The Project Gutenberg EBook of Das Bcher-Dekameron, by Kasimir Edschmid

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Title: Das Bcher-Dekameron
       Eine Zehn-Nchte-Tour durch die europische Gesellschaft und Literatur

Author: Kasimir Edschmid

Release Date: January 21, 2015 [EBook #48040]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BCHER-DEKAMERON ***




Produced by Jens Sadowski





                          KASIMIR EDSCHMID:




                                 DAS
                               BCHER-
                              DEKAMERON


                                 Eine
                           Zehn-Nchte-Tour
           durch die europische Gesellschaft und Literatur

                            Zweite Auflage

                   ERICH REISS VERLAG / BERLIN 1923

                Geschrieben im Juli und halben August
                    Neunzehnhundertzweiundzwanzig

                 Copyright by Erich Rei Verlag 1922




                                INHALT


                           Erster Vormittag
                             DEUTSCHLAND
                               SEITE 9

                           Die erste Nacht
                               DEUTSCHE
                               SEITE 41

                           Die zweite Nacht
   FILM  THEATER  SCHAUSPIELER  REGISSEURE  ESSAYISTEN  LEBENDIGE
                               SEITE 69

                           Die dritte Nacht
              BIBLIOTHEK (ABER DAS LEBEN IST HERRLICHER)
                               SEITE 95

                           Die vierte Nacht
                                SATIRE
                              SEITE 121

                           Die fnfte Nacht
                        KUNST UND GESELLSCHAFT
                              SEITE 145

                          Die sechste Nacht
                        POLITISCHE DICHTUNG??
                              SEITE 185

                          Die siebente Nacht
                             NEUE SCHULEN
                              SEITE 227

                           Die achte Nacht
                              DIE ANDERN
                              SEITE 251

                           Die neunte Nacht
                             UND EUROPA??
                              SEITE 267

                           Die zehnte Nacht
                              MIJNHEER!
                              SEITE 297

                          Letzter Vormittag
                             GELASSENHEIT
                              SEITE 301




Erster Vormittag


Mijnheer, wir sind eingeschneit.

Von den Spiehrnern bis zur Todtnauer Htte jagt der Schneesturm schon
den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhllt und um Herzogenhorn ballt
sich die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Brental huft sich der Schnee
schon wie Meer. Als ich zuletzt Sie traf in hnlicher Lage, war es am
Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf,
ich schnallte die Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon
fast italienische Sonne glhte ber Tirol das Gebirge zu Metall.

An diesem Tag zog D'Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut
empfngt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an
dem blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der Doppelkpfigen
Nymphe. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und
Nein nicht lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder
nicht? Wie hat in der Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich
umgedreht!

Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und
Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals scho man in
Haufen auf den Straen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg,
whrend die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers
prpariertem Schdel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die
Einschurichtungen seiner Mrder. In den Festungen sitzen nach dem
Proletarischen hin ausgeschwrmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen
Paraden ab ber die Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen
belgische Kanonenboote, auf keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen
sehen Sie die Farbe Schwarz-Rot-Gold. Die Bder der deutschen
Ostsee-Kste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den
Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der erste deutsche Botschafter in
Amerika bergibt seine Beglaubigung im Namen von The German Empire,
und man antwortet ihm in Washington, er meine wohl seine Republik. In
Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: vivat Rupertus
Rex. Der Reichsprsident, der Mnchen besucht, erhlt feierlich am
Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.

Sie interessieren sich nicht fr Politik?

Ich auch nicht.

Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das
sind die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich hnlich
knisternd Begriffe und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!

Zwei Stunden nrdlich bers Gebirge, in Baden-Baden, endigte frher die
bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der
Siebente in Hemdsrmeln vierspnnig den Blumenkorso ber die
Lichtenthaler Allee, fhrte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein
als Wette durch den Kurgarten, sauste der britische Hoftro mit
Bettlaken nachts in Droschken zum alten Schlo, Gespenster fr harmlose
Passanten zu spielen. Die Frstin Gagarin telegraphierte aus Syrakus an
ihr Palais Stourdza, um ihre Ankunft zu melden: Prparez trois
cotelettes pour les chiens, hier wurde den Gazellen des siamesischen
Sultans jeden Morgen in einem Springbrunnen ein Bad fin champagne
gerstet, wurde dem jungen Portugiesenprtendenten eine Strae gebaut,
um zwei Grten zu vereinen. Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre
Triumphe feierte, beginnt einige Jahre nach Krieg und Revolte unbedrckt
vor Angst, da niedere Klassen mit Schssen und Raub darauf antworten,
unter jahrhundertalten Bumen das Leben wieder feierlich und reich zu
spielen.

Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen Hhen,
und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den
wohligen Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten
Nachthimmel. Die Blte aller Bume von Flieder bis Magnolien und von den
feierlichen Kastanien bis zu den wilden Rosen und Geisblatthecken wird
dieses Jahr zusammenfallen, und die von den Fontnen besprhten
siebenfarbenen Rhododendronbsche werden vor der Spiegelfassade des
Hotel Stefanie mit unbekannter unterdrckter Leidenschaft blhen.

Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen, aber
Hollands und Amerikas Kleinbrgerschaft wird die wundervolle Burg des
groen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der frheren
Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis Zweitausend usw.
die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: Enrichissez-vous! hat nach jeder
Revolte und jedem endlosen Krieg sein Publikum verstanden, eine neue
Schicht, die nach Leben und Wirkung mit allen Zhnen bleckt, ist aus der
Tiefe aufgehoben worden und hat von der Oberflche die seitherigen
Gebieter ablaufen lassen. Aber Gambettas Beispiel, der die
Subskriptionsblle fr die neue Gesellschaft seines Landes schuf und
Salons aus der Erde zauberte, indem er flsterte: La rpublique manque
de femmes, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden. Die Elite
des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt unvershnlich, ja
vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die Weltmnnischkeit
besaen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an kaum einem
_sichtbaren_ brgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich kenne
keinen Republikaner auerhalb des Klngels der Politiker und Schreiber.
Ja sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit
einem bergu Schwefelsure auf seiner uersten Linse das politische
Bewutsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrbt und
gelangweilt, seit Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und ckern nur
die Farben der Vorkriegszeit.

Man mute den manischen Alten, der vor Sucht nach einem Republikaner
verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zufhren, die Sehnsucht
nach der Republik hatte ihm seinen Beruf und seine wissenschaftliche
Carriere gekostet. Kein Bankier kaum ansonst, kein Industrieller, der
auf die neue Flagge schwrt und hchstens einige Juden, die verschmt
ber die Thora mit ihr kokettieren. Selbst die Direktoren demokratischer
Industrieregenten wagen in Ruhrort und Recklinghausen und Duisburg
nicht, durch das gleiche Bekenntnis wie ihr Zar dem gesellschaftlichen
Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft heit in Deutschland nicht wie
in anderen Lndern: durch die Jahrhunderte in einem Rassebewutsein zu
gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert sein, sondern heit jene
Clique, die vor dem Krieg zufllig verdiente, adlig war und die mter
beherrschte. Die schwrt heute auf die Reaktion. Die arbeitende Klasse
kmpft, schon in der Verteidigung wieder, um den Achtstundentag. Die
groen Auseinandersetzungen werden noch kommen.

Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem glsernen Regenbogen
steht die Republik.

Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten
Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar
die Pltze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den
tztaler Alpen vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den
Schlssern zusammenstrmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostmen der
Mode von vor fnfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft,
aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veruern, noch
exklusiver wie frher, und einen gewissen ttlichen Stolz in den
zwanzigjhrigen Gesichtern. Das ist Deutschland.

Bald haben alle Frsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und
alle schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den
vorletzten Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich
die Niederlage an die Kpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den
Prgeljungen entdeckte. Fr unser Schrifttum ist der Haufen Papier ein
verwegenes Nichts, fr die Erinnerungsliteratur keine Bereicherung des
Stolzes, der letzte groe Memoirenschreiber der Deutschen aber, der
pfaueneitle jedoch illustre Frst von Muskau htte mit einer
Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste abgelehnt: Quelle blague.
Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer einen frheren russischen
Attach, der Schweine fr die deutsche Regierung in Belgrad gekauft
hatte, der riet, zur Sdsee auszuwandern mit einem Harem von Frauen und
schnen Tieren, und fnfzigjhrig in das dann befriedete Europa
zurckzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperborern jagt,
um erst wieder, von Panen gerufen, im Frhling zum silbernen Kephissos
und seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurckzukehren.

Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich
langsam wieder in ein festes Bett zurckstemmt und er wute, da nicht
die Spur nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des
Geschwtzes, und da elementare Gewitter nicht durch Beschwrungen der
Regenmacher sondern nur durch elementare Ausstrmungen langsam sich
snfteten.

Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira htten
Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir
William Loyd Davkins in Manchester Guardian hinzufgt, ihre Kpfe
seien gro wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern htten
zwlf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich
bin, obwohl alle Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene
Seligkeit der Erde mit beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und
barbarisch dunklen Meeren dahinter locken . . . . ich bin fr Bleiben.

Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und
des dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten
Anwlte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesttigter
in ihrer zuckenden Rte als die des groen Korsen. Die Ausschweifungen
der noblen Jugend, die Reisen ins Tropische unserer Leidenschaft sind
uns verdorben. Die Sommernachtsfahnen der Freude haben unter anderen
Sternen anderen Generationen geflaggt. Es gibt nur _eine_ Haltung des
Anstandes, in den Krisenfeuern, in denen Europa sich anschickt einen
neuen Stern zu gebren oder zu krepieren, mitten im Land und unter
seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen zur Lsung oder zu neuem Kurs
sie zu berreden, oder wie auf einem Schiff mit ihnen zu ersaufen
. . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der Politik zu
sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur Zeit, wo
Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden Familien
war) erschieen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie
Tataren aber gtig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener
Thomas Mnzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete,
unfltig in den Gesten aber in den Herzen voll dunkel flackernder
Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur dem hoffnungslosen Kampf
dafr unbegabter aber herrlicher Menschen mit der Politik in einer
mitleidlosen Zeit beizuwohnen.

Diese Deutschen!

Man mu hinter Dsseldorf am Rhein gelegen sein, um die Gre dieses
Landes mit dem stillen Verstrmen des Flusses zu spren. Man mu
zwischen Bingen und Sankt Goar seine Romantik fliegen gesehen haben voll
jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben die Spessartwlder gedrhnt von der
Musik ihrer donnernden Wlbung. Wie haben die bayrischen Seen unter der
Pranke des Herbstmonds mit aufschieenden Nebeln gebuhlt und die
Morgenberge mit wilder Idylle gespiegelt. Wie hat der sommerliche
Schwarzwald vor Behagen aus allen samtenen Fichtenhngen geraucht und
die Nacht noch sanfter an den glatten Muskeln des Vogesenbruders in den
Rheingau fallen sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen
aufgezittert und wie reif sind ber der Mosel die Sonnensegnungen
gelegen.

Wie haben die Sturmfluten die Nordseehfen berdeckt, whrend der Mond
bleirote Lhmung gespenstisch darber flutete, da die Molen verzaubert
von soviel Glanz reglos von den Raubwellen zerrissen wurden -- und mit
welchem Jubel haben wir als Jnglinge die tnzerische Grazie Bayreuths
und die Stierwucht von Bamberg und die Rothenburger Silhouette vor den
Abendhimmeln des Sommers empfunden. Die Parke unserer Kindheit waren
voll von Tritonen und Bchen und fltentragenden Gttern der Bsche und
Wlder und den stampfenden Pferden besinnungslosen Glcks auch im
dunklen Erschauern der Zukunft.

Wie hat Friesland uns spter mit schwarzen Bauerngtern in fetter Erde
unter seinen Herden gebebt, wie haben die Ostseeleuchttrme den
Dreimastern und Hochseebooten herzbange Gre durch die Jasminnacht
geworfen, wie haben die Zge gejauchzt, als die sddeutschen Erntefelder
sie mit beispielloser Goldflle verschlangen. Wie hat der Wein des Elsa
sich zur Melancholie der Eifel in unseren Knabenfahrten herrlich
gesellt, und mit welchen Farben haben die mecklenburgischen Teiche sich
noch an den grauen Himmel pommerscher Riesengter gemalt, wenn die
Wildgnse darber flogen.

Wie hat das ganze Land sich gereckt wie ein Weib, bis es die Schnheit
erreichte und bis aus jeder Falte ihrer Erde der Duft der Anmut und der
Vollendung in solcher Musik stieg, da wir vor Liebe und Demut die
Snden und Fehler der Bewohner fast vergaen. Die Luft unserer Jugend
ist strmisch wie die des Cinna und Hannibal, aber, unverrckbar, die
Seen und Wlder und Berge unserer Leidenschaft und unserer Heimat sind
von erhabenem Gleichmut der Schnheit.

Welche Zeiten!

Gleichsam auf einer zweiten unsichtbaren Ebene darber aber steht wie
ein zitternder Kessel zwischen den Manometern und Fieberkursen der
Valuten The German Empire, so, als sei zwischen den Zustand seiner
Fluren und den eines mglichen Glckes die heutige Misere wie ein
verlegener Alpdruck hineingeschmettert und als seien die Geister, die um
diesen Zustand irrten, vor Verzweiflung fast schon bereit sich selbst zu
verhhnen und auch der letzten Entschlukraft beraubt. Ich frchte, gbe
es in der Politik einen Eros und Stufungen der Geschlechter wie bei den
Lebewesen, man wrde The German Empire, das weder wagt mit dem Glanz
der Senatoren von Catos Strenge bis zu Clemenceaus Unerbittlichkeit eine
Republik zu sein, noch sich fr ein wahrlich neues Kaiserreich zu
entscheiden, zu den Zwischenstufen zhlen, denen zwar viel Nancen aber
keine eindeutigen Himmelfahrten erlaubt sind.

Aber der Ha auf ihre Gegenwart hat nie vermocht, die Liebe zu ihr zu
unterdrcken, und die besten Augen des Landes sind unbeirrbar auf jede
ihrer Bewegungen gerichtet. Denn man liebt nur, wo man helfen will und
man ist voll Zrtlichkeit nur da, wo man zu verzweifeln begonnen hat.

Im Kreis darum aber laufen die Ringe unerbittlich weiter, die die Mrder
mit den Heiligen und die Tchtigen mit den Trumenden durcheinander
werfen. Ein Tropf, der nicht sein Schicksal zu korrigieren sucht, wo
Kunst und Wahrheit nie so isoliert (aber kaum je von den Wenigen
geliebter) in der Welt standen. Wer vermag festen Grund zu sehen, wo
alle Mastbe aufhren, wo das Natrlichste: gut zu speisen und
innerhalb Deutschland zu reisen, schon ungewhnlicher Luxus dnkt und
das Leben der mittleren Schichten (ohne da sie es merken, weil sie ihr
frheres Glck in soviel Fatalitt vergaen) eine Versuchung ist mit
Gott zu hadern. Die apartesten Gegenstze durchdringen sich mit einer
gewissen Heiterkeit, und jede Handlung wird mit aufflligem Ernst von
einer Gegenhandlung begleitet, deren Gesicht die Grimasse des
Widerspruchs trgt.

Vermuten Sie, da am Tag, als Max Hlz mit Kommunisten und Rubern das
Vogtland unterjochte, ein eigens gebautes Segelboot mit dreiundzwanzig
deutschen Knstlern aufbrechen sollte, die Welt zu umreisen zum greren
Ruhm des Geistes? Ach Sie vermuten nicht, da am gleichen Vormittag, als
diejenigen Deutschen, die gerne mit endlichem und praktischem Erfolg die
Welt befrieden mchten, zu einer groen Konferenz zusammentraten, in der
anderen Ecke dieses Landes die mnnlichen Mitglieder einer Junkerfamilie
zum Spa mit Schrotgewehren auf alle vorbeifahrenden Automobilisten
schossen. Tglich beobachtet man, da fhrende Generle der Kriegszeiten
pltzlich ausgerechnet die Agenturen der Lebensversicherungen
bernehmen, da Juden mit einem Male fhrende Sportleute werden, da
korrekte Assessoren Autofabriken grnden, da die Bohmes der
Literaturkaffees pltzlich infolge der Beschftigung mit
Wohnungsschiebung liebenswrdige Cavaliere werden mit einem Anflug
sicherer Beleibtheit, die den Frieden mit Gott, Welt und Satan immer
voraussetzt.

Sehen Sie die Wirtschaft gigantisch wachsen, die von der Kohle ber die
Erze, die Hochfen, die Walzwerke, die Maschinenfabriken, ber den
Vertrieb der Erzeugnisse, ber die Schiffahrtslinien eine ungeahnte neue
Konzentration herstellt und, fast schon mchtiger als der Staat, beinahe
alles erzwingen aber alles verhindern kann, whrend vor sechs Jahren man
glaubte, sie sei in der Hochkurve? Vermutlich wird sich das technische
Zeitalter noch zu einer mythischen Gre recken, Dampfer von ungeheuren
Mastben und tausendfacher Kraft werden durch Motore gelenkt werden,
da sie wie die Delphine im kleinen Kreise tanzen, und die Luft wird
derart bezwungen scheinen, da die Menschen, knapp an die Grenze der
groen Weltgeheimnisse wirklich kommend, erst im letzten Augenblick, und
nicht ohne Gre, gestrzt werden.

Aber heute gastieren im Schatten dieses Wachstums noch die vielen
Schauspieler der Verwirrung und ich vergesse nicht, wie es entrstete
und amsierte, als auf dem Concours hippique in Kissingen im Frhjahr
nur der Stallmeister der luxemburgischen Groherzogin im grauen
Seidenzylinder erschien und dann ein Kinobesitzer und nicht Graf Grtz
die Sache machte. Man glaubte, das Apokalyptische kme hernieder und die
germanische Midgardschlange lasse die Erde aus ihrer Umklammerung
fallen. Die Oberflche der Zersetzung schwankte ein wenig und man sah
die gesamten Akteure der Zeit mit einem Male, wie sie ber die Hrden
und Koppelricks herauf und herunterjagten, als welle sich die Erde unter
ihnen.

Europa ist heute ein groer Faschingsball mit schnen Debardeurs und
anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die
khnsten Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in
einer spteren Zeit. Ich habe daran denken mssen heute Nacht, als ich
hrte, man habe den groen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens
zurckgerufen, indem man das Grab des Marquis von Seintgalt in
Dux in Bhmen gefunden. Es war nur ein Zufall, der es beim
Legen von Wasserrohren wieder in die Welt spielte, auf dem
Grabstein stand mit einer gewissen schlichten Haltung: Casanova
Siebzehnhundertneunundneunzig. Im gleichen Jahre wurden der Baron
Balzac und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen
Umschichtungen des Lebens in Frankreich in ihren Bchern damals schon
schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlustrich setzten unter die
letzte groe Kurve einer Zeit, die der kluge und genieende Casanova im
Leben noch einmal unerhrt gespiegelt hat: den Glanz und die
spielerische Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die Wagschalen
des Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.

Man hat nunmehr gelernt nchtern zu werden, selbst in der erregtesten
Zeit, teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zuflle. Wir
sind eingeschneit, Mijnheer. Ihr groes Gepck ist nicht transportabel,
der Schneepflug braucht drei Stunden fr hundert Meter Weg. Die Dame,
die Sie erwarten, kann nicht herauf, es sei denn, sie flge. Von
Stbenwasen bis Gisibden steht der Schneesturm und wirft Sie ber den
Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten Sie ohne Gepck ins Tal zu
kommen auf Skiern, ist Ihnen nur der Weg der Waldflchen offen, wo der
Schnee sich nicht so hoch gesetzt hat, aber schon an den ersten Matten
ersaufen Sie im Schnee trotz Ihrer Bretter wie eine Maus.

Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal mglich, vielleicht sich in die
Latschen zu schlagen oder Sprunghgel zu bauen, vielleicht geht die
Sonne auf und drckt die Schneeflut zusammen, man hat Mglichkeiten und
man rechnet mit ihnen. Vllig abmarschieren kann man aber erst, wenn der
Sturm gefallen ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn
Tage ber dem Gebirg. Das war noch nie, und solche Kaskade von Wei warf
der deutsche Himmel seit meiner Geburt noch nie ber Baden. Man mu
resignieren und eine Beschftigung suchen, die wir leicht von selbst
gehabt htten, wre es uns nicht eingefallen, die braun brennende Sonne
des Arlberg mit der schwarzen des Schwarzwalds noch zu vertauschen. In
St. Anton wre der Sirocco uns zu Hilfe geeilt und htte die Wolken nach
Norden geschmissen, die hier von allen Schwarzwaldbergen sich heben und
wie Rabenchre um den Feldberg kreisen. Schon Lukian hat die Reiselust
verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem
unabhngigen Gentleman unertrglich werden knne? Beweisen wir es.

Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Pampineas Fhrung
die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern vor der Pest aus
Florenz flchteten, lag es nahe, da sie dem Gespenst nur die Anmut von
Vergngungen entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es war ihre
einzige Waffe. Um sie blhte die Zeit, groe Mnner und erfllte Epochen
umstanden ihre Welt und es gab nur die Mglichkeit, mit Grazie und
gepflegtester Sinnlichkeit dem barbarischen Tod gegenber sich
verchtlich zu zeigen.

Wir haben hier kein Schlo, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine
Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere
Freundinnen, mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir
verstehen die Einfalt jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei
Dambrettspiel in den Grten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten
erzhlten, da vor der Anmut ihrer lorbeergeschmckten Knigin selbst
das Schicksal zurckrauschte. Wir sind nicht Kinder einer erlesenen
Epoche, sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs. Wir haben die Pest
nicht drauen und die runde und vollendete Welt im Herzen, sondern um
uns kracht die nchterne Phantastik unseres Skulums und wir haben
nichts in der Brust als die Khnheit es doch zu lieben.

Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genieen, was bleibt einem
Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in
Ordnung zu bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin,
Whisky und Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert
bleibt, haben die Nchte Raum fr eine europische Diskussion. Was kann
einen Hollnder, dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht
interessiert, der die Musen liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im
Koffer mitfhrt (wie Casanova selbst in die intimsten Situationen), was
kann einen hollndischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die
Zeit sich in den wichtigsten Literaturen spiegelt, denn in nichts
erkennt man, wie Flaubert in seiner Einsamkeit schon versprte, den
Menschen und die Nation so sehr wie im Buch.

Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein Ausschweifender und
gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die Kirche seiner
Vaterstadt beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzge und
Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust
wie kein anderer zierlich bis in das Herz der Frmmigkeit getragen, aber
es war die Sprache eines Dichters, und seine Sprache kam aus der des
Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis zu dem roten Hymnus des
d'Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja, Mijnheer, man mu,
um ein europisches Gesprch zu fhren, zuerst den Sinn der Sprache
begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und
Frauen und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.

Ich habe heute Nacht daran denken mssen, als ich am Fenster nichts
vernahm als die Dnung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees und
das Zustreun des Gelndes, und ich unter dem Bord der hlzernen Veranda
eine Schar Vgel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu den
Menschen flchteten und nichts hatten sich verstndlich zu machen, als
ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche
Angst ihrer Augen. Ich hrte, whrend ich Stare und Amseln auf die
Heizung hereinhob, die Wetterhhne drhnen und die Blitzableiter wie die
Elstern schreien. Hinter ihnen aber stand auf den Untertnen des Winds
die Musik der Schwarzwaldwlder mit einem dunklen Brausen. Durch die
gleiche Musik haben Germanen hier manchen ihrer Kaiser auf kreuzgelegten
Speeren aus dem Ruhm des Sdens, den sein Haupt gesucht, tot
zurckgetragen.

Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dnung mit verzweifelter
Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmgliche stets wie
knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schnsten Kopf sich
einschlug. Erst als ich vom Balkon zurcktrat, gelang mirs ohne
Bitterkeit zu atmen, und als ich mit den Vgeln sprach, war ich lauter
als das Sturmwehen. Der Schneezyklon scho von oben auf den Dachfirst,
warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht
sichtbaren Kreis ber dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich
rasend drehte.

Es klang verfhrerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich
die Vgel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen
Rhythmen und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf
voll unerfllter Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewuten
Schnheit.

Geliebte Sprache:

Als die antiken Zeiten sich von unseren schieden, entfhrten sie als
Dialekt der Mythen und Gtter das Griechisch und es blieb nur noch eine
moderne Sprache, das Latein. Nie gab es vorher und spter ein
menschliches Ausdrucksmittel, das so przis und zugleich flimmernd die
Begriffe aufstach und die Umwelt dazu glnzend umschrieb, das ebenso
vollendet das Vorgestellte in kristallene Nhe zwang und zugleich das
Phantastische in eine Bannmeile atemloser Erregung darum sammelte. Es
war die Sprache der Weltleute und der Kommis, der Dichter und der
Feldherrn. Herrlich band schon Tacitus ihre Khnheit im Bilde, als er
beschrieb, Germanien sei von anderen Nationen getrennt durch Furcht und
Berge. Fr die Deutschen war es zu scharf, wie diese Prosa blitzte,
zuhieb und trennte. Eine Zeitlang versuchten sie miteinander die
Verschmelzung, aber die Mnche jagten das Latein in ihre Klster. Wie
zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brnstig ins Weltliche hinaus,
wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den steifen kirchlichen
Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von Muri die demtige
Schlankheit: Ave vil liehtu maris stella. Umsonst, es mute nach
Westen fliehen und lie seinen Schatten nur zurck, der als Theologie
vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.

Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in seinen raschen tropischen
Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme der groen Epen und der
germanischen Troubadoure. Wie glhte der kurze Sommer seiner Pracht in
des Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich Gedanke und Reim und
kehrte voll Musik zurck in die hei und kindlich gefaltete Kadenz. Nie
hat, selbst in Rilkes Versgeder, Deutsch wieder die Gre der Einfalt
und die Vollendung des Tons und die Linie der Grazie erreicht wie in der
fltenhaften Lage der Walther-Strophe:

   Daz er b mir laege, --
   wessez iemen
   (nu enwelle got!), s schamt ich mich.
   Wes er mit mir pflaege,
   niemer niemen
   bevinde daz, wan er und ich.

Wunderbar fllte die deutsche liedhafte Zartheit die glserne Wlbung
des frhen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesngen, Hrnern,
Kreuzzgen und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache jubeln
konnte noch stolzer wie Horaz, da wahrlich nie gehrte Snge ihr
entstrmten . . . ., bis mit der schnsten Zeit der Welt, der Epoche der
Dome und Kaiser und lichter Maienhaftigkeit Europas sie in den
tragischen Schluvers fiel. Deutsch ward nun die Knochensprache
kleinbrgerlicher Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der
Volksbcher oder die robuste Dmonie Grimmelshausens und die Pedanterie
der gelehrten Habenichtse.

Doch wie hatte das Latein, das ber den Rhein gezogen und mit den
Galliern sich vereinigt hatte, im Franzsisch sich zu geschliffener
Klarheit mittlerweile vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt
von den unter lbumen von den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie
hatten die Regenbogen der groen deutschen Epen mit einem Fue tief in
der Provence gestanden, die breit und gro am feierlichsten Meer
wiederum sich der Levante und den Dichtern afrikanischer Erde hingab.
Wie lrmte ber Spanien und Frankreich grazis und gottselig der
vogelvolle Himmel der Frhzeit der Menschheit dann aber weiter bis hoch
in den vollen Zenith. Und wie erfllte er sich neu immer durch die
lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb,
bis zu schnster Vollendung aus den Allegorien der Gtter noch tief in
der Renaissance der herrlichen Plejade und den spten Prunk des Rokoko.
Immer gings aufwrts aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre khnste
Moderne.

Aber wir:

Als der ltere Balzac seineLettres wie Schlittschuhkurven der
franzsischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch noch im Jargon der
Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober durch Beschreibung des
Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frhling entgegenzufhren. Als der
taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner Plejade den Horizont
Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder bewlkten, knabberte Hans
Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner sechsunddreiig Bcher
deutscher Sprache. Whrend der flotte Offizier Descartes kristallinische
Treppen mit seinem Franzsisch in den Nebel der Philosophie hineinbaute,
sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in Knigsberg: Der Mensch
hat nichts so eigen / so wohl steht ihm nichts an / als da er Treu
erzeigen / und Freundschaft halten kann, und glaubte damit, whrend
Shakespeare schon lebte, eine Revolution der deutschen Dichtung
geschmissen zu haben. Rabelais, ein entlaufeper Benediktiner, der
wundervollste Vagabund neben Villon, und vierzigjhrige Medizinstudent
fhrte das Franzsisch in das ungeheuerlichste Barock, whrend der
Brger Ayrer seine blen Fastnachtsscherze schrieb. Im Franzsischen
bildete sich Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn Wundervolles
aufsprang, eine begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den Deutschen
nur das mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blhung voll
gewaltiger Einflle und Luther war keine Sprache sondern nur ein
Temperament.

Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den
Rcken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung
und die Sprache zerstrt. Als man sie wieder htte sammeln knnen,
gelang es nicht den schlanken Bau der Gotik und die Se
mittelalterlicher Gefhlskraft wieder zu entzaubern. Es gab keine
Gemeinschaft, keinen so zentralen Hof, der sie glanzvoll gepflegt htte.
Die Fhrer und Verantwortlichen haben von jeher den Geist und das Volk
im Stich gelassen. Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten. Das war
genug.

Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit
Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloparke
schritten, korksten deutsche Frsten wie Stotterer den Dialekt oder
retteten sich ins Franzsisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von
Navarra, dieser erlesenen Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten
Franz, dem vierzehnten, fnfzehnten Louis um die Hfe sich gereckt, die
Sprache sich veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Mastab fast
mehr wie die Geburt geworden, da schon ber die bertreibungen die
Sptter des Molire in Lachkrmpfe verfielen. Ja die Macht war so gro,
da selbst revolutionre Dinge gelitten wurden, wenn ihr Anspruch ihrer
Wrde und Vollendung entsprach, und die Gesellschaft vernahm mit der
Grazie der Gegeielten die Anmut der Geiler.

Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben
Bossuet und Scudry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war
stark genug aus ihren Jours und Empfngen eine literarische Bewegung zu
machen, die Richelieu zur Grndung der Akademie trieb. Und whrend ber
Deutschland der Dreiigjhrige Krieg flutete, war der politische Einflu
der Literatur so ungemein, da der grte Staatsmann Frankreichs im
Streit um Corneilles Cid mit allen Pressionen die gebildeten Kreise
mobil machte, Corneille zu zerreien, weil ihm dessen Geschwrm fr
Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die den Adel auf den
Bauch warf und Spanien an die Wand drckte. Am Arm von Herzoginnen aber
besuchte der groe Dramatiker den sich ber die Ehre tief verbeugenden
und den Besuch des hchsten Adels wahrlich gewohnten Bernini, Italiens
damals grten Knstler, unter der Aufmerksamkeit der ganzen gebildeten
Nation, whrend in Wasserstiefeln deutsche Pastoren, submissest
verhungernd, als schlesische Dichterschule schchtern verkleidet,
weltfremd einen dnnen, wenn auch nicht uncharmanten Barock auf deutsche
Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch hundert Jahre spter der groe
Friedrich seine armseligen Dichter verachtet und mit welcher frivolen
berlegenheit dem Schweizer Henri de Catt die Aperus ber einen
gewissen Hofmann erzhlt, der mit demselben Hemd ein ganzes Wrterbuch
verfertigte und der, als man ihm drohte, am jngsten Tage werde er
allein unter den lichten Gottseligen unrein bekleidet vor Gott
erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, da er lieber, als das Hemd
zu wechseln, auf die Auferstehung verzichte.

Wie verachtet, wie schmhlich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die
Sprache der Heimat geworden, wie erlsend und rhrend aber ist sie
manchmal dennoch in die Hnde von Einzelnen zurckgekehrt, die sie fr
ihre Launen und fr ihre Begeisterung zchteten und sie auf dem langen
Weg der Erniederung schn ber die beflaggten Barrieren ritten! In
Frankreich steht ein gezchteter Schlag.

Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die
Erinnerung der groen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem
schnen Schlag der Hufe.

Heil Lessing, der mit Strenge suberte, Sturz, der sie schlank wie ein
Florett im Kreis auf seine Hnde zurckband. Grabbe, der sie dunkel
durchwhlte, Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius durch den
Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die gttliche
Atmosphre der Worte wie einem gigantischen Stern zur Wielandschen
Grazie gab, Bchner, der sie zu heroischer Schlankheit des Mutes
begeisterte, Heine, ihr geliebtester Snger der vogelleichten Kraft, die
Romantik, die sie trumerisch wieder mit dem Gesicht ins bersinnliche
wandte, Nietzsche am Schlu mit dem jubilierenden Hurra der obersten
Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und vorzgliche
Trainer, aber sie ritten ohne Tribne und ihre Stlle und Concours
hatten keinen Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine Kenner,
obwohl ihre Klasse von internationaler Gte war. Sie waren Desperados
der Kunst gegen die Gesellschaft, die sich nie recht formierte, whrend
sonst in Europa diese Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und schne
Krnung ber sich trgt.

Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter fr feinere Sportfeste
seiner dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare
und Molire die Fabrikanten der von ihren Hfen bestellten
Theaterstcke, Calderon war seines spanischen Hofs Arrangeur fr pompse
Vergngung, die Maler der Renaissance die Hauseinrichter ihres sie
bezahlenden geschmacklich kultivierten Publikums, Bernini der Baumeister
fr luxurise Ausschweifungen des Barock und der Vogelweider im
Lyrischen der Pressechef seines staufischen Adels.

Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur
Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes
Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal,
erst Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Frsten. Damit
blieb er, genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche
Ornament seiner Zeit. Da man aber ohne Zusammenhang mit seiner Epoche,
rund um eine Zeit rasend, die keine Gesellschaft barg, Dramen
zusammenschrieb, Bilder zusammenmalte, Trme in die Wolken
hineinschickte, Bcher wohl ber Probleme der Ideen aber nicht ber die
Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in seiner
generationenlangen Dauer so rhrend wie unglaublich, aber deutsch. Hat
uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fhrt, telephoniert
und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und vereinigender
gekt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe
auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die
Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins
gescheucht wie der Dreiigjhrige Krieg.

Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte
Persnliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die brtigen Leute
um Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz
vergessen, als sie nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker
ihrer Gefhle fllten. Die Holz und Schlaf, die diese in schwacher
Nachahmung des groen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren
aber keine Kraft. Es blieb wohl Einsicht, aber keine Strke, sondern
Geschrei. Da gegen diese dann wiederum die gelten und geschmackvollen
Jnglinge des Dichters George marschierten, der ihnen langsam an
Baudelaires und Mallarms erhabenem Beispiel das Geheimnis der strengen
Form beigebracht hatte, bewies wohl Einsicht und Sinn fr das
Dichterische, aber es stellte gegen den Schlamm der Epoche nur einen
Salon von Slingen. In der Tat, Georges Beispiel ist sinnbildhaft von
Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur einen Zenakel und dieser war denkbar
nur in Frankreich, aus dem er kam.

Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige
Dichter und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie
die keiner Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus
den Krmpfen ihrer Dezennien sich der Zeit anschlo. Die
Unerbittlichkeit Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Dblin,
die tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr, Sternheim, Benn, Kaiser
versuchten ihre Generation zu einem mrderischen Glanz zu verdichten.
Das Material Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar, sondern nur ein
zersplitterter Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie schossen ihn
zusammen. Eine Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der
Gegenwart.

Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und
Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich
schneiden, hat Kunst und Nation sich berhrt. Zehn Nchte bei Flips und
Cocktails und Gin und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu
beschauen. Was interessiert einen hollndischen Gentleman an der
Gegenwart? Er hat ein Haus in 's Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine
Bibliothek in Delft. Er reist durch die Welt, von Krieg verschont, von
Kriegssteuern ledig, den Passeport von der Knigin visiert, unabhngig
und gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus
Europa geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Grten der Jugend in
die ppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit gefhrt ward, voll Eifer zu
sehen, wie in den Literaturen das europische Gewrm sich vereinigt. Was
kann Sie besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die
Linie zwischen Meer und Land.

Die paar Pioniere, von nicht sehr groer Lunge, die die Vereinigung
betrieben, haben nicht natrlich Gesellschaft gebildet und Volk und
Kultur sich wie im Paradies unter Trnen gerhrt ans Herz sinken lassen.
Sie haben das Wichtige, wohl unter groen Fehlern, dem Wachstumfhigen
genhert. Mehr nicht, aber es ist wohl viel. Will einer nun wissen was
kommt, was sonst an Schiff, Barke, Flo, an Haus und Matrose diese
Phantasie-Gegend bevlkert, ist die Untersuchung der Gegenwart immer von
Reiz, das Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was
ist. Das Kommende folgert er zum Teil, ahnt er zum andern, zum grten
wei er es nicht. O navis referent in mare te novi fluctus? Ich zweifle
nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu verwirrt
ineinander, man reit die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt
ihr eine gewnschte Direktion. Auf Zuknftiges die Antwort kann nur
Deutschland geben.

In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der
Entscheidungen Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt.
Wie auch immer es sich anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen
Gewssern und den flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch
unsere Schicksale mit dem seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir knnen
uns nicht trennen. Ob es der rechte Weg ist oder der verfluchte, wir
mssen ihn gehen, vielleicht mssen wir ihn auch lieben. Wir knnen nur
hoffen, es mge der rechte Weg sein.

Zehn Nchte Mijnheer sind lange Zeit, man mu alles bereden. In
Boccacces Dekameron beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich
die Ergtzlichkeiten des Daseins zu erzhlen, und reihum geht der
Knigsstab von Frau zu Mann jeden Tag, ein Knig fhrt sie am Ende
lebend nach Florenz. Wir sind nur zwei, zu wenig fr einen Knig. Und
mit zuviel Gestrpp und Sturm um unser Gesprch, als da das
Spielerische eines Frsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist.
Ihren Ahnen hat Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in
Mexiko ein. Ihr Wappen zeigt mit einem verschnrkelten _M_, da einer
mit Karl dem Fnften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr
Geschlecht nach Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht
schon jdisches in sich. Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie
sind nicht reaktionr und dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und
weit und nicht verkmmert und eng. Was seither je vor unseren Blick kam,
hatte die gleiche Geltung fr Sie und fr mich. Sie sind nicht weniger
Europer als ich, ich aber bin nicht weniger stolz ein Deutscher als Sie
ein Mann der Niederlande. Aber vermgen wir die Gegenwart, deren
erlesene Dinge nicht deutlich von der Zeit distanziert sind, mit
gleichem Auge zu beurteilen in einer Epoche, die nicht nach Vorzgen und
Glanz, sondern nach Zwecken, nach Angst, nach Wnschen und Richtungen
urteilt? Haben wir den gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen, vor
die Gegenwart geprellt stehn?

Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?

Hren Sie die Geschichte meines Geburtstags.

Am Tag, als im Grunewald die Mrder den Reichsminister Walther Rathenau
erschossen, fuhr ich aus dem Sden im Auto in meine Heimat. Als wir
gegen Mittag den Main berkreuzten, kamen wir, von nickenden
Birkenalleen flankiert, nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr
Versailles in einen schnen Park gebaut hatten. ber einem Atlas mit
einer Lwenpranke vor dem Geschlecht, der eine sechzehnflchige
Sonnenuhr trug, sahen wir einen kleinen innen gehhlten Berg, in dessen
Innerem zwei Pferde seinerzeit im Dunkeln nebst den Lakaien einen Hebel
im Kreise drehten. Oben jedoch, vor dem seidigen blauen Himmel flogen
auf dem derart gedrehten Karussell die Prinzen der Zeit durch die Luft
ihrer spielerischen Entzckung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.

Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken ber die hren wanderten,
am blulichen Grn des Saftes in den meilengroen Ebenen, im Wind der
Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich trumten, aus der fetten Kraft
und sprudelnden Wucht des Bodens sprte ich die Heimat. Hier haben meine
Ahnen, die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Tler sind sie von ihren
Burgen gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen braunen
Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb wie
ein Starnest, habe ich sechsjhrig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt und
unter den Sommerbschen der Schwarzdorne und gelben Ginster habe ich die
Platten der Rittergrber mit dem Finger abgefahren. In Bdingen hngt in
der Schlokapelle die Isenburger Kriegsfahne, gegen die sie gezogen. Am
Schloportal erfuhr ich die Ermordung des Ministers, die Lakaien standen
am Schlograben und schwatzten, der Pfrtner in einer sagenhaften
Uniform ffnete das Tor.

Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Strche saen
auf allen Giebeln, die Schwalben sangen sich ber den Eichen, die wie
Pappeln gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an den
Enden des Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den Himmel
wie groe Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.

Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen
Glanz, und die Felder mit farbigem Mohn bogen verfhrerisch in die
Stille der Hnge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten
Kirschen ber uns, als wir nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz
des besten Hohenstaufen suchten. Whrend seine Vorgnger und seine
Nachfolger den Dom bauten, setzte er in den Sumpf fr eine Geliebte die
Pfalz von wunderbarer Wucht, den Pallas von einer Brust der leichtesten
Sulen gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch des weien
Hollunders durch die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des
Barbarossa.

Sein Kopf springt aus der Wand ber dem Eingang hervor und lt keinen,
der eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach auen in die
Hhe gezogen, bis er die Hhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des
Bartes tanzen da zwei kleinere Kpfe, der des Hundes, der ihn in die
weiten Jagdfelder fhrte, der jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein
Toller, die ihn zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen
Revolten an ihre Wrme zurckri. Aus der Tiefe dieser Schatten kam mir
manches ins Blut geschossen, als sich die Hollunderbsche teilten.

Ich bin wie trunken, gesttigt vom Atem aller groen Zeiten durch meine
Heimat gefahren und die Bume hatten etwas Erkennendes in ihrem
Dunklerwerden und die Vgel in ihrem Schweigen und die Felder in ihrem
helleren Rauschen und die Wolken selbst, die den satten Ton der
Dmmerung auf ihre lila Segel genommen, erstiegen die Hhe des Himmels
mit grendem Triumph. Ich sah die Rehe flchten und den Mond ber den
Barockschlssern aufgehen, deren Spiegel die Nacht silbern erhellten,
ich sah die Nymphen der Dcher fester in ihre Hrner blasen, wenn die
Nachtwinde aus den Feldern sie trafen und ich sah den Main mit seinen
Schiffen heraufkommen in der weien Nacht mit einer Gre und
Verwandtheit, die ich aus den Jahrhunderten, die wir hier verbrachten,
sofort verstand.

Ich bin durch die Empfnglichkeit meines romantischen Blutes wie ein zu
dem Stern der groen Kaiser und adliger Erinnerungen Verfhrter durch
die Nacht meiner Heimat gefahren, in deren Landschaft deutsches
Schicksal und deutsche Welt sich durch Generationen entschied und
Ausdruck und Figur erhielt bis an ihre besten Mae. An diesem Tage wurde
Rathenau als der vierhundertste wehrlos, von hinten, erschossen. Ich bin
fr die Republik.

Ich bin fr die Republik, Mijnheer, wir sind angelangt bei politischen
Dingen und haben sie schon berwunden, indem wir es erkannten. Denn Sie
wie ich werden bemht sein, ich von dem Ihren und Sie von meinem Herzen
aus die Gegenwart zu sehen. Und wir sind beide genug voll innerer
Distanz zu den Dingen, um nicht zu verstehen, das Saubere von dem
Gemeinen und das Echte vom Geflschten zu unterscheiden. Sonst ist
nichts von Belang. Welches Volk aber von Barbaren, Mijnheer! Man kann
mit diesen Leuten nicht sein, die den Mord heiligen, um zu Monarchien zu
kommen, deren Absurdheit Sie wie ich in jener Form verachten, wie
vernarrte Jnglinge und verbissene Greise sie wollen. Das hat kein Band
mit den Erinnerungen meines Blutes.

In meinem Wappen stehen unter dem springenden Lwen die sechs Punkte des
Gleichgewichtes. Der Wahlspruch schrieb: fidle sans blme. In Ihrem
ist das Segel der Fregatte, mit dem ein Ahn die Mauren jagte, ein
spterer seinen Knig nach den Niederlanden fhrte und darunter steht:
Illum oportet crescere me autem minui wie bei dem furchtbaren Johannes
des Grnewald, der vergehen wollte wie ein Blatt, damit der Nazarener
aufschiee wie ein Baum. Ach, wenn die Knige Europas doch auch wie
junge Heilige wchsen! Auch Ihr Monarchismus hat eine Idee und es wre
Ihnen darum unmglich, den Meuchelmrder zu rufen, wo ein Gedanke Sie
erfllt. Napoleon Bonaparte hat als Letzter die Monarchie einer
europischen Idee verfochten und ich gestehe, da ich das Verfhrerische
dieses Glaubens spre. Ich sehe aber in diesem Europa meiner Jugend
keinen Weg und keinen Fhrer dazu. Ich bin fr die Republik.

Mijnheer, wir sind eingeschneit. Die Lufer, die zurckkehren, haben die
Figuren von Tieren. Wir sind mit ihnen in dieser angenehmen Hhle
eingesperrt. Sie wollen nunmehr mich in der Zwischenzeit veranlassen,
mit der gleichen animalischen Unvoreingenommenheit der Kunst nicht nur
die Knospen des Busens zu bewundern und den zitternden Elan der Schenkel
zu bestaunen, sondern der schnen Gejagten den Bauch zu beklopfen und
alle Sehenswrdigkeiten aber auch alle Fehler ihres Baues in unser
Entzcken und in unser Urteil aufzunehmen. Die Wertungen ihrer Schnheit
fllt allerdings erst die sptere Geschichte.

Aber die Gttlichkeit des Augenblicks, die versteckte Herrlichkeit einer
ihrer sekndlichen Bewegungen und den Schatten der Sonne auf ihrer
schlanken Hfte bringt keine Ewigkeit zurck. Es lebe der Augenblick!

Ich habe daran denken mssen, als nicht nur die Wnde des
Barbarossa-Pallas mit den schmalen Scharnieren der Sulen sondern auch
die Frbungen der Ecken und die Dunkelheiten der Verliee und die
schmerzlichen Lcken des Fehlenden mir den Ruhm ihrer Zeit erst vllig
entgegenbrachten. Fesseln wir den Augenblick! Durchbohren wir ihn, weil
er erst dann unsterblich ist. Alles andere geht, wie Deutschland geht.
Es lebe die Republik!

Wir gehen in die erste Nacht, Mijnheer, als ob wir in die Verbannung
gingen und Deutschland so fern hinter den Schneewehen sei, als habe das
Exil sich wahrlich zwischen uns und die Heimat gelegt. Der Sturm, der an
den Schwarzwaldbergen hngt, hat die Gegenwart wie die eines Sternes
entfernt, man sieht durch den Kerzenschein nur Kmpfe und Gesinnungen
wie bei Homers groer Schlacht. Man sieht nur die Dichte der Leistung
und den Adel des Wettspiels und erschrickt nicht, wenn man beim Reden
das Herzblut der Zeit auf den Lippen sprt und stirbt nicht daran wie
jene Geliebte und Liebende von Coucy, die wie am Blitz starb, als sie
das Kreuzzugherz ihres Freundes durch Irrtum verspeiste. Hinter dieser
Betrachtung formieren sich dann schon die Massen. Man kommt nirgens ohne
innere Haltung aus: Aprs vous, messieurs, schrien englische Cavaliere
franzsischen Rittern zu, als diese hflich den Briten den Vorrang der
ersten Salve bei einer Schlacht lassen wollten. Diese Devise ist nicht
flacher in einer Zeit, wo die Schwengel sich duellieren und die
Edelleute sich ffentlich verleumden. Man darf nicht erstaunt sein, beim
Untersuchen der Zeit statt einer Armee von Helden ein Lager von Schelmen
anzufinden, aber man braucht deshalb seine Unparteilichkeit und seine
Manieren nicht zu verlieren. Man kann unbefangen sein und kalt wie ein
Fisch im Urteil und doch seine private Sehnsucht vor alles Richtige
nachher wie einen Traber vorspannen.

O Deutschland!

In seinen Tlern beginnen die zaghaften Anfnge des Frhlings schon in
den ersten Sommer einzukreisen und aus den Grten bricht schon der
Geruch der vielen Blumen. Unsere Trume haben keine Muse, teilzunehmen
an so sanften Entzckungen seines Wesens. Im Gewirr seiner Pfade einen
Weg suchen und die Beete zu unterscheiden ist eine Aufgabe, die
verflucht ist, auch wenn die Donner eines strmischen Frhjahrs nicht
mit dunklen Gewittern ber uns hingen. Unser dreiigstes Jahr ist nicht
heiter wie das der Jnglinge des Boccacce und unsere Jugend ist
strmischer wie die des Cinna und Hannibal. Was ist noch zu tun?

Ich habe gehrt, da ber mein Ordnen und Schichten und Hhe- und
Tiefe-Weisen einige schrien, es sei Diktatur, die versucht werde, aber
da es, wie ich nher hinsah, erbrmliche Schatten waren, die schrien,
habe ich nicht geantwortet und mein Ehrgeiz war nicht klein genug zum
Kampf mit den Gerippen. Die Erfolglosen, die das Nein gegen die Gesunden
stets im Munde fhren, haben mich nie gereizt und Verneiner sind nichts
anderes als frhzeitige Tote.

Man hat in Deutschland wie das zchtigende Ja so auch das Ringen um die
klar erkannten Ziele und das Bewutsein der handwerklichen Leistung ganz
verlernt. Man hat sich so zerspalten, da man nichts mehr wei von jener
weltumspannenden Kameraderie der Handwerke, von der gemeinsamen Wollust
europischer Arbeit, von jener Staffelung in Gut und Schlecht und Volk
und Arbeit . . . . und wie in seinem Mittelalter man sich verehrte,
nicht weil man berhmt war, sondern weil man etwas konnte, wie man sich
gegenseitig unterwarf und lernte und schlielich allesamt bewut dann
kreiste, der Vollendung nahe nachher, um die Achse eines sicheren
Weltgefhls. Es gibt heute keine Schler mehr und keine Belehrer, nur
seltsame Meister ohne Boden und ohne Himmel.

Man mu ihnen zeigen, was ist, diesen armen unbelehrbaren Menschen. Ich
werde Euch lehren den Arm, ein Bein, mit Grazie zu biegen, sagte
Boucher zu seinen ungelenken begabten Schlern. Hokusai, der seit dem
fnften Jahre unendlich viel zeichnete, verwarf, was er vor dem
siebenzigsten Jahr geschaffen und glaubte, mit Dreiundsiebzig etwas von
der Farbe der Dinge zu begreifen. Ronsard empfiehlt in seiner Poetik den
Dichtern, zu Schlossern und Goldschmieden zu gehen, um zu lernen die
Sprache zu ziselieren. Ingres empfahl, wenn man fr hunderttausend
Francs Handwerk habe, keine Sekunde zu zgern noch fr einen Sou
dazuzukaufen. Und Flaubert, der es wissen mute, wie keiner, schrieb
nachts an Madame X. von Croisset nach Paris, er habe auf hunderttausend
Arten einen Ausdruck gesucht, behauen, gegraben, gewendet, durchstbert,
gebrllt, bis er ihn unter Garantie endlich habe und nun, nachts um ein
Uhr stehe er mit fieberndem Kopf und brennender Kehle seiner Geliebten
zur Verfgung.

Sie wuten alle, da Talent nichts sei als lcherliche Voraussetzung und
da bei genauer Prfung schlielich wohl jedermann ein Talent habe, und
da ohne die grauenvollste Arbeit nach einem Ziel, das man sehe, im
Sinne aller Meister jedes Geschreib und Gemale nur ein dilettantischer
Schmus und ein zweckloser Unfug sei. Sie wuten, man msse den Menschen
zeigen, wie sie arbeiten sollten, wo die Quellen lgen und wohin sie
ihre vom berma der Bemhung gerteten Gesichter freudig wenden
sollten.

Ein Glockengelute gibt zuerst, weil der Klppel eine Seite lediglich
berhrt, einen hellen dnnen Ton. Erst wenn er die andere Seite unter
geschickter Fhrung dazu noch erreicht, berbaut den ersten Anschlag die
dunkle Kraft des zweiten . . . . und so, voneinander nehmend und sich
berbietend, baut sich die Stufe der Melodie immer breiter drhnend in
den Himmel.

Man darf nicht zgern, das Seil zu fhren, wenn man Musik liebt. Man
will das nicht wissen? Man kann es nicht sehen? Um so besser. Ist
niemand da, der die Kontrolle fhren will . . . . hier ist er. Vergessen
Sie die Kerzen nicht, Mijnheer. Der Sturm hat ein Rad ber die Gletscher
geschlagen. Er vergit uns nicht.




Die erste Nacht


Die Muse huschen unter den Heizungsrohren durch die Zimmer. Erschrecken
Sie nicht, wenn die Fallen klappen. Elf Uhr. Die elektrischen
Bogenlampen drauen auf den Fahnenmasten fr die Verirrten dringen keine
zwanzig Meter in diese Nacht.

Das dumpfe Drhnen sagt, da der Neufundlnder Bary vom Hebelhof diese
Nacht nicht im Schnee schlafen kann und morgen nicht seine Geliebte, die
Wolfshndin auf Herzogenhorn besuchen wird. Als wir vom Blsling das
erstemal in der Lawinenzeit unter den Wchten herkamen und uns die
schne Frau mit dem Monocle und die beiden Badener von der Terrasse des
Blockhauses, das unten mitten in der Ebene stand und jede Minute
weggewischt ward von Schneewehen, mit Posaunen und Reiterdrommeln
begrten, wie lachten wir vor Wonne ber die Musik, die man wie ein
Gescho uns entgegenknallte . . . . . . aber wie entsetzten wir uns, als
ber der Grafenmatte mitten im Schufeld wir Bary zum erstenmal
erblickten, der unfehlbar einem schwarzen Bren glich, und wie umfuhren
wir ihn mit entsetzten Schwngen.

Denn der Wechsel von Licht und Schnee war so gespenstisch, da uns kein
Tier der Urzeit erstaunt htte, wre es aus diesem von Sonnenkanonaden
und Luftspiegelungen durchwehten Tag aus der Landschaft
herausgetreten, ber die wir wie Gtter herabkamen, achtzig Kilometer
Stundengeschwindigkeit, auf Hickorys, immer neue schier unabsehbare
Terrassen von Hngen hinunter. Nun sitzen wir auf den Fenstern und
starren bei Kerzenschein in die Nacht. Kommt uns ein Echo zurck aus dem
Brausen?

Was nun ist deutsch?, fragt Ihr Auge, Mijnheer, frug es schon oft an
meinem. Frug es, als man den jungen Springer vom Hgel gestern brachte,
der, als die Chirurgen die scharfen Knochenenden in den Oberschenkel
zurckspieten, Ziehharmonika spielte. Es war schneidig, doch ich sah
dasselbe bei Blriot. Sie frugen, ohne zu reden, das Gleiche, als hinter
Konstanz ein Rotbart ins Coup schaute und ehe er Platz nahm, schrie:
Sind Juden drin? Das war nur untermenschlich. Sie sagten einmal, da
in Ihrer Jugend in Grnoble, als franzsische Studenten den wahren Mut
der Deutschen bezweifelten, ein alemannischer Skulptore vor Ihren Augen
am Tisch des Cafs sich die Brust aufschnitt. Das war barbarisch aber
nett. Nicht deutsch. Nun fragen Sie ernstlich und wollen eine Antwort,
rund und klar und voll Verantwortung. Das ist nicht leicht. Das ist
unmglich.

Was ist italienisch, was spanisch? D'Annunzio oder Michelangelo?
Cervantes oder Goya? Ein Teil jeder Nation wrde jeden dieser
Reflektanten bestreiten. Die Deutschen haben aber sogar in der
Gesamtheit den Sinn fr das wirklich nationale Grundgefhl verloren und
sich falsche Gtter aufgebaut. Goethe ist eine vllig romanische
Mischung. Und Schiller hat das Pathos, nach dem sie sich vergeblich
sehnen, weil sie es nicht wie die Romanen im Blut besitzen. Die Weimarer
Tradition hat mit keiner deutschen Vergangenheit irgend etwas zu tun.
Diese Klassik ist der stehengebliebene Wunsch der deutschen Germanen
nach der sdlichen Erlsung, der sie frher mit Schwerten und Kreuzzgen
dienten. Rodin, der bestimmt Germanisches in seinem Wurf besa, hielt
die griechische Kunst nicht fr mehr als gute Geometrie. Ein wahrhaft
innerlich deutscher klassischer Stil wrde nie bei dem von Pelasgern
bewohnten Griechenland anfangen, die uns bei allem Neid auf ihre
Vollendetheit so wesensfremd sind wie Chinesen und uns nur durch die
Renaissance als Blutsbrder vorgetuscht wurden. Sondern er wrde sich
in jener Herbe erfllen, die von den Domportalen her, von Mleskirchner
und Cranach, den Sngern des Nibelungenliedes, von Ekkhart, von
Fischart, von Grnewald ausgeht und aus einer barocken Fontne in einen
stillgewordenen Himmel hinein sich formt.

Eher ist der Bamberger Platz bei all seinem Chaos deutsch, der immerhin
einen Riesenwurf darstellt von dem romanischen Geist des Doms an ber
die Palste der Renaissance und des Barock bis zur Schlugestaltung des
monumentalen Raums, als da Deutsch sich offenbare in jener
nichts-als-harmonischen Geste, auch wenn sie die grte Begabung, die je
den Deutschen ward, zelebriert.

Dazu braucht es anderes Klima und anders vor Wonne des reinen Seins
geschttelte Himmel. Das Deutsche hat immer als Reiz, selbst in seiner
landschaftlichen Atmosphre den unbestimmbaren Hintergrund getragen, und
war immer fern der farbigen Plastik, mit der die Sdlnder ihre Gebrden
schlieen. Constant, der gescheiteste Franzose, der gleichzeitig
Deutschland, in dem er Jahre lang hrig hinter der Stal herreiste, hei
liebte, hat Goethes zentrale Schwche rasch durchschaut. Denn er sprte
unfehlbar, wo das schnste Genie der Deutschen abbog von seiner
Bestimmung, die Menschen in Liebe zueinanderzufhren, indem es keine
Stellung nahm zu ihren kriegerischen Konflikten, und statt in den
geistigen Kampf zu jagen, einbog in die Verherrlichung einer Klarheit,
die bei Deutschen nie Inhalt sondern nur Fassade sein konnte. Constant
hielt den Faust daher fr eine Verhhnung des Menschengeschlechtes und
stellte Voltaires Candide darber, den er zwar gleich unmoralisch und
drftig aber geistreicher und besser gemacht fand. Teutonische Ajaxe
werden dies Urteil unerhrt finden, weil sie die Welt nur zwischen Elbe
und Rhein und mit viel Vorurteilen gemalt sehen. Es ist jedoch nur
gerecht. Denn andere Vlker sehen mit Puppille, wie ihre Leidenschaft am
idealsten sich in der entsprechendsten Form lst.

Die Deutschen haben aber keinen Sinn mehr fr ihre Eigenart, verehren
Gtter, die keine sind und Heroen, die sich als Puppen aus falschen
Sentiments entschleiern. Deutsch ist daher fast nie, was die heutigen
Deutschen lieben, deren Andachtsheihunger vor allem Anders-Seienden sie
in Ideale hineinreit, die andere, nur nicht sie selbst besitzen. Sie
lieben entweder das Sentimentale, das klassisch aussieht, im Grunde aber
Lge ist. Oder sie verehren das unvollkommen Dunkle, das nicht das gro
Barocke, sondern die eitle Ohnmacht von Narren ist, die ihre Schwche
damit verbergen. Stellen sie aber einmal ein Denkmal von Qualitt auf
ihre Landschaft, in der die verlogenen Feldmarschallbilder des Tuaillon
mit erbrmlicher Gltte neben dem Klner Dom stehen, so stellen sie
Figuren Meuniers auf die Frankfurter Mainbrcke, die zwar Kunst sind,
aber den nationalen Ausdruck wallonischer Fischer und nicht deutscher
Seeleute ausdrcken.

Deutsch ist nicht das unvollkommen gestaltete Klare, sondern das im
Dunkel ringend Gebaute. Deutsch ist nicht der magyarische Melancholiker
Lenau aber etwas an Grabbe. Deutsch ist nicht Herr von Mnchhausen, der
einfach einen Panzer umtat und bldsinnig mit kriegerischem Gebrll das
Maul aufri, wie er es fr adlig hielt, aber sicher etwas von Richard
Dehmel. Deutsch ist nicht etwa jener mit Kothurn auftretende Gott der
Langeweile, der mit Paul Ernsts gesammelten Schriften am Arm erscheint,
aber sicher etwas von der Malerei des Max Beckmann. Deutsch ist nicht
das dumme hohle Zeug, das mit klassischem Jambus Herr von Wildenbruch in
anstndigster Gesinnung verbrach, aber sicher etwas in den tollen
Phantasien des Architekten Poelzig, dem Deutschland keine Bauauftrge
gibt. Deutsch ist vor allem nicht Gerhart Hauptmann, aber sicher etwas
in Wedekind.

Was hat gerade diese sehr starke Begabung des Naturalismus, dieser
Schlesier Hauptmann Unrechtes getan, da ihn die jdischen Literaten aus
Respekt vor seiner arischen Rasse als Reprsentanten deutschen Wesens
der Welt mit begeistertem Finger zeigen? Er ist der blendendste Beweis
fr den Irrtum, alles Halbe und Sentimentale, alles Greise und
Weibisch-menschliche sei Deutsch, wenn es nur von Mondschein und einer
gewissen hellen Hilflosigkeit bergossen sei . . ., whrend der
blitzende Genius Wedekind, der sich ohne weiteres in die Kette der
barocken Meister einordnet und der aus dunkelster Wirrung ein
metallisches Werk hingab, von allen Hunden und Untermenschen
Deutschlands noch heute zerfetzt wird. Was hat die badische Exzellenz,
der Wirkliche Geheime Rat Dr. Hans Thoma Unrechtes getan, da er, der
den Schwarzwald wahrlich mit einer Flle des Gefhls wie wenige malte,
aber ungeheuerliche Dinge an Heiligen und Madonnen nebenher, da an ihm
bewiesen ward, Mondschein und Geige und jene penetrante Innigkeit der
falschen Sentimentalitten sei alleinig deutsch. Ach die Deutschen
haben, als ihre Gesellschaft sich scheinbar in kleinbrgerlichen
Behausungen konsolidierte, sich Markenschilder und Klischees ihres
Wesens so anfertigen lassen, wie es ihren wirtschaftlichen Sehnschten
am geeignetsten schien und sie sind vom Heroischen mit kalkiger Angst
zum Sentimentalen gelaufen und haben der Antike, die sich ihnen in den
Klassikern offenbarte, einige Denkmale der Huldigung unter der Adresse
des deutschen Genius gesetzt.

Man schuf eine Waffenbrderschaft fr alles Dilettierende und
Epigonenhafte, das sich naiv gebrdete und erschlug die fabelhaften
Wlfe der Sprache, wo sie in die Wlder kamen. Man verdarb mit falschem
Zucker den Geschmack und hetzte die Mittelmigen auf das Ungewhnliche.
Man begann alles Unzureichende, soweit es auf Klarheit oder Erlsung
sich frbte, als deutsch zu flaggen und alles Dramatische und Glhende
zu hassen. Man liebt den Jungnickel mit den Papierblumen in der Hand,
aber man will nicht den jungen elsssischen Dionysos Schickele. So war
man fr Freytag und gegen Nietzsche. Man schwrmte fr Paul Heyse aber
lie den Gnther krepieren. Man liebt die koiffierten Snger des Rheins
von dem Scheffel bis zu den Lauff und Bloem und Herzog, aber man ist
gegen Heinse, gegen den Bchner, gegen den Eisenkonstrukteur Georg
Kaiser und man nimmt Romantik (wo es ins bersinnliche schon geht), nur
durch die Verlegenheitsform der Musik.

Die Deutschen halten es mit der Dichtung wie die Weiber mit den Mnnern,
die, wie Jean Paul meint, stets mehr den Brger als den Menschen achten.
Sie haben sich deutschem Wesen ganz entfremdet, haben sich von den
Stilen entfernt, die ihr vielspltiges unruhvolles Wesen am deutlichsten
geben, haben sich gegen die groen Formen erklrt, in denen germanischer
Wuchs heroengleich in den Horizont sich trotzte und haben aus
angestrichenen Fellgermanen mit Lippenrouge und Trikotbuchen sich eine
germanische Vergangenheit im Stile Richard Wagners, und aus
unbestimmbaren qualvoll slichen Stimmungen klassischer Schlichte eine
Gegenwart gezimmert fr den Begriff des Deutschen, der niemals, der eine
wie der andere, auch mit einer Ahnung nur am Leib der deutschen Dichtung
war.

Es ist leichter zu sagen, was nicht deutsch ist, als das, was es
ausmacht. Die Deutschen halten sich fr schlicht und sind immer
Verzweifelte gewesen. Sie haben keine Kultur, aber einzelne
Herrlichkeiten. Ihre Haltung ist jener der Skandinaven unterlegen, ihre
Grazie jener der sterreicher, ihre Motorrder, Tennisschlger, Kleider
jenen der Englnder, ihr Weltdrang selbst dem der dickbltigen
hollndischen Germanen, ihre Parfms den Franzosen, ihre Tnzerinnen den
Russen, ihre Boxer den Niggern. Auf ihren Theatern pissen die Akteure,
wie Heine sagt, mit den Herzen, whrend die Briten mit den outrierten
Bewegungen der Shakespearezeit, die der Franzosen mit dem durch Ironie
durchsten Pathos des Racine spielen. Ihre Maler malen den Kosmos, aber
nicht nationale Farben und nicht ein gelungenes Weltbild ihrer Rasse.
Der Kunsthndler Flechtheim hatte nicht unrecht, als er, der vllig
franzsisch orientiert war, durch eine Ausstellung wildester moderner
Kunst der Deutschen gehend, ausrief: Herrlichkeiten, meine Herren, zwar
keine Malerei und ich ahne es nicht, was es sein soll, aber ich glaube,
da es vorzglich ist! . . . denn er zollte unbewut neben dem Spott
dem dunklen Trieb der echten Deutschen, sich mit Figur und toll aus dem
Dunkel hochzuwhlen, den Tribut.

Da erscheint die Erinnerung jener Fanatiker wieder, die von den
Dombauern bis zu Jean Paul sich zu jenem Barock im Ausdruck
durchzuschlagen wuten, das auch die Strenge der Gotik und die Se des
Mittelalters umschliet. Damit seien aber im selben Atem die berlufer
gestupt, die aus dem Unvermgen, sich auszudrcken, in jenes gescheite
problematische Dunkel des Geschwtzes sich hllen, das ein deutsches
Publikum genau so begeistert und unverstehend aufnimmt, wie es erregt
die Hnde faltet, wenn Herr Bonsels sich auf Seele und Idylle frisiert.
Im Grunde sind das die gleichen Tuschungen, nur da die verquollene
Geste die raffiniertere und spekulativere ist, ihrer beider Verfasser
aber Charlatane, die von den jdischen Literaten wenigstens die
Psychologie gelernt haben, die diese in die deutsche Dichtung
importierten: ihr Publikum genau zu kennen und zu bewerten.

Es gelang ihnen auf der ganzen Linie. Denn da es tragisches Schicksal
deutscher Dichtung ist, unvollendet und fast an der Spitze der
Vollendung abzubrechen und Torso zu bleiben, vollbrachten sie das
Flscherstck, den Torso berhaupt als das typisch Deutsche
auszuschreien. Diese Komiker, die als Hamlete auftraten, vergaen, da
es dem Unbestechlichen immer noch leicht ist, unverstndliches und
aufgeblasen gemurmeltes Zeug zu unterscheiden von einem metallen
geglhten Stck Kunst, das nur an der Kulturlosigkeit der Zeit
zerbricht.

Ja selbst, wie das gemeinhin leicht, aus dem Wesen der Frau die Statur
des Volkes farbenklar zu erkennen, ist uns versagt. Die germanische
Rasse ist bei den Britinnen viel klarer in der Zeichnung, anmutiger bei
den Wienern, von geistreichster Grazie bei den schnen Frauen der
Skandinaven Schwedens gezchtet. Dennoch traf ich in der Heimat
unvergleichbar lichte Frauen, zusammengesetzt jedoch aus
Unbegreiflichem, mit vernichtenden Widersprchen selbst in ihrer Anmut,
unbestimmbar in ihrer Rasse und ihrem Wesen schon eine Stunde nach ihrer
Entfernung.

Aber aus Erinnerung an sie formte sich pltzlich nachtrglich die Idee:
das war die Deutsche. Doch es war ein Hauch nur, unerklrlich. Aus einer
Handlung der Gegangenen kam pltzlich ein Echo: das war sie. Schon
entflohen, schon nicht mehr gestaltbar. Fast ein Traum und doch eine
Gegenwart. Ein Abglanz vielleicht, der bleibt und den man nicht sieht.
Aber man wei dennoch, auch wenn man es nicht bestimmt, wenn man es
nicht entrtselt: das gibt es. Das ist schon viel!

In Lyon traf ich in einer gebildeten Gesellschaft einen Kaufmann, der
dachte, preuisch und deutsch sei zweierlei. Er hatte Recht wider
Wissen. Preuisch ist leichter zu fangen als deutsch, es ist auch an
Tiefe nicht so dunkelschn. Immerhin, es besteht, wenn auch nur als
Erbteil von Potsdam. Mein Vermgen, meine geliebtesten Dinge gbe ich,
wenn ich auf Monate in fernes Ausland mte, eher dem preuischen
Granden, dem lteren General der aussterbenden Generation als einem der
in Gesinnung der Menschenliebe bramarbasierenden Internationalen, so nah
diese Ansicht mir steht. Ich bin fr die Tradition und ich wei, da
diese Ehre frher ber den Tod hinaus unverbrchlich als Weltbild der
Samuraikaste der Preuen eingebrannt war, whrend ich nicht ahne, ob
hinter dem Gesicht der Bruderliebe dieses oder jenes mehr steckt, als
da damit alles zu gewinnen und nichts zu verlieren ist. Das Ehrgefhl
des preuischen Offiziers hatte frher Weltgeltung wie eine gewisse
Treue der Germanen und darum ist Lessings Minna von Barnhelm das beste
deutschgeschriebene Lustspiel, weil wahrhaftiges auf beiden Beinen
aufgepflanztes Weltgefhl hier tragisch gegen alle Seiten der Windrose
rennt . . . so langweilig und trocken das Stck auch sein mag, und so
sehr die Franzosen sich unter ihm krmmen, denen seine Klarheit und
Gescheitheit berhaupt erst die Voraussetzung zu Dichtung scheint,
whrend sie hier das Ende und Ziel schon ist. Man darf sich nichts
vormachen. Wir sind, ohne Boden unter uns, um Jahrhunderte gehandikapt.

Es gab keinen Olymp bei den Deutschen, wo der Chor des Volkes und der
Gtter sich mit den Musen band, um im Zug vereint immer wachsend in
einem unbeschreiblichen Hymnus die Kraft eines ganzen Zeitalters, die
Gtter und Heroen an der Spitze, zu gestalten. Einmal nur spielten in
der Feinheit des Glcks die Dinge und die Menschen in organischer (nicht
goethescher) Harmonie aus dem Bodenscho des Landes her kurz ineinander,
als in geheimnisvoll durchbluteter Flle die Kraft seines Geistes so
ungeheuer glnzte, da die gotischen Gtter von den Kirchen
niederschritten, da fromm und tapfer das gleiche Wort schien, da in
Schpfungsmut die Vgel diesen kurzen Sommer mit den steinernen Heiligen
um die Wette musizierten und die Engel Zeitgenossen der Erde geworden zu
sein schienen.

Damals war das Helle und das Dunkle geeint, und die barocke Kraft hatte
eine Flut von Licht in die Dunkelheit deutschen Wesens gesprengt, da
das Jahrhundert schwebte, wie von seidiger Luft gebildet aber wie von
Stahl in der Rundung genietet. Die Wage war aufgestellt zwischen der
Kraft und der Seligkeit, und wie auch das Ringende tobte, gesellte sich
zu endgltiger Form ihm die Idylle. Die Strophen des Vogelweiders hatten
jenes unersetzliche Gleiten aus den mythischen Schatten in die
kristallene Lichte. Und wo sie geschliffen wie Glas in Bgen sprangen,
war hinter ihnen noch das Blau der Schatten sichtbar, aus denen heraus
sie sich rangen. Und ber dem Rhein stand ihren hellsten Lichtern das
dumpfe Schwlen Wolframs gegenber, den aus dem Leichten es in
wundervollem Abwgen schicksalshaft stets ins Dunkle zurckzwang.

Eine Kreatur blieb dann zurck, durch die Jahrhunderte der
Zersplitterung hindurchgerissen, deutsch genannt, nicht mehr bestimmbar
mit Kreis und Logik, mehr khn wie gelassen, mehr zerbrechend als weise,
schon etwas lorbeergeschmckter Barbar aber nie ganz Christ, doch stets
voll Leidenschaft nach Erkenntnis in seinen besseren Exemplaren. Das gab
Temperatur, aber noch nicht Gu und Statur. Das ward wohl aufgebrochener
Acker, aber nicht Ernte. Es gab durch die Jahrhunderte hindurch keine
Kette von jungen Helden, aber Kreise, die ohne Zusammenhang, aber wie
die Jahrringe der Bume umeinander gegrtet, die ewigen Quellen
umringten. Und in der Isoliertheit voneinander gab es mehr mrderisch
Verzweifelte als Jauchzende und es gab die kleine Menge derer, die
zwischen den Pfffischen und Geschickten, zwischen den Satrapen und
Gauklern der Dichtung mit Genie das wirre Schicksal in Figur zu bringen
suchten, in dem unsere beste Hoffnung liegt.

Sich ins Gro Barocke hinein zu uern ist sowohl Schicksal als auch der
geme Stil fr das Deutsche. Die Chauvins, die ihm die aufgemalte
italienisierende Statuenpose zuerteilen wollen, mchten am liebsten, es
gebe nur Eichendorff, wobei sie beschrnkt und heuchlerisch, wie alle
falschen Radikalen, den Stoff mit der Melodie verwechseln und das fr
deutsch halten, was nur Anla zur Kunst ist. Denn Eichendorff ist eine
jener grazisesten Verzierungen in der Architektur der deutschen
Dichtung, deren oberste Ornamente (die ber den dunklen Fittigen der
Kreuzschiffe sich erheben) manchmal vor liedhafter Reinheit beben, als
seien sie nicht mehr dem Bau zugehrig, sondern lgen wie die Falter
frei in der Luft.

Es blieben immer nmlich einige Reiter und Figuren an den Firsten der
Kathedrale deutscher Dichtung durch jede Epoche hindurch brig und genau
erblickbar, in deren Bewegtheit und linder Anmut man alle Helden des
goldenen Zeitalters wieder erkannte, dessen schnster Ritter der von der
Vogelweide war. ber den Eschenbacher Vaganten, ber Gnther und Hlty
und Klopstock und Malermller und Eichendorff geht es bis zu Heine.
Zwischen den wilden Streitrufen des Thomas Murner und der Weltflucht des
Silesius haben sie den Ton und das Vollendete weiter getragen und sich
begngt, etwas zu sein, was zwischen Schriftstellern und Dichtern die
Deutschen allein als Poeten besitzen, und was nicht das Deutsche, aber
eine Spielart des Deutschen ist und im Ausgleich der beiden Wagen, die
die Melodie bestimmen, die hchste und hellste Stimme ist, die der
dunkelsten und schwersten Grundmelodie entspricht.

Sie haben etwas von Beschaulichkeit, manchmal von Weisheit an sich. Mit
unmglichen Vorstellungen von den Dingen dieser Welt beladen, sind sie
jederzeit bereit beim Anblick des Meeres, des Frhlings und der Wiesen
die Zahlenstaffel ihres Jahrhunderts zu vergessen. Aber sie sind in
ihren sinnierenden und klaren Klngen niemals jenen Rotten verschrieben,
die als Elegiker ihrer milungenen Karriere Hunger und Abstinenz als die
Privilege der Dichter rhmen oder als Erfolglose neidig die
Nutzlosigkeit des Ruhmes verknden oder als klassizistische Epigonen,
die zufllig in einer romantische Periode geboren wurden, Agitatoren
ihrer Impotenz werden, welche sie dann von kleinen Schreibern und
Eunuchen der Kritik als diskrete Erfllung deutscher Mission in allen
Blttchen loben lassen.

Sie haben nur die eine Absicht: zu musizieren. Ohne das strben sie.
Ihre schnste Stimme hat der Dauthendey. Er war so empfindsam, da er in
Trnen ausbrach, wenn ihn etwas strte. Er starb mit Fnfzig wie ein
Kreuzfahrer auf Java (whrend in Deutschland alles verhungerte) bei
guter Nahrung inmitten phantastischer Natur, vor Heimweh. Vielleicht,
da die Seele eines Schlers des Vogelweiders in ihn geflogen war, und
da Herr Ulrich von Singenberg oder der Brennenberger Reinmar aus ihm
sang wie die verzauberten Vgel seiner Geschichten.

Nach soviel milungenen Skulpturen endlich ein Maler der Sprache,
endlich einer, der so tief aus dem Dmmrigen kam, da er das Schaumhelle
spielmannshaft beherrschte. Er war so schn und so wichtig fr seine
Zeit, da die Deutschen ihn auf der Stelle vergaen.

