The Project Gutenberg eBook, Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824, by
Philippe Suchard


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Title: Mein Besuch Amerika's im Sommer 1824
       Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und Virginien zurck


Author: Philippe Suchard



Release Date: February 2, 2015  [eBook #48140]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN BESUCH AMERIKA'S IM SOMMER
1824***


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MEIN BESUCH AMERIKA'S IM SOMMER 1824.

Ein Flug durch die Vereinstaaten Maryland, Pensylvanien, New-York
zum Niagarafall, und durch die Staaten Ohio, Indiana, Kentuky und
Virginien zurck.

Von S. v. N.







Aarau, 1827.
Bei Heinrich Remigius Sauerlnder.




1.

Die Abreise.

(20. bis 28. Mai.)


Aber um aller Welt willen, Vetter, warum wollen Sie doch in alle Welt?
riefen mir Vettern, Muhmen, Basen zu, als mein Entschlu bekannt ward.

-- Die vereinten Staaten von Nordamerika sind ja nicht alle Welt! -- war
meine Antwort.

Wir sehen Sie in diesem Leben nicht wieder.

-- Hm, ich denke, noch vor Weihnachten. Es ist von hier bis Amerika nicht
gar weit. Morgen reis' ich ab. In sechs, acht Wochen geh' ich in Amerika
schon spazieren.

Und, Vetterchen, bedenken Sie doch die tausend Gefahren auf dem Meere!

-- Ich sehe da deren nicht mehr, als auf dem Lande; nmlich, allenfalls ums
Leben zu kommen. Gut, diese Gefahr ist die einzige, und wir bestehen sie
vom Morgen bis zum Morgen alle Tage bei uns auf festem Boden.

Ach, und Sie sind noch so blutjung.

-- Sieben- bis achtundzwanzig Jahre, glaub' ich. In dem Alter hatte
Napoleon schon Italien erobert.

Nun, warum machen Sie nicht lieber eine Lustreise nach Italien?

-- Erstlich lasse ich mich schlechterdings nicht im Piemontesischen mit
meinen Paar Bchern als Transitgut plombiren; zweitens mich in Mailand
schlechterdings nicht auf die Polizei schleppen, wenn unglcklicherweise
an meiner Weste Carbonari-Farben zu sehen wren; drittens hab' ich einen
Abscheu vor Stileten und Dolchen der Weglagerer, die im Kirchenstaat wieder
mit der guten, alten Ordnung zurckgekehrt sind.

Oder meinethalben gehen Sie nach Petersburg, wenn Sie etwa Berlin und Wien
gesehen haben.

-- Petersburg ist von hier so weit, als Boston und Philadelphia, und die
chinesische Mauer der Paordnung ist am Fortkommen hinderlicher, als der
Ocean. Ich mchte nicht, wegen der versumten Unterschrift irgend eines
Paschreibers, ein Vierteljahr lang in einem russischen oder polnischen
Grnzdorf verweilen.

Reisen kostet Geld, Vetterchen!

-- Ein Paar tausend Gulden fr die Lustfahrt, mehr nicht. Andere verlieren
das noch behender und geschmackloser in Lotterien, am Spieltische,
beim Weintische, in kaufmnnischen Spekulationen, durch lockere Weiber,
ungerathene Kinder, niedertrchtige Falliten, belberechnete Bauplne und
allerlei Neukufe.

Aber welchen Nutzen knnen Sie von der Reise haben?

-- Der liebe Nutzen ist nicht Alles in der Welt; es gibt auch Anderes und
Besseres, wofr man lebt, z.B. das Gute, oder das Schne, oder das Wissen
und Kennen. Dies abgerechnet, ist nicht auch Gesundheit und Lebensgenu
etwas Ntzliches? Dafr reisen Englnder und Franzosen in die Schweiz,
Deutsche nach Paris, Russen nach Neapel. Ich knnte auch wohl noch einen
Nebenzweck beifgen.

Und der wre? Eine Handelsspekulation? Unterwegs eine Braut finden? Ihren
Oheim in Amerika sehen?

-- Nein, fr alle Nothflle auch gelegentlich zu erfahren, ob Amerika fr
unser eins einmal zum Vaterlande taugen knnte?

Beht' uns der Himmel! Sie denken doch nicht an's Auswandern?

-- Gerade jetzt nicht. Aber nehmen Sie mir nichts bel, es wird mir
allgemach ein wenig unheimlich und unfrei hier zu Lande.

Wie? wo knnen Sie freier leben, als hier im freien Vaterlande?

-- Wo? das wei ich eben nicht, drum mcht' ich's gern wissen. Uebrigens
rum' ich willig ein, wir sind hier, Gott sei Dank, so frei, als man irgend
sein kann, wenn man sich mit Namen, Worten und Liedern begngt; jeden
Rathsherrn sein Nabobchen spielen lassen mu; mit Nationalehre und
Nationalunabhngigkeit von Fremden es nicht genau nimmt; und es ber sich
bringt, dem gesunden Menschenverstande zuweilen ein Auge zuzudrcken. Lg'
unser liebes Vaterland nicht in Europa, wre es gewi um die Hlfte mehr
werth.

Was geht Sie denn Europa an?

-- Hm! doch etwas. Man lebt nicht blos in seinem Hause, sondern auch im
Stdtlein mit den Leuten. Und gebildete Menschen leben heutiges Tages nicht
blos in ihrem Lndlein, sondern auch im Welttheil, zu dem dasselbe gehrt.
Wenns in Spanien brennt, fliegen Funken bis Ruland; und wenn man in London
spricht, hrt mans gut in Berlin und Neapel. Ich gebe zu, Europa ist
sehr glcklich fr viele, viele seiner vortrefflichen Bewohner;
fr Geisterseher, Absolutisten, Ultra's, Mnche, Restauratoren,
Gebetbuchmacher, Inquisitoren, Wetterhhne, Censoren, Polizeispione,
Einnehmer, Zionswchter u.s.w. Leider hab' ich nicht die Ehre, zu einer
dieser Znfte zu gehren.--

Als alles Zureden der lieben Vettern und Bschen eitel blieb, liessen sie
mich gehen. Ich packte ein. Es kostete uns Allen beim Abschiede einige
kstliche Thrnen. Ich bestieg den Postwagen.

Nichts von meinem Flug durch Frankreich bis Paris. Ich sprach unterwegs
den und diesen. -- Seid ihr glcklich, Leutchen? -- Jeder antwortete
mit einem zusammengesetzten Gesicht, das meistens etwas in's Slichsaure
schillerte: =Mais oui.= So, so! und dann gab's zu dem =Mais oui=
Anekdoten, Bemerkungen, gar Flche, die insgesammt wie ein Kommentar zu dem
Sprchwort aussahen: Vom Regen in die Traufe. Einige von den Pfiffigsten
hielten mich offenbar fr einen Mouchard, oder Agent Provocateur. O die
glcklichen Leutchen!

Ich fand meinen Bruder in Paris. Er wollte mich bis _Havre_ begleiten. Am
27.Mai Abends 5Uhr fuhren wir die Barrieren hinaus ins Freie. Die Natur
war von der Hand des Frhlings mit dem hchsten Zauber bekleidet. Von Zeit
zu Zeit schimmerte zwischen artigen Landhusern und kleinen Gehlzen
der gekrmmte Strom der Seine. Etwas weiter hin stiegen St.Cloud und
Versailles mit den prachtvollen Schlssern empor. Nicht minder mannigfaltig
prangten die Gegenden zu unserer Rechten. Die letzten Strahlen der Sonne
hllten die Kirchthrme von St.Denis in Gold. Dann lie die Nacht ihren
halbdurchsichtigen Schleier nach und nach ber das schne, groe Bild
niedersinken.

Am Morgen schwamm die Stadt _Rouen_ vor uns im Hintergrunde mit ihren
Thrmen und Schiffsmasten, halb und halb im Rauch der Schornsteine
verloren. Rouen hat viele protestantische Einwohner und vielen
Gewerbsflei. Dadurch ward es blhend. Man ist jetzt sehr eifrig daran, die
Kirchen besser zu bevlkern und durch Missionre den Glauben zu strken.
Die Fabriken fangen an zu krnkeln und mit dem Glauben will der Kredit
nicht wachsen.

Das Land, auch hinter Rouen, als wir von einer Anhhe niederfuhren, ist
herrlich. Die Seine verliert sich in zahllosen und weiten Windungen durch
fruchtbare Gefilde in die blaue Ferne. -- Vier Uhr Nachmittags sahen wir
Havre und das Meer; um sieben Uhr saen wir im Hotel _Bienvenu_ an guter
Tafel.




2.

Am Ufer des Meers.

(29. Mai bis 1. Juni.)


Ausgeschlafenen Sinnen ist das ganze Weltall frischer, lebendiger,
lachender. Alle Mh' und Noth, welche ich mit den Spediteurs und Zollratzen
in Havre wegen meines schon dahin vorausgesandten Reisegepcks hatte, ward
mir wieder durch den Genu verst, welchen jeder hat, der zum erstenmal am
Gestade eines Meeres steht.

Als wir dahin gingen, kamen wir in ein sonderbares Feldgelager. Alles war
mit Mnnern, Weibern, Kindern in fremden Trachten, alten Leuten mit Brten,
Karren, Kisten und Pferden bedeckt. Gleich den Horden der Nomaden wohnten
sie Tag und Nacht im Freien; der Himmel war ihr Dach und die nchtliche
Finsterni der Umhang ihres Bettes. Ich erkannte sie bald fr Elsasser
und Schweizer. Die Bartmnner mochten zu jenen stillen, gutmthigen
Wiedertufern gehren, die Keinen beleidigen und so oft der Gegenstand
der Bedrngung sind. Man sagte mir, da auch wohl nach und nach alle
jene Wiedertuferfamilien, welche die wilden Berge des Mnster- und
St.Imerthals fruchtbar machten, ihre Einsamkeiten verlassen wrden, um
eine freiere Heimath zu suchen.

Die ganze Schaar, die wir hier sahen, waren Auswanderer nach Amerika.
Die Mnner hatten mit Geschirr, Wagen und Kasten zu schaffen. Andere
schmauchten harmlos ihr Pfeifchen. Berner und Baseler Buerinnen, in ihrer
Landestracht, hingen Wsche an Seilen auf zum Trocknen.

Ein so ausserordentliches Schauspiel mochten die Leute von Havre wohl
lange nicht gehabt haben. Sie standen zahlreich gaffend da. Ein Haufe
muthwilliger, kleiner Buben hatte ein kleines Bernermdchen zwischen sich,
das noch, wie in der Heimath gewohnt, die Haare seines Hauptes in zwei
langen, mit Bndern durchflochtenen Zpfen niederhngen lie, whrend
am Ende der Haarflechten unterwrts die Bnder bis fast zu den Waden
niederflatterten. Nun hatte einer der Knaben beide Band-Enden erhascht und
lie das arme Mdchen, wie am Leitseil, bald rechts, bald links trotten.
Ich machte dem Auftritt ein Ende.

Als ich von den Auswanderern einige deutsch anredete, riefen sie: Ach myn
Gott, syd'r au ne Schwyzer? Ganget'r au in Amerika? Ich gab denen, welche
wegen der Ueberfahrt noch nichts auf den Schiffen bedungen hatten, den
wohlthtigen Rath, ganz unmittelbar mit einem Schiffskapitn den Vertrag
selbst abzuschliessen, und keinem jener dienstfertigen Negozianten und
Kommissionre zu trauen, sie mchten Landsleute sein oder nicht.
Denn dergleichen Personen kennen selten, ausser ihrem Handels- und
Kommissions-Ertrag, etwas Ertrglicheres; das Kontobuch ist die wahre
Heimath ihres Herzens und Geistes; das Soll und Haben ihr Vaterland und
Ausland.

Wir kamen zum Hafen. Die Unermelichkeit und Majestt der ersten
Erscheinung des uferlosen, lebendigen Meeres berfiel uns mit wunderbaren
Schauern. Wir standen unverabredet pltzlich still, wie gebannt, und
verloren die Sprache. Unser ganzes Wesen ward Auge; und doch ward mir, als
wren meine Augen viel zu klein, das Bild der Unendlichkeit aufzunehmen.

Wir bewanderten nun den Hafen von einem Ende zum andern, indem wir dem
Becken folgten, welches drei Viertel der Stadt einfat. Von Schritt zu
Schritt lag der Weg verrammelt: Seile, Holzbiegen, Kohlhaufen, ungeheure
Ankertaue, Steine, Schiffsmasten, Sandhaufen, Fsser, umgekehrte Nachen und
Khne, Kisten von aller Form und Gre, Waarenballen aufeinandergethrmt,
Alles durcheinander. In den Zwischenrumen aufqualmendes Gewlk von
Theerkesseln. Links und rechts Hmmern und Klopfen von hundert Schlgeln,
Beilen, Aexten. Zwischendurch das Geschrei und Rufen der Matrosen am Ufer,
wie auf Fahrzeugen, die ber den Wellen tanzten.

Wie wir Nachmittags wieder dahin kamen, sahen wir eine berraschende
Verwandlung. Das groe Wasserbecken war geschlossen; der brige Theil des
Hafens bis zum Meere lag trocken. Mehrere kleine Schiffe ragten aus dem
Sand hervor, andere ruhten mit einer Seite auf den beschlammten Steinen.

Anfangs standen wir bei dem unerwarteten Anblick voll Erstaunens da;
besannen uns aber bald, dies sei das Werk der _Ebbe_. In _Havre_ betragen
Fluth und Ebbe, vom hchsten zum tiefsten Punkt, 22Fu; so wechseln sie
binnen 25Stunden zweimal. Zu _Liverpool_ ist ein Unterschied des tiefsten
Ebbe- und hchsten Fluthpunktes von 29Fu. In Amerika ist er weit
geringer; in _Philadelphia_ z.B. 6Fu, in _Newyork_ nur 5Fu, in
_Baltimore_ nur einen einzigen. Alles hngt davon ab, ob das Meer minder
oder mehr eingeschlossen und beengt ist.

Wir befanden uns bald auf dem Mola, der seine Erdzunge weit in die See
hinausstreckt. Eine unzhlbare Menge Schiffe schwebte in allen Richtungen
vor uns ber dem dunkeln, beweglichen Wasserspiegel und dem Horizont.
Majesttisch, wie Schwne, zogen Dreimaster durch die Fluthen. Einige
Rauchstreifen ber fernen Wellen lieen uns Dampfschiffe erkennen.

Folgendes Tags, es war Sonntag, neues Schauspiel. Eine bunte Volksmenge
fllte das Ufer des Hafens, beim herrlichsten Wetter. Ein neugebautes,
groes Schiff sollte zum erstenmal in sein knftiges Element
hinausgeschleudert werden. Wir gelangten zu dem gewaltigen Gebu. Ein
Dampfschiff mit Musik und vielen Neugierigen war bereit, das todte
Ungeheuer in den Hafen zu schleppen. Tausend und tausend Menschen drngten
sich herbei; ihrer hundert wenigstens stiegen in's zu weihende Fahrzeug. --
Das Zeichen ward gegeben und bei zwanzig Mann, mit groen Aexten, schlugen
Gerst- und Sperrwerk ein, welches dem Abrollen des Schiffs entgegenstand.
Es hing nur noch schwach mit dem Boden zusammen. Die Lage schien in der
Ordnung. Ein zweites Zeichen, und der Balken, welcher den Schiffrumpf noch
festhielt, strzte zu Boden. Der Kiel, in einer Art Trag-Leitung, die
wohl mit Seife bestrichen war, glitschte langsam vor, bald mit wachsender
Geschwindigkeit, immer schneller, da ein schwarzer Rauch hinten nachfuhr.
-- Pltzlich Geschrei um mich her: Das Schiff strzt auf die Seite! Ich
stand mit meinem Bruder fnf Schritt von der Bahn. Das Schiff kmmt. Alles
schreit im Gewimmel, wo wir waren; alles flieht, stolpert ber Seile,
Fsser, Holz, fllt, reit andere fallend mit sich. -- Welch' ein
Schlachtfeld, welche Niederlage! -- Als ich aufstand -- die ganze
Verwirrung dauerte zwei Sekunden -- und mich umsah, schwamm das Schiff
schon stolz im Meere hin.




3.

Hyperion.


Denselben Abend reisete mein Bruder nach Paris zurck. -- Ich hatte mir
schon ein Schiff zur Ueberfahrt nach Amerika gefunden und die Bedingungen
abgeschlossen.

Es lagen eben drei Schiffe im Hafen segelfertig nach Amerika; der _Bayard_
und die _Elisabeth_ zur Fahrt nach Newyork, der _Hyperion_ nach Baltimore.
Ich whlte mir den Hyperion aus, diesen mythischen Vater des Sonnengottes,
mein Heil mit ihm zu versuchen. Es kamen noch andere kleine Umstnde dazu,
die mich zu seinen Gunsten stimmten. Zwar der Bayard war das grte Schiff,
aber Hyperion stand ihm an Schnheit nicht nach. Und wie ich an sein Bord
ging, mit dem Schiffskapitn, einem Amerikaner, zu unterhandeln, hie er:
_Albert de Valengin_. -- Von Valengin? was? Also eine Art Landsmann? --
In der That. Er erzhlte mir, sein Vater, von _Neuenburg_ in der Schweiz
gebrtig, habe sich nach Amerika begeben gehabt, weil er mehr oder minder
Theil an einem Brgeraufstande genommen hatte, der ihm mehr oder
minder gerecht geschienen. Denn in den letzten Jahrhunderten der
Eidsgenossenschaft, als diese durch innere Zwiste schwach in sich selbst,
daher feige gegen das Ausland, daher friedliebend im Uebermaa gegen
Fremde, aber trotzig, herrisch und unterthanschtig im eigenen Lndchen
geworden, wren der Unruhen und Aufstnde so viel geworden, da man sie
eher fr etwas Gerechtes als Ungerechtes htte ansehen mgen.

Was gings mich an? Ich lie den Mann bei seinem Glauben. Er gefiel mir.
Er mochte kein Schweizer sein, blos freier Amerikaner. Er sprach auch nur
englisch. Er forderte fr die Ueberfahrt nach Baltimore 600 Franken von
mir und begngte sich mit 500, wenn ich fr mein Bettgerthe und den Wein
selber sorgen wrde.

Die Kajte war zierlich; alle Vertfelung darin von Acajou-Holz; ebenso
Tisch und Sthle. Ein groer Spiegel, mit breitem Goldrahmen, fllte den
Raum zwischen beiden Fenstern im Hintergrund. In der Mitte des Zimmers
schwebte ein Kompa an drei zierlichen Ketten hangend. Die Betten, in Form
sauberer Kleiderkisten, befanden sich hinter Umhngen, an den Seiten.
Die grte Sauberkeit war ber Alles verbreitet. Schlo und metallische
Beschlge der Thr waren von glnzendem Messing. Ueber dem Fuboden lag
ein groer trkischer Teppich ausgespannt, und ein zweiter, sehr schmaler
deckte die Treppe.

Das Gefllige und Reinliche dieser kleinen Wohnung ber den Wellen sprach
mich gar freundlich an. Das Anmuthige und Schne gehrt zu den ersten
Lebensgenssen, und veredelt Leben und Gemthsart. Das geistlose Thier hat
keine Fhigkeit, vom Schnen gerhrt zu werden, eben weil es geistlos ist.
Es hat nur Sinn fr Fra und Durststillung. Der rohe, bildungslose Mensch
gleicht darin dem Thiere. Er kennt nichts Besseres, als was ihm in Gaumen
und Magen wohlthut. Der erste Federschmuck und Nasenring der Wilden ist
ein Zeichen vom Erwachen des Hhern. Das weibliche Geschlecht, immer frher
reifend, als das mnnliche, ist auch dasjenige, welches die Vlker zuerst
und am meisten aus dem Schlamm des Thierthums hervor ins _Menschliche_
heben. Will man Wilde, Halbwilde, Leibeigene und rohe Bauern gesitteter
machen, bringe man den jungen Mdchen und Frauen Putzwaaren. Ein Hausirer
mit buntem Bnderkram, Halstchern u.s.w. hat auf die Civilisation eines
wsten Dorfes segensvollern Einflu, als Pfarrer und Schulmeister. -- Das
wird freilich manchem Schulmeister unglaublich scheinen.

Alle seefahrende Vlker haben ihre eigenthmliche Weise im Bau der Schiffe.
Es ist damit, wie mit Nationaltrachten, Sitten, Sprachen. Ein Seekapitn,
sobald er irgend ein Schiff nur deutlich erkennen mag, wird auch sogleich
sagen, welcher Nation es angehrt. Die amerikanischen sind nach einer
andern Einrichtung geformt; allgemein anerkannt, da sie die zierlichsten,
und dabei die feinsten Seegler sind. Aber sie haben auch die wenigste
Dauerhaftigkeit.

Mir lag jetzt nicht viel an der letztern; desto mehr am Niedlichen und
Schnellen. Der _Hyperion_ war eine Brick von 400 Tonnen. Wie lange knnen
wir damit unterwegs sein? fragte ich den Herrn von Valengin. -- Ein
Schiff, sagte er, das keine andere Mittel zum Fliegen hat, als seine
Segel, hngt von der Huld der Winde ab. Der Hyperion hat die Ueberfahrt
von Charlestown in Amerika nach Amsterdam in Holland auch schon in achtzehn
Tagen gemacht.

Zu den schnellsten Fahrten zhlt man diejenige einer amerikanischen
Goelette, die von Newyork nach Havre nur vierzehn Tage brauchte; und eines
Packbootes, das in dreizehn Tagen von Newyork nach Liverpool kam. Aber
das, was bisher in den Jahrbchern der Seefahrer das Unerhrteste gewesen,
erzhlte mir in Amerika einige Monate spter Herr _Gallatin_, wie ich ihn
zu Geneva besuchte. Als er nmlich zu seinem Gesandtschaftsposten in Paris
von Amerika abreisete, machte die Fregatte, welche ihn fhrte, den Weg bis
Havre in vierzehn Tagen.

Uebrigens ist bekannt, man fhrt von Europa nach Amerika nicht so
geschwind, als umgekehrt. Dazu tragen einerseits die Sdwestwinde bei, die
das Meer whrend zwei Drittheilen des Jahrs beherrschen, anderseits die
Strmungen, welche vom mexikanischen Golf ausgehen, sich bis zum 45.Grad
nordwrts fhlbar machen, und in mancher Gegend des Ozeans zwei bis vier
Seemeilen in einer Stunde einbringen. Das Wasser dieser Strmungen ist auch
bei sechs Grad wrmer, als das Wasser an den Ksten.

Ich habe zwar nicht die Ehre, Seemann zu sein. Allein im Vertrauen auf das
tgliche Fortschreiten menschlicher Wissenschaft und Kunst, darf ich
mir, vielleicht mit grerm Recht, als mancher andere, die Ehre erlauben,
Prophet zu sein. Schon jetzt ist eine Reise von Europa nach Amerika und
wieder zurck nicht kostspieliger, nicht gefhrlicher, nicht unbequemer,
als die Reise im Kasten einer Postkutsche zu Lande auf halb so langem Wege.
Man ist da nicht zum Ueberflu noch von hungrigen Postillionen, groben
Postbeamten, prellenden und schnellenden Wirthen, rohen Mauthknechten,
Paschreibern, Visitatoren, Zoll- und Weggelderforderern und anderm
Reise-Ungeziefer geplagt, das von der Polizei- und Finanzkunst des
berglcklichen Europa zum Besten der Menschheit erfunden worden ist. Es
wird eine Zeit kommen, da, wenn sich der Europer erholen, zerstreuen,
frische Luft schpfen will, und umhersinnt, wohin eine kleine Lustreise
thun? er kurz abbricht und sagt: Ich will ein wenig nach Amerika, und
komme gleich wieder.

Bis jetzt bewegen sich die Fahrzeuge ber das Meer entweder mit Segeln,
oder Galeerenrudern, oder Dampfmaschinen. Im Allgemeinen sind die Segel
freilich die vortheilhaftesten Schiffsfittige, am wohlfeilsten und
raumsparendsten. Nur bei langen Windstillen machen sie traurige Miene.
Es wird nicht fehlen, man wird mit der Zeit den Schiffsbau dahin
vervollkommnen, da man zu den Segeln noch die Dampfmaschinen beihilfsweise
gesellt, und sie in Fllen spielen lt, wo der Wind seine Huld versagt.




4.

Haushaltung auf dem Meere.

(2. Juni bis 13. Juli.)


Ich war am Bord. Mittags den 2.Juni wurden die Anker des Hyperion
gelichtet, alle Flaggen und Wimpel aufgezogen. Die im Hafen bleibenden
Schiffe erwiederten auf dieselbe Art das Abschiedszeichen. Es blieb nicht
bei dieser stummen Sprache: Hurrah! brllten unsere Matrosen; Hurrah!
scholl es links und rechts von den andern Fahrzeugen zurck.

Das Wetter war angenehm. Ein sanfter Wind strich furchend ber die
spiegelnde Wasserebene. Mehrere kleinere Fahrzeuge folgten dem unsern.
Andere kamen uns entgegen, und zwar mit demselben Winde, und segelten dabei
nicht langsamer, manche geschwinder, als wir. Das amerikanische Packboot,
die _Queen-Maab_, kam so eben von New-York her. Mit entfalteter Flagge und
dem Hurrah-Gru der Matrosen, fuhr es zehn Schritte weit an uns vorber.
Das Verdeck desselben war voller Reisenden, deren Aeusseres schon
verkndete, wie vergngt sie waren, am Ziel ihrer Fahrt zu sein. Das Land
wich hinter uns zurck. Der Zuschauer-Haufe am Ufer verschwand. Die Ksten
schienen sich auf den Wellen zu bewegen, und auf- und niederzusteigen.
Endlich wurden sie zu einem schwarzen Striche, der sich zwischen der
zitternden Wasser-Ebene und dem Himmel entlang zog.

Ich sah mich nun nach den Reisegefhrten um, die mit mir im engen Raum
des Hyperion den Abgrund des Ozeans, von einem Welttheil zum andern,
berschiffen wollten. Der Kapitn, zwei Lieutenants, zehn Matrosen, ein
Stewart, ein Koch, ein Schiffsjunge, bildeten die Bemannung des Fahrzeugs.
Ich war der einzige Reisende in der Kajte und am Tische des Kapitns. Die
brigen waren Auswanderer von Europa, Mnner, Weiber, Kinder, 68 an der
Zahl, die unten im brigen Schiffsraum herbergten und ihre Kche selbst
besorgten. Der Kapitn, die beiden Lieutenants und ich speiseten zusammen.
Man hlt drei Mahlzeiten des Tags. Zum Frhstck gibt's schwarzen Kaffee,
Fleischschnitte, Geflgel, kleine Kuchen u.s.w. Mittags speist man um
1Uhr, Fleisch auf verschiedene Art zubereitet und Gemse; zum Nachtisch
Kse oder Frchte; Bier, Wein, gebrannte Wasser mit natrlichem verdnnt.
Sieben Uhr Abends nimmt man den Thee, wieder mit Nebengerichten von
Fleisch, Backwerk u.s.w. begleitet. Fast alle Schiffe haben lebendige
Schweine, Schafe, Hhner und Enten in Flle an Bord. Einige Packboote,
zwischen Havre und New-York, halten auch der Milch wegen eine Kuh. -- Die
Matrosen speisen in ihrer Kajte am andern Ende des Schiffes eine Stunde
frher, als der Kapitn.

Dieser hat wenig Langeweile. Er und einer seiner Lieutenants schreiben von
Stunde zu Stunde Richtung des Windes, Lnge des zurckgelegten Weges, die
Hhe, welche man gefunden, die Schiffe, welche man gesehen oder gesprochen
hat und hundert andere Beobachtungen und Bemerkungen auf. Zu unbestimmten
Zeiten, des Nachts wie des Tags, ging der Kapitn aufs Verdeck und musterte
Sachen und Arbeiten.

Das Steuer fhrt ein Matrose, der alle zwei Stunden abgelst wird; die
Augen stets auf zwei vor ihm befindliche Kompasse geheftet, die des Nachts
durch eine Lampe beleuchtet sind. Bei gutem Wetter hatten die Matrosen von
vierundzwanzig Stunden nur sechs zur Ruhe; bei bsem Wetter blieb Alles
auf den Beinen wach. -- In den meisten Reisebeschreibungen wird ber die
Rohheit der Matrosen geklagt. Man schildert sie, wie einen Auswurf des
menschlichen Geschlechts. Ich fand das bei unsern Matrosen nicht. Sie
waren insgesammt Amerikaner, sehr gefllig, dienstfertig, sauber gekleidet,
sittsam und immer thtigen Gehorsam. Freilich man mu diese braven Leute
nicht wie Knechte und Bediente behandeln und ihnen Befehle zuherrschen
wollen. Aeusserte ich bittweise nur einen Wunsch, schnell sprangen zwei und
mehr, mir zu helfen. In Baltimore begegnete ich nachher einigen von ihnen
wieder auf der Gasse. Sie waren aber so zierlich gekleidet, da ich sie im
ersten Augenblick nicht kannte. Einer lud mich sogar zu seinen Eltern ein.
Der Empfang berraschte mich durch das Anstndige, Feine und Herzliche.
Wenn wir in der brgerlichen Gesellschaft noch brutale, ekelhafte
Menschenklassen haben, wahrlich, so sind daran nur die hhern Stnde mit
ihrer brutalen, ekelhaften Vorbildung schuld. Braucht nur hufig bei den
Kriegsleuten und Vaterlandsvertheidigern die Korporal-Fuchtel, in den
Schulen den Stock, werft die Juden mit Koth, und kehrt dem Handwerksmann
und Landmann hochmthig den Rcken zu, wenn sie euch gleichgeboren zu sein
glauben, so habt ihr bald eine europische Pariah's-Kaste gebildet. Dann
schreibt Bcher ber Bcher ber Verbesserung der Juden, ber Schulwesen,
ber Volksbildung; dann erlat Sitten- und Sonntagsmandate, Gesetze und
Dekrete zur Befrderung der Zivilisation! Das wird helfen, wie ein Pflaster
auf die Todeswunde des Erschlagenen. -- Wie treibt man's aber in jenen
Lndern, wo die Barbaren mit Tituskpfen und Fraks nach der neuesten Mode
wohnen?




5.

Die Seefahrt nach Baltimore.

(2. Juni bis 13. Juli.)


Ueber das spielende, wechselnde, gewaltige, majesttische Element der
Wellen, durch die Dienstbarkeit der Winde, wie von unsichtbaren Geistern,
hingetragen zu werden, ist ein Hochgenu ganz eigener Art, besonders eh'
die Gewohnheit, die auch den strksten Wein endlich verwssert, dafr die
Sinne stumpf macht. Verwunderung, Grausen und Stolz auf die Gewalt des
menschlichen Geistes, bemchtigen sich des ganzen Gemths.

Leider verstimmte sich dies Hochgefhl bald durch die sogenannte
Seekrankheit, von welcher, mit Ausnahme der Kinder unter zwlf Jahren und
ganz alter Personen, alle Reisende ergriffen wurden, und ich, wie mirs
vorkam, am rgsten. Es war ein bald widerlicher, bald lcherlicher,
Anblick, fnfzig bis sechszig Menschen um sich her die seltsamsten
Gesichter schneiden zu sehen, weil ihr Magen in bestndiger Insurrektion
gegen Anstand und Sitte war. -- Ein Paar Tage lang muten die Auswanderer
aller warmen Speisen entbehren, weil das Uebel ihre smmtlichen
Kochknstler ausser Stand setzte, den Herd zu besorgen.

Das Wetter blieb schn, der Wind gnstig, zuweilen verwandelte er sich
sogar in sturmartige Ste; wir befanden uns am vierten Tag der Abfahrt
schon weit ausser der Meerenge von Frankreich und England. Allein Lust
und Freude gingen im ewigen Uebelsein verloren. Man kann und mag sich mit
Niemandem unterhalten, nicht einmal lesen. Der Geist qult sich mit Denken
und Trumen. Aus den besten Trumen aber strt auch wieder das bestndige
Krachen und Girren des vielbewegten Schiffes auf. Es ist einem zu Muthe,
als wrde man, in einen groen hlzernen Kasten gesperrt, mit Schnelligkeit
ber und zwischen Steingerll fortgeschleppt. Man hlt zuletzt keinen
Gedanken und Wunsch fester, als den, bald Land zu erreichen und ruhigen
Boden unter den Sohlen zu haben. Kein Essen erquickt; vielmehr es erneuert
nur den Jammer. Ich sehnte mich blos nach Mehlsuppe. Unser schwarzer
Schiffskoch aus Afrika machte sie nach meiner Angabe und endlich ziemlich
gut. Aber wenn er mich davon essen sah, bezeugte er mir sein herzlichstes
Mitleiden und betheuerte, weder in noch zwischen den drei Welttheilen
seiner Bekanntschaft je ein elenderes Essen gekocht zu haben.

Die Erhabenheit der unendlichen Wasserwste, welche uns umgab, und mich
anfangs tief erschttert hatte, ward, ich mu es gestehen, zuletzt mit
seiner majesttischen Einfalt mir sehr langweilig. Es wundert mich jetzt
gar nicht mehr, wenn die meisten Reisebeschreiber mit dem, wodurch sie sich
ihre Langeweile vertreiben, ihren Lesern die grte verursachen, nmlich
mit Aufzeichnung des Windes, der geblasen hat. Die einzige Abwechselung in
der weiten Einde des Ozeans bringt entweder ein Schiff, das in der Ferne
erscheint, sich nhert und verschwindet; oder von Zeit zu Zeit das Spiel
der Fische auf der Oberflche des ungeheuern Wasserbeckens. Die Delphine
bildeten da oft stundenlange Linien, indem sie regelmig einer nach
dem andern zwei bis drei Schuh ber der nassen Flche hoch sprangen. Die
Boniten und Doraden, mit allen Farben des Regenbogens geschmckt, schwammen
traulich neben dem Fahrzeug her; whrend der Haifisch unbeweglich auf dem
Wasserspiegel lag und die Beute erwartete, die seinem unersttlichen Rachen
zuschwimmen sollte. Der Spritzfisch blieb auch nicht aus, uns seine Knste
zu zeigen; und so stellten sich uns immer neue Arten von den Bewohnern des
feuchten Abgrundes dar. Eines Abends nherte sich sogar dem Schiffe einer
von den Riesen der Tiefe, ein Wallfisch. Dann und wann wieder flatterten
Tauben und Meerschwalben ber und zwischen den Segeln umher. Die Schwalben
wandelten lustig ber die Wogen und pickten mit den langen Schnbeln nach
den Stckchen Zwieback, die wir ihnen hineinwarfen.

Der Wiedertufer _Hermann_ versah bei den Ausgewanderten die Stelle eines
Schiffspredigers. Jeden Sonntag verrichtete er ein ffentliches Gebet und
hielt aus dem Stegreif ber irgend eine Bibelstelle eine Rede, die darin
vor mancher Predigt gelehrter Pfarrer den Vorzug hatte, da sie aus reinem,
frommem Gemth hervorging, und verstndig, kunstlos und erbaulich zum
Gemth drang. Den Schlu dieser Andachtsstunde, die gewhnlich zwei Stunden
dauerte, machte ein Psalmengesang. -- Dieser Wiedertufer und seine Frau
zeichneten sich unter allen Ausgewanderten durch ihre feinen, geistvollen
Gesichtszge aus.

Ich fand seine Frau eines Tages bla und leidend sitzend, mit dem Rcken
gegen das Schiffsbord gelehnt. Ich bot ihr ein Glas Wermuth-Extract zur
Strkung an. Sie trank es und stieg dann in's Zwischenverdeck hinunter.
Kaum zwei Stunden nachher verkndete mir ihr Mann die glckliche Entbindung
seiner Frau von einem Tchterlein. Ein Paar Tage spter kam sie selbst aufs
Verdeck und zeigte mir ihren lieben Sugling. Auf meine Frage, wie es nun
um Taufe und Namen des Kindes stehen werde? erwiederte sie: Wir weihen
unser Kind in das Christenthum ein, wenn es die Wichtigkeit und Heiligkeit
der Sache begreifen kann. Zu Ehren unsers guten Kapitns wollen wir es aber
nach ihm _Albertine_ heien. Wre es ein Knblein gewesen, wrden wir es
_Hyperion_ oder _Ozean_ genannt haben.

Wir waren schon zwanzig Tage auf dem Wasser. Die Hitze der Sonne ward
unausstehlich; das se Trinkwasser in kleinern Portionen vertheilt, da
es oft Streit darum gab. Wir hatten bestndige Westwinde uns entgegen;
die Azoren sdwrts gelassen, ohne sie zu erblicken, und uns der Bank von
Terre-neuve genaht. Sobald das Senkblei hier, bei 45Klafter Tiefe, feinen
Sand fand, gab der Kapitn dem Schiffe die Richtung nach Sden. Wir kamen
ziemlich nahe bei den Bermuden vorber.

Es ist auf dieser weiten, einsamen Wasserstrae den Schiffen Bedrfni,
wenn sie einander begegnen, Frage und Antwort zu tauschen. Sie steuern sich
gegenseitig zu. Man hisst die Flagge; legt einige Segel bei, und fragt
sich durchs Sprachrohr, von wannen? wohin? welche Ladung? u.s.w. Am
gewissesten aber ist die Frage nach der Lnge und Breite, unter der man
sich befindet. Ist zwischen den Berechnungen beider ein Unterschied, so
hlt man sich gewhnlich an die, welche auf dem Schiff gemacht ward, das
noch die krzere Zeit unterwegs ist. Es ist noch nicht immer ganz leicht,
mit einander zu sprechen, besonders wenn der Wind stark, das Meer unruhig
geht; denn man kann sich dann einander nicht wohl gehrig nhern, ohne
Gefahr zu laufen.

Schon war es der 6.Juli und seit einigen Tagen die tiefste Windstille.
Kein Wimpel spielte. Das weite Meer stand unbeweglich und glatt, wie
spiegelndes Eis. Das Schiff schien angefesselt. Die entfalteten Segel
hingen schlaff nieder. Wolkenlos glhten Luft und Himmel um und ber uns.
Die Sonne warf stechende Strahlen. Die Lebensmittel nahmen sichtbar ab.
Jeder theilte dem andern nur Furcht und Besorgni mit. Ein Orkan auf dem
Meer ist das Frchterlichste. Wir aber htten jetzt lieber einen Orkan
bestanden. Die todte Ruhe whrte schon acht Tage und das Leben der Segel
und Wogen wollte nicht wiederkehren. Ich stieg jeden Morgen sogleich auf
den Mastkorb, in Hoffnung, Ksten des Festlandes zu erblicken. Oft rief
mich die Ungeduld schon vor Tagesanbruch aufs Verdeck, wenn die Sterne
noch, in geheimnivollen Ordnungen am Himmel, ihr blasses Licht durch das
stille Reich der Nacht ausgossen. Ich zitterte hoffend dem Tag entgegen;
ich fand mich immer getuscht, doch immer durch die Herrlichkeit des
Sonnenaufgangs fr die Tuschungen entschdigt.

Endlich, es war an einem Sonntage, gewann die Natur dieser ewigen Einden
des Ozeans wieder Odem. Die Segeltcher wlbten sich nach und nach, und
wir flogen wieder acht bis neun Seemeilen in einer Stunde. Welche Freude
lchelte von allen Antlitzen; wie andchtig sprach der Wiedertufer das
sonntgliche Abendgebet mit lauter Stimme, und mit welcher stummen Inbrunst
in allen Zgen beteten die Andern vor sich hin! Der glnzende Sonnenball
senkte sich den zitternden Wellen der Ferne entgegen. Das Schiff schien
ihm in heiterer Sehnsucht tanzend auf den Wogen nachzueilen, und das
Tagesgestirn selbst tndelnd seine Bahn und Sttte zu verlassen. Bald
verbarg es sich hinter dem Busen des einen, bald des andern Segels; bald
durchlief es der ganzen Breite nach die leichten Streifen des aufgespannten
Tauwerks und der Seile. Masten, Linnen und Wimpel, Bord und alles
Schiffsgerth tauchten sich in wunderbaren Goldschimmer, von tiefern
Schatten begrenzt. Eine breite, blendende Lichtbrcke ging vom Hyperion
ber das Meer bis zur Sonne, die zu zgern schien, aus diesem Tempel der
Schpfungsherrlichkeit zu scheiden. Still sumsete zwischen Segeln und
Seilen der Wind sein Abendlied. Die Wogen brachen sich tnend am Schiff zum
Gesang. Die Menschen, in verschiedenen Stellungen, beteten. Der unendliche,
schweigende Himmel horchte.

Am 11.Juli sagte Herr _Valengin_: Ich denke, wir werden morgen einen
Ksten-Lootsen am Bord sehen. Frohe Botschaft. Wirklich entdeckte man ihn
folgendes Tages frh um neun Uhr vermittelst des Fernrohrs. Wir steckten
die Flagge auf. Nach zwei Stunden kam das leichte, winzige Fahrzeug bei uns
an, worin sieben Mann wie festgenagelt saen, alles groe, wohlgewachsene
Leute. Jede Welle schien das gebrechliche, niedrige Boot wie eine Nuschale
verschlucken zu wollen. Was doch der Mensch wagt; er der da wei, was er
wagt! Welche Hingebung, zumal in strmischen Wettern! Schiffe, welche durch
einen Windsto gegen die Kste getrieben, oder auf langen Fahrten irre
wurden, sind oft schon durch diese unerschrockenen Mnner gerettet
worden, die alle Untiefen und heimlichen Gefahren der Seegegend, und jedes
Anlndepltzchen des Gestades kennen.

Einer der Lootsen kletterte an einem ihm zugeworfenen Seil zu uns ans Bord
hinauf, grte uns freundlich, drckte dem Kapitn die Hand und jedem, der
ihm nahe kam, und fragte: Wie stehts? Geht alles gut? Diese herzliche
Frage, so natrlich in dem Verhltni, und dabei so wohlwollend, hat fr
den, der nach vielen Wochen wieder den ersten unbekannten Menschen sieht,
etwas Erquickendes. Es war die erste, unmittelbare Erscheinung eines
Bewohners der neuen Welt, die wir selbst noch nicht sahen.

