der von Westindien nach
Kopenhagen gekommen war und meine anderen Freunde riethen mir ab, mich
in eine literarische Fehde einzulassen. Ich unterlie es also, habe dies
aber spter bereut; denn es wrde Baggesen vielleicht auf seinem Wege
aufgehalten und ihn verhindert haben, sich dann so stark zu verlaufen.

                    *       *       *       *       *

Weyse wnschte damals (1814) wieder ein Singspiel zu componiren und
der herrliche =Kuhlau=, der nur erst durch seine Instrumentalmusik
bekannt war, bat mich gleichfalls, ihm ein solches zu schreiben. Ich
berlegte, was sich fr das Genie Beider eignen knne. Kuhlau schien
mir mehr lebendig und effectvoll zu sein; in Weyse's Musik hatte mich
stets eine tiefe ahnungsvolle Phantasie mit ihren holden Trumereien
hingerissen. Ich schrieb die =Ruberburg= fr Jenen, =Ludlam's Hhle=
fr Diesen. Die Ruberburg hat ein buntes und trotz ihrer Darstellung
von Gefahr und Grausamkeit, munteres Colorit. Die Scene spielt in
der Provence; die provencalische Rose sticht sich in den Kranz der
Liebenden, Tne aus der Zeit der Troubadoure klingen in einzelne Partien
herber; aus dem nahen Spanien schenkt Calderon ein wohlklingendes
Versma um leicht ber die Ruberscenen hinwegzueilen, in denen man
mehr ber die naive Grausamkeit der Ruber erstaunt, als sich ber ihre
Abscheulichkeit entsetzt. Ich wollte nicht die deutsche philosophirende
Leidenschaftlichkeit, das merkwrdige phantastische Zhneknirschen,
die sentimentale, hohe Verzweiflung nachahmen, die wir in Schiller's
Rubern bewundern. In der Ruberburg sehen wir =sdliche= Ruber, die
so wenig an Gewissensscrupeln und dem Kampfe mit moralischen Gefhlen
leiden, da sie im Gegentheile mit Mord und Todtschlag, wie Knaben
mit ihrem Steckenpferde spielen. =Brigitte= und =Camillo= sind die
merkwrdigsten Charactere im Stcke. Das teuflische Element der ersten
ist ganz natrlich; Wollust geht eben so leicht zu Grausamkeit, wie
zu phantastischer Schwrmerei ber, und das Leben ist fr sie nur ein
nervenerschtterndes Spiel, welches um so genureicher ist, je strker
es erschttert.

In Ludlam's Hhle verschmelzen sich zwei verwandte Mhrchen aus den
Neuen Volksmhrchen der Deutschen mit einander. Die Idee von der
Vershnung hat der romantischen Mythologie Veranlassung zu solchen
Darstellungen, wie die von Ludlam und der weien Dame, gegeben. Ein
Snder konnte sich in seiner letzten Stunde bekehren und Verzeihung
finden; wenn aber der Tod ihn berrumpelte, so fand er keine Ruhe im
Grabe. Nun schauderte das Herz doch bei dem Gedanken an eine ewige
Verdammung, die eine glckliche Reue zu rechter Zeit htte verhindern
knnen. Deshalb glaubte man, da solche Todte als Geister umgingen,
um Errettung zu finden. Und sowie Christus die Snden der Menschen
geshnt hatte, so hielt man es fr mglich, da ein lebender, frommer,
christlicher Verwandter durch seine Tugend und seine Unschuld die Snde
des Verstorbenen shnen knne. Diese fromme Phantasie, die aus einem
Gefhl der Barmherzigkeit fr den Unglcklichen entstand, hat gewi
nichts Abstoendes fr unser Gefhl, und wenngleich unsere Philosophie
nicht mehr daran glaubt, so knnen wir uns doch wohl mit poetischer
Illusion auf einige Stunden in den Glauben einer alten Zeit versetzen
und ihre Anschauungsweise theilen. Etwas Aehnliches thun wir ja auch
immer, wenn wir uns in irgend einen andern Character und in Anderer
Denkweise, als unsere eigene versetzen. Ich sehe also nicht ein, warum
ein sinnreiches Gespensterspiel strenger von der Poesie und der Bhne
ausgeschlossen sein soll, als das Zauberspiel. Es ist doch tragisch,
und spricht unsere ernste, moralische Natur, sowohl in der Zeit, wie in
dem nationalen Elemente mehr an. Es whrte etwas lange, ehe das Stck
angenommen wurde, und ich schrieb deshalb an Rahbek (der einer der
Censoren war) einen Reimbrief, in Folge dessen es kurz darauf gegeben
wurde.

Weyse's und Kuhlau's Musik entsprach ganz meiner Erwartung, die Stcke
machten Glck auf der Bhne und wurden immer bei vollem Hause gegeben.
Aber Baggesen ri sie herunter, wurde immer grber und grber und fand
immer mehr und mehr Anhnger; denn da ich stillschwieg, glaubten Viele,
da doch wohl Etwas an seinem Tadel wahr sein msse; obgleich die
Meisten, selbst unter seinen Freunden, fanden, da derselbe bertrieben
sei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Mihelligkeit mit Rahbek.]

[Sidenote: Madame Hndel-Schtz in Kopenhagen.]

Mein Verhltni zu Rahbek in dieser Zeit war milich. Wir konnten in
Sachen des Geschmacks nicht sympathisiren, obgleich ich zu seiner Ehre
sagen mu, da er der Einzige aus der alten Schule war, der meine
Arbeiten mit Beifall und Achtung aufnahm. Htte ich seine Bewunderung
fr die junge Schauspielerin theilen knnen, die nicht nach meinem
Geschmacke war, und wenn ich einmal im Theater nicht ber einen zwar
unverzeihlichen aber komischen Scherz ber seinen Geschmack gelacht
htte, der von einem Professor =Schtz= gemacht wurde, so htte sich
wohl auch die Freundschaft nicht abgekhlt. Frher war ein deutscher
Adliger hier gewesen, der die scenische Kunst unter dem angenommenen
bescheidenen Namen =Patrik Peale= pflegte, wahrscheinlich um seiner
Familie nicht Schande zu machen. Er hielt auch sthetische Vorlesungen,
die Rahbek mit vieler Andacht und groem Wohlbehagen anhrte. Das
misfiel mir; denn Herr Peale war meiner Ansicht nach eine verschrobene
langweilige Person. Kurz darauf kam die berhmte Madame =Hndel-Schtz=
mit ihrem Manne, Professor Schtz, nach Kopenhagen und zeigte ihre
Copieen nach Raphael, Correggio, Guido Reni u. s. w., die alle durch
Shawls, Tcher, andere Gewnder und fromme Stellungen ausgefhrt wurden.
Alles, was auf diese Weise darzustellen mglich war, stellte Madame
Hndel-Schtz wirklich mit vielem Geschmack und Studium dar. Aber da
ihr gesundes, recht hbsches Gesicht durchaus nicht ideal, da ihr
natrlicher Character munter und lebenslustig war, so konnte sie trotz
der uern, flchtigen Aehnlichkeit doch vor wahren Kunstkennern niemals
als ein Modell der unsterblichen Werke jener groer Meister gelten.
Indessen amsirte es die Leute doch eine kurze Zeit und mich auch, da
ich sie von meiner ersten deutschen Reise her kannte. Und als ihr Mann,
der durchaus nicht besser war, als Patrik Peale, ber Rahbek wegen eines
abschlgigen Bescheides, den dieser ihm gegeben, entrstet, ihn auf dem
Theater verspottete, indem er eine kleine ironische Vorlesung in seinem
Geschmacke hielt, so lachte ich und daran that ich Unrecht. -- Kurz
daraus benutzte ich die Gelegenheit, indem ich einige von ihm entliehene
Bcher zurcksandte, mich ihm durch ein freundliches vershnendes
Gedicht, das ich der Sendung beilegte, wiederum zu nhern.

                    *       *       *       *       *

Nun wurden wir zwar wieder gute Freunde; aber es hatte doch keine Art,
und auf Veranlassung von Freia's Altar wurde die Freundschaft in ein
paar Jahren ganz vernichtet. Aber ich komme hier zu einem Standpunkte,
wo meine ganze literarische Wirksamkeit betrachtet und berschaut werden
mu, um dem Leser einen richtigen Begriff von meiner Stellung und deren
Folgen zu geben.

Mehreres hatte dazu beigetragen, da ich meine Autoritt zu verlieren
begann, und der Autoritt kann Niemand entbehren, der in seinem Fache
krftig wirken und auf die Menge Einflu ausben will. Zweifelt man an
dem guten Geschmacke des Dichters, so ist das ebenso viel, als wenn der
Kaufmann seinen Credit verliert. Beim Anfange meiner Dichterlaufbahn
fing ich an, gegen den bestehenden Geschmack zu opponiren; dies war
mir nicht wenig frderlich; denn Viele hatten Lust an Vernderung und
Streit; der Neid sieht gern alte Mchte gestrzt, und kommt dazu nun
noch, da die Opposition wirklich fr etwas Gutes kmpft, so ist es
natrlich, da sie auch bei den Besseren Untersttzung und Anhnger
findet.

[Sidenote: Rckblick auf meine erste Dichterperiode.]

Wenig ber zwanzig Jahre stand ich, fast noch ein Kind, mit wenigen
Kenntnissen da, aber -- man erlaube mir dies ebenso aufrichtig zu sagen
-- mit guten Fhigkeiten fr mein Fach, und in dieser Lebensperiode
entwickeln sich die Krfte mit groer Schnelligkeit. Man fand mich
bald im Besitz einer starken Phantasie, eines tiefen Gefhls, einer
kecken muntern Laune; aber Philosophie, oder richtiger gesagt,
Metaphysik zu studiren, dazu fhlte ich mich ebenso wenig getrieben,
wie zur Mathematik. Indessen hatte sich mein gesunder Verstand doch
auf natrliche Weise in der Schule des Lebens mehr als bei den meisten
jungen Gelehrten entwickelt, welche die Welt nur aus abstracten Theorien
kannten. Es war von den ersten Jnglingsjahren an eine meiner liebsten
Beschftigungen gewesen, ber das Wesen und die Handlungen der Menschen
nachzudenken, die Charactere und die Beweggrnde der Handlungen im
menschlichen Herzen zu erfassen, weshalb auch die Geschichte seit der
Zeit, wo Dickmann in der Schule fr die Nachwelt mit Geschmack fr sie
beibrachte, mir ebenso lieb war, wie die Natur und das Menschenleben.
Im Anfange des Jahrhunderts herrschte die Rahbek'sche Schule. Ich
nenne sie so, weil er es war, der in der Minerva und dem Zuschauer
die Poeten zusammenhielt, und in seinen tglichen Aeuerungen die
geltenden Ansichten allgemein verbreitete. In meiner Anfangszeit war der
Geschmack sehr schlecht. Nicht als ob wir guter und groer Vorbilder
entbehrt htten. Wir hatten Holberg, Ewald, Wessel, Tullin gehabt;
Thaarup hatte seine reizenden Idyllen, Baggesen seine Jugendarbeiten
geschrieben. Aber, merkwrdigerweise, whrend die groen Deutschen,
Gthe und Schiller, blhten, war man hier sehr wenig geneigt sie gelten
zu lassen. Eigentlich liebte Rahbek nur den sentimentalen Gthe im
Werther, ja sogar in Stella und Clavigo. Die damals bei uns besonders
hochgeschtzten Dichter waren =Iffland=, =Kotzebue= und =Lafontaine=.
Drei meiner Jugendfreunde, die beiden Mynsters und Benzon, theilten
diesen Geschmack nicht; sie bewunderten Shakspeare, Gthe, Schiller,
Jean Paul, Lessing, welche ich alle durch sie kennen lernte und fleiig
studirte, als gerade Steffens kam. Er gab meinem Geiste einen ganz
eignen Schwung. Der Mysticismus und das Poetische in der romantischen
Trumerei des Mittelalters gefiel mir. Tieck und Novalis wurden meine
Lieblingsschriftsteller, die Polemik der beiden Schlegel's im Athenum
und der Europa war ganz nach meinem Geschmack.

[Sidenote: Rckblick. Studien auslndischer Dichter.]

Das fromme Gefhl, die Liebe zur Kunst des Mittelalters, die ich in
Tieck's ersten Schriften (er wurde dazu eigentlich durch den zu frh
gestorbenen =Wackenroder= begeistert) und hauptschlich bei Novalis
(=Hardenberg=) fand, machten einen starken Eindruck auf mich. Gthe's
kleine Abhandlung ber den straburger Mnster hatte mich bereits frh
erweckt. Friedrich Schlegel's lange Abhandlung ber die romantische
Kunst war aus der Goethe'schen entstanden; doch ging er weiter. Die
Innigkeit, Frmmigkeit, Naivett und echte Natur, der poetisch tiefe
Sinn, der sich in den Bildern der alten italienischen, deutschen und
niederlndischen Schule findet, wurde durch Tieck, Novalis und Friedrich
Schlegel recht einleuchtend und verdrngte die flache Bewunderung fr
das affectirt moderne Franzsisch-Griechische. Da die griechische und
gothische (oder altdeutsche) Architektur sich zu einander verhalten,
wie die Formen der Mathematik und der Vegetation, wurde recht klar.
Spter haben =Moller= in seinem Werke: Denkmler der deutschen Kunst,
und die Gebrder =Boissere= in ihrer Beschreibung ber den klner Dom
und durch ihre herrlichen Gemldesammlungen diese Ideen verbreitet.
Da sie von dem pecus imitatorum bertrieben und gemibraucht wurden,
darin muten sie sich, wie alle andere Ideen fgen. Novalis, der in
der tiefsten Bedeutung des Wortes eine schne Seele genannt werden
kann, ri mich hin. Die Frmmigkeit in seinen herrlichen Psalmen, die
sich meinem, von Kindheit auf bewahrten, religisen Gefhl verband,
begeisterte mich, das Gedicht: =Jesus in der Natur= zu schreiben. Dieses
Gedicht ist nicht mystisch, aber mythisch; indessen entzckte mich eine
Zeitlang das Mystische. Ich begann zu glauben, da der menschliche Geist
den ewigen Geheimnissen, die wir in unseren begeisterten Augenblicken
fhlen und ahnen, auf dem speculativen Wege ein gut Theil nher kommen
knne. Ich versuchte Schelling's Bruno zu lesen; aber ich konnte ihn
nicht berwltigen; dagegen amsirte es mich, hie und da, in =Jakob
Bhme's= Aurora zu blttern, wo die wunderliche Mischung von seltenem
Tiefsinne, hoher Begeisterung, der khnste Flug, um auf seine Weise das
Universum zu berschauen, die innigste Gottesfurcht, das ehrlichste
Streben, sich mit Schwrmerei und ermdender weitlufiger Wiederholung
des Gesagten verbanden. Seine Engel erscheinen mir zuletzt doch, gleich
den Posaunenengeln in einer alten Kirche, auf staubigen, vergoldeten
Holzstrahlen zu sitzen, die von dem Triangel ausgingen, welcher den
Namen Jehova, mit hebrischen Buchstaben geschrieben, einfat. In dieser
Zeit machte ich die Bekanntschaft des Norwegers Nicolai Mller, der in
Deutschland in Mnster wohnte, ein Freund von Friedrich Stolberg und
ganz befangen in der mystischen Philosophie und exaltirter Frmmigkeit
war. Er besuchte uns in Kopenhagen. Meinen Jesus in der Natur hatte
er gelesen, und er gefiel ihm, aber nur als der erste Schritt des noch
eiteln Weltkindes. Er wollte mich bekehren. Ich besuchte ihn und fand
ihn Mrtyrlegenden in einem groen franzsischen Folianten lesend.
Als er mich dringend aufforderte, mich zu verbessern, und in mich zu
gehen, um rechtglubig zu werden, fragte ich ihn ganz naiv: wie ich das
denn anfangen solle? -- Bete! sagte er, Du sollst zu Gott beten, da
er Dich erleuchte! -- Leb' wohl Mller! antwortete ich freundlich,
drckte ihm die Hand und ging. Ich sah ihn seitdem nicht wieder. Er war
ein edler, geistvoller, schner Mensch mit vielen Kenntnissen, sehr
blond und von schwacher Gesundheit. Er starb, glaube ich, wenige Jahre
darauf.

Also Novalis ri mich hin. Ich entsinne mich noch deutlich des
Sommertages, als ich von dem Rundtheile in der Allee, wo ich wohnte,
nach dem Schneckenberge im Friedrichsberger Garten ging, mich auf einen
abgehauenen Baumstamm setzte, der wie ein Sopha zwischen zwei Bumen
lag, den Rcken auf einen Baum sttzte, =Heinrich von Ofterdingen=
las und von den naiven Schilderungen im ersten Theile und von der
=blauen Blume= im zweiten hingerissen wurde, obgleich dies mir bereits
damals etwas zu neblich zu werden anfing. Jetzt, wo ich dies auf dem
Fasanenhofe 46 Jahre spter schreibe, nahm ich auch ein Mal im Sommer
Heinrich von Ofterdingen, ging auf den Schneckenberg, der gerade vor dem
Hause liegt, setzte mich wieder auf den Baumstamm, der noch dalag, aber
alt und verfault, und begann zu lesen. Aber es schmeckte mir nicht wie
damals, obwohl ich glaube, da mein Alter noch jugendfrisch war. Vieles
in Novalis erfreut mich jetzt noch wie frher; die naiven huslichen
Schilderungen, das Bergmannsleben, die herrlichen Lieder, die ich
bersetzt habe, viele seiner Psalmen, das liebliche Gedicht an Tieck
auf Jakob Bhme. Aber der naive Roman (der auch nichts Altdeutsches
hat) schwillt bald, besonders im zweiten Theil, zu metaphysischem
und mystischem Nebel auf. Novalis trug den Wurm des Todes in seinem
Herzen; dies stimmte ihn zu milden, rhrenden, religisen Gefhlen,
und brachte ihn dahin, den Freuden des Lebens zu entsagen; doch liebte
er und verlobte sich zum zweiten Male kurz nach dem Tode seiner ersten
Geliebten. Aristokratische Launen hatte der gute Hardenberg nicht;
doch war er nicht ohne geistigen Hochmuth; er sprach von Gthe, wie von
einem englischen Mechaniker, der elegante Mbel macht; er selbst hatte
die Absicht, auer Heinrich von Ofterdingen sechs Romane zu schreiben,
welche seine Ideen ber Physik, das brgerliche Leben, den Handel,
die Geschichte und die Liebe umfassen sollten. Er war polemisch, wie
Schlegels, und glaubte eine neue Poesie zu erfinden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Rckblick. Beziehungen zu deutschen Dichtern.]

Von Deutschland aus hatte ich bei meiner Heimkehr keine Sttze mehr
in Steffens, Tieck und Gthe. Von dem Ersten hatte ich mich selbst
getrennt, nicht als Freund und Bewunderer seiner ausgezeichneten
Eigenschaften, sondern ich war nicht lnger sein sthetischer Anhnger
und Schler. Obwohl mir sein Geist, seine persnliche Liebenswrdigkeit,
seine Beredsamkeit, seine Begeisterung und unzhlige poetische Funken
stets unverndert lieb blieben, so wich ich doch nun so stark in
meinen Ansichten von ihm ab, und war doch selbst so sicher in meiner
Kunst geworden, da ich mich in meinem Urtheile nicht mehr einem Manne
unterordnen konnte, der ja eigentlich nur Dilettant darin war. Was
Steffens als Naturforscher und Philosoph war, kann und will ich nicht
beurtheilen. In der Poesie war er Dilettant. Auf Verse verstand er
sich sehr wenig und machte selbst nur einige kleine Versuche. In den
Novellen, die er spter schrieb, waren wohl schne poetische Stellen,
aber sie waren doch zu weitlufig, zu sehr mit allgemeinen Reflexionen
angefllt. Da sie Aufmerksamkeit erweckten, als sie erschienen, war
natrlich, denn man fand Steffens' Geist darin; aber es fehlten ihnen
Composition, Erfindung und originale Charactere. Als Geschmacksrichter
war er ein vollstndiger Anbeter Tieck's und glaubte fast blind an
diesen. Tieck hat mir selbst erzhlt, da Steffens, als sie bei ihrer
ersten Zusammenkunft von Wieland sprachen, die gewhnliche allgemeine
Hochachtung fr diesen Dichter uerte. Tieck hatte ihm in Vielem
widersprochen, ohne darum doch Wieland ein dichterisches Verdienst
abzusprechen. Von Tieck ging Steffens in eine Restauration und lie
sich in einen heftigen Streit mit einem Bewunderer Wielands ein, wobei
Steffens, den Dichter herunterri und viel strenger gegen ihn war, als
Tieck kurz vorher. Durch diesen polemischen Enthusiasmus, der mehr
aus persnlicher Gereiztheit, als aus klarem Verstndni der Dinge
entsprang, litt ich in meinem sptern Zusammenleben mit Steffens oft,
und war gewi nicht der Einzige, dem es so erging.

[Sidenote: Rckblick. Steffens.]

Ein echter Richter des Geschmacks konnte er also nicht sein, er
hatte nicht die Ruhe, die Besonnenheit, die Liebe zu dem vielseitig
Objectiven, welche dazu gehrt, um sich dieses als sein Eigenthum zu
erwerben. Steffens brachte seine Abstractionen hinber in das Reich
der Kunst, gewisse Ideen, d. h.: Ansichten, eine gewisse Art zu denken
und zu fhlen, wollte er berall wiederfinden; hiervon hing sein Lob
oder Tadel ab. Mit einzelnen Zgen, aus der Geschichte und Poesie
herausgerissen, construirte er sich beide nach seinem Kopfe, aber er
irrte sich oft in historischen Daten, und viele poetische Werke be- und
verurtheilte er, ohne sie recht zu kennen. Begeisterung fr mich hatte
er nur so lange, wie ich sein Schler war; doch mu ich hierbei eine
Ausnahme machen. Als Max in Breslau, wo Steffens Professor war, spter
meine deutschen Schriften herausgab, schenkte er ihm ein Exemplar und
er las sie. Dadurch erwachte die alte Liebe fr den dnischen Dichter,
zu dessen Bildung er selbst beigetragen hatte. Er schrieb mit einen
sehr freundlichen Brief und einen sehr schmeichelhaften Artikel in den
Blttern fr literarische Unterhaltung, worin er mit der Aeuerung
endigte, da es Deutschland noch obliege, ein grndliches und klares
Urtheil ber meine Werke zu fllen. Aber von diesem klaren Urtheile
gab er selbst nur mittelmige Proben, als er mehrere Jahre darauf in
seinem: Was ich erlebte Tieck's alte, von mir gestochenen Trmpfe
gegen meinen Correggio wieder ausspielte und die Scene, in der Clestine
den Correggio krnt, als meiner durchaus unwrdig erklrt. Ich selbst
glaube, da sie eine der hbschesten ist, die ich gedichtet habe. -- Als
ein Characterzug von Steffens' Auffassung des Objectiven kann angefhrt
werden, da er an derselben Stelle in dem Buche, wo er dem Leser ein
Bild von mir, seinem mehrjhrigen, tglichen Umgangsfreund geben will,
von meinen kleinen, schwarzen Augen spricht.

[Sidenote: Rckblick. Tieck.]

Tieck, mit mehr Genialitt und Originalitt als Steffens, genirte
trotz der groen Einseitigkeit in seinem Geschmacke nicht im tglichen
Umgange. Er hatte Nichts von nordischer Gereiztheit, wie Steffens und
ich; er imponirte im Gegentheile durch eine persnliche Ruhe, welche
mit einer groen Beredsamkeit und einer gewissen Vornehmheit, die
ihre Wirkung that, verbunden war. Aber seine Urtheile und Ansichten
waren oft sehr bertrieben. Es ging uns umgekehrt: ich vertheidigte
das Billige und Milde mit Leidenschaft, er das Bittere und Strenge
mit Besonnenheit. Die Deutschen haben oft diesen Character, den ein
gewisser Buchhndler, als man von einem gewissen Dichter sprach, die
stille Wuth nannte. Ich darf sagen, da ich all' das echt Geniale und
Dichterische bei dem herrlichen Tieck bewunderte und noch bewundere.
In meinen Uebersetzungen seiner Werke habe ich das gezeigt, obgleich
ich wagte, sie zusammenzuziehen und zu verkrzen. Aber Tieck wollte
eigentlich Nichts von mir wissen. Wenn ich bei ihm war, ihm selbst
Etwas vorlas, gewann ich ihn; aber was sonst von mir herausgegeben
wurde, las er nicht. Es ist merkwrdig: die Verachtung und der Mangel
an Sympathie, der sich in der neuesten Zeit in Deutschland im Groen
gegen Skandinavien gezeigt hat, uerte sich regelmig im Voraus in
der Literatur. Die Deutschen konnten es nicht leiden, da wir eine
Literatur hatten, die es wagte, mit der ihrigen zu wetteifern, da wir
eine Geschmacksbildung und eine poetisch-entwickelte Sprache ebenso frh
besaen, wie sie. In der sptern Zeit schlug Tieck's Geistesrichtung
eine sonderbare Volte. Anstatt romantisch-phantastisch und witzig
ausgelassen zu sein, wurde er kalt verstndig. Er schrieb eine Reihe
von Novellen, in denen sich schne Stellen vorfinden, und der Aufruhr
in den Sevennen ist der vortreffliche Anfang zu einem unvollendeten
Werke; aber im Ganzen genommen wurden diese Novellen doch das Organ
fr ziemlich einseitige sthetische Betrachtungen und eine etwas an
Pedanterie grenzende Lebensphilosophie, welche eine Zeitlang sehr gelobt
wurde. In einem von Tieck's letzten Werken, Vittoria Accorombona,
ist mehr Geist und Kraft, als in den meisten frheren Novellen; es
herrscht Leidenschaft darin; aber auf merkwrdige Weise werden in ihnen
abscheuliche Verbrechen als Ausschweifungen groer Geister mit einer Art
Bewunderung und Entschuldigung _ la_ Victor Hugo und mit einer zwar
nicht geradezu ausgesprochenen aber doch deutlichen Verachtung gegen den
gewhnlich prosaisch-moralischen Abscheu vor Lastern, die mit groen
Eigenschaften verbunden sind, geschildert. Dies stand nun wieder in
einem wunderbaren Gegensatze zu der Liebe, welche =Iffland=, im Anfang
eine Zielscheibe des Tieck'schen Spottes, in dessen spteren Tagen fand,
wo er als Theaterdirector in Dresden unablssig die Iffland'schen Stcke
auffhren lie.

[Sidenote: Rckblick. Gthe und Schiller.]

Von Gthe schied mich nun die unglckliche Geschichte mit Correggio.
Aber wenn dies auch nicht der Fall gewesen wre, so htte Gthe, wie
er jetzt war, mir doch kaum noch in der dramatischen Kunst zu Nutz und
Frommen sein knnen. Ich habe nie recht erfahren, weshalb Correggio
ihm so sehr misfiel. Wenn er ihm zu weich und gefhlvoll war, so lag
das im Stoffe. Ich habe vor und nach diesem Stcke in einer langen
Reihe nordischer Tragdien Heldenkraft geschildert, aber um diese
Stcke kmmerte er sich auch nicht, und hat -- auer Hakon Jarl --
wahrscheinlich kein einziges recht gekannt. Ich konnte Gthe nicht mehr
als Lehrer in meiner Kunst betrachten. Ich war nach eigenen Grundstzen,
eigenem Gefhle fortgeschritten und suchte in meinen Dramen auf keine
Weise, ihm oder Schiller nachzuahmen; so sehr ich ihr Genie in ihren
vorzglichsten Werken liebte und bewunderte, so war doch die Richtung,
welche sie am Schlu ihrer dramatischen Dichterperiode einschlugen,
meiner Ansicht nach eine Abweichung vom Rechten. Das Rhetorische, das
Raisonnirende, die Lust, sinnreiche Sentenzen aufzustellen, hatte zu
sehr berhand genommen. Es ist gewi, da der Vers in der Tragdie
bedeutend zur Kraft und Wrde des Werks beitrgt; aber man mu sich
in jeder Kunst, sowie im Leben selbst, vor Vornehmheit und Pedanterie
hten. Indem man die Sprache allzu abstract nur mit Rcksicht auf
Ausdruck, Gedanken und Bilder betrachtet, verliert sie die Naivett, die
Einfalt, welche das Groe und Schne nicht entbehren knnen.

Schiller und Gthe bewunderten mit Recht die Griechen, und glaubten in
ihnen die wahren Vorbilder fr ihre Kunst zu finden. Schiller beklagte
sich bei Humboldt, da er nicht Griechisch knne, und wollte es auf
seine alten Tage lernen; aber Humboldt rieth ihm davon ab und meinte,
das sei nicht nthig. Wahrlich es mu ein groer Genu fr einen
Schngeist sein, den Aeschylos und Sophokles mit Leichtigkeit in der
Ursprache lesen zu knnen. Zwei Dinge habe ich besonders in meinem Leben
entbehrt: Griechisch zu knnen und gut vom Blatt auf dem Fortepiano zu
spielen. Dies wrde nicht schwierig gewesen sein, wenn es zur rechten
Zeit gelernt worden wre. Aber man hilft sich, so gut man kann; durch
Hlfe guter Uebersetzungen eignet man sich den Geist und das Wesen des
Dichters an; Compositionen, Characterzeichnungen, Gedanken, Bilder, all'
dieses kann die Uebersetzung geben, das Einzige, welches fehlt, ist
die Diction; aber die Sprache ist gerade des Dichters eigenes Element,
und den Mangel des Fremden erstattet ihm die Natur. Merkwrdig! Weder
Thorwaldsen noch ich konnten Griechisch; aber wenn ich meinen Baldur,
Yrsa, Die Longobarden, Das Land gefunden und verschwunden in
=sein= Museum lege, so wage ich zu fragen, ob Viele, die Griechisch
verstehen, es viel besser, als wir htten machen knnen. Es ging dem
Dichter hier mit dem Griechischen, wie Peter in Jakob von Tyboe mit dem
Deutschen: er knnte es wohl schreiben, aber nicht lesen. -- Gthe
wute etwas Griechisch, und was ihm fehlte, das wute Dr. Riemer, sein
Secretair und seine rechte Hand.

Aber nun die Griechen! Finden wir nicht Einfalt und Naivett in ihren
Dialogen? Ganz gewi! In den Chren finden sich zusammengedrngte
Wortwendungen, Gedanken und Betrachtungen; aber die Gesprche sind
viel weniger geschmckt, fallen viel mehr in den gewhnlichen
Unterhaltungston. Wo das Pathetische herrscht, tritt das Lyrische
besonders in den Chren hervor. Schiller verliebte sich so sehr in
diese Chre, da er sie an unpassendem Orte in seiner Braut von
Messina anbrachte, wie ich bereits im zweiten Theile dieses Buches
erwhnt habe. Schiller beging einen noch grern Fehler: er wollte in
dem Vorworte zu seinem Stcke beweisen, da es so sein msse, da die
dramatische Kunst erst ihre rechte Bedeutung erlangte, wenn der Chor
wieder eingefhrt wrde. Wie wrde =Jodelle=, der erste Franzose, der
franzsische Tragdien nach griechischem Zuschnitte zusammenflickte,
sich gefreut haben, wenn er solche Aeuerungen von einem groen
Dichter einer Nachbarnation erlebt htte, die spter so lange fr das
Natrliche kmpfte. Aber Schiller bedachte sich und ging in sich. Er
schrieb glcklicherweise seinen meisterhaften Wilhelm Tell, ehe er
starb, und damit machte der Dichter alles Das wieder gut, was der
Philosoph verbrochen hatte. Jene abstracte Dictionsvergtterung, diese
Vornehmheit im Style, da die dramatische Bewegung sich dem Menuette
nhert, und die einfrmige Ausdrucksweise, welche das Characteristische
verwischt, liebte Gthe auch sehr und sie kam zum Ausbruch in seiner
=Natrlichen Tochter=, die so vornehm und kalt ist, als ob sie von
Stein wre; noch mehr in seinem =Elpenor= und =Epimenides=. Obgleich
Gthe als Jngling oft das Burschikose mit dem schnen Derb-Natrlichen
verwechselte, scheint er mir doch mehr Sinn fr das echt Heroische in
seinem Gtter, Helden und Wieland, als in seiner Natrlichen Tochter
zu haben, wenn er den Herkules munter von Wieland sagen lt: Der kann
nicht begreifen, wie ein Gott ein Flegel sein kann, und sich betrinken,
seiner Gottheit unbeschdigt.

Die neue Schule verwarf Schiller und erkannte ihn nicht fr einen groen
Dichter; aber das Volk trug ihn auf den Hnden, und Gthe, den die
neuere Schule vergtterte, fhlte doch, was Schiller war. Glckliche
Umstnde hatten eine -- wenn auch nicht gerade warme Freundschaft (denn
sie wurden nie Kameraden, wie Gthe spter mit =Zelter=) -- so doch ein
auf Wissenschaftlichkeit, Kunst, persnliche Achtung und Wohlwollen
schn gegrndetes Verhltni zwischen ihnen gestiftet. Schiller und
Gthe hatten die Xenien geschrieben, in denen sie muthwilliger, als
es sich fr ihr Alter geziemte, manche Persnlichkeit unvorsichtig
angegriffen und Veranlassung zu einem Tone gegeben hatten, den sie
selbst spter haten. Sie glaubten gegen ein wildes, rohes Wesen
ankmpfen zu mssen, welches in seiner Plumpheit die deutsche Tragdie
verderben knnte. Was sie hiermit meinten, ist nicht leicht zu sagen;
denn es gab ja damals keine anderen Dichter von irgend einigem Einflu,
als Tieck, der seine heilige Genoveva und Octavian (Letzterer mehr
Komdie als Tragdie) geschrieben hatte; aber keines von diesen beiden
Stcken war fr das Theater; da sie trotz vieler Ausschweifungen
viel Genie und Natur zeigten, ist gewi. Schlegels schrieben Ion
und Alarkos, worin sie sich mehr als Philologen und Stylisten, denn
als Poeten zeigten, und fr sie war keine Gefahr; denn Gthe brachte
selbst Ion auf die Bhne. Aber Tieck trat, von Schlegels untersttzt,
auf eine sonderbare Weise als Shakespeare's Apostel auf. Nun gengte
nicht die Bewunderung und Liebe fr die besten Werke des groen
Dichters, welche Garrik, Lessing, Schrder und Gthe gelehrt hatten;
sondern man sollte Alles bewundern, und selbst Das, was bisher fr
verfehlt und geschmacklos, der Zeit angehrend betrachtet wurde, in
der Shakespeare lebte, sollte nun fr Schnheiten und Muster gehalten
werden, die man bisher aus Mangel an Fhigkeit, recht in Shakespeare's
Geist einzudringen, bersehen und lcherlicher Weise verkannt habe.
Diese Kritik, welche Tieck sehr vornehm aussprach, wobei er sich
zugleich selbst zu einem Theil von Shakespeare's geistigem Ich machte,
war nun freilich tadelnswerth. Aber es half Nichts, da Schiller,
als er den Macbeth bersetzte, die Hexenscenen modernisirte und sie
zu philosophischen Reflexionen machte; er verwischte dadurch das
Romantische, Volksthmliche, Poetische, tragisch-Grauenhafte, obgleich
seine eigne herrliche Dichternatur sich nicht verleugnete, da er in
seiner Umarbeitung das herrliche Lied vom Fischer hineindichtete.
Noch weniger half es, da Gthe und er auf den wunderlichen Einfall
geriethen, Voltaire's Mahomed und Tancred und Racine's Phdra zu
bersetzen. Das Beste in diesen Stcken ist ohne Zweifel die lebendige
und rasche Leidenschaftlichkeit und Begeisterung, die sich in den
anapstischen, franzsischen Alexandrinern ausspricht. Indem man diese
in ehrbare, gravittische deutsche Jamben verwandelte, stutzte man den
franzsischen Adlern die Flgel, ohne Lwen aus ihnen zu machen. Das
Gedicht, welches Schiller bei dieser Gelegenheit an Gthe schrieb, ist
sehr merkwrdig.

           Nicht in alte Fesseln uns zu schlagen
           Erneuerst Du dies Spiel der alten Zeit,
           Nicht uns zurckzufhren zu den Tagen
           Characterloser Minderjhrigkeit. --

           Erweitert jetzt ist des Theaters Enge,
           In seinem Raume drngt sich eine Welt.
           Nicht mehr der Worte rednerisch Geprnge,
           Nur der Natur getreues Bild gefllt;
           Verbannet ist der Sitten falsche Strenge,
           Und menschlich handelt, menschlich fhlt der Held.
           Die Leidenschaft erhebt die freien Tne
           Und in der Wahrheit findet man das Schne.

           Doch leicht gezimmert nur ist Thespis' Wagen,
           Und er ist gleich dem Acheron'schen Kahn:
           Nur Schatten und Idole kann er tragen;
           Und drngt das rohe Leben sich heran,
           So droht das leichte Fahrzeug umzuschlagen,
           Das nur die flcht'gen Geister fassen kann.
           Der Schein soll nie die Wirklichkeit erreichen,
           Und siegt Natur, so mu die Kunst entweichen.

           Nicht Muster zwar darf uns der Franke werden,
           Aus seiner Kunst spricht kein lebend'ger Geist:
           Ein Fhrer nur zum Bessern soll er werden.
           Er komme wie ein abgeschied'ner Geist,
           Zu reinigen die oft entweihte Scene,
           Zum wrd'gen Sitz der alten Melpomene.

In diesem Gedicht hat der oft so tief denkende, philosophische Schiller
sich wirklich der grten Widersprche schuldig gemacht.

Du fhrst uns nicht zurck zu den Tagen characterloser
Minderjhrigkeit (d. h. zu Ludwig's XIV. verschrobener sclavischer
Zeit); das wrde nun auch nichts helfen, da nicht mehr der Worte
rednerisch Geprnge, nur der Natur getreues Bild gefllt; da der
Mensch fhlt und handelt menschlich, und man in der Wahrheit nur
das Schne findet. Mehr Lob kann man der Zeit nicht geben, die man
tadelt, mehr die Zeit nicht tadeln, die man loben will. Aber was sollte
denn nun geschehen? Das Gespenst der Kunst, woraus kein lebendiger
Geist spricht, sollte wiederkehren, um die Bhne zu reinigen, um
mit seinem conventionellen Besen die Apfelsinenschalen und faulen
Aepfel wegzukehren, die von der Galerie der Gegenwart auf das Theater
herabgeworfen sind. Das bessere Theater wird mit dem Karren der Thespis
verglichen, wo die ersten rohen, tragischen Versuche gemacht wurden, und
wo die Schauspieler sich das Gesicht mit Hefe beschmierten. Das gute
Theater wurde einem schwachen, schwankenden Boote verglichen, auf dem
Charon die Todten zur Unterwelt fhrt. Eben erst war davon die Rede, da
nur der Natur getreues Bild gefllt; nun heit es: siegt Natur, so
mu die Kunst entweichen. Ich glaubte immer, da die Natur gerade ihren
schnsten Sieg in der Kunst fnde; denn die Kunst ist ja nichts Anderes,
als die verschnerte Natur, kein todtes Schattenbild, welches frchten
mu, da das Boot umwerfe, so da also die Todten in Gefahr schweben zu
ertrinken, und aufs Neue zu sterben.

Aber wie gesagt, bei Schiller war diese schiefe Richtung nur die Frucht
eines brigens zu billigenden Grolls, als er sich verschmht und
verkannt fhlte. Sein herrlicher Wilhelm Tell, der allen folgenden
Zeiten zum Muster dienen kann, ist ein Meisterstck und in der Braut
von Messina finden sich, ungeachtet der erwhnten Fehlgriffe, herrliche
Dinge und Scenen, die des groen Meisters vollkommen wrdig sind.
Schiller hatte seine Dichterkraft nicht verloren, als er starb; sein
Krper, nicht sein Geist unterlag. Obgleich zuweilen etwas zu streng
(z. B. gegen Brger), war er doch der edelste Mensch, der liebevollste
Mann und Vater. Sein schner Tod ist uerst rhrend; das Menschliche,
das Humane beseelte ihn; selbst den eine Zeit lang zu groen Hang zur
speculativen Philosophie bekmpfte er, um naiv zu bleiben. Er beklagt
sich selbst oft in seinem Briefwechsel mit Humboldt darber, da sie
seinen freien Dichtergeist zu sehr in spitzfindige Labyrinthe gebracht
habe. Htte Schiller lnger gelebt, so bin ich gewi, da ich in ihm
einen Freund, einen Vater gefunden haben wrde; dessen versicherte mich
seine edle Gattin so oft.

Aber mit Gthe? Aus den Augen, aus dem Sinn! Er ergriff jeden
Gegenstand, der ihm begegnete, mit aufmerksamer Genialitt. So gefiel
ihm auch mein Wesen, -- der junge, fremde, ihn bewundernde Lehrling.
Aber als ich, auch als deutscher Dichter, auf meinen eigenen Fen stand
-- als Deutschland anfing, aufmerksam auf mich zu werden, war es vorbei.
Ueber meinen Palnatoke, den ich ihm frher gesandt hatte, sprach er kein
Wort. Correggio konnte er nicht leiden, der war zu sentimental. War
Palnatoke auch zu sentimental? Nein! Gthe konnte nun das Heroische
ebenso wenig, wie das Gefhlvolle, leiden. Helden hat er eigentlich nie
geschildert. Der krftigste, liebenswrdigste Mann, den er gezeichnet
hat, ist Gtz von Berlichingen, der doch auch meist in idyllischen
Verhltnissen auftritt und an rathloser Unbestimmtheit zu Grunde geht.
Gthe's Frauen sind stets die genialsten, frischesten, naivesten,
hinreiendsten Personen in seinen Dramen, die weit ber seinen Mnnern
stehen: Clrchen, Gretchen, Philine, Mignon, Iphigenia, die Prinzessin
in Tasso, Dorothea! Man hat so viel von Gthe's Vollkommenheit in der
Form gesprochen. Keiner kann sein gttliches Genie mehr bewundern, als
ich -- aber -- Vollkommenheit in der Form? Ja, die deutsche Sprache
brachte er in seinen besten Werken dahin; aber er bertrieb die Art,
Worte zusammenzudrngen und umzubilden, zuletzt so, da die Sprache mit
der Natur und Klarheit zugleich ihre Ehrlichkeit verlor und er bewegte
sich endlich dergestalt in vornehmen oft verschrobenen Redensarten,
da man nicht wei, was er sagen will. Vieles trug dazu bei, seine
Dichterkrfte zu zersplittern. Ich zweifle nicht daran, da er auch
als Physiker Proben seines seltenen Talents gegeben hat; aber -- wre
es vielleicht doch nicht besser gewesen, wenn er uns mehrere gute
Dichterwerke statt der weitlufigen Farbenlehre u. s. w. gegeben htte?
Gthe hat viel geschrieben; rechnet man aber alle die wissenschaftlichen
Betrachtungen, Abhandlungen und Studien ab, so ist die Anzahl der
Dichterwerke nicht so gro fr einen Mann, der in seinem 83sten Jahre
starb, und seine volle Kraft bis zuletzt behielt. Aber nicht allein
die Wissenschaft war es, die ihn von der Kunst abzog; eine sonderbare,
allzugroe Vorliebe fr das Fremde: das Altgriechische, das Rmische,
das Italienische und endlich das Orientalische zogen ihn fast in dem
Moment von dem Nationalen ab, wo das Schicksal den excellenten Gthe
nach Weimar rief und ihn zur Excellenz machte.

Manche werden vielleicht finden, da ich hier allzu lieblos und
unehrerbietig ber Gthe spreche; aber ich lasse ihm gewi in Allem
Recht widerfahren, was Recht ist; ich spreche hier nicht aus Rache als
der von ihm Verschmhte; ber das Geschehene sind bereits 40 Jahre
dahingegangen. Ich bin nun selbst ein Greis von 70 Jahren, nur wenige
Jahre vom Grabe entfernt, in welchem er bereits ruht. Hier kann also
nicht die Rede von eitlem Grolle sein; ich liebe ihn bestndig, habe
nie aufgehrt, ihn zu lieben; und Baggesen's bitterste Feindschaft zog
ich mir kurz nach meiner Heimkehr von Gthe dadurch zu, da ich ihm
seinen unwrdigen Spott ber den groen Mann vorwarf. Aber in einem
Dichterleben ist das Verhltni, in dem ein Dichter zu irgend welchem
andern von Bedeutung steht, von Wichtigkeit; denn dies ist theils aus
frheren Werken hervorgegangen, theils hat es zu spteren Veranlassung
gegeben und somit auf den Geschmack und die sthetische Bildung des
Zeitalters eingewirkt, was wichtiger ist, als viele kleine Zge des
tglichen Lebens, in denen die meisten Menschen einander gleichen. Ich
mu mich deshalb bei dieser Gelegenheit aussprechen. Von dem Verfasser
der natrlichen Tochter, des Epimenides, Elpenor; vom Verfasser des
zweiten Theiles des Faust und dem Bewunderer des italienischen Manzoni
konnte ich keine Sympathie fr meine nordischen Begeisterungen und
Arbeiten erwarten. Dies fand sich denn nun auch mehrere Jahre darauf,
als Gthe's und Zelter's Briefwechsel erschien, vollkommen besttigt.
In einem Briefe des Letzteren an den Ersteren beklagt Zelter sich
darber, da die Theaterdirection in Berlin ihm ein Stck von mir
gegeben habe, um Musik dazu zu schreiben. Nachdem er zuerst das Stck
wie das elendeste Zeug von der Welt durchgegangen ist, schliet er: Das
Stck hat auch =barbarische Namen=: Axel und Valborg. Gthe giebt ihm
vollstndig Recht und sagt: Wenn diese Nordlnder ihre Bren auf den
Hinterfen zu tanzen gelehrt haben, glauben sie was Rechts gethan zu
haben. Dieser gute Oehlenschlger ist auch einer von diesen Halben, die
sich einbilden, ein Ganzer zu sein, und noch Etwas drber. Ich habe von
dem Gezcht viel ausstehen mssen.

[Sidenote: Rckblick. Gthe und Zelter.]

Dieses Ausstehen bestand nun darin, da er sich darein finden mute,
als ich ihn etwas spt des Abends in der Nachtjacke berraschte, ihm
um den Hals fiel und ihm auf ewig Lebewohl sagte, nachdem er sich
geistig von mir getrennt hatte. Doch darf ich nicht vergessen, da er
ganz freundlich sagte: Nun, leben Sie wohl, mein Kind! worin doch
wieder eine Annherung lag. Aber ich kannte ihn; Explicationen konnte
er nicht leiden. Htte ich ihm spter geschrieben, ihm einige andere
Arbeiten gesandt, so wren wir vielleicht wieder in ein freundliches
Verhltni zu einander getreten. Aber -- ich war zu stolz -- nicht den
ersten Schritt zu thun, sondern um mich in seine Gnade hineinzubetteln.
Saumselig im Briefschreiben war ich immer; ich schrieb meinen besten
Freunden nicht, viel weniger nun ihm.

Was brigens die starken Expressionen zwischen ihm und Zelter in
Bezug auf mich betrifft, so betrachte ich diese gar nicht als eine
Beleidigung; denn weder Gthe noch Zelter haben diese Briefe selbst
herausgegeben, und es ist ein sehr schlimmer Gebrauch, einen jeden
Wisch, den ein ausgezeichneter Mann geschrieben hat, nach seinem Tode
herauszugeben, um Geld zu verdienen. Wenn das immer geschhe, so knnte
man ja kein vertrauliches Wort mehr schreiben. Tritt man ffentlich
auf, so soll man bedenken, was man sagt und seine Ausdrcke abwgen;
aber das Sprchwort: Gedanken sind zollfrei erstreckt sich auch auf
die Vertraulichkeit zwischen Freunden; und man sagt Vieles in der
Verstimmtheit, was man gar nicht so bse meint. Htte Gthe an Schiller
oder Humboldt geschrieben, so htte er seine Worte gewi mehr abgewogen;
aber mit Zelter genirte er sich nicht. Dieser natrlich aufgeweckte
Kopf, aber ohne wahre Bildung, obgleich er Baumeister und Musicus war,
hatte sich vollstndig in Gthe vergafft und liebte ihn, wie ein Pudel
seinen Herrn liebt. Wenn er einen D... macht, soll er gesagt haben,
ist es besser, als was alle die Andern machen. Als sein Sohn starb,
verga er bald seinen Kummer darber, als Gthe ihn Du nannte, und
ferner immer mit ihm auf Du und Du stand. Ein Beweis seiner sonderbaren
Unwissenheit (aus der hervorzugehen scheint, da der Baumeister nicht
viel mehr war, als Mauermeister) war, da er Gthe einmal in einem
Briefe fragte: Was war =Byzanz=? Wo war es? -- Kannst Du mir hierber
nach Deiner und meiner Art in kurzen und wenigen Worten Aufschlu
geben? Man sieht hieraus, da Zelter wenigstens kein Architekt der
byzantinischen Schule gewesen ist. -- Ein Mal, als er Gthe Samson's
Geschichte als ein vortreffliches Sjet zu einer Oper empfiehlt, findet
er sich sehr geduldig darein, da Gthe Samson den dmmsten Lmmel
nennt, der sich jemals von einer gemeinen Dirne narren lie. Aber Zelter
componirte schne Melodien zu einigen gthe'schen Liedern, z. B. zu
Gott und die Bajadere und seine Composition zu Johanna Sebus ist
herzergreifend schn.