Seit Ardinghello aber hatte kein Deutscher diese helle Farbigkeit. Bei
den Romantikern verschwamm zwar eine gewisse Leuchtkraft in ewig schnen
Nebeln, Jean Paul hat Farbe gewi zu riesigen Wolken jahrhundertgro
aufgewhlt. Die hellen glatten Farben hat seit Heinse keiner mehr so
gehabt. Schon seine Valeurs bringen ihn nah ans Mrchenhafte: Wei,
Perlmutter, Silber, Gold, Elfenbein. Er kam aus dem Kreis des lyrischen
Dandy George, dessen Zucht sein Formgefhl anzog und wollte zu den
glhenden Sdseefarben des Malers Gauguin. Dazwischen lag der deutsche
Naturalismus. Er hat von ihm seine Saloppheiten und das Banale einiger
unknstlerischer Wendungen. Er stellte ihm aber eine Prosa entgegen, die
voll duftigem Atem, voll dichterischer Anmut und voll buntem Pathos war.

Endlich maltrtierte Einer deutsche Erzhlersprache nicht zu
Ackerdienst, sondern ritt sie in die hohe Schule. Nun fing auch die Luft
zwischen den Stzen wieder einmal an zu leben, zu zittern und zu
glnzen. Die Taumorgen und die Rosen und der Frhling bekamen das
Geheimnis beispielloser Neuheit. Was war das Grau der Schilderer seiner
Zeit, was war die Prosa der Wildenbruch und Schlaf und Beyerlein gegen
diesen Glnzer!

Er kennt endlich wieder die Musik der Farben, er setzt sie mit den
leichtesten Khnheiten und bekommt immer Grazie und Melodie. Seine
Farben, die ungebrochen von Wei zu Gold gehen, wren ohne dieses
Musikalische die khlen Schilder irgendeiner nachempfundenen Klassik.
Die schwlenden Farben von Purpur bis Mond-Orange haben schon die
Romantiker aller Lnder ins bersinnliche gefhrt. Bei Dauthendey jedoch
wandelt sich Wei sofort zu Perlmutter, zu Lotos, zu Rose, zu Elfenbein,
zu tausend Spiegelungen, die so leicht zueinander gesetzt sind, da aus
ihrer Helligkeit und ihrer Klarheit auch in der trumerischsten Luft
nichts anderes als das Mrchen sich entwickeln kann, das den Vorzug hat,
ebenso deutlich wie unwirklich zu sein.

Das hat seit den Serapionsbrdern auch keiner vermocht. Deren Dichter
hatte den Mrchenton allerdings durch den romantisch besinnlichen Stoff
und die Form des Erzhlens und eine gewisse gedmpfte Dmonie zu
beschwren vermocht. Der Dauthendey hat ihn schon von vornherein in der
Atmosphre, in die er lediglich hineinfabuliert. Seine Sprache ist
nmlich derart ausdrucksvoll durch die mit allen trumerischen
Schattierungen, aber auch durch alle Sinnlichkeiten phantastisch
gefllte Leuchtkraft, da seine Figuren und Handlungen immer ohne
Bemhung ins musikalisch Unwirkliche schweben, wo die Gesetze des
Denkens aufhren, aber in einer liebenswrdigen Freiheit die
Begebenheiten sinnbildhafte klare Schnheit annehmen.

Das Geheimnis des Mrchenhaften liegt in der Tat nicht im Stoff, sondern
im Ton. Der E. T. A. Hoffmann hatte ihn nach der dramatischen Wirkung
hin, der Dauthendey nach der lyrischen. Aber es kommt nur auf den Ton
an. Es kommt nicht auf die Naivitt an und sicher nicht auf die Einfalt
nationalen Gemts, wie Annexionisten dieses Literaturgebietes so gerne
trumen, und zwischen Vollmond und der Ausgabe von Grimm, zwischen Hans
Thoma und Rotkppchen die Erde als deutsches Terrain buchen. Die besten
deutschen Mrchen sind aus Asien gekommen, und ihr Ton ist wie der aller
groen Literatur international. Zwischen Negern und Eskimos gibt es nur
Unterschiede da in den Frbungen, nicht im Klang, wenn die Bume einmal
anfangen zu reden und der Mensch durch Zaubereien mit den Elementen
kokettiert.

Von auenheran ist an das Mrchenmotiv nicht zu kommen. Wer das denkbar
Einfache, das in Wirklichkeit das unausdenkbar Raffinierte ist,
versuchte, scheitert wie Oskar Wilde, der die Naturlaute mit
Spitzenhosen und manikrten Rosangeln maskierte. Neben Dauthendeys
Neuheit ist selbst der Dne Jakobsen nur ein nervser Empfindling, der
doch dem Mrchenhaften sehr nahe kam und selbst gegen Andersen, der,
wirklich berufenen Tons, die alten Fabeln in seiner kindhaften Sprache
ohne Eitelkeit noch einmal erzhlte, hat Dauthendey eine
unwahrscheinlich schpferische Modernitt.

Man war aber, als Dauthendey antrat, an das landlufige Klischee so sehr
gewhnt, da man groteskerweise den Ton hinter dem neuartigen uern
nicht erkannte. Welche Revolte, als Der brennende Kalender und Die in
sich versunkenen Lieder im Laub erschienen! Als der Mann, der die
Tradition der Mrchenerzhler deutscher Erde weiter trug ins Neue,
auftrat, warf man ihm wie einem exotischen Teufel alle Bannflche
entgegen, mit denen man den heiligen Herd schtzt.

Dauthendey hatte aber alles gute Deutsche als Erbschaft in sich und
nicht zum Geringsten die Sehnsucht nach der Welt, die er durchwandert.
Er hat in seiner Heimatstadt Wrzburg nicht nur die Helligkeit der Sonne
auf dem Main, sondern auch die Inbrunst der Linien des Holzbildhauers
Riemenschneider gesehen, er hat die tanzende Freudigkeit der Weingrten
und das Katholische einer fltenhaften Gotik erfahren, und er hat das
Spielmannhafte der Franken ebenso verschwenderisch wie ihre gut
fundierte Eleganz. So kommt das Mystische zu dem Sinnlichen und die
Heiterkeit des Lichtes zur Grazilitt der Form, aber auch die Einfalt
des knstlerischen Blickes zu einer fast unbegrenzten Mglichkeit der
Farben. Und da er den Ton hat, der dies alles erst instrumentiert,
ergibt sich, nicht ganz erlesen oft und im einzelnen sicher nicht
vollendet, als Erscheinung aber erstaunlich, eine Prosa von nicht
gengend erkannter Bedeutsamkeit.

Auch vermochte er, was blo die besten deutschen Epiker des Mittelalters
konnten, die ganze Welt zu sehen und in seinem Ton zu fangen, ihr nicht
nachzulaufen in allen ihren Wundern, sondern sie, fast offenen Mundes,
zu bestaunen, da vor soviel Hingabe sie sich dem Stauner ergab.
Dauthendey hat mit heidnischster Freude, animalisch und dichterisch
zugleich, das Exotischste aus Asien und seinen Reisen gezogen, aber
seine Musik, die mit der Schnheit und der Eleganz eines ritterlichen
Spielmannes gelenkt wird, erzhlt es nicht anders wie eine Aventure aus
Herrn Walthers Lusamgarten in Wrzburg. Die deutschen Dichterreisenden
hingegen haben sich nur hingegeben, wenn sie die Welt durchfuhren, und
nichts dagegen eingetauscht: es war nicht der deutsche Ton, aber
wahrlich nicht die Stimme der fremden Vlker; der Schwabe Hesse nicht
und nicht der Rheinlnder Ewers, der Breslauer Ludwig nicht und nicht
der Holsteiner Bonsels, der Luxemburger Norbert Jacques nicht und nicht
der Frankfurter Schmitz und nicht der Schlesier Hauptmann. Der Franke
Dauthendey hat es gekonnt.

Dabei hat er nie Mrchen geschrieben, indem er die bekannten Puppen
tanzen lt. Er konnte auch dies und hat von Java her noch in den
Heiligen Nchten das Innigste dieser Art seit vielen Jahrzehnten den
Deutschen geschrieben. Er hat die kleinen malaiischen Kokotten und die
Chinesen und die Wunder des Bivasee und die sinnlichste Ausschweifung
der genufrohen Phantasie geschrieben. Er ist einer der unbekmmertesten
Erotiker unserer Sprache, da seine Voraussetzungen so natrlich sind,
da selbst die nacktesten Frivolitten sein Liebreiz kostbar macht. Aber
er hat nie hinter fremden Stoffen herexerziert, sondern aus dem
heiesten Morgenland seinen zeitlosen Zauber gemacht, zum Lotos den
Tannenbaum, zum Stillen Ozean den Main gefgt und nichts besonderes
dabei empfunden, da es harmonisch war. Es gibt nur in diesem Sinn einen
Vergleichspunkt in der Gegenwart, das ist Ren Schickele, der, vom Elsa
kommend, aus Rhein und Ganges den gleichen Ton zu machen versteht, weil
auch er als Nachkomme Gottfried von Straburgs die Melodie hat und die
Farbe, die alles in sich einbezieht.

Welch ein Musikant, welch ein Farbenkenner, der Dauthendey! Welch
blitzende Haut auf all seinen Sachen und dabei in der Kontur (wie bei
Schickele) diese weie, helle Reinheit. Er, der sich nach Schwanken
zwischen Malerei und Dichtung fr die Literatur entschied und dessen
Singsangbuch noch die selbstgemachte Silhouette seines Kopfes
schmckt, der von Wrzburg aus die Welt immer wieder durchma und kein
Schillern der Luft, den Geruch keiner indischen Frau und den Abenddampf
keines Tierzwingers zu schildern verga, der den Mond liebte und um die
Spiegelung aller Meere ebenso wute wie um die Flamme jeder
Leidenschaft, dieser Dauthendey hat -- seltsamerweise -- nichts gro und
nichts vollendet gemacht. Auch ist Unterschiedliches im Verlauf selbst
seiner besten kleinen Geschichten, die deshalb klein sind, weil sie nur
Anla sind, zu fabulieren, nicht etwa, weil sie bescheiden an Umfang
sind.

Zwischen Naturalisten und artistisch gesalbten Versmachern brachte er
deutscher Prosa Licht und schwebende Farbe, Duft, Eleganz und Arom.
Endlich war ein Erzhler leicht und dichterisch, glatt und voll Welt.
Wie umschmeichelt er die Stze, wie krperlich hautnah reibt er sich an
den Hauptworten, wie poliert er die Adjektive und wie prall und voll
Farbe setzt er das Verbum an! Zwischendurch erlahmt er zeitweise im
Geschmus. Mitten in verzauberten Worten und bei hchster Eleganz trgt
er den Vollbart seiner Epoche. Er ist trotzdem der schnste farbige
Deutsche seiner Zeit. Allerdings hat er von den Ahnen, die er fortsetzt,
wohl den Ton, aber, um gerecht abzugrenzen, nicht das Format. Gegen die
ungeheuerliche Schnheit des Mittelalters hat er nur den Sinn einer
lichten Erinnerung. Er ist vollendet, aber wie ein Schmetterling, nicht
wie ein Gott. Er hat wohl den Schmelz, aber nicht die Heftigkeit der
Couleurs. Er hat Bedeutendes, aber nicht den Zusammenhang mit der tiefen
Tragik. Er ist Aquarellist, aber nicht ein flammender Entfacher. Er ist
in seiner Mission vollendet, wenn auch nicht als gro geratene Figur
ber der Dichtung seiner Zeit, sondern als sanfter Chimrenreiter der
Erinnerung, der, fast schon in Luft sich lsend, ins Spielerische seiner
Art vom Dach der Kathedrale unserer Dichtung hineinsprengt.

Hinter ihm her tummelt eine kleine Eskorte, die, wenn sie auch im
Einzelnen nicht groer Dichtung zugehrt, die Liebe zum Schnen doch
voll besitzt und auch im kleinsten Werk bewut ist, da ihr Ehrenwort
Trouvere nichts anderes bedeutete, als den Knner der Phantasie und der
Musik des Gedichts. Ins Gigantische begabt war ein Jean Paul aus ihrem
Saft geworden. Der beste Bohme der Deutschen, Peter Hille, war aus der
Schar. Als die Fabrikhausse um ihn rauchte, die sozialen Fragen alle
deutschen Dichter fraen (sie hatten keinen Zola), die Automobile
anfingen mit offenem Auspuffrohr durch die Landschaften zu jagen, sang
ein reiner Musikton aus ihm durch die Wlder. Er war ein Hter des
Wortes, er lebte an Lagerfeuern und in Kabaretts und auf dem Boden
seines Landes. Aus seinen Briefen noch, die Pfennigaffren, kindische
Unwichtigkeiten stammeln, steigt, wie ber die ganze Misere seiner
Person und seiner Zeit der Perlmuttglanz seiner Prosa. Sein Leben
zersprang ohne Ordnung und sein Werk kam nur auf einige Splitter, aber
wo er unterging, blieb das Durchleuchtende in dem Grau seiner Epoche,
als wte man nichts weiter, kaum den Namen, kaum seine Gedichte . . . .
nur da einer der Chimrenreiter hier an deutsches Wesen streifte. Es
geht nicht verloren.

Sein sdlicher Bruder in der vagierenden Weise, Zeitgenosse wie Hille
der Wallot, Bleibtreu, Hart, Henckell, Mackay, Wille, Oswald, Puttkamer,
der Kretzer, Hartleben, Hirschfeld, Halbe, Bierbaum, Gumppenberg, M. G.
Conrad (wo sind sie auer dem wsten Panizza und dem tapferen Conradi?)
sein sdlicher Genosse in der Masse der bergangsbegabungen, von denen
keiner der deutschen Dichtung auch nur Ansto oder sich selbst die
Berechtigung seines Daseins zu beweisen verstnde, sein sdlicher Bruder
ist Altenberg. Es ist fast, als breche hier die Spitze ab der
Entwicklung, denn, obwohl er den Ton hat, bohrt er ihn in alles moderne
Gekrse hinein, lt wie zum Scherz durch Sanatorien und Pathologien ihn
zwitschern und postuliert seine seltsame Figur zur Sehenswrdigkeit der
Grostadt, da bald der Ruf seines Gehabes, seiner Einflle und seines
Treibens mit Dirnenverehrung und narrenhaften Vermummungen seines Leibes
fast mit Unrecht seine dichterische Note bertraf. Ja er versuchte wohl,
schlau wie die Naturkinder, den raffinierten Europer dieses
Jahrhunderts durch seine Spe zu zwingen, sein Leben zu zahlen, jedoch,
indem er seinen Lebensstil in den Vordergrund bluffte, hielt er seiner
Dichtung eine verzweifelte Wacht. A corsaire corsaire et demi. Als
Spamacher entri er dem modernen amusischen Menschen sein Geld,
dahinter schuf er neben Eduard Keyserling den einzigen Versuch eines
Impressionismus in Deutschland, der sich neben Bang und Jakobsen halten
knnte und fhrte eine neue, etwas alberne Drolerie in die deutsche
Dichtung. Aus Nervenschwche und Spielmannston, aus Menschenliebe und
Verrcktheit, aus einer zeitlosen Heftigkeit seiner Gesichte und
bescheidenen Anmut des Stils machte er seine Komik, die in der inneren
Klarheit des Tons ber Paul zu den tumben Sngern besserer Epochen
fhrt.

Auch er hielt die Hand in der Luft und in der Luft hing ihm entgegen das
geheimnisvolle Schlagwerk, das auch den Verschnittenen und Buckligen
erscheint, wenn sie erlesen sind. Die Deutschen sind ein Volk der
Zuflle, und selbst an den Unmglichsten kann die Stunde herantreten, zu
der er auserlesen ist. Sie sind mit einer gewissen Haltung irgendwo
gestrt und auf der anderen Seite voll Glanz. Sie haben, was Bonaparte
von Murat sagte, er sei ein Narr aber der beste General der Kavallerie,
oftmals scheinbar als eine der sichersten Tugenden ihrer unbestimmbaren
nationalen Eigenschaften.

Manchmal hat sich jene deutsche Melodie, da die Erwachsenen sie nicht
verstanden, zu den Knaben geflchtet und dort mit einer Zartheit des
Empfindens den Einzug gefeiert, der, wie dem genuschtigen Smyndiridus
das gefaltete Rosenblatt, jede Berhrung mit der Welt die Wollust
trbte. Da kommt dann in der Gebrde sthetischer Zrtlinge, mit
primitiven aber samtenen Worten weltunwissende Unschuld des Gefhls wie
im Paradies heran. Selbst das Homosexuale hat bei Eckart Peterich einen
stillen Adel erreicht und ein idyllisches Entsetzen entsteht, wenn der
junge Dichter, dem ein sanftes Weib in der Schlafstube erscheint, zum
Lavoir flieht und mit Wasser sich begiet, statt von der Grougigen
sich verfhren zu lassen. Denn wie Kurzbold, des nahen Limburger Domes
Grnder, hat er die Weiber wie das pfelessen, und aus dem Dunkel
seiner Hintergrnde taucht die Welt der silbern bestickten Gobelins mit
Heiterkeit und Ruhe. Fragen der Kunst scheiden aus, wo nur die
Atmosphre des geteilten Lichtes spricht. Man zerstrt nicht den Charme,
wenn man nicht aufspiet und, indem man sich des Vergngens nicht
beraubt, rhrt man nicht an die Zerbrechlichkeit der Werte.

Etwas viel Knstlicheres ist von derselben Farbe unter dem Schweizerhut
des Robert Walser, der schon aus der unliterarischen Heiterkeit dieses
Knaben tief in die Literatur springt. Das ist ein Maler, wenn er anhebt,
und ein eitler Wissender wenn er aufhrt, denn wenn er wie in ein
Stereoskop die Welt bunt hineingepappt hat, hat sie den Glanz des
Salomon Gener verloren, dem sie nachgebildet ist, weil statt ihrer
eigenen Einfalt die gespreizte Jnglingshaftigkeit ihres Dichters darin
sitzt. Das Geckentum Walsers, der nur in ewiger Schlankheit die Welt
nicht glubig erleben, sondern in seine Tirolerjodler hinein blasen
will, ist das gleiche wie das des Wilhelm Schfer, nur da der Schfer
mit seiner breiten Brust und seinem enormen Knnen ein bser Raunzer
ist, der seine Verkanntheit mit naturburschenhafter Eitelkeit verbrmt.

Der Schfer hat prachtvolle Sachen ber Pestalozzi geschrieben, aber die
Dunkelheit seines Blutes gengt nicht, ihn anders als einen Epigonen des
Keller gefrbt zu sehen. Auch in den Kammachern Kellers sinniert
jedoch derselbe Vogelsang wie in den Jugendtrumen Hermann Hesses. Und
selbst der ungeschlachte Schlesier Stehr, dieser rhrende
Zu-Nichts-Kommer, hat manchmal den Wunsch, wie ein Fllen aus seiner
Elefantiasis auf die Weide zu springen. Es scheint manchmal, die
Deutschen vermchten, wenn ein Kunstgriff ihnen die nderung der Natur
erlaubte, sofort aus ihren Gegenstzen sich zu lsen und mit Vorzug in
der Lage zu sein, auch in der Form der Vgel zu existieren.

Aber auch die Prinzen haben sich an dem Rand der groen Symphonie
deutscher Dichtung eingestellt. Aus den Mrchen schon hob sich die
leichte Grazie der mit seltsamer Jugendwrde verzauberten Edlen und
manchmal trgt einer den unsichtbaren Kranz noch durch unser
Jahrhundert. Sie sind bestimmt rasch zu sterben. In den Briefen des
Zeichners Thylmann, der Bume und Felsen geliebt und gezeichnet hat,
hlt einen Augenblick diese geheimnisvolle schlanke Wrde. Er kam
ebenfalls aus dem Kreis des Dichters George, der die Barbarei beging, so
sehr es seiner salbentrunkenen Weltentrcktheit widersprach, durch
Vergewaltigung in Taggesngen und Minneliedern das Mittelalter
zurckzwingen zu wollen, das er selber nicht besa. Seinem Schler
Thylmann aber gelang es, auch den mrchenhaften Farbton neben die
berlegene Wrde des unbewut erlesenen Menschen zu setzen und seiner
Prosa eine schicksalshafte Kindlichkeit zu geben, die der schlanken Mae
und der Reinheit der Haltung nicht verga.

Wurden die Prinzen frher verzaubert, gengte es ihnen, die Welt zu
durchstreifen als Bettler oder Hirtenjungen von uns unverstndlicher
Grazie. Als sei des abgeschossenen Thylmann Seele in die Augen eines
anderen getreten, geht sein Geist, nur ein wenig verwildert, durch die
Sehnsucht Hans Siemsens. Denn auch dieses Vaganten Stimme hat die
gleiche Kurve, in der der Fall von Glck und Traurigkeit und das
Sichablsen der Stimmungen von der Landschaft hin und herschwingt und wo
jede Frage schon ohne Erwartung ihres Echos angestimmt wird. Denn es ist
bestimmt, da diese Menschen unbegreiflicherweise dem Zustand ihres
Glckes am nchsten sind, wenn es ihnen am entferntesten schaukelt. Denn
es gengt ihnen, nichts zu haben, nichts zu erreichen, nichts zu
wnschen, sondern nur grougig zu staunen und zu bewundern und
hchstens ihrer Besitzlosigkeit eine gewisse Gepflegtheit ihrer Krper
wie ein heimliches Erkennungszeichen hinzuzufgen. Wre sein Ansehen und
sein Einflu nicht zu deutlich, wrde man den Meister in der Erziehung
zur Schnheit dieser Jnglinge, den Sammler des Maler-Zllners Rousseau,
Wilhelm Uhde, leicht von ihnen weg zu den reinen stheten stellen. Es
wre ein Irrtum. Die Breite seines Romans von Fortunat entspricht
allerdings nicht seiner Gewalt, und seine Rnde sicher nicht seinem
Aufbau, und es ist berhaupt bezweifelbar, ob der ein Knstler ist, der
ihn schrieb, und nicht ein Bewahrer ausgezeichneter Traditionen, die,
wenn auch berkultiviert und ein wenig bla in der Farbe, dennoch die
leichte Lsung unserer Krmpfe eher begnstigen, als da sie sie
bekmpften. Denn in der Ansicht mehr als im Ausdruck und in der Pflege
seiner Idee von der Melodie mehr als in ihrer Ausbung ist hier die
schlanke Grazie alter Farben gehtet, und wenn all diese Jnglinge auch
Zrtlinge sind und Wollstige und ihre kleinen Begabungen mehr als Lohn
einer gewissen Verweibtheit als tiefer Abgrndigkeitsqualen um die Kunst
tragen, so nimmt ihnen kein Vorwurf die Anerkennung ihrer Existenz, mit
der sie, wohl schmaler und feiner und unmnnlicher als andere aber
lebend und existierend mit ihren Melodien hinter den Reitern des
Mittelalters her ziehen. Manche als Kavaliere wie Uhde in der Berline
mit sechs Pferden, manche mit Kindertrompeten und Drachen, die ber
ihren Hnden im Herbstwind steigen, manche auf gezchteten Pferden oder
bukolischen Ziegen oder auf den Rcken ihrer Freunde, in einer fast
immer schon in dem Blau verschwimmenden Bewegung, mit dem die Luft sich
unter ihre Krper schiebt und sie entfhrt.

Auch auf den geschnbelten Wikinger-Schiffen der Dichtung hat sich der
Ton gehalten, und als ob seine Galeere sich piratenhaft vom Domfirst
hbe, schwingt Ren Schickele seine fast kmpferisch helle Melodie. Er
ist der schnste und bewundernswerteste deutsche Dichter der Gegenwart.
Wie Schickele schreibt keiner das Deutsch, da es Prosa bleibt von
aquamariner Dichte und doch Gesang. Sein Buch Mdchen sind die
schnsten und reinsten Erzhlungen unserer Sprache seit Jahrzehnten. Er
hat die Flle seiner elsssischen Heimat zu der fliegenden Kraft seiner
Stze gezogen, und was die anderen alle an Kunst nicht erreichten,
sondern an Anmut nur wiesen, hat er mit einer schmetternden Khnheit
auch an dichterischer Gewalt noch seiner Eleganz hinzugefgt. Hinter ihm
wendet mancher sein Gesicht um in die Zeit. Da beginnt schon Gegenwart
und manchmal grenzt das Trumen der Jnglinge schon an die Weite der
Welt und nimmt den Kopf in die Hand und denkt nach. Karlos und Nikolas
ist die Geschichte zweier Jungen von einem gewissen aus Argentinien
gekommenen nach ihm zurckgekehrten Rudolf Johannes Schmied, aber die
Deutschen sollten dies Buch kennen wie die Franzosen Daudets Lettres de
mon moulin oder den Tartarin. Htten sie Sinn fr die Bescheidenheit
und zugleich Sicherheit gegenber der Welt, fr Phantastisches, das mit
Belehrendem sich mischt, fr die Eleganz ihrer Schwchen und die Gre
der Welt und die Anmut selbst in der Verzeichnung ihrer Typen, in
Schulen und Auswrtigen mtern wrde dieses Buch aufgestapelt. Ach die
Deutschen flchten lieber, weil sie den Glanz ihres tieferen Wesens auf
dem Grund der Dinge nicht mehr sehen, zu den Plakaten, reien sich um
antisemitische Schmarren des Herrn Dinter, um erbrmliche
Schlachtgeschichten des Bloem, um Borussiaden, die nur das Fatale, nicht
das Edle der Preuen zeigen und wenden sich wie von lppischem Unrat von
ihrem eignen Herzen. Seltsames Volk, das sich mit den Klappern der
Wilden Gtzen baut, wo es Gtter hat.

Einmal mischte sich die alte zrtliche Melodie sogar mit Handlung und
Urteil. ber Schmieds Distanz zur Welt geht Robert Mller zum Angriff.
Er ist primitiv und raffiniert. Seine Frische hat eine sportlich
gepflegte Gedanklichkeit. Aber sein Naturburschentum ist nervs. Wo er
an die Grenze des landschaftlichen Dichters kommt, fngt der in groen
Zusammenhngen kombinierende Journalist an. Wo die Gefahren des
Reporters liegen, steht seine Tatkraft aufgepflanzt. Denkerisch bringt
er im Barbar manche Khnheit, handelnd einen Pfauenschwanz von Zeit.

Dazwischen geht der Ton des Dauthendey wie auf Wiesen und luft,
bestimmend zwar und wichtig, aber fast unsichtbar zwischen trainierten
Muskeln und geschultem Hirn in die europische Arena, einer Troyka
gleich, deren Auenpferde ziehen und deren drittes nur schn ist und die
Richtung gibt, sonst nichts.

Ich bin nicht der Charg d'affaires der Slinge. Ich erwarte kein Heil
der Zeit von den Troubadouren, und meine Zweifel an der Kraft der
Geflligen sind wie meine Eigenliebe gro. Ich glaube nicht, da die
Homosexualen uns in das Glck fhren, wie die heilige Schar der
Thebaner, die nur aus sich Liebenden bestand, aber ich wei, da ihre
Manieren besser sind und ihre Instinkte manches Mnnliche behielten, was
die Robusten vergaen. Absurd zu denken, da ich den Knaben die Flte
halte, um deutschen Himmel damit zu ersingen. Selbst Don Quichote mute
sich gegen die Galeerensklaven sofort verteidigen, denen er selbst die
Freiheit gab und ich mu die Winkel richtig stellen zur Schau.

Indem ich den Irrtum nehmen wollte, Klassisches oder Naives sei typisch
deutsch, verlangte es mich die Verzierungen zu zeigen, die den wahren
stillen Ton der Deutschen tragen neben den Falschen, die die Masse hrt.
Diese Snger, die die Kette zum Vogelweider irgendwo selbst in der
einfltigsten Blsse immerhin binden, sind nicht das Bild des Deutschen,
sondern sie sind die leichten Schnheiten des Schaumes, die nur anzeigen
in ihrer Anmut, mit welchen gigantischen Donnern das Element darunter
liegt. Die schnen Chimrenreiter blasen die rosane Melodie auf den
Firsten, um die dunkle Schnheit der Kathedralen unter ihnen und ihr
gewaltiges Wachstum um so schner zu beweisen. Ihre Tne kamen wie
Blasen manchmal ins Urbane, sogar bis ins Bewute. Aber unter ihnen
liegt die unentbundene und ach vielleicht nie entbindbare wilde Kraft
der deutschen Bestimmung.

Ach was wissen Sie nun, Mijnheer? Sie haben getrumt, gerochen, aber
nichts gefat. Wie sieht ein Deutscher aus? Sie wissen es nicht. Ein
Dicker, ein Bemonocleter, ein Tapferer, ein Schmalhftiger, ein
Zrtling, ein Hanswurst, einer mit Blumen am Hut, ein Amoklufer? Ich
wei es nicht. Ich ahne es kaum. Wenn Sie mich gut verstanden haben,
werden Sie ihn dennoch erkennen in der Welt, des bin ich gewi.

Manchmal, nicht selten, begab sich nmlich das Geheimnisvolle, da mir
war in der Fremde, ich trfe Deutsches unter den Shnen anderer
Nationen. Ich vertraute, ich liebte, ich wurde wieder geliebt, und ich
erklomm die Hhe manches Glckes. Aber ich fand dagegen unter den
Kindern meines Volkes, am Rhein, am Neckar und den Seen meiner
Segelzeiten alle Fehler gehater Vlker, ich wurde gehat und bekmpft
und verleumdet. Ich starrte oft, wenn ich die Gaffel am Mast nach den
Launen der Ben studierte, in einen namenlos entfremdeten Himmel ber
Bayern, aber ich fand in der Welt der Fremde oft deutschen Himmel voll
Reife und Glck, die ich in Deutschland nie sah. Deutsches zu finden
kann heien vielleicht, in die Welt zu gehen und ist nicht abzumessen
und anzugliedern vorerst nach Bau und Hand. Deutsches zu gestalten wird
heien, es aus der Welt und gereift zurckzutragen in die Heimat, aus
der wie ein zersprungener Stern sich das Volk der Germanen ber die Erde
strzte und Afrika, den Norden, Spanien, Asien und die Slawen mit seinem
Blute dngte. Europische Luft dringt durch die Kerzen herein, die unter
dem Bewutsein des Sturmes allein schon beben.

Sie sind fast abgebrannt. Wir haben lang geredet, selbst die Muse
schlafen und die Vgel haben sich beruhigt. Die Alpen waren gegen Abend
einen Augenblick lang aufgebrochen mit entflammter Idee, ihre Figuren
geteilt wie Heroen, dann sank die rote Dmmerung ber die Bume, die
unter den Lasten des Schnees schon tropischen Wldern gleichen.
Phantastische Palmen haben sich den groen Fichten gesellt und die
Weiden tragen eine glserne Gespenstigkeit, als kmen sie wie ein Traum
von Hawai, wo die Bume nicht nur die Form der Orchideen, sondern auch
die Vielfalt und tolle Kraft der Trume tragen.

Ich liebe die Eifel, die Rhn, die Vogesen, den wilden Karwendel, die
Alpspitze, den Schwarzwald, ich liebe alle Gebirge der Heimat, die ich
durchwandert, befahren, berflogen seit meiner Kindheit. Aber oft stie
ich an Berge der Fremde, an Meere, die daran mit Gre und funkelnd sich
schlossen, an Prrien der Freude, und ich dachte nicht der fremden Namen
und der anderen Sprache, sondern dachte: auch hier ist Deutschland.

Und ich empfing die gleiche hinreiende Liebe wie zu einer Eroberung der
Schnheit und ich verstand immer wieder den Wandertrieb der Germanen,
die so sehr schlielich ihre Heimat berall empfanden, da sie glaubten:
wo auch immer es gut gehe, sei Deutschland gepflanzt. Es gibt keine
deutsche Sehnsucht, die nicht in die Welt hineinfhrte, aber keiner hat
verstanden, sie erfllt aus der Welt zurckzutragen und damit an ihren
Menschen zu bauen. Darber zu trauern, ist chagrin de luxe. Es ist
Bestimmung und Tragdie, das ndert kein Gefhl.

Wie sollte der Deutsche aussehen, den ein Wunsch im Innern unbewut
gestaltet? Der Frst Pckler Muskau hatte etwas von ihm, der zur Melodie
der alten Snger die Bildung eines Seigneurs legen konnte und dem noch
die Haltung des Briten und die Gewandtheit des Romanen hinzufgte. Ich
vertrieb einmal, in den Gartenpavillon eines englischen Diplomaten
tretend, den Besitzer, allein ich sah noch, da er im Kimono floh, um
sich anzuziehen. Neben dem Tisch seines Frhstcks aber lag eine Karte
der Welt mit allen Festungen, Flssen und Schiffahrtslinien und den
Ksten und Stdten aller Kontinente neben einem diplomatischen Bericht
und den Oden des Horaz.

Das war ein Mann, der das Leben, das Geschft und die Muse mit
berlegener Wrde anmutig zusammenhielt. In Schumanns Briefen steht er
unbewut einmal im Umfang hnlich, an Figur noch klarer gezeichnet, wo
dieser Musiker trumt von einem Mann, der zu Fu Moskau, Rom, Marseille,
Hamburg und die Welt dazwischen durchwandert habe, gut sich kleide,
Thukydides lese, Algebra treibe und musiziere. Das ist die Zukunft, die
wir hoffen, aber zuviel schon der Hoffnung. Die Kerzen sind aus. Aber
der Sturm hat kein Ende.




Die zweite Nacht


Halten Sie die kleine Mannpistole gegen die Lampe auf den Fahnenmast,
visieren Sie genau, so entdecken Sie einen hellen Punkt. Er bewegt sich.
Es ist die Diva, die sich dem Schnee aussetzt.

Um acht Uhr ffneten sich die Tren zu dem Glasabschlu und in den
Speisesaal kamen die Filmer, die seither, geschminkt in der Arbeitspause
unter sich speisten. Man applaudierte ihren Einzug, zwischen den Damen
in bermiger Toilette kamen die berhmten Allgeier und Schneeberger
und Schneider-Sankt Anton und stampften mit den Fen. Es schien,
zwischen den sportliebenden Leuten der Gesellschaft, den Weltdamen des
Films und den Schneeschuhheroen werde eine Stimmung sich entfachen von
der leisen Heiterkeit des Kamins, aber es wurde nur Katastrophe. Es gab
keinen gemeinsamen Ton, die Skilufer waren zu laut, die Filmweiber ohne
Gefhl fr die ihnen provinziell scheinenden Damen der Gesellschaft und
diese hatten von vornherein den Verdacht der Eingesessenen gegen das
fahrende Volk. Die Musik rettete mit einer silbernen Kaskade neben der
sie noch berzitternden Stimme einer italienischen Dame den Abend und
gab mit dem wechselnden berglnzen des Flgels und des Alts ihm einen
gewissen Abschlu.

Sie hatten wohl alle die beste Absicht und suchten es sich zu bezeugen,
aber sie gelangten alle nicht ber die Grenze ihres Blutes, dessen
vielfache Gehemmtheit Deutschland mehr zum Feldlager von Condottieri als
zu einer Nation macht. Wen hat der Deutsche mehr wie den Deutschen und
wen kennt er weniger wie seinen Nachbarn? Wie nobel beweist sich
manchmal sein Herz zu den Feinden und welche Voreingenommenheit und
welche Ungeheuerlichkeit speit er dem Bruder ins Gesicht. Wenn Sie genau
zusehen, werden Sie bemerken, da die Diva in den roten Radius der Lampe
geraten ist, und wenn Sie wollen, werden Sie spren, mit welcher
Bewegung sie in die Skiablage eintritt, denn sie reckt ihre Brust und
den Nacken hoch und es ist als folgten geschmeidig die Hften und die
langen Schenkel, genau so, als bemhe sie sich in der liebenden
Umklammerung einer Schlange aufzusteigen. Welche Rasse. Diese Filmbanden
sind ein glnzender Nachzug jener wandernden Trupps in grnen Wagen, die
Theater ins Land brachten, wenn auch das Tempo ihrer Automobile, der
Schmuck ihrer Weiber und die Schecks ihrer Arrangeure andere Ansprche
dem Schicksal entgegenstellen als frher jene Lust geschundener
Komdianten zu stellen hatte: nicht tiefer geachtet zu werden wie die
Zigeuner, dafr aber Kunst machen, lieben und bieten zu drfen. Die
prchtigen Intelligenzbrte und alle Schleimsuppen des Geistes haben
sich im Namen der Musen nicht zurckgehalten, Stellung zu nehmen und
den Film als unwrdig abzudonnern.

Die armen Schlauen haben ihr Geschtz falsch gerichtet und mit einem
Mrser einen Sperling erschossen und triefen vor Zufriedenheit wie alle
falschen Nimrods. Niemand hat die Behauptung so formuliert. Film ist
keine Kunst. Aber er macht Vergngen. Daher beschftige ich mich mit
ihm. Er ist die zweitgrte Industrie des Landes und bewirtet die
schrfsten Intelligenzen der Akteure, Regisseure, Techniker, daher
interessiert er mich in seinen Mglichkeiten. Ich wei, da ein Husten
Bassermanns mehr ist als die Film-Zauber des Nils. Aber es verlangt mich
gelegentlich auf Seglern das Meer vor Nizza zu schauen, oder den
Pullmanzug durch die Prrien rattern zu sehen und angewidert von der
Arroganz und Erfindungslahmheit der zeitgenssischen Dichter eine
Handlung in fabelhaften Kurven vor mir hinsurren zu spren.

Ich ziehe es vor, ein Drama in Verfolgung und Erschieen im Ballon und
die Maskierung von Verbrechern atemlos zu verfolgen als im Theater
erleben zu mssen, wie Gerhart Hauptmann sich die seelischen Konflikte
der Azteken Mexikos vorstellt -- und ich achte staunend lieber darauf,
wie von Husern herabgeklettert wird und mit welchem Anstand man heute
doch noch irgendwo scheinbar lebt und Haltung behlt, reitet und schiet
und das Ganze im Bildflimmern zusammensetzt, als da ich
schlafmohnumwunden die Dreizehn Bcher der Deutschen Seele von Wilhelm
Schfer lese. Wer Saphire in ein Zahnrad schmeit, ist ein Idiot, wer
Kunst in den Film trichtert, den weise man aus der guten Gesellschaft.
Ich bin fr den Film, wenn es mir Lust macht, und dagegen, wenn ich
Unbehagen habe. Ich tue ebenso tausend andere Dinge, die mit Kunst
nichts zu tun haben, ich reise, ich spiele Croquet, ich beschftige mich
mit meinem Hund und niemand wird mit mir ber Kunst dabei diskutieren,
sondern hflich bei seinem Thema bleiben. Es blieb den deutschen
Dichtern vorbehalten, die so weltunwissend wie abgrndig in ihrem
Ausdruck sind, da sie, die unter maloser berschtzung ihres Berufes
leben und Welt und Wolken und Schicksal nur unter dem Gesichtspunkt
ihrer Verse und Szenen erbrmlich zu sehen wissen, es blieb ihnen
vorbehalten, Bannstrahle gegen Unbekannt zu schleudern und da von
Kunst zu reden, wo es ums Geldverdienen geht.

Als Friedrich der Groe, der sein Leben lang eiferschtig auf Voltaires
besseres Hirn war, Rapporte las, die ihn veranlaten loszuschlagen oder
zu verlieren, sagte er, beschwingt von dem schpferischen Atem, der ihn
beim Handeln endlich gegen den geistigen Nebenbuhler bevorzugte, ein
wenig spttisch vergleichend: Was wrde Voltaire tun?, und schlug los.
Er meinte, die Dinge im Leben gehrten sauber auseinander und er wre
gewi der Ansicht gewesen, da das Erlernen der Filmtechnik fr deutsche
Autoren wegen ihres Tempos und ihrer belebenden Form und auch fr das
Einkommen der Guten frderlicher sei, als da man in dem Gebiet der
Kunst fr Geld erschreckliche Dinge tue von Balzacs Anfangsromanen bis
zu Hauptmanns Lohengrin und dem Kriminalbuch der waffenfrohen Amazone
Huch. Um etwas anderes kann es sich beim Streit um den Film nicht
handeln, denn das wre nicht nur dumm, es wre schon gefhrlich.

Nher lge jetzt in die Halle zu gehen, die Diva zu laden und mit ihr
ber neue Seiden, Crpe marocain, ber ihren Fiat-Wagen und wie sie aus
dem Flugzeug springt, zu reden, widersprche es nicht unserem Abkommen,
die Nchte nicht zu unterbrechen und htte ich nicht einen Frisson gegen
Weiber mit Beruf. Nher liegt, vom Theater zu reden, aber auch das ist
keineswegs in der Abwechselung mondn. Wo anders geht der Mensch in
Frack oder Smoking oder selbst weichem Kragen, de rigueur oder wie es
ihm beliebt, ins Theater, erheitert sich und geht sodann zum Speisen.
Der Autor des Stcks illustriert die Gesellschaft, und wo er dramatisch
wird, hilft ihm die Ironie zu unbeschwertem Takt. Der beste Dichter
dieser Art seit Molire ist Shaw. In seinen Stcken ist keine Frage,
kein Leid und keine Sehnsucht, die einen Menschen unserer Tage angeht,
ungelst und unbesprochen, trotzdem verlt jedermann vergngt das Haus.

Dieser Kelte hat es ihm ergtzlich serviert und den Weg, statt
unterirdisch zu brodeln, von der heiteren Oberflche her zu allen Tiefen
gemacht und ist wieder zur Oberflche zurckgekehrt, weltmnnisch, gro,
berlegen und wahrhaft modern. Die Schauspieler wirken daher in der
Distinktion ihres Talentes lediglich wie geschmackvoll bewegte
Landsleute dieses Iren, die der Franzosen aber sind berhaupt schon
Gottes natrliche Schauspieler, die Zuschauer erblicken in ihnen nichts
als besonders kultivierte Exemplare ihrer Rasse und Gewohnheit.
hnliches hat, kann man berhaupt vergleichen, nur Wedekind bei den
Deutschen, nur da er lediglich infolge Fehlens einer Gesellschaft die
Snden seiner Zeitgenossen zu einer schief und lahm gelachten Zeitbande
zusammenwarf.

Alles andere ist bei uns problematisches Zeug, Edelschmus und
monologisierende Vorgnge, die, meist unverstndlich, geredet werden,
whrend man sie viel gemtlicher lse. Ohne Eindrillen der Jugend auf
die Klassik, wrde Goethes Faust im Theater genau so als verquollen
abgelehnt wie der Wechselbalg, in dem irgendein Jngling sich auf seine
Weise unklar mit der Welt ausdisputiert. Faust ist keine Rolle, und
Gretchen, in dessen Lyrik Erhebliches an Dichtung steckt, wirkt auf der
Bhne als alberne Gans. Niemand geht letzten Endes erlst, kein Mensch
erheitert aus dem Theater, die Bhne als moralische Anstalt ist ein
Schlagwort der Verlegenheit unter den Gebildeten, das ihre Hilflosigkeit
aber auch ihre Feigheit, gegen den dramatischen Theaterwust zu
protestieren, schwlstig drapiert. Nie hat das Theater jemanden
gebessert, niemand hat das gewnscht, das antike Theater ist kein
Vergleich, weil es aus den Kulten kam und religis verankert lag.

In Deutschland hat Theater mit dem Volk nichts zu tun, es hat berhaupt
mit nichts etwas zu tun, sondern hngt wie ein Kunstwitz der Semiramis
in der Luft. Wie soll Theater, in dem ein Volk stets am deutlichsten
gespiegelt ward, zusammenhngen mit einer Nation, die Architekten aber
keine neuen Stdte, Knstler aber keine Kunst, erstklassische
Revolutionre aber nie eine anstndige Reaktion besitzt . . . wo durch
die Trmmerhaufen wohl geniale Irrlichter fahren, aber die Malerei sich
nicht in die Wohnungen geschmiegt hat, die Plastik sich zu keinen
Kathedralen fand, die Dichtung keine Nabelschnur zur Seele der Masse
gewann. Das Witzkarnickel der Literaturgebildeten, Herr Sudermann,
wollte viel mehr, als diese Dummlinge glauben, denn er suchte
Gesellschaft zu geben, aber er gab Wasser und Leim. Er hatte tatschlich
nur das Migeschick kein Knstler zu sein, denn sonst wre er Wedekind
geworden. Jeder von ihnen suchte Gesellschaft zu schildern, der eine
die, welche er sich vormogelte, der andere die, welche sein auf
Disharmonien eingestelltes Jgerauge in das Vakuum bannte, wo diese
Gesellschaft sein sollte, aber, sapristi, nicht bestand.

Mit den Verzckungen der Hrotsvita begann etwas Leben im deutschen
Schauspiel, geistliche Herren setzten es fort, indem sie Weiber
darstellten, die Rabbi Jesus salben wollten und den Engel trafen am
Ostermorgen. Langweilige Sachen wurden daraus in den Osterspielen und
Passionen, wo tagelang hunderte Menschen paradierten von Benediktbeuren
bis Innsbruck, bis man schlielich mit Zoten die Angelegenheit wrzte
und Christus den Stuhl wegzog, als er sich setzten wollte. Die Rosenblt
und Sachs und die ihren brachten in die verdrielichen Bibelszenen
wenigstens Charaktere und feuerten um sich gegen Ritter und Papst, vor
einigen Jahrhunderten spielten sie in Uri bereits nationalistisch den
Tell. Die Kleriker riefen die Jesuiten zu Hilfe und diese erfanden den
bewegten Rhythmus kolossaler Barockmassen und den sensationellen Klamauk
musikalischer Aufzge.

Es war an der Zeit, da englische Akteure mit Marlowe und Shakespeare
nach Deutschland kamen und dort den Stand der Schauspieler erstmalig
grndeten. Sie lehrten die Deutschen ihr Gesicht zu mimischen Grimassen
berhaupt erst zu verziehen, man lernte, was Tragdie war, und neben den
italienischen Lazzis, neben Jean Potage und dem Pickelhring der
Hollnder zog in der Komdie Hanswurst in Deutschland ein.

Nun kam Molire. Um Stil, koste es was es wolle, zu kriegen, krampfte
sich Gottsched, der klger war als die ihn verlachen, an Boileau und
Aristoteles und schlug den Hanswurst bers Maul. Klopstock frwahr
brachte mit seinen sechs Dramen kein Theater auf die Hhe einer
Gesellschaft, worauf Lessing wieder englisch auf Natur die Le Ntre'sche
Pallisade suberte. Dann ging die Fhrung von den Dichtern vllig zu den
Akteuren ber, wo der Schauspieler Schrder die neue Nchternheit mit
seinem Organ beschwingte, Iffland die Schauspielerei wieder vom Kothurn
ins Aufgeregte und Mimische zurckri, Devrient das Zerbltterte ins
Feurige des Eindrucks wieder hineintrug. Grillparzer floh zwischendurch
ins Griechische und Uhland verfate Herzog Ernst. Da Sie ihn nicht auf
der Schule lasen, sind Sie einen Faden nher der Seligkeit wie ich. Wir
sind in der Gegenwart.

Was sahen Sie? Entwicklung des deutschen Dramas? Sie sehen einen
Raubzug. Man brach aus nach allen Seiten, plnderte Stoffe, holte Stile,
suchte ein nationales Schauspiel. Man ging in freiem Ringkampf, catch as
catch can, in die Arena der Vlker, um ein Theater zu erwerben und
eroberte die interessantesten Dinge. Aber was die Deutschen nicht
besaen, lie sich nicht erwerben. Ihr Theater war immer das von anderen
und von anderen nicht das Beste. Und war wie eine photographische Platte
hchstens genial in der Kolportage von Fremdem, auf unserem Boden aber
nie ein Stamm und ein Wuchs.

Das groe heutige dramatische Theater der Deutschen um Frsten und
ltere germanische Herrschaften und unverstndliche Riesenleidenschaften
ist, wo man Gesellschaftliches und Zeitgemes will, nunmehr nur
komisch. Das alltglichste Wort Wie geht es? heit russisch: kak
pozivajes und schwedisch: hur str det till? Was hlt so irrsinnig
andersredende Menschheit zusammen auer der Geste berkommener Sitte und
Gesellschaft und ihre Mimik. Ihren Gesichtsausdruck muten die Deutschen
aber von den Englndern lernen, ihre Sitte von den Franzosen, es gibt
heute weniger wie je ein Theater, das von der Oberflche her die
deutsche Zeit und Gegenwart aussagt. Die schweren in dramatischer Form
gebotenen abstrakten und lngst abgetakelten Mammute, mit denen die
Dichter immer noch am Zaum erscheinen mit der Bitte um geflliges
Interesse, ersetzen nichts, sondern machen den Zwiespalt grotesk. Unruhs
Schick, ihnen eine messianische Predigt an die Gegenwart am Schwanz
prophetisch anzuhngen, ist die unkluge Geste eines sehr begabten
Kopfes.

Solches Theater mit Weltausma, ehernen Ewigkeitsfiguren, Muskeldramen,
Heroen mit Lotosblttern um die Gelenke, solches Theater: die Welt in
tausend Personen, aber den Gigantenapparat in genialer Hand wie gelt,
das hat der Shakespeare nur gekonnt. Aber er fgte auch die atemlose
Spannung hinzu, schuf Menschen, nicht verkrampfte zu Lebewesen zerboxte
Ideen und hatte Rollen von solcher Vielfalt, da er sie gleich wie aus
einem Fllhorn durch seine Schpferzunge meteorhaft ber die Erde blies.
Shakespeare enfant sagte Hugo zu Rimbaud, es war ein Kompliment an
dessen lyrische Wildheit. Fr unsere Dramatiker gesagt ist es ein Witz.
Aber auch fr den britischen Hnen war seine Urwelt, die er schuf, nur
die Epoche seiner Frsten, seiner Kriege und seines Adels. Weiter
nichts. Aus diesem Humus, nicht aus seinen Fingern gesogen kam ihr Mark
und Menschtum. Im Knochen unserer Titanen ist Tinte, Wasser und etwas
Idee.

Da wir so viele Solostimmen aber kein Orchester besitzen, ist jedoch
immer viel Lrm derer dagewesen, die den Stil erzwingen wollen. Da die
Scharfschtzen nicht von der Mitte aus schieen knnen, zielen sie von
der Peripherie nach der Mitte. Nirgends wird daher der zeitgeme
Ausdruck bertriebener gesucht wie in Deutschland, kein Land frbte den
Naturalismus so widerlich, spitzte die Stilzeiten so nadelscharf, walzte
den Impressionismus so plump und gellte jede Kunstrevolte so exotisch in
das friedliche Land. Wir sind bei Gott auch in Dingen der Kunst ein
freudiges Negerlager, whrend sonstwo man versucht ein Haus zu bauen und
Vater und Sohn statt ewigen Racheschwren sich befriedigt nach dem Kampf
die Hand schtteln. Sie fahren sonstwo alle im selben Schiff und wissen
es, reden im gleichen Parkett, tauchen im selben Sumpf. Die Akteure
spielen wie ihresgleichen, die nicht diesen Beruf erwhlt haben, wenn
sie im Mtro, in Hasselbaken, in der City, am Lido, in Kopenhagen sich
bewegen. Sie haben daher Theater. Wir haben nur Regisseure. Sie haben
die bessere Schauspielerei. Wir haben die amsanteren Kerle. Die
Auslnder spielen auf das Menschliche hin durch das Medium ihrer
nationalen Gebrde, die Deutschen aber spielen fr den Mond. Das heit,
da unsere Ensembles nichts taugen, da wir aber manchmal vortreffliche
Schauspieler haben.

Ich habe Schauspieler fast der ganzen Welt gesehen, ich fand Bassermann
besser als Coquelin, Kraus amsanter als Anders de Waal, die Durieux
grer als die Bosse. Aber was sie boten, waren Leistungen, die man
bestaunte und waren nicht vorzgliche Selbstverstndlichkeiten. Als die
Sarah Bernhardt mit franzsischen Kolonialleoparden ber den Boulevard
fuhr, tat sie es, um in zehn Roben bei fnf Gerichtsverhandlungen
erscheinen zu knnen und die Quittung an den Abenden ihres Spielens vom
Publikum zu erfahren, nicht fr ihre Reklame, sondern fr ihren Mut und
ihre Phantasie, Nationaltugenden, die das Publikum bei ihr akklamierte.
Wenn sie aber, die vollendetste Tragdin, an der Rampe sterbend und grn
schon, whrend das Publikum vor Rhrung weinte, ihrem Nachbar
zuflsterte Merde, so bewunderte ihr Publikum in diesem Zwischenfall,
wenn es ihn spter erfuhr, nicht die Unanstndigkeit der reizenden
Gebrde, sondern die Ironie der berlegenheit, die selbst das Sterben
meistert, und in der es eine der besten Eigenschaften des Volkes sieht.
Das ist Theater und das ist Gesellschaft. Man kennt und besttigt sich
gegenseitig.

Es gab einen Deutschen, der auch diesen Zusammenhang herzustellen
vermochte, wenn auch auf seine Weise: Wedekind. Ich sah ihn, sehr jung
und wenig auf Kunst eingestellt, und war d'accord mit der Masse, die
sich krumm ber ihn lachte. Ich lachte herzlich und begriff nach Jahren,
da ich unbewut das beste Deutsche damit verraten hatte. Aus seiner
dilettantischen Spielerei reckte sich mit der ganzen Gre dichterischer
Gewalt die Inbrunst des grten deutschen Dramatikers mit barocker, wenn
auch unglcklicher nationaler Gebrde. Ich begriff das, nachdem ich von
den Niggern bis zu den Japanern und den Provenalen Theater gesehen
habe. Es ist natrlich Schwindel, schauspielerische Kunst als heroisch
oder lyrisch, naturgem oder gotisch flankieren zu wollen, da es nur
darauf ankommt, ob ein Bursche Blut hat und sich aus einem Krper in den
andern zu schmeien versteht. Ach Wedekind verstand keines, denn er war
hilflos wie ein Kind auf der Bhne, aber er suchte, mit der Klarheit
seiner Dichtung im Auge, die Figur dazustellen, die ihm, wenn auch
anklagend, das Zeitbild schien. Der besessene, barocke, ringende und zu
wundervoller Plastik sich bildende Mensch, mit Grbelei und Glanz um das
Haupt, wuchs ber ihn hinaus, denn je mehr sein Schauspielertum
versagte, um so gewaltiger stieg die Kraft des Dichters aus ihm, ein
berckendes Sinnbild deutscher Art.

Er war gentigt, sich selbst auf die Bretter zu stellen, da die Akteure
seiner Zeit ihn nicht zu spielen vermochten, sie waren nach klassischen
Attitden oder platten Gemeingltigkeiten hin abgedreht. Sein
Beispiel aber hat nicht umsonst gewirkt. Ich sah an jeder guten
schauspielerischen Leistung in Deutschland etwas von dem gleichen
Zauber, ob einer nun starr oder brillant, mit Feuerwort oder der
Quaderstirn das Schicksal zu hhnen versuchte. Zwischen Hidalla und
Wozzek, zwischen Grabbe und Wedekind liegt der deutsche Stil und nicht
zwischen Iphigenie und Ibsen. Das Publikum wei nach soviel Verwirrnis
nicht, wo die Quellen der nationalen Schauspielkunst liegen und schreit
nach Nora und Wildenbruch, aber die Selbstbewutheit und der Instinkt
verantwortlicher Spieler sollte sie ihren Traditionen wieder zufhren,
indem man Wedekind spielt und da ansetzt, wo der Blutsaft deutschen
Wesens einmal offen am Mund eines gut Schlrfenden und Erlesenen lag.
Das wenigstens darf im Bewutsein eines Volkes, das Amok gegen sich
selbst luft, und dessen Landstriche rauchen von den Autodafs seiner
besten Brger, nicht verloren gehn.

Die Eifrigen haben jedoch nicht versumt, durch glnzende Kunststcke zu
ersetzen, was die Natur entzog. Wo das Niveau versagte, hoben sich die
Begabungen immer am steilsten ab, und was hier nicht aus dem
Volksbewutsein wuchs, zimmerten die Regisseure. Man spielte vor dem
Krieg daher in Berlin so gut Theater wie kaum in der Welt. Jedoch das
waren Dressuren, die vorzglich funktionierten, und man sieht, da, wo
nach dem Krieg wirtschaftliche Zwischenflle und die Gagen des Films
diesen Zirkel zerreien, kaum in der Welt wohl so schlecht gespielt wird
wie in Berlin. Die besten Konstruktionen halten nicht ohne Basis und die
genialsten Begabungen ersetzen keine Kultur. Natrlich ward es nicht
nationaler Ausdruck, wenn man die Oper, das mittelalterliche
Jesuitenstck, das antike Theater unter Scheinwerfer setzte und damit
immerhin glnzende Wirkungen schuf, aber dennoch war ber seine Zeit
hinaus, fr die er keine Verantwortung trug, Max Reinhardt wohl das
strkste Theatergenie unter den Deutschen. Denn er besa die Flle der
Gedanken und die Glut eines Rhythmus und die Buntheit einer Phantasie
neben der gestalterischen Kraft des Aufbaues, da bei ihm wie nirgendwo
in seiner Zeit die Anmut mit der Gre des Bildes sich paarte. Er hatte
noch, zum letztenmal wohl, jene saftige Lockerung der Bildgefge, jene
fleischliche Gerecktheit und jenen wilden Duft der jungen Kraft, die
sich selbstgefllig wiegte vor Jugend.

Was nach ihm kam und den Deutschen vorzuspiegeln bestimmt war, sie
besen ein Theater, war schon wilde Steeplechaise, und die Regisseure
waren mit Peitsche, Revolver und Gefrierkammern hinter den Schauspielern
her, denen sie wie Papageiherden jedes Wort in den Mund legten und jede
Bewegung einstudierten, da die Vorstellungen manchmal so begannen, als
fhre ein Blitz in ein Panoptikum. Man jagte von den menschlichen
Krften zu den geballten Typen und man wechselte das Blut gegen eine
ganz neue aber nicht sehr tragfhige geistige Energie der Routine. Mit
seinem Hirn hlt von Herrn Hartung bis Herrn Jessner jeder groe
Spielleiter der Nachkriegszeit sein Ensemble zusammen. Schiet man dem
Mann eine Kugel durch den Kopf, ist das Zusammenspiel entzwei, die
Schauspieler entwurzelte Wichte und das Geschwrm vom neuen Theaterstil
der Deutschen eine geplatzte Blase.

Die Regisseure sind zu tief in die abstrakten Stile hineinmarschiert und
haben vergessen, da bertreibungen immer dekorativ werden und haben
ber die Vergipsung ihrer Stcke vergessen, da nur der Marmor eine Haut
hat, die Milde atmet. Immerhin sind die Regiezeiten der Hartung,
Jessner, Martin, Berger, Weichert, Viertel ungewhnliche Steigerungen
der Einzelkrfte, und wo sie verarmten an Atmosphre und Grazilitt und
Flle der bunten Gesichte, setzten sie dafr einen derartigen Willen zu
Monumentalitt und Straffung, da ihr Fanatismus fast Reichtum
vortuschte statt Armut, die er irgendwie war. Sie taten allerdings
nichts anderes, als da sie dem stark ins Steile und Zusammengeprete
ausgeschlagenen Pendel der Zeit folgten, dessen wilde Kraft noch
Wedekind und Strindberg ber Europa richteten, und das ein bedeutsames
Winken zu groer Sammlung war. Die beiden Dramatiker haben die ihnen
folgende Generation ziemlich vorweggenommen, auer Sternheim und Kaiser
ist die dramatische Generation nach Hauptmann (abgesehen von
Hofmannsthal und Schmidtbonn) unwichtig. Hauptmann hat neben
Unzulnglichem, und trotz allem, ein paar wenige Stcke groen Wurfs und
starker Menschlichkeit geschrieben, von seiner Generation bleibt auf dem
Theater sonst nichts. Kaiser hat mit einem verhllten melancholischen
Ton enorme quadrische Stcke geschaffen, deren Bau metallisch die Hrte
und lieblose Konstruktion dieser Zeit herabblitzt. Sternheim hat seine
Epoche nicht mit der Wedekindschen Plastik, aber mit dem zugespitztesten
Aperu auf die Bhne begleitet und manche bittere Entlarvung fr die
Nachwelt vorgenommen. In beiden nhert sich Mitwelt und Dichtung soweit,
wie Angreifer und Angefallene sich nhern knnen, da ja zu friedlicherer
und menschennherer Berhrung kein Boden unter ihnen liegt.

Doch sind die Regisseure, die dieses moderne Theater fhren und das
vergangener Epochen in dieselbe Schwingung bringen, keine Minute
Erfller einer nationalen Kulturstufe, sondern sie sind hchstens
Knner. Das Volk gipfelt nicht in ihren Bhnen, sondern sie zwingen
etwas der Masse auf. Sie sind nicht fr sondern immer noch gegen die
Gesellschaft. Und sie haben kein Theater sondern irgendeinen
verzauberten Ort, wo unter Scheinwerfern und Suggestionen geschrien,
gestrampelt, gettet wird, wo aber, nie im Leben, das Volk sich edel
spiegelt. Wenn sie den Ehrgeiz aber haben mit etwas wenigstens kongruent
zu sein, so ist dies das irrsinnige Tempo einer mrderischen Zeit. Sie
sind genau so Dompteure ihres Skulum statt seine heiteren Erklrer,
ebenso wie die Dichter statt der liebenswrdigen Former die Prediger
ihrer Zeit geworden sind.

Denn ihnen fehlt die Festlichkeit und die Heiterkeit der Luft ihres
Lebens und die Anmut jener Fruchtbarkeit des Geistes, die eine Dichtung
wie einen Obstgarten am Bodensee berbauscht. Sie haben alle etwas zu
sagen und vergessen das Blut in ihre Figuren zu pumpen und wissen nicht,
da sie doch nur Aufstze und Ansichten gebildet haben mit den Krpern
der Menschen, und da diesen Puppen ihre Gescheitheiten und
Lebensansichten purpurrot aber gedruckt zum Hals heraus hngen. Neun
Zehntel der Dichtung ist Essai und Dreiviertel der Dichter sind Juden.
Es scheint, das auserwhlte Volk solle uns ber die Zeit namenloser
Zersplitterung, wenn auch nicht in Jehovas feurigem Wagen, so doch in
einer klugen Gewandtheit und mit zusammengepappten Rossen ber den
Abgrund tragen, bis die Dampfwolken besserer Landepltze zum deutschen
Wesen weisen.

Wir sind von Natur aus wenig fr ppiges bedacht, die Natur gab uns
einen kurzen regenschweren Sommer, khle Nchte und wohl raffinierte
bergnge, aber ein scheuliches Klima ohne Goldton und ohne die ehern
gefrbte Kantate eines begeisterten Himmels. Deshalb sind wir auch nicht
das Volk der Pantomimen. Wer eine Segelregatta an sdlichen Buchten sah,
einen Stierkampf bei den Pyrenen, wei, da der Sinn fr Festliches,
den die Skandinaven wiederum stahlblond und feurig besitzen, uns versagt
ist wie das Geld, das diesen Aufwand in der Wage hlt. Nie htte eine
Anlage wie Versailles, nie Madrid, nie Rom entstehen knnen ohne die
Voraussetzung von Vlkern, die ihre Freudigkeit zum Leben dadurch
betonten, da sie dem Leben hymnische und weite Gesten entgegenschlagen
konnten. Wir Deutsche sind seit dem Verlust des Mittelalters nicht mehr
genug Kinder, aber auch noch nicht so ins Ernste gestraffte Mnner, da
wir den Prunk von beiden Enden des Lebens her lieben knnten. Wir geben
dem Dasein eine kluge, aber nicht einmal schne Wahrheit an den Kopf.
Aber wir leben uns nicht unbekmmert, wie aus dem strahlenden Meer
steigend, aus dem Leben selbst heraus. Wir sagen Dinge aus, aber wir
leben sie nicht. Unsere Dichtung ist darum Essai, aber was ist unser
Essai?

Er liegt da wie die Magd, die der Teufel im Dampfbad schlte und von der
nichts zurckblieb als die Haut, an der aber die Augen, die Haare und
die Ngel sich noch befanden. Es fehlt der Saft und das Fleisch. Wie im
Theater die landlufigen Gescheiten und die gealterten Kritiker nur zwei
Schablonen kennen, die Posse und die dunkle Tragdie, aber nicht das
feine Lustspiel und das gepflegte Schauspiel, so gibt es unter den
Schreibern ber Zustnde und Dinge nur Affen und Genies. Die deutschen
Schriftsteller haben eine wundervolle Begabung einfache Dinge zu
verwirren, indem sie dem klaren Kern eine Elefantiasis ins Geistige
anwachsen lassen, oder indem sie hochstehende Dinge in der albernsten
Form zum Vortrag bringen. Sie wissen nicht, da es keineswegs auf die
Dinge ankommt, sondern auf den Schriftsteller, der sie schreibt, und da
es dessen Pflicht ist, das dunkle Geheimnis des Seienden in eine
muskulse und adlig gebogene Form der Eleganz vorzutreiben, den leichten
Angelegenheiten aber die angenehme Schwere der Bedeutsamkeit
hinzuzufgen, die ihnen die Grazie nicht nimmt. Was wre der Griechenzug
durch Asien ohne Xenophon, wre der wackre Mann Agricola ohne Tacitus,
was bedeuteten tausend Menschen und Vorgnge ohne den Schriftsteller,
der sie fat und in bedeutsame und reprsentative Form bringt? Csar
schrieb nicht wie ein General, sondern wie ein Autor. Napoleon nicht wie
ein Kaiser, sondern wie ein Mann von Geist. Die deutschen Schriftsteller
schreiben ihre Essais wie Bajazzos oder sie verfassen sie wie
Alchimisten, denen daran gelegen ist, ihre Meinung nicht kristallen
herausspringen zu lassen, sondern sie mglichst zu verbergen. Sie
schreiben wie Geheimbndler, aber nicht wie Gentlemen.

Sie mten natrlich allerdings die krummen Gnge und Qualen des
Geistes, sich zu seinen Klarheiten durchzuringen, an der gestrafften
Struktur der Stze und der edlen Gebogenheit der Gedanken erkennen
lassen, aber vor allem auch bestrebt sein, das Schwierige mit jener
Anmut zu mildern, wie man das im Leben gemeinhin auch tut. Schon Fichte
schrieb im Nachwort seiner Schrift ber die franzsische Revolution (wo
er noch nicht um den nationalistischen Schreibstuhl gewunden sich nach
der Freiheit hin zu drehen suchte, sondern wo er fast anarchisch
europische Ideen fauchte), Fichte schrieb, man klage, er sei zu dunkel.
Er meinte, wolle nur das Publikum sich bemhen ihn aufmerksamer zu
lesen, verspreche er auch, falicher zu schreiben. Er wute, da durch
das gewohnte platte und ungepflegte Zeug der Tagesliteratur und Zeitung
das Publikum entwhnt war, dem Gang der Feinheiten in der Sprache zu
folgen. Aber er wute auch, da es fr ihn ebenfalls darauf ankam, mehr
zu dem Blutsaft des Ausdrucks vorzudringen, als im Nervendmmern hngen
zu bleiben. Er meinte, wenn er sagte falicher: durchsichtiger,
fleischiger, fester. Er meinte nicht, wie Dummkpfe ewig zetern:
grammatikalischer. Denn Sprache ist keine Starre und vor allem in ihren
Regeln eine nur zur leichteren Erlernbarkeit hergerichtete Dressurbung,
sie ist vielmehr eine tropische Frucht, die wchst, vor Lust bebend, in
alle Zonen des Traums und der Wirklichkeit, sie ist keine Logik, keine
Lehraufgabe, sondern ein Tier wie die Erde selbst, die atmet vor
Ewigkeit, sie ist ein Material weiblich und kstlich bereit fr jede
hchste Erkhnung, wenn nur der Meister kommt, der sie glht und treibt
und verfhrt nach seiner Kraft und seinem Genie und seinem Ehrgeiz. Man
mte zehntausend Herzen nur haben, um aus ebensoviel Kraft die Sprache
klirren und sich bumen zu lassen vor Duft und Bewegtheit. Sprache war
nie ein Vorwand, sondern ist man selbst.

Da man dem Essai, statt ihn zu durchbluten, noch Saft fr alle mglichen
Sorten der Dichterei abzog, wankt er mit schlotternden Hften in
Deutschland herum und sucht Unterkunft bei lndlicher Kost oder bei
pompsen Reitern. Ihn juckt es Pamphlete wie des Hutten und Luther zu
reiten und unter des Bchner Schenkelschwung als falber Hengst die
Sprnge der tapferen Jugend zu machen. Er war es gewohnt da man ihn
drillte, wie eine Nadel scharf und voll Kreiskraft wie ein Adler zu
sein, die hochmtigen Gesten mit der Schrfe des Sbelhiebs in sich zu
tragen, die groen Landschaften al fresco hinzuhauen, als kme er aus
Tiepolos schner Hand und die flammenden Sehnschte an einem Horizont
voll Dunkelheit festlich aufzuziehen. Ihn gelstete immer nach gefitzten
Abenteuern der farbigen Ideen und langen ritterlichen Zgen durch das
unterirdische Dunkel, bis er aufwuchs wie ein Liebling der Schpfung,
gehrtet zu edelstem Ausdruck, feurig und schmiegsam und voll Ha wie
Liebe ausgewogen in den Hften.

Wie war noch Heinse die Leiber antiker Statuen mit ihm so glcklich
nachgezogen, da diese Schilderungen, die schon Gesicht und erhhtes
Traumbild waren, bebend vor Kraft im Morgen der Sprache standen. In
vornehmer Sachlichkeit behteten ihn stets dann einige Braven. George
lehrte ihn den byzantinischen Stelzschritt, aber es milang ihn auf die
Wrde der Brokate festzulegen und es wurde, anders wie im Gedicht,
dekorativer schlechter Jugendstil. Hofmannsthal und Rilke schickten ihm
das Flimmern und die Magie der wie unter Wasser gemalten und gehauchten
Stze, sie bogen ihn samtartig bis an die Gefhle, aber sie faten ihn
nicht, sondern lieen die Atmosphre der Gedanken irisieren und
begngten sich mit diesem bengalischen Spiel. Borchardt fgte dem noch
die Wirrheit einer ppigkeit hinzu, die aus sich selbst wuchernd wie
eine Pergola sich zuzog und mit mchtigen Bgen sich verrenkte. Zur
Helligkeit, die mit der Weisheit benachbart ist und der Anmut, die der
Schlagkraft nicht ermangelt, fhrte ihn Ren Schickele, der manchmal
schon nah an den Gesang ihn brachte, whrend die tapfere Frau, Annette
Kolb, wie Heinrich Mann, aus dem Gallischen die Verstandesschrfe
nehmend, ihn fast antik in der ruhigen Haltung bauten. Wilhelm Michel
verstand der Schwere der Gedanken Musik zu geben, da sie auf einer
makellosen Sprache mit schnen Linien flogen, Max Krell und Kesser
setzten ihn auf das behutsame Postament einer glsernen Intelligenz.
Kerr, meisterlich, ritt ihn aber in alle Gangarten, schlug den Eindruck
zu plastischer Form und traf mit dem nchsten die bunte blumige Flle
und zog die Landschaft an sich heran, was auer dem kleinen malerischen
Idylliker kaum einer konnte. Die sterreicher, die auf Geselligkeit des
Geistes immer bedacht waren, haben ihn spielender gehandhabt. Der
gescheiteste Mann sterreichs, Hermann Bahr, hat ihn liebenswrdig
gepflegt in der Disputation ber die Dinge des Tages. Stefan Zweig hat
ihm eine auerordentliche, nicht flammend feurige, aber edel entflammte
Haltung gegeben, mit der er das Profil bedeutender Menschen festhielt.
Die deutschen Aktivisten haben ihm den Imperativ wieder geschenkt, Kurt
Hiller hat Schrfen des Hiebes in seinen Schwung gebracht, eh' er begann
nur noch in die Luft damit zu schlagen. Der grte deutsche politische
Schriftsteller, Maximilian Harden, hat ihm eine Bildung, eine Kraft,
einen Eifer, ein Gewicht und durch die Jahrzehnte der Verwilderung eine
wchentliche Erhabenheit gegeben wie keiner vor ihm. Geplaudert hat ihn
Wiegler, sichere Gescheitheit der Zeit gab ihm Hbner, kstlich
gescheite Nchternheit Dornseiff, Theodor Wolff fhrte in der
Journalistik ihm in Deutschland seltene Anmut zu, als Kritiker der
bildenden Knste haben ihm Meier-Grfe mnnliche schne Haltung,
Hausenstein die Differenziertheit, Dubler fast erzhlerische Farbe
bewahrt. Was bleibt? Drei fast runde Nummern. Zu wenig. Es mten
hundert sein. Sie haben aber alle irgendwie Taucherrstungen, und wenn
Borchardt noch schwimmt, sind das seine schlinggewchsigen Stze, die
wuchern, nicht er, und wenn Hiller einen Raubzug antritt, trgt er nicht
Beute ins Positive, sondern er hat mit Domestiken ein Geznk. Selbst
Schickele biegt manchmal, verfhrt von der schnen Fahrt seiner Gedanken
ab von den Urteilen und bestimmt nicht, sondern schildert. Harden,
Deutschlands politischster Kopf, vermag nur das Urteil neben den Zustand
zu setzen und die Anmut dem Angriff beizugesellen und aus Puppille und
Ausscheiden und Vorschnellen der Begriffe und Gebren des einkreisenden
Wortes das Ziel wie eine Frucht zu treffen. Kerr reitet es herunter. Es
sind nur noch zwei.

Zu einem Mdchen, das er gehabt, sagte der blondperckte bersetzer
Shakespeares: Liebes Kind, vergi nie diese weihevolle Stunde, wo A. W.
von Schlegel dich kte! Ich nehme an, da der Geck sie auf den Mund
liebkoste. Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber
sie haben ihre Muse mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern gekt.
Sie haben nicht genug Geist, um klar sein zu knnen und sie verfgen
ber zu wenig Kenntnis der Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie
besitzen daher gengend Anmaung, um das nicht einmal eingestehen zu
wollen. Ein Essai ist kein drrer Gaul, aber er ist auch keine fette
Dirne. Er ist: man selbst.

Kam aber einer, der von dem liebenswrdigsten der Lessingperiode, von
dem Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von
Lichtenberg die tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schn wie Heine
und prunkte seinem Erbteil noch den Kampfruf von europischer Hhe
hinzu, so schmhten ihn die seichten Enten der banalen Gewsser, aber
die groen Chemiker der Prosa hhnten: Journalist. Ist dies Land nicht
seltsam, wo die Berufe sich miteinander bombardieren, ein Musiker ein
Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist ein Schwrmer gezankt
wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die jedes Handwerk zu
erreichen in der Lage ist?

Geliebter Heine! Welche Flle sa hinter seiner Gltte und welche
Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife ber seiner Eleganz und
welche Idee hinter der zart gefalteten wasserklaren Verstelung der
Begriffe! Ihm war der Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten
Dunkelheit der Deutschen spottete, war er ihnen nher, weil er sie
liebte, als wenn er mit Lot und Blei ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt
wre, den er verachtete. Er konnte auch dies. Aber er wute, da es
nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu
zauberschner Figur zu enthllen.

Er hat die schnste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft
erlebt, seine Feinde gezchtigt, seine Hasser bergangen, hat verachtet
und malos Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein
Geliebter, und hat seine Sprache mit seinen Gefhlen durchschritten wie
ein Page so erlesen und wie ein Gentleman so gro. Er hat versucht
Sprache gesellschaftlich zu machen, und hat sie wahrlich aus den schnen
Wldern und aus den unklaren Schwlsten in die ppigkeit eines noblen
Barocks geleitet. Da aber schrieen genial erscheinende Strizzis, es habe
zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die Flssigkeit einer
Hhenlage erreicht, die ihn ber alle in ihren Goldton stellte. Dann
starb er im Exil, furchtbar von den Gttern heimgesucht, die ihm zu
seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der
inneren Schnheit seiner Sprache wie ein Genius zu berstehen.

Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen mssen, und fr
die Hhe jedes Glckes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie
wissen es wie ich und ahnen, da gutes Leben und beneidetes Schicksal
nur in der Kunst besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die
Glcksgttin, die der Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der
gleichen zarten Hand, das des guten und das des blen Ausgangs und
lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die Sterne ansah, aber die
wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler an sie als die
nur richtig und glckhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft
ins Rechte fhrte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt
Glckbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel,
als er auf dem Throne sa. Man mu nur vertrauen.

Hben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schssen Sie ins
Nichts, denn was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um
den Schnee. Und doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den
verschneiten Wldern zog es mich die ganze Nacht schon in die
Dmmerblue des Sdens, obwohl ich nichts weiter wnsche, wie noch
Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die Kmpfe des Frhjahrs mit dem
Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die schwarze Sonne des Mai die
Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den Schneeharsch der
Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber wie lockt
mich toll der Gedanke an Brioni, da ich den Hafen von Marseille wieder
sehe und das Donnern der Jete vor dem Blumengarten von Genf wieder
hre. Es reit uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glcks in die
Leere nach neuem und, seltsames Widerspiel der Krfte, trgt uns die
Blutfahrt von der Eroberung zu dem Verlassenen zurck. Welches Glck,
welche Wanderschaft, mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach,
welches Vertrauen, da Tyche das Steuer richtig warf.

