The Project Gutenberg EBook of Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 (of 4), by 
Adam Oehlenschlger

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 (of 4)

Author: Adam Oehlenschlger

Release Date: March 22, 2015 [EBook #48558]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 2 ***




Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La Monte
H.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
produced from scanned images of public domain material
from the Google Print project.)









                       Meine Lebens-Erinnerungen.

                  Ein Nachla von Adam Oehlenschlger.

                        Deutsche Originalausgabe.

                              Zweiter Band.


                 Leipzig Verlag von Carl B. Lorck. 1850.

                    *       *       *       *       *




[Sidenote: Fahrt nach Kiel.]

                                         Hamburg, den 12. August 1805.

Endlich, liebe Christiane! sitze ich nun im rmischen Kaiser in der
Stadt Hamburg, und ergreife die Feder, um rasch zu erzhlen, was
ich langsam ausgestanden habe. Montag vor acht Tagen bestieg ich
das Packetboot, das mich ans feste Land bringen sollte. Wir muten
den ganzen Tag still liegen, da nur ungnstige Winde wehten. Meine
Reisegesellschaft bestand aus einem jungen Kaufmanne aus Amsterdam,
einem Officier aus Schlesien, einem alten Branntweinbrenner, einem
jungen zuknftigen dito von 20 Jahren mit einem Gemth von 70, und dem
lustigen Sohne des lustigen Kanalinspektors Schjott, der nicht den
Mund aufmachen konnte, ohne etwas Lustiges zu sagen. Die franzsischen
Schauspieler Theodor und Caleis und Theodor's kleiner, wilder,
verzogener, zwlfjhriger Sohn, der schwedisch reden konnte, und kleine
Figuren aus Papier mit Geschmack und Fertigkeit ausschnitt, deren er
mir eine zum Souvenir gab, waren auch dabei. Auerdem war noch ein
fader Hamburger Commis da, ein Englnder, ein Pole und eine kranke
verdrieliche Madame. Da hast Du die Bewohner der Cajte. Auerdem
war das Deck voll von jdischen und christlichen Landstreichern; im
Ganzen mochten wir Summa Summarum etwa 70 Seelen sein. Den nchsten
Tag hatten wir auch keinen Wind, sondern muten langsam kreuzen. Nun
zeigte sich bereits Mangel an Proviant und der Schiffer mute die
Nothflagge aufziehen, worauf zwei Boote von Kastrup auf Amager kamen,
die einen Theil unserer Passagiere ans Land brachten. Die Khne hatten
volle Ladung und ein groer Theil der Passagiere nicht minder. --
Erst Sonnabend Vormittag erreichten wir Kiel, nachdem wir 5-1/2 Tage
unterwegs gewesen waren. Das Wetter war schn; der Mond schien in der
stillen Sommernacht ber die groe Wasserflche dahin, whrend ich
auf dem Verdecke mit den Franzosen Lieder sang. Am Tage unterhielten
wir uns, spielten Karten und dann las ich in Peder Paars. In Kiel
verabredete ich mit meiner Reisegesellschaft, eine Tour nach dem
neugegrabenen Kanal zu machen. Aber ich versptete mich; die Andern
waren fort, als ich kam. Ich lie mich nach Dorfgarten bersetzen,
wo ich Thee trank und Herrn German traf, der mit den beiden jungen
Grafen Ahlefeld, welche mir sehr freundlich alle Spaziergnge der Stadt
zeigten, die Universitt bezogen hatte. Von meinem kleinen Theodor
nahm ich in Kiel Abschied und schenkte ihm eine kleine Brieftasche zum
Souvenir. Nun reiste ich durch den schnen Theil von Holstein und kam
an ein hbsches Stdtchen. Als ich den Wirth nach dem Namen fragte,
sagte er: Unser Fleckchen wird Preetz genannt, also der Geburtsort der
lieben Tante Drewsen, eben so freundlich und lieb, wie sie selbst ist.
Sonntag Vormittag kamen wir nach Lbeck, frhstckten etwas und reisten
gleich weiter, um noch vor Abend in Hamburg zu sein.

[Sidenote: Brief aus Halle.]

                                        Halle, den 17. September 1805.

     Beste Christiane!

Der Augenblick ist gekommen, wo ich Dir mittheilen mu, was ich bisher
verschweigen zu mssen glaubte. Wozu ein langes Prludium zwischen uns,
die wir uns kennen und verstehen? Gutes Mdchen! bei aller Liebe und
allem Eifer fr meine Kunst hat mein Herz doch niemals vergessen, was es
Dir schuldet. Den Dichter aufzugeben, um Ehemann zu werden -- keiner von
uns wollte, da ich das thte; Beides zu vereinen betrachteten sowohl
Freunde wie Feinde als einen schnen Traum, aber zuweilen steckt doch
Etwas in den Trumen. Ich wei nun mit Bestimmtheit, da die Regierung
Etwas fr mich, als Dichter, thun will. Ich hatte meine poetischen
Schriften dem Kronprinzen dedicirt, hatte einen vortheilhaften Eindruck
auf Schimmelmann gemacht; nun mute das Eisen geschmiedet werden, so
lange es warm war. Aber was war zu thun? um eine Stelle anzuhalten?
welche? Ich wollte ja untersttzt, als Dichter belohnt sein, und dieses
konnte nur auf =eine= Art geschehen, indem ich um ein Reisestipendium
nachsuchte. Das that ich denn auch; aber beim Abschiede konnte ich es
Dir nicht sagen, weil ich frchtete, es wrde einen zu heftigen Eindruck
auf Dich machen. Dazu kam, da ich ja nicht wute, ob meine Bitte
erfllt werden wrde. Geschah es nicht, wozu Dir dann einen doppelten
Kummer bereiten; erst durch den Abschied, dann wegen eines verunglckten
Plans? Alle unsere Freunde und Freundinnen wuten es, nur Du nicht,
nun weit Du es. Vor einigen Tagen erhielt ich folgenden Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_:

Se. Knigl. Hoheit der Kronprinz, dessen Aufmerksamkeit Nichts von
einiger Bedeutung entgeht, das in einer oder der andern Beziehung zur
Ehre und zum Ruhme des Vaterlandes und seiner Literatur beitrgt,
hat sich durch das Schreiben, mit welchem Sie Hchstdemselben ein
Exemplar der Gedichte zustellten, mit denen Sie vor Kurzem unsere
poetische Literatur bereichert haben, veranlat gefunden, der Direction
aufzutragen, sie mge Sie auffordern, da Sie ihr eine bestimmtere
Angabe der Reise einsenden, die Sie nach fremden Lndern zu unternehmen
wnschen. Eine solche Reise ist fr das wahre poetische Genie, welches
das wichtige Studium des Menschen, der Natur und der schnen Kunst nicht
aus den Augen verliert, von nicht geringerer Bedeutung als fr den
Gelehrten im Allgemeinen, und man darf hoffen, da Herr Oehlenschlger
daraus wahren Vortheil fr die Literatur des Vaterlandes zu schpfen
wissen wird.

                                        _Schimmelmann.    Reventlow._

Ich kenne Deine uneigenntzige und reine Liebe, meine gute Christiane,
so genau, da ich berzeugt bin, dieser Brief wird Dich freuen, obgleich
der Gedanke an eine lngere Abwesenheit Deinen Augen Thrnen entlocken
wird.

                               Springforbi[1], den 13. September 1805.

Vor Allem, was ich Dir zu sagen habe, liegt mir Nichts so sehr auf dem
Herzen, als Dir zu versichern, wie unendlich lieb mir die Nachricht war:
Oehlenschlger hat ein Reisestipendium bekommen. Ehe ich weiter gehe,
mu ich Dir recht innig fr die Vorsicht danken, mit der Du die lngere
Reise vor mir geheim gehalten hast, bis ich den ersten Kummer berwunden
hatte. Alle Deine Freunde haben Dir hierin auch treu beigestanden,
auer ***, welcher frchtet, da Du Dir unterwegs den Hals brechen
werdest, was, wie er meint, auf solchen Reisen leicht mglich ist. Du
weit, er liebt es oft, an verkehrte traurige Mglichkeiten zu denken.
Die Ueberzeugung, da Deine Reise Dir ebenso angenehm wie ntzlich
sein wird, und die Hoffnung, da sie Deine Gesinnung gegen Deine
Christiane nicht ndern werde, soll mich whrend Deiner Abwesenheit
aufrecht erhalten und trsten. Gesegnet sei der Augenblick, wo Du Deinen
Entschlu fatest, gesegnet sei Jeder, der zu dessen Ausfhrung
beitrug. -- --

                                                   =Deine Christiane.=

  [1] Ein Gut zwei Meilen nrdlich von Kopenhagen am Oeresund.

[Sidenote: Braunschweig.]

Auf dem Wege von Hamburg nach Halle wohnte ich in =Braunschweig=
einigen Akten von Cherubini's herrlichem =Wassertrger= bei, welcher
daselbst franzsisch aufgefhrt wurde. In =Halberstadt= sah ich zum
ersten Mal in meinem Leben ein katholisches Kloster. Ein freundlicher
Mnch fhrte mich umher und meine lebendige Theilnahme erfreute ihn. Das
Interesse, welches die katholischen Kirchen durch die Werke der neuern
Schule fr mich bekommen hatten, fand hier reichlich Nahrung. Ich hatte
mich bisher damit begngen mssen, mich in dem Roeskilder Dome in eine
lngst verschwundene Zeit zu versetzen; hier lebte diese Zeit noch.
Ich verga den Postwagen vollstndig. Glcklicherweise hrte ich das
Posthorn vor der Kirche schallen und mute die khlen Hallen verlassen,
die hbschen Bilder und den freundlichen Mnch, um wieder in der heien
Sonnengluth auf der staubigen Landstrae dahinzufahren.

[Sidenote: Ein Universalgenie.]

Ein Reisegefhrte in der Diligence amsirte mich. Seiner eigenen
Versicherung nach hatte der tausend Vollkommenheiten. Er war Officier
gewesen, hatte Reisen nach Smyrna und Sibirien gemacht; er war Poet,
und hatte Gthe, Schiller und Wieland zu Lehrmeistern gehabt. Gthe
hatte seine Romanze in Wilhelm Meister der Snger gedichtet, als
er ihn einmal auf der Mandoline spielen gehrt hatte. Er war auch
Philosoph und lieferte Recensionen in mehrere Journale. Aber sein
eigentliches Fach war die Philologie, doch componirte er auch. Jetzt
war er im Begriff seine Familie zu besuchen, die er seit vielen Jahren
nicht gesehen hatte. Dies Letztere schien wahr zu sein; und je nher er
seinem Geburtsorte kam, destomehr verdrngten Wahrheit und natrliches
Gefhl alle eingebildeten Vollkommenheiten. Als er endlich zur Stadt
hineinfuhr, war er ein ganz bescheidener, gemthlicher Mensch. Ich
reiste nach =Quedlinburg= mit einer ganzen Familie, Vater, Mutter
und einigen reizenden Kindern. Ich glaube der Mann war Postmeister
dort in der Stadt. Keins der Kinder war noch bisher da gewesen, wo
sie nun ihre Wohnung aufschlagen sollten. Sie hatten vor Kurzem den
Heerd verlassen, wo sie geboren waren und die ersten Tage der Kindheit
verlebt hatten. Wo aber eine glckliche Familie auf Zufriedenheit und
ein hinlngliches Auskommen innerhalb ihrer vier Wnde hoffen darf, da
fhlt sie sich bald zu Hause. Es schien, als ob der Vater bei dieser
Befrderung sehr gewonnen habe, und Alle waren munter und zufrieden.
Es war ein schner Abend. Sieh Vater, rief der kleine Junge, als wir
uns der Stadt nherten, das sind die Thrme von Quedlinburg! Fr
mich, der ich die huslichen Freuden liebe, der ich wie ein armer Vogel
mein Nest verlassen hatte und auf fremdem Zweige sa, war es natrlich
sehr angenehm, ein liebliches Stilllebenidyll auf dem Postwagen mitten
auf der staubigen Landstrae zu finden. Es wird es mir also Keiner
verdenken, da ich in Quedlinburg, mit der Freude Anderer beschftigt,
nicht nur meinen eigenen Kummer, sondern auch meinen eigenen Koffer
verga; welchen Verlust ich erst am nchsten Sonntag Morgen in Halle
entdeckte.

[Sidenote: Giebichenstein.]

[Sidenote: Stillleben bei Reichardt's.]

Ein alter Diener sagte mir, da Steffens und seine Frau in
Giebichenstein bei Reichardts seien, und da man mich daselbst erwarte.
Ich schrieb gleich einen Brief nach Quedlinburg, um meinen Koffer
wiederzuerhalten. Der Diener lieh mir ein reines Halstuch, und so mute
ich in den Reisekleidern, in denen ich Tag und Nacht im Postwagen
gesessen hatte, meinen Einzug bei Reichardts halten.

Sie empfingen mich Alle sehr freundlich. Nach Giebichenstein, das
von Halle ungefhr so weit liegt, wie Friedrichsberg von Kopenhagen,
kamen Steffens und seine Frau an jedem Sonntage. Mit =Schleiermacher=
machte ich hier auch Bekanntschaft. Reichardt selbst war etwas kalt
und zurckhaltend, aber sehr hflich; seine Tchter kamen mir ebenso
wie Hanne mit schwesterlicher Freundschaft entgegen. Frau Reichardt
war still und sanft; sie schien sehr hbsch in ihrer Jugend gewesen zu
sein. Ich fhlte mich in dem schnen Giebichenstein bald heimisch, wo
Reichardt mit Geschmack einen hbschen Garten angelegt und ein nettes
Gartenhaus gebaut hatte. Hier gab ich bald den Mdchen Gelegenheit
mich auszulachen. Denn mitten in der besten Unterhaltung schlug ich
mit der Hand nach Etwas: Was ist das, fragte die Eine. Ach --
antwortete ich, -- das ist eine =Gemse=, die mich stechen will. --
Ich wollte sagen: Bremse! -- Spter neckten sie mich oft damit,
indem sie sagten: Oehlenschlger! wehren Sie sich, da ist wieder eine
=Gemse=! Ich sprach noch sehr schlecht deutsch; sagte oft zu den Damen:
will Sie statt: wollen Sie, und machte Peer's Worte in Jakob von
Tyboe wahr, da der Teufel in dem =Der, Die, Das= stecke; das konnte
man fast in vierzehn Tagen nicht lernen. Reichardt fhrte mich selbst
in seinem groen Garten umher; er hatte seinen Kutscher und seinen
Diener aus dem Waldhorn blasen lehren lassen und Abends bliesen sie
oft im Gebsch einige seiner Compositionen. Besonders gefiel mir die
schne einfache Melodie zu Gthe's: Im Felde schleich ich still und
wild. Oft musicirte der Vater am Pianoforte mit seinen Tchtern. Dann
wurden mehrere Gesnge von Gthe mit Reichardt's Compositionen, und
alte italienische Kirchengesnge von Lenardo Leo gesungen. Louise, die
lteste Tochter, war wehmthig und schwrmerisch; ihr Brutigam, ein
talentvoller, junger Maler, war in Rom gestorben; Alles was sie noch von
ihm besa, war eine kleine Copie von Raphael's Transfiguration; diese
hing ber dem Pianoforte, und sie lie oft ihre groen braunen Augen
(das einzige Schne, das ihr neben einer schnen Gestalt die Pocken
gelassen hatten) darauf ruhen, wenn sie mit schner Stimme die alten
katholischen Messen sang. Ihre Schwester Friederike, ein Mdchen mit
Rosenwangen, blonden Haaren und blauen Augen, wurde whrend ich da war,
mit Karl von Raumer, dem Bruder des Historikers, verlobt, und dieser
kenntnireiche, feurige Jngling wurde bald mein Freund. Sophie war noch
immer ein kleines, schelmisches Kind und der kleine vierjhrige Fritz,
der auf seinem Steckenpferd nach Lauchstdt ritt, war eigentlich der
freundliche Hausgeist des Ortes.

Nach Lauchstdt fuhr ich ein paar Tage nach meiner Ankunft in Halle mit
Steffens und hatte die Freude, zum ersten Male hier die Schauspieler von
Weimar zu sehen. Ich merkte bald, da Gthe's und Schillers Geister ber
ihnen schwebten. Sie spielten Picard's Parasit, von Schiller bersetzt,
und der vortreffliche Becker gab diesen Character bis zur Vollkommenheit
gut.

[Sidenote: Erstes Zusammentreffen mit Gthe.]

Wir besuchten an einem frhen Vormittage Gthe, der sich einige Tage
in Lauchstdt aufhielt. Sein schnes, krftiges Gesicht erfreute mich
und flte mir Ehrerbietung ein. Die braunen Augen erquickten mich, in
denen ich zu gleicher Zeit Werther's Gefhl, Gtz's gutherzige Kraft,
Faust's Tiefsinn, Iphigenia's Seelenadel und Reinecke's Schalkhaftigkeit
zu lesen glaubte. Er kannte Etwas von meinem Aladdin. Wilhelmine Wolf,
eine Tochter des groen Philologen, hatte von dem nun verstorbenen
Etatsrath Gjerlew, als er in Halle war, dnisch gelernt; sie hatte
Gthe Noureddin's ersten Monolog bersetzt. Wenn ich einen Dichter
rasch kennen lernen will, sagte er zu mir, so lese ich einen seiner
Monologe, darin spricht sich sein Geist sogleich aus. Er lobte das
Motiv des Noureddin, welchen Aladdin als einen Lotteriejungen gebrauchen
will, der ihm mit verbundenen Augen das groe Loos ziehen soll. Wie
gern htte ich lnger mit diesem groen Manne gesprochen, aber die
Hflichkeit gebot uns abzubrechen; er bat mich, ihn in Weimar zu
besuchen.

Als wir zur Thr hinaustraten und wieder in der freien Luft standen,
waren Steffens' und meine Gefhle sehr verschieden. Ich war entzckt,
Gthe zum ersten Male gesehen zu haben, darber, da er mich als Dichter
gelobt hatte; Steffens aber war entrstet, da er uns nicht zu Mittag
eingeladen hatte, da wir doch nur seinetwegen nach Lauchstdt gekommen
waren. Ich leugnete nicht, da mir dies eine unendliche Freude bereitet
haben wrde; aber gerade weil sie so gro gewesen wre, fand ich mich
mit der Geduld in mein Schicksal, mit der wir Sterbliche uns allmlig
daran gewhnen, der irdischen Glckseligkeit zu entbehren. Aber Steffens
schalt auf Gthe's Vornehmthuerei und Egoisterei. Ich leugnete nicht,
da trotz all' des Einnehmenden, das ich bei ihm gefunden hatte, etwas
Stolzes, Abgemessenes und Kaltes da war -- das nicht der Dichternatur
anzugehren schien. Es versteht sich von selbst, da das Gefhl
der Gastfreundschaft etwas abgestumpft werden mu, wenn ein groer
Mann an einem Orte lebt, an dem er hufig von Fremden heimgesucht
wird. Die Bequemlichkeit verlangt -- und die Oekonomie gebietet oft
Einschrnkung, aber Steffens war ein ausgezeichneter Mann, Gthe hatte
selbst den jungen Dichter gelobt, den er zum ersten Male sah, und der
aus einem fremden und unbekannten Lande kam; -- er brachte seinen Tag in
Lauchstdt ganz allein zu, stand sich gut, und konnte wohl den einen Tag
zwei geistig Verwandte speisen, die sich nur nach dem Mannabrote seines
Mundes sehnten. Nun muten wir uns mit einer kurzen Ministeraudienz
begngen und wieder gehen. Glcklicherweise hatte er mich gebeten, ihn
in Weimar zu besuchen. Die trstete mich, aber die Hflichkeit kam
nicht Steffens zu gut. -- Merkwrdig ist es brigens als ein Zug in der
Gthe'schen Characteristik, da er mir einige Monate darauf, als ich das
Glck hatte, ihn auf eine kurze Zeit zu gewinnen und ihm zu gefallen,
gestand, er htte uns damals gern eingeladen -- und er wisse selbst
nicht, warum er es nicht gethan habe; aber ich wei es jetzt: es war
eine Art =Geiz=, nicht auf Geld, sondern auf Freundlichkeit; es war eine
geistige Knauserei in der geheimen Furcht: da zu Viel drauf gehen und
da ich zu Viel von -- dem groen Gthe auf einmal bekommen wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Jesus in der Natur.]

Whrend meines Aufenthaltes in Halle ging ich tglich an den Ufern
der Saale entlang. Es ist eine wunderliche Natur in der Gegend; keine
eigentlich steilen Berge, auer einigen jenseits des Flusses; aber der
Boden selbst ist lauter Stein, so da man auf einer Granitebene geht,
whrend man sich auf hgelichem Felde zu befinden glaubt. Die alte Ruine
jenseits des Flusses auf dem Berge versetzte mich in das Mittelalter
zurck; man zeigte mir das Loch hoch oben auf der Mauer, von dem aus
Ludwig der Springer mit auerordentlicher Khnheit sein Leben gerettet
haben soll. Auf diesen einsamen Wanderungen dachte ich oft mit Wehmuth
an mein Vaterland und meine Freunde und schrieb mein =Heimweh=.

Meine poetischen Schriften wurden ziemlich stark gelesen, obgleich
ich von meinem Freunde H. C. Oersted, der es bernommen hatte mein
Commissionr zu sein, hrte, da sie nicht so stark gekauft wurden.
Aladdin machte viel Glck; das allegorische Gedicht: Jesus in der
Natur, brachte verschiedenartige Wirkungen auf die Gemther hervor.
Christiane schrieb mir:

                                                  Den 4. October 1805.

Karen Margrete (Rahbek) hat eine Einweihungsrede von Balle (damals
Bischof in Seeland) in die Hnde bekommen, in der sich ein
achselzuckender Ausfall gegen Dich befindet. Ich will Dir die Stelle
abschreiben:

Aber man will wissen, da die Geschichte Jesu zur Malerei ber
die verschiedenen Aenderungen der Natur bestimmt sei. Sie soll nur
abbilden aber nicht erzhlen: eine Goldgrube fr Dichter, aber keine
Quelle, um die Begriffe ber wahre Religion aufzulsen. O Gott! welche
Verwirrungen! Mit gleichem Rechte verwende ich jede andere Erzhlung,
sowohl aus den Begebenheiten des Alterthums, wie den Ereignissen der
Gegenwart und all' unser Wissen verschwindet gleich dem Rauch und Dampf
am sternlosen Lufthimmel.

In einem: Zuschauer mit einem Lobgedicht an Dich von Jens Mller, der,
wie Du Dich entsinnen wirst, zugleich mit Dir eine Abhandlung ber die
nordische und griechische Mythologie schrieb, hat Rahbek in einer Note
einem der eifrigsten Freunde des Christenthums versichert, da er den
Dichter auf das Vollstndigste mideute, wenn er glaube, da dieser in
der Geschichte Jesu nur eine Goldgrube fr die Poesie finde, und da es
Dich tief schmerzen wrde, Dich von einem Manne verkannt zu wissen, vor
dessen Eifer fr das Christenthum Du eine bis an Enthusiasmus grenzende
Hochachtung habest.

In dem erwhnten Zuschauer hat Rahbek Beschuldigungen zurckgewiesen,
die man ihm ber das Schweigen machte, mit dem er vorher an
Deinen Gedichten vorbergegangen ist; da dies nmlich nicht fr
Gleichgltigkeit und Furcht, seine Meinung zu sagen oder dergleichen
Aehnliches angesehen werden msse. Er hat sich lange bei Aladdin, den er
sehr hoch zu stellen scheint, aufgehalten, und viele Stellen abgedruckt;
doch grtentheils um Deine Fertigkeit zu zeigen, mit der Du die Sprache
nach Deinem Willen zwingst, und hat fr ein anderes Mal mehr versprochen.

                    *       *       *       *       *

Hatte Jesus in der Natur dem damaligen Bischof Seelands mifallen, so
fand er einen krftigen Frsprecher in dem zuknftigen Bischof J. P.
Mynster. Dieser hatte mir versprochen, meine poetischen Schriften zu
recensiren; in einem Briefe von ihm, den 19. Juli 1805 schreibt er:

Habe Dank fr Deine Gedichte, die mich sehr erfreuten. Da Etwas
darin nicht ganz nach meinem Sinne ist, wird Dich nicht wundern; wie
mir aber sehr viel darin zusagt, wirst Du, so Gott will, erfahren, wenn
ich darber Etwas schreiben sollte. Das ist nicht so leicht und rasch
gethan; denn die erste Begeisterung die ein Gedicht erweckt, ist nicht
kritischer Natur, und es ist nicht so leicht zu sagen, warum das Gute
gut ist. Besonders wird es mir schwer werden, gute und verstndige Worte
ber das Gedicht Jesus zu sagen, da ich hierzu nicht die Philosophie
des Christenthums, ja kaum Fragmente derselben liefern kann. -- Was
Du ber unsere Pflicht, nicht zu schweigen sagst, ist gerade dieselbe
Stimme, die in meinem Innern spricht. Ich habe daher auch die Absicht,
so Gott will, meinen Mund aufzuthun, und zwar auf verschiedene Arten,
aber erst zu versuchen, welch' ein Echo meiner Stimme antworten wird;
aber ganz vergebens soll es doch nicht sein; denn ich wei, da ich zu
den Berufenen gehre, und ich strebe Tag und Nacht unter Wachen und
Gebet, auf da ich auch einer der Auserwhlten werde. Gott zum Gru! --
Aus dieser Recension wurde nun freilich nichts. Mein edler Freund fhlte
sich spter mehr gestimmt, das, was er von meinen Werken, namentlich von
Jesus in der Natur hielt, in einem Gedicht auszusprechen, worin sein
Geist sich von dem Dichter zu dem Himmlischen emporschwingt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Guter Humor meiner Umgebungen.]

An der Munterkeit und Ausgelassenheit, mit der ich im Gesprch und
in den Briefen mit meinen Lieben gern den ernsten Ton unterbrach,
nahmen sie auch oft Theil. Frau Rahbek hatte einen natrlichen Hang
zu Dergleichen und selbst unser lieber Prediger wrzte das tgliche
Gesprch mit satyrischer Schelmerei. In einem Briefe von Frau Rahbek,
den ich in Halle bekam, schildert sie mir eine Reise, die sie und ihr
Bruder zu Mynster nach Spiellrup vorhaben. Ihren Bruder Carl Heger
nennt sie Hufe nach Hufeland, dessen Buch ber die Verlngerung des
menschlichen Lebens, Carl Heger, der immer eingebildet krank war, sehr
grndlich studirt hatte. Er frchtete stets von all' den Krankheiten
angesteckt zu werden, die ihm nahe kamen. Wir neckten ihn damit, da
er einmal geglaubt habe, er habe das Kindbettfieber, als es grassirte.
Dr. Professor Mynster, der Bruder des Predigers, war der innige Freund
dieses herrlichen Menschen und hatte sehr viel Nachsicht und Geduld
mit Carl's Wunderlichkeiten, denen er doch selbst gewhnlich einen so
komischen Anstrich gab, da sie durchaus nicht ermdend waren. Einmal
sagte er zum Professor Mynster: Ich befinde mich wirklich nicht wohl;
willst Du mir nicht Etwas aufschreiben. Ja -- sagte Mynster und
schrieb ihm ein Recept. Carl sah es an und sagte mit saurer Miene
und etwas bedenklich: Ja, ist das nun aber auch gut? -- Ja --
entgegnete Mynster, mit dem ihm eigenen sffisanten Humor -- das ist
das =Beste=; willst Du lieber das Nchstbeste haben, so kann ich Dir das
auch aufschreiben.

[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]

Frau Rahbek schrieb mir im October nach Halle:

Ich kann mir denken, wie angenehm Sie leben, und mu es daher um so
liebenswrdiger von Ihnen finden, da Sie trotzdem Heimweh fhlen,
und besonders gefllt es mir, da Sie uns das in so schnen Versen
gesagt haben. Aber da wir gerade vom Reisen sprechen, kann ich Ihnen
erzhlen, da Hufe und ich einen groen Reiseplan im Kopfe haben. Hier
steht nmlich ein kleines Pferd und ein kleiner Wagen, die einem guten
Freunde gehren, und da wir Erlaubni haben, diese Equipage zu benutzen,
so beabsichtigen wir, in 14 Tagen zu Job[2] hinauszureisen. Aber nun
ist der kleine Umstand dabei, da nur zwei Menschen auf dem Wagen
sitzen knnen, und da also einer von uns kutschiren mu. Das wird nun
natrlich Hufe thun; aber er hat frher nie kutschirt, und obgleich er
sich in diesen Tagen sehr darin bt, indem er an einem Bindfaden zieht,
den er an ein Fenster gebunden hat, und der den Zgel vorstellen soll,
so glaube ich doch, da er ein kleines Schreckfieber bekommen wird, wenn
es im Ernst ans Fahren geht. Wir wollen nicht weiter, als bis nach Kige
fahren; dort werden wir Postpferde nehmen, und unser Rlein stehen
lassen, bis wir zurckkommen. Hier glaubt Keiner daran, da wir zwei
Cujone so Etwas unternehmen werden, und ich kann nicht leugnen, da
selbst ich es etwas gewagt finde; doch ist mir vor mir selbst nicht so
bange, wie vor ihm. Wenn wir nach Spielderup kommen, so haben wir die
Absicht, uns als zwei Schlchter zu melden, die von Kopenhagen gereist
sind, um sich Rindvieh anzusehen. Knnte man so leicht nach Halle
kommen, so sollte es gewi nicht lange dauern, ehe ich da wre.

  [2] Job, d. h. Jakob Mynster, damals Prediger im seelndischen Dorfe
      Spielderup.

                    *       *       *       *       *

Von meinem Vater erhielt ich kurz bevor ich von Halle abreiste, als
Antwort auf einen Brief, den ich ihm lange schuldig gewesen war,
folgende Zeilen:

     Liebster, bester Sohn!

Als ich Deinen lieben Brief bekam, erwachte der bse Gedanke in mir,
Dich eben so lange warten zu lassen, wie ich hatte warten mssen; aber
leider trat das Vaterherz gleich dazwischen, und so schwand auch dieser
Vorsatz. Wie unendlich es mich freut, da es Dir gut geht, brauche
ich Dir wohl nicht zu versichern. Wenn Du nur ebenso zufrieden mit
Deinem Stipendium sein knntest; aber guter Adam! Du weit ja wohl,
da viele der hohen Herren Vorsteher in dieser Gemeinde wollen, da
die Natur sich mit Wenigem begngen soll, und sie mgen ihre triftigen
Grnde haben; denn, wo Nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren.
Von mir sollst Du bekommen, was ich Dir versprochen habe, nmlich 100
Thaler jhrlich. Ich wollte, ich knnte mehr thun, aber in diesen
theuren Zeiten, wo ich doch auch eine Haushaltung fhren mu, ist es
mir ohne einen Glckszufall, der mich doch noch nie betroffen hat,
unmglich[3]. Uebrigens mut Du, bester Junge! zuweilen an Deiner Lampe
reiben, und, wie ich hre, hast Du es bereits gethan. Wenn nur nicht
die Theaterdirection hinten ausschlgt, und Du einen Schlag vor die
Stirn bekommst, wie weit Du auch entfernt sein magst. Da Du Dich nach
Deiner Heimath sehnst, ist natrlich, und, guter Adam! das natrliche
Liebesband zerreit erst im Tode. Wenn ich zuweilen allein dasitze, zum
Fenster hinausschaue und des Morgens die Sonne aus dem Meere aufsteigen
sehe, da bete ich mit gerhrtem Herzen zu dem Allgtigen, und danke
ihm, da ich noch Dich und Sophie habe; und dann rollt oft eine Thrne
der Liebe fr Euch ber meine Wangen, und besonders fr Dich, Du Armer!
der so allein, fern von mir dahin ziehen mu. -- Gleich nachdem ich
Deinen Brief erhielt war ich bei dem guten alten Etatsrath Heger und
der kleinen Christiane und las ihnen denselben vor, was groe Freude
verursachte. Als ich fortging, liebkoste sie mich; ich drckte sie an
mich, und sie sagte: Du bist jetzt der einzige Oehlenschlger, den ich
noch habe. -- Das liebe Mdchen! aber Du, mein guter Sohn, darfst nicht
eiferschtig werden; das wrde Dir Nichts helfen. Karen Margrete ist
noch immer der Schelm, der sie stets war; wir kommen zusammen und machen
uns gegenseitig zum Narren. -- Ich lebe hier, wie ein altes Uhrwerk,
einen Tag wie den andern, auer wenn die verwnschten Btes im l'Hombre
bei alten Freunden des Abends etwas lange dauern. Da ich viel zrtliche
Gre fr Dich von Deinem leiblichen Vater, Deiner Schwester und allen
Verwandten und Freunden habe, kannst Du Dir wohl denken. Aber vor allen
Dingen sage Professor Steffens und seiner Frau meinen Dank fr ihre
Gte gegen Dich und sage Ihnen, da ich wnschte, ihrem Sohne, wenn er
herkommt, dieselbe Freundschaft bezeugen zu knnen; was nicht unmglich
ist, da ich noch zwanzig Jahre zu leben hoffe[4]. Na, guter Adam! habe
ich nun nicht genug mit Dir geplaudert? Aber ich hre Dich sagen: man
spricht gern mit alten Freunden; und darin hast Du Recht; denn wir Zwei
kennen uns doch am lngsten. Lebe wohl, guter Junge! Der Allmchtige
bewahre und erhalte Dich, das wnscht Dein Vater

                                               J. C. =Oehlenschlger=.

  [3] Er war damals noch nicht Schloverwalter, sondern nur
      Bevollmchtigter.

  [4] Er lebte noch zweiundzwanzig Jahre.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Achim von Arnim.]

=Achim von Arnim= besuchte Reichardts auch in diesem Herbst. Er
hatte kurz vorher mit =Brentano= sein =Wunderhorn= herausgegeben, aus
welcher Sammlung Reichardt uns Abends oft Etwas vorlas. Er las gut,
besonders trug er die Fischpredigt des heiligen Antonius vortrefflich
vor. Achim's edle Gestalt und sein schnes Gesicht, seine Liebe zum
Mittelalter und sein Vertrautsein mit demselben machten ihn mir lieb,
obgleich seine eigenen Arbeiten mir nicht schmecken wollten; sie waren
mir noch zu inhaltlos. In seinem reifern Alter hat er in mehreren
Erzhlungen ein schnes Talent an den Tag gelegt. Ich entsinne mich
noch eines herrlichen Herbstabends, wo wir in Giebichenstein zusammen
auf den Kirchhof gingen und die alten Grabsteine betrachteten, und als
wir zum Thee nach Hause kamen, Reichhardt mich erfreute, indem er mir
Klopstocks: Willkommen, o silberner Mond! zu dem er eine seiner besten
Melodien geschrieben hatte, vorsang.

Nun sing ich aber auch wieder an, mehr in der gegenwrtigen und in der
jngstvergangenen Zeit zu leben. Ich sah nicht ein, warum die Phantasie
nur bei dem Mittelalter weilen sollte. Jetzt liebte ich auch wieder
die Lessing'sche Verstandes- und die darauf folgende Gefhlsperiode.
Denn hatte man damals auch viele verkncherte Vorurtheile Verstand, und
spter viel Fades Gefhl genannt, so lebten wir nun wieder in einer
Zeit, in der jede elende Phantasterei, wenn sie nur einen Rittermantel
ber die schwachen Schultern warf, fr Poesie gelten wollte, und in
der man, ziemlich barbarisch, jedes weiche Gefhl als eine moderne
Affectation auszuschelten und zu verachten begann.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Lafontaine.]

Eines Tages war ich mit Steffens bei einem andern Professor, ich wei
nicht mehr, welchem, in Gesellschaft. Dort war ein dicker, lustiger
Mann, der eigentlich den Mittelpunkt fr die gesellschaftliche
Unterhaltung bildete; er erzhlte viele Anecdoten sehr gut (doch
nicht so gut, wie Rahbek), war berhaupt sehr gesprchig und fidel
mit den Meisten der Gesellschaft. Aber Steffens verhielt sich
ziemlich schweigend, obgleich er zuweilen lachte, wenn dieser Mann
etwas Schnurriges sagte. Ich konnte es demselben auch ansehen, da
er sich vor Steffens verlegen fhlte, da dieser ihm nicht behagte
und er sich deshalb auch nicht an mich als Steffens' Freund wandte.
Ich nahm Steffens bei Seite und fragte: Wer ist der Mann? Das ist
=Lafontaine=, war die Antwort. Lafontaine! der Romandichter, der mir
in meiner frhesten Jugend so viele Thrnen gekostet hatte! in dessen
Erzhlungen ich in jenem Alter ebenso verliebt war, wie viele Jahre
darauf in Walter Scott's! der meine sentimentalen, erotischen Gefhle
entwickelt, gepflegt, genhrt und bertrieben hatte! -- Dieser Mann,
den ich vergttert -- und spter nach echter Jnglingsart verachtet
hatte, als ich einen andern poetischen Glauben annahm und zur Fahne
der romantischen Schule schwor! dieser Mann sa hier als ein lustiger,
lauter Gesellschaftsbruder, a gut, trank gut, ohne da man die
leiseste Spur jener Geistesrichtung fand, die in seinen Erzhlungen
so monoton hervortritt! -- Aber wie sollte sie auch hervortreten? fr
wen sollte der altmodische, dicke, rothwangige Prediger seufzen, in
wen verliebt sein, mitten in einer Herrengesellschaft? Doch machte er
keinen vortheilhaften Eindruck auf mich, obgleich ich, wie bereits
bemerkt, kein so eifriger Romantiker und Anhnger der neuen Schule war,
wie einige Jahre vorher. Dieses Doppelwesen gefiel mir nicht, und die
Unmglichkeit, im wirklichen Leben den Ton fortzusetzen, der in seinen
Schriften so vorherrschend war, zeigte handgreiflich, wie unnatrlich
und berspannt er sei. Denn wenn gleich das Ideale und das wirkliche
Leben sehr verschieden von einander sind, so braucht sich ein schner
und groer Geist doch niemals in der Gesellschaft der Menschen so zu
verleugnen und zu verwandeln, wenn das Ideale, was er sucht, nicht aus
der Luft geholt ist.

In sptern Jahren habe ich es wieder versucht, einige von Lafontaine's
Romanen zu lesen, aber sie waren mir zu sehr Milch und Wasser. Nicht
das Gefhlvolle darin mifiel mir, sondern gerade das Laue, Schlaffe,
das Alltgliche im Gefhl. Es ist ein prosaisch knabenhaftes, kein
poetisch mnnliches Gefhl. Spter habe ich seine Lebensbeschreibung
gelesen und diese schien mir eben so matt und schlecht erzhlt wie die
Iffland's. Ich besuchte ihn also nicht, obwohl sein hbsches Haus recht
anmuthig auf einer Hhe vor Halle lag. Aber oft ging ich hinaus und
setzte mich in Hlty's Stuhl, einen Steinsitz im Felsen an der Saale
und dachte an die schnen Lieder: Wer wollte sich mit Grillen plagen
und Ihr Freunde hngt, wenn ich gestorben bin, die kleine Harfe hinter
dem Altare auf, in denen sich tiefe Wehmuth mit einem liebenswrdigen
Streben nach Munterkeit und einer schnen Seelentiefe vereinigt.

Halle selbst war mir nur ein schwacher Ersatz fr Kopenhagen. Die
schmalen, schlecht gepflasterten Straen, die vielen Braunkohlen gaben
dem Ganzen ein trauriges, finsteres Colorit, und ich konnte das blaue
Meer und die seelndischen Buchenhaine nicht vergessen.

Oft betrachtete ich im Vorbergehen dass groe Rolandsbild aus Carl's
des Groen Zeit, das auf dem Markte wie ein steinernes Gespenst aus dem
dunklen Alterthume dastand und menschlicher Gre spottete. Htte ich
damals daran gedacht, da der unglckliche Struensee in Halle geboren
und erzogen war, so wrde auch dies seine Wirkung gethan haben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Schleiermacher.]

Zuweilen machte ich lange Wanderungen. Mit Steffens, Schleiermacher und
den beiden Raumers ging ich an einem heien Sommertage auf den =hohen
Petersberg=. Als wir uns der Ruine oben nherten, wunderte ich mich ber
einen seltsamen Laut; es war mir, als hrte ich viele Menschen einen
Kirchenpsalm in der Burgruine singen. Und es war wirklich so. Mitten in
der Ruine stand eine Kirche, die voll von Menschen war, da es gerade
Sonntag war und Gottesdienst abgehalten wurde. Ich hrte einen mir aus
meiner Kindheit wohlbekannten Psalm, den sie ber die alten Marmorsrge
der entschlummerten Landgrafen dahin sangen; und diese Verbindung
der Vergangenheit und Gegenwart rhrte mich auerordentlich. Mit dem
verstndigen =Schleiermacher= verlebte ich angenehme Tage. Er bekam Lust
Etwas von meinen dnischen Gedichten kennen und Dnisch zu lernen. Ich
fing an, ihm Vaulundurs Sage und Freia's Altar zu bersetzen und er war
der Erste, der mich aufmunterte, ein deutscher Dichter zu werden. Er
wiederum las etwas Griechisch mit mir; er las mir den ganzen Oedipus in
Kolonos vor, um mich mit dem characteristischen Wohlklang der Sprache
vertraut zu machen; er bersetzte mir das Stck Wort fr Wort und lehrte
mich das griechische Silbenma recht kennen und verstehen; wovon ich
spter, als ich Solger's Sophokles fleiig studirt hatte, in meinem:
Balder der Gute, Gebrauch machte.

Diese Strenge der Uebersetzung in der Form, die oft an Pedanterie
streift, welche dem gewhnlichen Leser mifllt, ntzt gerade dem
Dichter, der der griechischen Sprache nicht mchtig ist, und doch gern
so viel als mglich ihren Klang, Tact und ihre Formen kennen lernen
will. Fr den wahren Dichter ist es leicht, sich alles dieses in einer
lebhafteren und schneren Natrlichkeit zu denken. Solger war gewi ein
besserer Philolog als Philosoph. Seinen Erwin, in dem er der Ironie als
dem Hchsten der Poesie huldigt, habe ich nie verstehen knnen, und ich
sehe nun aus Hegel's Aesthetik, da dieser ihn angreift und tadelt.

Ich hrte in Halle Steffens' Vorlesungen ber Naturphilosophie,
Schleiermacher ber Ethik und den berhmten Wolff ber Archologie. Mit
Schleiermacher ging ich oft spazieren.

Es amsirte ihn zuweilen, meinen allzukhnen Behauptungen mit
schelmischer Ironie zu begegnen; er bersetzte gerade damals an seinem
Plato. Er war mein Sokrates und ich beschuldigte ihn im Scherz, er wolle
mich zu seinem Alcibiades machen; obgleich ich diesem weder in dem
Heroischen noch in dem Schlechten glich. Schleiermacher war ein kleiner,
hagerer Mann. Ein jugendliches Wesen fand man bei ihm nicht; aber er
war edel. Als er mir auf seinem alten Klaviere einmal den Herrenhuter
Psalm vorspielte: Mach' uns unschuldig, wie die kleinen Blumen in des
Frhlings Heiligthum, gewann er mein Herz und behielt es seitdem immer.
Die Tochter des gelehrten Professors Wolff, Wilhelmine, eine schne,
groe, blhende Blondine, hatte ein freundliches Wesen; sie konnte, wie
gesagt, etwas Dnisch, und da sie eine Freundin der Frau Steffens war,
sah ich sie oft im Hause bei uns. Mit ihrem Vater entsinne ich mich
nur einziges Mal gesprochen zu haben. Merkwrdig ist's, da er, der
groe Philolog, der es so weit in fremden Sprachen gebracht hatte, der
einzige war, der mir davon abrieth, Deutsch zu schreiben; er meinte, man
knne nur in =einer= Sprache Dichter sein. Abstract genommen, werden
die Meisten ihm gewi Recht geben, und Wolff, bei dem doch eigentlich
das Griechische und Lateinische stets im Gegensatze zu seiner deutschen
Muttersprache war, und der vom Dnischen gar nichts verstand, mochte
sich wohl zu einer solchen Meinung befugt fhlen. Er wute, da er mit
all' seiner Gelehrsamkeit und seinem philosophischen Genie doch niemals
Grieche oder Rmer werden knne. Er wute, da ein groer Unterschied
zwischen einem Deutschen aus dem 19. Jahrhundert und einem Griechen aus
Perikles', einem Rmer aus Augustus' Zeit stattfand. Aber er verga,
da der Dne und Deutsche Germanen, sie beide Brder eines Hauptstammes
sind, mit fast gleichen Characteren, Neigungen, Gefhlen und Ansichten,
da sie in demselben Zeitalter, einander nahe und in steter, geistiger
Verbindung leben.

[Sidenote: Erwachende Lust Deutsch zu dichten.]

Noch hatte ich auer einigen Kleinigkeiten nichts Deutsches geschrieben;
aber ich fhlte doch bald, da es nicht lange dauern wrde, bis ich in
den Besitz einer Sprache kme, die meinen Leserkreis auf 40 Millionen
Menschen mehr ausdehnte und mir die Freude bereitete, ausgezeichneten
Mnnern wieder Etwas von den Producten meines Geistes mitzutheilen,
um einigermaen all' das Herrliche zu vergelten, das ich von ihnen
empfangen hatte. Ja, ich fhlte mich bald so begeistert, auch Deutsch,
das zwar nicht meine Muttersprache, aber doch meiner Mutter Sprache und
die meiner Vter war, zu schreiben, -- da ich zwei Jahre darauf meinen
Aladdin bersetzte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Hakon Jarl.]

Darber verga ich aber doch nicht das Vaterlndische. Der stille
Herbst und der Anfang des Winters in dem einsamen Halle trieb mich im
Gegentheil mit dem Gefhle, welches ich in meinem Heimweh ausgesprochen
hatte, wieder nach dem Norden hoch hinauf. Glcklicherweise fand ich
in der Universittsbibliothek von Halle ein Exemplar von Schinning's
Folio-Ausgabe von Snorro Sturleson's Heimskringla! Ich fing gleich
an, sie mit so groem Eifer zu lesen, wie man aufbewahrte Briefe von
einem lieben Jugendfreunde, den man verlassen hat, liest; und kaum war
ich etwas ber Harald Schnhaar's Geschichte gekommen (an der ich ein
paar Jahre frher hngen geblieben war), so fand ich in Hakon Jarl's
Sage einen Stoff, der sich mir vortrefflich zur Bearbeitung zu eignen
schien. Ich hatte diesen Stoff bereits einmal als Romanze behandelt,
aber es schien mir als verdiene er mehr. Steffens und ich saen in einem
Zimmer bei einem Ofen. Er arbeitete in dem einen Winkel bei seinem
Schreibtische an einem philosophischen Werke, -- ich hatte mir einen
kleinen Tisch ans Fenster hingeschoben, wo ich schrieb. Jedes Mal wenn
wir, er einen Paragraphen seiner Abhandlung, und ich eine Scene fertig
hatten, lasen wir uns das Ausgearbeitete gegenseitig vor. Auf diese
Weise wurde Hakon Jarl in sechs Wochen gedichtet. Er gefiel Steffens
sehr.

[Sidenote: Schiller's Jungfrau von Orleans.]

[Sidenote: Schiller's Braut von Messina.]

Ich hatte zum Theil gefrchtet, da Steffens nicht mit meiner
Tragdie zufrieden sein wrde, da er damals Schiller verwarf. Als
tragischer Verfasser war es mir Pflicht, Nothwendigkeit, Bedrfni
geworden, diesen groen Tragiker von Neuem zu studiren. Die eine
Zeitlang stark glnzende Autoritt der neuern Schule hatte mich -- gegen
die Stimme meines Herzens -- dahin gebracht, Schiller zu verlassen.
Es ist bekannt, da weder Tieck, Novalis, noch beide Schlegel ihn fr
einen wahren groen Dichter gelten lieen, -- obgleich er -- als Gthe's
und Wilhelm von Humboldt's Freund und als Schriftsteller von so groer
Popularitt -- stets mit einer gewissen Achtung behandelt wurde, die
doch hauptschlich darin bestand, da man ihn nicht tadelte, sondern
grtentheils ganz still von ihm schwieg, whrend man jeden Augenblick
Gthe vergtterte und Tieck lobte. Zum Theil war wohl Schiller selbst
Schuld daran, indem er sich zu sehr von den Neueren entfernte. Und
doch, obgleich er die romantische Richtung in der Poesie verwarf,
hatte diese, ohne da er es merkte, Einflu auf ihn; er schrieb eine
Tragdie, die er selbst romantisch nannte: Die Jungfrau von Orleans,
und noch mehr -- er brachte in seiner Maria Stuart im Mortimer eine
miglckte Copie von Tieck's Golo in der Genovefa. Das Romantische
konnte Schiller nicht glcken. Die Mischung von Naivett, Schwrmerei,
Ausgelassenheit, Sinnlichkeit, in der das Erotische und die Phantasie
das Triebrad ist -- lag auerhalb seines Wesens. Groe Charactere konnte
er schildern, tiefen Ernst, hohes Gefhl vermochte er darzustellen,
originale Situationen und dramatische Handlungen zu erfinden, herrliche
Gedanken entstanden in seinem Kopfe und sein edles Menschenherz konnte
sie mit hinreiender Begeisterung ausdrcken; ruhiger, mnnlicher
Tiefsinn erfllte seine Werke; aber -- es ging ihm eben so wie Michel
Angelo im Verhltni zu Correggio -- in den romantischen Farbentopf
konnte er seinen Pinsel nicht tauchen. Wollte er sich auf diese Weise
bewegen, so war es als ob der Ritter im Harnisch Jger werden, vom
Pferde springen und mit schweren Stiefeln auf Abenteuer durch den Wald
streifen wollte. Das Lustige, das eigentlich Erotische, Geschmeidige
fehlte Schiller. Die Tragdie, die Jungfrau von Orleans ist nicht
romantisch; da sie auch keinen Anstrich von franzsischem Colorit
hat, mute die Folge davon sein, da ein Deutscher mit Schiller's
tief-ernstem Character den Gegenstand behandelte. Und doch wurde sie von
allen geistvollen, poetischen Lesern und Zuschauern -- die nicht durch
die Vorurtheile einer Schule verblendet waren -- fr ein Meisterstck
erklrt und ist auch ein solches. Die Jungfrau von Orleans selbst,
Jeanne d'Arc, ist mit ihrer idyllischen Umgebung in ihrer prchtigen
Heldennatur unvergleichlich gezeichnet. Schiller hat die Ehre der edlen
Jungfrau gerettet, hat dem Bilde in der Geschichte den Geistesadel
wieder gegeben, den Voltaire -- einem frechen Satyr gleich -- sich
nicht entbldete, in seinem hohen Alter mit leichtfertigem Spotte zu
besudeln. Und doch schmte A. W. Schlegel sich auch nicht, Shakespeare's
Schilderungen der pucelle in Heinrich VI., wo er den schmhlichen Lgen
englischer Chronikenschreiber blind folgt, ber Schiller's Raphael'sche
Heldenmadonna zu stellen. -- Die neuere Schule nannte also die Jungfrau
von Orleans einen miglckten romantischen Versuch, ohne die groen
Schnheiten zu achten, die weder Tieck, Novalis, noch selbst Gthe
im Stande gewesen wren hervorzubringen. Wahrscheinlich durch dieses
Verkennen zu einer entgegengesetzten Richtung gefhrt, schrieb Schiller
spter eine Tragdie in theils griechischen Formen: Die Braut von
Messina, wobei er sich in eine schiefe Theorie verirrte, wie der
Dichter stets thut, wenn er die Reflexionen und den kalten Begriff ber
dem Genie und dem natrlichen Gefhle herrschen lt. Htte er einen
Heldenstoff aus dem germanischen Alterthume auf diese Weise behandelt,
so wrden der griechische Chor und die einfache Anordnung in der
Handlung ihre Wirkung gethan haben; es wre natrlich erschienen; denn
die alten griechischen, germanischen und skandinavischen Heldenzeiten
gleichen einander. Aber hier verband jene Form sich mit einer modernen
Intrigue; es wurde eine unnatrliche Vermischung von Alterthum und
Gegenwart (sowie in der Jungfrau von Orleans der Aberglaube des
Mittelalters sich mit dem Verstandselement der Gegenwart auch nicht
recht amalgamirte) -- und dies gengte der herrschenden Schule, dieses
Werk als verunglckt zu verwerfen, -- obgleich es in der Nation seine
Wirkung durch unvergleichliche Characterschilderung und einen Dialog
hervorbrachte, der dem Dichter den Rang eines groen Dichters gegeben
haben wrde, wenn er nie etwas Anderes als die Braut von Messina
geschrieben htte. Glcklicherweise schrieb Schiller vor seinem Tode
sein Meisterstck: Wilhelm Tell, in dem weder das Romantische noch
das Antike ihn verlockte -- sondern wo er einen =vaterlndischen= Stoff
auf die historisch grndliche und doch poetische Weise behandelte,
mit der er in seinem Wallenstein begonnen hatte. Da auch Wilhelm
Tell von Vielen getadelt wurde, weil man meinte, der fnfte Akt sei
ein _hors d'oeuvre_, da er nicht die Handlung fortsetzte, sondern
(was hier gerade von hchster Wichtigkeit war) den Gegensatz zwischen
einem verbrecherischen Meuchelmrder (Parricida) und Einem, der einen
Todtschlag aus edlem Beweggrunde begeht, (Tell) -- in einem herrlichen
dramatischen Verhltni zu einander zeigte -- das war ganz in der
Ordnung, und gehrte mit zur Tadelsucht der damaligen Zeit gegen so
vieles Schne, die einer Periode folgte, in der man so vieles Unschne
bewundert hatte.

[Sidenote: Steffens als Gegner Schiller's.]

Auch mein lieber, hchst poetischer Steffens theilte damals noch die
Vorurtheile der poetischen Schule gegen Schiller, was mir sehr leid
that; besonders als er einmal anfing Wilhelm Tell in der Gegenwart eines
jungen Schweizers, eines seiner Zuhrer, vorzulesen, das Buch aber
mitten whrend der Vorlesung, so da es auf den Boden hinfiel, mit den
Worten fortwarf: Das kann ich nicht lnger aushalten. Ich konnte es
auch nicht lnger aushalten und ging auf mein Zimmer. Steffens folgte
mir auf dem Fue. Sein Zorn gegen Schiller galt eigentlich mir, weil
er wute, da ich groen Werth auf Wilhelm Tell legte, und da er sich
noch nicht von der alten Gewohnheit losreien konnte, meinen Geschmack
beherrschen zu wollen, so betrachtete er meine stumme Mibilligung als
einen vermessenen Aufruhr und verfolgte mich. Ich hatte vorausgesehen,
da die geschehen wrde, und um eine heftige Scene zu verhten, schlo
ich die Thre ab; aber unglcklicherweise war es eine Glasthr. Als er
nicht gleich herein kommen konnte, schlug er die Scheiben ein, ffnete
die Thr von innen und fragte mich nun erbittert, ob ich ihn aus seinem
eigenen Hause ausschlieen wollte? Dies war der Culminationspunkt des
Zornes; denn kaum hatte ich ihm einige freundliche Worte gesagt und
ihn daran erinnert, er mge sich hten, seine Frau zu erschrecken, die
hochschwanger war, so umarmte er mich brderlich, schwamm in Thrnen und
kte mich. Eine so wunderbare, leichtbewegliche Natur war Steffens,
aber hchst liebenswrdig, poetisch, gedankenreich, originell. Ich habe
keine hnliche Natur gekannt. In Manchem glichen wir uns; ich war auch
hitzig, hatte aber doch mehr von dem, was die Franzosen _gros bon-sens_
nennen. Die augenblickliche Inspiration strmte stets ber seine Lippen,
ich verschlo meine Begeisterung mehr fr meine Werke; in muntern
Einfllen und poetischen Phantasieen begegneten wir uns unablssig, und
dies gab unserm Zusammenleben einen groen Genu und eine sehr angenehme
Erquickung. Aber in seine Einseitigkeit konnte ich mich nicht lnger
finden. Auch Lessing's Nathan und Vo' Louise vertheidigte ich aufs
Neue mit vielem Eifer, Lessing hatte ich niemals aufgegeben und gegen
den Tadel der romantischen Schule, da man ihn zu kalt verstndig fand,
hatte ich bereits in meiner Langelands Reise Etwas an Lessing mit den
Worten geschrieben:

    Sag' wer lehrte Dich selbst den Verstand romantisch zu machen?

Bei diesem Verhltni war es um so merkwrdiger, da Steffens nicht
verstimmt gegen mich wurde und mich etwa durch Lauheit gegen meinen
Hakon Jarl bestrafte. Im Gegentheil, er legte groen Werth darauf und
dies war ein Zug seines guten Herzens; denn ein Anderer von seiner
Klugheit, ohne sein Herz, wrde genug zu tadeln gefunden haben, wenn er
einmal Den tadeln =wollte=, der ihm oft genug schroff widersprach.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Aufnahme Hakon Jarl's.]

Ehe ich weiter reise wird es meine Leser vielleicht interessiren,
Etwas ber die Wirkung, welche Hakon Jarl in der Heimath hervorbrachte,
und ber die Annahme des Stckes zu hren. Ich war im hohen Grade
gespannt, ehe ich Etwas von dem Schicksal des Stckes wute und
frchtete, da es ebenso, wie Freia's Altar verworfen werden wrde.
Schleiermacher trstete mich an dem Abend, wo Steffens uns das Stck
vorlas und sagte, da er, obgleich er sich nicht groe Begriffe von der
Theaterdirection mache, doch 4 Groschen gegen 10 Louisd'or wetten wolle,
da das Stck angenommen werde. Dies war mir um so wichtiger, als mein
Reisestipendium, 500 Thaler, forderte, da ich mir durchaus Etwas dazu
verdienen msse, wenn es gengen sollte. Ich hatte durch H. C. Oersted
zwei Exemplare an die Grfin Schimmelmann geschickt und hoffte, da sie
es fr mich einreichen wrde; die Grfin aber, welche wahrscheinlich
fhlte, wie komisch es sei, wenn Hakon Jarl einer Dame seine Einfhrung
auf der Bhne verdanke, sandte Oersted das eine Exemplar zurck; er lie
es mich wissen und ich schrieb nun gleich einen Brief an die Direction.
Hierauf erhielt ich die Antwort, da sie das Stck zur Auffhrung
angenommen habe, selbst wenn der Verfasser dieselbe unbedingt ohne
Vernderung fordere; da das Stck aber viel zu lang sei, so wolle sie
mir sagen, was sie weggelassen wnsche, ohne, wie sie glaube, dadurch
dem Ganzen zu schaden. Hierunter war nun: Die Scene, in der Grib Knig
spielt, die Nichts mit der Haupthandlung zu thun habe, und eines so
langen Zwischenraumes bedrfe es nicht, damit Bergthor seine Tochter
einschlieen knne. Eine Scene mit Karker brauche auch nicht so lang zu
sein, um Karker's Dummheit zu schildern, die ja so schon deutlich genug
sei. Einar's und Hakon's Scene wrde Schwierigkeit bei der Auffhrung
finden, wenn der sichere Schu gesehen werden solle, wo nicht, so
wrde die Scene ohne Effekt auf der Bhne sein. Auden's Offenbarung
wnschte man auch weggelassen, die groe Masse der Zuschauer wrde sie
uninteressant finden. Es wrde dem Theater auch hchlich conveniren,
und das Interesse des Publikums fr den Helden nicht verringern, wenn
Thora's letzte sentimentale Scene fortbliebe. Endlich lie man mich
wissen, da vor Hakon Jarl ein anderes Originalstck (Die Danen-Frauen,
von Mller) eingeliefert sei, welches gleich diesem einen Theil Unkosten
erfordere; daher msse die Auffhrung des Hakon Jarl ausgesetzt bleiben,
bis die Theatercasse im Stande sei, so viele Ausgaben zu machen.

So kam ich doch noch ziemlich gndig davon. Der Geist, -- wenn ich
mich dieses Ausdrucks bedienen soll -- in diesem Schreiben der
Theaterdirection war Prof. Kierulf, ein sehr braver, gelehrter, in
vielen brgerlichen Dingen vernnftiger Mann, aber kein Schngeist. Er
konnte es wohl nicht vergessen, da ich vor 10 Jahren als Knabe auf der
Schulbank sa, wo er mich in der Geschichte examinirte. Da er damals
sehr zufrieden mit mir war, hatte er dagegen wahrscheinlich ber den
tollen Verfasser des tollen Freia's Altar vergessen. Ich fand es sehr
natrlich, und habe in viel sptern Jahren hnliche Schulmeistereien
und Zurechtsetzungen von einem jngern hnlichen Kritiker geduldet, der
spter =selbst= zugestand, da meine Schriften viel zu seiner Bildung
beigetragen htten.

Da Hakon Jarl in meinem Familien- und Freundeskreise Freude und
Begeisterung hervorrief, kann man sich denken. Christiane schrieb mir:

Donnerstag kamen alle Deine Herrlichkeiten an; am Abend war ich bei
Oersted, um Sophie Deinen Brief zu zeigen. Wir beschlossen gleich,
da Hakon Jarl am Sonntag Abend vorgelesen werden solle. Ich bernahm
es sofort, nach dem Hgelhause hinauszuschreiben, um zu hren, ob es
Rahbek Recht sei, und bekam die Antwort, die ich lngst geahnt hatte:
da Rahbek auf eine so lange Reihe von Abenden keine Zeit habe, da
wir uns den Gedanken aus dem Kopf schlagen mten, das Stck von ihm
lesen zu hren. Karl schwor Stein und Bein, da er es nicht lesen
knne; aber nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er, da er es
verteufelt gern mchte. Ich bereitete ihn darauf vor, da Vater mit
zu Oersteds kommen wolle; da erschrak er sehr und meinte, da Vater
sagen wrde, er lese jmmerlich vor; da aber Karen Margrete und ich ihn
trsteten, so fate er Muth. Er ging gleich zu Doctor Oersted hin, um
das Stck durchzusehen um so bekannt damit zu werden, da er wenigstens
die Handschrift ohne Stockung lesen knne; Du kannst Dir aber leicht
denken, da, je mehr er las, ihm umsomehr angst und bange wurde, und er
an demselben Abende ganz den Muth verlor. Von dem Augenblicke an, wo er
versprochen, es uns vorzulesen, hatte er nichts Anderes im Kopfe, als
die schwere Arbeit, die er bernommen hatte. Jeden Augenblick schlug er
einen andern Menschen vor, von dem er schwur, da er das Stck tausend
Mal besser lesen knne als er selbst. Rosing lag ihm immer im Kopfe.

Hier will ich Carl Heger's eigenen Brief mittheilen:

In einem bestndig steigenden Freudenrausch ber Alles, was ich nun
seit drei Tagen ber Dich und von Dir gehrt habe, Du herrlicher Junge!
habe ich gelebt, und lebe ich, so zu sagen, noch jetzt. In solcher
Verfassung kannst Du Dir leicht meine Unfhigkeit vorstellen, Dir Etwas
mitzutheilen und zu schreiben, in dem Verstand wre. Einen kleinen
Anfang aber, um mich Dir ein Wenig zu zeigen, will ich diesmal doch mit
Karen Margrete's Brief folgen lassen. Sie bittet mich auch so dringend
darum. Und wenn es Dir lieb ist, da ich zuweilen fortfahre, so soll es
geschehen. Gott wei, wie gern ich es thue.

[Sidenote: Hakon Jarl.]

