Project Gutenberg's Reden an die deutsche Nation, by Johann Gottlieb Fichte

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Title: Reden an die deutsche Nation

Author: Johann Gottlieb Fichte

Release Date: February 22, 2015 [EBook #48340]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REDEN AN DIE DEUTSCHE NATION ***




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  Reden
  an die deutsche Nation

  Von

  Johann Gottlieb Fichte

  Verlag von Philipp Reclam jun. Leipzig




  Druck von Philipp Reclam jun. Leipzig




Inhalt.


                                                                  Seite

  Erste Rede: Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen               3

  Zweite Rede: Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen          20

  Dritte Rede: Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung       37

  Vierte Rede: Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und
  den brigen Vlkern germanischer Abkunft                           54

  Fnfte Rede: Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit          72

  Sechste Rede: Darlegung der deutschen Grundzge in der
  Geschichte                                                         89

  Siebente Rede: Noch tiefere Erfassung der Ursprnglichkeit
  und Deutschheit eines Volkes                                      104

  Achte Rede: Was ein Volk sei, in der hhern Bedeutung des
  Worts, und was Vaterlandsliebe                                    124

  Neunte Rede: An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen
  Punkt die neue Nationalerziehung der Deutschen anzuknpfen
  sei                                                               144

  Zehnte Rede: Zur nhern Bestimmung der deutschen
  Nationalerziehung                                                 160

  Elfte Rede: Wem die Ausfhrung dieses Erziehungsplanes
  anheimfallen werde                                                178

  Zwlfte Rede: Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung
  unsers Hauptzwecks aufrecht zu erhalten                           196

  Dreizehnte Rede: Fortsetzung der angefangenen Betrachtung         212

  Vierzehnte Rede: Beschlu des Ganzen                              234




Erste Rede.

Vorerinnerungen und Uebersicht des Ganzen.


Als eine Fortsetzung der Vorlesungen, die ich im Winter vor drei
Jahren allhier an derselben Sttte gehalten, und welche unter dem
Titel: Grundzge des gegenwrtigen Zeitalters gedruckt sind,
habe ich die Reden,[1] die ich hiermit beginne, angekndigt.
Ich hatte in jenen Vorlesungen gezeigt, da unsre Zeit in dem
dritten Hauptabschnitte der gesamten Weltzeit stehe, welcher
Abschnitt den bloen sinnlichen Eigennutz zum Antriebe aller
seiner lebendigen Regungen und Bewegungen habe; da diese Zeit in
der einzigen Mglichkeit des genannten Antriebes sich selbst auch
vollkommen verstehe und begreife; und da sie durch diese klare
Einsicht ihres Wesens in diesem ihren lebendigen Wesen, tief
begrndet und unerschtterlich befestigt werde.

  [1] Diese Reden sind im Jahre 1808 zum erstenmal im Druck
      erschienen.

Mit uns gehet, mehr als mit irgendeinem Zeitalter, seitdem es
eine Weltgeschichte gab, die Zeit Riesenschritte. Innerhalb der
drei Jahre, welche seit dieser meiner Deutung des laufenden
Zeitabschnittes verflossen sind, ist irgendwo dieser Abschnitt
vollkommen abgelaufen und beschlossen. Irgendwo hat die Selbstsucht
durch ihre vollstndige Entwicklung sich selbst vernichtet, indem
sie darber ihr Selbst, und dessen Selbstndigkeit, verloren;
und ihr, da sie gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollte, durch uerliche Gewalt ein solcher andrer
und fremder Zweck aufgedrungen worden. Wer es einmal unternommen
hat, seine Zeit zu deuten, der mu mit seiner Deutung auch ihren
Fortgang begleiten, falls sie einen solchen Fortgang gewinnt;
und so wird es mir denn zur Pflicht, vor demselben Publikum, vor
welchem ich etwas als Gegenwart bezeichnete, dasselbe als vergangen
anzuerkennen, nachdem es aufgehrt hat, die Gegenwart zu sein.

Was seine Selbstndigkeit verloren hat, hat zugleich verloren das
Vermgen einzugreifen in den Zeitflu, und den Inhalt desselben
frei zu bestimmen; es wird ihm, wenn es in diesem Zustande
verharret, seine Zeit, und es selber mit dieser seiner Zeit,
abgewickelt durch die fremde Gewalt, die ber sein Schicksal
gebietet; es hat von nun an gar keine eigne Zeit mehr, sondern
zhlt seine Jahre nach den Begebenheiten und Abschnitten
fremder Vlkerschaften und Reiche. Es knnte sich erheben aus
diesem Zustande, in welchem die ganze bisherige Welt seinem
selbstttigen Eingreifen entrckt ist, und in dieser ihm nur der
Ruhm des Gehorchens brigbleibt, lediglich unter der Bedingung,
da ihm eine neue Welt aufginge, mit deren Erschaffung es einen
neuen und ihm eignen Abschnitt in der Zeit begnne, und mit ihrer
Fortbildung ihn ausfllte; doch mte, da es einmal unterworfen
ist fremder Gewalt, diese neue Welt also beschaffen sein, da
sie unvernommen bliebe jener Gewalt, und ihre Eifersucht auf
keine Weise erregte, ja, da diese durch ihren eignen Vorteil
bewegt wrde, der Gestaltung einer solchen kein Hindernis in
den Weg zu legen. Falls es nun eine also beschaffene Welt als
Erzeugungsmittel eines neuen Selbst und einer neuen Zeit, geben
sollte, fr ein Geschlecht, da sein bisheriges Selbst und
seine bisherige Zeit und Welt verloren hat, so kme es einer
allseitigen Deutung selbst der mglichen Zeit zu, diese also
beschaffene Welt anzugeben.

Nun halte ich meines Orts dafr, da es eine solche Welt gebe,
und es ist der Zweck dieser Reden, Ihnen das Dasein und den
wahren Eigentmer derselben nachzuweisen, ein lebendiges Bild
derselben vor ihre Augen zu bringen, und die Mittel ihrer
Erzeugung anzugeben. In dieser Weise demnach werden diese Reden
eine Fortsetzung der ehemals gehaltenen Vorlesungen ber die
damals gegenwrtige Zeit sein, indem sie enthllen werden das
neue Zeitalter, das der Zerstrung des Reichs der Selbstsucht
durch fremde Gewalt unmittelbar folgen kann und soll.

Bevor ich jedoch dieses Geschft beginne, mu ich Sie ersuchen
vorauszusetzen, also da es Ihnen niemals entfalle, und einverstanden
zu sein mit mir, wo und inwiefern dies ntig ist, ber die folgenden
Punkte:

1. Ich rede fr Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg,
nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und
wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.
Sie, E. V., sind zwar meinem leiblichen Auge die ersten und
unmittelbaren Stellvertreter, welche die geliebten Nationalzge
mir vergegenwrtigen, und der sichtbare Brennpunkt, in welchem
die Flamme meiner Rede sich entzndet; aber mein Geist versammelt
den gebildeten Teil der ganzen deutschen Nation, aus allen den
Lndern, ber welche er verbreitet ist, um sich her, bedenkt
und beachtet unser aller gemeinsame Lage und Verhltnisse,
und wnscht, da ein Teil der lebendigen Kraft, mit welcher
diese Reden vielleicht Sie ergreifen, auch in dem stummen
Abdrucke, welcher allein unter die Augen der Abwesenden kommen
wird, verbleibe, und aus ihm atme, und an allen Orten deutsche
Gemter zu Entschlu und Tat entznde. Blo von Deutschen und
fr Deutsche schlechtweg, sagte ich. Wir werden zu seiner Zeit
zeigen, da jedwede andre Einheitsbezeichnung oder Nationalband
entweder niemals Wahrheit und Bedeutung hatte, oder, falls es
sie gehabt htte, da diese Vereinigungspunkte durch unsre
dermalige Lage vernichtet, und uns entrissen sind, und niemals
wiederkehren knnen; und da es lediglich der gemeinsame Grundzug
der Deutschheit ist, wodurch wir den Untergang unsrer Nation im
Zusammenflieen derselben mit dem Auslande, abwehren, und worin
wir ein auf ihm selber ruhendes, und aller Abhngigkeit durchaus
unfhiges Selbst, wiederum gewinnen knnen. Es wird, sowie
wir dieses letztere einsehen werden, zugleich der scheinbare
Widerspruch dieser Behauptung mit anderweitigen Pflichten, und
fr heilig gehaltenen Angelegenheiten, den vielleicht dermalen
mancher frchtet, vollkommen verschwinden.

Ich werde darum, da ich ja nur von Deutschen berhaupt rede,
manches, das von den allhier Versammelten nicht zunchst gilt,
aussprechen, als dennoch von uns geltend, so wie ich andres,
das zunchst nur von uns gilt, aussprechen werde, als fr alle
Deutsche geltend. Ich erblicke in dem Geiste, dessen Ausflu
diese Reden sind, die durcheinander verwachsene Einheit, in der
kein Glied irgendeines andern Gliedes Schicksal, fr ein ihm
fremdes Schicksal hlt, die da entstehen soll und mu, wenn wir
nicht ganz zugrunde gehen sollen -- ich erblicke diese Einheit
schon als entstanden, vollendet, und gegenwrtig dastehend.

2. Ich setze voraus solche deutsche Zuhrer, welche nicht
etwa mit allem was sie sind, rein aufgehen in dem Gefhle des
Schmerzes ber den erlittenen Verlust, und in diesem Schmerze
sich wohlgefallen, und an ihrer Untrstlichkeit sich weiden,
und durch dieses Gefhl sich abzufinden gedenken mit der an sie
ergehenden Anforderung zur Tat; sondern solche, die selbst ber
diesen gerechten Schmerz zu klarer Besonnenheit und Betrachtung
sich schon erhoben haben, oder wenigstens fhig sind, sich dazu
zu erheben. Ich kenne jenen Schmerz, ich habe ihn gefhlt wie
einer, ich ehre ihn; die Dumpfheit, welche zufrieden ist, wenn
sie Speise und Trank findet, und kein krperlicher Schmerz ihr
zugefgt wird, und fr welche Ehre, Freiheit, Selbstndigkeit
leere Namen sind, ist seiner unfhig: aber auch er ist lediglich
dazu da, um zu Besinnung, Entschlu und Tat uns anzuspornen;
dieses Endzwecks verfehlend, beraubt er uns der Besinnung, und
aller uns noch briggebliebenen Krfte, und vollendet so unser
Elend, indem er noch berdies, als Zeugnis von unsrer Trgheit
und Feigheit, den sichtbaren Beweis gibt, da wir unser Elend
verdienen. Keineswegs aber gedenke ich Sie zu erheben ber
diesen Schmerz, durch Vertrstungen auf eine Hilfe, die von
auen her kommen solle, und durch Verweisungen auf allerlei
mgliche Ereignisse, und Vernderungen, die etwa die Zeit
herbeifhren knne; denn, falls auch nicht diese Denkart, die
lieber in der wankenden Welt der Mglichkeiten schweift, als
auf das Notwendige sich heften mag, und die ihre Rettung lieber
dem blinden Ohngefhr, als sich selber, verdanken will, schon
an sich von dem strflichsten Leichtsinne, und der tiefsten
Verachtung seiner selbst zeugte, so wie sie es tut, so haben auch
noch berdies alle Vertrstungen und Verweisungen dieser Art
durchaus keine Anwendung auf unsre Lage. Es lt sich der strenge
Beweis fhren, und wir werden ihn zu seiner Zeit fhren, da
kein Mensch, und kein Gott, und keines von allen im Gebiete der
Mglichkeit liegenden Ereignissen uns helfen kann, sondern da
allein wir selber uns helfen mssen, falls uns geholfen werden
soll. Vielmehr werde ich Sie zu erheben suchen ber den Schmerz,
durch klare Einsicht in unsre Lage, in unsre noch briggebliebene
Kraft, in die Mittel unsrer Rettung. Ich werde darum allerdings
einen gewissen Grad der Besinnung, eine gewisse Selbstttigkeit,
und einige Aufopferung anmuten, und rechne darum auf Zuhrer,
denen sich soviel anmuten lt. Uebrigens sind die Gegenstnde
dieser Anmutung insgesamt leicht, und setzen kein greres Ma
von Kraft voraus, als man, wie ich glaube, unserm Zeitalter
zutrauen kann; was aber die Gefahr betrifft, so ist dabei
durchaus keine.

3. Indem ich eine klare Einsicht der Deutschen, als solcher,
in ihre gegenwrtige Lage hervorzubringen gedenke: setze ich
voraus Zuhrer, die da geneigt sind, mit eignen Augen die Dinge
dieser Art zu sehen, keineswegs aber solche, die es bequemer
finden, ein fremdes und auslndisches Sehwerkzeug, das entweder
absichtlich auf Tuschung berechnet ist, oder das auch natrlich,
durch seinen andern Standpunkt, und durch das geringere Ma von
Schrfe, niemals auf ein deutsches Auge pat, bei Betrachtung
dieser Gegenstnde sich unterschieben zu lassen. Ferner setze
ich voraus, da diese Zuhrer in dieser Betrachtung mit eignen
Augen den Mut haben, redlich hinzusehen auf das, was da ist, und
redlich sich zu gestehen, was sie sehen, und da sie jene hufig
sich zeigende Neigung, ber die eignen Angelegenheiten sich zu
tuschen, und ein weniger unerfreuliches Bild von denselben,
als mit der Wahrheit bestehen kann, sich vorzuhalten, entweder
schon besiegt haben, oder doch fhig sind, sie zu besiegen. Jene
Neigung ist ein feiges Entfliehen vor seinen eignen Gedanken, und
kindischer Sinn, der da zu glauben scheint, wenn er nur nicht
sehe sein Elend, oder wenigstens sich nicht gestehe, da er es
sehe, so werde dieses Elend dadurch auch in der Wirklichkeit
aufgehoben, wie es aufgehoben ist in seinem Denken. Dagegen ist
es mannhafte Khnheit, das Uebel fest ins Auge zu fassen, es zu
ntigen standzuhalten, es ruhig, kalt und frei zu durchdringen,
und es aufzulsen in seine Bestandteile. Auch wird man nur
durch diese klare Einsicht des Uebels Meister, und geht in der
Bekmpfung desselben einher mit sicherem Schritte, indem man,
in jedem Teile das Ganze bersehend, immer wei, wo man sich
befinde, und durch die einmal erlangte Klarheit seiner Sache
gewi ist, dagegen der andre, ohne festen Leitfaden, und ohne
sichere Gewiheit blind und trumend herumtappt.

Warum sollten wir denn auch uns scheuen vor dieser Klarheit?
Das Uebel wird durch die Unbekanntschaft damit nicht kleiner,
noch durch die Erkenntnis grer; es wird nur heilbar durch die
letztere; die Schuld aber soll hier gar nicht vorgerckt werden.
Zchtige man durch bittere Strafrede, durch beienden Spott,
durch schneidende Verachtung die Trgheit und die Selbstsucht,
und reize sie, wenn auch zu nichts Besserem, doch wenigstens zum
Hasse und zur Erbitterung gegen den Erinnerer selbst, als doch
auch einer krftigen Regung, an -- solange die notwendige Folge,
das Uebel, noch nicht vollendet ist, und von der Besserung noch
Rettung oder Milderung sich erwarten lt. Nachdem aber dieses
Uebel also vollendet ist, da es uns auch die Mglichkeit auf
diese Weise fortzusndigen benimmt, wird es zwecklos, und sieht
aus wie Schadenfreude, gegen die nicht mehr zu begehende Snde
noch ferner zu schelten; und die Betrachtung fllt sodann aus
dem Gebiete der Sittenlehre in das der Geschichte, fr welche
die Freiheit vorber ist, und die das Geschehene als notwendigen
Erfolg aus dem Vorhergegangenen ansieht. Es bleibt fr unsre
Reden keine andre Ansicht der Gegenwart brig, als diese letzte,
und wir werden darum niemals eine andre nehmen.

Diese Denkart also, da man sich als Deutschen schlechtweg denke,
da man nicht gefesselt sei durch den Schmerz, da man die
Wahrheit sehen wolle, und den Mut habe ihr ins Auge zu blicken,
setze ich voraus, und rechne auf sie bei jedem Worte, das ich
sagen werde, und so jemand eine andre in diese Versammlung
mitbrchte, so wrde derselbe die unangenehmen Empfindungen,
die ihm hier gemacht werden knnten, lediglich sich selbst
zuzuschreiben haben. Dies sei hiermit gesagt fr immer, und
abgetan: und ich gehe nun an das andre Geschft, Ihnen den
Grundinhalt aller folgenden Reden in einer allgemeinen Uebersicht
vorzulegen.

Irgendwo, sagte ich im Eingange meiner Rede, habe die Selbstsucht
durch ihre vollstndige Entwicklung sich selbst vernichtet,
indem sie darber ihr Selbst, und das Vermgen, sich selbstndig
ihre Zwecke zu setzen, verloren habe. Diese nunmehr erfolgte
Vernichtung der Selbstsucht war der von mir angegebene Fortgang
der Zeit, und das durchaus neue Ereignis in derselben, das nach
mir eine Fortsetzung meiner ehemaligen Schilderung der Zeit so
mglich wie notwendig machte; diese Vernichtung wre somit unsre
eigentliche Gegenwart, an welche unser neues Leben in einer
neuen Welt, deren Dasein ich gleichfalls behauptete, unmittelbar
angeknpft werden mte, sie wre daher auch der eigentliche
Ausgangspunkt meiner Reden; und ich htte vor allen Dingen zu
zeigen, wie und warum eine solche Vernichtung der Selbstsucht aus
ihrer hchsten Entwicklung notwendig erfolge.

Bis zu ihrem hchsten Grade entwickelt ist die Selbstsucht,
wenn, nachdem sie erst mit unbedeutender Ausnahme die Gesamtheit
der Regierten ergriffen, sie von diesen aus sich auch der
Regierenden bemchtigt, und deren alleiniger Lebenstrieb wird.
Es entsteht einer solchen Regierung zufrderst nach auen die
Vernachlssigung aller Bande, durch welche ihre eigne Sicherheit
an die Sicherheit andrer Staaten geknpft ist, das Aufgeben
des Ganzen, dessen Glied sie ist, lediglich darum, damit sie
nicht aus ihrer trgen Ruhe aufgestrt werde, und die traurige
Tuschung der Selbstsucht, da sie Frieden habe, solange nur die
eignen Grenzen nicht angegriffen sind; sodann nach innen jene
weichliche Fhrung der Zgel des Staats, die mit auslndischen
Worten sich Humanitt, Liberalitt und Popularitt nennt, die
aber richtiger in deutscher Sprache Schlaffheit und ein Betragen
ohne Wrde zu nennen ist.

Wenn sie auch der Regierenden sich bemchtigt, habe ich gesagt.
Ein Volk kann durchaus verdorben sein, d. i. selbstschtig, denn
die Selbstsucht ist die Wurzel aller andern Verderbtheit --
und dennoch dabei nicht nur bestehen, sondern sogar uerlich
glnzende Taten verrichten, wenn nur nicht seine Regierung
eben also verdirbt; ja die letztere sogar kann auch nach auen
treulos und pflicht- und ehrvergessen handeln, wenn sie nur nach
innen den Mut hat, die Zgel des Regiments mit straffer Hand
anzuhalten, und die grere Furcht fr sich zu gewinnen. Wo aber
alles eben genannte sich vereinigt, da geht das gemeine Wesen
bei dem ersten ernstlichen Angriffe, der auf dasselbe geschieht,
zugrunde, und so, wie es selbst erst treulos sich ablste von
dem Krper, dessen Glied es war, so lsen jetzt seine Glieder,
die keine Furcht vor ihm hlt, und die die grere Furcht vor
dem Fremden treibt, mit derselben Treulosigkeit sich ab von ihm,
und gehen hin, ein jeder in das Seine. Hier ergreift die nun
vereinzelt stehenden abermals die grere Furcht, und sie geben
in reichlicher Spende, und mit erzwungen frhlichem Gesichte dem
Feinde, was sie krglich und uerst unwillig dem Verteidiger
des Vaterlandes geben; bis spterhin auch die von allen Seiten
verlassenen und verratenen Regierenden gentigt werden, durch
Unterwerfung und Folgsamkeit gegen fremde Plne ihre Fortdauer
zu erkaufen; und so nun auch diejenigen, die im Kampfe fr das
Vaterland die Waffen wegwarfen, unter fremden Panieren lernen,
dieselben gegen das Vaterland tapfer zu fhren. So geschieht es,
da die Selbstsucht durch ihre hchste Entwicklung vernichtet,
und denen, die gutwillig keinen andern Zweck, denn sich selbst,
sich setzen wollten, durch fremde Gewalt ein solcher andrer Zweck
aufgedrungen wird.

Keine Nation, die in diesen Zustand der Abhngigkeit
herabgesunken, kann durch die gewhnlichen und bisher gebrauchten
Mittel sich aus demselben erheben. War ihr Widerstand fruchtlos,
als sie noch im Besitze aller ihrer Krfte war, was kann derselbe
sodann fruchten, nachdem sie des grten Teils derselben beraubt
ist? Was vorher htte helfen knnen, nmlich wenn die Regierung
derselben die Zgel krftig und straff angehalten htte, ist nun
nicht mehr anwendbar, nachdem diese Zgel nur noch zum Scheine
in ihrer Hand ruhen, und diese ihre Hand selbst durch eine
fremde Hand gelenkt und geleitet wird. Auf sich selbst kann eine
solche Nation nicht lnger rechnen; und ebensowenig sie auf den
Sieger rechnen. Dieser mte ebenso unbesonnen, und ebenso feige
und verzagt sein, als jene Nation selbst erst war, wenn er die
errungenen Vorteile nicht festhielte, und sie nicht auf alle
Weise verfolgte. Oder wenn er einst im Verlauf der Zeiten doch
so unbesonnen und feige wrde, so wrde er zwar ebenso zugrunde
gehen, wie wir, aber nicht zu unserm Vorteile, sondern er wrde
die Beute eines neuen Siegers und wir wrden die sich von selbst
verstehende, wenig bedeutende Zugabe zu dieser Beute. Sollte eine
so gesunkene Nation dennoch sich retten knnen, so mte dies
durch ein ganz neues, bisher noch niemals gebrauchtes Mittel,
vermittelst der Erschaffung einer ganz neuen Ordnung der Dinge,
geschehen. Lassen Sie uns also sehen, welches in der bisherigen
Ordnung der Dinge der Grund war, warum es mit dieser Ordnung
irgend einmal notwendig ein Ende nehmen mute, damit wir an dem
Gegenteile dieses Grundes des Untergangs das neue Glied finden,
welches in die Zeit eingefgt werden mte, damit an ihm die
gesunkene Nation sich aufrichte zu einem neuen Leben.

Man wird in Erforschung jenes Grundes finden, da in allen
bisherigen Verfassungen die Teilnahme am Ganzen geknpft war
an die Teilnahme des Einzelnen an sich selbst, vermittelst
solcher Bande, die irgendwo so gnzlich zerrissen, da es gar
keine Teilnahme fr das Ganze mehr gab -- durch die Bande der
Furcht und Hoffnung fr die Angelegenheiten des Einzelnen aus
dem Schicksale des Ganzen, in einem knftigen, und in dem
gegenwrtigen Leben. Aufklrung des nur sinnlich berechnenden
Verstandes war die Kraft, welche die Verbindung eines knftigen
Lebens mit dem gegenwrtigen durch Religion aufhob, zugleich auch
andre Ergnzungs- und stellvertretende Mittel der sittlichen
Denkart, als da sind Liebe zum Ruhm, und Nationalehre, als
tuschende Trugbilder begriff; die Schwche der Regierungen war
es, welche die Furcht fr die Angelegenheiten des einzelnen aus
seinem Betragen gegen das Ganze, selbst fr das gegenwrtige
Leben, durch hufige Straflosigkeit der Pflichtvergessenheit
aufhob, und ebenso auch die Hoffnung unwirksam machte, indem
sie dieselbe gar oft, ohne alle Rcksicht auf Verdienste um
das Ganze, nach ganz andern Regeln und Bewegungsgrnden,
befriedigte. Bande solcher Art waren es, die irgendwo gnzlich
zerrissen, und durch deren Zerreiung das gemeine Wesen sich
auflste.

Immerhin mag von nun an der Sieger das, was allein auch er kann,
emsiglich tun, nmlich den letzten Teil des Bindungsmittels,
die Furcht und Hoffnung fr das gegenwrtige Leben, wiederum
anknpfen und verstrken; damit ist nur ihm geholfen, keineswegs
aber uns, denn so gewi er seinen Vorteil versteht, knpft er an
dieses erneute Band zu allererst nur seine Angelegenheit, die
unsrige aber nur insoweit, inwiefern die Erhaltung unsrer, als
Mittel fr seine Zwecke, ihm selbst zur Angelegenheit wird. Fr
eine so verfallene Nation ist von nun an Furcht und Hoffnung
vllig aufgehoben, indem deren Leitung ihrer Hand entfallen ist,
und sie zwar selber zu frchten hat und zu hoffen, vor ihr aber
von nun an kein Mensch sich weiter frchtet, oder von ihr etwas
hofft; und es bleibt ihr nichts brig, als ein ganz andres und
neues, ber Furcht und Hoffnung erhabenes Bindungsmittel zu
finden, um die Angelegenheiten ihrer Gesamtheit an die Teilnahme
eines jeden aus ihr fr sich selber anzuknpfen.

Ueber den sinnlichen Antrieb der Furcht oder Hoffnung hinaus,
und zunchst an ihn angrenzend, liegt der geistige Antrieb
der sittlichen Billigung oder Mibilligung, und der hhere
Affekt des Wohlgefallens oder Mifallens an unserm und andrer
Zustnde. So wie das an Reinlichkeit und Ordnung gewhnte uere
Auge durch einen Flecken, der ja unmittelbar dem Leibe keinen
Schmerz zufgt, oder durch den Anblick verworren durcheinander
liegender Gegenstnde dennoch gepeinigt und gengstigt wird,
wie vom unmittelbaren Schmerze, indes der des Schmutzes und der
Unordnung Gewohnte sich in demselben recht wohl befindet: eben
also kann auch das innere geistige Auge des Menschen so gewhnt
und gebildet werden, da der bloe Anblick eines verworrenen
und unordentlichen, eines unwrdigen und ehrlosen Daseins
seiner selbst und seines verbrderten Stammes, ohne Rcksicht
auf das, was davon fr sein sinnliches Wohlsein zu frchten
oder zu hoffen sei, ihm innig wehe tue, und da dieser Schmerz
dem Besitzer eines solchen Auges, abermals ganz unabhngig von
sinnlicher Furcht oder Hoffnung, keine Ruhe lasse, bis er,
soviel an ihm ist, den ihm miflligen Zustand aufgehoben, und
den, der ihm allein gefallen kann, an seine Stelle gesetzt habe.
Im Besitzer eines solchen Auges ist die Angelegenheit des ihn
umgebenden Ganzen, durch das treibende Gefhl der Billigung oder
Mibilligung, an die Angelegenheit seines eignen erweiterten
Selbst, das nur als Teil des Ganzen sich fhlt, und nur im
geflligen Ganzen sich ertragen kann, unabtrennbar angeknpft;
die Sichbildung zu einem solchen Auge wre somit ein sicheres und
das einzige Mittel, das einer Nation, die ihre Selbstndigkeit,
und mit ihr allen Einflu auf die ffentliche Furcht und Hoffnung
verloren hat, brigbliebe, um aus der erduldeten Vernichtung
sich wieder ins Dasein zu erheben, und dem entstandenen neuen
und hheren Gefhle ihre Nationalangelegenheiten, die seit ihrem
Untergange kein Mensch und kein Gott weiter bedenkt, sicher
anzuvertrauen. So ergibt sich denn also, da das Rettungsmittel,
dessen Anzeige ich versprochen, bestehe in der Bildung zu einem
durchaus neuen, und bisher vielleicht als Ausnahme bei einzelnen,
niemals aber als allgemeines und nationales Selbst, dagewesenen
Selbst, und in der Erziehung der Nation, deren bisheriges Leben
erloschen, und Zugabe eines fremden Lebens geworden, zu einem
ganz neuen Leben, das entweder ihr ausschlieendes Besitztum
bleibt, oder, falls es auch von ihr aus an andre kommen sollte,
ganz und unverringert bleibt bei unendlicher Teilung; mit einem
Worte, eine gnzliche Vernderung des bisherigen Erziehungswesens
ist es, was ich, als das einzige Mittel die deutsche Nation im
Dasein zu erhalten, in Vorschlag bringe.

Da man den Kindern eine gute Erziehung geben msse, ist auch
in unserm Zeitalter oft genug gesagt, und bis zum Ueberdrusse
wiederholt worden, und es wre ein Geringes, wenn auch wir unsres
Ortes dies gleichfalls einmal sagen wollten. Vielmehr wird uns,
so wir ein andres zu vermgen glauben, obliegen, genau und
bestimmt zu untersuchen, was eigentlich der bisherigen Erziehung
gefehlt habe, und anzugeben, welches durchaus neue Glied die
vernderte Erziehung der bisherigen Menschenbildung hinzufgen
msse.

Man mu, nach einer solchen Untersuchung, der bisherigen
Erziehung zugestehen, da sie nicht ermangelt, irgendein Bild
von religiser, sittlicher, gesetzlicher Denkart, und von
allerhand Ordnung und guter Sitte vor das Auge ihrer Zglinge
zu bringen, auch da sie hier und da dieselben getreulich
ermahnt habe, jenen Bildern in ihrem Leben einen Abdruck zu
geben; aber mit hchst seltenen Ausnahmen, die somit nicht durch
diese Erziehung begrndet waren, indem sie sodann an allen
durch diese Bildung hindurchgegangenen, und als die Regel,
htten eintreten mssen, sondern die durch andre Ursachen
herbeigefhrt worden -- mit diesen hchstseltenen Ausnahmen,
sage ich, sind die Zglinge dieser Erziehung insgesamt nicht
jenen sittlichen Vorstellungen und Ermahnungen, sondern sie sind
den Antrieben ihrer, ihnen natrlich, und ohne alle Beihilfe
der Erziehungskunst, erwachsenden Selbstsucht, gefolgt; zum
unwidersprechlichen Beweise, da diese Erziehungskunst zwar
wohl das Gedchtnis mit einigen Worten und Redensarten, und die
kalte und teilnehmungslose Phantasie mit einigen matten und
blassen Bildern anzufllen vermocht, da es ihr aber niemals
gelungen, ihr Gemlde einer sittlichen Weltordnung bis zu der
Lebhaftigkeit zu steigern, da ihr Zgling von der heien Liebe
und Sehnsucht dafr, und von dem glhenden Affekte, der zur
Darstellung im Leben treibt, und vor welchem die Selbstsucht
abfllt wie welkes Laub, ergriffen worden; da somit diese
Erziehung weit davon entfernt gewesen sei, bis zur Wurzel der
wirklichen Lebensregung und Bewegung durchzugreifen, und diese
zu bilden, indem diese vielmehr, unbeachtet von der blinden und
ohnmchtigen, allenthalben wild aufgewachsen sei, wie sie gekonnt
habe, zu guter Frucht bei wenigen durch Gott begeisterten,
zu schlechter bei der groen Mehrzahl. Auch ist es dermalen
vollkommen hinlnglich, diese Erziehung durch diesen ihren Erfolg
zu zeichnen, und kann man fr unsern Behuf sich des mhsamen
Geschfts berheben, die innern Sfte und Adern eines Baumes zu
zergliedern, dessen Frucht dermalen vollstndig reif ist, und
abgefallen, und vor aller Welt Augen liegt, und hchst deutlich
und verstndlich ausspricht die innere Natur ihres Erzeugers. Der
Strenge nach wre dieser Ansicht zufolge, die bisherige Erziehung
auf keine Weise die Kunst der Bildung zum Menschen gewesen,
wie sie sich denn dessen auch eben nicht gerhmt, sondern gar
oft ihre Ohnmacht, durch die Forderung, ihr ein natrliches
Talent, oder Genie, als Bedingung ihres Erfolgs voraus zu geben,
freimtig gestanden; sondern es wre eine solche Kunst erst
zu erfinden, und die Erfindung derselben wre die eigentliche
Aufgabe der neuen Erziehung. Das ermangelnde Durchgreifen bis
in die Wurzel der Lebensregung und -bewegung htte diese neue
Erziehung der bisherigen hinzuzufgen, und wie die bisherige
hchstens etwas am Menschen, so htte diese den Menschen selbst
zu bilden, und ihre Bildung keineswegs, wie bisher, zu einem
Besitztume, sondern vielmehr zu einem persnlichen Bestandteile
des Zglings zu machen.

Ferner wurde bisher diese also beschrnkte Bildung nur an die
sehr geringe Minderzahl der ebendaher gebildet genannten Stnde
gebracht, die groe Mehrzahl aber, auf welcher das gemeine Wesen
recht eigentlich ruht, das Volk, wurde von der Erziehungskunst
fast ganz vernachlssigt, und dem blinden Ohngefhr bergeben.
Wir wollen durch die neue Erziehung die Deutschen zu einer
Gesamtheit bilden, die in allen ihren einzelnen Gliedern
getrieben und belebt sei durch dieselbe eine Angelegenheit; so
wir aber etwa hierbei abermals einen gebildeten Stand, der etwa
durch den neu entwickelten Antrieb der sittlichen Billigung
belebt wrde, absondern wollten von einem ungebildeten, so wrde
dieser letzte, da Hoffnung und Furcht, durch welche allein noch
auf ihn gewirkt werden knnte, nicht mehr fr uns, sondern gegen
uns dienen, von uns abfallen, und uns verloren gehen. Es bleibt
sonach uns nichts brig, als schlechthin an alles ohne Ausnahme,
was deutsch ist, die neue Bildung zu bringen, so da dieselbe
nicht Bildung eines besondern Standes, sondern da sie Bildung
der Nation schlechthin als solcher, und ohne alle Ausnahme
einzelner Glieder derselben, werde, in welcher, in der Bildung
zum innigen Wohlgefallen am Rechten nmlich, aller Unterschied
der Stnde, der in andern Zweigen der Entwicklung auch fernerhin
stattfinden mag, vllig aufgehoben sei, und verschwinde; und da
auf diese Weise unter uns keineswegs Volkserziehung, sondern
eigentmliche deutsche Nationalerziehung entstehe.

Ich werde Ihnen dartun, da eine solche Erziehungskunst, wie
wir sie begehren, wirklich schon erfunden ist und ausgebt
wird, so da wir nichts mehr zu tun haben, als das sich uns
Darbietende anzunehmen, welches, so wie ich dies oben von dem
vorzuschlagenden Rettungsmittel versprach, ohne Zweifel kein
greres Ma von Kraft erfordert, als man bei unserm Zeitalter
billig voraussetzen kann. Ich fgte diesem Versprechen noch ein
andres bei, da nmlich, was die Gefahr anbelange, bei unserm
Vorschlage durchaus keine sei, indem es der eigne Vorteil
der ber uns gebietenden Gewalt erfordere, die Ausfhrung
jenes Vorschlags eher zu befrdern, als zu hindern. Ich finde
zweckmig, sogleich in dieser ersten Rede ber diesen Punkt mich
deutlich auszusprechen.

Zwar sind so in alter wie in neuer Zeit gar hufig die Knste der
Verfhrung und der sittlichen Herabwrdigung der Unterworfenen,
als ein Mittel der Herrschaft mit Erfolg gebraucht worden;
man hat durch lgenhafte Erdichtungen, und durch knstliche
Verwirrung der Begriffe und der Sprache, die Frsten vor den
Vlkern, und diese vor jenen verleumdet, um die entzweiten
sicherer zu beherrschen, man hat alle Antriebe der Eitelkeit
und des Eigennutzes listig aufgereizt und entwickelt, um die
Unterworfenen verchtlich zu machen, und so mit einer Art von
gutem Gewissen sie zu zertreten: aber man wrde einen sicher zum
Verderben fhrenden Irrtum begehen, wenn man mit uns Deutschen
diesen Weg einschlagen wollte. Das Band der Furcht und der
Hoffnung abgerechnet, beruht der Zusammenhang desjenigen Teils
des Auslandes, mit dem wir dermalen in Berhrung kommen, auf
den Antrieben der Ehre und des Nationalruhms; aber die deutsche
Klarheit hat vorlngst bis zur unerschtterlichen Ueberzeugung
eingesehen, da dieses leere Trugbilder sind, und da keine
Wunde und keine Verstmmelung des Einzelnen durch den Ruhm der
ganzen Nation geheilt wird; und wir drften wohl, so nicht eine
hhere Ansicht des Lebens an uns gebracht wird, gefhrliche
Prediger dieser sehr begreiflichen und manchen Reiz bei sich
fhrenden Lehre werden. Ohne darum noch neues Verderben an uns zu
nehmen, sind wir schon in unsrer natrlichen Beschaffenheit eine
unheilbringende Beute; nur durch die Ausfhrung des gemachten
Vorschlages knnen wir eine heilbringende werden: und so wird
denn, so gewi das Ausland seinen Vorteil versteht, dasselbe
durch diesen selbst bewegt, uns lieber auf die letzte Weise haben
wollen, denn auf die erste.

Insbesondere nun wendet mit diesem Vorschlage meine Rede sich an
die gebildeten Stnde Deutschlands, indem sie diesen noch am ersten
verstndlich zu werden hofft, und trgt zu allernchst ihnen an, sich
zu den Urhebern dieser neuen Schpfung zu machen, und dadurch teils
mit ihrer bisherigen Wirksamkeit die Welt auszushnen, teils ihre
Fortdauer in der Zukunft zu verdienen. Wir werden im Fortgange dieser
Reden ersehen, da bis hierher alle Fortentwicklung der Menschheit
in der deutschen Nation vom Volke ausgegangen, und da an dieses
immer zuerst die groen Nationalangelegenheiten gebracht, und von ihm
besorgt und weiterbefrdert worden; da es somit jetzt zum erstenmal
geschieht, da den gebildeten Stnden die ursprngliche Fortbildung
der Nation angetragen wird, und da, wenn sie diesen Antrag wirklich
ergriffen, auch dies das erstemal geschehen wrde. Wir werden
ersehen, da diese Stnde nicht berechnen knnen, auf wie lange Zeit
es noch in ihrer Gewalt stehen werde, sich an die Spitze dieser
Angelegenheit zu stellen, indem dieselbe bis zum Vortrage an das Volk
schon beinahe vorbereitet und reif sei, und an Gliedern aus dem Volke
gebt werde, und dieses nach kurzer Zeit ohne alle unsre Beihilfe
sich selbst werde helfen knnen, woraus fr uns blo das erfolgen
werde, da die jetzigen Gebildeten und ihre Nachkommen zum Volke
werden, aus dem bisherigen Volke aber ein andrer hherer gebildeter
Stand emporkomme.

Nach allem ist es der allgemeine Zweck dieser Reden, Mut und
Hoffnung zu bringen in die Zerschlagenen, Freude zu verkndigen
in die tiefe Trauer, ber die Stunde der grten Bedrngnis
leicht und sanft hinber zu leiten. Die Zeit erscheint mir wie
ein Schatten, der ber seinem Leichname, aus dem soeben ein
Heer von Krankheiten ihn herausgetrieben, steht und jammert,
und seinen Blick nicht loszureien vermag von der ehedem so
geliebten Hlle, und verzweifelnd alle Mittel versucht, um wieder
hineinzukommen in die Behausung der Seuchen. Zwar haben schon
die belebenden Lfte der andern Welt, in die die abgeschiedene
eingetreten, sie aufgenommen in sich, und umgeben sie mit warmem
Liebeshauche, zwar begren sie schon freudig heimliche Stimmen
der Schwestern, und heien sie willkommen, zwar regt es sich
schon und dehnt sich in ihrem Innern nach allen Richtungen
hin, um die herrlichere Gestalt, zu der sie erwachsen soll,
zu entwickeln; aber noch hat sie kein Gefhl fr diese Lfte,
oder Gehr fr diese Stimmen, oder wenn sie es htte, so ist
sie aufgegangen in Schmerz ber ihren Verlust, mit welchem sie
zugleich sich selbst verloren zu haben glaubt. Was ist mit ihr zu
tun? Auch die Morgenrte der neuen Welt ist schon angebrochen,
und vergoldet schon die Spitzen der Berge, und bildet vor den
Tag, der da kommen soll. Ich will, so ich es kann, die Strahlen
dieser Morgenrte fassen, und sie verdichten zu einem Spiegel, in
welchem die trostlose Zeit sich erblicke, damit sie glaube, da
sie noch da ist, und in ihm ihr wahrer Kern sich ihr darstelle,
und die Entfaltungen und Gestaltungen desselben in einem
weissagenden Gesichte vor ihr vorber gehen. In diese Anschauung
hinein wird ihr denn ohne Zweifel auch das Bild ihres bisherigen
Lebens versinken, und verschwinden, und der Tote wird ohne
bermiges Wehklagen zu seiner Ruhesttte gebracht werden knnen.




Zweite Rede.

Vom Wesen der neuen Erziehung im allgemeinen.


Das von mir vorgeschlagene Erhaltungsmittel einer deutschen Nation
berhaupt, zu dessen klarer Einsicht diese Reden zunchst Sie, und
nebst Ihnen die ganze Nation fhren mchten, geht als ein solches
Mittel hervor aus der Beschaffenheit der Zeit, sowie der deutschen
Nationaleigentmlichkeiten, so wie dieses Mittel wiederum eingreifen
soll in Zeit und Bildung der Nationaleigentmlichkeiten. Es ist somit
dieses Mittel nicht eher vollkommen klar und verstndlich gemacht,
als bis es mit diesen, und diese mit ihm zusammen gehalten, und beide
in vollkommener gegenseitiger Durchdringung dargestellt sind, welche
Geschfte einige Zeit erfordern, und so die vollkommene Klarheit nur
am Ende unsrer Reden zu erwarten ist. Da wir jedoch bei irgendeinem
einzelnen Teile anfangen mssen, so wird es am zweckmigsten sein,
zufrderst jenes Mittel selbst, abgesondert von seinen Umgebungen in
Zeit und Raum, fr sich in seinem innern Wesen zu betrachten, und
so soll denn diesem Geschfte unsre heutige und nchstfolgende Rede
gewidmet sein.

Das angegebene Mittel war eine durchaus neue, und vorher noch
nie also bei irgendeiner Nation dagewesene Nationalerziehung
der Deutschen. Diese neue Erziehung wurde schon in der vorigen
Rede zur Unterscheidung von der bisher blichen also bezeichnet:
die bisherige Erziehung habe zu guter Ordnung und Sittlichkeit
hchstens nur ermahnt, aber diese Ermahnungen seien unfruchtbar
gewesen fr das wirkliche Leben, welches nach ganz andern, dieser
Erziehung durchaus unzugnglichen Grnden sich gebildet habe.
Im Gegensatze mit dieser msse die neue Erziehung die wirkliche
Lebensregung und -bewegung ihrer Zglinge, nach Regeln sicher und
unfehlbar bilden, und bestimmen knnen.

So nun etwa hierauf jemand also gesagt htte, wie denn auch
wirklich diejenigen, welche die bisherige Erziehung leiten, fast
ohne Ausnahme also sagen: Wie knnte man denn auch irgendeiner
Erziehung mehr anmuten, als da sie dem Zglinge das Recht
zeige, und ihn getreulich zu denselben anmahne; ob er diesen
Ermahnungen folgen wolle, das sei seine eigne Sache, und wenn
er es nicht tue, seine eigne Schuld; er habe freien Willen,
den keine Erziehung ihm nehmen knne: so wrde ich hierauf, um
die von mir gedachte Erziehung noch schrfer zu bezeichnen,
antworten: da gerade in diesem Anerkennen, und in diesem
Rechnen auf einen freien Willen des Zglings der erste Irrtum
der bisherigen Erziehung, und das deutliche Bekenntnis ihrer
Ohnmacht und Nichtigkeit liege. Denn indem sie bekennt, da nach
aller ihrer krftigsten Wirksamkeit der Wille dennoch frei, d.
i. unentschieden schwankend zwischen Gutem und Bsem bleibe,
bekennt sie, da sie den Willen, und da dieser die eigentliche
Grundwurzel des Menschen selbst ist, den Menschen selbst zu
bilden durchaus weder vermge, noch wolle oder begehre, und
da sie dies berhaupt fr unmglich halte. Dagegen wrde die
neue Erziehung gerade darin bestehen mssen, da sie auf dem
Boden, dessen Bearbeitung sie bernehme, die Freiheit des Willens
gnzlich vernichtete, und dagegen strenge Notwendigkeit der
Entschlieungen, um die Unmglichkeit des entgegengesetzten in
dem Willen hervorbrchte, auf welchem Willen man nunmehr sicher
rechnen und auf ihn sich verlassen knnte.

Alle Bildung strebt an, die Hervorbringung eines festen
bestimmten und beharrlichen Seins, das nun nicht mehr wird,
sondern ist, und nicht anders sein kann, denn so wie es ist.
Strebte sie nicht an ein solches Sein, so wre sie nicht Bildung,
sondern irgendein zweckloses Spiel; htte sie ein solches Sein
nicht hervorgebracht, so wre sie eben noch nicht vollendet.
Wer sich noch ermahnen mu, und ermahnt werden, das Gute zu
wollen, der hat noch kein bestimmtes und stets bereitstehendes
Wollen, sondern er will sich dieses erst jedesmal im Falle des
Gebrauches machen; wer ein solches festes Wollen hat, der will,
was er will, fr alle Ewigkeit, und er kann in keinem mglichen
Falle anders wollen, denn also, wie er eben immer will; fr
ihn ist die Freiheit des Willens vernichtet und aufgegangen
in der Notwendigkeit. Dadurch eben hat die bisherige Zeit
gezeigt, da sie von Bildung zum Menschen weder einen rechten
Begriff, noch die Kraft hatte, diesen Begriff darzustellen, da
sie durch ermahnende Predigten die Menschen bessern wollte,
und verdrielich ward und schalt, wenn diese Predigten nichts
fruchteten. Wie konnten sie doch fruchten? Der Wille des
Menschen hat schon vor der Ermahnung vorher, und unabhngig von
ihr, seine feste Richtung; stimmt diese zusammen mit deiner
Ermahnung, so kommt die Ermahnung zu spt, und der Mensch htte
auch ohne dieselbe getan, wozu du ihn ermahntest, steht sie mit
derselben im Widerspruche, so magst du ihn hchstens einige
Augenblicke betuben; wie die Gelegenheit kommt, vergit er
sich selbst und deine Ermahnung, und folgt seinem natrlichen
Hange. Willst du etwas ber ihn vermgen, so mut du mehr tun,
als ihn blo anreden, du mut ihn machen, ihn also machen, da
er gar nicht anders wollen knne, als du willst, da er wolle.
Es ist vergebens zu sagen, fliege -- dem der keine Flgel hat,
und er wird durch alle deine Ermahnungen nie zwei Schritte ber
den Boden empor kommen; aber entwickle, wenn du kannst, seine
geistigen Schwungfedern, und lasse ihn dieselben ben und krftig
machen, und er wird ohne alle dein Ermahnen gar nicht anders mehr
wollen oder knnen, denn fliegen.

Diesen festen und nicht weiter schwankenden Willen mu die neue
Erziehung hervorbringen nach einer sichern, und ohne Ausnahme
wirksamen Regel; sie mu selber mit Notwendigkeit erzeugen die
Notwendigkeit, die sie beabsichtiget. Was bisher gut geworden
ist, ist gut geworden durch seine natrliche Anlage, durch
welche die Einwirkung der schlechten Umgebung berwogen wurde;
keineswegs aber durch die Erziehung, denn sonst htte alles durch
dieselbe hindurch gegangene gut werden mssen: was da verdarb,
verdarb ebensowenig durch die Erziehung, denn sonst htte alles
durch sie hindurchgehende verderben mssen, sondern durch sich
selber und seine natrliche Anlage; die Erziehung war in dieser
Rcksicht nur nichtig, keineswegs verderblich, das eigentliche
bildende Mittel war die geistige Natur. Aus den Hnden dieser
dunklen, und nicht zu berechnenden Kraft nun soll hinfr die
Bildung zum Menschen unter die Botmigkeit einer besonnenen
Kunst gebracht werden, die an allem ohne Ausnahme, was ihr
anvertraut wird, ihren Zweck sicher erreiche, oder, wo sie ihn
etwa nicht erreichte, wenigstens wei, da sie ihn nicht erreicht
hat, und da somit die Erziehung noch nicht geschlossen ist.
Eine sichere und besonnene Kunst, einen festen und unfehlbaren
guten Willen im Menschen zu bilden, soll also die von mir
vorgeschlagene Erziehung sein, und dieses ist ihr erstes Merkmal.

Weiter -- der Mensch kann nur dasjenige wollen, was er liebt;
seine Liebe ist der einzige, zugleich auch der unfehlbare Antrieb
seines Wollens und aller seiner Lebensregung und -bewegung. Die
bisherige Staatskunst, als die Erziehung des gesellschaftlichen
Menschen, setzte als sichere und ohne Ausnahme geltende Regel
voraus, da jedermann sein eignes sinnliches Wohlsein liebe und
wolle, und sie knpfte an diese natrliche Liebe durch Furcht
und Hoffnung knstlich den guten Willen, den sie wollte, das
Interesse fr das gemeine Wesen. Abgerechnet, da bei dieser
Erziehungsweise der uerlich zum unschdlichen oder brauchbaren
Brger gewordene dennoch innerlich ein schlechter Mensch bleibt,
denn darin eben besteht die Schlechtigkeit, da man nur sein
sinnliches Wohlsein liebe, und nur durch Furcht oder Hoffnung
fr dieses, sei es nun im gegenwrtigen, oder in einem knftigen
Leben bewegt werden knne; -- dieses abgerechnet, haben wir schon
oben ersehen, da diese Maregel fr uns nicht mehr anwendbar
ist, indem Furcht und Hoffnung nicht mehr fr uns, sondern
gegen uns dienen, und die sinnliche Selbstliebe auf keine Weise
in unsern Vorteil gezogen werden kann. Wir sind daher sogar
durch die Not gedrungen, innerlich und im Grunde gute Menschen
bilden zu wollen, indem nur in solchen die deutsche Nation noch
fortdauern kann, durch schlechte aber notwendig mit dem Auslande
zusammenfliet. Wir mssen darum an die Stelle jener Selbstliebe,
an welche nichts Gutes fr uns sich lnger knpfen lt, eine
andre Liebe, die unmittelbar auf das Gute, schlechtweg als
solches, und um sein selbst willen gehe, in den Gemtern aller,
die wir zu unsrer Nation rechnen, setzen und begrnden.

Die Liebe fr das Gute schlechtweg als solches, und nicht etwa um
seiner Ntzlichkeit willen fr uns selber, trgt, wie wir schon
ersehen haben, die Gestalt des Wohlgefallens an demselben: eines
so innigen Wohlgefallens, da man dadurch getrieben werde, es
in seinem Leben darzustellen. Dieses innige Wohlgefallen also
wre es, was die neue Erziehung als festes und unwandelbares
Sein ihres Zglings hervorbringen mte; worauf denn dieses
Wohlgefallen durch sich selbst den unwandelbar guten Willen
desselben Zglings als notwendig begrnden wrde.

Ein Wohlgefallen, das da treibt einen gewissen Zustand der Dinge,
der in der Wirklichkeit nicht vorhanden ist, hervorzubringen in
derselben, setzt voraus ein Bild dieses Zustandes, das vor dem
wirklichen Sein desselben vorher dem Geiste vorschwebt, und jenes
zur Ausfhrung treibende Wohlgefallen auf sich zieht. Somit setzt
dieses Wohlgefallen in der Person, die von ihm ergriffen werden
soll, voraus das Vermgen, selbstttig dergleichen Bilder, die
unabhngig seien von der Wirklichkeit, und keineswegs Nachbilder
derselben, sondern vielmehr Vorbilder, zu entwerfen. Ich habe
jetzt zu allernchst von diesem Vermgen zu sprechen, und ich
bitte, whrend dieser Betrachtung ja nicht zu vergessen, da
ein durch dieses Vermgen hervorgebrachtes Bild eben als bloes
Bild, und als dasjenige, worin wir unsre bildende Kraft fhlen,
gefallen knne, ohne doch darum genommen zu werden als Vorbild
einer Wirklichkeit, und ohne in dem Grade zu gefallen, da es
zur Ausfhrung treibe; da dies letztere ein ganz andres, und
unser eigentlicher Zweck ist, von dem wir spter zu reden nicht
unterlassen werden, jenes nchste aber lediglich die vorlufige
Bedingung enthlt zur Erreichung des wahren letzten Zwecks der
Erziehung.

Jenes Vermgen, Bilder, die keineswegs bloe Nachbilder der
Wirklichkeit seien, sondern die da fhig sind, Vorbilder
derselben zu werden, selbstttig zu entwerfen, wre das erste,
wovon die Bildung des Geschlechts durch die neue Erziehung
ausgehen mte. Selbstttig zu entwerfen, habe ich gesagt,
und also, da der Zgling durch eigne Kraft sie sich erzeuge,
keineswegs etwa, da er nur fhig werde, das durch die Erziehung
ihm hingegebene Bild, leidend aufzufassen, es hinlnglich zu
verstehen, und es, also wie es ihm gegeben ist, zu wiederholen,
als ob es nur um das Vorhandensein eines solchen Bildes zu tun
wre. Der Grund dieser Forderung der eignen Selbstttigkeit in
diesem Bilden ist folgender: nur unter dieser Bedingung kann das
entworfene Bild das ttige Wohlgefallen des Zglings an sich
ziehen. Es ist nmlich ganz etwas andres, sich etwas nur gefallen
zu lassen, und nichts dagegen zu haben, dergleichen leidendes
Gefallenlassen allein hchstens aus einem leidenden Hingeben
entstehen kann; wiederum aber etwas andres, von dem Wohlgefallen
an etwas also ergriffen werden, da dasselbe schpferisch werde,
und alle unsre Kraft zum Bilden anrege. Von dem ersten, das in
allewege in der bisherigen Erziehung wohl auch vorkam, sprechen
wir nicht, sondern von dem letzten. Dieses letzte Wohlgefallen
aber wird allein dadurch angezndet, da die Selbstttigkeit des
Zglings zugleich angereizt, und an dem gegebenen Gegenstande
ihm offenbar werde, und so dieser Gegenstand nicht blo fr
sich, sondern zugleich auch als ein Gegenstand der geistigen
Kraftuerung gefalle, welche letztere unmittelbar, notwendig,
und ohne alle Ausnahme wohlgefllt.

Diese im Zglinge zu entwickelnde Ttigkeit des geistigen
Bildens ist ohne Zweifel eine Ttigkeit nach Regeln, welche
Regeln dem Ttigen kundwerden, bis zur Einsicht ihrer einzigen
Mglichkeit in unmittelbarer Erfahrung an sich selber; also,
diese Ttigkeit bringt hervor Erkenntnis, und zwar allgemeiner
und ohne Ausnahme geltender Gesetze. Auch in dem von diesem
Punkte aus sich anhebenden freien Fortbilden ist unmglich, was
gegen das Gesetz unternommen wird, und es erfolgt keine Tat, bis
das Gesetz befolgt ist; wenn daher auch diese freie Fortbildung
anfangs von blinden Versuchen ausginge, so mte sie doch enden
mit erweiterter Erkenntnis des Gesetzes. Diese Bildung ist
daher in ihrem letzten Erfolge Bildung des Erkenntnisvermgens
des Zglings, und zwar keineswegs die historische an den
stehenden Beschaffenheiten der Dinge, sondern die hhere und
philosophische, an den Gesetzen, nach denen eine solche stehende
Beschaffenheit der Dinge notwendig wird. Der Zgling lernt.

Ich setze hinzu: der Zgling lernt gern und mit Lust, und er
mag, solange die Spannung der Kraft vorhlt, gar nichts lieber
tun, denn lernen, denn er ist selbstttig, indem er lernt,
und dazu hat er unmittelbar die allerhchste Lust. Wir haben
hieran ein ueres, teils unmittelbar ins Auge fallendes, teils
untrgliches Kennzeichen der wahren Erziehung gefunden, dies,
da ohne alle Rcksicht auf die Verschiedenheit der natrlichen
Anlagen und ohne alle Ausnahme jedweder Zgling, an den diese
Erziehung gebracht wird, rein um des Lernens selbst willen, und
aus keinem andern Grunde, mit Lust und Liebe lerne. Wir haben das
Mittel gefunden, diese reine Liebe zum Lernen anzuznden, dies,
die unmittelbare Selbstttigkeit des Zglings anzuregen, und
diese zur Grundlage aller Erkenntnis zu machen, also, da an ihr
gelernt werde, was gelernt wird.

Diese eigne Ttigkeit des Zglings in irgendeinem uns bekannten
Punkte nur erst anzuregen, ist das erste Hauptstck der Kunst.
Ist dieses gelungen, so kommt es nur noch darauf an, die
angeregte von diesem Punkte aus immer im frischen Leben zu
erhalten, welches allein durch regelmiges Fortschreiten mglich
ist, und wo jeder Fehlgriff der Erziehung auf der Stelle durch
Milingen des Beabsichtigten sich entdeckt. Wir haben also auch
das Band gefunden, wodurch der beabsichtigte Erfolg unabtrennlich
angeknpft wird an die angegebene Wirkungsweise, das ewige und
ohne alle Ausnahme waltende Grundgesetz der geistigen Natur des
Menschen, da er geistige Ttigkeit unmittelbar anstrebe.

Sollte jemand, durch die gewhnliche Erfahrung unsrer Tage
irregeleitet, sogar gegen das Vorhandensein eines solchen
Grundgesetzes Zweifel hegen, so merken wir fr einen solchen zum
Ueberflusse an, da der Mensch von Natur allerdings blo sinnlich
und selbstschtig ist, solange die unmittelbare Not und das
gegenwrtige sinnliche Bedrfnis ihn treibt, und da er durch
kein geistiges Bedrfnis, oder irgendeine schonende Rcksicht
sich abhalten lt, dieses zu befriedigen; da er aber, nachdem
nur diesem abgeholfen ist, wenig Neigung hat, das schmerzhafte
Bild desselben in seiner Phantasie zu bearbeiten, und es sich
gegenwrtig zu erhalten, sondern da er es weit mehr liebt,
den losgebundenen Gedanken auf die freie Betrachtung dessen,
was die Aufmerksamkeit seiner Sinne reizt, zu richten, ja da
er auch einen dichterischen Ausflug in ideale Welten gar nicht
verschmht, indem ihm von Natur ein leichter Sinn beiwohnt fr
das Zeitliche, damit sein Sinn fr das Ewige einigen Spielraum
zur Entwicklung erhalte. Das letzte wird bewiesen durch die
Geschichte aller alten Vlker, und die mancherlei Beobachtungen
und Entdeckungen, die von ihnen auf uns gekommen sind; es wird
bewiesen bis auf unsre Tage durch die Beobachtung der noch
brigen wilden Vlker, falls nmlich sie von ihrem Klima nur
nicht gar zu stiefmtterlich behandelt werden, und durch die
unsrer eignen Kinder; es wird sogar bewiesen durch das freimtige
Gestndnis unsrer Eiferer gegen Ideale, welche sich beklagen, da
es ein weit verdrielicheres Geschft sei, Namen und Jahreszahlen
zu lernen, denn aufzufliegen in das, wie es ihnen vorkommt, leere
Feld der Ideen, welche sonach selber, wie es scheint, lieber
das zweite tten, wenn sie sich's erlauben drften, denn das
erste. Da an die Stelle dieses naturgemen Leichtsinns der
schwere Sinn trete, wo auch dem Gesttigten der knftige Hunger,
und die ganzen langen Reihen alles mglichen knftigen Hungers,
als das einzige seine Seele fllende, vorschweben, und ihn
immerfort stacheln und treiben, wird in unserm Zeitalter durch
Kunst bewirkt, beim Knaben durch Zchtigung seines natrlichen
Leichtsinns, beim Manne durch das Bestreben fr einen klugen Mann
zu gelten, welcher Ruhm nur demjenigen zuteil wird, der jenen
Gesichtspunkt keinen Augenblick aus den Augen lt; es ist daher
dies keineswegs Natur, auf die wir zu rechnen htten, sondern ein
der widerstrebenden Natur mit Mhe aufgedrungenes Verderben, das
da wegfllt, sowie nur jene Mhe nicht mehr angewendet wird.

Diese unmittelbar die geistige Selbstttigkeit des Zglings
anregende Erziehung erzeugt Erkenntnis, sagten wir oben; und
dies gibt uns Gelegenheit, die neue Erziehung im Gegensatze mit
der bisherigen, noch tiefer zu bezeichnen. Eigentlich nmlich,
und unmittelbar geht die neue Erziehung nur auf Anregung
regelmig fortschreitender Geistesttigkeit. Die Erkenntnis
ergibt sich, wie wir schon oben gesehen haben, nur nebenbei, und
als nicht auenbleibende Folge. Ob es daher nun zwar wohl diese
Erkenntnis ist, in welcher allein das Bild fr das wirkliche
Leben, das die knftige ernstliche Ttigkeit unsers zum Manne
gewordenen Zglings anregen soll, erfat werden kann; die
Erkenntnis daher allerdings ein wesentlicher Bestandteil der zu
erlangenden Bildung ist, so kann man dennoch nicht sagen, da
die neue Erziehung diese Erkenntnis unmittelbar beabsichtige,
sondern die Erkenntnis fllt derselben nur zu. Im Gegenteile
beabsichtigte die bisherige Erziehung geradezu Erkenntnis,
und ein gewisses Ma eines Erkenntnisstoffes. Ferner ist ein
groer Unterschied zwischen der Art der Erkenntnis, welche der
neuen Erziehung nebenbei entsteht, und derjenigen, welche die
bisherige Erziehung beabsichtigte. Jener entsteht die Erkenntnis
der die Mglichkeit aller geistigen Ttigkeit bedingenden
Gesetze dieser Ttigkeit. Zum Beispiel wenn der Zgling in
freier Phantasie durch gerade Linien einen Raum zu begrenzen
versucht, so ist dies die zuerst angeregte geistige Ttigkeit
desselben. Wenn er in diesen Versuchen findet, da er mit
weniger denn drei geraden Linien keinen Raum begrenzen knne, so
ist dieses letztere die nebenbei entstehende Erkenntnis einer
zweiten ganz andern Ttigkeit des, das zuerst angeregte freie
Vermgen beschrnkenden Erkenntnisvermgens. Dieser Erziehung
entsteht sonach gleich bei ihrem Beginnen eine wahrhaft ber
alle Erfahrung erhabene, bersinnliche, streng notwendige und
allgemeine Erkenntnis, die alle nachher mgliche Erfahrung
schon im voraus unter sich befat. Dagegen ging der bisherige
Unterricht in der Regel nur auf die stehenden Beschaffenheiten
der Dinge, wie sie eben, ohne da man dafr einen Grund angeben
knne, seien, und geglaubt, und gemerkt werden mten; also auf
ein blo leitendes Auffassen durch das lediglich im Dienste der
Dinge stehende Vermgen des Gedchtnisses, wodurch es berhaupt
gar nicht zur Ahnung des Geistes, als eines selbstndigen und
uranfnglichen Prinzips der Dinge selber kommen konnte. Es
vermeine die neuere Pdagogik ja nicht durch die Berufung auf
ihren oft bezeugten Abscheu gegen mechanisches Auswendiglernen,
und auf ihre bekannten Meisterstcke in sokratischer Manier,
gegen diesen Vorwurf sich zu decken; denn hierauf hat sie
schon lngst wo anders den grndlichen Bescheid erhalten, da
diese sokratischen Rsonnements gleichfalls nur mechanisch
auswendig gelernt werden, und da dies ein um so gefhrlicheres
Auswendiglernen ist, da es dem Zglinge, der nicht denkt, dennoch
den Schein gibt, da er denken knne; da dies bei dem Stoffe,
den sie zur Entwicklung des Selbstdenkens anwenden wollte, nicht
anders erfolgen konnte, und da man fr diesen Zweck mit einem
ganz andern Stoffe anheben msse. Aus dieser Beschaffenheit des
bisherigen Unterrichts erhellet, teils warum in der Regel der
Zgling bisher ungern, und darum langsam und sprlich lernte,
und in Ermangelung des Reizes aus dem Lernen selber, fremdartige
Antriebe untergelegt werden muten, teils geht daraus hervor der
Grund von bisherigen Ausnahmen von der Regel. Das Gedchtnis,
wenn es allein, und ohne irgendeinem andern geistigen Zwecke
dienen zu sollen, in Anspruch genommen wird, ist vielmehr ein
Leiden des Gemts, als eine Ttigkeit desselben, und es lt
sich einsehen, da der Zgling dieses Leiden hchst ungern
bernehmen werde. Auch ist die Bekanntschaft mit ganz fremden,
und nicht das mindeste Interesse fr ihn habenden Dingen, und
mit ihren Eigenschaften, ein schlechter Ersatz fr jenes ihm
zugefgte Leiden; deswegen mute seine Abneigung durch die
Vertrstung auf die knftige Ntzlichkeit dieser Erkenntnisse,
und da man nur vermittelst ihrer Brot und Ehre finden knne,
und sogar durch unmittelbar gegenwrtige Strafe und Belohnung
berwunden werden; -- da somit die Erkenntnis gleich von
vornherein als Dienerin des sinnlichen Wohlseins aufgestellt
wurde, und diese Erziehung, welche in Absicht ihres Inhalts oben
als blo unkrftig fr Entwicklung einer sittlichen Denkart
aufgestellt wurde, um nur an den Zgling zu gelangen, das
moralische Verderben desselben sogar pflanzen und entwickeln,
und ihr Interesse an das Interesse dieses Verderbens anknpfen
mute. Man wird ferner finden, da das natrliche Talent, welches
als Ausnahme von der Regel, in der Schule dieser bisherigen
Erziehung gern lernte, und deswegen gut, und durch diese in ihm
waltende hhere Liebe das moralische Verderben der Umgebung
berwand, und seinen Sinn rein erhielt, durch seinen natrlichen
Hang, jenen Gegenstnden ein praktisches Interesse abgewann,
und da es, von seinem glcklichen Instinkte geleitet, vielmehr
darauf ausging, dergleichen Erkenntnisse selbst hervorzubringen,
denn darauf, sie blo aufzufassen; sodann, da in Absicht der
Lehrgegenstnde, mit denen, als Ausnahme von der Regel, es dieser
Erziehung noch am allgemeinsten und glcklichsten gelang, dieses
insgesamt solche sind, die sie ttig ausben lie, so wie zum
Beispiel diejenige gelehrte Sprache, in der bis aufs Schreiben
und Reden derselben ausgegangen wurde, beinahe allgemein
ziemlich gut, dagegen diejenige andre, in der die Schreib- und
Redebungen vernachlssigt wurden, in der Regel sehr schlecht
und oberflchlich gelernt, und in reiferen Jahren vergessen
worden. Da daher auch aus der bisherigen Erfahrung hervorgeht,
da es allein die Entwicklung der geistigen Ttigkeit durch
den Unterricht sei, die da Lust an der Erkenntnis, rein als
solcher, hervorbringe, und so auch das Gemt der sittlichen
Bildung offen erhalte, dagegen das blo leidende Empfangen ebenso
die Erkenntnis lhme und tte, wie es ihr Bedrfnis sei, den
sittlichen Sinn in Grund und Boden hinein zu verderben.

Um wieder zurckzukehren zum Zglinge der neuen Erziehung: es ist
klar, da derselbe, von seiner Liebe getrieben, viel, und da er
alles in seinem Zusammenhange fat, und das Gefate unmittelbar
durch ein Tun bt, dieses viele richtig und unvergelich lernen
werde. Doch ist dieses nur Nebensache. Bedeutender ist, da durch
diese Liebe sein Selbst erhhet, und in eine ganz neue Ordnung
der Dinge, in welche bisher nur wenige von Gott Begnstigte
von ungefhr kamen, besonnen, und nach einer Regel eingefhrt
wird. Ihn treibt eine Liebe, die durchaus nicht auf irgendeinen
sinnlichen Genu ausgeht, indem dieser, als Antrieb, fr ihn
gnzlich schweigt, sondern auf die geistige Ttigkeit, um der
Ttigkeit willen, und auf das Gesetz derselben, um des Gesetzes
willen. Ob nun zwar nicht diese geistige Ttigkeit berhaupt es
ist, auf welche die Sittlichkeit geht, sondern dazu noch eine
besondere Richtung jener Ttigkeit kommen mu, so ist dennoch
jene Liebe die allgemeine Beschaffenheit und Form des sittlichen
Willens; und so ist denn diese Weise der geistigen Bildung die
unmittelbare Vorbereitung zu der sittlichen; die Wurzel der
Unsittlichkeit aber rottet sie, indem sie den sinnlichen Genu
durchaus niemals Antrieb werden lt, gnzlich aus. Bisher
war dieser Antrieb der erste, der da angeregt und ausgebildet
wurde, weil man auerdem den Zgling gar nicht bearbeiten und
einigen Einflu auf denselben gewinnen zu knnen glaubte;
sollte hinterher der sittliche Antrieb entwickelt werden, so
kam derselbe zu spt, und fand das Herz schon eingenommen und
angefllt von einer andern Liebe. Durch die neue Erziehung soll
umgekehrt die Bildung zum reinen Wollen das erste werden, damit,
wenn spterhin doch die Selbstsucht innerlich erwachen, oder von
auen angeregt werden sollte, diese zu spt komme, und in dem
schon von etwas anderm eingenommenen Gemte keinen Platz fr sich
finde.

Wesentlich ist schon fr diesen ersten, sowie fr den demnchst
anzugebenden zweiten Zweck, da der Zgling von Anbeginn an
ununterbrochen, und ganz unter dem Einflusse dieser Erziehung
stehe, und da er von dem Gemeinen gnzlich abgesondert, und
vor aller Berhrung damit verwahrt werde. Da man um seiner
Erhaltung und seines Wohlseins willen im Leben sich regen und
bewegen knne, mu er gar nicht hren, und ebensowenig, da
man um deswillen lerne, oder da das Lernen dazu etwas helfen
knne. Es folgt daraus, da die geistige Entwicklung in der oben
angegebenen Weise, die einzige sein msse, die an ihn gebracht
werde, und da er mit derselben ohne Unterla beschftigt werden
msse, da er aber keineswegs diese Weise des Unterrichts mit
demjenigen, der des entgegengesetzten sinnlichen Antriebs bedarf,
abwechseln drfe.

Ob nun aber wohl diese geistige Entwicklung die Selbstsucht nicht
zum Leben kommen lt, und die Form eines sittlichen Willens
gibt, so ist dies doch darum noch nicht der sittliche Wille
selbst; und falls die von uns vorgeschlagene neue Erziehung
nicht weiter ginge, so wrde sie hchstens treffliche Bearbeiter
der Wissenschaften erziehen, deren es auch bisher gegeben hat,
und deren es nur wenige bedarf, und die fr unsern eigentlichen
menschlichen und nationalen Zweck nicht mehr vermgen wrden,
als dergleichen Mnner auch bisher vermocht haben; ermahnen und
wieder ermahnen, und sich anstaunen und nach Gelegenheit schmhen
zu lassen. Aber es ist klar, und ist auch schon oben gesagt,
da diese freie Ttigkeit des Geistes in der Absicht entwickelt
worden, damit der Zgling mit derselben frei das Bild einer
sittlichen Ordnung des wirklich vorhandenen Lebens entwerfe,
dieses Bild mit der in ihm gleichfalls schon entwickelten Liebe
fasse, und durch diese Liebe getrieben werde, dasselbe in und
durch sein Leben wirklich darzustellen. Es fragt sich, wie die
neue Erziehung sich den Beweis fhren knne, da sie diesen ihren
eigentlichen und letzten Zweck an ihrem Zglinge erreicht habe?