Im Norden Schwedens erzhlte mir der Dichter Didring, da es ihn treibe
aus den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wldern mit dunkelblauen
Schatten Sknes und Smlands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher
aufzubrechen, die das Gebirge zwischen Lappland und Ruland formieren,
bei den Bahnarbeitern in Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne
aufgehen zu sehen wie einen geliebten Stern der Heimat und dann wieder,
das Herz von Entbehrungen voll wie ein Wolf aber in Glck gebadet, zu
den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Sdens
zurckzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer, der Gefhle, und wo, wenn
dies unsere Wegfahrt ist, fngt Glck an, hrt Glck auf? Denn, wenn es
da ist, fhlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es wohl, aber
es ist schon Legende hinter den Wldern und Jahren. Man legt sein Leben
daran, es, wie die bengalischen Jger den Tiger, mit Raketen aufzujagen
und erkennen spter vielleicht einmal, da unbeachtet von uns, in der
stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glck uns die Bestimmung
und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was
bleibt?

Weiterleben.

In Elis stand Tyche schon gro neben dem kleinen Halbgott der Stadt als
die Schtzerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, da sich
die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht
gesonnen, anzunehmen, da das Steuer nach der dunklen Seite falle, und
die recht Lebendigen haben den Gedanken, da das Furchtbare komme, stets
mit der berlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des
Rokoko der Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: Ich behandelte
es nach Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.

Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei
vielleicht an der Zeit und ein guter Stil, die alten Huser der
Melpomene abzubrechen und mit Autos und Zelten durch die Hauptstdte der
Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr
gelten, die Kulte der Vlker, von ihren wild gewordenen Maschinen aus,
durcheinanderzuwerfen und so einen groen Stil der internationalen
Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die Vlker wie mit Blitzen
untereinander und ohne die blichen Sentimentalitten zu befruchten. Der
Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker ber die Poebene und streute
aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er
liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe
zur Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten
Tempel berall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es
verbrecherisch ist aber wie alles Bse und Dmonische nicht ohne
erhabene Schnheit, warum sollte eine neue Generation nicht ihren
Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit ihren verzehnfachten PS erjagen?

Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der
groen Katzen ber den Krper durch den Schneesturm in das blendende
Hell der Halle treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform
ihres Lebens. Denn diese Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch
Wirkung, sie geben nur ihre Krper hin, aber sie sind nicht verpflichtet
ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den Beifall und das Publikum der
Millionen, sie erreichen die Schichten der Menschheit, die keine
Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein
Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie haben den einzigartigen
Vorzug, da sie nicht an die Sprache ihrer Heimat, sondern an die
gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher Radius.

Aber auch welche Flle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der
Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem
Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den
Sprunghgeln des Engadin herunterfegen knnen und morgen die
Motorjachten des Zricher Sees berfllen, spter den Bobsleigh in
Oberwiesental fhren, Skijring in Partenkirchen, Fuchsjagd ber den
Schnee Oberhofs und Kitzbhls treiben, auf den Kamelen von Tunis
schwanken und ohne ber einen Scheck von mrchenhafter Gre zu
erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend auf den Dollar
nach den Prrien von Texas, den Quecksilberurwldern Mexikos und den
Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgem wie nur eines,
denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat
die Richtung nach der natrlichen und prunkvollen Erhhung des Daseins,
ohne dabei seinem Wurfspiee zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu
kennen. Es ist allerdings keine Kunst.

Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der
Festlichkeit anderer Vlker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach
Micarme in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem
Triebschnee gegen die Zge der Fenster. Kunst ist: mit Dreiig Jahren
sein Leben auszubalancieren, da die Leistungen aber auch der Genu in
die erste Reihe des Mglichen treten. Je suis l'ami des bons jours. Aber
ich liebe die Nchte auch. Schlafen Sie tief, aber nicht lang. Das
Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den Morgen
herein.




Die dritte Nacht


Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den
Kerzen liegt noch das beglckende Gefhl dieser Minute, als das Gestirn,
selber zitternd vor Wonne, die Riesenschleife ber das Brental begann.
Apportez-moi une femme, schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das
Wunder abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den
Realitten.

Wren Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat
hier oben verbrachte, ich sprche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und
ich sagte ihr statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der
Beglckung nur an einen Gegenstand des Glckes zu adressieren vermag,
ich sagte ihr:

Liebe, im Schlogrn Favorits lie ein frherer Markgraf einen Trken
aus dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument
seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu
verhindern, da das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame
mit einer mrderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen
die Mnner durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu.
Wie viel heftiger mu ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie
verschwendet zu werden. Sest du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer
dem Spiel deiner braunen Muskeln Salut knattert, nach sieben Frhlingen
und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt
Malo am Hafen, in einem Fischerhaus Swinemndes, einer Villa
Partenkirchens, ich umgbe dich nach soviel Leben erst mit Kunst. Aber
ich wrde vorher versucht haben, dir alles zuzufhren, was an
Entzckungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollsten und
Leiden mir zugnglich und auf dich bertragbar ist, so da du erst aus
dem vollsten Rahmen und glcklichsten Reifsein des Daseins heraus dich
zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal
noch gelungener aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie
es selbst. Erst wenn man viel gelebt und fast alles erfahren, manches
genossen und das meiste durchforscht hat, bekommt der Abglanz des
gedachten und gestalteten Daseins jene wundervolle Se, die dem
Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt zurckreigt.

Ohne das sind Bcher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat
chien dans le ventre. Ein schner Mann flt, wie die Chronik sagt,
den Frauen Vergngen ein, jedoch ein Buch von seinen Trumen allein
drfte sie betrchtlich verkhlen. Ich wei, da ich die Leiber des
Rubens und Boucher und Ingres aber auch die der blhendsten Statuen erst
begriff, als ich reell wute, wie s die Vertiefungen an den Gelenken
der Lebenden, wie reich die Brste, die mit der ganzen Wurzel den Busen
umfangen, wie herrlich die Kreise ber den Hften, wie rhrend die
bergnge des Brustkorbs und des weichen Unterleibes und wie hei die
Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben selber entgegenschlagen. Und
auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines Daseins rastlos benutzte,
alles zu wissen und das Mgliche zu erfahren aber das Unausdenkbare
selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in
breiterer Flle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in
die Tiefen zu durchprfen, zu verwerfen oder zu begren, je nachdem es
unter dem Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.

Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem
Dasein wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das
Beispiel der groen Erzeugerin. Es ist verchtlich, der Kunst leben und
das gewaltig sie berrollende Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes
weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten
Gleichma seines Wuchses, als Beispiel der Vollendung zur Kunst zurck.

Was man Frauen sagt, mu man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins
vom andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berhmt durch die
Proklamation wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch
Kompositionen eigner Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab,
schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukze gewesen,
selbst der chinesische Gesandte habe als dem ersten europischen Konzert
seines Lebens dem seinen beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend
spter gesagt, er habe geuert, zwar detestiere er Musik und sei
unbeschreiblich unverstndig auf diesem Gebiete, aber in Anwesenheit so
schner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er zum erstenmal in seinem
Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will
sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdriet mich zu sehen, wie die
Frauen mit Buddhas Sprchen und Konfutses Epigrammen und des Grafen
Hermann Keyserling (in Darmstadt fr die ihn untersttzenden jdischen
Finanzleute Deutschlands modisch aufgezumten) Freibeuter-Wahrheiten
herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer
Heimatstdte durchmit und die von Kindergebren und Motorrdern
ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker
fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das
Dasein zu zchten, statt die blassen Literaturhynen erst durch das
erlebte Dasein auf diese Papiersachen loszulassen. Es verdriet mich,
Sportmdels mit schnen Krpern mit dem Strindberg und Dostojewski unter
dem Arm durch die Landschaft rennen zu sehen, als sei es nicht der
offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so viel wohl knstlerischen
aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehre zu der Anmut der
khnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines
apollonischeren Dichters.

Ach, es versteht niemand mehr heute die Krfte und die Mittel
zueinanderzupassen, und die ausgewhlten und freinander bestimmten
Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen
Kostme, die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frhjahr,
Gnse im Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die
Natur rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem
gedmpften Lila des Rhododendron im Frhling oder dem gepflegtesten Grn
der atlantischen Zeder im Sommer sich anzuschlieen. Sie treiben den
Sport, der ihrem Krper nicht pat, entblen die Partien, die sie
verschweigen sollen, und verhllen die Dcollets, die am vorzglichsten
sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die Parks, in denen man an Fontnen
auf dem Rcken liegt, und pilgern zu sportlichen Festen in Wsten von
Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flhe. Sie
reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft unertrglich macht und
verkennen die schnen Falten der Jahreszeiten, wo im anschwellenden
April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns und das
Kupfer seines Endens voll Schnheit unser Klima berfunkelt. Sie wissen
ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem
Widerpart, treffen ihre Glckskrisen an den abscheulichsten Stellen,
pflegen ihre Krper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr
Leben mit dem Adel einer Haltung zu vereinen, zchten sie einen
Geschmack von Blech oder eine Kultur von Benzin.

Ihre Hnde sind wohl manikrt und auf den Ngeln gertet aber sie haben
nicht die glcklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und
die des Todes nicht von denen der ttlichen Anmut und der Bestimmung zur
rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer
Umgebung, sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil
zu haben glauben, haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder
das Hirn eines anderen in der Pfanne oder statt dem Geliebten den Khler
des Autos am Herzen. Du lchelst. Ich rede wie ein Pre noble der
franzsischen Bhne. Eine kluge Frau zu lieben, sei das unbestrittene
Vorrecht der Pderasten, sagte lachend ein Wstling, aber er wute
nicht, da es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht
aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner aus
Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht
versagenden Leben genommen zu haben.

Sest du mit mir an jener Bai, ber der Bucht von Sankt Malo, an einem
Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dchten: wie sind wir
gewandert, welchen Genssen und welchen Schmerzen haben wir, einander
noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt
wohl um dich von Bchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal
von Versailles, der jede Linie deines Wuchses schner zurckgab. Du
fndest dich in jedem Abenteuer und in jeder Verdammnis. Aber keine
Wollust, die du genossen und keinen Traum, den du unterdrckst, den du
nicht auch darin fndest. Das wre nicht erlesen Geknsteltes, sondern
du fndest die Welt einfach wieder und wrdest nun klarer zu ihr
gefhrt.

Mit einem deutschen Frsten, belesen wie keiner der Schriftsteller
Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und
Faulheit nicht ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Bchern
und er machte den Unterschied, der mich verblffte, zwischen Bchern fr
den Salon und den anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie
aus einem Gefhl der Grandezza, whrend im Leben er ihr keine Rundfahrt
der Leidenschaft versagte. Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich
selber befolgte, nur schien mir, da er seine seigneurale Reinlichkeit
verwechselte mit dem Bestreben, nur das der Geliebten entsprechende
stets zu nehmen und da er aus der Gepflogenheit seiner Manieren heraus
das fr Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war, die sein
Instinkt bestimmte.

Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefhl, liest nach
Temperament. Einer Sechzehnjhrigen gbe ich dasselbe wie einer von
Vierzig, wenn ich den gleichen Flair fr beide htte, aber der von
Dreiig wrde ich vielleicht das Gleiche wie der von Fnfzig versagen.
Mit Fnfundzwanzig entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an
zehn Armeekorps und in dreiig Fabriken sandte. Du knntest sie alle
lesen, aber ich wrde dir keines davon schenken. Ich wrde mehr wollen
und weniger, aber vor allem stets nur deiner Ruhe wie deinen
Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schnheit
zuzufhren wnschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich tte? Was
man im Gefhl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die
ihre Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir
brchte nach soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich wei es
nicht.

Wenn du weie Haut httest, wre es anders, besest du Lotosaugen statt
die eines Vogels, wre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brchte
dir, was fr dich pate aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser
Beglckung und aus irgendeinem Zorn. Und ich knnte dir hchstens heute
so, morgen anders spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der
Literatur an die Wand malen, wenn du wnschest, da ich dich mit
Trumerei unterhalte. Denn ich liebe die Welt vor allem um ihres
Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und wenn du nicht die
Fhigkeit httest, aus allen Lagern deiner Seele und allen Fallen und
Festlichkeiten deines Krpers in immer andere hineinzuspringen, httest
du an mir schon lange nicht mehr den Jger.

Geliebte Diana.

Ich liee vor allem der Wildheit, mit der du die Hnge befhrst, die
Eleganz des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von hnlich
vollendeter Anmut sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie
der Franzosen erfhrest, das Deutsch des Mittelalters. Dem
Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch immer mit der barbarischen
Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu Brnhild ins Bett sprang
und ihre Nancen nicht beachtete, erlebte, da sie ihn fesselte und an
einen Nagel der Wand hing. Er wnde vinden friunde: d vant er
vntlichen haz. Du lerntest so das verlorene Paradies von des
Reuenthalers derben Spen bis zu Walthers Se, von Hartmans Wundern im
Iwein bis zu Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede
bersetzung ist eine lcherliche Dreistigkeit, denn man kann eine hhere
Sprache nicht mit einer niederen bertragen. Wir haben heute wohl
gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes
bis zur Verzweiflung auszudrcken und Begriffe bis ins Aschgraue zu
benennen und zu finden, aber den Wohllaut der Musik und die Einfachheit
der klar blitzenden Welt und die groe Verzcktheit der Gefhle
erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall der
Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen
verstehen zu knnen, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem
Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren hnlich sind,
aber fast alle verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese
Bemhung nicht auf dich nehmen, ohne da der Zauber, dem du begegnest,
auf dich zurckwirkt.

Unser Hunger nach Dasein ist gro, das Leben zu kurz, unsere
Bewegungslinie zu eng, wir knnen nicht alles haben. Aber jedes
Genossene treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwlfhundert der Marschall
der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing,
Geschichte zu schreiben und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in
sein Gemlde hineinwarf, als der Pfaffe Konrad, der ein schlechter
Knstler war, die Kaiserchronik schrieb, begann die Literatur der
Briefe und Memoiren, uns die Vlker und Menschen mit jungfrulicher
Plastik heranzutragen. Statt dnner Schicksale, die mige Dichter
gestalten, redet pltzlich die Phantastik der Zeit. Von den
Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrcken konnte, da
er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur hchsten Hhe
blies, ber des groen Kanzelredners Bossuet Portrte verstorbener
Frsten, ber Montesquieus erwachenden Blick fr die Breite gelebter
Zusammenhnge bis zu dem fabelhaften und glhenden Fresko, das der
Herzog von Saint Simon von der Zeit des vierzehnten Louis schrieb,
lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die der groen Epochen und
Menschen hinzufgend, einen Schritt mehr zur Weisheit.

Nimm die Memoiren der groen Katharina von Ruland hinzu, die Briefe der
bis zu den weien Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen
der Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantmes Leben der
galanten Frauen. Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen
Pckler-Muskau Bnde. In den barocken Stzen des Abts von Brantme hast
du die Menschen der Renaissance, in Casanova den Ausgang des Rokoko, in
Caroline die Romantik. Keiner konnte schreiben so wollstig und so
geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit Erhabenheit
und Temperament sich mit Ideen und Reisen der Welt gegenberstellen wie
der Pckler. Brgerlicher aber herumgeworfener hast du in des
Frankfurter Friedrich-Frhlich Aufzeichnungen die Epoche des ersten, in
Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten Napoleon. Jakob
Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nchtern das Jahrhundert am
Anfang, nicht weit aber amsant fr dich gesehen, von einem hlzernen
Liebhaber der Knste. Dagegen hat die furchtbare brgerliche Epoche am
Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene
Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig
und schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.

Mit Mozarts Briefen hast du sterreich und mit Benvenuto Cellinis Leben
den Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich hufte und
in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Czanne
siehst du das Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie,
die dich das Menschliche hier so absurd und das Knstlerische so
verzweifelt schauen lt. Im Pitaval sind die hervorragendsten
Prozesse geschildert und du erkennst die Menschen aller Jahrhunderte.
Ich werde Hardens Kpfe dir daneben legen. Du wirst das Buch der
entzckenden Stal ber Deutschland lesen und mit Petrons Gastmahl des
Trimalchio vergleichen. Ich werde das Buch der Markgrfin von Bayreuth
hinzutun, die des groen Friedrich Schwester war und das Kamasutram, wo
nicht nur die Inder belehrt werden ber die Zweihundertfnfzig Formen
des Liebesgenusses und ber alle unzhlbaren Formen der Entzckung
dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen
Spielen der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der
Geliebten sich zu setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die
Reihe der Sternbilder zu erlutern, den Polarstern besonders sowie den
Kranz der sieben Sterne des groen Bren.

Die Zeit hinter dir hat sich geffnet wie ein Weib, du kommst von den
Geschichten nicht zu Bchern sondern zu Schicksal und aus der Flle
nicht zu Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den khnsten unter ihnen
streift man zur Erde zurck. Man mu die alten Exploiteure fremder
Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberhrt gab, die nicht
gafften sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches
Garn aus ihren Gefhlen spannen, sondern die darin starben, nicht
solche, die emprt, whrend sie innerlich schmatzen, Bordelle in Ceylon
beschreiben, von denen ein Portier ihnen erzhlte, sondern solche, die
Elefanten noch mit dem Sbel gejagt haben und du wirst sehen, wie die
Natur mit derselben Frische riesig aufdampft, mit der du einige Stcke
aus ihr in deinem eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.

Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in
Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die
Geschichte der Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenlnder
durchfuhren, lies die Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den
Insulaner erschlugen. Sieh, wie mit Dominikanermnchen Curjello nach
Afrika kam. Lies die Berichte der Lebemnner, die Europa durchfuhren und
von denen einer, dessen Name ich nicht mehr kenne, auf Schlittenwagen
sogar den Nordpol ber Norwegens Poststationen erreichen wollte. Lies
bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten und bei Livingstone, wie die
Zhne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die Flamingos und das
Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die Wsten sich
durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und den
menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi,
Gordon, Emin Pascha, den Halbgrnlnder Rasmussen, lies Stanley, lies
die Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen
Kontinente und erfhrst die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit
und du wirst nicht gebildet, sondern du wirst klger oder besser.

Nun ist fr Tausendundeine Nacht, fr den Don Quichote des Cervantes
und den Defoe mit seiner Europamde, ist fr Robinson Crusoe und
Gullivers Reisen dein Hirn offen, denn sie geben zur einfachen
Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle Gefahren
berwindet. Mesnevi mit seinen schnen Sprchen, den indischen Roman
von Dandin von den zehn Prinzen, die Mrchen der Sdsee, Tuti Nameh,
das persische Papageienbuch machen die Welt noch bunter und fhren schon
an das Legendre einer groen Klugheit. Der Maler Gauguin hat auf Tahiti
neue Farben gesucht und hat die Abenteuer seiner modernen Sehnsucht in
Noa Noa geistreich und ein wenig desolat wie ein echter Franzose
beschrieben. Hundertzwanzig Jahre frher hat Bernardin de St. Pierre in
Paul et Virginie schon einmal die Natur in prachtvoller Glut fr
Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und ihn in gestrichelter
Weise mit neuer Optik fr Naturbeschreibung dargestellt. Laurids Bruun
hat mit dnischer Weichheit den grauen Glanz seines norwegischen
greren Freundes nachgemalt.

Das ist nur schwacher Schimmer noch von den frheren Heroen, doch ist,
da du von heute bist, und ja auch ich dir nicht in der gekruselten
Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen zwar Sven Hedin
nur ein Schwtzer aber kein Nahbringer, jedoch das Buch der Frstin
Lichnowski ber gypten von modernem prezisem Charme, ist zwar das Buch
Ludwigs ber Afrika eine Sirupfalle fr den Kurfrstendamm, aber des
Suars Italienbuch eine heroisch gemalte Landschaft; und keusch wie
Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug das Morgenland betritt, ist
Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das verschwindende asiatische Japan,
kurz vordem Europa es verschlingt, noch einmal wie eine Geliebte
streichelt.

Du mut noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevlkert
und mut sehen, wie der Dne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten
den melancholischen und schnen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie
die edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jrgensen der Kongo vor
Tiergebrll donnert, der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der
schnste aller raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit
zurckruft, kannst du das Gefhl haben, aus deinem Skulum rckwrts bis
zum Paradies marschiert zu sein. Was heit Kunst, wenn du leben willst?
Es bedeutet nichts gegen die Flle des Lebens, aber es wird schon helles
Licht auf allen Zinnen, wenn du durch soviel Dasein hindurch dich an die
Erkenntnis herangetastet hast, da auch ein vollkommenes Leben einer
gewissen Vollkommenheit in der knstlerischen Gestaltung bedrfe. Wenn
du reicher bist, hast du mehr Anspruch. Hast du die Masse der Welt,
willst du sie in Schnheit. Hast du das Dasein begriffen, verlangt es
dich auch nach seiner schnsten Gestalt.

Aber vergi nicht, es ist wichtiger, da du lebst, als da du trumst,
ntiger, da du blhst, als da du redest, und es ist alles umsonst, wie
auch immer du von der Welt schwrmst oder fluchst, wenn sie nicht wie
eine Pantermeute in dein Blut gestrzt ist.

Zuerst du, dann alles andere.

Fhigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein keineswegs. In
Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzge, die Eskimos
schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit wechselseitig auf
den Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes Training im
Sichzurckvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang unserer
Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an, sie
seinen Fhigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber,
da ein frischer Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch
ber das Boxen, in die Gazette du bon ton, in eine Zeitschrift des
Hokeyspiels, in Henry Hoeks vorzgliche Skibcher oder die Vogue sich
vertieft, als da er mit der Herde seiner Genossinnen Tagores flache
Gedichte ber Thee giet, in Jakobus Bhmes Dunkelheit lustwandelt und,
Herrn Blmners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn,
ber Spenglers Untergang des Abendlandes sich in Urteilen verzckt.
Geistmayonnaise ist keine Speise fr eine Diana und Mode ist ein zu
kleiner Witz fr ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine
Dummheit, ein schner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine
Form gefunden hat, auch immer etwas von jener hheren Klugheit haben,
die stets der letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.

Du wirst, wenn du dich nicht blenden lt, spren, da die schon
jenseits des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach,
wenn du ohne innere Reife an sie gertst, genau so wenig zu deinem
Temperament passen, wie die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard
ein neues Weimar besingt. Und du wirst mit bestimmter Sicherheit spren,
wie gleichgltig es dich lt, wenn man des Schnlings Gleichen-Ruwurm
sholzwssrigen Kulturgeschichten dir nahebringt, gleichwie wenn du ein
aus Schreien und Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R.
Becher nicht begreifst. Du bist durch deine Gesundheit und Frische von
vornherein dafr absolviert, da dir weder die Eunuchen noch die
Verrannten liegen.

Aber ich werde dich gerne bei der Lektre von allem sehen, das, wie ein
Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die Welt
schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nchternheit, die die
robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem
zrtlichen und feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von
seinem Nachfolger Hugo von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France,
der die Leidenschaften seiner Welt in seinem Lcheln bannt und von
Eduard Keyserling, dessen Romane die zarte Vollendung der feudalen
deutschen Rasse in wohlgedertes Weltbild heben. Du wirst etwas von
Schnitzler und etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von
Byron. Fast nichts von den Russen. Vieles von Swift. Alles von Voltaire,
der eine Welt mit der Schrfe eines Geistes bekmpfte, der aber verstand
sich der Kadenzen der Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine. Einiges
von Thackeray. Alles von Maeterlinck, der die Ahnungen in die Atmosphre
brachte und alles von Georg Bchner, dessen Jnglingstorso die
Helligkeit eines schnen Athleten besitzt und alles von Shakespeare, dem
einzigen groen Dichter der Welt, der die Eisenscharniere seines Geistes
mit Heroenschnheit frei um die Welt herum zu spannen bestimmt war, als
seien es Arabesken, die er im Traum hinmalte.

Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Mnnern vershnt
wenigstens, da sie sich infolge des natrlichen Egoismus ihres
Geschlechts stets wieder danach in Geschfte und Politik schmeien. Die
Frau wird von Lyrik aber zu unertrglichen Gefhlsstauungen verfhrt.
Mu es Gereimtes sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den
Gefhlen hat und sich nicht hingibt, sondern sich behauptet. Shelly,
Petrarka, Baudelaire, Keats, Lamartine, Stadler, Novalis, d'Annunzio.
Die heutige Zeit kann sich berhaupt der lyrischen Dichter nur mit
Errten erinnern, denn sie ist weder so voll Schwung, da sie diese
begriffe, noch so voll Sentimentalem im Untergrund, da ihr die
Eichendorff und Ronsard und Verlaine und Mrike lgen. Ich gestehe, was
ich auch knstlerisch fhlen mag, da ich eine Frau vorziehe, welche die
Hrte der weltmnnischen und zurckhaltenden Strophen hnlich wie die
Schnheit einer Plastik mit halb kalter, halb hingerissener, aber
beherrschter Leidenschaft bewundert, statt eine Dame zu schtzen, die
zwischen den Erregungen der Brse und den Demonstrationen der Politik
heute, was man nicht kann, in Sentimenten schluchzt und in Rhythmen
wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber die Moustarde wird durch
Trnen nicht leckerer.

Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles,
was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nhe der
Trume ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims
Majoratsherren ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten
ist, wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In
Hoffmanns Elixieren tobt das Diabolische wirklich, das in vielen
seiner anderen Bcher ein plattes Nichts ist. Die Nachtwachen des
Bonaventura bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der
Slawen, das auch in Puschkins Gespenstergeschichten, bei Gogol und
Saltikow doch sich nie so lieblich befreit wie bei den Deutschen,
sondern an ihren Nerven angehngt bleibt und eine Krankheit eher
ausdrckt als das Jenseits und mehr verrckt ist als berirdisch. Das
Grausen mit aller Klte hat Poe in die Wirklichkeit seiner Bcher
geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen sind, dann aber die
vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey d'Aurevilly hat
in den Teuflischen dasselbe leis verkitscht, Villiers de l'Isle Adam
aber in Edisons Weib der Zukunft ihm eine zeitgeme Mechanik
verliehen. Der Maler Kubin hat noch einmal liebenswrdig versucht, den
Schatten der romantischen Gespenster aufzurufen, aber sie sind aus den
dichterischen Prrien in die Kriminal- und Abenteurerbcher desertiert
und haben dort eine exaktere und zeitgemere, wenn auch uniformierte
Anstellung gefunden.

Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten
Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman Auf silbernen Gefilden. Der
deutsche Scheerbart hat in Lesabendio sie auf die Milchstrae
verfrachtet und der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber
vielem Charme uns Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen
berwinden lassen. Zur Utopie erzog sie der humane Brite Wells. Zur
Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und
den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten grndete, der den
Abenteurerroman der May und Gerstcker, Defoe, Kapitn Marryat und
Cooper (zu denen auch Walther Scotts Pirat gehrt und manches andere
bis zu den Kreuzzugepen) vllig abgelst hat fr einige Zeit.

Es war ganz klar, da diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht mit
Hilfe der Phantasie wie frher, sondern mit allen blitzglatten
Hilfsmitteln unserer Technik und berlegung abrollen zu lassen, das Kino
einfach aus der Luft herausziehen mute, wenn es nicht entdeckt gewesen
wre. Denn Film ist nur die glatte bertragung der Techniken der Soyka,
Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater
nur soviel zu tun, als Schauspieler dabei beschftigt sind. Wer wrde
aber aus der Tatsache efroher Akteure oder tribadischer Aktricen auf
die Zusammengehrigkeit von Theater mit der Kochkunst oder den
Gebruchen von Lesbos schlieen? Dagegen beweist der Umstand, da die
schnen Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar nicht gerade
eine Erhhung der Dichtung, aber keinesfalls, da die Maschinen schlecht
sind. Die Kriminalbcher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich
der sterreicher Soyka gehrt in die internationale Konkurrenz, allein
einiges bei den Skandinaven und Englndern ist in seiner Weise
vortrefflich. Das gengt.

In der Liebeslektre kann man jeder Frau carte blanche fr alle Gefhle
geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften Erschtterte zu
den eigenen Leidenschaften zurckzufhren. Von Aucassin et Nicolettes
rhrender Geschichte bis zu den Bchern des Charles Louis Philippe ist
ein weiter Weg, und die gesellschaftlichen Formen, unter deren
furchtbarem Zwang die Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille
suchen muten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den
Straen und suchen die Augen ihrer Auserwhlten, flirten Englnder beim
Sport, Franzosen in den Promenoirs und Deutsche lieben sich in den
Grten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist so unselig und so
beglckend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht gespannt wie frher,
als das Mittelalter die Herzen auseinanderri und die Willkr
menschlicher Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben.
Du kannst von Richardsons Clarissa ber Rousseaus Nouvelle Heloise
bis zu Goethes Werther lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des
anderen stellte und wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und
Jahrzehnte rhrte.

Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefhle in
unserer Zeit, wo die Knechte an der Brse spekulieren und die Damen das
politische Wahlrecht ausben und man den Kokotten, die man zum Diner
einlud, am anderen Morgen eine bare Entschdigung fr die Abnutzung der
Toiletten als Supplement zusendet.

Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, da die groen
Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragdie endete, immer der
Unterton geblieben sind aller schnen Beziehungen, und da die jetzt
vernderten Formen der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht
zu stren vermochten.

Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zrtlich und schn wie Hermelin als
auch mit khnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei einiger
Breite des Sinnes auch zu verstehen, da Cayennepfeffer die milden
Gerichte auf seine Art wie ein Wildpret anregt. Du hast Gelegenheit, um
zu vergleichen. Wenn du die Briefe gelesen hast, welche die Nonne von
Alcoforado an einen Offizier eines anderen Landes schrieb und die von
Ablard und Heloise kennst und Balzacs bersinnlich zarte Ursula
Mirouet, und die bis ins Verbrecherische zrtlichen Beziehungen
Desgrieux und Manons in des Abb Prevost Lescaut dazugenommen hast und
die Briefe der Mademoiselle de l'Espinasse und Flauberts November und
des De Costers maischne Hochzeitsreise und die Frauen des Jean Paul,
die dahinbleichen an bermenschlicher Verbundenheit . . . dann kannst du
es wagen, nicht ohne Gewinn zu sehen, wie in Crbillons Sopha und in
Heinses Ardinghello, in Wielands Biribinker und in Heinrich Manns
Gttinnen, bei Rtif de la Bretonnes zweihundertdrei Bnden und den
Liaisons dangereuses des Laclos bis zu des Marquis de Sade
Abscheulichkeiten und den mnnerliebenden Strophen Oscar Wildes und des
groen Edelurnings Withman sich vom klaren Flu des liebenden Feuers die
phantastischsten Bndel lsen. Aber du wirst erkennen, da auch diese
Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen, sondern sich von ihr
ernhren und da in ihren Formen, ob sie dir gefallen oder ob du sie
verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Gre zuckt wie in der dir
gemen.

Du wirst dadurch nicht hochmtig werden, sondern du wirst nur eher die
Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir
vorberschweifen und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen
nach diesem und jenem Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also
weltwissender und es wird deiner Leidenschaft auch nur noch das
Verstehen jeder anderen hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetre
durch Verfhrung, Migeschick oder Neigung, sondern durch Abstammung,
man kann also keusch im Herzen und eine Dirne durch Schicksal sein. Auch
die Heiligen werden nicht gezchtigt, und mancher, der ein Mordbrenner
im Herzen schien, erreichte durch bung den Glauben. Im Grunde ist alles
die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das Leben oder
man wird nichts.

Die Venetianer besaen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte
waren erstaunliche Stcke an Schrfe des Auges und des Verstandes, ja
sie bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber
des Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten
Berichte verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten
Zugnglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch
brig bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches
Problem, welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen
neben des James Morier Abenteuer des Hadschi Baba, das der erste Roman
ber Persien aus dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den prachtvollen
Rheinlnder Schmidtbonn mit seiner herben und mnnlichen Duftigkeit
verstehen gegen des Belgiers Rodenbach Totes Brgge. Wirst staunend
des Bildhauers Rodin Werk ber die Kathedralen seiner Heimat neben des
Thomas Manns schwchlich schnem, formvollendetem, aber innerlich,
dekadentem Tod in Venedig halten, wirst die Studien des pastelligen
Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften Rabelais genieen, wirst
fhlen da die Ksse und feierlichen Elegien des Johannes Sekundus
andere Worte sind wie die des zrtlichen und royalistisch verschwrmten
Francis Jammes in Almaide, der schnsten lyrischen Tenorstimme des
heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein Gigant war,
trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens Bodendampf
mythisch umwehten Lagerlf lesen. Wirst Wisthlers Die artige Kunst sich
Feinde zu machen zu Annette Kolbs zarter Kammermusik in Zarastro
legen und die Geschichte des alemannischen Webers, der sich in
kindlicher Einfalt der Arme Mann von Toggenburg nannte, zu des
gescheitesten Englnders Chesterton Verteidigung des Schundromans tun.
Du wirst Schlegels Luzinde, das voll schner leidenschaftlicher
Sigkeit ist, neben die Modebcher der Brder Goncourt halten, wirst
das Buch der Frau von Winternitz von dem wilden Liebesleben der keuschen
Vierzehnjhrigen neben dem Schelmufsky des siebzehnten Jahrhunderts
lesen und kannst die satanischen Ausschweifungen des Huysmans in La
bas hinnehmen mit derselben berlegenheit, wie du an Kerrs
Reiseberichten und Dauthendeys Reinheit dich ergtzest. Du kannst den
Frauenspiegel der Renaissance von Castiglione und das Leben Dantes von
Boccaccio und Quevedos Spitzbubenroman von Segovia mit derselben
Gegenwrtigkeit lesen, wie du Storms Novellen, Eichendorfs Taugenichts
und Dickens Roman aus den Millionenstdten hinberleiten kannst zu des
Verhaeren flamisch breiten Malereien, zu Schickeles Glck und zu dem
Puppenbuch, in dem der Lotte Pritzel und Erna Pinner barocke und
groteske Figuren einen hhnischen oder vielleicht auch mitleidigen
Cancan der Ausgelassenheit auf unsere Mhe, sie zu deuten, tanzen.

Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, da man
dir wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben mu, um aus
den verfhrerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf den
Kontinent des Daseins hinberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein,
wenn du das alles gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und
Thermometer die Hhe und die Temperatur der Mae genommen hast, dich
wieder der Natur allein zuzufhren. Denn du hast dann fr das
diesseitige Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wre zuviel.

Mehr vertrgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal
bestimmt, eine noch steilere Kontrolle auszuben und die Ausmae des
Lebens auch noch mit denen der knstlerischen Vollendung zu vergleichen
und den Gladiatoren der Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen.
Einer Frau kommt das nie zu, sei ohne Sorge.

Mnnern sollte von der Natur erst in den sechziger Jahren, wenn sie
statt mit Frauen sich mit Schnepfenkpfen zu beschftigen beginnen, das
kritische Amt vorbehalten sein. Ich frchte, es wrden bei allem
Ehrgeiz, den das Greisentum mitfhrt, selbst die Besterhaltensten dies
Alter nicht erreichen wollen. Ist es einem aber bestimmt, durch Schmutz
und Crapule ein Stck verdammt geliebter Jugend und herzrot gelebten
Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit Kunst zu vollfhren, so sollen
die heulenden Hunde spren, da es auf den Schriftsteller ankommt und
nicht auf die Meute, ber die er sich in gerechter Leidenschaft auslt
und es soll zum mindesten, wie Chteaubriand von St. Simon sagte,
teufelsmig fr die Unsterblichkeit geschrieben werden.

Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstt, und
keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher ausgewogen
war bei jedem groen Gefhl in den Wagschalen der Liebe und des Hasses.
Du kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das Leben selbst
gewinnst, aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren und wieder
zu ihm zurckzukehren. Denn nur die Treue, die sich an anderen Reizen
durch Untreue erprobt, hat den Zug der Bestndigkeit in sich, der dein
Leben dann um die stete Achse rundet. Du wirst zwischen der Inbrunst der
Bcher und den Banalitten des Lebens genau im selben Grade leiden, wie
du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der Nchternheit
der gelesenen Schicksale gemein findest.

Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht
pikant, und wahrlich zurck zu sich zwingt immer nur die Gre, die
Betrug ertrgt. Der Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe
lebte, schildert eine Dame: Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd,
in Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich fr
immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich aber keineswegs ab,
sie dennoch zu besitzen. Er liebte das Weibliche so abgrndig, da er
es auch in der provokantesten Form nicht abzulehnen in der Lage war und
die sicheren Gensse nicht ber der fatalen Aufmachung verga. Man hat
verdammte Last mit seinem Dasein zwischen Leben und Kunst und Sein und
Schein sich durchzuschlagen, und es bleibt auch dir als Frau nicht
erspart, die Kmpfe zwischen deinen Vorstellungen und deinem Blute
bitter auszutragen.

Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollste jener
berlegenheit, die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne
Geschmack jener Rusche sind, in denen wahrhaftiges Leben und wahrhaftig
gepflegter Geist zusammenschlagen, und ich glaube manchmal, wenn du als
Diana die Rnder der Wchte mit der Geschwindigkeit des Blitzzuges auf
Skiern herunterkommst, ich vermchte auf deiner Haut auch die Glut
deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermgen beide sich zum
Augenblick des grten Daseins zu verschmelzen. Ich erinnere mich eines
franzsischen Theaters in Paris, wo ein Offizier desertierte und nach
einem Dutzend Kniffen und Entwischungen gefat wurde. Als sein General
ihm die Degradierung verkndete, erlaubte er sich einen Vorwand
anzubringen, und als er salutierend vortrat und erklrte: c'tait par
amour, gelang es dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als
in eine bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und
jenes Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen
Beifall auch nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des
Offiziers als auch die begreifende Tugend des Generals mit nationalem
und, bei einem so militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem
Beifall zu begren. Mir fllt diese Begebenheit, die an sich
bedeutungslos ist, ein, weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden
fr mich Paris mit dem Duft berzogen, der mir frher nur der der Heimat
allein war, aber der mir von diesem Tage ab hundertmal in allen Zonen
entgegenkam, da er mir die freundliche Welle des Himmels fr alle
Liebenden seither zu sein schien.

Denn wrest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen Mondglanz
deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bume des
Winterwaldes geschwungen, sondern sest mit mir im Jasmin eines frhen
Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flssen, an Weiden, an Seen,
ich wrde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen Namen und
Nennungen dasselbe gesagt haben.

Denn nicht die Bcher und nicht die Jahreszeiten und nicht die
Liebkosungen machen die Form aus, in der das Glck und die Bereicherung
sich begibt, sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Fhrer und
der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lcheln, das, selbst
ermdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des
Liebenden sage, es sei wohl ein ses Lachen aber das Lachen eine Frau,
so teile ich dich nicht auf in das Beseligende und das Luder, sondern
ich wei, wie wundervoll der Zauber der Verbundenheit aus diesen beiden
dich gestaltet hat.

Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und
bist schon jederzeit zum Leben zurckgekehrt, leiblich und frisch, wenn
du nur, etwas schlapp, die langen Beine der Jgerin weit ausstreckst und
alles vergit. Bist du fr eine Limousine morgen lieber, oder fr
Schmuck oder eine Reise nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist
wiegt nicht mehr als Eisen und Fleisch, man mu es aufs deutlichste
sagen, wenn diese Frage gestellt wird. Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr
Bcher, schrie Petrarka, der gut und in angeflltem Jahrhundert gelebt
hatte, beim Sterben und jammerte zuerst um das Dasein, das er verlassen
mute und dann erst um den Ruhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Solchergestalt Mijnheer htte ich gesprochen, wenn Sie _eine Frau wren.
Doch Sie sind ein Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch fr Sie!_

Mijnheer, man erzhlt, da griechische Helden eine Schar junger Nymphen
im Walde des Kythron trafen, die sie durch liebliche Bewegungen und
alle Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer heierem Atem zu
verfolgen, bis sie an einer Quelle pltzlich die Mdchen Waffen
ergreifen und mit feurigem Pan schlachtlustig auf sich losstrzen
sahen. Sie kmpften den Tag und die Nacht mit den schnen Amazonen, ohne
enttuscht zu sein, denn, was sie zum Liebesspiel zu locken schien am
Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren Adern und tobte in der
Adligkeit der Kmpfe sich aus, in denen sie statt Geliebten nur Krieger
fanden. Ich htte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden,
wenn ich das nicht gelebt htte vor Jahren, was ich heute sagte. Und
wenn das Fresko von Bchern etwas verwirrt hngen bleibt, inmitten
dieser vorn und hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von
Lwen gesugte attische junge Eros die Fhigkeit, sich nach den beiden
Seiten des Geschlechts zu adressieren.

Denn was daran die Frau ber das Leben zu Liebe entflammte, entzndet
den Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur Ruhe
zu legen und steht in Krze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es ist
dennoch fatal, einen hollndischen Gentleman zu sehen, wo man mit aller
Kraft der Phantasie eine nrdliche Diana zu sehen gezwungen ist.

Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer
Frau riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren.
Ernchtern ist ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die
Wand spritzt. Ich schwrme nicht fr Vergangenes, aber ich habe alles
gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lchelns und einer
Flasche Cointreau kommt man nicht ber erbitterte Situationen hinweg,
sondern man lgt sich nur eine falsche Maske der berlegenheit in den
Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft hinzugeben.

Das Leben wre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am
falschen und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.

Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond
ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.




Die vierte Nacht


Ich will Ihnen von Norland erzhlen, Mijnheer, und die Geschichte vom
Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute schon durch den
Morgen. Bereits, als ich erwachte, glaubte ich das leise Panterrauschen
der Sonne zu hren, da entdeckte ich eine Fledermaus hinter dem Laden
und drauen stand der Sturm. Im Sportraum kam mir der Springer
Schneeberger entgegen und hinter ihm saen auf den breiten Ofengalerien
die besten Lufer Deutschlands zwischen den Aktrizen vom Film. In jedem
Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner Branche, und Thor und
Apoll und der junge Alexander treten trotz der Seltsamkeit ihrer
Schnheit zurck hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem Boxer Dempsey,
dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der seine vierzig
Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah ich,
da die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen
Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie
sangen ein bayrisches Schnadahpferl mit Einstieg zum Fenster ber das
Heu, whrend man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm
Schnee kommt, aber das brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich,
nunmehr den Schneeberger, Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen
bis zum Boden vergitterten Fenster die zwei Kufen seiner Springskis mit
Skiwachs gltten sah, und sich sein schwarzes Gesicht ber dem
Katzenkrper verweibt in der beschleiften Haube bewegte, fiel mir ber
alles Ple-Mle hier Norland ein und das Lachen des Ski.

Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger
wie viele, aber ich mu ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm
breit ist. Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes,
der Gefahr und des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern
auch um der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu in Form sein der
Fachausdruck faul sein heit. Man kann von diesem Beruf aus nmlich,
ohne die Hetzjagd der Epoche mitzumachen, auch wenn man manchmal
verdammt gestrafft nach der Leistung packt, sich nachher ohne Besorgnis
die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie alle Inselmenschen es
jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.

Aber, hren Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports,
sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausbung bis
zur Vollendung erst ermglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen
Segel an der Savoyer Kste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem
grauen in Brunshaupten, einer weien Fregatte in Genf, moosgrn zwischen
Marstrand und Gteborg, purpurn in Sdfrankreich und mit milchgelbem
Spinnacker vor Tutzing und Schlo Berg im Gewitter gelegen. Sondern ich
wute auch, da an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den
Wind nehmen muten, da mein Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und
einen fatalen Fock, da die Rennjolle des Starnberger Sees so
berfeinert war, da sie dem Fingerdruck, ja der Idee schon parierte,
whrend das Boot der Marseiller rund wie ein Walfischrcken sein
vierecktes Segel nicht anders wie eine Harpune gehit hatte, und da auf
dem Kahn, mit dem wir durch die Schren nach Christiania zu kommen
suchten, das Schwert nicht marschierte und bei Sturm das Grosegel ri
. . . und ich war verliebt in die Fehler, weil ich sie kannte und daher
beherrschte.

Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit der
Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den blhenden
Obstbumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend, da mich
nur die Grimassen trsteten, mit denen die Schweizerinnen im Badeanzug
auf meiner Luvseite beim Vorberrauschen die Bewohner der Villen
rgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk
gefhrdeten . . . . Denn da ich Gefahr pltzlich sah, war ich gespannt
auf dem Posten und durch die Witze ber die Unfehlbarkeit des Bootes
vershnt und erheitert.

Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der Menschen ist mglich ohne
Aeschylos und Dante, aber ausgeschlossen ohne Segelei. Die Entdeckung
der Beziehung zwischen Leinwand, Wind und Pinne ist die genialste
Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn, das sie warf, besa die
Khnheit vorher unvorstellbarer Gedankenflge. Da man um Troja kmpfte,
ist eine Bagatelle, da man es beschrieb, ein Witz. Da man hinsegeln
konnte, war erst die Leistung. Auch sonst erfand sich ein Messer, ein
Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten Segel mte die Zeitrechnung
unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrnstig das Segeln, ich beherrsche
es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von Norland erzhlen, ich
schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.

Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen gelernt,
das deshalb so vielfltig ist, weil man ohne es nicht leben kann in
dieser Zone. Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr
nur auf den Brettern, gbe es die nicht, strbe man dort aus. Der Ski
ist ein nationales Instrument, und wer es nicht von Geburt besitzt,
kennt es nicht wie alles Nationale, was man hat aber nicht lernt. Darum
sind diese Hlzer fast von Geschwtzigkeit, weil sie die Gefahr und die
Kunst von Jahrhunderten erzhlen, bis sie so wurden, wie sie sind.

Whrend die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten
Hlzer besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos
die Form verstelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den
Lappen breite Schaufeln wie Lotos, dnne Renner, dreifach ber unser Ma
gelngte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie
Schlangen, vorn geplattete oder pltzlich wie Zungen gespitzte, ich sah
sie in abenteuerlichen Formen und sah sie in roher Nchternheit.

Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grnlichen Lappen mit einem
Rudel schwarz gekleideter mit grnen Blusen geschmckter Kinder zur
Feier der Heimkehr specktragender Weiber den Hgel herunterlief und
abschnallte, sah ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie stellte einen
Lappen dar in unanstndiger Stellung, der sich im Sturz befand und die
Skispitze abbrach. Ich amsierte mich ber den Fetisch, aber ich hrte,
da der Besitzer der beste Lufer der Gegend war, und da seine Hlzer
in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine Fhigkeit, sich ihrer
zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefhl aber fr ntig, seiner
Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch die
Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Mglichen
getrieben und kann nicht weiter. Da belchelt man sich. Man nannte das
Bild das Lachen des Ski.

An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen Weltbetrug:

Ich verstand, da es nie Helden gegeben, und da, wenn irgendwelche
Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im
Stande schienen, sie dennoch fraen und stanken und es nicht verbargen,
sondern sich damit preisgaben, um nicht in Wrde zu krepieren. Entweder
gab es Gtter oder es gab Menschen, und alle Halbgtter waren Humbug der
Zeit, die sie zu ihrem Gebrauch fabrizierte. Wer Gre hatte, besa
stets den Mut sich zu verspotten und erhellte durch das Gelchter seinen
Mut.

Selbst der Olymp mit den menschenhnlichen Gttern und das gute Walhall
suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein groer Maler fiel mir
ein, der nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso den
Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte
freudig fauchte, wenn einer den Spott gegen seine Kriegsfhrung trieb.
Die primitiven Vlker entstellten sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch
enorme Busen und Schenkel, um sich mit dieser Verzeichnung ins
ber-ppige den Geschmack an der Wirklichkeit noch gepfefferter zu
machen, und selbst den Kultdramen der Griechen sandte man, um die
Heiligkeit des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten hintennach. Stets
befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die Vollendung einer
Epoche von der Brde der Gre, indem sie dieselbe ironisierte und ins
Menschliche somit zurckzog.

Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie
zeigend, in ihrer Wrde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem
Ehrgeiz und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste
ihnen nach, sich nicht preiszugeben und tuschten durch gesalbte Regie
und Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie
vor sich selbst nie zu glauben gewagt htten. Denn sie htten den Mut
sonst gehabt, sich preiszugeben statt sich zu verstecken.

Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in die
Luft sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer
glhenden Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste
liebenswrdig, mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer
den Lappen schwingen sah, hatte erst an dem Lachen des Ski den
Mastab, sein Knnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man
riskiert. Und man ist nur schn, wenn man sich im Hlichen beweist. Er
verstehts, sagen die Liliputaner von den Cagliostros, die sich mit
Wrdenebeln vor der Pupille der andern verstecken, aber sie grhlen dann
mit vor Vergngen und halten sich den Magen, wenn die gelten Gauche
bald zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und lt den
Wrdling, der ihm ausweicht und sich aufblst, platzen wie ein
Meschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.

Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte.
Sie hat dann stets fr ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bsen
Blick gefunden, der sie bis zur wollstigen Komik beschielte. Das
Mittelalter war bereits seiner Sache so sicher, da es sogar in seinen
Domen sich verspottete und in die stolze Brust dieser heiligen Monumente
Wasserspeier voll Sodomie, Klerikerstatuen im Zustand wilder
Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten Posen
aufnahm, genau wie die gyptischen Kulturen so mchtig saen, da sie
den Knstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhhnen.

Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebude auf dieser Erdkugel
hat, ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, da sie das
Lcheln des Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswrdigkeit
von vornherein garantierte, da es die Attacken ttete, indem es sie
ohne Abwehr ertrug. Von den sadistischen schwarzen Messen bis zu
Origines, der sich der Sainte Virge zuliebe entmannte und dem
spanischen dritten Karl, der keine Geliebte nahm, um es seinem
Beichtvater nicht gestehen zu mssen, infolge seiner Vollbltigkeit
jedoch verrckt ward, ja bis zu den Faschingfesten, die dem Fasten
vorausgehen, und dem Papst, der ein Weib war, begleitet das Lcheln
ihren Bau hinauf bis an die Spitze.

Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Frstinnen, die Gesellschaft. Je
hher ihr Stil, um so klarer das Lcheln. Je verderbter und kstlicher
die gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lcheln. Es pate
sich denen an, die es geleitete, und das Rokoko war schlielich und
nicht nur in Mozarts Musik und Molires Stcken ein ewiges zartes
Gelchter ber sich selbst. Die sterreicher allein haben etwas von
dieser Grazie der Satire bewahrt, da sie sich niemals ganz fr ernst
nahmen und genau wuten: da sie bereits seit zweihundert Jahren tot
seien und da man also nur noch als sympathische Leiche fast wider
Willen und erstaunt ber seine eigene Atmung noch lebe.

Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern
sie fhrten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und
machten sie zu Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett
angedeutet, der Dichter drfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten
knne und hat gewut, da, wenn die angegriffene Unke geplatzt ist, der
Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten
Zustnde, aber trafen die Menschen nicht mit. Im Mittelalter turnierten
sie gegen die Dmonen, als die Blte dieser Epoche schon vorbei war,
spter mit Rosenblt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens Satiren
sind Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches
persnliches Pamphlet. DerSimplizissimus Grimmelshausens ist nur
zufllig satirisch und im Squenz hat Gryphius einen Spott ausgegeben,
den er fr seine Sachen in gleicher Weise verdient htte. Das siebzehnte
Jahrhundert ist von Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie,
lediglich der Schelmufsky, der aber nur eine Mode belacht, hat einen
zeitlichen Schmi. Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den
Flair, worauf es ankam und bte sich trefflich und elegant in der Manier
des Don Quichote und der Pucelle, aber verga, da die Grundlagen
des deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem
Feenspiegel, den er ihnen vorhielt. Denn es gab keine Typen, die er
htte zeichnen, keinen Charakter, den er htte karikieren knnen und
keine nationalen Zusammenhnge, die sich wieder erkannt htten. Er gab
wie jene Leute, die mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen
Neffe Rossinis und Freund von Liszt stand, lediglich eine Kopie der
fremden Satiren und bedachte nicht, da Freund oder Neffe eines Genius
zu sein nicht bedeutet: Genie & Co.

Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine
Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur.
Zacharis Renommist ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang
keinem, ber die Opfer seiner Schsse hinaus, an menschlichen
Zielscheiben die ewig menschlichen Gebrechen zu belcheln. Sie schossen
auf rohe Studenten, armselige Pastoren und auf die Gans des
Aberglaubens, ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den
Horizont der irdischen Schwchen und Strken liebevoll aufzuziehen. Sie
durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen ein Schmarrn. Die
Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun, denn um ein
Zentrum zu treffen, mu eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor sind
miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es knnen
zahlreiche Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so
ppig sind und so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in
der Ironie zu baden.

Es kommt nmlich auf den Rckschlu an, nicht auf die Betonung. Es kommt
nicht auf die Muse an, sondern auf den Speck in der Nhe. Es ist an
sich gleichgltig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt,
ist bombensicher eine vollendete Zeit in der Nhe. So ist der Weg. Jean
Paul, der mit seinen scharf gedachten Grnlndischen Prozessen keinen
Erfolg fand, der aber ein Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in
der Lage gewesen wre, beweist, da nur Humor, da nur das persnliche
Gelchter ber die Welt anzustimmen den Deutschen mglich war. Er konnte
nicht die Zeit, ein wenig schief gelegt, formen, sondern er amsierte
sich auf eigene Faust. Wilibald Alexis bluffte seine Landsleute, indem
er ihnen einen Roman als bersetzung Scotts vorsetzte, das war aber
nicht Satire der Zeit, sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.

Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und
erhaben zu stehlen aus der Rstkammer der sortierten aber nie
gesammelten deutschen Begriffe, das war in Minna von Barnhelm und in
Bchners Leonce und Lena, wo Lessing das preuische, Bchner aber
einen Teil jenes romantischen reellen Weltgefhls der Deutschen (ber
ihre siebenundachtzig Potentaten hinweg) menschlich festzuhalten
vermochte. Meissonier macht mit Unrecht den Deutschen den Vorwurf, der
Protestantismus habe sie statt zu berlegenheiten zu nchternen
Kostspendern wie Kaulbach und Piloty gefhrt. Der Protestantismus hat
ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, wenn er
berhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne Zweifel, da die Fhrer
ihre Deutschen klein gehalten und nur zum Genie der Gesetzparagraphen
erzogen haben. Ihre Freiheitsidee ist von der Schwungkraft eines
Karussells, sie saust nach auen, aber sie baut keinen Staat, ihre
politische Einsicht vermag nicht die Bedrfnisse augenblicklicher Not
oder Gewinne zu berspringen, und ihr nationales Bewutsein ist immer,
soweit es ffentlich betont wurde, das von Generlen oder
nationalistischen Gauchos gewesen. Da Deutschland viele Hauptstdte
hat, bt es damit, da es keine geistige Zentrale besitzt. Und da
dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewutsein in das Volk drang,
zeigt sich heute, wenn der republikanische Staat in seiner
Ausbalanziertheit bereits wackelt. Undenkbar, da die Provence, da
Smaland, da York abfiele von ihren Mutterstaaten, weil ihnen da in der
Leitung etwas nicht passe oder sie eine andere eigene Form der
Gouvernements vorzgen. Da Bayern wie ein Kind monatlich damit droht,
beweist nur deutlich, da die Deutschen noch nicht Deutsche sondern eine
Zusammenstellung von Charakteren, und da sie nicht national, sondern
Querkpfe sind.

Heine ist der einzige Knstler, der eben dies und dazu vom Ausland her,
wo er exiliert sa, fast zu einem Weltbild der deutschen Art
zusammenzuschlieen vermochte, indem er es mit den Tnen der hchsten
Liebe verspottete. Er verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten
Sinne national zu sein, indem er angriff und spiegelte. Deutschland hat
nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn verachtet, und weil Heine wagte,
es durch seinen liebenswrdigen Hohn zu erziehen, hat es ihm ein Denkmal
verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt htte, wre er in der Lage
gewesen, in der militrischen Laufbahn einige Stdte zu zerstren. Die
Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt sich mit
dem blanken Rckenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird
unfreiwillig. Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur,
sondern das Unharmonische macht sich erbrmlich, indem es die Windmhlen
angreift, die es von einem Feenberg necken. Die Deutschen verachten das
Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht htte, nur
der Beweis der Hhe ihrer nationalen Kultur wre und sie verachten sich
damit selbst.

Des Briten Pope Lockenraub und Boileaus Lutrin und des Italieners
Tassoni Geraubter Eimer und Cervantes Bcher sind aber nicht Angriffe
gegen betrunkene Studiker oder eiferschtige Lords oder ehrgeizige
Kleriker oder fahrende Ritter, sondern sie sind vorzgliche Karikaturen
der Menschen in eine unbeschreiblich schne Spiegelung der Zeit
hineingezeichnet, so etwa, als beuge sich jemand ber Wasser und es
bliebe, durch eine Welle gestrt, das Bild auch unter dem Zittern mit
solcher Klarheit, da man die Anmut und Grazie auch durch die Verzerrung
zu empfinden verstnde.

England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, da
sie Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom
Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde.
Molire und Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern
die Schokinder ihrer Zeit, die ein Entzcken darin fand, die Feinheit
zu studieren, mit der man die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem
franzsischen Theater erzog man den heroischen Ton so, da er in seiner
hchsten Pathetik bereits wieder die Untermelodie des Mokanten
erreichte, kein Staatsmann, kein Knstler war zufrieden, wenn ihm nicht
sein Erfolg und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, da man ihn
anmutig verlachte. Fnlon hat den Franzosen seiner Zeit in seinem
Tlmaque ber die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus
sogar ein Idealstaat gezeigt, Le Sage lie sie durch seinen Teufel einen
Blick in alle Huser tun, Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen,
die ber Frankreich zum Orient berichten, den entzckenden Blickwinkel,
der alles unter dem Vergleich mit anderen Weltsitten vernderte,

Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem gierigen Zug seiner
Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse des Staates
zerlchelte, bis Beaumarchais Gelchter eine Zeit vllig in ihrem
Strzen begleitete, deren Rekonstruktion als brgerliche Gesellschaft
Anatole France mit einer weisen und mden Ironie wieder zu Tod zu
lcheln beginnt, wo sie schon wieder ein Jahrhundert alt und schon
greisenhaft zu werden anfngt. Man wird Satirisches in Frankreich nie
miverstehen und nach Mglichkeit nicht verfolgen, das Volk ist in der
Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu
verstehen, es ist tatschlich so erzogen, da es fast automatisch beim
Heroischen bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fhigkeit, im
wahren Sinne dem Leben gegenber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen
vermissen, haben Constant dem Nchternen und Stendhal dem Verquollenen
und nicht Charakterfesten an ihnen die Schuld fr ihre fehlende
Kulturbasis gegeben. Wenn man der Sarah Bernhardt die drr wie eine
Peitsche war, aber sehr fette Finger besa, den Rat gab, sich zur
Bequemlichkeit lieber auf die Hnde zu setzen, so ist das ebenso
bezaubernd wie unanstndig, lobt und verspottet die Knstlerin
gleichermaen und wird berall genau so verstanden, wie wenn ihr groer
Komdiendichter sagt: J'aime mieux un vice commode / Qu'une fatiguante
vertu, -- -- -- was nicht ein Paradox sondern ein witzig gebrachter und
verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.

In England folgte das Volk mit fast ehrfrchtiger Scheu den
literarischen Verzierungen, die, aus Gelchter gebogen, an den Bau der
Gesellschaft angefgt wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen
einen Lehrer aus der Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit
dem Ruhm seiner satirischen Schriften so zu erfllen, da er sich vom
Erls einer bersetzung allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um
Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mute, weil er
dagegen war, achtzigtausend Pfund Sterling Kupfergeld aus Irland
zurckziehen, da, obwohl Newton die Gte bescheinigte, Swift erklrte,
es sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch Dickens und hundert Jahre
nach dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in Punch und in
Vanity-fair seine Gesellschaft in ganz groen Karikaturen gefangen,
die oft fast an die Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat
am tollsten eine Tradition geschaffen, an deren Gltigkeit England
glaubt, und hat, wie Demokrit mit dem Maskenbndel, bald dieser bald
jener Seite seines Volkscharakters ein anderes Spiegelbild gezeigt,
unerschtterlich in seinem Angriff und seiner Zusammenfassung der Zeit.

Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufgen, da
er sein Leben dem Geist seiner Bcher anglich, indem er als Epileptiker
geboren ward und als Idiot verstarb. Whrend die Franzosen durch
Frivolitt weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten
eine orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte
Hochschtzung vor ihren Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in
ihnen sehen und sie daher lediglich fr eine Sorte von Lachern halten,
die ein strengeres Zusammenraffen des nationalen Geistes in dieser
Maskerade verlangen. Beide aber wissen, da ihr Zerrbild im Grunde ein
Lob ist und letzten Endes eine positive Sache wie jeder Witz.

Die Deutschen aber haben fr die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch
vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler
angeht, in einen abscheulichen cant verkrochen. Sie haben ihn oft den
Briten vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte
geleistet, wenn sie auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die
Deutschen haben sich einen Traum von ihrer Erlesenheit und
Vorzglichkeit angedichtet, dessen Anzweiflung schon Ausschlu aus der
Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland ben heit
Fehme auf sich nehmen.

Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings
satirisch spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der Ablehnung
nicht zu Lchlern, sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben oft Liebe
sagen wollen, aber es ist ihnen im Mund zu Ha geworden. Es ist der
gleiche Liebesha, der die Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft,
der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht
erzogen werden, die Dichter aber meinen, man msse sie erziehen oder
sterben. Die Deutschen wnschen, da diese Schreier, die ihnen Fehler
zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen, man msse diese
nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands Herz zu
kommen. Was die Franzosen lieben und die Englnder verehren und was
beide zu einem Block nationaler Gre zusammenschliet, erregt in
Deutschland den moralischen Brgerkrieg. Das Volk vermag im Schild
dieser Kmpfer nicht sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in
Wirklichkeit nicht besteht, die modernen Satiriker glauben aber, sie
mten wie Savonarola hetzen, um das Volk auf seine Fehler zu stoen.

Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es
ja auch seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem
Gewissen nicht bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft,
denn besen sie diese, htten sie einen nationalen Ausdruck und seinen
Zwillingsbruder, die Satire. Es wird hier ein furchtbarer Kampf
gestritten, da jeder leider vom besten berzeugt ist und man sich in
dieser berzeugung die Gurgeln abschneidet ohne Resultat.

Nach einer groen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer
Strae der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter
sich, schlug ihm den Kopf auf den Boden und schrie: Sag, es lebe die
Republik! Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben
soll, den Kopf zerhaut. Man mte eine berzeugendere und berlegenere
Art finden, sich mit seiner Meinung durchzusetzen. Da es ohne Frage ist,
da Satire ntig und da sie fruchtbar ist, darf sie sich nicht, wie in
Deutschland gemeinhin blich, vorher selbst kastrieren. Es wird da
leider aus Ha der Zuneigung nicht gespottet, sondern gehat. Es wird
nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent, den man
berzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh' er Argumente hrt
und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die
Belstigungen sind.

Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spiet auch
tatschlich nur Institutionen auf. Man kommt, whrend man geistig
hinreiend sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider
wird auch gar nicht versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu
bespiegeln, sondern sie werden wie Indianer-Gefangene skalpiert und
hingerichtet und zum Schlu verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen
satirischen Schriftstellern gegenber die Einstellung des Mannes, der
ausspuckt, oder es hat die Angst, die Andersen hatte vor Heine, von dem
er kindlicherweise annahm, er verschlinge ihn, obwohl es ein Weltmann
war, den er dann traf. Die deutschen Satiriker nutzen im Augenblick
nichts, sondern sie verderben nur, im besten Falle geben sie der Zukunft
ein Material ber die Zeit.

Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und
der Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich
keiner Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon
berzeugen zu wollen, da sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts
seien, sowie da Fehltritte unntig seien, wenn die Nation sich
rechtmig mit einer anstndigen kulturellen Haltung kopuliere.
Schmerzlich ist, da wohl seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen
begeisterten Vlkern trotz ihrer anderen Sprachen verstanden wurden, da
die Deutschen aber wie Kaffern und Chinesen einander nicht verstehen und
dadurch nur mitrauischer werden.

Htte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so htte er
seine satirischen Bcher statt als Kanonade gegen seine Zeit mit der
Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er den Brger
zerknittert, keine Distanz sondern Vergngen an der Vernichtung. Es wre
darauf angekommen, zu zeigen, da die Untertanen und Professor Unrat
nicht gettet werden mssen, sondern da dies der winzige Teil einer
menschlichen Schwche sei, die amsant besonders im wilhelminischen
Zeitalter blhte. So wre zur Objektivitt die Heiterkeit gekommen, die
Frances Spitzbart umwlkt, und dazu vor allem die Wirkung. Denn Manns
Romane haben die Deutschen nicht gebessert, sondern ihren Feinden nur
das Material zu ihrem schadenfrohen Kreuziget gegeben. Er hat nicht
die Einstellung des weisen Mannes gefunden, der das Kleine nicht
allzusehr beachtet und das Groe auch nicht als Dupe hinnimmt, sondern
vielmehr die die Welt als das Vergngliche, das sie ist, mit graziser
Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt. Obwohl neben den
Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten sind, erreichen
sie um dieser Einschrnkung willen nur den dokumentarischen, nicht den
menschlichen Wert groer Kunstwerke.

Sternheim hat den Instinkt fr Voltaire viel gerissener im Blut und wei
eher, da nicht die Zerfleischung, sondern die Sammlung der Untugenden
in einer komischen Linse not tut, er hat einige meisterliche Novellen
fr Deutschland geschrieben, aber die Malosigkeit seiner Ausdrucksweise
zerstrt das meiste seiner Wirkung. Er ist wohl der Ansicht, es sei
berhaupt nicht fr die Gegenwart sondern fr ein Publikum der Zukunft
zu schreiben, allein er wei nicht, da das Kolossale einer satirischen
Wirkung nicht durch die Unfltigkeit des Ausdrucks, sondern durch die
mglichst unbeteiligte Form geschieht, mit der man seine Nation in den
schrgen Winkel gleiten lt, der das Bild ins Komische bricht.

Gottfried Benn, der ein ausgezeichneter Dichter ist, hat sich manchmal
in einer Abhandlung ber die Zeit dem trockenen Ton der Sachlichkeit
genhert, allein sein Modernes Ich erfordert Voraussetzungen an
Gescheitheit, die ein auf Wirkung lsterner Autor nicht stellen sollte.

Trefflicher verwendet die chronologische Exaktheit in der Zeichnung
Hermann Essig, dessen Taifun das beste satirische Romanbuch in
Deutschland seit langer Zeit ist. Allein seine Welt ist die einer
knstlerischen Clique und weder Herr Herwarth Walden noch sein Kreis,
die sich mit der Lanzierung einer abstrakten Malerei beschftigen und
hier beschrieben sind, rcken so in die Lupe, da sie einem deutschen
Nationalcharakter sich nhern, vielmehr eher jener siebenten Sippe der
ersten Familie der vierten Ordnung Raubtiere, nmlich den Katzen
(Felidae), deren Gehabe gleichfalls von Essig liebevoll und distanciert
betrachtet wird.

Noch skurriler verkmmert in literarischem Gehabe die satirische
Bemhung von Karl Kraus. Seine Stimme erlischt zwar nicht wie die der
meisten kritischen Schreiber, wenn ihr Verleger ihnen das Engagement
kndigt und die aufgeblasenen Armseligen einflulos auf der Strae
liegen, denn erstens ist sie so bissig, da sie nur unabhngig ertnen
kann und zweitens geht sie ohnehin nicht ber die Wiener Vorstdte
hinaus. Er gibt seinem Organ daher gern die Frbung des Teufels, der
einhergeht wie ein brllender Leu, aber es ist aus der Nhe nicht ein
Raubtier sondern ein Verbissener, und aus der Entfernung kein Bespiegler
sondern nur ein lokaler Craqueur. Die Satiriker, die nahe bei Epikur
stehen mten, haben sich Mars zugewandt und tragen keine berlegenen
Falten im Gesicht, sondern scharf nach oben gewichste Schnurrbrte. Die
Dinge werden aber nicht mit Geschrei berwunden, sondern mit der Tat
oder mit Achselzucken.

Die literarischen Fhrer, die in der Regel weder Athleten noch an Wade
und Nerven kriegerische Erscheinungen sind, begehen eine Tuschung, wenn
sie sich wie Feldwebel verpuppen. Um ein Volk in den Fehlern zu
karikieren, bedarf es Liebe und Verstndnis fr die Schwchen und etwas
Gift. Aber man langweilt sich auf die Dauer bei den Trommelwirbeln, die
gegen den Brger schallen, der berhaupt nicht mehr lebt. An seiner
statt hat ein vielfarbenes Zersetzungs- und Umbildungsvolk sich
geschaffen, und das liest Herrn Kraus deshalb nicht, weil es sich um
Literaturgeschrei gar nicht kmmert, und er sich wiederum nicht um ein
Volk zu kmmern vermag, das seine Art nicht ntig hat. Aber man wird zu
jeder Zeit den Swift lesen, weil er ein groartiges, auch giftiges, aber
auf den Hnden hergetragenes rundes Kugelbild seiner Zeit geben konnte,
da man zum Lachen und zum Weinen kam, wenn man es besah. Die guten
Satiriker sind natrlich keine Verneiner, sondern mokante Bejaher. Sie
stellen sich nur so, als ob alles nichts sei in ihrer Pupille, sie
stellen die Welt in Frage, damit man sie um so liebevoller bejahe.

Die deutschen und die deutschjdischen Satiriker haben aber nur den
ersten Teil begriffen und sich in das Nein wie ein Hund in den Knochen
verbissen. Albert Ehrenstein hat diese Beschftigung am weitesten
ausgedehnt und sich ein Leidvermgen an der Unvollkommenheit der Welt
antrainiert, da er an jedem Portier das erlebt, was Musset und Byron
nur in besonderen Melancholien erreichten. Mit einer ewig wunden
Seelennot schreibt er sich aber in ein heroisches Ma der Verneinung
hinein und steilt seine Klage um die Erde zu fast grandioser
Monumentalitt. Hier aber, wo er umkippen und endlich das Ja erleben
mte, htet er sein Leid wie eine Champignonzucht, und statt nun in
angenehmere Partien des Diesseits zu verziehen, wirft er den
Trauermarsch seines Hohen Liedes in das larmoyante Geschrei der
jdischen Klageweiber, die gegen Bezahlung tagelang den Schmerz zu
artikulieren verstehen. Die Balance ist falsch, das Talent ist nicht als
Schleuder, sondern als Kugel verwandt, die Mauern stehen gar nicht mehr,
gegen die sie geschleudert ist. Was will die deutsche Satire der Zeit?
Zerstren! Aber es fehlt ihr der Partner, und der unntige Lrm und die
Besessenheit machen nur die Unbeteiligten unlustig.

Eher vermchten einige, weil sie von Hans Sachsens trockener Knitzigkeit
herkommen und bei Kortums Jobsiade sich beim Knittelvers aufgehalten
haben, eine Karikatur der geistigen Zeit zu machen. Natrlich gelingt es
auch nicht, weil dieses Zeitbild ja fehlt, aber es wre immerhin zu
konstruieren oder amsant anzudeuten. Der Versuch eines Unbekannten,
Herrn Freeman, ist betrchtlich, obwohl der Autor barbarisch sich nach
jedem Satz auf den Magen klopft. Er macht den Trick, einen Naivling,
einen unzivilisierten Bauer auf der Suche nach einem Weib, Deutschland
durchreisen zu lassen. Der agrarische Parzival, der weder eine Eisenbahn
noch ein Parlament ahnt, hat in der Reflexion eine hnliche Einstellung
wie Montesquieus Orientalen, welche Frankreich bereisen, aber er hat
nicht ihre Vergleichspunkte und damit erlischt die hhere
Gesetzmigkeit der Satire.

Bei den Franzosen spiegelte eine Welt die andere, bei Freeman in seinem
Michel grinst nur ein Bauernlachen ber ihm vorkommende
Unverstndlichkeiten. Die Welt, die Freeman sieht, ist ihm und uns nicht
rund, die Landleute sind aber nicht einfach, sondern schlau. Sein
Lcheln ist nicht berlegen, sondern nur pfiffig. Auch Herr Uzarski, der
aus gleicher Richtung kommt, sendet einen Naivling aus, aber er ist
schon fiter und lt ihn in Spanien reisen, wo immerhin ein Weltbild ihm
entgegentritt. Auch in seiner Hundegeschichte mischt er den derben Ton
der knorzigen Fastenredner hinein und bringt das deutsche Wesen manchmal
schon zu Fastnachts-Komik. Allein bei aller herzbrechenden Drastik ist
dies nur ein vereinzelter deutscher Zug, der dazu noch von den
Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist nicht deutsch, sondern nur ein
vergrberter Auswuchs und keineswegs Gesellschaft, es sei denn die der
Rpel.

Dazu kommt Herr Scheerbart, ein Humorist, der neben allem anderen nicht
ohne das Phantastische auskommt. Eine Gesellschaft, die nicht besteht,
auch noch auf der Milchstrae karikieren zu wollen, ist vielleicht ein
Zeichen von Talent (er besitzt es), aber eine unmgliche Satire. Das
htte Cervantes nicht gewagt. Albert H. Rausch sodann, der nicht den
Brger, sondern den Spieer wie Hoffmann und Paul rgerlich zeigen
wollte, im Zustand wie er sich ber Urningtum entrstet, ist ein
Zrtling, der, sonst ein gepflegter Dichter, hier seiner Provinzstadt
dauernd, statt sie stinken zu lassen, Parfme ber das Dach schttet. Er
kann es ohne sthetisieren nicht lassen und zeigt sich immer wieder
selbst, elegant und heiter, zwischen den Brgern seinem Publikum auf
seinen eigenen Hnden serviert.

Exerziert man Deutschlands Satiriker alle nebeneinander nach Gre und
beschaut ihre Einstellungen, haben fast alle gegen Zustnde gefochten
und nicht Menschen geschildert. Die stofflichen Anlsse der Herren sind
Spteren so gleichgltig, wie uns die prezisen Salons der Molirezeit,
die Arrangementgrnde der Shakespear'schen Lustspiele, der Kitzel zu
Leonce und Lena. Wer hat, Sternheim in manchem ausgenommen, mit
lachender ppigkeit die Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, da man
sagen kann: hier ist Zeit zusammengelchelt und sonst nirgends? Die
Antwort ist: nirgends. Bei einem Schler von Anatole France, einem
gewissen belhr, war alles da, wenn auch geschwcht. Allein er hatte,
wie Wieland, eine Satire auf die _franzsische_ Demokratie geschrieben.
Es htte eine bersetzung aus dem Franzsischen sein knnen. Es ist die
Visitenkarte eines begabten Neffen von Herrn France.

Ein Brsenauftrag, Mijnheer, mit Ausfhrungsbesttigung dauert von
London nach New-York vier Minuten und kann tatschlich effektuiert
werden, da die Brse in New-York um zehn beginnt und die Londoner bis
vier Uhr handelt und in der Zeitrechnung zehn Uhr morgens etwa drei Uhr
zehn britischen Nachmittags entspricht. Die Zeit ist kurzlebig und
schwer zu fassen. Wie fat man sie rasch?

In Frankreich begleiten, ob ein Prsident aus dem Wagen gestrzt ist
oder eine Apothekersfrau entdeckt ward, die nackt mit dem
Keuschheitsgrtel vom verreisten Gatten an die Wand geschmiedet ward, in
Paris begleiten auf den Boulevards mit Postkarten handelnde Snger und
siebentausend in Caf-Konzerts auftretende Bretzel-Chanteusen diesen
Vorfall mit einer Flut von Spott. Die politischen Ereignisse werden in
allen Revuen und Kabaretts glossiert. Die Erklrungen der Conferenciers
in den groen Schaupantomimen, in den Guignols, in den Kaschemmen, wo
Schattenbilder gezeigt werden, stellen den Kontakt zwischen
Tagesereignis und Illustrierung her. So wird das einzelne aufgesogen und
bereitet die ungemeine Empfnglichkeit fr die daraus addierten Summen
des knstlerisch satirischen Werkes vor. In England verarbeiten es die
viel heftiger als bei uns gelesenen Wochenschriften und Witzbltter und
Varits.

In Deutschland sind erst nach der Revolution einige Kabaretts
eingezogen, die das Tagesereignis glossieren, die Literatur dazu wurde
von Herrn Mehring, Tucholsky, Reimann und Ringelnatz geliefert. Sie
nhert sich stark dem politischen Thema und damit jener Schrfe, mit der
der deutsche Karikaturist sich bemht, seine Sachen seinem Publikum ins
Gesicht zu speien, statt sie ihm gefllig zu servieren. Der Kabarettstil
der durchgngigen Nachkriegszeit beschftigt sich sonst mehr, soweit er
diskutierbar ist, mit den Faits divers der Skandale der Hauptstadt.
Lediglich den Schauspieler Paul Grtz mit einer fiebrigen, aber
gehmmerten Diktion vermochte dieser Stil herauszubringen, von dem nicht
gesagt werden kann, ob er berhaupt Satire ist oder eingeseifte Politik.
Von der aber fliehen die Buche, die unten Sekt schlemmen, lebhaft
lieber zu Apachenszenen und Zeig mir mal dein Muttermal. Man ist dann
unter sich. Diese Sprache, nicht nur die der Kreuzzge, ist, nicht ohne
Recht, international verstndlich. Es ist eine Sache, es sind Leiber und
Frauen, um die es geht, und nicht Experiment um Geschwtz.

