The Project Gutenberg EBook of Das Labyrinth, by Ina Seidel

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Title: Das Labyrinth
       Ein Lebenslauf aus dem 18. Jahrhundert

Author: Ina Seidel

Illustrator: Alphons Wlfle

Release Date: January 11, 2015 [EBook #47941]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LABYRINTH ***




Produced by Norbert H. Langkau, Jens Sadowski and the
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                            [Illustration]

                              INA SEIDEL




                            DAS LABYRINTH


                        EIN LEBENSLAUF AUS DEM
                           18. JAHRHUNDERT

                            [Illustration]

                                 1922
                     VERLEGT BEI EUGEN DIEDERICHS
                                 JENA

                Einband, Titel und Vignetten zeichnete
                            Alphons Wlfle

   Alle Rechte, insbesondere das der bersetzung in fremde Sprachen,
    vorbehalten. Copyright 1922 by Eugen Diederichs Verlag in Jena

                            Meiner Mutter
                    und dem Andenken meines Vaters
                               gewidmet




                             Erster Teil.
                             Knig Minos


                            [Illustration]

                            [Illustration]

Hinterher dachte George freilich, es wre besser gewesen, den Mund zu
halten und die neu erworbene Kunstfertigkeit entweder schnell zu
vergessen oder sie nur auszuben, wenn Er ferne war, -- etwa wie das
Schaukeln auf dem Wiesengatter, das George liebte und das Er des
Quietschens wegen streng verboten hatte. Aber wie htte er, der kleine
George, hier an ble Folgen denken sollen? Unbefangen fhrte er sein
neues Knnen der Mutter vor, und Frau Justine mute sich doch zu jemand
aussprechen, der das Ereignis besser in seiner ganzen Erstaunlichkeit zu
wrdigen wute, als der Wunderknabe selbst; dieser war nmlich in der
Stunde der Offenbarung seiner selbsterworbenen Fhigkeit genau so
rundugig, gelassen und freundlich, wie vorher. Er hatte nun den Sinn
der sonderbaren Bilder auf den breiten Rcken der dicken
Schweinslederschwarten in Vaters Kabinett ergrndet, -- Bilder, die
eigentlich keine Bilder waren, indem sie einzig nur sich selber glichen.
Er kannte sie, seit er begonnen hatte, auf dem Fuboden herumzurutschen,
er war ihren eigensinnigen Gestalten mit dem Fingerchen gefolgt und
hatte Gemeinschaft mit ihnen gehabt, denn sie gefielen ihm und er war
angenehm davon berhrt, ihnen stets von neuem zu begegnen, wie sie sich
gesellig zusammen anfanden, immer die gleichen, aber nach geheimen
Gesetzen der Anziehung jedesmal anders gemischt. Etliche waren wie Tiere
mit festgestemmten Beinen und steilgereckten Schwnzen; andere
dickkpfig und menschlich; viele waren nur wie eine freundliche,
erstaunte oder einladende Gebrde, eins war wie eine brennende Kerze und
zwei von liebenswrdiger Brezelgestalt. Gewissen Lieblingen hatte er
bald eigene zrtliche Namen verliehen, so gab es ein Pilzchen und ein
Tnnchen, ein Kugelrund und einen Butterkringel unter ihnen. In
manchen Fllen bildeten sie Familien mit einem Vater oder einer Mutter
an der Spitze und einer Schar angereihter kleiner Kinder im Gefolge, die
dann alle einzeln benannt werden muten. Einen liebte er gar nicht,
einen bsen Zickzack, der ihn anzuzischen und ihm ins Gesicht zu
springen schien, der hie Zetermordio, -- wie konnte er anders heien?
Dies war das Wort voll Angst. Allen aber wohnte eine seltsame Gewalt
inne, der das weiche Gehirn des Knaben willig erlag, der Wucht nicht
widerstrebend, mit der sie sich ihm einstampften. Dann kam er dahinter,
da auch die groen Leute Beziehungen zu diesen Gestalten hatten, die da
in Schwarz oder Gold so regungslos verharrten und doch bedeutungsvoller
schienen als die blanken Ngelkpfe an Vaters Lehnstuhl, oder die
Tressen an seinem eigenen Sonntagsrckchen, oder die Mundtasse der
Mutter, -- denn auch diese Dinge, wie alles in der Welt, hatten ihr
eigenes Gesicht. Ja, der Vater wute ebenfalls Namen fr Pilzchen und
Tnnchen, er redete Pilzchen mit T an, und Tnnchen mit U, zu Kugelrund
sagte er O, und B zu Butterkringel. So ging es fort und war des
Aufmerkens wert, wie alles, was die groe Stimme dieses Vaters ber den
kleinen Kopf des Sohnes hindrhnte, -- wenn George sich auch seine
eigenen Bezeichnungen vorbehielt, ohne viel Geschrei darum zu machen.
Immerhin lehrte ihn der Vater nach seinem Verfahren ein neues
erheiterndes Spiel, indem er ihm an einem Winterabend einen ganzen
Aufmarsch der stummen Freunde auf ein Blatt Papier malte, einen nach dem
anderen deutlich benennend und diese Namen, an und fr sich nichts auf
der Welt bedeutend als sich selbst, mit seiner Stimme verbindend und
zusammenziehend, da sie pltzlich nicht mehr da waren, untergegangen in
einem Neuen, einem Wort, einem ganz bekannten Wort, -- einem
Menschennamen: George! Der nchste Aufmarsch in dieser besonderen Weise
aufgerufen ergab Forster und in der Folgezeit sa der kleine George
Forster manchmal grbelnd ber dem Blatt, das er in seine Schatzecke
geschleppt hatte, wo er alles aufbewahrte, was ihm irgend belangvoll
erschien, neben Kastanien und Schneckenhusern auch mancherlei Abflle
vom Schreibtisch seines groen Vaters, abgenutzte Gnsekiele, winzige
Stckchen Siegelwachs und leider auch einen Schlssel, von dem er wohl
wissen konnte, da sein Erzeuger mindestens ebensoviel Wert auf seinen
Besitz legte, als er selber, denn er hatte der Suche nach diesem
Gegenstand, die in ein verzweifeltes Familienspiel ausgeartet war, mit
nachdenklich in den Mund versenkten Daumen beigewohnt. Durch fortwhrend
wiederholte Vertiefung in die aufgemalte Zauberformel, -- durch
unwillkrliches Vergleichen mit anderen Buchstabenreihen, -- auf dem
Wege unermdlichen blinden Herumtastens des fhrerlosen zarten Geistes,
-- unerklrlich im letzten Grunde, -- war es auf einmal reif gewesen,
das Wunder, und George, noch nicht fnf Jahre alt und in seinem roten
Kittelchen auf dem Schemel zu Frau Justinens Fen sitzend, las seiner
Mutter aus einem zu Boden gefallenen Buch einen Satz vor, eine Zeile,
die sich in seiner ungeschickten Betonung fr immer in das Gedchtnis
der Frau einprgte:

   Doch mir sinket die Hand, die Geschichte der Wehmut zu enden ...

Als sie sich dann fast bebend zu ihm niederbckte und andere Seiten
aufbltterte, gab er bereitwillig neue Proben seines Knnens, ja, er las
sogar ohne Stocken nur mit einem gewissen behutsamen Beschleichen dieser
schrecklich fremden Wrter das Titelblatt ab:

   D--e--r M--e--ss--ias, ja, der Messias, -- ein Heldengedicht!

In diesem Augenblick war Er, der Vater, dazugekommen, die Mutter hatte
gelacht und geweint, nun, und da war es eben herausgekommen, dies, aus
dem er allerdings nicht lange ein Geheimnis htte machen knnen, was er
auch gar nicht beabsichtigt hatte; denn wute er denn, was es fr Folgen
haben wrde?

Die nchste Folge war die, da sich der kleine George mit diesem
Augenblick, dem Frauengemach, -- das hie hier: der Kche, dem Stall und
dem Garten, -- hie: der stndigen Gesellschaft der leisen, lchelnden
Mutter und der wuseligen kleinen Schwestern, -- entrckt sah und sich
einbezogen fand in den Kreis der mnnlichen Kraft des Hauses, das hie:
nicht nur geduldet in dem Kabinett des Vaters, sondern dringend
gentigt, die schnsten Stunden des Tages daselbst zuzubringen,
gewrdigt der steten Gegenwart seines Erzeugers, der Atmosphre von
Lavendelduft und Tabaksqualm, wie er blulich aus den langen
hollndischen Tonpfeifen quoll, deren Reinhold Forster, der Pfarrer von
Nassenhuben, sich das Jahr ber unterschiedliche Dutzende aus Danzig
verschrieb; denn seine ungeduldigen Hnde schlugen mit dem gebrechlichen
Rohr ebensooft den Takt zu seinen Gedanken, wie einen sanften
Trommelwirbel auf den Schultern des Shnleins, das dann immer geduckt in
gelinder Spannung abwartete, ob es wohl wieder neue Rohrstcke zum
Seifenblasenmachen geben wrde. Viel Zeit zum Seifenblasenmachen und
hnlichen Belustigungen in der blauen Sommerluft hatte er nun allerdings
nicht mehr. Seine rundliche Grbchenhand ward mit einem Gnsekiel
bewaffnet, und mit der Zeit sah er unter seinen Fingern schnrkelhafte
Gebilde entstehen, deren Gelingen ihn solange innig erfreute, als sie
nur zum Selbstzweck da waren, zu ihrer eigenen Vervollkommnung immer
wieder aus dem schwarzen Nichts der Tinte und dem weien des Papiers
entstehen muten und hchstens dazu dienten, sich schn zu einem Spruch
zusammenzureihen oder zu einem Geburtstagscarmen fr die Mutter, die
beim Empfang einer solchen Leistung immer ein wenig zu weinen pflegte,
-- aus Ratlosigkeit, aus Mitleid mit dem Knirps, Gott mochte wissen,
warum, -- was alsdann die Mnner veranlate, einen Blick schweigenden
Einverstndnisses zu wechseln. Es hob den kleinen George mit einem
Gefhl unerhrter Wichtigkeit, da seit jenem Tage, da er lesen konnte,
der berwltigende Vater ihn als Kameraden behandelte, so etwa wie einen
Gleichstrebenden, den man um seiner verschiedenen Unzulnglichkeiten
willen, als da sind krperliche Winzigkeit und geistige Unbeholfenheit,
ein wenig verachtet, den man aber nichtsdestoweniger anerkennt und den
man untersttzt, da man selbst es in jeder Beziehung brig hat. Oh,
welch ein Mann! Fegte sein Toupet nicht beinah die geschwrzte Decke,
wenn er in der niederen kleinen Studierstube auf und ab schritt, einen
Satz, den er dem Knaben diktiert hatte, zu seinem eigenen Vergngen in
siebzehn Sprachen wiederholend, mit der gewaltigen Stimme singend,
rollend, zischend, je nachdem? Dann stand er am Pult, den mchtigen
Rcken widerwillig gekrmmt, und schrieb mit quietschender Feder und
weitausholenden Schnrkelbewegungen, schrieb tausendmal schneller als
George es konnte, der seine kurzen Beine um die hlzernen des Sessels
schlang, eines hohen, steifen Sessels, fr ihn noch um einen aufgelegten
dicken Folianten erhht, zumeist um Geners Naturgeschichte der Vgel,
in der unter allen gefiederten Wesen zwischen Adler und Zaunknig auch
die brave Fledermaus, als des Fliegens mchtig und darum hierhergehrig,
angefhrt war. Geriet der Vater hitziger ins Arbeiten, so sank der
Unterricht in Vergessenheit, dafr wurde nach dem oder jenem Buche
geschrien, und eilfertig glitt der Knabe von seinem Sitz und schleppte
emsig herbei, was er vermochte, stand mit vorgestrecktem Buchlein da,
die Wucht staubiger Bnde im Gleichgewicht haltend, und harrte geduldig,
da sie ihm abgenommen wrden, lie sich anschnauzen und eilte zurck
wie ein stummer dienstbarer Kobold, klomm das schmale Leiterchen zu den
obersten Bcherreihen empor, glitt aus, stolperte und fiel unter einem
Hagel kleiner Elzevirbnde, an deren Aufstellung er unvorsichtig
gerhrt, -- ward wiederum angefaucht, verbi sich das Weinen, rumte,
tief gedrckt, auf, -- -- -- hatte alsbald in riesigen Mappen nach einer
bestimmten getrockneten Pflanze zu suchen, einem Heilkraut mit einem
verzwickten lateinischen Namen, der von bitterer Zutrglichkeit nur so
triefte, aber entsetzlich schwer zu behalten war, besonders da er nur
einmal und eilig hervorgestoen genannt wurde ... Sa, die kleine warme
Stirne gefurcht und mit bebenden Lippen diesen Namen immer vor sich hin
lispelnd, am Boden ber den ungefgen Blttern der Herbarien und hatte
das Glck, das richtige Stck zu entdecken; bot es zaghaft und demtig
dar und erhielt ein zerstreutes Lob, das ihn ein wenig glcklich lcheln
lie, aber gleich darauf stand er wieder ernsthaft und stramm, denn dies
verstand sich ja von selbst. Nun beobachtete er, whrend er im
Hintergrunde lautlos lateinische Vokabeln zu seinem Cornelius Nepos
auswendig lernte, da die Arbeitswut des Vaters nachlie, -- die Feder
ruhte bisweilen und der Vater starrte nach dem vergitterten Fenster, vor
dem das rankende Geiblatt im Winde schwankte --, er murrte vor sich
hin, schrieb weiter und sthnte dabei. George erkannte mit Befriedigung:
jetzt war der Vater hungrig geworden und gleich wrde etwas geschehen,
-- richtig, da trat er ja schon an die Wand und langte mit der Miene
eines Schlafwandelnden den Hirschfnger herunter, der dort neben Bchse
und Pulverhorn hing, -- es wrde etwas geschehen, wobei auch er, George,
gut wegkommen wrde. Zugleich fhlte er eine leise durchdringende
Beschmung, als jetzt die Tr des Kabinetts knarrte, des Vaters schwere
Schritte ber den Flur hallten und er sich vorstellte, wie nun die
Mutter in der Kche erschrak, du liebes Gottchen! sagte und einen
Blick in die Runde schweifen lie ber alles, was an Ebarem dalag.
Hatte er nicht zu oft erlebt, da sie weinte, wenn der Vater so gekommen
war, seine groen blauen, etwas vortretenden Augen zerstreut und hungrig
zum Beispiel auf den Rauchfang richtend, whrend sein rotbraunes Gesicht
unter der weibestubten Percke schwer besorgt aussah? Ja, meine
Liebe, sagte er dann etwa, die wird wohl dran glauben mssen! und
reckte sich in seiner ganzen Lnge auf, um mit dem Hirschfnger das
letzte magere Schlackwrstchen herunterzusbeln, das dort oben baumelte.
Dann suchte er nach dem Brot, von dem er einen gewaltigen Kanten
abschnitt, und mit dem ersten stattlichen Bissen zwischen den Zhnen
verlie er die Kche, der Mutter kummervoll zunickend. Geistige
Arbeit, sagte er vielleicht noch mit erhobenem Zeigefinger, geistige
Arbeit zehrt, meine Liebe! und sah es durchaus nicht, da die hilflosen
Lippen seiner Frau zuckten und blanke Trnen in den Brotteig sprangen,
den sie knetete. Er aber, George, er hatte es immer gesehen und sah es
auch jetzt vor sich, in gesammeltem Ernst auf dem Holzschemel neben
Vaters Ofen sitzend, die Fustchen auf den Knien und die Augen nicht
erhebend, ein unschuldiger Heuchler, scheinbar ganz in seine Aufgabe
vertieft, als der Vater nun mit Elefantenschritten zurckkehrte. Er
blickte durchaus nicht auf, obgleich er angespannt und erwartungsvoll
lauschte, wie der Wurst jetzt knisternd die Haut abgezogen und sie samt
dem Brot in mundgerechte Brocken zerlegt wurde, denn mit dem
Hirschfnger als Messer und der eichenen Tischplatte als Unterlage ging
das nicht geruschlos vor sich. Dazwischen kaute und schnaufte der
Vater. George, -- da, -- i! sagte er, geistige Arbeit zehrt, -- wir
sind geistige Arbeiter. Du auch. Das wei Gott. George hatte schnell
und neugierig den Kopf gehoben und die eine kleine Hand vor den Mund
gelegt, wie er immer tat, wenn er berrascht oder entzckt war.
Gleichzeitig bekam er einen furchtbaren Schreck -- die ganze Wurst! --
und was sollte es nun am Sonntag in die Erbsensuppe geben --, was nun?
Wo noch lange nicht wieder geschlachtet werden konnte, denn die Zeit war
doch noch nicht da und das Schwein noch behende wie ein Reh, -- so sagte
Malchus, der Knecht --, also was sollte die Mutter tun, nicht wahr?
Trotz seines tiefen Mitleids mit ihr kam er aber herbei wie ein
wedelndes Hndchen, nahm seinen Anteil in Empfang und verzehrte ihn in
seiner Ecke mit unruhiger Glckseligkeit und unter schwerem Nachdenken.
Da sah man's wieder, wie recht Malchus, der Knecht, hatte, wenn er beim
Stallausmisten oder beim Graben im Garten, -- Arbeiten, denen George in
achtungsvoller Unttigkeit beiwohnte, -- Erfahrungstatsachen aussprach,
wie: Dein Vater ist der Herr. Denn warum? Ihm gehrt's! Und darum: er
it so viel er mag! Freilich, so war es! Zu Martini a der Vater die
halbe Gans, und Frau, Kinder und Gesinde den Rest, er tat es nicht unter
siebzehn Klen oder vierzehn Pfannkuchen, und rein zum Frchten war es,
wenn Kartoffeln auf den Tisch kamen, hei, dampfend, mit geborstenen,
erdbraunen Schalen, aus denen es weimehlig hervorquoll. Da a er an die
dreiig, tat sich Salz, zerlassenen Speck oder frische Butter darauf,
wischte sich den Mund und lachte nach einem tiefen Zug aus dem Bierkrug
drhnend ber seine bedrckte Tafelrunde, die hinter ihrem Hirsebrei
sa, denn Frau Justine hielt die unterirdische Knollenfrucht nun einmal
fr giftig, rhrte sie nicht an und litt es nicht, da die Kinder sie
bekamen, -- selbst nicht dem Knig von Preuen zuliebe, der ihren Anbau
doch allenthalben poussierte. Ja, der Vater! Dem machte es nichts aus,
frh morgens um sechs auf nchternen Magen einen ganzen Stachelbeerbusch
leer zu essen, der setzte dicke Milch auf ein halbes Schock Zwetschgen,
wenn es ihn so gelstete, und lachte wiederum ber George, der von allen
diesen Dingen mit jener Vorsicht nahm, die ihn ble Erfahrungen
frhzeitig gelehrt hatten. Du hast einen kleinen kalten Magen, mein
Sohn! sagte er mitleidig, und George ward betrbt und tat sein Bestes,
um des Vaters Ansprchen auch in dieser Hinsicht zu gengen. So durchs
Haus gehen wie ein hungriger Wolf und die Eier austrinken, die Mutter
fr die Glucke gesammelt hatte, oder am Freitag den Kuchen anschneiden,
der fr den Sonntag bestimmt war --, wrde er das je tun knnen? Nein
--, aber durfte er denn abweisen, was ihm der Vater _gab_? Er htte es
nicht gedurft, auch wenn es schlecht geschmeckt htte, das war klar! So
a er, von leise nagender Reue geplagt und gleichzeitig von dumpfer
Bewunderung fr den Vater erfllt, dem alles gehrte, das Haus, der
Garten und das Feld, die Kirche drauen im Dorf, wo er des Sonntags von
der fichtenen Kanzel herabwetterte und seinen Halbpolacken das
Evangelium handgreiflich genug auslegte, -- die Kuh, die Ziegen und das
Schwein, und nicht zuletzt er selbst, samt der Mutter und den
Schwestern, Friederike und Sophie, und endlich Mareiken, der Magd, und
Malchus, dem Knecht. --

Sieh nicht so hervor wie die Maus aus dem Loch! sagte der Vater
schlielich unwirsch, wenn der beharrlich auf ihm ruhende Blick seines
Sprlings ihm lstig wurde. Dann ging es weiter, -- Vokabeln, --
Zahlen, -- der Inseln, der Gebirge, -- der Gesteine, der Pflanzen und
der Tiere Namen, -- drauen dufteten die Linden, die Hhner kakelten
schlfrig, ab und zu hrte man die Stimmen der kleinen Schwestern, die
spielen durften, immer nur spielen, -- und George lernte, lernte und
lchelte manchmal gehorsam, wenn der groe Vater Grund fand, einen Witz
zu machen anllich eines Versehens des Schlers ...

                   *       *       *       *       *

Auf Kreta aber, einer Insel, -- an sich schon furchtbar dadurch, da sie
um und um so weit man sehen konnte, von Wasser umgeben war und gewi
gestaltet wie die Grte eines Schellfisches, vielleicht auch hnlich
riechend --, auf Kreta stand derweilen das Labyrinth mit den tausend
verschlungenen, ineinandergeschobenen Gngen, in denen die armen
Ausgesetzten umherirrten. Hungernd, -- denn das letzte Stckchen Brot
aus Athen in Attika war lngst verzehrt, -- und ganz im Dunkeln und ohne
ein warmes kleines Bett, in dem man sich die Decke ber den Kopf ziehen
konnte zum Schutz vor dieser Dunkelheit. Und im Dunkeln immerfort das
tobende Geheul des Minotauros, der so unvorstellbar schrecklich
gestaltet war, der auf sie wartete, irgendwo auf sie wartete im Kerne
dieser Nacht ...

Es gab so viele andere Geschichten von den Alten, die der Vater ihm
erzhlte und mit ihm las, und der kleine George wute sie auch in
wohlgesetzten Worten zu wiederholen und bewahrte in seinem erstaunlichen
Schdelchen ein vortrefflich geordnetes Lager von Gttern und Helden,
Stdten und Tempeln, Knigen und Vlkern, Schlachten und Siegen.
Indessen ruhte das alles in ihm wie in einem gutgehaltenen Herbarium
ohne Saft und Farbe, Blut und Kraft, und das lag nicht an dem Lehrer,
der, wenngleich ohne gestaltende Phantasie, so doch mit persnlichem
Feuer vortrug, Partei ergriff und keinen Anstand nahm, die groen
Griechen gelegentlich fr eine Gesellschaft charakterloser Schngeister
zu erklren. Georges Vorstellungsvermgen versagte, sobald seine
Empfindung, sein Gemt nicht berhrt wurden, und die erbebten wie
Sinnpflanzen nur vor der Vorstellung des Zrtlichen, Idyllischen, --
oder aber, und dann nachdrcklichst betroffen und mit der Fhigkeit, den
Eindruck immer von neuem erzitternd in sich wachzurufen: vor dem
Grausamen, dem Grlichen! Da waren Skylla und Charybdis mit ihrer
atembeklemmenden Angst, da war die Blendung Polyphems, der er, allem
innern Schaudern zum Trotz, immer wieder und in allen Einzelheiten
nachhing, ein krankhaftes Mitleid mit dem ungeschlachten Riesen
empfindend und den zugespitzten, in der Glut gehrteten Pfahl im eigenen
Auge fhlend, wie er aufzischend in Blut und Trnen whlte. Oder mute
er sich das vorstellen, gerade um diesen schmerzlichen Schauder zu
fhlen? Tat es ihm irgendwie wunderlich wohl, obgleich er sein kleines
Gesicht oft verzweifelt ins Kissen drckte, wenn ihn vor dem Einschlafen
die Ermordung der Freier heimsuchte? Entsetzlich, wie dem Antinous der
Pfeil in die Kehle fuhr, -- George hrte hier immer das trompetende
Angstgeschrei einer Schlachtgans, -- wie der arglose Agamemnon im Bade
starb! Mit bebenden Hnden tastete er das Irrsal der dipussage nach,
und es war, als knnte er es nicht lassen, sich in diese Bilder zu
vertiefen und sie mit peinlicher Gewissenhaftigkeit bis ins kleinste
auszumalen, er, der im Leben ein kleiner Feigling war, und den der
Anblick von Blut hinfllig machte. Warum aber war nichts furchtbarer als
das Labyrinth jenes Knigs Minos auf Kreta, von dessen letzten Schrecken
nie etwas gesagt war, ber das man nur Vermutungen und Ahnungen haben
konnte? Wie, -- wie sah er aus, der Minotauros? Ein Mann mit einem
Stierkopf, -- gut! -- aber wie mochte das aussehen, wie grlich dies:
ein Mann mit einem Stierkopf! Diese Vermutungen waren es, die
Vorstellung einer ungeheueren Angst vor dem Unbekannten, die den Knaben
berkamen, wenn er, -- immer in jener gefrchteten und doch heimlich
ersehnten Stunde vor dem Einschlafen, -- in seiner Einbildung mit
trippelnden Schritten den finsteren Schlund des Einganges betrat. (Und
drinnen brllte der Minotauros!) Es folgten ihm gewhnlich eine Anzahl
von Kindern aus dem Dorf, bestimmt, sein Schicksal zu teilen, die
kleinen Schwestern waren darunter, die sich an sein Jckchen
anklammerten, und Janusch, des Schweinehirten Sohn, der katholisch war
und sich vor nichts frchtete, nun aber klein und demtig sich aller
polnischen Schimpfworte enthielt und George aufs Wort folgte, denn er
war ja fremd hier. (Und drinnen brllte der Minotauros!) Es gab nun die
verschiedensten Abwandlungen dieses Traumspiels, und manche waren
ausgesprochen gemtlich, man verfgte zum Beispiel ber Mundvorrat,
Brezeln, Pfefferkuchen und Gnseklein, man hatte Decken und Federkissen
mit und vor allem hatte man sich der gewaltigen Stallaterne des Malchus
bemchtigt und bei ihrem anheimelnden Schein schlug man in einer Ecke
des Labyrinths ein Lager auf, wo man a, trank und sich vortrefflich
behagte, denn drinnen brllte der Minotauros, aber nichts war sicherer,
als da er nicht herauskommen wrde, nein, die Gefahr war einzig die,
da man zu ihm hineinlief. Diesmal hatte man den Faden der Ariadne,
(vorgestellt in der Gestalt von Mareiken, der Magd, in Holzpantoffeln
und ihres grauwollenen Strickknuels), und drauen wartete geduldig das
Schiff zur Heimfahrt, man wrde nicht vergessen, das weie Segel anstatt
des schwarzen aufzuziehen, damit sich jener alte Vater nicht aufregte
und bereilt ins Meer strzte. George legte keinen Wert auf den Ruhm des
Theseus, den Minotauros erlegt zu haben, er berlie das anstandslos dem
Janusch, der mit einem Prgel und Erdklen bewaffnet war, wie meist.
George hatte keinen Zug zum Heroischen. Aber es kam vor, da er jene
Gnge allein und ausgestoen betreten mute, da er ohne Nahrung und
Licht war und auerdem barfu und im bloen Hemde (auf spitzen, kleinen
Steinen und bei eisigem Zugwind), da er so hineinirrte in die saugende
Finsternis, sich an kalten, feuchten Mauern weiter tastete, immer in der
Angst, auf Krten zu treten, (und immer hrend, wie es brllte, --
brllte!) -- da dann, pltzlich, im Dunklen und an nichts anderem
erkennbar als an dem Duft von Kche und Kinderstube, einem sommerlichen
Duft, mit dem sie ber einem zusammenschlug wie ein reifes Kornfeld, die
Mutter bei ihm war, -- oh, Wonne und Aufschluchzen, die Mutter! -- die
ihn auf den Armen hinaustrug, und dann war drauen nicht das Land der
Schellfischgrte, sondern der Garten mit seinem Lindenbaum und seinen
friedlichen Kohlkpfen. Mitunter war es auch die Starostschenka
Hermanowska aus dem Gutshause, die ihn so rettete, sie hatte das
geblmte Seidenkleid mit dem mchtigen Reifrock an und glich auf ihren
hohen Stckelschuhen einer riesigen wandelnden Blte, sie hob ihn mit
Schwung ber diesen Wall hinber an ihren tiefausgeschnittenen,
berpuderten Busen, an den sie seinen Kopf drckte, wie einstmals, als
sie seine Mutter besucht hatte. Auch sie duftete, aber anders,
durchdringender, kstlicher und widerlicher als alle Dinge der Welt
bisher geduftet hatten. Und dies war ein Erlebnis, in dessen Bestrzung
George sich ewig von neuem fallen lassen mute, wie in ein bodenloses
Blumenmeer, um ohne Befriedigung, nur seltsam beklommenen Herzens,
daraus aufzutauchen.

Was bedeuteten jedoch solche Spielereien gegen die wahre Furchtbarkeit
und den nackten Ernst dieser Vorstellung, wenn sie ihn nchtlich
berfiel, whrend der Schlummer ihn lhmte und er ihr nichts
entgegenzusetzen hatte? Sie nahm wuchernd Besitz von den ausgestorbenen
Windungen seines Hirns, durch die der Schlaf khl und feierlich wehte,
sie breitete sich bse und lautlos aus, bis sie das Zentrum des
Bewutseins erreicht hatte und ihn -- ja, wen? Nun jedenfalls doch sein
eigentliches, innerstes Selbst, -- aufstrte und zu jagen begann. Dann
geriet er in einen Wirbel der Angst, in eine rasende Hoffnungslosigkeit,
-- er wute nichts mehr vom Knig Minos, von der Insel Kreta, von
Theseus und dem Minotauros, es war nur noch die Idee des Labyrinths, die
ihn beherrschte, eine Idee, gleichbedeutend mit kreiselnder, nutzloser
Flucht, gehetzt in immer engeren Schlingen um einen heulenden
Mittelpunkt, dem er sich nherte, anstatt ihm zu entgehen, -- es war
Beben, Fiebern, Keuchen und -- das Schreien, das grauenhafte Schreien,
das er dann hrte, indem er sich unter der furchtbaren Last dieses
Traumes emporarbeitete, immer von neuem verschttet wie von einem
Erdrutsch, -- dies grliche Schreien, von dem es dann immer hie, er
selbst habe es ausgestoen, er selbst ...

brigens stellte er sich den Knig Minos wie seinen Vater vor und es
half nichts, da er selbst diese Vorstellung als einen Versto gegen das
vierte Gebot erkannte und unbehaglich dagegen ankmpfte. Leider war es
ihm auch schon frher so gegangen, als er noch klein war, -- (so dachte
der Siebenjhrige) -- als er noch nicht lesen konnte, -- (und immer nur
spielte), -- als ihm die Mutter die Geschichte vom kleinen Dumling
erzhlt hatte. Damals hatte der Menschenfresser so ausgesehen wie der
Vater, es war nichts dagegen zu machen, auch nicht mit der verzweifelten
Gegenfrage, ob denn der Vater ausshe wie ein Menschenfresser? Nein,
denn er war immer sauber und stattlich anzusehen, von dem schimmernden
Toupet abwrts bis zu den blitzenden Schnallenschuhen, und selbst wenn
er im Hause mit dem langen Schlafrock angetan herumwandelte, der die
Wirkung seiner ohnehin groen Gestalt ins Gespenstische steigerte, mit
dem Troddelstrick um den Leib und der Zipfelmtze auf dem Haupte, -- ja,
selbst wenn er von der Jagd heimkam, in den langen Stiefeln, die ihm
fast bis zur Hfte gingen und ber und ber na und mit Schlamm
bespritzt, -- wenn er dann eine blutige Beute auf den Fuboden warf und
mit Gedrhn das ganze Haus zu seiner Bedienung in Bewegung setzte, --
auf einen Kchenstuhl geworfen sa er da, Mareiken hielt ihn von hinten
an den Schultern fest, wobei sie die Backen aufblies und die Augen
aufri, Malchus kniete vor ihm und zerrte ihm die Stiefel ab, verfehlte
auch nicht, mit jedem auf den Rcken zu kollern, (er war kurz und dick
wie Sancho Pansa), George schleifte den Schlafrock, Rieken und Fieken
die Pantoffeln herbei, die Mutter stand am Herde und rhrte ein
Eierbier, -- nein, selbst dann wirkte er nicht wie der Menschenfresser,
und wenn er auch zum Schlu Rieken und Fieken packte und sie je in einen
Stiefel steckte, so da sie nur mit Schopf und Augen hervorsahen und
klglich mauzten wie junge Katzen, -- (ihn freute so was unbndig), --
so fra er doch keine Menschen, sondern a nur, was die Mutter kochte,
und das meiste pflanzte er sich selbst im Garten, friedfertig und
ernsthaft in der Erde whlend, -- pflanzte Rben, Bohnen, Erbsen, Gurken
nebst fettem, glnzendem Kohl und fllte das ganze dreieckige Stck Land
hinter dem Pfarrhause bis ans uerste seiner Mglichkeit mit nahrhaftem
Gemse, auf da er, Reinhold Forster, und dann natrlich auch sein Weib
Justine, seine kleinen Kinder und sein Gesinde, -- aber doch besonders
und um Gotteswillen er selbst, dieser groe, starke Reinhold Forster,
da der viel, _sehr_ viel und gut zu essen habe! Und wenn er das lange
Messer wetzte, so tat er's doch nur, um ein Huhn oder eine Gans zu
zerlegen, aber nie, um einem kleinen Jungen die Beine abzuschneiden,
(nebenbei gedacht: was war der Dumling unverschmt zu dem
Menschenfresser, wann htte George es je gewagt, dem Vater so zu
begegnen?!) Aber nochmals: der Vater glich weder einem Knig Minos noch
einem Menschenfresser, (nur diese beiden, sie glichen nun eben einmal
dem Vater, vertrackt!) der Vater fra keine Menschen und duftete
auerdem nach Lavendel, seine Hemden und Bffchen, seine Leintcher im
Bett, selbst die Polster seines Ohrenstuhles und des alten knarrigen
Kanapees, alles mute jahraus, jahrein s und eindringlich Rede stehen:
blau, blau, blau ist die Sommerszeit! Dies war das einzige Blumenbeet im
Garten, das der Vater selbst anlegte, und es lag unter der Sonne da wie
ein azurfarbenes Kissen, vom Winde gewellt. Tazetten und Goldlack,
Tulpen, Narzissen und Ponien, Fliegende Herzen, Stockrosen und Braut in
Haaren, all die bunten, ppigen Blumen, die die Mutter so liebte und
heimlich aussete, sie fanden nur in ausgesparten Winkeln und an den
Rndern der Rabatten Platz, wo sie dann freilich ppig wucherten und den
Kindern die Schultern, den Erwachsenen die Knie streiften. Eine Ecke des
Gartens durfte niemand betreten, als der Vater allein und George, wenn
er mitgenommen wurde. Hier roch es streng und seltsam, wenn die Sonne
auf den kleinen, sorgfltig gehaltenen Beeten lag, die zum Teil mit
verstellbaren Glasplatten bedeckt waren. Fremdartige Kruter mit krausem
Blattwerk erstanden dort aus den kostbaren Samen, die der Vater wie
Goldstaub htete, wenn sie auf seine Bestellung endlich aus London oder
Antwerpen eingetroffen waren. Kam es dann zur Aussaat, so war er meist
in der besten Laune, wie stets beim Arbeiten in diesem Gartenwinkel, den
er je nach Stimmung einen botanischen Garten von Qualitt oder ein
Apothekergrtlein, ein miserables nannte. Dann grunzte und pfiff er,
whrend er am Boden hockte und die Pflnzchen mit seinen starken Fingern
merkwrdig zart verpflanzte und umsetzte, er erbaute eine
Miniaturgebirgslandschaft, er legte einen winzigen Sumpf an, kurz, er
schuf Bedingungen und gelangte zu allerlei aufregenden Ergebnissen
seiner Mhe, deren Wichtigkeit er George eindringlich mitteilte, ehe er
in grndlichen Aufstzen und Briefen der gelehrten Welt davon Kenntnis
gab. George hielt ihm sein rosiges Apfelgesicht mit ernsthaften, runden
Augen zugewandt und lauschte offensichtlich gespannt. Wute ein Mensch,
da er eigentlich dachte: wenn nur Fieken meinen kleinen Spatzen nicht
findet und ihm was tut, -- und etwa: heute gibt es Kaldaunen, ich
wollt', ich war verreist!? Dies und hnliches lie er sich
angelegentlich durch den Kopf gehen, whrend sein Gehr und Gedchtnis
dem Vater zugewandt waren wie willenlose Schreibtafeln, so da er spter
imstande war, die schwierigsten Vortrge fast wrtlich zu wiederholen,
-- und dann, bei dieser Wiederholung, beteiligte er sich auch an dem
Inhalt dessen, was er sagte, und lernte wirklich dabei. Hinterher zeigte
es sich freilich, da Fieken den kleinen Spatzen, der sich so weich und
zrtlich anfate und dessen zitterndes, kleines Herz man fhlen konnte,
wenn man ihn in die hohle Hand nahm, da Fieken diesen selben geliebten,
kleinen Spatzen wohl gefunden und ihn unbedenklich der Hauskatze zum
Spielen angeboten hatte. George weinte nicht, er nahm auch keinerlei
Rache, aber eine ungeheure Bitterkeit erfllte sein Herz gegen diese da,
die immer spielen durfte, -- nun ja, und so weiter! Er sah sie gro und
strafend an, empfand, da sie sich gar nichts daraus machte, sondern
ungerhrt fortfuhr, den toten Balg ihrer holzkpfigen Puppe um und um zu
drehen und anzuputzen, ihm Speise anzubieten, -- kleine Steine, die sie
dann hinter sich auf den Boden warf, -- eine alberne Gaukelei! -- (der
kleine Spatz hatte schon angefangen, eingeweichtes Brot von einer
Federpose zu sich zu nehmen, sicherlich, er htte ihn grogezogen!) --
und ging dann hinaus, die Hnde auf dem Rcken, das Gesicht etwas
verzogen und innerlich starr vor Schmerz. Eine lhmende Fremdheit stand
zwischen ihm und den Kindern, er gehrte nicht zu ihnen, er wute es,
obgleich Fieken nur ein Jahr jnger war als er, und die brigen, -- es
waren sechs hinter ihm, als er elf Jahre alt war, -- bildeten mit ihr
eine verbndete Macht. Wenn sie ganz klein waren, hatte er immer
irgendwie die Hoffnung, sie knnten ihm gehren, dann stand er manchmal
heimlich an der Wiege, streichelte sie behutsam mit seinen
tintenbeklecksten Fingern und war unsglich gerhrt von ihrer
verwunderten Hilflosigkeit. Aber sobald sie herumwackeln konnten, war es
aus, dann hatten sie Ansprche, denen er ratlos gegenberstand, und
Fieken zog wie selbstverstndlich mit ihnen ab. Ganz schlimm wurde es,
als der Vater ihn dazu anstellte, unter seiner Aufsicht die Schwestern
zu unterrichten und ihnen die Knste beizubringen, die er selbst wie im
Schlaf gelernt hatte. Gewi, er machte seine Sache nicht bel und die
beklemmende Feierlichkeit der Studierstube und besonders der stndige
Anblick des ber das Pult gebeugten vterlichen Rckens hielt seine
Schlerinnen in Respekt, so da sie hchstens in Augenblicken
unertrglicher Langweile die Feder oder das Schnupftuch fallen lieen,
um unter den Tisch kriechen zu knnen und ihn ins Bein zu kneifen,
sicher, da er nicht schreien wrde. Aber nun sammelten sich
Rachegelste in ihnen an fr die Sonderstellung, die er sich anmate,
fr jeden geschnauften Tadel, den der Vater ausstie, fr jede Kopfnu,
mit der dieser eine gesudelte Aufgabe verurteilte, und berhaupt dafr,
da sie nicht mehr so viel spielen konnten, immer nur spielen,
leichtfertiges, auf Plsier erpichtes Gesindel, das sie nun einmal
waren. So nannten sie ihn von vorn und hinten den Herrn Magister und
ahmten den etwas steifen Gang mit den auf den Rcken gelegten Hnden
nach, den er sich angewhnt hatte. Wenn er mitspielen wollte und im
Anfang alles gut ging, wenn er sich dann glcklich einmal verga, schrie
und tollte wie die anderen und unbeholfene Sprnge machte, dann fhlte
er ganz pltzlich, wie die Bosheit ber sie kam, ohne einen sonderlichen
Grund, als den, da er sich anders benahm wie sonst und sich
offensichtlich einbildete, zu ihnen zu gehren. Alsbald fiel es ihm wie
Reif aufs Herz, er ward unsicher, forschte in ihren verschlossenen
kleinen Fratzen, in denen die Lippen verkniffen waren oder breit und
hhnisch verzogen, er fhlte sich umlauert, ward bebend empfindlich und
gereizt, und dann war auf einmal Streit da und er immer der Schuldige.
Wie furchtbar war das! Wute es die Mutter denn, wie unglcklich er war?
Sie rief ihn herein, wenn er an seinen Trnen wrgend beiseite schlich,
sie schalt ihn mit keinem Wort, wenn die anderen ihn verklagten, -- sie
strich ihm kummervoll ber den Kopf und gab ihm etwas zu tun, lie ihn
Gemse putzen und hatte unendliche Geduld mit seinen ungeschickten
Hnden. Allmhlich kamen sie dabei ins Plaudern und unterhielten sich
gedmpft und eifrig, gerieten von Bohnen und Krbissen zu Apfelbumen
und Weihnachten, erheiterten sich an Erinnerungen aus seiner frhesten
Kindheit, als er noch sehr klein und dumm und alles so wunderschn
gewesen war. Denn damals, sagte Frau Justine und blickte mde auf ihre
arbeitenden Finger, damals war auch der Vater noch zufriedener,
Georgie, er hatte ... horch, kommt er da nicht? -- nein, es ist der
Malchus! -- er hatte noch nicht so viel Ideen von Ruhm und Ehre und der
weiten Welt. Aber er hat recht, -- er hat recht, -- er verkmmert hier,
seine Gaben liegen brach, er ist noch jung ... so wiederholte sie
traurig eine Reihe oft gehrter Beweisgrnde ihres Gatten und George
nickte ernsthaft dazu. Das sagte der Vater, sagte es in den letzten
Jahren mehrmals des Tages in den verschiedensten Tonarten, und
allmhlich war die Atmosphre im Hause geladen mit Unzufriedenheit und
harrte bebend des zndenden Funkens. Anders, anders sollte alles werden,
-- aber wie? und: -- mein Gott, konnte man hier nicht glcklich sein?

George entsann sich in spteren Jahren immer wieder eines Abends, der
mit seinem klaren, starken Bronzegold durch die schwarzen zitternden
Kronen der Pappeln vor dem Hause geschienen hatte. Das Kchenfenster
stand offen und der Oktoberduft von Rauch und modernden Blttern drang
mit der herben Luft herein. Drauen in der frhen Dmmerung hantierte
Malchus und ging mit seinen schweren Schuhen ber den Hof; eine Kette
klirrte, -- die Stalltr knarrte und dann brllte die Kuh. Irgendwo,
vielleicht hinten im Garten beim Nubaum oder auf der Dorfstrae, wo der
Ziehbrunnen quietschte, kreischten die Schwestern mit Mareiken. Hier
drinnen war es dmmrig, still und warm. Auf dem Herde flackerte ein
Holzfeuer unter dem summenden Kessel, warf zuckende Lichter hinauf in
die Finsternis des Rauchfanges und lie die kupfernen Gerte rtlich
auffunkeln, die an der Wand gereiht hingen. Es roch nach reifen pfeln,
-- nach Dill, der in groen Bscheln unter der Decke trocknete, und in
dem groen Holzschaff pltscherte es zuweilen, darin schwammen die
Karpfen, die der Starost vorher mit einem ehrerbietigen Kompliment an
die Frau Predigerin geschickt hatte und die es morgen Mittag geben
sollte. Der Vater war fern, es war heute nichts mehr zu lernen, zu
denken, sein Geist war ganz entspannt und gleichsam selig nicht
vorhanden. Nach dem Zank mit den Schwestern vorhin war sein Herz nun
gelst in Dankbarkeit und Rhrung. Er htte gern noch ein wenig geweint,
eng an die Schulter der Mutter gedrckt, aber er lie es bleiben und gab
sich einem trumerischen Fluten der Gedanken hin. Und auf einmal war es,
als ginge ihre Furcht davor, da es jemals anders werden knnte, auf ihn
ber, auf einmal empfand er wie noch nie die Welt da drauen jenseits
der heimatlichen Feldmark wie ein tosendes Meer, all die Stdte, die
hohen Schulen, die Namen groer und gelehrter Herren, die der Vater
dauernd im Munde fhrte, kreisten mit bedrohlicher Wirklichkeit um sein
Haupt, und ein Gefhl, ins Bodenlose zu strzen, berkam ihn so stark,
da er sich an den Arm der Mutter klammerte und flsterte: Wir bleiben
doch, -- Mutter, -- wir bleiben doch hier ...