Der Lootse nahm vom Kapitn den Befehl ber smmtliche Matrosen und sagte:
wir wren noch ohngefhr 150 Seemeilen (etwa drei derselben bilden eine
Wegstunde) entfernt von der Chesapeak-Bai, und wenn der Wind, der gerade
gnstig und stark blies, tapfer anhielte, wrden wir den andern Morgen an
Ort und Stelle unsers Wunsches sein.

Und am folgenden Morgen um neun Uhr scholl das Geschrei: Land! Land! -- Ein
freudiges Schrecken fuhr Allen durch die Glieder. Die Vorufer des jungen
Welttheils stiegen aus dem Schoos des Ozeans.




6.

Die Landung.


Wir fuhren in die _Chesapeak-Bai_ mit vollen Segeln ein. Links hob sich
das _Kap Henry_, mit einem weien Thurm, auf welchem allnchtlich den
Seefahrern ein Feuer brennt. In grerer Ferne rechts zeigte sich noch ein
Leuchtthurm, es war der des _Kap Charles_.

Das Gewsser der Bai fanden wir mit Holz, Krutern und Stroh bedeckt. Wir
erfuhren, es habe auf dem Lande fnfzehn Tage lang anhaltend geregnet. Noch
befanden wir uns sechszig Wegstunden (oder 180 Seemeilen) von Baltimore.
Aber der Wind ging stark mit uns. Wir fdelten binnen einer Stunde zehn
Knoten ab, das heit, legten 3 Wegstunden zurck, und noch dazu gegen die
Strmung des Meers.

Es zeigten sich, seit wir Land sahen, der Schiffe immer mehr vor unsern
Augen und immer mehr, je nher wir den Ufern der Bai kamen. Schon
unterschied man von den Fluren ungeheure Waldungen; bald da und hie
angebautes Land mit einzelnen Wohnungen der Menschen. Frhliches Schauspiel
fr uns. Eine Viertelstunde fern von uns zog ein Dampfschiff vorbei. Ein
schwarzer Rauchstreifen bezeichnete durch die Luft den verlassenen Weg
desselben. Silberbrandung umgab die Dampfrder.

Die Nacht kam. Bald unterschied man nichts mehr. Das Schiff flog rasch
durch die Wogen. Wir machten eilf Knoten in der Stunde. Ein Matrose, an
der Schiffsseite draussen angebunden, warf bestndig das Senkblei und rief
jedesmal an, wie tief. Das hielt uns, und auch die Freude, spt wach.

Kaum war es Tag, rief mir der Kapitn zu: Wir sind in der Rhede von
Baltimore! -- Ich wagte es kaum zu glauben, und doch stand das Schiff
unbeweglich. Ich sprang aus dem Bett und warf mich hastig in die Kleider.
Als ich aufs Verdeck kam, lag die Stadt Baltimore vor mir. Durch den
lichten Wald der Schiffsmasten unterschieden wir Kirchthrme und die
Wipfel hoher Pappeln in allen Theilen der Stadt. Die Thrme sind von weiem
Marmor, sehr zierlich; die Huser von Backsteinen gebaut. Zwischen
dem schnen Grn der Pappelbume, stellten sie sich mit ihrem gelben,
rthlichen, blulichen Anstrich dem Auge gar gefllig hin. Wir sahen zu
unserer Rechten Felder mit Korngarben bedeckt. Das Glockengetn der Heerden
sang uns vom Ufer an, wo halb sichtbar zwischen Obstbumen die Khe in
den Wiesen weidend umherirrten. Der Himmel klrte sich auf und die ersten
Strahlen der Sonne rtheten alle Hhen und Berge.

Um sieben Uhr Morgens nahte sich uns ein Kanot. Es brachte einen Arzt, der
den Gesundheitszustand Aller auf unserm Schiff untersuchen mute, das den
Tag zuvor, mehr als gewhnlich, gesubert und gewaschen worden war. Er
grte uns mit einem guten Morgen! ohne dabei den Hut abzuziehen. Es war
ein geflliger, angenehmer Mann; sehr sauber gekleidet. Nachdem er in
der Kajte beim Kapitn ein kleines Frhstck genommen, kam er nach zehn
Minuten wieder aufs Verdeck. Der Namensausruf Aller im Schiffe erfolgte.
Er beschftigte sich mit jedem einzeln; untersuchte noch zwei Personen, die
unplich in ihren Betten geblieben waren, und schied zufrieden von uns,
auf die nmliche Art grend, wie er gekommen war.

Ich vermuthete, unsere Quarantne wrde wenigstens noch vierundzwanzig
Stunden auf dem Schiffe dauern. Darum rief ich einem Seemann, der auf einem
Kanot mit Doppelsegel nicht weit von unserm Hyperion vorbeifuhr, zu, ob
er mich nicht zum nchsten Bauerhause fahren wolle, um Milch und einige
frische Nahrung einzukaufen. Er kam heran; ich stieg von der Seite des
Schiffs, wo man eine Treppe angebracht hatte, hinab zu ihm. Er nderte an
den Segeln, und obgleich kein fhlbarer Wind ging, flog doch das kleine
Fahrzeug schneidend durch den Wasserspiegel ans Ufer.

Ich sprang ans Land. Mir ward wunderbar zu Muth, da ich den langentbehrten
festen Grund unter meinen Fen fhlte; einen Boden unter meinen Sohlen,
den der weite Ozean von meiner Heimath trennte; den der groe Columbus die
Khnheit hatte zu suchen und das Glck ihn zu finden; den Jahrhunderte lang
die Grausamkeit raubschtigen Kriegsgesindels, golddrstiger Kaufleute und
herrschlustiger, dummglubiger Pfaffen mit Menschenblut besudelt hatte,
bis Muth und Gefhl der Menschenwrde das Joch zerbrach, welches der
europische Despotismus fr unvergnglich hielt.

Von meinen Gedanken und Empfindungen in diesen Augenblicken Rechenschaft
zu geben, ist mir unmglich. Ich kam zu einem artigen Bauerhause. Eine Frau
trat mir entgegen. Sie sprach deutsch; sie stammte aus dem Bernerland in
der Schweiz. Nun richtete sie hundert und tausend Fragen an mich, da mir
zuletzt bange ward, keine Milch zu bekommen. Sie gab mir endlich, was ich
begehrte; ich mute ihr aber versprechen, sie noch einmal zu besuchen. Als
ich zum Schiff zurckgekommen war, und meinen Fhrmann fragte: was ich
denn schuldig sei? antwortete er: O durchaus nichts. Es machte mir ein
Vergngen, Sie einen Augenblick ans Land zu fhren. Er lehnte sehr hflich
Alles ab.

Wie die Kinder auf dem Hyperion, es waren derer wohl zwanzig, meinen groen
Topf voller Milch erblickten, liefen alle auf mich zu. Ich konnte jedem
nicht geschwind genug davon geben. Um sie zu sttigen, htt' ich viermal
mehr haben mssen. Aber das war auch eine Schwelgerei fr die guten
Kleinen, und ein Genu fr mich ihre Freude!

Der Kapitn hatte den Arzt in die Stadt begleitet. Sein Nachen kam
Nachmittags zurck, aber ohne ihn; statt seiner ein Briefchen an mich,
worin er mir ankndigte, ich knne ans Land gehen, wann ich wolle; der
Nachen stehe zu meinem Befehl.

Ich sumte keinen Augenblick.




7.

In Baltimore.

(13. bis 24. Juli.)


Die ersten Schritte am Lande, durch die Straen der Stadt, reichten hin, um
mich zu belehren, ich sei in einem fremden Welttheil. Ich konnte nicht
mde werden, diese Reihen zierlicher Gebude, diese Handelsgewlbe und
Kauflden, diese Gruppen von Negern und Mulatten zu sehen.

Baltimore war vor fnfundvierzig Jahren noch ein gar geringes Stdtchen,
mochte kaum ein halbes hundert Huser haben, viele noch von Holz. Jetzt
steht da, einer Hauptstadt hnlich, eine regsame Welt. Baltimore zhlt
schon 75,000 Einwohner. Die Straen sind gepflastert und mit breiten
Trottoirs eingefat; reinlich, heiter, angenehm mit Pappelbumen besetzt,
deren Gipfel mit den Kirchthrmen um die Wette in die Lfte aufstreben.
Die Huser sind meistens von Backsteinen, manche von Marmor gebaut,
geschmackvoll und edel ausgefhrt, von zwei und drei Stockwerken. Die
grnen Fensterlden berall, die Hausthren von Rothholz und Acajou, die
glnzenden Messingbeschlge daran, die hohe Reinlichkeit berall -- Alles
gibt diesen Wohnungen, diesen breiten, lichten, saubern Straen, ein
geflliges, freundliches, frisches Ansehen, wie ich mich dessen von keiner
europischen Stadt erinnerte. Whrend der heien Sommerzeit werden die
Straen tglich mit Wasser besprengt. Die schnste und lngste derselben
ist die _Baltimorestrae_, beinahe eine halbe Stunde lang. In der Mitte
derselben steht seitwrts die Douane, ein Gebu von ausserordentlichem
Umfang, aus weiem Marmor aufgefhrt. Zwlf mchtige Sulen tragen einen
Theil vom Innern des Gebudes, welches hier von oben herab durch eine
sehr hohe Kuppole erleuchtet wird. Links und rechts sind die Amts- und
Geschftzimmer, die Wohnungen der Angestellten u.s.w. Die Beamten
selbst, einfach, aber usserst zierlich gekleidet, zeichnen sich durch ihr
zuvorkommendes, geflliges Betragen aus.--

Mein erster Gang war in einen Gasthof. Man sa eben zum Mittagsessen. Ich
brachte eine Elust mit, als htt' ich auf dem Meere vier Wochen gefastet.
-- Lndlich, sittlich! Ich mute mich bequemen, um nicht auffallend zu
werden, mit dem Messer in der rechten, mit der Gabel stets aber in der
linken Hand zu essen, und beide queer ber den Teller zu legen, wenn man
mir keine Speisen mehr darbieten sollte. Ich war noch nicht halb gesttigt,
als meine Tischgenossen schon Feierabend machten. Ueberhaupt bemerkte ich
durchgehends nachher auf meinen Reisen im Lande, da die Amerikaner am
Tische sehr mig sind. Selten nimmt man beim Frhstck oder Nachmittags
mehr, als zwei Tassen Thee oder Kaffee. Aber beim Thee und Kaffee wird
jedesmal zugleich Geflgel, Fisch, Backwerk, Brod, Butter u.s.w.
aufgetragen. Die Frau des Hauses bedient die Gste. Bei der Mittagstafel
wird Bier zum Trinken gegeben und guter Branntwein mit Wasser verdnnt.

Der Sauberkeit und Zierde der Straen und des Aeussern der Huser
entspricht berall das Innere der Wohnungen. Man wird wenig Wohnungen
finden, wo der Fuboden nicht mit einem schnen trkischen Teppich bedeckt,
und von der Hausflur bis zum obersten Gemach des Hauses nicht jede Treppe
es ebenfalls wre.

Von den ffentlichen Denkmlern zeichnete sich das zu Ehren Washingtons,
und ein anderes, nicht weit von einem Brunnen, zum Gedchtni jener Brger
aus, die bei Vertheidigung der Stadt gegen die Englnder im letzten Kriege
das Leben frs Vaterland opferten. Ihre Gebeine ruhen unter dem Denkmale.
Ihre Namen alle sind in den Marmor des Fugestells eingegraben.

Die katholische St.Pauls-Kirche knnte neben den schnsten Tempeln
Europens aufgezhlt werden. Der Kirchen fr die andern christlichen
Konfessionen mgen etwa noch achtzehn sein. Zuweilen stehen sie dicht neben
einander. Jeder, ohne Groll gegen den Nachbar, geht in das Gotteshaus,
wohin ihn sein Herz und sein Glaube rufen. Das ist die Wirkung der wahren
Religionsfreiheit, whrend man in Europa hchstens in den gebildeten
Lndern nur die Duldung kennt und sich mit religiser Toleranz, als wre
sie eine groe Tugend, brstet. -- Das ist in Amerika die Wirkung einer
weisen, vernnftigen Gesetzgebung. Die Menschen sind sich hier, wie vor
dem weltlichen, so vor dem gttlichen Gesetz in ihren Rechten gleich. Die
Europer werden noch lange Zeit groe und kleine Bcher ber das Verhltni
der Kirche zum Staat schreiben, indem die einen den Staat in die Kirche,
als in das Hhere und Allumfassende, hineinstellen, andere die Kirche dem
Staat unterordnen, und wieder andere Staat und Kirche, Kaiser und Papst, in
gleichen Wrden neben einander setzen.

Die Amerikaner haben die Streitfrage der europischen Staatsmnner und
Professoren lngst und auf die naturgemeste Weise gelst. Der Staat,
diese groe Anstalt fr Rechtssicherheit und Entwickelung der brgerlichen
Gesellschaft, hat kein Befugni, ber religise Ueberzeugungen, ber das
innere Verhltni des Menschen zur Gottheit zu entscheiden. Den Brgern
ist es anheimgestellt, in derjenigen Form oder kirchlichen Ordnung
ihre gemeinschaftlichen Gottesverehrungen zu veranstalten, die ihren
Ueberzeugungen am meisten entspricht. Wie mannigfaltig und verschieden
dieselben sein mgen, der Staat hat nicht darber zu entscheiden, welche
Form die bessere, welche Kirche die alleinseligmachende sei. Allein alle
Brger sind Eigenthmer gleicher Rechte; der Staat ist da, um sie alle in
den kirchlichen Verhltnissen ihrer Wahl zu schtzen. Von der andern Seite
aber darf auch keinerlei Kirchenthum zerstrend auf die ffentliche
Ordnung des brgerlichen Lebens einwirken, noch weniger sich, durch
priesterschaftlichen Stolz geleitet, weltliches Recht und Ansehen in
Staatsverfassung oder Staatsfhrung anmaen.

Lauheit, Indifferentismus! rufen dabei in Europa unsere geistlichen
_Herren_ (denn Herrn wollen sie gern sein!).

Merkwrdig ists, da eben diese _Herren_ fort und fort ber Verfall
der Religion, Abnahme der Andacht, schlechten Besuch des Gottesdienstes
schreibend und predigend klagen. In Amerika klagt man nicht ber
Indifferentismus. Hier wetteifern alle christlichen Kirchenparteien auf oft
rhrende Weise in gottesdienstlicher Frmmigkeit. Hier sind in den grern
und kleinern Stdten die Kirchen stets von Betern erfllt, und in den
weiten Einsamkeiten junger Pflanzungen sieht man Pflanzerfamilien oft lange
Tagreisen bis zur nchsten Kapelle oder Kirche machen. Wenn sich eine Stadt
bildet oder ein Dorf -- so weit ich gekommen bin--, und alle Htten noch
gebrechlich und hlzern sind, stehen zuerst immer zwei groe Gebude massiv
und kostbar aufgefhrt da: das Rathhaus und der Tempel.

Den ersten Sonntag, welchen ich auf amerikanischer Erde erlebte, tnte
von allen Seiten das Gelut der Kirchenglocken. Es war der 18.Juli. Ich
verlie meinen Gasthof und folgte dem ersten Zuge von Menschen, den ich
sah, zu einer der Kirchen. Der Prediger war auf der Kanzel; ihm zur Rechten
sa der mnnliche, zur Linken der weibliche Theil der Gemeinde. Man sang
die Psalmen mit vieler Harmonie. Dann las der Prediger einen Bibeltext und
sprach ber die Unerfahrenheit und Ungeduld der Menschen, indem sie ihre
Glcks- und Unglcksflle dem Vertrauen auf eigene Krfte anheimstellen,
ohne die tiefer liegenden Ursachen zu bemerken. Er sprach sehr erwecklich
und belehrend. Ich bemerkte, da ich in einem Tempel der _Methodisten_
war, der sich, wie die Art der ffentlichen Andachtsbung, wenig von der
reformirten Form unterschied.

Von da begab ich mich in eine andere Kirche. Es war die der _Neger_. Auch
der Geistliche war ein Neger. Er ereiferte sich sehr gegen die, seinem
schwarzen Menschenschlage gewhnlichen Untugenden. Seine Stimme war sehr
stark; seine Bewegung ganz schauspielerhaft. Die Kleidung der Zuhrer und
Zuhrerinnen zeichnete sich durch hohe Sauberkeit, Geschmack und Feinheit
aus. Die Frauenzimmer trugen sich meistens wei; doch manche auch in
farbigen Kleidern und mit feinen Strohhten. Aber welche Ueberraschung
fr einen Europer, wenn sich eine der schlanken Grazien mit dem Kpfchen
wandte, und dem Neugierigen eine ganz schwarze Gestalt wies!

Den folgenden Tag ging ich in eine katholische Kirche. Es wurde hier eben
ein ausserordentliches Seelen-Amt wegen dem Tode eines Herrn _Moranville_
gehalten. Bei der ansteckenden Seuche, die im Sommer 1819 zu Baltimore so
viele Menschen wegraffte, und durch die Wrme der Luft von 26 bis 28 Grad
Reaumur am furchtbarsten geworden war, opferte dieser Herr _Moranville_
Vermgen, Zeit und Krfte fr die leidende Menschheit auf. Er theilte
Arzneien aus, er trstete die Sterbenden, er half die Todten forttragen,
so lange die Seuche wthete. Die meisten Verwstungen richtete sie in dem
Theil der Stadt an, der _Fellspoint_ heit, und in den niedern Gegenden,
whrend der hher gelegene Theil der Stadt sich gesund bewahrte, obgleich
man auch von den Kranken da hinauf verlegt hatte. Herr Moranville fhlte
sich zuletzt auch nicht wohl. Er glaubte, das Klima Frankreichs, seines
Vaterlandes, werde ihm Besserung geben. Er reisete ab, kam nach _Amiens_
und starb da. Der _Hyperion_ hatte die Nachricht von seinem Tode
mitgebracht, den ganz Baltimore mit lauter Stimme beklagte. Die Kirche
hatte kaum Raum genug, die ungeheure Menschenmenge zu fassen. Mit welchem
kalten Pomp sah ich in Europa oft Menschen begraben, die zu den Hchsten
und Bedeutendsten gehrten. Hier weinten tausend und tausend dankbare Augen
still vor sich hin. Und als der Prediger vom Leben des Wohlthters sprach,
ward der Schmerz laut.

Man hat jetzt seit Kurzem einen Theil des Hafens ausgetrocknet, wodurch die
Luft reiner und gesunder geworden ist. Es sind Flugraben geffnet, so, da
die Fahrzeuge in der Nhe der Vorrathshuser landen knnen. Diese Kanle
ziehen sich manchmal eine halbe Wegstunde vor bis in die meisten Straen
der Stadt. Neben den Kanlen sind auf beiden Seiten Hochstraen fr
Fuhrwerk. Zwischen den Husern ber den Dchern ragen daher die Masten der
Schiffe mit ihren flatternden Wimpeln empor. An den Ufern rollen prchtige
Lust- und Reisewagen entlang, Karren von Negern gezogen und gestoen;
zierliche Kauflden sind seitwrts geffnet, deren Reichthum den
europischen nicht nachsteht. Eine regsame Menschenmenge schwrmt durch
die lichten Straen. Der Grotheil der Wandelnden ist immer in sauberer und
geschmackvoller Kleidung. Es hat Alles alle Tage sonntgliches Ansehen.

Jeden Morgen, ehe noch die Thrme im Goldstrahl der Sonne leuchteten,
erwacht' ich vom verworrenen Gesang mehrerer Stimmen. Ich ward neugierig,
woher diese Klnge, und ging ihnen eines Tages nach. Sie kamen vom Hafen.
Ich sah auf einem Schiff acht Neger beschftigt, es auszuladen. Alle ihre
Bewegungen geschahen im strengen Zeitma und begleitet von einem Sang,
den einer von ihnen angestimmt hatte. Die Tne, mit weniger Abwechselung,
erhoben oder senkten sich, je nachdem der Waarenballen mehr oder minder
schwer war, der bewegt wurde. Ich fand diese Art melodisch zu arbeiten
nachher noch fter bei den Negern. Man sagte mir, da diese Unglcklichen
sich in den ersten Monaten ihrer Gefangenschaft einer solchen Schwermuth
berliessen, da sie zuletzt gegen die Mahnungen ihrer Herren, selbst gegen
Schlge ganz unempfindlich wrden. Nichts knnte sie dann erheitern, als
ihr Gesang. Man nthige sie, zu Allem zu singen. So singen sie nachher zu
aller Arbeit und bewahren dadurch ihre Munterkeit.




8.

Die Auswanderer.


Um mehr in der Mitte der Stadt zu sein, wohin ich von meinem Gasthof wohl
eine halbe Stunde Wegs hatte, whlte ich einige Tage nach meiner Ankunft
den Gasthof zur _Indian Queen_. Im ersten hatte ich wchentlich, bei
tglichen drei Mahlzeiten, 4Dollars (ungefhr 1Louisd'or) bezahlt; in
diesem war der Preis tglich 1Dollar. Die Reisenden wurden durch sechs
Neger und Mulatten bedient; dreimal des Tages war die Tafel gedeckt, mit
ausgewhlten Speisen besetzt und die Gesellschaft am Tisch zahlreicher.
Es waren mit mir etwa achtzig Reisende da und sehr wenig Europer
unter denselben. Der Wirth hlt ein Buch, worin der Name seiner Fremden
eingetragen ist. Das aber ist keine Polizeimaregel, wie in Europa, sondern
Uebung. Die Polizei drngt sich hier nicht in Alles ein. Man setzt voraus,
die Mehrheit der Reisenden bestehe aus rechtlichen Menschen, und unterwirft
diese nicht den demthigenden und beleidigenden Verfgungen, die man
einiger Schelmen willen erfunden hat. Man reiset durch alle Staaten
Amerika's, ohne auch nur eines Passes zu bedrfen, und sich damit beim
Thor jedes Stdtleins und jeder Polizeibehrde ausweisen, verzgern und oft
plump genug behandelt sehen zu mssen.

Kmmt ein Reisender ans amerikanische Ufer, mu er erst seinem
Schiffskapitn den Werth seiner Waaren genau angeben, dann hernach beim
Zollamt den Werth des Verkauften. Ein jhrlich vom Kongre bestimmter Tarif
bezeichnet, was davon zu entrichten ist. Uebersteigt die Abgabe fnfzig
Piaster, gewhrt man Zahlungsfristen von sechs, neun und zwlf Monaten. Man
hlt sich an das gegebene Wort. Und Alles geht ganz gut dabei. -- Es
ist dies allerdings merkwrdig. Werden denn die Leute ehrlicher und
rechtlicher, wenn sie amerikanische Luft athmen? -- Ich mchte beinahe
glauben, es wrden die Unterthanen der europischen Regierungen viel besser
werden oder sein, wenn die Regierungen ihnen mehr Redlichkeit zutrauten.
Man verkrppelt Vlker nicht nur, wie in der Trkei, durch rohe, gesetzlose
Hrte und Grausamkeit zu sklavischen Wesen, die mit den Lastern
des Sklaventhums behaftet stehen, sondern auch durch unbesonnene
Gesetzgebungen, in denen kein Glaube an die menschliche Tugend, keine
Achtung des jedem Menschen eigenthmlichen Ehrgefhls, keine Schonung
der Wrde des Menschen, auch im Aermsten, vorherrscht. Mustert die
Gesetzgebungen der meisten Lnder: sie scheinen fr Botany-Bai-Leute
geschaffen zu sein.

Die heitere, freie, anstndige Bewegung der Einwohner Baltimore's auf
Straen, ffentlichen Pltzen u.s.w. fand ich im Innern der Familien
wieder. Ich ward einigemal in die Abendgesellschaften eines der ersten
Huser, bei Herrn G...., eingeladen. Die Frauenzimmer machten nach dem Thee
Musik mit Gesangbegleitung; man plauderte, scherzte, spielte. Es war hier
Alles ohngefhr wie bei uns in hnlichen guten Gesellschaften; nur weniger
gezwngt, steif und gesucht, viel heiterer und jeder mehr sich hingebend.

Noch mu ich doch auch ein Wort von meinen europischen Reisegefhrten,
den Auswanderern, sagen. Den Tag nach der Ankunft im Hafen, gingen die
Auswanderer ebenfalls ans Land und schickten sich an, in die westlichen
Gegenden der Vereinstaaten zu reisen, meistens in kleinen Caravanen von
acht bis zehn Personen. Manche waren schon ganz von Geld entblt. Sie
wandten sich an eine sehr achtungswrdige Gesellschaft in Baltimore, und
die beiden rmsten Familien, die eilf Personen stark waren, erhielten ein
Pferd fr sich und 40Piaster. Sie zogen, wie der grte Theil solcher
Ankmmlinge, den Ufern des Ohiostroms zu.

Auch das amerikanische Schiff _Elisabeth_ war in New-York, und frher, als
der Hyperion, mit mehr denn vierzig Reisenden angekommen, wie ich erfuhr.
Diese, meistens Schweizer, zogen an den Ufern des Hudson aufwrts und
folgten dem groen Kanal bis zum Erie-See. Das Schiff _Boston_ kam fast
gleichzeitig mit 120 Kolonisten, Elsassern und Schweizern, grtentheils
Wiedertufern, in Alexandria in Virginien an. Auch diese wanderten vom Ufer
des Potomak zum Ohio. Eben so andere Auswanderer, die einige Wochen spter
auf zwei Schiffen von Havre ankamen. -- Jhrlich strmt aus Europa eine
unglaubliche Menge arbeitsamer, gewerbfleiiger Familien nach Amerika. Und
doch -- wie groe Strecken Landes entbehren in Europa noch des Pfluges und
des Kunstfleies!

Wie schon gesagt, sind in jedem Fall die amerikanischen Schiffe allen
andern zur Ueberfahrt vorzuziehen. Sie brauchen gewhnlich von Europa
nach dem neuen Welttheil nicht mehr, als zwanzig bis vierzig Tage, und
zur Rckfahrt nach Europa etwa zwanzig bis dreiig. Zwlf Schiffe, die den
Namen Packboote tragen, machen zwischen Havre und New-York den regelmigen
Dienst; zwlf andere eben so von Grenok nach New-York; zwlf von London und
sechszehn von Liverpool eben dahin. Jedes dieser Schiffe macht die Hin- und
Herfahrt dreimal im Jahre. In jedem derselben ist der Preis fr einen Platz
in der Kajte zu dreiig Guineen (ohngefhr dreiig Louisd'or) oder 140
Dollars. Man hat dafr tglich drei wohlgewhlte Mahlzeiten nebst dem Wein;
zum Nachtisch Madera; Sonntags Champagner.

Diejenigen, welche weniger Bequemlichkeit verlangen und unterwegs sparen
wollen, finden beim Kapitn eines Kauffahrteischiffes leicht den Platz zu
zwanzig Louisd'or. Die Auswanderer auf dem Hyperion zahlten fr die Person
nur ohngefhr sechs Louisd'or; bekstigten sich aber selbst; schliefen
im Zwischenverdeck, hatten aber Holz zum Kochen und ses Wasser
frei. Matratzen, Fleisch, Wein, Schiffszwieback, hatten sie von Havre
mitgenommen, und auf die Person fr vier Louisd'or Lebensmittel berechnet.

Noch vor wenigen Jahren war die Ueberfahrt kostspieliger und bei der
Unerfahrenheit der damaligen Schiffskapitne langsamer. Sie gebrauchten
dazu oft sechszig bis achtzig Tage, manchmal sogar drei bis fnf Monate.
Viele der Auswanderer waren sodann ausser Stand zu zahlen; hatten ihr Geld
oft schon beim langen Aufenthalt im Hafen verzehrt. Dann pflegten sie sich,
um die Ueberfahrt zu zahlen, dem Kapitn auf lngere oder krzere Zeit
in Arbeit zu verdingen, und dieser verkaufte sie, oder vielmehr ihre
Arbeitsverpflichtung, wenn er nach Amerika kam, an Andere, die das Meiste
boten.

Die Regierung von Amerika hat diesen schndlichen Handel durch ein Gesetz
verboten, und alle dergleichen Vertrge zwischen Kapitnen und Reisenden
aufgehoben. Seitdem nimmt kein Kapitn mehr Ueberfahrende an, ohne das
Frachtgeld vorher baar erhalten zu haben.

Viele von den Ankmmlingen, die ich nachmals in verschiedenen Gegenden
Amerika's sprach, und welche die Ueberfahrt auf Schiffen anderer Stationen
gemacht hatten, erzhlten mir von seltsamen Meer-Abentheuern, denen ich
kaum Glauben schenken konnte. Ein Aargauer, der im Jahr 1817 mit 450
Wrtembergern und Schweizern die Ueberfahrt von Holland aus gemacht hatte,
erzhlte: da man nach sechs Wochen auf dem Meere endlich die Portionen
Lebensmittel habe auf ein Drittel einschrnken mssen; da sich deswegen
viele dem Kapitn verkauft htten; da bei 150 Menschen durch Hunger und
Krankheit auf dem Meer umgekommen wren, und erst nach einem Vierteljahre
New-York erreicht htten. Gewi ist, da einige, die ihre Ueberfahrt
bezahlt hatten, nachher ihre Klage gegen den Kapitn aufsetzten und sie
Regierungsgliedern berreichten. Der Kapitn wurde vor den Richter
berufen, und da er sich nicht ganz rechtfertigen konnte, zu einjhriger
Gefangenschaft und zum Verlust seines Schiffes verurtheilt. Die Reisenden
wurden von den eingegangenen Vertrgen frei gemacht. Und seit dieser
Zeit ists auch, da jenes Gesetz erschien, um alle Mibruche dieser Art
abzuschaffen.




9.

Eine Tagreise nach Philadelphia.

(24. Juli.)


Wie weit ists von hier bis zur Hauptstadt Pensylvaniens? fragte ich.

Vormals ziemlich weit, war die Antwort; man mute mehrere Tage unterwegs
zubringen. Jetzt aber knnen Sie bei uns in Baltimore frhstcken und in
Philadelphia zu Abend speisen. Die beiden Stdte sind einander sehr nahe
gerckt worden. Es sind, von Baltimore dahin, dreiunddreiig Stunden.

In der That, wohin man bald gelangen kann, das ist nicht sehr entfernt.
Je mehr sich die Vereinstaaten beleben, mit Kunststraen, Kanlen und
Schifferflssen durchschnitten werden, Eilwagen und Dampfboote sich
vervielfltigen und vervollkommnen, je kleiner wird dies ungeheure Gebiet,
in welches man ziemlich bequem den grten Theil Europas hineinlegen kann.

Ich bestieg an einem schnen Morgen um fnf Uhr das Dampfschiff Richmond,
welches, mit der Kraft von siebenzig Pferden, regelmig die Fahrt von
New-York nach Albany macht. Ob ich gleich manches Dampfboot schon gesehen
hatte, berraschte mich doch dieses durch seine Sauberkeit, innere
Schnheit und die Pracht der Zimmergerthe und Verzierungen. Der
Dampf hrte auf zu zischen; das Rderwerk gerieth in Bewegung, und mit
wunderbarer Geschicklichkeit flog das Boot mitten durch die Menge der
Fahrzeuge, welche das Gewsser des Hafens bedeckten. Kaum von der Rhede
etwas entfernt, kam uns das Dampfschiff =the Maryland= entgegen, das von
Charlestown und Norfolk nach Baltimore gehend, uns einen Reisenden abgab,
welcher nach New-York wollte.

Wenn man aus dem Hafen kmmt, mag die _Chesapeakbay_ eine starke
Viertelstunde breit sein und nimmt dann den Namen _Susquehanna_ von dem
Flu an, der aus den Alleghanybergen in zwei verschiedenen Strmen kmmt.
Diese Strme vereinigen sich zu _Sunbury_ ehe sie in die Chesapeakbay
fallen.

Um acht Uhr wurde zum Morgenmahl gelutet. Jedermann setzte sich zum Tisch,
wie ihm gefiel. Es waren der Reisenden ohngefhr sechszig Personen. Das
Frhstck war, wie gewhnlich, in ppiger Flle aufgetischt; Kaffee,
Rindfleisch, Geflgel, Fisch, auf mancherlei Weise bereitet; Backwerk,
Butter und die =sweah patatoes=, oder se Erdpfel nicht zu vergessen, vom
feinsten Geschmack, welche mein Lieblingsbissen blieben, so lange ich in
Amerika war.

Das Schiff ging rasch; in einer Stunde stromaufwrts zwei Wegstunden. Beide
Ufer, die sich einander allmlig nherten, waren mit artigen Landhusern
und wohlgebauten Feldern geschmckt. Im Hintergrunde unendlicher Wald.

Um eilf Uhr hielt das Schiff an. Wir muten ans Land. Jeder Reisende
erhielt eine Karte, welche die Nummer eines Wagens trug, in dem jeder nun
vom Ufer der Susquehanna zum Delavareflu fahren sollte, wo uns ein anderes
Dampfschiff erwartete.

Sechs schne Wagen, jeder mit vier krftigen zierlich geschirrten
Rossen bespannt, brachten uns in vierthalb Stunden von _Newcastle_ ans
Delavare-Ufer in den Delavarestaat. Es ist dies ein Weg von ohngefhr
neun Stunden Lnge. Man sa im Wagen bequem, obgleich immer drei Personen
nebeneinander.

Wir hrten schon in der Ferne, ehe wir das Dampfboot sahen, den Dampf
pfeifen. Eilfertig, als wre Alles auf der Flucht begriffen, stieg man aus
ins Schiff; das Gepck kam sogleich mit, und wir flogen den Delavarestrom
aufwrts. Die Ufer desselben sind so lieblich, wie die der Susquehanna.
Wlder, durchschnitten von schnen Pflanzsttten, saubere Huser von Back-
und Felssteinen, mit Grten, verkndeten freudigen Wohlstand und noch Raum
genug fr manchen Ansiedler. -- Zwischen Gehlzen, Maisfeldern und ppigen
Wiesen sahen wir auch zwei kleine Stdte an uns vorberschweben: _Chester_
und _Wilmington_. Sie hatten freundliches Aeusseres; die Huser mit vielem
Geschmack erbaut, aus Steinen, Backsteinen und getnchtem Holz. Rechts
lag uns der Staat _Jersey_, weniger volkreich, als Pensylvania zu unserer
Linken.

Eine Menge Schiffe, Sloops und anderer Fahrzeuge begegneten uns, oder
folgte uns. Ueberall Leben und Verkehr. Aber kein Schiff konnte mit unserm
Boot gleichen Lauf halten; es legte in einer Stunde, gegen den Strom, ber
2 Wegstunden zurck.

Es war sechs Uhr Abends vorbei, als wir schon den Wald von Schiffsmasten
sahen, welcher den Hafen von Philadelphia besumt. Bald erblickten wir
am Ufer des Flusses, beim Eingang des Hafens, ein ungeheures steinernes
Bauwerk, breit und schwerfllig. Es war die Veste Mifflins.

Am Landplatz lagen schon fnf andere Dampfboote. Wir befanden uns dem
Marktplatz gegenber. Eine Menge schaulustiger Menschen standen am Ufer.
Neger erboten sich, mein Gepck zu tragen. Nur 200 Schritte vom Hafen ist
der Gasthof _Brandson_, wo ich einkehrte, und fr einen Dollar tglich mich
ganz wohl befand.

So war ich nun in der Stiftung des unsterblichen und ewig ehrwrdigen
William Penn; in der Stadt, welche bis zum Jahre 1800 die Stadt des
Kongresses gewesen, der dann nach Washington im Columbiastaat verlegt
wurde.

General _Lafayette_ kannte sein Amerika, fr dessen Unabhngigkeit er einst
als Jngling gefochten hatte, nicht wieder, da er zum letztenmale dessen
Gast ward. Und jeder Reisende, der nur einige Jahre spter kmmt, als der
frhere, findet Verwandlungen ber Verwandlungen, neue Kolonien im Innern,
wo sonst Einden, neue Stdte, wo sonst einzelne Bauerhfe lagen, und
kleine Ortschaften in Gewerbs-, Handels- und Prachtstdte verwandelt.

Laut der letzten Zhlung steigt die Bevlkerung jetzt auf 12,508,000
Einwohner in den gesammten achtundzwanzig Staaten des Bundes. Ich will hier
die Uebersicht von gegenwrtiger Bevlkerung der Vereinstaaten, nebst den
Jahren ihrer Kolonisation und Aufnahme in den Bund, als selbststndige
Republiken, beifgen.


  Namen.       Kolonisation.  Eintritt in  Bevlk.
                               den Bund.   Seelen.

  Virginien         1610         1776     1,100,000
  New-York          1614         1776     1,220,000
  New-Jersey        1614         1776       314,000
  Massachusetts     1620         1776       548,000
  Newhampshire      1623         1776       274,000
  Pensylvanien      1627         1776     1,078,000
  Delavare          1627         1776       100,000
  Maine             1630         1819        10,000
  Connecticut       1635         1776       316,000
  Rhode-Island      1635         1776       100,000
  Maryland          1638         1776       450,000
  Vermont           1664         1776       300,000
  Nordkarolina      1669         1776       504,000
  Sdkarolina       1710         1776       662,000
  Georgien          1732         1776       366,000
  Louisiana         1734         1812       158,000
  Tennesee          1750         1796       430,000
  Allabama          1770         1822        85,000
  Columbia          1638         1800        56,000
  Kentuky           1773         1792     1,100,000
  Indiana           1787         1816       130,000
  Ohio              1780         1803       540,000
  Illinois          1790         1818        55,000
  Missouri          1790         1820       106,000
  Missisippi        1780         1817       156,000
  Ostflorida  }
              }                  1822     1,000,000
  Westflorida }
  Michigan          1810         1823        50,000
  Die Lnder westwrts Illinois
    u.s.w. zhlen auch etwa             1,000,000.

Man sieht daraus, da bei uns zu Lande die Geographien, welche erst vor
einigen Jahren gedruckt sind, wo sie von den Vereinstaaten reden, durch
die Riesenschritte, welche Bevlkerung und Anbau dort thun, unvollstndig
geworden sind.

Noch ein Vierteljahrhundert, und die Vereinstaaten sind durch ihre Lage,
durch ihre Bevlkerung, durch ihren Reichthum, durch ihre vortrefflichen
Einrichtungen, durch ihre weisen Gesetzgebungen eine Riesenmacht, die
des gesammten Europens Trotz spotten kann, und auf unsern Welttheil mehr
Einflu haben wird, als er auf sie. Da, wo jeder Brger fr sein Vaterland
das Gewehr trgt, wo beinahe eine Million Milizen in den Waffen
gebt werden, wo Freiheitsgefhl, Nationalstolz und Miachtung der
alteuropischen Einrichtungen begeistern, ist schon jetzt nichts mehr
von schweren Anfechtungen aus Amerika zu frchten, obgleich die gesammten
achtundzwanzig Republiken nicht mehr, als kaum 6000 Soldaten, das heit
in Sold und Lohn stehendes Kriegsvolk, unterhalten. Da die Amerikaner ihr
Glck fhlen im Verhltni zu den Europern, mu uns gar nicht wundern.
Denn ungerechnet die natrliche Liebe der Eingebornen zu ihrer Heimath,
bringen die jhrlichen Einwanderer und neuen Ansiedler wenig Lobreden auf
den alten Welttheil mit, welche die Neigung fr Europa erhhen knnten;
und dann erfahren sie wchentlich aus zahllosen Zeitungen nur zu viel vom
Bunterlei unserer Schick- und Drangsale.




10.

Die Stadt der Freunde.

(24. bis 30. Juli.)


_Philadelphia_ trgt wohl seinen Namen mit Recht. Der Grotheil ihrer
Bewohner besteht aus Personen, die zur Kirchpartei, oder wie sie es
nennen, zur _Gesellschaft der Freunde_ gehren, die man gemeinlich mit dem
Spottnamen der _Quakers_ und _Zitterer_ bezeichnet.

Es war mir gleich anfangs, da ich durch die Stadt ging, auffallend, welche
anstndige, ich mchte sagen sonntgliche Stille in den volkreichen Gassen
Philadelphia's herrschte, einer Stadt von ohngefhr 120,000 Seelen.
Und doch durchkreuzte sich das Volk in lebendigem Verkehr nach allen
Richtungen. Der Markt war voll Getmmels, von einem Ende zum andern mit
Gartenfrchten und Gemsen jeder Art, wohlgeordnet besetzt; seitwrts mit
ganzen Reihen von Bauerwagen und wohlgenhrten Rossen; die Wagen waren mit
Fleischwaaren, gerupftem und in saubere Leinwand eingeschlagenem Geflgel
u.s.w. angefllt, von Kufern und Kuferinnen umringt.

Jene Stille, die mich berraschte, hatte die nmliche Wirkung auf einen
englischen Schriftsteller hervorgebracht, der sich darber so ausdrckt:
Was mir, nicht nur zu Philadelphia, sondern in allen Stdten der
Vereinstaaten, ungewohnt entgegentrat, war das anstndige, besonnene Wesen
der Brger. Da ist in den Straen kein Lrmens, Schreiens, Zankens;
und doch bezeichnet dieser Mangel des Lrmens so wenig einen Mangel an
Lebhaftigkeit, als das Nichtdasein von Grausamkeit die fehlende Tapferkeit
andeutet. Wer daran zweifelt, besuche den nordamerikanischen Bundesstaat.

Am Sonntage ward die Luft von allen Seiten durch das Gelut der Glocken
bewegt. Ich ging in die erste Kirche, die ich antraf; sie war sehr gro und
doch schon von Personen beiderlei Geschlechts angefllt. Ich bemerkte an
den aufrecht stehenden Rockkragen der Mnner, an den feinen aber blumen-
und federlosen Strohhten der Frauenzimmer, an der mangelnden Kanzel,
die ich vergebens mit den Augen suchte, da ich in einem Tempel der
Gesellschaft der Freunde war.

Die Kirchenglocken schwiegen. Im weiten Raum des der Andacht geweihten
Gebudes entstand eine tiefe, anhaltende Stille. Alles schien in fromme
Betrachtung untergegangen. Ich wartete geduldig anderthalb Stunden, und es
nderte sich nichts. Ich war schon im Begriff fortzugehen, als eine gute
alte Frau vom Sitz aufstand, und mit zitternder doch vernehmlicher Stimme
das Schweigen brach, indem sie ein Gebet sprach. Dies mochte wohl eine
Viertelstunde dauern; dann bedeckte sie sich das Gesicht mit beiden Hnden
und sa wieder nieder. Ich verweilte noch ein halbes Stndchen. Als niemand
aber das Wort nahm, ging ich wieder und besuchte eine andere Kirche.