Das ist die Geschichte vom Lachen des Ski, Mijnheer. Ich habe an ihm
gelernt, da es keine Helden gibt, da aber nur erhaben ist, was sich
belachen lt. Ich bin durch die Karikatur von der Dichtigkeit des
Menschen berzeugt worden, und nicht davon, da nur, wo kein Spott
hinlange, Gre sei. Der antikisierende Maler Mengs war berzeugt, da
er nach seinen beiden Vornamen die Eigenschaften des Correggio und des
Rafael von Urbino in sich vereinige. Er war ein Idiot, der, statt seinen
prezisen Brzel ins Wasser zu stecken, ihn wie eine Trompete in die
Luft hob. Er machte sich lcherlich, indem er sich spreizte mit
berlieferter Wrde, statt da er sich durch Witze seine Unbefangenheit
von soviel anspruchsvoller Tradition erkauft htte.

Die Menschen, Mijnheer, haben nie den Instinkt fr die Wirkung ihrer
Figur und ihres Esprits. Dieser Berg da oben nrdlich heit
Schauinsland, ich finde ihn kstlich benamst, weil er voll Schneesturm
steht wie ein Vulkan. Dieser Aussichtspunkt westlich heit Notschrey,
ich finde bei diesem Windspektakel das fast verzweifelt komisch. Dieses
Getrnk hier, Rotwein und Sekt und Cognac und Himbeer heit Horbener,
weil das der Landstrich Badens ist, wo am wenigsten wchst. Liegt nicht
viel Anmut in diesem Sichverspotten? Man htte uns nicht nach den
heroischen Idealen erziehen sollen, sondern lehren mssen, aus dem
Frivolen die Menschen sehen, man she gemeinhin sicherer und klarer.

Eine Serie Leben mte man hinter sich haben, als Kammerdiener des
Rubens, als Knabe des Alcibiades, als General des Dschingiskhan, als
Matrose des Kolumbus, als Geliebte Homers, um an ihren Schwchen und
ihrem Versagen fast kmpferisch sich den Glauben an ihre Gre zu
erwerben. Aus den Geschichtsbchern klingt das hohe Pathos des Ruhms
allein fr den, der Menschen kennt, leicht nur wie Gedudel aus einer
Papiertrompete. Das wirkliche Ja hat stets sein Lcheln mit sich wie
Wotan seine Raben. Einmal hat brigens das Lachen des Ski sich
umgedreht.

Man hat nmlich, wenn man nicht znftig die Langriemen beim Skiern
trgt, die man selber knotet, den Fu in der Huitfeldbindung, das ist
eine Klammer vorn, die mit einem Riemenschlu an den Absatz verbunden
wird, oder man trgt Bilgery, wo dafr eine Rolle mit Stahlfedern tritt.
Die Preuen haben diese beiden im Kriege kombiniert, damit wohl der Fu
vorn fest se, die Stahlfeder aber erlaube, in Reih und Glied, nach
Kommando und auf dem Ski knieend zu schieen, laut Reglement. Hier ist
das Lachen nicht bei dem Menschen gewesen, sondern wahrlich bei dem Ski.

Htte der es vermocht, er htte seiner Heiterkeit Ausflu gegeben, aber
er htte nicht seine Vollendung damit bespiegelt, sondern sich ber
seinen Schtzen gefreut. Der nmlich war, wenn er nicht zwischen dem
Schieen und der Beobachtung des Skis selbst erschossen wurde, das
Symbol jener Gattung von Leuten, die unfreiwillig zum Lachen helfen,
fatalerweise fr sie.

Uns hier hilft nicht einmal das Schieen. Es schneit. Ob wir belachbar
sind mit unseren Dialogen? Niemand ist seiner Wirkung sicher, Mijnheer,
auch im Schlaf nicht. Man kann auf jede Satire eine andere verfassen,
die noch mrderischer ist. Als Racine eine Sache von Port Royal aus
drehte, die sich ber den Knig mokierte, traf ihn ein Blick Ludwig des
Vierzehnten, und er starb. Der Knig war ein Gettatore. Er hatte ihn tot
gelchelt.




Die fnfte Nacht


Ich will Ihnen davon erzhlen, wie ich das Steuer meines Lebens in die
Hand bekam, Mijnheer, von einem Flugzeug, von Pernambuco und meiner
Kindheit.

In unserer Bibliothek hing jeder Erstgeborene der Familie die Bilder
dreier Mnner auf, die sein Leben schirmen sollten. Ich hing mit
Siebzehn bereits unter meines Vaters Fhrer, unter Montaigne, Homer und
Bismarck die Bilder des Luftschiffers Blanchard, des Herrn von Lesseps,
der den Suezkanal durchstie, des Meisters Blriot auf. Ich kam zur
Strafe am folgenden Tag zu Tante Evelyn aufs Land und begann sofort
hinter ihrem Rcken einen Gleitapparat zu bauen, um das hgelige Gelnde
auszunutzen. Tante Evelyn bemhte sich aber, mir eine hhere Ansicht
beizubringen und nahm mich mit in die Stadt, wo vor einer glnzenden
Gesellschaft ein brtiger Herr ber Ceylon und China Einiges vorlas.

Es waren fr deutsche Verhltnisse sehr elegant gemachte Schilderungen
dabei von Pullmans und Chinatowns, aber obwohl er, wenn es spannend
ward, jeweils unverstndliche Nutzanwendungen frs praktische Leben dazu
gab, zog ich das Portefeuille, denn ich dachte, es sei ein Clerk vom
Reisebureau, aber Tante verbot es mir. Ich war gewohnt, die Brse zu
ziehen, wenn bei uns Hinrek Maasen von Sumatra erzhlte und am Schlu
seinem Affen den Schwanz hochzog, da die Weiber quietschten, aber ich
ahnte nicht, da meine Tante mich mit in die Weisheitsschule des Grafen
Hermann Keyserling gefhrt hatte. Ich sagte ihr, ich htte Romane von
ihm gelesen, aber sie zog auf der Heimfahrt ihren Tibetpelz vor den
schnen Mund, frstelte in der Mondnacht und meinte, das sei eine
Verwechselung, fast jeder Balte sei ein Keyserling, und der, den ich
meine, sei nur ein Dichter und heie Eduard.

Ich begriff nicht, warum man nur ein Dichter sei, wenn man glnzende
Romane schriebe, aber hingegen gefeiert werde, wenn man unter dem Namen
Hermann den Baedeker in grazise Philosophie bersetze und dadurch
unverstndlich mache, und beschlo, mich mit den Schriften des Grafen
auseinanderzusetzen, nachdem ich meinen Gleitflugapparat mit Leinen aus
Tantes Vorrat bespannt und imprgniert hatte. Ich ersah daraus, da der
Balte ber Reisen gut schreibe, jedoch seine Landschaften mit
Philosophie, seine Gelahrtheit aber mit Wasserfarben verdnne. Ich fand,
da er gegen den Krieg sei, aber heroische Kriegerischkeit lobe, da er
mit dem Sozialismus kokettiere und ein aristokratisches
Standesbewutsein lehre, da er schrieb, Deutschlands Bevlkerung sei
erbrmlicher im Kriege gewesen wie die Frankreichs, und dennoch mit
allen abgesetzten Frsten verhllte Blicke wechsele, da er die
Einfachheit des Lebens pries und sich allen Sprossen der
Wirtschaftskapitne als kluger Mentor im Sinne ihrer Weltauffassung
empfahl.

Findest du nicht, Tante Evelyn, sagte ich, da der Graf nichts
anderes ist wie ein God-Dag-Mann in Kopenhagen, der nach allen Tischen
seine Verbeugung macht? Mein Junge, sagte Tante Evelyn, und winkte
ihrem schwarzen Diener, mein Junge, du bist noch nicht alt genug, um zu
wissen, da man alles kennen mu, um alles zu vereinen. Ich grbelte
lange darber nach und beschftigte mich darauf mit der konstruktiven
Basis einer Welt-Auffassung, wie der Graf sie besa. Mich interessierte
die Mechanik, auf der so verschiedenes Zeug beruhen konnte, aber ich
fand keinen Punkt und kein System innerhalb dieser Gedankenmaschine. Da
kam mir eine phantastische Idee.

Diese Geschichte, Mijnheer, ist eine sehr abenteuerliche Sache, ich
krze sie ab, so gut es geht, aber es geht darin herauf und herunter. Am
anderen Tag kam im Flugzeug aus Prag ein berhmter weibrtiger
indischer Dichter in die Weisheitsschule, und hatte der Graf vorher
schon den grten Zulauf, so wanderte nun halb Deutschland hin. Ich
halte Tagore heute fr einen gut europisierten Denker, meine aber, in
Indien, mit dem er gar nichts zu tun hat und wo Literatur seit
Jahrtausenden gepflegt wird, dichten die Sacktrger so. Kurz, zumal der
Graf aufforderte, nur die besten Deutschen sollten diese exotische Schau
vornehmen, begleitete ich Tante Evelyn lediglich, um den roplan des
Inders anzusehn.

Ich ging nach dem Hangar und sah nach der Marke: It is a Farman of
course, konstatierte ich zu dem Piloten. In whose interest do you come
here? Er antwortete in seinem tschechischen Slang: C'est une affaire
de propagande pour la maison de Cook. Er hielt mich fr einen Piloten
und grinste mich verstndnisinnig an. Am Abend nahm ich den Schwarzen,
den der Graf bei Tante Evelyn untergebracht hatte, mit hinter die
Scheune, hielt ihm eine Pistole unter die Nase und er gestand das
gleiche. Ich lachte die halbe Nacht. Am Morgen hatte ich den Punkt
gefunden, von dem aus die Konstruktion so vieler Ansichten gehalten
wurde: Es war einfach Cook.

Cook transportierte die Blte der Nation zu jener Weisheit, die
wiederum Cook im Interesse seiner Reiserouten selbst kreiert hatte.
Zwischen Niederwald und Bayreuth kam ein neues Denkmal deutschen Geistes
zu stehen. Es war eine glnzende Spekulation. Kein Deutscher wrde sich
die Besichtigung entgehen lassen. Gemacht! Das Ausland wrde sich die
Sehenswrdigkeit eines Aristokraten, von dessen Rasse man annahm, sie
speisten belgische Kinderhnde, und der in Philosophie machte, nie
verkneifen. Sensationeller als ein Schlachtfeld! Ich sah mich fr meine
erste Bewegung nachtrglich gerechtfertigt, ich hatte mit Recht die
Brse gezogen, und Hinrek Maasen mit seinem Affen und Sumatra hatte auch
recht gehabt.

Ich strzte den Mittag ber den Treibhusern Tante Evelyns ab und hatte
das Unrecht, mitten in ihnen zu landen. Ich mute nmlich lachen, als
Tante Evelyn im gleichen Moment den Garten betrat, denn ich dachte an
das Amulett an ihrem Hals. Ich hatte aus den Gestndnissen des Niggers
entnehmen mssen, da sein Zweck war, seine Locken zu opfern fr die
Andenken, die tglich von dem denkerischen Vorkmpfer Deutschlands
gefordert wurden. Ich dachte daran, fiel, und meine Rolle war
ausgespielt.

Ich wte keinen Balten, sagte mein Vater, als ich ihm die Sache mit
allen Umschweifen erzhlte und mit meinem Sturz endete, ich wte
keinen Balten, der mich aus dem Gleichgewicht brchte und lchelte ein
wenig. Dies Lcheln ging mit mir, als ich am nchsten Tag mit seiner
Erlaubnis zu Onkel Gilbert fuhr, der bei Citron in Paris an einer
Verbesserung des Dieselmotors bastelte. Seine Motore sollten Schiffe
anspringen lassen mit Hochgeschwindigkeit, drehen lassen wie Kreisel,
unabhngig machen von Kohle. Es interessierte mich mit allen Fibern und
war mir mehr Glck als die Schule der Weisheit von Cook. Es
interessierte mich sehr, aber es milang.

Wir boten die Sache nunmehr auf mein Anraten auch Cook an, und siehe,
der Mierfolg strte ihn keineswegs. Kaufen wir, sagte er es ist
Sensation. Er bot meinem Onkel dann die Schluleitung des Baues der
elektrischen Schnellbahn an durch Mittelamerika. Wir bauten die Sache
fertig, ich beaufsichtigte sechstausend Chinesen, scho nachts mit
Maschinengewehren nach Pumas, die wie russische Kavallerie anrckten,
ich fuhr mit Gilbert und dem Prsidenten Huerta im fahnengeschmckten
Lokomotivwagen die Erffnungsfahrt durch Mexiko.

An der Empfangsstation stand Cook und drckte dem Onkel und mir Scheks
in die Hand. Wie heien Sie, Sennor?, rief er hinter dem Onkel her.
Ich habe Ihnen den besten Motor der Welt verkauft, sagte Gilbert und
steckte die Hnde in die Taschen. Cook lachte ber das ganze Gesicht:
Sind Sie Ihr Motor, Sennor? Name ist kein Geschft. Mijnheer, ich
wurde rot vor Wut und wute nicht warum. Ich bin von Geschft zu
Geschft gefahren in der Folge, ich sah, da alles kuflich war, da
alles nur Geldwert hatte, Brsentaxe und Preis. Ich flog zwar mit Ernst
von Csala von Berlin bis Neapel, tauchte zweitausend Meter mit dem neuen
Motor auf den Meeresgrund, ich liebte mein Dasein zwischen
Eisenkonstrukteuren, Hochstaplern, Erfindern. Geschft, Geschft! Ich
bekam Geld und war nicht glcklich. Ich war ein smarter Junge, Mijnheer,
und auf meinen Vorteil aus wie ein Balte, allein mir fehlte etwas und
ich wute nicht was.

Auf einem Segler hinter Martinique wurde ich krank, der Arzt
diagnostizierte gelbes Fieber. Auf der Hhe von Paramaribo hiten wir
die gelbe Flagge, kein Hafen gab das Anlegesignal. In Maranhao zog man
die Flagge ein, schmuggelte mich ans Land, ein deutscher Arzt
konstatierte die Pest, ich ri aus vor der Baracke, ein andrer heilte
mich, aber ich hatte auch da nicht das, was dieser bestimmte. Aber ich
hatte das Vergngen, Herrn Kamnitzer zu empfangen, der von Pernambuco
heraufkam, in Firma Rei Irmos & Compagnia, ich hatte gute Beziehungen
von Mexiko zur Compagnia, ich hatte ihr manchen Gefallen getan und sie
umwarb mich, ich trat ein.

Ich trat in die erste Firma ein, die Brasilien besitzt. Trat ich in die
Loge des Theaters, sandte der Gouverneur Pernambucos seinen Adjutanten,
mich zu begren, fuhr ich im Segelboot der Firma durch den Hafen,
salutierte ein Kriegsschiff. Doch das Kriegsschiff salutierte nicht mich
und nicht Marion, die Tochter von Rei Irmos & Compagnia, obwohl sie
schne Zhne und entzckende Beine und die Hften eines Jungen hatte,
sondern es salutierte das Geld der Firma. Das rgerte mich, aber ich
verliebte mich in Marion, und nun stand mir ein Reichtum bevor, wie
keinem andern in Brazil, ich wrde Land haben, grer als The German
Empire.

Ich konnte mich aber nicht gut mit Marion unterhalten, trotz ihrer
breiten Schultern, ihrem schmalen Becken und tiefgrauen Augen, denn sie
verstand nichts von Dingen, die uns angehen, und in ihrem Hirn war
nichts als Luft! Ich schenkte ihr also, um sie anzuregen, das einzige
Buch, das ich hatte, das Tante Evelyn mir in diesen Tagen sandte, sie
las es aber nicht, sondern schenkte es einem deutsch redenden Koch, das
krnkte mich, denn es war immerhin, wenn es auch vom Grafen Keyserling
war wie alles, was Tante Evelyn sandte, ein gescheites, und fr Marion,
die nur auf Pferde dressiert war, ein gut geschriebenes Buch. Sie war
jedoch zu gut gewachsen, um ihr fr Fehler ihrer Bildung zrnen zu
knnen, ich berging es. Aber ich ging in die Kche, als ich dort laut
deutsch singen hrte.

Da fand ich den schwarzen Diener meiner Tante, er hatte das Buch des
Grafen auf eine Pfanne ber den Herd gelegt, die in der Luft schaukelte,
las laut und mit Trnen die Seiten, und wenn er eine beendet, ri er sie
gerhrt aus der Bindung und drehte sie als Pappillote in seine Haare. Er
sah mich traurig an, als ich ihn frug, warum er hier sei, griff an den
Kopf und lftete ber einem nackt schillernden Schdel seine wollige
Percke. Seine Natur hatte einen furchtbaren Streik gefhrt gegen die
bergroe Beanspruchung seines Schdels, trotzdem er zu einem besonderen
Zweck, zur Wiederherstellung der Weisheit in Deutschland, ihn zur
Verfgung gestellt hatte.

Ich gab ihm fnf Dollars und dachte, es sei nicht gut, mit clever
geschriebenen Bchern eine faule geistige Bewegung in Deutschland
starten zu wollen, denn das Papier und die Schdel gerieten nur tragisch
aneinander. Aber ich dachte auch, es sei nicht gut, mit seinem Geist ein
Geschft zu machen, denn Geschft sei alles, und darin zu ersticken sei
erbrmlicher und langweiliger als ein Steward oder Chasseur zu sein. Ich
dachte aber auch, es sei von Marion nicht schn, das Buch gar nicht zu
lesen, und da der Nigger sie beschme, der nur ein wenig an Europa und
nicht an seinem besten, sondern seinem anstigen Teil geleckt habe.
Whrend ich das bedachte, in diesen Tagen, wurde der Gesang in der Kche
leiser und schwieg dann, der Schwarze mute die Lektre beendet und wohl
alle Seiten in die Percke gerollt haben.

Mijnheer, wie raten Sie, da diese Geschichte endet? . . . Wie ging dies
Stck Jugend zu Ende? Sehr rasch. Ich ging eines Morgens in diesen Tagen
in den Garten nach Wochen einer suigen Hitze, in deren Feuchte nachts
die Schuhe vor den Tren schimmelten, ich ging in den Garten. . . da lag
das Himmelblau so geschliffen, so unendlich zwischen den Bumen
ausgespannt, da mir armem Burschen die Trnen in die Augen schossen.
Ich hatte vorher zum ersten Male ein Gedicht von Nietzsche gelesen und
ich hatte pltzlich die Sehnsucht eines besseren Lebens im Blut.

Ich ri die Nacht noch aus, ich fuhr instinktiv nach Europa zurck. Ich
hatte mein Herz und mein Temperament an die tackenden Rhythmen der
Motore gehngt und nichts erlebt als Geschft. Ich hatte die
ffentlichen Wunder abgegrast und nichts erlebt als Geschft. Ich hatte
mich meiner Zeit in die Arme geschmissen und sie hatte mir nichts
gegeben als Geschft. Ich pfiff darauf.

Ich ahnte die Anerkennungen, die erst dahinter liegen muten, ich sprte
den Glanz und den Ruhm einer hheren Bedeutung. Ich bekam Sehnsucht nach
Europa, wo gemalt und geschrieben wird, wo die Frauen die Bcher nicht
den Schwarzen schenken, wo die Vierzehnjhrigen nicht die
Dreizehnjhrigen heiraten, wo die Nigger nicht das Wahlrecht haben und
wo man die Mdchen nicht in Hngematten halb wie Gttinnen und halb wie
Schweine zchtet. Ich wollte eine hhere Anerkennung meiner Leistung als
Geld, ich wollte, da man meinen Namen behlt, ohne Absicht auf
Geschft. Ich hatte die Entdeckung eines Ruhms der inneren Leistung
gemacht, ich fuhr nach der Alten Welt mit einer Glckseligkeit ohne
Maen.

Ich desertierte wohl, damit Sie mich nicht falsch verstehen, von Rei
Irmos & Compagnia, um den Ruhm zu finden, aber ich machte deshalb keine
geschftlichen Dummheiten, sondern blieb smart. Ich machte mich auf, nun
endlich die geheimen Wunder zu suchen, etwas ber Blriot hinaus und
etwas glnzender wie die Karikatur des Balten. Ich trennte mich an jenem
Tag von Chamforts Armee der Dummen, die alles Geistige verlacht, aber
ich gesellte mich keineswegs zu den hochmtigen Fratzen, die auf den
Motor wie auf eine Ratte herabsehen. Ich war ein Meister der
Impertinenz, aber ich habe das Errten dazugelernt.

Das beste Gesicht der Gegenwart ist der Ausdruck des Mannes, der etwas
nach unten Lauschendes besitzt, weil sein Ohr den Gang des Motors zu
kontrollieren gewohnt ist, dessen Stirn aber mit einem gewissen Respekt
vor der Gre der geistigen Welt ber der scharfen Nase nach oben
getrieben emporstrebt.

Man sagt Ja zu der Gegenwart so, ohne sie zu berschtzen. Man nimmt
ihre Sensationen, Gottseidank und erheitert, und wei sich eines ewigen
Besitzes dennoch nicht unteilhaftig.

Dies, glauben Sie, sei natrlich, und ein Narr, wer diese Verbindung
nicht fnde? Es hiee, Mijnheer, die Diane de Gabies mit Aphrodite
Kallipygos in eine Figur bringen, das schmchtig Knabenhafte und die
wollstige Flle verbinden, es hiee Leben und Arbeit vershnen, Kampf
und Muse in dasselbe Bett zur Zeugung legen und schlielich Kunst und
Dasein in eine seltsame Harmonie wiegen.

Das, Mijnheer, ist fast bermenschliches schon, und wer es vllig zu
lsen verstnde, wre ein Alchimist oder der Genius. Wer dem Ziel aber
nur nahekommt, hat verfluchtes Glck oder eine gesegnete Masse Blut
gelassen.

In der Tat, Mijnheer, ich bin von Rei Irmos & Compagnia desertiert,
weil ich andere Liquidationen vom Schicksal erwartete als den platten
Erfolg oder das angenehme Leben. Wie aber fand ich das Ideal gehtet
jenseits der Scherze, denen ich in meiner ersten Jugend beiwohnte? Wie
fand ich spter, als ich nachdenklich und kritisch wurde, Nation und
Leistung und Kultur zusammengewachsen mit jener geheimnisvollen
respektusen geistigen Erregung, die jeden bedeutenden Ruhm in ihren
Tiefen lange ber die Menschheit erzittern lt?

Ach, Mijnheer, ich fand die Stellen nicht mehr, wo die Traditionen und
die Gegenwart sich zusammenfgten, und ich fand den Hebel noch weniger,
mit dessen Kraft die Gegenwart einen Einzelnen als ihren repsentativen
Trger heben konnte. Ich fand nur Zauberknstler und Akrobaten.

Aber ihre Trikots waren so durchsichtig und ihre Kunststcke so
erbrmlich, da auch das Publikum ihnen bald nur Gelchter schenkte. Ich
fand die Aristokraten, die das geistige Leben lange trugen, schmollend
beiseite, weil es ihnen politisch scheinbar kontrekarrierte, ich fand
die Brger das geistige Leben subventionieren und innerlich verachten
und die Arbeiter noch beschftigt mit der Befreiung aus der Sklaverei
und weit entfernt, aus sich schon jetzt eine Unterlage von Gesellschaft
unter die Gegenwart zu schieben. Ich fand wohl die irgendwo schwebende
Ehrfurcht vor den Taten der Weisheit, aber ich fand nicht die Nation,
die ihr schnes Geste ber sich hochtreiben knnte.

Ich mu daran denken, da ich Anatole France und Herrn von Ghrardine an
einem und demselben Tage einmal traf. Ich sah, wie der greise Romancier
die Grenzen seiner Wirkungsmglichkeit und die Geringfgigkeit eines
wirklichen Einflusses mit seiner melancholischen Heiterkeit klagte. Und
ich hrte, wie mir Ghrardine, der mit den violetten Farben des Quartier
Latin geschmckte Knig der Bohme, ein Verse machender verkommener
Brger, Bruder eines Admirals der franzsischen Flotte, dem man Absynths
bezahlte, mir abends vor einem Caf des Boulmich gascognierend rhmte:
wie sein Beispiel und seine Angriffslust seine Bevlkerung beeinflut
habe.

Beide waren im Unrecht, ebenso wie Rousseau, der meinte, die Knstler
verdrben das Volk, und der ihnen damit eine Ttigkeit zubilligte. Kein
Dichter hat einen wahrhaften Einflu von sich auf die Welt gehabt und
keiner hat sie verndert. Sie vermgen dem Volk und der Zeit und den
Sitten nichts anzutun, denn sie sind nur deren Produkt. Rousseau war ein
Naturbesessener, weil seine Zeit auch ohne ihn begonnen hatte, aus den
Zwngen und Vergipsungen zu strzen und die Freiheit wieder zu suchen.
Anatole France hat das Pech, nicht die Spitze einer erlesenen Epoche zu
sein. Aber er ist darum gerade der Reprsentant seiner Gesellschaft, die
er nicht beeinflussen kann, weil sie fertig ist, und die nicht auf ihn
hrt, weil sie genau so skeptisch ist wie er. Und er irrt, wenn er
annimmt, da sein Volk eine Anatole Francesche Ironie trage, vielmehr
besitzt sein Werk nichts anderes wie das mde und sich verspottende
Lcheln seines Volkes, in dessen Widerschein allerdings seine
brgerliche und abgekmpfte Zeit wie in einem eleganten Todesurteil
schlft.

Auch Herr von Ghrardine ist nicht ohne Sinn, obwohl er ein platter Narr
war, denn er hatte die Einfalt eines Glaubens, der so widernatrlich
dumm war, da ihn blo die Idioten besitzen knnen. In Wahrheit hat nie
ein Knstler eingegriffen mit seinem Werk auf das Gefhl seiner Nation,
sondern er ist als Erfller ihrer Hhe oder als revolutionrer Bekmpfer
stets nur Seismograph ihrer sichtbaren oder geheimen Vernderung
gewesen.

Sprach er die Sprache seiner Zeit, so war er Zeuge ihrer Erlesenheit,
rief er aber zum Kampf auf gegen die Nation, so handelte er auch als ihr
Beauftragter, denn sie hatte dann jeweils Lust, statt der verbrauchten
eine andere Form sich zu nehmen.

Fr oder gegen die Gesellschaft sein heit nur ihre momentane Kraft oder
ihren nahenden Zerfall spiegeln. Mehr hat kein Knstler vermocht, aber
mancher wohl gewnscht. Wer daraus schliet, da erst die Dichter die
Revolten ausriefen und dann die Umstrze erst kmen, der verwechselt
ganz an der Oberflche des Denkens die Ursachen mit den Wirkungen, indem
er nicht einmal bedenkt, da Gedanken sich rascher formen als die
schweren politischen Tatsachen.

Darum sind die krampfhaften Messiasse mit den moralischen Wegweisern am
Hut und den Kommandos zur Luterung auf der Zungenspitze bedingungslos
verdchtig, weil eine Epoche, wenn sie aus dem Verruchten heraus will,
sich des moralischen Zeichens ihrer Absicht bei den Dichtern mit einer
natrlichen Selbstverstndlichkeit und einer organischen Innigkeit der
knstlerischen Mae bedient. Ethik als Dompteurnummer ist eine Erfindung
schwacher Dichter und verwirrter Perioden der Geschichte.

Die eindeutigen Perioden haben sich klarer zu entfalten gewut:

Karl der Groe benutzte Kunst, um eine christliche Politik zu ben, und
im Rolandslied war es immerhin schon so, da er der beste und seine
Feinde die schlechtesten sind. Aus diesem Suglingsniveau der Geschichte
trat im Mittelalter die Dichtung als Spiegel neben die Zeit, die
Gesellschaft der Hfe ist ihre Tugend und die Gefhle ihrer Form sind
die der Sitten ihrer Nation. Hermann von Thringen gab Walther von der
Vogelweide Auftrge und Wnsche, und die ganze Veldecke-Epigonenschaft
dichtete ihre Literatur um seinen Hof so, als ob es seine Wnsche wren.

Um die Jahrtausendwende schrieb die Murasaki die vierundfnfzig Kapitel
des lasterhaften Erziehungsromans auf Befehl der Kaiserin am Biwasee,
indem sie das Mondspiel auf den Wellen ansah, und sie gab damit nichts
wie die Gewohnheiten ihrer klassisch-japanischen Epoche.

Als die Teppichwirker von Arras und Tournai die Hhepunkte der
Gobelinkunst erreichten, spiegelten sie nur die Kurve ihrer Zeit ebenso
wie die Sorgfalt des burgundischen Philipps, der die Bedeutung dieses
Kunstzweigs so begriff, da er ihm ein steinernes Magazin bauen lie und
sechs Offiziere hineinsetzte. Ja er hat die Teppichfolge, die Karl der
Siebente zum Andenken an seinen Sieg ber die Englnder bei ihm
bestellte, nicht nur selbst in den Kartons kontrolliert, sondern auch
selbst die Ideen dazu angegeben. Aber die Tatsache, da man berhaupt
einen Triumph in dieser Form gestaltete, beweist noch weiter, wie sehr
das eine und das andere sich ergnzten.

Heinrich der Achte von England hat Holbein nach England berufen und
seine Regierung mit dem Beginn der grten Portraitistentradition
Europas geschmckt.

In den Armen Franz des Ersten starb Lionardo, der zrtlichste und
besinnlichste Meister, der sechs Jahre brauchte, wie Herr von Chanteloup
erzhlt, um die Haare eines Bildes zu malen, und der Knig htte kein
edleres Symbol als diesen finden knnen fr seine Epoche, die sich zu
veredeln begann.

Den Goya, der ein Messerheld, ein Bauer war, in Nonnenklster einstieg
und nach Recht an den Strick gehrte, der sein Leben zeitweise mit der
Ausbung des Stierkmpfergewerbes fristete, berhufte der spanische Hof
und seine Aristokratie mit Auftrgen, obwohl der glatte und
klassizistische Mengs dort herrschte, weil man in seiner Wildheit und
revolutionren Khnheit der Farben, ber die von ihm verbten
Totschlgereien hinweg, das Barocke und Eigentliche des spanischen
Gesellschaftscharakters und in ihm genauer wie in Mengs' Amouretten den
Bruder des Velasquez erkannte.

In der gyptischen Kunst hat sich jahrtausendlang die stets
gleichbleibende sakrale Haltung der Fhrerclique erhalten, und die fast
ans Gttliche grenzende Stellung dieser Gesellschaft blieb, nur in
Nancen verndert, der gleichstrebende Ausdruck ihrer Macht derart, da,
so allgemeingltig wie damals, nach viereinhalbtausend Jahren auch heute
noch die sitzende Figur der Nofrit die schnste Frau ist, die je diese
Erde berhrte.

Bei den Indern ist, wenn auch nicht in der hohen Allgemeingltigkeit wie
bei den Nilvlkern, die Trennung der Kasten so scharf durchgefhrt und
steht derart im Mittelpunkt jeden gesellschaftlichen Bewutseins, da
alle Kunst irgendwie den belehrenden Zug bekommen mute, der die
Tugenden und Fehler jeder Schicht abgrenzt nach oben und unten. Es
konnte so das Witzige geschehen, da sowohl Karnisuta (in der Sprache,
die am ppigsten das Poetische in der Welt verwaltet), ein
wissenschaftliches Lehrbuch fr das Diebhandwerk schrieb, und hingegen
die Frstenerzieher in der Form vollendeter groer Dichter den jungen
Knigen klar machten, da sie die Pflicht, den Staat zu lenken,
unbedenklich ber die sonst streng fr andere von ihnen geforderte Moral
stellen drften.

Und wenn August der Starke dem Grafen Flemming, der ihm seine Orangerie
zum Kauf anbot, schrieb, mit diesem Spielzeug gehe es wie mit
Porzellanen, man wolle alle, wenn man einmal Appetit bekommen, so
illustriert das die Sorgfalt, die er seiner Meiener Manufaktur
schenkte, die wiederum nichts anderes war als der grazise Niederschlag
der Sitten seines Hofes und der Wnsche und Sehnschte seiner Umgebung.
Und ebenso wei man, da Friedrich der Groe die Hhe der Porzellankunst
in seiner eigenen kniglichen Manufaktur mit der Liebe bekleidet hat,
die ihrer Bedeutung entsprach, da er den groen Dessertaufsatz fr
Katharina von Ruland selbst redigierte und entwarf und da dies nicht
nur eine Spielerei von ihm war, sondern da er nur eine reprsentative
Geste machte fr jene Parallelitt zwischen Gesellschaft und Kunst, die
damals bestand.

Den europischen Zenith hat dieser Ausgleich unter dem vierzehnten
Ludwig erreicht, wo mit einer genialen Methodik Colbert versuchte, auch
die Knste in sein Merkantilsystem einzufgen, das in der Figur des
absoluten Knigs eine wunderbare kristallfeste Verdichtung sich erfand.
Colbert zentralisierte alles in den Ruhm seines Knigs hinein. Er legte
unter dem Polygenie Lebrun, (der die Architektur, die Akademie, die
Malerei, das Kunstgewerbe unter sich hatte), auch noch als Konkurrenz zu
den Niederlanden eine Fabrik von Wirkteppichen an und suchte damit wie
in Bank-, Forst- und Kriegsgeschften nicht das franzsische Genie,
sondern seinen Knig farbiger zu zeigen. Ludwigs Haushofmeister sagte
Bernini bei dessen Besuch in Paris, Frankreichs Kunstbudget sei so
enorm, da es jeden originellen Plan auszufhren bereit sei, um ihn
keinem anderen Volk zu gnnen. Die absolute Hofform war entschlossen,
alles Individuelle aufzusaugen, und die Kunst spiegelte diese
Gesellschaft wieder in einer so konsequent gegliederten und auf eine
imposante Herrlichkeit bezogenen Form, da sie das Geprge der
Geschlossenheit mit dem der Anmut zeigte, welches die Epoche in einem
einzigartigen Mae hier besa.

Die Gegenbewegung kam mit Rousseau, und die Kunst gab sich mit ihrer
wundervollen Dirnenhaftigkeit einer revolutionren Klasse, die
allerdings spter auch wieder brgerlich sich zu beruhigen bestimmt war,
bis ihr die neusten revolutionren Spreuen der Bolschewiken in das
Antlitz sprangen.

Delacroix in Frankreich und Hogarth in England sind die Beweise, wie die
brgerlich revolutionren Epochen sich in der Kunst deuten lieen.
Holland wiederum, das brgerlich frh begonnen hatte, vermochte dem
Zauber der hfisch gerichteten Gesellschaft so wenig zu entgehen, da
nach einigen Ausschlgen und Angleichungen an die spaigen Figuren der
neuen Schichten und deren Bedrfnis die Kunst am Ende ebenfalls wieder
hfisch wurde.

England jedoch hat seine umstrzende Revolution so frh gehabt, da
seine Kunst sehr bald das brgerliche Leben in aller Breite umfate.
Reynolds und Gainsborough sind die Schilderer einer sehr bewuten
brgerlichen Schicht, deren Gesundheit und Pompmangel nicht ihre Kraft,
da zu sein und zu herrschen, desavouierte, und die Demokratie Englands
ist nicht etwa Zerfall der Einheit zwischen den Musen und den Menschen,
sondern erst recht ein ausgezeichnetes Vereinen. Die ganze groe
Literatur der Briten von Goldsmith bis Shaw, von Smollet bis Scott, von
Dickens bis Fielding ist ein Bild der Gesellschaft, die sich brgerlich
und nicht aristokratisch bewegte, und das machte sie bedeutend und gab
ihr die groe europische Resonanz.

Das verlieh ihr mit den Geilern Hogarth und Swift und den Ironikern
Dickens und Sheridan und den Predigten Thackerays jene Kontrolle, die
auch die Gesellschaft an sich selbst dauernd bte, die sich nach oben
und nach unten abgrenzte und durch die strenge Moralinsucht dieser
Menschen ihrer Literatur das ethisch-weltmnnische Cachet einer
brgerlich-stolzen Kunst gab. Whrend der Franzosen vom Hof her oder von
der Aufklrung her im Grunde skeptisch-frivole Kunst wie alles
Franzsische letzten Endes nicht in der Nabelschau der Sitten hngen
blieb, sondern, knstlerischer gezchtet, stets ebenso sinnlich wie
logisch sich durchdrang.

So prgten in sich gerundete Zeiten ihren Ausdruck und hatten von den
Knigen bis zu den Zllnern und den Abdeckern bis zu den Cromwells sich
in der Kunst ein Karussell geschaffen, das sich um sie drehte, und es
wre die abscheulichste Gaucherie zu sagen: nicht die Figuren der
Rutschbahn drehten sich um die Epoche, sondern die Zeitlufte liefen
hinter ihren Kirmis-Schatten her. Man kme nicht nur zu falschen,
sondern zu idiotischen Schlssen, etwa wie jener Englnder, der in
Grnoble einem rothaarigen Kellner begegnete und in sein Journal
schrieb, die Franzosen stotterten und besen ein rotes Fell; oder wie
Petron noch bissiger behauptet, man habe bei der Einnahme Numantias
durch Scipio Mtter mit angefressenen Kindern an der Brust gefunden, und
daraus schlo, es sei die Eigentmlichkeit mancher Vlker, ihre Toten zu
verzehren. Er war ein Spamacher und wute wohl, da die Frauen nur
hungrig waren. Man darf ohne Zweifel auch den tragischsten Appetit mit
der Religion nicht verwechseln.

Die Bindung war so innig, da Wechselbeziehungen zwischen Nation und
Knstlern entstanden, die auf eine durchschnittliche Ehe schlieen
lieen. Der Knstler war in seine Gesellschaftsstruktur verwoben wie
irgend ein General und irgend ein Erzieher, und nahm, je klarer die Zeit
war, einen um so hheren Platz ein. Voltaire war der Freund des
groen Friedrich und Goya ehrte man mit einem Gehalt von
hundertsiebenzehntausend Realen fr eine Arbeit und ffnete ihm alle
Salons. Voltaires eigener Knig aber, um ihn zu rgern, trug die Kosten
eines Stckes, das er bei dem lteren Crbillon bestellte. Die Maintenon
lie den zrtlichen Racine biblische Stcke schreiben, von denen
Friedrich wieder sagte, er habe lieber die Athalie geschrieben als
seine Kriege gewonnen (aber er dachte das nicht).

Das knstlerisch-politische Treiben war so verschmolzen, da die
Korrespondenz von Grimm als Hauptabonnenten nicht nur Friedrich, sondern
auch die russischen, schwedischen und polnischen Hfe als begeisterte
Neugierige umfate. Petrarca konnte sich anmaen, Schiedsrichter im
Seekrieg zwischen Genua und Venedig zu sein und selbst in kirchliche
Dinge sich einzumischen, indem er die Ppste beschwor, Avignon zugunsten
von Roma urbs aufzugeben und tat das gewi nicht als Vorrecht seines
dichterischen Talentes, sondern weil sein Jahrhundert in einem so
vollkommenen Literaten einen vorzglichen Brger erblickte.

Die gesamte franzsische Literatur hatte Gelegenheit, sich an Preisen
und Ehrendotierungen zu letzen, und wenn die Betrge manchmal nicht
gewaltig waren, so war der Ruhm und das Aufsehen, das sie verschafften,
nicht gering. Viktor Maria Hugo, Sohn eines bonapartischen Grafen und
zum Offizier bestimmt, erhielt mit fnfzehn Jahren von der Akademie eine
ehrenvolle Erwhnung, mit siebzehn drei Preise der Blumenspiele von
Toulouse und mit zwanzig fr seine Oden eine Jahrespension von tausend
Francs durch den achtzehnten Ludwig. Der vierzehnte Ludwig hatte den
gttlichen Bernini wie einen Knig an der Reichsgrenze abholen lassen,
ihn mit erdenklichem Pomp monatelang gefeiert und fr sein Portrait ihm
seine knigliche Freundschaft neben einer groen Summe und einer
ertrglichen Pension verehrt.

Dagegen besagt die Legende, da Cumae dem Homer die Rente verweigert
habe, weil sonst alle Blinden sie verlangen wrden, nichts anderes, als
da man einen Brger nicht von einem anderen des Talentes willen zu
unterscheiden gewillt sei und nicht, da man ihn nicht gerne auch mit
dichterischem Ruhm bekleidet an die Spitze des Staates stellen wrde.
Dasselbe haben, aus der demokratischen Tugend ihres Staatswesens heraus,
die Venetianer ohne Zweifel gedacht, als sie Goldoni, der arm war, die
Pension nicht gewhrten, weil sie annahmen, er wrde, reich, nichts mehr
arbeiten.

Sie kannten das menschliche Herz wohl und haben in ebensolcher Klugheit
den Tizian, der nicht nur die fabelhafte Glanzfigur dieses Daseins,
sondern auch der prominenteste. Brger ihrer Stadt war, unter der
Teilnahme des Volkes in ihrer schnsten Kirche beigesetzt. Die Briten
haben das Gleiche veranschaulicht, als sie Sir Joshua Reynolds, ihren
weltmnnischsten Maler, unter dem Beifall der Nation in der Paulskirche
zu London begruben, und sie taten dies nicht, um die Kunst zu ehren,
sondern um dem Brger ihren Beifall auszudrcken, der durch Kunst dem
Vaterlande Glanz und Ruhm hinzugefgt hatte.

Sie ehrten alle in diesem Diorama sich selbst und eher den Mann als den
Knstler. Darum wehrten sie den Dichtern auch nicht, die Staatsgeschfte
zu fhren, wenn ihr Geist sie dahin zog, und der Earl Lytton-Bulwer, der
mit zweiundzwanzig Jahren den Preis von Cambridge fr ein Gedicht
erhielt, der mit Achtundzwanzig Mitglied das Unterhauses wurde, der das
glhend-weinerliche Buch von Pompejis Untergang schrieb, wurde
britischer Minister und beigesetzt in der Westminsterabtei. Die
Franzosen zogen ihre hervorragenden Dichter in die Nhe der Hfe weit
ber ihren damaligen Stand hinauf, die demokratischen Briten berlieen
ihnen, wenn sie nicht Zigeuner waren, im Tauglichkeitsfalle die Leitung
der Geschfte ihrer Nation. Sie gehrten als Zeitgenossen in die
Volksgemeinschaft, lebten, starben mit den andern, wurden wie die
brigen geehrt und fhlten sich selbstbewut nicht weniger wie die
Offiziere und nicht weniger borniert wie ihre Bekrittler und sicher
ebenso hungrig nach Geld, das sie speiste, wie jedermann ihrer Zeit.

Ihr hherer Ruhm umglnzte sie ber die Zeit hinaus, aber sie gedachten
nicht der Kunst als etwas Absonderlichem allein zu leben, sondern sie
trieben ihr Handwerk im Ma ihrer Talente. Die Veronese und Rubens
wiederholten sich bis zur Verkitschung nur deshalb sooft, weil sie die
Menge der Bestellungen ihrer Zeitgenossen sonst nicht bewltigt htten
und sie bedurften dieser Auftrge, um den Aufwand ihres Lebens zu
bezahlen. Die Balzac, Thackeray, Scott schrieben nur deshalb wie die
Tollen, damit sie mit den Einknften ihre wirtschaftlichen Bankerotte
balancieren konnten.

Schottlands bester Lyriker, Robert Burns, lie seine Gedichte drucken,
da er durch Ausschweifungen pleite war und sich das Geld zur Reise nach
Jamaika zu verschaffen suchte. Fielding zeigt ein hnliches Gesicht und
Gainsborough sprach nicht ohne Lcheln, er wnsche Geige zu spielen und
male lediglich, um sich den Lebensunterhalt fr dieses Vergngen zu
verschaffen. Noch Oscar Wilde floh manchmal aus der Gesellschaft und
verschwand, um rasch ein Kunstwerk mit aller Konzentration zu machen,
ebenso wie Tobias George Smollet, der sich hin und wieder aus den
Ausschweifungen des Landlebens und von seinen Gsten zurckzog, um
seiner Monatsschrift die Fortsetzung eines Romanes zu liefern, die ihm
die Fortsetzung seines Lebens ermglichte.

Die kalten Briten haben in ihrer unverfrorenen Form die meiste Freiheit
gehabt anzuzeigen, da ihnen gute Kunst ein gutes Leben wert sei und da
ihre Gesellschaft die verdammte Natrlichkeit haben msse, es ihnen zu
liefern. Sie empfanden sich so sehr und so glatt als Partien einer
Gesellschaft, wo jedes Verdienst sich in Geld umsetzte, da ihnen der
ble sthetenton gar nicht in den Sinn kam, mit dem die schwchlichen
Knstler jeweils mit hlichem Pathos von der Heiligkeit der Kunst
predigen gingen, wenn ihnen, falschen Heuchlern, die Zunge nach
Roastbeefs heraushing.

Jede Leistung hat in der menschlichen Struktur ihr Anrecht auf die
entsprechende Vergtung. Walther von der Vogelweide verlangte
unzweideutig sein Lehen als Lohn dafr, da er sich fr die Staufer die
Kehle ausschrie, und die Gesellschaft jeder besseren Epoche hat das
anerkannt.

Miflle beweisen ebensowenig wie das Faillit groer Kaufleute, die
nicht einmal den Ruhm aus dem Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen
Existenz retten konnten. Die Knstler haben zu jeder Zeit aus den Truhen
ihrer Zeitgesponse gesckelt, was sie scheffeln konnten, und haben
versucht, sich das Leben so prchtig zu machen wie es ging. Und die
Bastonade gehrt dem, der ihnen einen Vorwurf daraus machen mchte.

Denn da jemand nur der Kunst leben wolle, wie manchmal heute unsinnig
geschwatzt wird, oder hnliche Konfusionen auch nur zu denken, ist genau
so verwirrt als wnsche einer nur seinem Bein zu leben oder nur seinem
Phallos, wo er doch in seinem Krper einen Gesamt-Organismus mit guter
Speisung so zu versorgen hat, da alle Glieder marschieren oder alle
verloren sind.

Diese artistischen Kleine-Leute-Einstellungen beweisen hchstens, da
die Ausbenden sehr geringfgige Herrschaften sind, oder da die Zeiten
und ihre Gesellschaft hllisch sein mssen. Denn da jemand von ihnen in
die Kunst flchtet, das heit im Grunde nichts anderes, als wie sein
eigener Schatten von sich selbst davonlaufen. Die festen Leute haben im
Gegenteil jederzeit erreicht, da Kunst keinen Heiligenschein aus
Papiermach bekam, vor dem sich nur die Sonntagsjger der Nation
verneigen wrden, sondern da Kunst ihren Zeitgenossen soviel wert war
an Gold wie die beste Ware, die sie sonst zu verfertigen in der Lage
waren, und da es ihnen auch Glanz gab und jenen heimlichen Ruhm noch
hinzufgte, der keiner geistigen Heldentat zu nehmen ist. Sie verstanden
sich unter ihren Zeitgenossen als Mnner der Erde auszuwirken und
dennoch dabei die geheimnisvolle Flagge der Kunst unsichtbar zu
entfalten.

Mijnheer, als Heinrich Heine in seinem Gedicht Deutschland ein
Wintermrchen allen Spott der Heimat antat, gelang es ihm nicht, die
Trnen einer unerbittlichen Liebe zu ihr zu bemeistern. Mijnheer,
derselbe Mond, der seine heimatliche Landschaft berfunkelte, ist eben
aus der gleichen Inbrunst auch drauen ber Ihrem Kopf aufgegangen und
die Wolken haben sich so sanft um ihn entschleiert, als wollten sie
seine Seltenheit mit der Behutsamkeit ihrer Eile begren und die Pause
feiern, die die neu formierten Sturmtruppen bald wieder mit Geknatter
zudecken werden. Indem er die Schneewste sanftblau bis an die
Gesichtsgrenze frbt und alle Gegenstnde in eine geheimnisvolle
Entferntheit hineinrckt, hat das Gestirn einen Zauber, als trage es in
seiner stillen Heiterkeit ber die Unfruchtbarkeit der Jahreszeit das
Sinnbild einer ewigen lichten Bestimmung.

Mijnheer, ich glaube, es war auch derselbe Vollmond der Verheiung, dem
ich von Pernambuco als junger Bursche nach Europa nachgelaufen bin, und
die Kurve dieses Glanzes hat mich stets am innigsten an die Heimat
gebunden. Ich habe in Deutschland gesucht, jenes Gefhl Europas zu
finden, das mich am tiefsten anzog, aber der deutsche Mond hat sich mir
nur selten entzaubert und ich mute in den langen Mondnchten fremder
Nationen mir erst die Besttigung fr meine Sehnsucht holen, die mir die
Heimat nicht mit gleicher Deutlichkeit zu geben vermochte, und die
Mondnchte der Fremde waren oft von jener glhenden Schnheit und
Klarheit, die die Leidenschaft begeistert, wenn sie auch nicht die
verschleierte Zartheit und die seltene Innigkeit der unvollkommenen
Deutschen besaen . . . . . . . . . . . . . . .

Ganz unten spiegelten sich zuerst nur religise Agenten in der deutschen
Dichtung, dann gab sie den Vorgang einer Belehnung, nachdem die wilden
Dmonen des Heidentums aus ihr ausgetrieben waren, in Ruodlieb kam
Phantastisches der ritterlichen Zeit schon schchtern auf und Rother
schildert Vasallentreue. In Blanche und Blancheflor aber liegt schon
wie der Sternhimmel in einem Teich die Gesellschaft des Hofs. Das blieb
in immer heftigerer Pracht ber die guten Jahrhunderte des Mittelalters.
sterreich wehrte sich lange ein wenig gegen den neuen Stil, der die
Zeit irr ihren Gebruchen und in ihrer Seele wiederzugeben bestimmt
schien, aber der Vogelweider brachte die hfische Schrfe zusammen mit
den Lilien, Rosmarin und Rosen des Volkslieds, das damit ausstarb, in
eine gelockerte Pracht. Um Hermann von Thringens Hof scharte sich der
Olymp der Poesie, Walther, die Schler des Veldecke und Wolfram, der wie
Walther nicht zu lesen und schreiben vermochte. Um einen anderen
ritterlichen Mzen sammelt sich die Nachfolgeschaft Gottfrieds von
Straburg. Ein Wrzburger schreibt nach einer Epoche des Ausgleichs
zwischen den Idealen und den Liebhabereien der Zeit das letzte hfische
alemannische Epos.

Die Kunst geht in die Stdte und magert ab ber den ganzen Krper. Die
Brgerschaft des Meistersangs hat keine Welt, sondern nur ein Gemuer um
sich, sie lt die Sprache nicht blhen, sondern benutzt sie als
Turngert fr ihre spieigen Launen. Es gibt nichts mehr, was gespiegelt
werden soll, und es gibt nichts mehr, was spiegelt. Statt in einen Park,
hat man die Kunst in eine Abdeckerei gefahren und statt als nackte
Gttin haben sie als ihr Sinnbild einen Paragraphen auf den Sockel
gesetzt.

Es gibt keine Demokratie in den deutschen Stdten wie in England, es
hilft kein breites brgerliches Selbstbewutsein sich mit ihr wie Venus
mit dem Spiegel an die Spitze des Ansehens der Erdnationen. Sie ist
bestimmt, zwar groe Zeiten zu erfllen und mit ihrer Schnheit den
Glanz einer gttlichen Epoche darzustellen, aber man hat sie als Magd an
die brtigen Krmer verkauft. Es gab kein Deutschland, das sie
reprsentiert htte, sondern es gab Kriege und Balgereien, Reformationen
und Friedensschlsse, die alle fr andere Rechnung gingen als fr das
Nationalgefhl eines gesunden Volkes. Maximilian versuchte noch einmal
ritterliches Denken in ihr zu entfachen, aber er schrie in einen leeren
Wald. Wo keine Ritter standen, konnten keine Schatten ritterlicher
Gefhle fallen. Das war vorbei.

Die Gelehrten bemchtigten sich ihrer und haben bis Lessing furchtbar
mit ihr gehaust. Man kann wie durch das heimliche Glas eines
Bienenstockes durch die Literaturen auf die Vlker Frankreichs und
Englands und ihren Bau und ihre Geschichte und ihr Schicksal sehen.
Durch die drren Treillagen der deutschen Poesie sieht man in eine
Morgue.

Man sah lediglich auf einige Koterien, die sich seit lngerem mit der
Literatur zu beschftigen gewhnt hatten zu ihrer eigenen Belustigung
und ihrer eigenen Not, aus einem falschen Ehrgeiz oder einem
schmerzlichen Verhngnis heraus, denn im Herzen htte mancher lieber die
Stelle eines Profossen oder eines Hanswursts, die sich besser dotierten,
ausgebt. Man sieht auf eine Pantomime von Herren, die ihre Glieder und
Gedanken im Rhythmus der Sprache bewegen, aber man sieht kein Volk. Denn
weder in den Taten der Bejaher noch in den Gesten der Verneiner lag
etwas von dem Elend oder der Hhe des Volkstums, sondern, was sie
produzierten, waren der Mummenschanz von Carbonaris, und ihr Geheimbund
interessierte sie, aber nicht das Volk.

Waren sie fr oder gegen die Gesellschaft, hatten sie das gleiche
Unglck, da keine bestand und da sie daher eher Kuriositten als
Sinnbildern glichen. In dieser Verwirrung schienen sie seit langem
entschlossen zu sein, Revolutionre zum mindesten zu bleiben, soweit sie
nicht die nchste Umgebung ihres Hauses zu besingen sich mhten, und vor
lauter Aufruhr kamen sie nie zu einer gesunden konservativen Art.

In dem Zirkus der Eitelkeiten, in dessen Logen die Nation gar nicht
einmal sa, liefen wie junge Englnder des Mittelalters die Mnner des
Sturms und Drangs herum, die Schlegels als Prachtstcke der katholischen
Propaganda, die Gottschede frisiert  l'oiseau royal, und selbst die
Tiere schienen eine andere Zone des Klimas als ausgerechnet das deutsche
darzustellen. Um was es bei diesem Getse ging, war keinesfalls die
deutsche Nation, es war die Beschftigung einiger Schicksalbestimmter
mit einer wichtigen Angelegenheit, um die sich die Nchst-Beteiligten
aber gar nicht kmmerten.

Sie hatten keine Gelegenheit dazu, weil es kein nationales Deutschland
gab, sondern einige Dutzend Frstentmer und da deren Interesse ihre
Landesgrenze war und nicht die Welt. Das brgerliche Volk las englische
Romane, die Aufgeklrten wandten sich der franzsischen Literatur zu,
die Masse fand die Verehrung der Klassiker als Rettung. Die Literatur
blieb groenteils Beschftigung der Knstler und bekmpfte sich durch
sie, wie blich in Deutschland, bis aufs Blut.

Deshalb waren die deutschen Dichter gezwungen, in kleinen Stellen und
auf armselige Weise ihr Leben zu verbringen, whrend die Englnder in
Lordkutschen Europa durchreisten und die Franzosen in Paris geschliffen
wurden fr eine einzige Geste weltlicher Urbanitt. Die Deutschen waren
so zersplittert, da sie in ihren Poeten nicht die besten Formen ihres
Charakters und in ihren Werken nicht die erlesensten Tafeln ihres Ruhmes
zu erkennen vermochten. Es bestand keine Bindung, keine Ehe, ja nicht
einmal eine flchtige menage parisien zwischen der Gesellschaft und
der Kunst, und die Rebellen wurden beseitigt und nicht geehrt und
gefrchtet, und die Starrkpfe wurden wie das Junge Deutschland gleich
einer Savoyardenbande ber die Grenzen gekehrt.

Nur ein Volk, das hoffnungslos einer eigenen wrdigen selbstbewuten
Sicherheit und Grazie entbehrt, kann mit dieser Grausamkeit gegen die
verfahren, die seine Lieblingskinder sein mten. Wohl haben einige
Frsten die Liebhaberei gehabt, sich nicht nur mit Jagd, sondern auch
mit den Musen zu umgeben, und nach dem groen Friedrich, der allerdings
europisch eingestellt war, haben einige seiner Nachfolger sich auch fr
die Bhne interessiert. Allein, es war nicht das Spiegelbild preuischer
Tugend und deutschen Wesens, was sie da suchten, sondern sie haschten
nach der Atmosphre des Theaters und dem Betrieb seiner unterhaltsamen
Luft. Auch in Bayern ward Kunst ein Trumpf, doch hatte der beste
Wittelsbacher die falschen Karten in der Hand und den Wahnsinn im Hirn,
und ihm so wenig wie dem hessischen Brabanter, der zwischen zwei
Generationen sich setzte, gelang es, die Snde der Jahrhunderte und das
Fehlen des Geistes und eines mchtigen nationalen Ausdrucks durch
Schwanengrotten und Jugendstilkolonien zu ersetzen.

Die Deutschen haben ihre Dichter nicht nur nicht geachtet und zur Hhe
ihrer besten Zeiten hingezogen, sie haben sie nicht nur nicht
kulminieren lassen wie die besten Kaufleute ihrer Zeit und haben ihnen
nicht nur nicht das Recht gegeben, sie als Volk zu vertreten, sondern
sie haben einen Makel auf diesen Beruf geworfen, haben ihn von dem Adel
her gefrchtet, vom Brger her verachtet, haben ihm das Brot und die
Karriere und die Bewegungsfreiheit genommen und schlielich ihn
behandelt wie jenen Eumolpus, von dem Petron, der die Dichter lsterte,
erzhlt, man habe ihn vom Schlemmermahl aus, als er rezitierte, mit
Steinen beworfen, da er ans Meeresufer flchten mute.

Das Bild der letzten Epochen ist nicht das der Gemeinschaft, sondern das
eines Schachspiels. Die Epoche vor dem Krieg hat mit Regimentsmusiken
Treibjagden veranstaltet auf die Knste, die Verwaltungen haben sie
ausgestoen, der Betreiber eines literarischen Handwerks vermochte die
Besttigung des Reserveoffiziers nur mit Mhe und bei guten
Wirtschaftsverhltnissen zu erreichen, die Staatsanwlte witterten
Staatsfeindliches und das ins Verdienen gekommene Volk hielt die Musen
nicht fr Spielerei mehr, sondern sogar bereits fr einen Luxus, den es
sich kaufen knne.

Man hatte sie auch frher gekauft, aber man hatte auch alle
Vorbedingungen fr die Musen selber geschaffen und gezeugt und bewies
sich durch ihre Frderung nur seinen eigenen geluterten Geschmack und
vielleicht seine Gre damit.

Diese neuen Leute von gestern und heute aber waren Barbaren, die nichts
geschaffen und nichts gebaut hatten, sondern nur Geld verdient hatten
und glaubten, damit alles zu knnen. Gold wiegt wohl den Geist auf, aber
nur, wenn beide von der gleichen Substanz sind und fr die Bilder
Palste und fr die Prediger die Dome und fr die Dichter die
Weltgefhle der Gesellschaft da sind, die einander wert sind.

Dann ist alles kuflich und dann ist Kauf der einzige Mastab, denn der
Ruhm hit sich von selber an die Spitze der Zeit, und im irdischen
Dasein hat die Gesellschaft sich dann klar gezeigt, was sie
untereinander schtzt. Auch ich bin kuflich, sagte Maria Theresia, aber
es kostet ein Land.

Diese Crapule aber, die nach einer irr flimmernden und sich des
Zusammenhangs nicht mehr bewuten Kunst die Hnde ausstreckte, griff
nicht nach oben und lobte sich mit dieser Bewegung, sondern sie fate
nach unten und kaufte den Geist wie ein Badezimmer. Sie bewiesen damit,
da sie die Kunst nicht ablehnten, was ehrlich, und nicht liebten, was
zuviel verlangt wre, sondern da sie sie nicht ntig htten.

In dieser Haltung, ergrimmt, feindlich auf den seitherigen Zustand,
nicht auf das Volk, sondern auf die Verhltnisse, trat die Literatur in
die Republik.

Man kann, auch in der Literatur, nicht dauernd seinen neunten November
machen, und es wre an der Zeit, sich nun endlich zu konsolidieren. In
der Republik wchst nun eine neue Gesellschaft, die bergnge sind zwar
abscheulich, aber sie sind interessant wie die Zeiten des Balzac. Und
Sprache und Literatur sind bereit, nach soviel Revolten, einige
Jahrhunderte nach der britischen und ein Jahrhundert nach der
franzsischen Umwlzung, ein breiter Spiegel der Kmpfe zu werden, in
denen eine republikanische Volksschicht sich formt. Die Literatur hat
der Republik Zuneigung bewiesen und die Republik wre in der Lage, sich
zu revanchieren. Konsolidiert sich Deutschland jetzt, ist es an zwlfter
Stunde.

Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und glatt gemacht, hat in
denselben oder in neuen Salons noch den alten Knigen gehuldigt,
Mirabeau und George Sand zusammen gesehen, hat in den zwanziger Jahren
fr Theater darin geschwrmt, unter dem Brgerknig fr die Romanze,
unter dem zweiten Kaiserreich fr die Chansonette, unter der Republik
fr den Monolog. Gambetta erhielt durch die Herzogin von Beaumont rasch
die Formen eines alten Viveurs und in den Salons dieser Form fand sich
die Gesellschaft mit ihren neuen Fhrern und ihren neuen Ideen rasch
zusammen. Die Akademie und das Panthon sumten von jeher als nationale
Monumente die Verdienste und den Weg der Kunst, und jedes Gouvernement
hat mit Eifer die Pflege des Geistes von dem vorherigen bernommen und
die Waffe, die es fr die Nation hier fhrte, zu schtzen gewut, wenn
auch die Simplen manchmal und nicht die Heroen den Kranz zuweilen
erhielten.

Die Siegesallee der deutschen Kunst ist aber nicht wie die der
Hohenzollern mit Denkmalen und Ehrenzeichen gepflastert und die Republik
htte gut getan, ein deutsches Panthon zu grnden, in dessen Raum sich
der Staat und die Knste unter der Decke einer neuen Gesellschaft und
einer breiten Demokratie gefunden htten.

Mijnheer, die Deutschen waren immer klug, wenn sie sich priesen, und
nicht ohne Geist, wenn sie sinnierend ihren Nabel besahen, und groe
Exploiteure, wenn sie ins Reich der Sterne sich begaben, aber sie haben
fr ihre nchsten Aufgaben nie den Sinn eines Rayonchefs gehabt. Sie
haben diese Gelegenheit vorbeigehen lassen, haben sich in Parteien
zerfleischt, in Doktrinen wie in Wilderernetzen gefangen und haben die
Gesellschaft sich selbst berlassen und damit von dem Staat gestoen und
haben die Kunst wieder den Literaten bergeben, die sich weiter damit
befehden wie seither. Die Republik hat in der Gestalt des Professor
Brunner sogar noch die heilige Inquisition auf die Musen losgelassen,
und die Jagd nach den Nuditten und die Verfolgung der Freiheit und die
Haarspaltereien ber Sinn und Wesen der Kunst vor den Schffen der
Gerichte, die nichts davon verstehen, hat von neuem begonnen.

Die Dichter haben sich ihrerseits in keiner Weise _ber_ der
Verantwortung der Situation bewegt. Sie haben sich selbst zerrissen,
ihre Aufgabe nicht erkannt und sind einem Ton und einer Injurie der
gegenseitigen Behandlung verfallen, der dem einzelnen den Kredit, der
Masse aber die Ehre nimmt. Man hat verlernt, im wichtigen Augenblick
eine Aufgabe zu sehen, sondern man sieht sich nur noch unter dem
Gesichtspunkt der politischen Parteien, und Kunst ist nicht mehr eine
Devise, sondern ein Austragsfeld von Krakehlen, die nie in ihren Bereich
gehrten.

Es heit, da frher die Marquise von Chlet so sehr von der Schnheit
und Wrde der Poesie berzeugt war, da sie sich nur von Dichtern und
Gelehrten kssen lie. Man mte heute in Deutschland Dichter, um sie
vor der seltsamen Zuneigung ihrer Zeitgenossen zu schtzen, mit dem
Schilde: Dfense d'uriner versehen, mit dem die Franzosen die
Standbilder ihrer Generle und ihre Parlamente vor der Gunstbezeigung
der erbrmlichsten Meuten bewahren.

Es hat ihnen jederzeit an Fhrern gefehlt, die die Gegenwart gliederten
und die Furchen zwischen Kunst und Volk richtig zogen. ber Literatur
schrieb seit Lessing und auer Herder nur noch Heine und den Instinkt
besa lediglich fr sie noch Blei. Lessing schrieb khl, vornehm,
deutlich und tdlich, Heine voll bunter Spielerei. Man hat auch damals
Kmpfe gefhrt, Schiller nannte die Schlegel Laffen, Tieck nannte
Schiller einen spanischen Seneca und hate Kleist, weil der seiner Katze
eingemachte Ananas zu fressen gab, Goethe schrieb gegen die Schlegel,
die ihn durch ihr Zelebrieren gemacht hatten, einen undankbaren
protestantischen Aufsatz. Brentano suchte die Tieckschen Weiber mit
Sentiments zu girren, Racine hat Molire begaunert und Verlaine auf
Rimbaud geschossen, Brne hat Heine angegegriffen und Heine hat dem
Platen, dessen geschwollenem Hochmut alle Dichter auf der Parnareise im
Weg waren, unvergelich bittere Streiche versetzt. Aber man stritt und
verwstete sich nicht, die Literatur bekam nicht tglich wie ein Weib
fureurs hysteriques, sondern sie erkannte mit einer gewissen Grandezza
die Knner an.

Es fehlte uns ein Brunetire, es fehlte ein Sainte-Beuve, die wohl
manche Dummheiten besaen, aber Pupille und Augenma hatten und ihre
Literatur wie Chirurgen zerschnitten und nicht vergaen, sie
zusammenzunhen und klarer nach Hause zu senden. Die Gelehrten, die sie
bei uns behandelten, haben ein seltsames Spiel mit ihr getrieben. Sie
hatten keine Mastbe, durch die sie die Ideen an den Literaturen und
die Jahrhunderte an ihren Knsten heraufbegleiten konnten in die
Gegenwart, aber sie verstanden auch ihre Zeit nicht und dazu fehlte
ihnen noch der dichterische Atem und der Sinn fr Sprache. Sie saen wie
die arm- und beinlosen Bettler unter Diderots Denkmal in der Rue de
Rennes und spielten auf einem Leierkasten dem Volk verstndliche, aber
zwecklose Tiraden ber die Werke und den Dichter, den in Figur zu sehen
dem Volk viel leichter fiel.

Es blieb den Deutschen sogar vorbehalten, von Herrn Bartels eine
Literaturgeschichte zu erhalten, die Kunst nach Juden und Gojims schied.
Der Standpunkt ist dumm, aber ist sauber. Der Verfasser zeigt seine
Visitenkarte und lgt nicht. Man mu bei den erbrmlichsten Troubadouren
heute schon die Tatsache des Charakters als eine der liebenswrdigsten
berraschungen buchen. Auch ist der Tanz nicht unamsant, den er mit
seinem Judensprung vornimmt, zumal schon Atta Troll den Kindern des
Alten Testamentes verbot, auf den Mrkten ffentlich zu tanzen, da ihnen
der Sinn fr die Plastik vllig fehle. Man htte nicht gedacht, bei
aller Liebe zu den Judern und aller Hochachtung vor der groen
vermittelnden Rolle, die sie in unserer Zeit spielen, da fast die ganze
Dichtung eines Tags aus ihnen bestehen wrde.

Aber nicht genug damit hat der bereifrige Kompilator und Barde sich
noch einige Germanen zu Mosaischen hinzugedichtet, wobei seinem Furor,
der Juden schon in jedem Schreiber sieht, das scherzhafte Unglck
zustie, da er das Pseudonym eines gewissen ironischen Philosophen
Friedlnder Mynona fr eine schwarze Jdin ansah und unter Gebrll
verstie. Die Haltung dieses Beurteilers der Knste ist eindeutig und
wie die eines Stiers, der ein Herrenessen nach seinem Geschmack
durchwhlt und nichts anderes anrichtet wie ein seltsam tierisches boeuf
 la mode.

Zweideutiger ist der Gang, mit dem Herr Professor von der Leyen, Dozent
der Klner Universitt, sich der Gegenwart nhert, denn er galt einige
Zeit als Liebhaber und Kenner der neuen Literaturen und versteckt auch
jetzt noch die kriegerische und militrpolitische Absicht, mit der er
nach alten Schlagwrtern und den Gewohnheiten der ideenlosesten Pfaffen
sein Thema aufteilte, geschickt hinter einem mnnlichen und neugierigen
Gegacker, wodurch er das Publikum anlockt. Jedoch, wenn er genug
Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, mit den langen Beinen und dem
kleinen Kopf des Vogels Strau und starkem Flgelschlagen auf sein Thema
zugeeilt ist, vertauscht er die Fronten, steckt, statt zu reden, den
Kopf in den Sand und den Rumpf in die Luft. Am Rumpf dieses Vogels
befinden sich die schnsten Federn, und es mag seine Absicht sein, die
Tiere zu tuschen und zu hoffen, da sie diesen Teil statt dem mageren
Schopf fr seinen Kopf halten.

Die Menschen sind jedoch bereits zu scharf gebildet, als da sie auf die
liebenswrdigen Blaguen der Tierwelt sich verirrten und wissen auch bei
auffallenden hnlichkeiten zu unterscheiden, wo die Ansichten sitzen und
wo die Federn, wo die Schdel und wo die Steie, und die guten Kritiker
haben nie verfehlt die Kpfe abzuschlagen, um zu beweisen, da sie hohl
sind. Mijnheer, ich habe in dem Buche dieses Professors eine Flschung
gefunden, die vor Jahren von einem gewissen kleinen Claqueur ausging,
indem er eine Stelle aus einem Buch und dem Zusammenhang nahm und sie
einem anderen, nmlich mir selbst, zwischen die Lippen legte. Es handelt
sich darum, da, um in einer Erzhlung des Buches Frauen ein rasches
und rhmliches Ende des Krieges zu erreichen, aus dem Umkreis eines
Spionagezentrums aller Nationen einige Menschen sich entfernen mssen,
um ohne Kontrolle ihre Nachrichten auszutauschen, und da ein anderer,
um die Aufmerksamkeit der internationalen Bande, abzulenken und um ihren
Geisteszustand zu charakterisieren, in frivoler Weise ber Frauen redet.
Ich finde diesen letzten Teil ohne Zusammenhang mit der Erzhlung, ich
finde ihn ohne Hinweis auf das Buch, ohne Bemerkung, da das die Worte
eines anderen und nicht die meinen sind, ich finde diese grauenhafte
Flschung als meine Ansicht, meinen Ausspruch als Zeichen meiner
vaterlndischen und moralischen berzeugung abgedruckt in dem Buch des
Dozenten. Sie sagen das Rechte: Es hat keinen Sinn, sich mit der Meute
zu beschftigen und fr Unbegabung ist niemand verantwortlich zu machen
auer vor der Vorsehung.

Schon Heine hat Lessing vorgeworfen, da er aus Lust an der Aufgabe, die
deutsche Literatur zu subern, die armseligsten Rosinanten erschlagen
und den Namen manches Pasquillanten der Unsterblichkeit berliefert
habe. Es ist ein Fehler, die kleinen Feinde zu zchtigen, weil man nicht
sich, sondern sie allein ehrt. Es gibt auch andrerseits wieder
schwerlich Ergtzlicheres, als die Vernichtungen zu lesen, die
Brschchen an einem vornehmen, die ihren wankenden Hosenboden mit jener
Khnheit zu tragen suchen, die sie einem im Gesicht abgelauscht haben
und die das Schreiben, mit dem sie uns verpfeffern, bei einem von A bis
Z gelernt haben. Die Ntzlichkeit der Nachahmer hat bereits Constable
erkannt, da, wie er meinte, sie zeigten, was man vermeiden wolle. Er
ahnte nicht, da die Nachahmer in dieser von Wolfsha zerfleischten Zeit
bereits zu den Gegnern bergingen, um scheinbar als Entschuldigung fr
ihren Diebstahl sich die berzeugung beizubringen, es sei gar keiner,
und was sie gegen einen unternhmen, sei eigene Erfindung.

Ein neues Settlement der Literatur hat sich hier aufgetan, und die
geraubten Formen des Ausdrucks werden als allerdings blecherne
Streitxte geschwungen: Ce ne sont pas les pots, ce n'est pas la
fayence. /// C'est ce qu'on met dedans qui fait la diffrence, schrieb
ein Plauderer der Gazette du bon ton, nachdem er eine Stunde lang ber
die Plisses der neusten Damenhosen gesprochen. Es hat keinen Sinn, sich
zu entsetzen und es bleibt unsere schnste Freiheit, ber das
Miserabelste auch noch zu lachen. Aber ich mu, wenn selbst die
Professoren der Genauigkeit in das Lager der politischen Parteiungen
hinuntersteigen und nicht nach der Gre der Dichter, sondern nach der
Zweckmigkeit, sie politisch zu kompromittieren, urteilen, ich mu
Mijnheer, an Pernambuco denken.

Ich mu an die Revolten von Pernambuco denken und an den Streik der
Chauffeure, deren Fahrtverweigerung die Stadt in einer halben Stunde in
ein Feldlager verwandelte, und mir fllt ein die Geschichte des
Redakteurs Petronio, der einen unwahren Artikel gegen die Regierung
geschrieben hatte. Ich mu erzhlen, mit welcher Grazie und welcher
Promptheit man fr die Wahrheit eintritt unter den nicht so kultivierten
Nationen, und wie der Gouverneur den Redakteur zu sich in die Wohnung
bat und wie er ihn empfing, den Revolver in der Hand und ein Glas Wasser
auf dem Tisch.

Man sprach nicht viel, der Gouverneur hielt lediglich die Pistole nach
der anderen Seite und sagte, ob jener zugebe, da die Tatsachen, die er
geschildert, unwahr seien, und der Angeklagte nickte. Mit einem Zeichen
bergab der Gouverneur ihm die Zeitung und lie sie ihn verspeisen,
indem er ihm nicht verweigerte, sich des Wassers zu bedienen. Sie
schieden mit einem Handdruck, man war in kurzer Weise ber eine
schmerzliche Angelegenheit hinweggekommen und hatte vor Wiederholungen
ein deutliches Schlo gelegt.

Ich bin zu wenig Illusionist, aber noch weniger gengend skeptisch, um
dieses Beispiel fr Deutschland empfehlen zu wollen, und ich gestehe
auch, da ich, wenn die Chevaliers du lustre mit ihren bezahlten
Hnden von der Galerie ihren Beifall toben, denselben fatalen Klang im
Ohr habe, als wenn die Liliputaner giftig flstern und die Marodeure
gegen die Dichter anbrllen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht
verloren, da Deutschland dennoch einmal einem Beurteiler, der sein Volk
aus Liebe tadelte, der nicht in die Hrner der Vorurteile blies, der von
nichts bewegt als der Leidenschaft zur Gerechtigkeit lebte, der mit
einem Stil, unerbittlich wie Granit und schwungvoll wie eine Geige, sein
Zeitalter geschildert hat, da irgendeinem Mann dieser Art die deutsche
Heimat einmal auf den Grabstein schreiben kann: simplicis veritatis
amantissimus.

Der Mann, der seit Heine am meisten von Literatur verstand, ist Franz
Blei, von dem man mehr Anekdotisches erzhlte als von ihm las. Er hatte
unter anderem die Ehre einen der drei Preise zu verteilen, mit denen
Deutschland seine Dichter ehrt und die, auer dem Schillerpreis, von
privaten Stiftungen herrhren. Diese Summen sind bedeutungslos, aber
schlimmer ist: die Preise sind sinnlos, weil nicht, wie in anderen
Lndern und wie es sein mte, die ganze Nation atemlos darauf den Blick
richtete, sondern da die Nation sich den Teufel um die Preise kehrte,
kaum einer der Literaten wute, wer sie bekam, und das Volk den Sieg
Breidenstrters in einem Boxkampf, oder Froitzheims in einem Tennismatch
oder der Firma Wanderer oder des Hengstes Ordensjger in Rsselsheim
oder Iffezheim mit tausendfach grerem Interesse verfolgt.

Die Republik hat den Dichtern in der Verfassung gute Worte gegeben, aber
sie hat ihr Ansehen nicht erhht, und wenn einige von ihnen, wie die
Herren Rauscher und Kster, in die Stellungen von Gesandten und
Ministern gelangt sind, so war das nicht, weil das Volk sich in ihnen
ehrte, sondern weil die Maschinerie der Partei sie an die Posten trieb.
Die Verteilung der Preise htte lediglich unter diesen Umstnden Sinn,
wenn man, wie die Tschechen, Bulgaren, Rumnen sogar tun, Millionen fr
sie auswrfe und sich das Gold als solches rentiere.

Die Ehrung wird aber eine Farce, wenn nicht ein materieller Gewinn,
sondern nichts als die Afferei eines Kartenspiels unter Literaten
dahinter steckt und die ffentlichkeit whrenddem aus dem Fenster nach
einer anderen Sache schaut. Die Inthronisierung der Gekrnten ist
jeweils ohne weitere Aufmerksamkeit vor sich gegangen und es hiee sich
selbst langweilen, wolle man die falschen und die rechten Ernennungen
untersuchen. Ich glaube, da Blei sich jeweils mit mehr Sinn fr die
Kuriositten als fr die zeitwichtigen Erscheinungen entschieden hat.