Ach, Georgie, murmelte sie schwach und schob ihn sanft bei Seite, denn
jetzt waren es wirklich Reinholds Schritte, die drauen erklangen, --
und, -- liebes Gottchen, -- seine Kartoffeln waren gewi noch nicht gar!
-- ach, -- mein Georgie ...

Er war wie kein anderer in die Gemtszustnde seines Vaters eingeweiht,
die dieser tglich in langen Selbstgesprchen vor ihm aufrollte. Ganz
abgesehen davon, ob einer den Predigerberuf in sich fhle oder nicht, --
und es gbe Mnner, die bei aller Frmmigkeit und Rechtschaffenheit
einzig dem tglichen Brot zuliebe nach diesem Amt htten greifen mssen,
also weder berufen noch auserwhlt, George! -- ganz abgesehen davon: war
es etwa eines Predigers wrdig, fast einzig von seiner Hnde Arbeit zu
leben und sich von dem zu nhren, was er dem Boden abrang, -- diesem
Sumpf- und Sandboden obendrein, der freiwillig nur Kiefern und Wacholder
hervorbrachte, -- wer die fressen wollte, mte wohl einen Jesuitenmagen
haben, -- hoho! Nein, aber er habe es satt, wie ein Bauer zu leben und
im Winter bis zum Dach einzuschneien und gegen die Wlfe in Fehde zu
liegen! Er sei nun denn doch aus den Jahren heraus ... (Verstummen,
Aus-dem-Fenster-Starren, den Ellbogen auf das Stehpult gestemmt und mit
dem Rauch der Pfeife ungeheure Verachtung ausstoend!) Ob er, Georgie,
wohl glaube, da es gerecht sei, einen Mann, der siebzehn Sprachen
verstnde und ber die gesamte Bildung seines Zeitalters verfgte, --
dessen brieflichen Umgang die feinsten Geister suchten und nach dessen
Gutachten so mancher Groe schon verlangt htte, -- ob es gerecht sei,
den in die finstere Polackei zu begraben und ihn dort vermodern zu
lassen? Aber -- (auf und nieder in der engen Stube wie ein Tiger im
Kfig und Druen in die Ferne mit der Faust) -- sie hatten nicht mit
Reinhold Forster gerechnet, sie kannten den Mann eben nicht und wrden
ihn erst erkennen, wenn sie das Nachsehen htten, denn auer Landes
wrde er gehen, auer Landes ... (Neuerliches Verstummen, gegen den
Kachelofen gelehnt und offensichtlich durch die Wrme von hinten etwas
besnftigt.) Sodann, gemigt, im Plauderton: Da hatte man nun seine
Dienste dem Knig von Preuen angeboten, dem ersten deutschen Frsten,
einem Mann von zweifellos (Achselzucken!) den grten Meriten nicht nur
um die Eroberung von Schlesien und die Einfhrung der Kartoffel. Und
hatte man nicht den Bescheid erhalten, da man als Prediger bei seinem
Leisten zu bleiben und nicht in die Wissenschaften zu pfuschen habe?!
(Verchtliches Schnauben durch die Nase.) Hier sollte man also bei den
Jesuiten weiter Speichel lecken und Gott danken, wenn man nicht vom Volk
gesteinigt, wenn einem die Kirche nicht demoliert und das Dach ber dem
Kopf angezndet wurde? Htte Georgie Lust das zu erleben, -- he? Wenn
nun der Roskowski einmal hierher kme mit seinen zweierlei Stiefeln,
schwarz und rot, die Feuer und Tod bedeuteten, und der umherritt und die
evangelischen Prediger brandschatzte? Wollte Georgie zusehen, wenn er
dem Vater Hnde und Fe abhackte und die Zunge ausrisse, hoho, -- na,
also, nicht wahr?! (Trumerische Benutzung des lavendelduftenden
Schnupftuches) Nein, nein -- (gewichtiges Kopfschtteln) _nein_, zum
Mrtyrer fhlte er sich nicht geboren und ganz unbeschadet seiner
religisen berzeugung wrde er eher in jesuitische Dienste treten, als
hier noch weiter einen verlorenen Posten verteidigen, er wrde so zu
einem Mrtyrer seiner Wissenschaft werden, man bemerke dies wohl! (Im
Vertrauen gesagt, George, denn die Weiber haben keinen Verstand davon:)
Unterhandlungen seien da im Wege, Unterhandlungen von weittragender
Bedeutung, -- man konnte jetzt noch gar nichts sagen, aber ...
Jedenfalls auch fr Georges Zukunft von hchster Wichtigkeit, -- na,
kurz und gut: abwarten! (Gedankenvolles Saugen am Rohr, Vertiefung ins
Rauchgewlk: Ja, ja!) Am liebsten ginge ich nach England. Das wre das
Land der Zukunft, da fnde sich wahrer Weltbrgersinn und lebte sich aus
in gewaltigen erdumspannenden Plnen, ins Werk gesetzt von einer
unerschpflichen Tatkraft. England, England! (Triumphmarsch durch die
Stube mit geschwungenem Pfeifenrohr und wehendem Schlafrock) Georgie,
England unser Vaterland, vergi es nicht! Vor hundert Jahren noch saen
wir Forsters in der fetten Yorkshire-Landschaft an den Fleischtpfen
gyptens, auf eigenem Boden, ehe wir auswanderten und ausgerechnet nach
diesem gottverlassenen Erdenzipfel! -- Sehr lblich, unsere
Beweggrnde, sehr lblich, allerdings ... setzte er pdagogisch hinzu,
denn sein Urgrovater hatte England aus Treue gegen den enthaupteten
Karl I. verlassen, -- Indessen, -- abschlieendes Gebrumm, -- gab's
nicht auch andere Lnder, um dahin zu flchten? War Preuen nher als
die Niederlande etwa? --

Projekte! Das war es! Projekte hinter den nachdenklichen Runzeln des
Vaters, Projekte hinter seinem zerstreuten Lcheln, Projekte hinter
jedem jhzornigen Aufbrausen. Man stand auf, man schlief ein mit
Projekten, man trumte Projekte, Projekte waren tglich Brot auch fr
den Knaben. Freilich, es kamen Stimmungen ber ihn wie an jenem
Oktoberabend, als er sich an die Mutter geklammert hatte, -- aber wenn
sie ihn jetzt zum Helfen zu sich rief und halblaut und zrtlich mit ihm
plauderte, als frchtete sie immer, belauscht zu werden, -- Unser
liebes Haus, nicht wahr, Georgie, unser schner Garten ...! dann fhlte
er sich unbehaglich und kam sich wie ein Verrter vor, wenn er nickte
und wohl auch einmal seufzte, um nicht ganz stumm zu bleiben. Ein
schner Garten, ein liebes Haus, -- ja gewi, -- aber wie mochte es denn
sein, wenn nun einmal ein Projekt in Erfllung ging und die enge Welt
der Heimat aufsprang wie eine Eierschale, aus der er auskriechen wrde
wie der hoffnungsvollste Gickelhahn?! So machte er sein einfltigstes
kleines Heuchelgesicht der Mutter zuliebe, deren Kummer er ganz deutlich
sprte und der ihm das Herz wund rieb, -- dachte aber trotzdem
unaufhrlich mit unruhiger Neugier an die letzten dunklen Reden des
Vaters, der wieder einmal in Danzig war, -- wohlgemerkt, mit einem neuen
mausfarbenen Rock aus feinstem Tuch und mit einem halben Dutzend seiner
krausesten Jabots versehen, von der Staatspercke ganz zu schweigen! Was
tat er denn immer wieder in Danzig, wo sich zur Zeit auch Herr von
Rehbinder aufhielt, der russische Gesandte in Polen, ein ergebenster
Diener der groen Zarin, ein Werkzeug ihres Willens und ein charmanter
Mann obendrein?! Was mochte es zu bedeuten haben, da er neuerdings
bestndig vom heiligen Ruland fabulierte, von Europens Morgenland,
von der Edelsteinmauer des Ural und der wandernden Breite der Wolga, an
deren Ufern sich Deutsche niederlassen sollten wie in Paradieses Scho,
-- couragierte Mnner, deren Familien, hm, hm -- ein majesttischer
Blick zu Frau Justine hinber -- es ihnen auf Knien danken wrden, da
ihr Mut Frau und Kinder von den mageren Weiden der Heimat in dies zweite
Kanaan versetzen wrde, dem dringlichen Ruf Katharinas folgend, die in
werbenden Manifesten den Heimatlosen von ganz Europa Freisttten,
billiges Brot und unerhrte Vorteile in den noch unbewohnten Gefilden
ihres riesigen Reiches bot? Warum mute er, George, auf einmal anfangen,
Russisch zu lernen, seine Zunge ben, das R zu schnurren wie ein
spinnender Kater und das kurz vorher leidenschaftlich begonnene
Hollndisch liegen lassen? Warum lchelte der Vater oft so
gedankenverloren vor sich hin, wenn er arbeitete, warum tat er so, als
ginge ihn die Frhjahrsbestellung des Gartens nichts mehr an? So von
Neugier und Ungeduld zerfressen, und um den wehklagenden Augen der
Mutter zu entgehen, verging sich der Knabe gegen seine eigene Natur und
wilderte ein paar Wochen mit Janusch und hnlichen Kumpanen umher, stahl
pfel, zndete Heuschober an und qulte Hunde und Katzen, alles Dinge,
deren Versuchungen bis dahin an ihm abgeglitten waren. Er benahm sich
ungeschickt genug dabei, wurde von den anderen regelmig vorgeschickt,
um die Kastanien aus dem Feuer zu holen, und hinterher ausgelacht, und
war eben bereit, gedemtigt und angeekelt in das alte Leben der
Stubenhockerei zurckzukehren, als die Pocken, die im Dorf umgingen,
ber ihn herfielen und seinen drftigen Krper eine geraume Zeit
zwischen Tod und Leben hin und her zerrten. Dann kamen hbsche Tage, in
denen er das frchterliche Labyrinth der Fiebernchte wieder ganz
verga, Tage des Himbeersaftes und des Griesbreis und oh, der lieben
Gellert'schen Fabeln, -- Tage des Nichtmehrkrankseins und doch noch
Gehtscheltwerdens, Tage voll des Sonnenscheins mtterlicher Liebe und
eigener Verantwortungslosigkeit, -- nichts lernen, nichts schreiben,
immer nur deutsch sprechen, ach -- und immer nur spielen, -- Tage, so
selige, und die letzten seiner Kindheit. Denn als er aufstand,
narbenbedeckt, ein kleiner alter Mann, noch mde und elend und an nichts
weniger denkend als an Projekte, -- da war es so weit, da barst die
Eierschale und er mute hinaus, ob er wollte oder nicht. Im Auftrag der
russischen Regierung, wie er sagte, wie er zweifellos auch annahm und,
-- jedenfalls durch Vermittlung des scharmanten Rehbinder, -- auf Kosten
der Krone, ging Reinhold Forster an die Wolga, um dort die Bedingungen
der ersten deutschen Ansiedelungen zu studieren, und er hatte es sich
ausbedungen, seinen ltesten Sohn, -- einen hoffnungsvollen,
strebsamen, jungen Gelehrten -- mitzunehmen. Ja, er nahm ihn mit sich,
als Hndchen, als Famulus, vielleicht auch nur, weil ihm der Knabe zur
unentbehrlichen Gewohnheit geworden war und in einem ersten pltzlichen
Zurckschauern vor den einsamen Wegen der Fremde. --

                   *       *       *       *       *

In der ersten Nacht auf See, nachdem der Leuchtturm von Zoppot im Nebel
hinter ihnen versunken war, und die Ostseewellen sich das rundbauchige
Schiff gegenseitig zuwarfen, machte George, in seinem schmalen Wandbett
unsanft hin und her geschleudert, wehleidige Zugestndnisse und rief
auer dem einen groen Vater unser noch alle Nebengtter vergangener
Jahre an, die er lngst endgltig abgetan zu haben meinte: Maria nmlich
und Joseph, dazu Jakob, Abraham und Isaak, sowie Moses und Elias und
andere weibrtige, wunderkrftige Gestalten des Religionsunterrichtes,
denen er als kleiner Knabe in endlosen geflsterten Gebeten gemeint
hatte huldigen zu mssen, mit krankhafter Gewissenhaftigkeit bedacht,
nur ja keinen zu vergessen, der dann im Himmel traurig auf seinem
besonderen Thrnchen htte sitzen mssen, vielleicht mrrisch, am Ende
gar zornig des gewohnten Weihrauchs harrend. Er versicherte nicht nur
_sich_ ihres Beistandes, sondern vor allem _sie_ seiner Ergebenheit, --
denn ich habe euch ja alle so lieb wisperte er nach ausfhrlicher
Namensnennung und fgte zur greren Sicherheit abschlieend hinzu: und
_alle_ Engel!, denn schlielich, _Engel_ war (seines Erachtens) ein
jeder von ihnen und so war es ganz gewi, da keiner vernachlssigt
worden war. Er hatte sich auf diese Weise frher oft in den Schlaf
gebetet und nur Fieken, die immer durchaus wissen wollte, _was_ er denn
so fr sich zu flstern habe, hatte ihm die Gewohnheit verleidet. In
dieser Nacht aber kehrte er reuig zu ihr zurck, demtigte sich
ausgiebig und gelobte Dienstbarkeit fr alle Zeiten, wenn man ihn nur
lebendig aus diesem frchterlichen Schiff entkommen und ihn jemals
wieder einen vergngten kleinen Magen haben lassen wollte. In einer
Atempause des Sturmes, als das chzen, Knarren, Klatschen und Heulen fr
einen Augenblick aussetzte, vernahm er neben dem unbehaglichen Sthnen
und Wrgen der beiden anderen Fahrtgenossen, -- des Herrnhuter Bruders
David Krzner und des Jenaer Studenten Gotthold Betzel, -- ein
wohlbekanntes grndliches Knurschen und Schmatzen und stellte bei sich
fest, -- wobei sich sein Gedrme schmerzlich zusammenzog und sliche
Flauheit sein Denken lhmte, -- da der Vater da in der Finsternis pfel
a, er meinte nun pltzlich auch den frischen heimatlichen Duft wie
einen schnen Fremdling durch die verdorbene Luft der niedrigen Kajte
schweben zu spren und krmmte sich gleicherweise vor Heimweh wie vor
Seekrankheit. Der Vater wurde nicht seekrank, mochte Gott wissen, wie er
das anfing, der stand am Morgen mit den possierlichsten Bocksprngen auf
und verlie pfeifend den Raum, nicht ohne seinem Sohn und dessen
Leidensgenossen mit gerunzelter Stirn und teilnahmsvoll rollenden Augen
eine kleine Collation angeboten zu haben, da doch ein gefllter Magen
den ganzen Menschen aufrecht zu halten imstande sei, wie er an sich
selbst erfahren zu haben meinte. George schttelte angstvoll abwehrend
den Kopf, der Herrnhuter, der so im Bett mit der weien Zipfelmtze ber
den Ohren ein knittriges Altmtterchengesicht hatte, sah nur zum Himmel
und bewegte beschwrend die Hnde, Gotthold Betzel aber verlangte
murrend nach einem ^Spiritus liquor^, den Herr Forster alsbald in
Gestalt eines Nsels Rum feierlich herbeitrug und den leidenden Bruder
trnkte, wie eine Mutter den Sugling. Er versumte nicht, die Flasche
auch George und dem ehrwrdigen Krzner mit aufmunterndem Blick
hinzuhalten, zuckte bedauernd die Achseln und nahm selbst einen
krftigen Schluck, der ihn sichtlich bis zu den Schnallen seiner Schuhe
wohlig durchschttelte. Sodann verschwand er und schickte den Janusch,
um fr die Sauberkeit des Fubodens zu sorgen, und Janusch wankte
herein, selbst grn und gelb aussehend, -- jawohl, der Janusch war
mitgenommen worden, denn was war ein Reisender ohne Kammerdiener? Er war
ein Baum ohne Schatten! -- und Janusch tat sein Bestes, aber dann rollte
er sich am Fuende von Georges Bett zusammen und George nahm mit
Ergriffenheit wahr, da der ehemals so gefhrliche Feind gebrochen war
wie er selber. Hatte er schon seit dem Tage seines Dienstantrittes ein
gewissermaen abgeklrtes Wesen zur Schau getragen, da sich George
gegenber einstweilen in vlliger Nichtbeachtung, gegen den Vater jedoch
in rasender Dienstfertigkeit ausprgte, so ward es jetzt offenbar, da
er mit dem zerfetzten Wams auch die feindliche Gesinnung bis aufs letzte
abgestreift und mit den heilen Strmpfen, den ledernen Beinkleidern und
dem sauberen moosgrnen Kamisol, das Forster ihm zu Danzig in aller Eile
hatte anmessen lassen, eine begeisterte Unterwrfigkeit angezogen hatte,
auch fr George, den er Panje nannte und ihm den rmel kte, jetzt,
ehe er so zusammensank und den Kopf an die hlzerne Wandverschalung
lehnte. Er sagte nichts weiter, aber aus dem blassen schmutzigen Gesicht
sahen seine Augen grell wie die eines wilden Waldtiers, das aus seiner
warmen sichern Hhle gerissen war, und George ehrte diesen Zustand, als
den eines Leidensgenossen, und lag erschpft still, keines Gedankens
fhig, als des einen, wie paradiesisch es sein mte, jetzt zuhause in
einem stillstehenden Bett zu liegen, -- und meinetwegen die Pocken zu
haben, nur zuhause und, -- ja, -- bei der Mutter!

Unterdessen erholte sich der Herrnhuter so weit, da er, allerdings im
Liegen und die Hnde vorsichtig ber den Magen gefaltet, imstande war
einen Psalm anzustimmen. Er whlte den zweiundvierzigsten und strkte
sein Herz im Sprechgesang:

Deine Fluten rauschen daher, klagte er, da hier eine Tiefe und da
eine Tiefe brausen; alle deine Wasserwogen und Wellen gehen ber mich
...

Als er fertig war, blickte er die Knaben freundlich an und richtete sich
behutsam ein wenig auf. Ist es nicht kstlich, meine Kinder, fragte
er, sich so vllig in der Hand des Herrn zu wissen und sich ihm ganz
berlassen zu mssen? Ach, da wir uns doch nur im Unglcke so richtig
sein eigen fhlen, -- aber das Fleisch ist schwach. Er htte gewi noch
mehr gesagt, aber Gotthold Betzel schchterte ihn mit rgerlichem
Grunzen hinlnglich ein und es verging noch manche Stunde, ehe eine
ergiebige Unterhaltung in Gang kommen konnte, wenn schon Reinhold
Forster mehrmals des Tags erschien wie das leibhaftige gute Wetter, um
jene kleinen Kollationen zu sich zu nehmen, deren er, wie gesagt, zu
seiner Aufrechterhaltung bedurfte. --

Ihr werdet Hunger haben, immer, hatte die Mutter kurz vor dem Abschied
mit weinenden Augen lchelnd gemeint, und: Pah, Hunger! hatte der
Vater geantwortet, der gerade ein Schinkenbein vorhatte und mit beiden
Backen kaute, -- und wenn schon, meine Liebe! Die Wissenschaft ist
Opfer wert. Nichtsdestoweniger widmete er sich jetzt hingebungsvoll dem
umfangreichen Vorratskorb, den Frau Justine mit so viel Sorgfalt gepackt
hatte, es schien die Zeit des Opferbringens noch nicht gekommen zu sein,
und auf einem Schemel auf dem Fuboden der Kajte hockend, besagten Korb
zwischen den Knien, hielt er inmitten der Reisekumpane die
vergnglichsten Kolloquien ab. Du staunst, mein Sohn, sprach er etwa
dabei und George lchelte zuvorkommend, wenn schon etwas matt, -- ja,
du staunst und wie sollte ich es dir verdenken! Siehst du doch deinen
griesgrmigen Herrn Vater, der sich ganz darauf vorbereitete, hinter dem
Ofen zu vertrocknen als ein drres Reis, mit einem Male gleichwie
versetzt an strmende Wasserbche. Das Amt in Ehren, mein Herr Bruder in
Christo, wandte er sich an den milden Krzner, in Ehren das Amt! Aber
wenn einem Manne fr sein Dorf in der Polackei die Welt angeboten wird,
ja, wenn ihm die Grte aller Kaiserinnen eigenhndig --
vergleichsweise, nun, meine Herren, vergleichsweise! -- wenn sie ihm
also das Tor auftut zu ihrem gewaltigen Reich: Ich bitte um die Ehre,
Monsieur Forster! Ein Narr, nicht wahr, wer da nicht zugriffe, ein Narr!
Und auerdem, ich besitze gewisse Gaben, die ber das Amt hinausgehen,
Herr Bruder, den Rahmen des Amtes sprengen, -- jawohl, -- wenn ich so
sagen darf ... Herr Bruder! Er brummte noch verschiedene Male Hm, hm!
hinterher, wobei er mit zwei Fingern vorsichtig an seiner Nase zupfte
und verliebt vor sich hinblickte. Jetzt kommen gleich die Verdienste um
die Erforschung der Wasserfauna und der Insekten, die Bekanntschaft mit
Herrn von Rehbinder, dem Geschftstrger Ihrer Kaiserlichen Majestt,
die Korrespondenz mit Herrn von Haller in Zrich und die Fertigkeit,
sich in siebzehn Sprachen auszudrcken, -- endlich aber sein Vermgen,
den groen Zeh in den Mund stecken und mit dem Kopf zwischen den Beinen
hindurchgucken zu knnen, welch letzteres Kunststck er gewi ^ad
oculum^ demonstrieren wird, -- dachte George ergeben, der neben der
Bewunderung fr seinen Vater zum erstenmal in seinem Leben eine leise
Befangenheit empfand, wenn dieser sich allenthalben so wohlig
entfaltete, wie eine Blume im Sonnenlicht. Doch hub jetzt David Krzner
an, whrend er bescheiden aus einem leinenen Reisesacke zehrte und
sparsam nur mit den Vorderzhnen zu knabbern schien, -- er hatte eine
lange geduldige Oberlippe und groe feuchte Kaninchenaugen, -- Es geht
nichts ber ein Wirken in der Stille, lieber Bruder, und der Herr wei
es ja, wie ich ihn htte preisen wollen, wenn er mir Armen ein solches
Amt verliehen htte, wo ich meinen Mitbrdern unangefochten htte dienen
knnen. Indes, da es sein heilsamer Wille ist, mich hinauszusenden unter
Morduanen, Baschkiren und Kalmcken, -- ei, so geht David Krzner, denn
es ziemt ihm nicht, wider den Stachel lcken.

Recht habt Ihr, Herr Bruder, sagte Forster mit einer gewissen ligkeit
in der Stimme, die George von der Kirche her an ihm kannte, -- dann
wute er, jetzt dachte der Vater an ganz andere Dinge, was aber die
Leute durchaus nichts anging -- das Schflein bleibt in seines Hirten
Hnden, -- auch unter den Heiden! Indessen ^suum cuique^, Herr Bruder,
^suum cuique^, -- meint Er nicht auch, Herr Studiosus? Und whrend
David Krzner murmelnd bekannte, ein demtiger Bruder zu sein und kein
Latein zu verstehen, hub Gotthold Betzel an: Der Teufel hole Morduanen
und Baschkiren so gut wie jedes Amt in Deutschland, wo einen die Ratzen
bei lebendigem Leibe auffressen, da die lieben Tierlein selbsten nichts
zu nagen haben. Ich aber gehe nach St. Petersburg, dort kann man Kaiser
sein, ehe man sich's versieht, was mir brigens ein viel zu heier Boden
wre. Ich werde aber der Kaiserin mein Projekt zur Beleuchtung
nchtlicher Palste und Htten mittelst eines aus Hammeltalg
destillierten les vorlegen, wobei der Mensch sich zugleich erwrmen
kann, und alsdann werde ich mit groen gewonnenen Schtzen in die Trkei
verreisen, -- allwo man weiter sehen wird.

^Ergo bibamus!^ Trink Er, Herr Bruder, ich hab mir auch einmal den
Rcken im Kollegio krumm gesessen, sagte Forster teilnahmsvoll und
reichte ihm die Flasche, ohne weiter auf die Projekte des ^pp.^ Betzel
einzugehen. Gegen Ende der Reise, die in neun Tagen glatt und sicher
verlief, sa er brigens mehr in der Kajte des Kapitns, dem er
gewaltigen Eindruck durch seine Kenntnis der fernsten Ksten und Vlker
machte, und der ihn nichtsdestoweniger fabelhaft anlog, um ihn zu
bertrumpfen, was ihm aber nicht gelang, denn Forster hatte immer noch
etwas daraufzusetzen: auf das Meerweib die fliegenden Fische, auf den
Magnetberg die feuerspeienden Berge und auf das Nagelmeer die kochenden
Springquellen Islands, wobei sie sich gegenseitig vortrefflich
unterhielten und der Schipper Mandeweit, der alljhrlich einmal um das
Kattegatt herum nach London segelte, im brigen aber nie in seinem Leben
ber die groe Punschbowle der Nordsee hinausgekommen war, den gelehrten
Herrn fr 'nen verdammten Slusuhr erklrte, was einen hohen Grad von
Anerkennung bei ihm bedeutete. Er nahm Forsters Mitteilungen restlos in
seinen Lgenschatz auf und zwar als Glanzstcke, und wurde so zu einem
unfreiwilligen Verbreiter der Wahrheit. Auch Gotthold Betzel erholte
sich alsbald so weit, um von der Gesellschaft zu sein. Verschiedne
Spiele Karten bildeten einen Teil seines Reisegepcks, und er weihte
Herrn Forster und den Schiffer in die Geheimnisse des Rabougierens ein,
nicht ohne grndlichen Gebrauch von seiner berlegenheit zu machen, die
sich Mandeweit fluchend, Forster mit Gelassenheit gefallen lie: er tat
wohl mit, gewi, er war kein Spielverderber, aber im Grunde war dies
denn doch ein Amusement fr seichte Kpfe und wenn man nicht unterwegs
gewesen wre ... Zudem langweilten ihn die Karten von jeher grlich und
er verlor schon allein aus Gleichgltigkeit fortwhrend und versetzte
dadurch Gotthold Betzel in unbndig gute Laune; dieser erinnerte sich
seiner musikalischen Gabe und sang nunmehr viel mit rauher Stimme, sang
Lieder, deren Inhalt den Bruder Krzner wehmtig, George und Janusch
aber auerordentlich heiter stimmte. Diese beiden trollten auf Deck
umher und erschienen so wenig als Herr und Diener wie nur je in den
vergangenen Tagen zu Hause.

Georgie, Panje, ist sich viel zu viel Wasser, ist sich frchterlich!
hatte Janusch am ersten Tage schaudernd erklrt, und George, obgleich
innerlichst geneigt, ihm zuzustimmen, hatte die Hnde auf den Rcken
gelegt und mit vorgeschobener Unterlippe sein Magistergesicht
aufgesetzt. Mein Gott, wenn das noch alles Wasser wre, was es auf Erden
gbe, -- aber bewahre, -- dies war ja nicht mehr als da ein krftiger
Walfisch es auf einen Zug austrinken knnte! Und Tubchen schne waren
das da oben auch nicht, sondern Wasservgel, Mwen, vermutlich, -- ja,
so etwas konnte man wissen, ohne einen von den groben Matrosen zu
fragen, die gleich mit der Gegenfrage bei der Hand waren, ob man wohl
belieben wrde, mal unterzutauchen, mal Salzwasser zu schlucken, mal
sein Fell auswringen zu knnen? Die gelbbraunen Eulenaugen des Janusch
wurden vor Staunen immer runder und das nahm George wie eine
Aufforderung an seine Ehre, selbst unter keinen Umstnden Verwunderung
an den Tag zu legen. Am achten Tage sah man einen Zug wilder Schwne,
der von Sden kommend den Meerbusen kreuzte und sich untereinander
ermutigend geheimnisvolle Tne zurief, -- Namen vielleicht der
unendlichen Seen Finnlands. Am Morgen darauf tauchte Kronstadt aus dem
Nebel, wie das phantastische Bollwerk des Seeknigs und am Abend
desselben Tages schaukelten die Reisenden auf ihren festlandungewohnten
Sohlen die Newski-Perspektive hinab. Nun versagte die Haltung des nicht
zu Rhrenden dennoch und es war erfreulich, einen Vater zu haben, dessen
Hand man ergreifen konnte, -- merkwrdigerweise schien diese groe Hand
selbst einen gewissen Anhalt an der kleinen des Sohnes zu finden. Stumm
gingen sie diese ungeheuerste aller Straen hinunter und sahen sich
immer wieder nach dem Janusch um, der unter der Last des Reisesackes
gebeugt hinter ihnen drein keuchte, untersttzt von einem freundlichen
schlitzugigen Kerl, der sich mit dem brigen Gepck beladen hatte und
jedesmal aufmunternd grinste, wenn er angesehen wurde. brigens gewann
Herr Forster mit jedem Schritt an Sicherheit, und schon im Gasthaus
Peter Bierbergs trat er auf wie der siebenfach gebrhte Weltreisende,
der sich beileibe nichts vormachen lt und alles an Erfahrung berragt.
Was Peter Bierberg demtig zu stimmen schien, ihn aber nicht hinderte,
die neuen Gste unter Achselzucken und mancherlei Entschuldigungen in
einem Raum mit einer vielkpfigen polnischen Familie einzuquartieren, wo
Vater und Sohn zusammen ein Bett beziehen muten und mancherlei an
Schamhaftigkeit auszustehen hatten, d. h. sie schmten sich fast zu
Tode, aber die dicke polnische Mama schien nur an feuriger Lebendigkeit
zu gewinnen. Indes verging dieser erste Aufenthalt in St. Petersburg
traumhaft schnell, und George hatte kaum Zeit sich darber klar zu
werden, da er nun zwar wieder auf festem Lande, aber doch unendlich
weit von daheim und der Mutter entfernt war, -- hatte seinen kleinen
Kopf kaum den Eindrcken dieser wilden groen Stadt angepat, ihren
Palsten und stattlichen Steinhusern, die grn oder ^caf au lait^
getncht mit ihren bunten flachen Dchern und den anspruchsvollen
Sulenverzierungen ihrer Vorderseiten bereits anfingen, die alte
hlzerne Stadt Peters zu verdrngen, ihren Bazaren und Kuppelkirchen,
den Kanlen und vor allem der wimmelnden Newa mit ihren unheimlich
schwankenden Schiffbrcken, die doch Droschken, Ro und Reiter und die
ganze bunte treibende Masse des Volkes vom ersten Admiralittsteil
hinber nach Wassilii Ostrow trugen, -- mit diesem Volke endlich selbst,
so vielfltig an Erscheinungen, wie es sogar der Danziger Hafen, an
dessen Jahrmarktstrubel er bisher alles Wunderbare bema, nicht war und
nie sein konnte, -- er hatte also kaum begriffen, da sein kleines Ich
nun diese ungeheure, schreiende, heulende, bewegliche, geheimnisreiche
Erweiterung erfahren hatte, -- denn jeder Ort strzt sich unaufhrlich
nach Einheit gierig in die Gemter, die ihn auffangen und widerstrahlen,
und jedes Ich hat seine Grenzen erst da, wo sein Bewutsein aufhrt, das
Bewutsein eines Kindes aber verschwimmt mit dem Umri seines Wohnortes,
-- kaum hatte er solchermaen Nassenhuben abgestreift, mit der
vertrauten Enge von Haus und Garten und dem leeren Umkreis von
Kiefernheide und Ebene, -- kaum Danzig verwunden, das ihm hundert
Gesichter gehabt zu haben schien und ihn schmerzhaft ergriffen hatte mit
seiner angehuften Kultur, seinem katholischen Prunk und seiner
Bevlkerung von lauter Pastoren und Starosten, ja, lauter Herren, wie es
daheim nur zwei gegeben hatte! -- kaum lag die See hinter ihm mit ihren
heftigen Anforderungen an Krper und Gemt, von denen das ^nil admirari^
dem Janusch gegenber vielleicht die schwerste gewesen war, -- denn es
ist unerhrt hart, mit elf Jahren bestndig die Wrde zu wahren, -- so
kam St. Petersburg wie ein kurzer Fiebertraum und schon ging es weiter.
Ging weiter mit Vorspannpa im eigenen Wagen, zweihundertfnfzig Werst
in vierundzwanzig Stunden, die wachsenden Tage und die immer heller
bleibenden Nchte hindurch, kaum da es einmal ein Nachtquartier in
einem schmutzigen Gasthaus gab, wo der Wirt wohl in Ehrfurcht vor dem
Herrn, der in Geschften der Krone reiste und darum nur halbes Postgeld
bezahlte, erstarb und Herrn Forsters Laune dadurch prchtig anfachte, wo
man aber dafr des Nachts von Ungeziefer halb gemordet wurde. Doch war
der Vater unterwegs auerordentlich frisch und lebendig und benutzte die
Zeit zu den eingehendsten Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens,
er botanisierte mit George neben dem Wagen her, wenn dieser mit
trostloser Langsamkeit durch die Sandwege unendlicher Wlder schaukelte,
und erging sich in verzckten Rhapsodien ber die Ergiebigkeit und
Unberhrtheit dieses Landes, sobald man mit frischem Vorspann wieder
feurig dahinrollte, fleiige kleine Pferde vor sich, die ihre zottigen
Kpfe begeistert warfen und schttelten, wenn der Iswotschik sie weniger
mit der langen Peitsche als mit dem zrtlich singenden Ton seiner Stimme
aufmunterte. George gewhnte sich an den Anblick von Januschs Rcken mit
dem hin und her tanzenden kurzen steifen Zopf vor sich auf dem Bock und
wartete oft sehnschtig darauf, da der runde Kopf herumwanderte und ein
von Hochachtung und Mitleid gleicherweise sprechender Blick aus Januschs
Eulenaugen langsam ber ihn hinwegging, -- worauf er sich wieder etwas
gestrkt fhlte, denn ein Leiden ohne Zeugen htte auch den heiligen
Mrtyrern nicht halb so viel Spa gemacht, dessen sei man nur gewi!
Zuhause hatte die Mutter doch manchmal bewundert, was alles er zu
leisten hatte, hatte ihm an besonders harten Tagen einen Apfel
zugesteckt oder gar einen Eierkuchen gebacken, -- sehr heimlich
freilich, und dann hatten sie ihn zusammen am Herde verspeist, weder
Rieken noch Fieken durften das wissen, auch nicht Malchus, der Knecht
oder Mareiken, die Magd. Hier aber mute man die Lippen zusammenpressen,
tief durch die Nstern schnaufen, um einen Augenblick Zeit zu gewinnen,
und dann seine Antwort hervorschnurren, ganz ausgeliefert diesen
undurchdringlichen blauen Porzellanaugen und im Banne der starken Hand,
die ungeduldig am Wagenschlag trommelte und so leicht von dort abglitt
und Georges Kopf traf, der sich dann geduldig duckte, -- nein, hierbei
sollte Janusch keinen Anla haben sich umzudrehen, und es ging, es lie
sich wahrhaftig aushalten, diese Kopfnsse lautlos hinzunehmen! Zu
greren Exekutionen, wie der Vater sie sonst als Unterbrechung der
Arbeitsstunden liebte, war ja in der Kibitka Gottseidank kein Platz; der
Vater sah ganz davon ab, nachdem er sich in den ersten Tagen hart am
Ellbogen gestoen hatte, -- ein Zeichen, da auch er sich beherrschen
konnte, wenn es sein mute. George wute schon von zuhause her, da man
am besten dabei fuhr, wenn man dem Gewaltigen diente, als sei dies ganz
selbstverstndlich; nun aber bildete er die Kunst, dem Riesen alles an
den Augen abzusehen und seinen Wnschen lautlos zuvorzukommen, vollends
aus. Der Riese war zuweilen uerst schlechter Laune, -- schn war das
Reisen, ja, und wissenschaftlich war das Land ergiebig wie ein Pudelpelz
an Flhen, aber es war doch auch geradezu widerwrtig gro und es nahm
gar kein Ende mit lichten wehenden, wehenden Birkenwldern, mit den
bunten hlzernen Drfern, mit der unendlichen mattgrnen Ebene, hinter
der der Horizont sich immer weiter hinausschob, wiewohl man an jedem
Abend glaubte, man wrde morgen im ewigen Osten landen und htte die
Wolga lngst im Schlaf berschritten. Zudem widerstand ihm einstweilen
die landesbliche Kost, er verachtete Schtschi und Kascha, vor Kwas aber
ekelte er sich geradezu und behauptete lrmend, es sei unsittlich,
diesen gegorenen Unrat zu trinken, man knne nicht wissen, welche
Ingredenzien dazu verwendet wrden. Einzig die Malinowka fand einige
Gnade vor ihm, er pflegte sie allenthalben ernsthaft zu fordern und
legte starke Verstimmung an den Tag, wenn dieses aus Kirschsaft, Zucker
und Wein gebraute Getrnk nicht zu bekommen war. Endlich kam er
dahinter, da die Russen Meister in der Kunst der Pastetenzubereitung
waren; nun war freilich alles gut, und sobald er so weit war, zu wissen,
da sich die verschiedensten Piroggen, seien sie mit Pilzen, Fischen,
Fleisch oder Speck und Rosinen gefllt, auch als Reisevorrat mitnehmen
lieen, gewann er einen bedeutenden berschu an Spannkraft. Er sorgte
fr den Vorratskorb und allenfalls fr die Kiste, die die Bcher und
seine wissenschaftlichen Notizen enthielt, welche George an den
sprlichen Rasttagen nach seinem Diktat sorgfltig ins Reine schreiben
mute. Die Sorge fr das brige Gepck berlie er dem Janusch und
erklrte ihn fr einen exemplarisch vortrefflichen Bedienten, ohne zu
bemerken, da sein kleiner Sohn den besten Teil der notwendigen Arbeit
verrichtete, denn der Janusch war den mannigfachen Besitztmern
gegenber, die die Zivilisation seiner Herrschaft erforderte, ziemlich
ratlos und hatte nicht Zeit, ber diese Ratlosigkeit hinauszuwachsen,
wie man bald erfahren wird. So begngte er sich mit der Pflege des
Schuhzeuges und dem Zuschnallen und Schleppen der Koffer, whrend George
stillschweigend fr Sauberkeit und geglttete Lage der Kleider sorgte.
Als Herr Forster ihn einmal bei diesem Geschft zu bemerken geruhte,
stellte er nachdenklich fest: Wie sehr du deiner Mutter gleichst, mein
Sohn! legte weiter keinerlei Ergriffenheit an den Tag, machte aber in
Zukunft George fr jeden Flecken auf den Kleidern verantwortlich.
Endlich erreichten sie Nishni-Nowgorod. Hier klaffte ein Ri in der
farblosen Haut der Ebene und die Seele Rulands lag blo, starrend bunt,
asiatisch ppig, wie das Innere der mrchenhaften Kirchen:
Edelsteinhhlen, von Rubinlicht durchblutet, -- wie die Vlker, die hier
zusammenstrmten mit dem Geruch unbersehbarer Pferdeherden und des
Leders, mit unerhrter Farbenfreude in den Gewndern und dem leisen
Geklirr von silbernen Kettchen und Klapperwerk an den hohen bunt
aufgenhten Mtzen ihrer Weiber. Zudem strotzte alles von Fettigkeit und
Schmutz, aber den Reisenden, von Staub, Wind und blendender Sonne
gedrrt wie sie waren, tat die feuchtigkeitsgesttigte Luft der
Stromniederung wohl und unter den Segenswnschen des Iswotschik, -- ja,
er wrde warten, bei Gott, nicht rhren wrde er sich aus seiner
Herberge! am Ufer wrde er stehen und sich blind schauen, bis das
hochverehrte Vterchen wieder fluaufwrts gefahren kme! mchte es nur
gefahren kommen, mchte es nur! -- bestiegen sie eine Schaluppe und der
Strom nahm sie auf. Wasser! hie wiederum die Losung, aber anders war
ihr Klang als zuvor auf der See, anders, zielbewuter und beseelter
schien diese rastlos vorwrts sich wlzende Flutmasse in der ungeheuren
Schwermut ihres Willens, der nichts wute von der tobenden
Regellosigkeit des Meeres. Nicht da George es sich klar gemacht htte,
aber er verstand, -- er verstand! Er kauerte hinter einer Rolle von
Tauen am Bug des Schiffes und blickte grade aus, es war alles so sanft
und ernst, wie die Wasser sich um die flachen Inseln teilten, wie die
Schilfwlder meilenweit wogten und raschelten, wie groe Stelzvgel
majesttische Kreise darber zogen. Er blickte nach Osten, wo die
Wasserflche in die unendliche Ebene berging und mit dem Horizont
verschmolz; im Westen aber stand abends der Himmel tiefgolden hinter der
schwarzen ruhigen Festigkeit der Berge. Dann begannen die Burlaki zu
singen, whrend sie Anker warfen, und auch das verstand er, ohne
vielleicht ein einziges Wort zu erfassen, er hockte nur da, ein sehr
kleiner Junge trotz Schorocks und Haarbeutels, hatte den Kopf auf die
Knie gelegt und weinte. Es war ihm aber gar nicht schmerzlich zumute,
nur so, als msse nun endlich alles leichter werden, und das war doch so
gut, -- so gut. Irgend etwas streichelte ihn, nahm ihn und wiegte ihn
ein, die bermige Spannung, die ihn seit Beginn der Reise bis an die
Grenze seiner Fhigkeit gestrafft hatte, lste sich, der Herr Magister
zog sich vllig ins Wesenlose zurck, ein Knabe blieb, kindlich,
zutraulich oder unartig, kurz, er fiel an seine eigene Natur zurck und
das nach sieben Jahren zum erstenmal, denn im Grunde hatte er sich von
ihr entfernt, damals, als er so pltzlich lesen konnte, -- ach ja, wie
war es nur gekommen? -- als es mit dem Spielen vorbei gewesen war. Dazu
kam, da es dem Vater hnlich erging wie ihm selber, Herr Forster
verbrachte ganze Tage in trumerischem Vorsichhinstarren und lie sich
die Sonne auf den breiten Rcken brennen, wobei er manchmal blinzelte
und mauzend ghnte wie ein trger Kater. Zwischendurch erhob er sich
allerdings, reckte sich, da die Gelenke krachten, rieb sich gewaltig
die Hnde und begann dann eine hastige Teilnahme fr die
vorbergleitenden Ufer an den Tag zu legen, fragte den Steuermann, der
unbewegten Gesichtes Auskunft gab, leidenschaftlich aus und stand
gebckt, auf dem linken hochgestellten Knie ein Schreibtfelchen, in das
er eifrig Notizen eintrug. Es war aber nicht die Rede davon, sie
auszuarbeiten, wie George immer heimlich frchtete, wenn er den Vater
bei dieser Beschftigung sah, sondern Herr Forster blieb sanft und faul
und ward nur ein wenig munterer, wenn angelegt wurde und man an Land
ging, was alle zwei bis drei Tage einmal geschah. Alsdann suchte man
sich Reittiere zu verschaffen oder ging zu Fu landeinwrts in die
wilden Wlder oder die den Steppen hinein, sammelte Pflanzen und
stellte Tieren nach, bei welcher Gelegenheit Janusch wie wild hinter der
armen Tschokuschka, dem allerliebsten Zwerghasen her war, dessen
wachtelschreihnlichen Lockruf er nachzuahmen verstand und dessen
unterirdische Laufgrben und Hhlen er mit dachshundgleicher Sprnase
aufzufinden wute. Er gab sich dieser Unterhaltung mit einer Art
weinerlicher Leidenschaft hin und George fhlte es wohl, Janusch hatte
keine andere Freude mehr, Janusch war bitter enttuscht und suchte hier
eine Entschdigung fr seinen Tatendurst und seinen Ehrgeiz, denen ein
Leben auf dem Kutscherbock und auf der Ruderbank zu eng war. Dies war
klar, obgleich Janusch sich nie darber uerte, aber sein mrrisches
Schweigen, diese finstere Majestt seiner Verdrielichkeit lasteten
schwer auf George, gerade weil er selbst so vergngt war und sich mit
ngstlicher Seele bemhte, auch seine Umgebung heiter zu wissen, als
lge in deren Unzufriedenheit eine Gefhrdung dieses harmonischen
Zustandes. Um die Wahrheit zu sagen, der Janusch hate das Wasser, und
nun hatte er die Ostsee gerade berstanden und war schon wieder in so
einen hlzernen Trog gebannt, der auf dem widerwrtigen Element schwamm
und schwankte, da einem vom bloen Zusehen bel werden konnte. Ja, wohl
hatte er daheim die Pferde in die Schwemme geritten, aber das war auch
bei Gott etwas ganz anderes gewesen, da war er der Herr von Pferd und
Wasser, diesem Tmpel, dessen Blutegel und schlammgrne gelbbauchige
Salamanderchen er alle persnlich kannte. Nun, und dann, so halbnackt
und na wie irgend ein Wasserteufel ins Dorf zurckgaloppieren,
schreiend, peitschenknallend und fratzenschneidend, da alle Kinder und
Mdels Reiaus nahmen, -- das war doch etwas anderes als so tagaus
tagein, so wiegala wogala in diesem verdammten Kasten sitzen zu mssen.
Der Janusch grollte. Der Janusch starrte den Treidelpferden nach, die so
geduldig am Ufer gingen und die schwer beladenen Barken zogen, und
beneidete die Bauern, die sie trieben. Tausendmal mehr noch aber
beneidete er andere Leute, die man zum erstenmal Anfang August auf dem
westlichen Ufer antraf, wo man eines Abends schon von weit her eine
Wolke schweben sah, eine Wolke von Rauch und Staub, die als sie nher
hinzukamen, von der sinkenden Sonne ganz golden durchglht war, und
darin tummelte sich ein Gewimmel von Menschen und Tieren, entstanden,
wie Pilze aufschieend, dunkele, runde und zugespitzte Zelte und war ein
Geschrei, Gebrll und Gewieher, von Peitschenknallen und Flintenschssen
zerrissen, da George und Janusch sogleich an Jahrmarkt dachten und
George wahrnahm, wie der Janusch ganz glhende Augen bekam und ungebeten
des Vaters groe Stulpenstiefel bereit stellte, dann aber von einem Fu
auf den andern tanzte und sich durchaus geberdete wie ein Hund, der die
Anstalten eines Aufbruches wittert und noch nicht genau wei, ob er
mitgenommen werden wird. Herr Forster enttuschte ihn denn auch nicht,
und obgleich der Steuermann murrte, man wrde sich dies ganze Gesindel
auf den Hals laden, lie er angesichts des Kalmckenlagers anlegen und
ging mit den beiden Knaben hinber, unbewaffnet und seelenruhig wie auf
seiner Dorfstrae zuhause. Tief befriedigt kehrte er zurck, hatte aber
nichts dagegen, da sogleich der Anker gelichtet und alsdann noch die
halbe Nacht stromabwrts gefahren wurde. Selbst auf dieser Strecke
folgte ihnen auf dem linken Ufer ein Haufe halbwchsiger Knaben und
Kinder zu Fu und zu Pferde, von groen weien Windhunden geisterhaft
begleitet und umschwrmt, whrend die Schaluppe auf dem Wasser
dahinglitt und Strom und Steppe in dem grenzenlosen, vom
silberblulichen Mondlicht erfllten Rund der Himmelskugel lagen.
Janusch war ganz aufgeregt, er hockte neben George und flsterte mit
heiserer Stimme von allem, was sie gesehen hatten, wobei er immer wieder
ins Polnische verfiel und zu den am Ufer Dahinreisenden hinberstarrte,
mit bebenden Nstern die Luft einziehend, als hoffte er den ihm so
kstlichen Geruch des Lagers noch einmal zu spren, nach Pferden, nach
Leder, nach Schafmist, nach Milch, suerlich und gegoren. Und dann war
auch hier alles so himmlisch fettig gewesen, sogar in dem Tee, der ihnen
feierlich in der Kibitka des Chans dargeboten worden war und der aus
einer kunstvollen kupferbeschlagenen Lederkanne herauskam, war
zerlassene Butter gewesen und auerdem Milch und Salz; man trank ihn aus
Bechern, die gleichfalls von hornhartem Rindsleder waren. Alle diese
gelbbraunen glnzenden Gesichter mit den schwarzen strhnigen Haaren,
den blanken uglein und den breiten Mulern waren dem Janusch
ansprechend und zutrauenerweckend erschienen, die langen dnnen
Schnurrbrte der Mnner ehrfurchteinflend und die Rstung des Chans
und seiner Umgebung mit Ringpanzer und rundem Helm, Bogen, Pfeilen und
kurzem Feuergewehr gewaltig und kniglich. Er hatte das weie Kamel aus
Buchara angestaunt, das ihn hochmtig bersah, denn es war ja das
_weie_ Kamel und es durfte allein den kleinen zweirderigen Wagen
schleppen, der die Heiligtmer enthielt, den fetten kleinen Buddha aus
vergoldetem Holz, die Rucherfsser und die Schriftrollen, unter denen
der Schamane jetzt zornig hantierte; denn ihm gefiel der Besuch eines
friedlichen fremden Mannes nicht, er hielt ihn fr einen andern
Zauberer. Aber auch die gewhnlichen Kamele waren sehenswert, wie sie
geduldig niederknieten und sich mit vorgebogenem Halse die unerhrten
Lasten abnehmen lieen, -- ganze Huser trugen sie an den Seiten ihrer
wunderlichen Hcker, berhaupt, was waren das fr Tiere? Die Pferde
waren zottiger und wilder, die Rinder kleiner und hochbeiniger als
zuhause, die Ziegen hatten keine Hrner und die Schafe so fette
Schwnze, -- kurz, es war alles, alles anders und doch berauschend,
schwindelerregend schn, es war kaum ein Unterschied zwischen Mensch und
Vieh, alles umdrngte, beschnffelte und betastete einen, man kam sich
gegenseitig nahe, man roch und schmeckte sich und das war es, was
Janusch seit Monaten entbehrte, ja, das war es, und so war er jetzt wie
betrunken. Er a Schafkse und Drrfleisch und trank gegorene
Stutenmilch, er kroch in jedes Zelt hinein, wo auf den Dreifen
frischer Tschipan in flachen eisernen Schalen gebraut wurde, und die
blanken Knpfe an seinem grnen Kamisol verhalfen ihm zu einem billigen
Vorrang vor dem mausegrauen George, der hinter ihm herging, sich
unbehaglich fhlte und den Vater herbeisehnte, der endlos mit dem Chan
um Waffen und Ledergefe handelte, ja, dem es sogar gelang, gegen ein
Bernsteinkettchen, nach dem es einer schiefugigen kleinen Dame
gelstete, einer Lieblingstochter des kahlkpfigen Oberhauptes offenbar,
eine Gebetsmhle einzutauschen, sehr zum rger des Schamanen, der dem
Chan die Verfolgung aller bsen Geister prophezeite und hinter den
Gsten dreinrucherte, am liebsten entschieden das ganze Lager
abgebrochen und an einem andern unentweihten Ort wieder aufgefhrt
htte. -- Nein, George hatte eine verschwiegene, aber sehr starke
Abneigung gegen alle diese bunten Zaubervlker, von denen immer neue
auftauchten, so da nach ein paar Tagereisen die Stdte und Drfer ihr
Gesicht wechselten; er liebte es gar nicht, mit dem Vater in die Htten
zu gehen und Gemeinschaft zu haben mit Morduanen, Tschuwaschen und
Baschkiren oder wie sie sonst hieen, er hielt sie in der Tiefe seines
Herzens allesamt fr Ruber, von denen ihm Akim, ein alter Schiffer, mit
dem er sich notdrftig verstndigen konnte, mehr durch aufgerissene
Augen, emporgehobene Hnde, dumpfe Kehltne und eine Gebrde, die das
Halsabschneiden anschaulich wiedergab, erzhlt hatte. Er kam sich
merkwrdigerweise am sichersten vor, wenn weit und breit kaum eine
menschliche Ansiedlung zu erblicken war, wenn die Strombreite sich bis
zum Horizont ausdehnte, rastlos vorwrts ziehend, das erhabene Antlitz
voll der Farbe des Himmels, -- wenn ringsum nichts war, als das Rucken
der Ruder oder das Knarren des Segelgestnges, das leise hinstreichende
Rauschen und Glucksen am Kiel, der Schrei eines Wasservogels und die
schlfrige Unterhaltung der Matrosen. Vielleicht auch ihr Gesang am
spten Nachmittag oder an einem Morgen, wenn der Himmel mit seinen
Wolkenmassen allzu niedrig ber der Ebene hing, da alles so erdrckend
traurig ward und die Seele sich aufzulsen suchte, -- dann ward in
diesem Gesang alles eins, Himmel und Erde, Strom und Mensch, und die
sanft bewegte dunkele Linie der Berge war wie eine schwermtige
Begleitung, wenn die Tne verschwommen von dort zurckkehrten. Da waren
die graugrnen Weiden auf den langen niedrigen Sandinseln, sie
spiegelten sich im stillen Wasser und lieen ihre langen Zweige von der
Strmung mitschleifen; da waren Fischer, die im Wasser wateten, die ihre
Netze stellten und ihre Htten am Ufer hatten, kaum als Menschen
empfunden, sondern als eine uerung der Landschaft, -- da waren die
Mndungen einstrmender kleiner Flsse, von Schilfwldern verborgen,
schamhaft, wie ein Verschmelzen der Liebe. Da war der Geruch nach Teer
und Werg und bittrem Holzrauch, von der feuchten Reinheit des Gewssers
durchatmet, und zuweilen auch der nach Fischen und faulenden Pflanzen.
Das alles war gut, zrtlich und gelinde, George lchelte viel ohne
eigentlichen Grund, er sa und besah seine Hnde, sehr kleine Hnde, wie
er fand, sie erinnerten ihn irgendwie an Fieken, die Schwester, die doch
noch ein Kind war. Und siehe, da fiel es ihm ein, mitten auf der Wolga
fiel es ihm ein, da er ja selbst nur ein Jahr lter als Fieken sei! Er
wunderte sich einen Augenblick, verga es aber wieder. Dort handelte der
Vater mit einem Bord an Bord mit ihnen fahrenden Fischer um Wlshaut zum
Schlieen seiner Weingeistflaschen, in denen er gefangenes Gewrm
aufhob. George mute dabei sein, stand daneben, lauschte dem Handel und
einem Streit ber den Goldfisch, die Beschanaja Ryba, -- Verzehre ihn
nicht, Vterchen, er macht toll und Gott gnade deiner hohen Familie!
Ein Fressen fr die Heiden sei er, die Morduanen und Tschuwaschen, --
Vterchen lachte und lie ihn zum Abend bereiten, fand ihn aber
langweilig im Geschmack und zog auf die Dauer Sterlett vor, -- George
lchelte trumerisch und ging zum Bug zurck, wo auch Akim hockte und
Krbe aus Weiden flocht, -- da sa er und wartete, da die Seele
wiederkehrte, der scheue Vogel, der ihn jetzt dauernd umschwrmte und
Wohnung machen wollte, da Formeln und Vokabeln nicht mehr den Platz
ausfllten.

