The Project Gutenberg EBook of Walther von der Vogelweide, by Ludwig Uhland

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Title: Walther von der Vogelweide
       Ein altdeutscher Dichter

Author: Ludwig Uhland

Release Date: January 26, 2015 [EBook #48086]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WALTHER VON DER VOGELWEIDE ***




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                      Walther von der Vogelweide

                                  Ein

                        =altdeutscher Dichter=,

                              geschildert

                                  von

                            =Ludwig Uhland=.


                                  Herr Walther von der Vogelweide,
                                Wer des vergsse, tht' mir leide.
                                                     =Der Renner=.

                        =Stuttgart und Tbingen,
                 in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung.
                                 1822.=




Vorrede.


Der Dichter, dessen Leben und Charakter darzustellen ich unternommen
habe, schien mir vorzglich geeignet, diejenige Richtung fr das
Erforschen der altdeutschen Poesie zu bezeichnen; welche, nach meinem
Dafrhalten, noch mit besondrem Eifer zu verfolgen ist, wenn ein
lebendiges und vollstndiges Bild von dem dichterischen Treiben jenes
Zeitalters hervortreten soll.

Neben den grndlichen Bemhungen, welche der Sprachkenntni, als
der ersten Bedingung des Verstndnisses, zugewendet worden sind,
hat vornehmlich die Erforschung des Gemeinsamen, des poetischen
Gesammteigenthums in Sage, Bild und Wort, bedeutende Fortschritte
gemacht. Mit weniger Liebe und Erfolg ist das Besondre behandelt
worden, wie es aus der Eigenthmlichkeit von Zeit und Ort, aus der
persnlichen Anlage und Neigung des Dichters, hervorgeht.

Beiderlei Richtungen sind aber gleich nothwendig. Sowenig der
allgemeine Zusammenhang aller Poesie zu mikennen ist, eben so wenig
kann die Schpferkraft, die stets im Einzelnen Neues wirkt, gelugnet
werden. Es giebt eine Ueberlieferung von Geschlecht zu Geschlecht; es
gibt eine freie Dichtung begabter Geister. Beides mu die Geschichte
der Poesie zu wrdigen wissen.

Die sorgfltige Beachtung dieses Besondern darf am wenigsten versumt
werden, wenn in jene reichhaltigen Liedersammlungen aus dem deutschen
Mittelalter, welche noch als verworrene Masse vor uns liegen, Licht
und Ordnung kommen soll. Diese Sammlungen enthalten, bei allem
Gemeinsamen in Form und Gegenstand der Dichtung, gleichwohl eine groe
Manigfaltigkeit von Dichtercharakteren, eigenthmlichen Verhltnissen
und Stimmungen, persnlichen und geschichtlichen Beziehungen. Gerade
diejenigen Lieder, welche sich mehr im Allgemeinen halten und darum
auch am leichtesten verstanden werden, sind vorzugsweise bekannt
geworden und muten denn auch dieser ganzen Liederdichtung den Vorwurf
der Eintnigkeit und Gedankenarmuth zuziehen. Diejenigen dagegen, deren
Beziehungen eigenthmlicher und tiefer sind, blieben so ziemlich ihrem
Schicksal berlassen.

Davon will ich hier nicht ausfhrlicher sprechen, wie die
Zeitgeschichte berhaupt, das merkwrdige Zeitalter der Hohenstaufen,
das uns Jahrbcher und Urkunden nur in politischer Starrheit
darstellen, wie dieses erst die rechte Farbe und Lebenswrme gewinnt,
wenn wir es in der Einbildungskraft und dem Gemthe der Dichter
abgespiegelt sehen.

Vom Thunersee bis zur Insel Rgen, vom adriatischen Meere bis nach
Brabant ziehen sich die Straen des altdeutschen Gesanges. Ueberall
Frstenhfe und Ritterburgen, Stdte und Klster, wo Snger und
Sangesfreunde hausen oder herbergen. Es liee sich eine reiche
Landkarte des poetischen Deutschlands im Mittelalter entwerfen.
Von keinem aber aus der Zahl dieser Snger drfte die Forschung
zweckmiger ausgehen, als von =Walther von der Vogelweide=, der auf
seinen vielfachen Wanderungen allwrts Berhrungen anknpft und dessen
langes, liederreiches Leben einen fr die Poesie so merkwrdigen
Zeitraum umfat.

Wenn ich den Werth dieses Dichters hervorhebe, so berhre ich nicht
etwas Neues und bisher Unbeachtetes. Von =Bodmer= (Proben der alt.
schwb. Poesie &c. Zrich 1748. Vorber. S. 33 ff.) bis auf die
neueste Zeit haben manche Literatoren die dichterische Kraft und die
Vielseitigkeit desselben, sowie seine Bedeutung fr die Zeitgeschichte,
mit mehr oder weniger tiefem Verstndni, erkannt und angerhmt[A].
Von =Gleim= (Gedichte nach Walth. v. d. Vogelw. 1779) bis auf
=Tieck= (Minnelieder &c. Berl. 1803) und Sptere ist manches seiner
Lieder durch Bearbeitung oder Uebertragung in die neuere Sprache den
Zeitgenossen nher gerckt worden. Gleichwohl fehlt es noch an einer
umfassenderen Darstellung seines Lebens und Wesens.

[ A] Das Treffendste, was mir bekannt ist, hat ber ihn ein
     Gelehrter gesprochen, dem man sonst die Ueberschtzung der
     Dichterwerke des Mittelalters nicht vorwirft, =Bouterwek=,
     in seiner Gesch. d. Poes. u. Beredsamk., Bd. IX S. 107 ff.:
     Einer der vorzglichsten unter diesen ersten und unter allen
     deutschen Minnesingern ist =Walther von der Vogelweide= aus
     einer adeligen Familie im Thurgau. -- Aus seinen volltnenden,
     krftigen und lieblichen Gesngen spricht ein wahrhaft
     lyrisches Genie. Selbst religise Gegenstnde behandelt er
     glcklicher, als die meisten seiner Zeitgenossen. Auch war er
     reicher an Gedanken, als sie. Ihm schwebte, wie jedem groen
     Dichter, auch ohne philosophische Meditation, das =Ganze= des
     menschlichen Lebens vor. Gewhnlich haben seine Darstellungen
     etwas Mahlerisches. Einige seiner Gesnge in langen Zeilen
     nhern sich dem metrischen Charakter des Sonetts. Einige nehmen
     einen hohen feierlichen Schwung; andere gehen den leichten,
     raschen Schritt des muntern Volksliedes; noch andere sind mit
     einer fast epigrammatischen Feinheit ausgefhrt. Weinerliche
     Klage war nicht dieses Dichters Sache; aber im Preise der
     Frauen ist er unerschpflich. Doch das poetische Verdienst des
     trefflichen Walthers von der Vogelweide ist einer ausfhrlichen
     Analyse werth, zu der sich hier kein Raum findet. Noch
     verdient sein =Vaterlandsgefhl= bemerkt zu werden. Einige
     seiner Gedichte haben das ffentliche Wohl Deutschlands zum
     Gegenstande. Im Volkstone hat er das Lob des deutschen Namens
     gesungen.

Man wird behaupten, durch eine kritische, mit den verschiedenen
Lesarten und den nthigen Erklrungen ausgestattete, das Unchte vom
Aechten ausscheidende und den vielfach gestrten Rhythmus in seiner
Reinheit herstellende Ausgabe seiner Lieder wrde das Beste fr den
alten Dichter geschehen. Weit entfernt, das Verdienstliche und die
Wichtigkeit eines solchen Unternehmens zu mikennen[B], bin ich doch
der Meinung, da nur dann jedes Einzelne sein rechtes und volles
Licht erhalten knne, wenn erst der Geist und Zusammenhang des Ganzen
gehrig erkannt ist. Fr eine Ausgabe der Lieder aber wrde nicht die
Zusammenstellung nach der Zeitfolge, welche bei einem groen Theile
derselben ohnehin nicht bestimmbar ist, oder nach der Verwandtschaft
der Gegenstnde, sondern vielmehr die Anordnung nach den =Tnen= die
schicklichste seyn.

[ B] Eine neue Ausgabe smmtlicher Gedichte Walthers hat =Kpke=,
     der Herausgeber von Barlaam und Josaphat, zugesagt. S.
     =Bschings= Wchentl. Nachrichten &c. Bd. IV 1819 S. 12.
     Vorarbeiten hat auch =Lachmann=, in seiner Auswahl aus den
     hochdeutschen Dichtern des 13. Jahrh. Berl. 1820 S. 178-203,
     geliefert.

Weil brigens der Dichter doch nur aus seinen Liedern vollstndig
begriffen wird und weil Walthers Lieder gerade die Hauptquelle sind,
woraus wir ber seine Lebensumstnde Aufschlu erhalten, so habe
ich berall die Gedichte selbst oder doch bezeichnende Stellen aus
denselben in die Darstellung verwoben.

Die Form, in der ich diese Gedichte liefre, mute durch den Zweck
der ganzen Arbeit bestimmt werden. Sie muten vor Allem verstndlich
seyn. Es war hier nicht sowohl um die sprachliche Beziehung, als um
die Aufklrung ber Schicksal und Charakter des Dichters zu thun.
Darum whlte ich den Weg der Uebertragung aus der lteren Mund- und
Schreibart in die neuere.

Nicht unbekannt ist mir, wie wenig dieses Verfahren bei grndlichen
Kennern des deutschen Alterthums empfohlen ist. Es gehen dabei
manche Feinheiten der alten Sprache verloren und nicht geringere
Schwierigkeit, als die gnzlich veralteten Formen und Worte,
bieten hufig diejenigen dar, welche, noch jetzt gangbar, ihre
Bedeutung mehr oder weniger verndert haben und dadurch zum blossen
Scheinverstndnisse verleiten knnen, wie solches besonders in
=Benecke's= trefflichem Wrterbuche zum =Wigalois= gezeigt ist.
Auf der andern Seite ist Manchen auch die leichteste Abweichung vom
gegenwrtigen Sprachgebrauche unertrglich.

So wenig ich nun hoffen durfte, zwischen diesen Klippen ohne Ansto
hindurch zu schiffen, so konnte ich doch jene Behandlungsweise nicht
umgehen. Die Gedichte selbst in die Darstellung aufzunehmen, war
mir wesentlich; mit der alten Schreibart aufgenommen, wrden sie
aber umstndliche, den lebendigen Zusammenhang allzu sehr strende
Erluterungen erfordert haben. Um jedoch berall die Vergleichung zu
erleichtern, ist bei jedem ganz oder theilweise ausgehobenen Liede
nachgewiesen, wo dasselbe in der Urschrift zu lesen sey.

Bei jener Uebertragung war es auch keineswegs auf eine Umarbeitung,
am wenigsten auf anmaliche Verschnerung, angelegt. Ueberall habe
ich das Alterthmliche zu erhalten gesucht. Nur wenige, ganz veraltete
Formen sind umgangen worden. Veraltete Worte habe ich vorzglich dann
vermieden, wenn sie den Eindruck des Ganzen zu stren drohten. Andre,
besonders solche, die sich zur Wiedereinfhrung empfehlen, habe ich
lieber erklrt, als mit neueren vertauscht. Manchen Lesern mag noch
jetzt Mehreres zu fremdartig lauten. Es gehrt jedoch keine sehr
groe Entusserung dazu, hin und wieder einmal =Arebeit=, =Gelaube=,
=Pabest=, =unde=, =sicherlichen=, =meh=, =sach= &c. statt =Arbeit=,
=Glaube=, =Pabst=, =und=, =sicherlich=, =mehr=, =sah= &c. zu lesen oder
auch einige unvollstndige Reime zu dulden, z. B. =schne= auf =Krone=,
die sich aber in der alten Sprache vollkommen ausgleichen.

Absichtlich wurden meist solche Stcke ausgehoben, welche an sich
leichter verstndlich sind, was glcklicher Weise gerade bei den besten
grtentheils der Fall ist. Von andern sind Auszge oder auch nur eine
kurze Andeutung ihres Inhalts gegeben. Dabei darf ich nicht verhehlen,
da einige Stcke, auch nach Einsicht der verschiedenen Handschriften,
mir noch rthselhaft geblieben sind. Die beigefgten Wort- und
Sacherklrungen habe ich meist nur auf das Nthigste beschrnkt und
mein Augenmerk darauf gerichtet, da jedes Gedicht, so viel mglich,
schon durch den Zusammenhang in den es gestellt ist, seine Erluterung
erhalte.

Im Verlaufe meiner Darstellung mute ich auf Verschiedenes stossen,
was noch sehr einer genaueren Untersuchung bedarf, wie z. B. der Krieg
zu Wartburg, Nithart &c. Aber eben weil diesen Gegenstnden noch
eigene, weitgreifende Forschung gewidmet werden mu, habe ich mich
auf dieselben nur soweit eingelassen, als sie den meinigen unmittelbar
berhren. Man wird sich ihnen noch von mehreren Seiten nhern mssen,
bevor man sich ihrer vllig bemchtigt.

Hauptquellen, die ich bentzt habe, sind:

1) Die =Manessische= Sammlung, nach =Bodmers= Ausgabe, welche im
I. Thl. von S. 101-142 den reichsten Schatz von Gedichten Walthers
enthlt. Sie ist im Folgenden durch =Man.= bezeichnet und, weil sie
am meisten zugnglich ist, auch da angefhrt, wo Lesarten aus andern
Handschriften gewhlt wurden.

2) Die =Weingartner= Handschrift von Minnesngern, (mit W. =Hds.= von
mir bezeichnet,) wahrscheinlich lter als die Manessische, jetzt in der
Knigl. Privatbibliothek zu Stuttgart befindlich. Sie enthlt von S.
140-170 112 Strophen unsres Dichters.

3) Die =Pflzer= Handschrift Nr. 357 (=Pf. Hds.= 357), aus dem Vatikan
nach Heidelberg zurckgebracht. Von Bl. 5b bis 13b giebt sie unter
Walthers Namen 151 Strophen. Weiterhin, von Bl. 40 an, folgt, von
andrer Hand geschrieben, noch mehreres diesem Dichter Angehrige.

4) Die =Pflzer= Handschrift Nr. 350 (=Pf. Hds.= 350), mit 18 Strophen.

Vermit habe ich vorzglich die =Wrzburger= Liederhandschrift, jetzt
zu Landshut, und die (verschollene?) =Kolmarer=, in welchen gleichfalls
Gedichte von Walther enthalten sind.

Gegenwrtiger Versuch ist eine Vorarbeit zu einer greren Darstellung
in diesem Fache. Um so erwnschter wird mir seyn, was dazu beitrgt,
den Gegenstand desselben vollstndiger aufzuklren.

                      Walther von der Vogelweide.




Erster Abschnitt.

Einleitung. Des Dichters Herkunft. Die Snger
des Thurgaus. Friedrich von Oesterreich.
Des Dichters Jugend.


=Walther von der Vogelweide= ist einer von den Meistern deutschen
Gesangs, die einst, wie die Sage meldet, auf der Wartburg wettgesungen.
Ebenso ist er Einer der Zwlfe, von denen spt noch die Singschule
gefabelt, da sie in den Tagen Otto's des Groen gleichzeitig und doch
Keiner vom Andern wissend, gleichsam durch gttliche Schickung, die
edle Singkunst erfunden und gestiftet haben.

Wenn Einige, die auf hnliche Weise mit ihm genannt werden, im
Halbdunkel solcher Ueberlieferung zurckgeblieben sind und hchstens
durch Vermuthung mit noch vorhandenen Dichterwerken in Verbindung
gesetzt werden knnen, so ist dagegen kaum einer von den Dichtern
des Mittelalters so mit seinem eigensten Leben in unsre Zeit herber
getreten, als eben dieser Walther von der Vogelweide.

Nicht als ob die Geschichte seinen Wandel auf Erden in ihre Jahrbcher
aufgenommen htte oder als ob alte Urkunden von seinen Handlungen
Zeugni gben, wie die bei andern seiner Kunstgenossen der Fall ist:
seine zahlreichen Lieder sind es, die sein Andenken, und mehr als
die, ein klares Bild seines uern und innern Lebens, auf uns gebracht
haben.

Er hat nicht seine Persnlichkeit in der alten Heldensage des
deutschen Volkes untergehen lassen, noch hat er seine Kunst den
Ritter- und Zaubermhren vom heiligen =Gral=, von der Tafelrunde
u. s. w. zugewendet, sondern er hat die Gegenwart ergriffen. Und hiebei
hat er wieder nicht blos den Mai und die Minne gesungen, vielmehr
ist er gerade der vielseitigste und umfassendste unsrer lteren
Liederdichter, er behandelt die verschiedensten Richtungen und Zustnde
der menschlichen Seele, er betrachtet die Welt, er spiegelt in seinem
besondern Leben das ffentliche, er knpft seine eigenen Schicksale,
wenn auch in sehr untergeordnetem Verhltni, an die wichtigsten
Personen und Ereignisse seiner Zeit.

Diese Zeit war eine bedeutende, vielfach und strmisch bewegte. Die
Verwirrung des Reichs nach dem Tode Heinrichs VI., der verderbliche
Streit der Gegenknige Philipp und Otto, Friedrichs II. heranwachsende
Gre, dessen Kmpfe gegen die pbstliche Allmacht, der Kreuzzge
wogendes Gedrng!

Unscheinbar allerdings ist das Auftreten unsres Dichters auf der Bhne
dieser Weltbegebenheiten. Schon darber knnten wir verlegen seyn, wie
wir ihn zuerst in die Welt einfhren, denn sein Ursprung ist bis jetzt
nicht mit Sicherheit erhoben.

Im obern Thurgau stand, nach =Stumpf's= Schweizerchronik, ein altes
Schlo: =Vogelweide=. Im benachbarten Sankt Gallen hat das patrizische
Geschlecht der =Vogelweider= geblht. Mit diesem Geschlecht und jenem
Schlosse wird Walther von der Vogelweide in Beziehung gesetzt[1].

[ 1] =Stumpf=, der gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts schrieb,
     erwhnt im 5. Buche seiner Chronik eines Sankt Gallischen
     Brgers, =Hans Vogelweider=, und fgt das Wappen dieser
     Vogelweider bei. Hierauf folgt in der, vierzig Jahre nach
     des Verfassers Tod erschienenen Ausgabe von 1606 (Bl. 373b)
     nachstehender Beisatz, welcher in der ersten Ausgabe von 1548
     (II Bl. 31b) noch nicht befindlich ist: Sonst ist Vogelweide
     ein alt Schlo gewet im oberen Turgow gelegen; davon bermpte
     Leut kommen, an der Herzogen in Schwaben Hof bekannt. Walther
     v. d. Vogelweid war ein frommer biderber, nothaffter Ritter,
     an Keysers Philippi Hof: wie slchs bezeuget sein selbst
     eigen Lied in einem uralten Buch (sicherlich die Maness.
     Handschr.) under Keyser Heinrich und Knig Cunraden dem jungen
     geschrieben: darinnen auch sein Wappen abgemalet, hat aber
     nichts mit diesem geleichs. Dieses ist ohne Zweifel die
     Hauptstelle, nach welcher =Bodmer= und nachher viele Andre den
     Ursprung des Dichters in das obere Thurgau setzen.

In keinem deutschen Lande finden wir auch die ritterlichen Snger so
gedrngt beisammen, als in jenen nachbarlichen Gebirgsthlern, die
von der Thur, der Sitter, der Steinach durchrauscht werden, und dort,
wo der Rhein dem Bodensee zueilt. Der Truchse von =Singenberg=, der
Schenk Kunrad von =Landegg=, =Gli=, Graf Kraft von =Toggenburg=,
Heinrich und Eberhard von =Sar=, Friedrich von =Husen=, Kunrad von
=Altstetten=, Walther von =Klingen=, Heinrich von =Frauenberg=, Wernher
von =Tfen=, Heinrich von =Rugge=, der von =Wengen=, der =Hardegger=,
der =Taler=, Rudolf von =Ems= u. A. m., von denen allen noch Lieder
vorhanden sind, gehren theils mit Gewiheit, theils mit grerer oder
geringerer Wahrscheinlichkeit, jener Gegend an[2].

[ 2] Von =Singenberg=, =Landegg= und =Gli= wird weiterhin die Rede
     seyn. =Kraft= von =Toggenburg= ist in der Geschichte dortiger
     Gegend hinlnglich bekannt. Die von =Sar=, ein ausgestorbenes
     Geschlecht im Rheinthal, nach welchem noch die Landschaft
     genannt wird. Ueber die Geschlechter von =Husen= und von
     =Thal= s. v. =Arx= (=Geschichte des Kantons St. Gallen, 2 Bde.
     St. Gallen= 1810-11) I 493, 498. Unter den Dienstleuten des
     Gotteshauses St. Gallen um 1300 zhlt ein altes Verzeichni:
     die von =Altstetten=, von =Hardegg=, von =Husen=, auf. =Ebd.=
     I 482. Der Minnesnger =Friedrich= von =Husen=, ein Kreuzfahrer,
     bezeichnet sich selbst als =um den Rhein= einheimisch. =Man.=
     I 92b 94a (Im Elsa sucht ihn =Oberlin=, _De poet. Alsat. erot.
     p. 10_). Ein =Walther= von =Klingen= kmmt um 1271 urkundlich
     vor, =Arx= I 395 (nach =Docen=, =Mus.= I 144 schon 1251);
     ein H. _(Heinricus) miles de_ Frouunberch 1257 =Ebd.= I 544;
     ein _Cuno miles de_ Tfin 1279 =Ebd.= I 506. Die =Ruggen=
     erscheinen noch um die Mitte des 15. Jahrh. als St. Gallische
     Junker =Ebd.= II 296. Der von =Wengen= richtet ein Lied an
     die Thurguer =Man.= II 99a. -- Anziehend und anschaulich hat
     v. =Laberg= in der Zueignung des 1. Bands seines =Liedersaals=
     (1820) an die Snger dortiger Gegend erinnert.

Mitten in jenen sangreichen Gauen lag das Stift Sankt Gallen, von
dem der Anbau der Gegend und die Bildung ihrer Bewohner ausgegangen.
Die dortigen Klosterbrder waren im 9. und 10. Jahrhundert gepriesene
Tonknstler. Ihre geistlichen Lieder, wozu sie selbst die Singweise
setzten, giengen in den allgemeinen Kirchengesang ber. Eben so frhe
wurde zu St. Gallen in deutscher Sprache gedichtet, und hinwieder
das deutsche Heldenlied (=Walther= und =Hiltegund=) in lateinische
Verse bertragen. Namentlich aber waren diese Mnche beschftigt, die
Shne des benachbarten Adels berhaupt sowohl, als insbesondre in der
Tonkunst, zu unterrichten[3]. Und eben in diesen Verhltnissen mochten
Keime liegen, welche nachher im ritterlichen Gesang zur Blthe gekommen
sind.

[ 3] Alles Obige hat v. =Arx= in seinem uerst lehrreichen
     Geschichtwerke umstndlich ausgefhrt und belegt. Von dem
     Mnche =Tutilo= (st. 912) sagt Ekkehard. _Jan. de casib.
     monast. St. Galli Cap. III_: _filios nobilium in loco ab
     Abbate destinato fidibus edocuit._

Der von =Singenberg= war des Abtes zu St. Gallen Truchse, der von
=Landegg= dessen Schenk, =Gli= (jedoch nur muthmalich) dessen
Kmmerer, und also sehen wir diesen frstlichen Abt von einem
singenden Hofstaat umgeben. Auch die andern adelichen Geschlechter, aus
denen zuvor eine Reihe von Minnesngern namhaft gemacht wurde, sind
grtentheils als Lehens- und Dienstleute des Klosters bekannt[4].
Selbst das meldet =Hugo= von =Trimberg= in seinem =Renner= (um 1300),
da ein Abt von St. Gallen schne =Taglieder= gesungen, d. h. Lieder,
in welchen der Wchter verstohlene Minne warnt, da sie nicht vom
Tageslicht berrascht werde.

[ 4] Ueber die St. Gallischen Erbmter s. =Arx= I 320. =Konrad=,
     Schenk von Landegg, kmmt von 1281 (oder schon 1271, I 528) bis
     1304 in den Urkunden vor. =Ebd.= I 476. Die Kmmerer hieen:
     =Giele= _Rudolf Gielo noster Camerarius_. =Ebd.= I 320. Vgl.
     =Mus.= I 162. Der Dichter =Gli= (=Man.= II 57a) singt:

       =Bei dem Rheine= grnen Werde und Auen.

     Ueber die andern Geschlechter s. Anm. 2.

Unsern Dichter von da ausgehen zu lassen, wo der Gesang so heimisch
war, wo vielleicht der eigentliche Quell der schwbischen Liederkunst
zu suchen ist, hat an sich etwas Geflliges. Auch darf nicht unbeachtet
bleiben, da jener St. Gallische Truchse von Singenberg sich
besonders viel mit Walthern zu schaffen macht. Er rhmt denselben
als Sangesmeister, betrauert dessen Tod, ahmt seine Lieder nach, und
wir finden auf diese Weise im Thurgau wenigstens einen Widerhall von
Walthers Gesange.

Gleichwohl bleibt der Ursprung des Dichters in jener Gegend noch immer
zweifelhaft. Das vormalige Daseyn einer Burg =Vogelweide= scheint
lediglich auf der Angabe der vorgenannten Chronik zu beruhen, und die
Urkunden des Stiftes St. Gallen, welche nicht leicht einen Weiler,
einen Thurm der Umgegend unberhrt lassen, enthalten, so viel man
bis jetzt wei, keine Spur von dem fraglichen Stammschlo[5]. Das
ausgestorbene St. Gallische Geschlecht der =Vogelweider= kmmt erst
im 15. Jahrhundert unter denjenigen vor, welche als Gerichtsherrn den
Junkertitel fhren konnten, und es mag seinen Namen eher von einer
Bedienung, als von einer Burg, entnommen haben[6]. Rhmliche Erwhnung
des Dichters aber und vertraute Bekanntschaft mit seinen Liedern findet
sich nicht blos beidem Truchse von Singenberg, sondern auch bei andern
gleichzeitigen und sptern Sngern, welche nicht dem Thurgau angehren.

[ 5] Die oftangefhrte Geschichte des Kantons St. Gallen giebt eine
     umstndliche geschichtliche Ortsbeschreibung dortiger Gegend,
     auf die reichhaltigen, in hohes Alterthum hinaufreichenden
     Urkundensammlungen des St. Gallischen Archivs gegrndet.
     Nirgends aber erwhnt sie einer Burg =Vogelweide=. Um
     desto sichrer zu gehen, habe ich an Herrn v. =Arx= selbst
     mich schriftlich gewendet und von ihm die Besttigung
     erhalten, da ihm von einem Schlosse dieses Namens nie eine
     Meldung aufgestoen sey. Mglich wre eine Verwechslung
     mit =Vgelinsberg= oder =Vgeliseck=. In dem St. Gallischen
     Jahrszeitenbuche (Goldast, _Script. Rer. Alem. Tom. I_), das
     1272 geschrieben wurde, kmmt ein _Ruodolfus dispensator
     de Voegillinsberc_ vor. =Notker= III., Vorsteher der St.
     Gallischen Klosterschulen, gest. 1022, hatte bei Speicher, in
     der Gegend, wo jetzt das weitausschauende =Vgeliseck= steht,
     ein Gehege (_vivarium_), worin er Wild und seltene Vgel,
     die er am meisten liebte, verwahren und fttern lie. Es ist
     vermuthet worden, da hier die Heimath des Geschlechtes v. d.
     =Vogelweide= zu suchen sey, welcher Name im Munde des Volks in
     =Vgeliseck= umgewandelt worden seyn mchte. Man berzeugt sich
     leicht, wie sehr es hiebei an einem sichern Halt gebreche.

[ 6] Ueber die St. Gallischen _Vogelweider_ s. =Arx= II 196; =Leu=,
     =Allgem. Helvet. Lexicon= Thl. 18 S. 676. Sie kommen zuerst
     1430 vor. Das Schreiben des Herrn v. =Arx= besagt darber
     Folgendes:

      Ich bezweifle es sehr, ob Walther Vogelweider von St.
      Gallen her sey. Denn nie kmmt dieses Geschlecht in
      ltern Zeiten, sondern erst im 15. Jahrh. da vor, wo von
      allen Orten her Leute sich in St. Gallen ansiedelten,
      oder wieder abzogen. Mir scheint =Vogelweider= eher
      eine Bedienung ausgedrckt zu haben, und von dieser in
      einen Geschlechtsnamen bergegangen zu seyn. Nmlich so
      wie =Kuchimeister= einen Proviantmeister, und =Fller=
      (_impletor_), =Spiser=, andre Verrichtungen anzeigten,
      und nachhin zu (St. Gallischen) Familiengeschlechtern
      wurden, so war =Vogelweider= ohne Zweifel ein Mann, der
      sich mit dem Fangen, Fttern, Abrichten der Vgel eines
      Groen abzugeben hatte, denn _Fogilweida_ hie eben das,
      was _Aviarium_, _Glossar sec. 10. in. ab Ekhart_, und ohne
      solches Vogelbehltni und einen Wrter desselben konnte
      der Falkenjagd wegen und des Finkenfangs kein Frst oder
      Graf seyn. Es mute darum aller Orte =Vogelweider= geben.

     Im Wrtembergischen ist der Name =Vogelwaid= nicht selten.

Ein Meistergesang ber die Stifter der Kunst nennt Walthern einen
Landherrn aus Bhmen[7]. Anderwrts wird er dem schsischen
Adelsgeschlechte =von der Heide= beigezhlt[8]. Beides ohne
ersichtlichen Grund. Neuerlich ist seine Geburtssttte in Wrzburg
gesucht worden, wo er begraben liegt und wo vormals ein Hof =zu
der Vogelweide= genannt war[9]. Und nach Allem bleibt noch die
Frage brig: ob nicht der Name ein dichterisch angenommener oder
umgewandelter sey? wovon man auch sonst in jener Zeit Beispiele findet.

[ 7] Bei =Wagenseil=, =Von der Meistersnger holdsel. Kunst=, S.
     506:

       Der Fnft Herr Walter hie,
       War ein Landherr aus Bhmen =gewi=[?]
       Von der Vogelweid &c.

     In einem andern Meisterliede (=Grres=, =Altt. Volks- und
     Meisterlieder &c. Frankf.= 1817 S. 224) heit er: Herr Walther
     =von der Wid=, der Ziervogel. (Vgl. =Man.= II 2b)

[ 8] S. =Knig=, =Genealog. Adelshistorie &c.= Thl. II S. 543.

[ 9] =Oberthr=, =Die Minne- und Meistersnger aus Franken &c.
     Wrzb.= 1818 S. 30.

Die Sprache von Walthers Gedichten leitet auf keine nhere Spur seiner
Herkunft, da sie in der weit verbreiteten oberdeutschen Mundart verfat
sind, in welcher die meisten Dichter des 13. Jahrhunderts gesungen
haben.

Der Dichter selbst, dessen Ausspruch entscheiden wrde, gedenkt nur
einmal des Landes, wo er geboren ist, aber ohne es zu benennen. Er hat,
als er in spteren Jahren dorthin zurckgekommen, Alles fremd gefunden,
was ihm einst kundig war, wie eine Hand der andern, das Feld angebaut,
den Wald verhauen und nur das Wasser noch flieend, wie es weiland
flo. (=Man.= I 141b f.) Auch sonst ist in seinen Liedern nirgends
eine Beziehung auf die Gegend des Thurgaus, ob er gleich von den Orten
seines Aufenthalts und von seinen Wanderungen vielfltig Rechenschaft
giebt. Die erste bestimmtere Ortsbezeichnung ist es, wenn er meldet:

  Zu =Oesterreich= lernte ich singen und sagen.
                  (=Ebd.= I 132a)

Aus diesen Worten ist brigens noch keineswegs zu schlieen, da
er auch in Oesterreich geboren sey, eher das Gegentheil; denn
sie bezeichnen gerade nur das Land seiner Bildung zur Kunst.
In Oesterreich, wo die Kunst des Gesanges unter den Frsten aus
babenbergischem Stamme so schn gepflegt wurde, konnten die Lehrlinge
derselben gute Schule finden. Auch =Reinmar= von =Zweter=, der um die
Mitte des 13. Jahrhunderts dichtete, berichtet von sich:

  Von Rheine, so bin ich geboren,
  In Oesterreiche erwachsen.
                  (Man. II 146b)

Nach allen Anzeigen war Walther von adelicher Abkunft. Mit dem Titel:
=Herr=, dem Zeichen ritterbrtigen Standes, redet er selbst sich
an, und so wird er auch von Zeitgenossen benannt. Sptere nennen ihn
=Ritter=[10]. Da er ein Reichslehen erhalten hat, werden wir nachher
sehen.