Er ist ein geschmackvoller, aber der Stetigkeit seines Geschmackes nicht
sicherer Mann. Die Lessing und Heine wuten mit gewaltigem Instinkt, sei
der Gegenstand nchtern, sei er barock, nicht nur die Werte zu
erwittern, sondern sie auch da anzuordnen, wo sie ntig waren und wo sie
unsere zerfahrene Situation verbessern konnten. Sie wuten um den Mangel
der Gesellschaft und um die Unfhigkeit der Dichter, nach einer
nationalen Haltung hin sich durchzuarbeiten und waren immer im
Vordergrund bestrebt, die Mglichkeiten der beiden einander zu nhern.

Sie waren sich des Sinns und der Mission des Deutschen bewut, ahnten,
wo das Rechte stke, irrten manchmal gewaltig, aber behielten den Sinn
des Ausgleichs zwischen Kultur und Nation unentwegt bei jedem Satz im
Hirn.

Blei hat das wie alles ebenfalls gewittert, aber er hat keine Folgerung
daraus gezogen, sondern hat lediglich spielerische Anmerkungen darum
gemacht. Ihm gengte, die Marginalien zu einem Thema zu ziehen, das die
gesamte rcksichtslose Wucht eines Mannes vorausgesetzt htte, um es
klar zu machen. Blei ist ein groer Kenner der Literatur der letzten
Jahrhunderte gewesen und ein ausgezeichneter Riecher der
zeitgenssischen, aber kein Beurteiler. Er ist einer der grten
Talententdecker, einer der gebildetsten Literaten, die Deutschland sah,
eine Wnschelrute der Verleger, ein Cagliostro der Begabungen, ein
wahrer groer homme de lettres, verliebt in Literatur bis zum Exze,
und es gibt keinen lebenden Schriftsteller von Bedeutung, der ihm nicht
Dank schuldet und eine gewisse Verehrung entgegenbringt, und den er
nicht da oder dort schon einmal verraten htte. Blei ist von fast
erotischer Empfindsamkeit fr Literatur und hat jede Mode, innerlich
sicher ehrlich, vorausempfunden und propagiert und jede wieder
verlassen.

Er hat die Neigung und den Instinkt und die geniale Empfindung fr die
Valeurs, nicht fr die Werte. Er ist weit mehr, wie unwissende Jnglinge
meinen und seine Feinde mit Handbewegungen abtun wollen, eine
ungewhnliche und hoch berlegene Potenz unseres Schrifttums, aber aus
Verliebtheit und nicht aus Verantwortung. Der homme de lettres ist wie
der homme  femmes letzten Endes nur auf die Details eingestellt, auf
die Linie, auf die Grazie, auf die Nance, auf den Charme, aber nie auf
die Totalitt einer Erscheinung. Blei zieht seine Assoziationen von
allen Seiten. Katholisches und Rokoko, Satanismus und linksradikal,
Sinnliches und Besinnliches machen ihn zum geschmeidigsten Verwerter
einer Elastizitt, die alles betastet und alles vertieft, aber nichts
ergrndet.

Er ist ein aristokratisches Stil-Chamleon. Die Snde der Epoche hat in
ihm einen Sylvester Schffer gefunden: er schiet und dichtet, spielt
auf dem Pferd Violine, luft Seil, spricht und drischt gleichzeitig
guten Stil aus dem Hals, aber alles ist kein Inhalt und kein Ziel und
kein Fleisch, sondern nur Gewandtheit und Akrobatik und zirzensischer
Geist. Man springt geschickt und mit Esprit. ber was man springt, ist
Nebensache. Er ist der sinnflligste Beweis dafr, wie eine Begabung
seines Ausmaes wirken mte und wie sie aber verfhrt wird von einer
vielfarbigen Zeit, statt alles auf sein Ziel hinzulenken, allem wie ein
Jngling mit dem Schmetterlingsnetz nachzurennen.

Delacroix hat gemeint, jene kritischen Leute, welche die Manie des
Urteilens htten, verwirrten erstens das Publikum, das ihre Dunkelheiten
nicht begreife, und verwirrten zweitens fr die Knstler die einfachsten
Ideen, weshalb diese sie auch verabscheuten. Er irrte, denn eine groe
und mit den Hintergrnden der Zeit malende Kritik kann einer Epoche auf
den Weg helfen durch die Suberung und durch den Hinweis. Blei aber hat,
als man ihm das Talent gab und die Verantwortung, nicht nach beiden,
sondern nur nach der Begabung gegriffen, zwar immer das Rechte gefhlt
und oft auch gesagt, aber es mit einer Stimme getan und in einem
Zusammenhang geuert, da es nicht die Wucht bekam und nicht den Ernst
erhielt, der ihm Masse und Sinn gegeben htte. Es ist geistreich
geblieben und Gespiel und damit ohne hhere Fruchtbarkeit. Was ihn
entschuldigt, ist die Zeit, was ihn aber nicht freispricht, ist, da er
die Stilisten wie die Kfer sammelte, statt die Begabungen auf ihre
Ziele zu hetzen.

Ich bin kein Angestellter der Weisheit und nicht im Schalterdienst der
Prophezeiung, Mijnheer, und ich bin weit entfernt, Ehren zu fordern fr
einen Beruf, der seine beste Ehrung in sich selber findet. Aber ich sehe
im Anspruch auf die Beachtung durch die Nation, die sich in diesen
Formen kundgibt, ein nicht geringes Mittel zur Strkung jener Partei der
Freiheitsliebenden, die der Republik die Formung einer neuen deutschen
Gesellschaft wnschen.

Ich wei, man kann frei leben und frei sterben und nach keiner Wrde
gierig sein und doch im Angedenken der Nation und ihrer Besten ein
groer Mann und eine schne Erinnerung sein. Ich kenne das Testament
Heines, der, obwohl ihm Gutzkow vorwarf, da er nach den hchsten Ehren
des franzsischen Ruhmes lstern sei, nachdem ihn seine Heimat
vertrieben, schrieb:

Obwohl ich von der Natur und vom Glck mehr als andere Menschen
begnstigt ward, obgleich es mir zur Ausbeutung meiner Geistesgaben
weder an Verstand noch an Gelegenheit gebrach, obgleich ich, aufs engste
befreundet mit den Reichsten und Mchtigsten dieser Erde, nur
zuzugreifen brauchte, um Gold und mter zu erlangen, so sterbe ich
dennoch ohne Vermgen und Wrden. Mein Herz hat es so wollt, denn ich
liebte immer die Wahrheit und verabscheute die Lge. Auch dies ist
Stolz und klingt mit aller Bitterkeit seiner ruhigen Gre hart ins Ohr
der Heimat, die ihn verbannte.

Aber man lebt nicht, um Gesten der Khnheit zu machen, sondern um die
Mglichkeiten des Lebens und der Zeit in der besten Form zu erwischen,
und die Lebenden stehen jede Sekunde im Kampf. Aber Kmpfen heit nicht
jene Dummheit der Menschen, von denen ein litauisches Sprichwort sagt:
Je strker du ihm auf die Schnauze gibst, um so mehr Angst mut du
haben, da er zurckgibt. Sondern es bedeutet das Wesenswichtige zu
nhern, Weg zu machen und selbst das Ausrufen nicht scheuen. Alles
andere marschiert, wie Deutschland marschiert.

Es ist nur allmlig an der Zeit geworden, zu sehen, um was es geht.
Werden wir eine runde Literatur haben, mssen wir vorher zu einer
Gesellschaft kommen. Man mu die Gegenstze der Parteien in der Republik
vershnen oder man mu sie austragen. Andere Mglichkeiten gibt es nicht
und nur auf ihrer Befolgung oder Verwerfung wchst eine Gesellschaft und
eine Kunst. Es mu eine Zeit kommen, wo man in die Weisheitsschule der
jeweiligen Grafen Keyserling seine Automobile schicken wird, weil man so
europisch eingestellt ist, da man sich selbst nicht mehr an
schngewsserten Reflexionen ber die Welt begeistern braucht und wo man
die Indienfahrt des Herrn Bonsels in den Regalen der Gartenlauben
unserer vergilbten Zeit finden und wie ein altes brgerliches Kochbuch
belcheln wird. Die Literatur wird so sehr Ergebnis einer an den Quellen
des deutschen mittelalterlichen Wesens gelegenen Kraft sein und so sehr
erhabene Spiegelung ihrer Zeit werden, da beide endlich mit Genugtuung
einander betrachten werden.

Sie wird nicht mehr sich verkriechen mssen und wird nicht verfolgt
werden, sondern sie wird mit dem Lcheln antworten, das die Hetre
Tschandrasna herrlich von sich schttelte, als man ihr eine Augensalbe
anbot, die sie von den Nachstellungen eines Knigs retten, aber in eine
ffin verwandeln sollte. Sie zog es vor, in ihrer keuschen Nacktheit dem
Herrscher entgegenzugehen, der mchtig und schn war, und sich so mit
ihm an Stolz zu vergleichen. Das alles ist, wenn es wird, besser als
Prophezeihen. Die Farben des Fleisches sind stets beweiskrftiger als
Paragraphen. Man wird Kunst auf dem Rcken einer Gesellschaft vereint
wissen mit einer Heiterkeit und mit etwas von der legendren Gre, mit
der der Doge jedes Jahr zum Strand ging, das Adriatische Meer mit
Venedig zu vermhlen.

Man wird nicht mehr ber Pernambuco fahren mssen, um die Entdeckung der
sichtbaren und der geheimnisvollen Wunder der Welt getrennt zu machen,
sondern man wird sie beisammen haben. Man wird das Leben bei der Kunst
haben und manches andere hnlich zusammen und es wird ein gewaltiger
Spa sein, zu leben.

Rei Irmos & Compagnia (Brazil) wird dann ein Witz scheinen und Europa
ein runder Kelch um die Blte von Deutschland, und der ganze Himmel wird
gefrbt sein von ihrer Anmut und berzittert von ihrer Bewegung. Einer
der weltmnnischen Deutschen, Friedrich der Groe, hatte bereits etwas
von jener erlesenen Mischung: Hren Sie, sagte er zu seinem Schweizer:
Ich habe den traurigsten Eingriff ber mich ergehen lassen, den die
Heilkunst kennt: zwei Klistiere. Das hat mich erleichtert, und mein
Geist fhlt sich freier. Kommen Sie her, ich habe ein Gedicht fr meine
Schwester von Bayreuth gemacht, ber die Freundschaft. Er hatte
Natrlichkeit und Grazie und damit berlegenheit ber Leben und Tod, da
er Geist dazu besa. Das Gesicht wird kommen, von dem ich sprach, das
auf den Takt des Motors horcht und dadurch gespannt in die Gegenwart
versunken ist, und ber dem die Stirn sich voll ewiger Begeisterung hebt
und wird Deutschland regieren. Das trume ich manchmal, Mijnheer. Gehen
wir schlafen, wir Phantasten, der Mond ist aus.




Die sechste Nacht


Mijnheer, ich habe gestern vergessen, Ihnen von einer Ehrung zu
erzhlen, welche die Stadt Lbz in Mecklenburg an der deutschen Dichtung
vornahm. Es fllt mir ein, weil ich in dem seenreichen Land einen
anmutigen Sommer verbrachte und im Schilf das Boot von Sidney Smith
entdeckte, der auf der Entenjagd lag, ein Nomade von borstigen
Rothaaren, Fischaugen, die stier und grn unter der langen Nase
herausquollen, die Haare tte carre in die sommersprossige Stirn
gekmmt und ber den Augenbrauen abgeschnitten. Hallo, Sir, sagte er,
wir werden einen Cocktail machen, schob den Priem in die andere
Mundseite und unterbrach die Jagd.

Dieser Smith war das amsanteste Greenhorn, das ich traf. Eines Nachts
frug er: Hallo Sir, er zischte, auf dem Bauch liegend, um die Ruhe
nicht zu stren, glauben Sie, da Afrika einmal in zwei Teile geteilt
war durch ein Meer? Warum, frug ich und betrachtete einen Punkt, der
wie ein Paar Stockenten gegen den Kahn zutrieb, warum denken Sie das?
Er zog den Kopf in den Nacken: Ich dachte Sir.

Nach einer Stunde ging der Mond auf und wir muten unter eine abhngende
Weide rudern. Smith putzte an seiner Sechsschuflinte und sagte: Hallo
Sir, glauben Sie, da man mit Ochsenhuten, wenn man sie wie Segel
aufspannt, Kanonenkugeln auffangen kann? Ich sagte ihm: Was Afrika
betrifft, Mr. Smith, so kann ich Ihnen noch sagen, da lange Zeit eine
Strae durch den Klner Dom ging. Warum soll nicht ein Wasserweg durch
Afrika gezogen sein! Was aber die Felle angeht, so mssen Sie einen
Kanonier oder einen Gerber fragen. Very well, sagte er, steckte den
Kopf zwischen die Schultern und schwieg.

Nun kamen die Enten und er scho sie mit Kugeln, trotzdem der Mondschein
beim Visieren tuscht, ohne Fehler. Whrend wir sie auffischten, starrte
er pltzlich in die Luft und sagte: Hallo Sir, glauben Sie, da, wenn
man mit den Zeigefingern das Hrnerzeichen macht, das den bsen Blick
zurckschmeit? Ich war am Rudern und sagte: Mr. Smith, vergessen Sie
die Ente nicht aufzunehmen, an die ich Sie gerudert habe. Ich verstehe
nicht, warum Sie Fragen stellen, die keine Beziehung auf das haben, was
Sie tun. Er sah beleidigt vor sich hin. Ich habe nie einen solchen
Wilden gesehn.

Er hatte nur im Blick, wo er Lachsnetze werfen, Wachtelschlingen legen,
Tiefseeangeln fr den Hecht durch das Meer schleifen konnte und dachte
in der Zwischenzeit sich die Welt zu einem Trumpel zusammen. Bei Beginn
des Sommers war er mit einem Klippfischsegler von Norwegen gekommen und
in dem fetten Seeland mit seiner Bchse liegen geblieben wie der Sommer
selbst, der keine Anstalten machte, selbst im Oktober noch nicht, aus
den silbernen Grasstrichen aufzustehen.

Wie alle Schotten hatte er Leidenschaft fr Cocktails aber auch die
seltsame Fhigkeit, seine Gefhle damit auszudrcken. Mit der Mischung
von dreiviertel Gin und ein Viertel Orangensaft bestach er den Beamten
der Seekontrolle, welche das Angeln zu verbieten hatte. Dieser Mann trug
einen breiten blonden Bart und horchte auf den Namen Feuerstake. Mit der
Zeit richtete er ihn zum Treiber fr das Vogelzeug ab, und wenn Smith
ein paar Tage verschwand, sa er in Lbz neben dem Kirchturm bei
Feuerstake und mischte seine Drinks. Wollen Sie Cocktails versuchen,
Sir? sagte er, wenn er von dort zurckkam und mischte als Zeichen
seiner Zufriedenheit Zitrone mit amerikanischem Whisky. Wissen Sie,
warum ich keinen schottischen dazu nehme?, frug er und schnallte die
Bchse ber die Schulter, und in der Tr stand Feuerstakes Gesicht
winkend. Nein, sage ich. Weil Scotch fr einen Jger kein Whisky ist,
Sir.

Die Enten lockten sich auf dem milchblauen See rtsch . . . wack und
feierten berall nach seltsamen Schwimmknsten und Verfolgungen unter
unerhrtem Geschrei eine wste Liebesnacht. Man konnte nicht schieen.
Kommen Sie, Sir, sagte Sidney und er mischte den seltsamsten Cocktail
seines Lebens, der uns sehr heiter machte und der in Smiths Sprache das
Erlebnis ausdrckte, das er ber der Enten erotische Scherze empfand. Es
war ein guter Junge nach meinem Sinn und hatte auf seine Weise Humor.

Eines Tages gab es einen abscheulichen Drink. Er hatte bei Feuerstake
gesessen, und da der Mann kein Wort sprach, in den zehn Jahrgngen des
Lbzer Tagblatts geblttert und dabei ein Gedicht von Gerhart Hauptmann
gefunden, das begann: Komm, wir wollen sterben gehn / in das Feld, wo
Rosse stampfen / und die Donnerbchsen stehn / und sich tote Fuste
krampfen. / Smith verstand nicht viel Deutsch, aber das verstand er.
Unglckseligerweise hatte er in dem nchsten Band aber einen sechs Jahre
spteren ergriffen und fand unter dem Namen des gleichen Autors ein
Telegramm an den russischen Sowjetgesandten in Berlin betreffs eines
politischen Prozesses in Ruland: Der Blutwahnsinn des Krieges und
seine Nachwehen sollten nun endlich berwunden sein. Ein sieghafter
Friede mu der Achtung vor dem geheiligten Leben des Menschen, mu dem
Gebot -- Du sollst nicht tten -- wieder die alte Geltung verschaffen.
Ich lasse diese Friedenstaube zu den gemarterten Opfern fliegen. Mge
sie mit einem lzweig, von dem kein Blut tropft, zurckkehren.

Das verstand er nicht, es war von Schieen nicht mehr die Rede und er
hatte nichts anderes im Kopf. Ich las ihm die andere Strophe aus dem
ersten Gedicht vor, das er mit den ganzen Jahrgngen mitgebracht hatte.
Diesen Leib, den halt' ich hin / Flintenkugeln und Granaten / eh' ich
nicht durchlchert bin / kann der Feldzug nicht geraten. Smith schickte
sich vergngt an, einen guten Cocktail zu mischen, das begriff er
wieder.

Nach einiger Zeit aber wurde er nachdenklich, wie knne, damned, der
Mann nun solche Telegramme senden, wenn er geschrieben habe, da, eh' er
ein Sieb sei, der Krieg nicht ende. Ich sagte ihm, Herr Hauptmann sei
ein alter Mann gewesen und habe wohl das eine wie das andere nur in
einem dichterischen also unirdischen Sinne gemeint undwahrscheinlich sei
eine gespenstische Ausgabe von seiner Krperlichkeit ebenso auf den
Schlachtfeldern, die er nicht besucht habe, durchlchert worden, wie
wahrscheinlich eine andere als Vogel durch die Luft zu fliegen vermge.
Etwas hnliches meine wohl auch der sozialdemokratische Minister
Hnisch, wenn er ber ihn in einer brgerlichen Zeitung nach einigen
Futritten auf sozialistische Dichter schreibt: So geht von Hauptmann
ein Licht aus, das leuchtend und wrmend durch die Zeiten strahlen wird.
Er ist der groe reprsentative Dichter unserer deutschen Gegenwart, der
die ganze Zerrissenheit unserer Zeit in seinen wissenden und milden
Zgen widerspiegelt. Werden wir uns des Glckes bewut, da Gerhart
Hauptmann in unserer Mitte lebt, freuen wir uns, ihn unser eigen nennen
zu drfen. Solchergestalt, meinte ich, sehen sogar ein Proletarier dies
Hin und dies Her. By Jove, meinte Sidney Smith und schaute lange
verglast vor sich hin, das verstnde er nicht.

Ich sagte ihm, Herr Hauptmann habe, wie viele Dichter, und fast alle
Leute, die Karriere gemacht htten, wie die Herren Lloyd George und
Clemenceau von links angefangen und habe sich langsam nach rechts
entwickelt. Man msse das alles nicht so ernst nehmen, denn die
Bourgeoisie brauche einen gewissen unaktuellen Radikalismus, bei dem
sich ohne Gefahr fr Haut und Geldbeutel am Feuer der groen
Revolutionssuppe gruseln lasse. Und die Herrschaften, die im Zirkus in
Berlin jubelten, wenn in seinen Webern Kapitalistenhuser demoliert
wurden, seien dieselben, die fanatisch die Erschieung zeitgenssischer
Revolutionre forderten. Es handle sich darum, da die Weber-Revolte
eine schon vierzigjhrige sei, die man beruhigt lieben knne, aber eine
heutige eine verdammt ernste Sache sei, die man keineswegs lieben drfe.
Und ebenso menschlich begreiflich sei es ja sicher auch, da ein Dichter
seinen Nachruhm halte mit Arbeiten, von denen er sich vllig entfernt
habe. Es sei dasselbe, wie wenn ich Smith wegen seiner Schulaufgaben
lobe aber seine Schiesicherheit dabei bergehe. Wir gingen darauf nach
dem See und Smith kam auf die Sache nicht mehr zu reden.

Beim Anschlag sagte er: Beg your pardon, Sir, glauben Sie, da man
Kentauren noch jagen kann? Nein, Mr., sagte ich, man kann es nicht.
Er sah lange sinnend in den Himmel. Zwei Tage verschwand er zu
Feuerstake. Am dritten kam er zurck: Wollen Sie Cocktail versuchen,
Sir?

Seltsamerweise erschien pltzlich Feuerstake mit einem Paket, legte es
auf den Tisch und verschwand. Ich machte es auf, es war in rotem Einband
ein Buch Gedichte, die Feuerstake ber seinen Heimatsort geschrieben
hatte. Der bescheidene Mann hatte kein Wort darber verloren, obwohl er
tagelang mit Smith zusammengesessen und brachte mit einer steifen
Verschmtheit es pltzlich hinter ihm her. All right, sagte Smith und
legte es bei Seite. Feuerstake interessierte ihn als Ententreiber, alles
andere war ihm einerlei. Feuerstake hrte nie ein Wort ber sein
Geschenk und, da er nichts sprach, frug er nicht.

Sidney Smith hatte in dieser Zeit viel zu tun, mit seinen Gedanken
fertig zu werden. Ob ich denke, meinte er, da es ein Land gebe, wo man
die Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden fttere. Ja, sagte ich,
nichts ist verderblich genug, da es das nicht geben sollte. Die
Antwort gefiel ihm nicht, er zog den Kopf tief in die Achseln ein, stie
ihn dann geradeaus und scho. Der Sommer stand in diesen Wochen mit
einem fleckenlosen Goldton ber Holstein und manchmal schien es fast, er
spiegele das Meer. Je klarer die Luft aber wurde, um so eigensinniger
verwandelte sich Sidney Smith. Er hatte sich bei Feuerstake alle
eingebundenen Jahrgnge des Lbzer Tageblattes geholt und ich sah ihn
oft, so sehr die flachsblonden Tchter des Hauses zum Weien Karpfen
um ihn herumstrichen, in die Schwarten vertieft. Wollen Sie Cocktails
versuchen, Sir?, frug er regelmig, wenn ich ihn ertappte, aber ich
kannte seine Stimmungen nach dieser Lektre und lehnte ab.

Die Enten fingen an zu mausern, die Mnnchen rckten den Weibchen aus,
buhlten um andere, es war ein Riesenspektakel auf dem Wasser und das
lenkte ihn ab. Hallo, Sir, unterbrach er die Nachtwache, denken Sie,
da man mit der Vergiftung der Meere alle Tiere darin tten und durch
ihr Faulen den Kontinent verpesten knnte? Nein, sagte ich, Mr.
Smith, denn etwas hnliches ist durch den Landkrieg nicht einmal
erreicht worden, und hielt ihn fr gerettet, da erschien er am Morgen
mit einem Bericht, den der Zricher Vertreter des Lbzer Tageblatt
gedrahtet hatte ber die Vorlesung eines Dramas, das Fritz von Unruh
gedichtet hatte, und wo deutsche Soldaten den gefangenen britischen
zugerufen haben sollten Gott strafe England!, und er verlangte von mir
zu wissen, weshalb man die Vorsehung anrief, statt sich bei den Stellen
zu beschweren, die fr das Arrangement von Kriegen usw. verantwortlich
zeichneten, als er fast erbleichend aufsthnte. Er hatte in einem
anderen Band einige Jahre spter einen Abdruck aus dem gleichen Stck
gesehen, nur da hier die deutschen den britischen Soldaten armgebreitet
mit den Worten Freunde! . . . Brder! entgegenliefen. Dear Sir,
sagte er fassungslos, ich war ebenfalls gefangen, aber man hat das eine
nicht gerufen und nicht das andere. Aber hat man das hier gleichzeitig
gerufen? Er sah sich um, als halte er es schier fr mglich, da, seit
er sich mit deutscher Lektre beschftige, der Mond und die Sonne
gleichzeitig nebeneinander ber den Himmel spazieren knnten.

Nein, Mr. Sidney Smith, beruhigte ich ihn, erstens ist das
wahrscheinlich eine Verleumdung und dann darf man solches nicht so genau
nehmen wie das Schieen, wo man sehr scharf und grad sich halten mu,
und beim Wackeln die Sache vorbeigelingt. Im Leben ist das anders und
man sagt oft das eine und gleichzeitig das andere. Das Leben verndert
sich selbst tglich, und was heute schwarz ist, kann morgen wei sein.
Manche haben die Farben gleichzeitig, was manche wiederum boshaft
preuisch nennen, aber das ist es gar nicht. Wir haben das bei einer
groen Anzahl Menschen erlebt, da ist z. B. Herr Meidner, der einer der
grten Helden gegen den Krieg war und gleichzeitig eine Zeichnung zur
Animierung der Kriegsanleihe an die Zeitungen schickte. Wer kennt der
Menschen Herz? Selbst der grte deutsche Dichter Goethe hat sich eines
Tages dem Vater eines jungen Schriftstellers v. Krner gegenber
mokiert, da der gegen den groen Bonaparte mit dem knitternden
Papierzeug seiner Verse anreite und hat, mit der franzsischen
Ehrenlegion geschmckt, als Ltzower in Meien ihn ausrckend um den
Waffensegen baten, die Hand auf ihre Hirschfnger gelegt und gesagt:
Zieht mit Gott, und alles Gute sei Eurem frischen deutschen Mut
gegnnt! Ich suchte Smith mit der letzten Mglichkeit, nmlich mit
einem klassischen Zitat zu beruhigen, aber er war so beneidenswert
ungebildet, da er auf Klassisches genau so sauer wie auf die
Flachsblonden reagierte.

Jedoch er hatte als Jger ein gutes Ohr, er behielt den Namen und kam
nach einer Stunde mit dem Gedicht eines gewissen Julius Bab, dessen Ende
lautete: Zeug uns, Stern, und zieh uns hoch hinan! / Dieses Werk der
mrderischen Nte / werde doch in deinem Dienst getan! / Weile, werde,
wachse in uns -- Goethe! / Das machte den Burschen vllig konfus. Es
gelang mir nicht, ihm klar zu machen, wieso ein Stern uns erzeugen knne
und warum im Dienst eines verstorbenen Dichters, der sich ber den Krieg
mokiert habe, man sich Jahre lang totschiee.

Bei uns, Sir, meinte Smith, sagt man, indeed, da man im Dienst der
Kanonenfabriken und zum Ruhm der Generale schiee. Verrckte Idee, fr
einen toten Mann sich zu tten. Rasch drehte ich, indem ich ihm
versicherte, da ich den Herrn nicht kenne und da das offensichtlich
die Privatmeinung eines durch Schrapnellschsse am Kopf Schwerverletzten
sei, das Blatt um, da las er in Fettschrift folgendes Gedicht: Wenn der
Kaiser einst kommen wird / schieen wir zum Krppel den Wirth / knallen
die Gewehre tack tack tack / aufs schwarze und aufs rote Pack. / Er
wurde sehr aufgeregt und berstrzte mich mit Bitten. Nein, Mr. Smith
--, sagte ich zu ihm, Pack ist kein Wildbret, das Sie noch nicht
kennen, es sind Kameraden, die eine andere Ansicht haben.

Wieder sank seine Lippe tief auf das Buch, ich bltterte weiter. Da rief
ein Sportverein auf zu einem Gartenfest und man hatte das Bundeslied
abgedruckt: Der Turner in den Wldern haust / und Eichen raufet seine
Faust / der nackte Arm mit Felsen spielt / der deutschen Lunge Kraft
empfiehlt: / schiet ab den Walther Rathenau / die gottverfluchte
Judensau. / Ich hatte Angst, er knne auch das fr Wildbret halten und
sagte ihm, diese Gedichte seien nicht wichtig, weil sie schon wieder aus
dem Frieden stammten.

Er schwieg eine Weile, sah mich stumm an, schttelte den Kopf,
erbleichte pltzlich und sprach darber nicht mehr. Am nchsten Tag
waren die Bcher verschwunden. Nun kamen schon Frhnebel, es wurde
Oktober, aber der Sommer stand nicht aus dem fetten seenreichen Grnland
auf, also blieb auch Sidney Smith.

Man hatte Nachtreiher entdeckt und er war in groer Aufregung. Man
belauerte einen Baum, auf dem sie saen, mit einer abscheulichen
Gestankwolke eingehllt und einen gewaltigen Lrm untereinander machend,
aber man wollte sie nicht vom Baum schieen, von dem sie dauernd Fische
in verdautem und unverdautem Zustand herunterschossen. Wir hatten
Nachtpelze um und lagen in der Sternklte im Gras. Pltzlich flsterte
Smith: Weile, werde, wachse . . . Sir, ich habe mit Feuerstake
gesprochen, er ist, by Jove, mit einem Male gesprchig geworden seit
gestern, ein toller Cowboy dieser Feuerstake pltzlich, was ihm
geschehen ist wohl, meinetwegen . . . . wollte sagen, Sir, Feuerstake
erzhlte mir, man habe Mr. Hauptmann von der Regierung geohrfeigt vor
dem Krieg und seine Stcke verboten und bei dem Krieg, weil er dafr
schrieb, ihm Orden gegeben, ihn herangepfiffen und ihn bers Fell
gestrichen und er habe geweint vor Freude. Er habe dann whrend dem
ganzen Krieg eine Propaganda gemacht fr das Schieen und den Kaiser,
und nun sei er aber verheiratet mit der Republik und werde mit dem
Prsidenten alle vierzehn Tage photographiert. Ich verstehe das nicht.
Wir haben gelesen, wie Mr. Bernard Shaw in England im Krieg, beim
allmchtigen Gott, dem Knig und Mr. Lloyd George gesagt hat, es sei ein
Verbrechen und da er es vorher und nachher gesagt hat. Es hat mir nicht
gefallen, Sir, weil ich fr den Krieg bin und fr das Schieen. Aber,
damned, es hat mir doch noch besser gefallen, wie das, was ich bei Ihnen
jetzt hier gelesen habe. Ich wollte Ihnen das sagen, Sir.

Ich war eine Weile stumm, denn auf dem Baum tanzten die Schatten der
Vgel derart herum, da es wie ein nchtlicher Spuk vor der
Himmelsilhouette stand, und jede Bewegung fhrte einen derartigen Regen
von Niederschlgen der Vgel mit sich, da wir uns rckwrts bewegen
muten. Weile werde wachse . . . Sir, ich wollte das beim allmchtigen
Gott auch noch gesagt haben, Ihre Kriegsgedichte sind mehr gentlemanlike
als die im Frieden. Ich versuchte ihn wieder auf Hauptmann zu bringen
und ihm klar zu machen, da der Genius des Dichters leichter alle
Vernderungen aufnehmen und sich schneller wie festgemauerte Charaktere
von Jgern an die verschiedenen Institutionen des Staates wie des Lebens
gewhnen knne.

Es kme auf den Zweck an, meinte ich und erzhlte ihm die Geschichte des
Mnchs, der auf der katholischen Propaganda tausend Herbeigestrmten als
Reliquie eine Papageienfeder als die des heiligen Gabriel zeigen wollte,
aber, da man sie ihm gestohlen und zum Bluff schwarze Erde hineingelegt
hatte, diese sofort als die heiligen Kohlen ausschrie, an denen der St.
Lorenz gerstet worden sei. Allein er hrte scheinbar nicht auf mich,
legte an und scho aus der Luft einen Reiher, ri ihm die Bismarckfedern
aus, lie den Braten fr seine Vogelkameraden liegen und sagte: All
right. Ist fr mich erledigt. Kommen Sie Cocktails versuchen, Sir?

Zu seinem Geburtstag kam eine Kiste, er nagelte sie auf und man sah etwa
eine Batterie von vierzig Flaschenkpfen verschiedener Etikettierung.
Splendid, sagte Smith, und die Flachsblonden mischten Bacardi Cocktail
wie Engel, indem sie ein drittel Zitrone und zwei drittel Rum mit etwas
Grenadine und Zucker zusammentaten. Gegen Abend war, das gesamte Hotel
erledigt. Let us go, Sir, sagte Smith, als Feuerstake nicht erschien,
der Mann gefllt mir nicht mehr, wir legten die Bchsen ber und sahen
auf dem Wasser in der Purpurrte der Dmmerung eine Reiherschlacht durch
das Schilf.

Sie kamen in zwei Gruppen angeflogen und standen im Morast einander
gegenber und in der Mitte lag eine tote Mordsschleie. Die beiden
Parteien zogen sich zurck, formierten sich, krchzten mit aufgerissenen
Schnbeln in hchster Aufregung koau . . . kr, die blutigroten Augen
glhten, die Flgel schlugen auf und nieder und mit gestrubten
Nackenfedern schossen sie aufeinander zu. In dem Augenblick aber, wo man
dachte, da sie sich mit den dolchspitzen Schnbeln durchbohren wrden,
gingen sie jammervoll aneinander vorbei und berhrten sich kaum mit den
Flgeln. Eine gewisse Entfernung voneinander gengte aber, ihre Wut
wieder aufs uerste zu steigern. Klappernd, mit wund geschrienen
Rachen, erbost schossen sie aufeinander und spielten sich eine Stunde
lang das Theater ihrer Leidenschaft vor. Hallo!, sagte Smith, der
etwas unruhig war, wachse, werde, weile und scho ab.

Warum, sagte ich, zitieren Sie immer das Kriegsgedicht des Mr.,
dessen Name mir entfallen ist. Beg your pardon, meinte Sidney Smith,
ist die einzige Mglichkeit meinen Priem aus dem Gaumen heraus zu
bekommen.

Wir hatten groe Last, die Nachtreiher zu erreichen und ihnen die Federn
zu nehmen, denn es war an der Stelle sehr sumpfig. Als wir an dem tags
zuvor geschossenen vorbeikamen, stob ein Schwarm seiner Brder auf, die
sich die Krpfe voll von seinem Fleisch gestopft hatten und nach dem
Baum hinberflogen. Smith machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber
nichts, denn er war etwas betrunken.

Versuchen Sie Cocktails, Sir, sagte er zu Hause und machte einen
Martini mit Gin und franzsischem Vermouth, da wurde er sauer und dry.
Dann machte er ihn mit italienischem Vermouth, da wurde er s, und die
Flachsblonden nippten solang daran, bis sie wie verrckt im Garten
herumtanzten. Hallo, was sagen Sie dazu, Sir? frug er mit einem halb
lachenden Blick auf sein Kunstwerk, aber ich uerte nichts, weil ich
nicht bestimmt wute, ob er mit dem einmal s und einmal sauer
gewisse Dichter oder gewisse Reiher meinte, aber etwas Hinterhltiges
war in seinem Blick, das mich stutzen machte.

Im selben Augenblick bekam er aber Eulenaugen, stand ruckweise auf und
starrte auf ein Papier, das man vor ihn gelegt hatte, als er einen Priem
zahlte. Seine roten Haare strubten sich aus der Stirn und standen
borstig nach oben, der Schwei rann ihm ber die Stirn und er fuchtelte
mit der rechten Hand in die Luft. Dann fiel er mit rot verquollenem
sommersprossigen Gesicht auf den Stuhl zurck und stierte auf das
Papier. Ich entsinne mich genau, da ich nur langsam es ihm wegzuziehen
wagte, denn er sa darber wie ein Hund ber einem Schinken, pltzlich
ri ich daran und lachte, da der Tisch schrg ging: Ich sah in das
Gesicht von Joachim Feuerstake. Das Rtsel seiner Redseligkeit war
gelst mit seiner Unsterblichkeit.

Die Stadt Lbz hatte ihm zu Ehren, der ihre siebenundzwanzig Hhne,
ihren Kirchturm, ihren groen Misthaufen, ihren Brgermeister und die
Kornfelder und ein unbestimmbares Denkmal in dem roten von uns nie
geffneten Bchlein besungen, die Stadt Lbz hatte ihm zu Ehren ihren
Notgeldschein von fnfundzwanzig Pfennigen unter dem Motto: Treu der
Heimat mit seinem Bild geschmckt. Es schien, als werde
Smith tiefsinnig. Er blieb bla und schweiig, machte wieder
Bacardi-Mischungen, behielt die runden Uhuaugen und steckte den Rotkopf
tief in die Schultern. Ich beruhigte ihn, indem ich auf seine Manier ihn
fragte: Hallo Mr. Smith, denken Sie, da es ein Land gibt, wo man in
der Luft fliegt, Landpartien auf den Boden herunter macht, wo die Knige
den Schdel unterm Arm tragen und die Frsten auf dem Kopf gehn, wo die
Bauern sich Kokotten halten und die Arbeiter Fideikommisse grnden?

Yes Sir, sagte er, ich habe das oft gedacht.

Ich verstand, da ich ihn so nicht kriegen knnte, denn, da er das
Bestehende nicht achtete, auer der Jagd, hatte er sich die Welt wie ein
Kinderspielzeug schon unzhlige Male herrlich unlogisch neu
zusammengesetzt. Ich bemerkte jetzt, da er zitterte, er hatte einfach
Angst. Fr ihn war Fischen und Dichten einerlei, er sah keinen
Unterschied und hatte einen hysterischen Anfall vor Furcht, wie alle
Wilden, er knne eines Tages fr seine Jgerei ebenfalls auf einen
Schein gedruckt werden und wollte sofort zum Brgermeister. Diese Ehrung
Feuerstakes, dieses Simpels von Ententreiber, berstieg seinen Horizont,
es war ihm wie ein Steckbrief oder eine Anzeige beim Schicksal. Er war
entsetzlich aberglubisch wie alle einfachen Menschen.

Der Aufenthalt auf den Mecklenburger Seen hatte ihn etwas heftig mit
Dingen zusammenstoen lassen, deren Kontrrheit sein grades Hirn nicht
fate und er bekam Angst vor dem Lande, in dem man im Frieden scho und
im Krieg nicht bei der Stange blieb, wo man vorgab, fr Tote die
Lebendigen gern ermorden zu lassen und wo man die Angestellten auf
Papierscheine druckte, die man als Geld ausgab. Ich rttelte ihn heftig
am Arm. My boy, schrie ich mitleidig, hren Sie, gute Haut und ich
erreichte, da sein Blick mich wenigstens fixierte, wenn er auch mit
verstockter Besessenheit schwieg.

Ich suchte ihm an Hand des Lbzer Stadtwesens, an Hand des
Brgermeisters, der Parteien und ihres Sngers die Situation eines
modernen Staates und der Gefhle seiner Bewohner klar zu machen und
versenkte mich in das Beispiel des Poeten, brachte seine Konflikte, ob
er die Misthaufen beschimpfen oder die Kirche loben, ob er dem
Brgermeister opponieren oder alle Parteien belecken, ob er sollte sich
fassen links oder ob er sollte fallen rechts im Gedicht, ob er whlen
sollte zwischen dem Ehrenschein oder einer eventuellen Schndung seines
Grabes . . . . ich brachte dies sehr lebhaft vor, aber in
dem Augenblick, wo ich zur Unterstreichung meiner Rede den
Fnfundzwanzigpfennigschein auf den Tisch hieb, stiegen meinem Gegenber
wieder die Haare, die Grenze seines mitteleuropischen Fassungsvermgens
war erreicht.

Im gleichen Augenblick erscholl vom Garten her ein wilder Schrei, Sidney
Smith zog einen langen spitzen Ton durch seine Nase, sah mich schrg mit
dem Ausdruck aberglubischen Entsetzens an, stie die Augen nach oben,
rollte sie ber die Decke und strzte in den Garten, wo, wie ich vom
Fenster sah, die Flachsblonden wie Katzen in den Bumen jagten.

Er rannte wie besessen in die Landschaft hinaus und ich habe ihn nie
wieder gesehen.

Ich habe Sidney Smith nie wieder gesehen, Mijnheer, denn ich reiste am
nchsten Morgen an das Meer, ber das der Herbst mit einer Donnerwolke
von gelben Nebeln und dem roten Mond darin herein brach und ich verga
die sanglante Posse. Ich verga jedoch nicht die Folgerungen, die Sidney
Smith mir zu ziehen durch seine schnde Flucht nicht ermglicht hatte,
und sie steigen nunmehr aus dem Suite-case meiner Erinnerungen, wo ihn
aufzumachen und auszupacken heute dieselbe Mue ist wie damals, sie zu
erleben und einzumotten. Diese Folgerungen, Mijnheer, sind sehr kurz und
ebenso banal wie grob: Die Menschen lieben stets die Feuerstakes, die
auch ihren Mist zu besingen bereit sind und hassen die Mirabeaus.

Es macht ihnen nichts, da beide im Grunde dieselben Monarchisten sind
und beide, der eine imbezill und der andere glhend ihr Vaterland lieben
und seinen Ruhm wnschen. Die Tragik des menschlichen Herzens hat es
verwehrt, da die Menschen auf die Ziel-Richtung der Gefhle zu schauen
vermgen, sondern hat ihnen auferlegt nur die Bequemlichkeit zu sehen,
die ihnen momentan damit gewhrleistet oder gestrt wird. Sie
verwechseln das Wohlbefinden ihres Zustandes mit dem Heil der Nation,
halten Geplrr fr Vaterlandsliebe und erblicken im Schmeichler den
Helfer, im glhenden Tadler den Gegner.

Sie sind fr die Gedankenlosigkeit und gegen die wahre Liebe. Und die
Sitten ihrer Mahlzeiten und Beerdigungen stellen sie in grausiger
Verblendung ber die wahre Sittlichkeit der Nation. Ein Heinepark wre
ihrem Empfinden eine ffentliche Dreistigkeit, ein Weg, nach dem
Schnling Roquette benannt, erfrischt den Mut. Eine Hochschule nach dem
Sptter Lichtenberg genannt, wre in Eile eine delabrierte Sache,
whrend selbst in Skihtten der Name des Peter Hebel gefeiert wird, der
alemannisch und mit mikrozephaler Poesie biedermeierliche Ideale besang.

Fremder, sagte der Adjutant des Artaxerxes zu Themistokles, die
Sitten der Menschen sind verschieden. Den einen gilt dies, den anderen
jenes fr schn, allen aber: die heimischen Sitten in Ehren zu halten.
Dreiundzwanzighundert Jahre spter empfahl in der Sprache seines
Skulums der Verfasser der Pasquille Prservative wider Revolutionen,
zum Schutz der geltenden Gewohnheiten auf in kniglichen Grten
rauchende und sich zusammenpferchende Leute, unter Anrufung des
Nazareners, mit der Feuerspritze loszuschieen. Jede Epoche hngt an
ihren Sitten und nur Friedrich der Groe konnte, da er zur Macht noch
berlegenheit des Geistes besa, eine Opposition lachend ertragen und
mit einem gewissen Zynismus sagen, als er den verbannten Professor Wolff
nach Halle zurckrief: wenn jener lehre, seine Soldaten drften
desertieren, so stehe ihm darber hinaus die Belehrung zu, sie mten
daraufhin hngen.

Waren die Dichter nun so idiotisch oder temperamentvoll oder human, sich
aus menschlichen Grnden oder im Interesse einer neuen Form, die sie
starteten, mit einer gewissen revolutionren Geste zu prsentieren, so
waren ihre Beurteiler ebenso einfltig, sie nach den Gesichtspunkten der
Parteien, in deren Dienst sie standen, einzuverleiben. Der Mensch wurde
mit der Sache verbandelt, die Dichtung mit der Politik als Wechselbalg
ausgetauscht, und erbrmliche Zwecke wurden dahinein getragen, wo ein
helles Haus der Kunst allein stehen mte. Da die Dichter gewhnlich
unkritische Feuerkpfe, ihre Kritiker aber gestrandete und unterdrckte
Poeten waren, ergab sich, da im Durchschnitt verrgerte Alte oder
verkmmerte Junge die Dichtung beurteilten und mit der schnen
Gehssigkeit des Triumphes das Gesicht der Kunst mit den Plakaten
berklebten, die die Dichter in ihrem Privatleben anzuerkennen
beliebten. Man hat Bchner und Grabbe und Hlderlin lange unter den
Strich gesetzt und das Junge Deutschland in Anmerkungen besudelt, aber
die Feuerstakes waren jederzeit gewohnt auf Papierwagen in den Himmel
des Ruhmes der deutschen Literaturgeschichten zu fahren.

Ach, von welch grauenhaften Kleppern und welch seltsamen Fuhrknechten
werden die Papierwagen der zeitgenssischen Literaturgeschichten immer
noch gefahren. Hat aber einer wie Gundolf ein glnzendes Gespann, so
fhrt er es nicht in die Arena, sondern jagt es als Reklamekasten, wenn
auch mit glnzenden Bgen nach der Kongregation des Heiligen George, und
hat einer die beste Absicht zu popularisieren, so wird es ein
Bilderbuchwagen wie jener von Martens. Ach, aber ein Lastwagen mit
Maschinengewehren bespickt ist jenes Buch des Klner Professor von der
Leyen, der von der Gemeingefhrlichkeit der Kunst wohlanstndig so
berzeugt ist, da er zwar mit den Handschuhen des Weltmanns, aber dem
Blick des Feldwebels ihr entgegenfhrt. Wahrlich, mit femininer
Plauscherei und heroischer Haltung ist es hinter den Gewehren des
Nationalismus nicht schwer, Heinrich Mann als Schdling und Wedekind als
Papiermesser zu hhnen und durch Kartenkniffe von entstellten Zitaten
die Dichter den Revolvern seiner nationalistischen Studenten zu
empfehlen. Wahrlich, in solchen Machwerken zittert nichts wie der Ha
gegen die Republik, aber nicht die geringste Liebe zur Kunst, und die
von ihm Gepriesenen werden nachdenken mssen, ob sie nicht damit
Kompromittierte sind.

Ich bin nicht gegen solche Bcher, Mijnheer, weil ich anderer Ansicht
wre wie ihr Verfasser, sondern weil dieses Verfahren ein subalternes
und ein solcher Charakter ein ungehriger ist. Ich wre mit derselben
Leidenschaft gegen Entstellungen von sowjetischem Kurse, denn ich liebe
das Gewissen und verehre die Wahrheit und habe die groe Schnheit der
Kunst zu tief in meinem Leben erfahren, als da ich sie von irgendeiner
Seite schnden liee. Ich habe die Freiheit des Gesichtspunkts und das
Genie, die weiten Linien fr die Kunst zu ziehen und die gestaffelten
Urteile zu fllen, zu sehr verehren gelernt, als da ich nicht
protestierte, wenn ein sthetischer Sling mit einem politischen
Morgenstern sich auf das Postament stellt und vorgibt die Gerechtigkeit
zu sein, und nichts anderes ist als ihr Mixer. Grattez le savant vous
trouverez le chauvin.

Ich bewundere die Flle dieser Blumen, sagte auf einer Spazierfahrt
eine Dame zu ihrem Begleiter, aber der vermochte vor Wut kaum nach ihnen
hin zu schielen. Die Veilchen, Gndigste meint er, sind zu sehr
franzsische Liebhaberei, die Magnolien entsprechen der britischen
Khle, die Rosen ziehe ich vor zu verachten, weil ihr Besitzer
republikanischer Anschauung ist. Der Gute war berzeugt von Blumen zu
reden, aber er unterhielt sich nur mit seiner Dummheit, auch verschwieg
er nicht, da er Erdpfel und Eichen wegen ihrer erhhten Symbolkraft
den zu geistreichen Blumen vorzog, wobei er, durch seine Politik
verblendet, bersah, da die Eichen ein persischer Import sind und
selbst die Besitzer der kolossalsten Kartoffeln ihren auslndischen Duft
nicht zu leugnen berechtigt sind.

Selbst Casanova, der mit seinen Weibergeschichten alles
durcheinanderwarf, wute die Politik wie eine Seuche von der geliebten
Kunst fernzuhalten und er, der Frauen betrog und Mnnern zu jeder Zeit
diplomatisch zu kommen wute, berwarf sich ihrethalben mit den
Mchtigen, beleidigte Voltaire, indem er dessen Pucelle und Henriade
stolz den Ariost vorzog und krnkte den groen Friedrich, indem er sich
gegen La Mettrie stellte, und war glcklich, Ansehen und Stellung
verloren, aber die Kunst durch diese Ehrlichkeit geehrt zu haben.

Doch er war nur ein tapferer Mann und ein wohlilluminierter, aber kein
ordnender Verstand. Wie aber, wo Dichter im Tageskampf toben und
Kritiker verleumden, findet man, denken Sie, die hhere Einsicht, von wo
aus die Werte sich enthllen und die Bedingtheiten fallen? Wie, glauben
Sie, erreicht man die Stelle, wo die Zeit sich lst und die Muse bleibt,
wo die Larven nicht mehr gelten und die Herzen gewogen werden, und wo
die Urteile wie die Blitze und nicht wie politische Raketen die
Landschaft der Dichtung erhellen?

Man sucht diese Plattform nicht.

Man nimmt sie ein.

Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, ist immer die Kunst
gewesen, die Politik und die Werte zu trennen, statt sie zu verknueln
und sie spter aber im Bild jenes Theaters auszugleichen, wo die Zeit
mit allen ihren Strmungen und Stilen und Moden auf die Kulissen mit
heftigen Farben gemalt ist und wo die Werte in der Gestalt der
Schauspieler erscheinen.

Es ist nun amsant zu sehen, fr welche Farben sich die einzelnen
Akteure entscheiden und welchen die anderen wiederum gleichen, und
welcher Effekt aus dem Widerspiel von Hintergrund und Schauspiel sich
ergibt. Es ist erlaubt, mit Wnschen und Verwnschungen sich an diesem
unterirdischen Spiel zu beteiligen, aber man wird sich dem Urteil nicht
entziehen knnen, da hier, wo die Gegenberstellungen so scharf sind,
nicht unsere Wnsche, sondern die Leistungen entscheiden und da man
sich beugen mu vor der grausamen Tatsache, da unter vielen Helden der
Feige vielleicht der Begabte und unter zahlreichen Glubigen der
Verbrecher der Knner und der Rebell das Genie sein kann.

Denn in der Leidenschaft des fortgeschrittenen Spiels und der Helligkeit
der Beleuchtung werden sehr bald die Kulissen verschwinden und nur die
besten Spieler bleiben und es bleibt uns nur brig, mit Sympathie unsere
Lieblinge ausscheiden und mit nackter Logik unsere Gegner siegen zu
sehen und wir drfen hchstens aus den Kulissen uns die Fehler der
eigenen und die Triumphe der anderen erklren oder verzeihen.

Keinem Verstndigen wrde es einfallen, die Schauspieler aber mit den
Kulissen zu verwechseln und statt ber das Stck ber die Beleuchtung
sich zu ereifern. Von hundert deutschen Kritikern, denen die hhere
Geschicklichkeit fehlte, dies Theaterspiel in seiner richtigen Form
aufzustellen, haben neunundneunzig jeweils ihre Sympathie mit den
Leistungen verwechselt und haben ebenso viele, indem sie glaubten ber
die Akteure zu schreiben, ber die Wandbehnge geurteilt.
Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, Mijnheer, heit nicht ein
Chevalier de la bouche zu sein und Meinungen zu haben, sondern: die
glnzendste Optik _neben_ dem Talent und die beste Fingerfertigkeit
_neben_ der Loyalitt. berzeugungen sind ein Unfug, wo es sich darum
handelt, zugleich der Niedermetzler und der Heiland zu sein.

Man kommt so zu hnlich rund geschliffenen Tatsachen, wie sie nach
Jahrhunderten der Zeitstrom von selbst auswirft und hat dennoch das
Vergngen, nach Lust und berzeugung die Kulissen so bunt und die
Draperien so suggestiv fr das Publikum aufzustellen, wie man will. Man
macht so mit den Kulissen die Politik und fat die Leistungen sauber am
Kragen und beide, die sich gegenberstehen wie ein Mann seinem Spiegel,
bleiben dennoch reinlich getrennt.

Denn es wre wohl absurd, Shakespeares dichterische _Kraft_ auf die
Entfernung einiger Jahrhunderte aus Friedensschlssen und aus Kriegen
erklren oder daraus, wie man ihn schon oder unter welcher Regie man ihn
spielte, oder daraus, ob man prate oder hungerte, Knige liebte oder
enthauptete, bestimmen zu wollen. Aber man kann aus diesen Kulissen
zeigen, da er das Resultat seiner Zeit war und da die Friedensschlsse
und die Knige ihn so geformt haben und da sie gut oder schlecht waren.
Absurd aber wre es, damit ihn klein oder gro machen zu wollen.

Man kann aber ebenso, schreibt man die Geschichte seiner eigenen
verworrenen Zeit, auf den Kulissen seine Sympathien und seine Wnsche
malen, kann den einen hell, den anderen dunkel beleuchten, je nachdem
einer sozial richtig oder fr den Augenblick verbrecherisch schreibt.
Aber nach der Vorstellung werden nur die Werte beurteilt, da gibt es
keinen Eingriff, und wer hier nicht reinen Herzens ist, der ist
verworfen.

Literaturgeschichte seiner Zeit schreiben, heit heftig Politik machen
-- nicht fr die Freunde und nicht gegen die Feinde, sondern fr die
Gesinnungen, die die rechten sind -- heit mit dem einzigen Einflu,
nmlich den geschickt gestellten Draperien sein Publikum erziehen
. . . aber so sehr diese Campagne donnert und so bengalisch die Kulissen
flammen, wei man: es ist fr die Kunst nicht wichtig, man teilt
schlielich dennoch die Zensuren nach der Gre und nicht nach der
Verliebtheit und man lt nicht bekrnzte Affen, sondern die groen
Wertraubtiere an die Rampe und prsentiert sie richtig.

Wer anderes tut, ist ein armseliger Liebhaber oder ein verbrecherischer
Marodeur.

Wie das im Einzelnen aber vereint und getrennt, beleuchtet und
abgedmpft, gemischt oder verdeckt und am Ende dennoch gerecht verteilt
wird, dieser Schwertertanz zwischen Sein und Schein, dieser
Pendelschwung zwischen Kunst und Politik, dieses Nanzieren und doch
Ballen ist die hchste Kunst des kritischen Menschen.

Denn die rasche Entscheidung klingt immer tapfer und ist in der Regel
dumm und falsch. Ja und Nein sagen kann jeder Komiker, und die
Gladiatoren, die, mit Weltanschauungen eingeschient, mit Ansichten um
den Bauch gebunden und mit den Turnierzeichen ihres schlielichen
Urteils schon im voraus dekoriert, in die Arena kommen, ahnen nicht eine
Spur von den besseren Sitten und den hheren Regeln des Handwerks. Aus
dem Nein aber das Ja folgern oder aus dem Schein-Positiven das Nichts
herausziehen, Zeit im Zeitlosen schaubar machen und festes Land schon im
schwankenden Nebel der eigenen Epoche betreten, ist nicht nur des
Kolumbus sondern auch eines Csar wert.

Doch, retournons  nos moutons, das soll heien: man kann verachten, wie
Herr Hauptmann Deutschland reprsentiert und dennoch eine Anzahl seiner
Stcke ausgezeichnet finden. Es ist erlaubt, den Festungsgefangenen
Toller fr einen Gentleman zu halten und einen mittelmigen Dichter in
ihm zu finden. Es ist erlaubt, Herrn Paul Claudel, Gesandten der
franzsischen Republik und Vollstrecker des Versailler Friedensvertrages
zu hassen und ihn fr einen europischen Dichter zu halten. Auch darf
man Herrn Joachim v. d. Goltz den Respekt vor der Konsequenz seiner
vaterlndischen Dichterei vor, whrend und nach dem Krieg nicht
verweigern, auch wenn man diese Schillerei ablehnt. Dagegen wird niemand
zweifeln, da Deutschland in Herrn von Unruh ein bedeutendes Talent
besitzt, wenn auch bei der Begeisterung, mit der er die Revolution
begrte, es schwer verstndlich ist, wieso er ein Stck wie Louis
Ferdinand, das in der Gesinnung unklar gebaut ist und zu
nationalistischen Demonstrationen reizen mute, und also durch eine
politische Auslegung und nicht durch seine Qualitt Erfolg hatte, trotz
dieser Demonstrationen und ohne Protest gegen sie wochenlang im
Deutschen Theater laufen lie.

Man kann auch sagen, Barbusse sei einer der leidenschaftlichsten und
verehrungswrdigsten Menschen, aber ein mittelmiger Autor, d'Annunzio
aber ein bedeutender Dichter und eine unheilvolle Erscheinung. Man hat
auf diese Weise stets den Kerl am Genick, aber seine Bedeutung sicher
deponiert und kommt nicht in jene schelmenhafte Situation, wie jener von
der Leyen, der, whrend er eben noch mit ritterlicher Grandezza einen
demokratischen Stier absticht, pltzlich wie ein Gassenjunge neben einer
Kapelle herzulaufen und darum begeistert zu schreien beginnt, weil sie
militrisch ist, wenn tausendmal auch an der Spitze ein miserabler
Dirigent diesen Hohenfriedberger spielen lt.

Heiliger Mars. Wer nur jenen unterbeamtenhaften Begriff des
Vaterlndischen hat, da lediglich Generle und Kaiser ihm Ideale
darstellen, kommt leicht in die schndliche Lage, nicht nur, wie jener
Professor, im Namen der deutschen Wissenschaft alle schlechten
Wildenbruchs loben zu mssen, sondern groteskerweise dem A das B folgen
zu lassen und die belsten Hetzer anderer Nationen wegen ihrer hnlichen
berzeugung, auch wenn sie gegen die Heimat und gegen das menschliche
Gefhl gerichtet sind, preisen zu mssen. Wahrlich, das ist nicht mehr
die Pose eines Unerschtterlichen, sondern es ist die Rolle George
Dandins, der sich in einen Kirmisirrgarten verlaufen hat. Er findet
keinen Eingang und keinen Ausgang mehr, und wenn die Besitzer eines
Abends die Belustigung schlieen, wird man auch seinem verzweifelten
Gebrll nur glauben, da man es mit einem Tollwtigen oder einem
bemitleidenswerten Irren zu tun hat.

Es ist im Grunde genau so feig, statt das Sachliche zu sagen, das
Persnliche aufzublasen, wie es ja bekanntermaen auch ein Durchgehen
nach vorne und eines nach hinten gibt. Wer nach rckwrts durchbrennt,
bekennt sich mit einem gewissen Mut zu seiner Feigheit, aber der nach
vorn mit klappernden Rippen Galoppierende hat die Lge selbst noch
einmal belogen. Wer die Person angreift und damit dem Werk schaden will,
begeht dieselbe amsante Infamie wie jener seltsame Heilige namens
Schtze in Weimar, von dem der Balte Sternberg erzhlt, er habe Goethe
brennenden Herzens gern angegriffen, es aber aus dem privaten Grunde
unterlassen mssen, weil es ihm in seiner Eigenschaft als Herausgeber
des jhrlichen Taschenkalenders Fr Lieb' und Freundschaft geschadet
htte, pltzlich mit Galle statt mit sem Speichel zu erscheinen. Der
Bund der Tartarins und der Sykophanten ist stets von denselben
verchtlichen Gttern gesegnet worden. Aber auch das Panthon der Komik
hat sie beide lchelnd aufgenommen.

Denn die Halle des Ruhms hat sich manchem spter geffnet, den seine
Zeitgenossen in die Katakomben sandten, und der Name des Galilei und des
Sokrates ist in die Ewigkeit eingegangen, obwohl die rmischen und
griechischen von der Leyens sie fr religise und homosexuelle
Verbrecher ausschrien. Hat es dem Helvetius etwas gemacht, da auf
Parlamentsbeschlu seine Bcher ffentlich verbrannt wurden, dem
Wieland, da die keuschen Jnglinge des Hainbunds ihre armen Seelen an
dem Feuer seiner grazisen Bcher wrmten, dem Luther, da man ihn wie
einen Bolschewisten jagte? Es hat ihnen das Leben verbittert, aber ihr
Werk ging daraus hervor, wie aus einem Feuer der Luterung. Beurteilt
man Zola danach, da er postulierte, die Republik msse naturalistisch
oder gar nicht sein, bedenkt einer bei Courbets Bildern, da er wegen
Umsturz der Vendmesule im Gefngnis sa und auch als Exilierter vom
Staat die Millionen der Wiederherstellung tragen mute und da seine
Kollegen vom Salon seine Bilder nicht mehr aufhingen, weil sein Name
nicht mehr eine knstlerische Sache sei, sondern eine der Politik. Die
heiligen Percken! Sie haben genau so gegen Voltaire und gegen Hutten
und gegen Flaubert getobt und haben nichts hervorgebracht als Exzesse
der Langeweile.

Was hat es mit dem Ruhm Viktor Hugos zu tun, da ein Kaiser ihn
verbannte, beeintrchtigt es die Stal, da Bonaparte sie jagte? Und ist
es nicht hochherzig, aber an seinem Werk nichts ndernd, da Dickens
sich gegen die Sklaverei und Zola fr den Dreyfu aussprach. Verndert
es die Bcher des Bulwer, da er mit sozialistischer Gebrde kam und als
Toryminister fr die Kolonien kulminierte, hat Goethes Existenz in der
Dichtung eine Verwandlung erhalten, da zwischen seinem Leben und seinem
Werk ein bedenklicher Hohlraum klafft. Hat man Mozarts Musik
vorgeworfen, da er ein unsozialer Mann war, die Briefe seiner Magd
ffnete und Abscheuliches ber das Los der Dienenden sagte? Hat das
Gesicht der Manzoni, Hugo, Byron, Foscolo, Lamartine andere Zge dadurch
bekommen, da sie Oden zu Bonapartes Tode anstimmten, und hat es jene,
die es vermieden, im Urteil der Nachwelt verndert? Chapeau bas! Jeder
Leistung kann hchstens nur das Bedauern angehngt werden, da ihr
Vollbringer vielleicht ein Schurke war. Sie kann hingegen nicht
verndert, wohl aber geehrt werden durch den besten Ruhm der humanen
Gesinnung, und da ihr Trger in seiner Haltung ein Edelmann und ein
Freund der Menschen war.

Als Constant starb, begleitete ganz Frankreich seinen Sarg, nicht weil
er nur ein groer Schriftsteller allein, sondern weil er auch der
schnste Anwalt der Freiheit war. In der Wahl zwischen zwei gleichen
Begabungen der Zeit, deren eine gegen, eine fr das Humane ist,
entscheidet nur ein Gewaltakt, da man den Zufall ablehnt. Es gibt in
diesem Fall eine hhere Moral und sie ist nicht fr die Feuerstakes
eingerichtet. Schon Kant hat hnlich ber die Mihelligkeit zwischen
der Moral und der Politik in Absicht auf den ewigen Frieden
geschrieben. Hat man die Wahl zwischen einem begabten Schurken und einem
dnnen Edling, zieht man das Los fr den Schurken. Man mu gerecht sein.
Geht die Fragestellung jedoch aus der Kunst heraus in das, was fr die
Zeitgeschichte ntzlich oder verbrecherisch, human oder unsozial ist, so
verstt man unbedenklich den Schurken, ohne sein Talent zu verkleinern
und stellt den begabten Brauchbaren an das sichtbarste Licht. Anders
kann man nicht. Fiat iustitia, pereat mundus. Und wenn man dabei in die
Krmpe geht.

Mijnheer, jener Sidney Smith, der Enten jagte und darum keine Zeit fand,
sich mit seiner Zeit zu beschftigen, war ein ehrlicher Bursche, aber er
verlor den Verstand, als er mit der politischen Dichtung der Deutschen
durch einen grotesken Zufall zusammenstie und nicht vermochte, ber die
Dichter hinweg sich die Zeit zu erklren.

Aber die deutschen Jahrhunderte haben nie eine bessere Deutung gefunden,
als durch jenes Blut, mit dem deutsche Poeten die Bcher ihres Schmerzes
oder ihrer Zweifel an den Himmel geschrieben haben. Sie haben diesen
Platz fr ihre Plakate gewhlt, weil der Himmel selbst sich nicht
herablie, auf Deutschland selbsteigen herunterzusteigen, und in seiner
fernen Vollkommenheit der unvollendeten Sehnsucht der Gequlten der
sichtbarste und seltsamste Ort schien. Nur das Mittelalter hatte seine
Blue eine Weile auf der Erde erblickt, als die Poeten mit ihren Hfen
vereinigt durch die Grten ritten.

Doch schon der Hans Sachs war fr und gegen seinen Kaiser, wie es gerade
kam, und die Manuel und Rosenblt waren brgerliche Kondottieri, Luther
war ein sozialer Reaktionr und ein religiser Rebell in einer Figur.
Die Brant und Fischart waren gegen alles, Murner war gegen, Hans Sachs
war fr Luther und Hutten stritt wie ein Engel, aber nicht fr
Deutschland, sondern gegen Rom. Klopstock suchte an Stelle der
griechischen Nymphen einen teutonischen Wotanskult zu setzen und
propagierte zur Ertchtigung der Jugend den Eislauf, whrend die
Stolbergs, die in ihrer Jugend Tyrannen fraen, das Glck der Nation im
Frieden mit der katholischen Kirche machen zu knnen meinten. Goethe und
Schiller wuten geschickt ihr Brausen zu dmpfen, whrend vom Sturm und
Drang, ohne ihren Frieden mit den herrschenden Sitten zu machen,
Bchner ins Ausland floh, Schubart zehn Jahre in die Festung sauste,
Klinger aber in der Fremde als General verstarb. Gegen was fochten sie
alle? Gegen nichts.

Fr ein Deutschland waren sie aufgestanden, ihre Glieder zu
zerschmettern, das nicht bestand, dessen Traum aber ihre besten Kpfe
immer so sehr beschftigte, da selbst die praktischsten Mnner zu
Schwrmern wurden. Sie schwrmten sich in eine Idee hinein, in deren
paradiesisches Hafentor das Land selbst hineingelaufen wre wie das
glckhafte Schiff der Legende, wenn es Ruder und Maste und Steuerzeug
dazu gehabt htte. Aber es war keine Gesellschaft da, die es htte
leiten, keine Zentrale, die es htte fhren knnen, es war ein Staat von
siebenundzwanzig Ameisenhaufen, ein Gewirr sich befehdender Zwerge, ein
Mosaik wie das Italien des Quattrocento, nur da es des Glanzes und der
Hhe des Geistes entbehrte, die aus dem zerrissenen Italien eine so
ungeheure Einheit machten, da die vielen kleinen Kreise nur seine
Eigenart nanzierten statt sie zu sprengen. Die Deutschen aber waren in
eine hilflose Diaspora hinausgetaumelt und hatten wohl Trennungen, aber
keine Gemeinsamkeiten und wohl ein Mosaik, aber kein Weltgefhl, das
sich darin spiegelte.

So furchtbar war das Wirrwarr der Leidenschaften und Empfindungen in
Deutschland ausgewachsen, da selbst die klgsten Mnner sich zu den
Utopien flchteten und ein Mann wie Forster, der mit Cook die Welt
umsegelt hatte, bei Beginn der franzsischen Revolution das Rheinland
daran schmeien wollte, da er wahrlich an einen groen Staat der
Freiheit deshalb glaubte, weil er berhaupt etwas glauben wollte, um
nicht zu sterben vor belkeit und sich lieber entschlo, das Unmgliche
als gar nichts zu glauben.

Die Freiheitsfeuer des Krner und seiner Schar waren wirklich umsonst
geschichtet, wenn ihre Folge war, da der Bundestag von
Achzehnhundertfnfunddreiig das Junge Deutschland in Bann tat, das
schon damals fr die Republik und in der Tat ebenso glhend mit der
Feder wie die Schwertsnger mit den Sbeln fr die Freiheit kmpfte. In
ihnen verdammte man wohl seine besten Shne und machte damit keineswegs
die Lyrik der Arndt und Schenkendorf und Rckert zu besserer Literatur.
Armes Deutschland, dessen politische Dichter schlielich nicht einmal
die groen Ankndiger der Umschwnge in seiner Gesellschaft waren,
sondern nur seine flackernden Ungewiheiten, seinen mangelnden Charakter
oder seine unbestimmbaren Sehnschte ausdrckten. Und die auf der Flucht
vor der Leere um sich das, wofr sie kmpften, mit einer gewissen
unklaren Dmonie statt in das Gesicht ihrer Nation in den Sternbogen
schrieben.

Denn wenn sie auch gegen Papst und Tyrannen und Dummheit stritten mit
dem Mut der Lwen, so war es doch nur das dumpfe Gefhl fr ein unklar
empfundenes und ihnen stets verhllt gebliebenes Standbild der Freiheit,
das sie, ohne Nation hinter sich, weder zu erblicken noch zu gestalten
vermochten.

Ja sie waren so verblendet, da sie, wenn Deutschland wieder einmal am
tiefsten verloren war, statt die Freiheit in ihren eigenen Herzen zu
suchen, sie in ihren Kostmen exhibierten und nach dem Wiener Kongre
genau wie nach dem Versailler Vertrag in Deutschtmeleien und
antisemitischen Paraden jenes Heil suchten, das ihnen nur durch eine
wahrhaft innerliche Kraft zu dem echten Deutschtum kommen knnte. Sie
kmpften immer gegen, aber nie fr etwas.

Selbst die Romantik, die so glhend und herrlich begonnen, war
verurteilt, mit einer Posse zu enden. Das Puppenspiel der Freiheit, das
seine Dichter spielten und in dem die Bettina und Rahel die Mnner und
den Geist der Epoche durcheinanderbrachten, war verloren, als zwischen
livrierten, Silberleuchter tragenden, Lakaien Herr Schlegel als Attach
des Metternich erschien und jener Tieck, der gegen die Hofrte sich
weidlich getummelt hatte mit dem schmerzhaften Ro seiner Phantasien, im
Rock des Hofrats den Laden schlo und als Vorleser des vierten Friedrich
Wilhelm auf das Schlo hinauf eilte, eifrig sein Buch ergriff und seine
alten Scherze wiederholte, whrend der Knig, bldes Zeug zeichnend, den
alten Dichter nach jedem Satze unterbrach, um seinen Hofdamen seine
Witze zuzurufen.

Ja sie haben dieselbe Rolle gespielt wie die Adamiten des zweiten
Jahrhunderts, die unter den Verhhnungen der Menge nicht ablieen, zur
Prfung der Enthaltsamkeit sich nackt in den Stdten zu bewegen. Aber
die Dichter haben, wenn sie sich um der Freiheit willen entblten, nur
den Spott ihrer Landsleute ber diese Verhhnung der bestehenden Sitten
entgegengenommen und weder ihre Tugend gefrdert noch die Nation
gebessert, sondern nur den Stand bei der Menge verchtlich gemacht.

Mijnheer, dieser Sidney Smith, der durch die Entenjagd verhindert war,
an der Gegenwart teilzunehmen, war ein grader Mensch und in seiner
Einfachheit ein Charakter. Er erkannte die Leistungen nicht an, aber die
Gesinnung. Er hatte etwas vor uns voraus in dieser unbedingten
Fhigkeit, das eine nicht zu sehen und das andere zu empfinden und er
vermochte die Gerechtigkeit der Beurteilung auer Acht zu lassen, aber
die Geradheit und den Charakter nur zu loben. Er hatte Recht, da er die
Gesinnungen bevorzugte und die Visitenkarte sehen wollte. In strmischen
Zeiten ist es wichtiger, den Gegner zu wissen und zu achten, statt sich
mit undefinierbaren Breien an die Tafel setzen zu mssen, und es gibt
Zeiten, die mehr die menschliche Konfession als das Schmalz einer
falschen Schnheit verlangen.

Der Zauber der franzsischen Revolution hat, mehr als Bekenntnis wie als
politische Forderung, bis tief ins vorige Jahrhundert hinein gedonnert
und es gibt eine Kunst, die weniger den Anspruch erhebt, eine Nation
auszudrcken als ihr Gewissen zu sein.

Die ganze Generation Europas whrend des Krieges hat sich irgendwie fr
oder gegen ihn entschieden und damit irgendwie einen bernationalen und
europischen Standpunkt eingenommen, wie er kaum vorher erreicht worden
ist. Die Lyriker und die Maler sind mit an der Spitze marschiert, und
manche Gedichte der Russen htten in Italien, manche der Franzosen aber
in Deutschland geschrieben sein knnen. Lamartines La grandeur d'me
est  l'ordre du jour, schien fr eine gewisse Zeit ganz Europa zu
erfllen.

Zwar flauten die Stimmen der Helden bald ab, die berall den Tyrtus
bliesen, und die Maschinenschlacht von vier Jahren bewies manchem, da
es schner zu leben, als zu krepieren sei. Aber je gewaltiger die
Kanonen Europa auseinanderrissen, um so heftiger wurde die Stimme, die
auf allen Fronten sich der Zeiten erinnerte, wo die Menschen mit
friedlichen Gewohnheiten und ohne mrderische Blicke sich begegneten,
und die Dichtung Europas erlebte einen Hymnus der Kameradschaftlichkeit.

Zwar nahm unter dem Schwinden des Kriegsdrucks die Spannung ab und
mancher, der geglaubt hatte, ein groer Dichter zu sein, fand, da er
nur ein Mensch mit Gesinnung war, aber ohne Zweifel hat die Lyrik
Deutschlands in den Sngen Werfels einen der besten Hochschwnge
erreicht. Der Schatten des groen amerikanischen Urnings Withman stand
ber der Epoche, die einen groen Weltakkord anstimmte. Die Lyrik unter
Dublers weit verwuchertem Versspalier, unter Becher, der die Strophen
in einer Verzweiflung ohne Ma zu futuristischen Quadern zerbrach, unter
den Brdern Schnack, Schickele, Wolfenstein, Rubiner, Ehrenstein,
Stadler, dem sanften Trakl, der Lasker-Schler, Georg Heym, Wei, Zech
und Hasenclever spiegelt die Epoche, in der sich der Mensch wie ein
Gotiker gegen den Materialwahnsinn des Mordens auflehnt, am klarsten
wieder.

Es gibt in Deutschland kein Kunstwerk, das den Krieg verherrlicht htte,
aber eine Masse, die sich gegen ihn stellten wie die trojanischen
Fechter. Der Krieg, den die Kunst kmpfte, war nicht jener der
Kruppschen und Creusotschen Kanonen, sondern war der Krieg der
menschlichen Gesinnungen gegen die Barbarei, denn auch die Griechen
waren seinerzeit nur ausgezogen, den Bruch der menschlichen Gesetze zu
ahnden. Bleibt auch bei jeder Gesinnungskunst immer ein kleiner Verdacht
der mangelnden Gre und entpuppte sich mancher humanitre Bramarbas oft
als kleiner Don Quichote, wenn man an die Leistung klopfte und das
humanitre Ideal ihm ein wenig von der damit gepanzerten Herzgrube
wegschob, so ist in der Lyrik ohne Zweifel seit der Romantik
Deutschlands beste Leistung im Krieg gesungen worden.

Auch die Maler hatten die Hinterlassenschaft der Hogarth und Gavarni
aufgenommen. Das ganze neunzehnte Jahrhundert war gefllt mit der
Proklamierung menschlicher Thesen, die man mit dem dafr erfundenen
Mittel der Lithographie an die Wnde und an die Zeitungen schlug. Die
Zeiten haben sich stets auch ihre Techniken geschaffen. Der Holzschnitt
gab dem Mittelalter die Treue und die Glubigkeit und die berzeugung
seiner religisen Kmpfe. Kupfer und Stahlplatte fhrten in die
artistischen Grten. Die Lithos schrien nach den Pallisaden, wo sie die
Erregung der Sekunde sofort zu spiegeln bereit waren. Die Daumiers und
Delacroix und Steinles und Lautrecs haben ihr Jahrhundert attackiert,
und selbst der unpolitische Gavarni hat in dem von Politik fast
platzenden Zeitalter Louis Philippes durch seine Verspottung der
politisierenden Spieer seine politische Mission getan.

Wie hat die Graphik schon den Bonaparte gefat und wie haben die
Jakobiner die anrckenden Frsten belchelt und mit welcher
Schamlosigkeit, aber welchem Mut hat man die Erotik und die
phallischsten Zeichnungen aufgerufen, um Viktor Emanuel und die
spanische Isabella und Eugnie und Napoleon unmglich zu machen!
Flicien Rops hat, um die Gre des Knigstums zu beweisen, den
vierzehnten Ludwig mit einem Riesenphallos gezeichnet, den eine Krone
schmckte.

Von diesen politisierenden Absichten und ohne jede Frivolitt zog sich
die Graphik in der Zeit des Krieges zum Teil sogar auf den Holzschnitt
zurck, suchte entweder Symbole der Menschen zu schaffen oder gab ein
leidenschaftlich zerrissenes Gesicht der Gesinnung zu erkennen. In den
Blttern von Frans Masereel, der tglich in der Genfer Feuille gegen
den Krieg protestierte, in den Zeitschilderungen von Beckmann und
Gromann, und in den fatal das Skelett der Zeit weisenden Anklagen des
George Gro ist eine knstlerische Hhe mit der Tiefe eines
gesinnungshaften Glaubens erreicht.