Dein Hakon Jarl wurde uns also, wie Du nun schon weit, von
Rosing vorgelesen. Ich glaube es wird Dich unterhalten, wenn ich Dir
erzhle wie es zuging, und wie liebenswrdig und zuweilen komisch er
sich bei der ganzen Geschichte benahm. Zugleich erfhrst Du, was mir
zur Entschuldigung dienen mu, wenn Du, was mich sehr schmerzen wrde,
unzufrieden damit sein solltest. Da wir es nicht aufschieben konnten
bis Rahbek Zeit hatte, so hattest Du mich ja in Ermangelung seiner zum
Vorlesen ausersehen. Du kannst Dir selbst denken, wie lieb mir das
war. Aber, liebster Oehlenschlger! Du dachtest natrlich nicht daran,
da ein Fremder in dem Kreise sein knne, in dem es vorgelesen werden
sollte, und Deine Freundlichkeit und gute Meinung ber mich, die besser
ist, als ich sie verdiene, tuschen Dich, so da Du glauben konntest,
ich sei im Stande, einer solchen Aufgabe auch nur einigermaen zu
gengen. Es wurde indessen bestimmt, da ich es lesen sollte. Aber je
lnger ich darber nachdachte, desto schwerer wurde mir die Aufgabe. Die
erste Nacht schlief ich nicht. Ich habe mich nie profaner gefhlt. Den
Abend vorher fand ich mich bei Hans Christian ein, um erst das Stck fr
mich selbst durchzulesen. Ich las ihm den ersten Act vor, berzeugte
mich aber nun, da ich meine Aufgabe ganz bestialisch lsen wrde, wenn
aus keinem andern Grunde, so doch, weil meine Furcht unberwindlich
sein wrde. Auf dem Heimwege beschlo ich, den nchsten Morgen frh zu
Rosing hinauf zu gehen und ihn zu bitten, da er mich erlsen mchte.
Er und seine Frau hatten mir vor langer Zeit eine Artigkeit erwiesen,
fr die ich versprochen hatte, mich mndlich zu bedanken, was aber doch
vielleicht nie geschehen wre, wenn mich dieses nicht veranlat htte,
obgleich ich ihm seit langer Zeit nicht das Geringste mehr nachtrug.
Ich wute, welch' einen enthusiastischen Freund und Bewunderer Du in
ihm hast, und da Du ihm Freia's Altar vorgelesen hattest, ehe es
eingereicht wurde; ich war berzeugt, da Du ihm auch Hakon Jarl
vorgelesen haben wrdest, wenn Du hier gewesen wrest; ich kannte
ihn als einen Mann, der Geheimnisse zu bewahren wei; kurz und gut,
ich fand nicht die geringste Bedenklichkeit. Ich kam hinauf, und im
Augenblick war die alte Bekanntschaft erneuert. Er war ganz so, wie ich
es wnschte, und mir war gleich so zu Muthe, als ob ich den Tag vorher
dort gewesen wre. Ich benahm ihm gleich den einzigen Vorwand, den er
htte benutzen knnen, wenn er aus gleicher Furcht, wie ich, mir eine
abschlgige Antwort geben wollte, indem ich nmlich innig seine stete
Unplichkeit beklagte, worauf er mir natrlich versicherte, da er
sich an diesem Tage sehr wohl befnde. Ich rckte nun gleich mit meiner
eigentlichen Bitte vor, und ersuchte ihn um ein Gesprch unter vier
Augen. Geht hinaus Kinder! und Du auch, Mutter! Nun fing ich an, und
war eine Zeitlang sehr beredt. Als ich fertig war, strmte er von Deinem
Lobe ber und sagte zuletzt: Ich bin so froh, so froh, Dich bei mir
zu sehen, mein guter, guter Carl, da ich wahrhaftig nicht wei, was
ich Dir abschlagen knnte, wenn Du mich darum btest. Doch wnschte
er einen Aufschub; da ich ihm aber versicherte, da es unmglich sei,
lie er seinen Schlern absagen und wir setzten uns gleich hin, um es
zu lesen, wobei sie zuhren durfte. Als der erste Act gelesen war, rief
er aus: Das ist ein vortreffliches Stck! o, das ist ein gttliches
Stck!! -- Wird's angenommen? fragte ich. -- Ja, freilich wird's
angenommen. Wir lasen weiter, aber als er mit Olaf nher bekannt wurde,
brach bisweilen, wenn wir unterbrochen wurden, in den Pausen, eine etwas
strmische Aufregung los, er bekam nmlich Lust, den Olaf zu spielen.
Wo Grib sagt: Er segelt auf Elivaga's Wogen nach Niffelheim, rief er
aus: Gott, welche Verse! Nein, die sind zu schn! Ich sehe ihn, wei
Gott, segeln!! Von Auden sagte er: O, was ist das fr eine schwierige
Rolle. Einmal sagte ich ihm vom Hakon: Das ist ein nordischer Heide,
Rosing! -- Ja, ein schrecklicher -- entsetzlicher Gtzendiener!
-- Glaube nicht, guter Oehlenschlger, da ich, der oft zur Unzeit
scherzt, dies Alles schreibe, ber das Du auch lachen wirst, etwa weil
das Komische, das whrend der Lectre vorfiel, mein Inneres jetzt mehr
erfllt, als Dein Stck. Nein: ich habe nichts Anderes im Kopfe und
werde wahrscheinlich lange an nichts Anderes denken, als an Dein Stck.
Welchen Eindruck die Scene in der Hhle, der sublime Epilog, kurz jeder
einzelne Theil und das Ganze auf uns machte, als wir fertig waren -- das
kann ich Dir unmglich ausdrcken. Was er gesagt hat, als wir den ersten
Act gelesen hatten, wiederholte er mit noch erhhterer Extase, als er
das ganze Stck beendigt hatte. Sie war nicht weniger davon entzckt
als er. Wie froh wir uns Alle am Nachmittage bei Oersteds versammelten,
wie wir berhaupt Dein Fest begingen, dass mu Karen Margrete und
Christiane Dir sagen und haben es Dir bereits gesagt. Ich will jetzt
nur noch hinzufgen, da er meinem Urtheile nach das Stck im Ganzen
gut, und Hakon und vieles Andere, was Du Dir selbst sagen kannst, ganz
vortrefflich gelesen hat. Ich wollte wnschen, Du httest ihn sagen
hren: Goldharald, Graufell! -- Was wollt Ihr, Mdchen! u. s. w. Ich
sagte endlich zu ihm: Nun Rosing! wird ein anderer Sterblicher als Sie,
den Hakon spielen? -- Nein, sagte er, ich glaub's bei Gott
nicht!

Und nun guter, theurer Oehlenschlger! ich war der Unbedeutendste
von allen Denen, die Deinen Hakon hrten, aber doch wei ich, da Du
meinen Dank nicht verschmhst. Habe also tausend Dank! Ich war der
Unbedeutendste, und doch schien es mir bei der Lektre, als ob ich viel
besser geworden wre. Ich wei nicht, welche Talente, oder, wie viel
ich besitzen knnte, und nicht bereitwillig eilen wrde, Dir den Kranz
um die Schlfe zu winden. Ich mu doch wohl auch etwas Kunstsinn haben,
ob ich gleich, wenn ich mich auszudrcken versuche, gewhnlich etwas
Ungeschicktes sage.

Karen Margrete treibt mich an, ich mu also schlieen. Habe Dank fr
die schnen Verse, in dem Briefe an meine Schwester, fr das Lebewohl
an Giebichenstein! Lebewohl! Habe Dank, da Du meiner so liebevoll
gedenkst, und behalte mich immer lieb, wie vorher!

                                                Dein
                                                          C. =Heger=.

Es war sehr hbsch von ihm, da er Rosing veranlat hatte, den Hakon
Jarl zu lesen. So konnte dieser groe Knstler, an den ich, als ich das
Stck dichtete, gedacht, und ihm die Rolle bestimmt hatte, den Hakon
Jarl doch wenigstens im Kreise meiner Freunde vorlesen, wenn gleich
Krankheit und darauf folgende Schwche ihn verhinderten, jemals in
dieser Rolle vor dem Publikum aufzutreten. Ein alter Zwiespalt, der zehn
Jahre lang Carl Heger von Rosing getrennt hatte, mit dem er in seiner
Jugend in innigster Freundschaft lebte, hrte bei dieser Gelegenheit
auch auf.

Christiane setzt ihren Brief fort:

Solch' einen Abend habe ich nie gehabt, mein guter Oehlenschlger; so
ist mir noch nie zu Muthe gewesen! Rosing bat uns, Nachsicht mit ihm
zu haben, da ihm Deine Handschrift ganz fremd sei. Er wurde zwischen
Carl und mich placirt, damit wir ihm im Nothfalle helfen konnten, was
doch selten nthig war. Er las uns den Hakon Jarl meisterhaft, mit
unglaublichem Enthusiasmus vor; jedes Wort that seine Wirkung; und ich
mute ihn kssen und umarmen, da ich Dich nicht hatte. Als ich allein
war, uerten sich meine Freude und mein Erstaunen in Thrnen!

[Sidenote: Brief von Frau Rahbek.]

Ich bekam auch einen Brief von Frau Rahbek, in dem sie schrieb:

Ehe ich weiter gehe, mu ich Ihnen doch sagen, wie sehr die schnen
Verse, in denen Sie der Heimath gedenken, mich gerhrt haben. Wie freut
es mich, da ich Sie gekannt habe, als -- um Polekums (meines Vaters)
Worte zu gebrauchen -- Ihre Geisteskraft sich noch nicht losgerissen
hatte, sondern noch durch Ihr Alter und mehr dergleichen gefesselt
war. Es hat mich dies unendlich bei jedem Riesenschritte erfreut, den
ich Sie auf Ihrer Bahn machen sah, und wenn es mir noch eine Zeitlang
vergnnt ist, zu leben, um mich ber Sie zu freuen, ber Alles was Sie
sind und noch ferner werden, so wird mir dies gewi Grund zu vieler
Freude geben. Es ist unbestreitbar viel interessanter, etwas Groes
und Bedeutendes =entstehen= zu sehen, als es zu sehen, wenn es bereits
ist. Sie werden mich nicht miverstehen, guter Oehlenschlger, und
mich etwa fr eine Schmeichlerin halten; ich sage, was mir einfllt,
ohne meine Worte abzuwgen, und ich wei, Sie rechnen es mir nicht so
genau an, wenn ich zuweilen etwas Dummes sage. Ich habe Hufe beredet,
Ihnen zu schreiben, da ich berzeugt bin, da sein Besuch bei Rosings
Sie amsiren wird. Ich hatte wirklich nicht geglaubt, da Rosing
das Stck so gut vorlesen wrde, wie er es that; ich halte es viel
leichter, eine Rolle, die man auswendig gelernt hat, auf der Bhne
zu spielen, als im Zimmer Etwas vorzulesen, das man gar nicht kennt.
Aber Alles, was dies betrifft berlasse ich Hufe und Christiane, und
will nur hinzufgen, da Polekum froher und stolzer war, als er htte
sein knnen, wenn er selbst der Verfasser gewesen wre, was Rahbek
sehr geistreich so erklrt hat, da er sich als der =Verfasser des
Verfassers= fhlte. Fr den Fall, da Hufe es vergessen sollte, will ich
Ihnen doch sagen, da Polekum's Rhrung ber Ihren Hakon Jarl gestern
damit endigte, da er wollte, Sie sollten, sobald Sie nach Hause kmen,
gleich wieder als Legationssecretair fortgehen. _A propos_, wenn Sie
mich ein andermal bitten, Ihnen Etwas sorgfltig aufzubewahren, so
vergessen Sie doch nicht den kleinen Umstand, mir Das zu schicken, was
ich Ihnen aufbewahren soll. -- Ich htte wirklich nicht geglaubt, da
Sie so gut zeichnen knnten, wie es der Fall ist. Ich habe E*** niemals
gesehen, aber Alle sagen, da das Portrait vortrefflich hnlich sei
und jedenfalls ist es gut gezeichnet, wenn es auch nicht im Geringsten
hnlich wre. Ihr Vater htte zu Ihnen hinreisen, und sich malen lassen
sollen, Sie wrden es gewi besser gemacht haben, als der Kerl, der ihn
vor Kurzem so schmhlich zugerichtet hat. Knnen Sie auch begreifen, wie
es Polekum einfallen konnte, sich von H*** einen Miniaturmaler empfehlen
zu lassen. Jetzt ist er das schlechte Machwerk losgeworden und hat sein
Geld wiederbekommen. Polekum war im Anfange unschuldig genug, das Bild
fr gute Waare zu nehmen, und wenn Hufe und ich ihm versicherten, da es
nicht im Geringsten gleiche, sagte er vom Maler: Er sagt doch, da es
hnlich sei!

[Sidenote: Kritik ber Hakon Jarl.]

Obgleich nun Hakon Jarl viel Glck machte, so fehlte ihm doch
ebensowenig, wie jedem meiner andern Werke, eine tadelnde Kritik. Einer
meiner Freunde, ein tchtiger Kopf, der viel Geistesbildung besa, und
mir sehr ergeben war, schrieb mir unter Anderem Folgendes:

Eine Scene, von der ich bemerken konnte, da sie groes Interesse fr
die Andern habe: Olaf's Zusammentreffen mit Hakon in der Bauernhtte,
hatte es nicht fr mich; sie macht Hakon so klein und er ist doch
wirklich so gro. Er ist ebenso tapfer wie Olaf und gottesfrchtiger.
-- In einem sptern Briefe als Antwort auf einen, welchen ich gesandt
hatte, fhrt derselbe Correspondent fort: Du hast Recht, Hakon ist
auch gro; aber so gro, da ich Lust haben knnte, Olaf, der ber den
unglcklichen Hakon triumphiren will, mit all' seiner Moral zur Thre
hinauszuwerfen u. s. w. In einer folgenden Antwort hatte ich meinen
Freund wahrscheinlich darauf aufmerksam gemacht, wie natrlich es sei,
wenn Olaf darber zrne, da Hakon ihm vor Kurzem meuchelmrderisch
tdten lassen wollte, und da es doch edel von ihm sei, sich in diesem
Augenblicke nicht seiner Jugendkraft dem alten Hakon gegenber zu
bedienen, sondern seinen Vortheil aufzugeben und ihm wieder auf offenem
Felde zu begegnen. -- Ein anderer meiner Jugendfreunde, auch ein
vortrefflicher Kopf und ein gebildeter Mann, der spter etwas philistrs
und bse auf mich geworden war, weil die neue romantische Schule
mich begeistert hatte, hatte auch, wie verschiedene Andere spter,
Freia's Altar schlecht gefunden (ich rechne es noch zu meinen besten
Stcken); von Aladdin und Vaulundur hatte er Nichts gesprochen, aber
ber den Hakon Jarl sagte er: Ich nahm es mit der festen Ueberzeugung
in die Hand, da ich nicht eine Seite lesen wrde, ohne auf eine von
Oehlenschlgers gewhnlichen Lapsereien zu stoen; aber ich gestehe, da
ich's bis zu Ende las, ohne eine einzige zu treffen! -- Ein groes Lob
fr Hakon Jarl. Spter wurde dieser Mann wieder mein wahrer Freund, ich
liebte ihn, denn er war ein vortrefflicher Mensch. Aber -- so sind die
Menschen, selbst die besten! auf diese Weise werden die Werke der Kunst
immer beurtheilt; die wahre krftige Stimme dringt aber selbst durch.
Wehe dem wahren Knstler, der nicht Festigkeit genug hat, sich nicht
erschttern, sich von Dem nicht ablenken zu lassen, was seine Muse ihm
in den besten Augenblicken lehrt; ohne dieses Selbstvertrauen, da auch
von Vielen fr einen groen Fehler angesehen wird, wre er verloren.
Auch Gthe hat dies gefhlt, wo er sagt:

         Solcher Fehler, die Du, o Muse, so emsig gepflogen,
         Zeihet der Pbel mich, Pbel nur steht er in mir.
         Ja sogar der Bessere selbst, gutmthig und bieder,
         Will mich anders, doch Du, Muse befiehlst mir allein.

[Sidenote: Brief von Sophie Oehlenschlger.]

Einen Tag bevor Hakon Jarl bei A. S. Oersted vorgelesen wurde, schrieb
meine Schwester mir, der ich freundliche Vorwrfe gemacht hatte, weil
sie mir noch die Antwort auf einen Brief schuldig war, Folgendes:


                                         Kopenhagen, den 8. Mrz 1806.

Gott segne Dich, lieber Adam, da Du so gut gegen mich bist. Ja
Du hast Recht, Du sammelst glhende Kohlen auf mein Haupt; aber Du
hast Unrecht, wenn Du sagst, da ich Dir aus Gleichgltigkeit nicht
geschrieben htte; nun sollte ich Dir eigentlich beweisen, da es nicht
Gleichgltigkeit gewesen ist; aber das thue ich nicht. Du hast das doch
wohl nie von mir geglaubt, nicht wahr? O nein, Du glaubtest nur, es
zu glauben. Du kannst Dir nicht vorstellen, wie oft ich Dir schreiben
wollte, wie oft ich angefangen habe, aber dann immer meinte, es sei
doch zu elend, was ich geschrieben hatte, so da ich stets hoffte, da
mir etwas Neues, um nicht zu sagen Amsantes begegnen wrde; aber es
blieb doch immer beim Alten. Wir haben, seitdem Du fort gereist bist,
so so gelebt, Anders ist nie recht gesund, er arbeitet und leidet mit
der ihm eignen milden Geduld. Gott im Himmel gebe ihm bessere Tage, er
verdient sie gewi. Ich war in der letzten Zeit ziemlich wohl und soll
wie in meinen gesunden Tagen aussehen. Ich habe angefangen Clavier zu
spielen. Es geht langsam, aber ich verliere den Muth nicht; denn meine
Lust dazu ist zu gro; ich bedarf der Musik so sehr, sie thut mir so
wohl. Mein guter Oersted wute auch meine Lust zu erhhen, er hat mir
ein herrliches Pianoforte geschenkt. Etatsrath Heger war so gut es zu
kaufen, und wenn ich Dir sage, da er es ausgezeichnet gut findet, so
kannst Du es gewi glauben. Du hast keinen Begriff davon wie gut Heger
gegen mich ist; er interessirt sich so sehr fr mein Spiel, bringt mir
seine Musik, schreibt Chorle fr mich aus, stimmt mein Instrument und
erzhlt mit viel Ntzliches, kurz wir sind die besten Freunde und ich
habe den alten Mann recht lieb. Wenn er spielt, singe ich zuweilen
mit; seitdem Du fortreistest, habe ich nicht viel gesungen; es war so
wunderlich mit mir, ich fing so oft an, hrte aber stets mitten im
Stcke auf, ohne es selbst zu bemerken; aber nun geht's besser, doch
recht gut wird es nicht gehen, ehe Du wieder nach Hause kommst, und
ich wieder singen kann: Kennst Du das Land, und Du sagen kannst: Ja
Sophie, ich kenne es, und dann von dem schnen Lande erzhlst. Wenn
Gott mich so lange leben lt, werde ich recht viele Freude haben. Ich
habe im Winter meine Zeit auf eine herrliche Weise ausgefllt; wir lesen
Winkelmann's Geschichte der Kunst. Christian und Gierlew haben Beide
gesucht, mir all' den Kunstgenu zu verschaffen, den man hier haben
kann. Ich habe die Sammlungen gesehen, die hier zu sehen sind. Das ist
nun nichts gegen Das, was Du siehst; aber ich danke Gott dafr ebenso
wie die Finnen fr ihre Tannenbume, wenn die Sonne sie bescheint; ist
es doch ein freundliches Grn, das das suchende Auge strkt und das
sehnende Herz mit Hoffnung trstet. Gierlew brachte mir einen Gru von
Dir. Du kannst nicht glauben, wie es mich freute, mit einem Menschen
zu sprechen, der Dich gesehen und mit Dir gesprochen hatte; ich hatte
ihn so viel zu fragen, ich htte beinahe gefragt was fr einen Rock Du
anhattest, als er Dich sahe.

Mein kleiner lieber Schwager lehrt mich im Winter Astronomie. Es
geht ihm gut; es ist ein Trost, den Menschen zu sehen, er ist mit der
Gegenwart zufrieden, freut sich auf die Zukunft, ist stets in Activitt
und die schnste Harmonie, die man sich wnschen kann, herrscht in
seiner Seele. Oft, wenn ich traurig war, hat es mich gestrkt, ihn
anzuschauen; noch hufiger, wenn ich betrbt war, wute er mir Kraft und
Hoffnung einzuflen.

Engelke, des seligen Mller's Wittwe wre vor Kurzem beinahe selig
geworden, nun erholt sich die Frau aber von Tag zu Tag. Sie hat immer
sehr eifrig nach Dir gefragt; als ich ihr vor Kurzem erzhlte, da wir
seit langer Zeit Nichts von Dir gehrt htten, sagte sie: Oellenslger
ist meiner Seele ein rechtschaffener Mensch; da er nicht schreibt, kann
man ihm nicht anrechnen; er hat jetzt nur so viel damit zu thun, all'
Das aufzuschreiben, was er sieht, um es spter zu gebrauchen. Ja er ist
wahrhaftig ein fleiiger Mensch, das wei ich; als er in meinem Hause
war, schrieb er oft halbe Nchte. Ja, ich kenne ihn, er hat fnf Jahre
hindurch in meinem Hause gegessen und getrunken (die gehrigen Knixe und
Complimente kannst Du Dir selbst hinzudenken).

Mir ist doch, als ob ich Dir etwas Neues von den Leuten erzhlen
sollte. Nun habe ich Etwas. Siehst Du, man sprach im Winter davon, da
Don Juan hier gegeben werden solle; aber es wurde aus einem prchtigen
Grunde Nichts daraus. Kierulf fand, da es dem Publikum schaden, und den
Glauben an Gespenster befrdern knne, wenn sich ein Geist sehen liee,
ihn aber ganz zu beseitigen, ginge auch nicht, meinte er; er schlug
dehalb vor es so einzurichten, da einer von Don Juan's Freunden,
um ihn zu erschrecken, den Geist spielen solle, doch so, da es dem
Publikum ein Geheimni wre. Kuntzen sagte zu der Vernderung geradezu
nein; das Stck wurde aber auch nicht gegeben; denn Kierulf blieb bei
seiner Behauptung, da Alles, worin Geist sei, dem Publikum schade.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abschied von Halle.]

Noch hatte ich mein Reisestipendium nicht bekommen; der Winter war vor
der Thr und Frau Steffens erwartete ihre Niederkunft. Endlich kam das
Geld. Die letzten vierzehn Tage in Halle wohnte ich im Gasthof zum
Kronprinzen. Dort blieb ich so lange, bis die kleine Clara geboren war.
Den letzten Abend waren Steffens und Schleiermacher bei mir. Steffens
las meinen dnischen Hakon Jarl vor und Schleiermacher verstand fast
jedes Wort davon. Es verursachte mir Schmerz, mich von diesen lieben
Freunden zu trennen; doch hatte ich Hoffnung, Steffens bald in Berlin
wiederzusehen. Schleiermacher schrieb zum Abschied die hbschen Zeilen
von Novalis in mein Stammbuch:

                    Was pat, das mu sich rnden,
                    Was sich versteht, sich finden,
                    Was gut ist, sich verbinden,
                    Was liebt, zusammen sein;
                    Was krumm ist, mu sich gleichen,
                    Was hindert, mu entweichen,
                    Was fern ist, sich erreichen,
                    Was keimt, das mu gedeihn.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Berlin. Der dnische Minister.]

Als ich nach Berlin gekommen war, ging ich am ersten Abend in die
Redoute, wo ich zum ersten und letzten Male die holde Knigin Louise
-- merkwrdig genug -- als Psyche, mit Schmetterlingsflgeln an den
Schultern, sah. War es eine Vorahnung, da die edle Seele bald dem
Irdischen enteilen wrde?

Reichardt war vorher mit Arnim nach Berlin gekommen. Er schlug mir vor,
ein Zimmer neben dem seinigen in der Leipziger Strae zu miethen, und
erwies mir viel Artigkeit; denn drei Wochen lang war ich fast immer mit
ihm zu Mittag und Abend in groen Gesellschaften. Wie er es gemacht hat,
wei ich nicht. Ich hatte nichts Anderes zu thun, als mich anzukleiden
und ihm zu folgen; ich kannte die Leute nicht zu denen ich kam und
wute selten ihre rechten Namen; als ein junger, verlegener Mann sprach
ich auch nur wenig mit ihnen. Reichardt prsentirte mich als einen
=dnischen Dichter=; und so kam ich =an= den Tisch wie die Kartoffeln,
als sie zum ersten oder zweiten Male nach Europa kamen, =auf= den Tisch:
als eine Naturseltenheit! Denn mit Ausnahme von Baggesen hatten die
brillanten deutschen Gesellschaften damals noch keinen dnischen Dichter
gesehen; spter hat die Race sich bedeutend vermehrt.

Ich war bereits vierzehn Tage in Berlin gewesen, als Reichardt mich
eines Morgens fragte: Sind Sie bei Ihrem Minister gewesen? -- Mein
Minister? -- Nun ja, den dnischen Minister meine ich. -- Nein,
ich kenne ihn nicht, habe auch keinen Brief an ihn. Soll ich zu ihm
gehen? -- Ja das versteht sich. Sie sehen ihn heut Abend beim
Minister Schrter und mssen ihm nothwendig vorher Ihre Aufwartung
gemacht haben. -- Nun, dann werde ich sie machen. -- Ich ging hin,
Graf Baudissin kam mir in seinem Zimmer mit den Worten entgegen: Womit
kann ich Ihnen dienen? -- Ich antwortete: Damit, da Ew. Excellenz
mir erlauben, Ihnen als reisender Dne meine Aufwartung zu machen!
-- Unser Gesprch war bald beendigt, und ich sprach mit ihm erst vier
Jahre spter, als ich nach meiner Rckkehr eines Abends beim Grafen
Schimmelmann Correggio vorlas.

So sehr ich nun auch Reichardt verpflichtet war, da er mich mit der
groen berlinischen Welt bekannt machte, so amsirte es mich meiner
Natur nach doch nicht lange, eine Art geistigen Pumpernickels oder
nordischen Schwarzbrotes in ihren Theezirkeln zu sein. Ich pflegte
hauptschlich die Bekanntschaften, wo ich eine Heimath wiederfand,
die mir stets unentbehrlich war. In den Husern von Reichardt's
Schwiegershnen, den Geheimrthen Alberti und Pistor, bei Herrn von
Schock, mit Pistor's Schwester verheirathet, bei Buchhndler Reimer und
Professor Spalding war ich bald wie zu Hause. Diese braven Leute gingen
mit mir, wie mit einem Bruder um und erwiesen mir eine Gte, die ich nie
vergessen werde. Ich brachte fast jeden Abend bei einem von ihnen zu,
und las ihnen oft Holberg's Komdien in der alten deutschen Uebersetzung
zu ihrer Zufriedenheit vor, was eine groe Ehre fr mich war, da sie
gewohnt waren, Tieck den Holberg bei ihnen vorlesen zu hren, der, wie
bekannt, ein sehr groes Talent dazu hatte. Nun fand man, da auch ich
es recht gut machen knne, wenn gleich auf eine andere Art. Ich besuchte
die geistreiche Hofrthin Herz; bei ihr nun in mehreren Gesellschaften
las ich meinen Aladdin aus dem dnischen Buche Deutsch vor, freilich
mit vielen Sprachfehlern, aber doch rasch und flieend. Ich ging mit
dem verstndigen, treuen Alberti spazieren, bewunderte die mechanischen
Fertigkeiten des lebhaften Pistor; mit ihren Frauen sprach ich von
Giebichenstein und Kopenhagen; und ein hbsches, kleines Kind war auch
da, mit dem ich spielen konnte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Hofrthin Herz. Fichte.]

Ich besuchte =Fichte=. Er war erst etwas abstoend gegen mich, aber
wir wurden bald gute Freunde. Ich mute mich an seinen docirenden Ton
gewhnen; er pflegte vorauszusetzen, da man ihn nicht verstand und
nicht begriff. Aber als er merkte, da ich auf meine Weise menschlich
denken knne, wurde er mir gewogen und sagte: Oehlenschlger ist
ein wackerer Mann! Er mu meine Wissenschaftslehre studiren.
Dies schmeichelte mir; denn ich wute, da es das grte Lob war,
welches er einem Menschen gab, wenn er ihn befhigt glaubte, seine
Wissenschaftslehre zu verstehen. Bei unsern ersten Gesprchen kamen wir
etwas in Reibung; Pastor =Metger= berief mich zu ihm. Wir sprachen von
Iffland; Rabbek hatte mir einen Brief an Iffland mitgegeben, und, obwohl
dieser eigentlich nichts weiter mit mir, als einem Anhnger der neuen
Schule zu thun haben wollte, so gab er mir doch ein Freibillet frs
Theater. Dies war mir sehr lieb und verschaffte mit die Gelegenheit, oft
sein groes Talent, besonders fr das Komische zu bewundern; denn fr
das Tragische hatte die Natur ihm eigentlich keine Anlage gegeben; Alles
war nur Studium und Routine, und dehalb war er auch, meiner Ansicht
nach, in ernsten, hohen Rollen affectirt und kalt. Dagegen besa er in
hohem Grade einfache Natrlichkeit und eine schalkhafte Ironie bei der
Darstellung des Lcherlichen und Bizarren; in solchen Rollen war er
unbezahlbar.

[Sidenote: Fichte ber Iffland.]

Also -- ich spreche von Iffland und lobe seine Kunst. Ja, antwortete
Fichte mit starker, verchtlicher Betonung, er versteht die
Erbrmlichkeit gar wohl darzustellen. Ich fhlte mich durch diese Worte
und ganz besonders durch den Ton in dem sie gesagt wurden, gekrnkt. Wer
die Erbrmlichkeit bewundert ist selbst erbrmlich. Ich wagte ihm zu
widersprechen und sagte: Ich glaube, Iffland stellt nicht allein das
Erbrmliche gut dar, sondern Alles, was komisch ist. -- Was stellen
Sie mir da auf? rief Fichte hitzig; und nun fing er an, weitlufig
Etwas zu demonstriren, dessen Inhalt sein sollte, da alles Komische
erbrmlich oder jmmerlich sei. Ich fhlte, da in seiner Beweisfhrung
etwas Schiefes sei, konnte es aber nicht gleich herausfinden; ich
wollte mich nicht in einen philosophischen Streit mit ihm einlassen, in
dem ich gewi zu kurz gekommen wre, besonders wenn ich =seine= Worte
und Ausdrcke gebrauchen sollte; und ich sagte: Verzeihen Sie Herr
Professor! im tglichen Gesprche wgt man seine Worte nicht so genau
ab. -- O mein Herr, rief er heftig, vor unnthigem Geschwtz
habe ich allen mglichen Respect! Ich berlasse Sie dem Herrn Pastor
Metger! -- Ich antwortete stolz: Wenn zwei vernnftige Mnner, wie
Sie und ich, Herr Professor, mit einander reden, so schwatzen sie
nicht, weil der Eine sich nicht der Redeweise des Andern bedient. Wie
in aller Welt, fuhr ich milder und betrbt fort, weil ich nicht gern
in Feindschaft von diesem ausgezeichneten Manne scheiden wollte --
knnen Sie verlangen, da ich, ein junger Dichter, reden soll, wie Sie,
ein alter Philosoph? -- Darin hat er Recht! rief er gutmthig und
vershnt zum Prediger, indem er mir die Hand reichte. -- Von der Zeit an
waren wir Freunde.

[Sidenote: Umgang mit Fichte.]

Fichte kam mir bei dieser Gelegenheit, wie ein gewisser alter
General vor, der seine jungen Officiere bei erster Bekanntschaft
stets beleidigte, nur um zu prfen, ob sie Muth genug htten, ihn
herauszufordern. Er verehrte mir ein Entreebillet zu seinen Anweisungen
zum ewigen Leben. Ich hrte ihn, kann aber nicht gerade sagen, da es
einen angenehmen Eindruck auf mich gemacht htte. Er suchte mit vieler
Umstndlichkeit den Begriff von =Sein= und =Dasein= populr zu machen.
Sein Gesicht war stolz und verdrielich, gleichsam aus Mivergngen
darber, da seine Rede nicht genug bewundert wurde. Eines Abends beim
Geheimrath Hufeland sprach ich die ganze Zeit ber mit Fichte. Ich bat
ihn stets, zu bedenken, da ich Dichter und nicht Philosoph sei, da
ich aber, da ich glaubte, der Dichter msse von Allem Etwas kennen, auf
der Landkarte der Philosophie doch nicht ganz unwissend in Betreff der
Gegenden und Stdte sei, die zunchst an das Reich der Poesie grenzten.
Von Steffens sprach ich gar nicht, da ich wute, da sie sich nicht
leiden konnten. Wir sprachen von Vo und Jean Paul. Um ihm klar zu
machen, was ich von ihnen hielte, bediente ich mich einiger mir eigenen
Ausdrcke. Es ist vortrefflich, was Sie da sagen, rief er aus, es ist
besser, als was Vo und Jean Paul je in ihrem Leben gesagt haben! --
Ach Herr Professor, antwortete ich, ich bitte! -- Oh fuhr er
mit der ihm eigenen Sffisance fort, ich werde es Ihnen auch eben so
gerade heraus sagen, wenn Etwas kommt, was nicht gut ist.

Ich las ihm einige Abende darauf meinen dnischen Hakon Jarl Deutsch
vor, und er war ein sehr aufmerksamer Zuhrer. Im fnften Act, wo Olaf
zu Hakon sagt:

               Mit seinem Blut mu er die Snde ben!
               -- So lang der Heide lebt,
               Kann nicht des Christenthumes Rose blhen;

wurde Fichte aufgebracht und rief in seiner gewhnlichen verdrielichen
Art: Was Teufel, geht ihn das an? -- Ich schwieg und las weiter. Als
ich fertig war und er das Stck sehr lobte, sagte ich: Herr Professor,
Sie wurden bei einer Stelle bse, wo Olaf ber den Hakon spricht; finden
Sie da vielleicht einen Fehler? Nein, entgegnete er ruhig, das
galt nicht Ihnen. Als Dichter hatten Sie es ganz recht gemacht; aber der
Kerl der Olaf hatte doch Unrecht!

[Sidenote: Fichte als Philosoph und Mensch.]

Und doch wollte sein Freund Pastor Metger nicht zugestehen, da er naiv
sei, als wir spter ber Naivett sprachen und Fichte behauptete, er sei
im Besitze dieser Eigenschaft. Nein, mit Ihrer gtigen Erlaubni, Herr
Professor, sagte der milde, bescheidene, aber auch wahrheitsliebende
characterfeste Mann, naiv sind Sie nicht! -- Was, rief Fichte,
ich wre nicht naiv? Was sagen Sie dazu, Oehlenschlger? -- Ich
antwortete: Wenn Naivett darin besteht, eine gewisse kindliche Natur
ohne Reflexion, ohne Rcksicht auf Convenienz zu zeigen, so kann man
Ihnen gewi nicht die Naivett absprechen. Ich meine, jedes Genie,
selbst ein philosophisches mu etwas Kindliches, Unbewutes haben, sonst
wrde ihm ja die Grazie fehlen. -- Hiergegen hatte der groe Philosoph
Nichts einzuwenden.

Zu gleicher Zeit, wo ich seine Vorlesungen ber die Anweisung zum
ewigen Leben hrte, las ich auch einige seiner populren Schriften.
In Allem bewunderte ich den tiefen Denker, den Helden fr Wahrheit
und Tugend, den begeisterten Redner, den krftigen Menschen. Fichte
hatte meiner Ansicht nach nur einen Fehler: er glaubte, da seine
Denkungsweise die einzigwahre, die absolute sei. Aber es wre gewi
schlimm um das menschliche Denken bestellt, wenn die Wahrheit
sich nur auf eine Weise erkennen liee. Was htten denn zuknftige
Geschlechter und deren groe Mnner anders zu thun, als das bereits
Gesagte und Gedachte zu wiederholen? Es giebt nur Eine ewige Wahrheit,
wie Eine ewige Schnheit; aber die Gesichtspunkte fr das Wahre knnen
ebenso verschieden sein, wie fr das Schne und eine ebenso groe
Mannigfaltigkeit gestatten. Wir stehen als Lehrlinge um das ewige Ideal
der Wahrheit und Schnheit; Jeder macht von seinem Standpunkte aus seine
Basreliefs; jedes wird anders -- oft fehlerhaft -- und doch knnen sie
alle wahr und schn sein.

Fichte war ein tugendhafter, ehrlicher, krftiger, guter Mann, aber
auch stolz auf seine Vorzge. Selbst in der Poesie hatte er Versuche
gemacht und gezeigt, da er Talent und Strke in dem lyrischen Ausdrucke
besa. Wir sprachen von einigen lateinischen Hymnen, die A. W. Schlegel
bersetzt hat. Ich habe sie auch bersetzt, sagte Fichte, aber ich
will sie nicht drucken lassen; A. W. Schlegel ist mein guter Freund. --
Zu einem andern guten Freunde hrte ich ihn sagen, als dieser meinte,
da es kein Verdienst fr ihn sei, so geisteskrftig zu sein, da er
auch krperlich stark wre: Meint Ihr, ich wrde diese Waden und diese
Schultern haben, wenn ich mir nicht jene Maximen angeschnallt htte?

[Sidenote: Fichte's Aufenthalt in Kopenhagen.]

Wie sehr freute es mich, als ich einige Zeit darauf hrte, da Fichte
in Kopenhagen gewesen sei, und da der edle A. S. Oersted, der ihn
als Jngling so fleiig studirt hatte, ihn als Mann persnlich kennen
lernte. Meine Schwester schrieb mir mit vieler Freude, da sie mit
Fichte im Sdfelde spazieren gegangen sei, da er einen Tannenzweig bei
dem norwegischen Hause abgebrochen und ihr gegeben habe damit sie davon
ihrem Bruder einen Kranz flechten solle.

Fichte schlief eine Nacht auf dem Friedrichsberger Schlo bei
meinem Vater, und hier zeigte sich wieder ein Zug seiner Naivett,
indem er sich einen ganzen Abend mit dem Alten, der einen gesunden
Menschenverstand hatte, aber nichts weniger als Philosoph war, ber die
verschiedenen philosophischen Ansichten und seine Streitigkeiten mit
Schelling einlie. Er lieh auch meinem Vater eins seiner Bcher zum
Durchlesen. Mit diesem Buche sa er gerade in der Hand, als Frau Rahbek
ihn Tags darauf besuchte. Was fr ein Buch liest Du da? fragte sie ihn
in ihrem gewhnlichen scherzenden Ton; und er antwortete in demselben
Ton, aber mit einem gewissen Stolz: La liegen Kind! es ist Fichte. Er
war gestern Abend bei mir; wir sprachen bis in die spte Nacht zusammen;
Du kannst glauben, da ging's auf die Systeme los!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erste Ereignisse in Berlin.]

Aber ich kehre wieder nach Berlin zurck. Reichardt reiste im Mrz
nach Giebichenstein, und ich wohnte allein. Mein Wirth war ein alter
Friseur, der mir gleich bei meiner Ankunft einen schlechten Streich
gespielt hatte. Meine Haare muten nmlich geschnitten werden, da sie
seit einem halben Jahre keine Scheere berhrt hatte; ich fragte ihn, ob
er das Haar nach Berliner Mode schneiden knne? -- Das versteht sich,
sagte er, lassen Sie mich nur machen. Nun fing er an zu schneiden;
aber da er ein alter Perckenmacher war, der nur mit todten Haaren
zu thun gehabt hatte, so verstand er sich gar nicht darauf, mit den
lebendigen umzugehen. Er machte einen Fehler nach dem andern, die er
alle damit gut machen wollte, da er noch mehr wegnahm; und so schor
er mich ganz entsetzlich, so da ich zuletzt nur einen kleinen Schopf
auf der Stirn hatte. Mit dieser Coiffre mute ich alle meine Besuche
mit Reichardt in der groen Welt, als dnischer Dichter machen. Die
Leute glaubten vielleicht, da das Mode in Kopenhagen sei und das
verdro mein patriotisches Gefhl. Indessen vershnte ich mich doch
bald mit dem armen Perckenmacher. Sein Sohn, der ein wirklich guter
Friseur und Reichardts Diener war, wurde kurze Zeit nach Reichardt's
Abreise krank und starb. Eines Abends, als ich spt nach Zwlf nach
hause kam, sagte der Vater, indem er mir die Treppe hinaufleuchtete:
Sie haben wohl Nichts dagegen, da ich nur fr heute Nacht die Leiche
meines Sohnes in das Zimmer des Herrn Kapellmeisters gestellt habe? --
O nein, antwortete ich langsam. Er setzte das Licht auf den Tisch
und ging. Reichardt's Zimmer grenzte dicht an das meinige. Ich fing
an, mich auszukleiden und wollte so thun, als wenn Nichts geschehen
wre. Seit langer Zeit hatte ich, in dem bunten Treiben bei den vielen
Gesellschaften, keine melancholischen Gedanken gehabt. Nun sollte ich
Thr an Thr mit einer Leiche schlafen; das hatte ich nie gethan; nach
dieser Nachbarschaft sehnte ich mich durchaus nicht.

[Sidenote: Eine unruhige Nacht.]

Die alten halbvergessenen Gespenstergeschichten erwachten wieder in
meiner Erinnerung; und obgleich Hoffmann noch Nichts der Art gedichtet
hatte, so begannen die berliner Theezirkel doch in meinem Gehirne sich
mit dem Uebernatrlichen und Grausigen zu vermischen. Endlich konnte
ich es nicht lnger aushalten, kleidete mich wieder an, nahm meinen
Hut, ging zu dem Vater des Verstorbenen hinunter und sagte: Obgleich
ich nicht aberglubisch sei, msse ich mich doch davor hten, meine
Phantasie zu sehr aufzuregen, es sei mir zuwider bei einer Leiche zu
schlafen, daher wolle ich in den goldenen Adler gehen und da bis morgen
bleiben. Als ich aber dahin kam, war es zu spt und ich konnte kein
Zimmer mehr bekommen. Ich versuchte es noch an ein paar andern Orten,
immer spter und vergebens. -- Die Mrznacht war sehr kalt. Ich lief
die Straen auf und ab, bis ich vor Mdigkeit und Schlfrigkeit nicht
lnger konnte. Es blieb mir nun nichts Anderes brig, als wieder nach
dem Leichenhause zurckzukehren. Ich that es, klingelte und der Alte,
der nicht zu Bett gegangen war, leuchtete mir unverdrossen wieder die
Treppe hinauf. Nun war das Gaukelspiel der Phantasie vorber, wie auf
einer Bhne, wenn die Lichter gelscht worden sind. Ich sah nur den
alten niedergeschlagenen Vater und rgerte mich ber meine vorherige
egoistische Schwrmerei, die ein leerer Traum im Vergleich zu der
wirklichen Trauer des alten Mannes war. Ich legte mich rasch zu Bett und
schlief gleich ein.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bekanntschaft mit Himmel.]

Einige Tage darauf traf ich an der _table d'hte_ den Kapellmeister
=Himmel=. Wir saen zuflliger Weise neben einander. Er lie sich in
ein Gesprch mit mir ein und an einigen Aeuerungen merkte ich, da er
mich kenne. Habe ich die Ehre, von Ihnen gekannt zu sein? fragte ich.
Ja, entgegnete er, ich wei, da Sie ein guter, junger dnischer
Dichter sind; und ich wrde bereits frher ihre Bekanntschaft gemacht
haben, wenn Sie nicht stets in der Gesellschaft eines Mannes gewesen
wren, den ich fr den Tod nicht leiden kann. -- Nun, antwortete
ich, da ich mit ihm umgehe, so zeigt das, da ich ihn gut leiden kann.
Nun, so wollen wir nicht mehr von ihm sprechen, sagte Himmel, indem
er mein Glas fllte! -- Er war sehr aufgerumt und gesprchig, erzhlte
mir von seinen Reisen, und als wir gegessen hatten, fragte er, ob ich
ihn nicht nach Hause begleiten wolle, er wohne gerade in der Nhe.
-- Da ich nun wute, da er kurz vorher eine Oper =Die Sylphiden=
componirt hatte, von der ich gern etwas hren wollte, so lie ich mich
nicht zwei Mal bitten. Er wohnte sehr hbsch und in seinem Zimmer
waren elegante Mbel; aber Alles lag in grter Unordnung drber und
drunter. Die mediceische Venus stand mitten in der Stube. Rund umher
lagen Guitarren, Bcher, Pomadenbchsen, Eaudecologneflaschen, Stiefel
u. s. w. Kaum traten wir ins Zimmer, so rief er: Peter, Champagner!
-- Mit unglaublicher Schnelligkeit kam der Diener mit Wein und Glsern
auf einem Prsentirteller und ffnete die Flaschen, so da der
Champagnerschaum der Venus gerade ins Gesicht sprtzte. Herr Gott, Herr
Kapellmeister, wie knnen wir jetzt trinken, fragte ich, wir kommen
ja eben vom Tisch? -- Champagner kann man immer trinken, das ist ein
unschuldiger Saft; thun Sie mir den einzigen Gefallen und trinken Sie
noch ein Glas mit mir! -- Wohlan! entgegnete ich, aber dann mssen
Sie mir auch einen Gefallen thun und mir etwas aus Ihren Sylphiden
vorspielen. Sehr gern! aber erst mu ich etwas still sitzen und
wieder in Ordnung kommen; jetzt kann ich unmglich spielen. Wollen Sie
einmal sehen! -- Er ging ans Pianoforte und seine auerordentliche
Dicke verhinderte ihn wirklich daran die Tasten zu berhren; denn
sein Leib ragte fast weiter hervor, als seine Arme reichen konnten.
Das giebt sich Alles, sagte er, wenn wir nur einen Augenblick
Geduld haben. Und kaum war eine Viertelstunde verlaufen, so hatte er
wirklich so viel Raum gewonnen, da er das Klavier mit den Fingerspitzen
erreichen konnte. Welche Fertigkeit! welcher Vortrag! welche Grazie!
So wie der Elephant seine ganze Geschmeidigkeit im Rssel hat, so
hatte Himmel sie in seinen Fingerspitzen. Alles, was er spielte, war
schn, melodienreich und originell. Ich hatte bereits frher seine
=Fanchon= gehrt, in der sein Character sich treu abgespiegelt: keine
Tiefe, kein wahrer Ernst; aber schne Sinnlichkeit, anmuthige Liebe,
und behagliches, munteres Wohlleben. Er konnte es doch nicht lassen,
auf Reichardt zu sticheln, den er den Herrn Salzdirector nannte,
weil Reichardt die Aufsicht ber die halle'schen Salinen hatte. Himmel
meinte (mit Unrecht) da er hiezu mehr Genie, als zur Musik habe; denn
war Reichardt auch kein eigentlich dramatischer Componist mit khner
Einbildungskraft und Feuer, so hat er doch in andern Compositionen,
besonders in den herrlichen Melodieen zu Gthe's Gedichten ein schnes
Gefhl, einen feinen Geschmack und Sinn fr Poesie gezeigt. Himmel's
Bildung schien nur musikalisch zu sein; doch hatten die Welt und sein
munteres sanguinisches Temperament ihm eine Politur als angenehmer
Gesellschafter gegeben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Alexander von Humboldt.]

Mein hchster Genu in Berlin waren Mozart's Meisterwerke, Figaro
und Don Juan, die ich jetzt erst kennen lernte. Indem ich diese
unvergleichliche Musik hrte, ffnete sich mir eine neue und doch so
bekannte Welt. Ich hrte Sophokles, Shakespeare und Gthe in Tnen, wie
ich sie spter bei Raphael in Farben sah.

Steffens kam auch nach Berlin, und ich sah ihn oft bei Alberti's.
Ich sprach zuweilen mit Alexander von Humboldt und hrte ihn oft
in Gesellschaften von seinen Reisen erzhlen. In der Akademie der
Wissenschaften las er ein Mal, als ich zugegen war, eine Abhandlung ber
die ppigen Vegetationen der Natur vor. Er schlo mit der Bemerkung, da
dasselbe mannigfache Leben, das physisch in den wrmeren Himmelsgegenden
blht, sich moralisch und psychisch im Norden in der Phantasie und in
den Werken der Dichter wiederhole.

[Sidenote: Johannes Mller.]

Den berhmten Historiker Johannes Mller sah ich auch mehrere Male.
Reichardt sagte: er gleiche einer Nachteule. Die Eule ist der Vogel
der Minerva; in den Gesprchen mit dem groen Manne verga ich den Vogel
ganz ber die Minerva. Er schlug mir vor, eine Tragdie ber einen
gewissen historischen Gegenstand zu schreiben, den ich leider vergessen
habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abreise nach Weimar.]

Beim Anbruch des Frhjahrs sehnte ich mich sehr darnach, nach Weimar zu
reisen, um Gthe zu besuchen. Ich fuhr mit Steffens und Schleiermacher
von Berlin nach Halle, wo ich drei Tage bei diesen Freunden blieb.

Ich befand mich nun wieder ganz allein in der weiten Welt auf einem
Post- oder eigentlich Frachtwagen, auf dem ich in der Nacht in dem
feuchten, kalten Aprilwetter auf einem Brett ohne Rckenlehne fahren
mute. Der Schlaf auf einer Bank in einer Bauernschenke strkte mich
fr ein paar Stunden, und so kam ich nach =Naumburg=, wo ich bis zum
nchsten Tage bleiben mute.

Es war ein trauriger Frhlingstag und ich selbst war betrbt. Alle guten
Freunde in Halle, Giebichenstein und Berlin hatte ich -- vielleicht auf
ewig -- verlassen. Nun sollte ich neue Bekanntschaften schlieen, um das
Band bald wieder zu zerreien, wenn es geknpft war. Der Frankenau'sche
Vers fiel mir ein:

               Die Freude gleichet dem flchtigen Freund,
               Den leicht wohl auf Reisen man findet;
               Und der, inde er vorberzieht,
               Uns zrtlich kt -- und verschwindet.

Ich sah die merkwrdige Domkirche; aber das vermehrte nur meine
melancholische Stimmung. Sie besteht eigentlich aus vier Kirchen, und
eine davon ist unterirdisch. Eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah,
fhrte mich umher. Mit einem kleinen angezndeten Lichtchen in der Hand,
stieg sie hinunter und fhrte mich vor den eisernen Kasten, in dem Tezel
sein Ablageld gesammelt und dabei gesungen hatte:

                  Sobald das Geld im Kasten klingt,
                  Sobald die Seel' gen Himmel springt.

Sie zeigte mir auch die Wand, wo eine Nonne frher eingemauert worden
war, und wo sie Messe hren konnte, bis sie verhungerte. Dies Alles
machte mich nicht munterer. Unglcklicherweise erzhlte sie mir auch
von den Hussiten vor Naumburg, da fiel mit das affectirte Kotzebue'sche
Stck ein; ich sah nun Alles Grau in Grau, ging nach Hause und trstete
mich dadurch, da ich einen Brief nach Kopenhagen schrieb.

Am nchsten Tage reiste ich nach Weimar; die Luft klrte sich auf, und
der Himmel war blau. =Gthe= empfing mich sehr freundlich, und ich
brachte drittehalb Monate in der fast tglichen Gesellschaft dieses
groen Meisters zu.

[Sidenote: Wieland, Herder, Frau Schiller.]

Wie freute es mich, den klassischen Boden zu betreten, auf dem so viel
groe Geister gewirkt hatten. Der einzige, Gthe, stand dort noch,
wenn auch nicht mehr jung, in seiner vollen Kraft. =Wieland= war alt,
doch erquickte es mich, den Geist dieses freundlichen Greises, wie
die Schneeblumen in dem Wintergarten zu finden, wo er so viele Sommer
hindurch als Rose geblht hatte. Ich hatte mit groem Vergngen seinen
=Oberon= gelesen. In seinem =Geron der Adlige= hat er gezeigt, da er
auch ernst und herzlich dichten konnte. In vielen muntern Erzhlungen
hat dieser deutsche Ariost Humor und schalkhafte Grazie an den Tag
gelegt. Als Kritiker und Gelehrter haben seine Schriften groen Einflu
auf den Geschmack in Deutschland ausgebt. Ich besuchte ihn mit
Ehrfurcht, obgleich es damals nicht Mode war, Wieland zu achten; er war
sehr mittheilend und lobte die dnische Regierung, da sie den Dichter
ins Ausland reisen liee. In mein Stammbuch schrieb er:

                             _Fuimus Troes._

=Herder= war nicht mehr; dieses groe =denkende Herz=! das mit
tugendkrftiger Menschenliebe und poetischer Begeisterung die
ganze Erde umfate. Seine sptern polemischen Schriften, in denen
Gereiztheit ihn unbillig machte, kannte ich nicht und habe sie spter
nicht kennen lernen wollen. Aber wie herrlich sind nicht seine
Abhandlungen ber die hebrische Dichtkunst, seine Ideen zur Geschichte
des Menschengeschlechts, seine Sammlungen und Uebersetzungen von
Volksliedern und Legenden, sein Cid und seine Predigten.

Auch =Schiller= fand ich nicht mehr. Aber ich fand seine Frau und Kinder
und die hbsche kleine Wohnung in der Alle dicht beim Schauspielhause,
wo er die unsterblichen Tragdien gedichtet hatte. Ich war dort bald zu
Hause, und es freute mich, da Frau Schiller fand, ich gleiche ihrem
Mann etwas; nicht im Aeuern, sondern im Wesen und gewissen Bewegungen.

Nicht ohne inniges Mitleid konnte ich auf die lieben Kinder sehen, die
so frh den groen, seltenen Vater verloren hatten. Wie gern htte er
noch mit ihnen gelebt! Wie wehmthig betrachtete er die Zge der armen
Kleinen zum letzten Male, als er fhlte, da sein Herz brechen wrde;
dieses himmlische Herz, das hohe Begeisterung mit durchdringendem
Verstande vereinigte.

[Sidenote: Gthe ber meine Danismen.]

Auch Gthe war, obgleich er allzu oft Gefallen an einem gewissen
hochmthigen, zurckhaltenden Wesen fand, im Grunde gut, und wirkt in
seinen vortrefflichen Werken durch die Phantasie hauptschlich auf das
Herz; in seinen Liedern, in Werthers Schwrmerei, in Gtz' Edelmuth,
Faust's Tiefsinn, Gretchen's und Klrchen's Liebe, in Tasso's Feinheit,
in Iphigenie's Seelenadel, in den muntern Naivetten, in Mignon, im
Harfenspieler; und ganz besonders in Hermann und Dorothea, worin er der
Humanitt des achtzehnten Jahrhunderts das schnste Denkmal errichtete.
Dehalb freute es mich auch, wenn Schleiermacher von ihm sagte: Der
Gthe ist doch im Grunde eine gute Haut!

Er empfing mich vterlich, ich war oft zu Mittag bei ihm und mute ihm
meinen ganzen Aladdin und Hakon Jarl aus dem Dnischen deutsch vorlesen.
Da machte ich mich nun vieler Danismen schuldig; aber er verwarf sie
nicht alle; er meinte, da beide verwandten Sprachen, einer Wurzel
entsprungen, einander geschwisterliche Geschenke machen drften. Hm!
das ist hbsch! sagte er zuweilen, wenn ich einen gewagten fremden
Ausdruck gebrauchte. Sagt man das auf Deutsch? fragte ich. --
Nein, entgegnete er, man sagt es nicht, aber man knnte es sagen.
-- Soll ich es wieder ausstreichen? -- Nein, keineswegs. --
Reichardt, der nach Weimar kam, wurde von Gthe gefragt: Kennen Sie
Etwas von Oehlenschlger's Gedichten? -- Nein, entgegnete dieser,
aufrichtig gesprochen, es amsirt mich nicht, die deutsche Sprache
radebrechen zu hren. -- Und mich, antwortete Gthe mit imposantem
Feuer, amsirt es sehr, die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste
entstehen zu sehen.

[Sidenote: Verkehrte Urtheile ber Gthe.]

Doch was rede ich von Gthe's Meinungen ber die Sprache? Es giebt ja
Leute, welche glauben, da er auch nicht Deutsch schreiben knne! Es
gab ja Landsleute von mir, und giebt derer wohl noch, welche behaupten,
da ich nicht richtig Dnisch zu schreiben verstnde. Aber ich entsinne
mich auch der Anecdote von einem Franzosen, der seinen Landsmann
fragte: _Les allemands, est ce qu'ils ont une langue?_ -- _Non_,
entgegnete dieser, _ils parles seulement un =patois=_; _mais ils se
comprennent =entre eux=._

Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt,
besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht
nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureien, um sie zu einem
Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre
darauf in seinen Kritiken. Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch
verstehen, wie Gthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken
und fhlen knnen, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil
er -- der echte Dichter -- der die reichen Schtze der Volkssprache
in die Rede der gebildeten Welt hinber fhrte, zuweilen aus Laune
oder Eigensinn Ausdrcke gebrauchte, die nicht gang und gbe im Munde
der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen
Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie
zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es
Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von
Memel nach Sachsen ber die Sprache in Werther und Wilhelm Meister
stellen! Aber Gthe ging stets seinen eigenen Weg; und das mu jedes
originelle Genie thun.

Zuweilen knnen selbst tiefe und schne Geister einander miverstehen
und verkennen; und deshalb bleibt fr die krftig Wirkenden nichts
Anderes brig, als sich mit allem Vermgen nach den Besten zu bilden
und dann selbststndig zu handeln. Jede ungewhnliche That ist eine
Usurpation, eine Eigenmchtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer
Wirkung finden mu; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr
stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden
Augenblicke thun soll; so wrde kein Dichterwerk vollendet und keine
Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung
oder bertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tchtiger Knstler mit
Rcksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung
hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich
sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die
Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lcherlichste widersprechen?

Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester
und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er
keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrbt
nach Hause; und htte meine eigene Ueberzeugung, da er gut sei, nicht
gesiegt, so wre Aladdin nie erschienen und ich htte nicht den Triumph
gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang
die Arbeit verschmhten. -- So ging es mir auch hier bei Gthe mit dem
Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und
er hatte ihn aufmerksam gehrt und aufgefat; Hakon Jarl las ich ihm
auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stckes
verwirrte ihn; und er uerte nach beendigter Lectre, da Einiges
in der Composition des Stckes gendert werden msse. Ich wurde ganz
niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schnen
herzoglichen Lustgarten umher. Wenn =der=, dachte ich, verfehlt ist,
so wei ich nicht, wie ich richtig dichten soll. In diesem Gedanken
stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen
Knuel beit. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen;
aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglck sei, das in
mein Herz bi. Da hrte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nhe
rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die
sehr anmuthig aus der Felswand in den Flu hinabstrzte, und in einem
Steine eingegraben stand der schne Vers von Gthe:

     Die ihr Felsen und Bume bewohnt, o heilsame Nymphen!
     Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!
     Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,
     Und dem Liebenden gnnt, da ihm begegne sein Glck!
     Denn euch gaben die Gtter, was sie den Menschen versagten:
     Jeglichem, der euch vertraut, trstlich und hlflich zu sein.

[Sidenote: Gthe ber Hakon Jarl.]

Die schne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben
mit wieder Muth und ich dachte: Der Verfasser dieser Strophen kann
Hakon Jarl nicht verwerfen. -- Gthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen
Inhalt des ganzen Stckes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte,
und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des
Stckes und fand nichts daran auszusetzen.

[Sidenote: Die Bhne Weimars.]

Ich erzhle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl
augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Mnnern verkannt wurden.
Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getrstet, wenn
sptere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft
die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Gthe munterte
mich selbst dazu auf, das Stck schriftlich zu bersetzen (denn ich
hatte es bei ihm nur mndlich bersetzt), damit es in Weimar gespielt
werden knne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.

Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die
Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Gthe und Schiller so viel
gewirkt hatten. Ich lernte das Knstlerpaar =Wolf= kennen und schtzen.
Ich sah eine wrdige Vorstellung von Gthe's Egmont; =Becker=, der
den Parasiten in Lauchstdt gespielt hatte, war hier ein vorzglicher
=Vansen=. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder
gegeben. Whrend Schiller lebte, hatte Gthe gutmthig sich darein
gefunden, da sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte.
Nun lie er das Stck wieder wie in alten Tagen auffhren und es war
von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen
Gesprch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf
die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde
Clara glcklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit
in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Gthe's Freund und
Secretair, und Joh. Heinr. Vo, der Jngere, waren mein tglicher
Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Gthe konnte den
jungen Vo gut leiden und dieser war sein groer Bewunderer. Vo
erzhlte mir einen characteristischen Zug von Gthe. Dieser hatte ihm
einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte,
das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Vo's hatten es vom
Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst die alte
verstndige Hausfrau hatte ein Mal Gthe in sehr classischen Spondeen
und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Gthe schrieb
schnere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Vo; aber er
war nicht immer correct und deshalb lie er sich gern bescheidene
Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Vo mit einem
gar zu vergngten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: Herr
Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mit =sieben= Fen gefunden.
-- Gthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: Ja, wei Gott!
und Vo wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig
das Buch zurckgab und sagte: Die Bestie soll stehen bleiben!

[Sidenote: Eigenthmlichkeiten Gthe's.]

Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Gthe las uns einige
Gesnge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm
Altdnischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich
verstanden. -- Sieh' mal, rief dann Gthe lustig, da haben wir den
verfluchten Dnen wieder! -- Nein, Dne, sagte er einmal in demselben
Ton, hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:

          Es war der groe Siegfried, er aus dem Grase sprang,
          Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,

Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang! wiederholte er
erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte
betonte: das ist capital!

Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft
fr Brgerrecht und Brgerehre, einem kalten Herrn gegenber, der die
Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte,
da ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um
den Hals zu fallen und ihn zu kssen, was er herzlich erwiderte, indem
er mit Wrme sagte: Ja, ja, lieber Dne! Ihr meint's auch treu und
gut in der Welt. -- Er sagte gern Ihr in vertrauter Rede zu Leuten,
die er lieb hatte. Joh. Heinr. Vo (der Jngere) erzhlte mir, da
Gthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewhnlicher Wrme und
Freundlichkeit gesagt habe: O, das ist mir ein herzlieber Junge! --
Ich htte kaum geglaubt, da er nach der Trennung so bald sein Herz von
mir wenden wrde.

[Sidenote: Die weimarische Frstenfamilie.]

Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden;
Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach
Tieffurt. Sie war sehr gndig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft
und munter. Ich traf daselbst auerdem Wieland, Herrn v. =Knebel=,
Gthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v. =Einsiedel=, der
eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Gthe hatte eins dieser
rmischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bhne
gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute
in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurckversetzen
lassen. -- Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den
Garten hinab und hielt unter einem groen, schattigen Baum sein
Mittagsschlfchen. Das thut er hier gewhnlich im Sommer, wenn er bei
mir speist! sagte die gute Frstin. Wir gingen im Garten spazieren.
Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Grofrstin und die
Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mute der
Aufforderung zufolge einige alte dnische Kmpeweisen singen, die ihnen
gefielen. -- Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzhlte
mir einige Tage darauf, da die schne, edle Grofrstin mit groer
Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die
Frstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schne
Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur
beigetragen hatte.

Frau v. =Wollzogen=, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des
geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v. =Schardt=, geb.
=Bernstorf=, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.

Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Gthe meine dnische
Uebersetzung von Gthe's Erlknig in das Stammbuch und fgte zum Schlu
die deutschen Verse hinzu:

               Erinnern Sie sich, wenn lngst ich schied,
               Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,
               Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,
               Und Elf und Schauder zu Hause sind.
               In Weimar weht es schon mehr gelind;
               Gott segne den Vater mit seinem Kind.

[Sidenote: Denkbltter fr mein Stammbuch.]

Ja, ja, sagte Gthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich
ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: Ihr seid ein
Poete! In mein Stammbuch schrieb er:

        Zum Andenken guter Stunden, dem Verfasser des Aladdin.

Frau Schiller schrieb:

                             =Der Snger.=

             Er breitet es lustig und glnzend aus,
             Das zusammengefaltete Leben;
             Zum Tempel schmckt er das irdische Haus,
             Ihm hat es die Muse gegeben.
             Kein Dach ist so niedrig, keine Htte so klein,
             Er fhrt einen Himmel voll Gtter hinein.

Frau Wollzogen schrieb: (auch nach Schiller)

           Mit dem Genius steht die Natur im ewigen Bunde,
           Was der eine verspricht, leistet die andere gewi.

Riemer schrieb die Gthe'schen Zeilen:

                     Danke, da die Gunst der Musen
                     Unvergngliches verheit;
                     Den Gehalt in Deinem Busen,
                     Und die Form in Deinem Geist.

Ich komme spter in dieser Lebensbeschreibung darauf, von Herrn Riemer
zu sprechen.

Nun verlie ich das deutsche Athen, wo ich so viele Freuden genossen,
und ahnte nicht, da ich diese Stadt nach wenigen Monaten als den
unglcklichsten Schauplatz des traurigsten Krieges wiedersehen wrde.

[Sidenote: Jena. -- Frommann. -- Gthe.]

Um Gthe's Gesellschaft noch acht Tage zu genieen, ging ich nach
Jena, wo er sich etwas aufhielt, ehe er seine gewhnliche Sommerreise
nach Carlsbad machte. Es war ein schwler Tag, als ich von Weimar nach
Jena wanderte; ich war warm und lschte meinen Durst rasch an einer
vorberflieenden eiskalten Quelle. Als ich nach Jena kam, fhlte ich
eine Engbrstigkeit, die mich im Anfang ngstigte und ich dachte:
Solltest du dir durch das Trinken des kalten Wassers, als du erhitzt
warst, geschadet haben? -- Ich war mit Gthe bei dem Buchhndler
Frommann; ich konnte mich aber nicht recht darber freuen, weil mir
so beengt war. Doch sagte ich es Niemandem. -- Da sah ich zum Fenster
hinaus und entdeckte einen groen strahlenden Regenbogen, in dem
hauptschlich der grne Streifen, die Farbe der Hoffnung, vorleuchtete.
Bei diesem Anblick schwand meine Furcht; und ein paar Tage darauf
athmete ich wieder leicht, nachdem mir ein alter Arzt dort in der Stadt
Kampfertropfen gegeben. Aber das Gefhl jenes Tages und das Bild des
Regenbogens schwebte mir vor der Seele, als ich drei Jahre darauf den
fnften Act von Correggio dichtete.