Zuvrderst ist klar, da die schon frher an andern Gegenstnden
gebte geistige Ttigkeit des Zglings angeregt werden msse,
ein Bild von der gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, so
wie dieselbe nach dem Vernunftgesetze schlechthin sein soll,
zu entwerfen. Ob dieses vom Zglinge entworfene Bild richtig
sei, ist von einer Erziehung, die nur selbst im Besitze dieses
richtigen Bildes sich befindet, am leichtesten zu beurteilen; ob
dasselbe durch die eigne Selbstttigkeit des Zglings entworfen,
keineswegs aber nur leidend aufgefat, und der Schule glubig
nachgesagt werde, ferner ob es zur gehrigen Klarheit und
Lebhaftigkeit gesteigert sei, wird die Erziehung auf dieselbe
Weise beurteilen knnen, wie sie frher in derselben Rcksicht
bei andern Gegenstnden ein treffendes Urteil gefllt hat. Alles
dies ist noch Sache der bloen Erkenntnis, und verbleibt auf dem
in dieser Beziehung sehr zugnglichen Gebiete derselben. Eine
ganz andre aber und hhere Frage ist die, ob der Zgling also von
brennender Liebe fr eine solche Ordnung der Dinge ergriffen sei,
da es ihm, der Leitung der Erziehung entlassen und selbstndig
hingestellt, schlechterdings unmglich sein werde, diese Ordnung
nicht zu wollen, und nicht aus allen seinen Krften fr die
Befrderung derselben zu arbeiten; ber welche Frage ohne Zweifel
nicht Worte und in Worten anzustellende Prfungen, sondern allein
der Anblick von Taten entscheiden knnen.

Ich lse die durch diese letzte Betrachtung uns gestellte
Aufgabe also: ohne Zweifel werden doch die Zglinge dieser
neuen Erziehung, obwohl abgesondert von der schon erwachsenen
Gemeinheit, dennoch untereinander selbst in Gemeinschaft leben,
und so ein abgesondertes und fr sich selbst bestehendes
Gemeinwesen bilden, das seine genau bestimmte, in der Natur
der Dinge gegrndete, und von der Vernunft durchaus geforderte
Verfassung habe. Das allererste Bild einer geselligen Ordnung,
zu dessen Entwerfung der Geist des Zglings angeregt werde,
sei das der Gemeinde, in der er selber lebt, also, da er
innerlich gezwungen sei, diese Ordnung Punkt fr Punkt gerade
also sich zu bilden, wie sie wirklich vorgezeichnet ist, und
da er dieselbe in allen ihren Teilen als durchaus notwendig
aus ihren Grnden verstehe. Dies ist nun abermals bloes Werk
der Erkenntnis. In dieser gesellschaftlichen Ordnung mu nun im
wirklichen Leben jeder einzelne um des Ganzen willen immerfort
gar vieles unterlassen, was er, wenn er sich allein befnde,
unbedenklich tun knnte; und es wird zweckmig sein, da in
der Gesetzgebung, und in dem darauf zu bauenden Unterrichte
ber die Verfassung, jedem einzelnen alle die brigen mit einer
zum Ideal gesteigerten Ordnungsliebe vorgestellt werden, welche
also vielleicht kein einziger wirklich hat, die aber alle haben
sollten; und da somit diese Gesetzgebung einen hohen Grad von
Strenge erhalte, und der Unterlassungen gar viele auflege. Diese,
als etwas das schlechthin sein mu, und auf welchem das Bestehen
der Gesellschaft beruht, sind auf den Notfall sogar durch Furcht
vor gegenwrtiger Strafe zu erzwingen; und mu dieses Strafgesetz
schlechthin ohne Schonung oder Ausnahme vollzogen werden. Der
Sittlichkeit des Zglings geschieht durch diese Anwendung der
Furcht, als eines Triebes, gar kein Eintrag, indem hier ja
nicht zum Tun des Guten, sondern nur zur Unterlassung des in
dieser Verfassung Bsen getrieben werden soll; berdies mu im
Unterrichte ber die Verfassung vollkommen verstndlich gemacht
werden, da der, welcher der Vorstellung von der Strafe, oder
wohl gar der Anfrischung dieser Vorstellung durch die Erduldung
der Strafe selbst noch bedrfe, auf einer sehr niedrigen Stufe
der Bildung stehe. Jedennoch ist bei allem diesen klar, da, da
man niemals wissen kann, ob da wo gehorcht wird, aus Liebe zur
Ordnung oder aus Furcht vor der Strafe gehorcht werde, in diesem
Umkreise der Zgling seinen guten Willen nicht uerlich dartun,
noch die Erziehung ihn ermessen knne.

Dagegen ist der Umkreis, wo ein solches Ermessen mglich ist, der
folgende. Die Verfassung mu nmlich ferner also eingerichtet
sein, da der einzelne fr das Ganze nicht blo unterlassen
msse, sondern da er fr dasselbe auch tun und handelnd leisten
knne. Auer der geistigen Entwicklung im Lernen finden in
diesem Gemeinwesen der Zglinge auch noch krperliche Uebungen,
und die mechanischen aber hier zum Ideale veredelten Arbeiten
des Ackerbaues, und die von mancherlei Handwerken statt. Es
sei Grundregel der Verfassung, da jedem, der in irgendeinem
dieser Zweige sich hervortut, zugemutet werde, die andern
darin unterrichten zu helfen, und mancherlei Aufsichten und
Verantwortlichkeiten zu bernehmen; jedem, der irgendeine
Verbesserung findet, oder die von einem Lehrer vorgeschlagene
zuerst und am klarsten begreift, dieselbe mit eigner Mhe
auszufhren, ohne da er doch darum von seinen ohnedies sich
verstehenden persnlichen Aufgaben des Lernens und Arbeitens
losgesprochen sei; da jeder dieser Anmutung freiwillig genge,
und nicht aus Zwang, indem es dem Nichtwollenden auch freisteht,
sie abzulehnen; da er dafr keine Belohnung zu erwarten habe,
indem in dieser Verfassung alle in Beziehung auf Arbeit und
Genu ganz gleich gesetzt sind, nicht einmal Lob, indem es die
herrschende Denkart ist in der Gemeinde, da daran jeder eben nur
seine Schuldigkeit tue, sondern da er allein geniee die Freude
an seinem Tun und Wirken fr das Ganze, und an dem Gelingen
desselben, falls ihm dieses zuteil wird. In dieser Verfassung
wird sonach aus erworbener grerer Geschicklichkeit, und aus
der hierauf verwendeten Mhe, nur neue Mhe und Arbeit folgen,
und gerade der Tchtigere wird oft wachen mssen, wenn andre
schlafen, und nachdenken mssen, wenn andre spielen.

Die Zglinge, welche, ohnerachtet ihnen dieses alles vollkommen
klar und verstndlich ist, dennoch fortgesetzt, und also, da
man mit Sicherheit auf sie rechnen knne, jene erste Mhe und
die aus ihr folgenden weitern Mhen freudig bernehmen, und in
dem Gefhle ihrer Kraft und Ttigkeit stark bleiben und strker
werden -- diese kann die Erziehung ruhig entlassen in die Welt;
an ihnen hat sie diesen ihren Zweck erreicht; in ihnen ist die
Liebe angezndet und brennt bis in die Wurzel ihrer lebendigen
Regung hinein, und sie wird von nun an weiter alles ohne
Ausnahme ergreifen, was an diese Lebensregung gelangen wird; und
sie werden in dem greren Gemeinwesen, in das sie von nun an
eintreten, niemals etwas andres zu sein vermgen, denn dasjenige,
was sie in dem kleinen Gemeinwesen, das sie jetzt verlassen,
unverrckt und unwandelbar waren.

Auf diese Weise ist der Zgling vollendet fr die nchsten und
ohne Ausnahme eintretenden Anforderungen der Welt an ihn, und es
ist geschehen, was die Erziehung im Namen dieser Welt von ihm
verlangt. Noch aber ist er nicht in sich und fr sich selber
vollendet, und es ist noch nicht geschehen, was er selbst von der
Erziehung fordern kann. Sowie auch diese Forderung erfllt wird,
wird er zugleich tchtig, den Anforderungen, die eine hhere Welt
im Namen der gegenwrtigen in besondern Fllen an ihn machen
drfte, zu gengen.




Dritte Rede.

Fortsetzung der Schilderung der neuen Erziehung.


Das eigentliche Wesen der in Vorschlag gebrachten neuen
Erziehung, inwiefern dieselbe in der vorigen Rede beschrieben
worden, bestand darin, da sie die besonnene und sichere Kunst
sei, den Zgling zu reiner Sittlichkeit zu bilden. Zu reiner
Sittlichkeit, sagte ich; die Sittlichkeit, zu der sie erziehet,
steht als ein Erstes, Unabhngiges und Selbstndiges da, das
aus sich selber lebet sein eignes Leben: keineswegs aber, so
wie die bisher oft beabsichtigte Gesetzmigkeit, angeknpft
ist und eingeimpft einem andern nicht sittlichen Triebe, dessen
Befriedigung es diene. Sie ist die besonnene und sichere Kunst
dieser sittlichen Erziehung, sagte ich. Sie schreitet nicht
planlos und auf gutes Glck, sondern nach einer festen und ihr
wohlbekannten Regel einher, und ist ihres Erfolges gewi. Ihr
Zgling geht zu rechter Zeit als ein festes und unwandelbares
Kunstwerk dieser ihrer Kunst hervor, das nicht etwa auch anders
gehen knne, denn also, wie es durch sie gestellt worden, und das
nicht etwa einer Nachhilfe bedrfe, sondern das durch sich selbst
nach seinem eignen Gesetze fortgeht.

Zwar bildet diese Erziehung auch den Geist ihres Zglings; und
diese geistige Bildung ist sogar ihr Erstes, mit welchem sie ihr
Geschft anhebt. Doch ist diese geistige Entwicklung nicht erster
und selbstndiger Zweck, sondern nur das bedingende Mittel, um
sittliche Bildung an den Zgling zu bringen. Inzwischen bleibt
auch diese nur gelegentlich erworbene geistige Bildung ein aus
dem Leben des Zglings unaustilgbarer Besitz, und die ewig
fortbrennende Leuchte seiner sittlichen Liebe. Wie gro auch,
oder wie geringfgig die Summe der Erkenntnisse sein mge, die
er aus der Erziehung mitgebracht; einen Geist, der sein ganzes
Leben hindurch jedwede Wahrheit, deren Erkenntnis ihm notwendig
wird, zu fassen vermag, und welcher ebenso der Belehrung durch
andre empfnglich, als des eignen Nachdenkens fhig ohne Unterla
bleibt, hat er von derselben sicherlich mit davon gebracht.

So weit waren wir in der Beschreibung dieser neuen Erziehung in
der vorigen Rede gekommen. Wir bemerkten am Schlusse derselben,
da durch dieses alles sie dennoch noch nicht vollendet sei,
sondern noch eine andre, von den bis jetzt aufgestellten
verschiedene Aufgabe zu lsen habe; und wir gehen jetzt an das
Geschft, diese Aufgabe nher zu bezeichnen.

Der Zgling dieser Erziehung ist ja nicht blo Mitglied der
menschlichen Gesellschaft hier auf dieser Erde und fr die kurze
Spanne Lebens, die ihm auf derselben vergnnt ist, sondern er
ist auch, und wird ohne Zweifel von der Erziehung anerkannt fr
ein Glied in der ewigen Kette eines geistigen Lebens berhaupt,
unter einer hhern gesellschaftlichen Ordnung. Ohne Zweifel mu
auch zur Einsicht in diese hhere Ordnung eine Bildung, die sein
ganzes Wesen zu umfassen sich vorgenommen hat, ihn anfhren, und
so wie sie ihn leitete, ein Bild jener sittlichen Weltordnung,
die da niemals ist, sondern ewig werden soll, durch eigne
Selbstttigkeit sich vorzuzeichnen, ebenso mu sie ihn leiten,
ein Bild jener bersinnlichen Weltordnung, in der nichts wird,
und die auch niemals geworden ist, sondern die da ewig nur ist,
in dem Gedanken zu entwerfen, mit gleicher Selbstttigkeit und
also, da er innigst verstehe und einsehe, da es nicht anders
sein knne. Er wird, richtig geleitet, mit den Versuchen eines
solchen Bildes zu Ende kommen, und an diesem Ende finden, da
nichts wahrhaftig da sei, auer das Leben, und zwar das geistige
Leben, das da lebet in dem Gedanken; und da alles brige
nicht wahrhaftig da sei, sondern nur dazusein scheine, welches
Scheines aus dem Gedanken hervorgehenden Grund er gleichfalls,
sei es auch nur im allgemeinen, begreifen wird. Er wird ferner
einsehen, da jenes allein wahrhaft daseiende geistige Leben,
in den mannigfaltigen Gestaltungen, die es nicht durch ein
Ohngefhr, sondern durch ein in Gott selber gegrndetes Gesetz
erhielt, wiederum eins sei, das gttliche Leben selber, welches
gttliche Leben allein in dem lebendigen Gedanken da ist und
sich offenbarmacht. So wird er sein Leben, als ein ewiges Glied
in der Kette der Offenbarung des gttlichen Lebens und jedwedes
andre geistige Leben, als eben ein solches Glied erkennen und
heilig halten lernen; und nur in der unmittelbaren Berhrung mit
Gott und dem nicht vermittelten Ausstrmen seines Lebens aus
jenem Leben, Licht und Seligkeit; in jeder Entfernung aber aus
der Unmittelbarkeit Tod, Finsternis und Elend finden. Mit einem
Worte: diese Entwicklung wird ihn zur Religion bilden; und diese
Religion des Einwohnens unsers Lebens in Gott soll allerdings
auch in der neuen Zeit herrschen und in derselben sorgfltig
gebildet werden. Dagegen soll die Religion der alten Zeit, die
das geistige Leben von dem gttlichen abtrennte, und dem erstern
nur vermittelst eines Abfalls von dem zweiten das absolute Dasein
zu verschaffen wute, das sie ihm zugedacht hatte, und welche
Gott als Faden brauchte, um die Selbstsucht noch ber den Tod
des sterblichen Leibes hinaus in andre Welten einzufhren, und
durch Furcht und Hoffnung in diesen die fr die gegenwrtige Welt
schwach gebliebene, zu verstrken -- diese Religion, die offenbar
eine Dienerin der Selbstsucht war, soll allerdings mit der alten
Zeit zugleich zu Grabe getragen werden; denn in der neuen Zeit
bricht die Ewigkeit nicht erst jenseit des Grabes an, sondern sie
kommt ihr mitten in ihre Gegenwart hinein, die Selbstsucht ist
aber sowohl des Regiments, als des Dienstes entlassen, und zieht
demnach auch ihre Dienerschaft mit ihr ab.

Die Erziehung zur wahren Religion ist somit das letzte Geschft der
neuen Erziehung. Ob in der Entwerfung eines hierzu erforderlichen
Bildes der bersinnlichen Weltordnung der Zgling wahrhaft
selbstttig verfahren sei; und ob das entworfene Bild allenthalben
richtig und durchaus klar und verstndlich sei, wird die Erziehung
leicht, auf dieselbe Weise wie bei den brigen Gegenstnden der
Erkenntnis, beurteilen knnen; denn auch dies bleibt auf dem
Gebiete der Erkenntnis.

Bedeutender aber ist auch hier die Frage, wie die Erziehung
ermessen, und sich die Gewhrschaft leisten knne, da diese
Religionskenntnisse nicht tot und kalt bleiben, sondern da sie
sich ausdrcken werden im wirklichen Leben ihres Zglings; welcher
Frage die Beantwortung einer andern Frage vorauszuschicken ist, der
folgenden: wie und auf welche Weise zeigt sich die Religion berhaupt
im Leben?

Unmittelbar, im gewhnlichen Leben und in einer wohlgeordneten
Gesellschaft, bedarf es der Religion durchaus nicht, um das
Leben zu bilden, sondern es reicht fr diese Zwecke die wahre
Sittlichkeit vollkommen hin. In dieser Rcksicht ist also die
Religion nicht praktisch und kann und soll gar nicht praktisch
werden, sondern sie ist lediglich Erkenntnis: sie macht blo
den Menschen sich selber vollkommen klar und verstndlich,
beantwortet die hchste Frage, die er aufwerfen kann, lset ihm
den letzten Widerspruch auf, und bringt so vollkommene Einigkeit
mit sich selbst, und durchgefhrte Klarheit in seinen Verstand.
Sie ist seine vollstndige Erlsung und Befreiung von allem
fremden Bande; und so ist sie ihm denn die Erziehung, als etwas,
das ihm schlechtweg und ohne weitern Zweck gebhrt, schuldig.
Ein Gebiet, um als Antrieb zu wirken, erhlt die Religion
nur entweder in einer hchst unsittlichen und verdorbenen
Gesellschaft, oder wenn die Wirkungssphre des Menschen nicht
innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung, sondern ber dieselbe
hinaus liegt, und dieselbe vielmehr immerfort neu zu erschaffen
und zu erhalten hat, wie beim Regenten, welcher in vielen
Fllen ohne Religion sein Amt gar nicht mit gutem Gewissen
fhren knnte. Von dem letztern Falle ist in einer auf alle
und auf die ganze Nation berechneten Erziehung nicht die Rede.
Wo in der ersten Rcksicht bei klarer Einsicht des Verstandes
in die Unverbesserlichkeit des Zeitalters dennoch unablssig
fortgearbeitet wird an demselben; wo mutig der Schwei des Sens
erduldet wird, ohne einige Aussicht auf eine Ernte; wo wohlgetan
wird auch den Undankbaren, und gesegnet werden mit Taten und
Gtern diejenigen, die da fluchen, und in der klaren Vorhersicht,
da sie abermals fluchen werden; wo nach hundertfltigem
Milingen dennoch ausgeharrt wird im Glauben und in der Liebe: da
ist es nicht die bloe Sittlichkeit, die da treibt, denn diese
will einen Zweck, sondern es ist die Religion, die Ergebung in
ein hheres und unbekanntes Gesetz, das demtige Verstummen vor
Gott, die innige Liebe zu seinem in uns ausgebrochenen Leben,
welches allein und um sein selbst willen gerettet werden soll, wo
das Auge nichts anders zu retten sieht.

Auf diese Weise kann die erlangte Religionseinsicht der Zglinge
der neuen Erziehung in ihrem kleinen Gemeinwesen, in dem sie
zunchst aufwachsen, nicht praktisch werden, noch soll sie es
auch. Dieses Gemeinwesen ist wohlgeordnet, und in ihm gelingt das
geschickt Unternommene immer; auch soll das noch zarte Alter des
Menschen erhalten werden in der Unbefangenheit und im ruhigen
Glauben an sein Geschlecht. Die Erkenntnis seiner Tcken bleibe
vorbehalten der eignen Erfahrung des gereiften und befestigten
Alters.

Nur in diesem gereifteren Alter sonach und in dem ernstlich
gemeinten Leben, nachdem die Erziehung lngst ihn sich selber
berlassen hat, knnte der Zgling derselben, falls seine
gesellschaftlichen Verhltnisse aus der Einfachheit zu hhern
Stufen fortschreiten sollten, seiner Religionskenntnis, als eines
Antriebes bedrfen. Wie soll nun die Erziehung, welche ber
diesen Punkt den Zgling, solange er unter ihren Hnden ist,
nicht prfen kann, dennoch sicher sein knnen, da, wenn nur
dieses Bedrfnis eintreten werde, auch dieser Antrieb unfehlbar
wirken werde? Ich antworte: dadurch, da ihr Zgling berhaupt
so gebildet ist, da keine Erkenntnis, die er hat, in ihm tot
und kalt bleibt, wenn die Mglichkeit eintritt, da sie ein
Leben bekomme, sondern jedwede notwendig sogleich eingreift in
das Leben, sowie das Leben derselben bedarf. Ich werde diese
Behauptung sogleich noch tiefer begrnden, und dadurch den ganzen
in dieser und der vorigen Rede behandelten Begriff erheben und
einfgen in ein greres Ganzes der Erkenntnis, welchem greren
Ganzen selber ich aus diesem Begriffe ein neues Licht und eine
hhere Klarheit geben werde, nachdem ich nur vorher das wahre
Wesen der neuen Erziehung, deren allgemeine Beschreibung ich
soeben geschlossen habe, bestimmt werde angegeben haben.

Diese Erziehung erscheint nun nicht mehr, so wie im Anfange
unsrer heutigen Rede, blo als die Kunst den Zgling zu reiner
Sittlichkeit zu bilden, sondern sie leuchtet vielmehr ein als
die Kunst, den ganzen Menschen durchaus und vollstndig zum
Menschen zu bilden. Hierzu gehren zwei Hauptstcke, zuerst in
Absicht der Form, da der wirkliche lebendige Mensch, bis in die
Wurzel seines Lebens hinein, keineswegs aber der bloe Schatten
und Schemen eines Menschen gebildet werde, sodann in Absicht des
Inhalts, da alle notwendigen Bestandteile des Menschen ohne
Ausnahme und gleichmig ausgebildet werden. Diese Bestandteile
sind Verstand und Wille, und die Erziehung hat zu beabsichtigen
die Klarheit des ersten, und die Reinheit des zweiten. Zur
Klarheit des ersten aber sind zu erheben zwei Hauptfragen: zuerst
was es sei, das der reine Wille eigentlich wolle, und durch
welche Mittel dieses Gewollte zu erreichen sei, durch welches
Hauptstck die brigen dem Zglinge beizubringenden Erkenntnisse
befat werden; sodann, was dieser reine Wille in seinem Grunde
und Wesen selber sei, wodurch die Religionserkenntnis befat
wird. Die genannten Stcke nun, entwickelt bis zum Eingreifen ins
Leben, fordert die Erziehung schlechtweg, und gedenkt keinem das
mindeste davon zu erlassen, denn jeder soll eben ein Mensch sein;
was jemand nun noch weiter werde, und welche besondere Gestalt
die allgemeine Menschheit in ihm annehme oder erhalte, geht
die allgemeine Erziehung nichts an, und liegt auerhalb ihres
Kreises. -- Ich gehe jetzt fort zu der versprochenen tieferen
Begrndung des Satzes, da im Zglinge der neuen Erziehung gar
keine Erkenntnis tot bleiben knne, und zu dem Zusammenhange, in
den ich alles Gesagte erheben will, vermittelst folgender Stze.

1. Es gibt zufolge des Gesagten zwei durchaus verschiedene und
vllig entgegengesetzte Klassen unter den Menschen in Absicht
ihrer Bildung. Gleich zuvrderst ist alles, was Mensch ist,
und so auch diese beiden Klassen darin, da den mannigfaltigen
Aeuerungen ihres Lebens ein Trieb zugrunde liegt, der in allem
Wechsel unverndert beharret, und sich selbst gleich bleibt.
-- Im Vorbeigehen: das Sichverstehen dieses Triebes und die
Uebersetzung desselben in Begriffe erzeugt die Welt, und es
gibt keine andre Welt, als diese auf diese Weise in dem, jedoch
keineswegs freien, sondern notwendigen Gedanken sich erzeugende
Welt. Dieser, immer in ein Bewutsein zu bersetzende Trieb,
worin somit abermals die beiden Klassen einander gleich sind,
kann nun auf eine doppelte Weise, nach den zwei verschiedenen
Grundarten des Bewutseins, in dasselbe bersetzt werden, und in
dieser Weise der Uebersetzung und des sich Selbstverstehens sind
die beiden Klassen verschieden.

Die erste, zu allererst der Zeit nach sich entwickelnde Grundart
des Bewutseins ist die des dunklen Gefhls. Mit diesem Gefhle
wird am gewhnlichsten und in der Regel der Grundtrieb erfat
als Liebe des einzelnen zu sich selbst, und zwar gibt das dunkle
Gefhl dieses Selbst zunchst nur als ein solches, das da leben
will und wohl sein. Hieraus entsteht die sinnliche Selbstsucht,
als wirklicher Grundtrieb und entwickelnde Kraft eines solchen,
in dieser Uebersetzung seines ursprnglichen Grundtriebes
befangenen Lebens. Solange der Mensch fortfhrt, also sich zu
verstehen, solange mu er selbstschtig handeln, und kann nicht
anders; und diese Selbstsucht ist das einzig beharrende, sich
gleichbleibende und sicher zu erwartende in dem unaufhrlichen
Wandel seines Lebens. Als auergewhnliche Ausnahme von der
Regel kann dieses dunkle Gefhl auch das persnliche Selbst
berspringen und den Grundtrieb erfassen, als ein Verlangen
nach einer dunkel gefhlten andern Ordnung der Dinge. Hieraus
entspringt das, an andern Orten von uns sattsam beschriebene
Leben, das da, erhaben ber die Selbstsucht, durch Ideen, die
zwar dunkel sind, aber dennoch Ideen, getrieben wird, und in
welchem die Vernunft als Instinkt waltet. Dieses Erfassen
des Grundtriebes, berhaupt nur im dunklen Gefhle, ist der
Grundzug der ersten Klasse unter den Menschen, die nicht durch
Erziehung, sondern durch sich selbst gebildet wird, und welche
Klasse wiederum zwei Unterarten in sich fat, die durch einen
unbegreiflichen, der menschlichen Kunst durchaus unzugnglichen
Grund geschieden werden.

Die zweite Grundart des Bewutseins, welche in der Regel sich
nicht von selbst entwickelt, sondern in der Gesellschaft
sorgfltig gepflegt werden mu, ist die klare Erkenntnis. Wrde
der Grundtrieb der Menschheit in diesem Elemente erfat, so wrde
dies eine zweite, von der ersten ganz verschiedene Klasse von
Menschen geben. Eine solche, die Grundliebe selbst erfassende
Erkenntnis lt nun nicht, wie eine andre Erkenntnis dies wohl
kann, kalt und unteilnehmend, sondern der Gegenstand derselben
wird geliebt ber alles, da dieser Gegenstand ja nur die Deutung
und Uebersetzung unsrer ursprnglichen Liebe selbst ist. Andre
Erkenntnis erfat Fremdes, und dieses bleibt fremd, und lt
kalt; diese erfat den Erkennenden selbst und seine Liebe, und
diese liebt er. Unerachtet es nun bei beiden Klassen dieselbe
ursprngliche nur in andrer Gestalt erscheinende Liebe ist, die
sie treibt, so kann man dennoch, von jenem Umstande absehend,
sagen, da dort der Mensch durch dunkle Gefhle, hier durch klare
Erkenntnis getrieben werde.

Da nun eine solche klare Erkenntnis unmittelbar antreibend werde
im Leben, und man hierauf sicher zhlen knne, hngt, wie gesagt,
davon ab, da es die wirkliche und wahre Liebe des Menschen sei,
die durch dieselbe gedeutet werde; auch da ihm unmittelbar
klar werde, da es also sei, und mit der Deutung zugleich das
Gefhl jener Liebe in ihm angeregt und von ihm empfunden werde;
da daher niemals die Erkenntnis in ihm entwickelt werde, ohne
da zugleich die Liebe es werde, indem im entgegengesetzten
Falle er kalt bleiben wrde, und niemals die Liebe, ohne da die
Erkenntnis zugleich es werde, indem im Gegenteile sein Antrieb
ein dunkles Gefhl werden wrde; da daher mit jedem Schritte
seiner Bildung der ganze vereinigte Mensch gebildet werde. Ein
von der Erziehung also als ein unteilbares Ganzes immerfort
behandelter Mensch wird es auch fernerhin bleiben, und jede
Erkenntnis wird ihm notwendig Lebensantrieb werden.

2. Indem auf diese Weise statt des dunkeln Gefhls die klare
Erkenntnis zu dem allerersten, und zu der wahren Grundlage und
Ausgangspunkte des Lebens gemacht wird, wird die Selbstsucht ganz
bergangen, und um ihre Entwicklung betrogen. Denn nur das dunkle
Gefhl gibt dem Menschen sein Selbst als ein genubedrftiges und
schmerzscheuendes; keineswegs aber gibt es ihm also der klare
Begriff, sondern dieser zeigt es als Glied einer sittlichen
Ordnung, und es gibt eine Liebe zu dieser Ordnung, welche bei der
Entwicklung des Begriffs zugleich mit angezndet und entwickelt
wird. Mit der Selbstsucht bekommt diese Erziehung gar nichts zu
tun, weil sie die Wurzel derselben, das dunkle Gefhl, durch
Klarheit erstickt; sie bestreitet sie nicht, ebensowenig als sie
dieselbe entwickelt, sie wei gar nicht von ihr. Wre es mglich,
da diese Sucht spter dennoch sich regen sollte, so wrde sie
das Herz schon angefllt finden von einer hhern Liebe, die ihr
den Platz versagt.

3. Dieser Grundtrieb des Menschen nun, wenn er in klare
Erkenntnis bersetzt wird, geht nicht auf eine schon gegebene
und vorhandene Welt, welche ja nur leidend genommen werden kann,
wie sie eben ist, und in der eine zu ursprnglich schpferischer
Ttigkeit treibende Liebe keinen Wirkungskreis fr sich fnde;
sondern er geht, zur Erkenntnis gesteigert auf eine Welt, die
da werden soll, eine apriorische, eine solche, die da zuknftig
ist, und ewig fort zuknftig bleibt. Das aller Erscheinung
zugrunde liegende gttliche Leben tritt darum niemals ein als ein
bestehendes und gegebenes Sein, sondern als etwas, das da werden
soll, und nachdem ein solches, das da werden sollte, geworden
ist, wird es abermals eintreten als ein werden sollendes in alle
Ewigkeit, da daher jenes gttliche Leben niemals eintritt in
den Tod des stehenden Seins, sondern immerfort bleibt in der
Form des fortflieenden Lebens. Die unmittelbare Erscheinung und
Offenbarung Gottes ist die Liebe; erst die Deutung dieser Liebe
durch die Erkenntnis setzt ein Sein, und zwar ein solches, das
ewig fort nur werden soll, und dieses, als die einzige wahre
Welt, inwiefern an einer Welt berhaupt Wahrheit ist. Dagegen
ist die zweite gegebene und von uns als vorhanden vorgefundene
Welt nur der Schatten und Schemen, aus welchem die Erkenntnis
ihrer Deutung der Liebe eine feste Gestalt und einen sichtbaren
Leib erbaut; diese zweite Welt das Mittel und die Bedingung
der Anschaulichkeit der fr sich selbst unsichtbaren hhern
Welt. Nicht einmal in diese letztere hhere Welt tritt Gott
unmittelbar ein, sondern auch hier nur vermittelt durch die eine,
reine, unwandelbare und gestaltlose Liebe, in welcher Liebe
allein er unmittelbar erscheint. Zu dieser Liebe tritt hinzu
die anschauende Erkenntnis, welche aus sich selber ein Bild
mitbringt, in das sie den an sich unsichtbaren Gegenstand der
Liebe kleidet; widersprochen jedoch jedesmal von der Liebe, und
darum fortgetrieben zu neuer Gestaltung, welcher abermals eben
also widersprochen wird; wodurch allein nun die Liebe, welche
rein fr sich eins ist, des Fortflieens, der Unendlichkeit und
der Ewigkeit durchaus unfhig, in dieser Verschmelzung mit der
Anschauung auch ein Ewiges und Unendliches wird so wie diese.
Das soeben erwhnte aus der Erkenntnis selbst hergegebene Bild
-- fr sich allein und noch ohne Anwendung auf die deutlich
erkannte Liebe dasselbe genommen -- ist die stehende und gegebene
Welt, oder die Natur. Der Wahn, da in diese Natur Gottes Wesen
auf irgendeine Weise unmittelbar, und anders, als durch die
angegebenen Zwischenglieder vermittelt, eintrete, stammt aus
Finsternis im Geiste und aus Unheiligkeit im Willen.

4. Da nun das dunkle Gefhl, als Auflsungsmittel der Liebe
in der Regel ganz bersprungen und an die Stelle desselben die
klare Erkenntnis als das gewhnliche Auflsungsmittel gesetzt
werde, kann, wie schon erinnert, nur durch eine besonnene Kunst
der Erziehung des Menschen geschehen, und ist bisher nicht
also geschehen. Da nun, wie wir gleichfalls ersehen haben,
auf die letzte Weise eine von den bisherigen gewhnlichen
Menschen durchaus verschiedene Menschenart eingefhrt und als
die Regel gesetzt wird, so wrde durch eine solche Erziehung
allerdings eine ganz neue Ordnung der Dinge, und eine neue
Schpfung beginnen. Zu dieser neuen Gestalt wrde nun die
Menschheit sich selber durch sich selbst, eben indem sie als
gegenwrtiges Geschlecht sich selbst als zuknftiges Geschlecht
erzieht, erschaffen; auf die Weise, wie sie allein dies kann,
durch die Erkenntnis, als das einzige gemeinschaftliche und
frei mitzuteilende, und das wahre, die Geisterwelt zur Einheit
verbindende Licht und Luft dieser Welt. Bisher wurde die
Menschheit, was sie eben wurde und werden konnte; mit diesem
Werden durch das Ohngefhr ist es vorbei; denn da, wo sie am
allerweitesten sich entwickelt hat, ist sie zu Nichts geworden.
Soll sie nicht bleiben in diesem Nichts, so mu sie von nun an
zu allem, was sie noch weiter werden soll, sich selbst machen.
Dies sei die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf
der Erde, sagte ich in den Vorlesungen, deren Fortsetzung diese
sind, da es mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich
ursprnglich ist. Dieses Sichselbstmachen, im allgemeinen
mit Besonnenheit und nach einer Regel, mu nun irgendwo und
irgendwann im Raum und in der Zeit einmal anheben, wodurch ein
zweiter Hauptabschnitt der freien und besonnenen Entwicklung des
Menschengeschlechts an die Stelle des ersten Abschnitts einer
nicht freien Entwicklung treten wrde. Wir sind der Meinung, da,
in Absicht der Zeit, diese Zeit eben jetzt sei, und da dermalen
das Geschlecht in der wahren Mitte seines Lebens auf der Erde
zwischen seinen beiden Hauptepochen stehe; in Absicht des Raums
aber glauben wir, da zu allernchst den Deutschen es anzumuten
sei, die neue Zeit, vorangehend und vorbildend fr die brigen,
zu beginnen.

5. Dennoch wird auch sogar diese ganz neue Schpfung nicht durch
einen Sprung erfolgen aus dem Vorhergehenden, sondern sie ist
die wahre natrliche Fortsetzung und Folge der bisherigen Zeit,
ganz besonders unter den Deutschen. Sichtbar, und wie ich glaube,
allgemein zugestanden, ging ja alles Regen und Streben der Zeit
darauf, die dunklen Gefhle zu verbannen und allein der Klarheit
und der Erkenntnis die Herrschaft zu verschaffen. Dieses Streben
ist auch insofern vollkommen gelungen, da das bisherige Nichts
vollkommen enthllt ist. Keineswegs soll nun dieser Trieb nach
Klarheit ausgerottet, oder das dumpfe Beruhen beim dunkeln Gefhle
wieder herrschend werden; jener Trieb soll nur noch weiter entwickelt
und in hhere Kreise eingefhrt werden, also, da nach der Enthllung
des Nichts auch das Etwas, die bejahende und wirklich etwas setzende
Wahrheit, ebenfalls offenbar werde. Die aus dem dunklen Gefhle
stammende Welt des gegebenen und sich durch sich selbst machenden
Seins ist versunken, und sie soll versunken bleiben; dagegen soll
die aus der ursprnglichen Klarheit stammende Welt des ewig fort aus
dem Geiste zu entbindenden Seins aufstrahlen und anbrechen in ihrem
ganzen Glanze.

Zwar drfte die Weissagung eines neuen Lebens in solchen Formen
der Zeit sonderbar dnken, und es drfte diese kaum den Mut
haben, diese Verheiung sich zuzueignen; wenn sie lediglich
auf den ungeheuern Abstand ihrer herrschenden Meinungen ber
die soeben zur Sprache gebrachten Gegenstnde von dem, was
als Grundstze der neuen Zeit ausgesprochen worden, sehen
wollte. Ich will von der Bildung, welche jedoch, als ein nicht
gemein zu machendes Vorrecht, bisher in der Regel nur die
hhern Stnde erhielten, die von einer bersinnlichen Welt
ganz schwieg, und lediglich einige Geschicklichkeit fr die
Geschfte der sinnlichen zu bewirken strebte, als von der
offenbar schlechteren, nicht reden, sondern nur auf diejenige
sehen, welche Volksbildung war und in einem gewissen sehr
beschrnkten Sinne auch Nationalerziehung genannt werden knnte,
die ber eine bersinnliche Welt nicht durchaus Stillschweigen
beobachtete. Welches waren die Lehren dieser Erziehung? Wenn wir
als allererste Voraussetzung der neuen Erziehung aufstellen, da
in der Wurzel des Menschen ein reines Wohlgefallen am Guten sei
und da dieses Wohlgefallen so sehr entwickelt werden knne,
da es dem Menschen unmglich werde, das fr gut Erkannte zu
unterlassen, und statt dessen das fr bs Erkannte zu tun; so
hat dagegen die bisherige Erziehung nicht blo angenommen,
sondern auch ihre Zglinge von frher Jugend an belehrt, teils,
da dem Menschen eine natrliche Abneigung gegen Gottes Gebote
beiwohne, teils, da es ihm schlechthin unmglich sei, dieselben
zu erfllen. Was lt von einer solchen Belehrung, wenn sie fr
ernst genommen wird und Glauben findet, andres sich erwarten, als
da jeder einzelne sich in seine nun einmal nicht abzundernde
Natur ergebe, nicht versuche zu leisten, was ihm nun als einmal
unmglich vorgestellt ist, und nicht besser zu sein begehre, denn
er und alle brigen zu sein vermgen; ja, da er sich sogar die
ihm angemutete Niedertrchtigkeit gefallen lasse, sich selbst in
seiner radikalen Sndhaftigkeit und Schlechtigkeit anzuerkennen;
indem diese Niedertrchtigkeit vor Gott ihm als das einzige
Mittel vorgestellt wird, mit demselben sich abzufinden; und da
er, falls etwa eine solche Behauptung, wie die unsrige, an sein
Ohr trifft, nicht anders denken knne, als da man blo einen
schlechten Scherz mit ihm treiben wolle, indem er allgegenwrtig
fhlt in seinem Innern, und mit den Hnden greift, da dieses
nicht wahr, sondern das Gegenteil davon allein wahr sei? Wenn
wir eine von allem gegebenen Sein ganz unabhngige und vielmehr
diesem Sein selbst das Gesetz gebende Erkenntnis annehmen, und in
diese gleich vom Anbeginn jedes menschliche Kind eintauchen, und
es von nun an in dem Gebiete derselben immerfort erhalten wollen,
wogegen wir die nur historisch zu erlernende Beschaffenheit der
Dinge als eine geringfgige Nebensache, die von selbst sich
ergibt, betrachten: so treten die reifsten Frchte der bisherigen
Bildung uns entgegen und erinnern uns, da es ja bekanntermaen
gar keine apriorische Erkenntnis gebe, und da sie wohl wissen
mchten, wie man erkennen knne, auer durch Erfahrung. Und damit
diese bersinnliche und apriorische Welt auch sogar an derjenigen
Stelle sich nicht verrate, wo es gar nicht zu vermeiden schien
-- an der Mglichkeit einer Erkenntnis von Gott, und selbst an
Gott nicht die geistige Selbstttigkeit sich erhebe, sondern das
leidende Hingeben alles in allem bliebe, hat gegen diese Gefahr
die bisherige Menschenbildung das khne Mittel gefunden, das
Dasein Gottes zu einem historischen Faktum zu machen, dessen
Wahrheit durch ein Zeugenverhr ausgemittelt wird.

So verhlt es sich wohl freilich; dennoch aber wolle das
Zeitalter darum nicht an sich selber verzagen. Denn diese
und alle andre hnliche Erscheinungen sind selber nichts
Selbstndiges, sondern nur Blten und Frchte der wilden Wurzel
der alten Zeit. Gebe nur das Zeitalter sich ruhig hin der
Einimpfung einer neuen edlern und krftigern Wurzel, so wird die
alte ersticken, und die Blten und Frchte derselben, denen aus
jener keine weitere Nahrung zugefgt wird, werden von selbst
verwelken und abfallen. Jetzt vermag es das Zeitalter noch gar
nicht, unsern Worten zu glauben, und es ist notwendig, da ihm
dieselben vorkommen wie Mrchen. Wir wollen auch diesen Glauben
nicht; wir wollen nur Raum zum Schaffen und Handeln. Nachmals
wird es sehen, und es wird glauben seinen eignen Augen.

So wird z. B. jedermann, der mit den Erzeugungen der letzten
Zeit bekannt ist, schon lngst bemerkt haben, da hier abermals
die Stze und Ansichten ausgesprochen werden, welche die neuere
deutsche Philosophie seit ihrer Entstehung gepredigt hat, und
wiederum gepredigt, weil sie eben nichts weiter vermochte, denn
zu predigen. Da diese Predigten fruchtlos verhallt sind in
der leeren Luft, ist nun hinlnglich klar, auch ist der Grund
klar, warum sie also verhallen muten. Nur auf Lebendiges wirkt
Lebendiges; in dem wirklichen Leben der Zeit aber ist gar keine
Verwandtschaft zu dieser Philosophie, indem diese Philosophie
ihr Wesen treibt in einem Kreise, der fr jene noch gar nicht
aufgegangen, und fr Sinnenwerkzeuge, die jener noch nicht
erwachsen sind. Sie ist gar nicht zu Hause in diesem Zeitalter,
sondern sie ist ein Vorgriff der Zeit und ein schon im voraus
fertiges Lebenselement eines Geschlechts, das in demselben erst
zum Lichte erwachsen soll. Auf das gegenwrtige Geschlecht
mu sie Verzicht tun; damit sie aber bis dahin nicht mig
sei, so bernehme sie dermalen die Aufgabe, das Geschlecht, zu
welchem sie gehrt, sich zu bilden. Erst wie dies ihr nchstes
Geschft ihr klar geworden, wird sie friedlich und freundlich
zusammenleben knnen mit einem Geschlechte, das brigens ihr
nicht gefllt. Die Erziehung, die wir bisher beschrieben haben,
ist zugleich die Erziehung fr sie: wiederum kann in einem
gewissen Sinn nur sie die Erzieherin sein in dieser Erziehung;
und so mute sie ihrer Verstndlichkeit und Annehmbarkeit
zuvoreilen. Aber es wird die Zeit kommen, in der sie verstanden
und mit Freuden angenommen werden wird; und darum wolle das
Zeitalter nicht an sich selbst verzagen.

Hre dieses Zeitalter ein Gesicht eines alten Sehers, das auf eine
wohl nicht weniger beklagenswerte Lage berechnet war. So sagt der
Seher am Wasser Chebar, der Trster der Gefangenen nicht im eignen
sondern im fremden Lande: Des Herrn Hand kam ber mich und fhrte
mich hinaus im Geiste des Herrn, und stellte mich auf ein weit Feld,
das voller Gebeine lag, und er fhrte mich allenthalben herum, und
siehe, des Gebeines lag sehr viel auf dem Felde, und siehe, sie waren
sehr verdorret. Und der Herr sprach zu mir: du Menschenkind, meinest
du wohl, da diese Gebeine werden wieder lebendig werden? Und ich
sprach: Herr, das weiest nur du wohl. Und er sprach zu mir: Weissage
von diesen Gebeinen, und sprich zu ihnen: ihr verdorrten Gebeine,
hret des Herrn Wort! So spricht der Herr von euch verdorrten
Gebeinen, ich will euch durch Flechsen und Sehnen wieder verbinden,
und Fleisch lassen ber euch wachsen; und euch mit Haut berziehen,
und will euch Odem geben, da ihr wieder lebendig werdet, und ihr
sollet erfahren, da ich der Herr sei. Und ich weissagte, wie mir
befohlen war, und siehe, da rauschte es, als ich weissagte, und regte
sich, und die Gebeine fgten sich wieder aneinander, ein jegliches an
seinen Ort, und es wuchsen darauf Adern und Fleisch, und er berzog
sie mit Haut; noch aber war kein Odem in ihnen. Und der Herr sprach
zu mir: Weissage zum Winde, du Menschenkind, und sprich zum Winde: so
spricht der Herr: Wind, komm herzu aus den vier Winden, und blase an
diese Getteten, da sie wieder lebendig werden. Und ich weissagte,
wie er mir befohlen hatte. Da kam Odem in sie, und sie wurden
wieder lebendig, und richteten sich auf ihre Fe, und ihrer war
ein sehr groes Heer. Lasset immer die Bestandteile unsres hhern
geistigen Lebens ebenso ausgedorret, und eben darum auch die Bande
unsrer Nationaleinheit ebenso zerrissen, und in wilder Unordnung
durcheinander zerstreut herumliegen, wie die Totengebeine des Sehers;
lasset unter Strmen, Regengssen und sengendem Sonnenscheine mehrere
Jahrhunderte dieselben gebleicht und ausgedorrt haben: -- der
belebende Odem der Geisterwelt hat noch nicht aufgehrt zu wehen. Er
wird auch unsers Nationalkrpers erstorbene Gebeine ergreifen und sie
aneinanderfgen, da sie herrlich dastehen in neuem und verklrtem
Leben.




Vierte Rede.

Hauptverschiedenheit zwischen den deutschen und den brigen
Vlkern germanischer Abkunft.


Das in diesen Reden vorgeschlagene Bildungsmittel eines neuen
Menschengeschlechts msse zu allererst von Deutschen an Deutschen
angewendet werden, und es komme dasselbe ganz eigentlich und
zunchst unsrer Nation zu, ist gesagt worden. Auch dieser Satz
bedarf eines Beweises, und wir werden auch hier, so wie bisher,
anheben von dem hchsten und allgemeinsten, zeigend, was der
Deutsche an und fr sich, unabhngig von dem Schicksale, das
ihn dermalen betroffen hat, in seinem Grundzuge sei und von
jeher gewesen sei, seitdem er ist; und darlegend, da schon in
diesem Grundzuge die Fhigkeit und Empfnglichkeit einer solchen
Bildung, ausschlieend vor allen andern europischen Nationen,
liege.

Der Deutsche ist zuvrderst ein Stamm der Germanier berhaupt,
ber welche letztere hier hinreicht die Bestimmung anzugeben, da
sie da waren, die im alten Europa errichtete gesellschaftliche
Ordnung mit der im alten Asien aufbewahrten wahren Religion zu
vereinigen, und so an und aus sich selbst eine neue Zeit, im
Gegensatze des untergegangenen Altertums, zu entwickeln. Ferner
reicht es hin den Deutschen insbesondere nur im Gegensatze mit
den andern neben ihm entstandenen germanischen Vlkerstmmen zu
bezeichnen; indem andre neueuropische Nationen, als z. B. die
von slawischer Abstammung, sich vor dem brigen Europa noch
nicht so klar entwickelt zu haben scheinen, da eine bestimmte
Zeichnung von ihnen mglich sei, andre aber von der gleichen
germanischen Abstammung, von denen der zugleich anzufhrende
Hauptunterscheidungsgrund nicht gilt, wie die Skandinavier hier
unbezweifelt fr Deutsche genommen werden, und unter allen den
allgemeinen Folgen unsrer Betrachtung mit begriffen sind.

Vor allem voraus aber ist der jetzt insbesondere anzustellenden
Betrachtung folgende Bemerkung voranzusenden. Ich werde als Grund
des erfolgten Unterschiedes in dem ursprnglich einen Grundstamme
eine Begebenheit angeben, die blo als Begebenheit klar und
unwidersprechlich vor aller Augen liegt; ich werde sodann
einzelne Erscheinungen dieses erfolgten Unterschiedes aufstellen,
welche als bloe Begebenheiten wohl ebenso einleuchtend drften
gemacht werden knnen. Was aber die Verknpfung der letztern,
als Folgen mit dem ersten, als ihrem Grunde, und die Ableitung
der Folge aus dem Grunde betrifft, kann ich im allgemeinen nicht
auf dieselbe Klarheit und berzeugende Kraft fr alle rechnen.
Zwar spreche ich auch in dieser Rcksicht nicht eben ganz neue
und bisher unerhrte Stze aus, sondern es gibt unter uns viele
einzelne, die fr eine solche Ansicht der Sache entweder sehr gut
vorbereitet, oder auch wohl mit derselben schon vertraut sind.
Unter der Mehrheit aber sind ber den anzuregenden Gegenstand
Begriffe im Umlaufe, die von den unsrigen sehr abweichen, und
welche zu berichtigen, und alle, von solchen die keinen gebten
Sinn fr ein Ganzes haben, aus einzelnen Fllen beizubringenden
Einwrfe zu widerlegen, die Grenze unsrer Zeit und unsres
Planes bei weitem berschreiten wrde. Den letztern mu ich
mich begngen das in dieser Rcksicht zu Sagende, das in meinem
gesamten Denken nicht so einzeln und abgerissen und nicht ohne
Begrndung bis in die Tiefe des Wissens dastehen drfte, wie es
hier sich gibt, nur als Gegenstand ihres weitern Nachdenkens
hinzulegen. Ganz bergehen durfte ich es, noch abgerechnet die
fr das Ganze nicht zu erlassende Grndlichkeit, auch schon nicht
in Rcksicht der wichtigen Folgen daraus, die sich im sptern
Verlaufe unsrer Reden ergeben werden, und die ganz eigentlich zu
unserm nchsten Vorhaben gehren.

Der zu allererst und unmittelbar der Betrachtung sich darbietende
Unterschied zwischen den Schicksalen der Deutschen und der brigen
aus derselben Wurzel erzeugten Stmme ist der, da die ersten in
den ursprnglichen Wohnsitzen des Stammvolks blieben, die letzten
in andre Sitze auswanderten, die ersten die ursprngliche Sprache
des Stammvolks behielten und fortbildeten, die letzten eine
fremde Sprache annahmen, und dieselbe allmhlich nach ihrer Weise
umgestalteten. Aus dieser frhesten Verschiedenheit mssen erst
die sptern erfolgten, z. B. da im ursprnglichen Vaterlande,
angemessen germanischer Ursitte, ein Staatenbund unter einem
beschrnkten Oberhaupte blieb, in den fremden Lndern mehr auf
bisherige rmische Weise die Verfassung in Monarchien berging, und
dergleichen erklrt werden, keineswegs aber in umgekehrter Ordnung.

Von den angegebenen Vernderungen ist nun die erste, die Vernderung
der Heimat, ganz unbedeutend. Der Mensch wird leicht unter jedem
Himmelsstriche einheimisch, und die Volkseigentmlichkeit, weit
entfernt durch den Wohnort sehr verndert zu werden, beherrscht
vielmehr diesen, und verndert ihn nach sich. Auch ist die
Verschiedenheit der Natureinflsse in dem von Germaniern
bewohnten Himmelsstriche nicht sehr gro. Ebensowenig wolle
man auf den Umstand ein Gewicht legen, da in den eroberten
Lndern die germanische Abstammung mit den frhern Bewohnern
vermischt worden; denn Sieger und Herrscher und Bildner des aus
der Vermischung entstehenden neuen Volkes waren doch nur die
Germanen. Ueberdies erfolgte dieselbe Mischung, die im Auslande
mit Galliern, Kantabriern usw. geschah, im Mutterlande mit Slawen
wohl nicht in geringerer Ausdehnung; so da es keinem der aus
Germaniern entstandenen Vlker heutzutage leicht fallen drfte,
eine grere Reinheit seiner Abstammung vor den brigen darzutun.

Bedeutender aber, und wie ich dafrhalte, einen vollkommenen
Gegensatz zwischen den Deutschen und den brigen Vlkern
germanischer Abkunft begrndend, ist die zweite Vernderung, die
der Sprache; und kommt es dabei, welches ich gleich zu Anfange
bestimmt aussprechen will, weder auf die besondere Beschaffenheit
derjenigen Sprache an, welche von diesem Stamme beibehalten, noch
auf die der andern, welche von jenem andern Stamme angenommen
wird, sondern allein darauf, da dort Eignes behalten, hier
Fremdes angenommen wird; noch kommt es an auf die vorige
Abstammung derer, die eine ursprngliche Sprache fortsprechen,
sondern nur darauf, da diese Sprache ohne Unterbrechung
fortgesprochen werde, indem weit mehr die Menschen von der
Sprache gebildet werden, denn die Sprache von den Menschen.

Um die Folgen eines solchen Unterschiedes in der Vlkererzeugung
und die bestimmte Art des Gegensatzes in den Nationalzgen, die
aus dieser Verschiedenheit notwendig erfolgt, klar zu machen,
soweit es hier mglich und ntig ist, mu ich Sie zu einer
Betrachtung ber das Wesen der Sprache berhaupt einladen.

Die Sprache berhaupt, und besonders die Bezeichnung der
Gegenstnde in derselben durch das Lautwerden der Sprachwerkzeuge
hngt keineswegs von willkrlichen Beschlssen und Verabredungen
ab, sondern es gibt zufrderst ein Grundgesetz, nach welchem
jedweder Begriff in den menschlichen Sprachwerkzeugen zu diesem
und keinem andern Laute wird. So wie die Gegenstnde sich
in den Sinnenwerkzeugen des einzelnen mit dieser bestimmten
Figur, Farbe usw. abbilden, so bilden sie sich im Werkzeuge
des gesellschaftlichen Menschen, in der Sprache mit diesem
bestimmten Laute ab. Nicht eigentlich redet der Mensch, sondern
in ihm redet die menschliche Natur, und verkndigt sich andern
seinesgleichen. Und so mte man sagen: die Sprache ist eine
einzige und durchaus notwendige.

Nun mag zwar, welches das zweite ist, die Sprache in dieser ihrer
Einheit fr den Menschen schlechtweg als solchen, niemals und
nirgends hervorgebrochen sein, sondern allenthalben weiter gendert
und gebildet durch die Wirkungen, welche der Himmelsstrich, und
hufigerer oder seltenerer Gebrauch, auf die Sprachwerkzeuge und
die Aufeinanderfolge der beobachteten und bezeichneten Gegenstnde
auf die Aufeinanderfolge der Bezeichnung hatten. Jedoch findet
auch hierin nicht Willkr oder Ohngefhr, sondern strenges Gesetz
statt; und es ist notwendig, da in einem durch die erwhnten
Bedingungen also bestimmten Sprachwerkzeuge nicht die eine und reine
Menschensprache, sondern da eine Abweichung davon, und zwar, da
gerade diese bestimmte Abweichung davon hervorbreche.

Nenne man die unter denselben uern Einflssen auf das
Sprachwerkzeug stehenden, zusammenlebenden und in fortgesetzter
Mitteilung ihre Sprache fortbildenden Menschen ein Volk, so mu
man sagen: die Sprache dieses Volks ist notwendig so wie sie ist,
und nicht eigentlich dieses Volk spricht seine Erkenntnis aus,
sondern seine Erkenntnis selbst spricht sich aus aus demselben.

Bei allen im Fortgange der Sprache durch dieselben oben erwhnten
Umstnde erfolgten Vernderungen bleibt, ununterbrochen diese
Gesetzmigkeit; und zwar fr alle, die in ununterbrochener
Mitteilung bleiben, und wo das von jedem einzelnen ausgesprochene
Neue an das Gehr aller gelangt, dieselbe eine Gesetzmigkeit. Nach
Jahrtausenden, und nach allen den Vernderungen, welche in ihnen die
uere Erscheinung der Sprache dieses Volks erfahren hat, bleibt es
immer dieselbe eine, ursprnglich also ausbrechen mssende lebendige
Sprachkraft der Natur, die ununterbrochen durch alle Bedingungen
herabgeflossen ist und in jeder so werden mute, wie sie ward, am
Ende derselben so sein mute, wie sie jetzt ist, und in einiger Zeit
also sein wird, wie sie sodann mssen wird. Die reinmenschliche
Sprache zusammengenommen zuvrderst mit dem Organe des Volks,
als sein erster Laut ertnte, was hieraus sich ergibt, ferner
zusammengenommen mit allen Entwicklungen, die dieser erste Laut
unter den gegebenen Umstnden gewinnen mute, gibt als letzte Folge
die gegenwrtige Sprache des Volks. Darum bleibt auch die Sprache
immer dieselbe Sprache. Lasset immer nach einigen Jahrhunderten die
Nachkommen die damalige Sprache ihrer Vorfahren nicht verstehen, weil
fr sie die Uebergnge verloren gegangen sind; dennoch gibt es vom
Anbeginn an einen stetigen Uebergang, ohne Sprung, immer unmerklich
in der Gegenwart, und nur durch Hinzufgung neuer Uebergnge
bemerklich gemacht, und als Sprung erscheinend. Niemals ist ein
Zeitpunkt eingetreten, da die Zeitgenossen aufgehrt htten sich zu
verstehen, indem ihr ewiger Vermittler und Dolmetscher die aus ihnen
allen sprechende gemeinsame Naturkraft immerfort war und blieb. So
verhlt es sich mit der Sprache als Bezeichnung der Gegenstnde
unmittelbar sinnlicher Wahrnehmung, und dieses ist alle menschliche
Sprache anfangs. Erhebt von dieser das Volk sich zu Erfassung des
Uebersinnlichen, so vermag dieses Uebersinnliche zur beliebigen
Wiederholung und zur Vermeidung der Verwirrung mit dem Sinnlichen
fr den ersten einzelnen, und zur Mitteilung und zweckmigen
Leitung fr andre, zuvrderst nicht anders festgehalten zu werden,
denn also, da ein Selbst als Werkzeug einer bersinnlichen Welt
bezeichnet, und von demselben Selbst, als Werkzeug der sinnlichen
Welt, genau unterschieden werde -- eine Seele, Gemt und dergleichen
einem krperlichen Leib entgegengesetzt werde. Ferner knnten
die verschiedenen Gegenstnde dieser bersinnlichen Welt, da sie
insgesamt nur in jenem bersinnlichen Werkzeuge erscheinen und fr
dasselbe da sind, in der Sprache nur dadurch bezeichnet werden, da
gesagt werde, ihr besonderes Verhltnis zu ihrem Werkzeuge sei also
wie das Verhltnis der und der bestimmten sinnlichen Gegenstnde zum
sinnlichen Werkzeuge, und das in diesem Verhltnis ein besonderes
Uebersinnliches einem besondern Sinnlichen gleichgesetzt, und durch
diese Gleichsetzung sein Ort im bersinnlichen Werkzeuge durch die
Sprache angedeutet werde. Weiter vermag in diesem Umkreise die
Sprache nichts; sie gibt ein sinnliches Bild des Uebersinnlichen
blo mit der Bemerkung, da es ein solches Bild sei; wer zur Sache
selbst kommen will, mu nach der durch das Bild ihm angegebenen
Regel sein eignes geistiges Werkzeug in Bewegung setzen. -- Im
allgemeinen erhellet, da diese sinnbildliche Bezeichnung des
Uebersinnlichen jedesmal nach der Stufe der Entwicklung des
sinnlichen Erkenntnisvermgens unter dem gegebenen Volke sich richten
msse; da daher der Anfang und Fortgang dieser sinnbildlichen
Bezeichnung in verschiedenen Sprachen sehr verschieden ausfallen
werde, nach der Verschiedenheit des Verhltnisses, das zwischen der
sinnlichen und geistigen Ausbildung des Volkes, das eine Sprache
redet, stattgefunden und fortwhrend stattfindet.

Wir beleben zuvrderst diese in sich klare Bemerkung durch ein
Beispiel. Etwas, das zufolge der in der vorigen Rede erklrten
Erfassung des Grundtriebes nicht erst durch das dunkle Gefhl,
sondern sogleich durch klare Erkenntnis entsteht, dergleichen
jedesmal ein bersinnlicher Gegenstand ist, heit mit einem
griechischen, auch in der deutschen Sprache hufig gebrauchten
Worte, eine Idee, und dieses Wort gibt genau dasselbe Sinnbild,
was in der deutschen das Wort Gesicht, wie dieses in folgenden
Wendungen der lutherschen Bibelbersetzung: ihr werdet Gesichte
sehen, ihr werdet Trume haben, vorkommt. Idee oder Gesicht
in sinnlicher Bedeutung wre etwas, das nur durch das Auge
des Leibes, keineswegs aber durch einen andern Sinn, etwa
der Betastung, des Gehrs usw. erfat werden knnte, so wie
etwa ein Regenbogen, oder die Gestalten, welche im Traume vor
uns vorbergehen. Dasselbe in bersinnlicher Bedeutung hiee
zuvrderst, zufolge des Umkreises, in dem das Wort gelten
soll, etwas, das gar nicht durch den Leib, sondern nur durch
den Geist erfat wird, sodann, das auch nicht durch das dunkle
Gefhl des Geistes, wie manches andre, sondern allein durch
das Auge desselben, die klare Erkenntnis, erfat werden kann.
Wollte man nun etwa ferner annehmen, da den Griechen bei dieser
sinnbildlichen Bezeichnung allerdings der Regenbogen und die
Erscheinungen der Art zum Grunde gelegen, so mte man gestehen,
da ihre sinnliche Erkenntnis schon vorher sich zur Bemerkung des
Unterschiedes zwischen den Dingen, da einige sich allen oder
mehreren Sinnen, einige sich blo dem Auge offenbaren, erhoben
haben msse, und da auerdem sie den entwickelten Begriff,
wenn er ihnen klar geworden wre, nicht also, sondern anders
htten bezeichnen mssen. Es wrde sodann auch ihr Vorzug in
geistiger Klarheit erhellen etwa vor einem andern Volke, das
den Unterschied zwischen Sinnlichem und Uebersinnlichem nicht
durch ein aus dem besonnenen Zustande des Wachens hergenommenes
Sinnbild habe bezeichnen knnen, sondern zum Traume seine
Zuflucht genommen, um ein Bild fr eine andre Welt zu finden;
zugleich wrde einleuchten, da dieser Unterschied nicht
etwa durch die grere oder geringere Strke des Sinns frs
Uebersinnliche in den beiden Vlkern, sondern da er lediglich
durch die Verschiedenheit ihrer sinnlichen Klarheit, damals, als
sie Uebersinnliches bezeichnen wollten, begrndet sei.

So richtet alle Bezeichnung des Uebersinnlichen sich nach dem
Umfange und der Klarheit der sinnlichen Erkenntnis desjenigen,
der da bezeichnet. Das Sinnbild ist ihm klar, und drckt ihm das
Verhltnis des Begriffenen zum geistigen Werkzeuge vollkommen
verstndlich aus, denn dieses Verhltnis wird ihm erklrt durch
ein andres unmittelbar lebendiges Verhltnis zu seinem sinnlichen
Werkzeuge. Diese also entstandene neue Bezeichnung, mit aller der
neuen Klarheit, die durch diesen erweiterten Gebrauch des Zeichens
die sinnliche Erkenntnis selber bekommt, wird nun niedergelegt in
der Sprache; und die mgliche knftige bersinnliche Erkenntnis
wird nun nach ihrem Verhltnisse zu der ganzen in der gesamten
Sprache niedergelegten bersinnlichen und sinnlichen Erkenntnis
bezeichnet; und so geht es ununterbrochen fort; und so wird denn
die unmittelbare Klarheit und Verstndlichkeit der Sinnbilder
niemals abgebrochen, sondern sie bleibt ein stetiger Flu. --
Ferner, da die Sprache nicht durch Willkr vermittelt, sondern
als unmittelbare Naturkraft aus dem verstndigen Leben ausbricht,
so hat eine ohne Abbruch nach diesem Gesetze fortentwickelte
Sprache auch die Kraft, unmittelbar einzugreifen in das Leben
und dasselbe anzuregen. Wie die unmittelbar gegenwrtigen Dinge
den Menschen bewegen, so mssen auch die Worte einer solchen
Sprache den bewegen, der sie versteht, denn auch sie sind Dinge,
keineswegs willkrliches Machwerk. So zunchst im Sinnlichen. Nicht
anders jedoch auch im Uebersinnlichen. Denn obwohl in Beziehung
auf das letztere der stetige Fortgang der Naturbeobachtung durch
freie Besinnung und Nachdenken unterbrochen wird, und hier
gleichsam der unbildliche Gott eintritt, so versetzt dennoch die
Bezeichnung durch die Sprache das Unbildliche auf der Stelle in
den stetigen Zusammenhang des Bildlichen zurck; und so bleibt
auch in dieser Rcksicht der stetige Fortgang der zuerst als
Naturkraft ausgesprochenen Sprache ununterbrochen, und es tritt
in den Flu der Bezeichnung keine Willkr ein. Es kann darum
auch dem bersinnlichen Teile einer also stetig fortentwickelten
Sprache seine Leben anregende Kraft auf den, der nur sein geistiges
Werkzeug in Bewegung setzt, nicht entgehen. Die Worte einer solchen
Sprache in allen ihren Teilen sind Leben und schaffen Leben. --
Machen wir auch in Rcksicht der Entwicklung der Sprache fr das
Uebersinnliche die Voraussetzung, da das Volk dieser Sprache in
ununterbrochener Mitteilung geblieben, und da, was einer gedacht
und ausgesprochen, bald an alle gekommen, so gilt, was bisher im
allgemeinen gesagt worden, fr alle, die diese Sprache reden.
Allen, die nur denken wollen, ist das in der Sprache niedergelegte
Sinnbild klar; allen, die da wirklich denken, ist es lebendig und
anregend ihr Leben.

So verhlt es sich, sage ich, mit einer Sprache, die von dem
ersten Laute an, der in demselben Volke ausbrach, ununterbrochen
aus dem wirklichen gemeinsamen Leben dieses Volkes sich entwickelt
hat, und in die niemals ein Bestandteil gekommen, der nicht eine
wirklich erlebte Anschauung dieses Volks und eine mit allen brigen
Anschauungen desselben Volks im allseitig eingreifenden Zusammenhange
stehende Anschauung ausdrckte. Lasset dem Stammvolke dieser Sprache
noch so viele einzelne andern Stammes und andrer Sprache einverleibt
werden; wenn es diesen nur nicht verstattet wird, den Umkreis ihrer
Anschauungen zu dem Standpunkte, von welchem von nun an die Sprache
sich fortentwickle, zu erheben, so bleiben diese stumm in der
Gemeinde und ohne Einflu auf die Sprache, so lange, bis sie selbst
in den Umkreis der Anschauung des Stammvolks hineingekommen sind, und
so bilden nicht sie die Sprache, sondern die Sprache bildet sie.

Ganz das Gegenteil aber von allem bisher Gesagten erfolgt
alsdann, wenn ein Volk mit Aufgebung seiner eignen Sprache eine
fremde, fr bersinnliche Bezeichnung schon sehr gebildete
annimmt; und zwar nicht also, da es sich der Einwirkung dieser
fremden Sprache ganz frei hingebe, und sich bescheide sprachlos
zu bleiben, so lange, bis es in den Kreis der Anschauungen
dieser fremden Sprache hineingekommen; sondern also, da es
seinen eignen Anschauungskreis der Sprache aufdringe, und diese,
von dem Standpunkte aus, wo sie dieselbe fanden, von nun an in
diesem Anschauungskreise sich fortbewegen msse. In Absicht des
sinnlichen Teils der Sprache zwar ist diese Begebenheit ohne
Folgen. In jedem Volke mssen ja ohnedies die Kinder diesen
Teil der Sprache, gleich als ob die Zeichen willkrlich wren,
lernen und so die ganze frhere Sprachentwicklung der Nation
hierin nachholen; jedes Zeichen aber in diesem sinnlichen
Umkreise kann durch die unmittelbare Ansicht oder Berhrung des
Bezeichneten vollkommen klargemacht werden. Hchstens wrde
daraus folgen, da das erste Geschlecht eines solchen seine
Sprache ndernden Volkes als Mnner wieder in die Kinderjahre
zurckzugehen gentigt gewesen; mit den Nachgebornen aber und
an den knftigen Geschlechtern war alles wieder in der alten
Ordnung. Dagegen ist diese Vernderung von den bedeutendsten
Folgen in Rcksicht des bersinnlichen Teils der Sprache. Dieser
hat zwar fr die ersten Eigentmer der Sprache sich gemacht
auf die bisher beschriebene Weise; fr die sptern Eroberer
derselben aber enthlt das Sinnbild eine Vergleichung mit einer
sinnlichen Anschauung, die sie entweder schon lngst, ohne die
beiliegende geistige Ausbildung, bersprungen haben, oder die
sie dermalen noch nicht gehabt haben, auch wohl niemals haben
knnen. Das Hchste, was sie hierbei tun knnen, ist, da sie
das Sinnbild und die geistige Bedeutung derselben sich erklren
lassen, wodurch sie die flache und tote Geschichte einer
fremden Bildung, keineswegs aber eigne Bildung erhalten und
Bilder bekommen, die fr sie weder unmittelbar klar, noch auch
lebenanregend sind, sondern vllig also willkrlich erscheinen
mssen, wie der sinnliche Teil der Sprache. Fr sie ist nun,
durch diesen Eintritt der bloen Geschichte als Erklrerin, die
Sprache in Absicht des ganzen Umkreises ihrer Sinnbildlichkeit
tot, abgeschlossen und ihr stetiger Fortflu abgebrochen; und
obwohl ber diesen Umkreis hinaus sie nach ihrer Weise, und
inwiefern dies von einem solchen Ausgangspunkte aus mglich ist,
diese Sprache wieder lebendig fortbilden mgen; so bleibt doch
jener Bestandteil die Scheidewand, an welcher der ursprngliche
Ausgang der Sprache, als eine Naturkraft, aus dem Leben und die
Rckkehr der wirklichen Sprache in das Leben, ohne Ausnahme sich
bricht. Obwohl eine solche Sprache auf der Oberflche durch den
Wind des Lebens bewegt werden, und so den Schein eines Lebens von
sich geben mag, so hat sie doch tiefer einen toten Bestandteil,
und ist durch den Eintritt des neuen Anschauungskreises und die
Abbrechung des alten abgeschnitten von der lebendigen Wurzel.