brigens staunte er manchmal, wenn er spterhin den Vater von dieser
Reise erzhlen hrte; Herr Forster wurde dann ganz dithyrambisch und gab
Schilderungen von der Wucht der Gewsser, von dem Einfluten der Oka und
der Kama, -- die Rivalinnen der Wolga nannte er diese beiden, -- und der
brigen gewaltigen Nebenstrme, von dem Gewander der Barken und Fle,
dem Gesumm der wachsenden Stdte, dem berflu an Holz in den krachenden
Urwldern und dem geheimnisvollen, unheimlichen und unerschpflichen
Leben der wilden Tiere und Menschen, von denen beide Ufer berquollen.
Gewissenhaft suchte er dann in seiner Erinnerung und bemerkte, da er
von alledem nichts wute. Er erinnerte sich an Akim und an die Fischer
und da er gerne Strrogen gegessen hatte, obgleich er sich ein wenig
davor ekelte. Er erinnerte sich an die Frau des reichen Tataren, den sie
in Kasan besucht hatten, wie sie auf dem Divan gesessen hatte, von
Goldstickerei, von Ketten und Ringen starrend und durch den Dampf ihrer
muschelzarten chinesischen Tasse mit den geschwrzten Zhnen zu ihm
hinberlchelnd. Der Vater hatte ihn aus irgendeinem Grunde hier
zurckgelassen und war fortgegangen, er hockte klein und bescheiden auf
einem Polster neben dem Ofen, in dem ein Feuer brannte, obgleich drauen
warmer Sptsommer war. Auch er bekam eine bluliche Eierschale voll Tee
und ein Hufchen klebriger Sigkeiten auf einem schnen Tischchen vor
sich hingestellt, das mit Perlmutter ausgelegt war, aber er schmte sich
zu essen unter dem Lcheln dieser Frau, die ihre edelsteinbeladenen
feisten Hnde nur bewegte, um die Tasse zum Munde zu fhren und sie dann
leer der Dienerin zu reichen, die ebenfalls bestndig lchelte, aber
doch mehr wie ein wirklicher Mensch. Er wollte vermeiden sie anzusehen,
und lie seine Augen verzweifelt umherwandern, -- da war ein
wunderlicher bunter Holzkoffer, mit blankem Zierat beschlagen, kupferne
Waschbecken, ein Spiegel, ganz wie zu Hause, und auch Nelken und
Geranium am Fenster. Dann aber wieder ein Lackschrnkchen mit goldenen
Blumen und Vgeln und der Samowar summend und fauchend. Er fhlte, wie
ihm warm wurde, bermig warm, seine Hnde wurden ganz feucht und er
htte sich gern einmal das Gesicht abgewischt, wenn nur die Tatarin ...
Nun hatte er doch hinbergesehen und war tdlich erschrocken: das
Gesicht seiner Wirtin lste sich auf, es rieselte ihr von der Stirn, zog
Bahnen durch ihre kohlschwarzen Brauen und rosigen Wangen, ja selbst ihr
lackroter Mund ward wie verschmiert, wie eine klaffende blutige Wunde.
Mein Gott, was war nur geschehen? Sie schwitzte, die Gute, sie
schwitzte; sie hatte diesen wohltuenden Ausbruch, der der Zweck ihres
Teetrinkens war, aber in diesem Augenblick sa sie vllig hilflos da,
bis die Dienerin mit dem Tuche zur Hand war, einem Tuche, das schon
mehrere Wochen zu diesem Zweck gedient zu haben schien. Alsbald war der
Samowar zur Seite geschoben, die Tatarin schnaufte zufrieden und geno
ihren Zustand, immer aufs neue von der lchelnden Zofe abgetupft, bis
die Ergiebigkeit ihrer Poren erschpft war. Sodann trat ein Kstchen aus
Zinkblech in Erscheinung, das in seinen Fchern vielfarbig leuchtete.
Die Tatarin hielt ihr Mondgesicht mit breit verzogenem Munde hin, und
nun ward gemalt, gestrichelt und gewischt, immer von dem flinken,
behutsamen Mdchen, whrend das entstehende Kunstwerk regungslos sa und
nur manchmal aus schmalen Augenschlitzen zu George hinberblinzelte. Nun
vollendet, verharrte es unbeweglich, die rotgefrbten Fingerspitzen ber
dem stattlichen Leibe aneinander gelegt und ins Leere lchelnd in dem
Bewutsein bergroer Schnheit. George geriet so unter den Bann des
Eindrucks, dort drben befinde sich ein Edelsteinschrein, ein
Schnitzwerk vielleicht, ein Bild, nur eben kein Mensch, da er es wagte,
die Beine zu bewegen und sich an der Nase zu kratzen, -- da sah er, wie
die Tatarin die Augen herumwlzte, und gleich sa er wieder versteinert.
Nun sagte sie auch etwas zu ihm, sagte dreimal den nmlichen Satz, wobei
er sie verzweifelt anstarrte, denn er verstand sie doch nicht, bis sie
endlich unzufrieden mit dem Kopf wackelte und verstummte. Dann sagte sie
pltzlich mit ganz heller Stimme auf Russisch: Tschaj? Tee? und nickte
mit schief geneigtem Haupte. Da er diesmal begriff, bejahte er
begeistert, um sie zu erfreuen und jedenfalls nicht zu erzrnen, und
sogleich richtete sie einen Strom hastiger Rede gegen die Dienerin, die
hinausglitt und mit einem frischen brausenden Samowar wiederkehrte, der
alsbald Wasser hervorsprudelte und Dampf spie, whrend ein
frhlingszarter Duft sich im Augenblick des Aufbrhens aus der Kanne
erhob, den das Gtzenbild befriedigt schnuppernd einsog. Und indem das
Mdchen mit leisem Klingeln seiner Armreife und Ohrringe hin und her
eilte, um die Tassen zu fllen, -- sie trug ein lichtblaues Jckchen mit
Silberstickerei und unter dem engen roten Obergewand weite Pluderhosen,
die ber den Kncheln zusammengebunden waren, -- indem die Tatarin der
heien Tasse die Zhne zeigte, indem George verzweifelt pustete und die
Augen nicht von seinem Gegenber lie, kam es mit der Gleichmigkeit
eines bsen, stets sich wiederholenden Traumes zu demselben Auftritt wie
vorhin, einmal, und noch einmal: Teetrinken, Schwitzen und Schminken und
dann erst kam endlich der Vater mit dem Tataren zurck, -- ja, der Vater
hatte gut lachen! --

berhaupt hatte er sich auf dieser Reise oft gefrchtet, daran erinnerte
er sich spter besonders gut und da er sich gewhnt hatte, mit der
kleinen Pfote ber den Augen einzuschlafen, wenn er nicht den Kopf ganz
im gebogenen Arm vergrub, das stammte von diesen Nchten im Schilf her,
in denen immer ein Mann mit geladenem Gewehr wachen mute, denn die
Ruber entstammten nicht nur Akims Phantasie, sondern die Berge waren
voll von ihnen, und die Matrosen bekreuzten sich dankbar, wenn wieder
ein Wolok, -- eine jener angeschwemmten mit Weidengebsch bestandenen
Landzungen vor den Einmndungen der Flsse, -- umschifft war, _ohne_ da
dort Geheul und Flintenknattern aus dem Hinterhalt aufgebrochen war.
Auch an die deutschen Ansiedlungen, deren Besuch der eigentliche Zweck
des ganzen Unternehmens war, erinnerte er sich nur in verschwimmenden
Umrissen, und eigentlich nur an jene Frau, die ihm die Fe gewaschen
und ihn zu Bett gebracht hatte wie einen mden kleinen Jungen, gar nicht
wie einen hoffnungsvollen jungen Gelehrten. Auch daran, da er da,
nach Monaten zum erstenmal wieder in einem richtigen weien Bett ruhend,
trotz aller Erschpfung noch lange wachgelegen hatte, von einem jhen
nagenden Heimweh befallen. Alle diese Erinnerungen aber verblaten vor
jenem letzten schrecklichen Erlebnis mit dem Janusch.

Sie hatten in der Nhe des Kaspi einen Ausflug landeinwrts gemacht, die
Sonne prallte blendend von der grauweien Salzrinde der Wste ab, die
Luft war flimmernd hei und schwer zu atmen wie von Salzlsung
gesttigt, der Janusch war mrrisch und George tieftraurig. Beide
stapften sie in finsterem Schweigen hinter dem Vater her, der im Sande
grub und Versteinerungen suchte. Akim hatte sie begleitet und nahm die
Beute in einen seiner Weidenkrbe auf, die beiden Erwachsenen der
Unternehmung waren somit beschftigt und in bester ttiger Laune,
besonders Herr Forster, der fortwhrend vor sich hinpfiff und Akim durch
neckische Fragen zum Kichern brachte. Ein langgestreckter Hgelrcken
erhob sich unter der Menge der Flugsanddnen wie ein ruhender Lwe in
einer Herde geduckter Schfchen, er hatte felsige Flanken und ein von
interessanten Tonschichtungen rotstreifiges Fell, also ging Herr Forster
auf ihn los wie ein witternder Jger und sah sich in keiner Weise nach
George um, der hinter einem Flugsandhgel zurckblieb, und zwar weil
Janusch sich mit einem Laut verzweifelten Unmutes zu Boden geworfen
hatte. Hunger hat er sich, Durst hat er sich, will er sich nachhause,
Janusch, armes Hund! schluchzte er schnaubend und krallte seine mageren
Finger in die sprde brckelnde Salzkruste. Is sich furchtbares Land,
Wasser, viel zu viel, kein Stall, kein Schwein, kein Garnichts! Wir
geben dir doch immer zu essen, Janusch, sagte George ratlos und
nestelte gebckt an dem Frhstckskorb, den der Heulende auf dem Rcken
trug, -- man mute ihn strken, -- o Gott! -- dies war gewi ein Kollaps
der Krfte, -- Herr Forster befrchtete fr sich selbst dauernd Kollapse
der Krfte und errterte eingehend diese Mglichkeit, -- eine Kollation,
nicht wahr, ber dem Spazieren ward man mde, mute anbeien: Janusch!

Aber der Janusch hatte sich hingesetzt und wehrte angeekelt ab, --
nicht so! Sein Gesicht war rot gescheuert von salzigem Sand, sein
krauses schwarzes Haar bestubt, wie das einst so stolze grne Kamisol,
er zog die Knie an, umschlang sie mit den Hnden und starrte aus seinen
grellen Augen trostlos gradeaus in die leere Wste. Hat sich Hunger
schweinernes von Mutter, hu hu! fgte er dann hinzu, steckte den Kopf
zwischen die Knie und gab sich weiter haltlos seinen Gefhlen hin, die
ihm in diesem Augenblick des Zusammenbruches die polnische Sumpfheide
mit Mutters Htte als Paradies erscheinen lieen. Da waren sie alle
zerlumpt und zottelig und um den rauchenden Herd war kein Fleckchen ohne
irgendwelchen lieben persnlichen Dreck, der sich jahrelang hielt und
wrmte. Da roch es scharf und beiend nach ranzigem Speck und Fusel, die
so gut schmeckten, hintereinander genossen, versteht sich! Ach, fr eine
Weile mochte es gut sein, gekleidet zu gehn wie ein Starost, mit
Georgie-Panje Gemeinschaft zu haben, sich allen Schimpfens und aller
Stallgewohnheiten zu enthalten und dem groen Pan Forster demtig zu
dienen wie einem lieben Gott in Stulpenstiefel. Aber seinesgleichen
waren sie nicht, diese Menschen, die nach gar nichts rochen auer etwa
so zahm und s wie der Pan Forster nach Lavendel oder etwas anderem,
was nicht zu essen war, -- und brigens roch er nicht einmal selbst so,
sondern nur seine Hemden und Rcke. Ach, Hemd und Rock, das hatte mit
dem Menschen verwachsen zu sein wie sein eigenes Fell und mute ganz
durchtrnkt von der Persnlichkeit werden! All diese Gedanken fanden
sich nicht etwa in kristallisierter Klarheit in den Hirngngen des
Janusch vor, aber sie quollen doch wie Lava rebellisch in seinem ganzen
Krper auf und nieder und drngten zum Ausbruch, -- denn der Janusch
dachte, fhlte und litt mit seinem Buchlein und mit seiner Zunge
ebensogut als mit dem Herzen und dem Kopf, es ging bei ihm alles
einheitlich und verschmolzen vor sich und manchmal hatte er abends
geweint, weil er nicht mehr so viel Luse hatte wie frher und das
Kratzen vor dem Einschlafen doch so angenehm gewesen war. Nicht, da er
sich dessen bewut geworden wre, aber eben: ihm fehlte etwas!

George war aufs tiefste peinlich berhrt und empfand es auf einmal
deutlich, da er den Janusch nicht liebte, ja mehr noch, da der Janusch
trotz des sauberen Kamisols nicht aufgehrt hatte, ihm widerlich zu
sein, wie daheim, seit seinen ersten Lebensjahren. Aber gerade deshalb
fhlte er einen dumpfen Zwang, dem anderen dienen zu mssen, und mit
schmerzlicher berwindung beugte er sich nieder, um die zuckenden
Schultern des Janusch zu berhren, -- mein Gott, was sollte er nur
sagen, und geschah dem Janusch nicht eigentlich ganz recht? Wer hatte
immer mit Pferdepfeln geschmissen und nicht nur geschmissen, sondern
auch getroffen! und das war es doch eigentlich. Und gab es das wohl
berhaupt, Heimweh nach einem Stall, in dem Hhner, Katzen, Schweine und
Menschen zusammen hausten? Gleichviel, der Janusch heulte, er sprudelte
Flssigkeit von sich in wtendem Schluchzen, er lie sich gehen, war
menschlich, war arm ... Was tat man mit ihm? Wenn nur der Vater ...

In diesem Augenblick erzitterte von fernher die Erde, sie wuten beide
zunchst nicht, woher die glhende Lautlosigkeit der Wste diesen
dumpfen Trommelwirbel nahm, der Luft und Boden erschtterte. Janusch war
aufgefahren und starrte George an, der seinerseits mit beiden Hnden in
die Hhe gezuckt war und mit offenem Munde dastand. Er hatte aber keine
Zeit weder aufzuschreien noch davonzulaufen, er machte einen mhseligen
Versuch, die nchste Dne zu erklettern, blieb jedoch auf halber Hhe
liegen, rmel und Schuhe voll Sand. Und da lag er denn und sah. Auf
zottigen kleinen Pferden kam ein Reitertrupp herangebraust, von Waffen
starrend, die Ringelpanzer in der Sonne glnzend, Haarschpfe hoch auf
dem runden Schdel scharf abgebunden, im Winde flatternd. Unmglich,
einen einzelnen ins Auge zu fassen, wie die hundertmal wiederholte
Erscheinung eines hllischen Grinsens rasten sie vorber auf die
Pferdekpfe geduckt und schnatternde Schreie ausstoend wie ein Zug
wilder Gnse. Flimmernder Staub umwlkte sie, Sand spritzte unter den
Hufen. Der letzte ritt in einigem Abstand und um einen Bruchteil
langsamer, er war der einzige, der die Knaben bemerkt zu haben schien,
denn mit wahnsinniger Geschicklichkeit drehte er sich ohne anzuhalten
auf dem Pferdercken herum, -- er ritt ohne Sattel und Bgel --, indem
er die eine Hand rckwrts aufstemmte und die lederumwickelten Beine
durch die Luft schwang. Er war unbewaffnet, -- war er der Hanswurst oder
der Koch des kriegerischen Zuges? --, er vollfhrte ein paar greuliche
Faxen mit aufgerissenem Rachen und wildfuchtelnden Armen, um die Knaben
zu erschrecken, zu unterhalten ... George war wie betubt, wie
geblendet, er sah ohne zu sehen, aber der Janusch, um Himmels willen,
was kam dem Janusch bei? Mit ausgebreiteten Armen machte er ein paar
Schritte, lief er, ja wahrhaftig, da lief er dem Kerl nach und der, mit
derselben teuflischen Geschwindigkeit sich wieder im Sitz
herumschwingend, machte kehrt und kam zurckgeflogen, wie das schlagende
Wetter. Ein Niederbeugen im Fluge, ein gellender Raubvogelschrei, und da
sa der Janusch vor dem Kalmcken, die Arme um den Pferdehals geworfen
und noch einen Blick zu George sendend, in dem Gott wei was lag, Angst
jedenfalls, aber auch Triumph ohne Grenzen, und George fragte sich
spter immer wieder, ob es wohl mglich sei, da der Janusch in jenem
Augenblick, als sein Schicksalsfaden wie rasend abrollte, imstande
gewesen war, ihm die Zunge herauszustrecken, -- oder ob das eine
Augentuschung seinerseits war, hervorgerufen durch die Gewhnung an
gewisse Eindrcke, ausgehend vom Mienenspiel des lieben Janusch?

Hierzu ist nur zu bemerken, da es nicht gelang, dieses Bedienten
ohnegleichen wieder habhaft zu werden, und da, wie schon gesagt, dieses
Erlebnis das letzte deutlich umrissene in Georges Erinnerung an die
Wolgareise blieb. --

                   *       *       *       *       *

Der andere Knabe war in die Uniform irgendeiner militrischen
Erziehungsanstalt gekleidet, einen knapp sitzenden blauen Frack mit
sprlichen Silberknpfen; er hatte den schwarzen Dreispitz unter dem
rechten Arm und die linke Hand am Knauf des Degens, der fast wagrecht
von seiner Hfte abstand. Er trug zwischen den mit Eiweikleister
haltbar gemachten und dick berpuderten Haarrollen an den Schlfen ein
ungeheuer gelangweiltes Gesicht zur Schau, vernderte es aber aufs
liebenswrdigste, sobald der Blick einer Dame ihn traf, etwa gar das
hurtig wandernde Auge seiner gndigen Tante, der Frstin Daschkow, der
geistvollen jungen Staatsdame Katharinas, die ihn, den bedauernswerten
Michail Grigorjewitsch, zu dieser nichts weniger als glnzenden Soiree
bei Hofe mitgenommen hatte. Er hatte gehofft, Hofgesellschaft
anzutreffen, -- nun, etwa den engeren Kreis, -- und Stoff zur
Unterhaltung der Kameraden zu sammeln wie eine Honigbiene. Und nun war
hier, in den Slen der Eremitage, fast die gesamte Akademie versammelt,
lauter greise Mnnerchen mit gebckten Schultern und die Hnde auf dem
Rcken, wie er entrstet in Bausch und Bogen feststellen zu mssen
glaubte, obgleich eigentlich nur der ^D.^ Pallas, der dort drben mit
dem riesigen Deutschen plauderte, diese Haltung innehielt, und --
freilich, dies war lcherlich, -- neben ihm das Wunderkind, der Sohn des
Deutschen, in einem Ableger von seines Vaters mausegrauen Rock gekleidet
und mit Strmpfen, die ber den Kncheln Falten schlugen, das stand auch
so da und guckte von unten schief zu dem groen Pallas hinauf, der es
krperlich brigens kaum berragte. Die Kaiserin war nicht mehr
anwesend. Sie hatte der Versammlung ihre Gegenwart nicht viel lnger als
eine Viertelstunde gegnnt, und hatte den Eindruck hinterlassen, da man
sie gelangweilt habe, weshalb eine Art von Schuldbewutsein die Stimmung
der Gesellschaft drckte. --

George sah indessen nicht so sehr auf die farblosen Lippen des
Kollegienrates, als da er mit einem Ausdruck verlegener Sehnsucht zu
dem anderen Knaben hinberschielte, dessen Blick er sprte, den er aber
um nichts in der Welt anzureden gewagt htte. Er hatte ihn entdeckt,
sobald er den Saal betreten hatte, und war sofort von der Hoffnung
befallen worden, der Vater mchte sich mit ihm still und bescheiden an
die Wand stellen, -- eben neben jenen Knaben, -- denn die Gesellschaft
dnkte ihn glnzend, groartig und furchteinflend, so sehr
verwechselte er den Eindruck des durch hunderte von Kerzen erleuchteten
sechseckigen Spiegelsaales mit dem der sich darin bewegenden Menschen.
Einzig Simon Kotelnikow, der Oberbibliothekar, trug einen ponceauroten
Schorock und eine reichgelockte Staatspercke und nahm sich zwischen
seinen Kollegen aus gleich einem Paradiesvogel unter einem Krhenvolk,
wie er so umherwippte und berall gastfrei den Deckel seiner goldenen
Dose aufspringen lie, der Katharinas Bildnis ^en miniature^ zeigte.
Bse Zungen behaupteten, er sei einzig deshalb so freigebig, um das
Gesprch auf diese Dose, ein Geschenk der Kaiserin, zu bringen. In
Wirklichkeit war Kotelnikow dem Schnupftabak dermaen ergeben, da er in
der Stunde nicht weniger als sechs Prisen brauchte, -- um den Olymp zu
entwlken meinte er, auf seine gewlbte, von feinen Falten liniierte
Stirn weisend, -- deswegen hielt er in Gesellschaft seine Dose fr
jedermann offen und bediente sich selbst wie aus Zerstreutheit zu
gleicher Zeit. Er besa auer dem Ehrgeiz, Voltaire zu hneln, keine
Eitelkeit, und sein hlich-slavisches braunes Gesicht mit der
eingedrckten Nase und den funkelnden braunen uglein gab ihm ein
gewisses Anrecht darauf. Aber eine ganz hoffnungslose Gte, die
unausrottbar in seinem Herzen wurzelte, zerstrte immer von neuem seine
Versuche, dem groen Vorbild an spielender Bosheit hnlich zu werden, so
sehr er auch dagegen anwtete und sich selbst den Bsen vormimte.

Der zwlfjhrige Jesus im Tempel, sagte er eben mit dem verzweifelten
Versuch zu einer Blasphemie, die ihm selbst so widerstrebte, da sich
sein ledernes Gesicht vllig verzerrte und es ihm in der Hand zuckte,
sich zu bekreuzen, welche Regung er, malos ber sich selbst
erschrocken, noch rechtzeitig unterdrckte, indem er dem jungen Forster
die Hand auf die Schulter legte.

Welcher Stolz mag das Herz eines Vaters im Besitz eines solchen Sohnes
schwellen! fuhr er fort und hielt die geffnete Dose ins Leere. In der
Tat, Monsieur Forster, sagte er mit fieberhafter Eindringlichkeit zu
Georges Vater aufblickend wie eine alte verliebte Frau, Ihr Sohn hat
uns mit seinem Bericht ber das Biberdorf in der Woloschka bei Fedorowka
alle beschmt, uns Veteranen der Wissenschaft, ist es nicht so -- he,
Pallas? fragte er, mit der Dose den Kollegen bedrohend, der gelangweilt
eine halbe Schwenkung von ihm weg machte und sein Gesprch mit Forster
ber die Vlker lngs der Wolga fortsetzte. Sie werden mich besuchen,
Vterchen! brach es nun unbezwinglich aus Kotelnikow hervor und er
umarmte George fast, ich bin nur ein alter Mann, aber ich besitze doch
einiges, was Ihr Herz erheitern mchte. Wie, sollten Sie nicht meinen
Sekretr mit Musik zu sehen wnschen oder meinen zahmen Papagoyen? Er
stammt aus Surinam und ist ein Geschenk von Madame Merian, meiner
gelehrten und berhmten Freundin. Sie studiert speziell die Insekten und
malt und zeichnet sie samt den Blttern und Pflanzen, die sie zum
Aufenthalt bevorzugen, Sie werden diese kleinen Meisterwerke im Museum
der Akademie vorfinden. -- Ich, mein Freund, setzte er hinzu, fate
George vertraulich unter den Arm und zog ihn mit sich fort, ich finde
unter uns gesagt mehr Geschmack an den schnen Knsten als an der
unverarbeiteten Natur. Aber lassen Sie das hier nicht laut werden,
alles, was Sie hier an Kapazitten vereinigt sehen, huldigt den
Naturwissenschaften und der Mathematik, wie ich ja selbst zur
Mathematikklasse gehre, -- aber ^passons i-devant!^ Sehen Sie, dort
drben, der Wohlbeleibte im blauen Frack ist mein Kollege pinus, -- er
hat den Annenorden, Pallas und Euler sind Ritter des Wlodomirordens. ^
propos^, hren Sie ein Epigramm von mir, es ist allerliebst, ich mu es
sagen (es ist deutsch, des groen Lessing wrdig):

   Zerbrach auch lngst die Marmorsule,
   Drauf Pallas stand mit ihrer Eule:
   Hier ist sie wieder aufgebaut,
   Wo Pallas seinem Euler traut.

Er kicherte hastig, geriet ins Hsteln und klopfte dem verlegenen George
auf den Handrcken. Die beiden knnen sich nmlich gegenseitig nicht
ausstehen! rchelte er ihm noch ins Ohr und verlie ihn, pltzlich auf
den Spieltisch zutnzelnd, an dem die Frstin Daschkow mit dem
Astronomen Rumowski und dem Franzosen St. Pierre Platz genommen hatte.
George sah sich auf einmal vllig allein dem Glanz der Spiegel, der
kristallbehngten Kronleuchter und des eisblanken Parketts ausgesetzt,
etwas wie Platzangst lhmte ihn und er wagte keinen Schritt zu tun.
Auerdem kam er sich durch Kotelnikows Vertraulichkeiten ebenso wie
durch dessen pltzliches Vonihmablassen vor dem anderen Knaben
blogestellt vor und blickte unglcklich hinber, ob dieser ihn wohl
beachtet habe. Er sah ihn noch immer in der gleichen Stellung vor dem
berlebensgroen Bilde eines Generals mit der Allongepercke, der auf
einem hochgebumten Pferde sa, stehen, als sei er dort zur Ehrenwache
bestellt, die Linke am Degenknauf, die Nase keck und gelangweilt
zugleich in die Luft gestreckt. Aber obgleich er George nicht zu
beachten schien, ging mit einem Mal ein Ruck durch seine Glieder, er kam
mit etwas steifen abgemessenen Schritten auf ihn zu und blieb vor ihm
stehen.

Mein Herr, sagte er auf Franzsisch, Sie kommen aus Deutschland:
haben Sie den Knig von Preuen gesehen?

George fhlte all sein Blut zum Herzen schieen und seine Knie wankten.

Nein, mein Herr! stammelte er und hatte hierauf noch eine Sekunde das
Glck, die blablauen Augen Michail Grigorjewitschs aus nchster Nhe
mit dem Ausdruck mitleidiger Verachtung auf sich gerichtet zu sehen.
Hierauf wandte sich dieser junge Mann schweigend ab und schritt zu
seinem Standort zurck, whrend von der anderen Seite glcklicherweise
der Vater nahte, um George nach einigen Abschiedszeremonien mit sich
fortzunehmen.

In den Tagen nach dieser Soiree in der Eremitage war der Vater
auffallend schlechter Laune, was sich, wie immer, darin uerte, da er
nicht mehr als das Notwendigste sprach und sehr majesttisch und
vorwurfsvoll aussah. Ohne weitere Erklrungen abzugeben, entlie er den
Lohnlakaien und fand den Mietskutscher ab, welche beiden er sich seit
der Rckkehr nach St. Petersburg als unentbehrlich fr die Gewohnheiten
eleganter Reisender gehalten hatte, ebenso wechselte er den teuren
Friseur vom Newski-Prospekt mit einem Biedermann, der in Gostinnoi dwor,
dem groen Bazar, eine Badestube fr jedermann hielt. Schlielich, was
das Einschneidendste war, er befahl George die Koffer zu packen, und im
Umsehen vollzog sich eine bersiedlung aus dem Demuth'schen Gasthof in
der Nhe des Winterpalastes zu der Witwe Olga Nikolajewna Demidow, die
im Wiborgschen Stadtteil ein hlzernes Huschen besa und den ganzen Tag
ber billige Trnen darber vergo, da Fremde in den Federbetten des
seligen Fedor Wassiliewitsch lagen, -- aber was tat sie nicht dem
Kollegienrat Stephan Rumowski zuliebe, ihrem Freunde, der sie berredet
hatte, diese Deutschen ins Haus zu nehmen?

Indessen war ein fabelhafter Winter hereingebrochen und lag ber der
Stadt, den wollig weien Bauch auf den Boden gepret wie ein ungeheures
Polartier. Er war eisblau und rauchig, er hatte sich in die Erde
gefressen, hielt strrisch stand, er wich und wankte nicht. Ganze Wlder
gingen in Flammen auf, um ihn aus den Husern zu vertreiben, und die
russischen fen waren die einzigen wahren Freunde in der kalten fremden
Stadt. George wrmte seine Hnde an den Kacheln, ehe er sich morgens an
sein mhseliges Tagewerk setzte, denn er bertrug ein deutsches Werk
ber Pflanzenkunde ins Franzsische und sa gebckt ber Papier und
Wrterbchern, nur zuweilen aufstehend, um den Samowar zu bedienen, den
anderen Freund, der unerschpflich belebenden Tee spendete. Der Vater
hatte sich angewhnt, ihn nach russischer Art kochend hei zu trinken,
Tee und Tabak, die waren es, die ihn aufrecht hielten, whrend er George
gegenber chzend an seinem Gesetzentwurf fr die deutschen
Wolgakolonien arbeitete. Dieses Werk hatte die Regierung von ihm
gefordert, nachdem er zwei Monate lang in den Vorzimmern aller Groen
herumgesessen hatte, um seines, wie er meinte, mehr als wohlverdienten
Lohnes fr die in einer Denkschrift niedergelegten Reisebeobachtungen
teilhaftig zu werden.

Als ob ich mich ihnen an den Hals geworfen htte! schnaubte er
zwischendurch seinem Sohne zornig zu, und verga vllig, wie
angelegentlich er seinerzeit in Danzig Herrn von Rehbinder hofiert
hatte, verga auch, da nach den leider nicht vertragsmig festgelegten
Abmachungen ein Teil seiner Belohnung in den Reisekosten bestanden
hatte, -- oder vielmehr, er verga dies nicht, redete sich aber
nachdrcklichst ein, da natrlich der _grere_ Teil des ihm
Zukommenden noch ausstehe. Ha, wenn es ihm nur gelingen wollte, bis zu
Ihrer Kaiserlichen Majestt durchzudringen, aber da war ja ein Ring,
eine Kette war um sie hergezogen und niemals erfuhr sie vielleicht, da
der unschtzbare Forster, den sie doch selbst herangezogen hatte, --
nun, hatte sie etwa nicht? -- George, sage es selbst! -- da dieser
Mann in ihrer Nhe darbte, -- ja, nchstens darben wir, George! --
weil ihm das ihm Zukommende vorenthalten wurde.

Tatsache war, da Graf Grigori Orloff, von Gardener unaufhrlich
berlaufen, eines Tages nasermpfend, da er alle wissenschaftlichen
Unternehmungen Katharinas grndlich verachtete, zur Frstin Daschkow
gesagt hatte: Dieser Deutsche redet so viel von seinen Verdiensten um
die Krone, -- worin bestehen sie eigentlich? Worauf die gelehrte Dame,
ebenfalls nasermpfend, denn sie ihrerseits verachtete wiederum
grndlich die Liebhaberei der Kaiserin fr so schne dumme Tiere, wie
der Graf eins war, erwidert hatte: Jedenfalls nicht in Bestrebungen,
dieser Krone Erben zu sichern! Und mit dieser so spitzen und beinahe
schnippischen Antwort war die Angelegenheit Forsters zwischen dem
damaligen Gnstling Katharinas und der zuknftigen Prsidentin der
russischen Akademie abgetan worden, so da freilich keine Hoffnung mehr
bestand, die Kaiserin knnte gerade ber diesen ihren wertvollen
deutschen Diener unterrichtet werden. Denn da die Aussendung Herrn
Forsters ins Wolgagebiet ganz mit Umgehung der Akademie vor sich
gegangen war, hatte auch diese vortreffliche Anstalt eine Neigung, seine
Leistungen so einzuschtzen wie eben die Liebhaberarbeiten eines
Privatmannes, und das war's, was Herrn Forster an jenem Abend klar
geworden war.

Er war ungeheuer emprt und George trug dies in Demut, ohne ganz zu
begreifen, er nahm die Stimmung des Vaters, die sich immer wieder
prasselnd entlud, hin wie ein Schicksal und gedachte der Tage auf der
Wolga wie eines himmlischen Zufalls. Ja, schon in diesen Jahren legte er
den Grund zu der Anschauung, da das Unglck der natrliche Zustand des
Menschen sei, Glck aber beinahe gleichbedeutend mit Unrecht. Mit dieser
Auffassung befand er sich im ausgesprochensten Gegensatz zu seinem
Erzeuger, der von Anbeginn an mit dem Leben schmollte, wenn es ihm sein
Behagen, seine Speckseiten, mit einem Wort: das ihm Zukommende
vorenthielt, -- _hatte_ er es aber, so bediente er sich seiner mit der
kindlichsten Selbstverstndlichkeit, denn jetzt tat der liebe Gott ja
nicht mehr, als er schuldig war.