Es ist in der Art und Weise dieser Gesellschaft der Freunde viel Eigenes,
Hartes, Schwrmerisches und Ueberspanntes. Wer knnte das ganz lugnen?
Aber doch mu ich bekennen, keine von allen christlichen Kirchenpartheien
hat dabei so viel Milde, Menschenfreundlichkeit, Selbstverlugnung,
Selbstaufopferung und Wahrhaftigkeit, als eben diese. Sie leben freundlich
unter allen Menschen, ohne deren wilde Thorheiten und Leidenschaften
anzunehmen. Sie wenden die Vorschriften des Christenthums streng, ja
_buchstblich_ auf das wirkliche Leben an, und werden dadurch auffallend,
sonderlingsartig in den Augen derer, die eine andere Erziehung genossen
haben, sogar lcherlich. Sie zanken nicht, wie andere Christen, um Formen
und Dogmen; ihr Glaube liegt mehr sprechend in ihren Handlungsweisen. Das
stammt schon von erster Erziehung her, die ihnen nachher das Gewohnte
zum lieben Bedrfni macht. Diese Erziehung weicht freilich von der
gewhnlichen ab; ist vielleicht in Manchem zu ngstlich. Aber vielleicht
ist eben diese Aengstlichkeit das beste Verwahrungsmittel gegen die sptere
Leichtigkeit, mit dem, was unehrbar und lasterhaft ist, in Unterhandlung
zu treten. Tanz, Musik, Jagd, Hazardspiel und Theater sind untersagt. Die
erzieherische Gesetzgebung William _Penns_ scheint mir unendlich edler, in
sich selbst weiser und in ihren Wirkungen nicht minder bewundernswrdig,
als die vielbewunderte des _Lykurg_. Wer dies bezweifelt oder nicht
begreift, mte Pensylvanien, mte die entlegensten Einsamkeiten Amerika's
besuchen. Hier ist nicht Heuchelei, auf den Schein gemachte Frmmigkeit,
verlarvter Stolz, wie bei manchen hnlichen Sekten in Europa, sondern
Ueberzeugung, die ins Leben durch die That tritt, und durch Erziehung und
Gewohnheit Bedrfni wird.

Es scheint mir, da die Einfalt, Wahrhaftigkeit, Anspruchlosigkeit
und Rechtlichkeit der Gesellschaft der Freunde, auf Denkart und Ton,
Gesetzgebung und Verfassung der Amerikaner in den Vereinstaaten einen sehr
bedeutenden Einflu gehabt habe und noch immer be. Ueberall bin ich
den Spuren ihrer Gesinnungen begegnet. Auch geniessen sie allgemeine und
wohlverdiente Achtung.

Unter ihnen herrscht vollkommene Gleichheit der Rechte; Reichthum und
Armuth geben darin keinen Unterschied. Die Hupter ihrer Versammlungen
beziehen keine Besoldungen, empfangen keine besondere Ehrenbezeugungen, und
finden fr ihre Meinungen kein Uebergewicht bei den Andern. Das weibliche
Geschlecht hat, wie bei allen andern Kirchenpartheien, dieselbe
Stellung, und geniet derselben Achtung und Ehrfurcht. Die liebenswrdige
Bescheidenheit, Einfachheit, husliche Ordnungsliebe und feine
Verstndigkeit der Frauenzimmer macht, da diese auch von den achtbarsten
Familien anderer Sekten gesucht werden. -- Erfllt einer von ihnen nicht
seine Pflichten gewissenhaft, wird er von einem seiner nchsten Verwandten
oder vertrautesten Freunde im Stillen gewarnt; ist dies fruchtlos,
geschieht es von mehrern Seiten; zeigt sich alle Mhe eitel, ihn zu
seinen Pflichten zurckzufhren, wird er aus der Gesellschaft der Freunde
ausgeschlossen. Das Alles geschieht ohne Aufsehn im Stillen.

Die Verbesserung der Strafanstalten, die Versittlichung der Verbrecher, die
Verhtung des Verarmens und der aus Armuth entspringenden Uebelthaten,
die Verbreitung des Christenthums unter den Heiden, die menschlichere
Behandlung der Indianerstmme, die Abschaffung des Negerhandels und
der Sklaverei hat dieser Kirchpartei mehr, als allen andern in der
Christenheit, zu danken. -- Wenn man die Genossen derselben auch nicht
schon an ihrer ussern, einfachen Tracht erkennen wrde, die Mnner an
ihren breitkrmpigen schwarzen oder weien Hten, und schwarzen, braunen,
dunkelfarbigen Rcken; die Frauenzimmer an der Abwesenheit aller bloen
Schmucksachen, der Ohrgehnge, Ringe, Armbnder, Federn, Kunstblumen
u.s.w. -- Trauer um die Todten legen sie nie an -- so wrde man sie
an der strengen Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit im Handel und Wandel
erkennen; an ihrer Treue im gegebenen Wort, an der Verschmhung jeder Art
Betrugs und Ueberlistung.

Die Stadt _Philadelphia_ hat etwas ungemein Geflliges im Aeussern. Die
Straen sind gerumig und breit, manche achtzig bis hundert Schuh; alle
sauber mit Plattsteinen gepflastert. In der Mitte stehen Hallen, oder
zum Marktverkauf bestimmte, berdeckte Pltze, wo die Landleute, die ihre
Erzeugnisse bringen, gegen das Wetter geschirmt stehen. Manche dieser
Hallen sind ber eine Viertelstunde lang. Die Fugnge an den Seiten sind
von Zeltdchern beschattet, viele der Kauflden und Gewlbe gleichen an
Flle und Schnheit der Verzierung den schnsten in Paris.

_Penn_ selbst hat den Ri zur Stadt der Freunde im Jahr 1682 entworfen. Sie
ist wohl eine Wegstunde lang. Es ziehen vierundzwanzig breite, schnurgrade,
oft seitwrts mit Fugngen versehene Straen neben einander hin, die von
zwanzig andern hnlichen im rechten Winkel durchschnitten sind. Die
Huser haben meistens weien, gelblichen oder rthlichen Anstrich. Die
Begrbnipltze sind hier noch, wie in allen amerikanischen Stdten, bei
den Kirchen. Es fehlt nicht an vielen Sehenswrdigkeiten. Ich darf nur an
das herrliche Museum erinnern, wo auch das vor einigen Jahren zu Bigbone
in Kentuky, ohnweit Cincinnati gefundene Mammuthskelet aufbewahrt wird, das
18Schuh lange, 11Schuh hohe Riesenthier der Vorwelt.

Neben allen schnen Gebuden der Stadt zeichnen sich immer die Kirchen
durch ihre Pracht und Majestt aus. Und ihrer sind nicht wenige. Und alle
sind doch nur auf Kosten der verschiedenen Kirchpartheien gebaut. Denn, wie
gesagt, hier ist keine herrschende, sogenannte Landesreligion. Der Staat
hat den weisen und wohlthtigen, und Religiositt befrdernden Grundsatz
vollkommener Glaubensfreiheit anerkannt. Er zwingt niemanden zum
Kirchenbesuch, und doch sind alle Tempel stets beim ffentlichen
Gottesdienst angefllt, whrend in Europa die Pfarrer ber Verfall der
ffentlichen Andacht und die Leerheit der Gotteshuser hufig jammern. Der
Staat gibt kein Geld zum Kirchenbau, besoldet keinen Geistlichen, und doch
gibt es kaum ein Land, wo so viel Kirchen sind. Im Jahr 1817 hatte die
Stadt Philadelphia bei ohngefhr 100,000 Einwohnern achtundvierzig Kirchen;
_Boston_, damals bei etwa 40,000 Seelen dreiundzwanzig Kirchen; _New-York_,
bei damals etwa 120,000 Einw., dreiundfnfzig Kirchen. Und heute sind
berall, nach Magabe der gestiegenen Bevlkerung, auch der Tempel mehr
geworden. -- Worauf deutet das?

Weil der Staat ohne Unterschied jeder christlichen Glaubensgenossenschaft
gleiches Recht und gleichen Schutz gewhrt, hrt man auch nichts von den
ekelhaften Religionsznkereien, mit denen sich die Europer ermden und
qulen. Es herrscht gegenseitige Achtung und Schonung. Man spricht nicht
gern ber Glaubensverschiedenheit. Man ist so verstndig, zu begreifen,
da man keine fremde Glaubenslehre tadeln und beschimpfen knne, ohne die
eigene dem Tadel und der Beschimpfung preis zu geben. Noch weniger darf
sich das Kirchliche irgendwo in die Politik mengen, da beide durch die
Grundgesetze des Staates so scharf und fest von einander geschieden stehen.

Unter den Sehenswrdigkeiten, die erst seit Kurzem ihr Dasein empfangen
haben, zog mich ganz besonders das Kunstwerk am Shuykillstrom, eine Stunde
von Philadelphia, an, durch welches die ganze Stadt mit Wasser versehen
wird. Auf dem Wege dahin sah ich eben an einem neuen _Zucht-_ und
_Besserungshause_ arbeiten. Ein weiter Platz war dazu geebnet und der
ganze, groe Raum mit einer mchtigen Mauer umgeben. Man sollte meinen,
hier werde an einem Festungswerk gebaut: so schwer und stark ist alles
aufgefhrt. Das Thor ist eine mchtige Arbeit, und soll mit eisernen
Gitterthren geschlossen werden, die wohl mehr, als eines Mannes Arm
vonnthen haben drften, um sich in ihren Angeln zu bewegen.

Eine halbe Stunde von da ist am Shuykill die Wassermaschine. Ein Vorbau
drngt das Wasser des Flusses vom Ufer ab. Rder von 16Schuh Durchmesser
bewegen eine Pumpe mit doppeltem Stempel, wodurch das Wasser 120Schuh hoch
gehoben in ein ungeheures Becken gegossen wird. Die Pumpe liefert binnen
vierundzwanzig Stunden bei 500,000 Gallonen Wasser. Sie steht erst seit
zwei Jahren. Vorher hatte man eine durch Dampf getriebene, die man aber nun
nicht mehr gebraucht.

Durch eine Menge Rhren und Kanle fliet das Wasser aus dem ersten
Behlter nach allen Stadtvierteln, ja fast in jedes Haus, wo man mit einem
angebrachten Hahn so viel abzapft, als man will. In jeder Strae sind
mehrere Brunnen, die man, im Fall einer Feuersbrunst, nach Belieben laufen
lt. Man legt nur den Schlauch der Feuerspritze an, die dann zweimal mehr
Wasser schleudert, als die sonst bliche.




11.

Der Ausflug nach New-York.

(30. Juli.)


Wie gern htte ich noch in Philadelphia verweilen mgen! Ich mute mich
immer recht ernsthaft daran erinnern, da ich nur zum Besuch in Amerika sei
und versprochen habe, vor Weihnachten wieder in meiner Heimath zu sein.
Wie viel hatte ich noch zu sehen! _New-York_, der Hauptplatz des
nordamerikanischen Handelsverkehrs, ist nur zweiunddreiig Stunden von
Philadelphia entlegen. Kleinigkeit! Ich konnte also Abends dort sein.

Um halb sechs Uhr Morgens stieg ich ins Dampfboot, das an Bequemlichkeit
und Zier allen frhern nicht wich. Der Reisenden waren ohngefhr achtzig
auf dem Boot; Herren und Frauenzimmer; alle, ohne Ausnahme, sehr sauber
und mit Sorgfalt gekleidet, als wren sie nicht zur Reise, sondern zu einem
geselligen Vergngen zusammengekommen. Auch, als man sich um sieben Uhr zum
Frhstck setzte, am reich mit allerlei Speisen beladenen Tisch, glich die
Reisegesellschaft einer freundlichen Vereinigung eingeladener Gste.

Wir fuhren den Delaware aufwrts und erblickten nach einer halben Stunde
die Schiffswerfte von Philadelphia, auf welcher neun groe Fahrzeuge bereit
lagen, ins Wasser gelassen zu werden. Die pensylvanische Kste bot uns
aller Orten das Schauspiel fleiigen Anbaus dar. Zwischen zerstreuten
Wldchen und lichtstehenden Pappeln lachten uns freundliche Landhuser an.
Nicht so groe Mannigfaltigkeit zeigte das zum Staat Jersey gehrige Ufer.

Das Dampfboot lief in einer Stunde zwei Wegstunden stroman. Schon um neun
Uhr kamen wir an _Burlington_ vorber, wo Reisende von uns gingen, andere
zu uns kamen. In _Bristol_, sechs bis sieben Stunden von Philadelphia,
stiegen wir ans Land, wo neun Wagen warteten, um uns weiter zu bringen.
Jeder suchte den seinigen nach der Nummer der empfangenen Karte. Der lange
Zug unserer zierlichen Reisewagen machte sich sehr artig und rollte, wie
durch einen weiten Garten, von Zeit zu Zeit neben hbschen Landhusern und
Bauerhfen vorber, die, gut unterhalten, einen behaglichen Wohlstand zu
verrathen schienen.

Nach zwei Stunden hielt man in _Trenton_ an, um die Rosse zu erfrischen,
was man jedesmal alle zwei Stunden beobachtete. Die Stadt -- bekanntlich
ist sie die Hauptstadt von Jersey -- macht den Augen ein ganz angenehmes
Bild. Die Huser stehen nicht in strenger Regelmigkeit, sind aber
meistens in gutem Geschmack gebaut. Besonders ist die bedeckte Brcke,
welche ber die Delaware fhrt, von besonderer Schnheit.

Zu _Princetown_, wo die Pferde gewechselt wurden, begegneten uns zehn volle
Reisewagen, die von New-York kamen, um das Dampfboot zu erreichen, welches
wir verlassen hatten; dagegen wir in Brunswik ein anderes finden sollten,
von dem sie herkamen. Immer und immer berraschte mich tglich die Menge
der Reisenden. Hier schien mir fast Alles unterwegs zu sein. Die Gasthfe
hatten der Reisenden oft so viel zu beherbergen, wie etwa in Europa sonst
nur groe Badeanstalten. Welch ein Verkehr und Leben auf diesen noch vor
vierzig bis fnfzig Jahren halbden Ksten!

Auch Princetown schien mir eine sehr artige Stadt. Ich konnte sie nicht
nher besichtigen. Noch vor wenigen Jahren war hier aber die berhmteste
Hochschule der Vereinstaaten. -- Ueber Kingstown gelangten wir endlich nach
der Stadt _New-Brunswik_, anmuthig am Rariton gelegen, ber welchen eine
400Schuh lange Brcke fhrt, die, wie gewhnlich, auf den Seiten Fugnge
und in der Mitte zwei Fahrwege hatte.

Die Hitze war sehr stark gewesen. Unsere lange Wagenreihe hatte dicke
Staubwolken aufgetrieben, und wir alle, wie wir zum Dampfboot kamen,
trugen mehr oder weniger die Spuren dieser Wolken. Allein jetzt erschienen
sogleich einige Mulatten und Neger, mit Brsten, Handtchern, Wasserbecken,
und luden jeden, der ihre Dienste verlangte, in ein Zimmer ein, um sich da
wieder entstuben und schn machen zu lassen. Auch einige Barbierer waren
mit ihren Waffen bereit, die Mnner zu verjngen. Fast alle Reisende
unterwarfen sich dieser Purification, die weniger ngstlich, als die
spanische unter dem Scheermesser der Apostolischen ist. -- In Europa,
selbst in England und Holland, kennt man diesen hohen Grad der
Reinlichkeitsliebe nicht. Sie ist ein Beweis der gegenseitigen Achtung,
welche sich selbst Fremde untereinander im geselligen Leben schuldig sind,
und die bei uns oft tlpisch genug vernachlssigt zu werden pflegt. Ich
halte mich bei diesem kleinen Umstand gern auf, der selbst im Unbedeutenden
auf ein regeres, sittliches Feingefhl hindeutet.

So lange man in der Nhe von New-Brunswik ist, zeigt sich die Landschaft
wohlbevlkert in malerischer Abwechselung. Je weiter hin, werden die Ufer
flach, und von Ebb' und Fluth verschwemmt, die sich bis Brunswik fhlbar
macht. -- Links lagerte _Perth-Amboy_ seine niedliche Huserreihen vor uns
auseinander; besonders stellte sich der Sommersitz der Familie _Brun_ von
New-York, Brightonhouse, anmuthig dar. Es liegt schlohnlich auf einer
kleinen Anhhe und schaut von da weit durch die Ebenen. Rechts hatten
wir _Staaten-Island_ oder _Richmond_, welches uns im Vorberfluge nichts
Ausgezeichnetes in seinen Lndereien darbot, aber gegen New-York zu
an Bevlkerung reicher zu werden schien. Nachdem wir noch am linken
Rariton-Ufer, bei _Elisabeth-Town_, einige Reisende aufgenommen hatten,
fuhren wir gegen sechs Uhr Abends, beim lieblichsten Wetter, in die Bai von
New-York ein.

Da stieg pltzlich in der Tiefe des Hintergrundes vor uns eine, ich mchte
sagen von tausend Schiffsmasten halbverschleierte Stadt aus den Wellen.
Nur die Zinnen der Huser, die Thrme, die Pappeln-Reihen, welche auf die
Richtungen der Straen deuteten, liessen sich ber den Wimpeln wahrnehmen.
Wie wir nher rckten, hatten wir die sogenannte Batterie vor uns. Es ist
dies ein ffentlicher Lustplatz, von Linden und Pappeln berschattet, deren
Zwischenrume am Boden wohlunterhaltenes Rasengrn deckt. Alles wimmelte
von Lustwandelnden. Die schne Welt war im schnsten Sommerschmuck dort
versammelt. Am ussersten Ende, ohngefhr hundert Schritte vorwrts in der
Bai, hat man ein niedliches, kreisfrmiges Pavillon aufgefhrt. Es ist zwei
Stockwerke hoch; das Dach mit einer Gallerie umgeben. Man hat von
diesem Belvedere in der That, wie ich nachher sie selbst geno, eine
wunderliebliche Aussicht. Ueber dem Bau erhebt sich ein dreiig Schuh hoher
Mastbaum, mit der Flagge der Vereinstaaten. Der Hafen von New-York ist voll
ewiger Bewegung. Tglich, stndlich laufen Schiffe ein, segeln andere
ab. Bei dreiig Dampfschiffe schwrmen ab und zu, von den verschiedensten
Formen und Bestimmungen. Flchtige Rauchsulen, die sich bald in den
Lften zerstreuen, schweben des Tags ber ihnen; Nachts sind eben so viel
Feuersulen, gleich jenen, die in der Wste den Kindern Israels leuchteten.

Als wir um sieben Uhr ans Land traten, boten Weie, Mulatten und Schwarze
ihren Dienst an, unser Reisegepcke in die Stadt zu tragen; aber nicht mit
jener frechen oder plumpen Zudringlichkeit, deren man von Leuten dieser
Klassen in Europa gewohnt ist. Lngs dem Quai stand eine lange Reihe
eleganter Kutschen und Halbwagen, die wahrlich mit den Fiacren oder
Lohnkutschen von Paris oder Wien wenig Aehnlichkeit, dennoch die
nmliche Bestimmung, hatten. Sie sind geschmackvoll gestaltet, meistens
gondelfrmig. Die Lohnkutscher, wie alle Personen aus der arbeitenden
Klasse, sind mit vieler Sorgfalt angekleidet, in ihrem Betragen gefllig,
zuvorkommend, ohne jenes knechtisch-hfliche Wesen, welches bei uns die
Wrde des Mannes so oft entweiht.

Ein Sprung vom europischen Ufer ber den Ozean, ans amerikanische, macht,
beim schnellen Wechsel der Welttheile, jenen Gegensatz der Sitte und
Lebensweise ungemein fhlbar. Andern vielleicht scheint eine Beobachtung
dieser Art unbedeutend; mir bedeutsamer aber, als die Beschreibung von
Bildergallerien, Kunstkabineten und Bibliotheken, die wir Reisende gern
besuchen. Es ist in den amerikanischen Stdten durch alle Volksklassen eine
gewisse Sittenfeinheit, ein Gefhl fr das Anstndige und Edle verbreitet,
welches nicht aus Tanzmeisterlektionen, sondern aus dem Bewutsein des
eigenen Rechtes und der Achtung fr fremdes stammt. Selbst die Einwanderer
schleifen nach und nach die rohen Seiten ihres Betragens ab, welches sie
von dem Stande oder der Kaste noch mitbrachten, der sie im andern Welttheil
eingebrgert waren; das grobe Hochfahren des Adelmanns und Beamten, die
stolze Leutseligkeit des Vornehmen gegen den Geringen, die Rang-Seligkeiten
des spiebrgerischen Kleinstdters, die unbehilfliche Steifheit des
Handwerkers, die unterthnige Kriecherei und patzige Frechheit der
Herrendiener. Wo der Mensch als Mensch gilt, ist chter Adel --
Menschenadel daheim. Wer Freiheit und Recht hat, wie jeder, ehrt beides
gern im Andern, um beides geehrt in sich zu bewahren.

Ein Mulatte, mit einem Nummerschild am Rocke, trug mein Gepck in die
Beaver-Street, wo ich bei einer Privatperson einkehren mute, der ich schon
durch einen Freund in Philadelphia empfohlen war. Die Gastlichkeit der
Familie bedrckte mich fast. Eine Woche lang mute ich bei ihr verweilen;
dann aber bezog ich den schnen Gasthof Columbian-House.




12.

Von New-York.

(30. Juli bis 14. August.)


Vor etwa 200Jahren schickten die Hollnder Ansiedler hieher, die bauten
am Zusammenflu des Hudson- und Ostflusses am Meere, auf der ussersten
Morgenseite der Insel _Manhattan_, ihre Niederlassung _New-Amsterdam_;
spter empfing die Pflanzsttte den Namen _New-Stockholm_; und seit sie
in Besitz der Englnder kam, hie sie _New-York_. Die Insel ist etwa vier
Wegstunden lang und eine halbe breit. Jetzt steht hier eine reiche blhende
Stadt von 130,000 Einwohnern, die nach allen Welttheilen Handel treibt,
fr Wissenschaften und Knste mehr Anstalten, Gesellschaften, Sammlungen,
Bibliotheken u.s.w. hat, als der Mehrtheil kniglicher Hauptstdte in
andern Welttheilen, und daneben eine ausserordentliche Menge Fabriken in
thtiger Bewegung sieht.

Von der Batterie, deren ich schon erwhnte, hat man die Aussicht auf
mehrere Inseln. Die grten sind Richmond oder Staaten-Island rechts und
Long-Island links. Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur
Vertheidigung der Bai angelegt sind, haben geringen Umfang. -- In der
Ferne, doch etwa nur einer Stunde, sieht man die Stadt _Jersey_, Hauptort
vom Staate dieses Namens; noch eine schwedische Grndung. Die Hhen alle
herum sind da mit Windmhlen bepflanzt, die ihre luftigen Flgel rhrig
herumtreiben.

Das Innere von New-York hat keinen so regelmigen Straenbau, als
Philadelphia. Die bald breiten, bald engen Kreuz- und Quer-Gassen europern
ein wenig. Doch eine Strae, wie der _Broadway_ zu New-York, von solcher
Breite, eine volle Stunde Wegs lang, die Fugnge an den Seiten mit
Pappelbumen eingefat, links und rechts schne Gebude, prachtvolle und
reiche Kaufmannsgewlbe -- findet man in Europa nicht leicht. Das schnste
Gebu aber steht in der Mitte des Broadway, ganz von weiem Marmor,
in groen, riesenhaften Parthien. Es ist das Rathhaus. Davor liegt ein
ffentlicher Lustplatz, mit Gelndern eingefat. Er heit der Park, ist
aber nur ein weitluftiger, mit Gngen durchschnittener und von einigen
Bumen leichtbeschatteter Rasenplatz. Verschiedene Huser haben Ebendcher
und Balkone, die an lieblichen Sommerabenden gern benutzt werden, um der
Aussicht auf den Hafen zu geniessen, der drei Viertel der ganzen Stadt
begrenzt, und wohl der grte der Vereinstaaten ist. Ueberhaupt liegt
New-York in einer usserst anmuthigen Landschaft.

Man sieht hier nur wenige Neger, und die man sieht, sind frei. Zahlreicher
werden sie in den sdlichern Staaten gefunden, und wiewohl man sie auch
dort schon sehr menschlich behandelt, rckt doch schon der bloe Gedanke
an ihr Sklaventhum diese Unglcklichen zur dienstbaren Thierklasse nieder.
Dieser Stand der Neger ist noch ein Nachla, eine Hefe von der Herrschaft
der christlichen Europer. Ach, man sollte sich doch bei uns zu Lande nicht
brsten mit Zivilisation und Christenthum, sollte nicht die Grausamkeit der
Araber, Trken, Mauren, nicht die Barbareien des Orients stolz verdammen,
so lange man noch nicht auf europischen Schiffen den verruchten
Menschenhandel abgethan hat! -- In den Vereinstaaten ist jetzt wahrer
Wetteifer, das Loos der Schwarzen zu verbessern, ihnen allmlig die volle
Freiheit zu geben und sie zu vermenschlichen. Man wei, die ersten wurden
im Jahr 1503 in die neue Welt aus Afrika hinbergeschleppt. Jahrhunderte
lang wurden diese beklagenswrdigen Mitmenschen wie Hausthiere behandelt;
oft schlechter. Wie lange wird es dauern, ehe die moralischen Narben der
Sklavenkette ganz verwachsen sind?

Die in Amerika gebornen Neger sind weniger schwarz, als die, welche
unmittelbar aus Afrika kommen. Man behauptete mir, das Schwarz vermindere
sich von Geschlechtsfolge zu Geschlechtsfolge.

Es ist mglich. Denn auch die Europer in Amerika scheinen mir mit den
Jahrhunderten ihre Farbe allmlig zu ndern. Ich glaubte ziemlich gut
eingeborne Amerikaner von neuen Ansiedlern schon an Farbe, Bau und im
ganzen Wesen unterscheiden zu knnen. Sie sind im Allgemeinen wohl geformt.
Selten erblickt man einen Miwuchs, wie man wohl in Europa oft genug sieht.
Aber die Farbe ihres Gesichts hat nicht das Leben und die Frische, wie bei
uns; die Stadtbewohner haben eine, ich mchte sagen krnklichblasse Haut;
die Landbewohner sind freilich brauner, ohne darum frischer und farbiger zu
sein. Die Gesichter sind gewhnlich mehr lnglich, als rund; und die Zge
derselben, die meistens zusammengesetzter, als bei uns, sind, verrathen so
wenig, als das brige Aeussere der Gestalt, Gewerb und Beruf, die man in
Europa so leicht bei den verschiedenen Volksklassen unterscheiden kann.

Eine zuvorkommende, edle Gastfreundlichkeit ist wohl die herrschendste
Tugend unter den Amerikanern. Sie sind im Umgange gefllig, fein und offen.
Man mu sie nicht nach dem rohen, leidenschaftlichen Ton ihrer zahllosen
Zeitungen beurtheilen. Da treibt der politische Parteigeist sein freies und
derbes Spiel. Aber das schadet niemandem; denn man kennt das Gekltsch und
Treiben der Publizisten, und wei, da die, welche die zarten Verfdelungen
der Diplomatik und Politik auseinanderschlichten wollen, dazu gern die
grbsten Finger gebrauchen.

Diese Sonderbarkeit dort ist, wie bei unsern europischen Gelehrten,
einheimisch. Bei uns zwar nicht berall in der Politik, aber doch in andern
Fchern. Welche Klasse von Schriftstellern pudelt sich ungezogener und
ungeschliffener vor dem Publikum herum, als die der Jugenderzieher, der
Pdagogen und Philologen? Wer zeigt weniger die Wirkungen der Humanitt,
als die Klasse derer, die Humaniora treiben? Wer handelt wthender und
unchristlicher wider fremde Meinungen, als die Lehrer der Religion der
Liebe? Wer schreibt besser ber Landwirthschaft, als wer dadurch konomisch
zu Grunde ging? Wer hat unphilosophischern Stolz, als die Philosophen?




13.

Der Besuch beim Oheim.


Zwlf Stunden von New-York, am linken Hudson-Ufer, wohnte ein Oheim von
mir, der sich schon vor vielen Jahren dort niedergelassen hatte. Ich nahm
mir vor, ihn zu besuchen, und bestieg ein Fahrzeug von der Gre unserer
grten Schiffe auf Seen und Flssen, mit zwei Segeln, das heit, einen
_Sloop_. Dies Fahrzeug hatte ein Verdeck, wie andere Schiffe, und eine
niedliche Cajte. Meine Reisegefhrten waren meistens Weiber und Mdchen,
die zur Stadt gekommen waren, einzukaufen oder zu verkaufen. Obgleich
in Amerika geboren, sprachen sie doch noch das Hollndische, ihre
Stamm-Landessprache, untereinander. Mehrere rauchten Tabak aus kurzen,
irdenen Pfeifen. Das wunderliche Schauspiel dieser Schmaucherinnen, und der
ernsthaften, nachdenklichen Geberden, die sie dazu machten, fing an mich zu
belustigen.

Ein Landmann erklrte mir, das sei so Brauch bei den Hollnderinnen;
indessen bei den Mdchen kme jetzt das Rauchen ganz ab. Gegen Abend
langten die Weiber ihre Krbe vor mit Speisevorrath gefllt, und machten
Thee. Eine der Frauen trank ihre Tasse voll aus, fllte sie dann wieder und
bot sie mir. Ich mute annehmen. Jede der Andern reichte mir nun noch von
ihrem Vorrath, eingemachte Pfirsiche, Brdchen, Honig, Butter, Kse.

Nun gings ans Fragen: It man bei Euch in Europa auch dergleichen? Wie
sind dort die Weiber? Ist das, was Ihr tragt, bei Euch Landestracht? Sehen
die Mnner alle so munter bei Euch aus? Wie kleiden sich die Frauen? --
Eine sagte: Ihr seid ein krftiger, starker Mann, und werdet ein guter
Landbauer werden. Nach dieser Bemerkung ber mein Krperliches rckte sie
stockend mit der zarttastenden Neugier aus: ob ich verheirathet sei? -- Als
ich mit Nein antwortete, war sie ausser sich vor Erstaunen; Was? rief sie
lebhaft: Mu man denn bei Euch so spt heirathen?

Wir kamen spt nach _Tapan_. Der Oheim wohnte noch eine Stunde Wegs weiter.
Ein hablicher Landmann, der desselben Wegs fuhr, erbot sich, mich in seinem
Wagen mit dahin zu nehmen. Ich setzte mich in seinen Gig, den zwei brave
Rosse zogen, und ein schwarzer Diener fhrte. -- Unterwegs gaukelten die
Flmmlein unzhliger Irrwische zu allen Seiten, ber vermuthlich sumpfigen
Wiesen, als wollten sie mit den Gestirnen des Himmels ber sich wetteifern.

Der Oheim war sehr berrascht, pltzlich einen europischen Neffen
um Mitternacht erscheinen zu sehen. Er erquickte diesen indessen
gastfreundlich mit Speis' und Trank und gutem Nachtlager und sparte die
Fragen einer verzeihlichen Neugier dem folgenden Tage auf.

Der Aufenthalt hier war fr mich, wenn gleich kurz, doch belehrend, und,
einen Unfall abgerechnet, angenehm. Ich wurde in die Bekanntschaft aller
Nachbarn eingefhrt; auch in die Familie dessen, der mich von Tapan hierher
gebracht hatte. Als wir diesem einen Besuch machen wollten, gab man mir ein
Reitpferd. Ich hatte es aber kaum bestiegen, gebehrdete es sich so wild,
schlug aus, bumte sich, da ich zehn Schritte weit aus dem Sattel flog und
drei Stunden ohne Besinnung, doch ohne weitern Schaden, blieb, als da ich
einige Tage lang Rippenschmerz fhlte. Ich machte nun meine Besuche zu Fu.

Als ich zu meinem obenerwhnten nchtlichen Fuhrmann kam, stellte er mir
seine Frau, seine Mutter und seine Gromutter und seine Urgromutter
vor. Letztere mochte etwa hundert Jahre alt sein, und sprach, als geborne
Hollnderin, nur hollndisch. Vater und Sohn waren in dieser Familie die
einzigen mnnlichen Geschlechts. Bei Tische setzten sich die beiden alten
Frauen. Die beiden jngern standen hinter den Sthlen ihrer Mtter, um sie
zu bedienen. Das feinste Tischzeug von schneeweiem Linnen und glnzendes
Silbergeschirr deckte die Tafel.

Ich fhlte mich in dieser patriarchalischen Familie sehr glcklich. Der
grte Theil des Tages verflo unter Gesprchen ber den Unterschied der
alten und neuen Welt.

Es wird gewhnlich den Amerikanern schwer zu fassen, da wir Europer das
Vernnftige, Naturgeme und Volksbeglckende ihrer Verfassungen, Gesetze
und Einrichtungen anerkennen, und doch bei uns an das Beengende und
Zwngende des oft zweckwidrigen, verderblichen Herkommens und Erbes aus
den Zeiten mittelalterischer Barbarei festhalten. Europa, wenn es sich
pltzlich der alten Einrichtungen und Gewohnheiten entledigen wollte, wrde
in ein hundertjhriges, namenloses Elend versinken und sich doch nicht der
tausendjhrigen Banden ganz entstricken knnen. Eine allgemeine, gewaltsame
Umgestaltung der Verfassungen, Gesetze und Sitten wrde eine allgemeine,
gewaltsame Verheerung alles ffentlichen und huslichen Glcks, eine
Hemmung des ruhigen Fortschreitens zur Vollendung, ja eine Verwilderung der
Sitten und Lebensansichten werden, und doch zuletzt, nach Erschpfung
aller Krfte, von zweifelhaftem Ausgang sein. Wer kennt die Wege der
Leidenschaften? -- Sie lassen sich nicht vorher berechnen, gleich den Wegen
der Vernunft.

Nordamerika dankt seine Vorzge der gesellschaftlichen Ordnung eigentlich
keiner Revolution. Die sogenannte amerikanische Revolution war ein
Kampf fr Unabhngigkeit gegen drckende Ministerialwillkhren,
Regierungsunbesonnenheiten und Handelsdespotismus, und half nachher zur
Gestaltung des Bessern als erleichterndes Mittel. Amerika dankt jene
Vorzge der Eigenthmlichkeit seines Werdens. Hier schuf kein _altes Volk_
sich einen _neuen Staat_; nein, hier entsprang in weiten, fruchtbaren
Einsamkeiten ein neues Volk, das sich den Staat und die Gesetzgebung,
bereichert mit den Gedanken der Weisen des achtzehnten Jahrhunderts und
aller Jahrhunderte, getrieben vom tiefgefhlten Bedrfni des Zeitalters,
unbeengt durch bestehende positive Rechte Anderer, nach Einsichten und
Umstnden beliebig bilden konnte. Es wrde vielmehr ein ewiger Schimpf fr
den Verstand der Amerikaner geblieben sein, wenn sie ohne alle Noth das bei
sich aufgenommen htten, was sie bei alten Vlkern Verwerfliches gefunden.

Nun ist es zwar richtig, da unter den gebildeten Nationen Europens
die Erkenntni und das Bedrfni dessen, was und wie es sein sollte, im
Widerspruch steht mit dem, was wirklich vorhanden ist und gilt. Dieser
Widerspruch erregt Mimuth und Kampf. Aber _das_ scheint mir eben der
richtige, naturgeme Gang der Menschheit zu ihrer Veredelung. Vernunft
und Leidenschaft begegnen sich feindselig. Im Streit um Verbesserungen der
brgerlichen Gesellschaft mag die Partei derer, die aus Unwissenheit, oder
Schchternheit, oder Eigennutz das Schlechtere festhalten, durch Macht,
Reichthum, Stellung und Volksvorurtheil die berwiegende sein; aber sie
wird unmerklich geschwcht und besiegt, weil sie, eben durch ihren Kampf,
wider Willen, die Erkenntni des Bessern ausbreiten hilft. So schreitet die
europische Menschheit allmlig zum Bessern vor, ohne es zu ahnen. Hundert
Wahrheiten, sonst als Ketzereien verdammt, sind jetzt Alltagsgedanken der
Priester und Edelleute, und sie selbst erstaunen ber die Verkehrtheit und
Unmenschlichkeit der Alten, die das Gegentheil behaupten konnten.




14.

Die Gesandtschaft der Indianer.


Da ich nach Newyork zurckgekehrt war, hatte sich unterdessen in dieser
Stadt die Gesandtschaft von sechs indianischen Stmmen eingefunden, die
an den Quellen des Missisippi und an den Westksten Amerika's wohnen. Die
Gesandtschaft bestand aus vierundzwanzig Huptern der Stmme, nebst vier
Weibern und zwei kleinen Kindern. Sie waren, nur um bis zur Vereinigung des
Ohio mit dem Missisippi zu gelangen, sechs Monate unterwegs gewesen.
Dort hatte man sie in Dampfboote aufgenommen und wieder stromaufwrts
bis Pittsburg gefhrt. Von Pittsburg waren sie in Wagen nach Washington
gebracht, wo sie vom Prsidenten der Vereinstaaten mit Auszeichnung
empfangen wurden. Mit Hilfe von vier Dollmetschern, die unter ihnen gewohnt
hatten, ward mit ihnen ein Bundesvertrag abgeschlossen. Um ihnen eine
Vorstellung von hherer Landesgesittung zu geben, lie der Prsident diese
Mnner der Wildni, begleitet von zwei Gliedern der Regierung, durch
die vornehmsten Stdte des Landes reisen. Sie kamen durch Baltimore und
Philadelphia nach Newyork.

Hier gab man ihnen auf der Batterie ein Fest. An Wein, Branntewein und
Leckereien durft' es nicht fehlen. Eine ausgewhlte Musik spielte den
ganzen Abend. Ein Feuerwerk beschlo das Tagwerk.

Ich begegnete ihnen unter einem Haufen Neugieriger beim Eintritt des
Lustgangs der Batterie. In demselben Augenblick liessen sich die ersten
Tne der Musik hren. Auf der Stelle erhoben diese Gesandten ihrerseits
einen Fest- oder Kriegsgesang, mit solcher Macht, da sie fast den Odem
darber verloren. Sie begannen und endeten ihr Geheul immer mit einem Laut,
der wie _Hu!_ oder _Kohu!_ klang, da den Hrern in der Nhe davon die
Ohren gellten. Der Gesang selbst hatte eine Art Melodie. In verschiedenen
Zeitrumen fuhren sich die Snger dabei, und alle zugleich, mit der Hand
ber den Mund. Ihr Gebrll hatte etwas Furchtbares. Dabei waren ihre
Geberden und Leibesbewegungen mit den Streitxten in den Fusten so drohend
und schrecklich, da Jeder, der diese ihre Artigkeiten zum ersten Mal sah,
jeden Augenblick frchtete, die Erde mit Blut und verstmmelten Menschen
bedeckt zu sehen.

Um einen Schelling erhielt ich Erlaubni, in die Batterie einzutreten.
Da war ein runder Tisch, rings mit Sthlen, fr sie bereitet. Vier- bis
fnfhundert neugieriger Zuschauer bildeten einen Kreis.

Als sich die Wilden gesetzt hatten, war ihr erstes Geschft, die brennenden
Kerzen auszulschen. Man bat sie, es nicht zu thun; reichte ihnen gefllte
Glser zum Trinken, und bot nun dem Obersten der Gesandtschaft eine von den
Schsseln dar, sich selber davon zu bedienen. Er legte den Schurz, den er
um die Hften trug, ber die Knie auseinander, leerte die Schssel darein
aus und gab sie wieder zurck. Von nun an htete man sich wohl, Jedem die
gefllte Schssel darzubieten, sondern gab jedem Einzelnen seinen Theil
davon. Die Gste hrten essend immer der Musik aufmerksam zu. Als nach dem
Schlu derselben alle Zuschauer freudig mit den Hnden Beifall klatschten,
wurden die Indianer gleich beim ersten Klatschen unruhig, sahen sich unter
einander an und fuhren mit den Fusten nach den Streitxten. Ihre Furcht
verlor sich, als die Musik wieder begann; und da sie schlo, erhoben sie
zum Zeichen ihrer Zufriedenheit ein gar entsetzliches Geschrei.

Man lie endlich das Feuerwerk aufsteigen, was ihnen eine angenehme
Verwunderung zu erregen schien, und um acht Uhr zogen sie sich zurck.
Beim Heimgehen war ich dem Zuge dieser Gesandten sehr nahe gekommen. Einer
dieser Naturmenschen, neben welchem ich zufllig ging, betrachtete mich
seitwrts so neugierig, wie ich ihn. Ich bot ihm lchelnd die Hand dar; er
schttelte sie mir treuherzig. Sein Haupthaar war, wie meistens auch
bei den brigen, zur Hlfte weggeschoren, und der Schopfbschel mit
buntfarbigen Federn ausgeschmckt; andere trugen die Haare lang, bis auf
die Achseln niederfallend; in der Nase Metallringe; die Arme und den ganzen
Oberleib unbedeckt, eben so die Beine. Einigen hing ein Wildthierfell von
der Schulter herab.

Es waren wohlgebaute, starkgemuskelte Leute, ungefhr sechs Schuh gro, von
schmutzig rother Hautfarbe, die durch das Beschmieren mit Fett und
rother Erdfarbe noch schmutziger geworden war. Einige von ihnen hatten
Tatowirungen. Ihr Gang war ganz eigen. Es kam mir vor, als htten sie ihn
bei den Wanderungen auf dem Boden ihrer Urwlder zur Gewohnheit angenommen.
Stets haben sie die Augen vor sich nieder auf die Erde geheftet; so gehen
sie, ohne rechts noch links umherzuschauen. Die Weiber, etwas kleiner
und in Felle gehllt, schienen sehr furchtsam zu sein. In der ihnen
angewiesenen Wohnung wollten sie sich nie von einander trennen lassen. Sie
schliefen alle beisammen.