[10] So wird er genannt im Leben der h. Elisabeth (Mencken. _Script.
     Rer. Germ. T. II_) und in dem Meisterliede bei =Grres= S.
     224. In der Nachricht, welche die Wrzb. Handschr. von seiner
     Grabsttte giebt, heit er _Miles_. Doch ist es zweifelhaft, ob
     er die Ritterwrde selbst erlangt habe, indem er sich in einem
     seiner Gedichte mit den Rittern in Gegensatz zu stellen scheint
     (=Man.= I 142a:

       Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding &c.)


Dem Bilde, welches sich in der =Weingartner= Handschrift vor seinen
Liedern befindet, ist weder Helm noch Schild beigegeben. Nur das
Schwerdt ist seitwrts angelehnt. In der =Manessischen= Handschrift
sind Helm und Schild hinzugekommen; das Wappenzeichen auf beiden ist
ein Falke oder andrer Jagdvogel im Kfig, also gnzlich verschieden von
dem bei =Stumpf= abgezeichneten Wappen der =Vogelweider=, welches drei
Sterne enthlt.

Ansehnlich mu das adeliche Geschlecht des Dichters in keinem Falle
gewesen seyn. Er sagt einmal: Wie nieder ich sey, so bin ich doch der
Werthen einer. (=Man.= I 122b). Ueber seine Armuth klagt er fters,
und eben sie mag ihn bewogen haben, aus der Kunst des Gesanges, die von
Andern aus freier Lust gebt ward, ein Gewerbe zu machen.

  =Zu Oesterreich lernte ich singen und sagen.=

Mit diesen Worten des Dichters treten wir zuerst aus dem Gebiete
der Fabel und der Vermuthung auf einen festeren Boden. Doch mssen
wir hufig diesen wieder verlassen und uns darauf beschrnken,
einzelne sichere Punkte zu bezeichnen, welchen wir dann dasjenige,
was den Stempel von Ort und Zeit weniger bestimmt an sich trgt, nach
Wahrscheinlichkeit und nach Verwandtschaft der Gegenstnde anreihen. Wo
sich der Faden der Geschichte verliert, da giebt das innere Leben des
Dichters Stoff genug, die Lcke auszufllen.

Es lassen sich zweierlei Zeitrume bestimmt unterscheiden, in welchen
der Dichter am Hof der Frsten von Oesterreich aus babenbergischem
Stamme gelebt hat. Er befand sich dort unter =Friedrich=, von den
Sptern der =Katholische= genannt, der von 1193 bis 1198 am Herzogthume
war, und kam dorthin zurck unter =Leopold= VII., dem =Glorreichen=,
vor dem Jahre 1217.

Diese beiden Frsten waren Shne =Leopolds= VI., des =Tugendreichen=,
Herzogs von Oesterreich und Steier, der zu Anfang des Jahres 1193
gestorben war. =Friedrich=, der ltere Sohn, lie sich 1195 mit dem
Kreuze zeichnen, reiste 1197 nach Palstina ab und starb 1198 auf der
Kreuzfahrt[11].

[11] _Chron. Claustro-Neoburg._ (_ap._ Pez, _Script. Rer. Austr. T.
     I_) _ad ann. 1195, 97, 98_.

Mit ihm mu dem Dichter Vieles zu Grabe gegangen seyn. In einem geraume
Zeit nachher gedichteten Liede rechnet er den Anfang seines unsteten
und mhseligen Lebens eben von dem Tode Friedrichs an. Lebendig genug
schildert er in demselben Liede seine Trauer um den frstlichen Gnner:
Da Friedrich aus Oesterreich also warb, da er an der Seele genas und
ihm der Leib erstarb, da drckt ich meine Kraniche (Schnabelschuhe)
tief in die Erde, da gieng ich schleichend, wie ein Pfau, das Haupt
hngt' ich nieder bis auf meine Kniee.

Zwar fllt in Walthers Zeit noch ein andrer Friedrich von Oesterreich,
=Friedrich= der =Streitbare=, des Obigen Neffe, der 1230 seinem Vater,
Leopold VII., nachfolgte und 1246 in der Ungarnschlacht an der =Leitta=
umkam. Es sind aber hinreichende Grnde vorhanden, das angefhrte
Gedicht nicht auf den Neffen, sondern auf den Oheim, zu beziehen. Das
Genesen an der Seele bei dem Ersterben des Leibes ist bezeichnend fr
den Tod auf der Kreuzfahrt, welchen der Dichter auch sonst fr einen
segenreichen erklrt. Und wenn wir auch annehmen wollten, da Walther,
der, wie sich zeigen wird, schon 1198 in sehr mnnlichem Geiste
gedichtet, noch um 1246 gelebt und gesungen habe, so wird doch aus
dem natrlichen Zusammenhange, worin jenes Lied spterhin erscheint,
sich ergeben, da solches in den ersteren Jahren der Regierung Kaiser
Friedrichs II., also gar lange vor dem Tode Friedrichs des Streitbaren,
entstanden sey.

Wenn uns gleich der Dichter, ausser dem Wenigen, was angefhrt wurde,
von den Schicksalen seiner frheren Lebenszeit keine bestimmtere
Nachricht giebt, so ist uns doch, bevor wir ihm weiter folgen,
ein verweilender Blick in seine Jugend gestattet. Er zeigt uns den
Zeitraum, worein solche gefallen, im Widerscheine seiner spteren
Lieder.

=Hievor war die Welt so schn!= ruft er klagend aus. Inniglich thut
es ihm wehe, wenn er gedenkt, wie man weiland in der Welt gelebt. O
weh! da er nicht vergessen kann, wie recht froh die Leute waren. Soll
das nimmermehr geschehen, so krnket ihn, da er's je gesehen. Jetzt
trauern selbst die Jungen, die doch vor Freude sollten in den Lften
schweben (I 129a 140b 114b).

Dieses unfrohe Wesen rgt er an mehreren Stellen. Es gilt ihm,
wie andern Dichtern der Zeit, fr ein sittliches Gebrechen, so wie
umgekehrt die Freude fr eine Tugend. Niemand -- sagt er -- taugt
ohne Freude. (I 110b) Und allerdings ist es nicht selten die sittliche
Beschaffenheit des Gemths, hier des wohlgeordneten, dort des in sich
zerfallenen, woraus Frohsinn oder Mimuth entspringen.

Ob Walther, ausser dem Unterricht in der Kunst des Gesanges, irgend
einer Art von gelehrter Bildung genossen, ist nicht ersichtlich.
Einige Hinweisungen auf Stellen der Schrift und zwei lateinische
Segenssprche, die er scherzhaft anbringt, knnen nichts entscheiden.
Von den Helden, welche dazumal in romantischen Gedichten verherrlicht
wurden, kmmt bei ihm blos Alexander vor[12]. Richard Lwenherz und
Saladin, deren er erwhnt, waren durch nahe Ueberlieferung noch in
frischem Angedenken. Nirgends eine sichre Spur, ob er des Lesens und
Schreibens kundig war. Das Leben hat ihn erzogen, er hat gelernt, was
er mit Augen sah, das Treiben der Menschen, die Ereignisse der Zeit
waren seine Wissenschaft.

[12] Auf die deutsche Heldensage findet sich nirgends eine
     Beziehung, man mte es denn fr eine Anspielung auf =Walther
     und Hiltegund= ansehen, wenn auch er, der Snger Walther, seine
     Geliebte =Hiltegund= nennt. (I 136b)

Manches Lied, das ber seine Lebensgeschichte vollstndigeres Licht
verbreiten knnte, mag verloren gegangen seyn. In denjenigen, die auf
uns gekommen sind, erscheint er als ein Mann von gereiftem Alter,
und in mehreren zeigt er sich am Ziel seiner Tage. Seine Gedichte
tragen im Allgemeinen das Geprge der Welterfahrenheit, des Ernstes,
der Betrachtung. Bis zur eigenen Qual fhlt er sich zum Nachdenken
hingezogen, und er spricht das bedeutsame Wort:

  Liessen mich Gedanken frei,
  So wte ich nicht um Ungemach.
                  (I 114a)

Er stellt sich uns in einem seiner Lieder dar, auf einem Steine
sitzend, Bein ber Bein geschlagen, den Ellenbogen darauf gesttzt,
Kinn und Wange in die Hand geschmiegt, und so ber die Welt
nachdenkend. Damit bezeichnet er treffend das Wesen seiner Dichtung,
und sinnreich ist er in zwei Handschriften vor seinen Liedern in dieser
Stellung abgebildet.




Zweiter Abschnitt.

Philipp von Schwaben. Deutschlands Zwiespalt
und Zerfall. Walther als Vaterlandsdichter.


Das Jahr 1198, in welchem der Dichter seinen frstlichen Gnner in
Oesterreich verlor, war auch ein Wendepunkt in der Geschichte der Zeit.
In diesem Jahre wich der Friede, der in den letztern Jahren Kaiser
Friedrichs I. und whrend der Regierung Heinrichs VI. in Deutschland
geherrscht hatte, den langwierigen und verderblichen Kmpfen der
Gegenknige.

Heinrich VI. war im Herbst 1197 zu Messina gestorben, sein dreijhriger
Sohn Friedrich blieb, unter Vormundschaft des Pabstes, als Knig
in Sicilien. Die deutschen Frsten hatten ihn noch bei Lebzeiten
seines Vaters als Nachfolger auf dem deutschen Throne anerkannt. Aber
Innocenz III., der kurz nach des Kaisers Hintritt, im krftigsten
Alter, zum Oberhaupt der Kirche gewhlt worden, wollte nicht wieder
die Vereinigung der deutschen Krone mit der sicilischen dulden. Er fand
diese Vereinigung gefhrlich fr die Kirche, und erklrte: da Friedrich
noch nicht getauft gewesen, als man ihn zum rmischen Knig erwhlt,
so brauche man sich hieran nicht zu kehren. Den Deutschen war nicht mit
einem Kinde geholfen. In den sechsten Monat war das Reich verwaist.

=Philipp= von =Schwaben=, des verstorbenen Heinrichs Bruder,
hatte anfangs versucht, seinem unmndigen Neffen die Thronfolge zu
erhalten, bald richtete er selbst sein Absehen auf die Krone. Auch
diesem Hohenstaufen arbeitete der Pabst entgegen. Mit Berthold von
Zhringen und Bernhard von Sachsen wurde von den Frsten um das Reich
unterhandelt. Nachher ordneten der Erzbischof von Kln und andre,
mehrentheils geistliche Frsten, von pbstlichem Einflu geleitet,
eine Gesandtschaft an Otto von Braunschweig ab, um ihn zum Throne zu
berufen. Die Reichskleinode, auf deren Besitz man damals groen Werth
legte, waren in Philipps Hnden.

Schon frher war ein falsches Gercht von Kaiser Heinrichs Tode
das Zeichen zu allgemeiner Auflsung der gesellschaftlichen Ordnung
gewesen. Jetzt, nach des Kaisers wirklichem Hintritt, erreichte die
Verwirrung den hchsten Grad. Als ich aus Tuscien nach Deutschland
zurckgekommen -- schreibt Philipp an Innocenz III.[13] -- fand ich
das ganze Land in nicht geringerer Verwirrung, als irgend das Meer von
allen Winden zerwhlt werden knnte.

[13] _Registr. Innocent. III. ep. 136 p. 147._

Die ersten Lieder unsres Dichters, denen wir den Zeitpunkt ihrer
Entstehung bestimmter nachweisen knnen, beziehen sich auf diese
Ereignisse. Ernstes Nachdenken ber die Zerrttung des Vaterlands,
Anklage des Pabstes, dessen Umtriebe den Zwiespalt herbeigefhrt,
Aufruf an Philipp, der Verwirrung ein Ende zu machen.

  Ich sa auf einem Steine,[14]
  Da deckte ich Bein mit Beine,
  Darauf setzte ich den Ellenbogen,
  Ich hatte in meiner Hand geschmogen
  Das Kinn und eine Wange;
  Da dachte ich mir viel bange,
  Wie man zur Welte sollte leben.
  Keinen Rath konnte ich mir geben,
  Wie man drei Ding' erwrbe,
  Der keines nicht verdrbe:
  Die zwei sind Ehre und fahrend Gut,
  Der jedes dem andern Schaden thut,
  Das dritte ist Gottes Hulde,
  Der zweien Uebergulde;
  Die wollte ich gerne in =einen= Schrein.
  Ja leider! mchte das nicht seyn,
  Da Gut und weltlich' Ehre
  Und Gottes Huld je mehre
  Zusammen in =ein= Herze kommen.
  Steige und Wege sind eingenommen,
  Untreue ist in der Sasse,
  Gewalt fhrt auf der Strasse,
  Friede und Recht sind beide wund,
  Die =drei= haben Geleites nicht, die =zwei= werden
                  denn eh' gesund.

[14] Diese Strophe ist nachgeahmt von =Boppo= (=Man.= II 235):

       Ich sa auf einer Grne &c.

=geschmogen=, geschmiegt. =Uebergulde=, was mehr als jene gilt.
   =In der Sasse=, sehaft. =Die drei=, nemlich Gut (Reichthum),
   weltliche Ehre und Gottes Huld, haben kein sicheres Geleit, um
   zusammen zu kommen, bevor nicht =die zwei=, Friede und Recht,
   wiedergenesen sind und die Strasse frei machen.

  Ich sah mit meinen Augen
  Der Menschen Thun und Taugen.
  Da ich nun hrte, da ich sach,
  Was Jedes that, was Jedes sprach:
  Zu Rome hrte ich lgen
  Und zweene Knige trgen.
  Davon hub sich der meiste Streit,
  Der eh' ward oder immer seit.
  Da sich begannen zweien
  Die Pfaffen und die Laien,
  Das war eine Noth vor aller Noth,
  Leib und Seele lag da todt.
  Die Pfaffen stritten sehre,
  Doch ward der Laien mehre;
  Das Schwerdt legten sie da nieder
  Und griffen zu der Stole wieder,
  Sie bannten, die sie wollten,
  Und nicht den sie sollten.
  Da strte man manch Gotteshaus,
  Da hrte ich ferne in einer Klaus
  Viel starker Ungebre;
  Da meinte ein Klausenere,
  Er klagete Gott sein bittres Leid:
  O weh! der Pabest ist zu jung, hilf, Herre, deiner
                  Christenheit!

=seit=, seitdem, nachher. =zweien=, entzweien. =Pfaffen= und
   =Laien=, geistliche und weltliche Frsten, in der streitigen
   Knigswahl. =Ungebre=, ungebrdige Wehklage. =Klausenere=,
   der klagende Klausner, welcher mehrmals vorkmmt, bedeutet die
   vormalige strenge Frmmigkeit im Gegensatze zu der nunmehrigen
   Ausartung des geistlichen Standes.

  Ich hrte die Wasser diessen
  Und sah die Fische flieen,
  Ich sah was in der Welte was,
  Wald, Feld, Laub, Rohr und Gras.
  Was kriechet oder flieget,
  Oder Beine zur Erde bieget,
  Das sah ich und sage euch das:
  Der keines lebet ohne Ha;
  Das Wild und das Gewrme,
  Die streiten starke Strme,
  Also thun die Vgel unter ihn'n,
  Nur da sie haben einen Sinn
  (Sie wren anders zu nichte):
  Sie schaffen gut Gerichte,
  Sie setzen Knige und Recht
  Und schaffen Herren und Knecht.
  O weh dir, deutsche Zunge,
  Wie steht deine Ordenunge!
  Da nun die Mck' ihren Knig hat[15]
  Und da =deine= Ehre also zergat!
  Bekehre dich, bekehre!
  Die Kirchen sind zu hehre,
  Die armen Knige drngen dich.
  =Philippe=! setze den Waisen auf und heisse sie treten hinter
                  sich!  (=Man.= I 102)

[15]   Die Mcken haben Knig unter ihnen,
       Die Bienen einen Weissel, dem sie folgen,
       Kein' Creature lebet ohne Meisterschaft &c.
                     =Der Mysnere= (Bei =Mll.= DXCIII)

=diessen=, tosen, rauschen. =fliessen=, schwimmen. =was=, war.
   =Was kriechet= &c. vgl. =Wernh. Mar.= S. 28, 52. =unter ihn'n=,
   unter sich. =deutsche Zunge=, Land deutscher Sprache. =zergat=,
   zergeht. =Die Kirchen=, die Geistlichkeit. =zu hehre=, zu
   gewaltig. =die armen Knige=, die mittellosen Thronbewerber.
   =den Waisen=, das Reichskleinod, den Edelstein der Kaiserkrone,
   welchen Herzog Ernst aus dem hohlen Berge mitgenommen haben soll.

Noch im Frhjahr 1198 ward dem Dichter die Freude, Philippen gekrnt zu
sehen. Das hochschwebende Lied, worin er seinen Jubel ausspricht, lt
kaum bezweifeln, da er selbst der Krnung zu Mainz anwohnte.

  Die Krone ist lter, denn der Knig Philippe sey;
  Da mget ihr alle schauen wohl ein Wunder bei,
  Wie sie ihme der Schmid so eben recht gemachet.
  Sein kaiserliches Haupt geziemet ihr also wohl,
  Da sie zu Rechte niemand Gutes scheiden soll;
  Jedwedes nicht des andern Tugend schwachet.
  Sie lachen beide einander an
  Das edel Gesteine und der junge ssse Mann;
  Die Augenweide sehen die Frsten gerne.
  Wer nun das Reiches irre geh',
  Der schaue, wem der Waise ob seinem Nacken steh'!
  =Der= Stein ist aller Frsten Leitesterne.
                  (I 127b)

=zu Rechte=, mit Recht. =Tugend=, Werth. =schwachet=, schwchet,
   verringert.

Das angenehme Bild, das Walther von seinem Knige giebt, besttigen
die Worte des Geschichtschreibers. Nach der Beschreibung der
=urspergischen= Jahrbcher war Philipp ein Mann von schner und
edler Gesichtsbildung, blondem Haar, mittlerer Gre, zartem, fast
schwchlichem Krperbau[16].

[16] Chron. Abb. Ursperg: _Erat autem Philippus animo lenis, mente
     mitis, eloquio affabilis, erga homines benignus, largus satis
     et discretus, debilis quidem corpore, sed satis virilis, in
     quantum confidere poterat de viribus suorum, facie venusta
     et decora, capillo flavo, statura mediocri, magis tenui quam
     grossa._

Der Dichter begngt sich nicht, Philippen zum Throne berufen und auf
demselben begrt zu haben. Er giebt dem neuen Knige noch das Mittel
an, seine Herrschaft zu befestigen und auszubreiten. Dieses Mittel
findet er in der =Milde=, der dankbaren Freigebigkeit gegen Diejenigen,
die sich dem Knige vershnt und verpflichtet haben, der rckhaltlosen
Ausspendung von Gaben und Ehre.

  Philippe, Knig hehre!
  Sie geben dir alle Heiles Wort
  Und wollten Lieb nach Leide.
  Nun hast du =Gut= und =Ehre=,
  Das ist wohl zweier Knige Hort,
  Die gieb der =Milde= beide!
  Die Milde lohnet, wie die Saat,
  Von der man wohl zurck empfaht,
  Darnach man ausgeworfen hat;
  Wirf von dir mildigliche!
  Welch' Knig der Milde geben kann,
  Sie giebt ihm, das er nie gewann,
  Wie Alexander sich versann:
  Der gab und gab, da gab sie ihm alle Reiche.
                  (I 113a)

=Das ist wohl= &c. (Lesart der =Pf. Hds.= 357) Reichthum und Ehre,
   jedes fr sich schon, ist der =Hort=, Schatz, eines Knigs.
   (Vgl. I 135b =zwei Kaisers Ellen=, d. h. Strke, Kraft) =sich
   versann=, inne ward.

Die Geschichte beweist, da Philipp wirklich in diesem Sinne gehandelt.
Wie er berhaupt die gelinden Wege den gewaltsamen vorzog, so suchte
er besonders durch reiche Gaben an Geld und Lndereien Feinde zu
beseitigen und Anhnger zu gewinnen. Seinem gefhrlichsten Mitbewerber
um die Krone, dem Herzog Berthold von Zhrigen, hatte er fr dessen
Rcktritt 11000 Mark bezahlt. Seine Freigebigkeit war so gro, da
er damit nicht, wie Alexander, alle Reiche gewann, sondern selbst die
anererbten Lande nur noch dem Namen nach behielt.

Als er -- so erzhlen die urspergischen Jahrbcher -- kein Geld
hatte, um seinen Kriegsleuten Sold zu bezahlen, fieng er zuerst an,
die Lndereien zu veruern, die sein Vater, Kaiser Friedrich, weit
umher in Deutschland erworben hatte, so da er jedem Freiherrn oder
Dienstmann Drfer oder angrenzende Kirchen versetzte. Und also geschah
es, da ihm nichts brig blieb, ausser dem leeren Namen des Landesherrn
und denjenigen Stdten und Drfern, worin Mrkte gehalten werden, nebst
wenigen Schlssern des Landes.

Dessen unerachtet vermochte er es nicht Allen zu Danke zu machen,
und selbst Walther wirft ihm in einem andern Liede vor, da er sich
nicht so recht im Geben gefalle. Er erinnerte Philippen an den milden
Saladin, welcher gesagt: Kniges Hnde sollten durchlchert seyn,
und an den Knig von Engelland (Richard Lwenherz), den man seiner
Mildigkeit wegen so theuer ausgelst. (I 127b)[17]

[17] Richard war zu Ende des Jahres 1192, als er auf der Rckkehr
     aus dem heiligen Lande durch das Gebiet Leopolds VI. von
     Oesterreich, den er in Palstina beleidigt hatte, verkleidet
     reisen wollte, erkannt und festgesetzt worden. Leopold berlie
     seinen Gefangenen um 60000 Mark Silbers an Kaiser Heinrich, der
     Richarden wegen dessen Verbindung mit Tankred von Sicilien bel
     wollte. Nun wurde Richard vom Kaiser in harter Gefangenschaft
     gehalten, und erst zu Anfang des Jahres 1194 gegen ein Lsegeld
     von 100,000 Mark, das die Englnder mit groer Anstrengung
     zusammen gebracht hatten, in Freiheit gesetzt.

Auch hatte Philipp mit all seiner Freigebigkeit nicht verhindern
knnen, da gleich nach seiner Krnung Otto von Braunschweig als
Gegenknig aufgestellt wurde, mit dem er bis an seinen Tod zu kmpfen
hatte. Wie einst in den Vtern, Friedrich dem Rothbart und Heinrich dem
Lwen, so standen jetzt in den Shnen, Philipp und Otto, Gibelinen und
Welfen sich drohend gegenber.

Wir haben zuvor gesehen, in welch heiterem Lichte unsrem Dichter seine
frhere Lebenszeit erscheint. Mit stets dsterern Farben malt er die
Gegenwart. Er klagt um die alte Ehre, um die alten getreuen Sitten.
Treue und Wahrheit sind viel gar bescholten. Leer stehen die Sthle,
wo Weisheit, Adel und Alter saen ehe. Recht hinket, Zucht trauert und
Scham siechet. Die Sonne hat ihren Schein verkehret, Untreue ihren
Samen ausgestreut auf allen Wegen, der Vater findet Untreue bei dem
Kinde, der Bruder lgt dem Bruder, geistlicher Orden selber trget,
der uns doch zum Himmel leiten sollte. Der Dichter erkennt hierin die
schreckbaren Zeichen des nahenden Weltgerichts (I 121a, 107b, 112a,
128a).

Mit tiefem Kummer hlt er dem politischen und sittlichen Verfalle
seines Vaterlands dessen frheren Glanz entgegen: O weh! was Ehren
sich fremdet von deutschen Landen! Witz und Mannheit, dazu Silber
und Gold! (I 103b). Ich sah hievor einmal den Tag, da unser Lob
war gemein allen Zungen, wo kein Land uns nahe lag, es begehrte Shne
oder es war bezwungen. Reicher Gott! wie wir nach Ehren da rungen! (I
106a).

Er rgt hiebei die Entartung und Zuchtlosigkeit des jngeren
Geschlechts. Vormals riethen die Alten und thaten die Jungen. Jetzt
haben die Jungen die Alten verdrungen und spotten ihrer. Junge
Altherren sieht man und alte Jungherren. Und wenn gleich Walther einmal
behauptet: Niemand knne mit Gerten Kindeszucht behrten, wen man zu
Ehren bringen mge, dem sey ein Wort als ein Schlag; so tadelt er doch
anderswo die Vter, da sie Salomons Lehre brechen, nach welcher den
Sohn versume, wer den Besen spare (I 106, 126b, 129a).

Unrecht wrde dem Dichter geschehen, wenn wir in seinem Lobe der
Vergangenheit und Tadel der Gegenwart die bloe Vorliebe fr verlebte
Jugendzeit erblicken wollten. Die gleichzeitigen Geschichtschreiber
sind in vollkommener Uebereinstimmung mit seiner Schilderung des
Zustandes, in welchen Deutschland durch die doppelte Knigswahl
versetzt wurde.

Damals -- sagt der Abt von Ursperg -- fiengen die Uebel an, sich
auf der Erde zu vervielfltigen. Denn es entstand unter den Menschen
Feindschaft, Trug, Untreue, Verrath, womit sie sich gegenseitig
in Tod und Untergang hingeben, Raub, Plnderung, Verheerung,
Landesverwstung, Brand, Aufruhr, Krieg. Jedermann ist jetzt meineidig
und in die vorbesagten Frevel verstrickt. Wie das Volk, so auch die
Priesterschaft. Die Verfolgung ist so gro, da Niemand mit Sicherheit
von seinem Wohnort ausgehen kann, auch nur in den nchsten Ort.

In dem allgemeinen Zwiespalt nahmen auch die Snger verschiedene Wege.
Wenn Walther von der Vogelweide Philipps Krnung feierte, so geleitet
Wolfram von Eschenbach den Gegenknig Otto zu seiner Weihe[18].

[18] =Oranse= S. 176b, vgl. =Titurel= Kap. 27 Str. 4096.

Zu den Anhngern Philipps gehrten der Herzog Bernhard von Sachsen,
frher selbst Bewerber um den Thron, und der Erzbischof von
Magdeburg[19]. Nach dem thringischen Feldzug im Jahr 1204, der sich
mit der Unterwerfung des Landgrafen Hermann endigte, oder als im Jahr
1207 Philipp, mit Otto unterhandelnd, sich in jener Gegend befand[20],
mag es geschehen seyn, da er die Weihnachten zu Magdeburg feierte.
Walther war bei dieser Feier anwesend, in einem farbenhellen Gemlde,
den altdeutschen auf Goldgrund hnlich, zeigt er uns den Kirchgang des
Knigs mit seiner Gemahlin, der griechischen Irene, und dem Gefolge der
Thringer und Sachsen.

[19] _De Saxonia quidem habuit (Philippus)_ Ducem Bernhardum,
     _Marchionem Moesi et alios principes sculares potentissimos,
     insuper Archiepiscopos_ Magdeburgensem _et Bremensem et
     suffraganeos eorumdem_. Chron. Ursp.

[20] Diese Zeit vermuthet =Kpke= a. a. O. S. 16.

  Es gieng ein's Tages, als unser Herre ward geborn
  Von einer Magd, die er sich zur Mutter hat erkorn,
  Zu Magdeburg der Knig Philippe schne.
  Da gieng ein's Kaisers Bruder und ein's Kaisers Kind
  In =einer= Wat, wie auch der Namen zweene sind;
  Er trug des Reiches Zepter und die Krone.
  Er trat viel leise, ihm war nicht jach;
  Ihm schlich eine hochgeborne Kniginne nach,
  Rose ohne Dorn, eine Taube sonder Gallen.
  =Die= Zucht war nirgend anderswo,
  Die Thringer und die Sachsen dienten da also,
  Da es den Weisen mute wohl gefallen.
                  (I 127b)

=Magd=, Jungfrau. =ein's Kaisers Bruder= &c., Philipp war Bruder
   Kaiser Heinrichs VI. und Sohn Kaiser Friedrichs I. =Wat=, Gewand.
   =Rose ohne Dorn=, =Taube sonder Galle=, Beinamen, die sonst
   auch der heiligen Jungfrau gegeben werden. =Zucht=, Hofzucht,
   Hofdienst. =den Weisen=, den Kennern.

Dem kniglichen Paare, das uns hier im Glanze der Macht und des Glckes
erscheint, sind finstre Geschichten bereitet. Kurze Zeit nachher, 1208,
fllt Philipp durch Mrderhand, und Irene, die Rose ohne Dorn, verwelkt
am Kummer ber seinen Tod.

Wir haben die schmerzliche Klage des Dichters ber den Verfall
von Deutschland vernommen. Es hat uns daraus eine seiner schnsten
Eigenschaften angesprochen, die Vaterlandsliebe. Dieses edle Gefhl
ist die Seele eines bedeutenden Theils seiner Dichtungen. Ueberall
erregt es ihn zu der lebhaftesten Theilnahme an den ffentlichen
Angelegenheiten. Ihm gebhrt unter den altdeutschen Sngern
vorzugsweise der Name des =vaterlndischen=. Keiner hat, wie er, die
Eigenthmlichkeit seines Volkes erkannt und empfunden. Wie bitter wir
ihn vorhin klagen und tadeln hrten, mit stolzer Begeisterung singt
er anderswo den Preis des deutschen Landes, vor allen andern, deren er
viele durchwandert:

    Ihr sollt sprechen: willekommen!
  Der euch Mhre bringet, das bin ich.
  Alles, das ihr habet vernommen,
  Das ist gar ein Wind, nun fraget =mich=!
  Ich will aber Miethe,
  Wird mein Lohn halb gut,
  Ich mag leichtlich sagen, das euch sanfte thut;
  Seht, was man mir Ehren biete!

    Ich will deutschen Frauen sagen
  Solche Mhre, da sie desto ba
  Sollen aller Welt behagen;
  Ohne groe Miethe thu' ich das.
  Was wollt' ich zu Lohne?
  Sie sind mir zu hehr.
  Drum bin ich gefge und bitte sie keines mehr,
  Als da sie mich gren schne.

    Ich hab' Lande viel gesehen
  Und der besten nahm ich gerne wahr.
  Uebel msse mir geschehen,
  Konnt' ich je mein Herze bringen dar,
  Da ihm wohl gefallen
  Wollte fremde Sitte!
  Was denn hlfe mich, ob ich mit Unrecht stritte?
  Deutsche Zucht geht doch vor allen.

    Von der Elbe bis an den Rhein
  Und herwider bis in Ungerland,
  Da mgen wohl die besten seyn,
  Die ich irgend in der Welt gekannt.
  Kann ich recht schauen
  Gut Gel und (schnen) Leib
  So mir Gott! so schwre ich wohl, da da die =Weib=
  Besser sind, denn anderswo die =Frauen=.

    Deutsche Mann sind wohlgezogen,
  Gleich den Engeln sind die Weib gethan;
  Wer sie schilt, der ist betrogen,
  Anders knnt' ich nimmer sein verstahn.
  Tugend und reine Minne,
  Wer die suchen will,
  Der soll kommen in unser Land, da ist Wonne viel;
  Lange msse ich leben darinne!
                  (I 119b)

=Mhre=, Nachricht, Botschaft. =ein Wind=, ein Nichts. =Miethe=,
   Bezahlung, Botenlohn. =sanfte thut=, wohl thut. =Sie sind mir=
   &c. vgl. =Nibel.= V. 2240. =dar=, dahin. =Kann ich rechte
   schauen= &c. das Benehmen (=Gelsse=) und die Schnheit der
   Frauen als Kenner zu beurtheilen, galt fr eine schtzbare
   Eigenschaft. Vgl. =Nibel.= V. 2385. =Ulr. v. Lichtenst. Frauend.=
   S. 20. =Man.= II 24a, 36a. =die Weib=, die Weiber ebenso =Mann=,
   Mnner. =gethan=, beschaffen. =betrogen=, falsch berichtet.