War nun in mhseliger Arbeit das krgliche Tageslicht erschpft, gegen
drei Uhr nachmittags also, so begann der Vater auf seinem Sessel unruhig
zu werden und langsamer zu schreiben, er blickte aus dem Fenster zum
Himmel, der sich ber dem stumpfblauen Wei der Dcher golden und rosig
zu frben begann, und pltzlich stand er auf und begann sehr eilfertig
seine uere Erscheinung zu verschnern, wozu George schon am frhen
Morgen das Notwendige bereit gelegt hatte, vor allem die apfelgrne
Schoweste aus Seidensamt mit den Knpfen aus Bergkristall, die der
Vater neulich in dem groen englischen Bazar der Brder Hawksford
erstanden hatte, nachdem er wohl eine Stunde lang die zwlf Sle dieses
Wunderhauses durchkreist hatte und immer wieder vor der Weste gelandet
war, bis er endlich entschlossen sagte: George, dein Urgrovater war
Englnder! Und hiermit waren die letzten Bedenken, sich fr acht Rubel
zum Besitzer dieses kstlichen Kleidungsstckes zu machen, berwunden
gewesen. --

So weigepudert und rosig von Angesicht leuchtete er ber schneeweiem
Jabot und grner Weste, wie der leibhaftige Frhling von Yorkshire, und
glich in nichts einem preuischen Prediger, was auch sein Ehrgeiz nicht
war. brigens hatte man sich selbstverstndlich auch mit Pelzwerk und
den riesigen russischen berschuhen versehen mssen, und so ausgerstet
betrat man alsbald die Strae, der Vater neugierig, vergngungsschtig
und hungrig wie eine groe strmische Dogge, die vor lauter
Lebensberschu tobt und bellt, George hinterdrein wie ein verfrorenes
Pinscherchen, das nur ausgeht, weil es mu. Obgleich er den ganzen Tag
noch nichts zu sich genommen hatte, als des Morgens zum Tee einen
Kalatsch, eine dieser zhen russischen Semmeln, war er sich seines
Hungers doch nicht bewut, sondern nur einer allgemeinen grausamen
Erschpfung, einer Sehnsucht nach dem warmen Bett und eines flauen
Geschmackes im Munde. Die Klte machte ihm den Atem stocken und legte
sich mit Klammern um seine Brust; Hnde und Fe erstarrten, die Augen
trnten ihm und halbblind stolperte er hinter dem Vater drein, der
gewaltig ausschritt, vom weien Gewlk seines Atems prchtig umwallt, im
Siebenkragenpelz wie ein wandelnder Berg. Saen sie dann glcklich in
der sauren Wrme einer Garkche dem Ofen mglichst nahe und die Hnde um
das dampfende Teeglas gelegt, das sofort vor jeden Gast hingestellt
wurde, so wurde es ja etwas besser, langsam, ganz langsam kam dann auch
ein wenig Appetit ber ihn, er leckte wie ein Ktzchen seine Schale mit
Kascha aus und knusperte seine Pirogge, mit leiser Spannung auf ihren
Inhalt bedacht und enttuscht, wenn das Fisch war. Der Vater war sich
wohl bewut, da es eigentlich unter seinem Stande war, zu einem
Trakteur zu gehen, aber sein Hunger war grer als sein Standesgefhl,
und ehe er in einen Gasthof ging, wo es fr schweres Geld doch nicht
satt zu essen gab, zog er mit dem Knaben lieber von einem fliegenden
Hndler zum andern, um an jeder Straenecke etwas zu sich zu nehmen und
dabei der Unterhaltung mit dem Volk zu pflegen, was er liebte, George
aber frchtete, denn er argwhnte nicht ohne Grund, da das Volk sich
ber das deutsche Vterchen belustigte und ihm mehr Geld abnahm, als
sich mit der Rechtlichkeit vertrug. Ein solches Leben, mein Sohn, lt
sich nur nach den strengsten Grundstzen der konomie fhren, sagte
Forster jedoch nach derartigen Mahlzeiten befriedigt zu seinem Sohn und
schlug den Weg zur Newa ein, um dem letzten Tagesschein noch eine
Wenigkeit Amsement abzugewinnen. Hier spielte das dicke Wintertier
Fangball mit seinen Russen und der ganze breite ebene Raum der
erstarrten Fluflche zwischen Wassili Ostrow und dem Wiborgschen
Stadtteil war eine einzige groe Kinderstube voller Geschrei und
Getmmel. Da gab es Eisberge mit Rutschbahnen, die auf flachen kleinen
Schlitten hinunterzusausen Herrn Forsters Wonne, aber Georges Schrecken
war, da veranstalteten die Schafpelze, die Bauernkutscher, die lustigen
schmierigen Iwanuschki, die den Winter ber in Piter ihr prchtiges
Auskommen fanden, Wettrennen auf der spiegelebenen, schneestubenden
Bahn, andere spielten Fuball, rangen und boxten und aus den
Bretterbuden der Kabacken stieg unaufhrlich der schne bluliche
Holzrauch, jedem Erschpften Wrme, Tee und ein Schlchen verheiend.
Dazwischen, auf den mit Tannenzweigen abgesteckten Verkehrswegen wlzte
sich das Leben der wimmelnden Stadt schellenklirrend und geschftig
herber und hinber, whrend hinter der Kuppel der Isaakskirche der Tag
verlohte und hier unten die Pechpfannen und Fackeln aufglhten, sich im
Nebel mit zitternden Kreisen wechselnden Lichtes umgebend. Es war
allenthalben eine Herzlichkeit sondergleichen, man war zrtlich fr
einander besorgt und rieb sich die Nasen mit Schnee, auch wenn es noch
gar nicht ntig war, die Klte zauberte Krfte hervor, die Klte machte
betrunken und selig, weil man selbst so von innerer Wrme strotzte, die
Klte, kurz, war die eigentliche Mutter der Petersburger, sie sugte sie
mit Tee und Schnaps und machte sie wieder zu Kindern. Hier war Reinhold
Forster in seinem Element, sein groes Lachen drhnte hinter den
Iwanuschki her, die ihre Pferdchen peitschten und anschrieen, und mit
ihm lachte behaglich das Volk, da ihm die Brte wackelten. Es mute
wohl alles so sein, dachte George, der von einem Fu auf den andern
trat, weinerlich vor Klte und mhselig schnffelnd. Aber, mein Gott,
wie sehr zog er es vor, den Abend in der Studierstube eines Freundes zu
verbringen, etwa bei dem gelehrten und gtigen Pallas, wo der Vater
disputierend doch auch glcklich war, und wo man ihn, der hinter dem
Ofen auf einem Schemel hockte, verga, so da er im Halbschlummer
sonderbare Traumreisen in die sommerlichen Wolgagefilde oder in den
Lichtkreis von Mutters Kerze antrat, die jetzt doch auch brannte, fern,
irgendwo, wo er vor hundert Jahren einmal im Paradiese gewesen war.

Im Frhjahr, hie es immer, -- und: wenn das Eis bricht, -- und
schlielich: wenn die Geschfte abgewickelt sind ... dann, ja dann wrde
die Heimreise angetreten werden. Was freilich dann begonnen werden
sollte, darber grbelte der Knabe manchmal vergeblich nach, denn es
beunruhigten ihn unklare Ahnungen von der Gefhrdung ihrer Existenz und
ein instinktiver Zweifel an seinem so prchtigen Vater, den er jedesmal,
wenn er sich bemerkbar machte, erschrocken wieder ins Unterbewutsein
hinabstie, von seiner Sndigkeit berzeugt. In einem der sprlichen
Briefe, die von der Mutter kamen, hatte gestanden, da sie schon im
Herbst gentigt worden war, die Pfarre einem neuen Prediger zu rumen,
da von obrigkeitlicher Seite auf den im Auslande sumenden Herrn Forster
verzichtet wurde. Der Vater hatte sofort gerufen, da er dies nicht
anders erwartet habe, da es aber trotzdem eine Infamie sei und da er
mit den Herren schon abrechnen werde, -- schon abrechnen ... Jedoch lie
sich einstweilen nichts daran ndern, da die Mutter mit den fnf
Kindern bei Verwandten in Danzig Wohnung nehmen mute und da diese
Tatsache zusammen mit der unsicheren Zukunft Herrn Forster gelegentlich
beunruhigte, wie ein kranker Zahn, der doch einmal weh tun _knnte_. In
solchen Tagen lie er sein unterirdisch arbeitendes Pflichtgefhl, --
eine lstige, -- eine hchst lstige Krankheitserscheinung, -- an George
aus, es hagelte Wiederholungen auf allen Gebieten des Wissens und der
Himmel ward zum Zeugen angerufen, da es nicht seine, des unglcklichen
Vaters, Schuld sei, wenn die Bildung des Knaben lckenhaft bleibe. War
es nicht der Himmel, so war es Herr Dilthey, der deutsche reformierte
Prediger, den man Forster als Beirat bei seiner Arbeit zugeteilt hatte,
-- auch so eine Kabale, zweifelte man an seinen Fhigkeiten?! -- und
Herr Dilthey, ein pnktlicher Herr im schwarzen Habit und kein Freund
von Extravaganzen, der in diesem vagabondierenden Amtsbruder einen Hohn
auf die Wrde des Standes sah, bemerkte gelangweilt:

Wir haben hier Schulen, Verehrtester, bedienen Sie sich derselben!
worauf Forster ihn mit einem schiefen Blick ansah und in mrrisches
Schweigen versank, denn er hatte nun einmal den Ehrgeiz, den Quell von
Georges Bildung aus der Brunnenstube des eigenen Wissens zu speisen, --
zudem kosteten Schulen Geld. Indes, um vor den Augen dieses Dilthey zu
bestehen, entschlo er sich in den nchsten Tagen zu entscheidenden
Schritten, und seiner Beredsamkeit an gewissen Stellen gelang es diesmal
wirklich, im Gymnasium der Akademie wenigstens einen halben Freiplatz zu
erlangen. So geschah es, da George, zwlfjhrig, in den drei ersten
Monaten des Jahres 1767, zum erstenmal in seinem Leben eine Schule
besuchte. Dort verhhnte man ihn um seiner Aussprache des Russischen
willen, man versteckte seine Bcher und verdarb seine Federn, man malte
mit Kreide abscheuliche Dinge auf den Rcken seines mausegrauen Rockes
und nannte ihn Krhenfresser, weil er unvorsichtigerweise einmal
erzhlt hatte, daheim habe der Vater manchmal Krhen geschossen und
dieselben schmeckten gebraten nicht bel. Trotz alledem war er in dieser
Zeit oft sehr glcklich, denn er hatte eine heimliche zitternde Neigung
zu einem viel lteren Knaben, einem groen, faulen Schlingel, der sich
von ihm den Horaz bersetzen und ihm dafr gelegentlich einen lssigen
Schutz angedeihen lie. Dieser Immanuel Oberhof, eines deutschen
Kaufmanns Sohn, erinnerte ihn so stark an den Kadetten, den er bei der
Frstin Daschkow gesehen hatte, da er der unausgesprochenen berzeugung
war, es tatschlich mit diesem zu tun zu haben, und das Gesprch immer
wieder auf den Knig von Preuen brachte, in der Hoffnung, sich
hierdurch interessant zu erweisen. --

Die Butterwoche des Karnevals vor den Fasten war noch ein Hhepunkt in
Reinhold Forsters Petersburger Aufenthalt. Er hatte seine Arbeit
beendet, sie war in den Hnden des Grafen Orloff und somit seiner
Ansicht nach auf dem besten Wege zur Kaiserin selber, der er in der
nchsten Zeit vorgestellt zu werden hoffte. Er dankte nunmehr Herrn
Dilthey ab, der nachgerade anfing, ihm berlstig zu werden, das heit,
er verabschiedete sich mit einer feierlichen Vormittagsvisite von diesem
zugeknpften Herrn, der dies mit gehaltener Verwunderung entgegennahm
und behutsam anfragte, ob Monsieur Forster denn glaube, seine
Angelegenheit wrde sich nun mit Geschwindigkeit abwickeln? Warum sie
das nicht solle? fragte Herr Forster streitbar zurck. Er hatte zu der
apfelgrnen Weste einen neuen pfirsichfarbenen Rock an, angeschafft fr
sein Erscheinen vor Ihrer Majestt, jetzt aber einzig mit der Absicht
angelegt, Herrn Dilthey zu rgern. Warum also nicht? wiederholte er
angelegentlichst und richtete seine Augen mit der unschuldigen
Selbstzufriedenheit eines gesttigten Suglings auf sein verkniffenes
Gegenber, wobei er die gesunden roten Backen unmerklich ein wenig
aufblies. Herr Dilthey lie einen mitleidigen Blick von ihm zu George
gleiten und begngte sich damit ^Mon Dieu!^ zu sagen. Der Ton aber, in
dem dies geschah, war geeignet, den Gast zu verstimmen. Er brach denn
auch bald auf und war, kaum war die Haustr hinter ihnen zugefallen, im
Begriff, sich seiner Meinung ber diesen knchernen Gesellen George
gegenber grndlich zu entuern, als er fast zusammenstie mit einem --
nun mit einem Subjekt, -- einem Subjekt in einem abgeschabten Schafpelz,
das sich demtig beiseite drckte, als Herr Forster auf deutsch fluchte,
dann aber standhielt, als der Fluch berging in die verwunderte
Begrung: Der Kuckuck, -- Betzel! -- Er ist das?!

In der Tat war es der ehemalige Reisegefhrte, der da vor ihnen stand
wie der Schatten seines einstigen Selbst, und Forster wiegte mitfhlend
sein Haupt, indem er leise mit der Zunge schnalzte, als er diese
Erscheinung musterte, die im Vergleich mit ihrer frheren Gedunsenheit
jetzt wie ein Gummiball aussah, der ein Loch bekommen hat. Betzel lachte
ein wenig krampfhaft und gab an, zu dem Ehrwrdigen Dilthey zu wollen,
in der Hoffnung, durch dessen Vermittlung eine Stelle zu finden, denn
seine Projekte seien fehlgeschlagen, jawohl, es sei nichts mit jenem aus
Hammelfett destillierten le, und er she ja selbst ein ... Er fhrte
nicht des nheren aus, was er einshe, aber er stand so ungemein
bescheiden und kummervoll vor dem prchtigen Forster, da George vor
peinlicher Beschmung nicht aufzusehen wagte. Indessen lachte der Vater
berlaut und drehte Gotthold Betzel um, ihn unter dem Arm ergreifend und
mit sich fortziehend. Jetzt werde man erst einmal miteinander
frhstcken, dann sei es immer noch Zeit, Schritte zu tun, wenn denn
Schritte ntig waren. Der Tag verlief hierauf auf das fettste und
lustigste, und nachdem Gotthold Betzel etliche Schlchen zu sich
genommen hatte, war er ganz der Alte, und Forster belustigte sich damit,
seine Bierbankprahlereien immer hher zu schrauben und neue Projekte aus
ihm hervorzulocken, kurz, er spielte ganz den groen Herrn, dem sein
gutes Geld es gestattet, einen Hanswurst zu halten, und George sa
daneben, bald ihn, bald Betzel anstarrend wie ein bses teuflisches
Schauspiel. Ihm war weinerlich zumute, er htte nicht sagen knnen
warum, doch sprte er wohl mit unendlich viel zarteren Nerven als der
Vater, da der Strudel sie schon erfat hatte, da der Wirbel sie mitri
und der Abgrund an ihnen saugte. -- -- --

Herr Forster begann nicht zu trinken, obgleich er es hundertmal die
Woche verschwor, er schlug George auch nicht mehr als sonst, -- das
Erlebnis wachsender Hoffnungslosigkeit und steigender Verzweiflung war
zu neu fr ihn, als da er sogleich die Stellung herausgefunden htte,
die er dem gegenber einzunehmen hatte. Aber es fiel so allmhlich alles
von ihm ab, sein ganzes gehaltvolles Auftreten sank in sich selbst
zusammen, es war, als drehte ihm eine unsichtbare Hand die Rckenwirbel
einzeln heraus. Ende Februar hatte er noch die Kraft, in seinen vier
Wnden gewaltig zu toben, und dann, gleichsam mit Entrstung
vollgepumpt, strzte er zum Grafen Orloff, um in dessen Vorzimmer die
schne angesammelte Spannkraft in stundenlangem Warten langsam
entweichen zu fhlen. Wrde man ihn etwa wieder nicht vorlassen?

George hatte es sich angewhnt, mit zur Schau getragenem fieberhaften
Eifer zu arbeiten, wenn der Vater von diesen Gngen heimkehrte, manchmal
lag er auch schon im Bett und schien zu schlafen, denn nichts frchtete
er so, wie des Vaters leeren Blick, in dem eine Ratlosigkeit
sondergleichen stand. Ebenso schrecklich empfand er das vernderte Wesen
des Gestrengen, das auf einmal gleichweit entfernt von aller lrmenden
Anmaung wie von jener pausbackigen Lustigkeit war, die etwas
Kindliches an sich hatte und seinen Ansprchen den Schein von
Selbstverstndlichkeit gab. George fhlte, da er einen sanften Vater,
der um seine Stiefel _bat_ und fr kleine Dienste _dankte_, weniger
ertragen konnte als den alten Knig Minos. Da der Vater nun gnzlich
aufgehrt hatte, zu arbeiten, aber dennoch eine geheimnisvolle
Geschftigkeit mit Briefschreiben und Ausgngen, auf denen George nicht
mitgenommen wurde, an den Tag legte, schlo er mit Recht auf den
bevorstehenden Aufbruch und lauschte den emprten Klagen des Vaters ber
den Grafen Orloff zwar mit demtig entrstetem Gesicht und indem er
bisweilen ein zorniges dumpfes: O! hervorstie, war aber tief
innerlichst berzeugt, da, je rger es dieser Graf treibe, ihre Abreise
desto nher bevorstnde, -- hatte ihm nicht der Vater schon ein letztes
Wort, -- ein unwiderruflich letztes, George! sagen lassen, nmlich er
wnsche noch vor Ablauf des April in seine Heimat zurckzukehren, und
nicht nur das, er hatte das Spiel so weit getrieben, die Anzeige seiner
bevorstehenden Ausreise in die Petersburger Bltter einrcken zu lassen,
wie es jeder Fremde gehalten war, dreimal zu tun, ehe er der Residenz
den Rcken drehte, damit die Herren Glubiger nicht um ihr Recht kmen.
Ja, er spielte ^va banque^ und haute dabei auf den Tisch:
tausendundeinen Rubel forderte er als sein Douceur, wohlgemerkt, einen
mehr als tausend! hatte er dem Grafen ganz ohne eine diesbezgliche
Anfrage mitteilen lassen, denn tausend seien nun einmal zu wenig fr
seine Dienste! Haha! welche Ironie, nicht wahr, welch feingeschliffener
Spott, -- vielleicht gar zu fein fr die Lederhaut des hohen Herrn?
Wollen sehen!

Erstaunlich, da der Vater dermaen mit einem Grafen umsprang,
erstaunlich, aber zugleich ein wenig bengstigend, fand George; Gotthold
Betzel aber, der gerade anwesend war und dem zu Ehren diese ganze
Geschichte vielleicht zum besten gegeben ward, klatschte sich die
Schenkel und lachte unmig. Er fand diese Art des Vorgehens
auerordentlich spahaft. Der wackre Gotthold befand sich in besseren
Umstnden und war wieder ganz obenauf: er war als Hauslehrer, -- als
Pdagog, als Utschitschel, -- in der Familie eines reichen Kaufmanns
angekommen, wo er nicht allein eine Reihe von Sprlingen in Zucht und
Ordnung hielt, sondern auch eine Art von Haushofmeister darstellte, die
Rechnungen zu fhren hatte und vor allem Madame vorlesen mute, -- ein
vielseitiges Amt also, das nicht viel Zeit zu Projekten briglie, bei
dem man aber kleine Vorteile herausschlagen konnte, -- kleine Vorteile,
ber die Gotthold Betzel sich nicht nher auslie, aber bei deren
Erwhnung er liebenswrdig zwinkerte. ber dem klopfte es stark an der
Haustr, und der ans Fenster eilende George sah gerade noch die
Rckseite eines prchtig goldbetreten Lufers davontnzeln, whrend die
alte Kchin Katinka mit allen Anzeichen erschtterter Demut ein
Briefchen hereintrug, das Reinhold Forster ein wenig zu hastig fr seine
sonst zur Schau getragene Gelassenheit aufri. Die Sache macht sich!
bemerkte er alsdann, richtete sich auf und rckte ein wenig mit den
Schultern. Also kam man doch zum Ziel. Er war fr den nchsten Morgen
auf sechs Uhr zum Grafen Orloff bestellt. --

Wie sich diese Audienz abgespielt oder vielmehr nicht abgespielt hatte,
das erfuhr George bruchstckweise am Nachmittag des folgenden Tages,
whrend er mit ungeschickter Hast die Koffer packte. -- Ja, mein Gott,
sie wrden reisen, -- Dank dir, lieber, guter Gott! -- und heute noch,
heute abend noch! Da das alles traurig genug war, was der Vater da
erlebt hatte, nun ja, gewi, -- aber reisen! Heimreisen! Wieder zur
Mutter zu kommen! Seine kleinen Hnde wurden heute kaum mit den
widerspenstigen Sachen, den dicken groben Stoffen von Vaters gewaltigen
Kleidern, den poltrigen Stiefeln und Bchern, den zarten Jabots und
Spitzenmanschetten fertig und er lie den Inhalt einer Puderdose ber
Manuskripte und Reithosen niederschneien, die die groe lederne Vache
schon zur Hlfte fllten, whrend er mit offenem Munde einem
Zornesausbruch des Vaters lauschte und dabei doch nichts dachte, als:
In acht Tagen vielleicht, -- aber ganz sicher in vierzehn Tagen sind
wir in Danzig!

Die Sache war die gewesen, ganz einfach die, da, als Reinhold Forster,
-- im pfirsichfarbenen Frack und in der apfelgrnen Weste, wie es sich
von selbst versteht, -- bei grauendem Morgenlicht im Palais des Grafen
angelangt war, -- da er daselbst erfahren hatte: nein, -- der Herr Graf
seien nicht zuhause, seien zur Jagd, -- seien auf den Schnepfenstrich
gefahren, -- htten gewi wieder vergessen, das Vterchen, wie schon so
oft, da sie den deutschen Herrn bestellt hatten ... Mchten der
deutsche Herr vielleicht morgen ...

Aber da hatte Forster dem gemtlichen Dwornik mit einem Fluch den Rcken
gedreht und war durch den spritzenden Schneeschlamm davongerannt. Es war
aus, er fhlte es nun endlich mit unentrinnbarer Gewiheit. Nachdem er
zwei Stunden lang mit vorgeschobenem Kopf und geballten Fusten in der
unbekmmerten Stadt umhergeirrt war, gleich einem wildgewordenen Stier,
sammelte er sich in einer Garkche bei einem Glas Tee und einigen
Piroggen so weit, da sein Blut wieder sanfter kreiste und er sich,
schwermtig kauend, zugeben konnte, da hier, in der Tat, ein Projekt
von groer Schnheit gescheitert wre, -- freilich ohne seine Schuld --,
da aber, wie schon oft im Leben bewiesen, Reinhold Forster nicht zu
entwurzeln sei. Es war ein Mierfolg, gewi --, indessen war es ein
Mierfolg auf breiter Grundlage und dies war es, was ihn vorteilhaft von
allen bisherigen verunglckten Unternehmungen unterschied. Ein Mierfolg
auf breiter Grundlage, hierunter verstand dieser schalkhafte Logiker die
Berhrung mit Hofkreisen und die Wolgareise an und fr sich, was beides
er nun einmal genossen hatte, -- er hatte es sozusagen weg, und kein
noch so mignstiger Teufel wrde es ihm streitig machen knnen. Ein
solcher Mierfolg war schon beinah ein Erfolg zu nennen, und diesen
negativen Erfolg mute man nun eben auszunutzen suchen.

Aufwrter! Noch ein Schlchen!

Neue Projekte von ebenfalls und zweifellos gleich groer Schnheit hatte
es ja von jeher so zahlreich wie Kohlweilingsraupen in einem bsen Jahr
in Reinhold Forsters Haupt gegeben, sie hatten sich seinerzeit verpuppt
und krochen jetzt zu Dutzenden aus, um ihn mit zrtlichem Flgelbewegen
trstlich zu umgaukeln. Es galt, den nun Passenden auszuwhlen und dann
aber sofort und ohne Zgern und rcksichtslos zu handeln und die
Schlappe auszugleichen. Und bei unterschiedlichen Schlchen fate
Reinhold Forster sein neues Ziel ins Auge, wurde warm und lebendig
dabei, verga vllig die groe Enttuschung. Geld brauchte er, -- hm,
hm, -- er brauchte Empfehlungen, hm! Da waren Euler, Wolf, -- auch
Rumowski war gut. Und dann auf die Reede, ein Schiff ausfindig zu
machen!

Und also traf Reinhold Forster Manahmen.

Die Mtterchen Elisabeth, ein schwerflliger russischer Kutter, der
Holz geladen hatte und auer den Forsters keine Passagiere fhrte,
stampfte schon zwei Tage lang westwrts, als George endlich aus der
ersten Reisebetubung aufwachte. brigens war er diesmal kaum seekrank
geworden, es hatte sich nur nach der Aufregung des Reiseentschlusses und
der Anstrengung des Packens eine Erschpfung bei ihm eingestellt, der er
sich selig hingab, fast schon in dem Gefhl, von der Mutter zu Bett
gebracht worden zu sein. Nun, am dritten Tage, stand er vergngten
Herzens an der Reeling neben Wanja, dem Koch, und sah zu, wie die Mwen
auf die Abflle herabstieen, die Wanja ihnen mit einem schrillen Schrei
zuschleuderte, worauf er dann eine grnliche Reihe spitziger Fischzhne
entblte und seine tranblanken Augen hinter schrgen Fettwlsten fast
verschwinden lie, whrend er George triumphierend zugrinste und seine
Finger, -- waren nicht Schwimmhute dazwischen? -- unbedenklich an
seiner Bluse abwischte: Konnte er nicht groartig schmeien,
vortrefflich?! Und erst die Mwchen, verteufelt, nicht wahr! Ja, ja, der
Wanja! -- Es rauschte, es knatterte und brauste, Tropfenschauer sprhten
aus dem schumenden Gewoge da unten, das an die Schiffswnde klatschte,
der Himmel war weit und blau, von langem, treibendem Gewlk
durchschifft. Wind, Fahrt und die unerklrlich prickelnde Erregung, die
von der bewegten See ausgeht, berkamen den Knaben rauschmig; seine
Kappe mit beiden Hnden festhaltend, begann er von einem Fu auf den
andern zu springen und Schreie auszustoen, mit einer Art von Tanz und
Lobgeheul den Gttern der Ostsee zu huldigen, nicht wenig gestrkt durch
Wanjas Beifall, der sich vor Vergngen auf die Schenkel schlug,
anfeuernde Rufe ausstie und nicht bel gewillt schien, auch seinerseits
in einen Tanz auszubrechen, denn er stemmte die Arme in die Seiten und
begann mit eingeknickten Knien in verwunderlicher Weise vor- und
zurckzuspringen. In diesem Augenblick hielt George inne, -- war er von
einer Ahnung berkommen, da es sich immer strafte, wenn er sich selber
verga? -- sah um sich, bemerkte den Vater in einiger Entfernung, nahm
Haltung an, bemerkte aber, immer noch, von innerem Jubel geschttelt und
bermtig genug: Ha, -- wenn er anhlt, der Wind, sind wir bermorgen
in Danzig? He, Wanja, so ist es? Wanja hierauf, ein paar blutige
Fleischstcke auflesend, die aufs Deck gefallen waren, und sich wieder
in Schleuderhaltung aufstellend, antwortete: Wai, Vterchen, Danzig?
Warf sodann ein Stck Rinderherz in prchtigem Bogen einer grauen Mwe
entgegen, die herumschwenkend silberwei aufglnzte, -- wandte sich
George ganz zu und sagte unbefangen: Legen wir doch gar nicht in Danzig
an, Vterchen, -- halten wir nicht, eh' in London am Themsekai,
Towerstairs ... und bemerkte es gar nicht, da George einen Schritt von
ihm zurckwich und mit beiden Hnden nach seinem Herzen griff, -- ja, es
ist wahr, er nahm diese romantische Pose ein, woraus zu ersehen ist, da
es keineswegs ein abgenutzter Theatertrick ist, sich nach dem Herzen zu
greifen, wenn es vor Schreck stillzustehen droht, denn hier war es die
unmittelbarste Bewegung von der Welt. Ganz matt, mit blutlosen Lippen,
drehte er sich zu Herrn Forster um, der soeben herantrat, dem Anschein
nach harmlosen Frohsinnes voll, und legte die zitternde Hand auf seinen
rmel. Aber Vater! sagte er jammervoll, -- wie wrde er diesen Schlag
tragen, der Vater? -- hren Sie doch nur, was dieser Mann da behauptet!
Er sagt, da wir in Danzig gar nicht anlegen, sondern erst -- in London
... Es war zunchst nichts als Angst vor dem Eindruck, den diese
Mitteilung auf den Gewaltigen ausben wrde, die die arme kleine Stimme
beben lie, ja fast ein Schuldbewutsein, -- der Vater machte ihn fr so
viele Dinge verantwortlich --, htte er nur aufgepat, htte er
vielleicht vorgestern auf der Reede in Petersburg gefragt: Geht es auch
nach Danzig, dies Schiff, die >Mtterchen Elisabeth<, mein Herr
Kapitn? In der Tat, dann htte es abgewendet werden knnen, dies
Unheil! Nun, er wute ja, was es zu bedeuten hatte: Zeitverlust, -- man
denke: die vergebliche Reise nach England und von dort wieder zurck
nach Danzig, und dann: unendliche Kosten, Geld, Geld, das nicht
vorhanden war, das man aufnehmen mute, Schulden also, und -- demnchst
wrden sie darben mssen, wie Herr Forster immer beteuerte, am liebsten,
wenn er so recht behaglich beim Essen sa. O, nun dauerte es noch so
viel lnger, bis man die Mutter wiedersah und es gut bei ihr hatte, --
aber dieser Gedanke trat ganz zurck hinter der unmittelbaren Furcht,
welche Formen die Enttuschung des Vaters annehmen wrde. Herrgott, wenn
er nur nicht ins Wasser sprnge im ersten Schrecken, -- man konnte nicht
wissen --, wenn er dem Kapitn nur nichts antte oder Wanja am Kragen
nhme! Sie konnten nichts dafr, freilich, -- aber wenn dem Vater etwas
schief ging, hatte immer der Nchstbeste schuld, und so, -- George trat
tapfer wieder einen Schritt vor --, so war es vielleicht besser, der
Schlag traf ihn, und er zog die Schultern etwas an, des Ausbruchs
gewrtig, dessen Notwendigkeit er sich whrend kaum mehr als einer
Minute dramatisch vorgestellt hatte. Indessen geschah ihm wie einem,
der, mit schrecklicher Angst vor dem Knall, ein Gewehr abzufeuern sich
entschliet, das dann versagt, kurzum, auf des Vaters Gesicht malte sich
durchaus keine entsetzte berraschung, kein Schreck, keine
Entgeisterung, Herrn Forsters Augen drckten nichts aus als unruhvolle
Verlegenheit, er wandte sich halb ab, er griff nach dem Taschentuch, er
schneuzte sich ausgiebig und starrte dabei in die Ferne. Rusperte sich
sodann, lie ein betretenes: Du weit es also noch nicht, mein Sohn!
vernehmen und blickte jetzt einigermaen hilflos auf den Knaben nieder,
der mit hngenden Armen und so verzweifelt begreifend zu ihm aufsah, da
selbst diesem niemals um eine Begrndung seiner eigenen Taten verlegenen
Herrn das Wort versagte und er zunchst nur murmelte: Allerdings, --
ich htte dich einweihen sollen!

Hatte ihn nun die Angst vor der unerfreulichen Begleitung eines
enttuschten und heimwehkranken Kindes davon abgehalten, George
rechtzeitig von seinem Plane, nach England zu gehen, in Kenntnis zu
setzen, so hatte er dem Augenblick, in dem George sich ber die
Vernderung des Reisezieles klar werden wrde, doch bestndig mit
peinlichen Befrchtungen entgegengesehen und konnte nicht umhin, sich
nun angenehm berrascht zu sehen. Er gab angesichts der tanzenden Ostsee
einige hastige, wortreiche Erklrungen ab, verglich die Aspekte, die die
Heimat bot, mit denen, die einem Gelehrten von seinen Fhigkeiten in
England leuchteten, erwhnte Empfehlungen an die Londoner
Freimaurerloge, die er in der Tasche trug, erffnete Ausblicke, -- nun
eben, Ausblicke! und fand den Knaben an seiner Seite bla, aber
aufmerksam lauschend. Die Mutter, natrlich, die Mutter wrden sie
nachkommen lassen, sobald sie in London festen Fu gefat haben wrden,
dies verstand sich doch von selber, setzte er am Schlu in pltzlichem
Besinnen hinzu und sah erleichtert ein mattes Lcheln ber das kleine
Gesicht gleiten, whrend ein leises: ^Merci bien, trs cher papa!^ ihn
auf einmal davon berzeugte, da er im Grunde doch auerordentlich
dankenswert gehandelt habe. George benahm sich ^raisonable^, aber, beim
Jupiter, wie sollte er auch nicht, dies war eigentlich nicht mehr als
seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit. Soweit war der Fall fr ihn
erledigt und abgeschlossen, er war fr den Rest des Tages besonders
gutgelaunt und blieb es die ganze Reise ber, obgleich er am Kattegatt
zum erstenmal seekrank wurde, und zwar gleich so ausgiebig, da er sich
verschwor, den Eltern des Janusch bei erster Gelegenheit den
rckstndigen Lohn ihres Sohnes zukommen zu lassen, -- und hierin
offenbarte sich, vom Dmon eines erschtterten Verdauungsgewindes ans
Licht getrieben, die Erkenntnis, da einer der Grnde, die ihn der
Heimkehr aus dem Wege gehen lieen, dieser war, da er den Janusch nicht
wieder mitbrachte. Er hatte sich zwar lngst eingeredet, der Janusch
habe am Hofe eines Mongolenkhans eine Stellung eingenommen, die seinen
Meriten besser entsprche als der Dienst bei einem schlichten Pilger der
Gelehrsamkeit, -- aber, immerhin, -- ganz lie sich sein Gewissen nicht
betuben und ein Verantwortungsgefhl lebte zuweilen auf und mute durch
Opfer und Versprechungen beruhigt werden wie ein unzufriedener Gtze,
bis es nicht mehr strte.

^Merci bien, trs cher papa!^ -- ja, was htte er im Augenblick, als
statt des erwarteten Zornesausbruchs so sanfte schnelle Erklrungen
kamen, anders empfinden und denken knnen, vielleicht grade wegen der
ungeheuren Enttuschung, die mit einem Schlage sein ganzes
Auffassungsvermgen lhmte und totes Grau auf die Welt herniederri, die
eben noch so farbig und verheiungsvoll geleuchtet hatte. Es ist die
Erwartung der Liebe allein, die einem Herzen von der Demut, ja fast
Unterwrfigkeit des kleinen George Schwung und Feuer zu leihen vermag;
und seine Liebe hatte sich seit Wochen mit immer zunehmender Sehnsucht
auf die Mutter gerichtet und damit unbewut auf ein Leben der
Geborgenheit in friedlicher, reinlicher Huslichkeit. Er hatte die
vielen Wunder so zum Sterben satt gehabt, ohne es einem Menschen, am
allerwenigsten sich selber, eingestehen zu knnen. Satt hatte er die
ausgestopften Mrchentiere im Museum der Akademie, den Elefanten und den
weien Meerbren, die mongolische Kuh mit dem Pferdeschweif und das
wilde Schaf mit den Riesenhrnern, -- ganz zu schweigen von den vielen
Migeburten in Spiritus und der Hornkrte, der Pipa, von der ewig die
Rede war und die ihre Eier auf dem Rcken ausbrtete. Er war gelangweilt
von dem Gottorpschen Globus mit seinem Planetarium, und es war ihm ganz
gleichgltig, da dies das achte Weltwunder vorstellen sollte, -- ebenso
wie ihm die botanischen Grten auf der Apothekerinsel, das hlzerne
Huschen Peter des Groen und die Mammutsknochen gleichgltig waren, die
Pallas mit ebensoviel Scharfsinn als Gelehrsamkeit als aus einer
allgemeinen berschwemmung herrhrend erklrte. Was war ihm die
surinamische Goldschnepfe, was gingen ihn die tangutischen Manuskripte
an, die Peter der Groe schon 1720 nach Paris gesandt hatte, um zu
erfahren, was eigentlich darin stnde. (Ein Abb Bignon hatte sie
sogleich ins Lateinische bertragen und den groen Zaren durch eine
gewisse klassizistische Geistesfrbung dieser Mongolenweisheit
hchlichst berrascht, und wiederum war es dem ebenso gelehrten als
scharfsinnigen Pallas vorbehalten geblieben, festzustellen -- mit
emprter Genugtuung festzustellen! -- da auch nicht ein Wort des
Originals in dieser bersetzung stand!) Mit einem Wort: was ging einen
kleinen Knaben, der mde, bla und elend war, die ganze bunte
aufdringliche Welt an, wenn er noch irgendwo bei einer Mutter ein
wohlgeschtteltes Bett, sein sorglich bereitetes Essen und die ganze
Heimatluft einer vollen Kinderstube haben konnte, -- konnte, --
_konnte_, denn besessen hatte er diesen Segen ja in Wirklichkeit nie,
und darum qulte ihn wohl diese bestndige dunkle Sehnsucht danach, lie
ihn seine Pflichten verrichten, wie eine stckrige Maschine und mit
mdem, kleinem Muffgesicht an den Kuriositten vorberschleichen. Im
Anfange hatte er sich eingebildet, die Kaiserin Katharina sehen zu
mssen, hatte ihrem Amtssiegel, einem Bienenkorb mit der russischen
Umschrift Ntzlich auf einem Schreiben an den Vater Ehrfurcht erwiesen
wie einem Fetisch und mit starker Neugier auf die Geschichten gehorcht,
die man sich an allen Straenecken von dem Leben am Hofe erzhlte. Auch
dies hatte vllig an Interesse verloren, je lnger der Petersburger
Aufenthalt dauerte, je tiefer das Wunder der Wolgareise hinter ihm
versank und je mehr im Verhltnis dazu seine Gesundheit abnahm.
Schlielich hatte er nur noch an die Mutter denken knnen, wie ein
Verdurstender in der Wste auch nur eines Gedankens fhig ist, und dann,
dann hatte er sich eben unvorsichtig, ohne den geringsten Zweifel, ohne
eine innere Mahnung an vergangene Enttuschung zu erhalten, bermig
beglckt, berauscht, tlpelhaft selig hatte er sich der Gewiheit des
nahen Wiedersehens hingegeben. Ja, und nun ...

Und nun weinte er weder noch ballte er tckische kleine Fuste oder
stampfte den Boden, als der Vater den Rcken gewandt hatte. Er legte
sich einfach fr den Rest der Reise in seine Koje, dies war es, was er
sich leistete, dort lag er stundenlang mit offenen Augen und dachte
immer wieder dasselbe, das anfing: Also nicht nach Danzig ... aber
ebenso schlief er auch stundenlang mit bleichem Gesicht und geffnetem
Munde. Wenn der Vater zu ihm kam, empfing er ihn freundlich und a
gehorsam, was ihm gebracht wurde, aber der Verkehr mit ihm war nicht
viel ergiebiger als mit einer sprechenden Gliederpuppe, und so blieb er
viel allein, was ihm auch recht war, denn: htte es nicht doch pltzlich
eintreten knnen, da er dem Vater in sein zufriedenes, rotes Gesicht
hinein htte weinen mssen, weinen, weinen ... Es kam ja nie dazu, aber
es war sehr wunderbar, denn er trumte doch so oft, da er weinte, --
nur im Wachen gelang es ihm nicht, da war alles so fern, wie hinter
Glas.

Jedenfalls war ein anderer George Forster am Newski-Prospekt auf die
Mtterchen Elisabeth gegangen als der, der nach drei Wochen die
Tower-Stairs in London emporstieg. Wohl erschlieen sich auch solche
Blten noch, um Frucht zu bringen, die in der Knospe vom Frost getroffen
wurden. Aber, guter Gott, wie sehen sie aus und wer will sie noch Blten
nennen? --

                   *       *       *       *       *

Es ist nicht zu bezweifeln, da der Pelikan auf dem Hhnerhofe bles
Aufsehen erregen wrde und der Gockel hingegen nicht in das Dschungel
pate. Es ist wahr, da jeder von ihnen in der ihm angemessenen Umgebung
seinen Platz ausfllt und gleichsam darin aufgeht, so da man kaum noch
wei, ist der tropische Sumpf fr den Pelikan oder der Pelikan fr den
tropischen Sumpf geschaffen. Herr Forster in polnisch Preuen auf dem
Lande, berufen, einer verlotterten Bevlkerung das kristallkantige Ideal
friederizianischer Selbstzucht vorzuleben und Kultur auszustrahlen, das
war gewesen, als wollte man Wasser mit l mischen, um eine gelindere
Flssigkeit zu erzielen: es nutzte gar nichts, das l blieb oben, ein
groes, einsames Fettauge, und bald schwamm es von dannen. Herr Forster
in Petersburg, inmitten einer aus allen Vlkern gemischten Gesellschaft
von Aristokraten, Gelehrten, Projektenmachern und Schwindlern, nahm
sich, zwar selbst ein Projektenmacher ersten Ranges, aber geschftlich
und diplomatisch, ja, selbst gesellschaftlich unerfahren und nahezu roh,
-- er nahm sich aus wie ein leidenschaftlich spielendes Kind, dem sich
die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verwischen und das, da es
nun eben einmal ein Mann und kein Kind mehr ist, lcherlich, ja,
anstig wirkt. Herr Forster endlich, in England, hatte kaum den
geheiligten Boden seiner Vorfahren betreten, kaum den ersten Mundvoll
der ihm so gelufigen Sprache freigiebig an Lasttrger, Hafenbummler und
den Hausknecht von Warwicks Boardinghouse verschwendet und dafr echten
^slang^ eingetauscht, nicht recht verstndlich zwar, aber kostbar und
herzansprechend, -- Herr Forster endlich in England also, ging im Teig
auf wie die Pflaume im Plumpudding, mit anderen Worten, war nicht der
Plumpudding selber, auch nicht der Weingeist, aber immerhin ein
Bestandteil, eins seiner hufigsten, eins von hundert Bestandteilen,
unauffllig, selbstverstndlich, kein Fremdkrper, kein Kuckucksei, und
war selber erstaunt und beseligt darber.

Es war bereits etwas vom Rhythmus der Gewohnheit in der Art und Weise,
in der Forster und Sohn fremde Stdte betraten, Schiffsplanken hinter
sich stoend, Reisetaschen sieghaft schwenkend, zudringliche Lasttrger
bersehend, Blicke auf Wesentliches richtend! Forster senior, dem der
Kaviar und die Piroggen, bei denen er gedarbt, mit der Zeit zu einem
Buchlein verholfen hatten, trug seinen Nabel stattlich vor sich her,
als wte er den Unsichtbaren vergoldet, verborgene Berlockes klirrten
bisweilen musikalisch unter seinem Mantel und gaben die Begleitung zu
dem ebenfalls nur ihm selber hrbaren Einzugschor seiner Gedanken, der
etwa also lautete: Er kommt, er kommt, der groe Forster kommt! -- was
indessen nicht etwa mit diesen Worten sein Bewutsein fllte, sondern
nur den allgemeinen Inhalt seiner Stimmung ausmachte. Zugleich, es ist
nicht zu leugnen, war er in guter und ehrlicher Weise freudetrunken vom
Anblick von St. Pauls Kuppel und der drohenden Towermauern, wie schon
die ferne Vision der wimmelnden Londonbridge ihn in Begeisterung
versetzt hatte, und dann: dieser Hafen! O Gott, die Newa war breit und
Petersburg war gewaltig, aber was wollte das gegen diesen majesttischen
Ausgangsort und Ruheport der gewaltigsten Handelsflotte der Welt, was
gegen diese Werften, diese Docks, dieses planvolle Gewhl der kleinen
Boote und Yachten, dieses gelassene Ein- und Ausstreichen der
hochgebugten Riesenschiffe mit der tausendbusig geschwellten Takelage
und den unzhligen starrenden Kanonenrohren sagen? -- Ostindien! hatte
Forster ergriffen geflstert und Georges Hand gepret, diese kleine
Hand, die solcher Gebruche ungewohnt, sich ihm schlaff und verwundert
berlie, -- Ostindien, George! Van Diemensland! Amerika und China!
Bambus, Zuckerrohr und Cocosnu! Weihrauch, Gold und Myrrhen! Ingwer,
Zimt und Ngelein! Papagoyen und Koffee! Das Beuteltier! Er wre in
seiner traumhaften Aufzhlung fremdlndischer Wunder gewi fortgefahren,
wenn nicht in diesem Augenblick die Mtterchen Elisabeth Anker
geworfen htte und er nunmehr in der Lage war, den undankbaren
russischen Boden endgltig verlassen zu knnen. Zwei Tage weidlichen
Herumtreibens im Weichbild der City folgten und zhlten gewi zu den
glcklichsten in Reinhold Forsters Leben, whrend auch George ein
gewisses unwilliges Behagen empfand und sich in die dumpfe Wehmut der
Enttuschung nicht zurckfinden konnte.