Wir beleben das soeben Gesagte durch ein Beispiel; indem wir
zum Behuf dieses Beispiels noch beilufig die Bemerkung machen,
da eine solche im Grunde tote und unverstndliche Sprache sich
auch sehr leicht verdrehen und zu allen Beschnigungen des
menschlichen Verderbens mibrauchen lt, was in einer niemals
erstorbenen nicht also mglich ist. Ich bediene mich als solchen
Beispiels der drei berchtigten Worte, Humanitt, Popularitt,
Liberalitt. Diese Worte, vor dem Deutschen, der keine andre
Sprache gelernt hat, ausgesprochen, sind ihm ein vllig leerer
Schall, der an nichts ihm schon Bekanntes durch Verwandtschaft
des Lautes erinnert und so aus dem Kreise seiner Anschauung und
aller mglichen Anschauung ihn vollkommen herausreit. Reizt nun
doch etwa das unbekannte Wort durch seinen fremden vornehmen
und wohltnenden Klang seine Aufmerksamkeit, und denkt er, was
so hoch tne, msse auch etwas Hohes bedeuten; so mu er sich
diese Bedeutung ganz von vornherein und als etwas ihm ganz
Neues erklren lassen und kann dieser Erklrung eben nur blind
glauben und wird so stillschweigend gewhnt, etwas fr wirklich
daseiend und wrdig anzuerkennen, das er, sich selbst berlassen,
vielleicht niemals des Erwhnens wert gefunden htte. Man glaube
nicht, da es sich mit den neulateinischen Vlkern, welche jene
Worte vermeintlich als Worte ihrer Muttersprache aussprechen,
viel anders verhalte. Ohne gelehrte Ergrndung des Altertums und
seiner wirklichen Sprache verstehen sie die Wurzeln dieser Wrter
ebensowenig, als der Deutsche. Htte man nun etwa dem Deutschen
statt des Wortes Humanitt das Wort Menschlichkeit, wie jenes
wrtlich bersetzt werden mu, ausgesprochen, so htte er uns
ohne weitere historische Erklrung verstanden; aber er htte
gesagt: da ist man nicht eben viel, wenn man ein Mensch ist und
kein wildes Tier. Also aber, wie wohl nie ein Rmer gesagt htte,
wrde der Deutsche sagen, deswegen, weil die Menschheit berhaupt
in seiner Sprache nur ein sinnlicher Begriff geblieben, niemals
aber wie bei den Rmern zum Sinnbilde eines bersinnlichen
geworden; indem unsre Vorfahren vielleicht lange vorher die
einzelnen menschlichen Tugenden bemerkt, und sinnbildlich in der
Sprache bezeichnet, ehe sie darauf gefallen, dieselben in einem
Einheitsbegriffe, und zwar als Gegensatz mit der tierischen
Natur, zusammenzufassen, welches denn auch unsern Vorfahren
den Rmern gegenber zu gar keinem Tadel gereicht. Wer nun den
Deutschen dennoch dieses fremde und rmische Sinnbild knstlich
in die Sprache spielen wollte, der wrde ihre sittliche Denkart
offenbar herunterstimmen, indem er ihnen als etwas Vorzgliches
und Lobenswrdiges hingbe, was in der fremden Sprache auch wohl
ein solches sein mag, was er aber, nach der austilgbaren Natur
seiner Nationaleinbildungskraft nur fat, als das Bekannte, das
gar nicht zu erfassen ist. Es liee sich vielleicht durch eine
nhere Untersuchung dartun, da dergleichen Herabstimmungen der
frhern sittlichen Denkart durch unpassende und fremde Sinnbilder
den germanischen Stmmen, die die rmische Sprache annahmen,
schon zu Anfange begegnet: doch wird hier auf diesen Umstand
nicht gerade das grte Gewicht gelegt.

Wrde ich ferner dem Deutschen statt der Wrter Popularitt und
Liberalitt die Ausdrcke Haschen nach Gunst beim groen Haufen,
und Entfernung vom Sklavensinn, wie jene wrtlich bersetzt
werden mssen, sagen, so bekme derselbe zuvrderst nicht einmal
ein klares und lebhaftes sinnliches Bild, dergleichen der frhere
Rmer allerdings bekam. Dieser sah alle Tage die schmiegsame
Hflichkeit des ehrgeizigen Kandidaten gegen alle Welt, so
wie die Ausbrche des Sklavensinns vor Augen, und jene Worte
bildeten sie ihm wieder lebendig vor. Durch die Vernderung der
Regierungsform und die Einfhrung des Christentums waren schon
dem sptern Rmer diese Schauspiele entrissen; wie denn berhaupt
diesem, besonders durch das fremdartige Christentum, das er
weder abzuwehren, noch sich einzuverleiben vermochte, die eigne
Sprache guten Teils abzusterben anfing im eignen Munde. Wie htte
diese, schon in der eignen Heimat halbtote Sprache, lebendig
berliefert werden knnen an ein fremdes Volk? Wie sollte sie
es jetzt knnen an uns Deutsche? Was ferner das in jenen beiden
Ausdrcken liegende Sinnbild eines geistigen betrifft, so liegt
in der Popularitt schon ursprnglich eine Schlechtigkeit, die
durch das Verderben der Nation und ihrer Verfassung in ihrem
Munde zur Tugend verdreht wurde. Der Deutsche geht in diese
Verdrehung, sowie sie ihm nur in seiner eignen Sprache dargeboten
wird, nimmer ein. Zur Uebersetzung der Liberalitt aber dadurch,
da ein Mensch keine Sklavenseele, oder, wenn es in die neue
Sitte eingefhrt wird, keine Lakaiendenkart habe, antwortet er
abermals, da auch dies sehr wenig gesagt heie.

Nun hat man aber noch ferner in diese, schon in ihrer reinen Gestalt
bei den Rmern auf einer tiefen Stufe der sittlichen Bildung
entstandenen, oder geradezu eine Schlechtigkeit bezeichnenden
Sinnbilder in der Fortentwicklung der neulateinischen Sprachen den
Begriff von Mangel an Ernst ber die gesellschaftlichen Verhltnisse,
den des Sichwegwerfens, den der gemtlosen Lockerheit, hineingespielt
und dieselben auch in die deutsche Sprache gebracht, um durch das
Ansehen des Altertums und des Auslandes, ganz in der Stille und
ohne da jemand so recht deutlich merke, wovon die Rede sei, die
letztgenannten Dinge auch unter uns in Ansehen zu bringen. Dies
ist von jeher der Zweck und der Erfolg aller Einmischung gewesen;
zuvrderst aus der unmittelbaren Verstndlichkeit und Bestimmtheit,
die jede ursprngliche Sprache bei sich fhrt, den Hrer in Dunkel
und Unverstndlichkeit einzuhllen; darauf an den dadurch erregten
blinden Glauben desselben sich mit der nun ntig gewordenen Erklrung
zu wenden, in dieser endlich Laster und Tugend so durcheinander
zu rhren, da es kein leichtes Geschft ist, dieselben wieder
zu sondern. Htte man das, was jene drei auslndischen Worte
eigentlich wollen mssen, wenn sie berhaupt etwas wollen, dem
Deutschen in seinen Worten, und in seinem sinnbildlichen Kreise also
ausgesprochen: Menschenfreundlichkeit, Leutseligkeit, Edelmut, so
htte er uns verstanden; die genannten Schlechtigkeiten aber htten
sich niemals in jene Bezeichnungen einschieben lassen. Im Umfange
deutscher Rede entsteht eine solche Einhllung in Unverstndlichkeit
und Dunkel, entweder aus Ungeschicktheit, oder aus bser Tcke; sie
ist zu vermeiden, und die Uebersetzung in rechtes wahres Deutsch
liegt als stets fertiges Hilfsmittel bereit. In den neulateinischen
Sprachen aber ist diese Unverstndlichkeit natrlich und
ursprnglich, und sie ist durch gar kein Mittel zu vermeiden, indem
diese berhaupt nicht im Besitze irgendeiner lebendigen Sprache,
woran sie die tote prfen knnten, sich befinden, und die Sache genau
genommen, eine Muttersprache gar nicht haben.

Das an diesem einzelnen Beispiele Dargelegte, was gar leicht
durch den ganzen Umkreis der Sprache sich wrde hindurch fhren
lassen, und allenthalben also sich wieder finden wrde, soll
Ihnen das bis hierher Gesagte so klar machen, als es hier
werden kann. Es ist vom bersinnlichen Teile der Sprache die
Rede, vom sinnlichen zunchst und unmittelbar gar nicht. Dieser
bersinnliche Teil ist in einer immerfort lebendig gebliebenen
Sprache sinnbildlich, zusammenfassend bei jedem Schritte das
Ganze des sinnlichen und geistigen, in der Sprache niedergelegten
Lebens der Nation in vollendeter Einheit, um einen, ebenfalls
nicht willkrlichen, sondern aus dem ganzen bisherigen Leben
der Nation notwendig hervorgehenden Begriff zu bezeichnen,
aus welchem, und seiner Bezeichnung, ein scharfes Auge die
ganze Bildungsgeschichte der Nation rckwrtsschreitend wieder
mte herstellen knnen. In einer toten Sprache aber, in der
dieser Teil, als sie noch lebte, dasselbige war, wird er durch
die Erttung zu einer zerrissenen Sammlung willkrlicher, und
durchaus nicht weiter zu erklrender Zeichen ebenso willkrlicher
Begriffe, wo mit beiden sich nichts weiter anfangen lt, als da
man sie eben lerne.

Somit ist unsre nchste Aufgabe, den unterscheidenden Grundzug
des Deutschen vor den andern Vlkern germanischer Abkunft zu
finden, gelst. Die Verschiedenheit ist sogleich bei der ersten
Trennung des gemeinschaftlichen Stamms entstanden, und besteht
darin, da der Deutsche eine bis zu ihrem ersten Ausstrmen aus
der Naturkraft lebendige Sprache redet, die brigen germanischen
Stmme eine nur auf der Oberflche sich regende, in der Wurzel
aber tote Sprache. Allein in diesen Umstand, in die Lebendigkeit
und in den Tod, setzen wir den Unterschied; keineswegs aber
lassen wir uns ein auf den brigen innern Wert der deutschen
Sprache. Zwischen Leben und Tod findet gar keine Vergleichung
statt, und das erste hat vor dem letzten unendlichen Wert; darum
sind alle unmittelbare Vergleichungen der deutschen und der
neulateinischen Sprachen durchaus nichtig, und sind gezwungen
von Dingen zu reden, die der Rede nicht wert sind. Sollte
vom innern Werte der deutschen Sprache die Rede entstehen,
so mte wenigstens eine von gleichem Range, eine ebenfalls
ursprngliche, als etwa die griechische, den Kampfplatz betreten;
unser gegenwrtiger Zweck aber liegt tief unter einer solchen
Vergleichung.

Welchen unermelichen Einflu auf die ganze menschliche Entwicklung
eines Volks die Beschaffenheit seiner Sprache haben mge, die
Sprache, welche den einzelnen bis in die geheimste Tiefe seines
Gemts bei Denken und Wollen begleitet, und beschrnkt oder
beflgelt, welche die gesamte Menschenmenge, die dieselbe redet, auf
ihrem Gebiete zu einem einzigen gemeinsamen Verstande verknpft,
welche der wahre gegenseitige Durchstrmungspunkt der Sinnenwelt und
der der Geister ist, und die Enden dieser beiden also ineinander
verschmilzt, da gar nicht zu sagen ist, zu welcher von beiden sie
selber gehre; wie verschieden die Folge dieses Einflusses ausfallen
mge, da, wo das Verhltnis ist, wie Leben und Tod, lt sich im
allgemeinen erraten. Zunchst bietet sich dar, da der Deutsche
ein Mittel hat seine lebendige Sprache durch Vergleichung mit der
abgeschlossenen rmischen Sprache, die von der seinigen im Fortgange
der Sinnbildlichkeit gar sehr abweicht, noch tiefer zu ergrnden, wie
hinwiederum jene auf demselben Wege klarer zu verstehen, welches dem
Neulateiner, der im Grunde in dem Umkreise derselben _einen_ Sprache
gefangen bleibt, nicht also mglich ist; da der Deutsche, indem
er die rmische Stammsprache lernt, die abgestammten gewissermaen
zugleich mit erhlt, und falls er etwa die erste grndlicher lernen
sollte, denn der Auslnder, welches er aus dem angefhrten Grunde gar
wohl vermag, er zugleich auch dieses Auslnders eigne Sprachen weit
grndlicher verstehen und weit eigentmlicher besitzen lernt, denn
jener selbst, der sie redet; da daher der Deutsche, wenn er sich
nur aller seiner Vorteile bedient, den Auslnder immerfort bersehen
und ihn vollkommen, sogar besser denn er sich selbst, verstehen,
und ihn nach seiner ganzen Ausdehnung bersetzen kann; dagegen der
Auslnder ohne eine hchst mhsame Erlernung der deutschen Sprache
den wahren Deutschen niemals verstehen kann, und das echt Deutsche
ohne Zweifel unbersetzt lassen wird. Was in diesen Sprachen man
nur vom Auslnder selbst lernen kann, sind meistens aus Langeweile
und Grille entstandene neue Moden des Sprechens, und man ist sehr
bescheiden, wenn man auf diese Belehrungen eingeht. Meistens wrde
man statt dessen ihnen zeigen knnen, wie sie der Stammsprache und
ihrem Verwandlungsgesetze gemig sprechen sollten, und da die neue
Mode nichts tauge, und gegen die althergebrachte gute Sitte verstoe.
--

Jener Reichtum an Folgen berhaupt, so wie die besondere zuletzt
erwhnte Folge ergeben sich, wie gesagt, von selbst.

Unsre Absicht aber ist es, diese Folgen insgesamt im ganzen nach
ihrem Einheitsbande und aus der Tiefe zu erfassen, um dadurch
eine grndliche Schilderung des Deutschen im Gegensatze mit den
brigen germanischen Stmmen zu geben. Ich gebe diese Folgen
vorlufig in der Krze also an: 1. Beim Volke der lebendigen
Sprache greift die Geistesbildung ein ins Leben; beim Gegenteile
geht geistige Bildung und Leben jedes seinen Gang fr sich fort.
2. Aus demselben Grunde ist es einem Volke der ersten Art mit
aller Geistesbildung rechter eigentlicher Ernst, und es will, da
dieselbe ins Leben eingreife; dagegen einem von der letztern Art
diese vielmehr ein genialisches Spiel ist, mit dem sie nichts
weiter wollen. Die letztern haben Geist; die erstern haben
zum Geiste auch noch Gemt. 3. Was aus dem zweiten folgt: die
erstern haben redlichen Flei und Ernst in allen Dingen und sind
mhsam, dagegen die letztern sich im Geleite ihrer glcklichen
Natur gehen lassen. 4. Was aus allem zusammen folgt: In einer
Nation von der ersten Art ist das groe Volk bildsam, und die
Bildner einer solchen erproben ihre Entdeckungen an dem Volke,
und wollen auf dieses einflieen; dagegen in einer Nation von der
zweiten Art die gebildeten Stnde vom Volke sich scheiden, und
des letztern nicht weiter, denn als eines blinden Werkzeugs ihrer
Plne achten. Die weitere Errterung dieser angegebenen Merkmale
behalte ich der folgenden Rede vor.




Fnfte Rede.

Folgen aus der aufgestellten Verschiedenheit.


Zum Behuf einer Schilderung der Eigentmlichkeit der Deutschen
ist der Grundunterschied zwischen diesen und den andern Vlkern
germanischer Abkunft angegeben worden, da die ersteren in dem
ununterbrochenen Fortflusse einer aus wirklichem Leben sich
fortentwickelnden Sprache geblieben, die letztern aber eine ihnen
fremde Sprache angenommen, die unter ihrem Einflusse erttet
worden. Wir haben zu Ende der vorigen Rede andre Erscheinungen
an diesen also verschiedenen Volksstmmen angegeben, welche aus
jenem Grundunterschiede notwendig erfolgen muten; und werden
heute diese Erscheinungen weiter entwickeln und fester auf ihrem
gemeinsamen Boden begrnden.

Eine Untersuchung, die sich der Grndlichkeit befleiet, kann
manches Streites und der Erregung von mancherlei Scheelsucht
sich berheben. Wie wir ehemals in der Untersuchung, von der
die gegenwrtige die Fortsetzung ist, taten, so werden wir auch
hier tun. Wir werden Schritt vor Schritt ableiten, was aus dem
aufgestellten Grundunterschiede folgt, und nur darauf sehen,
da diese Ableitung richtig sei. Ob nun die Verschiedenheit der
Erscheinungen, die dieser Ableitung zufolge sein sollte, in der
wirklichen Erfahrung eintrete oder nicht, dies zu entscheiden,
will ich lediglich Ihnen und jedem Beobachter berlassen. Zwar
werde ich, was insbesondere den Deutschen betrifft, zu seiner
Zeit darlegen, da er sich wirklich also gezeigt habe, wie er
unsrer Ableitung zufolge sein mute. Was aber die germanischen
Auslnder betrifft, so werde ich nichts dagegen haben, wenn
einer unter ihnen wirklich versteht, wovon eigentlich hier
die Rede sei, und wenn diesem hernach auch der Beweis gelingt,
da seine Landsleute eben auch dasselbe gewesen seien, was
die Deutschen, und wenn er sie von den entgegengesetzten
Zgen vllig loszusprechen vermag. Im allgemeinen wird unsre
Beschreibung auch in diesen gegenteiligen Zgen keineswegs in das
Nachteilige und Grelle hin zeichnen, was den Sieg leichter macht
denn ehrenvoll, sondern nur das notwendig Erfolgende angeben, und
dieses so ehrbar ausdrcken, als es mit der Wahrheit bestehen
kann.

Die erste Folge von dem aufgestellten Grundunterschiede, die ich
angab, war die: beim Volke der lebendigen Sprache greife die
Geistesbildung ein in das Leben; beim Gegenteile gehe geistige
Bildung und Leben jedes fr sich seinen Gang fort. Es wird ntzlich
sein, zuvrderst den Sinn des aufgestellten Satzes tiefer zu
erklren. Zuvrderst, indem hier vom Leben, und von dem Eingreifen
der geistigen Bildung in dasselbe geredet wird, so ist darunter zu
verstehen das ursprngliche Leben und sein Fortflu aus dem Quell
alles geistigen Lebens, aus Gott, die Fortbildung der menschlichen
Verhltnisse nach ihrem Urbilde, und so die Erschaffung eines neuen
und vorher nie dagewesenen; keineswegs aber ist die Rede von der
bloen Erhaltung jener Verhltnisse auf der Stufe, wo sie schon
stehen, gegen Herabsinken, und noch weniger, vom Nachhelfen einzelner
Glieder, die hinter der allgemeinen Ausbildung zurckgeblieben.
Sodann, wenn von geistiger Bildung die Rede ist, so ist darunter
zu allererst die Philosophie -- wie wir dies mit dem auslndischen
Namen bezeichnen mssen, da die Deutschen sich den vorlngst
vorgeschlagenen deutschen Namen nicht haben gefallen lassen -- die
Philosophie, sage ich, ist zu allererst darunter zu verstehen;
denn diese ist es, welche das ewige Urbild alles geistigen Lebens
wissenschaftlich erfat. Von dieser und von aller auf sie gegrndeten
Wissenschaft wird nun gerhmt, da beim Volke der lebendigen
Sprache sie einfliee in das Leben. Nun aber ist, in scheinbarem
Widerspruche mit dieser Behauptung, oftmals und auch von den unsern
gesagt worden, da Philosophie, Wissenschaft, schne Kunst und
dergleichen Selbstzwecke seien, und dem Leben nicht dienten, und
da es Herabwrdigung derselben sei, sie nach ihrer Ntzlichkeit in
diesem Dienste zu schtzen. Es ist hier der Ort, diese Ausdrcke
nher zu bestimmen und vor aller Mideutung zu verwahren. Sie sind
wahr in folgendem doppelten aber beschrnkten Sinne: zuvrderst,
da Wissenschaft oder Kunst dem Leben auf einer gewissen niedern
Stufe, z. B. dem irdischen und sinnlichen Leben oder der gemeinen
Erbaulichkeit, wie einige gedacht haben, nicht msse dienen wollen;
sodann da ein einzelner zufolge seiner persnlichen Abgeschiedenheit
vom Ganzen einer Geisterwelt, in diesen besonderen Zweigen des
allgemeinen gttlichen Lebens vllig aufgehen knne, ohne eines
auer ihnen liegenden Antriebes zu bedrfen; und volle Befriedigung
in ihnen finden knne. Keineswegs aber sind sie wahr in strenger
Bedeutung; denn es ist ebenso unmglich, da es mehrere Selbstzwecke
gebe, als es unmglich ist, da es mehrere Absolute gebe. Der einzige
Selbstzweck, auer welchem es keinen andern geben kann, ist das
geistige Leben. Dieses uert sich nur zum Teil und erscheint als ein
ewiger Fortflu aus ihm selber, als Quell, d. i. als ewige Ttigkeit.
Diese Ttigkeit erhlt ewig fort ihr Musterbild von der Wissenschaft,
die Geschicklichkeit, nach diesem Bilde sich zu gestalten, von der
Kunst; und insoweit knnte es scheinen, da Wissenschaft und Kunst
da seien als Mittel fr das ttige Leben, als den Zweck. Nun aber
ist in dieser Form der Ttigkeit das Leben selber niemals vollendet
und zur Einheit geschlossen, sondern es geht fort ins Unendliche.
Soll nun doch das Leben als eine solche geschlossene Einheit dasein,
so mu es also dasein in einer andern Form. Diese Form ist nun die
des reinen Gedankens, der die in der dritten Rede beschriebene
Religionseinsicht gibt; eine Form, die als geschlossene Einheit mit
der Unendlichkeit des Tuns schlechthin auseinanderfllt, und in dem
letztern, dem Tun, niemals vollstndig ausgedrckt werden kann.
Beide demnach, der Gedanke, sowie die Ttigkeit, sind nur in der
Erscheinung auseinanderfallende Formen, jenseit der Erscheinung aber
sind sie, eine wie die andre, dasselbe _eine_ absolute Leben; und man
kann gar nicht sagen, da der Gedanke um des Tuns, oder das Tun um
des Gedankens willen sei und also sei, sondern da beides schlechthin
sein solle, indem auch in der Erscheinung das Leben ein vollendetes
Ganzes sein solle, also, wie es dies ist jenseit aller Erscheinung.
Innerhalb dieses Umkreises demnach und zufolge dieser Betrachtung
ist es noch viel zu wenig gesagt, da die Wissenschaft einfliee
aufs Leben; sie ist vielmehr selber, und in sich selbstndiges
Leben. -- Oder, um dasselbe an eine bekannte Wendung anzuknpfen.
Was hilft alles Wissen, hrt man zuweilen sagen, wenn nicht danach
gehandelt wird? In diesem Ausspruche wird das Wissen als Mittel fr
das Handeln, und dieses letztere als der eigentliche Zweck angesehen.
Man knnte umgekehrt sagen, wie kann man doch gut handeln, ohne das
Gute zu kennen? und es wrde in diesem Ausspruche das Wissen als
das Bedingende des Handelns betrachtet. Beide Aussprche aber sind
einseitig; und das Wahre ist, da beides, Wissen so wie Handeln, auf
dieselbe Weise unabtrennliche Bestandteile des vernnftigen Lebens
sind.

In sich selbstbestndiges Leben aber, wie wir soeben uns
ausdrckten, ist die Wissenschaft nur alsdann, wenn der Gedanke
der wirkliche Sinn und die Gesinnung des Denkenden ist, also da
er, ohne besondere Mhe, und sogar ohne dessen sich klar bewut
zu sein, alles andre, was er denkt, ansieht, beurteilt, zufolge
jenes Grundgedankens ansieht und beurteilt, und falls derselbe
aufs Handeln einfliet, nach ihm ebenso notwendig handelt.
Keineswegs aber ist der Gedanke Leben und Gesinnung, wenn er
nur als Gedanke eines fremden Lebens gedacht wird; so klar und
vollstndig er auch als ein solcher blo mglicher Gedanke
begriffen sein mag, und so hell man sich auch denken mge, wie
etwa jemand also denken knne. In diesem letztern Falle liegt
zwischen unserm gedachten Denken und zwischen unserm wirklichen
Denken ein groes Feld von Zufall und Freiheit, welche letzte
wir nicht vollziehen mgen; und so bleibt jenes gedachte Denken
von uns abstehend, und ein blo mgliches und ein von uns frei
gemachtes und immer fort frei zu wiederholendes Denken. In jenem
ersten Falle hat der Gedanke unmittelbar durch sich selbst unser
Selbst ergriffen und es zu sich selbst gemacht, und durch diese
also entstandene Wirklichkeit des Gedankens fr uns geht unsre
Einsicht hindurch zu dessen Notwendigkeit. Da nun das letztere
also erfolge, kann, wie eben gesagt, keine Freiheit erzwingen,
sondern es mu eben sich selbst machen, und der Gedanke selber
mu uns ergreifen, und uns nach sich bilden.

Diese lebendige Wirksamkeit des Gedankens wird nun sehr befrdert,
ja, wenn das Denken nur von der gehrigen Tiefe und Strke ist, sogar
notwendig gemacht, durch Denken und Bezeichnen in einer lebendigen
Sprache. Das Zeichen in der letzten ist selbst unmittelbar lebendig
und sinnlich, und wieder darstellend das ganze eigne Leben, und so
dasselbe ergreifend und eingreifend in dasselbe; mit dem Besitze
einer solchen Sprache spricht unmittelbar der Geist, und offenbart
sich ihm, wie ein Mann dem Manne. Dagegen regt das Zeichen einer
toten Sprache unmittelbar nichts an; um in den lebendigen Flu
desselben hineinzukommen, mu man erst historisch erlernte Kenntnisse
aus einer abgestorbenen Welt sich wiederholen, und sich in eine
fremde Denkart hineinversetzen. Wie berschwenglich wohl mte
der Trieb des eignen Denkens sein, wenn er in diesem langen und
breiten Gebiete der Historie nicht ermattete, und nicht zuletzt
auf dem Felde dieser bescheiden sich begngte. So eines Besitzers
der lebendigen Sprache Denken nicht lebendig wird, so kann man
einen solchen ohne Bedenken beschuldigen, da er gar nicht gedacht,
sondern nur geschwrmt habe. Den Besitzer einer toten Sprache kann
man in demselben Falle dessen nicht sofort beschuldigen; gedacht
mag er allerdings haben nach seiner Weise, die in seiner Sprache
niedergelegten Begriffe sorgfltig entwickelt; er hat nur das nicht
getan, was, falls es ihm gelnge, einem Wunder gleich zu achten wre.

Es erhellt im Vorbeigehen, da beim Volke einer toten Sprache
im Anfange, wo die Sprache noch nicht allseitig klar genug
ist, der Trieb des Denkens noch am krftigsten walten und
die scheinbarsten Erzeugnisse hervorbringen werde; da aber
dieser, sowie die Sprache klarer und bestimmter wird, in den
Fesseln derselben immermehr ersterben msse, so da zuletzt
die Philosophie eines solchen Volks mit eignem Bewutsein sich
bescheiden wird, da sie nur eine Erklrung des Wrterbuchs, oder
wie undeutscher Geist unter uns dies hochtnender ausgedrckt
hat, eine Metakritik der Sprache sei; zu allerletzt, da ein
solches Volk etwa ein mittelmiges Lehrgedicht ber die
Heuchelei in Komdienform fr ihr grtes philosophisches Werk
anerkennen wird.

In dieser Weise, sage ich, fliet die geistige Bildung, und hier
insbesondere das Denken in einer Ursache nicht ein in das Leben,
sondern es ist selbst Leben des also Denkenden. Doch strebt es
notwendig, aus diesem also denkenden Leben einzuflieen auf
andres Leben auer ihm, und so auf das vorhandene allgemeine
Leben, und dieses nach sich zu gestalten. Denn eben weil jenes
Denken Leben ist, wird es gefhlt von seinem Besitzer mit innigem
Wohlgefallen in seiner belebenden, verklrenden und befreienden
Kraft. Aber jeder, dem Heil aufgegangen ist in seinem Innern,
will notwendig, da allen andern dasselbe Heil widerfahre, und
er ist so getrieben und mu arbeiten, da die Quelle, aus der
ihm sein Wohlsein aufging, auch ber andre sich verbreite.
Anders derjenige, der blo ein fremdes Denken als ein mgliches
begriffen hat. So wie ihm selber dessen Inhalt weder Wohl noch
Wehe gibt, sondern es nur seine Mue angenehm beschftigt und
unterhlt, so kann er auch nicht glauben, da es einem andern
wohl oder wehe machen knne, und hlt es zuletzt fr einerlei,
woran jemand seinen Scharfsinn be, und womit er seine migen
Stunden ausflle.

Unter den Mitteln, das Denken, das im einzelnen Leben begonnen,
in das allgemeine Leben einzufhren, ist das vorzglichste
die Dichtung, und so ist denn diese der zweite Hauptzweig der
geistigen Bildung eines Volkes. Schon unmittelbar der Denker, wie
er seinen Gedanken in der Sprache bezeichnet, welches nach obigem
nicht anders denn sinnbildlich geschehen kann, und zwar ber den
bisherigen Umkreis der Sinnbildlichkeit hinaus neu erschaffend,
ist Dichter; und falls er dies nicht ist, wird ihm schon beim
ersten Gedanken die Sprache, und beim Versuche des zweiten
das Denken selber ausgehen. Diese durch den Denker begonnene
Erweiterung und Ergnzung des sinnbildlichen Kreises der Sprache
durch dieses ganze Gebiet der Sinnbilder zu verflen, also
da jedwedes an seiner Stelle den ihm gebhrenden Anteil von
der neuen geistigen Veredlung erhalte, und so das ganze Leben
bis auf seinen letzten sinnlichen Boden herab in den neuen
Lichtstrahl getaucht erscheine, wohlgefalle, und in bewutloser
Tuschung wie von selbst sich veredle, dieses ist das Geschft
der eigentlichen Dichtung. Nur eine lebendige Sprache kann eine
solche Dichtung haben; denn nur in ihr ist der sinnbildliche
Kreis durch erschaffendes Denken zu erweitern, und nur in
ihr bleibt das schon Geschaffene lebendig und dem Einstrmen
verschwisterten Lebens offen. Eine solche Sprache fhrt in sich
Vermgen unendlicher, ewig zu erfrischender und zu verjngender
Dichtung, denn jede Regung des lebendigen Denkens in ihr erffnet
eine neue Ader dichterischer Begeisterung; und so ist ihr denn
diese Dichtung das vorzglichste Verflungsmittel der erlangten
geistigen Ausbildung in das allgemeine Leben. Eine tote Sprache
kann in diesem hhern Sinne gar keine Dichtung haben, indem
alle die angezeigten Bedingungen der Dichtung in ihr nicht
vorhanden sind. Dagegen kann eine solche auf eine Zeitlang einen
Stellvertreter der Dichtung haben auf folgende Weise. Die in
der Stammsprache vorhandenen Ausflsse der Dichtkunst werden die
Aufmerksamkeit reizen. Zwar kann die neu entstandene Volksart
nicht fortdichten auf der angehobenen Bahn, denn diese ist
ihrem Leben fremd; aber sie kann ihr eignes Leben und die neuen
Verhltnisse desselben in den sinnbildlichen und dichterischen
Kreis, in welchem ihre Vorwelt ihr eignes Leben aussprach,
einfhren, und zum Beispiel ihren Ritter ankleiden als Heros und
umgekehrt, und die alten Gtter mit den neuen das Gewand tauschen
lassen. Gerade durch diese fremde Einhllung des Gewhnlichen
wird dasselbe einen dem idealisierten hnlichen Reiz erhalten,
und es werden ganz wohlgefllige Gestalten hervorgehen. Aber
beides, sowohl der sinnbildliche und dichterische Kreis der
Stammsprache, als die neuen Lebensverhltnisse, sind endliche und
beschrnkte Gren, ihre gegenseitige Durchdringung ist irgendwo
vollendet; da aber, wo sie vollendet ist, feiert das Volk sein
goldenes Zeitalter, und der Quell seiner Dichtung ist versiegt.
Irgendwo gibt es notwendig einen hchsten Punkt des Anpassens
der geschlossenen Wrter an die geschlossenen Begriffe, und der
geschlossenen Sinnbilder an die geschlossenen Lebensverhltnisse.
Nachdem dieser Punkt erreicht ist, kann das Volk nicht mehr, denn
entweder seine gelungensten Meisterstcke verndert wiederholen,
also, da sie aussehen, als ob sie etwas Neues seien, da sie
doch nur das wohlbekannte Alte sind; oder, wenn sie durchaus neu
sein wollen, zum Unpassenden und Unschicklichen ihre Zuflucht
nehmen, und ebenso in der Dichtkunst das Hliche mit dem Schnen
zusammenmischen, und sich auf die Karikatur und das Humoristische
legen, wie sie in der Prosa gentigt sind, die Begriffe zu
verwirren, und Laster und Tugend miteinander zu vermengen, wenn
sie in neuen Weisen reden wollen.

Indem auf diese Weise in einem Volke geistige Bildung und Leben
jedes fr sich seinen besonderen Gang fortgehen: so erfolgt von
selbst, da die Stnde, die zu der ersten keinen Zugang haben,
und an die auch nicht einmal, wie in einem lebendigen Volke, die
Folgen dieser Bildung kommen sollen, gegen die gebildeten Stnde
zurckgesetzt, und gleichsam fr eine andre Menschenart gehalten
werden, die an Geisteskrften ursprnglich, und durch die bloe
Geburt den ersten nicht gleich seien; da darum die gebildeten
Stnde gar keine wahrhaft liebende Teilnahme an ihnen, und keinen
Trieb haben, ihnen grndlich zu helfen, indem sie eben glauben,
da ihnen, wegen ursprnglicher Ungleichheit, gar nicht zu helfen
sei, und da die Gebildeten vielmehr gereizt werden, dieselben
zu brauchen, wie sie sind, und sie also brauchen zu lassen.
Auch diese Folge der Erttung der Sprache kann beim Beginn des
neuen Volkes durch eine menschenfreundliche Religion, und durch
den Mangel an eigner Gewandtheit der hhern Stnde gemildert
werden, im Fortgange aber wird diese Verachtung des Volkes immer
unverhohlner und grausamer. Mit diesem allgemeinen Grunde des
Sicherhebens und Vornehmtuns der gebildeten Stnde hat noch ein
besonderer sich vereinigt, welcher, da er auch selbst auf die
Deutschen einen sehr verbreiteten Einflu gehabt, hier nicht
bergangen werden darf. Nmlich die Rmer, welche anfangs den
Griechen gegenber, sehr unbefangen jenen nachsprechend, sich
selbst Barbaren, und ihre eigne Sprache barbarisch nannten,[2]
gaben nachher die auf sich geladene Benennung weiter, und fanden
bei den Germaniern dieselbe glubige Treuherzigkeit, die erst sie
selbst den Griechen gezeigt hatten. Die Germanier glaubten der
Barbarei nicht anders loswerden zu knnen, als wenn sie Rmer
wrden. Die auf ehemaligem rmischen Boden Eingewanderten wurden
es nach allem ihrem Vermgen. In ihrer Einbildungskraft bekam
aber barbarisch gar bald die Nebenbedeutung gemein, pbelhaft,
tlpisch, und so ward das Rmische im Gegenteil gleichgeltend mit
vornehm. Bis in das Allgemeine und Besondere ihrer Sprachen geht
dieses hinein, indem, wo Anstalten zur besonnenen und bewuten
Bildung der Sprache getroffen wurden, diese darauf gingen, die
germanischen Wurzeln auszuwerfen und aus rmischen Wurzeln die
Wrter zu bilden, und so die Romanze, als die Hof- und gebildete
Sprache zu erzeugen; im besondern aber, indem fast ohne Ausnahme
bei gleicher Bedeutung zweier Worte das aus germanischer Wurzel
das Unedle und Schlechte, das aus rmischer Wurzel aber das
Edlere und Vornehmere bedeutet.

  [2] Auch ber den grern oder geringern Wohllaut einer
      Sprache sollte, unsers Erachtens, nicht nach dem
      unmittelbaren Eindrucke, der von so vielen Zuflligkeiten
      abhngt, entschieden werden, sondern es mte sich auch ein
      solches Urteil auf feste Grundstze zurckfhren lassen.
      Das Verdienst einer Sprache in dieser Rcksicht wrde ohne
      Zweifel darein zu setzen sein, da sie zuvrderst das
      Vermgen des menschlichen Sprachwerkzeugs erschpfte und
      umfassend darstellte, sodann da sie die einzelnen Laute
      desselben zu einer naturgemen und schicklichen Verflieung
      ineinander verbnde. Es geht schon hieraus hervor, da
      Nationen, die ihre Sprachwerkzeuge nur halb und einseitig
      ausbilden und gewisse Laute oder Zusammensetzungen unter
      Vorwand der Schwierigkeit oder des belklanges vermeiden,
      und denen leichtlich nur das, was sie zu hren gewohnt sind
      und hervorbringen knnen, wohlklingen drfte, bei einer
      solchen Untersuchung keine Stimme haben.

      Wie nun, jene hhern Grundstze vorausgesetzt, das Urteil
      ber die deutsche Sprache in dieser Rcksicht ausfallen
      werde, mag hier unentschieden bleiben. Die rmische
      Stammsprache selbst wird von jeder neueuropischen Nation
      ausgesprochen nach der derselben eigenen Mundart, und ihr
      wahre Aussprache drfte sich nicht leicht wiederherstellen
      lassen. Es bliebe demnach nur noch die Frage brig, ob denn
      den neulateinischen Sprachen gegenber die deutsche so bel,
      hart und rauh tne, wie einige zu glauben geneigt sind.

      Bis einmal diese Frage grndlich entschieden werde, mag
      wenigstens vorlufig erklrt werden, wie es komme, da
      Auslndern und selbst Deutschen, auch wenn sie unbefangen
      sind und ohne Vorliebe oder Ha, dieses also scheine. Ein
      noch ungebildetes Volk von sehr regsamer Einbildungskraft,
      bei groer Kindlichkeit des Sinnes und Freiheit von
      Nationaleitelkeit (die Germanier scheinen dieses alles
      gewesen zu sein) wird angezogen durch die Ferne und versetzt
      gern in diese, in entlegene Lnder und ferne Inseln, die
      Gegenstnde seiner Wnsche und die Herrlichkeiten, die es
      ahnt. Es entwickelt sich in ihm ein _romantischer_ Sinn (das
      Wort erklrt sich selbst und knnte nicht passender gebildet
      sein). Laute und Tne aus jenen Gegenden treffen nun auf
      diesen Sinn und regen seine ganze Wunderwelt auf, und darum
      gefallen sie. Daher mag es kommen, da unsre ausgewanderten
      Landsleute so leicht die eigne Sprache fr die fremde
      aufgaben, und da noch bis jetzt uns, ihren sehr entfernten
      Anverwandten, jene Tne so wunderbar gefallen.

Dieses, gleich als ob es eine Grundseuche des ganzen germanischen
Stammes wre, fllt auch im Mutterlande den Deutschen an, falls
er nicht durch hohen Ernst dagegen gerstet ist. Auch unsern
Ohren tnt gar leicht rmischer Laut vornehm, auch unsern
Augen erscheint rmische Sitte edler, dagegen das Deutsche
gemein; und da wir nicht so glcklich waren, dieses alles aus
der ersten Hand zu erhalten, so lassen wir es uns auch aus der
zweiten, und durch den Zwischenhandel der neuen Rmer recht
wohl gefallen. Solange wir deutsch sind, erscheinen wir uns
als Mnner, wie andre auch; wenn wir halb oder auch ber die
Hlfte undeutsch reden und abstechende Sitten und Kleidung an
uns tragen, die gar weit herzukommen scheinen, so dnken wir
uns vornehm, der Gipfel aber unsers Triumphs ist es, wenn man
uns gar nicht mehr fr Deutsche, sondern etwa fr Spanier oder
Englnder hlt, je nachdem nun einer von diesen gerade am meisten
Mode ist. Wir haben recht. Naturgemheit von deutscher Seite,
Willkrlichkeit und Knstelei von der Seite des Auslandes sind
die Grundunterschiede; bleiben wir bei der ersten, so sind wir
eben, wie unser ganzes Volk, dieses begreift uns und nimmt uns
als seinesgleichen; nur wenn wir zur letzten unsre Zuflucht
nehmen, werden wir ihm unverstndlich, und es hlt uns fr andre
Naturen. Dem Auslande kommt diese Unnatur von selbst in sein
Leben, weil es ursprnglich und in einer Hauptsache von der Natur
abgewichen; wir mssen sie erst aufsuchen, und an den Glauben,
da etwas schn, schicklich und bequem sei, das auf natrliche
Weise uns nicht also erscheint, uns erst gewhnen. Von diesem
allen ist nun beim Deutschen der Hauptgrund sein Glaube an die
grere Vornehmigkeit des romanisierten Auslandes, nebst der
Sucht, ebenso vornehm zu tun, und auch in Deutschland die Kluft
zwischen den hhern Stnden und dem Volke, die im Auslande
natrlich erwuchs, knstlich aufzubauen. Es sei genug, hier den
Grundquell dieser Auslnderei unter den Deutschen angegeben zu
haben; wie ausgebreitet diese gewirkt, und da alle die Uebel, an
denen wir jetzt zugrunde gegangen, auslndischen Ursprungs sind,
welche freilich nur in der Vereinigung mit deutschem Ernste und
Einflu aufs Leben das Verderben nach sich ziehen muten, werden
wir zu einer andern Zeit zeigen.

Auer diesen beiden aus dem Grundunterschiede erfolgenden
Erscheinungen, da geistige Bildung ins Leben eingreife, oder
nicht, und da zwischen den gebildeten Stnden und dem Volke
eine Scheidewand bestehe, oder nicht, fhrte ich noch die
folgende an, da das Volk der lebendigen Sprache Flei und
Ernst haben und Mhe anwenden werde in allen Dingen, dagegen
das der toten Sprache die geistige Beschftigung mehr fr ein
genialisches Spiel halte, und im Geleite seiner glcklichen Natur
sich gehen lasse. Dieser Umstand ergibt aus dem oben Gesagten
sich von selbst. Beim Volke der lebendigen Sprache geht die
Untersuchung aus von einem Bedrfnisse des Lebens, welches durch
sie befriedigt werden soll, und erhlt so alle die ntigenden
Antriebe, die das Leben selbst bei sich fhrt. Bei dem der toten
will sie weiter nichts, denn die Zeit auf eine angenehme und
dem Sinne frs Schne angemessene Weise hinbringen, und sie hat
ihren Zweck vollstndig erreicht, wenn sie dies getan hat. Bei
den Auslndern ist das letzte fast notwendig; beim Deutschen,
wo diese Erscheinung sich einstellt, ist das Pochen auf Genie
und glckliche Natur eine seiner unwrdige Auslnderei, die, so
wie alle Auslnderei aus der Sucht, vornehm zu tun, entsteht.
Zwar wird in keinem Volke der Welt ohne einen ursprnglichen
Antrieb im Menschen, der, als ein Uebersinnliches, mit dem
auslndischen Namen mit Recht Genius genannt wird, irgend etwas
Treffliches entstehen. Aber dieser Antrieb fr sich allein
regt nur die Einbildungskraft an, und entwirft in ihr ber dem
Boden schwebende, niemals vollkommen bestimmte Gestalten. Da
diese bis auf den Boden des wirklichen Lebens herab vollendet,
und bis zur Haltbarkeit in diesem bestimmt werden, dazu bedarf
es des fleiigen, besonnenen und nach einer festen Regel
einhergehenden Denkens. Genialitt liefert dem Fleie den Stoff
zur Bearbeitung, und der letzte wrde ohne die erste entweder
nur das schon bearbeitete, oder nichts zu bearbeiten haben. Der
Flei aber fhrt diesen Stoff, der ohne ihn ein leeres Spiel
bleiben wrde, ins Leben ein; und so vermgen beide nur in
ihrer Vereinigung etwas, getrennt aber sind sie nichtig. Nun
kann berdies im Volke einer toten Sprache gar keine wahrhaft
erschaffende Genialitt zum Ausbruche kommen, weil es ihnen am
ursprnglichen Bezeichnungsvermgen fehlt, sondern sie knnen nur
schon Angehobenes fortbilden, und in die ganze schon vorhandene
und vollendete Bezeichnung verflen.

Was insbesondere die grere Mhe anbelangt, so ist natrlich,
da diese auf das Volk der lebendigen Sprache falle. Eine
lebendige Sprache kann in Vergleichung mit einer andern auf
einer hohen Stufe der Bildung stehen, aber sie kann niemals in
sich selber diejenige Vollendung und Ausbildung erhalten, die
eine tote Sprache gar leichtlich erhlt. In der letzten ist
der Umfang der Wrter geschlossen, die mglichen schicklichen
Zusammenstellungen derselben werden allmhlich auch erschpft,
und so mu der, der diese Sprache reden will, sie eben reden,
so wie sie ist; nachdem er dieses aber einmal gelernt hat,
redet die Sprache in seinem Munde sich selbst, und denkt und
dichtet fr ihn. In einer lebendigen Sprache aber, wenn nur in
ihr wirklich gelebt wird, vermehren und verndern die Worte
und ihre Bedeutungen sich immerfort, und eben dadurch werden
neue Zusammenstellungen mglich und die Sprache, die niemals
ist, sondern ewig fort wird, redet sich nicht selbst, sondern
wer sie gebrauchen will, mu eben selber nach seiner Weise und
schpferisch fr sein Bedrfnis sie reden. Ohne Zweifel erfordert
das letzte weit mehr Flei und Uebungen, denn das erste. Ebenso
gehen, wie schon oben gesagt, die Untersuchungen des Volks
einer lebendigen Sprache bis auf die Wurzel der Ausstrmung
der Begriffe aus der geistigen Natur selbst; dagegen die einer
toten Sprache nur einen fremden Begriff zu durchdringen und sich
begreiflich zu machen suchen, und so in der Tat nur geschichtlich
und auslegend, jene ersten aber wahrhaft philosophisch sind. Es
begreift sich, da seine Untersuchung von der letzten Art eher
und leichter abgeschlossen werden mge, denn eine von der ersten.

Nach allem wird der auslndische Genius die betretenen Heerbahnen
des Altertums mit Blumen bestreuen, und der Lebensweisheit, die
leicht ihm fr Philosophie gelten wird, ein zierliches Gewand
weben; dagegen wird der deutsche Geist neue Schachte erffnen,
und Licht und Tag einfhren in ihre Abgrnde und Felsmassen
von Gedanken schleudern, aus denen die knftigen Zeitalter
sich Wohnungen erbauen. Der auslndische Genius wird sein ein
lieblicher Sylphe, der mit leichtem Fluge ber den seinem Boden
von selbst entkeimten Blumen hinschwebt, und sich niederlt auf
dieselben, ohne sie zu beugen, und ihren erquickenden Tau in sich
zieht; oder eine Biene, die aus denselben Blumen mit geschftiger
Kunst den Honig sammelt, und ihn in regelmig gebauten Zellen
zierlich geordnet niederlegt; der deutsche Geist ein Adler, der
mit Gewalt seinen gewichtigen Leib emporreit, und mit starkem
und vielgebtem Flgel viel Luft unter sich bringt, um sich nher
zu heben der Sonne, deren Anschauung ihn entzckt.

Um alles bisher Gesagte in einen Hauptgesichtspunkt zusammenzufassen.
In Beziehung auf die Bildungsgeschichte berhaupt eines
Menschengeschlechts, das historisch in ein Altertum und in eine neue
Welt zerfallen ist, werden zur ursprnglichen Fortbildung dieser
neuen Welt im groen und ganzen die beiden beschriebenen Hauptstmme
sich also verhalten. Der auslndisch gewordene Teil der frischen
Nation hat durch seine Annahme der Sprache des Altertums eine weit
grere Verwandtschaft zu diesem erhalten. Es wird diesem Teile
anfangs weit leichter werden, die Sprache desselben auch in ihrer
ersten und unvernderten Gestalt zu erfassen, in die Denkmale ihrer
Bildung einzudringen, und in dieselben ungefhr so viel frisches
Leben zu bringen, da sie sich an das entstandene neue Leben anfgen
knnen. Kurz es wird von ihnen das Studium des klassischen Altertums
ber das neuere Europa ausgegangen sein. Von den ungelst gebliebenen
Aufgaben desselben begeistert wird es dieselben fortbearbeiten, aber
freilich nur also, wie man eine, keineswegs durch ein Bedrfnis des
Lebens, sondern durch bloe Wibegier gegebene Aufgabe bearbeitet,
leicht sie nehmend, nicht mit ganzem Gemte, sondern nur mit der
Einbildungskraft sie erfassend, und lediglich in dieser zu einem
luftigen Leibe sie gestaltend. Bei dem Reichtume des Stoffs, den
das Altertum hinterlassen, bei der Leichtigkeit, mit der in dieser
Weise sich arbeiten lt, werden sie eine Flle solcher Bilder in den
Gesichtskreis der neuen Welt einfhren. Diese schon in die neue Form
gestalteten Bilder der Alten Welt, angekommen bei demjenigen Teile
des Urstamms, der durch beibehaltene Sprache im Flusse ursprnglicher
Bildung blieb, werden auch dessen Aufmerksamkeit und Selbstttigkeit
reizen, sie, welche vielleicht, wenn sie in der alten Form geblieben
wren, unbeachtet und unvernommen vor ihm vorbergegangen wren. Aber
er wird, so gewi er sie nur wirklich erfat und nicht etwa nur sie
weitergibt von Hand in Hand, dieselben erfassen gem seiner Natur,
nicht im bloen Wissen eines fremden, sondern als Bestandteil seines
Lebens; und so sie aus dem Leben der neuen Welt nicht nur ableiten,
sondern sie auch in dasselbe wiederum einfhren, verkrpernd die
vorher blo luftigen Gestalten zu gediegenen, und im wirklichen
Lebenselemente haltbaren Leibern.

In dieser Verwandlung, die das Ausland selbst ihm zu geben
niemals vermocht htte, erhlt nun dieses es von ihnen zurck,
und vermittelst dieses Durchgangs allein wird eine Fortbildung
des Menschengeschlechts auf der Bahn des Altertums, eine
Vereinigung der beiden Haupthlften und ein regelmiger Fortflu
der menschlichen Entwicklung mglich. In dieser neuen Ordnung
der Dinge wird das Mutterland nicht eigentlich erfinden, sondern
im Kleinsten wie im Grten wird es immer bekennen mssen, da
es durch irgendeinen Wink des Auslandes angeregt worden, welches
Ausland selbst wieder angeregt wurde durch die Alten; aber das
Mutterland wird ernsthaft nehmen und ins Leben einfhren, was
dort nur obenhin und flchtig entworfen wurde. An treffenden und
tiefgreifenden Beispielen dieses Verhltnis darzulegen, ist, wie
schon oben gesagt, hier nicht der Ort, und wir behalten es uns
vor auf die knftige Rede.

Beide Teile der gemeinsamen Nation blieben auf diese Weise eins,
und nur in dieser Trennung und Einheit zugleich sind sie ein
Pfropfreis auf dem Stamme der altertmlichen Bildung, welche
letztere auerdem durch die neue Zeit abgebrochen sein und die
Menschheit ihren Wert von vorn wieder angefangen haben wrde.
In diesen ihren beim Ausgangspunkte verschiedenen am Ziele
zusammenlaufenden Bestimmungen mssen nun beide Teile, jeder sich
selbst und den andern, erkennen, und denselben gem einander
benutzen; besonders aber jeder den andern zu erhalten und in
seiner Eigentmlichkeit unverflscht zu lassen sich bequemen;
wenn es mit allseitiger und vollstndiger Bildung des Ganzen
einen guten Fortgang haben soll. Was diese Erkenntnis anbelangt,
so drfte dieselbe wohl vom Mutterlande, als welchem zunchst
der Sinn fr die Tiefe verliehen ist, ausgehen mssen. Wenn aber
in seiner Blindheit fr solche Verhltnisse und fortgerissen
von oberflchlichem Scheine, das Ausland jemals darauf ausgehen
sollte, sein Mutterland der Selbstndigkeit zu berauben, und es
dadurch zu vernichten und aufzunehmen in sich: so wrde dasselbe,
wenn ihm dieser Vorsatz gelnge, dadurch fr sich selbst die
letzte Ader zerschneiden, durch die es bisher noch zusammenhing
mit der Natur und dem Leben, und es wrde gnzlich anheimfallen
dem geistigen Tode, der ohnedies im Fortgange der Zeiten immer
sichtbarer als sein Wesen sich offenbart hat; sodann wre
der bisher noch stetig fortgegangene Flu der Bildung unsers
Geschlechts in der Tat beschlossen, und die Barbarei mte
wieder beginnen und ohne Rettung fortschreiten, so lange, bis
wir insgesamt wieder in Hhlen lebten, wie die wilden Tiere, und
gleich ihnen uns untereinander aufzehrten. Da dies wirklich
also sei, und notwendig also erfolgen msse, kann freilich
nur der Deutsche einsehen, und er allein soll es auch; dem
Auslnder, der, da er keine fremde Bildung kennt, unbegrenztes
Feld hat, sich in der seinigen zu bewundern, mu es, und mag es
immer erscheinen als eine abgeschmackte Lsterung der schlecht
unterrichteten Unwissenheit.

Das Ausland ist die Erde, aus welcher fruchtbare Dnste sich
absondern und sich emporheben zu den Wolken und durch welche auch
noch die in den Tartarus verwiesenen alten Gtter zusammenhngen mit
dem Umkreise des Lebens. Das Mutterland ist der jene umgebende ewige
Himmel, an welchem die leichten Dnste sich verdichten zu Wolken,
die, durch des Donnerers aus andrer Welt stammenden Blitzstrahl
geschwngert, herabfallen, als befeuchtender Regen, der Himmel und
Erde vereinigt, und die im ersten einheimischen Gaben auch dem
Schoe der letztern entkeimen lt. Wollen neue Titanen abermals den
Himmel erstrmen? Er wird fr sie nicht Himmel sein, denn sie sind
Erdgeborne; es wird ihnen blo der Anblick und die Einwirkung des
Himmels entrckt werden, und nur ihre Erde als eine kalte finstere
und unfruchtbare Behausung ihnen zurckbleiben. Aber was vermchte,
sagt ein rmischer Dichter, was vermchte ein Typhoeus, oder der
gewaltige Mimas, oder Porphyrion in drohender Stellung, oder Rhtus,
oder der khne Schleuderer ausgerissener Baumstmme, Enceladus, wenn
sie sich strzen gegen Pallas' tnenden Schild. Dieser selbige Schild
ist es, der ohne Zweifel auch uns decken wird, wenn wir es verstehen,
uns unter seinen Schutz zu begeben.




Sechste Rede.

Darlegung der deutschen Grundzge in der Geschichte.


Welche Hauptunterschiede sein wrden zwischen einem Volke,
das in seiner ursprnglichen Sprache sich fortbildet, und
einem solchen, das eine fremde Sprache angenommen, ist in
der vorigen Rede auseinandergesetzt. Wir sagten bei dieser
Gelegenheit: was das Ausland betreffe, so wollten wir dem eignen
Urteile jedweden Beobachters die Entscheidung berlassen, ob
in demselben diejenigen Erscheinungen wirklich eintrten, die
zufolge unsrer Behauptungen darin eintreten mten; was aber
die Deutschen betrifft, machten wir uns anheischig darzulegen,
da diese sich wirklich also geuert, wie unsern Behauptungen
zufolge das Volk einer Ursprache sich uern msse. Wir gehen
heute an die Erfllung unsres Versprechens, und zwar legen wir
das zu Erweisende zunchst dar an der letzten groen und in
gewissem Sinne vollendeten Welttat des deutschen Volkes, an der
kirchlichen Reformation.

Das aus Asien stammende und durch seine Verderbung erst recht
asiatisch gewordene, nur stumme Ergebung und blinden Glauben
predigende Christentum war schon fr die Rmer etwas Fremdartiges
und Auslndisches; es wurde niemals von ihnen wahrhaft durchdrungen
und angeeignet, und teilte ihr Wesen in zwei nicht aneinander
passende Hlften; wobei jedoch die Anfgung des fremden Teils durch
den angestammten schwermtigen Aberglauben vermittelt wurde. An
den eingewanderten Germaniern erhielt diese Religion Zglinge, in
denen keine frhere Verstandesbildung ihr hinderlich war, aber auch
kein angestammter Aberglaube sie begnstigte und so wurde sie denn
an dieselben gebracht, als ein zum Rmer, das sie nun einmal sein
wollten, eben auch gehriges Stck, ohne sonderlichen Einflu auf ihr
Leben. Da diese christlichen Erzieher von der altrmischen Bildung
und dem Sprachverstndnisse, als dem Behlter derselben, nicht mehr
an diese Neubekehrten kommen lieen, als mit ihren Absichten sich
vertrug, versteht sich von selbst; und auch hierin liegt ein Grund
des Verfalls und der Erttung der rmischen Sprache in ihrem Munde.
Als spterhin die echten und unverflschten Denkmale der alten
Bildung in die Hnde dieser Vlker fielen und dadurch der Trieb,
selbstttig zu denken und zu begreifen, in ihnen angeregt wurde: so
mute, da ihnen teils dieser Trieb neu und frisch war, teils kein
angestammtes Erschrecken vor den Gttern ihm das Gegengewicht hielt,
der Widerspruch eines blinden Glaubens und der sonderbaren Dinge,
welche im Verlaufe der Zeiten zu Gegenstnden desselben geworden
waren, dieselben weit hrter treffen, denn sogar die Rmer, als
an diese zuerst das Christentum kam. Einleuchten des vollkommenen
Widerspruchs aus demjenigen, woran man bisher treuherzig geglaubt
hat, erregt Lachen; die, welche das Rtsel gelst hatten, lachten und
spotteten, und die Priester selbst, die es ebenfalls gelst hatten,
lachten mit, gesichert dadurch, da nur sehr wenigen der Zugang zur
altertmlichen Bildung, als dem Lsungsmittel des Zaubers, offen
stehe. Ich deute hiermit vorzglich auf Italien, als den damaligen
Hauptsitz der neurmischen Bildung, hinter welchem die brigen
neurmischen Stmme in jeder Rcksicht noch sehr weit zurck waren.

Sie lachten des Truges, denn es war kein Ernst in ihnen, den
er erbittert htte; sie wurden durch diesen ausschlieenden
Besitz einer ungemeinen Erkenntnis um so sicherer ein vornehmer
und gebildeter Stand, und mochten es wohl leiden, da der
groe Haufe, fr den sie kein Gemt hatten, dem Truge ferner
preisgegeben und so auch fr ihre Zwecke folgsamer erhalten
bliebe. Also nur, da das Volk betrogen werde, der Vornehmere den
Betrug ntze und sein lache, konnte es fortbestehen; und es wrde
wahrscheinlich, wenn in der neuen Zeit nichts vorhanden gewesen
wre, auer Neurmern, also fortbestanden haben bis ans Ende der
Tage.

Sie sehen hier einen klaren Beleg zu dem, was frher ber die
Fortsetzung der alten Bildung durch die neue und ber den Anteil,
den die Neurmer daran zu haben vermgen, gesagt wurde. Die
neue Klarheit ging aus von den Alten, sie fiel zuerst in den
Mittelpunkt der neurmischen Bildung, sie wurde daselbst nur zu
einer Verstandeseinsicht ausgebildet, ohne das Leben zu ergreifen
und anders zu gestalten.

Nicht lnger aber konnte der bisherige Zustand der Dinge
bestehen, sobald dieses Licht in ein in wahrem Ernste und bis auf
das Leben herab religises Gemt fiel, und, wenn dieses Gemt
von einem Volke umgeben war, dem es seine ernstere Ansicht der
Sache leicht mitteilen konnte, und dieses Volk Hupter fand,
welche auf sein entschiedenes Bedrfnis etwas gaben. So tief
auch das Christentum herabsinken mochte, so bleibt doch immer
in ihm ein Grundbestandteil, in dem Wahrheit ist und der ein
Leben, das nur wirkliches und selbstndiges Leben ist, sicher
anregt; die Frage: was sollen wir tun, damit wir selig werden?
War diese Frage auf einen erstorbenen Boden gefallen, wo es
entweder berhaupt an seinen Ort gestellt blieb, ob wohl so etwas
wie Seligkeit im Ernste mglich sei, oder, wenn auch das erste
angenommen worden wre, dennoch gar kein fester und entschiedener
Wille, selbst auch selig zu werden, vorhanden war, so hatte auf
diesem Boden die Religion gleich anfangs nicht eingegriffen in
Leben und Willen, sondern sie war nur als ein schwankender und
blasser Schatten im Gedchtnisse und in der Einbildungskraft
behangen geblieben; und so muten natrlich auch alle ferneren
Aufklrungen ber den Zustand der vorhandenen Religionsbegriffe
gleichfalls ohne Einflu auf das Leben bleiben. War hingegen
jene Frage in einen ursprnglich lebendigen Boden gefallen, so
da im Ernste geglaubt wurde, es gebe eine Seligkeit und der
feste Wille da war, selig zu werden und die von der bisherigen
Religion angegebenen Mittel zur Seligkeit mit innigem Glauben und
redlichem Ernste in dieser Absicht gebraucht worden waren, so
mute, wenn in diesen Boden, der gerade durch sein Ernstnehmen
dem Lichte ber die Beschaffenheit dieser Mittel sich lnger
verschlo, dieses Licht zuletzt dennoch fiel, ein grliches
Entsetzen sich erzeugen vor dem Betruge um das Heil der Seele
und die treibende Unruhe, dieses Heil auf andre Weise zu retten
und was als in ewiges Verderben strzend erschien, konnte nicht
scherzhaft genommen werden. Ferner konnte der einzelne, den
zuerst diese Ansicht ergriffen, keineswegs zufrieden sein, etwa
nur seine eigne Seele zu retten, gleichgltig ber das Wohl aller
brigen unsterblichen Seelen, indem er, seiner tiefern Religion
zufolge, dadurch auch nicht einmal die eigne Seele gerettet
htte: sondern mit der gleichen Angst, die er um diese fhlte,
mute er ringen, schlechthin allen Menschen in der Welt das Auge
zu ffnen ber die verdammliche Tuschung.

Auf diese Weise nun fiel die Einsicht, die lange vor ihm
sehr viele Auslnder wohl in grerer Verstandesklarheit
gehabt hatten, in das Gemt des deutschen Mannes, Luther. An
altertmlicher und feiner Bildung, an Gelehrsamkeit, an andern
Vorzgen bertrafen ihn nicht nur Auslnder, sondern sogar viele
in seiner Nation. Aber ihn ergriff ein allmchtiger Antrieb, die
Angst um das ewige Heil und dieser ward das Leben in seinem Leben
und setzte immerfort das letzte in die Wage und gab ihm die Kraft
und die Gaben, die die Nachwelt bewundert. Mgen andre bei der
Reformation irdische Zwecke gehabt haben, sie htten nie gesiegt,
htte nicht an ihrer Spitze ein Anfhrer gestanden, der durch das
Ewige begeistert wurde; da dieser, der immerfort das Heil aller
unsterblichen Seelen auf dem Spiel stehen sah, allen Ernstes
allen Teufeln in der Hlle furchtlos entgegenging, ist natrlich
und durchaus kein Wunder. Dies nun ist ein Beleg von deutschem
Ernst und Gemt.

Da Luther mit diesem rein menschlichen, und nur durch jeden
selbst zu besorgenden Anliegen an alle und zunchst an die
Gesamtheit seiner Nation sich wendete, lag, wie gesagt, in
der Sache. Wie nahm nun sein Volk diesen Antrag auf? Blieb es
in seiner dumpfen Ruhe, gefesselt an den Boden durch irdische
Geschfte und ungestrt fortgehend den gewohnten Gang, oder
erregte die nicht alltgliche Erscheinung gewaltiger Begeisterung
blo sein Gelchter? Keineswegs, sondern es wurde wie durch ein
fortlaufendes Feuer ergriffen von derselben Sorge fr das Heil
der Seele und diese Sorge erffnete schnell auch ihr Auge der
vollkommenen Klarheit und sie nahmen auf im Fluge das ihnen
Dargebotene. War diese Begeisterung nur eine augenblickliche
Erhebung der Einbildungskraft, die im Leben und gegen dessen
ernsthafte Kmpfe und Gefahren nicht standhielt? Keineswegs,
sie entbehrten alles, und trugen alle Martern und kmpften in
blutigen zweifelhaften Kriegen, lediglich damit sie nicht wieder
unter die Gewalt des verdammlichen Papsttums gerieten, sondern
ihnen und ihren Kindern fort das allein seligmachende Licht des
Evangeliums schiene; und es erneuten sich an ihnen in spter Zeit
alle Wunder, die das Christentum bei seinem Beginnen an seinen
Bekennern darlegte. Alle Aeuerungen jener Zeit sind erfllt
von dieser allgemein verbreiteten Besorgtheit um die Seligkeit.
Sehen Sie hier einen Beleg von der Eigentmlichkeit des deutschen
Volkes. Es ist durch Begeisterung zu jedweder Begeisterung und
jedweder Klarheit leicht zu erheben und seine Begeisterung hlt
aus fr das Leben und gestaltet dasselbe um.

Auch frher und anderwrts hatten Reformatoren Haufen des Volks
begeistert und sie zu Gemeinden versammelt und gebildet; dennoch
erhielten diese Gemeinden keinen festen und auf dem Boden der
bisherigen Verfassung begrndeten Bestand, weil die Volkshupter
und Frsten der bisherigen Verfassung nicht auf ihre Seite
traten. Auch der Reformation durch Luther schien anfangs kein
gnstigeres Schicksal bestimmt. Der weise Kurfrst, unter dessen
Augen sie begann, schien mehr im Sinne des Auslandes als in dem
deutschen weise zu sein; er schien die eigentliche Streitfrage
nicht sonderlich gefat zu haben, einem Streite zwischen zwei
Mnchsorden, wie ihm es schien, nicht viel Gewicht beizulegen
und hchstens blo um den guten Ruf seiner neu errichteten
Universitt besorgt zu sein. Aber er hatte Nachfolger, die weit
weniger weise, denn er, von derselben ernstlichen Sorge fr
ihre Seligkeit ergriffen wurden, die in ihren Vlkern lebte,
und vermittelst dieser Gleichheit mit ihnen verschmolzen bis zu
gemeinsamem Leben oder Tod, Sieg oder Untergang.

Sehen Sie hieran einen Beleg zu dem oben angegebenen Grundzuge der
Deutschen, als einer Gesamtheit und zu ihrer durch die Natur
begrndeten Verfassung. Die groen National- und Weltangelegenheiten
sind bisher durch freiwillig auftretende Redner an das Volk
gebracht worden und bei diesem durchgegangen. Mochten doch ihre
Frsten anfangs aus Auslnderei und aus Sucht vornehm zu tun und
zu glnzen, wie jene, sich absondern von der Nation und diese
verlassen oder verraten, so wurden sie auch spter leicht wieder
fortgerissen zur Einstimmigkeit mit derselben und erbarmten sich
ihrer Vlker. Da das erste stets der Fall gewesen sei, werden
wir tiefer unten noch an andern Belegen dartun; da das letztere
fortdauernd der Fall bleiben mge, knnen wir nur mit heier
Sehnsucht wnschen.

Ohnerachtet man nun bekennen mu, da in der Angst jenes
Zeitalters um das Heil der Seelen, eine Dunkelheit und Unklarheit
blieb, indem es nicht darum zu tun war, den ueren Vermittler
zwischen Gott und den Menschen nur zu verndern, sondern
gar keines uern Mittlers zu bedrfen, und das Band des
Zusammenhanges in sich selber zu finden; so war es doch
vielleicht notwendig, da die religise Ausbildung der Menschen
im ganzen durch diesen Mittelzustand hindurchginge. Luthern
selbst hat sein redlicher Eifer noch mehr gegeben, denn er
suchte, und ihn weit hinausgefhrt ber sein Lehrgebude. Nachdem
er nur die ersten Kmpfe der Gewissensangst, die ihm sein
khnes Losreien von dem ganzen bisherigen Glauben verursachte,
bestanden hatte, sind alle seine Aeuerungen voll eines Jubels
und Triumphs ber die erlangte Freiheit der Kinder Gottes, welche
die Seligkeit gewi nicht mehr auer sich und jenseit des Grabes
suchten, sondern der Ausbruch des unmittelbaren Gefhls derselben
waren. Er ist hierin das Vorbild aller knftigen Zeitalter
geworden und hat fr uns alle vollendet. -- Sehen Sie auch hier
einen Grundzug des deutschen Geistes. Wenn er nur sucht, so
findet er mehr, als er suchte; denn er gert hinein in den Strom
lebendigen Lebens, das durch sich selbst fortrinnt und ihn mit
sich fortreit.

Dem Papsttume, dieses nach seiner eignen Gesinnung genommen und
beurteilt, geschah durch die Weise, wie die Reformation dasselbe
nahm, ohne Zweifel unrecht. Die Aeuerungen desselben waren wohl
grtenteils aus der vorliegenden Sprache blind herausgerissen,
asiatisch rednerisch bertreibend, gelten sollend, was sie
knnten, und rechnend, da mehr als der gebhrende Abzug wohl
ohnedies werde gemacht werden, niemals aber ernstlich ermessen,
erwogen oder gemeint. Die Reformation nahm mit deutschem
Ernste sie nach ihrem vollen Gewichte; und sie hatte recht,
da man alles also nehmen solle, unrecht, wenn sie glaubte,
jene htten es also genommen und sie noch andrer Dinge, denn
ihrer natrlichen Flachheit und Ungrndlichkeit, bezichtigte.
Ueberhaupt ist dies die stets sich gleichbleibende Erscheinung
in jedem Streit des deutschen Ernstes gegen das Ausland, ob
dieses sich nun auer Landes oder im Lande befinde, da das
letztere gar nicht begreifen kann, wie man ber so gleichgltige
Dinge, als Worte und Redensarten sind, ein so groes Wesen
erheben mge und da sie, aus deutschem Munde es wieder hrend,
nicht gesagt haben wollen, was sie doch gesagt haben und sagen,
und immerfort sagen werden, und ber Verleumdung, die sie
Konsequenzmacherei nennen, klagen, wenn man ihre Aeuerungen in
ihrem buchstblichen Sinne und als ernstlich gemeint, nimmt, und
dieselben betrachtet als Bestandteile einer folgebestndigen
Denkreihe, die man nun rckwrts nach ihren Grundstzen, und
vorwrts nach ihren Folgen herstellt; indes man doch vielleicht
sehr entfernt ist, ihnen fr die Person klares Bewutsein dessen,
was sie reden, und Folgebestndigkeit, beizumessen. In jener
Anmutung, man msse eben jedwedes Ding nehmen wie es gemeint sei,
nicht aber etwa noch darber hinaus das Recht zu meinen und laut
zu meinen, in Frage ziehen, verrt sich immer die noch so tief
versteckte Auslnderei.

Dieser Ernst, mit welchem das alte Religionslehrgebude genommen
wurde, ntigte dieses selbst zu einem greren Ernste, als es
bisher gehabt hatte, und zu neuer Prfung, Umdeutung, Befestigung
der alten Lehre, sowie zu grerer Behutsamkeit in Lehre und
Leben fr die Zukunft: und dieses, sowie das zunchstfolgende,
sei Ihnen ein Beleg von der Weise, wie Deutschland auf das
brige Europa immer zurckgewirkt hat. Hierdurch erhielt fr
das Allgemeine die alte Lehre wenigstens diejenige unschdliche
Wirksamkeit, die sie, nachdem sie nun einmal nicht aufgegeben
werden sollte, haben konnte; insbesondere aber ward sie fr
die Verteidiger derselben Gelegenheit und Aufforderung zu
einem grndlicheren und folgegemeren Nachdenken, als bisher
stattgehabt hatte. Davon, da die in Deutschland verbesserte
Lehre auch in das neulateinische Ausland sich verbreitet und
daselbst denselben Erfolg hherer Begeisterung hervorgebracht,
wollen wir hier, als von einer vorbergehenden Erscheinung
schweigen: wiewohl es immer merkwrdig ist, da die neue Lehre
in keinem eigentlich neulateinischen Lande zu einem vom Staate
anerkannten Bestande gekommen; indem es scheint, da es deutscher
Grndlichkeit bei den Regierenden und deutscher Gutmtigkeit beim
Volke bedurft habe, um diese Lehre vertrglich mit der Obergewalt
zu finden, und sie also zu machen.