Dritter Abschnitt.

Walthers Wanderleben. Der Hof zu Thringen.
Die Hofsnger. Des Dichters Ansichten
von Frsten und Frstenrthen, von
Geburt, Freundschaft, Manneswerth. Blicke
in sein Inneres.


Die Snger jener Zeit waren nothwendig wandernde. Mochten auch die
Herren, welche sich im Liede zur Kurzweile bten, auf ihren Burgen
daheim bleiben: Diejenigen, welche den Gesang zu ihrem Berufe gemacht,
muten sich auf den Weg begeben. Um Unterhalt und Lohn zu finden,
muten sie den Hfen und Festlichkeiten gesangliebender Frsten
nachziehn. War doch der Hof des Kaisers selbst ein wandernder, bald
in dieser, bald in jener Stadt des Reiches sich niederlassend.
Krnungstage, Frstenversammlungen, Hochzeitfeste, das waren die
Anlsse, bei welchen die Kunst- oder Prunkliebe der Groen sich am
freigebigsten usserte. War dazumal das gewhnliche und husliche Leben
einfach, so waren dagegen festliche und ffentliche Zusammenknfte
desto glanzvoller.

Auch vom ussern Lohne abgesehen, mute der Dichter wandern, wenn er
mit den Angelegenheiten der Zeit bekannt werden, wenn er, bei noch
sehr unvollkommenen Mitteln der Verbreitung geistiger Erzeugnisse, sich
selbst Anerkennung, seinem Liede Wirksamkeit verschaffen wollte. Darum
war es den alten Meistern allerdings zu thun. =Reinbot= von =Dorn=, der
die Legende vom h. Georg in Gedicht gebracht hat, spricht die Hoffnung
aus (V. 56-63), da sein Werk ber alle deutschen Lande, von Tirol bis
nach Bremen und von Preburg bis nach Metz, werde bekannt werden. Auf
der andern Seite wird im =Titurel= (Cap. 4, Str. 542) die Besorgni
geuert, da der Schreiber das Rechte unrichtig machen mchte. Am
sichersten aber wurde die Flschung vermieden, wenn der Dichter selbst
vortrug. Wollte er versichert seyn, da seine Tonweise richtig gesungen
werde, wollte er seine eigene Fertigkeit im Gesange geltend machen, so
war ohnehin sein persnliches Erscheinen erforderlich.

So war denn auch Walthers Leben das eines fahrenden Sngers. Er reist
zu Pferde, vermuthlich die Geige mit sich fhrend[21]. Da er seine
Lieder selbst vorgetragen, ist aus einigen derselben noch hrbar[22].
Zu Hof und an der Strae lt er sie ertnen (I 136b). In einem
Morgengebet empfiehlt er sich unter Gottes Obhut, wohin des Landes
er heute reiten mge (I 129a). Er beruhigt seine Geliebte ber seine
Abwesenheit:

  Meiner Frauen darf nicht werden leid,
  Da ich reite und frage in fremde Land'
  Nach den Weiben, die mit Wrdigkeit
  Leben (der ist viel manche mir bekannt)
  Und die schne sind dazu;
  Doch ist ihrer keine,
  Weder gro noch kleine,
  Der Versagen mir jemals wehe thu'!
                  (I 118b)

[21]   Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen.

     (W. Hds. S. 170) Da Walther sich der =Harfe= bedient, ist
     aus der Stelle (I 112) vermuthet worden, wo er von der =alten
     Lehre= spricht, da man nicht in der Mhle =harpfen= solle.
     Der Ausdruck ist aber, wie der Dichter selbst andeutet,
     sprichwrtlich zu verstehen.

[22] In den Anreden: Ja Herre! (I 109b 124b) Herren und Freund'!
     (I 136b)

Er hat der Lande viel gesehen, wie wir zuvor ihn singen hrten. Von der
Elbe bis an den Rhein und wider bis in Ungerland hat er sich umgesehen,
von der Seine bis an die Mur, von dem Po bis an die Drave hat er der
Menschen Weise erkannt (I 131b). Am Hofe von Oesterreich haben wir ihn
zuerst getroffen, am Hofe von Thringen finden wir ihn jetzt wieder.

=Hermann=, Landgraf in =Thringen= (von 1195 bis 1215), den sich
Philipp in dem vorerwhnten Feldzuge von 1204 unterworfen[23],
behauptet eine ausgezeichnete Stelle unter den frstlichen Freunden
der Dichtkunst. Er setzte schon den Meister =Heinrich= von =Veldecke=
in den Stand, seine Aeneide, die ihm neun Jahre lang entwendet war, zu
Ende zu fhren. (=Eneidt= V. 13268 ff.) Auf seinen Anla bearbeitete
=Wolfram= von =Eschenbach= den Wilhelm von Oranse (H. Georg V. 34 ff.)
und fr ihn verdeutschte =Albrecht= von =Halberstadt= die Verwandlungen
Ovids[24]. Vornemlich aber ist er durch den Wettstreit der Snger an
seinem Hofe zu Wartburg berhmt geworden.

[23] Das politische Gedicht: Nu soll der Kaiser hehre &c. (I
     136a) ist auf diese Begebenheit bezogen worden. Es ist jedoch
     zu bemerken, da Philipp niemals =Kaiser= war, da Walther
     ihn sonst berall =Knig= nennt und beiderlei Titel sehr wohl
     unterscheidet, z. B. in dem Liede:

       Herre =Kaiser=! ihr seyd willekommen,
       Des =Kniges= Name ist euch benommen &c.
                       (I 103b)

     Bei dem damaligen Wechsel der Parteiung kann jenem Gedichte
     leicht ein spteres Ereigni zu Grunde liegen.

[24] S. den Prolog Albrechts vor =Wickrams= Umarbeitung seiner
     Verdeutschung. Frankf. 1581.

Auch in dem Leben und den Liedern unsres Dichters spielt er eine
bedeutende Rolle. Vor 1198 fanden wir diesen in Oesterreich. Alsdann
folgen seine Lieder auf Philipp von Schwaben und es ist nicht
anzunehmen, da er sich an dem Hofe des Landgrafen werde aufgehalten
haben, so lange dieser Philipps Gegner war. Im Sommer des Jahres 1204
unterwarf sich der Landgraf. Es ist daher ganz nicht unwahrscheinlich,
da Walthers Aufenthalt an dessen Hofe um das Jahr 1207 stattgefunden,
in welches der Krieg auf Wartburg, worin Walther auftritt, von den
thringischen Chroniken gesetzt wird.

Dieser Wettstreit, den das vielbesprochene Gedicht in der Manessischen
Sammlung (II 1-16) in Wechselgesang, mit untermengter Erzhlung,
darstellt, hat zunchst das Lob milder Frsten zum Gegenstand. Heinrich
von Ofterdingen erhebt den Herzog von Oesterreich, ihm treten Wolfram
von Eschenbach und Andre entgegen, die den Landgrafen von Thringen
verherrlichen. Walther von der Vogelweide zeigt sich anfangs ungehalten
auf Oesterreich und giebt dem Knig von Frankreich vor allen Frsten
den Preis. Nachher bereut er, da er sich von dem Oesterreicher
losgesagt, den er jetzt der =Sonne= vergleicht; allein ber die Sonne
noch stellt er den =Tag=: Hermann von Thringen. Von sich selbst
meldet er, wie er zu Paris gute Schule gefunden, zu Konstantinopel,
zu Baldach, zu Babylon Kunst und Weisheit erlernt habe. Hieraus ist
wenigsten ersichtlich, da Walther dem Verfasser des Gedichts fr
einen weitgereisten und in die Tiefen der Kunst eingeweihten Meister
gegolten habe. Das Gedicht, so wie es vorliegt, hat aber wohl nicht
den Wolfram von Eschenbach, dem man es zugeschrieben, sondern einen
sptern mainzischen Meister zum Verfasser, wenn gleich Ueberlieferung
und ltere Lieder zu Grunde liegen.

Wenden wir uns zu Walthers eigenen Aeusserungen ber sein Verhltni
zu dem Hofe von Thringen, so ist dasjenige seiner Lieder zuerst
auszuheben, mit welchem er sich dem Landgrafen erst zu nhern scheint.
Er fordert Jeden auf, der an des edeln Landgrafen Rathe sey, Dienstmann
oder Freier, den jungen Frsten um Eines zu mahnen und zwar so,
da er, der Dicher, den Erfolg davon spre. Drei Tugenden werden
an dem Landgrafen gerhmt: er sey milde, stet und wohlgezogen. Aber
eine vierte noch wrde ihm wohl anstehen, die nemlich: da er nicht
sumig sey (I 106a). Der Dichter mochte damit den Wunsch ausdrcken,
baldmglich von dem Landgrafen beschenkt oder in dessen Dienst
aufgenommen zu werden.

In einem weitern Liede (I 133b) finden wir ihn dieses Wunsches gewhrt.
Er freuet sich, des milden Landgrafen =Ingesinde= zu seyn. Es ist seine
Sitte, da man ihn immer bei den Theuresten finde. Die andern Frsten
alle sind anfangs milde, aber sie bleiben es nicht so stetiglich. Der
Landgraf war es ehe und ist es noch, darum kann er besser, denn sie,
der Milde pflegen. Das Lied schliet mit den schnen Worten:

  Wer heuer schallet und ist hin zu Jahre bse, als eh',
  Des Lob grnet und salbet, wie der Klee.
  Der Thringer Blume scheinet durch den Schnee,
  Sommer und Winter blhet sein Lob, wie in den ersten
                  Jahren[25].

=schallet=, pochet, pranget. =hin zu Jahre=, ber's Jahr. =als eh'=,
   wie vorher.

[25] Im =Titurel=, wo des Landgrafen Hermann mehrmals rhmliche
     Erwhnung geschieht, heit es von ihm (Kap. 7):

       Hermann von Thringen Ehre
       Pflag weiland, die mu immer Preises walten &c.

Wnschenswerth allerdings mag das Leben an des Landgrafen Hofe gewesen
seyn. Der Dichter giebt eine sehr anschauliche Schilderung von diesem
Hofhalt, woraus zu entnehmen ist, da man dort wenig von der schlimmen
Zeit versprte:

  Wer in den Ohren siech, wer krank im Haupte sey,
  Das ist mein Rath, der lasse den Hof zu Thringen frei;
  Kommt er dahin, frwahr er wird erthret.
  Ich habe gedrungen, bis ich nicht mehr dringen mag;
  Eine Schaar fhrt aus, die andre ein, so Nacht als Tag,
  Gro Wunder ist, da Jemand da noch hret.
  Der Landgrafe ist so gemuth,
  Da er mit stolzen Helden seine Habe verthut,
  Der jeglicher viel wohl ein Kmpfe wre.
  Mir ist seine hohe Art wohl kund,
  Und glte ein Fuder gutes Weines tausend Pfund,
  Da stnde doch nimmer Ritters Becher leere.
                  (W. =Hds.= S. 170)

=erthret=, betubt. =Kmpfe=, Kmpe, ein Solcher, der besonders
   aufgestellt ist, eine Sache im Zweikampf auszufechten, also ein
   auserwhlter, vorzglicher Streiter.

Manch unntzen Gesellen mute die Gastfreiheit dieses Hofes anziehen.
=Eschenbach= rgt dieses in seinem =Parcifal= V. 8856 ff.[26], mit
Beziehung auf ein nicht mehr vorhandenes Lied unsres Dichters:

  Von Thringen Frsten Hermann!
  Etlich dein =In=gesinde ich ma,
  Das =Aus=gesinde hiesse ba.
  Dir wr' auch eines =Kaien= noth,
  Seit wahre Milde dir gebot
  So manigfalten Anehang,
  Hier ein schmhlich Gedrang
  Und dort ein werthes Dringen.
  Drum mu Herr =Walther= singen:
  =Guten Tag, Bse und Gut!=
  Wo man solchen Sang nun thut,
  Des sind die Falschen geehret.
  =Kaie= hatt's ihn nicht gelehret,
  Noch Herr =Heinrich= von =Rispach= &c.

[26] Aus demselben Gedicht V. 19097 f. erhellt, da damals Thringen
     auch fr das Vaterland neuer Tanzmusik galt.

=Kaie= ist des Knigs Artus strenger und mrrischer Seneschall,
   der solchem Unwesen, nach =Eschenbachs= Ausdruck, schrfer
   war, denn der Biene Stachel. =Gedrang=, Gedrnge, Zudrang. =Die
   Falschen=, die Schlechten. =Heinrich von Rispach=, vielleicht der
   =tugendhafte Schreiber=, der im Wartburger Kriege auftritt und
   dessen Gedichte =Man.= II 101 ff. aufbewahrt sind, der _Henricus
   Notarius_, _H. Scriptor_, welcher in thringischen Urkunden von
   1208-1228 vorkmmt. =Mus.= I 173.

Ein wunderlicher Mann, mit Namen =Gerhard Atze=, scheint der freudigen
Gesellschaft am thringischen Hofe zur Zielscheibe ihres Witzes gedient
zu haben. Ihm hat Walther zwei Gedichte gewidmet. Das eine (I 105a) ist
durch persnliche Anspielung rthselhaft. Das andre (I 113a) betrifft
einen scherzhaften Rechtsstreit. Der merkwrdige Fall ist dieser: Herr
Gerhard Atze hat dem Dichter zu Eisenach ein Pferd erschossen. Walther
klagt auf Entschdigung: das Pferd war wohl dreier Marke werth. Gerhard
Atze weicht aber damit aus, da er behauptet: das getdtete Pferd sey
dem Rosse blutsverwandt, das einst ihm, dem Beklagten, den Finger zu
Schande gebissen. Dagegen erbietet sich Walther, mit beiden Hnden zu
beschwren, da die Pferde einander nicht befreundet waren, und er ruft
auf, wer ihm =staben=, d. h. den Eid abnehmen wolle?

Ein Kampfgenosse des Landgrafen Hermann in dessen Fehde mit Knig
Philipp war der Graf von =Katzenellenbogen=, Wilhelm II., zugenannt
der =Reiche=[27]. Derselbe mag es seyn, von dem unser Dichter singt.
Walther ist dem =Bogener= hold, ganz ohne Gabe und ohne Sold (I 127a).
Doch der Graf versteht, er beschenkt den Snger mit einem Diamant.
Dafr preist ihn dieser als der schnsten Ritter einen. Nicht nach dem
Scheine lobt er die Schnheit; =milder= Mann ist schn und wohlgezogen,
man soll die innre Tugend nach aussen kehren, dann ist das ussre Lob
nach Ehren, wie des von =Katzenellenbogen=. (=Ebd.=)

[27] =Dilich=, Hessische Chronik 1606 Thl. I S. 33

So wird gewhnlich der Frst, dem der Dichter sich nhern will, zuerst
mit einem Liede ausgeforscht. Ist der Erfolg entsprechend, dann ertnt
auch das vollere Lob.

Von einer groen, zarter oder unzarter sich ussernden Begehrlichkeit
knnen die Hofsnger damaliger Zeit nicht freigesprochen werden.
Sie versumen keinen Anla, sich zu milder Gabe zu empfehlen. Ihre
zahlreichen Lobgedichte sind berall darauf berechnet. Die =Milde= d.
h. die Freigebigkeit, ist ihnen der Frsten erste Tugend[28]. Wo ihnen
nicht willfahrt wird, machen sie ihr Lied zur Waffe des Tadels und des
Spottes. Sie werfen dem unmilden Herrn einen Stein in den Garten und
eine Klette in den Bart[29].

[28] Das Gedicht vom Kriege auf Wartburg erhebt diese frstliche
     Tugend zum vorzglichen Gegenstand des Wettgesangs. Der
     =Tanhuser=, um die Mitte des 13. Jahrh., mustert in einem
     besondern Gedichte (=Man.= II 64) die Frsten seiner und der
     nchst vorhergegangenen Zeit nach eben dieser Beziehung.

[29] Damit droht der =Mysner= (DXCVI). Mit dem Verfalle der
     Kunst nimmt die Gemeinheit zu. Sie werden trotziger und
     niedertrchtiger zugleich. Dem Kargen, der sich selbst
     bedrftig stellt, wnscht der =Unverzagte= (III), da seine
     Hand eines fremden Mannes Kleid auf seines Weibes Bette
     finden mge. Der =Urenheimer= (CCVI) sagt gerade heraus:
     also man den Meister lohnet, also wischet er das Schwerdt.
     =Rumelant von Schwaben= (CCCLXXXI) verhehlt nicht, da er
     mit seinen Lobliedern gelogen habe. Doch hat ihm ein weiser
     Prediger gesagt, da hbsche Lge nicht groe Snde sey. Der
     =Unverzagte= (XIX) ussert noch: Man soll gndige Heilige fern
     in fremden Landen suchen, so such' ich werthe Leute, die ihr
     Gut mit Ehren zehren. Welcher Herr mir Gnade thut, der soll
     mein Lob hinnehmen. Sie sind heilig, die mir geben um Gottes
     und der Ehre willen. Die =lebenden= Heiligen mssen selig
     seyn!

Noch ziemlich gelinde scherzt der Unsrige ber die unwirthliche
Aufnahme, die er in der bairischen Abtei =Tegernsee= gefunden. Es war
ihm viel von dieses Hauses Ehre gesagt worden. Deshalb ritt er einst,
um dahin zu kommen, mehr denn eine Meile abseits der Strae. Aber
vergeblich war seine Hoffnung auf einen guten Klostertrunk:

  Ich nahm da Wasser,
  Also nasser
  Mut' ich von des Mnches Tische scheiden.
                  (I 113a)

Geld, Auslsung der fr Zehrung versetzten Pfnder, Pferde, Kleider,
waren der Lohn, der den Sngern von ihren Gnnern zu Theil wurde.
Walther sagt von einer schnen Frau, sie habe ein werthes Kleid
angezogen: ihren reinen Leib. Sie sey ein wohlgekleidet Weib. Getragene
Kleider hab' er nie genommen[30], dieses nhm' er fr sein Leben gerne.
Der Kaiser wrde dieser Frau Spielmann um so reiche Gabe (I 121b).

[30] So sagt auch der von =Buwenburg= (II 181a):

       Wer getragener Kleider gehrt,
       Der ist nicht Minnesanges werth.

     Herrn =Geltar= dagegen (oder =Gedrut=, =Pf. Hds.= 357
     Bl. 24b) ist es noth nach =alter Wat= (II 119b). Auch der
     =Chanzler= zeigt sich lstern nach =reicher Herren alter
     Wat= (II 246b).

Wenn brigens auch unser Dichter in diesem Werben um Gunst und Gabe
der Frsten dem Gebrauche der Zeit und dem ussern Bedrfnisse gefolgt
ist, so mu doch auf der andern Seite anerkannt werden, nicht blo da
er jene Tugend der Milde auf wahrhaft dichterische Weise gepriesen,
sondern auch, da er darber das Hhere nicht aus den Augen gesetzt,
vielmehr mitten im Getrieb der Hfe sich einen freien Blick und einen
wrdigen Sinn erhalten. Es erscheint angemessen, jetzt auch diese
edlere Seite herauszuheben.

Nicht die bloe Freigebigkeit ist es, darum er die Frsten in Anspruch
nimmt, weit umfassender hat er den Kreis ihrer Pflichten erkannt:

  Ihr Frsten tugnet eure Sinne mit reiner Gte,
  Seyd gegen Freunde sanfte, gegen Feinde traget Hochgemthe,
  Strket Recht, und danket Gott der groen Ehren,
  Da mancher Mensch seinen Leib, sein Gut mu euch zu Dienste
                  kehren!
  Seyd milde, friedebar, lat euch in Wrde schauen!
  So loben euch die reinen sen Frauen.
  Scham, Treue, ehrebringende Zucht sollt ihr gerne tragen!
  Minnet Gott und richtet, was die Armen klagen!
  Glaubt nicht, was euch die Lgenere sagen,
  Und folget gutem Rathe, so mget ihr im Himmelreiche bauen!
                  (I 132b)

=tugnet=, machet tchtig, veredlet. =minnet=, liebet; =Minne= ist
   Liebe in jeder Bedeutung. =bauen=, wohnen, dereinst Brger des
   Himmelreichs werden.

Noch in andern Liedern warnt er die Frsten vor falschem Rathe. Er will
sie lehren, wie sie jeglichen Rath wohl mgen erkennen. Der guten Rthe
sind drei, drei bse stehen zur linken Hand dabei. =Frommen=, =Gottes
Huld= und =weltliche Ehre=, das sind die guten. Wohl ihm, der diese
lehret! den mchte ein Kaiser nehmen an seinen hchsten Rath. Die drei
bsen heien: =Schade=, =Snde= und =Schande= (I 105b).

Besonders wird Derjenige, wes Standes er sey, fr einen Schalk erklrt,
der seinen Herren lehre, zu lgen oder das Angelobte nachher zu
versagen, und der so die Biedern schamlos mache:

  Erlahmen mssen ihm die Beine, so er sich zu dem Rathe biege!
  Sey aber er so hehr, da er dazu sitze,
  So wnsche ich, da sein' ungetreue Zunge msse erlahmen.
                  (I 130b)

Die Herren selbst, welche so durch glnzende Versprechungen tuschen,
vergleicht Walther den Gaucklern, die unter dem Hute jetzt einen wilden
Falken, jetzt einen stolzen Pfau, jetzt gar ein Meerwunder vorweisen,
am Ende aber ist es weiter nichts, als eine Krhe. Wr' ich dir
stark genug, ruft er solchem Gauckler zu, ich schlge dir die falsche
Gauckelbchse an dein Haupt (I 132b).

Der Umgang mit den Mchtigen hat das Urtheil des Dichters ber die
wahren Vorzge der Menschen keineswegs getrbt. Er sucht diese nicht in
der Geburt. Krftig spricht er sich ber den Ursprung aller Sterblichen
aus gleichem Lehm und ber ihre Gleichheit vor dem hchsten Herren aus:

  Wer ohne Furcht, o Herr Gott!
  Will sprechen deine zehn Gebot',
  Und brichet die, das ist nicht wahre Minne.
  Dich heisset =Vater= Mancher viel,
  Der mich zum =Bruder= doch nicht will;
  Der spricht die starken Wort' aus schwachem Sinne.
  Wir wachsen all' aus gleichem Dinge,
  Speise frommet uns, sie wird ringe,
  So sie durch den Mund hin fhrt.
  Wer kann den Herren von dem Knechte scheiden,
  Der ihr Gebeine bloes fnde,
  (Hatt' er gleich der Lebenden Kunde,)
  So Gewrme das Fleisch verzehrt?
  =Ihm= dienen Christen, Juden und Heiden,
  Der alle lebende Wunder nhrt.
                  (I 128b)

Der Teufel, wenn er sichtbar daher kme, sagt Walther ein andermal,
wre mir nicht so verwnscht, als des Bsen bser Sohn. Von der Geburt
kommt uns weder Frommen noch Ehre (I 129a).

Die erworbenen, selbstverdienten Freunde zieht er den angebornen, den
=Magen=, vor:

  Mann, hochgemagt, an Freunden krank,
  Das ist ein schwacher Habedank;
  Ba hilfet Freundschaft ohne Sippe.
  La Einen seyn geborn von Kniges Rippe,
  Er habe denn Freunde, was hilfet das?
  =Magschaft= ist selbstgewachs'ne Ehre,
  So mu man Freunde verdienen sehre.
  =Mag'= hilfet =wohl=, =Freund= vieles =ba=.
                  (I 126b)

=hochgemagt=, der hohe Magen, Blutsverwandte, hat. =krank=,
   schwach, arm. =Habedank=, Entgelt, Ersatz. =So=, den Gegensatz
   bezeichnend. =verdienen=, durch Dienst, mhsam erwerben.

Den wahren Werth des Mannes begrnden ihm drei Eigenschaften:
=Khnheit=, =Milde=, besonders aber =Treue=. An Weibes Lobe, meint er,
stehet wohl, da man sie =schn= heie. Manne stehet es bel, es ist
zu weich und oft zum Hohne. =Khn= und =mild= und da er dazu =stete=
sey, so ist er viel gar gelobt. Ihr msset =in= die Leute sehen, wollt
ihr sie erkennen; Niemand soll aussen nach der Farbe loben (I 134a).
Gewissen Freund, versuchtes Schwerdt, soll man zu Nthen sehen (I
131b)[31].

[31] Die =Pf. Hds.= 357 Bl. 20 hat das Lied, welches mit diesem
     Satze schliet, unter denen des Truchs. von St. Gallen.
     Getreuer Freund, versuchtes Schwerdt, die zweene sind in
     Nthen gut! sagt auch =Bruder Werner= (LVIII). Die Rede
     ist sprichwrtlich, wie jenes Lied selbst andeutet. Walther
     lt zuweilen ein Sprichwort (=ein alt gesprochen Wort=, wie
     =Ulrich v. Winterstetten= sich ausdrckt, =Benecke's= Ergnz.
     S. 220. Vgl. _Fragm. de bell. Carol. M. contr. Sarac. v.
     1011._) einflieen, als: In der Mhle harpfen. (I 122) (Vgl.
     =Freigedank=, V. 1559 f.) Guter Mann ist guter Seiden werth.
     (I 115a) Sind je doch Gedanken frei. (I 121b) Vgl. =Dietmar=
     von =Ast=: Gedanken, die sind ledig frei. (I 40a)

Ihm grauset, wenn ihn die Lchler anlachen, denen die Zunge honiget und
das Herz Galle hat. Freundes Lcheln soll seyn ohne Missethat, lauter
wie das Abendroth, das liebe Mhre kndet. Wes Mund mich trgen will,
der habe sein Lachen hin! Von dem nhme ich ein wahres =Nein= fr zwei
gelogene =Ja= (I 131a).

Gott, der ein rechter Richter heiet in der Schrift, sollte das
geruhen, da er die Getreuen von den Falschen schiede; hienieden
noch, denn jenseits werden sie wohl gesondert. Gerne she ich an ihrer
Etlichem ein Schandenmal, der sich dem Manne windet aus der Hand, recht
wie ein Aal. O weh! da Gott nicht zorniglich an denen wundert! Wer
mit mir fhrt von Hause, der fahr' auch mit mir heim! Des Mannes Muth
soll fest seyn, als ein Stein, an Treue grad und eben, wie der Stab am
Pfeile (=W. Hds.= S. 151).

So streng der Dichter hier und anderwrts gegen Alles eifert, was
er fr schlecht erkannt hat, so scharf er auch zu spotten versteht,
so erscheint dennoch sein Innerstes ungemein weich und milde. In
sittlicher Beziehung zeichnet ihn das Zartgefhl, ja die Aengstlichkeit
aus, womit er vorzubeugen sucht, da sein Straflied nicht mit dem
Schuldigen zugleich den Unschuldigen verletze (z. B. I 107b 6, 120b
3). Er ist den Bsen vershnlich, wenn sie sich bessern wollen (I 115b
4). Er duldet manche Unfuge, obwohl er sich rchen knnte (I 121b 2).
Denen, die im Winter ihm Freude benommen, wnscht er doch, da die
Sommerzeit ihnen wohl bekommen mge. Er kann nicht fluchen, als das
ble Wort: =unselig=! das wr' aber allzuviel (I 136b 3),

Seine gedrckte Lage, seine Abhngigkeit von der Gunst oder Ungunst
Andrer, hat ihn eingeschchtert und er lebt sein wahrstes Leben nur in
der Einsamkeit und Heimlichkeit des Gemths. Er htet sich, da nicht
die Leute sein verdriee, mit den Frohen ist er froh und lacht ungerne,
wo man weinet (I 117a 1). Er ist unschdlich froh, da man ihm wohl
zu leben gnne. Heimlich steht sein Herze hoch (I 114a 3). Er scheut
sich froh zu seyn, wenn es nicht Andre mit ihm sind, damit er nicht ihr
Fingerzeigen leide (I 140a 1 v. u.) So verhehlt er auch sein Leid und
stellt sich freudenreich (I 140b 2 v. u.); damit hat er oft sich selbst
betrogen und um der Welt willen manche Freude erlogen, die Lgen war
aber lblich (I 139b 2).

Seiner selbst mchtig zu seyn, gilt ihm fr eine vorzgliche Tugend:

  Wer schlgt den Lwen? wer schlgt den Riesen?
  Wer berwindet jenen und diesen?
  Das thut Jener, der sich selber zwinget.
                  (I 127a)




Vierter Abschnitt.

Otto IV. und Friedrich II. Walther empfngt
ein Reichslehen. Der Truchse von Singenberg.


Nach dem Tode Philipps von Schwaben wurde Otto von Braunschweig
allgemein als Knig anerkannt. Um sich der Anhnger des
hohenstaufischen Hauses zu versichern, beschlo er, sich mit Philipps
verwaister Tochter Beatrix zu verloben. Auf der Frstenversammlung
zu Wrzburg, 1209, empfieng Beatrix, von den Herzogen Leopold von
Oesterreich und Ludwig von Baiern eingefhrt, des Knigs Ku und
Ring. Das Hinderni der Verwandtschaft hatte der Pabst, auf den
hohenstaufischen Friedrich in Sicilien argwhnisch, gerne gehoben.
Doch blieb die Vermhlung ausgesetzt. Otto trat den Rmerzug an und
wurde im Weinmond 1209 von Innocenz III. als Kaiser gekrnt. Die
Ansprche der pbstlichen und der kaiserlichen Gewalt, der =Platte=
und der =Krone=[32], waren sich aber zu sehr entgegengesetzt, als
da jemals ein gutes Vernehmen in die Dauer bestanden htte. Die von
Otto vorgenommene Herstellung der Reichsrechte in Italien war der
Anla, da sein bisheriges Einverstndni mit Innocenz sich in heftige
Zwistigkeiten auflste. Weil Otto befrchten mute, da der Pabst
ihm in dem jungen Friedrich von Sicilien einen Gegenknig aufstellen
wrde, brach er mit Heeresmacht in Apulien ein. Dagegen warf Innocenz
auf ihn den Bannstral und erweckte in Deutschland durch den Erzbischof
von Mainz eine Partei fr den sicilischen Friedrich. Der Knig von
Bhmen, die Herzoge von Oesterreich und von Baiern, der Landgraf von
Thringen und viele Andre erklrten den fr den rechten Knig, dem man
einst Treue geschworen, als er noch in der Wiege lag. Es wurden Boten
abgeschickt, um Friedrichen nach Deutschland einzuladen.

[32] So bezeichnet =Reinmar d. Alte= (=Man.= I 80b) die geistliche
     und die weltliche Macht.

Otto, der in Apulien groe Fortschritte gemacht hatte, sah sich
jetzt genthigt, nach Deutschland zurckzukehren. Er beschleunigte
seine Vermhlung mit Beatrix, aber diese starb am vierten Tage nach
der Hochzeit, und nun verlieen auch die schwbischen und bairischen
Vasallen sein Heer.

Whrend er in Thringen den Landgrafen, seinen vormaligen Anhnger,
bekriegte, im Sommer 1212, kam Friedrich, jetzt fnfzehn Jahre alt,
vom Segen des Pabstes begleitet, nach Ueberstehung groer Gefahren und
Mhseligkeiten, ber das unwegsamste Alpgebirge zu Chur in Rhtien
an. Der dortige Bischof und der Abt von Sankt Gallen geleiteten ihn
nach Konstanz. Zu gleicher Zeit erschien am andern Ufer des Sees, zu
Ueberlingen, Otto mit seinem Heer. Aber von Vielen verlassen, konnte
dieser sich nicht mit seinem Gegner messen. Friedrich begab sich nach
Basel, unter dem Beistand des Grafen von Kiburg und Andrer, denen er
freigebig Lehen ertheilte. Von da zog er mit stets wachsendem Anhang
den Rhein hinab. Otto mute nach Sachsen entweichen und Friedrich
empfieng auf dem Hoftage zu Mainz die Huldigung der Frsten. Zu
Frankfurt traf der Landgraf Hermann von Thringen zu ihm. Friedrich
ritt diesem Frsten mit groem Gefolg entgegen, umarmte ihn, nannte ihn
seinen Vater und fhrte ihn auf das ehrenvollste in die Stadt.