Waren sie so tagsber mit langen Schritten und mit bestndig im
neugierigen Drehn und Wenden der Kpfe hin- und herpendelnden Zpfen
durch die Straen gezogen, hatten nicht nur die modischen Spaziergnge
wie Newbordstreet, Pallmall und Hydepark, sondern auch St. Giles besucht
und dort gar in einer unterirdischen Garkche gespeist, wo die Bestecke
mit Ketten am Tisch befestigt gewesen waren, -- hatten sie besichtigt,
was nur zu besichtigen war, -- und George tat das auf einmal mit
kritischer Teilnahme, als sei pltzlich eine Kapsel von seiner Seele
gesprungen, er puffte auch Vorbergehende, die ihm nicht aus dem Wege
gingen, -- kurz, er brach sich Bahn, krperlich und seelisch, -- da es
denn doch nichts half! -- (dies war vorbergehend eine Zeit, in der er
sich selbst fast brutal behandelte, er tat es, ohne es zu wissen oder zu
wollen, weil er sonst zugrunde gegangen wre,) -- hatte man sich
solchergestalt mde und hungrig gelaufen, so folgten erquickliche Abende
im Gastzimmer des Logierhauses, gegen dessen Kamingitter der Vater
sachgem die Fusohlen stemmte, whrend er aus seiner Tonpfeife
rauchte, Porter trank und George ein wenig Ingwerbier geno. Gleichviel,
da andere Gste anwesend waren und den redseligen Herrn offenbar als
willkommenes Schauspiel betrachteten, gleichviel, da hinter ihm laut
errtert wurde, ob nicht auch andere Leute ein Recht auf den Platz am
Feuer htten? -- wobei George unbehaglich hin- und herrckte, Herr
Forster jedoch nur geistesabwesend ber die Schulter zurckblickte und
einen Mund voll Rauch nach den unzufriedenen Mitmenschen blies, womit
sich jene alsbald beruhigten, -- Herr Forster schien den Landesbrauch
gefhlsmig zu treffen. -- Es ist ein Wunderbares, ein Fabelhaftes,
ein Gttliches um den Zusammenhang der irdischen Lnder, mein Sohn, wie
sie aus dem Nichts des Gedankens hervortauchen und sich
aneinanderreihen, sagte er an einem solchen Abend und sah diesmal ohne
Zweifel glubig und erschttert aus, soweit es im Bereich seines
fleischigen Gesichtes lag, diesen Ausdruck anzunehmen. An Ruland habe
ich immer noch eher glauben knnen, weil es sich von Westpreuen aus
auch zu Fu htte ergehen lassen, -- freilich in mhseliger Arbeit, aber
doch immerhin, -- das ist wie aus einem Stck Tuch und keine Naht
dazwischen. Die Inseln hingegen! Mein Sohn! Im Vertrauen will ich dir
sagen, ich habe England nicht fr mglich gehalten! Nun aber, da es
unter meinen Fen standhlt, bin ich geneigt, auch an Vandiemensland zu
glauben, ohne da meine Augen es gesehen haben. Er lchelte fast
kindlich. Wunderbar! Wunderbar ist die Gestalt der Erde! sagte er
andchtig und nahm die Pfeife aus dem Mund, um die Ellbogen auf die
breit auseinandergestellten Knie zu setzen und, die linke Faust unters
Kinn geschoben, verzckt ins Feuer zu starren. Manchmal halte ich sie
im Traum in meinen Hnden und rolle sie behutsam von West nach Ost
meinen Augen entgegen, als sei ich die Sonne, in deren Glanz sie sich
wlzt, oder ich sehe sie schweben, im goldenen Dunst, den gttlichen
Ball, mit der sphrisch erklingenden Seele. -- Dann gedenke ich ihrer
Hlle, George, sagte er trumerisch, -- Gras und allerlei Kruter, und
wie das Wasser berall durch sie sickert und kreist und aus ihr atmet,
und ich fhle die Wucht der Gebirge und das Keimen der Kristalle und die
sonderliche Kraft der Formen, wie sie blind sich auswirkt in tausend
Gestalten. Du wirst hier Gott eingefgt haben wollen, George, -- und er
wandte sich dem Knaben mit einem geistreichen Lcheln und einer
verbindlichen Handbewegung zu, gut und wohl, -- indessen reden wir hier
nicht als Pastoren und somit knnen wir uns zugestehen, da es kein
Gottesleugnen ist, wenn ich ihn in die Schpfung hinein projiziere,
anstatt ihn mir auerhalb selbiger zu denken, -- du verstehst mich?
Und, ohne eine Antwort abzuwarten, sein glattes Kinn streichend und mit
der Pfeife in steilaufgereckter Hand gestikulierend, fuhr er fort: Ich
denke mir die Erde nackt und blo, ihre gewaltigen Glieder so wie sie
der Sintflut entstiegen, ohne die Grenzmarken des Menschen, ohne die
Larven der Nationen ber ihrer gttlichen Unschuld. Schrankenlos
hingerollt die Ebene, sich aufbumend im Gebirge, niedergleitend unter
die wallende Flche des Ozeans, jungfrulich wieder aufsteigend unter
einem andern Himmel und sich neu offenbarend. Ich denke mir ... die
surinamische Goldschnepfe strich durch den Raum, Kondorgeflgel
erbrauste, Bffelherden nahten und stoben vorber wie schmetternde
Wolken. Indessen auch die Ameislein und die Bienen und sonstigen
Insekten, die surinamischen Schmetterlinge und die Vgleins Colibri, die
Honigvgleins, die sich durch die Luft schwingen wie fliegende Funken
und mit langen nadelspitzen Schnblein aus Blten trinken, -- Blten ^
propos^ ... Es blieb _nichts_ ungesagt in dieser Stunde, und Herr
Forster phantasierte sublim ber den Inhalt der Erde, er tat es mit
Wildheit, Schwung und Feuer und verga nicht die Tiere und Gemslein,
die er gerne a, und endlich das wunderbarste Getier, die Menschheit
selbst, wie sie gleichzeitig an allen Orten der Erde hauste und sich so
emsig bettigte, -- er legte den Finger an die Nase und gedachte des
indischen Brahmanen, der ber seine Schriftrolle gebckt se in eben
diesem Augenblick, da der wilde Sohn der nordamerikanischen Prrien sich
im Kriegstanz um sein Lagerfeuer schleudere, oder der emsige Bewohner
von O'Tahiti seine Rindenmatte walke, whrend der deutsche Brger --
oder sagen wir: der groe Haller zu Zrich -- sich soeben die
Zipfelkappe fr die Nacht ber die Ohren ziehe, und wir, mein Sohn, an
diesem Kaminfeuer sitzen, auf britischem Boden sitzen, vom Ozean umsplt
wie auf dem Gipfel eines Berges Arrarat und das Selbstbewutsein der
ganzen Erde gegenwrtig in unsern Hirnen kulminiert, -- wunderbar,
hchst wunderbar ...

Herr Forster blickte pltzlich um sich und nahm wahr, da es leer in der
Gaststube geworden war, da hinter der Tonbank Mr. Freeling, -- von Mrs.
Freeling stets als ^my little old man^ bezeichnet, -- mit knackenden
Kiefern ghnte, -- da George die Augen mit einem Ausdruck glasiger
Starrheit auf ihn gerichtet hielt, und er verstummte. Er machte ein paar
krampfhafte Bewegungen mit Stirn- und Gesichtsmuskulatur, wobei er die
Augen wie ein Geblendeter zukniff und aufklappte, sog ein paar Mal
hastig an dem erkalteten Rohr und fuhr dann, von sich selbst ernchtert,
mit der Hand ber die Augen. Du hast keine Imagination, mein Sohn,
bemerkte er verdrielich und klopfte die Pfeife am Kamingitter aus,
worauf er sich erhob und federnd davonschritt, sich selbst nicht recht
klar darber, was ihn soeben berkommen und aus ihm geredet hatte.
George folgte ihm gedemtigt, berholte ihn und ri die Tre vor ihm
auf, -- wohl, es mochte ihm an Imagination mangeln oder an etwas
dergleichen, kurz, er konnte sich nicht so verwundern und dieser
Verwunderung so prchtige Worte verleihen wie der Vater, es schien ihm
alles so selbstverstndlich, -- dies, da man nach England kam, wenn man
nach England reiste, und fraglos, da man ein Land namens Surinam
erreichen wrde, falls man ein dorthin segelndes Schiff bestiege, --
aber er empfand diesen Mangel in dieser Stunde irgendwie als
beunruhigend und beschmend. Als er in seinem riesigen, von Vorhngen
umwallten Bette lag und zitternd darauf wartete, da die feuchten Laken
sich erwrmen mchten, als er die Hnde vor die Augen prete, um nicht
in die fremde englische Finsternis starren zu mssen, -- der Vater blies
lngst in gesund atmendem Schlummer melodisch vor sich hin, -- da dachte
er sich aus, wie gut es sein mte, eine Mutter zu sein und niemals
reisen zu mssen, eine Mutter mit guten kleinen Kindern in einer warmen
duftenden Kche, in der es lauter behagliche Arbeit gab, wie
Rbchenschaben, Suppenkochen, Kuchenrhren und Topfauslecken, und als er
darber endlich einschlief, war es nicht mehr die Mutter, die es so gut
hatte, sondern das kleinste Kind in der hlzernen Wiege im Eckchen beim
Herd, das von nichts wute als von Schlummer, Milch und Liebe, und dies
kleinste Kind war er. --

Dalrymple zu besuchen, Dalrymple, den unbekmmerten Pfadfinder im
indischen Meer, den Autor grndlicher geographischer Werke, den
unbertroffenen Zeichner der berhmtesten Landkarten, -- Dalrymple also
aufzusuchen, sich ihm vorzustellen und seine russischen
Empfehlungsbriefe bei ihm abzugeben, war nach den ersten Londoner
Schlendertagen Herrn Forsters vornehmstes Ziel. Forster und Sohn,
sagte er, hinter einem brunlichen, turbangekrnten Diener einen hellen
lnglichen Raum betretend, dem drei Schiebefenster Licht gaben und wo
ein Herr in kaffeebraunem Frack von einem langen Arbeitstisch sich erhob
und ihnen mit hochgezogenen Augenbrauen einigermaen erwartungsvoll
entgegenblickte, -- Forster und Sohn, von St. Petersburg eingetroffen,
aus den Diensten Ihrer Kaiserlichen Majestt nach der beispiellosen
Wolga-Expedition rhmlichst entlassen, -- Forster und Sohn, mein Herr,
die sich bei ihrem ersten Betreten britischen Bodens beeilen, Ihnen ihre
Huldigung darzubringen, nachdem sie Ihre Verdienste jahrelang aus der
Ferne staunend empfunden haben!

Forster und Sohn, die sich, schrg hinter einander aufgestellt, bei
jeder Nennung ihrer Namen mit dem Hut in der Rechten und mit der Linken
auf dem Herzen emphatisch verneigt hatten, berreichten nunmehr, -- das
heit, Reinhold Forster berreichte, zwei oder drei Briefe, deren Siegel
Mr. Dalrymple hastig erbrach, die er mit kurzen Ausrufen, -- Ausdrcken
seliger berraschung und unerwarteten Glckes ohne Zweifel, -- berflog,
um sodann ... Aber whrend er las, hatten die Forsters Zeit gehabt, sich
umzusehen. Verehrtester! Welch ein Arbeitsraum! rief Reinhold aus, als
Dalrymple ihn nun auf einen der hochlehnigen Sessel vor dem Kamin
ntigte und George auf dem Rande eines Taburetts Platz genommen hatte.
Welch ein Raum, welch ein Geist, welch ein Ausblick! Nicht genug, da
die ganze Erde von den Wnden sieht, -- und er wies auf die uerst
sauber ausgefhrten Landkarten, die mit der Hand koloriert in heiterem
Blau und anderen krftigen Farben ringsum hingen, -- Boten aus aller
Welt blicken Ihnen in die Fenster hinein und versichern den wirkenden
Geist dauernd einer schneren Ferne! Er sah entzckt nach den Fenstern,
vor denen wimpelgeschmckte Mastspitzen und ein Gewimmel von Rahen im
straffen Taugeflecht in der blaugoldenen Luft des Apriltages schwankten
und tanzten. Mitunter schob ein ausfahrender groer Segler seine
Schwanenbrust leuchtend hindurch, und unzhlige Mwen belebten das Bild
mit dem Rhythmus ihres Hin- und Wiederschwebens: Dalrymple's Haus lag am
Strand und drauen flutete die Themse. Nun lchelte er und schlug ein
Bein ber das andere. Es lt die Reiselust nicht einschlafen, dies
Bild, es erhlt den Geist auf der Wanderschaft, ich bedarf seiner als
eines Surrogates fr das Leben an Bord, mein Wertester, sagte er
freundlich und lie seinen blaugrauen Seemannsblick ber Vater und Sohn
hingehen, wie ber ein Gewlk am Horizont, -- aber kommen wir zur
Sache! Das Leben an Bord! fiel Forster begeistert ein, die Rechte
gegen Dalrymple ausreckend, als wollte er ihn umhalsen, wie gut ich Sie
verstehe, Verehrter! Die Grenzen der Kontinente sprengen und sich dem
schrankenlosen Ozean berlassen, -- welch ein berauschender Gedanke!

Herr Dalrymple neigte hflich zustimmend sein Haupt: Sehr wohl,
bemerkte er, indessen, -- kommen wir zur Sache!

Ein Mann und sein Pflugsterz, ein Mann und sein Schwert, -- Ein Mann
und sein Segel, -- ein Mann und sein Pferd! schwrmte Forster weiter,
verzeihen Sie die deutschen Verse, mein Herr, aber sie sind es, die die
Essenz meines Geistes enthalten! Ich bin ein Gelehrter, Herr, aber kein
Bcherwurm, was Sie meiner ganzen Konstitution unschwer anmerken werden,
auch ohne Lavater gelesen zu haben. Ich bedarf der Motion, um mich frei
entfalten zu knnen, -- ist's nicht an dem, George ...

Ich bezweifle das nicht, gab Dalrymple zu und seine hellen Augen
bekamen etwas Starres, aber sagen Sie mir nun geflligst ...

Ich bin vom feurigsten Enthusiasmus fr England beseelt! rief Forster
nun, England ist ohne Vergleich an Unternehmungslust und Macht, England
lt sich die Erde schmecken und sie bekommt ihm wohl, das ist's, was
mich begeistert! Englnder zu heien, mein Herr, wrde fr mich einer
Erhebung in den Adelsstand gleichkommen, und mit wehmtigem Stolz
gedenke ich meiner Vorvter, die treue Diener der Stuarts waren und mir
doch kein Anrecht auf diese Heimat hinterlieen, als meinen Namen und
einige unverflschte Tropfen englischen Blutes. Machen Sie mich zum
Englnder, Herr, indem Sie mich fr England arbeiten lassen, und Sie
werden sehen ...

^Well!^ Mr. Dalrymple fhlte Boden unter den Fen und war offenbar
erleichtert. Meine russischen Freunde sind des Lobes voll ber Ihre
wissenschaftlichen Leistungen, mein Herr, -- gestatten Sie, da ich die
Kupfer zu meinem neuen Werk, die soeben eingetroffen sind, Ihrem Urteil
unterbreite.

Die beiden Mnner vertieften sich alsbald an der Hand dieser Abbildungen
in ein Gesprch, bei dem George ein wenig das unheimliche Gefhl hatte,
da seinem Vater auf den Zahn gefhlt werde, was dieser indessen nicht
zu bemerken schien und seine Kenntnisse mit bereitwilliger Frhlichkeit
entfaltete. Nach einer Weile schlug Mr. Dalrymple mit zufriedenem
Gesicht die Mappe zu, und nach einem kurzen Blick auf das blaue
Emailzifferblatt seiner kugelfrmigen goldenen Uhr sagte er, da er nun
in eine Sitzung msse, ob Mr. Forster etwa bereit sei, ihn zu begleiten?
Er wrde einen Kreis von Mnnern antreffen, die nichts anderes als
willens seien, das Gute und Vortreffliche zu untersttzen, wo immer sie
es antrfen, -- kurz, es handelte sich um einen Besuch in der Loge Zur
goldenen Gans, eine der kostbarsten Tochterlogen der Grologe von
England, von der Forster zweifellos schon gehrt hatte, -- hatte er etwa
nicht? -- und zu deren Aufsehern Dalrymple zu gehren sich schmeicheln
durfte. Ob Forster davon gehrt hatte?! Aber hier stand er ja mit einem
Schritt am Ziel seiner Wnsche, am Ziel der Wnsche aller Plneschmiede
und Projektenmacher seiner Zeit, und mochte man immer in Deutschland
noch vielfach die Freymurer fr Deisten und Libertiner, fr
Independenten schlimmster Art halten, darber war er denn doch hinaus,
vor allem, da er hier nicht als preuischer Prediger stand, -- und
berhaupt, gleichviel! Wenn er nur Hilfe und Untersttzung fand, -- und
waren die hier nicht jedem Strebenden gewi? Ob man den Knaben mitnehmen
konnte? Aber nein, dies ging nicht an, und so wurde George angewiesen,
zu warten, ja Mr. Dalrymple legte ihm, unter der Tr noch einmal
umkehrend, ein Buch in die Hnde, das George gleich an dem rauhhaarigen
Mann auf dem Titelblatt, der, strumpf- und schuhlos, aber mit zwei
Flinten und einem riesigen umgeschnallten Sbel bewehrt, auf einem
unverkennbaren Eiland fuend dastand, als eine englische Ausgabe des ihm
wohlbekannten Robinson erkannte. Da er von jeher keine groe Vorliebe
fr die ungemtlichen Schicksale dieses Helden gehabt hatte, legte er
das Buch auf den Tisch, sobald Schritte und Stimmen der Mnner verhallt
waren, und nun blickte er sich im Zimmer um, und eine ganze Weile tat er
nichts anders als dies, da er um sich blickte und, -- von Entzcken
berwltigt, -- lchelte.

Wie war das alles so ber die Maen schn und wunderbar!

Er hockte auf seinem Taburettchen an dem einen Ende des langen Tisches,
der in seiner Mitte, dort wo der hochlehnige Sessel mit der Stirnseite
zum Fenster gewandt davorstand, als Schreibtisch diente und auf
wohlumgrenztem Raum mit Schriftwerk aller Art, einem auerordentlich
schnen Schreibzeug aus Bergkristall und Gnsekielen in reicher Auswahl
bedeckt war, am entgegengesetzten Ende aber den Zweck eines
Zeichentisches erfllte, auf dem Reibretter, Zirkel und Winkelma nebst
den verschiedensten Farbennpfchen und Flschchen chinesischer Tusche
mit Pinseln, Papieren und Pergamenten sich breit machten, -- whrend auf
der ihm zugewandten Seite ein kunstvoller Himmelsglobus stand, von den
fremdartigsten Instrumenten umgeben, wie er sie wohl in der Kajte und
in den Hnden der Schiffer gesehen, aber nie in solcher Nhe vor sich
gehabt hatte. Dies war ein Kompa und jenes da ein Sextant, er wute es,
aber ihr Gebrauch war ihm doch mehr oder weniger rtselhaft. Und welche
Auswahl jener wundersamen Rohre, in deren Rund die Ferne sich einfangen
lie, lag hier auf Purpursamt gebettet und funkelte sanft! Dicht vor ihm
stand ein solches Rohr aufgestellt, aber senkrecht gerichtet und ein
Glasplttchen unter sich, auf dem ein perlmuttern gefleckter
Schmetterlingsflgel lag, -- ein Mikroskop --, er kannte auch dies, und
das zweibeinige Ungeheuer am Fenster, das breitstelzig dastand und seine
Mndung auf die Wolken richtete wie ein Geschtz, mochte ein
Himmelsfernrohr sein, mit dem Dalrymple in den seltenen klaren Nchten
nach Mond und Sternen sah. An dem letzten Fenster ruhte eine gewaltige
Erdkugel von verschossenem Grn in einem tischhohen Gestell, vor dem
Kamin hing ein kunstvolles Schiffsmodell mit einer Menge winziger
drohender Kanonenrohre von der Decke herab, und dort, wo die Wnde nicht
von Karten bedeckt waren, standen Regale mit Bchern gefllt und von den
merkwrdigsten Gegenstnden gekrnt, einer blendend weien, wunderbar
verstelten Koralle etwa oder einem ausgestopften metallisch
erglnzenden Vogel von sonderbar jdischem Aussehen, einer Blaurake, wie
er spter vernahm. Auch gab es einen Glasschrank, der Erzstufen und
Kristalldrusen, aufgespannte lasurfarbene Schmetterlinge, rosige
ostindische Muscheln und dergleichen zu bergen schien, jedoch erhob sich
George durchaus nicht, um diese Merkwrdigkeiten nher in Augenschein zu
nehmen, sondern es gengte ihm vollkommen, hier zu sitzen, ganz an das
unerklrliche Behagen hingegeben, das dieser Raum auf ihn ausstrmte.
Wohl, er kannte alle Gegenstnde im einzelnen, kannte sie bis zum
berdru aus dem Petersburger Museum und hatte dieses und jenes
Instrument in den Studierzimmern der gelehrten Freunde seines Vaters
wahrgenommen, Arbeitsrumen, die gemeinhin verrucherte Hhlen waren, in
denen mehr oder weniger in ihrer ueren Erscheinung vernachlssigte
Mnnlein lichtabgewandt hausten, wie syrische Anachoreten. Das Kabinett
des Vaters daheim mit den fichtenen Bchergestellen und dem wackligen
Stehpult fiel ihm ein, er sah den Schatten des Gaisblatts auf den
blankgescheuerten Dielen tanzen, sah ein kleines Geschwister dort
kriechen und danach haschen und sich sodann irgendwie unwrdig benehmen,
auch das Petersburger Quartier sah er vor sich, in dem ungemachte
Betten, Kleider, Bcher, Stiefel, Manuskripte und Tabakspfeifen ein
hoffnungsloses Durcheinander gebildet hatten, -- dies alles zog zum
Vergleich herausfordernd an ihm vorber, und nur mit dem Erfolg, da er
sich auch weiterhin nicht rhrte, um sich blickte und lchelte. So mute
es sein, ach ja, ganz so, und nicht anders, und hier mute man am Tisch
sitzen gleich dem ruhmreichen Dalrymple, sauber und korrekt vom Scheitel
bis zur Sohle, ohne die geringste Vernachlssigung im Anzug, einem
Offizier mehr gleichend als einem Bcherschreiber, von elastischer
Straffheit in jeder zielbewuten Bewegung, eine Klarheit von Stirne,
Augen und dem Lcheln des Mundes ausstrahlend, die den wundervoll
geordneten und durchgebildeten Aufbau der inneren Welt verriet, wo alles
durchsichtig und gesetzmig lebte und arbeitete. Hier entstand kein
Gedanke, der sich nicht dem Ziel untergeordnet htte, auf das Dalrymples
Arbeit just gerichtet war, und nichts war sicherer, als da das Rad der
Ttigkeit in diesem gleichmig wachen Haupt nie stille stand, mochte es
auch zuweilen sanfter gehen, etwa nur von den Eindrcken eines
Morgenrittes im taufeuchten Hydepark, eines Abendganges am Fluufer, den
heimkehrenden Herden entgegen, oder auch allein von den lichtvollen
Traumbildern einer Nacht bewegt. In seines Geistes Flle versenkt, doch
mit dieser Arbeit, dem Element seines Lebens, unmittelbar der Wohlfahrt
seiner Mitbrger dienend, ihren Handel und Wandel, wie er sich vor
seinen Fenstern tausendfltig und ameisenhaft entfaltete und abspielte,
frdernd, unsichtbar eingreifend, Richtlinien gebend und Ziele
verleihend, Englands Sohn mit Leib und Seele auch darin, da er
seefahrtskundig sein Schiff mit eigener Hand durch die Meere zu steuern
verstand, -- doch auch dies nur zweckerfllt und niemals aus dumpfer
Schwrmerei oder Abenteuerlust unternehmend --, siehe, da war das Ideal
des kleinen George Forster, wie es, ihm selber unbekannt und annoch in
sieben Schleier gehllt in seiner Seele schlummerte, pltzlich Fleisch
und Blut geworden, trat vor ihn hin und lockte sein Spiegelbild hervor,
da es dem Knaben vor Augen trat, freilich unklar wie aus beschlagenem
Glas. Es deuchte ihn eine fast unausdenkbare Seligkeit und doch das
einzig begehrenswerte Ziel, in einem Gemach gleich diesem hausen zu
drfen, Besitzer zu sein solcher geordneter schimmernder Bcherreihen,
mit solchen blanken ernsthaften Gerten, in denen der erhabene Geist der
Mathematik sich in klaren einfltigen Formen offenbarte, rasch und
sicher hantieren, mit raschelnder Feder perlenschnurgleiche
Buchstabenreihen ber reines krniges Papier ziehen und so ganz und gar
bis in die kleinste Einzelheit von Ordnung und Zweckmigkeit umgeben
sein zu knnen. Diesem Kinde hatte Arbeit das Spiel zu frh ersetzen
mssen; was Wunder, wenn seiner Art zu arbeiten lebenslnglich etwas von
der Methode des Spielens anhaftete, da sie einer gewissen Verklrung
durch die Phantasie bedurfte, um fruchtbar zu sein, eines Anreizes in
der Gestalt ihrer ueren Hilfsmittel, da ihre Spannkraft im hchsten
Grade von Abwechselung abhngig war, -- ja, da sie sich selbst zuweilen
mit ihrem Schatten, mit einer Absicht, einem Plan, einem Projekt
verwechselte? Gleichviel! Als George etwa eine Stunde allein in diesem
Heiligtum der Wissenschaft gesessen hatte, war er von dem schweigsamen
Geiste der Ttigkeit, der hier herrschte, so durchdrungen, da er von
sich selbst gerhrt war und ein so reinliches Gewissen in sich fhlte,
als habe er angestrengt gearbeitet, zugleich aber empfand er eine
inbrnstige sehnschtige Kmmernis, die sich uneingestanden aus
hoffnungsloser Verzweifelung, aus einem armen kleinen Neid
zusammensetzte.

Ein Kompa lag vor ihm auf dem Tisch, die Magnetnadel unter einer
schwach gewlbten Scheibe von Bergkristall eingelassen in eine
handtellergroe sechseckige Bronzeplatte mit eingeritzten Ziffern, auf
die ein niederzuklappender Weiser mit seinem Schatten deuten mute, --
eine winzige Sonnenuhr also, ein uerst sauberes, zierliches,
handliches Gert, das man in seinem Futteral von rotem Maroquin berall
bei sich tragen konnte, -- er widerstand der Versuchung nicht, es in die
Hand zu nehmen, und betrachtete es andchtig. ^Bion  Paris^ stand im
Halbkreis um den Kompa herum zu lesen, -- ach ja, solche Gegenstnde
galt es zu besitzen und sich ihrer unter freiem Himmel zu bedienen, --
er seufzte ein wenig und legte das Instrumentchen zrtlich auf den Tisch
zurck. In diesem Augenblick tat sich die Tre auf, und ehe er es sich
versah, stand ein Kind in der Mitte des Zimmers, ein kleines Mdchen in
zierlich gerafftem lichtblauen Kleid, stockte bei seinem Anblick und
sagte in den ausdrucksvollsten Tnen: ^What are you doing here? In my
fathers room and in our house? How did you come in?^ Dabei blitzte sie
ihn mit emprten grnbraunen Augen an und hob eine groe weie
Angorakatze, die mit ihr gekommen war und ihre Knie umschmeichelte, mit
beiden Hnden auf, es war nicht zu erraten, ob als Waffe und um sie
gegen ihn zu schleudern, oder um sich an dieses befreundete Wesen
anzuklammern, denn sie selbst machte eine ganz kleine Wendung zur Tr,
bereit, sich bei der geringsten verdchtigen Bewegung des Eindringlings
zurckzuziehen. George indessen, dem sein Englisch auf einmal
wegschwamm, war aufgesprungen, lie die Arme hilflos hngen und
stammelte erschrocken eine deutsche Erklrung fr seinen unbegreiflichen
Aufenthalt in diesem Heiligtum, die er gleich darauf, etwas gefater,
auf Englisch wiederholte, als er den ratlosen Ausdruck der jungen Dame
wahrnahm. Whrend dieser Erklrung, in der ^my father and Mr.
Dalrymple^ den festen Kern eines Knuels verwirbelter Perioden bildeten
und die Wendung ^You know^ zur Ausfllung von Verlegenheitspausen
oftmals wiederkehrte, begann das Kind zu lcheln, die rosige Wange in
das Fell des Tieres schmiegend, und sodann, auf ihn zutretend und mit
spitzen Fingerchen auf ihn deutend, sagte sie in hohen zwitschernden
Tnen: Du bist kein Englnder, du, -- das bist du nicht!? Aber du
kommst nicht aus Indien wie Arya. Hierauf, mit demselben Fingerchen
sein Gesicht berhrend, die kleine Nase ein ganz klein wenig angeekelt
kraus ziehend, nachdenklich: Was ist das? Was hast du da? Haben alle
Leute in deinem Lande so kleine Lcher in ihrer Haut? Worauf George,
mit der eigenen Hand ber seine pockennarbige Wange streichend, beschmt
eingestand, da dieser beleidigende Anblick von einer Krankheit
herrhre, wobei er sich trostlos verhedderte, da ihm die ntigen
Ausdrcke fehlten und schlielich: ^Bad cough, you know!^ sagte, weil
dies im Grunde die einzige Krankheitsbezeichnung war, die er auf
Englisch wute, da Mrs. Freeling an einem ^bad cough^ litt und ihre
Gste einzig davon zu unterhalten pflegte. Er war uerst peinlich
berhrt und von einer nach Trnen verlangenden Erregung durchzittert,
darber, da dies fremde Mdchen ihn so ohne weiteres auf seine
krperlichen Mistnde anredete, zumal da es ihn nach seiner Erklrung
durchaus nicht mitleidig, sondern weiter mit khler Neugier betrachtete,
wie ein auslndisches Tier. Jedoch ging nun pltzlich wieder jenes
Lcheln ber ihr Gesicht, das tanzende Sternchen in die Augen zu zaubern
schien, und aus dem goldbraunen Geringel der Locken gleicherweise wie
aus den vereinzelten lustigen Sommersprossen in der zarten Haut, den
blaroten Lippen und den weien Zhnchen leuchtete; sie sagte
nachsichtig: ^You look like a little old man!^ drehte sich einmal auf
dem Absatz um, mit einer Handbewegung, die das ganze Zimmer vorstellend
umfate: ^Mr. Dalrymple is my father^, und, wieder Aug' in Auge mit
ihm, schlo sie: ^And that's Pussy^, wobei sie ihm die Katze mit
beiden Armen hinreichte und die Krallen des Tieres mit einem
ausdrucksvollen ^Don't, Pussy!^ aus dem Musseline ihres Kleidchens
lste. Halte sie einen Augenblick! Ich werde dir etwas Komisches
zeigen. Eilig lief sie zu dem groen Globus in der Ecke des Zimmers,
umspannte die Kugel mit beiden rundlichen Armen und versuchte sie aus
dem Gestell zu heben. Nein, ich kann es nicht allein, rief sie zornig,
schnell, komm her und hilf mir. Aber so halte doch die Katze! Und da
George nun ratlos dastand, denn er hatte die Katze losgelassen, um die
Hnde frei zu bekommen, und Pussy zog sich eilig in die Nhe des Kamins
zurck, trommelte sie mit beiden Fustchen auf den Globus, rief lachend
und aufgebracht: ^How funny a boy you are!^ und brachte es dann unter
Sthnen und Prusten mit seiner Hilfe zustande, da die groe hohle
Kugel, auf der die Weltteile und Ozeane von Abbildungen der seltsamsten
Fabelwesen, wie von Einhrnern, Meerweibern und Seeschlangen bevlkert
waren, in die Mitte des Zimmers gerollt wurde. Nun hie es: ^Try to
catch Pussy!^ denn Pussy hatte sich, entschieden ahnungsvoll, auf die
hohe Lehne eines der Kaminsessel zurckgezogen und beobachtete die
Vorbereitungen mit Mitrauen, -- entwich bei der Annherung der Kinder
von dort und schritt mit vorgetuschter Wrde und affektierter
Zierlichkeit ber alle Gerte, Papiere und Bcher des Arbeitstisches
hinweg, raste sodann in einem Ausbruch von Verzweiflung in dem ganzen
Raum herum, wobei ihre Besitzerin vor Lachen umfiel, George aber seinen
ganzen Ehrgeiz entfaltete und sie griff, indem er ihr den Weg
versperrte. ^I have her, Miss!^ schrie er triumphierend, erntete ein
vor Lachen atemloses: ^Oh, how awfully funny! Don't call me Miss! I am
Evelyn!^ und nun ward das sich scheinbar in sein Schicksal ergebende
Tier, -- ein Kater brigens, -- mit allen Vieren auf die Kugel gestellt.
Sofort begann es unbehaglich einen Fu vor den anderen zu setzen, um
hinunterzugelangen, hierdurch geriet die Kugel in Bewegung, Pussys
Unbehaglichkeit steigerte sich zum klglichen Miauen, er reckte den
Schwanz steil auf und, unentwegt weiter trippelnd rollte er auf der
Kugel durch den ganzen Raum, von Evelyn jauchzend umtanzt und von George
unter Staunen begleitet. Als nun wiederum jemand eintrat, und zwar
diesmal eine hagere ltliche Dame, die von seinem Anblick ebenso
berrascht schien wie Evelyn vorhin, hatte er doch bereits genug
Unbefangenheit gewonnen, um auf des Kindes vergngte Einfhrung seiner
Person: ^Only listen, Miss Jones!^ und zu ihm gewandt: ^Now tell her
that of Mr. Dalrymple and my father!^ eine leidlich wohlgesetzte
Erklrung seiner Anwesenheit fertigbringen zu knnen, die zwar Evelyn
enttuschte (^You told it otherwise and much more funny last time!^),
jene wrdige Dame aber hinreichend befriedigte. Er wurde nun mit ins
Wohnzimmer genommen, er bekam Tee mit gerstetem Brot, Butter und
Marmelade, er mute der Mi von Deutschland und St. Petersburg
berichten, wozu sie abwechselnd ^Awfully!^ oder ^How strange!^ sagte
und gelegentlich seine Stze verbesserte. Evelyn jedoch setzte ihm drei
Puppen auf den Scho und erklrte ihn zu deren Grovater, -- denn der
Vater sei nun einmal Pussy, von jeher, und knnte doch nicht abgesetzt
werden! --

                   *       *       *       *       *

Es ist eine bemerkenswerte Tatsache, da das Leben eines jeden Menschen
in seinem Verlauf Strecken aufweist, die, obschon durch Jahre getrennt,
einander doch seltsam hneln, weniger ihrem Inhalt als ihrem ueren
Rhythmus nach. Als der Vater mit ihm in Warrington nahe bei Manchester
angelangt war, wo er am Predigerseminar die Stelle eines Lehrers fr
Naturgeschichte und Sprachen angenommen hatte, -- als sie dort ein
kleines Haus inmitten eines Grtchens voller Stockrosen und
Stachelbeeren bezogen hatten, -- als schlielich die Mutter mit den
Geschwistern angelangt war, und sie sich nun alle mitsammen, da der
Winter ins Land zog, eng aneinanderschlossen, der Klte und der Fremde
Trotz boten und sich gegenseitig zur Heimat wurden --, da schien es
George anfangs, als steige verjngt und verklrt die erste Zeit seines
Lebens wieder herauf. Dem Himmel sei Dank, man war nicht nach Amerika
gesegelt, um dort ein gewisses gottverlassenes Gebiet nher zu
untersuchen, wozu Lord Baltimore die ntigen Mittel herzugeben bereit
war, denn dieser Wrdentrger schien besonders neugierig auf die
Verhltnisse in jenem Landesteil. Man hatte auch auf die Pfarre
verzichtet, die Lord Shelburne in Persacole, einem uerst idyllischen
Ort, zu vergeben hatte, jawohl, man tat sich nicht wenig auf seine
Grundstze zugute, lie sich nicht ein auf ein nicht ganz fest
gesichertes Unternehmen, -- (war nicht die Schachfigur irgend so eines
Groen, verstehst du, mein Sohn!) und machte sich nicht noch einmal im
Leben zum Schuhputzer eines Patrons, indem man den Bttel im
Predigerrock darstellte (jawohl, denn darauf kam es doch schlielich
heraus!). War es auch etwas Entzckendes um das Entgegenkommen all
dieser Brder im Geiste der Loge, man hatte doch seine persnliche
Freiheit zu wahren, (dies war der neueste Standpunkt), und letzten
Grundes wollte man sich nicht festlegen, weil Mr. Dalrymple da einige
Andeutungen gemacht hatte, -- einige ganz unverbindliche Andeutungen ...
Kurz und gut, Reinhold Forster schied von London, nachdem er Mitglied
einer Loge geworden war und auf die Vereinigung aller Guten zum Guten
schwur. Jedoch, so ausgiebig er die Grundstze der Verbindung in seiner
Unterhaltung anbrachte, die Gleichheit aller Menschen vor dem hchsten
Gesetz war ihm keineswegs in Fleisch und Blut bergegangen und er, fr
sein Teil, bewahrte seit den Petersburger Erfahrungen ein dumpfes
Mitrauen gegen die, die er die Groen nannte, war auf seiner Hut und
wrde sich nicht noch einmal bertlpeln lassen. Leider drang ihm dies
Bewutsein seiner berlegenheit dermaen aus allen Poren, da er
allerlei Ansto damit erregte, worber er sich wiederum nicht wenig
wunderte, da er sich fr auerordentlich diplomatisch hielt. Auf George
hatte die Schilderung der freimaurerischen Gebruche und Feierlichkeiten
einen tiefen und beseligenden Eindruck gemacht, und es erhhte den
Zauberschein, der Mr. Dalrymple in seiner Vorstellung umgab, noch
bedeutend, da dieser in seiner Loge ein Ehrenamt bekleidete und somit
von priesterlicher Wrde umflossen war. Im stillen hatte er es sich fest
vorgenommen, seinerzeit die kleine Evelyn zu heiraten und als demtiger
Famulus um Dalrymple herum zu leben, betraut mit der Instandhaltung der
Instrumente und dem Kolorieren von Landkarten, auch mit Schreibarbeiten,
die er besonders knstlich und schn auszufhren gedachte, wenn er dabei
nur in jenem unvergelichen Raum leben durfte, -- aus dem er brigens
Pussy verbannt wissen wollte. Dies Ziel vor Augen begann er seinen Weg
mit einer ersten Ahnung von Bewutheit zu gehen. Es war ein Jammer, da
der Vater Mr. Dalrymple so wenig glich, da er so gar keinen Wert auf
Akkuratesse und Pnktlichkeit legte und trotz seiner Vorliebe fr ein
elegantes Auftreten, oder vielmehr einer Neigung fr das Bunte und
Prchtige, sein ueres vernachlssigte, wenn man nicht auf ihn achtete.
Er, George, begann jetzt, seinen eigenen Sinn fr peinliche Ordnung
wie ein Steckenpferd zu pflegen und erzielte unter seinen
Gebrauchsgegenstnden, seinen Bchern, Papieren und Schreibgerten eine
ihn selbst entzckende Nettigkeit, die sich auch auf seine Kleider und
Schuhe erstreckte und so weit ging, da er aufgebracht wurde, wenn die
Mutter sich dieser Dinge wieder annehmen wollte oder gar Fieken, die
whrend der Trennung etwas, wie ihm schien, aufdringlich
Hausmtterliches angenommen hatte. Die Mutter, immer noch in der ersten
bitteren Ergriffenheit von seinem Anblick, da sie ihn so gewachsen,
abgemagert und mit einem Schatten von stillem, grauen Ernst auf dem
schmal gewordenen Gesicht wieder gefunden hatte, lie ihn gewhren und
meinte in diesem ihrem ersten Kinde ihr eigenes Herz zu erkennen, wie es
sich in den vierzehn Jahren ihrer Ehe aus kindlichem Lebensvertrauen in
die stumme Ergebenheit des Dienenmssens geschickt hatte. In den ersten
Tagen nach ihrer Ankunft geschah es einmal, da sie in der Dmmerung des
Oktoberabends mit ihm allein war, oder doch wenigstens ohne den Vater
und die greren Geschwister. Sie sa am Fenster, mit dem Jngsten auf
dem Scho, und blickte tdlich erschpft in den erlschenden Herbsttag,
ohne einen anderen Gedanken als den der Dankbarkeit, da sie nun festen
Boden unter sich fhlte und nicht mehr den schwankenden des Schiffes
oder der Postkutsche. Da sie das nun hinter sich hatte, Sturm und
Wellen, Kattegatt und Skagerrak, sie allein mit den fnf Kindern! Mein
Gott, sie schauderte immer wieder unter einem Rckkehren der
krperlichen Angst dieser letzten Wochen und lchelte matt und erlst zu
George auf, der schon eine Weile an ihre Schulter gelehnt neben ihr
stand, ohne sich zu rhren. Jetzt glitt er nieder und kniete vor ihr,
Augen und Hnde scheinbar mit dem Kleinen beschftigt, dessen Fingerchen
er festhielt. Dann aber begann er ber das Kleid der Mutter hinzutasten,
zgernd und ungeschickt, als begrte er die bunten Streublmchen in dem
braunen Perkal alle einzeln, und nun fate er nach dem Medaillon aus
dnnem Golde, das ihr an einem Sammetband um den Hals hing, und das, er
wute es, ein Lckchen von ihm selbst aus seinen ersten Lebensjahren
barg. Ach, -- auch das ... murmelte er und schlug pltzlich die Augen
voll zu ihr auf, die im nchsten Augenblick von Trnen berflossen,
whrend er das Gesicht an ihre Knie drckte, ihren Scho mit beiden
Armen umspannte und so krampfhaft schluchzte, da sein ganzer Krper
bebte. Sie, erschrocken, und doch nicht unvorbereitet auf diesen
Ausbruch, legte die Linke auf seinen Kopf, -- die Rechte umfate und
hielt den kleinen Christian --, und so, ihn ab und zu sanft streichelnd,
sagte sie nichts weiter als: Georgie, -- mein Georgie ... in einem Ton
hoffnungsloser Ermdung, in dem aber mehr Zrtlichkeit und Verstndnis
lagen, als mit vielen Worten sich htte ausdrcken lassen. Endlich, als
das Weinen verebbte und seine Arme sich ein wenig lsten, wandte sie den
Blick vom Fenster zu ihm und sich ber ihn neigend, selbst
aufschluchzend in einer Wallung von Gram und Zorn, fragte sie mit rauher
Stimme: Hat er dich geschlagen, oft geschlagen, mein Kind? -- und fuhr
dann fort, ihn stumm zu liebkosen, indem sie den Oberkrper hin und her
wiegte und mit einem Ausdruck unsglicher Bitterkeit ber ihn weg ins
Leere blickte. --