Sie sind nachher mit Dampfschiffen auf dem Hudsonflu und ber die groen
Seen in ihre Heimath zurckgekehrt. Als zu Albany eins ihrer Hupter starb,
legten sie seinen Leichnam in einen doppelten Kasten und nahmen ihn mit
sich.

Die amerikanischen Zeitungen enthielten die Namen dieser Gesandten, mit der
Uebersetzung. Ich fge sie hier bei. Sie sind alle bezeichnend: Ganzgift,
Wind, hockender Adler, Fuchswach, Wolkenaufgang, Matt-Auge, Sperling im
Gehen jagend, Lffel, Bffel, fliegendes Tubchen, Br brllend da Felsen
zittern, weinasiger Fuchs, Fuchssprung linksum, geduckter Fuchs, Sonne,
Weinebel, krausgeschwnzter Fuchs, Starklufer, Donnerschnell.

Leider mute ich mich stets daran erinnern, da ich nur zum Besuch in
Amerika sei. Ich hatte noch so viel zu sehen und geno so angenehme Tage.
Ich war durch Empfehlung in eins der ersten Huser in Newyork eingefhrt.
Das Haupt der Familie, der Vater, wohnte auf einem Landgut am Ufer des
Rariton. Ich ward auch dort mit groem Wohlwollen aufgenommen. Der alte
Herr fhrte mich unter andern in seine Bibliothek und rollte da einen
Haufen Pergamente und Karten auf, um mir Titel und Umfang seiner gesammten
Lnderbesitzungen zu zeigen. Demzufolge besa er einen ungeheuern
Flchenraum Landes, der zusammen beinah soviel an Gre betrug, als etwa
ein kleines deutsches Knigreich. Er bat mich, wenn ich durch Virginien
kme, einige seiner Besitzungen zu besuchen und besonders ihm Schweizer zum
Anbau zu verschaffen.

Sein weitluftiges Wohngebu auf dem Landgut, eine Viertelstunde von der
Amboy-Bay, zhlt achtzig Gemcher und beherrscht eine der reizendsten
Aussichten. Zwei seiner Shne fhren in Newyork eine der ersten
Grohandlungen. Sie besitzen zwei Zge Schiffe, von denen der eine
regelmig nach Livorno, der andere nach Ostindien die Fahrt macht. Ein
dritter Sohn hat sich der Verbreitung des Evangeliums unter den Heiden
gewidmet und ist schon seit vielen Jahren Missionr. Er verschmht den
bequemen Genu eines groen Reichthums und duldet mit apostolischem Muthe
die grten Entbehrungen, um durch die unwirthbaren Einden der Wilden die
Saat christlicher Gesittung auszustreuen.




15.

Die Fahrt nach Albany und Saratoga.

(14. bis 16. Aug.)


Kein Monarch Europens kann sich rhmen, einen glnzendern und grern
Triumphzug gefeiert zu haben, von den Vlkern mit hhern Ehren begrt
worden zu sein -- selbst _Napoleon_ nicht, wenn er die bezwungene Welt
durchreisete--, als General _Lafayette_, der Mitstifter amerikanischer
Unabhngigkeit, da er das Vaterland seines Ruhmes zum letzten Male sah.

Ungeboten, ja unaufgefordert rstete sich Alles, den edeln und geliebten
Gast zu empfangen. Arm und Reich ward fr ihn thtig. Die ganze Nation
wollte ihn empfangen, ihn sehen, ihn segnen. Was sind daneben die kalten
Feierlichkeiten, mit welchen prunklustigen Groen der andern Welttheile,
unter steten Einmischungen der Polizei, geschmeichelt und gehuldigt werden
mu! Wie der greise _Lafayette_ diese Reihe von rhrenden Auftritten
und gerusch- und prachtvollen Festen ohne Zerstrung seiner Gesundheit
ertragen konnte, bleibt mir noch immer unbegreiflich.

Und dieser groe Edelmann, als er wieder in sein Geburts- und Vaterland
Frankreich zurckkehrte, wo er der Gegenstand des Hasses oder Widerwillens
des Hofes, der Minister, der Groen und ihrer Diener und Beamten war --
wie anders mute ihm da Alles erscheinen! Ein Welttheil bringt ihm
Verwnschungen fr dieselben Gesinnungen, derentwillen ihm ein anderer
dankbar den unsterblichen Lorbeer reichte. Die Nachwelt wird strenges
Gericht ber die Menschen unserer Tage halten.

Gern wre ich Zeuge von Lafayettens Empfang in Newyork gewesen, wo schon
groe Zubereitungen veranstaltet wurden. Da sich seine Ankunft aber von
Tag zu Tag verzgerte, wollte ich nicht lnger verweilen und bestieg ein
Dampfschiff, welches nach Albany ging.

Tglich fahren drei Dampfboote von Newyork dahin, die auf dem Hudson binnen
achtzehn bis vierundzwanzig Stunden die fnfzig Wegstunden lange
Strecke bis Albany zurcklegen. Diese Boote, welche zu den grten der
Vereinstaaten gehren, gehen nicht ber Albany hinaus, sondern werden von
minder groen abgelset, die dann den Hudson hinauf durch den Georgs- und
Champlainsee auf dem Lorenzenstrom nach Canada gehen. Der Hudson, oder
Northriver, wie er auch heit, und bei New-York, wo er sich ins Meer
ausmndet, drei Viertelstunden, bei Albany beinah noch eine kleine halbe
Stunde breit ist, bildet sich eigentlich in seiner Gre erst durch die
einfallenden Gewsser des Sacondaga und Mohawk. Seine Ufer sind an einigen
Orten sehr schroff, von weigrauen Kalkfelsen, mit Tannen und Eichen
besumt. Von Zeit zu Zeit erscheinen artige Landhuser, Bauerhfe und
kleine Ortschaften auf fruchtbarem Gefilde.

Weil ich immer auf dem Verdeck geblieben war, hatte ich nicht bemerkt, wie
groe Gesellschaft sich mit mir auf dem Boote befand. Es waren hundert und
achtzig Reisende. Frauenzimmer und Herren hatten ihre besondern Sle; wer
mit jenen speisen wollte, mute, mit Angabe seines Namens, beim Kapitn
um Erlaubni bitten. Er fhrte mich also in ihren Saal. Man setzte sich in
bunter Reihe an zwei langen Tafeln zum Frhstck, welches mit ausgewhlten
Platten versorgt war. Auch hier schien weniger eine vom Zufall
zusammengefhrte Reisegesellschaft, als eine Versammlung eingeladener Gste
beisammen zu sein; so sorgfltig und anstndig war der Anzug Aller, so
gesellig, fein und ungebunden war die gegenseitige Unterhaltung.

Wir kamen am Stdtchen _Orange-Town_, dreizehn Stunden von Newyork, dann
fnf Stunden weiter bei _West-Point_ vorbei, wo das vorzglichste Kollegium
fr die Jugend der Vereinstaaten ist. Unter den hiesigen Zglingen befinden
sich auch zweihundert und fnfzig meistens Shne von Wittwen, oder von
Militrpersonen, die den letzten Krieg mitgemacht hatten. Sie werden
hier fr den Land- und Seedienst der Vereinstaaten auf ffentliche Kosten
erzogen.

Der Hudson wimmelt von Sloops und Fahrzeugen, die sich nur mit dem Winde,
oder der Fluth und Ebbe fortbewegen, welche noch ber dreiig Stunden
von der Flumndung sprbar ist. Man sagte mir, es wren tglich wohl bei
zweitausend solcher Sloops auf dem Hudson thtig.

Die drei grten Dampfboote dieses Flusses waren damals der _Chancellor
Levington_ von achtzig Pferdestrken, und gerumig genug, um fnfhundert
Reisende bequem zu halten; der _Richmond_ zu siebenzig Pferdestrken,
fr vierhundert Reisende; und der _Kent_ von sechszig Pferdestrken,
der dreihundert Reisende aufnehmen konnte. Alle diese Fahrzeuge sind
in verschiedene Gemcher getheilt. Das schnste derselben ist fr die
Frauenzimmer, und zwar als ihr ausschlielich eigenes, bestimmt; das
nachschnste ist fr sie und fr die jungen Mnner, denen der Kapitn
Zutritt gestattet. Zwei andere, grere Sle sind einzig fr Mnner. Alle
diese Zimmer sind, wie auf andern Schiffen, seitwrts mit Betten versehen,
von denen stets eins ber ein anderes angebracht und mit Umhngen, einen
auswrts gehenden Bogen bildend, verdeckt sind.

In der Schiffsmitte und zur Seite befinden sich noch kleine Gemcher zu
besonderm Zweck, z.B. ein Badstbchen, ein Lesezimmer mit den Werken
amerikanischer und britischer Schriftsteller; die Kchen, die Gemcher der
Schiffsmannschaft, der Mechaniker, Matrosen, Kche, Mgde und Bedienten,
deren zusammen etwa zwanzig Personen sind.

Des Nachts verbreiten groe Hngeleuchter die mglichste Heiterkeit rings
ums Schiff und warnen die Sloops schon von Weitem, auszuweichen. -- Die
Seitenrder haben zweiunddreiig Schuh im Durchmesser, und geben dem
Schiffe die Geschwindigkeit, binnen einer Stunde Zeit stromauf zwei
Wegstunden, und stromab drei Wegstunden zurckzulegen.

Das Ausschiffen und Aufnehmen von Reisenden unterwegs raubt wenig Zeit. Die
Schiffsglocke ruft an. Ein am Aussenbord hangender Nachen, gro genug, acht
Personen zu fassen, wird schnell ins Wasser gelassen. Die Reisenden steigen
bequem auf einer eisernen Gelnderstiege vom Schiff ein. Zwei Ruderer
bringen den Nachen schnell ans Ufer, whrend der Matrose am Steuer hinten
ein Seil, das am Dampfboot befestigt ist, allmlig abrollen lt. Aus- und
Einladen des Nachens am Ufer ist Sache weniger Minuten. Der Pilot gibt dem
Dampfschiff ein Zeichen; sogleich setzt sich dort durch den Mechanismus ein
Zylinder in Bewegung, der das Seil des Nachens aufrollt und diesen an sich
zieht.

Es war an einem schnen Sonntagsmorgen um fnf Uhr (15.Aug.), als wir vor
dem Stdtchen _Hudson_ anlangten. Es stellt sich dem Auge gar freundlich
dar. Es mag drei- bis viertausend Einwohner haben. Von Zeit zu Zeit tnten
den ganzen Vormittag die Kirchenglocken ber die Landschaft, welche die
Bewohner der umherliegenden Hfe zur Andacht riefen. Um eilf Uhr Morgens
kamen wir endlich zu _Albany_ an.

Diese Stadt zhlt jetzt vierzehntausend Bewohner und ist ganz in Art und
Weise der brigen neuen Stdte Amerika's gebaut. Albany's Handelsverkehr
ist sehr bedeutend, weil sich hier der Stapelplatz aller Erzeugnisse vom
Norden des Newyorker Staates bis Canada befindet, besonders seit dem Bau
des herrlichen Kanals, der vom Hudson bei Albany bis zum Erie-See luft.

Dies Meisterstck der Kunst und des amerikanischen Gemeingeistes verdient
gekannt zu sein. Man denke sich, da dieser Kanal hundert und zehn Stunden
lang ist; da man ber demselben fnfhundert und sechsundfnfzig hlzerne
Brcken zhlt, und siebenundvierzig Schleusen, jede sieben Schuh hher
(denn dies ist der Fall vom Eriesee bis zum Hudsonufer); man denke sich,
da mehrere Leitungen angebracht sind, die das Wasser ber Smpfe und
kleine Seen fhren (die grte bei Rochester, mehr denn sechsundsechszig
Stunden von Albany, ganz von Stein, mit einer Seitenstrae fr die Rosse,
um die Schiffe zu ziehen) -- man denke sich diesen groen, festen Bau des
Ganzen, und dann -- da das Alles in Zeit von zwei Jahren vollendet ward.

Ich verweilte in Albany nicht lange; begngte mich mit einer Besichtigung
des Innern der Stadt, nahm einen Reisewagen, bernachtete in Skenectady und
befand mich andern Morgens in den berhmten Bdern von _Saratoga_.




16.

Saratoga's Heilquellen. Utica.

(16. bis 19. Aug.)


Ein junger, gebildeter, sehr unterrichteter Quaker war mein Reisegefhrte
bis hierher gewesen. Wir gewannen einander lieb und blieben in Saratoga
bestndig beisammen. Alle Religionen und alle Kirchpartheien haben ihren
heiligen Grund und sind wahrlich in ihrem Wesentlichen und Gttlichen nicht
so sehr von einander verschieden, als die Menschen in denselben, welche
aus Religion und Kirche Werkzeuge ihrer Selbstsucht, ihres Hochmuths,
ihrer Milzschtigkeit machen und die dummglubige Unwissenheit Anderer
fanatisiren und leiten.

Die Umgegenden von _Saratoga_ schienen mir gar wild. Die Stadt selbst
besteht nur aus einer einzigen, sehr breiten aber noch ungepflasterten
Strae. Baumstcke, die hin und wieder mit Wurzelstcken ber einander
liegen, deuten an, vor wie weniger Zeit noch der Platz, wo der Ort
aufgebaut ist, ein finsterer Wald gewesen, den die Bren bewohnten, die
auch jetzt noch oft in der Nachbarschaft sichtbar sind.

Jger entdeckten vor etwa zehn Jahren zuerst hier die Mineralquellen. Erst
seit vier Jahren baute man die prchtigen, pallastartigen Gasthuser auf,
deren nun schon zehn vorhanden sind. Das vornehmste derselben ist ohne
Zweifel _Congre-Hall_; dann folgen _Union-Hall_, _United-Staten-Hall_ und
der _Pavillon_. Die Anzahl der Kurgste, welche sich bei meiner Ankunft
hier befand, betrug 1230 Personen, Leute aus allen Staaten des Vereins und
Sdamerika's, auch einige Europer.

Der Heilquellen sollen um Saratoga bei zwanzig sein. Begleiter von meinem
Freunde, dem Quker, besucht' ich und kostete ich mehrere. Man bemerkte
uns jedesmal, bei welcher die Kur begonnen, bei welcher sie beendet werden
msse. Einige lauwarme Quellen hatten den Geschmack von denen zu _Baden_
im Kanton Aargau; andere glichen dem Selterserwasser; die Quelle von
_Balston_, zwei Stunden von Saratoga, hatte die grte Aehnlichkeit mit der
vom _Schwarzbrnnli_ bei _Gurnigel_ im Kanton Bern.

Nur wenige Gste baden; die meisten begngen sich mit Trinken des Wassers.
Des Morgens sieht man in dieser werdenden Stadt Alles von Gehenden und
Kommenden belebt. An jeder Quelle stehen ein paar Kinder, die mit einem
Stabe, an dessen Ende drei Glser in eisernen Reifen oder Kfigen hngen,
das Wasser schpfen und den sie umringenden Trinkern bieten.

Unter den Trinkern befand sich auch der ehemalige Knig von Spanien,
_Joseph Bonaparte_. Er scheint sich als freier harmloser Bewohner eines
Freistaats weit glcklicher zu fhlen, denn vor Zeiten im kniglichen
Glanz. Er, von etwas mehr als mittlerer Strke, hat ein volles,
ausdrucksreiches Gesicht und angenehmere, freundlichere Zge, als sein
Bruder, der groe Napoleon.

Noch ist in Saratoga nur Alles erste, rohe Anlage; Sorge fr das
dringendste Bedrfni. Noch fehlt es selbst an Lustgngen fr die Gste.
Die Umgegend hat indessen viel Anmuth, obgleich sie von Wldern und kleinen
Hgeln umringt ist. Auf einem dieser Hgel, nicht weit vom Orte, hat man
eine Aussicht bis zum St.Georgensee.

Dennoch fehlt es in dieser Gegend, wo sonst die Wilden, vom Stamm der
Irokesen, hauseten, wo man in den nahen Waldungen noch die Ueberbleibsel
ihrer zahlreichen Befestigungen, ihrer Grber u.s.w. erblickt, nicht an
Mitteln des geselligen oder einsamen Genusses. -- In einem Lesesaal fand
ich die Werke der besten amerikanischen und englischen Gelehrten, und bei
hundert verschiedene Zeitungen aus allen Staaten des Vereins. Der Saal
war von stillen Lesern angefllt. Ueber demselben ist ein anderer Saal,
in welchem man Liebhabern eine Sammlung von Mineralien und andern
Naturmerkwrdigkeiten, oder Kunsterzeugnissen der Indianer vorzeigt, die
man in den Umgegenden gefunden hat.

Auch Schauspiel fand sich. Eine Gesellschaft kommt zu gewissen Zeiten
von Newyork hierher und giebt ihre Vorstellungen. Ich hatte sie schon in
Newyork gesehen und sehr mittelmig gefunden. In Congre-Hall gab es,
durch Unterschriften, Abends einen Ball. Man walzt in Amerika wenig; desto
mehr sind Quadrillen beliebt und eine Art Hopser.

In _Skenectady_, wo ich einen Preussen mit seiner Gemahlin fand, der von
St.Thomas kam, wo er Consul war, und nach Saratoga reisete, bestieg ich
ein langes, bedecktes Schiff, um den groen Kanal hinauf zu fahren. Zwei
Jagdhrner gaben das Zeichen zur Abreise; sie waren es auch, welche den
Schleusenwchtern die Ankunft des Schiffes verkndeten, so wie den beiden
Zugpferden, die alle zwei und eine halbe Stunde gewechselt wurden, da sie
in dieser Zeit im scharfen Trott fnf Wegstunden zurckgelegt hatten.
-- Der Uebergang von einer Schleuse in die andere ist Geschft von zwei
Minuten. In vierundzwanzig Stunden hatten wir vierzig Wegstunden gemacht.

Bei _Utica_, einem Stdtchen von zweitausend Seelen, am Ufer des
Mohawkflusses, hielten wir an. Der Kanal geht ber diesen sich viel
schlngelnden Strom mehrmals hinber, oft zwanzig Schuh mit der
Wasserleitung ber der Oberflche des Flusses. Und immer ist dabei
seitwrts doch Raum zu einem Weg fr die Rosse gespart, die das Schiff
ziehen.

Wir waren unserer sechsunddreiig Reisende auf dem Fahrzeuge. Von der
Gegend war selten viel zu sehen, der Kanal schneidet meistens schnurgrade
durch Thler und unermeliche Waldungen. Hier ist noch der Boden in uralter
Wildni; wenig bevlkert. In der Nhe des kleinen Fleckens _Frankfurt_
hrten wir das Tosen eines Wasserfalles, der ziemlich betrchtlich sein
soll.

Aber diese Einden werden durch die Nhe des Kanals bald lebendig und
urbar werden. Schon jetzt wird die Stadt _Utica_ blhend. An einer Seite
derselben, wo vor Kurzem noch der finstere Rest eines Waldes verschont
stand, ist jetzt ein breites Wasserbecken gebaut, in welchem zierliche
Schiffe, beladen mit Waaren und Menschen, landen. Tglich brachten in
den Monaten Juli und August, der Zeitung von Utica zu Folge, zwei Schiffe
fnfzig bis sechszig Reisende, von denen die mehrsten nach dem Erie- und
Ontario-See gingen. Nicht so zahlreich, wie ich nachher aus der Newyorker
Zeitung ersah, sind die Reisenden im Sptjahr. Hingegen der Waarenverkehr
zeigte sich noch im Oktober 1824 so lebhaft, wie im August, da ich selbst
in Utika war.*)

  *) Es kann Liebhabern der Statistik vielleicht lieb sein, zu erfahren,
  welche Arten Waaren vorzglich nach Utica gebracht wurden. In einem
  Jahrzehend ist's gewi anders; aber dann knnte es noch geschichtlich
  anziehend werden. Ich will also das Verzeichni der in Utica whrend
  der ersten Oktoberwoche 1824 eingefhrten Waaren hersetzen, wie ich
  dasselbe in mein Reisetaschenbuch aus der Newyorker Zeitung damals
  eintrug.

  Die in erwhnter Woche zu Utica eingelaufenen 127Fahrzeuge fhrten:
  3310Fa Mehl, das Fa zu 6Scheffel; 1686Fa Salz; 315Fa
  Lebensmittel; 460Fa Asche; 6300Scheffel Getreide; 130Scheffel
  Leinsamen; 763Scheffel Pfirsiche zum Destilliren; 9094 Gallonen
  Whisky (Kornbranntwein, der Gallon hlt 2 Maas); 105,844 Fu Brett-
  und Zimmerholz; 10,000 Latten- und Schindelbnde; 158Zentner Speck und
  Butter; 323Tonnen Gyps; 500Tonnen anderes Material; 27Tonnen
  Kse; 30Tonnen Hopfen; 953Kisten Glaswaaren; 19Zentner Smereien;
  91Tonnen Porzellanthon; 15Kisten Kleider; 3Kisten rohe Hute;
  3Tonnen Gnsefedern. Ausserdem viele andere Kleinigkeiten.




17.

Die Fahrt zum Niagara.

(20. bis 22. Aug.)


Ich stieg mit acht andern Reisenden, die ebenfalls den groen Fall des
Niagarastromes besuchen wollten, in die Postkutsche. Denn bei der Fahrt auf
dem Schiffe, das Tag und Nacht geht, verlor ich zu viel Gelegenheit, das
Land, das ich durchreisete, zu sehen. Die Postkutsche macht tglich
zwanzig Stunden Weges, fhrt bei Tagesanbruch ab, und kehrt bei nchtlicher
Dunkelheit ein. Ein anderer Reisewagen, der eine halbe Stunde nach uns von
Utica abging, holte uns zu _Oneida_ ein, wo wir dar Frhstck nahmen.

Kaum waren wir eine Strecke hinter Oneida, ward ich durch etwas berrascht,
was in Europa, wo vortreffliche Polizei herrscht, keinen Reisenden
berrascht, und schwerlich als Merkwrdigkeit in eine Reisebeschreibung
aufgenommen wird. Ich aber will's gern hier eintragen.

So weit ich bisher in Amerika gekommen bin, hatte ich keine Straenbettler
gefunden. Hier liefen uns die ersten Bettelbuben nach. Es waren kleine
Indianer. Bald auch kamen wir durch das Dorf der Wilden. Es bestand aus den
erbrmlichsten Htten, die hie und da im Wald, oder auf schlecht angebautem
Erdreich herumlagen. Links von unserm Weg sah ich einen artigen grnen
Rasenplatz von alten Bumen berschattet. Dort, sagte man mir, pflegen die
Hupter der Wilden ihre Rathsversammlungen zu halten.

Die hiesigen Indianer waren vom Stamm _Cayagua_, und nicht von der schnen
Art. Sie hatten runde Gesichter, langgeschlitzte Augen, dicke Nasen, lange
auf die Schultern niederhngende Haare, und elende Lumpen um die Hlfte
ihres schmutzigen, gelben Leibes gewickelt. Das waren nicht mehr die
kecken, krftigen Gestalten, die ich in Newyork bewundert hatte.

Das Land wurde, je weiter wir kamen, wilder, und mit Ausnahme einzelner
Ortschaften, weniger bevlkert. Selten sah man Huser von Backsteinen,
sondern nur von leichtbehauenen Baumstmmen, sogenannte Blockhuser. Sie
sind leicht und wohlfeil zu erbauen.

Ein junges Ehepaar, das sich als Pflanzer in den neuen Staaten ansiedeln
will, hat oft, statt alles Vermgens, nichts als ein oder zwei Rosse, ein
wenig Linnenzeug im Bndel und hundert Dollars Mnze im Geldbeutel. Damit
wandert es in die Einsamkeit und whlt sich eine Gegend, einen Boden, wie
er ihm eben zusagt. Es hat an fnfzig Morgen Landes genug; zahlt den
Morgen mit einem bis zwei Dollar zum Theil baar, zum Theil verzinset es das
Uebrige mit sechs Prozent. Dann werden die nchsten Nachbarn, die oft drei
und vier Stunden Wegs entfernt wohnen, besucht und vom Tag benachrichtigt,
wenns an Erbauung des Hauses gehen soll. Am bestimmten Tag kommen alle
Nachbarn mit ihren Pferden, Ochsen, Aexten, Beilen u.s.w. um Holz zu
fhren; bringen auch Smereien mit und Vorrthe von Lebensmitteln zum
Geschenk fr die neuen Pflanzer. -- Dann werden die Baumstmme gefllt,
entastet; an ihren beiden Enden mit Einschnitten und Zapfen zum
Zusammenfugen versehen, und auf einander gelegt, wie wenns einen groen
Kfig geben sollte. Allfllige Lcken zwischen den Balken fllt man mit
Steinen, Moos und Erde aus. Ehe der Tag ganz zu Ende ist, steht die Wohnung
schon fertig. Dann werden die Eingeladenen noch mit Speise und Trank
bewirthet, und ihre Zahl ist immer ziemlich gro; und jeglicher kehrt zu
den Seinen zurck, oder wohnt er allzu entfernt, nimmt er unterwegs beim
ersten besten Pflanzer dessen Gastfreundschaft in Anspruch, die herzlich
gern bewilligt wird.

Ist der junge Pflanzer irgend rhrig und arbeitsam auf dem neuen Gute: so
ist er am Ende von zwei bis drei Jahren schon im Stande, eine Wohnung von
Backsteinen aufzufhren. Auch das wieder ist nicht so gar kstlich. Denn zu
dem Behuf gibt es Ziegelbrenner, die von einem Ort zum andern wandern. Auf
dem Bauplatz selbst legen sie ihre Werkstatt an, kneten, formen und brennen
die Backsteine, die sie zu vier bis sechs Dollars das Tausend liefern. Die
neuen Huser sind dann ein Stockwerk hoch, mit zwei bis vier Fenstern in
der Breite. Zu einem Gebu von drei Fenstern vorn gehren vierzigtausend
Steine. In Stdten haben diese Steinhuser auch einen Anstrich von aussen,
und die Dachung ist mit Schiefer gedeckt.

Jenseits des indianischen Dorfes sieht man von einer kleinen Hhe den
ganzen Oneida-See, und bis zum Ontario-See, der an den Horizont grenzt.
Wir kamen durch zwei Stdtchen, _Manlieus_ und _Odanagua_; zwischen beiden
dehnte sich zu unserer Rechten ein See aus, acht Stunden lang, ungefhr
eine Stunde breit, an dessen gegenberliegendem Ufer wieder die Huser von
zwei Stdtchen hervorschimmerten. Ich fragte, wie sie hieen, und ward von
Ehrfurcht durchdrungen, als ich ihre Namen, _Rom_ und _Syrakus_, hrte.

Durch das niedliche Stdtchen _Skenektedes_, am Ende eines kleinen Sees
hingelagert, gelangten wir Abends acht Uhr nach der kleinen Stadt _Auburn_,
etwa einundzwanzig Wegstunden von Utica. Das Wirthshaus, wo wir abstiegen,
war schon voller Reisenden, die vom Niagara in zwei Wagen zurckgekommen
waren. Ich sprte gemach, da ich mich in Nordamerika den Grenzen der
zivilisirten Welt nherte. Das Wirthshaus hatte nichts Erquickliches. Die
Schlafgemcher, worin immer fnf Betten beisammen standen, glichen den
Kasernen. Das Stdtchen selbst zhlte schon eine Bevlkerung von etwa
zweitausend Seelen.

Andern Tages ward es nicht besser. Die Landschaften wurden immer einsamer
und wilder. Von einer Stadt zur andern fhrt man oft vier bis zehn Stunden
Weges durch ewige Wlder, in denen man nur dann und wann hlzerne Htten
zwischen weiten Strecken uralter, hoher, dicker Bume erblickt, die aber
alle verdorrt sind und einen traurigen Anblick gewhren. Die Pflanzer
nmlich, welche ohnehin der Arbeit in den ersten Jahren genug haben, geben
sich nicht die Mhe, die riesenhaften Bume selbst zu fllen, die sie
wegschaffen mchten. Sie schlen nur unterhalb ber der Wurzel Rinde und
Splint bis aufs Holz ab, lassen den Baum absterben und, wie er fault, vom
Wind und Regen umwerfen. Man benutzt aber hufig das Land schon, ehe
die Stmme gefallen sind; jtet unter den drren Aesten, die nichts mehr
verschatten, das Gestruch aus, pflgt den Boden mit einem einzigen Pferde
auf, streut den Samen aus und erfreut sich der Aernte, die auf einem an
Lebenskraft so reichen Boden nie schlecht sein kann.

Durch das Stdtlein _Geneva_, am nrdlichen Ende des Seneca-Sees ungemein
anmuthig hingebaut, und durch _Canandaigua_, wo wir zu Mittag speiseten,
kamen wir Abends in das Stdtchen _Rochester_, welches zwar nur erst 1800
Einwohner hat, aber auch erst zehn Jahre alt ist. Wir sahen folgendes Tages
unterwegs einzelne Huser ganz mit Menschen angefllt, und mit gesattelten
Pferden und Wagen umringt. Es war Sonntag. Man hatte sich da zum
Gottesdienst versammelt, und manche Familie wohl deswegen eine halbe
Tagereise gemacht und mehr. Hier zu Lande sind keine Zwangsanstalten,
Beichtzettel, Sonntagsmandate und dergleichen Nothbehelfe erforderlich,
um die Kirchen zu fllen und wrdige Feier des Tages zu erzwecken.
Alles erfolgt von selbst, wo wahre Freiheit daheim ist. Erzwungene
Gottesdienstlichkeit ist das sicherste Mittel, die Kirche und ihre Priester
verhat zu machen, Irreligiositt zu verbreiten und eine geheuchelte,
darum eben lstige ussere Ehrbarkeit, statt frommer Sitten, herrschend zu
machen. Es ist unglaublich, wie weit man in manchen Lndern Europens noch
zurck ist, nach so vielen Erfahrungen und Thatsachen, die einfachsten
Stze des gesunden Verstandes zu begreifen.

Man hrt den Sturz des Niagarafalls, wenn der Wind von daher kommt, sechs
Stunden Wegs weit. Ich hrte sein Brausen aber erst in einer Entfernung von
zwei Stunden, und nur dumpf.

Bei einbrechender Nacht kamen wir nach _Lewistown_, am Ufer des Niagara.
Drei englische Lords und ein ehemaliger britischer Admiral saen im
Wirthshause am Kaminfeuer und sprachen mit andern amerikanischen Reisenden.
Sie waren eben vom Wasserfall zurckgekommen. Natrlich, wir, die wir ihn
erst schauen wollten, sponnen die Unterhaltung darber gern fort.

Als mir der Wirth mein Schlafzimmer anwies, machte er mich auf ein
anhaltendes Sumsen aufmerksam, welches aber meine Ohren mchtiger schlug,
wenn er die Fenster ffnete. Es war das Tosen des ungeheuern Stromfalles,
dessen einfrmiger Donner aus den weiten Urwldern wiederhallte, bald nher
heranzuwandeln, bald wieder sich zu entfernen schien, je nachdem der Wind
das majesttische dstre Rauschen mit sich hintrieb.

Ich stand lange am Fenster und horchte der wunderbaren Natur-Musik. Der
Nachthimmel war heiter und hing voller Sterne. Empfindungen, die sich in
kein Wort kleiden lassen, bewegten mich. Ich stand da beinahe zweitausend
Stunden weit von meiner Heimath, in jenen unermelichen Wldern, die
noch vor wenigen Jahren nur von Wilden bewohnt, oder von Abentheurern
und verwegenen Reisenden besucht waren, welche fr Handelsgewinn oder
Kenntnibereicherung jedes Wagstck bestanden.




18.

Der Wasserfall des Niagara.

(23. Aug.)


Noch lag ich im tiefsten Schlaf, als mich der Wirth schon frh Morgens
nach 3Uhr mit angezndeter Kerze ermunterte, aufzustehen; der Wagen werde
sogleich vorfahren. Kaum hatte ich Zeit mich anzukleiden. Der Reisewagen
rollte heran. Wir stiegen ein. In kurzer Zeit hatten wir den Fu eines
migen Hgels erreicht. Aber auf der Hhe droben angekommen, faltete sich
pltzlich vor unsern trunkenen Blicken eins der reizendsten Schauspiele
auseinander. Der Himmel glhte in allen Farben des Morgens; der Erdball
schien sich vom Schlummer aufzurichten und verschmt errthend dem Gott
des Tages entgegen zu lcheln. Zu meinen Fen wallte, wie ein dunkler,
stellenweis funkelnder Teppich weithin der _Ontario-See_. Einzelne
Nebelsulen wandelten ber diesen wehenden Teppich wie versptete Geister
der Nacht; sie wandelten und verschwanden. Nordwrts umfate den See der
breite, schwarze Saum von Canada's unbersehbaren Wldern; westwrts ein
langer blauer Streifen von Gebirgen. Mehr in der Nhe hoben sich bei der
Ausmndung des Niagarastroms zwei Vesten, die sich gegenseitig zu bewachen
schienen. Drben am canadischen Ufer die _St.Georgs-Veste_; hierben,
auf dem Gebiet der Vereinstaaten, die _Niagara-Veste_. Im Hintergrunde,
am jenseitigen Ufer des Ontario-Gestades, glnzten im ersten Sonnenstrahl
Kirchthrme und Gebude aus der Ferne. Ich vernahm vom Postkutscher, es sei
das canadische Stdtlein _York_, acht Stunden Wegs von uns. Sehen Sie auch
seitwrts! setzte er hinzu und wies nach der Mittagsseite. Ich wandte mich
dahin und sah eine ungeheure Dampfsule in der Ferne aus dem Schoos der
Erde gegen die Wolken auffahren, wie von einem Vulkan ausgekocht. Dort war
der Niagarafall.

Erst nach ungefhr einer Stunde sahen wir von diesem zwischen den Bumen
einige Wassermassen erscheinen und verschwinden. Aber das dumpfe Getse
ward mit jedem Augenblick deutlicher und lauter. Um neun Uhr hielt der
Wagen vor einem artigen Wirthshause still, wo wir uns mit gutem Frhstck
erquicken konnten, und freundliche Fhrer zum Wasserfall erhielten.

Wir begaben uns dahin. Auf einer Brcke, die ber einen Arm des Flusses
geworfen ist, gelangten wir zu einer Insel, _Goat-Island_, welche den
Stromfall in zwei ungleiche Theile trennt. Wir verweilten hier, uns auf der
Insel zerstreuend, die ungefhr eine halbe Stunde Umfang hat, bis drei Uhr
Nachmittags, um den Wasserfall und seine Pracht in aller Mue zu genieen.

Die Kalklager, von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind,
bilden oft Berge und Hgel von betrchtlicher Hhe. Ein Zweig dieser
Gebirgsverstung, der sich durch Maryland, Pensylvanien und Newyork
streckt, durchschneidet den Niagaraflu in die Queere und verursacht den
ungeheuern Sturz dieses Gewssers. Der Niagara, einziger Abflu der groen
Seen und des Erie-Sees, bildet bis zu seiner Mndung in das weite Becken
des Ontario, einen mchtigen Strom von tausend bis zwlfhundert Schuh
Breite und groer Tiefe. Bis zum _Chippewaystrom_, der zwischen dem Erie-
und Ontariosee in ihn hineinstrzt, (vor Zeiten hat hier auch eine Veste
gestanden), fliet er langsam und still. Dort aber, enger zwischen Felsen
geklemmt, von den Wassern des _Chippeway_ verstrkt, wird er unruhig, sein
Fall reissender. Er strmt schumend gegen Klippen und Felsen, die ihm
den Weg verrammeln. Zwei Inseln spalten ihn in drei Theile. Aber strmisch
vereinigt er sich wieder, nahe dem weit ber hundert Schuh tiefen Abgrund,
in welchen er hinab mu. Die Felsen haben ihm hier bis auf viertausend
Schuh weiten Spielraum gelassen. Es ist ein heulendes Meer, dessen Wogen,
unter einander kmpfend ihrem zermalmenden Sturze entgegenrasen.

Der Wasserfall hat die Form eines Hufeisens. Der stliche Theil ist der
vollere, gewaltigere, malerischere. Die Masse der niederstrzenden Fluthen,
von unten auf angesehen, scheint aus den Himmeln herabzufahren und sich
in einen bodenlosen Abgrund vergraben zu wollen. Die Felsenlager, welche
unterhalb einige Abstze bilden, drohen unter dem Gewicht der zermalmenden
Wassersulen zu zersplittern und zu verstuben. Die Erde und der
Felsenboden drhnen und zittern unterm Fu des Menschen. Man steht in der
Mitte eines ewigen, betubenden Donners, whrend rings umher die ganze
Natur schweigt, wie vom Entsetzen erstarrt. Aus der Tiefe, wo Alles kocht
und ghrt, silbergraue Staubwolken und Wasserbndel und Strahlen hastig
auffliegen, und von nachkommenden wieder ereilt und zerstrt werden, heulen
in allerlei Tnen zwischen den Klippen die grlichen Stimmen des Abgrunds
durch das einfrmige Tosen der Donner.

Ich begab mich vom amerikanischen Ufer auf _Goat-Island_; eine lange,
schmale Brcke, mit groer Khnheit ber die Strmungen hingebaut, fhrt zu
diesem Eiland. Und auf demselben befindet sich ein artiges Wohnhaus, wo
man nicht nur Erfrischungen findet, sondern, was mich verdro, ich mchte
sagen, anekelte -- sogar ein _Billard_! -- Pfui! Da, wo vor der Majestt
des Schpfers, vor der erschtternden Herrlichkeit der Natur Alles klein
wird, will die erbrmlichste aller menschlichen Leidenschaften, die
Spielsucht, noch gro thun und sich auf den Zehen in die Hhe strecken und
gelten. Da, wo Alles zur Bewunderung und Andacht ruft, will man noch --
gemeine Unterhaltung, um der Langenweile zu entgehen. Ich knnte unmglich
mit einem Reisenden Freundschaft schlieen, den ich hier Billard spielen
she. Ich she in ihm das vollendete Zerrbild europischer Zivilisation;
jene sittliche Verkrppelung, die wieder in stumpfes, gemthloses, freches
Thierthum bergeht. Es gibt Stellen auf Erden, die den Menschen aller Zonen
und Religionen durch sich selbst Heiligthmer sind, heiliger, als ihre von
Kalk und Steinen gebauten Kirchen und Tempel. Man sollte deren Entweihung
nicht dulden.

Das Haupt eines indianischen Stamms hatte, so erzhlte man mir, von den
Alten gehrt, es sei zwischen den Seen ein groes Wunder. Er machte sich
auf; begleitet von seinen vornehmsten Kriegern kam er zum Niagarafall.
Nachdem er eine Weile mit Erstaunen und Schweigen dagestanden war, nahm
er seinen Tamoak, mit Silber belegt, seinen Bogen und die schnsten seiner
Zierden, warf sie in den Schlund der Wogen, und sagte zu seinen Gefhrten:
Frwahr! Hier ist ein Haus des groen Geistes!

Man hat auf der Insel die bequemste Ansicht des Wasserfalls; und wie man
auf einen andern Punkt derselben tritt, verwandelt sich dem Auge das nie
ermdende Riesenspiel der Natur zu neuen Erscheinungen. Ich lebte in einer
Wunderwelt. Recht anmuthig war es, da auf dem grnen Teppich der Wiesen
einige Hirsche und Rehe zahm und traulich um das Haus gingen und sich uns
arglos nherten.

Ein junger Amerikaner war bisher immer mein Gefhrte gewesen. Er blieb es
auch, als ich bis zum Tiefsten des Wasserfalls niederstieg. Dies geschieht
auf hlzernen Leitern, die man am senkrechten Felsen angebracht hat, die
aber unter jedem Schritt schwanken. Zwei Mnner, schon an diese schwierige
Kletterei gewhnt, trugen unsere Bndel. Denn wir hatten mit uns selbst
genug zu schaffen, uns an Gestruchen, Klippen und was uns unter die Hnde
kam, festzuklammern. Jeden Augenblick durchnetzte uns ein Sto und Brast
von Wasserstaub, durch den Wind gegen uns getrieben. Das Geheul der Wogen
betubte uns die Ohren.

Unten nahm uns ein kleiner Nachen auf. Einer der Fhrer stieg zugleich ein
und schiffte uns mit Hilfe eines Ruders mitten durch die wthenden Wellen.
Wir brachten ber eine halbe Stunde zu, ehe wir das canadische Ufer
erreichen konnten.

Whrend dieser Ueberfahrt genossen wir gemchlich und umfassend das
groe Bild ewiger Verwandlungen. Die brennenden Farben des Regenbogens
umgaukelten uns, bald in der schumenden Nhe, bald ber uns.

So erreichten wir unten am Wasserfall, wo uns bestndig dicke Wolken
aufsteigenden Wasserstaubes verschlangen, das canadische Ufer. Aber
das Erklimmen dieser schroffen Felsen war fr uns so gefahrdrohend und
mhselig, als es das Herabsteigen am jenseitigen Ufer gewesen war.

Droben erreicht man in einer Viertelstunde ein groes, schnes Wirthshaus.
Hier fanden wir Alles belebt. Jeden Augenblick zeigten sich uns andere
Gesichter; Reisende kamen, Reisende gingen. Ganze Karavanen durchkreuzten
sich. Die Fenster des Speisesaals gingen gegen den Fall hinaus. Man zeigte
mir von da den _Table-Rock_ (Tafelfelsen), wo die schnste Ansicht des
ganzen Falles sein soll. -- Ich begab mich dahin, und sah mich keineswegs
getuscht. Dieser Felsen streckt sich betrchtlich weit in den ungeheuern
Schlund vor. In der That, das Auge umfat hier mit einem Blick das
Ungeheure des groen Schauspiels. Es ist dem Geiste zu gro. Er will Alles
umfassen und wird von dem erhabenen Ganzen verschlungen. Er verliert sich.
Er schwebt zwischen Grausen und Entzcken.




19.

Ein Besuch bei den Seneca-Wilden.


Nichts widerlicher, als der Uebergang von prachtvollen Naturszenen,
aus denen man in der Trunkenheit stiller Begeisterung zurckkehrt, zur
Gemeinheit von Wirthshausszenen. Es ist die schmerzlichste Verletzung der
Andacht. Es ist mehr, als Kirchenraub.