Das Plumpe in Gthe's Aeuerungen ber mich in diesen Briefen beleidigte
mich also nicht, aber diese abgerechnet sah ich doch in Allem deutlich,
wie gering er meine Arbeiten achtete, und wie wenig ihm daran lag, sie
zu kennen.

Ein deutsches Gedicht, welches ich vor ein paar Jahren ber Gthe
geschrieben habe, in welchem ich ihn in dem Ton zu characterisiren
suche, in dem er selbst dichtete, mag diese Betrachtung ber den groen
Mann schlieen.

[Sidenote: Ein Gedicht ber Gthe.]

                             =Erstes Bild.=

              Da steht der junge Wolfgang schn,
              Gar lieblich, treulich anzusehn.
              Von Leipzig nach Dresden will er wandern
              Aber allein, und nicht mit Andern;
              Genieen will er Natur und Kunst
              Ohne Geschwtz und falschen Dunst.
              Er will sich bei Freunden nicht einquartiren,
              Die Freiheit wrde dabei verlieren;
              Im Gasthof auch nicht gern er steckt,
              Davon hat der Vater ihn abgeschreckt.
              So kehrt er bei einem Schuster ein,
              Als knnt es gar nicht anders sein.

              Da ruhet er aus und geht nicht weiter,
              Der Wirth begegnet ihm freundlich heiter.
              Die kleine Mahlzeit ist bald verzehrt,
              Und als er nach dem Schlaf begehrt,
              Zeigt ihm die Wirthin ein gutes Bett,
              Als wenn's ihm die Musa bereitet htt'.
              Da hngt ein Bild ihm unbekannt,
              Dem Bette nah, dort an der Wand.
              Es ist der Holzschnitt von Hans Sachs;
              Der Wolfgang freut sich dessen stracks,
              Und eingeschlafen ist er kaum,
              So hat er einen schnen Traum
              Von Hans Sachs und dem Sngerwesen,
              Wie Ihr's knnt in seinen Schriften lesen.
              Frh nchsten Morgen auf er steht,
              Und in die Galerie hingeht.
              Zwar stand er da vor den Meisterstcken
              Der Italiener, die ihn entzcken,
              Doch fhlt er sich gezogen bald
              Zu der Deutschen und Hollnder Aufenthalt,
              Dem heitern Wesen, der frischen Natur,
              Die schon er kennt, geht er auf die Spur;
              Und was entsprungen aus diesem Geist,
              Bei ihm die grte Kraft beweist.
              Und als er steht in des Schusters Laden,
              Glaubt er noch Schalken und Ostaden
              Zu sehn, so lustig und heiter mild
              Steht Alles vor ihm als gutes Bild.
              Es kommt die Nacht, und schlafend kaum
              Entzcket ihn ein schner Traum.
              Es spricht zu ihm im Ton der Geister
              Vom Holzschnitt her der alte Meister:
              Es hat Natur Dich auserlesen
              Vor Vielen in dem Weltwirrwesen,
              Da Du sollst haben klare Sinnen,
              Nichts Ungeschickliches magst beginnen;
              Die Welt soll krftig vor Dir stehn,
              Wie Albrecht Drer sie einst gesehn;
              Ihr festes Leben und Mnnlichkeit,
              Ihre innere Kraft und Stndigkeit,

              Der Natur Genius an der Hand,
              Soll Dich fhren durch alle Land.
              Da ffnet sich das Zimmer weit
              Und steht gar in hoher Herrlichkeit
              Der Straburg da, der Riesenthurm,
              Wobei der Mensch sich fhlt ein Wurm.
              Doch auch ein Geist mit seltner Macht,
              Weil selbst es seine Hand vollbracht,
              Da sieht er Gtz mit der Hand von Erz,
              Doch mit dem menschlich warmen Herz:
              Da sieht er Clrchens, Gretchens Gesicht, --
              Correggio, Rafael malen nicht
              Gesichter schner, und doch vollbracht,
              Als htte sie Drer selbst gemacht.
              Da spricht Hans Sachs: Das sollst Du singen,
              Den Eichenkranz wird es Dir bringen.
              Der junge Wolfgang es treu verspricht,
              Daraus entstand manch schn' Gedicht.


                             =Zweites Bild.=

      Aber hier in Roma, da liegt im Bette der Dichter,
      Klopft auf dem Rcken der Frau fein des Hexameters Takt,
      Klagt, weil er nicht ein Rmer, ein Italiener geworden,
      Morgenlnder und Trk, seufzt, weil er Deutscher und Christ;
      Hat dabei das Kreuz wie Tabak, wie Wanzen und Knoblauch;
      Alles aus Norden ist ihm lcherlich, erbrmlich und schlecht;
      Vieles hat er versucht, gezeichnet, in Kupfer gestochen,
      Nur ein einzig Talent bracht et der Meisterschaft nah:
      Deutsch zu schreiben! Und so verdarb, unglcklicher Dichter!
      Er im schlechtesten Stoff leider nun Leben und Kunst.

                    *       *       *       *       *

    Ist es denn wahr, was er so in bler Laune gesprochen?
    Nein, nicht ganz; doch Natur wird durch das Knsteln geschwcht.
    Ideal mu auch Natur sein. Nicht unnational sein
    Mu der Dichter, sonst hrt er auf, ein Dichter zu sein.
    Waren denn Iphigenia nicht und die beiden Lenoren
    Schn? O ja, recht schn kann die Kreolin sein
    Aus dem Zwittergeschlecht, halb deutsch, halb wlsch und griechisch.
    Erst als er wieder ganz ward ein Deutscher, da entstand
    Dorothea so schn, noch schner, als Gretchen und Clrchen.
    Htt' uns aus dieser Tonn' mehr nur der Gthe gezapft!

[Sidenote: Rckblick. Jean Paul Friedrich Richter.]

Aber ehe ich diesmal Deutschland verlasse darf ich doch nicht vergessen,
da ein groer deutscher Dichter, den ich gar nicht persnlich kannte,
und der, was Genie und Intelligenz betrifft, Gthe und Schiller
nicht nachstand, meinen Aladdin auf das Schmeichelhafteste in den
Heidelberger Jahrbchern besprach. Dies war =Jean Paul Friedrich
Richter=! Dieser eigenthmliche Genius, der die schnsten Schilderungen
des Lebens und des Menschenherzens in humoristische Ausschweifungen
kleidet, voller Phantasie, Witz und Weisheit, aber leider auch oft so
eingehllt in neblige Extravaganzen und ermdende Weitlufigkeiten,
da es groe Mhe und Anstrengung kostet, sich durch diese Smpfe,
Dnste und Dornhecken zu den schnsten Waldpartieen und Feenschlssern
durchzuarbeiten. Dieser eigenthmliche Genius, der, obgleich es ihm in
seinen eigenen Werken nicht mglich ist, lange bei einer Vorstellung
zu bleiben, ohne sie gleich durch andere, oft himmelweit verschiedene
zu unterbrechen, doch im Stande ist, mit Tiefe und Grndlichkeit in
die menschlichen Charactere einzudringen, sie bei Anderen aufzufassen,
sie selbst zu zeichnen und zu erfinden und dies Alles durch jene
Engelgutherzigkeit zu verbinden, die ihn zu einem wrdigen Bruder von
=Claudius= und =Pestalozzi= macht. In seiner Aesthetik, in seiner
Levana, seinen Recensionen hat er gezeigt, mit welcher Feinheit und
Richtigkeit er im Stande war, in das Wesen der Poesie und fremder
Dichterwerke einzudringen. Ihm fiel es nun auch ein, meinen Aladdin
zu recensiren, und ich will hier einige seiner eigenen Aeuerungen
mittheilen:

Der Dne Oehlenschlger giebt hier die Wunderlampe, das bekannte
Mhrchen aus Tausend und Einer Nacht. Er habe Dank fr diese Um- und
Empordichtung eines Gedichts. Gedachte Tausend und Eine Nacht wre ganz
zu theatralisiren, wenn es mehrere Oehlenschlger gbe. Ein rhrend
schnes Gedicht an Goethe -- eine nach dem Phbus gewandte Sonnenblume
-- und eine Vorrede voll reiner, heller Aesthetik ffnen, wie eine
Eingangsmusik, dem Leser Ohr und Auge fr das schne Schauspiel. Das
Schauspiel zerfllt in zwei Spiele, Thalia und Melpomene, inde folgte
jene dieser weit genug auf die Bhne nach. Er durfte sich dies als
ein Schler und Freund Shakespeare's, Goethe's und Gozzi's erlauben.
Wenn der Schuster Sindbad vor dem Bsewicht Hindbad, dessen ruchlose
Predigt sammt den Predigerkritiken humoristisch genug ist, sich
selber zu einem Hofnarren abzurichten und einzuschulen sucht, und auf
mehrere Einflle fllt, um damit anzufragen, ob diese einen Narren
versprechen, so besteht, neben diesem Lachen, doch =die= Erhabenheit und
Frchterlichkeit der nchsten Zukunft. Uebrigens hat dem Verfasser der
Himmel Sinn und Kraft fr das Komische bescheert; ein rein komisches
Gedicht von diesem Dnen wre eine schne Weinlese fr uns. -- Mit
dem glcklichen Ohre fr den Wechsel seiner Versgebude berwindet
er in seinen Terzinen und Stanzen die Schwierigkeiten, welche die
meisten Dichterlinge, ja Dichter der neuern Schule stehen lassen als
Zugabeschnheiten. Das Werk beginnt mit komischen Menschen und Scenen,
spielt sich durch zarte romantische Dichtungen weiter, bis es wie ein
Tag beschliet mit immer mehr hier aufgehenden Sternen des Erhabenen und
Schauerlichen; und man trumt der reichen Farben- und Lichtwelt noch
lange nach.

[Sidenote: Rckblick. Jean Paul ber Aladdin.]

In diesem ehrenden Lobe findet sich doch auch ein gerechter Tadel.
Allerdings verschwamm sich der Verfasser zuweilen in jene italienische,
ja oft in Tieck'sche Weitschweif- und Weitlufigkeit. Nur die Sache
ergreife den Dichter, nicht das selbstschtige Genieen und Ausdehnen
seiner Empfindung derselben. Shakespeare war in die Sache verloren,
und daher bei aller Flle von Bildern und Krften, nirgends zum
Verschwender zerflossen. Hauptschlich tadelt Jean Paul mit Recht zwei
Gedichte: Die Verwesung und ein Gesprch zwischen den beiden Fee'n
Unschuld und Rache, die nicht in dem dnischen Aladdin stehen.

Jean Paul endigt seine Recension mit folgender Aeuerung: Dank
gebhrt der Kraft, welche, ohne einen Uebersetzer, gleichsam auf einer
Landesgrenze gepflanzt, ber zwei Nationen zugleich den Ueberhang seiner
Blthen und Frchte ausbreitet. Die Zeit wird ihn noch mehr, gleich
einem Diamant, zugleich verdichten und verdurchsichtigen, und er wird
immer mehr, statt des =Zauberspiegels=, den =Zauberstab= halten lernen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: An Jean Paul.]

Und diesem Manne schrieb ich nicht, und dankte ihm nicht aus vollem
Herzen fr eine solche Anerkennung. Es ist unverzeihlich! Diese ble
Gewohnheit, meinen Freunden nicht zu schreiben, hat mir in meinem
Leben sehr geschadet, mich manches schnen Genusses beraubt, manch
edles Verhltni abgekhlt und zerstrt. Ich verga sie nie, ich
gedachte ihrer oft; aber -- ich mochte keine Briefe schreiben. Einige
Entschuldigung mag darin liegen, da ein Verfasser, der viel schreibt,
nicht das Bedrfni, das Vergngen am Briefschreiben, wie Andere
empfindet. In welcher Stellung auch der gebildete Mensch im Leben sein
mag, treibt es ihn doch zuweilen, seinen Gedanken, seinen Gefhlen Luft
zu machen. Aber diese lt der Dichter in seinen Werken ausstrmen,
und wo die Anderen sich nach Mittheilung sehnen, sucht er Ruhe. So
wird es eine Gewohnheit bei ihm, es zu unterlassen; und wie schwierig
es ist, eingewurzelte Gewohnheiten abzulegen, wei Jeder. Doch kann
ich mich durchaus nicht ganz entschuldigen. Auch mochte ich niemals
recht gern Visiten machen; doch freute es mich sehr, wenn meine Freunde
zu mir kamen. Ich war von Kindheit, von der Jugend an daran gewhnt,
grtentheils allein zu sein, und zu schweigen. Mein Herr, sagte Frau
Stal-Holstein einmal scherzend in ihrem deutschen Patois zu mir, Sie
sind gar zu selbstndik. Eine gewisse Verlegenheit berkam mich immer
in Gesellschaften. Mein Gesicht war nicht scharf, mein Gehr nicht fein,
mein Gedchtni im Augenblick nicht sicher; traf ich Animositt und
einen Ton mir gegenber, dem es an Freundlichkeit und Zutrauen fehlte,
so verlor meine Geistesruhe das Gleichgewicht; in der Jugend verlief
ich mich dann oft; als ich lter wurde, schwieg ich, um es nicht zu
thun. Aber -- um auf Jean Paul zurckzukommen, that ich denn Nichts fr
ihn? Nein! aber ich hatte bereits, ein paar Jahr ehe er jene Recension
schrieb, ein Lied auf ihn gedichtet, das erst acht Jahre, nachdem
Aladdin erschien, in meiner deutschen Gedichtsammlung gedruckt wurde.
Ob Jean Paul es jemals gelesen hat, wei ich nicht, denn ich hrte
Nichts mehr von ihm. Seine liebenswrdige Tochter, Frau =Frster=, deren
Bekanntschaft ich im Jahre 1844 in Mnchen machte, kannte es nicht, und
wurde sehr erfreut als ich es ihr mittheilte. Hier ist es:

                    *       *       *       *       *

                            =Der Wunderbaum.=

             Es stand ein groer Baum im groen Garten;
               Ihr glaubt es kaum,
             Doch Blumen, Frchte trug von allen Arten
               Der Wunderbaum.

             So gro wie eine knigliche Eiche
               Der Stamm erschien;
             Im Laub da blhten Rosen, roth und bleiche
               Durch's Rosmarin.

             Die Bltter wickelten sich mannigfaltig
               So grn und dicht;
             Die Aeste breiteten sich aus gewaltig
               Im Sonnenlicht.

             Bald wlbten sie hinunter sich zur Aue,
               Wie Lindenzweig';
             Bald schossen sie die Flgel weit in's Blaue
               Cheruben gleich.

             Bald schwarz und dick und knotig war die Rinde
               Voll Schwamm und Kraut;
             Die zarten Zweiglein waren glatt und linde,
               Wie Mdchenhaut.

             Man konnte Aepfel, Birnen, Kirschen finden,
               Wo man nur las;
             Die Aeste schttelten in Sommerwinden
               Die Frucht in's Gras.

             Des Tag's da krochen Affen in den Zweigen
               Und neckten sich;
             Des Nachts da stand der Baum so still und eigen
               Und schauerlich.

             Die Nachtigall im kalten Mondlichtsbade.
               Erschrak und schied;
             Denn in dem Stamm sang zaubernd die Dryade
               Ihr Todtenlied.

             Von Vielen ward der Baum geliebt; genossen
               Von Wen'gen ganz.
             Doch Jeder fand, was er gesucht, entsprossen
               Im Sonnenglanz.

             Wer Frchte liebte, sagte: Ei, da seh' ich
               Den Apfelbaum;
             Wer Schatten suchte, seufzete: Nun geh' ich
               Zum Frhlingstraum.

             Wer Blumen wollte, sagte: Sieh da glhet
               Mein Blumenstrau;
             Wer Lieder wnschte, sagte: Sieh da blhet
               Mein Vogelhaus.

             Wer gar nichts liebte, sagte: Zwinge, zwinge
               Dein Plaudermaul!
             Wer Alles liebte, sagte: Singe, singe
               Noch lang, Jean Paul!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Periode der Opposition.]

Ich wende mich nun zu der Epoche, in der sich die Opposition gegen mich
am strksten erwies. Die Erfahrung, da ich nicht mehr zur romantischen
deutschen Schule gehrte, und keine Untersttzung bei deren Fhrern
fand, da Gthe den Correggio getadelt und mir den Rcken gekehrt hatte,
trug gewi nicht wenig dazu bei, meinen Gegnern und Neidern Muth zum
Tadeln zu geben. Hierzu kam, da auch Grundtvig mich mit seinen vielen
Anhngern verlassen, und da ich selbst mir geschadet hatte, indem ich
einige Kleinigkeiten schrieb, die freilich an Werth weit unter den
Hauptwerken standen.

[Sidenote: Die Baggesen'schen Angriffe.]

Baggesen griff mich an. Es ist nicht unwahrscheinlich, da er hierzu
von Anderen angetrieben wurde; denn seine Umgebung hatte immer groen
Einflu auf seine Handlungen.

Baggesen's Betragen war wirklich so kindisch, da das Ganze jetzt, wo es
vorbei ist, mehr wie eine Comdie, als eine Tragdie zu betrachten sein
wrde, wenn es nicht so weit gegangen wre, da er selbst dadurch um
alle Achtung kam.

Alles, was Baggesen bisher unternommen hatte, war in einer Art
geistigen Spieles geschehen, das ihn und die Andern amsirte, so lange
es dauerte. Seine besten Gedichte, die Frucht einiger Vormittage,
waren Kleinigkeiten, die er spter in der Tasche umhertrug und seinen
Freunden vorlas. So lange er nicht beiend und erbittert wurde, war
er eine hchst interessante angenehme Persnlichkeit. Er konnte einen
groen Theil des Geistes der groen Mnner, mit denen er umging,
nachahmen und sich aneignen; wie ein Chamleon empfing er die Farbe;
sie verschwand aber bald wieder vor einer andern. Mit Wieland war
er Wieland, mit Fichte Fichte, mit Jakobi Jakobi, mit Reinhardt
Reinhardt, mit Jean Paul Jean Paul, mit Vo Vo. Aber grndlich hatte
er sich Nichts erworben und mit eigener Originalitt gestempelt. Das,
was er am Allerwenigsten verstand, worauf er sich am Allerwenigsten
gelegt und wozu die Natur ihm das geringste Talent verliehen hatte,
war das Dramatische, und nun beschlo er doch, dramatischer Recensent
und Geschmacksrichter fr die Bhne zu werden. Ich war nicht der
Einzige, den er herunterri; es ging auch ber Holberg her, dessen
plumpe Sprache er tadelte und dessen Schilderungen der Sitten und
Verhltnisse er modernisirt haben wollte. Hier trat ein Anonymus auf,
=Peter Wegner= (Adolf Boye), der ein gefhrlicher Feind fr Baggesen
wurde. Das Einzige, was den hohlen Kritiken dieses Letztern noch etwas
Salz verlieh, war der witzige Ton der ungerechten Angriffe. Man sagte:
Baggesen habe die Lacher auf seiner Seite. Nun bekmpfte Peter Wegner
ihn von einem vernnftigen und wahrheitsliebenden Standpunkte aus mit
gleichen Waffen, aber mit viel grerer Kraft, welche das Bewutsein
der guten Sache giebt, und mit seiner satyrischen Fregatte scho er das
Baggesen'sche Seeruberschiff in den Grund.

In allen Literaturen findet man Beispiele genug, da ausgezeichnete
Schriftsteller aus Neid von weniger Begabten, ja selbst von Pfuschern
angegriffen wurden. So sehen wir in der Vorrede zur zweiten Hlfte des
Don Quixote, da Cervantes ber einen Anonymus klagt, welcher behaupte,
einen andern bessern Don Quixote, als der Dichter selbst, herausgegeben
zu haben. Was hat Shakspeare nicht verdauen mssen, ehe er zu Ehre und
Wrden gelangte? Lessing wurde von Klotz und Gtze; Gthe von Kotzebue
von Menzel und Pustkuchen als ein schlechter Poet heruntergerissen.
So hatte ein gewisser =Paulli= in Holberg's Zeit den politischen
Kannegieer umschrieben. An und ber diesen Paulli und Consorten schrieb
Holberg witzige Vorreden unter dem Namen von Hans Mikkelsen und Just
Justesen. Peter Wegner versetzte sich ganz in den Holberg'schen Ton
und schrieb: Ein kleines ntzliches Unterhaltungsbuch an Baggesen, in
welchem Holberg selbst die Baggesen'schen Angriffe mit der Geiel der
Satyre widerlegt.

Auch Thaarup und Rahbek wurden plump von Baggesen angegriffen. In
der sogenannten =Judenfehde=, welche darin bestand, da man, durch
das Beispiel fremder Nationen dazu aufgemuntert, ein paar Abende
hindurch mehreren Juden die Fenster einschlug, bersetzte Thaarup eine
mittelmige Farce: Unser Verkehr gegen die Juden. Das htte er
unterlassen sollen. Aber in Folge dessen warf Baggesen ihm vor, da er
nicht Dnisch schreiben knne. In seinen besten Werken hatte Thaarup
stets ein sehr reines und gutes Dnisch ohne Einmischung von Germanismen
geschrieben, was man nicht von Baggesen und whrend meines Aufenthalts
in Deutschland auch nicht von mir sagen konnte, weil es fast unmglich
ist, sich bei lngerem Aufenthalt in einem fremden Lande vor jeder
Einmischung einzelner fremder Worte zu hten. Baggesen gebrauchte immer
deutsche Redensarten. -- Das Lob, welches Rahbek seinen Reimbriefen
gespendet hatte, mute ihm zu bitteren Angriffen gegen Rahbek dienen.
Er kehrt stets zu diesem Lobe zurck, als ob es nie frher so gehrt
worden wre, und thut, als ob er aus Groll ber so bertriebenen Ruhm,
das Bedrfni fhlte, Rahbek zu verhhnen. Das Wunderlichste war, da
er mitten unter diesen unbefugten und bitteren Angriffen gegen Andere
sich selbst mit Mitleid, wie ein armer verfolgter Mann betrachtete.
Er schrieb unter Anderm hierber eine Elegie, welche Peter Wegner
gleichfalls in seinem Unterhaltungsbuch unter dem Namen von Just
Justesen verspottete; er nannte es ein weinerliches Stck, das gut zu
allen Instrumenten pat, besonders zur Sackpfeife und Drehorgel.

Diese Persiflage Peter Wegner's darf nicht als der freche Angriff
eines jungen Menschen gegen einen Mann von Renomm und unbezweifelten
Verdiensten betrachtet werden; selbst einem unbedeutenden Schriftsteller
gegenber ist die Persiflage eine schlechte Waffe; nur Eins giebt es,
das sie mit Recht angreift: das ist die Persiflage selbst; sowie man
Skorpionstiche durch zerdrckte Skorpionen heilt. Da Baggesen diese
Waffe vorher leider in hohem Grade gebraucht hatte, da es besonders
ber mich herging, ja zuletzt bis zu den grbsten Beleidigungen,
Unwahrheiten und Schmhworten gesteigert wurde -- es wre Feigheit von
mir, wenn ich dies verschweigen und in meiner Biographie nicht erwhnen
wollte, jetzt, wo alle Menschen diese Angriffe lesen knnen und sie
aufbewahrt sind, nicht in den ersten Tagesblttern, denn da wrden sie
mit dem Tage verschwunden sein, und dann wrde ich ihr Andenken gewi
nicht auffrischen; aber sie sind neuerdings in Baggesen's gesammelten
Werken erschienen, und, wenn nicht fr die Ewigkeit, so doch fr eine
lange Zeit aufbewahrt. Doch allzu lange will ich bei dieser unangenehmen
Angelegenheit nicht weilen und nur bemerken, da Baggesen mich nicht
wie einen brigens verdienstvollen Dichter behandelte, der nur einige
seiner Ansicht nach miglckte Arbeiten hervorgebracht hatte, sondern
wie einen dummen und unwissenden Jungen, der unbegreiflicherweise
zu seinem frhern Renomm gelangt war; der nicht richtig ber die
gewhnlichsten Dinge denken konnte und durchaus nicht im Stande war,
seine Muttersprache zusammenhngend zu schreiben. So recensirte er
Ludlam's Hhle, wo er unter Anderm ber die Charactere des Stckes sagt,
da die in der =Suppenmalerei= angebrachten rothen Krebse des Dichters
nicht allein verzeichnet, sondern grau sind. Peter Wegner hat ihn auch
in Veranlassung dieser Recension das ganze Uebergewicht seiner gesunden,
ehrlichen, witzigen Kritik fhlen lassen. Auch der kecke, geniale
Carsten Hauch griff Baggesen an und hieb seinen Geierschnabel in Dessen
kritische Leber. =Paul Mller= schrieb die vortreffliche Parodie auf
Baggesen's: Als ich klein war. Zwlf ausgezeichnete Studenten glaubten
Baggesen wegen seiner unwrdigen Auffhrung gegen ihren Geschmackslehrer
zur Rechenschaft ziehen zu mssen und forderten ihn auf Lateinisch
heraus, um seiner eingebildeten Gelehrsamkeit zu spotten. Obgleich ich
selbst ihm nicht antworten mochte, und es dessen auch nicht bedurfte, da
die Anderen mir die Mhe ersparten, so schien es mir doch eine Pflicht
gegen mich selbst zu sein, ihm ffentlich meine Verachtung gegen seine
tiefe Beleidigung zu zeigen. Ich schrieb im Fischer einen Chor, in
dem ich ihn und Consorten auf aristophanische Weise geielte. Es war
natrlich, da er also ber den Fischer mit verdoppelter Erbitterung
herfiel.

Baggesen's Art, mich zu recensiren war, wie gesagt, ohne alle
sthetische Bedeutung und befate sich nie mit dem Poetischen; dessen
Mangel setzte er als Etwas voraus, das sich von selbst verstand. Seine
Angriffe waren lauter Klagen ber den Mangel an Ordnung und Zusammenhang
in dem Materiellen, zu dessen Beobachtung es doch nur des einfachen
Menschenverstandes bedurfte, und bei dessen consequenter Durchfhrung
das Stck doch ganz unpoetisch sein konnte.

Einen starken Gegner fand Baggesen noch im =Verfasser der zwlf
Paragraphen=. Wenn Peter Wegner Baggesen mit Bchsenkugeln traf, so
scho dieser ihn mit Karttschenkugeln nieder; nur Schade, da er
in seinem Zorn auch das Gute und wirklich Dichterische angriff, das
Baggesen hervorgebracht hatte; denn dadurch schwchte er seinen Angriff
und seinen Sieg, wo er Recht hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Hagbarth und Signe. -- Helge.]

Ehe ich den =Fischer= schrieb, dichtete ich im Winter 1813-14 =Hagbarth
und Signe=, ein Seitenstck zu Axel und Valborg. Ungeachtet sie einander
darin gleichen, da Beides nordische Liebestragdien, ziemlich kurz,
ohne Episoden, mit der Einheit der Zeit, des Orts und der Handlung
sind, suchte ich doch im Wesentlichen diese Bilder sehr verschieden
von einander zu zeichnen: Axel und Valborg im Geist des christlichen
Mittelalters und Hagbarth und Signe in dem des nordischen Heidenthums;
beide natrlich idealisirt und mit dem Geprge von des Dichters eignem
Herzen, seiner Phantasie und seinem Gedanken. Die Leidenschaft der mit
Tapferkeit und Verwegenheit verbundenen Liebe, die sich pltzlich in den
Herzen Hagbarth's und Signe's entzndet und ihnen Muth verleiht, das
Leben zu wagen, und mit Heldentrotz den Tod fr einander zu dulden, war
der Gegenstand des einen Stckes; das durch das Christenthum gemilderte
Gefhl, von den Jahren der Kindheit an gestrkt, das die Blume der Treue
und Hingebung in Axel's und Valborg's Herzen zur Reife brachte, ist der
Gegenstand des andern. So gleicht Hagbarth und Signe einem Nachtstcke,
mit Tannen ber dem Abgrunde, wo der Mond halb hervorbricht; Axel und
Valborg ist ein mildes Gemlde blhender Natur in der Abendrthe. --
In der Zeit, wo ich kleine Stcke und Singspiele geschrieben hatte,
war =Ingemann= aufgetreten und hatte sich wohlverdienten Beifall durch
seine lyrischen Gedichte erworben; auch bewunderte das Publikum seinen
=Masaniello= und =Blanca=. Letzteres hatte Furore gemacht. Hagbarth
und Signe machte doch auch Glck und nun fhlte ich mich gestrkt und
begeistert, wieder ein groes Bild des Altnordischen zu malen, in dessen
Geist ich mich durch Hagbarth und Signe wieder hineinversetzt hatte.

Um mich dieser Begeisterung recht ungestrt zu berlassen, miethete ich
mir ein Zimmer auf Friedrichsberg in der Ksterwohnung, und hier sa
ich, wo nur eine Wand mich von der Schule trennte, in der ich meinen
ersten nothdrftigen Kinderunterricht genossen hatte, und schrieb
=Helge=. Ueber dieses Gedicht ist bei dnischen Lesern nur eine Meinung
gewesen und Baggesen wagte nicht, es anzugreifen; er schwieg stockstill
darber. So hatte ich nun also, was nordische Heldendichtung betraf,
meine Autoritt wieder gewonnen; aber meine Tadler hatten doch viele
Leute zu dem Glauben gebracht, da die nordische Heldendichtung die
einzige Sphre sei in der ich mich mit Glck bewegen knne, und da dem
Verfasser des Sanct Johannisabendspiels, der Langelandsreise, Freia's
Altars und Aladdin's von der Natur kein Beruf fr das Komische und
Witzige verliehen sei. Da dies mich verstimmte, war natrlich. Nach
Allem, was ich in der Kunst gewirkt hatte, noch wie ein Schulknabe
betrachtet zu werden, der in seinen Zeugnissen bald =Mittelmig=, bald
=Schlecht= erhielt, war ein trauriger Lorberkranz. Hiezu kam, da sich
meine konomischen Verhltnisse auch verschlechterten, theils durch
Mangel an sicherer Einnahme, denn ich hatte nur 1200 Thaler Gehalt mit
Weib und drei Kindern, theils durch mein schlechtes Buchhndlertalent.
Die ersten meiner Werke, die reiend abgegangen waren, hatte ich den
Buchhndlern fast fr Nichts gegeben; nun verlegte ich selbst Werke, die
von Baggesen und seinen Anhngern heruntergerissen wurden, und obwohl
ich an ihnen Etwas htte gewinnen knnen, wenn ich sie verkaufte, so
verlor ich nun und gerieth in Schulden, die sich um Vieles steigerten,
als im Jahre 1813 die =Geldreorganisation= eintrat, die nicht allein
mich, sondern viele reichen Leute zu Bettlern machte!

[Sidenote: Verfehlte Buchhndlerspeculation.]

In solchen Stimmungen wird die Begeisterung fr das Hohe und Groe bei
der Nation und zugleich bei dem Dichter geschwcht. Was dazu beitrug,
diese allgemeine Verstimmung zu vergrern, war =Napoleon's= Fall. Die
Dnen hatten es stets mit ihm gehalten und theilten nicht die Freude
der heiligen Alliance, als er das unglckliche groe L'hombrespiel
mit Blcher und Wellington gespielt, mit Spadille quaskirte, und,
obgleich er beinahe gewonnen htte -- durch ein dreistes, unvermuthetes
Ausspielen von Blcher, der in der zweiten Hand sa und das erste Mal
gestochen war, es Wellington ermglichte, Napoleon in der Hinterhand
_bte_ ja sogar _codille_ zu machen.

Man wei, da es nicht meine Art ist, viel zu politisiren, das heit,
mich gro mit den Staatsbewegungen der Zeit und des Augenblickes zu
beschftigen. Hierzu gehrt, da man dem Journallesen einen so groen
Theil seiner Zeit opfert, da es dem Knstler und dem Dichter schadet,
dessen Beruf es ist, nicht fr den Augenblick, sondern, so gut er kann,
fr die Ewigkeit zu wirken, indem er die Erinnerungen der Vergangenheit
und die Ahnungen der Zukunft mit der Zeit verbindet, in der er lebt.
Aber ein Dramatiker, ein historischer Tragiker ist kein Kind, das nur
in seinen eigenen Trumen dahingeht. Jede historische Tragdie ist
politisch und in den Staatsverhltnissen der Zeitalter, der Nationen
begrndet. Diese braucht er nur nicht aus ermdenden, weitlufigen
Verhandlungen, sondern in der Quintessenz zu kennen. Diese Quintessenz
war mir stets von Wichtigkeit, auch in der neuesten Periode meiner
eignen Lebenszeit, und deshalb giebt es wenige historische Hauptwerke,
die ich nicht gelesen.

[Sidenote: Gedanken ber Napoleon.]

Es ging mir nicht wie vielen Anderen: ich lernte Napoleon im Anfange
nicht von der brillanten Seite kennen; im Gegentheile von der
Schattenseite. Whrend der Schlacht bei Jena war ich in Weimar von
dem Ha der Deutschen gegen ihn umgeben. Ich lernte ihn bald als den
herrschschtigen Unterdrcker kennen, spter aber auch seine groen
Eigenschaften schtzen. Das Groe bei Napoleon bestand darin, da
er ein =Genie= war; und das Schne seiner Zeit darin, da das Genie
herrschte. Denn das Miverhltni, in dem gewhnlich die unterdrckten
geistigen Krfte zu der zuflligen oft kleinlichen Macht stehen, fand
unter ihm nicht Statt; jede ausgezeichnete Tchtigkeit, die sich
ihm anschlo, konnte ziemlich gewi sein, Glck zu machen. Napoleon
war ein mathematisches Genie und ein groer Held. Aber er war auch
Welt- und Menschenkenner, und verband mit seinem Genie in hohem Grade
den unentbehrlichen (und doch so oft fehlenden) praktisch gesunden
Menschenverstand. Kraft, Flei, Aufmerksamkeit, Ueberblick waren bei
ihm auerordentlich, und machten ihn zu einem ebenso tchtigen und
seltenen Frsten im Frieden, wie Helden im Kriege. Unglcklicherweise
war er, wenn ich es so nennen darf, auf dem einen Ohre taub: das heit,
ein groer Theil des Lebens sowie auch der Zeit, die er nur halb
verstand, entging ihm. Zwei wichtige Dinge fehlten ihm: er konnte
nicht Deutsch und war kein Schngeist. Als Reprsentant der neuern
Zeit htte er auch die letzten Kapitel der vorhergegangnen Zeit lesen
sollen, und das hatte er nicht gethan; den ganzen Fortschritt der
Intelligenz in Deutschland kannte und achtete er nicht. Er hatte Recht,
sich von spitzfindigen, philosophischen Verschrobenheiten abzuwenden;
aber er hate alle tiefdenkenden, frei fhlenden Schriftsteller; er
sonderte die Spreu nicht vom Weizen, und unter dem ihm verhaten
Namen von Ideologen verwarf er sie alle. Ehrgeiz hatte ihn stets
hingerissen; nun auf der Hhe seiner Gewalt bekam leider Eitelkeit das
Uebergewicht. Er begann als Vertheidiger der Freiheit, und endigte
damit, Alleinherrscher sein zu wollen. Ganz Europa htte er gern unter
sein Scepter gebeugt. Es ist hchst wahrscheinlich, da er den Lndern
Wohlstand und gute Einrichtungen gebracht und unzhlige Mibruche
abgeschafft htte; aber er htte auch die schne Verschiedenartigkeit
der Nationen verwischt, deren es, um sie zu begreifen, zu schtzen,
zu beurtheilen, eines =poetischen= Geistes bedarf. Und wenn er auch
in sich =selbst= die Kraft fhlte, ein solcher Herrscher zu sein; was
sollte nach seinem Tode werden? Sein Egoismus war unendlich, und die
Eitelkeit untergrub seine Macht. Er gab Oesterreich nach und benutzte
nach der Schlacht bei Austerlitz seine Vortheile nicht. Er wollte sich
durch Verheirathung einem alten Herrschergeschlechte anschlieen. Er
hatte Nichts dagegen, obgleich er darber lchelte, da man ihn in die
griechische Kaiserfamilie der Komnenen hineinlgen wollte. Es giebt
ganze Nationen, die fast aus lauter Edelleuten bestehen: Die Islnder,
die Hochschotten, die meisten Polen und Ungarn, und die Corsikaner
wollen auch alle adelig sein. Diese Forderung wurde auf der kleinen
Insel auf 400 Familien eingeschrnkt, deren eine Napoleon's war. Aber
es trstete doch den Kaiser Franz ein Wenig, da sein Schwiegersohn
kein vollstndiger Roturier war. Napoleon's Mangel an poetischem Sinn
veranlate ihn, alle Menschen ber einen Kamm zu scheeren; auf das
Characteristische, das die Handlungen bestimmt, verstand er sich nicht.
Deshalb tuschte er sich so sehr in den Spaniern, den Russen, und als
die Begeisterung in Deutschland von den Universitten her und durch
die Dichter geweckt worden war, in den Deutschen. Er hatte kein warmes
Herz; man konnte es nicht klopfen fhlen, wenn man ihm die Hand auf die
Brust legte; aber er war freundlich und oft liebenswrdig im Umgang,
wenn er nicht bse war; er konnte Scherz, selbst Neckerei (z. B. von der
Herzogin von Abrantes) vertragen; er lie sich, selbst ein Gelehrter,
gern in Gesprche mit ausgezeichneten Gelehrten ein; auch vorzgliche
Knstler und Dichter achtete er, aber es hatte doch keine rechte Art
damit. Er sagte wohl einmal, hingerissen von Corneille's beredter
Schilderung der Heldenkraft, da er ihn zum Herzog machen wrde, wenn
er noch lebte; aber nun war Corneille glcklicherweise todt, und er
wagte also Nichts bei diesem Versprechen. Da er nicht den Muth hatte,
seinen =Freund= Talma (der ihn so viel schne Manieren gelehrt, und ihm
in den Jnglingsjahren als armen Lieutnant Geld geliehen hatte) zum
Ritter der Ehrenlegion zu machen, und so das elende Vorurtheil gegen den
Schauspielerstand auszurotten, ist bekannt. Als er dem an den Felsen
gefesselten Prometheus gleich war, liebte ich Napoleon wieder. Ich
sagte wie Brutus in Shakespeare's Julius Csar: _Joy, for his fortune;
honour for his valour; and death, for his ambition!_ Grausam war er
nicht; denn da er viele Jahre hintereinander die Menschen tausendweis
auf dem Wahlplatz tdten lie, kann nicht Grausamkeit genannt werden;
dies war eine Kampflust, welche er mit dem ganzen Heere theilte, und
bei welcher er sein Leben jedes Mal ebenso sehr aussetzte, wie das
jedes Andern. Er entschuldigte sich hier mit Grnden, vor denen das
fhlende Herz Abscheu empfindet, die aber Vernunft und poetisches Gefhl
schwerlich angreifen konnte: der Krieg strkt Kraft und Muth des
Mannes, rottet das Kleinliche aus und bietet Gelegenheit, Unzhlige zu
beschftigen, die die Armuth sonst zu Grunde richten oder entsittlichen
wrde. Zu Napoleon's Zeit drohte kein Proletarier; kein Cartouche oder
Mandrin wurde gerdert; unter Bonaparte wren sie vielleicht Generale
geworden. Aber als er gegen das Ende hin seine Aufgabe bertrieb und
Alle merkten, da er nicht mehr fr Frankreich, sondern fr sich
kmpfte, da verlor er auch das Zutrauen und die Liebe der meisten seiner
Generale. Napoleon schlug seine Feinde in drei Lebensperioden auf drei
Arten: erstens durch seine eigne und die Begeisterung und den Muth der
franzsischen Revolutionsmnner; dann durch seine Kriegskunst, wie ein
groer Schachspieler auf dem europischen Schachbrette; endlich durch
die Masse, durch das Uebergewicht der Truppen. Diese letzte Art war die
am wenigsten ehrenvolle und richtete auch das Land zu Grunde, das er
vertheidigen sollte; es raubte Frauen und Kindern ihre Mnner und Vter;
zwang halb erwachsene Knaben, die kaum das Gewehr schleppen konnten,
mit in den Krieg zu ziehen; und die Felder konnten nicht hinreichend
bebaut werden. Wenn der Krieg zu Ende war, fhlte Napoleon Mitleiden
mit den verwundeten Kriegern. Aber das Leiden, welches das Gefhl zu
augenblicklichen Thrnen durch die Einwirkung eines sinnlichen Bildes
auf die Phantasie rhrt, ist nicht das wahre Mitleiden, das in dem
Herzen und der Liebe wurzelt und dem verwandt ist, welches der Erlser
fr die ganze Menschheit empfand. Dieses hhere Gefhl kannte Napoleon
nicht. Deshalb war er sich auch trotz seines stolzen Ehrgeizes nicht
der hhern Menschenehre bewut. Mit dieser htte er nicht angefangen,
sein Heldenglck auf eine demthigende Weise durch den Einflu eines
Weibes zu machen; htte er nicht die Freundin des Revolutionsmannes
Barras geheirathet, um weiter zu kommen; mit diesem Gefhle htte er
seine Macht nicht durch das gemeine Spioniren von Talleyrand und Fouch,
zweier Elenden, die er selbst verachtete, gestrkt; mit diesem Gefhl
htte er nicht die unverzeihlichen Justizmorde an Palm und dem Herzog
von Enghien begangen.

Aber ich wei sehr gut, da weder Alexander der Groe, noch Julius Csar
moralisch besser waren, als Napoleon; und wenn wir mit Alexander und
Csar gelebt htten, so wrden wir sie trotz all' ihrer Fehler doch sehr
vermit haben, wenn sie dahingegangen wren und die Mittelmigkeit
wieder in ihr altes Recht eingetreten wre, und ihr einfltiges Haupt
wieder erhoben htte.

Wie bereitwillig ist das Herz nicht, den groen unglcklichen Mann zu
entschuldigen und ihm zu vergeben, der, indem er auerordentliche Krfte
an den Tag legte, die Menschennatur zu unsterblicher Ehre fhrte? Fhre
uns nicht in Versuchung, beten wir Alle; dem Dichter und Knstler ist
es leicht, das zu entwickeln, was die Natur ihm gegeben hat; er braucht
als Material nur das Bild der Natur, die Geschichte und seine eigne
Phantasie. Aber der Held und der Staatsmann findet seinen Stoff in der
Nation, in den brgerlichen Institutionen und den Lebensverhltnissen.
Die soll er ausbilden; und hier fhrt die widerstrebende Natur der
Dinge ihn oft auf Irrwege, oft dahin, Mittel zu whlen, die vor
dem Richterstuhle der Moralitt nicht vertheidigt werden knnen,
und doch die einzig mglichen waren, um das Ziel zu erreichen. Die
Spitzfindigkeit, der Macchiavellismus entschuldigt sie; der Jesuitismus
vertheidigt das Mittel des Zweckes wegen; aber dies ist eine gefhrliche
Philosophie, welche zu den grten Lastern und Verbrechen fhrt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Grfin Mynster letzte Tage.]

Ich hatte gerade =Helge=, als eine Frucht meiner stillen Stunden in
der einsamen Ksterstube, beendigt, als eine traurige Begebenheit
mir den Aufenthalt daselbst zuwider machte, und mich veranlate,
meine Sommerwohnung nicht mehr in dem schnen Septembermonat zu
benutzen. Meine Freundin, Grfin Mynster, hatte lange an einer tiefen
Melancholie gelitten, welche anfing gefhrlich zu werden, weil sie
sich immer mehr und mehr dem stillen Wahnsinn nherte. Ich hatte sie
lange nicht gesehen, als Frau Brun mich bat, nach Sophienholm auf
Frederiksdal hinauszukommen, wo Grfin Mynster versprochen hatte, sie
zu besuchen. Frau Brun meinte, da wenn es Jemanden gbe, der die
Grfin Mynster aufmuntern und in eine heitere Laune versetzen knne,
ich dies sein msse, ich, dem es frher oft durch poetischen Scherz und
freundschaftliche Liebe, zuweilen selbst durch einen etwas dreisten
Spott gelungen war, die allzuweit in den hheren Regionen zwischen
kalten Wolken umherschwebende Seele des edlen Weibes in die tieferen
Thler herabzuziehen, wo Wrme, Schatten, Blumen und Frchte waren.
Ich kam also hinaus und fand sie im Sopha sitzen; aber kaum hatte ich
sie gegrt und mein Auge auf das ihrige gerichtet, als ich sah, da
-- es vorbei sei; es war nicht mehr die geistreiche, freundliche, nur
allzu gefhlvolle Dichterin; es war das Gespenst der Dahingegangnen,
das mit einem todten, trumenden Nebelblicke auf mich hinstarrte.
Die Unterhaltung war matt und inhaltslos; sie antwortete kaum mit
den nothwendigsten Worten, dann schwieg sie wieder und starrte vor
sich hin. Wir gingen im Garten beim Wasser spazieren und ich achtete
sorgfltig auf sie, doch ohne da sie es merkte, weil ich frchtete,
da sie hineinspringen wrde. Als wir wieder ins Haus kamen, nahm ich
mit einem Gefhle Abschied, welches ich unterdrckte, und in der festen
Ueberzeugung, da sie sich nie wieder erholen wrde.

Dies war nur allzuwahr und ich sah sie nie wieder. Als Hofdame der
Knigin war sie mit nach Friedrichsberg hinausgefolgt; sie wohnte neben
den anderen Hofdamen, die sie Alle liebten und sorglich beobachteten.
Aber eines Tages hatte sie sich von der Tafel dispensirt, weil ihr nicht
ganz wohl sei. Gleich nach aufgehobner Tafel eilte Frulein Levetzau
zu ihr -- fand aber die Thr verschlossen. In Angst eilte sie zur
Herrschaft zurck und theilte ihre Befrchtungen mit. Der Knig ging
selbst zum Zimmer der Unglcklichen, lie die Thr aufbrechen und fand
sie -- todt!

[Sidenote: Leichenbegngni der Grfin Mynster.]

Keine Leiche, welche nicht kniglich war, durfte der Etiquette zufolge
auf dem Schlosse bleiben. Man war in Verlegenheit, wohin man die Leiche
bringen solle. Als ich dies hrte, sagte ich: Bringt sie in meine
kleine Ksterwohnung, dort kann ihr Sarg stehen, bis sie begraben wird
und von da sind es nur wenige Schritte bis zum Kirchhofe. Damit war man
auch sehr zufrieden und von hier aus ging auch der Zug, dem sich ihre
Verwandten und alle Hofcavaliere anschlossen. Brandis und ich folgten
auch; wir gingen zusammen. Wre ich aberglubisch gewesen, so htte ein
eigenthmlicher Zufall mich unruhig machen knnen; aber ich kmmerte
mich nicht darum und es hatte auch keine Folgen. Als der Sarg in das
Grab hinabgesenkt war, wollte ich ihn noch einmal sehen, strauchelte
aber ber einen Erdhaufen, fiel und schlug mir den Nagel am rechten
Daumen, so da er blau unterlief. Ich zeigte ihn Brandis, der mir
natrlich mit ernster Miene ein Unglck prophezeihte.

Die elendesten und dmmsten Gerchte haben sich spter ber die Ursache
des Todes dieses edeln Weibes verbreitet, als ob es Gewissensbisse
gewesen wren. Ich, der ich ihr Freund war, und sie kannte, wei, da
sie das edelste, reinste Herz war, dessen ganzes Unglck darin bestand,
da es sich einer allzu berspannten Sentimentalitt hingab. Soviel ich
wei, ist diese Geisteskrankheit auch erblich gewesen, und sie war nicht
die Einzige in ihrer Familie, die daran litt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vorbereitungen zur Knigskrnung.]

Im Sommer 1815 fand die Krnung auf Friedrichsberg statt. Ich schrieb
ein Gedicht und ein Lied zu diesem vaterlndischen Feste. In einer
Audienz beim Knige bat ich ihn um die Erlaubni, ihm das Gedicht
vorlesen zu drfen. Er gestattete es mir, stellte sich gerade vor mich
hin, sttzte sich auf seinen Sbel und blickte mich wie ein General an,
der einen Rapport von seinem Adjutanten erwartet. Ich las, und merkte,
da es ihn rhrte. Als ich an die Stelle kam:

                   Wer hielt mit Vaterhand
            Die grnen Inseln fest an Jotaland
            Als rund Europa bebt'? Wer hat's gethan?
            Er that es, Friederich, der echte Sohn von Dan!

rollte eine Thrne aus seinem Auge herab, aber er verzog keine Miene,
blieb in seiner militrischen Position und schlug mit der Hand nach der
Thrne, als ob es eine Fliege gewesen sei, die sich auf seine Wange
setzen wollte.

Als ich an die Stelle vom wunderbaren Glckswechsel des Geschickes kam,
wie:

                    Margaretha's Vater
          Ward der, der kurz zuvor nur Christophs Sohn gewesen,

schlug er das Auge nachdenkend empor, als ob er im Buche seines
Gedchtnisses nachblttern wollte, wen ich damit meinte. Als ich fertig
war, sagte er in einem fast barschen Tone: Ich will Ihnen Nichts
sagen; Sie haben selbst gesehen, welchen Eindruck Ihr Gedicht auf mich
gemacht hat. Ich dankte ihm, erzhlte, da ich noch ein Lied zur
Krnung geschrieben habe, und da ich den Studenten vorschlagen wrde,
es auf Friedrichsburg im Schlogarten zu singen, wenn er es erlaubte. Er
erlaubte es, ich verbeugte mich und ging.