Bei Frommann's war ich wieder wie zu Hause. Sie waren Gthe's
Gastfreunde, besuchten ihn in Weimar, und wenn er nach Jena kam, war er
tglich bei ihnen, das heit am Abend nach der Arbeit. Er bewohnte mit
Riemer einige alte, khle Zimmer ganz allein auf dem alten Schlosse.
Hier sa der Poet in Ruhe und lie indessen den Minister in Weimar
zurck.

Dieses de Schlo war wirklich ein vortrefflicher Aufenthaltsort
zum Dichten und Schreiben; auch mute es ja wohl schn sein, einen
gebildeten gelehrten Freund bei sich zu haben. Aber das =Dictiren=,
das Gthe anwandte, ist mir stets ein unbegreiflich Ding gewesen. Es
giebt Augenblicke, meine ich, wo der Mensch mit sich und Gott allein
sein mu, ebenso wie im =Gebete=, und der Augenblick des Dichtens ist
ein solcher. In der Gegenwart eines Andern scheuet man sich doch immer
etwas seine Gefhle zu uern und sein Herz zu ffnen. Und kann man es
nicht an Gthe's Schriften aus der sptern Periode sehen, da er solch'
einen Aufpasser im Augenblick der Empfngni gehabt hat? Die ruhige,
klare Darstellungsweise, Besonnenheit und Billigkeit haben vielleicht
dadurch gewonnen; aber auch Begeisterung, krftiges Gefhl, aufrichtige,
herzliche Mittheilung? -- Und soll wirklich der Dichter darnach streben,
bei seiner Kunst =kalt= zu bleiben? Ist es eine Vollkommenheit mehr,
da seine Individualitt sich in der Allgemeinheit verliert? In der
Dichtkunst ist und bleibt meiner Ansicht nach das =Subjective= doch
die Hauptsache. Je genialer ein Dichter ist, desto vielseitiger ist er
gewi auch; desto mehr verschiedene =Objecte= kann er durchdringen und
darstellen. Aber die Poesie besteht gerade in diesem schnen Empfangen
und Darstellen. In den Werken eines Dichters bewundern wir ganz
besonders =seinen= Geist. Wenn wir den Straburger Mnster sehen, oder
das Leben des alten Ritters Berlichingen oder das Mhrchen vom Faust
lesen, so wirkt das Alles ganz anders auf unsere Seele ein, als wenn wir
Gthe's Beschreibungen und Bearbeitungen lesen. Dehalb mu der Dichter,
meine ich, sich ebensowenig allzusehr in dem Gewimmel der Objecte
zerstreuen, als sich zu einseitig bei dem einzelnen Objecte aufhalten;
er darf auch nicht suchen durch Kunst die =Eigenheit= seines Wesens
(Originalitt) in =Allgemeinheit= zu verwandeln. Er ist und bleibt
doch eine schne Ausnahme; das soll er sein und sich davor hten, ein
=Sonderling= zu werden. -- Da der groe Gthe, obgleich er in spteren
Jahren seine Gedichte dictirte, uns doch noch viel Schnes schenkte,
das danken wir seinem mchtigen, durch keinen Zwang ganz zu fesselnden
Genius. Aber ich bin berzeugt, er wrde bis ans Grab noch mehr von
seinem humoristischen Jugendfeuer, von jener schnen Leidenschaft eines
gefhlvollen Herzens ohne Nachtheil fr seine Kunst bewahrt haben, wenn
er nicht dictirt htte. Man brauchte ihn ja nur =reden= zu hren, um
sich hiervon zu berzeugen.

[Sidenote: Bekanntschaft mit Hegel.]

In Jena machte ich die Bekanntschaft des Philosophen Hegel auf eine
schnurrige Weise. Er war damals noch nicht so berhmt und vergttert,
wie er es viele Jahre spter wurde, obgleich er bereits ein Mann in
seinen besten Jahren war. Wir waren zusammen in Gesellschaft, wo ein
Fremder eine sentimentale Arie beim Clavier singen wollte. Hegel und
ich standen hinter dem Stuhle des Sngers; es wollte ihm nicht recht
gelingen und die Verlegenheit, die in jedem Augenblicke das zarte Gefhl
unterbrach, das dann wieder von Neuem angeknpft werden mute, war so
komisch, da weder Hegel noch ich uns des Lachens erwehren konnten. Nun
muten wir noch hflich sein, und daraus entsprang der komische Zustand,
den man oft bei Kindern sieht, die nicht lachen drfen und dadurch nur
noch strker dazu gereizt werden. Es amsirte mich, mit dem tiefen
Denker in dieser komischen Situation mich zu befinden. Das brachte
uns gleich in eine Art Vertraulichkeit zu einander, und so lange ich
in Jena war, erwies Hegel mir stets Freundschaft. Wir gingen tglich
mit einander um, er war lustig und gutmthig, ich bewunderte seinen
Scharfsinn, und er achtete meine Ansichten und Gedanken, obgleich ich
kein theoretischer Philosoph war oder sein wollte. Ich disputirte auch
mit ihm, weil er Gthe's Gtz von Berlichingen durchaus nicht leiden
konnte.

[Sidenote: Eine Landpartie.]

Mit ihm, mit Major Knebel, Professor Schelfer und Doctor Seebeck
bestieg ich eines Tags den Berg Gensich bei Jena. Knebel erzhlte mir
auf dem Wege Viel aus Gthe's Jugend. Es war ein warmer Tag und wir
waren durstig. Am Abhange des Berges lag ein Garten, von wo Schelfer uns
einige Hnde voll Kirschen und Johannisbeeren holte. Was wagen Sie da?
fragte ich lachend. Es ist freilich Diebstahl! antwortete er, den
Mund voll von Kirschen. Ach, -- sagte Hegel, Schelfer ist Botaniker!
daraus folgt, da alle Kruter und Frchte der Gegend ihm unterthnig
sind. Wenn ihn Jemand mit seinem gestohlenen Gute treffen sollte, so
braucht er nur zu sagen, da er botanisirt und Alles ist in Ordnung.
Auf dem Rckwege plagte uns wieder der Durst. Nun fanden wir zwar keine
Johannisbeeren, dagegen aber einen klaren Bach, um den wir uns Alle
niederlegten und Wasser durch Strohhalme einsaugten. Dies mu eine sehr
malerische Gruppe abgegeben haben; aber sie war zugleich allegorisch: so
saugen Helden, Philosophen, Gelehrte und Dichter Erquickung durch das
kleine Saugrohr des Lebens aus der stets vorberflieenden Lebensquelle
ein, und vergessen nicht die schnen Augenblicke, wo sie es in
brderlicher Eintracht mit einander thaten.

[Sidenote: Gedicht an Charlotte Schiller.]

Gthe reiste bald nach Carlsbad, Frommann nach Gotha, ich wartete nur
auf meinen Wechsel; er blieb vierzehn Tage zu lange aus. Indessen verlor
ich den Muth nicht; ich brachte drei Acte meines Aladdin's in deutsche
Jamben. Frommann wollte den Verlag bernehmen, wenn das Manuscript
fertig sei, welches ihm dann gleich zugesandt werden sollte. Gthe
hatte mir versprochen, den Hakon Jarl auf den besten deutschen Theatern
zur Auffhrung zu bringen. Endlich kam der Wechsel und zugleich mit
ihm mein Landsmann, der Probst =Engelbreth=. Ich besuchte erst den
Superintendenten =Marezoll=, dessen Predigten ich in Kopenhagen gern
gehrt hatte; ich grte ihn von seinen Freundinnen, Frau Rahbek und
Christiane Heger; darauf reiste ich mit Engelbreth nach Dresden. Frau
Schiller hatte mir die lyrischen Gedichte des seligen Schiller zum
Geschenk gesandt; ich schickte ihr dafr folgendes Gedicht, welches an
der Spitze meiner gesammelten deutschen Gedichte steht.

                        =An Charlotte Schiller.=

              Der Snger geht am schmalen Stege,
              Im Schatten blhender Natur;
              Verschmht die gar zu breiten Wege.
              Gepflastert durch des Haufens Spur;
              Da mu er Vieles berwinden,
              Durch manchen Dorn er dringen mu;
              Wo er gehofft, den Bach zu finden,
              Trifft er den brausend wilden Flu.

              Doch kmpft er gern sich, unverdrossen,
              Selbst durch den tiefsten Tannenwald;
              Wird er mitunter rund umflossen --
              Es mu sich ja doch enden bald!
              Wo Dornen stechen, blhen Rosen;
              Das Dickicht fhrt zu einer Au',
              Es endigt sich der Wolke Tosen,
              Sie flieht und lt den Himmel blau.

              Und steht er endlich dann im Haine,
              Im dunkelgrnen Buchenhain,
              Rthlich beglnzt im Abendscheine,
              Dann ist er lnger nicht allein.
              Wie durch der Aeolsharfe Tne
              Die Lfte gaukeln, voller Lust,
              So zittert auch durch ihn das Schne,
              Und klingt hinaus durch seine Brust.

              Und durch die Bume drngt sich leise
              Zum breiten Heerweg der Gesang:
              Da kommt das Rad aus seinem Gleise,
              Dem Fuhrmann wird's im Herzen bang';
              Zum grnen Tempel der Gesnge
              Fhlt er zu lenken sich geneigt;
              Besinnt sich aber, folgt der Menge,
              Glaubt, da sich dort die Elfin zeigt.

              Der Snger wandert ber Hgel.
              Er steigt getrost, und kommt der Flu,
              Dann schwimmt er khn; mit losem Zgel
              Auf Abenteu'r er reiten mu.
              Und Alles, was ihm so begegnet,
              Dringt in sein Herz gewaltig ein;
              Und ob es strmet oder regnet,
              Mu er doch wohl zufrieden sein.

              Nichts Endliches kann ihn beglcken,
              Nichts Endliches vernichtet ihn.
              Und jede Kraft mu ihn entzcken
              Und durch sein ganzes Wesen glhn;
              Im Schauen mu er sich vertiefen,
              Was ihn verhindert, merkt er kaum;
              Es ist ihm, als wenn Viele schliefen;
              Selbst freut er sich im schnsten Traum.

              Doch hat er lange so mit Wonne
              Den schnen Weg zurckgelegt,
              Dann kommt der Abend, sinkt die Sonne,
              Und kalt sich jedes Blatt bewegt,
              Dann ist er Mensch; und er begehret
              Nach dem, was wieder ihn belebt;
              Was ihm der Augenblick verwehret,
              Weil er nicht klug danach gestrebt.

              Doch kommen Bauern her im Walde,
              Und speisen ihn mit Obst und Brot.
              Er it, trinkt aus der Quell', und balde
              Vergit er die verschwundne Noth.
              Und mit der frhen Morgenrthe
              Erwacht er bei dem ersten Schall,
              Blickt um sich, greift und bls't die Flte,
              Wetteifernd mit der Nachtigall.

              Es kommen aber viele Tage,
              Wo nicht die Sonn' im Walde scheint;
              Es tobt kein Sturm; in stummer Klage
              Nur Gras und Blatt und Hgel weint;
              Es ist nicht Kampf, kein khnes Ringen,
              Ist lebenlose Trauer nur;
              Die Harfe selbst kann hell nicht klingen;
              Sie ist so schlaff, wie die Natur.

              Dann sehnt er sich wohl nach den Mauern
              Und in den lichten Saal hinein,
              Wo Gste sitzen ohne Schauern,
              Bei schnen Frauen, gutem Wein.
              Dann denkt er auch, wenn fern er schauet
              Ein schnes, reichbegabtes Haus:
              Warum ist es nicht Dir erbauet?
              Und warum schliet Dich Alles aus?

              Und weil er fhlt im tiefsten Herzen,
              Was auf die weiche Seele fllt,
              Mt' ihn auch tief und bitter schmerzen
              Die Stumpfheit, Bldigkeit der Welt,
              Und die Verschmhung seiner Lieder,
              Der Hohn, der Trotz, der Frevelmuth,
              Wenn die Natur nicht freundlich wieder
              Das Unheil machte immer gut.

              Am Wege, dort wo er gesungen,
              Neugierig horchten sie, im Flug;
              Kaum aber war das Lied verklungen,
              So hatten sie daran genug!
              Er sang von Ceres Aehrenhaufen,
              Die in den goldnen Garben stehn.
              Sie gehn das Korn nur zu verkaufen;
              Im Gelde nur das Gold sie sehn.

              Jetzt singt er laut in ernsten Liedern
              Von der verschwundnen Menschen Thun,
              Erzhlt von den verstorbnen Brdern,
              Die tief im moos'gen Grabe ruhn.
              Er singt: Wie durch des Grabes Hgel
              Sich hebet frisch der Rosmarin,
              So hebt sich auf der Zeiten Flgel
              Das Leben auch zum neuen Blhn.

              Sie hren's nicht. Doch =Ein'ge= kommen,
              Und sie verlassen ihren Weg;
              Sie haben gern das Lied vernommen
              Und folgen ihm auf seinem Steg.
              Und hurtig wird der Bund geschlossen;
              Die Seele kennt die Seele bald.
              Und fter folgen unverdrossen
              Sie ihrem Freund durch seinen Wald.

              Doch =Mnner= sind zur That berufen,
              Und That verhindert der Verein;
              Sie mssen steigen ihre Stufen
              Und mit sich selbst beschftigt sein.
              Das Lied giebt ihnen Muth und Leben,
              Ermuntert gehn sie wieder fort.
              Sie danken ihm, weil er gegeben --
              Und -- einsam steht er wieder dort.

              Wer sitzet auf der Wolken Rande,
              Den Lorbeerzweig in weier Hand,
              In himmelstrahlendem Gewande,
              So fremd und doch so wohlbekannt?
              Entfernet von dem Erdgetmmel,
              Vernimmt sie doch das Lrmen gern;
              Vergit darber selbst den Himmel;
              Es klingt ihr wie ein Lied von fern.

              Es ist die =Muse=. Freundlich schauet
              Sie ihren vielgeliebten Sohn.
              Ihr sanftes Auge sich bethauet;
              Sie sinnt auf einen wrd'gen Lohn;
              Sieht, wie nach ihrem Gtterbilde
              Er strebt so treu, bei Tag und Nacht;
              Und -- eine Jungfrau -- schn und milde,
              Begegnet sie ihm auf der Jagd.

              Errthend nhert sich die Schne
              Verschmt dem vielgeliebten Mann;
              Und -- wie Telemachos Athene --
              So staunet sie der Jngling an.
              Er =kannte= lngst das holde Wesen,
              =Sieht= sie doch jetzt zum ersten Mal.
              Er kann in ihren Blicken lesen
              Und fhlt der Gttin Liebestrahl.

              Da singt sie: Jede schne Blume
              Hebt sich mit ihrer Bltterschaar
              Vom Staub hinauf zum Heiligthume,
              Und reichet Gott die Krone dar.
              Doch stehn die Wurzeln tief im Grunde,
              Worin der Lebenssaft sich regt;
              Da sie gedeih', da sie gesunde,
              Ist nthig, da sie Liebe pflegt.

              Ich will die Grtnerin im Garten
              Dir werden, denn Du liebest mich!
              Entwickle Blumen aller Arten!
              Ich hege, Freund, ich pflege Dich.
              Nie sollst Du Dich allein befinden;
              Scheint nicht die Sonne lnger warm,
              Wenn Strahlen, Tag und Farben schwinden,
              Dann ruhe s in meinem Arm. --

              Er sieht der Mittlerin des Lebens
              Entzckt in's lichte Augenpaar.
              Er berredet sich vergebens,
              Da die ein irdisch Mdchen war!
              Er fhlt sich neubegeistert wieder,
              Der Weg ist lnger nicht so hart.
              Er singt sein Heil, -- und schne Lieder
              Verknden ihre Gegenwart.

              Sie hat mit Lorbeern ihn bekrnet,
              Und durch ein wundersam Geschick
              Sieht er sich pltzlich ausgeshnet
              Jetzt mit der Zeit, dem Augenblick.
              Nun will er nichts von Trennung wissen!
              Das Glck steht ihm nicht lnger fern.
              Was Lieb' erst hatte wild zerrissen,
              Vereinigt Liebe wieder gern.

              Ein jeder Snger, dessen Leier
              In Waldes Einsamkeit ertnt,
              Trifft seine Muse, die ihn, freier,
              Bald mit der ganzen Welt vershnt.
              So schmcktest =Du= dem groen Snger
              Den Weg mit lichtem Lebensmai;
              Du machtest ihm den Busen enger,
              Und dadurch ward der Busen frei.

              Du lindertest so hold sein Leiden,
              Da war das Leben nicht vergllt;
              Beglcktest ihn mit Vaterfreuden
              Und zeigtest heiter ihm die Welt.
              Da ward er ruhig und geduldig,
              Er fhlte sich von Gott bestrahlt.
              Wir sind ihm, ach, so Vieles schuldig!
              Doch Du hast ihm fr uns gezahlt.

              Drum nimm auch dieses Lied zum Danke,
              Das treu aus meinem Herzen bricht;
              Wohin ich in der Welt auch wanke,
              Verge' ich Deiner Milde nicht.
              Ich seh' im heil'gen Abendschauer,
              Wenn dster die Cypressen wehn,
              Dich, eine Blum', in Liebestrauer
              Am Grabe des Geliebten stehn!

[Sidenote: Antwort darauf.]

Als Antwort auf dieses Gedicht erhielt ich folgenden Brief von ihr:

                                            Weimar, den 14. Juli 1806.

Ich fhle wohl, da es mir nicht gelingen kann, Ihnen auszusprechen,
was mein Herz bewegt, und doch mchte ich Ihnen sagen, wie tief mich Ihr
Gedicht ergriffen!

Ich danke Ihnen, da Sie mich verstanden haben, da es Ihnen klar wurde,
den Wunsch aufzulsen, der mich durch mein Leben begleitete. Ich danke
Ihnen, da Sie es ausgesprochen, was ich Schiller sein wollte.

Doppelt heilig ist mir dieses Gedicht, es wird mir ein ses Andenken
meiner Liebe bleiben, und ich werde immer mit Wehmuth bei dem Geiste
verweilen, dessen schne Phantasie in so reichen Formen die Gefhle
meines Herzens ansprach.

So lange ein Herz fhig ist, sich vor den ungeflligen harten Eindrcken
einer ungleichartigen Welt zu verwahren, so lange wird auch auf jedes
Gemth alles Groe und Schne, was Sie so tief zu fhlen vermgen, und
mit solcher Wrme aussprechen, tief wirken. Ich hoffe, da der Genius
der Dichtkunst mir hold bleiben wird bis ans Grab, und mir solche
freundliche Erscheinungen noch schenken, wie mir die Ihrige war.

Ich hoffe auch, wir sehen uns wieder, mein Antheil und meine Dankbarkeit
werden stets Gefhle fr Sie bleiben, die ich mir gern im Herzen
aufbewahre. Mge die Welt immer Ihrem Geiste in einem hellen Glanz
erscheinen und die Freude Sie begleiten! Leben Sie wohl und glcklich!

                                              =Charlotte v. Schiller.=

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise nach Dresden.]

Am 12. Juni zogen wir im schnsten Wetter von Jena durch Ltzen und
stiegen auf der Landstrae einen Augenblick ab, um den mit Pappeln
umringten Stein in der Nhe zu betrachten, wo der groe Gustav Adolph
gefallen war. In Leipzig aen wir Lerchen, besuchten die schnen
Spaziergnge und das Grab des guten Gellert.

Mit uns waren zwei Juden, die auf dem Wege sehr andchtig beteten.
Wir kamen an einem Galgen vorber; in Folge dessen uerte der eine
Jude mit grter Bitterkeit seine Indignation ber die bertriebene
Gerechtigkeit. Sie sind froh -- sagte er -- wenn sie Einen zu hngen
kriegen; damit die Gerechtigkeit nicht vergessen werden soll.

Wir bernachteten in der Stadt Oschatz, welchen Namen August II. der
Stadt gegeben, weil er daselbst ein hbsches Mdchen gesehen hatte.

Durch Meien kamen wir an den herrlichsten Elbgegenden entlang nach
Dresden, und hier traf ich wieder eine anmuthige Natur, wie ich sie,
seitdem ich Dnemark verlie, nicht gesehen hatte; denn der Garten in
Weimar war wohl schn aber klein; die Gegend bei Halle kann nicht mit
der seelndischen verglichen werden, und Berlin liegt in einer Sandwste.

[Sidenote: Paverdrielichkeit.]

In Dresden verlangte der Wirth meinen Pa. Ich hatte von Kopenhagen
meinen Rathhauspa mitgenommen, weil ich damals noch nicht wute, ob
ich das Reisestipendium bekommen wrde. Als ich den Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_ erhielt, htte ich gleich
einen ordentlichen Pa von Hause verlangen sollen; aber das hatte ich
vergessen. Ich war von Halle nach Berlin, von Berlin nach Weimar und
Jena gereist, ohne da Jemand verlangt htte, meine Legitimation zu
sehen. Ich sagte also dem Wirth in Dresden, da ich nur einen dnischen
Rathhauspa htte, da ich aber gleich zu unserm Minister gehen, und ihn
um ein paar Zeilen zur Aushlfe so lange bitten wolle, bis ich einen
franzsischen oder lateinischen Pa von Kopenhagen erhielte.

Ich traf den Minister nicht zu Hause; aber um mich zu legitimiren,
sandte ich ihm einige Briefe, und unter diesen den Brief von der
Direction des Fonds _ad usus publicos_.

Der Minister von Blow lie mich rufen. Ich kam. Er trat mir langsam mit
den Papieren in der Hand entgegen und sagte sehr ernst: Ich sehe, Sie
reisen auf Menschenkenntni, und Sie haben keinen Pa? Wie soll ich das
verstehen? Ich antwortete: Ew. Excellenz! gerade weil ich noch keine
Menschenkenntni habe, reise ich, um sie zu erlangen. Ja, mein Herr,
entgegnete er, das ist ganz schn! Sie schicken mir Ihre Papiere, um
mir Ihre Persnlichkeit zu beweisen; aber ich will Ihnen Etwas sagen!
lassen Sie uns den Fall setzen: Sie verlieren diese Briefe, ein Anderer
findet sie, und giebt sich fr Sie aus (wir haben vor Kurzem einen
solchen Fall gehabt); soll ich ihn deshalb gleich fr Sie halten? --
Ich entgegnete: Ich verdenke es Ew. Excellenz nicht, da Sie an meiner
Ehrlichkeit zweifeln; aber Sie knnen es mir auch nicht verdenken,
wenn mir dies sehr unangenehm ist. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag
machen -- fuhr ich lustiger fort -- Sie hren doch, da ich ein Dne
bin; geben Sie mir ein Thema, welches Sie wollen; geben Sie mir Feder,
Dinte und Papier; dann will ich Ihnen gleich einen Vers darber machen.
Es wre doch wunderlich, wenn es sich so trfe, da der unrechtmige
Finder der Briefe auch ein dnischer Dichter wre. Doch ich wei ein
besseres Mittel, sagte ich ernster, unten auf der Strae begegnete
ich dem Herzog von Weimar; er hat mich bei seiner Frau Mutter der
Herzogin Witwe gesehen; ich will Se. Durchlaucht um ein paar Zeilen
bitten, durch die ich mich legitimiren kann, bis mein Pa von Kopenhagen
kommt. Ich habe bereits darum nach Hause geschrieben. Nun fragte der
Minister, ob ich mich nicht setzen wolle, es liee sich wohl noch Alles
in Ordnung bringen; aber ich verbeugte mich und empfahl mich gehorsamst.

[Sidenote: Zusammentreffen mit Landsleuten.]

Mehr Unannehmlichkeiten bereitete mir diese, freilich unverzeihliche
Vergelichkeit nicht. Ich brachte dem Appellationsrath Krner einen
Brief von Gthe; meine Landsleute =Brndsted= und =Kos= kamen kurz
darauf nach Dresden; Engelbreth war bereits mit mir angekommen. Bald
traf auch Bischof =Mnter= ein; und so wurde es mir leicht, meine
Persnlichkeit, und da ihr nichts Ungesetzliches anhafte, zu beweisen.
Der Minister, der durchaus Nichts gegen mein Ich einzuwenden, sondern
nur an dessen wirklicher Existenz gezweifelt hatte, lud mich spter zu
sich zu Tisch. Aber ich entschuldigte mich ehrerbietigst. Es war mir
unangenehm, einen Mann wiederzusehen, der einen Augenblick an meiner
Ehrlichkeit gezweifelt hatte. Es ntzte Nichts, da die Andern mir
sagten: Aber er kannte Dich ja nicht! -- Mit jugendlichem Uebermuth
antwortete ich: Er htte mir auf mein ehrliches Gesicht hin glauben
mssen. -- Seine Tchter traf ich spter zuweilen bei Krner's; sie
waren sehr liebenswrdig und geistreich; wir sprachen oft freundlich mit
einander und eines Abends begleitete ich sie bis an ihre Hausthr.

[Sidenote: Komische Scene mit Bischof Mnter.]

Mit dem Bischof Mnter traf in Dresden eine komische Szene ein, die
ich, so unschuldig sie auch war, whrend seines Lebens doch nicht
verffentlichen wollte. Nun kann sie mit als ein Beitrag zu den nicht
wenigen Anekdoten dienen, welche von den Zerstreutheiten dieses
gelehrten gutherzigen Mannes erzhlt wurden, deren doch viele erdichtet
sind, oder ihn nicht betrafen.

Er hatte gehrt, da ich meinen Baldur den Guten vollendet, und darin
Trimeter, Anapste und mehrere griechische Versformen angebracht hatte;
als ein groer Freund und Vertrauter der Griechen, als ein Jugendfreund
von Ewald, der auch einen Balder geschrieben hatte, wnschte er nun,
das Stck zu hren. Besuchen Sie mich morgen Nachmittag! sagte er,
und lesen Sie mir Ihren Baldur vor, dann wollen wir eine Tasse guten
Thee zusammen trinken. Hier in Dresden giebt es keinen guten Thee, aber
ich habe solchen von Kopenhagen mitgenommen. -- Ich kam zur bestimmten
Zeit, doch als ich ins Zimmer trat, fand ich den Bischof von einem Dampf
umgeben, der ihn fast unkenntlich machte, und der mir, der ich aus der
frischen Luft kam, so drckend auf die Brust fiel, da mein erstes
Wort war: Um Gottes Willen, Ew. Hochehrwrden! wie knnen Sie das
aushalten? worauf ich, ohne um Erlaubni zu bitten, hineilte und beide
Fenster weit aufri. -- Ja, ich kann es gar nicht begreifen, es raucht
hier drin auch mitten im Sommer, wenn man gar nicht einheizt. -- Nun
entdeckte ich mitten im Rauch einen Theekessel auf einem Feuerbecken
mit Kohlen, die noch nicht ausgebrannt waren und einen tdtlichen
Qualm verbreiteten. Das kommt vom Feuerbecken! rief ich. -- Ja
wahrhaftig, sagte der Bischof, das glaube ich auch, da hat Johann
wieder (oder wie der Diener hie) einen dummen Streich begangen. Johann!
Johann! nimm gleich das Feuerbecken hinaus. Wie ungeschickt benimmst Du
Dich? -- Johann kam herein, setzte den Theekessel auf die Ofenplatte
und nahm das Becken mit sich hinaus. Nun fing der Bischof an, mich
sehr eifrig ber den Baldur zu fragen. Als eine geraume Zeit darber
vergangen war, nahm ich mir die Freiheit, ihn daran zu erinnern, da wir
ja guten Thee trinken wollten. Das ist wahr! rief er, das htte ich
beinahe vergessen. Darauf warf er eine groe Hand voll von dem guten
Thee (es war grner Thee) in die Kanne, go sie voll lauwarmen Wassers
(denn das Wasser im Kessel hatte zu kochen aufgehrt), und ohne einen
Augenblick zu zgern (da er sich darnach sehnte, das Stck zu hren),
schenkte er die Tassen voll. Die grnen zusammengerollten Bltter hatten
nicht Zeit gehabt, sich zu entfalten, und da die Theekanne eine groe
Oeffnung hatte, kamen mehrere Bltter in demselben Zustande in die
Tassen, in dem die Hand sie in die Kanne gebracht hatte. So bekam ich
also guten Thee zum ersten Mal in Dresden, so wie man ihn in China
selbst trinkt: mit den Blttern darin; aber wenn meine Dichterbltter
dem Bischof nicht besser geschmeckt haben, als seine Theebltter mir, so
wre es schlimm gewesen.

Das lie ich mir damals nicht trumen, da ich spter zwlf Jahre
im Hause dieses edeln Mannes wohnen, und da er fast in meinen Armen
sterben wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Theodor Krner.]

Krner war Schiller's Jugendfreund gewesen. Auf seinem Weinberge hatte
der unsterbliche Dichter seinen Don Carlos geschrieben. Die ganze
Familie hatte sehr viel Sinn fr Poesie. =Theodor=, der sptere Held und
Tyrtus war damals, als ich sie besuchte, ein hbscher vierzehnjhriger
Knabe, der sehr fromm und aufmerksam zuhrte, wenn ich meine Gedichte
vorlas. Seine Schwester =Emma= malte schn; ein Frulein =Kunze=,
welche dort im Hause war, sang vortrefflich. Der muntere, geniale
Italiener =Par=, den Napoleon spter als Kapellmeister nach Paris
berief, kam hufig in Krners Haus und ich hrte ihn oft selbst mit den
Damen aus seinem Sargino singen. Frulein =Stock=, eine vortreffliche
Pastellmalerin, Frau Krner's Schwester, war munter und witzig und
amsirte sich zuweilen damit, mich meiner allzugroen Jugendlichkeit und
Vorliebe fr das Blhende wegen zu necken.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ansichten ber Kirchenmusik.]

Es freute mich, Musik in der katholischen Kirche zu hren, doch war
die Musik hier nicht immer nach meinem Sinn: sie war mir zu sinnlich,
zu lrmend. Ich vermite die ernste wrdige Erhebung, das treue
innige Gefhl; und obgleich ich ber die starken Diskantstimmen der
Snger staunte, konnte ich doch nicht umhin, an das Schicksal dieser
armen Menschen zu denken, und dies strte mein religises Gefhl
vollstndig. Ich sprach einmal mit einem Landsmanne, der sich in
Dresden niedergelassen hatte, ber diese Snger und uerte ihm mein
Mivergngen. Er war ein sehr tchtiger Kopf und selbst ein guter
Knstler; aber paradox und scharf in seinen Ansichten. Sind Sie auch
so ein nordischer Barbar, der der groen Kunst nicht einmal ein kleines
Opfer gnnt? -- Man sollte solche Virtuosen, wie die Bageigen, in
Futterale hinstellen, wenn man sie gebraucht hat, entgegnete ich;
es schneidet mir ins Herz, einen so aufgeschwollenen, schwammigen
Halbmann zu sehen. Es widert mich an, da ein armes Geschpf, an dem
die Menschen sich versndigt haben, als Wortfhrer fr die Menschen
auftreten und Bravourarien zu Gottes Ehre krhen soll. Das kann weder
rhren, noch strken, noch erheben; und was ist Kirchenmusik, wenn sie
das nicht kann? -- Der bewundernde Kenner zuckte die Achseln und hatte
wahrscheinlich Mitleiden mit meinen Ansichten. Ein anderes Mal stand
ich mit einem klugen Mann vor einem Portrait von Gthe, welches =Buri=
gemalt hatte, und vor einer Copie von Leonardo da Vinci's Christus, wo
er sagt: Gieb dem Kaiser, was des Kaisers, und Gott, was Gottes ist.
Welch ein Unterschied, sagte ich, auf diesen beiden Gesichtern!
-- Ja gewi, entgegnete der Andere: Hier ist ein Antlitz voller
Hoheit und Unschuld, und dort ein Mensch, der, wenn er in sein eigenes
Herz blickt, lauter schwarze Flecken findet. -- Flecken finden alle
Menschen in ihren Herzen, antwortete ich. Das Andere ist ein Ideal;
aber es erscheint mir trotz seiner Schnheit doch zu =weibisch= fr
einen Christus. So mute ich mich grtentheils durchschlagen; denn ich
hrte oft bertriebene, einseitige Ansichten, nicht der Modeansichten
zu gedenken. Ich habe mich immer ber jede =Mode= gergert, die die
Menschen in eine einseitige Richtung hineinziehen will. Nun sollte Alles
katholisch, altdeutsch oder italienisch sein, und was nicht so war, das
war vom Uebel. Ich fhlte einen Trieb in mir, mich der verschmhten
Gegenwart und ihrer guten Leistungen anzunehmen. In diesem Vorsatz war
ich durch Gthe, der dies =Franz-Sternbaldisiren=, wie er es nannte,
auch nicht leiden konnte, bestrkt worden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ansichten ber die Malerkunst.]

Ich besuchte gern die Bildergalerie. Ich habe den Lesern erzhlt, da
ich nicht unbewandert in der Zeichnenkunst war; und Alles, was die
Malerei an Poesie in sich aufnehmen kann, konnte natrlich einem mit
Worten malenden Dichter nicht fremd oder gleichgltig sein. -- Aber das
war bei Weitem nicht genug; das nannte man jetzt etwas Untergeordnetes.
Mit dem religisen Gefhle sollte man nun die Werke auffassen; nur so
knne man ein Eingeweihter der Kunst werden. Ich dachte: Auch gut!
Alles Poetische grndet sich ja zuletzt auf ein religises Gefhl; ich
kann auch fhlen. Aber wieder vorbeigeschossen! Dies wurde trivial
und sentimental genannt! Eine erhitzte Phantasie mute mit mystischen
Bildern ausgeschmckt werden; wenn diese Bilder auch zuweilen
apocalyptisch sein mochten, so war das um so besser.

Wie leicht es war, einen solchen Kunstsinn, bei geistlosen ungebildeten
jungen Mnnern zu wecken, ist leicht zu begreifen; und dehalb traf ich
auch jeden Augenblick Kunstkenner, welche nicht wuten, wie eigentlich
ein Arm oder ein Bein aussehen msse; die nie in ihrem Leben ein
menschliches Antlitz mit Aufmerksamkeit betrachtet hatten, die kaum blau
von grn unterscheiden konnten, aber doch sehr tief und vornehm ber
alte Meisterstcke redeten, und mit Verachtung auf Alles herabblickten,
was whrend ihrer Lebenszeit geschaffen war, wenn es nicht einen
gewissen Zuschnitt hatte. -- Wenn ich von _pecus imitatorum_ rede,
so meine ich natrlich nicht die geistreichen Mnner, die durch ihre
Schriften =Veranlassung= zu dergleichen Uebertreibungen gegeben haben.
Ich habe vor jedem genialen Blicke Achtung, vor jeder originellen Idee,
selbst wenn sie bertrieben ist. Die neuere Schule hatte das Verdienst,
die Welt mehr als frher auf die zu wenig bekannten Kunstwerke des
Mittelalters aufmerksam zu machen; und ich glaube, da die Gemlde jener
Zeit mehr verdienen, Meisterwerke genannt zu werden, als die Gedichte.
Welcher Mensch mit Geist und Herz sieht nicht ein, da eine poetische
Composition schner characteristischer Gesichter, ein lebhaftes
frisches Colorit meisterhaft genannt zu werden verdienen, wenn selbst
das matteste Auge in unserer Zeit einzelne technische Fehler entdecken
kann? Welcher verstndige Kenner verachtet nicht eine oberflchliche,
flchtige, coquette Manier bei vielen neueren franzsischen und
italienischen Malern, unter der sich eben soviel technische Fehler,
wie in jenen Bildern verbergen; wo aber weder Geist noch Gefhl oder
Phantasie die Fehler ersetzen.

Ich schreibe hier keine Kunstkritik, und werde mich wohl hten, dieses
Buch, wie die Mode ist oder war; mit weitlufigen Gemldebeurtheilungen
anzufllen. Ich habe immer gesucht, Sinn und Auge fr malerische und
plastische Gegenstnde zu bilden, wie es sich fr einen Dichter und
einen Lehrer in den schnen Wissenschaften ziemt; aber um ganz in die
Einzelnheiten solcher Dinge einzudringen, mu man selbst ausbender
Knstler sein. Winkelmann, Lessing und Gthe haben vortrefflich ber
Kunstwerke im Allgemeinen gedacht; Wackenroder und Tieck haben Bilder
empfunden und schn darber phantasirt; und ich habe gern und oft
diese Abhandlungen und Herzensergieungen gelesen. Auch =Fiorillo= und
=Fernow= habe ich gelesen.

[Sidenote: Die Dresdner Bildergalerie.]

O wie gern sah ich 1817 die Galerie in Dresden wieder! Wie bewundernd
denke ich nicht noch der herrlichen Bilder Correggio's, von denen die in
seiner ersten Manier mir doch krftiger und raphaelischer vorkamen, als
die berhmte =Nacht=. Wie erfreute mich der strenge und unterrichtende
Christus von Giovanni Bellini, ein herrlicher Gegensatz zu dem sen
Christusantliz von Carlo Dolce, das sich in Harmonikatnen aufzulsen
scheint. Ich sehe noch das schne, klare Bild von Holbein, wo die fromme
Brgermeisterfamilie die Mutter Gottes anbetet. Ich entsinne mich sehr
wohl der Gemlde von Raphael's herrlichen Schlern Francesco Penni,
Giulio Romano und Andra del Sarto. Und nun all' die niederlndischen
und flmischen Herrlichkeiten einer muntern und treu aufgefaten Natur,
deren wir viel hnliche in Kopenhagen haben.

[Sidenote: Raphael's Madonna.]

Das erste Mal besuchte ich die Galerie in Dresden mit einer Freundin,
einer herzensbraven Dame in mittleren Jahren, einem Frulein =Alberti=,
die aber im hohen Grade von der neuen Schwrmerei angesteckt war.
Mit ihr trat ich vor Raphael's Madonna hin. Ich erstaunte ber die
bernatrliche Schnheit und Wahrheit in diesem Bilde; aber als ich
meine Freundin weinend und fast knieend vor dem Heiligenbilde sah, und
sie mich in einem Bekehrungstone fragte: Nun, Oehlenschlger, was sagen
Sie jetzt? antwortete ich kalt: Es ist sehr hbsch! -- Gott im
Himmel! rief sie seufzend, Sie nennen Raphael's Madonna =hbsch=? --
Liebe Freundin, entgegnete ich, sagen Sie mir nur Eins: Glauben
Sie, da Raphael im Stande gewesen wre, solch ein Bild zu malen, wenn
er =so= dagestanden und geweint htte?

Ich trat spter allein vor das herrliche Bild hin und begriff nicht, wie
so viel jungfruliche Geistesruhe, Schnheit und naive Kindlichkeit zu
Zerknirschung und wehmthigen Betrachtungen Veranlassung geben konnte.
Da Maria mit dem Jesuskinde von der Erde zum Himmel emporzuschweben
schien, war ja auch lustig; das thut jede reine und unschuldige
Seele. Als ich nach Hause kam schrieb ich ein dnisches Gedicht ber
diesen Gegenstand, das ich spter in meiner Novelle die Mnchbrder
angebracht habe.

[Sidenote: Polemische Gedichte.]

Noch ein paar andere kleine deutsche Gedichte verfate ich in Dresden,
um meinem Herzen Luft zu machen; denn mir war wirklich unter den
Kunstkennern wie einem Manne zu Muthe, der zwischen einem glhenden Ofen
und einem offenem Fenster sitzt, wo es stark zieht, so da ihm die eine
Seite ganz hei, die andere ganz kalt wird. Das herzlose Demonstriren
nach spitzfindigen, einseitigen, abstracten Regeln, war mir eben so
zuwider, wie eine krnkliche Schwrmerei.

                   =Knstlers Morgen- und Abendlied.=

               O heiliger Gott, was Dir gehrt
               Tief in der menschlichen Brust,
               Nicht die gesunde Freude strt,
               Ist nicht Schmerz, ist Lust;
               Aeuert in That sich und frischer Kraft,
               In blhender Schnheit Schein,
               Nicht die Blthen weg es rafft,
               Liebt nicht Grab und Gebein.
               Christus verlie das dstre Grab,
               Fuhr zur Hlle nur kurz hinab;
               Jetzt des Vaters Rechte ziert,
               Dort nun thtig mit ihm regiert.
               Weg, Du trber, papistischer Dunst!
               Seufzen und weinen ist keine Kunst,
               Wirken und weben,
               Nehmen und geben,
               Und tchtig streben,
               =Das= ist Leben!
               So wollen wir leben
               Und etwas leisten!
               Mehr, als die Meisten!
               Es ist Gottesdienst, ein Werk zu vollenden,
               Wieder bilden mu Gottes Bild.
               Das wollen wir fhren in unserm Schild'.
               Teufel noch 'mal! so wollen wir enden.

                    *       *       *       *       *

                          =Krittlers Litanei.=

                      (Am groen Butage zu singen)

           Ach, lieber Herr Gott, la mich nie
           Urtheilen, wie ein hlzernes Vieh!
           La' mich nicht in gemalten Personen
           Nur sehn mathematische Dimensionen!
           Lege mir etwas in den Ofen, lieber Herr Gott.
           Es friert mich, lieber Herr Gott und Vater!
           Blase mir ein wenig mehr Geist in die Nase hinein,
           Es soll Dein Schade nicht sein.
           Ich will Dich dafr in den Werken erkennen,
           Auch wohl bisweilen mit Ehrfurcht nennen.
           Amen! --

             Aber wenn's nicht anders werden kann,
           Ach, so hilf mir armen Mann,
           Da ich einsehe bald und ganz haarklein:
           In's Parterr' kommt Keiner ohne Zettel hinein.
           La' mich die thrichte Lust verlieren,
           Treibe fort den eiteln Dunst;
           Lehre mich, statt Werke der Kunst,
           Tuch oder Leder zu penetriren.
           Die Welt wird dadurch nichts verlieren,
           Die Kunst wird dadurch nicht krepiren.
           Ich bitte darum auf allen Vieren.
           Kyrieleison. Amen!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Bedeutsamkeit der Kunst.]

Da aber diese herrlichen Werke meine Seele nicht allein zu polemischen
Ausbrchen hinfhrten, zeigt das Fragment eines Briefes, welchen ich,
gleich nachdem ich in der Bildergalerie gewesen war, meiner Christiane
schrieb:

Gestern war ich zum ersten Mal in der Bildergalerie. Was soll ich Dir
von den zwei Stunden Aufenthalt unter all diesen Herrlichkeiten sagen?
Es ist wie der erste se Ku der Geliebten. Wahrhaftig ich kam

                               in ein' Galerie
                   Voll Menschengluth und Geistes;
                   Mir ward es da, ich wei nicht wie,
                   Mein ganzes Herz zerreit es,
                   O Maler! Maler! rief ich laut,
                   Belohn' Dir Gott Dein Malen;
                   Und nur die allerschnste Braut
                   Kann Dir fr uns bezahlen.

Und damit sind sie auch bezahlt. Denn das schnste aller Mdchen, die
=Unsterblichkeit=, hat sie in ihren Armen emporgehoben und sie mit
ewigem Lorbeer bekrnzt. Wenn man so in wenigen Momenten mit einem
flchtigen Blicke die concentrirte Kraft der Genialitt und des Fleies
von Jahrhunderten betrachtet, so wird Einem zu Muthe, als ob Gott in
einer Offenbarung die Geschichte zurckgehen und sich vor uns zeigen
liee. Und das thut er. Die groen Mirakel des Lebens uern sich
durch die Kraft und das Gebet der Zauberer und diese Zauberer sind die
Knstler. O, wie dankte ich Gott, da ich auch ein Knstler bin, als ich
mit bebendem Schritte den Tempel der Kunst durchwanderte, da auch ich
Bilder geschaffen hatte und schaffen sollte, die die Brust kommender
Geschlechter mit Freude und Andacht erfllen wrden, wenn die meinige
lngst ihren letzten Saft einer kleinen bald dahinwelkenden Grabesblume
gegeben, und mein Staub sich mit dem Staube meiner Mutter Erde gemischt
htte. Lebe wohl, meine beste Christiane!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Maler von Kgelgen.]

Ich machte die Bekanntschaft des Malers =von Kgelgen=, eines tchtigen
Knstlers und vernnftigen Mannes, der nicht von der neuen Krankheit
angesteckt war. Er malte mein Bild, das wahrscheinlich noch in Dresden
vorhanden ist.

[Sidenote: Kgelgen's Ermordung.]

Er malte auch den Philosophen Adam Mller, dessen Vorlesungen
ich hrte, an denen ich mich aber nicht sonderlich erbaute. --
Merkwrdigerweise hatte Kgelgen, als ich seine Bekanntschaft machte,
ein groes Gemlde vollendet, welches den von einem Discus verwundeten
Hyacinth in Apollo's Armen sterbend vorstellte. War es eine Ahnung
von Deinem Schicksale, armer Kgelgen? Sein Leben war merkwrdig; als
Jngling verliebte er sich in ein adeliges Frulein; der Vater erklrte,
da, wenn er sich ein so groes Vermgen erworben, da er unabhngig
leben knne, und sich dann adeln lassen wollte, er sie bekommen sollte.
Kgelgen war mit diesem Vorschlage zufrieden, ging nach Ruland, wo
gerade Kaiser Alexander auf den Thron gekommen war und eine Menge
goldener Dosen mit seinem Bilde darauf verschenkte. All' diese Bilder
bekam Kgelgen zu malen, und er hatte sich eine so groe Fertigkeit
darin erworben, den Kaiser zu treffen, da er ihn aus dem Gedchtni
malen konnte. Hierdurch erwarb er sich ein bedeutendes Vermgen, lie
sich adeln, reiste nach Deutschland zurck, heirathete seine Braut und
war viele Jahre glcklich. Aber er hatte doch stets einen auffallend
melancholischen Zug in seinem Gesicht. Vor wenigen Jahren, als er sich
einen Weinberg in der Nhe von Dresden gekauft hatte, und den Herbst
und Winter seines Lebens so recht im Schoe seiner Familie genieen
wollte, wurde er eines Abends auf einem Wege, wo sonst nie Jemand
berfallen wurde, von einem Menschen gemordet, der sich nur seiner
Kleider bemchtigen wollte, um sie zu verkaufen. Am nchsten Tage fand
der unglckliche Sohn die Leiche seines Vaters nackt und auf ein abseits
gelegenes Feld hingeschleppt. Welch sonderbarer Uebergang vom Glck zum
Unglcke im Leben eines Menschen!

                    *       *       *       *       *

Whrend ich in Dresden war, wollten meine Landsleute Brndsted, Kos und
Engelbreth eine Fureise in die schsische Schweiz machen; sie schnrten
ihre Bndel und wollten mich bestimmen mitzureisen. Aber es war mir zu
hei mitten im Sommer. Ich wute im Voraus, da die Sonnenhitze und das
Erklten mir einen starken Schnupfen verschaffen wrde, der gleich das
Vergngen strte, und ich sagte: Nein, Kinder, zieht in Frieden dahin!
Ich bin keiner jener Liebenswrdigen, die, wie Nvmphe in Gthe's kleinem
Vorspiel Was wir bringen sagt, es sich so sauer werden lassen, berall
die holden Naturscenen aufzusuchen. Nun bin ich in Dresden und hier will
ich in Ruhe und Frieden meine Dresdner Freude genieen. Ich mag lieber
ein gutes einfaches Gericht, als viele kleine Gerichte, nach denen man
seinen Apetit berechnend eintheilen mu.

[Sidenote: Zacharias Werner. -- Herr von Rumohr.]

Die Freunde stellten mir vor, da diese Sophismen nur ein schlechter
Ersatz fr die Schnheiten der riesigen Gebirge seien; ich aber sagte
ihnen Lebewohl und wnschte, da =Rbezahl= ihnen nicht allzuviel
Hokuspokus auf dem Wege in die Berge machen mge, und sie gingen. Um
frische Luft zu schpfen wanderte ich an einem Nachmittag zur Stadt
hinaus nach einem Theater, welches man scherzweise die =Saloppe=
nannte, und das nicht viel zu bedeuten hatte. Aber es war ein schner
Spaziergang, wie von Kopenhagen nach Frederiksborg, und der Ort selbst
war angenehm. Im khlen, grnen Schatten konnte man drauen sitzen und
Eis essen, wenn man die Komdie nicht sehen wollte. Hier traf ich einmal
=Zacharias Werner=, der sehr freundlich und holdselig gegen mich war,
aber gleich wieder wie eine Sternschnuppe verschwand; erst drei Jahre
darauf machte ich in Coppet seine eigentliche Bekanntschaft.

                    *       *       *       *       *

Ich ging auch an jedem Tage in die Gemldegalerie, besah die Antiken und
die Mengs'schen Abgsse. An den Antiken waren viele Theile so schlecht
restaurirt, da sie wirklich Buddings oder Wrsten aus irgend einer
Restauration der Stadt glichen.

[Sidenote: Neues Begegnen Ludwig Tieck's.]

Eines Vormittags, als ich nach Hause kam, erzhlte das Mdchen, da ein
gewisser Herr =Ludwig Tieck= dagewesen sei, der mich besuchen wollte.
Ich lief gleich wieder in die Galerie hinauf, denn ich hoffte ihn dort
zu finden. Ich traf daselbst Herrn =von Rumohr=, seinen Reisegefhrten,
der mich in die Bibliothek hinauffhrte, wo Tieck ber einem alten
Manuscript des Heldenbuches sa. Er eilte mir freundlich entgegen. Wir
sprachen vertraulich mit einander, wie Brder, die lange von einander
getrennt gewesen waren. -- Sein hbsches characteristisches Gesicht,
sein schnes Organ, seine bewundernswerthe Beredtsamkeit, seine
geistvollen braunen Augen nahmen mich gleich persnlich fr ihn ein,
und ich gefiel ihm auch. Ich dachte an das schne Verhltni zwischen
Franz und Sebastian, zwischen Albrecht Drer und Lucas von Leyden, in
seinem Sternbald; und in den wenigen Tagen, die wir hier zusammen waren,
lebten wir auch ganz so wie jene Knstler miteinander. Ich las meinen
Hakon Jarl, einen Theil des Aladdin und das Evangelium des Jahres vor.
Er zollte mir seinen herzlichen Beifall, und beklagte, da Novalis nicht
lebte, um das Evangelium hren zu knnen. Ich a eines Mittags mit ihm
und Rumohr; Tieck und ich tranken Brderschaft. Er las mir Holberg's
Hexerei oder blinder Allarm in der alten deutschen Uebersetzung vor;
ich bewunderte sein Talent zum Vorlesen; es gefiel mir, da er den
Holberg etwas anders auffate, als wir Dnen gewhnt sind; es klang
mir, wie meine Muttersprache im Munde eines schnen, fremden Mdchens,
anmuthig, obgleich mit einem etwas auslndischen Accent. Wir disputirten
zuweilen auch ein wenig aber freundlich, ohne Bitterkeit. Ich gestand
ihm, da mir seine Liebe und Bewunderung fr die altdeutsche Poesie
etwas bertrieben erscheine; da die alte Zeit wohl sehr =poetisch=
geworden sei, aber keine groen =Poeten= hervorgebracht habe. Stoff zum
Dichten gbe sie vollauf; die alten Dichtungen seien merkwrdig, htten
schne Stellen und seien voll herrlicher Motive. Auch meinte ich, da
man nicht allzusehr die Sache der Aristokratie und Hierarchie reden und
nicht zu sehr auf Aufklrung schelten sollte. -- Tieck billigte brigens
gar nicht die modernen Uebertreibungen, und das dumm andchtige Wesen
rgerte ihn auch. Wir waren beide beim Abschiede gerhrt.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bekanntschaft mit der Familie von Zeschwitz.]

Kurz nach Tieck's Abreise fragte mich ein =Herr von Zeschwitz=, dessen
Bekanntschaft ich gemacht hatte, ob ich mit ihm hinauswolle und seinen
Bruder, den Amtshauptmann besuchen, der eine Meile von Dresden wohne.
Ich nahm das Anerbieten gern an, und der joviale Amtshauptmann kam mir
sehr freundlich entgegen. Er war unverheirathet und bewohnte ein groes
Haus mit seinen Leuten. Munter und geradezu fragte er mich gleich, ob
ich mit ihm eine Reise nach Teplitz machen wollte? Ich habe meinen
eigenen Wagen, sagte er, wenn Sie mir das Vergngen bereiten wollen,
mein Gast zu sein, und mit mir zu reisen, so wird mir die Reise einen
doppelten Genu bieten. -- Ohne mich lange zu bedenken, entgegnete ich:
Sehr gern, aber ich mu erst nach Dresden, um meine Sachen zu holen.
-- So lasse ich gleich anspannen, rief er, Sie fahren nach Dresden,
holen Ihre Sachen, kommen zurck, bleiben die Nacht bei mir und Morgen
begeben wir uns auf den Weg. -- Mit Vergngen! entgegnete ich. --
Und als ich kurz darauf nach Dresden hinrollte, dachte ich: Das ist
etwas Anderes! So will ich die schsische Schweiz gern sehen! War es nun
nicht gut, da ich mich von den fureisenden Landsleuten nicht verfhren
lie?

Vorher hatte ich von der Gegend rund um Dresden nur das schne
=Tharand= gesehen, welches von doppeltem Interesse fr mich war, weil
Steffens daselbst ein merkwrdiges Jahr seines Lebens zugebracht hatte.
-- Nun fuhr ich mit meinem muntern zuvorkommenden Amtshauptmann nach
Teplitz, und bekam dabei zugleich Etwas von Bhmen zu sehen. Wir kamen
an unzhligen groen Crucifixen und Heiligenbildern vorber. In Teplitz
war ein hbscher Park voller Herren und Damen, ein nettes Theater, gute
Musik und ein gutes Wirthshaus. In =Auig= gingen wir in die Kirche.
Eine Mutter trat gerade mit ihrer kleinen Tochter zu gleicher Zeit
mit uns ein; sie sprengte dem Kinde etwas Weihwasser aus dem an der
Thr stehenden Becken ins Antlitz. Die Kleine wute noch nicht, was es
sei, blinzelte mit den Augen und rieb sie mit den kleinen, niedlichen
Hndchen: Ein schnes Bild zwischen den Kirchenpfeilern whrend die
Sonne ihre Strahlen vom Fenster schrg durch die khle Halle sandte. --
Wir segelten auf der Elbe nach =Schandau=, kamen aber _post festum_; es
waren nur etwa noch ein Dutzend Badegste dort. Auf =Knigstein=, einer
unberwindlichen Bergveste von der groen Baumeisterin Natur aufgefhrt,
erstaunten wir ber den tiefen Brunnen, der 900 Ellen senkrecht durch
den Porphyr hinunter geht. Um uns die Tiefe begreiflich zu machen,
senkten die Leute erst einen Kranz mit angezndeten Lichtern hinab. Der
Schein verlor sich mehr und mehr und schien zuletzt ganz zu schwinden;
aber pltzlich fing es wieder von neuem zu leuchten an und dies war
der Widerschein auf der tiefen Wasserflche des Brunnens; darauf wurde
ein Eimer Wasser heraufgeholt und in einem alten Glase, auf dem Verse
eingegraben waren, berreichte man uns das demantklare Wasser, eine
Gabe von der Unterwelt, das eiskalte Blut des Riesen Ymer. Dann wurde
ein Eimer Wasser hinuntergegossen; ich lauschte vergebens, wandte mich
zu meinem Reisegefhrten und sagte: Ich habe Nichts gehrt, hrten Sie
Etwas? -- Still! flsterte er, und in demselben Augenblick fiel das
Wasser erst mit rasselndem Tone hinab. -- In solchen Augenblicken redet
die ewige Naturkraft aus der Ferne mit groen Telegraphenbuchstaben zu
unserer Seele.

[Sidenote: Reise nach der schsischen und bhmischen Schweiz.]

Auf der Elbe segelten wir nach Dresden zurck und wenn ich die drckende
Mittagshitze ausnehme, so hatten wir eine sehr angenehme Reise und sahen
die herrlichsten Aussichten und Gebirgsgegenden.

Ich sa bereits mehrere Tage wieder ruhig an meinem Schreibtische, als
meine Landsleute von ihrer Fureise zurckkehrten und sonnenverbrannt,
wie die Zigeuner, eintraten. -- Ei, rief ich, seid Ihr endlich wieder
da? Allmchtiger Gott, wie seht Ihr aus! Rbezahl hat Euch zu Mohren
verwandelt. -- Aber dafr haben wir auch etwas gesehen! antwortete
Brndsted mit stolzem Selbstbewutsein. -- Und wenn ich nun eben so
viel gesehen htte, wie Ihr, obgleich ich bereits seit mehreren Tagen
wieder an meiner Arbeit sitze? Ich erzhlte ihnen meine Abenteuer.
Je grer der Schelm, je grer das Glck! riefen sie Alle. --
Kurz darauf reiste Engelbreth nach Dnemark, und ich, der ich zuerst
die Absicht gehabt hatte, nach Wien und Italien zu gehen, beschlo,
ber Weimar mit Kos und Brndsted nach Paris zu eilen, um in ihrer
Gesellschaft zu bleiben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Briefe aus der Heimath.]

Ehe ich von Dresden fortreiste, erhielt ich einen Brief von meiner
Schwester:

-- -- Seit meinem letzten Schreiben habe ich zwei Briefe fr Dich
angefangen, aber ich war so unzufrieden damit, da ich sie in Stcke
ri, was ich auch gern mit diesem thte, denn ich bin nie mit Dem
zufrieden, was ich schreibe; es steht nie da, was stehen sollte -- und
kurz -- ich kann nur schlecht schreiben. -- In diesem Sommer haben wir
keine Zimmer auf Frederiksborg, aber der Vater hat mir dagegen eins von
den seinigen berlassen. Oersted kommt jeden Abend heraus und geht am
Morgen wieder zur Stadt zurck. Mir geht es so sehr gut; ich lebe gerade
so, als da ich zu Hause war; ich sitze in dem kleinen Garten und nhe,
gehe im Sdfelde umher und komme nur zwei Mal in der Woche zur Stadt,
wenn ich Klavierunterricht habe. Jeden Sonntag Vormittag ist Anders bei
mir und liest mir aus dem Fichte vor. Wir sitzen dann gern im Garten,
um es recht ruhig um uns her zu haben; er erklrt mir, was ich nicht
verstehe, und ich kann Dir nicht sagen, wie glcklich ich bin, wenn ich
es fasse und begreife; dann ist mir so, als ob ich eine Offenbarung
htte. Ich schrieb Dir das letzte Mal, da ich Winkelmann las, und da
das natrlich meine Sehnsucht, Kunstwerke zu sehen, verstrken msse.
Ich habe eine schwache Copie von Raphael's atheniensischer Schule und
eine Menge Zeichnungen seiner herrlichen Kpfe bei dem Maler =Kabot=,
eine Copie von Christi Grablegung und eine kleine Madonna gesehen, von
der er behauptet, da sie wirklich von Raphael sei. Bei einem Maler
Hansen, der vor Kurzem von Rom gekommen ist, habe ich eine Copie von
Correggio's schner Magdalena gesehen, die er selbst gemalt hat[5].
Sie liegt in einem Walde und liest. Ich wurde ganz entzckt ber das
bezaubernde Spiel von Licht und Schatten. All' das, lieber Adam, sind
Dinge von groem Werth fr mich, aber nichts im Vergleich mit Dem, was
Du sehen kannst.

  [5] Diese Copie kaufte die Grfin Schimmelmann spter von Hansen,
      schenkte sie mir, und sie hngt -- 37 Jahre nachdem Sophie sie
      gesehen hat, ber meinem Schreibtisch.

Ich habe Dir noch nicht fr Deinen Hakon Jarl gedankt. Wie kann ich
es? Ich habe im Stillen Gott gedankt, da Du ihn geschrieben hast. Ich
spreche nur mit Einzelnen davon; denn ich meine, die Meisten sollten
sich nicht unterstehen, darber zu schwatzen; ihr Lob scheint mir seiner
unwrdig; kurz -- ich meine, sie sollten schweigen. Ich habe ihn nun
vier Mal gehrt und kann ihn so ziemlich auswendig. In diesem Sommer
habe ich zum ersten Male mehrere von Seelands schnen Gegenden kennen
gelernt. Wir sind in Helsingr, Fredensborg, Frederiksborg, Hirschholm
und Frederiksdal gewesen. Frher kannte ich ja nichts Anderes, als
Frederiksborg; und ob mir dies gleich ebenso schn scheint, wie irgend
ein anderer Ort, so hat die Verschiedenheit der Situationen mich doch
innig erfreut. Es ist wohl herrlich, von unserm Frederiksborg auf
alles Das hinabzuschauen, was uns umgiebt; aber es ist auch unendlich
schn, sich in dem ruhigen Fredensborg gleichsam von der ganzen Natur
umschlungen zu fhlen; und als Frederiksborg pltzlich aus dem Walde
hervortrat, fiel die Stelle mir ein:

                Ein herrlich alter Held ist Hakon Jarl,
                Er sieht so hoch u. s. w.

Ich habe nie so viel Lust und Lebenskraft gefhlt, wie auf dieser Reise;
ich war recht glcklich und dachte oft an Dich. Lebe ich, bis Du nach
Hause kommst, so wollen wir diese Tour zusammen machen. Lebe wohl! Gott
segne Dich!

In diesem Brief lag ein kleines Blttchen von meinem Vater in deutscher
Sprache, in der er seit vielen Jahren nicht geschrieben hatte. Es heit
darin:

Es freuet mich, da es Dir so wohl geht, und da Deutschlands =Apoll=
Dich so liebreich aufgenommen hat. Nun bist Du in Deinen mnnlichen,
kraftvollen Jahren; fliege mit Adlersflgeln, Deiner Kraft gem, damit
Du der Sonne so nahe kommst, wie die Natur der Dinge es erlaubt. Ich
sehe aus Christiane's Brief, da Du jetzt ein ganzer Deutscher geworden
bist. Darum habe ich dieses Mal diese Sprache gewhlt.

[Sidenote: Paris in Weimar.]

Wie wir aber bereits in Weimar Paris trafen, das wird der Leser in dem
Folgenden erfahren.

Ich las damals noch keine Zeitungen. Es ist unbegreiflich, wie junge
Leute, welche die Geschichte lieben, sich so wenig um die politischen
Begebenheiten bekmmern knnen, da diese doch die Geschichte des Tages
bilden. Weitlufige diplomatische Tiraden und Reden in Friedenszeiten,
mit denen die Zeitungen oft angefllt sind, schrecken davon ab, bis
es zur Gewohnheit wird, sich um solche Dinge nicht zu bekmmern; und
geschieht dann eine wichtige That, so wei der junge Mann im Anfange
sich nicht recht zu orientiren. Dies ist das Extrem von Dem, in das
viele Aeltere verfallen, die vor lauter Zeitungsstudiren oft nicht Zeit
haben, ein vernnftiges Wort zu lesen. Nun wute ich zwar, da Preuen
und Frankreich Krieg mit einander fhrten; da aber Napoleon seine Heere
zwischen der Elster und Saale zusammenziehen, und so die vereinigten
Armeen von der Elbe abschneiden wrde, wuten nicht einmal die deutschen
Generale, wie konnte es da ein junger dnischer Poet wissen. Besser
wre es freilich gewesen, nach Wien zu reisen, aber Brndsted und Kos,
die eifrige Zeitungsleser waren, versicherten mir, da es keine Noth
habe. Ich fgte mich also, um mich nicht von den lieben Landsleuten zu
trennen, und um Gthe noch ein Mal zu sehen. Als wir nach Weimar kamen,
trafen wir ihn im Schauspielhause in seiner Loge. Nun seid Ihr, sagte
er, wo Ihr billig nicht sein solltet; weil Ihr aber hier seid, so seid
willkommen! Diesen Abend und den nchsten Mittag brachte ich noch in
der Annehmlichkeit des Friedens bei ihm zu. Wir fanden es nicht rathsam,
weiter zu reisen; wir beschlossen in Weimar zu bleiben, um den Ausfall
des Kampfes abzuwarten und sahen ihn denn auch bald in der Nhe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Schlacht bei Jena.]

Das preuische Hauptquartier kam nach Weimar; auch der Knig und die
Knigin. An jedem Tage sahen wir die Straen voll hbsch gewachsener
preuischer Officiere, die sehr Wichtiges mit einander verhandelten und
in Schriften hinein blickten. Es wurde an jedem Abend Theater gespielt.
Das Lager war auerhalb Weimar aufgeschlagen; ich durchwanderte es mit
Gthe und dachte an Wallensteins Lager in Schiller's Drama. Welch'
wunderbare, groe bewegliche Stadt voll kleiner Htten, woselbst die
wildesten Krieger doch tglich einige Stunden Frieden halten mssen,
whrend sie essen, trinken und schlafen. Die Marketenderinnen sind ein
eigenthmlicher Menschenschlag. Der Krieger bedarf noch der Pflege des
Weibes und ein Marketender ist Nichts gegen eine Marketenderin. Ich
dachte an die vortrefflich geschilderte in Wallensteins Lager, auch an
den leichtfertigen =Courage= in dem alten Roman von Simplicissimus;
und endlich an die cimbrischen Frauen, die sich verzweifelt an die
Roschweife hingen, wenn ihre Mnner aus der verlorenen Schlacht flohen.