In einer andern Rcksicht aber, und zwar nicht auf das Volk,
sondern auf die gebildeten Stnde, hat Deutschland durch seine
Kirchenverbesserung einen allgemeinen und dauernden Einflu auf
das Ausland gehabt; und durch diesen Einflu das Ausland wieder
zum Vorgnger fr sich selbst, und zu seinem eignen Anreger zu
neuen Schpfungen sich zubereitet. Das freie und selbstttige
Denken, oder die Philosophie, war schon in den vorhergehenden
Jahrhunderten unter der Herrschaft der alten Lehre hufig
angeregt und gebt worden, keineswegs aber, um aus sich selbst
Wahrheit hervorzubringen, sondern nur, um zu zeigen, da und auf
welche Weise die Lehre der Kirche wahr sei. Dasselbe Geschft in
Beziehung auf ihre Lehre erhielt zunchst die Philosophie auch
bei den deutschen Protestanten und ward bei diesen Dienerin des
Evangeliums, so wie sie bei den Scholastikern die der Kirche
gewesen war. Im Auslande, das entweder kein Evangelium hatte,
oder das dasselbe nicht mit unvermischt deutscher Andacht und
Tiefe des Gemts gefat hatte, erhob das durch den erhaltenen
glnzenden Triumph angefeuerte freie Denken sich leichter und
hher, ohne die Fessel eines Glaubens an Uebersinnliches;
aber es blieb in der sinnlichen Fessel des Glaubens an den
natrlichen, ohne Bildung und Sitte aufgewachsenen Verstand;
und weit entfernt, da es in der Vernunft die Quelle auf sich
selbst beruhender Wahrheit entdeckt htte, wurden fr dasselbe
die Aussprche dieses rohen Verstandes dasjenige, was fr
die Scholastiker die Kirche, fr die ersten protestantischen
Theologen das Evangelium war; ob sie wahr seien, darber regte
sich kein Zweifel, die Frage war blo, wie sie diese Wahrheit
gegen bestreitende Ansprche behaupten knnten.

Indem nun dieses Denken in das Gebiet der Vernunft, deren
Gegenstreit bedeutender gewesen sein wrde, gar nicht hineinkam,
so fand es keinen Gegner, auer der historisch vorhandenen
Religion und wurde mit dieser leicht fertig, indem es sie an
den Mastab des vorausgesetzten gesunden Verstandes hielt und
sich dabei klar zeigte, da sie demselben eben widersprche,
und so kam es denn, da, so wie dieses alles ins reine gebracht
wurde, im Auslande die Benennung des Philosophen und die des
Irreligisen und Gottesleugners, gleichbedeutend wurden, und zu
gleicher ehrenvoller Auszeichnung gereichten.

Die versuchte gnzliche Erhebung ber allen Glauben an fremdes
Ansehen, welche in diesen Bestrebungen des Auslandes das
richtige war, wurde den Deutschen, von denen sie vermittelst der
Kirchenverbesserung erst ausgegangen war, zu neuer Anregung. Zwar
sagten untergeordnete und unselbstndige Kpfe unter uns diese
Lehre des Auslandes eben nach -- lieber die des Auslandes, wie
es scheint, als die ebenso leicht zu habende ihrer Landsleute,
darum, weil ihnen das erste vornehmer dnkte -- und diese Kpfe
suchten, so gut es gehen wollte, sich selber davon zu berzeugen;
wo aber selbstndiger deutscher Geist sich regte, da gengte das
Sinnliche nicht, sondern es entstand die Aufgabe, das freilich
nicht auf fremdes Ansehen zu glaubende, Uebersinnliche in der
Vernunft selbst aufzusuchen und so erst eigentliche Philosophie
zu erschaffen, indem man, wie es sein sollte, das freie Denken
zur Quelle unabhngiger Wahrheit machte. Dahin strebte Leibniz im
Kampfe mit jener auslndischen Philosophie; dies erreichte der
eigentliche Stifter der neuen deutschen Philosophie, nicht ohne
das Gestndnis durch eine Aeuerung des Auslandes, die inzwischen
tiefer genommen worden, als sie gemeint gewesen, angeregt worden
zu sein. Seitdem ist unter uns die Aufgabe vollstndig gelst
und die Philosophie vollendet worden, welches man indessen sich
begngen mu, zu sagen, bis ein Zeitalter kommt, das es begreift.
Dies vorausgesetzt, so wre abermals durch Anregung des durch das
neurmische Ausland hindurchgegangenen Altertums im deutschen
Mutterlande die Schpfung eines vorher durchaus nicht dagewesenen
Neuen erfolgt.

Unter den Augen der Zeitgenossen hat das Ausland eine andre
Aufgabe der Vernunft und der Philosophie an die neue Welt, die
Errichtung des vollkommenen Staats, leicht und mit feuriger
Khnheit ergriffen und kurz darauf dieselbe also fallen lassen,
da es durch seinen jetzigen Zustand gentigt ist, den bloen
Gedanken der Aufgabe als ein Verbrechen zu verdammen und alles
anwenden mute, um, wenn es knnte, jene Bestrebungen aus den
Jahrbchern seiner Geschichte auszutilgen. Der Grund dieses
Erfolgs liegt am Tage: Der vernunftgeme Staat lt sich nicht
durch knstliche Vorkehrungen aus jedem vorhandenen Stoffe
aufbauen, sondern die Nation mu zu demselben erst gebildet und
herausgezogen werden. Nur diejenige Nation, welche zuvrderst
die Aufgabe der Erziehung zum vollkommenen Menschen, durch die
wirkliche Ausbung, gelst haben wird, wird sodann auch jene des
vollkommenen Staates lsen.

Auch die zuletztgenannte Aufgabe der Erziehung ist seit unsrer
Kirchenverbesserung vom Auslande geistvoll, aber im Sinne seiner
Philosophie mehrmals in Anregung gebracht worden, und diese
Anregungen haben unter uns frs erste Nachtreter und Uebertreiber
gefunden. Bis zu welchem Punkte endlich in unsern Tagen abermals
deutsches Gemt diese Sache gebracht, werden wir zu seiner Zeit
ausfhrlicher berichten.

Sie haben an dem Gesagten eine klare Uebersicht der gesamten
Bildungsgeschichte der neuen Welt, und des sich immer gleichbleibenden
Verhltnisses der verschiedenen Bestandteile der letzten zur ersten.
Wahre Religion, in der Form des Christentums, war der Keim der
neuen Welt und ihre Gesamtaufgabe die, diese Religion in die
vorhandene Bildung des Altertums zu verflen und die letzte
dadurch zu vergeistigen und zu heiligen. Der erste Schritt auf
diesem Wege war, das die Freiheit raubende uere Ansehen der
Form dieser Religion von ihr abzuscheiden, und auch in sie
das freie Denken des Altertums einzufhren. Es regte an zu
diesem Schritte das Ausland, der Deutsche tat ihn. Der zweite,
der eigentlich die Fortsetzung und Vollendung des ersten ist,
der, diese Religion und mit ihr alle Weisheit in uns selber
aufzufinden. Auch ihn vorbereitete das Ausland, und vollzog der
Deutsche. Der dermalen in der ewigen Zeit an der Tagesordnung
sich befindende Fortschritt ist die vollkommene Erziehung der
Nation zum Menschen. Ohne dies wird die gewonnene Philosophie
nie ausgedehnte Verstndlichkeit, vielweniger noch allgemeine
Anwendbarkeit im Leben finden; so wie hinwiederum ohne Philosophie
die Erziehungskunst niemals zu vollstndiger Klarheit in sich
selbst gelangen wird. Beide greifen daher ineinander und sind
eins ohne das andre unvollstndig und unbrauchbar. Schon allein
darum, weil der Deutsche bisher alle Schritte der Bildung zur
Vollendung gebracht und er eigentlich dazu aufbewahrt worden ist
in der neuen Welt, kommt ihm dasselbe auch mit der Erziehung zu;
wie aber diese einmal in Ordnung gebracht ist, wird es sich mit
den brigen Angelegenheiten der Menschheit leicht ergeben.

In diesem Verhltnisse also hat wirklich die deutsche Nation zur
Fortbildung des menschlichen Geschlechts in der neuen Zeit bisher
gestanden. Noch ist ber eine schon zweimal fallen gelassene
Bemerkung ber den naturgemen Hergang, den diese Nation hierbei
genommen, da nmlich in Deutschland alle Bildung vom Volke
ausgegangen, mehr Licht zu verbreiten. Da die Angelegenheit
der Kirchenverbesserung zuerst an das Volk gebracht worden,
und allein dadurch, da es desselben Angelegenheit geworden,
gelungen sei, haben wir schon ersehen. Aber es ist ferner
darzutun, da dieser einzelne Fall nicht Ausnahme, sondern da er
die Regel gewesen.

Die im Mutterlande zurckgebliebenen Deutschen hatten alle
Tugenden, die ehemals auf ihrem Boden zu Hause waren, beibehalten:
Treue, Biederkeit, Ehre, Einfalt; aber sie hatten von Bildung
zu einem hhern und geistigen Leben nicht mehr erhalten,
als das damalige Christentum und seine Lehrer an zerstreut
wohnende Menschen bringen konnten. Dies war wenig, und sie
standen so gegen ihre ausgewanderten Stammverwandten zurck,
und waren in der Tat zwar brav und bieder, aber dennoch halb
Barbaren. Es entstanden unter ihnen indessen Stdte, die durch
Glieder aus dem Volke errichtet wurden. In diesen entwickelte
sich schnell jeder Zweig des gebildeten Lebens zur schnsten
Blte. In ihnen entstanden, zwar auf Kleines berechnete, dennoch
aber treffliche brgerliche Verfassungen und Einrichtungen, und
von ihnen aus verbreitete sich ein Bild von Ordnung und eine
Liebe derselben erst ber das brige Land. Ihr ausgebreiteter
Handel half die Welt entdecken. Ihren Bund frchteten Knige. Die
Denkmler ihrer Baukunst dauern noch, haben der Zerstrung von
Jahrhunderten getrotzt, die Nachwelt steht bewundernd vor ihnen
und bekennt ihre eigne Unmacht.

Ich will diese Brger der deutschen Reichsstdte des Mittelalters
nicht vergleichen mit den andern ihnen gleichzeitigen Stnden und
nicht fragen, was indessen der Adel tat und die Frsten; aber in
Vergleich mit den brigen germanischen Nationen, einige Striche
Italiens abgerechnet, hinter welchen selbst jedoch in den schnen
Knsten die Deutschen nicht zurckblieben, in den ntzlichen
sie bertrafen und ihre Lehrer wurden -- diese abgerechnet
waren nun diese deutschen Brger die gebildeten und jene die
Barbaren. Die Geschichte Deutschlands, deutscher Macht, deutscher
Unternehmungen, Erfindungen, Denkmale, Geistes, ist in diesem
Zeitraume lediglich die Geschichte dieser Stdte, und alles
brige, als da sind Lnderverpfndungen und Wiedereinlsungen
und dergleichen, ist nicht des Erwhnens wert. Auch ist dieser
Zeitpunkt der einzige in der deutschen Geschichte, in der
diese Nation glnzend und ruhmvoll und mit dem Range der ihr
als Stammvolk gebhrt, dasteht; so wie ihre Blte durch die
Habsucht und Herrschsucht der Frsten zerstrt und ihre Freiheit
zertreten wird, sinkt das Ganze allmhlich immer tiefer herab und
geht entgegen dem gegenwrtigen Zustand; wie aber Deutschland
herabsinkt, sieht man das brige Europa eben also sinken, in
Rcksicht dessen, was das Wesen betrifft und nicht den bloen
uern Schein.

Der entscheidende Einflu dieses in der Tat herrschenden Standes
auf die Entwicklung der deutschen Reichsverfassung, auf die
Kirchenverbesserung und auf alles, was jemals die deutsche Nation
bezeichnete und von ihr ausging in das Ausland, ist allenthalben
unverkennbar, und es lt sich nachweisen, da alles, was noch
jetzt Ehrwrdiges ist unter den Deutschen, in seiner Mitte
entstanden ist.

Und mit welchem Geiste brachte hervor und geno dieser deutsche
Stand diese Blten? Mit dem Geiste der Frmmigkeit, der Ehrbarkeit,
der Bescheidenheit, des Gemeinsinnes. Fr sich selbst bedurften sie
wenig, fr ffentliche Unternehmungen machten sie unermelichen
Aufwand. Selten steht irgendwo ein einzelner Name hervor und zeichnet
sich aus, weil alle gleichen Sinnes waren und gleicher Aufopferung
fr das Gemeinsame. Ganz unter denselben uern Bedingungen, wie
in Deutschland, waren auch in Italien freie Stdte entstanden. Man
vergleiche die Geschichten beider; man halte die fortwhrenden
Unruhen, die innern Zwiste, ja Kriege, den bestndigen Wechsel
der Verfassungen und der Herrscher, in den ersten, gegen die
friedliche Ruhe und Eintracht in den letztern. Wie konnte klarer
sich aussprechen, da ein innerlicher Unterschied in den Gemtern
der beiden Nationen gewesen sein msse? Die deutsche Nation ist
die einzige unter den neueuropischen Nationen, die es an ihrem
Brgerstande schon seit Jahrhunderten durch die Tat gezeigt hat, da
sie die republikanische Verfassung zu ertragen vermge.

Unter den einzelnen und besondern Mitteln, den deutschen Geist
wieder zu heben, wrde es ein sehr krftiges sein, wenn wir
eine begeisternde Geschichte der Deutschen aus diesem Zeitraume
htten, die da National- und Volksbuch wrde, so wie Bibel oder
Gesangbuch es sind, so lange, bis wir selbst wiederum etwas
des Aufzeichnens Wertes hervorbrchten. Nur mte eine solche
Geschichte nicht etwa chronikenmig die Taten und Ereignisse
aufzhlen, sondern sie mte uns, wunderbar ergreifend und
ohne unser eignes Zutun oder klares Bewutsein, mitten hinein
versetzen in das Leben jener Zeit, so da wir selbst mit ihnen
zu gehen, zu stehen, zu beschlieen, zu handeln schienen, und
dies nicht durch kindische und tndelnde Erdichtung, wie es so
viele historische Romane getan haben, sondern durch Wahrheit;
und aus diesem ihrem Leben mte sie die Taten und Ereignisse,
als Belege desselben, hervorblicken lassen. Ein solches Werk
knnte zwar nur die Frucht von ausgebreiteten Kenntnissen sein,
und von Forschungen, die vielleicht noch niemals angestellt
sind, aber die Ausstellung dieser Kenntnisse und Forschungen
mte uns der Verfasser ersparen und nur lediglich die gereifte
Frucht uns vorlegen in der gegenwrtigen Sprache, auf eine
jedwedem Deutschen ohne Ausnahme verstndliche Weise. Auer jenen
historischen Kenntnissen wrde ein solches Werk auch noch ein
hohes Ma philosophischen Geistes erfordern, der ebensowenig sich
zur Schau ausstellte; und vor allem ein treues und liebendes
Gemt.

Jene Zeit war der jugendliche Traum der Nation in beschrnkten
Kreisen von knftigen Taten, Kmpfen und Siegen, und die
Weissagung, was sie einst bei vollendeter Kraft sein wrde.
Verfhrerische Gesellschaft und die Lockung der Eitelkeit
hat die heranwachsende fortgerissen in Kreise, die nicht die
ihrigen sind, und indem sie auch da glnzen wollte, steht sie da
mit Schmach bedeckt und ringend sogar um ihre Fortdauer. Aber
ist sie denn wirklich veraltet und entkrftet? Hat ihr nicht
auch seitdem immerfort und bis auf diesen Tag die Quelle des
ursprnglichen Lebens fortgequollen, wie keiner andern Nation?
Knnen jene Weissagungen ihres jugendlichen Lebens, die durch
die Beschaffenheit der brigen Vlker und durch den Bildungsplan
der ganzen Menschheit besttigt werden -- knnen sie unerfllt
bleiben? Nimmermehr. Bringe man diese Nation nur zuvrderst
zurck von der falschen Richtung, die sie ergriffen, zeige man
ihr in dem Spiegel jener ihrer Jugendtrume ihren wahren Hang und
ihre wahre Bestimmung, bis unter diesen Betrachtungen sich ihr
die Kraft entfalte, diese ihre Bestimmung mchtig zu ergreifen.
Mchte diese Aufforderung etwas dazu beitragen, da recht bald
ein dazu ausgersteter deutscher Mann diese vorlufige Aufgabe
lse!




Siebente Rede.

Noch tiefere Erfassung der Ursprnglichkeit und Deutschheit eines
Volkes.


Es sind in den vorigen Reden angegeben und in der Geschichte
nachgewiesen die Grundzge der Deutschen, als eines Urvolks, und
als eines solchen, das das Recht hat, sich das Volk schlechtweg,
im Gegensatze mit andern von ihm abgerissenen Stmmen, zu
nennen, wie denn auch das Wort Deutsch in seiner eigentlichen
Wortbedeutung das soeben Gesagte bezeichnet. Es ist zweckmig,
da wir bei diesem Gegenstande noch eine Stunde verweilen und
uns auf den mglichen Einwurf einlassen, da, wenn dies deutsche
Eigentmlichkeit sei, man werde bekennen mssen, da dermalen
unter den Deutschen selber wenig Deutsches mehr brig sei. Indem
auch wir diese Erscheinung keineswegs leugnen knnen, sondern
sie vielmehr anzuerkennen und in ihren einzelnen Teilen sie zu
bersehen gedenken, wollen wir mit einer Erklrung derselben
anheben.

Das war im ganzen das Verhltnis des Urvolks der neuen Welt
zum Fortgange der Bildung dieser Welt, da das erstere durch
unvollstndige und auf der Oberflche verbleibende Bestrebungen
des Auslandes erst angeregt werde zu tiefern aus seiner eignen
Mitte heraus zu entwickelnden Schpfungen. Da von der Anregung
bis zur Schpfung es ohne Zweifel seine Zeit dauert, so ist
klar, da ein solches Verhltnis Zeitrume herbeifhren werde,
in welchem das Urvolk fast ganz mit dem Auslande verflossen, und
demselben gleich erscheinen msse, weil es nmlich gerade im
Zustande des bloen Angeregtseins sich befindet, und die dabei
beabsichtigte Schpfung noch nicht zum Durchbruche gekommen
ist. In einem solchen Zeitraume befindet sich nun gerade jetzt
Deutschland in Absicht der groen Mehrzahl seiner gebildeten
Bewohner, und daher rhren die durch das ganze innere Wesen und
Leben dieser Mehrzahl verflossenen Erscheinungen der Auslnderei.
Die Philosophie als freies von allen Fesseln des Glaubens an
fremdes Ansehen erledigtes Denken, sei es, wodurch dermalen
das Ausland sein Mutterland anrege, haben wir in der vorigen
Rede ersehen. Wo es nun von dieser Anregung aus nicht zur neuen
Schpfung gekommen, welches, da die letzte von der groen
Mehrzahl unvernommen geblieben, bei uerst wenigen der Fall
ist: da gestaltet sich teils noch jene schon frher bezeichnete
Philosophie des Auslandes selber zu andern und andern Formen;
teils bemchtigt sich der Geist derselben auch der brigen an
die Philosophie zunchst grenzenden Wissenschaften, und sieht
dieselben an aus seinem Gesichtspunkte; endlich da der Deutsche
seinen Ernst und sein unmittelbares Eingreifen in das Leben
doch niemals ablegen kann, so fliet diese Philosophie ein auf
die ffentliche Lebensweise und auf die Grundstze und Regeln
derselben. Wir werden dies Stck um Stck dartun.

Zuvrderst und vor allen Dingen: der Mensch bildet seine
wissenschaftliche Ansicht nicht etwa mit Freiheit und Willkr,
so oder so, sondern sie wird ihm gebildet durch sein Leben und
ist eigentlich die zur Anschauung gewordene innere, und brigens
ihm unbekannte Wurzel seines Lebens selbst. Was du so recht
innerlich eigentlich bist, das tritt heraus vor dein ueres
Auge, und du vermchtest niemals etwas andres zu sehen. Solltest
du anders sehen, so mtest du erst anders werden. Nun ist das
innere Wesen des Auslandes oder der Nichtursprnglichkeit, der
Glaube an irgendein Letztes, Festes, unvernderlich Stehendes,
an eine Grenze, diesseit welcher zwar das freie Leben sein Spiel
treibe, welche selbst aber es niemals zu durchbrechen, und
durch sich flssig zu machen und sich in dieselbe zu verflen
vermge. Diese undurchdringliche Grenze tritt ihm darum irgendwo
notwendig auch vor die Augen, und es kann nicht anders denken
oder glauben, auer unter Voraussetzung einer solchen, wenn nicht
sein ganzes Wesen umgewandelt, und sein Herz ihm aus dem Leibe
gerissen werden soll. Es glaubt notwendig an den Tod, als das
Ursprngliche und Letzte, den Grundquell aller Dinge, und mit
ihnen des Lebens.

Wir haben hier nur zunchst anzugeben, wie dieser Grundglaube des
Auslandes unter den Deutschen dermalen sich ausspreche.

Er spricht sich aus zuvrderst in der eigentlichen Philosophie.
Die dermalige deutsche Philosophie, inwiefern dieselbe hier der
Erwhnung wert ist, will Grndlichkeit und wissenschaftliche
Form, unerachtet sie dieselbe nicht zu erschwingen vermag, sie
will Einheit, auch nicht ohne frhern Vorgang des Auslandes, sie
will Realitt und Wesen -- nicht bloe Erscheinung, sondern eine
in der Erscheinung erscheinende Grundlage dieser Erscheinung,
und hat in allen diesen Stcken recht und bertrifft sehr
weit die herrschenden Philosophien des dermaligen auswrtigen
Auslandes, indem sie in der Auslnderei weit grndlicher und
folgebestndiger ist, denn jenes. Diese der bloen Erscheinung
unterzulegende Grundlage ist ihnen nun, wie sie sie auch etwa
noch fehlerhafter weiterbestimmen mgen, immer ein festes Sein,
das da ist, was es eben ist, und nichts weiter, in sich gefesselt
und an sein eignes Wesen gebunden; und so tritt denn der Tod und
die Entfremdung von der Ursprnglichkeit, die in ihnen selbst
sind, auch heraus vor ihre Augen. Weil sie selbst nicht zum Leben
schlechtweg aus sich selber heraus sich aufzuschwingen vermgen,
sondern fr freien Aufflug stets eines Trgers und einer Sttze
bedrfen, darum kommen sie auch mit ihrem Denken, als dem Abbilde
ihres Lebens, nicht ber diesen Trger hinaus: das, was nicht
etwas ist, ist ihnen notwendig nichts, weil, zwischen jenem in
sich verwachsenen Sein und dem Nichts, ihr Auge nichts weiter
sieht, da ihr Leben da nichts weiter hat. Ihr Gefhl, worauf auch
allein sie sich berufen knnen, erscheint ihnen als untrglich;
und so jemand diesen Trger nicht zugibt, so sind sie weit
entfernt von der Voraussetzung, da er mit dem Leben allein sich
begnge, sondern sie glauben, da es ihm nur an Scharfsinn fehle,
den Trger, der ohne Zweifel auch ihn trage, zu bemerken, und da
er der Fhigkeit, sich zu ihren hohen Ansichten aufzuschwingen,
ermangle. Es ist darum vergeblich und unmglich, sie zu belehren;
machen mte man sie, und anders machen, wenn man knnte. In
diesem Teile ist nun die dermalige deutsche Philosophie nicht
deutsch, sondern Auslnderei.

Die wahre in sich selbst zu Ende gekommene und ber die Erscheinung
hinweg wahrhaft zum Kerne derselben durchgedrungene Philosophie
hingegen geht aus von dem einen, reinen, gttlichen Leben -- als
Leben schlechtweg, welches es auch in alle Ewigkeit, und darin immer
eines bleibt, nicht aber als von diesem oder jenem Leben; und sie
sieht, wie lediglich in der Erscheinung dieses Leben unendlich fort
sich schliee und wiederum ffne, und erst diesem Gesetze zufolge
es zu einem Sein, und zu einem Etwas berhaupt komme. Ihr entsteht
das Sein, was jene sich vorausgeben lt. Und so ist denn diese
Philosophie recht eigentlich nur deutsch, d. i. ursprnglich; und
umgekehrt, so jemand nur ein wahrer Deutscher wrde, so wrde er
nicht anders denn also philosophieren knnen.

Jenes, obwohl bei der Mehrzahl der deutsch Philosophierenden
herrschende, dennoch nicht eigentlich deutsche Denksystem greift,
ob es nun mit Bewutsein als eigentliches philosophisches
Lehrgebude aufgestellt sei, oder ob es nur unbewut unserm
brigen Denken zum Grunde liege -- es greift, sage ich, ein in
die brigen wissenschaftlichen Ansichten der Zeit; wie denn dies
ein Hauptbestreben unsrer durch das Ausland angeregten Zeit ist,
den wissenschaftlichen Stoff nicht mehr blo, wie wohl unsre
Vorfahren taten, in das Gedchtnis zu fassen, sondern denselben
auch selbstdenkend und philosophierend zu bearbeiten. An Absicht
des Bestrebens berhaupt hat die Zeit recht; wenn sie aber, wie
dies zu erwarten ist, in der Ausfhrung dieses Philosophierens
von der totglubigen Philosophie des Auslandes ausgeht, wird sie
unrecht haben. Wir wollen hier nur auf die unserm ganzen Vorhaben
am nchsten liegenden Wissenschaften einen Blick werfen, und
die in ihnen verbreiteten auslndischen Begriffe und Ansichten
aufsuchen.

Da die Errichtung und Regierung der Staaten als eine freie Kunst
angesehen werde, die ihre festen Regeln habe, darin hat ohne
Zweifel das Ausland, es selbst nach dem Muster des Altertums, uns
zum Vorgnger gedient. Worein wird nun ein solches Ausland, das
schon an dem Elemente seines Denkens und Wollens, seiner Sprache,
einen festen geschlossenen und toten Trger hat, und alle, die
ihm hierin folgen, diese Staatskunst setzen? Ohne Zweifel in
die Kunst, eine gleichfalls feste und tote Ordnung der Dinge zu
finden, aus welchem Toten das lebendige Regen der Gesellschaft
hervorgehe, und also hervorgehe, wie sie es beabsichtigt; alles
Leben in der Gesellschaft zu einem groen und knstlichen Druck-
und Rderwerke zusammenzufgen, in welchem jedes Einzelne durch
das Ganze immerfort gentigt werde, dem Ganzen zu dienen; ein
Rechenexempel zu lsen aus endlichen und benannten Gren zu
einer nennbaren Summe, aus der Voraussetzung, jeder wolle sein
Wohl, zu dem Zwecke, eben dadurch jeden wider seinen Dank und
Willen zu zwingen das allgemeine Wohl zu befrdern. Das Ausland
hat vielfltig diesen Grundsatz ausgesprochen und Kunstwerke
jener gesellschaftlichen Maschinenkunst geliefert; das Mutterland
hat die Lehre angenommen, und die Anwendung derselben zu
Hervorbringung gesellschaftlicher Maschinen weiter bearbeitet,
auch hier, wie immer, umfassender, tiefer, wahrer, seine Muster
bei weitem bertreffend. Solche Staatsknstler wissen, falls
es etwa mit dem bisherigen Gange der Gesellschaft stockt, dies
nicht anders zu erklren, als da etwa eines der Rder derselben
ausgelaufen sein mge, und kennen kein andres Heilungsmittel,
denn dies, die schadhaften Rder herauszuheben und neue
einzusetzen. Je eingewurzelter jemand in diese mechanische
Ansicht der Gesellschaft ist, je mehr er es versteht, diesen
Mechanismus zu vereinfachen, indem er alle Teile der Maschine
so gleich als mglich macht, und alle als gleichmigen Stoff
behandelt, fr einen desto grern Staatsknstler gilt er mit
Recht in dieser unsrer Zeit; -- denn mit den unentschieden
schwankenden, und gar keiner festen Ansicht fhigen ist man noch
bler daran.

Diese Ansicht der Staatskunst prgt durch ihre eiserne Folgegemheit
und durch einen Anschein von Erhabenheit, der auf sie fllt, Achtung
ein; auch leistet sie, besonders wo alles nach monarchischer und
immer reiner werdender monarchischer Verfassung drngt, bis auf
einen gewissen Punkt gute Dienste. Angekommen aber bei diesem Punkte
springt ihre Unmacht in die Augen. Ich will nmlich annehmen,
da ihr eurer Maschine die von euch beabsichtigte Vollkommenheit
durchaus verschafft httet, und da in ihr jedwedes niedere Glied
unausbleiblich und unwiderstehlich gezwungen werde durch ein hheres,
zum Zwingen gezwungenes Glied, und so fort bis an den Gipfel;
wodurch wird denn nun euer letztes Glied, von dem aller in der
Maschine vorhandene Zwang ausgeht, zu seinem Zwingen gezwungen? Ihr
sollt schlechthin allen Widerstand, der aus der Reibung der Stoffe
gegen jene letzte Triebfeder entstehen knnte, berwunden, und ihr
eine Kraft gegeben haben, gegen welche alle andre Kraft in Nichts
verschwinde, was allein ihr auch durch Mechanismus knnt, und sollt
also die allerkrftigste monarchische Verfassung erschaffen haben;
wie wollt ihr denn nun diese Triebfeder selbst in Bewegung bringen,
und sie zwingen, ohne Ausnahme das Rechte zu sehen und zu wollen? Wie
wollt ihr denn in euer zwar richtig berechnetes und gefgtes, aber
stillstehendes Rderwerk das ewig Bewegliche einsetzen? Soll etwa,
wie ihr dies auch zuweilen in eurer Verlegenheit uert, das ganze
Werk selbst zurckwirken und seine erste Triebfeder anregen? Entweder
geschieht dies durch eine selbst aus der Anregung der Triebfeder
stammende Kraft, oder es geschieht durch eine solche Kraft, die nicht
aus ihr stammt, sondern die in dem Ganzen selbst, unabhngig von der
Triebfeder, stattfindet; und ein drittes ist nicht mglich. Nehmt ihr
das erste an, so befindet ihr euch in einem alles Denken und allen
Mechanismus aufhebenden Zirkel; das ganze Werk kann die Triebfeder
zwingen, nur, inwiefern es selbst von jener gezwungen ist, sie zu
zwingen, also inwiefern die Triebfeder, nur mittelbar, sich selbst
zwingt; zwingt sie aber sich selbst nicht, welchem Mangel wir ja
eben abhelfen wollten, so erfolgt berhaupt keine Bewegung. Nehmt
ihr das zweite an, so bekennt ihr, da der Ursprung aller Bewegung
in eurem Werke von einer in eure Berechnung und Anordnung gar nicht
eingetretenen und durch euren Mechanismus gar nicht gebundenen Kraft
ausgehe, die ohne Zweifel ohne euer Zutun nach ihren eignen euch
unbekannten Gesetzen wirkt, wie sie kann. In jedem der beiden Flle
mt ihr euch als Stmper und unmchtige Prahler bekennen.

Dies hat man denn auch gefhlt, und in diesem Lehrgebude, das,
auf seinen Zwang rechnend, um die brigen Brger unbesorgt sein
kann, wenigstens den Frsten, von welchem alle gesellschaftliche
Bewegung ausgeht, durch allerlei gute Lehre und Unterweisung
erziehen wollen. Aber wie will man sich denn versichern, da man
auf eine der Erziehung zum Frsten berhaupt fhige Natur treffen
werde; oder falls man auch dieses Glck htte, da dieser, den
kein Mensch ntigen kann, gefllig und geneigt sein werde, Zucht
annehmen zu wollen? Eine solche Ansicht der Staatskunst ist nun,
ob sie auf auslndischem oder deutschem Boden angetroffen werde,
immer Auslnderei. Es ist jedoch hierbei zur Ehre deutschen
Geblts und Gemts anzumerken, da, so gute Knstler wir auch
in der bloen Lehre dieser Zwangsberechnungen sein mochten, wir
dennoch, wenn es zur Ausbung kam, durch das dunkle Gefhl, es
msse nicht also sein, gar sehr gehemmt wurden, und in diesem
Stcke gegen das Ausland zurckblieben. Sollten wir also auch
gentigt werden, die uns zugedachte Wohltat fremder Formen und
Gesetze anzunehmen, so wollen wir uns dabei wenigstens nicht
ber die Gebhr schmen, als ob unser Witz unfhig gewesen wre,
die Hhen der Gesetzgebung auch zu erschwingen. Da, wenn wir
blo die Feder in der Hand haben, wir auch hierin keiner Nation
nachstehen, so mchten fr das Leben wir wohl gefhlt haben, da
auch dies noch nicht das rechte sei, und so lieber das Alte haben
stehen lassen wollen, bis das Vollkommne an uns kme, anstatt
blo die alte Mode mit einer neuen ebenso hinflligen Mode zu
vertauschen.

Anders die echt deutsche Staatskunst. Auch sie will Festigkeit,
Sicherheit und Unabhngigkeit von der blinden und schwankenden
Natur, und ist hierin mit dem Auslande ganz einverstanden. Nur
will sie nicht, wie diese, ein festes und gewisses Ding, als
das erste, durch welches der Geist als das zweite Glied, erst
gewi gemacht werde, sondern sie will gleich von vornherein, und
als das allererste und einige Glied, einen festen und gewissen
Geist. Dieser ist fr sie die aus sich selbst lebende und ewig
bewegliche Triebfeder, die das Leben der Gesellschaft ordnen und
fortbewegen wird. Sie begreift, da sie diesen Geist nicht durch
Strafreden an die schon verwahrloste Erwachsenheit, sondern nur
durch Erziehung des noch unverdorbenen Jugendalters hervorbringen
knne; und zwar will sie mit dieser Erziehung sich nicht, wie das
Ausland, an die schroffe Spitze, den Frsten, sondern sie will
sich mit derselben an die breite Flche, an die Nation wenden,
indem ja ohne Zweifel auch der Frst zu dieser gehren wird.
So wie der Staat an den Personen seiner erwachsenen Brger die
fortgesetzte Erziehung des Menschengeschlechts ist, so msse,
meint diese Staatskunst, der knftige Brger selbst erst zur
Empfnglichkeit jener hheren Erziehung herauferzogen werden.
Hierdurch wird nun diese deutsche und allerneueste Staatskunst
wiederum die allerlteste; denn auch diese bei den Griechen
grndete das Brgertum auf die Erziehung, und bildete Brger,
wie die folgenden Zeitalter sie nicht wieder gesehen haben. In
der Form dasselbe, in dem Gehalte mit nicht engherzigem und
ausschlieendem, sondern allgemeinem und weltbrgerlichem Geiste,
wird hinfr der Deutsche tun.

Derselbe Geist des Auslandes herrscht bei der groen Mehrzahl
der unsrigen auch in ihrer Ansicht des gesamten Lebens eines
Menschengeschlechts und der Geschichte, als dem Bilde jenes
Lebens. Eine Nation, die eine geschlossene und erstorbene
Grundlage ihrer Sprache hat, kann es, wie wir zu einer andern
Zeit gezeigt haben, in allen Redeknsten nur bis zu einer
gewissen von jener Grundlage verstatteten Stufe der Ausbildung
bringen, und sie wird ein goldenes Zeitalter erleben. Ohne
die grte Bescheidenheit und Selbstverleugnung kann eine
solche Nation von dem ganzen Geschlechte nicht fglich hher
denken, denn sie selbst sich kennt; sie mu daher voraussetzen,
da es auch fr dieses ein letztes, hchstes und niemals zu
bertreffendes Ziel der Ausbildung geben werde. So wie das
Tiergeschlecht der Biber oder Bienen noch jetzt also baut, wie
es vor Jahrtausenden gebaut hat, und in diesem langen Zeitraume
in der Kunst keine Fortschritte gemacht hat, ebenso wird es nach
diesen sich mit dem Tiergeschlechte, Mensch genannt, in allen
Zweigen seiner Ausbildung verhalten. Diese Zweige, Triebe und
Fhigkeiten werden sich erschpfend bersehen, ja vielleicht
an ein paar Gliedmaen sogar dem Auge darlegen lassen, und die
hchste Entwicklung einer jeden wird angegeben werden knnen.
Vielleicht wird das Menschengeschlecht darin noch weit bler
daran sein, als das Biber- oder Bienengeschlecht, da das
letztere, wie es zwar nichts zulernt, dennoch auch in seiner
Kunst nicht zurckkommt, der Mensch aber, wenn er auch einmal
den Gipfel erreichte, wiederum zurckgeschleudert wird, und nun
Jahrhunderte oder Tausende sich anstrengen mag, um wiederum in
den Punkt hinein zu geraten, in welchem man ihn lieber gleich
htte lassen sollen. Dergleichen Scheitelpunkte seiner Bildung
und goldene Zeitalter wird, diesen zufolge das Menschengeschlecht
ohne Zweifel auch schon erreicht haben; diese in der Geschichte
aufzusuchen, und nach ihnen alle Bestrebungen der Menschheit
zu beurteilen und auf sie zurckfhren, wird ihr eifrigstes
Bestreben sein. Nach ihnen ist die Geschichte lngst fertig, und
ist schon mehrmals fertig gewesen; nach ihnen geschieht nichts
Neues unter der Sonne, denn sie haben unter und ber der Sonne
den Quell des ewigen Fortlebens ausgetilgt, und lassen nur den
immer wiederkehrenden Tod sich wiederholen und mehrere Male
setzen.

Es ist bekannt, da diese Philosophie der Geschichte vom Auslande
aus an uns gekommen ist, wiewohl sie dermalen auch in diesem
verhallet, und fast ausschlieend deutsches Eigentum geworden
ist. Aus dieser tiefern Verwandtschaft erfolgt es denn auch, da
diese unsre Geschichtsphilosophie die Bestrebungen des Auslandes,
welches, wenn es auch diese Ansicht der Geschichte nicht mehr
hufig ausspricht, noch mehr tut, indem es in derselben handelt,
und abermals ein goldnes Zeitalter verfertigt, so durch und
durch zu verstehen, und ihnen sogar weissagend den fernern Weg
vorzuzeichnen, und sie so aufrichtig zu bewundern vermag, wie es
der deutsch Denkende nicht eben also von sich rhmen kann. Wie
knnte er auch? Goldene Zeitalter in jeder Rcksicht sind ihm
eine Beschrnktheit der Erstorbenheit. Das Gold mge zwar das
Edelste sein im Schoe der erstorbenen Erde, meint er, aber des
lebendigen Geistes Stoff sei jenseit der Sonne und jenseit aller
Sonnen, und sei ihre Quelle. Ihm wickelt sich die Geschichte, und
mit ihr das Menschengeschlecht, nicht ab nach dem verborgenen und
wunderlichen Gesetze eines Kreistanzes, sondern nach ihm macht
der eigentliche und rechte Mensch sie selbst, nicht etwa nur
wiederholend das schon Dagewesene, sondern in die Zeit hinein
erschaffend das durchaus Neue. Er erwartet darum niemals bloe
Wiederholung, und wenn sie doch erfolgen sollte, Wort fr Wort,
wie es im alten Buche steht, so bewundert er wenigstens nicht.

Auf hnliche Weise nun verbreitet der erttende Geist des
Auslandes, ohne unser deutliches Bewutsein, sich ber unsre
brigen wissenschaftlichen Ansichten, von denen es hinreichen mge,
die angefhrten Beispiele beigebracht zu haben; und zwar erfolgt
dies deswegen also, weil wir gerade jetzt die vom Auslande frher
erhaltenen Anregungen nach unsrer Weise bearbeiten, und durch
einen solchen Mittelzustand hindurchgehen. Weil dies zur Sache
gehrte, habe ich diese Beispiele beigebracht; nebenbei auch noch
darum, damit niemand glaube, durch Folgestze aus den angefhrten
Grundstzen den hier geuerten Behauptungen widersprechen zu
knnen. Weit entfernt, da etwa jene Grundstze uns unbekannt
geblieben wren, oder da wir zu der Hhe derselben uns nicht
aufzuschwingen vermocht htten, kennen wir sie vielmehr recht
gut, und drften vielleicht, wenn wir berflssige Zeit htten,
fhig sein, dieselben in ihrer ganzen Folgemigkeit rckwrts
und vorwrts zu entwickeln; wir werfen sie nur eben gleich von
vornherein weg, und so auch alles, was aus ihnen folgt, dessen
mehreres ist in unserm hergebrachten Denken, als der oberflchliche
Beobachter leicht glauben drfte.

Wie in unsre wissenschaftliche Ansicht, ebenso fliet dieser
Geist des Auslandes auch ein in unser gewhnliches Leben und die
Regeln desselben; damit aber dieses klar, und das vorhergehende
noch klarer werde, ist es ntig, zuvrderst das Wesen des
ursprnglichen Lebens oder der Freiheit mit tieferm Blicke zu
durchdringen.

Die Freiheit im Sinne des unentschiedenen Schwankens zwischen
mehreren gleich Mglichen genommen, ist nicht Leben, sondern
nur Vorhof und Eingang zu wirklichem Leben. Endlich mu es doch
einmal aus diesem Schwanken heraus zum Entschlusse und zum
Handeln kommen und erst jetzt beginnt das Leben.

Nun erscheint unmittelbar und auf den ersten Blick jedweder
Willensentschlu als Erstes, keineswegs als Zweites und Folge
aus dem ersten, als seinem Grunde -- als schlechthin durch sich
daseiend, und so daseiend, wie er es ist; welche Bedeutung
als die einzig mgliche verstndige des Worts Freiheit wir
festsetzen wollen. Aber es sind, in Absicht auf den innern
Gehalt eines solchen Willensentschlusses, zwei Flle mglich;
entweder nmlich erscheint in ihm nur die Erscheinung abgetrennt
vom Wesen, und ohne da das Wesen auf irgendeine Weise in ihrem
Erscheinen eintrete, oder das Wesen tritt selbst erscheinend
ein in dieser Erscheinung eines Willensentschlusses: und zwar
ist hierbei sogleich mit anzumerken, da das Wesen nur in
einem Willensentschlusse, und durchaus in nichts anderm, zur
Erscheinung werden kann, wiewohl umgekehrt es Willensentschlsse
geben kann, in denen keineswegs das Wesen, sondern nur die bloe
Erscheinung heraustritt. Wir reden zunchst von dem letzten Falle.

Die bloe Erscheinung, als solche, ist durch ihre Abtrennung
und durch ihren Gegensatz mit dem Wesen, sodann dadurch, da
sie fhig ist, selbst auch zu erscheinen und sich darzustellen,
unabnderlich bestimmt, und sie ist darum notwendig also, wie
sie eben ist und ausfllt. Ist daher, wie wir voraussetzen,
irgendein gegebener Willensentschlu in seinem Inhalte bloe
Erscheinung, so ist er insofern in der Tat nicht frei, Erstes
und Ursprngliches, sondern er ist notwendig, und ein zweites,
aus einem hhern ersten, dem Gesetze der Erscheinung berhaupt,
also wie es ist, hervorgehendes Glied. Da nun, wie auch hier
mehrmals erinnert worden, das Denken des Menschen denselben also
vor ihn selber hinstellt, wie er wirklich ist, und immerfort
der treue Abdruck und Spiegel seines Innern bleibt, so kann
ein solcher Willensentschlu, obwohl er auf den ersten Blick,
da er ja ein Willensentschlu ist, als frei erscheint, dennoch
dem wiederholten und tiefern Denken keineswegs also erscheinen,
sondern er mu in diesem als notwendig gedacht werden, wie er
es denn wirklich in der Tat ist. Fr solche, deren Willen sich
noch in keinen hhern Kreis aufgeschwungen hat, als in den, da
an ihnen ein Wille blo erscheine, ist der Glaube an Freiheit
allerdings Wahn und Tuschung eines flchtigen und auf der
Oberflche behangen bleibenden Anschauens; im Denken allein, das
ihnen allenthalben nur die Fessel der strengen Notwendigkeit
zeigt, ist fr sie Wahrheit.

Das erste Grundgesetz der Erscheinung, schlechthin als solcher, (den
Grund anzugeben unterlassen wir um so fglicher, da es anderwrts
zur Genge geschehen ist), ist dieses, da sie zerfalle in ein
Mannigfaltiges, da in einer gewissen Rcksicht ein unendliches,
in einer gewissen andern Rcksicht ein geschlossenes Ganzes ist,
in welchem geschlossenen Ganzen des Mannigfaltigen jedes einzelne
bestimmt ist, durch alle brige, und wiederum alle brige bestimmt
sind durch dieses einzelne. Falls daher in dem Willensentschlusse
des einzelnen nichts weiter herausbricht in die Erscheinung, als die
Erscheinbarkeit, Darstellbarkeit und Sichtbarkeit berhaupt, die in
der Tat die Sichtbarkeit von Nichts ist, so ist der Inhalt eines
solchen Willensentschlusses bestimmt durch das geschlossene Ganze
aller mglichen Willensentschlsse dieses und aller mglichen brigen
einzelnen Willen, und er enthlt nichts weiter und kann nichts weiter
enthalten, denn dasjenige, was nach Abziehung aller jener mglichen
Willensentschlsse zu wollen brigbleibt. Es ist darum in der Tat
in ihm nichts Selbstndiges, Ursprngliches und Eignes, sondern er
ist die bloe Folge, als Zweites, aus dem allgemeinen Zusammenhange
der ganzen Erscheinung in ihren einzelnen Teilen, wie er denn dafr
auch stets von allen, die auf dieser Stufe der Bildung sich befanden,
dabei aber grndlich dachten, erkannt worden, und diese ihre
Erkenntnis auch mit denselben Worten, deren wir uns soeben bedienten,
ausgesprochen worden ist; alles dieses aber darum, weil in ihnen
nicht das Wesen, sondern nur die bloe Erscheinung eintritt in die
Erscheinung.

Wo dagegen das Wesen selber, unmittelbar und gleichsam in eigner
Person, keineswegs durch einen Stellvertreter, eintritt in der
Erscheinung eines Willensentschlusses, da ist zwar alles das oben
Erwhnte, aus der Erscheinung, als einem geschlossenen Ganzen
erfolgende, gleichfalls vorhanden, denn die Erscheinung erscheint ja
auch hier; aber eine solche Erscheinung geht in diesem Bestandteile
nicht auf und ist durch denselben nicht erschpft, sondern es findet
sich in ihr noch ein Mehreres, ein andrer, aus jenem Zusammenhange
nicht zu erklrender, sondern nach Abzug des Erklrbaren
brigbleibender Bestandteil. Jener erste Bestandteil findet auch hier
statt, sagte ich; jenes Mehr wird sichtbar, und vermittelst dieser
seiner Sichtbarkeit, keineswegs vermittelst seines innern Wesens,
tritt es unter das Gesetz und die Bedingungen der Ersichtlichkeit
berhaupt; aber es ist noch mehr denn dieses aus irgendeinem Gesetze
Hervorgehendes, und darum Notwendiges und Zweites, und es ist in
Absicht dieses Mehr durch sich selbst, was es ist, ein wahrhaft
Erstes, Ursprngliches und Freies, und da es dieses ist, erscheint
es auch also dem tiefsten und in sich selber zu Ende gekommenen
Denken. Das hchste Gesetz der Ersichtlichkeit ist, wie gesagt, dies,
da das Erscheinende sich spalte in ein unendliches Mannigfaltiges.
Jenes Mehr wird sichtbar, jedesmal als Mehr, denn das nun und eben
jetzt aus dem Zusammenhange der Erscheinung Hervorgehende, und so ins
Unendliche fort; und so erscheint denn dieses Mehr selber als ein
Unendliches. Aber es ist ja sonnenklar, da es diese Unendlichkeit
nur dadurch erhlt, da es jedesmal sichtbar und denkbar und zu
entdecken ist, allein durch seinen Gegensatz mit dem ins Unendliche
fort aus dem im Zusammenhange Erfolgenden und durch sein Mehrsein
denn dies. Abgesehen aber von diesem Bedrfnisse des Denkens
desselben ist es ja dieses Mehr, denn alles ins Unendliche fort sich
darstellen mgende Unendliche, von Anbeginn in reiner Einfachheit und
Unvernderlichkeit, und es wird in aller Unendlichkeit nicht mehr,
denn dieses Mehr, noch wird es minder; und nur seine Ersichtlichkeit,
als mehr denn das Unendliche -- und auf andre Weise kann es in seiner
hchsten Reinheit nicht sichtbar werden -- erschafft das Unendliche
und alles, was in ihm zu erscheinen scheint. Wo nun dieses Mehr
wirklich als ein solches ersichtliches Mehr eintritt, aber es vermag
nur in einem Wollen einzutreten, da tritt das Wesen selbst, das
allein ist, und allein zu sein vermag, und das da ist von sich und
durch sich, das gttliche Wesen, ein in die Erscheinung, und macht
sich selbst unmittelbar sichtbar; und daselbst ist eben darum wahre
Ursprnglichkeit und Freiheit, und so wird denn auch an sie geglaubt.

Und so findet denn auf die allgemeine Frage, ob der Mensch
frei sei oder nicht, keine allgemeine Antwort statt; denn
eben weil der Mensch frei ist, in niederm Sinne; weil er
bei unentschiedenem Schwanken und Wanken anhebt, kann er
frei sein, oder auch nicht frei, im hhern Sinne des Worts.
In der Wirklichkeit ist die Weise, wie jemand diese Frage
beantwortet, der klare Spiegel seines wahren inwendigen Seins.
Wer in der Tat nicht mehr ist, als ein Glied in der Kette der
Erscheinungen, der kann wohl einen Augenblick sich frei whnen,
aber seinem strengeren Denken hlt dieser Wahn nicht stand; wie
er aber sich selbst findet, eben also denkt er notwendig sein
ganzes Geschlecht. Wessen Leben dagegen ergriffen ist von dem
wahrhaftigen, und Leben unmittelbar aus Gott geworden ist, der
ist frei und glaubt an Freiheit in sich und andern.

Wer an ein festes beharrliches und totes Sein glaubt, der glaubt
nur darum daran, weil er in sich selbst tot ist; und nachdem
er einmal tot ist, kann er nicht anders, denn also glauben,
sobald er nur in sich selbst klar wird. Er selbst und seine
ganze Gattung von Anbeginn bis ans Ende wird ihm ein zweites und
eine notwendige Folge aus irgendeinem vorauszusetzenden ersten
Gliede. Diese Voraussetzung ist sein wirkliches, keineswegs ein
blo gedachtes Denken, sein wahrer Sinn, der Punkt, wo sein
Denken unmittelbar selbst Leben ist; und ist so die Quelle
alles seines brigen Denkens und Beurteilens seines Geschlechts
in seiner Vergangenheit, der Geschichte, seiner Zukunft, den
Erwartungen von ihm, und seiner Gegenwart, im wirklichen Leben an
ihm selber und andern. Wir haben diesen Glauben an den Tod, im
Gegensatze mit einem ursprnglich lebendigen Volke, Auslnderei
genannt. Diese Auslnderei wird somit, wenn sie einmal unter
den Deutschen ist, sich auch im wirklichen Leben derselben
zeigen, als ruhige Ergebung in die nun einmal unabnderliche
Notwendigkeit ihres Seins, als Aufgeben aller Verbesserung unsrer
selbst oder andrer durch Freiheit, als Geneigtheit, sich selbst
und alle so zu verbrauchen, wie sie sind, und aus ihrem Sein
den mglichst grten Vorteil fr uns selbst zu ziehen; kurz,
als das in allen Lebensregungen immerfort sich abspiegelnde
Bekenntnis des Glaubens an die allgemeine und gleichmige
Sndhaftigkeit aller, den ich an einem andern Orte hinlnglich
geschildert habe,[3] welche Schilderung selbst nachzulesen,
auch zu beurteilen, inwiefern dieselbe auf die Gegenwart passe,
ich Ihnen berlasse. Diese Denk- und Handelsweise entsteht der
inwendigen Erstorbenheit, wie oft erinnert worden, nur dadurch,
da sie ber sich selbst klar wird, dagegen sie, solange sie im
dunkeln bleibt, den Glauben an Freiheit, der an sich wahr, und
nur in Anwendung auf ihr dermaliges Sein Wahn ist, beibehlt.
Es erhellt hier deutlich der Nachteil der Klarheit bei innerer
Schlechtigkeit. Solange diese Schlechtigkeit dunkel bleibt, wird
sie durch die fortdauernde Anforderung an Freiheit immerfort
beunruhigt, gestachelt und getrieben und bietet den Versuchen,
sie zu verbessern, einen Angriffspunkt dar. Die Klarheit aber
vollendet sie und rundet sie in sich selbst ab; sie fgt ihr
die freudige Ergebung, die Ruhe eines guten Gewissens, das
Wohlgefallen an sich selber hinzu; es geschieht ihnen, wie sie
glauben, sie sind von nun an in der Tat unverbesserlich, und
hchstens, um bei den Besseren den unbarmherzigen Abscheu gegen
das Schlechte, oder die Ergebung in den Willen Gottes rege zu
erhalten, und auerdem zu keinem Dinge in der Welt ntze.

  [3] M. s. die Anweisung zum seligen Leben; 11. Vorlesung.

Und so trete denn endlich in seiner vollendeten Klarheit heraus,
was wir in unsrer bisherigen Schilderung unter Deutschen verstanden
haben. Der eigentliche Unterscheidungsgrund liegt darin, ob man
an ein absolut Erstes und Ursprngliches im Menschen selber, an
Freiheit, an unendliche Verbesserlichkeit, an ewiges Fortschreiten
unsers Geschlechts glaube, oder ob man an alles dieses nicht
glaube, ja wohl deutlich einzusehen und zu begreifen vermeine, da
das Gegenteil von diesem allem stattfinde. Alle, die entweder
selbst schpferisch und hervorbringend das Neue leben, oder
die, falls ihnen dies nicht zuteil geworden wre, das Nichtige
wenigstens entschieden fallen lassen und aufmerkend dastehen,
ob irgendwo der Flu ursprnglichen Lebens sie ergreifen werde,
oder die, falls sie auch nicht so weit wren, die Freiheit
wenigstens ahnen und sie nicht hassen, oder vor ihr erschrecken,
sondern sie lieben; alle diese sind ursprngliche Menschen, sie
sind, wenn sie als ein Volk betrachtet werden, ein Urvolk, das
Volk schlechtweg, Deutsche. Alle, die sich darein ergeben ein
Zweites zu sein und Abgestammtes, und die deutlich sich also
kennen und begreifen, sind es in der Tat, und werden es immer
mehr durch diesen ihren Glauben, sie sind ein Anhang zum Leben,
das vor ihnen oder neben ihnen aus eignem Triebe sich regte,
ein vom Felsen zurcktnender Nachhall einer schon verstummten
Stimme, sie sind als Volk betrachtet auerhalb des Urvolks und
fr dasselbe Fremde und Auslnder. In der Nation, die bis auf
diesen Tag sich das Volk schlechtweg oder Deutsche nennt, ist in
der neuen Zeit wenigstens bis jetzt Ursprngliches an den Tag
hervorgebrochen, und Schpferkraft des Neuen hat sich gezeigt;
jetzt wird endlich dieser Nation durch eine in sich selbst klar
gewordene Philosophie der Spiegel vorgehalten, in welchem sie
mit klarem Begriffe erkenne, was sie bisher ohne deutliches
Bewutsein durch die Natur ward, und wozu sie von derselben
bestimmt ist; und es wird ihr der Antrag gemacht, nach diesem
klaren Begriffe und mit besonnener und freier Kunst, vollendet
und ganz, sich selbst zu dem zu machen, was sie sein soll, den
Bund zu erneuern und ihren Kreis zu schlieen. Der Grundsatz,
nach dem sie diesen zu schlieen hat, ist ihr vorgelegt; was an
Geistigkeit und Freiheit dieser Geistigkeit glaubt, und die ewige
Fortbildung dieser Geistigkeit durch Freiheit will, das, wo es
auch geboren sei, und in welcher Sprache es rede, ist unsers
Geschlechts, es gehrt uns an und es wird sich zu uns tun. Was an
Stillstand, Rckgang und Zirkeltanz glaubt, oder gar eine tote
Natur an das Ruder der Weltregierung setzt, dieses, wo es auch
geboren sei und welche Sprache es rede, ist undeutsch und fremd
fr uns, und es ist zu wnschen, da es je eher je lieber sich
gnzlich von uns abtrenne.

Und so trete denn bei dieser Gelegenheit, gesttzt auf das oben
ber die Freiheit Gesagte, endlich auch einmal vernehmlich
heraus, und wer noch Ohren hat zu hren, der hre, was diejenige
Philosophie, die mit gutem Fuge sich die deutsche nennt,
eigentlich wolle, und worin sie jeder auslndischen und
totglubigen Philosophie mit ernster und unerbittlicher Strenge
sich entgegensetze; und zwar trete dieses heraus keineswegs
darum, damit auch das Tote es verstehe, was unmglich ist,
sondern damit es diesem schwerer werde, ihr die Worte zu
verdrehen, und sich das Ansehen zu geben, als ob es selbst
eben auch ungefhr dasselbe wolle und im Grunde meine. Diese
deutsche Philosophie erhebt sich wirklich und durch die Tat ihres
Denkens, keineswegs prahlt sie es blo zufolge einer dunklen
Ahnung, da es so sein msse, ohne es jedoch bewerkstelligen
zu knnen -- sie erhebt sich zu dem unwandelbaren Mehr denn
alle Unendlichkeit, und findet allein in diesem das wahrhafte
Sein. Zeit und Ewigkeit und Unendlichkeit erblickt sie in ihrer
Entstehung aus dem Erscheinen und Sichtbarwerden jenes Einen,
das an sich schlechthin unsichtbar ist, und nur in dieser
seiner Unsichtbarkeit erfat, richtig erfat wird. Schon die
Unendlichkeit ist nach dieser Philosophie nichts an sich, und es
kommt ihr durchaus kein wahrhaftes Sein zu; sie ist lediglich
das Mittel, woran das einzige, das da ist, und das nur in seiner
Unsichtbarkeit ist, sichtbar wird, und woraus ihm ein Bild, ein
Schemen und Schatten seiner selbst, im Umkreise der Bildlichkeit
erbaut wird. Alles, was innerhalb dieser Unendlichkeit der
Bilderwelt noch weiter sichtbar werden mag, ist nun vollends ein
Nichts des Nichts, ein Schatten des Schattens, und lediglich
das Mittel, woran jenes erste Nichts der Unendlichkeit und der
Zeit selber sichtbar werde, und dem Gedanken der Aufflug zu dem
unbildlichen und unsichtbaren Sein sich erffne.

Innerhalb dieses einzig mglichen Bildes der Unendlichkeit
tritt nun das Unsichtbare unmittelbar heraus nur als freies und
ursprngliches Leben des Sehens, oder als Willensentschlu eines
vernnftigen Wesens, und kann durchaus nicht anders heraustreten
und erscheinen. Alles als nicht geistiges Leben erscheinende
beharrliche Dasein ist nur ein aus dem Sehen hingeworfener,
vielfach durch das Nichts vermittelter leerer Schatten, im
Gegensatze mit welchem und durch dessen Erkenntnis als vielfach
vermitteltes Nichts, das Sehen selbst sich eben erheben soll
zum Erkennen seines eignen Nichts und zur Anerkennung des
Unsichtbaren als des einzigen Wahren.

In diesen Schatten von den Schatten der Schatten bleibt nun jene
totglubige Seinsphilosophie, die wohl gar Naturphilosophie wird,
die erstorbenste von allen Philosophien, behangen, und frchtet
und betet an ihr eignes Geschpf.

Dieses Beharren nun ist der Ausdruck ihres wahren Lebens und
ihrer Liebe, und in diesem ist dieser Philosophie zu glauben.
Wenn sie aber noch weiter sagt, da dieses von ihr als wirklich
seiendes vorausgesetzte Sein und das Absolute eins sei und
ebendasselbe, so ist ihr hierin, so vielmal sie es auch beteuern
mag, und wenn sie auch manchen Eidschwur hinzufgte, nicht
zu glauben; sie wei dies nicht, sondern sie sagt es nur auf
gutes Glck hin, einer andern Philosophie, der sie dies nicht
abzustreiten wagt, es nachbetend. Sollte sie es wissen, so mte
sie nicht von der Zweiheit, die sie durch jenen Machtspruch
nur aufhebt und dennoch stehen lt, als einer unbezweifelten
Tatsache ausgehen, sondern sie mte von der Einheit ausgehen,
und aus dieser die Zweiheit, und mit ihr alle Mannigfaltigkeit
verstndlich und einleuchtend abzuleiten vermgen. Hierzu bedarf
es aber des Denkens, der durchgefhrten und mit sich selbst zu
Ende gekommenen Reflexion. Die Kunst dieses Denkens hat sie
teils nicht gelernt und ist derselben berhaupt unfhig, sie
vermag nur zu schwrmen, teils ist sie diesem Denken feind und
mag es gar nicht versuchen, weil sie dadurch in der geliebten
Tuschung gestrt werden wrde.

Dies ist es nun, worin unsre Philosophie sich jener Philosophie
ernstlich entgegensetzt, und dies haben wir bei dieser Veranlassung
einmal so vornehmlich als mglich ansprechen und bezeugen wollen.




Achte Rede.

Was ein Volk sei, in der hhern Bedeutung des Worts, und was
Vaterlandsliebe.


Die vier letzten Reden haben die Frage beantwortet: was ist
der Deutsche im Gegensatze mit andern Vlkern germanischer
Abkunft? Der Beweis, der durch dieses alles fr das Ganze
unsrer Untersuchung gefhrt werden soll, wird vollendet,
wenn wir noch die Untersuchung der Frage hinzufgen: was ist
ein Volk? welche letztere Frage gleich ist einer andern und
zugleich mitbeantwortet diese andre, oft aufgeworfene und auf
sehr verschiedene Weisen beantwortete Frage, diese: was ist
Vaterlandsliebe, oder, wie man sich richtiger ausdrcken wrde,
was ist Liebe des einzelnen zu seiner Nation?

Sind wir bisher im Gange unsrer Untersuchung richtig verfahren,
so mu hierbei zugleich erhellen, da nur der Deutsche -- der
ursprngliche und nicht in einer willkrlichen Satzung erstorbene
Mensch, wahrhaft ein Volk hat und auf eins zu rechnen befugt ist,
und da nur er der eigentlichen und vernunftgemen Liebe zu
seiner Nation fhig ist.

Wir bahnen uns den Weg zur Lsung der gestellten Aufgabe durch
folgende, frs erste auer dem Zusammenhange des bisherigen zu
liegen scheinende Bemerkung.

Die Religion, wie wir dies schon in unsrer dritten Rede angemerkt
haben, vermag durchaus hinwegzuversetzen ber alle Zeit und
ber das ganze gegenwrtige und sinnliche Leben, ohne darum
der Rechtlichkeit, Sittlichkeit und Heiligkeit des von diesem
Glauben ergriffenen Lebens den mindesten Abbruch zu tun. Man
kann, auch bei der sichern Ueberzeugung, da alles unser Wirken
auf dieser Erde nicht die mindeste Spur hinter sich lassen und
nicht die mindeste Frucht bringen werde, ja, da das Gttliche
sogar verkehrt und zu einem Werkzeuge des Bsen und noch tieferer
sittlicher Verderbnis werde gebraucht werden, dennoch fortfahren
in diesem Wirken, lediglich, um das in uns ausgebrochene
gttliche Leben aufrecht zu erhalten, und in Beziehung auf eine
hhere Ordnung der Dinge in einer knftigen Welt, in welcher
nichts in Gott Geschehenes zugrunde geht. So waren zum Beispiel
die Apostel, und berhaupt die ersten Christen, durch ihren
Glauben an den Himmel schon im Leben gnzlich ber die Erde
hinweggesetzt und die Angelegenheiten derselben, der Staat,
irdisches Vaterland und Nation, waren von ihnen so gnzlich
aufgegeben, da sie dieselben auch sogar ihrer Beachtung nicht
mehr wrdigten. So mglich dieses nun auch ist, und so leicht
auch dem Glauben, und so freudig auch man sich darein ergeben
mu, wenn es einmal unabnderlich der Wille Gottes ist, da wir
kein irdisches Vaterland mehr haben und hienieden Ausgestoene
und Knechte seien: so ist dies dennoch nicht der natrliche
Zustand und die Regel des Weltganges, sondern es ist eine
seltene Ausnahme; auch ist es ein sehr verkehrter Gebrauch der
Religion, der unter andern auch sehr hufig vom Christentume
gemacht worden, wenn dieselbe gleich von vornherein und ohne
Rcksicht auf die vorhandenen Umstnde darauf ausgeht, diese
Zurckziehung von den Angelegenheiten des Staates und der Nation
als wahre religise Gesinnung zu empfehlen. In einer solchen
Lage, wenn sie wahr und wirklich ist und nicht etwa blo durch
religise Schwrmerei herbeigefhrt, verliert das zeitliche
Leben alle Selbstbestndigkeit, und es wird lediglich zu einem
Vorhofe des wahren Lebens und zu einer schweren Prfung, die man
blo aus Gehorsam und Ergebung in den Willen Gottes ertrgt; und
dann ist es wahr, da, wie es von vielen vorgestellt worden,
unsterbliche Geister nur zu ihrer Strafe in irdische Leiber, als
in Gefngnisse, eingetaucht sind. In der regelmigen Ordnung der
Dinge hingegen soll das irdische Leben selber wahrhaftig Leben
sein, dessen man sich erfreuen und das man, freilich in Erwartung
eines hhern, dankbar genieen knne; und obwohl es wahr ist, da
die Religion auch der Trost ist des widerrechtlich zerdrckten
Sklaven, so ist dennoch vor allen Dingen dies religiser Sinn,
da man sich gegen die Sklaverei stemme und, so man es verhindern
kann, die Religion nicht bis zum bloen Troste der Gefangenen
herabsinken lasse. Dem Tyrannen steht es wohl an, religise
Ergebung zu predigen, und die, denen er auf Erden kein Pltzchen
verstatten will, an den Himmel zu verweisen; wir andern mssen
weniger eilen, diese von ihm empfohlene Ansicht der Religion uns
anzueignen und, falls wir knnen, verhindern, da man die Erde
zur Hlle mache, um eine desto grere Sehnsucht nach dem Himmel
zu erregen.

Der natrliche, nur im wahren Falle der Not aufzugebende Trieb
des Menschen ist der, den Himmel schon auf dieser Erde zu finden
und ewig Dauerndes zu verflen in sein irdisches Tagewerk; das
Unvergngliche im Zeitlichen selbst zu pflanzen und zu erziehen
-- nicht blo auf eine unbegreifliche Weise, und allein durch
die, sterblichen Augen undurchdringbare Kluft mit dem Ewigen
zusammenhngend, sondern auf eine dem sterblichen Auge selbst
sichtbare Weise.

Da ich bei diesem gemeinfalichen Beispiele anhebe: welcher
Edeldenkende will nicht und wnscht nicht, in seinen Kindern
und wiederum in den Kindern dieser, sein eignes Leben von neuem
auf eine verbesserte Weise zu wiederholen, und in dem Leben
derselben veredelt und vervollkommnet auch auf dieser Erde
noch fortzuleben, nachdem er lngst gestorben ist; den Geist,
den Sinn und die Sitte, mit denen er vielleicht in seinen
Tagen abschreckend war fr die Verkehrtheit und das Verderben,
befestigend die Rechtschaffenheit, aufmunternd die Trgheit,
erhebend die Niedergeschlagenheit, der Sterblichkeit zu
entreien, und sie, als sein bestes Vermchtnis an die Nachwelt,
niederzulegen in den Gemtern seiner Hinterlassenen, damit
auch diese sie einst eben also verschnert und vermehrt wieder
niederlegen? Welcher Edeldenkende will nicht durch Tun oder
Denken ein Samenkorn streuen zu unendlicher immerfortgehender
Vervollkommnung seines Geschlechts, etwas Neues und vorher nie
Dagewesenes hineinwerfen in die Zeit, das in ihr bleibe und nie
versiegende Quelle werde neuer Schpfungen; seinen Platz auf
dieser Erde und die ihm verliehene kurze Spanne Zeit bezahlen
mit einem auch hienieden ewig Dauernden, so da er, als dieser
einzelne, wenn auch nicht genannt durch die Geschichte (denn
Durst nach Nachruhm ist eine verchtliche Eitelkeit) dennoch in
seinem eignen Bewutsein und seinem Glauben offenbare Denkmale
hinterlasse, da auch er dagewesen sei? Welcher Edeldenkende will
das nicht? sagte ich; aber nur nach den Bedrfnissen der also
Denkenden, als der Regel, wie alle sein sollten, ist die Welt zu
betrachten und einzurichten, und um ihrer willen allein ist eine
Welt da. Sie sind der Kern derselben und die anders Denkenden
sind, als selbst nur ein Teil der vergnglichen Welt, so lange
sie also denken, auch nur um ihrer willen da und mssen sich nach
ihnen bequemen, so lange, bis sie geworden sind wie sie.

Was knnte es nun sein, das dieser Aufforderung und diesem
Glauben des Edlen an die Ewigkeit und Unvergnglichkeit seines
Werkes die Gewhr zu leisten vermchte? Offenbar nur eine Ordnung
der Dinge, die er fr selbst ewig und fr fhig, ewiges in sich
aufzunehmen, anzuerkennen vermchte. Eine solche Ordnung aber ist
die, freilich in keinem Begriffe zu erfassende, aber dennoch
wahrhaft vorhandene, besondere geistige Natur der menschlichen
Umgebung, aus welcher er selbst mit allem seinem Denken und Tun
und mit seinem Glauben an die Ewigkeit desselben hervorgegangen
ist, das Volk, von welchem er abstammt und unter welchem er
gebildet wurde und zu dem, was er jetzt ist, heraufwuchs.
Denn so unbezweifelt es auch wahr ist, da sein Werk, wenn er
mit Recht Anspruch macht auf dessen Ewigkeit, keineswegs der
bloe Erfolg des geistigen Naturgesetzes seiner Nation ist und
mit diesem Erfolge rein aufgeht, sondern, da es ein Mehreres
ist denn das, und insofern unmittelbar ausstrmt aus dem
ursprnglichen und gttlichen Leben; so ist es dennoch ebenso
wahr, da jenes Mehrere, sogleich bei seiner ersten Gestaltung
zu einer sichtbaren Erscheinung, unter jenes besondere geistige
Naturgesetz sich gefgt und nur nach demselben sich einen
sinnlichen Ausdruck gebildet hat. Unter dasselbe Naturgesetz
nun werden, so lange dieses Volk besteht, auch alle ferneren
Offenbarungen des Gttlichen in demselben eintreten und in ihm
sich gestalten. Dadurch aber, da auch er da war und so wirkte,
ist selbst dieses Gesetz weiter bestimmt, und seine Wirksamkeit
ist ein stehender Bestandteil desselben geworden. Auch hiernach
wird alles Folgende sich fgen und an dasselbe sich anschlieen
mssen. Und so ist er denn sicher, da die durch ihn errungene
Ausbildung bleibt in seinem Volke, so lange dieses selbst bleibt,
und fortdauernder Bestimmungsgrund wird aller fernern Entwicklung
desselben.