Auf welchem Wege Walther von der Vogelweide dem neuen Knige nahe
gekommen seyn mag, wir treffen ihn jetzt, wie er in zwei Liedern
zwischen Friedrich und Otto Vergleichung anstellt.

In dem einen versichert er spottweise: Herr Otte werde ihn noch reich
machen. Ein Vater hat weiland seinem Sohne die Lehre gegeben: dem
bsesten Manne zu dienen, damit der beste ihm lohne. Walther ist der
Sohn, Otto ist der bseste Mann, denn so recht bsen Herrn hat der
Dichter nie gehabt, Knig Friedrich aber ist der beste, der nun lohnen
wird (I 130a). Es erhellt aus diesem Liede, da Walther zuvor auch
Ottos Dienste nachgezogen.

Otto IV., stolz und kriegerisch, dabei allzu sehr von Geld entblt,
war freilich nicht der Mann nach dem Sinne der begehrlichen
Snger[33]. Auch finden wir ihn nirgends unter den Befrderern des
Gesanges aufgefhrt. Friedrich II., dessen Vortheil es mit sich
brachte, gefllig und freigebig aufzutreten, mute unsrem Dichter um
so mehr zusagen, als sich dieser vorher schon als einen Freund des
hohenstaufischen Hauses gezeigt hatte.

[33] Auf ihn und seine Sparsamkeit zielt vielleicht auch das weitere
     Spottgedicht Walthers: Der Knig, mein Herre &c. (I 130a).

Noch anschaulicher, als in dem vorerwhnten Liede, mit Walther in
dem nachstehenden die beiden Knige mit dem Mastab der Milde gegen
einander ab und zeigt, wie der junge Friedrich seinem Gegner ber
das Haupt gewachsen sey. Zum Verstndni dieses Gedichts mu bemerkt
werden, da Otto durch hohen Wuchs ausgezeichnet war. Der Abt von
Ursperg fhrt sogar Ottos Strke und hohe Gestalt als einen Grund an,
der die Frsten bewogen habe, ihn zum Throne zu berufen[34].

[34] -- _pro eo, quod superbus et stultus, sed fortis videbatur
     viribus, et statura procerus_. Chron. Ursp. Der Verfasser
     dieser Chronik ist ein eifriger Anhnger der hohenstaufischen
     Partei.

  Ich wollte Herrn Otten Milde nach der =Lnge= messen,
  Da hatt' ich mich an der Mae ein Theil vergessen,
  Wr' er so mild, als lange, er htte der Tugend viel
                  besessen.
  Viel schiere ma ich ab den Leib nach seiner =Ehre=,
  Da ward er viel gar zu kurz, wie ein verschroten Werk,
  Mildes Muthes minder viel, denn ein Gezwerg,
  Und ist doch von den Jahren, da er nicht wachset mehre.
  Da ich dem Knige brachte das Ma, wie er aufscho!
  Sein junger Leib ward beides: stark und gro.
  Nun seht, was er noch wachse erst jetzo ber ihn wohl
                  riesengro! (I 130a)

=schiere=, bald, schleunig. =verschroten=, verhauen. =Werk=, irgend
   eine Kunstarbeit, eine Waffe &c.

Diemal aber ist es dem Dichter nicht um bloe Hofgunst, nicht um
ein Geschenk an Geld oder Kleidern zu thun. Er ist des irren Lebens
mde, ein Heimwesen soll ihm die Huld des Knigs begrnden. Lange
genug ist er Gast gewesen, er sehnt sich darnach, Wirth zu heien. Ein
Reichslehen, wie wir bald sehen werden, ist es, worauf er abzielt:

  =Seyd willekommen, Herre Wirth=! dem Grusse mu ich
                  schweigen.
  =Seyd willekommen, Herre Gast=! da mu ich sprechen oder
                  neigen.
  =Wirth= und =heim= sind zween unschmeliche Namen.
  =Gast= und =Herberge= mu man sich viel ofte schamen.
  Noch msse ich erleben, da ich den Gast auch grsse,
  So da er mir, dem Wirthe, danken msse!
  =Seyd heutnacht hie, seyd morgen dort=! was Gauckelfuhre
                  ist das!
  =Ich bin heim oder ich will heim=, das trstet ba.
  =Gast= und =Schach= kommt selten ohne Ha:
  Herre! bsset mir des Gastes, da euch Gott des Schaches
                  bsse. (I 131b)

=Wirth=, Hausherr, Bewirther. =da mu ich sprechen= &c., auf
   solchen Gru mu ich antworten oder mich dankend verneigen.
   =unschmeliche=, deren man sich nicht zu schmen hat. =schamen=,
   schmen. =Gauckelfuhre=, Gauckelwesen, Gauckelei. =Schach=, das
   Schachbieten. Das Gegenberstehn der beiden Knige, Friedrich und
   Otto, wird dem Schachspiele (worauf Walther auch sonst anspielt,
   I 137a 138b) verglichen. Der Dichter wnscht dem Erstern, da ihn
   der Letztere nicht in Schach setze. =kommt selten ohne Ha=, wird
   selten gerne gehrt. =bsset mir= &c., erlset mich &c.

Noch dringender spricht der Dichter sein Anliegen mit Folgendem aus:

  Von Rome Vogt, von Pulle Knig! lat euch erbarmen,
  Da man bei reicher Kunst mich lsset also armen![35]
  Gerne wollte ich, mchte es seyn, bei eigenem Feuer
                  erwarmen.
  Ahi! wie ich dann snge von den Vgeleinen,
  Von der Heide und von den Blumen, wie ich weiland sang!
  Welch schnes Weib mir gbe dann ihr =Habedank=,
  Der liee ich Lilien und Rosen aus dem Wnglein scheinen.
  Nun reite ich frh und komme nicht heim; =Gast=, weh dir,
                  weh!
  So mag der =Wirth= wohl singen von dem grnen Klee.
  =Die= Noth bedenket, milder Knig, da =eure= Noth
                  zergeh'! (I 131a)

[35]   Soll ich so bei reicher Kunst verarmen und
                verderben!
                =Der Mysnere.= (DXCIV)

=Von Rome Vogt=, hufig vorkommende Benennung der rmischen Kaiser
   oder Knige. =Pulle=, Apulien, das jetzige Knigreich Neapel.
   =Heide=, Aue.

Die Lieder rhren des Kniges Herz. Der Wunsch ist erfllt. Hren wir
des Dichters Freude!

  Ich hab' mein Lehen, all die Welt! ich hab' mein Lehen!
  Nun frchte ich nicht den Hornung an die Zehen
  Und will alle bse Herren desto minder flehen.
  Der edle Knig, der milde Knig, hat mich berathen,
  Da ich den Sommer mge Luft, den Winter Hitze han.
  Nun dnke ich meinen Nachbarn vieles da gethan
  Sie sehen mich nicht mehr an in Unholds Weise, wie sie
                  weiland thaten.
  Ich bin zu lange arm gewesen, ohne meinen Dank,
  Ich war so voller Scheltens, da mein Athem stank,
  Den hat der Knig gemachet rein und dazu meinen Sang.
                  (I 150b)

=den Hornung &c.= die Winterklte, das Erfrieren der Zehen. =ba
   gethan=, Comparativ von =wohl-gethan=, wohlgemacht, schn. =ohne
   meinen Dank=, wider meinen Willen. =Ich war so= &c. Der Dichter
   drckt aus, wie anhaltendes Ungemach ihn menschenfeindlich
   gemacht und sein Lied verbittert. Die frohere Stimmung wird jetzt
   auch seinen Gesang freundlicher machen.

Noch ein andres Lied, dessen wir frher schon zu erwhnen hatten,
feiert den glcklichen Wechsel des Schicksals. Wir sehen hier den
Snger mit der Geige, eine Tanzweise aufspielend:

  Da Friedrich aus Oesterreiche also warb,
  Da er an der Seele genas und ihm der Leib erstarb,
  Da fhrt' er meiner Kraniche Tritt in die Erde.
  Da gieng ich schleichend wie ein Pfau, wohin ich gieng.
  Das Haupt mir nieder bis auf meine Kniee hieng:
  Nun richt' ich es auf nach vollem Werthe.
  Ich bin wohl zu Feuer kommen,
  Mich hat das Reich und auch die Kron' an sich genommen.
  Wohlauf! wer tanzen wolle nach der Geigen!
  Mir ist meiner Schwere Bu',
  Erst will ich eben setzen meinen Fu
  Und wieder in ein Hochgemthe steigen.
                  (W. =Hds.= S. 170)

=Da fhrt' er= &c. da macht' er, da ich meine =Kraniche=,
   Schnabelschuhe, nachdenklich in die Erde drckte. =nach vollem
   Werthe=, mit vollem Rechte. =meiner Schwere Bu'=, meiner Noth
   Erleichterung. =eben setzen=, das Gegentheil des vorigen =in die
   Erde fhren=.

Diese Liederreihe drfen wir nicht verlassen, ohne ein Gedicht des
Sankt Gallischen Truchsessen von =Singenberg=[36] anzufhren, das einem
der vorstehenden nachgebildet ist und sich auf dasselbe bezieht. Wie
dort Walther den Vogt von Rom und Knig von Apulien anruft, so hier der
Truchse den Vogt der Welt und Knig des Himmels. Der Truchse stellt
dem milichen Loose Walthers sein eigenes behagliches und unabhngiges
Leben gegenber und bittet Gott, ihm dieses zu erhalten:

[36] Ein Truchse =Ulrich= von Singenberg erscheint in Sankt
     Gallischen Urkunden von 1219 und 1228 v. =Arx= I 458, 459.
     =Ulrich= hie auch, nach Tschudy, der Letzte des Geschlechts,
     der um 1267 starb. _Obitus_ Rudolfi _Dapiferi militis de Eggon
     inter Blidegge et Singinberc_ kmmt in dem 1272 geschriebenen
     _Necrolog. Tuifburg._ (Goldast, _Script. Rer. Alam. T. I p.
     100_) vor. -- In dem scherzhaften Gesprche zwischen Vater und
     Sohn, welches sich unter den Liedern des Truchsessen von St.
     Gallen (=Pf. Hds.= Nr. 357 Bl. 18b) findet, wird der Sohn:
     =Rdelin=! angeredet.

  Der Welte Vogt, des Himmels Knig! ich lob' euch gerne,
  Da ihr mich habt erlassen, da ich nicht lerne,
  Wie Dieser und Der an fremder Statt zu meinem Gesange
                  scherne.
  Mein Meister klaget so sehre =von der Vogelweide=,
  Ihn zwinge die, ihn zwinge das, das mich noch nie bezwang;
  Das machet, da ich mich so kaume von dem Meinen scheide,
  Mir geben denn hohe Herren und ein schnes Weib ihr Habedank.
  So reite ich spt und komme doch heim; mir ist nicht zu weh,
  Da singe ich von der Heide und von dem grnen Klee.
  Das stetet ihr mir, milder Gott, da es mir nicht zergeh'!
                  (W. =Hds.= S. 149)[37]

=an fremder Statt=, an fremdem Orte. =scherne=, blicke, drein
   schaue, urtheile. =zwinge=, qule. =so kaume= &c. nicht leicht
   mein Heimwesen verlasse. =stetet=, erhaltet, festigt.

[37] In der =Maness.= Samml. I 154a ist die Reimstellung des Lieds
     auf die Form des Gedichts von Walther zurckgefhrt, welchem
     jenes nachgebildet ist.




Fnfter Abschnitt.

Walthers Minnesang.


Walther hat den Knig versichert, wenn er seines Wunsches gewhrt, wenn
ihm eine Heimath geschaffen wrde, dann wollte er singen von Vgelein,
von der Heide, von Blumen und von schnen Frauen. Er bezeichnet damit
die Bestandtheile des Minnesangs und giebt uns Anla, nunmehr seine
eigentlichen Minnelieder zu betrachten.

Wir finden denn auch bei ihm jene bekannten Gattungen und Formen des
Minnelieds: spielende Wonne und sehnendes Leid in Sommer und Winter,
dienstliches Werben, Gesprch zwischen Ritter und Frau, Meldung des
Boten, Trennung der Liebenden, wenn der Tag durch die Wolken scheint,
Hlfruf an Frau Minne, Klage ber die Merker, ein verhates Geschlecht,
das die Freuden der Liebe belauert und strt.

Gerne jedoch wrden wir selbst den Merker spielen, wenn wir hoffen
knnten, auch hier etwas Geschichtliches aus dem Leben des Dichters zu
ersphen. Aber er ist behutsam, er fhrt uns irre und verspottet uns.

Mancher fragt ihn: wer die Liebe sey, der er diene und bis daher
gedient? Wenn ihn dieses verdriet, so spricht er: ihrer sind drei,
denen ich diene, und nach der vierten habe ich Wunsch. Doch wei es
sie alleine wohl, der er vor ihnen allen dienen soll (I 110b).

Ein andermal fertigt er die Neugierigen so ab:

  Sie fragen und fragen aber allzuviel
  Von meiner Frauen, wer sie sey?
  Das mhet mich so, da ich sie ihnen nennen will,
  So lassen sie mich doch darnach frei.
  =Genade= und =Ungenade=, diese zweene Namen
  Hat meine Fraue beide, die sind ungeleich:
  Der eine ist arm, der andre reich.
  Der mich des reichen irre, der msse sich des armen schamen!
                  (I 122a)

=Genade=, Gnade, Liebesgunst, Erhrung. =ungeleich=, ungleich.
   =irre=, hinderlich sey. =schamen=, zu schmen haben.

Dennoch scheinen die Merker auf eine Spur gekommen zu seyn. Man wirft
ihm vor: da er seinen Sang so nieder wende. Er mu sich und die
Geliebte vertheidigen. Die, sagt er, traf die Minne nie, die nach dem
Gute und nach der Schne minnen. Doch du bist schn und hast genug.
Was sie reden, ich bin dir hold und nhme dein glsen Fingerlein[38]
(Fingerring) lieber als einer Knigin Gold (I 117a).

[38] Ein =glsen Fingerlein= bezeichnet auch im =Tristan= (v.
     =Grootes= Ausg. V. 16883) eine Sache von sehr geringem Werth.

Auch ein Name wird genannt:

  Meines Herzens tiefe Wunde,
  Die mu immer offen stehn,
  Sie werde denn heil von =Hiltegunde=.
                  (I 136b)

Von sich selbsten gesteht Walther, da er nicht aller Mnner schnster
sey; sein Haupt sey nicht allzu wohlgethan. Es nimmt ihn Wunder, was
ein Weib an ihm ersehen. Sie hat doch Augen, hat ihr Jemand von ihm
gelogen, so beschaue sie ihn ba. Wo sie wohnt, da wohnen wohl tausend
Mnner, die viel schner sind. Nur da er auf =Fuge= (Sitte, auch
Kunst) sich ein weniges versteht. Will sie aber Fuge fr die Schnheit
nehmen, so ist sie viel wohlgemuth (I 139a)

Im Allgemeinen hat er von der Minne allerdings einen hohen Begriff. Der
verlieret seine Tage, dem nie von rechter Liebe ward weder wohl noch
weh. Minne ist ein Hort aller Tugenden, ohne Minne wird nimmer ein Herz
recht froh. Ja! ohne Minne kann Niemand Gottes Huld erwerben (I 104a
127a).

Er ermahnt die Jugend, nach Herzeliebe zu werben (I 108a). Wer Wrde
und Freude erwerben will, der diene um gutes Weibes Gru (I 109b). Wer
gutes Weibes Minne hat, der schmt sich aller Missethat. Was hat die
Welt zu geben Lieberes, denn ein Weib? (I 108b). Den Frsten hlt er
als Lohn ihrer Tugenden vor, von den reinen, sen Frauen gelobt zu
werden (I 133a). Er verwahrt sich gegen die Anschuldigung, als htte
er in seinem Gange guter Frauen bel gedacht, und er ruft mnniglich
zu Zeugen auf, ob deutschen Weiben Jemand je besser gesprochen? Da er
die Guten von den Bsen scheide, das nur erzeuge den Ha (I 120b). Sein
begeistertes Lob deutscher Frauen, worauf er sich hier beziehen mag,
ist zuvor ausgehoben worden. Man soll alle Weiber ehren, aber doch die
besten ba, behauptet er anderswo (I 110b). Die Regeln der Weisheit und
Ehre, die er in einem seiner Lieder giebt, schliet er mit den Worten:
willt du das Alles berglden, so sprich wohl den Weiben! (I 133b).
Von der Frau seines Herzens sagt er: sie entfremde ihm alle andre, nur
da er um ihretwillen alle ehren msse (I 124a). Der Gedanke an gute
Frauen ist ihm ein Trost in bser Zeit:

  Wer verhohl'ne Sorge trage,
  Der gedenke an gute Weib, er wird erlost,
  Und gedenke an lichte Tage!
  =Die= Gedanken waren stets mein bester Trost.
  Gegen den finstern Tagen hab' ich Noth,
  Nur da ich mich richte nach der Heide,
  Die sich schmt vor Leide,
  So sie den Wald sieht grnen, so wird sie immer roth.
                  (I 114b)

=erlost=, erlst. =gegen=, vor. =hab' ich Noth=, banget mir.

Gleichwohl ist es nicht die tiefere und anhaltende Leidenschaft, die
zrtliche Innigkeit, das Versinken in =einem= Gefhle, was Walthers
Minnelieder auszeichnet, zumal wenn sie in dieser Beziehung mit den
Liedern andrer vorzglichen Minnesnger, z. B. =Reinmars= des =Alten=
oder =Heinrichs= von =Morunge=, verglichen werden. Es ist sogar nicht
zu lugnen, da mehrere an einer gewissen Trockenheit leiden. Das
Selbstbewutseyn, die Ueberlegung ist in manchen sehr vorherrschend.
Einige Male giebt er der Geliebten zu verstehen, wenn sie ihm nicht
hold seyn wolle, so werde er sich anderwrts zu helfen wissen. Sie mge
aber bedenken, da nicht leicht Jemand besser, denn er, sie loben knne
(I 123b). Doch drckt er dieses noch zrtlich genug aus, wenn er sagt:
Ihr Leben hat meines Lebens Ehre, tdtet sie mich, so ist sie todt (I
124b). Er vermit sich sogar, um die schnen Tage zu klagen, die er
an ihr versumt habe. Noth und Ungemach um der Liebe willen zu leiden,
wrde ihn nicht so sehr bekmmern, als verlorene Zeit (I 118a). Ja! er
sagt einmal: Minne habe von ihm in der Woche je nur den siebenten Tag
(I 120a).

Hiebei darf nun aber nicht bersehen werden, da er den Minnesang
bis in ein sehr vorgercktes Alter fortgesetzt. Auch in der Minne
vermit er eine verschwundene bessere Zeit: Hiebevor, da man so recht
minnigliche warb, da waren meine Sprche auch freudenreich; seit
da die minnigliche Minne also verdarb, seit sang auch ich ein Theil
unminniglich (I 116b). Er klagt, da Falschheit berhandgenommen. Seit
man falscher Minne mit so sen Worten gehrt, kann ein Weib nicht
wissen, wer sie meine. Der die Weiber allererst betrog, der hat an
Mnnern und Weibern missefahren (I 104a). Aber auch die Frauen erkennt
der Dichter schuldig: da die Mnner so bel thun, das ist gar der
Weiber Schuld. Hievor stand der Frauen Muth auf Ehre, jetzt sieht man
wohl, da man ihre Minne mit Unfuge erwerben soll (I 107b). Das thut
uns Mnnern den meisten Schaden, da wir den Weibern gleich lieb sind,
wir seyen bel oder gut. Unterschieden sie uns, wie vormals, und lieen
auch sich unterscheiden, das frommte uns vieles mehr, Mnnern und
Weibern beiden (I 116b).

Walther bedauert ein schnes Weib, da ihr die Schnheit nichts ntze,
seit man nicht mehr gewohnt sey, innern Werth bei Schnheit zu finden:

  Ich will Einer helfen klagen,
  Der doch Freude ziemte wohl,
  Da in also falschen Tagen
  Schnheit Tugend verlieren soll.
  Hiebevor wr' ein Land erfreuet ber ein so schnes Weib:
  Was soll =Der= nun schner Leib?
                  (I 140a)

Aber nicht blo in diesem Rckblick auf verlebte Zeiten zeigt sich uns
der Dichter als einen bejahrten Mann. Er giebt es noch nher. =Minne=,
sagt er, hat einen Brauch, damit sie Manchen beschwert, den sie nicht
beschweren sollte. Ihr sind vier und zwanzig Jahr viel lieber, denn
ihr vierzig sind, sie stellt sich viel bel, sieht sie irgend graues
Haar[39]. =Minne= war so ganz die Meine, da ich wohl wute all ihre
Geheimni. Nun ist mir so geschehen: kommt ein Junger jetzo her, so
werde ich mit zwerchen Augen schielend angesehen. Armes Weib! wes mhet
sie sich? Wei Gott! ob sie auch Thoren trget, sie ist doch lter
viel, denn ich (I 120a).

[39] Die Weiber hassen graues Haar -- fhrt schon =Heinrich= von
     =Veldecke= (=Man.= I 20a) als ein altes Sprichwort an.

Noch mehr! Walther versichert, wohl vierzig Jahre und drber habe
er von Minne gesungen (I 122b). Darum auch kein Wunder, wenn manche
seiner Lieder nicht mehr die Frische jugendlichen Lebens athmen! Er
sagt sich am Ende feierlich von der Minne los; sein Minnesang mge nun
Andern dienen und ihre Huld werde dafr sein Theil. Er segnet sich, da
er auf der Welt so Manche froh gemacht, Mann und Weib. Aber von der
vergnglichen Minne, die nichts weiter ist, als vom Fische der Grat,
wendet er sich jetzt zu der steten, ewigen (I 123a).

Wir mssen jedoch zurckkehren, um nun auch die Lichtseite seines
Minnesanges darzulegen. Wenn dieser Dichter nicht in derjenigen Gattung
von Minneliedern voransteht, deren Seele die innigste Empfindung ist,
so ergreift er dagegen auch hier durch die sinnliche Kraft seiner
Darstellung, durch die Anschaulichkeit und den Farbenglanz seiner
Lebensbilder; Vorzge, die er uns schon anderwrts bewhrt hat. Es
sind in dieser Beziehung einige etwas muthwillige Lieder nicht minder
auszuheben, als andre von wrdiger hoher Art.

Zuerst eine Tanzweise, ein Reigen:

  Nehmet, Fraue, diesen Kranz! --
  Also sprach ich zu einer wohlgethanen Magd --
  So zieret ihr den Tanz
  Mit den schnen Blumen, so ihr's auf euch tragt.
  Htt' ich viel edel Gesteine,
  Das mt' auf euer Haupt,
  Ob ihr mir es glaubt.
  Seht meine Treue, da ich es meine!

  Fraue! ihr seyd so wohlgethan,
  Da ich euch mein Schapel gerne geben will,
  Das allerbeste, das ich kann.
  Weier und rother Blumen wei ich viel;
  Die stehn so ferne in jener Heide,
  Da sie schn entsprangen
  Und die kleinen Vgel sangen,
  Da soll'n wir sie brechen Beide.

  Sie nahm, das ich ihr bot,
  einem Kinde viel geleich, dem Ehr' geschieht.
  Ihre Wangen wurden roth,
  Wie die Rose, da man sie bei Lilien sieht;
  Des muten die lichten Augen sich schmen.
  Da neigte sie mir viel schne,
  Das ward mir zu Lohne;
  Wird mir noch mehr, das will ich schweigend nehmen.
                  (I 125a)

=seht meine Treue=, man denke sich hiebei die Bewegung des Schwrens
   oder des Handschlags. =meine=, ernstlich meine. =Schapel=, Kranz,
   Kopfschmuck. =geleich=, gleich.

Wie es mit dem Blumenbrechen[40] gemeint sey, verrth ein weiteres
Lied, an dem der hrbare Wohllaut der Singweise zu bewundern ist:

  Unter der Linden, ~ an der Heide,
  Da unser Zweier Bette was,
  Da mget ihr noch finden, ~ schne beide,
  Gebrochen Blumen unde Gras,
  Vor dem Walde, in einem Thal,
  Tandaradai!
  Schne sang die Nachtigall.

  Ich kam gegangen ~ zu der Aue,
  Da war mein Friedel kommen eh'.
  Da ward ich empfangen, ~ hehre Fraue!
  Da ich bin selig immermeh.
  Er kte mich wohl tausendstund,
  Tandaradai!
  Seht, wie roth mir ist der Mund!

  Da hatt' er gemachet, ~ also reiche,
  Von Blumen eine Bettestatt.
  Des wird noch gelachet, ~ innigliche,
  Kommt Jemand an denselben Pfad;
  Bei den Rosen er wohl mag --
  Tandaradai!
  Merken, wo das Haupt mir lag.

  Da wir da lagen, ~ wt' es Jemand,
  Das hte Gott! so schmt' ich mich.
  Wes wir da pflagen, ~ nimmer Niemand
  Befinde das, denn er und ich
  Und ein kleines Vgelein!
  Tandaradai!
  Das mag wohl getreue seyn.
                  (I 115b)

=was=, war. =schne beide=, Beiwort des nachfolgenden: Blumen und
   Gras. =Friedel=, Liebster. =hehre Fraue=! wohl nicht Anrede an
   eine Vertraute, sondern Ausruf zu Marien. =immermeh=, immermehr,
   immerfort. =tausendstund=, tausendmal. =getreue=, verschwiegen.

[40] Anderswo singt Walther:

       Mte ich noch erleben, da ich die Rosen
       Mit der Minniglichen sollte lesen,
       So wollt' ich mich so mit ihr erkosen,
       Da wir immer Freunde mten wesen.
                  (I 137b)

     Ein andrer Dichter wendet sich so an ihn:

       Hr' an, Walther, wie es mir staht,
       Mein traut Geselle von der Vogelweide!
       Hlfe suche ich und Rath,
       Die Wohlgethane thut mir viel zu Leide.
       Knnten wir ersingen beide,
       Da ich mit ihr mte brechen Blumen an der lichten
                  Heide! (I 140a)

     Vgl. =Reinmar=, I 81b; =Nithart=, II 81a; =Hadloub=, II 194b
     195b. Schn sagt Knig =Wenzel= von Beheim, I 2b:

       Ich brach der Rosen nicht und hatt' ihr doch Gewalt.

Wir lassen noch einige der kleineren Liebeslieder folgen:

  Mich duchte, da mir nimmer
  Lieber wrde, denne mir zu Muthe was.
  Die Blumen fielen immer
  Von dem Baume bei uns nieder in das Gras.
  Seht! da mute ich vor Freuden lachen.
  Da ich so innigliche
  War im Traume reiche,
  Da taget' es und mut' ich wachen.
                  (I 137a)

       *       *       *       *       *

  Da ich dich so selten grsse,
  Das ist ohn' alle arge Missethat.
  Ich will wohl, da zrnen msse
  Lieb mit Liebe, wo es von Freundes Herzen gaht.
  Trauren und werden froh,
  Sanfte zrnen, sehre shnen:
  Das ist der Minne Recht, die Herzeliebe will also.
                  (I 123b)

       *       *       *       *       *

  In einem zweifelichen Wahn
  War ich gesessen und gedachte,
  Ich wollte von ihrem Dienste gahn,
  Nur da ein Trost mich widerbrachte.
  Trost mag es doch nicht heien, es
  Ist viel kaum ein Trstelein,
  So kleine, wenn ich euch das sage, ihr spottet
                  mein;
  Doch freuet sich selten Jemand, der nicht wisse:
                  wes.

  Mich hat ein Halm gemachet froh,
  Er sagt: ich solle Gnade finden.
  Ich ma dasselbe kleine Stroh,
  Wie ich zuvor gesehn bei Kinden.
  Hret und merket, ob sie's denne thu'?
  Sie thut nicht, sie thut! sie thut nicht, sie thut!
                  sie thut nicht, sie thut!
  Wie oft ich also ma, war stets das Ende gut.
  Da gehrt auch Glaube zu.
                  (I 142)

Einen hheren Schwung nimmt das nachfolgende Mailied:

  So die Blumen aus dem Grase bringen,
  Gleich als lachten sie gegen der spiel'nden Sonnen,
  In einem Maien, an dem Morgen fruh,
  Und die kleinen Vgelein wohl singen
  In der besten Weise, die sie knnen:
  Was Wonne kann sich da vergleichen zu?
  Es ist wohl halb ein Himmelreiche,
  Nun sprechet Alle, was sich dem vergleiche!
  So sage ich, was mir ofte ba
  In meinen Augen hat gethan und thte auch noch,
                  ershe ich das:

  Wo eine edele Fraue, schne, reine,
  Wohl bekleid't und dazu wohl gebunden,
  Um Kurzeweile zu viel Leuten geht,
  Hfelichen, hochgemuth, nicht eine,
  Um sich sehend ein wenig unterstunden,
  Gleich wie die Sonne gegen den Sternen steht.
  Der Maie bringe uns alle sein Wunder!
  Was ist denn da so Wonnigliches unter,
  Als ihr viel minniglicher Leib?
  Wir lassen alle Blumen stehn und gaffen an das
                  werthe Weib.

  Nun wohlauf! wollt ihr die Wahrheit schauen,
  Gehn wir zu des Maien Hochgezeite!
  Der ist mit aller seiner Wonne kommen.
  Seht an: ihn! und seht an: schne Frauen!
  Welches hie das Andre berstreite?
  Das bessre Spiel, ob ich das habe genommen?
  Wer mich hie Eines whlen hiee,
  Da ich das Eine um das Andre liee:
  Ahi! wie schnell ich dann kre!
  Herr Mai! ihr mtet Mrze seyn, eh' ich meine
                  Fraue da verlre. (I 116a)

=wohl gebunden=, mit schnem Gebnde, Kopfband. =zu viel Leuten=,
   unter die Leute, zu einer festlichen Versammlung. =nicht
   eine=, nicht allein, mit Begleitung. =unterstunden=, zuweilen.
   =Hochgezeite=, Fest. =kre=, whlte.

Die Reihe der Minnelieder schlieen wir mit zwei Gestzen, welche, ganz
ihrem Inhalt gem, in einer von jenen volltnenden Weisen gedichtet
sind, womit sonst der Dichter die Knige zu begrssen pflegt:

  Durchssset und geblmet sind die reinen Frauen,
  Es ward nie nichts so wonnigliches anzuschauen
  In Lften, auf Erden, noch in allen grnen Auen.
  Lilien, Rosenblumen, wo die leuchten
  Im Maienthaue durch das Gras, und kleiner Vgelein Sang,
  Das ist gegen solcher wonnereicher Freude krank.
  Wo man ein' schne Fraue sieht, das kann trben Muth
                  erfeuchten
  Und lschet' alles Trauren an derselben Stund'.
  So lieblich lachet in Liebe ihr ser rother Mund,
  Und Strale aus spiel'nden Augen schieen in Mannes
                  Herzensgrund. (I 130a)

=krank=, schwach. =erfeuchten=, erfrischen. =Strale=, Pfeile.

       *       *       *       *       *

  Viel se Fraue, hochgelobt mit reiner Gte!
  Dein keuscher Leib giebt schwellend Hochgemthe.
  Dein Mund ist rther, denn die lichte Rose in
                  Thaues Blthe.
  Gott hat gehhet und gehehret reine Frauen,
  Da man ihn'n wohl soll sprechen und dienen zu
                  aller Zeit.
  Der Welte Hort mit wonniglichen Freuden leit
  An ihnen. Ihr Lob ist lauter und klar. Man soll sie
                  schauen;
  Fr Trauren und fr Ungemthe ist nichts so gut,
  Als anzusehn ein' schne Fraue, wohlgemuth,
  Wenn sie aus Herzensgrund ihrem Freunde ein
                  lieblich Lachen thut.
                  (I 130b)

=wohl sprechen=, Gutes von ihnen sprechen. =leit=, liegt.
   =Ungemthe=, Unmuth.