Nun nherte sich der 14. October 1806. Bereits einige Tage im Voraus
hrten wir die Kanonen in weiter Ferne donnern. Jetzt kamen sie nher.
Man hatte im Anfange gar keine Idee, wo die Schlacht sein wrde. Ich
lief vom Gasthofe zum Elephanten, wo ich wohnte, nach Gthe's Haus. Da
gab man mir den Trost, da der Kampf sich von unserer Gegend weggezogen
habe; als ich aber nach Hause ging, stand der Satyriker =Falk= bleich
und unbeweglich, wie eine Bildsule auf der Strae. Er versicherte
mir, da Alles verloren sei! -- Kurz vorher hatten wir preuische
Reiter auf dem Markt eroberte franzsische Pferde verhandeln sehen, nun
flohen Preuen haufenweise aus der Schlacht mit verhngten Zgeln in
gestrecktem Galopp durch die Stadt. Wo fhrt der Weg in die Berge?
riefen sie, indem sie an uns vorbereilten. -- Hier giebt es keine
Berge! -- Wo giebt es dann einen Weg, wo keine Franzosen sind?
fragten sie und verschwanden wieder, ohne die Antwort abzuwarten, wie
ein Zugwind aus der Stadt.

                    *       *       *       *       *

Es wurde ein junger schlesischer verwundetet Officier in unsern Gasthof
gebracht. Eine Kanonenkugel hatte ihm ein Stck Fleisch aus dem Schenkel
gerissen und er war ausgeplndert. Brndsted lieh ihm eine nicht
unbedeutende Summe Geldes. Ein Feldscherer, ein nrrischer Gesell, der
uns in Friedenszeiten amsirt haben wrde, mifiel uns nun im hchsten
Grade. Er lief in bloen Hemdsrmeln, mit einem groen, dreieckigen
Hute umher, und kaum hatte er den armen Menschen verbunden, als er den
Verband wieder auflste, um es besser, oder -- schlechter zu machen. Der
Verwundete starb ein paar Tage darauf; und es htte wohl keine Hlfe fr
ihn gegeben, selbst wenn er in bessere Hnde gefallen wre. Ein Jahr
darauf bekam Brndsted sein Geld von Schlesien geschickt, mit groem
Dank von den Eltern, da er ihren Sohn in der Todesstunde erquickt habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die neutralen Dnen in Weimar.]

Whrend der Schlacht las ich Smollet's Peregrine Pickle, der mich
unendlich langweilte; und ich begriff nicht, wie man poetisch so trivial
sein knnte, wenn es in der wirklichen Welt so feierlich zugeht. Nun
fingen die Franzosen an, mit Kanonen in die Stadt zu schieen. Bei dem
ersten Schu, durch den das Haus zitterte, ging ich unwillkrlich hin,
und schlo das offenstehende Fenster. Ich mute ber meine Vorsicht
lachen, als ich ihrer bewut wurde. Ich setzte mich auf die Treppe in
den Kellerhals um nicht verwundet zu werden, und als Brndsted und Kos
sahen, da ich Muth genug hatte, meine Furcht vor den Kanonenkugeln
einzugestehen, folgten sie meinem Beispiel.

Wir sahen voraus, da, wenn die Preuen in die Stadt flchteten, es
hier so gehen wrde, wie in Lbeck. Dies war ein entsetzlicher Gedanke.
Ich fing auf der Kellertreppe auch an, einen kleinen Krieg gegen
meine Landsleute zu fhren, und ihnen Vorwrfe zu machen, da sie die
Zeitungen nicht besser gelesen hatten, da sie sich doch damit abgaben,
und da sie mich davon abgehalten hatten, auszufhren, wozu der gesunde
Verstand mir gerathen. Sie vertheidigten sich, so gut sie konnten;
wir fanden es bald rathsam, unter einander Frieden zu schlieen und
trsteten uns damit, da unsere dnische Neutralitt uns beschtzen
wrde. Die Kanonenschsse hrten nach und nach auf. Das Geld, von dem
wir alle drei den ganzen Winter in Paris leben sollten, hatten wir
gerade aus Leipzig in guten Napoleond'ors geholt. Wir theilten die Summe
in drei gleiche Theile und banden sie in unsere Halstcher, hinten im
Nacken, wo die Franzosen sie leicht gefunden haben wrden, wenn wir
nicht mehr Glck als Verstand gehabt htten.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Artige Franzosen.]

Pltzlich wurde es in Weimar still, wie in einem Grabe. Alle Lden
waren geschlossen, keinen Menschen sah man auf der Strae, und die
Octobersonne schien durch den Pulverdampf, der die Lust erfllte,
wie ein bleicher Nachtmond. Nun ritten die Franzosen im Anfange ganz
ordentlich haufenweise in die Stadt und quartirten sich in den Husern
ein. Unser Wirth war ganz verdreht im Kopf, umarmte einen kleinen
Jungen, der schiefe Beine hatte, und, rief: Ach mein liebes Kind,
wenn sie Dir nur Nichts zu leide thun! Ich dachte an den Apotheker
in Aladdin. Wir riethen dem Wirth, alle Schrnke aufzumachen, und den
Husaren, die sich nherten, mit Herzensstrkungen entgegen zu kommen.
Acht hbsche, sonnenverbrannte Mnner, ganz auer Athem und hei
vom Kampfe, hielten an der Thr _Bourgeois!_ riefen sie von ihren
Pferden, _du vin! de l'eau de vie! du Kirswaser!_ Der Wirth kam
mit Flaschen heraus: sie setzten sie an den Mund und leerten sie mit
langen Zgen. Drauf stiegen sie ab und gingen ins Zimmer; grtentheils
Unterofficiere. Wir zeigten ihnen unsere Psse und beriefen uns auf
unsere dnische Neutralitt. Sie versicherten uns hflich, da wir
Nichts zu frchten htten. Von den Preuen sagten sie: _Ils se battent
bien, mais ils ne comprennent pas la guerre._ Der eine Unterofficier
wollte sich eine warme, wollene Nachtjacke kaufen. Wir lieen gleich
einen Krmer holen, der Kriegsmann bekam die Jacke und fragte nach dem
Preise. Wir zupften den Krmer am Rock; er verstand uns und versicherte,
da er nicht einen Pfennig dafr nehmen wrde. _Ah, monsieur! vous tes
trs honnete!_ sagte der Franzose, und der Krmer eilte fort, um nicht
mehrere Jacken auf diese Art zu verkaufen.

Nun setzten die Franzosen sich zu Tisch, und trotz der auerordentlichen
Menge, die in die Stadt eingedrungen war, und alle Huser fllte,
herrschte in den ersten Stunden doch die vollstndigste Stille und Ruhe;
worber man sich nicht wundern darf: sie kamen Alle aus der Schlacht und
waren mde, hungrig und durstig.

   Aber nachdem die Begierde der Speis' und des Trankes gestillt war

und als sie sich im Wechselgesprch mit einander ber die gewonnene
Schlacht erfreut hatten, -- da gingen sie auf Abenteuer aus, um Beute
zu suchen, und da fing das Unglck an.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Plnderung in Weimar.]

Glcklicherweise hatten wir sehr ordentliche Soldaten in unser Haus
bekommen, die uns halfen, das Thor gegen die Menge zu vertheidigen,
welche eindringen wollte. Ein abscheulicher Marodeur wollte sich gerade
zu uns hinschleichen, als unser braver Unterofficier ihn in den Nacken
fate und mit den Worten in den Rinnstein hinauswarf: _Brigand! je
t'craserai la tte!_ Nun versperrten wir das Thor mit Steinen und
Balken. Drauen auf dem Platze bivouaquirten Soldaten, die in den
Husern nicht Platz gefunden hatten, zu Hunderten. Ihre Gewehre standen
in Piramiden aufgestellt; sie selbst lagen in ihren Mnteln und es
brannte Feuer, an dem sie sich erwrmen konnten. Mde von der Spannung
und Angst des Tages, warfen Kos und Brndsted sich auf das Bett und ich
mich auf das Sopha. Wir hatten im obersten Stockwerk ein paar kleine
Zimmer bekommen; die Franzosen schwelgten unten in der Stube und lieen
sich in ihrer Freude nicht durch den jungen schlesischen Officier
stren, der neben ihnen auf einer Bank mit dem Tode kmpfte. -- Ich war
endlich eingeschlummert, als mich ein Laut wieder weckte; es kam mir
vor, als ob ich Katzen miauen hrte. Ich schlage die Augen auf, es ist
ganz hell in der Stube; ich trete ans Fenster: die Stadt brennt! Ich
hre wieder das eigenthmliche Geschrei -- es sind heulende Frauen und
Kinder!

Einen grlicheren Augenblick habe ich nicht erlebt. Gott! rief ich
und rang meine Hnde, zu welchem Entsetzen sind wir hier leichtsinnig
hergeeilt. Magdeburgs Zerstrung stand klar vor meiner Phantasie. --
Glcklicherweise wurde das Feuer gleich gedmpft, das einige Schurken
angezndet hatten, um dabei besser plndern zu knnen. Unser Haus
blieb verschont. Streng genommen wurde doch die Stadt geplndert;
auerdem geschahen keine Verbrechen. Der Vater unsres Wirthes hatte
aus seinem Keller eine eiserne Kiste verloren, in der er 600 Thlr.
hatte. Mochte es nun sein, weil wir in den Bodenkammern wohnten, oder
unsere dnische Neutralitt, oder, wie gesagt, das reine Glck, das uns
beschtzte, genug: wir verloren Nichts von dem in unsere Halstcher
eingebundenen Golde. Den Tag nach der Schlacht kamen die Generale
Augereau und Berthier in den Elephanten; sie nahmen freilich das
ganze Haus in Besitz mit Kche und Keller, lieen uns aber doch unsere
Bodenkammer. Nun muten wir uns den ganzen Tag mit einer Brotrinde und
einem Glase Wein begngen, whrend die franzsischen Officiere unten
prassten und schwelgten. Aber wir hatten den Trost, eine Schildwache als
_sauve-garde_ vor dem Hause zu sehen. Sobald Napoleon kam, hrte das
Plndern auf; leider aber zu spt. Es war nicht mehr viel zu nehmen. Die
Ruberei wurde streng verboten, und wir hrten tglich sieben, acht Mal
in Garten die Bchsen knallen, wo die Diebe gleich erschossen wurden.
Als der Kaiser kam, soll er der Herzogin, die ihn im Schloportale
empfing, zugerufen haben: _Eh bien! Vous avez voulu la guerre! La
voil!_ Aber bald gewann sie ihn durch ihre Milde und ihren Verstand.
General Schmettau wurde ein paar Tage darauf von den Franzosen mit allen
militrischen Ehren begraben; es war den tief gebeugten Deutschen,
welche zugegen waren, als ob Deutschlands Freiheit und Selbststndigkeit
mit dem Gefallenen zugleich begraben wrde.

[Sidenote: Napoleon in Weimar. -- Schmettau's Beerdigung.]

Ein junger, halberwachsener Mensch, Boie, von Vo's Bekanntschaft, war
lustig und guten Muths und da er etwas Franzsisch konnte, gebrauchte
man ihn als Dolmetscher. Wir gingen eines Tages mit ihm zum Hause
hinaus, wo die Schildwache stand. _Qui tes vous?_ fragte der Soldat
stolz. _Je suis un espion!_ antwortete der Jngling lustig. --
_Comment!_ rief der erzrnte Franzose und fllte das Gewehr. Wir baten
ihn um Gotteswillen, die _mauvaise plaisanterie_ des jungen Mannes
nicht belzunehmen. Mit Mhe beruhigten wir den Kriegsmann, der den
Spion arretiren wollte; endlich glckte es uns doch, ihn zu befreien.
Wir verbaten uns solch' dreiste Spe fr die Zukunft.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Gthe's Verheirathung.]

Gthe machte whrend der Schlacht mit Frulein Vulpius Hochzeit.
Er hatte wohl lange schon an diesen Schritt gedacht, um seinem Sohne
verheirathete Eltern zu geben; aber um dem Komischen zu entgehen,
das darin liegt, da ein lteres Paar mit dem Anfange endigt (_le
commencement de la fin_, wie Talleyrand es nannte, als Napoleon zu
fallen begann), hatte er es wohl aufgeschoben, und um, wie Tell bei
Schiller, den Apfel vom Haupt des Sohnes abzuschieen, whrend Geler
stritt, ging er mit einer alten Haushlterin in die Kirche, whrend
die Kanonen mit ihren entsetzlichen Glocken auf Jenas Fluren luteten,
und kehrte mit ihr zurck, ohne da es die geringste Vernderung in
Etwas machte, auer da sie nun Frau Geheimrthin von Gthe hie. Wenn
man sie sah, konnte man nicht begreifen, wie sie Gthe's Geliebte
geworden war. Sie glich weder Lotten, noch Klrchen, noch Gretchen,
weder den Leonoren, noch der Iphigenie; wenn sie berhaupt einer der
Gthe'schen Gestalten glich, so glich sie der Braut von Korinth, aber
in entgegengesetzter Bedeutung, denn nicht der Geist sondern der Krper
spukte. Fr Poesie hatte sie durchaus keinen Sinn, und Gthe sagte
einmal selbst im Scherz: Es ist doch wunderlich, die Kleine kann gar
kein Gedicht verstehen. In ihrer Jugend war sie frisch gewesen, voll
und rothwangig war sie noch, aber ganz aus der niederlndischen Schule;
obgleich, wie gesagt, durchaus kein Klrchen. Sie war eine Schwester
des berhmten Verfassers des Rinaldo Rinaldini und Rinaldo Rinaldini
hatte eine Zeitlang wohl mehr Bewunderer in Deutschland gehabt, als
Wilhelm Meister. Die Neuvermhlte erwies ihrem Manne stets Ehrerbietung
und nannte ihn immer Herr Geheimrath. Das thaten wir andern auch. Als
ich ihn im Anfange Excellenz nannte, sagte er gutmthig: Lassen Sie
es beim Geheimrath bewenden! und dieser Titel klingt in Deutschland
sehr brgerlich; Frau Gthe war von einer raschen beweglichen Natur
und hielt nicht viel von dem stillen Leben, das ihr Mann fhrte. Der
Herr Geheimerath und ich -- soll sie einmal gesagt haben -- wir
sitzen immer und sehen einander an. Das wird am Ende langweilig. Das
Schauspielerpersonal huldigte ihr brigens mit vieler Aufmerksamkeit
und setzte so Eins oder das Andere durch. Gthe war nmlich Chef des
Theaters und das merkte man. Obgleich der Herzog nicht die Mittel hatte,
groe Talente zu belohnen, so wute Gthe doch meisterhaft zu benutzen,
was er hatte. Man sah nichts Schlechtes, nichts Geschmackloses; die
Affectation, die in Deutschland so oft verletzt, war hier verbannt; die
Provinzialdialecte verschmolzen zu einer gebildeten Sprache. Schiller's
Wallenstein's Lager und Wallenstein's Tod wurden edel aufgefhrt, und
selbst das Lied von der Glocke, das Gthe wunderlicherweise auf die
Bhne brachte, wurde so natrlich, als es mglich ist, gegeben, wenn man
die subjectiven lyrischen Ergsse eines Dichters als dramatische Scene
verschiedenen Menschen in den Mund legt. Als ein Beweis dafr, da die
Achtung, in der Gthe stand, selbst stark genug war, um den Uebermuth
der jenensischen Studenten zu zgeln, mag Folgendes dienen: Kurz vorher
waren sie _en masse_ im Schauspielhause in Weimar gewesen und hatten
tchtig gelrmt. Gthe erhob sich in seiner Loge und rief ihnen laut zu:
Still! still! bedenkt, wo Ihr seid! und es wurde still; nicht weil
der Minister sie daran erinnerte, da sie in einem frstlichen Theater
seien, sondern weil der groe Dichter sie daran erinnerte, da sie sich
im Tempel der Musen befnden. Man spielte Schiller's Ruber. Wenn auf
andern Theatern das Lied: Ein freies Leben fhren wir, gesungen wurde,
pflegten die Studenten im Parterre oft mitzusingen. Nun aber sandten
sie zuerst sehr ehrerbietig eine Deputation an Gthe in seine Loge, und
baten um die Erlaubni dazu, die sie auch erhielten. Aber Gthe mute
immer lachen, wenn er sich spter dieses Liedes erinnerte; denn imponirt
durch seine erste Ermahnung, hatten sie die Courage ganz verloren und
sangen Ein freies Leben fhren wir so langsam und zahm, wie man beim
Begrbni singt: Wer wei, wie nahe mir mein Ende.

[Sidenote: Gthe und die Jenenser Studenten.]

Ich sah zuweilen Falk bei Gthe. Eines Mittags hielt er uns eine
lange Vorlesung und ich wunderte mich ber die Geduld, mit der ihn
Gthe angehrt hatte. Nun, entgegnete Gthe, wenn ein Mensch so mit
einer Tafel auf der Brust zu mir kommt, auf die er Alles geschrieben
hat, was in ihm wohnt, so kann ich mich wohl einmal darein finden, zu
lesen, was darauf steht. -- Er war nicht immer so geduldig; es mute
auch Etwas auf der Tafel stehen. Ein junger Baron kam ihm einmal mit
erschrecklich groen Lobreden entgegen, aber auch mit sehr eingebildeten
Erklrungen ber Gthe's Genie, die kein Ende nahmen. Als er fertig
war, sagte Gthe: Sie hren sich gerne selbst reden, Herr Baron! und
kehrte ihm den Rcken zu. Gthe hate die Affectation. Er sa einmal bei
einer Mittagstafel zwischen zwei Frulein vom Lande. Das eine war sehr
sthetisch, das andere geradezu und prosaisch. Das sthetische hatte
ihn lange mit ihren nrrischen Entzckungen und sublimen Affectationen
ermdet. Als eine Ananas gegessen wurde, rief es: Ach, ach, Herr
Geheimerath! so eine Ananas riecht doch ganz gttlich! -- Hm! sagte
Gthe, woher wissen Sie denn eigentlich, wie die Gtter riechen? Drauf
wandte er sich an das andere und fragte: Wie viel Khe hat Ihr Vater,
Frulein?

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Reise nach Gotha.]

Wir speisten noch einmal bei Gthe zu Tische und verlieen darauf
Weimar, das aus einem Musensitze in ein Lazareth verwandelt war, und wo
das hbsche Theater, das so viele Jahre hindurch ein Tempel fr Gthe's
und Schiller's Meisterstcke gewesen, nun ein Hospital fr sterbende
Krieger und verwundete Krppel bildete.

Wir reisten nach Gotha, sobald wir Pferde bekommen konnten. Oft fuhr
der Postillon uns ber gepflgte Aecker, und wenn wir ihm das vorwarfen,
antwortete er: Ha! 's ist Krieg! Wir holten mehrere Colonnen
preuischer Kriegsgefangner ein, die nach Frankreich geschafft wurden.
Wir zeigten unsere Psse und man erlaubte uns hflich, weiterzufahren.
Nur einmal wollte ein betrunkener Husarenunteroffizier von Darmstadt
es nicht erlauben; er ritt uns auf den Leib, schwang seinen Sbel und
drohte, uns die Kpfe zu spalten, wenn wir einen Schritt an der Colonne
vorberfhren. Andere Unterofficiere kamen hinzu und riefen: Fahren
Sie nur! er ist betrunken, er thut Ihnen Nichts! -- Aber gerade weil
er betrunken war, glaubten wir, da er vielleicht erst recht Lust
bekommen knne, uns Etwas zu thun. Wir fuhren Schritt fr Schritt
hinterher und so kamen wir endlich nach Gotha. Hier standen wir nun in
einem friedlichen Lande, denn der Herzog hatte keinen Theil am Kriege
genommen. Wir waren also in vollstndiger Sicherheit und nicht mehr
der Willkr der Gewalt ausgesetzt. -- O, wie wohl that es mir, alte
Bcher aus einer Leihbibliothek zu holen, und mich bei dem vertraulichen
sichern Theetische mit meinen Freunden nach so vielen berstandenen
Mhseligkeiten und Gefahren in den idyllisch ruhigen Zustand meiner
Kindheit hinzuzaubern.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ankunft in Frankfurt.]

Nun rollte ich also mit meinen Landsleuten davon; wenn ich zuweilen
Heimweh fhlte, so trstete ich mich damit, ihre lieben nordischen
Gesichter anzusehen. Sie waren sehr verschieden und doch wahre Freunde.
Kos, (der spter in Griechenland starb) war ein geistvoller, lebhafter
Jngling, obwohl bleich und mager; Brndsted, der spter durch sein
gelehrtes Werk ber Griechenland berhmt wurde, war damals, was er
bis zu seinem Tode blieb, baumstark, geschmeidig, untersetzt, voller
Jovialitt und Vertrauen, freundlich und theilnehmend. Kos war mehr
still, verschwiegen und zurckhaltend; man mute ihn gut kennen, wenn er
sich aussprechen sollte. Sein mildes, sinniges Wesen war nicht weniger
angenehm.

In Gthe's Geburtsstadt, dem muntern Frankfurt, blieben wir einige Tage.
Den guten Rheinwein genossen wir sowohl in ungepretem Zustand als
Trauben sowie in gepretem, als vortrefflichen Dreiundachtziger; denn
der Elfter konnte von uns noch nicht genossen werden, da er erst fnf
Jahre spter wuchs.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: P. A. Heiberg.]

In einer kleinen deutschen Grenzstadt muten wir einige Stunden auf
frische Pferde warten; es war schwierig welche zu bekommen, denn
Talleyrand fuhr gerade durch die Stadt. Er sollte nach Berlin, um das
nrdliche Deutschland in Ordnung zu bringen, da es jetzt wie eine
eroberte Provinz behandelt wurde. Ich sehe zum Fenster hinaus und sage
verwundert zu Brndsted: Entweder betrgen mich meine Augen, oder P.
A. =Heiberg= steht unten auf der Strae. So war es. P. A. Heiberg
war im Gefolge Talleyrand's. Ich hatte groe Lust, einmal mit diesem
talentvollen Manne zu sprechen; seine komisch dramatische Laune hatte
mich oft amsirt; als politischen Schriftsteller kannte ich ihn wenig.
Ich ging ihm freundlich entgegen; aber er war kalt, und ich merkte
gleich, da wir nicht sympathisirten. Er stand sowohl politisch, wie
auch sthetisch ganz auf der franzsischen, ich auf der deutschen Seite
des Rheins. Zehn Jahre darauf sprach ich doch zuweilen mit ihm in
Paris. In der _revue encyclopdique_ hat er mich spter oft getadelt.
In einer Vorrede zu seinen dnischen Schauspielern sagt er, da ich
seine dramatischen Verdienste geringgeachtet haben solle, was nie der
Fall war. Ich habe im Gegentheil oft mit ihm selbst darber disputirt,
da er ein guter komischer Dichter sei, was er leugnete. Aber das mu
er vergessen haben. Besonders hat er es mir belgenommen, da ich in
einem Gedicht: =Das Gypsbild= in meiner Langelandsreise (gewi zu
voltairisch bertrieben) Voltaire angetastet hatte. In einer sptern
Ausgabe wollte Herr Heiberg durchaus keine Vernderung sehen, obgleich
ich die Ausdrcke sehr gemildert hatte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Erster Eindruck von Paris.]

Wir kamen ber den schnen Rhein, nach der unschnen Champagne, wo die
Natur, wie ich glaube, so viel mit dem lieblichen Wein zu thun hatte,
da ihr nicht Zeit blieb, an andere Vollkommenheiten zu denken. Nach
=Chalons= kam ich noch an meinem Geburtstage, dem vierzehnten November;
und als die guten Genossen meine Gesundheit bei einer Flasche Champagner
von der besten Sorte getrunken hatten, hielten wir Dnen am nchsten
Tage unsern Einzug in Paris, wo die groe steinerne _porte St. Martin_,
wie ein freistehender Triumphbogen, uns zu den schnen Boulevards
hinwinkte.

Als wir durch die Vorstadt kamen, wunderte ich mich fast darber,
da diese hliche armselige Stadt Paris sein sollte; ich glaubte,
der Kutscher htte sich im Wege geirrt und uns in eine verfallene
Provinzialstadt gefhrt. Wie verschieden ist der Eindruck von dem, den
viele andere Stdte machen, wo schne Alleen mit herrlichen Lusthusern
und Grten die Erwartung spannen und sie zuweilen berspannen, wenn man
die Schale besser findet, als den Kern. Hier geht es entgegengesetzt:
Paris liegt, wie eine Wallnu in der groen uern schmutzigen Schale,
die die Finger befleckt, wenn man sie angreift; aber kaum kamen wir
durch die harte Schale -- ich meine die Ehrenpforte, die Ludwig XIV.
sich selbst gebaut hat, so fanden wir den Kern angenehm. Es kam mir vor,
als wenn ich von allen Seiten den Chor aus meinem Sct.-Hans-Abendspiel
hrte:

              Allons, Allons, Courage!
              Schne Raritten, Scherz und Spiel u. s. w.

[Sidenote: Deutsches Studium in Paris.]

Paris ist so oft und so gut beschrieben, da es eine Thorheit wre,
es von Neuem zu thun. Es giebt Reisende, die aus keinem andern Grunde
reisen, als nur um zu beschreiben. Viele, die bequem sind und sich nicht
rhren mgen, setzen sich gleich, wenn sie nach einem so merkwrdigen
Orte kommen, mit allen Bchern, die sie erwischen knnen hin und
schreiben nun einen Auszug Dessen, was sie gelesen haben; was ungefhr
so ist, wie die Ragouts, die man in sparsamen Haushaltungen am Sonnabend
von den Ueberresten der ganzen Woche bekommt. Andere -- und besonders
die Englnder -- laufen wie toll mit der Zunge zum Halse heraus, um
Alles zu sehen; nicht, um es zu genieen, zu fhlen, sondern um mit
beruhigtem Gewissen sagen zu knnen: Wir haben es selbst gesehen! was
doch eine Lge ist; denn was wie ein Blitz vorbereilt, sieht man nicht
mit dem Auge der Seele! -- Ich fing es hier auf eine ganz andere Art an.
Ich hatte beschlossen, eine geraume Zeit in Paris zu bleiben. Zwei Dinge
wollte ich ordentlich lernen: erstens Franzsisch zu verstehen; denn ich
verstand nicht ein Wort, wenn man rasch sprach, und hatte nicht viel
mehr gelernt, als was Herr Horslund mir in der Schule fr die Nachwelt
einprgelte, nmlich: _Fenelon's Telemaque, Marmontel's contes moreaux_
und das schwierigste aller Zeitwrter: _s'en aller_, fortgehen. Nun war
ich fortgegangen und hoffte, da das Andere Alles von selbst kommen
wrde. Darauf wollte ich es dahin bringen, gut Deutsch zu schreiben, d.
h. -- in dieser Sprache auf eine Weise dichten, die sich der der Besten
nhern konnte. Dies schien mir viel leichter. Ich hielt es fr leichter,
Deutsch, wie ein eingeborner deutscher Dichter zu schreiben, als soviel
Franzsisch zu lernen, da ich mich, sowie viele tausend Fremde, in der
gewhnlichen Conversation mit Leichtigkeit ausdrcken knne. Meine erste
und wichtigste Beschftigung in Paris war also, Deutsch zu dichten. Es
gab Deutsche genug dort, mit denen ich tglich umgehen und mich ben
konnte. Ich hatte den Aladdin bereits in Weimar und Jena bersetzt;
hatte das Manuscript an Frommann in Jena verkauft und hatte es bei Dr.
Riemer, Gthe's allersecretestem Secretair (d. h. der nach dem Dictat
alle Werke Gthe's schrieb) zurckgelassen. Aber ich erhielt den Aladdin
mit einem sehr freundlichen und hbschen Briefe wieder, in dem ungefhr
stand: Als Du uns den Aladdin vom Blatte bersetztest, wutest Du mit
einer gewissen naiven, schelmischen Laune selbst den Sprachfehlern etwas
Poetisches, Angenehmes zu geben, das sowohl Gthe, wie mich bestach;
nun aber, da die todten Buchstaben vor uns liegen und wir die Worte
corrigiren sollen, sehen wir, da es eine Unmglichkeit ist. Es wre
Snde, wenn dieses Werk nicht all' die Vollendung in der Sprache haben
sollte, die mglich ist; und die kann ihm Keiner geben, als Du selbst.
Du hast nun grere Fertigkeiten erlangt, und mut Deinen Aladdin von
vorn bis hinten ganz umarbeiten. Das lie ich mir nicht zwei Mal sagen.
Kaum war ich etwas heimisch in Paris, als ich mit grter Lust und mit
Flei von vorn wieder anfing; und ein paar Monate darauf hatte ich
Aladdin wieder fertig, so wie er bei Brockhaus in Amsterdam erschien.
Dr. Koreff half mir freundschaftlich dabei, die Sprachfehler zu
corrigiren, und erst nachdem er und andere geschmackvolle Deutsche mich
versichert hatten, da Aladdin im Genius der Sprache gedichtet sei,
sandte ich das Manuscript zum Druck fort.

Ich lie Brndsted und Kos fr alle weltlichen Dinge sorgen, was unsere
Haushaltung betraf. Wir waren in das _Htel de Strassbourg_, _rue de la
loi_, wie die _rue Richelieu_ damals hie, gekommen, aber wir merkten
bald da es zu theuer sei, und zogen deshalb in das _Htel de Hollande_,
_rue des bons enfans_, wo es auch zu viel billigerem Preise sehr gut war
und wo wir neben einander wohnten.

[Sidenote: Eine Pariserin.]

Whrend wir uns in den ersten Tagen noch im _Htel de Strassbourg_
aufhielten, ereignete sich eine komische Begebenheit, die ich als
Beweis fr meine Unwissenheit im Franzsischen, so wie fr Kos' und
Brndsted's Unerfahrenheit, wenn auch nicht gerade in der Sprache, so
doch in der Lebensweise, erzhlen will. Wir bekamen ein Billet von
einer Dame, welche uns gegenber in einem Htel wohnte, ob wir ihr
die Ehre erweisen wollten, sie zu besuchen, sie htte mit uns ber
einige Bekannte, die uns nahe stnden, Etwas zu sprechen. Wir glaubten
Nachrichten von der Heimath oder aus Deutschland zu erhalten, gingen
also gleich hinber und kamen in hbsche Zimmer, wo eine ltere Dame,
die aber noch recht hbsch und auerordentlich elegant gekleidet
war, uns mit einer Grazie empfing, die der Pariserin eigen ist, und
uns bat, am Kamine Platz zu nehmen, und mit Brndsted und Kos ein
Gesprch begann, da sie gleich bemerkte, da ich nur als stumme Person
mitgekommen sei. Was sie sagte, konnte ich gar nicht verstehen, da sie
sehr rasch sprach; nur machte es mir Vergngen, ihre liebenswrdige
Virtuositt im Vortrage zu bewundern. Nachdem sie fertig war, erhoben
sich Brndsted und Kos, -- der Letztere mit einem Lcheln, das
characteristisch fr ihn war, wenn Etwas vorfiel, was ihm nicht gefiel,
wo er sich aber aus Hflichkeit doch nicht weiter einlassen wollte.
-- Sie begleitete uns sehr anmuthig bis zur Thr; ich verbeugte mich
mehrere Male ehrerbietig vor ihr auf der Treppe -- und erst als wir auf
die Strae gekommen waren, sagte mir das Lachen der Andern, was ich
gleich htte begreifen und verstehen sollen, wenn ich nicht so unwissend
und unerfahren im Franzsischen gewesen wre.

Kaum hatten wir uns huslich wie gute Kinder im _Htel des bons enfans_
eingerichtet, als Jeder sich in seinem Winkel fleiig an die Arbeit
setzte; Brndsted und Kos bereiteten sich auf ihre griechische Reise
vor, jener besonders, indem er Villoison's Papiere studirte. Ich schrieb
bald Deutsch, bald dichtete ich Dnisch und bald las ich Franzsisch.
Mittags aen wir grtentheils bei Grignon, und am Abend war ich im
Theater; Kos kam auch oft dahin, aber Brndsted seltener; er liebte es
mehr, in den Abendstunden bei einer Pfeife Tabak zu musiciren.

[Sidenote: Franzsische Lehrstunden.]

Ich hatte einen sehr guten Lehrer im Franzsischen, =Depping=,
bekommen, spter durch sein Werk ber die Normannen, seine interessante
Lebensbeschreibung und viele andere Schriften bekannt. In dieser
Lebensbeschreibung, in der er meiner brigens sehr freundschaftlich
und schmeichelhaft erwhnt, scherzt er darber, da ich nur langsam
Fortschritte im Franzsischen machte; da wir die Stunden oft mit
Gesprchen zubrachten, in denen er mehr von mir, als ich von ihm
lernte; da ich das Franzsische nicht als eine richtige Sprache gelten
lassen wollte &c., und darauf ruft er scherzend aus: _diem et oleum
perdidi!_ -- Aber auf demselben Blatte erzhlte er auch, da ich Frau
Stal's Improvisation der Corinna in deutsche Verse bertrug, da ich
ganze Scenen des Corneille parodirte &c., welches doch nicht htte
geschehen knnen, wenn ich nicht in seiner Stunde einige Fortschritte im
Franzsischen gemacht htte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Umgang mit dem dnischen Minister Dreyer.]

Wir besuchten oft unsern Minister =Dreyer=, einen freundlichen alten
Mann, gro, gut gewachsen, gesund und frisch, einen klugen, muntern
Kopf mit vieler Menschenkenntni. Napoleon achtete ihn hher und konnte
ihn besser leiden, als viele andere Minister. Er lud uns oft zu Tisch,
war nicht kleinlich eitel, und schmte sich durchaus nicht seiner
brgerlichen Herkunft; im Gegentheil amsirte es ihn, mit uns von seiner
Jugend, den damaligen Sitten und davon zu sprechen, auf welche Weise er
unter Struensee sein Glck gemacht hatte. In meiner Jugend hatte ich
zuweilen mit meinen Eltern einen Kupferschmied, einen Vetter von ihm,
besucht, und deshalb, glaube ich, konnte mich der Minister noch besser
leiden; er nannte mich: Unsern dnischen Voltaire. Wir waren oft bei
ihm. Ein Mal nahm er uns mit zur Stadt hinaus und tractirte uns da. --
Es traf sich gerade, da ich ihn Excellenz nannte, whrend der Aufwrter
zugegen war; Ei, flsterte er mir munter ins Ohr, lassen Sie die
Excellenz hier aus dem Spiele, sonst mssen wir mehr bezahlen.

Das erste Mal, wo wir ihn besuchten, fragte er uns sehr gutmthig:
Weshalb sind sie denn eigentlich nach Paris gekommen? um sich zu
amsiren, nicht wahr? Brndsted und Kos fingen an, die gelehrten
Gesichter etwas zu verziehen und schienen Einwendungen machen zu
wollen, aber ich ergriff das Wort, ehe sie anfingen, und rief sehr
eifrig: Ja, Ew. Excellenz! ganz richtig! nur um uns zu amsiren. Ich
wenigstens komme hauptschlich deshalb. Ich hielt es nmlich immer
fr meine Dichterpflicht, das =Vergngen= zu vertheidigen und es zu
Ehre und Wrde zu bringen, so wie es meine Pflicht war, es durch Kunst
zu veredeln. Eine Periode, die in meine Jugendzeit fiel, laborirte an
dem =Aberglauben des Nutzens=. Genie, Kunst, Schnheit, Phantasie,
Gefhl wurden verachtet und einem guten, gewhnlichen, hausbackenen
Verstande untergeordnet; tgliches Arbeiten wurde mehr gelohnt, als eine
ausgezeichnete That. Sclaventhum war etwas Reelles, Heldenthat etwas
Phantastisches. Sonderbar genug, da ein =Krieg= oder die =Folgen= eines
Krieges die Veranlassung zu diesem Aberglauben im Norden gaben; denn im
Sden konnte Liebe und Achtung vor der Kunst und vor dem Schnen nie
so vollstndig verdrngt werden, wenn daselbst auch lange keine Genies
entstanden. Ich nenne es sonderbar; denn sonst stehen Held und Dichter
ja in naher Sympathie. Mars kann nicht den Apoll, Thor nicht den Bragi
entbehren; Olaf der Heilige mute alle seine Skjalden im innern Kreise
der Schlacht haben, um zu verewigen, was sonst gleich dem Donner im
Fluge der Wolken in ewiges Vergessen sinken wrde. -- Auch Napoleon
achtete die Dichtkunst und sagte: Wenn Corneille lebte, wrde ich ihn
zum Herzoge machen.

[Sidenote: Der Aberglaube des Nutzens.]

Also: jener prosaische -- nicht Krieg, denn der war poetisch und
schn -- aber die prosaische Folge jenes Krieges war, wenn ich es so
nennen darf, die nordamerikanische Denkungsweise, die groen Eingang in
Europa fand. Als die guten Brger sich eine freie Existenz geschafft
hatten, muten sie daran denken, die Wlder zu lichten, die Smpfe
auszutrocknen, ihre Huser und Schiffe zu bauen, Mhlen und Schleusen
anzulegen, kurz sich konomisch einzurichten. Ein groes Genie und ein
groer Mann in dieser Richtung, der Sokrates der neueren Zeit, Franklin,
gab den Ton an, und sein Wort und Beispiel hatten einen segensreichen
Einflu auf den Wohlstand der Nordamerikaner. Es war auch ganz gut, da
andere Nationen sich in vieler Beziehung in dieser Richtung bildeten
-- aber dadurch erhielt das Zeitalter auch ein ganz konomisches
Geprge, das Genie und Kunst verachtete. Andere vorhergehende Kriege
hatten bereits den Grund gelegt. Nachdem der dreiigjhrige Krieg wie
ein Scirocco fast jedes poetische Hlmchen ausgedrrt und verbrannt
hatte -- so da das ganze geistige Norddeutschland der lneburger
Haide gleich -- vollendete der siebenjhrige Krieg das Werk, in
welchem Werberei, militrischer Despotismus, die Fuchtel, Spieruthen,
das Unterofficierwesen dem Asathor den Helm vollstndig abri, den
dreieckigen Filzhut tief in die Augen drckte, und ihm den Haselstock
in die Hand gab. Statt da Held und Dichter frher Bruder und Freund
gewesen waren, kmpfte nun Jakob von Thybo lcherlicherweise mit
Stygotius; und wir konnten Holberg's satyrischer Geiel danken, da
jene Tollheit frher bei uns als an vielen anderen Orten, namentlich
in Deutschland, aufhrte, das immer entsetzlich lange Zeit braucht,
um aus seinen alten Falten zu kommen. So wild, toll und grausam die
franzsische Revolution auch wurde, war sie in ihrem Anfange doch
edel und poetisch. Nun hatte ein mchtiger Genius die verwirrten
Massen zusammengezwungen, Ordnung in die Ausschweifungen gebracht,
die Krfte zu mchtiger Wirkung gesammelt; es konnte doch trotz der
ungeheuren jhrlichen Menschenopfer, (die zuletzt auch den Opferpriester
trafen) Etwas gedeihen und blhen. Diese letzten Kriege, in denen
Landesvertheidigung und Eroberungslust gegen einander ankmpften, waren
poetische Kriege, und der Sturm vertrieb den Nebel des Sumpfes. Ich
war in eine Stadt gekommen, die der Sammelplatz fr Alles war, was es
Wichtiges und Groes in Europa gab, wo der Alexander oder Caesar der
Gegenwart Hof hielt. Karl der Groe lebte wieder in Paris. Paris fhlte
seine Macht, sein Uebergewicht. Die Vergngungen, die hier stets geblht
hatten, erhielten einen mehr poetischen Character; -- und war es also
ein Wunder, wenn der junge Dichter hauptschlich hingekommen war, um
sich zu =vergngen=?

[Sidenote: Apologie des Vergngens.]

Aber auch zum Arbeiten war ich hingekommen; die eine Kunst bedarf
der andern. Wenn der Baumeister mit seinem Palast fertig ist, mu der
Bildhauer Statuen in die Halle setzen und der Maler Decken und Wnde
schmcken. Diese Kunstwerke geben dem Palaste hhern Werth; das edle
Gebude, in dem diese Werke sich befinden, verleiht ihnen wiederum
Werth. -- Die dramatische Poesie bedarf der Malerei, der Musik, des
Tanzes, der Mechanik und besonders der Schauspielkunst! War es nun ein
Wunder, da diese schne, in Paris stets zur hchsten Vollkommenheit
gestiegene Kunst, sich die Bewunderung des jungen dramatischen Dichters
zuzog? Wenn ich also dem alten Minister sagte, da ich hauptschlich
nach Paris gekommen war, um mich zu amsiren, so meinte ich, da ich
jeden Abend ins Schauspiel gehen wolle, damit meinte ich wieder, da
ich meine Kunst studiren, und mein Vergngen mit einer ernsten Arbeit
vereinigen wollte, ohne welche es kein Vergngen giebt, da jedes
Vergngen ohne Arbeit bald eine matte, ermdende Langeweile wird.

[Sidenote: Knstlerische Befhigung der Franzosen.]

Die Franzosen sind stets viel vortrefflichere Schauspieler als
Dichter gewesen. Zu einem groen Dichter gehrt eine ruhige, einsam
wirkende Kraft. Die geschmeidige Empfnglichkeit, Aufmerksamkeit,
Leichtbeweglichkeit, das rasch aufflackernde Feuer, die witzige
Munterkeit und Grazie des Franzosen machen ihn sehr geeignet zur
Schauspielkunst, die zwar auch selbststndig ist, aber doch nicht so
wie die andern Knste; die wohl auch Erfindungsgabe fordert, aber doch
mehr um die gegebenen Zeichnungen zu Gemlden auszufhren, als von
Anfang an zu zeichnen und selbst zu erfinden. Die schnell aufflammende
Begeisterung des Franzosen, die dem Feuerwerke gleicht, das leicht
kommt und verschwindet, macht ihn auch wohl zum tragischen Schauspieler
geeignet, um in einzelnen Scenen darzustellen, was der Dichter in
lngerer Zeit ruhig gedacht, gefhlt und ausgefhrt hat. -- Bereits der
Roscius der Rmer war ein Gallier, der Garrick der Britten (Garrique)
war von franzsischer Familie, und nun stand Talma -- als der groe
Schauspieler und -- als Napoleon's Freund da.

[Sidenote: Napoleon und Talma.]

Als Napoleons Freund? fragt mancher vornehme Herr und rmpft die
Nase. Sie glauben wohl auch das lcherliche Mrchen, da Napoleon
von einem Komdianten lernte, wie er stehen und gehen solle? &c. Ich
zweifle durchaus nicht daran, und es war in Paris ein allgemeines
Gercht. Napoleon hatte Talma gekannt, als der Unterschied zwischen
ihnen nicht gro, als er selbst Artillerielieutenant war. Napoleon hatte
als Held Sinn und Liebe fr das Tragische. Es war nicht Affectation von
ihm, da er den Ossian liebte. Er liebte auch Talma auf die Weise, wie
Napoleon Menschen lieben konnte. Er bewunderte sein Genie, erblickte die
Helden der Vergangenheit, denen er glich und zum Theil nachahmte, durch
Talma's Kunst; und als die Umstnde es mit sich gefhrt hatten, da
Napoleon reprsentiren sollte, als Aller Augen nicht allein auf seine
Handlungen und Befehle, sondern auch auf seine Persnlichkeit gerichtet
waren, hat dieser reelle klare Mann gewi nichts gegen eine bescheidene
Anweisung seines alten, bescheidenen Freundes in Betreff einer edlen
Krperstellung gehabt. Er brauchte ja nur Talma oft im Theater zu
sehen, um Etwas von ihm zu lernen. Aber Talma besuchte ihn auerdem
hufig beim Frhstck. Merkwrdig ist es, da Napoleon, dem es sonst
nicht an Muth fehlte, nicht Courage genug hatte, um das schmachvolle
dumme Vorurtheil zu vernichten, das auf den Schauspielern lastete. Das
beweist neben vielem Andern, da er, was die Kunst betrifft, nur in ihre
Vorhallen eingetreten war; -- und wie konnte auch eine so egoistische,
herrschschtige Natur wahres Gefhl fr das Schne, fr das tugendhaft
Groe haben? Aber einen bedeutenden Theil das sthetisch Groen fate
Napoleon, soweit es sich mit seinem Wesen verband; so erfate er auch
Talma. -- Es wre diesem gewi eine leichte Sache gewesen, auf eine
glnzendere Weise sein Glck zu machen, wenn er das Theater verlassen
htte. Aber Talma liebte seine Kunst mehr, als eitle Ehre; dehalb
blieb er Komdiant, whrend viele Andere Herzge und Grafen wurden. Ja
selbst in seiner Todesstunde verleugnete er seinen Stand nicht, sondern
lie den Erzbischof drei Mal vergebens zu ihm schicken, als dieser ihn
auf dem Krankenbette bekehren wollte, um ihm ein ehrenvolles Begrbni
gestatten zu knnen, welches das Volk ihm bestimmt hatte, und das, wie
der Bischof wohl fhlte, Talma verdiente. Aber selbst in der Todesstunde
erkannte der Knstler das Lcherliche und Schmhliche, die schne
Wirksamkeit seines ganzen Lebens reuemthig fr eine Snde und Verirrung
zu erklren, nur damit man -- ohne gegen die religise Etiquette zu
verstoen -- ihn dafr ehren knne. Talma lebte und starb als Komdiant;
aber sein Name wird stets in der Geschichte Napoleon's mit unsterblicher
Ehre dastehen, wenn viele Herzge und Grafen vergessen sein werden.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ueber das Wesen der Tragdie.]

Meine meiste Zeit in Paris war also dazwischen getheilt, Schauspiele
zu sehen, und selbst welche zu schreiben. Ich vermuthe, da meine
Leser, denen die Entwickelung meines innern Lebens eben so groer
Aufmerksamkeit werth sein mu, wie die Erzhlung meiner Erlebnisse, hier
gern die Grundstze und Ansichten hren werden, nach denen ich dichtete.

Ich hatte mit groer Aufmerksamkeit mehre Male des Aristoteles Fragmente
ber die Poetik und den Sophokles gelesen. Ich fand, da der Erstere mit
klarem Verstande das Wesen und den Character der Tragdie seiner Nation
erfat; da er ihre Begriffe in deutlichen Bedingungen hingestellt
habe. Nicht das Geringste von Einbildung, von Machtsprchen fand ich
beim Aristoteles. Er meint nicht: So habe ich ausspeculirt, da man
es machen mu, um ein tragischer Dichter zu werden; er meint: So
haben groe Tragiker gedichtet, dadurch haben sie gewirkt; das mu wohl
also die Natur der Kunst sein, die er dann geistreich beobachtet und
deutlich mittheilt.

Seine wichtigsten Ansichten sind: da die Tragdie hauptschlich durch
=Handlungen= und =Charactere= wirken msse. Doch hlt er die Handlung
fr das Wesentlichste, weil eine Tragdie selbst ohne Characterzeichnung
durch die einfache Fabel wirken kann, aber nicht entgegengesetzt.
Gerade das, wodurch eine solche Dichtung die Herzen gewinnt, liegt in
der Fabel. Die Fabel, sagt er, gleicht der Zeichnung, der Character dem
Colorit in einem Gemlde; selbst die einfache Kreidezeichnung kann schn
sein, nicht aber die Farbe ohne Umri. Aber nach der Fabel sind die
Charactere das Wichtigste und Aristoteles tadelt einige neuere Dichter,
weil sie characterlose Tragdien geschrieben haben. Die Handlung, meint
er weiter, mu ganz und vollstndig sein, mu eine gewisse =Gre=
besitzen; denn es giebt auch ein Ganzes ohne Gre. Ein Ganzes mu
Anfang, Mitte und Ende haben. Der Anfang ist Das, was nicht nothwendig
auf etwas Vorhergehendes folgt, sondern auf das nothwendig Etwas folgen
mu; die Mitte folgt auf Etwas und hat Etwas zur Folge; der Schlu folgt
auf Etwas ohne Folge.

Hier ist das Feld fr die Composition liberal und frei geffnet,
indem der Denker doch zugleich zeigt, da man sich nicht der Willkr
berlassen darf, sondern da eine natrliche Selbststndigkeit des
Stoffes, ein Zusammenhang und die Steigerung des Interesses nthig sei.

Nachdem er bemerkt hat, da die Gre auch nicht zu gro,
=unberschaulich= sein drfe, macht er darauf aufmerksam, da es nicht
so sehr des Dichters Aufgabe sei, solche Begebenheiten darzustellen,
die geschehen sind, als solche, die, der Wahrscheinlichkeit
und Nothwendigkeit nach, geschehen sein =knnten= oder mglich
wren; da nicht bloe =Metrik= den Dichter ausmache und ihn vom
Geschichtsschreiber trenne; sondern, da dieser eine wirklich geschehene
Begebenheit erzhlt, jener eine =mgliche= darstellt; und da deshalb
die Poesie mehr ein Werk des Genies und des Studiums, als die Geschichte
sei.

Von allen Fabeln erklrt Aristoteles die =episodische= fr die
schlechteste. Aber hier ist er oft miverstanden und seine Autoritt
gemibraucht worden; denn er fgt ausdrcklich hinzu: Wenn die Episoden
weder der Wahrscheinlichkeit, noch der Nothwendigkeit nach mit einander
verbunden sind. Seine Ansicht ist also nicht, da in einer guten
Tragdie gar keine Episoden sein drften; einige der besten griechischen
Stcke (z. B. Antigone und Ajax) endigen sogar groartig und feierlich
mit Episoden. Und der Glaube, da eine Tragdie nothwendig mit dem
Culminationspunkte der Handlung endigen msse, ist ganz schief und
falsch. Eine Tragdie ist kein Epigramm, das mit einer Pointe abknallen
mu; oft ist die =Folge= einer Handlung hchst rhrend, interessant,
erhebend, belehrend, ja sogar das Poetischeste. Das Wesen der Tragdie
ist nicht allein, zu spannen, zu berraschen; sondern den Geist durch
eine vollstndig schne Darstellung des menschlich Groen zu befriedigen.

Die Tragdie -- sagt Aristoteles sehr richtig -- wirke besonders,
wenn die Handlung uns durch =Schrecken oder Mitleid= rhrt. -- Er hat
gewi Recht darin, da diese Gefhle die Springfedern und Triebrder
des Ganzen sind; sie sind nichts Anderes, als starke Wirkungen des
Interesses fr die Menschen, die auf uns selbst als ihres Gleichen
zurckwirken: Schreck oder Furcht fr ihr Schicksal, =bevor= es sie
getroffen; und Mitleiden, wenn sie unterliegen. Denn der Stoff der
Tragdie ist =Kampf mit dem Unglcke=, ein krftiger Kampf; und der
eigentliche =Trost= besteht darin, da das Ewige siegt, wenn auch das
Irdische zu Grunde geht. Deshalb ist auch die Grundlage fr die wahre
Tragdie eine hhere, gesunde =Heiterkeit=. Melancholie und Hypochondrie
haben, wie alles Krankhafte, durchaus Nichts mit der Kunst zu thun, und
der, welcher sich durch eine gute Tragdie =niedergeschlagen= fhlt, ist
gar nicht im Stande, sie oder ihre Schnheiten zu fassen; denn gerade
im Gegentheile, sie strkt den Geist und erhebt die Seele. Deshalb wird
sie auch besonders von der Jugend geliebt. Je mehr sich dagegen der
Aeltere selbst dem Grabe nhert, destoweniger Lust und Muth hat er, sich
mit der Bildung des Todes zu beschftigen, ihm in die Augen zu schauen;
er bedarf der Zerstreuung und will von dem =Komischen= aufgeheitert
werden. Doch kommt auch hier die erweiterte Menschenkenntni, der
ruhigere Sinn fr die feinen Mischungen des Characteristischen in allen
Verhltnissen des Lebens, die dem reifern Alter folgen, mit ins Spiel;
whrend sich die Jugend im Allgemeinen nur an dem Leidenschaftlichen
erfreut. -- Aristoteles sagt vom tragischen Helden, da er nicht ganz
unschuldig sein drfe -- denn dann zrnen wir ber sein grausames,
ungerechtes Schicksal -- er drfe auch kein vollstndiger Bsewicht sein
-- denn dann haben wir kein Mitleiden mit ihm; -- sondern ein Mensch
von vermischten Eigenschaften, der sich durch Fehler sein Schicksal
zugezogen hat, ohne es ganz zu verdienen. Dies ist recht geistreich;
nur mssen wir die Bemerkung machen, da wir es jetzt, als =Christen=,
ertragen knnen, auch das Unglck eines ganz =Unschuldigen= zu sehen, da
wir nicht mehr an einem ewigen seligen Leben, an einer strafenden und
belohnenden Gerechtigkeit jenseits des Grabes zweifeln. Und selbst bei
dem Griechen Sophokles ist z. B. Antigone ganz unschuldig und weicht
keiner Christin an Seelenadel.

Aristoteles sagt von der Katastrophe, da sie sich nach Nothwendigkeit
oder Wahrscheinlichkeit aus der Composition entwickeln, da die Tragdie
eine Verwickelung und eine Auflsung haben msse. Nur solche Handlungen
geben einen Stoff fr Tragdien, wo Feindlichkeiten und Verbrechen aus
vorhergegangenen freundlichen Verhltnissen entspringen, denn da der
erklrte Feind seinen Feind verfolgt, hat nichts Merkwrdiges oder
Rhrendes. Die Charactere, sagt er weiter, mssen =edel geschildert=
sein, deshalb mu man es machen, wie die guten Maler, die trotzdem
sie nach der Aehnlichkeit des Originales streben, doch unbeschadet
dieser Aehnlichkeit das Bild veredeln. So soll auch der Dichter, wenn
er wilde, aufgebrachte Menschen schildert, sich mehr dem moralischen
Muster, als der Rohheit nhern. Er mu sich so viel, als mglich die
Handlung vergegenwrtigen, um das Eigenthmliche zu whlen, das Unntze
zu verwerfen; er mu sich selbst in die Handlung versetzen; denn der
natrlichen Sympathie zufolge rhrt der am meisten, der die Leidenschaft
selbst zuerst empfindet.

Dies drckt Horaz hbsch in seiner _ars potica_ so aus:

            _Non satis est, pulchra esse poemata; dulcia sunto
            et quocumque volent, animum auditoris agunto.
            -- -- Si vis me flere, dolendum est
            primum ipsi tibi._

Und Claudius in seinem Epigramm ber Voltaire und Shakespeare, drckt
es eben so hbsch auf seine launige Weise aus, wenn er sagt:

              Der Meister Arouet =schreibt=: er weine, --
              Und Shakespeare =weint=!

Ich lernte bald, die Worte des Aristoteles, da das tragische Unglck
sich aus Fehlern entwickeln msse, denen Personen von hohem Range und
blhendem Glcke unterworfen seien, nicht buchstblich zu nehmen,
sondern sie nur mit Beschrnkung zu verstehen, wie Lessing, wenn er in
seiner Hamburger Dramaturgie bemerkt:

Die Namen der Frsten und Helden knnen einem Stcke Pomp und Majestt
geben; aber zur Rhrung tragen sie nichts bei. Das Unglck Derjenigen,
deren Umstnde den unsrigen am nchsten kommen, mu natrlicherweise
am tiefsten in unsere Seele dringen; und wenn wir mit Knigen Mitleid
haben, so haben wir es mit ihnen als mit Menschen, und nicht als mit
Knigen. Macht ihr Stand schon fters ihre Unflle wichtiger, so
macht er sie darum nicht interessanter. Immerhin mgen ganze Vlker
darein verwickelt werden; unsere Sympathie erfordert einen einzelnen
Gegenstand, und ein Staat ist ein viel zu abstracter Begriff fr unsere
Empfindungen.

In gleichem Tone spricht A. W. Schlegel in seinem spter (1809)
erschienenen Buche ber dramatische Kunst und Literatur so:

Die griechischen Tragiker schildern uns die Zerrttung der Knigshuser
wahrlich nicht in ihrem Bezuge auf den Zustand der Vlker; sie zeigen
uns im Knige den Menschen, und weit entfernt, zwischen uns und ihren
Helden den Purpurmantel als eine Scheidewand vorzubreiten, lassen sie
uns durch dessen eiteln Glanz hindurch in einen von Leidenschaften
zerrissenen Busen schauen.

Das Obenangefhrte ist ungefhr der Hauptinhalt der Aristotelischen
Abhandlung ber die Tragdie. Ich bemhte mich stets, mir diesen
Katechismus des gesunden Menschenverstandes gut ins Gedchtni
einzuprgen; denn so geradezu er auch ist, enthlt er doch die
wichtigsten Ideen ber die Natur des tragischen Gedichtes.

[Sidenote: Vergleiche mit andern Dichtern.]

Wenn ich nun diese Grundstze mit andern verband, welche ich bei
Lessing, Herder, Schiller, Gthe, den beiden Schlegel's, Jean Paul,
Hugh Blair, Home &c. fand, so bildete sich nach und nach eine sichere,
klare Theorie in meinem Kopfe, die ich spter durch eigene Gedanken und
Erfahrungen zu bereichern strebte.

Mit den groen Dichtern wurde ich immer vertrauter, bewunderte ihre
Schnheiten, bildete mich aber nicht sclavisch nach ihren Eigenheiten.
Ich wute: Jeder Mensch, selbst der grere, hat seine Fehler und
Mngel, die der geringere Nachfolger leicht entdecken kann aber nicht
nachahmen darf. Fr das Mangelhafte in seinen Werken wird die sparsame
Natur schon selbst sorgen. Sophokles entzckte mich durch seine einfache
Gre, durch seine Plastik; aber ich fand, da die Weitlufigkeit der
Redner und die zu knstliche Einmischung der Chre seinem Zeitalter
angehrten und nicht nachgeahmt werden drften. Bei Shakespeare fand ich
die tiefe Kenntni des menschlichen Herzens, die vielfltigen, krftigen
Characterschilderungen, den poetischen Ausdruck der Leidenschaft und
des Gefhls, die Weltkenntni, das blhende Colorit des Schmerzes und
der Freude, die naive Natrlichkeit -- gttlich und unvergleichlich.
Aber ich fand, da er in der Composition seiner meisten Stcke nicht als
Muster dienen knne, wenn auch die Franzosen in unzhligen Vorwrfen
Unrecht hatten, weil sie stets das Conventionelle fr das Natrliche
ansahen. Selbst bei Shakespeare, wie bei jedem andern Dichter, findet
man etwas Conventionelles, das der Zeit angehrt und damals Mode war:
in den Wortspielen, den Plumpheiten, der allzukunstlosen, hufigen
Einmischung weitluftiger Episoden. Seine Eigenthmlichkeiten als Mensch
und Englnder waren mir lieb; aber es konnte mir nicht einfallen, seinen
Humor nachzuahmen, der sich so gern witzig dem Wahnwitzigen nhert
und tragisch damit spielt. -- Ich fand, da Schlegel und Gries sich
verdient um die Literatur gemacht hatten, indem sie einen Theil von
=Calderon= bersetzten. Mitten in einer Menge ungeheurer Blumengebsche,
deren Luxus mir nicht gefiel, und deren Duft mich fast betubte,
standen Calderon's hchst poetische Figuren in schnen, richtigen
Situationen da. Ein Theil Leser und Nachahmer vergaen diese schnen
Menschenbilder ber den Blumengebschen. Eine Menge Galanteriebuden
wurden aufgerichtet, wo man die natrlichen spanischen Rosen aus
deutschem Nesseltuche nachmachte. Als ich den =standhaften Prinzen= las,
schtzte ich auch den Menschen, den Denker Calderon recht; und obgleich
ich nicht dieselbe Liberalitt und Geistesfreiheit bei dem katholischen
Adelsmanne, wie bei dem Protestanten und Brger Shakespeare fand, so sah
ich doch ein, da sein schnes Genie, sein gesunder Menschenverstand
ihm all' die Billigkeit geschenkt hatten, die man von einem beliebten
Dichter aus der Zeit der _Auto da f's_ erwarten konnte. -- Ich wagte es
spter auch mit Sparsamkeit einige von Calderon's schnen Versformen in
meinen Stcken anzuwenden.

Ueber Gthe habe ich bereits meine Ansicht ausgesprochen. Seine milde
Ironie, seine echt poetischen frischen Darstellungen konnten nicht
besser sein; nur ist in seinen ersten Werken zu viel, in seinen sptern
zu wenig Stoff fr die Bhne; auch fehlt es seinen Dramen im Ganzen
an der Leidenschaft und Khnheit, die dazu gehren, wenn man groe
Wirkungen hervorbringen will. Diese besitzt Schiller im hohen Grade.
Kein Dichter war mehr als er, Herr des hohen Gefhles, der edlen
Begeisterung; aber man mu sich davor hten, in Schiller's allzulange,
rhetorisch-philosophische Reflexionen zu verfallen.

Ich fhlte: in jeder Poesie setzt stets ein edles Herz dem Genie
die Krone auf. Kalter Verstand und ein khnes Phantasiespiel mit den
Gaukelbildern des Lebens gengt nicht; das Genie kann sich auch mit
Hochmuth, Hrte, Ausschweifung, Spott, selbst mit Grausamkeit verbinden.
Aber dieser Lucifer ist ein gefallener Engel. Er imponirt. Viele gute
Kpfe und verderbte Herzen ziehen ihn vor, finden in dem krftigen
geistvollen =Trotz= einen Versteck fr ihre Snden, und nennen die
weniger pikante Besonnenheit und Herzlichkeit vielleicht gar widerlich
und matt. So schilt ein verderbter Saufbruder die idyllische Milch und
das gesunde Brot weichlich, obgleich es Riesen nhrt, und der Spiritus
ihm selbst zuletzt das _Delirium tremens_ verschafft.

[Sidenote: Das Aesthetische und das Ethische.]

Wie viel Humanitt athmet nicht in dem Pathos des Aeschylos? Wie rhrend
ist Sophokles! Sein unglcklicher Oedipus, der endlich in Kolonos Ruhe
findet; die hohe Antigone, die aus schwesterlicher Liebe in den Tod
geht; Elektra, die rchende Schwester, die, wenngleich Weib, doch einen
Hamlet beschmt; Philoktet auf seiner Insel mit seinem Bogen; der starke
Ajax, ein guter Sohn, Vater, Bruder, Mann, von der Rachbegier aber zur
Raserei und aus gekrnkter Ehre zum Selbstmord getrieben. -- Und nun Du
Shakespeare! Dein Lear, durch die Undankbarkeit der Kinder zum Wahnsinn
gebracht; dein ehrlicher, tapferer Othello, der aus unglcklicher
Eifersucht sein Weib und sein Glck mordet. Dein sentimentaler Hamlet,
der, wie Jean Paul so schn sagt, ein Vater fr alle Werther ist; Dein
Romeo und Deine Julie, voll von ser unglcklicher Liebesschwrmerei;
Dein Macbeth, den Snde und Gewissensqual in den Abgrund strzen! --
Bei Schiller haben diese Gefhle stets das Uebergewicht, und selbst bei
Gthe ist dies oft der Fall; denn wo er gewisse Schwchen und Verste
gegen die Sitten vertheidigt, denken wir immer an Magdalena, die von den
Pharisern und Sadducern vor Christus hingefhrt wird, der da sagte:
Wer unter Euch rein ist, der werfe den ersten Stein auf sie!

So berzeugte ich mich also, da das =Aesthetische= nicht des
=Ethischen= entbehren knne, weil das Product des vernnftigen Willens
Tugend und Sitte ist. Alle menschlichen Handlungen gehen darauf aus,
entweder die Ordnung in dem gesellschaftlichen Leben zu befrdern oder
zu zerstren: da nun das Drama die ideelle Darstellung menschlicher
Handlungen ist, so bilden die moralischen Verhltnisse einen groen
Theil des Ganzen. Der Dichter mu fr die geistige Ordnung begeistert
sein. Er darf nicht indifferent mit einer parteilos matten Ironie
spielen; er darf die Bilder nicht nur heraufbeschwren, um sie wieder
verschwinden zu lassen; er darf nicht allein erschttern und spannen;
denn in der bloen Lust an dem Entsetzen Erregenden ohne ein edles
Gefhl liegt der Keim zu aller Grausamkeit.

Diese Theorie war nun keineswegs das poetische Glaubensbekenntni jener
Zeit, wie es das der Gegenwart ist. Es wurde wieder der Spitzfindigkeit
gehuldigt. Groe Verbrechen verwechselte man mit groen Verbrechern
und achtete sie mehr als eine einfltige Tugend. Die Wollust wurde
sogar metaphysisch vertheidigt; und die mechanische Fertigkeit und
Zierlichkeit der Versmacherei drohte das natrliche freie Gefhl vom
Parna wegzutreiben.