[Sidenote: Der Oberhofmarschall Hauch.]

Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mhe, wie solch'
eine Arbeit sie immer macht, ein weitlufiges Ceremoniel darber
ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krnungsfest
sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des
Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschrnkt wurde,
da der Hof nur sehr enge Eingnge hatte. Wenn nun alle kniglichen
Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich
mit der Garde zu Pferde und zu Fu Platz haben sollten, so blieb
natrlich kein Platz fr die Studenten brig; und es wre in dem engen
Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurckgehen zu lassen. Hierin
hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache,
rgerlich zu werden, wenn er sahe, da man seine mhevolle Arbeit
verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natrlich,
da er bse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen,
und ihm einem Manne gegenber zu uern, der auch bse werden konnte.
Htte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklrt, weshalb
er den Aufschub wnsche, und mich um denselben gebeten, bis der Knig
nach Friedrichsberg zurckkehrte, so htte ich mich gleich mit Vergngen
darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen
nur stand, da es sich auf keine Weise thun liee, da kein Platz
sei, mit der Unterschrift: =Pflichtschuldigst Hauch=. Eine halbe
Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: Se.
Majestt haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen. =Pflichtschuldigst
Oehlenschlger=. Mit dieser Antwort ging er zum Knige, der aber
sagte: Er solle zu mir gehen und die Sache in Gte abmachen. Ich lag
am nchsten Morgen noch im Bette, als das Mdchen hereinkam und sagte:
Der Oberhofmarschall sei da, und wnsche mit mir zu sprechen. Ich
eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und
ich sprach endlich mit so lauter Stimme, da er mich fragte: ob ich
nicht die Fenster nach der Strae hin ffnen wollte, damit die Leute
uns hren knnten. Aber was war das Ende des Gesprchs? da der edle
Hauch mich umarmte, kte und mir sagte: Wenn man am Hofe lebt, so legt
sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in
der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammen
=sprechen=. Die Buchstaben sind schwarz. -- Nun knnen Ew. Excellenz
gewi sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,
antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses
Verhltni hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf
nicht verndert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner
letzten Ruhesttte begleitete.

[Sidenote: Ausshnung mit Thaarup.]

Bei dem prchtigen Krnungsfeste war ich auf dem Schlosse Zuschauer,
und sah wie der Knig und die Knigin vom Bischof Mnter gesalbt wurden.
Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere
alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von
Bedeutung geschrieben. An die zwlf Studenten, die Baggesen auf gut
Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut
Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Migkeit und Bescheidenheit
gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in
Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreiig
Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht
eingetaucht hatte; und man wei doch, da es, -- wie bei den Battemens
im Tanz und den Solfeggien im Gesang, -- steter Uebung bedarf, um gut
Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwrdigen Veteran
ausgeshnt; sein schneeweies, dichtes Haar, seine schnen, blauen
Augen, sein rmisches Gesicht und sein mnnlicher Ausdruck, in dem trotz
des satyrischen Lchelns die Freundlichkeit strahlte, lieen mich in
ihm noch den Dichter des Erntefestes lieben. Aber was ihn mir bei
dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem
er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sngern und
den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fhlte, da er wohl
einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den
Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst fr Proviant gesorgt. Er hatte
auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen,
sowie wenn man in frheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr.
Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst
sehr fleiig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht
fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Knigs und der Knigin
tranken. Der krftige Greis rhrte mich durch seinen edeln Stolz; die
Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt;
hier aber fhlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blhen.

Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage
hinauszukommen, und das von mir verfate Lied auf dem Platze an der
Steintreppe gerade ber den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube
ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am
selben Tage den Mittag bei meinem Freunde =Bech= auf einem Gute vor dem
Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg;
der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, da ich, wenn
ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strmpfe anziehen und die
Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mute. Ich frchtete, zu spt zu
kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskrften zu fahren. Das
that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor,
als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor
dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mhe, uns mit dem Wagen
durch den breiten Menschenstrom zu drngen, der sich von der Allee aus
bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der
Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hrte,
da es noch Liebe ohne Strmpfe sei, und da ich zu meinem Vater
hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer
und seinen Diener zur Hlfe an, indem er mit dem Kopfe schttelte, als
ob er sagen wollte: Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk. Nun
beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestten, die
uns sehr gndig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da,
und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens.]

[Sidenote: Der Dichter frhere Geltung.]

Am Krnungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofr ich wohl
zum Theil meinen Krnungsgedichten zu danken hatte. Knig Friedrich VI.
war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, da er mit allen
seinen brigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf
Poesie verstand und sie nicht genug achtete, so sage ich nur, was auf
viele andere brave, ausgezeichnete Mnner seiner Zeit pat. Das Uebel,
die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders
in den protestantischen Lndern gleich nach der Reformation zeigte, die
trotz ihres groen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte
den Fehler hatte, das Schne und die Werke der Phantasie zu wenig zu
schtzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die hchsten Ehren; die
Rmer ahmten ihnen nach und Augustus und Mcen ehrten Horaz und Virgil
auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der
Freund und Vertraute des Knigs; in Italien, Spanien und Portugal traf
es sich oft, da Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der
Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine
ausgezeichneten Frsten, groe politische Unruhen hatten vorher Dante
verfolgt; Petrarca schwrmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso
waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatuntersttzung;
Camons starb fast Hungers. Die Knigin Elisabeth von England war trotz
ihrer groen Eigenschaften kein Schngeist, hatte ein kaltes Herz,
und die Mrderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie
und England im Shakespeare besa. Walter Scott hat in Kenilworth mit
historischer Wahrheit den groen Dichter dargestellt, der beim Feste
mit den anderen Domestiken in der Speisekammer it. Ludwig XIV. liebte
die Poesie als zum hhern Luxus gehrig, und ein gewisses, geistiges
Element, wenn es brigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden
Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte fr nichts Anderes
Sinn, als fr Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der
Kunst fr Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zhlte er
mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half.
Wie knnte man sie alle ehren und belohnen? fragte er, und Madame
Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der
Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe fr das
Franzsische und seine Freundschaft zu =Voltaire=, die, obgleich sie
ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug,
die franzsische Literatur zur Hof- und Toilettenlectre zu machen.
Merkwrdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb;
aber das konnte er zum groen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die
Messiade, danken; er bewegte mehr das religise, als das poetische
Gefhl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber
obgleich er seine Untersttzung von Dnemark erhielt, so merkte man
doch lange Zeit nichts von einem Interesse fr die dnische Kunst. Das
Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich
er fr sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch
nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komdien wurden als
Farcen fr den Pbel betrachtet. Unglcklicher Weise hatten Ewald und
Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten;
sie suchten Trost in der Flasche, und ertrnkten in derselben nicht nur
ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte
und Beamte hatten mit ihrer sthetischen Bornirtheit dazu beigetragen,
die schnen Knste in Micredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg
verachtet hatte, so verschmhte Luxdorph den Ewald und fand seinen
Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schngeist; aber
kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel hherm
Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie
achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.

Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war
das Glck, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann
durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und
wo die herrliche Herzogin Amalie die Schngeister rund um sich her
versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein
kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berhrung mit Dnemark
stand; und Gthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als
durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von
der Polizei, als die Moralitt und Sitten verderbend, verboten war.
Kein Wunder also, da eine schne Kunst verachtet wurde, die selbst
ein Plato frher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben wrde.
Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu
machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke
die Groen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst
behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die
Knste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehrt
dem ganzen Volke, ihre Werke knnen Alle lesen, und was das Schlimmste
ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch fr die
edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schne unterordnet, und alle
liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die
Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden,
einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor
einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.

Wenn die alten Skalden zum Preise der Knige sangen, erhielten sie einen
goldnen Armring; als Friedrich VI. vor sieben Jahren den Dannebrogorden
erweiterte, so da derselbe nicht nur ein vornehmer Hofschmuck, sondern
ein wirkliches Ehrenzeichen sein sollte, gab er gleich Thaarup, der ihn
in dem Erntefest und in Peter's Hochzeit besungen hatte, diesen Orden.
Vor sieben Jahren hatte ich bereits Aladdin und Hakon Jarl geschrieben;
aber dafr bekam ich ihn nicht, nun erhielt ich ihn.

Einer, der ihn nicht bekommen hatte, nicht erhielt und mit Recht meinte,
da er ihn wohl verdient htte, war Baggesen. Da Baggesen es nicht an
Weihrauch fr den Knig gespart hatte, und da er ein ausgezeichneter
Dichter und als solcher von Friedrich VI. anerkannt war, so kann man
sich die Zurcksetzung auf keine andere Weise erklren, als da der
Knig mit Baggesen's damaligem Benehmen unzufrieden war. Ein Mann, der
in jener Zeit Baggesen's Vertrauen besa, hat mir erzhlt, da derselbe
deshalb besonders einen tdtlichen Ha auf mich geworfen htte, und ich
war doch ganz unschuldig.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Andersen Feldborg.]

Im Sommer 1816 hatte ich die Freude, mit meiner ganzen Familie in
Friedrichsberg bei dem Lieutnant =Bonsach=, dem Bevollmchtigten meines
Vaters, zu wohnen. -- Eines Tages, als ich in meiner Einsamkeit mit
einem englischen Buche dasa und mich darber rgerte, da ich nicht
besser Englisch verstand, trat ein Fremder ein, um meine Bekanntschaft
zu machen. Er war bleich, von etwas gelber Farbe und blatternarbig;
auch schielte er etwas mit dem einen Auge; aber sein Gesicht hatte
einen gutmthigen, muntern, etwas schelmischen Ausdruck. Er nannte sich
=Andersen Feldborg= und kam geradeswegs von England, wo er mehrere
Jahre gelebt hatte und ganz zum Englnder geworden war. Er war zu
seiner armen Schwester (wie er sie nannte, obgleich ich glaube, da ihr
Nichts fehlte) herbergekommen, und, um so lange es ihm hier gefiele,
Sprachlehrer zu sein. Ich zeigte ihm das Buch, in dem ich las, und
sagte: Nun das ist ja herrlich! da knnen wir gleich anfangen; ich
bedarf gerade eines englischen Sprachlehrers. Diese Introduction war
ganz nach seinem Geschmack; er gab mir eine Stunde und a zu Mittag bei
mir, was er spter oft that. Er war ein wunderlicher Gesell. Er erzhlte
mir seine Erlebnisse; wie er als ganz junger Mensch die Idee bekommen
hatte, nach London zu reisen, wo er ohne Zweifel in der uersten Noth
zu Grunde gegangen sein wrde, wenn ihn nicht ein guter Mann getroffen
und geholfen htte, bis er bei einem Buchhndler angestellt wurde. Er
verstand vortrefflich Englisch, wie ein Eingeborner, und verleugnete
doch nicht seine Muttersprache. Er bekam bald so viele Stunden, als er
gebrauchte, um anstndig zu leben: aber er war ein groer Freund, halbe
Tage vom Mittage an bei seinen Eleven, die bald seine guten Freunde
wurden, zuzubringen, die ihn im Anfange gern von Sir Walter Scott,
den damals die ganze Welt las und bewunderte, erzhlen hrten. Dieser
wunderliche, lustige, lebensfrohe und doch an die grte Drftigkeit
gewhnte Mensch hatte zuweilen einen Anfall, der mich sehr beunruhigte,
als ihn derselbe einmal bei mir befiel. Dies war ein Anfall, der frher
eigentlich nur die Damen befiel, aber nun selbst bei diesen nicht mehr
im Gebrauch war, und den man nur noch in den alten Komdien antraf, wenn
die Vter sich zu streng gegen die Tchter zeigten: er fiel in Ohnmacht.
Mir wurde ganz bange, ich hob ihn auf und rief nach Riechwasser, oder,
in Ermangelung dessen, nach Essig. Aber ehe der Essig kam, schlug
Feldborg die Augen auf, und als er sich in meinen Armen fand, rief er:
Das ist der dritte Dichter, in dessen Armen ich heute liege. Er hatte
nmlich denselben Anfall bei Ingemann, und bei einem Dritten gehabt,
dessen Namen ich vergessen habe. Als ich merkte, da er die Sache hier
auch von der muntern Seite auffate, hrte meine Furcht auf. Er erholte
sich sehr bald und a mit dem gewhnlichen Appetit zu Mittag.

Er kam auch oft zu Rahbeks. Ein Mal blieb er des Abends so lange dort,
da sie ihm auf ein paar Sthlen ein Bett zurecht machen muten, weil
es zu spt war, um vor Thoresschlu die Stadt zu erreichen. Spter,
wenn dies wieder geschah, schlief er in einem kleinen Wirthshause auf
der Westerbrcke, welches zum blauen Ochsen hie. Als er eines Abends
etwas lange mit dem Fortgehen zgerte, machte Frau Rahbek ihn in ihrem
gewhnlichen scherzenden Tone darauf aufmerksam, da das Hgelhaus nicht
der blaue Ochse sei, worauf er schnell forteilte.

                    *       *       *       *       *

Auf Friedrichsberg hatte ich einen Besuch von dem berhmten E. M.
=Arndt=, nicht dem frher erwhnten Sonderling, sondern dem Professor
in Bonn, dem Verfasser vom Geist der Zeit, nach seiner Art auch ein
Alterthumsforscher. Er beschftigte sich nmlich damit, die Spur der
Ausbreitung der alten Volksstmme zu untersuchen, die sich natrlich
nicht nach den gegenwrtigen geographischen Eintheilungen richteten.
Arndt war in Schweden gewesen und hatte sich ber die Dalekarlier
gewundert, ein untersetztes schwarzhaariges, heftiges Geschlecht,
von sdlicher Natur, nach Arndt's Ansicht durch eine unbekannte
Vlkerwanderung zwischen die schlanken, blonden, ruhigen Skandinaven
eingekeilt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bhnen-Conflicte.]

In diesem Jahre bekam ich den unglcklichen Einfall, Freia's Altar
zu einer Komdie umzuarbeiten, in der ich, trotz meiner Tadler, die
Ausgelassenheit noch weiter trieb, die man in Freia's Altar getadelt
hatte. Obgleich Verschiednes in der Umarbeitung wirklich besser wurde,
z. B. Guilielmo's und Clausine's Liebesverhltni, und obgleich Madame
Geldschlingels Scenen den anderen wohl nicht viel in Heiterkeit
nachgeben, ohne das Decorum zu bertreten (denn es ist, wie einer der
Vertheidiger des Stckes richtig sagte, ein Unterschied zwischen einer
betrunkenen Frau und einer Frau, die trinkt), so leugne ich doch nicht,
da das Stck durch diese Umarbeitung zu reich an Spen wurde, und
Etwas von seiner ersten jugendlichen Naivett verlor. Bilbo, der der
einzige eigentlich bertriebne Character im ersten Stck ist, wurde
es hier noch mehr. Die Grille, das Stck so auf die Bhne zu bringen,
lag wohl theils in einem gewissen Stolz, da ich, der doch anerkannte
Dichter, durch die ewigen Zurechtsetzungen von Leuten gelangweilt und
gergert wurde, die meine Kunst weder verstanden, noch den echten
Sinn fr sie hatten; theils war ein andres Stck von mir da, das aus
demselben Sauerteiche bestand, wie Freia's Altar, und das viele Jahre
hindurch (und auch lange Zeit nachher) ein Lieblingsstck des Publikums
war und blieb. Dies war =der Schlaftrunk=, in welchem die komischen
Charactere und der lustige Dialog durchaus mir gehrten, weshalb
ich auch spter dieses Stck in der Sammlung meiner eigenen Werke
aufgenommen habe.

Freia's Altar ist als burleske Komdie gewi viel poetischer und
ebenso komisch, wie der Schlaftrunk. Sie hatte lange Zeit mit
zur Lieblingslectre der Jugend gehrt; sie war mehrere Male auf
Privattheatern mit groem Beifall vor Gebildeten und Ungebildeten
gespielt worden. Was Wunder, da ich (dem von der Gegenpartei nun
alles komische Talent abgesprochen wurde) mein Stck gern einmal von
unseren herrlichen Komikern aufgefhrt sehen wollte? Aber dieser lustige
Altar der Freia wurde stets von einem tragischen Geschick verfolgt,
und ich benahm mich ungeschickt, um ihn zur Auffhrung zu bringen.
Wie sehr htte ich mir Etwas von der Schlauheit wnschen knnen, mit
der =Beaumarchais= in Frankreich, trotz des Verbots des Knigs und
der Polizei, seinen Figaro in Versailles zur Auffhrung zu bringen
wute; was La Harpe, der ihm einige Tage nach der Auffhrung begegnete,
Veranlassung gab zu sagen: Ich bewundere den Witz in Ihrem Stcke, und
noch mehr den Scharfsinn, den Sie angewandt haben, um es zur Auffhrung
zu bringen. Ich war nun einmal bse und wollte es erzwingen.

[Sidenote: Die Theatercensoren.]

[Sidenote: Rahbek und Etatsrath Olsen.]

Es waren zwei Theatercensoren da; diese hatten, wie es in der Natur der
Sache liegt, Macht ber Leben und Tod der eingereichten Stcke in Bezug
auf die Auffhrung derselben, und von ihrem Urtheilsspruche ging es ohne
Appell zur Execution. Rahbek und Etatsrath Olsen waren Censoren. Da
Rahbek es war, fand man trotz all' seiner Grillen und Einseitigkeiten
in der Ordnung. Etatsrath Olsen war ein geselliger, angenehmer Mann,
sehr sprachkundig und war Notarius publicus. Bei der Concurrenz um
dieses Amt war er P. A. Heiberg vorgezogen, wehalb dieser ihn in einer
Streitschrift zum Gegenstande seines Spottes machte und versuchte,
ihn, wenn auch in ein komisches Licht, so doch nicht in ein solches zu
stellen, welches ihn zu einem Theatercensor geeignet machte. Olsen
hatte selbst einige sehr unbedeutende Gedichte geschrieben; ich wei
nicht, ob er auf Grund derselben Censor wurde; wenn es der Fall war,
so geschah dies damals vielleicht weder zum ersten noch zum letzten
Male. Bredahl war schon zu Ewald's Zeiten Theaterdirector gewesen. Mein
persnliches Verhltni zum Etatsrath Olsen war ein hfliches. In sein
Haus kam ich der Damen und der angenehmen Gesellschaft wegen. Er war
auch einmal mein Gast; aber als Baggesen immer grber und grber gegen
mich wurde, und da er zu Olsen's kam, zog ich mich zurck. Baggesen
erwies Olsen groe Achtung auch als Kunstrichter und gewann ihn ganz.
Da Olsen also, wenn es ohne Gefahr und Unannehmlichkeit geschehen
knne, gegen mich sein wrde, war im hchsten Grade wahrscheinlich.
Was Rahbek anbetraf, so war, wie bereits gesagt, sein Geschmack
beschrnkt; das Burleske und Ausgelassene hielt er als unter der Wrde
der Kunst stehend. Die Wirkung, die es hervorbrachte, wenn das Genie,
wie in Molire's und Holberg's Stcken, es schuf, bemerkte er nicht;
brigens konnte er auch nicht zu auerordentlicher Heiterkeit gestimmt
und begeistert werden. Ich habe ihn nie ordentlich lachen sehen; ein
schallendes Gelchter war Etwas, das ganz auerhalb seiner Natur lag;
er bewunderte das Witzige verstndig, ja selbst witzig, schelmisch und
nicht ohne Humor; aber es war der gleichmthige Humor, der nur in der
Asche glht und nicht zur Flamme emporschlgt. Das Starkkomische bei
Molire und Holberg betrachtete er als Etwas, das nicht fortgesetzt
werden drfe, das der geschmacklosen Zeit angehrte, in der diese groen
Mnner gelebt hatten, und das diesen, ihrer wahren Verdienste wegen,
verziehen werden msse; diese bestanden in den Characterschilderungen
und der moralischen Tendenz der Stcke. Fr den eigentlich poetischen
Duft dieser Werke hatte der gute Rahbek durchaus keinen Sinn, so wenig
wie krperlichen Sinn fr Blumenduft und andere Wohlgerche, die er so
sehr hate, da er ihnen Gestank vorzog.

Aber so eigensinnig er war, so gutmthig war er, so leicht war er zu
gewinnen, wenn man sich ein klein Wenig nach ihm richtete. Htte ich
mich zuerst an ihn gewandt und ihm gesagt: Hr' einmal Rahbek! ich
habe die Absicht, Freia's Altar umzuarbeiten; ich fhle selbst, da das
Stck zu ausgelassen ist; nimm Du es und mache mir einige Anmerkungen
und Striche, wo Du es verndert wnschtest; so bin ich berzeugt, er
htte fast gar keine gemacht. Er, der lange Zeit ruhig zugesehen hatte,
wie der Theaterbersetzer N. T. Brun jeden zweiten Abend die Stcke
mit seinen eigenen unanstndigen zweideutigen Spen anfllte, wrde
auch Freia's Altar mit seinen poetischen Scherzen durch den kritischen
Schlagbaum haben schlpfen lassen; der Theaterchef wre dann auf seine
Seite bergetreten, und Olsen war zu schwach, um dann den Schlagbaum
allein niederzuhalten. Aber das that ich nun nicht; ich wollte es,
wie gesagt, erzwingen. Es gengte nicht, da ich Bilbo noch toller
machte, als er zuerst war; ich schrieb auch eine Vorrede, in der ich
einen schlechten Kritikus mit einem Manne mit belegter Zunge verglich,
der nicht schmecken knne, weil sein Magen verdorben sei. Diesen Mann
bezogen sowohl Rahbek wie Olsen auf sich; und da die Rache ihnen nur
ein Nein kostete, so sagten sie Beide: Nein -- waren zum ersten
und letzten Male in ihrem Leben einig -- und das Stck wurde nicht
aufgefhrt.

Ich will den Leser nicht durch eine weitlufige Erzhlung des
Federkrieges ermden, der hierdurch entstand. Ich schrieb eine Piee an
das Publikum, die vielleicht einmal in einer Sammlung meiner kleinen
Abhandlungen gedruckt werden wird. Rahbek und Olsen antworteten.
Letzterer besonders mit vornehmer Verachtung ber meinen schlechten
Geschmack. Mehrere bernahmen meine Vertheidigung, unter Andern
=Sibbern=, der in einer langen Abhandlung das Stck und die Einwendung
der Censoren durchging und trotz ihres Tadels glaubte, da es durch die
Umarbeitung gewonnen habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Reiseantrag.]

In diesem Herbst, als die Theatersaison schon lange wieder angefangen
hatte, und ich eines Abends auf meinem gewhnlichen Platze im Parquet
sa, sa auch der Oberprsident Moltke auf dem seinigen, gerade vor mir.
Im Zwischenacte erzhlte er mir, da der junge (sptere Baron) Bertouch
eine Reise ins Ausland machen solle, da sein Vater ihm einen ltern
Mann zur Gesellschaft mitzugeben wnsche, der fremde Lnder kenne und
dem jungen Manne durch Rath und That ntzen knnte. Er fragte mich, ob
=ich= nicht Lust zu dieser Reise htte, die, wenn ich wollte, nicht ber
ein Jahr whren sollte? Ich nahm das Anerbieten gern an.

Aber als sich die Stunde des Abschieds nherte, wurde mir das Herz
schwer, und mich erfllte eine tiefe Wehmuth, weil ich meine Familie
verlassen sollte. Ich lag am Abend auf dem Fuboden im Zimmer beim
Kaminfeuer, und lie die Kleinen um mich herkrabbeln; ich spielte mit
ihnen, wie ein Kind; sie lachten und waren lustig und merkten nicht, da
mein Gesicht jeden Augenblick in Thrnen schwamm.

Mir war, als ob wir uns nicht Alle wiedersehen sollten. Aber in
der Liebe liegt stets Furcht vor dem Scheiden, und ein wehmthiges
Gefhl folgt dem Gedanken an irdische Trennung und himmlische
Wiedervereinigung, deshalb erweckt jeder Abschied auf lange oder kurze
Zeit die himmlische Liebe in der Menschenbrust, und selbst in dem
tglichen =Lebewohl=, einem Freunde gegenber, liegt ja Etwas von diesem
heiligen Gefhle.

                    *       *       *       *       *

                 =Auszug aus meinen Reisebriefen= 1817.

[Sidenote: Beginn der Reise.]

Es war kein Spa fr einen gegen Frost und Wind nicht sonderlich
abgehrteten Dichter, der sich eben erst von einem ziemlich starken
Anfall des Podagra erholt hatte, sich in den kalten Decembernchten
auf offene Wagen zu setzen, dann in einem Boote von Laaland ber das
Meer und von Heiligenhafen durch Holstein zu reisen, bis wir an die
Diligencen kamen; denn damals hatte man noch keine Eisenbahnen und keine
Dampfschiffe. Ich beschlo deshalb so gekleidet zu reisen, da ich nicht
frieren =konnte=, und dies setzte ich auf folgende Art ins Werk. Ueber
meinen tglichen Kleidern hatte ich folgende Kleidungsstcke. Ein Paar
dicke mit Leder besetzte Reithosen gingen hoch auf die Brust hinauf.
Dann ein Paar Seehundsstiefeln, die bis ber die Kniee reichten. Ueber
dem Rock, dem Ueberzieher und dem Mantel einen groen, dicken Brenpelz.
Auf dem Kopf eine Mtze von Brenfell, die unter dem Kinn zugeknpft
werden konnte und den Nacken bedeckte. So htte ich Parry und Ro auf
ihrer Reise nach dem Nordpol, den ich ebenso wenig, wie sie, fand,
begleiten knnen. Von der Klte sprte ich also auf der ganzen Reise
Nichts, auer, wenn ich in eine sogenannte warme Stube kam, wo ich mich
auskleiden mute. Von Friedrichsberg aus, wo ich von meinem Vater,
der erst lachte und scherzte, aber in dem letzten Augenblick weinte,
Abschied nahm, fuhr ich noch im geschlossnen Wagen und nicht so stark
gegen die Klte gewaffnet. Feldborg hatte Lust bekommen; mich ein Stck
Wegs zu begleiten. Er hatte nichts Anderes mit, als ein kleines in ein
Stck Papier gewickeltes Buch. Es war kein Platz im Wagen, da ich einen
Reisegefhrten hatte; ich gab ihm meinen Pelz und er setzte sich auf
den Bock, wo sich der Schwager doch breit machte, weil ihm Feldborg's
Liebkosungen nicht gefielen, der ihn, aus Furcht herabzufallen, zu fest
und innig umarmte. Wir fuhren nach Kige. Am Morgen, als wir weiter
reisen sollten, hielt ich meinem Gefolge eine Rede und sagte: Meine
Herren! Wenn man von einer fremden Stadt fortreist, so mu man erst all'
die Dinge laut nennen, die man bei sich hat, um Nichts zu vergessen. Um
ihnen nun gleich ein Beispiel meiner Lehre zu geben, nannte ich Alles,
was mir an losen Reiseeffekten gehrte, verga aber meinen Hut, weil ich
glaubte, ich htte ihn auf dem Kopfe; das war aber unglcklicher Weise
meine Mtze, und so verga ich auch wirklich den Hut. Jetzt verlie
uns Feldborg. Wir gingen erst ein langes Stck dem Wagen voran, und
er stolperte sehr gutmthig mit seinen schwarzen Gammaschenstiefeln
auf den gefrorenen Erdklumpen umher, um mich in dem bequemeren Geleise
zu lassen. In schnem Wetter fuhr ich ber Gaabensee nach Laaland.
In meinen Pelz eingepackt litt ich weder von der Klte noch von der
Seekrankheit.

[Sidenote: Ankunft beim Kammerherrn Bertouch.]

Bei dem Kammerherrn Bertouch und seiner Gattin brachte ich angenehme
Tage zu, und lernte den jungen, freundlichen Mann kennen, mit dem ich
reisen sollte. In Wasserstiefeln watete ich mit dem Kammerherrn in Wald
und Feld umher. Die Natur gewinnt nicht, wenn man sie im Winterkleide
sieht, doch hat jede Jahreszeit ihren eignen Character; das Grn
verschwindet nicht ganz. Laaland ist doch ein sehr flaches Land, und
wenn man dort ist, bekommt man Lust, mit Hieronymus in Erasmus Montanus
zu glauben: Die Erde ist =flach=.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ankunft in Hamburg.]

Ich bin nun in Hamburg, sechzig Meilen weit von meinem Herzen, wie
der Dichter Kruse sang. Meinen letzten dnischen Abend brachte ich in
Kiel bei meinem alten Landsmanne Fischer, dem Gastwirth in der Stadt
Kopenhagen zu. Er ist Dne mit Leib und Seele, erzhlt den Holsteinern,
da er in der kleinen Knigsstrae geboren sei, und an den Wnden hngen
lauter nationale Bilder. Hier sieht man den Thurm der Frauenkirche von
englischen Bomben in Brand geschossen, dort arbeiten Matrosen auf einem
Schiffe, hier wieder steht der Schauspieler Knudsen an der Zollbude und
singt vor dnischen Seeleuten. Ich war in Kiel auch Mittags beim Grafen
Bernstorff; ich sah die liebenswrdige Frau Berger Weihnachtsgeschenke
fr die Kinder zubereiten und dachte an die meinigen. Einen angenehmen
Abend brachte ich bei dem feurigen, witzigen Professor Pfaff zu. Hier
traf ich Falk und Dahlmann, der seine literarische Laufbahn mit einer
Abhandlung ber meine Schriften, welche, ins Dnische bersetzt,
gedruckt wurde, begann. Spter scheint er sich nicht viel um dnische
Literatur bekmmert zu haben, doch war er sehr hflich und artig.

                    *       *       *       *       *

Wir schliefen in Bramstedt. Am nchsten Morgen war Glatteis. Wir
schnallten den einen Wagenstuhl rckwrts gegen den Wind; das milderte.
Von Kiel nach Hamburg geht es ber die Haide. Am ersten Tage ging ich
ber eine Meile in gutem Wetter zu Fu; aber je mehr wir uns Hamburg
nherten, desto schlimmer wurde es. Die Alster war weit ber ihre Ufer
hinausgetreten. Einige Bauern muten uns den Wagen aus dem Morast und
dem Eise herausholen. In der Nhe lag ein gestrztes Pferd auf dem Eise,
das sich todt geschleppt hatte und der Karren stand umgeworfen daneben.
Endlich kamen wir an den neuen, halbfertigen Landhusern vorber, die
sich wieder aus ihrer Asche erhoben.

                    *       *       *       *       *

Heute war der erste Weihnachtstag; er fing mit einem auerordentlichen
Nebel an, wie man ihn selten in Kopenhagen sieht. Es kommt daher, da
Hamburg nahe am Meere und bei der Alster und Elbe liegt. Gegen Mittag
wurde es etwas klarer; ich hrte das Glockenspiel vom Kirchthurm. Man
hat oft bei uns das Glockenspiel verspottet; nun haben wir keins. Es ist
wahr; die Melodien lsen sich fast in Klingklang auf, aber sie tnen
doch ber die ganze Stadt, vor Aller Ohren, und das ist feierlich.
Auf den Straen begegnete ich Rathsherren mit Allongepercken, wie
in dem politischen Kannegieer; die Reutendiener gleichfalls mit
Modesten, Pumphosen und Bratspieen an der Seite, wie die Alkalden
in den spanischen Stcken. In der Kirche hrte ich die Kinder einen
Weihnachtspsalm singen. Ich hre Kinder gern, und besonders zu
Weihnachten in der Kirche singen. Der Organist spielte schn. Ich
dachte an meinen Vater, der auch Organist war, und da meine Vorltern
es ununterbrochen viele Glieder hindurch in Schleswig und Holstein
gewesen waren. Ich dachte an den groen =Bach=, der hier wahrscheinlich
gespielt hat, an die Orgelkraft und an die tiefe Musik, die von dem
Geschlechte Bach's ber die weite Welt ausging.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Theaterbesuch. Bekanntschaft mit Perthes.]

Wir haben uns einen Wagen von dem Juden Lazarus gekauft, der fr dessen
Tchtigkeit einstehen will. Gestern hrte ich Don Juan und bewunderte
=Madame Becher= als Anna; aber ich htte beinahe das Stck nicht zu
sehen bekommen, da ich meine Brille vergessen hatte, wenn nicht ein
gutmthiger Mensch mir ein Perspectiv geliehen htte. Madame Becher
singt gut; aber ich htte fast ber Mozart's Musik alle ihre Triller und
Rouladen berhrt.

                    *       *       *       *       *

Gestern Abend spielten sie das =Kthchen von Heilbronn= von =Kleist=.
Walthers und Kthchens Charactere sind vortrefflich durchgefhrt und
zeigen sich in schnen Situationen. Den Cherub, der Kthchen beschtzt,
htte ich lieber fortgewnscht; der liebe Gott htte ihr doch helfen
knnen; ebenso htte ich gern gesehen, wenn sie Brgerin geblieben
wre, und wenn Graf Strahl seine Eitelkeit ihrer seltnen Persnlichkeit
geopfert htte, statt da sie nun, wie in allen Mhrchen, des Kaisers
Tochter wird.

                    *       *       *       *       *

Ich habe die Bekanntschaft des Buchhndlers =Perthes=, eines sehr
gebildeten und begabten Mannes, gemacht. Im Anfange stritten wir etwas
ber den Correggio; er kam mit den Tieck'schen Einwendungen; schien
mir aber in meiner Vertheidigung Recht zu geben. Seine Frau ist eine
Tochter von Claudius, und aus ihren Augen strahlt die ganze gutmthige
Begeisterung und der originelle Humor des Wandsbecker Boten. Bei
dem Herrn Pol, dem Herausgeber des Altonaer Merkurs, war ich auch.
Hier traf ich den Legationsrath Bockelmann und Baron Voigt, dessen
Bekanntschaft ich vor neun Jahren bei Frau Stal-Holstein gemacht hatte.

[Sidenote: Der zeitig entdeckte Irrthum.]

Heute Mittag fuhr ich mit Bertouch nach Altona, wo wir zu Pols
eingeladen waren. Ein junger norwegischer Kaufmann, Herr Flood, dessen
Bekanntschaft wir gemacht hatten, fuhr mit, da er von Herrn Donner
eingeladen war. Wir wollten ihn dorthin fahren; aber er gestattete auf
keine Weise, da wir seinetwegen einen Umweg machten, und der Kutscher
bekam Befehl, uns direct zu Pol's zu fahren. Als wir abstiegen,
fragte ich den Diener an der Thre: Ist es hier? und er antwortete:
Ja, ganz richtig! -- Flood war gerade bereit, mit dem Wagen
fortzufahren, als mir glcklicherweise einfiel zu fragen: Hier wohnt
doch Herr Pol? -- Nein, antwortete der Diener, hier wohnt Herr
Donner. Wir riefen also unsern Norweger zurck, und nun mute er aus
dem Wagen ins Haus, wir dagegen setzten uns wieder in den Wagen und
fuhren weiter. Es wre sehr unangenehm fr uns Alle gewesen, wenn wir
in fremde Gesellschaft gekommen wren und erst spter unsern Irrthum
entdeckt htten, obgleich es vielleicht Veranlassung zu einem recht
interessanten, kleinen Lustspiele fr die Zuschauer geworden wre.

                    *       *       *       *       *

Es freute mich sehr, meine Freundin =Louise Reichardt= hier
wiederzusehen. Wir gedachten der verschwundenen Jahre, vor zehn Jahren
in Giebichenstein; der angenehmen Sommerabende, wo Reichardt am Kamine
sa und die Tchter sangen. Jetzt liegt Reichardt in finstrer Erde; der
Garten in Giebichenstein gehrt Anderen; Steffens wohnt in Breslau;
Schleiermacher in Berlin, Louise in Hamburg, ich in Kopenhagen. So
werden alte Verhltnisse wie die Spreu vor dem Winde zerstreut.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kleine Reiseleiden.]

Wir hatten viel Mhe, von Hamburg nach Haarburg zu kommen, so kurz der
Weg auch ist. Wir muten den Wagen zur See einen Tag vorausschicken.
Nun bekamen wir einen Brief von dem Diener Christian, der mit dem
Wagen gefahren war, worin er berichtete, da Verschiednes am Wagen
gebrochen sei, einige Riemen, einige Schrauben; da er das Ganze fr
fnf Species habe in Stand setzen lassen, und nun hoffe, da der Wagen
vorlufig halten wrde. Hierber wurden wir sehr bestrzt und lieen
gleich Herrn Lazarus holen, der uns den Wagen verkauft und mit seiner
eignen Unterschrift fr denselben von Hamburg bis Paris eingestanden
hatte. Ich hrte ihn zu Bertouch sagen: Knnen Sie beweisen, da ich
fr die Riemen und Schrauben garantirt habe? ich habe nur fr die Federn
garantirt. Nun wurde es mir zu arg; ich fing an, ihn zu bombardiren
und drohte mit der Polizei. Das half; er bezahlte die fnf Species, und
diese kamen einem armen Lohndiener zu gut, der uns kurz vorher seine
Noth geklagt hatte.

                    *       *       *       *       *

Zwischen Hamburg und Welle hatten wir am Nachmittag Schneegestber,
dazu kam, da der Schwager betrunken war. Wir segelten kreuz und quer
ber Acker und Wiesen, ber Stock und Stein, wie Columbus, als er
Amerika entdecken wollte. Endlich wurden wir dessen mde, und wollten
den Betrunknen vom Pferde herunter haben. Aber er wollte nicht. Lassen
Sie mich ruhig sitzen, meine Herren, sagte er mit schlfrigen Augen
und lallender Zunge, indem er taumelte; lassen Sie mich nur dafr
sorgen, den Weg zu finden; damit hat's gute Wege; nun finden wir gleich
das Gleis wieder! -- Wir blieben mitten auf dem Felde stehen, das
Schneegestber war dicht, der Abend nherte sich, und es wurde dunkel.
Es war kein Spa; er war nahe daran, uns jeden Augenblick umzuwerfen.
Du bist besoffen, rief ich, Du kannst nicht fahren, nicht sehen! La
den Diener fahren, der ist Kutscher gewesen, der versteht es, er ist
nchtern! -- Nein, das ist er nicht, mein Herr! sagte der Schwager,
lassen Sie mich nur fahren. Ich verlasse meine Pferde nicht. Wir sind
nicht betrunken! Wir werden schon wieder in Gang kommen! daran sind
wir gewhnt. Was war zu thun? Wir kannten den Weg nicht; wir muten
ihn also langsam fahren lassen, whrend Christian nebenher ging und
bald die Pferde, bald den Kutscher schlug, wie gerade der Augenblick
es erforderte. Endlich kamen wir mitten in der Nacht in ein Dorf, wo
der Schwager die Wagenstange zerbrach, gerade als wir hineinfuhren. Nun
muten wir eine von den Bauern kaufen. Sie kamen mit einer Laterne,
einer Axt, Ngeln und Hmmern heraus, und wirthschafteten, whrend wir
ungeduldig dastanden und uns nach Abendbrod und Nachtlager sehnten.
Endlich kamen wir fort; aber nun ging ein Wagestock entzwei, und wir
muten eine Latte von einem Zaume nehmen und ihn selbst wieder in Stand
setzen. Endlich erblickten wir doch das Ziel unsrer Reise, und um zwei
Uhr in der Nacht kamen wir erst in eine Herberge, nachdem wir acht
Stunden auf vier Meilen zugebracht hatten.

                    *       *       *       *       *

In =Brgge= zerbrach ein Rad, weil unser Wagen nicht die Spur in dem
gefrornen Geleise halten konnte. Ein Rad kann leicht geknickt werden,
wer sieht es voraus? sagt Giulio Romano. Eine schne Gegend! Wir
spielten des Abends vor langer Weile Karten zusammen, das erste, und
wie ich glaube das letzte Mal auf dieser Reise, aen gut, tranken die
Gesundheit des Herrn Lazarus, wnschten ihn zu dem reichen Mann im
Evangelium und fuhren am nchsten Morgen weiter. Nun haben wir bald
einen nagelneuen Wagen; die Federn am alten sind gut und verantwortlich
gemacht, und wir haben es schwarz auf wei, da sie bis Paris halten
sollten. Vorwrts!

[Sidenote: Das Celler Schlo.]

In =Celle= pilgerten wir nach dem fr alle Dnen merkwrdigen Schlosse.
Es ist jetzt sehr verfallen. Die Franzosen haben es in der Kriegszeit
zerstrt. Hier sieht es sehr traurig aus. In diesen finstern Hof
rollte die blhende zwanzigjhrige Frstin hinein. Schnell, wie eine
Sternschnuppe hatte sie ihre kurze, glnzende Bahn geendet, und
verschwand hier im Dunkel. Wir sahen ihren Speisetisch, wo sie tglich
einige Gste hatte. Auch ein Theater war hier auf dem Schlosse, wo sie
zuweilen dem Schauspiele beiwohnte. Der groe =Schrder= spielte vor
ihr. Ein hbsches Zimmer mit hellgrnem Dammast, mit gebohntem Boden,
und der herrlichsten Aussicht war ihr gewhnlicher Aufenthalt, hier
hatte sie ihre kleine Bibliothek und die Bilder ihrer Kinder. In einem
finstern Zimmer daneben hatte sie nach drei Tagen einer pltzlichen
Krankheit ihren Geist aufgegeben. Sie liegt in der groen Kirche der
Stadt begraben.

In =Hannover= hielten wir uns nur einen Tag auf. Ich hatte nicht Lust
lnger in einem Orte zu bleiben, wo deutscher Adelshochmuth in seinem
ganzen Flor blhen soll, obgleich ich vielleicht fr meine Person Nichts
davon gefhlt htte. Hier wird adliger Thee getrunken, und man mu die
nothwendigen Ahnen haben, um ihn genieen zu drfen. Das wichtigste
Staatsamt, die ausgezeichnetsten persnlichen Eigenschaften helfen
Nichts, wenn das =Von= fehlt.

Herrn =Holbein= und Madame =Renner= besuchte ich auf dem Theater bei der
Probe, im Dunkel, das nur durch eine einzige Lampe erhellt wurde. Am
Abend sah ich in strenger Klte ein Lustspiel von Holbein: Die treue
Witwe. Bertouch und ich waren des Abends bei Herrn und Madame Renner.
Sie gedachten mit Vergngen des Beifalls, den sie in Kopenhagen gefunden
hatten und sangen uns einige hbsche Lieder zur Guitarre vor.

In =Gttingen= ging ich zu unsrem Freund, Professor =Welcker=.
Er brachte mich zum Hofrath =Heeren=, dem berhmten Gelehrten,
der mit Heyne's Tochter verheirathet ist. Wir besuchten auch Frau
=Rodde-Schlsser=, die in ihrer Jugend die Doctorpromotion gemacht
hat. Im reifern Alter ist die Gelehrtheit in echte weibliche Bildung
bergegangen.

[Sidenote: Kassel. Die Gebrder Grimm.]

In =Kassel= hielten wir uns ein paar Tage auf. Ich ging gleich, um
die Bekanntschaft der Gebrder =Grimm=, der Uebersetzer unserer alten
dnischen Kmpeweisen, und der Herausgeber vieler deutschen Sagen, zu
machen. Ich mute lange mit einem Lohndiener umhergehen, ehe ich sie
fand. Endlich kamen wir in ein Haus, von dem man uns sagte, da Grimm
hier wohne. Ich klopfte. Herein! Ich trete ein, finde einen alten
hbschen Priester an seinem Schreibtische, und frage, ob ich die Ehre
habe, mit Herrn Grimm zu sprechen. Ja, ganz richtig. -- Ich hatte
mir Grimms als junge Mnner vorgestellt, die, sowie Riepenhausens in
Rom, unzertrennlich in einem Zimmer arbeiteten. Nachdem ich Etwas mit
dem Mann gesprochen hatte, merkte ich endlich, da er Prediger in der
Stadt und ein entfernter Verwandter meiner Grimms sei. Ich bat um
Verzeihung; aber der Prediger war sehr freundlich und zeigte mir den
rechten Weg. Ich war in der ganzen Stadt umhergelaufen, und nun traf es
sich, da sie gerade unserm Gasthofe gegenber wohnten. Ich fand sie
=zusammen= auf der Bibliothek. Sie zeigten mir verschiedene merkwrdige
Manuscripte. Ich ging mit dem jngsten Grimm gestern Nachmittag in
einem Garten spazieren, der Aehnlichkeit mit dem Sdfelde hatte. Wir
eilten leicht hin ber die gefrorene weie Erde; die hohen Lindenalleen
standen zwar bltterlos; aber wir brauchten auch keinen Schatten. Wir
sprachen vom Mittelalter und der Gegenwart, und die ganze Situation in
dem schnen Winterwald mitten in einer unbekannten Gegend an der Seite
des Mhrchenfreundes Grimm, schien mir selbst ein schnes Mhrchen. --
Pltzlich standen wir an einem breiten Deiche, ber dessen spiegelklare
Flche mehrere Schlittschuhlufer wie Schatten dahinschwebten. In
einem Augenblick hatte unser Norweger, der mit uns ging, sich ein paar
Schlittschuhe gemiethet, und freute sich, indem er auf dem Eise groe
Bogen beschrieb, wie eine wilde Ente, die nach einer langen Flucht durch
die Luft, endlich wieder das Wasser erreicht hat. Sein Beispiel steckte
mich an. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren lief ich Schlittschuh.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Interessante Bekanntschaften.]

Wir haben durch Grimm die Bekanntschaft des Frulein von Kahlenberg und
der Frau von Malzburg, zweier gebildeten Damen, gemacht. Ich bin ein
paar Abende bei ihnen gewesen und habe ihnen einige kleine Gedichte
vorgelesen. In einem ziemlich groen Kreise haben wir einmal die Rollen
des Correggio vertheilt, und so die beiden ersten Acte gelesen. Den
dritten Act las ich allein, um ihnen eine rechte Idee davon zu geben,
wie ich ihn mir gedacht hatte. Es war da ein junger Dichter in der
Familie, der denselben Namen hatte. Den fnften Act von Hagbarth und
Signe habe ich auch vorgelesen.

Gestern Vormittag war ich mit meinen Landsleuten auf der Gemldegalerie.
Stelle Dir meinen Zustand vor; nachdem ich in strenger Klte die
Bibliothek und die ganze Gemldegalerie gesehen hatte, und nun endlich
nach Hause gehen wollte, um Etwas aufzuthauen, begegne ich der Frau von
Malzburg und ihrem ganzen Gefolge in der Thr. Die Hflichkeit gebot
mir, mit ihnen zurckzugehen. Wie sehr wrde es mich bei einer milderen
Temperatur erfreut haben, die Werke der Kunst mit dieser interessanten
Dame zu betrachten. Aber nun! Meine Fe waren Eis, meine Fingerspitzen
erfroren. So mute ich umhergehen und Ruisdal, Holbein, Albrecht Drer,
Ostade, Teniers, Caracci und van der Werft sehen. Dieser Letztere machte
mich noch mehr frieren. Die Schnheiten der groen Meister, die ich nun
nicht genieen konnte, erschienen mir wie ein fein erdachter Hllenspott
in dem wahren Nistheim. Auf all' das Richtige und Treffende, das Frau
von Malzburg sagte, hrte ich fast wie ein ganz dummer Mensch. Das
Einzige, womit ich sympathisirte, waren die geflochtenen Babouchen, die
der Gallerieverwalter ber seine Stiefeln gezogen hatte. Er betrachtete
uns mit einer Art von mitleidigem Ausdruck, weil wir uns freiwillig das
schlechte Vergngen bereiteten, all' die Bilder anzusehen, deren er
schon so lange mde war. Ich las deutlich in seinen Zgen die Worte:
Wenn ich nicht dazu gezwungen wre, so sollte der Teufel hier stehen,
da ging ich lieber in meine warme Stube. Ich gab ihm in meinem Herzen
Recht. Und wenn Jemand aus der Gesellschaft sagte: Ach wie ist das
schn! wie ist das herrlich! so lie ich die Blicke sehnsuchtsvoll
auf die geflochtenen Babouchen des Verwalters herabsinken und sagte
seufzend: Ja wohl, es herrscht ein sehr warmer Ton darin. So
verschieden war mein Gefhl und meine Stimmung, als ich ein und Dasselbe
an einem Vormittage sah. Ich dankte Gott, da Alle in der Gesellschaft
meinen Correggio kannten, denn sonst htten sie mich in Bezug auf
Gemlde fr einen Eiszapfen halten mssen. Man darf nicht physische
Schmerzen leiden, wenn man sich einem geistigen Genu hingeben soll. Als
es anging, nahm ich Abschied von der Gesellschaft und Frau von Malzburg
neckte mich freundlich am Abend, indem sie sagte, da sie recht gut
gemerkt habe, wie erfroren ich gewesen sei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wir sollen vierspnnig fahren.]