Ich zauderte auch nicht lange, und lie anspannen. Es war erst vier Uhr
Nachmittags, und ich konnte noch bequem nach dem Stdtchen _Buffalo_, sechs
bis sieben Stunden von da, gelangen. Der Weg dahin, auf canadischem Boden,
folgt den gekrmmten Ufern des Niagara, der oberhalb Chippeway einen
sanften Lauf hat. Als wir beim ussersten Ende des Erie-Sees, bei der
Erie-Veste angekommen waren, muten wir in einem Fahrzeuge ber den Flu
setzen. Vor uns lagen in einiger Entfernung zwei Stdtchen, _Blackrock_ und
_Buffalo_.

_Buffalo_ liegt an der stlichen Ausspitzung des Erie-Sees und war whrend
des letzten Krieges fast ganz zerstrt worden. Am meisten hatte es aber von
der Rohheit der Indianer gelitten, deren sich die Englnder hatten gegen
die Amerikaner bedienen wollen. Es ist gefhrlich, solche Bundesgenossen
im Hause zu haben. Jetzt ist Buffalo freilich wieder aus der Asche neu
aufgestanden, aber nicht als ein Phnix. Das Stdtchen ist nichts weniger
als hbsch. Indessen, was nicht ist, kann noch werden; denn der Ort ist zum
Waarenverkehr trefflich gelegen. Der groe Kanal des Erie-Sees, der mit
dem Hudsonflu verknpft ist, geht von Buffalo aus, wo Fahrzeuge aus dem
Michigan- und Erie-See landen mssen. Auch herrscht hier im Hafen schon
viel Thtigkeit und Leben.

Herr L**, dem ich von New-York aus empfohlen war, empfing mich sehr
zuvorkommend. Aus einer achtbaren franzsischen Familie stammend, war er
schon vor vierzig Jahren nach Amerika ausgewandert. Whrend des Krieges
zwischen England und Nordamerika hatte er, wie er mir erzhlte, Buffalo
verlassen und sich mit seiner Frau bei den Wilden zwei Jahre lang
aufgehalten, indessen er seine drei Kinder nach Frankreich zurckschickte,
um ihnen eine gute Erziehung geben zu lassen.

Sein Leben unter den Wilden, und was er mir davon sagte, hatte fr mich
viel Anziehendes. Bei mancherlei Entbehrung entbehrlicher Dinge, war
er doch bei ihnen sehr glcklich gewesen. Er konnte ihre treue
Gastfreundschaft nicht genug rhmen.

In den Umgegenden des Eriesees und gar nicht entfernt von Buffalo trieb
sich damals ein zahlreicher Stamm von Indianern herum, der den Namen
_Seneca_ fhrt, und ein Zweig der alten, vielgefrchteten _Irokesen_ ist.
Diese Wilden waren damals mit aller Welt rings um in Frieden: Herr L**
ermunterte mich, sie zu besuchen. Es gefiel mir gar wohl, etwa einen Tag
lang, oder zwei, das einsame Treiben und Wirthschaften dieser Naturkinder
zu schauen. Aber wie man ein paar Jahre lang mit ihnen in den Wldern ganz
behaglich hausen knne, wollte mir doch nicht einleuchten. Wir machten uns
also auf den Weg.

Schon, wie wir aus Buffalo hervor waren, begegneten uns einige der
Senecaner. Ihre Bekleidung schien mir etwas sorgfltiger, als jene der
Cayagua-Indianer. Sie hatten auch gar kein rmliches Aussehen. Die, welche
Hte trugen, hatten sie sogar mit Silberplttchen geziert. Breite Gurte von
rothem Tuch hingen um ihre Hften; andere trugen diese Grte schrpenartig
gebunden. Manchen hing an der Seite ein breites Messer; dabei hielt jeder
seinen Tomoak in der muskelstarken Faust.

Der Weg zu ihrem Dorfe fhrte in die Tiefe einer ungeheuern Waldung. Je
weiter wir hineinkamen, je dichter wurde das Gehlz, und von Zeit zu
Zeit stand ein Indianer, kommend oder gehend, vor uns, so unerwartet oder
unvorhergesehen, als wr er aus der Erde hervorgeschossen. -- Ein Greis,
dem zwei junge Leute nachfolgten, alle wohlbewaffnet und wohlgekleidet,
strich an uns vorber, ohne uns anzusehen. Ich hielt ihn an und fragte,
wie weit es noch bis zur Mitte des Stammes hin sei? Diese Wilden verstanden
kein Englisch. Der Alte redete mit den Jnglingen, wie sich zu berathen.
Nun versuchten wir die Zeichensprache. Damit gings besser. Wir erhielten
die verlangte Auskunft und sahen nach zwei Stunden Wegs im Wald umher
zerstreute Htten.

Das Holz war stellenweis abgeschlagen, und der leergewordene Platz ziemlich
nachlssig angepflanzt. Mais, Korn, Erdpfel und andere Feldfrchte sahen
wir, mehr wie durch Zufall, als durch Menschenhand da hingesetzt. Es sind
auch nur die Weiber, die den Landbau treiben. Mnner schmen sich noch des,
und treiben blos das edle Weidwerk, als geborne Jger. Das Weib ist noch
eine Art Sklavin; trgt auch, whrend sich der Mann frei bewegt, auf Reisen
die Lebensmittelvorrthe in einem Korb auf dem Rcken, an einem breiten
Lederriemen, der ber die Stirn geht. Eben so tragen sie auch ihre kleinen
Kinder, aber auf ein Brett gebunden, bis ans Kinn eingefscht, mit deren
Rcken gegen ihren Rcken.

Der groe Stamm der Irokesen, der einst an den Champlain-, Ontario- und
Erie-Seen umhertrieb, ist jetzt fast ganz verschwunden. Man sieht nur noch
einzelne abgerissene Zweige desselben, wie den der Senecaner. Als sich im
Jahre 1610 die ersten christlichen Glaubensboten unter sie wagten,
zhlten sie noch eine Heeresmacht von mehr denn 20,000 Kriegern. Nach dem
nordamerikanischen Unabhngigkeitskriege im Jahr 1780 fanden sich hier nur
noch etwa 1500 Krieger vor. Jetzt knnen sie nicht mehr als 150 bis 200
Streiter aufstellen.

Diese befremdende Verminderung der Indianer mag mancherlei Ursachen haben.
Der Wilde zieht sich bei jeder Annherung der zivilisirten Welt scheu
zurck, wenn er sie nicht zerstren kann. Er will mit ihr nichts gemein
haben. Er kennt aus den Sagen seiner Vter und Urvter die nie zuverlssige
Treue, die List und Hab- und Herrschgier und rastlose Ausbreitungssucht
der Europer. Er kann die Lebensbequemlichkeiten derselben nicht reizend
finden, weil er ihrer durchaus nicht bedarf; kann die Gensse nicht
schtzen, welche Wissenschaft und Kunst gewhren mgen, weil sie ihm fremd
und verschlossen stehen; kann die feinern Vergngungen der gebildeten
Gesellschaft nicht leben, weil sie zugleich einen ussern Zwang auflegen,
der ihm naturwidrig scheinen mu. -- Die reine Freiheit des Wilden hat
ohnehin ihren eigenthmlichen Zauber, der aus der Einfalt, Rechtlichkeit
und ungebundenen Sorglosigkeit hervorgeht. Man hat wenige, oder am Ende
_gar keine_ Beispiele, da Indianer, welche bei Europern erzogen wurden,
nicht gerne wieder aus dem Zwang der Etikette, des Zeremoniels, des
Kirchenthums, des Rangwesens, der Polizeiordnungen, der Titulaturen, der
gesellschaftlichen Vorurtheile, der Parteimachereien, der unendlichen
Lebensmhen, um zum Besitz entbehrlicher Dinge zu gelangen, herausgegangen
und in die Stille und Freiheit ihrer Wildnisse, zur einfachen Lebensweise
ihrer Stammesgenossen zurckgekehrt und daselbst geblieben wren. Dagegen
sind der Beispiele mehrere vorhanden, da gebildete Europer, die gewaltsam
oder freiwillig unter die Indianer kamen, sobald sie sich nach Jahr und
Tag unter ihnen heimisch fhlten, auf das Bitters der Zivilisation
verzichteten, sich, wie die Familie L** zu Buffalo, sehr glcklich bei
ihnen fhlten, und entweder gar nicht mehr, oder doch nicht ohne spteres
Heimweh, in die Welt der Gebildeten zurckkehrten.

Eine groe Zahl der Irokesen hat sich wirklich von den groen Seen hinweg
westwrts in das unbekannte Innere des Welttheils gezogen. Was noch
zurckblieb, ward zum Theil wohl in Kriegen, mehr noch durch das Gift der
gebrannten Wasser, welches sie von den Europern kennen lernten, durch
Vllerei und Krankheiten, die daher entsprangen, allmlig aufgerieben.
Vielweiberei findet in der Regel bei ihnen nicht statt; nur die
Stammhupter und Vornehmsten haben mehrere Frauen.

In der ersten Htte, in die ich eintrat, fand ich eine Indianerin
geschftig, Mais in einem hlzernen Troge klein zu stoen, um daraus
eine Art Brod zu backen, das sie _Hkake_ heien. Ich hatte spterhin bei
einsamen nordamerikanischen Pflanzern oft genug Anla, meinen Gaumen mit
dieser Hkake vertraut zu machen.

Fnfzig Schritte weiter, in einer zweiten und viel grern Htte, die
einem Oberhaupt gehrte, lagen fnf junge Weiber auf dem Boden, die unter
einander mit bunten Bohnen, auf einer ber die Erde gebreiteten Matte,
spielten. Zwei derselben rauchten dazu, zwei andere sugten ihre Kinder.
Ihre Bekleidung war so sprlich, da unsere Schnen in europischen
Stdten, wenn sie sich in eleganter griechischer Tracht halbnackt den
Gaffern hinstellen, daneben ganz nonnenhaft vermummt erschienen haben
wrden. Sie sahen zu uns auf, ohne ihre bequeme Lagerung zu ndern. Ich
verlangte ein wenig Milch. Die Jngste, welche etwas englisch
verstand, fragte, wie viel ich dafr geben wollte? Ich reichte ihr ein
Sechs-Pencestck hin. Sie brachte mir mehr Milch, als ich trinken konnte.

Ohne die Indianer in ihrer Sprache sprechen zu knnen, geht man unter ihnen
natrlich wie ein Taubstummer umher. Man sieht dies und das, aber mchte
Erklrungen dazu, und vermag sie nicht zu fordern. Ich durchirrte das Dorf
und wandelte in den Umgebungen mehrerer Htten, deren kahles Innere keiner
Beschreibung bedarf. Ich bemerkte auch von den schauerlichen Siegeszeichen
der Wilden, die mit den Haaren bewachsene Schdelhaut von den Kpfen ihrer
erschlagenen Feinde. Nun wute ich ohngefhr, wie es in den Walddrfern
und Htten der alten, tapfern, vielgerhmten Germanen zu Tacitus
Zeit ausgesehen haben mag, von denen, ihrem Whisky (oder Meth) ihrem
Eichelschmaus (oder Hkake) u.dgl.m. noch jetzt die Rektoren und
Professoren an den Schulen in Deutschland ihrer lernbegierigen Jugend gern
groes Aufhebens machen.

Man wei, wie es bei den Wilden mit dem Skalpiren, oder dem Abziehen der
Schdelhaut ihrer Feinde, schnell und leicht geht. Aber eins wute ich
nicht und schien mir fast unglaublich. Man versicherte mich, da man
Menschen gekannt habe, die noch viele Jahre nach ihrer Skalpirung munter
und gesund gelebt haben; nur da ihnen die Haare nicht wieder nachwuchsen.

Die Rechtlichkeit und Strenge der amerikanischen Gesetze und der Ernst
in deren Vollziehung hat bewirkt, da sich die Seneca-Indianer sehr ruhig
verhalten. Nur die Begierde, etwas zu besitzen, das ihnen an einem Weien
gefllt, hat sie oft zu Unthaten verleitet. Denn das krzeste Mittel, sich
im Besitz des gewnschten Gutes zu sehen, schien ihnen auch das beste zu
sein, nmlich den Eigenthmer zu tdten. -- Doch auch davon hat man lange
nicht gehrt.




20.

Die Fahrt im Vaggon nach Pittsburg.

(25. bis 28. August.)


Mein Plan war gewesen, im Dampfschiff von Buffalo ber den ganzen Erie-See
bis an dessen entgegengesetztes Ende nach Detroit zu fahren. Aber ich hatte
mich in den Tagen verrechnet; das Dampfschiff war schon abgereiset, und
acht Tage lang hier auf ein anderes zu warten, taugte zu meinem Zeitvorrath
schlecht.

Ich bequemte mich also, wenn gleich etwas ungern, mit in ein Fuhrwerk zu
sitzen, das den folgenden Tag von Buffalo nach Pittsburg in Pensylvanien
abreisen sollte. Man nannte diesen Wagen, der wie ein Karren aussieht,
einen _Vaggon_. Ich werde noch lange an diese Vaggons denken, die eben
nicht zu dem bequemsten Reisegerth gehren, zumal auf Wegen, wie die sind,
wo sie gebraucht werden. Zu meiner vorlufigen Beruhigung erzhlte man mir,
da zwei Wochen vorher zwei Reisende mit dem wchentlich abgehenden Vaggon
kein Glck gehabt. Der eine wre vom Vordersitz herab in eine Schlucht
geschleudert worden und auf der Stelle todt gewesen; der andere, indem
er herausspringen wollte, als der Vaggon eben umstrzte, wre von diesem
zerschmettert worden. Aber das begegne bei einiger Vorsicht nicht alle
Tage.

In Gesellschaft anderer Reisenden bestieg ich also den Vaggon. Eine Stunde
von Buffalo schon hrte die Strae auf. Man fuhr nun immer lngs dem Ufer
des Erie-Sees hin. Aber welch ein Weg! -- oder vielmehr, es war gar kein
Weg da. Bald sanken die armen Rosse bis ber die Knie in feinen Schlammsand
ein, bald in Morastpftzen und Koth. Es waren vier Pferde, allein sie
hatten Arbeit vollauf, den Wagen nur im Schritt fortzubringen. Ich hatte
die angenehme Einbildung, das sei eine wste Stelle; man msse einige
Augenblicke Geduld haben. Der Postknecht belehrte mich aber sehr hflich,
die wste Stelle dauere zehn Stunden Weges lang.

Der See ging ziemlich strmisch. Trotz dem fuhr unser khner Phaton ins
Wasser hinein, wenn er entweder aus dem Schlamm sich retten, oder groen
Steinen ausweichen wollte. So lange die Rder des Vaggons, die, als eines
Strandlaufers, sehr hoch waren, noch festen Boden ber sich fhlten, lie
ich die Wasserreise unbetadelt. Aber nun kamen wir an einen Platz, wo sich
ein Felsen ziemlich weit in den See hinausstreckte. Der mute umschifft
werden. Der Lenker unserer Schicksale und des Vaggons trieb die Pferde ins
Wasser, bis es ber sie wegrauschte, und sie wie Hunde schwammen, whrend
die Wogen des kleinen strmischen Meers den Kasten des edeln Vaggon
weidlich zerschlugen. Da ward mirs doch etwas schwl; ich dachte an meine
unglcklichen Vaggonsvorfahren und verwnschte diese Art Lustreisen. Meine
amerikanischen Reisegefhrten verwunderten sich hchlich. Sie fanden die
Sache vollkommen in der Ordnung der Dinge. Ich mute ihnen das allerdings
zugestehen; aber, dacht' ich: lndlich, sittlich!

In einem einsamen Hause hart am See ward zu Mittag gespeiset, Ro und
Vaggon gewechselt. Dann gings weiter; nicht besser, als des Morgens, aber
doch, zur Abwechselung, auch anders. Denn wenn die Pferde, bei der Tiefe
und Beweglichkeit des Sandes nicht mehr von der Stelle rcken konnten, fuhr
man, statt ins Wasser, in den Wald, der das Seeufer besumt. Da mute man
nun mit vieler Kunst im Zikzak zwischen den Bumen und um sie herumkreisen;
bald sich durch einen in die Quer hingestrzten alten Stamm, bald durch
einen Bach-Hohlweg in witzigen Erfindungen ben lassen, wie man das neue
Hinderni berwinden knne.

Doch, ohne Hals- und Beinbruch, hatten wir das Glck, bei eintretender
Nacht an Ort und Stelle nach _Fredonia_ zu gelangen.

Fredonia trgt den Namen einer Stadt (=Township=). Es ist eine _neue_
Stadt. Aber mache sich niemand gar zu glnzende Vorstellungen von den neuen
Stdten in Nordamerika. Es hat damit ein ganz eigenes Bewandtni. Ihre
Errichtung hngt nicht blos von Zuflligkeiten ab, durch welche ehemals die
Stdte Europens, oder auch noch die Kstenstdte Nordamerika's entstanden
sind, wo ein Kloster, ein Wallfahrtsort, ein landesherrliches Schlo und
dergleichen, mehr Ansiedler, als anderswohin, zusammenlockte; oder wo eine
Bucht, ein natrlicher Hafen, die Mndung eines groen Stroms, zur Grndung
einer Kolonie einlud. Kluge Vorausberechnungen bestimmen jetzt den Platz,
wo eine knftige Stadt im Innern des Landes stehen msse. Dann wird die
Erbauung derselben durch Beschlu angeordnet und begonnen, es sei, wo es
wolle.

So steht Fredonia mitten in Wildnissen und Wldern, die sonst allein vom
Geheul der Irokesen und wilden Thieren belebt waren. Da fhren noch keine
vielbewanderte Wege, keine gebaute, regelmige Hochstraen zu den Thoren.
Es sind noch keine Thore, keine Ringmauern vorhanden. Die Stadt ist _erst
vier Jahre alt_. Man sieht ein gutgebautes Gerichtshaus (=court-house=).
Weiterhin stehen wieder zwei Kirchen, aus Backsteinen geschmackvoll
aufgefhrt; zwei verschiedenen Glaubensparteien angehrend; beide ziemlich
nahe beisammen. Dann sieht man noch ein Wirthshaus; einen Kaufladen und
Magazin mit Spezerei, Leinwand, Tchern, gebrannten Wassern und andern
kleinen Bedrfnissen; ferner eine Schmiede, und eine Buchdruckerei, aus der
wchentlich eine Zeitung hervorgeht. Dann in gleichem Verhltni, wie in
mehrern europischen Staaten der augenlose weltliche und geistliche Arm
derer, die Gewalt haben, die gegenseitige Mittheilung, Belehrung und
Verknpfung der Geister unter einander vermittelst der unterdrckten
Prefreiheit unterdrcken mchte, suchen die Nordamerikaner durch
Begnstigung der Prefreiheit Gemeinsinn, Theilnahme an vaterlndischen
Angelegenheiten, Kunst, Kenntni, Volksbelehrung zu befrdern. Um jene
sieben, acht Gebude herum stehen in Fredonia etwa noch zehn einzelne
Huser zerstreut umher. Aber die ffentlichen Pltze, die Mrkte, die
knftigen Straen sind schon im Plan vorhanden; sind schon wirklich
ausgesteckt. Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten, dem angenommenen
Plan gem zu bauen.

So sieht eine vierjhrige Stadt im Innern Nordamerika's aus.

Folgenden Tages gings durch Wald und Wstenei; der Weg ward nicht
gemchlicher, aber doch minder gefahrvoll, als am vorigen Tage. Der
Postknecht, welcher die Zeitung von Fredonia auf seiner Reise abzugeben
hatte, warf dieselben, wo man in der Nhe von einzelnen Husern unterwegs
vorbeikam, links und rechts aus dem Wagen vor die Thren. Abends kamen wir
noch bei hellem Tage zu _Erie_ an.

Diese Stadt liegt am Sdosttheil des Sees, von dem sie benannt ist, auf
einer Anhhe, von der sich eine weitgedehnte Aussicht ergibt, und bis zum
jenseitigen See-Ufer. Die Seen Ontario und Erie gleichen kleinen
Meeren; jeder von ihnen hat ber dritthalbhundert Stunden Umfang und bei
sechshundert Geviertmeilen Flche.

Sdwrts der Stadt, die sich mit ihren 150 Husern und drei Kirchen auf
ihrer Hhe gar stdtisch ausnimmt, kann man noch Ueberbleibsel einer ltern
Niederlassung wahrnehmen. Es hatten sich da vorzeiten franzsische Pflanzer
auf einer Landzunge angebaut, die sie _Presqu'isle_ nannten. Der Boden
war sehr gut, das Klima gesund; allein die allzugroe Entfernung von allen
andern bewohnten Orten zwang sie, das Land wieder zu verlassen. Kurze Zeit
nachher grndeten die Amerikaner die Stadt Erie. Wenn einmal die Ufer des
Sees bevlkerter sind, wird diese Stadt sehr bedeutend werden mssen.

Mit Anbruch des folgenden Tages ging die Reise sdwrts, nach Pittsburg.
Wir kamen abermals an Ueberbleibseln einer franzsischen Niederlassung,
_Lebeuf_ geheien, etwa fnf Stunden von Erie, vorbei, die das Schicksal
von Presqu'isle gehabt hatte. Dagegen sahen wir, zwei gute Stunden weiter
hin, die hollndische Niederlassung _Waterfort_ in sehr blhendem Zustande.
Wir frhstckten hier in einem sehr guten Wirthshause. Zu _Meadville_, zehn
Stunden von da, hielten wir etwas an. Ich traf da mit einem Herrn zusammen,
der mit gleicher Leichtigkeit englisch, deutsch und franzsisch sprach.
Seine Unterhaltung war fr mich sehr belehrend. Vermuthlich hielt er mich
fr den Geschftsfhrer einiger europischen Auswanderer-Gesellschaften. Er
trug mir Lndereien zum Kauf an, den Acker zu zwei und drei Dollars. Es war
ein Herr H**, Agent einer hollndischen Kompagnie.

Erst spt Nachts kamen wir in das Stdtchen _Mercer_, welches dem Stdtchen
Meadville glich. Beide nmlich sind _neue_ Stdte. Man wird nun wissen, was
darunter zu verstehen ist. Vorzeiten ging der Weg hieher durch die Veste
_Wenango_, die wir weit links gelassen hatten.

Ich war seit den vorigen Tagen, von den Wasserfllen des Niagara weg, durch
ungeheure Einsamkeiten fortgefhrt worden. Aber sie konnten nicht mit denen
verglichen werden, die sich zwischen Mercer und Pittsburg am folgenden Tage
auslagerten. Es ist eine Strecke von zwanzig Wegstunden, und wir sahen nur
das einzige Stdtlein _Buttler_; fuhren oft fnf bis sechs Stunden, ohne
eine Htte, vergraben im Gebsch, zu erblicken. Alles ein endloser
Wald, dessen finstere, durch einander gewachsene Zweige selten nur einen
freundlichen Strahl des Himmels auf uns niederzufallen erlaubten.

Es lt sich denken, wie es um die Poststrae dieser unbewohnten Welt
stand. Wir hatten vier wackere Rosse; wir waren im Wagen unserer nur drei
Reisende, und doch kostete es keine geringe Mhe und Noth, vorwrts zu
kommen. Beim vorletzten Pferdewechseln liefen wir am Ende noch Gefahr,
Hals und Beine zu brechen. Es ging eben einen Hgel steil abwrts. Die
Amerikaner pflegen keine Rder zu spannen, sondern lassen die Pferde
geschwinder laufen, oft im Galopp bergab. So machte es unser Postknecht.
Das Riemenwerk eines der Deichselpferde ri. Mit vieler Geschicklichkeit
lenkte er das andere, welches allein noch den Wagen zurckhalten konnte.
Aber nun war ein groer Stamm ber den Weg gefallen, und doch nicht quer
genug, um den Wagen zum Stehen zu bringen. Auf einer Seite liefen die Rder
auf dem Stamm entlang; endlich sprang das eine ber, das andere schob den
Stamm fort. Das Holz rollte. Die erschrockenen Pferde nahmen mit Wagen und
Holz Reiaus. Wir tanzten in der Luft, und siehe da -- kamen mit heiler
Haut glcklich davon.

Auf einer schnen Halbinsel, gebildet von den Strmen Manongahela und
Alleghany, beut sich dem Auge die Stadt Pittsburg dar. Jene Strme rauschen
einander aus entgegengesetzten Weltgegenden zu. Der Alleghany kmmt
von Norden. Er ist aus verschiedenen Gebirgsbchen und Wassern von den
Erie-Ufern entstanden, die sich bei der Wenango-Veste verbinden. Der
Manongahela hinwieder kmmt von Sden her, aus den Laurels-Gebirgen, in
Obervirginien. Er verschlingt in seinem Laufe viele andere Strme, und so
auch den _Youghiogeni_, der ziemlich betrchtlich ist. Bei Pittsburg,
wo der Alleghany und Manongahela zusammenfallen, empfangen sie nach der
Vereinigung den Namen _Ohio_ (man spricht den Namen O-hai-io aus) oder
Schn-Flu. Dieser durchluft dann eine weite Strecke von 400 Stunden, bis
er sich in den Missisippi ausmndet.

Wir fuhren ber eine der prchtigsten Bogenbrcke in die Stadt hinein.
Sie ist mit Schiefer bedacht, und ruht auf fnf Bogengewlben, jedes
fnfundsiebenzig Schritte lang. Eben so schn ist jenseits der Stadt auf
ihrer Mittagsseite die andere Brcke. Sie hat die Lnge von 532 Schritten;
an jeder Seite zweiundfnfzig Fenster, um Heiterkeit zu geben; zwar nur
von Holz gebaut, aber auf acht steinernen Pfeilern ruhend, die sieben
Bogen bilden. Sowohl fr Fuhrwerke, als Fugnger, sind Doppelwege. Diese
trefflichen Arbeiten, welche im Jahr 1816 ein englischer Ingenieur leitete,
der auch in Tennesee eine hnliche Brcke gebaut hat, sind binnen zwei
Jahren vollendet worden.




21.

Die Ohio-Fahrt nach Mariette.

(29. August bis 4. Sept.)


Ich verweilte mit Vergngen in Pittsburg einige Tage. Die Stadt ist in
mehr als einer Hinsicht anziehend fr den Beobachter. Man nennt sie das
Manchester der Vereinstaaten.

Sie ward erst im Jahre 1784 gegrndet. Im Jahre 1800 zhlte sie 2400
Einwohner; im Jahre 1810 aber 4700 derselben, und gegenwrtig ber 14,000.
Darunter sind, ausser eingebornen Amerikanern, Englnder, Franzosen,
Schotten, viele Deutsche und Schweizer, die sich alle, jetzt wohlzufrieden,
veramerikanert haben.

Die Stadt besitzt nicht, wie andere Stdte dieses groen Freilandes, das
lachende, freundliche Ansehen in seinem Innern. Die Huser sind vom Rauch
der Steinkohlen geschwrzt, die hier allgemein blich sind. Aber dagegen
erblickt man eine rhrige Gewerbigkeit, wie nicht leicht anderswo. Alle
Huser sind voll von den verschiedensten Werksttten. Lngs den Ufern
lrmen die Dampfmaschinen, welche eine Menge Mehl-, Sge-, Papier-, Oel-
und Loh-Mhlen, Gerbereien und Frbereien, Glashtten und Eisenschmelzen
u.s.w. in ununterbrochener Bewegung halten. Den westlichen Staaten um
hundert und mehr Stunden nher als Philadelphia und Baltimore,
versorgt Pittsburg die Pflanzorte in jenen vorzugsweise mit seinen
Kunsterzeugnissen. Die Flsse wimmeln von Fahrzeugen, die Waaren bringen
oder fortfhren. Mit Ausnahme der Monate August, September und Oktober,
kommen tglich Dampfboote an. Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio
herauf, legt ein solches Boot den Weg von mehr denn siebenhundert Stunden
binnen achtzehn Tagen zurck; stromabwrts ist die Fahrt in zwlf Tagen
vollbracht. Und doch wird unterwegs, mit dem Ausschiffen und Aufnehmen
von Waaren und Reisenden in allen Stdten lngs den Ufern, noch Zeit
verbraucht. Die Reise den Strom herauf, von Neu-Orleans bis Pittsburg,
kostet 50Dollars, stromab nur 40. Man hat dafr, wie immer auf
amerikanischen Dampfbooten, gute Tafel und sehr saubere Betten.

Bisher hatte mich auf meinen Lustwanderungen durch die neue Welt der
freundlichste Himmel begleitet, was von nicht geringem Einflu auf meine
gute Laune und vielleicht auf meine Ansichten und Urtheile gewesen sein
konnte. Denn, wir wollen uns nicht tuschen, das Universum sieht an einem
sonnenreichen Tage ganz anders aus, als an einem Regentage. Nicht nur Erd'
und Himmel ndern bei bser Witterung ihre Physiognomie, sondern auch Thier
und Mensch.

Es kam mir daher zur Berichtigung meines Urtheils und meiner Stimmung,
die ich vielleicht nur der Heiterkeit der Sommertage zu danken hatte, ganz
gelegen, da bei meiner Abreise aus Pittsburg rauhes, regnerisches Wetter
eintrat. Ich hllte mich ein, setzte mich in einen Vaggon und fuhr dem
Ohiostrom entgegen. Indessen lernt' ich dabei nichts Anderes, als da das
Reisen beim schlechten Wetter in Amerika ungefhr eben so langweilig ist,
als bei uns. Denn durch den grauen Schleier des Regens sah und erkannt'
ich draussen nichts; drinnen im Vaggon hrt' ich und lernt' ich nichts
Merkwrdiges. Nachts schlief ich in dem kleinen Ort _Washington_; folgenden
Vormittags kam ich zeitig in der kleinen Stadt _Wheling_ an, die am linken
Ufer des Ohio, etwa hundert Stunden von Baltimore, liegt.

Das eben genannte Washington ist nicht jene neue, im groen Styl entworfene
Hauptstadt der Vereinstaaten, Sitz der hchsten Bundesbehrden. Es gibt
der Ortschaften viel, die mit den Namen eines _Washington_, _Franklin_,
_Lafayette_ u.s.w. geschmckt sind. Man unterscheidet sie dann nach ihren
verschiedenen Provinzen und Flssen durch Beinamen. Die alten und neuen
Republiken wuten ihre groen Mnner immer auf eine eigenthmliche, aus
Geist und Art des Volks hervorgegangene Weise zu ehren. Das kunstsinnige
Griechenland errichtete ihnen _Bildsulen_. Rom ffte spter darin, wie in
vielem Andern, nur nach. Die frommen Schweizer stifteten ihnen kirchliche
Schlachttagsfeier und _Kapellen_. Die gewerbigen, im Schirm der errungenen
Freiheit sich ber einem jungfrulichen Boden ausbreitenden Amerikaner
bauen _Stdte_ und schmcken sie mit den unsterblichen Namen der
Freiheitsstifter.

Das Stdtchen Wheling liegt schon im Staat Virginien, in einer angenehmen
Gegend und unter einem milden Himmel. Es hat etwa 2000 Einwohner. Wie ich
durch die Straen umherschlenderte, ward ich auf eine sonderbare Weise
berrascht. Ich sah da eine Menge Leute, Mnner, Weiber, Kinder, alle in
Schweizer- und deutscher Bauerntracht. Als ich nher trat, erkannte ich
dieselbe Auswanderungs-Karavane wieder, die ich, bei meiner Abreise von
Europa, in _Havre_ gesehen hatte. Die ehrlichen Anabaptisten waren nicht
wenig erstaunt, als ich sie deutsch anredete. Einige erinnerten sich meiner
sogleich wieder. Sie hatten wegen ihrer endlichen Niederlassung noch keine
Wahl getroffen, und die Absicht, den Ohio hundert bis zweihundert Stunden
weiter abwrts zu gehen. Es waren zusammen alt und jung 119 Personen.

Ich habe schon gesagt, da auf dem Ohio im Monat August, September und
Oktober kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fhrt. Ich
miethete also, um rascher fortzukommen, ein sogenanntes _Keelboot_. Das
ist eine Art bedeckten und geschlossenen Fahrzeugs, nur zum Waarentransport
bestimmt, welches man den Flu abwrts sendet, aber nie wieder zurckfhrt,
weil es fr dies Wasser zu gro und schwerfllig ist. Ein kleiner, leichter
Nachen mit zwei Rudern ist dem Schiffe angehngt. Dieses Nachens bediente
ich mich, zur Verminderung der langen Weile, fleiig. Denn weil ich
fr meine Bekstigung selbst sorgen mute, fuhren wir an keinem artigen
Bauernhof, an keinem niedlichen Landhause vorber, wo ich nicht sogleich
einkehrte, besonders wenn ich Obstbume und vor allen Dingen Pfirsiche
da erblickte. Die letztern sind ungemein saftig, gro und vom feinsten
Geschmack. Oft glich Alles einem kleinen Pfirsichwald, was die lndlichen
Wohnungen umgab. Die Eigenthmer bepflanzen damit der Lnge nach jeden
Bach und Weg und Steg, und nennen sie, recht die amerikanische
Gastfreundlichkeit bezeichnend, _Pfirsiche fr die Reisenden_
(=Traveller-peaches=).

Die Ufer des Ohio sind, von Wheling hinweg, sehr stark bewohnt. Das rechte
Ufer gehrt zum Ohiostaat, das linke zu Virginien. Kein einziger von allen
Pflanzern, bei denen ich einkehrte, war im Lande selbst geboren, insgesammt
stammten sie frisch aus Deutschland, England, Irland, Holland. Die fr
Europa so traurigen Noth- und Hungerjahre 1816 und 1817 waren fr die
hiesigen Ansiedler das wahrhaft goldene Zeitalter gewesen. Nun aber
beklagten sie sich bei der wohlfeilen Zeit sehr. Sie wuten nicht, wohin
die Frchte ihres Feldes absetzen. Ich trstete sie mit dem nmlichen
Loose der europischen Landleute, die noch dazu bei dem niedrigen Stand der
Getraidepreise oft schwere Abgaben zu zahlen htten.

Wir kamen am 4.September, an einem Sonnabend, nach _Mariette_, ohne
besondere Abentheuer erlebt zu haben, als etwa, da wir unterwegs einen
schnen Hirsch, der ber den Ohio schwimmen wollte, mit Ruderstangen
todtschlugen und uns ihn schmecken liessen. Mariette ist eine der ltesten
Stdte im Ohiostaat. Sie ward gleich, nachdem den Indianern das Gebiet
abgekauft war, gegrndet. Die Fruchtbarkeit und Wohlfeilheit des Bodens
lockte viel Volks her. Die Stadt zhlte bald 1200 Einwohner; aber -- sie
zhlt auch jetzt noch nicht mehr. Denn die Luft ist fieberhaft, ungesund,
und die Sterblichkeit in manchen Jahrgngen gro. Das schreckt viele
Ansiedler ab, whrend diese sonst vorzugsweise gern den Ohiostaat whlen,
weil er einen angenehmen, milden Himmelsstrich, sehr gesunde Luft, usserst
fruchtbaren Boden und vielleicht die beste Landesverfassung von allen
Vereinstaaten hat.

In der Umgegend von Mariette sind die zahlreichen alten Befestigungswerke
und Grber der Indianer sehr merkwrdig. Die Ueberbleibsel der
Befestigungen, zwar nur von Erde aufgeworfen, dehnen sich zusammenhngend
Viertelstunden weit und mehr aus. Die Grber, oder _Maun's_, wie sie es
in der Sprache der Wilden heien und noch jetzt genannt werden, sind in
groer Menge umher zerstreut zu sehen; nicht nur aber bei Mariette,
sondern auch in andern Gegenden der Republik Ohio und westlich gelegener
Landschaften. Es sind zuckerhutfrmige, oben abgestumpfte Hgel, meistens
zwlf bis zwanzig Schuh hoch, die unten einen Umfang von dreiig bis
sechszig Fu haben. Noch jetzt haben die Stmme aller Indianer fr ihre
Todten eine heilige, oder aberglubige Ehrfurcht, wie sonst. Hier pflegten
sie die Leichname, in Felle gehllt, flach auf den Erdboden zu legen, dann
dieselben mit einem solchen Erdhgel zu bedecken, da sie weder durch wilde
Thiere, noch Menschen leicht ausgescharrt werden konnten. Die Mauns der
Huptlinge sind hher und breiter. Ich sah deren bei Mariette, welche einen
Umfang von hundert Fu und eine Hhe von dreiig Fu haben.




22.

Ein paar Wochen auf dem Lande im Ohiostaate.

(4. bis 20. Sept.)


Die Witterung war wieder lieblich. Ich htte mich auch gern unter den
Pflanzern dieses Freistaats umgesehen, um bei ihnen etwas zu lernen. Dazu
bot sich hier die vortheilhafteste Gelegenheit. Ich konnte eine Familie,
die eine Stunde von _Pointharms_ wohnte, mit Gren und Nachrichten aus
Europa besuchen. So begab ich mich ber den Muskingum nach Pointharms, und
von da zur mir bezeichneten Kolonie, um meine Auftrge auszurichten. Zwei
Tage spter begleitete ich von hier die Familie zu ihren Aeltern, auf einer
Niederlassung, die noch zwlf bis vierzehn Stunden weiter landeinwrts lag.
So kam ich von Pflanzung zu Pflanzung.

Die Familie machte die Reise zum Vaterhause in einem Wglein. Mir gab man
ein Reitpferd. Jede Art zu reisen hatte mir bisher wohlbehagt; nur mit den
Pferden in Amerika hatte ich ganz eigenes Migeschick. Als zwei Stunden
lang Alles in guter Ordnung gegangen war, wurde der Weg so schlecht, da
das Fuhrwerk meiner Freunde mehrmals umzuwerfen drohte, und endlich, ber
einem Graben hangend, in die gefhrlichste Schwebe kam. Ich sprang noch
im rechten Augenblick vom Rosse, um den Wagen etwas zu halten und greres
Unheil zu verhten. Als dieser wieder aufgerichtet stand und ich meine
Rosinante suchte, war sie davon und waldeinwrts gelaufen. Nun mute ich
ihr nachsetzen, und sie narrte mich zwei volle Stunden herum. Ich htte die
Bestie ihrem Verhngni berlassen, wrs mir nicht um meinen Mantel auf dem
Sattel leid gewesen. Zum Glck kam mir ein Pflanzer zu Hilfe, der das Ro
fing. Als ich aufsitzen wollte, ward es sttisch, wollte nicht mit mir
umkehren; alle Beredsamkeit meines Mundes und meiner Peitsche blieben gegen
diesen Eigensinn fruchtlos. Um nicht noch mehr Zeit einzuben, gab ich
dem braven Landmann ein Trinkgeld, lie ihn den Gaul heimfhren, hing den
zusammengelegten Mantel an einem Stecken ber die Schulter, und wanderte
sechs Stunden Wegs zu Fu, bis zu dem Ort, wo meine Reisegefhrten
bernachten wollten. Den andern Tag erreichten wir endlich Nachmittags das
ersehnte Vaterhaus.

Herr Hauptmann **, Eigenthmer dieser Niederlassung, empfing mich mit
zuvorkommender Gte und Gastfreundlichkeit. Ich ward zuletzt bei ihm
ganz heimisch. Wir besuchten die Umgegenden, musterten seine
landwirthschaftlichen Anstalten, oder gingen mit einander auf die Jagd, die
hier sehr reich und mannichfaltig ist, besonders an Truthhnern. Im Winter
kann man sie mit Stecken todtschlagen. Der Hauptmann erzhlte, er habe
bei seiner Wohnung in einem Winter ein ganzes Dutzend getdtet, das Stck
achtzehn bis zwanzig Pfund schwer. Noch hufiger ist, und eine wahre
Landplage, in diesen Gegenden eine Art Eichhrnchen, die aber viermal
grer sind, als die unsrigen in Europa. In einem einzigen Tage knnen sie
mehrere Acker Mais vollkommen verwsten. Daher wird unaufhrliche Jagd auf
sie gemacht; aber sie sind schwer auszurotten, vermehren sich schnell und
haben so zhes Leben, da, wenn man sie nicht beim Schu durch Herz oder
Kopf trifft, sie mit zerschmetterten Gliedmaen von Ast zu Ast, von Baum zu
Baum springen und entwischen. Man it ihr Fleisch; es ist angenehm, krftig
und zart. -- Man jagt auch Dammhirsche, Fischottern, Opossums, Raukuns und
anderes Gewild dieser Art.

Von zahmem Vieh zchtet man vorzglich Pferde, die 30 bis 40Dollars
kosten; Ochsen, das Paar 30 bis 36Dollars im Preise; Schweine in
Ueberflu, davon man den Zentner mit 1 bis 1Dollars zahlt. Viehhndler,
die das Land alle Jahr durchziehen, kaufen ganze Heerden zusammen
und fhren sie ostwrts den groen Stdten, hundert, auch zwei- und
dritthalbhundert Stunden weit, zu.

Die Staaten von Ohio, Indiana und Ober-Kentuky bieten dem Auge weder den
Anblick hoher Gebirge, noch groer Ebenen dar. Es ist ein hgeliges Land,
welches, von der Hhe bersehen, einem grnenden, wogenden Meer hnlich
sehen mag. Der Landwirth unterscheidet hier gern dreierlei Erdreich. Das
beste ist das schwarze. Es befindet sich am meisten in den Niederungen,
und vor seinem Anbau immer mit Wldern bedeckt, besonders von ungeheuern
Kastanien- und Nubumen, die zwar nur kleine, aber sehr se Frchte
tragen. Die zweite Gattung Erdreichs ist die rothe; es trgt gern
verschiedene Arten schner Eichen, steht aber im Feldbau an Gte dem
schwarzen Grunde nach. Die dritte Gattung Bodens ist gelb, die am mindesten
fruchtbare. Im Ohiostaat baut man am meisten Mais, Frucht, Waizen, Gerste,
Haber, Erdpfel u.s.w. an. Die Aernten sind immer usserst ergiebig. Es
ist in diesem Boden eine Flle ppiger Lebenskraft.