Man kann sehr skeptisch sein und seine Zeit dennoch sehr vollkommen in
diesen Dingen sehen. Dem einen ist es bestimmt zwischen achtzehn und
dreiig Jahren zweiundzwanzig Frauen zu besitzen, wie Stendhals Martial,
und dem anderen ist es auferlegt, seiner Kunst und seinem Gewissen die
fletschende Gebrde einer Zeit abzuringen, deren Formung so genau mit
seinem Glauben bereinstimmt, da man diese Epoche nur als die
Vermischung von Fegefeuer und Seligkeit zu begreifen imstande ist.

Die edelsten Figuren in dieser humanitren Welle haben mit Romain
Rolland und Henri Barbusse die Franzosen gestellt. Auch Rolland ist kein
berragender Dichter, aber ein Mensch, dessen Horizont und Gewissen so
weit sind, da sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse sind
Epigonen des Tolstoi, nur da Barbusse, der den einzigen groen
Kriegsroman in seinem Feuer geschrieben hat, der mit der imposanten
Haltung seiner Figur jene wundervolle Plejade eines Vlkerbundes der
besten Geistigen der Welt grnden wollte, seine eigene Clart
zerschlug, indem er unter die Satzungen der Sowjets sich bckte und in
die Politik das hineinfhrte, was hchstens innerlichstes Bekenntnis
sein durfte. Die Duhamels und Chennevires, den tapferen Paul Colin an
der Spitze, die Vildracs und Balzagettes sind von ihm, der zu dem
Schwert sich entschlossen hat, nachdem er es bekmpfte, zu der milderen
Gestalt Rollands hinbergegangen, der die Reinheit der Kunst durch
keinen Gewaltgriff besudeln mchte.

Die schnste Stimme aber unter diesen seltsamen Kmpfern gegen den Krieg
hat neben Ren Schickele die mutige Frau, Annette Kolb, der an
dichterischer Kraft nur noch die jdische Dichterin Else Lasker-
Schler, an stilistischer Schnheit aber niemand zu vergleichen ist. Ihr
Buch Zarastro ist eine Kammermusik sehr erlesener europischer Gefhle
und tadelloser Bekenntnisse und damenhaft distanzierter Gepflegtheit der
Worte. Ren Schickele hat das Blut und die Klugheit des Hirnes zu einer
grandiosen Proklamation an die berlegenheit der Vernunft und die
Heiligkeit des Geistes gewendet, und Leonhard Frank das brutale Gespenst
seiner Stze zur Verteidigung der Menschlichkeit gegen die Dummheit
aufgerufen. Die schrfste Sprache hat Sternheim gegen diese Epoche der
ausschweifenden Irrsinnstaten gefunden, und weder in seiner Gespitztheit
noch in Heinrich Manns Wrde noch in Franks Verzweiflung oder des
Schickele heller Wrme hat der deutschen Prosa der Genius gefehlt, der
dieser berzeugtheit und dem untadeligen Anstand nicht noch den Kranz
einer gewissen Vollkommenheit hinzugefgt htte.

Die Epoche im Umkreis des grten europischen Krieges hat ein weites
Leichenfeld von Dichtern, die ihn in schlechter Weise besungen oder in
edler Form getadelt haben, und von dem mglichen und wahrscheinlichen
Adel der Gesinnungen ist nichts geblieben als ein taubes Korn. Aber in
dem Konzert von Mohrentrommeln, Dudelscken, Mitrailleusen, Schalmeien,
Motoren, Feuerbrnsten, Sackpfeifen und Sirenen, das als Echo hinter der
Epoche aufsteigt, hat sich in diesen Dichtern ein Orchester der
Erlesenheit gehalten, das zur Kunst den Anstand und zur Hhe der Sprache
die Kraft eines Gewissens zu legen verstand.

Es haben am Rand der Zeit aber weder die Harlekine noch die tragischen
Spamacher gefehlt und die Leuchtfeuer des groen Weltdbacles haben
sich manchmal sogar im phosphorischen Glanz der Maden gezeigt, die in
den Kadavern ihre Orgien hielten. Die Jnglinge, die sich in Zrich
zusammentaten und sich den Namen Dadaisten gaben, haben, um ja nicht
irgendwie das brgerliche Zeitalter zu berhren, sowohl die
Sentimentalitten wie die moralischen Begriffe der seitherigen Welten
abgelehnt und sich nur fr den Tanzschritt einer absoluten Zerstrung
entschlossen. Selbst zum Krieg, an dessen Begriff sich heute die
Leidenschaften der Vlker am heftigsten schlagen, haben sie keine
Stellung genommen und sich begngt, in seiner Saat an Kokotten und
Schiebern ein ebenso zynisches wie originelles Festspiel zu entfalten.

Guter Aristophanes! Soviel Zynismus war noch in keinem literarischen
Stall. Und soviele Menschen, die eine neue Fauna, das Kriegsaas, als
Schilderungsboden entdeckten, hat noch keine Gesellschaft
hervorgebracht. Sie haben ihr Programm der Zerstrung, ihre
unverstndlichen Gedichte, ihre graphischen Stottereien, ihre Abende, an
denen Klaviere und Schreibmaschinen und Niggertnze um die Wette
klapperten, wohl als Scherz gemeint am Anfang, aber der Bluff wandte
sich gegen sie und verurteilte sie, als die Lrmmcher eines
Zusammenbruchs der Welt eine Zeit lang ihren disharmonischen Cancan zu
tanzen, der schon apokalyptisch vor den Wetterwolken der kommenden
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Menschheit dunkel sich
reckte.

Diese Welt ist innerlich zerplatzt, Mijnheer. Bis zu dem vierzehnten
Ludwig lief jene feudale Kraft, die Volk, Kunst, Glauben, Politik
mitri, dann brckelte alles ab und stt sich von Revolte zu Revolte.
Mijnheer, die Welt ist kein Football und geht nicht von Goal zu Goal,
sondern von der Bewegtheit zum Kristall. Sie ist geplatzt und will
wieder zueinander, und alle Snger der Freiheit haben nur die eine Idee,
sie wieder zu einigen. Das kommunistische Experiment in Ruland ist in
denkwrdiger Gre verloren gegangen. Die britische Insel, die sich sehr
frh durch ihre Glaubensrevolte konsolidierte, fhlt sich von inneren
Gespenstern bedroht wie nie. Deutschland ist wie allezeit der Nabel der
Welt, ihm ist der Bauch vllig aufgeplatzt und man beginnt ihn langsam
wieder einzunhen.

Diese lallenden Jnglinge des Dada, die alles zu verachten und alles
zu zerstren bereit waren und mit einem grausamen Hohn forderten, man
solle die geistigen Menschen ffentlich auf dem Potsdamer Platz speisen
und die Kirchen als Bordelle einrichten, diese dadaistischen Jnglinge,
die noch khner waren wie die Jakobiner, welche aus den Domen nur die
Stlle ihrer Kriegspferde machten, sind nur die ersten Frissons jener
Gespenster gewesen, die sich aus einem berpolitisierten Zeitalter als
die Hynen einer unvorstellbaren Anarchie am Weltuntergang auf uns
strzen werden.

Sie sind eine amsante Posse in der Art des Malers Ensor, der mit einem
hemmungslosen und narzissisch lsternen Grauen auch die ganze Gegenwart
vernichten mchte. Aber in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hlsenbeck
und Serner begabte Mnner sind, die Muse so wenig gewohnt wie in jenen
sowjetischen Proklamationen, mit denen die Russen eine neue Kunst
kommandieren zu knnen glaubten und vergaen, da sich die Ideen wohl
glauben und die Herzen wohl erhhen und die Gefhle wohl steigern, aber
niemals die einen wie die anderen sich irgendwas befehlen lassen.

ber ihnen aber sind mit groem Freskostil die Bilder gemalt, die der
Dne Pontoppidan vom untergehenden brgerlichen Zeitalter gemalt hat,
mit denen Gorki eine neue Klasse ankndigt, die der Bornholmer Nex mit
einer fabelhaften Gewalt vom Kommen der neuen Gesellschaft prophezeiht
und die der Amerikaner Sinclair in seinen Werken anzeigt, die alle zur
Eroberung der Macht durch eine neue Gesellschaft fest entschlossen sind.
Delacroix hat die Freiheit mit der Jakobinermtze noch gezeichnet als
schnes Weib mit einer Fahne. Pennel hat in seinen graphischen Blttern
den Panamakanal und ein denkwrdiges Monument des arbeitenden Fleies
widergespiegelt. Bei Sinclair und bei Nex findet sich mit
paradiesischer Sicherheit bereits der von der Sklaverei befreite Mensch
der niedersten Klasse, der sich mit den herrschenden und schwer
beschdigten Klassen zu vermischen oder sie zu vernichten bereit ist.
Wissen Sie, was das heit, Mijnheer? Tod oder neue Gesellschaft.

Man soll nicht pathetisch werden, wenn die ernstesten Dinge kommen, die
groen Szenen der Wirklichkeit spielen sich von selbst. Man sieht sich
leidlich ebensogut nchtern um. Um Siebzehnhundertsiebzig wurde von
James Watt der Begriff der Pferdestrke geprgt, die Maschine war
erfunden, expre fast, wie es scheinen mchte, um die Zerstrung der
seitherigen Welt zu beschleunigen und zu przisieren. Die Eisenbahnen
waren die teuflischste Erfindung der Demokratie, und die Burgen der
Feudalzeit hingen als schlechte Witze ber ihren Geleisen. Man fhrt im
Flugzeug nach Amerika und in einem Tag nach Moskau, photographiert auf
tausende Kilometer, telegraphiert ohne Draht ber den Erdball, hat die
Pole entdeckt und kein Geheimnis mehr auf dieser Welt.

Zu der Stal sagte ihr Vater Necker, da sie so dekolletiert sich zeige
und nichts dem Blick verweigere, mge sie wenigstens ihr Gesicht
verhllen. Europa hat sich ausgerast und knnte nun beginnen, sich
verhllt auf sich selbst und seine Aufgaben zu besinnen. Die Dichter,
die sich gegen es gestellt haben, sind seine besten Berater gewesen und
haben seine Idee am wahrsten behtet. Es hat sogar nicht einmal einen
einzigen deutschen Poeten der Reaktion gegeben, der von Bedeutung
gezeugt htte und man kann wohl schlieen, da die Reaktion darum eine
Gott ungefllige und schlechte ist.

Auch die Neuauflage der Gedichte zum Krieg von Lissauer, Krner auf
Zeitungspapier und einige zwischen Weltfriedenssprche rasch bestellte
Kriegslieder von Gerhart Hauptmann wrden die Reaktion nicht mit dem
Fleisch versehen, das ihr ebenso fehlt wie der Geist. Die Republik mte
sehen, sich zu festigen zu einer neuen Gemeinschaft oder sie mu mit
ihrer Getreuen sterben. Europa mu eine Weile sein Haupt verhllen und
sich beruhigen und auf sich besinnen. Da seine Dichter sich gegen ihre
Mutter gestellt haben, war diesmal keine Politik und war keine deutsche
ziellose Verzweiflung, sondern war sowohl die Besorgnis des Geliebten
wie die Vorbereitung der Zukunft. Mehr kann man nicht tun.

Der Entenjger Sidney Smith war vielleicht ein Narr, aber er ahnte, da
in manchen Zeiten die Menschen wichtiger sind als ihre Bcher. Das ist
eine Barbarei fr den Knstler und eine Roheit fr den Kultivierten.
Aber auch im Mittelalter sind die Knner manchmal in die Kutte der
Prediger gesprungen, Apollo hat wie in des Euripides Alkestis auf
einer so menschlichen Flte geblasen, da zu den Rinderherden sich die
gefleckten Luchse und die feuerfarbene Schar der Lwen im Spiel
gesellte.

Man tut das Seine und schafft seine Leistung wie man kann und keiner
wird den Knner unwrdig ehren. Aber man lebt nicht fr die Kunst,
sondern fr die Zukunft und man steht am Vorabend einer abscheulichen
Mrderei oder einer neuen Gesellschaft. Man mu sich entsprechend
einrichten. Denn man lebt schlielich nicht auf einer begnadeten Zeit,
sondern in manchem Sinn in einer, wenn auch geliebten, Hlle.

Mijnheer, geschichtliche Tatsachen erklren heit nicht Partei nehmen,
sondern sich fr den gesunden Gang der Dinge aussprechen. Eine alte
Zeit, der nachzujammern so dumm wie unbescheiden wre, hat sich
vollendet. Die letzte Groherzogin von Baden war blind und fuhr viele
Jahre hindurch durch ihre Hauptstadt im Glauben, da jedermann sie
begre. Es wagte niemand ihr zu sagen, da sich die Zeit verndert habe
und sie fuhr auf ihrem schon unwahrscheinlichen Wagen grend und
nickend durch die Jahre und die Straen, ohne da die Bevlkerung sich
um sie scherte und ohne da sie es ahnte. Es hat eine gewisse Gre, wie
diese Zeiten sich unbewut neigten. Zur selben Zeit sandten die
franzsischen Regierungen Deputierte nach Afrika, die Negerstmme zum
fleiigen Verkehr der Geschlechter und zahlreichem Kindersegen
aufzufordern, um ihre Cadres fr kommende Kriege und Revolutionen
aufzufllen mit schwarzen Soldaten. Das ist Europa, Mijnheer, und
zwischen beiden Bildern schwebt mit einer gewissen unbestimmbaren
Schnheit das dritte Bild seiner neuen Konsolidierung.

Nicht jedermann, Mijnheer, ist overdressed, der besser angezogen ist wie
man selbst, und nichts ist schlimmer wie ein Hochmut, hinter dem nichts
steckt. Jedes Volk hlt sich fr das auserlesene und keines hat die
Demut, an seine innere Kraft statt an seine sichtbaren und uerlichen
Symbole zu glauben und jedes steht sich damit selber und der Menschheit
im Licht. Man liebt es nicht, die Gesinnungen zu ehren, auch wenn sie
befremdend sind, sondern man lt die Feuerstakes gewhren und hlt die
Sitten der Jahrzehnte ber die Seele der Nation. Ach, wenn die Nationen
sich in Riesen verwandeln wrden und wie Antus ihren Vlkern zeigen
knnten, da nur seine wahre Kraft entfalten kann, der wahrhaftig auf
seiner eigenen Erde richtig steht und nicht auf Lgen schaukelt, auf
Einbildungsregenbogen dahergeht oder in Schlummerrollen der
Bequemlichkeit schlft.

Die Riesen wrden sich ein Geschlecht zchten, dessen Untergrund wohl
etwas von der Naivitt htte, mit der jener Sidney Smith die Welt
anschaute hinsichtlich ihres Charakters und ihrer Gradheit, denn ohne
Menschlichkeit gert vielleicht ein Kunstwerk, aber keine Nation. Wo
aber keine Gesellschaft ist, wird auch die Kunst und die Knnerschaft
verdorren und es werden vielleicht die Disteln aber nicht die Dichter
wachsen.

Die Riesen werden die fauligen Menschen ins Meer schmeien, wie Kronos
mit einem Teil seines gestrzten Vaters Uranos tat, worauf aus dem
Blutschaum sich ihm als das schnste Symbol die Aphrodite gebar. Man mu
Europa auf sich selbst bringen, sonst rast es sich tot.

Europa hat nach dem Krieg statt einundvierzig nur noch siebzehn
Monarchen, es betrbt das vielleicht den Monarchisten, aber es bedeutet
im Grunde nichts. Europa ist etwas grer wie die Hlfte von Sdamerika,
von dem die Europer fast nichts wissen und ist lange nicht die Hlfte
so gro wie der Norden Amerikas, vor dem ihm graust. Europa ist in eine
vllige wirtschaftliche Unterordnung zur neuen Welt getreten und hat
sich in siebenunddreiig Staaten geteilt. Europa mu viel Hochmut haben,
um seine Situation nicht zu verkennen und sehr viel Bescheidenheit, um
klar zu erkennen, wo es steht und wohin es fhrt.

Es fhrt mit einem Schiff, in dem die Steuermnner und die Kapitne und
die Matrosen dreiig Sprachen sprechen, wo alle bewaffnet sind und wo
neben den Gewittern die Hungersnot und das Elend und der Ha die einen
gegen die anderen voll mrderischer Gedanken gemacht haben. Viel anders
sah es auch nicht aus auf dem Schiff des Kolumbus, allein seine Leute
vermochten dennoch die Neue Welt zu entdecken. Sie fhrten unter anderem
den abgeschlagenen Kopf eines Heiligen als Reliquie bei sich.

Ich entsinne mich, Mijnheer, hierbei eines Marmors im Luxembourg, den
ein Knstler jenem Dichter widmete, der zur Trstung einer schnen
Mitgefangenen im Kerker einunddreiigjhrig eines der drei groen
Gedichte der franzsischen Sprache schrieb, eh' die Bergpartei der
Schreiber ihn guillotinierte. Er nannte es die Muse Andr Chniers.
Eine junge Frau, mit unberhrten Brsten und der zrtlichsten Wollust
der Schenkel drckt mit der Innigkeit unbrechbarer Zuneigung den
abgeschlagenen Kopf des Dichters an ihre Brust und ihren Mund.

Ach, htte das Schiff Europas das gleiche Wahrzeichen wie jener Kolumbus
bei sich und vermchte der Geist so stark zu werden in ihm, da es die
Liebe seiner verstoenen Shne so begriffe, da es sie ebenso zrtlich
grte wie die Muse den Kopf des Chnier. Denn im Augenblick der
Berhrung erhlt der marmorne Kopf des Dichters neues Leben und seine
Muse trinkt sein Blut.

Mijnheer, das Parabolische ist nicht der Genre eines hollndischen
Gentleman, ich verwirre mich in Bilder und Erinnerungen und ich habe
einen Augenblick getrumt mit der Khnheit eines Kindes. Kehren wir aus
dichterischen Trumen in die Zahlen unseres mathematischen Zeitalters
zurck. In diesem Kursbuch stehen die Tageszeiten aller Kontinente und
ihre Tabellen zum Gebrauch der Brse. Noch, Mijnheer, kann man, fhrt
man von New-York nach Europa, tglich seine Uhr um dreiviertel Stunden
vorrcken. Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe?

Mge nicht die Zeit kommen, wo man sie zurckstellt in seinem Herzen!




Die siebente Nacht


In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebzig hat James Watt den
Begriff der Pferdestrken geprgt. Achtzehnhunderteins stellte der
Amerikaner Oliver Evans die erste richtige Hochdruckmaschine her.
Achtzehnhundertachtundzwanzig lief durch den wackeren Mann George
Stephenson auf der Stockton-Darlington-Bahn der erste Personenwagenzug.
Achtzehnhundertdreiundvierzig baut Morse die erste groe
Telegraphenlinie von Washington nach Baltimore.

Dreizehn Jahre spter zieht sich das erste submarine Kabel durch den
Hafen Portsmouths und dreiundvierzig darauf ist die Erde mit
siebenhunderteinunddreiig Kabeln verbunden. Neun Jahre nach der
Startung des deutschen Kaiserreichs lt Siemens & Halske die erste
elektrische Bahn laufen und im Jahr darauf beginnen die amerikanischen
Hauptstdte sich telephonisch zu verbinden und die Welt damit in einen
Zaubergarten zu verndern.

Mittlerweile geschieht der Aufbruch der Menschheit aus der Innigkeit des
Mittelalters, wo die Seelenfhigkeit sich nach innen stellte, in die
leidenschaftliche Neugier des wissenschaftlichen Abenteuers.
Achtzehnhundertsechsunddreiig lie Green den ersten Ballon mit
Leuchtgas steigen, fnfundsechzig Jahre spter hat man Hhen von ber
zehntausend Metern mit Sauerstoffmasken erreicht, hat Apparate, um
einige tausend Meter unter dem Meer arbeiten zu knnen.

Die englischen Alpenklubisten berschwemmen die Schweiz. Ein Dutzend
Mnner hat als Lebensaufgabe die Ersteigung von Bergen,
auf die heute Zahnradbahnen fhren. Mr. Wimpher gelang es
Achtzehnhundertfnfundsechzig unter tdlichem Verlust seiner halben
Expedition, das Matterhorn zu ersteigen. Vier Tage darauf folgten ihm
Italiener von ihrer Seite. Livingstone, Emin Pascha, Stanley, Baker,
Gessi, Hedin erforschen Afrika, Asien. Man entdeckt die Pole.
Achtzehnhundertsechzig stellt Lenoir den ersten schchternen Motor her.
Fnfzig Jahre spter laufen Autostraen durch die Wste, Motorboote
durch die exotischsten Seen. Im selben Jahr photographierte man noch
Latham, wenn er von Paris zehn Kilometer zur Jagd flog, als Fabel-Helden
in allen europischen Gazetten. Blriot berspannte sodann mit seinem
roplan, Heros einer neuen Mythe, den Kanal. Zehn Jahre darauf fhrt man
im Flugzeug mit zwei Unterbrechungen von Portugal nach Chile. Die Erde
ist organisiert, sie hat keine Wunder mehr, statt dem Geheimnisvollen
ist das Exakte in das Dasein getreten und statt der Frmmigkeit das
Tempo, statt dem Glauben die Wissenschaft.

O gute alte Zeit! Selbst in ihrer Tragdie stak doch noch Intimitt!

In Tegnrs Frithjofssaga wird den Gefangenen noch der Blutaar geritzt,
ein Adler in den Rcken geschnitten und das Rckgrat von den Rippen
gelst. Cicero wird in einer Snfte von Mnnern nach Baj getragen.
Sechzehnhundert gab man Muse zu speisen gegen Zahnschmerzen. Bonapartes
Adjutant ward von Wlfen gefressen. Branger, Balzac und Pckler muten
Stecknadeln in ihre Kerzen stecken, um jedem bei ihrem Gesprch damit
die Rededauer einzuteilen. Goethe sandte Wieland fr den Oberon nicht
eine Depesche, sondern einen Lorbeerkranz und Gleim schickte einen Korb
Kiebitzeier . . . . . .

Mijnheer, zwar besaen die gypter und die Hellenen auch bereits Bahnen
und Schienengeleise. Auch von Paris nach Lille telegraphierte man mit
Zeichensignalen ber eine Stafette von zweihundertfnfundzwanzig
Kilometern in zwei Minuten, war aber bei Sturm, Nebel und Nacht noch
verloren.

Man hatte aber die Elemente noch nicht gefangen und noch nicht das wilde
Sausen ber seinen eigenen Nacken gesetzt, mit dem sie ausbrachen und
uns zu den Schelmen und Sklaven unserer eignen Khnheit machten. Wir
leben in einer wahrlich anderen Welt, und zwischen den stampfenden
Maschinen Citrons wre eine neue schwbische Dichterschule genau so
scherzhaft wie ein vegetarianischer Wanderprediger auf der Sturmflutmole
von Swinemnde.

Es bleiben zwar die Seelen und die Qualitten der Menschen dieselben,
aber in ihren Formen sind sie zwillingshaft jeweils an ihre Epoche
geschmiedet. Graf Leopardi, der aus Angst vor der Cholera starb und
vorher Italiens schwermutvollste Gedichte schrieb, im Flugzeug der
Futuristen sitzend, wre schon das Bild eines Fieberwahnes, und Freya
htte, als sie, vom Zeitbaum Ygdrasil aus, den dur suchend, goldene
Trnen vergo, in keinem anderen Raum als dem der Mythen es vermocht.
Die Zeit rollt mit allen ihren Hebeln und Krften ihre Reprsentanten an
die Rampe und es ist nicht die Schuld und nicht das Verdienst ihrer
Helden, wenn sie mit dem Weltdonner von Ragnark in die Gtterdmmerung
fahren oder im Zuckblitz der Scheinwerfer und zweihundert PS die
Ewigkeit suchen. Auch die Vehikel der Dichtung sind nur von dem
Sturmschritt der Erde mitgerissene Schatten, und die behbige Karosse
Jean Pauls hat sich zu elektrisch zuckenden schlanken Rennwagen
ausgewachsen.

Man hat nur die eine Freiheit, damit zu fahren oder aber das Ro am
Schwanz aufzuzumen und im Krebsschritt gegen diese Entwicklung zu
reiten. Sich dem entziehen, hat man die Freiheit nicht.

Das hat, fr die Schwerhrigen gesagt, nichts mit der Gre der Leistung
und dem genialen Ritt einer Epoche oder ihrem Zusammenbruch zu tun,
sondern bestimmt nur ihre Musik, erklrt nicht ihr Herz, aber ihr
Gesicht, deutet nicht ihre Macht, aber ihre Muskulatur.

Mit Zola waren die Fabriken aufgeschossen, mit Eduard Keyserling war der
letzte Rest des adeligen Feudalismus gestorben, mit Manets und Renoirs
Flle hatte der Raumbegriff der seitherigen Welt sich durchbrochen und
mit den chauvinistischen Italienern um Boccioni und Carr war er in die
Luft gespritzt worden und kaputt. Zwischen den Giganten von Maschinen,
ber den Leichen der Gtter und den Donnern der Funksprche, der
Autorennen, im Netz der Bahnen, durch das Sirenentuten der Dampfer, der
Flieger, im feurigen Zickzack der Gerusche und Kriege und dmonischer
Vehikel mute ein Geschlecht gro werden, das seine Zeit zum mindesten
schilderte, das sie vielleicht verwarf oder ihr unterlag, das aber ihr
Tempo trug. In der Ballung, in der Dichte und in der Schnelligkeit der
seelischen Entwicklung lag der Ausdruck der Literatur um die Zeit, wo
die Maschinen zum ersten Male einen Krieg endgltig bestimmten. Das ist
ein Leitsatz, der nicht aufzuheben ist.

Der militrfrohe Lahmfu und Baronet Walther Scott sagt in der
Einleitung zu seinem schnen Buch Waverley, seine Helden wrden nicht
Eisen auf dem Haupt wie frher und auch nicht an den Abstzen wie zu
seiner brgerlichen Zeit tragen und seine Weiber kmen wohl kaum in
Purpur und Talaren wie Lady Alice in alten Balladen und auch nicht
halbnackt wie die prezisen Brgerinnen seines Jahrhunderts, sondern man
werde mit Staunen bemerken, da es sich nicht um Sitten sondern um
Menschen handle. Scott war ein schlechter Geschftsmann und ein genialer
Dummkopf, denn er gab als Sohn seiner Epoche natrlich genau so die
Sitten wie die Menschen.

Erst als die Kreuzundquerschnitte der elektrischen Gewitter, die
feindlich gegen unsere Jahrhundertwende aufzogen, mit Sbelblitzen die
Beschaulichkeit von den Nationen trennten und die Sitten von den
Menschen schieden, als die Tempi der Schicksale niederfielen wie die
Taktschlge der Motore und in dem unbeschreiblichen Ple-mle von
strzenden Gesellschaftsschichten bald kein Untergrund, sondern auch im
Leben der Nationen nur noch Bewegungen zu sehen waren, erst dann geschah
es, da neben den Gerippen der roplane und Tauchboote auch die Skelette
der Seele sichtbar wurden.

Ach, die Dichtung begann, nachdem sie wie der grte Vagabund unter
ihren Verbreitern, nachdem sie wie der famose Villon von Bett zu Bett
geworfen und heimatlos geworden war, nicht mehr mit den Kostmen der
Zeit durch die Grten der Poesie zu gehen, trug nicht mehr das Kostm
der byzantinischen Kniginnen, nicht mehr die Spitzmtze bourbonischer
Frauen, nicht mehr den Turban der troubadourgeliebten Falconiere, nicht
mehr den Charme der Byronschen Geliebten, nicht mehr die Trauer der den
gefallenen Puschkin beklagenden Freundin, nein, sie zog wie ein
telegraphischer Aufruf durch die Dmmerung Europas.

Sie war besitzlos geworden in Europa, das nicht mehr auf der reichen
Empore von Stnden und Knigen stand, sondern sich in Schrecken wlzte,
und sie zog sich von den Kostmen auf das Unverlierbare zurck, indem
sie den Menschen allein, aber mit allen Mitteln der Zeit sich formte.
Das Bild dieses Zeitgenossen bestimmten groe klare Linien: Ballung,
Dichte und Tempo.

Nur die Schwachkpfe staunten und wuten keine Erklrung, als die
kulturloseste Zeit zu gleichen Symbolen kam wie die von Reichtum alles
Ausdrucks bersttigten, und da Archipenkos Menschen dieselbe
Allgemeingltigkeit hatten wie die schne Nofrit des Jahres
Zweitausendachthundert der vierten gyptischen Dynastie vor unserer
Zeitrechnung. Die Zeiten, wo alles von der Anwesenheit der Gtter bebte
und diejenigen, wo sie vllig ausgezogen scheinen, haben die gleiche
Unerbittlichkeit des Zustands ausgebt.

Und whrend die einen aus der berflle des Reichtums sich die strksten
Sinnbilder schufen, indem sie alles auer dem Einfachsten ausschieden,
haben die anderen durch die Kraft ihrer Verzweiflung sich aus dem Nichts
dieselben einfachen Sinnbilder geschaffen. Die tiefe Ruhe und der Schrei
begegnen sich, und die Seele, die aus der ppigkeit sich zum Einfachen
hin unter unendlicher Mhe kristallisiert hatte, fand ihre Schwester,
die vllig nackt und hnlich erlesen von der Seite der besten Armut kam.

Das ist eine Gleichung, deren Schnheit zu bezweifeln, deren Gltigkeit
aber nicht anzugreifen ist.

Mijnheer, Sie wissen, da diese Entwicklung in Taten umgesetzt zu haben
das Werk einiger befhigter Knstler in Europa war und da man die
Schulen, die sich darum schlossen, und alle Miverstndnisse, die die
ffentlichkeit darum bildete, Expressionismus nennt. Es ist so albern
wie wahr, da dieses Wort eine Unsumme von einzelnen Koterien wiederum
umschliet und da wie in allen revolutionren Epochen die
ursprnglichen Armeen sich bald in Condottierihaufen teilten.

Manche davon haben den sanften Anblick des Fleisches ganz verlassen und
sind sektiererhaft auf Formeln und in die Gesellschaft abstrakter
Gespenster abgewandert, indem sie sich wie dogmatische Gelehrte je nach
der parabolischen Form, ob nmlich aus Punkten, Ellipsen, Quadraten oder
Dreiecken sich das Gefge ihres Weltbildes zusammensetzte, nach Art der
Fakirorden: Kubisten, Pointellisten, Konstruktionisten nannten.

Diesen Jakobinern der Kunst erging es wie allen Sklavenaufstnden, die
sich weiter vorwagten, als es ihnen das Gesetz ihrer Armut zuschrieb.
Sie kamen aus dem Bereich der Kunst in das qualvolle Gebiet der Ideen
und wurden dort, weil sie zwischen beidem schwankten, zermalmt und
zerhauen wie die Bauernhorden des Thomas Mnzer. Sie waren wie alle
Jakobiner der Gefahr erlegen, da sie zu weit von dem Erreichbaren
ausgerutscht waren und mit Ausnahme schner Grenzflle wie dem des
anmutigen Malers Klee und des bedeutenden Picasso in eine Fata Morgana
nach links hineingestrzt waren.

Diese Teiltruppen des Expressionismus hatten nicht begriffen, da sie
der Glcksfall, mit gar keiner Gesellschaft hinter sich ihre Werke bauen
zu drfen, verpflichtete, in Erinnerungen der besten Zeit der Nationen
glnzende Neuigkeiten aufzubauen, statt zu zerstren. Sie htten sich
heftig an das Fleisch der Zeit drngen mssen, statt es zu Schemen zu
zersetzen. Denn die glatte und vereinfachte Schnheit der gyptischen
Nofrit war der erlesenste Ausdruck einer untadligen Zeit, die aus ihrer
beispiellosen Flle sich ein Sinnbild der Drftigkeit whlen konnte, das
ihr jedoch nie ins Nichts entgleiten, sondern, von einem ungeheuren
Gesellschaftsgefhl maschenhaft gehalten, nur immer glnzender an
Reichtum steigen konnte.

Aber die Nacktheit unserer maschinellen Epoche, ohne Gesellschaft hinter
sich, war nicht das khne Symbol der ppigkeit, sondern das schimmernde
der Armut, und war jeden Moment in Gefahr, in die Tiefe zurckzustrzen,
aus der es stieg. Man kann heute daher nur arbeiten mit Verantwortung
und fr die Zukunft, aber nicht fr die Eitelkeit und nicht fr Quatsch
und Theorie.

Es ist wahr, da diese Flucht ins Gegenstandlose eines Teils, und zwar
des schwach begabten Teils der neuen Schulen, die Liebhaber der
Muskulatur krnkte und jene ermutigte, die gern das Feldgeschrei
anzuheben bereit waren, auch diese Richtung sei wie tausend andere
nichts gewesen.

Ich habe in der Doppelkpfigen Nymphe von Sternheim bis Heinrich Mann,
von Dblin bis Schickele, Benn bis Kaiser, Frank bis Wedekind, Dubler
bis Werfel die begabten und schpferigen Dichter geschildert, die diese
Epoche in Deutschland gestempelt haben. Ihre Wirkungen sind
unverlierbar, hinter Wenzig, Karlweis, V. C. Habicht, Lichnowsky,
Kesser, Heinrich Eduard Jakob, Kamnitzer sind die Nachfolger Legion,
ihre Werte mag mein Nachfolger in hundert Jahren bei einer hoffentlich
fr ihn sympathischeren Gelegenheit als einer umstrmten und
zugeschneiten Schneekuppe ziehen.

Vielleicht wird dieser Nachfolger zwischen einem angenehmen Frhling
sitzen und ein Boccaccisches Zeitalter schon wieder um sich haben, wo
die Dichter bukolisch auf den Pfeifen blasen und mit galanten Damen
nicht nur unter gewagten Gesprchen die klgsten Sachen sagen, sondern
auch mit der Heiterkeit einer gefestigten Zeit zwischendurch in klaren
Bchen baden, schn speisen und das Ungemach des Schicksals mit der
Harmonie ihres Skulums und nicht ohne Genu berwinden. Vielleicht
werden sie die Anmut ihrer Flsse und ihrer Weiber dazu benutzen, Witze
ber uns zu machen und wenig khne Beiwrter unseren Namen hinzufgen,
aber vielleicht wird die Schnheit und der Friede ihres Frhlings sie zu
gerechtem Preisen ber unsere Tapferkeit ermuntern. Es kann uns gleich
sein, Mijnheer, aber wer sein Leben geniet, wnscht auch den Nachfahren
die saftigsten Dinge. Mgen sie leben, es ist auf die Dauer noch nie ein
Urteil nicht gefallen, wie es gefllt werden mte.

Vielleicht werden zur Herrschaft gekommene Sklaven uns auf ihre neue
Lebenstafel kreiden, wenn die anderen uns verwerfen. Aber die Sklaven
der Dummheit und der Bswilligkeit wird man heute wie morgen an den
Pilori binden mssen. Man hat nunmehr eine gewisse Gre unter der Hand
mit den neuen Schulen in Europa wachsen sehen, aber auch die Stimme der
Tadler (wie die der Lobenden) nur mit Mitrauen vernommen. Denn die
einen suchten gewhnlich mit den neuen Helden, die anderen gegen sie
ihre Karriere zu machen. Der Bau aber steht.

Man hrt nun im fnften Jahr nach Wedekinds Tod und zehn Jahre, nachdem
man sich an die Tempis und das Ballen machte, nur noch die Klffer.
Faute de mieux on couche avec sa femme: Ich mu mich nach den Feinden
des in die Manneshhe gewachsenen Expressionismus umsehn.

Man darf sich dem Anblick dieser artigen menschlichen Komdie nicht
entziehen und man wird mit Vergngen sehen, da die Don Quichotes wieder
aufgestanden sind mit der Klugheit Sancho Pansas, die ewigen Windmhlen
zu erstechen. Man wird eine sachliche Diskussion erwarten, aber man wird
das Schlachtfeld privater Angelegenheiten und menschlicher Eitelkeit
erblicken. Da der Expressionismus entstand, war eine elementare
Notwendigkeit. Die tapfern Barden aber, die nun sein Ende ausschreien,
kommen aus einer verdchtigen Gesellschaft und sind nichts als die
Nutznieer einer Nervenermdung des Publikums. Wenn die Leute eine bunte
Sache eine Zeitlang sahen, sehnten sie sich immer nach einer neuen,
gleichgltig, ob dies ein Bild, ein Meer, eine Frau oder eine Heimat
war. Dies Stck Verrterei ist eine der bezauberndsten Kontrollen im Auf
und Ab der Zeit und ihrer Werte.

Der einfache Mensch denkt immer richtig. Er geht nach seinem Gefhl. Die
Sache langweilt ihn. Man kann es ihm nicht bel nehmen. Ende des
Expressionismus: er ghnt. Er ist bedeutend einfacher und anstndiger
als die Grbler, die neoklassisch schwrmen. Meine Angorakatze, mein
russischer Riesenschnauzer wissen, um Gottes willen, ebenfalls Bescheid,
da, nachdem die Feldlager geflackert haben, auch in der Literatur die
Nymphen zu schweben beginnen.

Die Zeitgenossen ertragen stets nur eine gewisse Durchdringung an
Aufklrung, an Sensation, an Broschren, an Ausstellungen eines neuen
Stils. Selbst guter Mokka, der doch anderen Anspruch auf Qualitt macht
als durchgngiges Publikum, erlaubt nur einer bestimmten Dosis Zucker
seine Vermischung. Nachdem man seit zehn Jahren von dem sehr klugen
Kritiker Wilhelm Hausenstein bis in die Provinzmuseen nichts getan als
aufgeklrt hat, ist es nicht erstaunlich, da das Publikum genug davon
hat. Als Hausenstein einer Mappe des Malers Seewald, in der Leute bers
Seil liefen, das hymnische Vorwort schrieb und Dubler auf den Flgeln
des Neuen Standpunkts aufklrend Deutschland durchschnob und der
Kritiker derFrankfurter Zeitung, Bernhard Diebold, in Kornfelds
Verfhrung noch die Melodie des neuen Jahrhunderts bebend versprte,
da war ein eckiger Seiltanz und ein Drama aus lyrischen Grammophonen
auch am Kurfrstendamm noch neue Mode. Als aber Lunaparke in diesem Stil
entstanden, Jungfrauen ihn zu tanzen feurig bernahmen, Filme ihn aufs
Plakat, Revolutionre auf die Fahne schrieben, Jnglinge sich in Poemen
die Zhne daran brachen, Kaffeehuser seine scheulichen miverstandenen
Ornamente an die Wnde klebten, und selbst ein Eisknstler in einem
Kristallpalast seine Kurven fuhr, hatte man genug; mit Recht.

Sehr amsanterweise sah man als die ersten Deserteure die liebenswerten
Ajaxe abschwenken, die sich wohl bei Beginn so sehr in Atem geredet
hatten vor Begeisterung, da es ihnen auf die Galle geschlagen war. Als
keine Mauer ohne Plakat, keine Entdeckung mehr zum Anpreisen zu machen
war, als selbst die literarischen Ahnen und die malerischen Vorlufer
und alle in Betracht und Zusammenhang zu bringenden exotischen Kulturen
abgegrast waren, gingen sie rasch von dem Enthusiasmus zur Skepsis ber.

Herr Hausenstein vor allem, der ein vorzglicher Kopf ist, flchtete
vorwrts zu noch nicht erstandenen Nazarenern und rckwrts in die Arme
seines mit Impressionisten in allen Taschen bepackten kritischen
Kollegen Meier-Grfe, ohne allerdings verhindern zu knnen, da sein
fruchtsaftiger Stil immer abstrakter und drrer wurde, je mehr er vom
Expressionismus abwich, und da, als er dem Drachen die Lanze ins Maul
zu stechen begann, sein Stil und ihr Stiel zu einem fast
unerforschlichen dnnen und wahrlich expressionistischen Spinngewebe
geworden war. Fhrwahr, die Bauern haben recht, wenn sie meinen, man
vermge die Natur selbst in den grbsten Dingen nicht mit Heugabeln
auszutreiben, sie kehre vielmehr auch dann zurck. Aber in den
raffinierlichsten Dingen scheint sie sich sogar gegen diejenigen, welche
gegen sie arbeiten, mit einem unverkennbaren Hohn zu wenden.

Die anderen Anreier aber konnten nicht genug Eile finden, ihm zu folgen
und den Ruhm des Ritters Georg mit dem der Winkelriede rasch zu
vertauschen. Sie hatten nicht, die Courage, auch whrend der
Ermdungsbaisse bei der Sache zu bleiben, was ja jederzeit mglich ist,
auch wenn man die Trger der Sache verschieden beurteilt und wenn man
die Gefahren klar bersieht, sondern sie machten sich nach neuen
Entdeckungen aus und blamierten sich bis ber die Ohren.

Sie ahnten allesamt nicht die tief gebundenen Zusammenhnge zwischen
Nation und Kunst und dachten nicht daran, da die Zeit Heroen oder
Bastarde auswirft, je nachdem ihr zumute ist und je nachdem sie sich
erfllt oder vernichtet. Sie dachten vielmehr, sie seien der Mittelpunkt
der Schpfung und man gehe auf Kunstfang wie wenn man Trffeln suche.
Ach, die Suche nach diesen zarten Gewchsen ist jeweils eine besondere
Begabung der gersselten Tiere gewesen und, wenn die Entdeckungsfahrten
milangen, so waren die Funde nicht echt oder die Sucher hatten sich in
die Kategorie der Riecher mit Flsche eingereiht. Da der Teufel, wenn er
Heilige fangen will, Heilige an den Angelhaken tut, war es ihren
bestrzten Gesichtern gern zu verzeihen, da, als sie Giganten zu fangen
whnten, die die Zukunft mit klassischem Nazarenismus erfllen sollten,
sie nur gerupfte Spatzen apportierten.

Sie trafen sich mit den Rutentrgern einer anderen menschlich wrdigen
Genossenschaft. Die jungen und lteren Leute, die bei der vergangenen
zehnjhrigen Revolte der Kunst keine Karriere gemacht hatten, die selbst
die von allem anderen abziehende Mglichkeit des Krieges nicht auf sich
zu lenken in der Lage waren, die von allen guten jdischen Familien
verlassenen Leute glaubten flschlich den Tag ihrer Inthronisierung nun
gekommen.

Die sogenannten Stillen im Lande, denen ihre Unfhigkeit so schonend
etikettiert war, rissen die Binden ab und begaben sich in die Schlacht.
Einugige der Kunst, sogar Leprse, aber auch talargeschmckte Mumien
nahten aus ihren Srgen. Die Armen machten den gleichen Fehler wie die
politischen Reaktionre, die an ihre taprigen Methoden und nicht an ihre
Weltanschauung glauben. Kommt eine ruhige Epoche, kommt sie nicht mit
einem ausgestopften Eichendorff, aber auch sicher nicht mit Paul Ernst
in Brille, Trikot und Lwenfell, den Zweihnder in der zittrigen Hand.
Was nicht bewegt war, wird nicht ruhig werden. Die verblaten Statuen
von vor dem Sturm werden trotz ihrer klassischen Nasen in die Bsche
geworfen, denn auch im Konservativen hat die Natur soviel feuriges
Schpfertum, um einem klaren und alten Inhalt neue Formen aufzuziehen.

Diese Elegiker ihres Verkanntseins trafen auf eine noch viel peinlichere
Gesellschaft, als sie, auf Indianer angemalt, Herrn Wachse, werde,
weile balbulierend und vor seiner eigenen Langeweile schon asthmatisch
an der Spitze (o glcklicher Entenjger Smith!) in einen harmlosen
Sonntag hineinliefen. Alle Unproduktiven, die zeitig zur Kritik
bergelaufen waren und, um die Mode nicht zu verfehlen, als Zwinglis und
Dietrichs der neuen Sache gestritten, entdeckten pltzlich den Neid auf
ihre erfolgreichen Kameraden und begannen in dem Augenblick zu lachen,
wo der Pendel der Zeit die zwlfte Stunde zu schlagen schien. Man kann,
wie ein gewisser Sinzheimer in Mnchen, miserable Romane geschrieben und
mit unfhigster Hand ein Theater zur Pleite dirigiert haben, aber man
wird in Deutschland erst dann die schne Masse Ressentiments gesammelt
haben, um aus dem Neid auf die Erfolgreichen einen Kritiker von Format
vorstellen zu knnen.

Diese Armen fhlen sogar in ihrer Unangreifbarkeit gar nicht, da sie
sehr arm sind und da sie in ihrer Heldenmaskerade sich in eine
Hundehtte zurckzogen. Man kann die Menschen nicht ndern; es sei
verstattet, da sie einem leid tun. Man wird mit fnfzig Jahren ein
Album der Zeitgenossen anlegen, die verehrter Meister einem schrieben
und, wenn man sie nicht gengend (oder zu sehr) beachtete, mit
Gummikntteln bei schicklicher Gelegenheit einem in den Rcken fielen --
und nicht verffentlichen. Es wird nichts mehr von ihnen da sein. Was
die Gerchte und das Geraun und den Betriebskurs macht, sind immer die
Schmuser. In der Historie wird das weicher Leim.

Gestrkt wird eine solche Legion durch die beruflichen Totengrber,
deren schandbarer Beruf sie verpflichtet, stets graubrtig zu sein.
Durch sie kam die gesprenkelte Mischung in die neue Partei, die so gro
ward, da sie fr jede Ansicht Raum hatte. Es waren dies die Alten, die
es schon immer gesagt hatten, die ohne Prfung, Befhigung und
Vermgen, weil sie ihnen nicht pate, die ganze Richtung abgelehnt, zehn
Jahre lang gegen Noldes Negerkpfe gezetert hatten und nun recht
behielten, als die Panegyriker der neuen Bewegung pltzlich mit
Phariserblicken ihnen in die Arme sanken. Denn schlielich ist Kunst
heute fr die Tausende, die nicht schaffend um sie schmarotzen, ein Witz
oder ein Geschft, nicht mehr. Ein Schachspiel, mit dessen Figuren man
sich mit elegant angespannten Nerven beschftigt, bis es gongt, um sich
zu Musik, Lunch oder Frauen zu begeben. Dann streicht man mit breitem
Arm die vollendeten Figuren vom Tisch herab.

Man hat mich stets fr einen Experten des Stils als solchen gehalten,
aber ich habe, als die erstklassischen Schreiber, die nie den Blick
ber den Horizont behalten, sich in Kornfeld und Franz Marc und Hartung
wlzten, mich gegen den Stil und fr den persnlichen Ausdruck erklrt
und mir, als ich ganz an den Anfngen (und wahrlich unbefangen an Kunst
herankommend) die lcherliche und impotent machende Gefahr der
Typisierung aufdeckte, die Meute von links zu der von rechts zugezogen.

Als aber Herr Stahl vom Tageblatt vor einem Jahr las, da ich dasselbe
wie vor Jahren uerte, glaubte er, meine Desertion feststellen zu
mssen. Der brtige Herr irrt. Ich hatte vor nichts zu desertieren, da
ich auf nichts derartig Kindisches festgelegt war, und ich wahrte nur
meinen Standpunkt energischer, indem ich ihn von dem der Kindskpfe
schied. Man klrt eine Sache besser, indem man sie gutwillig trennt, als
indem man sie bswillig und flschend und voll Unfehlbarkeit von auen
her verwirrt.

Dies ist ein Zipfel gelftet hinter dem, was Ende des Expressionismus
schreit. Dies ist (nebenbei) deutsche Literaturgeschichte.

Doch man verga die kleinhirnigen Wrger, die, seit die Deutschen sich
nach ihrer ersten Revolte zur Politik befhigt hielten, mit der
Kriegsflagge unterm Arm und in festgeknpftem Gehrock in die Kunst
eindrangen. Die Politik ward selten mit solchem Eifer der Amateure und
gleicher Unbegabtheit ihrer Hynen ber die Grenzen ihres Territoriums
getragen. Man wird ihnen die Ehre antun, die diesen Geschpfen gebhrt,
und an ihnen vorbergehen. Die Ehre, mit der sie prunken, wird ihnen
sauer im Mund werden mit der Zeit und wird eines Tags wie ein fauler
Zahn ihnen herausfallen. Es ist nicht unsere Ehre und nicht die eines
Gentleman, die wir anerkennen und die schon Cicero in seinem Buch ber
die Pflichten in dem Manne schildert: der innere Manieren hat, zwischen
weibisch und roh die rechte Haltung besitzt, schamhaft und khn ist und
in dessen Geschlecht es Sitte ist, da Vater und Sohn zwar nicht
miteinander baden, aber miteinander zu sterben wissen.

An dem taktischen Aufmarschplan der Parteien ist nicht viel mehr zu
schildern. Es ist eine amsante und durchaus menschliche Brderschaft,
die anrckt. Schon die Vorposten sind verdchtig laut, aber erst der
Anblick der Generle macht die Angelegenheit hbsch suspekt. So sind
alle Kriege gefhrt worden: damit mag man sich trsten.

Im Grunde ist das ganze Spektakel ein Spiel auf der Vorderbhne, und es
wird gehrig gemogelt. Die ganze Krise der Kunst ist: _die Sache ist
langweilig geworden_. Auch der Weltkrieg, der doch Bezwingenderes an
Sensation zu bitten hatte, zog am Ende nicht mehr. Man kann es den
Leuten nicht verbeln. Es gibt, auf die Dauer, heute nach einem
unerhrten Krieg unterhaltsamere Sachen als die Kunst und Rebusse, was
ihre verzwickten Formen bedeuten. Es gibt Reisen und Autos wieder und
Dollarhaussen und mit dem Flugzeug ber die sturmdonnernde Ostsee, man
hat im Mrz Meran, im Herbst ist Iffezheim wieder im Start, und es ist
nicht weit vom Gardasee. Die Lnder schnaufen vor Arbeitsamkeit, und
Speisen in vollendeter Flle werden angefahren. Die Erde wird wieder
voll. Ach, wer mit Kunst heute auch nur eine Viertelstunde die
Aufmerksamkeit der Welt anzuhalten wagte! Ein Narr oder ein Verbrecher!

Hat dies ganze Getriebe berhaupt mit Kunst zu tun? Es ist ein Fressen
fr Shaw und wre ein Braten gewesen fr Swift. Mit Kunst? Nicht die
Spur.

Als die berraschungserbsen nicht mehr knallten, war das Junge
Deutschland, war die franzsische Romantik, war der Impressionismus
rasch tot. Man hatte das Frhstck verdaut und wandte sich dem Diner
zu. Die Zeitspatzen haben immer geurteilt, eine Sache sei nichts, weil
sie genug davon hatten. Und die provinziellen Schreiber, die einen Stil
zehn Jahre erbittert bekmpft hatten, waren alle einmal in der grotesken
Situation, ihn nicht mehr bekmpfen zu mssen, da er sich berlebt
habe. Sie gingen von der Wut zum Mitleid, ohne bergang, wie alle
Heuchler.

Die Stimmungen lsen sich ab, wir sind ein wenig in der Baisse: Das ist
alles. Wer wagt, zu sagen, da die Generationen vor uns besser waren als
wir? Die Zeit ist die einzige grausame Richterin, sie geht rundherum und
beklopft. Da ein Stil, eine Gemeinsamkeit tot sei, das zu sagen, ist so
dumm wie falsch, weil es die einzelnen Krfte mit einem Typ erschlagen
will. Da ein ins Absurde getriebenes Ornament scheulich, eine gewisse
Manier der Regie erschlaffend, eine stets wiederkehrende Verzerrung der
Statuen erbrmlich ist, beweist nicht, da ein Romanwerk gewaltig, ein
Torso erschtternd, ein Gemlde voll schnem Liebreiz in spteren
Generationen empfunden wird.

Als die Damen der Bourgeoisie mit Sonnenschirmen auf Ingres' Bilder
rannten, taten sie das gleiche feige Unrecht wie da, als sie, von seiner
Se gelangweilt, die Achseln zuckten und zu des Van Gogh Briefen sich
verzckten. Die Waffen der Zeit, des Schlagworts, der Mode (im Lob und
im Verwerfen) gehen wie Laub. Letzten Endes ist nichts von dem
Vielerrterten mehr da. Man kann das Album der Vielzuvielen, der
Schmcke, der Feiglinge, der auf Hecht kachierten Schleie im
Literaturgewsser nach fnfzig Jahren nicht mehr verffentlichen. Die
gute Sache ist immer lautlos. Und die umstrittene Fassade fllt von
selbst; sie war nie wichtig.

Hat es Bang, hat es dem unvergleichlichen Eduard Keyserling geschadet,
da der Impressionismus ihrer Zeit mit Klppel und Stickrahmen und mit
Schraffiertechnik im Ghnen versank? Hat nicht der spitzbuchige Victor
Hugo hinter Goethe als grter Dichter seines Jahrhunderts geglnzt,
trotzdem ganz Frankreich ber die romantizistischen Spe bald lachte
und selbst Musset nach ein paar Jahren schon als ironischer Lchler ins
andere Lager ging? Hat Manet, der wahrlich ein Programm formulierte, hat
Zola, der wie kaum ein anderer ein System nach Knopf und Ring fhrte,
darunter gelitten, da eine Schule um sie war, die Bankerott machte vor
der Sensationslust der Masse wie jede gute Sache? Hat Matisse Schaden
gelitten, da man seine Techniken verhhnte? Flaubert sprach man die
Lebenskraft samt der realistischen Schule ab, Bchner und Grabbe warfen
sie, als sie genug Revolte hatten, ins Eisen.

Es gibt keinen leichtfertigeren Ausdruck als berlebt, keine gemeinere
Verwechslung als die von Geschmack und Werk. Auch die Zeitgenossen des
Velasquez fanden eines Tages diese Steife zum Kotzen, und von
Botticellis Schule tropfte es ghnende Bitternis. Der menschlichen Natur
entzieht sich gemeinhin der feurige Mittelpunkt einer Bewegung. Und da
die Menschen blind sind, glauben sie den ueren Anzeichen, da die
Haupttiere dieser Bewegung nach Art der Echinodermen wie die See-Igel
durch Kalkabsonderung sich nach auen versteinten.

Wie leben aber, selbst den Einugigen zum Trotz, noch die
Hauptlebendigen jener anderen Schulen, die diese selben Schreier schon
vor der expressionistischen Bewegung dreimal ans Kreuz geschlagen,
siebenmal verlacht und zehnmal vergessen zu haben vorgaben!

Sie haben bei dem Namen Hofmannsthal heute schon vergessen, da er
seinerzeit ein sehr liges Programm von misanthroper Schnauzbrtigkeit
vorstellte und haben bei Liebermanns Namen heute nur Mhe, sich zu
besinnen, da auch das einmal eine wste Schule war.

Die Persnlichkeiten tauchen aus dem Bad der Bewegungen heraus mit der
Kraft der ewig steigenden Fontnen, aber die Bewegungen der Kunst sind
deshalb nicht ohne Sinn. Denn die Schulen sammeln und organisieren die
Krfte und versuchen das Weltbild in der ganzen Breite zu spiegeln, sie
greifen an und erzeugen den Gegenangriff und damit auch eine Tat.

Seit die Romantik den letzten wehmtigen Gru nach dem Mittelalter
sandte und hinter ihr statt der Saurier schon die Armeen der Maschinen
anfuhren, haben zwei Schulen sich um diesen bergang gruppiert: Den
Ruhm, whrend die Elektrizitten den Erdball einkreisten und umtobten,
mit einem wundervollen Glanz die alten berlieferungen restlos aufgelst
zu haben, hat Renoir und seine impressionistische Schule mit
unsterblicher Leuchtkraft sich erobert. Dagegen hat die Kongregation um
den heiligen Stefan George den Ehrgeiz offenbart, sich um die neu
heraufkommende Zeit nicht gekmmert zu haben.

Das Spiegelbild ihr zu schaffen, haben die Expressionisten dann als
dritte Schule erst vermocht. Die Zeitgenossen aber steigern nur nach
modern, moderner und dem Superlativ dieses Affenwortes, und whrend sie
den letzten Gipfel schon schmhen, haben sie die Zusammenhnge schon
vergessen und gren die ersten wieder als gute Bekannte. Sie begren
immer wieder aus der durch George aus dem Frankreich Baudelaires,
Mallarms und Hrdias eingefhrten symbolistischen Schule Herrn
Hofmannsthals opalisierende Prosa, Herrn Stucken, der Mexikos Untergang
in Gobelinmustern bannte, Herrn Gundolf, der als Geschichtsschreiber des
Schreibtums unter Anrufung des heiligen Namens seines Meisters auf dem
eitlen Periodenbau seiner Stze seiltanzt, den Baron Taube mit dem
wehmtigen Lcheln ber den Untergang seiner aristokratischen
Rassegefhle und Stefan Zweig, der Erstaunliches an Haltung in seinen
Geschichten und Nachschilderungen gab.

Sie goutieren gerne heute noch ebenso aus der Gefolgschaft des
Zerstcklers Renoir und Monet und Manet den Liebermann, Corinth und
Slevogt, den Bang und Jakobsen und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in
Deutschland, das keine Gesellschaft und daher keine public characters
besitzt, ist der Ruhm des aus der greulichen deutschen Naturalistenzunft
kommenden Hauptmann sogar grer als irgendeines anderen modernen
Meisters, ist bei dem Mangel offizieller Berhmtheiten Liebermann
bekannter als Kokoschka, ist Georg Kaiser minder einflureich als
irgendein Verneuil mit seinen Possen, ist Kellermann berhmter als
Dblin, hat Hofmannsthal eine weitere Wirkung wie Schickele und ist
Sudermann viel zelebrer als Sternheim.

Es scheint infolgedessen vielleicht fast so, als htten die Schulen sich
vermischt, aber das ist eine leidige Tuschung, man lebt nur
nebeneinander und nicht sukzessiv. Selbst fr die Kritiker in hundert
Jahren wird es nicht ohne Mhe sein, anerkennen zu sollen, da in
dreiig Jahren drei groe Schulen hintereinander tobten. Sie werden die
personellen Preise wohl nach ihren Fhigkeiten zu urteilen und ihren
Liebhabereien austeilen, aber sie werden in der Betrachtung der Schulen
einiges nicht bersehen knnen.

Sie werden nicht vermeiden knnen, mit leichten Witzen zu konstatieren,
wie die lteren sich von den Neuen befruchteten, wie die berlebenden
der frheren Schulen an den Kelchen der neuen Jnger nicht
vorbergingen, und wie der Schwung manches Bardala nicht aus dem Mund
geflogen wre, htte der Barde nicht aufmerksam auf die Internationale
gelauscht. Sie werden dickbuchige Schelme erwischen, die mit
Jakobinermtzen ausgingen, ihr symbolistisches und etwas ranzig
gewordenes Erkennungswort erlaucht mit dem Worte rasend
umzutauschen. Sie werden ber manchen Wicht sich die Krnke lachen, der
sogar die fehlenden Artikel zu stehlen ins expressionistische Lager
geschlichen war und nicht bemerkte, da er keine Fahne, sondern nur eine
Unartigkeit des Dichters Sternheim klaute.

Sie werden junge Helden und ergraute Mnner beobachten, wie sie
mit ihren schnen weichen Waden von Wassermann bis zu den
Bauernromanschreibern in das Stahlbad der neuen Techniken hineinwateten
und, neu beflgelt, mit strammen Muskeln das neue Tempo in ihre Bcher
hineinschieen lieen. Sie machten es mit demselben ehrgeizigen Trick
wie die Chinesen, die Europas Erfindungen in ihren Lehrbchern fr China
einige Jahrhunderte vordatieren, und erscheinen nach der Verjngungskur
wie seit Ewigkeit berexpressionistisch gesettled: Haben wir auch schon
gekonnt. Diese Diebe!

Die Kritiker in hundert Jahren, die in ihrem Beruf nichts zu lachen
haben, werden jedoch nicht vergessen zu sagen, da die Impressionisten
im wesentlichen teils schn wie Renoir, teils tollwtig wie van Gogh den
achtzehnhundertfnfzig Jahren vorher das Grab schaufelten und da die
Georgianer, als die Autos mit Fabriken und elektrischen Hochspannungen
in ihren symbolistischen Armen erschienen, schmollend wie Kinder im
Herzen, aber mit allen schlechten Parfms einer greulichen Wrde
gesalbt, erklrten: diese Zeit sei ein Irrtum, zum mindesten sei sie
nicht wichtig, unter allen Umstnden aber verwerflich.

Die Kritiker, die es vielleicht gerne tun, werden dann abschlieend
bemerken, da die expressionistische Schule wei Gott zum ersten Male
wieder ihr verfluchtes Zeitalter mit Ja und Nein, aber verdammt
entschlossen, mit eiserner Konsequenz gespiegelt hat.

Es gibt drei Arten, seiner Heimat zu dienen. Erstens, indem man sie
lobt, um andere zu verkleinern. Das ist armselig und Gott nicht
wohlgefllig. Zweitens, indem man sie tadelt, um sie anzufeuern. Das ist
mhselig und undankbar, aber eine prchtige Aufgabe. Drittens, indem man
sie aus ihrem engen Gesichtskreis hinaushebt und, statt in ihrem
nationalen Hader ersaufen, an der Brust der Welt zusammen mit den
anderen Vlkern trinken lt. Das ist ein utopischer, aber der einzig
praktische Gesichtspunkt. Man wird ihn erst einsehen, wenn Europa sich
so die Rippen aufgerissen hat, da erst der Sterbenden die Vision davon
klar wird.

Die Nationalisten Europas benehmen sich wie die Kritiker, die
Shakespeare vorwarfen, da seine Rmer mit Hten gingen, seine Schiffe
in Bhmen strandeten und seine Helden zu trojanischer Zeit den
Aristoteles zitierten. Sie sahen auf die Lcherlichkeiten und bemerkten
nicht den Bau des Leibes und die Schnheit ihrer Glieder und bersahen,
da sie, wie Jupiter das Kind der Semele in seinem Schenkel eingenht
barg, den Genius fr die Welt in sich trage. In wessen Muskelstrhne
aber glht das noch verborgene Herz, um heimlich zu reifen, und mit der
Fhrerschaft eines Gottes den Vlkern einen Weg zu weisen, der sie aus
ihren Trivialitten in ein helleres Freiheitsleben fhre?

Die Expressionisten haben immerhin dahinaus zu gedeutet und die Richtung
einer ganzen Generation angegeben, whrend die Georgianer in ihren
Hhlen mit anmutig gepuderten Fingern ihre Silben zhlten. Sie haben
sich mit ihrem Jahrhundert und seiner Sehnsucht gereckt, da ihnen nun
einmal schon nicht beschieden war, ihre Nation in die Hhe zu fhren.
Sie haben daher ihre Epoche mit allen Furiosos geballt und sich ihr
wieder entgegengestellt, indem sie die Sehnsucht nach der Gre und nach
Europa mit hineinnahmen. Bliebe nichts, wre das allein ein nicht
entreibarer Gewinn. Denn ohne Hingabe und ohne Ziel wird nichts. Zu
Mllenbeck an der Elbe nur steht eine Holzfigur, die anzeigt, da eine
Frau ihrem grflichen Gatten in seiner Abwesenheit neun Kinder geboren.

O deutsche Tartfferie, an die Wunder zu glauben, die niemals kommen und
die den blauugigen Treuen noch nie erschienen sind. O deutsche
Schwermut, die am falschen Orte jeweils traurig verneint und zu frh
verurteilt und die ablehnt, was ihren Sinn voll Helligkeit und ihr
Gesicht mit Gre gerne schmcken mchte. O deutsches Schicksal, das
glaubt, auch geknebelt und geschunden noch die anderen Vlker besiegen
zu mssen, statt als Vorbild neuer Tugend ihnen hilfreich
entgegenzukommen, auch wenn die anderen vor Mitrauen heulen. Europa
wird durch gegenseitige Zuneigung sein oder es wird nicht sein.

Der Rittmeister de Boussanelle erzhlt in seinen Observations
militaires von seinem zahnlosen Gaul, dem im Siebenjhrigen Krieg die
anderen Pferde das Fressen vorkauten. Die Pferde Europas haben alle zur
Hlfte die Gebisse verloren und sind eines ohne das andere kaputt. Sie
sind eines ohne das andere verloren, wenn sie sich nicht helfen, statt
sich die Schdel einzuschlagen, und sie sind taub wie alte Trken, wenn
sie aus dem Furor ihrer neuesten Schule nicht die Marseillaise einer
groen Sehnsucht hren, die ihnen den Weg weist.

Dieser Marsch ist kein blaschtiges Friedensgewinsel und nicht auf der
schlechten Assiette der verschrobenen Trumer geblasen, sondern ist der
hellste Claironklang nach allgemeiner bereinkunft, eine Kriegsmusik der
Notwendigkeit, ein Orchester der funkelnden Vernunft. Und als Dirigent
eine Freiheitsgttin mit starker Anmut und herrlichem Verstand.

Was bleibt jenseits all dieses Geschreis?

Eine Generation. Und dann? Das Ende.

Sterben?

Das tun wir alle. Aber nicht im Sinn jener Heuchler, die jeden Tod
vorzeitig ausschreien, um sich wenigstens einmal, wenn auch als Maden,
gnstig zu prsentieren, sondern im Zeichen jener Jnglinge Kleobis und
Biton, denen ihre Mutter von Here das grte Glck erbat, und welche die
Gttin darauf, weil sie demtig und khn ihr menschliches Werk
vollbracht hatten, als grte Ehrung neben dem Genius mit der gelschten
Fackel in die bessere Heimat rief.

In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebenzig hat James Watt den
Begriff der Pferdestrken aufgestellt. Das folgende Jahrhundert hat mit
den Maschinen die Welt umgepflgt. Fnfundzwanzighundert Jahre vor dem
grten Krieg Europas hat die Geschichte dieser beiden Jnglinge Solon
dem lydischen Krsus erzhlt. Aber die Menschen haben noch nicht
gelernt, zur Zeit und mit der richtigen Haltung zu sterben, geschweige
denn zu leben. Sie umtanzen Europa im Kriegskleid mit Skalps und
Kampfgeschrei wie die Indianer ihre am Marterpfahl aufgehngten Opfer
und lieben in ihr die Beute statt die Gttin.

Ach selbst die Aasgeier werden komisch, wenn sie verliebt sind und den
Foxtrott der Eitelkeit vor ihren Weibchen tanzen, die Ibisse machen
wilde Verbeugungen und die Pelikane kreischen lrmend und wackelnd auf
einem Bein im Kreis herum. Der beste Cavaliere servente der Menschheit
ist immer die Dummheit gewesen. Man kann sich vor dem Schlafengehen
damit trsten, da sie, wenn sie nicht verbrecherisch wird, von
teuflischer Komik sein kann. Man kann sich damit trsten, wenn man genug
Humor hat.




Die achte Nacht


Die achte Nacht, Mijnheer. Der Mond hat sich hochgebracht, es wird eine
kurze Nacht sein. Das Zastler Loch leuchtet silbern mit seinen Lawinen.
Das Herzogenhorn biegt sich wie ein Skalpell in die metallne Nachtluft.
Der Mond hat den ganzen weiten Kessel nach der Grafenmatte voll Licht
gefacht. Es riecht nach Frhling, Mijnheer, das Leuchten schwimmt gleich
Wolken immer dichter ber die Fichten des Zeicher-Bergs. Die Sturmben
sind zerbrochen. Man wird die Sonne bald steigen sehen ber den
Krhenscharen. Der Schnee kommt morgen zum Stehen. Das Tief fliet nach
Sden und berschwemmt den Po, berflutet Sizilien. Das Hoch kommt zu
uns von Norden voll Fahrt mit blau gebogenem Segel.

Die Wchte zittern schon violett gespenstisch unter dem Umsturz der
Atmosphre. Das Filigran der pltzlich entschleierten Buchen, die
Palmwedel der Edeltannen, die zarten Kronen der Weiden deuten den
Telegraphenstangen nach, die mit weien Feuerkrnzen umspielt nach der
Ebene laufen. Schon wittern die Tiere, da in der Luft etwas zerbrach,
die Pferde stampfen unruhig mit glnzendem Fell, haferprall und nervs
vor Kraft, die Khe brllen die ganze Nacht, obwohl die Stlle noch
unter den Riesenflgeln der Schneewehen schlafen. Der Schneepflug wird
durch den Wald in das Tal hinunterstampfen, die Schlitten werden folgen,
bis der Frhling sich ihnen entgegenbumt.

Am achten Tag, Mijnheer, schuf Gott die Wiederholung, er repetierte
seine Lektion der Schpfung, und die Erde lief zum zweiten Male durch
seine Hand. Da sie seine Idee trug, war gesorgt, da sie in jeder Spule
neu blieb. Was tot hinfiel, blieb tot und diente dem Neuen. Was sich
halten konnte, blieb am Leben, es war fr Langeweile kein Platz. Die
Tiere schufen sich neue Gewohnheiten in den wechselnden Klimen, starben
mit der Eiszeit, wuchsen heroisch in das tropische Zeitalter, bequemten
sich in die kleinliche Mittagszeit der Erde, und vernderten nicht ihre
Natur und die Tradition ihrer zoologischen Klasse.

Trumte ein Tiger, war es von Antilopen, trumte ein Schwein, war es von
Trebern. Ach, nur die Haustiere der deutschen Literatur haben es fertig
gebracht, einen erhabenen Traum zu trumen, denn sie trumen von
Gottfried Keller, obwohl der Betreffende schon lange im Schweizerischen
verstorben ist. Sie trumen nicht wie die interessanteren Rassen ihrer
Zeittiere von barocken Jagdrevieren und mrderisch schnen
mittelalterlichen Bissen, sie trumen nicht den Traum, den alle guten
deutschen Raubtiere immer trumten, die Haustiere der deutschen
Literatur schlingen den Grnen Heinrich immer wieder durch die Zhne
und halten es fr verdienstvoll, da sie einen besonders deutschen Traum
damit trumen.

Sie sind hochmtig wie alle ungefhrdeten Geschpfe, weil sie einen
besonders deutschen Traum zwischen den Zhnen haben, und halten sich fr
berlegene Geschpfe, weil an ihren groen Stall die Raubtiere nicht
heranknnen. Sie wissen nichts von der Welt, sie ahnen nichts von der
Geschichte, sie zittern nicht vorm Umbruch der Historie, sie sind von
ihrer Tiefe und Mission so heftig berzeugt, da sie nicht merken, wie
sie den oftmals wiedergekuten Klee fast schon wie Hcksel kauen. Sie
ehren lediglich von frh bis spt ihren Meister, sie haben ihn berall
bei sich, auf der Zunge, im Magen, im Bett und im Gemuh. Sie ehren ihn
so grenzenlos wie die Japaner ihre Toten.

Aber sie wissen nicht, da sie einen Gestorbenen anbeten, einen
erledigten Traum trumen und einen verdorbenen Klee wiederkuen. Ach, es
gibt keinen abscheulicheren Geruch als den von verdorbenen Blumen und
versauerten Idealen.

Ach, nun wurde gemuht und gebrllt und getrampelt und mit dem
friedlichen und sanften Samstag-Abendglockengelute eine Diktatur nicht
der Macht, wohl aber ein Terror der Gefhle erregt, der bald alle
Hausbesitzer mit ergriff, die sich nicht bedroht fhlten durch diesen
Aufstand der Haustiere, da er in temperiertem Sinn und mit brgerlicher
Emprung entstand. Die Hausbesitzer frchteten nicht diese Tyrten des
Gemuhes und zitterten mit vor Vergngen, wenn die Tiere, die
Gefhlstiefen ihres Meisters wiederkuend, grollend gegen alle neuen
Melodien knirschten. Es gibt ein Savoir vivre nmlich der Haustiere, das
bestimmte, der deutsche Roman habe breit und klein ausgemalt zu sein,
habe langsam und voll Gemt sich zu entfalten, bedrfe der Schnelligkeit
nicht als einer Erfindung des Teufels und kreise am besten um die guten
Brgerstuben und nahe dem Schicksal nur mit dem Grausen der Religion.

Ach, wie war man erbittert und wie schwoll das nchtliche Wiederkuen
vor Erregung, als bald jene, bald diese von anderen Dingen trumten
drauen und der Schall davon hereinkam, wie konnte Heinrich Mann besser
sein als Ricarda Huch, wie konnte ein gewisser -- Schickele? -- wagen,
mit Berufung auf Gottfried von Straburg zu zeigen, ein deutscher Roman
sei khn und schlank. Ein Bursche, frech wie Dreck, gewisser Sternheim,
bemhte sich, die Ideale der Stlle durch seinen rassenfremden Kakao zu
ziehen. Die wrtembergischen Haustiere bekamen Kolik fast an ihrem
Grnen Heinrich und die bayrischen, an ihren besonders robusten
Diphthongen kenntlich, obwohl sie schwarz-wei gefleckt waren, bekamen
rote Adern in die groen Opalaugen, da sich eine festere Opposition fr
ihren erhabenen Traum nicht schickte. Sie wuten nicht, da die
gesellschaftlichen Revolutionre, die sie in den Expressionisten
witterten, gar nicht ein feudaler Klub zu ihrer Abwrgung waren, sondern
da diese neuen Tierrassen sich untereinander kaum kannten, sich nicht
schtzten oder haten, und da die Natur nur eine Notwendigkeit vollzog,
indem sie soviel verschiedenartige Kreaturen zwang, in einer Richtung
ihre Fhrte und in einer besonderen gleichen Elastizitt ihre
Schwungkraft zu nehmen.

Die Expressionisten trumten lediglich die Trume, die alle Tiger und
alle Stiere getrumt hatten, nmlich das Khne und das zweckmig ihrer
Natur Entsprechendste zu erreichen. Sie trumten denselben Traum wie ihn
von Caesar bis Stendhal alle jene Menschen auch trumten, deren Typus
sich in der Entwicklung ihrer Freiheit so sehr den erlesenen Tierrassen
angenhert hat, da jedes dieser Menschengesichter einem Tiergesicht
gleicht. Sie bewegten sich mit ihrem temperamentvollen Traum so heftig
in den der Haustiere hinein, da ber ihren Spektakel eine der badischen
Khe sicher an ihrem Keller erstickt wre, wenn er nicht ein Traum,
sondern ein reales Futter gewesen wre.

Aber sie hielten in ihren Stllen, obwohl die ganze Tierwelt lachte,
daran fest, da die schlanken und feurigen Vorstellungen des Teufels
Exzesse, aber die Orgien der Langeweile des Himmels schne Segnungen
seien. Sie hielten wiederkuend daran fest und es roch nicht gut nach
verblichenen Idealen, wenn sie das bedachten.

Am achten Tag der deutschen Literatur erschienen tatschlich immer
wieder deutsche Dichter in den alten Kostmen mit dem Vermerk, sie gben
auf ihr Leben nichts, auf ihren Anzug alles. Die prchtigsten Leute
standen da und hielten wie einen Konfirmationskranz ihren Traum fest in
der Hand. Vor so viel Hartnckigkeit erbleichten selbst die Theosophen
und verwandten in Herrn Steffen dieses Zurckerinnern an eine
Vergangenheit fr ihre Zwecke und schlangen in der gleichen Aufmachung
ihre Erinnerungen an siebenundachtzig vorhergelebte Leben durch den
Jahrhundertschlauch geschlossenen Auges, trnenden Mundes in die Brust.

Am Rhein lediglich, neben den Dampfern und kleinen Segelbooten zwischen
Emmerich und Koblenz, gab es einen frischen Schu Rebensaft und
niederdeutsche Herbe dazu und wurde berzeugend bei dem wundervollen
Schmidtbonn, rhrend manchmal bei Eulenbergs pokulierender Schwrmerei.
Hesse gab dazu den Anstand knstlerischer Gesinnung und brachte es ber
die innige Klarheit von Kindererinnerungen schon an das Russische heran.
In Wilhelm Schfer bog sich's vor mnnlicher Kraft und bser
Unzufriedenheit ber den mangelnden Applaus der Zeit. Der
grobrgerliche Hans Sachs entstand in Thomas Mann, der in
bieneneifriger Putzarbeit alle Ideale einer schon verblaten Zeit noch
einmal sammelte in einer Sprache von wahrhaft dekadenter Wrde.

Paul Ernst und Wilhelm von Scholz schossen einige Spritzer Renaissance
hinein, und es war anmutig zu erblicken, wie scheinbar blutberstrmt
der Traum nun in Paul Ernsts Borghese-Kiefern hing, und als er ihn
herausgab, war's wieder nur gekauter Klee. Wilhelm von Scholz umgab
seinen Kopf mit Weihrauch, die mystischen Epochen schienen auf den
Bergen zu glhen, allein den Traum umwlkte nur ein Kohlenbecken, es war
so sehr Winter in den Stllen geworden, da man sogar den Traum zu
heizen begann.

Im Augenblick, wo der Expressionistentod von allen Interessierten
ausgetubat ward, wollte man auf diese Hter des klassischen Troges
zurckgreifen, aber das Malheur war auch dem Blinden deutlich und man
fing eine Razzia an nach neuen Trumern. Ach, es hatte niemand gekalbt
und man war in Verlegenheit, weil schon ein langweiliger Jngling
vorausgeschickt und in die Toga gesprungen war und fr die lammfromm
gewordenen Simplizissimusleute eine Literaturgeschichte auf klassisch
geschrieben hatte. Die Fallen waren aufgestellt, die Muse fehlten.

Zum Glck beendete Albrecht Schffer seine Kriegsgedichte homerischer
Form und gab ein paar Bcher Prosa, man hatte den Papst. Die Parfms
stimmten zur weichlichen Haltung. Das Buch Montfort erlaubte sogar die
romantische Abschweifung zu E. T. A. Hoffmann, die Linie von Keller ber
Baudelaire und die Romantik zum berklassischen Keller ward in die
Stallwand eingeritzt.