Whrend harter, trockener Arbeit, die ihn an sein Tischchen in der
Fensternische des groen Wohnzimmers spannte wie einen Ackergaul vor den
Karren, -- hier sa er gebckt und bersetzte, er, der zwlfjhrig sechs
Sprachen beherrschte, -- da war es doch gut, war trstlich, drauen die
Mutter hantieren zu hren und den gleichmigen Verlauf huslichen
Lebens um sich zu spren! Wie htte er wohl sonst dies ausgehalten, dies
Nachbauen groer systematischer Werke mit einem anders gefrbten
Material, aber so, da Stein um Stein sich deckte, da ein Gebude
entstand, dem Vorbilde aufs Haar gleichend, in jedem Trmchen und
Eckchen, in jedem Gerte der Einrichtung, -- oh, dies bestndige Hin-
und Herblicken von Buch zu Buch, dies Vergleichen, dies Abwgen der
Worte, -- und was dann endlich vor ihm lag, war nichts Neues, war ewig
wieder dasselbe, was schon einmal dastand. Indessen wute er jetzt, da
es ein Hilfsmittel gab, solche Arbeit ertrglich zu machen, es war eine
rastlose geduldige Hingabe an die Genauigkeit und Buchstabentreue, an
der er sich erbauen konnte, wie an der rechtwinkligen Aufstellung seiner
Bcher und Gerte oder an dem tadellosen Anblick einer fertigen
Manuskriptseite. Hier war er seiner selbst sicher, keinen Anfechtungen
und Zufllen ausgesetzt wie beim Unterrichten der Geschwister oder der
englischen Knaben in jener Schule, die er dreimal wchentlich mit
grter berwindung betrat und mit dem Gefhl bitterster Demtigung
wieder verlie, halb ohnmchtig von der Anstrengung, die ihn das
Aufrechthalten seiner Wrde, das bersehen und berhren des Spottes
seiner Schler und die reinliche Erfllung seiner Pflicht kostete.
Gleichzeitig war er von Hunger geschwcht, der ihn in diesen Jahren zu
berfallen pflegte, wie ein reiender Wolf, denn sein Krper streckte
sich nun und befand sich in fortwhrendem Aufruhr gegen die Lebensweise,
der er unterworfen wurde. Dann fhrte ihn sein Heimweg an jener
Bckerbude vorber, -- ach nein, -- er fhrte gar nicht daran vorber,
aber man konnte doch durch jene Strae gehen, wo sie sich befand,
magisch anziehend mit dem stillen Glanz ihres Schaufensters, hinter dem
die leckersten Apfel- und Fleischpastetchen lagen, whrend ein
kstlicher warmer Duft nach frischem buttrigen Gebck das ganze Gebude
umwitterte. Er wrde vorbeigehen, dies war ihm meist zwei Schritte von
der verhngnisvollen Tre entfernt noch ganz klar, gewi, er wrde nicht
erliegen, -- nicht einmal die Augen wollte er der Versuchung zuwenden,
-- ach, warum war er berhaupt durch diese Strae gegangen? Und welche
Gewalt war es, die ihn dann hinri, eine scharfe Biegung auf die Tre zu
zu machen und sie aufzustoen? Manchmal gelang es ihm, vorberzukommen,
aber nach zehn Schritten kehrte er dann um und lief beinah zurck, mit
wsserndem Munde und die Faust in der Tasche um ein armes kleines
Geldstck geballt, manchmal auch ging er rasch, aufrecht, mit trotzig
vorgeschobener Unterlippe auf den Laden zu, und das meist, wenn er gar
kein Geld hatte und darauf rechnete, da die Bckersfrau ihm auf den
Namen und Stand seines Vaters hin Kredit geben wrde. Hierauf konnte er
es kaum erwarten, den stillen Heckenweg zu erreichen, wo er die Tte
ffnen und hastig und gierig ber die Kuchen herfallen konnte, die er
verschlang, ohne recht zu kauen, atemlos, whrend ihm Trnen aus den
Augen liefen und er nur den letzten mit zgernder Andacht verzehrte. Da
nun der Hunger gestillt war, berkam ihn die schrecklichste Reue, wie er
dermaen habe schwelgen knnen, ohne der Mutter und den Geschwistern, --
nicht allen, aber Friederiken etwa, der zweiten Schwester, die er
liebte, -- etwas abzugeben; er schmte sich fast zu Tode und mute sich
doch von Zeit zu Zeit noch den Mund lecken, indem er langsam nach Hause
ging. Diese Sndenflle wiederholten sich zu seiner Verzweiflung immer
wieder und sein Schuldkonto wuchs. Eines Tages ereignete es sich, da
die dicke Bckersfrau, nachdem sie eine Weile mit mrrischem Gesicht und
angelecktem Daumen in ihrem Rechnungsbuch geblttert und mit der
Stricknadel Zahlen zusammengezhlt hatte, sich unter ihrer Haube kraute
und erklrte: ^You must pay me first, Master!^ und wenn nicht anders,
msse sie sich an den Herrn Vater halten. Worauf sie das Buch zuklappte
und hinter George drein die Nadeln klirren lie. Er schlich mit
hngenden Armen aus dem Dufte der Pastetchen, von so viel Hrte wie von
einem Schlag ins Gesicht getroffen, -- einer Hrte, die er im Grunde als
berechtigt anerkennen mute; es hatte so kommen mssen, er hatte es ja
genau gewut und hatte doch wie ein Blinder darauf los gesteuert. Der
Schwei brach ihm aus, whrend er mit uerer Fassung dahinging; er rang
nach Atem und fhlte sich von krperlicher Angst durchrieselt, -- hier
ging er, ein Verworfener, ein Verschwender, -- verbrachte sein Gut mit
Prassen! fiel ihm ein, -- und nun, in dem stillen Heckenweg, dem Zeugen
so vieler Snden, angelangt, rang er buchstblich die Hnde. Die Folgen
seines Tuns waren ihm schrecklich klar, Zornesausbrche und Schlge
seitens des Vaters, stille Trnen der Mutter, -- dies alles aber war
nicht so qulend wie die innere berzeugung, es nicht besser verdient,
die Erkenntnis, sich miserabel benommen zu haben, so, wie er es nie und
nimmer von sich erwartet hatte, und da andere nun Zeugen dieses
Zusammenbruchs werden sollten! Er hatte nicht mehr gebetet, seit jenem
Tag auf der Mtterchen Elisabeth, seit jenem betretenen Du weit es
also noch nicht, mein Sohn des Vaters, -- nicht etwa aus
Prometheustrotz, sondern die Gewohnheit war von selber eingeschlafen, er
hatte sich ihrer begeben aus einer Erschpfung der Hoffnungskraft
heraus, die einer schweren Erkrankung, einer seelischen Lhmung
gleichkam, -- jetzt in diesem Augenblick war zum erstenmal ein
gespanntes Gefhl stark genug, das angestaute Eis zu durchbrechen, die
innere Vergletscherung aufzutauen: er betete, er schrie und flehte
stumm, aber hei und strmisch mit aufgehobenen Hnden um Errettung,
weniger vor der Strafe als vor der Demtigung, gelobte, zu einem jungen,
blhenden Kirschbaum als einem Vertreter Gottes aufblickend,
Selbstzucht, Reinheit, Enthaltsamkeit, geriet ins Schluchzen,
umklammerte mit den Hnden die eigene schmale, tobende Brust und lehnte
an einem Zaun, um sich auszuweinen, jetzt schon erhrt sich whnend,
einfach durch die Linderung, die er nach diesem Ausbruch im Herzen
versprte. Langsam nach Hause wandelnd, geriet er in eine sanfte,
traumhafte Stimmung, empfand Vogelruf und Baumesblte, lichtblauen,
wolkendurchschimmerten Himmel und fchelnden Wind mit erstauntem Glck
wie unerwartete Zrtlichkeit, fand, sich noch einmal ungern an den Grund
seines Kummers erinnernd, da er lngst beschlossen habe, der Mutter
alles zu beichten, und gab sich dann ganz einer neuen schwrmenden
Seligkeit hin, die sein aufgepflgtes Herz hervorgehen lie wie
kindliche Saat. Er war schon in die Strae eingebogen, an deren Ende
sein Ziel war, aber immer noch heiter und sorglos schreitend, von
unbekanntem Leichtsinn getragen, versuchte er eine Pftze zu berhpfen,
die er sonst wohl umwandelt htte, und natrlich trat er hinein und
blickte ein wenig bestrzt und ernchtert nieder auf das schwerfllige
linke Bein, dessen stramm sitzender grauer Strumpf mit Schmutzspritzern
bedeckt war, whrend der stumpfe Schnallenschuh einen betrblichen
Gegensatz zu seinem blanken gepflegten Bruder darbot. Nachdenkend, ob es
wohl gegeben sei, das Schnupftuch hier anzuwenden, durchzuckte es ihn
pltzlich von den Augen zum Herzen, da ihm das Blut einen Augenblick
stockte, und aus dem Schlamm einer Wagenspur hob er mit bebenden Fingern
auf, was golden dort blinkte, hielt es, lchelte verwirrt, zog nun
wirklich das Schnupftuch, rieb und putzte, ging dabei weiter wie ein
Schlafwandelnder, stand wieder still und starrte auf das kleine blanke
Ding in seiner Hand, das nicht verschwand, sondern dalag und glnzte,
sich erwrmte und sich ihm zum Eigentum gab: O mein Gott, dachte er
mit versagenden Worten, wahr und wahrhaftig! Es war eine Guinee. --

Da war er nun erhrt, auf eine recht greifbare Art erhrt, dermaen
erhrt, da ihm der Segen den Schdel fast einschlug, und er sich
zunchst gar nicht zu sammeln vermochte. Er dachte seltsamerweise
zunchst an einen silbernen Fingerhut, den die Schwester Friederike sich
wnschte, und da er ihn nun kaufen und ihr mitbringen knne, dachte an
ein kleines ausgezeichnetes Federmesser fr sich selbst, dessen er
entschieden bedurfte, und dazwischen natrlich immer wieder an die
Bezahlung jener Schulden, aber gar nicht so, als habe der Himmel ihm
dies Goldstck nur eigens zur Errettung aus dieser Not und in
Beantwortung seines Hilfegeschreis in den Scho geworfen. Er empfand
dunkel ein Miverhltnis zwischen dem Rausch gelsten Gefhls von vorhin
und dieser glatten Erledigung aller Schwierigkeiten, ja, er war beinahe
geneigt, diesen Fund fr einen glcklichen Zufall und nichts anderes zu
halten, denn er hatte seine Erhrung dahin, sie hatte einzig in der
wundervollen Erleichterung seines Herzens nach dem Gebet gelegen. Wenn
er nun betroffen innerlich Dank stammelte, so geschah es keineswegs mit
dem Jubel des von Gott mit Gnade berschtteten, sondern
pflichtschuldigst. Ein leiser Widerschein der ersten Seligkeit kehrte
zurck, als er Friederiken sein Geschenk berreichte und das Aufleuchten
ihrer Augen sah; brigens geschah dies heimlich vor den anderen und
selbst vor der Mutter. Er vertraute der Schwester sein ganzes Erlebnis
an, sah auf ihrem beglckten kleinen Gesicht alle Schattierungen des
Mitleids und des Staunens wechseln, wurde von ihr gestreichelt und sogar
ganz schchtern gekt und empfand mnnliche Rhrung, teils ber sich
selbst, teils ber den Eindruck, den er hervorrief. Mit diesem Tage war
in seiner Brust etwas gelockert, er gab sich von nun an gern solchen
Rhrungen hin und suchte sie sogar auf, er betete, rein um des Betens
willen, und war oft recht untrstlich unglcklich, ohne zu wissen warum.
Viel Zeit zu solchen Ergriffenheiten hatte er nicht, so vertrieb er sich
des Abends im Bett die Zeit mit ihnen, wie einst mit den grausigen
Spielereien, die das Labyrinth betrafen, an die er jetzt gewissermaen
anknpfte, indem er sich _Gott_ in den Mittelpunkt der Irrgnge gebannt
vorstellte und _seine_ Stimme dort hrte, nicht schaurig rollend, wie
die des Minotauros, sondern stark, schwingend und summend, in einer
Harmonie, deren Se ihm den Brustkasten vibrieren lie. Sich zu ihm
_hinzubeten_, das war's, was es jetzt galt, und er betete zielvoll,
inbrnstig, bis zum krperlichen Taumel, bis zur Betubung. Friederike
ward mit in diese Ekstasen hineingerissen, nur, da es ihr oft schwer
fiel, zu warten, bis das gesunde laute Atmen von Sophie und dem Bruder
Karl verriet, da diese beiden, einer Teilnahme an dem Geheimnis nicht
Gewrdigten, eingeschlafen waren: sie ward mde, die kleine Friederike,
und gab keine Antwort mehr, wenn er endlich flstern konnte: Wachst du,
Riekchen? --

Beim Vater fand er keinerlei Nahrung fr solche bungen, Herr Forster
hatte sich nun vollends gehutet und wies nirgends mehr ein Kennzeichen
des preuischen Predigers auf, wenn er sich schon stets nach dem
Grundsatz richtete, da ein Weltmann allezeit die Gefhle seiner
Umgebung schonen msse. Indessen ging ihm denn doch die Freiheit des
Denkens ber alles (und nebenbei war der Zwang der regelmigen
Lehrstunden im College wahrhaftig recht lstig!), und so hatte er sich
bald mit dem Rektor Sullenham und dem Reverend Holliday, seinen
unmittelbaren Vorgesetzten, grndlich berworfen, -- Fragen des
naturwissenschaftlichen Unterrichts gaben den Anla, welche die Herren
in den wolligen Percken auf biblischer Grundlage, Herr Forster indes im
Sinne der Aufklrung behandelt haben wollte. Er zog sich aus dem College
zurck, blieb jedoch trotzig in Warrington und begann eine freie
Lehrttigkeit, deren Aufblhen ihn hauptschlich im Hinblick auf die
Bekniffenheit des ehrwrdigen Holliday zu freuen schien, dessen
Privatstunden nicht eben berlaufen waren. Daneben entfaltete er einen
in der Tat unermdlichen Eifer im bersetzen von Reisebeschreibungen,
und nacheinander schleppte er George mit sich nach Indien, an den
Mississippi und nach Cumana in Sdamerika, wobei der Knabe,
hineingerissen in das rastlos arbeitende Rderwerk dieser brutalen
geistigen Maschinerie, die keine Erschlaffung kannte und auch bei andern
nicht anerkannte, Handlangerdienste zu leisten hatte und diesem
unerschrockenen Reisenden auf den Spuren von Kalm, Osbeck, Bossi und
Lffling atemlos im Urwald der Vokabeln Bahn hieb. Es war wahr, der
Vater war wieder von der strmischen Tatkraft vergangener Jahre beseelt,
und die Zeit der Gebrochenheit schien George ein peinlicher Traum zu
sein, so vllig stand er von neuem unter dem Eindruck der Berechtigung
der ungleichmigen, aber immer heftigen Lebensuerungen seines
Erzeugers, und war eins in dem Eifer stummer Botmigkeit mit der Mutter
und den Geschwistern. Hingen sie nicht von ihm ab, sugte er sie nicht
an seinem Busen wie der Riese im Mrchen? Saen sie nicht auf der Strae
ohne ihn? Nun -- nicht wahr? -- majesttisches Augenrollen um den
Tisch herum. Hinzufgung: Auf der Strae hier im wildfremden Lande!
Also! Und somit gerechtfertigte Besitzergreifung der beiden letzten
Hammelrippchen auf der Schssel -- Du warst doch satt? -- zur Mutter
gewandt. Aber wie sollte sie anders! brigens gab es zwei
Persnlichkeiten im Hause, die bei solchen Gelegenheiten mrrisch wurden
und ihre Verstimmung unverhohlen zur Schau trugen, die Schwester Sophie
nmlich und den Bruder Karl, -- ja, es war erstaunlich und unerhrt,
aber diese beiden widerstanden ihm mit Worten und Werken, und
sonderbarerweise ernteten sie nicht nur weniger Kopfnsse als die andern
Kinder, sondern wurden gewissermaen als ernst zu nehmende Gegner
angesehen, ber die er sich zuweilen heimlich bei Frau Justine beklagte.
Fieken, ja, das war ein ganz gefhrliches Kind, egoistisch und obstinat
nannte er sie, und der kleine Karl war gefrig und futterneidisch, war
so etwas wohl erhrt!? Hier habe die Edukation einzugreifen, sagte er
vorwurfsvoll, und zog sich zurck, nachdem seine Frau demtig und
erschrocken alles versprochen hatte. Nun hatte sie wieder ein paar Tage
damit zu tun, da sie die Kinder innerlich vor ihm verteidigte, mit der
Frage: Woher hatten sie's denn, dies Wesen, -- etwa von ihr? Und welches
andere von den Kindern war ihm so hnlich wie Fieken, -- sah er das
nicht selbst, und konnte er sich in dem kleinen Karl nicht spiegeln?
Doch hielt sie solche Gedanken fr schwere Anfechtungen und fast schon
fr bertretungen des sechsten Gebotes. Zu ihm aufsehend verga sie
Heimweh, Unzufriedenheit und Ermdung; er war der Herr und sie sehr
schwach und unwrdig. Bitterkeit war Snde, -- mein Gott, da sie auch
immer wieder da hinein verfiel! Und sie beugte sich ber ihre Arbeit,
sie schaffte von frh bis tief in die Nacht, die Kleinsten wrmten ihr
Herz, Fieken untersttzte sie auf rauhe aber tatkrftige Weise, mit
George aber und Riekchen lchelte sie manchmal mitten unter Tags, als
tauschten sie ein heimliches Zeichen. --

Sie fanden alle, da es so htte weiter gehen knnen, -- wer das nicht
fand, war Herr Forster. Aber, meine Teure, sagte er, hattest du
wirklich angenommen? Du bist berrascht? Nun, in der Tat ... Er blickte
wieder in den Brief, den ihm die Post gebracht hatte, lchelte abwesend
und streichelte sein Kinn. Endlich nun, nach zwei Jahren, hielt
Dalrymple Wort, er machte ihm den Vorschlag, ihn nach Ostindien zu
begleiten, -- Ostindien, George! -- auf eine Insel, ein Inselchen im
heien blauen Meer, Balangbangan hie es, wo die Ostindische Companie,
dies unvergleichliche Institut, unter seiner, Dalrymples Leitung eine
Niederlassung grnden wollte. Ohne erst Zeit mit dem Einziehen von
Erkundigungen zu verlieren, brach Herr Forster seine Zelte ab, das
heit, er selbst eilte seiner Familie voran nach London und berlie es
seiner Frau, den Umzug zu leiten, eine unendlich mhselige Unternehmung.
George war von neuem von dem seltsamen Fieber ergriffen, das ihn damals
in des Vaters erster Projektenzeit beherrscht hatte, zerrissen zwischen
der Teilnahme fr die Mutter und einer prickelnden Neugier auf das
Kommende, der Spannung, Dalrymple wiederzusehen, und dem erlsenden
Gefhl, da eine Vernderung der Arbeits- und Lebensweise bevorstehe,
wie er sie, halb unbewut, ersehnt hatte. Als es sich nun herausstellte,
da dieses hastige Abbrechen gesicherter Beziehungen und der
Familienaufbruch nach London ergebnislos gewesen waren wie ein Schlag
ins Wasser, als es klar zu Tage trat, da Herr Forster wieder einmal
Anfragen fr Versprechungen genommen hatte, da er gewissen Ansprchen
nicht zu gengen schien, -- hier war Intrigue am Werk gewesen, man hatte
ihn verleumdet, ihm einen windigen Charlatan vorgezogen! -- als die
Familie gerade in der Stunde mit der hochbepackten Mail-coach durch das
New Gate einfuhr, als Mr. Dalrymple in See stach und Herr Forster
sozusagen ohnmchtig auf dem Themsekai tobte, -- da machte sich die
Wucht wiederholter Erfahrung doch im Gemte des Knaben geltend. Dunkel
empfand er Glcksjgertum und den Mangel an Wrde, den es voraussetzte;
eine dumpfe Beschmung belastete ihn im Hinblick auf Dalrymple, von dem
er sich ganz persnlich verachtet und verworfen vorkam. Der Vater
mietete nun eine kleine Mansardenwohnung in Warwick Lane und eine Zeit
verzweifelter Bemhung um das tgliche Leben begann, um so bitterer
empfunden, als da hinten in der lichten Frhsommerlandschaft Warrington
mit seinem Huschen und dem geliebten kleinen Stachelbeergarten lag, wie
ein Paradies, dessen Pforten man mit frevelhaftem Leichtsinn hinter sich
zugeschlagen hatte. Da die Mutter und die lteren Schwestern fr Geld
Stickereien anfertigten, war qulend genug mitanzusehen, nun aber geriet
der Vater auf den Gedanken, da er, George, fr seine Jahre mehr leisten
knne, als er es am Schreibtisch zu tun vermchte, da, -- er sagte es
sonderbar unumwunden, -- seine Kraft besser ausgemnzt werden msse, er
kam auf den furchtbaren Gedanken und fhrte ihn ohne Zgern aus, George
bei einem Kaufmann in die Lehre zu geben, einem Mann, namens Hitch, der
mit Tuchen handelte und sein uerst respektables Geschft in der
innersten City nicht weit vom Temple hatte. Da dies hie, einem
Zahnlosen Nsse zu knacken zu geben, oder von einem Fisch zu verlangen,
auf dem Trockenen zu leben, kam Herrn Forster nicht in den Sinn, als er
eines Morgens den blassen Jungen mit der ihm eigenen Wichtigkeit seinem
Chef vorstellte. Er hatte sich nicht darin verrechnet, da George sein
Bestes tun wrde, -- oh, gewi, er tat seine Pflicht, und, das grne
Tuch ber dem Arm, lief er stundenlang kreuz und quer durch die tosende
Stadt, eine arme kleine Ameise unter Millionen anderen, immer in der
Gefahr, zerdrckt oder zertreten zu werden, sich in dem ungeheuren
Gewirr der sich teuflisch gleichenden Gchen verirrend, sich
abngstigend und der blutlosen Strenge seines graugekleideten Herrn
gewrtig, wenn er zu spt kam, -- einen bestndigen Jammer dabei in der
Brust, eine Sehnsucht nach einem stillen Eckchen, nach seinem Tischchen
in Warrington mit den Bchern und dem allerliebst geordneten
Schreibgert, -- Erinnerungen nachhngend, soweit sein erschpftes
Gehirn sie hervorbringen wollte, von der Wolga trumend und eingedenk
des Janusch, -- spter ber Rechnungsabschlssen, die er ausfhren
sollte, vllig versagend und mit puritanischer Ironie von Mr. Hitch
Esqu. vernichtet, -- so brachte George die Tage dieses unglcklichen
halben Jahres hin, whrend der Bruder Karl daheim an seiner Stelle
Wrterbcher wlzte und den Vater untersttzte, wobei es allerdings
weniger still und feierlich zuging, als frher, denn Karl quittierte
recht hrbar mit Brummen und Schreien ber Tadel und Zchtigung, und
zudem war in der Bcherei und unter den Manuskripten bald eine Unordnung
eingerissen, die George ins Herz schnitt, wenn er abends mde und stumpf
nach Hause kam. Um Weihnachten herum, nachdem er sich in dem
frchterlichen gelben Nebel drauen, den man fast kauen konnte und der
seinen Lungen widerstand, als sollten sie Wasser einatmen, nachdem er
sich also einen Husten geholt hatte, in Wahrheit einen ^bad cough^, den
Mr. Hitch schon allein des unmusikalischen Gerusches wegen mibilligte,
nahm ihn der Vater mit einem stoweisen Entschlu aus dem Geschft
heraus, aus Gesundheitsrcksichten angeblich, im Grunde jedoch, weil er
die Plage mit Karl satt hatte, der nun seinerseits in ein Kontor
wanderte, wo er sich trotz seiner Jugend als bedeutend brauchbarer
erwies als am Schreibtisch und als viel anstelliger als George. Dieser,
an sein Tischchen zurckgekehrt, erschien dem Knig Minos zunchst als
gnzlich verwahrlost, als vllig verbldet, so viel schien er verlernt
zu haben; er wurde angeschrien und das Pfeifenrohr fuchtelte ihm um den
Kopf, ohne da es mehr bewirkte, als da er sich duckte und auch dies
fr Gewinn hielt. Endlich ward unter Gemurr die Erlaubnis erteilt, da
Frau Justine ihn fr einige Tage pflegte, sie bettete ihn in ein Bett
allein, -- sonst teilte er das Lager mit Karl, -- und erreichte es, da
er nach einer Woche Essens und Schlafens wieder lchelte und sprach,
denn dies beides schien ihm verlorengegangen zu sein, und eine
Gewohnheit tief und sthnend aufzuseufzen, blieb ihm aus dieser Zeit
krperlicher Frone zurck. Endlich wieder imstande, der alten
Beschftigung nachzugehen, erfllte er seine Aufgabe zwar artig, sanft,
liebenswrdig und auerordentlich akkurat und korrekt bis ins kleinste,
aber doch etwa so, wie ein blindes Gpelpferd im Kreise geht. Zuweilen
dachte er an seine erste Kindheit und verglich: es war alles wie einst,
nur da sie enger und rmlicher wohnten, da drauen die gewaltige Stadt
toste und da er die Mutter nun fast berragte, wenn er neben ihr stand.
Als der ^bad cough^ und die Heiserkeit im Frhjahr endlich berstanden
waren, hatte er eine tiefe Stimme bekommen, er war nun in der Tat kein
Kind mehr und htte nicht mehr spielen mgen, selbst wenn er die Zeit
dazu gehabt htte; auch an jene Gebetsekstasen dachte er unbehaglich
zurck, wie an etwas Unwrdiges. Er studierte, er las, -- er schrieb
nach Diktat, er machte Auszge, er bersetzte, sein Blick bekam etwas
Gedecktes, als sehe er bestndig gegen eine Wand, -- die Zeit ging hin,
er war siebzehn Jahre alt, und: Georgie, sagte die Mutter eines
Abends, als er sie am Arme durch Pall Mall fhrte und sie lchelnd von
den Eigenschaften der Schlupfwespe unterhielt, ohne dem
vorbergaukelnden bunten und eleganten Leben, ohne schnen Pferden oder
strahlenden Frauen einen Blick zu schenken, -- mein Georgie, -- _wann_
wirst du jung werden?

                   *       *       *       *       *

Man lobt dich in der Stille, du mchtiger Herr Zebaoth, brummte Herr
Forster mit pfiffigem Gesicht vor sich hin, indem er die Treppe
emporstieg, sich haltlos einer Erinnerung an seinen Predigerberuf
berlassend und durchaus nichts weiter ausdrcken wollend, als dies, da
es gut sei, Projekte fr sich zu behalten, bis sie reif wren,
unterirdisch zu whlen, wie der Maulwurf. Er bersah dabei, da der
Maulwurf, ohne es zu beabsichtigen, seine heimliche Ttigkeit doch nicht
verbergen kann und da eine Schwangerschaft, ob sie schon wesentlich im
Dunklen sich vollzieht, sich dem Auge aufdrngt. Somit war es fr George
und seine Mutter lngst nur noch die Frage, _was_ sich wohl vorbereite,
wes Geschlechtes und Aussehens das Kind sein wrde, dessen Geburt um so
zweifelloser bevorstand, als Herr Forster immer schwangerer wurde, was
sich in einer peinlichen Zerstreutheit und Unruhe, erhhter Reizbarkeit
und tglichen Ausgngen zeigte, von denen er uerst nachdenklich
zurckzukehren pflegte.

Na, da staunt ihr? sagte er herablassend, sah aber zugleich etwas
verstimmt von einem zum anderen: denn die Familie zeigte sich viel
weniger aus den Wolken gefallen als er es zur Belohnung fr seine lange
Enthaltsamkeit erwartet hatte. Frau Justine nickte ergeben, als habe sie
derartiges befrchtet, -- aber, mein Gott, nun gleich die Sdsee, -- wo
lag sie doch nur? Und ihr Blick schweifte hilflos zu dem Globus hinber,
der auf dem Bcherbord stand. Herr Forster hielt seine Augen mit einem
sonderbar strahlenden Ausdruck auf George gerichtet, der ihn freundlich
und aufmerksam anblickte und sich nun auch erhob, um den Tisch herumkam,
dem Vater die Hand kte und herzlich sagte: Welche Freude, teurer
Papa! aber mehr so, als freue er sich des Glckes eines anderen und
nicht seines eigenen, -- dieses unglaublichen, dieses einzigartigen
Glckes, da er, in seinem siebzehnten Jahr und ohne weiteres Verdienst
als jenes, das der Besitz eines auergewhnlichen Vaters verlieh, mit
eben diesem Vater den groen Kapitn Cook auf seiner zweiten Weltreise
begleiten sollte. Dies, kein Projekt mehr, sondern handgreifliche
Gewiheit, ein Ding, das sich von heut auf morgen aus der Puppe bloer
Plne und Vertrge in glanzvolle Wirklichkeit entfalten sollte, war's,
was Herrn Forster berauschte und auf Flgeln trug, so da er um zehn
Jahre verjngt einherschritt und sich den Geschften der Vorbereitung
aufs liebenswrdigste widmete, indem er anordnete, widerrief, Bcher,
Instrumente, Arzneimittel und die berraschendsten Gegenstnde, die er
zur Reise fr ntig hielt, aufhufte, so da es kaum noch
menschenmglich war, ein System der Ordnung hineinzubringen, -- George
aber machte es mglich, -- und indem er vor allen Dingen in Begleitung
von Karl in die Bazare ging und von dem Geld, das ihm bereits zur
Verfgung gestellt war, in unbedenklicher Groartigkeit Einkufe machte
an Wsche, warmen Kleidern, -- dabei hatte man noch das russische
Pelzwerk, fast neu und von Frau Justine sorgfltig vor Motten geschtzt;
sie seufzte ein ber das andere Mal --, an Glashfen und Herbarien und
an Tabak, besonders an Tabak! Da man sich in der Umgebung des Sdpols
aufhalten wrde, wo es, -- erstaunlich, aber nicht zu bezweifeln, --
ebenso kalt war wie am Nordpol, wenn nicht gar klter, -- da man in der
Sdsee, -- diese aber war hei, fast kochend! -- von Insel zu Insel
schlendern wrde, der Menschenfresser gewrtig und hnlicher Zuflle, --
dies bildete den Gesprchsstoff der nchsten Mahlzeiten, wozu Frau
Justine ratlos und bange aussah, whrend George ihr aufmunternd
zulchelte. Zudem ward immer wieder betont, da es sich um jahrelange
Abwesenheit handeln wrde, -- jahrelang! -- und mit den Schicksalen
aller mglichen Seefahrer der letzten Jahrzehnte ward die
Wahrscheinlichkeit, da man berhaupt nicht wiederkehren wrde,
ausfhrlich in Betracht gezogen, ja Herr Forster schwelgte frmlich in
der Ausmalung aller Mglichkeiten eines martervollen Todes, etwa durch
Verdursten in einem kleinen Boot inmitten einer unabsehbaren
Wasserflche, -- besonders qualvoll das, meine Liebe, man fhlt sich an
Tantalus erinnert! Selbst ziemlich unberhrt durch all diese Erwgungen,
die er mit groen Augen und gerunzelter Stirn von sich gab, da sie ihm
nicht mehr als eine gesunde Emotion der Phantasie bedeuteten, gelang es
ihm doch, ohne es zu beabsichtigen, in George und seiner Mutter eine
Stimmung von Abschied frs Leben zu erzeugen, der sie sich am letzten
Abend mit vielen Trnen berlieen. Die Vorstellung, in diesem fremden
Lande mit Karl als einziger mnnlicher Sttze zurckbleiben zu sollen,
lste hnliche Gefhle in Frau Justine aus wie die eines an morschem
Seil ber einem Abgrund Schwebenden, obgleich, -- papperlapapp! -- fr
sie und die Kinder gesorgt war, vollauf gesorgt durch einen Teil der
Reiseentschdigung, die die Regierung ihr in Gestalt einer Pension
auszuzahlen angewiesen war, -- also nochmals papperlapapp! Da er nun
einen Wechsel auf die Zukunft in der Tasche hatte, denn, -- gesetzt den
Fall, man kehrte glcklich heim! -- er wrde durch die Beschreibung der
Reise, die ihm bertragen, die seine ganz besondere Aufgabe war, Ruhmes,
Reichtums und der Anwartschaft auf die grten europischen Lehrsthle
gewi sein, -- das natrlich wurde wieder einmal nicht ins Auge gefat.
Freilich, -- denn was das Motiv von Justinens traurigen Gedankengngen
bildete, was immer wiederkehrte, wenn sie stumm und ergeben zu ihm
aufsah, der so prchtig, gesund und von Leben strotzend war und den sie
doch liebte, -- wenn ihr Blick auf George ruhte, der so bleich und
krnklich schien, -- dies Motiv, -- o, wer wollte es ihr verdenken und
wer verstand es nicht, da es hie: ... und gesetzt den Fall, sie
kehrten nicht zurck ...?

                   *       *       *       *       *

Das Schiff war ein Erdteil fr sich. War ein Weltkrper, im Raume
schwebend und blindlings Gesetzen folgend, die seinen Lauf von dem der
Gestirne abhngig machten. War, -- gleichzeitig, -- zusammengesetzt aus
allen Stoffen der Erde bis zu ihrem feinsten, dem Menschenhirn, -- ein
selbstndiges Wesen, denkend und zielbewut und von harter
Entschlossenheit, seinem Namen gem: ^The Resolution^. War, -- ein
Schiff! -- weiblich, mit ausladendem Scho und zrtlichem Schwung der
Linien, von mnnlichem Geiste gelenkt und ihm dienstbar, -- Heimat
diesem Geiste, wie die Insel dem Zugvogel im grenzenlosen All des
Ozeans, wo Himmel und Wasser ineinander bergehen und oben nicht mehr
von unten zu scheiden ist. War Zuflucht, Obdach, Mutterscho und
nhrender Boden den Mnnern, die auf ihm zusammengedrngt ins Unbekannte
fortgerissen wurden, ausgeliefert an Wind und Wogen, freiwillig
ausgeliefert, hingegeben allen Gefahren und sie nutzend und meisternd,
bis ans uerste ihrer Spannkraft geladen mit der Lust des Siegers,
dauernd auf der Hut und des Todes gewrtig. Diese Mnner --
hundertundzwlf an der Zahl, -- und das Schiff waren in einem Verhltnis
wie Mann und Weib von Anfang her. Es war ihnen Mutter und Geliebte, sie
beteten es an und traten es mit Fen, seine Schnheit war ihnen
kstlich, sie schmeichelten ihm und sorgten fr seinen Schmuck; aber sie
machten kein Heiligtum aus ihm, nichts weniger als das, kein segelndes
Kloster. Denn dafr haten sie es ja, da es ihnen diese Enthaltsamkeit
auferlegte und sie an sich band wie mit Ketten, und dafr rchten sie
sich in ihrer Art, da bald kein Fleck auf ihm war, den der giftige
Brodem ihrer unterdrckten Triebe nicht verpestete. Indes, das Schiff
blieb, was es war, wundervoll sich wiegend und die Wellen im Spiele
nehmend, lchelnd im Glanze der geschwellten, leuchtenden Takelage, sich
unterwerfend scheinbar und dennoch herrschend, voll Unberechenbarkeit
und dauernder Aufsicht bedrftig, -- aber auch gut, warm, schtzend wie
nichts auf der Welt. Es war so vorzglich ausgerstet wie nie zuvor ein
Schiff gewesen war, es fhrte Proviant fr Jahre, es hatte unendliche
Fsser voll Sauerkohl, voll Maische und Orangenmarmelade, um seine
Kinder vor Skorbut zu bewahren, es hatte Steinkohlen, um der Polarklte,
Sonnensegel, um dem sthlernen Glanz des Tropenhimmels zu widerstehen,
es hatte Ballen von wrmenden Kleidern, -- und es hatte, -- wer durfte
es bezweifeln, -- die groartigste Mannschaft, die untadeligsten
Offiziere, den scharfsinnigsten Astronomen, den bewundernswertesten
Maler, den vorzglichsten Wundarzt, -- es hatte, -- und dies war am
wenigsten zu bezweifeln, -- den besten Kapitn seiner Zeit und
schlielich: es hatte Reinhold Forster, hatte Forster und Sohn an Bord!
War es ein Wunder, da dieses Schiff den Ozean unter sich trat wie der
heilige George jenen Lindwurm?

Es war natrlich kein Zweifel, da jeder dieser hundertundzwlf Mnner,
aufwrts vom kleinsten Schiffsjungen bis zum Haupte des Ganzen, Kapitn
Cook, -- oder war es Herr Forster? -- das Schiff als _sein_ Schiff
betrachtete, als die Planke, die ausgerechnet _ihn_ vom Tode trennte,
als den Vorrat, der _ihn_ vor dem Verhungern bewahrte, und nicht zuletzt
galt jedem einzelnen die ganze brige Besatzung als zwar einzig um
seinetwillen vorhanden, aber auch als der unberechenbarste, am
gefhrlichsten zu behandelnde Teil seiner Reiseausrstung, dessen man
sich mit uerster Vorsicht zu bedienen hatte. Wohl, man war aufeinander
angewiesen, der Kapitn war nichts ohne die Mannschaft und die
Mannschaft eine Enthauptete ohne ihn, der einzelne Mann brauchte die
Kameraden wie die Finger einer Hand einander brauchen, und wren die
Herren Gelehrten nicht an Bord gewesen, welchen Zweck htte alsdann der
ganze Aufwand von harter Arbeit und den Bergen von Guineen gehabt, die
Billy, der Koch, sich und den brigen Burschen als das Ergebnis mhsamer
Berechnungen auszumalen liebte? Jedoch war nicht zugleich einer des
andern bitterster Feind, -- oh, nicht ausgesprochen, aber lag nicht
solche Feindschaft in ihnen allen schon in der Knospe, bereit, geil
auszuschlagen, sobald die Verhltnisse ihr gnstig sein wrden? Konnte
man einander lieben, wenn man nicht Wochen, nicht Monate, nein, Jahre
denselben engen Raum miteinander bewohnen sollte, ohne eine Mglichkeit,
sich aus dem Wege zu gehen? So etwas in Betracht ziehen htte geheien
den Teufel an die Wand zu malen, und Kapitn Cook htte die Mglichkeit
solcher Menschlichkeiten auf einem seiner Schiffe nie zugegeben, schon
weil er selbst innerlich so durchsichtig und reinlich arbeitete und so
sachlich war wie nur einer von Mr. Wales', des Astronomen,
vortrefflichen Chronometern; weil er auerdem vollstndig davon
berzeugt war, -- und mit einigem Recht berzeugt, -- die wichtigste und
unantastbarste Person der Unternehmung zu sein und seine Macht mit einer
Selbstverstndlichkeit handhabte, die die Atmosphre gesund erhielt und
wohltuend wirkte, -- es sei denn auf Individuen, die die Ausdehnung
dieser Machtbefugnis anzweifelten. Das fiel nun keinem ernstlich ein,
auer Herrn Forster, dem leider eine Verwechslung Kapitn Cooks mit
jenen wackeren Mnnern und Seebren unterlief, mit denen er bisher seine
Erfahrungen gemacht hatte, dem Schipper Mandeweit ergtzlichen Andenkens
und dem eskimopelzigen Vterchen mit den blanken Tranaugen, das sie
sicher an Kattegatt und Skagerrak vorbei geleitet hatte. Herr Forster
hatte, -- bedauerlicherweise! -- von jeher Kapitn Cooks Erfolge, auf
die ganz England stolz war, nicht ernst genommen und war mit der
bewuten Absicht an Bord gegangen, dem Burschen fr diesmal seine
Anmaung zu legen und es nicht zuzulassen, da er ehrwrdige Gelehrte
wieder um ihren verdienten Ruhm brchte. Er war also mit dem ihm ntig
erscheinenden Nachdruck aufgetreten, und noch ehe man das Kap erreichte,
hatte er es fertiggebracht, da die Beobachtung des Verhltnisses
zwischen ihm und dem Kapitn den anderen Herren ein Anla heiterer
Spannung bildete, whrend George qualvoll darunter litt.

Bis zum Kap war die Reise einigermaen abwechslungsreich gewesen, -- man
hatte Madeira und die Kapverdischen Inseln angelaufen und erfreute sich
berhaupt mit noch frischer Empfnglichkeit aller Eindrcke und des
kstlichen Miggangs dieser beiden ersten trumerischen Monate, als man
unter gnstigem Wind an Afrika entlang segelte und nichts zu tun hatte,
als die Seele der Verwunderung ber die Grenzenlosigkeit der Erde zu
berlassen, hnlich wie damals, als man in der Kibitka durch das heilige
Ruland schaukelte, das auch kein Ende nehmen wollte. Im Tagebuch wurde
allerlei Ergtzliches vermerkt, Delphine und fliegende Fische, Wale, die
auf der scharfen Linie des abendlichen Horizontes ihre Fontnen gegen
den goldenen Himmel springen lieen, die groen Glocken der Quallen,
durchsichtig wallend und in den zartesten Farben wechselnd, wie sie das
Schiff tagsber umgaben, und nachts die Wandlung des Meeres in eine
geheimnisvoll bewegte bluliche Glut, von langen weien Blitzen
durchwandert und funkensprhend, welches Phnomen Herr Forster aufgeregt
prfte und ber seine Ursache mit Mr. Wales in einen Streit geriet. Als
jedoch das Kap hinter ihnen lag und mit ihm fr Jahre die letzte
Berhrung mit Europertum, als von all den gefhlvollen Abschiedsfeiern
und aufregenden Exkursionen ins Innere des Landes nichts geblieben war
als eine greifbare Erinnerung in Gestalt des Doktor Sparrmann, eines
dicken kleinen Schweden, der mit einer Hornbrille, einem
Schmetterlingsnetz und einer Botanisiertrommel im letzten Augenblick an
Bord gekommen war, -- um einen kleinen Luftwechsel zu haben, wie er
sagte, -- als es sdwrts ging und immer noch sdwrts, und dennoch mit
jedem Abend der Wind eisiger blies und die Wellen verlassener brllten,
-- da begann das Gefhl des Abenteuers, des Losgelstseins von aller
Verantwortlichkeit, -- da begann die _Gefahr_. Nicht die Gefahr allein,
die hinter den Eisbergen lauerte, die ihnen nun Tag und Nacht
begegneten, gespenstisch aus dem Dunst hervorwachsend und mit bsen
kaltem Drohen vorbergleitend, nicht die Gefahr jener wlfischen
Krankheit, gegen deren berfall Kapitn Cook nicht genug Vorkehrungen
treffen zu knnen meinte, zum Verdru Herrn Forsters, denn diese
Manahmen bestanden zum Teil in einem immer wiederholten Lften der
Schiffsrume und im tglichen Subern des Fubodens mit Strmen von
Wasser, somit gab es fortwhrend Zug und Glatteis, -- nein, nicht solche
Gefahren allein. Es gab nun auf einmal kein England mehr, keine Heimat,
keinen Knig, kein Gesetz. Hier regierten Winter und Meer, Gewalten,
denen nicht zu gehorchen war, sondern denen man sich mit
zusammengebissenen Zhnen entgegenwarf, sie waren unertrglich, uerst
widermenschlich. Hier herrschte also der Kampf, der Krieg, die
bestndige Schlacht: fortwhrende Todesgewiheit und darum das
Bedrfnis, sich lebendig zu fhlen um jeden Preis. Daneben sank jedes
Gefhl, das bisher in Fleisch und Blut bergegangen schien, in nichts
zusammen, erwies sich als gedankenhaft bla, ja als ein schlechter
Scherz, wenn man es dem Hunger entgegenstellte. Oder war dies die groe
Prfung, in der jeder zu beweisen hatte, inwieweit er gefeit war, war
dies eine Zumutung des Schicksals, war dies etwa eine Gelegenheit, sich
zum Geist zu bekennen? -- -- --

Petersburg! dachte George, wenn ihm des Morgens die Klte ins Antlitz
fletschte, und er lchelte innerlich verchtlich. Er kannte sie jetzt,
diese Anlufe des Satans, und er war ihnen gewachsen. Ob sie ihm
unangenehm war, die Klte, ob sie ihn in Nase und Ohren bi, seinen
Hauch gefrieren machte, noch ehe er die Brust verlassen hatte, ob sie
ihm Finger und Zehen fast zerbrach? Allerdings war sie ihm unangenehm,
allerdings, allerdings! Aber wer merkte es ihm an? War denn den Matrosen
etwas anzumerken, fror ihnen nicht die Haut ihrer Hnde an den eisigen
Trossen und Tauen fest und lachten sie nicht trotzdem bei ihrer Arbeit?
War den Offizieren etwas anzumerken, dem kleinen Leutnant Bligh etwa,
der seinen Dienst bei Tag und Nacht versah und nichts danach fragte, ob
Eisnadeln in der Luft waren oder ob das Schiff durch die Finsternis
sauste wie in einen ghnenden heulenden Schlund gezogen? Und endlich, --
der Kapitn! Sich vor dem Kapitn schwach zu zeigen, schien ein Ding der
Unmglichkeit. Cook widerstand dem Winter mit seinen eigenen Waffen, der
ganze Mann schien eisig und kristallen, seine Art und Weise hatte etwas
an sich, das durch Mark und Bein drang wie der Frost und darum sehr
einprgsam, ganz unwiderstehlich war. Er war gleichmig, er war
unerschtterlich, er hatte den Tag in der Gewalt, und es geschah nichts,
was er nicht bis ins Kleinste vorausbestimmt hatte. Die Luftstrmungen
strichen durch ihn hindurch und seine Nerven bewegten sich noch ehe sie
davon erreicht waren: er ahnte Temperaturstrze voraus, er lie Pelzwerk
austeilen und bestellte schon am Morgen den steifen Grog, den es am
Abend zu geben hatte, so da die Mannschaft mehr den Eindruck einer
Extraration als einer Vorbeugungsmaregel hatte. ^Well, Jimmy was a
smart fellow^, jedoch blieb er unter allen Umstnden ganz ausgesprochen
und unantastbar der Herr, eisblaue Augen unter den blonden Brauen in dem
rtlichen festen Gesicht und den Mund zu einer schnen schmalen Linie
geschlossen. Er gab sehr knappe Befehle zum Besten der Besatzung und des
Schiffes aus, indessen war das ganze Schiff so sauber und behaglich, war
die Kche so abwechslungsreich und vorzglich, als leite eine Mutter
diese Angelegenheiten. Er selbst jedoch schlief in einer Hngematte wie
der letzte Mann, und seine Kabine ward kaum je durchwrmt, er brllte
nicht nach Federbetten und Kohlenbecken wie gewisse andere Leute, o
nein, aber er hatte auch keine groe Achtung vor jenen andern Leuten,
das war klar. Schon darum war es ausgeschlossen, zu jenen andern Leuten
zu gehren, und da er in einem so nahen verwandtschaftlichen und
abhngigen Verhltnis zu ihnen stand, das war George oft auerordentlich
schmerzlich und beschmend. Indessen konnte er es sich erleichtert
eingestehen, da niemand ihn fr das paschahafte Auftreten seines
Erzeugers verantwortlich machte, und wenn sie ihn Lady George nannten,
so entbehrte das vllig eines hhnischen Beiklanges, und er wute im
Stillen ganz gut, wute es mit einem heimlichen verschmitzten Lcheln,
da er sich gern so nennen hrte, um der Schonung und leisen
Zrtlichkeit willen, die in dieser Bezeichnung lagen. Die ersten
Reisemonate hatten ihm merkwrdig wohlgetan, die paradiesische Zeit der
Wolgareise schien morgenrtlich verjngt zurckgekehrt zu sein, und nach
den staubigen Jahren der Sklaverei und des Krummsitzens dehnte und
breitete sein Krper sich nun unter dem weiten Himmel und dem
bestndigen Durchstrmen der reinen feuchten Luft wie eine verkmmerte
Pflanze, die endlich in bekmmliches Erdreich gesetzt ist. Die gute
Ernhrung und das Aufhren jeglichen Zwanges zur Ttigkeit taten das
ihre dazu und das Wunder begab sich: George ward jung. Ja, der quator
lag schon hinter ihnen, es war etwa auf der Hhe von St. Helena, als
ihnen auf einmal die Augen darber aufgingen, da sie einen Knaben an
Bord hatten, einen schlanken, hbschen Jungen voller Diensteifer und
einer gewissen feurigen Bescheidenheit, besonders dem Kapitn gegenber,
-- mit einem Ausdruck schalkhaften Glcks in den guten, grauen Augen,
wie ihn Gesundheit und heiter spielende Laune verleihen, und diese
Entdeckung war um so berraschender fr sie, als die meisten von ihnen
sich nur an ein grises und mageres Mnnchen erinnerten, das in Plymouth
mit Sr. Majestt Herrn Forster an Bord gekommen war, einen
stubenfarbigen Jngling von gedrcktem Aussehen und greisenhaftem
Benehmen, mit dem der junge Forster jetzt nur die Blatternarben
gemeinsam hatte, die ihm freilich geblieben waren. Mglich, da der
Kapitn die Vernderung beobachtet hatte, denn er hatte George von
Anfang an bei Tisch neben sich gehabt und in einer sehr wortkargen aber
zwingenden Manier fr die Aufftterung des jungen Menschen Sorge
getragen. Nun, da die anderen hinter den Erfolg dieser Bemhungen
gekommen waren, als George vergngt, plauderhaft und ausgelassen wurde,
kurz, eine vom Himmel gefallene Unterhaltung fr die ganze Messe, da
schmunzelte dieser Kapitn und bekannte sein Wohlwollen ganz unumwunden.
^Where is my lady?^ pflegte er zu fragen, wenn er die Kajte betrat,
wo man sich zum Essen versammelte, und dann bot er George den Arm und
fhrte ihn an seinen Platz, welches scherzhafte Auftreten ihm ein wenig
fremdartig zu Gesicht stand, -- ungewohnt, -- aber immerhin, es stand
ihm zu Gesicht.