Ein Ueberblick ber diese Minnelieder giebt uns den Eindruck, da
in denselben der Dichter nicht von seinem Gegenstande beherrscht
sey, sondern diesen mit Freiheit ausser sich stelle. Zumal in den
ausgehobenen Gedichten hheren Styls betrachtet er die Schnheit und
den Werth der Frauen, fast ohne eigenen Anspruch, als eine glnzende
Erscheinung, die er in das Ganze seiner Weltanschauung aufnimmt.




Sechster Abschnitt.

Der Hof zu Wien. Leopold VII. Der Krnthner.
Der Patriarch. Ulrich von Lichtenstein.


In welcher Gegend das Leben gelegen, das Friedrich II. dem Dichter
ertheilte, darber giebt dieser keinen Aufschlu. Auch die Zeit
der Belehnung ist ungewi. Geraume Zeit nach Friedrichs Ankunft in
Deutschland lt Walther sich wieder am Hofe von Oesterreich treffen.

Es mag seyn, da er am Hofe Leopolds VII., der seinem Bruder Friedrich,
dem Gnner des Dichters, im Herzogthum nachgefolgt war, mehrmals und
zu sehr verschiedenen Zeiten sich aufhielt. In Ermanglung bestimmterer
Anzeigen mssen wir uns jedoch begngen, die Gedichte, welche den Hof
zu Wien betreffen, um den einen Zeitpunkt zu sammeln, der mit einiger
Sicherheit angegeben werden kann. Diejenigen, welche sich auf den
benachbarten Hof von Krnthen beziehen, stehen mit erstern in genauem
Zusammenhang.

Leopold VII. (der =Glorreiche=), Herzog von Oesterreich und Steier,
ist derjenige, den im Kriege auf Wartburg Heinrich von Ofterdingen vor
allen Frsten preist. Er legt Leopolds Tugend auf die Wage und fordert
die andern Snger auf, solche mit dreier Frsten Milde aufzuwgen.
Der von Oesterreich wnsche sich vier Hnde, damit, whrend er mit
zweien gegen die Feinde kmpfe, zwei andre den gehrenden Leuten Gabe
spenden knnen. Als er gegen den Knig von Ungarn den Schild an den Arm
genommen, habe er zugleich zu seinem Kmmerer gesprochen: Nun schaffe,
da den Gehrenden ihre Pfnder gelst werden! (=Man.= II 1a 4a)

Drei Sorgen hat unser Dichter sich genommen, dreierlei Dinge mcht'
er gewinnen. Das eine ist Gottes Huld, das andre seiner Frauen Minne,
das dritte, das sich mit Unrecht manchen Tag seiner erwehrt, ist der
wonnigliche Hof zu Wien. Er will nimmer rasten, bis er diesen verdient.
Dort sah man Leopolds Hand geben, ohne da sie des erschrack (I 105b).

Nher rckt er mit folgendem Liede:

  Mir ist versperrt des Heiles Thor,
  Da steh' ich als ein Waise vor,
  Mich hilfet nicht, was ich daran auch klopfe.
  Wie mcht' ein Wunder grer seyn:
  Es regnet beidenthalben mein,
  Da mir des alles nimmer wird ein Tropfe!
  Des Frsten Milde aus Oesterreich
  Freuet, dem sssen Regen gleich,
  Beide: Leute und auch das Land.
  Er ist eine schne wohlgezierte Heide,
  Darab man Blumen brichet wunder.
  Und brche mir ein Blatt da herunter
  Seine viel milde, reiche Hand,
  So mchte ich loben die viel ssse Augenweide.
  Hiemit sey er an mich gemahnt!
                  (I 128a)

=beidenthalben mein=, zu meinen beiden Seiten. =wunder=, wunderviel.

Es ist wahrscheinlich, da Walther einmal von Krnthen aus gegen Wien
angedrungen. In Krnthen war Bernhard, aus dem Geschlechte der Grafen
von Lavantthal, von 1202 bis 1256 am Herzogthum[41]. In ihm finden wir
den =Krnthner= unsres Dichters, den frstlichen Freund des Gesanges,
auf welchen auch im =Titurel= angespielt wird[42]. Der Aufenthalt am
Hofe dieses Frsten wurde Walthern, wie es scheint, durch Hofrnke und
Kunstneid verleidet. Er hat des Krnthners Gabe oft empfangen, aber
einmal geschah es, da ihm die Kleider nicht gegeben wurden, die ihm
der Frst bestimmt hatte. Daraus entstanden Miverstndnisse, deren
Erzhlung der Dichter mit den Worten schliet:

  Dieser Zorn ist ohn' alle Schulde, wei Gott, unser beider.
                  (I 132a)

[41] Frlich, _Specimen Archontologi Carinthi, Vienn. etc. 1758 p. 4_.

[42]  Ob mir ein Frst aus Krnthen giebt die Miethe.
                  =Titur.= Cap. 15

     Freilich kann der =Titurel= in seiner jetzigen Gestalt nur
     mit Vorsicht gebraucht werden.

Ein andermal beklagt er sich, da man am Hofe seinen Sang
=verkehre=[43]. Er eifert gegen solche Schlke, zeigt sich zum weitern
Gefechte gerstet, bittet jedoch den Frsten, selbst die Sache zu
untersuchen:

  Frage, was ich habe gesungen, und erfahr' uns,
                  wer's verkehre! (=Ebd.=)

[43] Ueber das =Verkehren= des Gesanges, d. h. das Mideuten,
     Entstellen, wohl auch Parodiren desselben, hat auch der
     =Hardegger= zu klagen:

       Wer mir verkehret, das ich heure von dem Kaiser sang
                  &c. (=Man.= II 121b)

     Vgl. v. =Singenberg= (I 156b 3)

Die Gegner scheinen aber gesiegt zu haben und hieher kann es bezogen
werden, wenn der Dichter sich jetzt an den Herzog von Oesterreich
wendet:

  _In nomine domini!_ ich will beginnen, sprechet _Amen!_
  das ist gut fr Ungelcke und fr des Teufels Samen.
  Da ich nun singen msse in dieser Weise also,
  Wer hfischen Sang und Freude stre, da der werde unfroh!
  Ich habe wohl und hofelich daher gesungen,
  Mit der Hfischheit bin ich nun verdrungen,
  Da die Unhfischen nun zu Hofe werther sind, denn ich.
  Das mich ehren sollte, das unehret mich.
  Herzog aus Oesterreiche, Frste, nun sprich!
  Du wendest es alleine, sonst verkehre ich meine Zungen.
                  (I 131b)

=verkehre ich= &c. d. h. singe auch ich unhofelich.

In einem hnlichen Liede droht er, sich jetzt auch des =scharfen
Sanges= befleien zu wollen:

  Da ich stets mit Furchten bat, da will ich nun gebieten,
  Ich sehe wohl, da man Herrengut und Weibesgru
  Gewaltiglich und ungezogenlich erwerben mu.

Er beschwert sich weiter, wenn er seinen hfischen Sang singe,
so klagen sie es =Stollen=, vermuthlich einem von den unhfischen
Verkehrern seines Gesangs. Der Schlu des Liedes geht wieder auf den
Herzog Leopold:

  Zu Oesterreiche lernte ich singen und sagen,
  Da will ich mich allererst beklagen.
  Finde ich an Lpold hfischen Trost, so ist mir
                  mein Muth entschwollen.
                  (I 131b f.)

Mehrere Lieder zeigen uns nun den Dichter wirklich an dem ersehnten
Hofe zu Wien. Einige derselben gestatten eine ungefhre Zeitbestimmung,
namentlich beziehen sich zwei davon auf den Kreuzzug des Herzogs.

Leopold VII. lie sich schon 1208 mit mehreren Edeln des Landes zu
Neuenburg mit dem Kreuze zeichnen. Im Jahr 1213 begab er sich mit
groem Gefolge nach Spanien, um die Mauren zu bekriegen. Sodann im
Jahr 1217 fuhr er mit dem Knige von Ungarn und vielen Andern nach
dem heiligen Lande. Dort betrieb er die Belagerung von Damiata,
kehrte aber, bevor noch diese Stadt eingenommen war, im Jahr 1219 nach
Oesterreich zurck[44]. Walther feiert des Herzogs glckliche Heimkehr.
Ihr seyd wohl werth, sagt er, da wir die Glocken gegen euch luten,
dringen und schauen, als ob ein Wunder kommen sey; ihr kommet uns
snden- und schandenfrei, drum sollen wir Mnner euch loben und die
Frauen sollen euch kosen. Im Uebrigen geht das Lied darauf hinaus, da
der ehrenvolle Empfang den Herzog fr den Vorwurf entschdigen solle,
als htte es seiner Ehre angestanden, noch lnger ber Meer zu bleiben
(I 135).

[44] _Chron. Claustro-Neoburg. ad ann. 1208-1219._

Nach der Rckkehr des Herzogs ist ein Lied gedichtet, worin die
Kargheit des sterreichischen Adels gergt wird. Als Leopold spart' auf
die Gottesfahrt, da sparten sie alle, als wagten sie nicht zu geben.
Das war billig, da sie ihn an Milde nicht berhhen wollten; man soll
immer nach dem Hofe leben. Die Helden aus Oesterreich hatten stets
gehofeten Muth. Sie =behielten= ihm zu Ehren, das war gut. Nun =gebet=
ihm zu Ehren, wie er nun thut, und lebet nach dem Hofe, so ist eure
Zucht unbescholten! (I 132b)

In einem andern Gedichte lehnt Walther es ab, den Herzog nach dem Walde
zu begleiten. Zu Felde folgt er ihm gern, zu Walde nicht. Zu Walde
will ihn der Herzog, Walther hat stets bei Leuten gelebt. Selig sey der
Wald und die Heide, da mge Leopold mit Freuden leben! Zieh' er dahin,
Walthern lass' er bei Leuten, so haben sie Wonne beide (I 132b).

Aeusserst wohl ergeht es dem Dichter um diese Zeit. Er benennt dreier
Frsten Hfe, so lange er diese wei, braucht er nicht um Herberge fern
zu streichen, sein Wein ist gelesen und seine Pfanne sauset. Die drei
Frsten sind: der biderbe Patriarch; zuhand dabei Leopold, der Frst
zu Steier und Oesterreich, dem Niemand lebender zu vergleichen; der
dritte: des vorigen Vetter, der wie der milde Welf gemuth ist, des Lob
nach dem Tode besteht (I 133b).

Den Herzog Leopold kennen wir. Sein Vetter ist wohl niemand anders,
als seines Vaters einziger Bruder, =Heinrich=, der bis in das Jahr
1223 lebte[45]. Der biderbe Patriarch aber ist uns der Patriarch von
Aquileja, =Berthold=, aus dem Geschlechte der Grafen von Andechs, der
von 1218 an diese geistliche Wrde bekleidete und erst 1251 starb[46].

[45] _Chron. cit. ad ann. 1223._ Wer der =milde Welf= sey, mit
     welchem Leopolds Vetter verglichen wird, getraue ich mir nicht
     zu bestimmen. Auch der =Tanhuser= (=Man.= II 64a) gedenkt eines
     =Welf von Schwaben= unter den verstorbenen Frsten, welche
     manchem Mann viel reicher Kleider gaben.

[46] Frlich I. _c. Tab. IV_

Ein Blick in das Leben eines andern Dichters kann diese Verhltnisse
erlutern. =Ulrich= von =Lichtenstein=, aus dem steirischen
Geschlechte, das jetzt gefrstet ist, einer der liederreichsten
Minnesnger, hat bekanntlich selbst sein ritterliches Leben in dem
Buche: =Frauendienst=[47] beschrieben. Dieses Buch, dem geschichtliche
Grundlage nicht abzusprechen ist, giebt die merkwrdigsten Aufschlsse
ber die Sitten damaliger Zeit, ber Minnedienst und Minnesang,
besonders ber das Leben und Treiben der Frsten und des Adels in
Oesterreich, Steiermark, Krnthen und Istrien. Eben diese Gegenden,
wo wir Walthern zuletzt getroffen, hat Ulrich von Lichtenstein, bald
als Knigin Venus, bald als der aus dem Paradies zurckgekommene Knig
Artus verkleidet, auf Ritterfahrt durchzogen. Eben die Frsten, an
deren Hofe Walther gesungen, hat auch Ulrich gekannt und mit einigen
derselben sich im Ritterspiele getummelt. Ulrich ist jnger, als
Walther, und keiner gedenkt ausdrcklich des andern, aber sie sind
Zeitgenossen und gerade in dem Zeitabschnitte, bei dem wir jetzt
verweilen, begegnen sich ihre Bahnen; auch mchte sich aus Ulrichs
Liedern nachweisen lassen, da Walthers Gedichte auf ihn eingewirkt
haben.

[47] =Frauendienst= &c. Nach einer alten Hdschr. bearbeitet und
     herausgegeben von =Ludwig Tieck=. Stuttg. u. Tb. 1811. Ein
     Abdruck der Urschrift dieses wichtigen Denkmals wird noch immer
     vermit.

Den Herzog Leopold, Walthers Beschtzer, finden wir im Buche Ulrichs
von Lichtenstein[48], wenn dieser (Cap. II) erzhlt:

Darauf ward ich Ritter, zu =Wien=, bei einer Hochgezeit', die ich
seitdem nimmer so schn gesehen habe: da war groes Ungemach von
Gedrnge. Der Frst =Leupold= aus Oesterreich gab seine minnigliche
Tochter einem Frsten von Sachsen zum Gemahl. Der edle Frst gab
dritthalb hundert Knappen Schwerdt; den Grafen, Freien, Dienstmann,
wohl tausend Rittern, gab der edle Frst Gold, Silber, Ro und Kleider.
Fnf tausend Ritter aen da des werthen Frsten Brod, da war viel
Buhurt (eine Art des Turniers) und Tanzes, und manches Ritterspiel: da
waren die reiche Herzogin und ihre minnigliche Tochter, und manche gute
Fraue.

[48] Auch den vorerwhnten Vetter Leopolds wrden wir in dem
     Markgrafen Heinrich von Oesterreich erkennen, bei welchem
     Ulrich von Lichtenstein Lehrling war und von dem er so viel
     Schnes zu rhmen wei. =Frauend.= Cap. I S. 3-4. Es ist aber
     zweifelhaft, ob hier nicht =Isterreich= statt =Oesterreich=
     zu lesen sey? denn spterhin tritt der Markgraf Heinrich von
     Isterreich auf.

Das Hochzeitfest, welches Ulrich beschreibt, hatte nach den
Geschichtschreibern im Jahr 1222 statt[49]. Ein hnliches Fest, wenn
nicht dasselbe, hat Walther vor Augen, wenn er so anstimmt:

  Ob Jemand spreche, der nun lebe,
  Da er gesehn je grre Gebe,
  Als wir zu Wien durch Ehre haben empfangen?
  Man sah den jungen Frsten geben,
  Als wollt' er nicht mehr lnger leben,
  Da ward mit Gute Wunders viel begangen.
  Man gab da nicht bei dreiig Pfunden,
  Nein! Silber, gleich als wr's gefunden,
  Gab man hin und reiche Wat.
  Auch hie der Frste durch der Gehr'nden Hulde
  Die Mallen von den Stellen leeren.
  Ro', als ob es Lmmer wren,
  Viel Mancher weggefhret hat.
  Es galt da Niemand seiner alten Schulde.
  Das war ein minniglicher Rath!
                  (I 129b)

[49] _Solemnitas magna in Wienna fit Duce auctore Liupoldo, cujus
     etiam filia Duci Saxonum nuptiali thalamo est copulata._
     _Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1222._

=Gebe=, Ausspendung. =Als wollt' er= &c. vgl. =Nibel.= V. 171.
   =durch der Gehrn'den Hulde=, zum Besten der Gehrenden, der
   Snger und andrer begehrlichen Leute, die sich bei solchen
   Festlichkeiten zudrngten. =Mallen=, Koffer. =Stellen=, Gerste,
   worauf die Mallen standen. =galt=, bezahlte; man pflegte bei
   solchen Anlssen den Gehrenden die Pfnder auszulsen.

Im Verfolg seiner Geschichte (Cap. VI) meldet Ulrich von Lichtenstein
von einer Frstensprache, die zu Freisach stattgefunden. Der Markgraf
Heinrich von Isterreich[50] wollte den Frsten von Krnthen angreifen.
Als aber Leopold von Oesterreich dieses vernahm, sprach er: Das
gestatte ich nicht, sondern ich will es vershnen und in kurzem einen
Tag machen. Diese Gelegenheit bentzten Ulrich und sein Bruder, auf
einem Anger bei der Stadt Freisach Ritterspiele zu veranstalten, woran
die Frsten selbst Theil nahmen und ber welchen man mehrere Tage
lang nicht zum Hauptgeschfte kam. Am Ende ward jedoch die Ausshnung
vermittelt. Unter den weltlichen Frsten, die fr dieses Geschft
versammelt waren, erscheinen Leopold von Oesterreich und Bernhard
von Krnthenland, unter den geistlichen der Patriarch von Aquileja.
Wir sehen also hier drei von den Gnnern unsres Dichters zu Ernst und
Spiel vereinigt, der Verkehr zwischen ihren Hfen ist erffnet, es sind
belebte Pfade, worauf der Snger wandelt.

[50] Dieser Markgraf Heinrich, aus dem Hause Andechs, ein Bruder des
     Patriarchen Berthold, war des Antheils an der Ermordung Knig
     Philipps verdchtig und wurde deshalb 1209 seiner Wrden, Lehen
     und Einknfte verlustig erklrt. Das Haus Andechs behauptete
     aber seine Ansprche auf die Markgrafschaft. Heinrich starb um
     1228.

So melden auch die Geschichtbcher, da noch im Jahr 1229 der Patriarch
von Aquileja, Leopold von Oesterreich und der Herzog von Isterreich
nach Italien hinunter ritten, um den Kaiser Friedrich mit dem Pabste
auszushnen. Leopold starb 1230 zu St. Germano in Campanien und nur
seine Gebeine kamen nach Oesterreich zurck[51].

[51] _Chron. Ursp. ad ann. 1229, Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230._

Wie heimisch Walther von der Vogelweide in jenen stlichen Gegenden
war, giebt er deutlich zu erkennen. Wenn er sagt: von der Seine bis an
die Mur, vom Po bis an die Drave hab' er der Menschen Weise gemerket
(I 131b), so hat er offenbar seinen Standpunkt in der Steiermark, die
von Mur und Drave durchstrmt wird. Dahin zieht er seine Linien von der
Seine aus, als der nordwestlichen, vom Po, als der sdlichen Grnze
seiner Wanderungen. In einem andern Liede (I 105b 4) scheint er die
Frsten von Oesterreich, im Gegensatze zu andern Herren, die auf einem
Hoftage zu Nrnberg waren, die =heimlichen= (heimischen) zu nennen.

Hinwider zeigt eine Stelle im =Frauendienst= S. 119, wie gangbar
Walthers Gesang eben in jenen Gegenden war. Als Ulrich von Lichtenstein
auf der Ritterfahrt, die er als Knigin Venus unternommen, gen
Wien reitet, begegnet ihm einer seiner Knechte, der ihm erfreuliche
Botschaft von der Frau seines Herzens zu melden hat. Der Bote darf den
verkleideten Herrn nicht anreden, er reitet daher blo hinter demselben
her und singt ein Lied, wodurch er kund giebt, da er gute Botschaft
bringe. Dieses Lied ist die erste Strophe eines Gedichts von Walther,
welches oben geliefert worden:

  Ihr sollt sprechen: willekommen!
  Der euch Mhre bringet, das bin ich &c.

Das Lied -- sagt Ulrich -- klang mir in mein Herze und that mir
inniglich wohl.

Noch hren wir Walthern den Verfall des Hofes zu Wien beklagen. Die
Ursache dieses Wechsels aber giebt er nicht an. Ob solche in dem
1230 erfolgten Tode Leopolds und in dem kriegerischen Geiste seines
Nachfolgers, Friedrichs des Streitbaren, zu suchen sey, lassen wir
dahingestellt seyn. Da Friedrich dem Gesange nicht abhold war, ergiebt
sich aus dem, was =Nithart=, =Tanhuser=, =Pfeffel= und =Bruder Werner=
von ihm sagen. Sang er doch selbst den Frauen den Reigen, und der
=Tanhuser= mit (=Man.= II 59b). Soviel meldet brigens die Geschichte,
da nach Leopolds Tode fast alle seine Dienstleute sich gegen seinen
Sohn Friedrich verschworen, diesen des vterlichen Erbes beraubten und
nachher beinahe ganz Oesterreich mit Raub und Brand verwsteten[52].

[52] _Chron. Cl. Neoburg. ad ann. 1230._

Reinmar der Alte giebt ein Trauerlied auf den Tod =Leopolds=, der darin
der Herr aller Freuden genannt wird (I 68a), Walther hinwider betrauert
den Tod Reinmars (I 105a) und htte hiernach, wenn in jenem Klageliede
wirklich Leopold von Oesterreich gemeint ist, allerdings noch in den
Tagen Friedrichs des Streitbaren gelebt.

Das Gedicht selbst, worin er den Wechsel der Dinge am Hofe zu Wien
schildert, ist folgendes:

  Der Hof zu Wiene sprach zu mir:
  Walther! ich sollte lieben dir,
  Nun leide ich dir, das msse Gott erbarmen!
  Meine Wrde, die war weiland gro,
  Da lebte nirgend mein Geno,
  Denn Artuses Hof. Nun weh mir armen!
  Wo nun Ritter, wo nun Frauen,
  Die man bei mir sollte schauen?
  Seht! wie jmmerlich ich steh'.
  Mein Dach ist faul, es tropfen meine Wnde,
  Mich minnet Niemand, leider!
  Gold, Silber, Ross' und dazu Kleider,
  Die gab ich und noch hatt' ich meh.
  Nun hab' ich weder Schapel, noch Gebnde,
  Noch Frauen zu einem Tanze, o weh!
                  (I 129b)

=lieben=, =leiden=, lieb, leid seyn. =mein Geno=, meines Gleichen.
   =Gebnde=, Kopfbnder.




Siebenter Abschnitt.

Walthers Kunst und Kunstgenossen. Nithart.
Der Meissner. Reinmar. Walthers Standpunkt
in der Geschichte der deutschen Dichtkunst.


Wie sehr Walther von der Vogelweide seiner Kunst wegen von den
Zeitgenossen geschtzt war, beweist nicht blo die Gunst, der er sich
von den angesehensten Frsten, zumal demjenigen, der, auch dem Geiste
nach, vor allen glnzte, von Kaiser Friedrich II., zu erfreuen hatte;
auch die gleichzeitigen Meister des Gesanges zollen ihm hohe Achtung.

Dem gepriesenen =Wolfram= von =Eschenbach= ist er wohl bekannt, wie
wir bereits aus einer Stelle des =Parcifal= ersehen haben, in welcher
ein jetzt verlorenes Lied von ihm angefhrt ist. Im =Titurel=, woselbst
Walther als einer der =hohen Meister= genannt wird[53], und im =Wilhelm
von Orleans= des =Rudolf= von =Ems=[54] ist gleichfalls auf Aussprche
von ihm Bezug genommen. Der Rolle, die er im Kriege auf Wartburg
spielt, haben wir erwhnt.

[53] Im 6. Cap. des =Titurel= wird der =Aventeure= d. h. der
     romantischen Ueberlieferung, welche von dem seligen Leben der
     Hter des heiligen Grales Kunde giebt, entgegengehalten, da
     sie mit =hohen Meistern= in Widerspruch gerathe:

       Ich mein', da mein Herr Walther konnte sprechen:
       Hulde Gottes und Gut und weltlich' Ehre
       Mitsammt wr' Niemand habende.

     Das Lied von Walther, worin die angezogene Stelle vorkmmt
     (=Man.= I 102), ist zuvor, Abschn. II, ausgehoben worden.

[54] Nach v. d. =Hagen's= Anfhrung aus der Kasseler Handschrift
     (=Mus.= I 2 S. 563):

       Nun seyd ihr doch einander gram,
       Frau Minne und auch die Kindheit,
       Als uns Meister Walther seit
       Von der Vogelweide,
       Der sang, da ihr beide
       Wret gar einander gram.

     Walthers Worte sind diese:

       Minne und Kindheit sind einander gram.
                  (I 112a)

Meister =Gottfried= von =Straburg=, der selbst als ein feiner
Hauptschmidt gldene Gedichte wirkte[55], hat in der Stelle seines
=Tristan=, welche von den deutschen Dichtern handelt, auch den unsrigen
verherrlicht. Die Liederdichter vergleicht er mit Nachtigallen,
die ihre se Sommerweise singen. Wer aber, fragt er, soll dieser
Nachtigallen Panier jetzt tragen, seit die von =Hagenau=[56] verstummt
ist? wer soll die lebende Schaar fhren und weisen? Ihre Meisterin
kann es wohl, die =von der Vogelweide=. Hei! wie die ber Heide mir
hoher Stimme schallet! was Wunders sie stellet! wie sphe (kunstvoll)
sie organieret! wie sie ihren Sang wandelieret! Die soll der andern
Leiterin seyn, die wei wohl, wo man suchen soll der Minne Melodie.
(=Tristan=, v. =Groote's= Ausg. V. 4750 ff.)

[55] So spricht von ihm =Konrad= von =Wrzburg= in seiner =goldenen
     Schmiede=, V. 97 ff. (=Grimm=, =Altd. Wld.= Bd. II S. 219)

[56] =Docen= (=Mus.= I 1 S. 167) vermuthet unter dieser Bezeichnung
     nicht unwahrscheinlich =Reinmarn= den =Alten=; v. =Groote=
     (Anm. zu V. 4778) glaubt, da =Hartmann= von =Aue= darunter
     verstanden sey, was mir, schon nach dem Zusammenhang der
     Stelle, bedenklicher scheint.

Auch die Spteren erkennen Walthers Meisterschaft an. Insbesondere
rhmt noch ein Meistergesang des vierzehnten Jahrhunderts seine schnen
und reinen Tne[57].

[57] Diesen Meistergesang des =Lupolt Hornburg= hat Docen im =Mus.=
     II 1 S. 18 ff. aus der Wrzburger Handschrift geliefert.

Von einer Handschrift, welche mit den Singweisen seiner Lieder
ausgestattet war, sind nur noch traurige Ueberreste vorhanden[58].
Aber der innere Wohllaut seiner Gesnge, der sich in schnen und
manigfaltigen Formen ausdrckt, welchen man oft ihre Singweise
anzuhren meint, giebt den Lobpreisungen Gottfrieds von Straburg und
dem Zeugnisse des Meisterliedes volle Glaubwrdigkeit.

[58] =Docen= a. a. O. S. 26

Das Geprge der Meisterschaft erkennen wir an den Liedern unsres
Dichters vornemlich in dem Einklange von Inhalt und Form. Der
Gegenstand ist durch die Form harmonisch begrenzt und die Form ist
durch den Gegenstand vollstndig ausgefllt. Fr das bloe Spiel mit
Formen ist Walther zu gedankenreich. Eben darum sind auch seine Formen
in der Manigfaltigkeit einfach.

Es ist eine ansehnliche Stufenleiter von Tnen, auf der er sich vom
einfachsten Volksliede bis zu jenen groartigen Knigsweisen erhebt.
Nach Abzug Desjenigen, was sich der Unchtheit verdchtig macht, kann
man in seinen Gedichten noch immer etliche und achtzig verschiedene
Tne zhlen. Er fhrt uns durch den hohen, den niedern und den mittlern
Sang (I 105b). Er singt, wie ein Andrer von ihm meldet, was er will,
des Kurzen und des Langen viel (I 113b). Aber stets geht der Inhalt
gleichen Schrittes mit der Form und schon der ussre Bau seiner
Gedichte lt auf ihren Gegenstand schlieen. Der frhlichen Weise des
Volkslieds entspricht die Lebensfrische des Inhalts und die volleren,
gezogenen Tne sind in Uebereinstimmung mit der Wrde der Person, an
die das Lied gerichtet ist, mit der Wichtigkeit des Gegenstandes, mit
der Flle der Gedanken. Die Spiele der Reimkunst sind ihm zwar nicht
unbekannt, doch bedient er sich ihrer mig und versteht sie scherzhaft
anzuwenden[59]. Er hat zu gewissen Formen Vorlieben und kehrt hufig
zu ihnen zurck, aber auch hierin verfhrt er nach richtigem Ermessen.
Die Betrachtung und die bildnerische Darstellung lieben Stetigkeit,
die Leidenschaft, die Empfindung den Wechsel der Formen. Wir haben
es bei seinen Minneliedern schn gefunden, wenn es das Erscheinen
einer herrlichen Frau in derselben Weise darstellt, worin er sonst
die Knige feiert. Jene Gesnge vom ersten Auftreten Friedrichs II.
bis wo der Dichter das Lehen empfngt, sind alle in gleicher oder
verwandter Form gedichtet, sie treten dadurch in nheren Zusammenhang
und bilden gewissermaen ein episches Ganzes. Eben die Einfachheit
der Formen macht sie geeignet, vielfacherem Inhalte zu dienen. Selbst
die groartigsten, und gerade diese wiederholt Walther am oftesten,
sind nicht vielfach verschlungen, fast kunstlos folgt sich in drei
langhingezogenen Zeilen der dreimalige Reimschlag. Es ist der volle
Wellenzug eines anschwellenden Stromes.

[59] Z. B. in dem wunderlichen Winterliede (I 125), das durch alle
     Selbstlauter reimt. Der Truchse von =Singenberg= (I 157b) und
     =Rudolf= der =Schreiber= (II 181b) haben es nachgeahmt. Reime
     an Anfang und Schlusse der Zeilen finden sich in der Strophe:
     Ob ich mich selben rhmen soll &c. (I 121b) und den drei
     folgenden.

Walthers Gedichte bilden groentheils nur =eine= Strophe. Der Bau
eines solchen Gestzes ist aber genugsam in sich gegliedert, um fr
eine vollstndige Darstellung auszureichen. Man darf Gestze, die in
derselben Weise ber denselben Gegenstand gedichtet sind, darum noch
keineswegs als Theile =eines= Gedichtes betrachten, Sie knnen sich auf
einander beziehen, eines kann aus dem andern entsprungen seyn, und doch
jedes dabei seine Selbststndigkeit behaupten, wie etwa bei einer Reihe
von Sonetten ber den nemlichen Gegenstand. Unser Meister setzt seine
Gedichte nicht zusammen, er schafft sie von innen heraus. Eben diese
lebendige Entfaltung des Gedankens, des Bildes, sichert dem Gedichte
seine Selbststndigkeit und bedingt seine Begrenzung. Ist der Gedanke
dargelegt, das Bild hingestellt, so ist auch das Gedicht abgeschlossen.
Bedarf ja doch gerade der krftigste Gedanke, das klarste Bild, zu
seiner vollstndigen Erscheinung am wenigsten der Ausfhrlichkeit.

In einem Theile von Walthers Gedichten findet sich die Grundform,
keineswegs aber die berknstliche Verwicklung des sptern
meistersngerischen Strophenbaues. Ebenso ist die prunkende
Gelehrsamkeit und der berladene Bilderschmuck der spteren Dichter ihm
fremd. Er ist mehr gestaltend, als bilderreich.

Wenn =Frauenlob= (st. 1317) in seinem Liederstreite mit =Regenbog= sich
selbst als den Meister Aller rhmt, die je gesungen und noch singen,
als einen Koch der Kunst und einen Vergolder des Sanges der alten
Meister, =Reinmars=, =Eschilbachs= und des =von der Vogelweide=, die
neben kunstreicher Strae den schmalen Steig gefahren seyen (=Man.=
II 214b f.), so wird uns dieses nicht abhalten, den unvergoldeten
Sang und den schmalen Naturpfad jener lteren Dichter vorzuziehen.
Wir werden auf =Regenbogs= Seite treten, der, als erklrter Kmpfe
der letzteren, behauptet: die Kunst Walthers und der Andern stehe
noch immer frisch belaubt und bewhre die Kraft ihrer Wurzeln (=Ebd.=
215b); bereinstimmend mit dem =Marner=, der ebenfalls Walthern von der
Vogelweide an die Spitze der hingegangenen Sangesmeister stellt, aus
deren Garten er, unwillkhrlich, Blumen lesen msse (II 173a).