Als der Jngling zum Turnier erschien, hielt er Flacons in der Hand,
hatte keine dramatische Lanze, sondern den lyrischen Tonfall der
Kastraten, ein Mischling zwischen Dorian Grey und Pierrot erschien auf
einem Pferd, dessen Mhne gemalt, dessen Schweif eingesetzt war, dessen
Trab eine graue Demaskierung der Langeweile wurde und dessen Reiter, als
ihm der Kra abfiel, mit seidenem Pyjama bekleidet nach seinem
Bademeister schrie. Ach, der Papst war verloren, die Schlacht vorbei,
der berwinder nur ein fesches Gerippe. Es wurde stiller in den Stllen,
obwohl das Kauen nicht nachlie, man wartete auf bessere Zeiten, nur
Paul Ernst, der pltzlich blau und wei gefleckt war, zerri die Kette,
sprang brllend hinaus und gab mit Getse vor, ein Stier zu sein,
whrend es offensichtlich war, da davon nicht die Rede sein konnte.

Es zeigte sich immer mehr, da der Traum hrter war als Eisen, strker
als die Lcherlichkeit und mit jener Tarnkappe versehen, die nicht zu
dekouvrieren ist. Er scheint wie der ewige Jude ein ewiges Alter
erreichen zu wollen und nicht aussterben zu knnen wie der Gyrodactylus
elegans, der an den Kiefern der Karpfen schmarotzt, ein Junges im Bauch
hat, das bei der Geburt sofort ebenfalls gebiert usw. Gbe es nicht eine
geheimnisvolle Gegenwirkung, mte die Welt bald lediglich aus
Gyrodactylen und Kellertrumen bestehen. Sie wrden sich in die Erde
teilen, wahrscheinlich mit Erfolg und ohne Endkampf. In San Antonio in
Texas ist ja bereits eine Ehe zwischen Katze und Klapperschlange
beobachtet worden.

Sdlicher an der Donau war man homopathischer in der Ernhrung und
schob zwischen den Klee noch Psychologie, Rokoko und Geschnaas in den
Rachen. Es wurde ein graziser und wahrlich sterreichischer Traum. Es
ward ein Traum aus dem Wiener dritten Bezirk und aus dem Cottage, man
trabte mit ihm durch den Prater, man lehrte ihn lachen, sogar das Gemuh
ward ein zartes Gewieher, man stand nicht bs und wiederkuend in den
Stllen, da hingen in den Spiegelslen Erzherzoginnen, die Bilder der
Maria Theresia, des mnnertollen Prinzen Eugen, der langnasigen
Habsburger.

Da spiegelte sich pltzlich bei Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann
das Land, der Staat, die Gesellschaft, die gerade in ihrem besten Charme
zwischen den Maschinen erwachte, als es schon aus war. Wassermann hat
ihnen ein groes Fresko geschrieben, Stefan Zweig ihre Mdigkeit
melancholisch belchelt, Salten, Auernheimer, Zifferer haben ihre
eleganten Scherze aufgeschrieben, ja bis zur Operette hat mit Geist und
Anmut Herr Lipschitz sie getrieben, auch die Unterhaltungsbcher bekamen
manchmal dichterisches Arom. Selbst Soykas Kriminalromane deuteten mit
Wehmut die Przision der neuen Zeit in ein wehmtiges Finale.

Hofmannsthal dunkelte den Weltschmerz Mussets in die tieftrumerische
Eleganz eines sterbenden Volkes. Schnitzler hat das Lachen auf dem
Operationstisch seziert, Altenberg den Clown dazu gespielt. Den Shimmy
pfeifend, Walzer taktierend ging der Traum in Wien zur Guillotine.
Selbst im Sterbelcheln war Blut in seinem Gesicht, war Anmut, die
verkrperte und reprsentierte in jeder Bewegung. Es war nicht das
Kostm mehr, nicht die schlechte Laune Unzufriedener, nicht der kindisch
festgehaltene Kranz in der Hand. Es war das Ende eines Volkes, es war
die trb und erlesen und kstlich gewordene Erinnerung einer Nation aus
den Jahrhundertfalten herauf. Hier stand Gesellschaft noch einmal mit
aller Wrde auf und verging.

Wer Bienen zchtet, wei, da die Kreuzung von Kniginnen italienischer
Abkunft mit Hummeln aus Zypern Bienen ohne Stachel ergibt. Schon in Wien
hatte der Traum die Schleife an dem spitzigen hebrischen Intellekt
vorbeigemacht, obwohl fast alle, die sein Gesicht fllten, Juden waren,
in Prag kam er in die seltsamste Mischerei. Bebend vor Intellekt,
schpferisch wieder von slawischer Durchdringung, dunkel von deutscher
Schwere, so ward er bei den Tschechen balkanisch aufgezumt. Das
Jdische verlor seine Schrfe, das Slawische gab den Akzent, das
Deutsche nahm das Resultat auf seine breiten Schultern.

Das war nicht mehr Gemuh, das war nicht mehr das Gesicht eines Volkes,
das war der Gonfaloniere eines geistigen Kreuzwegs, ja fast der
nationale Ausdruck einer internationalen Horde von Gehirnlern und
Literaten, mit viel Anmut, mit bestechender Klugheit, teils am Jordan,
teils in Zrich, vielleicht auch in Saloniki zu Hause. Mit der einen
Hand bei Keller, mit der anderen bei Dostojewski. Von Meyrinck ber Pick
und Brod zu Kafka gab es eine Verschrfung, der Stachel fehlte zwar,
aber die Verdichtung kam nach dem Expressionistischen hin. Der zrtlich
und unirdisch denkende Melchior Vischer trat, deutsch schreibend, als
Wortverdichter neben den blinden Oskar Baum. Bei Ernst Wei, der zuerst
die Wiener Weise weicher getrumt hatte, erreichte ihr Roman eine
verzweifelt starke Aufbumung, bei Werfel ihre Prosa schon legendren
Gesang. Ach, man war hier weit von den groen Stllen, die Haustiere
waren im Sden von anderer Facon, Freudsche Theorien, Analysen
vorgelebter Nerven, Mythisches vom Euphrat und Medizinisches spukten
durch den Traum. Er hatte sein Gesicht, auch seine Breite, auch manchmal
sein Tempo behalten, aber man kaute ihn nicht wieder, man durchsprengte
ihn mit Klugheit, mit asiatischer Grazie, mit ungewhnlich neuen
Turnieren reizte man ihn zu Gangarten, die er nicht kannte.

Es war eine abscheuliche Bastarderei, aber sie hatte Rasse. Mit dieser
Kreuzung band der Traum sich endlich auch an Ruland. Schon der Alemanne
Hesse hatte dahin gedeutet, als die Kriegsschatten ber seine
bewundernswerten Idyllen fielen. Sogar die Mondnen kamen unter das
Kreuz dieser Richtung. In Bruno Franks schwchlichen Erzhlungen
schreien manchmal die Brder Karamasoff, in Leonhard Franks gewaltigen
Bchern gegen die Kriege flammt Dostojewskische Inbrunst sich zu
zerstren. Der immer dichterische Kornfeld hat manchmal den Schatten
Tschechows im Auge. Der beste Schilderer erotischer Atmosphre,
halbgeschlechtlicher bergnge, des Genudufts der Zeitoberschichten,
Wilhelm Speyer, stt auf Tolstoi und mu, whrend er verzweifelt
raffinierte Wollust saugt, in die tiefste Tragdie hinein. Das Schicksal
hat in ihm den gekreuzigten Bankert zwischen Weltlichkeit und tiefer
Qual gemacht. Der Traum bekommt bei ihm einen sen und makabren Reiz,
den Glanz der Untergnge, das Gesicht des byzantinischen Hermaphrodits
. . . . . .

Gesattelt, geritten, gezumt war der Traum in die Welt hinaus gekommen.
Er bog sich in Wien in der tdlichen Schnheit eines nationalen
Untergangs wie venezianisches Glas oval und verwirrend zurck. Gab in
Prag eine Oase fast zwischen den Vlkern, durchdrungen, geknetet,
durchst und geschliffen von Hnden, Hirnen, Wassern der an Asien schon
tief anschlagenden Nationen. Wohl in Deutsch, aber bernational schon
ber Europa hinaus gebracht, von dem ungeheuren Grimassieren russischen
Geistes nach dem Groen Ozean gezogen, sdlich durch die vermischten
Kulturen der frischen Balkanstmme vom Mittellndischen Meer gespeist,
so blieb er drauen in der Welt als deutsche Befruchtung.

Ach, die Haustiere der deutschen Dichtung murrten ber diese fremden
Menagen, ihre nationalsten knirschten wie jener Platen, der aus Angst
vor der Pest bereits in den Hades floh, ehe sie ihn berhaupt hatte, so
gut es ging zwischen ihren Reibzhnen: Laubhttenpetrarke,
Synagogenstolz, aber es war der alte Klee nur, der sie hrte, es roch
nach alten faulen Idealen, es strte niemand, da ihre Glocken
schwangen, sie waren langsam in das Pianissimo des Wiederkuens
gefallen.

Nur Paul Ernst versuchte wie ein Stier zu brllen, weil einige mit dem
Traum ausgerissen waren, exotische Gegenden zu entdecken. Der mnnliche
Luxemburger Norbert Jacques, Willi Seidel hatten ihn mitgenommen, als
sie auszogen nach der alten germanischen Weise und in den Spuren der
Gerstcker, Sealsfield, Heinse, Wieland. Herr Klabund hatte die
Expression dabei in die eine, die fahrende Schlerweise in die andre
Hand genommen, schrie ein pazifistisches Pamphlet und trabte einen
Militrmarsch. Er trabte mit den Fen einen Militrmarsch aber
scheinbar ins feindliche Ausland, wie man in den Stllen behauptete, und
Paul Ernst, der pltzlich schwarz-wei-rot gefrbt war, verga sein
Renaissancegemetzel, verga seinen blutigen Traum von Italien und
berschrie ihn mit dem Trutzlied rechtsbolschewistischer Reaktionre.

Ach, er versuchte, den Kobold des Traumes wie ein Stier zu berbrllen,
aber es war ja kein Stier, wie jedermann sich mhlos mit den Augen
berzeugen konnte, und der Kobold, den er verfolgte, neckte ihn, bis er
mit Trnen in der Brille an der Statue der Diana zusammenbrach. Schon
Darwin beweist bei manchen Krustentieren, da vollkommene und
ausgebildete Lebewesen dieser klassischen Gattung dennoch niederer
organisiert sein knnen als ihre Larven. Die klassischen Krieger am
Fries des Dianabildes streckten sich vor Wonne in ihrem Muskelnetz ber
diesen vollkommeneren bebrillten Epigonen. Ach, aber selbst dieser Fall
verhinderte nicht, da die Haustiere der deutschen Literatur den
erhabenen Traum weitertrumen und den Grnen Heinrich ohne Abla durch
die Zhne ziehen, obwohl sein Verfasser schon lange im Schweizerischen
verstorben ist . . . . . . .

Es mchte scheinen, Mijnheer, ich spotte ber Gebhr und beschdige am
achten Tage die Reserve, die ich mir auferlegte, sowie die Zuneigung,
mit der ausgezeichnete Menschen an diesen Trumen hngen. Wahrlich, ich
kenne ihren Wert und ihren Sinn und wei manchen ihrer Dichter an einem
ausgezeichneten Platz der Verehrung, aber es bricht mir ins Herz ein,
wenn ich das Muhen der Haustiere hre, die die alten Melodien und die
hilflosen Tonleitern einer Vergangenheit blasen, welche uns nichts
helfen. Ich wei mich doch wirklich glcklich, wenn ich irgendwo im Park
der Dichtung Anstze an gute Tradition und deutsches wahres Wesen
entdecke, aber ich kann den Spott nicht zurckhalten, wenn ich die
Zeremonien beobachte, mit der gesalbte Prediger immer wieder ein
verdorbenes Gerippe in den Frhling tragen.

Ach, der deutsche Frhling hat nichts gemein mehr mit den Gefhlen jenes
erheblichen Meister-Dichters aus Seldwyla, und dessen Knochen sind nicht
seine Bausteine und seine Asche ist nicht sein Same. Ist es nicht
schelmenhaft, wenn die Haustiere den Stil eines grobrgerlichen Mannes
wiederkuen, aber vorgeben, das Gesetzbuch der deutschen Erzhlung damit
auszuposaunen, wenn sie die Nation meinen und eine alte Leiche unter
ihren Hufen herausstampfen? Einmal mten, verdammt, auch die bequemsten
und faulsten Tiere in den Aufbruch kommen, der sie aus den dumpfen
Stllen in die Freiheit fhrte und aus der Blindheit in das Licht. Ja,
ich frchte nicht, da die Einugigen gefhrlich werden, aber ich habe
Angst vor den Nichtsehenden, weil sie nicht zu erlsen sind.

Ich entsinne mich zu gut, da auch Balder, der Lichteste der Gtter vom
blinden Hder mit einer Mistel gettet wurde, die ihm der unheilvolle
Loke reichte. Ich wei zu gut, wie die Gtter ber ihren Liebling
klagten und da seine schne Geliebte daran starb. Und ich kann mir
nicht verschweigen, da ich den Balder ohne Rckhalt liebe, aber den
Loke hasse, da aber der Dmon des Bsen sich immer der Ahnungslosen
bedient hat, um ins Unheil hineinzufhren. Adler und Schwalben haben
seit jeher mit einer Armee von Blumen in jeden deutschen Frhling
hineingefhrt, aber nicht das grmliche Muhen der Haustiere, die den
Frhling zu beherrschen glauben und meinen, die Welt vermge infolge
ihres erhabenen Traums nicht aus ihren mahlenden Zhnen zu fallen.

Nein, ich spotte nicht aus bermut oder aus zornigem Vergngen, sondern
ich schttle den Bann wie jeden Alpdruck heftig in die Sonne, da die
Motten aus seinem alten Pelze fliegen. Denn ich liebe den alten Keller
mit aller Herzlichkeit seines eigenen Gemtes, aber ich kann nicht
sehen, wie seine Nachahmer ihre schlechten Schellen an seinem Wagen
tragen. Ja, ich wei auch, da der Spott nicht schadet und mit jeder
guten Sache sich zu messen in der Lage ist, und da nur die
steifbeinigen Khe und die ergrimmten Ochsen ihn nicht ertragen knnen
wie die helle Sonne, die sie wtend macht.

Ja, ich gestehe auch, Mijnheer, da es Dinge gibt, die man liebt und die
man zu gleicher Zeit verwerfen mu Haben Sie nie geschwelgt und zur
gleichen Zeit verdammt? Ist es nie so gewesen, da Sie das Herrliche
bewut vorberziehen lieen und mit den Musen sich ergtzten? Ach, man
ist nicht einerlei, man ist zweierlei gebaut. Ich bin verantwortlich fr
die groen Linien und fr die Urteile und ich schneide die Staffeln in
Stein oder ich schmeie das Zeug hinaus. Was kann ich fr meinen
privaten Geschmack jenseits dieser Dinge? Ich lehne die Bcher des
Thomas Mann ab aus guten und vielen Grnden, aber ich lese sie gern, ich
liebe sogar den Tod in Venedig. Ich amsiere mich schief ber den
Pierrot Schffer, aber ich liege die Nacht schmkernd mit seinem
gespenstischen Montfort. Ich durchschaue den Schwindel, aber ich bin
verliebt in ihn.

Ist es Ihnen nie mit Frauen so gegangen, da am strksten Sie reizte,
was unbedingt das Unmglichste war? Gott hat die Natur und die Dinge oft
im Spiel seltsam zueinandergestellt, er will, da man die Sigkeit und
die Klarheit, aber auch den Widersinn seiner Schpfung erkenne. Seine
Methoden sind oft von erlesener Laune, ja sie sind verrckt. Ein
Coenurus zum Beispiel, der haselnugro im Hirn des Schafes wandert,
zwanzig Kpfe aus dieser Blase herein- und herauszieht, das Tier an
Drehkrankheit zu Grunde dreht, ein Coenurus zerfllt, von einem Hund
gefressen, in seinem Darm, nur die Kpfe bleiben brig und erzeugen
soviel Bandwrmer, als sie Kpfe waren, und deren Eier, vom Schaf mit
dem Gras gefressen, durchwandern wieder bis zum Exze des Drehens des
Schafes Hirn. Ja, sie sind verrckt und absonderlich die Umwege der
Vorsehung und man kann nichts sagen ber solchen Kreislauf, als er habe
einen Sinn, den uns nichts erleuchtet.

Unsterblicher Brummell, unter allen Dandyparasiten der Literatur (die
ihrer Lustigkeit halber nicht alle wie jenes bekannte Polystomum
integerrimum in die Harnblase des Frosches verbannt gehren) erinnere
ich mich gern eines der amsantesten Typen der Literaturlebewelt, jener
Primadonna aller Ausstellungen und Premieren, des Kniglichen
Regierungsrates von Wedderkopp, der nicht den Weg vom Hirn in den Darm,
sondern den umgekehrten einschlug. Fest entschlossen, sich ber alles
bis an sein Lebensende zu mokieren, begann er kritisch immer von hinten
nach vorne zu gehen, schrieb ber die Kostme der Leute, deren
Gesinnungen er besprechen sollte, machte den Damen den Hof, die er zu
verreien beabsichtigte, griff die Reisekoffer seiner Freunde an, deren
Stcke er zu loben hatte, schwrmte, da er im Krieg die Butterverteilung
der Stadt Brssel in seiner mnnlichen Hand hatte, fr kriegerische
Tchtigkeit nach den Revolutionen und schrieb mit Vorliebe, da er
konservativer Natur war, fr bolschewisierende Ksebltter.

Ja, Mijnheer, man kann etwas lieben und kann es gleichzeitig vernichten,
man kann in Deutschland seine Geliebte sehen, aber man kann die falschen
Krnze auf ihrer Stirn und die schlechten Seiden ihres Kleides
verspotten. Man mu nicht, wie jene halbgefranzte Goldschnittausgabe des
seligen Dandy und Freundes Eduard des Siebenten, Brummell, immer auf die
andere Seite fallen mssen, denn der Schein der berlegenheit ist nur
die Waffe des Snobs und die Maske des unsicheren Gentleman.

Aber man mu entschlossen dabei sein, auch ber alle Kreuzwege hinaus,
ber sich selbst und das bichen private Ergtzung, ber unsere
Leidenschaft und Glut hinaus, das Ziel im Auge behalten, und wenn die
Percken von heiligen Huptern vielleicht sogar mit den Kpfen selbst
herunterfliegen.

Am achten Tage der Schpfung wurde auch Gott unerbittlich und schuf die
Tragdie, um die Welt zu reinigen und zu bessern. Am achten Tage
unseres Zusammenseins hat der khle deutsche Mond sich auf die
Schwarzwaldspitzen gesetzt, und es bleibt keine Falte, kein Hauch in
diesen Lichtkavalkaden verhllt. Am achten Tage nahm der Tod der
Margarethe von Valois, Knigin von Navarra, die, aller Sprachen kundig,
des ersten franzsischen Franz ungewhnliche Schwester, das Dekameron
des Boccacce ins Franzsische transponieren wollte, am achten Tage der
Erzhlungen, in denen die ganze Welt schwimmt, nahm der Tod ihr den
Stift.

Er nahm sie weg von der zweiundsiebenzigsten Erzhlung, darin, launig
aber auch teuflisch, doch nicht mizuverstehen, erzhlt wird, wie beim
Einsargen eines Toten ein neuer Mensch gezeugt wird. Ja, das Leben
marschiert, es marschiert mit klingendem Spiel auf der ganzen Linie.
Ach, ich frchte nur, den erhabenen Traum der Haustiere wird es nicht
unterbrechen, selbst wenn die Schellen ihnen unter den ehrwrdigen Nasen
wie die Tanzschritte des Lebens klingen.




Die neunte Nacht


Und Europa? Ihre genialste Laune war das Rokoko, wo sie die znkischen
Musen, unter welche sie (wie Venus an die Amouretten) ihre Gouvernements
verteilt hatte, in einer festlichen Heiterkeit vereinte. Sie hatte hier
ein Lcheln begonnen, dessen Anmut die Abgrnde ihres Wesens ahnen lie,
aber nicht enthllte. Und sie hatte eine Leidenschaftlichkeit in ihren
gttlichen Wuchs gerufen, deren Kraft sich hinter ihren grazisen
Spielen versteckte.

Es war ein reizender Sptsommer der Musen, als sie um ihre Gttin sich
zum letzten Male harmonisch vereinten, graziler fast noch als der herbe
Frhling ihres Beginnens.

Schon immer war ein groes Wandern ihrer Sendboten gewesen, und ihre
Auserwhlten hatten ihre guten Gedanken, die sie mit den Kaprizen der
Frau ausgab, in die ganze Windrose gefhrt. Holbein sowie der van Dyck
haben ihre Farben nach der britischen Insel getragen. Irische Mnche
hatten seinerzeit den Urwald des mittleren Deutschland gesubert und die
Karolinger unterwiesen, Buchstaben mit Vollendung zu malen. Grnewalds
Tne, Drers Art hat erst Italien vollendet. Bambergs Plastiker zogen
nach Reims und studierten den Dom, ehe sie den ihren begannen. Der
schne Lionardo gab den Franzosen eine andere Linie ihrer Architekturen.
Rembrandts Chiarobscuro hat man im Sden erfunden, jdischer Geist aber
hat sich in seine Bilder hineingezogen. Arabisches wanderte durch
Granada nach Italien und ber Frankreich in die Musik der besten
deutschen Dichtung. Was war Wieland ohne die Franzosen, Schlegel ohne
die Briten, Klopstocks Messias ohne Miltons Verlorenes Paradies? Das
italienische Portrt der Renaissance, ihre schnste musikalische
Erhebung in Palestrina kamen aus den Niederlanden. Die Deutschen gaben
den Tschechen von ihrer Dichtung, den Italern den Holzschnitt. Wie die
Bienen, aber auch wie die Wlfe waren die Sendboten geflogen. Selbst die
Eau de Cologne, das Modeparfm des Rokoko, war von einem Italiener
erfunden.

Ja die Luft selbst hatte damals zwischen der Abendrte ihrer
Springbrunnen und Bosketts etwas vom Arom eines Duftes, der wie das
klnische Wasser zugleich erheiterte und erregte. Hier stand Europa noch
einmal nach all den vergangenen Besuchen und Kmpfen und Balgereien der
Musen mitten in einem Konzert, das sie alle vereinte und das halb auf
der Flte geblasen, halb von einem unterirdischen Donner gespielt ward.

Die Deutschen bauten der Gttin Europa damals ein leidenschaftliches und
ihr schnstes deutsches Denkmal. Sie bauten mit ergriffener Wucht und
raffinierter Andacht die frstbischfliche Residenz in Wrzburg, und mit
dem Niederlnder Auwers, dem Pariser de Cotte, dem Deutschen Neumann,
dem Schweizer Bossi, dem Mnchener Zick, mit dem Tschechen Mika, dem
Tiroler Oegg, dem Venetianer Tiepolo waren alle Musen noch einmal
beteiligt. Sie beeilten sich spter allerdings, in alle Verstecke wieder
zu fliehen und mit Pfeilen aufeinander zu schieen. Bonaparte, der
letzte Genius, suchte sie zu sammeln, indem er sie mit Kanonen
erschreckte, denn es gab fr ihn kein anderes Mittel, Europa wieder zu
finden, als die mrderischsten Kriege.

Als er Goethe Belehrungen gab ber seinen Werther, den er siebenmal
gelesen, und ihn bat, mit ihm nach Paris zu kommen und schner wie
Voltaire einen Csar zu schreiben, dachte er nichts anderes, als den
besten Trabanten der Gttin gefunden zu haben und von ihrer und seiner
Hauptstadt aus dessen Stimme ber die Welt schallen zu lassen. Der
grte Europer hatte den begabtesten Sendling Europas entdeckt, aber
dieser folgte ihm nicht. Whrend des europischen Maschinenkriegs aber
war die Gttin vllig auer Landes gegangen.

Sie war vllig auer Landes gegangen, und acht Jahre nach der Erfindung
des Kreuzgases, sechs nach dem Versailler Vertrag stehen die Musen noch
um Deutschland an den Mitrailleusen. Frankreich weist ihm die Tr,
England bersieht deutsche Kultur, Amerika ist sie kaum erwnscht. Von
dort kommt kein Ruf nach der Gttin. Nie hat der Schwaden des Hasses so
sehr ihre Gefolgschaft getroffen, da die znkischen Musen zu derartig
tollen Unterleutnants der Rancune wurden und das Gebiet des Geistes in
eine Serie von Gefngnissen aufteilten, durch die sie den Parlamentren
der Kulturen nicht einmal den Durchmarsch erlaubten.

Die weie Flagge der Kunst, welche die Hunnen und alle Sldnerkrieger
der Jahrhunderte zu achten gelernt hatten, wurde von den toll gewordenen
Nationalisten mit allen anderen Fahnen der Humanitt in den Staub
gerissen. Von unseren Bchern wei man nichts, unsere Bhne miachtet
man, unser Entgegenkommen hhnt man. Eine ausgestopfte Puppe mit den
Zgen der guten Viebig hat man im Reformkostm an die Rampe des
Gelchters gestellt und ihr zu Fen mit einem Jodler und Tiroler Hut
den kleinbrgerlichen Bonsels pathetisch gelegt und mit bersetzungen
aus ihren Werken als ersten nach dem Krieg statt mit Sauerkraut und
Feldwebel uns in Paris vor aller Welt so zu einem geistigen Mummenschanz
mibraucht. Es ist klglich, sich nach zehn Jahren Pause durch solche
Gste vertreten zu wissen.

Ach, es ist nicht gut, zwar als Besiegter eine groe Gttin immer noch
zu lieben, aber es ist schimpflich ohne Zweifel, als Sieger sich nicht
vor ihr zu verneigen. Es ist das Unglck, da mit den sinkenden Valuten
auch die geistigen Kredite schwinden. Europa wird, wenn sie einmal
wieder naht, ihre Gefolgschaft nach Art der Bewohner von Sklavenstaaten
in dritt- und zweitklassische Kreaturen eingeteilt finden. Aber
Deutschland, Mijnheer?

Niemals, zu keiner Zeit hat Europa eine bessere Gastfreundschaft als bei
den Rheingermanen gefunden. Whrend der Kriegsjahre haben sie alle
Freudenfeste der feindlichen Musen nach alten Bruchen mitgefeiert.
Fnf Jahre nach der Mnchener Rterepublik schwimmt das deutsche Theater
unter den Schwnken der gallischen Possenfabrikanten, Moliere und Shaw
reichen sich wie whrend des Kriegs vor den Bildern Calderons und
Shakespeares die Hand, und alles Zeug, was Deutschland schmhte, ist
pardonniert und geliebt, soweit es begabt ist.

Suarz durfte schreiben, wir fren Hunde . . . Verziehen. Claudel uns
gierig in das Bett des Prokrustes spannen, von Kopenhagen bis Berlin den
Friedensvertrag lngen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte
von Australien bis Indien die englisch redende Welt gegen uns schlimmer
wie eine Fuchsjagd hetzen. Francis Jammes uns verleumden. Alle, die
einen Kranz des Fhrers trugen und besser wissen muten, da wir nicht
allesamt eine Horde von Hynen und ausgehungerten Wlfen seien, durften
die verchtliche Emeute jener Niedertracht anfhren, die uns zu den
Hottentotten Europas erniedrigen wollte . . . verziehen, vergessen. Die
ganze Welt an unsere Brust! Zur gleichen Zeit, wo das siegreiche
Frankreich den Direktor des Theaters Vieux colombier hngen, den vom
Oeuvre schinden wrde, wenn in ihren literarischen Versuchsbhnen ein
deutsches Stck gespielt wrde, wo die franzsische Zeitschriftenkritik
vor Chauvinismus dampft, wo England uns die Psse verweigert, Ruland
kein Interesse als an dem Aufbau proletarisch eindeutiger Kultur hat.
Und wo unsere Freunde in diesen Lndern ohne Macht gegen die Geschwader
der Dummheit und in der Minderheit gegenber den Steuermnnern des
Hasses sind.

Der Dreiigjhrige Krieg war eine Volksbelustigung der Kulturen gegen
diesen Wahnsinn. England, das den Kontinent zwei Jahrhunderte lang zur
Gesittung aufrief, schaut ber den Ozean weg nur nach seinen Dominions.
Frankreich, das Europas Feldgeschrei fhrte, ist ein Land von
irrsinnigen Schelmen der Freiheit geworden. Wohl tauschen im nrdlichen
Dreieck der Pariser France, der Londoner Shaw, der Moskauer Gorki shake
hands der Internationale.

Aber Europa?

Ein Hohngelchter von Kiew bis Athen, von Prag bis Warschau ist die
Antwort. Ein Kichern des Schreckens als Echo vom hochvalutagedrckten
Haag, vom halbbankerotten Paris, ein Rattenpfeifen vom ngstlichen
Zrich als Untermelodie. Die Sieger der Weltwirtschaft sind in das
gleiche Zittern wie die Gestrzten gekommen. Mitteleuropa, pleite wie
zur Zeit der Assignaten, ein Geier, gerupft, aber mit falschen Krausen
kachiert, sitzt zwischen den Bajonetten der hochkapitalistischen Gallier
und den Kanonen der stlichen Kommune. Denn nicht nur Poincar, auch
Barbusse (seit er auf Moskau schwur) ist der Krieg. Nicht nur die
Kannibalen, auch die konsequenten Buddhisten bedeuten Tod. Es
unterscheidet beide nur (sehr) das Motiv, aber das ist, wo es um Krieg
geht, ohne Belang.

Denn Krieg heit Vernichtung Europas, Friede aber bedeutet, da die
Gttin vielleicht ihre Verstecke verlt und zurckkehrt.

Sie wird auf dem Scherbenhaufen, und unter den bitteren Lawinen dieser
Epoche ihrer Regierung sich mit Wehmut der Zeit erinnern, wo die
znkischen Musen um sie hemmungslos zwischen den Bosketts und
Springbrunnen spielten. Ach, es wird keine Flte in das Konzert ihrer
Wiederkehr spielen, aber der geheime Donner von damals wird ein
abgebrannter Orkan sein, der ihr Land vereist hat.

Vielleicht aber wird sie nicht mehr zurckkehren wollen. Deutschland
wird aber nicht aufhren, nach ihr zu rufen. Seine besten Leute werden
nicht untergehen, ohne nach ihr verlangt zu haben. Bliebe es tausendmal
Utopie, es wre ein schnerer Wahnsinn als der der Vernichter.

Ich wei, wir haben am wenigsten Anla, schuldfrei uns zeigen zu wollen,
wir haben vor dem Krieg nichts gelernt, whrend des Mordens in
schlechtem Stil Europa geschmht, und mssen, wo wir mit gereckten Armen
nach ihr verlangen, das Peinliche erleben, da sie im Umkreis in gutem
Stil verlacht wird. Ich wei, wir sen in anderen Wagen, wren unsere
Rosse siegreich durch den Arc de triomphe geritten.

Der Stal antwortete einmal Byron, den eine verlassene Geliebte gerade
in einem Roman verzerrt hatte, auf ihre Frage, wie das Portrt ihm
gefallen, der neugierigen Stal antwortete der Lord ironisch: es wre
besser ausgefallen, htte er jener Lady Caroline Lamb lnger zu sitzen
geruht. Ich wei, es ist billiger, gefesselt, geknebelt Gerechtigkeit
anzurufen, als sich audessus de la mle mit schnen Ideen abgeben.
Ich zweifle aber nicht, da, wenn wir lnger Modell gesessen und die
Champs Elyses mit preuischen Pferden hinaufgeritten wren, die Stimme
nach Europa in Deutschland mit der grten Tapferkeit dennoch gerufen
htte.

Sie wre mit den besten Munden und im besten Stil angestimmt worden.
Ach, da Gott zu unseren Feinden gerade die guten und zu unseren
Freunden gerade die schlechten Trommler Europas machen mute. Was kann
man tun, wenn einem alles verlt?

Nicht paktisieren, Mijnheer.

Es lebe Europa.

Die Franzosen, die mit dem Marschschritt Europas einst zu uns kamen,
sind eigentlich immer eine Mischung zwischen dem Soldaten Gottes und dem
comdien ordinair edu bon dieu gewesen. Ihr Herz stritt zwischen dem
Ideal der Sache und dem Ideal ihres Ruhms. Sie haben jeweils ihre edle
Exaltation mit den Bestimmungen ihres Rausches verwechselt und zuletzt
immer ihre eigenen Gttinnen erschossen, indem sie dabei das alte
Preislied fr sie sangen.

Sie sind ein kriegerisches Volk, aber nur in der Einbildung, denn sie
haben nur Ruhm, aber keine Territorien je erobert. Sie sind hinter der
Marseillaise hergelaufen und haben schon preuischen Drill im Blut
gehabt, sie haben Europa befreien wollen und haben es geknechtet. Sie
haben die Fiktion ihres martialischen Glanzes erobert, whrend die
unkriegerischen Nationen der Rmer und Briten, indem sie Baumwolle oder
Christentum sagten, die Welt unterwarfen. Sie haben selbst bei Stendhal
und Suarz den Vorbehalt, da Europa nur sei, wenn Frankreich sei, aber,
schon indem sie es sagen, ist es nicht mehr eine Bedingung, sondern es
ist schon Gleichung: Frankreich ist, _darum_ ist Europa.

Darum haben die Franzosen auch jene seltsame Fremdheit zu sich selbst,
die sie ihre Tugenden so preisen, sich an dem Wort Franzose so
berauschen lt, whrend die Briten sich in ihren nationalen Gefhlen
sehr nah, fast mit der Kritik des besten Verwandten gegenberstehen,
obgleich die Naturelle der beiden Vlker umgekehrt sind wie ihre
Fhigkeiten, sie einzuschtzen.

Ein tapfrer Kmpfer Frankreichs fr Europa sein, bedeutet darum mehr,
als in Deutschland brav zu sein, weil der Rheingermane nur seinem Gefhl
folgt, der Gallier aber gegen seine Empfindung erst europisch wird. Der
Deutsche erfllt seine Mission, der Franzose mu erst den Gallier in
sich erschlagen.

Wenn Deutschland sich Frankreich schrankenlos wieder ffnet, bleibt es
in seiner guten Tradition, und wenn es die Feinde mithereinlt, ist
es lediglich nicht empfindlich. Wenn die Franzosen das miachten und fr
die Fehler von Politikern und Kasten jetzt Europa ben lassen, ist das
ihre Sache und eine infantile Vendetta gegen vllig Unbeteiligte. Wir
ziehen es vor, die Geliebte weiter zu lieben, auch wenn ihre Hunde und
ihre Knechte wtend die Zhne zeigen. Denn wir verehren sie und nicht
die Unvernunft ihrer Umgebung.

Von Villehardouin bis Joinville und Crestien von Troyes haben wir das
romanische Mittelalter aufgenommen, und uns nie unerkenntlich gezeigt.
Ihre groen Dramen gaben auch unsere Richtung. Rousseau signalisierte
Europa. Montaigne zog die Kraft des Geistes schmerzlich um die Welt.
Voltaire und Stendhal flaggten Europa schon sehr hoch. Balzac formte
bereits Demokratie, Flaubert ma nach der Gre europischen Gewissens.
Anatole France, der letzte Lateiner, ist auch uns das schmerzlich se
Zeichen des Untergangs einer Gesellschaft, die mit Rousseau begann.

Wir haben Zola, diesen Mischling aus italienischem und hellenischem
Blut, unter unsere Brger genommen wie die Romantiker, wie die Sand, wie
ihren unglcklichen Geliebten, Musset, den Prinzen der gallischen
Sprache. Wir haben in Lamartine wie in Hugos Versen geschwelgt, alle
Boulevardstcke genossen, Dumas Frauen zu unseren Hauptrollen gezhlt,
seine zweihundert Bcher Romanfabrik gelesen und sogar fr seine
Saucenrezepte uns interessiert.

Wir hatten den Blick stets halblinks von Berlin nach der Seine
gerichtet. Sind mit den Malern Feuerbach um Couture, Trbner um Courbet
geschwrmt, haben des Gauguin Tagebcher, des Van Gogh Aufzeichnungen,
drei Bcher von Kunsthndlern ber Besuche bei Czanne wie das Credo und
die heilige Schrift verschlungen, whrend Wedekind nicht gespielt ward.

Wir haben dem Verhaeren, dem Maeterlinck erst das Haus gemacht, haben
die satanische Flucht des Huysmans aus seinem Zeitalter erst
zu der monumentalen Bedeutung der Flucht eines grandiosen
Zivilisations-Deklassierten gemacht, wir haben auf Baudelaire, Mallarm,
Verlaine, Rimbaud unsere sthetenschulen gebaut, haben Pierre Loti
leider fr einen greren Dichter wie Alfons Paquet gehalten, haben
hochstehende Aufstze um Charles Louis Philippe, diesen zrtlichen
Kindskopf der Tragdie, geschrieben. Wir haben den armseligen Louys und
Pierre Mille und den unglckseligen Farrre mit seinem Opiumkitsch in
unsere besten Stuben gefhrt.

Wir haben nicht nur Honneurs gemacht, sondern uns mit dem Herzen
beschftigt, und wenn die Fremden hereinkamen, waren sie schon intim.
Der ganze Kreis der heute am besten schreibenden Franzosen um die
Zeitschrift der Nouvelle Revue franaise war vor dem Krieg bekannter
in Deutschland fast als in Frankreich. Gides und Rivires Ruf gingen
weit bers literarische Versnobtsein hinaus. Suarz schrieb das beste
Italienbuch fr die Deutschen. Claudel widmete man Weihespiele in
Hellerau. Fr Francis Jammes, der die royalistisch fromme Linie des
Joinville fortsetzt und die zrtlichen Tchter des alten Adels und die
Sanftmut der Tiere und die Kriegswappen treu nebeneinander malt,
entstand ein eigener Verlag und in Stadler der wackerste Deutsche als
bersetzer.

Auch der Chauvinismus dieser Autoren, die whrend des Kriegs den hellen
Bullen ihrer Revue im Stall lieen, hat sie Deutschland nicht
entfremdet, man erweist ihnen die Gastlichkeit, die ihrem Knnen gehrt.

Man hat ebenso auf jene Generation sich eingerichtet, die gegen den
Krieg Frankreichs protestiert und fr Europa optiert haben, jenen
tapferen Kreis junger Leute, unter denen leider nicht Frankreichs beste,
aber seine mutigsten Begabungen sind. Sie hatten sich teils um Barbusse,
teils um Rolland geschart, die beide das Gewissen Europas whrend des
Mordens waren, wenn beide auch, zumal Barbusse, keine im letzten Sinne
guten Schriftsteller, aber berzeitlich groe Charaktere sind.

Der Streit, den Barbusse und Rolland nunmehr ausgefochten haben, ist der
Kampf um die Gewissensfrage jedes einzelnen gewesen. Barbusse wollte aus
dem Dbacle des Kriegs den Bund der besten intellektuellen Europer
erstehen lassen, schuf in der Organisation der Clart ihm mit einigen
humanitren Paragraphen den Rahmen, mit einem schon nicht mehr guten
gleichnamigen Roman die Kulisse und mit seinem Anschlu an die dritte
Internationale Moskaus das Grab. Er wollte die Herzen revolutionieren
und ging nachher Bajonette einkaufen, glubig und voll menschlichen
Mutes zwar wie ein Thermopylenkmpfer der neuen Gesellschaft, aber
dennoch als Aufrufer an die Gewalt. Er postulierte mit dem russischen
Terror die Gewalt von links gegen die von rechts, die er wie ein
Herkules bekmpft hatte. Er fhrte seine Kunst durch die Gesinnung in
die Politik, whrend Rolland die jungen Leute zurckfhrte zu dem weisen
Glauben, den er durch den Krieg gehalten: das Reich des Geistes msse
rein bleiben und Europa kme nur, wenn man glaubend fr es arbeite, und
nicht, wenn man danach schiee.

Barbusse aber, dessen Feuer auch das einzige Frontkriegsbuch der
Deutschen geworden ist, tritt mit seiner Anschauung nunmehr, ohne es zu
ahnen, neben Goethe, den er in diesen Dingen bekmpft hat. Der, von
Bonaparte begeistert, einmal meinte, es schade nichts, wenn dieser dem
Prtendenten Enghien und dem lppischen Schreier Palm vor die Stirn
geschossen, denn dem Genius stehe dieses Weggehn ber alle Schranken
frei. Sie bedachten beide nicht, da man das aus dem Temperament heraus
vielleicht denken, aber nie formulieren darf, weil das Blut sich mit
mythischer Gewalt gegen die Idee richtet und den am sichersten ersuft,
der es fr sie vergiet.

Diesen Streit zwischen den Fhrern der europischen Idee haben die
Deutschen wie ihren Kampf mitgemacht und die breiten Massen haben wie
den Barbusse auch den Rolland und den ihnen zugesellten siebzigjhrigen
France wie ihre besten Dichter mit ungeheurem Ruhm gelesen. Der Einflu
Frankreichs ist gewaltig geblieben. Man hat auch den Schlern der groen
Gallier das Ohr geliehen, Martinet, Jouve, Lon Werth gehrt. Guilbeaux,
der whrend des Krieges demain in Genf herausgab, wurde in contumaciam
(whrend er Rulands Erde schon mit Ruhe und Ansehen betrat) auf Grund
eines Materials als Schdling seiner Nation zum Tode verurteilt, das an
der Spitze einen Bericht von meiner Hand ber den Mut enthielt, den er
whrend des Krieges fr die Erhaltung Europas aufbrachte. Man hat Ren
Arcos mit seinen stillen weitherzigen Dingen bertragen, den
Bilderhndler Vildrac auf die Bhne gebracht, Colin, diesen
Wanderprediger Europas gehrt, gelesen, man nimmt Notiz von Duhamels
Bchern, von Vaillant-Couturier, Jules Romain, von Chennevire. In
dieser Generation ist wohl keiner, der die Sprachkraft der stheten um
Gide bese und unsicher ist, ob einer europisches Ansehn wie seine
Meister erlangen wird, aber sie sind, da sie fr das wahre Europa
stritten, die tapfersten Soldaten Frankreichs geworden.

Es scheint allerdings im Sinn dieser bergangszeiten zu sein, da in den
Siegerlndern keine Fhrer unter den Jungen sind. Erst der Zusammenbruch
formt sie sich, weil er Hhenbedrfnis hat, whrend Triumph nur eine
dicke Lge ist, die eines Tags nach ihrem grten Brller platzt.
Ungleich dessen ist der Einflu dieser Jugend ohne gleichen, Frankreich
atmet mit allen seinen Poren nach Deutschland hinein, und Deutschland
liebt diesen Geruch als den einer schnen Freundin. Es wird trotz allem
dabei an die Gttin erinnert. Bleibt seine Liebe auch unerwidert, so
wirbt es ja nicht um ein Weib, sondern um die Liebe selbst. Unglckliche
Liebe gibt es nur im Sprachschatz der Tlpel. Vor der Ewigkeit gibt es
das nicht.

Man kann nicht alles sagen, was ist, man mu sich begngen mit dem, was
Deutschland sieht und nimmt von Europa. Mehr kann einen hollndischen
Gentleman, der unabhngig ist, reist, den Horaz im Koffer mitfhrt, den
seine Heimat langweilt, der Europa kennt (halb wie ein Dandy ein Lager
von Strandkrben und halb wie ein Gartenliebhaber seine Blumen), mehr
kann einen hollndischen Gentleman nicht reizen. Er kann nur so, statt
an ein Phantom zu glauben, die Wirklichkeit der Nhe eines befriedeten
Europas berechnen -- -- -- in gleicher Methode wie Galilei, der auch, um
die ungleiche Entfernung der Fixsterne von der Sonne zu messen, auf die
geniale Idee kam, die Sterne erst selbst in der Entfernung zu ihren
einzelnen Nachbarsternen zu vergleichen. Was macht Holland, Jonckheer?

Es macht nicht mehr als Tulpen und Valuta. Es gab den Thomas a Kempis
und Jan van Ruisbroek zu unserem mystischen Mittelalter. Es gab der
Freiheit das tolle Geusenlied: Wilhelmus von Nassauwen ben ick van
duytschem bloet /// Den vaederlandt getrouwhe blijf ick tot in den doet
. . . Der Name der Gerechtigkeit heit Multatuli. Hinter ihm kennt man
kaum die Roland Holst. Aber man kennt van Eeden als Anwalt der
Menschheit, ich glaube auch von der katholischen Propaganda. Das ist
zusammen nicht sehr viel des Guten. Man hat dafr die Seuche der
smtlichen Romane des Cooperus ebenfalls in das deutsche Walhall
gestellt. Das ist nicht Tulpe und nicht Geist, aber Valutadumping mit
verchtlicher Literatur. Auch den Unterbietern der Qualitt, sehen Sie,
gibt man das Gastrecht.

Es knnte scheinen, dies sei zu weit gegangen mit einer Tugend. Ich bin
Ihrer Ansicht, aber Deutschland meint wohl, man habe eine Tugend oder
man habe sie nicht. Man hat brigens durch den Krieg die stammverwandte
flamische Literatur nach Deutschland gefhrt. Der ausgezeichnete
Essaiist F. M. Hbner hat von der Mystik ihres Mittelalters sie bis zu
dem Eekhoud nach Deutschland transportiert und man hat, nicht nur aus
politischem Interesse, diese germanische breite und saftige Kunst, fr
die de Coster das europische Wahrzeichen ist, aufgenommen. Die ber
Frankreich eingefhrten Lemonnier und Verhaeren waren schon lange vorher
bertragen.

Deutschland hat auer den Russen berhaupt die besten bersetzer der
Welt. Heinrich Mann hat Anatole France, Schickele den Balzac, Rilke die
Barret-Browning, George den Baudelaire und Dante, Dehmel den Verlaine,
Werfel die Tschechen, Flake den Suarz, Blei den Claudel, Vollmller den
d'Annunzio, Dubler den Vildrac, Annette Kolb den Chesterton, Stefan
Zweig den Verhaeren, Krell den Kipling bertragen. Deutschland hat das
Glck, da seine besten Stilisten seine glcklichsten Pioniere sind,
whrend die guten Autoren des Auslands es kaum der Mhe wert finden,
Deutsch zu verstehen und schreien wrden vor Heiterkeit, wenn man ihnen
vorschlge, deutsche Zeitgenossen in ihre Sprache zu bringen.
Deutschland hat um seine besten bersetzer herum noch eine vollkommene
Industrie von Fabriken, die ihm in durchschnittlich gutem Niveau das
Ausland vorfhren. Die einmal an der Brse des deutschen Geisteslebens
eingefhrten Autoren werden wie die Hhner in schwarze Minorkas, rote
Island, helle Faverolles sortiert und haben auch ihre geschftlich
festnotierten Kurse.

Eine Anzahl Reven verbinden Deutschland dazu noch mit verschiedenen
Lndern und die bersichtstafeln seiner Zeitschriften berichten eifrig
ber jede Bewegung in der auslndischen Kunst. Whrend allerdings
England und Italien die Lnder der Zeitschriften sind von fast
unvorstellbarem Einflu, whrend in Frankreich die Revuen fr die
literarischen Kreise eine nicht genug zu schtzende Bedeutung haben,
sind ja die deutschen literren Zeitschriften ebenso schlecht wie
langweilig. Nach dem Eingehen von Schickeles bewunderungswrdigen
Weien Blttern gibt es keine Revue mehr. Lediglich des Verlegers
Fischer Neue Rundschau hlt eine gewisse Tradition, aber in der Tat
nur die ihres Alters. Unter des geschickten Oskar Bie Leitung war sie
wohl quallig aber nicht unamsant, wenn auch mit Hnden und Fen
zwischen die Hauptautoren Wassermann und Hauptmann aufgehngt. Seitdem
sie ihren Standpunkt verlassen hat undmodernisiert und politisiert
wurde, ist sie erbarmungslos d geworden. Deutschland, das immer hundert
nach einem halben Jahr schon wieder krepierende Revolutionszeitschriften
hat, verliert damit seine einzige konservative Revue von Haltung.

Es fehlt den Deutschen, was im Augenblick wohl nur Stefan Gromann mit
seiner leichten Tageszeitschrift hat, jene blitzschnelle Beweglichkeit
des Geistes, die Schrfe neben dem Kristall und der Farbe. Eine
Zeitschrift mte in jedem Artikel, von dem man die letzten drei Stze
liest, so klar sein, da man sofort wei, ob es um die Monarchie oder
rumnische Luse geht. Neun Zehntel unserer Zeitschriftenaufstze sind
so dunkel, da man, von Thomas Mann bis zu Alfred Wolfenstein nicht
ahnt, wohin die hochstehende Geschwtzigkeit nach vielen gelesenen
Seiten eigentlich marschiert.

Die Flamen und Niederlnder sind, ich wei, noch breiter. Und doch ging
von der hollndischen Zeitschrift Stijl das erste Manifest fr eine
europische Kunst aus. Es war eine konstruktive Albernheit. Man kann von
der Bauart der Maschinen her nicht einen europischen Konstruktions-Stil
lehren, denn Gesellschaft und Kunst wachsen ohne Verantwortung, voll
Phantasie und Laune, und lachen der Vaugelas und Grimms. Aber dieser
Theo von Doesburg hatte eine Idee, und wenn ihr nur die Unbegabten
gefolgt sind, beweist das nur tragisch, da die Verantwortungsvollen die
Nichterwhlten und die Leichtfertigen aber die Begnadeten sind.

Auch die Natur hat ihre Einflle barocken Humors und es macht ihr
nichts, da sie zerstrt, wo man sie anfleht, zu bauen. Sie ist so
gesund, sich tragische Ausschweifungen leisten zu knnen, und es
beschwert sie wenig, da das menschliche Gewissen unter dieser
Frivolitt sich krmmt. Sie hat wohl ihr eigenes Gewissen und es ist
wohl einfacher und tiefer als das unsere.

Man mu sehr vollbltig sein, um nicht frchten zu mssen, sie wolle
berhaupt die Zerstrung. Der Kriegsruf der Futuristen, die Losung der
Moskowitenzare Lenin und Trotzki an ihre roten Armeen haben seltsam in
die Maschinenschlacht hineingedonnert, an den vier Ecken Europas begann
die Zerstrung mit einer Wollust, die nicht ohne gttlichen Funken war.

Kennt man den Niedergang der Kunst in Italien, wei man um die
Viehmrkte in den Hfen herzoglicher Palste, erlebt einer dauernd die
Monotonie der Landschaft, blauen Himmel mit Sonne an weier Mauer,
berblickt man die drohende Kraft der klassischen Traditionen . . . dann
begreift man die Inbrunst, die den Futuristenpapst Marinetti mit der
Petarde in der Hand herumlaufen lie. Dieser sonst ganz begabte Autor
beschlo alles zu vertilgen, um wieder atmen zu knnen, seine Maler
Boccioni, Carr, Russolo, Balla, Severini malten zum ersten Male in der
Weltgeschichte Dinge und Ereignisse durcheinander und dazu noch
gleichzeitig. Sie vermischten ihre Kunst mit einem bldsinnigen
Nationalismus, der sich gegen sterreich richtete. Ihre Kunst bestand
aus Dissonanzen, Patriotismus, Philosophie und einer Menge business und
Hysterien. Die Bevlkerung Italiens bewarf sie mit pfeln, aber sie
entzog sich nicht der Suggestion.

Im Krieg bertrugen die Dadaisten dieses Programm aufs Internationale,
schrieben die Herren Hlsenbeck, Tristan Tzara, Serner in allen Sprachen
durcheinander ihr Kabaret. Drumherum liefen die Schtzengrben Europas.
Die Totentnze des Zeitalters waren nicht ohne apokalyptisches Grausen.
Und die Tnzer blieben nicht ohne Verdienst. Ihre Kasseneinnahmen
rechtfertigten wie jeder momentane Erfolge ihre Existenz. Man wird sich
gewhnen mssen, ebenso wie die Agenten des Hasses die Commis voyageurs
des Internationalismus zu frchten. In dieser Pause Europas zeigt die
Tugend wie das Laster die aktuelle Neigung, sich zu industrialisieren.

In dieser Pause Europas hat die offiziellste deutsche Instanz die
jungen, schon wieder mehr klassizierenden Nachfolger der Futuristen in
Berlin ausgestellt und ihnen europischen Ruhm gemacht, worauf sie ein
Jahr spter nicht mehr Einladungen folgten, weil die deutsche Valuta zu
gesunken war.

In dieser Pause Europas hat aber d'Annunzio, das feurigste Talent der
Italiener, in Deutschland an Liebe nicht eingebt. Ihm war es leicht,
da er Italien mit allen seinen Fehlern bejahte, seine Landsleute hinter
sich zu scharen, obwohl sie auch mit Hilfe von Diktionren seine
barocken Bcher nicht zur Hlfte verstehen. Er verstand es, die
Tradition zu lieben, auch wenn er seine Zeitgenossen verachtete, und
hatte, der Romantiker und Genling, die Generle _und_ die Futuristen
_und_ die Proletarier hinter sich.

Vor seiner Zeit hatte Leopardis Schwermut ganz Deutschland mitweinen,
Manzoni, der groe Schler Walter Scotts, in seinen Verlobten die
massive Glubigkeit eines Katholiken ber Deutschland geschttelt. Dann
hat man wohl auch Pascoli, dem schnen Lyriker und dem bedeutenden
Kritiker Croce, Aufmerksamkeit geschenkt, auch sich unter den jngsten
Dichtern um die vielseitigste Erscheinung Papinis, der bald zum Papst
der Kirche, bald zu dem der Futuristen betete, bekmmert.

Einflu aber hatte nur d'Annunzio, fr Deutschland wie Italien, ja fr
Italien so sehr, da, als er whrend des Tripoliskrieges ein wstes
Gedicht gegen sterreich verteilen lie, niemand es verstand, aber
jedermann in Taumel geriet, weil jedermann seine eigene italienische
Stimme auch aus dem unerklrlichen Dunkel seiner aufreizenden Sprache
trommeln hrte.

Von Einflu waren die Futuristen dann dadurch, da sie Bewegung
brachten. Bewegung ist gut, wo Tradition ist. Wir haben auch die
Bewegung der italienischen Futuristen aufgenommen, obwohl wir ohne
Tradition sind, ohne Sinn fr spekulative Kunst und obwohl es nicht gut
fr uns war, sie aufzunehmen. Man kann wohl sagen, da wir Hunnen des
Geschmacks vielleicht seien, die Hunnen Europas sind jedoch meistens die
anderen gewesen. Ich verachte alle Boches, sagte ein gebildeter
Englnder mir in Innsbruck, hier heien sie aber Franzosen.

Die Deutschen sind von einer rhrenden Groartigkeit der Welt gegenber.
Wren sie es gegen sich selbst, sie wren das Herz Europas. Htten wir
am neunten November des Revolutionsjahres statt lediglich Rissen
zwischen den Volksteilen nationale Bindungen groen Sinns gehabt, wre
eine Nationalversammlung eingetreten, die, jedem im gerechten Ausgleich
gebend und nehmend, das Gesamtgefhl gestrkt htte, dem Feind statt wie
ein Epileptiker wie eine groe, aber unglckliche Nation
entgegengetreten wre . . . . wir ernteten heute eher den Ruhm Europas
fr die Gre unseres Unglcks, als da wir den Foot-ball der anderen
Nationen darstellten. Aber es ist nicht das Schlimmste, wenn man seine
Bestimmung erfllt, maltraitiert zu werden. Auf die Dauer gibt es keine
Sieger, denn sie wrden ersticken an ihrem Triumph.

Auf die Dauer gibt es nur die Gesetze der Natur, die immer ausgleichen.
Wer Sieger allein sei, sagte der Grnder der Alhambra, Mohamed, als er
bei der Belagerung Sevillas dem Knig Ferdinand gegen seine maurischen
Freunde helfen mute und siegte, . . . . . . . wer Sieger sei letzten
Endes, sagte er, indem er auf Gott deutete, traurig, aber voll Hoffnung:
Wa la ghalib ila Ala. Man hat mit einer hinreienden Gre in
Deutschland vielleicht in diesem Sinne nie an Gott gedacht, aber an
Europa nicht gezweifelt und alles in die Scheunen gesammelt, was um die
Grenzpfhle wuchs.

Es gibt keinen Niggerstamm, dessen Gtzen, und keinen Japaner, dessen
Perspektiven wir nicht untersucht htten. Die Literatur der Ungarn, die
aus dem Journalismus kam, die zuerst die Deutschen, dann Sue und Scott
nachmachte, bis Petfi sie ein wenig vlkischer erlste, haben wir zu
unserer besten Unterhaltungsliteratur befrdert. Wir haben jene
stallburschenhafte Unbekmmertheit unter schiken Reithosen, jenes
Paprika auf der Zunge und Pomade im Haar, das die an der Seine
parfmierten Theaterstcke der Molnar und Konsorten ausmachte, neben der
Minna von Barnhelm gespielt, whrend Bchners Leonce nicht gespielt
ward. Wir haben das wenige, was nicht erbrmlich in ihrer Prosa ist, in
den grazisen Geschichten Ern Szps, in dem Seelenspaltungsroman von
Babits, in der erotischen Bauerngromulerei des Moricz aufgenommen.

Wir haben sodann den anderen Mongolenstamm, den Europa birgt, hell in
die Weltliteratur hineingeschoben, haben uns als erste durch das
Verdienst des Dozenten Schmidt in Helsingfors um die zeitgenssischen
Finnen gekmmert. Das fabelhafte Schpfungsgedicht Kalewala war
bekannt. Goethe hatte sich schon um ihre Volkslieder der damaligen Mode
nach gerichtet. Nun folgt die ganze literarische Generation eines
Landes, dessen gebildete Schicht im wesentlichen jahrhundertlang
schwedisch sprach und schrieb. Juhani Aho, welcher das barbarische Land
mit Stromschnellen und indianischen Gebruchen in groartiger Wildheit
malte, ist nun ein deutscher Autor. Aleksis Kivi hat die zerblasene,
barock sinnierende Rabelaisiade des finnischen Volkslebens zu dem
deutschen Simplizissimus hingefhrt und in die Nachbarschaft von de
Costers Uilenspiegel. Bei Ilmari Kianto, in dessen Bchern sich
zwischen Gletschern und Raubtieren die Zeitwellen schon bis zum
Zerplatzen biegen, tritt das soziale Element der Mongolen in die
Literatur der Deutschen, das auf der ganzen Welt, nicht zum Vorteil der
Begabungen, die Dichtung zu beherrschen beginnt. Mit France, Gorki, Shaw
stirbt eine Generation von breiten Dichtern mit ihren Gesellschaften
aus. Europa ist noch nicht zurckgekehrt, um neue Fhrer fr neue
Gesellschaft mit ihrem Finger zu benennen.

Wie gro war die Wirkung der klassischen Russen und Englnder auf
Deutschland. Gogol, Tschechow, Saltykow, Puschkin, Tolstoi, Dostojewski.
Sie sind deutsche Autoren geworden. Die Dekadenz der russischen
Literatur ins Westlerische, von Turgenjeff an, den fast gallischen
Kusmin, den schnen, aber vom Geist der Stdte zerpflckten Dymow, den
rastlosen Panin, den verrckten Remisow hat es bertragen und geschtzt.

Die russische Kunst hat nun einen Messiasgang unter der Fahne Kunst dem
neuen Volk angetreten. Alexander Block mit seinen Zwlf, jenem wilden
Sturmgesang der Bolschewiken, hat in einem verzweifelten Beispiel
dennoch bewiesen, da man auch als Politiker groe Kunst schaffen knne.
Die Kunst Europas ist zwar in vielen Experimenten befangen. Die
Deutschen haben aber keinen Augenblick aufgehrt, selbst den
Experimenten nachzuspren. Es fehlen nur die Massen, die frher eine
Kunst wie die der Manzoni, Voltaire, Richardson verschlangen in jenem
Augenblick der Geschichte, wo Kunst und Publikum sich im gleichen Gefhl
trafen.

Wo sind auch die Signale, die England einst herberfunkte? Hinter Percys
Reliques und Macphersons Ossian lief ganz Europa her. Die Werke der
Addison und Richardson wurden als Feuer benutzt, die Franzosen
auszuruchern, als der Geschmack zwischen Westen und Norden schwankte.
Der empfindsame Sterne, Fielding, dieser entzckende Sptter,
Goldsmith, der mit Fltenspiel durch die Welt reiste und medizinierte,
bestimmten einst den deutschen Gefhlsausdruck. Die Romantik Bulwers
berschwemmte alle gefhlvollen Herzen, die Elliot malte ihre Stze in
jedes Album, um Currer Bell vergo man mnniglich Trnen. Man freute
sich mit dem groen Redner Sheridan und seinen Witzeleien, man lag am
Herzen der Smollet und Thackeray und Defoe und Swift.

Wie hat man den Dichter feurigsten Genres, den schnen Lord Byron
geliebt und wie waren spter der schne Urning Wilde und Beardsley die
sichersten Ponten im Spiel der Geschmcker. Aber erst Scott ward ein
Autor, um den Europa sich ri und mit Dickens wre jeder Germane gern
gestorben. Deutschland lebte von England, weil es ein breites
brgerliches Publikum besa, aber keine brgerlichen Romane.

Das Publikum ist heute in der Zersetzung, aber auch England hat keine
Autoren mehr auer dem Savanarola der Militaristen, dem Kipling und dem
Lchler und Sozialisten Shaw. Zwischen ihnen steht (auer dem famosen
Wells) lediglich noch der gescheiteste Mann Englands, Chesterton, halb
Prlat, halb Kunstreiter, den Blick nach Rom gerichtet. Chesterton, der
sogar Detektivgeschichten benutzt, um katholische Seelen zu fangen, der
den Cur-Kriminalisten erfand und als Sptter sich ber seine eigne
Propaganda fr Rom artig ergtzt. Die katholische Kirche ist -- wei er
-- das elastischste Gebude der Welt und gestattet als einzige
Organisation der Welt die Ironie.

Kipling ist Englnder und hat mit dem im Irrsinn verstorbenen Lord
Northcliff ein halb Dutzend Jahre den grten Prekonzern der Welt gegen
uns in Batterien der Unfltigkeit aufgestellt. Armes Deutschland, da
auch Kipling, ein Dichter und gewaltigerer Tierschilderer als unser
Hagenbeck und der Dne Fleuron, da gerade ein Raubtier-Dichter wieder
das Wort von der Vorherrschaft der weien englischen Rasse ber die Welt
und die Schurkerei seines deutschen Konkurrenten erfand. Es waren
geschickte Jagdzge, und das deutsche Fell blutete heftig darunter. Shaw
und Chesterton sind dagegen Iren. Auch in England hat der Sieg neben dem
Europer Shaw nur einen berhitzten Nationalisten als Reprsentanten
hochgebracht. Sonst hat Europa auch dort Pause. Hinter den beiden Iren
ist nichts mehr da.

Nur von Amerika haben wir einen bedeutenden jungen englisch
Schreibenden, den Upton Sinclair geholt, dessen Bcher dichterischer wie
die des Barbusse sind. Er ist ein magister artium der Revolution, denn
er versucht politische Propaganda, aber es wird gegen seinen Willen
Kunst. Schon immer besaen wir Amerika. Als vor hundert Jahren
Washington Irving seine Skizzen schrieb, die England und Amerika aus der
Schmollerei zur Freundschaft brachten, haben wir den Irving sofort
bernommen, an Cooper ist eine Riesenliteratur der Indianerbcher gro
geworden, an des Bostoner Emersons Klgeleien haben ebenso viele sich
gewrmt wie andere an der Englnder Ruskin und Carlyles beschrnkten
Gedankengngen. Mit Bret Harte erstand Kalifornien so nah wie Bayern im
deutschen Gesichtskreis, Longfellows reizende Epopen las man in
greren Massen als die englischen tuberkel-sen Prrafaeliten. Poes
Grausen hat seine furchtbare Nchternheit neben unseres Hoffmanns
Romantik gesetzt. Mark Twains Witze las oft, wer Morgenstern oder
Lautensack unter den deutschen Humoristen gar nicht kannte.

Wir haben freigiebig dem Rumnen Monolescu unsere Perlen gelassen und
seine Diebsmemoiren dafr gedruckt, haben es willig hingenommen, da
polnische Emigranten whrend des Kriegs, ehe sie zu antideutscher
Propaganda ins Reich Pilsudskis zurckkehrten und schwiegen, uns die
halbe ziemlich greuliche polnische Literatur servierten, darunter
allerdings den kessen Roman des slawischen Napoleon von Przerwa-Tetmajer
und den Mondroman von Zulawski. Wir haben spanische Schelmenromane,
haben des portugiesischen Zola, des Queiroz Bcher, haben die Poesien
der Asiaten und Afrikaner, der Kabylen und Lappen zu uns eingefhrt in
einer Flut, die bald hemmungslos weiterstrmt als man mitkann.

Das konservativste Herz Europas ist das der Schweizer. Selbst ihre
Nichteingesessenen, Eingekauften stammen noch aus dem fnfzehnten
Jahrhundert. Ihre drei mglichen Dichter sind auf das deutsche Pferd
gestiegen und damit in den groen Tattersal geritten. Das liberalste
Hirn Europas sind die Juden. Wir haben aus dem Jiddischen ihre Dichter
bersetzt, haben Scholem Alejchem, Perez, ben Gorion gebracht und die
Paies und Kaftans und Chuzpes und ihre tiefe Glubigkeit, ihr unerhrtes
Nationalbewutsein neben das unsere gestellt, haben durch des
bedeutenden Denkers Buber vermittelnde Hand die groen stlichen Rabbis
aufgenommen, die Chassidensekten und ihre Verknder, haben den Rabbi
Nachmann, den Baalschem zu deutschen geliebten Denkern gemacht. Wir sind
das Meer geworden schlielich, wohin die Skandinaven ihre
Wikingerfahrten machten, statt Rom zu plndern oder Karthago zu erobern.

Wir sind das Meer geworden, wohin die unheilvoll produktiven Skandinaven
ihre Regatten machen. Es ist leicht sie zu gliedern, wo man sie ja
langsam alle bis zu den armseligsten Ratten kennt. Hinter den
norwegischen Segeln liegt Christiania und das Eismeer. ber den
Stockholmer Rufen weht schon die slawische Stimme. Um die dnischen Cats
weht wie Versailles der weiche Kopenhagener Wind. Bald fehlt kein
Renntier, das zu stottern anfngt, kein Eskimo, der ein paar Runen
zeichnet, kein delirierender Lappe in der bersetzungskompagnie.

Voran die buntesten Segel mit den Schauspielern der Literatur, die
Dnen. Sie schreiben entweder wie Jakobsen, dessen Stimme stets auf den
Fuspitzen steht, oder wie Jensen, der ein Tigermaul hat. Sie haben mit
dem zarten Bang uns einen radierten Impressionismus geschenkt, der
entzckende Tierempfinder Fleuron, der se Sdseemaler Laurids Bruun,
der vornehme Gelehrtenkopf Gjellerups sind aus Jakobsens Schule. Dagegen
sind der sibirische Vagant Madelung mit seinen gemeielten Sachen, der
tolle Jrgensen, der das Tiergebrll der Kongonacht aufruft, von Jensens
wundervollem Blut. Hinter ihnen her sind zweiundachtzig kleinwchsigere
Dnen in Deutschland ausgebootet. Darber hat Pontoppidan dann mit der
Freskenkraft eines mden Rubens sein sterbendes Zeitalter gemalt, und
der groe Dichter Nex hat mit der Wildheit eines zwanzigjhrigen Rodin
das proletarische Zeitalter schon frohlockend an die Kste von Bornholm
geschrieben.

Hinter dem gekreuzigten Quler Strindberg haben alle lyrischen
Melancholiker Schwedens immer auf deutscher Erde fester wie auf Gtland
und Dalarne gestanden. Die schollenduftende Lagerlf, der
klassizistische Halstrm, der sanfte Geijerstam, der Epiker Heidenstam
sind deutsche Autoren geworden, ja der Kriminalschreiber Frank Heller
versorgt das deutsche reisende Publikum fast vllig, zwanzig andere
hinter ihnen her. Von den Norwegern hat man den Globetrotter Hamsun als
Erben des Grobauern Bjrnson mit dem Einflu bernommen, den englische
Romanciers manchmal in letzter Zeit sandten. Der grte Bekenner der
modernen Weltliteratur, Hans Jger, aus der Frhzeit des Malers Munch
und der norwegischen Naturalisten, hat nur in Deutschland seine
unbeschreiblich qualvollen erotischen Beichten ablegen knnen. Siebzehn
Holzfllerboote mit Renntiersegeln und ein Dampfmotor mit Ibsens
drohendem Zeigefinger am Stern hinterher. Er deutet mit belehrender
Eleganz nach Swinemnde: Es lebe Deutschland.

Alles wollten wir haben, alles haben wir eingefhrt, allen haben wir
geholfen, an die europische Rampe zu kommen. Jeden Sinn, jede Farbe,
jede Schwrmerei haben wir gesucht. Sind wir nicht ausgezogen, selbst
die Windrose noch dazu einzufangen? Wir haben die Windrose selber
geholt, Mijnheer, weil wir auch die Winde der ganzen Welt lieben.

Aber es gengt nicht zu raffen, zu holen, zu helfen, zu sammeln. Wir
waren so lstern nach allen Mglichkeiten, da wir bersahen, da
niemand sich revanchierte. Als die Franzosen durch ihre
internationalsten Knstler eine Ausstellung in Paris vorschlugen,
machten selbst sie den Einwand, fr jedes verkaufte deutsche Bild msse
Deutschland ein franzsisches kaufen, whrend kein Bild der Deutschen in
Frankreich wandert, aber tausend franzsische bei uns verkauft werden.
Wir haben von der Welt nie das Verhltnis von eins zu eins gefordert,
wir haben nicht einmal die Quote eins zu hundert verlangt, wir haben,
wenn wir plombiertes Eisen kauften, nicht einmal daran gedacht, da man
unsere Saphire dafr wenigstens nehmen knne.

Es hat uns gengt, wenn man unsere Lokomotiven, Schiffe, Chemikalien
lobte, wir waren Verschwender im Einkauf und nachlssig in der
Propaganda unseres Geistes nach auswrts. Wir haben die Welt kennen
gelernt, ohne sie zu verstehen, die Welt hat von uns nicht einen Centime
akzeptiert. Warum aber soll man jeden Mist nehmen, weil der dnische
Verlag Gyldendal in seinen deutschen Verlagsfilialen die Mark mit einem
halben re kauft? Man braucht, finde ich, nicht weniger weitherzig zu
sein, wenn man nur das Beste nimmt und sich im brigen abschliet.

Was haben wir von verwaschenem Internationalismus unserer Gewohnheiten,
wenn der deutsche Nationalausdruck noch nicht geprgt ist? Was tut der
deutsche Commis in schlotternden englischen Hosen, wenn er sein
deutsches Herz noch gar nicht kennt. Hat man sich aber besonnen auf den
deutschen Charakter, dann ist das Deutsche so sicher, da es auch die
Welt mit umfat. Dann aber werden auch die anderen gezwungen sein, uns
zu besitzen.

Man erlangt nur Europa, wenn man sein Volkstum auf die schnste Spitze
treibt, nicht indem man es wegwirft. Der Europer ist der aus der
Klarheit und aus der Vollkommenheit seines Stammes-Blutes heraus
geformte und nur dadurch berlegene. Er ist kein Gebru aus
internationalen Theorien, deren Geruch so schlecht ist wie jener der
unreifen Schwertrufer des Vaterlandes. Man wird daher nicht
deklamatorisch eines Tages sagen wie der Gallier: Weil Frankreich ist,
ist Europa. Sondern: vielleicht wird Europa durch den Deutschen
zurckgefhrt.

Der Deutsche hat wahrlich viele Fehler vor Gott, aber schne Tugenden.
Er hat eine Treue zu seinen Ideen, die keiner sonst hat. Er hat die
Duldung, die bermenschlich manchmal ihn selber und sein Gesicht
verwirrt. Mit Swinburne im Flugzeug flog er nach London, lag mit
Dostojewski im Tornister gegen die Russen, hate den Krieg und lie sich
doch aus Anstand fr eine tote Sache erschieen. Welche Qualitten,
welche Weite, risse endlich einmal der richtige Wirbel statt den
falschen Engeln dies alles hoch! Er hat schon europische Augen, nur
einen kleinstdisch gespannten Verstand. Wchse ihm das rechte
Bewutsein, er wrde das schnste Volk der Erde.

Selbst heute, wo Europa stagniert, wo die ehrwrdigen Vter der Kunst
mit ihren Zeitrassen verschwinden, selbst in die atemlose Luft hinein
zwischen den alten und den neuen Schicksalen, hat Deutschland jedem ber
seine Zune hinbergewunken, aber niemand hat zurckgerufen. Ist der
Winker der Tor, der immer mit dem Degen die Luft durchbohrt, oder ist
der Nichtantwortende der Kluge?

Ach, neutral sein in groen Dingen ist nie unverdchtig, und selbst die
Westschweizer waren im Krieg ententistischer als die Entente. Die
Franzosen wollen den Frieden, sagte man, mais les Lausannois ne la
veulent pas. Europa ist kein Marmor und man kann ihn nicht im Kabinett
vergewaltigen wie jener Spanier in der Peterskirche geheim mit Jakob
della Portes Standbild tat. Sie ist eine Idee, die wird oder stirbt.
Ach, Europa wird kommen, wenn wir es suchen auf allen Seiten, oder wir
werden weiter winkend krepieren, aber im Sterben auch noch ihr Bild vorm
Auge: Je t'aime plus qu'hier et beaucoup moins que demain.

Was hindert die Kinder Europas, zueinander zu kommen? Ein wenig
Vorurteil. Was macht die Unterschiede der Menschen aus? Kaum fhlbar
andere Sitte. Im feinen England wird man nie baskische Provinz wie in
Berlin mit Frcken spielen. Eine franzsische kleine Kokotte wird mit
einem armen Studenten das Brot teilen statt ihn anzuzeigen wie in
Holland. Ein englischer Sportsmann wird nie wie ein franzsischer oder
deutscher wegen des Rekords von ein paar Minuten Kameraden im Stich
lassen oder Damen im Bob anrennen. Eine franzsische Jury wird einen
politischen Verbrecher erbarmungslos fassen, eine Frau immer
freisprechen, eine russische wird im Angeklagten immer den Unglcklichen
sehen, der Mitleid, und nicht Zorn verdient. Und beiden wird der
dogmatische Gerechtigkeitssinn der Deutschen fehlen, die meinen: und
wenn die Sonne erblinde, der Paragraph msse durch die Wand. Man wird
weiter in Amerika sich gegen Zwillinge versichern, in England Weekend
machen, in Brssel Deserteure bildlich von der Mauer mit Militrmusik
schieen, in Spanien Blumenstrue in die Bordelle senden, in Polen
Kartoffeln bauen, in Schweden im Freien sterben, in Italien das Meer
frchten und in Deutschland Europa lieben.

Das, Mijnheer, sind die inneren Unterschiede der Nationen. Man kann sie
auf den Rand einer Zeitung schreiben.

Kein Wind geht irgendwo anders, kein Baum steigt hher in den Himmel,
kein Stern hat anderes Licht. Es gibt in Europa kein Klima, das sich in
Amerika nicht wieder fnde. Es gibt keine Geschichte, die nicht
gleichzeitig ein Abencerrage und ein Samurai den ihren je erzhlt
htten. Skandinavien liegt fnfzehn Breitegrade (so weit wie Berlin und
Tunis) gestreckt und hat das gleiche Klima, das warme Meere und
Windstrmungen ausgleichen, whrend der Sden Europas mit kalten Nchten
sich temperiert. Man reist mit den gleichen Koffern, gleichen Tickets,
gleichen Gesetzen. Was trennt die Kinder Europas, sich zu finden?

Selbst die Gtter haben sich zueinander gesellt. Den Janusgott, der
ihnen fehlte, fanden, mit dem doppelten groen Haupt, die Griechen in
Rom. Sie berwiesen dafr den Italern den Apoll und ihren Hermaphrodit.
Der mongolische Jumala und Odin, die gallische Venus und der englische
Jupiter werden zusammen der Gttin Europa huldigen knnen.

Sie wrde, wenn sie kme, eine reife Laune haben, jung wie der beste
Sommer. Die gesungenste Sprache der Finnen wird mit der gezischten der
Slawen, mit dem Sachlich-Warmen der Germanen und dem grazilen Marmorton
der Franzosen im gleichen Takt nach ihr gehen. Die Musen htten kein
Rokokospiel, aber reprsentablen Ernst. Die Monate wrden heien wie in
Hiawatha: Mond der schnen Nchte, Mond der Bltter, Mond der
Erdbeeren, Mond des Laubfalls, Mond der Schneeschuhe. Das wre eine
angenehm kultivierte Rasse dann, die diese geliebte Lehmkugel bewohnte,
mit Erinnerung an die Gletscherzeit und die Zuchtstiere, verliebt in den
Boden und mit dem Gott in Ordnung und elektrische fen dazu.