Alles in allem, die Sache war die: George war auf einmal jung, weil hier
niemand ihm etwas anderes zutraute als was seine Jahre, -- sechzehn,
siebzehn Jahre, in der Tat! -- voraussetzten: holde Eselei,
Traumverlorenheit, ein Kaulquappenschwnzchen, das heiter stimmen
mochte, wenn es unversehens zum Vorschein kam, Verantwortungslosigkeit
also, Jugend, Jugend, die alle diese hart arbeitenden oder gealterten
Mnner wie einen Luxusgegenstand empfanden, den sie selbst sich nicht
leisten konnten, auf den sie aber um alles in der Welt nicht verzichten
wollten, und den sie darum hier, wo er so einsam unter ihnen glnzte,
mit einer gewissen Rhrseligkeit betrachteten und ihn seiner Kostbarkeit
gem behandelten. George war ein wenig in Verlegenheit gesetzt, fhlte
sich dieser allgemeinen Nachsicht nicht recht gewachsen: wuten sie denn
alle nicht, da er, dem sie begegneten, als habe er bisher nur in
Rosengrten gespielt, ein armes, gedrcktes Arbeitstier war, ein Sklave,
ohne Anrecht auf Heiterkeit? Er lie gelegentlich etwas von seinen
Kenntnissen durchblicken, -- nun, konnte man das alles wissen, ohne von
Kindheit an im Joche der Gelehrsamkeit gegangen zu sein? Und wuten sie,
was das zu bedeuten hatte? O, er wollte nicht tuschen und enttuschen,
den ganzen dunklen, ungeheuren Ernst, der sich in den letzten Jahren von
seinem Herzen aus ber sein ganzes Wesen ausgebreitet hatte, bot er auf,
um sie von seiner wahren Natur zu berzeugen, aber er erreichte nichts,
als da sie ihn scherzend bewunderten und sein Wissen und Knnen nur als
eine Folie zu betrachten schienen, von der seine brige anmutige
Unbeholfenheit sich um so reizvoller abhob, -- kurz, er konnte es sich
nicht vorenthalten, da irgendeine Wirkung von ihm ausging, fr die
bisher niemand empfnglich gewesen war, deren Ursache ihm selbst
unbekannt und die vielleicht bisher berhaupt gebunden gewesen war. So
gab er denn nach und lie sich gehen, und siehe da, es war leicht, es
war angenehm, sich gehen zu lassen; es atmete sich freier, dnkte ihn,
und so vielem Wohlwollen gegenber kam die Tyrannis des Vaters nicht
mehr zu ihrem alten Recht. Herr Forster war verstimmt und wute selbst
nicht warum; es war nichts auszusetzen an dem Knaben, er war, wenn
mglich, aufmerksamer auf seine Wnsche als je. Indessen, indessen, --
nun, wer wollte sich das ganz klar machen, -- da war vielleicht auf
einmal etwas wie freier Wille in dieser dienstbereiten Hingabe zu
spren, und damit eine Art von berlegenheit, kaum wahrzunehmen
allerdings, und nur fr die gereizten Nervenstrnge Herrn Forsters
bemerkbar. Herr Forster, auf dem ungeheueren Ozean in einer Gesellschaft
von Mnnern, die offensichtlich sich nicht im entferntesten des Glckes
bewut waren, ihn in ihrer Mitte zu haben, Herr Forster wurde etwas
mrrisch und gelegentlich sogar sentimental, ohne damit den gewnschten
Eindruck auf George zu erzielen. Er begab sich in Gefahr, jawohl, -- an
einem windstillen, aber deshalb nicht weniger kalten Tage, als der
Nebel, der das Schiff seit Wochen einschlo, in der Mittagsstunde zum
erstenmal zurckgetreten war und die falsch und eisgrau glitzernde See
in einem Umkreis von einer Meile etwa freigab, erzwang er es sich mit
finsterer Erhabenheit, da ein Boot fr ihn herabgelassen wurde, um Jagd
auf einige Pinguine zu machen, die auf einer unfern dahingleitenden
Eisscholle ihr Wesen trieben. Cook zuckte die Achseln und George war
tief bekmmert, Herr Forster aber, ohne einen Menschen anzusehen, den
Blick schwermtig ins Leere gerichtet, deutete mit sparsam sich
ffnenden Lippen an, Pflicht sei Pflicht, und: die Wissenschaft sei
Opfer wert! stieg mit verkniffenem Gesicht die Strickleiter herab und
wurde von zwei verdrielich dreinschauenden Matrosen mit krftigen
Ruderschlgen auf die unbefangen erwartungsvollen Pinguine zugerudert,
worauf eine unhrbare Stimme Vorhang fllt! zu diktieren schien und
der Nebel sich eilig und lautlos wieder zusammenschlo, die Pinguine und
das Boot mit dem tollkhnen Herrn Forster auslschend. Man hrte es
gleich darauf sehr schreien, konnte aber, obgleich man noch regungslos
mit den Gesichtern in der Richtung des verschwundenen Bootes dastand,
nicht feststellen, von welcher Seite der angstvolle Laut kam,
ebensowenig wie das Flintengebller, das sodann anhob. Kapitn Cook
murmelte etwas, aus dem man mit Leichtigkeit: ^Damned old fool!^ htte
verstehen knnen, nach einem Blick in Georges erblates Gesicht jedoch
beeilte er sich, Manahmen zu treffen, die die Fahrt des Schiffes auf
die geringste Geschwindigkeit herabsetzten, und lie auch seinerseits
alle zwei Minuten Schsse abfeuern, whrend er durch das Sprachrohr die
ungeheuerlichsten Beleidigungen in den Nebel hinausschrie, -- natrlich
an die beiden Matrosen gerichtet. Nach einer halben Stunde, die den
machtlos Wartenden qualvoll lang geworden war, -- George lehnte mit dem
Rcken am Hauptmast, keines Gedankens fhig als des einen: Lieber Gott,
errette ihn! zugleich aber von einem bohrenden Zwang zur Selbstprfung
gepeinigt, -- wie, ja, _wie_ wre ihm eigentlich, wenn er nicht
wiederkme, der Vater?! --, nach dieser halben Stunde, endlich, endlich,
schrammte das Boot an der Schiffswand entlang und Herr Forster entstieg
dem Nebel wie ein preislicher Vollmond. O, hatte man sich exaltiert? Er
seinerseits hatte keinen Augenblick an der Einsicht des Himmels
gezweifelt und -- nun, man sah es ja, hier war er, frisch und gesund. Es
hatte niemand die Stirn, des Geschreis im Nebel zu gedenken, und man
feierte den wiedergewonnen Herrn Forster mit einem Extragrog, auf den er
ja wohl freilich Anspruch hatte, seiner gefhrdeten Gesundheit wegen.
Kapitn Cook war viel zu froh, ohne Menschenverlust davongekommen zu
sein, als da er seinem Unmut weiter Luft gemacht htte. Er begegnete
Herrn Forster mit einem gewissen starren, grimmigen Lcheln, das dieser
fr eitel Wohlwollen nahm, und unter dem Einflu des ^Spiritus liquor^
erschlo er sein Herz, legte dem Kapitn die Hand auf den rmel und war
auerordentlich liebenswrdig zutraulich, so da es schwer war, ihm zu
widerstehen, und fr diesen Abend wenigstens der Anschein
eines herzlichen Einvernehmens hervorgerufen wurde. Die
frchterlich-groartige Eintnigkeit der Polarreise war indessen nicht
geeignet, einen Zustand inneren Einklanges aufrechtzuerhalten, -- zu
gewaltig waren die Anforderungen, die diese erbarmungslos starrende
Klte an den Krper stellte, allzu fremdartig und bermenschlich die
bestndige Zumutung dieser Natur an den Geist. Es schien nicht
zutrglich fr das menschliche Gemt, tagaus, tagein nur Eis zu sehen,
Eisberge, Eisinseln, Eisfelder bis zum dunstigen Horizont, wo der Himmel
wei war vom Widerschein der kristallenen Massen, -- Massen in den
Formen unwirklicher Traumgelnde, Inseln voller Trme, zackiger Sulen
und blauschimmernder Grotten, an denen die schumenden Wellen sich
brachen, belebt von dem sonderbaren, verzauberten Volke der Albatrosse
und Mallemucken, und von blasenden Walfischen umschifft. Es schien nicht
zutrglich, in dieser ungeheueren Welt zu hausen, ohne fr sie geboren
zu sein, sich mit einem empfindlichen, aber begrenzten Naturgefhl den
Eindrcken dieser fabelhaften Sonnenuntergnge ausgesetzt zu sehen, die
Saphir und Beryll ringsum mit einemmal golden und purpurn durchglhten
und ein stummes Fest eisiger Glut begingen. Mit der Zeit schien sich nur
einer als der Sache gewachsen zu erweisen, und das war der Kapitn, der
einzig Wache unter einem Volke widerwillig Schlaftrunkener, der sich
ihrer bediente, wie sich der Geist des Krpers bedient, und diese ganze
mrrische, scheelugige Menge mit seinem Willen im Genick hielt und bis
in die uersten Glieder mit schtternden Kraftstrmen durchbebte. Sie
hatten es alle satt und fragten sich, welcher Teufel sie geritten hatte,
auf diesem verdammten Schiff bis ans Ende der Erde mitzugehen? Es gab
keine wissenschaftliche Ausbeute, es gab keine malerischen Punkte, es
gab tagaus, tagein die gleichen langweiligen Messungen und
Aufzeichnungen mit erstarrten Fingern, und es gab fr die Mannschaft
verflucht harte Arbeit, ohne da je eine Kste aus dem ewigen Milchnebel
des Horizontes auftauchen wollte. Alle Hirne waren gelhmt von der Klte
und die Gedanken kreisten einzig um die einfachsten Bedrfnisse: Essen,
-- Schlaf, -- Wrme! Auch George erlag, unwillig und verzweifelt, aber
er erlag seinem Krper, er nahm wahr, da der Papa eine bemerkenswerte
Gabe, sich vor der Unbill der Witterung zu schtzen, an den Tag legte,
und er ahmte ihm nach, er ging eingewickelt bis zur Nasenspitze umher,
er machte Gebrauch von den Wolljacken, Pelzwesten und Decken, die der
Alte sich listig aus den Mannschaftsrumen zu verschaffen wute, und
baute sich, ebenfalls nach vterlichem Vorbild, in seiner Koje eine
gepolsterte Hhle aus Federkissen und Decken, in die er sich verkroch,
wenn keine Mahlzeit mit den daran anschlieenden Spaziergngen auf Deck
sein Erscheinen an der ffentlichkeit erforderte. Sinnreiche
Vorrichtungen zwangen Bcher und Schreibgerte, auch bei bewegtem
Seegang neben diesen Hhlen auszuhalten, und ebenso war eine Flasche bei
der Hand, -- zur inneren Erwrmung, der auch das heie Pfeifenrohr
diente, das bestndig aus dem Bettengebirge des Vaters herausqualmte und
das zugleich mit den Grunz- und Rusperlauten der von Rum und Tabak
mitgenommenen Kehle, mit gesttigtem Gesthn zur Verdauungszeit oder
rgerlichem Gemurr bei schlecht arbeitendem Stoffwechsel und anderen
Tnen tierischer Natur, -- entspringend dem ^Corpus materiale^, dem
elementarischen Leibe des Paracelsus! -- Zeugnis ablegte von dem auch
unter unbehaglichen Umstnden ungebrochenen Fortbestehen seines
kostbaren Aufbaus. Kein Zweifel, da der Vater es verstand, sich auch
unter diesen Verhltnissen sehr wohl zu fhlen, ja, da die
zigeunerhafte Ungebundenheit des Reisezustandes einem Zug seines Wesens
entsprach, jenem Zug eben, fr den George so empfindlich geworden war,
seit er den Unterschied im Klang einer straff gespannten Saite, wie sie
Mr. Dalrymple und Kapitn Cook fr ihn darstellten, mit dem einer
schlaffen vergleichen konnte und die inbrnstige Begierde kannte, selbst
seine Pfeile von schwirrender Sehne mit reinem, starkem Ton zu
versenden. Jedoch, -- wie hart, wie bitter schwer war dies, wie
unmglich schien es durchzufhren ohne die Gunst eines gemigten
Himmels ber sich, ohne eine Schreibtischecke mit gut geordnetem
Arbeitsgert und dem unmerklichen wohlttigen Einflu, den ein
regelmig geleiteter Haushalt, weiterhin eine rastlos arbeitende Stadt
und ein gelassen ttiges Staatswesen mit seinen groen, ruhigen
Pulsschlgen auf den geistig Strebenden ausben? Wie tief mute einem
das alles ins Geblt gedrungen sein, ehe es als Halt zu entbehren war,
ehe der Rhythmus des metallenen Pendelschlages der Pflicht im Leben des
einzelnen selbstttig und alleinherrschend geworden war, wie etwa in
Kapitn Cook! Dieser Mann war stark genug, um hier, abertausend Meilen
von Europa entfernt, inmitten einer ungeheueren Welt bermenschlicher,
meerwlzender Gesetze, zwischen denen die hirnentstammte Moral hohnvoll
zermalmt und vernichtet zu werden schien, neben denen es, -- nun ja, --
lcherlich, unntz erschien, sich aufstraffen, als mehr bestehen zu
wollen, denn als Wassertropfen im Wstenstaube, -- dieser Mann, Kapitn
Cook, der Erforscher von Neufundland und der Besieger der Franzosen am
Amazonenstrom, er _war_ es imstande, _hier_ England darzustellen und
aufzutrumpfen, nicht mit der Faust auf dem Tisch, nein, gelassen,
stahlnervig, mit einem verchtlichen Zug zwischen Nasenflgeln und
Mundwinkeln, der Klte mit etwas begegnend, das mehr als Klte war, mit
schneidender Sachlichkeit, mit einem Krper, der es lngst gewohnt war,
in seinen natrlichen uerungen nicht bemerkt zu werden, der sich ganz
und gar auf seine Pflicht zu beschrnken hatte, dem Geist ein
geschmeidiges Werkzeug zu sein, einem Geist brigens, der sich seiner
selbst kaum bewut und mit diesem seinem soldatisch straffen und
spannkrftigen Krper zu einer kostbaren Einheit verschmolzen war, eins
wertlos ohne das andere, wie Ro und Reiter. Wer unmittelbar unter
seiner Befehlsgewalt stand, war nur ein Glied von ihm, konnte sich
seinem Willen nicht entziehen, arbeitete, vielleicht mit meuterndem
Unterbewutsein, aber _arbeitete_, rastlos, pnktlich, mit verbissener
Genauigkeit, ob auch die Haut der Handflchen am Tauwerk hngen blieb
oder das Gesicht nur noch eine starre, gefhllose Maske schien. Wer
nicht von ihm abhing, wie Patton, der Wundarzt, Wales, der Astronom,
oder Sparrmann, der Schwede, nun, der fhlte wenigstens etwas wie einen
unwiderstehlichen Zwang zur Selbstzucht von ihm ausgehen und wahrte den
Anschein mnnlichen Gleichmuts, blieb gesellig, heiter, in irgendeiner
Weise ttig, sei es auch nur beim schweigsamen Pikettspiel oder in
endlosen Diskussionen ber die Artung des Sonnenballs etwa, ein Thema,
das Sparrmann durch die abenteuerlichsten Hypothesen schmackhaft fr die
Streitsucht des Pedanten Wales zu erhalten wute. Selbst Hodges, der
Maler, der den ganzen Tag zitterte wie ein geschorenes Lamm, er hielt
sich aufrecht und zeichnete mit klammen Fingern Skizzen, wobei er
Antarktis zu einem zweiten Arkadien umschuf, in dem freundlich hpfende
Pinguine eine Schferrolle spielten. Einzig Herr Forster, -- George
erlebte es tglich neu mit einem nagenden Gefhl der Beschmung, --
einzig der Vater entzog sich diesem Einflu, ja, er schien ihn nicht
einmal zu empfinden, so da von einem bewuten Entziehen nicht die Rede
sein konnte. Unbefangen sprach er die Erwartung aus, man werde ihm die
Mahlzeiten in seiner Kajte anrichten, falls die Witterung einmal das
Aufstehn unmglich mache, und da Cook hierfr nur ein eisiges ^No,
Sir!^ gehabt hatte und durchaus keine Aufmerksamkeit fr Forsters
schmollende Unterlippe oder die ber den Tisch erfolgende vernehmliche
Befragung Mr. Pattons nach den Anzeichen des Skorbuts, -- denn er,
Forster, war drauf und dran, den Skorbut zu bekommen bei dieser
Lebensweise, hatte ihn schon im Blut vermutlich, war doch selbst
Mediziner genug, um zu sehen ... Bedurfte also der Schonung, der
besonderen Ernhrung, he, nicht wahr? Sehen Sie nur, Doktor! und
vorgebeugt entblte er, bedenklich abwrts gerollten Auges, sein
tadelloses blulich-rotes Zahnfleisch, mit dem Zeigefinger vorsichtig
einen stattlichen Eckzahn berhrend, der augenscheinlich ein wenig
wackelte, -- worauf Kapitn Cook unbeweglichen Gesichtes die Tafel
aufhob, -- da also in keiner Weise Rcksicht auf seine Wnsche genommen
wurde, so erschien Forster von da an, solange das Schiff zwischen
Eisschollen abenteuerte, zwar regelmig, aber wie die Verkrperung
verletzter Wrde bei Tisch, von hflicher Milde zwar, aber -- ein
Dulder, ein Dulder! George kam und verschwand in seinem Gefolge wie ein
trauriger Schatten, einer Hrigkeit jetzt wieder ganz und gar
schmerzlich bewut, die es ihm verbot, blank, straff, dem Kapitn
ebenbrtig zu sein, und dabei nicht minder von der noch tiefer
beschmenden, nur halb eingestandenen Erkenntnis durchdrungen, da
sein Krper, -- ach, es war doch immer noch ein armseliger,
widerstandsunfhiger Krper, die Frische der ersten Reisemonate war
erstaunlich schnell aufgebraucht worden, -- da sein Krper dankbar war,
sich _nicht_ stramm halten zu mssen, und da er es nicht unbehaglich
empfand, die Tage wie ein Hhlentier, hindmmernd, lesend oder schlafend
zu verbringen, solange der Himmel so erbarmungslos war. Zudem nagte an
ihm wirklich der Skorbut, wie an einem Teil der Mannschaft, -- seine
Beine waren angeschwollen, er war bestndig von einer niederziehenden
Schlfrigkeit befangen und sah aus trben, dunkel umrandeten Augen um
sich. Lady George? Nein, es wurde nicht mehr gesagt, -- es wurde nicht
mehr mit ihm gescherzt, er war jetzt einer unter ihnen wie sie alle,
kaum, da der Kapitn je einen besonderen Gru fr ihn hatte. Nichts war
natrlicher bei der allgemeinen geistigen Erschpfung. Ihm jedoch schien
es, als sei er wohlverdienter Nichtbeachtung anheimgefallen, -- jawohl,
sie hatten nun eingesehen, da er nicht der heitere Sonnenknabe war, fr
den sie ihn gehalten, da er, -- nun eben, langweilig und staubig und
ein wenig nichtswrdig sei. Nichtswrdig, gewi, -- aber auch traurig,
sehr traurig! --

Als sie sich alle mehr oder weniger mit diesem trostlosen Zustand
abgefunden hatten, als sie gerade im Begriff waren, sich einem Dasein
schneeblinder Gedankenlosigkeit anzupassen, als ihnen, wie Patton
behauptete, eine undurchlssige Fettschicht gewachsen war und sie Tran
abzusondern begannen, -- als sie gleichgltig gegen die Klte wurden und
den Schmutz nicht mehr empfanden, -- gut, -- als sie anfingen sich wohl
zu fhlen, nichts mehr dagegen hatten, mochten sie denn am Skorbut
verrecken, warum auch nicht, -- und in der Tat, unten im
Mannschaftslogis lagen bereits zwei arme Kerle und verfaulten bei
lebendigem Leibe, -- da pltzlich, -- in diesem Augenblick dumpfer
Ergebung erlebten sie es, da Gott gndig war, -- ja, Gott war gndig,
oder war es eigentlich Kapitn Cook? Er rief sie zusammen, und nach
einer stundenlangen angespannten Beratung, in der jedes Fr und Wider
der Mglichkeit, Land zu entdecken, peinlich errtert wurde, --
Errterungen, bei denen Cook sich allerdings von einer ganz
berheblichen Versessenheit auf die Richtigkeit seiner Privatmutmaungen
erwies, -- beschlo man mit freudiger Einhelligkeit, fr dieses Mal von
der Sache abzulassen und den Kurs nordstlich zu nehmen! Und das Meer
ffnete sich, die Eisinseln blieben dahinten und die Pinguine
verschwanden bse kroaxend im Nebel ... wozu aber von den einzelnen
Graden der Entzckung reden? Genge es doch: man _war_ entzckt, man
lebte auf, man schmolz dahin. Am 17. Mrz hrte George einen jungen,
irischen Matrosen bei der Arbeit singen, -- er verstand kein Wort, aber
er fhlte etwas seine Kehle beengen und lie zwei Trnen ber Bord
fallen, von denen er meinte, sie mten hei genug gewesen sein, um die
letzten schmutzigen Schollen zum Vergehen zu bringen. Ward auch die
Hoffnung auf eine Landung in Vandiemensland durch widrige Winde zunichte
gemacht, -- an einem Morgen brach der Horizont doch auseinander und
Land! Land! hie es, -- ja, Land! Land! wie in alten
Seefahrergeschichten, und es fiel nicht auf, da Herr Forster Mr. Hodges
in die Arme schlo, denn sie waren alle sehr glcklich.

                   *       *       *       *       *

Die Mnner, die da am 26. Mrz 1773 vor Neuseeland Anker warfen, sie
kamen aus Europa, -- dem gelehrten Europa des 18. Jahrhunderts, --
verstehen wir es ganz, -- aus einem gemigten Klima, nicht nur im
geographischen Sinn. Sie waren ber das erste dumpfe, jubelnde Erstaunen
des entdeckenden Menschen hinaus, hatten gelernt, Eindrcke zu
beherrschen, einzuordnen, waren kaltbltig, gelassen, Diener einer
jungfrulichen Wissenschaft, die imstande schien, mit lichtem Speer alle
Nebel blder Ignoranz und schnden Aberglaubens zu zerteilen, einer
Gttin berdies, in deren Umgang man vor Rckfllen ins Barbarentum
gefeit war. Trockene, durchsichtige Helle, Khle und Klarheit des
vollendeten Frhlings, ein frostiger, nordischer Maitag von kristallener
Blue und unsagbarer, schneeiger Keuschheit des Blhens, -- dies war die
Atmosphre ihrer Geister, der ein gewisses, ungewolltes ^Nil admirari^
entsprach. Nein, sie waren nicht gewrtig erstaunlicher Dinge, was immer
sich ihren Augen auch bieten sollte. Sie wrden diese neue Welt und ihr
ganzes strotzendes, verwirrendes Leben mit ungetrbten Blicken aufnehmen
und einordnen, in Systeme einfgen oder fr Unvorhergesehenes neue
Systeme schaffen. Gerstet, alles mit dem Verstande, diesem blanken,
geschmeidigen Instrument, zu bewltigen, gab es im Grunde nichts
Unvorhergesehenes fr sie. Dennoch wurden sie berwltigt, -- dennoch,
-- ja, wer htte es vermutet?

Cook jedenfalls war nicht ahnungslos von dem, was der Besucher harrte,
die zum erstenmal in die Sdsee einfuhren, als die Felsenufer von
Neuseeland hinter ihnen versanken und sie Anfang Juli durch einen
furchtbar festlichen Tanz turmhoher, wandernder Wasserhosen den Kurs
weiter nordstlich nahmen. George, mit einer feinen Witterung fr die
Stimmungen des Gewaltigen begabt, merkte ihm etwas an, -- es war kaum
der Rede wert, ein verschmitzter Zug um den Mund herum, das Zukneifen
eines Auges, nur so ein Zucken im unteren Lid, aber gengend, um auf
diesem gesammelten Gesicht wie ein Lcheln zu wirken, -- dies alles beim
Zusammensein whrend des Essens oder bei hnlichen Gelegenheiten, wenn
der eine oder der andere uerungen eines rtselhaften Behagens tat, das
ihn urpltzlich berkommen hatte, -- o, durchaus nicht einzig als Folge
des erholsamen Aufenthaltes auf dem Eiland der Winde und Wasserflle, in
dessen feuchten Urwldern voller Schlinggewchse und Farnkruter man
sich nach Herzenslust die Beine vertreten hatte, umrauscht von dem
stehenden Gesang der Sturzbche und unzhliger Drosseln, -- nicht allein
neu belebt durch die vernderte Nahrung aus wildem, grnem Gemse und
frischen Fischen und Wasservgeln, von denen die Buchten gewimmelt
hatten, -- durch die Abwechslung kstlich erregender Jagdausflge und
ergiebiger Forscherfahrten. Nein, es war noch ein anderes, etwas, das
erwachte, unter dem bestndigen zrtlichen Fcheln des Sdostpassats,
vielleicht auch nur eine gewisse Einschlferung unter demselben warmen,
holden Blasen, das mit sem Harfensang im Takelwerk sauste. Hodges
redete viel vom Mittelmeer, vom Golf von Neapel, und verlor sich in
Trumereien ber das ewige Rom, denen niemand recht zuhrte, denn jeder
war in seiner Art geschwtzig geworden und der Mannschaft hatte sich
eine geschftige Aufregung bemchtigt, die sie ganz ohne Branntwein in
bester Stimmung erhielt, -- waren doch einige unter ihnen, die schon
Cooks erste Expedition mitgemacht hatten und die wuten, was sich von
O'Tahiti erwarten lie, -- nun, und die nicht darber geschwiegen
hatten. Der irische Leichtmatrose, -- er hie Larry, -- sang und pfiff
den ganzen Tag und immer diese ^Rakes of Mallow^; George, bei dem
sonst keine Melodie haften bleiben wollte, ertappte sich, wie er eines
Tages etwas hnliches vor sich hinbrummte und Larry, der in seiner Nhe
Loggleinen aufrollte, grinste ihn wohlwollend an, indem er seine blanken
breiten Zhne zeigte. Die Sache war die, da zwischen George und Larry
ein unbeschworenes Bndnis bestand, eine Art Anlchelverhltnis auf
Gegenseitigkeit, ein stummes Einverstndnis, begrndet von Larrys Seite
auf grenzenloser Bewunderung von Georges gelehrten Beschftigungen des
Schreibens und Lesens und seitens Georges auf der Erfahrung von Larrys
eisernen Muskeln, die er auf einem Ausflug auf Neuseeland kennengelernt
hatte, als er sich den Fu verstaucht und der brave Bursche auer
allerhand Gert, Proviant und der gesamten Jagdbeute ihn selbst
stundenlang nahezu geschleppt hatte. Seitdem fhlte er hier ein
krperliches Vertrauen, eine uneingestandene heie Dankbarkeit, -- ja,
Larry hatte fr ihn gesorgt, hatte Geduld mit ihm gehabt, als die
anderen alle vorausgingen und niemand sich um ihn kmmerte (Nimm dich
ein wenig zusammen! hatte der Vater gesagt), als es in dem fremden Wald
so entsetzlich na, dampfig und unheimlich gewesen war. Nun und weiter,
-- Larry am Lagerfeuer, das er mit erstaunlicher Geschicklichkeit an den
feuchtesten Tagen anzufachen verstand, unermdlich in die Glut blasend
und mit gerteten, rauchgebeizten Augen vergngt blinzelnd, -- Larry,
eine vorzgliche Lffelgans schmunzelnd am selbstgeschnitzten Spie
drehend, -- Larry, des Nachts unter dem notdrftig schtzenden Zeltdach
geruhig schlummernd wie in der Mutter Scho, whrend George, unmig
erregt durch diese lebendige, bewegte Finsternis, khl durchschauert vom
Nachtwind, namenlos bedrckt durch das unaufhrliche Rauschen der
Gewsser, keinen Schlaf fand, ehe er sich nicht nah an den anderen
gedrngt und den Kopf an Larrys Schulter gebettet hatte, oder auf Larrys
Bein, gleichviel, dieser merkte ja nichts und atmete so stark und
trstlich, war so beruhigend durchwrmt wie ein groer, zottiger Hund
...

So war Larry. Er hatte keine Auffassung fr empfindsame
Sonnenuntergnge, vermutlich. Aber als an jenem Abend Hodges an der
Schulter von Mr. Forster schluchzte und stammelnd mit der Rechten nach
Westen wies, whrend Mr. Forster gewaltig dastand, breitbeinig und die
Arme verschrnkt, die Glut des Himmels in unbeweglichen blanken
Augpfeln spiegelnd, -- als George verwirrt lchelnd unwillkrlich die
Hand auf seine Brust legte, in der das Herz zu steigen begann wie im
Rhythmus groer Gesnge, -- mein Gott, wie ward ihm nur diesem
aufgerissenen Himmel gegenber, aus dem Purpur und Safran quoll und in
den das Meer feierlich einstrmte, das Schiff erklingend mit sich
ziehend, -- und da lste sich von der Topmastspitze ein schimmernder
Vogel und strich ihnen mit hartem Sehnsuchtsschrei vorauf, die glatte,
spiegelnde Dnung fast streifend, langschwnzig, edelsteinglhend, --
^well^, da pfiff auch Larry anerkennend durch die Zhne. --

Am nchsten Morgen lag O'Tahiti vor ihnen, ein waldiger Inselberg,
gekrnt von schaumigem Rosengewlk, einen sanften Strand voll winkender
Palmen ins Meer sendend. Das Abenteuer der Inseln nahm seinen Anfang. --

Immerhin, man lieferte sich ihm nicht aus, -- immerhin, man bewahrte
Haltung. Man blieb dessen eingedenk, blieb es ganz unwillkrlich, da
man einen Leibrock trug, eine Schoweste und tuchene Hosen, lange
Strmpfe und Schnallenschuhe, und zu allerunterst ein Hemde, kurzum, da
man bekleidet war, da man das Haar in strammer Tracht gebndigt hielt,
da man es gewohnt war, auf Sthlen zu sitzen, sich beim Essen der
Teller und der Bestecke zu bedienen, -- da man eine christliche Moral
und eine menschliche Gesittung hatte, die einen instand setzten, diese
Wilden zu bemitleiden und zu belcheln, -- da -- kurzum, kurzum, -- man
sein Europertum besa, diesen Schatz und Schutz, und es nicht ntig
hatte, hier mehr zu sehen als etwa menschenhnliche Tiere von
bemerkenswerter Geschicklichkeit. Aber da war eine Versuchung in ihnen
allen, in der Knospe mitgebracht aus eben diesem wundervollen Europa und
unterwegs erblht und gereift, eine Versuchung, dies alles bellaunig zu
verachten, zu verachten, wei Gott, dies, da man auf Sthlen sa und
mit Gabeln a, ein Jabot trug und es vermied, laut aufzustoen. Sie
hatten irgendwelche Bcher gelesen, -- Cook nicht, der natrlich nicht,
aber doch Hodges, der Maler, Wales, der ein Schngeist war, soweit die
Betrachtung des Universums ihm Zeit dazu lie, Forster,
selbstverstndlich, und sogar George, -- Bcher eines Franzosen, jenes
Jean Jacques Rousseau, aus denen ein Niederschlag von Schwermut in ihren
Adern lag, der nicht wohl fortzuschwemmen war, einer Schwermut, die
ihnen den Blick geklrt hatte fr die Windigkeit dieser ganzen
sogenannten Zivilisation, und aus der sie ein Recht schpften,
sympathisch ber die einfachen Zustnde dieser Vlker zu philosophieren,
-- ja, sie zu beneiden. Dies zugestanden: trotzdem bewahrte man
selbstverstndlich Haltung und hatte vielleicht eine Hemmung mehr, sich
jener sanften Gehirne und verlockenden Krper allzu unbedenklich zu
bedienen, hatte eine gewisse wehmtige Achtung vor ihnen, empfand einen
Abstand, als von Brdern, die am Sndenfall nicht teilgehabt hatten ...

Wie sie da an Bord gekommen waren, tppisch-zutraulich, gleich arglosen
jungen Tieren, nackt bis auf das Lendentuch, mit dem bezaubernden Spiel
der geschmeidigen Muskeln unter der mahagonibraunen mattglnzenden Haut,
Augen und Nstern in stndiger witternder Bewegung! Tayo! sagten sie
lieblich und grinsten ganz unwiderstehlich, Willkommen! und sie
bewegten einen Pisangscho als grnen Friedenswimpel. Es war nahezu
emprend, da der Kapitn angesichts von so viel harmlosem Vertrauen
kalten Blutes den Befehl ausgab, Gewehre mit scharfer Ladung bereit zu
halten! Indessen erlebte es sich, da, whrend Herr Forster zum Beispiel
eben mit einem treuherzigen Burschen um ein paar Kokosnsse handelte und
ihm eine Schnur bunter Glasperlen verlockend vor der Nase tanzen lie,
da ein anderer, ein ebenso treuherziger Bursche, gleichzeitig daran
ging, ihm von hinten die blanken Knpfe ber den Rockschen behutsam
abzusgen, vermittelst eines ganz kleinen, ganz scharfen Messerchens aus
Feuerstein! O gewi, er hatte dem kniglichen Fremden nicht weh tun
wollen, der knigliche Fremde hatte es ja gar nicht merken sollen,
gleich ihnen selbst unbewut gereiften kstlichen kleinen Frchten
hatten sie geerntet werden sollen, diese vortrefflichen blanken
Korallchen von dem Rcken des Fremden ... Jedoch nun gab es ein zorniges
Gebrll und Herumfahren und etwas wie die Gebrde einer Ohrfeige ins
Leere hinein, wobei die Glasperlen herumgeschleudert wurden und
sonderbar schnell verschwanden, und der Ertrag dieses Erlebnisses
bestand fr Herrn Forster in dem Entschlu, nicht mehr ohne sein
Meerrohr in der Hand mit diesem Volk zu verkehren, das, nun freilich,
ganze Bootslasten voll kstlicher Frchte an Bord gebracht hatte,
darunter eine safttriefende Apfelart von ananashnlichem Geschmack, --
das aber der Ansicht schien, alles bewegliche Gut stnde zu
allgemeinster Besitzergreifung frei, und da das meiste auch wert sei,
mitgenommen zu werden. Als der Kapitn nach Sonnenuntergang einige
blinde Schsse abfeuern lie und damit das Verdeck in krzester Frist
von den anhnglichen Gsten gesubert hatte, da hatten auch die
gefhlvollsten Herzen nichts mehr gegen diese Maregel einzuwenden.
George sah ihnen nach, wie sie in den schnellen flachen Booten zwischen
den Riffen hindurchkreuzten, lrmend und glckselig ihrem Eiland
zufahrend, das geheimnisvoll dunkelnd unter dem trkisblauen, grn und
golden getnten Himmel lag. Dfte wehten von dort herber, und eine
wunderliche Sehnsucht, an Land zu gehen, durchstrmte ihn magnetisch, so
da er die Arme auseinanderwarf und sich reckte und schttelte, nur um
diesen bezaubernden krperlichen Drang zugleich zu genieen und sich
seiner zu entledigen. Indessen war ein gewaltiges Treiben an Bord, um
die Spuren des Besuches zu vertilgen, ganze Haufen von goldenen pfeln
und Bananen wurden zusammengefegt, und den blobeinigen Kerlen lief der
Saft vom Munde, whrend doch allgemeine zornige Erregung darber
herrschte, da die Bande kein Fleisch, kein Schweinefleisch mitgebracht
hatte. Denn nach frischem Fleisch waren sie lstern wie die Raubtiere
geworden, ihre Zhne juckten danach, und was hatte ihnen Billy, der
Koch, so viel von den Tahitianer Schweinchen erzhlen mssen, die so
zarten rosigen Speck htten und deren Schinken auf der Zunge
zerschmlzen wie junge Grasbutter und schmeckten, -- nun, etwa nach
Haselnu. Es erbrigt sich, der Vergleiche zu gedenken, die Billy von
hier aus zu der weiblichen Jugend von Tahiti gezogen hatte, -- kurz und
gut, Jan Maat war alles andre als beseligt von dem bloen Anblick der
Insel, als zufrieden mit frischem Obst, von dem man Koliken bekam, --
was denn sonst? Er stierte gefhrlich landeinwrts, er murrte, -- die
ganze Nacht ber war das Volkslogis unruhig wie ein Bienenstock vor dem
Schwrmen und Cook, der die zweite Wache selbst bernommen hatte, kniff
die Lippen schmler zusammen als je. Jedoch geschah es, da George, als
er mitten in der Nacht von seiner seltsam seligen Unruhe geweckt, wach
lag, ihn flten hrte, -- es htte vielleicht niemand auer ihm
vermutet, da dies Captain Cooks Odem sei, der da unter den dunstig
verschleierten Sternen der Sdsee so s und glasklar sang, wie daheim
eine Grasmcke im Gestruch, -- aber er kannte es, er hatte es zuweilen,
-- abgerissen, -- gehrt, als eine Lebensuerung des Gestrengen, die
niemand zu beachten pflegte, -- und jetzt lag er, hingegeben an die
groen stillen Bewegungen des Schiffes, das sanft am Anker zerrte, lag
und sprte etwas Fremdes, Beglckendes in der Luft, meinte ein Rauschen
zu vernehmen, nicht von Wogen, sondern von vollen Baumwipfeln im
Morgenwind, durchrieselt von diesem in sich selbst gekehrten Getn, --
lag und lchelte ins Dunkel und schlief wieder ein. Am nchsten Morgen
erlangte man auch Schweinchen, soviel das Herz nur begehren konnte,
erlangte sie von Knig Aheatua, der die Fremden, im Kreise seiner fetten
Vasallen sitzend, mit furchtsamen Blicken empfing. Er trug einen
blendend weien Schurz, sonst war er nackt und rhrend in irgendetwas,
durch eine sanfte Schnheit, vielleicht dadurch, da seine Haut heller
war, als die seiner Untertanen, da sein langes Haar nicht gekruselt,
sondern schlicht und lichtbraun war, an den Spitzen bernsteinfarben, --
ja, er rhrte ungemein, und wahrscheinlich, weil er sich so
offensichtlich frchtete, nicht nur vor den Europern mit ihren
schwarzen Lederfen und dicken Tuchrcken, mit ihren rtlichen
Gesichtern und harten hellen Augen, -- nein, er frchtete sich
entschieden auch vor den nackten fetten braunen Mnnern seiner Umgebung,
die doch so demtig waren, und die Schultern in seiner Gegenwart
entblten ... Knig Aheatua war sehr jung, fast ein Knabe noch. Es
gelang Cook, ihn zu veranlassen, von seinem Throne zu steigen und die
Fremden an einen Ort zu begleiten, von wo aus er die Resolution liegen
sehen konnte. Dies versetzte ihn augenblicks in eine ausgesprochen
sprhende Laune, die sich durch eine unnachahmliche Albernheit kundgab.
Sie wurde durch das Geschenk einer kleinen Axt ins Groteske gesteigert
und Seine Majestt gaben sich nun mit dem Ausdruck eines zufriedenen
Kaninchens der Beschftigung hin, Gestrpp in kleine Stcke zu
zerhacken, wobei ihm seine Umgebung ernsthaft, neugierig und ersichtlich
nicht ganz neidlos zur Seite stand. Dann begann ein schottischer Matrose
auf Cooks Befehl den Dudelsack zu spielen; Knig Aheatua horchte
entzckt auf, sicherte die Axt, indem er sich darauf setzte, sehr zum
Mivergngen seines ersten Ministers Tuahau, der vergeblich versuchte,
den begehrten Gegenstand unter der kniglichen Basis hervorzuzupfen (--
er wurde angefaucht und bekam einen Tatzenhieb ber die Finger --), und
lauschte hingerissen, die Augen schlieend und den Oberkrper hin- und
herwiegend. Der Dr. Sparrmann fhlte sich bewogen, einen nachdenklichen
Vergleich zwischen diesem Monarchen und dem unter so dsteren Umstnden
verstorbenen Gemahl der groen Katharina, dem Grofrsten Peter, zu
ziehen, -- hatte jener nicht hnliche Liebhabereien gehabt und einem
Knaben mehr geglichen als einem Mann? Dies gab den Anla zu einem
uerst angeregten Disput darber, was einem Barbarenfrsten _noch_
erlaubt sei und einem europischen Herrscher _nicht mehr_, -- und somit
war die ganze Gesellschaft von dem Ergebnis dieses Audienzmorgens sehr
befriedigt, Cook von seinem diplomatischen Erfolg, denn er hatte nun fr
sich und die Besatzung die Erlaubnis freier Bewegung auf der ganzen
Insel, -- die Herren Gelehrten von ihren hchst geistreich zugespitzten
Beobachtungen und die Matrosen, -- nun, ohne Zweifel von der Aussicht
auf Schweinebraten. Zudem war man hinter das Geheimnis gekommen, weshalb
ihnen gestern die Schweine verweigert worden waren und wer jener
rtselhafte Peppe sei, von dem die Eingeborenen gefabelt hatten: ja,
_Peppe_ hatte es dem Knige verboten, Schweine zu verschenken, und Peppe
war sehr mchtig, hatte ein ebenso groes, ein ebenso wildes Schiff wie
Captain Cook, -- nur, er hatte es eben einmal fortgeschickt, dies
Schiff, und ... Nun, es stellte sich heute heraus: Peppe war ein
zottiges, tierisches Geschpf, das demtig herbeikroch, als es die
Fremden so wohl empfangen sah, Peppe war im Kerne seines Schmutzes ein
ehemaliger spanischer Matrose, von irgendeiner Expedition auf der Insel
zurckgelassen, vielleicht von der Mannschaft des Gros Ventre, der vor
Jahresfrist in diesen Gewssern sein Wesen gehabt hatte. Er selbst
schien nicht imstande, Auskunft ber sich zu erteilen, war aber
auerordentlich bereit, den Fremdenfhrer fr die Matrosen zu machen,
und etliche vertrauten sich ihm an, seine Erfahrung witternd. Georges
Blick folgte ihnen nachdenklich: da ging auch Larry hin, nachdem er eine
Weile gezaudert hatte, -- hin ging er mit zur Schau getragener
Gleichgltigkeit im Schlenderschritt, die Hnde in den Gurt geschoben,
auf den Lippen die ewigen ^Rakes of Mallow^, und sandte noch einen
schiefen Blick zurck zu George, indem er das rechte Auge zukniff.
Hierauf warf er pltzlich den Kopf auf, legte die Ellbogen an und setzte
sich in einen wilden Trab, um die Kameraden einzuholen, seine starken
nackten Beine flogen auf und nieder, und jetzt machte er einen
Luftsprung und schlug den langen Ben auf die Schulter. Da ging er also
hin, -- und George brauchte sich keinen Grbeleien darber hinzugeben,
wohin, er war ganz unterrichtet, denn diese Dinge waren oft genug
berhrt worden: sie gingen zu Mdchen, Tnzerinnen etwa, um sich zu
belustigen. Dies, -- so hatte George aus den Gesprchen der Herren
entnommen, -- war nicht mehr als ihr gutes Recht und also gar nicht
verwunderlich. Die Frage war nur, ob es auch ihn, George, belustigen
knnte, Larry zu begleiten, und in der Unlsbarkeit dieser Frage lag
eine leise Beunruhigung, etwas wie ein Grund zur Traurigkeit.
Schlielich, -- er gehrte nicht zu Larry, sondern zum Vater und den
brigen Herren, -- und diese, -- dachten sie auch wohl im entferntesten
daran, zu gehen, um sich zu belustigen? Besprachen sie nicht
wissenschaftliche Fragen, waren so angeregt wie nur je, bertrumpften
sich mit Schlagworten, waren witzig, lrmend, ausgelassen, strotzend von
Geist? Und George ging langsam hinterher, den Blick von Wundern
berfllt, geblendet von Blatt- und Blumenformen, wie sie
leidenschaftlich ppig ausgeprgt, aufgetan und von Frucht und Samen
berquellend waren, von den Farben der Blten, des Himmels, des Meeres
und der Wlder, dem innersten Blute der Erde unter dnner bebender Decke
scheinend. Er ging dahin, diese ganze Welt stand um ihn in der nackten
ruhigen Majestt ihrer unablssigen Fruchtbarkeit und zog ihr heies
Licht zusammen in der Gestalt eines jungen Weibes, das im Schatten eines
ungeheueren Brotfruchtbaumes vor ihrer Htte sa und an einer Matte
flocht, die schlanken Beine gekreuzt, die feuchten Tieraugen zwischen
den feuerroten Blumen an ihren Schlfen lchelnd zu den Fremden
aufgeschlagen, -- er ging hindurch, mit bebenden Knieen, beklommen
glcklich, aber verwirrt und in sich selbst vergeblich nach einem
Mastab suchend, nach einer Mglichkeit, sich diesem allen anzupassen
... Anders Herr Forster. Er war lrmend glcklich. Alle paar Schritte
blieb er stehen, breitete die Arme aus und sang die Landschaft an in
haltlosen Deklamationen, die sein Busen nicht lnger bemeistern konnte.
Dies hier, dies war die Luft, in der es sich atmen lie! Hier Mensch zu
sein, wie unbeschreiblich selig! Und er machte ergriffen halt vor einer
Gruppe, die ebenfalls vor einer stattlichen Htte am Boden sa, und als
Mittelpunkt einen groen Mann hatte, der wie eine sanfte Hgellandschaft
gediegener Fleischmassen voller Fetthcker, Wlste und Grbchen auf
einer Matte lagerte, das schwerwuchtende Haupt sinnreich gesttzt und
schlfrig in das Bltterdach der Pisangs blinzelnd, whrend eine
grtenteils weibliche Dienerschaft emsig damit beschftigt war, ihm mit
Palmwedeln die tanzenden Insekten abzuwehren und ihm Khlung
zuzufcheln, ihm die Fusohlen zu kratzen und ihm Nahrung in sein
breites Maul zu schieben, an der er lange und trge kaute, bisweilen
auch in dieser Beschftigung minutenlang innehaltend. Die Fremden
beachtete er mit keinem Blick, jedoch wurden ihm auf einen Wink seines
Zeigefingers alsbald einige frische Blumen in sein filziges Haar
geschoben und er bettete seine schwammigen Hnde, an denen ungemein
lange gebogene Ngel glnzten, wie ein Adelsschild recht sichtbar auf
seinen Magen. Lange Ngel, bemerkte Cook im Weitergehen, glten hier als
ein Ausweis der Vornehmheit und des Reichtums, die Hand, die sich mit
langen Ngeln schmckt, besitzt Hnde, die fr sie arbeiten ... Ein
neuer Anla, die bedeutendsten Vergleiche zwischen heimischen und
hiesigen Verhltnissen zu ziehen, ein Gesprch, an dem Herr Forster sich
lebhaftest beteiligte, das Meerrohr auf dem Rcken haltend und Europens
Vergeistigung preisend. Indessen, pltzlich brach es aus ihm hervor, er
legte die Hand auf seine Mitte, sah begeistert um sich und rief nicht
ohne Treuherzigkeit aus: Meine Freunde, -- etwas, -- etwas hat es doch
fr sich! Setzte aber gleich darauf abschwchend mit leichter
Beschmung hinzu: Gewinnt der Geist nicht, wenn einem die Nahrung so
gleichsam ins Maul wchst? Eine Frage, die nur der sanftmtige Hodges
mit schwimmenden Augen rckhaltlos bejahte. --

Sieh, mein Sohn, dies ist's, was mir lebenslnglich gefehlt hat!
bekannte Herr Forster George einen Abend spter, als sie in der
Matavi-Bucht Gro-Tahiti gegenber vor Anker lagen, von einem
unberwindlichen Drang nach Mitteilung bermocht. Die Nacht war unfabar
schn, blulich vom Mondlicht, in dem der starke Silberschein der Sterne
matt ward. Eine Perlenschnur kleiner roter Feuer glimmte im Halbkreis am
Strande um die Bucht herum und von dort her kam Freudengetn,
fremdartig, schrill und eintnig, und wiederum heimatlich vertraut, vom
Dudelsack begleitet. Sogar ein deutsches Lied kam herber, -- George
lauschte bestrzt und Mareiken, die Magd, stand pltzlich vor seiner
Seele, am Herde sitzend und das Spinnrad tretend, dazu -- langgezogen,
klagend -- Anke von Tharau ist's, dir mir gefllt ...