Ich sah wohl ein, da ich, wenn ich nicht in den herrschenden Ton
einstimmte, viele Gegner, Tadler und endlich Verchter finden wrde;
aber die Lust zu gefallen konnte meine Liebe fr das Gute und Wahre,
oder meine Ueberzeugung nicht umstoen.

Welche Heldenzeit konnte ich nun besser whlen, als die meines eignen
Vaterlandes, die eigentlich noch nicht dichterisch dargestellt war und
doch so viel herrlichen Stoff fr die Dichtung darbot? Auch fr Fremde
mute dies Interesse haben. Jede poetische Darstellung eines Volkes
erfreut das andere. Wir machen ja gern Reisen, um andere Nationen kennen
zu lernen; wir freuen uns ber die Dampfschiffe, die so schnell Nationen
mit Nationen verbinden. Aber eine noch raschere Befrderung, die weniger
Zeit und weniger Geld kostet, ist das Dichterschiff. Walter Scott
hat auf eine hchst angenehme Weise das gebildete Europa mit seinen
wilden Landsleuten, einem von Bergen eingeschlossenen Volke, die nie
ihr Land verlassen, bekannt gemacht. Aber weit mehr, als die Schotten
verdienen die alten Skandinaven bekannt zu werden, die einst das ganze
Europa berschwemmten, und von denen die groen sdlichen Nationen zum
Theil ihre Geschichte und ihre Heimath haben. Zwar ist die Aufgabe der
Tragdie sehr verschieden von der des Romans; es ist mir nie eingefallen
genau gezeichnete =Portraits= unserer Vorfahren zu geben; nur die groen
Thaten, die groen Characterzge habe ich mit dem allgemein Menschlichen
verbunden.

Ich habe bereits davon gesprochen, da Schiller in der Braut von Messina
den griechischen Chor wieder zu benutzen versuchte. Man fand, da er
ungeachtet unzhliger Schnheiten zwei widerstrebende Elemente vereinigt
habe: Griechische Demokratie und das Feudalwesen des Mittelalters. In
=Baldur dem Guten= gebrauchte ich alle griechischen Formen, und es
schien, als ob der antike Rhythmus sich recht natrlich mit den alten
nordischen Mythen und Heldensagen vereinige. Dieses Stck dichtete ich
auf meiner Reise in Weimar und Dresden.

[Sidenote: Ueber meine eigenen Tragdien.]

In Paris verschaffte mir Brndsted Suhm's Geschichte von Dnemark aus
der groen Bibliothek. Nachdem ich im vorigen Jahre eine norwegische
Tragdie geschrieben hatte, Hakon Jarl, wollte ich nun eine dnische
schreiben. In Palnatoke fand ich einen guten Stoff, und ich whlte ihn
um so lieber, da er sich einem Zeitalter anschlo, das ich in Halle
ziemlich grndlich studirt hatte. Damals war man in hohem Grade fr das
Nationale, das Heroische, das Ernste in meinem Vaterlande empfnglich.
Wenn es gestattet ist das Geringe mit dem Hohen zu vergleichen so hatte
die Schlacht auf der Rhede am 2. April 1801 die Dnen fr die Poesie
begeistert -- ebenso wie die Schlacht bei Salamis und Marathon die
Griechen, und die Vernichtung der spanischen Armada die Britten unter
der Knigin Elisabeth. Es gehrt eine vorhergehende Kraftanstrengung
dazu, das Spiebrgerliche, das Spitzfindige, das Kleinliche zu verjagen
-- und eine Nation fr das Groe, das Schne zu stimmen. In der
glcklichen Ruhe die auf eine solche Unruhe folgt, gedeiht die Poesie am
besten. Mein Hakon hatte, obwohl die Hauptrolle von Frydendahl gespielt
wurde, groes Glck gemacht. Dieser war als Komiker vortrefflich, aber
durchaus kein Tragiker. Ich pflege sonst selten an die Schauspieler
zu denken, wenn ich meine Dramen schreibe. Es scheint mir, als ob die
Originalitt, nach der ein Dichter in seinen Characterzeichnungen
streben soll, ganz verschwinden mu, wenn ein Schauspieler als Modell
dasteht. Von der eigenen Subjectivitt des Dichters kann er, =soll= er
sich nie ganz losreien. Die subjective Anschauung und die Begeisterung
des Dichters ist der Stoff fr das Ideale in seinen Werken, sowie das
Object ihm das Characteristische und die Handlung giebt. Aber dieses
Object darf er nicht in einzelnen stets wiederkehrenden Persnlichkeiten
suchen. Wenn er nur fr den Augenblick wirken will, so gewinnt er, wenn
er solche Persnlichkeiten benutzt. Oft wird sonst sein Werk ein todtes
Kapital, bis der Mann kommt, der das Kapital gebrauchen kann. So dauerte
es einige Jahre, ehe der geniale Ryge als Hakon Jarl auftrat. Aber ich
hatte doch an einen andern herrlichen Hakon gedacht, als ich meine
Tragdie dichtete. Dies war nmlich der Norweger Rosing, ganz fr diese
Rolle geschaffen, nun aber -- gelhmt, fr mich, fr die Kunst, fr die
Welt verloren.

Im Hakon Jarl hatte ich den Streit zwischen dem Heidenthum und dem
Christenthum, mit dem Uebergewichte der tugendhaften Kraft auf der
Seite des Christenthums geschildert; weshalb jenes trotz seines grern
poetischen und politischen Lebens untergehen mute. In Palnatoke wollte
ich einen Gegensatz schildern. Hier ist Pflicht und Tugend auf der
Seite des Heiden Palnatoke, im Kampf mit dem falschen Mnchswesen, dem
verbrecherischen Mnchsknig. Deshalb siegt das Heidenthum und blht
noch einmal in dem krftigen Jomsburger Bunde auf.

Obwohl ich Schillers Wilhelm Tell sehr liebte und bewunderte, so
befrchtete ich doch nicht, da die hnliche Scene in beiden Stcken mit
dem Apfel auf dem Haupte des Knaben zu meinem Nachtheil miverstanden
werden wrde. Diese Scene ist weder Johann-Ballhornerei noch Nachahmung.
Sie zeigt, wie so Vieles, da oft Dasselbe in der Welt, jedoch
hchst verschieden je nach der Denkungsweise und den Characteren der
verschiedenen Zeitalter geschehen kann. Was in Schiller's Tragdie
rhrend, zur Wehmuth stimmend ist, wird in Palnatoke fast wie ein
lustiger Auftritt zwischen den an Blut und Tod tglich gewhnten Heiden
behandelt; doch handelt das =Vaterherz= in beiden Scenen und die
Barbarei ist in Palnatoke geadelt. Ohne Edelmuth und Hoheit wrde eine
solche Verwegenheit -- wovon man selbst unter tollen Knaben oft Proben
gehabt hat -- nur emprende Frechheit ohne Poesie sein. Thorvald habe
ich in Palnatoke etwas zu weich und modern behandelt. Htte ich Thorvald
Bidfrle's Sage in Paris gehabt, so wrde ich diesem Character mehr von
dem Colorit seines Zeitalters gegeben haben.

Etwas Komisches traf ein, als ich das Stck dichtete. Ich arbeitete
eines Abends spt (gegen die Gewohnheit, denn ich dichte gewhnlich am
Morgen), und da fiel mit die Idee von Harald Blauzahn ein, da er in
den Leichenkleidern eintritt und sagt: Hier stehe ich in meiner wahren
Tracht, u. s. w. Dieses Bild stand mir in seinem ersten Ursprunge so
lebhaft vor der Seele, da ich selbst erschrak, zu Brndsted hineinlief,
nicht allein sein wollte, und ihn bat, mir etwas Lustiges auf dem
Fortepiano vorzuspielen.

Palnatoke wurde im Vaterlande sehr gelobt und viel gelesen; aber es
glckte dem in so vielen andern Rollen vortrefflichen Schwarz nicht,
den Palnatoke besser zu spielen, als Frydendahl im Jahre vorher den
Hakon spielte. Beide Rollen bekamen einige Jahre spter erst ihren
meisterhaften Darsteller in Ryge.

Da es in Palnatoke keiner Frauen bedurfte, so lie ich sie auch nicht
darin auftreten. Im nchsten Winter schrieb ich =Axel= und =Walborg=,
worin die Liebe die Hauptsache ist; eigentlich die =Treue der Liebe=,
sowie ich ein paar Jahre darauf in =Hagbart und Signe= die Leidenschaft
des ersten Ausbruchs der Liebe zu schildern suchte; jene zwischen ein
paar jungen Christen, diese zwischen zwei Heiden; aber beide heroisch
und mit nordischem Gefhl. Mit der sinnlich glhenden sdlichen
Liebe in Romeo und Julie wollte ich nicht wetteifern; aber der milde
Septembermond ber dem nordischen Buchenhaine kann auch seine Wirkung
thun, obgleich er sehr verschieden von der italienischen Sommernacht ist.

Ich habe bereits erzhlt, da ich den Aladdin wieder von Neuem
bersetzte, weil die erste Uebersetzung zu fehlerhaft war. Kein Wunder!
Wenn man bedenkt, da ich zwei Jahre vorher nicht ein deutsches Wort
geschrieben und eigentlich erst ein Jahr vorher begonnen hatte,
Deutsch zu dichten. Ich bersetzte auch den Hakon Jarl wieder; darauf
bersetzte ich noch den Palnatoke, Jesus in der Natur und noch mehrere
andere Stcke, und schrieb einige Gedichte Deutsch, unter denen: der
=irrende Ritter=. Ein polemisch didactisches Idyll ist eigentlich
keins, doch habe ich es spter gekrzt in meine deutsche Sammlung der
poetischen Stellen wegen aufgenommen, deren es nach dem Urtheil von
Sachverstndigen nicht entbehrt.

                    *       *       *       *       *

Ich habe erzhlt, wie sehr ich Talma in der Tragdie bewunderte;
obgleich ich der franzsischen Tragdie nicht Geschmack abgewinnen
konnte, weil ich sie zu monoton, character- und stofflos und zu vornehm
conventionell fand, zwang er mich doch, viel groe Schnheiten darin
zu erkennen. Etwas war jedoch bei Talma, das mir nie gefiel. Wenn er
nmlich eine Scene vortrefflich gespielt hatte, erhob er zum Schlu bei
den groen Ausgangsrepliken die Stimme auf eine affectirte, bertriebene
Weise, streckte die Hnde in die Luft, zitterte mit ihnen und bekam dann
einen furchtbaren Applaus. In einem Gesprch mit einem meiner Bekannten,
der Talma auch kannte, sagte ich: Wenn ich mit Talma sprche, wrde ich
es ihm rein heraus sagen. -- Das brauchen Sie nicht -- entgegnete
der Andere -- denn Talma wei es selbst sehr gut. -- Und was
sagt er darber? Er sagt: das ist ein Fehler; aber ich habe meine
Landsleute bereits an so viel Natur gewhnt; in =Etwas= mu ich mich
nach ihren Gebruchen und Vorurtheilen richten, sonst verliere ich ihre
Hingebung und Begeisterung und ohne die kann ich meine Kunst nicht
ausben.

[Sidenote: Die Kunst und die Mode.]

Es ist rhrend und hart, wenn ein groer Knstler sich so nach dem
Modegeschmack der Menge richten mu. Etwas Aehnliches hrte ich spter
von Spontini, als er seinen Ferdinand Cortez componirt hatte, und ein
guter Freund, der ihn auerordentlich lobte, zugleich die bescheidene
Frage that, ob der Componist nicht finde, das etwas viel =Lrm= in
dieser sonst so herrlichen Musik sei? Ja gewi, soll Spontini
geantwortet haben; aber nicht wahr, sie ist doch hbsch, obgleich sie
lrmt? Zu dem Letztern war ich gezwungen, um den Beifall des Publikums
zu gewinnen.

Ich habe selbst einen jungen, ausgezeichneten Virtuosen auf dem
Pianoforte gehrt, der mir erzhlte: Am Sonntag komme ich mit einigen
meiner musikalischen Freunde und Knstler zusammen; dann spielen wir
Werke von Mozart, Haydn und anderen alten Meistern zu unserm eigenen
Vergngen; denn in Concerten und Assemble'n will man jetzt nicht mehr
schne Musik hren, sondern nur =sehen=, wie die Finger mit Leichtigkeit
die grten Schwierigkeiten berwinden.

Nachdem ich mir etwas Uebung in der franzsischen Sprache erworben
hatte, disputirte ich oft mit einem oder dem andern Pariser ber die
Unnatur und Monotonie der franzsischen Tragdie; denn ich lernte es
viel frher, mich ertrglich in einem wissenschaftlichen Gesprche
ber die Kunst auszudrcken, als richtig Franzsisch von all' den
vorkommenden Kleinigkeiten des tglichen Lebens zu sprechen. Diese
Ansichten waren damals etwas ganz Neues; Frau Stal-Holstein hatte
damals noch nicht ihr Buch ber die deutsche Literatur herausgegeben.
Man sah mich an, wie die Hofleute in Gallatracht auf Franklin blickten,
wie er als Gesandter von Nordamerika nach Versailles mit seinen eigenen
ungepuderten Haaren und einem runden Hute kam. Indessen that das Gesagte
doch zuweilen seine Wirkung, und ich hatte ein Mal die Genugthuung, da
ein Franzose mir sagte: Mein Herr, Sie reden gut, aber Sie berzeugen
mich nicht!

[Sidenote: Die neuen franzsischen und deutschen Dramatiker.]

Spter haben Victor Hugo und Alexander Dumas sie nur allzusehr
berzeugt. Man strzt leichter aus der Scylla in die Charybdis, als man
sein Schiff durch Sandbnke hinsteuert, ohne auf den Grund zu laufen.
Man kann ein Gericht zu wssrig und ungewrzt zubereiten, und man kann
auf der andern Seite wieder zu viel Cayennepfeffer und Salz hineinthun.
Man verdirbt sich den Magen, wenn man nur se Limonade und wenn man nur
Branntwein trinkt. Das _juste-milieu_ ist hier wieder das Beste; aber
der Zeitgeist verachtet diese Migung und gebraucht die Bezeichnung als
ein Scheltwort. Jenseits des Rheines kann man brigens den Franzosen
jetzt nichts zu hren geben; im Gegentheil: es ist mehr Poesie in Victor
Hugo und Consorten, als in dem ganzen jungen Deutschland mit all' seiner
pedantischen verschrobenen Begriffssthetik.

Die geniale anmuthige Demoiselle =Mars= haben Andere bereits
hinreichend gelobt; ich will nur sagen; ich habe sie in ihrer schnsten
Blthe gesehen. So sah ich auch =Eliviou=, einen eben so groen Snger,
als Schauspieler voller Feinheit und Gefhl im Theater Feydeau. Nie
werde ich den =Deserteur= von =Sdaine= und =Monsigny= vergessen, der
mir bereits aus meiner frhesten Kindheit bekannt war, wo mein Vater
Stcke daraus auf dem Klavier spielte. Auf dem dnischen Theater, wo
sich Alles nach der Mode richtet, war dieses herrliche Stck bereits
lange bei Seite gelegt worden; aber in Paris, wo man noch nicht die
Thorheit ber ein Meisterstck hrte, =da es blos ein altes Stck
sei=, sah ich Eliviou, Gavaudan und Madame Gavaudan dies und mehrere
gute, alte franzsische Singspiele bis zur Vollkommenheit gut und zur
grten Zufriedenheit des Publikums darstellen.

[Sidenote: Franzsische Schauspieler. -- Eliviou.]

Eliviou war ein schner Mann, gro, schlank und blond. Er hatte eine
reiche Partie in Toulon gemacht. Ein Landsmann von mir, der ihn kannte,
erzhlte folgende amsante und characteristische Anekdote ber ihn: In
seiner schnsten Blthezeit reiste er mit einem andern Schauspieler nach
Toulon, um dort Gastrollen zu geben. Als sie die Stadt in der Ferne
sahen, sagte Eliviou: Sieh, da liegt nun die fremde Stadt mit all'
ihren jungen schnen Mdchen. Und ich will wetten, da nicht Eine unter
ihnen ist, die ich nicht verliebt in mich mache, wenn ich es will. Der
Freund wollte eine Wette mit ihm eingehen, da sich dies doch nicht mit
allen thun liee, und Eliviou verpflichtete sich, die Wette der jungen
Dame gegenber durchzufhren, die sein Freund selbst whlen wrde. Am
ersten Abend sahen sie ein sehr schnes Mdchen, die Tochter eines
reichen Mannes, im Schauspielhause. Wenn Du sie gewinnen kannst,
sagte der Freund, so hast Du gewonnen. Und Eliviou gewann; denn
wenige Wochen darauf war das schne reiche Mdchen seine Braut. -- Und
da er nun reich war, drohte er oft damit, das Theater zu verlassen, wenn
ihm Eins oder das Andere nicht gefiel. Aber man erzhlte, da Napoleon,
der ihn nicht verlieren wollte, ihm wieder drohte und sagte: Wenn er
nicht Snger beim Theater Feydeau sein wollte, so knne er die Muskete
ber die Schulter nehmen und nach Spanien gehen. Eliviou zog vor,
fr's Erste zu bleiben, wo er war. Spter hat er viele Jahre lang als
ein bemittelter Privatmann im sdlichen Frankreich gelebt. Im Richard
Lwenherz sang er vorzglich die eine Zeitlang bei den Franzosen so sehr
beliebte Arie: _O Richard, o mon roi!_ vortrefflich. Man wei, da
diese Napoleon's Lieblingslied war, und er trllerte es noch oft nach
seinem Falle auf St. Helena.

[Sidenote: Berhmte franzsische Schauspieler.]

Auch =Chenard=, ein guter Schauspieler und Bassist, gefiel mir
sehr; besonders in =Felix=, wo er den Vater spielte und einen mir
unvergelichen Blick, voll seliger Zufriedenheit, zum Himmel sandte, als
er seine Pflicht gethan und ein Geheimni entdeckt hatte, das vielleicht
ihn und seine ganze Familie an den Bettelstab bringen konnte. Dieser
=Blick= wurde dreimal von dem gefhlvollen und feinen Pariser Publikum
applaudirt.

Auch von Chenard, einem groen, schnen und starken Manne, der aber
lter als Eliviou war, hrte ich eine characteristische Anecdote. In der
Revolutionszeit beschuldigte man ihn ein Mal, Aristokrat zu sein. Kaum
hrte Chenard dies, als er mit der rothen Mtze auf dem Kopfe in den
Jakobinerclub eilte, auf die Tribne hinaufstrzte und rief: Mitbrger!
Man hat mich beschuldigt, Aristokrat zu sein! Ja, es ist wahr, ich =bin=
Aristokrat! Hier schwieg er einen Augenblick, whrend Aller Augen
mit Verwunderung das sichere Schlachtopfer bewachten, das zu sagen
gewagt hatte, was weder vor- noch nachher von der Tribne der Jakobiner
ertnte, -- aber ehe man sich vor Verwunderung gefat hatte, fuhr er in
einem dreisten, muntern und launigen Tone fort: Ich bin Aristokrat! ich
bin Demokrat! ich bin Knig, Papst, Bettler, ich bin dumm, klug, ich bin
Alles, was Ihr wollt, -- ich bin =Comdiant=! _Ah, le brave Chenard!
ah le franc coquin!_ ertnte es von allen Seiten. Im Triumph wurde er
von seinen wrmsten Bewunderern auf den Schultern hinausgetragen, und
sein Leben war gerettet.

Der talentvolle Potier, der es verstand, einer gewissen unbeholfenen
Narrheit soviel feine Zge abzulocken, wie unser Winslw; der
monotonere, aber bei alle Dem doch originelle =Brunet=, der Rosenkilde
der Franzosen, der die Dummkpfe stets so witzig und naiv spielte, da
man ihrer nicht mde werden konnte, erfreuten mich sehr im _thtre
des varits_ ebenso Madame Hervay, in dem eigentlichen Vaudeville.
Im _thtre franais_ hatte ich das Glck, Dacincourt, Dugazon,
Mademoiselle Contat und die beiden Baptiste in den besten Stcken
Molire's und anderer guten Dichter zu sehen.

[Sidenote: Napoleon's Mangel an Kunstsinn.]

Die Werke zweier groen Meister, die ich wiederholt hrte und sah,
wirkten vielleicht mehr auf mich ein und ich lernte mehr von ihnen, als
von manchem Dichter. Dies waren =Mozart= und =Raphael=. Die meisten von
Raphael's Bildern hingen in der groen Rumpelkammer, wohin man den Raub
aus so verschiedenen Lndern geschleppt hatte. Dieses Zusammenhufen
machte einen widrigen Eindruck auf mich, und obgleich ich stets geneigt
war, Napoleon's Gre gegen kleinliche Angriffe zu vertheidigen, so
fand ich doch hier wie berall, da er ungeachtet seines ungeheuren
Verstandes ebenso wenig Kunstsinn, wie Sinn fr Vlkerrecht hatte;
ein wirklich humaner Held fhrt niemals Krieg gegen die Knste und
Wissenschaften; es pat nur fr morgenlndische Despoten, sich gleich
der Krhe mit fremden Federn zu schmcken, um gro zu erscheinen.
Die meisten dieser Bilder hingen hier in einem schlechten Licht und
hatten die Hlfte ihrer Wirkung dadurch verloren, da sie von dem
ihnen bestimmten, fr sie passenden Platze weggenommen waren. Welch
ein Unterschied! Solch ein Bild vor dem Altar einer schnen Kirche, --
oder hier im Schatten oder Schlaglichte in einem Winkel unter vielem
Unbedeutenden zu finden!

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bekanntschaft mit Malthe Bruun.]

Ich darf nicht vergessen von meiner Bekanntschaft in Paris mit meinem
berhmten Landsmanne Malte-Brun (Malthe Conrad Bruun) zu sprechen.
Er hatte whrend meines Knabenalters eine politische Rolle in meinem
Vaterlande gespielt und ich wunderte mich, da er nicht lter sei;
das kam aber daher, weil er selbst nicht vielmehr als ein Junge --
etwas ber zwanzig Jahr, -- war, als er die Rolle spielte. Die ganze
Schreckensperiode zu Hause, in der glcklicherweise mehr Tinte, als Blut
flo, hatte keinen Einflu auf mich gehabt, weil ich zu jung war. Als
ich zu einiger Selbststndigkeit gelangte, waren in Dreyer's Club nur
noch schwache Bewegungen von der franzsischen Revolution. Ich habe mein
ganzes Leben hindurch ein starkes Gefhl fr Menschenrechte gehabt. Das
hochmthige Wesen war mir stets verhat -- (selbst als kleiner Bursche
den Pagen gegenber). Ich kam bald zu der Ueberzeugung, da der Adel
eine Ueberlieferung des Mittelalters sei und eigentlich keine Bedeutung
mehr habe. Er schien mir nicht wie eine ehrwrdige Domkirche in einer
anmuthig blhenden Landschaft dazustehen, sondern wie ein alter Schrank,
der in einem Zimmer mehr Raum wegnimmt, als neue zweckmige Mbel.
Der Knig war mir stets heilig; ich fhlte frh schon das Herrliche,
Schne, Wohlthuende in dieser Form, die die Natur selbst, bis auf wenige
Ausnahmen, Jahrtausende hindurch berall angenommen und festgestellt
hat. Die Mibruche berhren die Natur nicht. Ein Dichter, ein Knstler
kann nicht anders, als das Knigthum lieben. Es ist dies das Recht des
Herzens, der kalten, langsamen Spitzfindigkeit gegenber, die nur der
uern Form huldigend, gar keine Ausnahme macht, selbst wo die Natur
sie verlangt; das Knigthum ist seiner Natur nach nicht mignstig
und parteiisch, und mu jedes Verdienst gelten lassen, weil es ber
ihnen Allen steht. Der Dichter und der Knstler mssen das Knigthum
lieben; denn die Pracht kann zur Schnheit geadelt werden und bedarf
des Schnen, aber das Genie wird leicht durch den kalten, ehrgeizigen
Verstand der Menge, die nur den tglichen Hausbedarf achtet, beneidet
und unterdrckt. Der Knstler mu wohl die edle billige Freiheit lieben;
denn frei mu alles Groe und Schne und Gute sich bewegen; aber er
mu die Anbetung der =Gleichheit= haen. Das Ausgezeichnete findet
sich nur als Ausnahme, und wo Alles gleich gut ist, ist Alles gleich
schlecht, und das Triviale herrscht. -- In Dreyer's Club brllte ich
in meinen ersten Jnglingsjahren gleich den Andern, wenn die groe
Bowle uns begeistert hatte: Wer vorwrts will, der bcke sich! und:
Da Schurken zu Ehre und Wrde erhoben &c., ohne mich weiter um die
Anwendbarkeit dieser Gedanken auf die Gegenwart zu bekmmern; ich hielt
es abstract fr satyrische Einflle ber die ganze Menschheit, und
so betrachtet, wird es gewi, wenn auch blindlings hinausgeschossen,
immer treffen. In meinen frhern Jahren hatte ich einige gute Einflle
von Malthe Bruun gehrt; in seinem Gedicht die Schlacht bei Tripolis
hatte ich mehr als gewhnlichen Dichtergeist gefunden. Ich entsinne
mich nicht, wo ich ihn zum ersten Male in Paris sah; vielleicht war es
bei Brndsted. Aufgesucht htte ich ihn wohl kaum. Der alte Heiberg
schreckte mich ab, in dem ich bei einem zuflligen Zusammentreffen in
Deutschland einen vollstndigen Antipoden fand. Aber Malthe Bruun war
ganz anders und so verschieden von P. A. Heiberg, da sie einander gar
nicht leiden konnten. Ich wunderte mich, einen jungen, blonden Mann,
mit einem schchternen Mdchengesicht und einem langen Zopf im Nacken
zu sehen. Wir wurden bald gute Freunde, unsere Gesprche waren mehr
sthetisch, als politisch, und Malthe Bruun erkannte die Fortschritte,
die die sptere poetische Revolution in Deutschland und Dnemark
hervorgerufen hatte. Er las meine Gedichte mit Vergngen und freute
sich ber den Gebrauch all' der fremden Versarten, der altnordischen,
griechischen und italienischen, die ich angewandt hatte. Unter Anderm
entsinne ich mich, da er sagte: Ich habe auch einmal Petrarca's
Gedicht _Vaucluse_ bersetzt, aber es fiel mir nicht ein, da es mglich
sei, es in derselben italienischen Canzonenform zu bersetzen, obgleich
ich eine Ahnung davon hatte. Es war mir natrlich lieb, einen so
geistvollen Landsmann getroffen zu haben. In vielen Beziehungen machte
er den Dnen Ehre. Die Franzosen, die sonst den Fremden nicht gern
die Fertigkeit zugestehen, da sie franzsisch ebenso gut, wie ihre
Muttersprache schreiben, gestanden es doch ihm zu. An dem _journal de
l'empire_, einer der gelesensten und geachtetsten Zeitschriften, die
die Meinungen beherrschte, war er ein bedeutender Mitarbeiter. Seine
vortreffliche Geographie schrieb er in einem Lande, wo die Geographie
bis dahin so vernachlssigt war, da die Meisten Dnemark nicht von
Spitzbergen zu unterscheiden vermochten, und glaubten, da Hamburg nicht
weit von Wien, und mehrere Meilen von Altona lge. -- Vereinigt man nun
dies Alles mit einem angenehmen bescheidenen Wesen -- etwas wie gesagt
Mdchenhaftem -- das dem ausgezeichneten Schriftsteller gut stand -- so
mute dies Alles fr Malthe Bruun einnehmen. Unglcklicherweise fehlte
ihm durchaus ein fester Character und es war nicht die Wahrheit und
die Gerechtigkeit, die ihn begeisterte. Es ging ihm, wie es so vielen
politischen Schriftstellern mit Kopf und Kenntnissen geht, -- sie wollen
eine Rolle spielen und halten es mit der Partie, welche oben ist, oder
durch die sie glauben, sich einen Weg zur Berhmtheit, zum Einflu oder
einen Vortheil verschaffen zu knnen.

Ich disputirte eifrig mit Malthe Bruun ber Napoleon, dessen Handlungen
er alle unbedingt in die Wolken erhob. Napoleon, sagte ich einmal in
der Hitze des Streites, Napoleon verirrt sich, weil er auf dem einen
Ohre taub ist. Was will das heien? fragte Malthe Bruun. Das will
heien: er kann nicht Deutsch; er versteht die Vlker auf der andern
Seite des Rheines nicht. Er will die Welt reformiren, und hat nicht
das letzte Kapitel in der Geschichte der Menschenbildung gelesen. Er
schilt alle geistig wirkenden Deutschen Ideologen und Schwrmer. Diese
Unwissenheit und Verachtung wird ihm vielleicht zu grern Schaden
gereichen als er glaubt.

Wenn ich nun mit aufgebrachten Deutschen in Gesellschaft war, die
Napoleon auf eine hhnische Weise herunterrissen, so wendete sich mein
Eifer gegen sie in einer entgegengesetzten Richtung. Ihr entehrt Euch
selbst, wenn Ihr einen Mann klein zu machen sucht, der Euch jeden
Augenblick so gewaltige Ohrfeigen giebt. Wenn Napoleon Nichts ist, was
seid Ihr denn? Weniger als Nichts kann man doch nicht sein?

Zuletzt blieb Malthe Bruun von mir fort. Brndsted und Kos fragten ihn
um den Grund und er antwortete: Ich kme gern zu Oehlenschlger; aber
wenn ich bei ihm gewesen bin und mit ihm gesprochen habe, so brauche ich
vierzehn Tage, um mich wieder in meine vorige Stimmung zu versetzen.
Dies fand ich sehr schmeichelhaft, sah aber auch zugleich ein, da wir
beide nicht mit einander umgehen konnten. In der kurzen Zeit unserer
Bekanntschaft bewog ich ihn doch, sich den Zopf abzuschneiden; aber
Napoleon behielt ihn dennoch beim Zopfe, bis dieser Napoleon selbst
abgeschnitten wurde; es ging Malthe Bruun so wie Talleyrand und Sct.
Christoph, sie hielten es alle Drei mit dem Strksten; aber nur
Christoph hielt so fest an diesem Prinzipe, da es ihn zuletzt auf den
rechten Weg zu Jesus Christus brachte.

Uebrigens hteten ich und meine Freunde uns wohl, unsere Ansichten
Fremden gegenber auszusprechen. Wir wuten, da wir von Spionen umgeben
waren, in deren Nhe man in gewisser Beziehung ein Stein sein mute,
indem man sagen konnte, wie Nille in Erasmus Montanus: Ich wei nicht
ob er denken kann, aber reden kann er nicht.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bekanntschaft mit Friedrich Schlegel.]

War ich nun zu altmodisch, zu fromm, zu frei, zu deutsch fr Malthe
Bruun und Consorten, so gab es wieder Andere, denen ich nicht deutsch,
nicht frei, fromm und altmodisch genug war. In einer Restauration bei
Grignon lernte ich =Friedrich Schlegel= kennen. Er sah gar nicht so aus,
wie ich ihn mir vorgestellt hatte; ich erwartete einen magern Kritikus,
und es glnzte mir ein ironisch fettes Gesicht sanguinisch entgegen.
Wir mochten uns recht gern; aber Schlegel war es nicht recht, da ich
nicht mehr zu seiner Schule gehrte. Doch sagte er mir nie ein beiendes
Wort; im Gegentheil er scherzte mit mir, wie mit einem jungen Tollkopf,
aus dem Etwas werden knnte, oder aus dem wenigstens Etwas htte werden
knnen, wenn er den rechten Weg gewhlt: d. h., wenn er blind zur Fahne
der neuen Schule geschworen htte. Zu einem Doctor Klinger aus Wien
sagte er einmal, als er etwas rgerlich ber mich gewesen war: Gren
Sie Oehlenschlger und bitten Sie ihn, nicht bse zu sein, wenn ich mich
gestern vielleicht zu sehr des traurigen Vorrechtes des Alters bedient
habe. Schlegel war ein Mann von groen Talenten. Viele Abhandlungen in
der Zeitschrift Europa, in den Characteristiken in seinem Geist aus
Lessing's Schriften zeigen den starken Kopf, den tiefen Denker, und
er hatte viel mehr Gemth als sein Bruder. In seinem Athenum beweisen
viele, wenn auch bertriebene Paradoxen Originalitt, Keckheit und
Humor. Aber seine =Lucinde= war mir doch stets zuwider; und ebenso der
Geist, der im =Alarcos= herrscht, obwohl ich den krftigen Ton des
Stckes wohl gern hatte.

[Sidenote: Deutsche Epigramme auf beide Schlegel.]

Ich hatte ein paar deutsche Epigramme auf beide Schlegel's in der Zeit
meines Abfalles geschrieben. Sie sind nie gedruckt worden; ich theile
sie hier als characteristische Zge mit, die zu jener Zeit meines Lebens
gehren. Schlegel's haben sie niemals weder gelesen noch gehrt.

                    *       *       *       *       *

                                   1.

                          =Alte und neue Zeit.=

               Verschied'ne Zeit, verschied'ne Richtung,
               So Alles, so die deutsche Dichtung.
               Lessing's Aesthethik wollte Wahrheit,
               Natur in krft'ger schner Klarheit.
               Die beiden Schlegel wollen Wehmuth
               In mnchischer und stolzer Demuth.
               Man liebte alles Schne weiland,
               Jetzt ruft man affectirt den Heiland.
               Aus Wildni stieg ein edles Bildni;
               Das Bild verfliegt, wird wieder Wildni.
               Ach htten wir statt Schlegeln Lessing!
               Nur ein Stck Gold fr zwei Stck Messing.

                    *       *       *       *       *

                                   2.

              =Unterschied zwischen den beiden Schlegels.=

                 Der August sagt: Mein Bruder und ich!
                 Ich und mein Bruder! sagt Friederich.

In mein Stammbuch schrieb Friedrich:

             Nur der Sehnsucht fliet der Sehnsucht Quell,
             Nur der Demuth scheint die Wahrheit hell.

Auf diese Weise wre der gute Friedrich niemals zur Erkenntni der
Wahrheit gekommen; denn Demuth drckte ihn, wie bekannt, nicht sehr.

                    *       *       *       *       *

Frau Stal-Holstein wohnte in der Nhe von Paris in _Auberge en ville_;
denn Napoleon wollte ihr nicht gestatten, nher zu treten. Ich besuchte
sie dort und fand A. W. Schlegel und Benjamin Constant de Rebecque
dort, der spter eine so wichtige politische Rolle gespielt hat. Die
geistreiche Dichterin empfing mich sehr freundlich, obgleich ich nur
mittelmig Franzsisch sprach, und bat mich, sie in Coppet zu besuchen,
wenn ich nach der Schweiz kme. Ich werde spter mehr von diesen
merkwrdigen Menschen sprechen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ueber Rousseau's Heloise.]

Ich legte mich nun mit Eifer auf das Franzsische und las zum ersten
Male Rousseau's Heloise. Dieses Buch rhrte mich eben so sehr, wie
Werther's Leiden, flte mir aber bei Weitem nicht die Achtung vor dem
Verfasser ein. Die Beredtheit ist darin eben so gro; die Leidenschaften
und die Scenen sind eben so krftig und schn geschildert; aber der
neckende Eigensinn, die Jagd nach Paradoxen und etwas Unwrdiges (um
nicht zu sagen Niedertrchtiges) in dem Character des Verfassers, das
zuweilen auf seine Personen bergeht, rgerte mich oft so, da ich
das Buch auf die Erde warf und mit den Fen darauf trat. Aber dann
konnten wieder ein herrlicher Gedankenreichthum, ein reines edles
Gefhl, und echte poetische Schilderungen des menschlichen Herzens, der
Natur, des Unglcks und der Wehmuth mich innig rhren und hinreien.
-- Wahrlich, Rousseau war ein Genie und ein hchst merkwrdiger Mann.
Als ich kurz darauf seine =Bekenntnisse= las, wurde mir Vieles klar,
was ich in der Heloise nicht verstanden hatte. Er hatte keine Erziehung
gehabt und seine Gesundheit in der Jugend geschwcht. Sein stolzer
Eigensinn kmpfte unaufhrlich mit seinem guten Herzen; und seine allzu
krankhafte Empfindlichkeit verhinderte ihn trotz seines Verstandes, sich
ber die Verhltnisse zu erheben, und sie mit Ruhe und Besonnenheit
zu berschauen. Die stete Gewohnheit, gegen so viel Schlechtes und
Schiefes zu opponiren, verleitete ihn auch oft, dem Guten und Wahren
zu widersprechen. Und so verstand man erst, wie dieser geniale Kopf
zuletzt in Fehler und Tollheiten verfallen konnte, vor denen die grten
Dummkpfe sich mit Leichtigkeit htten schtzen knnen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Skandinavischer Umgang in Paris.]

Ich ging viel mit zwei jungen Malern, =Olivier= aus Dessau, guten,
freundlichen Menschen um; der eine malte mich. Dasselbe that auch ein
norwegischer Maler, Lieutenant =Munk=, der damals in Paris war. Der
geniale Musiker =Kienlen= gehrte auch zu meinem tglichen Umgange; er
schrieb schne Melodien zu Aladdin, und soll spter in Berlin eine sehr
hbsche Musik zu Gthe's Claudine von Villa bella geschrieben haben.

Besonders erfreute es uns Dnen, mit der norwegischen, liebenswrdigen
Familie =Knudtzon=, die nach Paris gekommen war, zusammen zu leben.
Brndsted, Kos und ich aen oft bei ihnen, und wenn wir so zusammen
saen, bildeten wir uns ein, in Dnemark oder Norwegen zu sein. Ich
werde diese lieben Menschen nie vergessen; den braven =Johansen= und
seine treue =Sara=; die liebenswrdige Frau =Labouchre= und ihre
Schwester, die holde =Benedicte=. Mein Umgang mit ihnen trug viel dazu
bei =Axel= und =Valborg=, das ich damals gerade schrieb, das frische,
nordische Colorit zu verleihen, das sonst durch den langen Aufenthalt im
Auslande leicht htte geschwcht werden knnen.

[Sidenote: Die Alterthumsforscher Arndt und Millin.]

Der wunderliche Alterthumsforscher =Arndt=, von dem ich bereits frher
gesprochen, und den ich viele Jahre darauf als =Strau= in meinem Drama:
Die italienischen Ruber auftreten lie, kam auch nach Paris. Die
Franzosen wunderten sich ber diesen Menschen, der fast wie ein Bettler
gekleidet war, aber die Taschen voll gelehrter Manuscripte hatte. Er
wre frher gekommen, aber gerade als er an der Barrire von Paris
angekommen, fiel es ihm ein, da er ein Manuscript in einem Steinhaufen,
eine Viertelmeile von Lbeck vergessen habe. Er wanderte dehalb zurck,
um es zu holen, und dies raubte ihm einige Zeit. =Millin=, Professor
der Archologie und Vorsteher des Antiken- und Medaillencabinets, war
sehr hflich gegen ihn und er sehr grob gegen Millin. Er warf ihm
Unwissenheit vor. Man kann sich nicht zwei grere Contraste denken!
Jener reich, vornehm, Bewohner eines schnen Hotels, in dem alle
Gelehrten gewisse Stunden der Woche Zutritt hatten, und in prchtigen
Zimmern alle neuen Bcher und Journale lesen konnten; -- und Arndt in
einem groben blauen Flaus, die langen Haare unter dem Kragen, und alle
Taschen dick voll Papiere. --

Zuletzt wurde ich des Herrn Arndt doch berdrssig. Als ich ihm eines
Morgens einen alten Frack, etwas Linnen und ein Paar Stiefeln geschenkt
und mein Frhstck mit ihm getheilt hatte, fing er an, indem er den
Milchtopf mit einer Brotrinde auswischte, unverschmt von dem dnischen
Knige zu reden. Ich bat ihn, sich zu recommandiren, wenn ich ihn nicht
die Treppen hinunterwerfen sollte. Er ging, und seit dieser Zeit habe
ich nie wieder mit ihm gesprochen.

[Sidenote: Im siebenten Stockwerk.]

Freilich wre er tief gefallen; denn ich wohnte im _Htel de
Quinze-Vingt_ im =siebenten= Stockwerk.

                    *       *       *       *       *

Das Ungewitter fing an, sich auf dem nordischen Himmel zusammenzuziehen;
und whrend wir in Paris Zeugen des Friedensfestes in Notredame waren,
und Napoleon, wie Heinrich IV. gekleidet, unter einem Thronhimmel sahen,
von allen seinen Staatsrthen und hohen Beamten begleitet; whrend das
versammelte Volk am Abend in dem Tuileriengarten, wo er auf dem Balkon
sa, sang: _Ou peut on tre mieux, qu'au sein de sa famille_ und die
ganze Stadt illuminirt war, schlugen unsere dnischen Herzen in banger
Erwartung und der Ahnung einer schlimmern Illumination in Kopenhagen.

                    *       *       *       *       *

Ich hatte zuerst eine der ersten Etagen im _Htel de Quinze-Vingt_
bewohnt; als ich aber keinen Brief mehr von Kopenhagen erhielt und das
Geld ausblieb, wollte ich in einen gewhnlichen Gasthof ziehen, wo ich
billig wohnen konnte. Aber meine wackere Wirthin, Madame =Gautier=
(eine Predigerwitwe, ich glaube von Genf), wollte es nicht erlauben.
Monsieur Oehsleng! sagte sie -- denn weder sie noch irgend ein anderer
Franzose konnte meinen Namen richtig aussprechen, -- wenn Sie auch
zwei Jahre bei mir bleiben und ich keinen Sou von Ihnen bekomme, so
lasse ich Sie doch nicht ziehen. Ich bin berzeugt, da Sie mich nicht
betrgen wollen; bleiben Sie hier! aber wollen Sie mir eine Geflligkeit
erweisen, so ziehen Sie in meine oberste Etage hinauf! Da sollen Sie
Alles bekommen: Mittag, Frhstck und Aufwartung, Alles gut und den
vierten Theil billiger.

Dieses edelmthige Anerbieten kam mir wie vom Himmel. Ich zog in das
siebente Stockwerk, gegenber dem Carousselplatz, den Tuilerieen und
der Ehrenpforte, wo die metallnen Pferde standen, die von Berlin nach
Paris gewandert, und nun wieder auf dem Brandenburger Thor stehen. Auf
dem Carousselplatze sah ich Napoleon oft mit seinen Garden beschftigt,
whrend ich da oben den Hakon Jarl bersetzte.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Nachricht vom Bombardement Kopenhagens.]

Eines Tages, als ich ganz munter mit Brndsted plauderte, tritt
Kos bla wie eine Leiche ins Zimmer und sagt: Kopenhagen ist von
den Englndern genommen! Wir wurden wie vom Blitze getroffen. Es
circulirten mehrere falsche Gerchte: da das Friedrichsberger Schlo
abgebrannt sei, da alle Studenten bei einem Ausfall aus Kopenhagen
umgekommen wren.

Es war, Gott sei Dank, nicht so schlimm hergegangen! All' meine Lieben
lebten noch und Friedrichsberg hatte nichts gelitten; aber Kopenhagen
war bombardirt und unter der Menge von Gebuden, die in Asche gelegt
waren, befand sich auch das groe, schne Haus meines zuknftigen
Schwiegervaters auf der Norderstrae.

[Sidenote: Brief an Christiane Heger.]

Ein Brief, den ich meiner Christiane sandte, wird hier am besten zeigen,
was ich erlebt hatte und was ich fhlte.

                                          Paris, den 25. October 1807.

     Liebste Christiane!

Unser Freund Kos reist bermorgen von Paris nach Dnemark; er hofft,
da die Englnder Kopenhagen werden verlassen haben, ehe er kommt,
so da die Fahrt ber den Belt ihm offen steht. Gebe Gott, da seine
Hoffnung gegrndet sei. Ich eile bei dieser Gelegenheit mein Herz vor
Dir auszugieen, mein gutes Mdchen, und hoffe auch Briefe fr unsere
Schwestern fertig zu machen. Du hast lange nichts von mir gehrt. Mein
Schweigen in der letzteren Zeit verlangt keine Entschuldigung; da
ich so lange zwischen der irrende Ritter und Palnatoke schwieg,
war Palnatoke's Schuld; ich arbeitete daran, lebte ein friedliches,
glckliches Alltagsleben einen Tag wie den andern. Die eignen Gedanken
und Ideen, die in meiner Seele erwachten, drckte ich in meinem Gedichte
aus, und ich hatte Dir brigens im strengsten Sinne des Wortes nichts
zu sagen, als von meiner Liebe, die Du kennst. Ein kleiner Nebenumstand
war vielleicht Ursache daran, da Du mit dem Palnatoke keine Briefe
erhieltest. Dein guter Vater hatte mich vor einiger Zeit durch einen
Brief erfreut; er hatte darin ein venetianisches Lexikon und etwas ber
Flintglas zu hren verlangt. Ich gestehe mein Unrecht; ich schob es
von Tag zu Tag auf, und nun wollte ich Dir nicht schreiben, bevor ich
nicht ihm auch schreiben knnte. Ich habe spter in der Kaiserlichen
Bibliothek verschiedene Notizen ber Lexika bekommen, aber in diesem
Augenblicke, wo sein Haus verbrannt und sein Eigenthum zerstrt ist, hat
der arme Mann wohl an andere Dinge zu denken.

Liebes Mdchen! Freilich war ich nicht in Kopenhagen, die Gefahren und
Schrecken mit Euch zu theilen, aber meine Qual und mein Unglck sind
darum nicht geringer gewesen. In langsamen, bitteren Zgen habe ich
den Kelch getrunken, den Ihr auf einmal geleert. Whrend noch Alles
ruhig in Dnemark war, hatten wir hier in Paris die wahrscheinlichste
Furcht vor dem, was da geschehen wrde. Die dunklen Wolken fingen an vor
unsern Augen ber unser Vaterland aufzuziehen, whrend man hier in Paris
ununterbrochen Friedensfeste feierte. Denke Dir die raffinirte Qual,
in einem Theater zu sitzen, muntere Freudenstcke auffhren zu sehen,
ein glckliches, siegendes Volk jubeln zu hren, berall Luxus und
Ueberflu; und nun mit dem Auge der Seele durch die Theaterwnde nach
dem dunklen Horizont gen Norden zu blicken, die englische Flotte auf
den Wogen, die franzsische Armee auf dem Lande zu sehen. Kronburg, als
ein Unglcksprophet seinen Scheitel ber den Oeresund erhebend -- und
das arme Kopenhagen! Und Eure grliche Ruhe! Grade beim Friedensfeste
hier in Paris, als ich in Notredame gewesen war, das _Tedeum_ gehrt,
die ganze franzsische Pracht und Herrlichkeit gesehen, Napoleon zum
ersten Male in meinem Leben in Rittertracht unter einem Thronhimmel, den
Senat und alle Rathspersonen in ihren Staatsuniformen, eine wimmelnde
Menge des Pariser Publikums, Bravoruf und Freudengeschrei gehrt, meinen
poetischen Geist in die Zeit Karl's des Groen hingezaubert -- darauf
einen Sprung nach Norden, dem =alten= Norden und seiner =verschwundenen=
Macht gethan hatte -- kam ich mde und wehmthig nach Hause und fand
dort den letzten Brief von Rahbek, Karen Margrete und Job. Lauter
Freude! Landpartien! Lust und Scherz! Rahbek nennt mich in diesem Briefe
einen =glcklichen= Dichter! Ja wohl ein glcklicher Dichter! glcklich
wie der arme Camons, der seine Luciade fertig hatte, gerade als sein
Vaterland zu Grunde ging. Lebte Camons jetzt, so knnte er =wirklich=
glcklich werden; er htte dann Stoff zu einer schneren Luciade als die
erste -- aber ich armer Dne!

Da ich nun gerade Palnatoke schreiben sollte! gerade die =nordische
politische Macht= zum Stoff meines Gedichtes wenige Minuten vor diesem
Augenblicke whlen mute! That es das Geschick zum Hohn? oder war es um
mich zu trsten, indem es mein Auge darauf hinlenkte, was auch =wir=
gewesen waren, und um es mir frisch im Gedchtni zu erhalten: Jede
Blume hat ihre Zeit, aber in der Kunst blht ein ewiger Frhling? O, wie
spielen die Nornen mit dem armen Menschenherzen Ball. Bald fllt, bald
steigt es. Da die Englnder kommen wrden, hatten wir voraus gesehen.
Die Tchtigkeit, der Muth und die Vorsichtsmaregeln, von denen die
Zeitungen immer aus Dnemark sprachen, fingen an uns zu trsten und
zu strken. Castenskiold's Heer! die Brgerschaft in Kopenhagen! die
tiefe Verachtung gegen die Englnder! die gute Sache! die Erinnerung an
Dnemarks alte Ehre! die Versicherung des Ueberflusses an Lebensmitteln!
Die =kecken= Maregeln, die man (in den =Zeitungen=) genommen hatte,
indem man die Vorstdte und Friedrichsberg abbrannte. Und mit glhenden
Schmerzensthrnen sah ich die Westerbrcke und das Schlo brennen. Der
Ort, an dem meine Wiege stand, ging zu Grunde, jedes Monument, das die
Erinnerungen aus meinem Leben in meinem Herzen auffrischte. Aber ich
opferte mit Freude meine Glckseligkeit dem Vaterlande. Am 29. und 30.
sollte ein Heldenausfall stattgefunden haben. Die Zeitungen erzhlten
uns, da die Studenten an der Spitze gestanden, Granaten auf das Schlo
geworfen htten und fast alle auf dem Wahlplatz geblieben seien. Da
weinte ich. Ich sah Rahbek, Oersted und Carl in ihrem Blute schwimmend,
meinen alten Vater in der uersten Lebensgefahr. Aber ich fhlte mich
als ein Spartaner, und klagte das Schicksal an, welches mir nicht auch
erlaubte, mit meinen Brdern bei Thermopyl zu fallen. Nach Verlauf
einiger Tage kam mir die Nachricht, da nicht alle Vorstdte abgebrannt
seien, nur etwas von der Westerbrcke und da das Friedrichsberger
Schlo noch stehe. Da das Schlo stand, freute mich unsglich; wir
erfuhren auch, da die Niederlage der Studenten nicht so gro gewesen
sei, wie das Gercht ging. Ich fing an fr mein persnliches Glck zu
hoffen, ohne fr das Ganze zu frchten. Fortwhrende Nachrichten ber
den dnischen Widerstand und die englische Eingebildetheit klangen in
unsern Ohren. Ich dichtete ein Lied, welches von der Landsmannschaft
bei dem Minister Dreyer gesungen wurde, wo wir Dnemarks Wohl im Blute
des Feindes (Englisches Bier) tranken. So ging es fort; wir hrten nun
nichts von Kopenhagen, aber wir frchteten nichts. Eines Morgens sa
Brndsted bei mir, wir lachten und scherzten; in demselben Augenblick
kommt Kos bleich wie eine Leiche herein und sagt: Kopenhagen ist
genommen! Du hast Phantasie und Gefhl genug, um Dir vorzustellen,
welche Wirkung das auf uns hervorbrachte. Von der Hoffnung und
Munterkeit strzte es uns pltzlich in die bitterste Verzweiflung hinab.
Wir waren zu einem Dr. =Klinger= im _jardin des plantes_ eingeladen,
um das Naturaliencabinet zu sehen. Wir setzten uns in einen Wagen und
fuhren hinaus. Bei Klinger kam ich in die tollste Laune, lachte aus
vollem Halse und sagte lauter Narrheiten. Er freute sich darber,
mich so munter zu finden. Ich sagte: Ist es ein Wunder, da ich
ausgelassen bin? Kopenhagen ist eingenommen, meine Familie getdtet,
verwundet oder zu Grunde gerichtet, die Hlfte der Stadt verbrannt und
Dnemark zum Teufel gegangen. Darauf fing ich wieder zu lachen an.
Es war dies das Lachen, vor dem ich frher bei Dir so groe Furcht
hatte, das ein Vorbote Deines Krampfes war. Indessen bekam ich keinen
Krampf. Der liebe Gott hat mich aus einem strkeren Teige geknetet.
Wir gingen in's Naturalienkabinet, sahen groe Elephantenskelette,
Versteinerungen von Thieren aus Asien in Kalkstcken vom Montmartre &c.
Bessern Trost htte ich nicht bekommen knnen. Die groen Umwlzungen
der Natur standen mir lebhaft vor den Blicken, und mein eignes und
Dnemarks Schicksal erschienen mir wie die Bewegungen eines Stubchens
in dem unermelichen Raum. Ich sah Kinder in Spiritus, deren Herzen
weder im Kummer, noch in der Freude geschlagen hatten, und ich dankte
der Vorsehung fr das meinige, das beides empfunden und zugleich den
Ewigen selbst erfat hatte. Meine verzweifelte Stimmung verschwand, ich
blickte die Verwandlungen der Natur mit von Thrnen geblendeten Augen
an, meine Seele erhob sich khn im Unglcke. Das Unglck macht gro:
Ich fhlte meine Unsterblichkeit, die religise Hoffnung stand wie ein
grner unvergnglicher, gigantischer Smaragd-Anker vor meiner Seele.
Meine Liebe zu den Meinigen wuchs, um so mehr, als ich nicht wute,
ob wir diesseits oder jenseits des Grabes sympathisirten, aber dieses
Grab erschien mir nun ein unbedeutender Graben zu sein, der leicht zu
berspringen war. So kam ich mit einem frommen Herzen nach Hause und
betete innig zu Gott. Von diesem Augenblick an war ich ruhiger. Aber
von Zeit zu Zeit stand doch das Unglck des Vaterlandes mir vor der
Seele. In der Nacht dachte ich an Euch und wnschte innig, da Ihr leben
mchtet. An einem schnen Herbsttage, als ich hier spazieren gegangen
war und mich so leicht ums Herz fhlte, ahnte mir etwas Gutes. Als ich
nach Hause kam, fand ich einen Brief von H. C. Oersted. =Ihr lebtet
Alle!!= O wie dankte ich Gott; wie freute ich mich! Selbst da Euer
Haus abgebrannt, konnte meine Freude nicht stren. Kurz darauf bekam
ich Deinen Brief. O schreibe mir bald mehr. Detaillire mir Alles, liebe
Christiane! ich schliee hier nicht. Ich beginne jetzt den Brief an
meine Schwester (denn ich bin zwischen Euch getheilt); daraus wirst Du
meinen brigen Zustand erfahren.

                                                   Dein

                                                     =Oehlenschlger=.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Brief von Baggesen.]

Kurz darauf kam Baggesen nach Paris; er hatte fast ein ganzes Jahr in
dem Hause meines Schwagers, A. S. Oersted gelebt; seinen halberwachsenen
Sohn August hatte mein Vater zu sich genommen, und ein Paar Jahre wie
sein eignes Kind gepflegt; Ursachen genug fr Baggesen, gnstig gegen
Sophien's Bruder, gegen den Sohn des alten Oehlenschlger und gegen den
jungen Dichter gestimmt zu sein, der kurz vorher zu seiner Ehre ein Fest
veranstaltet und ein Lied geschrieben hatte. Aber ich sehnte mich doch
nicht nach ihm. Er hatte mir vorher einen gedruckten Reimbrief nach
Paris gesandt, dem voran geschrieben stand:

In dem Zimmer meiner besten, verehrten und inniggeliebten dnischen
Freundin, Deiner gttlichen Schwester -- nachdem ich mit ihr, ihrem
Manne, Schwager Christian und Tine Deinen Geburtstag gefeiert hatte.

Und am Schlusse:

Ich wrde zuviel zu erzhlen haben, mein Oehlenschlger, wenn ich davon
sprechen sollte, wo und wie ich die drei letzten Monate zugebracht habe.
Davon mu Alles oder gar nichts erzhlt werden. Ich erspare es mir auf
eine Reihe mndlicher Unterhaltungen.

Wunderbar genug sind unsere wirklichen Ereignisse, nachdem sie
lange, fast ins Unendliche hinaus auseinander gegangen waren,
zusammengetroffen. Ich wei nicht weshalb; aber ich habe die
eigenthmliche, innere Ueberzeugung, da nicht allein ich zu dem
sympathetischen Punkt zurckgekehrt bin, von dem wir Beide ausgingen.

Ich beabsichtige von hier am 1. December fortzureisen und vor Neujahr in
Paris zu sein.

Meine Sehnsucht nach meiner Fanny und meinem Paul und meinem und
Sophien's Bruder ist unbeschreiblich. Ich habe viel Angst und Unruhe
in dieser Zeit ausgestanden, weil ich nicht reisen konnte. Du wirst
vielleicht meiner Frau die bisherige Unmglichkeit erklren knnen;
selbst mein Leben und nicht nur meine Freiheit war in Gefahr.

Ich bitte Dich innig, meine Frau in Marly zu besuchen (_Marly la
machine_ -- _le village sur la hauteur_ -- _prs St. Germain_). Erzhle
ihr das Entsetzen, das wir hier ausgestanden haben, meinen heftigen
Rckfall und Deutschlands Zerstrung. Ksse und drcke ihre Hand fr
mich, und sage ihr, wie ungeduldig ich mich darnach sehne, an Deiner
Stelle zu sein. Sage ihr, da ich es nie wagen durfte, ihr die reine
Wahrheit in meinem Briefe zu schreiben.

Warum bin ich nicht bereits in Paris, um Dir den raschesten Genu alles
Dessen zu erleichtern, was daselbst Deines Geistes und Deines Herzens
werth ist!

Schreibe mit ein Paar Zeilen nach Amsterdam, adressirt: An Herrn
Brockhaus, Warmoesstraat Nr. 1-2.

                                                   Ewig Dein

                                                          =Baggesen=.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Auszug aus einem Reimbrief von Baggesen.]

Einen Auszug aus dem Reimbriefe theile ich hier mit:

        Du fand'st sie Adam, sie, nach der ich strebte
        Im tiefen Ernste grbelnd alle Zeit,
        Mit ruhelosem Flei in Einsamkeit,
        Vom Sonnenaufgang bis die Sonne schwand,
        Wo ich in blut'ger Spur nur Dornen fand,
        In Schweies Strmen bei der Stirne Brand,
        Inde das Hinderni den Flei belebte.
        Du fandest sie, nach der ich strebte
        Vom Abendschimmer bis zur Tagesnhe,
        Im Schoo des Abgrunds, auf des Felsens Hhe,
        Mit eis'gem Hirne u. s. w.
        Was ich gesucht, ja, ja! Du hast's gefunden, --
        Indessen mir, dem Armen, war gebunden
        Die Hand.

        Mit Freuden hab' ich Deinen Fund erkannt;
        Zwar sucht'st Du nicht, doch fand'st Du dennoch Vieles --
        Das Aug' des Glckes deckt ein blendend Band --;
        Dich lockt, inde ich grub, der Reiz des Spieles,
        Du stehst, ein Kind noch, wo ich erst Dich fand,
        Bei unterird'schen, diamantnen Bumen,
        Dem Untergange nah, der Dich umwand, --
        Die mcht'ge Himmelslampe in der Hand,
        Doch deren Geist Du nicht gleich mir erkannt; --
        Noch bist Du von dem bunten Rausch umhllt,
        Du letzest Dich an Tieck'schen Blumentrumen,
        Und an der Schlegelbirnen reichen Saaten.
        Du hast Dir alle Taschen voll gefllt
        Mit Gthe's unterirdischen Granaten,
        Indessen Calderon's Theaterpracht
        Den runden Hut zum Viereck Dir gemacht; --
        Allein -- Du hast sie -- hast den Geist gebannt,
        Dein ist sie, Adam; und Dein Freund, der lebte
        Vergebens, sie zu suchen; als Du spieltest, strebte,
        Reicht Dir mit Wollust seine Hand -- u. s. w.
        Steig' auf, steig' auf,
        Hoch auf den Berg im raschen Lauf,
        Da setz' Dich, Glcklicher, an meine Seite.
        Und ich -- der nicht die Lampe hat, doch wei
        Den Geist zu bannen durch ein streng Gehei,
        Ich bin Dir nah', da ich die Hand Dir leite.

        Du hrt'st mich nicht tief in der Hhle Mitt';
        Du gingst, belastet durch die schweren Steine,
        In Tausend Einer Nacht den Gang alleine.
        Doch wuchs mein Hoffen schon bei jedem Schritt,
        Als Du Dich hobst. Und -- Wunder ber Wunder --
        Nicht mehr der Knabe, wei und roth, mit glattem Kinn,
        Der nach den Frchten griff, mit kind'schem Sinn,
        Ich sah als brt'gen Mann Dich im Vaulunder;
        Und hoch und herrlich stand'st, mit einem Satz,
        Als =Hakon Jarl= Du auf dem hchsten Platz. --

        Empfang' mit diesem Bruderku die Hand!
        Vergi die Ste, die wir uns gegeben,
        Dieweil wir unsern Geist verkannt,
        Vom Teufel kurze Zeit gebannt,
        Der Zwistigkeiten liebt fr's Leben,
        Und gern sie s't, wo Witz und Witz sich heben.
        Wir lieben uns, trotz ihm und seiner Brut,
        Und sind uns, Castor gleich und Pollux, gut.
        Ich wechselweis im Himmel erst mit Dir,
        Du wechselweis dann in der Hll' mit mir.
        Ich froh des Jnglings, Du des Mannes froh.
        Und all' die Irrwisch', die so tief im Sumpf
        Da hpfen, und sich drcken, Rumpf an Rumpf,
        Seh'n hoch hinauf, und spitzen ihre Ohren,
        Seh'n hier des Friedens herrlichen Triumph,
        Da sich Aladdin und Noureddin fanden,
        Da alle frher'n Uebel rasch verschwanden,
        Und Mancher hat d'rob den Verstand verloren!

[Sidenote: Antwort auf Baggesen's Reimbrief.]

Hierauf antwortete ich auch mit einem Gedichte, in welchem Folgendes
stand:

     Was also Aladdin betrifft, so denk' ich nun,
     Wir lassen seine Wunderlampe brennen still,
     Und putzen nicht den Docht gar all' zu nah; denn leicht
     Knnt' sie auf diese Weis' erlschen gar. Auch ist
     Der Lamp' Gedicht kein Kinderwerk, im Schlaf gemacht,
     Mit offnem Auge blickt es in der Welt umher.

     Vaulunder wurde =vor= der Lampe schon gedichtet; Illusion
     Ist also, was Du glaubtest von dem ltern Mann.
     Der Wilde tritt als Aladdin rasirt hervor,
     So steht es. Das hat sicher Dich verwirrt gemacht!

     Im Schweie mag der Brger gehen seinen Weg!
     Wohl heilig ist sein Streben; doch der Musen Sohn
     Kennt nicht den Schwei. Vulkan auf seinem Ambos hat
     Geschmiedet =Deine= Lieder nicht! Ein Silberbach,
     So rannen sie melodisch durch das Thal dahin,
     Und eigne Quellen trieben sie.

                              Was Du gesagt
     Von meinem Schlaf, sei Dir verzieh'n; der Dichter doch
     Hat eines Vogels Schlaf; er lauschet munter stets
     Den schnen Melodien der Welt auf seinem Zweig;
     Und selbst sein Schlummer ist ein Traum, ein Mhrchen ihm.

     Was ihm die Muse eingiebt, singt getreulich er,
     Ob farbig bunt, ob tief in Trauerschleier eingehllt;
     So that ich stets, so will ich thun auch bis zum Tod.
     Gefllt allein die Hlfte meines Wesens Dir,
     So nimm', was Dir gefllt, allein verschone mich
     Mit Deinem Warnungslied! Zu Freundessympathie
     Bedarf es, da der Freund den Freund durchschaue ganz. u. s. w.

     Nun zrn' mir nicht, da ich mit Ernst und strenger Ruh'
     Dem muntern Scherz begegnet. Mich betraf Dein Wort.
     Gereiftheit, Mnnlichkeit zu zeigen in dem Werk
     Der Dichter hoffte. =Also= singt kein schlfrig Kind!
     Doch fest, auf beiden Fen sicher, ganz wie Du
     Und Einer, meinem Ziel zu nahen, ist mein Trost,
     Mein Stolz und was allein mir anzurechnen ist.
     Und damit Gott befohlen, Hand an's Werk gelegt.

So antwortete ich ihm, unter vielem Anderen, das ich hier weglasse,
ernst und bescheiden auf eine Epistel, die eine seltsame Mischung von
Selbstlob, Vorurtheil und Erkennen meines Talentes war. Diese Epistel
wrde mich doch mehr gerhrt haben, als sie wirklich that, wenn ich
nicht gewut htte, da ich meinem Familienkreise in Kopenhagen den
grten Theil des Weihrauchs verdankte, den Baggesen damals mir
ausstreute, denn er lie sich stets von seiner Umgebung und deren
Meinung beherrschen. --

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Belege zur Characteristik Baggesen's.]