Wenn wir des schlechten Wetters wegen bisher langsam gereist waren,
so beschlossen wir, nun um so rascher dahin zu rollen. Aber im
Anfange kamen wir auch nicht weit. Denn obgleich wir mit drei Pferden
eingetroffen waren, wollte der Wagenmeister uns nicht mit weniger,
als mit vieren weiter ziehen lassen, obgleich wir um eine Person und
einen Koffer weniger geworden waren. Dies wollte ich nun durchaus
nicht dulden. Ich suchte ihm erst das Ungerechte und Unsinnige seines
Entschlusses zu beweisen; aber als dies nichts half, als er rgerlich
wurde und sagte, wenn wir nicht wollten, so liee er das vierte
Pferd wieder abspannen, und so mten wir nachher doppelt bezahlen,
versicherte ich ihm, da daraus Nichts werden wrde, und da er uns doch
noch mit drei Pferden fahren msse. Dies konnte er wahrscheinlich nicht
begreifen, und ging in der Meinung fort, da wir als Fremde uns doch
zuletzt seinem Willen fgen mten. Aber ich lief in die Stadt, wo der
Oberpostdirector wohnte und lie mich melden. Es war ziemlich frh am
Morgen, und er stand noch im Schlafzimmer in seiner Nachtjacke. Ich bat
um Entschuldigung, sagte ihm meinen Namen, und bat ihn, in dieser Sache
zu entscheiden. Er war sehr artig, schrieb mir einen kleinen Zettel und
uerte seine Freude darber, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Als
ich auf die Strae hinaus kam, und den Zettel las, stand auf demselben,
-- da der Herr Professor =Ehlers= mit drei Pferden fahren sollte.
Der Kerl wollte seinen eigenen Augen nicht trauen, als er den Zettel
sah. Aber als er gelesen hatte, rief er dem Schwager: =Vorwrts!= zu,
lftete den Hut und ging ins Haus. So zogen wir im Triumph aus Kassel
heraus und ich reiste vier Meilen incognito als Professor Ehlers.

Aber wir waren doch ganz traurig, und die Munterkeit im Wagen war
verschwunden; denn wir hatten unsern lieben Norweger Flood in Kassel
zurckgelassen. Seine Freundlichkeit und sein muntrer Sinn hatten uns
auf dem Wege sehr erheitert. Auf dem langen Wege von Hamburg nach Kassel
hatte er mich aus bloer Freundschaft begleitet. Aber nun mute er ber
Amsterdam nach seinem Norwegen zurck, wo ihm die Liebe winkte. Eine
amsante Geschichte, die in einem Wirthshause eintraf, ehe wir uns
trennten, darf ich nicht vergessen.

Wir hatten zusammen Abendbrot gespeist; zum Dessert gab es Rosinen und
Mandeln; Bertouch hatte eine Zwillings-Mandel gefunden, die er Flood
hinreichte, und so sollte Der, welcher zuerst Vielliebchen sagen wrde,
wenn sie sich das nchste Mal shen, ein Geschenk vom Andern erhalten.

Es war eine schneidende Klte, als ich am nchsten Morgen bei
Tagesgrauen Bertouch aus seinem Bett heraussteigen (wir lagen alle Drei
in einem Zimmer), und mit nackten Fen im bloen Hemde mit listiger
Miene sich in der ziemlich groen Stube nach Flood's Bett hinschleichen
sah. Hier stand er einen Augenblick und betrachtete seinen Gegner
lchelnd mit einer berlegenen, mitleidigen Miene, so wie Einer, der
seines Sieges gewi ist. Darauf rttelte er ihn am Arm, und als Flood
erwachte und die Augen aufschlug, rief Bertouch triumphirend: Philine!
Flood starrte ihn, verdrielich darber, aus seinem guten Schlafe
geweckt zu sein, an, aber als er Bertouch sah, und nun verstand, was er
wollte, sagte er ganz verdrielich, indem er ihm den Rcken zukehrte:
Vielliebchen! Bertouch hatte also die Wette verloren, da er den
falschen Namen genannt hatte. Philine in Wilhelm Meister hatte ihn
irre gemacht, und er mute mit nackten Fen ber den kalten Fuboden
unverrichteter Sache zurckkehren. Das Wunderlichste war, da, als ich
spter beim Kaffeetische mit ihm ber Gthe's Wilhelm Meister sprach, er
diesen gar nicht kannte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein verlorenes Vielliebchen.]

Heute Morgen um halb sechs Uhr standen wir in Marburg auf. Gerade wie
wir an dem frhen, kalten, finstern Morgen bei einer Laterne in den
Wagen steigen und weiter fahren wollten, kamen zwei andere, gleichfalls
eingehllte Reisende von der entgegengesetzten Treppe in gleicher
Absicht herab. Das schwache Licht bestrahlte mein Antlitz. Eine der
fremden Personen stutzt, sieht mir ins Gesicht, tritt nher und ruft:
Ollanslakkero! Ich sehe ihn an -- _Olinto dal Borgo di Primo!_
der italienische Uebersetzer meines Correggio. Ist es mglich? -- Wir
umarmen einander, beklagen, da wir von dieser Zusammenkunft nicht
frher gewut hatten. Ich bitte ihn, meine Frau, meine Kinder und
Schimmelmann's zu gren. Darauf steigen wir beide in unsere Wagen,
werfen uns Kuhnde zu, und setzen, wie zwei in einem Augenblicke
einander begegnende Planeten, unsere entgegengesetzten Bahnen fort.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Frankfurt a. M. Friedrich Schlegel.]

Wir wohnen nun in Frankfurt in einem sehr guten Htel: Zum rmischen
Kaiser!

Heute aen wir mit unserer kopenhagener Freundin Frau Pauli bei einem
Kaufmanne, Herrn Ptsch, zu Mittag. Hier war ein merkwrdiges Ezimmer.
Es besteht nmlich aus einem uralten Stadtgefngnisse, welches nun
mit einem schnen Hause verbunden ist. Die Wlbung ist blau wie die
Luft gemalt, an den Wnden winden sich grne Bsche und Zweige hinauf.
So treten die beengenden Mauern zurck, und verlieren sich in einer
leichten Luftperspective, und an demselben Orte, wo vor ein paar hundert
Jahren mancher Unglckliche an seiner Kette nagte, und mit seinen Ngeln
an den rauchgeschwrzten Mauern kratzte, whrend der Henkerstod seiner
wartete, sitzen nun hbsche, lustige und wohlhabende Leute bei hellem
Kerzenscheine und werden in Herrlichkeit und Freude tractirt.

                    *       *       *       *       *

Nach der Komdie war ich bei Friedrich Schlegel. Er ist als
sterreichischer Legationsrath hier. Seine Frau ist eine Tochter
von Moses Mendelssohn und wahrscheinlich die Verfasserin des Romans
=Florentin=, in dem viel Schnes ist, obgleich sie selbst jetzt das Buch
als einen Jugendversuch betrachtet. Obwohl ich wute, da Schlegel nun
ganz Politiker geworden war, und obgleich ich in vielen Beziehungen,
sowohl in historischen und religisen, wie in sthetischen Ansichten
mit ihm differire, so konnte ich mir doch nicht das Vergngen versagen,
einen so ausgezeichneten, talentvollen und kenntnireichen Mann wieder
zu sehen und zu sprechen, dessen Schriften eine so wichtige Rolle
in meiner frhern Jugend gespielt und theils dazu beigetragen haben,
mich irre zu leiten, theils mich zu belehren und zu bilden. -- Ich
fand auch sein Aeueres sehr verndert, denn ich erkannte ihn nicht
wieder, obgleich er mitten im Zimmer stand und mit entgegen lchelte;
so dick und fett war er geworden. Er war sehr freundlich, und mein Herz
ffnete sich ihm, wie einem Manne, mit dem ich in einem gewissen Grade
sympathisirte, und von dem ich in andrer Beziehung ganz verschieden
war. So ging es ihm gewi auch mit mir. Wir sprachen ber viele Dinge
zusammen, von denen wir ungefhr wuten, da wir in ihnen bereinstimmen
knnten. Ich las ihm einige meiner kleinen deutschen Gedichte vor, die
ihm zu gefallen schienen.

[Sidenote: Ein Brief von Friedrich Schlegel.]

Eine gewisse Verlegenheit herrschte doch zwischen uns Beiden, die ganz
natrlich war. Er hatte mir vor fnf Jahren einen Brief geschrieben, auf
den ich ihm nicht geantwortet hatte. Der Brief lautet folgendermaen:

                                            Wien, den 17. Januar 1812.

Erlauben Sie einem alten Bekannten und Freunde, sich bei Ihnen in
Erinnerung zu bringen und vor Ihnen zugleich mit einer Bitte und
=Einladung= wieder zu erscheinen. Ihre Mitwirkung zu dem Deutschen
Museum, wovon ich die Ankndigung beilege, wrde mir um so willkommner
sein, da mein Hauptzweck bei dieser Zeitschrift auch die allgemeinere
Verbreitung und Wrdigung nicht blo der altdeutschen, sondern auch
der altnordischen Dichtkunst, Saga und Gtterlehre ist. Alles, was Sie
uns irgend dafr, sei es Poesie oder Prosa, geben wollten, wrde sehr
willkommen sein. -- Ich habe in der letzten Zeit =Dnisch= gelernt, und
Sie dienen mir jetzt in Ihrer nordischen Dichtung als Wegweiser zur
Edda. In Ihrem deutschen Axel und Valborg fand ich viel Schnes. Das
Stck wird, glaube ich, nchstens hier gegeben werden. Aber doch scheint
mir's, als behandelten Sie uns Deutsche etwas stiefbrderlich, und
behielten das Auserlesenste Ihrer Dichtungen zurck, um es in dnischer
Muttersprache niederzulegen.

Ich hoffe mich bald einer Antwort von Ihnen zu erfreuen, und bin Ihr
Freund,

                                                 =Friedrich Schlegel=,
                                                  K. K. Hofsecretair.

Ich wute nicht, was ich auf diesen Brief antworten sollte. Schlegel
lobte zwar in einem vornehmen Tone Axel und Valborg, warf mit aber vor,
da ich Deutschland stiefbrderlich behandelt, und ihm nicht das Beste
meiner Arbeiten mitgetheilt htte. Indessen hatte ich doch bereits
Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und Correggio ins Deutsche bertragen und
ich wute, wie gesagt, nicht, was ich ihm antworten sollte und schwieg
deshalb still.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ankunft in Metz.]

Nun sind wir also in =Metz= auf franzsischem Grund und Boden, haben
gebohnte Zimmer, Kaminfeuer und bessere Mahlzeiten, als in den deutschen
Flecken. Besonders lieb ist mir das Kaminfeuer; es breitet eine
angenehme Wrme aus, die nicht zu stark ist, und es macht auch einen
angenehmen Eindruck, das Feuer zu sehen.

Hier befindet sich ein Theater und eine Garnison. Die Folge davon ist,
da das Parquet von Majoren, Capitains, Lieutnants, das Parterre von
Soldaten voll ist, die Logen von Generalen und Obersten besetzt sind,
und die Civilisten nur Ausnahmen bildeten. Die Officiere geben also
hier den Ton an, und da bei solchen Gelegenheiten selten die Generale
commandiren, so sind es hauptschlich die =jungen= Officiere. Da sich
unter diesen nun ein Theil brutaler Claqueurs findet, ist natrlich.
Diese schwarzhaarigen, breitschulterigen Shne des Mars sind im Kriege
auferzogen, und verstehen sich wenig auf Kunst und Poesie. Sie redeten
doch auch von Shakespeare, und als der Eine den Namen nicht richtig
aussprach, sagte der Andere zu ihm: _Il faut dire: J'expire!_.

                    *       *       *       *       *

Die Kathedrale ist eine der schnsten altdeutschen Kirchen, die ich
gesehen habe. Als ich die leichten hohen Wlbungen, die schlanken Sulen
betrachtete, welche sich wie Bume im Walde erheben, wurde ich in meinen
Fantasien und Gefhlen durch eine trkische Musik gestrt. Dies war eine
Art militrischen Gottesdienstes, der einer Wachtparade glich. Whrend
einige Compagnien Soldaten in die Kirche zogen und sich da in Ordnung
stellen, wurden allerlei lustige Tnze und Mrsche gespielt, die mich an
ein Ballet erinnerten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Unser Reisezug.]

                                                 Paris den 1. Februar.

Was, seitdem wir Metz verlassen haben, geschehen ist, lt sich leichter
beschreiben, als erleben; wir waren drei und einen halben Tag unterwegs,
die uns, trotz der kurzen Wintertage, wie die lngsten Hundstage
erschienen. Man denke sich eine ungeheure groe Karethe mit mchtigen
Vorrichtungen zum Gepck oben, vorn und hinten; man denke sich, da
in einem solchen Wagen bequem Vier, unbequem Fnf sitzen knnen, und
da Sechs darin saen; man denke sich diese dickrderige Maschine von
fnf, sechs, zuweilen sieben, ja zehn mageren Schindmhren gezogen,
man stelle sich dann diesen Rarittenkasten langsam ber Berge und
Thler, wie eine Ameise, durch ein Vergrerungsglas gesehen, ber einen
kleinen Haufen dahinkriechen. -- Unsere Gesellschaft bestand aus einer
jungen franzsischen Dame in einem dnnen Nesseltuchkleide und einem
Taffetberrock ohne Futter; zweien ltlichen Herren und uns anderen drei
Mnnern, die wie frher Sadrach, Mesach und Abednego das Personal im
feurigen Ofen ausmachten.

Der eine Fremde, der Officier gewesen war, erzhlte uns seine Abenteuer,
wie er in der Revolutionszeit genthigt gewesen war, sich aus dem
Fenster zu schwingen und mit den Hnden am Steincarnise festzuhalten,
whrend die Mutter das Fenster schlo und versicherte, da kein Fremder
da sei.

St. Menehould ist bekannt dafr, da man dort Kalbsfe so weich kocht,
um selbst die Knochen mitessen zu knnen. Der arme Ludwig Capet a sie
auch mit vielem Appetit kurz ehe man ihn erwischte und zur Richtsttte
hinschleppte.

[Sidenote: Wechsel der Reisegesellschaft.]

Unsere Officiere hatten wir verloren und bekamen dafr stumme
Personen in den Wagen; der Eine mit gelbseidnem Tuche um den Kopf und
geflochtenen Bambouchen an den Fen; der Andre mit einem Flecken auf
dem linken Auge und seinem Rock auf dem Schooe. Er wunderte sich mit
Recht ber meine ungeheuer dicke Bekleidung; aber ich war ein langes
Stck gegangen, und hatte den Pelz wieder angezogen, weil ich warm
geworden war, und mich nicht erklten wollte. Mit einer verdrielichen
Miene fragte er, nachdem er einen halben Tag geschwiegen hatte: Aber
mein Herr! wie gehen Sie denn zu Hause, wenn Sie hier so gehen? Ich
antwortete ihm: So kleiden wir uns Alle in Kopenhagen, mein Herr, wenn
wir uns warm gegangen haben, uns in den Wagen setzen und uns nicht
erklten wollen. Ich wundere mich ebenso sehr, Sie mit Ihrem Rocke auf
dem Schooe zu sehen, wie Sie sich ber meinen Pelz auf dem Krper
wundern. Er meinte das komme daher, da die Franzosen wrmeres Blut
htten und Strapazen besser ertragen knnten. Ich antwortete: Der
Wallfisch hat warmes Blut, obgleich er mit einem ellendicken Thranpelz
umherschwimmt; der Hring hat kaltes Blut, obgleich er nur in einen
dnnen Silbermoireeshawl eingehllt ist.

Endlich roch das schlechtgegerbte Seebrenfell doch mir selbst zu arg;
ich sprang aus dem Wagen und verkaufte dasselbe fr zwei Napoleonsd'or
an den Conducteur.

[Sidenote: Zweites Eintreffen in Paris.]

In den ersten Nchten hatten wir in Wirthshusern geschlafen, nun
fuhren wir die letzte Nacht ganz durch. Die Dame wollte durchaus, da
das einzige offne Fenster geschlossen wrde. Ich schnappte nach Luft,
wie eine Maus unter der Luftpumpe. Alle zwlf Lungen (wir waren sechs
Personen) verrichteten ihre Blasebalgdienste, um das Bischen Sauerstoff
zu verzehren, das noch brig war. Der Angstschwei trat mir auf die
Stirn; ich sprang aus dem Wagen und setzte mich zum Conducteur hinaus.
So fuhr ich in Paris hinein, wo halb vergessene Erinnerungen mir von der
Vorstadt an bis zum _Htel de Brtagne_ in der _Rue Richelieu_ hin, wo
ich jetzt wohne, entgegentraten.

                    *       *       *       *       *

Wie erfreute es mich, den vortrefflichen Fleury im _Thtre franais_
wiederzusehen; da er viel zu alt fr seine Rolle war, verga man ber
das gute Spiel. Fleury verbindet Verstand, Gutmthigkeit und Naivett
mit Feinheit und Lebensart, ohne welche die sogenannte =hhere=
franzsische Comdie ein elendes Machwerk ist. Er ist der Einzige in
ganz Frankreich, der noch den _Marquis du vieux bon-temps_ spielen kann.
Ein noch greres Schauspielertalent als Fleury ist Mademoiselle Mars,
voller Leben, Grazie, Anmuth, obgleich schon ein gutes Stck ber die
jungen Jahre hinaus.

                    *       *       *       *       *

Wir sind bei unserm Minister, General =Waltersdorff= gewesen, der uns
freundlich empfing und uns zu Mittag einlud. Hier traf ich meinen alten
Bekannten, den Legationssecretair (sptern Legationsrath) =Vogt=, und
erfuhr, da der Capitain (spter General-Kriegscommissr) =Abrahamson=
noch in Paris sei. Ich habe ihn spter getroffen, und erfreue mich sehr
an dem Umgange dieses talentvollen und dienstfertigen Landsmannes.

[Sidenote: Frau von Stal-Holstein.]

Ich bin auch bei der Baronesse Stal-Holstein gewesen. Sie wohnt in
der _Rue royal_, einer der schnsten Straen in Paris, und wie ich mir
denken konnte, in einem groen Palast. --

Whrend ich die Treppe hinaufging, zogen mir die Tage im Geiste vorber,
wo ich das erste Mal in Paris war, als sie auf dem Lande in _Auberge
en ville_ wohnte und nicht zur Hauptstadt kommen durfte. Nun hatte
sie den Hafen ihrer Wnsche erreicht. -- Der Diener, der mich melden
sollte, hrte meinen Namen, den er natrlich ganz verdreht der gndigen
Frau mittheilte. Er kam wieder und sagte: Sie kenne Niemanden dieses
Namens. Ich war gerade im Begriff, ihn mit Bleistift auf einen Zettel
zu schreiben (denn ich hatte, wie gewhnlich meine Visitenkarten
vergessen), als ich eine junge Dame im Morgenkleide und in einem
Capchon an mir langsam in einiger Entfernung vorbergehen, und mich
aufmerksam betrachten sah. Als ich nher kam, war es die Herzogin von
Broglio, die ich von ihrer Kindheit her kannte. Als ich ihr meinen
Namen nannte, beklagte sie, da ihre Mutter mich nicht gleich empfangen
knne, da sie nicht angekleidet sei, und ging dann auch hinein. Kurz
darauf kam der Diener, der meine Karte hineingebracht hatte, zurck,
und sagte: die Baronesse liee mich bitten, am Abend zwischen Acht und
Neun wiederzukommen. Es war also eine Soire, und ich konnte nicht
vorher mit meiner alten Freundin allein sprechen, in deren Hause ich
neun Jahre vorher fnf Monate in Coppet zugebracht hatte. -- Am Abend
kleidete ich mich also in Schuhe und Strmpfe und ging hin. Ich fand
einen Theil besternter Herren, zwischen denen ich mich durcharbeiten
mute, um Frau von Stal auf dem Sopha bei einem Kamine zu finden, wo
sie, wie gewhnlich mit einem Turban auf dem Kopfe, sa, und mich mit
einem Scherz empfing, als ob wir uns erst gestern gesehen htten. Sie
stellte mich Alexander von Humboldt vor, mit dem ich zehn Jahre vorher
in Berlin gesprochen hatte. Ich entdeckte auch A. W. Schlegel in der
Menge, und sprach mit ihm, aber nur kurz. Die Conversation war nicht
frei und allgemein; es herrschte ein steifer und stiller Ton daselbst,
und -- darauf verstehe ich mich nicht. Frau von Stal lud mich ein, den
nchsten Montag bei ihr zu speisen. --

                    *       *       *       *       *

Ich bereitete mich darauf vor, zur bestimmten Zeit um sechs Uhr
einzutreffen; aber da unser Diener Christian mir Bertouch's Schuhe
gegeben, und meine eigenen eingeschlossen hatte, so whrte es etwas
lange, soda es ungefhr sieben Uhr wurde, als ich bei Frau von Stal
eintraf, um Mittag bei ihr zu speisen. Sie sa an einem kleinen runden
Tisch mit ihrer Tochter, der Herzogin, und zwei anderen lteren Damen;
fr mich war ein Platz frei gelassen. Ich entschuldigte mich, erzhlte
mein Migeschick, beeilte mich, die Speisenden einzuholen, die bereits
beim Fische waren, und gab mir alle Mhe, bei dem Franzsisch-Sprechen
nicht verlegen zu werden. Wir sprachen von verschiedenen Dingen. Frau
Stal machte mir ein Compliment, weil ich im Norden bekannt geworden
sei, und ich sagte: Was ist der Norden gegen die =Erde=? womit ich den
Kreis =ihres= Ruhms meinte. Wir sprachen von Friedrich Schlegels Buch
ber die Geschichte, mit dem wir Beide nicht zu sympathisiren schienen,
trotz des Guten, welches sich darin befindet, weil wir es gegen die
Aufgabe der Geschichte fanden, zu beweisen, was man beweisen =will=,
indem man einzelne Zge hervorhebt und die anderen in den Schatten
stellt. Sie fragte mich nach Frau Brun, und es freute sie, zu hren,
da diese frisch und gesund sei. Von dem Dichter Werner sprachen wir
auch, und waren Beide darin einig, da die Frmmigkeit bei unserm guten
Freunde sehr weit gegangen sei, und da der Deutsche Recht habe wenn er
sage: Allzuviel ist ungesund! -- Sie hatte den Correggio noch nicht
gelesen, fand es aber sonderbar, da ich einen Stoff gewhlt, wo der
Held unter der Last eines Geldsackes strbe. Ich entgegnete, ich htte
gerade Lust bekommen, das Stck dieses Zuges wegen zu schreiben, und da
ich es als eine Allegorie behandelt htte, da der Knstler grtentheils
arm ist, und den Nahrungssorgen unterliegt. Dies drckte ich im
Gesprche nicht so ganz richtig Franzsisch aus, und sagte: Unter der
Last des Geldes, was ihr Veranlassung zu einem Scherz gab, indem sie
sagte: _Mais, mon Dieu, comment peut-on tomber sous ce qu'on n'a
pas_? Ich antwortete: _Ce n'est pas =l'argent= sous lequel il tombe,
c'est le =cuivre=_. Und nun schien sie mich zu verstehen. -- Sie rieth
mir Voltaire's Tancred zu sehen, der an diesem Abend gegeben wurde. Ich
folgte ihrem Rath, fhlte mich aber nicht sonderlich erbaut. Der gute
Lafond schreit auerordentlich, und scheint mir affectirt, berspannt
und unnatrlich.

                    *       *       *       *       *

Ich mu hier (nach Verlauf von 31 Jahren) erzhlen, was ich 1817 in
meinen Reisebriefen bersprang, wo Frau von Stal-Holstein noch lebte,
und ich nicht wollte, da es wie eine Klage oder Rache aussehen sollte.
Ich stand damals in Paris in einem etwas gespannten Verhltni mit der
Frau von Stal; ein Brief, den ich ihr einmal in der langen Zwischenzeit
geschrieben, war unbeantwortet geblieben. Indessen vernderte dies nicht
den freundlichen Ton zwischen uns, und da ich das letzte Mal so spt
zu Tisch gekommen war, hatte ich entschuldigt und sie vergeben. Aber
nun lud sie mich dieses letzte Mal ein, sie am Nachmittage zu besuchen.
Als ich ins Zimmer kam, trat gerade eine groe Gesellschaft von Herren
und Damen aus dem Speisesaal, wo die Mahlzeit geendigt war, herein.
Ich wurde fast ohnmchtig vor Erbitterung ber die Beleidigung, mich
nach Tisch zu sich zu laden, sie, die mich vor wenigen Jahren in Coppet
auf den Hnden getragen hatte. Ich wollte gleich wieder aus dem Zimmer
gehen, blieb aber doch noch einen Augenblick, weil ich eine englische
Dame traf, die ich von Coppet her kannte, und der ich meine Gefhle
mittheilte, worauf ich ging. Und von dem Augenblicke an sah ich Frau von
Stal nie mehr. Sie schickte nicht zu mir (vielleicht wute sie nicht,
wo ich wohnte) und ich besuchte sie nicht wieder. Nicht einmal zu A.
W. Schlegel mochte ich gehen, der nie einer von meinen Leuten gewesen
war, und der mich frher nicht leiden konnte, weil Frau von Stal mir
so viel Freundlichkeit erwies. Dieses ihr Benehmen ist mir stets ein
Rthsel geblieben. Als ich Waltersdorff die Geschichte erzhlte, sagte
er scherzend: Sie hat dieses Mal vielleicht mit Ihnen wenig Umstnde
gemacht, weil Sie es letzthin mit ihr ebenso machten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Benefizvorstellung Fleury's.]

Wenn Talma und Mademoiselle Duchenois in einer Tragdie und Fleury
und Mademoiselle Mars in einer Comdie spielen, so ist das _Thtre
franais_ stets berfllt. -- Dann stellen sich die armen Leute
in langen Reihe hin, um Billets zu kaufen und ihre Pltze an die
Theatergnger zu verkaufen, wenn diese zu spt kommen. -- An einem der
ersten Abende, als ich im _Palais royal_ spazieren ging und in die
Nhe des _Thtre franais_ kam, wute ich gar nicht, was der Auflauf
zu bedeuten habe. Ich hatte mich noch nicht recht gefat, als zwei
Poissarden herbeiliefen, mich rasch unter die Arme nahmen, sagend:
_Venez, Monsieur, venez,  la tte!_ und mit mir davon liefen. Sie
wollten ihren Platz dicht beim Eingang fr 8 Sous verkaufen.

=Fleury= hat dieser Tage sein Benefiz fr 43jhrige Dienste gehabt;
und alle Theater wetteiferten, diesem vorzglichen, =ltesten=
Schauspieler Liebe und Huldigung darzubringen. Zu seiner Vorstellung
wurde ihm das groe Opernhaus eingerumt, da das _Thtre franais_
bei weitem keinen so groen Raum fr Zuschauer bietet. Er spielte in
Molire's _le bourgeois gentilhomme_, und hier war Gelegenheit,
um durch Tanz und Gesang Scenen zu seiner Ehre zu arrangiren. Da
waren Schauspieler, Snger und Tnzer, als Deputirte aller Theater,
welche an dem Divertissement Theil nahmen, das, obgleich fr Monsieur
Jourdan eingerichtet, doch zugleich eine Bedeutung in Bezug auf Fleury
hatte. Ich sprte groe Lust, bei dieser Vorstellung zugegen zu sein;
aber unglcklicher Weise hatte ein Sprachlehrer, den ich von meinem
frhern Aufenthalte in Paris her kannte, mich gebeten, mir Billets
verschaffen zu drfen, und es nicht gethan, sonst wre es mir leicht
gewesen hineinzukommen. In der letzten Stunde lief er zu Fleury, zu
den Cassirern und den Controleuren; er zog mich nutzlos in das Gedrnge
hinein, um ein Billet zu kaufen, nachdem alle vergriffen waren. Doch
verlor er noch nicht den Muth, und sagte, nun habe er einen Plan, der
gewi glcken wrde. Ich lie es ihn versuchen; wir bestimmten einen
Ort, wo wir uns treffen sollten; aber sobald er fort war, ging ich nach
Hause, und freute mich, ihn zur Strafe fr seine Unzuverlssigkeit mich
vergebens suchen zu lassen[1].

  [1] Dieser Sprachlehrer war =Depping=, der spter die Geschichte der
      Normannen geschrieben hat.

[Sidenote: _Thtre franais._]

Beim _Thtre franais_ sind noch einige sehr gute Schauspieler: eine
vortreffliche Soubrette; die beiden =Baptist's=, =Michaud=, =Thnard= u.
s. w. In den =zwei Brdern= nach Kotzebue spielte der lteste Baptist
den Seecapitain und Michaud den Matrosen mit unendlicher Wahrheit. Der
jngere Baptist ist eine vortreffliche Maske in Molire'schen Stcken.
Er spielte letzthin _le malade imaginaire_. In diesem Stcke tritt das
ganze Theaterpersonal, Herren und Damen, im Nachspiel als Doctoren auf.
Die Schauspielerinnen tragen ihr Haar als Allongepercken in langen
Locken ber die Schulter frisirt. Whrend ein Marsch gespielt wird
kommen sie zu Zwei und Zwei in Procession nach einem Compliment vor
dem Publikum, und gegenseitig vor einander, werden mehr oder weniger
applaudirt, je nachdem sie beliebt sind, und setzen sich auf ihren
Platz. Mir kommen stets die Thrnen in die Augen und es ergreift mich
jedes Mal ein feierliches Beben, wenn es in der Doctorcreation zu der
Stelle kommt, wo =Argan= sagt: _Juro!_ Denn bei diesem Worte fiel
Molire ohnmchtig auf der Bhne um, wurde nach Hause getragen, und
starb wenige Stunden darauf. -- Liegt nicht etwas Schnes, Groes und
Rhrendes in dem Zufall? Dieser seltne Dichter wurde vor =Aller Augen=
in einem seiner lustigen Stcke abgerufen, gleich als ob das Volk recht
empfinden sollte, was es in ihm verloren! Dieser ausgelassne, burleske
Aufzug, an dem das ganze Theaterpersonal Theil nahm, um als Doctoren den
neuen Doctor einzuweihen, wurde zu einer rhrenden =Mythe=, zu einer die
Thrnen hervorlockenden =Ironie=. Wenn man es =umgekehrt= betrachtet,
so versteht man den Sinn: Nicht der junge Doctor wurde von den ltern
eingeweiht; der alte Meister wurde in seinem letzten Augenblicke von
seinen Schlern gekrnt. Und er schwor noch wie ein ehrlicher Sohn zur
Fahne der hohen Thalia, als ihn ein freundlicher Engel in ein besseres
Leben hinwinkte. So wurde seine Todtenscene ein Fest; so verwandelte das
Burleske sich in eine feierliche Handlung und Melpomene verbarg sich
einen Augenblick unter der Maske Thalia's, um, wenn sie dann die Maske
abri, eine ganze Nation durch ihr bleiches Antlitz zu erschttern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Pariserinnen.]

Man trifft hier selten schne Frauengesichter. Die Pariserinnen
sind grazis und haben besonders schne Fe. Sie kleiden sich sehr
geschmackvoll, aber ihre Zge sind, im Ganzen genommen, grob; ein weier
Teint und rothe Wangen sind eine Seltenheit, doch verstehen sie es
sehr gut, sich durch Schminke, Spitzen, Rosabnder und pomadeglnzende
Locken Frische zu geben. -- Obgleich es auf der Strae ganz rein war,
standen doch alte Weiber und Jungen mit Besen (an den Stellen, wo es
schmutzig ist, wenn es geregnet hat), fegten ein Wenig die Erde mit
ihren Besen und baten dann um eine Kleinigkeit, weil sie die Strae
gereinigt htten. Andere boten hbsch gebundene Veilchen zum Verkauf.
Ich kaufte einen kleinen Strau, und mir war's, als ob mich Primavera
zuerst im Jahre 1817 mit diesem milden Dufte begrte. Ich ging von dem
Tuileriengarten ber den Platz Ludwigs XV. und stand einen Augenblick
auf der Stelle, wo Louis Capet, Marie Antoinette und ihr Mrder
Robespierre dasselbe Schicksal getheilt haben. Aber so entsetzliche
Mordthaten hier auch begangen sind, so hat der Ort selbst doch nichts
Schreckliches. Es ist ein schner, offener, freundlicher Platz mit
fortwhrendem Menschengewimmel. Man mu sich historisch in das
Schreckliche zurckversetzen; und das macht ungefhr dieselbe Wirkung,
als wenn man davon liest. -- Eine elende Richtsttte auf dem Felde, wo
ein armer Snder geendet hat, erschttert viel mehr. Die Einsamkeit,
das Abgelegene, das grliche =Rad= auf der Stange weckt diese finstere
Wehmuth, dieses feierliche Beben. Jngst war ich auf dem Greveplatz,
empfand aber auch dort keine Erschtterung mehr. Nicht =was= geschehen
ist, sondern wie es geschah, wirkt auf das Herz und die Vorstellungen
des Menschen. Wenn die verdammte mechanische Leichtigkeit nicht
dagewesen wre, wre die Hinrichtung mit der Guillotine nicht zu einer
=Manufacturarbeit= geworden, sondern htte der Scharfrichter seine alte
Wrde in dem rothen Mantel und mit dem breiten Schwerte bewahrt, dann
wre es nicht so weit gekommen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Physiognomie von Paris.]

Der weie Kalkstein spielt auch eine groe Rolle in Paris und der
Umgegend und ist von keiner guten Wirkung frs Auge. Er macht den
Weg und die Stiefeln wei, und blendet das Auge; die Gebude sind
auerordentlich bleich, wo sie nicht angestrichen sind; und das sind
sie in Paris nur hie und da bis zur ersten Etage. Die Huser, wenn
man einzelne Gebude ausnimmt, sind durchaus nicht hbsch; sie sind
auerordentlich hoch und schmal; die Fenster liegen innerhalb der Mauer
und machen die Gebude hohlugig-melancholisch. Ntzliche, aber hliche
Brandmauern steigen an jeder Seite des Daches empor, und berauben das
Haus seines Ansehens. Wenn man von einem hohen Punkte aus eine Strae
in Paris betrachtet, sieht sie wie lauter unregelmige Felsenstcke
aus, wie groe Kreidefelsen mit einer schmalen Kluft in der Mitte. Erst
wenn man in die Straen kommt, so da man keine Uebersicht hat, wird der
Blick auf eine angenehme Weise durch die brillanten Lden beschrnkt,
die fast wie Glashuser mit lauter Kostbarkeiten, aussehen. Hufig
findet man auch das unterste Stockwerk mit einer hochrothen Farbe
angestrichen. Unzhlige Inschriften machen fast jedes Haus zu einem
Titelblatt mit einer Vignette.

Aber oben, wenn man das Auge emporhebt, sieht man das bleiche Kreidehaus
mit den hohlugigen Fenstern und den Eisengittern.

[Sidenote: Entstehung von Paris.]

Und doch war dieser weie Stein (den man in Menge unter einem Berge an
einem groen Flusse mit ein paar kleinen Inseln gefunden) die Ursache
zu dem ungeheuren Paris. Er ist leicht zu schlagen und hat die gute
Eigenschaft, da er sich mit der Zeit hrtet. So haben die =Pariser=,
ein uraltes celtisches Volk, ihn gefunden und eine Stadt auf der grten
Insel gebaut, die nun _la Cit_ heit.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erinnerung an Passy.]

Ich kam jngst auf einem Spaziergange in eine Stadt. Ich mochte nicht
mitten im Orte nach dem Namen fragen; mir erschien dies so lcherlich,
und ich dachte: es mu entweder St. Cloud oder Passy sein. Ich sah
eine Menge Placate an den Husern angeschlagen, und fing an, sie zu
studiren. Aber -- es half Nichts! -- Ich fand nichts Anderes, als:
_maisons  vendre_ -- etc. Die Beschreibungen der Huser und Zimmer
waren sehr genau. Aber der Name der Stadt, in der ich mich befand,
kam nirgends vor. Das setzte man als Jedem bekannt voraus. Ich ging
weiter und rgerte mich ber die hufigen groen Ueberschriften auf
hochrothem Grunde mit schwarzen, rmischen Buchstaben, die mich von
dem Nahrungszweige eines jeden Brgers unterrichteten, und mich
aufforderten, mir alle mglichen Bedrfnisse anzuschaffen, nur nicht das
Eine, welches ich empfand.

Als ich die Hauptstrae, welche sehr lang ist, durchgangen war, wute
ich ganz genau, wo ich Kleider, Schuhe, Zimmer, Essen, Trinken und
Diener finden knne; aber =wo ich war=, wute ich nicht. Es schien mit
zuletzt eine verhexte Stadt ohne Namen, nur von meiner migen Phantasie
erfunden. Ich betrachtete die Brger auf der Strae wie Schatten,
die sich nur den unschuldigen, prosaischen, ja zuweilen einfltigen
Anstrich gaben, mich zu foppen; und ich athmete erst wieder leicht, als
ich jenseits auf dem Felde stand.

Aber als ich nun hier in der jungen hervorkeimenden Mrznatur meine
Augen erhob, hefteten sie sich an eine niedrige Mauer, hinter der ich in
einem groen Garten lange Lindenalleen sah. -- O, das ist ja Passy!
rief ich; hier ist ja der Sommersitz des alten =Dreyer=, wohin ich vor
zehn Jahren so oft kam, und mit ihm und Guilleaumeau, Brndsted und
Kos frohe Stunden verlebte! wo wir nach der Mahlzeit im Grnen Ball
spielten! -- Die groen Bume bewegten ihre noch nackten Zweige, als ob
sie mich gren wollten; und die weien Steinurnen auf der Gartenmauer
lchelten bleich in der Sonne, als ob sie sagen wollten: Dreyer,
Guilleaumeau und Kos liegen bereits in den Grabesurnen. Gehe fort von
hier, Wanderer, es ist dies kein Ort der Freude mehr fr dich! Da dachte
ich: so will ich denn doch in der Nhe des Ortes, wo die Gastfreiheit
ihren Sitz hatte, auf das Andenken der Freunde trinken. Und darauf ging
ich zu einem Traiteur nicht weit von Dreyer's Garten, auerhalb der (nun
nicht mehr) verhexten Stadt; lie mir ein =Zimmer mit Sonnenschein=,
einen Eierkuchen und eine halbe Flasche Wein geben; stie darauf mit dem
Glase an der Flasche an, und rief: Gott erfreue ihre Seelen!

Als ich durch Passy zurckging, konnte ich mich nicht genug ber meine
frhere Blindheit wundern. Nun konnte ich es recht deutlich sehen, da
es Passy war, und wute den Rckweg sehr gut zu finden.

Ich sah eine groe vergoldete Kirchenkuppel sich hoch in die Wolken
erheben. Die vergoldete Kirche fhrte mich allmlig zu dem =groen
Invalidenhause=. Hier begegnete mir eine Anzahl junger Krieger, die
auf Sthlen umhergerollt wurden, Andere hinkten auf Stelzbeinen
im Sonnenschein umher. Es waren auch einige ltere darunter. Mit
ehrerbietiger Wehmuth trat ich in die melancholischen Hallen, wo
die stolzen Ueberwinder der Welt nun ihre letzten Tage wie alte
Spittelweiber zubrachten. Es schien brigens gut fr sie gesorgt zu
werden. Ich trat in die groe Kche; drei bis vierhundert kleine
Wrste wurden gerade aus den Tpfen geholt und dampfend auf den
reingescheuerten Eichentisch gelegt. In einem ungeheuren Kupferkessel
stand das gekochte Erbsenmus. Die Helden von Austerlitz und Jena sollten
heute Wurst mit Erbsen essen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein eigensinniger Kutscher.]

[Sidenote: Ein Ausflug nach St. Cloud.]

Als es heute Ein Uhr war und ich nicht mehr schreiben mochte, schien mir
die Sonne ins Zimmer, als ob sie fragen wollte: Willst du nicht auch
etwas ausgehen? -- Ja, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging bei den
Tuilerien vorber nach dem _Pont neuf_, wo die kleinen Equipagen halten,
denen man in dem geschmackvollen Paris einen sehr unanstndigen Namen
giebt. Es sind Karren auf zwei Rdern, in denen aber sechs Menschen
sitzen knnen. In einem solchen Wagen kann man fr dreiig Sous nach
Versailles fahren. Kaum war ich dort hingekommen, als zehn Kutscher,
wie Hornissen auf eine Birne, auf mich losstrzten, und Alle mit lauter
Stimme, indem sie mich bei den Rockschen faten, riefen, ob ich nach
Versailles hinausfahren wollte? Ich antwortete, da ich wohl Lust dazu
htte, aber weder taub geschrieen noch lebendig zerrissen werden mchte.
Darauf stieg ich, um jeder weitern Unannehmlichkeit zu entgehen, in
eins dieser Fuhrwerke, nachdem der Kutscher mir versichert hatte, da
wir im Augenblick abfahren wrden. Aber wir waren, wie ich merkte, erst
unserer Drei und sollten Sechs sein. Es half Nichts, da bald noch Zwei
hinzukamen. Der Kutscher wollte noch Einen haben. Wir versicherten,
da wir nicht drinnen blieben, wenn noch Einer kme, und fragten: Was
gewinnst Du dabei, wenn Du Einen bekommst und Fnfe verlierst? Aber er
hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, wurde rgerlich und war
thricht genug, uns wieder aussteigen zu lassen. Hierdurch gewannen wir
sehr; denn wir kamen in einen viel bessern Wagen, hatten bessere Pferde
und einen anstndigeren Kutscher und nun fuhren wir von dannen. Aber --
o Wunder! -- wir waren noch nicht weit gefahren, als die ganze Umgegend
von Paris sich in einen groen See verwandelte. Die Seine hatte nmlich
ihre Ufer berstiegen. Wir fuhren lange im Wasser und begegneten auf dem
Wege mehreren Booten, soda mir anfing bange zu werden, und ich an den
Kutscher Khleborn in Fouqu's Undine dachte. Indessen whrte es doch
nicht lange, so kamen wir auf das hhere Hgelland, wo es ganz trocken
war. Es ist ein groes Glck, da bei solchen Flssen Anhhen sind;
und lge der grte Theil von Paris nicht ziemlich hoch, so wrde es
oft schlimmer aussehen, als dies nun der Fall ist. -- Es ist ein noch
greres Glck fr uns in Kopenhagen, da die Ostsee nicht hnliche
Launen hat. Sie brauchte nur einige Ellen ber die Zollbude zu steigen,
so wre der grte Theil von Kopenhagen berschwemmt. Es war schnes
Wetter, aber die Uhr war bereits Zwei, ich fand es etwas zu spt, um
nach Versailles hinauszufahren, und lie deshalb den Kutscher an einem
bequemen Orte halten, von wo aus ich nach St. Cloud gehen konnte. Im
Garten standen die niedrigsten Partieen auch unter Wasser. Ich sah
ein kleines Mdchen, die unter einem Baume sa, von wo aus zwei Wege
abfhrten. Ich fragte sie: Welcher Weg ist der beste? Sie antwortete:
Es ist gleich, welchen Weg Sie gehen, mein Herr, sie sind beide gleich
gut; aber auf diesem hier werden Sie des Wassers wegen wohl nicht
fortkommen, deshalb ist es wohl besser, Sie gehen auf dem andern. --
Ich dankte ihr und befand mich wohl dabei. Es war noch kein Laub an den
Bumen, aber das Gras begann hier und da hervorzugucken. Das Schlo
wollte ich nicht sehen; ich war frher dort gewesen, und es war mir
nicht um schn decorirte Zimmer, sondern um einen herrlichen, blauen,
sonnenwarmen Frhlingstag zu thun. Nachdem ich umherspaziert war, ging
ich in ein Wirthshaus, das in der Sonne lag, und hielt dort eine
einfache Mahlzeit. Ich hatte Rousseau's Heloise mitgenommen, war mde,
und setzte mich mit dem Buche in die Sonne. Aber es schmeckte mir nicht
so gut, als da ich sie das erste Mal las, obgleich mir schon damals Viel
daran mifallen hatte.

Nach dem Essen war ich wieder im Garten. Zwei freundlichen, alten
Mnnern, welche Gnge kehrten, und mich mit echten unschuldigen
Grtnergesichtern anlchelten, gab ich jedem Etwas. Sie wurden ganz
bestrzt, als ich ihnen die kleinen Silberstcke in die Hand drckte,
dankten aber herzlich. -- Als ich nach St. Cloud kam, war dort kein
Wagen zur Abfahrt bereit. Die Uhr war erst Fnf und das Wetter herrlich.
Ich beschlo also zu Fu zu gehen. Als ich bei Passy vorber kam, fing
das Wasser bereits an, mir den Weg zu sperren, und ich wre nicht
hinbergekommen (denn der ganze Weg bildete bereits einen Kanal), wenn
nicht einige Mnner Bretter gelegt htten, und mit einem Boot bei den
unpassirbaren Stellen bersetzten. Nun sollte ich Trinkgeld geben; hatte
aber kein kleines Geld mehr bei mir, mute also in den Augen dieser
Mnner wahrscheinlich fr einen Geizhals gelten, weil ich den alten
Grtnern meine letzten Sous gegeben hatte. Als ich nach Paris kam, hatte
die Seine auch hier einige der niedrigst gelegenen Straen berschwemmt.
Ich mute einen langen Umweg machen, und war auerordentlich mde. Auf
dem Pont neuf standen Leute und sahen nach einem Zeichen unten an den
Brckenpfeilern wie hoch die Seine gestiegen war; vor vielen Jahren
(1745) hatte sie freilich viel hher gestanden; aber auch diesmal
betrachtete man den hohen Wasserstand als ein seltenes Ereigni.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Besuch des _Jardin des plantes_.]

Gestern war das schnste Wetter und ich war im _Jardin des Plantes_, nur
hier und da guckte ein Blmchen hervor. Die grne Ceder vom Libanon,
die einer Buche mit Tannenblttern gleicht, breitete ihren feierlichen
Schatten ber den Hgel aus. Wir sahen die spitzschnauzigen Wlfe; die
Hynen mit den gemeinen unbarmherzig dummen Glotzaugen. Der alte Lwe
sah wie ein General aus Ludwig's XIV. Zeit mit einer Allongepercke
aus. Braun, der Br, ging unten in einem tiefen Graben, in dem er einen
Baum hatte, um daran hinaufzuklettern. Jngst stieg ein Mann zu ihm
hinab, um einen Thaler zu holen, der darin lag; da kam Braun ihm sehr
freundlich entgegen und drckte ihn so innig an seine Brust, da der
Mann den Geist aufgeben mute. Ich sah einige philosophische Eulen,
deren Weisheit gleich der der Sophisten das Licht scheute; einige
Adler, die in das Fleisch hackten. Die Papageien hatten ihre Toilette
gemacht, und glichen alten Weibern, die ihre unschne Gestalt mit
prchtigen Kleidern behangen und sie ausgeschmckt haben, da es eine
Lust war; sie waren entsetzlich dumm. Es fanden sich da auch herrliche
Fasanen. Zu denen flogen die Spatzen hinein, und durch das Gitterwerk
wieder hinaus, und es war rhrend anzusehen, wie die kleinen Vgel sich
immer, wenn sie wollten, wieder frei machen konnten, die groen aber
darin bleiben muten. Bei der Lwin lag ein kleiner Hund, der sehr
eitel und prahlerisch aussah, whrend die Lwin vornehm ghnte und sich
langweilte. Wir sahen einen ehrwrdigen Elephanten. Da waren langhalsige
Strue, Stachelschweine; kurz, es war wie in Noah's Arche und in
Aesop's Fabeln. Die Affen spielten die Bajaz- und Harlekinsrollen in
einem stinkenden Nachspiele. Sie bilden sich ein, da sie mit zur Lwen-
und Tigerfamilie gehren, weil vor ihnen auch ein Gitterwerk ist.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Versailles.]

Ich kam jngst nach =Versailles=. Von diesem prchtigen Schlosse war die
Vergoldung in der strengsten Bedeutung des Wortes verschwunden; aber
nun vergoldet man es wieder thunlichst. Ludwig XIV. hat absichtlich
eine Stelle zum Schlo und Garten gewhlt, fr die der Schpfer gar
nichts gethan, damit =er selbst= allein die Macht und Ehre davon
habe. Die Gegend war ein Morast; -- dieser ist nun in den festesten
Boden verwandelt. Es war kein Wasser dort; -- aber Ludwig verstand
es, durch knstliche Leitungen sich Wasser, ebenso wie Poesie, zu
verschaffen, und wo man geht, kann nun das Wasser aus mittelmig
geformten bronzenen Tritonen und Oreaden spritzen. Kein Unterofficier
kann die Soldaten zwingen, in geraderen Reihen zu stehen, als die
Grtnerscheere hier die Hecken gezwungen hat. Indessen bekommt das Ganze
durch seine Weitlufigkeit und Kostbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit,
etwas Imposantes und Angenehmes. Im Schlosse selbst sind schne Hallen,
die Plafond's sind kstlich gemalt und es hat etwas Feenhaftes, durch
alle die goldenen Sle mit hohen, gewlbten Kuppeln zu wandeln. Ludwig
XIV. war, wie die Krhe und Narci in seinen eigenen Namen und sein
eigenes Bild vergafft, =wohin= man das Auge richtet, in =welchen= Saal
man tritt, steht Ludwig XIV. im Harnisch mit der Allongenpercke. Ja,
in dem groen Saal steht er in jeder Wlbung unter der Kuppel. Diese
Gemlde enthalten die wichtigsten Momente seiner (d. h. seiner Generale)
Siege. Ich stand in dem langen Saale allein, und konnte es mir recht
vorstellen, wie es hier von Herren und Damen mit groen Rockschen,
breiten Reifenrcken, Percken und Toupee's gewimmelt haben mu. -- Hier
stand der groe Racine zitternd und bebend, als Ludwig an ihm vorber
ging, ohne ihn zu gren; ging nach Hause und starb; -- Gott sei seiner
Seele gndig!