Dies nun ist in hherer, vom Standpunkte der Ansicht einer
geistigen Welt berhaupt genommener Bedeutung des Worts, ein
Volk: das Ganze der in Gesellschaft miteinander fortlebenden und
sich aus sich selbst immerfort natrlich und geistig erzeugenden
Menschen, das insgesamt unter einem gewissen besondern Gesetze
der Entwicklung des Gttlichen aus ihm steht. Die Gemeinsamkeit
dieses besondern Gesetzes ist es, was in der ewigen Welt und eben
darum auch in der zeitlichen, diese Menge zu einem natrlichen
und von sich selbst durchdrungenen Ganzen verbindet. Dieses
Gesetz selbst, seinem Inhalte nach, kann wohl im ganzen erfat
werden, so wie wir es an den Deutschen, als einem Urvolke erfat
haben; es kann sogar durch Erwgung der Erscheinungen eines
solchen Volkes noch nher in manchen seiner weiteren Bestimmungen
begriffen werden; aber es kann niemals von irgendeinem, der ja
selbst immerfort unter desselben ihm unbewuten Einflusse bleibt,
ganz mit dem Begriffe durchdrungen werden; obwohl im allgemeinen
klar eingesehen werden kann, da es ein solches Gesetz gebe. Es
ist dieses Gesetz ein Mehr der Bildlichkeit, das mit dem Mehr
der unbildlichen Ursprnglichkeit in der Erscheinung unmittelbar
verschmilzt; und so sind denn, in der Erscheinung eben, beide
nicht wieder zu trennen. Jenes Gesetz bestimmt durchaus und
vollendet das, was man den Nationalcharakter eines Volkes
genannt hat; jenes Gesetz der Entwicklung des Ursprnglichen
und Gttlichen. Es ist aus dem letztern klar, da Menschen,
welche so wie wir bisher die Auslnderei beschrieben haben,
an ein Ursprngliches und an eine Fortentwicklung desselben
gar nicht glauben, sondern blo an einen ewigen Kreislauf des
scheinbaren Lebens, und welche durch ihren Glauben werden, wie
sie glauben, im hhern Sinne gar kein Volk sind und, da sie
in der Tat eigentlich auch nicht da sind, ebensowenig einen
Nationalcharakter zu haben vermgen.

Der Glaube des edlen Menschen an die ewige Fortdauer seiner
Wirksamkeit auch auf dieser Erde grndet sich demnach auf die
Hoffnung der ewigen Fortdauer des Volkes, aus dem er selber
sich entwickelt hat, und der Eigentmlichkeit desselben, nach
jenem verborgenen Gesetze; ohne Einmischung und Verderbung
durch irgendein Fremdes und in das Ganze dieser Gesetzgebung
nicht Gehriges. Diese Eigentmlichkeit ist das Ewige, dem er
die Ewigkeit seiner selbst und seines Fortwirkens anvertraut,
die ewige Ordnung der Dinge, in die er sein Ewiges legt; ihre
Fortdauer mu er wollen, denn sie allein ist ihm das entbindende
Mittel, wodurch die kurze Spanne seines Lebens hienieden zu
fortdauerndem Leben hienieden ausgedehnt wird. Sein Glaube und
sein Streben, Unvergngliches zu pflanzen, sein Begriff, in
welchem er sein eignes Leben als ein ewiges Leben erfat, ist
das Band, welches zunchst seine Nation und vermittelst ihrer
das ganze Menschengeschlecht innigst mit ihm selber verknpft,
und ihrer aller Bedrfnisse, bis ans Ende der Tage, einfhrt in
sein erweitertes Herz. Dies ist seine Liebe zu seinem Volke,
zuvrderst achtend, vertrauend, desselben sich freuend, mit
der Abstammung daraus sich ehrend. Es ist Gttliches in ihm
erschienen, und das Ursprngliche hat dasselbe gewrdigt, es
zu seiner Hlle und zu seinem unmittelbaren Verflungsmittel
in die Welt zu machen; es wird darum auch ferner Gttliches
aus ihm hervorbrechen. Sodann ttig, wirksam, sich aufopfernd
fr dasselbe. Das Leben, blo als Leben, als Fortsetzen des
wechselnden Daseins, hat fr ihn ja ohnedies nie Wert gehabt, er
hat es nur gewollt als Quelle des Dauernden; aber diese Dauer
verspricht ihm allein die selbstndige Fortdauer seiner Nation;
um diese zu retten, mu er sogar sterben wollen, damit diese
lebe, und er in ihr lebe das einzige Leben, das er von je gemocht
hat.

So ist es. Die Liebe, die wahrhaftig Liebe sei, und nicht blo
eine vorbergehende Begehrlichkeit, haftet nie auf Vergnglichem,
sondern sie erwacht und entzndet sich und ruht allein in dem
Ewigen. Nicht einmal sich selbst vermag der Mensch zu lieben, es
sei denn, da er sich als Ewiges erfasse; auerdem vermag er sich
sogar nicht zu achten, noch zu billigen. Noch weniger vermag er
etwas auer sich zu lieben, auer also, da er es aufnehme in
die Ewigkeit seines Glaubens und seines Gemts und es anknpfe
an diese. Wer nicht zuvrderst sich als ewig erblickt, der hat
berhaupt keine Liebe, und kann auch nicht lieben ein Vaterland,
dergleichen es fr ihn nicht gibt. Wer zwar vielleicht sein
unsichtbares Leben, nicht aber eben also sein sichtbares Leben,
als ewig erblickt, der mag wohl einen Himmel haben, und in diesem
sein Vaterland, aber hienieden hat er kein Vaterland, denn auch
dieses wird nur unter dem Bilde der Ewigkeit, und zwar der
sichtbaren und versinnlichten Ewigkeit erblickt, und er vermag
daher auch nicht sein Vaterland zu lieben. Ist einem solchen
keines berliefert worden, so ist er zu beklagen; wem eins
berliefert worden ist, und in wessen Gemte Himmel und Erde,
Unsichtbares und Sichtbares sich durchdringen, und so erst einen
wahren und gediegenen Himmel erschaffen, der kmpft bis auf den
letzten Blutstropfen, um den teuren Besitz ungeschmlert wiederum
zu berliefern an die Folgezeit.

So ist es auch von jeher gewesen, unerachtet es nicht von jeher
mit dieser Allgemeinheit und mit dieser Klarheit ausgesprochen
worden. Was begeisterte die Edlen unter den Rmern, deren
Gesinnungen und Denkweise noch in ihren Denkmalen unter uns leben
und atmen, zu Mhen und Aufopferungen, zum Dulden und Tragen
frs Vaterland? Sie sprechen es selbst oft und deutlich aus. Ihr
fester Glaube war es an die ewige Fortdauer ihrer Roma, und ihre
zuversichtliche Aussicht, in dieser Ewigkeit selber ewig mit
fortzuleben im Strome der Zeit. Inwiefern dieser Glaube Grund
hatte, und sie selbst, wenn sie in sich selber vollkommen klar
gewesen wren, denselben gefat haben wrden, hat er sie auch
nicht getuscht. Bis auf diesen Tag lebt das, was wirklich ewig
war in ihrer ewigen Roma, und sie mit demselben in unsrer Mitte
fort, und wird in seinen Folgen fortleben bis ans Ende der Tage.

Volk und Vaterland in dieser Bedeutung, als Trger und Unterpfand
der irdischen Ewigkeit, und als dasjenige, was hienieden ewig
sein kann, liegt weit hinaus ber den Staat, im gewhnlichen
Sinne des Worts -- ber die gesellschaftliche Ordnung, wie
dieselbe im bloen klaren Begriffe erfat, und nach Anleitung
dieses Begriffs errichtet und erhalten wird. Dieser will gewisses
Recht, innerlichen Frieden, und da jeder durch Flei seinen
Unterhalt und die Fristung seines sinnlichen Daseins finde, so
lange Gott sie ihm gewhren will. Dieses alles ist nur Mittel,
Bedingung und Gerst dessen, was die Vaterlandsliebe eigentlich
will, des Aufblhens des Ewigen und Gttlichen in der Welt, immer
reiner, vollkommener und getroffener im unendlichen Fortgange.
Eben darum mu diese Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren,
als durchaus oberste, letzte und unabhngige Behrde, zuvrderst,
indem sie ihn beschrnkt in der Wahl der Mittel fr seinen
nchsten Zweck, den innerlichen Frieden. Fr diesen Zweck mu
freilich die natrliche Freiheit des einzelnen auf mancherlei
Weise beschrnkt werden, und wenn man gar keine andre Rcksicht
und Absicht mit ihnen htte, denn diese, so wrde man wohltun,
dieselbe so eng, als immer mglich, zu beschrnken, alle ihre
Regungen unter eine einfrmige Regel zu bringen, und sie unter
immerwhrender Aufsicht zu erhalten. Gesetzt, diese Strenge wre
nicht ntig, so knnte sie wenigstens fr diesen alleinigen Zweck
nicht schaden. Nur die hhere Ansicht des Menschengeschlechts
und der Vlker erweitert diese beschrnkte Berechnung. Freiheit,
auch in den Regungen des uerlichen Lebens, ist der Boden, in
welchem die hhere Bildung keimt; eine Gesetzgebung, welche
diese letztere im Auge behlt, wird der ersteren einen mglichst
ausgebreiteten Kreis lassen, selber auf die Gefahr hin, da ein
geringerer Grad der einfrmigen Ruhe und Stille erfolge, und da
das Regieren ein wenig schwerer und mhsamer werde.

Um dies an einem Beispiele zu erlutern: man hat erlebt, da
Nationen ins Angesicht gesagt worden, sie bedrften nicht so
vieler Freiheit, als etwa manche andre Nation. Diese Rede kann
sogar eine Schonung und Milderung enthalten, indem man eigentlich
sagen wollte, sie knnte so viele Freiheit gar nicht ertragen,
und nur eine hohe Strenge knne verhindern, da sie sich
nicht untereinander selber aufrieben. Wenn aber die Worte also
genommen werden, wie sie gesagt sind, so sind sie wahr unter der
Voraussetzung, da eine solche Nation des ursprnglichen Lebens
und des Triebes nach solchem, durchaus unfhig sei. Eine solche
Nation, falls eine solche, in der auch nicht wenige Edlere eine
Ausnahme von der allgemeinen Regel machten, mglich sein sollte,
bedrfte in der Tat gar keiner Freiheit, denn diese ist nur fr
die hhern, ber den Staat hinausliegenden Zwecke; sie bedarf
blo der Bezhmung und Abrichtung, damit die einzelnen friedlich
nebeneinander bestehen, und damit das Ganze zu einem tchtigen
Mittel fr willkrlich zu setzende auer ihr liegende Zwecke
zubereitet werde. Wir knnen unentschieden lassen, ob man von
irgendeiner Nation dies mit Wahrheit sagen knne; so viel ist
klar, da ein ursprngliches Volk der Freiheit bedarf, da diese
das Unterpfand ist seines Beharrens als ursprnglich, und da es
in seiner Fortdauer einen immer hher steigenden Grad derselben
ohne alle Gefahr ertrgt. Und dies ist das erste Stck, in
Rcksicht dessen die Vaterlandsliebe den Staat selbst regieren
mu.

Sodann mu sie es sein, die den Staat darin regiert, da sie
ihm selbst einen hhern Zweck setzt, denn den gewhnlichen der
Erhaltung des innern Friedens, des Eigentums, der persnlichen
Freiheit, des Lebens und des Wohlseins aller. Fr diesen hhern
Zweck allein, und in keiner andern Absicht, bringt der Staat
eine bewaffnete Macht zusammen. Wenn von der Anwendung dieser
die Rede entsteht, wenn es gilt, alle Zwecke des Staates im
bloen Begriffe, Eigentum, persnliche Freiheit, Leben und
Wohlsein, ja die Fortdauer des Staates selbst, auf das Spiel
zu setzen; ohne einen klaren Verstandesbegriff von der sichern
Erreichung des Beabsichtigten, dergleichen in Dingen dieser Art
nie mglich ist, ursprnglich und Gott allein verantwortlich, zu
entscheiden: dann lebt am Ruder des Staates erst ein wahrhaft
ursprngliches und erstes Leben, und an dieser Stelle erst
treten ein die wahren Majesttsrechte der Regierung, gleich
Gott um hhern Lebens willen das niedere Leben daran zu wagen.
In der Erhaltung der hergebrachten Verfassung, der Gesetze, des
brgerlichen Wohlstandes, ist gar kein rechtes eigentliches Leben
und kein ursprnglicher Entschlu. Umstnde und Lage, lngst
vielleicht verstorbene Gesetzgeber, haben diese erschaffen; die
folgenden Zeitalter gehen glubig fort auf der angetretenen Bahn
und leben so in der Tat nicht ein eignes ffentliches Leben,
sondern sie wiederholen nur ein ehemaliges Leben. Es bedarf in
solchen Zeiten keiner eigentlichen Regierung. Wenn aber dieser
gleichmige Fortgang in Gefahr gert, und es nun gilt, ber
neue, nie also dagewesene Flle zu entscheiden: dann bedarf es
eines Lebens, das aus sich selber lebe. Welcher Geist nun ist
es, der in solchen Fllen sich an das Ruder stellen drfe, der
mit eigner Sicherheit und Gewiheit und ohne unruhiges Hin- und
Herschwanken, zu entscheiden vermge, der ein unbezweifeltes
Recht habe, jedem, den es treffen mag, ob er nun selbst es
wolle oder nicht, gebietend anzumuten, und den Widerstrebenden
zu zwingen, da er alles, bis auf sein Leben, in Gefahr setze?
Nicht der Geist der ruhigen brgerlichen Liebe zu der Verfassung
und den Gesetzen, sondern die verzehrende Flamme der hheren
Vaterlandsliebe, die die Nation als Hlle des Ewigen umfat, fr
welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle, der nur
um des ersten willen da ist, sich eben opfern soll. Nicht jene
brgerliche Liebe zur Verfassung ist es; diese vermag dies gar
nicht, wenn sie bei Verstande bleibt. Wie es auch ergehen mge,
da nicht umsonst regiert wird, so wird sich immer ein Regent
fr sie finden. Lasset den neuen Regenten sogar die Sklaverei
wollen (und wo ist Sklaverei, auer in der Nichtachtung und
Unterdrckung der Eigentmlichkeit eines ursprnglichen Volkes,
dergleichen fr jenen Sinn nicht vorhanden ist?) -- Lasset ihn
auch die Sklaverei wollen -- da aus dem Leben der Sklaven, ihrer
Menge, sogar ihrem Wohlstande sich Nutzung ziehen lt, so wird,
wenn er nur einigermaen ein Rechner ist, die Sklaverei unter
ihm ertrglich ausfallen. Leben und Unterhalt wenigstens werden
sie immer finden. Wofr sollten sie denn also kmpfen? Nach
jenen beiden ist es die Ruhe, die ihnen ber alles geht. Diese
wird durch die Fortdauer des Kampfes nur gestrt. Sie werden
darum alles anwenden, da dieser nur recht bald ein Ende nehme,
sie werden sich fgen, sie werden nachgeben, und warum sollten
sie nicht? Es ist ihnen ja nie um mehr zu tun gewesen, und sie
haben vom Leben nie etwas weiteres gehofft, denn die Fortsetzung
der Gewohnheit dazusein unter erleidlichen Bedingungen. Die
Verheiung eines Lebens auch hienieden ber die Dauer des Lebens
hienieden hinaus -- allein diese ist es, die bis zum Tode frs
Vaterland begeistern kann.

So ist es auch bisher gewesen. Wo da wirklich regiert worden
ist, wo bestanden worden sind ernsthafte Kmpfe, wo der Sieg
errungen worden ist gegen gewaltigen Widerstand, da ist es jene
Verheiung ewigen Lebens gewesen, die da regierte und kmpfte und
siegte. Im Glauben an diese Verheiung kmpften die in diesen
Reden frher erwhnten deutschen Protestanten. Wuten sie etwa
nicht, da auch mit dem alten Glauben Vlker regiert und in
rechtlicher Ordnung zusammengehalten werden knnten, und da
man auch bei diesem Glauben seinen guten Lebensunterhalt finden
knne? Warum beschlossen denn also ihre Frsten bewaffneten
Widerstand, und warum leisteten ihn mit Begeisterung die Vlker?
-- Der Himmel war es und die ewige Seligkeit, fr welche sie
willig ihr Blut vergossen. -- Aber welche irdische Gewalt htte
denn auch in das innere Heiligtum ihres Gemts eindringen, und
den Glauben, der ihnen ja nun einmal aufgegangen war, und auf
welchen allein sie ihrer Seligkeit Hoffnung grndeten, darin
austilgen knnen? Also auch ihre eigne Seligkeit war es nicht,
fr die sie kmpften; dieser waren sie schon versichert: die
Seligkeit ihrer Kinder, ihrer noch ungeborenen Enkel und aller
noch ungeborenen Nachkommenschaft war es; auch diese sollten
auferzogen werden in derselben Lehre, die ihnen als allein
heilbringend erschienen war, auch diese sollten teilhaftig werden
des Heils, das fr sie angebrochen war; diese Hoffnung allein
war es, die durch den Feind bedroht wurde, fr sie, fr eine
Ordnung der Dinge, die lange nach ihrem Tode ber ihren Grbern
blhen sollte, verspritzten sie mit dieser Freudigkeit ihr
Blut. Geben wir zu, da sie sich selbst nicht ganz klar waren,
da sie in der Bezeichnung des Edelsten, was in ihnen war, mit
Worten sich vergriffen, und mit dem Munde ihrem Gemte unrecht
taten; bekennen wir gern, da ihr Glaubensbekenntnis nicht das
einzige und ausschlieende Mittel war, des Himmels jenseits des
Grabes teilhaftig zu werden: so ist doch dies ewig wahr, da
mehr Himmel diesseits des Grabes, ein mutigeres und frhlicheres
Emporblicken von der Erde, und eine freiere Regung des Geistes
durch ihre Aufopferung in alles Leben der Folgezeit gekommen ist,
und die Nachkommen ihrer Gegner ebensowohl als wir selbst, ihre
Nachkommen, die Frchte ihrer Mhen bis auf diesen Tag genieen.

In diesem Glauben setzten unsre ltesten gemeinsamen Vorfahren,
das Stammvolk der neuen Bildung, die von den Rmern Germanier
genannten Deutschen, sich der herandringenden Weltherrschaft der
Rmer mutig entgegen. Sahen sie denn nicht vor Augen den hhern
Flor der rmischen Provinzen neben sich, die feinern Gensse in
denselben, dabei Gesetze, Richtersthle, Rutenbndel und Beile
in Ueberflu? Waren die Rmer nicht bereitwillig genug, sie
an allen diesen Segnungen teilnehmen zu lassen? Erlebten sie
nicht an mehreren ihrer eignen Frsten, die sich nur bedeuten
lieen, da der Krieg gegen solche Wohltter der Menschheit
Rebellion sei, Beweise der gepriesenen rmischen Klemenz, indem
sie die Nachgiebigen mit Knigstiteln, mit Anfhrerstellen
in ihren Heeren, mit rmischen Opferbinden auszierten, ihnen,
wenn sie etwa von ihren Landsleuten ausgetrieben wurden, einen
Zufluchtsort und Unterhalt in ihren Pflanzstdten gaben? Hatten
sie keinen Sinn fr die Vorzge rmischer Bildung, z. B. fr die
bessere Einrichtung ihrer Heere, in denen sogar ein Arminius
das Kriegshandwerk zu erlernen nicht verschmhte? Keine von
allen diesen Unwissenheiten oder Nichtbeachtungen ist ihnen
aufzurcken. Ihre Nachkommen haben sogar, sobald sie es ohne
Verlust fr ihre Freiheit konnten, die Bildung derselben sich
angeeignet, inwieweit es ohne Verlust ihrer Eigentmlichkeit
mglich war. Wofr haben sie denn also mehrere Menschenalter
hindurch gekmpft im blutigen, immer mit derselben Kraft sich
wieder erneuernden Kriege? Ein rmischer Schriftsteller lt
es ihre Anfhrer also aussprechen: Ob ihnen denn etwas andres
brigbleibe, als entweder die Freiheit zu behaupten oder zu
sterben, bevor sie Sklaven wrden? Freiheit war ihnen, da sie
eben Deutsche blieben, da sie fortfhren, ihre Angelegenheiten
selbstndig und ursprnglich, ihrem eignen Geiste gem,
zu entscheiden, und diesem gleichfalls gem auch in ihrer
Fortbildung vorwrts zu rcken, und da sie diese Selbstndigkeit
auch auf ihre Nachkommenschaft fortpflanzten; Sklaverei hieen
ihnen alle jene Segnungen, die ihnen die Rmer antrugen, weil sie
dabei etwas andres, denn Deutsche, weil sie halbe Rmer werden
mten. Es versteht sich von selbst, setzten sie voraus, da
jeder, ehe er dies werde, lieber sterbe, und da ein wahrhafter
Deutscher nur knne leben wollen, um eben Deutscher zu sein und
zu bleiben, und die Seinigen zu ebensolchen zu bilden.

Sie sind nicht alle gestorben, sie haben die Sklaverei nicht
gesehen, sie haben die Freiheit hinterlassen ihren Kindern. Ihrem
beharrlichen Widerstande verdankt es die ganze neue Welt, da sie
da ist, so wie sie da ist. Wre es den Rmern gelungen, auch sie
zu unterjochen, und, wie dies der Rmer allenthalben tat, sie
als Nation auszurotten, so htte die ganze Fortentwicklung der
Menschheit eine andre, und man kann nicht glauben erfreulichere
Richtung genommen. Ihnen verdanken wir, die nchsten Erben ihres
Bodens, ihrer Sprache und ihrer Gesinnung, da wir noch Deutsche
sind, da der Strom ursprnglichen und selbstndigen Lebens uns
noch trgt; ihnen verdanken wir alles, was wir seitdem als Nation
gewesen sind, ihnen, falls es nicht etwa jetzt mit uns zu Ende
ist, und der letzte von ihnen abgestammte Blutstropfen in unsern
Adern versiegt ist, ihnen werden wir verdanken alles, was wir
noch ferner sein werden. Ihnen verdanken selbst die brigen, uns
jetzt zum Ausland gewordenen Stmme, in ihnen unsre Brder, ihr
Dasein; als jene die ewige Roma besiegten, war noch keins aller
dieser Vlker vorhanden; damals wurde zugleich auch ihnen die
Mglichkeit ihrer knftigen Entstehung mit erkmpft.

Diese, und alle andre in der Weltgeschichte, die ihres Sinnes
waren, haben gesiegt, weil das Ewige sie begeisterte, und so
siegt immer und notwendig diese Begeisterung ber den, der
nicht begeistert ist. Nicht die Gewalt der Arme, noch die
Tchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemts ist es,
welche Siege erkmpft. Wer ein begrenztes Ziel sich setzt
seiner Aufopferungen, und sich nicht weiter wagen mag, als bis
zu einem gewissen Punkte, der gibt den Widerstand auf, sobald
die Gefahr ihm an diesen durchaus nicht aufzugebenden, noch zu
entbehrenden Punkt kommt. Wer gar kein Ziel sich gesetzt hat,
sondern alles, und das Hchste, was man hienieden verlieren
kann, das Leben, daran setzt, gibt den Widerstand nie auf und
siegt, so der Gegner ein begrenzteres Ziel hat, ohne Zweifel.
Ein Volk, das da fhig ist, sei es auch nur in seinen hchsten
Stellvertretern und Anfhrern, das Gesicht aus der Geisterwelt,
Selbststndigkeit, fest ins Auge zu fassen, und von der Liebe
dafr ergriffen zu werden, wie unsre ltesten Vorfahren,
siegt gewi ber ein solches, das nur zum Werkzeuge fremder
Herrschsucht und zu Unterjochung selbstndiger Vlker gebraucht
wird, wie die rmischen Heere; denn die erstern haben alles zu
verlieren, die letztern blo einiges zu gewinnen. Ueber die
Denkart aber, die den Krieg als ein Glcksspiel ansieht, um
zeitlichen Gewinn oder Verlust, und bei der schon, ehe sie das
Spiel anfngt, fest steht, bis zu welcher Summe sie auf die
Karten setzen wolle, siegt sogar eine Grille. Denken Sie sich zum
Beispiel einen Mohammed -- nicht den wirklichen der Geschichte,
ber welchen ich kein Urteil zu haben bekenne, sondern den eines
bekannten franzsischen Dichters -- der sich einmal fest in den
Kopf gesetzt habe, er sei eine der ungemeinen Naturen, die da
berufen sind, das dunkle, das gemeine Erdenvolk zu leiten, und
dem, zufolge dieser ersten Voraussetzung, alle seine Einflle, so
drftig und so beschrnkt sie auch in der Tat sein mgen, dieweil
es die seinigen sind, notwendig erscheinen mssen als groe und
erhabene und beseligende Ideen, und alles, was denselben sich
widersetzt, als dunkles gemeines Volk, Feinde ihres eignen Wohls,
Uebelgesinnte und Hassenswrdige; der nun, um diesen seinen
Eigendnkel vor sich selbst als gttlichen Ruf zu rechtfertigen,
und ganz aufgegangen in diesem Gedanken mit all seinem Leben,
alles daran setzen mu und nicht ruhen kann, bis er alles, das
nicht ebenso gro von ihm denken will, denn er selbst, zertreten
hat, und bis aus der ganzen Mitwelt sein eigner Glaube an seine
gttliche Sendung ihm zurckstrahle: ich will nicht sagen, wie
es ihm ergehen wrde, falls wirklich ein geistiges Gesicht, das
da wahr ist und klar in sich selbst, gegen ihn in die Kampfbahn
trte, aber jenen beschrnkten Glcksspielern gewinnt er es
sicher ab, denn er setzt alles gegen sie, die nicht alles
setzen; sie treibt kein Geist, ihn aber treibt allerdings ein
schwrmerischer Geist -- der seines gewaltigen und krftigen
Eigendnkels.

Aus allem geht hervor, da der Staat, als bloes Regiment des im
gewhnlichen friedlichen Gange fortschreitenden menschlichen Lebens,
nichts Erstes und fr sich selbst Seiendes, sondern da er blo das
Mittel ist fr den hhern Zweck der ewig gleichmig fortgehenden
Ausbildung des rein Menschlichen in dieser Nation; da es allein
das Gesicht und die Liebe dieser ewigen Fortbildung ist, welche
immerfort auch in ruhigen Zeitluften die hhere Aufsicht ber die
Staatsverwaltung fhren soll, und welche, wo die Selbstndigkeit
des Volks in Gefahr ist, allein dieselbe zu retten vermag. Bei
den Deutschen, unter denen, als einem ursprnglichen Volke, diese
Vaterlandsliebe mglich und, wie wir fest zu wissen glauben, bis
jetzt auch wirklich war, konnte dieselbe bis jetzt mit einer hohen
Zuversicht auf die Sicherheit ihrer wichtigsten Angelegenheit
rechnen. Wie nur noch bei den Griechen in der alten Zeit, war bei
ihnen der Staat und die Nation sogar voneinander gesondert und jedes
fr sich dargestellt, der erste in den besondern deutschen Reichen
und Frstentmern, die letzte sichtbar im Reichsverbande, unsichtbar,
nicht zufolge eines niedergeschriebenen, aber eines in aller Gemter
lebenden Rechtes geltend, und in ihren Folgen allenthalben in das
Auge springend in einer Menge von Gewohnheiten und Einrichtungen.
So weit die deutsche Zunge reichte, konnte jeder, dem im Bezirke
derselben das Licht anbrach, sich doppelt betrachten als Brger,
teils seines Geburtsstaates, dessen Frsorge er zunchst empfohlen
war, teils des ganzen gemeinsamen Vaterlandes deutscher Nation. Jedem
war es verstattet, ber die ganze Oberflche dieses Vaterlandes hin
sich diejenige Bildung, die am meisten Verwandtschaft zu seinem
Geiste hatte, oder den demselben angemessensten Wirkungskreis
aufzusuchen, und das Talent wuchs nicht hinein in seine Stelle,
wie ein Baum, sondern es war ihm erlaubt, dieselbe zu suchen. Wer
durch die Richtung, die seine Bildung nahm, mit seiner nchsten
Umgebung entzweit wurde, fand leicht anderwrts willige Aufnahme,
fand neue Freunde statt der verlorenen, fand Zeit und Ruhe, um sich
nher zu erklren, vielleicht die Erzrnten selbst zu gewinnen und
zu vershnen, und so das Ganze zu einigen. Kein deutschgeborener
Frst hat es je ber sich vermocht, seinen Untertanen das Vaterland
innerhalb der Berge oder Flsse, wo er regierte, abzustecken,
und dieselben zu betrachten als gebunden an die Erdscholle. Eine
Wahrheit, die an einem Orte nicht laut werden durfte, durfte es
an einem andern, an welchem vielleicht im Gegenteile diejenigen
verboten waren, die dort erlaubt wurden; und so fand denn, bei
manchen Einseitigkeiten und Engherzigkeiten der besondern Staaten,
dennoch in Deutschland, dieses als ein Ganzes genommen, die hchste
Freiheit der Erforschung und der Mitteilung statt, die jemals ein
Volk besessen; und die hhere Bildung war und blieb allenthalben der
Erfolg aus der Wechselwirkung der Brger aller deutschen Staaten,
und diese hhere Bildung kam denn in dieser Gestalt auch allmhlich
herab zum grern Volke, das somit immer fortfuhr, sich selber durch
sich selbst im groen und ganzen zu erziehen. Dieses wesentliche
Unterpfand der Fortdauer einer deutschen Nation schmlerte, wie
gesagt, kein am Ruder der Regierung sitzendes deutsches Gemt; und
wenn auch in Absicht andrer ursprnglichen Entscheidungen nicht
immer geschehen sein sollte, was die hhere deutsche Vaterlandsliebe
wnschen mute, so ist wenigstens der Angelegenheit desselben nicht
geradezu entgegengehandelt worden, man hat nicht gesucht, jene Liebe
zu untergraben, sie auszurotten und eine entgegengesetzte Liebe an
ihre Stelle zu bringen.

Wenn nun aber etwa die ursprngliche Leitung sowohl jener
hhern Bildung, als der Nationalmacht, die allein fr jene und
ihre Fortdauer als Zweck gebraucht werden darf, die Verwendung
deutschen Gutes und deutschen Blutes, aus der Botmigkeit
deutschen Gemts in eine andre kommen sollte: was wrde sodann
notwendig erfolgen mssen?

Hier ist der Ort, wo es der in unsrer ersten Rede in Anspruch
genommenen Geneigtheit, sich ber die eignen Angelegenheiten
nicht tuschen zu wollen, und des Mutes, die Wahrheit sehen zu
wollen, und sie sich zu gestehen, vorzglich bedarf; auch ist
es, soviel mir bekannt, noch immer erlaubt, in deutscher Sprache
miteinander vom Vaterlande zu reden, wenigstens zu seufzen; und
wir wrden, glaube ich, nicht wohl tun, wenn wir aus unsrer
eignen Mitte heraus ein solches Verbot verfrhten, und dem
Mute, der ohne Zweifel ber das Wagnis schon vorher mit sich zu
Rate gegangen sein wird, die Fessel der Zaghaftigkeit einzelner
anlegen wollten.

Malen Sie sich also die vorausgesetzte neue Gewalt so gtig und
so wohlwollend vor, als Sie irgend wollen, machen Sie sie gut,
wie Gott; werden Sie ihr auch gttlichen Verstand einsetzen
knnen? Mag sie alles Ernstes das hchste Glck und Wohlsein
aller wollen, wird das hchste Wohlsein, das sie zu fassen
vermag, wohl auch deutsches Wohlsein sein? So hoffe ich ber den
Hauptpunkt, den ich Ihnen heute vorgetragen, von Ihnen recht
wohl verstanden worden zu sein, ich hoffe, da mehrere hierbei
gedacht und gefhlt haben: ich drcke nur deutlich aus und
spreche aus mit Worten, wie es ihnen von jeher im Gemte gelegen;
ich hoffe, da es auch mit den brigen Deutschen, die einst
dieses lesen werden, sich also verhalten werde; auch haben vor
mir mehrere Deutsche ungefhr dasselbe gesagt; und dem immerfort
bezeugten Widerstreben gegen eine blo mechanische Einrichtung
und Berechnung des Staates hat dunkel jene Gesinnung zum Grunde
gelegen. Und nun fordere ich alle, die mit der neuen Literatur
des Auslandes bekannt sind, auf: mir nachzuweisen, welcher neuere
Weise, Dichter, Gesetzgeber derselben eine diesem hnliche
Ahnung, die das Menschengeschlecht als ein ewig fortschreitendes
betrachte, und alles sein Regen in der Zeit nur auf diesen
Fortschritt beziehe, jemals verraten habe; ob irgendeiner selbst
in dem Zeitpunkte, als sie am khnsten zu politischer Schpfung
sich emporschwangen, mehr, als nur nicht Ungleichheit, inneren
Frieden, uern Nationalruhm und, wo es aufs hchste getrieben
wurde, husliche Glckseligkeit vom Staate gefordert habe? Ist,
wie man aus allen diesen Anzeigen schlieen mu, dieses ihr
Hchstes, so werden sie auch uns keine hheren Bedrfnisse und
keine hheren Forderungen an das Leben beimessen, und, immer
jene wohlttigen Gesinnungen gegen uns und die Abwesenheit
alles Eigennutzes und aller Sucht mehr sein zu wollen denn wir,
vorausgesetzt, trefflich fr uns gesorgt zu haben glauben,
wenn wir alles das finden, was sie allein als begehrungswrdig
kennen; dasjenige aber, warum der Edlere unter uns allein leben
mag, ist sodann ausgetilgt aus dem ffentlichen Leben, und das
Volk, das fr die Anregungen des Edleren sich stets empfnglich
gezeigt hat, und welches man sogar nach seiner Mehrheit zu
jenem Adel emporzuheben hoffen durfte, ist, so wie es behandelt
wird, wie jene behandelt sein wollen, herabgesetzt unter seinen
Rang, entwrdigt, ausgetilgt aus der Reihe der Dinge, indem es
zusammenfliet mit dem von niederer Art.

In wem nun jene hheren Anforderungen an das Leben, nebst dem
Gefhle ihres gttlichen Rechts, dennoch lebendig und krftig
bleiben, der fhlt mit tiefem Unwillen sich zurckgedrngt in
jene ersten Zeiten des Christentums, zu denen gesagt ist: Ihr
sollet nicht widerstreben dem Uebel, sondern, so dir jemand
einen Streich gibt auf den rechten Backen, dem biete den andern
auch dar, und so jemand deinen Rock nehmen will, dem la auch
den Mantel; mit Recht das letzte, denn solange er noch einen
Mantel an dir sieht, sucht er einen Handel an dich, um dir auch
diesen zu nehmen, erst wenn du ganz nackend bist, entgehst du
seiner Aufmerksamkeit und hast vor ihm Ruhe. Eben sein hherer
Sinn, der ihn ehrt, macht ihm die Erde zur Hlle und zum Ekel; er
wnscht, nicht geboren zu sein, er wnscht, da sein Auge je eher
je lieber sich dem Anblicke des Tages verschliee, unversiegbare
Trauer bis an das Grab erfat seine Tage; dem, was ihm lieb ist,
kann er keine bessere Gabe wnschen, denn einen dumpfen und
gengsamen Sinn, damit es mit weniger Schmerz einem ewigen Leben
jenseits des Grabes entgegenlebe.

Diese Vernichtung jeder etwa ins knftige unter uns ausbrechenden
edlern Regung, und diese Heruntersetzung unsrer ganzen Nation durch
das einzige, nachdem die andern vergeblich angewendet worden sind,
noch brigbleibende Mittel zu verhindern, tragen Ihnen diese Reden
an. Sie tragen Ihnen an die wahre und allmchtige Vaterlandsliebe, in
der Erfassung unsers Volks als eines ewigen, und als Brger unsrer
eignen Ewigkeit durch die Erziehung in aller Gemter recht tief und
unauslschlich zu begrnden. Welche Erziehung dies vermge, und auf
welche Weise, werden wir in den folgenden Reden ersehen.




Neunte Rede.

An welchen in der Wirklichkeit vorhandenen Punkt die neue
Nationalerziehung der Deutschen anzuknpfen sei.


Durch unsre letzte Rede sind mehrere schon in der ersten
versprochene Beweise gefhrt und vollendet worden. Es sei
dermalen nur davon die Rede, sagten wir, und dies sei die
erste Aufgabe, das Dasein und die Fortdauer des Deutschen
schlechtweg zu retten; alle andre Unterschiede seien dem hhern
Ueberblicke verschwunden; und es wrde durch jenes den besondern
Verbindlichkeiten, die etwa jemand zu haben glaube, kein Eintrag
geschehen. Es ist, wenn uns nur der gemachte Unterschied zwischen
Staat und Nation gegenwrtig bleibt, klar, da auch schon frher
die Angelegenheiten dieser beiden niemals in Widerstreit geraten
konnten. Die hhere Vaterlandsliebe fr das gemeinsame Volk der
deutschen Nation mute und sollte ja ohnedies die oberste Leitung
in jedem besondern deutschen Staate fhren; keiner von ihnen
durfte ja diese hhere Angelegenheit aus den Augen verlieren,
ohne alles Edle und Tchtige von sich abwendig zu machen, und so
seinen eignen Untergang zu beschleunigen: je mehr daher jemand
von jener hheren Angelegenheit ergriffen und belebt war, ein
desto besserer Brger war er auch fr den besondern deutschen
Staat, in den sein unmittelbarer Wirkungskreis fiel. Deutsche
Staaten konnten mit deutschen Staaten in Streit geraten, ber
besondere hergebrachte Gerechtsame. Wer die Fortdauer des
hergebrachten Zustandes wollte, und jeder Verstndige ohne
Zweifel mute um der ferneren Folgen willen diese wollen, der
mute wnschen, da die gerechte Sache siege, in wessen Hnden
sie auch sein mchte. Hchstens htte ein besonderer deutscher
Staat darauf ausgehen knnen, die ganze deutsche Nation unter
seiner Regierung zu vereinigen, und statt der hergebrachten
Vlkerrepublik Alleinherrschaft einzufhren. Wenn es wahr ist,
wie ich zum Beispiel es allerdings dafr halte, da gerade
diese republikanische Verfassung bisher die vorzglichste
Quelle deutscher Bildung und das erste Sicherungsmittel ihrer
Eigentmlichkeit gewesen, so wre, falls die vorausgesetzte
Einheit der Regierung nicht etwa selbst die republikanische,
sondern die monarchische Form getragen htte, in der es dem
Gewalthaber doch mglich gewesen wre, irgendeinen Spro
ursprnglicher Bildung ber den ganzen deutschen Boden hinweg
fr seine Lebenszeit zu zerdrcken; -- wenn dieses wahr ist,
sage ich, so wre in diesem Falle es allerdings ein groes
Migeschick fr die Angelegenheit deutscher Vaterlandsliebe
gewesen, wenn dieser Vorsatz gelungen wre, und jeder Edle
ber die ganze Oberflche des gemeinsamen Bodens hinweg htte
dagegen sich stemmen mssen. Dennoch auch in diesem schlimmsten
Falle wren es doch immer Deutsche geblieben, die ber Deutsche
regiert, und ihre Angelegenheiten ursprnglich geleitet htten,
und wenn auch auf eine vorbergehende Zeit der eigentmliche
deutsche Geist vermit worden wre, so wre doch die Hoffnung
geblieben, da er wieder erwachen werde, und jedes krftigere
Gemt ber den ganzen Boden hinweg htte sich versprechen
knnen, Gehr zu finden und sich verstndlich zu machen; es wre
doch immer eine deutsche Nation im Dasein verblieben, und htte
sich selbst regiert, und sie wre nicht untergegangen in einem
andern von niederer Ordnung. Immer bleibt hier das Wesentliche
in unsrer Berechnung, da die deutsche Nationalliebe selbst an
dem Ruder des deutschen Staates entweder sitze, oder doch mit
ihrem Einflusse dahin gelangen knne. Wenn aber zufolge unsrer
frhern Voraussetzung dieser deutsche Staat -- ob er nun als
einer oder mehrere erscheine, tut nichts zur Sache, in der Tat
ist es dennoch einer -- berhaupt aus deutscher Leitung in fremde
fiele, so ist sicher, und das Gegenteil davon wre gegen alle
Natur und schlechterdings unmglich; es ist sicher, sage ich,
da von nun an nicht mehr deutsche Angelegenheit, sondern eine
fremde entscheiden wrde. Wo die gesamte Nationalangelegenheit
der Deutschen bisher ihren Sitz hatte und dargestellt wurde am
Ruder des Staats, da wre sie verwiesen. Soll sie nun hiermit
nicht ganz ausgetilgt sein von der Erde, so mu ihr ein andrer
Zufluchtsort bereitet werden, und zwar in dem, was allein
brigbleibt, bei den Regierten, in den Brgern. Wre sie aber bei
diesen und ihrer Mehrheit schon, so wren wir in den Fall, ber
welchen wir uns dermals beratschlagen, gar nicht gekommen; sie
ist daher nicht bei ihnen, und mu erst in sie hineingebracht
werden: das heit mit andern Worten, die Mehrheit der Brger
mu zu diesem vaterlndischen Sinne erzogen werden, und, damit
man der Mehrheit sicher sei, diese Erziehung mu an der Allheit
versucht werden. Und so ist denn zugleich unumwunden und klar der
gleichfalls ehemals versprochene Beweis gefhrt worden, da es
schlechthin nur die Erziehung und kein andres mgliches Mittel
sei, das die deutsche Selbstndigkeit zu retten vermge; und es
wre ohne Zweifel nicht unsre Schuld, wenn man selbst bis jetzt
noch nicht den eigentlichen Inhalt und die Absicht dieser unsrer
Reden, und den Sinn, in welchem alle unsre Aeuerungen zu nehmen
sind, zu fassen vermchte.

Um es noch krzer zu fassen: immer unter unsrer Voraussetzung,
sind den unmndigen ihre vterlichen und blutsverwandten
Vormnder abgegangen, und Herren an ihre Stelle getreten;
sollen jene Unmndige nicht gar Sklaven werden, so mssen sie
eben der Vormundschaft entlassen, und, damit sie dieses knnen,
zu allererst zur Mndigkeit erzogen werden. Die deutsche
Vaterlandsliebe hat ihren Sitz verloren; sie soll einen andern
breitern und tiefern erhalten, in welchem sie in ruhiger
Verborgenheit sich begrnde und sthle, und zu rechter Zeit in
jugendlicher Kraft hervorbreche, und auch dem Staate die verlorne
Selbstndigkeit wiedergebe. Wegen des letztern knnen nun sowohl
das Ausland, als die kleinlichen und engherzigen Trbseligkeiten
unter uns selbst in Ruhe verbleiben; man kann zu ihrer aller
Troste sie versichern, da sie es insgesamt nicht erleben werden,
und da die Zeit, die es erleben wird, anders denken wird, denn
sie.

Ob nun, so streng auch die Glieder dieses Beweises aneinander
schlieen mgen, derselbe auch andre ergreifen und sie zur
Ttigkeit aufregen werde, hngt zu allererst davon ab, ob
es so etwas, wie wir deutsche Eigentmlichkeit und deutsche
Vaterlandsliebe geschildert haben, berhaupt gebe, und ob diese
der Erhaltung und des Strebens dafr wert sei oder nicht. Da
der -- auswrtige oder einheimische -- Auslnder diese Frage
mit Nein beantwortet, versteht sich; aber dieser ist auch
nicht mit zur Beratschlagung berufen. Uebrigens ist hierbei
anzumerken, da die Entscheidung ber diese Frage keineswegs auf
einer Beweisfhrung durch Begriffe beruht, welche hierin zwar
klarmachen, keineswegs aber ber wirkliches Dasein oder Wert
Auskunft zu geben vermgen, sondern, da die letztern lediglich
durch eines jeglichen unmittelbare Erfahrung an ihm selber
bewhrt werden knnen. In einem solchen Falle mgen Millionen
sagen: es sei nicht, so kann dadurch niemals mehr gesagt sein,
denn da es nur in ihnen nicht sei, keineswegs, da es berhaupt
nicht sei, und wenn ein einziger gegen diese Millionen auftritt
und versichert, da es sei, so behlt er gegen sie alle recht.
Nichts verhindert, da, da ich nun gerade rede, ich in dem
angegebenen Falle dieser einzige sei, der da versichert, da
er aus unmittelbarer Erfahrung an sich selbst wisse, da es so
etwas, wie deutsche Vaterlandsliebe gebe, da er den unendlichen
Wert des Gegenstandes derselben kenne, da diese Liebe allein ihn
getrieben habe, auf jede Gefahr zu sagen, was er gesagt hat und
noch sagen wird, indem uns dermalen gar nichts briggeblieben
ist, denn das Sagen, und sogar dieses auf alle Weise gehemmt und
verkmmert wird. Wer dasselbe in sich fhlt, der wird berzeugt
werden; wer es nicht fhlt, kann nicht berzeugt werden, denn
allein auf jene Voraussetzung sttzt sich mein Beweis; an ihm
habe ich meine Worte verloren, aber wer wollte nicht etwas so
Geringfgiges, als Worte sind, auf das Spiel setzen?

Diejenige bestimmte Erziehung, von der wir uns die Rettung der
deutschen Nation versprechen, ist in unsrer zweiten und dritten
Rede im allgemeinen beschrieben worden. Wir haben sie als eine
gnzliche Umschaffung des Menschengeschlechts bezeichnet, und
es wird passend sein, an diese Bezeichnung eine wiederholte
Uebersicht des Ganzen anzuknpfen.

In der Regel galt bisher die Sinnenwelt fr die rechte, eigentliche,
wahre und wirklich bestehende Welt, sie war die erste, die dem
Zgling der Erziehung vorgefhrt wurde; von ihr erst wurde er zum
Denken, und zwar meist zu einem Denken ber diese, und im Dienste
derselben angefhrt. Die neue Erziehung kehrt diese Ordnung geradezu
um. Ihr ist nur die Welt, die durch das Denken erfat wird, die
wahre und wirklich bestehende Welt; in diese will sie ihren Zgling,
sogleich wie sie mit demselben beginnt, einfhren. An diese Welt
allein will sie seine ganze Liebe und sein ganzes Wohlgefallen
binden; so da ein Leben allein in dieser Welt des Geistes bei ihm
notwendig entstehe und hervorkomme. Bisher lebte in der Mehrheit
allein das Fleisch, die Materie, die Natur; durch die neue Erziehung
soll in der Mehrheit, ja gar bald in der Allheit, allein der
Geist leben, und dieselbe treiben; der feste und gewisse Geist,
von welchem frher, als von der einzigmglichen Grundlage eines
wohleingerichteten Staates gesprochen worden, soll im allgemeinen
erzeugt werden.

Durch eine solche Erziehung wird ohne Zweifel der Zweck, den
wir zunchst uns vorgesetzt haben, und von dem unsre Reden
ausgegangen sind, erreicht. Jener zu erzeugende Geist fhrt
die hhere Vaterlandsliebe, das Erfassen seines irdischen
Lebens als eines ewigen und des Vaterlandes, als des Trgers
dieser Ewigkeit, und, falls er in den Deutschen aufgebaut
wird, die Liebe fr das deutsche Vaterland, als einen seiner
notwendigen Bestandteile unmittelbar in sich selber; und aus
dieser Liebe folgt der mutige Vaterlandsverteidiger und der
ruhige und rechtliche Brger von selbst. Es wird durch eine
solche Erziehung sogar noch mehr erreicht, als dieser nchste
Zweck; wie das allemal der Fall ist, wo ein groes Ziel durch
ein durchgreifendes Mittel gewollt wird; der ganze Mensch wird
nach allen seinen Teilen vollendet, in sich selbst abgerundet,
nach auen zu allen seinen Zwecken in Zeit und Ewigkeit mit
vollkommener Tchtigkeit ausgestattet. Mit unsrer Genesung fr
Nation und Vaterland hat die geistige Natur unsre vollkommene
Heilung von allen Uebeln, die uns drcken, unzertrennlich
verknpft.

Mit der stumpfen Verwunderung, da eine solche Welt des bloen
Gedankens behauptet, und sogar als die einzig mgliche Welt
behauptet, dagegen die Sinnenwelt ganz weggeworfen werde, sowie
mit der Ableugnung der erstern entweder berhaupt, oder nur
der Mglichkeit, da selbst die Mehrheit des groen Volks in
dieselbe eingefhrt werden knne, haben wir es hier nicht mehr
zu tun, sondern haben dieselben schon frher gnzlich von uns
weggewiesen. Wer noch nicht wei, da es eine Welt des Gedankens
gebe, der mag indessen anderwrts durch die vorhandenen Mittel
sich davon belehren, wir haben hier zu dieser Belehrung nicht
Zeit; wie aber sogar die Mehrheit des groen Volks zu derselben
emporgehoben werden knne, dies wollen wir eben zeigen.

Indem nun, unserm eignen wohlbedachten Sinne nach, der Gedanke
einer solchen neuen Erziehung keineswegs als ein bloes zur
Uebung des Scharfsinns oder der Streitfertigkeit aufgestelltes
Bild zu betrachten ist, sondern derselbe vielmehr zur Stunde
ausgebt und ins Leben eingefhrt werden soll: so kommt uns
zuvrderst zu, anzugeben, an welches in der wirklichen Welt schon
vorliegende Glied diese Ausfhrung sich anknpfen solle.

Wir geben auf diese Frage zur Antwort: an den von Johann Heinrich
Pestalozzi erfundenen, vorgeschlagenen und unter dessen Augen
schon in glcklicher Ausbung befindlichen Unterrichtsgang soll
sie sich anschlieen. Wir wollen diese unsre Entscheidung tiefer
begrnden und nher bestimmen.

Zuvrderst, wir haben die eignen Schriften des Mannes gelesen und
durchdacht, und aus diesen unsern Begriff seiner Unterrichts-
und Erziehungskunst uns gebildet; gar keine Kunde aber haben wir
genommen von dem, was die gelehrten Neuigkeitsbltter darber
berichtet und gemeint, und ber die Meinungen wieder gemeint
haben. Wir merken dies darum an, um jedem, der ber diesen
Gegenstand gleichfalls einen Begriff zu haben begehrt, denselben
Weg, und die durchgngige Vermeidung des entgegengesetzten,
zu empfehlen. Ebensowenig haben wir bis jetzt etwas von der
wirklichen Ausbung sehen wollen, keineswegs aus Nichtachtung,
sondern weil wir uns erst einen festen und sichern Begriff von
der wahren Absicht des Erfinders, hinter welcher die Ausbung oft
zurckbleiben kann, verschaffen wollten, aus diesem Begriffe
aber der Begriff von der Ausbung und dem notwendigen Erfolge
ohne alles Probieren, sich von selbst ergibt, und man, nur mit
diesem ausgestattet, die Ausbung wahrhaftig verstehen und
richtig beurteilen kann. Sollte, wie einige glauben, auch dieser
Unterrichtsgang schon hier und da in ein blindes empirisches
Zutappen und in leere Spielerei und Schauauslegerei ausgeartet
sein, so ist meines Erachtens der Grundbegriff des Erfinders
wenigstens daran ganz unschuldig.

Fr diesen Grundbegriff nun brgt mir zuerst die Eigentmlichkeit
des Mannes selber, wie er diese in seinen Schriften mit der
treuesten und gemtvollsten Offenheit darlegt. An ihm htte
ich ebensogut, wie an Luther, oder, falls es noch andre diesen
gleichende gegeben hat, an irgendeinem andern, die Grundzge des
deutschen Gemts darlegen, und den erfreuenden Beweis fhren
knnen, da dieses Gemt in seiner ganzen wunderwirkenden Kraft
in dem Umkreise der deutschen Zunge noch bis auf diesen Tag
walte. Auch er hat ein mhvolles Leben hindurch im Kampfe mit
allen mglichen Hindernissen von innen mit eigner hartnckiger
Unklarheit und Unbeholfenheit, und selbst hchst sprlich
ausgestattet mit den gewhnlichsten Hilfsmitteln der gelehrten
Erziehung, uerlich mit anhaltender Verkennung, gerungen nach
einem blo geahnten, ihm selbst durchaus unbewuten Ziele,
aufrecht gehalten und getrieben durch einen unversiegbaren
und allmchtigen und deutschen Trieb, die Liebe zu dem armen
verwahrlosten Volke. Diese allmchtige Liebe hatte ihn, ebenso
wie Luthern, nur in einer andern und seiner Zeit angemeneren
Beziehung, zu ihrem Werkzeuge gemacht, und war das Leben
geworden in seinem Leben, sie war der ihm selbst unbekannte
feste und unwandelbare Leitfaden dieses seines Lebens, der es
hindurchfhrte durch alle ihn umgebende Nacht, und der den
Abend desselben -- denn es war unmglich, da eine solche Liebe
unbelohnt von der Erde abtrete -- krnte mit seiner wahrhaft
geistigen Erfindung, die weit mehr leistete, denn er je mit
seinen khnsten Wnschen begehrt hatte. Er wollte blo dem
Volke helfen; aber seine Erfindung, in ihrer ganzen Ausdehnung
genommen, hebt das Volk, hebt allen Unterschied zwischen diesem
und einem gebildeten Stande auf, gibt statt der gesuchten
Volkserziehung Nationalerziehung, und htte wohl das Vermgen,
den Vlkern und dem ganzen Menschengeschlechte aus der Tiefe
seines dermaligen Elendes emporzuhelfen.

Dieser sein Grundbegriff steht in seinen Schriften mit vollkommener
Klarheit und unverkennbarer Bestimmtheit da. Zuvrderst will er
in Absicht der Form nicht die bisherige Willkr und das blinde
Herumtappen, sondern er will eine feste und sicher berechnete Kunst
der Erziehung, wie auch wir es wollen, und wie deutsche Grndlichkeit
es notwendig wollen mu; und er erzhlt sehr unbefangen, wie eine
franzsische Phrase, da er nmlich die Erziehung mechanisieren
wolle, ihm ber diesen seinen Zweck aus dem Traume geholfen habe.
In Absicht des Inhalts ist es der erste Schritt der von mir
beschriebenen neuen Erziehung, da sie die freie Geistesttigkeit des
Zglings, sein Denken, in welchem spterhin die Welt seiner Liebe
ihm aufgehen soll, anrege und bilde; mit diesem ersten Schritte
beschftigten sich Pestalozzis Schriften vorzglich, und auf diesen
Gegenstand geht unsre Prfung seines Grundbegriffs zu allererst. In
dieser Rcksicht ist nun desselben Tadel des bisherigen Unterrichts,
da derselbe den Schler nur in Nebel und Schatten eingetaucht,
und denselben niemals zur wirklichen Wahrheit und Realitt habe
gelangen lassen, gleichbedeutend mit dem unsrigen, da dieser
Unterricht nicht vermocht habe, in das Leben einzugreifen, noch die
Wurzel desselben zu bilden; und Pestalozzis dagegen vorgeschlagenes
Hilfsmittel, den Zgling in die unmittelbare Anschauung einzufhren,
ist gleichbedeutend mit dem unsrigen, die Geistesttigkeit desselben
zum Entwerfen von Bildern anzuregen, und nur an diesem freien
Bilden ihn lernen zu lassen, alles, was er lernt: denn nur von dem
Freientworfenen ist Anschauung mglich. Da der Erfinder es wirklich
also meint, und keineswegs unter Anschauung jene blindtappende und
betastende Wahrnehmung versteht, beweist die nachher angegebene
Ausbung. Gleichfalls ganz richtig wird dieser Anregung der
Anschauung des Zglings durch die Erziehung das allgemeine und
sehr tief eingreifende Gesetz gegeben, hierin mit dem Anfange und
Fortschritte der zu entwickelnden Krfte des Kindes genau Schritt zu
halten.

Dagegen haben die gesamten Migriffe dieses Pestalozzischen
Unterrichtsplans in Ausdrcken und Vorschlgen die eine
gemeinschaftliche Quelle, da der drftige und begrenzte Zweck, auf
welchen anfangs ausgegangen wurde, uerst vernachlssigten Kindern
aus dem Volke unter der Voraussetzung, da das Ganze bliebe, so wie
es ist, die notdrftigste Hilfe zu leisten, von einer Seite, und
von der andern, das zu einem weit hhern Zwecke fhrende Mittel
in Vermengung und Widerstreit miteinander geraten; und man wird
vor allem Irrtume gesichert und erhlt einen mit sich vollkommen
bereinstimmenden Begriff, wenn man das erstere und alles, was aus
dessen Beachtung gefolgt ist, fallen lt und sich blo an das
letztere hlt, und es folgegem durchfhrt. Ohne Zweifel entstand
lediglich aus dem Wunsche, jene Kinder der uersten Armut sobald
als mglich aus der Schule zum Broterwerb zu entlassen, und dennoch
sie mit einem Mittel zu versehen, wodurch sie den abgebrochenen
Unterricht nachholen knnten, in Pestalozzis liebendem Gemte die
Ueberschtzung des Lesens und Schreibens, die Aufstellung dieser
beinahe als Ziel und Gipfel des Volksunterrichts, sein unbefangener
Glaube an die Aussage der abgelaufenen Jahrtausende, da dieses
die besten Hilfsmittel der Belehrung seien; da er ja auerdem
gefunden haben wrde, da gerade dieses Lesen und Schreiben bisher
die eigentlichen Werkzeuge gewesen, um die Menschen in Nebel und
Schatten einzuhllen und sie berklug zu machen. Daher auch rhren
ohne Zweifel mehrere andre mit seinem Grundsatze der unmittelbaren
Anschauung im Widerspruche stehende Vorschlge, und besonders seine
durchaus irrige Ansicht der Sprache, als eines Mittels, unser
Geschlecht von dunkler Anschauung zu deutlichen Begriffen zu erheben.
Wir unsres Orts haben nicht von Erziehung des Volks im Gegensatze
hherer Stnde geredet, indem wir Volk in diesem Sinne, niedern
und gemeinen Pbel, gar nicht lnger haben wollen, noch er fr die
deutschen Nationalangelegenheiten ferner ertragen werden kann,
sondern wir haben von Nationalerziehung geredet. Soll es jemals zu
dieser kommen, so mu der armselige Wunsch, da die Erziehung doch
ja recht bald vollendet sein, und das Kind wieder hinter die Arbeit
gestellt werden mge, gar nicht mehr zu Odem kommen, sondern sogleich
an der Schwelle der Beratung ber diese Angelegenheit abgelegt
werden. Zwar wird meines Erachtens diese Erziehung nicht kostspielig
sein, die Anstalten werden guten Teils sich selbst erhalten knnen,
und es wird der Arbeit kein Eintrag geschehen; und ich werde meine
Gedanken hierber zu seiner Zeit darlegen: aber wenn dies auch nicht
so wre, so mu unbedingt und auf jede Gefahr der Zgling in der
Erziehung so lange bleiben, bis sie vollendet ist und vollendet sein
kann; jene halbe Erziehung ist um nichts besser, denn gar keine;
sie lt es eben beim alten, und wenn man dies will, so erspare
man sich lieber auch das Halbe, und erklre gleich von vornherein
geradezu, da man nicht wolle, da der Menschheit geholfen werde.
Unter jener Voraussetzung nun kann in der bloen Nationalerziehung,
solange dieselbe dauert, Lesen und Schreiben zu nichts ntzen, wohl
aber kann es sehr schdlich werden, indem es von der unmittelbaren
Anschauung zum bloen Zeichen, und von der Aufmerksamkeit, die da
wei, da sie nichts fasse, wenn sie es nicht jetzt und zur Stelle
fat, zur Zerstreutheit, die sich ihres Niederschreibens trstet,
und irgend einmal vom Papiere lernen will, was sie wahrscheinlich nie
lernen wird, und berhaupt zu der den Umgang mit Buchstaben so oft
begleitenden Trumerei leichtlich verleiten knnte, so wie es dieses
auch bisher getan hat. Erst am vlligen Schlusse der Erziehung, und
als das letzte Geschenk derselben mit auf den Weg, knnten diese
Knste mitgeteilt und der Zgling geleitet werden durch Zergliederung
der Sprache, die er schon lngst vollkommen besitzt, die Buchstaben
zu erfinden und zu gebrauchen; welches ihm bei der brigen Bildung,
die er schon erlangt hat, ein Spiel sein wrde.

So in der bloen und allgemeinen Nationalerziehung. Etwas andres
ist es mit dem knftigen Gelehrten. Dieser soll einst nicht blo
ber das Allgemeingeltende sich aussprechen, wie es ihm ums Herz
ist, sondern er soll auch in einsamem Nachdenken die verborgene
und ihm selber unbewute eigentmliche Tiefe seines Gemts in das
Licht der Sprache erheben, und er mu darum frher an der Schrift
das Werkzeug dieses einsamen und dennoch lauten Denkens in die
Hnde bekommen und bilden lernen; doch wird auch mit ihm weniger
zu eilen sein, als es bisher geschehen. Es wird dies zu seiner
Zeit bei der Unterscheidung der bloen Nationalerziehung von der
gelehrten deutlicher erhellen.

In Gemheit dieser Ansicht ist alles, was der Erfinder ber
Schall und Wort, als Entwicklungsmittel der geistigen Kraft
spricht, zu berichtigen und zu beschrnken. In das Einzelne zu
gehen, erlaubt mir nicht der Plan dieser Reden. Nur noch die
folgende tief in das Ganze greifende Bemerkung. Die Grundlage
seiner Entwicklung aller Erkenntnis enthlt sein Buch fr Mtter,
in dem er unter andern gar sehr auf husliche Erziehung rechnet.
Was zuvrderst diese, die husliche Erziehung, selbst anbelangt,
so wollen wir zwar mit ihm keineswegs ber die Hoffnungen, die
er sich von den Mttern macht, streiten; was aber unsern hhern
Begriff einer Nationalerziehung anbelangt, so sind wir fest
berzeugt, da diese, besonders bei den arbeitenden Stnden, im
Hause der Eltern, und berhaupt ohne gnzliche Absonderung der
Kinder von ihnen, durchaus weder angefangen, noch fortgesetzt,
oder vollendet werden kann. Der Druck, die Angst um das tgliche
Auskommen, die kleinliche Genauigkeit und Gewinnsucht, die sich
hierzu fgt, wrde die Kinder notwendig anstecken, herabziehen
und sie verhindern, einen freien Aufflug in die Welt des
Gedankens zu nehmen. Dies ist auch eine der Voraussetzungen, die
bei der Ausfhrung unsers Plans unbedingt ist, und auf keine
Weise zu erlassen. Was daraus wird, wenn die Menschheit im
ganzen in jedem folgenden Zeitalter sich also wiederholt, wie
sie im vorhergehenden war, haben wir nun zur Genge ersehen;
soll eine gnzliche Umbildung mit derselben vorgenommen werden,
so mu sie einmal ganz losgerissen werden von sich selber, und
ein trennender Einschnitt gemacht werden in ihr hergebrachtes
Fortleben. Erst nachdem ein Geschlecht durch die neue Erziehung
hindurch gegangen sein wird, wird sich beratschlagen lassen,
welchen Teil von der Nationalerziehung man dem Hause anvertrauen
wolle. -- Dies nun abgerechnet, und das Pestalozzische Buch
fr die Mtter lediglich als erste Grundlage des Unterrichts
betrachtet, ist auch der Inhalt desselben, der Krper des Kindes,
ein vollkommner Migriff. Er geht von dem sehr richtigen Satze
aus, der erste Gegenstand der Erkenntnis des Kindes msse das
Kind selbst sein, aber ist denn der Krper des Kindes das Kind
selbst? wre, wenn es doch ein menschlicher Krper sein sollte,
der Krper der Mutter ihm nicht weit nher und sichtbarer? und
wie kann doch das Kind eine anschauliche Erkenntnis von seinem
Krper bekommen, ohne zuerst gelernt zu haben, denselben zu
gebrauchen? Jene Kenntnis ist keine Erkenntnis, sondern ein
bloes Auswendiglernen von willkrlichen Wortzeichen, das
durch die Ueberschtzung des Redens herbeigefhrt wird. Die
wahre Grundlage des Unterrichts und der Erkenntnis wre, um
es in der Pestalozzischen Sprache zu bezeichnen, ein Abc der
Empfindungen. Wie das Kind anfngt Sprachtne zu vernehmen und
selbst notdrftig zu bilden, mte es geleitet werden, sich
vollkommen deutlich zu machen: ob es hungere oder schlfrig sei,
ob es die mit dem oder dem Ausdrucke bezeichnete ihm gegenwrtige
Empfindung sehe oder ob es vielmehr dieselbe hre usf., oder ob
es wohl gar etwas blo hinzudenke; wie die verschiedenen durch
besondere Wrter bezeichneten Eindrcke auf denselben Sinn,
zum Beispiel die Farben, die Schalle der verschiedenen Krper
usf. verschieden seien, und in welchen Abstufungen; alles dies
in richtiger und das Empfindungsvermgen selbst regelmig
entwickelnder Folge. Hierdurch erhlt das Kind erst ein Ich,
das es im freien und besonnenen Begriffe absondert, und mit
demselben durchdringt, und gleich bei seinem Erwachen ins Leben
wird dem Leben ein geistiges Auge eingesetzt, das von nun an
wohl nicht wieder von demselben lassen wird. Hierdurch erhalten
auch fr die nachfolgenden Uebungen der Anschauung die an sich
leeren Formen des Maes und der Zahl ihren deutlich erkannten
innern Gehalt, der bei der Pestalozzischen Verfahrungsweise
doch nur durch dunklen Hang und Zwang ihnen hinzugesetzt werden
kann. Es kommt in den Pestalozzischen Schriften ein in dieser
Rcksicht merkwrdiges Gestndnis eines seiner Lehrer vor, der,
in dieses Verfahren eingeweiht, anfing, nur noch ausgeleerte
geometrische Krper zu erblicken. So mte es allen Zglingen
dieses Verfahrens ergehen, wenn nicht unvermerkt die geistige
Natur dagegen sicherte. Hier auch, bei diesem deutlichen Erfassen
dessen, was eigentlich empfunden wird, ist der Ort, wo zwar
nicht das Sprachzeichen, aber das Reden selbst und das Bedrfnis
sich fr andre auszusprechen, den Menschen bildet, und ihn aus
der Dunkelheit und Verworrenheit zur Klarheit und Bestimmtheit
erhebt. Auf das zuerst zum Bewutsein erwachende Kind dringen
alle Eindrcke der dasselbe umgebenden Natur zugleich ein, und
vermischen sich zu einem dumpfen Chaos, in welchem nichts
Einzelnes aus dem allgemeinen Gewhl hervorsteht. Wie soll es
jemals herauskommen aus dieser Dumpfheit? Es bedarf der Hilfe
andrer; es kann diese Hilfe auf keine andre Weise an sich
bringen, denn dadurch, da es sein Bedrfnis bestimmt ausspreche,
mit den Unterscheidungen von hnlichen Bedrfnissen, die schon
in der Sprache niedergelegt sind. Es wird gentigt, nach
Anleitung jener Unterscheidungen, mit Zurckziehung und Sammlung
auf sich zu merken, das, was es wirklich fhlt, zu vergleichen
und zu unterscheiden von anderm, das es wohl auch kennt, aber
gegenwrtig nicht fhlt. Hierdurch sondert sich erst ab in ihm
ein besonnenes und freies Ich. Diesen Weg nun, den Not und Natur
mit uns anhebt, soll die Erziehung mit besonnener und freier
Kunst fortsetzen.

Im Felde der objektiven Erkenntnis, die auf uere Gegenstnde
geht, fgt die Bekanntschaft mit dem Wortzeichen der Deutlichkeit
und Bestimmtheit der innern Erkenntnis fr den Erkennenden selbst
durchaus nichts hinzu, sondern sie erhebt dieselbe blo in den
vllig verschiedenen Kreis der Mitteilbarkeit fr andre. Die
Klarheit jener Erkenntnis beruht gnzlich auf der Anschauung,
und dasjenige, was man nach Belieben in allen seinen Teilen,
gerade so wie es wirklich ist, in der Einbildungskraft wieder
erzeugen kann, ist vollkommen erkannt, ob man nun dazu ein Wort
habe oder nicht. Wir sind sogar der Ueberzeugung, da jene
Vollendung der Anschauung der Bekanntschaft mit dem Wortzeichen
vorausgehen msse, und da der umgekehrte Weg gerade in jene
Schatten- und Nebelwelt, und zu dem frhen Maulbrauchen, welche
beide Pestalozzi mit Recht so verhat sind, fhre, ja da der,
der nur je eher je lieber das Wort wissen will, und der seine
Erkenntnisse fr vermehrt hlt, sobald er es wei, eben in jener
Nebelwelt lebt, und blo um deren Erweiterung bekmmert ist. Des
Erfinders Denkgebude im ganzen erfassend, glaube ich, da es
gerade dieses Abc der Empfindung war, was er, als erste Grundlage
der geistigen Entwicklung und als Inhalt seines Buchs der Mtter,
anstrebte, und was ihm dunkel bei allen seinen Aeuerungen
ber die Sprache vorschwebte, und da allein der Mangel an
philosophischen Studien ihn verhinderte, in diesem Punkte sich
selber vollkommen klar zu werden.

Diese Entwicklung nun des erkennenden Subjekts selbst, an der
Empfindung, vorausgesetzt, und der Nationalerziehung, die wir
beabsichtigten, als allererste Grundlage untergelegt, ist das
Pestalozzische Abc der Anschauung, die Lehre von den Zahl- und
Maverhltnissen, die vollkommen zweckmige und vortreffliche Folge.
An diese Anschauung kann ein beliebiger Teil der Sinnenwelt geknpft
werden, sie kann eingefhrt werden in das Gebiet der Mathematik, so
lange, bis an diesen Vorbungen der Zgling hinlnglich gebildet sei,
um zur Entwerfung einer gesellschaftlichen Ordnung der Menschen, und
zur Liebe dieser Ordnung, als dem zweiten und wesentlichen Schritte
seiner Bildung, angefhrt zu werden.