Walther selbst ist sich seiner Meisterschaft bewut. Er spricht von
seinem =werthen Sange= (I 118a) Er klagt, da man ihn so arm lasse
bei =reicher Kunst= (I 131a). Er spricht es aus, da die Frau, von der
er singe, durch seinen Sang geehrt werde; da nicht leicht Jemand sie
besser loben knne; da, wenn er seinen Sang lasse, Alle, die sie jetzt
loben, dann sie schelten werden; da sie todt sey, wenn sie ihn tdte
(I 123b 124b). Ein schner Stolz aber ist es, wenn er zugleich sich
dessen rhmt, da sein Gesang tausend Herzen froh gemacht.

Rhrend ist folgende Aeusserung:

  Uns hat der Winter kalt und andre Noth
  Viel gethan zu Leide.
  Ich whnte, da ich nimmer Blumen roth
  She an grner Heide.
  Doch schadt' es guten Leuten, wre ich todt,
  Die nach Freuden ringen
  Und die gerne tanzen und springen.
                  (I 138b)

Die Kunst ist Walthern eine hohe Sache. Darum entrstet er sich denn
auch vielfltig gegen die Verderber und Entwrdiger derselben. Die
Fuge, die Hfischkeit, das hfische, hofeliche Singen stellt er dem
Unfuge, der Drperheit[60], dem unhofelichen Singen, die Meister den
Schnarrenzern gegenber. Die Worte: =hfisch=, =hflich=, hatten aber
dazumal einen andern und hheren Sinn, als wie sie heutzutage genommen
werden. Sie bedeuteten die edlere Bildung, die feinere Sitte, wie sie
an den Hfen gesangliebender Frsten blhte.

[60] =Man.= I 117b. In der =Pf. Hds.= 357 Bl. 38b kmmt die Strophe:
     Uns will schiere wohl gelingen &c. sammt den brigen des
     Mailieds unter den Liedern =Ltolts= von =Seven= vor.

Ungefge Tne, so klagt er, haben das hofeliche Singen zu Hofe
verdrungen, seine Wrde liegt darnieder, Frau Unfuge hat gesiegt.
Die das rechte Singen stren, deren ist jetzt ungleich mehr, denn die
es gerne hren. Wer will noch harfen bei der Mhle, wo der Stein so
rauschend umgeht und das Rad so manche Unweise hat? Die so freventlich
schallen, sie thun wie die Frsche in einem See, denen ihr Schreien so
wohl behagt, da die Nachtigall davon verzagt, so sie gerne mehr snge.
Wer doch die Unfuge von den =Burgen= stiesse! Bei den =Bauern= mchte
sie wohl seyn, von denen ist sie hergekommen (I 112).

Das Letztere deutet merklich darauf hin, was unter diesem ungefgen
Sange hauptschlich zu verstehen sey. Es scheint damals in den
ritterlichen Gesang die Gattung von Liedern eingedrungen zu seyn,
welche man unter dem Namen der =Nitharte= begreift, Darstellungen aus
dem Dorfleben, Schwnke mit den Bauern, derb und rstig, aber auch
manchmal sehr ungezogen und schmutzig. Den Eingang des Liedes macht
hufig eine Beschreibung des Frhlings. Mit dem Frhling rhren sich
Freude und Muthwill, und so folgt nun im Liede allerlei lndliche
Lustbarkeit, Tanz und Schlgerei.

Von der angegebenen Art sind nicht blos die meisten Lieder, welche
unter dem Namen des Herrn =Nithart= auf uns gekommen sind, auch
viele andre, ritterliche Snger haben in derselben Weise gedichtet.
Der Schauplatz von Nitharts Darstellungen ist die Umgegend von
Wien. Einige seiner Lieder betreffen den Frsten =Friedrich= in
=Osterland=, (Friedrich den Streitbaren,) von dessen milder Gabe
ihm ein silbervoller Schrein geworden (=Man.= II 72a). Der Bischof
=Eberhard=, an den er sich gleichfalls wendet (II 79a), ist ohne
Zweifel der Erzbischof von Salzburg dieses Namens, der von 1200 bis
1246 auf dem erzbischflichen Stuhle sa[61]. Auch erzhlt Nithart von
einem Zuge ber Meer, den er mit Kaiser Friedrich gemacht und auf dem
ein heidnischer Pfeil ihn verwundet[62].

[61] _Chron. Salisb. ad ann. 1200, 1246._

[62] =Leipz. Literat. Zeitung= 1812 Nr. 162. -- v. d. =Hagen=,
     Briefe in die Heimat &c. I. Bd. Bresl. 1818 S. 65.

Schon durch diese Anzeigen, denen sich weitere beifgen lieen,
wird Nithart der Zeit und dem Orte nach, wenn gleich als jngerer
Zeitgenosse, unsrem Dichter nahe gerckt. Es sind aber auch Spuren
vorhanden, da Nithart auf Walthers Gedichte in derjenigen Weise
angespielt, die wir Parodie nennen und die vielleicht unter dem frher
erwhnten =Verkehren= des Gesanges begriffen ist.

Die mehrfache Anspielung ist in nachstehendem Liede Nitharts, dessen
Name schon auf Schlimmes deutet, kaum zu verkennen:

  Sie fragen: wer sie sey, die Sldenreiche,
  Der ich so hofelichen habe gesungen?
  Sie wohnt in deutschen Landen sicherliche,
  Das sag' ich den Alten und den Jungen.
  Sie ist in einem Kreise, der ich diene,
  Von dem Po bis auf den Sand,
  Von Elsasse bis Ungerland,
  In =der= Enge ich sie fand,
  Sie ist noch zwischen Paris und Wiene.
                  (II 73a)

=Sldenreiche=, Heilbringende, Wonnereiche. =Sand=, Meeresufer.

Man erinnere sich hiebei derjenigen Stellen, worin Walther von seiner
Lnderkunde spricht, und seines zuvor (Abschnitt V) ausgehobenen
Gedichtes:

  Sie fragen und fragen aber all zu viel
  Von meiner Frauen, wer sie sey?
                  (I 122a)

Ergtzlich ist auch sonst der Spott, den jene derberen Dichter mit
dem Minnesang und dessen Ueberzartheit treiben. Ein solcher, =Gedrut=,
macht sich ber den Minnesnger =Wachsmut= von =Knzingen= lustig: Herr
Wachsmut minne seine Fraue ber tausend Meilen, dennoch sey sie ihm
gar zu nahe; es thte ihm so sanft, wenn er sie auf einem hohen Thurme
schauen und von ihrer Hand ein Ringlein empfangen sollte, das kt' er
tausendmal, lg' er aber bei der Wohlgethanen mit ihrem rothen Munde,
nimmer wrd' er sie berhren (=Pf. Hds.= 357 Bl. 24b). Derselbe[63]
ussert: wr' es denen Ernst, die sich also um Minne hrmen, in
Jahresfrist lgen sie todt; sie seyen zu feist bei der Noth, von der
sie klagen (=Ebd.=).

[63] Bei =Man.= II 119a ist das Lied Herrn =Geltar= zugeschrieben.

In Beziehung auf Walthern von der Vogelweide wird, auer dem schon eher
genannten =Stolle=, noch eines Herrn =Volknant= (in der =Pf. Hds.=
357 heit er =Wicman=), als eines solchen gedacht, der den Meistern
ihre meisterlichen Sprche treten (=Pf. Hds. irren=) wolle. Walther
und Volknant werden verglichen. Jener ist das Korn, dieser die Spreu;
singet Volknant =eins=, so singet Walther =drei=; sie gleichen sich
wie der Mond und ein gewisser runder Theil des menschlichen Krpers.
Herr Walther singet was er will, des Kurzen und des Langen viel, so
mehret er der Welt ihr Spiel; Volknant jagt wie ein falscher Leithund
nach Wahne (I 113). Das Lied, welches diese Vergleichungen anstellt,
in einer von Walthers Weisen gedichtet, ist gleich andern, welche nicht
ihm angehren, aber auf ihn Bezug haben, unter die seinigen gekommen.

Von dem Verfalle der Kunst, den schon unser Dichter beklagt, zeugen
auch, durch eigenes Beispiel, die Gedichte des =Tanhuser=, der, wie
Nithart, in Friedrichs des Streitbaren Dienste war; meist Tanzreihen,
zum Theil in Nitharts Geschmacke, mit allerlei Gelehrsamkeit
berladen und durch widerliche Sprachmengerei aus dem Franzsischen
verunstaltet[64]. Anklnge aus Walthers Liedern sind auch in diesen
Gedichten unverkennbar[65]. =Tanhuser= berlebte den Frsten Friedrich
und beklagt dessen Tod mit der drolligen Aeusserung: wer nun Thoren
(Hofnarren), so gut halte, als Er gethan? (=Man.= II 69a)

[64] Z. B. Da ich wre ihr =dulz amis= &c.
       Ein' =Ripiere= ich da gesach (sah),
       Durch den =Fores= gieng ein Bach
       Zuthal ber ein' =Planre=.
       Ich schlich ihr nach, bis ich sie fand,
       Die schne =Creatre=.
       Bei dem =Fontane= sa die Klare, Ssse von
                  =Statre=.
                  (II 61a)

[65] Z. B. Ich bin Gast und selten Wirth, das Leben ist unstete.
                  (II 67b)

Freundlich sind die Verhltnisse der Kunstgenossenschaft, in welchen
Walther mit dem =Missener=, Meiner, stand. Da er unter dieser
Benennung einen der meinischen Markgrafen verstehe, ist nicht blo
aus dem Liede, worin er den Meiner zu den Frsten zhlt, welche die
Zurckkunft des Kaisers nach dessen Krnung treulich erwartet (I 103b),
sondern mehr noch aus dem usserlich untergeordneten Verhltnisse
zu schlieen, in welches Walther auch da, wo er von dem Meiner als
einem Dichter spricht, sich zu demselben stellt. Da sodann unter den
Markgrafen von Meissen, welche in Walthers Zeit fallen, =Heinrich= der
=Erlauchte= gemeint sey, dafr stimmt theils das Zeugni =Tanhusers=,
welcher, unter offenbarer Beziehung auf jenes Lied unsres Dichters,
=Heinrich= den =Missener= auffhrt (II 64b f.)[66], theils der
Umstand, da der Markgraf Heinrich von Meissen selbst unter den
Minnesngern erscheint. Er war von mtterlicher Seite Enkelsohn
Hermanns von Thringen, befand sich in seiner frhesten Jugend am
Hofe von Oesterreich und vermhlte sich 1234, sechszehn Jahre alt, mit
Constantia, der Schwester Friedrichs des Streitbaren. Die meinische
Chronik meldet von seiner Prachtliebe und seinem ritterlichen
Hofhalt[67].

[66] Die Worte =Tanhusers=: Der sein' Treue nie zerbrach &c.
     entsprechen augenscheinlich dem Schlusse von Walthers Lied:
     Von Gotte wrde ein Engel eh' verleitet. Auch die weitere
     Zeile von =Tanhuser=: Er sollte des Reiches Krone tragen &c.
     deutet auf die Stelle in einem andern Liede Walthers:

       Mcht' ich ihn han gekrnet,
       Die Krone wre heute sein.
                  (I 136b)

     Die letztern Worte bezeichnen abermals einen =frstlichen=
     Freund unsres Dichters. So singt =Tanhuser= von Friedrich von
     Oesterreich:

       In kurzen Zeiten das geschieht,
       Da man wohl eine Krone
       Schne auf seinem Haupte sieht.
                  (II 59)

     =Kpke=, a. a. O. S. 13, bezieht die politische Strophe:
     Herr Kaiser, ihr seyd willekommen &c. (I 103b) auf Otto
     IV. und den Markgrafen =Dietrich=, Heinrichs Vater. Mit
     der Stelle bei =Tanhuser= (II 64b), soferne man solcher
     Beweiskraft beilegen will, lt sich diese Annahme nicht
     vereinigen. Der Beziehung auf =Friedrich= II. ist es zwar
     nicht gnstig, da dieser erst vierzehn Jahre, nachdem er zu
     Rom gekrnt worden, nach Deutschland zurckkam, und so kann
     auch gegen die Beziehung auf =Heinrich= den =Erlauchten= die
     bedeutende Altersverschiedenheit angefhrt werden, welche
     nothwendig zwischen ihm und Walthern stattgefunden; Heinrich
     ist im Jahre 1218 geboren. Allein auch Otto IV. blieb nach
     seiner Krnung zum rmischen Kaiser noch dritthalb Jahre von
     Deutschland abwesend und die Verschiedenheit des Alters ist
     kein entscheidendes Hinderni. Der junge Markgraf (jugendlich
     ist er auch in der Maness. Handschrift vor seinen Liedern
     dargestellt), mag von dem alten Meister gelernt haben. Die
     Strophe: Mir hat ein Lied von Franken &c. (I 111a) beweist,
     da der Meiner Walthern mit Achtung behandelte, und in den
     Liedern Heinrichs von Meissen (I 5, 6) knnten einige Spuren
     von Walthers Einflusse bemerklich gemacht werden. Man sieht,
     da hier weitere Untersuchungen nicht berflssig sind. Ein
     Aufsatz ber Heinrich den Erlauchten als Minnesnger und
     Frderer deutschen Minnesangs, von K. =Frster=, ist neuerlich
     in =Kinds Muse=, 1821 II 3 erschienen.

[67] =Albinus=, Meinische Land- und Berg-Chronika. Dresd. 1589 S.
     195

Walther hat den Meiner im Liede gelobt, er darf nun erwarten, da
derselbe ihm =wandle=, =Wandels Recht biete=, d. h. das Lob erwidre.
Fr alles Andre, was er sonst dem Meissner gedient, will er diesem den
Lohn erlassen, nur auf das Lob verzichtet er nicht. Wird ihm das nicht,
so will er auch seines zurcknehmen, zu Hof und an der Strae (I 136).
Der Knstlertrotz, womit er hier auf seinem Sngerrechte besteht, soll
wie es scheint, nur beweisen, wie hoch er eine Erwiderung von diesem
Frsten anschlagen wrde.

Besser zufrieden zeigt er sich, als ihm der Meiner aus Franken ein
Lied mitgebracht hat:

  Mir hat ein Lied von Franken
  Der stolze Meissener gebracht,
  Das fhrt von Ludewige.
  Ich kann es ihm nicht danken
  So wohl, als er mein hat gedacht,
  Als da ich tief ihm neige.
  Knnt' ich, was Jemand Gutes kann,
  Das theilte ich mit dem werthen Mann,
  Der mir so hoher Ehren gann;
  Gott msse auch ihm die seinen immer mehren!
  Zu fliee ihm alles Segens Flu,
  Nichts Wildes meide seinen Schu,
  Sein's Hundes Lauf, sein's Hornes Du
  Erhalle ihm und erschalle ihm wohl nach Ehren!
                  (I 111a)

=Ludewige=, es ist noch unerrathen, wer dieser Ludewig sey. =gann=,
   gnnt. =Du=, Getse, Schall.

Da Walther den Tod =Reinmars= im Liede betrauert, ist bereits erwhnt
worden. Reinmar der Alte, den Walther am Hofe zu Wien kennen gelernt
haben mochte, ist ein trefflicher Minnesnger, berhmt unter den
lteren Meistern. Seine zahlreichen Lieder sind einfach und innig, sie
athmen eine sanfte Schwermuth. Er hat, wie er einmal singt, die Minne
noch stets in bleicher Farbe gesehen (=Man.= I 66a). Auch ussert
er, es werde Mancher ihn nach seinem Tode klagen, der jetzt leicht
seiner entbehrte (I 71a). Unser Dichter scheint nicht in vllig gutem
Vernehmen mit ihm gestanden zu seyn, doch beklagt er, selbst schon am
Ziele seiner Jahre, den Tod desselben auf eine wrdige Weise.

Zwei Gestze Walthers sind dieser Klage gewidmet. In dem einen
versichert er: wenn Reinmar nichts gesungen htte, als die eine Rede:
So wohl dir, Weib, wie rein dein Name! so htt' er verdient, da alle
Frauen stets fr seine Seele bitten wrden[68].

[68] Diese Strophe steht in der =Pf. Hds.= 357 Bl. 41b unmittelbar
     vor der andern auf Reinmars Tod. Sie ist Walthers nicht
     unwerth; nur ist der Text in jener Hds. verdorben. Das Lied
     Reinmars, worauf sie sich bezieht, ist noch vorhanden (I 67a).
     So finden sich auch unter Walthers Liedern zwei Gestze (I
     137), welche auf Strophen von Reinmar (I 64b Vgl. 68b 7) in der
     gleichen Tonweise wettstreitend antworten.

Das andre lautet so:

  Frwahr, Reinmar, du reuest mich[69]
  Vieles hrter, denn ich dich,
  Ob du lebtest und ich wr' erstorben.
  Ich will's bei meinen Treuen sagen:
  Dich selben wollt' ich wenig klagen,
  Ich klage dein' edle Kunst, da sie ist verdorben.
  Du konntest all der Welte Freuden mehren,
  So du's zu guten Dingen wolltest kehren.
  Mich reuet dein wohlredender Mund und dein viel ser
                  Sang,
  Da die verdorben sind bei meinen Zeiten.
  Da du nicht eine Weile mochtest beiten!
  So leistet' ich dir Geselleschaft, mein Singen ist nicht
                  lang.
  Deine Seele msse wohl nun fahren, deine Zunge habe Dank!
                  (I 105a)

=reuest=, schmerzest. =du's=, du sie, die Kunst. =beiten=, warten.
   =ist nicht lang=, whrt nicht mehr lange.

[69] Vgl. =Robyn= (CLXIII):

       Reinmar, mich reuet sehre
       Dein Sinn und auch dein Tod &c.

Die Beziehungen, worin wir unsern Dichter zu den vorgenannten
Kunstgenossen gefunden, die achtungsvollen Aeusserungen, welche wir
von gleichzeitigen und spteren Meistern ber ihn vernommen, fhren auf
die Frage: welches die Stelle sey, die derselbe in der Geschichte der
deutschen Dichtkunst berhaupt einnehme?

Der innere Werth, die Menge und Manigfaltigkeit seiner Lieder, die
Lnge und die poetische Wichtigkeit des Zeitraums, in welchem er
gesungen, mssen ihm schon auf den ersten Anblick eine bedeutende
Stelle sichern. Sein dichterisches Wirken umfat vollkommen die
glnzendste Zeit der altdeutschen Liederkunst. Er reicht hinauf
in die erste Blthe des Minnesangs im letzten Viertel des zwlften
Jahrhunderts, er reicht hinunter in den Uebergang dieser Dichtungsweise
zur Betrachtung und zum Lehrhaften gegen die Mitte des dreizehnten; ja
er selbst erscheint als Derjenige, der zuerst das jugendlich spielende
Lied zu Mnnlichkeit gekrftigt. Aus der Blthe der Phantasie und
der Empfindung reist ihm die Frucht des Gedankens, die Formen des
Minnelieds dehnt er aus, damit sie vermgend seyen, die Sache des
Vaterlandes, die Angelegenheiten des Reiches und der Kirche, zu fassen.
Wenn er gleich ber den Zerfall des Minnesanges Klage fhrt, so hat
doch gewi er selbst, nur in andrem Sinne, zerstrend auf denselben
gewirkt. Je mehr die Wichtigkeit des Stoffes sich geltend machte, um
so merklicher mute das zartere Spiel der Poesie erliegen, und wenn
in Walthers Liedern noch der Ernst des Gedankens berall mit Poesie
getrnkt und umkleidet ist, so tritt dagegen bei seinen Nachfolgern
immer mehr die Betrachtung in einseitiger Trockenheit und prosaischer
Ble hervor.

Soll die Fortbildung der Dichtkunst nach den bedeutendsten Meistern
bezeichnet werden, so grenzt Walther in aufsteigender Reihe zunchst
an =Reinmar= den =Alten=, in absteigender an =Reinmar= von =Zweter=.
Der Erstere lebt noch ganz in den Empfindungen und dem Tnereichthum
des Minnesanges, der Letztere, fast nur noch in =einem= streng
gemessenen Tone dichtend, hat sich vllig der Betrachtung und der Lehre
zugewendet; und in demselben Verhltni, in welchem Walther den Erstern
an Kraft und Reichthum der Gedanken bertrifft, zeichnet er sich vor
dem Letztern durch Farbenglanz und manigfaltige Anmuth der Behandlung
aus.

Wie hufig Walthers Lieder nachgeahmt wurden, kann schon die
flchtigste Ansicht der alten Liedersammlungen ergeben[70]. Da er von
der Singschule unter die zwlf Altmeister des Gesanges, die Stifter der
Kunst, gezhlt wurde, ist gleich Eingangs berichtet worden.

[70] Beispiele sind, besonders in den Anmerkungen, manche ausgehoben
     worden. Was als Gebrauch dichterischen Gemeinguts und was als
     wirkliche Nachahmung anzusehen sey, darber mgen freilich im
     einzelnen Falle die Ansichten verschieden seyn.

=Meister= hie zu Walthers Zeiten Jeder, der sich der Ausbung irgend
einer Kunst mit Auszeichnung widmete. =Meister= hiessen daher auch
unter den Dichtern vorzugsweise diejenigen, welche die Sangeskunst zu
ihrer eigentlichen Beschftigung gemacht hatten. Diejenigen dagegen,
welche den Gesang weniger ausschlielich und fruchtbar treiben,
denen zugleich schon durch ihren Stand ein anderwrtiger Hauptberuf
angewiesen war, Frsten und Ritter, wurden mit ihren frstlichen oder
adelichen Namen bezeichnet, obgleich ihre Kunst dem Wesen nach dieselbe
war. Es ist hienach leicht zu erachten, da Walther von Gleichzeitigen
und Spteren als =Meister= benannt wird. Wenn brigens der Truchse
von =Singenberg= ihn: unsres Sanges Meister nennt (=Pf. Hds.= 357 Bl.
20b) und wenn derselbe Dichter (=Man.= I 154a), sowie der =Marner= (I
173a) und ein Ungenannter in der =Pf. Hds.= 350: mein Meister von ihm
sprechen, so kann hieraus, nach der Sprache der Zeit, kein Verhltni
des persnlichen Unterrichts gefolgert werden. Es heit nicht mehr, als
wenn im =Titurel= (Cap. 6 Str. 632) gesagt wird: mein Herr Walther.
Am wenigsten aber darf aus dem Meisternamen berhaupt auf damaliges
Bestehen einer frmlichen Dichtergilde geschlossen werden.

Zwar liegt es in der Natur der Sache, da eine so ausgebildete
Dichtkunst, wie die deutsche in der ersten Hlfte des dreizehnten
Jahrhunderts, eine Dichtkunst, die mit wirklichem Gesang und
begleitendem Saitenspiel innig verschwistert war, nicht wild wachsend
sich verbreitete, sondern durch Unterricht fortgepflanzt wurde.
Davon giebt unser Dichter klares Zeugni, wenn er meldet, da er
in Oesterreich singen und sagen gelernt habe. Zugleich weisen seine
Lieder nicht blos im Allgemeinen durch ihren wohl abgemessenen Bau,
sondern auch durch einzelne nhere Andeutungen, auf Kunstregel und
Kunstgebrauch, z. B. wenn er von dreierlei Art des Sanges spricht, wenn
er die Meister den Schnarrenzern gegenberstellt, wenn er Wandels Recht
begehrt. Nirgends aber, weder bei ihm, noch bei den andern Dichtern
seiner Zeit, findet sich der Beweis, da unter den =Sangesmeistern=
des dreizehnten Jahrunderts zunftmige Genossenschaften sich gebildet
hatten, wie sie unter den =Meistersngern= der spteren Jahrhunderte
bestanden.

Gleichwohl ist zwischen beiden unlugbar ein geschichtlicher
Zusammenhang[71]. Es sind verschiedene Stufen einer stetigen
Entwicklung und Ausbildung, Entartung und Erstarrung des deutschen
Gesanges. Die Regel wurde stets enger gezogen und der Geist entschwand.
In der Singschule der Handwerker war es der Form nach auf mhsame
Knstlichkeit, dem Inhalt nach auf ntzliche Erbauung angelegt. Aber
auch in diesem Zustande verga die Kunst ihres Ursprungs nicht. Die
Meister dieser Singschulen erhielten, wie billig, das Gedchtni ihrer
geschichtlichen Verbindung mit jenen alten Meistern. Walther wird
mit Eschenbach, Ofterdingen, Klinsor, Reinmar u. A. zu den Stiftern
der Kunst gezhlt und einige nach ihm benannte Tne (der =lange=, der
=bergldte=, der =Kreuzton= Walthers von der Vogelweide), laufen in
den Tneverzeichnissen der Schule fort. Das Kolmarer Meistergesangbuch
enthlt Gedichte von ihm nebst Meisterliedern vom Ende des sechszehnten
Jahrhunderts.

[71] Diesen hat J. =Grimm= (Ueber den altdeutschen Meistergesang,
     Gtt. 1811) berzeugend nachgewiesen; ebenso die Identitt
     der Meister des dreizehnten Jahrhunderts mit smmtlichen
     Minnesngern, nicht minder, da die Meistersngerschule den
     Grundsatz der Dreitheiligkeit von den ltern Meistern ererbt.
     Nur scheint es mir, besonders in Betrachtung der Gedichte
     Walthers, da die Abtheilung in Stollen und Abgesang bei den
     Aelteren nicht in dem Maae herrschend gewesen, als =Grimm=
     annimmt.

Bis zu diesem Verhallen seiner Tne sind wir dem knstlerischen
Wirken des Dichter gefolgt. Wenn aber seine Wirksamkeit, sofern er sie
durch den =Inhalt= der Lieder ausbte, vollstndiger gewrdigt werden
soll, so ist es nthig, auf den Schauplatz der politischen Bewegungen
zurckzukehren.




Achter Abschnitt.

Friedrich II. und die Pbste. Erzbischof Engelbert
von Kln. Die Kreuzzge. Walthers
Kreuzfahrt.


Zweierlei Angelegenheiten, unter sich in genauer Verbindung,
bewegten jetzt die Welt: Friedrichs II. Kampf mit den Pbsten und die
Wiedereroberung des heiligen Grabes.

Als zwischen Philipp und Otto die Knigswahl streitig war, hatte
Innocenz III. sich nicht gescheut, den deutschen Frsten zu erklren,
da die Entscheidung dieses Wahlstreits, wie die Besetzung des
deutschen Thrones berhaupt, dem pbstlichen Stuhle zustehe, weil das
Reich durch die Pbste von den Griechen auf die Deutschen gebracht
sey und der neue Knig die Kaiserkrone vom Pabst allein erhalte. Der
ernstliche Widerspruch der Frsten bewirkte die Zurcknahme dieses
bereilten Wortes, aber das Benehmen des rmischen Hofs war gleichwohl
bestndig von der Absicht geleitet, eine pbstliche Weltherrschaft
zu begrnden, der das Kaiserthum als ein von ihr abhngiges Lehen
untergeordnet wre.

Wenn das Banner der Freiheit nicht auf Friedrichs Seite weht, wo er
die aufstrebende Kraft der oberitalischen Freistaaten bekmpft oder
den weltlichen Arm zur Vertilgung der Ketzer herleiht, so gebhrt ihm
dagegen die dankbare Anerkennung der Nachwelt in seinem rastlosen
Ringen gegen jene Anmaungen der Priesterherrschaft. Das Mhselige
und Gefahrvolle seiner Laufbahn ist in einem Liede des gleichzeitigen
Dichters, =Bruder Werner=, durch ein schauerlich schnes Bild
bezeichnet, wenn Friedrich einem Manne verglichen wird, der im Walde
geht, whrend ein Wolf hinter ihm her schleicht, stets begierig, wenn
der Mann straucheln oder fallen wrde, sich ber ihn herzustrzen
(=Man.= II 165b).

Die Kreuzzge, deren oberste Leitung in den Hnden des Pabstes lag,
waren diesem ein bedeutendes Mittel zu Erreichung jener groen Zwecke.
Er war hier das Oberhaupt einer geistlich-weltlichen Vereinigung aller
christlichen Knige und Vlker.

Seit der Eroberung Jerusalems durch Saladin im Jahr 1188 waren die
heiligen Orte unter der Gewalt der Unglaubigen. Die Kreuzpredigt
war unermdlich, das Abendland zu erregen. Als Friedrich II. im Jahr
1215 zu Aachen gekrnt wurde, lie er sich, den Anforderungen der Zeit
entsprechend, nebst vielen Bischfen, Frsten und Rittern, mit dem
Kreuze bezeichnen. Nach einem achtjhrigen Aufenthalt in Deutschland
trat er im Jahr 1220 seinen Rmerzug an. Seinen eilfjhrigen Sohn
Heinrich, der bereits zum Nachfolger im Reich gekrnt war, lie er
unter Vormundschaft zurck. In demselben Jahre ward er zu Rom von
Honorius III. als Kaiser gekrnt und bei diesem Anlasse von dem
Kardinal-Bischof Hugolin von Ostia, nachherigem Pabst Gregor IX.,
abermals mit dem Kreuze bezeichnet. Aber so wie bisher die deutschen
Angelegenheit, so schoben jetzt die sicilischen die Erfllung
des Gelbdes hinaus. Je mehr, whrend Friedrichs Anwesenheit in
den sicilischen Erblanden, zwischen ihm und dem pbstlichen Hofe
Eifersucht und Mihelligkeit sich erzeugte, um so wnschenswerther
war einerseits dem Pabste die Entfernung und auswrtige Beschftigung
des gefhrlichen Gegners, anderseits dem Kaiser die Begrndung seiner
Macht auf heimischem Boden. Als im Jahr 1221 Damiata, kaum erobert,
durch die Uneinigkeit der Kreuzfahrer wieder verloren gieng, war
Friedrich den bittern Vorwrfen des Pabstes und der Bedrohung mit dem
Bann ausgesetzt. Zur groen Zufriedenheit des heiligen Vaters gereichte
hingegen Friedrichs zweite Vermhlung mit Jolantha, der Erbin des
Knigreichs Jerusalem. Unter Ermahnungen und Bedrohungen von der einen,
Entschuldigungen und Vertrstungen von der andern Seite verzog sich
die Abfahrt bis in das Jahr 1227. Jetzt waren die groen Zurstungen
beendigt und die Schaaren der Kreuzfahrer auf der apulischen Kste
versammelt. Schon war eine groe Zahl von Brindisi abgesegelt,
der Kaiser und der Landgraf von Thringen hatten sich gleichfalls
eingeschifft, aber nach drei Tagen liefen diese wieder zu Otranto ein,
beide von ansteckender Krankheit ergriffen, woran der Landgraf einige
Tage nachher verschied. Auch die vorausgefahrene Flotte kehrte nun
zurck und die ganze Unternehmung zerschlug sich.

Gregor IX. hatte kurz zuvor den pbstlichen Stuhl bestiegen. Er war aus
einem von Friedrich beleidigten Geschlecht entsprossen, er hatte den
Kaiser bei der Krnung mit dem Kreuze bezeichnet und ihn zuletzt noch
dringend zum Kreuzzuge gemahnt. Jetzt verwarf er jede Entschuldigung,
erklrte Friedrichs Krankheit fr Verstellung, schleuderte unerbittlich
auf ihn den Bannstral und verkndigte in Deutschland, so wie in allen
abendlndischen Reichen, des Kaisers ungeheure Schuld und furchtbare
Bestrafung.