In dem Theater war ich auch, aber hier lag noch Alles in grter
Unordnung. Alte Gemlde und Portraits waren hineingeschleppt, und wie
in einer Rumpelkammer bereinander geschichtet; und mitten zwischen
diesen stand ich. -- Es schien mir wie eine satyrische Scene, die
absichtlich von dem Schloverwalter veranstaltet sei. Ich wandte mich
deshalb zu ihm und sagte: Ja, es ist schrecklich, wie der Geschmack
zurckgegangen ist. -- Nein, mein Herr, sagte er, diese alten
Gemlde und Portraits gehren nicht hier her; wir haben sie nur _ad
interim_ hierher gesetzt. -- Lassen Sie sie nur stehen, antwortete
ich; es wird mit ihrem Theater doch nicht gut, bevor sie nicht diese
Helden auf die Bhne bringen. -- Durch das viele Umhergehen war ich
warm geworden, und nun sollten wir in die Orangerie. Dies ist ein langes
Gewlbe in dem untersten Seitengebude. Die Fenster waren geschlossen;
wir gingen durch einen langen finstern Keller, wo gerade soviel Licht
war, da ich die Orangenbume in viereckigen Holzkasten entdecken
konnte; sie hatten rundgeschnittene Kronen, welche freilich alle grn
waren. -- Es schwebte mir die Frage auf der Zunge: Was haben diese
Bume verbrochen? denn es schien mir, als ob ich durch die Bastille
oder die franzsische Academie ging, wo die Natur unter der Zuchtruthe
gehalten wird. Zugleich dachte ich aber daran, wie schn es im Sommer
aussehe, wenn sie drauen in der Luft stnden, und Frchte trgen. So
hatte ich sie im Jahre 1807-1808 gesehen. Nun vershnte ich mich mit der
Einrichtung, und dachte: das ist eine Art Winterschlaf; man mu diese
Orangen wie eine Truppe Schauspieler betrachten, die ihre Rollen in dem
Lustspiele durchlesen, das sie am Geburtstage der Sommerwrme auffhren
sollen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Versailles. -- St. Denis.]

Das war nun die Versailler Tour. Einige Tage darauf dachte ich: Du
hast keine der Majestten auf dem Lustschlosse gefunden, Du mut sie
einmal auf ihrer Winterwohnung aufsuchen, da sind sie gewi zu Hause.
-- Mit diesem Gedanken stieg ich in einen Wagen, und fuhr eines schnen
Tages nach =St. Denis= hinaus. Als ich nun an dem Kirchhofe von Paris
vorberfuhr, wo Alles auf Das hindeutete, was gewesen =war=, erhob sich
nach und nach der ehrwrdige Thurm von St. Denis, und erinnerte mich an
unser altes Roeskilde.

[Sidenote: Die Grber von St. Denis.]

Ich dachte nicht an die Geschichte der Begrbnisse und bildete mir ein,
da ich viele davon sehen wrde, wie in Roeskilde oder Westminster.
-- Mit diesem Gedanken trat ich in die alte gothische Kirchthr; aber
statt der =Grber der Todten= erblickte ich in dem groen hellgelben
Steingewlbe nichts als einen =lebenden Todtengrber=, der eine
Mtze aufhatte, weil es nicht gestattet war, einen Hut in der Kirche
aufzubehalten. Er ging auf und ab, und wartete wahrscheinlich auf einige
=Kunden=, d. h. =Lebende=, welche sich umherfhren lassen und ihm
Trinkgeld gehen wrden. Ich fragte ihn, ob ich die kniglichen Grber
sehen knnte; aber er schlug es mir mit vieler Wichtigkeit ab, und
sagte: da sich das nicht ohne besondere Erlaubni thun liee. Dies that
mir leid, und ich glaubte bereits, die Reise vergebens gemacht zu haben;
als er in demselben Augenblicke mein Herz durch den Zusatz erleichterte,
da auch nichts weiter zu sehen sei, als die Srge Ludwigs XIV. und
seiner Familie. -- Aber mein Gott, rief ich, wo sind denn alle
Merowinger, die Karolinger, die Valois, und die Bourbons geblieben? --
Es ist Nichts mehr an ihnen zu sehen, sagte der Todtengrber. --
Das kann ich mir wohl denken, entgegnete ich, aber ihrer Grber?
-- Existiren nicht mehr; denn in der Revolutionszeit wurden sie
vernichtet, und Robespierre lie alle ihre Gebeine herausnehmen und sie
auf dem Kirchhofe dort begraben. -- Hier ffnete er eine Seitenthr
zu einem kleinen, grnen Kirchhof. -- =Ich=: Liegen sie da noch?
=Der Todtengrber=: Nein, spter hat man sie wieder in die Kirche
gebracht. =Ich=: Das heit, =alle Gebeine zusammen=; denn es war wohl
nicht leicht, Chlodowigs Gebeine von denen Chilperichs, Merowings von
denen Dagoberts, und Chlodions von denen Pharamunnds zu trennen. =Der
Todtengrber=: Sie knnen sich denken, da das ein artiger Haufen war.
=Ich=: Und wenn man ihnen auch, wie den Abderiten einen Schlag ber
die Beine gegeben htte, so wrden sie doch vergessen haben, die Beine
an sich zu ziehen. Ja ich mchte wohl solch' eine =Schiebkarre voll
der Knigsasche mehrerer Jahrhunderte= sehen! Der Gedanke: von Erde
bist du, zu Erde sollst du werden, wrde bei einem solchen Anblicke
sehr einleuchtend werden. -- Nun erzhlte der Todtengrber mir mit
vieler Routine die Geschichte der Kirche. Der Chor ist in dem elften
Jahrhundert mit runden unverhltnimigen Sulen erbaut. Die Kirche
selbst hat Ludwig der Heilige errichtet und Thre und Eingang sind noch
aus der Zeit Karls des Groen. Vom Anfange des neunten Jahrhunderts?
Unter dem Chor war die alte Kirche, eine niedrige Kapelle, von Dagobert
im siebenten Jahrhunderte gebaut. Nun fhrte der Todtengrber mich in
eine Kapelle hinab, welche mehrere Jahrhunderte hindurch von Gerlle und
Steinen verschttet lag, bis man sie endlich wiederfand. Eine Kirche
aus dem siebenten Jahrhundert ist nichts Geringes. -- Es ist angenehm,
in das dunkle Mittelalter einzudringen; aber hier begegnet uns die
sonderbare Erscheinung: je tiefer man ins Mittelalter hineinkommt,
destomehr nhert man sich wieder der hellern, modernern Rmerzeit; und
dadurch wird der mysterise Eindruck geschwcht. Dagobert's kleine
Kirche glich mehr dem verdorbenen Geschmack der antiken Baukunst,
als der ersten selbsterfundenen romantischen; und als antik ist sie
wieder sehr =jung=. Indessen hat man nicht viele Denkmler aus dem
siebenten Jahrhunderte auerhalb Italien und Griechenland, und es war
mir interessant, in dieser kleinen niedrigen Kapelle umherzugehen, auf
der nun die groe Kirche stand, und die _le bon roi Dagobert_ hatte
bauen lassen. Einige alte Leichensteine aus dem elften und zwlften
Jahrhundert lagen umher. Sie sahen lter aus und stellten ein paar
Knige vor: Childerichs oder Chilperichs. Es kam mir vor, als ob diese
steifen, weien Steinbilder Leichen wren, und sie glichen den alten
Knigen. Ein paar gezeichnete Figuren waren auch aus dem siebenten
Jahrhunderte da, und zeugten gleichfalls von dem vorbyzantinischen
Geschmacke. Spter sah ich ein Versammlungszimmer der Geistlichkeit der
Kirche, das schn und mit den besten Bildern der neuesten franzsischen
Maler geschmckt ist.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die stille Woche in Paris.]

Die =stille Woche= in Paris entspricht ungefhr der =Thiergartenzeit=
bei uns. Freilich wird die ganze Woche hindurch auf den vier groen
Theatern nicht gespielt; und auf den kleinern nicht am Grndonnerstage
und dem Charfreitage; aber dafr hat denn auch Lucifer auf andere Weise
fr das Vergngen gesorgt. -- In alten Tagen befand sich auerhalb der
Stadt eine Kapelle der =heiligen Jungfrau=. Zu dieser Kapelle gingen
die Vornehmsten der Stadt, Knige und Kniginnen nicht ausgenommen, in
Procession, beteten dort fromm und gingen dann wieder zurck. Spter
meinte man, der Weg sei doch zum =Gehen= zu lang; man meinte, man knne
ebenso gut zur heiligen Jungfrau beten, wenn man hinaus =fahre=. Endlich
verfeinerte man die Idee so weit, da man meinte, =man knnte wohl auch
hinausfahren, ohne zu beten=. Und dabei blieb es. Am Aschermittwoch,
Grnendonnerstag und Charfreitag fhrt also Alles hinaus, was Pferde
und Wagen hat, oder miethen kann. Der Zug fngt am Boulevard an, geht
ber den Platz Ludwigs XV., durch die elyseischen Felder, zur Barrire
hinaus, nach dem Bois de Boulogne, wo Viele aussteigen und wieder
zurckgehen. Alle die prchtigen Equipagen, Schritt vor Schritt fahrend
mit schn geschmckten Damen, die dort zur Schau sitzen! Man kann nicht
leugnen, da das Ganze ein elegantes und lebendiges Bild giebt. Nur Eins
ist verkehrt, da es in der stillen Woche geschieht! und Charfreitag
ist der brillanteste und lustigste Tag. In diesen Tagen wetteifern die
Damen in der Erfindung schner Toiletten. Knstler, Maler und Schneider
sind als Richter zugegen und nun wird gewhlt; was man am Schnsten
findet, das wird dann die neue Mode, die sich in kurzer Zeit ber
ganz Europa ausbreitet. Was besonders dazu beitrgt, es unterhaltend
zu machen, ist die auerordentlich lcherliche Verschiedenartigkeit,
welche dort herrscht. Ein Jeder kann natrlich fahren. Nun kommt bald
ein prchtig lackirter Wagen mit geschminkten Damen mit Spitzenhten
und Sonnenschirmen, hinterdrein knarrt ein elender Miethwagen, mit
Heubndeln statt der Sitze, voller Poissarden mit Hubchen oder
Mtzchen; darauf segelt ein englischer Wagen mit einem Kutscher vorber,
dessen spitziger Hut, in Form eines gleichschenkeligen Triangels ihm mit
der Krempe gerade ber der Nasenspitze sitzt. Dann kommt die Herzogin
von Berry mit einer Suite ihrer Garden. Darauf Demoiselle Bourgoin,
die Schauspielerin im _Thtre franais_, verschleiert, aus Devotion
damit ja Niemand merke wie alt sie wird. -- Man mu gestehen, die
franzsischen Damen kleiden sich mit vielem Geschmack. Sie gehen in
prchtiger Toilette auf ihren kleinen, grazisen Fen mit filirten oder
brodirten Seidenstrmpfen, und sie gleichen hierin durchaus nicht dem
Pfau, bei dem die Fe die schwchste Seite sind. Eine groe Menge von
Gensd'armen ist da, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So bringt man
hier die stille Woche zu.

Aber es ist auch Gottesdienst da. Ich ging Abends auch in die Kirche
St. Roche, und da war es voll. Aber ich fand keine sonderliche Andacht.
Ein Prediger heulte auf der Kanzel, schrie, schlug um sich und war
sehr aufgebracht. Er sprach nicht wie ein Vater oder Freund zu seinen
Kindern und Schlern; sondern wie ein Gefangnenwrter, der Schelme
oder Verbrecher ausschilt. Wir wren gern Alle zusammen wieder drauen
gewesen; aber die Thren waren whrend der Predigt geschlossen, soda
man bleiben mute. Es nahm gar kein Ende, und ich war nahe daran, ihn
von der Kanzel in die Hlle hinab zu wnschen. Endlich kamen wir hinaus.
-- Da hast Du ein Bild von einem pariser Charfreitag.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: _Potage  la turc._]

In meinen Briefen gehe ich zuweilen den Krebsgang. So will ich nun
erzhlen, wie ich am Grndonnerstage beinahe gefastet htte, und zwar
aus lauter Heidenthum. Ich war nmlich im _Long-champ_ -- so wird
der vorher erwhnte Zug genannt -- so lange, da ich nicht mehr zu
=Very= ins Palais royal kommen konnte. -- Bertouch it in einem Htel
zu Mittag, wo eine geschlossene Gesellschaft ist, und da bin ich
zuweilen auch; aber da es mich mehr amsirte, umherzugehen, ihn aber
Bekanntschaften fortzusetzen, so bleibt er noch dort und ging auch mit
einigen Freunden vom Hause spazieren. -- Da die Uhr ber Fnf Uhr war,
ging ich in eine Restauration am Boulevard zu Monsieur le Riche. Bei den
Reichen pflegt man gut zu diniren, und ich kann auch im Ganzen nicht
klagen. Aber man hre! Das Erste, auf das meine Augen auf der groen
Speisekarte fielen, war _potage  la turc_. -- _Potage  la turc_? das
klang mir so krftig. Ich verlange also potage  la turc. Der Garon
sagt: _bien, Monsieur_! -- Es kommen andere Gste, welche _potage 
la julienne, aux choux, aux ris, aux vermicelles_ etc. verlangen. --
Sie bekamen Alle ihre Suppen frher als ich die meinige. Endlich kommt
der Diener mit einem silbernen Teller, auf dem eine in einer Obertasse
befindliche Portion gekochten gelben Reies ganz trocken wie ein harter
Kuchen steht. Ich dachte: das kommt wohl in die Suppe. Ich warte. Nichts
mehr! Endlich werde ich ungeduldig und rufe: _Eh bien? le potage?_ --
Garon: _Le voil, Monsieur!_ Ich: _Comment, c'est du potage a?_
Garon: _Oui, Monsieur!_ --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Museum.]

Vor der Thre zum Museum steht ein Schweizer, und ich hatte im Anfange
immer Mhe, an ihm vorberzukommen. Bald war es nicht geffnet, bald
sollte man seinen Pa vorzeigen. Einmal, als ich den Pa bei mir hatte,
sagte er: _Monsieur le chevalier, ce n'est pas ncessaire, mais la
galrie n'est pas ouverte aujourd'hui_. -- Ein anderes Mal, wo ich
den Pa in der Hand hielt, wollte er ihn lesen, und ich trat endlich
ungehindert in die Wunderwerke der Kunst ein, ohne da Cerberus mich
ferner daran gehindert htte.

Die Galerie hat viele ihrer Krhenfedern verloren. Das Geschwtz: da
es schade sei, da sich nicht Alles mehr auf einer Stelle finde, und
da dies die Mglichkeit zu studiren, sowohl fr Knstler, als fr
Kunstverstndige erschwere, hat mich oft verdrossen. Als ob Kunstwerke
nur fr die Knstler da wren! Im Gegentheil: die Knstler sind fr
die Kunstwerke da. Wenn man Alles nur in Bezug auf das Bedrfni der
Knstler einrichten will, so kommt mir das so vor, als ob man die Speise
in der Kche stehen liee, wenn der Koch sie fertig gemacht, damit die
Kchenjungen am nchsten Tage daraus lernen, eine hnliche Speise zu
bereiten.

Die Werke sollen gerade in die Welt hinausgebracht und =vertheilt=
werden, damit Alle Etwas haben knnen. Jede irgend wichtige Stadt hatte
frher ein einigermaen bedeutendes Kabinet, so ist es jetzt wieder.
Hier war Alles zu einem Haufen zusammengefegt. Erstens war es ein
gemeiner Raub; aber es war auch ohne Nutzen: es machte die frheren
Kunstsammlungen leer, und die auerordentliche Menge auf einem Punkte
stumpfte den Sinn ab und zerstreute, soda man auch hier die Kunstwerke
nicht recht geno. Das Seltenste erschien alltglich, wenn man an der
Masse vorberging.

Whrend frher ein Altarbild die Kirche feierlich und schn machte, und
oft gerade in Bezug und berechnet auf den Ort gemalt war, hingen sie nun
oft in einem Winkel hoch oben im Schatten, wie in einer Rumpelkammer.
Eine Statue, welche dazu bestimmt war, frei zu stehen, soda man rund
um sie umhergehen, und sie von allen Seiten betrachten konnte, mute
sich hier oft damit begngen, an einer Wand und in unvortheilhafter
Beleuchtung zu stehen. Wehalb soll man auch so Vieles sehen? Es
verbreitet den Geschmack fr das Schne weit mehr, wenn Alle Etwas,
als wenn Einige Alles sehen. Und was kommt berhaupt bei diesem ewigen
Besehen und Copiren heraus? Davon haben wir traurige Beweise!

Ich kann es nie lange aushalten, Gemlde und Statuen zu sehen; aber
ich sehe sie gern jeden Tag wieder. Ich habe mich oft ber Menschen
gewundert, die mit ununterbrochener Aufmerksamkeit dergleichen mehrere
Stunden lang hinter einander betrachteten. Im Anfange glaubte ich, es
sei Mangel an Sinn fr das Schne, der mich mde werden lie; aber
spter, als ich oft Aehnliches bei Leuten gesehen habe, die gerade
ihres Schnheitsgefhls wegen geachtet waren, trstete ich mich. So
viele Gemlde und Statuen auf einmal zu sehen, kommt mir vor, als wenn
man viele Gedichte auf einmal liest. Der eine Eindruck verdrngt den
andern. Es ist als ob man in einen Rarittenkasten, oder in eine Laterna
magica blickt. Das Gefhl wird gezwungen, uns treulos zu werden. Die
Phantasie mu ihr Bild fahren lassen, gerade in dem Augenblicke, wo sie
es genieen wollte; vor lauter Lust, Alles zu sehen, sieht man zuletzt
gar Nichts und verlt die Sammlung mit leerem Herzen. -- Meine Seele
wird von solchem Anblicke =befruchtet=, und wenn der Geist Gedanken und
Bilder in sich aufgenommen hat, sucht er die Einsamkeit, um selbst zu
schaffen.

                    *       *       *       *       *

Bertouch, der kein groes Vergngen daran findet, Kunstwerke zu
sehen, war jngst mit mir in der Galerie; als er ganz gleichgltig
vor Raphael's heiligem Georg stand, wollte ich doch versuchen ihm zu
imponiren und sagte: Wissen Sie wohl, da dieses Bild vielleicht ebenso
viel, als ihre Baronie gekostet hat? -- Mglich, antwortete er
gleichgltig, die Liebhabereien sind verschieden. Ich lachte und
gab ihm vollkommen Recht.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Ballet. -- Galeotti.]

Das Ballet nhert sich hier bei Weitem nicht so sehr der eigentlichen
Mimik, wie die Composition unsers =Galeotti=, ist aber viel mehr mit
Tanz verbunden. Galeotti war eigentlich ein =Dichter=. Die Compositionen
seiner Fabeln, die, wenn auch anderen Stcken entnommen, doch ganz
umgearbeitet waren, knnen als =Entwrfe= zu guten Schauspielen dienen.
Jede Kunst hat ihre =Eigenthmlichkeit=, in der sie vollkommen werden
mu; sie kann sich unmglich =ber sich selbst= erheben, unmglich
ihre Vorzge von einer =andern= Kunst entlehnen. In den Ausdrcken
der Leidenschaft, in der Entwickelung der Charactere kann das Ballet
sich nicht mit einem guten Schauspiele messen; denn das Wichtigste,
das =Wort= fehlt. Das Ballet ist die Kunst der uern Bewegung.
Seine Hauptaufgabe ist, den Menschen in allen schnen Formen der
Bewegung darzustellen. Hier kommen also Tanz, Gruppen, anmuthige
Verwickelungen, die sich in Harmonie auflsen u. s. w. in Betracht[2].
So wie das Singspiel die =Stimme= des Menschen, als Ausdruck fr seine
Gefhle und Leidenschaften behandelt, so behandelt das Ballet seine
Krperbewegungen. Die Pantomime stellt eine Handlung in so weiter
Entfernung gesehen dar, da man nicht mehr die Worte vernehmen, sondern
sie sich nur durch die Bewegungen versinnlichen kann. Da es nun blo
sehr wenige Stimmungen giebt, welche diese uere Bewegung gestatten,
wenn sie nicht der Deutlichkeit wegen =unschn bertrieben= werden
sollen, so sehen wir ein, da der Kreis der Pantomime sehr beschrnkt
ist. Einzelne Gedanken kann sie nur selten ganz deutlich ausdrcken.
Unser Galeotti handelte deshalb sehr klug, indem er Stoffe whlte,
die bereits durch die =Poesie= bekannt waren, soda die Erinnerung an
die Worte des Gedichts den mimischen Vortrag untersttzen konnten.
Will die Pantomime dagegen auf ihren eigenen Fen stehen und tanzen,
so mu sie sich in ihrer Sphre halten. In dem Tragischen sind nur
einzelne pathetische und erotische Gegenstnde fr dieselbe geeignet;
dagegen ist der Tanz ein Ausdruck jugendlichen Lebens und jugendlicher
Munterkeit, und wir sehen also deutlich, da jugendlicher Scherz in
anmuthigen Bewegungen ihre Hauptsache ist. Das fhlen die Franzosen
als geborene Tnzer und suchen, indem sie keinen groen Werth auf die
Balletcomposition legen, den Zweck durch die richtigste Wahl des Stoffes
und durch die vollkommenste Darstellung zu erreichen.

  [2] Als ein Meister dieser Kunst zeigte sich viele Jahre spter unser
      =Bournonville=.

[Sidenote: Das Ballet.]

Ich habe zwei Ballete dieser Art hier ganz vortrefflich gesehen:
=Zephyr und Flora= und =der Carneval in Venedig=. Wenn Zephyr
berhaupt menschlich verkrpert werden knnte, so wre es hier durch
die anmuthigsten Bewegungen und Wendungen geschehen. Die blhende
Flora tanzte in holder Grazie mit ihrem Geliebten: es war wie die
Frhlingsluft in einer Rose. Der Carneval ist ein amsanter Wirrwarr
der verschiedenartigsten Masken: italienische Phantasie und Munterkeit,
verbunden mit franzsischer Leichtigkeit und Grazie. Alles untersttzte
diese Vorstellungen: Costme und Decorationen waren vollkommen schn;
das Wasser rieselte, die Bte segelten dahin, die Bume warfen ihren
Schatten, die Blumen schmckten Alles, wie in der schnen Natur.

Welche Menge schner, junger Menschen beider Geschlechter! Einer
verdrngt den Andern. Alles geschieht ohne Prtension, und das
Schwierigste mit einer so nachlssigen Leichtigkeit, da man glauben
sollte, man knne es selbst machen. So mu alle Kunst sein: wo man die
Schwierigkeit bemerkt, da ist Anstrengung; Anstrengung setzt Mhe, ja
wohl selbst Schmerz voraus, und die Folge davon ist, da man mit dem
Leidenden Mitleid oder gegen den Schwachen Verachtung empfindet, anstatt
sich mit ber das Blhende zu freuen und den Starken zu bewundern.

Man frage mich nicht nach den Namen dieser Phantome! Worte scheinen
mir nichts mit ihnen zu thun zu haben, und ein Name ist ein Wort. Ich
betrachte sie wie die Blumen im Winde: die Linn'schen Bezeichnungen
sind fr mich von geringer Bedeutung. Es erfreut mich stets, sie
gleichsam jedesmal aufs Neue zu entdecken. Aber wenn man durchaus einen
Namen haben will, so diene zur Nachricht, da Mademoiselle Bigottini
eine der vorzglichsten Tnzerinnen ist.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Haupttheater von Paris.]

Ich gehe gern ins _Thtre des Varits_ und sehe Brunet und Potier.
_Le ci-devant jeune homme_ dieses Letzteren ist meisterhaft. Brunet's
_Jocrisse_ ist eine Stereotypausgabe komischer Dummheit.

Im _Thtre de la Gait_ bin ich nur einmal gewesen. Vor zehn Jahren,
als ich das letzte Mal hier war, spielten sie ein Stck: _Le pied de
mouton_, einhundertundsiebenzigmal hinter einander. Whrend ich fort
war, hat es geruht. Nun hat man es wieder hervorgeholt.

In diesem Theater, das brigens hbsch gebaut ist, trinkt man im
Parterre Bier. Es ging auch ein Verkufer umher, der die wunderbarste
Fertigkeit besitzt, seine Waare Demjenigen zuzuwerfen, der sie verlangt.
Ich war eines Abends da, als das Haus berfllt war; er stand auf einer
Bank mitten im Parterre und rief seine Waaren aus. Wenn nun Einer oben
auf der dritten Galerie Etwas verlangte, so warf er es hinauf, so da
Dieser es fangen konnte. Auf diese Weise that er es nach allen Seiten
hin, ohne da es ihm ein einziges Mal miglckte. Spter ging er die
Treppe hinauf, ffnete die Logenthren und cassirte sein Geld ein.

Zur _Ambigu comique_ und im _Thtre porte St. Martin_ spielt man
nichts Anderes, als zusammengewrfelte Melodramen. Und mit diesen
Pfuscherarbeiten vergleicht man hier die Meisterwerke fremder Nationen.
Deshalb nennt man Shakespeare's und Schiller's Tragdien nur Melodramen.
Das kommt mir so vor, als wollte man ein schnes Mdchen einen Hund
nennen, weil sie Beide ein Halsband tragen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Examen auf den Boulevards.]

Auf den Boulevards sind eine Menge kleiner Buden und Zelte, in denen
alle Tage, wie bei uns whrend der Thiergartenzeit, gespielt wird.
Zuweilen giebt es vor dem Altane ein Vorspiel, um die Zuschauer
anzulocken. Jngst als ich an einer dieser Buden vorberging, hrte ich
folgendes Bruchstck eines Intermezzo fr den Pbel: Ein junger Mensch
mit rother Zopfpercke und rothem Rocke examinirt einen nrrischen
Greis in der Geschichte folgendermaen: =Er=: _Monsieur, pouvez vous me
dfinir l'histoire? Qu'est ce que c'est que l'histoire?_ =Der Greis=:
_Permettez moi premirement de vous dfinir une =poire=_. =Der junge
Lehrer=: _Bien!_ =Der Greis=: _Une poire est un fruit allong avec une
peau et une tige_. =Der Junge mit Zufriedenheit=: _Bien! C'est une
poire! Et l'histoire?_ =Der Greis=: _C'est un -- l'histoire franaise?_
=Der Junge=: _Oui! Qu'est ce que c'est que a: l'histoire franaise?_
=Der Greis=: _C'est un rcit de tous les vnements passs, du temps
de Pharamond, jusqu' nos jours._ =Der Junge=: _=Bien!= Ah c'est bien
rpondu._ -- Hier wurde die Darstellung zu meinem groen Verdru
unterbrochen; das wahre Bild eines =Examens=.

                    *       *       *       *       *

Ich war letzthin in der =Tapetenweberei=, wo man Bilder in Teppiche
webt. Blumen eignen sich am meisten durch ihre gefleckten stark
getrennten Farben fr diese Kunst. Es ist amsant, die Leute arbeiten
zu sehen. Sie sitzen unsichtbar hinter Rahmen oder Harfen, in denen die
Kette die Saiten bildet, und den Einschlag weben sie ganz mechanisch
nach kleinen abgemessenen Quadraten in die Kette, und bringen so die
Bilder hervor. Steht man nun eine Zeitlang und sieht diesen fleiigen,
klugen Arbeitern zu, so sieht man allmlig hier ein grnes Blatt, dort
eine kleine rothe Knospe entstehen. Uebrigens geht die Arbeit sehr
langsam trotz allen Fleies und ist also auerordentlich kostbar.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Treiben im Palais royal.]

Die arbeitende Klasse in Paris ist schnell, tchtig in ihrem Fach,
mig und unternehmend. Es ist hbsch, einen Graveur oder Uhrmacher
im Palais royal in seinem kleinen Glaskasten zu sehen; denn so kann
man seine Werkstatt nennen, in der der grte Theil der Wnde Fenster
sind. Fleiig sitzt er da, sieht durch seine Vergrerungsglser, und
arbeitet, whrend die mige Menge vor seinem Fenster vorbergeht.
Er sieht selten hinaus, sondern blickt auf seine Arbeit, gebraucht
Meiel, Feile und Zange, und ist gewohnt, den Menschenstrom drauen wie
einen andern Flu zu betrachten, der ihn nur durch seine Beweglichkeit
interessirt, und weil er ihm ab und zu den Goldstaub zufhrt, den er zur
Unterhaltung fr sich und seine Familie gebraucht.

Ueber den Werksttten dieser fleiigen Arbeiter ist das =Spielhaus=, wo
die ungeheuersten Summen ebenso rasch durch Leichtsinn vergeudet, wie
unten die kleinen Summen langsam durch Flei verdient werden. Man hrt
jeden zweiten Tag von jungen Leuten, die sich ertrnkt, aufgeknpft und
erschossen haben. Vor einiger Zeit sa Bertouch des Abends in einem
Kaffee des Palais royal und hrte einen Schu drauen im Dunkeln in
einem kleinen Garten. Es war ein junger Englnder, der sich eine Kugel
durch den Kopf geschossen hatte. Er war vor ein paar Tagen nach Paris
mit 20,000 Fr. gekommen; diese hatte er in zwei Tagen verloren, und noch
40,000 Fr. auf sein Ehrenwort verspielt.

[Sidenote: Die gesprengte Bank.]

Man hat brigens im vorigen Jahre die Bank, in der strengsten Bedeutung
des Wortes, =gesprengt=. Das heit nmlich mit Pulver. Einige
Glcksritter wuten eine kleine Dose unter den Tisch gerade unter die
Geldhaufen zu praktiziren, und Feuer so anzulegen, da es nicht gleich
zndete. Whrend des Spieles springt nun die Dose in die Luft. Das
Zimmer wird voller Rauch. Die Spieler, welche sonst nicht frchteten,
von dem ungeheuren Glcksrade zermalmt zu werden, springen entsetzt
von ihren Sitzen auf, weil ihnen hier der Untergang auf eine andere
ungewhnliche Weise droht. In diesem Augenblick springen die Spitzbuben
herbei, raffen das Geld zusammen und schleichen sich in der allgemeinen
Verwirrung davon. -- Jetzt ist es verboten, mit dem Hute herein zu
kommen. Er mu im Vorzimmer gegen eine Marke zurckgelassen werden.

                    *       *       *       *       *

Unser Diener Christian hat einige Anflle vom kalten Fieber gehabt, er
ist aber wieder dadurch genesen, da er wie toll durch die Boulevards
rannte. Es war gut, da er nicht als verdchtig aufgegriffen wurde; denn
da er weiter nichts Franzsisches sprechen kann, als: _Donnez moi um
=sangdael= (chandelle)!_ _etc._; so wre er nicht im Stande gewesen,
Rechenschaft zu geben, wenn man ihn ergriffen htte. Wir bergaben ihm
die ersten Tage einem Doctor, der ihn einen halben Eimer lauwarmes
Wasser mit Citronen trinken lie; aber als er mich spter flehentlich
bat, es nicht mehr trinken zu mssen, erlaubte ich es ihm unter der
Bedingung, da er in zwei Tagen gesund sein msse. Darauf gab er mir
sein Ehrenwort und hat es auch wie ein ehrlicher Kerl gehalten. Das
Fieber verlie ihn, und er starb doch nicht. Uebrigens wird er von
den Leuten hier im Hause wie ein Taubstummer behandelt, da er nichts
verstehen und nichts reden kann. Aber er versteht sich prchtig auf
Pantomimen, und hier kommt das angeborene theatralische Talent den
Leuten im Hause zu Statten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Hund kein Dichter.]

Man zeigt einen Hund, der schwierige Kopfrechnungen machen und auf diese
Weise den Leuten sagen kann, an welche Karte sie gedacht haben. Er
erweckt die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt durch sein mathematisches
Talent. Ich fragte, ob er auch Verse machen knne, und als man: Nein
antwortete, freute es mich, da den Poeten auf diese Weise eine
unschuldige Rache ber die Mathematiker wurde, die immer so sehr mit
ihrem menschlichen Verstand prahlen, und die Phantasie zu den =niedrigen
Seelenkrften= rechnen, die wir mit Thieren theilen. Sehen Sie wohl,
meine Herren! Verse konnte der Hund doch nicht machen. Aber er konnte
ebenso wenig rechnen! -- Das sage ich auch nicht; ich erzhle nur,
da ganz Paris es =glaubt=. Dagegen hat Paris nie geglaubt, da ein
vierbeiniger Hund Verse machen knne.

                    *       *       *       *       *

Ich gehe oft an den Quais der Seine entlang. Letzthin ging ich ber
_Pont neuf_, wo Ravaillac den gefhlvollen, verliebten Ritter, den
tapfern Helden und vterlichen Knig Heinrich IV. ermordete, der, ohne
auerordentliche Geistesgaben und Thaten sich durch seine persnliche
Liebenswrdigkeit und sein gutes Herz unsterblich gemacht hat. Ich hre
nie das Volkslied: _O peut-on tre mieux, qu'au sein de sa famille_,
ohne an ihn zu denken, und mir sein brtiges lchelndes Antlitz in
Rubens' Bild vorzustellen. Auf meiner Wanderung kam ich auch am _Caf de
Voltaire_ vorber. Ich hatte die Absicht hineinzugehen, besann mich aber
gleich, indem ich zu mir selbst sagte: Du triffst ihn doch nicht. Aber
ich htte viel darum gegeben, wenn er gelebt, und drinnen seinen Witz
zwischen seinen Bewunderern bei dem lieben Kaffee htte spielen lassen,
diesem =langsamen Gifte=, bei dem er ber achtzig Jahre gelebt.

Ich kann mich nie den kleinen Inseln mit _la Cit_ in der Seine nhern,
ohne an meine Vorvter die Normannen zu denken, welche den Flu herauf
mit ihren kleinen Schiffen kamen, die Stadt belagerten, einnahmen und
anzndeten. Der Flu und die Inseln sind jetzt fast noch so wie damals,
die Stadt selbst -- welch ein Unterschied! und doch ist es nicht lange
her, da eine viel abscheulichere Barbarei hier unter den seinen,
polirten Parisern raste, als unter den barbarischen Normannen. Die
Normannen haben niemals wie die Katholiken gegen die Hugenotten, wie
die Jakobiner gegen alle ehrlichen Leute gerast. Man folge mir nun noch
ein paar Schritt auf den Greveplatz! -- Nun stehe ich auf der Stelle,
wo das Blut Tausender geflossen ist, wo man tglich Fenster wie Logen
zu dem blutigsten Schauspiele miethete. -- Aber ich merke Nichts davon,
die Erde, auf der ich stehe, war einmal so vom Blut gesttigt, da sie
die rothen Strme nicht mehr einsaugen wollte, und man war genthigt,
die Richtsttte nach dem Platze Ludwig's XV. hin zu verlegen. Nun aber
sitzen die Poissarden hier ganz ruhig und verkaufen Gemse. Zuweilen
stehe ich still und hre sie zanken und dann glaube ich in ihren
Schmhworten und wilden Blicken den Funken der Flamme zu sehen, die so
frchterlich ausbrach.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abschied von Paris.]

Ich verlasse Paris nicht ohne Wehmuth. Ich liebe diesen Mittelpunkt
europischen Lebens und Wirkens. Ich habe nun bereits 21 Monate meines
Lebens in dieser Stadt zugebracht. Das erste Mal 18, jetzt 3. Ich
habe hier meine Tragdien Palnatoke und Axel und Valborg geschrieben;
habe Hroar's Sage ausgearbeitet und Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke
und mehrere Gedichte ins Deutsche bersetzt. In keiner Stadt, nchst
Kopenhagen bin ich so lange gewesen und habe so viel gewirkt; ist es
da nicht natrlich, da die Erinnerung mir lieb sein mu, wenn ich
dies zu den eigenen, groen Vorzgen der Stadt hinzurechne? -- Es
haben sich hier Einige ber diese Vorliebe gewundert und gesagt, es
sei unconsequent von mir, da ich die Franzosen nicht liebe. Aber sie
thaten mir Unrecht. Ich liebe nicht die franzsische Tragdie, den
franzsischen Hochmuth und die Unwissenheit ber Alles, was nicht
Franzsisch ist. Aber die franzsische Nation finde ich im Ganzen
genommen liebenswrdig und angenehm, mit mancherlei Eigenschaften, die
den anderen Nationen fehlen. Und sollte ich mir auerhalb Kopenhagen
einen Aufenthalt nach meinem Sinne whlen, so wre es Paris; denn hier
findet man Alles, und Jeder kann leben wie er will. Ich habe eigentlich
keine persnlichen Bekanntschaften gemacht; aber oft mit vernnftigen,
gebildeten, freundlichen Franzosen an ffentlichen Orten gesprochen.
Ich sympathisire mit ihrer raschen, kurzen, witzigen Art, die Dinge
zu betrachten. Die Franzosen sind Lebensphilosophen, sind krftige,
thtige Menschen. Auch das Elegante und doch Oekonomische in Allem, was
die Bedrfnisse des Lebens betrifft, mag ich gern. Man trifft in Paris
viele Fremde aller Nationen. Gute Schauspiele, die die angenehmste
Erholung meines Lebens, nchst Verwandten und Freunden ausmachen, finden
sich hier ganz besonders. Und deshalb schaue ich fortreisend mit einem
schwermthigen Blick auf das Gewimmel der Boulevards, indem ich zum
letzten Mal an ihnen vorber fahre. Das Auge haftet an der _porte St.
Martin_, so lange es vermag; ich denke: siehst Du nun Paris nie mehr?
und trste mich mit dem alten Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Reisegesellschaft.]

Am 21. April reisten wir von Paris. Ein franzsischer Oberst in mittlern
Jahren, der einer Wunde wegen, die er im Krieg bekommen hatte, hinkte,
war ein angenehmer Gesellschafter. Er hatte sich nun zur Ruhe gesetzt,
lebte friedlich mit Frau und Kindern in der Nhe von Verdun, und
unterhielt sich damit, wie er sagte, der Schulmeister seiner Kleinen zu
sein. Er zeigte mir alle die Stellen auf den Wegen, wo die Preuen im
Jahre 1792 zurckgeschlagen waren, aber ohne Ha und Prahlerei. Er war
lustig und jovial, ein brauner, hbscher, vierschrtiger Mann. Whrend
wir im besten, ernsten Gesprch dasaen, holte er einen Brummtriesel
aus der Tasche hervor, und als eine Madame im Wagen (_femme savante_)
ihn fragte, was es sei, machte er eine Bewegung, um zu zeigen, wie das
Spielzeug gehe und zischelte mit dem Munde, wie es klingt, wenn der
Brummtriesel auf der Erde singt. Er hatte alle Feldzge mitgemacht und
erzhlte unparteiisch. Mitten in den blutigen Berichten wenn der Wagen
schwankte und der gelehrten Frau bange wurde, streckte er die Hnde, so
wie im grten Schreck weit aus, und wenn sie ihm den Rcken zukehrte,
machte er Grimmassen, wie ein Schuljunge in seiner Ausgelassenheit.
Bertouch hatte seine Uhr in Verdun vergessen, und trstete sich nun,
indem er Zuckerwerk aus einer groen Tte a, die er sich daselbst
gekauft hatte. Der altes Oberst versprach, der Uhr wegen zu schreiben,
und hoffte, da er sie ihm wieder schaffen wrde, konnte es aber nicht
unterlassen, mit ihm zu scherzen und zu sagen: Da sitzt er wahrhaftig
wie ein kleines Kind und nascht, um sich ber den Verlust der Uhr zu
trsten. Bertouch uerte mir auf Dnisch sein Mibehagen ber diese
Anrede, ich rieth ihm aber davon ab, einen von Napoleons Helden, der
sich erbot, ihm eine kostbare Uhr wieder zu schaffen, eines gutmthigen
Scherzes wegen herauszufordern. Der Oberst schrieb nach der Uhr, und wir
bekamen sie auch ganz richtig wieder. Ein anderer jngerer Franzose, der
in Polen, Deutschland und Spanien gewesen war, war sehr zuvorkommend
und bescheiden, und als ich bei Tisch mit einem Stockfranzosen ber
franzsische Zustnde disputirte, nahm Jener meine Partei und sagte:
_Il faut dire la vrit: nous sommes peu de chose  prsent!_ -- Ein
ganz junger Mensch von sechzehn Jahren stieg in St. Menehould in den
Wagen, ein hbscher, groer Junge. Er hatte vor Kurzem ein kleines
Amt oder dergleichen bekommen; denn er spielte mit einem Papiere in
der Hand, und als wir ihn fragten, was es sei, sagte er: es sei ein
Posten, den er erhalten habe. Das war die erste Reise in seinem Leben.
Seine Geliebte begleitete ihn an den Wagen. Es wurde ein rhrender
Abschied, obgleich nur auf zwei Tage genommen. Im Wagen erzhlte er
uns umstndlich von seinem Vater, seiner Mutter, seiner Tante, seiner
Schwester, seiner Cousine (seiner Geliebten). -- So fuhren wir bald
rasch, bald langsam. In der ersten Nacht kamen wir nicht ins Bett, das
war eine harte Nu. Am nchsten Abend waren wir in Chalons, an dem
darauf folgenden in Metz.

[Sidenote: Ankunft in Metz.]

Die Gegend um Metz ist sehr schn. Eine Meile vor Metz liegt ein kleines
Dorf, von Fruchtbumen und Weinbergen eingeschlossen, ein wahres
Paradies.

Es war ein frchterlicher Wind; aber wir saen geborgen. In der Nhe
von Metz lag ein Pferd auf dem Wege. Es ist todt, sagte Bertouch. --
Ist es todt? rief der junge Franzose, das glaube ich nicht. Bertouch
versicherte es, und sagte: da viele Bauern darum stnden. Weinten oder
lachten sie? fragte der Franzose. Er wollte daraus nmlich einen Schlu
ziehen, ob Hoffnung sei, oder nicht.

In Metz fanden wir unsern Wagen, morgen reisen wir ber Straburg nach
Tbingen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das Miverstndni. Saverne.]

[Sidenote: Der Straburger Mnster. -- Cotta.]

Von Metz bis Straburg sind 20 Meilen, wir beschlossen, 10 Meilen
tglich zu fahren. In Bourdonnaye trafen wir ein Haus mit einem Wirth
darin, aber es war kein Wirthshaus. Fnf, sechs Leute standen vor der
Thr und sahen zu, wie Christian den Wagen abpackte; Bertouch und ich
hielten Wache. Wir bekamen eine finstere Kammer mit einer zerbrochenen
Fensterscheibe. Der Wein schumte wie Bier. Als ein altes Frauenzimmer
Spiegeleier auf den Tisch setzte, glaubte ich, Brigitte in der
Ruberburg leibhaftig zu sehen. Am nchsten Morgen strmte und schneite
es, als wir abfuhren. Endlich hrte das Schneegestber auf, und durch
die Wolken blickte der blaue Himmel. Wir kamen in ein Dorf und sahen
schne, groe, grn bewachsene Felsen mit mchtigen Burgruinen. Ich
rief Christian, der auf dem Bocke sa, zu, er solle den Schwager fragen,
was das fr eine Ruine sei; Christian antwortete da es zu =einem=
Grabe gehre, woraus ich dann den richtigen Schlu machte, da ihm
gesagt worden sei, es habe einem Grafen gehrt. Die zwei hohen Berge
lagen von einem dnnen, blau-weien Nebel umgeben; die brige Landschaft
war nebelfrei. Wir nherten uns dem Dorfe, das malerisch mit seinen
rothen Dchern bisher den muntern Vordergrund der melancholisch-groen
Landschaft gebildet hatte. Wie heit dieser Ort, fragte ich. =Savern=!
antwortete der Kutscher. -- Pltzlich stand Schiller's herrliche
Romanze: Ein frommer Knecht war Fridolin vor meiner Seele. Und nun
wurde mir die finstere Burgruine in der Luft und der schwarze Tannenwald
noch einmal so bedeutungsvoll. Ich sah die schne Grfin von Savern
und ihren wilden strengen Gatten. Wir kamen an der Kirche vorber,
wo Fridolin sich aufgehalten hat. Dort im Walde stellte ich mir die
Hllenknechte, das Feuer anschrend, vor, in das das Ungeheuer selbst
gestrzt werden sollte. Eine leichte weie Wolke fuhr an den finstern
Wolken rasch vorber und verschwand hoch im Himmel ber den Bergen.
Da glaubte ich den Geist des unsterblichen Schiller zu sehen, und
starrte ihm begeistert nach. -- Der Wagen hielt und die Pferde wurden
gewechselt. Ich war wieder das Kind des Augenblicks. Mir froren die
Fe, ich war hungrig, langweilte mich darber, da es so langsam ging,
und statt an Schiller's herrliche Romanze zu denken, dachte ich an Herrn
Holbein's Schauspiel ber denselben Stoff. -- Nun wurde das Wetter
milder, und als wir wieder an ein kleines Drfchen kamen, war der Himmel
klar, ruhig und blau. -- Wenn man Tag und Nacht reist, vergit man
leicht das Datum; aber aus der Ruhe auf der Strae, und den geputzten
Kleidern, in denen Mdchen, Frauen und Kinder uns begegneten, schlossen
wir, da es Sonntag sei, was auch wirklich der Fall war. Whrend ich
so da sa und an den schnen Sonntag, an das lebendige freundliche
Idyll dachte, das ich kurz vorher in dem Dorf gesehen hatte, wozu die
Felsentragdie dort im Sturme ein schner Gegensatz gewesen war, --
erhob Straburg in der Ferne seinen feierlichen Thurm vor meinen Augen.
Aber gerade, wie wir in die Stadt einfuhren, brach wieder ein Ungewitter
los. Ein wilder Orkan pfiff durch die khnen Thurmlcher, und wir
fuhren in ein gutes Gasthaus, whrend der Riese drauen dem Schnee und
Wind trotzte, und ebenso jugendlich dastand, als damals, wo Gthe in
seiner Krone Rheinwein trank. Es ist von Gthe so viel Schnes ber den
herrlichen Mnster gesagt worden, da jeder Zusatz berflssig wre.
Ich stieg in den Thurm hinauf, aber nicht so hoch, als damals, wo ich
noch Junggeselle war. Der Thurm ist so hoch, so schmal, endlich so von
Oeffnungen durchbrochen, da man gleichsam in einem schwachen Gitterwerk
hoch in der Luft schwebt. Man frchtet nicht =selbst= hinabzufallen;
denn man kann sich ja anhalten; aber man hat die Empfindung, da
mglicher Weise der Thurm in einem solchen Augenblick herabstrzen
knnte. In dem Glockengewlbe entdeckte ich die Namen: C. u. F. Comtes
de Stolberg. Gthe. Lenz u. s. w. 1776. Ich wandte mich an den alten
Thurmwchter, bezahlte ihn fr meinen langen, fast das ganze Alphabeth
umfassenden Namen, und bat ihn, denselben gerade unter den Gthe's
einzuhauen.

                    *       *       *       *       *

In Stuttgart traf ich =Cotta= als Geheimen Hofrath unermdet, bleich,
mager, voller Feuer beweglich, gesund und fleiig. Wir hatten eine
kleine Rechnung mit einander abzumachen, und ich neckte ihn freundlich,
da er, der reiche Mann, so genau wenige Groschen nachrechnete.
Lieber Freund! sagte er lchelnd, htte ich nicht auf die Groschen
gesehen, wre ich kein reicher Mann geworden. Hier in Wrttemberg ist
aller Augenblicke ein Reichs- oder Kreistag. Der Minister Wangenheim
steht mit Cotta und Andern der ffentlichen Meinung gegenber; er
will zwei Kammern haben und das Volk nur Eine. Jngst schlugen einige
Volksvertreter Wangenheim die Fenster ein; aber er sagte, wie Fichte
frher zu den Studenten: Ein Steinwurf ist ein sehr schlechtes
Argument. Aber obgleich nun Wangenheim an gewissen aristokratischen
Elementen zum Besten des Staates, seiner Ueberzeugung nach, festhlt,
so ist er doch so fern von thrichtem Adelshochmuth, da er, obgleich
Excellenz und ein Mann von feinstem Weltton aus Neigung in seinem
Privatleben fast burschikos ist. Der junge Dichter Rckert ist sein
Duzbruder. Einen langweiligen Kammerherrn mit einem Zuschnitt aus der
_vieux bon-temps_, den Wangenheim nicht leiden konnte, wute er vor
Kurzem aus einer Dichter- und Knstlergesellschaft, in die derselbe sich
eingeschmuggelt hatte, zu bringen, indem er ihm gewissermaen die Thr
wies. Wangenheim stand sehr hflich bei Tisch auf, hielt eine Rede an
ihn, in der er ihm bewies, wie wenig er in unsere Gesellschaft passe.
Als wir Abends die Gesellschaft verlieen, machte der Minister, der
mit mir Arm in Arm allein ging, da wir in ein interessantes Gesprch
gekommen waren, den Vorschlag, ob wir nicht in ein Wirthshaus gehen,
und eine Bowle Punsch trinken wollten. Ja, antwortete ich, wenn Ew.
Excellenz knnen, kann ich es auch! Ach, rief er, indem er mit dem
Kopfe schttelte und weiter ging, die verfluchte Excellenz! Er war ein
Vetter des Bischofs Mnter, dessen Mutter eine Edle von Wangenheim
war, wie meine Freundin, Frau Brun, in ihrer Biographie schreibt.