Noch ist, gleich beim ersten Teile der Erziehung ein andrer
von Pestalozzi gleichfalls in Anregung gebrachter Gegenstand
nicht zu bergehen: die Entwicklung der krperlichen Fertigkeit
des Zglings, die mit der geistigen notwendig Hand in Hand
gehend fortschreiten mu. Er fordert ein Abc der Kunst, d. h.
des krperlichen Knnens. Seine hervorstechendsten Aeuerungen
hierber sind folgende: Schlagen, Tragen, Werfen, Stoen,
Ziehen, Drehen, Ringen, Schwingen usf. seien die einfachsten
Uebungen der Kraft. Es gebe eine naturgeme Stufenfolge von
den Anfngen in diesen Uebungen bis zu ihrer vollendeten Kunst,
d. i. bis zum hchsten Grade des Nerventaktes, der Schlag
und Sto, Schwung und Wurf, in hundertfachen Abwechslungen
sichere, und Hand und Fu gewi mache. Alles kommt hierbei auf
die naturgeme Stufenfolge an, und es reicht nicht hin, da
man mit blinder Willkr hineingreife und irgendeine Uebung
einfhre, damit doch von uns gesagt werden knne, wir htten
auch, etwa wie die Griechen, krperliche Erziehung. In dieser
Rcksicht ist nun noch alles zu tun, denn Pestalozzi hat kein
Abc der Kunst geliefert. Dieses mte erst geliefert werden,
und zwar bedarf es dazu eines Mannes, der, in der Anatomie des
menschlichen Krpers und in der wissenschaftlichen Mechanik auf
gleiche Weise zu Hause, mit diesen Kenntnissen ein hohes Ma
philosophischen Geistes verbnde, und der auf diese Weise fhig
wre, in allseitiger Vollendung diejenige Maschine zu finden,
zu der der menschliche Krper angelegt ist, und anzugeben,
wie diese Maschine allmhlich, also, da jeder Schritt in der
einzig mglichen richtigen Folge geschhe, durch jeden alle
knftigen vorbereitet und erleichtert, und dabei die Gesundheit
und Schnheit des Krpers und die Kraft des Geistes nicht nur
nicht gefhrdet, sondern sogar gestrkt und erhht wrde, wie,
sage ich, auf diese Weise die Maschine aus jedem gesunden
menschlichen Krper entwickelt werden knne. Die Unerllichkeit
dieses Bestandteils fr eine Erziehung, die den ganzen Menschen
zu bilden verspricht, und die besonders fr eine Nation sich
bestimmt, welche ihre Selbstndigkeit wiederherstellen und
fernerhin erhalten soll, fllt ohne weitere Erinnerung in die
Augen.

Was fr nhere Bestimmung unsers Begriffs von deutscher
Nationalerziehung noch ferner zu sagen ist, behalten wir vor der
nchstknftigen Rede.




Zehnte Rede.

Zur nhern Bestimmung der deutschen Nationalerziehung.


Die Anfhrung des Zglings, zuerst seine Empfindungen, sodann
seine Anschauungen sich klar zu machen, mit welcher eine
folgegeme Kunstbildung seines Krpers Hand in Hand gehen mu,
ist der erste Hauptteil der neuen deutschen Nationalerziehung.
Was die Bildung der Anschauung betrifft, haben wir eine
zweckmige Anleitung von Pestalozzi; die noch ermangelnde zur
Bildung des Empfindungsvermgens wird derselbe Mann und seine
Mitarbeiter, die zur Lsung dieser Aufgabe zunchst berufen sind,
leicht geben knnen. Eine Anweisung zur folgegemen Ausbildung
der krperlichen Kraft fehlt noch: es ist angegeben, was zur
Lsung dieser Aufgabe erfordert werde, und es ist zu hoffen, da,
wenn die Nation Begierde nach dieser Lsung bezeigen sollte,
dieselbe sich finden werde. Dieser ganze Teil der Erziehung
ist nur Mittel und Vorbung zu dem zweiten wesentlichen Teile
derselben, der brgerlichen und religisen Erziehung. Was
hierber im allgemeinen zu sagen dermalen not tut, ist in unsrer
zweiten und dritten Rede schon beigebracht, und wir haben in
dieser Rcksicht nichts hinzuzusetzen. Eine bestimmte Anweisung
zur Kunst dieser Erziehung zu geben ist -- immer wie sich
versteht, in Beratung und Rcksprache mit der Pestalozzischen
eigentlichen Erziehungskunst -- die Sache derselben Philosophie,
die eine deutsche Nationalerziehung berhaupt in Vorschlag
bringt; und diese Philosophie wird, wenn nur erst das Bedrfnis
einer solchen Anweisung durch vollendete Ausbung des ersten
Teils eintritt, nicht sumen, dieselbe zu liefern. Wie es mglich
sein werde, da jedweder Zgling, auch aus dem niedrigsten Stande
geboren, indem der Stand der Geburt wahrhaftig keinen Unterschied
in den Anlagen macht, den Unterricht ber diese Gegenstnde, der
allerdings, wenn man so will, die allertiefste Metaphysik enthlt
und die Ausbeute der abgezogensten Spekulation ist, und welche zu
fassen dermalen sogar Gelehrten und selbst spekulierenden Kpfen
so unmglich fllt, fassen und sogar leicht fassen werde; darber
ermde man sich nur vorlufig nicht im Hin- und Herzweifeln;
wenn man nur in Absicht der ersten Schritte folgen will, so
wird dies spterhin die Erfahrung lehren. Nur darum, weil unsre
Zeit berhaupt in der Welt der leeren Begriffe gefesselt und
an keiner Stelle in die Welt der wahrhaftigen Realitt und
Anschauung hineingekommen ist, ist es ihr nicht anzumuten, da
sie gerade bei der allerhchsten und geistigsten Anschauung, und
nachdem sie schon ber alles Ma klug ist, das Anschauen anfange.
Ihr mu die Philosophie anmuten, ihre bisherige Welt aufzugeben
und eine ganz andre sich zu verschaffen, und es ist kein Wunder,
wenn eine solche Anmutung ohne Erfolg bleibt. Der Zgling unsrer
Erziehung aber ist gleich von Anbeginn an einheimisch geworden in
der Welt der Anschauung und hat niemals eine andre gesehen; er
soll seine Welt nicht verndern, sondern sie nur steigern, und
dieses ergibt sich von selbst. Jene Erziehung ist zugleich, wie
wir schon oben darauf deuteten, die einzig mgliche Erziehung fr
Philosophie und das einzige Mittel, diese letztere allgemein zu
machen.

Mit dieser brgerlichen und religisen Erziehung nun ist die
Erziehung beschlossen und der Zgling zu entlassen, und so wren
wir denn frs erste in Absicht des Inhalts der vorgeschlagenen
Erziehung im reinen.

Es msse niemals das Erkenntnisvermgen des Zglings angeregt werden,
ohne da die Liebe fr den erkannten Gegenstand es zugleich werde,
indem auerdem die Erkenntnis tot, und ebenso niemals die Liebe, ohne
da sie der Erkenntnis klar werde, indem auerdem die Liebe blind
bleibe -- ist einer der Hauptgrundstze der von uns vorgeschlagenen
Erziehung, mit welchem auch Pestalozzi seinem ganzen Denkgebude
zufolge einverstanden sein mu. Die Anregung und Entwicklung dieser
Liebe nun knpft sich an den folgegemen Lehrgang am Faden der
Empfindung und der Anschauung von selbst, und kommt ohne allen
unsern Vorsatz oder Zutun. Das Kind hat einen natrlichen Trieb
nach Klarheit und Ordnung; dieser wird in jenem Lehrgange immerfort
befriedigt, und erfllt so das Kind mit Freude und Lust; mitten in
der Befriedigung aber wird es durch die neuen Dunkelheiten, die nun
zum Vorschein kommen, wiederum angeregt, und so ferner befriedigt,
und so geht das Leben hin in Liebe und Lust am Lernen. Dies ist die
Liebe, wodurch jeder einzelne an die Welt des Gedankens geknpft
wird, das Band der Sinnen- und Geisterwelt berhaupt. Durch diese
Liebe entsteht, in dieser Erziehung sicher und berechnet, so wie
bisher durch das Ungefhr bei wenigen vorzglich begnstigten Kpfen,
die leichte Entwicklung des Erkenntnisvermgens, und die glckliche
Bearbeitung der Felder der Wissenschaft.

Noch aber gibt es eine andre Liebe, diejenige, welche den
Menschen an den Menschen bindet, und alle einzelne zu einer
einigen Vernunftgemeinde der gleichen Gesinnung verbindet. Wie
jene die Erkenntnis, so bildet diese das handelnde Leben, und
treibt an, das Erkannte in sich und andern darzustellen. Da
es fr unsern eigentlichen Zweck wenig helfen wrde, blo die
Gelehrtenerziehung zu verbessern und die von uns beabsichtigte
Nationalerziehung zunchst nicht darauf ausgeht, Gelehrte,
sondern eben Menschen zu bilden, so ist klar, da neben jener
ersten auch die Entwicklung der zweiten Liebe unerlliche
Pflicht dieser Erziehung ist.

Pestalozzi redet[4] von diesem Gegenstande mit herzerhebender
Begeisterung; dennoch aber mssen wir bekennen, da alles dieses
uns nicht im mindesten klar geschienen hat und am allerwenigsten
so klar, da es einer kunstmigen Entwicklung jener Liebe zur
Grundlage dienen knne. Es ist darum ntig, da wir unsre eignen
Gedanken zu einer solchen Grundlage mitteilen.

  [4] Ansichten, Erfahrungen und Mittel zur Befrderung einer der
      Menschennatur angemessenen Erziehungsweise. Leipzig 1807.

Die gewhnliche Annahme, da der Mensch von Natur selbstschtig
sei, und auch das Kind mit dieser Selbstsucht geboren werde, und
da es allein die Erziehung sei, die demselben eine sittliche
Triebfeder einpflanze, grndet sich auf eine sehr oberflchliche
Beobachtung und ist durchaus falsch. Da aus Nichts sich nicht
etwas machen lt, die noch so weit fortgesetzte Entwicklung
eines Grundtriebes aber ihn doch niemals zu dem Gegenteile von
sich selbst machen kann; wie sollte doch die Erziehung vermgen,
jemals Sittlichkeit in das Kind hineinzubringen, wenn diese
nicht ursprnglich und vor aller Erziehung vorher in demselben
wre? So ist sie es denn auch wirklich in allen menschlichen
Kindern, die zur Welt geboren werden; die Aufgabe ist blo, die
ursprnglichste und reinste Gestalt, in der sie zum Vorschein
kommt, zu ergrnden.

Durchgefhrte Spekulation sowohl, als die gesamte Beobachtung stimmen
berein, da diese ursprnglichste und reinste Gestalt der Trieb
nach Achtung sei, und da diesem Triebe erst das Sittliche, als
einzig mglicher Gegenstand der Achtung, das Rechte und Gute, die
Wahrhaftigkeit, die Kraft der Selbstbeherrschung, in der Erkenntnis
aufgehe. Beim Kinde zeigt sich dieser Trieb zuerst als Trieb auch
geachtet zu werden von dem, was ihm die hchste Achtung einflt; und
es richtet sich dieser Trieb, zum sichern Beweise, da keineswegs
aus der Selbstsucht die Liebe stamme, in der Regel weit strker
und entschiedener auf den ernsteren, fter abwesenden und nicht
unmittelbar als Wohltter erscheinenden Vater, denn auf die mit ihrer
Wohlttigkeit stets gegenwrtige Mutter. Von diesem will das Kind
bemerkt sein, es will seinen Beifall haben; nur inwiefern dieser mit
ihm zufrieden ist, ist es selbst mit sich zufrieden: dies ist die
natrliche Liebe des Kindes zum Vater; keineswegs als zum Pfleger
seines sinnlichen Wohlseins, sondern als zu dem Spiegel, aus welchem
ihm sein eigner Wert oder Unwert entgegenstrahlt; an diese Liebe kann
nun der Vater selbst schweren Gehorsam und jede Selbstverleugnung
leicht anknpfen; fr den Lohn seines herzlichen Beifalls gehorcht es
mit Freuden. Wiederum ist dies die Liebe, die es vom Vater begehrt,
da dieser bemerke sein Bestreben, gut zu sein, und es anerkenne, da
er sich merken lasse, es mache ihm Freude, wenn er billigen knne,
und tue ihm herzlich wehe, wenn er mibilligen msse, er wnsche
nichts mehr, als immer mit demselben zufrieden sein zu knnen, und
alle seine Forderungen an dasselbe haben nur die Absicht, das Kind
selbst immer besser und achtungswrdiger zu machen; deren Anblick
wiederum die Liebe des Kindes fortdauernd belebt und verstrkt, und
ihm zu allen seinen fernern Bestrebungen neue Kraft gibt. Dagegen
wird diese Liebe erttet durch Nichtbeachtung oder anhaltendes
unbilliges Verkennen; ganz besonders aber erzeugt es sogar Ha, wenn
man in der Behandlung desselben Eigenntzigkeit blicken lt, und
zum Beispiel einen durch die Unvorsichtigkeit desselben verursachten
Verlust als ein Hauptverbrechen behandelt. Es sieht sich sodann als
ein bloes Werkzeug betrachtet, und dies emprt sein zwar dunkles,
aber dennoch nicht abwesendes Gefhl, da es durch sich selbst einen
Wert haben msse.

Um dies an einem Beispiele zu belegen. Was ist es doch, das dem
Schmerze der Zchtigung beim Kinde noch die Scham hinzufgt,
und was ist diese Scham? Offenbar ist sie das Gefhl der
Selbstverachtung, die es sich zufgen mu, da ihm das Mifallen
seiner Eltern und Erzieher bezeugt wird. Daher denn auch in einem
Zusammenhange, wo die Bestrafung von keiner Scham begleitet wird,
es mit der Erziehung zu Ende ist, und die Bestrafung erscheint
als eine Gewaltttigkeit, ber die der Zgling mit hohem Sinne
sich hinwegsetzt und ihrer spottet.

Dies also ist das Band, was die Menschen zur Einheit des Sinnes
verknpft und dessen Entwicklung ein Hauptbestandteil der
Erziehung zum Menschen ist -- keineswegs sinnliche Liebe, sondern
Trieb zu gegenseitiger Achtung. Dieser Trieb gestaltet sich auf
eine doppelte Weise: im Kinde, ausgehend von unbedingter Achtung
fr die erwachsene Menschheit auer sich, zu dem Triebe, von
dieser geachtet zu werden, und an ihrer wirklichen Achtung, als
seinem Mastabe, abzunehmen, inwiefern es auch selbst sich
achten drfe. Dieses Vertrauen auf einen fremden und auer uns
befindlichen Mastab der Selbstachtung ist auch der eigentmliche
Grundzug der Kindheit und Unmndigkeit, auf dessen Vorhandensein
ganz allein die Mglichkeit aller Belehrung und aller Erziehung
der nachwachsenden Jugend zu vollendeten Menschen sich grndet.
Der mndige Mensch hat den Mastab seiner Selbstschtzung in ihm
selber, und will von andern geachtet sein, nur inwiefern sie
selbst erst seiner Achtung sich wrdig gemacht haben; und bei ihm
nimmt dieser Trieb die Gestalt des Verlangens an, andre achten
zu knnen, und Achtungswrdiges auer sich hervorzubringen.
Wenn es nicht einen solchen Grundtrieb im Menschen gbe, woher
kme doch die Erscheinung, da es dem auch nur ertrglich guten
Menschen wehe tut, die Menschen schlechter zu finden, als er
sie sich dachte, und da es ihn tief schmerzt, sie verachten zu
mssen; da es ja der Selbstsucht im Gegenteile wohltun mte,
ber andre sich hochmtig erheben zu knnen? Diesen letzten
Grundzug der Mndigkeit nun soll der Erzieher darstellen, so wie
auf den ersten bei dem Zglinge sicher zu rechnen ist. Der Zweck
der Erziehung in dieser Rcksicht ist es eben, die Mndigkeit
in dem von uns angegebenen Sinne hervorzubringen, und nur,
nachdem dieser Zweck erreicht ist, ist die Erziehung wirklich
vollendet und zu Ende gebracht. Bisher sind viele Menschen ihr
ganzes Leben hindurch Kinder geblieben: diejenigen, welche zu
ihrer Zufriedenheit des Beifalls der Umgebung bedurften, und
nichts Rechtes geleistet zu haben glaubten, als wenn sie dieser
gefielen. Ihnen hat man entgegengesetzt, als starke und krftige
Charaktere, die wenigen, die ber fremdes Urteil sich zu erheben
und sich selbst zu gengen vermochten, und hat diese in der Regel
gehat, indes man jene zwar nicht achtete, aber dennoch sie
liebenswrdig fand.

Die Grundlage aller sittlichen Erziehung ist es, da man
wisse, es sei ein solcher Trieb im Kinde, und ihn festiglich
voraussetze, sodann, da man ihn in seiner Erscheinung erkenne,
und ihn durch zweckmige Aufregung und durch Darreichung
eines Stoffs, woran er sich befriedige, allmhlich immer mehr
entwickle. Die allererste Regel ist, da man ihn auf den ihm
allein angemessenen Gegenstand richte, auf das Sittliche,
keineswegs aber etwa in einem ihm fremdartigen Stoffe ihn
abfinde. Das Lernen zum Beispiel fhrt seinen Reiz und seine
Belohnung in sich selber; hchstens knnte angestrengter Flei,
als eine Uebung der Selbstberwindung, Beifall verdienen; aber
dieser freie und ber die Forderung hinausgehende Flei wird
wenigstens in der bloen, allgemeinen Nationalerziehung kaum eine
Stelle finden. Da daher der Zgling lerne, was er soll, mu
betrachtet werden als etwas, das sich eben von selbst versteht,
und wovon nicht weiter geredet wird; selbst das schnellere und
bessere Lernen des fhigern Kopfs mu betrachtet werden eben
als ein bloes Naturereignis, das ihm selber zu keinem Lobe
oder Auszeichnung dient, am allerwenigsten aber andre Mngel
verdeckt. Nur im Sittlichen soll diesem Trieb sein Wirkungskreis
angewiesen werden; aber die Wurzel aller Sittlichkeit ist die
Selbstbeherrschung, die Selbstberwindung, die Unterordnung
seiner selbstschtigen Triebe unter den Begriff des Ganzen.
Nur durch diese, und schlechthin durch nichts andres, sei es
dem Zglinge mglich, den Beifall des Erziehers zu erhalten,
dessen fr seine eigne Zufriedenheit zu bedrfen er von seiner
geistigen Natur angewiesen und durch die Erziehung gewhnt ist.
Es gibt, wie wir schon in unsrer zweiten Rede erinnert haben,
zwei sehr verschiedene Weisen jener Unterordnung des persnlichen
Selbst unter das Ganze. Zuvrderst diejenige, die schlechthin
sein mu, und keinem in keinem Stcke erlassen werden kann,
die Unterwerfung unter das, um der bloen Ordnung des Ganzen
willen entworfene, Gesetz der Verfassung. Wer gegen dieses
sich nicht vergeht, den trifft nur nicht Mifallen, keineswegs
aber wird ihm Beifall zuteil; so wie den, der sich dagegen
verginge, wirkliches Mifallen und Tadel treffen wrde, der da,
wo ffentlich gefehlt worden, auch ffentlich ergehen mte,
und, wo er fruchtlos bliebe, sogar durch hinzugefgte Strafe
geschrft werden knnte. Sodann gibt es eine Unterordnung des
einzelnen unter das Ganze, die nicht gefordert, sondern nur
freiwillig geleistet werden kann: da man durch eigne Aufopferung
den Wohlstand desselben steigere und vermehre. Um das Verhltnis
der bloen Gesetzmigkeit und dieser hhern Tugend zueinander
den Zglingen gleich von Jugend auf recht einzuprgen, wird
es zweckmig sein, nur demjenigen, gegen den einen gewissen
Zeitraum hindurch in der ersten Rcksicht keine Klage gewesen,
solche freiwillige Aufopferungen, gleichsam als den Lohn der
Gesetzmigkeit zu gestatten, dem aber, der in Regelmigkeit und
Ordnung seiner selbst noch nicht ganz sicher ist, die Erlaubnis
dazu zu versagen. Die Gegenstnde solcher freiwilligen Leistungen
sind im allgemeinen schon oben angezeigt, und werden tiefer unten
sich noch nher ergeben. Dieser Art der Aufopferung werde zuteil
ttige Billigung, wirkliche Anerkennung ihrer Verdienstlichkeit,
keineswegs zwar ffentlich, als Lob, was das Gemt verderben und
eitel machen, und es von der Selbstndigkeit ableiten knnte,
sondern im geheimen und mit dem Zgling allein. Diese Anerkennung
soll nichts mehr sein, als das eigne, dem Zglinge auch uerlich
dargestellte gute Gewissen desselben, und die Besttigung
seiner Zufriedenheit mit sich selbst, seiner Selbstachtung, und
die Ermunterung, sich auch ferner zu vertrauen. Die hierbei
beabsichtigten Vorteile wrde folgende Einrichtung vortrefflich
befrdern. Wo mehrere Erzieher und Erzieherinnen sind, wie wir
denn dies als die Regel voraussetzen, da whle jedes Kind frei,
und so wie sein Vertrauen und sein Gefhl dasselbe treibt, einen
darunter zum besondern Freunde und gleichsam Gewissensrate.
Bei diesem suche es Rat in allen Fllen, wo es ihm schwer
wird, recht zu tun; er helfe ihm durch freundliche Zusprache
nach; er sei der Vertraute der freiwilligen Leistungen, die es
bernimmt; und er sei endlich derjenige, der das Treffliche mit
seinem Beifalle krnt. In den Personen dieser Gewissensrte
nun mte die Erziehung, jedem einzelnen nach seiner Weise,
folgegem zu immer grerer Strke in der Selbstberwindung
und Selbstbeherrschung emporhelfen; und so wird allmhlich
Festigkeit und Selbstndigkeit entstehen, durch deren Erzeugung
die Erziehung sich selbst abschliet und fr die Zukunft aufhebt.
Durch eignes Tun und Handeln schliet sich uns am klarsten der
Umfang der sittlichen Welt auf, und wem sie also aufgegangen ist,
dem ist sie wahrhaftig aufgegangen. Ein solcher wei nun selbst,
was in ihr enthalten ist, und bedarf keines fremden Zeugnisses
mehr ber sich, sondern vermag es, selbst ein richtiges Gericht
ber sich zu halten und ist von nun an mndig.

Wir haben durch das soeben Gesagte eine Lcke, die in unserm
bisherigen Vortrage blieb, geschlossen, und unsern Vorschlag
erst wahrhaftig ausfhrbar gemacht. Das Wohlgefallen am Rechten
und Guten um seiner selbst willen, soll durch die neue Erziehung
an die Stelle der bisher gebrauchten sinnlichen Hoffnung oder
Furcht gesetzt werden, und dieses Wohlgefallen soll, als
einzig vorhandene Triebfeder, alles knftige Leben in Bewegung
setzen: dies ist die Hauptsache unsers Vorschlags. Die erste
hierbei sich aufdringende Frage ist: aber, wie soll denn nun
jenes Wohlgefallen selbst erzeugt werden? Erzeugt werden, im
eigentlichen Sinne des Wortes, kann es nun wohl nicht; denn der
Mensch vermag nicht aus Nichts etwas zu machen. Es mu, wenn
unser Vorschlag irgend ausfhrbar sein soll, dieses Wohlgefallen
ursprnglich vorhanden sein, und schlechthin in allen Menschen
ohne Ausnahme vorhanden sein und ihnen angeboren werden. So
verhlt es sich denn auch wirklich. Das Kind ohne alle Ausnahme
will recht und gut sein, keineswegs will es, so wie ein junges
Tier blo wohl sein. Die Liebe ist der Grundbestandteil des
Menschen; diese ist da, so wie der Mensch da ist, ganz und
vollendet, und es kann ihr nichts hinzugefgt werden; denn diese
liegt hinaus ber die fortwachsende Erscheinung des sinnlichen
Lebens und ist unabhngig von ihm. Nur die Erkenntnis ist
es, woran sich dieses sinnliche Leben knpft, und welche mit
demselben entsteht und fortwchst. Diese entwickelt sich nur
langsam und allmhlich im Fortlaufe der Zeit. Wie soll nun,
so lange, bis ein geordnetes Ganzes von Begriffen des Rechten
und Guten entstehe, an welches das treibende Wohlgefallen
sich knpfen knne, jene angeborene Liebe ber die Zeiten
der Unwissenheit hinwegkommen, sich entwickeln und ben? Die
vernnftige Natur hat ohne alles unser Zutun der Schwierigkeit
abgeholfen. Das dem Kinde in seinem Innern abgehende Bewutsein
stellt sich ihm uerlich und verkrpert dar an dem Urteile der
erwachsenen Welt. Bis in ihm selbst ein verstndiger Richter sich
entwickle, wird es durch einen Naturtrieb an diese verwiesen,
und so ihm ein Gewissen auer ihm gegeben, bis in ihm selber
sich eins erzeuge. Diese bis jetzt wenig bekannte Wahrheit soll
die neue Erziehung anerkennen, und sie soll die ohne ihr Zutun
vorhandene Liebe auf das Rechte leiten. Bis jetzt ist in der
Regel diese Unbefangenheit und diese kindliche Glubigkeit der
Unmndigen an die hhere Vollkommenheit der Erwachsenen zum
Verderben derselben gebraucht worden; ihre Unschuld gerade, und
ihr natrlicher Glauben an uns, machte es uns mglich, ihnen
statt des Guten, das sie innerlich wollten, unser Verderbnis, das
sie verabscheut haben wrden, wenn sie es zu erkennen vermocht
htten, einzupflanzen, noch ehe sie Gutes und Bses unterscheiden
konnten.

Dies ist eben die allergrte Vergehung, die unsrer Zeit zur Last
fllt; und es wird hierdurch auch die tglich sich darbietende
Erscheinung erklrt, da in der Regel der Mensch um so schlechter,
selbstschtiger, fr alle guten Regungen erstorbener und zu
jedem rechten Werke untauglicher wird, je mehr Jahre er zhlt,
und um je weiter daher er sich von den ersten Tagen seiner
Unschuld, die frs erste noch immer in einigen Ahnungen des
Guten leise nachklingen, entfernt hat; es wird dadurch ferner
bewiesen, da das gegenwrtige Geschlecht, wenn es nicht einen
durchaus trennenden Abschnitt in sein Fortleben macht, eine
noch verdorbenere Nachkommenschaft, und diese eine abermals
verdorbenere, notwendig hinterlassen werde. Von solchen sagt
ein verehrungswrdiger Lehrer des Menschengeschlechts mit
treffender Wahrheit, da es besser sei, wenn ihnen beizeiten
ein Mhlstein an den Hals gehngt wrde und sie ersufet wrden
im Meere, da wo es am tiefsten ist. Es ist eine abgeschmackte
Verleumdung der menschlichen Natur, da der Mensch als Snder
geboren werde: wre dies wahr, wie knnte doch jemals an ihn auch
nur ein Begriff von Snde kommen, der ja nur im Gegensatze mit
einer Nichtsnde mglich ist? Er lebt sich zum Snder; und das
bisherige menschliche Leben war in der Regel eine im steigenden
Fortschritte begriffene Entwicklung der Sndhaftigkeit.

Das Gesagte zeigt in einem neuen Lichte die Notwendigkeit,
ohne Verzug Anstalt zu einer wirklichen Erziehung zu machen.
Knnte nur die nachwachsende Jugend ohne alle Berhrung mit den
Erwachsenen und vllig ohne Erziehung aufwachsen, so mchte man
ja immer den Versuch machen, was sich hieraus ergeben wrde.
Aber, wenn wir sie auch nur in unsrer Gesellschaft lassen, macht
ihre Erziehung, ohne allen unsern Wunsch oder Willen, sich von
selbst; sie selbst erziehen sich an uns: unsre Weise zu sein
dringt sich ihnen auf als ihr Muster, sie eifern uns nach, auch
ohne da wir es verlangen, und sie begehren nichts andres, denn
also zu werden, wie wir sind. Nun aber sind wir in der Regel und
nach der groen Mehrheit genommen, durchaus verkehrt, teils ohne
es zu wissen, und indem wir selbst, ebenso unbefangen wie unsre
Kinder, unsre Verkehrtheit fr das Rechte halten; oder, wenn wir
es auch wten, wie vermchten wir doch in der Gesellschaft
unsrer Kinder pltzlich das, was ein langes Leben uns zur zweiten
Natur gemacht hat, abzulegen, und unsern ganzen alten Sinn und
Geist mit einem neuen zu vertauschen? In der Berhrung mit uns
mssen sie verderben, dies ist unvermeidlich; haben wir einen
Funken Liebe fr sie, so mssen wir sie entfernen aus unserm
verpestenden Dunstkreise und einen reinern Aufenthalt fr sie
errichten. Wir mssen sie in die Gesellschaft von Mnnern
bringen, welche, wie es auch brigens um sie stehen mge, dennoch
durch anhaltende Uebung und Gewhnung wenigstens die Fertigkeit
sich erworben haben, sich zu besinnen, da Kinder sie beobachten,
und das Vermgen, wenigstens so lange sich zusammenzunehmen, und
die Kenntnis, wie man vor Kindern erscheinen mu; wir mssen
aus dieser Gesellschaft in die unsrige sie nicht eher wieder
zurcklassen, bis sie unser ganzes Verderben gehrig verabscheuen
gelernt haben, und vor aller Ansteckung dadurch vllig gesichert
sind.

Soviel haben wir ber die Erziehung zur Sittlichkeit im allgemeinen
hier beizubringen fr ntig erachtet.

Da die Kinder in gnzlicher Absonderung von den Erwachsenen
mit ihren Lehrern und Vorstehern allein zusammenleben sollen,
ist mehrmals erinnert. Es versteht sich ohne unser besonderes
Bemerken, da beiden Geschlechtern diese Erziehung auf dieselbe
Weise zuteil werden msse. Eine Absonderung dieser Geschlechter
in besondere Anstalten fr Knaben und Mdchen wrde zweckwidrig
sein, und mehrere Hauptstcke der Erziehung zum vollkommenen
Menschen aufheben. Die Gegenstnde des Unterrichts sind fr
beide Geschlechter gleich; der in den Arbeiten stattfindende
Unterschied kann, auch bei Gemeinschaftlichkeit der brigen
Erziehung, leicht beobachtet werden. Die kleinere Gesellschaft,
in der sie zu Menschen gebildet werden, mu, ebenso wie die
grere, in die sie einst als vollendete Menschen eintreten
sollen, aus einer Vereinigung beider Geschlechter bestehen; beide
mssen erst gegenseitig ineinander die gemeinsame Menschheit
anerkennen und lieben lernen, und Freunde haben und Freundinnen,
ehe sich ihre Aufmerksamkeit auf den Geschlechtsunterschied
richtet, und sie Gatten und Gattinnen werden. Auch mu das
Verhltnis der beiden Geschlechter zueinander im ganzen,
starkmtiger Schutz von der einen, liebevoller Beistand von der
andern Seite, in der Erziehungsanstalt dargestellt und in den
Zglingen gebildet werden.

Wenn es zur Ausfhrung unsers Vorschlags kommen sollte, wrde das
erste Geschft sein, ein Gesetz fr die innere Verfassung dieser
Erziehungsanstalten zu entwerfen. Wenn der von uns aufgestellte
Grundbegriff nur gehrig durchdrungen ist, so ist dies eine sehr
leichte Arbeit, und wir wollen uns hier dabei nicht aufhalten.

Ein Haupterfordernis dieser neuen Nationalerziehung ist es, da
in ihr Lernen und Arbeiten vereinigt sei, da die Anstalt durch
sich selbst sich zu erhalten den Zglingen wenigstens scheine,
und da jeder in dem Bewutsein erhalten werde, zu diesem Zwecke
nach aller seiner Kraft beizutragen. Dies wird, durchaus noch
ohne alle Beziehung auf den Zweck der uern Ausfhrbarkeit und
der Sparsamkeit hierbei, die man unserm Vorschlage ohne Zweifel
anmuten wird, schon unmittelbar durch die Aufgabe der Erziehung
selbst gefordert; teils darum, weil alle, die blo durch die
allgemeine Nationalerziehung hindurchgehen, zu den arbeitenden
Stnden bestimmt sind, und zu deren Erziehung die Bildung zum
tchtigen Arbeiter ohne Zweifel gehrt; besonders aber darum,
weil das gegrndete Vertrauen, da man sich stets durch eigne
Kraft werde durch die Welt bringen knnen und fr seinen
Unterhalt keiner fremden Wohlttigkeit bedrfe, zur persnlichen
Selbstndigkeit des Menschen gehrt, und die sittliche, weit mehr
als man bis jetzt zu glauben scheint, bedingt. Diese Bildung
wrde einen andern, bis jetzt auch in der Regel dem blinden
Ungefhr preisgegebenen Teil der Erziehung abgeben, den man
die wirtschaftliche Erziehung nennen knnte, und der keineswegs
aus der drftigen und beschrnkten Ansicht, ber welche einige
unter Benennung der Oekonomie spotten, sondern aus dem hhern
sittlichen Standpunkte angesehen werden mu. Unsre Zeit stellt es
oft als einen ber alle Gegenrede erhabenen Grundsatz auf, da
man eben schmeicheln, kriechen, sich zu allem gebrauchen lassen
msse, wenn man leben wolle, und da es auf keine andre Weise
angehe. Sie besinnt sich nicht, da, wenn man sie auch mit dem
heroischen, aber durchaus wahren Gegenspruche verschonen wollte,
da wenn es so ist, sie eben nicht leben, sondern sterben solle,
noch die Bemerkung brigbleibt, da sie htte lernen sollen, mit
Ehren leben zu knnen. Man erkundige sich nur nher nach den
Personen, die durch ehrloses Betragen sich auszeichnen; immer
wird man finden, da sie nicht arbeiten gelernt haben, oder die
Arbeit scheuen, und da sie noch berdies ble Wirtschafter
sind. Darum soll der Zgling unsrer Erziehung an Arbeitsamkeit
gewhnt werden, damit er der Versuchung zur Unrechtlichkeit durch
Nahrungssorgen berhoben sei, und tief, und als allererster
Grundsatz der Ehre, soll es in sein Gemt geprgt werden, da es
schndlich sei, seinen Lebensunterhalt einem andern, denn seiner
Arbeit verdanken zu wollen.

Pestalozzi will whrend des Lernens zugleich allerlei Handarbeiten
treiben lassen. Indem wir die Mglichkeit dieser Vereinigung unter
der von ihm angegebenen Bedingung, da das Kind die Handarbeit schon
vollkommen fertig knne, nicht leugnen wollen, scheint uns dennoch
dieser Vorschlag aus der Drftigkeit des ersten Zwecks hervorzugehen.
Der Unterricht mu meines Erachtens als so heilig und ehrwrdig
dargestellt werden, da er der ganzen Aufmerksamkeit und Sammlung
bedrfe, und nicht neben einem andern Geschfte empfangen werden
knne. Sollen in Jahreszeiten, welche die Zglinge ohnedies ins
Zimmer einschlieen, in den Arbeitsstunden dergleichen Arbeiten,
als da ist Stricken, Spinnen und dergleichen getrieben werden, so
wird es, damit der Geist in Ttigkeit bleibe, sehr zweckmig sein,
gemeinschaftliche Geistesbungen unter Aufsicht damit zu verknpfen;
dennoch ist jetzt die Arbeit die Hauptsache und diese Uebungen sind
nicht zu betrachten als Unterricht, sondern blo als ein erheiterndes
Spiel.

Alle Arbeiten dieser niedern Art mssen berhaupt nur als
Nebensache, keineswegs als die Hauptarbeit, vorgestellt werden.
Diese Hauptarbeit ist die Ausbung des Acker- und Gartenbaus,
der Viehzucht, und derjenigen Handwerke, deren sie in ihrem
kleinen Staate bedrfen. Es versteht sich, da der Anteil hieran,
der einem zugemutet wird, mit der krperlichen Kraft seines
Alters in Gleichgewicht zu bringen, und die abgehende Kraft
durch neu zu erfindende Maschinen und Werkzeuge zu ersetzen
ist. Die Hauptrcksicht hierbei ist die, da sie, soweit
mglich, in seinen Grnden verstehen mssen, was sie treiben,
da sie die zu ihren Geschften ntigen Kenntnisse von der
Erzeugung der Pflanzen, von den Eigenschaften und Bedrfnissen
des tierischen Krpers, von den Gesetzen der Mechanik, schon
erhalten haben. Auf diese Art wird teils ihre Erziehung schon
ein folgegemer Unterricht ber die Gewerbe, die sie knftig zu
treiben haben, und es wird der denkende und verstndige Landwirt
in unmittelbarer Anschauung gebildet, teils wird schon jetzt
ihre mechanische Arbeit veredelt und vergeistigt, sie ist in
eben dem Grade Beleg in der freien Anschauung dessen, was sie
begriffen haben, als sie Arbeit um den Unterhalt ist, und auch in
Gesellschaft mit dem Tiere und der Erdscholle bleiben sie dennoch
im Umkreise der geistigen Welt, und sinken nicht herab zu den
letztern.

Das Grundgesetz dieses kleinen Wirtschaftsstaates sei dieses,
da in ihm kein Artikel zu Speise, Kleidung usw. noch, soweit
dies mglich ist, irgendein Werkzeug gebraucht werden drfe, das
nicht in ihm selbst erzeugt und verfertigt sei. Bedarf diese
Haushaltung einer Untersttzung von auen, so werden ihr die
Gegenstnde in Natur, aber keine andrer Art, als die sie auch
selbst hat, gereicht, und zwar ohne da die Zglinge erfahren,
da ihre eigne Ausbeute vermehrt worden, oder da sie, wo das
letztere zweckmig ist, es nur als Darlehen erhalten, und es zu
bestimmter Zeit wieder zurckerstatten. Fr diese Selbstndigkeit
und Selbstgengsamkeit des Ganzen arbeite nun jeder einzelne aus
aller seiner Kraft, ohne da er doch mit demselben abrechne, oder
fr sich auf irgendein Eigentum Anspruch mache. Jeder wisse, da
er sich dem Ganzen ganz schuldig ist, und geniee nur oder darbe,
wenn es sich so fgt, mit dem Ganzen. Dadurch wird die ehrgeme
Selbstndigkeit des Staates und der Familie, in die er einst
treten soll, und das Verhltnis ihrer einzelnen Glieder zu ihnen,
der lebendigen Anschauung dargestellt, und wurzelt unaustilgbar
ein in sein Gemt.

Hier bei dieser Anfhrung zur mechanischen Arbeit ist der
Ort, wo die in der allgemeinen Nationalerziehung liegende und
auf sie gesttzte Gelehrtenerziehung von der ersteren sich
absondert, und wo von derselben zu sprechen ist. Die in der
allgemeinen Nationalerziehung liegende Gelehrtenerziehung,
habe ich gesagt. Ob es nicht auch fernerhin jedem, der eignes
Vermgen genug zu haben glaubt, um zu studieren, oder der sich
aus irgendeinem Grunde zu den bisherigen hhern Stnden rechnet,
freistehen werde, den bisher blichen Weg der Gelehrtenerziehung
zu beschreiten, lasse ich dahingestellt sein: wie, wenn es
nur einmal zur Nationalerziehung kommen sollte, die Mehrheit
dieser Gelehrten, ich will nicht sagen gegen den in der neuen
Schule gebildeten Gelehrten, sondern sogar gegen den aus ihr
hervorgehenden gemeinen Mann, mit ihrer erkauften Gelehrsamkeit,
bestehen werde, wird die Erfahrung lehren: ich aber will jetzt
nicht davon, sondern von der Gelehrtenerziehung in der neuen
Weise reden.

In den Grundstzen derselben mu auch der knftige Gelehrte
durch die allgemeine Nationalerziehung hindurchgegangen sein,
und den ersten Teil derselben, die Entwicklung der Erkenntnis
an Empfindung, Anschauung und dem, was an die letztere geknpft
wird, vollstndig und klar erhalten haben. Nur dem Knaben, der
eine vorzgliche Gabe zum Lernen, und eine hervorstechende
Hinneigung nach der Welt der Begriffe zeigt, kann die neue
Nationalerziehung erlauben, diesen Stand zu ergreifen; jedem
aber, der diese Eigenschaften zeigt, wird sie es ohne Ausnahme,
und ohne Rcksicht auf einen vorgeblichen Unterschied der Geburt,
erlauben mssen; denn der Gelehrte ist es keineswegs zu seiner
eignen Bequemlichkeit, und jedes Talent dazu ist ein schtzbares
Eigentum der Nation, das ihr nicht entrissen werden darf.

Der Ungelehrte ist bestimmt, das Menschengeschlecht auf dem
Standpunkte der Ausbildung, die es errungen hat, durch sich
selbst zu erhalten, der Gelehrte, nach einem klaren Begriffe und
mit besonnener Kunst, dasselbe weiter zu bringen. Der letztere
mu mit seinem Begriffe der Gegenwart immer voraus sein, die
Zukunft erfassen und dieselbe in die Gegenwart zu knftiger
Entwicklung hineinzupflanzen vermgen. Dazu bedarf es einer
klaren Uebersicht des bisherigen Weltzustandes, einer freien
Fertigkeit im reinen und von der Erscheinung unabhngigen Denken,
und, damit er sich mitteilen knne, des Besitzes der Sprache
bis in ihre lebendige und schpferische Wurzel hinein. Alles
dieses erfordert geistige Selbstttigkeit ohne alle fremde
Leitung und einsames Nachdenken, in welchem darum der knftige
Gelehrte von der Stunde an, da sein Beruf entschieden ist, gebt
werden mu, keineswegs blo, wie beim Ungelehrten, ein Denken
unter dem Auge des stets gegenwrtigen Lehrers; es erfordert
eine Menge Hilfskenntnisse, die dem Ungelehrten fr seine
Bestimmung durchaus unbrauchbar sind. Die Arbeit des Gelehrten
und das Tagwerk seines Lebens wird eben jenes einsame Nachdenken
sein; zu dieser Arbeit ist er nun sogleich anzufhren, die
andre mechanische Arbeit ihm dagegen zu erlassen. Indes also
die Erziehung des knftigen Gelehrten zum Menschen berhaupt
mit der allgemeinen Nationalerziehung wie bisher fortginge,
und er dem dahin einschlagenden Unterrichte mit allen brigen
beiwohnte, wrden ihm nur diejenigen Stunden, die fr die andern
Arbeitsstunden sind, gleichfalls zu Lehrstunden gemacht werden
mssen in demjenigen, was sein einstiger Beruf eigentmlich
erfordert; und dieses wre der ganze Unterschied. Die allgemeinen
Kenntnisse des Ackerbaues, andrer mechanischen Knste und der
Handgriffe dabei, die schon dem bloen Menschen anzumuten sind,
wird er ohne Zweifel schon bei seinem Durchgange durch die erste
Klasse gelernt haben, oder diese Kenntnisse wren, falls dies
nicht der Fall sein sollte, nachzuholen. Da er, weit weniger
denn irgendein andrer, von den eingefhrten krperlichen Uebungen
losgesprochen werden knne, versteht sich von selbst. Die
besondern Lehrgegenstnde aber, die in den gelehrten Unterricht
fallen wrden, sowie den dabei zu beobachtenden Lehrgang noch
anzugeben, liegt auerhalb des Planes dieser Reden.




Elfte Rede.

Wem die Ausfhrung dieses Erziehungsplanes anheimfallen werde.


Der Plan der neuen deutschen Nationalerziehung ist fr unsern
Zweck hinreichend dargelegt. Die nchste Frage, die sich nun
aufdringt, ist die: wer soll sich an die Spitze der Ausfhrung
dieses Plans stellen, auf wen ist dabei zu rechnen, und auf wen
haben wir gerechnet?

Wir haben diese Erziehung als die hchste und dermalen sich
einzig aufdringende Angelegenheit der deutschen Vaterlandsliebe
aufgestellt, und wollen an diesem Bande die Verbesserung und
Umschaffung des gesamten Menschengeschlechts zuerst in die Welt
einfhren. Jene Vaterlandsliebe aber soll zunchst den deutschen
Staat, allenthalben wo Deutsche regiert werden, begeistern, und
den Vorsitz haben und die treibende Kraft sein bei allen seinen
Beschlssen. Der Staat also wre es, auf welchen wir zuerst unsre
erwartenden Blicke zu richten htten.

Wird dieser unsre Hoffnungen erfllen? Welches sind die Erwartungen,
die wir, immer wie sich versteht, auf keinen besondern Staat, sondern
auf ganz Deutschland sehend, nach dem bisherigen von ihm fassen
knnen?

Im neuern Europa ist die Erziehung ausgegangen nicht eigentlich
vom Staate, sondern von derjenigen Gewalt, von der die Staaten
meistens auch die ihrige hatten, von dem himmlisch-geistigen
Reiche der Kirche. Diese betrachtete sich nicht sowohl als ein
Bestandteil des irdischen Gemeinwesens, sondern vielmehr als eine
demselben ganz fremde Pflanzstatt aus dem Himmel, die abgesandt
sei, diesem auswrtigen Staate allenthalben, wo sie Wurzel
fassen konnte, Brger anzuwerben; ihre Erziehung ging auf nichts
andres, denn da die Menschen in der andern Welt keineswegs
verdammt, sondern selig wrden. Durch die Reformation wurde diese
kirchliche Gewalt, die brigens fortfuhr sich ebenso anzusehen
wie bisher, mit der weltlichen Macht, mit der sie bisher gar
oft sogar im Widerstreite gelegen hatte, nur vereinigt; dies
war der ganze Unterschied, der in dieser Rcksicht aus jener
Begebenheit erfolgte. Es blieb daher auch die alte Ansicht des
Erziehungswesens. Auch in den neuesten Zeiten, und bis auf diesen
Tag, ist die Bildung der vermgenden Stnde betrachtet worden
als eine Privatangelegenheit der Eltern, die sich nach eignem
Gefallen einrichten mchten, und die Kinder dieser wurden in der
Regel nur dazu angefhrt, da sie sich selbst einst ntzlich
wrden; die einzige ffentliche Erziehung aber, die des Volks,
war lediglich Erziehung zur Seligkeit im Himmel; die Hauptsache
war ein wenig Christentum und Lesen, und falls es zu erschwingen
war, Schreiben, alles um des Christentums willen. Alle andre
Entwicklung der Menschen wurde dem ohngefhren und blind
wirkenden Einflusse der Gesellschaft, in welcher sie aufwuchsen,
und dem wirklichen Leben selbst berlassen. Sogar die Anstalten
zur gelehrten Erziehung waren vorzglich auf die Bildung von
Geistlichen berechnet; dies war die Hauptfakultt, zu der die
brigen nur den Anhang bildeten, und meistens auch nur den Abgang
von jener abgetreten erhielten.

Solange diejenigen, die an der Spitze des Regiments standen, ber
den eigentlichen Zweck desselben im dunkeln blieben, und selbst
fr ihre eigne Person ergriffen waren von jener gewissenhaften
Sorge fr ihre und andrer Seligkeit, konnte man auf ihren Eifer
fr diese Art der ffentlichen Erziehung und auf ihre ernstlichen
Bemhungen dafr sicher rechnen. Sobald sie aber ber den ersten
ins klare kamen und begriffen, da der Wirkungskreis des Staates
innerhalb der sichtbaren Welt liege, so mute ihnen einleuchten,
da jene Sorge fr die ewige Seligkeit ihrer Untertanen ihnen
nicht zur Last fallen knne, und da, wer da selig werden wolle,
selbst sehen mge, wie er es mache. Sie glaubten von nun an genug
zu tun, wenn sie nur die aus gottseligern Zeiten herrhrenden
Stiftungen und Anstalten ihrer ersten Bestimmung fernerhin
berlieen; so wenig angemessen und ausreichend dieselben auch
fr die ganz vernderten Zeiten sein mochten, ihnen mit Ersparung
an ihren anderweitigen Zwecken selbst zuzulegen, hielten sie sich
nicht fr verbunden, ttig einzugreifen, und das zweckmige
Neue an die Stelle des Veralteten und Unbrauchbaren zu setzen,
nicht fr berechtigt, und auf alle Vorschlge dieser Art war die
stets fertige Antwort: hierzu habe der Staat kein Geld. Wurde
ja einmal eine Ausnahme von dieser Regel gemacht, so geschah
es zum Vorteile der hhern Lehranstalten, die einen Glanz
weitumher verbreiten und ihren Befrderern Ruhm bereiten; die
Bildung derjenigen Klasse aber, die der eigentliche Boden des
Menschengeschlechts ist, aus welcher die hhere Bildung sich
immerfort ergnzt, und auf welcher die letztere fortdauernd
zurckwirken mu, die des Volks, blieb unbeachtet und befindet
sich seit der Reformation bis auf diesen Tag im Zustande des
steigenden Verfalles.

Sollen wir nun fr die Zukunft und von Stund an fr unsre
Angelegenheit vom Staate eine bessere Hoffnung fassen knnen,
so wre ntig, da derselbe den Grundbegriff vom Zwecke der
Erziehung, den er bisher gehabt zu haben scheint, mit einem ganz
andern vertauschte; da er einsehe, er habe mit seiner bisherigen
Ablehnung der Sorge fr die ewige Seligkeit seiner Mitbrger
vollkommen recht, indem es fr diese Seligkeit gar keiner
besondern Bildung bedrfe, und eine solche Pflanzschule fr den
Himmel, wie die Kirche, deren Gewalt zuletzt ihm bertragen
worden, gar nicht stattfinde, aller tchtigen Bildung nur im Wege
stehe und des Dienstes entlassen werden msse; da es dagegen gar
sehr bedrfe der Bildung fr das Leben auf der Erde, und da aus
der grndlichen Erziehung fr dieses sich die fr den Himmel,
als eine leichte Zugabe, von selbst ergebe. Der Staat scheint
bisher, je aufgeklrter er zu sein meinte, desto fester geglaubt
zu haben, da er, auch ohne alle Religion und Sittlichkeit seiner
Brger, durch die bloe Zwangsanstalt, seinen eigentlichen
Zweck erreichen knne, und da in Absicht jener diese es halten
mchten, wie sie knnten. Mchte er aus den neuen Erfahrungen
wenigstens dies gelernt haben, da er das nicht vermag, und da
er gerade durch den Mangel der Religion und der Sittlichkeit
dahin gekommen ist, wo er sich dermalen befindet.

Mchte man ihn, in Absicht seines Zweifels, ob er auch wohl das
Vermgen habe, den Aufwand einer Nationalerziehung zu bestreiten,
berzeugen knnen, da er durch diese einzige Ausgabe seine
meisten brigen auf die wirtschaftlichste Weise besorgen, und
da, wenn er diese nur bernimmt, er bald nur diese einzige
Hauptausgabe haben werde. Bis jetzt ist der bei weitem grte
Teil der Einknfte des Staates auf die Unterhaltung stehender
Heere verwendet worden. Den Erfolg dieser Verwendung haben wir
gesehen, dies reicht hin; denn tiefer in die besondern Grnde
dieses Erfolgs aus der Einrichtung dieser Heere hineinzugehen,
liegt auerhalb unsers Plans. Dagegen wrde der Staat, der die
von uns vorgeschlagene Nationalerziehung allgemein einfhrte, von
dem Augenblicke an, da ein Geschlecht der nachgewachsenen Jugend
durch sie hindurch gegangen wre, gar keines besondern Heeres
bedrfen, sondern er htte an ihnen ein Heer, wie es noch keine
Zeit gesehen. Jeder einzelne ist zu jedem mglichen Gebrauche
seiner krperlichen Kraft vollkommen gebt, und begreift sie auf
der Stelle, zur Ertragung jeder Anstrengung und Mhseligkeit
gewhnt, sein in unmittelbarer Anschauung aufgewachsener Geist
ist immer gegenwrtig und bei sich selbst, in seinem Gemte lebt
die Liebe des Ganzen, dessen Mitglied er ist, des Staates und des
Vaterlandes, und vernichtet jede andre selbstische Regung. Der
Staat kann sie rufen und sie unter die Waffen stellen, sobald
er will, und kann sicher sein, da kein Feind sie schlgt. Ein
andrer Teil der Sorgfalt und der Ausgabe in weise regierten
Staaten ging bisher auf die Verbesserung der Staatswirtschaft,
im ausgedehntesten Sinne und in allen ihren Zweigen, und es ist
hierbei durch die Ungelehrigkeit und Unbehilflichkeit der niedern
Stnde manche Sorgfalt und mancher Aufwand vergebens gemacht
worden, und die Sache hat allenthalben nur geringen Fortgang
gehabt. Durch unsre Erziehung erhlt der Staat arbeitende Stnde,
die des Nachdenkens ber ihr Geschft von Jugend auf gewohnt
sind, und die schon sich selbst durch sich selbst zu helfen
vermgen und Neigung haben; vermag nun noch berdies der Staat
ihnen auf eine zweckmige Weise unter die Arme zu greifen, so
werden sie ihn auf das halbe Wort verstehen und seine Belehrung
sehr dankbar aufnehmen. Alle Zweige der Haushaltung werden ohne
viele Mhe in kurzer Zeit einen Flor gewinnen, den auch noch
keine Zeit gesehen hat, und dem Staate wird, wenn er ja rechnen
will, und wenn er etwa bis dahin nebenbei auch noch den wahren
Grundwert der Dinge kennen lernen sollte, seine erste Auslage
tausendfltige Zinsen tragen. Bisher hat der Staat fr Gerichts-
und Polizeianstalten vieles tun mssen, und doch niemals genug
fr sie tun knnen; Zucht- und Verbesserungshuser haben ihm
Ausgaben gemacht, die Armenanstalten endlich erforderten,
je mehr auf sie gewendet wurde, einen um so grern Aufwand
und erschienen in der ganzen bisherigen Lage eigentlich als
Anstalten, Arme zu machen. Die erstern werden in einem Staate,
der die neue Erziehung allgemein macht, sehr verringert werden,
die letztern gnzlich wegfallen. Frhe Zucht sichert vor der
sptern sehr milichen Zucht und Verbesserung; Arme aber gibt es
unter einem also erzogenen Volke gar nicht.

Mchte der Staat und alle, die denselben beraten, es wagen,
seine eigentliche dermalige Lage ins Auge zu fassen und sie
sich zu gestehen; mchte er lebendig einsehen, da ihm durchaus
kein andrer Wirkungskreis briggelassen ist, in welchem er als
ein wirklicher Staat, ursprnglich und selbstndig sich bewegen
und etwas beschlieen knne, auer diesem, der Erziehung der
kommenden Geschlechter; da, wenn er nicht berhaupt nichts tun
will, er nur noch dieses tun kann; da man aber auch dieses
Verdienst ihm ungeschmlert und unbeneidet berlassen werde.
Da wir es nicht mehr vermgen, ttigen Widerstand zu leisten,
ist, als in die Augen springend und von jedermann zugestanden,
schon frher von uns vorausgesetzt worden. Wie knnen wir nun
die Fortdauer unsers dadurch erwirkten Daseins gegen den Vorwurf
der Feigheit und einer unwrdigen Liebe zum Leben rechtfertigen?
Auf keine andre Weise, als wenn wir uns entschlieen, nicht fr
uns selbst zu leben, und dieses durch die Tat dartun; wenn wir
uns zum Samenkorne einer wrdigern Nachkommenschaft machen und
lediglich um dieserwillen uns so lange erhalten wollen, bis wir
sie hingestellt haben. Jenes ersten Lebenszwecks verlustig, was
knnten wir denn noch andres tun? Unsre Verfassungen wird man uns
machen, unsre Bndnisse und die Anwendung unsrer Streitkrfte
wird man uns anzeigen, ein Gesetzbuch wird man uns leihen, selbst
Gericht und Urteilsspruch, und die Ausbung derselben wird man
uns zuweilen abnehmen; mit diesen Sorgen werden wir auf die
nchste Zukunft verschont bleiben. Blo an die Erziehung hat
man nicht gedacht; suchen wir ein Geschft, so lat uns dieses
ergreifen! Es ist zu erwarten, da man in demselben uns ungestrt
lassen werde. Ich hoffe -- vielleicht tusche ich mich selbst
darin, aber da ich nur um dieser Hoffnung willen noch leben mag,
so kann ich es nicht lassen, zu hoffen; -- ich hoffe, da ich
einige Deutsche berzeugen und sie zur Einsicht bringen werde,
da es allein die Erziehung sei, die uns retten knne von allen
Uebeln, die uns drcken. Ich rechne besonders darauf, da die
Not uns zum Aufmerken und zum ernsten Nachdenken geneigter
gemacht habe. Das Ausland hat andern Trost und andre Mittel; es
ist nicht zu erwarten, da es diesem Gedanken, falls er je an
dasselbe kommen sollte, einige Aufmerksamkeit schenken, oder
einigen Glauben beimessen werde; ich hoffe vielmehr, da es zu
einer reichen Quelle von Belustigung fr die Leser ihrer Journale
gedeihen werde, wenn sie je erfahren, da sich jemand von der
Erziehung so groe Dinge verspreche.

Mge der Staat und diejenigen, die denselben beraten, sich nicht
lssiger machen lassen, in Ergreifung dieser Aufgabe durch die
Betrachtung, da der gehoffte Erfolg in der Entfernung liege.
Wollte man unter den mannigfaltigen und hchst verwickelten
Grnden, die unser dermaliges Schicksal zur Folge gehabt haben,
das, was allein und eigentmlich den Regierungen zur Last fllt,
absondern, so wrde sich finden, da diese, die vor allen
andern verbunden sind, die Zukunft ins Auge zu fassen und zu
beherrschen, beim Andrange der groen Zeitbegebenheiten auf
sie immer nur gesucht, sich aus der unmittelbar gegenwrtigen
Verlegenheit zu ziehen, so gut sie es vermocht; in Absicht der
Zukunft aber nicht auf ihre Gegenwart, sondern auf irgendeinen
Glckszufall, der den stetigen Faden der Ursachen und Wirkungen
abschneiden sollte, gerechnet haben. Aber dergleichen Hoffnungen
sind betrglich. Eine treibende Kraft, die man einmal in die Zeit
hinein hat kommen lassen, treibt fort und vollendet ihren Weg,
und nachdem einmal die erste Nachlssigkeit begangen worden, kann
die zu spt kommende Besinnung sie nicht aufhalten. Des ersten
Falles, blo die Gegenwart zu bedenken, hat frs nchste unser
Schicksal uns berhoben; die Gegenwart ist nicht mehr unser.
Mgen wir nur nicht den zweiten beibehalten, eine bessere Zukunft
von irgend etwas anderm zu hoffen, denn von uns selber. Zwar
kann keinen unter uns, der zum Leben noch etwas mehr bedarf denn
Nahrung, die Gegenwart ber die Pflicht zu leben trsten; die
Hoffnung einer bessern Zukunft allein ist das Element, in dem
wir noch atmen knnen. Aber nur der Trumer kann diese Hoffnung
auf etwas andres grnden denn auf ein solches, das er selbst fr
die Entwicklung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag.
Vergnnen diejenigen, die ber uns regieren, da wir ebensogut
auch von ihnen denken, als wir unter uns voneinander denken, und
als der Bessere sich fhlt; stellen sie sich an die Spitze des
auch uns ganz klaren Geschfts, damit wir noch vor unsern Augen
dasjenige entstehen sehen, was die dem deutschen Namen vor unsern
Augen zugefgte Schmach einst vor unserm Andenken abwaschen wird!

Uebernimmt der Staat die ihm angetragene Aufgabe, so wird er
diese Erziehung allgemein machen, ber die ganze Oberflche
seines Gebiets, fr jeden seiner nachgebornen Brger ohne alle
Ausnahme; auch ist es allein diese Allgemeinheit, zu der wir des
Staates bedrfen, indem zu einzelnen Anfngen und Versuchen hier
und da auch wohl das Vermgen von wohlgesinnten Privatpersonen
hinreichen wrde. Nun ist allerdings nicht zu erwarten, da die
Eltern allgemein willig sein werden, sich von ihren Kindern zu
trennen, und sie dieser neuen Erziehung, von der es schwer sein
wird ihnen einen Begriff beizubringen, zu berlassen; sondern es
ist nach der bisherigen Erfahrung darauf zu rechnen, da jeder,
der noch etwa das Vermgen zu haben glaubt, seine Kinder im
Hause zu nhren, gegen die ffentliche Erziehung und besonders
gegen eine so scharf trennende und so lange dauernde ffentliche
Erziehung sich setzen wird. In solchen Fllen ist man nun, bei
zu erwartender Widersetzlichkeit, von den Staatsmnnern bisher
gewohnt, da sie den Vorschlag mit der Antwort abweisen: der
Staat habe nicht das Recht, fr diesen Zweck Zwang anzuwenden.
Indem sie nun warten wollen, bis die Menschen im allgemeinen
den guten Willen haben, ohne Erziehung aber es niemals zu
allgemeinem guten Willen kommen kann, so sind sie dadurch gegen
alle Verbesserung geschtzt und knnen hoffen, da es beim
alten bleiben wird bis an das Ende der Tage. Inwiefern dies nun
etwa solche sind, welche entweder berhaupt die Erziehung fr
einen entbehrlichen Luxus halten, in Rcksicht dessen man sich
so sprlich einrichten msse als mglich, oder die in unserm
Vorschlage nur einen neuen wagenden Versuch mit der Menschheit
erblicken, der da gelingen knne, oder auch nicht, ist ihre
Gewissenhaftigkeit zu loben; solchen, die von der Bewunderung
des bisherigen Zustandes der ffentlichen Bildung, und von
dem Entzcken, zu welcher Vollkommenheit dieselbe unter ihrer
Leitung emporgewachsen sei, eingenommen sind, lt sich nun
vollends gar nicht anmuten, da sie auf etwas, das sie nicht
auch schon wissen, eingehen sollten; mit diesen insgesamt ist
fr unsern Zweck nichts zu tun, und es wre zu beklagen, wenn
die Entscheidung ber diese Angelegenheit ihnen anheimfallen
sollte. Mchten sich aber Staatsmnner finden und hierbei zu
Rate gezogen werden, welche vor allen Dingen durch ein tiefes
und grndliches Studium der Philosophie und der Wissenschaft
berhaupt sich selbst Erziehung gegeben haben, denen es ein
rechter Ernst ist mit ihrem Geschft, die einen festen Begriff
vom Menschen und seiner Bestimmung besitzen, die da fhig sind,
die Gegenwart zu verstehen, und zu begreifen, was eigentlich
der Menschheit dermalen unausbleiblich nottut; htten diese aus
jenen Vorbegriffen etwa selbst eingesehen, da nur Erziehung vor
der auerdem unaufhaltsam ber uns hereinbrechenden Barbarei und
Verwilderung uns retten knne, schwebte ihnen ein Bild vor von
dem neuen Menschengeschlecht, das durch diese Erziehung entstehen
wrde, wren sie selbst innig berzeugt von der Unfehlbarkeit und
Untrglichkeit der vorgeschlagenen Mittel: so liee von solchen
sich auch erwarten, da sie zugleich begriffen, der Staat, als
hchster Verweser der menschlichen Angelegenheiten und als der
Gott und seinem Gewissen allein verantwortliche Vormund der
Unmndigen habe das vollkommene Recht, die letzteren zu ihrem
Heile auch zu zwingen. Wo gibt es denn dermalen einen Staat, der
da zweifle, ob er auch wohl das Recht habe, seine Untertanen zu
Kriegsdiensten zu zwingen und den Eltern fr diesen Behuf die
Kinder wegzunehmen, ob nun eins von beiden oder beide wollen oder
nicht wollen? Und dennoch ist dieser Zwang, zu Ergreifung einer
dauernden Lebensart wider den eignen Willen, weit bedenklicher
und hufig von den nachteiligsten Folgen fr den sittlichen
Zustand und fr Gesundheit und Leben der Gezwungenen; da
hingegen derjenige Zwang, von dem wir reden, nach vollendeter
Erziehung die ganze persnliche Freiheit zurckgibt und gar
keine andern, denn die heilbringendsten Folgen haben kann. Wohl
hat man frher auch die Ergreifung der Kriegsdienste dem freien
Willen berlassen; nachdem sich aber gefunden, da dieser fr
den beabsichtigten Zweck nicht ausreichend war, hat man kein
Bedenken getragen ihm durch Zwang nachzuhelfen; darum, weil die
Sache uns wichtig genug war und die Not den Zwang gebot. Mchten
nun auch in dieser Rcksicht uns die Augen aufgehen ber unsre
Not, und der Gegenstand uns gleichfalls wichtig werden, so wrde
jene Bedenklichkeit von selbst wegfallen; da, zumal es nur in
dem ersten Geschlechte des Zwanges bedrfen und derselbe in den
folgenden, selber durch diese Erziehung hindurch gegangenen,
hinwegfllt, auch jener erste Zwang zum Kriegsdienste dadurch
aufgehoben wird, indem die also Erzogenen alle gleich willig
sind, die Waffen fr das Vaterland zu fhren. Will man ja, um
anfangs des Geschreies nicht zu viel zu haben, diesen Zwang zur
ffentlichen Nationalerziehung auf dieselbe Weise beschrnken,
wie bisher der Zwang zum Kriegsdienste beschrnkt gewesen, und
die von dem letztern befreiten Stnde auch von jenem ausnehmen,
so ist dies von keinen bedeutenden nachteiligen Folgen. Die
verstndigen Eltern unter den ausgenommenen werden freiwillig
ihre Kinder dieser Erziehung bergeben; die gegen das Ganze
unbedeutende Anzahl der Kinder unverstndiger Eltern aus diesen
Stnden mag immer auf die bisherige Weise aufwachsen und in
das zu erzeugende bessere Zeitalter hineinreichen, brauchbar
lediglich als ein merkwrdiges Andenken der alten Zeit, und um
die neue zur lebhaften Erkenntnis ihres hheren Glcks anzufeuern.

Soll nun diese Erziehung Nationalerziehung der Deutschen
schlechtweg sein, und soll die groe Mehrheit aller, die die
deutsche Sprache reden, keineswegs aber etwa nur die Brgerschaft
dieses oder jenes besonderen deutschen Staates, dastehen als
ein neues Menschengeschlecht, so mssen alle deutsche Staaten,
jeder fr sich und unabhngig von allen andern, diese Aufgabe
ergreifen. Die Sprache, in der diese Angelegenheit zuerst
in Anregung gebracht worden, in der die Hilfsmittel verfat
sind und ferner werden verfat werden, in der die Lehrer
gebt werden, der durch alles dieses hindurchgehende eine
Gang der Sinnbildlichkeit, ist allen Deutschen gemeinsam. Ich
kann mir kaum denken, wie und mit welchen Umwandlungen diese
Bildungsmittel insgesamt, besonders in derjenigen Ausdehnung,
die wir dem Plane gegeben haben, in irgendeine Sprache des
Auslandes bertragen werden knnten, also, da es nicht als
fremdes und bersetztes Ding, sondern als einheimisch und aus
dem eignen Leben ihrer Sprache hervorgehend, erschiene. Fr alle
Deutsche ist diese Schwierigkeit auf die gleiche Weise gehoben;
fr sie ist die Sache fertig, und sie drfen nur dieselbe
ergreifen.

Wohl uns hierbei, da es noch verschiedene und voneinander
abgetrennte deutsche Staaten gibt! Was so oft zu unserm Nachteile
gereicht hat, kann bei dieser wichtigen Nationalangelegenheit
vielleicht zu unserm Vorteile dienen. Vielleicht kann Nacheiferung
der mehreren und die Begierde, einander zuvorzukommen, bewirken,
was die ruhige Selbstgengsamkeit des einzelnen nicht hervorgebracht
htte; denn es ist klar, da derjenige unter allen deutschen
Staaten, der in dieser Sache den Anfang machen wird, an Achtung,
an Liebe, an Dankbarkeit des Ganzen fr ihn, den Vorrang gewinnen
wird, da er dastehen wird als der hchste Wohltter und der
eigentliche Stifter der Nation. Er wird den brigen Mut machen,
ihnen ein belehrendes Beispiel geben und ihr Muster werden; er wird
Bedenklichkeiten, in denen die andern hngen blieben, beseitigen;
aus seinem Schoe werden die Lehrbcher und die ersten Lehrer
ausgehen und den andern geliehen werden; und wer nach ihm der
zweite sein wird, wird den zweiten Ruhm erwerben. Zum erfreulichen
Zeugnisse, da unter den Deutschen ein Sinn fr das Hhere noch
nie ganz ausgestorben, haben bisher mehrere deutsche Stmme und
Staaten miteinander um den Ruhm grerer Bildung gestritten; diese
haben ausgedehntere Prefreiheit, freiere Hinwegsetzung ber die
hergebrachte Meinung, andre besser eingerichtete Schulen und
Universitten, andre ehemaligen Ruhm und Verdienste, andre etwas
andres fr sich angefhrt, und der Streit hat nicht entschieden
werden knnen. Bei der gegenwrtigen Veranlassung wird er es
werden. Diejenige Bildung allein, die da strebt, und die es wagt,
sich allgemein zu machen und alle Menschen ohne Unterschied zu
erfassen, ist ein wirkliches Bestandteil des Lebens, und ist ihrer
selbst sicher. Jede andre ist eine fremde Zutat, die man blo zum
Prunk anlegt, und die man nicht einmal mit recht gutem Gewissen an
sich trgt. Es wird sich bei dieser Gelegenheit verraten mssen, wo
etwa die Bildung, deren man sich rhmt, nur bei wenigen Personen
des Mittelstandes stattfindet, die dieselbe in Schriften darlegen,
dergleichen Mnner alle deutschen Staaten aufzuweisen haben; und
wo hingegen dieselbe auch zu den hhern Stnden, welche den Staat
beraten, hinaufgestiegen sei. Es wird sich sodann auch zeigen, wie
man den hier und da gezeigten Eifer fr die Errichtung und den Flor
hherer Lehranstalten zu beurteilen habe, und ob demselben reine
Liebe zur Menschenbildung, die ja wohl jedweden Zweig und besonders
die allererste Grundlage derselben, mit dem gleichen Eifer
ergreifen wrde, oder ob ihm blo Sucht zu glnzen, und vielleicht
drftige Finanzspekulationen, zugrunde gelegen haben.

Welcher deutsche Staat in Ausfhrung dieses Vorschlags der erste
sein wird, der wird den grten Ruhm davon haben, sagte ich. Aber
ferner, es wird dieser deutsche Staat nicht lange allein stehen,
sondern ohne allen Zweifel bald Nachfolger und Nacheiferer
finden. Da nur der Anfang gemacht werde, ist die Hauptsache.
Wre es auch nichts andres, so wird Ehrgefhl, Eifersucht, die
Begierde auch zu haben, was ein andrer hat, und, womglich,
es noch besser zu haben, einen nach dem andern treiben, dem
Beispiele zu folgen. Auch werden sodann die oben von uns
beigebrachten Betrachtungen ber den eignen Vorteil des Staates,
die vielleicht dermalen manchem zweifelhaft vorkommen drften, in
der lebendigen Anschauung bewhrt, einleuchtender werden.

Wre zu erwarten, da sogleich jetzt und von Stund an alle
deutsche Staaten ernstliche Anstalten machten, jenen Plan
auszufhren, so knnte schon nach fnfundzwanzig Jahren das
bessere Geschlecht, dessen wir bedrfen, dastehen, und wer hoffen
drfte, noch so lange zu leben, knnte hoffen, es mit seinen
Augen zu sehen.