Ach, Mijnheer, im Mondschein steigen sechs Pferde schweiend, den
Schneepflug hinter sich, die Schneise herauf, Haselzweige in Blust am
Zaumzeug. Es ist hell wie am Tag, sie steigen berwlkt von Dampf durch
den Hohlweg, morgen wird der Weg hinunter beendet in den Frhling. Die
Geographie der Jahreszeit ist vereinigt: Hummeln strzten bereits heute
in Scharen auf die Weiden, die aus dem Schnee in die Tagsonne sich mit
Blten strecken. Wie die Landkarte Europas sei?

Man kann sie mit ungeheuerlichen neuen Bildern tglich malen. Anders wie
das Forte piano der Teiler von Versailles, die statt wie Dioskuren wie
Gentlemen-Taylors geschnitten haben. Anders, voll nchterner Romantik.
Ein verstndliches Paradies. Nicht das pathetische Theater des
Kopernikus mit seiner lucerna mundi: der Weltleuchte, umgeben von
Tierbildern, Pflanzenwldern, Menschenscharen, flammenden Polarlichtern,
farbigen Ozeanen und Meersulen. Das ist fr Fakire, nicht fr Menschen.
Der Mensch Voltaires, glcklicher Candide, sprach die richtige und
menschlichste Losung fr Europa: Bebauen wir unseren Acker. Alles ist
dann in Ordnung. Man kann ruhig leben, gut sterben. Himmel und Menschen
sind meistens einer Meinung. All right. Sie lcheln, Mijnheer? Es ist
die zweitletzte Nacht.




Die zehnte Nacht


Mijnheer . . . . . . . !!!




Letzter Vormittag


Mijnheer, wir sind frei.

Im Schlitten vor uns fahren die Filmleute. Hinter uns jagt mit
Schellenklirren eine Karawane zu Thal. Die Tiere schtteln sich vor
Wonne unter dem blauen Horizont, und der Wald ist, von Sonne getaut, in
der Nacht wieder zusammengefroren wie singendes Glas. Wo waren Sie heute
Nacht?

Ich war nicht bei Ihnen, aber Sie waren auch nicht in Ihrem Zimmer. Ich
sah es, denn Sie hatten kein Licht, und als ich rief, lachte es in einem
anderen Korridor. Wir glcklichen Toren! Wir haben ein doppeltes Dasein
gefhrt, wir haben mit Grbeln in den Nchten das Leben bestimmt und den
Tag uns gegenseitig verschwiegen. Wir haben die Nchte mit Reden erhellt
und unsere Tage im Dunkeln gelassen und zweierlei Dasein gelebt. Nun ist
das Leben pltzlich in unsere Gesprche eingedrungen wie ein Tier und
hat uns die zehnte Nacht entrissen. Fahre sie wohl.

Es geht wie im Traum, der Schlitten schwingt im weichen Tempo des
Hufschlages. Die Abhnge sind an den Felsen manchmal schon aper und
beugen sich voll Lawinen ber den Schwarzwald hinab.

Sehen Sie zurck: auf Gisibden, Notschrey, Blsling, Seebuck steigen
Sulen von Dampf. Schauen Sie ins Tal: da strudeln in den langen
Sonnenfchern rosa und blaue Nebelwolken. Welcher Zauber. Welche Weite.
Die Welt ist wieder offen.

Auf dem Bruchharsch des Zweiseeblick fahren die Skiheroen ins Tal. Sie
schwingen wie Kreisel in alpiner Technik ber das Eis, flitzende
schwarze Punkte, dann stuben sie in die Latschen. Die Sonne greift aus
der glsernen Gegend eine vor Leidenschaft zitternde khle Musik. Noch
ist die Erde nicht aufgeplatzt, dem Frhling entgegen. Aber die Ebene
kommt uns entgegen. Die Erde nimmt uns auf, als habe der Okeanos, der
sie umschliet, sich mit reiender Wonne ber sie ergossen. Was bleibt
von der Khle und Distanz, mit der wir sie aus unserer Verbannung heraus
geteilt und beurteilt?

Was bleibt an berlegenheit, wenn die See und die Alpen uns anglhn?
Dahinter liegt Venedig und ber dem See die Stdte. Von Badenweiler bis
Zrich, von Freiburg bis Kln geht der Atem der Landschaft. Und hinter
der Heimat steht unentziffert, mit allen Wundern verschleiert,
rtselhaft wieder die Welt.

Was bleibt nun von dem, Mijnheer, was wir zu entzaubern versuchten?

Was ist Kunst?

Zuerst ein Miverstndnis von oft entzckender Albernheit bei den
Menschen. Welches Panorama von Witzen!:

Friedrich der Groe schrieb dem Schweizer Myller, der ihm das
Nibelungenlied sandte: Hochgelahrter, lieber Getreuer. In meiner
Bchersammlung werde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden. Sondern
herausschmeien. Voltaire krchzte ber Shakespeare als ein
lcherliches Scheusal. Der Dichter Flaubert ward zum Naturalisten, der
Mensch zum Verfasser von Cochonnerien gestempelt. Heine hielt eine
Zeitlang Goethe frs Haupt der romantischen Jnglinge. Zola hielt sich
fr einen nackten Schilderer der Natur und war doch ein versteckter
Romantiker. Man warf ihn aus der Zeitung, weil er fr Courbet eintrat,
und nannte eine hliche Frau femme impressioniste.

Das Rokoko hielt die chinesische Kunst fr eine Plsanterie, benutzte
ihre Schnrkel hochmtig und sprach ber sie als Indianische Malerei.
Balzac habe die Gesellschaft seiner Zeit am Schreibtisch ergrbelt und
nicht geschildert und sei ein kindischer Schwachkopf, schrieb ein
mageblicher Mann seiner Zeit. Und ein anderer fgte hinzu: wie die Mode
Hugos restlos verschollen sei, werde auch Zolas schwaches Geschwtz
dahingehn. Einer der besten Kunstwitterer Deutschlands, Paul Cassirer,
hielt, als ich ihm kurz nach der russischen Verffentlichung Alexander
Blocks mir zufllig in die Hnde geratende Zwlf, die
Jahrtausend-Marseillaise aller Kommunisten, fr seine Weien Bltter
sandte, das Gedicht fr eine kleine Ballade. Die Piraten der
ffentlichen Meinung haben Achtzehnhundertachtzig gegen Manet wrtlich
buchstabengetreu denselben entflammten Unsinn geschrieben wie gegen die
Expressionisten. Was ist Kunst, Mijnheer, wenn Sie die Zeit fragen? Es
wertet nicht das Lcheln eines hollndischen Gentleman, der eine gute
Zucht schwarzweier Rinderherden hat.

Wenden Sie sich zu den Knstlern, wirds ein Bajazzospiel des
Temperaments. Jeder liebt das hnliche und kreuzigt das andere. Ingres
hielt sich zu Holbein und Rafael. Beckmann schwrt zu Mleskirchner und
Bosch. Bcklin, Feuerbach, Schwind wteten gegen Macart und Piloty.
Balzac amsierte sich ber Hugos Stcke und verehrte Stendhal. Corot
hielt Delacroix fr einen Adler und sich fr eine Lerche, whrend Ingres
von Delacroix als einem Epileptiker sthnte. Heine hat Platen zwischen
einer Diarrhoe vernichtet und die Schwaben verlacht, aber Lessing mit
strenger Liebe bewundert. Fragen Sie einen Coiffeur, Mijnheer, was Kunst
sei, aber meiden Sie die Trger der ewigen Fackel! . . . . . . .

Nun traben die Pferde ums Brental, geflockt von Lmmerschnee schwebt
die Ebene unten bis an den Rhein und der Wald ber uns lst unter der
Sonne seinen weien Ballast und wirft ihn dampfend und spielerisch durch
das Blau herunter.

Unser Schlitten ist rot lackiert, Mijnheer, und wie ein Minerva-Wagen
gebaut, er hat die gleiche Federung auf dem Schnee und den ventillosen
ruhigen Gang. Die Pferde knirschen schumend an den Trensen und werfen
die Kpfe in die Luft, und nur die Glocken des Sattelzeugs durchtanzen
die Ruhe der landschaftlichen Majestt.

Nun traben die Pferde zwlfhundert Meter ber dem Meer mit stolz
gebumten Hlsen und wagerechten Kpfen schon fast hohe Schule von einer
Schleife der Strae in die andere nach dem Rhein.

Was bleibt von den Stilen, den Richtungen, den Gruppen der Jahrhunderte,
wenn selbst die Gule eine Schule des Ausdrucks haben, ihre unterdrckte
Leidenschaft nach der Ebene in einem prachtvollen Stil zu bezeugen?

Alle Schulen scheinen vorne die Kampftruppe einer Epoche, dahinter aber
erscheinen sie nur als Widerstreit zwischen Knnen und Welt. Was liegt
dazwischen, Mijnheer?

Im einzelnen Fall gesehen ist die Antwort vielleicht schon zu einfach:

Die gyptische Plastik war wohl der grte Versuch, das Persnliche in
das Mchtige mnden zu lassen. Berninis Bste des vierzehnten Ludwig
erstrebte nicht den hnlichen Mann, sondern allerdings darber hinaus
das Knigliche. Flaubert spiete nicht mit seiner Pinzette die tausend
Details, sondern sammelte das Kleine immer in bezug auf die Gre.
Voltaire machte nicht Witze, sondern suchte die Ernchterung seiner
Epoche, Beaumarchais hatte zwar nicht nur Ha, sondern erstrebte nur
Wahrheit. Das ist deutlich und einfach. Wo aber liegt der eigentliche
und letzte Sinn?

Die Inhaber der Schulen haben allerdings nur wie die Wilden
gegeneinander getobt und dem Miverstndnis der Stile auch noch die
Irrtmer ihres Charakters hinzugefgt. Von ihnen ist keine Antwort zu
erwarten. Sie wird hchstens Komdie:

Schiller schwamm durch den Sturm und Drang, beknabberte die Romantik,
durchstelzte die Klassik. Goethe schrieb nicht nur den wsten Gtz, vor
dem noch der groe Friedrich schauderte, sondern auch Iphigenie, aber
auch das italienische Tagebuch. Musset, der die Romantik an allen
Seineufern zrtlich bekannt gemacht hatte, schwor ihr mit furchtbaren
Witzen wieder ab. Das Rokoko erfand sich selbst zum Kontrast auf seine
Eleganz die lockeren Schferszenen. Die ritterliche Hochkultur des
vierzehnten Jahrhunderts strzte sich auf die Wilden-Mnnersachen und
schuf in den ballets de sauvages sich ein romantisch phallisches
Ventil. Der kleinbrgerliche Gefhlsbulle unserer herrlichen Zeitwende
sogar, der sentimentale Bonsels, begann mit abenteuerlich lasterhaften
Eroticis, whrend er nun ber Jesu gerne ausfhrlich spricht. Joachim
Kndler, der den europischen figrlichen Porzellanstil von Meien aus
schuf, ein bewundernswerter Meister, arbeitete zuerst im Augsburger
Goldschmiedstil, fertigte das berhmte Schwanenservice in den vierziger
Jahren des achtzehnten Jahrhunderts bereits in Rokaille und zehn Jahre
spter das groe Geschenk seines Knigs an den fnfzehnten Ludwig im
jetzigen got der kunstliebenden Welt, nmlich in Rokoko. Ist das nicht
lustig?

Keine Pamphlete, keine der trojanischen Schlachten, welche die Vertreter
des einen gegen die des anderen Stils schlugen, tuschen ber das
Komische jener Einstellung hinweg, die vermutet: da der Stil das
Wichtige und der Knstler das Unwichtige, die Kunst aber ein Feldlager
sei.

Der Professor Bergeret bei Anatole France hatte eine geruhigere Ansicht,
als er nach dem Ehebruch seiner Frau aus dem Hause strzte und pltzlich
an allen Ecken in Kreidegrafittos seine Karikatur als Cocu sah. In der
einen Auffassung der Zeichnungen wuchsen ihm die Hrner aus dem Kopf, in
der anderen aus dem Zylinder. Zwei Schulen, dachte Bergeret und ging
gelassen durch die Promenaden.

Als der Baron Marcellino de Sautuola die Hhle von Altamira vor
vierundvierzig Jahren mit ihren Eiszeit-Rtelbildern fand, lachte ganz
Europa, und Cartailhac, der das spter mnnlich zurcknahm, erfand den
Spa vom Ulk der spanischen Mnche. Bald aber war nicht zu bezweifeln,
da hier eine Kunst vorlag, die vor fnfzigtausend Jahren an die Wnde
gemalt ward. Der Wolf in Font de Gaume sowie der Bison von Altamira sind
gewaltigere weitere Kunst als alle persischen Miniaturen und Teppiche
und unvergleichbar groartiger als die hnliche Malerei des Franz Marc.

Fnfzigtausend Jahre sind eine erhebliche Zeit, alles, was uns wert ist,
liegt im wesentlichen hchstens dreitausend Jahre in der Welt. Wollte
man in der zwanzigmal greren Spanne bis zur Eiszeit nach Schulen
suchen, wrde selbst der Gott der Historie platzen vor Lachen.

Wir haben ohne Zweifel die Schulen von siebenundvierzigtausend Jahren
vergessen, aber die von dreitausend Jahren eifrig auswendig gelernt.

Den ersten Napoleon hat seine Schildkrte hundert Jahre berlebt. Und
von Fieldings Tom Jones meinte ein Kritiker, es werde, da der Autor
habsburgisches Blut in seinem englischen Krper hatte, den
sterreichischen Doppeladler berdauern, und es hat ihn berlebt. Was
bleibt, Mijnheer, an alledem, wenn aus der Nhe, von Pupille zu Pupille
gesehen, dem Sucher der Sinn der Stile nichts anderes scheint als der
Anla zu Albernheiten fr die Zeit und spttischen Kartenspielen der
Jahrhunderte?

Es bleibt, Mijnheer, im Wechsel der Gruppen und Erscheinungen derselbe
unbestimmbare Reiz wie bei den Saisonen der Natur: Herbst,
Fruchtbarkeit, Korn, Park und Flsse . . . und der Widerstreit, den die
Schnheit des einen gegen das Leben des anderen fhrt und es vernichtet.

Es bleibt die Kraft der Natur, durch den Wechsel sich zu fabelhafter
Elastizitt zu erziehen, die Knospen zu sprengen, wenn sie prall, und
die Frchte zu nehmen, wenn sie reif sind. Darber hinaus hat alles nur
den Zweck des Kampfes zur Erreichung eines immer glhenden Umlaufs der
Sfte. Gegen die franzsische Akademie, die um Poussin und das antike
Ideal erstarrte, zog de Piles mit den Rubenisten und verlangte die
Vermenschlichung der Poussin-Garde. Aus der Vereinigung entsprang
Watteau, gegen den das Messer einer neuen Klassik sich schon schliff.
Maxime du Camp hat ber einen Genius gesungen: Je suis n voyageur, je
suis actif et maigre /// J'ai peur de m'arrter, c'est l'instinct de ma
vie. Es wird der Genius gewesen sein, der die Strme der Richtungen
gegeneinander fhrt und keinen Sinn hat als den, die Fruchtbarkeit des
Lebens toll und s und scharf zu halten.

Es gibt keine Stile mehr unter diesem Gesichtspunkt, sondern lediglich
den Kampf von Sein und Schein, von Wollstigen und Beschnittenen, von
Verklrten und Abenteurern der Kunst. Das Barocke hat stets mit dem
Klassischen sich gejagt, aber niemals war der Brgerschreck Wahrheit,
da das eine grer, das andere kleiner sei. Die Natur hat keine
subalterne Kritik zu sich selbst, und was das Ruhige und das Lodernde
trennt, sind nur Unterschiede des Thermometers, nicht solche des
Glanzes.

Das Barocke ist nicht das Verhllte und das Klassische dagegen das
Gesegnete, sondern beide sind vom gleichen letzten Adel der Helligkeit,
wenn sie erlesen gesucht sind. Wedekind und Bosch sind Signale der
Klarheit im Barocken. Shakespeare und Calderon sind Monumente des
Lichten im Barocken. Goethe und Racine, Rafael und Petrarka sind helle
Shne der Klassik. Es gibt dagegen heute wie stets auch verworrene
Klassik und miverstandenes Barock. Das Publikum legt keinen Wert auf
diesen einzig richtigen Unterschied, aber es wrde bei einer Eselparade
auch nicht auf die Gangart, sondern auf den zweikpfigen Esel schauen.

Es bleibt, Mijnheer, wenn Sie fragen, was Kunst sei und was standhielte,
gehalten gegen die aufbumende Kraft des Daseins, es bleibt, ber die
ewigen Bewegungen der Jahreszeiten von Blte zur Frucht, von den
reifenden ckern und den gewitterroten Herbsten, es bleibt ber die
weiche Wehmut des Sommers und die zitternde Kraft dieses Kreislaufs
durch die Jahrhunderte hinaus . . . es bleibt letzten Endes auer dem
unfabaren, aber erregenden Zustand dieser Bewegung die stille
Heiterkeit einer menschlichen Erinnerung. Es bleibt, wenn alles
berflssige schlielich fiele, wenn das Verhllende fehlte, wenn das
Zeitliche schwnde, es bleibt in letzter Nacktheit jede Kunst als der
Gtterfries ihrer Menschen, ber jeder vor uns verrauschten Epoche mit
klarster Kraft an den Horizont der Ewigkeit als Erinnerung geschlagen.

Es werden durch diesen Fries die Gtter der Sehnsucht und die Gttinnen
der Qualen dieser Menschen vor uns wandeln und die Nymphen ihres
Lchelns werden nicht fehlen und die Dmonen ihrer Leidenschaft werden
darin zittern. Ja, ihre Ernten und ihre Stdte, ihre Sklaven und ihr
Reichtum wird darin enthalten sein wie in allen gttlichen Symbolen, die
leicht zu entziffern sind, wenn das Gttliche wirklich seinen Atem in
sie gehaucht hat.

Denn die seligen Gtter waren nie ein anderes als die Erhhung der
Menschen irgend einer Zeit auf einen gewissen Stand ihrer Sehnsucht, sie
waren nicht einmal unfehlbar, sie waren unsterblich, aber verwundbar,
alles wissend, aber zu betrgen, voll Ethos, aber auch voll Ha und
Neid. Sie waren aus beiden Stoffen der Erde gemacht wie die Menschen
auch, denen nur die Kunst schlielich blieb, in ihr die Gtter wohl mit
grter Vollkommenheit, aber auch mit allen ihren eigenen Fehlern zu
bilden.

Es ist einfach, von der Kenntnis der Menschen einer Zeit aus auf die
Gre ihres Weltbilds zu schlieen, es ist noch einfacher, sich aus den
Figuren der Gtter die Gesellschaft jener Nationen zurckzuentrtseln,
die auf dem Rcken der Kunst diese Gtter sich gebaut haben.

Denn Kunst ist immer der eifervollste Kmpfer mit der Unsterblichkeit
gewesen. Als die grten Knstler ihrer Zeit, Bernini und Corneille,
sich trafen, redeten sie sofort ohne Pathos, so als ob sie how do you
do sagten, davon, wie schmerzlich es sei, da man so weit hinter seinen
Idealen zurckbleibe. Flauberts Tagebcher weisen Kmpfe, die
verzweifelter sind wie jene Csars, Alexanders, Napoleons, um die
Erreichung einer mglichen Welt. Und als Gelimer nach Karthagos Fall mit
den letzten Vandalen in einer numidischen Bergfeste am Krepieren war und
die Herrlichkeit eines phantastischen Reichs damit hinsank, erbat er von
seinem Gegner Pharas neben Brot und Schwamm eine Harfe, um selbst die
Gre seines Unglcks mit der Kunst zu messen. . . . . .

Wir haben, Mijnheer, sechzehnhundert Meter hoch den Schlitten heute
angespannt, haben die Landschaft des Schwarzwaldes in langen weichen
Hngen unter uns ins Land flieen sehen. Hinter den Spiehrnern malten
sich die Vogesen violett an die Dmmerung und hoben Straburgs
Kathedrale aus der fetten elsssischen Erde. ber dem Titisee funkelte
die rote Lava der Schweizer Alpen. Von Kolmar bis Mainz lag die deutsche
Erde unter uns und sie atmete ber den Rhein, wo ihre Geschicke stets
geplant, getragen und gemnzt wurden, immer nur das eine wundervolle
Gefhl: Gelassenheit.

Die Pferde traben nun schon sechshundert Meter tiefer, sie sind von
Hafer toll und gehen elektrisch in der Kandare, wir haben den gleichen
Blickpunkt, um auf die Kunst zu schauen: Ach, wie fliegen, vom Feldberg
der Seele aus gesehen, die Schleifen der Stile, die Banner der
Richtungen, die groen Proklamationen feierlicher Wahrheiten in den
Wirbel der Dampfsule hinein, der sich von allen Berggipfeln der Sonne
zu hebt, und wie atmet die Brust der Kunst denselben Rhythmus wie die
ewige Landschaft: Gelassenheit.

Nur das Hchste wird spt einmal Sinnbild. Nur das Erlesenste ersteigt
einmal den Sockel. Nur das Auserwhlte kommt ber die Bewegtheit der
Jahreszeiten mit der fiebernden Brust an den gttlichen Mund, der es
durchatmet.

Die Bewegung von Kunst und Volk ist wie der Wettlauf von Wolken und
Flssen, die in der farbigen Landschaft versuchen, mit gleicher Eile zu
wandern und mit gleicher Innigkeit sich zu spiegeln. Einen anderen
Himmel hat die Provence, einen anderen Sibirien wie Deutschland. Ebenso
wandern die Wolken gehauchter oder gedunkelt, ebenso strmen die Flsse
silbrig oder voll Trbsinn.

Die deutschen Wolken haben einen dunklen Kern und geschliffene
stahlhelle Rnder und die deutschen Flsse haben die wehmtigen Melodien
ihrer melancholischen Tiefe und den Glanz ihrer romantischen Flle. Aber
die Wolken wandern noch nicht wie die Flsse und die Strme blicken in
andere Wolken und zwischen den oft italienisch geformten Wolken und den
germanischen Flssen ist noch kein klarer reiner Kontur der Landschaft
gezogen.

Die Gtterbilder der Kunst haben zwar an alle Horizonte die leicht
entzifferbaren Fresken der Jahrhunderte gespiegelt, aber ber ihrem
Barock haben die Deutschen noch nicht die Sehnsucht nach der sdlichen
Erlsung vergessen und werfen in ihren Trumen den Himmel Neapels und
Barcelonas an ihren khlen germanischen und denken sich den dann gern
als den ihren. Sie haben in ihrer wundervollen Einfalt ihre Sehnsucht
mit ihrem Dasein verwechselt, sind bald in den Ruf gekommen, Barbaren,
bald Schwrmer zu sein, haben von jedem ein Teil und knnen sich immer
noch nicht entschlieen, von Bamberg, von dem Vogelweider, von Wolfram,
von Cranach und Bosch und Grnewald, Luther, Fischart, Grimmelshausen,
Grabbe, Kleist, Wedekind den Glanz zu nehmen, mit dem sie andere mit den
Scheinwerfern ihrer Verehrung bombardieren. Gtter werden nicht
nachtrglich gemacht, sondern sie werden verliehen. Sie sind da, ob man
sie sieht oder nicht.

Einmal wird der dunkle Lauf des strmischen Flusses mit den schweren
stahlglnzenden Wolken in gleicher Eintracht und im selben Schwung gehen
und sie werden sich in einer Landschaft von Ruhe, Schwere und jungem
Glanz spiegeln. Die deutsche Zukunfts-Landschaft ist ewig und voll
groer Geduld. Ihr Bild schiebt sich schon manchmal aus den fliegenden
Schatten und den durcheinanderwuchernden Hngen zu phantastischer Dichte
zusammen. Nicht bei Niggern und nicht bei Hellenen ist die Zukunft. Sie
liegt barock in der deutschen Vergangenheit, und wenn Kunst berhaupt
mit Zweck zusammengenannt werden darf, so ist ihr gegenwrtiger Sinn,
mit diesem Bewutsein den Hhepunkt nationaler Blte zu erreichen, denn
das heit: da die deutschen Himmel und die deutsche Erde
zusammenwachsen.

Barock ist die deutscheste Form. Und wie beim klassischen Bildwerk immer
sich der Ausdruck in einem fast flchigen Punkt sammelt, erreicht bei
gleicher Kraft der Schpfung das barocke Bildnis noch die Strke, von
seinem Umri aus zu strahlen. Es sammelt nicht nur wie das Antike,
sondern es schillert und bertrgt und wird europisch. Das ist auch die
letzte Richtung unserer Wolken und unserer Flsse.

Aber Deutschland.

Die Erbschaft von fast zwei Dutzend Frsten hat nach der Revolution
nicht das souverne Volk der Verfassung, sondern die Macht von zwei bis
drei wirtschaftlichen Konzernen bernommen, die fast strker sind wie
der Staat. Als der Industriemagnat Stinnes nach den Eisenbahnen griff,
fhrte er die Hand an die Gurgel des alten Staatswesens. Wenn Rathenau
und Loucheur das Wiesbadener Abkommen berieten, htten beide als Figuren
eines Lustspiels von einem sardonischen Molire sich abwechselnd erheben
knnen mit der Frage, ob im Gegenber der Wiederaufbauminister oder der
Prsident der AEG, oder der Prsident von Terres rouges sprchen.
Frher bestimmte die Augenbraue eines Knigs, spter der Zug der
Gemseweiber mit der Freiheitsgttin nach Versailles die Geschichte.

Heute umfiebern die Brsen die Geschicke Europas, und Frankreich, das,
den Mund voll Gesngen der Freiheit, seinerzeit zur Einigung des
Kontinents aufgebrochen war, wird nunmehr regiert von dreihundert
Leuten, die vielleicht nicht lesen und schreiben knnen, aber im
Aufsichtsrat von Creusot, Standard Oil Compagnie, Arbed und Crdit
Lyonnais sitzen. Frher ging la doulce France kmpfend fr den Glauben
nach Palstina zum Grab des Herrn, heute sitzen die Deutsch de la
Meurthe, Henri Rotschild, Michelin hinter ihren Ministern und lassen
Deutschland aussaugen.

Aus dem Haag wird gemeldet, in London einige sich eine Konferenz
franzsischer, belgischer, hollndischer, englischer, amerikanischer
Petroleuminteressenten unter dem Vorsitz des frheren niederlndischen
Ministers Colyn, um einen Welttrust gegen Ruland zu bilden. Vor wenigen
Jahrzehnten noch rafften ehrgeizige Mnner eines einzigen Landes einige
Quellen zusammen, unterboten den Konkurrenten um zwanzig Cents, machten
ihn pleite und kauften ihn auf. Das war Wirtschaftskampf und erschien
ungeheuer. Heute ist die Welt in ihren Stoffen schon vllig ineinander
vertrustet. Die letzten Kriege fanden noch statt, weil das Kapital
Rohstoffquellen brauchte, die Amerikaner fochten mit Spanien wegen der
kubanischen Erze, England mit den Buren wegen der afrikanischen Gold-
und Diamantenfelder, Amerika kollidiert mit Mexiko wegen der
Petroleumquellen, der Kampf um die Ukraine ist der Streit um Kohle und
Erz, die Karambolage zwischen den Hollndern und Amerikanern ist wegen
der javanischen Djambi-Petroleumfelder erwachsen. Jetzt aber wird die
Wirtschaft ein europischer Riese und hat sich so verfilzt, da
vielleicht die ueren Kriege unmglich werden.

Den khnsten Sprung hat der Deutsche Stinnes getan, die grten Zechen
mit allen industriellen Zwischenlagen bis zur elektrischen Industrie in
seine Hand gebracht, hat mit dem amerikanischen lkonzern, mit der
chinesischen Elektrolieferung Liierung eingegangen. Er hat
Petroleumkonzessionen in Comodore Rivadavia in Argentinien, eine
elektrische Fabrik im jugoslawischen Agram, er besitzt italienische
Aktienpakete, hat teil an den Fiatwerken in Turin, kaufte rumnische
Schuhfabriken, um im Augenblick der Konjunktur das nicht mehr
bolschewistische Ruland beliefern zu knnen. Es gibt keine Grenze fr
sein hydrahaft wucherndes Kapital. Erzgruben in Brasilien? Gemacht. Die
Alpine Montangruppe in sterreich? Gemacht. Eine Handelsgesellschaft in
Niederlndisch Indien? Gemacht. Eine Waggonfabrik in Choribon?
Konzessionen in China? Der Stille Ozean der knftige Brennpunkt der
Wirtschaft? Gemacht.

Gemacht aus dem pleiten, zuckenden Deutschland heraus, dessen
Papierscheine flattern, dessen Adel erlischt, dessen Brgertum zerrieben
wird. Selbst die Wirtschaft Europas scheint sich nach Sttzpunkten
umzusehen, um mit ihr in andere Kontinente auszuwandern. Denn Stinnes
ist gegen den Morgan-Trust, der das Tausendfache an Kapital
kontrolliert, nur ein Zwerg. Amerika und Asien haben einen Schein von
zuknftigen Wirtschafts-Krnzen um das Haupt.

Gegen die Riesenkraft dieser Kapitne der Wirtschaft hat sich
die arbeitende Masse in Armee erhoben, der internationale
Metallarbeiterverband hat acht Millionen Mitglieder, soviel als Kmpfer
an den Fronten des Maschinenkriegs. Ihre Bureaus kontrollieren die
Konzerne, ihre Betriebsrte gruppieren sich in derselben Form wie die
Konzerne, die sich nach Form der Seepolypen und Quallen vergrern und
verndern, und halten ihnen die Gegenwagschale fest.

Zwischen diesen beiden Mchten schwankt das alte Europa. Seine
seitherige Kraft setzt sich um in die Energie, mit der die maschinelle
Epoche in ikarischem Flug die Gegenwart durchbraust, oder verschwindet
in der staatlichen Bureaukratie jener Beamten, die wahrscheinlich die
Sieger des Wirtschaftskampfes eines Tages als ihre Sklaven bernehmen
werden. Die Fahnen des Kampfes sind zwischen die Kapitne der Wirtschaft
und ihre Arbeiter zerteilt. Wenn sich Europa nicht zerstrt und die Welt
damit, werden die schaffenden Klassen sich mit den kommandierenden
vermischen, sie werden die seitherigen Fhrer ersetzen und eine neue
Form der Gesellschaft grnden. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man
nicht vorzieht, klger wie die Natur zu sein und sich eine Kugel vor den
Kopf zu schieen.

Auch die Revolutionen sind nichts weiter wie Ventile und
Geschmeidigkeitsmacher auf diesem Weg. Frher machte man sie wegen
irgendeiner alten Waschfrau, die irgendwelche Truppen irgendwo
erschossen, und trug die heilige Leiche ber die Boulevards. Man kmpfte
noch um Verfassungen und brauchte Mrtyrer. In Pernambuco sogar sah ich
Revolten, die wegen der Einfhrung der Straenbahnbillette und der
Durchfhrung des Impfzwangs gefhrt werden. Heutigentages entledigt sich
die Luft durch sie der elektrischen Spannungen, die zwischen den
einzelnen Lagern liegen und macht die Zeit damit przis und funkelnd wie
ein Walzwerk.

Die letzten beiden Jahrhunderte waren die der groen Romane von Fielding
bis Dostojewski, von Scott bis Manzoni, von Defoe bis Zola und de
Coster, von Dickens bis Flaubert. Vorher waren die groen Dramen von
Shakespeare bis Molire, von Calderon bis Racine. Vor ihnen glnzten die
schlanken Epen des Mittelalters, von der Karlsreis bis Crestien von
Troyes und vom Hildebrandslied bis zu Hartmann von Aue. Unser
Jahrhundert hat seine schpferischsten Krfte scheinbar in die Gestalt
von Ingenieuren geworfen, Konstruktionen ungeahnter Formate,
Wirtschaftssysteme zyklopischer Vermaschtheit erfunden und eine endlose
Brut von Kinos ber die Welt geschleudert. Burn Jones irrt, der meint,
die Welt fiele am liebsten in den Zustand der Barbarei zurck und wolle
nichts mehr wissen von der Schnheit. Die Barbaren hatten in Wahrheit
stets homerischen Heihunger nach dem Erlesenen, und erst die
Zivilisierten begannen mit dem Glauben, das Unaussprechliche sei
entbehrlich, soweit es vom Geist her komme, und man vermge es durch
Wunderwerke aus Stahl zu ersetzen.

Mglich, da die Kunsthandwerker des Mittelalters, die die Dome und
Altre bauten, heute statt dessen die eisernen Schwebebrcken, die
sechzig Stockwerke hohen Huser, die irrsinnigen Maschinenwerke
erfnden. Vielleicht, da Lionardo, statt sechs Jahre an den Haaren
einer Frau zu vermalen, das schnste Luftschiff auf elektrischen Wellen
ber den Ozean oder zum unserem Klima entsprechenden und daher am
wahrscheinlichsten von Menschen bewohnten Mars schickte. Zweifel? Es
gibt nur ein einziges Zauberwort der Zeit: Gemacht. Es gibt auch nur
einen einzigen vollkommenen Entrtseler der Epoche. Es war der Clown
eines wandernden Zirkus, der mit seiner Zwergenstimme durch die Manege
schrie: Wunderbar? Wunderbar /// Ist ne Kuh aus Pferdehaar.

Aber Deutschland ist noch nicht aus den Maschen der Welt gefallen.
Zwischen den zuckenden Gruppierungen der Wirtschaft, unter der Presse
des Versailler Vertrages, geschleudert wie Honig im Rhythmus der
fallenden und steigenden Mark, zerrissen von einer Demokratie, die das
Beste will aber einen Zirkus von Parteien darstellt, von Stinnes
herangepfiffen, von den Sozialisten ins Schlepptau genommen, luft es
wie ein getreuer Stern den groen Zug um die Achse seines Schicksals.

Seine Frsten sind verschwunden, sein Adel hat resigniert, seine
Brgerschaft wird hinweggeweht. Louis Philippe war der letzte Frst der
Brger. Unter Ebert, dem ersten deutschen Prsidenten, einem
ausgezeichneten Taktiker der Republik, geht es den Weg eines
Jahrhunderts, das die Bourgeoisie und ihre Kunst auslscht. Der Krieg
sollte die Macht dieses Standes, der sich achtundvierzig noch auf
Barrikaden stellte, befestigen. Herr von Zobeltitz sang damals: Ein
Mayer fiel und ein Arnim starb / Unter den Kugeln der Feinde / Gab
zwischen Adel und Brgertum / Es wirklich noch scheidende Grfte / Jetzt
baut der einende Todesruhm / Brcken durch brandrote Lfte. Der Herr
dachte an Avalun und ahnte nicht den Pulsschlag Europas. Die
Seufzerbrcke des Krieges baute sich auf ber das Leichenfeld des
brgerlichen Deutschlands, machte den Plan glatt zwischen arbeitender
Masse und den Steuermnnern der Wirtschaft, die, beide auf dem gleichen
Schiff, sich auseinanderzusetzen haben, ob sie den Erwerb teilen oder
sich in die Luft sprengen wollen.

Das ist nicht Politik, Mijnheer, das ist die Gegenwart, die ich erklre,
das ist unsere Zeit, in der wir leben, das sind die Wolken, unter denen
wir wandern.

Das ist das Schicksal Europas, an seinem fiebrigsten und
interessantesten Opfer gemessen. Das ist Deutschland, das mit den
Preisen seiner Lebensmittel wie mit Mongolfieren aufsteigt, dessen
Valuta von Tag zu Tag die der anderen berfliegt, dessen Industrie
zittert vor der Stunde, wo die Mark sich stabilisiert und sie die
Weltkonkurrenz annehmen und nicht mehr mit Dumping unterbieten kann. Die
aber auch graust vor dem Tag, wo die Mark hingegen steigt, die
Konkurrenz unmglich, Millionen Arbeiter auf der Strae liegen und die
inneren Kmpfe mit einer Grausamkeit drohen, gegen welche die
Eroberungskriege frherer Zeit nur schwache Feuerwerke sind.

Das ist Deutschland, das, aus sieben Wunden blutend, gefesselt, in
erbrmlicher Hitze, sich immer noch in der Arena als Gladiator gegen die
Wlfe des Elends wehrt, indem die anderen Lnder Europas, die es
ausgeliefert haben, mit blinden Augen, aber schon erbleicht, dem
Schauspiel zusehen. Und whrend die Neue Welt sich nicht anschickt, aus
dem Sentiment des Rettens zu helfen, sondern fortfhrt, zu allen Speisen
Kse zu essen, Oberammergau zu besuchen, seine Mnner zu effeminieren
und auch den ltesten Weibern die Haare abzuschneiden.

Das ist Deutschland, wo im Krieg die Mdchen fr die Verdichtung der
U-Boote ihre Locken opferten und wo ein Bankier, als ein anderer ihn
besuchte, dem Sekretr sagte: Schreiben Sie auf >Haben<, da er rote
Haare hatte, damit, wenn er kommt mit grauen, man wei, da es rote
waren, die er besa. Zwischen der edlen Nutzlosigkeit der ersten und
dem Zynismus der zweiten Geste atmen unsere Obstbume.

ber den Obstbumen geht der Himmel mit allen Erinnerungen unserer
Gre, mit allen Malen unseres Unglcks und mit den Verheiungen unserer
Unvollkommenheit. Zwischen den Flssen und den Bergen Deutschlands
bereitet sich seine Wiederkehr. ber den Hgeln liegt die Zartheit
seiner besten Farben. In den Buchenwldern hallt das Echo seiner Helden.
Zwischen den reifen Wellen des blaugederten Kornes wehen die
Vogelstimmen seiner Melodien. Die alten Brunnen unter den Linden in
alten Drfern haben nicht aufgehrt zu rauschen, und der Dampf seines
regengespeisten Bodens duftet die alte mythische Fruchtbarkeit.

O Deutschland.

Zwischen Aschaffenburg und Heiligendamm, zwischen Quedlinburg und
Passau, zwischen Rothenburg und Hamburg, Dresden und Speyer tanzen deine
Kinder wie die Bren der Savoyarden auf den heien Eisen der Zeit.
Zwischen deinen schnsten und geliebtesten Flchen haben die Einen
begonnen, einen Riesenbau der Mechanik bis in die Wolken zu treiben, und
auf dem schwankenden Boden darunter tanzen die Anderen, aus allen
Gliedern blutend, den verzweifelten Tanz der Bettler, die durch Spe
das Publikum von ihren Gebrechen abzubringen und durch ihren Heroismus
zu rhren suchen. Sie schreien und sie lachen und sie weinen
durcheinander wie am Anfang der Schpfung, aber sie leben.

Sie haben in ihrer Verwirrtheit kein Auge fr deine stille Bereitschaft.
Sie ahnen nichts von deinen Rebengrten, deinen romantischen Ufern, den
jungen Wldern, mit denen du den Flaum deiner Wunden zudeckst, sie
spren nichts von dem Goldschlag der Reife, die dein Krper, den man
beraubt hat, in seiner Enge erreichte. Sie spren nicht, mit welchen
Wonnen deine Meere unter dem Sommermond schlafen, deine Pappeln mit den
Chausseen im Abend wandern, mit welcher Sigkeit deine Lerchen in den
Frhhimmel steigen. Sie haben den Blick nicht fr den stillen Glanz
deiner Matten, ber die die groen Kuhherden weiden, den Zauber selbst
deiner rmsten Gerlle und die tiefdampfende Schpferkraft deiner
aufgeworfenen Erde.

Sie ahnen nicht, da von deiner Brust und der sthlernen Lockerkeit
deiner weiblichen Gelenke die schne Bewegung ausgeht, die sie eines
Tags trsten wird. Und sie spren nicht, da, ob sie mit ihren glatten
Schlachtordnungen siegen oder sterben, ob sie mit einer neuen
Gesellschaft in phantastischer Ordnung oder, mit ihren Maschinen
zurckgestrzt auf die Erde, zu dir zurckkehren, sie in dir die schne
Geliebte, die Mutter und die Heimat finden werden, an deren Leib es
schn zu ruhen und herrlich zu leben ist. Sie haben deinen Leib nicht
beachtet und sie ahnen nicht, da er mit einem gewissen Lcheln der
berlegenheit ber alle Wirrungen hinaus nur atmet: Gelassenheit.

Gelassenheit, Mijnheer, denn wer die Gegenwart liebt, hat auch die
Khle, sie nicht zu berschtzen, und wer die Khnheit des Vorstoes
hat, besitzt auch die Ruhe einer wundervollen Reserve. Man stirbt nicht,
Mijnheer, solange man einen Fetzen Atem hat, und solange man geniet,
hat man Zutrauen in das Gelebte. Als Balzac in der krnkendsten,
entsetzlichsten Form durchfiel, dachte er am nchsten Morgen nur an die
Anlage eines Weinberges, einer Molkerei, eines Gartens seltener Gemse.

Alles Unglck ist nur die Probe auf die letzte Lebendigkeit der Liebe,
gleichwie in der letzten Erzhlung des Boccacce, die schildert, wie ein
Edler seine Frau verstt, beleidigt, krnkt, um zu erproben, wie weit
ihre Zuneigung geht. Dies Buch des Boccacce ist nicht nur eines der
tiefsten in geflliger Anmut und eines der galantesten auf tragischem
Boden, sondern es ist hinter der Mauer der Pest auch das tollste Loblied
auf das Dasein.

Sehen Sie zurck, Mijnheer: Die Sule auf dem Feldberg steht wie eine
Pyramide schillernd in allen Farben in der mittaglich blau wogenden
Luft.

Sehen Sie zur Seite: In der Breitenlage Europas ist Anatole France der
ritterlichste Gipfel einer verwirrten bergangswelt, Blriot der
unerschtterlichste Bejaher einer anderen.

Zwischen beiden wird ein Weg sein, dem auch die Sonne gut, die Erde
gndig, die Menschen fruchtbar sind.

Sehen Sie vorwrts: Da flimmern bereits die ersten Grten, der Frhling
hat sie bermannt und tobt mit Gerchen, es flammt uns entgegen das Gold
der Weidentroddeln, das Gelb der Goldregen und das Rosa der Mandeln. Wir
sind fast in der Ebene schon und damit wieder in der Welt.

Wir sind in der Welt, Mijnheer, die Alpen sind ausgelscht, die Vogesen
verschwunden, die Grenzen sind gefallen. Der Wirrwar der Jahreszeit
erstickt jetzt mit seiner nahen Flle. Hinter ihr kommt die Musik der
ganzen Welt mit Donner und Wagen und mischt sich in den wilden Duft zur
Melodie der Epoche, vor der der Frhling herstrmt wie Apollon
Mousagetes, der, in fast weiblichem Chiton heranbrausend, die Nymphen um
sich, die Gtter anschwellend immer mehr hinter sich, in einen
olympischen Rausch hineintanzt. Ich hre die Musik von Kmpfen und ich
rieche den Duft der Opfer. Ich spre meine Heimat. Es lebe Deutschland.

Man kann nur gegen seine Zeit sein oder mit ihr gehen. Im Schmollwinkel
zu sitzen ist nicht die Art eines Gentleman. Ich ziehe vor, mit ihr zu
marschieren und nicht zu versumen, die Hand ans Ruder, den Blick auf
die Kontrolle zu richten.

Mein Grovater hatte einundzwanzig Kinder mit einer Frau, von denen
siebzehn ber siebzig Jahre alt wurden. Er gab ihnen den
Freimaurerspruch mit: Wenn dir der Groe Baumeister einen Sohn gibt,
zittre vor der Verantwortung, die er dir auferlegt hat. Mach, da er bis
zum zehnten Jahre dich frchte, bis zum zwanzigsten dich liebe und bis
zu deinem Tode dich achte. Ich werde vielleicht ohne Shne sterben,
Mijnheer, aber ich werde Deutschland nicht aufhren zu lieben.

In meinem Wappen stehn unter dem springenden Lwen die sechs Punkte des
Gleichgewichts und der Gelassenheit. Ich habe auch die drei Bilder noch
nicht in das Haus meiner Vter in die Bibliothek gehngt. Ich habe mich
nicht so rasch entschlossen wie mein Vater, der das Kind einer
unbedenklicheren Zeit war, denn ich bersehe die Zerrissenheit meines
Jahrhunderts besser und ich wei, da jeder Schritt heute der falsche
sein kann, da man kurz vor dem Tode vielleicht erst die Ahnung des
rechten hat und diese halbe Gewiheit womglich in der letzten Sekunde
noch widerruft. Man wei nur, wohin man marschieren mu, man wei nicht,
wohin es geht. Und man wei nicht, ob die Fhrer die Helden oder die
Verbrecher sind.

Sie werden in kein Kloster gehen wie Ihr Ahne, der den fnften Karl
begleitete. Das Segel Ihres Wappens, das die Mauren jagte, einen Knig
nach den Niederlanden begleitete, das die Mischung Ihres Blutes mit dem
der Javaner und Spaniolen berbauschte, wird Sie guten Sinnes, voll
Genu und Verantwortung in die Welt hineinfhren. Sie unterscheiden die
Notwendigkeiten der Zeit und die Wnsche Ihres Blutes, und Ihr
Monarchismus ist Ihnen das schne Symbol einer Zeit, die um erlauchte
Traditionen kreiste und nicht der Gtze unfruchtbarer Launen.

Was werden Sie tun? Ziemt es dem hollndischen Gentleman, nachdem wir in
zehn Nchten die Welt verteilt, die Knste zensiert, die Leidenschaften
geprobt haben, der den Horaz im Koffer mitfhrt in die intimsten
Situationen, ziemt ihm die Heimkehr zum Haus in 's Gravenhage, nach der
Bibliothek in Delft, zu den Herden in Utrecht, so ist die Reise
gesegnet. Drumherum steht die Welt voll Genu. Mai in Baden-Baden, Juni
in Verona, im Juli zieht die Wimbledonwoche um den Davis Pokal auf
Rasenpltzen in England. Die Rumnen stehn gegen die Tennisspieler der
Philippinen, die Italer gegen die Japse, Dnemark ficht gegen Indien,
und der Australier Patterson ist Favorit mit seinen schmetternden Drives
und seinem zertrmmernden Anschlag, wenn der Knig zwischen dem Prinzen
von Wales und dem Herzog von York, seinen Shnen, das Signal zum Beginn
gibt. Sie knnen sodann im August am Pazifik medicine ball spielen und
im September in Hawai im Schlepptau eines Motorbootes das aufregende
surf-board-riding ausben und Sie werden die schnsten Frauen der Welt
dazu um sich sehen.

Sie werden den Atlantik hren und den Pazifik schumen sehen und spren,
wie die Schiffe darauf schaukeln und Sie werden die Gre der Erde mit
einer grenzenlosen Verwunderung einziehn. Denken Sie an den Tag, wo es
Sie berfllt, da Sie kaum zu atmen wagen: wie grenzenlos die Welt ist
. . ., denken Sie, da ich Ihnen sagte, zuerst seien die Menschen und
dann erst die Gtter, die sie sich erschufen.

Einmal komme eine neue Gesellschaft, aber vorher sei das Dasein, das sie
erst erkmpfen kann. Einmal komme eine europische Weisheit, aber vorher
das Leben, und nichts sei mnnlicher als Gelassenheit. Sie sind ein
hollndischer Gentleman, der die Erde liebt wie ich, mit dem ich zehn
Nchte durchwachte, und sind nicht der Teufel, mit dem Herr Grabbe ber
diese Dinge zu reden gezwungen war, und Sie verstehen auch, wie ich Sie
begreife, wenn wir Leben sagen, weil das alles ist.

Ach, auch Achilleus wute um den sichersten Besitz dieser Kugel. Als
Odysseus ihn in der Unterwelt besuchte, erkannte er ihn erst, nachdem er
Blut vom Opfertier getrunken, und als jener ihm Komplimente machte, wie
fabelhaft ihm auch der Tod tributr sei und wie erhaben auch im Hades er
herrsche, winkte der beste Grieche mit der Hand. Er hob den Kopf in die
Hhe, versuchte das Dunkel zu zerreien und bewegte die Lippen: er mge
lieber als bei den Toten zu herrschen ein Tlpel sein, der knechtisch
hinter dem Pflug die Erde aufreit . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . .

Mijnheer. Leben Sie wohl,

Die Schlitten halten an und mssen zurck.

Die Schneegrenze ist erreicht, der Winter zu Ende. Hier wechselt das
Klima. Drben im Frhling stehen schon wartend unsere Wagen. Zweihundert
Meter tiefer dehnt sich die Ebene bereits in betubender Flle. Dort ist
schon Sommer in Deutschland.




                               REGISTER


   Addison 285
   Aeschylos 123
   Aho Juhani 284
   Allgeier 69
   Alexis, Willibald 128
   Altenberg 58, 257
   Andersen 54, 134
   D'Annunzio 9, 21, 42, 107, 205, 278, 282
   Apulejus 21
   Archipenko 231
   Arcos, Ren 277
   Ariost 201
   Aristophanes 217
   Aristoteles 74, 246
   Arndt 210
   Arnim, Achim v. 108
   Auernheimer 257
   Aurevilly, Barbey d' 108
   Auwers 268
   Ayrer 24

   Baalschem 288
   Bab, Julius 191
   Babits 284
   Bahr 85
   Baker 104, 227
   Balder 261
   Balla 281
   Balzac 18, 24, 29, 71, 110, 162, 170, 228, 274, 278, 302, 303, 318
   Balzagette 215
   Bang 28, 242, 244, 288
   Barbusse 205, 215, 271, 275, 276, 286
   Barlach 106
   Barret-Browning 278
   Barrow 103
   Bartels 173
   Bassermann 70, 77
   Baudelaire 28, 107, 244, 255, 274, 278
   Baum, Oskar 258
   Bazaine 12
   Beardsley 285
   Beaumarchais 131, 304
   Beaumont, Herzogin v. 170
   Becher, Joh. R. 106, 213
   Beckmann 44, 214, 303
   Beer-Hofmann 257
   Benedetti 12
   Benn 135, 233
   Branger 228
   Berger, Ludwig 80
   Bernard 102
   Bernhardt, Sarah 77, 131
   Bernini 26, 27, 158, 161, 304
   Beyerlein 52
   Bierbaum 58
   Bie, Oskar 279
   Bismarck 141
   Bjrnson 289
   Blanchard 141
   Blei, Franz 172, 177, 178, 179, 180, 278
   Bleibtreu 57
   Blriot 42, 145, 152, 228, 319
   Block, Alexander 285, 303
   Bloem 46, 63
   Blmner 106
   Boccaccio 20, 21, 36, 113, 233, 264, 318
   Boccioni 229, 281
   Bcklin 303
   Boehme, Jacob 106
   Boileau 74, 130
   Bonsels 47, 55, 99, 181, 269, 305
   Borchardt 85, 86
   Brne 172
   Bosch 303, 307, 310
   Bosse 77
   Bossi 268
   Bossuet 25, 101
   Botticelli 242
   Boucher 36, 96
   Boussanelle, Rittmeister de 247
   Brant 209
   Brantme 102
   Breitenstrter 177
   Brentano 172, 211
   Brod 258
   Brummel 263
   Brunetire 172
   Brunner, Prof. 171
   Bruun, Laurids 104, 288
   Buber, Martin 287
   Bchner 27, 46, 84, 107, 128
   Bulwer, Earl Lytton 161, 207, 285
   Burkhardt, Jacob 102
   Burns, Robert 162
   Byron 107, 137, 207, 231, 272, 285

   Cagliostro 178
   Calderon 97, 270, 307, 314
   Camp du 307
   Carlyle 287
   Carr 229, 281
   Cartailhac 305
   Casanova 18, 20, 102, 201
   Csar 83, 204, 254, 309
   Cassirer, Paul 303
   Castiglione 113
   Catt, Henri de 26
   Cellini, Benvenuto 102
   Cervantes 42, 104, 130, 138
   Czanne 102, 274
   Chalet, Marquise v. 172
   Chamfort 152
   Chanteloup, v. 156
   Chteaubriand 114
   Chnier, Andr 222
   Chennevires 215, 277
   Chesterton 112, 286
   Cicero 228, 240
   Cinna 13, 15, 36
   Claudel, Paul 204, 270, 275, 278
   Clemenceau 16, 188
   Colbert 157
   Colin, Paul 215, 277
   Colyn 312
   Conan Doyle 109
   Constable 175
   Constant 43, 208
   Cook 103, 147, 148, Reisebro
   Cook, James 210
   Cooper 109, 287
   Coquelin 77
   Corinth 244
   Corneille 26, 308
   Correggio 141
   Corot 303
   Cortez 30
   Coster de 111, 278, 284, 314
   Courbet 207, 274, 302
   Couture 274
   Cranach 310
   Creusot 213, 311
   Crebillon 111, 160
   Croce 282
   Cromwell 159
   Csala, Ernst von 140
   Curjello 103

   Dach, Simon 24
   Dante 113, 123, 278
   Dubler 86, 213, 233, 235, 278
   Daudet 62
   Daumier 214
   Dauthendey 51, 53, 54, 55, 56, 63, 113
   Davkins, Sir William Lloyd 13
   Defoe 104, 109, 314
   Dehmel 44, 278
   Delacroix 158, 179, 214, 218, 303
   Dempsey 121
   Descartes 24
   Devrient 74
   Diderot 173
   Didring 89
   Diebold 235
   Dickens 113, 132, 159, 207, 285, 314
   Dinter 63
   Dblin 29, 233, 244
   Doesburg, Theo v. 280
   Dornseiff 86
   Dostojewski 97, 258, 259, 284, 290, 314
   Dreyfu 207
   Duhamel 215, 277
   Dumas 274
   Drer 267
   Durieux 77
   Dyck, van 267
   Dymow 284

   Ebert 315
   Eckardt, Meister 24, 42
   Eduard VII. 10, 263
   Eeden, van 278
   Eekhoud 287
   Ehrenstein, Albert 134, 213
   Eichendorff 50, 51, 107, 113, 238
   Elliot 285
   Elvestad 109
   Emin Pascha 104, 227
   Emerson 287
   Enghien 276
   Ensor 218
   Epinasse, Mademoiselle de l' 111
   Ernst, Paul 44, 238, 255, 256, 259, 260
   Erzberger 9
   Essig, Hermann 136
   Eugenie, Kaiserin 214
   Eugen, Prinz 257
   Eulenberg 254
   Euripides 124, 220
   Evans, Oliver 227
   Ewers 55
   Eje 109

   Fenelon 130
   Feuerbach 274, 303
   Fichte 83
   Fielding 159, 162, 285, 306, 314
   Fischart 25, 42, 209, 310
   Fischer, S. 279
   Flake 278
   Flaubert 20, 37, 102, 111, 207, 242, 274, 302, 304, 308, 314
   Flechtheim 46
   Flemming, Graf 157
   Fleuron 105, 286, 288
   Flint 106
   Forster 210
   Foscolo 207
   Farrre 274
   France, Anatole 107, 131, 134, 135, 139, 153, 154, 271, 274, 276,
      278, 284, 305, 319
   Frank, Leonhard 216, 233, 259
   Frank, Bruno 258
   Franz I. 25, 156, 264
   Freeman 138
   Freud 258
   Freytag 45
   Friedlnder (Mynona) 173
   Friedrich der Groe 26, 71, 103, 157, 160, 168, 182, 199, 201, 302,
      304
   Friedrich Wilhelm IV. 211
   Frhlich, Friedrich 102
   Froitzheim 177

   Gabis, Diane de 152
   Gagarin, Frstin 10
   Gainsborough 158, 162
   Galilei 206, 277
   Gallow 103
   Gambetta 11, 176
   Gauguin 52, 104, 274
   Gavarni 213, 214
   Geijerstam 289
   George, Stefan 28, 52, 60, 85, 243, 244, 278
   Gerstcker 109, 260
   Gessi 104, 227
   Gener 59
   Ghradine 153, 154
   Gide 275, 277
   Gilbert 148
   Gjellerup 288
   Gleichen-Ruwurm 106
   Gleim 228
   Goertz, Graf 18
   Goethe 42, 43, 73, 110, 172, 191, 206, 207, 209, 228, 242, 268, 276,
      284, 302, 304, 307
   Gogh, van 102, 242, 245, 274
   Gogol 108, 284
   Goldsmith 159, 282
   Goldoni 161
   Goltz, von der 205
   Goncourt 113
   Gordon 104
   Gorion ben 287
   Gorki 218, 271, 284
   Gottfried von Straburg 56, 165, 253
   Gottsched 74, 167
   Goya 42, 156, 160
   Grabbe 27, 44, 78, 112, 199, 242, 310, 321
   Grtz, Paul 140
   Greco 30
   Green 227
   Grillparzer 74
   Grimm 53, 160, 280
   Grimmelshausen 23, 127, 310
   Gro, George 214
   Gromann, Rudolf 214
   Gromann, Stefan 280
   Grnewald 34, 42, 267, 310
   Gryphius 127
   Guilbeaux 276
   Guizot 11
   Gumppenberg 58
   Gundolf, F. 199, 244
   Gutzkow 180
   Gnther 45
   Gyldendal (Verlag) 290

   Habicht, V. C. 233
   Hagenbeck 286
   Halbe 58
   Halstrm, P. 289
   Hamilton Prinz 10
   Hamsun 104, 289
   Hnisch 188
   Harden 86, 102
   Hart 57
   Harte, Bret 287
   Hartleben 58
   Hartmann v. Aue 101, 314
   Hartung 80, 239
   Hasenclever 216
   Hauptmann, Gerhart 44, 55, 70, 71, 80, 187, 188, 193, 204, 219, 244
      279
   Hausenstein 86, 235, 236
   Hearn, Lafcadio 105
   Hebel, Peter 198
   Hedin, Sven 105, 227
   Heidenstam 289
   Heine, H. 18, 27, 46, 57, 87, 107, 128, 129, 134, 164, 172, 175,
      177, 178, 180, 302, 303
   Heinrich IV. 13
   Heinrich VIII. 156
   Heinse 46, 52, 84, 111, 260
   Heller 109, 289
   Helvetius 206
   Henckell 57
   Herder 172
   Here 248
   Hrdia 244
   Herzog 46
   Hesse 55, 60, 255, 258
   Heym, Georg 213
   Heyse, Paul 28, 45
   Hiller, Kurt 86
   Hille, Peter 56
   Hirschfeld 58
   Hoek, Henri 106
   Hoffmann, E. T. A. 53, 108, 139, 255, 287
   Hofmannsthal 85, 107, 243, 244, 257
   Hogarth 158, 159, 213
   Holbein 156, 267, 303
   Hlderlin 199
   Holst, Roland 278
   Hlty 51
   Holz, Arno 28
   Hlz, Max 17
   Hokusai 36
   Horaz 20, 23, 66, 277, 320
   Hbner 86, 278
   Huch 72, 253
   Huerta 148
   Hugo, Viktor 76, 160, 207, 242, 274, 302, 303
   Hlsenbeck 218, 281
   Hutten, Ulrich v. 84, 127, 207, 209
   Huysmans 113, 274

   Jacobsen 54, 58, 244, 288
   Jacques, Norbert 55, 260
   Jger, Hans 289
   Jakob, Heinrich Eduard 233
   Jammes, Francis 112, 270, 275
   Ibsen 78, 289
   Jensen, J. V. 105, 288
   Jessner 80
   Iffland 74
   Ingres 37, 96, 242, 303
   Joinville 273, 275
   Jones, Burn 314
   Jouve 276
   Irving 286, 287
   Isabella v. Spanien 214
   Jumala 292
   Jungnickel 45
   Jupiter 246, 292
   Jrgensen 105, 288

   Kafka 258
   Kaiser, Georg 29, 46, 80, 233, 244
   Kndler, Joachim 305
   Kamnitzer, Ernst 149
   Kant 208
   Karlweis 233
   Karnisuta 157
   Katharina v. Ruland 102, 157
   Kaulbach 128
   Keats 107
   Keller 60, 252, 254, 255, 258, 262
   Kellermann 244
   Kempis, Thomas a 278
   Kerr 29, 85, 86, 113
   Kesser, Hermann 85, 233
   Keyserling, Eduard 107, 145, 229, 242, 244
   -- Hermann 97, 145, 146, 150, 181
   Kianto, Ilmari 284
   Kipling 105, 270, 279, 286
   Kivi, Aleksis 284
   Klabund 260
   Klee 232, 259
   Kleist 27, 172, 310
   Klinger 209
   Klopstock 51, 74, 209, 267
   Kokoschka 244
   Kolb, Annette 29, 85, 112, 215, 278
   Konrad 58, 101
   Konradi 58
   Kornfeld 235, 239, 259
   Krner 191, 210, 219
   Kortum 137
   Kster 177
   Kraus, Werner 77
   -- Karl 136, 137
   Krell, Max 85, 279
   Kretzer 58
   Krupp 213
   Kubin 108
   Kusmin 284

   Laclos 111
   Lafontaine 130
   Lagerlf 112, 289
   Lamartine 107, 207, 212, 274
   Lamb, Lady Caroline 272
   La Mettrie 201
   Lasker-Schler 213, 215
   Latham 228
   Lauff 46
   Lautensack 287
   Lautrec 214
   Lauzun, Herzog v. 89, 114
   Leboeuf 12
   Lebrun 158
   Lemonnier 278
   Lenau 44
   Lenclos, Ninon de 102
   Lenin 280
   Lenoir 227
   Leopardi, Graf 229, 282
   Le Sage 130
   Lesseps, v. 145
   Lessing 26, 48, 74, 127, 128, 166, 172, 175, 178, 303
   Leyen, von der 174, 200, 205, 206
   Lichnowsky 105, 233
   Lichtenberg 87, 198
   Liebermann 243, 244
   Lienhard 106
   Lionardo da Vinci 156, 267, 315
   Lipschitz 257
   Liscow 127
   Lissauer 219
   Liszt 127
   Livingstone 104, 227
   Lloyd George 188, 193
   Loke 261
   London, Jack 109
   Longfellow 287
   Loti, Pierre 274
   Loucheur 311
   Louys 274
   Ludwig 55, 105
   Lukian 19, 21
   Luther 25, 84, 207, 209, 310

   Mackay 58
   Macpherson 285
   Madelung, Ange 105, 288
   Maintenon 160
   Makart 303
   Malermller 51
   Mleskirchner 42, 303
   Mallarm 28, 244, 274
   Manet 229, 242, 244, 303
   Mann, Heinrich 85, 111, 134, 135, 200, 216, 233, 253, 278
   -- Thomas 112, 255, 262, 280
   Manuel 74, 209
   Manucci 90
   Manzoni 207
   Marc, Franz 239, 306
   Marlowe 74
   Maria Theresia 169, 257
   Marryat 109
   Martens, Kurt 102, 200
   Martin, Karlheinz 80
   Martinet 276
   Marinetti 281
   Masereel, Frans 214
   Maeterlinck 107, 274
   Matisse 242
   May 109
   Mehring 140
   Meidner 191
   Meier-Grfe 86, 236
   Meissonier 128
   Menge 141, 156
   Merk 87
   Mesnevi 104
   Metternich 211
   Meunier 44
   Meurthe, de la 312
   Meyrink 108, 258
   Michel, Wilhelm 85
   Michelangelo 27, 42, 126
   Michelin 312
   Mika 268
   Mille, Pierre 274
   Milton 267
   Mirabeau 170, 198
   Mohammed 283
   Molire 27, 72, 74, 126, 130, 172, 270, 311, 314
   Molnar 283
   Monet 244
   Monolescu 287
   Montaigne 145, 273
   Montesquieu 101, 130, 138
   Morgan 313
   Morgenstern 200, 287
   Mrike 108
   Morier, James 112
   Moricz 284
   Morse 227
   Moscherosch 127
   Mozart 102, 126, 207
   Mller 63
   Multatuli 278
   Munch 289
   Mnchhausen 44
   Mnzer, Thomas 14, 232
   Murasaki 155
   Murat 59
   Murner 51, 209
   Muskau, Frst Pckler v. 13, 66, 102, 228
   Musset, Alfred de 107, 137, 242, 257, 274, 304
   Myller 302

   Nachmann, Rabbi 288
   Napoleon I. 34, 59, 83, 95, 124, 191, 207, 214, 228, 268, 276, 287,
      306, 309
   -- III. 102
   Necker 219
   Neumann 268
   Newton 131
   Nex 218, 288
   Nietzsche 27, 45, 151
   Nofrit 156, 231, 233
   Nolde 239
   Northcliff, Lord 286
   Novalis 107

   Odin 292
   Oeder 229
   Oegg 268
   Ollivier 12
   Opitz 24
   Origines 126
   Oswald 58

   Palm 276
   Panin 285
   Panizza 58
   Pontoppidan 218, 244, 288
   Papini 282
   Paquet, A. 274
   Pascoli 282
   Patterson 321
   Paul, Jean 27, 46, 47, 52, 57, 58, 111, 128, 139, 229
   Penell 218
   Percy 103, 285
   Perez 287
   Pestalozzi 60
   Peterich 59
   Petfi 283
   Petrarka 107, 116, 160, 307
   Petron 103, 159, 169
   Picasso 232
   Pick 258
   Pierre, Bernhadin de St. 104
   Piles de 306
   Piloty 128, 303
   Pilsudski 287
   Pindar 27, 28
   Philippe, Charles Louis 110, 214, 274, 315
   Platen 172, 259, 303
   Poe 108, 287
   Poelzig 44
   Poincar 271
   Pope 130, 131
   Porte, Jacob della 291
   Pouchi, Liane de 10
   Poussin 306
   Prevost, Abb 111
   Prokrustes 270
   Przerwa-Tetmajer 287
   Puschkin 108, 231, 284
   Puttkammer 58

   Quevedo 113
   Queiroz 287

   Rabelais 24, 112
   Racine 46, 142, 160, 172, 307, 314
   Rafael v. Urbino 141, 303, 307
   Rasmussen 104
   Rathenau 31, 33, 192, 311
   Rausch, Albert H. 138
   Rauscher 177
   Reimann 140
   Reinhardt, Max 79
   Reinmar 52
   Rembrandt 267
   Remisow 108, 285
   Renard 109
   Renoir 229, 243, 244, 245
   Retz, Kardinal 101
   Rtif, de la Bretonne 111
   Reuenthaler 101
   Reuter 127
   Reynolds 158, 161
   Richardson 110, 285
   Richelieu 25
   Riemenschneider 54
   Rilke 23, 85, 278
   Rimbaud 76, 172, 274
   Ringelnatz 140
   Rivire 275
   Rodenbach 112
   Rodin 42, 112, 288
   Rolland 215, 275, 276
   Romain, Jules 277
   Ronsard 24, 36, 107
   Rops, Flicien 214
   Roquette 198
   Rosenblt 74, 127, 209
   Rossini 127
   Rotschild, Henri 312
   Rousseau 61, 110, 154, 158, 273, 274
   Rubens 96, 101, 141, 162, 288
   Rubiner 213
   Rckert 210
   Ruisbroek 278
   Rupertus Rex 10
   Ruskin 287
   Russolo 281

   Sachs, Hans 24, 74, 127, 137, 138, 209, 255
   Sade, Marquise de 111
   Saint Simon 102, 114
   Sainte-Beuve 172
   Salten 257
   Saltikow 108, 284
   Sand, George 102, 170, 274
   Sautuola, Baron M. 305
   Savonarola 133, 286
   Schfer, W. 60, 71, 255
   Schffer, Albrecht 255, 262
   Scheffel 45
   Schelling, Caroline 102
   Schenkendorf 210
   Scheerbart 109, 138
   Schickele 29, 45, 56, 62, 85, 86, 113, 213, 215, 216, 233, 244, 253,
      278, 279
   Schiller 42, 172, 209, 304
   Schlaf 28, 52
   Schlegel, A. W. v. 86, 113, 167, 172, 211, 267
   Schmidt, Privatdozent 284
   Schmidt, Jockey 121
   Schmidtbonn 112, 254
   Schmied, Rudolf Joh. 62, 63
   Schmitz 55
   Schnack 213
   Schneeberger 69, 121, 125
   Schneider, Sankt Anton 69, 121
   Schnitzler 107, 257
   Scholem, Alejchem 287
   Scholz, Wilh. v. 255
   Schrder 74
   Schubart 209
   Schumann 66
   Schwind, M. v. 303
   Scott, Walter 109, 128, 159, 162, 230, 282, 283, 285, 314
   Scudry 25
   Sealsfield 260
   Seewald 235
   Seidel, Willi 260
   Serner 218, 281
   Severini 281
   Shakespeare 24, 27, 46, 74, 76, 86, 107, 139, 203, 246, 270, 302,
      307, 314
   Shaw, Bernhard 72, 107, 159, 193, 241, 270, 271, 284, 286
   Shelley 107
   Sheridan 159, 285
   Siemens & Halske 227
   Siemsen, H. 60
   Sinclair 218, 286
   Singenberg, Ulrich v. 52
   Sinsheimer 238
   Slevogt 244
   Smollet 159, 162, 285
   Sokrates 206
   Soyka 109, 257
   Spengler 106
   Speyer, Wilhelm 259
   Stadler 107, 213, 275
   Stal 43, 103, 207, 219, 272
   Stahl 239
   Stanley 104, 227
   Steffen 254
   Stehr 60
   Steinle 214
   Steiner 99
   Stendhal 131, 215, 254, 273, 274, 303
   Stephenson, George 227
   Sternberg 206
   Sterne 285
   Sternheim 29, 80, 107, 135, 139, 216, 233, 244, 245, 253
   Stifter 112
   Stinnes, Hugo 311, 312, 313, 315
   Stolberg, Gebrder 209
   Storm 113
   Stourdza, Frst 10
   Strindberg 80, 97, 288
   Stucken 244
   Sturz 26, 87
   Suarz 104, 270, 273, 275, 278
   Sudermann 73, 244
   Sue 283
   Swift 107, 131, 132, 137, 159, 241, 285
   Swinburne 290
   Sylvester Schffer 179
   Szp, Ern 284

   Tacitus 22, 83
   Tagore 106, 146
   Tassoni 130
   Taube, Baron 244
   Tegnr 228
   Thackeray 107, 132, 159, 162, 285
   Thoma, Hans 45
   Thukydides 66
   Tieck 172, 211
   Tiepolo 84, 268
   Tizian 161
   Toller 204
   Tolstoi 215, 259, 284
   Trakl 213
   Trotzki 280
   Troyes, Crestien v. 273, 314
   Trbner 274
   Tschechow 259, 284
   Tschitscherin 9
   Tuaillon 44
   Tucholsky 140
   Turgenjeff 284
   Twain, Mark 287
   Tyche 88, 89
   Thylmann 60, 61
   Tzara, Tristan 281

   belhr 139
   Uhde, W. 61, 62
   Uhland 75
   Unruh 75, 190, 205
   Uranos 221
   Utzarski 138

   Vaillant-Couturier 277
   Valois, Margarethe von 25, 264
   Vaugelas 25, 27, 280
   Velasquez 156, 246
   Veldecke 155, 165
   Verhaeren 113, 274, 278, 279
   Verneuil 244
   Veronese 162
   Verlaine 107, 172, 274, 278
   Viebig 269
   Viertel 80
   Viktor Emanuel 214
   Villehardouin 101, 105, 273
   Vildrac 215, 277, 278
   Villiers, de l'Isle 108
   Villon 24, 231
   Vischer, Melchior 258
   Vogelweide, Walther von der 23, 49, 51, 52, 64, 101, 155, 163, 165,
      310
   Vollmller 278
   Voltaire 43, 71, 107, 129, 131, 135, 160, 201, 207, 268, 274, 285,
      293, 302, 304

   Waal, Anders de 77
   Wagner 46
   Walden, Herwarth 97, 136
   Wallot 57
   Walser 59, 60
   Wassermann 245, 257, 279
   Watt, James 218, 227, 248
   Watteau 307
   Wedekind 29, 44, 45, 72, 73, 77, 78, 80, 200, 233, 234, 274, 307,
      310
   Weichert 80
   Wei, Ernst 213, 258
   Wells 109, 286
   Wenzig 233
   Werfel 213, 233, 258, 278
   Werth, Lon 276
   Wiegler 86
   Wieland 27, 111, 127, 139, 206, 228, 260, 267
   Wilde, O. 54, 111, 162, 285
   Wille 58
   Wildenbruch 44, 52, 78, 205
   Wilding 121
   Wimpfen 12
   Wimpher 297
   Winder, L. 258
   Winternitz, Frau v. 113
   Wirth 192
   Wisthler 112
   Withman 111, 213
   Wolfenstein 213, 280
   Wolff, Theodor 86
   -- Prof. 199
   Wedderkopp, v., kgl. Regierungsrat 263

   Xenophon 83

   Zachari 127
   Zech 213
   Zick, J. 268
   Zifferer 257
   Zobeltitz, v. 315
   Zola 28, 57, 112, 207, 229, 242, 274, 287, 302, 314
   Zulawski 109, 287
   Zweig, Stefan 85, 244, 257, 279




Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgefhrt
(vorher/nachher):

   [S. 9]:
   ... das Karussel der Zeit sich umgedreht! ...
   ... das Karussell der Zeit sich umgedreht! ...

   [S. 10]:
   ... In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blokiert: ...
   ... In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: ...

   [S. 10]:
   ... ein Bad fin champagne gerstet, wurde dem jungen
       Portugisenprtendenten ...
   ... ein Bad fin champagne gerstet, wurde dem jungen
       Portugiesenprtendenten ...

   [S. 19]:
   ... wirft Sie ber den Kamm, sobad Sie ihn betreten. Versuchten ...
   ... wirft Sie ber den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten ...

   [S. 66]:
   ... und den Ksten nnd Stdten aller Kontinente neben einem ...
   ... und den Ksten und Stdten aller Kontinente neben einem ...

   [S. 85]:
   ... sich selbst wuchernd wie eine Pergola zich zuzog und mit ...
   ... sich selbst wuchernd wie eine Pergola sich zuzog und mit ...

   [S. 85]:
   ... an sich heran, was auer den kleinen malerischen ...
   ... an sich heran, was auer dem kleinen malerischen ...

   [S. 102]:
   ... Keiner konnte schreiben so wollstisg und so geistreich wie ...
   ... Keiner konnte schreiben so wollstig und so geistreich wie ...

   [S. 105]:
   ... gypetn von modernem prezisem Charme, ist zwar das Buch ...
   ... gypten von modernem prezisem Charme, ist zwar das Buch ...

   [S. 108]:
   ... Villers de l'Isle Adam aber in Edisons Weib ...
   ... Villiers de l'Isle Adam aber in Edisons Weib ...

   [S. 109]:
   ... Roman Auf silbernen Gefilden. Der deutsche Scherbart ...
   ... Roman Auf silbernen Gefilden. Der deutsche Scheerbart ...

   [S. 109]:
   ... der Soyka, Heller, Jak London, Eje, Elvestad ins ...
   ... der Soyka, Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins ...

   [S. 125]:
   ... nur schn, wenn man sich im Hlichen beweit. Er
       verstehts, ...
   ... nur schn, wenn man sich im Hlichen beweist. Er
       verstehts, ...

   [S. 138]:
   ... noch von den Meistersinger kommt. Hans Sachs aber ist ...
   ... noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist ...

   [S. 139]:
   ... uud schwer zu fassen. Wie fat man sie rasch? ...
   ... und schwer zu fassen. Wie fat man sie rasch? ...

   [S. 152]:
   ... In der Tat, Mijheer, ich bin von Rei Irmos & Compagnia ...
   ... In der Tat, Mijnheer, ich bin von Rei Irmos & Compagnia ...

   [S. 157]:
   ... entsprach, da er den groen Dessertausfatz fr Katharina ...
   ... entsprach, da er den groen Dessertaufsatz fr Katharina ...

   [S. 170]:
   ... trat die Literatur in die Republikk. ...
   ... trat die Literatur in die Republik. ...

   [S. 170]:
   ... Frankreich hat sich im letzten Jahrhuudert fit und ...
   ... Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und ...

   [S. 208]:
   ... Tger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund ...
   ... Trger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund ...

   [S. 215]:
   ... da sie seine Werke tief druchdringen. Er wie Barbusse ...
   ... da sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse ...

   [S. 218]:
   ... in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hlsenbek und Serner
       begabte ...
   ... in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hlsenbeck und Serner
       begabte ...

   [S. 219]:
   ... Die Eisenbahnen waren die teuflichste Erfindung ...
   ... Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung ...

   [S. 223]:
   ... Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schafe? ...
   ... Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe? ...

   [S. 232]:
   ... ganz verlassen und sind sektirierhaft auf Formeln und in ...
   ... ganz verlassen und sind sektiererhaft auf Formeln und in ...

   [S. 244]:
   ... und Keyserling und Pantoppidan. Ja, in Deutschland, das ...
   ... und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das ...

   [S. 251]:
   ... Licht gefacht. Es riecht nach Frhling, Mjinheer, das
       Leuchten ...
   ... Licht gefacht. Es riecht nach Frhling, Mijnheer, das
       Leuchten ...

   [S. 270]:
   ... lngen und kontrollieren . . . Vergesssen. Kipling durfte ...
   ... lngen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte ...

   [S. 287]:
   ... von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawsky. ...
   ... von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. ...

   [S. 315]:
   ... Es wirklich noch scheidendne Grfte / Jetzt baut der einende ...
   ... Es wirklich noch scheidende Grfte / Jetzt baut der einende ...






End of Project Gutenberg's Das Bcher-Dekameron, by Kasimir Edschmid

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS BCHER-DEKAMERON ***

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