Man darf nur die Wlder betrachten. Sie sind eine Zusammenschaarung von
Riesenstmmen, davon man in Europa kaum Aehnliches erblickt. Glatt, ohne
Moos und Flechten, kerzengerade schiessen die Stmme auf, die erst an den
Gipfeln Zweige und Aeste tragen. Unter denselben ist der Boden mit grnem
Rasen bedeckt, ohne jene Menge niedern Strauchwerks, welches in unsern
europischen Forsten zu wuchern pflegt. Weiden lngs Bachufern sieht man
eben so wenig. -- Unter allen Bumen aber ist der Sycomorenbaum durch seine
Dickstmmigkeit am ausgezeichnetsten. Man erzhlte mir davon Unglaubliches.
Ich aber sah selbst einen, in dessen Innern ein Spezerei-, Material-
und Liqueur-Laden gehalten ward, mit Thr und Fenster versehen. Wenn ein
Sycomorenbaum anfngt, die Stammdicke von einem Schuh im Durchmesser zu
erhalten, beginnt er schon von innen hohl zu werden. Daher macht man auch
auf leichte Weise Tonnen daraus. Man durchsgt nur die Stmme, und versieht
sie auf zwei Seiten mit einem Boden. Die Sycomoren gedeihen am besten auf
dem fetten, frischen Grunde der feuchten Niederungen.

Das Verfahren bei Bereitung des Ahornzuckers ist bekannt genug. Die
Pflanzer in den westlichen Staaten bereiten sich von Mitte Mrzes bis Mitte
Aprils auf diese Art ihren Zuckervorrath. Ein Kind, mit Pferd und
Schlitten und Fa darauf, sammelt tglich das aus den angebohrten
Bumen abgetrufelte Wasser und fhrts nach Hause. Ein Baum mag binnen
vierundzwanzig Stunden, unter begnstigender, sonnenheller, kalter
Witterung, bis auf zwlf Maas Wasser geben, ohne Schaden fr ihn. Ein
Pflanzer macht sich fr den Jahresbedarf seines Hauses gewhnlich 150-200
Pfund solches rohen oder Staubzuckers. Andere, die damit Handel treiben,
bereiten bei zwanzig Zentner desselben. Der Zentner gilt drei Dollars (das
Pfund einen Batzen).

Hier kann's keinem Landmann bel gehen, der fleiig ist, und nur so viel
Vermgen hat, sich ein freies Eigenthum zu kaufen, nebst Vieh, Saat und
Lebensbedrfnissen fr das erste und zweite Jahr. Von da an baut und
erzieht er sich alles selbst, was er nthig hat, und verkauft, gut oder
schlecht, noch vom Ueberflu. Unmerklich wchst mit der Bevlkerung umher,
ohne sein Zuthun, der Werth seines Grundeigenthums.

Auffallend war mir hingegen, da von groen Kolonialanlagen, die man
in Europa schon aufs vollkommenste entworfen hatte, in der Wirklichkeit
nachher wenige zu dem gediehen, was sie htten werden sollen. Doch mu ich
allerdings die des Hrn. _Rapp_ ausnehmen, welche groentheils aus Deutschen
besteht und zehn Stunden von Pittsburg liegt. Hr.Rapp gab ihr den schnen
Namen _Harmonie_.

Nach zwanzig Jahren Arbeit daselbst wurde alles Land als Eigenthum
verkauft, und die Kolonie, die ein ganzes Dorf mit mehr als tausend Seelen
ausmacht, wohlversehen mit allem, was zur Landwirthschaft gehrt, baut nun,
bereinstimmend nach dem nmlichen einmal angenommenen Plan, die prchtigen
Fluren von _Wabasch_, auf der ussersten Grenze des Indianastaats. Rapps
Shne, ihres Vaters Nachfolger, sind ausschlielich mit Ankauf und Verkauf
alles dessen beauftragt, was fr das Bedrfni der Gemeinde erforderlich
ist. Die Kinder mssen bis zum sechszehnten Jahre die Schule besuchen;
dann werden sie zur Feldarbeit, zum Handwerk u.s.f. angehalten. Die
Niederlassung hat ihre eigene Kirche und Schule; eigene Gemeindsverfassung
und Gesetze, welche von den erwhlten Aeltesten der Gemeinde vollstreckt
werden.




23.

Von Ansiedlern und Reisebeschreibern.


Von allen Auswanderern, die aus Europa kommen, um sich in den Vereinstaaten
mit ihren Familien niederzulassen, stehen sich offenbar wohlhabende
Lndereikufer und Handwerker oder Knstler am vortheilhaftesten, weil
_jene_ gewi sind, ihre Kapitalien von Jahrzehend zu Jahrzehend im Werth
anschwellen zu sehen; und _diese_, wenn sie geschickt und fleiig
sind, ihre Waare ums Doppelte besser, als in Europa, bezahlt erhalten.
Demungeachtet wird es gemeiniglich ankommenden Handwerkern und Knstlern
anfangs sehr schwer, sich durchzubringen, und zwar aus ganz einfachen
Grnden. Wenige verstehen die englische Sprache, und sind daher dem Zufall
berlassen, wo sie Leute finden, um sich mit ihnen zu verstndigen. Wenige
kennen Einrichtungen, Verhltnisse, Bedrfnisse und Oertlichkeiten des
Landes, um sich den fr sie tauglichsten Platz zur Ansetzung auszuwhlen.
Wenige haben Geld genug mitgebracht, um aus eigener Kraft und mit aller
Freiheit sich, wo und wie sie wollen, festzusetzen und Werksttten zu
erffnen.

Alle diese Schwierigkeiten fr den Knstler und Handwerker sind es weniger
fr den bloen Feldarbeiter. Gewhnt an Entbehrungen, seiner Leibeskraft
und Arbeitslust vertrauend, schliet er sich denen an, die seine
Muttersprache verstehen; kauft soviel Land und Wald, als er bedarf und mag,
um wenig Geld, in leichten Zahlungsterminen; rodet den Wald aus, spielt
ein paar Jahre den Robinson Crusoe in der Einde, und hat dann ein groes
Bauerngut, das ihn und die Seinigen reichlich erhlt. Oder er tritt ein
schon vorhandenes nur als Pchter an; oder hat er gar kein Vermgen, so
dient er als Knecht, und spart seinen Verdienst zusammen.

Am belsten fahren spekulirende Kaufleute, wenn sie mit europischen Waaren
nach Amerika kommen. Denn die Regierung, um die Gewerbe des Landes
zu begnstigen, erhebt von fremden Gewerbsartikeln eine betrchtliche
Eingangsgebhr. Ich selbst sah, da man hier Waaren aus europischen
Manufakturen um dreiig und fnfzig Prozent unter ihrem wahren Werth
losschlagen mute.

Ich habe bei dem Allem unter den Ansiedlern Kaufleute, Knstler, Handwerker
und Landleute in Menge gefunden, die sich eines Wohlstandes freuten, dessen
sie in der alten Welt nie theilhaft zu werden hoffen konnten. Ich habe
keinen im eigentlichen Elend gefunden, und der, wenn er auch keinen Pfennig
baar Geld in der Tasche trug, gesagt htte, er habe Hunger gelitten oder
keine Kleider mehr gehabt.

Das Volk der Reisebeschreiber, zu dem ich jetzt, was anfangs gar nicht
mein Plan war, selbst gehre, streut ber Zustand, Treiben und Wesen
der nordamerikanischen Vereinstaaten die verworrensten, oft geradezu die
falschesten Vorstellungen in Europa aus. Ich habe deren viele vor meiner
Reise und nachher gelesen. Die meisten beschreiben weniger Amerika,
als vielmehr _sich selbst in Amerika_, woran am Ende wenig gelegen ist.
Vielleicht begegnet mir dasselbe, ohne da ichs wei und will; aber ich
wei und will auch keine Beschreibung vom jetzigen Zustand jener Gegenden
geben, sondern nur guten Freunden erzhlen, was ich auf einer Lustfahrt sah
und hrte, und bilde mir wenigstens ein, ziemlich unbefangen zu sein.

Unter den Reisebeschreibern mgt' ich den Preis der vollen Unbefangenheit
noch immer dem weisen, grndlichen _Rochefoucauld-Liancourt_ geben. Er
liefert ein recht treues Bild von dem Amerika seiner Zeit. Aber _seine_
Zeit war beinahe vor dreiig Jahren. Und in Amerika sind, was Fortschritte
des Anbaues und der Gesittung betrifft, dreiig Jahre so viel, als in
Europa drei halbe Jahrhunderte. Knnte er die Gegenden, die er einst sah,
jetzt wieder sehen, er wrde die wenigsten wieder erkennen.

Den Preis, welchen er verdient, mchte ich am allerwenigsten einem andern
Reisenden ertheilen, von dessen Irrfahrten mir zwei dicke Bnde in die
Hnde gefallen sind. Ich las sie um so neugieriger, weil ich von dem Manne,
er heit _Gall_, schon an einigen Orten in Amerika wunderliche Sachen
gehrt hatte. Man lachte da ber ihn. Er hatte berall Hndel gehabt. Er
zankte sich mir den Kaufleuten, wegen Bestellungen; mit den Schiffern,
wegen Fuhrlohns; mit den Wirthen, wegen der Zeche; mit den Lasttrgern,
wegen seines Gepcks; -- beinahe aller Orten, wohin er kam, hatte er
Geschfte vor den Scherifs und Richtern. Und das verschweigt er selbst in
seinen zwei Bnden nicht. Er zankt auch da noch fort. Am unanstndigsten
fllt er gegen das achtbare Haus _Le Roy Bayard u. Komp._ in New-York aus,
womit er freilich dem guten Namen desselben weniger, als seinem eigenen
geschadet haben mag. Denn wer glaubt einem solchen Allerweltsmivergngten?
Ihm gefiel in Amerika wenig oder gar nichts.

Solcher gallschtigen Reisenden gibts nun freilich wenige in Amerika; desto
mehr gibts der entzckten Lobredner. Ich will diesen zwar ihr Entzcken
gnnen; ich kann es mir aus dem grellen Abstich, welchen sie zwischen
diesen wahrhaft freien Staaten und ihren europischen Heimathen fanden, gar
leicht erklren und entschuldigen.

_Europa_ ist schon eine ltliche, ehrbare, an ihr Herkommen gewhnte
Matrone; alte Damen machen nicht gern neue Moden mit, wenn sie auch
bequemer, einfacher und geschmackvoller sind. Ihre junge Tochter _Amerika_
ist im aufknospenden Blthenalter des Mdchens. Lat diese Schne nur so
alt werden, wie ihre Mutter, und sich dann wieder im Spiegel sehen. Ich
wette, sie hngt dann auch an verderblichen Gewohnheiten und verrosteten
Moden, und beneidet die junge _Australia_. Schner, daran zweifle ich
nicht, wird sie, als die Mama Europa, denn diese hat auch noch gar zuviel
von den barbarischen Zgen ihrer Frau Mutter _Asia_.

_Europa_ erhielt von ihrer orientalischen Mutter eine gar krgliche
Aussteuer, als sie ihr eigenes Haus zu machen anfing. Spterhin freilich
wohl noch einige ehrenwerthe Geschenke, z.B. das Christenthum und den
Handelsverkehr. Allein was sie Gutes haben wollte, mute sie selbst
erwerben, erarbeiten, ersinnen. _Amerika_ hingegen ward von dem ganzen
Schatz ihres Wissens und Knnens ausgesteuert, und wrde des Vorwurfs aller
Weltalter werth sein, wenn es sein Hauswesen nicht vernnftiger, bequemer
und freier eingerichtet htte.

Wir wollen, um gerecht gegen die neue Welt zu sein, nicht ungerecht gegen
unsere liebe, mrrische Alte werden. Es ist wahr, dort zahlt man keine
Abgaben, von denen die europischen Unterthanen stets niedergedrckt sind;
man zahlt keine Zehnten, keine Bodenzinse u.s.w., sondern nur von jedem
Acker einen Sol. -- Allein man mu nicht vergessen, da die amerikanische
Regierung auch im Besitz von Geldquellen ist, deren in Europa wenige sind.
Denn ausser den Zllen von fremden Waaren, dem Ertrag der Posten und
dem Tonnengelde der Schiffsfrachten, treibt sie Handel mit verkaufbaren
Lndereien in den unermelichen Gebieten. Da hat sie noch auf lange Zeit
Waarenvorrath, der ihr ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen
Dollars abwirft.

Ja, rufen die Entzckten, in Amerika sind keine kostspielige Hofhaltungen,
keine bermig besoldete Minister und Beamte. Da erhlt ein Prsident
der vereinigten Staaten, der vier Jahre lang in hherer Macht, als ein
europischer Premierminister dasteht, jhrlich 25,000 Dollars (125,000
Francs) und mu damit noch alle Ehrenausgaben whrend der Kongresse gegen
die Gesandten der ersten Mchte, alle Gastereien u.s.w. bestreiten.
Der Staatssekretair, wie der Schatzkammersekretair hat jhrlich nur 4000
Dollars (20,000Fr.), die amerikanischen Gesandten in Europa haben jeder
1800Pf. Sterl., mehr nicht. -- Wenn man nun damit die europischen
Besoldungen hnlicher Stellen vergleicht, und gar noch die von England!

Vollkommen richtig. Allein auch mit dem ehrlichsten Willen lt sich das in
Europa nicht so leicht bestellen. In Europa lebt man _wie in einer groen
Stadt_, wo ein gewisser Ton nun einmal herrscht, den Einer allein nicht
abschaffen kann; wo man Manches, auch wider Willen, ehrenhalber mitmachen
mu. Auf dem Lande lebt man eben, wie man will; kann sparen, ohne sich
darum anderer Vortheile zu begeben; legt sich keinen Zwang an. -- Nun denn,
in Amerika lebt man _wie auf dem Lande_. Zieht einer in die Stadt Europa,
behlt er seine Einfachheit ohne Schaden bei, weil man's an ihm einmal
gewohnt ist, und weil er -- mehr Geld nicht hat.

In Amerika ist freier Handelsverkehr. In Europa wird aller Gewerbsflei
und Waarenvertrieb im Netz von Mauthen, Zllen, und Handelsabgaben gelhmt,
verstrickt und erwrgt. -- Ich gebe es zu, die europischen Regierungen
thun aber in der That nicht anders, als die amerikanische. Auch diese
beschwert Einfuhr fremder Artikel mit Abgaben, um den inlndischen
Gewerbsflei zu erhhen. Der Unterschied ist nur, da in Europa die
selbstherrlichen Gebiete gar zu kleine Landstckchen sind, whrend der
amerikanische Bundesstaat _eins_ ist. In Europa sorgt jeder Knig und Frst
fr sein Lndchen, dessen Interessen verschieden von dem der Nachbarn sind.
Daher das heillose Zoll- und Mauth-Netz, welches ber den ganzen Welttheil
ausgespannt ist. Europa, ein groer, einziger Bundesstaat mit vollkommener
Handelsfreiheit, wrde ein blhender Welttheil werden. Aber die Aufgabe ist
etwas schwer zu lsen, wie man wohl begreifen wird.

Eben so ist's mit den kostspieligen, stehenden Heeren. Die Amerikaner haben
nur 6000 Mann stehenden Kriegsvolks zu besolden; aber ausserdem ist jeder
Brger Krieger, wenn Krieg ist; und die Zahl dieser in Waffen gebten
Milizen betrgt gegenwrtig volle 900,000 Mann. Wenn nicht alle
europischen Mchte einstimmig und alle zu gleicher Zeit ihre Armeen
auflsen und das amerikanische System annehmen, mchte der Versuch dazu
wahrlich keiner _einzelnen Macht_ fr sich allein zu rathen sein, wenn
sie nicht Gefahr laufen wollte, von einem der christlichen Nachbarn ganz
unerwartet, mit Mann und Ro, verschlungen zu werden.

Wie in diesen Stcken, so in vielen, wenn auch nicht allen. Wer in Europa
die unlugbaren Vortheile Amerika's einfhren will, mu vor allen Dingen
erst dafr sorgen, da er die Verhltnisse der Natur, Oertlichkeit und
staatsthmlichen Lage aus den Vereinstaaten ber das Weltmeer nach unserm
Welttheil bringe. Dann wird sich alles leichter machen. Vor der Hand
wollen wir zufrieden sein, wenn man sich nur dem mglichen Bessern allmlig
nhert; den Kastenunterschied mildert; den Volksunterricht allgemeiner
macht und bessert; im Zoll- und Mauth-Netz einige Maschen erweitert;
die Ministerialwillkhr durch gesetzgebende Kammern beschrnkt; und den
allbelebenden, alles erhebenden, freien Verkehr in der geistigen Welt,
nicht durch Posten- und Stmpel-Abgaben der Finanzspekulation und durch
Zensur- und Prezwangsgesetze bldsichtiger, oder furchtsamer Finsterlinge
lhme oder tdte.




24.

Ritt nach Cincinnati.

(19. bis 28. September.)


Fast zu lange schon fr den Ueberrest meiner Zeit hatte ich mich in der
Kolonie des wackern Hauptmanns verweilt. Ich mute endlich aufbrechen. Sein
trefflicher Sohn wollte mich, was mir sehr angenehm war, noch bis zur Stadt
Cincinnati begleiten. Ich miethete ein gutes Pferd, und schon nach zwei
Stunden waren wir zu _Athen im Ohiostaat_.

Dies _amerikanische Athens_ ist eine ganz junge _achtjhrige_ Stadt von
ohngefhr hundert Husern. Ich war schon einige Tage frher daselbst zum
Besuch gewesen und in einige angenehme Bekanntschaften eingefhrt worden.
Das Beste hier, und was des Namens der Stadt das Wrdigste sein mu,
ist die hhere Lehranstalt, oder das Kollegium des Ohiostaates. Das dazu
bestimmte groe Gebude ist in einem edeln Styl aufgefhrt, und die Zahl
der Studirenden schon betrchtlich, so da dies Athen das Ansehen einer
kleinen Universitt gewinnt.

Die Regierung der Vereinstaaten, und so hinwieder die Regierungen der
einzelnen Freistaaten Nordamerika's, sparen keine Kosten fr Erweiterung
und Erhebung des ffentlichen Unterrichts. Denn ihnen ist klar, da, wie
der einzelne Mensch sich nur durch hhere Einsicht und Geschicklichkeit
gegen Andere in ein Uebergewicht zu setzen im Stande ist, auch nur eine
Nation durch allgemeine Bildung und hhere Geistesentwickelung andern
Nationen berlegen werden kann, wie es Griechenland einst gegen den Orient,
Rom gegen Europa und Afrika war, England jetzt, und noch Frankreich, gegen
die neuern Vlker ist. Man hat in Amerika nicht blos die gemeinen Anfangs-
und Brgerschulen, oder dann Gymnasien und Universitten fr die, welche
sich blos dem gelehrten Stande widmen, sondern eben so viele polytechnische
Institute fr die, welche sich den Knsten, Gewerben und Fabriken weihen.
Denn ein Staat, der leidlich organisirt heien will, bedarf im Verhltni
seiner Volksmenge bei weitem nicht so viel Juristen, Mediciner, Theologen
und Philologen, als Handwerker, Mechaniker, Chemiker, wissenschaftlicher
Landkonomen, Fabrikanten, Kaufleute u.s.w.

Auch bemerkt man in Amerika deutlich, da das Streben nach Bildung,
Aufklrung und Kenntnissen im Volk ohne Unterschied der Kirchparteien
allgemein ist, und die Katholiken darin den Evangelischen nicht nachstehen,
weder von ihren Geistlichen zurckgehalten werden, noch sich zurckhalten
lassen. Dadurch wird jener auffallende Unterschied der ffentlichen Bildung
und des Wohlstandes zwischen katholischen und evangelischen Gemeinden,
Provinzen und Staaten, der in Europa bemerkt wird, in Amerika verhindert.
Es ist allgemein bekannt, wie weit in unserm Welttheil, und zwar in dieser
Hinsicht, Spanien, Portugal, Sicilien, Irland, und selbst der Grotheil der
sterreichischen Lnder den evangelischen Staaten nachstehen. Man knnte
hnliche Demarkationslinien in Deutschland und der Schweiz ziehen;
und Frankreich dankt den ganzen Ruhm seiner Ueberlegenheit nur seiner
nordstlichen Hlfte, die von jeher dem priesterlichen und mnchischen
Einflu mehr, als die sdliche Hlfte widerstand.

Wir ritten lngs dem linken Ufer des _Hokaking_ hinauf, der von Norden
kmmt, und sich bei _Troy_ unterhalb _Belpr_ in den Ohio ergiet. Durch
das Stdtchen _Nelsonville_ kamen wir von Wald in Wald. Es ward Abend. Wir
sahen uns gezwungen, mitten in den Wldern, in einer einsamen Htte,
ein Nachtlager zu suchen. Dies Bauerhaus, wie es da so vor uns lag, aus
bereinander gelegten, unbehauenen Holzstmmen zusammengefugt, deren
Zwischenrume, um Luftzug zu meiden, mit Erde und Moos ausgestopft waren,
-- machte einen traurigen Anblick und unbehaglichen Eindruck. Indessen wir
kehrten ein.

Man kann sich mein Erstaunen leicht denken, als ich in's Haus trat, und
den Fuboden der Stube mit einem sehr schnen trkischen Teppich bedeckt,
Tisch, Sthle und anderes Zimmergerth von Akajuholz, und uns nachher in
Porzellan- und Silbergeschirr bei Tisch bedient sah. Mehr, als das Alles,
erregte aber die sehr saubere Kleidung, die Liebenswrdigkeit und Bildung
dieser einsamen Pflanzerfamilie meine Theilnahme. Wir hatten einen
genureichen Abend.

Frh andern Morgens machten wir uns auf, um Mittags in _Neu-Landcaster_ zu
sein. Es ist dies eine zehnjhrige Stadt, von 2000 Einw., die von meistens
Deutschen gegrndet worden ist, welche sich aus _Lancaster in Pensylvanien_
grern Vortheils willen hierher begeben hatten. Wir machten von hier aus
einen Abstecher zu einem Pflanzer, zwei Stunden von da, der schweizerischer
Abkunft war, und bei dem wir bernachteten. Dann gingen wir Tags nachher
nach Landcaster zurck, und, um es kurz zumachen, ber _Chilicothe_,
_Bainbridge_, _Hillsborough_, _Williamsborough_ und _Batavia_ nach
Cincinnati.

Dies alles sind ganz neue Stdte, die hchstens 3000, wenigstens 1200
Einwohner haben. In _Chilicothe_, am ziemlich betrchtlichen Scioto-Strom,
befremdete uns, mehrere Huser und Kauflden gnzlich geschlossen zu sehen.
Wir erfuhren, da eben ein bsartiges Fieber herrschte, welches schon viele
Leute weggerafft habe. Mit Ausnahme von Neu-Orleans, welches alljhrlich
zur Zeit der Hitze, im Juli, August, September seine regelmige Fieberzeit
hat, ist Chilicothe der einzige Ort in den Vereinstaaten gewesen, wo dies
Jahr die bleiche Noth eingekehrt ist.

Eine Stadt von der andern, unter den obengenannten, ist acht bis sechszehn
Stunden entlegen. Von einer zur andern fhrt eine usserst mittelmige
Landstrae, fast durch immerwhrende Waldungen. Nur in Zwischenrumen von
vier, fnf, sechs Stunden erblickt man etwa eine einzelne Pflanzerhtte.
Und auch diese rmlichen Htten sind noch ganz neu, erst von angekommenen
Ansiedlern aufgeschlagen, zwischen Wldern und wilden Wiesen.

Diese Wiesen sind groe Savannen; man heit sie jetzt noch in Amerika
_Bffel-Wiesen_, weil hier die Bffel ehemals ganz einheimisch waren. Nun
aber sind diese Thiere seit zehn Jahren aus den Staaten Ohio und Indiana
beinahe gnzlich verschwunden. Auf den Wiesen, obgleich sie mit den Wldern
in gleicher Ebene liegen, wchst kein einziger Baum, kein Gebsch und
Gestruch. Alles ist mit hohem Grase und Kraut dick berwachsen.

Wohldurchnt, bei tchtigem Regenwetter, kamen wir endlich nach
_Cincinnati_, wo wir im zierlichen Gasthof Washington-Hall ohngefhr
dreiig Reisende beim Nachtessen fanden, und uns erquickten.

_Cincinnati_ im Ohiostaat, liegt an der Sdgrenze von Kentuky, an der
Westgrenze von Indiana, sehr vortheilhaft auf dem rechten Ufer des Ohio.
Die Stadt wurde im Jahr 1790 gegrndet; hatte noch im Jahr 1798 nur
hlzerne, grobgezimmerte Huser, ist jetzt aber sehr hbsch, und nach
dem Plan von Philadelphia gebaut, und zhlt 14,000 Einwohner. Sie steht
75Schuh hher, als der mittlere Stand des Ohio. Denn dieser Flu steigt,
wenn der Schnee schmilzt, oder nach starken Regengssen, ber 45Schuh
hoch, und besplt dann sogar den Fu der ihm nchstgelegenen Huser. Von
solchen ungeheuern Anschwellungen eines Stroms kennt man in Europa nichts
Aehnliches.

Eben diese anmuthige und bequeme Lage Cincinnati's bewirkt schnelle
Vergrerung und lebhaften Verkehr der Stadt. Tglich kommen Dampfboote
an, oder gehen ab. Es sind von hier bis Neu-Orleans noch 540 Stunden. Ein
Dampfboot fhrt stromab in acht Tagen dahin. Hingegen von Cincinnati weg
stromauf nach Pittsburg sind nur 280 Stunden; das Dampfboot braucht aber
zehn Tage dazu.

Man wei, am Ohio war in der Urwelt eine recht eigentliche Heimath jener
verschwundenen riesenhaften Thierart, die den Namen der Mammuth trgt, und
_Cuviers_ Forscherblick und Flei schon in mehrere Arten getheilt hat.
Ich sah zu Cincinnati eine ganz kostbare Sammlung von Ueberresten dieser
ungeheuern Gerippe. Ein Zahn, von der Gestalt eines Elephantenzahns, hat
die Lnge von 6Schuh, und ist 150Pfund schwer. Diese Sammlung ist im
hiesigen Museum, wo man auch andere Natur- und Kunstseltenheiten Amerika's,
eine lebendige Klapperschlange in einem eisernen Kfig, Mineralien,
Kleider, Schmuckwerk und Waffen der Indianer, die noch vor einigen Jahren
nicht weit von der Stadt wohnten, schne Oelgemlde von amerikanischen
Knstlern u.s.w. aufgestellt findet. In einem anstoenden Saale
versammelt sich tglich Abends sehr zahlreiche Gesellschaft, um die
Zeitschriften und Bltter aus allen Gegenden der Vereinstaaten zu lesen.
Viermal wchentlich hlt hier Herr _Dorfeuil_, der die Gte hatte, mich ins
Museum einzufhren, ein gelehrter, liebenswrdiger Canadier, ffentliche
Vorlesungen ber wissenschaftliche Gegenstnde. Die andern Tage sind
Konzerte im Musiksaal, dessen Hintergrund eine sehr reichgebaute Orgel
ziert, auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt.

An der Gewerbigkeit einer solchen Stadt wird wohl Niemand zweifeln. Da
wohnt ein geselliges Mirmidonenvolk, wovon wenigstens die Hlfte aus
Englndern, Deutschen, Italienern, Schweizern und Franzosen besteht, die
alle mit Freuden ihren alten Vaterlanden entsagt haben. Fast bei allen
Gewerben verrichten Dampfmaschinen ihren Dienst, die auch die Brunnen
smmtlicher Stadtviertel mit Wasser versehen mssen. Die grte
Dampfmaschine, deren knstlicher Bau bewundernswrdig, ja einzig in seiner
Art gewesen sein soll, war wenige Wochen vor unserer Ankunft abgebrannt.
Sie hatte zu gleicher Zeit mehrere Mahl- und Sgemhlen, dann
ein Distillirwerk, eine Baumwollenspinnerei und endlich noch eine
Wollkrmpelmaschine getrieben.




25.

Besuch von Neu-Vevay.

(28. Sept. bis 4. Okt.)


Mein junger Begleiter und Freund verlie mich in Cincinnati und kehrte zur
Kolonie seines Vaters zurck. Ich gab ihm mein Pferd mit, und bestieg ein
Dampfboot, den Spartaner, das nach _Madison_, einem Stdtchen in Indiana,
ohngefhr fnfunddreiig Stunden zu Wasser von Cincinnati, abfuhr. Ich
wollte eigentlich nach _Neu-Vevay_, das zehn Stunden nher liegt, um dort
einige alte, europische Bekannte und Freunde zu besuchen. Der kleine Umweg
verschlug mir nichts. Auf dem Spartaner fand ich ein Dutzend Reisende, die
bei meinem Eintritt ins Zimmer alle mit Lesen oder Schreiben beschftigt
waren.

Das Boot flog schwalbenschnell lngs den hohen, schroffen Waldufern des
Ohio dahin. Von Zeit zu Zeit gingen flchtig, wie Zauberlaternenbilder,
schne Landhuser und malerische Pflanzer-Einsiedeleien an uns vorbei. Die
Dampfboote auf dem Ohio, obgleich die Bedienung der Gste, wie berall,
vortrefflich ist, sind doch minder gro, als auf dem Hudson, und platter,
daher auch in ihrer Mechanik anders eingerichtet. Der Grund davon liegt
darin, da sie beim niedrigen Wasserstande, vom Juli bis November, leichter
ber die zahlreichen Sandbnke hingleiten knnen.

Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren, den andern Morgen um sechs Uhr
befand ich mich in einer der fruchtbarsten Landschaften am Ohio zu Madison.
Nachts ging ein Dampfboot stromauf nach Vevay, das ich benutzte.

Bekanntlich wurde _Neu-Vevay_ im Ohiostaate von den drei Brdern _Dufour_,
aus dem Kanton Waat, im Jahr 1802 gegrndet. Diesen Schweizern folgten
noch in demselben Jahr, und in den folgenden, mehrere ihrer arbeits- und
freiheitslustigen Landsleute. Anfangs legten sie sich besonders auf den
Weinbau, wozu sie die Pflanzen aus ihrem Vaterlande mitgebracht hatten.
Diese Reben trieben sogleich ausserordentlich, waren sehr saftvoll, aber
pltzlich im August starben sie ab. Eben so fruchtlos blieben sptere
Versuche mit den Pflanzen vom Ufer des Genfersees. Jetzt aber haben sie,
und mit besserm Erfolg, Reben vom Kap der guten Hoffnung und von der Insel
Madera angepflanzt. Sie gedeihen gut, und bei achtzig Jucharten Landes
sind schon damit bedeckt. Die Rebstcke sind in lange Reihen, spalierartig
gesetzt, und eine Reihe von der andern ist so weit, da der Pflug zwischen
durch kann, weil man sich dessen hier bedient. Ich fand die Trauben damals
schon reif. Die Beeren sind von einer dunkeln Schwrze, gro wie Pflaumen,
und haben eine dicke Haut. Ihr Geschmack ist himbeerenartig, ziemlich
angenehm. Auch der Wein behlt diesen Himbeergeschmack lange. Doch trank
ich auch einen hellrothen, sehr alten, der wenig vom rothen Neuenburger in
der Schweiz verschieden war.

Jetzt wohnen in Vevay ohngefhr hundert Familien aus der Schweiz, und eben
so viele amerikanische. Da die Lage des Orts gewi angenehm, der Boden
ergiebig, das Klima mild ist, sollte er wohl bevlkert sein. Denn weit
umher und ringsum ist eine Menge von Landhusern und Pflanzungen. Man sagte
mir aber, die Herrn _Dufour_, die das Land alles von der Regierung an sich
gekauft hatten, wren anfangs, mit dem Preis der Grundstcke, bei deren
Wiederverkauf zu theuer gewesen. Sie htten sogleich daran ein Gutes
gewinnen wollen, und blos davon meistens an Amerikaner verkaufen knnen,
von denen nachher die wenigsten im Stand gewesen seien, zu zahlen. Viele
Schweizer setzten sich daher in der Nachbarschaft an, wo sie eben so gutes
und wohlfeiles Land fanden und sich gegenwrtig sehr gut stehen. Wren
alle Hfe derselben in Vevay vereint, wrde dies eine der betrchtlichsten
Kolonien sein.

Trotz dem, da Vevay nur aus zwei oder drei leidlichen Straen besteht,
fhrt es doch den Namen einer _Stadt_. Die Gassen, die noch knftig werden
sollen oder knnen, die einstigen ffentlichen Pltze, Mrkte u.s.w. sind
schon vorgezeichnet und vorbehalten.

Denn, wie ich's schon gesagt habe, hier zu Lande entstehen die Stdte
nicht, wie in der alten Welt, durch eine Reihe von Zuflligkeiten im
langsamen Gang der Jahrhunderte, sondern durch einen Regierungsbeschlu,
ehe sie noch da sind. Die Regierung der Vereinstaaten lt nmlich die
weitluftigen Landstriche, welche sie durch Eroberung oder Kaufvertrge
von den Stmmen der Indianer erworben hat, durch angestellte
Sachkundige untersuchen, vermessen und chartiren. Dann wird das Ganze in
_Stadtschaften_ oder, weil man dies deutsche Wort nicht gebraucht, in
Stadtgebiete (=Town-Ships=) eingetheilt. Jede Stadtschaft besteht aus
fnfunddreiig Abschnitten; ein Abschnitt enthlt 640 Jucharten Landes, die
Juchart zu 36,000 Geviertschuh. Einen oder zwei von den in allen Hinsichten
am vortheilhaftesten gelegenen Abschnitten, in der Nhe eines Flusses oder
Sees, in angemessener Entfernung von bestehenden Stdten, liest man zur
Grndung der dereinstigen Stadt aus; entwirft dazu die Anlage der Straen
und ffentlichen Pltze; bestimmt die Stellen, wo die ffentlichen Gebude
stehen sollen, und lt den brigen Stadtraum frei, sich zur Anlegung von
Wohngebuden u.dergl. zu verkaufen.

Die dem Stadtraume zunchst gelegenen vier Landabschnitte bleiben jedesmal
Staatsgut. Es sind diese drittehalbtausend Juchart von der Regierung zur
Unterhaltung einer hhern Schulanstalt, eines Kollegiums, oder anderer
Staatseinrichtungen fr das Gemeinwesen geweiht.

Die noch brig gebliebenen andern neunundzwanzig oder dreiig
Landabschnitte, die zusammen ber 19,000 Jucharten betragen, werden vom
Staat an die, welche sich ansiedeln wollen, verkauft, die Juchart zu ein
bis fnf Dollars, je nach der Gte des Bodens, oder der Nhe einer Stadt,
eines Flusses u.s.w. In _Indiana_, auch in _Illinois_, wo die Bevlkerung
bis jetzt noch schwach ist, kauft man auch die Juchart sehr gut gelegenen
Landes um einen _halben_ Dollar. Die halbe Zahlung wird baar geleistet, die
andere Hlfte in langen Fristen.

Seit dem Eintritt der fruchtbaren Jahrgnge nach 1817 ist der Werth der
Grundstcke, wie in Europa, auch in Amerika betrchtlich gesunken. Bei
_Athen_ z.B. ward noch vor fnf Jahren die Juchart mit fnf Dollars
bezahlt; gegenwrtig sind ein und zwei Dollars der laufende Preis. Man bot
mir in Vevay ein Landgut an; es hatte zwei Huser von gezimmertem Holz;
beim Wohnhaus einen Garten mit 500 reichtragenden Obstbumen; 192 Juchart
Land, davon sechszig urbar gemacht und zwei Rebland waren. Das Alles bot
man mir fr 1000 Dollars (225 Luisd'ors) baare Zahlung an. Fr eben dies
Bauergut zahlte die Familie Gaulay vor zehn Jahren 3000 Dollars, wiewohl
davon noch nicht halb so viel Boden zum Anbau aufgebrochen war.

So sind die neuern Staaten des Bundes alle in Stadtschaften oder Townships
eingetheilt. Jede Stadtschaft mag also ohngefhr zehn Geviertstunden
Flchenraums betragen.

Der Grund und Boden bei _Vevay_, so wie im grern Theil des benachbarten
Indiana, ist sehr fruchtbar. Die Rebengelnde liegen alle in der Ebene,
nirgends an Hgeln. Zwar eine Viertelstunde von der Stadt erhebt sich der
Boden hgelartig; er ist aber leicht und sandig, und der Regen, welcher,
wenn er hier fllt, stromweis niederrauscht, wrde das gute Erdreich bald
hinwegwaschen. Man baut hier brigens alle Getreidearten, wie in Europa;
das Obst gedeiht herrlich, besonders sind die Aepfel von ungemeiner Gre,
saftreich und krftig. Man bereitet deswegen viel Aepfelwein, den man mit
Whisky (Branntewein), ein Ma auf zwanzig Ma Cidre, versetzt. Es ist ein
vortreffliches Getrnk und hat daher sehr groen Absatz. Der hiesige Whisky
wird aus Korn und Mais gebrannt. Mais gedeiht im Ueberma. Ich sah Felder,
deren Maispflanzen eine Hhe von fnfzehn bis zwanzig Fu hatten, jede mit
dicken, schuhlangen Aehren belastet.

Alle diese lndlichen Erzeugnisse finden aber ihren besten Preis und Absatz
nur in Neu-Orleans. Darum gehen mehrere Einwohner von Vevay regelmig alle
Winter mit groen Schiffsladungen ihrer Aernten dahin. Gewhnlich fahren
sie Ende Oktobers ab und sind sechs Wochen unterwegs. Der Preis ihrer
Waaren wechselt, je nachdem viele oder wenig Fahrzeuge aus dem Innern des
Landes in gleicher Absicht angekommen, oder viele oder wenig Schiffe
von Mexico und Sdamerika erschienen sind, um Einkufe zu machen. Die
_Natches-Zeitung_ gab die Zahl der aus dem Innern nach Neu-Orleans
gekommenen, mit Feldfrchten beladenen Fahrzeuge, whrend des Winters von
1823 auf 1824, zu 12,400 an. Man kann sich daraus einen Begriff von der
Masse der ausserordentlichen Aernten machen, die noch im Lande selbst
verbraucht wird.

Die Staaten _Ohio_, _Indiana_, _Illinois_, _Virginien_ und _Kentuky_
insgesammt bringen auf den Markt von Neu-Orleans ohngefhr dieselben
Erzeugnisse, nmlich Getraide, Semmelmehl, Whisky, Aepfelwein, gemeine
und se Erdpfel, eingesalzenes Rind- und Schweinefleisch, gedrrte und
gegerbte Hute, Potasche, Fett, lebende Schweine, Schafe und Geflgel.
-- Die Staaten _Tennesee_ und _Alabama_ hingegen liefern Baumwolle; der
_Missisippi-_ und _Misouri-_Staat Ahorn- und Rohr-Zucker.

Die zahlreichen Wasserstraen Nordamerika's erleichtern die Verbindung und
den Verkehr der entlegenen Gegenden ungemein. Und doch sehe ich, was da
ist, nur noch als natrliche, rohe Anfnge an, welche, mit Ausnahme der
Dampfboote, die Hand der Kunst bisher noch nicht berhrt hat. Es sind nur
erst ein Paar Hauptkanle geschnitten; Spielraum bleibt noch fr andere
brig. Eine Menge kleinerer Gewsser lassen sich noch zum Verkehr in Werth
setzen. Die vornehmsten, das heit _schiffbaren_ Strme, welche sich alle
in den Ohio und Missisippi werfen, sind der Kanhaway, der Scioto, der
Miami, der Kentuky, der Wabash, der Illinois, der Tennesee, der Cumberland,
der Missouri, der Acansas und der rothe Strom.

Alle westlichen Staaten haben demnach nur einen einzigen Hauptmarkt,
Neu-Orleans, dem sie ihre Waaren zufhren knnen. Es geschieht dies auf
Fahrzeugen, die alle von gleicher Bauart, achtzig Schuh lang, sechszehn
breit, und mit zwei Verdecken versehen sind. Man heit sie _Flatboats_
(Flachboote). Beladen gehen sie 3Schuh tief in's Wasser, und ragen eben
so weit hervor. Ein Mann mit dem Ruder am Vordertheil, ein anderer hinten
am Steuer, lenken das Schiff bestndig in die Mitte der Flustrmung. Wo
die letztere stark ist, legt man in einer Stunde anderthalb Wegstunden
zurck, wo sie gering ist, nur die Hlfte. Nachts wird das Flatboat irgend
an einen Baum festgebunden, und stillgehalten. Fluaufwrts wird es nie
wieder gebracht, sondern, angelangt an seinem Bestimmungsort, verkauft
mans um Spottgeld. Was auf dem Bauplatz 100 bis 120 Dollars gekostet hat,
schlgt man um zehn Dollars mit Vergngen los; die mit solchen Schiffen
gekommenen Personen kehren dann auf Dampfbooten wieder in ihre Heimathen
zurck.

Leider erfhrt man noch jedes Jahr von Unglcksfllen auf diesen gewaltigen
Flssen. Alle Schifffahrtskunst hilft dagegen nicht. Die Strombetten ndern
hufig; entwurzelte, riesenartige Bume lagern sich quer ein. Sandbnke und
selbst Inseln treten hervor, wo sonst keine waren. Ein Schweizer, der auf
die Art in einem Jahr zwei befrachtete Fahrzeuge verloren hatte, erzhlte
mir, da er, nach seinem Unglck, erst vernommen, es htten wenige Tage
zuvor zwlf Fahrzeuge das nmliche Schicksal in der nmlichen Gegend
erfahren.