Sollte aber, wie wir denn freilich auch auf diesen Fall rechnen
mssen, unter allen dermalen bestehenden deutschen Staaten kein
einziger sein, der unter seinen hchsten Beratern einen Mann htte,
der da fhig wre, alles das oben Vorausgesetzte einzusehen und
davon ergriffen zu werden, und in welchem die Mehrheit der Berater
diesem einen sich wenigstens nicht widersetzte: so wrde freilich
diese Angelegenheit wohlgesinnten Privatpersonen anheimfallen, und
es wre nun von diesen zu wnschen, da sie einen Anfang mit der
vorgeschlagenen neuen Erziehung machten. Zuvrderst haben wir hierbei
im Auge groe Gutsbesitzer, die auf ihren Landgtern dergleichen
Erziehungsanstalten fr die Kinder ihrer Untertanen errichten
knnten. Es gereicht Deutschland zum Ruhme und zur sehr ehrenvollen
Auszeichnung vor den brigen Nationen des neuern Europa, da es unter
dem genannten Stande immerfort hier und da mehrere gegeben hat, die
sich's zum ernstlichen Geschfte machten, fr den Unterricht und die
Bildung der Kinder auf ihren Besitzungen zu sorgen, und die gern
das Beste, was sie wuten, dafr tun wollten. Es ist von diesen zu
hoffen, da sie auch jetzt geneigt sein werden, ber das Vollkommene,
das ihnen angetragen wird, sich zu belehren und das Grere und
Durchgreifende ebenso gern zu tun, als sie bisher das Kleinere
und Unvollstndige taten. Wohl mag hier und da die Einsicht dazu
beigetragen haben, da es vorteilhafter fr sie selbst sei, gebildete
Untertanen zu haben, denn ungebildete. Wo etwa der Staat durch
Aufhebung des Verhltnisses der Untertnigkeit diesen letzten Antrieb
weggenommen hat -- mge er da desto ernstlicher seine unerlliche
Pflicht bedenken, nicht zugleich das einzige Gute, das bei
Wohldenkenden an dieses Verhltnis geknpft wurde, mit aufzuheben,
und mge er in diesem Falle ja nicht versumen zu tun, was ohnedies
seine Schuldigkeit ist, nachdem er diejenigen, die es freiwillig
statt seiner taten, dessen erledigt hat. Wir richten ferner, in
Absicht der Stdte, hierbei unsre Augen auf freiwillige Verbindungen
gut gesinnter Brger fr diesen Zweck. Der Hang zur Wohlttigkeit ist
noch immer, so weit ich habe blicken knnen, unter keinem Drucke der
Not in deutschen Gemtern erloschen. Durch eine Anzahl von Mngeln
in unsern Einrichtungen, die sich insgesamt unter der Einheit der
vernachlssigten Erziehung wrden zusammenfassen lassen, hilft diese
Wohlttigkeit der Not dennoch selten ab, sondern scheint oft sie noch
zu vermehren. Mchte man jenen trefflichen Hang endlich vorzglich
auf diejenige Wohltat richten, die aller Not und aller fernern
Wohlttigkeit ein Ende macht, auf die Wohltat der Erziehung. -- Noch
aber bedrfen wir, und rechnen wir auf eine Wohltat und Aufopferung
andrer Art, die nicht im Geben, sondern im Tun und Leisten besteht.
Mchten angehende Gelehrte, denen es ihre Lage verstattet, den
Zeitraum, der ihnen zwischen der Universitt und ihrer Anstellung
in einem ffentlichen Amte brigbleibt, dem Geschfte, ber diese
Lehrweise an diesen Anstalten sich zu belehren und an denselben
selbst zu lehren, widmen! Abgerechnet, da sie sich hierdurch hchst
verdient um das Ganze machen werden, kann man ihnen noch berdies
versichern, da sie selbst den allerhchsten Gewinn davontragen
werden. Ihre gesamten Kenntnisse, die sie aus dem gewhnlichen
Universittsunterricht oft so erstorben mit hinwegtragen, werden
im Elemente der allgemeinen Anschauung, in welches sie hier
hineinkommen, Klarheit und Lebendigkeit erhalten, sie werden lernen,
dieselben mit Fertigkeit wiederzugeben und zu gebrauchen, sie werden
sich, da im Kinde die ganze Flle der Menschheit unschuldig und offen
daliegt, einen Schatz von der wahren Menschenkenntnis, die allein
diesen Namen verdient, erwerben, sie werden zu der groen Kunst des
Lebens und Wirkens angeleitet werden, zu welcher in der Regel die
hohe Schule keine Anweisung gibt.

Lt der Staat die ihm angetragene Aufgabe liegen, so ist es
fr die Privatpersonen, welche dieselbe aufnehmen, ein desto
grerer Ruhm. Fern sei es von uns, der Zukunft durch Mutmaungen
vorzugreifen, oder den Ton des Zweifels und des Mangels an
Vertrauen selber anzuheben; worauf unsre Wnsche zunchst gehen,
haben wir deutlich ausgesprochen; nur dies sei uns erlaubt
anzumerken: da, wenn es wirklich also kommen sollte, da der
Staat und die Frsten die Sache Privatpersonen berlieen, dies
dem bisherigen schon oben angemerkten und mit Beispielen belegten
Gange der deutschen Entwicklung und Bildung gem sein, und
dieser bis ans Ende sich gleich bleiben wrde. Auch in diesem
Falle wrde der Staat zu seiner Zeit nachfolgen frs erste wie
ein einzelner, der den auf seinen Teil fallenden Beitrag eben
auch leisten will, bis er sich etwa spter besinnt, da er kein
Teil, sondern das Ganze sei, und da das Ganze zu besorgen er so
Pflicht als Recht habe. Von Stund an fallen alle selbstndige
Bemhungen der Privatpersonen weg und unterordnen sich dem
allgemeinen Plane des Staates.

Sollte die Angelegenheit diesen Gang nehmen, so wird es mit der
beabsichtigten Verbesserung unsers Geschlechts freilich nur
langsam, und ohne eine sichere und feste Uebersicht und mgliche
Berechnung des Ganzen, vorwrts schreiten. Aber lasse man sich
ja dadurch nicht abhalten, einen Anfang zu machen! Es liegt in
der Natur der Sache selbst, da sie niemals untergehen knne,
sondern, nur einmal ins Werk gesetzt, durch sich selbst fortlebe,
und immer weiter um sich greifend sich verbreite. Jeder, der
durch diese Bildung hindurchgegangen ist, wird ein Zeuge fr sie
und ein eifriger Verbreiter; jeder wird den Lohn der erhaltenen
Lehre dadurch abtragen, da er selbst wieder Lehrer wird, und so
viele Schler, die einst auch wieder Lehrer werden, macht, als er
kann; und dies geht notwendig so lange fort, bis das Ganze ohne
alle Ausnahme ergriffen sei.

Im Falle der Staat sich mit der Sache nicht befassen sollte, so
haben Privatunternehmungen zu befrchten, da alle nur irgend
vermgende Eltern ihre Kinder dieser Erziehung nicht berlassen
werden. Wende man sich sodann in Gottes Namen und mit voller
Zuversicht an die armen Verwaisten, an die im Elende auf den
Straen Herumliegenden, an alles, was die erwachsene Menschheit
ausgestoen und weggeworfen hat! So wie bisher, besonders in
denjenigen deutschen Staaten, in denen die Frmmigkeit der
Vorfahren die ffentlichen Erziehungsanstalten sehr vermehrt und
reichlich ausgestattet hatte, eine Menge von Eltern den Ihrigen
den Unterricht angedeihen lieen, weil sie dabei zugleich, wie
bei keinem andern Gewerbe, den Unterhalt fanden: so lat es uns
notgedrungen umkehren und Brot geben denen, denen kein andrer
es gibt, damit sie mit dem Brote zugleich auch Geistesbildung
annehmen. Befrchten wir nicht, da die Armseligkeit und die
Verwilderung ihres vorigen Zustandes unsrer Absicht hinderlich
sein werde! Reien wir sie nur pltzlich und gnzlich heraus aus
demselben und bringen sie in eine durchaus neue Welt; lassen wir
nichts an ihnen, das sie an das Alte erinnern knnte, so werden
sie ihrer selbst vergessen und dastehen als neue soeben erst
erschaffene Wesen. Da in diese frische und reine Tafel nur das
Gute eingegraben werde, dafr mu unser Unterrichtsgang brgen
und unsre Hausordnung. Es wird ein fr alle Nachwelt warnendes
Zeugnis sein ber unsre Zeit, wenn gerade diejenigen, die sie
ausgestoen hat, durch diese Ausstoung allein das Vorrecht
erhalten, ein besseres Geschlecht anzuheben; wenn diese den
Kindern derer, die mit ihnen nicht zusammen sein mochten, die
beseligende Bildung bringen, und wenn sie die Stammvter werden
unsrer knftigen Helden, Weisen, Gesetzgeber, Heilande der
Menschheit.

Fr die erste Errichtung bedarf es zuvrderst tauglicher Lehrer
und Erzieher. Dergleichen hat die Pestalozzische Schule gebildet
und ist stets erbtig, mehrere zu bilden. Ein Hauptaugenmerk wird
anfangs sein, da jede Anstalt der Art sich zugleich betrachte
als eine Pflanzschule fr Lehrer, und da auer den schon
fertigen Lehrern um diese herum sich eine Menge junger Mnner
versammle, die das Lehren lernen und ausben zu gleicher Zeit,
und in der Ausbung es immer besser lernen. Dies wird auch, falls
diese Anstalten anfangs mit der Drftigkeit zu ringen haben
sollten, die Erhaltung der Lehrer sehr erleichtern. Die meisten
sind doch in der Absicht gegenwrtig, um selbst zu lernen; dafr
mgen sie denn auch ohne anderweitige Entschdigung das Gelernte
eine Zeitlang zum Vorteil der Anstalt, wo sie es lernten,
anwenden.

Ferner bedarf eine solche Anstalt Dach und Fach, die erste
Ausstattung und ein hinlngliches Stck Land. Da im weitern
Fortgange dieser Einrichtungen, wenn die verhltnismige Menge
von schon herangewachsener Jugend in den Jahren, wo sie nach
der bisherigen Einrichtung als Dienstboten nicht blo ihren
Unterhalt, sondern zugleich auch ein Jahrlohn erwerben, sich
in diesen Anstalten befinden wird, diese die schwchere Jugend
bertragen, und bei der ohnedies notwendigen Arbeitsamkeit und
weisen Wirtschaft, diese Anstalten sich grtenteils selbst
werden erhalten knnen, scheint einzuleuchten. Frs erste,
solange die erstgenannte Art der Zglinge noch nicht vorhanden
ist, drften dieselben grerer Zuschsse bedrfen. Es ist zu
hoffen, da man sich zu Beitrgen, deren Ende man absieht,
williger finden werde. Sparsamkeit, die dem Zwecke Eintrag tut,
bleibe fern von uns; und ehe wir diese uns erlauben, ist es weit
besser, da wir gar nichts tun.

Und so halte ich denn dafr, da, blo guten Willen vorausgesetzt,
bei der Ausfhrung dieses Plans keine Schwierigkeit ist, die nicht
durch die Vereinigung mehrerer und durch die Richtung aller ihrer
Krfte auf diesen einigen Zweck leichtlich sollte berwunden werden
knnen.




Zwlfte Rede.

Ueber die Mittel, uns bis zur Erreichung unsers Hauptzwecks
aufrecht zu erhalten.


Diejenige Erziehung, die wir den Deutschen zu ihrer knftigen
Nationalerziehung vorschlagen, ist nun sattsam beschrieben. Wird
das Geschlecht, das durch dieselbe gebildet ist, nur einmal
dastehen, dieses lediglich durch seinen Geschmack am Rechten und
Guten, und schlechthin durch nichts andres getriebene, dieses mit
einem Verstande, der fr seinen Standpunkt ausreichend das Rechte
allemal sicher erkennt, versehene, dieses mit jeder geistigen
und krperlichen Kraft, das Gewollte allemal durchzusetzen,
ausgerstete Geschlecht: so wird alles, was wir mit unsern
khnsten Wnschen begehren knnen, aus dem Dasein desselben von
selbst sich ergeben, und aus ihm natrlich hervorwachsen. Diese
Zeit bedarf unsrer Vorschriften so wenig, da wir vielmehr von
derselben zu lernen haben wrden.

Da inzwischen dieses Geschlecht noch nicht gegenwrtig ist,
sondern erst heraufgezogen werden soll, und, wenn auch alles
ber unser Erwarten trefflich gehen sollte, wir dennoch eines
betrchtlichen Zwischenraums bedrfen werden, um in jene Zeit
hinber zu kommen, so entsteht die nherliegende Frage: Wie
sollen wir uns auch nur durch diesen Zwischenraum hindurch
bringen? Wie sollen wir, da wir nichts Besseres knnen, uns
erhalten, wenigstens als den Boden, auf dem die Verbesserung
vorgehen, und als den Ausgangspunkt, an welchen dieselbe sich
anknpfen knne? Wie sollten wir verhindern, da, wenn einst das
also gebildete Geschlecht aus seiner Absonderung hervor unter
uns trte, es nicht an uns eine Wirklichkeit vor sich finde,
die nicht die mindeste Verwandtschaft habe zu der Ordnung der
Dinge, welche es als das Rechte begriffen, und in welcher niemand
dasselbe verstehe, oder den mindesten Wunsch und Bedrfnis einer
solchen Ordnung der Dinge hege, sondern das Vorhandene als das
ganz Natrliche und das einzig Mgliche ansehe? Wrden nicht
diese eine andre Welt im Busen Tragenden gar bald irrewerden,
und wrde so nicht die neue Bildung ebenso unntz fr die
Verbesserung des wirklichen Lebens verhallen, wie die bisherige
Bildung verhallt ist?

Geht die Mehrheit in ihrer bisherigen Unachtsamkeit,
Gedankenlosigkeit und Zerstreutheit so ferner hin, so ist gerade
dieses, als das notwendig sich Ergebende, zu erwarten. Wer sich ohne
Aufmerksamkeit auf sich selbst gehen lt, und von den Umstnden sich
gestalten, wie sie wollen, der gewhnt sich bald an jede mgliche
Ordnung der Dinge. So sehr auch sein Auge durch etwas beleidigt
werden mochte, als er es das erstemal erblickte, lat es nur tglich
auf dieselbe Weise wiederkehren, so gewhnt er sich daran und findet
es spterhin natrlich und als ebenso sein mssend, gewinnt es
zuletzt gar lieb, und es wrde ihm mit der Herstellung des erstern
bessern Zustandes wenig gedient sein, weil dieser ihn aus seiner nun
einmal gewohnten Weise zu sein herausrisse. Auf diese Weise gewhnt
man sich sogar an Sklaverei, wenn nur unsre sinnliche Fortdauer
dabei ungekrnkt bleibt, und gewinnt sie mit der Zeit lieb; und dies
ist eben das Gefhrlichste an der Unterworfenheit, da sie fr alle
wahre Ehre abstumpft und sodann ihre sehr erfreuliche Seite hat fr
den Trgen, indem sie ihn mancher Sorge und manches Selbstdenkens
berhebt.

Lat uns auf der Hut sein gegen diese Ueberraschung der Sigkeit
des Dienens, denn diese raubt sogar unsern Nachkommen die
Hoffnung knftiger Befreiung. Wird unser ueres Wirken in
hemmende Fesseln geschlagen, lat uns desto khner unsern Geist
erheben zum Gedanken der Freiheit, zum Leben in diesem Gedanken,
zum Wnschen und Begehren nur dieses einigen. Lat die Freiheit
auf einige Zeit verschwinden aus der sichtbaren Welt; geben
wir ihr eine Zuflucht im innersten unsrer Gedanken, so lange,
bis um uns herum die neue Welt emporwachse, die da Kraft habe,
diese Gedanken auch uerlich darzustellen. Machen wir uns mit
demjenigen, was ohne Zweifel unserm Ermessen frei bleiben mu,
mit unserm Gemte zum Vorbilde, zur Weissagung, zum Brgen
desjenigen, was nach uns Wirklichkeit werden wird. Lassen wir nur
nicht mit unserm Krper zugleich auch unsern Geist niedergebeugt
und unterworfen und in die Gefangenschaft gebracht werden!

Fragt man mich, wie dies zu erreichen sei, so ist darauf die
einzige, alles in sich fassende Antwort diese: wir mssen eben
zur Stelle werden, was wir ohnedies sein sollten, Deutsche.
Wir sollen unsern Geist nicht unterwerfen: so mssen wir eben
vor allen Dingen einen Geist uns anschaffen, und einen festen
und gewissen Geist; wir mssen ernst werden in allen Dingen,
und nicht fortfahren blo leichtsinnigerweise und nur zum
Scherze dazusein; wir mssen uns haltbare und unerschtterliche
Grundstze bilden, die allem unserm brigen Denken und unserm
Handeln zur festen Richtschnur dienen, Leben und Denken mu
bei uns aus einem Stcke sein, und ein sich durchdringendes
und gediegenes Ganzes; wir mssen in beiden der Natur und der
Wahrheit gem werden, und die fremden Kunststcke von uns
werfen; wir mssen, um es mit einem Worte zu sagen, uns Charakter
anschaffen; denn Charakter haben und deutsch sein, ist ohne
Zweifel gleichbedeutend, und die Sache hat in unsrer Sprache
keinen besondern Namen, weil sie eben ohne alles unser Wissen und
Besinnung aus unserm Sein unmittelbar hervorgehen soll.

Wir mssen zuvrderst ber die groen Ereignisse unsrer Tage,
ihre Beziehung auf uns, und das, was wir von ihnen zu erwarten
haben, mit eigner Bewegung unsrer Gedanken nachdenken, und uns
eine klare und feste Ansicht von allen diesen Gegenstnden,
und ein entschiedenes und unwandelbares Ja oder Nein ber die
hierher fallenden Fragen verschaffen; jeder, der den mindesten
Anspruch auf Bildung macht, soll das. Das tierische Leben des
Menschen luft in allen Zeitaltern ab nach denselben Gesetzen,
und hierin ist alle Zeit sich gleich. Verschiedene Zeiten sind
da nur fr den Verstand, und nur derjenige, der sie mit dem
Begriffe durchdringt, lebt sie mit, und ist da zu dieser seiner
Zeit; ein andres Leben ist nur ein Tier- und Pflanzenleben.
Alles, was da geschieht, unvernommen an sich vorbergehen zu
lassen, gegen dessen Andrang wohl gar geflissentlich Auge und
Ohr zu verstopfen, sich dieser Gedankenlosigkeit wohl gar noch
als groer Weisheit zu rhmen, mag anstndig sein einem Felsen,
an den die Meereswellen schlagen, ohne da er es fhlt, oder
einem Baumstamme, den Strme hin und her reien, ohne da er es
bemerkt, keineswegs aber einem denkenden Wesen. -- Selbst das
Schweben in hhern Kreisen des Denkens spricht nicht los von
dieser allgemeinen Verbindlichkeit, seine Zeit zu verstehen.
Alles Hhere mu eingreifen wollen auf seine Weise in die
unmittelbare Gegenwart, und wer wahrhaftig in jenem lebt, lebt
zugleich auch in der letztern; lebte er nicht auch in dieser, so
wre dies der Beweis, da er auch in jenem nicht lebte, sondern
in ihm nur trumte. Jene Achtlosigkeit auf das, was unter unsern
Augen vorgeht, und die knstliche Ableitung der allenfalls
entstandenen Aufmerksamkeit auf andre Gegenstnde, wre das
Erwnschteste, was einem Feinde unsrer Selbstndigkeit begegnen
knnte. Ist er sicher, da wir uns bei keinem Dinge etwas denken,
so kann er eben, wie mit leblosen Werkzeugen, alles mit uns
vornehmen, was er will; die Gedankenlosigkeit eben ist es, die
sich an alles gewhnt: wo aber der klare und umfassende Gedanke,
und in diesem das Bild dessen, was da sein sollte, immerfort
wachsam bleibt, da kommt es zu keiner Gewhnung.

Diese Reden haben zunchst Sie eingeladen, und sie werden
einladen die ganze deutsche Nation, inwieweit es dermalen mglich
ist, dieselbe durch den Bcherdruck um sich zu versammeln, bei
sich selbst eine feste Entscheidung zu fassen, und innerlich
mit sich einig zu werden ber folgende Fragen: 1. ob es wahr
sei, oder nicht wahr, da es eine deutsche Nation gebe, und da
deren Fortdauer in ihrem eigentmlichen und selbstndigen Wesen
dermalen in Gefahr sei? 2. Ob es der Mhe wert sei, oder nicht
wert sei, dieselbe zu erhalten? 3. Ob es irgendein sicheres und
durchgreifendes Mittel dieser Erhaltung gebe, und welches dieses
Mittel sei?

Vorher war die hergebrachte Sitte unter uns diese, da, wenn
irgendein ernsthaftes Wort, mndlich oder im Drucke, sich vernehmen
lie, das tgliche Geschwtz sich desselben bemchtigte, und es in
einen spahaften Unterhaltungsstoff seiner drckenden Langeweile
verwandelte. Zunchst um mich herum habe ich dermalen, nicht so
wie ehemals, bemerkt, da man von meinen gegenwrtigen Vortrgen
denselben Gebrauch gemacht htte; von dem zeitigen Tone aber der
geselligen Zusammenknfte auf dem Boden des Bcherdrucks, ich meine
die Literaturzeitungen und andres Journalwesen, habe ich keine
Kunde genommen, und wei nicht, ob von diesem sich Scherz oder
Ernst erwarten lassen. Wie dies sich verhalten mge, meine Absicht
wenigstens ist es nicht gewesen, zu scherzen, und den bekannten Witz,
den unser Zeitalter besitzt, wieder in den Gang zu bringen.

Tiefer unter uns eingewurzelt, fast zur andern Natur geworden,
und das Gegenteil, beinahe unerhrt, war unter den Deutschen
die Sitte, da man alles, was auf die Bahn gebracht wurde,
betrachtete als eine Aufforderung an jeden, der einen Mund htte,
nur geschwind und auf der Stelle sein Wort auch dazu zu geben
und uns zu berichten, ob er auch derselben Meinung sei, oder
nicht; nach welcher Abstimmung denn die ganze Sache vorbei sei,
und das ffentliche Gesprch zu einem neuen Gegenstande eilen
msse. Auf diese Weise hatte sich aller literarischer Verkehr
unter den Deutschen verwandelt, so wie die Echo der alten Fabel,
in einen bloen reinen Laut, ohne allen Leib und krperlichen
Gehalt. Wie in den bekannten schlechten Gesellschaften des
persnlichen Verkehrs, so kam es auch in dieser nur darauf an,
da die Menschenstimme forthalle, und da jeder ohne Stocken sie
aufnehme, und sie dem Nachbar zuwerfe, keineswegs aber darauf,
was da ertnte. Was ist Charakterlosigkeit und Undeutschheit,
wenn es das nicht ist? Auch dies ist nicht meine Absicht gewesen,
dieser Sitte zu huldigen, und nur das ffentliche Gesprch rege
zu erhalten. Ich habe, eben auch, indem ich etwas andres wollte,
meinen persnlichen Anteil zu dieser ffentlichen Unterhaltung
schon vorlngst hinlnglich abgetragen, und man knnte mich
endlich davon lossprechen. Ich will nicht gerade auf der Stelle
wissen, wie dieser oder jener ber die in Anregung gebrachten
Fragen denke, d. h. wie er bisher darber gedacht, oder auch
nicht gedacht habe. Er soll es bei sich selbst berlegen und
durchdenken, so lange bis sein Urteil fertig ist und vollkommen
klar, und soll sich die ntige Zeit dazu nehmen; und gehen
ihm etwa die gehrigen Vorkenntnisse und der ganze Grad der
Bildung, der zu einem Urteile in diesen Angelegenheiten erfordert
wird, noch ab, so soll er sich auch dazu die Zeit nehmen, sich
dieselben zu erwerben. Hat nun einer auf diese Weise sein Urteil
fertig und klar, so wird nicht gerade verlangt, da er es
auch ffentlich abgebe; sollte dasselbe mit dem hier Gesagten
bereinstimmen, so ist dieses eben schon gesagt, und es bedarf
nicht eines zweiten Sagens, nur wer etwas andres und besseres
sagen kann, ist aufgefordert zu reden; dagegen aber soll es jeder
in jedem Falle nach seiner Weise und Lage wirklich leben und
treiben.

Am allerwenigsten endlich ist es meine Absicht gewesen, an
diesen Reden unsern deutschen Meistern in Lehre und Schrift eine
Schreibebung vorzulegen, damit sie dieselbe verbessern, und ich
bei dieser Gelegenheit erfahre, was sich etwa von mir hoffen
lt. Auch in dieser Rcksicht ist guter Lehre und Rates schon
sattsam an mich gewendet worden, und es mte sich schon jetzt
gezeigt haben, wenn Besserung zu erwarten wre.

Nein, das war zunchst meine Absicht, aus dem Schwarme von
Fragen und Untersuchungen und aus dem Heere widersprechender
Meinungen ber dieselben, in welchem die Gebildeten unter
uns bisher herumgeworfen worden sind, so viele derselben ich
knnte auf einen Punkt zu fhren, bei welchem sie sich selbst
standhielten, und zwar auf denjenigen, der uns am allernchsten
liegt, den unsrer eignen gemeinschaftlichen Angelegenheiten; in
diesem einigen Punkte sie zu einer festen Meinung, bei der es nun
unverrckt bleibe, und zu einer Klarheit, in der sie wirklich
sich zurecht finden, zu bringen; so viel andres auch zwischen
ihnen streitig sein mge, wenigstens ber dieses eine sie zur
Einmtigkeit des Sinnes zu verbinden; auf diese Weise endlich
einen festen Grundzug des Deutschen hervorzubringen, den, da er
es gewrdigt habe, sich ber die Angelegenheit der Deutschen eine
Meinung zu bilden; dagegen derjenige, der ber diesen Gegenstand
nichts hren und nichts denken mchte, von nun an mit Recht
angesehen werden knnte als nicht zu uns gehrend.

Die Erzeugung einer solchen festen Meinung, und die Vereinigung und
das gegenseitige Sichverstehen mehrerer ber diesen Gegenstand, wird,
so wie es unmittelbar die Rettung ist unsers Charakters aus der
unsrer unwrdigen Zerflossenheit, zugleich auch ein krftiges Mittel
werden, unsern Hauptzweck, die Einfhrung der neuen Nationalerziehung
zu erreichen. Besonders darum, weil wir selber, sowohl jeder mit
sich, als alle untereinander, niemals einig waren, heute dieses und
morgen etwas andres wollten, und jeder anders hineinschrie in das
dumpfe Gerusch, sind auch unsre Regierungen, die allerdings, und oft
mehr als ratsam war, auf uns hrten, irregemacht worden, und haben
hin und her geschwankt, ebenso wie unsre Meinung. Soll endlich einmal
ein fester und gewisser Gang in die gemeinsamen Angelegenheiten
kommen: was verhindert, da wir zunchst bei uns selbst anfangen,
und das Beispiel der Entschiedenheit und Festigkeit geben? Lasse
sich nur einmal eine bereinstimmende und sich gleichbleibende
Meinung hren, lasse ein entschiedenes und als allgemein sich
ankndigendes Bedrfnis sich vernehmen, das der Nationalerziehung,
wie wir voraussetzen; ich halte dafr, unsre Regierungen werden uns
hren, sie werden uns helfen, wenn wir die Neigung zeigen, uns helfen
zu lassen. Wenigstens wrden wir im entgegengesetzten Falle sodann
erst das Recht haben, uns ber sie zu beklagen; dermalen, da unsre
Regierungen ungefhr also sind, wie wir sie wollen, steht uns das
Klagen bel an.

Ob es ein sicheres und durchgreifendes Mittel gebe zur Erhaltung
der deutschen Nation, und welches dieses Mittel sei, ist die
bedeutendste unter den Fragen, die ich dieser Nation zur
Entscheidung vorgelegt habe. Ich habe diese Frage beantwortet,
und die Grnde meiner Art der Beantwortung dargelegt, keineswegs
um das Endurteil vorzuschreiben, was zu nichts helfen knnte,
indem jeder, der in dieser Sache Hand anlegen soll, in seinem
eignen Innern durch eigne Ttigkeit sich berzeugt haben mu,
sondern nur, um zum eignen Nachdenken und Urteilen anzuregen.
Ich mu von nun an jeden sich selbst berlassen. Nur warnen kann
ich noch, da man durch seichte und oberflchliche Gedanken, die
auch ber diesen Gegenstand sich im Umlaufe befinden, sich nicht
tuschen, vom tiefern Nachdenken sich nicht abhalten und durch
nichtige Vertrstungen sich nicht abfinden lasse.

Wir haben zum Beispiel schon lange vor den letzten Ereignissen,
gleichsam auf den Vorrat, hren mssen, und es ist uns seitdem hufig
wiederholt worden, da, wenn auch unsre politische Selbstndigkeit
verloren sei, wir dennoch unsre Sprache behielten, und unsre
Literatur, und in diesen immer eine Nation blieben, und damit ber
alles andre uns leichtlich trsten knnten.

Worauf grndet sich denn zuvrderst die Hoffnung, da wir auch
ohne politische Selbstndigkeit dennoch unsre Sprache behalten
werden? Jene, die also sagen, schreiben doch wohl nicht ihrem
Zureden und ihren Ermahnungen auf Kind und Kindeskind hinaus und
auf alle knftigen Jahrhunderte, diese wunderwirkende Kraft zu?
Was von den jetztlebenden und gemachten Mnnern sich gewhnt
hat, in deutscher Sprache zu reden, zu schreiben, zu lesen, wird
ohne Zweifel also fortfahren; aber was wird das nchstknftige
Geschlecht tun, und was erst das dritte? Welches Gegengewicht
gedenken wir denn in diese Geschlechter hineinzulegen, das ihrer
Begierde, demjenigen, bei welchem aller Glanz ist, und das
alle Begnstigungen austeilt, auch durch Sprache und Schrift
zu gefallen, die Wage halte? Haben wir denn niemals von einer
Sprache gehrt, welche die erste der Welt ist, unerachtet bekannt
wird, da die ersten Werke in derselben noch zu schreiben
sind, und sehen wir nicht schon jetzt unter unsern Augen, da
Schriften, durch deren Inhalt man zu gefallen hofft, in ihr
erscheinen? Man beruft sich auf das Beispiel zweier andern
Sprachen, eine der alten, eine der neuen Welt, welche, unerachtet
des politischen Unterganges der Vlker, die sie redeten, dennoch
als lebendige Sprachen fortgedauert. Ich will in die Weise dieser
Fortdauer nicht einmal hineingehen; so viel aber ist auf den
ersten Blick klar, da beide Sprachen etwas in sich hatten, das
die unsrige nicht hat, wodurch sie vor den Ueberwindern Gnade
fanden, welche die unsrige niemals finden kann. Htten diese
Vertrster besser um sich geschaut, so wrden sie ein andres,
unsres Erachtens hier durchaus passendes Beispiel gefunden
haben, das der wendischen Sprache. Auch diese dauert seit der
Reihe von Jahrhunderten, da das Volk derselben seine Freiheit
verloren hat, noch immer fort, in den rmlichen Htten des an
die Scholle gebundenen Leibeigenen nmlich, damit er in ihr,
unverstanden von seinem Bedrcker, sein Schicksal beklagen knne.

Oder setze man den Fall, da unsre Sprache lebendig und eine
Schriftstellersprache bleibe, und so ihre Literatur behalte;
was kann denn das fr eine Literatur sein, die Literatur eines
Volkes ohne politische Selbstndigkeit? Was will denn der
vernnftige Schriftsteller, und was kann er wollen? Nichts
andres, denn eingreifen in das allgemeine und ffentliche Leben,
und dasselbe nach seinem Bilde gestalten und umschaffen; und
wenn er dies nicht will, so ist alles sein Reden leerer Laut zum
Kitzel miger Ohren. Er will ursprnglich und aus der Wurzel
des geistigen Lebens heraus denken fr diejenigen, die ebenso
ursprnglich wirken, d. i. regieren. Er kann deswegen nur in
einer solchen Sprache schreiben, in der auch die Regierenden
denken, in einer Sprache, in der regiert wird, in der eines
Volkes, das einen selbstndigen Staat ausmacht. Was wollen
denn zuletzt alle unsre Bemhungen selbst um die abgezogensten
Wissenschaften? Lasset sein, der nchste Zweck dieser Bemhungen
sei der, die Wissenschaft fortzupflanzen von Geschlecht zu
Geschlecht, und in der Welt zu erhalten; warum soll sie denn auch
erhalten werden? Offenbar nur, um zu rechter Zeit das allgemeine
Leben und die ganze menschliche Ordnung der Dinge zu gestalten.
Dies ist ihr letzter Zweck; mittelbar dient sonach, sei es auch
erst in einer sptern Zukunft, jede wissenschaftliche Bestrebung
dem Staate. Gibt sie diesen Zweck auf, so ist auch ihre Wrde und
ihre Selbstndigkeit verloren. Wer aber diesen Zweck hat, der mu
schreiben in der Sprache des herrschenden Volkes.

Wie es ohne Zweifel wahr ist, da allenthalben, wo eine besondere
Sprache angetroffen wird, auch eine besondere Nation vorhanden
ist, die das Recht hat, selbstndig ihre Angelegenheiten zu
besorgen und sich selber zu regieren; so kann man umgekehrt
sagen, da, wie ein Volk aufgehrt hat, sich selbst zu regieren,
es eben auch schuldig sei, seine Sprache aufzugeben und mit den
Ueberwindern zusammenzuflieen, damit Einheit, innerer Friede
und die gnzliche Vergessenheit der Verhltnisse, die nicht mehr
sind, entstehe. Ein nur halbverstndiger Anfhrer einer solchen
Mischung mu hierauf dringen, und wir knnen uns sicher darauf
verlassen, da in unserm Falle darauf gedrungen werden wird.
Bis diese Verschmelzung erfolgt sei, wird es Uebersetzungen der
verstatteten Schulbcher in die Sprache der Barbaren geben, d. i.
derjenigen, die zu ungeschickt sind, die Sprache des herrschenden
Volkes zu lernen, und die eben dadurch von allem Einflusse auf
die ffentlichen Angelegenheiten sich ausschlieen und sich
zur lebenslnglichen Unterwrfigkeit verdammen; auch wird es
diesen, die zur Stummheit ber die wirklichen Begebenheiten
sich selbst verurteilt haben, verstattet werden, an erdichteten
Welthndeln ihre Redefertigkeit zu ben, oder ehemalige und alte
Formen sich selber nachzuahmen, wo man fr das erste an der zum
Beispiel angefhrten alten, fr das letztere an der neuen Sprache
die Belege aufsuchen mag. Eine solche Literatur mchten wir
vielleicht noch auf einige Zeit behalten, und mit derselben mag
sich trsten der, der keinen bessern Trost hat; da aber auch
solche, die wohl fhig wren, sich zu ermannen, die Wahrheit
zu sehen und aufgeschreckt zu werden durch ihren Anblick zu
Entschlu und Tat, durch solchen nichtigen Trost, mit welchem
einem Feinde unsrer Selbstndigkeit recht eigentlich gedient sein
wrde, in dem trgen Schlummer erhalten werden: dieses mchte ich
verhindern, wenn ich es knnte.

Man verheit uns also die Fortdauer einer deutschen Literatur
auf die knftigen Geschlechter. Um die Hoffnungen, die wir
hierber fassen knnen, nher zu beurteilen, wrde es sehr
zutrglich sein, sich umzusehen, ob wir denn auch nur bis auf
diesen Augenblick eine deutsche Literatur im wahren Sinne des
Wortes noch haben. Das edelste Vorrecht und das heiligste Amt
des Schriftstellers ist dies, seine Nation zu versammeln und mit
ihr ber ihre wichtigsten Angelegenheiten zu beratschlagen; ganz
besonders aber ist dies von jeher das ausschlieende Amt des
Schriftstellers gewesen in Deutschland, indem dieses in mehrere
abgesonderte Staaten zertrennt war, und als gemeinsames Ganzes
fast nur durch das Werkzeug des Schriftstellers, durch Sprache
und Schrift, zusammengehalten wurde; am eigentlichsten und
dringendsten wird es sein Amt in dieser Zeit, nachdem das letzte
uere Band, das die Deutschen vereinigte, die Reichsverfassung,
auch zerrissen ist. Sollte es sich nun etwa zeigen -- wir
sprechen hieran nicht etwa aus, was wir wten oder befrchteten,
sondern nur einen mglichen Fall, auf den wir jedoch ebenfalls im
voraus Bedacht nehmen mssen -- sollte es sich, sage ich, etwa
zeigen, da schon jetzt Diener besonderer Staaten von Angst,
Furcht und Schrecken so eingenommen wren, da sie solchen, eine
Nation eben noch als daseiend voraussetzenden, und an dieselbe
sich wendenden Stimmen, zuerst das Lautwerden, oder durch Verbote
die Verbreitung versagten: so wre dies ein Beweis, da wir
schon jetzt keine deutsche Schriftstellerei mehr htten, und wir
wten, wie wir mit den Aussichten auf eine knftige Literatur
daran wren.

Was knnte es doch sein, das diese frchteten? Etwa, da dieser
und jener dergleichen Stimmen nicht gern hren werde? Sie wrden
fr ihre zarte Besorgtheit wenigstens die Zeit bel gewhlt
haben. Schmhungen und Herabwrdigungen des Vaterlndischen,
abgeschmackte Lobpreisungen des Auslndischen knnen sie ja doch
nicht verhindern; seien sie doch nicht so strenge gegen ein
dazwischen tnendes vaterlndisches Wort! Es ist wohl mglich,
da nicht alle alles gleich gern hren; aber dafr knnen wir
zurzeit nicht sorgen, uns treibt die Not, und wir mssen eben
sagen, was diese zu sagen gebietet. Wir ringen ums Leben; wollen
sie, da wir unsre Schritte abmessen, damit nicht etwa durch den
erregten Staub irgendein Staatskleid bestubt werde? Wir gehen
unter in den Fluten; sollen wir nicht um Hilfe rufen, damit nicht
irgendein schwachnerviger Nachbar erschreckt werde?

Wer sind denn diejenigen, die es nicht gern hren knnten, und
unter welcher Bedingung knnten sie es denn nicht gern hren?
Allenthalben ist es nur die Unklarheit und die Finsternis,
die da schreckt. Jedes Schreckbild verschwindet, wenn man es
fest ins Auge fat. Lasset uns mit derselben Unbefangenheit
und Unumwundenheit, mit der wir bisher jeden in diese Vortrge
fallenden Gegenstand zerlegt haben, auch diesem Schrecknisse
unter die Augen treten.

Man nimmt an, entweder, da das Wesen, dem dermalen die Leitung
eines groen Teils der Weltangelegenheiten anheimgefallen ist,
ein wahrhaft groes Gemt sei, oder man nimmt das Gegenteil
an, und ein drittes ist nicht mglich. Im ersten Falle: worauf
beruht denn alle menschliche Gre, auer auf der Selbstndigkeit
und Ursprnglichkeit der Person, und da sie nicht sei ein
erknsteltes Gemchte ihres Zeitalters, sondern ein Gewchs aus
der ewigen und ursprnglichen Geisterwelt, ganz so wie es ist
hervorgewachsen, da ihr eine neue und eigentmliche Ansicht
des Weltganzen aufgegangen sei, und da sie festen Willen
habe und eiserne Kraft, diese ihre Ansicht einzufhren in die
Wirklichkeit? Aber es ist schlechthin unmglich, da ein solches
Gemt nicht auch auer sich, an Vlkern und einzelnen, ehre, was
in seinem Innern seine eigne Gre ausmacht, die Selbstndigkeit,
die Festigkeit, die Eigentmlichkeit des Daseins. So gewi es
sich in seiner Gre fhlt und derselben vertraut, verschmht es
ber armseligen Knechtssinn zu herrschen und gro zu sein unter
Zwergen; es verschmht den Gedanken, da es die Menschen erst
herabwrdigen msse, um ber sie zu gebieten; es ist gedrckt
durch den Anblick des dasselbe umgebenden Verderbens, es tut
ihm weh, die Menschen nicht achten zu knnen; alles aber, was
sein verbrdertes Geschlecht erhebt, veredelt, in ein wrdigeres
Licht setzt, tut wohl seinem selbst edlen Geiste, und ist sein
hchster Genu. Ein solches Gemt sollte ungern vernehmen,
da die Erschtterungen, die die Zeiten herbeigefhrt haben,
benutzt werden, um eine alte ehrwrdige Nation, den Stamm der
mehrsten Vlker des neuen Europa, und die Bildnerin aller, aus
dem tiefen Schlummer aufzuregen und dieselbe zu bewegen, da sie
ein sicheres Verwahrungsmittel ergreifen, um sich zu erheben
aus dem Verderben, welches dieselbe zugleich sichert, nie
wieder herabzusinken, und mit sich selbst zugleich alle brigen
Vlker zu erheben? Es wird hier nicht angeregt zu ruhestrenden
Auftritten; es wird vielmehr vor diesen, als sicher zum Verderben
fhrend, gewarnt, es wird eine feste unwandelbare Grundlage
angegeben, worauf endlich in einem Volke der Welt die hchste,
reinste und noch niemals also unter den Menschen gewesene
Sittlichkeit aufgebaut, fr alle folgende Zeiten gesichert, und
von da aus ber andre Vlker verbreitet werde; es wird eine
Umschaffung des Menschengeschlechts angegeben aus irdischen und
sinnlichen Geschpfen, zu reinen und edlen Geistern. Durch einen
solchen Vorschlag, meint man, knne ein Geist, der selbst rein
ist und edel und gro, oder irgend jemand, der nach ihm sich
bildet, beleidigt werden?

Was wrden dagegen diejenigen, welche diese Furcht hegten und
dieselbe durch ihr Handeln zugestnden, annehmen, und laut vor
aller Welt bekennen, da sie es annehmen? Sie wrden bekennen,
da sie glaubten, da ein menschenfeindliches und ein sehr
kleines und niedriges Prinzip ber uns herrsche, dem jede Regung
selbstndiger Kraft bange mache, der von Sittlichkeit, Religion,
Veredlung der Gemter nicht ohne Angst hren knne, indem allein
in der Herabwrdigung der Menschen, in ihrer Dumpfheit und ihren
Lastern fr ihn Heil sei und Hoffnung, sich zu erhalten. Mit
diesem ihrem Glauben, der unsern andern Uebeln noch die drckende
Schmach hinzufgen wrde, von einem solchen beherrscht zu sein,
sollen wir nun ohne weiteres und ohne die vorhergegangene
einleuchtende Beweisfhrung einverstanden sein und in demselben
handeln?

Den schlimmsten Fall gesetzt, da sie recht htten, keineswegs
aber wir, die wir das erstere durch unsre Tat annehmen: soll
denn nun wirklich, einem zu Gefallen, dem damit gedient ist, und
ihnen zu Gefallen, die sich frchten, das Menschengeschlecht
herabgewrdigt werden und versinken, und soll keinem, dem sein
Herz es gebietet, erlaubt sein, sie vor dem Verfalle zu warnen?
Gesetzt, da sie nicht blo recht htten, sondern da man sich
auch noch entschlieen sollte, im Angesichte der Mitwelt und der
Nachwelt ihnen recht zu geben, und das eben hingelegte Urteil
ber sich selbst laut aussprechen: was wre denn nun das Hchste
und Letzte, das fr den unwillkommenen Warner daraus erfolgen
knnte? Kennen sie etwas Hheres, denn den Tod? Dieser erwartet
uns ohnedies alle, und es haben vom Anbeginn der Menschheit an
Edle um geringerer Angelegenheit willen -- denn wo gab es jemals
eine hhere, als die gegenwrtige? -- der Gefahr desselben
getrotzt. Wer hat das Recht zwischen ein Unternehmen, das auf
diese Gefahr begonnen ist, zu treten?

Sollte es, wie ich nicht hoffe, solche unter uns Deutschen
geben, so wrden diese ungebeten, ohne Dank, und, wie ich hoffe,
zurckgewiesen, ihren Hals dem Joche der geistigen Knechtschaft
darbieten; sie wrden, bitter schmhend, indem sie staatsklug
zu schmeicheln glauben, weil sie nicht wissen, wie wahrer Gre
zumute ist, und die Gedanken derselben nach denen ihrer eignen
Klarheit messen -- sie wrden die Literatur, mit der sie nichts
andres anzufangen wissen, gebrauchen, um durch die Abschlachtung
derselben als Opfertier ihren Hof zu machen. Wir dagegen preisen
durch die Tat unsers Vertrauens und unsers Mutes weit mehr,
denn Worte es je vermchten, die Gre des Gemts, bei dem die
Gewalt ist. Ueber das ganze Gebiet der ganzen deutschen Zunge
hinweg, wo irgendhin unsre Stimme frei und unaufgehalten ertnt,
ruft sie durch ihr bloes Dasein den Deutschen zu: niemand
will eure Unterdrckung, euren Knechtssinn, eure sklavische
Unterwrfigkeit, sondern eure Selbstndigkeit, eure wahre
Freiheit, eure Erhebung und Veredlung will man, denn man hindert
nicht, da man sich ffentlich mit euch darber beratschlage, und
euch das unfehlbare Mittel dazu zeige. Findet diese Stimme Gehr
und den beabsichtigten Erfolg, so setzt sie ein Denkmal dieser
Gre und unsers Glaubens an dieselbe ein in den Fortlauf der
Jahrhunderte, welches keine Zeit zu zerstren vermag, sondern
das mit jedem neuen Geschlechte hher wchst und sich weiter
verbreitet. Wer darf sich gegen den Versuch setzen, ein solches
Denkmal zu errichten?

Anstatt also mit der zuknftigen Blte unsrer Literatur ber
unsre verlorne Selbstndigkeit uns zu trsten, und von der
Aufsuchung eines Mittels, dieselbe wiederherzustellen, uns durch
dergleichen Trost abhalten zu lassen, wollen wir lieber wissen,
ob diejenigen Deutschen, denen eine Art von Bevormundung der
Literatur zugefallen ist, den brigen selbst schreibenden oder
lesenden Deutschen eine Literatur im wahren Sinne des Worts noch
bis diesen Tag erlauben, und ob sie dafr halten, da eine solche
Literatur dermalen in Deutschland noch erlaubt sei, oder nicht;
wie sie aber wirklich darber denken, das wird sich demnchst
entscheiden mssen.

Nach allem ist das nchste, was wir zu tun haben, um bis zur
vlligen und grndlichen Verbesserung unsres Stammes uns auch
nur aufzubehalten, dies, da wir uns Charakter anschaffen, und
diesen zunchst dadurch bewhren, da wir uns durch eignes
Nachdenken eine feste Meinung bilden ber unsre wahre Lage, und
ber das sichere Mittel, dieselbe zu verbessern. Die Nichtigkeit
des Trostes aus der Fortdauer unsrer Sprache und Literatur ist
gezeigt. Noch aber gibt es andre, in diesen Reden noch nicht
erwhnte Vorspiegelungen, welche die Bildung einer solchen festen
Meinung verhindern. Es ist zweckmig, da wir auch auf diese
Rcksicht nehmen; jedoch behalten wir dieses Geschft vor der
nchsten Rede.




Dreizehnte Rede.

Fortsetzung der angefangenen Betrachtung.


Es sei noch ein Mehreres von nichtigen Gedanken und tuschenden
Lehrgebuden ber die Angelegenheiten der Vlker unter uns
im Umlaufe, welches die Deutschen verhindere, eine ihrer
Eigentmlichkeit geme feste Ansicht ber ihre gegenwrtige Lage
zu fassen, uerten wir am Ende unsrer vorigen Rede. Da diese
Traumbilder gerade jetzt mit grerem Eifer zur ffentlichen
Verehrung herumgeboten werden, und, nachdem so vieles andre
wankend geworden, von manchem lediglich zur Ausfllung der
entstandenen leeren Stellen aufgefat werden knnten: so scheint
es zur Sache zu gehren, dieselben mit grerem Ernste, als
auerdem ihre Wichtigkeit verdienen drfte, einer Prfung zu
unterwerfen.

Zuvrderst und vor allen Dingen: Die ersten, ursprnglichen und
wahrhaft natrlichen Grenzen der Staaten sind ohne Zweifel ihre
innern Grenzen. Was dieselbe Sprache redet, das ist schon vor
aller menschlichen Kunst vorher durch die bloe Natur mit einer
Menge von unsichtbaren Banden aneinandergeknpft; es versteht
sich untereinander und ist fhig, sich immerfort klarer zu
verstndigen, es gehrt zusammen und ist natrlich eins und
ein unzertrennliches Ganzes. Ein solches kann kein Volk andrer
Abkunft und Sprache in sich aufnehmen und mit sich vermischen
wollen, ohne wenigstens frs erste sich zu verwirren und den
gleichmigen Fortgang seiner Bildung mchtig zu stren. Aus
dieser innern, durch die geistige Natur des Menschen selbst
gezogenen Grenze ergibt sich erst die uere Begrenzung der
Wohnsitze, als die Folge von jener, und in der natrlichen
Ansicht der Dinge sind keineswegs die Menschen, welche innerhalb
gewisser Berge und Flsse wohnen, um deswillen ein Volk, sondern
umgekehrt wohnen die Menschen beisammen, und wenn ihr Glck es so
gefgt hat, durch Flsse und Berge gedeckt, weil sie schon frher
durch ein weit hheres Naturgesetz ein Volk waren.

So sa die deutsche Nation, durch gemeinschaftliche Sprache
und Denkart sattsam unter sich vereinigt und scharf genug
abgeschnitten von den andern Vlkern, in der Mitte von Europa
da als scheidender Wall nicht verwandter Stmme, zahlreich
und tapfer genug, um ihre Grenzen gegen jeden fremden Anfall
zu schtzen, sich selbst berlassen, durch ihre ganze Denkart
wenig geneigt, Kunde von den benachbarten Vlkerschaften zu
nehmen, in derselben Angelegenheiten sich zu mischen und
durch Beunruhigungen sie zur Feindseligkeit aufzureizen. Im
Verlaufe der Zeiten bewahrte sie ihr gnstiges Geschick vor
dem unmittelbaren Anteile am Raube der andern Welten; dieser
Begebenheit, durch welche vor allen andern die Weise der
Fortentwicklung der neuern Weltgeschichte, die Schicksale
der Vlker und der grte Teil ihrer Begriffe und Meinungen
begrndet worden sind. Seit dieser Begebenheit erst zerteilte
sich das christliche Europa, das vorher auch ohne sein eignes
deutliches Bewutsein eins gewesen war, und als solches in
gemeinschaftlichen Unternehmungen sich gezeigt hatte, in
mehrere abgesonderte Teile; seit jener Begebenheit erst war
eine gemeinschaftliche Beute aufgestellt, nach der jeder auf
die gleiche Weise begehrte, weil alle sie auf die gleiche Weise
brauchen konnten, und die jeder mit Eifersucht in den Hnden des
andern erblickte; erst nun war ein Grund vorhanden zu geheimer
Feindschaft und Kriegslust aller gegen alle. Auch wurde es
nun erst zum Gewinne fr Vlker, Vlker auch andrer Abkunft
und Sprachen durch Eroberung, oder, wenn dies nicht mglich
wre, durch Bndnisse sich einzuverleiben und ihre Krfte sich
zuzueignen. Ein der Natur treugebliebnes Volk kann, wenn seine
Wohnsitze ihm zu enge werden, dieselben durch Eroberung des
benachbarten Bodens erweitern wollen, um mehr Raum zu gewinnen,
und es wird sodann die frhern Bewohner vertreiben; es kann
einen rauhen und unfruchtbaren Himmelsstrich gegen einen mildern
und gesegnetern vertauschen wollen, und es wird in diesem Falle
abermals die frhern Besitzer austreiben; es kann, wenn es auch
ausartet, bloe Raubzge unternehmen, auf denen es, ohne des
Bodens oder der Bewohner zu begehren, blo alles Brauchbaren
sich bemchtigt und die ausgeleerten Lnder wieder verlt;
es kann endlich die frhern Bewohner des eroberten Bodens als
eine gleichfalls brauchbare Sache, wie Sklaven der einzelnen
unter sich verteilen: aber da es die fremde Vlkerschaft, so
wie dieselbe besteht, als Bestandteile des Staates sich anfge,
dabei hat es nicht den geringsten Gewinn, und es wird niemals in
Versuchung kommen, dies zu tun. Ist aber der Fall der, da einem
gleich starken, oder wohl noch strkern Nebenbuhler eine reizende
gemeinschaftliche Beute abgekmpft werden soll, so steht die
Rechnung anders. Wie auch brigens sonst das berwundene Volk zu
uns passen mge, so sind wenigstens seine Fuste zur Bekmpfung
des von uns zu beraubenden Gegners brauchbar, und jedermann
ist uns, als eine Vermehrung der ffentlichen Streitkraft,
willkommen. So nun irgendeinem Weisen, der Friede und Ruhe
gewnscht htte, ber diese Lage der Dinge die Augen klar
aufgegangen wren, wovon htte derselbe Ruhe erwarten knnen?
Offenbar nicht von der natrlichen Beschrnkung der menschlichen
Habsucht dadurch, da das Ueberflssige keinem ntze; denn
eine Beute, wodurch alle versucht werden, war vorhanden, und
ebensowenig htte er sie erwarten knnen von dem sich selbst
eine Grenze setzenden Willen; denn unter solchen, von denen
jedweder alles an sich reit, was er vermag, mu der sich selbst
Beschrnkende notwendig zugrunde gehen. Keiner will mit dem
andern teilen, was er dermalen zu eigen besitzt; jeder will dem
andern das Seinige rauben, wenn er irgend kann. Ruht einer, so
geschieht dies nur darum, weil er sich nicht fr stark genug
hlt, Streit anzufangen; er wird ihn sicher anfangen, sobald er
die erforderliche Strke in sich versprt. Somit ist das einzige
Mittel die Ruhe zu erhalten dieses, da niemals einer zu der
Macht gelange, dieselbe stren zu knnen, und da jedweder wisse,
es sei auf der andern Seite gerade so viel Kraft zum Widerstande,
als auf seiner Seite sei zum Angriffe; da also ein Gleichgewicht
und Gegengewicht der gesamten Macht entstehe, wodurch allein,
nachdem alle andre Mittel verschwunden sind, jeder in seinem
gegenwrtigen Besitzstande und alle in Ruhe erhalten werden.
Diese beiden Stcke demnach: einen Raub, auf den kein einziger
einiges Recht habe, alle aber nach ihm die gleiche Begierde,
sodann die allgemeine, immerfort ttig sich regende wirkliche
Raubsucht, setzt jenes bekannte System eines Gleichgewichts der
Macht in Europa voraus; und unter diesen Voraussetzungen wrde
dieses Gleichgewicht freilich das einzige Mittel sein, die Ruhe
zu erhalten, wenn nur erst das zweite Mittel gefunden wre, jenes
Gleichgewicht hervorzubringen und es aus einem leeren Gedanken in
ein wirkliches Ding zu verwandeln.

Aber waren denn auch jene Voraussetzungen allgemein und ohne alle
Ausnahme zu machen? War nicht im Mittelpunkte von Europa die
bermchtige deutsche Nation rein geblieben von dieser Beute und
von der Ansteckung mit der Lust danach, und fast ohne Vermgen,
Anspruch auf dieselbe zu machen? Wre nur diese zu einem
gemeinschaftlichen Willen und einer gemeinschaftlichen Kraft
vereinigt geblieben; htten doch dann die brigen Europer sich
morden mgen in allen Meeren und auf allen Inseln und Ksten:
in der Mitte von Europa htte der feste Wall der Deutschen sie
verhindert aneinander zu kommen -- hier wre Friede geblieben,
und die Deutschen htten sich, und mit sich zugleich einen Teil
der brigen europischen Vlker in Ruhe und Wohlstand erhalten.

Es war dem nur den nchsten Augenblick berechnenden Eigennutze
des Auslandes nicht gem, da es also bliebe. Sie fanden die
deutsche Tapferkeit brauchbar, um durch sie ihre Kriege zu fhren,
und die Hnde derselben, um mit ihnen ihren Nebenbuhlern die
Beute zu entreien; es mute ein Mittel gefunden werden, um
diesen Zweck zu erreichen, und die auslndische Schlauheit siegte
leicht ber die deutsche Unbefangenheit und Verdachtlosigkeit.
Das Ausland war es, welches zuerst der ber Religionsstreitigkeiten
entstandenen Entzweiung der Gemter in Deutschland sich bediente,
um diesen Inbegriff des gesamten christlichen Europa im kleinen
aus der innig verwachsenen Einheit ebenso in abgesonderte und fr
sich bestehende Teile knstlich zu zertrennen, wie erst jenes
ber einen gemeinsamen Raub sich natrlich zertrennt hatte;
das Ausland wute diese also entstandenen besondern Staaten
im Schoe der einen Nation, die keinen Feind hatte, denn das
Ausland selbst, und keine Angelegenheit, denn die gemeinsame,
gegen die Verfhrungen und die Hinterlist dieses mit vereinigter
Kraft sich zu setzen -- es wute diese einander gegenseitig
vorzustellen, als natrliche Feinde, gegen die jeder immerfort
auf der Hut sein msse, sich selbst dagegen darzustellen als die
natrlichen Verbndeten gegen diese von den eignen Landsleuten
drohende Gefahr; als die Verbndeten, mit denen allein sie
selbst stnden oder fielen, und die sie daher gleichfalls in
ihren Unternehmungen mit aller ihrer Macht untersttzen mten.
Nur durch dieses knstliche Bildungsmittel wurden alle Zwiste,
die ber irgendeinen Gegenstand in der Alten oder Neuen Welt
sich entspinnen mochten, zu eignen Zwisten der deutschen Stmme
untereinander; jeder aus irgendeinem Grunde entstandene Krieg
mute auf deutschem Boden und mit deutschem Blute ausgefochten
werden, jede Verrckung des Gleichgewichts in derjenigen Nation,
der der ganze Urquell dieser Verhltnisse fremd war, ausgeglichen
werden, und die deutschen Staaten, deren abgesondertes Dasein
schon gegen alle Natur und Vernunft stritt, muten, damit sie
doch etwas wren, zu Zulagen gemacht werden zu den Hauptgewichten
in der Wage des europischen Gleichgewichts, deren Zuge sie blind
und willenlos folgten. So wie man in manchem auslndischen Staate
die Brger bezeichnet dadurch, da sie von dieser oder einer
andern fremden Partei seien und fr dieses oder jenes auswrtige
Bndnis stimmten, solche aber, die von der vaterlndischen Partei
seien, nicht namhaft zu machen wei: so waren die Deutschen schon
lngst nur fr irgendeine fremde Partei, und man traf selten auf
einen, der die Partei der Deutschen gehalten und gemeint htte,
da dieses Land sich mit sich selbst verbnden sollte.

Dies also ist der wahre Ursprung und die Bedeutung, dies der
Erfolg fr Deutschland und fr die Welt von dem berchtigten
Lehrgebude eines knstlich zu erhaltenden Gleichgewichts der
Macht unter den europischen Staaten. Wre das christliche
Europa eins geblieben, wie es sollte und wie es ursprnglich
war, so htte man nie Veranlassung gehabt, einen solchen
Gedanken zu erzeugen; das eine ruht auf sich selbst und trgt
sich selbst, und zerteilt sich nicht in streitende Krfte, die
miteinander in ein Gleichgewicht gebracht werden mten; nur
fr das unrechtlich gewordene und zerteilte Europa erhielt
jener Gedanke eine notdrftige Bedeutung. Zu diesem unrechtlich
gewordenen und zerteilten Europa gehrte Deutschland nicht.
Wre nur wenigstens dieses eins geblieben, so htte es auf sich
selbst geruht im Mittelpunkte der gebildeten Erde, so wie die
Sonne im Mittelpunkte der Welt; es htte sich in Ruhe erhalten
und durch sich seine nchste Umgebung, und htte ohne alle
knstliche Vorkehrung durch sein bloes natrliches Dasein allem
das Gleichgewicht gegeben. Nur der Trug des Auslandes mischte
dasselbe in seine Unrechtlichkeit und seine Zwiste, und brachte
ihm jenen hinterlistigen Begriff bei, als eins der wirksamsten
Mittel, dasselbe ber seinen wahren Vorteil zu tuschen und es
in der Tuschung zu erhalten. Dieser Zweck ist nun hinlnglich
erreicht, und der beabsichtigte Erfolg liegt vollendet da vor
unsern Augen. Knnen wir nun auch diesen nicht aufheben: warum
sollen wir nicht wenigstens die Quelle desselben in unserm
eignen Verstande, der fast noch das einzige ist, das unsrer
Botmigkeit berlassen geblieben, austilgen? Warum soll das
alte Traumbild noch immer uns vor die Augen gestellt werden,
nachdem das Uebel uns aus dem Schlafe geweckt hat? Warum sollen
wir nicht wenigstens jetzt die Wahrheit sehen und das einzige
Mittel, das uns htte erretten knnen, erblicken -- ob vielleicht
unsre Nachkommen tun mchten, was wir einsehen; so wie wir jetzt
leiden, weil unsre Vter trumten. Lasset uns begreifen, da
der Gedanke eines knstlich zu erhaltenden Gleichgewichts zwar
fr das Ausland ein trstender Traum sein konnte bei der Schuld
und dem Uebel, welche dasselbe drckten; da er aber, als ein
durchaus auslndisches Erzeugnis, niemals in dem Gemte eines
Deutschen htte Wurzel fassen, und die Deutschen niemals in
die Lage htten kommen sollen, da er bei ihnen Wurzel fassen
gekonnt htte; da wir wenigstens jetzt in seiner Nichtigkeit ihn
durchdringen, und da wir einsehen mssen, da nicht bei ihm,
sondern allein bei der Einigkeit der Deutschen unter sich selber
das allgemeine Heil zu finden sei.

Ebenso fremd ist dem Deutschen die in unsern Tagen so hufig
gepredigte Freiheit der Meere; ob nun wirklich diese Freiheit
oder ob blo das Vermgen, da man selbst alle andern von
derselben ausschlieen knne, beabsichtigt werde. Jahrhunderte
hindurch, whrend des Wetteifers aller andern Nationen, hat
der Deutsche wenig Begierde gezeigt, an derselben in einem
ausgedehnten Mae teilzunehmen, und er wird es nie. Auch
bedarf er derselben nicht. Sein reichlich ausgestattetes
Land und sein Flei gewhrt ihm alles, dessen der gebildete
Mensch zum Leben bedarf; an Kunstfertigkeit, dasselbe fr den
Zweck zu verarbeiten, gebricht es ihm auch nicht; und um den
einigen wahrhaften Gewinn, den der Welthandel mit sich fhrt,
die Erweiterung der wissenschaftlichen Kenntnis der Erde
und ihrer Bewohner an sich zu bringen, wird es sein eigner
wissenschaftlicher Geist ihm nicht an einem Tauschmittel fehlen
lassen. -- O, mchte doch nur den Deutschen sein gnstiges
Geschick ebenso vor dem mittelbaren Anteile an der Beute der
andern Welt bewahrt haben, wie es ihn vor dem unmittelbaren
bewahrte! Mchte Leichtglubigkeit und die Sucht, auch fein
und vornehm zu leben, wie die andern Vlker, uns nicht die
entbehrlichen Waren, die in fremden Welten erzeugt werden, zum
Bedrfnisse gemacht haben; mchten wir in Absicht der weniger
entbehrlichen lieber unserm freien Mitbrger ertrgliche
Bedingungen haben machen, als von dem Schweie und Blute eines
armen Sklaven jenseit der Meere Gewinn ziehen wollen: so htten
wir wenigstens nicht selbst den Vorwand geliefert zu unserm
dermaligen Schicksale und wrden nicht bekriegt als Abkufer
und zugrunde gerichtet als ein Marktplatz. Fast vor einem
Jahrzehnt, ehe irgend jemand voraussehen konnte, was seitdem sich
ereignet, ist den Deutschen geraten worden, vom Welthandel sich
unabhngig zu machen und als Handelsstaat sich zu schlieen.
Dieser Vorschlag verstie gegen unsre Gewhnungen, besonders
aber gegen unsre abgttische Verehrung der ausgeprgten Metalle,
und wurde leidenschaftlich angefeindet und beiseite geschoben.
Seitdem lernen wir, durch fremde Gewalt gentigt und mit Unehre,
das und noch weit mehr entbehren, was wir damals mit Freiheit und
zu unsrer hchsten Ehre nicht entbehren zu knnen versicherten.
Mchten wir diese Gelegenheit, da der Genu wenigstens uns nicht
besticht, ergreifen, um auf immer unsre Begriffe zu berichtigen!
Mchten wir endlich einsehen, da alle jene schwindelnden
Lehrgebude ber Welthandel und Fabrikation fr die Welt zwar
fr den Auslnder passen und gerade unter die Waffen desselben
gehren, womit er von jeher uns bekriegt hat, da sie aber
bei den Deutschen keine Anwendung haben, und da, nchst der
Einigkeit dieser unter sich selber, ihre innere Selbstndigkeit
und Handelsunabhngigkeit das zweite Mittel ist ihres Heils, und
durch sie des Heils von Europa.

Wage man es endlich auch noch das Traumbild einer Universalmonarchie,
das an die Stelle des seit einiger Zeit immer unglaublicher
werdenden Gleichgewichts der ffentlichen Verehrung dargeboten zu
werden anfngt, in seiner Hassenswrdigkeit und Vernunftlosigkeit
zu erblicken! Die geistige Natur vermochte das Wesen der Menschheit
nur in hchst mannigfaltigen Abstufungen an einzelnen, und an der
Einzelheit im groen und ganzen, an Vlkern, darzustellen. Nur wie
jedes dieser letzten, sich selbst berlassen, seiner Eigenheit
gem, und in jedem derselben jeder einzelne jener Gemeinsamen, so
wie seiner besondern Eigenheit gem, sich entwickelt und gestaltet,
tritt die Erscheinung der Gottheit in ihrem eigentlichen Spiegel
heraus, so wie sie soll; und nur der, der entweder ohne alle Ahnung
fr Gesetzmigkeit und gttliche Ordnung oder ein verstockter Feind
derselben wre, knnte einen Eingriff in jenes hchste Gesetz der
Geisterwelt wagen wollen. Nur in den unsichtbaren und den eignen
Augen verborgenen Eigentmlichkeiten der Nation, als demjenigen,
wodurch sie mit der Quelle ursprnglichen Lebens zusammenhngen,
liegt die Brgschaft ihrer gegenwrtigen und zuknftigen Wrde,
Tugend, Verdienstes; werden diese durch Vermischung und Verreibung
abgestumpft, so entsteht Abtrennung von der geistigen Natur aus
dieser Flachheit, aus dieser die Verschmelzung aller zu dem
gleichmigen und aneinander hngenden Verderben. Sollen wir es den
Schriftstellern, die ber alle unsre Uebel uns mit der Aussicht
trsten, da wir dafr auch Untertanen der beginnenden neuen
Universalmonarchie sein werden, glauben, da irgend jemand eine
solche Zerreibung aller Keime des Menschlichen in der Menschheit
beschlossen habe, um den zerflieenden Teig in irgendeine Form
zu drcken; und da eine so ungeheure Roheit oder Feindseligkeit
gegen das menschliche Geschlecht in unserm Zeitalter mglich sei?
Oder wenn wir uns auch entschlieen wollten, dieses durchaus
Unglaubliche frs erste zu glauben: durch welches Werkzeug soll
denn ferner ein solcher Plan ausgefhrt werden; welche Art von Volk
soll es denn sein, die bei dem gegenwrtigen Bildungszustande von
Europa fr irgendeinen neuen Universalmonarchen die Welt erobere?
Schon seit einer Reihe von Jahrhunderten haben die Vlker Europas
aufgehrt, Wilde zu sein und einer zerstrenden Ttigkeit um ihrer
selbst willen sich zu freuen. Alle suchen hinter dem Kriege einen
endlichen Frieden; hinter der Anstrengung die Ruhe, hinter der
Verwirrung die Ordnung; und alle wollen ihre Laufbahn mit dem
Frieden eines huslichen und stillen Lebens gekrnt sehen. Auf eine
Zeitlang mag selbst ein nur vorgebildeter Nationalvorteil sie zum
Kriege begeistern; wenn die Aufforderung immer auf dieselbe Weise
zurckkehrt, verschwindet das Traumbild und die Fieberkraft, die
dasselbe gegeben hat; die Sehnsucht nach ruhiger Ordnung kehrt
zurck, und die Frage: fr welchen Zweck tue und trage ich denn nun
dies alles? erhebt sich. Diese Gefhle alle mte zuvrderst ein
Welteroberer unsrer Zeit austilgen, und in dieses Zeitalter, das
durch seine Natur ein Volk von Wilden nicht gibt, mit besonnener
Kunst eins hineinbilden. Aber noch mehr. Dem von Jugend auf an einen
gebildeten Anbau der Lnder, an Wohlstand und Ordnung gewhnten Auge
tut, wenn man den Menschen nur ein wenig zur Ruhe kommen lt, der
Anblick derselben allenthalben, wo er ihn antrifft, wohl, indem er
ihm den Hintergrund seiner eignen, doch niemals ganz auszurottenden
Sehnsucht darstellt, und es schmerzt ihn selbst, denselben zerstren
zu mssen. Auch gegen dieses dem gesellschaftlichen Menschen tief
eingeprgte Wohlwollen und gegen die Wehmut ber die Uebel, die
der Krieger ber die eroberten Lnder bringt, mu ein Gegengewicht
gefunden werden. Es gibt kein andres, denn die Raubsucht. Wird es
zum herrschenden Antrieb des Kriegers, sich einen Schatz zu machen,
und wird er gewhnt, bei Verheerung blhender Lnder an nichts
andres mehr zu denken, denn daran, was er fr seine Person bei dem
allgemeinen Elende gewinnen knne, so ist zu erwarten, da die
Gefhle des Mitleids und des Erbarmens in ihm verstummen. Auer jener
barbarischen Roheit mte demnach ein Welteroberer unsrer Zeit die
Seinigen auch noch zur khlen und besonnenen Raubsucht bilden; er
mte Erpressungen nicht bestrafen, sondern vielmehr aufmuntern.
Auch mte die Schande, die natrlich auf der Sache ruht, erst
wegfallen, und Rauben mte fr ein ehrenvolles Zeichen eines feinen
Verstandes gelten, zu den Grotaten gezhlt werden und den Weg zu
allen Ehren und Wrden bahnen. Wo ist eine Nation im neuern Europa
also ehrlos, da man sie auf diese Weise abrichten knnte? Oder
setzet, da ihm selbst diese Umbildung gelnge, so wird nun gerade
durch sein Mittel die Erreichung seines Zwecks vereitelt werden.
Ein solches Volk erblickt von nun an in eroberten Menschen, Lndern
und Kunsterzeugungen nichts mehr, denn ein Mittel, in hchster Eile
Geld zu machen, um weiter zu gehen und abermals Geld zu machen; es
erpret schnell und wirft das Ausgesogene weg auf jedes mgliche
Schicksal; es haut ab den Baum, zu dessen Frchten es gelangen will:
wer mit solchen Werkzeugen handelt, dem werden alle Knste der
Verfhrung, der Ueberredung und des Truges vereitelt; nur aus der
Entfernung knnen sie tuschen, wie man sie in der Nhe erblickt,
fllt die tierische Roheit und die schamlose und freche Raubsucht
selbst dem Bldsinnigsten in die Augen, und der Abscheu des ganzen
menschlichen Geschlechts erklrt sich laut. Mit solchen kann man die
Erde zwar ausplndern und wste machen und sie zu einem dumpfen Chaos
zerreiben, nimmermehr aber sie zu einer Universalmonarchie ordnen.