Aus dieser Zeit habe ich mehrere Briefe aus meinen nchsten Kreisen
in Kopenhagen, wovon ich hier Bruchstcke mittheilen will. Zuerst von
Christiane:

Ich war zwei Abende mit Baggesen bei Rahbek zusammen und hrte ihn das
Scheerenschleiferlied singen. An einem Abend begleitete er mich nach
Hause und machte mich etwas verlegen, indem er sagte, da das Stck
Corsoer in der Langelandsreise ihm nahe gegangen sei. Deine Schwester,
erzhlte er mir, sei eine Deiner wrdige Schwester, voll von Geist
und Witz, aber ganz unwissend. Er ist oft zu Oersted's gekommen, und
Sophie war mit ihm in Corsoer, was ihr gewi sehr unangenehm gewesen
ist. Du bist ein prchtiger Junge, das mu ich Dir sagen, weil Du mir
so liebevoll das Miverhltni in Familien oder zwischen Freunden
erklrtest. Ich will nur bemerken, da Abwesenheit ein herrliches Ding
ist, da urtheilt man oft milder, als wenn man anwesend ist.

                    *       *       *       *       *

Deinen Baldur habe ich mehrere Male mit immer grerer Freude gelesen.
Ich war etwas krank, als ich das Manuscript erhielt; aber eine bessere
Medicin htte ich nicht bekommen knnen; der Enthusiasmus, in den ich
versetzt wurde, brachte das Blut in eine Circulation, die mich curirte.
Baggesen habe ich nur einmal ber den Baldur sprechen hren; aber ich
verstand seine Rede eben so schlecht, wie die Noureddin's zu Aladdin. Er
ist einer der Menschen, deren man bald berdrssig wird; mich langweilt
sein Geschwtz vielfach.

                    *       *       *       *       *

Von H. C. Oersted folgende Bruchstcke:

Baggesen ist hier. Er kommt viel in das Haus meines Bruders. Er hlt
viel von Deinen Gedichten, besonders von dem St. Hans Abendspiel und
Aladdin. Vom Altnordischen ist er kein Freund. Er kann die vielen alten
Worte nicht leiden, die Du aufnimmst, und will noch weniger etwas von
den alten Formen wissen; kurz man kann ber Vieles mit ihm streiten,
aber der Wille scheint gut zu sein. Er will Die eine poetische Epistel
schreiben; Deine Schwester arbeitet nicht ganz ohne Glck daran, ihn
zu Gthe zu bekehren. Er fhlt bereits, da Vieles in seinem Urtheil
ber den groen Dichter aus persnlichen Verhltnissen entsprungen sei.
Jedenfalls mu man gestehen, da Baggesen im Umgange sehr interessant
ist, wenn man ihn nur nicht dahin bringt, ber die neuere Philosophie
und Poesie zu urtheilen. In dieser Hinsicht ist er wirklich schwach, so
da er oft gegen Etwas eifert, nur weil es von ihm verhaten Personen
herrhrt; obgleich er bei andern Gelegenheiten ganz Demselben seinen
Beifall zollt, wenn es nicht von einem solchen Namen begleitet ist.

                    *       *       *       *       *

Dein Brief an Baggesen hat sich so ungetheilten Beifall erworben, wie
wohl selten ein literarisches Produkt der Art. Deine Freunde haben sich
auerordentlich darber gefreut; selbst diejenigen, welche Deine Gegner,
oder nicht ganz freundlich gegen Dich gesonnen waren, legen groen Werth
darauf. Soldin hatte bereits Besuche des kaufenden Publikums, ehe der
Brief zum Verkauf angezeigt war. Die Leute konnten ihn nicht rasch genug
bekommen; man ging ganz geduldig nach der Pistolsgasse, zu Soldin's
Buchbinder, um den Brief zu holen, ehe Soldin Exemplare desselben
erhielt. In Dreyer's Club hat Bornemann ihn mit vielem Pathos vorgelesen
und Alle lobten ihn. Was nun Baggesen betrifft, so las ich ihn ihm
gleich im Manuscripte vor. Im Anfange fand er ihn voller Bitterkeit,
aber als er ihn ein paar Mal gelesen, und ich ihn darauf aufmerksam
gemacht hatte, da nicht Alles, was Du in Deinem Glaubensbekenntnisse
aussprichst, auf ihn zu beziehen sei, begngte er sich, auszusprechen,
da Du ihn miverstanden httest, und nicht wtest, wie er jetzt
sei. Meine Ansicht von Baggesen ist, da er ein schwacher eitler
Mensch sei, der nicht meinte, was er schrieb. Ich habe viele Debatten
mit ihm, und kann es nicht unterlassen, ihm Blen zu geben, wenn er
prahlt, schmeichelt und tglich seine Meinung verndert. Baldur hat
mit unendlich gefallen. Ich hrte Baggesen ihn erst bei meinem Bruder
vorlesen; aber er las ihn mit einer so knstlichen Schlfrigkeit, da er
im gnstigsten Falle keinen Genu bereiten konnte. Ich habe ihn spter
selbst vor Andern und stets mit Beifall gelesen.

                    *       *       *       *       *

In einem schrferen Tone wird Baggesen in einem Briefe von einem andern
meiner Freunde besprochen.

Ich habe den ersten Theil seiner Reimbriefe gelesen, und leugne nicht,
da mir Eins und das Andere gefallen hat; aber ich habe mich ber sein
ewiges Reden von sich selbst gergert, das sich durch das ganze Buch
zieht, dessen Inhalt ist, da er ein schwacher Mensch sei, der nirgends
hinpat, der nirgens ntzt. Der Brief an Adam scheint mir Pavels' alte
Recension, in einer Cantate umgesetzt zu sein. Kopenhagens Einwohner
werden sich allerdings ber die Gutmthigkeit wundern, da er einen
Vergleich anbietet; ich bewundere sie durchaus nicht; denn da bei
ihm Alles zufllig ist, so beruht seine ganze Gutmthigkeit auf dem
Zufalle, da er zu Oersteds kam; wre er zu K***s gekommen, so wrde das
Gegentheil geschehen sein.

Ich wundere mich, da dieser Herr vom Klappern zu sprechen wagt, da
er doch in der letzten Zeit kein anderes Instrument hantirt, als die
Klapper.

                    *       *       *       *       *

Auch H. C. Oersted sprach strenger ber Baggesen, je lnger er mit
ihm umging. In den letzten Briefen, die ich von Oersted ber Baggesen
erhielt, heit es:

Mit Baggesen stehe ich bestndig auf gespanntem Fue, obgleich ich
uerlich mit ihm in Frieden lebe. Es schmerzt mich oft in meinem
Innern, da es einem Manne, der mit so vielen Talenten geboren ist, so
vollstndig an Character und Zusammenhang fehlt, wie ihm. Kaum ein Tag
vergeht, wo er nicht Ansichten und Gesinnung nderte. Diese Fluiditt
macht, da er sich leicht in alle Formen schmiegt; da er aber nie durch
eine lange Arbeit hindurch eine feste und klare Form beibehalten kann.
Steffens war einige Tage hier. Man wollte ihn anstellen, da man aber
forderte, da er keine Vorlesungen halten drfe, so gab er die brigens
nicht unvortheilhaften Bedingungen, die ihm gestellt waren, auf.
Baggesen hat ihn erwischt und gesagt, er frchte, Du httest Steffens
gegen ihn eingenommen; aber Steffens antwortete ganz aufrichtig, da
gerade das Gegentheil der Fall sei. Baggesen fuhr fort, Steffens
Complimente zu machen; er will sich mit aller Gewalt zur neuern Poesie
bekehren, und hat auch bereits in seinem Gespenst verschiedentliche
neue Gtter vorgeschlagen.

                    *       *       *       *       *

Baggesen besitzt gewi alle die Talente, die zu einem ausgezeichneten
Dichter erforderlich sind; aber es fehlt ihm die innere Einheit,
die viele Talente zu einem Genie macht. Dehalb sieht man auch, wie
sich alle Dichterelemente in seinen Arbeiten jagen, Alles in einer
unaufhrlichen Bewegung, einem poetischen Chaos, dem der verbindende
Geist fehlt, so da es nie zu einer wahren Organisation gelangt. Wenn
der Zusammensto der Atome hie und da in dem groen Meere, seinen
Gedichten, es zu einer kleinen, schwachen Organisation gebracht hat, so
wei er doch stets durch Verbesserung in einer neuen Ausgabe sie wieder
aufzulsen, da daraus die Einheit wieder herausgebracht wird. Dies
hat er z. B. in dem kleinen Gedichte, =der Trost=, gemacht, das in der
ersten Ausgabe damit anfngt, in der ganzen Natur ein Symbol des Todes
und des Grabes zu sehen; darauf steigt er in das Grab selbst hinab,
und schliet mit Himmel, Seligkeit, Ewigkeit. In der zweiten Ausgabe
verschwindet der feine Faden, der Alles verband, und der ganze kleine
wehmthige Ergu wird -- Wasser. Es ist meine volle Ueberzeugung, da
die Natur Keinem Genie verleiht; sie rstet den Menschen mit mehreren
oder wenigeren Talenten aus; aber selbst die grten werden nur Talente,
wenn nicht knstlerisches Rechtsgefhl, wahre Liebe fr Kunst und
Wissenschaft hinzutritt, so da man ohne Rcksicht der Vortheile und
Verbindungen, oder etwas noch Niedrigeres, stets in seiner Kunst und
Wissenschaft lebt. --

Ich mu Dir erzhlen, da Baggesen einen Sohn hat, der ein
vortrefflicher Knabe ist und so viel Character und Verstand besitzt,
da der Vater oft von Herzen wnschen mte, zu haben, was er hat. Er
gleicht ihm indessen sehr, doch ist es wohl die Schweizernatur der
Mutter, die ihm die Kraft verliehen hat. Er ist ganz entschlossen
Krieger zu werden, und ich habe ihn mit bewundernswrdigem Verstande
auf die Einwendungen antworten hren, die man ihm gegen die Wahl dieses
Standes machte.

                    *       *       *       *       *

So wurde Baggesen beurtheilt, nicht allein im Kreise meiner Freunde
(der aus einigen der ausgezeichnetsten Mnner der dnischen Literatur
bestand), sondern von den meisten geistvollen, gebildeten Menschen.
Indessen hatte er doch meine Schwester zu gewinnen gewut. Und war
dies ein Wunder? Er gewann ja kurz darauf in Paris, trotz Dem, was ich
von ihm wute, auch mich. Es war fast nicht mglich, kalt gegen ihn zu
bleiben, wenn er es recht darauf anlegte, einen Menschen zu gewinnen,
so liebenswrdig konnte er sein. War es daher nicht natrlich, da er
auch sie gewann, die er bis in die Wolken erhob und in deren Umgang er
damals seine grte Glckseligkeit fand? Als ein Frauenzimmer, obgleich
sehr gebildet und geistvoll, war sie -- nicht (wie Baggesen selbst zu
Christiane sagte) sehr unwissend, aber wohl unwissend im Betreff der
literarischen Verhltnisse und der Rolle, die Baggesen selbst darin
spielte. Wenn sie ihn nun auch oft sehr tadeln hrte und selbst zuweilen
seine Schwchen entdeckte, so gefiel und schmeichelte es ihr wohl auf
der andern Seite, da sie so groen Einflu auf einen so berhmten und
talentvollen Mann mit einem so groen Namen hatte, der sich darein fand,
oft ganz kindlich und gehorsam bei ihr in die Schule zu gehen, und
geduldig ihren Tadel und ihre Winke entgegennahm, und fr die Zukunft
Besserung versprach. Es whrte nicht lange, so ffneten sich auch
Sophien die Augen, damals aber ging sie noch, was Baggesen betraf, im
Traum, und es gefiel ihr, ihm Geschmack fr das Bessere in einer Kunst
beibringen zu knnen, in welcher er sich einen berhmten Namen erworben
hatte, ehe sie geboren wurde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Zusammenleben mit Baggesen in Paris.]

Als Baggesen nach Paris kam, hatte ich mir vorgenommen kalt und
zurckhaltend gegen ihn zu sein, aber daraus wurde nichts. Als er zu mir
ins Zimmer trat und ich sagte: Guten Tag, Herr Professor Baggesen!
rief er weinend: Nicht so! Du, Du! Damit drckte er mich in seine Arme
und netzte mein Gesicht mit seinen Thrnen indem er mich wiederholt
kte. Es ging mir, wie so vielen Andern; dies schne augenblickliche
Gefhl rhrte mich; er hatte mich wiedergewonnen. Wir gingen in Paris
fast tglich mit einander um, und der Eine sagte dem Andern nicht
ein unangenehmes Wort. Baggesen war ein Chamleon, das seine Farbe
von seiner Umgebung nahm. Er merkte hier bald in unserem Zirkel, da
Einbildung und eine halb franzsische halb Wieland'sche Aesthetik
nichts ntzte. -- Er wurde also bescheiden, fhlte wohl auch -- fr den
Augenblick, da ich mich auf Tragdien und Schauspiele besser verstehe,
wie er und uerte selbst einmal: Ich schme mich nicht, von Dir zu
lernen, obgleich ich der Aeltere bin. -- Als ich ihm meinen Palnatoke
vorlas, warf er sich entzckt vor mir auf die Knie. Pfui Baggesen!
sagte ich, solche Uebertreibung kann ich nicht leiden! La das Feuer
ruhig, aber stetig brennen. -- Ein Jahr darauf, als er mich fast
wahnsinnig, wie einen Elenden, angriff, der nichts Ordentliches wisse
oder knne, hie es: er sei in Paris vor mir auf die Knie gefallen, um
mich zu berreden, die Fehler des Stckes abzundern.

Da es ihm nun damals darum zu thun war, mich zu gewinnen, so gewann
er mich auch, denn ich habe keinen Menschen gekannt, der sich so
einzuschmeicheln wute, wobei ihm sein augenblicklich leichtes Gefhl,
sein Witz und seine Beredtsamkeit gut zu statten kamen. Et hatte damals
auch noch nicht so stark gesndigt; und wer she nicht gern vielen
kleinen Schwchen durch die Finger, um einen solchen Gesellschafter zu
haben?

Baggesen war eigentlich ein Improvisator; Alles war bei ihm das
Kind des Augenblickes und auf die augenblickliche Wirkung berechnet.
Ich fhlte selbst, um wieviel unterhaltender er in Gesellschaften
sein msse als ich, der ich nicht mittheilend und laut bin, sondern
verlegen schweige, und nur leise mit meinem Nachbar spreche. Erst unter
Freunden, eigentlich nur zu Zweien werde ich begeistert und beredt; oder
auch als Lehrer vom Katheder, wenn auch noch so Viele zugegen sind.
Baggesen war also ein Improvisator, und als solchem durfte man es ihm
nicht belnehmen, da er einen Haufen =Dichtung= in seine geselligen
historischen Erzhlungen einmischte; denn der Gesellschaftssaal war,
wie gesagt, grtentheils sein poetisches Arbeitszimmer, wo er hufig
die Horazische Regel geltend machte: _veris falsa_, oder eigentlich:
_vera falsis remiscet_. Hierdurch erlangten seine Erzhlungen freilich
an Interesse, das wir Andern, die sich an die nchterne Wirklichkeit
hielten, ihnen nicht geben konnten. Was er Schnes und Gutes gedichtet
hat, sind, wenn nicht geistvolle Gelegenheitsgedichte, so doch
gewhnlich die Geburten einer kurzen, glcklichen Stimmung. Zu greren
Werken, die Anstrengung und eine anhaltende Begeisterung erforderten,
hatte er weder Kraft, noch Flei oder Lust. Deshalb sind die meisten
derselben nur Fragmente geblieben. In seinen greren Arbeiten knnen
wir freilich viele einzelne Schnheiten bewundern; wo er aber ernst ohne
Humor sein will, ist er grtentheils schwlstig und affectirt.

Eines Abends spt war er bei mir und erzhlte mir von seinen
Schuljahren, wie er einmal, seiner Versicherung nach ganz unschuldig,
eine harte Strafe hatte erdulden mssen. Dies schilderte er so lebendig
und mit so rhrenden Zgen, das ich zuletzt hchst erbittert ausrief:
Ich wollte wnschen, ich htte den alten grausamen Rector hier, ich
wollte ihm _mores_ lehren! -- Indessen wurde es spt. -- Baggesen!
sagte ich, willst Du die Nacht ber hierbleiben, so werde ich Dir ein
Zimmer verschaffen, denn mein Bett ist fr zwei zu klein. -- Nein,
das ist unmglich, sagte er, ich mu durchaus noch heute Abend nach
Marly. Darauf fuhr er wieder zu erzhlen fort, bis es so spt ward,
da er nothwendig bei mir bleiben mute. Wir stopften uns in das schmale
Bett, wie Anchiovis in einem Fchen; und da wir nicht schlafen konnten,
lagen wir die halbe Nacht und sprachen in Reimen mit einander bis wir
endlich von Mdigkeit und Mattigkeit mehr betubt wurden, als da wir
einschliefen. Frh am Morgen erwachte ich wieder und wunderte mich ber
das groe, fahle, pockennarbige aber doch hchst interessante Gesicht,
das neben mir war. Als er erwachte, war er wieder eben so munter. Wir
tranken unsern Kaffee zusammen und sprachen lustig und freundlich mit
einander.

Eines Tages fand er Holberg's dnische Geschichte bei mir und nahm sie
nach Marly mit. Als wir uns das nchste Mal sahen, sagte er: Nun habe
ich auch ein Sujet zu einer nordischen Tragdie gefunden. -- Na, das
ist recht, antwortete ich. -- Eigentlich werden es =drei= Tragdien!
-- Und ich habe auch ein Sujet gefunden und will =eine= Tragdie
schreiben! (Axel und Valborg). -- Hm! -- sagte er, launig lchelnd,
indem er eine starke Prise Tabak nahm, und sich selbst zum besten hatte,
was er oft mit vieler Grazie that. -- Mir ist bange, da Du mit Deiner
einen Tragdie frher fertig wirst, als ich mit allen Dreien! -- Ich
lud Baggesen ein, zu Mittag bei mir zu essen, er nahm die Einladung an
und wir gingen zu meiner Wirthin, Madame Gautier, hinunter, die eine
sehr gute _table d'hte_ hat. Obgleich etwa zwanzig franzsische Gste
da waren, so genirte uns dies doch nicht, da wir beide Dnisch zusammen
sprachen, was kein anderer verstand.

Als wir ein Paar Glas Wein getrunken hatten, sagte ich: Hre Baggesen,
nun sollst Du mir den Plan zu Deinen drei Tragdien mittheilen. --
Ja, entgegnete er, es liegt mir noch zu konfus im Kopf; ich mu
es erst ordnen. -- Etwas davon mut Du doch erzhlen knnen, fuhr
ich fort. -- Das erste Stck soll Schiffer Clement heien, sagte
er, aber damit bin ich noch am Allerwenigsten im Reinen. -- Dann
wollen wir mit dem Ende anfangen, sagte ich, und gleich zu Christian
II. kommen. -- Ja, sagte er nach einigem Weigern verlegen, ich
will Dir eine Hauptsituation erzhlen. Christian II. geht in den Rath.
Dort stehen zwei Becher auf dem Tisch, der eine mit Blut, der andere mit
Milch. Es ist bekannt, da er bald gut, bald bse war. Nun fingire ich,
da er zuweilen, wenn er Milch trank, gut wurde, da er aber zuweilen
von dem Blute trank und dann bse ward. Er ergreift die Mich und alle
rufen froh: Der Gute! -- Aber er wirft sie verchtlich fort, trinkt
von dem Blute und ruft mit finsterm Grimme: Der Bse! --

Ja, sagte ich lachend, das wird eine treffliche Wirkung thun,
besonders wenn die Milch am Boden dahin fliet. Aber hre, mein guter
Baggesen, fuhr ich ernster fort, was soll denn das sein? ich kann
doch nicht voraussetzen, da Du diese Geschichte erfunden hast, um Dich
ber den Dichter des Hakon und Palnatoke, der Dich freundlich zu Gast
geladen hat, zum Narren zu machen; ich mu also annehmen, da es eine
Phantasterei ist, die Dir einfllt, da Du in Verlegenheit gerthst einen
Plan zu erzhlen, an den Du nie vorher gedacht hast. -- Ja, sagte
er verlegen, ich gestehe, da ich nicht viel darber nachgedacht
habe -- das Komischste ist, fuhr ich fort, da Du, der mich in
unsern Gesprchen so oft wegen der Einmischung des Uebernatrlichen
in ein Mhrchen wie Aladdin getadelt hast, es nun selbst in ein ganz
historisches Thema hinein bringst, so da die Snde des menschlichen
freien Willens -- dessen Schilderung gerade hier das Poetische sein
sollte -- zu einer lcherlichen Marionette des bernatrlichen Zwanges
wird.

Er suchte nun so gut er konnte los zu kommen und ich machte ihm
die Flucht leicht. Ich zweifle nicht daran, da es Vergtterer von
Baggesen giebt, die in dieser Scene eine hohe Ironie finden werden,
welche meine Einfalt nicht zu begreifen im Stande war. Aber hnliche
Geschmacklosigkeit und Unvernunft findet man oft in Baggesen's
dramatischen Arbeiten: Holger Danske und Erik der Gute. Ich habe
keine dieser Werke bei der Hand, will aber nur zwei Stellen aus dem
letzten Stcke unter vielen andern anfhren:

Thora wird whrend der Belagerung Jomsburg's von Thorald in eine Hhle
hingewiesen, wo er ihr zu ihrer Beruhigung sagt:

                   Du findest alles =Nth'ge= hier,

worauf sie seufzend antwortet:

                        Doch meinen Erik nicht!

Ich habe bereits frher der Stelle erwhnt, wo die Jomsburgerinnen sich
vor Erik verbeugen, der die Stadt eingenommen hat und indem sie ihn
bekrnzen, singen:

                     Keine Ketten uns umschlingen!
                     =Khl' den Ha im Blute!=
                     Selbst im Tode noch wir singen:
                     =Erik hoch! Der Gute!=

Ich mchte es so gern unterlassen, Baggesen's Schwchen und Snden
nach seinem Tode aufzudecken; da man aber spter in seinen Werken
Schmhschriften gegen mich aufgenommen hat, die dem ewigen Vergessen
htten bergeben werden mssen, so mu ich der Wahrheit ihr volles Recht
lassen, damit eine unparteiische Zukunft die Verhltnisse beurtheilen
knne. Man spricht davon, da er fr ein =Princip= gewirkt habe!! Guter
Gott! Kein Mensch in der Welt hat weniger fr oder nach Principien
gehandelt, als Jens Immanuel Baggesen! In Fichte's, Jakobi's, Reinhold's
Schriften hat er etwas gelesen, hierzu veranlat durch die persnliche
Bekanntschaft mit diesen Philosophen, aber seine eigne Kunst, die Poesie
hat er nie =studirt=. Und sein Geschmack? Meine Schwester und ich haben
ihn von Wieland zu Gthe bekehrt. Er warf mir ja vor, da ich mir
die Taschen zu voll mit Gthe's unterirdischen Granaten gestopft und
meinen schnen runden Hut durch ein Calderonsches Theater viereckig
gemacht htte. Solche Principien waren es, die er damals und spter,
erst mit schlechten Witzen, spter mit Unwahrheiten, Verdrehungen und
Schmhworten geltend machen wollte.

[Sidenote: Mittheilungen aus der Heimath.]

Er schickte mir von Marly aus einen Brief, in dem er einen andern Brief,
den er von meiner Schwester empfangen, abgeschrieben hatte. Ich theile
hier beide mit.

                                               Den 30. September 1807.

Obwohl ich fast berzeugt bin, da Du, Brndsted und Kos mit der
letzten und einzigen Post von Kopenhagen Nachricht erhalten habt, so
eile ich doch, bester Adam, Dir die meinige mitzutheilen, die ich Dir
mndlich bringen wollte, sie aber wegen einer pltzlichen Unplichkeit,
welche mich verhindert zur Stadt zu fahren, jetzt nur schriftlich geben
kann.

Wenn Du Hans Christian's Brief nicht bekommen hast, wird es Dich
erfreuen, zu erfahren, da die Deinigen alle wohl, Dein Vater aus
Friedrichsberg und Oersteds in Christianshafen sind. Mein Brief ist vom
12. von Christianshafen datirt, ist erbrochen gewesen und mir mit dem
Siegel des Knigs aus dem Hauptquartier in Kiel zugesandt worden. Er ist
von Sophie und enthlt auf einer einzigen in Schnelligkeit geschriebenen
Octavseite nur -- doch ich werde ihn Dir Wort fr Wort abschreiben. --

                              Christianshafen, den 12. September 1807.

Wir sind alle glcklich gerettet und befinden uns recht wohl. Die
erste Nacht, als Kopenhagen bombardirt wurde, brachten wir in der
Weststrae auf unsern Zimmern in der grten Lebensgefahr zu. Es regnete
Bomben und rund umher schlugen sie ein; es brannten mehrere Huser in
der Nhe unserer Wohnungen ab, aber der gute Gott beschtzte uns. Den
Tag darauf verlieen wir das Haus und zogen nach Christianshafen her. In
der darauf folgenden Nacht war der Angriff noch strker und whrte bis
zum Mittag des folgenden Tages. Da schlugen denn auch Bomben in unsere
Wohnung in der Weststrae ein, und in dem Zimmer, wo wir uns aufgehalten
und das wir dadurch zu schtzen gesucht hatten, da wir auf dem Boden
eine Elle hoch Pferdednger (ein Mann wrde Pferdemist schreiben)
aufwerfen lieen, wurden die Decken zertrmmert und die Fenster
eingeschlagen; wren wir da geblieben, so wrden wir verwundet oder
getdtet worden sein. In der dritten Nacht war das Bombardement noch
viel strker und grer und da brannte die Frauenkirche, der Zimmerplatz
und ein groer Theil der Stadt. Nun hie es, da man auf Christianshafen
nicht mehr sicher sei, und wir flohen, wie wir waren, nach Amager
hinaus; denn nun wollte der Feind nach den Kirchen und dem Laboratorium
auf Christianshafen zielen; auf Amager brachten wir eine entsetzliche
Nacht zu und harrten des kommenden Morgens mit ngstlicher Erwartung --
er kam und mit ihm der verzweifelte Frieden. O du guter Gott! Das ist
und bleibt doch ein ewiger Jammer!

Meinem Vater geht es gut mitten unter dem Feinde, der eine Art
Hauptquartier auf dem Friedrichsberger Schlo hat. Ich sah ihn gestern
zum ersten Male seit dem 16. August, wo ich ihn in grter Eile
verlassen und nach Kopenhagen fliehen mute. Das Sdfeld ist zerstrt.

Gre meinen geliebten Bruder; ich wollte ihm schreiben; da ihm aber
Professor Oersted heute schreibt, so ist es berflssig; aber gre ihn
tausend Mal; meine Freude darber, da Ihr einig seid, kann ich nicht
beschreiben, Gott segne und behte Euch!

Das Entsetzliche in diesem Briefe fr mich unglcklichen Vater ist,
da Sophie kein einziges Wort ber meinen Sohn berichtet. Ich bin fest
berzeugt, da ihm ein Unglck begegnet ist, grer als der Verlust
des Lebens, das ja ungefhr das Geringste ist, was man in dieser Zeit
verlieren kann.

Ich schme mich nicht, Dir zu gestehen, liebster Adam, da ich
unbeschreiblich unglcklich im Gefhle meines eigenen Unterganges und
des Dnemarks bin. Die Hoffnung, da wir mit England fertig werden,
nachdem wir unsere Flotte und die Hlfte alles Dessen verloren haben,
was wir besaen, kann ich mit Keinem theilen. Wir werden von jetzt ab
wie die Katzen gebraucht werden, um ihnen die gebratenen Kastanien aus
dem Feuer herauszuholen. Wenn wir auf diese Weise die Krallen verloren
haben, speist man den Rumpf aus Mangel an ordentlichem Hasenbraten, auf
franzsische Weise zubereitet. Ueberzeuge mich von dem Gegentheil, und
Keiner wird froher sein, als ich. Aber Jeder schliet nach seinen Daten
-- die meinigen sind leider jmmerlich. Ich halte es fr die Pflicht des
Menschen, seine Ansicht mitzutheilen, wenn er sie begrndet glaubt; denn
nur so wird zuletzt die Menschheit doch aufgeklrt.

Gott wei, wie lange wir nun auf's Neue ohne Nachricht von Seeland
bleiben werden, da die Communication wieder aufgehoben ist. Mein Herz
wird zerrissen, indem es sich die Mglichkeit eines Krieges zwischen
Dnemark und Dnemark denkt.

Ich sehne mich innig danach, Dich und Brndsted wieder zu sehen. Ihr
kommt mir wie die Zwillingsreiche _en miniature_ vor. Wenn wir alle
drei zusammen sind, so ist mir's, als ob Dnemark noch existire. Auch
schmachte ich sehr nach Euern Nachrichten.

Ich hoffe es wird mir in ein paar Tagen so wohl sein, da ich mich nach
Paris wagen kann. Meine Frau grt Euch.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abreise von Paris. Aufenthalt in Straburg.]

Ich war achtzehn Monate in Paris gewesen; mit dem Geld, das ich endlich
von Kopenhagen bekam, konnte ich meine Schuld bezahlen, aber dann hatte
ich nichts zum Weiterreisen. Ich lieh mir eine kleine Summe von einem
guten Freunde, packte meine Sachen und meine Manuscripte ein und fuhr
darauf zu Cotta. Das Honorar, welches ich von ihm fr meine Schriften
zu erhalten hoffte, sollte mir eine Reise nach Italien mglich machen.
Kos war nach Dnemark zurckgegangen, um seine Geldangelegenheiten nach
dem Bombardement in Ordnung zu bringen. Wir hofften einander in Italien
wieder zu sehen. Brndsted blieb noch in Paris. Unser guter Minister
Dreyer gab mir einen Pa, in der Eile hatte er aber vergessen, ihn mit
der Unterschrift des Polizeiministers Fouch versehen zu lassen. Mein
guter Freund, der Legationssecretair Guillaumau versicherte mir zwar,
da es nicht nothwendig sei; als ich aber nach Straburg kam, mute
ich mich daselbst acht Tage aufhalten, whrend mein Pa nach Paris
gesandt wurde und mit Fouch's Unterschrift zurckkam. Dieser Aufenthalt
war mir glcklicherweise gar nicht unangenehm. Ich miethete mir ein
kleines Zimmer und schaffte mir Bcher an; unter Anderm las ich hier
wieder Cagliostro's Leben, Gthe's Grokophta und seine Erzhlung ber
Cagliostro's Familie. Ich ging tglich auf den Mnster hinauf. Einmal
kletterte ich so hoch hinauf, wie ich kommen konnte. Drauen auf dem
Steintritt, wo man nur auf einem Fue stehen kann und sich an der
Eisenstange halten mu, htte ich beinahe meinen Hut verloren; aber ich
wagte es, mit der einen Hand die Eisenstange loszulassen und den Hut in
die Stirn zu drcken. Ob die Polizei mich in den acht Tagen, wo ich in
Straburg war, bewachte, wei ich nicht. Ein Israelit, =Parmazenser=,
machte meine Bekanntschaft und besuchte mich tglich. Er war ein
gebildeter, poetischer Mensch, gewann mich lieb und schrieb mir beim
Abschiede in mein Stammbuch:

                  Du schmckst des Nordens Heldenkraft
                  Mit Blumen aus den warmen Zonen;
                  Dank Deinem Geist, der neu erschafft
                  Ein Bruderband fr zwei Nationen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Mein Aufenthalt in Stuttgart.]

Endlich kam der Pa und ich reiste ber Carlsruhe und Rastatt nach
=Stuttgart= weiter.

Rasch ging es durch die unfruchtbare Champagne, die, wenn sie nicht
von Weinreben bedeckt ist, wie ein groes Stck Kreide aussieht und
wo nur die groen Hohlwege merkwrdig sind, wo die Franzosen im
Revolutionskriege die Deutschen schlugen und sie daran verhinderten,
weiter vorzudringen. Auch bereits zu Chlodwig's Zeit soll hier eine
merkwrdige Schlacht geschlagen worden sein. Sehr angenehm war die
Vernderung bei der Fahrt ber den Rhein zwischen der bleichen,
steinigen Champagne und dem saftgrnen, laubreichen Baden. In
dieser Nacht hatte ich in einem Wirthshause unter schwbischen
Bauern Gelegenheit, Betrachtungen ber den Unterschied zwischen dem
franzsischen und deutschen Nationalcharacter anzustellen.

                    *       *       *       *       *

Der Aufenthalt von acht Tagen in Straburg hatte meine Ausgaben vermehrt
und meine Brse geleert. Als ich nach Stuttgart kam und meine Reise
bezahlte, besa ich keinen Pfennig. Mein Koffer, den ich durch eine
andere Gelegenheit voraus gesandt hatte, war noch nicht angekommen. Ich
eilte zu Cotta -- meine einzige Hoffnung! O Schreck! Er war nicht zu
Hause. Man sagte mir, da er nach Baden gereist sei und erst in drei
Wochen wieder komme.

Deshalb lie ich den Muth doch nicht sinken. Ich ging in den Gasthof zum
Knig von England zurck und sagte zum Wirth: Ich htte Geschfte mit
Herrn Dr. Cotta abzumachen und wolle im Wirthshaus bleiben, bis derselbe
kme. Der Wirth dankte verbindlichst. -- So hatte ich also keine Noth,
der Koffer kam glcklicherweise auch und ich setzte mich froh zu Tisch.

Dort traf ich einen hbschen muntern Mann, der sich in ein Gesprch
mit mir einlie und mir Vieles erzhlte. Beim Abschied wnschte er mich
bald wiederzusehen. Mich sagte er werden Sie ohne Zweifel oft sehen,
wenn Sie in Stuttgart bleiben. -- Wie so? fragte ich. -- Ich bin
Schauspieler sagte er und heie =Vinzenz=. -- Spter sah ich ihn oft;
er war ein sehr guter Komiker. Der verstorbene Knig von Wrttemberg
mochte ihn gern; und er wagte es sogar einmal ohne Gefahr, den Knig
Holofernes im Herodes von Bethlehem, mit der Krone von Goldpapier
auf dem Kopfe, schwarzen wollenen Strmpfen an den Beinen und mit
dem Reichsapfel in der Hand, der sehr sinnreich als Schnupftabakdose
eingerichtet war, zu spielen.

[Sidenote: Schauspielerbekanntschaften.]

Ich machte hier auch die Bekanntschaft eines andern Schauspielers, des
Herrn =Lembert=. Eines Tages kam er zu mir und sagte: Sie knnten mir
eine Geflligkeit erweisen. -- Gern! Welche? -- Der Knig ist
krank gewesen und hat sich wieder erholt, ich mchte ihm deshalb gern
ein Gedicht berreichen, das ihm gefallen und mir ntzen soll. --
Wnschen Sie, da ich es fr Sie mache? Mit Vergngen! Ich machte
ihm das Gedicht, aber das Beste mute ich wieder ausstreichen. Es war
eine poetische Erklrung des Wortes =Wrttemberg= nach der Legende von
dem alten Ritter, der in den frhesten Zeiten so gastfrei gewesen sein
sollte, da man ihn in der Umgegend nannte: =Der Wirth am Berge=.
Lembert brachte dem Knig das Gedicht und bekam eine nicht unbedeutende
Summe von Dukaten, die er wohl mehr seinen Talenten als meiner
kleinen Romanze zu danken hatte. Indessen mochte diese doch wohl dazu
beigetragen haben.

                    *       *       *       *       *

Bei dem Hofrath =Vellnagel= machte ich die Bekanntschaft der Frau
Haendel. Ich hatte sie drei Jahre vorher in Berlin die Jungfrau von
Orleans spielen sehen. Bekanntlich zeichnete sie sich durch eine neue
Kunst ans. So wie Lady Hamilton in Italien frher schne Statuen
nachgeahmt hatte, so ahmte jetzt Frau Haendel italienische und deutsche
Gemlde nach. Da sie eine gute Schauspielerin war, ein hbsches Gesicht
hatte, und sich besonders gut auf's Drapiren verstand, so waren diese
Darstellungen auch unterhaltend und verdienten Lob, soweit jede
sinnreiche Erfindung achtungswerth ist. Indessen wrde die Fortsetzung
dieser Kunst kaum anzuempfehlen sein. --

Solche Nachahmungen der Nachahmungen der Natur wrden zuletzt schdlich
werden. Die geniale Frau Haendel machte es wirklich so gut, als man
verlangen konnte; aber -- selbst =gut= dargestellt, mag ich doch nicht
eine Mutter Gottes sehen, die kurz vorher Thee mit mir getrunken
hat, lustig gewesen ist, und dann sich wieder lustig mit uns an den
Abendtisch setzt. Dieses Spiel mit dem Heiligen, kann wohl Geist und
Geschmack im Kostm verrathen, aber den Geist nicht zu ernsten Gefhlen
erheben. Dergleichen lt sich besser mit weltlichen Dingen machen; und
Frau Haendel stellte auch besser Scenen aus der niederlndischen, als
aus der italienischen Schule dar.

Es frappirte mich, da ich es zum ersten Male sah; und ich schrieb ein
Gedicht darber, das Frau Haendel-Schtz spter in ihrem Stammbuche hat
drucken lassen. -- Ich machte in Gesellschaft mit dieser interessanten
Frau, dem Hofrath Vellnagel und Andern eine Lustfahrt nach dem Walde,
wo einige Schauspieler ganz vortrefflich mehrere alte deutsche Farcen
im Grnen improvisirten. Auf dem Wege begegneten wir gleich Vinzenz als
Prologus auf einem Esel reitend.

[Sidenote: Zusammentreffen mit Carl Maria v. Weber.]

Bei Vellnagel's sah ich zum ersten Male =Carl Maria v. Weber=. Ich
wute von ihm nur, da er ein junger, vielversprechender Musiker, ein
beliebter Schler von Vogler sei. Es ahnte damals Keiner, da er der
groe Componist Preciosa's, Oberon's und des Freischtz' werden wrde.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Dichter Uhland. Schaffhausen, der Rheinfall.]

Kurz darauf traf Cotta ein, und ich besuchte ihn in Tbingen. Er
empfing mich freundlich und gastfrei; seine Tchtigkeit, sein Verstand
und sein offenes Wesen gefielen mir; auch er konnte mich gut leiden. Er
bezahlte mir meinen Hakon Jarl, Palnatoke und die Gedichte reichlich.
Und nun beschlo ich, nach der Schweiz und Italien zu reisen. Aber erst
machte ich die Bekanntschaft des wackern =Uhland=. Er war damals noch
ein junger Mensch und schrieb des Knaben Berglied in mein Stammbuch.
Auch den alten, rhrigen Professor Conz, der Mehreres vom Aristophanes
bersetzt hat, lernte ich kennen.

Er schrieb mir folgende Verse aus dem Faust zum Andenken auf:

              Das Pergament ist nicht der heil'ge Bronnen,
              Aus dem ein Trank den Durst auf ewig stillt;
              Erquickung hast Du voll gewonnen,
              Da sie Dir ganz aus eigner Seele quillt.

In dem schnsten Septemberwetter reiste ich nach =Schaffhausen=. Gleich
hier an der Grenze von Deutschland fhrt die Natur ein feierliches
Schauspiel auf, um den Wanderer fr das Abenteuerliche und Khne zu
stimmen, wenn er aus dem idyllisch anmuthigen Schwaben heraustritt, und
sich den ungeheuren Eisbergen nhert. Der ehrwrdige Vater =Rhein=, der
sonst majesttisch und ruhig durch Germanien hinstrmt, bis er sich mit
dem Meere vermhlt, wird hier pltzlich wild und bermthig, lrmt wie
ein Kobold, schlgt Rder, steht auf dem Kopfe, bricht seinen blauen
Spiegel in tausend Stcken, und in dem ungeheuren Lilienbett, wo die
Blumen jeden Augenblick kommen und verschwinden, strahlt im Wasserstaube
und im Sonnenscheine ein ewiger Regenbogen.

Ganz allein besuchte ich mit einem von Shakespeare's Lustspielen in der
Tasche dieses groe Lustspiel der Natur; hrte erst das dumpfe Sausen
in der Ferne, darauf in der Nhe den entsetzlichen Fall, und legte mich
an einem lieblichen Orte in passender Entfernung zur Ruhe, nachdem
ich vorher den ertrunkenen Englndern einen Seufzer geweiht hatte.
Sie wollen immer da hinber, wo das Wasser am gefhrlichsten ist, und
fliegen gewhnlich, wie die Mcken, in's Licht. -- Da lag ich nun und
las, lauschte zuweilen und blickte nach dem Wasserfall hinber, indem
ich mich ber Shakespeare und die groe Natur freute; d. h. ber Ein und
Dasselbe in verschiedenen Formen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Gastwirth Peter. -- Frau von Harmes.]

In =Zrich= traf ich fast den besten Gasthof an, den ich noch gesehen
hatte: zum Schwerte, an dem herrlichen See; und in Herrn =Peter=
fanden wir den vortrefflichsten Wirth. Alles war bei ihm gut: die
Aussicht, Zimmer, Essen, Trinken, Bedienung, Musik, Gste. Herr Peter
hatte schne Bte und bequeme Wagen. Man konnte Lustfahrten zu Wasser
und zu Lande und fr einen billigen Preis unternehmen. Ich machte hier
die Bekanntschaft zweier Kaufmannsfamilien, die eine aus Hamburg,
=Knoop=, die andere aus Wien, =Breu=. Sie fragten mich, ob ich mit
ihnen umherreisen wolle? Ich nahm das Anerbieten gern an, da ich auf
diese Weise freie Befrderung und eine angenehme Gesellschaft hatte. Ein
reicher Baron =Mannteufel= wohnte im Schwerte; er tractirte alle Welt
und gab Herrn Peter viel zu verdienen. Aus Dankbarkeit hatte dehalb
dieser, am Abend vor der Abreise des Barons, ein Transparent mit dem
Namenszuge des Gastes und zwei Posaunenengel auf der Brcke angebracht.

Ich bergab dem Dr. =Rmer=, einem ausgezeichneten Botaniker und echten
Schweizer, einen Brief. Er hatte groe Aehnlichkeit mit einem biedern
Norweger und wir wurden dehalb Freunde. Er fhrte mich zur Dichterin
=Frau v. Harmes=, geb. =Berlepsch=. Wir disputirten mit einander ber
das Gthe'sche Gedicht: =Miedings= Tod; sie fand den Gegenstand zu
unbedeutend (Mieding war Maschinenmeister gewesen) ich fand ihn gerade
ganz vortrefflich.

Vor unserer Abreise von Zrich berraschte der Wirth uns auf eine
angenehme Weise. Die Flgelthren des Speisesaales ffneten sich, und
im Kabinette nebenan gab uns Herr Peter, als Hirt gekleidet, noch zum
Abschied ein Ballet oder Entre, wie man es nennen will. Ich konnte mich
nicht genug ber die Gewandtheit wundern, mit der der Mann seine Beine
gebrauchte. Ich hatte ihn immer nur im gelben Stolpenstiefeln, mit einem
grauen Rock ber den breiten Schultern und um den runden Leib, dem es
nicht an Flle fehlte, gesehen. Nun machte er in Rosa und Seladon-Tafft
mit dem Strohhut auf dem Kopfe die vortrefflichsten _Entrechats_,
whrend der Champagner zum Abschied sprudelte; ich glaubte mich in ein
Feenschlo hinverzaubert!

[Sidenote: Gute Reisegesellschaft.]

Wir rollten in vortrefflichen Wagen bei herrlichem Wetter unter
unzhligen Wallnubumen so voll reifer Frchte, wie die wilden
Kastanien bei uns, dahin. Wir machten uns deshalb auch kein Gewissen
daraus, zuweilen Nsse von den herabhngenden Zweigen abzureien und
einander whrend des Fahrens damit zu bombardiren. -- Wo wir in ein
Wirthshaus eintraten, rief mein Hamburger gleich: Was haben Sie uns
zu geben? Bringen Sie das Beste! Das bekamen wir denn auch; aber die
Rechnung wurde auch darnach. Als bezahlt werden sollte, legte ich mein
Scherflein mit auf den Tisch. -- Der Kaufmann sah mich verlegen an,
schwieg und nahm es. Aber als ich am nchsten Tage ein Gleiches thun
wollte, schob er mir das Geld wieder zurck und sagte: Nehmen Sie es
uns nicht bel; aber wir knnen unmglich Ihr Geld annehmen! Sie sehen
ja, da wir nicht konomisch reisen und doch sparen wir mehr dabei, als
wenn wir zu Hause bleiben. Sie sollen unsertwegen nicht berflssige
Ausgaben haben. Sie knnten billiger und ebenso gut reisen; nun erfreuen
Sie uns durch Ihre Gesellschaft, und darunter sollen Sie nicht leiden.
Bilden Sie sich ein, wir wren in Hamburg oder Wien, und Sie besuchten
uns dort als Gast! Dann brauchen wir uns auch nicht Ihretwegen mit den
Ausgaben zu geniren. Dies war sehr artig und vernnftig gesprochen;
ich zierte mich auch nicht lange, sondern nahm das Anerbieten ohne
Einwendungen an. Als ich an dem Abend zu Bett ging und meine kleine
Geldbrse unter das Kopfkissen legte, freute ich mich recht kindlich
darber, da die Geldbrse eine Zeitlang verschont bleiben sollte.

Am nchsten Morgen, als ich mit den Kaufleuten am Theetisch sa, trat
das Hausmdchen herein und brachte mir -- meine Brse, die ich im Bett
vergessen hatte! Die Kaufleute schwiegen, sahen aber einander an und
lchelten. Ich dachte: Verdammte Zerstreutheit! ganz kann man Dich
doch nicht los werden. Das ist mir auf meiner ganzen Reise zum ersten
Male passirt; sollen diese Geschftsleute nun gleich glauben, da Du
ein Genie in der schlechten Bedeutung des Wortes bist? Und ich bin
doch gewi ganz ordentlich und mir ist nichts Aehnliches passirt; wenn
ich den Pa in Dresden, -- und den Koffer in Quedlinburg, -- und die
Versptung in Halberstadt, -- und den Pa in Straburg, -- und den
Koffer in Stuttgart ausnehme! --

[Sidenote: Besteigung des Righi.]

Wir reisten ber den =Albisberg= nach =Zug=, wo ich den =Roberg= sah,
der zwei Jahre vorher zwei Stdte in seinem Falle begraben hatte. Ueber
den Zugersee kamen wir nach =Arth=, und bestiegen den =Righi=, einen der
schnsten und am leichtesten ersteigbaren Berge. -- Ich hatte noch immer
den Straburger Mnster im Kopfe, und als ich ganz oben war, fragte
ich einen Schweizer: Ist Das nun viel hher, als der Mnsterthurm in
Straburg? Ach, gehen Sie weg, mit Ihrem Mnsterthurm! rief der
Schweizer, von so einer Ameise kann hier gar nicht die Rede sein.

Man kann sich leicht in Bezug auf eine Hhe tuschen, wenn man sie nur
nach dem Augenma und dem sinnlichen Eindrucke beurtheilt. Nur die
schroffe Tiefe wirkt auf die Phantasie ein, und das langsame Steigen
einer Berggegend merkt man nicht gleich.

Wir blieben die Nacht ber auf dem Righi; die Schweizermdchen sangen
uns alte Lieder vor. Eines darunter gefiel mir besonders gut. Der
Refrain war:

                 Durch keine Adelshand,
                 Mit Guot und Muot, mit Herz und Bluot,
                 Ward's gerettet, Vatterland!

Am nchsten Morgen stiegen wir hher hinauf, um eine recht freie
Aussicht zu haben. Der Nebel erlaubte uns aber nicht, eine Hand weit
vor uns zu sehen. Ich schrieb in das Buch, welches dort lag, und in das
viele Reisende schne Sentenzen hineingeschrieben haben:

               Ich kam hinauf -- und sah -- und sah --
               Gar Nichts! -- der Nebel war schon da --.

[Sidenote: Tell's Kapelle.]

Weiter am Tage, als wir wieder hinabstiegen, klrte sich der Himmel auf.
Wir hrten das Gelute der Heerden. In einer Kluft, ganz von Felswnden
umgeben, stand eine Kapelle bei einer Quelle. Bauern von Freiburg kamen
dorthin, um das Wasser zu trinken, welches Taubheit heilen sollte. Die
Abendsonne ging herrlich unter; die Heerdenglocken klangen in Terzen und
Quarten; Freiburger Mdchen sangen Psalmen und kehrten von der heiligen
Quelle zurck. Das Gras auf den Hhen war frisch und grn. Ueber den See
hin kamen wir nach Tell's Kapelle, wo geschrieben steht: Hier schlug
Thll Gieselers Huochmuot.

Man zeigte mir einen Baumstumpf; die guten Leute glaubten, es seien
noch Ueberreste jenes Baumes, hinter dem Tell gestanden, als er Geler
seinen Todespfeil sandte. Es war mir, als ob ich =Schiller's= Geist mit
einer Harfe im Arme ber die Berge dahinschweben sah. Die seltsamen
Physiognomien der fernen Gebirgsketten brachten mir =Lavater= ins
Gedchtni; und in dem saftgrnen schattigen Thale war mir's, als ob ich
=Gener= unter einem Baume sitzen und die Landschaft malen she, whrend
er Idyllen sang.

                    *       *       *       *       *

Mit meiner Reisegesellschaft zog ich an =Knacht= vorbei ber
den Vierwaldstdtersee nach =Luzern=, und von da ber =Reith= und
=Morgenthal= nach =Bern=. Hier blieben wir ein paar Tage in der
Gesellschaft der liebenswrdigen Frau =Haller=. In =Lausanne= trennte
ich mich von meiner Reisegesellschaft; ich stand wieder allein und fuhr
auf einem Retourwagen nach =Coppet=, um die Baronesse Stal-Holstein zu
besuchen, was ich ihr in _Auberge en ville_ versprochen hatte.

[Sidenote: Aufnahme bei Frau v. Stal-Holstein.]

Ich stieg in einem dunkeln Gasthof ab, trat in ein kaltes, feuchtes
Zimmer, und lie mir einige Bndel trockenen Reisig's im Kamin anznden,
um das feuchte Herbstzimmer zu erwrmen und behaglich zu machen. Sonst,
wenn ich allein nach einem so lndlichen Wirthshause kam, pflegte ich
gewhnlich die =Kche= zu meinem Aufenthalte zu whlen. War es kalt, so
konnte man sich dort gleich ans Feuer setzen, wo das Ende eines ganzen
Baumstammes brannte, den man nach und nach hineinschob. Der Braten, der
gegessen werden sollte, drehte sich dabei lustig an seinem Spiee herum.
Ich unterhielt mich mit den Leuten; Mdchen und Burschen kamen und
setzten sich an einen entfernteren Tisch; eine Treppe fhrte gewhnlich
zu einer Galerie hinauf, nach der alle Thren des zweiten Stockwerkes
fhrten. Ein solcher Versammlungsort, halb Kche, halb Zimmer, bildet
oft die Scene in den alten franzsischen Singspielen. Bei Walter Scott
ist er auch oft der Schauplatz. Er ist der Gegenstand vieler hbschen
Bilder der niederlndischen Schule gewesen. -- Aber heute in Coppet
hatte ich nicht Lust in dieser Gesellschaft zu verweilen; ich wollte
eine Stunde mit mir allein sein, ehe ich wieder in einen groen, fremden
Kreis eintrat. Ich hatte A. W. Schlegel wissen lassen, da ich in Coppet
sei, und dort der Baronesse meine Aufwartung zu machen wnsche; nun sa
ich da und blickte ins Kaminfeuer und dachte an alle verschwundenen
Freuden.

[Sidenote: Das Haus der Frau v. Stal-Holstein.]

Es whrte nicht lange, so kam ein Diener mit einer Einladung von Frau
von Stal, und mein Koffer wurde gleich auf's Schlo getragen. Dort
war Alles munter und elegant, die witzige Dichterin kam mir freundlich
lchelnd entgegen, lud mich ein, einige Wochen bei ihr zu bleiben, und
neckte mich, weil ich noch nicht besser Franzsisch sprach. Mit ihr
konnte ich brigens nicht in Betreff der Sprache in Verlegenheit kommen,
denn sie verstand vortrefflich Deutsch. Ihre Kinder, der vor Kurzem
verstorbene, wackere =August= und ihre Tochter, die jetzige Herzogin
von =Broglie=, damals ein halb erwachsenes Mdchen, sprachen auch gut
Deutsch, ebenso wie Herr =Benjamin Constant=, den ich hier wieder
traf. August Wilhelm Schlegel konnte fast alle Sprachen gleich gut;
und der alte Baron =Voigt= von Altona, ein Altersgenosse von Lessing
und Schrder, der auch zum Besuche hier war, las gerade Nathan den
Weisen vor. So konnte man sagen, da die Deutschen auf eine kurze Zeit
die franzsische Schweiz erobert hatten. Auch der alte liebenswrdige
=Bonstetten= sprach ebenso gut Deutsch wie Franzsisch. Wie gut Benjamin
Constant Deutsch verstand, merkte ich spterhin einmal an einem Abend,
wo er uns eine franzsisch-racinisirte Bearbeitung von Schiller's
Wallenstein zur Vergeltung dafr vorlas, da Gthe den Mahomed und
Tancred gthisirt und Schiller die Phdra schillerisirt hatte. Noch
befand sich hier der berhmte Historiker =Simondi de Sismondi=, der
auch Deutsch verstand, aber nicht sprechen konnte; und ein Herr
=Comte de Sabran=, der kein Wort Deutsch konnte, aber franzsische
Epigramme machte. -- Da ich nun in den franzsischen Gesprchen bei
Tisch fr gewhnlich schwieg, sagte Sismondi einmal der Frau Stal von
mir: _C'est un arbre, sur lequel il crot des tragdies._ Schlegel
war hflich, aber kalt gegen mich. Ich achtete seine Gelehrsamkeit,
seinen Scharfsinn, seinen Witz und sein auerordentliches Sprachtalent
hoch. Ich kenne keine besseren Uebersetzungen, als die seinigen von
Shakespeare und Calderon. Vielleicht ist sein Shakespeare hier und
da doch ein Bischen zu geleckt. Er hat viel Vortreffliches ber
Poesie und Kunst gesagt; aber er war nicht frei von Einseitigkeit und
Parteilichkeit. Gleich seinem Bruder und der ganzen neuern Schule war er
ein zu groer Freund der Aristokratie und Hierarchie und zog Calderon
dem Shakespeare vor; Luther und Herder tadelte er bitter; kurz sein
ganzes Wesen hatte Etwas, das mir nicht gefiel, etwas Pedantisches
und Hochmthiges. Als er ein Mal bei Tisch von Luther mit Verachtung
sprach, fuhr ich auf und schleuderte den Tadel so heftig auf ihn selbst
zurck, da alle Franzosen glaubten, wir wrden handgreiflich werden.
Doch wurde bald Frieden geschlossen; aber seine Zuneigung fr mich ward
dadurch natrlich nicht grer. Er ging meinen Palnatoke mit mir durch
und half mir viele Sprachfehler verbessern. Nie lobte er Etwas von
mir. Zehn Jahre spter, als ich wieder mit Frau Stal in Paris sprach,
erzhlte sie mir, da er meinen Correggio sehr liebe. Als ich von Genf
fortreiste, schrieb er hflich in mein Stammbuch:

             Fremdling, doch altverbrdert, tritt herein!
             Willkommen gern im deutschen Dichterhain!
             Sing' nord'sche Sagen uns auf deutsche Weisen,
             Und unsrer Wlder Nachhall soll Dich preisen.

[Sidenote: Gedenkblatt von A. W. Schlegel.]

Man sieht, da Alles im Futurum steht; obgleich Einiges bereits im
Prsens ja wohl selbst im Perfectum betrachtet werden konnte. Schlegel
ritt jeden Tag ein zahmes Pferd, um sich einige Bewegung zu machen.
Einmal hatte man ihm ein unbndigeres Ro gegeben, und er weigerte
sich, es zu reiten. Frau Stal neckte ihn, und Benjamin Constant erbot
sich, das Pferd zu besteigen, um Schlegel zu zeigen, da keine Gefahr
dabei wre. Wir gingen Alle mit hinunter, um Zeugen dieses Auftrittes
zu sein; der groe rothhaarige Constant schwang sich wie ein Ritter in
den Sattel und galloppirte von dannen; aber kaum war er ein Stck Wegs
dahin gekommen, so warf das Pferd ihn in den tiefen sumpfigen Graben.
Ich vergesse niemals das =Mitleid=, das Schlegel mit ihm hatte, als er
hinkend wieder zurck kam. Ja, sagte ich es Ihnen nicht, rief Schlegel
mit unterdrcktem Lachen, es ist ein verteufelt stetiges Vieh!

Einen Zug jugendlicher Eitelkeit darf ich hier nicht vergessen. Als
ich eines Tages neben der Frau von Stal ging, welche langsam ritt, und
als wir ber einen kleinen Bach kamen, trat ich mit Schuhen und seidnen
Strmpfen in denselben und durchwatete ihn, anstatt ber ein Brett zu
gehen, das ber demselben lag. Sie machte mich auf meine Zerstreutheit
aufmerksam. Ich antwortete, es sei keine Zerstreutheit, sondern ich
wollte die Unterhaltung mit ihr nicht unterbrechen; denn das Pferd
durchwatete natrlich den Bach. Wahrscheinlich amsirte es mich, weil
ich kurz vorher ihre Corinna gelesen hatte, eine Art Lord Nelvil ihr
gegenber zu spielen, der ihrer Weiblichkeit durch seine mnnliche
Verwegenheit imponiren wollte. Es war fr mich auch fast ebenso
gefhrlich, mich ins Wasser zu strzen, wie fr ihn ins Feuer; aber er
schuf doch Nutzen dadurch: ich dagegen konnte mir eine Krankheit durch
diesen Narrenstreich zuziehen.

[Sidenote: Die Persnlichkeit der Frau von Stal-Holstein.]

Wie geistvoll, witzig und liebenswrdig Frau von Stal war, wei die
ganze Welt. Ich habe kein Weib mit so vielem Genie, wie sie gekannt.
Deshalb aber hatte sie auch etwas Mnnliches in ihrem Wesen, war
ziemlich vierschrtig und hatte ein markirtes Gesicht. Schn war
sie nicht; aber ihre brillanten, braunen Augen hatten doch etwas
Anziehendes, und das weibliche Talent, Mnner der verschiedensten
Charactere zu gewinnen, mit Feinheit zu beherrschen und in der
Gesellschaft zu vereinen, besa sie in hohem Grade. Ihr Genie,
ihr Gesicht, ja fast selbst ihre Stimme waren mnnlich; aber die
Empfnglichkeit ihres Herzens war in hohem Grade weiblich: das hat sie
in der Delphine und der Corinna bewiesen. Rousseau hat die Liebe nicht
mit grerm Feuer geschildert.

Sie schrieb gerade damals ihr Buch ber die deutsche Literatur und las
tglich einen Band Deutsch. Man hat sie beschuldigt, die Bcher nicht
selbst gelesen, sondern ihr Urtheil darber von Schlegel erhalten zu
haben; dies ist durchaus unwahr. Sie las selbst Deutsch mit grter
Leichtigkeit; nur die Aussprache fiel ihr schwer: und deshalb bersetzte
sie, wenn sie mir etwas aus einem deutschen Buche vorlesen wollte, es
lieber gleich ins Franzsische. Schlegel hat gewi sehr vielen Einflu
auf ihr Urtheil gehabt, sie lernte durch ihn zuerst die deutsche
Literatur kennen, aber ihre Ansichten wichen doch in manchen Dingen
durchaus von den seinigen ab. Sie konnte selbst denken; sie stritt
hufig mit ihm und neckte ihn oft, wenn er ihr zu parteiisch war. _Vous
tes une tte lente,_ sagte sie einmal ber Tisch zu ihm: _moi, je
suis une tte vite._ In ihrem Urtheile ber die franzsische Tragdie
wich sie vollstndig von Schlegel ab.

Frau von Stal hat das Verdienst, die Erste zu sein, welche die
franzsische Nation auf die Schnheiten der deutschen Poesie aufmerksam
machte. Wenn nun gleich Vieles in ihren Aeuerungen flchtig und schief
ist, so mu man es ihr, einer Dame, einer franzsischen Dame, einer
vornehmen und reichen Dame verzeihen, der tglich eine unendliche Menge
Gste nach dem Munde schwatzte. Vieles Geistreiche und Schne hat sie
ber deutsche Verfasser geschrieben. Freilich fehlte ihr der tiefe,
stillere, ernste Sinn, um eigentlich das Wesen der germanischen und
nordischen Poesie zu erfassen. Es hat auch etwas Verletzendes, wenn man
alle groen Mnner die Reve vor dieser poetischen Semiramis passiren
sieht; doch behandelt sie die ausgezeichneten Schriftsteller mit
gengender Achtung und geizt bei ihnen nicht mit Ehrenbezeugungen.

Ihr grtes Talent bestand darin, etwas Treffendes und Witziges ber
Das zu sagen, was sich ihre Aufmerksamkeit zuzog. Dieses Talent machte
sie in Gesellschaften uerst unterhaltend. Wohin sie kam, zog sie
(trotz der Gegenwart der schnen jungen Damen) alle Mnner von Kopf
und Kenntnissen in ihre Nhe. Bedenkt man nun, da sie auerordentlich
reich und gastfrei war und fast jeden Tag prchtige Gesellschaften
gab, so wundert sich gewi Keiner darber, da sie, einer Knigin oder
Fee gleich, die Mnner in ihr Zauberschlo lockte und sie zum Theil
beherrschte. Man htte fast glauben knnen, da sie, um diese Herrschaft
an den Tag zu legen, whrend der Mahlzeit immer mit einem kleinen Zweige
in der Hand spielte. Der Diener mute ihr einen solchen tglich neben
ihren Teller hinlegen, denn er war ihr ebenso unentbehrlich, wie Messer,
Lffel und Gabel.

[Sidenote: Zacharias Werner.]

Ich war einige Wochen in Coppet gewesen, als eines Tages Zacharias
Werner mit einer groen Schnupftabaksdose in der engen Westentasche,
die Nase voller Tabak und mit tiefen Verbeugungen in die Halle trat. Er
sprach auch schlecht Franzsisch, aber dies genirte ihn nicht. In seinem
Patois theilte er tglich ber Tisch der Gesellschaft in einer Art von
Vorlesungen seine mystische Aesthetik mit. Man hrte ihm sehr andchtig
zu, und es fehlte nicht wenig, so htte er Proselyten gemacht. Denn
obgleich die Franzosen oft fr fremde Natur taub sind, so leihen sie der
fremden Unnatur doch gern das Ohr: was Cagliostro, Mesmer, Frau Krdener
u. A. bezeugen knnen. Selbst Frau von Stal hrte bewundernd Werner
zu, und schalt mich, weil ich mir seine Ansichten nicht aufmerksamer
zu Herzen nahm. -- Es that mir leid, diese Verwandlung bei Werner zu
entdecken. Mit Vergngen hatte ich seine =Shne des Thals= und seine
=Weihe der Kraft= gelesen; obgleich bereits in diesen Werken der Keim
zu seinem sptern krankhaften Wesen liegt. Aber nun ging es auf eine
=Weihe der Unkraft= los, in die ich mich durchaus nicht finden konnte.
Er las uns seinen =Attila= vor, in dem schne Scenen sind, obgleich
hier die Schwrmerei deutlich hervortritt und mit der hierauffolgenden
Katastrophe droht. Besonders graute mir vor der Replik: Umarme mich
Jngling! Jetzt lasse man ihn von Pferden zerreien.

Frau von Stal bewunderte dies Alles enthusiastisch; ich konnte hierin
nicht mit ihr sympathisiren. Sie hielt das vielleicht fr Mangel an
Verstand oder Geist, oder Gott wei was. Noch kannte sie Nichts von
meinen Schriften; denn diese waren noch nicht nach Coppet gekommen.

Werner's Persnlichkeit mochte ich gern, er war ein freundlicher Mann;
offen, theilnehmend; mit einem gewissen Humor verstand er, ber sich
selbst auf eine liebenswrdige Weise zu scherzen; ich unterhielt mich
gern mit ihm, wenn wir allein waren. Er hatte viel in der Welt erfahren
und erlebt; selbst die sinnlich leichtfertige Weise, auf die er zu
seiner frommen Erhebung gekommen war, hatte, psychologisch genommen,
etwas Interessantes. Er war auch nicht arrogant, und wurde nicht bse,
wenn man anderer Meinung war, als er.

[Sidenote: Eine kleine Mihelligkeit.]

Eines Tages gingen wir auf der Landstrae zwischen Coppet und Genf
spazieren. Ich hatte meinen Correggio im Kopfe und theilte ihm den Plan
mit. Ich hatte gehrt, da auch er an einem neuen Stcke schreibe, und
bat ihn, mir den Inhalt zu sagen. Wir waren unterdessen nach Hause
gekommen. Nein, verzeihen Sie mir, lieber Freund! sagte er, indem er
eine Prise nahm, das kann ich nicht! Ich habe bereits so oft Andern
meine Plne erzhlt; aber das kommt in Wochenbltter und Journale, und
hat mir vielen Verlust bereitet. -- Ich hatte mich bereits so sehr an
sein wunderliches Wesen gewhnt, und er sagte mir das so gutmthig und
naiv, da ich ihm nicht darber zrnen konnte; ich scherzte ber seine
Weigerung und wiederholte mein Verlangen.