Herr _Morero_ in Neu-Vevay erzhlte mir, er sei im Februar 1823 auf
dem damals grten Dampfschiff, genannt der Tennesee, den Missisippi
heraufgefahren. Wie das Fahrzeug in der Hhe der Natches war, scho es
gegen einen Baum, der noch fest an den Wurzeln hangend, mitten im Wasser
lag, und mit seinem Wipfelende den Kiel des Schiffs durchbohrte. Es war
neun Uhr Abends, finstre Nacht, bei kaltem Regenwetter. Die Piloten und
Mechaniker machten sogleich Lrmen. Die Reisenden auf dem Verdeck, ihrer
ohngefhr neunzig Personen, hatten den Sto gesprt und die Gefahr blieb
ihnen kein Geheimni. Der Kapitain, schon im Bett, sprang auf, lief umher
zu den Reisenden, die zum Theil auch schon in den Betten im Zwischenverdeck
waren, kndigte ihnen die Gefahr an und mahnte sie, an ihre Rettung zu
denken. Whrend er noch redete, ging er zur Thr, die zur Dampfmaschine
fhrt; indem er sie ffnete, um hineinzutreten, strzte durch die
Erschtterung des Fahrzeugs eine Holzbiege in der Nhe zusammen und
verrammelte die Thr. In demselben Augenblick ging auch das Schiff unter,
um nie wieder zu erscheinen. Alle sptere Nachforschungen, es zu finden,
sind fruchtlos geblieben. Die Personen, die zwischen den Verdecken waren,
hatten indessen das, was sie in ihren Reisekisten vom Besten besaen,
genommen und sich damit ins Wasser gestrzt, um schwimmend ein Ufer zu
erreichen. Da blieben sie, ungewi ihres Looses, die lange, finstere,
regnerische Winternacht, vor sich die brllende Fluth, hinter sich Felsen,
mit den Fen noch tief im Wasser. Von etwa 150 Personen, die berhaupt auf
dem Dampfboot gewesen waren, hatten nur achtzig das Leben davon gebracht.
Der junge _Morin_, der nun seine Reise zu Lande fortsetzte, kam erst Ende
Aprils in Vevay an, wo man ihn schon zu den Todten gerechnet hatte.

Auch in Vevay wird die englische Sprache, wie berall in den Vereinstaaten,
nach und nach die herrschende Landessprache werden, obgleich mehr als
die Hlfte der Einwohner nur die deutsche und franzsische aus Europa
mitbrachten. Schon jetzt werden die Sitzungen des Gerichts, in denen ein
Herr Dufour erster Richter ist, in englischer Sprache gehalten. Derselbe
Fall ist in den ffentlichen Schulen und bei den gottesdienstlichen
Versammlungen. Diese Uebung waltet in allen Umgegenden von Vevay, tief ins
Gebiet von Kentuky hinein, obgleich auch dort die Hlfte der Bevlkerung
aus Deutschen und Franzosen zusammengesetzt ist. Man findet da nicht einen
einzigen Geistlichen, der in diesen beiden Sprachen predigt.

Man lt sich diese anfangs peinliche Unbequemlichkeit, eine neue Sprache
zu lernen, gern gefallen, weil sie zweckmig ist. Zudem sind die Vortheile
zu gro, Brger dieses neuen und vterlichen Vaterlandes zu sein. Brger
ist man nach fnfjhrigem Aufenthalt in demselben, wenn man den Eid der
Treue geleistet und geschworen hat, nicht in Dienst, Amt, Gehalt irgend
einer europischen Regierung zu stehen. Dann hat man an allen Rechten des
Staatsbrgers Theil, whlt in den Versammlungen die Obrigkeiten und lt
sich whlen, sei es unmittelbar durchs Volk oder von den durchs Volk
ernannten Wahlherrn. Dabei ist jeder waffenfhige junge Mann von zwanzig
Jahren, zur Zeit des Kriegs, Streiter frs Vaterland. Er bt sich in
Waffen. Jhrlich etwa ein dutzendmal werden Kriegsbungen vorgenommen.

Als sich die Schweizer von Vevay das erstemal zu diesen Waffenbungen
stellen muten, es war einige Tage vor dem _vierten Juli_, dem
Denktag und Fest der amerikanischen Unabhngigkeit, verlangten sie dem
Artillerie-Corps einverleibt zu werden, weil ihrer die meisten schon in
der Schweiz in dieser Waffengattung gedient hatten. Die Regierung schickte
ihnen darauf sogleich eine Achtpfnderkanone zu, die von einer Feste des
Illinois-Staates genommen war. Dies Geschtz, nebst allem Zubehr, ward
den amerikanischen Schweizern mit Feierlichkeit und ermunternden Wnschen
bergeben. Sie bten sich sogleich wieder freudig ein, und zehn Tage
nachher erschienen mit ihrer Kanone, zum mchtigen Erstaunen der
Altamerikaner, die in ihrem Leben keine Uniformen gesehen hatten,
fnfundzwanzig Mann in blauer Kriegstracht mit rothen Aufschlgen und
Brenmtzen. Noch mehr verwunderte man sich ber die Gewandtheit dieser
Schtzen, und ber die Schnelligkeit ihrer hintereinander folgenden
Schsse. Beim Gastmahl, das dem Waffenfeste den Schlu gab, erhielten alle
diese Schweizer Offiziersrang.




26.

Einsame Wanderung in der Wildni.

(4. bis 7. Oktober.)


Noch hatte ich einen ansehnlichen Reisestrich vor mir durch die stillen,
unbevlkerten Wildnisse von Kentuky und Virginien, um wieder in die
angebautern Landschaften der stlichen Staaten zu gelangen. Die Jahreszeit
war vorgerckt, die Witterung schon unzuverlssig. Ich wnschte, der weite
Raum von Wldern, Strmen, Ebenen und Hgeln zwischen dem Ohio und dem
freundlichen Baltimore lge schon hinter mir.

Darum zauderte ich nicht lnger, berwand mich, sagte meinen lieben
Bekannten im amerikanischen Vevay Lebewohl, und setzte in einer Fhre
(Ferryboat) ber den Flu, die da immer zur Ueberfahrt von Menschen und
Vieh bereit liegt. Jetzt stand ich auf dem Boden des Kentukygebiets. In
einer Stunde war ich zu _Gand_, einem kleinen Flecken, der gegen Vevay ber
liegt. Ich hatte versprochen, hier noch den Herrn _Agnel_ zu besuchen, der
auf seiner Niederlassung eine schne Weinrebenpflanzung unter Aufsicht des
Herrn _Oboussier_ von Lausanne hat.

Da und in den Umgebungen sah ich zum erstenmale _Neger-Sklaven_ auf dem
Felde arbeiten. Der Anblick war mir widerlich. Noch inmitten der groen,
schnen Freisttten des Menschenrechts auf Erden Sauerteig aus dem
zivilisirten Europa! -- O dies gelehrte, feinsittige, philosophische,
glaubensstrenge, schnrednerische, bcherreiche, heldenmthige, christliche
Europa, wie ist es doch mit seinen Verfassungen, Gesetzen, Kasten, mit
seinen Timurlengs und Dschengiskhanen, mit seinen Confutsen und Zoroastern,
Sadi's und Bidhay's, mit seinen Lama's, Braminen und Suder's so auffallend
der Gromutter Asia Zug um Zug verwandt!

Indessen die Negersklaverei wird nun in Nordamerika gnzlich abgethan; und
schon gegenwrtig ist das Loos der Schwarzen sehr mild.

Den Sonntag vor meiner Ankunft hatte eine Negerin des Herrn Agnel Hochzeit
mit einem Schwarzen aus einer andern Niederlassung gehabt. Das ist ein
hoher Tag fr diese Kinder Afrika's, denn, ausser allen andern Genssen,
wird ihnen auch fr diesen Tag, aber nur fr diesen, die Freiheit, wie ein
flchtiges, ses Naschwerk, gelassen. Es ist Sitte, da an solchem Tage
der Herr der Pflanzung und seine Familie das Haus verlassen. Die verlobte
Negerin ladet aus der Nachbarschaft so viele ihrer Freundinnen ein, als sie
will; der schwarze Brutigam thut desgleichen.

Zeitig erscheinen die Gste insgesammt Morgens, aufs Beste ausgeschmckt,
grtentheils zu Pferde oder in leichten Reisewagen. Eine kleine Negerin an
der Hausthr meldet die Ankommenden, wie sie nacheinander erscheinen, mit
ihrem Namen (am meisten sind Dschin und Jak) und dem Familiennamen des
Pflanzers, welchem sie angehren. Sie legen nun in ihre Begrungen, in
ihre Gesprche und Unterhaltungen die mglichste Artigkeit. Alles nennt
einander Herr, Frau, Frulein (Gentleman, Lady etc.). Da ist nicht das
Rohe, Plumpe, Steife, wie allenfalls bei _Leibeigenen_ in Europa oder an
Bauernhochzeiten. -- Die Mahlzeit, die im Einzelnen und Ganzen wohlgewhlt
und wohlgeordnet ist, dauert gemeinlich bis gegen Abend, dann beginnt die
Lust der Tnze durch die Nacht bis zum Morgen, wo jeder in seine Pflanzung
heimkehrt, um im Schlaf die Maske der Freiheit wieder abzulegen, die er fr
einen Tag getragen hatte.

Die Pflanzer begnstigen dergleichen Heirathen gern. Verheirathete Neger,
weil sie einander anhangen, arbeiten fleiiger, betragen sich anstndiger,
aus Furcht, von ihren Herren verkauft und von der Geliebten getrennt zu
werden. Der verheirathete Neger wohnt oft drei bis vier Stunden Wegs von
seiner Frau. Alle Woche einmal besucht er sie und seine Kinder, denen er
mit voller Seele gehrt.

Es gilt, wie bei den Sklaven oder Leibeigenen Europens, auch hier die
Uebung des barbarischen Mittelalters: =partus sequitur ventrem=. Nmlich
die Kinder aus diesen Ehen gehren demjenigen Pflanzer, dem die Mutter
angehrt. Und sind die Kinder erwachsen, hat er fr seinen Bedarf zu
viel Neger, kann er sie anderswohin verkaufen. Nicht nur _Neger_, auch
_Mulatten_ (von Europern und Negerinnen), und _Quarterons_ (von Europern
und Mulattinnen oder Mestizinnen, Tchtern eines Europers und einer
Indianerin) sind unter den Sklaven.

Drittehalb Stunden Wegs von der Niederlassung des Hrn. Agnel, nicht weit
von _Frederiksburg_, fand ich mitten in Wildni und Wald vier einsame
Schweizerfamilien aus dem Neuenburgerlande angesiedelt. Sie wohnten hier
ganz behaglich nun schon seit sechs Jahren, aber im vollsten Sinn des
Wortes, geschieden von der brigen Welt der Lebendigen, sich selbst ihre
Welt bildend. Es waren die Familien _Guinand_, Vater und Sohn, _Persot_
und _Rochat_. Sie hatten keine Sehnsucht nach dem Treiben draussen. Sie
schienen in ihrer Einsiedelei ganz zufrieden. Warum htten sie es nicht
sein sollen? Der dankbare Boden, den sie bauten, die kleinen Heerden ihres
Hausviehs, die nahe Jagd umher, stillten ihre einfachen Bedrfnisse im
Ueberflu, und ihre Wohnungen gewhrten ihnen jede Bequemlichkeit, die sie
fordern mochten. Sie nahmen mich mit Herzlichkeit bei sich auf.

Ich aber wollte eigentlich noch die Gruben von _Bigbone_ sehen, die nicht
gar entfernt sein sollten, und wo die vielen Mammuthsgebeine gefunden
werden. Ich machte den Weg zu Fu, weil ich nur dem Ufer des Flusses
nachzugehen hatte, um eins der Dampfboote ansichtig zu werden, die
alltglich den Ohio herauffahren.

Indem ich also durch Wald und Wilde sinnend hinwanderte, mit den Gedanken
noch die Einsiedelei der vier Familien umschwebend, sah ich pltzlich,
zwischen den Bumen hervor, als wre ein Umhang weggezogen, eine
unerwartete Erscheinung. Auf einem prchtigen Rosse sa in fremder
aber kostbarer Tracht ein junges, schngewachsenes Frauenzimmer, mir
entgegenreitend, und von zwei andern, ebenfalls zu Pferde, gefolgt, als
wren es Dienerinnen. Die eine von diesen schien hiesigen Landes zu sein.
Die reizende Gebieterin voran trug ein bluliches, nettes Jagdkleid,
reichverziert, zu schmuckvoll fr diese Einden; dazu einen feinen, breiten
Strohhut, von welchem seitwrts ein grner Schleier herabflo.

In _Wielands_, _Ariostos_ und _Tassos_ Gedichten kann man wohl solchen
Feengestalten oder irrenden Damen mitten in unbekannten Wildnissen
begegnen. Aber in einem der amerikanischen Urwlder, wo kaum der Weg
recht erkennbar war, wo weit umher Todesschweigen herrschte, welches das
Wellengerusch des Ohio nur feierlicher machte, wo ich fr solche Tracht
und Pracht kein Schlo, keine groe Stadt in der Nhe wute, glaubte ich
dergleichen nie erwarten zu knnen. Ich war auch in der That so berrascht,
ich mu sagen, verblfft, da ich, ohne an diese neue Diana ein Wort zu
richten, sie nur anstaunte. Ich konnte mich nicht erwehren, sogar meinen
Hut, ganz gegen Landessitte, hflich vor ihr abzuziehen. Sie erwiederte mit
einem artigen Gegengru und verschwand hinter mir zwischen den Bumen.
Es verdriet mich noch jetzt, da ich die Geistesgegenwart in dem Grade
verlor, sie nicht einmal anzureden.

Ich wanderte weiter. Der Weg war bel. Von Zeit zu Zeit ging er mir unter
den Fen gnzlich aus, und ich behielt nur die Sonne zur Gehlfin, meine
Richtung zu whlen. Lnger, als ich vermuthet hatte, mute ich in der
Einde dahin pilgern. Nach viertehalb Stunden kam ich endlich zu einem
einsamen Weiler, der _Sugarcreek_ hie. Meine Ermdung machte mich
zufrieden, nur ein Obdach und Menschen zu sehen.

Freundlich ward ich von den gutmthigen Pflanzern in ihrer saubern Wohnung
empfangen. Es war ein junges Ehepaar, welches aus Massachusets sich hierher
begeben und angesiedelt hatte. Die Leutchen wohnten erst seit zwei
Jahren in Sugarcreek und schienen mit ihrem Aufenthalt wohl vergngt.
Ich verlangte etwas zu essen. Man bediente mich nicht nur sehr reinlich,
sondern auch mit ausgewhlten, wohlbereiteten Speisen, wie ich gerade hier
nicht zu erblicken gedacht hatte.

Jetzt erfuhr ich, da ich bis nach Bigbone noch sieben Stunden Wegs zu
machen habe, und mich ohne Pferd und ohne Wegweiser kaum dahin finden
wrde. Da sagte ich in meinem Herzen den Mammuths-Grbern Valet, und
beschlo, bei meinen freundlichen Wirthen zu bernachten, um von da auf
einem Dampfboot geradeswegs nach Cincinnati zurckzukehren. -- Schon Abends
hrte man zwei Kanonenschsse vom Ohio, die von den weiten Wldern umher
den Gegengru in sekundenlangem Wiederhall zurck empfingen. Die Zeichen
kamen von zwei Dampfbooten, General _Pike_ und _Ostrich_, welche den Flu
hinab gen Laurencebourg fuhren, und in der Morgenfrhe wiederkehren muten.

Der Abend verflo in traulicher Unterhaltung. Wie viel lt sich aus den
Gesprchen einfacher Menschen lernen, die in gleichweiter Entfernung
von der Thierheit des Wildenthums und der Thierheit des verknstelten,
berfeinen Stdterwesens, gro, bescheiden, frei und wahrhaft, wie die
Natur sind! Als ich zu meinem Nachtlager ging, war der reine Himmel schwer
von Sternen. Der aufgegangene Mond zitterte hinter den Wipfeln riesenhafter
Bume, die er schon seit Jahrhunderten beschienen. Ein weites Schweigen
waltete um die Pflanzerwohnung in den Wldern und lngs dem Ufer des Ohio.
Es war aber das alte Schweigen der Einden, welches auch der Tag selbst
nicht strt, es sei denn, da ein Sturm durch die endlosen Forsten zieht.

Morgens sechs Uhr kam das Dampfboot General Pike schon wieder den Flu
aufwrts. Ich hrte das Zischen der Dmpfe schon aus der Ferne. Auf ein
Zeichen, das ich vom Ufer gab, erschien ein Kanot, das mich zum Schiffe
brachte. Abends fnf Uhr stieg ich schon in _Cincinnati_ ans Land. Einer
meiner neuerworbenen Freunde, Herr Perret, nahm mich sogleich mit sich in
ein Konzert, das zu Ehren Lafayettes gegeben wurde. Dieser Anla, diese
Tne, und die Gesnge hatten auf mein Gemth tiefen Eindruck. Es wurden die
Namen _Wilhelm Tells_ und _Lafayettes_ und _Washingtons_ gefeiert. Es ist
doch das Gttliche in der Brust der Sterblichen, zu allen Zeiten, unter
allen Himmelsstrichen, das hoch Vorwaltende, und das, was immerdar am
innigsten ergreift. Die Welttheile und die Jahrtausende erkennen keine
andere Heroen, als die Heroen der Menschheit und ihres ewigen Rechts. Was
wei man doch nach Jahrtausenden von unsern Tags- und Schlachthelden,
den Massenas und Moreaus, den Wellingtons und Blchers und wie sie
heien mgen? Hchstens beschftigt sich mit ihnen ein miger
Geschichtsklitterer, oder der Knabe schleppt sie mit hundert hnlichen im
drren Kompendium zur Schule, um sie wieder zu vergessen.




27.

Fortsetzung des Wegs in der Wildni.

(8. bis 12. Oktober.)


Es war mir darum zu thun, die franzsische Kolonie _Gallipolis_ zu sehen.
Man rieth mir, das linke Ufer des Ohio zu verfolgen bis ins Gebiet von
Virginien, und dann bei Bigsandi wieder ber den Flu zurckzugehen, um
nach Gallipolis zu kommen. Ich kaufte mir zu dem Ende ein braves Reitpferd,
lie mich damit von Cincinnati auf einer Fhre nach _Neu-Port_ im Staat
Kentuky ber den Ohio setzen, und reisete so dem linken Stromufer nach,
ohne besondern Merkwrdigkeiten oder Abentheuern zu begegnen. Am dritten
Tag Abends war ich neunundzwanzig Stunden von Cincinnati in einem geringen
Stdtchen, Namens _Washington_.

Hier vernahm ich vom Wirth, der von Straburg gebrtig war, aber nicht drei
Worte mehr deutsch verstand, da ich ganz irre gefahren sei. Ich gerieth
in nicht geringe aber keineswegs angenehme Verwunderung, als ich hrte, ich
msse wieder eine gute Strecke zurck, und habe einen Umweg von zwlf bis
dreizehn Stunden gemacht. Man mu es gar nicht bel deuten, wenn die Leute
in diesem neuen Lande die vaterlndische Geographie schlecht inne
haben. Sie lernen sie nur aus dem Munde der Reisenden, und pflanzen sie
berlieferungsweise fort.

Also kehrte ich den andern Tag, in mein Schicksal ergeben, geduldig um,
wandte mich gerade gegen den Ohio, setzte zu _Maysville_, vier Stunden
oberhalb Augusta, ber den Flu, und kam dann, nach sechs Wegstunden, in
_West-Union_, auf der Landstrae nach Cincinnati gelegen, an.

In den meisten Pflanzungen und Niederlassungen, durch die ich whrend der
letzten vier Tage im Gebiet von _Kentuky_ gekommen war, wurden zahlreiche
Sklaven gehalten, welche zur schweren Landarbeit gebraucht werden. Der
Anblick dieser Unglcklichen, in welchem Menschen, die sich veredelter
halten, die heilige Wrde, die ewigen Rechtsame der menschlichen Natur
entweihen und verletzen, gab mir jedesmal eine ble Stimmung. Sa ich zu
Tisch, stand bestndig eine Negerin hinter mir, um mich zu bedienen; etwas
Unbehagliches fr den, der nicht gewohnt ist, sich von Sklaven aufwarten
zu lassen. Die Negerinnen verrichten die huslichen Dienste. Immer auf
jede Bewegung des Herrn oder der Gebieterin aufmerksam, knnen diese keinen
Blick thun, den die Negerin nicht versteht, und augenblicklich als Befehl
betrachtet und vollstreckt.

Was mssen sich die armen Geschpfe doch Alles gefallen lassen! Die
amerikanischen Zeitungen vom vergangenen Monat erzhlten, die Gemahlin
des _Augustin Iturbide_, des bekannten Kaisers von Mexico, sei so
kaiserlich-vornehm oder bequem gewesen, da wenn eine Mcke auf ihrer Hand
sa, sie eine ihrer Sklavinnen rief, sie fortzublasen. In mehreren Husern
hrte ich die Hausfrauen stets ber ihre Negerinnen klagen, wenn etwas im
Hause nicht war, wie es sein sollte. Fehlte etwas an der rechten Bereitung
der Speisen, hatte das Linnenzeug nicht die gehrige Weie u.s.w. --
immer waren die Negerinnen schuld. Nicht nur die Kaiserinnen, sondern
selbst die gemeinen Pflanzerinnen werden durch das Sklavenbesitzen
unglaublich bequem.

In den Ansiedelungen von Kentuky gehen die Kinder der Sklaven ganz nackt,
bis zum zehnten Jahr, ohne Unterschied des Geschlechts. Es ist oft ein
possirliches Schauspiel, vor einer Htte ein ganzes Nest voll Negerchen
spielen und sich im Staube herumrollen zu sehen. Die Erwachsenen, alle
barfu, haben keine andere Bekleidung, als ein sehr grobes, um den Leib
zusammengebundenes Hemd.

Ich blieb nicht in _West-Union_, sondern bernachtete zwei Stunden Wegs von
da, in einem Bauernhause. Als ich meinen Bewirther fragte, wes Landes
er sei, antwortete er gar treuherzig: =I have the misfortune to be an
Irishman.= (Ich bin so unglcklich, Irlnder zu sein.) Die Irlnder sind
nmlich in den Vereinstaaten am wenigsten geachtet. Unter smmtlichen
Ankmmlingen aus Europa gelten sie fr die verderbtesten. Schweizer
und Deutsche sind in Nordamerika, als gute Landarbeiter, zum Sprchwort
geworden; der Englnder gilt als Spekulant; der Franzose macht sich zum
Jger und klagt ber Langeweile. Der Irlnder aber, erstaunt ber die
Wohlfeilheit des Whisky, ergibt sich dem Trunk und den Folgen desselben.

Ueber meinen Irlnder hatte ich, soviel mich betraf, keine Klage zu
fhren. Er war eine gute Haut. Mein Ro hingegen htte mehr Grund zur
Unzufriedenheit gehabt, denn es mute die ganze Nacht, da der Himmel den
Regen stromweis herabschttete, im Freien stehen. Obwohl mein Wirth ein
Dutzend Khe, fnf bis sechs Pferde, ber hundert Schafe und eine Heerde
von Gnsen, Welschhhnern, Enten und Hhnern besa, hatte er doch keinen
Stall. Inde schien das Pferd dieser amerikanischen Sitteneinfalt ganz
gewohnt zu sein; denn ich fand es am Morgen ganz frisch und lustig.

Die aufeinanderfolgenden Regenschauer erlaubten mir erst gegen Mittag, mich
auf den Weg zu machen. Ich hatte noch vierzehn Wegstunden bis _Portsmouth_
zurckzulegen. Ein kleiner Strom, Namens _Turkycreek_, mute mir anfangs
lange Zeit als Fhrer dienen. Mehrmals war ich genthigt, durch ihn bald an
sein linkes bald an sein rechtes Ufer zu reiten, um vorwrts zu kommen. Er
war vom anhaltenden Regen mchtig angeschwollen. Das Pferd verlor oft den
Grund unter seinen Fen, und wir muten es beide mit Schwimmen versuchen.
Ich bewunderte die Geduld des guten Thiers, das sich gar nicht abschrecken
lie, aus einem Schlammloch ins andere, und von einer Seite des Wassers zur
andern berzusetzen.

Es ist, bei nakaltem, trbem Wetter, selbst im Paradiese kein anmuthiges
Reisen; um so weniger, wenn man ohne Weg und Steg durch ein unbekanntes,
einsames Land hinabentheuert. Ich machte mich immer dabei noch auf das
Zusammentreffen mit einem Bren gefat; denn mein irlndischer Wirth hatte
mir des Morgens den Rath gegeben, meine Pistolen gut zu laden, weil
sich mir vielleicht dergleichen Reisegefhrten durch den Wald aufdringen
knnten. Sie seien gar nicht selten. Allein es zeigte sich keiner. Doch
am Aussenende des wilden Forstes sah ich wenigstens eine frische, blutige
Brenhaut. Ein Jger spannte sie zum Trocknen auf.

Noch ziemlich zeitig traf ich endlich in _Portsmouth_ ein, von Mdigkeit
und Hunger erschpft. Zwei Aepfel waren binnen vierundzwanzig Stunden
meine Nahrung gewesen. Aber ein artiges Wirthshaus, gefllige Wirthe, ein
treffliches Nachtmahl, ein gutes Bett lieen mich bald alle Entbehrungen
wieder vergessen.

Ich hatte jetzt noch bis Gallipolis vierundzwanzig Wegstunden vor mir, und
nur bis zum nchsten Ort, wo ich bernachten konnte, vierzehn Stunden.
Drum begab ich mich andern Morgens frh genug auf die Reise. In einem
Bauernhause, vier Stunden von Portsmouth, hielt ich an, um mich und mein
Pferd gehrig vorzubereiten, zehn Stunden lang keine menschliche Wohnung zu
erblicken.

Wirklich gings von da ununterbrochen durch ewigen Wald, so hoch, so dicht,
da auch die Sonnenstrahlen nur selten durch die verwachsenen Wipfel der
Bume brachen. Landstrae war keine, man mute auf die halbverwischten
Tapsen der Vorgnger genau achten. Hinwieder nahm ich Schnitte und
Einkerbungen in den Stmmen links und rechts wahr, die dem Wanderer eine
Richtung andeuteten, welche er zu nehmen hatte.

So verging der Tag in steter Beschftigung, die Spuren der Vorangegangenen
oder die Zeichen an Bumen zu entdecken und zu verfolgen, um mir als
Wegweiser zu dienen. Das brave Ro lief bestndig seinen Trab, als wte
es, wie weit noch seine Krippe wre. Aber Abends, schon war es fnf Uhr,
stie ich pltzlich auf zwei Fuwege, von denen einer links, der andere
rechts zog. Ich zauderte lange unentschlossen, wog alle Fr und Wider gegen
einander ab, und schlug zuletzt rechts ein.

Ich war kaum eine Viertelstunde fortgetrottet, sah ich pltzlich, nur noch
fnf Schritte von mir, eine dicke Schlange am Boden liegen. Sie hatte sich
kreisfrmig zusammengerollt, und streckte den Kopf auf, mit der Zunge
mir entgegenspielend. Es war, der Farbe nach, die hier Landes bekannte
Coppersnake oder Kupferschlange. Sie hatte die Dicke eines mittelmigen
Mannsarmes und eine Leibeslnge von ohngefhr fnf bis sechs Schuh. Sie
richtete sich im gleichen Augenblick weiter auf. Die Bewegungen ihres
Kopfes und Halses dabei waren sehr schnell.

Unangenehm berrascht gab ich meinem Pferd den Sporn in die Rippen,
seitwrts lenkend. Das Ro aber, erschrockener noch als ich, nahm einen
gewaltigen Satz und jagte davon. Ich behielt immer das Gesicht, wie
_Brgers_ wilder Jger, im Nacken, um zu gewahren, ob uns das Unthier
verfolge. Ich verlor es aber bald aus den Augen.

Man erzhlte mir nachher, da die Kupferschlange, an ihrer Dicke und
grnrthlichen Farbe leicht kennbar, das gefhrlichste Thier in diesen
Gegenden sei. Sie ist sehr gefrig und nimmt es mit den grten Thieren
auf. Ihr giftiger Bi wird nach einigen Stunden tdtlich, nachdem der
Krper vorher zu einer ungeheuern Dicke angeschwollen ist. Inde vermindert
sich diese wste Brut berall in gleichem Verhltni, wie sich die
Ansiedelungen der Menschen vermehren. Am meisten wirkt dazu das Halten der
Schweine. Es gibt keinen Pflanzer, der nicht eine Zucht dieser ntzlichen
Hausthiere htte, die sich ohne seine Sorge vermehren und bekstigen. Ein
einziger besitzt deren oft hundert und zweihundert Stck. Sie laufen
fast bestndig im Wald umher und nhren sich da von Pflanzen, Wurzeln und
Gewrmen aller Art. Sie greifen sowohl die Kupfer- als die Klapperschlangen
an, und verschmausen dieselben, ohne von deren giftigem Bi Schaden zu
leiden. Denn weil der nie tief geht, dringt er nur in den Speck und trifft
wohl nur selten ein Blutgef.

Unterdessen nahte sich die Nacht. Es wurde um mich her immer dunkler
und der Wald immer dichter. Mein Fuweg lief noch immer in seiner alten
Richtung rechts, abweichend von meiner frhern. Ich trstete mich damit,
da ich auf die Art dem Ohio aufwrts gelangte. Denn wieder umzukehren
sprte ich in mir auch nicht die mindeste Lust.

Weil mir aber mit dem erlschenden Tageslicht auch die Hoffnung erlosch,
irgend eine Menschenwohnung zu erreichen, und mir es schien, da ich schon
eine lange Strecke Wegs mehr gemacht htte, als erforderlich gewesen, um
der mir zum Uebernachten bestimmte Pflanzerei zu begegnen, fgte ich
mich in mein Verhngni. Ich musterte im Vorbereiten links und rechts die
Pltze, wo ich Nachtherberge nehmen knnte. Ich besa allenfalls gegen
Klte einen guten Mantel; konnte auch Feuer anschlagen und hatte meine
geladene Doppelpistole bei mir. Nur mit der Kche zum Nachtessen bliebs
bel bestellt. Ich hatte Dammhirsche, Welschhhner und anderes Geflgel
unterwegs erblickt, aber weder Jagd darauf machen wollen, noch mit meinem
kurzen Feuergewehr machen knnen.

In diesen trbseligen Ueberlegungen einer verzweifelnden Verzichtung auf
alles Heil, verdnnerte und ffnete sich mit einemmale vor mir der Wald,
und vor meinen Augen lag ein Bauerhof. Freudiger, als ein abentheuernder
Ritter nach langen Irrfahrten einem Feenschlosse, trabte ich dem
bescheidenen Holzpalaste entgegen und hielt vor demselben, als mein eigener
Herold, mit lauter Stimme rufend: Holla! kann hier ein Reisender ber
Nacht bleiben?

Eine ltliche Frau, begleitet von zwei jungen Frauen, trat hervor. Sie
bedauerten, mich nicht empfangen zu knnen, weil sie allein, und ihre
Mnner abwesend wren. Sie beruhigten mich inzwischen damit, da ich, den
Weg fortsetzend, in einer guten halben Stunde eine andere Pflanzerwohnung
antreffen wrde. Nebenbei erfuhr ich auch noch, da ich wirklich irre
geritten sei, und beinahe zwei Stunden lang einen Querweg durch die Waldung
verfolgt habe.

Wie unlieb mir auch alle diese Erklrungen, Fingerzeige und Nachrichten
lauteten, wollte ich doch nicht zudringlich werden. Ich trabte also
frischerdings wieder in die Nacht der vor mir gelegenen Wlder hinein, auf
einem Pfad, den mir die Frauen angewiesen hatten. Im schlimmsten Fall blieb
mir doch das nun einmal gesehene Haus und die Rckkehr dahin.

Es ward mir jedoch mit jedem Augenblick unheimlicher, je tiefer ich ins
Gehlz eindrang und je strker die Finsterni wurde. Ich mute vom Pferde
steigen, und von Baum zu Baum die Einkerbungen der Stmme mit den Fingern
ertasten. -- Welche Seligkeit aber, als mir nach einer halben Stunde,
durch die Sulen der Waldung spielend, rthliches Licht entgegenschien.
Ich verdoppelte den Schritt, und stand bald vor der roh aus Baumstmmen
gezimmerten Htte eines Pflanzers. Auf meinen Anruf erschien ein Mann. Auf
die gewhnliche Anfrage ffnete er mit dem freundlichen Wort: =Walk in,
Sir!= (treten Sie ein, Herr!) den Pfahlhag, mit dem jede Htte eines
amerikanischen Ansiedlers umgrtet zu sein pflegt. Ich trat ein. Beim Feuer
sa eine Frau. Sie stand auf, bot mir ihren Sessel und sagte: =Sit down,
Sir!= (setzen Sie sich, Herr.) Diese beiden Redensarten, =Walk in= und
=Sit down=, sind in Amerika beim Empfang eines Fremden, ohne alle andere
Hflichkeitsbezeugungen, die gebruchlichen, man mag zum schlichten Bauer
oder zum reichsten und vornehmsten Manne der Vereinstaaten kommen.

Ich habe meinen Ritt durch die Wildni etwas umstndlich erzhlt, nicht
eben weil er so gar merkwrdig wre, sondern um doch eine Vorstellung
zu geben, wie man in unangebauten Gegenden des Innern dieses Welttheils
reiset, wo ohne Zweifel, bevor ein Jahrhundert verfliet, Stdte, Drfer,
Palste und Landgter durch die besten Kunststraen verbunden sein und die
Erzhlungen von heut fast mhrchenhaft scheinen werden.




28.

Nach Gallipolis und Point Pleasant.

(12. bis 14. Oktober.)


Man mu mehrere Tage sich selbst berlassen, ich mchte sagen, verlassen,
durch unwirthbare Einden, in Unruhe fr das Entkommen aus verirrlichen
Waldlabyrinthen, oft nicht ohne Sorge fr das arme Leben selbst, die Reise
gemacht haben, um die Wollust zu verstehen, die man fhlt, wenn man sich
endlich in einer engen, sichern Htte unter freundlichen Menschengesichtern
erblickt.

Wie ich mich recht umsah und mit der Familie nhere Bekanntschaft machte,
zhlte ich zehn Kinder; das lteste mochte fnfzehn Jahre haben, das
jngste lag am Busen der Mutter. Die gute Frau fragte mich, ob ich zum
Nachtessen Kaffee oder Thee verlange und welche Gattung Geflgels? Sie
machte kleine Brdchen in einer Tortenpfanne, kochte feine Schinkenschnitte
und rstete sie in heizerlassener Butter. Es gab dazu Fricassee von
Geflgel, rothe Rben als Salat, frische Butter, eingemachte Pfirsiche
und statt des Brodes -- Hoekake. Ich schildere die Bestandtheile meines
Abendmahls nicht darum, damit man wisse, was eine einsame Pflanzerhtte dem
unverhofften Gaste leisten knne, sondern um zu sagen, da dies ohngefhr
die Gerichte sind, mit denen man berall im Innern der Vereinstaaten
Abends bewirthet zu werden pflegt. Das Frhstck ist meistens aus denselben
Platten zusammengesetzt.

Das Tischzeug bestand auch hier, wie immer, aus sauberm Linnen; das
Tafelgeschirr, Teller, Schsseln, aus englischer Erde. Nur die Hausfrau,
sehr reinlich gekleidet, sitzt mit zu Tisch, um den Gast bedienen zu
knnen. Sie beginnt ganz gewhnlich mit der Frage: Lieben Sie Milch und
Zucker zum Thee? damit ist die Mahlzeit erffnet. Von den Speisen nimmt
sich nachher der Gast nach Belieben selber. Die Wirthin aber ermuntert
fleiig mit dem Zuspruch: =Help your self!= (bedienen Sie sich selbst.)
Erst wenn der Fremde gegessen hat, sitzen Vater und Kinder zu Tisch. Die
Kinder betiteln ihre Aeltern aber nicht mit Vater- und Mutternamen, sondern
auch in der Bauerhtte mit Sir und Maam.

Das Zimmer, welches erst Kche, dann Speisesaal geworden, ward dann
Unterhaltungszimmer. Es berraschte mich jedesmal in den Vereinstaaten
und auch diesmal, einen schlichten Landmann ber die Politik, ber die
Staatsverfassungen und Nationalverschiedenheiten Europens so unterrichtet
und verstndig reden zu hren. Viel trgt zu diesen Kenntnissen, die in
Amerika eine Hauptsttze der Vaterlandsliebe werden, ohne Zweifel das
allgemein verbreitete Lesen der ffentlichen Bltter und Zeitschriften
bei. In Europa, wo der Landmann, oft der Stdter, wenig vom Ausland, noch
weniger vom Inland erfahren darf, weil man es zu hindern wnscht und zu
hindern wei, wo sich die Regierungen durch besoldete Schreiber und durch
Zensoren die Vormundschaft ber den Volksverstand anmaen, erzeugt sich
eine stinkende Selbstsucht, die nur fr das eigene Haus, nicht fr das
Allgemeine, nicht fr Thron und Vaterland, Interesse hat, und, wie das
Thier, nur sein Futter und seinen Stall kennt. Es ist wahr, bei der in
Amerika bestehenden Prefreiheit wird auch das unsinnigste Zeug, das
leidenschaftlichste, gehssigste Geschwtz gedruckt und verbreitet. Die
Feinheit und Artigkeit der Amerikaner im persnlichen Umgang wird hufig in
ihren Zeitschriften durch ekelhafte Derbheit, Rohheit und Gemeinheit ganz
verdrngt. Aber gerade die unter dem Segen der Prefreiheit mannigfaltiger
gewordene Kenntni der Menschen, ihrer Leidenschaften und Umtriebe, und
die reifere Entwickelung der Verstandesthtigkeit macht die Versuche der
schriftstellerischen Bosheit, Unvernunft und Parteisucht kraftlos, die
Plumpheit der Blttchenschmierer verchtlich; -- whrend der in kindische
Unmndigkeit ngstlich zurckgehaltene Verstand des gemeinen Mannes in
Europa sich an Geschmacklosigkeiten am innigsten ergtzt, das Alberne
und Unglaubliche am leichtglubigsten aufnimmt, und der verleumderischen
Bosheit in seiner Unerfahrenheit das Ohr am liebsten entgegenspitzt.

Nachdem ich mit meinem Pflanzer einige Stunden in die Nacht hinein
geplaudert hatte, verwandelte sich das Sprachzimmer in das allgemeine
Schlafgemach. Wir waren unserer vierzehn Personen. Es wurden drei Betten
gemacht; das beste mir mit den reinlichsten Ueberzgen. Den Kindern
breitete man baumwollene Decken am Boden aus. Die offenen Fugen der Balken
von den Zimmerwnden liessen der frischen Luft freien Umlauf.

Ich verlie die zahlreiche Familie schon vor Sonnenaufgang. Der Pflanzer
gab mir noch Empfehlung an einen andern Pflanzer mit, bei dem ich unterwegs
einkehren konnte. Es war dies ein Herr _Thevenot_, der fnf Stunden von da
entfernt und nur noch zwei Stunden von Gallipolis wohnte. Ich fand ihn und
nahm mein Frhstck bei ihm.

Dieser Mann war aus Frankreich, mit einigen tausend seiner Landsleute,
zur Zeit der Revolution nach Amerika ausgewandert. Er gehrte ehemals zur
franzsischen Niederlassung von Gallipolis, wo man Land mit Geldtiteln und
Schriften kaufte, die nachher in Frankreich allen Werth verloren, als man
sie in Mnze umsetzen wollte. Man bezahlte die Juchart zu jener Zeit mit
fnf Dollars. Gleich zu Anfang ihrer Ansiedelung hatten die Franzosen da
mit den Indianern einen Krieg zu bestehen, der ihnen mehrerer Menschen
Leben kostete. Zehn Jahre spter fing man gegen sie einen Rechtsstreit
ber ihr Eigenthum an, weil die Titel, womit sie gezahlt hatten,
meistens ungltig geworden waren und sie auch selbst noch nicht ber ihre
Grundstcke die Kaufbriefe urkundlich in Hnden hatten. Sie muten oder
sollten zum Theil noch einmal Zahlung leisten. Die Regierung aber nahm doch
Rcksicht auf ihren unverschuldeten Verlust, und bewilligte denen, welche
nicht kaufen konnten, einen Landstrich, etwa dreizehn Stunden Weges
von Gallipolis entlegen, unter dem Namen _French-grant_ (franzsische
Einrumung). Auch die Franzosen, welche einst den Unabhngigkeitskrieg
mitgemacht, und seitdem kein Glck gehabt hatten, erhielten dort
Lndereien. Aber diese Niederlassungen wollten nicht gedeihen.

Auch _Gallipolis_, wohin ich zeitig ankam, obgleich gar vortheilhaft am
rechten Ufer des Ohio hingebaut, ist nur eine kleine Stadt von hchstens
hundert Husern. Die einzigen ffentlichen Gebude sind ein Kollegium, ein
Mettinghouse (Versammlungshaus zum Gottesdienst) und ein Gemeinds- oder
Rathhaus. Dampfboote und andere Schiffe halten hier regelmig an. Ich
hatte mehr von dem Ort erwartet, machte zwar einige werthe Bekanntschaften
mit Hrn. Monod, Burcau etc., denen ich empfohlen worden, hielt mich aber
doch nicht auf, sondern setzte, eine Stunde weiter aufwrts am Flu,
in einer Fhre ber den Ohio und bernachtete zu _Point-Pleasant_
in Virginien. Der Ort liegt am Zusammenflu des Kanhaway, eines
betrchtlichen, schiffbaren Stroms, mit dem Ohio. Groe Fahrzeuge gehen
noch den Kanhaway hinauf bis zu den Salzwerken von _Charlestown_, ohngefhr
zweiundzwanzig Stunden von Point-Pleasant.

Der Menge von Schiffen nach zu urtheilen, die man, mit Salzfssern
befrachtet, berall auf den Flssen sieht, mssen die Charlestowner
Salzwerke sehr ergiebig sein. Der Zentner Salz kostet einen halben Dollar.
In den Kauflden, wo man damit Kleinhandel treibt, zahlt man frs
Pfund zwei Kreuzer. In den Vereinstaaten sind alle und jede Salzwerke
Partikulareigenthum, und Staat und Volk stehen sich ganz natrlich besser
dabei, als wenn sie Monopol, das heit, Auflage frs Volk, in den Hnden
der Regierung gewesen wren, wie bei den Europern. Partikularen beuten
sorgfltiger aus, und liefern, um gegen die Nebenbuhler zu bestehen,
bessere Waare und in wohlfeilerm Preis, als Regierungen; knnen auch
wohlfeiler liefern, weil sie dafr keine Schaar von Intendanten,
Direktoren, Ober- und Unterspektoren, Faktoren, Auswgern u.s.w. zu
besolden und wohl gar zu pensioniren haben. Es sind in Europa wenig Vlker,
die nicht unter der Last von Abgaben seufzen, whrend doch die Regierungen
davon nur einen sehr migen Theil empfangen und ihrerseits ebenfalls in
bestndiger Geldverlegenheit seufzen. Der Schwarm der Beamten, die Summe
der Erhebungs- und Einzugskosten verschlingt den vierten oder dritten
Theil der gesammten Abgaben. Trotz unserer gelehrten Professoren und
dicken Bcher ber Finanzwesen, herrschen bei uns daheim noch unglaubliche,
starrsinnige Vorurtheile. Man knstelt und vermindert das Naturgeme,
nmlich die hchste Vereinfachung der Geschfte. Aber man will diese
nicht, um immer Gelegenheit zu behalten, guten Freunden oder Verwandten
ein Aemtchen zu verschaffen, oder sich einen Tro abhngiger Kreaturen zu
machen, oder auch, weil man nicht wei, was mit der Schaar dadurch brodlos
werdender Angestellten zu beginnen sei? Am bequemsten, man lt diese Leute
vom Schwei des fleiigen Volks mitzehren.