Friedrich erlie gleichfalls Briefe zu seiner Verantwortung. Er klagte
den Geitz und die Herrschsucht der Kirche an, die sich Kaiser, Knige
und Frsten zinsbar zu machen strebe. Zugleich aber erneuerte er die
Anstalten zum Kreuzzuge und fuhr wirklich im folgenden Jahr, 1228, mit
dem Pabste unvershnt, nach Palstina ab. Auch dorthin verfolgte ihn
Gregors Ha und war ihm in allen Unternehmungen hinderlich. Gleichwohl
bewirkte Friedrich die Zurckgabe Jerusalems und der heiligen Sttten,
und da kein Priester ihn weihen wollte, setzte er selbst im Tempel die
Krone von Jerusalem sich auf das Haupt[72].

[72] Das Vorstehende meist nach der trefflichen =Geschichte Kaiser
     Friedrichs des Zweiten=. Zllichau und Freist. 1792

Unser Dichter ist eben so sehr ein erklrter Gegner der
Priesterherrschaft, als ein begeisterter Herold der Kreuzzge. Er
eifert gegen die Eingriffe der Kirche in die Rechte der weltlichen
Gewalt, gegen die Habsucht und Verschwendung des rmischen Hofes,
gegen den Ablahandel, gegen die willkhrlichen Bannsprche, gegen das
unerbauliche Leben der Geistlichkeit; zugleich aber ruft er wiederholt
den Kaiser zur Vornahme des Kreuzzuges auf. Es kann uns einen Begriff
geben, mit welchen Schwierigkeiten Friedrich II. zu kmpfen hatte, wenn
wir selbst seine aufgeklrteren Anhnger ihn zu einem Schritte drngen
sehen, zu dem er so ungerne sich entschlo.

Damit soll jedoch kein Widerspruch in der Gesinnung des Dichters
bezeichnet werden. Gerade der fromm begeisterte Sinn mu am meisten
Ansto nehmen, wenn er das Heilige durch Mibrauch zu fremdartigen
Zwecken entweiht sieht. Die Erscheinung des Heiligen ist zu
verschiedenen Zeiten eine verschiedene. Was der einen Zeit Andacht
und Begeisterung war, ist der andern Aberglaube und Schwrmerei.
Aber von dem Urtheil ber Formen und Lehrstze unabhngig ist die
Unterscheidung dessen, was aus reiner Quelle, aus der Inbrunst des
Herzens, aus der Sehnsucht nach dem Ewigen, aus der Ehrfurcht vor
dem Unendlichen entsprungen ist, von demjenigen, was, aus gnzlich
irdischen Triebfedern hervorgegangen, nur uerlich mit dem Mantel
der Heiligkeit sich bekleidet. Wenn Jenes noch in spter Folgezeit
empfngliche Gemther, dichterisch wenigstens, anzusprechen vermag,
so mu Dieses schon in der Zeit, wo es, durch Umstnde begnstigt,
seine grte Gewalt ausbt, den Zweifel an seiner inneren Gltigkeit
erwecken.

Wenn man sich dafr begeisterte, das Land, wo Gottes Sohn menschlich
gewandelt, wo er im Leben und im Tode Wunder gewirkt, der Entweihung
durch Unglaubige zu entreien, so kann die auch eine Folgezeit
begreiflich finden, welche sich von demselben Eifer nicht zu
entflammen vermchte. Wenn aber der heilige Vater nach Rcksichten der
Staatsklugheit heute segnete und morgen fluchte, wenn er Zwietracht im
Reich erweckte und nhrte, wenn er Eidschwre nach Gefallen lste, den
Abla zu einer Erwerbsquelle machte, wenn die Geistlichkeit, statt zu
singen und zu beten, sich in Fehden tummelte oder weltlicher Ueppigkeit
frhnte, so mute solches Aergerni schon die glaubigen Zeitgenossen
entrsten.

Man kann nicht behaupten, da Walther fr den Beruf der Geistlichkeit
keine Achtung hege. Er empfiehlt, zu glauben, was die Pfaffen Gutes
lesen (I 133b), er klagt, da Frauen und Pfaffen, zwei so edel
Namen, mit den Schamlosen werben (I 115b). Aber eben die Entartung
der Geistlichkeit, das Heraustreten aus den Grenzen ihres Berufs,
die =pfafflichen Ritter= und =ritterlichen Pfaffen= (I 126b), die
Verdorbenheit der Kirche an Haupt und Gliedern, greift er mit dem
=scharfen Sange= an.

Jene Anmassungen der kirchlichen Gewalt sind ihm unertrglich. Er
verwnscht die Begrndung der Priesterherrschaft mittelst der Schenkung
Konstantins des Groen, durch welche, nach der von den Pbsten
verbreiteten Meinung, die Stadt Rom sammt mehreren Lndereien Italiens
dem rmischen Bischof bergeben und damit der Kirchenstaat gestiftet
worden.

  Knig Konstantin, der gab so viel,
  Als ich es euch bescheiden will,
  Dem Stuhl zu Rome: Speer, Kreuze und Krone.
  Zuhand der Engel laute schrie:
  O weh! o weh! zum dritten: weh!
  Eh' stund die Christenheit mit Zchten schne,
  Der ist ein Gift nun gefallen,
  Ihr Honig ist worden zu einer Gallen,
  Das wird der Welt hernach viel leid.
  Alle Frsten leben nun mit Ehren,
  Nur der hchste ist geschwachet;
  Das hat der Pfaffen Wahl gemachet.
  Das sey dir, ssser Gott, geklagt:
  Die Pfaffen wollen Laienrecht verkehren;
  Der Engel hat uns wahr gesagt[73].
                  (I 129b)

=bescheiden=, berichten, erklren. =der hchste=, d. i. der Kaiser.
   =geschwachet=, erniedrigt. =der Pfaffen Wahl=, vermuthlich die
   Erwhlung Gregors IX.

[73] Ohne Zweifel hat =Ottokar= von =Horneck= das obige Lied vor
     Augen gehabt, (wie auch =Schacht=, in dem lebensvollen Buche:
     =Aus und ber Ottokar's von Horneck Reimkronik, Mainz=, 1821
     S. 279 andeutet,) wenn er im Cap. 448 seiner Chronik (Pez,
     _Script. Rer. Austr. T. III p. 446 sq._) ausruft:

       Ei, Kaiser Konstantin!
       War tht du dein Sinn,
       Da du den Pfaffen geb
       Den Gewalt und das Urleb,
       Da Stdt, Burge und Land
       Unterthanig ihr'r Hand
       Und ihr'm Gewalt sollt wesen?
       Geistlicher Zuchtebesen
       Ist nu zu scharf worden.
       Du solltest in dem Orden
       Die Pfaffen haben lan,
       Als sein St. Peter begann,
       Das wr hoher Miethe werth.
       Was wolltest du das Schwerdt
       Den Pfaffen zu der Stol geben,
       Die damit nichts knnen leben,
       Noch zu Recht knnen walten?
       Lassen und behalten,
       Als man mit dem Schwerdt soll,
       Das knnen sie nicht wohl.
       Sie haben es vergramaziert
       Und das Reich verirrt
       Maniger Ehr'n und Gewalt,
       Die ihm vor was bezahlt.
       Konstantin, nu sieh an!
       Httest du zu Latran
       Den Pabst den Psalter lassen lesen
       Und den Kaiser gewaltig wesen,
       Als er vor deinen Zeiten was &c.

Anderswo rth Walther den Pfaffen, die Armen zu bedenken, zu singen
und Jedem das Seine zu lassen. Dabei erinnert er sie der Gabe, die
auch sie einst von Knig Konstantin empfangen. Htte dieser gewut, da
daraus knftig Uebel entstehen wrde, so htt' er der Noth des Reiches
vorgebeugt, aber damals waren sie noch frei von Uebermuth (I 103a).
Auch die Geschichte vom Zinsgroschen wird erzhlt und wie Christus den
Pharisern gerathen: da sie den Kaiser liessen haben sein Kaisersrecht
und Gott, was Gottes wre (I 103b).

Heftiger noch werden des Dichters Angriffe. Der neue Pabst wird mit
Sylvester II., vorher =Gerbert=, verglichen, der von 999 bis 1003 auf
dem pbstlichen Stuhle sa und wegen seiner naturwissenschaftlichen und
mechanischen Kenntnisse fr einen Schwarzknstler galt. Wenn dieser nur
sich selbst, durch die Zauberei, in's Verderben gebracht, so bringe der
jetzige Pabst mit sich die ganze Christenheit zu Falle:

  Der Stuhl zu Rome steht nun erst besetzet rechte,
  Alswie hievor mit einem Zauberer, hie Gerbrechte.
  Derselbe gab zu Falle nur sein eines Leben,
  Nun hat =sich= dieser und alle Christenheit zu
                  Falle geben.
  Alle Zungen soll'n zu Gotte schreien: wafen!
  Und rufen ihme: wie lang er wolle schlafen?
  Sie widerwirken seine Werk' und flschen seine
                  Wort',
  Sein Kmmerere stiehlt ihm seinen Himmelhort,
  Sein Shner mordet hie und raubet dort,
  Sein Hirt' ist zu einem Wolfe ihm worden unter
                  seinen Schafen. (I 132a)

=sein eines Leben=, sein, des Einzelnen Leben. =wafen!= wehe!
   =widerwirken=, vereiteln entgegenwirkend. =Himmelhort=,
   himmlischer Schatz.

Auf pbstlichen Befehl wurde, noch unter Innocenz III., in den Kirchen
der Stock (_truncus_) aufgestellt, worein die frommen Gaben fielen, die
von Mnnern und Frauen zur Untersttzung des heiligen Landes bestimmt
wurden[74]. Zwei Gedichte Walthers handeln von diesem Stocke:

  Ahi! wie christlich nun der Pabest unser lachet,
  Wenn er seinen Wlschen sagt: ich hab's also
                  gemachet.
  (Das er da =sagt=, er sollt' es nimmer han
                  =gedacht=.)
  Er spricht: ich hab' zween Alemann' unter =eine=
                  Krone bracht,
  Da sie das Reiche sollen stren und wasten.
  All die Weile flle ich die Kasten.
  Ich hab' sie an meinen Stock gemnnet, ihr Gut ist
                  alles mein,
  Ihr deutsches Silber fhrt in meinen wlschen
                  Schrein.
  Ihr Pfaffen, esset Hhner und trinket Wein,
  Und lat die Deutschen fasten!
                  (I 132a)[75]

=wasten=, verwsten. =gemnnet=, als Mannen, Vasallen, pflichtig
   gemacht.

       *       *       *       *       *

  Saget an, Herr Stock! hat euch der Pabest her gesendet,
  Da ihr ihn reichet und uns Deutsche rmet und schwendet?
  Wenn ihm die volle Maae kommt zu Lateran,
  So thut er einen argen List, wie er eh' hat gethan,
  Er sagt uns danne: wie das Reiche steh' verworren,
  Bis ihn erfllen wieder alle Pfarren.
  Ich whne, des Silbers wenig kommet zu Hlfe in Gottes Land.
  Grossen Hort zertheilet selten Pfaffenhand.
  Herr Stock! ihr seyd auf Schaden her gesandt,
  Da ihr aus deutschen Leuten suchet Thrinnen und Narren.
                  (Ebd.)

=reichet=, =rmet=, reich, arm machet. =schwendet=, auszehret.
   =List=, Kunstgriff. =bis ihn= &c., nemlich den Stock. =Gottes
   Land=, das heilige Land. =zertheilet=, theilet aus. =suchet=,
   aufsuchet.

[74] _In illis autem Ecclesiis, in quibus convenit processio
     generalis,_ truncus _statuatur concavus tribus clavibus
     consignatus, una penes honestum presbyterum, alia apud laicum
     devotum, tertia penes aliquem regularem fideliter conservandis,
     in quo viri et mulieres eleemosynas ponant, in terr sanct
     subsidium convertendas, secundum dispositionem eorum, quibus
     fuerit hc sollicitudo commissa._ _Bulla Innocentii III. ad
     Christianos pro reparanda terra sancta in Chron. Ursp. ad
     ann. 1212._

[75] In der =Pf. Hds.= 357 Bl. 9a ist diese Strophe durch derbe
     Variationen erweitert.

Vom Ablahandel hat Walther Ansichten, die man bei einem Dichter aus
der ersten Hlfte des dreizehnten Jahrhunderts nicht gesucht haben
mchte:

  Ihr Bischf' und ihr edlen Pfaffen! ihr seyd verleitet
                  (viell. =verkehret=).
  Seht! wie euch der Pabest mit des Teufels Stricken sehret.
  Sagt ihr uns, da er Sankte Peters Schlssel habe,
  So sagt, warum er dessen Lehre von den Bchern schabe?
  Da man Gottes Gabe je kaufe oder verkaufe,
  Das ward uns verboten bei der Taufe.
  Nun lehret's ihn sein schwarzes Buch, das ihm der Hlle Mohr
  Gegeben hat, und aus ihm lesen sie nun vor.
  Ihr Kardinl'! ihr decket euren Chor,
  Unser Frohnaltar steht unter einer beln Traufe.
                  (I 133b)

=sehret=, versehret, beschdigt. =der Hlle Mohr=, der Teufel (Vgl.
   I 181b).

Die Schluzeilen des vorstehenden Gedichtes schildern die Bereicherung
Roms im Gegensatze zu dem Zerfall der deutschen Kirche. Auch der
gleichzeitige Geschichtschreiber, selbst ein Geistlicher, erhebt
laute Klage ber die Habsucht des rmischen Hofes und die dadurch
eingerissenen Mibruche.

Kaum blieb noch -- sagen die urspergischen Jahrbcher -- irgend ein
Bisthum, oder eine kirchliche Wrde, oder auch ein Pfarre brig, die
nicht streitig gemacht und dann die Sache nach Rom gebracht wurde,
jedoch nicht mit leerer Hand. Freue dich, unsre Mutter Rom, da die
reichen Schatzquellen auf der Erde sich ffnen, damit Strme Geldes zu
dir hin sich ergieen im Ueberflu! Frohlocke ber die Ungerechtigkeit
der Menschenshne, weil bei Vergtung so groer Uebel das Sndengeld
dir entrichtet wird! Ergtze dich deiner Gehlfin, der Zwietracht, da
sie aus den Brunnen des hllischen Abgrundes hervorbrach, damit dir die
Gelder sich anhufen! Du hast, wonach du immer gedrstet. Stimm' an ein
Jubellied, da du durch die Bosheit der Menschen und nicht durch deine
Heiligkeit den Erdkreis berwunden hast! Zu dir zieht die Menschen
nicht ihre Andacht oder ihr reines Gewissen, sondern die Verbung
vielfacher Verbrechen und der Streithndel Entscheidung um Geld.[76]

[76] In gleichem Sinne spricht auch der =Freigedank=, ein
     Spruchdichter des 13ten Jahrhunderts:

       Snde Niemand mag vergeben,
       Wann Gott einig, dar sollen wir streben.
                (=Mll.= Ausg. V 3180 f.)
       Alle Schatzes Flsse gehn
       Zu Rome (=nach Rom=) bis sie da bestehn (=bleiben=),
       Und doch nimmer wird voll,
       Das ist ein unsinnig Hohl.
       So kommet alle Snde dar,
       Die nimmt man da den Leuten gar &c.
                (V. 3185 ff.)
       Das Netz kam zu Rome nie,
       Damit Sankt Peter Fische fie (=fieng=),
       Das Netz ist ihm verschmhet.
       Rmisch Netz fhet
       Silber, Gold, Burge und Land;
       Das war Sankt Petern unbekannt.
       Sankt Peter war zu Recht ein Degen,
       Den hie Gott seiner Schafe pflegen,
       Er hie ihn nicht Schafe bescheeren,
       Nun will man Scheerens nicht entbehren.
       Unrecht ist zu Rome erhaben,
       Recht und Gericht ist da abgeschaben.
                (V. 3880 ff.)

     =Reinmar= von =Zweter= singt:

       Der Pabest hat viel reiche Kind (=Kinder=),
       Die minnet er, wo sie gesessen in den Landen sind,
       Mit ihnen theilt er seinen Segen, so theilen sie mit
                ihm ihr Gold.
       Dieselben Kind sind ihm so traut,
       Da er ungerne kme mit Schlgen auf ihrer eines
                Haut.
       Wollte Gott, es wren ihm die habelosen Kind halb
                also hold (=lieb=)!
       Eh' da der arme Sohn sein Recht behrte,
       So ist der reiche auf seiner Vorderfhrte &c.
                (=Pf. Hds.= 350)

     _Cf. Odon. Ernest. L. I. p. 317._

Wie das schlimme Beispiel der Geistlichkeit auch die Laien irre machen
und verderben msse, fhrt der Dichter weiter aus:

  Welch Herze sich bei diesen Zeiten nicht verkehret,
  Seit da der Pabest selber dort den Ungelauben
                  mehret,
  Dem wohnt ein sel'ger Geist und Gottes Minne bei.
  Nun seht ihr, was der Pfaffen =Werk= und was ihr'
                  =Lehre= sey.
  Ehde war ihre Lehre bei den Werken reine,
  Nun sind sie aber anders so gemeine,
  Da wir sie unrecht =wirken= sehen, unrecht hren
                  =sagen=,
  Die uns guter Lehre Vorbild sollten tragen;
  Des mgen wir dumme Laien wohl verzagen.
  Ich whne wieder, mein guter Klausener klage sehr
                  und weine. (I 135b)

=gemeine=, allgemein. =des=, darber.

       *       *       *       *       *

  Die Christenheit, sie lebte nie so gar nach Wahne,
  Die sie da lehren sollten, die sind guter Sinne ohne.
  Es wr' zuviel, und tht' ein dummer Laie das.
  Sie snden ohne Furcht, darum' ist ihnen Gott geha.
  Sie weisen uns zum Himmel und fahren selbst zur Hlle.
  Sie sprechen: wer ihr'n Worten folgen wlle,
  Und nicht ihr'n Werken, der sey ohne allen Zweifel dort
                  genesen.
  Die Pfaffen sollten keuscher, denn die Laien, wesen;
  An welchen Bchern haben sie das erlesen,
  Des sich so mancher fleisset, wo er ein schnes Weib
                  verflle?
                  (W. =Hds.= S. 147)[77]

=dort genesen=, jenseits gerettet. =wesen=, seyn. =erlesen=,
   gelesen, erlernt. =verflle=, zu Fall bringe.

[77] Vgl. =Ottokar= v. =Horneck=, Cap. 821 (Pez, I c. p. 83):

       Gott Herre, durch dein' Gt'
       Die Christenheit ba beht'
       Und weis' uns auf bessre Spur,
       Denn uns die Pfaffen gehn vor,
       Die da Gewalt hie tragen!
       Als uns die Buch sagen,
       So sollten sie uns Lehr' geben
       Mit Worten und mit gutem Leben,
       Des sie leider thun nicht;
       Wer ihre Werk' ansicht,
       Die sind viel wahrleich
       Ihren Worten ungeleich.

Es ist eine alte Ueberlieferung der Singschule, da die zwlf Stifter
des Meistergesangs als Ketzer angeklagt worden seyen und darber vor
dem Kaiser, dem pbstlichen Legaten und einer groen Versammlung von
Gelehrten sich haben verantworten mssen. Gedichte, wie die bisher
angefhrten, konnten allerdings zu einer solchen Sage Anla geben.

Da die freimthigen Aeuerungen eines so berhmten Meisters, als
der unsrige war, nicht wirkungslos verhallten, ist schon zum voraus
anzunehmen. Es sind aber auch noch spthin bestimmte Spuren der
Nachwirkung vorhanden. =Ottokar= von =Horneck=, der steirische
Chronikschreiber am Anfang des vierzehnten Jahrhunderts, der manch
hellen Blick in seine Zeit wirft, verrth deutlich seine Vertrautheit
mit Walthers Aussprchen ber die Geistlichkeit und ihr Verhltni zur
weltlichen Gewalt[78].

[78] S. Anm. 73 und 77. Es knnten aber noch weitere Nachweisungen
     ber Ottokars Bekanntschaft mit Walthers Gedichten beigebracht
     werden. Die Ansichten des Erstern von Pabst und Klerus hat
     =Schacht= a. a. O. Abschn. XI bes. S. 276, 278-84, dargelegt.

Bei der Abreise nach Italien im Jahr 1220 hatte Friedrich seinen jungen
Sohn Heinrich unter Vormundschaft zurckgelassen und die Verwaltung
des Reichs dem Erzbischof =Engelbert= von Kln, aus dem Geschlechte
der Grafen von Berg, bertragen. Im Wintermond 1225 wurde dieser
auf dem Rckwege von Soest nach Kln von seinem Anverwandten, dem
Grafen Friedrich von Isenburg, der als Kirchenvogt von Essen mit dem
Erzbischof in Streit gerathen war, berfallen und meuchelmrderisch
erschlagen. Die Klosterbrder zu Berg, welche bei dem Leichnam wachten
und Psalmen sangen, behaupteten, zwischen dem Gesang Engelstimmen
gehrt zu haben. Einem derselben erschien Engelbert als Mrtyrer im
Traume. An seinem Grabe zu Kln geschahen viele Wunder und in der
Folge ward er unter die Heiligen versetzt. Der Mrder hatte sich nach
Rom begeben, wo er sich vom Pabste Honorius III. Busse auflegen lie.
Nach seiner Zurckkunft aber wurde er aufgegriffen und ein Jahr nach
vollbrachter That zu Kln mit dem Rade hingerichtet[79].

[79] Godefrid. _Colon. Annal. (ap._ Freher. _Germ. rer. Script. T.
     I) ad ann. 1225, 1226. Chron. Salisb. cit. ad ann. 1226._

Zwei Gedichte Walthers handeln von dem werthen Bischof von Kln.
In dem einen, noch bei Lebzeiten dieses Frsten verfat und an ihn
gerichtet, werden dessen Verdienste um das Reich gerhmt, er wird
als Frstenmeister aufgefhrt, als Ehrentrost eines gepriesenen
Kaisers, besser denn je ein Kanzler es war, und zum Schlusse noch,
in Beziehung auf die Heiligen von Kln, als Kmmerer von drei Knigen
und eilftausend Jungfrauen (I 106a). Das andre, ein Seitenstck zu dem
vorigen, ist nach der Ermordung des Erzbischofs, aber noch vor bekannt
gewordener Hinrichtung des Thters, abgefat und lautet also:

  Wes Leben ich lobe, des Tod, den will ich immer klagen.
  So weh' ihm, der den werthen Frsten habe erschlagen
  Von Klne! o weh', da ihn die Erde mag noch tragen!
  Ich kann ihm nach seiner Schulde keine Marter finden;
  Ihm wre allzu sanft ein eichner Strang um seinen Kragen,
  Ich will ihn auch nicht brennen, noch zerglieden, noch
                  schinden,
  Noch mit dem Rade zerbrechen, noch auch darauf binden:
  Ich warte alles, ob die Hlle ihn lebend wolle schlinden.
                  (Ebd.)[80]

=zerglieden=, zerreissen, viertheilen. =alles=, gnzlich, jediglich.
   =schlinden=, verschlingen.

[80] Es ist zu entscheiden, ob nicht beide Gedichte ironisch
     gemeint seyen. In beiden scheint die Schluzeile diese Wendung
     zu nehmen. Diese ironische Weise ist berhaupt dem Dichter
     nicht fremd. Sie findet sich namentlich in seinen Gedichten
     auf Otto IV. Was ihn aber veranlat haben mochte, sie gegen
     den Erzbischof, von dem sonst Gutes gemeldet wird, und selbst
     auf dessen Ermordung anzuwenden, erhellt nicht. Der Abt von
     Ursperg setzt diese Begebenheit in Verbindung mit damals neu
     aufgekommenen, von einem Predigermnch aus Straburg, Johannes,
     verkndigten Lehrstzen, die, an sich nicht verwerflich, in
     der Anwendung durch Miverstand verderblich geworden und zu
     den abscheulichsten Frevelthaten Anla gegeben. Hievon findet
     sich jedoch keine Meldung bei dem Mnche von Kln, der dem
     Ereigni nher stand und nach dessen Jahrbchern dasselbe oben
     erzhlt wurde. Uebrigens scheint das Urtheil der Zeitgenossen
     nicht einhellig gewesen zu seyn. Nach dem Berichte eines andern
     Geschichtschreibers kam zu Nrnberg bei der Vermhlung des
     Knigs Heinrich mit der Tochter Leopolds von Oesterreich die
     Ermordung des Erzbischofs zur Klage und es erhob sich ber
     diesen Fall Widerspruch zwischen dem Erzbischof von Trier und
     dem Grafen von Truhendingen. Man griff zu den Waffen und es
     kamen in diesem Auflauf gegen sechszig Menschen um. _Excerpt.
     ex Catal. Rom Pontif. et Imp. (ap._ Pez, _T. II) ad ann. 1225._
     -- Sonst machen einige Schriftsteller den heiligen Engelbert
     zum Stifter der Fehmgerichte. Zu wirksamerer Verfolgung der
     Ketzer soll er diese Gerichte, nach dem Muster der damals
     aufgekommenen und besttigten heiligen Inquisition, gestiftet
     haben. Der geschichtliche Beweis fr diese Meinung wir aber
     vermit. =Berck=, Geschichte der Westphl. Fehmgerichte. Brem.
     1815 S. 251

Wir haben uns dem Zeitpunkte genhert, wo Friedrich der Anmuthungen
des Pabstes, den lngst gelobten Kreuzzug wirklich vorzunehmen, sich
nicht lnger erwehren konnte. Schon im Jahr 1223 hatte Honorius
den Glaubigen verkndigt, da sie sich rsten sollten, nach zwei
Jahren mit dem ruhmreichen Kaiser Friedrich ber Meer zu fahren.
Wunderbare Naturerscheinungen hatten von jeher die Prediger des
Kreuzes untersttzt. Vorstellungen von dem nahenden Weltende, vom
tausendjhrigen Reiche, dessen Hauptsitz Jerusalem seyn wrde, erregten
die Geister. Auch unser Dichter hat die Vorboten des heranrckenden
Weltgerichtes erkannt, nicht blo in den Zeichen des Himmels, weit
mehr noch in der Verderbni der Menschen. Es ist hchste Zeit, da die
Christenheit sich aufraffe, die allzu lang im Schlafe lag:

  Nun wachet! uns geht zu der Tag,
  Vor dem wohl Angst verspren mag
  Ein Jeglichs: Christen, Juden und auch Heiden.
  Wir haben der Zeichen viel gesehen,
  Daran wir seine Kunst wohl sphen,
  Wie uns die Schrift mit Wahrheit kann bescheiden.
  Die Sonne hat ihren Schein verkehret,
  Untreu' ihren Samen ausgeleeret
  Allenthalben an den Wegen.
  Der Vater bei dem Kind Untreue findet,
  Der Bruder seinem Bruder lget,
  Geistlicher Orden in Kutten trget,
  Der uns zum Himmel sollte stegen.
  Gewalt geht aufrecht, gut Gerichte schwindet.
  Wohlauf! hier ist zu viel gelegen.
                  (I 128a)[81]

=stegen=, den Weg weisen oder bahnen. =Wohlauf!= die =Pf. Hds.= 357
   hat: =wol hin!= was die Beziehung auf den Kreuzzug noch nher
   legt.

[81] =Kpke= a. a. O. glaubt, da dieses Gedicht im Jahr 1234, also
     geraume Zeit =nach= dem Kreuzzuge Friedrichs II., abgefat sey.
     Er deutet nemlich die Untreue des Kindes gegen den Vater auf
     die Emprung des rmischen Knigs Heinrich wider seinen Vater,
     den Kaiser, und die Worte: Der Bruder seinem Bruder lget
     auf die Feindschaft zwischen Heinrich und seinem jngern Bruder
     Konrad. Diese besondre Beziehung ist mir nicht wahrscheinlich.
     In dem Lied eines spteren Dichters (=Mll.= Samml. II Bd.
     CCCCXLVIII) kmmt die hnliche Stelle vor:

       Menschenkind, denket daran! --
       Es ist in der Welt wohl Schein, da Endes Tag will
                kommmen. --
       Das Kind trauet nicht dem Vater sein
       Noch Vater seinem Kinde nicht, das haben wir wohl
                vernommen.

     (Vgl. =Reinm.= v. =Zwet.= II 134a 4.) Das Ganze beruht auf
     bekannten Stellen der Schrift, wie unser Dichter selbst zu
     erkennen giebt.

Gewaltiger noch ertnt die mahnende Stimme in nachfolgendem Aufruf:

  Es kommt ein Wind, das wisset sicherliche,
  Davon wir Beides hren: singen und sagen.
  Der soll mit Grimm erfahr'n alle Knigreiche,
  Das hre ich Waller und Pilgerime klagen.
  Bume, Thrme liegen vor ihm zerschlagen,
  Starken Leuten wehet er die Hupter abe.
  Nun sollen wir fliehen hin zu Gottes Grabe!
                  (I 103b)

=erfahr'n=, befahren, durchfahren.

Ein seltsames Lied ist es, worin der Dichter den Engeln das Lob
versagt, so lange sie nicht krftiger gegen die Heidenschaft
mitankmpfen (I 126a).

Hinwider lt er einen Boten Gottes auftreten, an dessen Vogt, den
Kaiser, gesendet, um Klage zu fhren ber die Heidenschaft, die im
Lande seines Sohnes schmhlich hause. Der Kaiser hat die Erde, Gott das
Himmelreich. Jetzt soll der Kaiser dem Herrn Recht schaffen, Gott wird
es gegenseitig thun, da wo =er= Vogt ist, und klagte der Kaiser auch
ber den Teufel in der Hlle (I 135b).

Ein andres Gestz mahnt den Kaiser, Deutschlands innern Frieden zu
befestigen und die ganze Christenheit zu shnen; das verherrliche
ihn und mhe die Heiden sehr. Er habe zwiefache Kaisersstrke: des
=Aares= Tugend, des =Leuen= Kraft; die seyen darum Heerzeichen an dem
Schilde[82]. Diese zween Heergesellen, wollten sie an die Heidenschaft,
was widerstnde ihrer Mannheit und ihrer Milde? (=Ebd.=)

[82] Der =Adler= ist das Wappen des Reichs, der =Lwe= das
     Hohenstaufische. Dieser ist den altdeutschen Dichtern
     das Sinnbild des Muthes, der Kraft, jener der Milde, der
     Freigebigkeit. So bei =Reinmar= von =Zweter=, I 140b 146b. Vgl.
     =Eneidt=, V. 12416 f. Beide sind Herrscher im Thierreich. Dem
     Knige der Vgel ist es vermuthlich als Freigebigkeit ausgelegt
     worden, da er, wie man beobachtet hat, zuweilen von seiner
     Beute nur das Beste verzehrt und, was ihm nicht gut genug ist,
     den geringern Vgeln berlt.

Bei all diesem Eifer fr die Sache des Kreuzes bleibt doch Walther
seinem kaiserlichen Wohlthter treu ergeben, auch nachdem dieser wegen
der gescheiterten Unternehmung im Jahr 1227, von Gregor IX. mit dem
furchtbaren Bannstrale gezeichnet ist. Den Kirchenfluch, der auch die
Anhnger des Gebannten traf, weist der Dichter unerschrocken von sich
ab, indem er dem Pabst entgegenhlt, was dieser bei der Krnung des
Kaisers den Vlkern geboten:

  Herr Pabest! ich mag wohl genesen,
  Denn ich will euch gehorsam wesen;
  Wir hrten euch der Christenheit gebieten,
  Wie wir des Kaisers sollten pflegen,
  Da ihr ihm gabet den Gottessegen:
  Da wir ihn Herren hiessen und vor ihm knieten.
  Auch sollt ihr nicht vergessen,
  Ihr sprachet: wer dich segne, da der gesegnet sey!
  Wer dir fluche, der sey verfluchet
  Mit Fluche vollgemessen!
  Durch Gott! bedenket euch dabei,
  Ob ihr der Pfaffen Ehre irgend suchet?
                  (I 105a)

=genesen=, an meinem Seelenheil unbeschdigt bleiben. =wesen=, seyn.
   =durch Gott!= um Gottes willen.

Von neuem lt Walther den alten Klausner klagen: da man die
Guten banne und den Uebeln singe (I 103a). Dem Kaiser aber rth er,
unbekmmert um des Pabstes Irrung, dennoch abzufahren[83].