[Sidenote: Wangenheim. Rckert.]

Rckert ist auerordentlich altdeutsch gewesen. Das hat sich Etwas
gelegt und er zeichnet sich in seiner Kleidung nicht mehr von Andern
aus. Er dichtete mir zum Abschied folgendes Sonnet:

              Gen Sden kam vom nord'schen Meeres Sunde,
                Ein edler Vogel des Gesang's geflogen,
                Der, wie er dn'sche Luft hat eingesogen,
                So laut doch singen kann mit deutschem Munde.


              Es fhlte gleich sich in der ersten Stunde
                Mein Herz zu ihm entschieden hingezogen;
                Und, ist mir sein's wie meines ihm gewogen,
                So bleiben wir fortan die Zwei im Bunde.

              Ist er vom raschen Flug zu seinem Norden
                Nun heimgekehrt, und ich bin fern im Sden,
                So soll des Raumes Trennung uns nicht stren;

              Dazu ist uns die Kunst des Lied's geworden,
                Die wollen wir so brauchen ohn' Ermden
                Da Einer soll des Andern Nachhall hren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Uhland. Frau Huber. v. Kster.]

Ein anderer junger Dichter, Uhland, lebt hier als Advokat. Es freute
mich, seinen Fortschritt zu bemerken, vor zehn Jahren sah ich ihn noch
als ein halbes Kind. Man macht viel aus ihm und er verdient es auch
gewi; aber wie bei Rckert zu viel =Blhendes= ist, so findet sich bei
Uhland etwas Steriles; er ist mnnlich, ehrlich, zuweilen tieffhlend,
aber oft trocken und gleich dem Ton seiner Gedichte zu sehr Gthe. Ich
besuchte Uhland mit Rckert, was ich nicht gethan haben wrde, wenn ich
ihr Verhltni zu einander gekannt htte; sie gehrten zu verschiedenen
politischen Parteien und das machte die Unterhaltung gespannt und
verlegen.

                    *       *       *       *       *

Ich habe die Bekanntschaft der Frau Huber gemacht, welche einige gute
Erzhlungen geschrieben hat. Ihr erster Mann war Georg Forster, der
herrliche Reisebeschreiber. Sie brachte mich in Kannstadt zu einer
Freundin. Auf dem Heimwege verirrten wir uns in einem interessanten
Gesprche zwischen den Weinbergen Schwabens.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dannecker. -- Schelling.]

Bei =Dannecker= sah ich Schiller's colossale Bste. Er hat Schiller
nicht idealisirt, sondern ihm nur wieder verliehen, was dieser zufllig
durch Krnklichkeit verloren hatte. Als der Knig von Wrttemberg diese
Bste sah (es war derselbe, vor dem Schiller in seiner Jugend geflohen
war), sagte er: Aber mein lieber Dannecker, warum so gro? Ew.
Majestt, antwortete Dannecker, groe Leute mu man gro machen!

Das beste Werk dieses Knstlers ist seine Ariadne. Ein schnes, junges
nacktes Weib auf einem Tiger; der herrlichste Gegensatz von weiblicher
Schnheit und wilder thierischer Kraft. Man frchtet nur, da der Tiger
gehen werde; denn dann wrde die arme Ariadne, mit dem einen Beine auf
dem Rcken des Thieres und dem andern Fu nach hinten ausgestreckt, ohne
Zweifel herunterfallen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schelling.]

Ueber Augsburg kamen wir nach Mnchen. Hier machte ich gleich
=Schelling's= Bekanntschaft. Schelling ist nicht sehr gro, aber krftig
und gesund. Sein geniales, sanftes Auge vershnt durch schwbische
Milde den nordphilosophischen Trotz der Nase. Die Lippen bewegen sich
zu freundlicher Mittheilung und nur ungern, mit einem Anstrich von
Schmerz, zur Verachtung. Man sieht gleich, da er ein Mann mit treuem
Herzen ist. Da er ein groer Philosoph ist, wei ganz Deutschland und
der Norden. Er lebt still im Schooe seiner Familie und hat gleich mir
drei Kinder. Den kleinen Knaben von zwei Jahren fragte ich, ob er ein
Schellingianer sei? Und er antwortete: Ja. Die Mutter ist eine sehr
artige, gebildete Frau; Schelling ging gleich mit mir aus, um mir die
Mnchner Naturschnheiten zu zeigen, aber ich war so beschftigt mit
ihm, da ich nichts Anderes sah, obwohl ich bemerkte, da wir an einem
Flu und einigen Bumen vorberkamen. Er liebt die Poesie und ist mit
ihren besten Producten in allen Sprachen bekannt.

Als wir nach Hause kamen, setzten wir die Unterhaltung mit seiner Frau
beim Theetische fort, vermischten aber das Gesprch mit mehr Heiterkeit.
Zuweilen gebrauchte er die Worte anders als in der allgemeinen
Bedeutung, und dergleichen giebt leicht Veranlassung, da man ber
Ausdrcke statt ber Gedanken disputirt. So verstand er unter =Ewigkeit=
das vollendete =Zuknftige=, und nicht das =Ganze= ohne Anfang und
Ende. Ich sagte scherzend: Nehmen wir an, die Ewigkeit verhalte sich
zur Zeit wie ein Scheffel Erbsen zu den einzelnen Erbsen im Scheffel.
=Alle= Erbsen machen den Scheffel aus, der Scheffel mu also berall vom
Anfang bis zum Ende sein. Das ist die =Ewigkeit=. Die Erbsen dagegen
reprsentiren die =Zeit=. -- Nun, sagte er, das wrde sich gut in
einer aristophanischen Komdie ausnehmen. -- Schelling's gewhnliche
Unterhaltungslectre ist nmlich Aristophanes, dessen Werke er so
vielfach studirt und gelesen hat, da er sie fast auswendig kann.

Gestern hatte er einige gute Freunde bei sich. Er bat mich, ihnen
etwas von meinen Arbeiten vorzulesen; da sie nun meine =Mhrchen= und
=Erzhlungen=, die vor Kurzem bei Cotta herausgekommen sind, nicht
kannten, so las ich ihnen die Glcksritter vor. Schelling ergtzte sich
daran; er sagte, diese Novelle erinnerte ihn an Cervantes und Boccaccio
und versicherte nach der Lectre, da es ihn sehr unterhalten htte zu
hren, wie Xaver zu Ehren gekommen sei.

Ich gestand Schelling, da ich wohl seine Hauptgedanken und seine
Weltanschauung durch Steffens kenne, da ich aber nicht viel von ihm
gelesen habe, und da es die Sprache und die Ausdrucksweise sei, die
mich davon abgehalten habe. Ich schreibe nun auch Deutsch, sagte ich,
weil ich gern von einer groen Brudernation gekannt und gelesen sein
will, und nicht verlangen kann, da sie eine Sprache lernen soll, die
nur von ein paar Millionen Menschen gesprochen wird; aber, lieber Herr,
es kann doch noch weniger verlangt werden, da man eine schwierige
Sprache lernen soll, die nur von =Einem= gesprochen wird! Schelling
lchelte und gab mir Recht; er gestand zu meiner Verwunderung, da man
mit Deutlichkeit und Klarheit in seiner eignen Sprache denken und sich
aussprechen msse; da er als junger Professor wchentliche Vorlesungen
hielt, dem alten Schlendrian in der Redeweise gefolgt sei, obgleich er
in seinen Ideen so sehr von demselben abwich; und er versicherte mir,
da ich Das, was er fernerhin schreiben wrde, mit Leichtigkeit wrde
lesen knnen. Ich versprach es ihm und entwickelte ihm mit wenigen
Worten meine Lebensphilosophie. Sie haben eine gesunde und brave
Lebensansicht, sagte er, meinte aber doch, da man weiter gehen knne.

                    *       *       *       *       *

In der Gemldegalerie erfreute es mich ganz besonders, mehrere herrliche
Bilder des spanischen Malers =Murillo= zu finden. Kein Gegenstand ist
fr Murillo zu hoch oder zu niedrig. Was von Tasso bei Gthe gesagt
wird, pat sich gut auf ihn: Oft adelt er, was uns gemein erschien.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Weiterreise.]

In entsetzlicher Hitze und Staub reisten wir den ersten Tag ber
Hohenlinden (wo es Moreau's Feinden frher heier noch wurde) nach
Alttting. Wir wollten bis nach Braunau, aber ein starkes Gewitter zog
herauf und ein Wagen, der uns von Mnchen aus gefolgt war, blieb aus
Furcht vor dem Ungewitter in Alttting schon um 7 Uhr Abends. So blieben
wir also auch da und kamen in einen alten Saal, wo sechs Betten standen
und ein messingener Kronleuchter an der Decke hing. Die Fensterscheiben
waren wie in einer Kirche in Blei gefat. Auf der einen Seite des Saals
war eine hlzerne ungemalte Galerie mit einer Treppe. Wir ffneten die
Fenster, zogen unsere Rcke und Stiefeln aus, machten uns aus zwei
Sthlen ein Sopha und lasen in einigen Musenalmanachen, die man uns in
Stuttgart verehrt hatte. Unsere unbekannte Reisegesellschaft war im
andern Zimmer, sprach Franzsisch und zuweilen etwas Italienisch. Es
war ein Herr und zwei Damen. Sie gingen in die Kirche hinber um ihre
Andacht zu halten. Das Mdchen, welches den Tisch deckte, erzhlte,
da eine Kirche da sei, zu der Viele hinreisen, um ihr Augenlicht
wiederzuerlangen, und fragte, ob wir nicht auch hingehen wollten? Wir
dankten und sagten: Da wir hier sitzen und lesen, kannst Du wohl sehen,
mein Kind, da wir nicht blind sind. -- Die Fremden kamen zurck. Der
Herr verirrte sich, als ich gerade im tiefen Negligee stand, um ins
Bett zu gehen. Er trat ein und redete mich sehr vertraut Franzsisch
an. Wahrscheinlich hielt er mich fr ein Frauenzimmer, welches beweist,
da er die Kirchenkur noch nicht ordentlich gebraucht hatte. Kaum
ertnte meine Baritonstimme, als er die Hnde auf die Brust legte, sich
verbeugte und viel Entschuldigungen machte. Ich begleitete ihn im Hemde
sehr hflich zur Thr hinaus und wir machten uns auf der Treppe viel
Complimente.

Den nchsten Tag hatten wir tchtigen Regen, durch den die Bume
ausschlugen, das Leder aber auf unserem Wagen einkroch. Es war schade,
da Christian nicht auch zusammenschrumpfen konnte, denn er sa drauen
auf dem Bock und wurde durch und durch na. Wir reisten ber Braunau,
Altheim, Ried, nach Lambach, wo es schlecht war und wir elende Betten
bekamen, da unsere unbekannte Reisegesellschaft die besten erhalten
hatten. Hier hrten wir, da es die Churfrstin Witwe von Baiern, eine
sterreichische Prinzessin sei, mit der wir reisten, das machte uns
etwas verlegen. Wir waren oft in der Thr vor ihr vorbergegangen, ohne
sie anders zu gren, als indem wir den Hut lfteten. Aber da Ihre
Hoheit _incognito_ reiste, so war auch hierdurch ihre Absicht erreicht.
Doch beschlossen wir fernerhin nicht voran, sondern hinterher zu fahren
und ehrerbietig in der Entfernung zu gren. Nun konnte ich auch die
Entschuldigungen und die Alteration des Herrn begreifen, als er sich
letzthin irrte. Es war nmlich ein Kammerherr. Man denke sich seine
Bestrzung, als er statt schngekleideter Damen einen halbnackten Poeten
fand.

Am dritten Tage war schnes khles Wetter. Alles war frisch und grn.
Das schlaffe neugeborene gelbe Laub hing matt in dicken Bscheln an den
Zweigen und saugte die Sonnenstrahlen ein, um grere Kraft und grnere
Farbe zu erlangen. Wir fuhren an einem Abgrunde hin. Das Land ist
voll der schnsten Berge. Herrliche Aussichten auf Drfer, Stdte und
Kirchen, die tyroler Schneefelsen im Hintergrunde. Morgens und Abends
ging ich stets eine lange Strecke.

[Sidenote: Ein Incognito.]

Im Wirthshause in Kleinmnchen bekamen die Churfrstlichen die Lust
zu wissen, wer wir seien. Die Dame fragte Christian darnach, und er
erzhlte es in seinem Patois, soda sie gewi eine sehr verwirrte Idee
von unserer Existenz bekam. Wir hielten uns stets entfernt; aber am
vierten Tage wurden wir doch mit der Herrschaft bekannt und zwar durch
folgendes Abenteuer. -- In einem kleinen Dorfe vor einer Schmiede wurden
unsere Pferde scheu, weil sie unvermuthet zwei Esel vor einer Karre
sahen; sie sprangen zur Seite, und knack brach die Wagenstange wieder
entzwei! Bertouch wurde ungeduldig, ich aber stellte ihm vor, da wir
froh sein mten, da es nicht mitten auf dem Wege, am allerwenigsten
bei dem Abgrunde -- sondern gerade vor einer Schmiede geschehen sei, wo
bereits das Eisen glhte, das die Wagenstange wieder fest machen sollte.
Whrend nun der Schmied mit seinem Handwerkszeuge kam, stiegen wir aus
und gingen den Weg entlang. Da rollte die Churfrstin an uns vorber
und grte uns. Sie ist glcklich, sagten wir, sie hat einen ganzen
Wagen. Wir kommen nur langsam nach. -- Unter diesen Betrachtungen
schlugen wir unsere Augen auf und sahen weit hin den Wagen der
Churfrstin halten, und die Herrschaft uns zu Fu entgegenkommen. Was
Teufel! dachte ich -- ist ihr Wagen auch gebrochen? -- Eins der Rder
hatte Feuer gefangen. -- Nun erwiesen wir uns sehr dienstfertig, machten
Entschuldigungen, weil wir Ihre Hoheit so lange nicht erkannt hatten,
und darauf lief ich zum nchsten Dorfe um Wasser zu holen. -- Nach einer
Viertelstunde brachte ich einen Mann mit einem Eimer auf dem Kopfe
herbei. Der Kammerdiener kam uns entgegen und sagte: es sei nicht mehr
nthig. Der Mann go das Wasser aus und ging wieder. Wir kamen zum Wagen
-- das Feuer dachte gar nicht daran aus zu sein, das Eisen glhte. Die
Churfrstin kam auf mich zu und dankte mir. Auf dem Wege hatte ich eine
Pftze gesehen; ich nahm die leeren Weinflaschen aus ihrem Wagen fllte
sie mit Pftzenwasser, und bego das Eisen so lange bis es kalt wie Eis
wurde. Inzwischen kam der Diener mit Licht -- das heit: mit Talglicht
um den Wagen zu schmieren; denn die Sonne stand hoch am Himmel. Und nun
fuhren sie langsam zur nchsten Station und wir mit unserem in Stand
gesetzten Wagen hinterher.

Auf der nchsten Station sahen wir die Churfrstin mit ihrem Gefolge
in das nchste Wirthshaus gehen. Wir hielten uns in der Entfernung und
ich schlug Bertouch vor, in einen andern Gasthof zu gehen. Wie wir eben
beim Essen saen, kam der Kammerdiener ganz auer Athem zu uns herein;
er hatte uns berall gesucht und sollte uns einladen mit Ihrer Hoheit zu
speisen.

Da wir nun bereits gegessen hatten, so kam er zurck um uns zum Kaffee
bei der Churfrstin auf der nchsten Station einzuladen. Dies geschah,
und Ihre Hoheit war sehr gndig und freundlich.

                    *       *       *       *       *

Bei meiner letzten Abendwanderung traf ich in einer schnen
Gebirgsgegend einen Bauer, der mit einigen irdenen Gefen nach Hause
ging, die er im nchsten Dorfe fr seine Wirthschaft gekauft hatte.
Ich lie mich in ein Gesprch mit ihm ein. Er erzhlte mir von seinen
Kindern und seinem Glcke. Ich sagte ihm, da ich auch Kinder htte.
Ja das ist wohl die grte Freude fuhr er fort; wohnen Sie weit von
hier? -- In Kopenhagen in Dnemark war meine Antwort. -- Ach
das mu sehr weit sein, rief er aus, dort wohne =ich=. -- Und in
demselben Augenblicke sah ich ein hbsches Haus am Wege, die Thre stand
offen und zwei blhende Kinder, ein Knabe und ein Mdchen, saen auf der
Schwelle. Kaum erblickten sie den Vater, als sie ihm entgegensprangen.
Er hob sie auf, kte sie und schenkte jedem von ihnen einen kleinen
irdenen Topf mit hbscher Glasur. Ich sagte niedergeschlagen Lebewohl
und eilte fort. -- Alle Heiligenbilder am Wege waren zum Pfingstfeste
mit Blumen und Laubwerk geschmckt. Die bunten Laubhtten in denen Maria
mit dem Jesuskinde stand, waren erleuchtet. Ich sah Maria's und Jesus'
vergoldete Kronen durch die Bltter schimmern, und eine groe Schaar
kleiner Kinder lag rund umher auf den Knieen und sang und betete in der
Abendrthe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ankunft in Wien.]

Ich bin nun hier in =Wien=, und habe durch unsern _Charg d'affaires_,
Herrn von =Koss= mehrere Bekanntschaften gemacht. Ich war bei den
Baronen =Arnstein= und =Eskeles= auf ihrem hbschen Landhause in
Hitzing. Die Damen dieser Familie sind sehr gebildet und lieben
die Poesie. Bei meinem alten Freunde =Breu=, bei der Dichterin
=Karoline Pichler=, die so geistreich und gutmthig ist, mit ihrem
sterreichischen Accent. Die Schauspielerin und Dichterin Frau
=Weienthurn= habe ich auch besucht, und fand bei ihr die besten
Schauspieler: =Korn=, =Koch=, =Koberwein= u. s. w. Man hat hier im
Burgtheater Axel und Valborg und Correggio gegeben, welche, besonders
das letztere, viele Glck machten. Hakon Jarl im Theater an der Wien
aufgefhrt, mundete nicht recht; er ist zu nordisch. -- Ich bin bei
dem Frsten =Metternich= gewesen, und fand hier die Groen des Landes,
die Liechtensteine, Esterhazy, Dietrichsteine beim Spieltische sitzen.
Eben als sich Metternich in ein Gesprch mit mir einlassen wollte, kam
der Kronprinz von =Baiern= und zog ihn in ein andres Zimmer. Den Tag
darauf reiste Metternich nach Italien, soda ich fast gar nicht mit ihm
gesprochen habe. Frst Odescalchi lud mich zu Mittag in seinen groen
Palast ein; er ist ein eifriger Freund der Poesie und des Schauspiels,
und obgleich geborner Italiener, durchaus Deutsch. Im Hofrath
=Sohnleitner= fand ich einen sehr angenehmen gastfreien Mann. Er war
bei der Leitung des Burgtheaters betheiligt, wurde aber der Sache bald
berdrssig. Er hatte meinen Hugo von Reinberg zu bersetzen angefangen,
hielt aber damit inne, als er hrte, da ich es selbst thun wollte.

                    *       *       *       *       *

Solchen Staub hab ich noch nie gesehen. Die Luft wird oft ganz damit
angefllt. So sdlich Wien liegt, hat es doch ein nrdliches Klima.
Bei dem hufigen Winde hier mu man Tacitus beistimmen, wenn er sagt:
_Terra ventosior, qua Noricum ac Pannoniam adspicit._ --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bekanntschaften in Wien.]

Das Fest auf Veranlassung der Abreise der Prinzessin war im Augarten, in
prchtigen dazu aufgefhrten Slen; der Hof in Galla. In Gallakleidern
konnte man auch auf die Galerie kommen. Htten wir Billete erhalten, so
hatten wir beschlossen, uns ein paar alte gallonirte Kleidungsstcke
bei einem Trdler zu miethen. Das Frohnleichnamsfest sah' ich von einem
Fenster aus bei dem Grafen =Pachta=. Hier kamen in Prozession: Brger,
Priester, Hofleute, Beamte, Aerzte, Gelehrte, Kaiser, und Diener.
Die schnen Krucifixe waren mit Fahnen geschmckt, die Straen mit
Brettern, Laub und Blumen belegt. Whrend des Zuges fing es zu regnen
an; aber Kaiser Franz wollte den heiligen Zug nicht unterbrechen; er
ging mit seiner brennenden Kerze hinter dem Erzbischofe. Brger, Mnche,
kleine vater- und mutterlose Kinder dem Kaiser voran. Hinterher die
prchtige ungarische Garde auf den schnsten Pferden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Wien. -- Das Theater.]

Ich habe Axel und Valborg hier auffhren sehen. Korn war ein
vortrefflicher Axel. Mademoiselle Adamberger war als Valborg erhaben
und rhrend. Koch gab den Erzbischof mit Wrde und Vatergefhl;
Koberwein als Hakon, Ochsenheimer als Knut waren auch gut. Schwarz war
ein krftiger Sigurd. In Bezug aus das religise Element hat manche
Vernderung stattgefunden. Die Decoration hatte nichts verloren,
obgleich sie nur eine =Vorhalle= zur Kirche darstellte. Dagegen hatte
die poetische Wrde dadurch Abbruch erlitten, da der Erzbischof zum
=Kanzler= und Bruder Knut zum =Kirchenvoigt= gemacht war.

                    *       *       *       *       *

Mademoiselle Adamberger hatte zwei Tage vor ihrer Hochzeit mit Arnet,
einem Gelehrten, ihr letztes Benefiz, als welches die =Schuld= gegeben
wurde. Sie sprach mit Thrnen und vieler Anmuth einen Epilog der Frau
Pichler, der sehr viel Werkung hervorbrachte. Die Schuld ist eins der
Stcke, die Furore und Epoche zu einer gewissen Zeit gemacht haben
ohne da sie sich fr die Zukunft in frischem Leben erhalten werden.
Der Stoff ist spannend, die Versification flieend, das Stck ist an
mehrern Stellen nicht ohne Pathos; aber es ist durchaus unnordisch,
wenn gleich nach den Norden hin versetzt; es ist auf einer hlichen
Unnatur durch die =Vorausbestimmung= erbaut, welche als Schicksal
gelten soll, den Muth niederdrckt, und die Tugend und die moralische
Zurechnungsfhigkeit schwcht. Die Schuld ist mit Werner's 24. Februar
und Grillparzer's Ahnfrau verwandt. Diesen Dichter sah ich eines Abends
bei Frau Pichler, wo ich Ludlam's Hhle vorlas; aber wir nherten uns
einander nicht weiter; unsere Naturen schienen zu verschieden zu sein.

                    *       *       *       *       *

In der italienischen Oper hat man Mozart so lange gespielt, bis man
seiner mde geworden ist, und sich nach der modernen _Opera seria_
sehnt. Madame Borgondio mit einer sehr guten Altstimme, spielte letzthin
den Knig Cyrus mit halblangen Handschuhen. Sie war auch Tankred in
schwarzer Rstung. Ich bin ein solcher Heide, da ich keinen Geschmack
an den vergtterten Tankred finden kann. Die Musik ist brillant aber
nicht herzergreifend, mit zu vielen Trillern und Roulladen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Beethoven.]

=Beethoven= habe ich gesehen aber nicht mit ihm gesprochen. Er hat
schwarze Haare, rothe Wangen und sieht recht tchtig aus, aber er
ist sehr taub, der arme Mann! Ein groes Unglck fr einen Musiker.
Beethoven wollte gern, da ich ihm ein Singspiel dichten sollte, was
ich auch gern gethan haben wrde, wenn ich mich dazu aufgelegt gefhlt
htte. Er soll eine sehr schne Oper componirt haben.[3]

  [3] Diese sehr schne Oper war sein gttlicher Fidelio, den ich erst
      einige Jahre darauf kennen und als ein Werk schtzen lernte, das
      neben Mozart's Meisterwerken steht. Zweimal sandte der groe
      Knstler einen Freund mit der Aufforderung zu mir, ihm ein Singspiel
      zu schreiben -- und ich lie es sein! Htte ich es gethan, und es
      wre mir wie Ludlam's Hhle und die Ruberburg geglckt, und
      Beethoven htte eine Oper, wie Fidelio, dazu geschrieben, -- welch
      ein Triumph! Eine edlere Rache htte mir nicht ber den zwar groen
      Knstler aber mir ungetreuen Weyse werden knnen, der mit Baggesen
      befreundet wurde, gerade als dieser Ludlam's Hhle am allerrgsten
      herunterri, Verse schrieb, um Baggesen's Rthsel zu lsen, und
      dann stets verwarf, was ich ihm zum componiren geben wollte.

                    *       *       *       *       *

Wir sind noch hier in Wien; aber Wien ist nicht hier; das ist auf's
Land gereist, und kommt erst wieder, wenn wir fort sind.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schne Aussichten.]

[Sidenote: Kleine Leiden.]

Das kaiserliche Lustschlo Laxenburg liegt ungefhr zwei Stunden von
der Stadt. Man geht durch schne Alleen dorthin, und hat nach allen
Seiten Aussichten auf Bergpartieen. Breu nahm Bertouch und mich zu
seinem Freunde, dem =Schlohauptmann Riedel=, mit. Er fhrte uns erst
auf das Schlo, das hbsch, einfach und freundlich ist. Die Zimmer
sind ungefhr wie bei einem wohlhabenden Privatmanne auf dem Lande.
Von da muten wir in der Mittagshitze in den Garten hinunter. Eine
ungewhnliche Menge Rosen waren bei der starken Wrme bereits verblht.
Die Gluth war unertrglich. Ich ging mit Castelli, der auch nicht gerade
fr Aussichten schwrmt. Wir bewunderten die Lusthuser, whrend die
Andern, ich wei nicht Was bewunderten, und ich sagte zu Castelli:
Knnte ich whlen, wollte ich lieber Hausarrest haben, als diese Freude
jetzt genieen. Indessen mute ich gute Miene zum bsen Spiel machen,
verbindlich lcheln und sagen: Das ist ganz scharmant, allerliebst!
was es auch wirklich war. Stets wollte ich in den Schatten, und stets
mute ich im Sonnenschein bei den anmuthigen Aussichten stehen bleiben.
Das waren schlimme Aussichten fr mich. Nun wie finden Sie es?
fragte Breu. Sehr schn, sagte ich; ich wollte nur wnschen, da
ich ein paar Stunden im Schatten hier auf der Bank sitzen und ein
gutes Buch lesen knnte. -- Jetzt sind wir nicht hergekommen, um zu
lesen, sagte er und zog mich mit sich fort. Bertouch bemerkte, da
ich todtenbleich sah. (Stets werde ich in der Mittagshitze bleich). Man
fragte mich, wie mir die englischen Anlagen gefielen. Gut antwortete
ich; aber ich liebe auch die alten Alleen sehr, die lassen sich sehr
gut mit einer englischen Anlage verbinden. -- Ach, versetzte Einer
der Anderen, das ist gar nicht hbsch, kann man sich etwas teiferes
als solch' eine Allee denken? =Ich=: Warum kann das Steife nicht
auch schn sein! =Er=: Es ist unnatrlich. =Ich=: Ich finde es
durchaus nicht unnatrlich, da der Mensch schne Bume in eine Reihe
pflanzt, um auf dem =krzesten= Wege von einem Ort zum andern im
Schatten zu gehen. Wehalb darf die Menschennatur sich nicht auch zur
brigen Natur gesellen? =Er=: Die Menschen knnen nicht Etwas schner
bilden, als die Natur es gebildet hat. =Ich=: Das ist wahr; aber die
Natur (oder der Schpfer) hat auch =unsere= Natur gebildet. Und es ist
ein Naturtrieb bei uns, die Natur zu unserem Gebrauche, nach unserem
Verstande, unseren Ideen, unserer Bequemlichkeit einzurichten. Eine
schne Allee ist der herrlichste Frhlingstempel, in welchem sich eine
leichte Architektur mit der ewigen Schpfungskraft vereint. Nachdem ich
ihn durch diese Grnde fast dahin gebracht hatte, mir Recht zu geben,
bombardirte ich ihn mit der Vaterliebe, und fragte ob er nicht finde,
da es schn sei wenn man etwas stehen lasse, was eine verschwundene
Zeit hervorgebracht habe; und ob es nicht erhebend und angenehm zugleich
sei, in den ehrwrdigen Baumgngen zu wandeln, dessen Bltter vor vielen
Sommern die Stirne unsrer Vorvter beschatteten. Nun gaben sie mir Alle
Recht; und so disputirte ich mich aus der Sonnenhitze in den Schatten
hinein. -- In dem herrlichen khlen Buchenlaub erquickte ich mich nun
recht. Zu Lust und Leben in den warmen Sommertagen gehrt Schatten. Pan,
alle Faune, Nymphen und Tryaden lieben Schatten und frische Quellen. Sie
spielen unter den dunkelgrnen Wlbungen, frchten aber den gelben Staub
und die Mittagshitze.

[Sidenote: Eine Ueberraschung.]

Mein Freund =Breu=, der sich vorgenommen hatte, mich mit allen
Laxenburgischen Herrlichkeiten zu tractiren, gnnte mir aber keinen
Augenblick Ruhe. Er zog mich unbarmherzig mit sich fort, und verlangte
da Freude und Bewunderung von meinen Lippen strmen sollte. Ich
beschlo mich etwas zu rchen, indem ich gleichgltig that, und als
er mich fragte, wie mir dies Alles gefiele, antwortete ich: Ei
recht gut, aber glauben Sie denn, ich habe frher keinen grnen Park
gesehen? Breu meinte: niemals einen solchen. Ich versicherte ihm,
da das Sdfeld und der Friedrichsberger Garten eben so schn seien.
Er behauptete, das sei unmglich. Ich behauptete, da der Norden
gerade die Heimath der reichbelaubten Bume, er, da die bertriebene
Vaterlandsliebe sei. So kamen wir wieder zur brigen Gesellschaft, und
da konnte ich denn merken, da Etwas im Werke sei, und ich von irgend
etwas Neuem berrascht werden sollte. Nun gut sagte Herr Riedel
lchelnd, da Sie das Alte so sehr lieben, wollen wir die Gegenwart
verlassen. Indem er diese Worte sagte, langten wir bei einem kleinen
See mit einem Boot an, und gerade gegenber stand eine -- =Ritterburg=!
-- Eine alte Ruine? nein -- eine neue vollstndige, bunte, fix und
fertige Ritterburg, als wre sie etwa vor ein paar Jahren gebaut, was
auch wirklich der Fall war. Wir fuhren auf einer Fhre hinber. Auf dem
Thore war ein Ritter im Harnisch gemalt. Das Thor ging auf, wir traten
ein, und befanden uns nun in einem kleinen Hofe. Gerade vor uns war die
Ritterwohnung mit ihrem Thurme; auf der einen Seite die Kapelle mit
den bunten Fenstern, der Stall, das Zimmer der Knappen u. s. w. In der
Mitte des Hofes ein Brunnen mit altmodischer Architektur, Heiligen und
Schnrkeln.

[Sidenote: Eine neue Ritterburg.]

Der pltzliche Eindruck all' dieser alten Sachen rhrte mich; aber
ich konnte mich beinahe nicht des Lachens enthalten, als Mehrere
der Gesellschaft auf mich zukamen und mir stark ins Antlitz anstatt
auf die Gegenstnde schauten, die sie wahrscheinlich kannten, um zu
beobachten welche Wirkung sie auf mich machten, und wie es ausshe
wenn ich gerhrt wre. Alles zu erzhlen, was an diesem Orte gesammelt
ist, wre unmglich. Aber man staunt, wenn man erfhrt, da diese Burg
aus lauter =wirklichen= Alterthmern zusammengesetzt ist. Hier giebt
es nichts Neues, nicht einmal die Mauern; sie sind von fernen Ruinen
herbeigeschafft. Ganz Oesterreich mute seine alten Merkwrdigkeiten
diesem Orte abgeben. Wir wollen eine kurze Wanderung durch die
wichtigsten Zimmer machen.

Hier gehen wir also erst in den Richtersaal hinauf. Mitten in diesem
runden Saale ist ein runder Tisch; mitten in diesem Tische ein Loch mit
einem Rost. Dieses Loch fhrt gerade in das Burgverlie. Durch eine
solche Oeffnung wurde der Snder in alter Zeit aus seinem Gefngni
heraufgewunden, mit dem Kopf ber der Oeffnung, um von den Richtern, die
rings um den Tisch saen, verhrt zu werden; und es war nicht selten,
da sie ihm in dieser Stellung gleich den Kopf abschlagen lieen. In
dem mittelsten Theile des Thurmes ist ein hoher runder Saal mit bunten
langen Fenstern aus dem achten Jahrhundert. Von dort gingen wir ins
Gastzimmer, wo die Ritter gesessen und aus groen Bechern gezecht
hatten. In einem Seitenzimmer findet man prchtige Sachen, silberne
Becher, Perlmutterhrner, Elfenbein, Bergkrystall, alte Gold- und
Silbergefe. Die Rstkammer ist voll von kstlichen Kleinodien aus
dem Mittelalter: Schwertern, Bchsen, Lanzen. Die Bchsen wie kleine
Handkanonen mit Lunten. Ein grauer runder Filshut mit Eisenblech und
Spangen versehen hngt an der Wand, und es soll historische Sicherheit
dafr da sein, da er Karl dem Groen gehrt habe. Alte Harnische finden
sich in solcher Menge, da man mehrere Wochen brauchte um dieses Alles
anzusehen.

Nun kommen wir zu den Frauengemchern. Alte Bilder hngen rund umher
an den mit vergoldetem Leder bedeckten Wnden; Meublesreliquien,
Kaiser Karls IV. Bett zum Beispiel. Das Auge findet Nichts, das nicht
historischen Werth htte. Pltzlich steigen wir von dieser hellen
Pracht durch finstere Gnge und enge Treppen hinab zu dem schauerlichen
Burgverlie. Eine matte Lampe erleuchtete die trbe Wlbung, ein
weier Schatten steht im Hintergrunde. Ein Gefangener mit bleichem,
eingefallenem Gesicht, eine weie Kappe ber dem Kopf; das rothe Kreuz
auf dem Mantel zeigt mir, da es ein Tempelherr sei. Ich will nher
treten, pltzlich streckt er seine Arme gegen mich aus und rasselt mit
den Ketten. Ein schreckliches Bild, das in dem tiefen Gewlbe, dessen
Dunkel den Eindruck festhlt, tragisch tuscht. -- In der schnen
prchtigen Kapelle hatte Herr Riedel alle Lichter anznden lassen.
Altre, Gebetbcher, Heiligenbilder fllen den kleinen Raum. Das Meiste
ist von Kloster Neuburg gekommen. An der Wand hngt eine Copie von
Albrecht Drer.

Man hrt brigens viel darber klagen, da die alten wirklichen
Burgen, die noch ganz dastehen, ihre Merkwrdigkeiten durch dieses
Zusammenschleppen nach einem Ort verloren haben, und da diese
Verbindung von Dingen verschiedener Jahrhunderte sehr willkrlich sei.
Man findet Sachen aus dem zehnten und fnfzehnten Jahrhunderte oft
in einem und demselben Zimmer. Aber -- welche Zeit htte nicht die
Gegenstnde der vorhergehenden Zeit angehuft? Das thaten die alten
Ritter auch. Jean Paul sagt sehr richtig: Jede Zeit besteht aus zwei
Theilen; dem Schlu der vorhergehenden und dem Anfang der folgenden
Periode. Die Burg ist schn! Herr Riedel verdient Dank fr den
Kunstsinn, mit dem er sie auffhren lie.

                    *       *       *       *       *

Am Nachmittag gingen wir wieder spazieren, und nun war es viel khler
und angenehmer. Der Theil der Anlage, zu dem wir nun kamen, war auch
waldreicher. Ehe wir nach Hause fuhren, muten wir Abendbrot essen.
Es war im groen Saal gedeckt, der Tisch war herrlich mit Blumen
geschmckt; aber der Garten war doch besser, und es dauerte nicht lange,
so nahm Jeder seinen Stuhl, seine Serviette und Teller, und lagerte sich
drauen vor der Gartenthr. Einige setzten sich auf die Treppe. Castelli
war sehr heiter, setzte sich frher als wir an den Tisch, spielte den
Gourmand in Wiener Dialect und kostete alle Gerichte, ehe wir etwas
davon bekamen. Wenn die Wirthin lachend fragte, was er haben wollte, so
sagte er: K' die Hoand, i will Oalles hoaben, gben's mir erscht a
was Schuncken. So endigten wir diesen Tag in heiterem Kreise und fuhren
wieder zur Stadt zurck.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Eine Hinrichtung.]

Vor ein paar Tagen wurde ein Mensch hingerichtet, der seine Schwester
ermordet hatte. Er wurde vor der Stadt an einer hohen Sule, die die
Spinnerin am Kreuz heit, aufgeknpft. Die Sule ist altgotisch; eine
weibliche Gestalt in Stein ausgehauen spinnt unter dem Kreuze. Sie
sollte eher, gleich der dritten Parze, mit der Scheere schneiden.
Vielleicht spinnt sie Hanf. Die eigenthmliche Lust, die ich in meiner
Jugend hatte, Hinrichtungen zu sehen, war bei mir vergangen, und ich
war nicht Zuschauer. In einem gedruckten Berichte versicherte der
Prediger, da der Snder bekehrt, bevor er gehngt worden sei. Ich las
ihn nicht; aber ich hatte Struensee's Bekehrungsgeschichte von Mynter
gelesen und glaubte, es wrde wohl etwas Aehnliches sein. Es traf sich
ein paar Tage darauf, da ich in der Bildergalerie war, wo ich ein sehr
merkwrdiges Bild betrachtete, welches auch eine Bekehrungsgeschichte
vorstellte. Das Bild zeigt Christus wie er nach Golgatha geht, gebeugt
sein Kreuz tragend. Aber vor ihm fahren die zwei Schcher auf Karren und
haben Mnche bei sich, welche den Sndern das =Krucifix= vor die Augen
hielten, und sie durch die =Erinnerung= an den Tod Christi trsten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Hammer-Purgstall.]

Bei dem Bankdirector =Weinach=, der einen schnen Landsitz in Hitzing
hat, traf ich einen magern, lebhaften Mann mit einem ehrlichen,
ernsthaften Gesicht, der, als er mich sah, mir mit offenen Armen
entgegenkam und rief: Guten Tag, Oehlenschlger! Schnen Dank fr
Aladdin! Dies war Hofrath Hammer, einer von Europa's gelehrtesten
Orientalisten, der Tausend und Eine Nacht bersetzt hat. Er erzhlte
mir, wie er sich lange vergebens bemht habe ein Exemplar dieses
Werkes zu erlangen, weil die Erzhler, die ihr Brod durch die mndliche
Mittheilung finden, sich stets bemhen, die abgeschriebenen Mrchen
gleich zu vernichten. Als er es in der Trkei und in Arabien nicht
erhalten konnte, schrieb er einem jungen Englnder, der brigens kein
Wort Arabisch verstand, den arabischen Titel des Buches fr den Fall
auf, da er in Aegypten, wohin er reiste, glcklicher sein sollte, als
Hammer es in Arabien gewesen war. Als der junge Englnder nach Cairo
kam und auf dem Markte stand, rief er den Titel ganz laut aus. Gleich
kam Jemand mit dem Buche zu ihm, und fragte ob er es kaufen wollte? Auf
diese Weise bekam Hammer ein Exemplar.

Ueber Tische erzhlte er uns, da er in einer Klosterkirche der
Umgegend Basreliefs gefunden habe, welche seine Vermuthungen ber die
Ausschweifungen der Tempelherren im Mittelalter zur Gewiheit erheben.
Er glaubte aus diesen Bildern vollstndig den Beweis fhren zu knnen,
da sie Gnostiker gewesen seien und ihre Freidenkerei im Orient gelernt
haben. Im Aeueren zeigten sie eine gewisse Frmmigkeit und Migkeit,
unter sich aber erlaubten sie sich Alles, spotteten jeden Glaubens und
hatten einen Becher mit einem Antlitz das in der Entfernung wie Christus
aussah aber in der Nhe zum Bilde des Teufels wurde. Kurz Alles, was
ihnen unter Philipp dem Schnen in Frankreich vorgeworfen und wehalb
achtundsechzig Tempelherren mit ihrem Gromeister Molai verbrannt
wurden, glaubte Hammer aus diesen Basreliefs beweisen zu knnen. Doch,
fgte er hinzu, sei es nicht abgemacht, da alle Tempelherren gleich
schuldig waren. Die Ausschweifungen, welche die Ritter trieben, waren
darum noch nicht der Hauptzweck des Ordens; dieser war politisch, mit
Rcksicht auf die Macht des Papstes, sowie spter bei dem Orden der
Jesuiten. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat der derbe, ehrliche Molai
gar keinen Theil daran gehabt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Hund als Schauspieler.]

In Hitzing werden auch Comdien aufgefhrt. Letzthin sahen wir einen
Hund die Hauptrolle spielen. -- Ein Trunkenbold soll sein Kind wiegen.
Whrend er in Gedanken dasitzt, kommt der Hund, springt an die Wiege
hinauf, nimmt das Kind heraus, und spielt mit ihm auf dem Fuboden. Der
Vater sitzt ruhig und wiegt. Nun kommen Mutter und Tanten. Sie wollen
das Kind sehen, es ist kein Kind da. Wo ist es geblieben? Sie suchen
darnach, der Hund spielt mit ihm und zerrt es unter den Tisch. Das Kind,
es ist natrlich eine Puppe, wird glcklich gerettet, und damit endet
der erste Act. Mehr sah' ich nicht, denn ich meinte, die Handlung sei
vorber und das Interesse habe aufgehrt. Man hat _pro_ und _contra_
disputirt, ob Hunde zum Comdienspiele zugelassen werden sollen; Pferde
hat man auf den meisten groen Hoftheatern. Meine Ansicht ist, da
es jedem Talent unverwehrt sein msse, sich in einer freien Kunst zu
zeigen.[4] Der Hund ist in diesem Stcke nur ein _deus ex machina_, der
die menschlichen Verhltnisse in Bewegung setzt. Htte hier z. B. der
Vater besser auf sein Kind in der Wiege geachtet, so wrde der Hund es
nicht gefat und unter den Tisch geschleppt haben. Das ist doch eine
uerst moralische Allegorie.

  [4] Gthe nahm bekanntlich seinen Abschied als Theaterdirector weil ein
      Hund in diesem Stcke auf dem Theater zu Weimar auftreten durfte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Vermhlungsfest im Augarten.]

Ich habe bereits erzhlt, da ich noch nicht den schnen Saal gesehen
hatte, der im Augarten zur Verlobung der Prinzessin mit dem Kronprinzen
von Brasilien gebaut war.

Letzthin war da nun auch ein Ball fr das Volk, damit es doch auch
Ragout von dem Braten bekme, welchen der Hof kurz vorher gehabt
hatte. Da war ich dabei. Unglcklicherweise waren mehr Leute aus den
Vorstdten als aus der Stadt da, besonders vom schnen Geschlecht,
das an diesem Abend ziemlich unschn war. Das Haus stand da: ein
schner griechischer Tempel, eine Rotunde voller Kronleuchter, wei
wie Alabaster, mit unzhligen Sulen, Seitengngen und Nebenslen. Die
Tische voll von -- Blumen und leeren silbernen Terrinen; die Speisen
selbst wurden sehr langsam herbeigeschafft. Es war kaum ein Diener bei
jedem Tisch. Hier in Wien gehen sehr komische Menschen an ffentlichen
Orten und den Schauspielhusern mit Erfrischungen umher. Sie sind wie
Vorreiter gekleidet, und tragen Hte mit Aufschlgen und Federn. Aber
man kann sich nichts Zerlumpteres denken; sie sehen wie Don Ranudo's
Diener aus. Die Federn an ihren Hten sind so schmutzig und klebend,
da man nicht wei, wofr man diese Gestalten halten soll. Sie gleichen
schlecht ausgestopften, staubigen und verdorbenen Vgeln in einem
Naturalienkabinet. Mit diesen Federhten auf dem Kopf, mit diesem halben
Bereiterflitter schreiten sie mit ungeputzten Wasserstiefeln langsam
dahin. Man begreift nicht, was das Costm bedeuten soll, was sie mit dem
Federputz auf dem Kopfe wollen, um Gefrorenes zu verkaufen.

Heute Abend hier im Tempel des Augartens war es ganz anders. Sie sollten
Lakaien vorstellen, und gingen deshalb in alten rothen Theaterlivree'n,
mit alten abgentzten Tressen umher, aber es war sehr schwierig, eine
dieser Gestalten zu erwischen; und wenn man auch mit Einem sprach
und etwas verlangte, so bekam man es doch nicht. Endlich wurde ich
ungeduldig. Ich sa gerade bei meinem guten Freunde Breu, der hungrig
war. Ich gedachte der Wohlthaten, die ich in seinem Hause genossen
hatte; mein Herz wurde gerhrt; ich drngte mich durch den Schwarm
hindurch in die Kche bis an den Heerd, half der Kchin etwas Spinat
auf das Fricandeau legen, schlug mich fast in der strengsten Bedeutung
des Wortes mit einem Lakai um eine Portion Kalbsbraten. Er: Doa's ist
fr einen anderen Herrn bestimmt; euer Gnoad'n knn's nicht hoab'n.
=Ich=: Ich =will= es haben, ich habe lange genug gewartet. Damit nahm
ich meine beiden Teller, reichte sie einem anderen, mir mehr ergebenen
Lakai; und nun ging ich im Triumph wieder nach dem griechischen
Tempel zurck und hatte die Freude, einmal meinen gastfreien Wirth zu
bewirthen, der sich ber meine Gewandheit Lebensmittel herbeizuschaffen
wunderte.

Mit dem Tanzen wollte es nicht recht gehen. Ein paar galante Herren mit
Handschuhen walzten mit einem paar Damen. Man erkannte in Einzelnen
dieser Nobili Venetiani Ladendiener und die anwesende _beau monde_ hielt
sich zurck. Der Erzherzog =Rainer= ging umher, blickte freundlich auf
die Leute, und ein Fourier ging voran und machte Platz fr ihn.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Kloster-Neuburg.]

Mit dem Baron =Retzer=, einem ltlichen Dichter und Bchercensor, habe
ich eine Reise nach =Kloster-Neuburg= gemacht, das schn an der Donau,
anderthalb Meilen von Wien liegt. Es existirt davon folgende Sage: Der
Markgraf Leopold IV. hatte ein Schlo auf dem Kahlenberg. Einmal, als
er mit seiner Gattin Agnes am offenen Fenster stand, ri ein Windsto
ihr den Schleier vom Haupte und trieb ihn weithin in den Wald, so da
sie ihn aus den Augen verlor. Ein paar Jahre darauf war der Markgraf in
demselben Walde zur Jagd. Pltzlich beginnen seine Hunde zu bellen und
zu heulen. Er folgte ihnen und sieht sie um einen Baum versammelt, an
dem er einen Schleier fand, den er als den seiner Gattin wiedererkannte.
Der fromme Leopold, der lange die Absicht hatte, ein Kloster zu bauen,
ohne mit sich ber den Platz einig werden zu knnen, betrachtete dieses
Ereigni als einen Wink des Himmels und lie das Kloster bauen, wo der
Schleier hing.

Der Prlat Herr =Gaudentius= hatte den Baron Retzer mit seinen Freunden
eingeladen, bei ihm Mittag zu essen. In den prchtigen Zimmern wohnen
nun die Augustiner. Wir gingen fast durch alle. Die Tapeten waren der
Ehrbarkeit und der Conservation halber mit weier Leinwand berhangen.
Die parquettirten Fubden waren sehr schn gebohnt. In dem letzten
Zimmer trafen wir den Prlaten in seinem schwarzen Rocke, mit einem
kleinen weien herabhngenden Bande vorn und hinten und mit einem
Sammtkppchen, das er, uns freundlich grend, lftete. Aber der arme
Herr Gaudentius hatte Zahnschmerzen. Er zeigte uns die Zimmer, die
Aussicht ist schn auf dem Kahlenberge und man sieht viel Weinberge und
Windungen der Donau. Nun muten wir mit einem andern Bruder hinausgehen,
um das merkwrdige Gebude zu sehen. Wir speisten bei dem Prlaten in
einem Zimmer, wo unser Knig auch einmal gespeist hatte. Es waren noch
fnf andere Geistliche da. Ehe man sich setzte, wurde stillschweigend
gebetet, und Herr Gaudentius ertheilte den Segen auf eine, wenn ich
so sagen darf, flchtige und bescheidene Art, wie wenn man wei, da
Fremde (Ketzer) zugegen sind. Die geistlichen Herren waren vernnftige
Leute und fast liberal. Wir sprachen vom Dichter =Werner=, der hier
den ersten Ansto zu seiner Bekehrung erhalten hat; d. h. durch sich
selbst, nicht durch die Mnche; denn er a hier mit einem vortrefflichen
=Schauspieler= Rose, (so tolerant sind sie) und Rose hat mir versichert,
da Werner sich ganz auf eigene Hand in den dritten Himmel versetzt
fhlte.

Die grte Einnahme des Stiftes besteht in Wein, der in ungeheuer
groen, aus drei Etagen bestehenden Kellern aufbewahrt wird. Unter
Anderem soll sich daselbst ein Fa befinden, welches 999 Eimer fat;
also eine Schwester des Heidelberger.