In demselben Augenblicke trat Frau von Stal in das Zimmer und fragte,
wovon die Rede sei. Ich antwortete lachend: Ich schelte Werner! Ich
habe ihm =meinen= Plan zu einer neuen Tragdie mitgetheilt, und nun
will er mir nicht den des Stckes mittheilen, das er zu schreiben
beabsichtigt. Ist das nicht unrecht? Ah! antwortete sie ganz ernst
und in zurechtweisendem Tone, -- _c'est une autre chose! Vous tes
encore jeune; vous avez besoin de vous former!_ Ohne zu antworten,
wandte ich ihr den Rcken und verlie das Zimmer. Sie wartete, da ich
wieder kommen wrde; endlich sandte sie mir einen Diener nach, der
erzhlte, da ich einpacke, um abzureisen. -- Nun suchte sie mich sehr
freundlich auf, bat mich zu bleiben und nicht bse zu sein. Ich wte
ja, wie sehr sie mich achte; Werner habe sie seiner Gedichte wegen
lieb, fr mich aber fhle sie persnliche Freundlichkeit. -- Ich
antwortete, da ihre Freundschaft mich ehre und freue, und wenn ich
noch Nichts weiter sei, als ein hoffnungsvoller Jngling, so msse dies
mir gengen; aber ich htte bereits ebenso lange und ebenso viel, wie
Werner gedichtet; ich glaubte nicht, von ihm Etwas lernen zu knnen;
er habe Genie und ein gutes Herz, aber keinen gesunden Geschmack;
und wenn das so fortginge, so wrde er zuletzt auch den gesunden
Menschenverstand verlieren. Ich knne nicht verlangen, da sie mich als
Dichter schtzen solle, da sie noch nichts von mir kenne, nur mge sie
auch deshalb ihr Urtheil ber meine dichterische Berechtigung bis auf
Weiteres aufschieben. -- Sie gab mir Recht; und so wurde der Frieden
geschlossen. -- Kurz darauf las sie Aladdin und Hakon Jarl und fand nun
selbst, da ich nicht nthig htte, bei Werner in die Schule zu gehen.

[Sidenote: Gedenkblatt von Zacharias Werner.]

Werner fhlte wahrscheinlich dasselbe, und in meinem Stammbuch gab er
mir (nun seiner Ansicht nach ebenbrtig) folgende Satisfaction:

               Wir Shne von dem fernen Norden
               Sind hoher Lust gewrdigt worden,
               Zu schaffen vor der Menschen Schaar,
               Was lebend, dauernd, schn und wahr.
               Gesellt durch gleichen Ruf und Meister,
               Zieh'n gleichen Theils theilhafte Geister,
               Wir, ob getrennt der Pfad auch scheint,
               Zu gleichem Ziel, das uns vereint.

                      Das schreibt mit redlichem Gemthe der sich Ihrer,
                      als eines gleichgesinnten, mit schner Kraft
                      ausgersteten Mitarbeiters erfreut, zur Erinnerung
                      und Befestigung unseres Vereins. _Quod Deus bene
                      vertat!!!_

Der Winter nherte sich, und Frau von Stal stellte mir vor, wie unklug
es sein wrde jetzt nach Italien zu reisen. Ich sollte den Winter ber
bei ihr bleiben, mir einen italienischen Sprachlehrer nehmen, und erst
zum Frhjahre ber die Alpen geben. -- Ich blieb.

Ich bersetzte in diesem Winter =Axel und Walborg=, und Werner half mir
brderlich dabei, das Stck der Sprache wegen durchzusehen. Er lobte es
sogar auf seine eigenen Kosten.

Wenn ich nun so ein Stck geschrieben htte, sagte er lchelnd, --
so wrde ich einzelne Partieen brillanter ausgearbeitet haben, um die
sogenannten =schnen Stellen= hervorzuheben. Der Erzbischof wrde mehr
zu sagen bekommen haben. Sie haben auf das Ganze gesehen, ohne Vorliebe
fr das Einzelne, und daran thaten Sie recht.

[Sidenote: Der Bildhauer Tieck.]

Auch einen andern Mann von Talent lernte ich in Coppet kennen, den
Bildhauer Tieck, den Bruder des Dichters, der uns Gthe's schne Bste
geschenkt hat. Whrend er in Coppet war, vollendete er auch die Bsten
der Frau von Stal und Schlegel's.

Im strengsten Winter reisten wir alle nach Genf; und hier schaffte Frau
von Stal Denen von uns Zimmer in der Stadt, welche in dem Hause, in dem
sie wohnte, nicht Platz finden konnten.

Eines Abends berraschte es mich, Schulz's herrliche Musik zu den
Gesngen in Racine's Athalia bei ihr zu hren. Ich begriff nicht, wie
diese nordischen Herzenstne so weit nach dem Sden hinabgekommen
seien. Spter hrte ich, da meine Landsmnnin, die Dichterin Friderike
=Brun=, Schulz's groe Freundin, die Musik einige Jahre vorher nach
Genf gebracht hatte. Frau Brun war sehr beliebt hier, besonders
von Bonstetten und Frau von Stal; ihr Aufenthalt in Genf mit der
liebenswrdigen =Ida= stand noch in frischem Andenken.

[Sidenote: Der Frau von Stal Haus in Genf.]

In Frau von Stal's Hause war, wie gesagt, ewige Lustigkeit, wenn auch
nicht eben immer Freude. Fast jeden Tag waren da prchtige Diners und am
Abend Soupers. Ich habe kein Haus gekannt, in dem es so flott zuging.
Sie war ungeheuer reich, bekam auerdem ein auerordentlich groes
Honorar fr ihre Schriften, liebte selbst das gute Leben, und fhlte
sich sehr wohl am Ende des Tisches, mit dem Mandelzweige Aaron's in
der Hand, der sich am besten dazu eignete, die Tafeln des Testamentes
zu schreiben; das war das Katheder, auf dem sie Vorlesungen hielt,
und ihre politischen und sthetischen Verordnungen fr eine Schaar
ausgezeichneter Mnner ausgab, welche -- wenn auch nicht immer schwiegen
und zugaben -- doch wenigstens schwiegen und einnahmen.

Ich konnte jedoch dieses Leben nicht aushalten. Mittags lie ich es
gelten; aber an dem Nachspiele am Abend in die Nacht hinein mochte ich
nicht mehr Theil nehmen; ich sehnte mich darnach, allein zu sein, zu
lesen. (Des Morgens frh schrieb und dichtete ich, oder ging spazieren.)
Ich blieb also in meinem Logis zu Hause, obgleich mir angesagt wurde,
mich in den Soire'n einzufinden. Aber mein eigenes Local war nun
natrlich sehr verschieden von den brillanten Salons der Baronesse. Ihr
Haushofmeister hatte es mir in grter Eile ohne weitere Rcksicht auf
meine Bequemlichkeit verschafft, als wir in die Stadt zogen. Es war ein
groes, zugiges Zimmer mit einem Kamin und einem offenen Alkoven. Die
Winter knnen in dem kalten Genf, wo der Wind bestndig von den Bergen
weht, sehr kalt sein, und dieser Winter war besonders hart. So viel
ich auch in den ungeheuren Kamin hineinfeuerte, es half doch Nichts.
Endlich fiel es mir ein, mir eine groe spanische Wand anzuschaffen. Mit
dieser hegte ich einen kleinen Platz vor dem Kamin ein, so wie Robinson
Cruso eine hohe Hecke vor seiner Hhle machte; und wenn ich so fast
mit den Fen und dem halben Krper im Kamin bei dem groen Feuer sa,
konnte ich es aushalten. Ich hatte bereits einen Theil des Plutarch,
und die ganze Jung-Stilling'sche Gespenstertheorie mit belegenden
Spukgeschichten gelesen, ehe ich die Folgen dieser meiner Situation
erkannte. Aber als ich am Morgen die Strmpfe anziehen wollte und meine
beiden Schienbeine ansah, waren sie voll groer brauner Flecke, und ich
hatte die Haut, ohne es zu merken, am Kamin verbrannt. Ich kann also in
Wahrheit sagen, da ich gebraten wurde, ohne warm zu werden.

[Sidenote: Das gesellschaftliche Leben in Genf.]

Wie ich mir spter half, wei ich nicht mehr; dagegen entsinne ich mich,
einer andern schnurrigen Begebenheit, die mir in diesem Orte begegnete.
Ich war auf einem Ball gewesen, wo Genfs ganze -- wahrscheinlich
=vornehme= Jugend versammelt war. Wenn auch gleich Genf eine Brgerstadt
ist, so giebt es doch wohl wenige Stdte, in denen das hochmthige
Kastenwesen lange Zeit hindurch mit grerer Pedanterie beobachtet
wurde, als hier. Als Fremder, als Dichter, als ein Freund der Frau von
Stal wurde ich natrlich berall eingeladen. Aber es ging mir hier
so, wie in Berlin mit Reichardt; ich begleitete die Baronesse Stal
und bekmmerte mich nicht weiter darum, zu wem ich kam. Ich machte
keine Visiten, und auer dem Namen =Pictet= habe ich alle die brigen
vergessen. Auf diesem Balle wunderten die jungen Damen sich darber, da
ich nicht tanze, und wollten mir gar nicht glauben, als ich versicherte,
ich knne nicht tanzen. Es wurde sehr rasch gewalzt. Dieser Tanz schien
mir leicht zu erlernen zu sein; ein Bekannter versicherte mir, da
Nichts leichter sei, und versprach mir einen vortrefflichen Tanzmeister
zu senden, der mir in wenigen Stunden die nthigen Pas beibringen wrde,
so da ich bei dem nchsten Balle an dem allgemeinen Vergngen Theil
nehmen knne.

[Sidenote: Der Tanzmeister.]

Der Tanzmeister kam am nchsten Morgen. Hoffmann hatte damals
noch nicht seine berhmten Berliner-Thee-Pumpernicker-satanischen
Gespenstergeschichten geschrieben; aber man htte glauben sollen, da
dieser kleine, magere, braune, spitznsige, leichtfige Piemonteser
bei dem Urtypus Modell gestanden htte, der sich als Triebrad in
Hoffmann's Schriften bewegt. Mit der Violine unterm Arm, machte er
mir die bekannten dmonischen, ironischen Verbeugungen und forderte
mich gleich auf, den Walzer anzufangen, nachdem er mir die Pas gezeigt
hatte. Kaum hatte ich angefangen, als ich zu meinem Schreck, indem
ich ber die Strae hinberblickte, eine Menge Mdchenkpfe in den
Fenstern des gegenberliegenden Hauses entdeckte. Daselbst war nmlich
ein Mdcheninstitut, und nun eilten diese lieben Kinder natrlich, um
das Wunder, den nordischen Bren, oder Dichter, was er war, in seinem
dreiigsten Jahre tanzen lernen zu sehen. Ich kann darauf schwren, da
es dunkel vor meinen Augen wurde. Das Erste was ich that, als ich wieder
zur Besinnung kam, war, da ich den groen Schirm vornahm, und dadurch
mit Hlfe des Tanzmeisters die Fenster verschanzte. Hierdurch entstand
ein knstliches Halbdunkel, in dem der Hofmann'sche Dmon mit der
Violine am Kinn und der grinsenden Miene sich noch diabolischer ausnahm.
Kaum hatte ich ein paar Wendungen gemacht, so wurde mir schwindlich (ich
kann es durchaus nicht vertragen, mich so zu drehen). Die Angst, mich
vor den Mdchen drben lcherlich zu machen, trug gewi auch ihr Theil
dazu bei, -- und da dies Alles nun noch von dem malicisen Bogenstrich
meines Paganini begleitet wurde, so prallte ich gegen die Kante des
Kamines an, und htte mir beinahe die Hirnschale eingeschlagen. -- Kaum
war ich gerettet und wieder zu mir selbst gekommen, so griff ich in die
Tasche und nahm den Louisd'or heraus, um den wir fr den Unterricht
eines Monats einig geworden waren, reichte ihn ihm, dankte fr gtige
Unterweisung, und versicherte auf das Bestimmteste, das hiermit unsere
Lehrstunden vorber seien. Ohne die geringsten Einwendungen zu machen,
nahm der Kobold das Goldstck mit seinen schwrzlichen magern Fingern,
verbeugte sich tief und verschwand.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Gedenkbltter von der Stal, Sismondi und Constant.]

Als der Frhling kam, und die Vgel wieder umherflatterten, breitete
auch ich meine Fittige aus, um ber die Alpen zu fliegen. Die Jungfrau,
jenseits des Genfersee's, hatte bereits, gleich einer schnen, kalten
Blondine, lange mit mir aus der Ferne coquettirt, und trotz ihres
geheimen Pflegmas, Oel ins Feuer gegossen; denn wenn ich sie liebevoll
ansah, war es mir immer, als ob sie ebenso auf mich blickte. Ich nahm
Abschied von Frau von Stal-Holstein, und sie schrieb in mein Stammbuch:

    _I'introduis pour la premire fois le franais dans ce livre; mais
    bien que Goethe l'ait appell une langue perfide, j'espre, mon cher
    Oehlenschlger, que vous croirez  mon amiti pour vous, et  ma vive
    estime pour l'auteur d'Axel et Valborg._

Sismondi schrieb hinein:

                  _Vas, Pote! voir l'Italie;
                  C'est la terre des souvenirs,
                  Des arts la brillante patrie,
                  Le trne enchant des plaisirs.
                  Mais aussi au rives de Tibre
                  Pense, qu'un peuple, grand et libre,
                  Fonda l'ternelle cit.
                  Vois ses murailles entrouvertes,
                  Ses palais, ses places dsertes.
                  Tout meurt avec la libert._

Benjamin Constant schrieb:

                     _Un sublime essor te ramne
                     A la cour des soeurs d'Apollon;
                     Et bientt avec Melpomne
                     Tu vas d'un nouveau Phnomne
                     Enrichir le sacr vallon._

                              Zum Andenken der freudigen, mit einander
                                         genossenen Tage.

Darauf reiste ich am 1. Mai 1809 auf der Diligence durch =Anecy= nach
=Chamouny=. Hier schlief ich in einem schlechten Zimmer, in einem Bett,
wo, wie man mir erzhlte, ein junger Reisender kurz zuvor geschlafen
hatte, und spter auf dem Wege von Rubern ermordet wurde. Ich legte
mich doch ohne Furcht zur Ruh, und dachte: Wo die Ruber vor Kurzem
gewesen sind, kommen sie nicht bald wieder.

Am nchsten Morgen frh um zwei Uhr fuhr ich weiter, konnte
nicht sehen, wer im Wagen bei mir sa und setzte den Schlaf
ununterbrochen fort. -- Als ich erwachte, wunderte ich mich ber
meine Reisegesellschaft. Mir gegenber sa Aladdin mit seiner Mutter
Morgiane. Aber Aladdin aus der ersten Periode, ein kleiner, dicker,
fetter, rundwangiger Junge, der all' die Aepfel und Zwiebacke a,
welche die Mutter in der Tasche hatte, und bestndig lustig und unartig
war, whrend sie mit einem traurigen Gesichte da sa, in dem dnnen
Kattunmantel fror, und ngstlich daran dachte, wo das Brot herkommen
solle, wenn das gegessen sei, woran der Knabe noch mit vollen Backen
kaute, whrend er versicherte, da es sehr gut schmecke.

[Sidenote: Reise durch Savoyen.]

Wir kamen durch =Savoyen=, einem langen, schmalen, von schwarzen
Felsenwnden eingeschlossenen Schornstein, wo die Jungen sich darin
ben, horizontal zu klettern, bevor sie es in Paris perpendiculr
versuchen. Ich hatte gerade kurz vorher in Genf Dalayrac's Singspiel,
die zwei kleinen Savoyarden gesehen, und in vielen hbschen Jungen
glaubte ich meine Freunde Pietro und Joseph wiederzuerkennen. Eine
groe, gekruselte Wolke flog hoch in der Luft ber das Thal hin;
sie schien mir der herrliche Held Prinz Eugen mit dem Federhut, der
Allongenpercke und dem gezogenen Schwerte zu sein.

Lange Zeit begegneten wir nichts Anderm, als unter ihrer Brde
seufzenden Eseln und Eseltreibern; endlich galloppirte ein
franzsischer, stolzer Kriegsmann, mit sonnenverbranntem Angesicht an
uns vorber. Ich fing an, Betrachtungen ber den Unterschied zwischen
diesen Menschen anzustellen, als ein Eseltreiber sich der Diligence
nherte und mit klagender Stimme bat, dem Franzosen um Gotteswillen zu
Hlfe zu kommen; denn er sei vom Pferde gestrzt und habe sich den Kopf
gefhrlich verletzt. Der Mann lag wirklich unfern davon ohne Bewutsein
da. Als er endlich wieder zu sich selbst gekommen war, fing er an
bitterlich zu weinen, und beklagte seine junge Frau, die ihn so frh
verlieren solle. -- Bald entdeckte ich, da er betrunken, da Das, was
ich fr Sonnenverbranntheit gehalten, Branntweinsrthe sei, und da ihn
mehr der Rausch, als seine Wunde incommodirte. Wir nahmen ihn mit in
den Wagen, und brachten ihn zu seiner Frau in die Stadt. Sie wunderte
sich nicht sehr ber diesen Zufall und ist wahrscheinlich daran gewhnt
gewesen, ihren Mann oft mit Beulen und Wunden nach Hause kommen zu sehen.

[Sidenote: Eindruck der savoyischen Alpen.]

Wie erstaunt war ich, als ich am nchsten Morgen frh, da ich die Augen
aufschlug, mich mitten im Winter unter Eis und Schnee sah. Ich hatte
bereits schne Frhlingstage in Genf erlebt; hier auf dem =Mont Cnis=
war es wieder Januar.

Nichts von Allem, was ich auf meiner Reise gesehen habe, machte einen
so tiefen Eindruck auf mich, wie die Alpen: sonst hatte die Phantasie
mir stets im Voraus schon ein Bild des Gegenstandes entworfen, das
stets bertrieben war; und deshalb mute mich erst eine genaue
Bekanntschaft mit dem Gegenstande dahin fhren, die schne Wirklichkeit
den nebelhaften, grenzenlosen Trumen vorzuziehen. Aber hier hatte die
Phantasie nicht bertreiben knnen; denn die Natur war gewaltiger und
wilder, als die Geburt der unbndigsten Phantasie; und die ungeheure
Kraft der Wirklichkeit lie alle Nebel, wie die schwachen Schatten
vor dem Lichte verschwinden. Die Granitphantasieen des Schpfers
machten mich in heiliger Ehrfurcht beben. Mein eigener Krper erschien
mir, von all' diesen festen Felsenblcken umgeben, so locker und los
zusammenzuhngen, da ich fast nicht wagte, meine Glieder zu bewegen,
aus Furcht, da sie wie wurmstichiges Holz auseinanderfallen wrden.
Hier war keine Spur der Geschichte; seit Jahrtausenden war Nichts
verndert. Nur der herrliche, bequeme Weg, der Italien mit Frankreich
verbindet, schlngelte sich die Klippen entlang, bald wie eine Terasse
am Abgrunde aufgefhrt, bald als Hhle durch den Fels gebohrt;
Napoleon's merkwrdigstes Denkmal, unvergnglich, wie die Pyramiden des
Nils, und eben so ntzlich, wie diese eitel und unntz.

Aber ich dachte auch an andere Helden, whrend ich die fernen, dunkeln
Flecke auf der Steinwand betrachtete, die wie Moos aussahen, aber
ungeheure Tannenwlder waren. Auch meiner Voreltern, der Cimbern,
Teutonen, Longobarden, Gothen gedachte ich; auch des tapfern Hannibal.
Alle klommen diese Alpen hinauf und glitten dann an ihren Schilden
hinab, ohne einen andern Weg zu haben; aber Viele blieben auch liegen.

[Sidenote: Auf italienischem Boden.]

Unser Schlitten glitt schnell von dannen, und ich machte in Gedanken die
ganze Reise mit dem Grafen Benjowsky und seinem Verfasser Kotzebue nach
Sibirien mit. Aber ich lachte mir doch ins Fustchen; denn ich wute,
da mein Sibirien Italien, mein Tobolsk und Kamtschatka, Florenz und Rom
sei. Hoch oben auf der Bergstrae steht ein Haus, wo der Commandant die
Psse durchsieht, und fromme Mnche Punsch und Kaffee den Reisenden ohne
Bezahlung darbieten. Es ist schn, in der ungastfreien Natur solch eine
menschliche Gastfreiheit zu finden, gewhnlich ist's umgekehrt. Doch
geno ich diese Gastfreiheit nicht; ich zog es vor, sitzen zu bleiben
und in meinem warmen Pelz zu schlafen. Spter ging es rasch bergab.
Der Schnee hrte nach und nach auf. Der Abend war auerordentlich
schn, die nackten Steinmassen wichen zurck; die Vegetation begann
mit doppeltem Blhen, und der Gedanke: Nun bist Du in Italien, wo die
Citronen blhen, und die Goldorangen glhen, setzte Allem die Krone
auf. Es schien mir, nachdem diese gewaltige Scene berstanden war, als
ob sich nach und nach eine neugeschaffene Erde aus dem den Chaos erhob.
Dort landete Noah in der Arche auf dem Ararat; bei jener Hhle saen
Deucalion und Pyrrha unter dem Baume. Hier spielten Baldur und Vidar
mit den im Grase gefundenen Wrfeln, und der frhere Kummer und die
Beschwerden des Lebens schienen ihnen, wie ein verschwundener Traum.

[Sidenote: Eine prosaische Ansicht. Turin.]

Ein altmodischer, franzsischer Kaufmann sa bei mir im Wagen. Welch
ein Werk! rief er aus, welch' ein Meisterstck! Ich glaubte, er meine
die Natur und Schpfung, er aber meinte nur den Weg. Er war rgerlich
ber die Italiener und konnte nichts Italienisches leiden. Stets schwieg
er, wenn ich begeistert bewunderte, bis wir ins Thal kamen und einigen
Khen mit groen Hrnern begegneten. Seh'n Sie mal, mein Herr! rief
er, wie monstrs Alles in diesem verfluchten Lande! wie bertrieben!
-- Die Leute haben hier gar keinen Geschmack. -- Aber was wollen
Sie denn in Italien, mein Herr? -- Er zuckte mit den Achseln und
seufzte: Geschfte! -- Freilich, dachte ich, dann mu man
zuweilen mit Geschmacklosigkeit und groen Hrnern vorlieb nehmen. --
Sollten Sie wohl glauben, sagte ich nach einigem Schweigen, da
es einmal Menschen gab, die diese Berge berstiegen, als noch gar
kein Weg vorhanden war? Das sind dann wohl einzelne Wagehlse und
Englnder gewesen. -- Nein, ganze Nationen! -- Das mu dann in den
fabelhaften Zeiten geschehen sein! sagte er mitrauisch.

In Turin htte ich mich beinahe verirrt, weil alle Huser und Straen
da einander gleichen; es ist Alles sehr prchtig, aber monoton und
menschenleer. Ich ging ins Theater; das hatte nicht viel zu bedeuten. Am
nchsten Tage besah ich das groe Opernhaus zum Ersatz, weil keine Oper
gegeben wurde. Ich guckte in den finstern ungeheuren Raum hinein. Um
mich etwas zu amsiren, zeigte man mir die Maschinerie. Das half nicht
viel. Mein einziger Trost war eine groe Trommel, auf der ich einige
Donnerschlge und Kanonenschsse, wie ein zweiter Jupiter oder Napoleon,
anbrachte. -- Drauen regnete es. Hier fand ich zwar die Sonne wieder;
aber unecht vergoldet, in einen Winkel hingeworfen und ihre zerrissenen
Pappstrahlen mit Staub bedeckt. -- Darauf zeigte man mir ein Druckwerk,
durch das man wirklich nicht blos poetisches Wasser auf die Bhne
bringen konnte. Man konnte auch den Hintergrund ffnen und die Zuschauer
in die wirkliche Welt hinausblicken lassen, wenn der allzulange
Aufenthalt im Reich der Phantasie ihnen Heimweh nach Dem geweckt hatte,
was sie besser und bequemer zu Hause hatten. Denn es geht dem groen
Haufen, wie den Seehunden: sie knnen sich wohl einige Stunden lang
auf den Steinen sonnen, die am Strande der Poesie liegen, aber sie
mssen bald wieder in das (nicht salzige, sondern se) Wasser der
Prosa. Am stolzesten war der Vorzeiger des Pferdestalls, von wo aus die
vierbeinigen Komdianten (eigentlich Tragiker, denn sie spielen nur in
der _Opera-Seria_) auf die Bretter hinauskommen und in den musikalischen
Haupt- und Staatsactionen agiren. In Berlin und andern Orten hat man
auch Theaterpferde; es war mir nichts Neues.

In Turin besuchte ich Herrn =Bonzanigo=, einen _Sculpteur en bois_, wie
er sich nannte; aber er schnitt auch sehr hbsche Sachen in Elfenbein
aus. Er hatte wahres Talent und viel Erfindungsgabe, ein artiger alter
Mann. -- Man mu Genie haben, um solche Dinge hervorzubringen, sagte
ich zu ihm. Ja gewi, entgegnete er ernst und freundlich, viel
Genie. -- Es lag durchaus keine Arroganz, keine Prahlerei in seinem
Tone. Er betrachtete das Genie als eine nothwendige Bedingung fr
Kunstwerke. Derjenige, der keines htte, meinte er wohl, mte es lieber
unterlassen, und darin hatte der alte Mann Recht.

[Sidenote: Die Reisegesellschaft nach Mailand.]

Ich reiste mit einem Vetturin nach =Mailand=. Im Wagen traf ich
wieder meinen franzsischen Kaufmann, und ein ganz wohlgekleidetes
Frauenzimmer, eigentlich ein Dienstmdchen, die nach Mailand reiste,
um -- wie wir spter erfuhren -- Kindermdchen zu werden. Sie erzhlte
uns, da sie in einer kleinen franzsischen Stadt geboren sei, die ihren
Namen nach einem wilden Mann fhre, welcher in alten Tagen ganz nackt im
Walde gefunden worden sei.

Ein nrrisches, kleines Ding von 38 Jahren! Als sie sah, da wir
hflich gegen sie waren, gab sie sich gleich Damen-Airs, und holte eine
Schachtel heraus, in der ein Spiel Karten lag. Ihre Schrze heftete
sie mit Stecknadeln an unsere Knie an und auf diesem Tisch lud sie
uns ein, Mariage zu spielen. -- Es schien, als ob sie Lust htte um
Geld zu spielen, um das Spiel interessanter zu machen; aus Eigennutz
war es nicht, denn sie verlor bestndig. Deshalb wollten wir auch
nicht um Etwas spielen. Der alte Kaufmann, der sich darber freute,
eine Landsmnnin in dem armseligen Italien zu finden, bat sie, etwas
zu singen. Sie haben gewi eine schne Stimme! -- Das lie sie sich
nicht zwei Mal sagen. Mit einer Prise Tabak in der einen, und den Karten
in der andern Hand, fing sie nun an, wie eine Nachtigall zu schlagen.
Es war eine Romanze, in der viel von _tendresse_ und einem _tratre_
vorkam, der seine Geliebte verlassen hatte.

[Sidenote: Das provisorische Kindermdchen.]

So singend und zuhrend kamen wir nach =Chivasco=, wo das provisorische
Kindermdchen die Honneurs bei Tisch machte, aber mit den Zurichtungen
unzufrieden war. Sie erzhlte uns, da sie lange in einem Kloster
gelebt habe, ohne doch das Klostergelbde abgelegt zu haben, wo an den
groen Festtagen das ganze Personal, von der Priorin bis zu der _fille
du bassecour_ (wahrscheinlich sie selbst), in dem groen Refectorium
gespeist hatte.

In =Cilano= brachten wir einige Stunden in der Nacht zu. Hier schlief
ich in einem groen Zimmer mit zwei andern Betten auer dem meinigen. In
dem einen lag der alte franzsische Kaufmann, in dem andern ein junger,
fremder Italiener. Hier hatte ich wieder meine alte Rubervision und
sprang zum Bette heraus. -- Glcklicherweise schrie ich nicht; denn
sonst wre gewi das ganze Haus in Aufruhr gekommen, hier in einem
Lande, wo Ruberabenteuer nichts ungewhnliches sind. Freilich hrte
man damals weniger, als jetzt von dergleichen; die strenge franzsische
Polizei jagte den Verbrechern Furcht ein und verminderte zum Theil
die Gewaltthtigkeiten und die Unsicherheit auf den Landstraen.
Endlich kamen wir nach Mailand und waren Alle froh, nur nicht unser
Gesellschaftsfrulein; sie sollte nun in Dienst gehen, und das kurze
Damenleben war vorber; sie weinte, als sie Abschied von uns nahm.

[Sidenote: Der bezahlte Schlingel. -- Das Gercht.]

Unser Vetturin, ein groer, langer, ernster Mann im grnen Ueberrock,
mit einem schwarzen Zopf im Rcken, war auf der Reise einmal so
nachlssig und langsam gewesen, da wir erst lange nach dem _Ave Maria_
in die Herberge kamen; was immer sehr gefhrlich in Italien ist; denn
nach dem _Ave Maria_ sind die Landstraen nicht mehr vor Rubern sicher.
Ich hatte ihn deshalb einen Schlingel genannt. Kaum war das Wort gesagt,
so that es mir leid. Er war sonst ein ehrbarer, gravittischer Mensch
und glich mehr einem Herrn, als einem Diener. Er schwieg und sah mich
ernst an. Ich dachte an die italienische Rache und mir wurde darum nicht
gut zu Muthe. Indessen ging Alles gut bis Mailand hin. Der Vetturin
trat hflich ins Zimmer zu mir, um sein Geld zu holen. Ich grte ihn
freundlich, bezahlte ihm die bestimmte Summe, darauf das Trinkgeld und
legte noch einen Scudo obenein hin. Er strich das Geld ein, nahm darauf
den einzelnen Scudo, sah erst ihn, dann mich an, und sagte, indem er
fortging, mit einem gutmthigen, bedeutungsvollen Lcheln und einer
kleinen Verbeugung: Das war fr den Schlingel!

Die Italiener haben ein zartes Ehrgefhl; man mu sich hten, sie
zu verletzen, und lieber ihre Faulheit und Nachlssigkeit ertragen.
In Mailand erfreute es mich am meisten, den groen Marmordom, ganz
gothisch, oder altdeutsch, jenseits der Alpen zu sehen, ein krftiges
Denkmal deutschen Einflusses hier im Mittelalter. Ich habe bereits
gesagt, da ich keine Reise, sondern mein Leben schreibe, und deshalb
eile ich rasch ber die Merkwrdigkeiten hinweg, ber die man in hundert
Bchern lesen kann. -- Das kann ich mit Bestimmtheit sagen: Ich habe
Vieles aufmerksam betrachtet und gefhlt, dessen ich hier nicht erwhne;
was als Gegensatz manchem andern Reisenden dienen kann, der aus andern
Werken ber Dinge abschreibt, die er nie gesehen hat.

[Sidenote: In Mailand. -- Landsleute.]

In Mailand traf ich den jetzt verstorbenen Theatermaler =Wallich= aus
Kopenhagen; er fhrte mich im Schauspielhause in eine Loge zu mehreren
vornehmen Damen, welche begierig waren, den jungen Dnen zu sehen, der
Frau von Stal Holstein heirathen sollte. Ich bat Herrn Wallich um
Gottes Willen, den Damen diesen Traum zu benehmen, und begriff nicht,
wie solch leere Gerchte ber die Alpen gekommen sein konnten. Aber
je leerer ein Gercht ist, desto leichter fliegt es. -- Wie bekannt,
empfangen die italienischen Damen in den Logen Besuche; auf das Schau-
oder eigentlich Singspiel achten sie nur wenig, auer, wenn eine
beliebte Bravourarie gesungen wird. Bei diesen schnen, artigen Damen
traf ich auch den Maler =Rossi=, der das herrliche Bild, das Abendmahl,
von Leonardo da Vinci copirte. Eigentlich mute er rathen, wie es in
Santa Maria della Gracia ausgesehen habe; denn erst mit Kalk berweit,
und dann wieder halb abgewaschen, sind die Farben kaum kennbar; nur die
Umrisse haben sich einigermaen erhalten.

Ich hatte das Vergngen, noch einen Landsmann, Herrn =Dalgas=, zu
treffen. In Mailand sah ich zum ersten Male eine _Opera buffa_: _le
nozze di Lauretta_, sehr gut gegeben, mit allen Lazzis und dem lustigen
Uebermuth der italienischen Laune. Dies ist echt italienisch! Ihre
_Seria_ ist eine schlechte, verzeichnete Copie der griechischen und
rmischen; und die Musik grtentheils gleich uncharacteristisch
obwohl hufig prchtig und wohlklingend. Den Tag darauf sah ich
eine Hinrichtung. Ein elender, bleicher, zitternder Ruber wurde
guillotinirt. Der krftige, rothwangige Scharfrichter, malerisch
gekleidet, mit einem breiten runden Hute ber dem grnen Haarnetze,
stach wunderlich gegen jenes elende Geschpf ab, das, in Lumpen gehllt,
auf einer hlzernen Trage herbeigeschafft wurde, whrend ein Mnch neben
ihm herlief, und ihm einen Holzschnitt des Gekreuzigten, auf ein Stck
Pappe geklebt, wie einen Fcher vors Gesicht hielt. -- Als das Haupt
des Snders abgeschlagen war, nahm der Scharfrichter sein Taschentuch
und steckte es unter sein eigenes Kinn, als ob er barbirt werden
sollte. Aber er that es, um nicht blutig zu werden, indem er das Haupt
auf eine Eisenstange steckte, unter der der Name und das Verbrechen
des Hingerichteten mit groen Buchstaben stand. -- Kaum hatte ich den
Namen =Raphael= gelesen, als ich von dannen eilte. Es schmerzte mich,
den groen Namen entheiligt zu sehen. Ich hatte erst kurz vorher ein
vortreffliches Bild von Raphael d'Urbino aus seiner ersten Periode:
Joseph's und Maria's Abschied bewundert.

[Sidenote: Hinrichtungen.]

Es ist gewi, da ich, obwohl mir nicht Gemth fehlte, in meiner
Jugend Neigung hatte, den Hinrichtungen beizuwohnen. Das Entsetzen,
welches damit verbunden war, hat etwas Stachelndes und Anziehendes. Die
Phantasie trieb ihr Spiel. Die Menge der Frauenzimmer eilt gewhnlich
aus einem andern Grunde, einem falschen Gefhle, dorthin, welches sie
bewegt. Sie gehen zu einer Hinrichtung, wie sie zu einer Tragdie
gehen, um ber Etwas weinen zu knnen. Ich aber weinte nicht. In
einer frhern Periode war ich so eifrig auf dergleichen versessen,
da ich, als Herzlein (ein Goldschmied, der seine Geliebte aus
Eifersucht erschossen hatte) gekpft werden sollte, auf einen groen
sentimentalen Glasermeister schimpfte, der im Gedrnge vor mir stand,
und mich durch seine Bewegungen beinahe daran verhindert htte, die
Hinrichtung zu sehen. Aber ich sah sie; und als der Unglckliche im
letzten Augenblicke verzweifelt sein Auge gen Himmel aufschlug, ehe er
sich auf den Block legte, lief es mir kalt den Rcken hinunter. Als ich
nach Hause ging, fhlte ich mich so matt und abgestumpft, als ob ich
all' meine Seelenkrfte verloren htte, und als ein so vergngliches
Nichts, wie das drre Gras, auf das ich trat. Am Abend, als ich mich
in der Sommerdmmerung im Dunkeln auskleidete und das Auge zufllig in
den Spiegel fiel, erbebte ich vor mir selbst in den bloen Hemdrmeln.
Es war mir, als ob ich mich auskleidete, um hingerichtet zu werden. Es
vergingen mehrere Tage, ehe ich mich fassen konnte. Und doch sah ich
andere Hinrichtungen. Einen Mordbrenner, der nach dem Kpfen verbrannt
wurde, wollte ich auch sehen; dieses Mal aber ging ich fort, ehe er
kam, als ich den Scheiterhaufen erblickt hatte. Dagegen sah ich einen
Seecapitain, den der Pbel Capitain Rhrei nannte, weil er in diesem
Gericht seinen Schwiegervater vergiftet hatte; zugleich mit einem andern
Mrder, einem Matrosen, hinrichten. Man erzhlt, da, als sie zum Tode
gingen und Abschied von einander nahmen, der Matrose mit einem frommen
Gefhle sagte: Lebewohl! Wir sehen uns droben bald wieder! worauf
Capitain Rhrei kalt antwortete: Hm! das ist nicht so gewi! -- Ich
glaubte, ich wrde ein hliches, finsteres Haupt auf der Stange sehen;
aber es war ein hbsches Gesicht, fast wie das eines Mdchens, mit
blondem, lockigem Haar.

[Sidenote: Todesstrafe.]

Man hat soviel fr und gegen die Todesstrafe geschrieben. Mir scheint,
da die Nothwehr und die Selbstvertheidigung der menschlichen
Gesellschaft sie unentbehrlich machen. Raubmorde wrden freilich
vermindert werden, wenn der Ruber bei dem einfachen Raube nicht mehr
sein eigenes Leben wagte; aber der Rache- und Feindesmord wrde vermehrt
werden, wenn der Brutale und Bse wte, da er durch den Mord des
Verhaten sich nur einer Gefangenschaft aussetzt, aus der eine gewandte
Flucht ihn befreien kann. An die bestndige Besserung des in Grund und
Boden Verderbten zu denken, ist eine fromme Illusion. Der Verbrecher
wird mit einem so guten Gefhle und so vortrefflichen Grundstzen,
wie ein frommer Geistlicher sie ihm geben kann, in das andere Leben
hinbergefhrt. Er wird aus der Gesellschaft ausgeschlossen, deren
Mitglied zu sein, er nicht mehr wrdig ist! Aber wir glauben ja an
ein ewiges Leben! Nur wer an der Unsterblichkeit zweifelt, findet die
Todesstrafe in jedem Falle grausam und unmenschlich. Freilich kommt es
dabei weit mehr auf die Beweggrnde, als auf die Handlung selbst an, und
dehalb mssen edle, weise Richter hierbei prfen und entscheiden.

Da die Anwendung der Todesstrafe wegen Mordthat in Italien von
auerordentlicher Wirkung war, so lange Napoleon's Gesetze galten,
wissen Alle, welche Gelegenheit hatten, den Zustand im Lande damals
und spter kennen zu lernen. Ein Italiener versicherte mir, da in
seiner Jugend eine groe Menge junger Leute in dieser Gegend Morde
begangen und sogar damit geprahlt htten. Nach Napoleon's Zeit wimmelte
es wieder von Rubern und Mrdern auf den italienischen Landstraen.
Der abscheuliche Menschenfang kam auf, und wenn sich die Fortgefhrten
nicht durch groes Lsegeld freikauften, so wurden sie gemordet, ja
zuweilen erst gepeinigt. Damals, als ich reiste, wurden alle Ruber ohne
Barmherzigkeit gleich hingerichtet und die Folge davon war, da die Wege
bald viel sicherer und die Reisenden viel seltener geplndert wurden.
Indessen war es doch noch nicht vorbei. Einige Tage darauf, als wir von
Mailand nach Lodi reisten, begegneten wir achtzehn gefangenen Rubern in
Ketten, und als wir den Fhrer fragten, welches Schicksal ihrer harre,
machte er mit dem Finger ein Zeichen um den Hals.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Dorfwirthshuser.]

Diese Gegenden sind gefhrlich, obgleich weder Felsen noch Hhlen da
sind; aber man fhrt mehrere Meilen weit durch de Gegenden mit dichten
Weidenhecken an beiden Seiten. In dieser Einsamkeit knnen die Reisenden
leicht berfallen werden; die Ruber verbergen sich gleich in den Hecken
und die wenigen Bauern, welche hier und da wohnen, wagen es nicht, den
Rubern hinderlich zu sein, stehen wohl auch oft mit ihnen im Bndni.

Jetzt wurden wir in vielen Wirthshusern vollstndig von der schlechten
Lebensweise des italienischen Landvolkes berzeugt, von der wir soviel
gehrt hatten, an die ich aber nicht recht glauben wollte. Konnten
sie auch nicht Steine in Brot verwandeln, so verwandelten sie doch
wenigstens Brot in Stein. Ein Wirthshaus fhrte in seinem Schilde eine
Katze, die eine Maus zwischen den Krallen hielt. Sehr einladend! Und
htten wir uns daselbst mit Musen begngen wollen, so htte es uns auch
nicht an Wild gefehlt.

In besseren Wirthshusern muten wir Freitag und Sonnabend fasten,
doch wurden grtentheils Fleischspeisen auf einem besondern Tisch fr
die Ketzer und fr Diejenigen angerichtet, welche Dispensation erhalten
hatten. Es wurde dann gefragt: ob man _magro_ oder _grasso_ speisen
wollte. In _San Domino_ verfhrte ich eine junge Rmerin, die sehr
hungrig war, an einem Freitage Fleisch zu essen; aber meine Snde wurde
auch in der nchsten Nacht auf folgende Weise bestraft.

[Sidenote: Bestrafte Ketzerei.]

Wie ich im besten Schlummer lag, klopfte es an meine Thr, und der
Hausknecht trat mit einer Laterne herein, um die Hiobspost zu verknden,
da ich aufstehen msse, der Kutscher wolle weiter fahren. Ich sprang
aus dem Bett, und fing an, mich anzukleiden; aber als ich nach der Uhr
sah, war es erst 3, und ich wute, da wir erst um 5 Uhr weiter sollten.
Ich lief in den Hof hinunter, in der Hoffnung, da ich wenigstens die
Fuhrmannsscene aus Shakespeare's Heinrich IV. aufgefhrt sehen wrde.
Aber da war kein Mensch. Endlich entdeckte ich den Irrwisch. -- Er sagte
ganz ruhig, da wahrscheinlich eine andere Herrschaft fort msse und
ging seiner Wege. -- Ich legte mich von Neuem zur Ruh; aber kaum war ich
eingeschlafen, als der unruhige Kobold wieder vor meinem Bette stand.
Nun sei es richtig, meinte er. Ich sprang wieder auf, sah nach der Uhr
und diese zeigte auf 4. Als ich sie ans Ohr gehalten und mich berzeugt
hatte, da sie richtig ging, fing ich an, den Kerl zu schelten, der so
unrichtig ging; nahm mich aber doch in Acht, ihn beim rechten Namen
zu nennen. Ich legte die Uhr wieder unter mein Kopfkissen und schwor
darauf, da ich nun nicht vor 5 Uhr aufstehen wrde. Das Gespenst lie
sich nicht wieder sehen, und htte ich nicht selbst aufgepat, so wre
der Wagen wahrscheinlich ohne mich fortgefahren. Ich nahm mir diese
Warnung _ad notam_ und habe es seitdem nie wieder versucht, Katholiken
zur Ketzerei zu verfhren.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Parma. -- Correggio's Frescomalereien.]

In Parma sah ich in San Giuseppe und San Giovanni Correggio's
Frescomalereien. Whrend ich nach der herrlichen Wlbung, mit der
Brille auf der Nase, hinaufblickte, fllte sich die Kirche nach und
nach mit Andchtigen, welche rund um mich herniederknieten. Ich wollte
kein Aufsehen erregen, und mochte auch nicht mit ihnen knieen, weil
das affectirt ausgesehen haben wrde; ich ging nun in einen Winkel, wo
mich Keiner bemerkte, und da betete ich auch auf meine Weise. Ich finde
dieses Gebet in meinem Tagebuche mit einigen Bemerkungen ber Kunst
niedergeschrieben, die hier unrecht angebracht sein wrden. Das Gebet
in San Giovanni war ungefhr folgendes: Guter Gott! bewahre mein Herz
offen und rein, da es Deine Gre, Gte und Schnheit in Natur und
Menschenwerken zu erkennen vermge. Beschtze mein Vaterland, meinen
Knig, meine Geliebte, meine Freunde! La mich nicht im fremden Lande
sterben; sondern glcklich in meine Heimath zurckkehren. Gieb mir
Munterkeit und Muth, meine Bahn auf Deiner schnen Erde zu wandeln,
ohne krankhaft und bitter meine Feinde zu hassen, ohne mich sclavisch
und feig den Vorurtheilen der Welt zu unterwerfen. Schenke mir stets
Dichterkraft! Du hast meinen Geist fr die Kunst geschaffen, und dies
ist das strkste Sehrohr, durch das ich Deine Herrlichkeit schauen kann.
La mich nach meinem Tode in meinen Werken leben, gleich diesem guten
Correggio, so da, wenn ich Staub bin, noch manche jugendliche Brust
durch meine Gesnge begeistert werden knne!

So ungefhr betete ich unter Correggio's Kuppel; und damals entstand
wieder der Gedanke klar in meiner Seele, ein Schauspiel ber ihn zu
schreiben. Die Idee dazu war mir bereits in Paris gekommen; und spter
in =Modena=, als ich das kleine Frescogemlde ber dem Kamin in dem
Palast des Herzogs sah, welches Correggio gemalt haben soll, als er erst
siebenzehn Jahr alt war, wurde der Entschlu gefat.

Ein Engel bietet auf diesem Bilde dem kleinen Jesus Kirschen in einer
Schale dar; auf dem Schooe seiner Mutter it er davon. Die Schnheit,
Liebenswrdigkeit und Unschuld, besonders in den Gesichtern des Engels
und der Maria, knnen nicht herrlicher ausgedrckt sein. Noch sieht man
auf dem Bilde Joseph und einen andern Mann. Joseph hlt ein Spielzeug
in der Hand, eine Stadt (vermuthlich Jerusalem), hnlich den jetzigen
nrnberger Spielsachen. Zwei Kaninchen spielen zu den Fen des
Engels. Junges Myrthenlaub wchst im Hintergrunde. Kann man sich etwas
Anmuthigeres, Naiveres denken? -- Man hat eine Legende von Jesus, wie er
als Kind kleine Vgel aus Ton machte, die zu fliegen begannen, als er
vor Freude ber sie in die Hnde klatschte. Das Gemlde hier ist ganz
in demselben Geiste, und htte Correggio auch nichts Anderes der Art
gemalt, so wre das schon genug, um seinem Verhltnisse zu =Weib und
Kind= in meinem Trauerspiele historische Wahrheit zu geben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Bologna.]

In =Bologna= haben die Huser ebenso wie in Bern Bogengnge lngs
der Straen, nur viel schner. -- Ich sah hier das alte franzsische
Lustspiel, =Advocat Patelin=, von franzsischen Schauspielern sehr gut
auffhren. -- Die herrlichen Kirchen erhoben und freuten mich durch
ihre groartigen Verhltnisse und ihren schnen bunten Marmor. Neptun,
von =Giovanni=, steht auf dem Markt mit dem Fue auf einem Delphin,
mit seiner _Quos ego_-Miene und dem mchtigen Dreizack in der Hand.
Ueppige Najaden sitzen zu seinen Fen und drcken mit hbschen Hnden
das Wasser aus der vollen Brust. Knaben spielen mit Delphinen, berall
sprudelt das Wasser reichlich.

[Sidenote: Kunstwerke, Naturschnheiten.]

In der Kirche St. Petronio stellte ich meine Uhr nach einer seltsamen
Sonnenuhr. Durch ein Loch in dem Kirchengewlbe fllt der Lichtstrahl,
gerade wenn die Uhr zwlf schlgt, auf ein Marmorkreuz auf dem Fuboden
der Kirche, genau in die Mitte des Kreuzes. Ich sah in Bologna die
anatomischen Wachsfiguren. Obgleich diese wohl fr einen Anatomen
_ex professo_ bei Weitem nicht so ntzlich sind, als der wirkliche
Menschenkrper, so eignen sie sich doch sehr, einem gebildeten Menschen,
der nicht Anatomie studirt hat, Kenntni von seinem eigenen Krper zu
verschaffen. Das Widerliche verschwindet ganz, indem man Fett, Fleisch
und Knochen hbsch gefrbt und im reinen Wachse sieht. Man bewundert das
Kunstwerk des Schpfers, ohne von dem Gedanken an die eigne Vernichtung
niedergebeugt zu werden. Doch knnen selbst wirkliche Theile des
menschlichen Krpers durch die Reinlichkeit des Prparats und eine
hinzugesetzte hbsche Farbe das Unangenehme verlieren. So sah ich einmal
bei einem Arzte gut zubereitete Menschenknochen, in Kalk ausgekocht,
die wie die schnste Drechslerarbeit aussahen, und ich wurde recht an
=Benvenuto Cellini= erinnert, welcher will, da Kinder die Zeichnenkunst
damit beginnen sollen, da sie das schne Menschengerippe, wie er's
nennt, nachbilden. Ja wahrlich! Nur die Todesfurcht, der Gedanke an
unsere eigne Auflsung macht uns den zergliederten menschlichen Krper
zuwider; sonst wrden wir hierin mehr als in einem andern Gegenstande
die Weisheit des Schpfers bewundern. -- Ich sah in Bologna viele
Gemlde und ein herrliches Kunstwerk in Silber von =Benvenuto Cellini=,
die Abnahme Christi vom Kreuze.

Wenn man ber die Alpen kommt, fhlt man sich geneigt, die =Apenninen=
mit Remusaugen zu betrachten, als ob sie nur eine Romulusmauer wren;
doch war es in diesen Bergen klter als ich geglaubt hatte; und als wir
hher hinaufkamen und der Berg uns seine nackte Stirn zeigte, bekamen
wir Ehrfurcht vor ihm.

In dem schattigen Felsenrisse schlummerte noch eine nordische blonde
Riesin; das Gebsch verbarg nur halb ihren weien Schneekrper. Sie war
gleich einem Zugvogel von Thule nach Italien geflogen und hatte sich
hier versptet. Wir sahen ihr Schicksal voraus. Bald wrde Phbus Apollo
sie mit seinem brennenden Pfeile treffen und ihr klares durchsichtiges
Blut wrde in den Arnostrom dahinflieen. Wild und bermthig haben die
Cyclopen in ihren Freistunden hier mit den Felsen Kegel gespielt. Vulkan
mu sie pltzlich wieder zur Arbeit zurckgerufen haben; denn Kegel und
Kugel liegen in grter Unordnung neben einander. Ich glaube, da es
hier noch zuweilen spukt; man versicherte mir, da ein kleiner Kobold
noch zuweilen seine rothe Flammenzunge, wenn es regne, aus dem Schooe
der Erde stecke, um seinen Durst zu lschen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Florenz: Kunstwerke.]

[Sidenote: Die Statuen von Caligula und Nero.]

In =Florenz= hielt ich mich 14 Tage auf und hatte also Gelegenheit,
die Merkwrdigkeiten dieser schnen Stadt zu sehen, besonders da ich
ohne Gesellschaft war und mich vom Morgen bis Abend damit beschftigte,
Alles von Wichtigkeit kennen zu lernen. Freilich regnete es mehrere Tage
stark, dies verhinderte mich aber nicht daran, nach =Bruneleschi's=
groer Domkirche zu gehen und das Basrelief auf den erzenen Thren des
=Battisterio= zu betrachten. In meiner Romanze, die =Rosenbume=, habe
ich eine alte Legende mit meinen Erinnerungen an die alte Domkirche
vereinigt. Da ich Niemand in Florenz kannte, kurz vorher Benvenuto
Cellini's Leben, und vor nicht langer Zeit Boccaccio's Novellen gelesen
hatte, so lebte ich hier wie im 5. oder 6. Jahrhundert. Ich ging an
jedem Tage an dem Palazzo vecchio vorber, besuchte die Logen, wo
Benvenuto's Perseus steht; ebenso Cosimo de Medicis Statue von Giovanni
Bologna; und nichts konnte mich aus dem Traume erwecken. Alles deutete
auf die alte Zeit hin. -- Ich besuchte die Mnche im Kloster und sah
sie in ihrem Laboratorium Heilmittel zubereiten; ich hrte Musik in den
Kirchen. Zuweilen begegnete ich einem Leichenzuge mit dem Todten auf
offener Bahre; die Priester gingen mit angezndeten Lichtern und die
Straenjungen mit kleinen Dten nebenher, indem sie das herabtrpfelnde
Wachs auffingen. Ich sah Michel Angelo's David vor dem Palaste und in
den Galerien die langen Bstenreihen der Mediceer, so wie die Bsten der
rmischen Kaiser, wo Nero's fettes, gemeines Gesicht, und Caligula's
unverschmter, spitznasiger Wolfskopf mir so hnlich schienen, da sie
mich zu einem sonderbaren Einfall verfhrten. Ich sah mich erst um
und als ich mich allein fand, spuckte ich ihnen beiden ins Gesicht.
Ich ging oft in dem schnen Hain auerhalb der Stadt spazieren, wo
ein Denkmal des Narci an der Quelle errichtet ist, und hrte die
Nachtigall schlagen, was mich sehr erfreute; es war die erste die ich
hrte, seitdem ich den Friedrichsberger Garten verlassen hatte. --
An dem Sonnabend zwischen Charfreitag und dem Ostertage sah ich den
Aufzug mit dem Feuerwagen vor der Domkirche, den ich spter in meiner
Novelle =die Glcksritter= benutzt habe. -- Das Einzige, was mich aus
der alten in die neue Zeit versetzte, war die moderne Opernmusik; denn
die Gegenstnde selbst: =Gerusaleme distrutta= und =Judith= htten es
nicht gethan. Mit meinem Wirth in Aquila nera hatte ich ein Abenteuer,
das sich eben so gut in der alten wie in der neuen Zeit htte zutragen
knnen; denn er betrog mich um Geld.

Man hatte mir sein Haus als das vorzglichste gelobt, obgleich ich
hrte, da das von =Schneider= viel besser sei. Der Wirth in Aquila nera
kam mir sehr galant, aber auch vornehm entgegen, und erzhlte von allen
Dnen, die bei ihm gewohnt hatten, besonders von der Dichterin Frau
=Brun= und dem Minister Baron =Schubart=, der einmal die von Livorno
nach Hause reisenden dnischen Matrosen bewirthet hatte, die whrend der
Mahlzeit Hurrah riefen, da es eine Lust war.

[Sidenote: Ein Gaunerstreich.]

In den ersten paar Tagen war ich recht zufrieden in Aquila nera. Am
dritten Morgen, whrend ich noch halbwach im Bette lag, hrte ich
den Wirth, gleich Jakob von Tyboe auf dem Gange lrmen; er trat sehr
geschftig bei mir ein und bat mich, ihm rasch 5 Louisd'or zu geben; er
solle gerade in diesem Augenblicke etwas Gold auszahlen und die Juden
htten wegen des Sabbaths ihre Boutiquen geschlossen. -- Ich betrachtete
es als eine groe Ehre, holte meine kleine Brse und htte ihm gern mehr
gegeben. Solch' ein Mann! der ber 30 Jahre der vornehmste Gastwirth in
Florenz gewesen war! -- Aber er wollte nur 5 Louisd'or haben, das lohne
ihm Gott! Sonst wre ich nicht nach Rom gekommen.

Den Tag darauf wurde das Essen schlechter; ich uerte mein Mivergngen
darber und sagte dem Aufwrter, da ich mich bei seinem Herrn beklagen
werde. _Ah!_ entgegnete dieser und machte mit dem Daumen eine jener
ausdrucksvollen Bewegungen, deren die Italiener so viele haben, _il
padrono va via!_ -- Und nun hrte ich, da der Mann gerade Bankerott
gemacht habe und ein Anderer ihn ablsen solle. -- Dieser Andere fing
eine neue Rechnung mit mir an und von meinen 5 Louisd'or bekam ich
nichts zurck. Freilich begegnete ich einmal dem frheren Wirthe auf
der Treppe und erinnerte ihn; aber in seinem vorigen vornehmen Ton
sagte er, ohne sich verblffen zu lassen: Ach mein Herr! ich habe Sie
nicht vergessen; aber ich habe hier viel Geschfte; das Haus ist gro;
die Reihe wird auch an Sie kommen! Darauf hatte ich nun keine Zeit zu
warten und reiste um 5 Louisd'or leichter ab.

                    *       *       *       *       *

Das Wetter war in der letzten Zeit immer noch schlecht. Um drei Uhr des
Morgens fuhr ich am 6. April von Florenz fort. Mein alter franzsischer
Kaufmann, den ich 14 Tage lang nicht gesehen hatte, sa wieder im Wagen
und schimpfte auf das italienische Wetter. In einem Hohlwege, ziemlich
fern von allen menschlichen Wohnungen, strzte das eine Maulthier;
glcklicherweise kam es wieder auf die Beine. Wir htten hier wirklich
singen knnen: Das Maulthier sucht in Nebeln seinen Weg; aber wir
waren gar nicht aufgelegt zu singen und das htte uns auch nicht
getrstet.

In =Siena= sah ich die schne alte Kirche. Unser Kutscher war ein
Grobian und ein verrckter Kerl; aber ich nannte ihn doch nicht
Schlingel. Auerhalb der Stadt lag ein groer Stein, ber den er bald
unsern Wagen umgeworfen htte. Bla wie eine Leiche im Gesicht und mit
funkelnden Augen fing er nun an mit entsetzlichen Flchen nicht allein
alle Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Groeltern und Urvter in
die tiefste Hlle zu verwnschen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Lago di Bolsena. Schneefall.]

Endlich kamen wir nach dem =Lago di Bolsena=, wo die Menschen alle
gelb wie Leder im Gesicht sind, dicke wasserschtige Wnste tragen,
und gezwungen gewesen waren, der schlechten Luft wegen ihre Stadt San
Laurento niederzureien und eine andere weiter oben zu bauen, um nicht
vollstndig zu crepiren. -- Wir fuhren an vielen natrlichen Hhlen
vorber, die mich an Polyphem, Ulysses und Circe, Aeneas und Dido, David
und Saul erinnerten. Der bestndige Regen verwandelte sich zuletzt in
einen Schnee, der fingerdick auf Erde und Bume fiel. Ich glaubte nun
wirklich, da der Weg nach Tobolsk hinfhrt und konnte gar nicht fassen,
da wir zwischen Florenz und Rom seien. Aber mein alter Franzose wurde
immer froher und froher, weil er nun mit Recht auf Italien schimpfen
konnte. Auf unserer ersten Reise in den schnen Tagen, wo Alles lchelte
und blhte, war er ganz rgerlich und verstimmt; er hatte sich damals
an nichts Anderes, als an die schlechte Bewirthung und an die groen
Ochsenhrner halten knnen; nun dagegen konnte er aus Herzenslust ber
_le beau sol d'Italie_ spotten, und dies erleichterte und trstete ihn
unendlich.

                    *       *       *       *       *

In =Montefiascone= wurde wieder _magro_ gegessen. Wir fragten, ob wir
denn gar nicht etwas _grasso_ erhalten knnten? Ein junger Rmer, der in
der Kche stand und sehr eifrig Eier a, sagte: Wir sind hier in einem
christlichen Lande, in einem christlichen Lande it man am Sonnabend
kein Fleisch. Mein alter Franzose fragte ihn: ob er denn glaube, da
wir Juden seien? er solle seine Eier essen und sich nicht um die Dit
anderer Leute kmmern. Der Italiener sagte, er htte nur _generalmente_
gesprochen. Ich antwortete: er wrde am besten thun _specialmente_
bescheiden zu sein und _generalmente_ andere Leute essen zu lassen, was
sie wollten. Darauf ging er sehr hflich rasch seines Weges.

[Sidenote: Johannes de Fugger's Grabschrift.]

Whrend wir bei der schlechten Mahlzeit und bei dem noch schlechteren
Weine saen, kam ein deutscher Reisender von der Kirche, wo er das Grab
eines berhmten Landsmannes gesehen hatte. Andere Zeiten, andere Sitten
und hier wahrscheinlich anderer Wein. Jener deutsche Prlat reiste
frher in diesen Gegenden umher, gerade um guten Wein zu finden. Wo er
ihn fand, weilte er eine Zeitlang und schrieb an seine Thre: _Est._
Besonders in Montefiascone mute ihm der Traubensaft geschmeckt haben;
denn er hatte sich dort zu Tode getrunken und sein Diener setzte ihm
folgendes Epitaph:

                      _Est, est, est!
                      Propter nimium est
                      Hic Johannes Fugger,
                      Dominus meus, mortuus est._

Htten wir viel von dem jetzigen Wein getrunken, so wre es uns
wahrscheinlich ebenso gegangen wie dem seligen de Fugger bei dem Baron
von Montefiascone.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Ehepaar.]

In =Ronziglione= ging der Wagen entzwei; wir dankten Gott, da es
nicht mitten auf der Landstrae geschehen war. Whrend der Kutscher
ihn wieder mit Stricken zusammen band, suchte ich in einem kleinen
Stalle Schutz vor dem Platzregen, wo ich ein Schaf und einen Esel an
die Krippe gebunden fand. Meine mige Phantasie, von Gttern und
Menschen verlassen, lie mich in diesen Thieren ein altes ehrwrdiges
Ehepaar sehen. Der Esel schien mir der Mann, etwas bejahrt, mit vieler
Menschenkenntni, aber zurckhaltend und wenig sprechend, obgleich
seine philosophische Miene zeigte, da es ihm nicht an Nachdenken
mangelte. Das Schaf, seine Frau, schien in ihren jungen Jahren eine
hbsche Blondine gewesen zu sein; nun hatte aber ihr Teint sehr gelitten
und war etwas ins Gelbliche gefallen. Sie schien nicht viel Geist zu
besitzen, hatte aber ein gutmthiges Wesen. Ich fragte den Mann, ob er
die neuesten Zeitungen gelesen habe? -- Ob es wahr wre, da der Knig
von Schweden abgesetzt sei? -- Er schwieg. -- Ich verdachte es ihm
nicht; wer mochte wohl damals, wo das Spionirwesen so stark im Schwunge
war, sich mit einem wildfremden Menschen in einen politischen Discurs
einlassen? Ich gab dem Gesprch eine andere Wendung, nherte mich der
Frau und lobte die italienischen Naturschnheiten. -- Sie schwieg --
vielleicht aus Bescheidenheit: vielleicht glaubte sie, es sei Spott,
weil wir armen Ultramontanen so lange Zeit hindurch das elendste Wetter
in Italien gehabt hatten. Darauf fing ich ein galantes Gesprch mit
ihr an, lobte ihren blonden Teint und sagte: sie gliche mehr einer
Nordlnderin als einer Italienerin; ohne Zweifel flsse lombardisches
Blut in ihren Adern. -- Sie lchelte gerhrt. -- Gerne htte ich noch
lnger bei diesen braven Eheleuten geweilt, die mir so durchaus die
Geschichte von Philemon und Baucis ins Gedchtni zurckriefen;
aber -- der Wagen war mit Stricken zusammengebunden und wir muten
fort. -- Das ist das Unangenehme bei Reisen; kaum ist ein angenehmes
Freundschaftsband geknpft, so wird es bald wieder zerrissen.

Wie gern wrde ich hier nun ein schnes Naturgemlde liefern, um den
zarten Seelen zu gefallen, die solche humoristische Stallftterung nicht
leiden mgen und nur mit ihren Gefhlen auf schnen Wiesen zwischen
Blumen und Blthen grasen. Aber was kann ich dafr? Es regnet noch immer
und der schlecht gebundene Wagen kriecht langsam wie eine Schnecke den
Hgel hinauf.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein schnes Wirthshaus.]

Den Abend, bevor wir nach Rom kamen, klrte sich der Himmel auf und
ich konnte wieder in der Abendkhle spazieren gehen, whrend der Wagen
erst langsam nachkam. Weithin auf dem Felde sah ich das Haus, wo wir
_cena_ halten sollten, und ich dachte: Das ist wieder eins von den
gewhnlichen Hundelchern. Aber -- im Gegentheil -- das Haus war gro
und reinlich; und was noch besser war, auf der Treppe begegnete mir die
Tochter des Wirthes mit einem Gesichte, das nicht idealisirt zu werden
brauchte. Aber sie verschwand gleich wieder wie eine Sternschnuppe. Als
ich ins Zimmer trat und darber nachdachte, wie ich das schne Mdchen
wieder zu sehen bekommen knnte, hrte ich Jemand auf dem Gange gehen.
Ich ffnete die Thr in der Hoffnung, da sie es sei. Aber eine ganz
kleine Haushlterin stand mit einem Schlsselbunde vor der Thr und
fragte, ob der Herr Etwas zu befehlen htte? -- Ich glaubte erst eine
kleine Zwergin im Halbdunkel zu sehen, aber als sie nher trat, war es
ein liebliches Mdchen von 7 Jahren, die Schwester der verschwundenen
Schnen und eigentlich ein Miniaturbild von ihr. Die dunkeln Augen waren
fast ebenso gro wie die des Originals; das kleine Mdchen war geputzt,
denn es war Sonntag und sie hatte ein grnseidenes Tuch um den Kopf.
-- Ich nahm sie auf den Schoo, kte sie und fragte: Wie heit Du?
-- Sancta! antwortete sie und hob die hbsche Hand auf, um mir den
Silberring an ihrem Finger zu zeigen. Als ich sie wieder losgelassen
hatte, verschwand sie wie eine Elfe; bald aber kam sie mit zwei groen
Weinflaschen zurck, die sie auf den Boden setzte, weil sie den Tisch
nicht erreichen konnte.