Die genannten Gedanken und alle Gedanken dieser Art sind
Erzeugnisse eines blo mit sich selber spielenden und in seinem
Gespinste zuweilen auch hngenbleibenden Denkens, unwert
deutscher Grndlichkeit und Ernstes. Hchstens sind einige dieser
Bilder, wie zum Beispiel das eines politischen Gleichgewichts,
taugliche Hilfslinien, um in einem ausgedehnten und verworrenen
Mannigfaltigen der Erscheinung sich zurecht zu finden und es zu
ordnen; aber an das natrliche Vorhandensein dieser Dinge zu
glauben oder ihre Verwirklichung anzustreben ist ebenso, als
ob jemand die Pole, die Mittagslinie, die Wendekreise, durch
die seine Betrachtung auf der Erde sich zurecht findet, an der
wirklichen Erdkugel ausgedrckt und bezeichnet aufsuchte. Mchte
es Sitte werden in unsrer Nation, nicht blo zum Scherze und
gleichsam versuchend, was dabei herauskommen werde, zu denken,
sondern also, als ob wahr sein solle und wirklich gelten im
Leben, was wir denken: so wird es berflssig werden, vor solchen
Truggestalten einer ursprnglich auslndischen und die Deutschen
blo berckenden Staatsklugheit zu warnen.

Diese Grndlichkeit, Ernst und Gewicht unsrer Denkweise wird,
wenn wir sie einmal besitzen, auch hervorbrechen in unserm Leben.
Besiegt sind wir; ob wir nun zugleich auch verachtet und mit
Recht verachtet sein wollen, ob wir zu allem andern Verluste
auch noch die Ehre verlieren wollen: das wird noch immer von uns
abhngen. Der Kampf mit den Waffen ist beschlossen; es erhebt
sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundstze, der
Sitten, des Charakters.

Geben wir unsern Gsten ein Bild treuer Anhnglichkeit an
Vaterland und Freunde, unbestechlicher Rechtschaffenheit und
Pflichtliebe, aller brgerlichen und huslichen Tugenden,
als freundliches Gastgeschenk mit in ihre Heimat, zu der sie
doch wohl endlich einmal zurckkehren werden. Hten wir uns,
sie zur Verachtung gegen uns einzuladen; durch nichts aber
wrden wir es sicherer, als wenn wir sie entweder bermig
frchteten, oder unsre Weise dazusein aufzugeben, und in der
ihrigen ihnen hnlich zu werden strebten. Fern zwar sei von
uns die Ungebhr, da der einzelne die einzelnen herausfordere
und reize; brigens aber wird es die sicherste Maregel sein,
allenthalben unsern Weg also fortzugehen, als ob wir mit uns
selber allein wren, und durchaus kein Verhltnis anzuknpfen,
das uns die Notwendigkeit nicht schlechthin auflegt; und das
sicherste Mittel hierzu wird sein, da jeder sich mit dem
begnge, was die alten vaterlndischen Verhltnisse ihm zu
leisten vermgen, die gemeinschaftliche Last nach seinen Krften
mit trage, jede Begnstigung aber durch das Ausland fr eine
entehrende Schmach halte. Leider ist es beinahe allgemeine
europische und so auch deutsche Sitte geworden, da man im Falle
der Wahl lieber sich wegwerfen, denn als das erscheinen wolle,
was man imponierend nennt, und es drfte vielleicht das ganze
Lehrgebude der angenommenen guten Lebensart auf die Einheit
jenes Grundsatzes sich zurckfhren lassen. Mchten wir Deutsche
bei der gegenwrtigen Veranlassung lieber gegen diese Lebensart,
denn gegen etwas Hheres verstoen! Mchten wir, obwohl dies
ein solcher Versto sein drfte, bleiben, so wie wir sind, ja,
wenn wir es vermchten, noch strker und entschiedener werden,
also wie wir sein sollen! Mchten wir der Ausstellungen, die man
uns zu machen pflegt, da es uns gar sehr an Schnelligkeit und
leichter Fertigkeit gebreche, und da wir ber allem zu ernst,
zu schwer und zu gewichtig werden, uns so wenig schmen, da
wir uns vielmehr bestrebten, sie immer mit grerem Rechte und
in weiterer Ausdehnung zu verdienen! Es befestige uns in diesem
Entschlusse die leicht zu erlangende Ueberzeugung, da wir mit
aller unsrer Mhe dennoch niemals jenen recht sein werden, wenn
wir nicht ganz aufhren wir selber zu sein, was dem berhaupt
gar nicht mehr Dasein gleich gilt. Es gibt nmlich Vlker,
welche, indem sie selbst ihre Eigentmlichkeit beibehalten und
dieselbe geehrt wissen wollen, auch den andern Vlkern die
ihrigen zugestehen, und sie ihnen gnnen und verstatten; zu
diesen gehren ohne Zweifel die Deutschen, und es ist dieser Zug
in ihrem ganzen vergangenen und gegenwrtigen Weltleben so tief
begrndet, da sie sehr oft, um gerecht zu sein, sowohl gegen das
gleichzeitige Ausland als gegen das Altertum, ungerecht gewesen
sind gegen sich selbst. Wiederum gibt es andre Vlker, denen
ihr eng in sich selbst verwachsenes Selbst niemals die Freiheit
gestattet, sich zu kalter und ruhiger Betrachtung des Fremden
abzusondern, und die daher zu glauben gentigt sind, es gebe nur
eine einzige mgliche Weise als gebildeter Mensch zu bestehen,
und dies sei jedesmal die, welche in diesem Zeitpunkte gerade
ihnen irgendein Zufall angeworfen; alle brigen Menschen in der
Welt htten keine andre Bestimmung, denn also zu werden, wie sie
sind, und sie htten ihnen den grten Dank abzustatten, wenn sie
die Mhe ber sich nehmen wollten, sie also zu bilden. Zwischen
Vlkern der ersten Art findet eine der Ausbildung zum Menschen
berhaupt hchst wohlttige Wechselwirkung der gegenseitigen
Bildung und Erziehung statt, und eine Durchdringung, bei welcher
dennoch jeder, mit dem guten Willen des andern, sich selbst
gleich bleibt. Vlker von der zweiten Art vermgen nichts zu
bilden, denn sie vermgen nichts in seinem vorhandenen Sein
anzufassen; sie wollen nur alles Bestehende vernichten und
auer sich allenthalben eine leere Sttte hervorbringen, in
der sie nur immer die eigne Gestalt wiederholen knnen; selbst
ihr anfngliches scheinbares Hineingehen in fremde Sitte ist
nur die gutmtige Herablassung des Erziehers zum jetzt noch
schwachen, aber gute Hoffnung gebenden Lehrlinge; selbst die
Gestalten der vollendeten Vorwelt gefallen ihnen nicht, bis sie
dieselben in ihr Gewand gehllt haben, und sie wrden, wenn sie
knnten, dieselben aus den Grbern aufwecken, um sie nach ihrer
Weise zu erziehen. Ferne zwar bleibe von mir die Vermessenheit,
irgendeine vorhandene Nation im ganzen und ohne Ausnahme jener
Beschrnktheit zu beschuldigen. Lat uns vielmehr annehmen,
da auch hier diejenigen, die sich nicht uern, die bessern
sind. Soll man aber die, die unter uns erschienen sind und sich
geuert haben, nach diesen ihren Aeuerungen beurteilen, so
scheint zu folgen, da sie in die geschilderte Klasse zu setzen
sind. Eine solche Aeuerung scheint eines Beleges zu bedrfen,
und ich fhre, von den brigen Ausflssen dieses Geistes, die vor
den Augen von Europa liegen, schweigend, nur den einigen Umstand
an, den folgenden: -- Wir haben miteinander Krieg gefhrt; wir
unsersteils sind die Ueberwundenen, jene die Sieger; dies ist
wahr und wird zugestanden. Damit nun knnten jene ohne Zweifel
sich begngen. Ob nun etwa jemand unter uns fortfhre, dafr zu
halten, wir htten dennoch die gerechte Sache fr uns gehabt
und den Sieg verdient, und es sei zu beklagen, da er nicht uns
zuteil geworden: wre denn dies so bel, und knnten es uns denn
jene, die ja von ihrer Seite gleichfalls denken mgen, was sie
wollen, so sehr verargen? Aber nein, jenes zu denken, sollen wir
uns nicht unterstehen. Wir sollen zugleich erkennen, welch ein
Unrecht es sei, jemals anders zu wollen, denn sie, und ihnen zu
widerstehen; wir sollen unsre Niederlagen als das heilsamste
Ereignis fr uns selbst, und sie als unsre grten Wohltter
segnen. Anders kann es ja nicht sein, und man hat diese Hoffnung
zu unserm guten Verstande! -- Doch was spreche ich lnger aus,
was beinahe vor zweitausend Jahren mit vieler Genauigkeit zum
Beispiel in den Geschichtsbchern des Tacitus ausgesprochen
worden ist? Jene Ansicht der Rmer von dem Verhltnisse der
bekriegten Barbaren gegen sie, welche Ansicht bei diesen denn
doch auf einen einige Entschuldigung verdienenden Schein sich
grndete, da es verbrecherische Rebellion und Auflehnung gegen
gttliche und menschliche Gesetze sei, ihnen Widerstand zu
leisten, und da ihre Waffen den Vlkern nichts andres zu bringen
vermchten, denn Segen, und ihre Ketten nichts andres, denn
Ehre -- diese Ansicht ist es, die man in diesen Tagen von uns
gewonnen, und mit sehr vieler Gutmtigkeit uns selbst angemutet
und bei uns vorausgesetzt hat. Ich gebe dergleichen Aeuerungen
nicht fr bermtigen Hohn aus; ich kann begreifen, wie man bei
groem Eigendnkel und Beschrnktheit im Ernste also glauben und
dem Gegenteile ehrlich denselben Glauben zutrauen knne, wie ich
denn zum Beispiel dafrhalte, da die Rmer wirklich so glaubten;
aber ich gebe nur zu bedenken, ob diejenigen unter uns, denen es
unmglich fllt, jemals zu jenem Glauben sich zu bekehren, auf
irgendeine Ausgleichung rechnen knnen.

Tief verchtlich machen wir uns dem Auslande, wenn wir vor den
Ohren desselben uns, einer dem andern, deutsche Stmme, Stnde,
Personen, ber unser gemeinschaftliches Schicksal anklagen und
einander gegenseitige bittere und leidenschaftliche Vorwrfe
machen. Zuvrderst sind alle Anklagen dieser Art grtenteils
unbillig, ungerecht, ungegrndet. Welche Ursachen es sind,
die Deutschlands letztes Schicksal herbeigefhrt haben, haben
wir oben angegeben; diese sind seit Jahrhunderten bei allen
deutschen Stmmen ohne Ausnahme auf die gleiche Weise einheimisch
gewesen; die letzten Ereignisse sind nicht die Folgen irgendeines
besondern Fehltrittes eines einzelnen Stammes oder seiner
Regierung, sie haben sich lange genug vorbereitet, und htten,
wenn es blo auf die in uns selbst liegenden Grnde angekommen
wre, schon vor langem uns ebensowohl treffen knnen. Hierin
ist die Schuld oder Unschuld aller wohl gleich gro, und die
Berechnung ist nicht wohl mehr mglich. Bei der Herbeieilung des
endlichen Erfolgs hat sich gefunden, da die einzelnen deutschen
Staaten nicht einmal sich selbst, ihre Krfte und ihre wahre
Lage kannten: wie knnte denn irgendeiner sich anmaen, aus sich
selbst herauszutreten und ber fremde Schuld ein auf grndliche
Kenntnis sich sttzendes Endurteil zu fllen?

Mag es sein, da ber alle Stmme des deutschen Vaterlandes
hinweg einen gewissen Stand ein gegrndeterer Vorwurf trifft,
nicht, weil er eben auch nicht mehr eingesehen oder vermocht,
als die andern alle, was eine gemeinschaftliche Schuld ist,
sondern weil er sich das Ansehen gegeben, als ob er mehr einshe
und vermchte, und alle brigen von der Verwaltung der Staaten
verdrngt. Wre nun auch ein solcher Vorwurf gegrndet: wer soll
ihn aussprechen, und wozu ist es ntig, da er gerade jetzt
lauter und bitterer denn je ausgesprochen und verhandelt werde?
Wir sehen, da Schriftsteller es tun. Haben diese nun ehemals,
als bei jenem Stande noch alle Macht und alles Ansehen mit der
stillschweigenden Einwilligung der entschiedenen Mehrheit des
brigen Menschengeschlechts sich befand, ebenso also geredet, wie
sie jetzt reden: wer kann es ihnen verdenken, da sie an ihre
durch die Erfahrung sehr besttigte ehemalige Rede erinnern?
Wir hren auch, da sie einzelne genannte Personen, die ehemals
an der Spitze der Geschfte standen, vor das Volksgericht
fhren, ihre Untauglichkeit, ihre Trgheit, ihren bsen Willen
darlegen und klar dartun, da aus solchen Ursachen notwendig
solche Wirkungen hervorgehen muten. Haben sie schon ehemals,
als bei den Angeklagten noch die Gewalt war, und die aus ihrer
Verwaltung notwendig erfolgen mssenden Uebel noch abzuwenden
waren, ebendasselbe eingesehen, was sie jetzt einsehen, und
es ebenso laut ausgesprochen; haben sie schon damals ihre
Schuldigen mit derselben Kraft angeklagt, und kein Mittel
unversucht gelassen, das Vaterland aus ihren Hnden zu erretten,
und sind sie blo nicht gehrt worden: so tun sie sehr recht,
an ihre damals verschmhte Warnung zu erinnern. Haben sie aber
etwa ihre dermalige Weisheit nur aus dem Erfolge gezogen, aus
welchem seitdem alles Volk mit ihnen ebendieselbe gezogen hat:
warum sagen jetzt eben sie, was alle andern nun ebensowohl
wissen? Oder haben sie vielleicht gar damals aus Gewinnsucht
geschmeichelt, oder aus Furcht geschwiegen vor dem Stande und
den Personen, ber die jetzt, nachdem sie die Gewalt verloren
haben, ungemigt ihre Strafrede hereinbricht: o so vergessen
sie knftig nicht unter den Quellen unsrer Uebel, neben dem Adel
und den untauglichen Ministern und Feldherren, auch noch die
politischen Schriftsteller anzufhren, die erst nach gegebnem
Erfolge wissen, was da htte geschehen sollen, so wie der Pbel
auch, und die den Gewalthabern schmeicheln, die Gefallenen aber
schadenfroh verhhnen!

Oder rgen sie etwa die Irrtmer der Vergangenheit, die freilich
durch alle ihre Rge nicht vernichtet werden kann, nur darum,
damit man sie in der Zukunft nicht wieder begehe; und ist es
blo ihr Eifer, eine grndliche Verbesserung der menschlichen
Verhltnisse zu bewirken, der sie ber die Rcksichten der
Klugheit und des Anstandes so khn hinwegsetzt? Gern mchten wir
ihnen diesen guten Willen zutrauen, wenn nur die Grndlichkeit
der Einsicht und des Verstandes sie berechtigte, in diesem Fache
guten Willen zu haben. Nicht sowohl die einzelnen Personen, die
von ohngefhr auf den hchsten Pltzen sich befunden haben,
sondern die Verbindung und Verwicklung des Ganzen: der ganze
Geist der Zeit, die Irrtmer, die Unwissenheit, Seichtigkeit,
Verzagtheit, und der von diesen unabtrennliche unsichere
Schritt, die gesamten Sitten der Zeit sind es, die unsre
Uebel herbeigefhrt haben; und so sind es denn weit weniger
die Personen, welche gehandelt haben, denn die Pltze, und
jedermann, und die heftigen Tadler selbst knnen mit hoher
Wahrscheinlichkeit annehmen, da sie, an demselben Platze
sich befindend, durch die Umgebungen ohngefhr zu demselben
Ziele wrden hingedrngt worden sein. Trume man weniger von
berlegter Bosheit und Verrat! Unverstand und Trgheit reichen
fast allenthalben aus, um die Begebenheiten zu erklren; und
dies ist eine Schuld, von der keiner ohne tiefe Selbstprfung
sich ganz lossprechen sollte; da zumal, wo in der ganzen Masse
sich ein sehr hohes Ma von Kraft der Trgheit befindet, dem
einzelnen, der da durchdringen sollte, ein sehr hoher Grad von
Kraft der Ttigkeit beiwohnen mte. Werden daher auch die Fehler
der einzelnen noch so scharf ausgezeichnet, so ist dadurch der
Grund des Uebels noch keineswegs entdeckt, noch wird er dadurch,
da diese Fehler in der Zukunft vermieden werden, gehoben.
Bleiben die Menschen fehlerhaft, so knnen sie nicht anders, denn
Fehler machen; und wenn sie auch die ihrer Vorgnger fliehen,
so werden in dem unendlichen Raume der Fehlerhaftigkeit gar
leicht sich neue finden. Nur eine gnzliche Umschaffung, nur das
Beginnen eines ganz neuen Geistes kann uns helfen. Werden sie
auf desselben Entwicklung mit hinarbeiten, dann wollen wir ihnen
neben dem Ruhme des guten Willens auch noch den des rechten und
heilbringenden Verstandes gern zugestehen.

Diese gegenseitigen Vorwrfe sind, sowie sie ungerecht sind und
unntz, zugleich uerst unklug, und mssen uns tief herabsetzen
in den Augen des Auslandes, dem wir zum Ueberflusse die Kunde
derselben auf alle Weise erleichtern und aufdringen. Wenn wir
nicht mde werden, ihnen vorzuerzhlen, wie verworren und
abgeschmackt alle Dinge bei uns gewesen seien, und in welchem
hohen Grade wir elend regiert worden: mssen sie nicht glauben,
da, wie auch irgend sie sich gegen uns betragen mchten, sie
doch noch immer viel zu gut fr uns seien, und niemals uns zu
schlecht werden knnten? Mssen sie nicht glauben, da wir
bei unsrer groen Ungeschicktheit und Unbeholfenheit, mit dem
demtigsten Danke jedwedes Ding aufzunehmen haben, das sie
aus dem reichen Schatze ihrer Regierungs-, Verwaltungs- und
Gesetzgebungskunst uns schon dargereicht haben, oder noch fr
die Zukunft uns zudenken? Bedarf es von unsrer Seite dieser
Untersttzung ihrer ohnedies nicht unvorteilhaften Meinung
von sich selbst, und der geringfgigen von uns? Werden nicht
dadurch gewisse Aeuerungen, die man auerdem fr bittern Hohn
halten mte, als da sie erst deutschen Lndern, die vorher
kein Vaterland gehabt htten, eins brchten, oder, da sie eine
sklavische Abhngigkeit der Personen als solcher von andern
Personen, die bei uns gesetzlich gewesen wre, abschafften, zur
Wiederholung unsrer eignen Aussprche und zum Nachhalle unsrer
eignen Schmeichelworte? Es ist eine Schmach, die wir Deutsche
mit keinem der andern europischen Vlker, die in den brigen
Schicksalen uns gleich geworden sind, teilen, da wir, sobald nur
fremde Waffen unter uns geboten, gleich als ob wir schon lange
auf diesen Augenblick gewartet htten, und uns schnell, ehe die
Zeit vorber ginge, eine Gte tun wollten, in Schmhungen uns
ergossen ber unsre Regierungen, unsre Gewalthaber, denen wir
vorher auf eine geschmacklose Weise geschmeichelt hatten, und
ber alles Vaterlndische.

Wie wenden wir andern, die wir unschuldig sind, die Schmach
ab von unserm Haupt und lassen die Schuldigen allein stehen?
Es gibt ein Mittel. Es werden von dem Augenblicke an keine
Schmhschriften mehr gedruckt werden, sobald man sicher ist,
da keine mehr gekauft werden, und sobald die Verfasser und
Verleger derselben nicht mehr auf Leser rechnen knnen, die
durch Miggang, leere Neugier und Schwatzsucht, oder durch
die Schadenfreude, gedemtigt zu sehen, was ihnen einst das
schmerzhafte Gefhl der Achtung einflte, angelockt werden. Gebe
jeder, der die Schmach fhlt, eine ihm zum Lesen dargebotene
Schmhschrift mit der gebhrenden Verachtung zurck; tue er
es, obwohl er glaubt, er sei der einzige, der also handelt,
bis es Sitte unter uns wird, da jeder Ehrenmann also tut; und
wir werden, ohne gewaltsame Bcherverbote, gar bald dieses
schmachvollen Teils unsrer Literatur erledigt werden.

Am allertiefsten endlich erniedrigt es uns vor dem Auslande,
wenn wir uns darauf legen, demselben zu schmeicheln. Ein Teil
von uns hat schon frher sich sattsam verchtlich, lcherlich
und ekelhaft gemacht, indem sie den vaterlndischen Gewalthabern
bei jeder Gelegenheit groben Weihrauch darbrachten, und weder
Vernunft, noch Anstand, gute Sitte und Geschmack verschonten,
wo sie glaubten, eine Schmeichelrede anbringen zu knnen. Diese
Sitte ist binnen der Zeit abgekommen, und diese Lobeserhebungen
haben sich zum Teil in Scheltworte verwandelt. Wir gaben
indessen unsern Weihrauchwolken, gleichsam damit wir nicht aus
der Uebung kmen, eine andre Richtung nach der Seite hin, wo
jetzt die Gewalt ist. Schon das erste, sowohl die Schmeichelei
selbst, als da sie nicht verbeten wurde, mute jeden ernsthaft
denkenden Deutschen schmerzen; doch blieb die Sache unter uns.
Wollen wir jetzt auch das Ausland zum Zeugen machen dieser unsrer
niedrigen Sucht, sowie zugleich der groen Ungeschicklichkeit,
mit welcher wir uns derselben entledigen, und so der Verachtung
unsrer Niedrigkeit auch noch den lcherlichen Anblick unsrer
Ungelenkigkeit hinzufgen? Es fehlt uns nmlich in dieser
Verrichtung an aller dem Auslnder eignen Feinheit; um doch ja
nicht berhrt zu werden, werden wir plump und bertreibend, und
heben mit Vergtterungen und Versetzungen unter die Gestirne
gleich an. Dazu kommt, da es bei uns das Ansehen hat, als
ob es vorzglich der Schrecken und die Furcht sei, die unsre
Lobeserhebungen uns auspressen; aber es ist kein Gegenstand
lcherlicher, denn ein Furchtsamer, der die Schnheit und Anmut
desjenigen lobpreist, was er in der Tat fr ein Ungeheuer hlt,
das er durch diese Schmeichelei nur bestechen will, ihn nicht zu
verschlingen.

Oder sind vielleicht diese Lobpreisungen nicht Schmeichelei,
sondern der wahrhafte Ausdruck der Verehrung und Bewunderung,
die sie dem groen Genie, das nach ihnen die Angelegenheiten der
Menschen leitet, zu zollen gentigt sind? Wie wenig kennen sie
auch hier das Geprge der wahren Gre! Darin ist dieselbe in
allen Zeitaltern und unter allen Vlkern sich gleich gewesen,
da sie nicht eitel war, sowie umgekehrt von jeher sicherlich
klein war und niedrig, was Eitelkeit zeigte. Der wahrhaften,
auf sich selber ruhenden Gre gefallen nicht Bildsulen von
der Mitwelt errichtet, oder der Beiname des Groen, und der
schreiende Beifall und die Lobpreisungen der Menge; vielmehr
weiset sie diese Dinge mit gebhrender Verachtung von sich weg
und erwartet ihr Urteil ber sich zunchst von dem eignen Richter
in ihrem Innern, und das laute von der richtenden Nachwelt. Auch
hat mit derselben immer der Zug sich beisammen gefunden, da
sie das dunkle und rtselhafte Verhngnis ehrt und scheut, des
stets rollenden Rades des Geschicks eingedenk bleibt, und sich
nicht gro oder selig preisen lt vor ihrem Ende. Also sind jene
Lobredner im Widerspruche mit sich selbst, und machen durch die
Tat ihrer Worte den Inhalt derselben zur Lge. Hielten sie den
Gegenstand ihrer vorgegebenen Verehrung wirklich fr gro, so
wrden sie sich bescheiden, da er ber ihren Beifall und ihr Lob
erhaben sei, und ihn durch ehrfurchtsvolles Stillschweigen ehren.
Indem sie sich ein Geschft daraus machen, ihn zu loben, so
zeigen sie dadurch, da sie ihn in der Tat fr klein und niedrig
halten, und fr so eitel, da ihre Lobpreisungen ihm gefallen
knnten, und da sie dadurch irgendein Uebel von sich zu wenden,
oder irgendein Gut sich zu verschaffen vermchten.

Jener begeisterte Ausruf: welch ein erhabenes Genie, welch eine
tiefe Weisheit, welch ein umfassender Plan! -- was sagt er denn
nun zuletzt aus, wenn man ihn recht ins Auge fat? Er sagt aus,
da das Genie so gro sei, da auch wir es vollkommen begreifen,
die Weisheit so tief, da auch wir sie durchschauen, der Plan so
umfassend, da auch wir ihn vollstndig nachzubilden vermgen.
Er sagt demnach aus, da der Gelobte ungefhr von demselben Mae
der Gre sei, wie der Lobende, jedoch nicht ganz, indem ja der
letzte den ersten vollkommen versteht und bersieht, und sonach
ber demselben steht, und falls er sich nur recht anstrengte,
wohl noch etwas Greres leisten knnte. Man mu eine sehr gute
Meinung von sich selbst haben, wenn man glaubt, da man also auf
eine gefllige Weise seinen Hof machen knne; und der Gelobte mu
eine sehr geringe von sich haben, wenn er solche Huldigungen mit
Wohlgefallen aufnimmt.

Nein, biedere, ernste, gesetzte, deutsche Mnner und Landsleute,
fern bleibe ein solcher Unverstand von unserm Geiste, und eine
solche Besudelung von unsrer, zum Ausdrucke des Wahren gebildeten
Sprache! Ueberlassen wir es dem Auslande, bei jeder neuen
Erscheinung mit Erstaunen aufzujauchzen; in jedem Jahrzehnt
sich einen neuen Mastab der Gre zu erzeugen und neue Gtter
zu erschaffen; und Gotteslsterungen zu reden, um Menschen zu
preisen. Unser Mastab der Gre bleibe der alte: da gro sei
nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil ber die Vlker
bringen, fhig sei und von ihnen begeistert; ber die lebenden
Menschen aber lat uns das Urteil der richtenden Nachwelt
berlassen!




Vierzehnte Rede.

Beschlu des Ganzen.


Die Reden, welche ich hierdurch beschliee, haben freilich ihre
laute Stimme zunchst an Sie gerichtet, aber sie haben im Auge
gehabt die ganze deutsche Nation, und sie haben in ihrer Absicht
alles, was, so weit die deutsche Zunge reicht, fhig wre,
dieselben zu verstehen, um sich herum versammelt in den Raum, in
dem Sie sichtbarlich atmen. Wre es mir gelungen, in irgendeine
Brust, die hier unter meinem Auge geschlagen hat, einen Funken
zu werfen, der da fortglimme und das Leben ergreife, so ist
es nicht meine Absicht, da diese allein und einsam bleiben,
sondern ich mchte, ber den ganzen gemeinsamen Boden hinweg,
hnliche Gesinnungen und Entschlsse zu ihnen sammeln und an
die ihrigen anknpfen, so da ber den vaterlndischen Boden
hinweg, bis an dessen ferneste Grenzen, aus diesem Mittelpunkte
heraus eine einzige fortflieende und zusammenhngende Flamme
vaterlndischer Denkart sich verbreite und entznde. Nicht zum
Zeitvertreibe miger Ohren und Augen haben sie sich diesem
Zeitalter bestimmt, sondern ich will endlich einmal wissen, und
jeder Gleichgesinnte soll es mit mir wissen, ob auch auer uns
etwas ist, das unsrer Denkart verwandt ist. Jeder Deutsche,
der noch glaubt, Glied einer Nation zu sein, der gro und edel
von ihr denkt, auf sie hofft, fr sie wagt, duldet und trgt,
soll endlich herausgerissen werden aus der Unsicherheit seines
Glaubens; er soll klar sehen, ob er recht habe oder nur ein Tor
und Schwrmer sei, er soll von nun an, entweder mit sicherem und
freudigem Bewutsein seinen Weg fortsetzen, oder mit rstiger
Entschlossenheit Verzicht tun auf ein Vaterland hienieden, und
sich allein mit dem himmlischen trsten. Ihnen, nicht als diesen
und diesen Personen in unserm tglichen und beschrnkten Leben,
sondern als Stellvertretern der Nation, und hindurch durch Ihre
Gehrswerkzeuge der ganzen Nation, rufen diese Reden also zu:

Es sind Jahrhunderte herabgesunken, seitdem ihr nicht also
zusammenberufen worden seid wie heute; in solcher Anzahl;
in einer so groen, so dringenden, so gemeinschaftlichen
Angelegenheit; so durchaus als Nation und Deutsche. Auch wird
es euch niemals wiederum also geboten werden. Merket ihr jetzt
nicht auf und gehet in euch, lasset ihr auch diese Reden wieder
als einen leeren Kitzel der Ohren, oder als ein wunderliches
Ungetm an euch vorbergehen, so wird kein Mensch mehr auf euch
rechnen. Endlich einmal hret, endlich einmal besinnet euch. Geht
nur dieses Mal nicht von der Stelle, ohne einen festen Entschlu
gefat zu haben; und jedweder, der diese Stimme vernimmt, fasse
diesen Entschlu bei sich selbst und fr sich selbst, gleich
als ob er allein da sei, und alles allein tun msse. Wenn
recht viele einzelne so denken, so wird bald ein groes Ganzes
dastehen, das in eine einige, engverbundene Kraft zusammenfliee.
Wenn dagegen jedweder, sich selbst ausschlieend, auf die brigen
hofft, und den andern die Sache berlt, so gibt es gar keine
andern, und alle zusammen bleiben, so wie sie vorher waren. --
Fasset ihn auf der Stelle, diesen Entschlu. Saget nicht, la uns
noch ein wenig ruhen, noch ein wenig schlafen und trumen, bis
etwa die Besserung von selber komme. Sie wird niemals von selbst
kommen. Wer, nachdem er einmal das Gestern versumt hat, das noch
bequemer gewesen wre zur Besinnung, selbst heute noch nicht
wollen kann, der wird es morgen noch weniger knnen. Jeder Verzug
macht uns nur noch trger, und wiegt uns nur noch tiefer ein in
die freundliche Gewhnung an unsern elenden Zustand. Auch knnen
die uern Antriebe zur Besinnung niemals strker und dringender
werden. Wen diese Gegenwart nicht aufregt, der hat sicher alles
Gefhl verloren. -- Ihr seid zusammenberufen, einen letzten und
festen Entschlu und Beschlu zu fassen; keineswegs etwa zu
einem Befehle, einem Auftrage, einer Anmutung an andre, sondern
zu einer Anmutung an euch selber. Eine Entschlieung sollt ihr
fassen, die jedweder nur durch sich selbst und in seiner eignen
Person ausfhren kann. Es reicht hierbei nicht hin jenes mige
Vorsatznehmen, jenes Wollen, irgend einmal zu wollen, jenes trge
Sichbescheiden, da man sich darein ergeben wolle, wenn man
etwa einmal von selber besser wrde; sondern es wird von euch
gefordert ein solcher Entschlu, der zugleich unmittelbar Leben
sei und inwendige Tat, und der da ohne Wanken oder Erkltung
fortdaure und fortwalte, bis er am Ziele sei.

Oder ist vielleicht in euch die Wurzel, aus der ein solcher in
das Leben eingreifender Entschlu allein hervorwachsen kann,
vllig ausgerottet und verschwunden? Ist wirklich und in der
Tat euer ganzes Wesen verdnnet, und zerflossen zu einem
hohlen Schatten, ohne Saft und Blut und eigne Bewegkraft; und
zu einem Traume, in welchem zwar bunte Gesichter sich erzeugen
und geschftig einander durchkreuzen, der Leib aber todhnlich
und erstarrt daliegen bleibt? Es ist dem Zeitalter seit langem
unter die Augen gesagt, und in jeder Einkleidung ihm wiederholt
worden, da man ungefhr also von ihm denke. Seine Wortfhrer
haben geglaubt, da man dadurch nur schmhen wolle, und haben
sich fr aufgefordert gehalten, auch von ihrer Seite wiederum
zurck zu schmhen, wodurch die Sache wieder in ihre natrliche
Ordnung komme. Im brigen hat nicht die mindeste Aenderung oder
Besserung sich spren lassen. Habt ihr es vernommen, ist es fhig
gewesen, euch zu entrsten; nun, so strafet doch diejenigen, die
so von euch denken und reden, geradezu durch eure Tat der Lge:
zeiget euch anders vor aller Welt Augen, und jene sind vor aller
Welt Augen der Unwahrheit berwiesen. Vielleicht, da sie gerade
in der Absicht, von euch also widerlegt zu werden, und weil sie
an jedem andern Mittel, euch aufzuregen, verzweifelten, also hart
von euch geredet haben. Wieviel besser htten sie es sodann mit
euch gemeint, als diejenigen, die euch schmeicheln, damit ihr
erhalten werdet in der trgen Ruhe und in der nichts achtenden
Gedankenlosigkeit!

So schwach und so kraftlos ihr auch immer sein mget, man hat
in dieser Zeit euch die klare und ruhige Besinnung so leicht
gemacht, als sie vorher niemals war. Das, was eigentlich in die
Verworrenheit ber unsre Lage, in unsre Gedankenlosigkeit, in unser
blindes Gehenlassen uns strzte, war die se Selbstzufriedenheit
mit uns und unsrer Weise dazusein. Es war bisher gegangen, und ging
ebenso fort; wer uns zum Nachdenken aufforderte, dem zeigten wir,
statt einer andern Widerlegung, triumphierend unser Dasein und
Fortbestehen, das sich ohne alles unser Nachdenken ergab. Es ging
aber nur darum, weil wir nicht auf die Probe gestellt wurden. Wir
sind seitdem durch sie hindurchgegangen. Seit dieser Zeit sollten
doch wohl die Tuschungen, die Blendwerke, der falsche Trost,
durch die wir alle uns gegenseitig verwirrten, zusammengestrzt
sein! -- Die angeborenen Vorurteile, welche, ohne von hier oder da
auszugehen, wie ein natrlicher Nebel ber alle sich verbreiteten,
und alle in dieselbe Dmmerung einhllten, sollten doch wohl nun
verschwunden sein? Jene Dmmerung hlt nicht mehr unsre Augen; sie
kann uns aber auch nicht ferner zur Entschuldigung dienen. Jetzt
stehen wir da, rein, leer, ausgezogen von allen fremden Hllen und
Umhngen, blo als das, was wir selbst sind. Jetzt mu es sich
zeigen, was dieses Selbst ist, oder nicht ist.

Es drfte jemand unter euch hervortreten und mich fragen: was
gibt gerade dir, dem einzigen unter allen deutschen Mnnern und
Schriftstellern, den besondern Auftrag, Beruf und das Vorrecht,
uns zu versammeln und auf uns einzudringen? htte nicht jeder
unter den Tausenden der Schriftsteller Deutschlands eben dasselbe
Recht dazu, wie du; von denen keiner es tut, sondern du allein
dich hervordrngst? Ich antworte, da allerdings jeder dasselbe
Recht gehabt htte wie ich, und da ich gerade darum es tue, weil
keiner unter ihnen es vor mir getan hat; und da ich schweigen
wrde, wenn ein andrer es frher getan htte. Dies war der
erste Schritt zu dem Ziele einer durchgreifenden Verbesserung;
irgendeiner mute ihn tun. Ich war der, der es zuerst lebendig
einsah; darum wurde ich der, der es zuerst tat. Es wird nach
diesem irgendein andrer Schritt der zweite sein; diesen zu tun
haben jetzt alle dasselbe Recht; wirklich tun aber wird ihn
abermals nur ein einzelner. Einer mu immer der erste sein, und
wer es sein kann, der sei es eben!

Ohne Sorge ber diesen Umstand verweilet ein wenig mit eurem
Blicke bei der Betrachtung, auf die wir schon frher euch gefhrt
haben, in welchem beneidenswrdigen Zustande Deutschland sein
wrde, und in welchem die Welt, wenn das erstere das Glck
seiner Lage zu benutzen, und seinen Vorteil zu erkennen gewut
htte. Heftet darauf euer Auge auf das, was beide nunmehr sind,
und lasset euch durchdringen von dem Schmerz und dem Unwillen,
der jeden Edlen hierbei erfassen mu. Kehret dann zurck zu
euch selbst, und sehet, da ihr es seid, die die Zeit von den
Irrtmern der Vorwelt lossprechen, von deren Augen sie den Nebel
hinwegnehmen will, wenn ihr es zulat; da es euch verliehen ist,
wie keinem Geschlechte vor euch, das Geschehene ungeschehen zu
machen, und den nicht ehrenvollen Zwischenraum auszutilgen aus
dem Geschichtsbuche der Deutschen.

Lasset vor euch vorbergehen die verschiedenen Zustnde, zwischen
denen ihr eine Wahl zu treffen habt. Gehet ihr ferner so hin in
eurer Dumpfheit und Achtlosigkeit, so erwarten euch zunchst alle
Uebel der Knechtschaft: Entbehrungen, Demtigungen, der Hohn
und Uebermut des Ueberwinders; ihr werdet herumgestoen werden
in allen Winkeln, weil ihr allenthalben nicht recht und im Wege
seid, so lange, bis ihr durch Aufopferung eurer Nationalitt und
Sprache euch irgendein untergeordnetes Pltzchen erkauft, und
bis auf diese Weise allmhlich euer Volk auslscht. Wenn ihr
euch dagegen ermannt zum Aufmerken, so findet ihr zuvrderst
eine ertrgliche und ehrenvolle Fortdauer, und sehet noch unter
euch und um euch herum ein Geschlecht aufblhen, das euch und
den Deutschen das rhmlichste Andenken verspricht. Ihr sehet
im Geiste durch dieses Geschlecht den deutschen Namen zum
glorreichsten unter allen Vlkern erheben, ihr sehet diese Nation
als Wiedergebrerin und Wiederherstellerin der Welt.

Es hngt von euch ab, ob ihr das Ende sein wollt und die letzten
eines nicht achtungswrdigen und bei der Nachwelt gewi sogar
ber die Gebhr verachteten Geschlechts, bei dessen Geschichte
die Nachkommen, falls es nmlich in der Barbarei, die da
beginnen wird, zu einer Geschichte kommen kann, sich freuen
werden, wenn es mit ihnen zu Ende ist, und das Schicksal
preisen werden, da es gerecht sei; oder ob ihr der Anfang sein
wollt und der Entwicklungspunkt einer neuen, ber alle eure
Vorstellungen herrlichen Zeit, und diejenigen, von denen an die
Nachkommenschaft die Jahre ihres Heils zhle. Bedenket, da ihr
die letzten seid, in deren Gewalt diese groe Vernderung steht.
Ihr habt doch noch die Deutschen als eins nennen hren, ihr
habt ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit, ein Reich und einen
Reichsverband gesehen, oder davon vernommen; unter euch haben
noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hren lassen, die von dieser
hhern Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt,
wird sich an andre Vorstellungen gewhnen, es wird fremde Formen
und einen andern Geschfts- und Lebensgang annehmen; und wie
lange wird es noch dauern, da keiner mehr lebe, der Deutsche
gesehen, oder von ihnen gehrt habe?

Was von euch gefordert wird, ist nicht viel. Ihr sollt es nur
ber euch erhalten, euch auf kurze Zeit zusammenzunehmen und zu
denken ber das, was euch unmittelbar und offenbar vor den Augen
liegt. Darber nur sollt ihr euch eine feste Meinung bilden,
derselben treu bleiben und sie in eurer nchsten Umgebung auch
uern und aussprechen. Es ist die Voraussetzung, es ist unsre
sichere Ueberzeugung, da der Erfolg dieses Denkens bei euch
allen auf die gleiche Weise ausfallen werde, und da, wenn
ihr nur wirklich denket, und nicht hingehet in der bisherigen
Achtlosigkeit, ihr bereinstimmend denken werdet; da wenn ihr
nur berhaupt Geist euch anschaffet, und nicht in dem bloen
Pflanzenleben verharren bleibt, die Einmtigkeit und Eintracht
des Geistes von selbst kommen werde. Ist es aber einmal dazu
gekommen, so wird alles brige, was uns ntig ist, sich von
selbst ergeben.

Dieses Denken aber wird denn auch in der Tat gefordert von
jedem unter euch, der da noch denken kann ber etwas offen
vor seinen Augen Liegendes, in seiner eignen Person. Ihr
habt Zeit dazu; der Augenblick will euch nicht bertuben und
berraschen; die Akten der mit euch gepflogenen Unterhandlungen
bleiben unter euren Augen liegen. Legt sie nicht aus den Hnden,
bis ihr einig geworden seid mit euch selbst. Lasset, o lasset
euch ja nicht lssig machen durch das Verlassen auf andre,
oder auf irgend etwas, das auerhalb eurer selbst liegt; noch
durch die unverstndige Weisheit der Zeit, da die Zeitalter
sich selbst machen, ohne alles menschliche Zutun, vermittelst
irgendeiner unbekannten Kraft. Diese Reden sind nicht mde
geworden, euch einzuschrfen, da euch durchaus nichts helfen
kann, denn ihr euch selber, und sie finden ntig, es bis auf den
letzten Augenblick zu wiederholen. Wohl mgen Regen und Tau und
unfruchtbare oder fruchtbare Jahre gemacht werden durch eine
uns unbekannte und nicht unter unsrer Gewalt stehende Macht;
aber die ganz eigentmliche Zeit der Menschen, die menschlichen
Verhltnisse, machen nur die Menschen sich selber und schlechthin
keine auer ihnen befindliche Macht. Nur wenn sie alle insgesamt
gleich blind und unwissend sind, fallen sie dieser verborgenen
Macht anheim: aber es steht bei ihnen, nicht blind und unwissend
zu sein. Zwar in welchem hhern oder niedern Grade es uns bel
gehen wird, dies mag abhngen teils von jener unbekannten Macht,
ganz besonders aber von dem Verstande und dem guten Willen
derer, denen wir unterworfen sind. Ob aber jemals es uns wieder
wohlgehen soll, dies hngt ganz allein von uns ab, und es wird
sicherlich nie wieder irgendein Wohlsein an uns kommen, wenn
wir nicht selbst es uns verschaffen: und insbesondere, wenn
nicht jeder einzelne unter uns in seiner Weise tut und wirket,
als ob er allein sei, und als ob lediglich auf ihm das Heil der
knftigen Geschlechter beruhe.

Dies ist's, was ihr zu tun habt; dies ohne Sumen zu tun,
beschwren euch diese Reden.

Sie beschwren euch, Jnglinge. Ich, der ich schon seit geraumer
Zeit aufgehrt habe zu euch zu gehren, halte dafr, und habe es
auch in diesen Reden ausgesprochen, da ihr noch fhiger seid eines
jeglichen ber das Gemeine hinausliegenden Gedankens und erregbarer
fr jedes Gute und Tchtige, weil euer Alter noch nher liegt den
Jahren der kindlichen Unschuld und der Natur. Ganz anders sieht
diesen Grundzug an euch an die Mehrheit der lteren Welt. Diese
klaget euch an der Anmaung, des vorschnellen, vermessenen und eure
Krfte berfliegenden Urteils, der Rechthaberei, der Neuerungssucht.
Jedoch lchelt sie nur gutmtig dieser eurer Fehler. Alles dieses,
meint sie, sei begrndet lediglich durch euren Mangel an Kenntnis
der Welt, d. h. des allgemeinen menschlichen Verderbens, denn fr
etwas anders an der Welt haben sie nicht Augen. Jetzt nur, weil
ihr gleichgesinnte Gehilfen zu finden hofftet und den grimmigen
und hartnckigen Widerstand, den man euren Entwrfen des Bessern
entgegensetzen werde, nicht kenntet, httet ihr Mut. Wenn nur das
jugendliche Feuer eurer Einbildungskraft einmal verflogen sein werde,
wenn ihr nur die allgemeine Selbstsucht, Trgheit und Arbeitsscheu
wahrnehmen wrdet, wenn ihr nur die Sigkeit des Fortgehens in
dem gewohnten Gleise selbst einmal recht wrdet geschmeckt haben:
so werde euch die Lust, besser und klger sein zu wollen, denn die
andern alle, schon vergehen. Sie greifen diese gute Hoffnung von euch
nicht etwa aus der Luft; sie haben dieselbe an ihrer eignen Person
besttigt gefunden. Sie mssen bekennen, da sie in den Tagen ihrer
unverstndigen Jugend ebenso von Weltverbesserung getrumt haben,
wie ihr jetzt; dennoch seien sie bei zunehmender Reife so zahm und
ruhig geworden, wie ihr sie jetzt sehet. Ich glaube ihnen; ich habe
selbst schon in meiner nicht sehr langwierigen Erfahrung erlebt,
da Jnglinge, die erst andre Hoffnung erregten, dennoch spterhin
jenen wohlmeinenden Erwartungen dieses reifen Alters vollkommen
entsprachen. Tut dies nicht lnger, Jnglinge, denn wie knnte sonst
jemals ein besseres Geschlecht beginnen? Der Schmelz der Jugend zwar
wird von euch abfallen, und die Flamme der Einbildungskraft wird
aufhren, sich aus sich selber zu ernhren; aber fasset diese Flamme
und verdichtet sie durch klares Denken, macht euch zu eigen die Kunst
dieses Denkens, und ihr werdet die schnste Ausstattung des Menschen,
den Charakter, noch zur Zugabe bekommen. An jenem klaren Denken
erhaltet ihr die Quelle der ewigen Jugendblte; wie auch euer Krper
altere oder eure Knie wanken, euer Geist wird in stets erneuerter
Frischheit sich wiedergebren und euer Charakter feststehen und ohne
Wandel. Ergreift sogleich die sich hier euch darbietende Gelegenheit;
denkt klar ber den euch zur Beratung vorgelegten Gegenstand; die
Klarheit, die in einem Punkte fr euch angebrochen ist, wird sich
allmhlich auch ber allen brigen verbreiten.

Diese Reden beschwren euch Alte. So wie ihr eben gehrt
habt, denkt man von euch, und sagt es euch unter die Augen;
und der Redner setzt in seiner eignen Person freimtig hinzu,
da, die freilich auch nicht selten vorkommenden und um so
verehrungswrdigern Ausnahmen abgerechnet, in Absicht der groen
Mehrheit unter euch man vollkommen recht hat. Gehe man durch die
Geschichte der letzten zwei oder drei Jahrzehnte; alles auer ihr
selbst stimmt berein, sogar ihr selbst, jeder in dem Fache, das
ihn nicht unmittelbar trifft, stimmt mit berein, da, immer die
Ausnahmen abgerechnet und nur auf die Mehrheit gesehen, in allen
Zweigen, in der Wissenschaft sowie in den Geschften des Lebens,
die grere Untauglichkeit und Selbstsucht sich bei dem hheren
Alter gefunden habe. Die ganze Mitwelt hat es mit angesehen, da
jeder, der das Bessere und Vollkommenere wollte, auer dem Kampfe
mit seiner eignen Unklarheit und den brigen Umgebungen noch den
schwersten Kampf mit euch zu fhren hatte; da ihr des festen
Vorsatzes waret, es msse nichts aufkommen, was ihr nicht ebenso
gemacht und gewut httet; da ihr jede Regung des Denkens fr
eine Beschimpfung eures Verstandes ansahet, und da ihr keine
Kraft ungebraucht lieet, um in dieser Bekmpfung des Bessern zu
siegen, wie ihr denn gewhnlich auch wirklich siegtet. So waret
ihr die aufhaltende Kraft aller Verbesserungen, welche die gtige
Natur aus ihrem stets jugendlichen Schoe uns darbot, so lange,
bis ihr versammelt wurdet zu dem Staube, der ihr schon vorher
waret, und das folgende Geschlecht, im Kriege mit euch, euch
gleich geworden war und eure bisherige Verrichtung bernahm. Ihr
drft nur auch jetzt handeln, wie ihr bisher bei allen Antrgen
zur Verbesserung gehandelt habt, ihr drft nur wiederum eure
eitle Ehre, da zwischen Himmel und Erde nichts sein solle,
das ihr nicht schon erforscht httet, dem gemeinsamen Wohle
vorziehen: so seid ihr durch diesen letzten Kampf alles fernern
Kmpfens berhoben; es wird keine Verbesserung erfolgen, sondern
Verschlimmerung auf Verschlimmerung, so da ihr noch manche
Freude erleben knnt.

Man wolle nicht glauben, da ich das Alter als Alter verachte und
herabsetze. Wird nur durch Freiheit die Quelle des ursprnglichen
Lebens und seiner Fortbewegung aufgenommen in das Leben, so
wchst die Klarheit und mit ihr die Kraft, solange das Leben
dauert. Ein solches Leben lebt sich besser, die Schlacken der
irdischen Abkunft fallen immer mehr ab, und es veredelt sich
herauf zum ewigen Leben und blht ihm entgegen. Die Erfahrung
eines solchen Alters shnt nicht aus mit dem Bsen, sondern sie
macht nur die Mittel klarer und die Kunst gewandter, um dasselbe
siegreich zu bekmpfen. Die Verschlimmerung durch zunehmendes
Alter ist lediglich die Schuld unsrer Zeit, und allenthalben,
wo die Gesellschaft sehr verdorben ist, mu dasselbe erfolgen.
Nicht die Natur ist es, die uns verdirbt, diese erzeugt uns
in Unschuld, die Gesellschaft ist's. Wer nun der Einwirkung
derselben einmal sich bergibt, der mu natrlich immer
schlechter werden, je lnger er diesem Einflusse ausgesetzt ist.
Es wre der Mhe wert, die Geschichte andrer sehr verdorbener
Zeitalter in dieser Rcksicht zu untersuchen und zu sehen,
ob nicht zum Beispiel auch unter der Regierung der rmischen
Imperatoren das, was einmal schlecht war, mit zunehmendem Alter
immer schlechter geworden.

Euch Alte sonach und Erfahrene, die ihr die Ausnahme macht, euch
zuvrderst beschwren diese Reden: besttigt, bestrkt, beratet
in dieser Angelegenheit die jngere Welt, die ehrfurchtsvoll ihre
Blicke nach euch richtet. Euch andre aber, die ihr in der Regel
seid, beschwren sie: helfen sollt ihr nicht, stret nur dieses
einzige Mal nicht, stellt euch nicht wieder, wie bisher immer, in
den Weg mit eurer Weisheit und euren tausend Bedenklichkeiten.
Diese Sache, sowie jede vernnftige Sache in der Welt, ist nicht
tausendfach, sondern einfach, welches auch unter die tausend
Dinge gehrt, die ihr nicht wit. Wenn eure Weisheit retten
knnte, so wrde sie uns ja frher gerettet haben, denn ihr seid
es ja, die uns bisher beraten haben. Dies ist nun, sowie alles
andre, vergeben, und soll euch nicht weiter vorgerckt werden.
Lernt nur endlich einmal euch selbst erkennen, und schweiget.

Diese Reden beschwren euch Geschftsmnner. Mit wenigen
Ausnahmen waret ihr bisher dem abgezogenen Denken und aller
Wissenschaft, die fr sich selbst etwas zu sein begehrte, von
Herzen feind, obwohl ihr euch die Miene gabet, als ob ihr
dieses alles nur vornehm verachtet; ihr hieltet die Mnner, die
dergleichen trieben, und ihre Vorschlge so weit von euch weg,
als ihr irgend konntet; und der Vorwurf des Wahnsinnes, oder der
Rat, sie ins Tollhaus zu schicken, war der Dank, auf den sie
bei euch am gewhnlichsten rechnen konnten. Diese hinwiederum
getrauten sich zwar nicht ber euch mit derselben Freimtigkeit
sich zu uern, weil sie von euch abhingen, aber ihres innern
Herzens wahrhafte Meinung war die: da ihr mit wenigen Ausnahmen
seichte Schwtzer seiet und aufgeblasene Prahler, Halbgelehrte,
die durch die Schule nur hindurchgelaufen, blinde Zutapper und
Fortschleicher im alten Geleise, und die sonst nichts wollten
oder knnten. Straft sie durch die Tat der Lge, und erweiset
hierzu die jetzt euch dargebotene Gelegenheit; legt ab jene
Verachtung fr grndliches Denken und Wissenschaft, lat euch
bedeuten, und hret und lernet, was ihr nicht wit; auerdem
behalten eure Anklger recht.

Diese Reden beschwren euch Denker, Gelehrte, Schriftsteller, die
ihr dieses Namens noch wert seid. Jener Tadel der Geschftsmnner
an euch war in gewissem Sinne nicht ungerecht. Ihr ginget oft
zu unbesorgt im Gebiete des bloen Denkens fort, ohne euch um
die wirkliche Welt zu bekmmern, und nachzusehen, wie jenes an
diese angeknpft werden knne; ihr beschriebet euch eure eigne
Welt, und lieet die wirkliche zu verachtet und verschmhet auf
der Seite liegen. Zwar mu alle Anordnung und Gestaltung des
wirklichen Lebens ausgehen vom hheren ordnenden Begriffe, und
das Fortgehen im gewohnten Geleise tut's ihm nicht; dies ist eine
ewige Wahrheit, und drckt in Gottes Namen mit unverhohlener
Verachtung jeglichen nieder, der es wagt, sich mit den Geschften
zu befassen, ohne dieses zu wissen. Zwischen dem Begriffe jedoch
und der Einfhrung desselben in jedwedes besondere Leben liegt
eine groe Kluft. Diese Kluft auszufllen ist sowohl das Werk des
Geschftsmannes, der freilich schon vorher so viel gelernt haben
soll, um euch zu verstehen, als auch das eurige, die ihr ber
der Gedankenwelt das Leben nicht vergessen sollt. Hier trefft
ihr beide zusammen. Statt ber die Kluft hinber einander scheel
anzusehen und herabzuwrdigen, beeifere sich vielmehr jeder
Teil von seiner Seite dieselbe auszufllen, und so den Weg zur
Vereinigung zu bahnen. Begreift es doch endlich, da ihr beide
untereinander euch also notwendig seid, wie Kopf und Arm sich
notwendig sind.

Diese Reden beschwren noch in andern Rcksichten euch Denker,
Gelehrte, Schriftsteller, die ihr dieses Namens noch wert seid.
Eure Klagen ber die allgemeine Seichtigkeit, Gedankenlosigkeit
und Verflossenheit, ber den Klugdnkel und das unversiegbare
Geschwtz, ber die Verachtung des Ernstes und der Grndlichkeit
in allen Stnden mgen wahr sein, wie sie es denn sind. Aber
welcher Stand ist es denn, der diese Stnde insgesamt erzogen
hat, der ihnen alles Wissenschaftliche in ein Spiel verwandelt,
und von der frhesten Jugend an zu jenem Klugdnkel und jenem
Geschwtze sie angefhrt hat? Wer ist es denn, der auch die
der Schule entwachsenen Geschlechter noch immerfort erzieht?
Der in die Augen fallendste Grund der Dumpfheit des Zeitalters
ist der, da es sich dumpf gelesen hat an den Schriften, die
ihr geschrieben habt. Warum lat ihr dennoch immerfort euch so
angelegen sein, dieses mige Volk zu unterhalten, unerachtet
ihr wit, da es nichts gelernt hat und nichts lernen will;
nennt es Publikum, schmeichelt ihm als eurem Richter, hetzt
es auf gegen eure Mitbewerber, und sucht diesen blinden und
verworrenen Haufen durch jedes Mittel auf eure Seite zu bringen;
gebt endlich selbst in euren Rezensieranstalten und Journalen
ihm so Stoff wie Beispiel seiner vorschnellen Urteilerei, indem
ihr da ebenso ohne Zusammenhang, und so aus freier Hand in den
Tag hinein urteilt, meist ebenso abgeschmackt, wie es auch der
letzte eurer Leser knnte? Denkt ihr nicht alle so, gibt es
unter euch noch Bessergesinnte, warum vereinigen sich denn nicht
diese Bessergesinnten, um dem Unheile ein Ende zu machen? Was
insbesondere jene Geschftsmnner anbelangt; diese sind bei euch
durch die Schule gelaufen, ihr sagt es selbst. Warum habt ihr
denn diesen ihren Durchgang nicht wenigstens dazu benutzt, um
ihnen einige stumme Achtung fr die Wissenschaften einzuflen,
und besonders dem hochgeborenen Jnglinge den Eigendnkel
beizeiten zu brechen, und ihm zu zeigen, da Stand und Geburt in
Sachen des Denkens nichts frdert? Habt ihr ihm vielleicht schon
damals geschmeichelt, und ihn ungebhrlich hervorgehoben, so
traget nun, was ihr selbst veranlat habt!

Sie wollen euch entschuldigen, diese Reden, mit der Voraussetzung,
da ihr die Wichtigkeit eures Geschfts nicht begriffen httet; sie
beschwren euch, da ihr euch von Stund an bekannt macht mit dieser
Wichtigkeit, und es nicht lnger als ein bloes Gewerbe treibt. Lernt
euch selbst achten, und zeigt in eurem Handeln, da ihr es tut, und
die Welt wird euch achten. Die erste Probe davon werdet ihr ablegen
durch den Einflu, den ihr auf die angetragene Entschlieung euch
geben, und durch die Weise, wie ihr euch dabei benehmen werdet.

Diese Reden beschwren euch Frsten Deutschlands. Diejenigen,
die euch gegenber so tun, als ob man euch gar nichts sagen
drfte, oder zu sagen htte, sind verchtliche Schmeichler, sie
sind arge Verleumder eurer selbst; weiset sie weit weg von euch.
Die Wahrheit ist, da ihr ebenso unwissend geboren werdet, als
wir andern alle, und da ihr hren mt und lernen, gleich wie
auch wir, wenn ihr herauskommen sollt aus dieser natrlichen
Unwissenheit. Euer Anteil an der Herbeifhrung des Schicksals,
das euch zugleich mit euren Vlkern betroffen hat, ist hier auf
die mildeste, und wie wir glauben, auf die allein gerechte und
billige Weise dargelegt worden, und ihr knnt euch, falls ihr
nicht etwa nur Schmeichelei, niemals aber Wahrheit hren wollt,
ber diese Reden nicht beklagen. Dies alles sei vergessen, so
wie wir andern alle auch wnschen, da unser Anteil an der
Schuld vergessen werde. Jetzt beginnt, so wie fr uns alle, also
auch fr euch, ein neues Leben. Mchte doch diese Stimme durch
alle die Umgebungen hindurch, die euch unzugnglich zu machen
pflegen, bis zu euch dringen! Mit stolzem Selbstgefhl darf sie
euch sagen: ihr beherrschet Vlker, treu, bildsam, des Glcks
wrdig, wie keiner Zeit und keiner Nation Frsten sie beherrscht
haben. Sie haben Sinn fr die Freiheit und sind derselben fhig;
aber sie sind euch gefolgt in den blutigen Krieg gegen das, was
ihnen Freiheit schien, weil ihr es so wolltet. Einige unter euch
haben spterhin anders gewollt, und sie sind euch gefolgt in
das, was ihnen ein Ausrottungskrieg scheinen mute gegen einen
der letzten Reste deutscher Unabhngigkeit und Selbstndigkeit;
auch weil ihr es so wolltet. Sie dulden und tragen seitdem die
drckende Last gemeinsamer Uebel; und sie hrten nicht auf,
euch treu zu sein, mit inniger Ergebung an euch zu hangen, und
euch zu lieben, als ihre ihnen von Gott verliehenen Vormnder.
Mchtet ihr sie doch, unbemerkt von ihnen, beobachten knnen;
mchtet ihr doch, frei von den Umgebungen, die nicht immer die
schnste Seite der Menschheit euch darbieten, herabsteigen knnen
in die Huser des Brgers, in die Htten des Landmanns, und dem
stillen und verborgenen Leben dieser Stnde, zu denen die in
den hhern Stnden seltener gewordene Treue und Biederkeit ihre
Zuflucht genommen zu haben scheint, betrachtend folgen knnen;
gewi, o gewi wrde euch der Entschlu ergreifen, ernstlicher
denn jemals nachzudenken, wie ihnen geholfen werden knne. Diese
Reden haben euch ein Mittel der Hilfe vorgeschlagen, das sie
fr sicher, durchgreifend und entscheidend halten. Lasset eure
Rte sich beratschlagen, ob sie es auch so finden, oder ob sie
ein besseres wissen, nur, da es ebenso entscheidend sei. Die
Ueberzeugung aber, da etwas geschehen msse, und auf der Stelle
geschehen msse, und etwas Durchgreifendes und Entscheidendes
geschehen msse, und da die Zeit der halben Maregeln und der
Hinhaltungsmittel vorber sei: diese Ueberzeugung mchten sie
gern, wenn sie knnten, bei euch selbst hervorbringen, indem sie
zu eurem Biedersinne noch das meiste Vertrauen hegen.

Euch Deutsche insgesamt, welchen Platz in der Gesellschaft
ihr einnehmen mget, beschwren diese Reden, da jeder unter
euch, der da denken kann, zuvrderst denke ber den angeregten
Gegenstand, und da jeder dafr tue, was gerade ihm an seinem
Platze am nchsten liegt.

Es vereinigen sich mit diesen Reden und beschwren euch eure
Vorfahren. Denket, da in meine Stimme sich mischen die Stimmen
eurer Ahnen aus der grauen Vorwelt, die mit ihren Leibern sich
entgegengestemmt haben der heranstrmenden rmischen Weltherrschaft,
die mit ihrem Blute erkmpft haben die Unabhngigkeit der Berge,
Ebenen und Strme, welche unter euch den Fremden zur Beute geworden
sind. Sie rufen euch zu: vertretet uns, berliefert unser Andenken
ebenso ehrenvoll und unbescholten der Nachwelt, wie es auf euch
gekommen ist, und wie ihr euch dessen und der Abstammung von uns
gerhmt habt. Bis jetzt galt unser Widerstand fr edel und gro und
weise, wir schienen die Eingeweihten zu sein und die Begeisterten
des gttlichen Weltplans. Gehet mit euch unser Geschlecht aus, so
verwandelt sich unsre Ehre in Schimpf, und unsre Weisheit in Torheit.
Denn sollte der deutsche Stamm einmal untergehen in das Rmertum,
so war es besser, da es in das alte geschhe, denn in ein neues.
Wir standen jenem und besiegten es; ihr seid verstubt worden vor
diesem. Auch sollt ihr nun, nachdem einmal die Sachen also stehen,
sie nicht besiegen mit leiblichen Waffen; nur euer Geist soll sich
ihnen gegenber erheben und aufrechtstehen. Euch ist das grere
Geschick zuteil geworden, berhaupt das Reich des Geistes und der
Vernunft zu begrnden, und die rohe krperliche Gewalt insgesamt, als
beherrschendes der Welt, zu vernichten. Werdet ihr dies tun, dann
seid ihr wrdig der Abkunft von uns.

Auch mischen in diese Stimmen sich die Geister eurer sptern
Vorfahren, die da fielen im heiligen Kampfe fr Religions- und
Glaubensfreiheit. Rettet auch unsre Ehre, rufen sie euch zu. Uns
war nicht ganz klar, wofr wir stritten; auer dem rechtsmigen
Entschlusse, in Sachen des Gewissens durch uere Gewalt uns
nicht gebieten zu lassen, trieb uns noch ein hherer Geist, der
uns niemals sich ganz enthllte. Euch ist er enthllt, dieser
Geist, falls ihr eine Sehkraft habt fr die Geisterwelt, und
blickt euch an mit hohen klaren Augen. Das bunte und verworrene
Gemisch der sinnlichen und geistigen Antriebe durcheinander soll
berhaupt der Weltherrschaft entsetzt werden, und der Geist
allein, rein und ausgezogen von allen sinnlichen Antrieben, soll
an das Ruder der menschlichen Angelegenheiten treten. Damit
diesem Geiste die Freiheit werde, sich zu entwickeln und zu einem
selbstndigen Dasein emporzuwachsen, dafr flo unser Blut. An
euch ist's, diesem Opfer seine Bedeutung und seine Rechtfertigung
zu geben, indem ihr diesen Geist einsetzt in die ihm bestimmte
Weltherrschaft. Erfolgt nicht dieses, als das letzte, worauf
alle bisherige Entwicklung unsrer Nation zielte, so werden auch
unsre Kmpfe zum vorberrauschenden leeren Possenspiele, und
die von uns erfochtene Geistes- und Gewissensfreiheit ist ein
leeres Wort, wenn es von nun an berhaupt nicht lnger Geist oder
Gewissen geben soll.

Es beschwren euch eure noch ungeborne Nachkommen. Ihr rhmt
euch eurer Vorfahren, rufen sie euch zu, und schliet mit Stolz
euch an an eine edle Reihe. Sorget, da bei euch die Kette nicht
abreie: machet, da auch wir uns eurer rhmen knnen, und durch
euch, als untadeliges Mittelglied, hindurch uns anschlieen an
dieselbe glorreiche Reihe. Veranlasset nicht, da wir uns der
Abkunft von euch schmen mssen, als einer niedern, barbarischen,
sklavischen, da wir unsre Abstammung verbergen oder einen
fremden Namen und eine fremde Abkunft erlgen mssen, um nicht
sogleich, ohne weitere Prfung, weggeworfen oder zertreten zu
werden. Wie das nchste Geschlecht, das von euch ausgehen wird,
sein wird, also wird euer Andenken ausfallen in der Geschichte:
ehrenvoll, wenn dieses ehrenvoll fr euch zeugt; sogar ber die
Gebhr schmhlich, wenn ihr keine laute Nachkommenschaft habt,
und der Sieger eure Geschichte macht. Noch niemals hat ein
Sieger Neigung oder Kunde genug gehabt, um die Ueberwundenen
gerecht zu beurteilen. Je mehr er sie herabwrdigt, desto
gerechter steht er selbst da. Wer kann wissen, welche Grotaten,
welche treffliche Einrichtungen, welche edle Sitten manches
Volkes der Vorwelt in Vergessenheit geraten sind, weil die
Nachkommen unterjocht wurden, und der Ueberwinder, seinen Zwecken
gem, unwidersprochen Bericht ber sie erstattete.

Es beschwret euch selbst das Ausland, inwiefern dasselbe nur
noch im mindesten sich selbst versteht und noch ein Auge hat
fr seinen wahren Vorteil. Ja, es gibt noch unter allen Vlkern
Gemter, die noch immer nicht glauben knnen, da die groen
Verheiungen eines Reichs des Rechts, der Vernunft und der
Wahrheit an das Menschengeschlecht eitel und ein leeres Trugbild
seien, und die daher annehmen, da die gegenwrtige eiserne Zeit
nur ein Durchgang sei zu einem bessern Zustande. Diese, und
in ihnen die gesamte neuere Menschheit, rechnet auf euch. Ein
groer Teil derselben stammt ab von uns, die brigen haben von
uns Religion und jedwede Bildung erhalten. Jene beschwren uns
bei dem gemeinsamen vaterlndischen Boden, auch ihrer Wiege, den
sie uns frei hinterlassen haben; diese bei der Bildung, die sie
von uns als Unterpfand eines hhern Glcks bekommen haben -- uns
selbst auch fr sie, und um ihrer willen zu erhalten, so wie wir
immer gewesen sind, aus dem Zusammenhange des neu entsprossenen
Geschlechts nicht dieses ihm so wichtige Glied herausreien zu
lassen, damit, wenn sie einst unsers Rates, unsers Beispiels,
unsrer Mitwirkung gegen das wahre Ziel des Erdenlebens hin
bedrfen, sie uns nicht schmerzlich vermissen.

Alle Zeitalter, alle Weise und Gute, die jemals auf dieser Erde
geatmet haben, alle ihre Gedanken und Ahnungen eines Hhern,
mischen sich in diese Stimmen und umringen euch, und heben
flehende Hnde zu euch auf; selbst, wenn man so sagen darf, die
Vorsehung und der gttliche Weltplan bei Erschaffung eines
Menschengeschlechts, der ja nur da ist, um von Menschen gedacht
und durch Menschen in die Wirklichkeit eingefhrt zu werden,
beschwret euch, seine Ehre und sein Dasein zu retten. Ob jene,
die da glaubten, es msse immer besser werden mit der Menschheit,
und die Gedanken einer Ordnung und einer Wrde derselben seien
keine leeren Trume, sondern die Weissagung und das Unterpfand der
einstigen Wirklichkeit, recht behalten sollen, oder diejenigen, die
in ihrem Tier- und Pflanzenleben hinschlummern, und jedes Auffluges
in hhere Welten spotten: -- darber ein letztes Endurteil zu
begrnden, ist euch anheimgefallen. Die alte Welt mit ihrer
Herrlichkeit und Gre, sowie mit ihren Mngeln, ist versunken,
durch die eigne Unwrde und durch die Gewalt eurer Vter. Ist in
dem, was in diesen Reden dargelegt worden, Wahrheit, so seid unter
allen neueren Vlkern ihr es, in denen der Keim der menschlichen
Vervollkommnung am entschiedensten liegt, und denen der Vorschritt
in der Entwicklung derselben aufgetragen ist. Gehet ihr in dieser
eurer Wesenheit zugrunde, so gehet mit euch zugleich alle Hoffnung
des gesamten Menschengeschlechts auf Rettung aus der Tiefe seiner
Uebel zugrunde. Hoffet nicht und trstet euch nicht mit der aus der
Luft gegriffenen, auf bloe Wiederholung der schon eingetretenen
Flle rechnenden Meinung, da ein zweites Mal, nach Untergang der
alten Bildung, eine neue, auf den Trmmern der ersten, aus einer
halbbarbarischen Nation hervorgehen werde. In der alten Zeit war
ein solches Volk, mit allen Erfordernissen zu dieser Bestimmung
ausgestattet, vorhanden, und war dem Volke der Bildung recht wohl
bekannt und ist von ihnen beschrieben; und diese selbst, wenn
sie den Fall ihres Unterganges zu setzen vermocht htten, wrden
an diesem Volke das Mittel der Wiederherstellung haben entdecken
knnen. Auch uns ist die gesamte Oberflche der Erde recht wohl
bekannt, und alle die Vlker, die auf derselben leben. Kennen wir
denn nun ein solches, dem Stammvolke der neuen Welt hnliches
Volk, von welchem die gleichen Erwartungen sich fassen lieen? Ich
denke, jeder, der nur nicht blo schwrmerisch meint und hofft,
sondern grndlich untersuchend denkt, werde diese Frage mit Nein
beantworten mssen. Es ist daher kein Ausweg: wenn ihr versinkt, so
versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen
Wiederherstellung.

Dies war es, E. V., was ich Ihnen, als meinen Stellvertreter der
Nation, und durch Sie der gesamten Nation, am Schlusse dieser
Reden noch einschrfen wollte und sollte.

       *       *       *       *       *




Die folgende Liste enthlt die vorgenommenen nderungen.


  Vierte Rede:
    S. 66: erlassen -> erfassen (gar nicht zu erfassen)
    S. 70: den -> denn (denn jener selbst)
  Fnfte Rede:
    S. 75: Ganze -> Ganzes (ein vollendetes Ganzes)
  Sechste Rede:
    S. 98: er -> es (so fand es keinen Gegner)
  Achte Rede:
    S. 124: letzen -> letzten (Die vier letzten Reden)
  Zehnte Rede:
    S. 175: da -> das (das nicht in ihm selbst)
  Elfte Rede:
    S. 192: allerhochsten -> allerhchsten (allerhchsten Gewinn)
  Vierzehnte Rede:
    S. 235: da -> das (etwas ist, das unsrer)





End of the Project Gutenberg EBook of Reden an die deutsche Nation, by 
Johann Gottlieb Fichte

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK REDEN AN DIE DEUTSCHE NATION ***

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LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

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violates the law of the state applicable to this agreement, the
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or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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