Die Kirche, welche alt ist, bekamen wir nicht zu sehen. Hier bewahrte
man den Schleier auf, der der Frau Markgrfin vom Kopfe geweht war, und
einige kostbare Becher, unter Anderen einen aus Goldstaub, den man in
der Donau gefunden hat, gefertigten.

Ein ehrwrdiger Frater fhrte uns nach der Mahlzeit auf sein Zimmer,
und zeigte uns seine kostbare Kupferstichsammlung, auf welche er im
Laufe von 30 Jahren all sein Geld verwendet hatte. Er zeichnete auch
selbst und in seinem Schlafzimmer hingen mehrere Portraits in Pastel;
unter diesen ein grliches Bild von einem bis an den Grtel nackten
Sterbenden, der ein Krucifix in der Hand hlt. Dies war ein Mensch,
den der Canonicus einmal zum Tode vorbereitet, und gleich gemalt
hatte, nachdem er verschieden war. Whrend mir der Augustiner seine
Kupferstiche zeigte, wandte ich immer die Augen nach jenem Schreckbilde
hin. Er wunderte sich darber, da dieses Skelett meine Aufmerksamkeit
von den Meisterwerken Raphal's und Leonardo da Vinci's ablenken knne.
Ich sagte ihm: Wenn es mein Bild wre, so wrde ich es verbrennen,
ehe ich zu Bett ginge, aber ich kann nicht umhin, es anzublicken. Das
Entsetzen hat einen eigenen Reiz.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Castelli als Schuster.]

Letzthin waren wir zu dem jngeren Herrn =Gaimller= mit Breu nach
Hitzing hinaus geladen, um eine Komdie zu sehen, die an seinem
Namenstag aufgefhrt werden sollte.

Das Hauptstck war: Der =Schuster=, eine Posse von Schickaneder. Dieses
Stck zeichnet sich nicht durch einen sehr witzigen Dialog, sondern
durch das Nationaldrollige in der Situation aus. Castelli spielte einen
besoffenen Schuhflicker, der auf seine junge Frau eiferschtig ist, in
dem hchsten Grade der Vollkommenheit, Frau G. spielte das junge Weib,
die uns durch ihre sterreichische Volksnaivett alle Fehler vergessen
macht, mit derselben Vollkommenheit.

Viele begreifen nicht, wie vernnftige Leute Vergngen daran finden
knnen, das Benehmen und die Reden trunkner Leute nachgeahmt zu sehen
und zu hren. Es ist wahr, Weisheit reden sie nicht, wenigstens keine
zusammenhngende Weisheit; aber jeden Menschen mit Phantasie mssen
diese Aphorismen, diese Ideenassociationen, Einflle, verschiedenen
Leidenschaften, dieser Wechsel zwischen Aufbrausen und Schlaffheit, Ha
und Liebe, Aufrichtigkeit und List, unterhalten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Sct. Annentag.]

Vergangenen Sonntag war der Sct. Annentag. Im Prater ward Feuerwerk
abgebrannt, und der Entrepreneur lud die Nannerls (alle die Damen,
welche Anna heien) unter der Ueberschrift: =Verehrungswrdigste
Nannetten!= ein, mit zur Untersttzung des Festes beizutragen. Auf
einem anderen Plakate stand: Erstens: wird eine mechanische Figur
ein verehrungswrdiges Publikum mit seinen Bewegungen zu unterhalten
suchen. --

Das Feuerwerk war gro und brillant. Obgleich der schelmische Mond schon
hinter den Bumen stand und etwas von dem Eindruck schwchte, hielt er
sich doch gutmthig und romantisch hinter einer Wolke, bis das Feuerwerk
vorber war.

Unter Anderem wurde auch die Liebe feuerwerksmig dargestellt. Zwei
brennende Figuren, ein Herr und eine Dame, standen in einem funkelnden
Tempel; und whrend sie im besten Brennen waren, fingen sie an, sich zu
bewegen und die Kpfe zu einander zu neigen, um sich zu kssen. =Der
Mann verlschte zuerst.= Ob dieses Feuerwerk Satyre oder Zufall war,
will ich ungesagt lassen.

                    *       *       *       *       *

                                                         Den 28. Juli.

Ich hatte Christian, unserem dnischen Diener gesagt, da er mir
ein Bouquet zu morgen kaufen sollte. Als ich in's Zimmer kam, hatte
er es vergessen. Ich schickte ihn wieder darnach fort. Einige Zeit
darauf kam er mit einem ganz kleinen Blumenstrau fr ein paar Kreuzer
zurck: Aber Christian, rief ich, ich will ein ordentliches, groes,
schnes Bouquet zur Geburtstagsfeier meiner Frau. -- Ja, ich kann
schon so einen bekommen, aber der ist sehr theuer, der kostet vier
bis fnf Gulden! -- Gleichviel, was er kostet! fort! -- Nun ging
er wieder fort und kam nach einer halben Stunde mit -- einem Busch
knstlicher Rosen von =Leinwand= oder =Seide= und berreichte ihn mir:
Nein, Christian, da ist doch zu toll, hast Du mich denn noch nicht
verstanden? Hast Du dein Dnisch oder all das Franzsich und Deutsch
vergessen? Einen Blumenstrau, einen schnen, groen, lebendigen
Blumenstrau will ich haben, um ihn dort auf der Kommode in's Wasser zu
stecken! -- Nun ging er wieder. Nach einer Viertelstunde kam er endlich
mit einem groen Bouquet zurck. Aber die Blumen hatten keine langen
Stiele. Es waren lauter kleine Struer, welche an einem hlzernen Stiel
zusammengebunden waren, und zwar einen groen, aber hlzernen, steifen
Strau bildeten, gleich einem Federstutz auf einem Czako. Nun war nichts
Anderes zu thun, als ihn wieder aufzumachen, und sich so gut als mglich
damit zu behelfen. Hol mir ein Glas! Er brachte mir eine kleine
Medicinflasche. Ein groes Glas! Er brachte ein Bierglas. Taugt
nichts, es mu ein Einmacheglas oder dergleichen sein. Er blieb etwas
lange fort; ich machte mir alle mglichen Vorstellungen, was er nun
bringen wrde und staunte, als er mit einem groen, schwarzgerucherten
irdenen Gefe ankam, noch darber, da es nicht schlimmer ausgefallen
war. Nun lief ich verzweifelt auf den Vorsaal hinaus, und als ich
daselbst einen Blumentopf mit Erde angefllt fand, reinigte ich ihn,
verklebte das Loch mit Sieglack, wickelte weies Papier um den Topf,
schrieb hbsch mit groen Buchstaben den 28. Juli 1817 darauf, setzte
den Blumentopf auf den Tisch, -- und hatte nun endlich nach vieler Mhe
und Beschwerde einen kleinen Altar meiner Christiane zu Ehren zu Stande
gebracht.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Magnetiseur.]

Capitain =Wocher=, ein herrlicher Mann, sprachkundig, Kunstkenner,
Gelehrter, witzig, Satyriker, munter in Gesellschaft, treuer Freund,
tapferer Soldat, veranstaltete da wir einen Doctor =Tschppholz=
besuchen sollten, der sich viel mit dem sogenannten thierischen
Magnetismus abgiebt. Wir besuchten deshalb erst den Doctor in Hitzing
auf seinen Sommersitz. Als Landsitz betrachtet, war er etwas traurig.
Er hatte ihn selbst, wie er sagte, nach seiner Idee bauen lassen. Das
Haus war hoch und eng, die Treppe schmal, die Zimmer klein, es gab
viele Winkel, und die Wnde waren absonderlich gemalt. Um die Aussicht
zu sehen, fhrte uns der Doctor an ein kleines Fenster, von wo aus man
mhsam auf das Dach klettern mute. Innerhalb auf dem Boden stand ein
Automat, ein Gespenst mit einer Trommel. Ich htte ihn gern seinen
Triller schlagen hren, aber da der Doctor sich beklagte, da er ihn nie
aufziehen knne (es war ein Uhrwerk im Automat), ohne da ihn die Kinder
gleich austrommeln lieen, so durfte ich nicht darum bitten. Mitten in
dem Wohnzimmer stand ein Spielzeug von gebranntem Thon mit einer Kugel,
die man durch mehrere Schneckengnge fallen lassen kann, und die dann in
numerirte Lcher fiel. In der Mitte war ein =Herz=: Das war die beste
Nummer. Ich versuchte mein Glck und meine Kugel fiel _heuresement_
mitten ins Herz. Der Doctor ist ein kleiner, melancholischer, ernster,
sanfter, magerer Mann mit scharfen eingefallenen Augen und einer
spitzen Nase. Er ist Leibarzt bei dem Frsten Esterhazy. In seinem
Garten hingen die Weinranken wie Bohnen an den Stangen; Gerll lag in
den Gngen. All' dies gab mir eine vortheilhafte Meinung von dem Mann
als =Magnetiseur=; denn es war deutlich, da er ein Gelehrter sei, der
nicht so auf das =Aeuere= achtete, und daraus schlo ich, da er sich
viel mit dem =Innern= beschftigte, was denn auch der Fall sein soll.
Seit =Mesmer's= Zeit beschftigte er sich unablssig mit Magnetismus. Er
soll ein sehr guter Mann sein, ein sehr tchtiger Arzt, er ist fromm und
religis; Wocher und ich fanden, da er etwas Stilldurchdringendes in
seinem Gesicht habe. Wir nannten ihn zum Scherz unter uns den Zauberer,
und betrachteten den =melancholischen Lustsitz= als eine Vorhalle
zum Heiligthum. Wir sprachen aus Bescheidenheit diesmal nichts vom
Magnetismus, als beim Abschied, wo ein alter Herr kam, der seine Tochter
magnetisiren lassen wollte. Nun uerten wir unsern Wunsch und Doctor
Tschppholz versprach, ihn in einigen Tagen zu befriedigen.

Eine Woche darauf lud er uns eines Vormittags ein, ihn in seiner
Wohnung in Wien zu besuchen. Wir traten in ein Zimmer voller Bcher,
christlicher Bilder an den Wnden, und in einem Winkel stand ein
groer brauner Lederstuhl mit Eisenketten und eisernen Spitzen. Wir
fanden einen vierschrtigen, rothwangigen, starken Mann bei ihm, der
geradezu und, wie es schien, ganz gesund war. Er war ein Chirurg, der
die Gabe besa, in hohem Grade und mit solcher Leichtigkeit magnetisch
clairvoyant zu werden, da der Doctor ihn ber 4000 Mal gebraucht
hatte, um von dem Zustande der Kranken zu sprechen, und Rath zu
ertheilen, wenn sie zugegen waren. -- Ich hatte kurz zuvor die von
Eschenmeyer herausgegebene Zeitschrift gelesen, in der documentirt
wird, da der Magnetismus keine Einbildung sei. Zwei Menschen haben in
Wrttemberg, der Eine vier Jahre, der Andere neun Monate, den Tod des
Knigs vorausgesagt, und viele hatten ihren innern Krankheitszustand
vorherbestimmt, hatten vorhergesagt, wie lange die Krankheit whren
wrde, =hatten im Dunkeln Worte mit der Herzgrube gelesen= u. s. w.
-- Als wir etwas zusammengesprochen hatten, setzte sich der Chirurg
in einen Stuhl, und whrend eines gleichgltigen Gesprchs mit uns,
magnetisirte ihn der Doctor mit einer Eisenstange, die er theils nach
seiner Stirn hin bewegte, theils in Zirkelbogen um ihn gehen lie;
zuweilen berhrte er ihm die Herzgrube mit den Fingerspitzen. Es dauerte
nicht lange, so fing der Chirurg an zu ghnen, sich im Kopfe zu kratzen,
sich zu strecken, zu zittern, ghnte dann wieder, und verfiel darauf
in Schlaf, der unverkennbar ein wirklicher war. -- Nun ist er fort,
sagte der Doctor, nun knnen wir die grten Geheimnisse zusammen
sprechen, er hrt nichts, auer was ich mit ihm spreche. -- Ich bat
den Doctor den Kranken um Gotteswillen nichts ber mein Schicksal sagen
zu lassen. -- Beruhigen Sie sich, sagte der Doctor, er kennt nun
die Gefhle ihres Herzens, und sagt Ihnen nichts Unangenehmes. -- Als
er dies uerte, streckte der Somnambule seine Hand gegen mich aus,
und der Doctor, der bisher gleichgltig mit mir gesprochen hatte, fing
an mich mit freundlichen Augen zu betrachten und sagte: Sie gefallen
ihm; er wnscht in Verbindung mit Ihnen zu stehen, reichen Sie ihm
Ihre Hand! -- Ich reichte sie ihm nicht, ohne etwas zu zittern. --
Wie finden Sie jetzt die Gemthsstimmung dieses Herrn? fragte er.
=Weich=, antwortete der Somnambule. Bei diesen Worten rollte eine
Zhre von seinen Wangen herab, die der Doctor abwischte und sagte: Er
weint, Ihre Gegenwart ist ihm angenehm! darauf fragte er wieder: Ist
dieser Herr aus Eifer fr die Wissenschaft, und um den Magnetismus zu
studiren hergekommen? -- Der =Somnambule=: Nein, bloe Neugierde! --
Der =Doctor=: Wie finden Sie den Gesundheitszustand dieses Herrn? --
Der =Somnambule=: Vollkommene Gesundheit. Er mu sich nur vor dem Zorn
hten. Whrend ich nun an diese eigenthmliche Sache denke, errthete
ich pltzlich. Da sagte der Somnambule: In diesem Augenblick schlgt
sein Puls zehn Mal schneller, als gewhnlich. Der Arzt fhlte an den
Puls, und dieser ging noch sehr stark. -- Ist das Krankheit? fragte
der Doctor. Der =Somnambule=: Nein, es ist nur die Einbildungskraft,
die ihn erhitzt.

Als der Doctor ihn fragte, ob Wocher auch kme, um zu sehen, was es fr
eine Bewandtni mit dem Magnetismus habe, lchelte er und sagte: Er hat
es ja schon einmal gesehen. Wocher stutzte, es war richtig, obgleich
es nicht hier geschehen war. -- Ich bat den Doctor, den Mann wieder in
seinen gesunden Zustand zu versetzen; er strich nun wieder nach der
entgegengesetzten Seite hin, hauchte nun wieder die magnetische Materie
von seiner Stirn fort, und es whrte nicht lange, so ghnte er, streckte
sich, ffnete die Augen, lchelte und erhob sich, ohne zu wissen, was
vorgegangen war. Diesen Auftritt habe ich gesehen und glaube nicht, da
man Komdie mit mir gespielt hat.

                    *       *       *       *       *

Unter den Gelehrten Wiens habe ich noch die Bekanntschaft des
Baron =Hormayr= gemacht, der das Beste geschrieben hat, was ber
sterreichische Geschichte existirt. Es ist ein lebhafter Mann, der die
Poesie liebt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abreise von Wien.]

Der Abschied ist ein Anspannen des Lebensfadens nach zwei
entgegengesetzten Seiten, wodurch der Knoten der Liebe fester geschrzt
wird. Wenn es auf unsere Kleider regnet, so weckt der Regen wieder jenen
schlummernden Duft des aromatischen Parfms, den wir frher darauf
gegossen haben. So auch die Abschiedszhre auf dem Gewande des Lebens.
Ich kann also auch Jeanpaulisiren.

                    *       *       *       *       *

Sowie man Wien verlt und nach Bhmen hineinkommt wird die Aussicht
weniger schn. Es ist gut, da wir die Sonne im Rcken haben. Auf dem
Wege stehen oft schne Eubischbaum-Alleen. Vorgestern Abend kam ich an
einen Teich, wo das braunrothe Rindvieh darin umherwadete und trank,
whrend die Abendsonne auf ihr rothes Fell schien. Dies lie mich an die
schnen niederlndischen Bilder denken. Es ist herrlich, eine solche
ehrbare Kuh in Abendroth stehen zu sehen, besonders wenn sie hoch steht,
da der blaue Himmel den Hintergrund bildet. Die Frauen schneiden das
Korn hier mit Sicheln; wenn solch ein groes schnes Mdchen an mir
vorberging, glaubte ich Ceres in eigener Person zu erblicken. Gestern
frh ging ich ein hbsches Stck in der Sonne, ich kam in die Nhe eines
Waldes und gerade vor mir murmelt eine Quelle. Ich setzte mich an einen
Tannenbaum hin und erwartete den Wagen. Schne Natur, dachte ich,
wie erfreut es den Dichter, dich zu sehen. Und mir schien es, als ob
die Natur antwortete: Und mich freut es oft von einem Dichter gesehen
zu werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dresden. Weber. Bttiger.]

=Dresden= kannte ich kaum wieder, obwohl ich elf Jahr vorher mich drei
Monate dort aufgehalten hatte. Es lagen so unzhlige Vorstellungen
zwischen der damaligen und jetzigen Zeit, da sie einen groen Theil der
Erinnerungen verwischt haben. Das heit in Bezug auf Straen, Mrkte
u. s. w., denn auf der Gemldegalerie war ich gleich wieder heimisch.
Und kaum war ich ein paar Tage hier gewesen, so fiel es wie ein Nebel
von meinen Augen, und ich wunderte mich, da ich nicht besser Bescheid
gewut habe.

Ich wute, da ich von dem Kreise, der mir das erste Mal so lieb war,
nmlich von der =Krnerschen= Familie, zu der ich tglich als Hausfreund
kam, nicht einmal Ueberreste finden wrde, denn der alte Krner war mit
seiner Frau nach Berlin gezogen, nachdem er einen solchen Sohn, wie
seinen =Theodor=, eine Tochter wie seine =Emma= verloren hatte.

                    *       *       *       *       *

Der erste, mit dem ich hier am Mittagstisch im =goldenen Engel=
Bekanntschaft machte, war der Capellmeister =Maria von Weber=, der
sich meiner aus Stuttgart v. J. 1809 erinnerte. Er ist ein beredter,
witziger und freundlicher Mann. Er fhrte mich in die Vorlesung des
Hofrath =Bttiger=, ber die Kunst des Alterthums. Der alte muntere
Bttiger empfing mich freundlich, umarmte und kte mich mehrmals
mitten im Auditorium vor allen Zuhrern, wodurch ich etwas verlegen
wurde; darauf bat er mich Platz zu nehmen und begann. Ich hrte eine
Vorlesung von ihm ber die verschieden Arten, wie die Griechen plastisch
gearbeitet htten; in Erz, gebranntem Thon, Marmor und endlich, was
man fr das Wichtigste und Schnste hielt, in einer Verbindung aller
harten Stoffe, die (weil Gold und Elfenbein das Wichtigste dabei
waren) Chryselephantine genannt wurde. Er lie das Bild einer Minerva
umhergehen, an welchem man sah, da das Nackte Elfenbein gewesen war,
der Panzer und Helm Gold, und das Gewand schne Blumenemaille, im
Uebrigen Alles reich mit Edelsteinen besetzt. Wie die Zusammensetzung
gemacht wurde, darber sind die Gelehrten noch uneinig.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dresden. Sammlungen.]

Das =grne Gewlbe= habe ich gleich den ersten Nachmittag, den ich hier
war, besucht, und wunderlicherweise sah ich es das letzte Mal, als ich
in Dresden war, gar nicht, wahrscheinlich aus dem Grunde: Du kannst es
ja noch immer zu sehen bekommen. Aus solchem Grunde geschieht oft Vieles
nicht. In diesem Bewutsein mochten wohl einmal drei Berliner von ihrer
Vaterstadt aus nach Potsdam gereist und mit der Post zurckgefahren
sein; dann stiegen sie in einem Wirthshaus ab, und lieen sich von einem
Lohnbedienten alle Merkwrdigkeiten der Stadt zeigen.

Endlich bekam ich es doch berdrssig alle diese Seltenheiten zu
sehen. Es ging mir wie Morgiane unter alten Demanten und Smafiren.
In Mahomed's Turban nimmt sich ein schner Smaragd, auf dem Busen
der Favoritin ein schner Rubin herrlich aus, aber wenn man sie in
den Schrnken in Reihen da liegen sieht, so macht es nur den halben
Eindruck. Diese Edelsteine entbehrten des Schimmers der =wunderbaren
Lampe=, und ich war philistrs genug, mir das Geld fr einen einzigen
Diamanten in meine Tasche zu wnschen. Dann mgen, dachte ich, die
Andern meinetwegen alles Uebrige behalten!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dresden. Die Gemldegalerie.]

Die =Gemldegalerie= habe ich in diesen Tagen fleiig besucht. O wie
erfreut es doch, etwas Herrliches und Schnes wiederzusehen! Es ist
ein zwiefacher Genu: die Gegenwart und die Erinnerung! Hier ging ich
vor elf Jahren umher, und empfand eine Ahnung, was Kunst sei. Ich hatte
oft die Madonna Raphael's besucht, die trotz des schmutzigen Rauches,
der sie zum Theil verschleiert, frisch in ihrer Schnheit mit dem Kinde
auf dem Arme emporsteigt, wie ich sie in meinem =Mnchsbruder= besungen
habe. Ich besuchte meine bunten =Correggiobilder=, die aussehen, als
ob sie gestern gemalt seien. Die Arbeiten aus jener ersten Zeit sind
die poetischsten. Es war mir ein eigenes Gefhl, vor diesen Gemlden zu
stehen, die ich nicht gesehen, nachdem ich Correggio geschrieben. Rubens
bewunderte ich stets halb im Vorbergehen. Das Flchtige und rasch
Gemalte mu flchtig und rasch betrachtet werden. Van Dyk hat seine
Bilder oft wahr ausgefhrt, hat aber nicht Rubens' Genie und Erfindung.
Rembrandt bewundere ich als einen poetischen, hchst =genialen
Schornsteinfeger=. Seine Bilder haben immer die Schornsteinfarbe; aber
er wei ihnen mit wenigen leichten Partien eine starke Wrme, ja sogar
Feuer zu geben, wie die Kohle auf dem Heerde. Seine (=Schweine-=)
=Hirten-Idyllen= oft aus der biblischen Geschichte, tragen das
Geprge tiefer Wahrheit. Wenn man den rechten Gegensatz zu Rembrandts
romantischen Kohlenbrennerscenen haben will, so gehe man hin und ffne
die Glasschrnke zu =Van der Werft's Bisquit-= und =Porzellanboutiquen=.
Das ist fein gemalt, wie die Leute zu sagen pflegen. Doch kann man nicht
leugnen, da Van der Werft Grazie, ja zuweilen selbst Physiognomie
in den ausgefhrten Formen hat; aber er hat grtentheils vergessen,
seinen Emailestcken einen lebendigen Geist einzuhauchen. Von Murillo
hngt nur eine Madonna mit ihrem Kinde da. Titian's Venus liegt auf
ihrem Lager, aber ich finde sie gar nicht schn. Von Michel Angelo
ist hier nur ein tchtiger, starker, nackter Jngling in Fesseln, der
lebendig verbrannt werden soll. Aber er sieht mit einem eigenthmlich
vornehmen und wilden Blicke zum Scheiterhaufen hin, indem er sein
Antlitz halb hinter dem Arme verbrgt, als ob er sagen wollte: Diese
dumme Behandlung ist unverstndig und unverschmt, aber sie ist bald
berstanden. Niederlndische Gemlde sind in Menge hier. Eins der
liebsten ist mir =Holbein's Madonna=, vortrefflich conservirt. Sie steht
mit dem Jesuskinde auf dem Arm, und der Brgermeister kniet ehrlich und
gutmthig vor ihr, in seiner altdeutschen Tracht, lauter Portraits,
auer Maria und dem Kinde. Ich finde es schn sich so auf fromme Weise
ein Familienbild malen zu lassen.

[Sidenote: Dresden. Theater.]

Der bekannte Dichter, Herr =Kind=, hat ein Stck geschrieben: =Van Dyk=;
worin viel Schnes und Anmuthiges vorkommt, obgleich dass Ganze etwas
lose und weitlufig[5] und die Katastrophe unmotivirt ist.

  [5] Tieck hat das Stck weit besser als Correggio gefunden.

In diesem Stcke hat der Dichter Gelegenheit gegeben, viele Bilder von
Rubens, Ostade und Tenniers auf dem Theater darzustellen, was eine
gute Wirkung hervorbringt und die Dresdner amsirt, die ihre liebe
Gemldegalerie wiedererkennen.

Ich habe Ludlam's Hhle bei Bttigers vor Mehreren vorgelesen; sie
machte auf meine Zuhrer Eindruck, und der Regisseur, Herr Helbig, hat
die Absicht, das Stck auf die Bhne zu bringen.

Heute Abend spielt man mir zu Ehren Axel und Valborg mit einigen
nothwendigen Abnderungen. Ich war auch bei der Schauspielerin Madame
=Schirmer=, welche mir einmal die Ehre erwies, auf einem Declamatorium
mein Bild zugleich mit dem Gthe's zu bekrnzen. Sie wird die Valborg
spielen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dresden. Axel und Valborg.]

Es waren dieselben Vernderungen vorgenommen wie in Wien. Das Stck
wurde gut gegeben, und die Vorstellung gefiel; aber ich erkannte auch
die Ursache, weshalb Madame Schirmer frher wenig Eindruck in dieser
Rolle gemacht hatte, als man vermuthete. Sie glaubte das ganze Stck
hindurch Valborg's Tod vorbereiten und motiviren zu mssen; als ob
ein Wurm heimlich an ihr nagte von dem Augenblick an, wo der Ring in
Harald Gille's Grab fllt. Das ist richtig; nur darf man sich nicht
durch Valborg's Worte, die sie an Axel richtet, irre leiten lassen,
und glauben, sie sei ruhig oder resignirt, und dies selbst in der
Trennungsscene im dritten Acte. Zeigt Valborg sich uerlich zu ruhig,
so bleiben die Zuschauer kalt, denn auf dem Theater kann man das Innere
nur durch das Aeuere sehen. Die Hauptsache ist auerdem nicht Valborg's
Tod -- sondern das Poetische besteht in der schnen Schwrmerei der
jungen Leute und ihrem rhrenden Unglck. Damit dies zum Herzen gehen
soll, mu Valborg krftig, voller Feuer und Gefhl sein; sie will Axel
durch ihre Worte beruhigen, und merkt nicht, da sie ebenso sehr des
Trostes bedarf, wie Er und da sie sein Schicksal theilt. Ohne dieses
Feuer knnte Valborg auch nicht zuletzt so in der Kirche trumen. Es
ist auch unnatrlich, sich Valborg's Tod in der kurzen Zeit motivirt zu
denken. Valborg stirbt vom Schlage getroffen. Die Zeit kann sie nicht
hinzehren, abgesehen davon, da dieses Zehren, wie kurz man es auch
darstellen mag, etwas Unschnes hat, das womglich vermieden werden mu.
Und das habe ich auch immer gethan. Es ist ganz unrichtig, wenn man sich
Correggio als einen Siechen denkt, der die ersten vier Acte hindurch
chzt und im letzten unterliegt. Die kleine innere Wunde, die vor Kurzem
geheilt war, ffnet sich durch seine Heftigkeit und er fllt gerade,
weil er so unvorsichtig lebhaft, bewegt und leidenschaftlich gewesen
war. Alles mu Feuer und Leben sein, sowohl bei Valborg als Correggio.

                    *       *       *       *       *

Ich mu hier noch eine Anekdote von Helwig erzhlen, der den Wilhelm
vortrefflich spielte und Regisseur des Theaters ist. Er hatte den Abend
vorher wegen Axel und Valborg einen Schreck gehabt. Als er ausgekleidet
war und ins Bett gehen wollte, fiel es ihm ein, da er den Theaterzettel
nicht richtig geschrieben habe; sondern da auf der Correctur Erland
=Erzbischof= statt =Kanzler= stehe. Da nun dieser Fehler zum grten
Skandal Veranlassung gegeben htte, da die katholische Geistlichkeit in
Harnisch gerathen, das Stck in Zukunft verboten -- Helbig vielleicht
bestraft worden wre -- ward es ihm hei im Kopf und er schickte sein
Mdchen sogleich in die Druckerei. Aber als sie unverrichteter Sache
zurckkehrte (Alle waren bereits im Bett), so lief er selbst hin;
klopfte den Setzer heraus, ging mit ihm in die Druckerei und sah nun --
da er gegen Schatten gekmpft hatte und da wirklich auf dem Zettel
Kanzler und nicht Erzbischof stand. Froh und leicht ums Herz ging er
nach Hause, kleidete sich aus, legte sich ins Bett und schlummerte s.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Dresden. Katholischer Gottesdienst.]

Ich habe in der katholischen Kirche schne Musik gehrt und freute mich
in dem freundlichen hellen Gebude zu sitzen, das, ohne gerade schn zu
sein, etwas sehr Belebendes hat. Wenn der =Schweizer= sich nur nicht
immer so viel Mhe gbe, die Mnner von den Frauen zu trennen und Jeden
auf eine besondere Seite zu treiben. Es kommt mir so vor, als ob der
jngste Tag wre, wo die Bcke von den Schafen getrennt werden. Lehnt
sich Einer unvorsichtiger Weise an eine Sule oder Wand, so kommt er
auch gleich und klopft ihm auf die Schulter. Er macht den meisten
Spectakel in der Kirche aus lauter Eifer fr die Ruhe, -- und ich dachte
an die Geschichte von den acht Mnnern, die Einen in das Getreide
trugen, damit dieser nicht die Saat zertrete. Ein schnes Altarblatt von
Raphael Mengs schmckt den Hintergrund der Kirche.

[Sidenote: Wieland und der Kurfrst.]

Von der Kirche fhrt ein verdeckter Gang zum Schlosse, durch den die
knigliche Familie mit dem ganzen Gefolge nach dem Gottesdienste geht.
Dieser ist immer voll von Menschen und ich war jetzt auch einmal da,
wie vor elf Jahren. Mir war es als ob es gestern gewesen wre; so ganz
gleich schien mir der Anblick. Es macht einen wunderbaren Eindruck,
eine so schne, groe katholische Kirche mitten in dem Lande zu sehen,
von dem die Reformation ausging. In Bezug auf die kurfrstliche Familie
und den bedeckten Gang mu ich eine kleine Geschichte erzhlen. Zur
Zeit, als =Wieland= in seiner hchsten Blthe stand, war er einmal
nach Dresden gekommen. Einer seiner Bewunderer am Hofe, vielleicht
der Marschall, hatte groe Lust, ihn dem Kurfrsten vorzustellen, da
aber Wieland nicht den dazu erforderlichen Rang hatte (er lie sich
nicht wie Gthe, Schiller und Herder adeln), so ging es nicht an, ihn
an den Hof zu bringen. Hier dagegen auf dem Gange zur Kirche glaubte
sein Beschtzer wohl, da es sich machen liee. Als also der Kurfrst
vorberging, fate ihn der Andere bei der Hand und stellte ihn vor. Der
Kurfrst stand einen Augenblick still und bltterte im Buche seines
Gedchtnisses, ob es anginge, da ein Kurfrst mit einem Poeten auf
einem ffentlichen Wege sprche; da er aber wahrscheinlich kein Beispiel
hierfr fand, ging er weiter, ohne von Wieland Notiz zu nehmen.

                    *       *       *       *       *

Obgleich wir mit Extrapost reisen, geht der Wagen durch den
brandenburger Sand doch wie bei einem Leichenzuge, und will man sich
eine richtige Vorstellung von unserer Fahrt machen, so denke man sich
eine Kalesche mit Koffern und drei Menschen auf ein =Pflug= gesetzt, man
denke sich vor diesen Pflug vier magere Gule gespannt, und da es fast
berall Schritt vor Schritt geht; so hat man eine Idee von unserer Fahrt
von Dresden nach Berlin.

[Sidenote: Ein zudringlicher Gast.]

In einem Kruge hier in der Nhe ist jngst eine hbsche Geschichte
passirt. Ein Elephant hat die Ehre fr den Augenblick das dresdener
Publikum zu unterhalten. Da nun Elephanten auf ihren eigenen dicken
Beinen einherschreiten mssen, so begab es sich, da benannter dicker
Fleischklumpen nach langsamer Wanderung mit seinem Herrn eines Abends
bei diesem Bauernkrug ankam, wo man ihn, wie jedes andere Pferd, an
den Schlag anband. Im Kruge saen die Bauern, spielten bei Licht
Karten, rauchten Tabak, tranken Branntwein, zankten sich, und gewannen
einander das Geld ab. Der Elephant mute dies lustige Treiben innerhalb
der hellen Fenster bemerkt haben, whrend er selbst drauen in der
finstern Nacht melancholisch stehen, und den groen Wagen und das
Siebengestirn anghnen mute, und da er sie Karten spielen sah, hatte
er wahrscheinlich Lust bekommen, daran Theil zu nehmen; er erhob also
mit philosophischer Ruhe seinen Rssel, zerbrach mit Leichtigkeit
die Scheiben und das Fensterkreuz, steckte den Rssel ins Zimmer und
whlte umher. Man stelle sich vor, was betrunkene Bauern geglaubt haben
mssen, indem sie so pltzlich mitten in ihrem Landsknecht durch eine
so ungeheure Schlangengestalt gestrt wurden. Als der Wirth hereinkam
und sie Alle schreiend ber einander liegen sah, hatte er alle seine
Geistesgegenwart nthig, um ihnen aus der Naturgeschichte zu beweisen,
da es nicht der Satan sei, der sie (nach ihrem eigenen wiederholten
Verlangen) hole, sondern ein unschuldiger Elephant, der mit ihnen
spiele; der nur Gemse, und weder Ochsen- noch Bauernfleisch fre.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Fahrt durch die Haide.]

Wir fuhren durch lauter Haideland, wo nichts war, als Sand,
Sonnenstrahlen und Fliegen. Von einzeln stehenden Bschen am Wege
brachen wir Zweige ab, womit wir unsere Pferde bedeckten, um sie etwas
zu schtzen; denn mit den gestutzten Schweifen, mit denen sie unablssig
umherschlugen, konnten sie sich nicht selbst vertheidigen.

Der Abend war schn, und nun kamen wir pltzlich zu einem herrlichen
khlen Nuwald, wo die Frchte in den Zweigen uns winkten. Wir stiegen
ab, und pflckten unsere Mtzen voll von den noch nicht ganz reifen,
aber doch wohlschmeckenden Frchten.

Weiterhin kamen wir an einen kleinen Tannenwald, wo die wenigen
Brombeeren, die wir im Gebsch fanden, uns erfrischten.

Um Ein Uhr gelangten wir an eine Station. Als ich auf dem Sopha lag,
halb im Schlaf mein Butterbrod a, das ich mit einem kleinen Hunde
theilte, den ich von seinem Lager verjagt hatte, um selbst darauf zu
liegen, kam Christian ganz bleich herein und sagte: Wir knnen heute
Nacht nicht weiter reisen; drauen auf dem Wege liegt ein armer Mann,
der todtgeschlagen ist und jmmerlich sthnt. Der Hausknecht und der
Postillon haben eine Laterne angezndet, und sind hinausgegangen, zu
sehen, wie es steht! -- Ich lief zur Thr hinaus, die Leute kamen aber
gleich zurck und sagten, da es ein armer, kranker Mann aus einem der
Nachbarhuser gewesen sei, der gesthnt habe. Je weiter wir fuhren,
destomehr Pferde bekamen wir. Erst hatten wir zwei, dann bekamen wir
drei; nun muten wir vier nehmen und der Postmeister sagte, wir sollten
eigentlich fnf bekommen, aber weil =wir= es seien, sollte es bei vier
sein Bewenden haben. Htten wir die Ehre mehr als das Geld geliebt, so
htten wir wohl mit sechsen fahren knnen.

Der Wagen ging, wie gewhnlich, etwas entzwei. Im Ganzen hat er, was den
Rumpf anbetrifft, eine gute Gesundheit, aber die Rder und die Stange
krnkeln zuweilen. Hier zerri ein Riemen. Glcklicherweise hatten wir
eine eiserne Kette, mit der wir uns behalfen, bis am andern Morgen der
Riemen wieder hergestellt war.

In einer kleinen Stadt stieg ich vom Wagen und eilte zu einem armen
Barbier, um mich rasiren zu lassen. Die Frau gab dem schwachen
abgezehrten Kinde -- Kaffee. Armuth und Elend herrschte in allen
Winkeln. Der Mann sah bleich und finster aus. Als er mir das Messer
an's Kinn setzte, dachte ich: Du bist hier wildfremd! Weder Bertouch
noch Christian haben gesehen, wo Du hingegangen bist. Du hast alles
Reisegeld in einem Grtel um den Leib. Wenn nun der Mann dies
vermuthete, in der Verzweiflung wr, dir den Hals abschnitte und deine
Leiche in einen abgelegenen Brunnen wrfe? Mit diesen Gedanken blickte
ich ihm starr in die Augen, um ihm zu imponiren, wenn er etwas Bses im
Sinne htte. Als er fertig war fhlte ich mich ihm unsglich verbunden
und steckte dem kleinen Kinde einen Thaler in die abgezehrte Hand. Die
armen Leute dankten innig, und ich schmte mich, da ich dergleichen
hatte denken knnen. Aber ich dachte es eigentlich auch nicht, es war
nur ein Spiel der Phantasie. Wenn ein Dichter die Phantasie nicht spuken
und trumen lassen knnte, ohne davon ergriffen zu werden, so wre es
schlecht mit ihm bestellt.

Am nchsten Tage kamen wir, nachdem wir die Haiden durchpflgt hatten,
an einen schnen See, wo wir die Pferde beneideten, da sie sich im
frischen Wasser abkhlen konnten. Wir kamen wieder an Brombeerhecken
vorber. Da stand eine Frau, die einen groen irdenen Topf voll
gepflckt hatte. Statt auszusteigen und sich welche mit eigener Hand zu
pflcken, fand Bertouch es bequemer, der Frau alle Beeren abzukaufen.
Fr vier Groschen bekam er die ganze Ernte. Ich fragte ihn, ob er
wirklich die Absicht htte, sie alle zu verzehren. Er schwieg lchelnd,
nahm sie in sein Taschentuch, legte sie in den Schoo, streifte die
Aermel auf und nun begann ein Beerenessen: eine Hand voll nach der
andern in den Mund. Christian ahmte seinem Herrn nach. Da saen sie,
als ob sie als Kannibalen Hnde in Blut getaucht htten. Endlich sagte
ich zu Bertouch: Darf ich um =meine= Portion bitten? Und da er, wie
immer, mir hchst gutmthig und gastfrei die grte Hlfte gab, nahm ich
sie, und warf sie mit den Worten zum Wagen hinaus: Das ist ein Opfer,
das ich Ihrem Magen bringe. -- Spter machte es mir Spa, die beiden
blutrothen Schlchter allmlig ganz dunkelblaue Hnde, wie Frber,
bekommen zu sehen. So machten sie in kurzer Zeit zwei Handwerke mit
grter Leichtigkeit durch.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ankunft in Berlin.]

Welch wunderbares Gefhl, Berlin wieder zu sehen! Die ehernen Pferde
ber dem Brandenburger Thor haben unterdessen eine Reise nach Paris und
wieder zurck gemacht.

Am zweiten Tag nach unsrer Ankunft ward ein groes Manver in
Grobeeren, zwei Meilen von Berlin, abgehalten; und darauf wurde die
Hlle von einem groen eisernen Kreuze, einem Grabdenkmal fr die
gefallenen Krieger, abgenommen.

Eine Menge Menschen war hinausgegangen, um an dem Feste Theil zu nehmen.
Aber da das Wetter nicht schn war und ich eben erst eine lange Reise
gemacht hatte, fhlte ich nicht Lust, gleich wieder auszufahren, blieb
zu Hause, und lie mir von Bertouch erzhlen, was er gesehen hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufenthalt in Berlin.]

Ich habe die Geheimrthe =Pistor= und =Alberti= besucht, besonders
ihrer Frauen wegen, der Tchter Reichardts, die stets freundlich gegen
mich gewesen waren. Pistor ist ein Sonderling, der so thut, als ob
er mich nicht mehr kennt, das ist aber gleichgltig. Den Buchhndler
=Reimer= besuchte ich in dem schnen groen Hause, das er jetzt besitzt.
Schleiermacher wohnt bei ihm, befindet sich aber auf einer Fureise. Bei
=Bernstorff's= fand ich die gewhnliche liebenswrdige Gastfreundschaft.
Ich habe Gthe's =Geschwister= vortrefflich von Wolf und der Madame
Stich darstellen sehen. Wolf und seine Frau, die Weimars Perle waren,
sind nun in Berlin. Als ich Frau Wolf fragte, warum sie nicht in Weimar
geblieben sei, antwortete sie: Ich konnte es da nicht lnger aushalten,
Gthe ist ein groer Mann, aber ein kleiner Mensch. Bei Frau von
=Zschokke=, Pistor's Schwester, fand ich die alte Freundschaft. Ich
las da eines Abends Holberg's Die Unsichtbaren aus demselben alten
Exemplare vor, wie vor elf Jahren.

                    *       *       *       *       *

Ich habe meinen alten Freund =Kienlen= hier in Berlin wiedergefunden. Er
ist arm, ohne Anstellung. Gthe's Claudine von Villabella, die er schon
in Paris 1809 componirt hatte, soll nun hier bald aufgefhrt werden. In
Zelter's Singakademie und bei seiner Liedertafel bin ich auch gewesen.
Er ist ein Mann von 60 Jahren und leitet diese Akademie mit Humor und
Kraft. Man beschuldigt ihn grob zu sein und er ist nicht sonderlich
beliebt, gegen mich war er sehr freundlich[6].

  [6] Wie ehrlich er dies meinte, hat man aus dem Vorhergehenden gesehen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Berlin. Theater.]

Ich habe =Hoffmann's= Bekanntschaft gemacht. Seine Mrchen und
Erzhlungen sind trotz des Convulsivischen und Entsetzlichen, das
zuweilen zur Manier wird, voll von poetischem Feuer, einer starken
Phantasie und von Humor. Er ist Regierungsrath, klein, mager. Er zeigt
in seiner Unterhaltung viel Verstand. Er ist auch ein guter Musiker,
und hat Fouqu's Undine bersetzt. Er und der Buchhndler (spter
Kriminaldirector) Hitzig luden mich ein, mit ihnen in einer Restauration
zu essen, wo ich auch Berlins grten Komiker, =Devrient=, fand. Ich
habe ihn einen franzsischen Kammerdiener spielen sehen, der einen
deutschen Kutscher unterrichtet und ihm bei einer Flasche Wein, die
sie an einem kleinen Tisch zusammen trinken, imponirt. (Den Namen des
Stckes habe ich vergessen.) Man kann sich nichts Lustigeres denken. Nie
kann Prahlerei und ein albernes Wesen auf eine hbschere Art persiflirt
werden; all die vornehmen Manieren carrikirt, und doch mit einer
bewundernswrdigen, franzsischen Nonchalance.

                    *       *       *       *       *

Jngst, bei Alberti's, disputirte ich mit dem Professor Buttmann ber
die wissenschaftliche Terminologie. Er sagte, sie sei nthig; ich
behauptete: Nein; man knne das, was man in seiner eigenen Sprache
nicht klar auszudrcken vermge, auch noch nicht klar denken. Gewisse
Schattirungen des Denkens lieen sich freilich nicht aus einer Sprache
in die andere bersetzen; aber gerade dieser Unterschied mache, da
mehrere und nicht eine Sprache existire; das konnte der gelehrte
Grammatiker nicht leugnen.

Das Opernhaus ist sehr schn. Seitdem das Schauspielhaus abgebrannt ist,
wird hier immer gespielt; aber kommt es nun daher, da das Opernhaus
mehr abgelegen, oder da es Sommer ist, es ist sehr wenig besucht. Der
Theaterintendant Herr Graf =Brhl= schickt mir jeden Morgen ein Billet
zu einem Sperrsitz. Ich habe =Unzelmann= wieder gesehen. Er wird nun
alt, ein herrlicher Komiker. Er besa nicht Iffland's Feinheit und
Portraitmalertalent, aber mehr komische Begeisterung und ein lustigeres
Naturel. Er hatte die Gewohnheit, zuweilen ein paar Worte seiner Rolle
hinzuzufgen. Dies wurde verboten, und man mute Strafe zahlen, wenn man
das Verbot bertrat. Einmal spielte man das kleine schne Singspiel:
=Richard Lwenherz=, wo die Prinzessin reitend zur Burg kommt. Das Pferd
machte gefhrliche Capriolen auf der Bhne nach dem Orchester zu, und
Unzelmann, der mitspielte, ging hin, griff in den Zgel, hob drohend
seine Finger und sagte: Weit du nicht, da es verboten ist, in der
Rolle Zustze zu machen? -- Ein starker Applaus belohnte diesen Witz,
und Unzelmann bezahlte mit Freuden seine Strafe.

Unzelmann stand am Vormittag mit anderen Schauspielern auf der Bhne,
nachdem zu Schiller's Rubern die Probe gehalten war, gerade als das
Schauspielhaus zu brennen anfing. Als er nun das Feuer unter dem Dache
bemerkte, winkte er den Anderen zu und sagte leise: Still Kinder! das
mu um Gottes willen geheim gehalten werden! Das darf Niemand wissen.
Wir werden es wohl bald lschen knnen. Indessen wirbelten die starken
Flammen bereits zum Dach hinaus, hoch in die Luft empor, und der ganze
Markt war voller Menschen, die dem Brande zusahen. Die Schauspieler
muten eilen, um sich selbst zu retten.

Ich mu hierbei noch eine andere Geschichte erzhlen. Ein Mensch hat
am Vormittag ein Parterrebillet zur Vorstellung der Ruber genommen.
Als nun das Schauspielhaus Abends 6 Uhr vernichtet war und noch in den
Ruinen brannte, und ein Piquet Soldaten umherstand, um die Menschenmenge
abzuhalten, kam der Mann, klopfte einem Soldaten auf die Schulter und
wollte auf die Brandsttte, weil er ein Billet hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Frau von Arnim.]

[Sidenote: Brentano. Fouqu.]

Bei Pistor's lernte ich =Frau von Arnim=, Brentano's Schwester, eine
lebhafte, muntere Dame, trotzig, witzig, geistreich, beredt, scherzhaft
und gutmthig kennen. Wenn sie mit Mnnern spricht, so neckt sie gern;
man mu auf jedes Wort achten das man sagt, damit sie sich nicht daran
klammern kann; man mu lustig sein und sie wieder necken, dann lchelt
sie vergngt. Sie fragte mich, ob bei mir zu Hause auch Damen seien,
die mir die Wahrheit sagen knnten. Ich antwortete ihr: O ja! wir
haben sehr vernnftige artige Damen in Kopenhagen. Aber, sagte
sie, wenn sie alle so hflich und artig sind, wer sagt Ihnen dann das
Nothwendige derb und grob? O, antwortete ich, wenn ich das zur
Vernderung einmal von =Damen= hren will, so reise ich ins Ausland!
Bravo, rief sie und brach in Gelchter aus; ich verzeihe Ihnen
Ihre Unverschmtheit, es war eine gute Antwort. Arnim ist gro, blond,
hbsch und sehr still. Er hat einen poetischen Geist, nur ist er in
seinen Dichtungen etwas neblig und weitlufig; doch trifft man in seinen
spteren Bchern, z. B. =Berthold's erstes= und =zweites Leben= viele
schne Schilderungen. =Brentano=, sein Schwager, wollte sich im Anfange
gar nicht mit mir abgeben, aber als er mich spter eines Abends bei
Arnims sah, wo ich ein paar Acte aus Freia's Altar vorlas, fand ich
Gnade vor seinen Augen und nun sind wir sehr gute Freunde. Er gleicht
der Schwester. Mit vielem Witz spricht er von Allem, stellt Alles in
ein barockes Licht, und findet leicht Fehler in Dem heraus, was man
sagt; gesteht aber doch selbst, da auch er ein sndiger Mensch ist.
Er ist in der letzten Zeit etwas fromm geworden, glaube ich, lie sich
aber mir gegenber nicht weiter darber aus, weil er merkte, da ich es
nicht auf seine Weise sei. Er ist kaum mittelgro, hbsch, aber ziemlich
bleich und mager; das schwarze lockige Haar hngt ihm wild um den Kopf.
Seine Augen mit groen Lidern sind braun, voller Feuer und unstet. Es
ist keine Frage, da er viel Geist und Talent besitzt; wenn er nicht zu
negativ wre und mehr Ruhe htte, knnte er es gewi weit bringen. Ich
las ihm etwas aus meinem =Evangelium des Jahres= vor, das er sehr lobte;
aber auf eine Weise die stets unangenehm ist; wenn nmlich der Richter
nicht blo =einzusehen= sondern auch zu =bersehen= glaubt, was er
beurtheilt.