29.

Auf der Turnpikeroad nach Geneva und Baltimore.

(18. Okt. bis 4. Nov.)


Ich verweilte gern ein paar Tage in Point-Pleasant. Ein Hr._Smith_
daselbst, dem ich Briefe vom Hause Bruen in New-York brachte, hatte viele
Gte fr mich. Ich mute auch einen Theil der weitluftigen Besitzungen
des Hrn. Bruen in jenen Gegenden sehen. Mit seinem Sohn und einem seiner
Nachbarn fuhr ich folgenden Tags den Kanhaway zehn Stunden weit aufwrts,
wo wir ohnweit _Potalia_ bernachteten, dann andern Morgens ans linke
Ufer des Kanhaway berstieen. Wir durchirrten hier die groen, meist
noch unurbaren Lndereien des Hrn. Bruen, fr welche er sich Ankufer und
Ansiedler wnscht. Erst einen Tag spter kamen wir nach Point-Pleasant
zurck.

Noch war der ganze weitluftige Landstrich, den ich jetzt gesehen hatte,
Wald und Wildni, von einzelnen Bauernhfen unterbrochen. Der Boden, wenn
gleich nicht von erster Gte, ist im Durchschnitt doch nicht schlecht, oder
ganz mittelmig, und natrlich lngs Fluufern am vortheilhaftesten.

Die Zeit, welche ich der Besichtigung dieser Landschaft gegeben, sparte
ich in den nchsten Tagen wieder ein. Ich reisete den 18.Oktober an einem
Montag von Point-Pleasant ab, und eilte in vier Tagen ber _Mariette_,
_Newport_, _Fischingcreek_, _Elisabethtown_ nach _Whelling_, eine Strecke
von dreiundfnfzig Stunden Wegs, bald am linken, bald am rechten Ufer des
Ohio. Die Amerikaner setzen, bei niedrigem Wasserstande, hufig zu Pferde
ber diesen Flu, wenn sie sich auf des Rosses Gebein verlassen knnen.

Man hatte mir unterwegs an vielen Orten von einer Ansiedelung gesprochen,
die man fr eine der schnsten des Landes hielt, und durch welche mich der
Weg fhren wrde. Als ich mich derselben wirklich endlich nherte, sah
ich innerhalb einer wahrhaften Waldung von ppigen und reichtragenden
Fruchtbumen einige Wohnhuser von sehr geflligem Aeussern. Vor einem
derselben stand ein groer, starker Mann mit langem, grauen Bart, der ein
Schurzfell vor hatte. Der Beschreibung nach, die man mir gegeben, konnte
dies kein anderer, als der Eigenthmer des Gebudes, Master _Homelong_, der
Wiedertufer, sein.

Also fragte ich ihn auf deutsch, ob er mir ein wenig Haber fr das Pferd
spenden knne. Da verklrte sich sein ganzes Antlitz: Gr Gott, rief er,
bist du a Landsmann? Und ohne meine Antwort setzte er hinzu: =Walk in,
Sir!= holte seinen Sohn, der das Ro nehmen mute, fhrte mich ins Haus,
und richtete nun in seiner Sprache, halb englisch halb deutsch, wie die
Deutschen Amerika's immer zu reden pflegen, tausend Fragen an mich. Ich
mute diesem guten Einsiedler von Allem erzhlen, von der alten Welt, von
meiner Fahrt bers Meer, von der Reise durch die Vereinstaaten u.s.w.
Sein Erstaunen war so gro, da ich mehrmals wiederholen mute, was ich
schon gesagt hatte, und was er mir kaum glauben konnte. Min Gott, ist denn
das mglich! =to be shure that's wonderfull journey!= schrie er einmal ums
andere. Er setzte mir Kuchen und den kstlichsten Aepfelwein vor, den ich
in Amerika getrunken; ich mute bei ihm zu Mittag speisen. Er war seines
Gewerbes ein Schuhmacher, baute daneben seine herrliche Pflanzung mit
Einsicht und Flei und galt bei seiner Kirchparthei als ein guter Prediger.
Als ein kleiner Knabe war er mit seinen Aeltern vor sechszig Jahren von den
Ufern des Rheines zu den Ufern des Ohio gekommen, wo man wegen kirchlicher
Ansichten, Lehren und Gebruche keine Mitchristen und redliche, arbeitsame
Leute gehssig verfolgt. Die Schnelligkeit meines Reisens erregte seine
Verwunderung mehr denn alles Uebrige. Denn er und seine Aeltern hatten zur
Ueberfahrt von Europa auf dem Meere fnf Monate zugebracht, und ein Jahr
gebraucht, um von der Kste bis zu diesem Platz ihrer Niederlassung zu
gelangen.

In einer andern Ansiedelung, wo ich bernachtete, wohnte eine erst vor
Kurzem aus England hier ansig gewordene Familie. Das Haus war von
Backsteinen erbaut; das Innere kstlich, mit zierlichem Haus- und
Zimmergerth versehen. Zwei hlzerne Htten neben den Stallungen waren der
Aufenthalt zahlreicher Negersklaven. Ohnweit dieser Pflanzung war es,
wo mir die unheilbringende Paradiesesfrucht einen beln Streich spielte.
Aepfel, von ungeheurer Gre in einem Baumgarten hinter einem Pfahlhag,
verlockten mich zur Neugier und Lsternheit. Durch einen Fall gewann ich
dabei eine schmerzvolle Verrenkung, von deren Plage ich erst nach fnf
Monaten in Europa durch Mitleid und Kenntni einer liebenswrdigen Person
vollstndig befreit werden konnte. Das mag meinen Lesern sehr gleichgltig
sein, aber ein wenig dankbar zu sein, ist mir nicht gleichgltig.

Von Whelling hinweg kam ich zum erstenmal auf einen sogenannten
_Turnpikeroad_ oder Meilenstein-Weg. Eine kunstmige Hochstrae ist fr
den Wanderer das erste Zeichen von der Zivilisation, die in einem Staate
herrscht, und der Mastab ihrer Stufe. Nach wochenlangem Umherfahren in
Wldern und Wildnissen that mir dies sich freundliche Verknden einer
bewohnten und angebauten Welt unendlich wohl. Es gibt dieser Turnpikeroads
jetzt mehrere mir bekannt gewordene. Die drei vorzglichsten sind die von
Philadelphia, die von Baltimore und die von New-York. Alle drei gehen in
der Richtung von Osten nach Westen, und laufen also ber die weitluftige
Verkettung der Alleghanygebirge hin.

Jede dieser Hochstraen hat fnfundzwanzig Schuh Breite, und die Lnge von
100 bis 130 Wegstunden. Von einer Drittelstunde (=mile=) zur andern ist ein
Meilenstein, der die Entfernung desselben von den beiden Stdten anzeigt,
welche an den Aussenenden der Hochstraen liegen.

Auch das ist eine mir bemerkenswerth scheinende Eigenthmlichkeit der
Vereinstaaten, da der Bau der Hochstraen, schiffbaren Kanle und der
Brcken keine Regierungsangelegenheit ist. Unsere europischen Staatsmnner
mgen dazu lchelnd den Kopf schtteln. Aber das Volk des amerikanischen
Freilandes befindet sich dabei gar wohl. Es empfngt sehr gute Straen; die
Gemeinden haben darum keine Plagerei von fetten oder fettwerdenwollenden
Beamten, von Frohndiensten u.s.w. zu erdulden, und was die Hauptsache
ist, die Kosten sind ungleich geringer, schon auch weil kein Brcken-,
Straen- und Bau-Departement, mit seinen Inspektoren, Kommissren,
Kassafhrern, Controlleurs, Archivaren, Sekretren und Kopisten zu besolden
ist.

Es bildet sich fr jede Unternehmung eines Brcken- oder Straen- oder
Kanalbaus eine Gesellschaft von Aktienbesitzern. Diese setzt einen Preis
fr den besten Plan zu ihrem Werk aus. Gewhnlich sind die Eigenthmer
der Gter und Lndereien, welche dem knftigen Kanal, oder der knftigen
Hochstrae zunchst wohnen, meistens selbst Annehmer von Aktien, weil die
Erleichterung des Waarenverkehrs den Werth ihrer landwirthschaftlichen
Erzeugnisse im Preise steigen mu und somit auch den Werth ihrer
Grundstcke. -- Nach Vollendung der Arbeit wird die ausfhrliche Rechnung
nebst allen Belegen, ber die gehabten Unkosten, der Regierung vorgelegt,
und diese bewilligt dann, nach einer annhernden Berechnung, den
Aktien-Inhabern die Erhebung eines Weggeldes, gemeinlich streckenweis von
ohngefhr drei Stunden zu drei Stunden des Wegs.

Die Kosten der Strae von Whelling nach Baltimore sollen ausserordentlich
gro gewesen sein. Aber man sieht da auch eine Menge sehr schner, starker,
steinerner Brcken, und der Straenzug ber die Gebirge ist meisterhaft.
Dieser lt sich etwa mit der schnen Simplonstrae in Europa vergleichen,
nur da in den Alleghanybergen die durch Felsen gehauenen Gewlbwege nicht
vorhanden sind.

Ueber _Braunville_, einer Stadt mit zahlreichen Fabriken am
Manongehalaflusse, und durch _Uniontown_ kam ich, auf einer Nebenstrae, in
vier Stunden nach _Geneva_.




30.

In Geneva.

(25. Okt. bis 4. Nov.)


Das Stdtchen Geneva gehrt zum Theil noch dem Herrn _Gallatin_, demselben,
der, nach der Wiederkehr der Bourbonen auf den franzsischen Thron, als
Gesandter Nordamerika's acht Jahre lang in Paris lebte.

Ich fand den Herrn Gallatin und seine Familie auf seinem Landgute, eine
volle halbe Stunde von der Stadt entfernt. Seine Wohnung, einfach und
geschmackvoll, hat in der Bauart etwas Groartiges. Ich wurde bei ihm auf
gewohnte, amerikanische Weise eingefhrt; er empfing mich mit vieler
Gte. Er sa eben bei einem guten Kaminfeuer. Um ihn her lag ein Haufe
amerikanischer, englischer und franzsischer Zeitungen. Unser Gesprch
gewann bald eine anziehende Richtung. Seine Gemahlin, eine sehr gebildete
und liebenswrdige Frau, setzte sich zu uns an die wohlthuenden, zur
Geselligkeit lockenden Flammen und nahm an der Unterhaltung Theil.

Herr von Gallatin ist, wie ich erfuhr, ursprnglich ein Genfer. Er erzhlte
mir, wie er dazu gekommen, sich dem Handel zu widmen, den er nachher
siebenundzwanzig Jahre lang mit gutem Erfolg betrieb. Anfangs in Boston
sich aufhaltend, um dort seinen gewerbigen Verkehr mit neuer Kraft zu
beginnen, lie er sich nachher in New York nieder. Hier brachte ihn der
Zufall mit zwei Deutschen in Bekanntschaft, die ihn versicherten, sie
htten jenseits der Alleghanyberge alle Materialien entdeckt, um groe
Glashtten anzulegen, und Glas von jeder Art zu liefern. Er reisete mit
ihnen dahin und fand Alles, wie sie gesagt hatten. Der Ort war damals ganz
unbewohnt, inmitten einer weiten Wildni und Oede. Der Plan ward entworfen.
Er bildete mit den beiden Deutschen eine Gesellschaft, kaufte das Land an,
und gab die nthigen Gelder her. Die Unternehmung glckte vollkommen.
Das Glas stand damals noch in sehr hohem Preise. Man hatte noch keine
Glasfabriken in den Vereinstaaten, und mute die Waaren dieser Gattung aus
Europa kommen lassen. Der Absatz vermehrte sich von Jahr zu Jahr zugleich
mit der Gte der Artikel und in gleichem Verhltni wuchs der Gewinn.
Als sich Herr Gallatin endlich von dieser Fabrikation zurckzog und seine
Rechnung abschlo, ergab sich fr ihn ein durchschnittlicher reiner Nutzen
von 8000 Dollars alle Jahre. Er hatte sich in die ffentlichen Geschfte
ziehen lassen, und spterhin die Gesandtschaft in Paris am Hofe Ludwigs
=XVIII= angenommen. Nach achtjhrigem Aufenthalt in Europa kehrte er in
sein freies, beglcktes Vaterland zurck. Hier whlte er die anmuthige
Stille seines Landgutes bei Geneva, wo er noch jetzt lebt.

Ich darf nicht erst sagen, wie unterrichtend die Gesprche mit einem so
welterfahrnen Manne fr mich waren. Er kannte Europa, die Hfe, die am
Ruder stehenden Mnner, und sah die verderbenschwere Rckwirkung unfreier,
Geist, Leben und Gewerbsflei der Vlker dmpfenden, mnchshaften
Bestrebungen der Machthaber voraus. Er ist in Amerika durchgngig geschtzt
und geliebt. Er ward auch, gerade in diesem Jahr, da es um die Wahl eines
neuen Prsidenten der Vereinstaaten zu thun war, neben den Herren _Jakson_,
_Clay_, _Crawfort_ und _Quincy-Adams_ mit in die Wahl gezogen. Er aber,
vielleicht weil er bemerkte, da sich die Mehrheit der Stimmen nicht fr
ihn vereinigen wrde, verbat sich in einem Marylander Blatte ffentlich,
und mit Dank gegen seine Freunde, die Ehre, in die Wahl gebracht zu werden.
Bekanntlich wurde Quincy-Adams nachher zum Prsidenten ernannt.

Herr Gallatin ist jetzt ein Mann von ohngefhr sechszig Jahren, von
mittlerer Gre, und geistvollem, ausdruckreichem Gesicht. Wie gerne wre
ich lnger in dieser trefflichen Familie verweilt (sein Sohn _Albert_ ist
ein hoffnungsvoller Jngling); allein fr mich war kein Rastens mehr in
Amerika, der Wintermond schon vorhanden, und die Weihnachten wollte ich ja
in der europischen Heimath feiern.

Selbst die Einladung, nur bis zum folgenden Tage zu bleiben, mute ich
ablehnen. Nach dem Mittagsessen beurlaubte ich mich, schlief Nachts
schon zu _Smithfield_ und erreichte folgendes Tages die Gebirgshhe
der Alleghanykette, ber die ich ging. Hier, auf dem _Laurel-Hill_, dem
erhabensten Uebergangspunkt, hat man freilich bei gutem Wetter eine weite
Aussicht. Allein mir ward der frostige Genu zu Theil, ein paar Stunden
lang beschneit zu werden.

Ich eilte durch das Fort _Cumberland_, im Marylander Staat, nach _Oldtown_
oder Cumberland, einer artigen Stadt am Ufer des Potomak; von da nach
_Hamsktown_, _Midletown_ und _Frederiktown_. Alle diese letztern Stdte
sind grtentheils von Deutschen bevlkert, ziemlich ansehnlich, und dem
Anschein nach wohlhabend.

Am 4.November war ich wieder in _Baltimore_. An Unterhaltung htte es mir
auf der langen Meilenstrae, die ich von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende
zurckgelegt hatte, durchaus nicht fehlen knnen, wenn ich zuletzt auch
nur die Menge der Wagen zum Zeitvertreib gezhlt htte, die mir entweder
begegneten, oder die ich einholte und hinter mir lie. Diese Fuhrwerke, wie
Frachtwagen, mit Tuch berspannt, und von vier bis sechs Rossen gezogen,
waren hufig mit Ankmmlingen aus Europa und ihrem Gepck beladen, die
insgesammt dem milden Himmelsstrich des Ohiolandes entgegenzogen. Andere
dieser Wagen, die in derselben Richtung von Osten her kamen, fhrten dem
Innern des Freilandes die Fabrikate und Waaren der Kstenstdte in
Flle zu; so wie hingegen die, welche von Westen her den Meeresgestaden
entgegenreiseten, mit Getreide und andern Erzeugnissen des fruchtbaren
Bodens der westlichen Staaten befrachtet erschienen.

Wohl ber tausend solcher Karren zhlte ich auf der hundert Stunden langen
Strecke Wegs. Auch haben sich lngs der Strae die Gasthfe und Herbergen
sehr vervielfltigt und sie sind insgesammt stark besucht. Eben so sieht
man von Zeit zu Zeit ungeheure Heerden von Rindvieh und Schweinen auf
dieser Strae, die ostwrts den groen Kstenstdten zugetrieben werden, um
sowohl diese als die Schiffe mit Fleisch zu versorgen. Eine solche Heerde
gebraucht zwei Monate Zeit, um aus der Mitte des Ohiolandes bis Baltimore
zu kommen. Und hier wird dann das Vieh lebendig zu vier bis fnf Dollars
der Zentner verkauft, was im Ankauf ein bis zwei Dollar gekostet hatte.




31.

Die Heimkehr.

(4. Nov. bis 11. Dez.)


Um Abschied zu nehmen bei meinen Bekannten, ihre Bestellungen und Auftrge
nach Europa zu empfangen, blieb ich zwei Tage in _Baltimore_, dann eben so
lange in _Philadelphia_ und auch in _New-York_. Hier erfuhr ich, da das
amerikanische Paketboot _Desdemona_, ein Dreimaster von 400 Tonnen, ganz
neu gebaut, am 15.Nov. nach Europa und zwar nach Havre absegeln wrde.
Mir konnte nichts willkommener sein. Ich ward mit dem Kapitn alsbald des
Preises einig, obwohl ich dem Schiffe gern einen glckweissagendern Namen
gewnscht htte, als den der beklagenswrdigen Gemahlin von Shakespears
Othello.

Freunde begleiteten mich noch bis zum Hafen. Ich schied mit verhehlter
Trauer von dem Lande, das mir lieb geworden war. Auf Wiedersehen! rief
ich. Mein Fu ri sich vom Boden der neuen Welt los. Ich stand im Nachen
und fuhr der schnen Desdemona und der alten Welt entgegen. Bald nach mir
kam auch der Befehliger des Schiffs, Kapitn _Naghel_, an Bord.

Ich sa auf einer der ussern Bnke der Kajte und sah dem gefhrlichen
Treiben der Matrosen zu, welche an Seilen und Masten umherkletterten,
Stangen und Segel und Tauwerke zu ordnen und zu ndern. Es wandelte mich
ein Grausen an bei diesem Schauspiel, wo die Menschen, gleich Spinnen, auf
Fden liefen. In demselben Augenblick fiel einer der Matrosen, der sich
droben nicht fest genug gehalten haben mochte, aus der Hhe herab. Doch
durch die Bewegung, welche eben vom Schiff gemacht ward, glaubte ich
ihn gerettet; denn er fiel nicht ins Fahrzeug, sondern ins Meer.
Unglcklicherweise aber befand sich da noch das Kanot, auf dem der Kapitn
gekommen war. Der Matrose strzte hinein, durchbrach den Boden. Zwei andere
Matrosen mit Seilen strzten sich ihm sogleich ins Wasser nach und
brachten ihn endlich aufs Verdeck. Er war ohne Bewutsein und schien ganz
zerschmettert.

Ein Gegenwind, der jede Minute an Strke wuchs, machte die Ausfahrt vom
New-Yorker Hafen schwierig. Der Kapitn frchtete die Untiefen, Sandbnke
und Klippen, und lie umwenden. Wir kehrten in den Hafen zurck und warfen
Anker. Unterdessen war der unglckliche Matrose wieder zu sich selbst
gekommen. Er jammerte und schrie erbrmlich. Der Kapitn lie ihn auf einem
Nachen zur Stadt und dann ins Hospital bringen. Ja, weil der Gegenwind
nicht aufhrte, ging Hr.Naghel selbst in die Stadt, den bedauernswerthen
Kranken zu versorgen und dessen Stelle durch einen andern zu ersetzen.

Als er folgendes Morgens wieder aufs Schiff kam, vernahm ich, da der
Matrose eine sehr bse Nacht gehabt habe. Der Kapitn meinte, das sei ein
bles Vorzeichen fr unsere Reise. Der Name der schnen Desdemona deutete
auch auf nichts Besseres.

Aber das focht mich wenig an. Ich befand mich hier auf dem Paketboot weit
bequemer, als auf dem Hyperion, mit dem ich nach Amerika gekommen war. Bei
den besten Einrichtungen der Desdemona fr ihre Reisenden waren wir doch
nur unserer zwei Reisende, um acht Zimmer mit zwei Betten einzunehmen. Dazu
kam mir freilich die Jahreszeit zu statten. In jeder andern Zeit sind bei
vierzig Personen an der ersten Tafel, fr die der unvernderliche Preis auf
dreiig Louisd'or festgesetzt ist; so wie fnfzehn Louisd'or fr Reisende
am zweiten Tisch, mit Wohnung im Zwischenverdeck; und sieben Louisd'or fr
Tisch und Wohnung gemein mit den Matrosen.

Die Bemannung der Desdemona bestand aus dem Kapitn, zwei Lieutenants,
vierzehn Matrosen, zwei Stewards und einem Koch. Der Grund einer so
zahlreichen Schiffsmannschaft, whrend nur zwei Reisende waren, lag
ebenfalls wieder in der Jahreszeit, welche die reichste an Strmen zu sein
pflegt. Das Schiff bedarf grerer Sorgfalt und die Reisenden scheuen sich,
mit einem schlechtbemannten Fahrzeug zu gehen. Auch steht um solche Zeit
die Prime der Schiffsversicherung, wegen mglicher Unflle in Orkanen,
betrchtlich hher. Die diesmalige Ladung der Desdemona brigens bestand
aus Kolonialwaaren, besonders Tabak.

Die Paketboote haben ihren regelmigen Dienst zwischen Amerika und Europa,
der von Jahr zu Jahr bestimmt wird. Zwischen New-York und Havre waren in
jenem Jahr zwlf dergleichen Fahrzeuge thtig, nmlich: Cadmus, Eduard
Quesnel, Lewis, Desdemona, Eduard Bonaffe, die Knigin Mab, Don Quixotte,
Howard, Heinrich, Montano und Stephania.

Der Herbst ist eigentlich fr Amerika die schne Jahreszeit. Die Amerikaner
nennen ihn daher den _Indianer-Sommer_, oft auch nur den _Bltterfall_.
In der That, bis zum 15.Nov. lachte ber uns herab der herrlichste Himmel;
aber am 16.Nov., eben am Tag unserer Abreise von New-York, berzog er sich
mit Gewlken; das Wetter wurde unangenehm und drohend. Wir gebrauchten
vier Stunden, um aus dem Hafen zu kommen; muten beim Gegenwind uns langsam
drehen und wenden, um Sandbnken und Klippen auszuweichen, und traten erst
zu Mittag ins offene Meer.

In den ersten paar Tagen war der Wind uns ziemlich gnstig und ertrglich;
dann aber wuchs seine Gewalt; jeden Tag, jede Stunde kam ein anderer Sto
und Luftstrom. Wir machten dabei viel Weg in kurzer Zeit, aber nicht auf
die angenehmste Art. Das Meer gewhrte einen finstern, wilden, ghrenden
Anblick mit seinen lrmenden Wogen.

Das erste Unwetter, das wir zu bestehen hatten, kam uns aus Norden her, und
daher also, rcksichtlich unserer Fahrt und Richtung, gar nicht ungelegen.
Der Sturm dauerte zwlf Stunden. Alle Segel waren beigelegt, bis auf zwei,
die man auch nur zur Hlfte ffnete. In einer Stunde flogen wir ber drei
Wegstunden oder zehn Seemeilen. Mich unterhielt das Gewirr und Spiel der
gewaltigen Wellen, wie sie sich, wei, wie Schnee, aufbumten in langen
Reihen, und weite, dunkle Furchen zwischen sich lieen. Es waren bewegliche
Gletscherketten durch finstere, lange Thler geschieden. Wenn das Schiff
an einem Wasserberg aufstieg, dann und weit hastiger in ein Wellenthal
niederfuhr und einer neu heranrauschenden, sich thrmenden Wassermasse mit
mchtigem Sto begegnete, schien das erbitterte Meer wthend aufzufahren,
um das gebrechliche Fahrzeug zu verschlucken. Es war ein prachtreiches,
aber zugleich grausenhaftes Schauspiel.

Der zweite Sturm erschien uns wenige Tage nachher, ebenfalls von Norden
her; aber widerwrtig fr unsere Richtung. Er drngte uns volle zwei Grad
sdwrts. Die Wogen kamen von der Seite, und schlugen so gewaltig gegen die
Rippen des Schiffes, da sie des Nachts wie Kanonendonner andrhnten. Das
Fahrzeug krachte jedesmal in allen Fugen, als brche es auseinander. Von
Zeit zu Zeit fuhren die Wellen leckend ber das Verdeck hin.

Der dritte und letzte Sturm -- sonst sollen nur der _guten_ Dinge drei sein
-- berfiel uns auf der Hhe vom _Cap Finisterre_, am Eingang der Meerenge
von Calais. Das was mehr als Sturm, es war Orkan. Der grimmige Ozean glich
sich gar nicht mehr; hatte seine ganze Farbe verndert; sah schauderhaft
grauschwarz aus. Ein schmutziges Grauschwarz bedeckte ber uns den Himmel,
und ein falbes Wlkchen ffnete sich nur hin und wieder hell, um jene
Grabesfarbe recht deutlich zu zeigen.

Der Kapitn lie schnell alle Segel einziehen. Aber ehe man noch damit zu
Ende war, fuhren, wie Blitze, Windste um Windste mit einer Macht daher,
die Alles wegzureissen schienen. Der Wasserstaub hochaufsprudelnder Wogen
wehte ber Verdeck und Bord. Das Schiff legte sich taumelnd bald auf die
eine, bald auf die andere Seite. Der Kapitn konnte sich im Geheul und
Gelrm der Wellen, dem Zischen und Pfeifen des Windes in Seilen, Tauen und
Masten, den Matrosen durchaus nicht verstndlich machen. Er lief von einem
zum andern, that endlich einen bsen Fall, verlor die Besinnung und mute
in die Kajte getragen werden.

Als er wieder einigermaen zu sich selbst gekommen war, nahm er die Charte
und Magnetnadel. Ich trat zu ihm, als er mit dem Zirkel ma. Ich wagte
nicht, ihm eine Frage zu thun, denn seine Unruhe malte sich zu deutlich im
Gesicht.

Gegen eilf Uhr Nachts meldete der Lieutenant, er habe Licht von den
Leuchtthrmen an der Kste gesehen. Der Wind trieb uns gegen die Kste zu.
Ich ging aufs Verdeck. Nacht, Graus, donnerndes Brllen der Elemente; unter
uns, ber uns, um uns Alles Bewegung; Alles Aufruhr; nichts Festes mehr;
Weltuntergang. -- Nun wute ich, was Orkan auf dem Meere sei; ich hatte
sonst manchmal davon gelesen. Aber es war und blieb ein groes Schauspiel.
Ich sah in diesen Augenblicken nur die grauenvolle Majestt der mir
unbekannten Erscheinungen; die Furcht ums arme Leben plagte mich nicht,
kam eigentlich erst hintennach, da sie gar nicht mehr nthig war. Mein Herz
schlug ruhig. Meine Brust ward nur vom Erstaunen bewegt.

Nach Mitternacht, um zwei Uhr, kamen wir der Kste schon so nahe, da ich
ganz deutlich den rothen Laternenblitz der Leuchtthrme sah. Es donnerten
fort und fort Wind und Wogen; die Menschen aber wurden stumm. Die Matrosen
lieen sich nicht mehr hren. Menschliche Kunst und Kraft standen an den
Grenzen ihres Gebiets. Rettung mute von der Hand des Weltenregierers
erwartet werden.

Eine hangende Lampe erhellte das Zimmer der Kajte mit bleichem, ungewissem
Schein. Ich stand da beim Kapitn. Er erzhlte mir nun vom Schiffbruch des
amerikanischen Paketboots, der _Paris_, Kapitn _Robinson_, das damals
seine zweite Reise machte. Zu allem Ueberflu holte er noch die Abbildung
von jenem unglcklichen und schnen Fahrzeug hervor, und zeigte mir sie.
Merkwrdiger war mir die Aehnlichkeit aller Umstnde zwischen jenem Schiffe
und dem unsrigen; man denke nur, dieselben Strme von nmlicher Seite her,
und dieselben Ksten, wo es scheiterte.

Ich hrte ihn ruhig erzhlen, als gingen uns diese Dinge nichts an. Wir
sind in Gottes Gewalt und Liebe, ob ein Abendlftchen wollstig seufze
oder ein Sturm brlle. Htte ich nur die Zaubermacht des Seemalers _Horaz
Vernet_ gehabt; htte ich nur die gruelvolle Weltemprung um mich her, die
sich aufbumenden Wassermassen, den zischenden Schaumschwall, die schwarzen
Abgrnde dazwischen, Flug und Bewegung aller Dinge, die Umwandlung der
schauerlichen Erscheinungen von Augenblick zu Augenblick malen knnen! Ich
ging um drei Uhr wieder hinaus, die ungeheure Verwirrung der Dinge, der
Auflsung eines Weltballs hnlich, zu schauen. Ich mochte mir nicht die
Einbildung mit Erzhlungen von Noth und Jammer qulen lassen. Der Anblick
der Natur in ihren schreckenvollen Werken ist erhabener, als jedes Bild
der gemrterten Phantasie, und selbst die Gefahr vor dem Auge hat etwas
Feierliches, Edles, was die Furcht, in der Vorstellung von ihr, nicht
wiedergibt.

Immer noch, als ich wieder in die Kajte zurckkam, stand der Kapitn mit
Zirkel und Charte da und ma und rechnete. Nun erzhlte er mir wieder
eine ganze Reihe von Schiffbrchen seiner zeitgenssischen Kapitne, seit
ohngefhr fnfzig Jahren.

Pltzlich unterbrach uns ein eigenes Geschrei der Matrosen. Des Kapitns
Gesicht legte sich sogleich in zufriedenere Falten. Er ging und sagte:
Jetzt nderts! -- Die zwei Worte thaten mir, nach der langen Historie von
den gescheiterten Schiffen, herzlich wohl. Ich mchte es nicht lugnen.

Ich ging hinaus, das Rufen und Schreien der Matrosen dauerte fort. Ich sah,
man rollte die Segel auf. Jetzt vllig beruhigt, legte ich mich schlafen.
Bei Tagesanbruch kam der Kapitn und sagte, wir wren in der Nhe von den
Inseln Jersei und Guernesei. -- Ich wollte die Freude auch sehen, und sah
im Wasser umher Trmmer von Schiffen. Wir erfuhren spterhin, es wren zwei
Kstenfahrer untergegangen.

Endlich und endlich Morgens zehn Uhr am 11.Dezember hatten wir einen
Piloten am Bord, und Nachmittags um halb vier Uhr waren wir im Hafen von
_Havre de Grace_.

Was bleibt mir noch zu erzhlen? -- Ich war Weihnachten bei meinen Lieben
in der lieben Heimath. Ich hatte Wort gehalten. Meine Reise ging wie ein
Traum aus.

That ich recht, auch Andern, wie meinen Lieben, davon zu erzhlen? --
Wahrlich, ich wei es nicht. Uebrigens kmmt die Frage nun hintennach zu
spt. Ich htte sie voran thun sollen. Es trstet mich, da jeder das Recht
hat, seine Ohren zu schlieen, der nicht zuhren mag. So bin ich auf jeden
Fall Niemandem mit meiner Plauderei beschwerlich. -- Mein Besuch der
neuen Welt hat mir hohen Genu gewhrt und freut mich in den Bildern der
Erinnerung noch heut.




Im Verlag von _Heinr. Rem. Sauerlnder_ in Aarau erscheinen folgende
neue Schriften:

  Mein _Besuch Amerikas_ im Sommer 1824.            1 fl. 30 kr. -- 1 Thlr.

  _Erheiterungen_, herausgegeben von _H. Zschokke_ fr 1827.
                                             8 fl. 15 kr. -- 4 Thlr. 20 gr.

  _Franz_, interessante Zge aus dem Jugendleben u.s.w.
                                                            1 fl. -- 16 gr.

  _Gtzinger_, deutsche Sprachlehre fr Schulen.           54 kr. -- 14 gr.

  Dessen praktische Aufgaben zur Einbung derselben.       36 kr. -- 10 gr.

  (Beide Abtheilungen zusammen bilden ein Ganzes, und kosten
        1 fl. 30 kr. -- 1 Thlr.)

  _Hirzels_ franz. Grammatik. 4te Aufl.                    54 kr. -- 14 gr.

  Dessen franz. Uebersetzungsbuch.                         45 kr. -- 12 gr.

  Dessen franz. Schulwrterbuch.                     1 fl. 36 kr. -- 22 gr.

  (Diese 3 Schulbcher kosten zusammen 3 fl. 15 kr. -- 2 Thlr.)

  _Lutz_, Beschreibung des Schweizerlandes. 3 Bnde. 2te Aufl.
                                                           6 fl. -- 4 Thlr.

  _Schweizerbote_, eine Wochenschrift fr 1827.
                                       netto 3 fl. 20 kr. -- 1 Thlr. 21 gr.

  _Stunden der Andacht_, 8 Bde. in groem Druck, 12te Aufl. auf Schreibp.
                                                  16 fl. 30 kr. -- 11 Thlr.

  -- -- auf wei Druckp.                            11 fl. -- 7 Thlr. 8 gr.

  -- -- auf ord. Druckp.                     8 fl. 15 kr. -- 5 Thlr. 12 gr.

  _Unterhaltungsbltter_ fr Welt- und Menschenkunde fr 1827.
                                                          12 fl. -- 8 Thlr.




Druckfehler.


  Seite 18 Z.  1 u. 2 v. u. l. von Charl[e]stown nach Amsterdam, statt
                               von Amsterdam nach Charl[e]stown.

    --  21 Z. 10 l. Mittags, st. Mitternachts.

    --  -- Z.  1 v. u. l. Queen-Maab, st. Queen-Maal.

    --  58 Z.  9 l. =the Maryland=, st. Lac Maryland.

    --  59 Z.  1 l. =sweah patatoes=[sic], st. Sweat-Patators.

    --  61 Z.  1 v. u. l. 12,508,000 Einwohner, st. fnfzehn Millionen
                          [Seelen].

    --  71 Z.  1 v. u. l. Brighton, st. Bigbone. [Anm.: Namen hier
                          vertauscht]

    --  78 Z. 12 l. Rariton, st. Bariton.

    -- 113 Z. 10 l. Mohawkflu߫, st. Mohanokflu.

    -- 119 Z. 11 l. Manlieus, st. Mansieu.

    --  -- Z. 20 l. Skenektedes, st. Kenektedes.

    -- 132 Z.  9 l. Blackrock, st. Blakwek.

    -- 176 Z. 10 v. u. l. Athens, st. Athen.

    -- 180 Z. 15 l. Scioto-Strom, st. Scioko-Strom.

    -- 193 Z. 14 l. Flatboat, st. Flazboat. [und Z. 5 v. u.]

    -- 194 Z. 17 l. Morero, st. Morin.

    -- 202 Z. 11 l. aus dem Neuenburgerlande, st. aus dem Waatlande.

    -- 202 Z. 15 l. Guinand, st. Guinaud.

    -- 204 Z.  3 v. u. und Seite 205 [Z. 6] v. o. l.
                    Sugarcreek, st. Sugaroreak.

    -- 212 Z.  7 l. Turkycreek, st. Turbynek.

    -- 221 Z. 18 l. =Help your self=, st. =Help you self=.

    -- 228 Z.  7 l. Potalia, st. Potalin.

    -- 230 Z. 13 l. =wonderfull=, st. =wondertull=.

    -- 238 Z. 10 l. Laurel-Hill, st. Samuel-Hill.




Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription
werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift=
hervorgehoben.

Der Text des Originalbuches wurde grundstzlich beibehalten, einschlielich
uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "Bai" -- "Bay", "Cajte"
-- "Kajte", "Delavare" -- "Delaware", "Feste" (Festung) -- "Veste",
"Getraide" -- "Getreide", "gibt" -- "giebt", "hieher" -- "hierher",
"Kapitain" -- "Kapitn", "New York" -- "New-York" -- "Newyork", "ohngefhr"
-- "ungefhr", "Partei" -- "Parthei", "Tamoak" -- "Tomoak", "Utica" --
"Utika",

mit folgenden Ausnahmen,

  Seite 7:
  "hiel-" gendert in "hielten"
  (Einige von den Pfiffigsten hielten mich offenbar)

  Seite 12:
  "Groe" gendert in "Gre"
  (Kisten von aller Form und Gre, Waarenballen)

  Seite 12:
  "Wassenbecken" gendert in "Wasserbecken"
  (Das groe Wasserbecken war geschlossen)

  Seite 15:
  "Schiffkapitn" gendert in "Schiffskapitn"
  (mit dem Schiffskapitn, einem Amerikaner)

  Seite 20:
  "nnd" gendert in "und"
  (prellenden und schnellenden Wirthen)

  Seite 29:
  "Gemuth" gendert in "Gemth"
  (da sie aus reinem, frommem Gemth hervorging)

  Seite 47:
  "Meranville" gendert in "Moranville"
  (wegen dem Tode eines Herrn _Moranville_ gehalten)

  Seite 56:
  "Vortrgen" gendert in "Vertrgen"
  (wurden von den eingegangenen Vertrgen frei gemacht)

  Seite 60:
  "Slops" gendert in "Sloops"
  (Eine Menge Schiffe, Sloops und anderer Fahrzeuge begegneten uns)

  Seite 72:
  Halbsatz ganz gestrichen, weil auf Seite 73 doppelt vorhanden
  (_New-York_ bei damals etwa 120,000 Einw. dreiundfnfzig Kirchen;)

  Seite 80:
  "Bariton-Ufer" gendert in "Rariton-Ufer" entspr. Druckfehler-Verzeichnis
  (Nachdem wir noch am linken Rariton-Ufer)

  Seite 84:
  "Governor-Ellis" gendert in "Governor-, Ellis-"
  (Governor-, Ellis- und Gill-Island, worauf Vesten zur Vertheidigung)

  Seite 100:
  "Bariton" gendert in "Rariton" entspr. Druckfehler-Verzeichnis
  (wohnte auf einem Landgut am Ufer des Rariton)

  Seite 103:
  "Champlansee" gendert in "Champlainsee"
  (den Hudson hinauf durch den Georgs- und Champlainsee)

  Seite 104:
  "Orange-Towa" gendert in "Orange-Town"
  (am Stdtchen _Orange-Town_, dreizehn Stunden von Newyork)

  Seite 108:
  "Skenestady" gendert in "Skenectady"
  (nahm einen Reisewagen, bernachtete in Skenectady)

  Seite 112:
  "Skenetady" gendert in "Skenectady"
  (In _Skenectady_, wo ich einen Preussen)

  Seite 114/115:
  "Whisby" gendert in "Whisky"
  (9094 Gallonen Whisky)

  Seite 114/115:
  "Bret-" gendert in "Brett-"
  (Brett- und Zimmerholz)

  Seite 125:
  "Alleghanij" gendert in "Alleghany"
  (von denen die Alleghany-Berge aufgeschichtet sind)

  Seite 138:
  "ugten" gendert in "sugten"
  (zwei andere sugten ihre Kinder)

  Seite 139/140:
  "Whisk" gendert in "Whisky"
  (ihrem Whisky (oder Meth))

  Seite 145:
  "Irokosen" gendert in "Irokesen"
  (sonst allein vom Geheul der Irokesen)

  Seite 146:
  "an- ansiedeln" gendert in "ansiedeln"
  (Wer sich da ansiedeln will, ist gehalten)

  Seite 152:
  "Nu-Orleans" gendert in "Neu-Orleans"
  (Von Neu-Orleans, den Missisippi und Ohio herauf)

  Seite 155/156:
  "fahrt" gendert in "fhrt"
  (kein Dampfboot, wegen zu niedrigen Wasserstandes, fhrt)

  Seite 157:
  "insgsammt" gendert in "insgesammt"
  (insgesammt stammten sie frisch aus Deutschland, England)

  Seite 172:
  "Millonen" gendert in "Millionen"
  (ein Jahr ins andere sechs bis sieben Millionen Dollars abwirft)

  Seite 173:
  "Schazkammersekretair" gendert in "Schatzkammersekretair"
  (der Schatzkammersekretair hat jhrlich nur)

  Seite 175:
  "Nachbaren" gendert in "Nachbarn"
  (von einem der christlichen Nachbarn ganz unerwartet)

  Seite 183:
  "pielt" gendert in "spielt"
  (auf welcher Herr Dorfeuil meisterhaft spielt)

  Seite 185:
  "Cicinnati" gendert in "Cincinnati"
  (Wir waren Mittags von Cincinnati abgefahren)

  Seite 193:
  "Fluaufwarts" gendert in "Fluaufwrts"
  (Fluaufwrts wird es nie wieder gebracht)

  Seite 210:
  "." eingefgt
  (immer waren die Negerinnen schuld.)

  Seite 211:
  "Irrlnder" gendert in "Irlnder"
  (Ueber meinen Irlnder hatte ich, soviel mich betraf)

  Seite 212:
  "Portsmuth" gendert in "Portsmouth"
  (noch vierzehn Wegstunden bis _Portsmouth_ zurckzulegen)



***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK MEIN BESUCH AMERIKA'S IM SOMMER
1824***


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  Literary Archive Foundation."

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  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
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  works.

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  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
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  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
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trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
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trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary 
Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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