Die erwachsene Schwester kam nicht wieder. Spter glaubte ich sie ber
den Gang mit der Kleinen in ein entfernteres Zimmer gehen zu hren.
Ich machte mir ein Geschft daselbst und ffnete die Thr, um Etwas zu
verlangen; hier hatte ich ein schnes Bild:

Ein hbscher dreijhriger Knabe sa auf dem Schooe der Schnen und
sie kleidete ihn aus, um ihn zu Bett zu bringen. Whrend sie ihm das
Kleidchen auszog, sagte sie ihm stckweis ein Abendgebet vor, das das
Kind nachsagen mute, um es allmlig auswendig zu lernen. Er that es
halb willig aus Gewohnheit, halb verdrielich, weil er sehr schlfrig
war, und half aus allen Krften beim Auskleiden. Eine hbsche Gruppe,
und schn anzuhren! Das =Mdchen=: Heilige Mutter Gottes! Der
=Knabe=: Mutter Gottes! Das =Mdchen=: Ich bete -- Der =Knabe=:
bete -- Das =Mdchen=: Deine himmlische Macht und Herrlichkeit an.
Der =Knabe=: und Herrlichkeit an! -- Ist das Ihr Bruder, Jungfrau?
fragte ich. -- Nein, Herr! antwortete die Schne, es ist mein
Brudersohn! Ich htte das Gesprch gern fortgesetzt, nun aber kam die
Mutter und sagte mir, da das Mahl auf dem Tische sei.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Die Kuppel von St. Pietro.]

Das ist die Kuppel von St. Pietro! rief wie gewhnlich der Vetturin,
als wir uns endlich der groen Stadt nherten, von der man von Ferne
nur sehr wenig sieht, da sie tief im Thale liegt. Roms Umgebung ist
eine Wste. Wir fuhren am Abend zur _porta del populo_ hinein, an dem
groen Obelisken vorbei ber den Platz, in dem drei lange Straen
mnden, deren mittelste der _Corso_ ist. Die schne Welt der Stadt ging
gerade spazieren; es that mir leid, da wir so bald in eine Seitengasse
einlenkten, um nach einem Gasthofe hinzufahren. Von Rom ist bereits
so viel erzhlt worden, da es thricht sein wrde, wollte man eine
Lebensbeschreibung mit rmischen Bildern anfllen.

Der Ort selbst, die Ruinen und Statuen aus der antiken Zeit, die
Palste und Gemlde aus dem Mittelalter, die sdliche Natur, das
Volk, die Menge fremder Knstler und Reisender, die blhenden Weiber,
Alles vereinigt sich, um Rom interessant zu machen. Aber man mu das
Alterthum und die Kunst lieben, wenn man sich hier recht unterhalten
soll; denn Rom hat nur wenig von den Vergngungen einer Hauptstadt, die
Carnevalszeit ausgenommen, und die war vorber.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: In Rom; Thorwaldsen. -- Die Gebrder Riepenhausen.]

Wir hatten in den ersten Wochen schlechtes Wetter und der Scirocco
blies oft hei. Ich suchte gleich meinen Freund Kos auf, der hier ein
ganzes Jahr gewesen war und ging mit ihm nach Thorwaldsen's Werkstatt.
Wie froh erstaunte ich nicht, als ich seinen Jason und alle die
herrlichen Werke sah. Ich kannte bisher Nichts von seinen Arbeiten und
hatte ihn selbst nie gesehen. Wie ich nun vertieft in der Betrachtung
dastand und endlich das Auge nach der Seite hinrichtete, bemerkte
ich einen ziemlich schlecht gekleideten Mann mit einem regelmigen,
geistvollen Gesichte, schnen blauen Augen, mit thonbespritzten
Stiefeln, der neben mir stand und mich aufmerksam betrachtete.
Thorwaldsen! rief ich. Oehlenschlger! rief er. Wir umarmten
und kten einander und von dem Augenblicke an war die Brderschaft
geschlossen. Ein unbeschreibliches Gefhl durchstrmte mich. Ich dachte
an unsere barbarischen Voreltern, welche frher ohne Kunstsinn Rom so
oft zerstrt hatten. Nun umarmten zwei dnische Knstler sich, deren
Einer mit den edelsten Griechen sich messen konnte; und in der Brust
des Jngern brannte wenigstens eine krftige, liebevolle Flamme und
jugendlicher Muth, um etwas mehr als das Gewhnliche zu versuchen.
Thorwaldsen und ich gingen seitdem tglich um, und damit wir uns
um so seltener zu trennen brauchten, gaben wir uns bei den Malern
=Riepenhausen= in Kost, welche versprachen, uns fr billige Bezahlung
das Mittagessen zu besorgen. In den Brdern Riepenhausen fand ich Mnner
von Talent, besonders in =Christel=, dem Jngeren. Sie fhrten jedes
Werk in brderlicher Vereinigung aus. Damals malten sie eigentlich
nicht, sie zeichneten mit schwarzer und weier Kreide ihre eigenen
Compositionen. Sie hatten viele Copieen von alten italienischen Bildern
gemacht und man durfte sich nicht darber wundern, wenn sich zuweilen
in ihre Ideen einige Reminiscenzen mischten. Uebrigens waren sie
Anhnger der neuen Schule und wir stimmten also nicht immer in unseren
Ansichten berein. Thorwaldsen achtete ihr Talent, ohne gerade mit
ihnen zu sympathisiren. Einmal als er Mittags mit mir hinkam, lag eine
neue Zeichnung von ihnen auf dem Tische. Thorwaldsen betrachtete sie
aufmerksam. Wie findest Du es, Thorwaldsen? fragte Christel bescheiden
-- Es ist sehr hbsch. -- Findest Du keinen Fehler darin? --
Hm! -- Christel gab ihm die schwarze Kreide in die Hand; und nun
markirte er mit ein paar khnen Strichen Beine, Kniee, Fe, Ellenbogen
und Hnde der Figuren, und dadurch hatten sie in einem Augenblick, ehe
die Suppe auf den Tisch kam, viel gewonnen.

[Sidenote: Ihre Bedeutung als Maler.]

Thorwaldsen hatte seinem Vaterlande zu danken, da er bereits als Knabe
unter dem ausgezeichneten =Abildgaard= vortrefflich =zeichnen= gelernt
hatte, der nicht viel productives Genie besa, aber das Technische
verstand. Spter brachte der Meister selbst es zur Vollkommenheit sowohl
in der wahren, als in der schnen Natur. Riepenhausen's hatten nie
richtig zeichnen gelernt und gewhnten sich erst nach und nach durch
practische Uebung daran, ohne es darin doch weit zu bringen. Sie hatten
auch nie malen gelernt. Aber Christel hatte Genie, und das wei immer
trotz Hindernissen und Mngeln durchzudringen. Wenn man eine gerade
Linie durch die Bilder der Brder zog, welche sie in einen obern und
untern Theil trennte, so war der obere Theil stets ungleich besser, als
der untere, denn die =Kpfe= konnten sie zeichnen und in diese legten
sie den poetischen und characteristischen Ausdruck, der die Verdienste
ihrer Bilder ausmachte. An die Kpfe schlossen sich die Schultern und
Oberkrper einigermaen gut an, aber das Untere war oft ganz verzeichnet
und die Figuren standen gewhnlich schlecht auf ihren Fen. Einmal sa
ich bei Christel, als er eine weibliche Figur malte. Den Fu mssen Sie
kleiner und hbscher machen, sagte ich. -- So? -- Noch mehr! --
Endlich wurde der Fu nach meinem Wunsch, und Christel mute gestehen,
da ich Recht hatte. Ich wunderte mich darber, da er sich so hatte
verzeichnen knnen; denn mir schien, als ob Das, was ich bemerkt hatte,
Jedem auffallen mute, der einen Blick fr schne, edle Formen hatte.

Thorwaldsen zeigte mir viele Kunstwerke, und es freute mich, da er mir
in meinen Ansichten ber diese Recht gab, indem er mich zugleich lehrte,
das Technische besser zu verstehen. Ich las ihm mehrere meiner Gedichte
vor und sie gefielen ihm.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Zusammentreffen mit der Dichterin Brun.]

Die Dichterin Frau =Brun= traf ich mit ihren Tchtern =Ida= und
=Auguste= und ihrem Sohne =Carl= wieder in Rom. Dieser Letztere verlie
uns bald nach meiner Ankunft, und reiste wieder nach Hause. Ich fuhr
oft mit den dnischen Freundinnen aus und sah die Merkwrdigkeiten
der Stadt. Die gute Frau Brun lebte ganz mit Leib und Seele in der
antiken Welt, kannte jeden alten Steinhaufen, jede Ruine, und es war
mir auerordentlich lieb, durch ihren beredten Mund Vieles auf leichte,
angenehme Weise zu lernen. Ich selbst hatte, wie der Leser wei, keine
sonderliche Lust, in der Mittagshitze nach allen Sehenswrdigkeiten
umher zu laufen. Thorwaldsen ging es ebenso. Wenn die Rede auf
dergleichen Dinge kam, pflegte er zu sagen: In dem ersten Jahre, in
dem ich hier war (also vor 20 Jahren) besah ich auch Alles; jetzt kann
ich Dir keinen ordentlichen Bescheid darber geben. In den groen
schnen Kirchen, im Vatican und in der Bildergalerie ging ich oft umher,
wenn ich es in der Khle und Ruhe thun konnte. Nun fuhr ich auch mit
Frau Brun aus und bekam dadurch Vieles zu sehen, was sonst wohl nicht
geschehen wre. Aber ich war ihr nicht eifrig genug in meiner Liebe
zu den alten Steinhaufen, und dehalb neckte mich meine Freundin oft
scherzend, und ich sie wieder, wenn sie mir zu begeistert vorkam.

[Sidenote: Das Coliseum.]

Eines Abends traten wir zusammen ins =Coliseum=. Es fing an dunkel zu
werden; die Sterne funkelten am Himmel und die Johanniswrmchen in den
Bschen. Der Mond warf sein bleiches Licht auf die ungeheure Ruine,
wodurch das Ganze erst sein Relief erhielt. Frau Brun war entzckt,
und das mit Recht. Das Bild war malerisch und gro. Aber ich war in
diesem Augenblicke von einem Dmon des Uebermuths besessen, und es
machte mir Spa, ihrer Begeisterung mit Spott und Satyre zu begegnen,
vielleicht auch nur, um die schne Ida zum Lachen zu bringen, die oft
hiergewesen war, heute nicht ernst gestimmt schien und zuweilen den
Scherz den Alterthmern vorzog. Oehlenschlger! sagte die Mutter,
indem sie die hohen Mauern mit Epheu in den Oeffnungen, durch die
der Mond schien, betrachtete, -- ist es nicht gttlich? -- Ja!
entgegnete ich; aber noch schner mu es gewesen sein, als die
12,000 gefangenen Juden mit Schlgen dazu getrieben wurden, dieses
Theater in grter Eile aufzubauen; als (fuhr ich ernster fort) die von
wilden Thieren zerrissenen Gladiatoren mit eisernen Haken durch die
Todespforte geschleppt wurden. Mir kommt das Ganze wie eine ungeheure
Richtersttte vor. -- Meine Freundin lchelte gutmthig; sie sah bei
einem Manne gern eine gewisse ironische Laune, wenn diese auch ihrem
weiblichen Gefhl wiedersprach; und sie sagte nur spter zu Ida: Der
Oehlenschlger ist doch ein wunderlicher Gesell; in dem ganzen, schnen,
groen Coliseum sieht er Nichts, als eine Mrdergrube. -- Ach,
Mama, antwortete Ida, das sagt er ja nur so; er fhlt es ebenso gut,
wie wir.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Der Kirchenstaat als franzsische Provinz.]

Merkwrdig war es fr mich, da ich gerade nach Rom kam, als die
groe Staatsumwlzung stattfand, als =Miollis= Commandant war. Auf dem
spanischen Platze hrte ich einen franzsischen Officier in einem Kreise
von Soldaten verlesen, da von nun an der Kirchenstaat eine franzsische
Provinz sei. Die Rmer standen eng im Kreise umher, und hrten es an,
bla wie die Leichen, mit glhenden Augen. -- _A il scelerato! a il
maledetto!_ hrte ich in der Nhe Mehrere ziemlich deutlich ber
Napoleon flstern.

Pius VII. wurde in der Nacht vom 6. Juli durch die Franzosen aus dem
Palast geholt und fortgebracht. Sie krochen durch die Fenster zu ihm
hinein, und hoben ihn wieder zu den Fenstern heraus, um keinen Lrm
zu machen, Christenblut zu schonen, und den Schweizern die Mhe zu
ersparen, ihn zu vertheidigen. Ich bekam deshalb den Papst gar nicht zu
sehen. Uebrigens war Alles ruhig in Rom; sogar ruhiger und sicherer,
als gewhnlich, weil die Franzosen eine bessere Polizei einfhrten.
Sobald es am Abend dunkel wurde, mute man mit einer Laterne gehen,
sonst wurde man arretirt. Die papiernen Laternen waren billig; aber
eines Abends, als ich spt nach Hause ging, fiel das Licht in meiner
Laterne um, zndete das Papier an, und im Augenblicke war sie verbrannt.
Glcklicherweise begegnete ich der Wache nicht, sonst htte sie mich ins
Gefngni gefhrt.

                    *       *       *       *       *

Ein starker Schnupfen plagte mich sehr, und ein junger, deutscher Arzt
rieth mir, ein kaltes Bad statt eines warmen zu gebrauchen. Dies nahm
ich buchstblich. Ein kaltes Marmorbecken in einer kalten Badestube
fllte ich mit eiskaltem Wasser und sprang hinein. Die Folge davon
war, da mich beinahe der Schlag getroffen htte, und da ich gleich
wieder heraus mute. Ich war so matt, da ich mich kaum ankleiden und
nach Hause schleppen konnte. Ich blieb auf dem spanischen Platze in
der Mittagssonne stehen, bis der Schwei ausbrach, und der hat mich
vermuthlich gerettet. Als ich nach Hause kam, warf ich mich aufs Bett
und schlief mehrere Stunden fest. Nun erwachte ich und es war mir so
leicht zu Muthe, wie einem Vogel in der Luft. Aber noch ein anderes
kaltes Bad, unter dem der Tod lauerte, sollte ich versuchen, ehe ich
Italien verlie.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Wassertanz.]

Bei Riepenhausen's versammelte sich nach und nach eine grere Anzahl
junger deutscher Knstler und Gelehrter: =Beaulieu=, =Kestner=, =Mayer=
aus Hannover und =Schlosser= aus Frankfurt. Mit Einigen von diesen und
mit Kos machte ich eine Lustfahrt nach =Tivoli=, um die Ueberreste
von Horaz'-Bad, die Hadrianische Villa und besonders -- den berhmten
Wasserfall zu sehen.

Zu diesem Wasserfalle mu man ber einen schmalen Fusteig ohne Gelnder
gehen. Linker Hand strzt der Strom in einen bodenlosen Abgrund,
auf der Rechten ist er ein kleines stillstehendes Wasser. Wenn man
hinbergekommen ist, sieht man den unendlichen, schneewei schumenden
Flu sich aus der Hhlung herauswlzen. Ein seltenes, schnes und
feierliches Bild!

Als ich meine Augen an diesem herrlichen Schauspiele gesttigt hatte
und glcklich ber den schmalen Steg zurckgekommen war, entdeckte ich
Christel Riepenhausen, der nicht mit uns Andern hinbergegangen, sondern
auf dem fernen Ufer zurckgeblieben war, und sich mit dem begngte, was
er von ferne sehen konnte. Warum stehen Sie da drben, wie ein Huhn,
das mit den Enten nicht ins Wasser gehen darf? fragte ich ausgelassen
-- Ich habe es schon so oft gesehen, antwortete er, ich habe keine
Lust, heute hinber zu gehen. -- Nun sollen Sie sehen, da ich ber
den schmalen Steg hinbertanze! rief ich bermthig. -- Ich tanzte
wirklich glcklich hinber; aber als ich zurck wollte, machte ich (der
ich nicht einmal auf der ebenen Erde tanzen konnte) einen Fehltritt,
glitt aus -- und war im Begriff, in den Wasserfall hinabzustrzen. Mit
der Schnelligkeit des Blitzes dachte ich Du mut hinab! wirf Dich ber
den Steg in das ruhige Wasser, da kannst Du vielleicht gerettet werden.
-- Ich strzte mich fast auf den Kopf hinber, kam wieder herauf und
griff mit beiden Hnden um mich. Ein Freund fate mich am Kragen.
Triefend na stand ich wieder zwischen meinen entsetzten, bleichen
Gefhrten, und ehe sie sich fassen konnten, rief ich folgende Verse aus
Schiller's Taucher:

           Hoch lebe der Knig! Es freue sich,
           Wer da athmet im rosigen Licht;
           Da unten aber ist's frchterlich,
           Und der Mensch versuche die Gtter nicht.
           Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
           Was sie gndig bedecken mit Macht und mit Grauen.

Nun wollen wir laufen, fuhr ich fort, damit ich nicht das Fieber
bekomme. Darauf lief ich, was ich konnte, zum Wirthshaus hinauf, und
die Andern folgten schweigend. Christel hatte mich hinuntergleiten
sehen, das Antlitz fortgewandt, und ausgerufen: Ich sehe ihn nie
wieder. Als ich ins Wirthshaus hinauf kam und mich ausgekleidet hatte,
gaben sie mir Jacke und Pantalons von Flanell, welche mir gute Dienste
thaten. Nun gingen die Anderen, froh darber, da ich gerettet war, zu
Tisch, aber ich konnte Nichts essen. Ich legte mich in einem Nebenzimmer
aufs Bett, und als ich von dort den entsetzlichen Wasserfall in der
Tiefe brausen hrte, faltete ich meine Hnde, und dankte Gott fr meine
Rettung.

[Sidenote: Ein Unglckstag.]

Am Nachmittag, als wir durch die Stadt gingen, zeigten die Leute mit
Fingern auf mich und sagten: Dort geht der Herr, der in die Cascade
gefallen ist, ohne zu ertrinken! Es war dies ein unerhrter Zufall und
manche Leichtsinnige waren bereits von der Tiefe verschlungen worden.

Aber ich war an demselben Nachmittage wieder in Lebensgefahr; denn als
wir auf Eseln den Fels hinaufritten, htte mich einer der Andern mit
seinem Esel beinahe in den Abgrund hinabgestrzt, indem er jubelnd von
meiner Rettung beim Wasserfalle sprach. La mich nach Hause! rief ich,
es ist heute ein gefhrlicher Tag fr mich. Aber der Abend war schn
und ruhig, und als ich in dem alten Garten, der dem Hause Este gehrt
hatte, unter den groen Cypressen stand, und die Sonne in all' ihrer
Herrlichkeit untergehen sah, fhlte ich mich tief ergriffen. Ein Jahr
darauf suchte ich das Andenken in einem Gedichte Rckblick auf Rom,
auszudrcken, wo ich jene Begebenheit beschrieben habe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: _Grotta ferrata._]

In der heiesten Jahreszeit zog ich mit Kos, den beiden Riepenhausen,
Kestner und Schlosser nach _Grotta ferrata_ hinaus, wo wir alle
Bequemlichkeiten entbehrten; wir hatten nur ein groes, verfallenes
Haus zu unserer Benutzung (eine frhere Villa), Khle und frische
Luft. Obgleich wir auf dem Lande waren, konnten wir doch weder Milch
noch Sahne bekommen, sondern muten Eier zum Morgenkaffee genieen.
Die Wirthin, eine Bauerfrau, besorgte unsere Wsche; aber als wir sie
geglttet haben wollten, lchelte sie wie ber Etwas, das sie nie gehrt
hatte, und wir muten mit ungerolltem und ungeglttetem Leinenzeuge
gehen. Ein altes Billard stand in der Halle mit einigen fnf- und
sechseckigen Kugeln. Ueberall war es, die Kunstwerke ausgenommen, eine
Seltenheit im Kirchenstaate, etwas Neuverfertigtes zu finden. Alles
war da wenigstens ein paar hundert Jahre alt; es schien, als ob die
Italiener seit der Zeit im Schlummer gelegen htten, als ob sie nun
Somnamblen wren. Ich war so wenig daran gewhnt, neue Gegenstnde in
Italien zu sehen, da es ordentlich mein Auge erquickte, als ich zum
ersten Male in der Schweiz wieder ein hbsches, neues, weiangestrichnes
Stacket vor einem gutgepflegten Garten erblickte. Aber wer hielte sich
doch nicht gern in einer solch verzauberten Stadt wie Rom auf, wo
schne Feenschlsser mit herrlichen Kunstwerken und khlen, wenn auch
altmodischen Grten und Hecken sich dem Wanderer ffneten; wo man stets
schne Frauen unter einem blauen Himmel findet; obgleich die Mnner im
Ganzen genommen etwas mig und faul dahinschlendern, und das Gras in
der Sonne fast berall verdorrt.

Mit der grnen Frische der nordischen Eichen- und Buchenwlder kann das
Buschwerk in Italien sich nicht vergleichen. Wir unternahmen einmal eine
Fahrt durch die Campagna, wo die Heuschrecken so dicht wie Schnee das
Feld bedeckten. Sie spritzten wie Wasser zu beiden Seiten der Radspur in
die Hhe, und das Geleise selbst war na von zerquetschten Heuschrecken.
Spter wurde ein Priester hinausgesandt, der sie frmlich in die Hlle
hinabbeschwren sollte; ob es half, will ich ungesagt sein lassen.

[Sidenote: Rmischer Sommer. -- Der Maler Mller.]

Den angenehmen Schatten der Bume im Sommer, knnen die Italiener nicht
genieen; sie fliehen die Bume in der starken Hitze, weil sie durch
ihre Dnste ungesund sind; die Damen knnen den Blumengeruch nicht
vertragen; denn er ist ihnen zu stark; von den herrlichen Frchten darf
man nur wenig, und sie nur immer mit Brot essen, um nicht das Fieber
zu bekommen. Der Scirocco kommt hufig von den afrikanischen Wsten
herber; das Mittelmeer war nicht im Stande gewesen, ihn abzukhlen, und
er schlug mich mit Lhmung in allen meinen Gliedern, so lange er whrte.
Von der _aria cattiva_ litt man in Rom sehr viel. Groe, schne Straen
stehen fast menschenleer, weil Niemand dort wohnen darf; und auf vielen
Stellen brennen sie Stroh des Abends, um die ungesunde Luft zu reinigen.

                    *       *       *       *       *

Ich besuchte den berhmten Deutschen, _Mller_, der zum Dichter geboren
war, aber durchaus Maler werden wollte. Ein krftiger, feuriger Mann,
von 60 Jahren, der nicht viel ber 40 zu sein schien. Er schrieb eine
=heilige Genoveva= lange vor Tieck. Er wohnte gut und zu sehr billigem
Preise hier in Rom. Als ich mich darber wunderte, sagte er: Das kommt
daher, weil in dieser Strae _aria cattiva_ ist; aber darum kmmere ich
mich nicht. Ich hatte die Freude, das Herz dieses krftigen Mannes ganz
zu gewinnen und er war ein eifriger Freund meiner Muse.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Das rmische Volk.]

Damit man doch nicht glauben solle, da ich, wie ein =Archenholz=,
nur Italiens Schattenseite gesehen habe, will ich gern gestehen,
da das rmische Volk mir im Ganzen genommen gut gefallen hat, das
heit, nicht die Vornehmen; denn diese sind verblht (obgleich die
Frauen noch krperlich schn blhen), sondern das Volk, in dem noch
Kraft, Munterkeit, Naivett und eine glckliche Anlage, Alles leicht
aufzufassen, wohnt. Der gewhnliche Mann ist lustig, gutmthig und
durchaus nicht falsch. Viele kalte Ultramontanen sind bedeutend
falscher. Aber rachschtig ist der Italiener, grtentheils aus
eiferschtiger Liebe; und da kann er sogar bse und heimtckisch werden,
wie ein toller Hund, der im gesunden Zustande treu und freundlich
ist. Der Zorn brennt heftiger in dem warmen Blute dort, als bei uns.
In =Marino= sah ich in einem Kruge zwei junge Bauerburschen im Kampf
mit einander. Sie waren beim Weine uneins geworden, sprangen von den
Bnken auf, zogen ihre Jacken ab, wickelten sie wie ein Schild um den
linken Arm, und nun suchten sie, mit langen Messern bewaffnet, einander
zu verwunden. Der Eine wurde in die Hand gestochen und blutete. Ein
Bildhauer oder Maler wrde in diesen schnen, zornigen Antlitzen, in
diesen edlen Bewegungen schne Motive zu einer Composition gefunden
haben. Endlich sollte Frieden gestiftet werden. Man reichte ihnen
gefllte Glser. Mit zitternden Hnden und todtenbleich stieen sie an.
Ein Italiener, der neben mir stand, flsterte: Das geht nie gut aus.
Einer von Diesen macht den Andern kalt, ehe das Jahr um ist.

Diese Blutrache ist ein hlicher Zug den die Italiener mit den
schottischen Hochlndern gemein haben; aber um wieviel munterer,
gutmthiger, angenehmer sind doch jene, wenn sie nicht gereizt werden.

                    *       *       *       *       *

Frau Brun erzeigte mir viele Gastfreundschaft; in ihrem Hause lernte
ich die beiden Barone =Rennenkampf= kennen. Ich verdankte meiner
Landsmnnin noch die Bekanntschaft der Frau v. =Humboldt=. Wie gern
htte ich auch den Minister, ihren Mann, einen der tchtigsten
Aesthetiker Deutschlands kennen gelernt.

[Sidenote: Der fnfte Act meines Correggio.]

In Rom und in _Grotta ferrata_ dichtete ich meinen =Correggio=. Ich war
bis zum fnften Acte gekommen, als ich in den Wasserfall bei Tivoli
strzte. Wre ich dort liegen geblieben, so htte ich den Wienern nicht
die Mhe gemacht, diesen Act bei der Auffhrung wegzustreichen. Die
Erinnerung an diesen Fall gab mir den Stoff zu Lauretta's Liede.

                    *       *       *       *       *

Als der Sommer nicht mehr so hei, der Himmel khl und klar geworden
war, so da ich wieder frei athmen konnte, geno ich auch die
Schnheiten Roms und der Umgegend. Acht Tage lang war ich bei Frau Brun
in =Albano=; dort ritten wir am Abend auf Eseln und machten kleine
Wallfahrten. Unter Anderm entsinne ich mich eines Besuchs bei den alten
Mnchen im Kloster auf dem Berge. Als wir nach Hause ritten und mein
Esel ziemlich rasch den Berg hinab lief, hrte ich meine Freundin hart
hinter mir hergallopiren; sie rief: Oehlenschlger! reiten Sie um
Gotteswillen nicht so rasch! -- Wehalb? fragte ich -- Wenn Sie
rasch reiten, mu ich es auch; denn mein Esel folgt dem ihrigen immer
auf den Fersen. Ich versuchte nun langsam zu reiten; aber wenn ich und
mein Esel in Gedanken verfielen, trabten wir wieder rasch den steilen
Bergweg hinab, bis der Ruf der Dichterin oder das Lachen der reizenden
Ida uns in der Fahrt anhielten.

Von welch wunderbarem Gefhle wird man erfllt, wenn man die Gegend
dort unten berschaut! An einem kleinen See lag =Alba longa=. Weiter
hin landete =Aeneas=, ein abenteuerlicher Schiffer, mit einer handvoll
trojanischer Matrosen, auf einer fremden Kste, wo sie eine unbedeutende
Colonie anlegten. Und aus diesem Funken entstand die groe Weltenflamme.

                    *       *       *       *       *

Man fragte mich immer, ob ich nicht nach =Neapel= hinunter wolle;
aber ich war nun 4-1/2 Jahr von Braut, Familie und Vaterland entfernt
gewesen; ich sehnte mich nach Hause und hatte keine Lust, weiter
zu reisen. Htte der Vesuv Feuer ausgeworfen, so wre ich doch
hinuntergegangen. Aber einen beschwerlichen Weg in der heiesten
Jahreszeit zweimal durch die pontinischen Smpfe zu machen, blos um mich
einige Tage in Neapel aufzuhalten, -- und dann direct nach Kopenhagen
zu jagen, dazu hatte ich keine Lust. Auf der Rckreise wnschte ich nur
noch einige Besuche zu machen, und ich mute mich so einrichten, da ich
nicht zur spten Winterszeit in Dnemark ankam. Auch wollte ich gern der
ersten Vorstellung von Axel und Walborg beiwohnen.

[Sidenote: Gedenkblatt von Christel Riepenhausen.]

Hierber mute ich nun viele Neckereien, halb im Scherz, halb im
Ernst anhren, da ein nordischer Barbar keinen Sinn fr sdliche
Naturschnheiten habe; besonders von Christel Riepenhausen, der ein sehr
witziges und hbsches Stck in mein Stammbuch zeichnete, wo ich zwischen
all' den Schrecken stehe, die er in einer Parodie von Gthe's: Kennst
Du das Land, folgendermaen in dem Verse anbrachte, der mit dem Bilde
folgte:

             Wo Schlangen druen, wo gift'ge Blumen blh'n,
             Aus Erd und Himmel schlagend, Flammen glh'n,
             Scirocco hei vom bleichen Himmel weht,
             Und im Gebsch der gier'ge Mrder steht, --
             Kennst Du das Land?

                      Wenn Sie in einem schneren Lande glcklich sind,
                      denken Sie neben allen diesen Gefahren an Ihre
                      Freunde, die Sie herzlich lieben.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ultramontane in Rom.]

In dem ersten Monate, den ich in Rom verlebte, machte es mir Freude,
tglich mit jungen, deutschen Knstlern umzugehen; aber ich rathe einem
jeden Reisenden, lieber die Bekanntschaft der Eingebornen des Landes
aufzusuchen. Dadurch lernt man besser das nationale Element kennen,
und dehalb reis't man doch eigentlich. Die Ultramontanen bringen
ihre Sitten und Gewohnheiten mit; da mu man in der Mittagshitze mit
ihnen laufen, und in die Nacht hinein wachen, was kein Rmer thut. Mit
jugendlicher Unwissenheit und Einseitigkeit beloben sie das Halbbekannte
mit einem auerordentlichen wenn auch nicht erquickenden Enthusiasmus,
und setzen das Vaterlndische, das sie oft noch weniger kennen, herab.
Auch herrscht gewhnlich ein roher Ton unter ihnen. In unserm Zirkel,
der aus talentvollen, lteren und mehr Gebildeteren bestand, wo
Thorwaldsen prsidirte, war es natrlich viel besser. Ich habe manche
schnen Abende in diesem Kreise zugebracht, wo wir uns den _Acciuto_,
unsern _Orvietto_ und den Speckschinken selbst mitgebracht hatten, oder
uns fr ein paar Bajocchi's in einer oder der andern Osterie zu gute
thaten.

Auch kam ich zuweilen in brillante Abendgesellschaften, wo man schne
Musik hrte, schne Damen sah und dann kaltes Wasser und Eis bekam, um
sich wieder abzukhlen. Einen herrlichen Abend brachte ich mit Brun bei
dem Prinzen Colonna in seiner schnen Villa zu, wo die Marmorberreste
der ltesten Zeit von Myrthen und Lorbeer bewachsen im Grase liegen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Abschied von Rom.]

Als ich Rom verlassen sollte, besuchte ich wehmthig und einsam zum
letzten Male die Kirchen, den Vatican, das Campo vaccino, mit all' den
merkwrdigen Ueberresten, Titus' Ehrenpforte, wo man noch in einem
fast verwischten Basrelief den siebenarmigen Leuchter sieht. Durch
diese Pforte gehen die Juden nicht, sondern um sie herum, auf einem
Fuwege. Ich besuchte noch einmal die Villa Borghese, wo ich so oft
umhergewandelt war, und wo ich, als ich Correggio dichtete, die Idee
zur Scene mit Clestine erhielt. Denn als ich an einem khlen Abende da
umher ging und dachte, wie ich Correggio auf eine wrdige Weise ber
die Beleidigung erheben sollte, die Octavio ihm zufgte, hielt mich ein
Zweig der Lorbeerhecke freundlich am Knopfloche meines Rockes zurck;
und der Gedanke fiel mir pltzlich ein ein schnes, edles Mdchen soll
ihm den Lorbeer winden.

Es that mit recht leid, mich von meinem Sprachlehrer, einem sehr
gebildeten und geistreichen Rmer zu trennen, dessen Namen ich
vergessen, und mit dem ich das Meiste aus Dante's Hlle gelesen habe.
Auch von =Confidati=, meinem vortrefflichen Gesanglehrer, schied ich
ungern. Ich hatte mir eine sehr gute Guitarre gekauft, da ich die
Absicht hatte, auf diesem Instrumente spielen zu lernen. Aber die Zeit
war zu kurz und ich verehrte sie Franz Riepenhausen. Er und sein Bruder
zeichneten mich wieder mit schwarzer Kreide sehr hnlich, und gaben mir
das Bild mit. Nach diesem Bilde ist der Kupferstich in Nyerup's Almanach
gemacht.

Zwei junge, italienische Mdchen, Kinder der Leute, in deren Hause
Riepenhausen's wohnten, spielten mir zum Abschiede eine Pantomime vor,
die die Trennung zwischen zwei Geliebten vorstellen sollte. Die jngste
war der Geliebte, die lteste die Liebhaberin. Als diese nun verzweifelt
auf einen Stuhl sinken sollte, und nicht leidenschaftlich und betrbt
genug war, rief die Jngste erbittert: _Fatte le smanie, Bestia!_

Den letzten Abend war bei Thorwaldsen Gesellschaft; unter Anderen
befand sich mein Landsmann und Vetter, Historienmaler Lund dort, der
meine Schwester als Kind Zeichnen gelehrt hatte, als er als Jngling
meine Eltern auf Friedrichsberg besuchte. Wir waren Alle lustig und
munter. Einige sangen, und ich sang unter Anderm Gthe's Musen und
Grazien in der Mark, nach einer alten, pathetischen Freimaurermelodie
mir Rouladen und Trillern, welche dazu beitrugen, die Ironie des
Gedichtes zu verstrken. Ich hatte Gthe selbst dieses Lied vorgesungen,
und es hatte ihn sehr amsirt und machte ihm besonders Spa, wenn ich
zuletzt das deutsche harte B und das weiche T gebrauchte und sang:
Wir sind pieder und nadierlich. Er wiederholte es lachend und rief
laut: Pieder und nadierlich, der verfluchte Dne! -- Hier gefiel
das Lied auch, nur nicht dem Christel Riepenhausen, der sich kalt zu
seinem Nachbar wandte indem er sagte: Mir scheint die Melodie nicht
passend. Was meinst Du dazu? -- Die verstimmte mich natrlich. --
Ich hatte nicht gesungen, um Beifall einzuernten, sondern um mein
Scherflein zu der allgemeinen Munterkeit beizutragen. -- Bald sollte
ich fortreisen und diesen Kreis vielleicht nie wiedersehen, doch vergab
ich ihm gern, als er am nchsten Morgen bei Tagesanbruch mich mit den
brigen Freunden, unter denen Thorwaldsen war, ein Stck Wegs zur
Stadt hinaus begleitete. Kos reiste mit mir. -- Wir wollten Beide den
dnischen Minister Schubart in Livorno auf Montenero besuchen. Der Weg
fhrte durch schne Berggegenden: Wir sahen den malerischen Wasserfall
in =Terni=, kamen durch Perugia, Pietro Vanucci's (Raphael's Lehrers)
Geburtsort, und sahen sein Portrait, welches die Einwohner nicht um eine
ungeheure Summe hatten verkaufen wollen, so stolz waren sie auf ihren
Knstler; d. h. als er todt war. Darauf kamen wir von =Cortona= und
=Arezzo= (Petrarca's Geburtsort) wieder nach Italiens =Blumenstadt=,
meinem Lieblings-Aufenthalte jenseits der Alpen.

Sowohl jetzt, als das erste Mal, als ich in Florenz war, bekam ich ein
Sonett von einem bettelnden Dichter, in welchem stand, da die Nymphen
des Arnoflusses sich ber meine Ankunft freuten. Ein solches Sonett,
und wahrscheinlich dasselbe, bekommt jeder Reisende und vergilt die
Hflichkeit mit dem Honorare einiger Schillinge.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Ein Unzufriedener.]

Hatte ich nun auf meiner Hinreise nach Rom einen =franzsischen=
Kaufmann zum Reisegefhrten, der unzufrieden mit dem italienischen
Wesen war, und mich oft durch seine ble Laune gestrt hatte, so traf
ich auf meiner Reise nach Florenz einen =deutschen Dito=, der viel
amsanter war. Er schimpfte Italien noch heftiger aus als der Franzose,
und brauchte noch viel beleidigendere Redensarten; aber mit viel mehr
Berechtigung; es geschah nicht aus Nationalha, sondern, weil er kein
Wort italienisch wute, nicht das Geringste von den schnen Knsten
verstand, und noch weniger als ich die Hitze ertragen konnte. Als
reicher Gourmand fand er natrlich alle Wirthshuser auf dem Wege
abscheulich. Uebrigens war es ein auerordentlich freundlicher Mann, der
blos um einem mitreisenden, gelehrten Freunde zu dienen, sich darein
gefunden hatte, Wien zu verlassen, wo er wie im Paradiese lebte, von
lauter gebackenen Hhndeln und delicaten Mehlspeisen umgeben. Nun zog er
ber die Alpen und schwrmte allerdings wie eine Fliege, die unversehens
in eine leere Flasche gekommen ist. -- Wir trafen ihn stets in den
Wirthshusern scheltend und fluchend, indem er mit dem Taschentuche das
glnzende Antlitz abwischte; denn er war sehr corpulent. Er hatte es
sich allmlig bequemer gemacht; zuletzt kam er in einer dnnen, weien
Piqu-Nachtjacke und leinenen Hosen. Es wrde mich gar nicht gewundert
haben, wenn wir ihn die letzten Male im bloen Hemde oder spter nackt
gesehen htten. Es ging ihm, wie einem schiffbrchigen Manne, der nach
und nach Alles, und doch vergeblich ber Bord wirft. Jedesmal, wo er
mich in einem Wirthshause traf, fragte er mich: was er in Italien
solle? und stets blieb ich ihm die Antwort schuldig. Man sollte nun
glauben, da, da er unaufhrlich schimpfte und fluchte, die Leute des
Hauses auf ihn bse geworden wren: aber glcklicherweise geschah dies
auf deutsch; sie verstanden ihn nicht und lachten ber sein Benehmen,
da die Italiener sehr viel Sinn fr das Burleske haben. Selbst wenn
er rief: _Cattive gente!_ das einzige Italienisch, dessen er sich
bediente, schlugen sie ein lautes Gelchter auf. Einige glaubten, er
sei verrckt und hatten inniges Mitleid mit ihm. In Allem, worber er
sonst mit uns sprach, wenn es ihn interessirte, zeigte er einen guten
natrlichen Verstand, und er war gewi ein tchtiger, einsichtsvoller
Kaufmann. Aber er fragte immer wieder: was soll ich in dem verdammten
Lande? etwa die alten Steinbilder sehen, die da gegen allen Anstand,
ohne die geringste Bekleidung stehen? in die katholische Kirche gehen,
whrend ich doch ein guter Lutheraner bin, um ihr Lirumlarum mit
anzuhren? mich von den Wirthen betrgen, von ihrem Ungeziefer beien
lassen, und ihr Gift essen? Der gelehrte Freund suchte ihn zwar zu
beruhigen und hielt ihm kleine, populre Vorlesungen; aber das half
Nichts. Erst als wir in Florenz bei =Schneider's= waren, kam er in guten
Humor, lud uns zu einer prchtigen Mahlzeit ein, und zeigte sich nun in
seiner ganzen Gutmthigkeit.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: Pisa und Livorno. -- Das Meer.]

Als wir ein paar Tage in Florenz gewesen waren, reiste ich mit Kos
durch =Pisa= nach =Livorno=. In dem Augenblicke, wo ich hier das Meer
zum ersten Male wiedersah, brach ich in Thrnen aus und fhlte ganz, was
der Schweizer empfindet, wenn er seine Berge wiedersieht. In Montenero
feierten wir den Geburtstag der Baronesse Schubart; dieser hatte das
Merkwrdige fr mich, da er auf den 10. September, also gleichzeitig
mit dem meiner Mutter fiel. Meine dadurch veranlaten Gefhle theilte
ich der Baronin in einem kleinen Gedicht mit. Baron Schubart begleitete
uns nach =Pisa=, wo er den Winter wohnte. Hier bewirthete er uns zum
Abschiede in seinem eigenen Hause. In Pisa sah ich den =schiefen Thurm=
und das _Campo santo_. Die vornehmsten Aristokraten des Mittelalters
liegen hier in heiliger Erde, die auf Schiffen von Jerusalem geholt
ist; und nun sind sie Wrmer, gleich den Bauern, die in einfacher,
italienischer Erde zu Staub werden. In den Straen wchst hohes
Gras zwischen den breiten Flieen vor den verlassenen Palsten, und
die ungeheure eiserne Kette, die frher ihren Hafen sperren sollte,
wurde von den Florentinern gesprengt und rostet nun beim Battisterio
in Florenz. Dagegen blhen noch an den Wnden des _Campo santo_ die
Bilder der ltesten italienischen Maler in jugendlicher Frische. -- Die
geistige That hat doch auch Etwas zu bedeuten und berlebt die That
menschlicher Gewalt, wenn sie auch fr den Augenblick dieser dienen mu,
und Fichte sagte wohl mit Recht von dem geistig Wirkenden: Wir sind
auch eine Macht und zwar keine geringe.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: In Florenz: Arndt, Brndsted, Kos.]

Als wir nach Florenz zurck kamen, trafen Kos und ich unvermuthet
unsern lieben Brndsted. Wir wuten wohl, da er nach Italien kommen
wollte; aber er berraschte uns hier, und das verdoppelte unsere Freude.
Nachdem wir zusammen Mittag gegessen hatten, gingen wir in dem schnen
Wetter Arm in Arm durch die Stadt spazieren. An einer Straenecke stand
ein schlecht gekleideter, kleiner Mann mit angeschwellten Taschen und
streckte den Kopf mit der spitzen Nase (wie ein Huhn, wenn es trinkt) in
die Hhe, um ein Placat zu lesen, das ziemlich hoch angeschlagen war. --
Da steht =Arndt=! flsterte ich leise zu den Andern, indem wir dicht
an ihm vorber gingen. -- Er bemerkte uns nicht, wir eilten von dannen
und sahen ihn nie mehr wieder. Er lebte noch einige Jahre, ging oft noch
von Sd nach Nord, von Nord nach Sd, und zuletzt fand man ihn in einem
Graben, -- ich wei nicht, ob es in der Nhe von Torne, Marseille,
Moskau oder Venedig war, -- vom Schlage getroffen, todt, die Taschen
voll von Manuscripten, die man zu Nichts gebrauchen konnte.

Ebenso froh wie ich geworden war, Brndsted in Florenz zu treffen,
ebenso betrbt war ich, als ich mich kurze Zeit darauf von ihm und
meinem treuen Kos trennen mute, den ich erst bei Gott wiedersehe, im
Leben aber nie vergesse. Der wackere Mensch, dessen Geist nach Wahrheit
und Schnheit strebte, starb in Griechenland. Wilder Lorbeer und Myrthe
bedecken sein Grab. Er war nicht Zeuge des Jammers und der Zerstrungen
des Landes, das er so innig liebte; aber er ahnte die bessere Zukunft,
fr die die Hellenen so wacker gestritten haben, und die ihnen alle
dankbaren Musenshne von Herzen wnschen.

                    *       *       *       *       *

[Sidenote: In Mailand. -- Peter Saabye.]

Ganz allein stand ich wieder in der weiten Welt, doch mit jugendlicher
Munterkeit und mit Muth, und eilte so rasch dem Norden zu, wie die
Vetturinrder mich fortschaffen konnten und kam endlich nach Mailand,
ging in die groe Oper, wo sie eine langweilige Seria ausfhrten, ghnte
-- und schlief ein.

Als ich erwachte und mich in dem ungeheuren Raum des _teatro della
scala_ statt in meinem engen Bett befand, stand ich auf, um nach Hause
zu gehen und den Schlaf auf bequemere Art fortzusetzen. -- Ein junger
Mensch, der gar kein italienisches Gesicht hatte, stand etwas fern von
mir, sah mich fest an, und als ich ihm nahte, fragte er mich bescheiden
auf Dnisch, ob mein Name nicht Oehlenschlger sei? -- Ja, mein Herr!
-- es freut mich, hier einen Landsmann zu treffen! Darf ich auch um
Ihren Name bitten? -- Ich heie =Peter Saabye=, Sohn des Etatsrath
Saabye in Kopenhagen, Ryberg's Associ. -- Es freut mich sehr, Sie
hier zu treffen, leider reise ich aber morgen bereits wieder fort.
-- Das thue ich auch. -- Vielleicht nach Rom? -- Nein, nach
Kopenhagen. Nach Kopenhagen? Da reise ich auch hin. -- Da knnen
wir vielleicht zusammen reisen? -- Das wre herrlich! aber ich mu
erst nach Tbingen, Heidelberg und Weimar. -- Das mu ich auch!
-- Ah, denn geht es ja ganz schn. Schade, da wir uns nicht frher
getroffen haben, ich bin heute hier angekommen. -- Ich auch. --
Von Rom? -- Nein, von Genua. -- Htten wir das gewut, so htten
wir in demselben Gasthof zusammenwohnen knnen. -- Wo wohnen Sie?
-- In der _Albergo della Cita_! -- Ich auch. -- Wir gingen nun
zusammen nach Hause und da traf es sich denn so, da unsere Kammern
dicht an einander stieen, so da wir nur die Zwischenthren zu ffnen
brauchten, um Contubernalen zu sein.

[Sidenote: Das Hazardspiel.]

Wir blieben ein paar Tage in Mailand und hatte noch ein anderes
Abenteuer, das ich in meiner Novelle, =die Glcksritter=, poetisch
erzhlt habe. Es ging mir nmlich ungefhr wie Xaver, nur da das Glck,
welches ich machte, unendlich geringer war. Ich verirrte mich einmal
ebensowie er in den Spielsaal, verstand das Spiel ebensowenig wie er,
spielte jedoch, wie ich einen alten Officier spielen sah und gewann.
Ich brauchte gerade einen neuen Frack; da ich nun stets das Hazardspiel
fr etwas des Verfhrendsten und Verderblichsten in der Welt angesehen
hatte, so beschlo ich, einen einzigen Louisd'or zu wagen und gleich
aufzuhren, wenn er verloren sei. Gewann ich dagegen, so beschlo ich,
mich gar nicht von dem trgerischen Glcke verlocken zu lassen, sondern
aufzuhren, so bald ich das Geld fr meinen Frack gewonnen htte. Ich
gewann 5 Louisd'or, hrte auf, ging nach Hause, lie am nchsten Tage
den Schneider rufen, und Tags darauf rollte ich in einem hbschen
dunkelgrnen Frack mit Saabye in einem bequemen Reisewagen aus Mailand
heraus.

Er war ein sehr angenehmer Gesellschafter, besorgte alle Reisekosten
bis nach Kopenhagen und als wir dort ankamen, wollte er kein Wort von
Abrechnung wissen.

[Sidenote: Abschied von Italien. -- Simplon.]

Wir besuchten in dem schnen Wetter die =Borromischen Inseln= im =Lago
maggiore=. Nun litt ich nicht mehr von der Hitze und konnte mich recht
amsiren. In der klaren Luft schien es, als ob wir den Inseln bereits
ganz nahe seien, obgleich wir noch ein gutes Stck davon entfernt waren.
Wir zogen ber den =Simplon=. Als man mir die Grenze zwischen Italien
und der Schweiz zeigte, machte ich einen langen Sprung ber sie, wandte
mich bermthig gegen Italien, zeigte mit dem Finger nach Sden und
rief: Nun sieh zu, wie Du mich wieder kriegst. -- Denn der Gedanke,
da ich in Italien sterben msse, war oft in mir entstanden, doch
drngte ich ihn stets wieder zurck! In einem Liede, das ich auf den
Alpen dichtete, sprach ich meine Gefhle aus. Es findet sich in meinen
gesammelten Gedichten mit der Ueberschrift: =Simplon=.

Wenn ich Gthe's groe Liebe fr Italien bedenke, so scheint mir
mein Gefhl seltsam, da ich doch in so vielen andern Dingen mit ihm
sympathisire. Aber er machte seine Reise auf die angenehmste Art in
der besten Jahreszeit. Sein plastischer Geist trieb ihn nach dem Sden
hin; und mein nordisches Herz sehnte sich nach der Heimath, zu der ich
(gleich den Rmern) Germanien zhle; denn sollte ich mir nach meiner
Neigung einen Aufenthaltsort auerhalb des Vaterlandes whlen, so wrde
es das sdliche Deutschland sein.

[Sidenote: In Heidelberg. -- Der alte Vo.]

Deshalb freute es mich auch sehr, nach dem schnen =Heidelberg= zu
kommen, wo ich den alten =Vo= besuchte, zum Theil weil ich wute, da
ich seinen Sohn, meinen weimarischen Freund, bei ihm treffen wrde.
-- Der Vater sah gerade aus, wie ich mir ihn vorgestellt hatte, lang,
hager, steif und gravittisch, aber verstndig, ehrlich, gemthlich
in seinem Hause. Damals hatte er noch nicht sein Buch ber =Stolberg=
geschrieben, sonst wrde ich ihn kaum besucht haben; denn ich liebte
Stolberg immer als einen edlen Mann, mit hohem Dichterfluge. Wenn es
auch seinem Schiffe etwas an dem Ballast des ruhigen Verstandes fehlte,
wenn auch die Vernunft nicht immer als Steuermann am Ruder sa, so
wurden doch die reinen, schneeweien Segel durch die schnsten Gefhle
geschwellt; und in dem Passatwinde der Begeisterung legte Stolberg wie
ein Adler doch groe Strecken zurck. Erst als er sein Dichterschiff zu
einem mystischen Luftballon umbaute, um dem Himmel noch nher zu kommen,
konnte und wollte ich ihm nicht mehr folgen. -- Was Stolberg zu viel
hatte, hatte Vo zu wenig, zu schweren Ballast und zu kleine Segel. Aber
ein vortrefflicher, fleiiger Frachtschiffer war er zwischen der alten
und der neuen Welt. Auch ein guter idyllischer Grtner; und wie hoch
ich seinen poetischen Landsitz =Luisenlund= schtze, habe ich bereits
gesagt. Etwas intolerant und beiend ist Vo immer gewesen; dies zeigte
sich bereits in seinem Verhltni zu =Heyne=. In seinen alten Tagen
rgerte ihn die Uebertreibung der Romantiker, und die Verachtung, die
sie ihm immer zeigten, verdro ihn. Er glaubte, Stolberg htte die erste
Veranlassung zu diesem Wesen durch seinen Uebergang zur katholischen
Religion gegeben, darber wurde Vo unbillig und unedelmthig, und,
obgleich er in seinem Buche ber Stolberg viel Wahres mit Rcksicht
auf Aristokratie und Mnchswesen sagt, so hatte er doch im hchsten
Grade Unrecht, seinen Jugendfreund zu beleidigen und sich an ihm durchs
kleinliche Erzhlen von Anecdoten zu rchen.

Vo freute sich, in mir einen jungen Dichter zu finden, der kein
Ultraromantiker sein wollte und darnach strebte, seine Liebe zur Poesie
mit Billigkeit und Vielseitigkeit zu verbinden. Auch der Dichterkreis
in Gttingen, auch die Musenalmanache die Boie und Vo in ihrer Jugend
herausgegeben hatten, waren mir lieb. Hatte ich durch sie nicht zuerst
den naiven, warmen =Claudius=, den sanften =Hlty=, die feurigen
=Stolbergs=, den merkwrdigen =Brger= kennen gelernt? Ich nenne
Brger merkwrdig; denn das bleibt er mir stets durch die seltsame
Mischung von wahrem Dichtergenie und einer unruhigen, krankhaften
und unpoetischen Persnlichkeit. Freilich erquickten seine Gedichte
mich im Ganzen genommen nicht, gerade dieser Mischung wegen, und ich
finde echte Wahrheit nur in seiner =Leonore=, wo der todte Ritter, der
wirklich kein anderer ist, als Brger's eigner poetisch-melancholischer
Gespenstergeist, in wilder Laune nach dem Grabe hin galloppirt.

Ich las dem Vo meinen Correggio vor. Als die Vorlesung geendet war,
umarmte er mich und sagte: Ich wollte wnschen, da Lessing heute
Abend hier gewesen wre! -- Ich brachte einige sehr angenehme Stunden
in seinem huslichen Kreise zu. Die gute, verstndige Hausfrau,
=Ernestine=, bereitete uns Stahlpunsch, womit sie Gthe oft tractirt
hatte; im Vo fand ich im Schooe seiner Familie ganz den Verfasser der
Luise wieder. Er schrieb in mein Stammbuch:

                _Quod sis, esse velis, nihilque malis._

[Sidenote: In Weimar. -- Gthe's Benehmen.]

Nun hatte ich in Deutschland nichts weiter zu thun, als Gthe in
Weimar aufzusuchen und mein Andenken in seiner freundlichen Erinnerung
aufzufrischen, ihm meinen Correggio vorzulesen, einige aufmunternde
Worte von ihm zu hren und dann in Gottes Namen nach Hause zu reisen.
Wie gerne machte ich seinetwegen nicht den Umweg von 20 Meilen.

Aber unglcklicherweise konnte ich nur ein Paar Tage in Weimar
bleiben, da ich mit einem Andern reiste, und bei Gthe mu man auf
gute Laune warten, wie der Schiffer am Strande auf guten Wind, wenn
er eine glckliche Fahrt machen will. -- Ich hatte ihm meinen Aladdin
dedicirt, meinen deutschen Hakon Jarl und Palnatoke hatte ich ihm mit
einem liebevollen Briefe gesandt, ich rechnete auf einen vterlichen
Empfang wie ein Lehrling von seinem Meister. Gthe aber empfing mich
hflich, doch kalt und beinahe fremd. Hatten so viele andere sptere
Begebenheiten die Erinnerung an die guten Stunden, die ich so schn
und angenehm bei ihm verlebte, aus seinem Gedchtnisse verwischt? Oder
-- =schlummerten= diese Erinnerungen nur und wollten sie wieder geweckt
werden? War ich zu ungeduldig, da der Sohn den Vater nicht sogleich
fand? Ich wei es nicht! Erst suchte ich den Kummer zu unterdrcken
und hoffte, da spter, wenn ich ihm meinen Correggio vorgelesen, das
alte Verhltni wieder eintreten werde. Aber es wurde nichts daraus.
-- Als ich ihm durch Riemer hatte wissen lassen, da ich eine neue
Tragdie geschrieben htte, die ich ihm vorzulesen wnschte, lie er um
das Manuscript bitten, er wolle sie am liebsten selbst lesen. -- Ich
antwortete: Er knne sie nicht selbst lesen, ich habe nur ein schlecht
geschriebenes Brouillon bei mir, das voller Aenderungen sei. Doch gab
ich Riemer das Manuscript. Er brachte es mir zurck und sagte: Gthe
knne es freilich nicht lesen, aber ich mchte das Stck nur drucken
lassen, dann wrde er es lesen. -- Dies schmerzte und rgerte mich und
ich machte meinem Mivergngen darber gegen Riemer Luft. Er wunderte
sich fast, da es Jemand wagte auf Gthe bse zu werden, doch sagte er:
Du hast wohl recht, aber wir Anderen sind so daran gewhnt, uns Alles
von ihm gefallen zu lassen, da es uns nie einfllt, darber bse zu
werden oder zu zrnen. Das mag sein, aber Gthe wrde es in seiner
Jugend schwerlich geduldet haben, so behandelt zu werden. Ich entsinne
mich eines Zuges aus seinem frheren Leben, der hierher pat. Als er
nach Weimar kam, spielte er einmal Sprchwrter in einer Gesellschaft.
Er bat um die Erlaubni, mit Wieland (der sich wahrscheinlich ein Air
ber ihn gab) ein Sprchwort auffhren zu drfen, zeichnete mit Kreide
auf eine spanische Wand einen Berg, trat dahinter, bat Wieland zu
rathen, und da dieser es nicht konnte, trat Gthe hervor, verbeugte sich
und sagte: Mein Herr Hofrath! hinter dem Berge sind auch Leute! Dies
kann auch hier angewendet werden, nur da wir statt hinter dem Berge
setzen jenseits des Meeres.

Gthe lud mich zweimal hflich zu sich zu Tisch, und da war ich keck
und satyrisch, weil ich nicht herzlich und kindlich sein konnte. Unter
Anderm recitirte ich ein paar Epigramme, die ich auf Schlegels gemacht
hatte. Gthe sagte hier wieder gutmthig: Das ist ganz gut; aber so
Etwas sollten Sie nicht machen; wer Wein pressen kann, soll keinen
Essig brauen. -- =Ich=: Haben Sie denn keinen Essig gebraut, Herr
Geheimerath? =Gthe=: Zum Teufel! Ist es denn Recht, weil =ich= es
gemacht habe? -- Nein! aber wo Wein gepret wird, da fallen auch eine
Menge Trauben ab, die zum Wein nicht taugen; die knnen dann noch einen
guten Weinessig geben; und der Essig ist ein sicheres Mittel gegen die
Fulni.

[Sidenote: Abschied von Gthe.]

Ich mute leider bald fort; und so nahmen wir einen kalten Abschied
von einander. -- Dies war mir in meinem innersten Herzen zuwider; denn
keinen Mann in der Welt achtete und liebte ich mehr als Gthe; und nun
sollte ich ihn vielleicht in meinem Leben nie wieder sehen. -- Die
Postpferde waren auf den nchsten Morgen um 5 Uhr bestellt. -- Es war
bereits 11 Uhr Abends, ich sa allein auf meinem Zimmer im Elephanten,
das Haupt auf die Hand gesttzt und Thrnen in den Augen. Da bemchtigte
sich meiner eine unbeschreibliche Sehnsucht, ihn zum letzten Mal an
meine Brust zu drcken; aber zugleich rhrte sich auch der Stolz in
meinem Herzen und ich wollte mich nicht vor ihm demthigen.

Ich lief nach Gthe's Hause, sah noch Licht in seiner Wohnung, ging zu
Riemer auf sein Zimmer und sagte: Lieber Freund, kann ich nicht Gthe
noch einen Augenblick sprechen? Ich wollte ihm doch gern ein letztes
Lebewohl sagen. Riemer war erstaunt, aber da er meine Gemthsbewegung
sah und Alles wute, antwortete er: Ich werde es ihm sagen, ich will
sehen, ob er noch nicht zu Bett gegangen ist. Er kam zurck und bat
mich einzutreten, indem er selbst ging. Da stand Gtz von Berlichingen's
und Hermann und Dorothea's Verfasser in der Nachtjacke und zog seine Uhr
auf, um zu Bett zu gehen. Als er mich sah, sagte er freundlich: Nun,
mein Bester! Sie kommen ja wie Nikodemus! -- Herr Geheimrath, sagte
ich, indem ich ihn umarmte, erlauben Sie mir, dem Dichter Gthe auf
ewig Lebewohl zu sagen! -- Leben Sie recht wohl, mein liebes Kind!
sagte er herzlich. Nichts mehr, nichts mehr! rief ich gerhrt und
verlie schnell das Zimmer.

Ich hoffte bei der Abreise, da wenn Gthe einmal meinen Correggio
lesen wrde, er Riemer gegenber, (den ich damals noch fr meinen
ehrlichen Freund hielt) sich vortheilhaft ber das Stck aussprechen
wrde, wo ich dann mit meiner ganzen kindlichen Liebe wieder zu Gthe
zurckkehren und ihm einen langen Brief schreiben wollte. Aber es
geschah nicht, und erst 32 Jahre nachher, als Herr Riemer sein Buch
ber Gthe nach dem Tode des Dichters herausgab, sah ich, welch ein
jmmerlicher schwacher Character Riemer sei, der sich zu Gthe verhielt,
wie in Wessels =Liebe ohne Strmpfe= Mette zu Grethe, und gleich ihr
sagte:

                                  Ich halte in der Welt
        Kein einzig Ding fr recht, das Grethen nicht gefllt.
        Nichts Hh'res kenne ich, als dies fr mich auf Erden,
        Und Grethe wnscht es nicht, mit Dir vermhlt zu werden:
        Das meine Antwort. Lebe wohl!

[Sidenote: Ein Urtheil Gthe's.]

Spter -- und gerade aus Riemer's Briefen -- erfuhr ich, da sich die
Sache doch nicht ganz so verhielt, wie er es mir selbst gesagt hatte.
Ich glaubte nmlich, da Gthe nicht meinen Correggio lesen wollte, aber
er hatte ihn gelesen, er hatte ihm jedoch mifallen; eben so wie Hakon
Jarl ihm mifallen hatte, als er ihn zum ersten Mal hrte. So vielseitig
Gthe auch gern scheinen wollte, war er doch an gewisse Formen und
Ansichten gefesselt, und war nichts weniger als ein guter Kritiker,
da Persnlichkeit und Parteilichkeit einen zu groen Einflu auf ihn
hatten. Auch war er eiferschtig auf Alles, was sich ihm zu nhern
wagte. Er wollte wohl protegiren und das Unbedeutende untersttzen,
hatte z. B. groe Aufmerksamkeit fr jede dramatische Kleinigkeit in
Italien -- aber den Norden, Dnemark, Skandinavien ignorirte er als
Nebenbuhler des deutschen Ruhmes, als Theilnehmer an germanischen
Vorzgen, und er bewahrte ber uns stets eine arge Unwissenheit, welche
sich unter Anderem darin zeigte, da er, als er spter von mir sprach,
sagte: Wenn diese Nordlnder ihre Bren auf den Hinterbeinen tanzen
lassen knnen, glauben sie, was Rechtes zu sein.

Als ich das letzte Mal in Weimar war, hatte ich noch -- da er es nicht
hren wollte -- meinen Correggio der Frau von Schiller vorgelesen; und
die Erbprinzessin von Weimar erwies mir die Ehre, Zuhrerin bei der
Witwe des groen Dichters zu sein. Mein Correggio hatte ihnen Beiden
sehr gefallen. Gthe's bestem Tragiker, Wolff (viele Jahre darauf
Verfasser der Preciosa), las ich auch das Stck vor, und er freute sich
in der Hoffnung, bald einmal die Hauptrolle spielen zu knnen. Alles
Dieses, hrte ich nun viel spter, hatte Gthe verdrossen, und er war
erzrnt darber, da ich, wie er glaubte, andere Wege ginge, um mein
Stck in Weimar auffhren zu lassen. Das fiel mir gar nicht ein. Ich
hatte die Gewiheit, da das Stck in Kopenhagen aufgefhrt werden
wrde, was mir viel grere Vortheile verschaffte, als mir sie Weimar
bieten konnte.

[Sidenote: Abschied von Deutschland.]

So reiste ich also nach Hause, nachdem ich die Gunst des groen Gthe
verloren hatte.

                       =Ende des zweiten Bandes.=

                  Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.

                    *       *       *       *       *




Anmerkungen zur Transkription:

Der Schmutztitel wurde entfernt.

Rechtschreibung und Zeichensetzung des Originaltextes wurden bernommen,
und offensichtliche Druck- und Setzfehler wurden korrigiert.

Der Originaltext ist in Fraktur und fremdsprachliche Passagen sind in
Antiqua gesetzt. Abkrzungen wie Dr. und rmische Zahlen wie XV wurden
nicht in Antiqua dargestellt.

Gesperrter Text wurde mit (=Text=) und Text in Antiqua
wurde mit (_text_) markiert.

Die Kapitelberschriften aus den Kopfzeilen wurden in den Text als
Randnotizen eingefgt.





End of the Project Gutenberg EBook of Meine Lebens-Erinnerungen - Band 2 (of
4), by Adam Oehlenschlger

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE LEBENS-ERINNERUNGEN - BAND 2 ***

***** This file should be named 48558-8.txt or 48558-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/4/8/5/5/48558/

Produced by Thorsten Kontowski, Karl Eichwalder, La Monte
H.P. Yarroll, Jens Nordmann and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net (This book was
produced from scanned images of public domain material
from the Google Print project.)

Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