                    *       *       *       *       *

Vor Kurzem kam =Fouqu= sieben Meilen weit von seinem Gute her, um
meine Bekanntschaft zu machen. Hoffmann bat uns, diesen Abend bei
ihm zuzubringen und so hatten wir Drei nun wirklich einen echten
Dichterabend. Fouqu ist ein offenherziger, freundlicher Mann, gutmthig
und mittheilend, er hat ein edles Herz und eine reiche Phantasie. Seine
=Undine=, sein =Galgenmnnlein=, der =unbekannte Kranke=, =Ixion=
u. s. w. sind vortrefflich. Er ist meiner Ansicht nach am vorzglichsten
in seinen Mrchen. Zu dem Dramatischen fehlt ihm die Aufmerksamkeit
fr die wirkliche Natur. Er trumt schn von Tapferkeit, Liebe und
Alterthum. Man knnte etwas mehr Gedankenreichthum in seinen Werken
wnschen und das =Adelige= spielt eine zu groe Rolle darin. Er ist
durchaus nicht beiend, polemisch oder satirisch, lt alles Gute gelten
und auch einen Theil Mittelmiges. Dnisch versteht er sehr gut; und
hat die meisten meiner dnischen Werke in seinen Abendzirkeln Deutsch
vorgelesen. Er ist nicht sehr gro, ziemlich stark, blond und hat
krauses Haar. Hoffmann, ein burlesker, phantastischer Gnome, mit vielem
Verstand, stand mit der weien Schrze wie ein Koch da und bereitete
Cardinal aus Rheinwein und Champagner. Der Pokal ging unablssig umher;
wir erzhlten uns einander kleine Geschichten und abenteuerliche
Ereignisse, die entweder uns oder Anderen widerfahren waren. Unter
Anderem kann ich folgende Novelle von einem Juden mittheilen, die
Hoffmann erzhlte.

[Sidenote: Fouqu. Hoffmann.]

Dieser Jude fhlte sich von den Wahrheiten der christlichen Religion
berzeugt und lie sich taufen. Kaum war er getauft, als er in jeder
Nacht von seiner todten Frau beunruhigt wurde. Sie erschien ihm,
rang ihre Hnde, starrte ihn mit hohlen Blicken an, zeigte auf ihren
Scheitel, und jammerte darber, da sie keine Ruhe im Grabe habe, weil
sie nicht auch Christin geworden sei. Er vernderte seine Wohnung, aber
sie verfolgte ihn, erschien ihm in jeder Mitternacht und verlangte der
heiligen Taufe theilhaftig zu werden. Um der Unglcklichen Ruhe im
Grabe zu schaffen, und um den Lebenden von der grlichen Erscheinung
zu befreien, beschlo die Obrigkeit und die Priesterschaft, das Grab
zu ffnen und die Leiche zu taufen, was denn auch geschah. Von diesem
Augenblicke an lie sich das Gespenst nicht mehr sehen, sondern fand
eine selige Ruhe. -- Aber nun kommt die Erklrung der Fabel: Kurz darauf
bekam der Jude einen Proce mit den Erben seiner Frau, die sie beerben
wollten; aber da berief er sich darauf, da seine Frau auch getauft sei
und nun das Erbe ihm gehre.

[Sidenote: Hitzig. Krners.]

Whrend wir bei solch' grlichen Erzhlungen dasitzen und die Phantasie
durch Cardinal erhitzen, wende ich den Kopf zur Seite und sehe -- einen
kleinen schwarzen Teufel -- mit einem Horn auf der Stirn, und einer
rothen Zunge aus dem Munde hngend, sich ber meine Schulter beugen.
Es war dies eine Marionettenpuppe, die Hoffmann gekauft hatte (er hat
den ganzen Schrank voll), mit der er manvrirte, um mich in einem
grausigen Mrchen zu erschrecken. Einmal erzhlte Fouqu etwas, und nun
setzte Hoffmann sich ans Klavier, accompagnirte Fouqu's Erzhlung und
malte Alles mit Tnen aus, je nachdem es grausig, kriegerisch, zrtlich
oder rhrend war und das machte er ganz vortrefflich. Am nchsten Abend
waren wir bei =Hitzig=, hier aber gerieth Fouqu ber Tisch in ein
langwieriges Gesprch mit einer Dichterin, welche wissen wollte, wie
er es machte, wenn er dichtet. Es kam zu keinem Ende und es war mir
unangenehm, indem ich dadurch seine Gesellschaft einbte. Er zeigte mir
beim Abschied seinen Degen, auf welchem steht: _Pour moi mon me, mon
coeur pour ma dame_; oder etwas Aehnliches. Ich mute versprechen, ihn
zu besuchen, aber diesmal wird wohl nichts daraus werden.

                    *       *       *       *       *

Ich war bei den alten =Krners=. Er, seine Frau und seine Schwgerin
haben sich fast gar nicht verndert, aber die Jugend im Hause ist todt.
Als ich bei ihnen eintrat, brachen beide Frauen in Thrnen aus; denn der
Gedanke an Theodor und Emma erwachten wieder lebhaft in ihnen. Theodor
Krner's kurzes Leben war schn und rhrend. Ein junger begeisterter
Tyrtus fr sein Vaterland, ein ehrlicher Kmpe. Wre Friede gekommen,
und er dramatischer Dichter geworden, so htte er sich kaum auf
dieser Hhe gehalten. Sein Leyer und Schwert ist vortrefflich. Als
Theaterdichter zeigt er keine besondere Anlage, sondern ahmt Schiller
sehr in dem zu zierlichen Dialog nach, ohne doch die nthige Kraft,
Beweglichkeit und Humor in die Charactere und die Handlung zu legen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Tieck.]

Vor Kurzem kam Tieck von einer sehr forcirten Reise zurck. Er ist
in England gewesen und hat in den alten Sagen von Shakspeare, seinem
Theater und seinen Schauspielern umhergestbert; hatte das Verhltni
erforscht, in dem Shakspeare zu den Dichtern seiner Zeit stand, was von
Anderen geschrieben war, als und bevor er dichtete u. s. w. Dieses Buch
kann sehr interessant werden. -- Ich fand Tieck sehr verndert; er geht
von Gicht gekrmmt an seinem Stocke und ist ziemlich stark geworden.
Wenn ich mit ihm allein spreche, hat er ein freundliches Wesen, einen
einnehmenden schalkhaften Blick und einen gutmthigen aufrichtigen Ton.
Was seine Ansichten betrifft, bin ich in Vielem anderer Meinung und
erquicke mich mehr an seiner Poesie, als an seiner Philosophie. Er ist
mir zu streng gegen die jetzige Zeit, und betrachtet das Mittelalter,
sein Mnchswesen, Aristokratie und erste Kunstversuche mit allzu
gnstigen Augen.

Als er =Canova= einmal zu sehr herunterri, wurde ich bse und sagte:
Canova ist ein ausgezeichneter, seltener Knstler, er ist kein
=Thorwaldsen=, aber Silber ist gut, obgleich es kein Gold ist. Tieck
meinte, da er gar kein Bildhauer sei und sagte: Wenn Er Bildhauer
ist, so wei ich nicht, was ein Bildhauer ist. -- Das will ich Dir
sagen, antwortete ich, das ist ein Mann, der einen Stein mit einem
Meiel behaut und schne Bilder hervorbringt, und das hat Canova oft
gethan. -- Indessen kam es doch bald zu einem Vergleich, und als ich
ging, sagte er mit freundlichen Blicken: Nun sei nicht bse! -- Bei
Zschokke's hatten wir letzthin eine rechte Knstlermahlzeit, da waren
Tieck, Schinkel, Arnim, Brentano und mehrere Andere. Es wurde Rheinwein
getrunken und gesungen: An grnen Bergen wird geboren und Am Rhein,
da wachsen unsere Reben. Zuletzt sang ich Dnisch, was die Anderen gern
hrten. --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein talentvoller Barbier.]

Da wir einmal vom Singen sprechen, mu ich eine komische Geschichte
erzhlen. Mein Barbier hrte mich letzthin des Morgens trllern und
sagte: Ach, der Herr Professor singen jewi scheen. -- Es geht,
antwortete ich. -- Ich habe auch eene sehr jude Stimme, sagte er,
indem er mich einseifte, und Beschort hat mich vor 30 Jahren jesagd,
de ick een sehr jroer Snger htte werden knnen. -- Das htten
Sie thun sollen, entgegnete ich. -- I nun, sagte er, indem er mich
bei der Nasenspitze fate, ick bin ja och so recht jlcklich. --
Nach einer kleinen Pause fing er wieder an: Ick singe den heegsten
Diskant un den tiefsten Ba. Ick kann ooch Alt un Tenor singen. Woll'n
Se hren? -- Nun stieg er in die Fistel hinauf, wie der Kster Peter
im _Erasmus Montanus_. -- Herr Gott, das war schn, dachte ich. --
Ach, Herr Professor, fuhr er fort und frischte die Seife auf,
woll'n Se nich ooch  bischen singen, denn will ick secundiren. --
Mit Vergngen, antwortete ich. Und nun fing ich, eingeseift wie ich
war, sehr feierlich an: =In diesen heiligen Hallen=, und er, indem
er eifrig das Messer auf dem Lederriemen strich: =kennt man die Rache
nicht=. Wer herein gekommen wre und uns so gesehen und gehrt htte,
htte sich zu Schanden gelacht.

                    *       *       *       *       *

Vor einigen Abenden las Tieck seine Uebersetzung: Der Flurschtz
von Greenfield, der sich in seinem altenglischen Theater findet. Er
liest vortrefflich vor und hat echtes Schauspielertalent, besonders
fr das Komische. -- Ich habe ihm die zwei ersten Acte von Ludlam's
Hhle vorgelesen, mit denen er sehr zufrieden war. -- Als ich jngst
mit ihm unter den Linden ging, begegneten wir einem sehr schnen,
anmuthigen Mdchen, welches ihn errthend grte, und ihn mit der
innigsten Hingebung fragte, wie es ihm gehe. Sie wnschte ihm recht warm
Gesundheit und langes Leben als sie ihn verlie, und ich konnte an ihrem
Grue und an der Wrme, mit der sie sprach, sehen, wie lieb sie ihn
hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schinkel.]

Mit Tieck besuchte ich den Baurath =Schinkel=, einen seltenen
Architekten und Maler. Wir sahen mehrere seiner Landschaften, in denen
der Gegenstand ebenso romantisch wie die Ausfhrung krftig und schn
ist. Wir fanden bei ihm auch die Frau Arnim. Tieck sa vor jedem Bilde
in einem Lehnstuhle und betrachtete es auerordentlich lange mit groer
Aufmerksamkeit und groem Ernst. Frau Arnim huckte sich vor den Bildern
nieder, fing zu scherzen an, neckte mich wie gewhnlich und fragte, ob
ich mich auf Gemlde verstnde; was fr Ideen ich htte u. s. w., Alles
nur, um den gravittischen Tieck zu stren, der sie von Kindheit auf
kennt und nun halb bse, halb lchelnd wie ein Grovater schalt, weil
sie so unruhig war und ihn in seiner Andacht strte.

Schinkel zeigte uns seine trefflichen Zeichnungen zu einer gothischen
Kirche, so wie es vor ein paar Jahren der Plan war, sie hier zu
bauen. Nun wird aber wohl nichts daraus. Die meisten der schnen
Decorationen, die man auf dem Theater hatte, die aber nun leider beinahe
alle verbrannt sind, verdankte man Schinkel. Besonders sollen die
Decorationen zu Fouqu's Undine, von Hoffmann entworfen, vortrefflich
gewesen sein. Khleborn's Erscheinung und Undine's Geist in den klaren
Springbrunnen sollen jede Erwartung bertroffen haben.

                    *       *       *       *       *

Ich habe einmal beim Grafen Brhl zu Mittag gegessen. Er hat einen
schnen Garten, wo der Tisch unter einem Zelt in der Nhe hoher,
schattiger Pappeln gedeckt war. Die Grfin ist eine liebenswrdige,
schne Dame, voller Geist, und, was merkwrdig ist, liebt und zieht
die deutsche Literatur der franzsischen vor, obgleich sie Franzsisch
erzogen ist. Sie spricht auch sehr gut Deutsch und der leise Anklang des
franzsischen Accents steht ihr gut.

Ich war auch ein paar Mittage in dem groen Garten bei dem Buchhndler
Reimer, der nun nach Hause gekommen ist. In solch schnen Grten vergit
man ganz, da man sich in den Berliner Sandebenen befindet, denn der
Thiergarten ist gar nicht schn. Auch in diesem habe ich einen Mittag
bei dem General =Helvig= und dem jungen schwedischen Dichter =Atterbom=
zugebracht. General Helvig ist ein rascher, lebendiger, gewandter
Weltmann und Atterbom ein blonder, schwrmerischer Jngling, dessen
Anlagen zu den besten Hoffnungen berechtigen. Ich disputirte mit Helvig
ber den Magnetismus, gegen den er sehr stark eiferte und ihm jede
Wirkung absprach; ich fhrte an, was ich bereits frher erzhlt habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Magnetiseur.]

Professor =Wolffhardt= treibt hier den Magnetismus ins Groe und hat
eine ordentliche Fabrik fr seine Patienten, die er alle mit Hlfe
desselben curirt. Herr =Muhr= aus Kopenhagen, der sich auch auf diesen
Zweig der Wissenschaft legt, fhrte mich in Wolffhardt's Laboratorium,
einen groen, finstern Saal, voll von Herren und Damen, die stumm wie
das Grab da saen und sich selbst magnetisirten. Zwei groe magnetische
Sulen stehen in jedem Winkel des Saales; von diesen Sulen gehen
dnnere Stahlstbe aus. Nun setzen die Patienten sich in zwei Kreisen um
die Hauptsulen; jeder nimmt seine Stahlstange in die Hand, setzt sie
auf die Herzgrube, und fngt nun an so lange darauf zu reiben, bis er in
Schlaf fllt. Darauf fhrt der Professor die Schlummernden auf einige
kleine Sophas, die sich an den Wnden hinter grnen Gardinen befinden.
Und wenn nun Jeder in seinem Behltni sitzt, so flstert er ihnen, wie
ein Beichtvater in einem Beichtstuhle, zu, und erhlt Antwort. Uebrigens
herrscht Todtenstille da, und Keiner spricht mit dem Andern ein Wort.
Ich folgte Wolffhardt, und hrte ihn eine Dame Etwas ber ihren Zustand
fragen. Sie sagte: da sie noch einige Wochen das Medicament gebrauchen
msse, das sie angefangen habe u. s. w. Es war nicht so amsant, wie
bei Tschppholz in Wien. Hier waren mir zu Viele, es war nicht so
zauberhaft, wie mit jenem einzelnen Clairvoyant; und mochte es nun
daher kommen, da ich mich an diese Vorstellung gewhnt hatte, oder
was es sei -- kurz -- ich hatte genug an dem einen Male und kam nicht
fter, obgleich der Professor so freundlich war, mir freien Zutritt zu
erlauben, so oft ich wollte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Professor Solger.]

Ich habe einen Abend bei Frau =Reichardt= zugebracht. Ihre Tochter
Sophie sang mir einige von den Liedern des Vaters vor und wir trumten
uns nach Giebichenstein zurck. Hier traf ich den Professor =Solger=.
Ich las ihm meine Romanze der Walrabe, die ich kurz vorher ins
Deutsche bersetzt hatte, vor. Ich besuchte ihn ein paar Tage darauf mit
Tieck. Der Mann interessirte mich als ein geschmackvoller Gelehrter.
Seine Uebersetzung des Sophokles hatte ich sehr fleiig studirt und mich
dadurch sowohl mit dem Trimeter, wie mit der musikalischen Schnheit
des Chors und der effectvollen Anwendung der Anapsten und Spondeen
bekannt gemacht. Aber ich merkte wohl, da Solger nicht viel mehr fr
mich empfand. Er und Tieck lobten unablssig den verstorbenen Heinrich
Kleist als einen groen Dichter, dessen Tod eine empfindliche Lcke in
der deutschen Literatur zurckgelassen htte. Darin war ich auch einig
mit ihnen, denn ich achtete selbst dieses Talent sehr hoch. Dagegen
konnte ich nicht ihren Enthusiasmus fr die Tragdie der Prinz von
Homburg theilen, die mir zu preuisch ist, als da sie recht poetisch
sein knnte, und in der das Motiv augenblickliche Feigheit eines
sonst braven Officiers etwas Peinliches und Kleinliches hat. Solger
war ein blinder Bewunderer Tieck's und nahm all' dessen Ansichten in
seine Philosophie auf. In seinem Erwin, den ich etwas spter las,
fand ich dies besttigt. Ich ward in diesem Buche in eine Klasse
mit Werner und Fouqu gestellt und als ein untergeordneter Dichter
betrachtet. Aber daran bin ich bei den norddeutschen Literatoren gewhnt
(in Sddeutschland spricht man in einem andern Tone). Doch habe ich
den Trost, da Solger in seinem Buche mit Verachtung von Jean Paul's
Aesthetik, einem Werke, spricht, das leben, beliebt sein und gelesen
werden wird, so lange eine deutsche Literatur existirt. Solger ist fast
schon vergessen.

                    *       *       *       *       *

Es that mir recht leid, mich so bald wieder von meinem guten Tieck,
unleugbar einem der genialsten Dichter Deutschlands, und mit dem ich
in so vielen Dingen sympathisire, trennen zu mssen. Du bist mir zu
sentimental, sagte er einmal zu mir mit freundlichem Lcheln. Ich
wei, da ich Dir das sein mu, war meine Antwort. Ich hatte damals
nicht Lust weiter zu antworten, sonst htte ich gesagt: Und Du bist
mir zu phantastisch.

Ich erinnerte mich des Gesprchs, das ich einmal mit Werner hatte, als
er die Hand auf meine Schulter legte und sagte: Lieber Freund, Ihr seid
mir gar zu gesund, und ich ihm antwortete: Lieber Freund, Ihr seid
mir gar zu krank!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schleiermacher.]

Ich war auch in der reformirten Kirche und hrte =Schleiermacher=
predigen. Schleiermacher spricht durch den Verstand zum Herzen. Es
scheint, als sollte es eine trockene, moralische Abhandlung werden;
pltzlich verbinden sich all' die ruhig bewiesenen Stze wie hohe
Blumenstengel zu einem Tempel zur Ehre der Gottheit, in dessen Mitte
der Altar der Liebe steht und seine Flamme mit dem Licht der Wahrheit
vereinigt. Schleiermacher ist im tglichen Leben freundlich und witzig.
Er hat in seinen Gesprchen Etwas von jener schnen sokratischen Ironie,
die sich so gut mit dem hchsten Streben vereinigen lt. Ich nahm im
Beichtstuhl von ihm Abschied, wo er mit dem Kster stand, und das Geld
zhlte, welches im Klingelbeutel eingekommen war.

                    *       *       *       *       *

Mein Reisegefhrte, Justizrath Wiedemann, ist ein sehr vernnftiger,
einsichtsvoller Mann. Sein Fach ist die Naturgeschichte, und er war
nach Berlin unter Anderm gereist, um einige Insecten zu erhalten.
Hiervon trug er die besten aus dem Schoo, und es amsirte mich, in
den vielen freien Stunden, wenn der Wagen nicht allzusehr stie,
die schnen, blau und roth geschildeten Rokfer, die wunderlichen
Hirschkfer, die Nashrner, kleine coquette Gotteskhchen mit den
Pnktchen zu sehen. All' die Armen waren lebendig gespiet, und der
Insectenkasten war eigentlich eine groe Richtsttte voller Galgen.
Indessen sa er doch wie ein liebevoller Vater mit seinen kleinen
lebendig gespieten Schookindern auf den Hnden die ganze Reise
hindurch, und wiegte sie, damit sie sich nicht stoen sollten.

                    *       *       *       *       *

Lbeck, den 18. September.

Das Erste, was ich hier that, war, in der Zeitung mich nach einer
Gelegenheit nach Kopenhagen umzusehen. Es gab deren zwei: die eine mit
dem =Delphin=, die andere mit dem =Jungen Lars=. Als Poet versuchte ich
natrlich zuerst auf den Delphin zu kommen, da ich von Arion her wei,
da er es mit den Dichtern ehrlich meint. Aber der war erst in drei
Wochen segelfertig. Nun mute ich mich nach dem =Jungen Lars= umsehen;
aber Lars hatte nicht mehr Geduld gehabt, in Lbeck zu bleiben, sondern
war nach Travemnde hinausgeschwommen, und sphte von dort auf eine
gnstige Gelegenheit zum Weiterreisen. Nun schickte ich zum Schiffer,
Herrn =Mrck=, und er antwortete, ich wrde willkommen sein.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Heimkehr.]

Vorgestern morgen legte das Schiff bei, und ich lie mich an die Treppe
der Zollbude rudern. Es hat etwas viel Anziehenderes, zur See, als zu
Lande nach Hause zu kommen. Zu Lande gewhnt man sich nach und nach an
das Vaterland; hier aber kommt es auf einmal. Die krftigen Flche der
lieben Matrosen klangen mir ser im Ohre, als Nachtigallengesang; und
ich htte ihnen beinahe Geld gegeben, um noch mehr zu fluchen. Als ich
am Wirthshause bei der Zollbude stand, berlegte ich, ob ich gleich nach
Hause eilen sollte, wie ich war, oder ob es besser sei, erst einen Boten
vorauszusenden. Dies schien mir zuletzt doch dass Beste zu sein. Ich
schickte also Jemand fort, lie mich rasiren und kleidete mich um. Welch
wunderbares Gefhl, hier in einem fremden Wirthshause, in einem fremden
Zimmer zu stehen, was ich so oft gethan; aber jetzt nun zum letzten
Male, und so nahe meinem eigenen Heerde. Der Bote kam zurck, berichtete
mir von der Freude der Geliebten, und nun eilte ich heim.

Wie soll ich mein Entzcken beschreiben, als ich sie Alle weinend und
schluchzend mir Kuhnde durchs Fenster zuwerfen sah. Sie kamen mir auf
der Treppe entgegen! Alle drei Kinder waren ein gutes Stck gewachsen,
und hatten wegen des Vaters Rckkehr neue Kleider an. William erkannte
mich gleich an meinem Portrait, das er in meiner Abwesenheit so oft
betrachtet hatte; ihm war vor dem halbfremden Vater gar nicht bange,
sondern er klammerte sich neugierig und vertrauensvoll und freundlich
an mich an. Lotte stand sprachlos und weinte und kte meine Hnde; der
kleine Johannes starrte zu seinem Vater schweigend mit schweren Thrnen
in den ernsten Augen empor. Meine treue Christiane wute nicht, wo sie
vor Freude hin sollte. Seligere Augenblicke giebt es auf Erden nicht;
sie sind eben so s und belebend, wie der Abschied schmerzlich ist.

                       =Ende des dritten Bandes.=

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

                    *       *       *       *       *




                        Verlag von Carl B. Lorck.

                       =Literarische Neuigkeiten.=

                       Ostern bis Michaelis 1850.


Alle unten angezeigten Werke sind in allen Buchhandlungen Deutschlands
und des Auslandes entweder vorrthig oder knnen zu den beigesetzten
Preisen bezogen werden.

  Oersted, Hans Christian, Der Geist in der Natur. Deutsch von Prof. Dr.
      K. L. Kannegieer. Nebst einer biographischen Skizze von P. L.
      Mller und mit dem Portrait des Verfassers in Stahl gestochen von
      Weger. Preis 1 Thlr. 10 Rgr.


  Oersted, Hans Christian, Die Naturwissenschaft und die Geistesbildung.
      Auch u. d. T.: Der Geist in der Natur. II. Deutsch von Prof. Dr. K.
      L. Kannegieer. 1 Thlr. 5 Rgr.


  Oersted, Hans Christian, Die Naturwissenschaft in ihrem Verhltni zur
      Dichtkunst und Religion. Ein Supplement zu: Der Geist in der Natur.
      Deutsch von Prof. Dr. K. L. Kannegieer, mit einem Vorworte von P.
      L. Mller. Preis 15 Rgr.

        Seit Humboldt's Kosmos drfte kein Werk mit hnlichem Beifall
        aufgenommen worden sein, wie diese Schriften des berhmten
        Physikers, die in leicht verstndlicher Sprache abgefat, fr
        das ganze gebildete Publikum berechnet sind. Die Bltter fr
        literarische Unterhaltung sagen: In anspruchsloser gemthlicher
        Sprache durchwandert dieses Buch die fruchtbarsten Gefilde der
        gesammten Naturkunde und bestellt bald hier bald dort den Boden
        mit der geistigen Frucht scharfsinnigen Denkens. Der Leser folgt
        ihm berall mit dem lebhaftesten Interesse, und kehrt gewi
        nie anders heim als mit den dankbarsten Gefhlen eines reichen
        Erntesegens. Das Werk wird viel gelesen werden, weil es ohne
        Ausnahme fr alle Leser einen reichen Stoff zum Denken giebt. Es
        wird fr die Sachverstndigen und Freunde der Naturwissenschaften
        mit triumphirender Freude begrt werden; denn es bietet Das, was
        Jeder lngst als wahr erkannt hat, da nmlich ein verstndiger
        und weiser Umgang mit der Natur den Menschen bessere, erhebe, und
        ihn allmlig emporfhre zu den hchsten Stufen geistiger Bildung.
        Darum werden sie ohne Ausnahme Alle wnschen, da diese durchaus
        populair gehaltene Schrift gerade in die Hnde der bisherigen
        heimlichen Feinde der Naturwissenschaften kommen mge, damit sie
        in diesem klaren Spiegel der reinsten und edelsten Naturanschauung
        die hliche Unnatur Ihres versteckten Strebens zur Erkenntni
        bringen, und den Vorsatz zur Besserung fassen knnen. Die
        liebevolle Milde, das freundliche Dulden aller Einreden und
        selbst Vorwrfe, womit das Buch jeden Schritt vorwrts thut, die
        hlfereiche Rcksicht mit der es sich auf naturwissenschaftlich
        schwachgebildete Leser bezieht, und sich zu ihnen herablt ohne
        die Reifern dadurch gerade zu langweilen, dies Alles ist es was
        das Buch zu einer Lieblingslectre eines sehr groen Kreises von
        Denkern aller Grade und Richtungen stempeln wird. Es interessirt
        den gebildeten Mann wie die geistreiche Frau; es erhebt und
        krftigt das Denken und Wollen des edeln Jnglings ebenso mchtig
        wie es den geistigen Blick der feinfhlenden Jungfrau klrt und
        stark macht zum Eindringen in die Ehrfurcht einflenden Tiefen
        des Schpfers aller Welten und aller Natur auf Erden und im
        Himmel. Ja, das Werk zeigt mit der Flle eines hochbegabten,
        vielgebten Geistes das Ewigbleibende, den Geist in der Natur.

        Eine kurze, aber in jeder Hinsicht wrdig gehaltene Biographie
        des Verfassers bildet den Eingang des Werks. Sie ist aus der
        Feder P. L. Mller's, eines jetzt in Berlin wohnenden dnischen
        Gelehrten geflossen, und zeigt berall eine tiefgefhlte
        Hochachtung vor dem groen Manne, ohne das Lob bis zu der
        excentrischen Hhe zu steigern wo es leicht umschlagen und
        misfallen kann. Die ganze Art der Auffassung der Lebensmomente
        des groen Mannes ist nobel und ruht berall auf dem sichersten
        Grunde der reinsten Wahrheit.

        Dem Herrn Kannegieer mssen wir schlielich noch ein warmes
        anerkennendes Wort des Dankes aussprechen fr die Sorgfalt womit
        derselbe ein so ausgezeichnetes Werk auch ausgezeichnet auf unsern
        deutschen Grund und Boden verpflanzt hat. Da das Buch mehr wie
        eine bloe Uebersetzung sei, fhlt jeder aufmerksame Leser.

        Wir begngen uns =dieses= Urtheil anzufhren, bemerken aber, da
        =alle= kritischen Organe sich =einmthig= in derselben Weise
        ausgesprochen haben.

        $[Handsymbol] Die obenerwhnten drei Werke Oersted's, welche
                      zusammen ein Ganzes bilden, sind auch elegant in
                      zwei Bnde gebunden zu haben; Preis des Einbandes
                      20 Rgr., und eignen sich diese Werke so ganz
                      vorzglich zu Festgeschenken.$


  Oehlenschlger, Adam, Meine Lebens-Erinnerungen. Ein Nachla des
      Dichters. Deutsche Originalausgabe. Mit dem Portrait des Verfassers
      nach Gertner, in Stahl gestochen von Weger. 4 Bnde.
                                                        6. Thlr. 20 Rgr.
                            Elegant geb. fr den Einband 1 Thlr. 10 Rgr.

        Als Schlustein seiner literarischen Wirksamkeit beabsichtigte
        Oehlenschlger seine Erinnerungen erscheinen zu lassen. Das
        Manuscript war zur Herausgabe geordnet, es sollte jedoch dem
        Dichter nicht beschieden sein, diese selbst zu leiten, indem
        der Tod seine schne und reiche Wirksamkeit im verflossenen
        Januar endigte. Oehlenschlger's Leben war nicht eine Kette
        abenteuerlicher Begebenheiten, es flo, wie das des deutschen
        Dichterfrsten ruhig und heiter hin, aber Wenige hatten, wie
        der nordische Dichterfrst Gelegenheit tiefere Einblicke in
        die literarischen Verhltnisse seiner Zeit zu thun; Wenigen
        war es vergnnt, in eine so enge Beziehung, zu beinahe allen
        Koryphen der Literatur, der Kunst und der Bhne zu treten.
        Hierdurch gewinnen seine Erinnerungen ein groes Interesse und sie
        werden stets einen bedeutenden Platz in der Memoiren-Literatur
        Deutschlands einnehmen.


  Kopenhagen und seine Umgebungen. Ein Handbuch fr Reisende nach
      Dnemark. Mit einer =Ansicht von Kopenhagen= in Stahl gestochen,
      einer =Karte der Stadt= und des =nordstlichen Seelands= und einem
      =Plane von Thorwaldsen's Museum=. Eleg. geb. 1 Thlr. 15 Rgr.

        Es ist dieses Werk mit der grten Sorgfalt und mit besonderer
        Rcksicht auf die Bedrfnisse des deutschen Reisenden
        abgefat. Auer einer genauen Beschreibung der Stadt und deren
        Sehenswrdigkeiten, der Umgebungen, einem Ausfluge durch das
        nrdliche Seeland und das sdliche Schoonen enthlt das Werk
        noch einen gedrngten Abri der Geschichte, der Statistik, der
        Staatsverfassung und der Literaturgeschichte Dnemarks, viele
        Nachweisungen, Verzeichnisse, allgemeine Bemerkungen &c. &c.


  Burckhardt, Eduard, Allgemeine Geschichte der Jahre 1840-46.
                                                   Preis 1 Thlr. 20 Rgr.
                                                        Gebunden 2 Thlr.
                                    Elegant geb. fr den Einband 10 Rgr.

      A. u. d. T.: Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit. 5. Band.


  Burckhardt, Eduard, Allgemeine Geschichte der Jahre 1815-40. Dritte
      vermehrte und verbesserte Auflage. Zweite unvernderte Ausgabe.
      4 Bnde.                                           5 Thlr. 10 Rgr.
                        Elegant gebunden fr den Einband 1 Thlr. 10 Rgr.

        A. u. d. T.: Allgemeine Geschichte der neuesten Zeit. 1-4. Band.

      $[Handsymbol] Die Geschichte der Jahre 1847-1850 (der allgemeinen
                    Geschichte 6. und 7. Band) wird binnen Kurzem
                    erscheinen.$

      Der erste Band schildert die Ereignisse von der Stiftung der
      heiligen Allianz bis zum Congresse von Laibach.

      Der zweite Band begreift den Zeitraum vom Ausbruch der griechischen
      Revolution bis zum Tode Alexander's I.

      Der dritte Band beginnt mit der Thronbesteigung Karl's X. und
      schliet mit der Beendigung der griechischen Revolution.

      Der vierte Band endlich erzhlt die Begebenheiten von der
      Julirevolution bis zum Tode Friedrich Wilhelm's III.

        Unter den vielen in neuester Zelt erschienenen Geschichtswerken
        drfte wohl keines dem denkenden Leser willkommener sein, als
        eine treue unparteiische Darstellung der Zeitereignisse, welche
        vor unsern eigenen Augen vorbergegangen, und an denen wir alle
        mehr oder minder, wenn auch nur geistigen Antheil genommen haben.
        Welch eine Reihe groartiger Ereignisse hat sich nicht seit der
        Stiftung des sogenannten heiligen Bundes, bis in die jngsten
        Tage begeben? Und wer wre wohl geistig theilnahmlos geblieben in
        dem groen Kampfe zwischen Liberalismus und Antiliberalismus,
        der allgemeinste und Grundcharakter der neuesten Zeit besteht!
        Die fortschreitende Entwickelung und Ausfhrung des Systems der
        heiligen Allianz, die Einwirkung desselben auf alle uern und
        innern Verhltnisse der Nationen, auf alle Interessen und auf alle
        Schicksale des Welttheils, ja der ganzen civilisirten Welt, bilden
        den weitaus vorherrschenden Character der neuesten Geschichte.
        Und diese Zeit in ihren groartigen sowohl als verwerflichen
        Erscheinungen zu characterisiren, jenen Kampf zu beschreiben mit
        seinen Niederlagen und Siegen, die war der Zweck des Verfassers
        bei dem vorgenannten Werke; in wie weit er seinen Zweck erreicht
        hat, darber mag am besten die Verbreitung der ersten Abtheilung
        des Werkes in drei starken Auflagen und die Einmthigkeit, womit
        eine ehrenhafte Kritik es als gutes und tchtiges Werk begrt
        hat, sprechen.


  Historische Hausbibliothek. Herausgegeben von Prof. Dr. Friedrich Blau.
  13-17. Band.

        Enthlt:

  Haltaus, Carl, Geschichte des Kaisers Maximilian des Ersten. Mit dem
      Portrait Maximilian's in Stahl gestochen nach Albrecht Drer.
                                                                 1 Thlr.
                                      Eleg. geb. fr den Einband 10 Rgr.

      A. u. d. T.: Historische Hausbibliothek. 13. Band.

  Guizot, Franz, Geschichte der englischen Revolution bis zum Tode Karl's
      des Ersten. Mit dem Portrait Karls.
                                                                 1 Thlr.
                                      Eleg. geb. fr den Einband 10 Rgr.

      A. u. d. T.: Historische Hausbibliothek. 14. Band.

  Nordstein, F. A., Geschichte der Wiener Revolution. Mit dem Portrait des
      Erzherzogs Johann in Stahl gestochen.
                                                           Preis 1 Thlr.
                                      Eleg. geb. fr den Einband 10 Rgr.

      A. u. d. T.: Historische Hausbibliothek. 15. Band.

  Irving, Washington, Das Leben Mohammeds. Mit dem Portrait Mohammed's in
      Stahl gestochen.
                                                           Preis 1 Thlr.
                                      Eleg. geb. fr den Einband 10 Rgr.

      A. u. d. T.: Historische Hausbibliothek. 16. Band.


  Schrder, Joh. Friedr., Geschichte Karls des Groen. Mit dem Portrait
      Karls nach Albrecht Drer.
                                                                 1 Thlr.
                                      Eleg. geb. fr den Einband 10 Rgr.

      A. u. d. T.: historische Hausbibliothek. 17. Band.

        Frher erschien: 1. Kugler, Friedrich der Groe. 2. Conscience,
        Belgien. 3. Laurent, Napoleon. 4. Gro-Hoffinger, Joseph II. 5.
        Gro-Hoffinger, Karl von Oesterreich. 6. Gravire, Nelson. 7.
        Pelz (Welp), Peter der Groe. 8. Bonnechose, Hu. 9. Mignet,
        Revolution. 10. Williards, Nordamerika. 11. Allen, Dnemark. 12.
        Lamartine, Februar-Revolution. Preis eines jeden Bandes 1 Thlr.

        $Subscriptionsbedingungen.$ =Jeder Band= von circa 25
        enggedruckten Bogen mit einem Stahlstich bildet ein
        =abgeschlossenes Werk= und ist einzeln zu haben fr den Preis von
        nur 1 Thlr.

        Es findet durchaus $kein Abnahmezwang$ statt, so da Jeder nach
        seinem Bedrfnisse oder seiner Neigung sich eine =gewhlte=
        Bibliothek zusammenstellen kann, wehalb auch jeder Band mit einem
        =Doppeltitel= versehen ist.

        Alle Bnde sind auch in $gleichfrmigen$ =geschmackvollen
        englischen Einbnden= zu haben, so da diese, selbst zu
        =verschiedenen Zeiten= bestellt, doch =genau aneinander
        passen=; sie drften sich so ganz besonders als =Geschenk= und
        =Prmienbcher= eignen. Der Preis des Einbandes ist 10 Rgr.

      [Handsymbol] Ausfhrliche Prospecte sind in allen Buchhandlungen zu
                   haben.


  Thiers, Adolf, Geschichte des Consulats und des Kaiserreichs. Aus dem
      Franzsischen von Dr. Eduard Burckhardt. Illustrirte Prachtausgabe.
      73-82. Lieferung  4 Rgr.

        Die 10 Bnde des Originals werden in circa 90 Lieferungen
        erscheinen.


  Andersen, H. C., Gesammelte Mrchen. Miniatur-Ausgabe. Elegant gebunden,
      mit Goldschnitt.                             Preis 1 Thlr. 20 Rgr.


  Andersen, H. C., Gesammelte Mrchen. Dritte, vollstndige, vom Verfasser
      selbst besorgte Ausgabe.                             Preis 1 Thlr.
                                        Elegant gebunden 1 Thlr. 10 Rgr.


  Andersen, H. C., Bilderbuch ohne Bilder. Miniatur-Ausgabe. Elegant
      gebunden, mit Goldschnitt.                           Preis 25 Rgr.

        Andersen's Mrchen und Bilderbuch ohne Bilder sind bereits ihrem
        Inhalte und innerem Werthe nach zu bekannt, als da wir ber
        diesen noch hier zu reden nthig htten. Es sei uns gestattet,
        in Betreff der vorliegenden Ausgaben darauf aufmerksam zu
        machen, da die erstere sich neben guter Ausstattung durch
        die hchste Wohlfeilheit auszeichnet. Die zwei letzteren in
        Format und Ausstattung sich genau an die bekannten Cotta'schen
        Miniatur-Ausgaben so wie an die in meinem Verlag erschienene
        Henrik Hertz Knig Ren's Tochter anschlieend, eignen sich ganz
        besonders zu Geschenken.


  Niederlndische Bibliothek. Eine Sammlung der vorzglichsten
      belletristischen Werke hollndischer und vlmischer Schriftsteller.
      In Bnden                                                 10 Rgr.

        Erschienen sind 1-6. Bd.: Conscience, Jakob von Artevelde. 7. Bd.:
        Conscience, Der Rekrut. 8-11. Band: van Schaik, Dorfgeschichten.
        12. Band: Conscience, Baas Gansendonck.


  Conscience, Hendrik, Jakob von Artevelde. Historischer Roman. Aus dem
      Vlmischen unter Mitwirkung des Verfassers von O. L. B. Wolff. Mit
      einer biographischen Skizze und Portrait des Verfassers.
                                                        6 Bnde. 2 Thlr.

      A. u. d. T.: $Niederlndische Bibliothek.$ 1-6. Band.

        Auf genaue historische Forschungen gegrndet, entwickelt uns
        Conscience hier ein eben so treues als farbenreiches Bild des
        groen Genter Brgers, welcher mit ebenso gesunder Lebensweisheit
        als richtiger Politik in jenen dunkeln Zeiten es sich zur Aufgabe
        setzte, Flandern von verderblichen auslndischen Einflssen und
        Bedrckungen, die dies gewerbreiche Land lange niedergehalten
        hatten, zu erlsen und ihm die einzig wahre Freiheit, die
        brgerliche Freiheit unter dem Gesetze zu erringen, leider aber
        dem Ha seiner Feinde erliegen mute. Die Characterschilderungen
        der Hauptpersonen, namentlich Artevelde's und seines Gegners
        Denys, die Darstellung der Sitten und Gebruche, die Volksscenen
        u. s. w. sind meisterhaft; ber Allem schwebt aber wie ein
        milder und strkender Hauch des Verfassers Vaterlandsliebe und
        Unparteilichkeit und bt einen hchst wohlthtigen Eindruck auf
        den Leser aus, der dieses Buch mit zweifachem Gewinne aus der
        Hand legen wird, nmlich dem interessantester Unterhaltung und
        befriedigendster Belehrung, wie sie wenige andere hnliche Werke
        darbieten.

  Conscience, Hendrik, Der Rekrut. Aus dem Vlmischen von O. L. B. Wolff.
                                                           Preis 10 Rgr.

      A. u. d. T.: $Niederlndische Bibliothek.$ 7. Band.


  Conscience, Hendrik, Baas Gansendonck. Aus dem Vlmischen von O. L. B.
  Wolff.
                                                           Preis 10 Rgr.

      A. u. d. T.: $Niederlndische Bibliothek.$ 12. Band.


  Schaik, Cornelis van, Niederlndische Dorfgeschichten. Aus dem
      Hollndischen unter Mitwirkung des Verfassers von Eduard Wegener.
      Mit einer biographischen Skizze und dem Portrait des Verfassers in
      Stahl gestochen von Weger. 4 Bnde.
                                                   Preis 1 Thlr. 10 Rgr.

      A. u. d. T.: $Niederlndische Bibliothek.$ 8-11. Band.

        Ein echt nationales Werk und der unverflschte Ausdruck des
        niederlndischen Geistes und Volkes in ihrer ganzen Gemthstiefe
        und Beschaulichkeit. Eine bekannte niederlndische Zeitschrift:
        Vaterlndsche letteroefeuingen sagt: C. van Schaik ist ein
        ausgezeichneter Maler. Seine Gemlde sind nicht nur fesselnd,
        sondern sie reien hin. Bei schnen Stellen machten wir uns
        whrend des Lesens Zeichen in dem Buche, aber als es aus war, lag
        es ganz und gar voll von diesen Zeichen, und wir hatten keine
        Worte fr den Eindruck, den es auf uns gemacht, so lebendig und
        voll Wahrheit ist die Darstellung der Personen und Zustnde,
        so tief ergreifend ist die einfache Fabel, die hier behandelt
        wird. -- C. van Schaik versteht die Kunst, zu erzhlen; er ist
        ein feiner Beobachter, und liest in den Herzen mit derselben
        Gewandtheit und Leichtigkeit, womit er in das Leben umherschaut.
        Nichts entgeht seinem scharfen Blicke; sowohl die Menschen, als
        ihre Sitten und Gebruche schildert er mit einer Treue, die in
        Erstaunen setzt, und mit einer Abwechselung von Farben, die unsere
        Bewunderung erregt und in der kleinsten Einzelnheit den Meister
        erkennen lt.


  Bernhard, Carl, Das Glckskind. Novelle. Aus dem Dnischen von Prof. Dr.
      K. L. Kannegieer.                                   Preis 1 Thlr.

      A. u. d. T.: $Carl Bernhard$, gesammelte Werke. 14. Band.


  Bernhard, Carl, Zwei Freunde. Novelle. Aus dem Dnischen von Prof. Dr.
      K. L. Kannegieer.                                   Preis 1 Thlr.

      A. u. d. T.: $Carl Bernhard$, gesammelte Werke. 15. Band;

        Band 1-13 enthalten: 1. Band: Die Hospital-Verlobung. 2.
        Band: Eine Familie auf dem Lande. 3. Band: Der Eilwagen. Ein
        Sprichwort. 4. Band: Die Declaration. Schoosnden. 5. Band: Der
        Kommissionair. Tante Franziska. 6. Band: Der Kinderball. 7-9.
        Band: Christian der Siebente und sein Hof. 10-13. Band: Knig
        Christian der Zweite und seine Zeit. Preis eines jeden Bandes 1
        Thlr.

        Wir bringen hier dem deutschen Publikum eine Reihe von Erzhlungen
        und Novellen, welche das Leben der gebildeten Stnde in Dnemark
        mit eben so blhender Phantasie als feiner Beobachtung und
        trefflicher Darstellung schildern, und in ihrer Heimath sich den
        grten und anhaltendsten Beifall erworben haben. Wenn das hier
        Gesagte von allen Novellen Bernhard's gilt, so drfte es auf keine
        eine grere Anwendung finden als auf das $Glckskind$.

        Unter den Romanen zeichnet sich besonders $Christian VII. und
        sein Hof$ sowohl durch die glckliche Wahl des Stoffs als der
        Behandlung aus. Mit meisterhaften Zgen schildert er den Hof
        Christian VII., das Unglck der liebenswrdigen =Caroline
        Mathilde=, die Intriguen der rnkeschtigen =Knigin Wittwe=, den
        Sturz und das tragische Ende des Ministers =Struensee=, wie seines
        Freundes, des Grafen =Brandt=.

        Wir knnen mit vollem Rechte dem ganzen gebildeten Publikum
        und namentlich der Frauenwelt diese Werke empfehlen, die sich
        auer durch die erwhnten Vorzge auch durch das sich in allen
        aussprechende hohe sittliche Gefhl auszeichnen.


  Hage, J. van den, Gesammelte Werke. Aus dem Hollndischen von Prof. Dr.
      O. L. B. Wolff. 2. Ausgabe.                     10 Bnde. 10 Thlr.

        1-6. Bd.: Der Schaafhirt, historischer Roman. 6 Bde. 7-9. Bd.:
        Schlo Lvestein, historischer Roman. 3 Bde. 10. Bd.: Erzhlungen.


      Unter dem Gesammttitel:

                       $Skandinavische Bibliothek$

ist in meinem Verlage eine Sammlung der bedeutendsten Erscheinungen auf
dem Gebiete der schnen Literatur Dnemarks, Norwegens und Schwedens
angefangen worden. Romane, Novellen, dramatische Werke und Dichtungen
aller Art werden hierin Aufnahme finden. Sowohl auf die Wahl der
aufzunehmenden Werke als auch auf die Uebersetzung und die uere
Ausstattung wird alle Sorgfalt verwendet werden. Biographische Skizzen
und Portraits werden ab und zu den Werken noch erhhten Werth verleihen.

Bei der reichen Literatur des Nordens auf dem genannten Felde und bei
dem groen Interesse, welches die nordische schne Literatur schon seit
lngerer Zeit gewonnen, glauben wir auf eine groe Theilnahme rechnen zu
knnen und haben daher den Preis auf nur $10 Rgr.$ pro Band gesetzt. Ein
Abnahmezwang findet nicht statt, sondern jedes vollstndige Werk wird
einzeln abgegeben.

    Der 1-4. Bd. enthlt:

  Hermidad, Emanuel St., Das Meerweib. Ein Roman. Aus dem Dnischen von F.
      A. Leo. 4 Bnde. 1 Thlr. 10 Rgr.

        Das Werk des pseudonymen Verfassers wurde in Dnemark mit
        ungetheiltem Beifall aufgenommen und zeichnet sich durch tiefe
        Poesie, edle Sprache, reiche Phantasie und spannende Handlung aus.
        Der Uebersetzer ist durch seine poetische Uebertragung von Henrik
        Hertz: Knig Ren's Tochter und Svend Dyrings Haus bereits auf
        das vortheilhafteste bekannt.


  Raumann, Dr. Christian, Syndicus an der Universitt zu Lund, Ueber die
      Strafrechtstheorie und das Pnitentiarsystem. Aus dem Schwedischen
      bersetzt und mit einem bevorwortenden Schreiben von Prof. Dr. C. R.
      David.                                                     10 Rgr.


  Gewerbe-Ausstellung, die, in Leipzig im April 1850. Besonderer Abdruck
      aus der Leipziger Handelszeitung.                 Preis 7-1/2 Rgr.

                    *       *       *       *       *


                              =Portraits.=

  $Conscience, Hendrik.$ Portrait nach einer Bste von Arendonck mit
      Facsimile. Stahlstich. Gr. 4. Chin. Papier.                10 Rgr.

  $Oersted, Hans Christian.$ Stahlstich mit Facsimile. Gr. 4. Chin.
      Papier.                                                    10 Rgr.

  $Oehlenschlger, Adam.$ Stahlstich nach Gertner, mit Facsimile Gr. 4.
      Chin. Papier.                                              10 Rgr.

  $Schaik, Cornelis van.$ Stahlstich mit Facsimile. Gr. 4. Chin. Papier.
                                                                 10 Rgr.

  $Johann, Erzherzog von Oesterreich.$ Stahlstich. Gr. 4. Chin. Papier.
                                                                 10 Rgr.

  $Maximilian I.$ Nach Albrecht Drer. Stahlstich. Gr. 4. Chin. Papier.
                                                                 10 Rgr.

  $Karl der Groe.$ Nach Albrecht Drer. Stahlstich. Gr. 4. Chin. Papier.
                                                                 10 Rgr.

  $Mohammed.$ Stahlstich. Gr. 4. Chin. Papier.                   10 Rgr.


      In demselben Formate und zu demselben Preise erschien frher:

$Friedrich der Groe. -- Napoleon. -- Joseph II. -- Erzherzog Karl.
-- Nelson. -- Peter der Groe. -- Hu. -- Mirabeau. -- Washington. --
Christian IV. von Dnemark. -- Lamartine. -- Karl I. von England. --
Pius IX. -- Luther.$

                    *       *       *       *       *




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Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden bernommen,
und offensichtliche Druck- und Setzfehler wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur und fremdsprachliche Passagen sind in
Antiqua gesetzt. Abkrzungen wie Dr. und rmische Zahlen wie XV wurden
nicht in Antiqua dargestellt.

Gesperrter Text wurde mit (=Text=), Text in Antiqua mit (_text_) und
fett gedruckter Text mit ($Text$) markiert.

Die Kapitelberschriften aus den Kopfzeilen wurden in den Text als
Randnotizen eingefgt.

Das Handsymbol wurde als [Handsymbol] dargestellt.





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4), by Adam Oehlenschlger

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START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make
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Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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