[83] So kann die Strophe: Bote, sage dem Kaiser &c. (I 103a)
     eingereiht werden. Auch das Gedicht: Ihr Frsten, die des
     Kniges &c. (I 131a) betrifft die Kreuzfahrt. Dasselbe ist
     muthmalich schon um 1220 verfat, wo Friedrich, noch nicht
     als =Kaiser= gekrnt, aber lngst mit dem Kreuze bezeichnet,
     Deutschland verlie.

Die Willkhr, womit die Bannsprche erlassen wurden, mute allerdings
ihre Wirkung schwchen. =Reinmar= von =Zweter=, der gleichfalls
politische Gedichte auf Friedrich II. und Gregor IX. verfat hat,
unterscheidet den Bann, der mit Gott und nach Gott sey, von demjenigen,
worin fleischlicher Zorn stecke (II 143b) Der =Freigedank= behauptet,
der Bann habe keine Kraft, der durch Feindschaft geschehe (V. 4117
f.); auch ereifert sich dieser Dichter sehr ber die Schwierigkeiten,
welche den Unternehmungen Friedrichs im heiligen Lande, besonders durch
den pbstlichen Bann, in den Weg gelegt worden, und da man den Kaiser
selbst dann nicht vom Banne losgesprochen, nachdem er die heiligen
Sttten den Christen wieder zugnglich gemacht[84].

[84]   Wo gefuhr eh' Kaiser ber Meer
       Im Bann und ohne Frstenheer?
       Und ist nun kommen in ein Land,
       Da Gott noch Mann nie Treue fand.
                (V. 4026 ff.)
       Was mag ein Kaiser schaffen,
       Seit Christen, Heiden und Pfaffen
       Streiten g'nug wider ihn?
       Da verdrbe Salomons Sinn.
                (V. 4046 ff.)
       Der Bann und manche Christen
       Mit viel manchen Listen
       Wollten sie es erwendet (=hintertrieben=) han.
       Nun hat Gott sein Ehre gethan,
       Da Snder sollen das Grab gesehen.
       Das mu ihm ohn' ihren Dank geschehen.
       Gott und der Kaiser haben erlost
       Ein Grab, das ist aller Christen Trost.
       Seit er das Beste hat gethan,
       So soll man ihn ausser Banne lan.
       Das wollen Rmer leichte nicht;
       Was ohn' ihren Urlaub Gut's beschicht,
       Dem wollen sie keiner Stete jehen, (=keine Dauer
                zugestehen=)
       Nun ist das ohn' ihren Dank (=gegen ihren Willen=)
                geschehen.
                (V. 4068 ff.)

Wenn wir Walthers Liedern glauben drfen, so hat er selbst eine
Heerfahrt nach dem heiligen Lande mitgemacht. Entsteht aber die
Frage: welchem der verschiedenen Kreuzzge, die in seine Zeit fallen,
er gefolgt sey? so spricht die meiste Wahrscheinlichkeit fr den
von Friedrich II. im Jahr 1228 unternommenen, von welchem zunchst
die Rede war. Da er nicht im Gefolge Leopolds von Oesterreich in
Palstina gewesen, ergiebt sich aus dem Liede, womit er die Rckkehr
dieses Frsten feiert. Auch ist die Kreuzfahrt darum in seine sptere
Lebenszeit zu setzen, weil er noch in einem Gedichte, das offenbar den
vorgerckten Jahren angehrt, seine Sehnsucht nach der frommen Reise
ausspricht (I 142a).

Ein Kriegsgesang in schner, volltnender Weise erhebt sich schon wie
aus den Reihen des Kreuzheeres, das begeistert nach dem wogenden Meere
hinzieht (I 125b). Aber wirklich auf heiligem Boden stehend zeigt sich
uns der Dichter in einem andern Liede. Jetzt erst ist sein Leben ihm
werth, seit sein sndig Auge das reine Land sieht und die Erde, der
man so viel Ehre zuerkennt. Es ist geschehn, was er stets gebeten, er
ist an die Sttte gekommen, wo Gott menschlich wandelte. Was er noch
von Lndern gesehen, schnen, hehren und reichen, die Ehre aller ist
dieses, wo der gttlichen Wunder so viele geschehen sind. In dieses
Land hat auch der Herr jenen angstvollen Tag gesprochen, wo der Waise
gerchet wird und die Wittwe klagen mag. Christen, Juden und Heiden
sagen, da die ihr Erbe sey. Gott mg' es zu Recht entscheiden, alle
Welt streitet darum, aber recht ist, da er =uns= gewhre! (I 104 f.)

Den Christen wurde damals gewhrt und gro mag Walthers Freude gewesen
seyn, wenn ihm vergnnt war, seinen geliebten Kaiser Friedrich im
Tempel des heiligen Grabes mit der Krone von Jerusalem gekrnt zu
sehen.




Neunter Abschnitt.

Des Dichters Alter. Seine Religionsansichten.
Sein Tod.


Es ist eine Reihe von mehr als dreiig Jahren, durch die wir unsrem
Dichter seit den ersten Liedern, denen sich die Zeit ihrer Entstehung
nachweisen lt, d. h. vom Jahr 1198 an, unter dem Fingerzeig der
Geschichte gefolgt sind, und schon jene Lieder tragen den Ausdruck
mnnlicher Reife. Wir haben ihn sagen gehrt, da er vierzig Jahre und
drber von Minne gesungen. Sonach ist nicht zu zweifeln, da er ein
ansehnliches Alter erreicht habe.

Wie wenig sein Leben durch ussere Glcksumstnde begnstigt war,
darber lt er sich bald schmerzlich, bald launig vernehmen. Auf
letztere Weise in Folgendem:

  Frau Slde theilet rings um mich
  Und kehret mir den Rcken zu,
  Da kann sie nicht erbarmen sich;
  Nun rathet, Freunde, was ich thu'!
  Sie steht ungerne gegen mir,
  Geh' ich hinfr, ich bin doch immer hinter ihr,
  Sie geruhet nicht mich anzusehen;
  Ich wollte, da ihr Aug' an ihrem Nacken stnde,
  So mt' es ohn' ihren Dank geschehen.
                  (I 119a)

=Frau Slde=, Frau Glck, die Segensgttin. =gegen mir=, mir
   zugewendet, =ohn' ihren Dank=, gegen ihren Willen.

In hnlichem Tone hat er seinen letzten Willen aufgesetzt. Er will,
eh' er hinfhrt, sein fahrend Gut und Eigen austheilen, damit Niemand
darum streite, dem er es nicht zugedacht. All sein Unglck bescheidet
er Jenen, die sich dem Ha und Neid ergeben; seinen Kummer den Lgnern;
seinen Unverstand denen, die mit Falschheit minnen; den Frauen: nach
Herzeliebe sehnendes Leid (I 115b).

Eben die Ungunst des Geschickes, womit er vielfltig zu kmpfen hatte,
konnte frhzeitig seinen Sinn auf das Hhere lenken. Die manigfachen
Erfahrungen einer langen Lebensbahn waren geeignet, ihm die Nichtigkeit
der irdischen Dinge aufzudecken. Mit dem vorrckenden Alter sehen
wir ihn auch immermehr in das Gebiet ernster und frommer Betrachtung
hingezogen. Wenn wir an einem Theile seiner Minnelieder die Wrme
der Empfindung vermiten, so finden wir die Heimath seiner tieferen
Begeisterung da, wo es von Sachen des Vaterlandes und der Religion sich
handelt. Sein Zeitgenosse Reinmar der Alte ist so sehr Minnesnger, da
er auch noch als Pilgrim seiner Gedanken nicht Meister wird: den Gott,
dem er dienen soll, helfen sie ihm nicht so loben, wie er es bedrfte
(I 72a)[85]. Unser Dichter dagegen hat mit dem ungetheiltesten Eifer
die Sache des Kreuzes ergriffen.

[85] So gesteht auch =Friedrich= von =Husen=: sein Leib wolle
     gerne fechten gegen die Heiden, aber seinem Herzen liege ein
     Weib nahe (=Man.= I 93b); und der von =Johannsdorf= bittet
     die Minne, ihn so lange frei zu lassen, bis er die reine
     Gottesfahrt vollendet habe, dann soll sie ihm wieder willkommen
     seyn (I 176b).

Jetzt, da er sich am Abend seines Lebens befindet, wird es angemessen
seyn, eben die religise Seite seiner Dichtungen vllig hervorzuheben.
Das Irdische schwindet ihm, so wie beim Sinken der Sonne die Thler
sich in Schatten hllen und bald nur noch die hchsten Gipfel
beleuchtet stehen.

Den Vorzug der wahren und daurenden Freuden von den eiteln und
flchtigen bezeichnen nachstehende Lieder:

  Ich bin Einer, der nie halben Tag
  Mit ganzen Freuden hat vertrieben.
  Was ich je daher der Freuden pflag,
  Der bin ich hier entblst geblieben.
  Niemand kann hie Freude finden, sie zergeh',
  Wie der lichten Blumen Schein.
  Darum soll das Herze mein
  Trachten nach falschen Freuden nimmermeh.
                  (I 114a)

=sie zergeh'=, sie zergehe denn.

       *       *       *       *       *

  O weh! wir mssigen Leute, wie sind wir versessen
  Zwischen zwei Freuden nieder an die jmmerliche Statt!
  Aller Arbeit hatten wir vergessen,
  Da uns der kurze Sommer sein Gesind' zu werden bat.
  Der brachte uns fahrende Blumen und Blatt,
  Da trog uns der kurze Vogelsang.
  Wohl ihm, der nur nach steten Freuden rang!

  Weh gschehe der Weise, die wir mit den Grillen sangen!
  Da wir uns sollten warnen gegen des kalten Winters Zeit.
  Da wir viel Dummen mit der Ameise nicht rangen,
  Die nun viel wrdiglich bei ihren Arebeiten leit!
  Das war stets der Welte Streit:
  Thoren schalten stets der Weisen Rath.
  Man sieht wohl =dort=, wer =hie= gelogen hat.
                  (I 103b)

=versessen=, falsch gesessen. =zwei Freuden=, der irdischen und der
   ewigen. =Da uns= &c. Als uns der flchtige Sommer einlud, sein
   Gefolge zu seyn. =fahrende Blumen=, vergngliche, unstete, gleich
   den fahrenden Leuten (Vgl. =Man.= I 70a 7, I 170a 7); das Bild
   entspricht dem obigen =Gesinde=. =Blatt=, Bltter. =gegen=, vor.
   =leit=, liegt.

Wie der Dichter dem Minnesang absagt, den er so lange Zeit gebt, wie
er von der vergnglichen Minne sich zu der ewigen wendet, ist schon
oben gezeigt worden.

In einem Zweigesprche mit =Frau Welt= (I 111b) nimmt er von dieser
seiner bisherigen Pflegerin feierlich Abschied. Sie spricht ihm zu, bei
ihr zu bleiben; er soll gedenken, was sie ihm Ehren bot und wie sie ihm
seinen Willen lie. Frau Welt! erwidert er, ich habe zu viel gesogen,
ich will entwohnen, es ist Zeit. Gott gebe dir, Frau, gute Nacht! Ich
will zur Herberge fahren.

Welt! ich habe deinen Lohn ersehen, -- sagt er in einem hnlichen
Gedichte (I 122b) -- was du mir giebst, das nimmst du mir. Wir scheiden
alle nackt und blo von dir. Ich hatte Leib und Seele tausendmal gewagt
um dich, nun bin ich alt und hast mit mir dein Spiel, und zrn' ich
des, so lachest du. Lach' uns noch eine Weile so! dein Jammertag wird
bald auch kommen.

Traum und Spiegelglas -- heit es anderswo -- gelten bei der Stete dem
Winde gleich. Laub und Gras, das stets meine Freude war, dazu Blumen
manigfalt, die rothe Heide, der grne Wald, der Vgelein Sang, der
Linde Sssigkeit, haben ein traurig Ende. Den thrichten Wunsch zur
Welt, ich sollt' ihn lassen, damit er nicht meiner Seele groe Noth
bringe. Der Busse wre hohe Zeit. Nun frchte ich siecher Mann den
grimmen Tod, da er klglich ber mich komme. Vor Furcht bleichen mir
die Wangen. Wie soll ein Mann, der nichts denn sndigen kann, hohen
Muth gewinnen? Seit ich an weltlichen Dingen Uebel und Gut zu erkennen
begann, griff ich, wie ein Thor, zur linken Hand recht in die Glut und
mehrte stets dem Teufel seinen Sieg. Ich war mit sehenden Augen blind
und aller guten Dinge ein Kind, wie ich auch meine Missethat der Welt
hehlte. Heiliger Christ! mache du mich rein, eh' meine Seele versinke
in das verlorne Thal! (I 141b)

Mit tiefschmerzlicher Empfindung ist die Nichtigkeit des Irdischen
besonders in dem groen Klaggesange dargelegt, den der Dichter
anstimmt, nachdem er in spteren Jahren in das Land seiner Geburt
zurckgekommen ist. Alles findet er umgewandelt, er wird an der
Wirklichkeit irre, ihm ist jetzt das Leben ein Traum. Lautes Wehe
erhebt er ber die Verderbni und den Unbestand der Welt. Er will sich
hinber retten in das Heilige.

  O weh! wohin verschwanden alle meine Jahr'?
  Ist mein Leben mir getrumet oder ist es wahr?
  Das ich stets whnte, da es wre, war das icht?
  Darnach hab' ich geschlafen und so wei ich's nicht.
  Nun bin ich erwachet, und ist mir unbekannt,
  Was mir hievor war kundig, wie mein' andre Hand.
  Leute und Land, dannen ich von Kinde bin geborn,
  Die sind mir fremde worden, recht als ob es sey verlorn.
  Die meine Gespielen waren, die sind trge und alt,
  Bereitet ist das Feld, verhauen ist der Wald,
  Nur da das Wasser flieet, wie es weiland flo.
  Frwahr! ich whnte, mein Ungelcke wrde gro.
  Mich gret mancher trge, der eh' mich kannte wohl;
  Die Welt ist allenthalben Ungenaden voll.
  Wenn ich gedenke an manchen wonniglichen Tag,
  Die mir entfallen sind, wie in das Meer ein Schlag:
                  Immermehr o weh!

  O weh! wie jmmerlich die jungen Leute thunt,
  Denen nun viel traurigliche ihr Gemthe stund!
  Die knnen nichts, denn sorgen; o weh! wie thun sie so?
  Wo ich zur Welt hinkehre, da ist Niemand froh.
  Tanzen, Singen, zergeht mit Sorgen gar.
  Nie Christenmann noch sah so jmmerliche Jahr'.
  Nun merket, wie den Frauen ihr Gebnde staht!
  Die stolzen Ritter tragen drfliche Wat.
  Uns sind unsanfte Briefe her von Rome kommen,
  Uns ist erlaubet Trauren und Freude gar benommen.
  Das mhet mich inniglichen sehr, wir lebten sonst viel wohl,
  Da ich nun, fr mein Lachen, Weinen kiesen soll.
  Die wilden Vgel betrbet unsre Klage,
  Was Wunder ist, wenn ich davon verzage!
  Was spreche ich dummer Mann durch meinen bsen Zorn?
  Wer =dieser= Wonne folget, der hat =jene= dort verlorn
                  Immermehr, o weh!

  O weh! wie uns mit sen Dingen ist vergeben!
  Ich sehe die bittre Galle mitten in dem Honige schweben.
  Die Welt ist aussen schne wei, grne und roth,
  Und innen schwarzer Farbe finster, wie der Tod.
  Wen sie nun verleitet habe, der schaue seinen Trost!
  Er wird mit schwacher Bue groer Snde erlost.
  Daran gedenket, Ritter! es ist euer Ding.
  Ihr traget die lichten Helme und manchen harten Ring,
  Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwerdt.
  Wollte Gott, ich wre solches Sieges werth!
  So wollte ich nothiger Mann verdienen reichen Sold,
  Doch meine ich nicht die Huben, noch der Herren Gold:
  Ich wollte selber Krone ewiglichen tragen,
  Die mchte ein Sldener mit seinem Speer bejagen.
  Mchte ich die liebe Reise fahren ber See,
  So wollte ich danne singen: wohl! und
                  nimmermehr: o weh!
                  (I 141b f.)

=icht=, irgend etwas. =kundig= &c. bekannt, gelufig, wie der einen
   Hand die andre. =von Kinde=, von Kindheit auf. =Ungenaden=,
   Ungunst, Migeschick. =Immermehr=, immerfort. =thunt=, thun.
   =stund=, geworden, beschaffen ist. =zur Welt=, auf der Welt.
   =unsanfte=, unerfreuliche; die Bannbriefe. =mhet=, betrbet,
   qulet. =vergeben=, Gift gegeben. =schwacher=, geringer. =euer
   Ding=, eure Sache. =Ring=, Panzerring. =Huben=, Grundstcke,
   Lehengter. =mchte=, knnte. =bejagen=, erjagen, erwerben.

Es kann mit Recht gefragt werden: was, nach der Verschmhung des
Irdischen, dem Dichter das Gttliche sey, das ihn entschdige und
erhebe?

Das zuletzt ausgehobene Gedicht benennt uns den Kampf unter der Fahne
des Kreuzes. Es ist bemerkenswerth, wie der Dichter, der sonst um das
Gold der Frsten geworben, jetzt, dieses verschmhend, selbst eine
Krone, die himmlische, erwerben mchte. Das heilige Land ist ihm die
durch Gottes irdischen Wandel verklrte Erde; der Kampf um dieses
Land eine hhere Weihe, ein Uebertritt vom Dienste der Welt in den des
Himmels; der Tod in diesem Kampfe der geradeste Pfad nach dem Reiche
Gottes.

Groe Verehrung widmet Walther der Knigin der Engel, deren keuscher
Leib den umfieng, den Hhe, Breite, Tiefe, Lnge nie umgreifen mochte
(I 133a).[86]

[86] So auch Meister =Friedrich= von =Sunnenburg=, CCCXCVIII: Den
     all die Welt an Breite, an Lnge, nicht umgreifen mchte, den
     umgriff die Reine alleine. Vgl. =Rumelant=, CCCLXXV; =Boppo=,
     II 233a 3.

Er theilt diese besondre Verehrung der heiligen Jungfrau mit den andern
Dichtern seiner Zeit. Sie hieng selbst mit dem Minnesange zusammen.
Der Welt Hort -- sagt =Reinmar= von =Zweter= (II 143a) -- liegt gar
an reinen Weiben, ihr Lob, das soll man hhen und treiben; was Gott je
erschuf, das bergelten sie, es ward geboren sein selbes Leib von einer
Magd, das gab er ihnen zu Steuer. Und es geht wohl aus dieser Ansicht
von der hheren Weihe der Frauen hervor, wenn derselbe Dichter meint:
flchtete sich ein Wolf zu Frauen, man sollte ihn um ihretwillen leben
lassen. (II 152b)

Auch ber den Kriegsheeren schwebte die heilige Jungfrau. In seinem
Kreuzgesange (I 125b) ruft Walther die Knigin ob allen Frauen an[87].
St. Marie, Mutter und Magd, unsre Noth sey dir geklagt! sangen die
Heere, wenn sie in die Schlacht zogen (=Horneck=, Cap. 440 682 83).

[87] Der von =Johannsdorf= (I 174b) findet einen gewichtigen
     Beweggrund fr die Kreuzfahrt in der Schmhung der Heiden: da
     Gottes Mutter nicht eine Jungfrau sey.

Ein vorzglicher Grund des Mariendienstes im Mittelalter lag in dem
Glauben, da Gott keine Frbitte seiner Mutter unerhrt lasse. Walther
singt: Nun loben wir die se Magd, der ihr Sohn nimmer nichts
versagt! Sie ist des Mutter, der von Hlle uns lste. Das ist uns ein
Trost vor allem Troste, da man da zu Himmel ihren Willen thut. (I
126a). Aus andern Dichtern knnten hnliche Stellen angefhrt werden.
So wie aber der Sohn die Mutter erhrt, so wird hinwider die Mutter bei
dem Namen des Sohnes gemahnt. Hilf mir durch deines Kindes Ehre, da
ich meine Snde bsse! ruft Walther zu ihr (I 133a)[88].

[88] Schn fhrt Meister =Stolle= (III) dieses aus: wer sie des
     mahnet, da sie Christum gebar, dem wird geholfen. Mehr noch
     ist ihrer Gnaden, wenn sie daran gemahnt wird, wie ihr wehe
     ward, als sie ihn an das Kreuz schlugen. Wer sie aber der
     groen Freude mahnt, als ihr Sohn vom Tode aufstand, der machet
     sich von seinen Snden blo.

Es war sonst schon Anla, seine Gedichte mit Gemlden zu vergleichen.
Wie zuvor den Kirchenzug des Knigs oder den Ausgang einer herrlichen
Frau, so stellt er uns jetzt geistliche Bilder auf aus der Geschichte
Mariens und ihres gttlichen Sohnes. Besonders schn sind zwei
derselben, die Kreuzigung und der Tod Jesu, rhrend durch die bloe
Darstellung, ohne allen Ergu der Empfindung:

  Snder! du sollt an die groe Noth gedenken,
  Die Gott um uns litt, und sollt dein Herz in Reue senken!
  Sein Leib war mit scharfen Dornen gar versehret,
  Und noch ward manigfalt sein' Marter an dem Kreuze gemehret.
  Man schlug ihm dreie Ngel durch Hnde und auch durch Fsse.
  Jammerlichen weinte Maria, die Ssse,
  Da sie ihrem Kinde das Blut aus beiden Seiten flieen sach.
  Traurigliche Jesus von dem Kreuze sprach:
  Mutter! ist doch euer Ungemach
  Mein zweiter Tod. Johann! du sollt der Lieben Schwere
                  bssen!
                  (I 133a)

=sach=, sah. =Schwere bssen=, Kummer stillen.

       *       *       *       *       *

  Der Blinde sprach zu seinem Knechte: Du sollt setzen
  Den Speer an sein Herze! so will ich die Marter letzen.
  Der Speer gegen all der Welte Herren ward geneiget.
  Maria vor dem Kreuze trauriglichen Klage erzeiget;
  Sie verlor ihr' Farbe, ihr' Kraft, in bitterlichen Nthen,
  Da sie jmmerlich ihr liebes Kind sah tdten
  Und Longinus den Speer ihm in sein' reine Seite stach.
  Sie sank unmchtig nieder, da sie nicht hrte und nicht
                  sprach.
  In =dem= Jammer Christe sein Herz brach.
  Das Kreuz begunnte sich mit seinem sen Blute rthen.
                  (=Ebd.=)

=letzen=, endigen. =Longinus=, der h. Longinus ist, nach der
   Legende, der Kriegsknecht, welcher die Seite Jesu mit dem Speer
   ffnete. Von dem niederstrmenden Blute soll ein Blinder geheilt
   worden seyn.

Niemand wird sich wundern, den Dichter in den Vorstellungen seiner
Zeit befangen zu finden. Aber auch in freier Bewegung zeigt sich uns
derselbe.

Von eigener Aufrichtigkeit ist nachfolgende Beichte:

  Viel hochgelobter Gott! wie selten ich dich preise!
  Da ich von dir doch beides habe, Wort und Weise,
  Wie wag' ich so zu freveln unter deinem Reise!
  Ich thu' nicht rechte Werke, noch hab' ich wahre Minne
  Zu meinem Nebenchristen, Herre, noch zu dir.
  So hold noch ward ich ihrer keinem je, als mir.
  Gott Vater und Gott Sohn, dein Geist berichte meine Sinne!
  Wie sollt' ich den wohl minnen, der mir bel thut?
  Mir mu der immer lieber seyn, der mir ist gut.
  Vergieb mir andre meine Schuld! ich will noch haben =den=
                  Muth. (I 131a)

Von Walthers freimthigen Aeuerungen gegen die Priesterherrschaft
ist umstndlich gehandelt worden. Wenn er zum Kampfe fr die Erlsung
des heiligen Grabes eifrig ermuntert, so ist er darum nicht eben
von blindem Hasse gegen nichtchristliche Mitmenschen beherrscht.
Rche, Herr! -- betet er -- dich und deine Mutter an denen, die eures
Erblandes Feinde sind! La dir den Christen gleich wenig gelten, als
den Heiden! Du weit wohl, da nicht die Heiden allein dich irren, die
sind wider dich doch =ffentlich= unrein; zeige die in ihrer Unreine,
die es mit jenen =heimlich= gemein haben. (I 103a)[89]. Als den Vater
aller Menschen erkennt er den Herrn, wenn er ausruft: Ihm dienen
Christen, Juden und Heiden, der alle lebende Wunder nhrt. (I 128b) Um
Vieles duldsamer und freidenkender, als der =Freigedank= (V. 481-84),
den es gewaltig verdriet, da Gott Christen, Juden und Heiden gleiches
Wetter giebt.

[89] Diese Aeuerungen haben wohl dieselbe Beziehung wie die in der
     Anm. 84 ausgehobenen des =Freigedank=.

Am reinsten aber und ber allen Wahn der Zeit erhaben erscheint seine
Anbetung da, wo er vor Gott sich niederwirft, als dem Unbegreiflichen,
den zu erforschen alle Mhe bei Tag und bei Nacht verloren ist, den
keine Predigt und keine Glaubenssatzung erklrt:

  Mchtiger Gott! du bist so lang und bist so breit.
  Gedchten wir daran, da wir unsre Arebeit
  Nicht verlren! Dir sind beide ungemessen: Macht und
                  Ewigkeit.
  Ich wei an mir wohl, was ein Andrer auch drum trachtet,
  Doch ist es, wie es stets war, unsern Sinnen unbereit.
  Du bist zu gro, du bist zu klein; es ist ungeachtet.
  Dummer Gauch, der daran betaget oder benachtet!
  Will er wissen, was nie ward geprediget noch gepfachtet?
                  (I 102b)

=unbereit=, unzugnglich. =ungeachtet=, unermessen, ungeschtzt.
   =daran betaget oder benachtet=, Tag oder Nacht darauf wendet,
   damit hinbringt (Vgl. II 112a). =gepfachtet=, in Satzungen
   gefat, von =Pfacht=, Satzung, Gesetz.

Unsre Blicke sind dem Dichter in das Gebiet des Unendlichen gefolgt
und hier mag er uns verschwinden. Es ist uns keine Nachricht von den
ueren Umstnden seiner letzten Zeit geblieben, gleich als sollten wir
ihn nicht mehr mit der Erde befat sehen, von der er sich losgesagt,
und von seinem Tode nichts erkennen, als das allmhlige Hinberschweben
des Geistes in das Reich der Geister.

Davon jedoch ist Kunde vorhanden, wo seine irdische Hlle bestattet
worden. In der Wrzburger Liederhandschrift, aus der ersten Hlfte
des vierzehnten Jahrhunderts[90], findet sich die Nachricht, da
Herr Walther von der Vogelweide zu =Wrzburg= zu dem Neuenmnster
in dem Grasehofe begraben liege. In einer handschriftlichen Chronik
aber ist eine liebliche Sage mit Folgendem aufbewahrt: im Gange
des Neuenmnsters, gewhnlich =Lorenzgarten= genannt, sey =Walther=
begraben unter einem Baume. Dieser habe in seinem Testament verordnet,
da man auf seinem Grabsteine den Vgeln Waizenkrner und Trinken gebe;
und, wie noch jetzt zu sehen sey, hab' er in den Stein, unter dem er
begraben liege, vier Lcher machen lassen zum tglichen Fttern der
Vgel. Das Kapitel des Neuenmnsters aber habe dieses Vermchtni fr
die Vgel in Semmeln verwandelt, welche an Walthers Jahrestage den
Chorherrn gegeben werden sollten, und nicht mehr den Vgeln. Im Gange
des vorbesagten Gartens, gewhnlich im =Kreuzgang=, sey von diesem
Walther noch Folgendes, in lateinischen Versen, in Stein gehauen, zu
lesen: Der du bei Leben, o Walther, der =Vgel Weide= gewesen bist,
Blume der Wohlredenheit! Mund der Pallas! du starbest. Damit nun deine
Frmmigkeit den himmlischen Kranz erlangen mge, so spreche, wer Dieses
liest: sey Gott seiner Seele gndig![91]

[90] Und zwar in der alten Vorrede zu dem Anm. 56 angefhrten
     Meisterliede des =Lupolt Hornburg=, =Mus.= II 1 S. 22

[91] =Oberthr= in der Schrift, welche Anm. 9 angefhrt worden
     ist, S. 30, giebt diese Stelle mit der Bemerkung, da =Ignaz
     Gropp= solche in einer geschriebenen Chronik gefunden habe. Die
     Stelle, worber die Recension des =Oberthr'schen= Buches in
     den =Gtting. Gel. Anz.= 1818 S. 2054-56 zu vergleichen, lautet
     so: _In novi monasterii ambitu, vulgo_ Lorenzgarten, _sepultus
     est_ Waltherus _sub arbore. Hic in vita sua constituit in
     suo testamento, volucribus super lapide suo dari blanda_
     (blada?) _et potum; et quod adhuc die hodierna cernitur,
     fecit quatuor foramina fieri in lapide, sub quo sepultus
     est, ad aves quotidie pascendas. Capitulum vero N. M. hoc
     testamentum volucrum transtulit in semellas, dari canonicis in
     suo anniversario, et non amplius volucribus. In ambitu prfati
     horti, vulgo_ im Creuzgang, _de hoc Walthero adhuc ista carmina
     saxo incisa leguntur:_

       Pascua _qui_ volucrum _vivus Walthere fuisti,
       Qui flos eloquii, qui Palladis os oblivisti,
       Ergo quod aureolam probitas tua poscit habere,
       Qui legit, hic dicat: Deus istius miserere_.

     Nach einer neueren Mittheilung im =Morgenblatt= 1821 Nr. 19
     sind diese vier gereimten Hexameter auch in die Wrzburger
     Handschrift, Bl. 212b, eingezeichnet. (Statt _oblivisti_
     heit es hier besser _obiisti_, statt _poscit_ steht
     _possit_.) Voran stehen die Worte: _De milite Walthero
     dicto von der Vogelweide, sepulto in ambitu novi monasterii
     Herbip.; in suo epitaphio sculptum erat: etc._

Name und Wappen des Dichters mgen zu jener Sage Anla gegeben haben.

Der Truchse von Sankt Gallen betrauert den Tod Walthers auf hnliche
Weise, wie dieser den Tod Reinmars beklagt hat: Uns ist unsres Sanges
Meister, den man eh' =von der Vogelweide= nannte, auf die Fahrt, die
nach ihm uns Allen unerlassen bleibt. Was frommet nun, was er eh' der
Welt erkannte? Sein hoher Sinn ist worden krank. Nun wnschet ihm um
seines werthen, hofelichen Sanges willen, da sein der ssse Vater nach
Gnaden pflege! (=Pf. Hds.= 357 Bl. 20b).

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  |   63  2. Absatz     "spricht er: ihrer"   "spricht er: ihrer"    |
  |   71  in Fun 40    "Wohtgethane"          "Wohlgethane"           |
  |  111  1. Absatz     "Maruer"               "Marner"                |
  |  111  1. Absatz     "meldet, das er"       "meldet, da er"        |
  |  112  2. Absatz     "Zusammenhang 70)"     "Zusammenhang 71)"      |
  |  115  1. Absatz     "Anfoderungen"         "Anforderungen"         |
  |  120  1. Absatz     "rittcrlichen"         "ritterlichen"          |
  |  126  in Fun.76    "sollen wir strehen"   "sollen wir streben"    |
  |  127  in Fun.76    "Reimar von Zweter"    "Reinmar von Zweter"    |
  |  134  2. Absatz     "Ein seltsames ..."    "                 "     |
  |  134  nach Gedicht  "                 "    "Ein seltsames ..."     |
  |  142  1. Absatz     "Seit Zeitgenosse"     "Sein Zeitgenosse"      |
  |  148  1. Absatz     "143a)  liegt gar"     "(II 143a) -- liegt gar"|
  +--------------------------------------------------------------------+





End of Project Gutenberg's Walther von der Vogelweide, by Ludwig Uhland

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in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