Freilich, dies war der Matrose Friesleben, ein Deutscher. Also nichts
Wunderbares, -- nur, da er fr gewhnlich nicht sang ...

Was mir lebenslnglich gefehlt hat, fuhr der Vater fort, und es war
ein Schwanken in seiner Stimme, da George aufhorchte und versuchte, in
dem ungewissen Licht den Ausdruck seines Gesichtes zu erkennen, -- er
nahm aber nicht mehr wahr, als eine empfindsame Seitenneigung des
umfangreichen Hauptes, denn Herrn Forsters Antlitz war beschattet, --
dies, teurer George, war der natrliche berflu der Erde. Denn siehst
du, ich bin eine armselige Kreatur, la es mich nur aussprechen, denn
ich bin mir dessen wohl bewut, -- eine armselige, eine Kreatur, die
viel fr ihres Leibes Notdurft braucht. Herr Forster schnaufte ein
wenig und griff nach einer Banane, -- eine Riesentraube lag neben ihnen
auf Deck wie ein mattgolden leuchtendes Schuppentier.

Es ist mir, fuhr er bekmmert fort, whrend er der Frucht behend ihren
weichen duftenden Pelz abstreifte, es ist mir immer unmglich gewesen,
geistig zu arbeiten, wenn ich nicht sehr satt war. Da ich mich aber
immer so plagen mute, um satt zu werden, siehst du, George, -- das hat
mir so viel Zeit genommen und hat mich aufgerieben, George, --
aufgerieben, aufgerieben, -- wenn man es mir auch nicht anmerkt. Und nun
hier, mein Sohn, -- ach ja! Er legte eine schwere heie Hand auf
Georges Schulter und nickte nachdrcklich. Hier sollten deine Mutter
und deine Geschwister bei uns sein, wir sollten eine gerumige Htte
bewohnen, uns von Frchten, Fischfang und Jagd ernhren und ihr solltet
sehen, was ihr fr einen Vater httet, wenn selbiger sich nicht mehr um
das tgliche Brot die Hnde schwielig zu schaffen brauchte! Jawohl, --
schwielig! fgte er befriedigt hinzu, hierauf in Schweigen versinkend
und auch George seinen Betrachtungen berlassend, Betrachtungen, die
darin mndeten, da er sich nach Europa, nach einer volkreichen,
wimmelnden, arbeitenden, winterkalten Stadt sehnte, -- nach Bchern,
Gemlden, ja, selbst nach Kuriosittensammlungen und Kauflden, fast
sogar nach dem finstern Kontor des Mr. Hitch mit seinem muffig-slichen
Geruch der Tuchballen, -- dies alles trotz oder gerade wegen der
Aussicht auf einen sorglosen Cherub von Vater, der ihm auf einmal
weniger unter dem Bilde eines Menschenfressers und Knigs Minos
erschien, -- welche Vorstellung sich ohnehin lngst abgentzt hatte, --
als unter dem jenes berftterten Insulaners im Bananenschatten.
Obgleich er auch heute wie einst eine derartige Gedankenvorspiegelung
als schief erkannte, sie bekmpfte und verwarf, -- denn, wer konnte und
wollte es leugnen: arbeitete der Vater nicht als ein trefflicher,
scharfblickender Gelehrter, liebte er ihn im Grunde nicht mit
bewundernder Hingabe und war es nicht ein seltsam schmerzliches Glck,
ihm zu dienen?

Und am Ende, -- aber dies fragte sich der kleine George nicht
buchstblich und in Worten, obschon er sich jetzt zuweilen
philosophischen Meditationen hingab, -- dies fhlte er nur dunkel, wie
man ein Gesetz seines Lebens ahnt: wie war es anders mglich zu leben,
als im Dienen? -- -- --

Die Europasehnsucht, dies whrend einer verzauberten Sdseenacht
befremdende Heimweh nach einem mivergngten Himmel, war am andern
Morgen verschwunden, und die nchsten Wochen, ja Monate lieen es nicht
wieder aufkommen. Denn da man nicht zum Genu, sondern zur Arbeit
hierher geschickt war, dieses Zweckes nunmehr mit Ernst eingedenk, --
Stirnrunzeln und Zeigefingerheben in goldener Morgenfrhe, -- so ging
man jetzt geradeaus auf sein Ziel los. Forster und Sohn arbeiteten. Die
Schiffsgesellschaft erlaubte sich zunchst anzgliche Gesichter und
Bemerkungen, hhnisch verzogene Lippen, zum Himmel gerollte Augen,
mivergngt wackelnde Hupter, bezeichnend gezuckte Achseln, -- war
nicht bisher alles mit Mue vor sich gegangen? -- jedoch umsonst.
Forster und Sohn arbeiteten. Die Ausflge an Land nahmen den Charakter
von bis ins kleinste vorbereiteten Unternehmungen an, von wahren
Feldzgen gegen die selige Unbewutheit der Inseln, mit so viel Werkzeug
und Genauigkeit wurde ihren Geheimnissen zu Leibe gegangen, mit
Untersuchungen, Messungen, Zhlungen, ihre Berge wurden erklettert, auf
ihren schroffen steilen Graten zwischen den fast senkrecht abfallenden
vulkanischen Klften krochen Forster und Sohn umher, ebenso wibegierig
wie in ihren feuchten, von Wachstum strotzenden Schluchten, keine
Erdfalte blieb undurchspht, kein Krutlein, das sich fernerhin heiter
der Einordnung in das System des groen Linn entzogen, keine Fliege,
die in Zukunft unbenannt im Sonnenschein getanzt, kein Vogel, der sich
weiter leichtsinnig eines steckbrieflosen Daseins gefreut htte, -- sie
alle waren nun gebucht, fanden sich eingehend und genau beschrieben, in
Listen niedergelegt, bestimmt, aus ihrem selbstgengsamen Unerkanntsein
in das schattenlose Licht europischer Magistergehirne hinberzugehen
und dort fortan ber ihrem harmlosen Dasein im Inselmeer noch ein
zweites, ein zweifellos hheres im Reich des Geistes, das Dasein einer
verwickelten Vorstellung, dargestellt durch einen, wenn irgend mglich
doppelten, lateinischen Namen, zu fhren. Indessen blhte, duftete,
tanzte, blitzte und summte, tirilierte und brtete das Leben unter
tahitianischer Sonne fort, unbekmmert wie seit seinem Schpfungstag,
unmerklich und lchelnd entwand sich hier wie berall die Natur den
Hnden ihrer neugierigen Liebhaber, ihr letztes Geheimnis wahrend und
nach wie vor, allem zerlegenden Verstande zum Trotz, blieb sie eins,
blieb gelassen wunderbar, spielend und spottend.

Herr Forster hatte Augenblicke, in denen er das fhlte. Die Namen,
George, sagte er einmal schwerfllig, den Blick in eine frisch
gepflckte Blume versenkt, die Namen betrgen uns um die Dinge. Ist es
nicht eine ungeheure Anmaung, Namen zu verleihen, anstatt jedes
Geschpf demtig um seinen Namen zu befragen? Und da George ihn nicht
ganz verstehend ansah, sagte er ungeduldig: Nun ja, nun ja ... Ich zum
Beispiel wollte manchmal, ich htte keinen Namen. Ich bin nun einmal der
Herr Forster, und mu der Herr Forster sein, wie ihn die Leute sich
denken. Hat man mich je gefragt, wer ich eigentlich bin? Im Grunde heie
ich vielleicht ganz anders, -- nur, da ich selbst es auch vergessen
habe ...

Das letzte wurde ganz undeutlich gemurmelt und in der Folge sah der
Vater mrrisch aus, da er es selbst nicht liebte, sich mit solchen
Erwgungen zu beunruhigen, deren er sich doch zuweilen sonderbarerweise
nicht erwehren konnte. George aber war etwas unglcklich, da er nicht
begriff, und, leidenschaftlicher Liebhaber des Begreifens, der zu sein
er bestimmt war, an diesem Brocken ungeluterter Erkenntnis stundenlang
mhsam herumarbeiten mute, bis er schlielich hoffnungslos davon
ablie. Wo blieb das knigliche Vorrecht des Menschen vor aller andern
Kreatur, wenn es nicht dieses war, sie zu benennen? --

Er hatte durch die Arbeit sein Gleichgewicht vllig wiedergewonnen, er
fhlte sich gesund und heiter und die verwirrenden Eindrcke der ersten
Tage gltteten und verteilten sich. Die Neigung, alles wissenschaftlich
zu betrachten, gewann die Oberhand und sein Tagebuch fllte sich mit
exakten Schilderungen von Erlebnissen, sei es nun von Wanderungen,
malerischen Punkten, -- auf deren Romantik der wackere Hodges nimmermde
hinwies, -- oder Volksfesten, gleich dem, als Tedua-Taurai, die
Schwester Knig O-Tu's von Gro-Tahiti, aus Anla des Besuches der hohen
Fremden zur Nasenflte tanzte. Diese Tedua-Taurai war ein beraus
ansehnliches Stck Weiblichkeit von hoher Gestalt und muskulser
Schlankheit, whrend die meisten Frauenzimmer klein und fett waren.
Ebenso hob sich ihr einsamer Tanz vorteilhaft von den Massenvorfhrungen
ab, die man bisher genossen hatte, er war feierlich wie eine
gottesdienstliche Handlung, wenn es auch durchaus deutlich blieb, da es
der Gott der Fruchtbarkeit war, dem er huldigte. Jedoch wirkte
Tedua-Taurai in ihrem Gewand aus gebleichten Aoto-Bast, das knapp unter
der Brust ansetzte, mit den weien Lilienblten des Huddu-Baumes in den
Ohrlppchen und dem starren Brennen ihres unbewegten Blicks, -- die Arme
hielt sie whrend des Tanzes regungslos hinter ihrem Haupte verschrnkt
und die ttowierten Linien um Brste und Schultern bewegten sich
schlngelnd im unmerklichen Spiel der Muskeln, -- sonderbar aufregend
auf die Mnner aus Europa. Auch George war auerordentlich beklommen. Er
war nach dem Tanz einmal nahe an Tedua-Taurai vorbeigestreift und hatte
etwas wie einen wilden Raubtierdunst geatmet. Er notierte sich, da die
Prinzessin wahrhaft knigliche Wrde besitze, fhlte aber selbst, da
dies nicht der Ausdruck seines Eindrucks sei. In der Nacht darauf
trumte er von der Starostschenka Hermanowska, an die er seit seiner
Kinderzeit nicht wieder gedacht hatte, so da er sich beim Erwachen
besinnen mute, wem eigentlich diese Traumgestalt im geblmten
Seidenkleid mit dem bloen Busen geglichen habe. Es blieb ihm aber in
der Tat nicht viel Zeit zum Aufstellen von Betrachtungen und zur Hingabe
an jene sanft drngende Schwermut, die ihn immer wieder befallen wollte.
Da war das Ordnen der Sammlungen, der Herbarien und Spiritusprparate,
da war die Arbeit mit dem buckligen Ausstopfer Jacopo, einem Italiener,
mit dem Hodges gelegentlich schwrmte und der jetzt ganz prall und glau
vor Behagen wurde, nachdem er im Eismeer fast gestorben war, und whrend
George so an Bord beschftigt war, nicht unzufrieden und harmlos wie ein
junger Sperling, nahm Herr Forster genug Anla, sich an Land rudern zu
lassen und dort stundenlang zu verweilen, -- ebenso wie die anderen
Herren brigens, Cook ausgenommen, der viel in seiner Kajte arbeitete.
So geschah es vor Tahiti, so geschah es vor Ea-Uhwe, Tonga und Tabu und
vor den Gesellschaftsinseln war es nicht anders gegangen. George
schpfte keinen Argwohn, der Vater trieb Handel, der Vater vertiefte
sich in das Volksleben, der Vater war recht in seinem Elemente; kam er
nicht immer wie ein Sendling der Gtter heim, mit Ausbeute beladen,
beseligt von Einblicken, die er getan, meist sehr gesttigt und fast ein
wenig betrunken vor Wohlwollen und Menschenliebe? Es war nicht recht zu
verstehen, warum der Kapitn dem Vater gegenber immer noch sein steifes
Wesen beibehielt, diesem Vater, der nicht nur gro und schn und stark
und prchtig war, sondern jetzt auch so arbeitswtig wie ein Bauer in
der Erntezeit, so fruchtbar wie der schaffende Sommer selber und
auerdem tagaus tagein in der entzckendsten guten Laune, die
Gesellschaft mit Spen, Schnurren und der ganzen ungewollten Entfaltung
seines ihm selbst wohlgeflligen Wesens unterhaltend. George war ein
wenig bekmmert ber diesen stndigen Gegensatz, wie konnte man dem
Vater widerstehen, wenn er so war wie jetzt? Er selbst hing bei Tisch
mit strahlenden Augen an ihm und lie den Blick beseligt zu Cook
hinberwandern: Bitte, so ist mein Vater, ja, _dies_ ist er eigentlich!
Indessen blieb Cook schweigsam, scharfkantig und abweisend, und es war
unzweifelhaft, da der gutgelaunte und arbeitsame Herr Forster ihn
ebenso, wenn nicht mehr reizte, als der faule und weinerliche. Bei Tisch
behielt er zwar George an seiner Seite, hatte ein halbes Lcheln, einen
trockenen Scherz fr ihn; er besuchte ihn wohl auch einmal bei seiner
Arbeit, wenn sie allein an Bord waren, blieb neben ihm stehen, rauchte
schweigsam seine kurze Tonpfeife und sah ihm auf die Finger, -- ja, er
rief ihn gelegentlich in seine Kajte und lie sich von ihm bei seinen
Berechnungen helfen. Je lnger die Reise aber dauerte, desto betonter
ward seine Zurckhaltung, nicht nur Herrn Forster, sondern der gesamten
Gelehrtenschaft gegenber, er schob seine Offiziere und Patton, den
Wundarzt, zwischen sie und sich. Schlielich hatte er es nicht ntig,
sich mit jedem Satz belehren zu lassen, auch wenn er sich nicht auf
hohen Schulen die Augen blind studiert hatte, und man wrde es ja sehen,
wessen Beobachtungsergebnisse die wertvollsten sein wrden ...

Jeder Tag war _ein_ Lcheln von Morgen bis Sonnenuntergang. War er nicht
Arbeit, -- eine Arbeit, so aus der Flle von Kraft und Anschauungsvorrat
heraus wie nie zuvor und darum unendlich beglckend, kaum ermdend, --
so war er Schlendern in Palmenhainen, Pltschern in lasurblauer Bucht,
Schwelgen im Duft unerhrter Blumen, ppig in Form und Farbe und
unablssig sich erneuernd, whrend unter ihnen safttriefende Frchte aus
dem dunklen Laub quollen, -- Anbetung waren diese Tage in jedem Atemzug
und wiederum Angebetetwerden, ein Leben im Weihrauch der Bewunderung
schner menschlicher Wesen, die so viel unschuldiger, reiner und
kindlicher schienen als man selbst sich in seinen Kleidern aus
englischem Tuch vorkam, -- ob sie schon stahlen wie die Raben,
eingestandenermaen, und ihre eigenen seltsamen Gebruche hatten,
allerdings! Aber dann lie sich doch immer darber philosophieren, ob da
Snde war, wo es kein Gesetz gab, und Herr Forster rief gar den Apostel
Paulus in die Sdsee, um fr die Sndlosigkeit der Heiden einzutreten,
-- was kann ein toter Apostel dagegen machen? -- verzieh man doch auch
den Tieren ihre Streiche, und hier auf Huahaine, sugten die Weiber,
wei Gott, Hndchen und Ferkelchen, wenn es ihrer eigenen Brut nicht
gelang, sie vom Andrang des sen berflusses zu befreien. So freute man
sich seines Ansehens als guter, mchtiger Gtter und Besitzer
fabelhafter Reichtmer in Gestalt unzhliger Glasperlen, Ngel, kleiner
xte und Messer, um derentwillen einem demtig gehuldigt und geopfert
wurde. England dahinten jenseits des Erdbauches erschien einem zuweilen
selbst verlockend und fabelhaft, wenn die braunen Freunde herzbeweglich
bettelten, mit in das Wunderland genommen zu werden. Nun, ab und zu lie
man sich scheinbar erweichen und solange man zwischen den Inseln
kreuzte, nahm man den einen oder den andern mit, etwa den Knaben Porea
aus Eimeo, der darob ganz berheblich wurde und bei der Landung auf
Huahaine bereits wnschte von den Eingeborenen fr einen Englnder
gehalten zu werden, was indessen zu seiner Enttuschung nicht eintrat.
Zher als alle anderen erwies sich O-Heddi, genannt Mahaine, der sich
ihnen auf Bora-Bora anschlo, und es durch sein schlechthin
bestrickendes Wesen und auerordentlich gutes Benehmen wahrhaftig
erreichte, da er an Bord bleiben durfte, selbst als die Resolution am
7. Oktober den Kurs sdstlich auf Neuseeland zu nahm. Der Sommer brach
an. Ja, erstaunlich, diese lachenden Tage voller Blte und Frucht waren
Winter gewesen, jetzt erst kam der Sommer der sdlichen Halbkugel, jetzt
lockerte sich wieder das Eis um den Pol und es galt, die gnstige Zeit
zu neuen Forschungen dort unten auszunutzen. Abschied zu nehmen galt es,
Abschied von dieser groen Seligkeit, vielleicht auf Nimmerwiedersehen,
denn wer konnte wissen, was dem wackern Schiff drohte, das wiederum so
khn und verchtlich dem Grauen entgegenstrmte? George htte sich wohl
ganz einer wehmtigen Verdrielichkeit berlassen, wie sein Papa es
hemmungslos tat, wenn nicht dies lebendige Stck Inselglck dagewesen
wre, das ihm von Cook ganz besonders ans Herz gelegt worden war, --
Mahaine also. Mahaine war auerordentlich schn, lichtbraun, mig und
sinnreich ttowiert, so da die eingebrannten Linien nur das Ebenma
seiner Glieder hervorhoben, er trug einen Ausdruck kindlicher Wrde, er
war ohne Schchternheit zurckhaltend, er war ernsthaft, sanft und
hflich. Er wurde nicht mde, das Schiff von oben bis unten zu
durchforschen, auf seinen nackten Sohlen tauchte er berall auf und man
verga es, bei seinem lautlosen Erscheinen zu erschrecken, man gewhnte
sich an ihn, wie an ein zahmes Tier und selbst Wales, der Astronom,
ereiferte sich nicht mehr, wenn Mahaine hinter seinem Rcken stehend
verharrte und ihm grougig auf die schreibende Hand sah. Mr. Wales
hatte nmlich ganz im Anfang einmal ein Erlebnis mit Mahaine gehabt, das
ihn sehr peinlich berhrt hatte, er war in seiner Hngematte von lindem
Schlummer erwacht und hatte Mahaine ber sich gebeugt gefunden, wie
dieser ihn mit wildem Forscherblick betrachtete und den ausgestreckten
Zeigefinger zurckzog, mit dem er ihn soeben offenbar im Gesicht hatte
antippen wollen. Es war Mahaine dann bedeutet worden, da der Schlaf der
weien Mnner ungeheuer heilig sei. -- Er stand stundenlang neben dem
Steuerruder und blickte abwechselnd auf die Hnde des Mannes, wie sie
mit nie fehlender Sicherheit ins Rad griffen, blickte auf in das
unbeweglich in die Ferne gerichtete Antlitz und dann geradeaus auf die
rastlos wandernde, schumende Flche. Er hielt Andacht vor dem
Kompahuschen, dessen zuckende Nadel er fr einen mchtigen Gott der
weien Mnner ansah, -- und hatte er nicht Recht? -- er erstarrte in
Ehrfurcht, wenn Cook in der Mittagsstunde mit dem Sextanten auf Deck
erschien und die Sonnenhhe aufnahm, -- eine feierliche Handlung, mit
Zauberei verbunden, von der der Ausfall der Mahlzeiten abhngen mochte!
Mahaine liebte es nicht, alles zu essen, was die weien Mnner aen. Er
verzehrte seinen Anteil einsam, am Boden hockend, und allen den Rcken
drehend, er war sauber wie eine Katze und hinterlie keinerlei Spuren
oder berreste, nichts, womit ein bser Mensch ihn htte verzaubern
knnen. Ja, Mahaine war einsam, schutzlos in einer fremden Welt, allen
mglichen unbekannten Teufeleien preisgegeben, aber er begegnete den
Gefahren mit gelassener Standhaftigkeit, -- wichtig, wichtig ber alle
Maen war es, da er, O-Heddi, genannt Mahaine, Einblick gewann in die
unerhrten Wunder der weien Mnner, da er endlich einmal die fremden
Inseln sah, die er zuweilen am Horizont hatte dmmern sehen, wenn eine
khne Fahrt sein Kanoe aus den heimatlichen Fischgrnden gefhrt hatte.
Und lohnte es sich nicht? Hatte er nicht schon das Eiland der roten
Papageienfedern entdeckt, die auf seiner Insel und auch auf Tahiti,
Huahaine und den benachbarten so unerhrt selten und kostbar waren!? Auf
Tonga-Tabu war es ihm gelungen unermeliche Reichtmer in Gestalt von
Kopfputz und Schrzen aus diesen wundervollen heibegehrten Federn
einzuhandeln, indem er hingab, was er an Tauschwert besa, alle Perlen,
Korallchen und Ngel und schlielich sogar ein kleines Messer, bisher
sein grter Schatz, fr das er sich eben erst sein schnstes Gewand vom
Leibe gezogen hatte. Alles gab er hin, schweigsam, glhend und zitternd,
dies knnte wieder rckgngig gemacht werden, knnte sich auflsen,
verschwinden, die Federn samt den Korallchen, -- und was dann, Mahaine,
nackt und blo? O, er spielte ein hohes Spiel, ein banges Spiel, aber
dann, als das Schiff vor Tonga-Tabu den Anker gelichtet hatte, da
grinste er auch tagelang ganz unmig vor sich hin und wurde vor lauter
Seligkeit nicht wieder seekrank wie bisher. Er hockte in einem Winkel
auf Deck und befreite seine Edelsteine aus ihrer Fassung, das heit er
lste jene Schrzen- und Kopfzierate in ihre Bestandteile auf und
ordnete die Federn nach ihrer Gre in anmutige Struchen, die er mit
Kokosfaser zusammenband, -- was verstanden diese im berflu whlenden
Tonga-Tabuaner von wahrer Schnheit? -- und wenn jemand zu ihm trat, hob
er den Kopf und zeigte in berstrmender Wonne alle zweiunddreiig
Zhne. Durch seinen leidenschaftlichen Eifer aufmerksam gemacht, hatte
brigens auch der Kapitn groe Vorrte dieser roten Federn einhandeln
lassen und erlebte gleich auf Neuseeland den Erfolg seiner klugen
Handlung, der Tauschverkehr war auerordentlich belebt,
Muschelhrner, hlzerne Trompeten, Rohrflten, Schmuck aus Jadestein,
Boghi-Boghi-Mntel, -- alles ward auf den Markt geworfen, nur um dieser
Federchen habhaft zu werden, dieser vertrackten, entzckenden. Daneben
galten Matten und Gewnder, Waffen und Gerte aus der Sdsee auf diesem
rauhen und rohen Eiland als begehrteste Tauschstcke, hatten weit
hheren Wert als Europens Blendwerk aus farbigem Glas und Messing, und
wenn die Englnder hier bestaunt und gefrchtet wurden wie fremde
Geschpfe, eine unerklrliche Zwischenstufe zwischen Gttern und Tieren,
so begegneten die Neuseelnder Mahaine wie einem reisenden Frsten mit
gehaltener Ehrfurcht. Kurz, es war aus allem ersichtlich, da in der
Sdsee ihr Land der hheren Kultur lag, wie ihre armen Schilf- und
Schorfkpfe sie zu fassen und zu ersehnen vermochten.

So war man denn wieder auf Neuseeland, diesem letzten Ruhehafen vor den
uferlosen Schrecken des Polarmeers, und es mu gesagt werden, sie
zgerten, das wilde, nasse Wald- und Felseneiland zu verlassen, sie
umschwrmten es von allen Seiten, sahen an den nackten Felsen die Htten
der Eingeborenen wie Adlernester kleben und landeten immer wieder, zur
Jagd, zum Fischfang in den Buchten, zum Handel, -- um das Schiff
auszubessern, um die Bodenbeschaffenheit zu erkunden, -- wei Gott, es
gab der Vorwnde genug. In einer Art von blindwtiger Verzweiflung
glaubten die Matrosen sich im voraus fr die kommenden Entbehrungen
schadlos halten zu mssen und ihre Zusammenknfte mit den eingeborenen
Weibern entbehrten durchaus jeder Verborgenheit, -- Cook schien nichts
zu sehen und zu hren. George war aufs tiefste angeekelt, weniger von
dem, was sich vor seinen Augen abspielte, als davon, da diese Weiber so
zottig, schmutzbedeckt und belriechend waren. Ebensowenig liebte er die
derben Scherze seines Vaters und der brigen Herren, die jetzt in Blte
standen, er gewhnte sich daran, seine Ausflge in Begleitung von Larry
und Mahaine zu unternehmen, und gefiel sich in dem Gefhl genureichen
Trotzes gegen die ganze Gesellschaft. Sie benahmen sich ein wenig wie
die jungen Jagdhunde, trieben allerlei zwecklose Krperbungen,
verschwendeten berschssige Kraft in gewagten Unternehmungen und
kletterten zum Beispiel an den Steilufern umher, um die in ihren
unterirdischen Nestern kakelnden und quakenden Sturmvgel zu entdecken.
Auch gaben sie Mahaine ein Gewehr in die Hand und hieen ihn, auf einen
Strandlufer anlegen. Mahaine packte die Waffe wild, mit Inbrunst,
fletschte die Zhne, zielte, drckte ab, -- der Vogel hob die Flgel,
tat einen possierlichen Satz und fiel, ganz in sich zusammenklappend.
Mahaine jedoch, im Augenblick, da der Schu drhnte, warf das Gewehr von
sich, hielt die Hnde an die Ohren und rannte von dannen, den Mund
kreisrund geffnet, aber ohne einen Laut auszustoen. Von dem Vogel
wandte er sich ab, als sie ihn ihm spter brachten. Wer konnte wissen,
ob er nicht den Gttern dieser Insel heilig gewesen war? Mahaine
frchtete diese Gtter, und seine neuseelndischen Brder, die unter
einem so unfreundlichen Himmel ihr karges Dasein fristeten, dauerten
ihn. Als man ihm entdeckte, da diese Brder einander gelegentlich
auffren, verfiel er in eine ernsthafte Schwermut, die erst von ihm
wich, als Neuseeland im Nebel hinter der Resolution versank.

brigens hatte dies Abenteurerleben zu dreien insofern bald ein Ende
genommen, als Larry anfing, sich von ihnen abzusondern und eigene Wege
zu gehen, kurz, als Larry, dieser Schwerenter, Toghiri gefunden hatte
und nicht mehr Meister seiner Sinne war. Larry nmlich, obgleich er sich
seinen Kameraden bei ihren Belustigungen immer angeschlossen hatte, war
merkwrdigerweise bisher derselbe Endymion geblieben, als der er auf die
Reise gegangen war, freilich nicht aus eben den gleichen Grnden, die
George so bewahrt hatten, nicht aus Unerfahrenheit und Ekel, sondern
infolge einer auerordentlichen Schchternheit dem andern Geschlecht
gegenber, die er hinter einem lrmenden Auftreten immer so lange zu
verbergen wute, bis es Zeit war, sich vor den letzten Folgerungen einer
gemeinsamen Unternehmung geruschlos zurckzuziehen. Nun aber hatte er
Toghiri gesehen, hatte sie ganz allein fr sich entdeckt, als sie am
Strande Mweneier suchte, war ihr gefolgt und in ihre Htte
eingedrungen, wo Toghiris Vater ihm alsbald alles abgelockt hatte, was
er an Angelhaken, Knpfen und hnlichen Wertgegenstnden bei sich trug,
worauf er ihm zum Zeichen der Freundschaft die Stirn mit einem
belriechenden l salbte. Solchergestalt in einen Familienkreis
aufgenommen, fhlte Larry den Feuerstrom seines Gefhls in geordnete
Bahnen gelenkt, und es dauerte nicht lange, so war ihm Toghiri als
Eheweib berlassen, er bezog mit ihr eine Htte neben der ihrer wrdigen
Eltern und verbrachte alle freie Zeit im Scho seiner neuen Familie.
Allen Hnseleien der Kameraden setzte er ungerhrten Gleichmut entgegen.
^She is my wife, hold your tongue!^ sagte er und versorgte sich
ausgiebig mit verdorbenem Schiffszwieback, von dem ihm Billy ein ganzes
Fa zur Verfgung gestellt hatte, und den seine Schwiegereltern gerne
aen. Fr Toghiri indessen, -- nun, es fand sich schon dieser oder jener
Bissen, um so ein Vgelchen zu fttern! -- Aber sie an Bord zu bringen,
wie Mr. Forster ihn einmal dringlich aufforderte, -- nein, das ging doch
nicht! Sir, sie ist ein wenig verlaust! bekannte er, brigens ohne zu
errten, nur mit einem verschmten Grinsen, da keinen Zweifel daran
aufkommen lie, da wenigstens er nicht Ansto nahm ...

Alles Hinzgern, Aufschieben, Verweilen aber mute einmal ein Ende
nehmen. Bsesten Wetterzeichen zum Trotz lie Cook am 24. November die
Anker lichten. Der Schiffszimmermann brachte mit der Feuerzange einen
scheulich haarigen Skorpion auf Deck, den er im Volkslogis gefunden
hatte, und warf ihn dem Kapitn vor die Fe, Jacopo folgte ihm und rang
die langen dnnen Finger, -- konnte es gewagt werden, unter einem so
schlimmen Omen auszufahren!? Cook schleuderte das Tier mit einem
Futritt durch ein Speigatt. Am Abend waren sie rings von
graphitschwarzer rollender See umgeben, und mit der Finsternis brach der
Sturm los, die Matrosen fluchten und brllten und nur Cook bewahrte
angesichts des drohenden Untergangs eine kalte steinerne Ruhe. George
dachte nicht gern an diese Sturmnacht zurck, ein verschwommenes
Erinnerungsbild, -- verschwommen, weil er von Anfang an angstvoll
bedacht gewesen war, es nicht festzuhalten, -- wollte ihm dann immer den
Vater zeigen, wie er den schwchlichen Mr. Hodges beiseite stie, um
selbst in die Nhe des Rettungsbootes zu gelangen (mit dem Ausruf: Ach
was, jeder ist sich selbst der Nchste!). Am anderen Morgen jedoch war
nichts als ein melancholisches Sausen zurckgeblieben und auf langen
glatten Wogen schaukelte ein schlafender Albatros ihnen entgegen und an
ihnen vorber. Dies war Erschpfung, -- Ergebung. Schweigsam wurde an
der Wiederherstellung des Schiffes gearbeitet, -- schweigsam und
verdrossen hingenommen, was da kommen mute, der erste Schnee, die
ersten wandernden Eisschollen. Der einzige, der noch eines Menschen
Antlitz trug, einen Ausdruck freundlichen Staunens, war Mahaine, der
Wilde, der nach wie vor lautlos umherging, obgleich er seine Beine jetzt
mit Lappen umwickelte und sich in einen neuseelndischen
Boghi-Boghi-Mantel hllte. Er fhrte ein sonderbares Tagebuch aus
Stbchen, die er in seiner Ecke auf Deck zu immer neuen Figuren auf dem
Boden anordnete. Whemuatua-tua, das weie Land! so stand das erste
Treibeis darin verzeichnet; Schnee aber hie der weie Regen, und in
einem Schneegestber konnte man Mahaine sitzen sehen, mit den braunen
Hnden nach den Flocken haschen, ihr Zergehen auf seiner Haut oder ihre
sternige Gestalt auf dem rauhen Gewebe seines Mantels ratlos beobachten.
George holte ihn hinunter in die groe Kajte, die von Pfeifenqualm und
Dunst erfllt war. Mit bergeschlagenen Beinen auf einem Stuhl in einem
Winkel der Kajte sitzend, der Gesellschaft den Rcken drehend, Mahaine
vor sich, der am Boden hockte und mit klugen zutraulichen Augen zu ihm
aufsah, erhielt er seine tgliche Unterweisung im Tahitianischen, sog er
mitten im Eis der Polnhe, whrend drauen die bleiche ^Aurea australis^
gespenstisch ber den starren Himmel spielte, den leuchtenden blauen
Sommergeist dieser kindlichen Sprache in seine Seele. Dies dnkte ihn
besser, als mit am Tisch zu sitzen, in dem Konvivium, das hier von frh
bis spt tagte. Er war sehr unglcklich, war es mit allen Krften des
jungen, eben erst zum vollen Bewutsein seiner selbst gelangten
Menschen. Alles, was er an krperlichem Unbehagen, an Gram ber den
Vater, an Unbefriedigung ber seinen eigenen Zustand im Vergleich zu dem
stetig untadelhaften Cook empfand, verkleidete er mit der einen Maske
des Heimwehs und ergab sich ausgiebig einem schwrmerischen und
trnenreichen Gottesdienst vor den Erinnerungsbildern der Mutter und der
Schwester Riekchen, dem er in der Einsamkeit seiner Koje oftmals haltlos
nachhing, von einem unwiderstehlichen Ansturm der Gefhle berwltigt. O
Gott, o Gott, es kmmerte sich niemand um ihn, und in seinem Innern, da
war eine Hlle, aus der alle Versuchungen stiegen, alle die ersten
stummen unbenannten Forderungen seiner Jahre an seinen Krper, gekleidet
in die Bilder der letzten Monate. Bis in seine Trume verfolgten ihn
diese schmierigen Neuseelnderinnen, die er doch hate. brigens fhlte
er sich ernstlich krank. Die Nahrung, dieses ewige belriechende
faserige Salzfleisch, widerstand ihm bis zum Erbrechen, das Zahnfleisch
schwoll ihm an, er litt qualvoll an einem berflu von Speichel und
konnte sich kaum auf den dick angelaufenen Fen herumschleppen. Er sah
zum Erbarmen aus, aber nicht, da sich jemand besonders seiner erbarmt
htte! Er erwartete es auch gar nicht. Ging es ihnen nicht allen so oder
hnlich? Starrten sie sich nicht alle aus gedunsenen Gesichtern und trb
unterlaufenen Augen an wie eine Gesellschaft Ertrunkener, die, halb
verfault, ihr bses, spukhaftes Spiel in diesem frchterlichen Teil des
Weltalls trieb, -- nein, nicht mehr auf Erden, denn dies war die gute
Erde nun und nimmermehr! Fortgerissen von verfluchten Strmungen und
Winden, ausgeliefert an dies unselige Schiff, zwischen dessen Wnden die
Gedanken hin und her jagten und sich die Kpfe stieen wie gefangene
Vgel, angewiesen einer auf den zum berdru, ja, bis zum Widerwillen
wohlbekannten anderen, der gewi, o, es war wahrhaftig wahr, noch
schmutziger, noch krnker aussah als man selber, waren sie alle von
einer gellenden verzweifelten Lustigkeit. Rum, Tabak und Karten, dies
war's, was einzig aufrechterhalten konnte, denn es lag kein Trost mehr
in dem Gedanken, da in ihnen der Geist der Menschheit seine Ausbreitung
erkmpfte, die Wissenschaft, sie war keine Gttin in Monaten, wo die
berzeugung, da England auf ewig fr sie versunken sei, an ihrem Herzen
fra. Und dabei fortwhrend den nagenden Vorwurf der Anwesenheit dieses
Mannes zu spren, der sich in der Kajte nicht anders mehr zeigte als
eine vorbergehende Erscheinung, bsen und kalten Blickes und lippenlos
zusammengekniffenen Mundes, verchtlich durch die Nstern schnaubend,
wenn er ber den mit Glsern, verschttetem Grog und Tabaksasche
bedeckten Tisch hinsah, -- der sich seine Mahlzeiten jetzt in seiner
eigenen Kajte anrichten lie, -- aus Gesundheitsrcksichten, wie er
einmal verlauten lie, denn auch er litt und sein Antlitz war gelb bis
ins Wei der Augen hinein von der Galle, die ihm das Blut verdarb, --
aber nicht dies war der Grund, George fhlte es wohl. Cook, von seinem
Leutnant Bligh bedient und umgeben, einer schattenhaft gehorsamen
Kreatur, die das Uhrwerk ihrer Verrichtungen dem straffen beherrschten
Rhythmus in der Brust ihres Meisters aufs Haar angeregelt hatte, lie
George jeden Nachmittag rufen, wies ihm fast wortlos eine Arbeit an oder
lie ihn seine eigenen Papiere holen und an seinem Tisch schreiben, der
mehr Bequemlichkeit bot als die Einrichtung in der Kajte der Forsters.
Dann sa der Jngling ber seine Aufzeichnungen gebckt, von dumpfer
Dankbarkeit erfllt, da er hier atmen durfte, in diesem Raum, wo alles
Bezug auf den groen Zweck der Fahrt hatte und wo ihm ein geistiges
Licht zu strahlen schien, ausgehend von dem gesammelten Antlitz ihm
gegenber, das sich doch oft dster und verzweifelt genug ber die
Karten und Berechnungen neigte. Ein Narr! schalt der Vater, wenn sie
abends in den Kojen lagen, -- ein vernagelter Narr, der hier nach Land
suchte in dieser starrenden Eiswste! Von Wasser war der Pol umflossen,
umkreist von Strmungen, die ihren Weg von hier aus geheimnisvoll um den
Erdball nahmen und sich wieder vereinigten wie die Blutwege des
Menschenkrpers. Ein sonderbares, jawohl, ein hchst sonderbares Tier,
die Erde, ein Tier mit zwei Herzen, die an seinen uersten Enden lagen,
den beiden Polen im Norden und Sden! Denn da hier das Leben gesammelt
zitterte, lehrten das nicht schon die Lichter, die den Horizont bebend
umflammten? Nun, sie waren seltsam und nicht ganz wissenschaftlich
begrndet, die Theorien des Herrn Forster, vielleicht waren sie auch in
ihrem Entstehen ein wenig von dem langen Tisch in der Kajte beeinflut,
an dem sich so prchtig ber sie debattieren lie, hnlich wie ber den
Stein der Weisen, dessen Mglichkeit der kleine Dr. Sparrmann in aller
Bescheidenheit standhaft verfocht. Jedoch htte es umgangen werden
mssen, da Mr. Forster sich eines Nachmittags, -- es war am 25.
Dezember, am Weihnachtstage, und die Resolution lag fast fest, wehrte
sich nur ganz leise auf und nieder bebend gegen einen Ansturm
unabsehbaren Treibeises, von dessen Sten der Schiffskrper drhnte und
schtterte, -- man htte es verhindern sollen, da der ltere Forster an
diesem Nachmittag urpltzlich seinen Stuhl zurckschob, mitten in einer
angeregten Diskussion mit Wales, da er mit erhobenen Fingern schnalzte
und wie unter dem Zwange blitzhnlicher Eingebung ausrief: Das mu ich
doch gleich einmal ... worauf er sich erhob und, die linke Hand auf dem
Rcken, die Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger an die Nase gelegt,
sehr eilig zur Kapitnskajte hinberging, wo Cook ihm stirnrunzelnd und
George einigermaen erschrocken entgegensah, whrend Mahaine, neben der
Kohlenpfanne hockend, gleichmtig fortfuhr, mit seinen Zehen zu spielen.
Der ganze Auftritt bildete spterhin eine der furchtbarsten Seiten in
Georges Erinnerung. Der Vater hatte sich breitbeinig mit
selbstgeflligem Schmunzeln niedergelassen und angehoben: Mein lieber
Kapitn, ich mu Ihnen doch einmal meine Ansicht ber den Aspekt unserer
Fortschritte ^in puncto^ der Entdeckung eines Erdteils in diesen Breiten
darlegen. Er hatte alsdann mit nichts zurckgehalten, was seine Zweifel
an dem Vorhandensein eines solchen Erdteils berhaupt ausmachten, hatte
die Theorie von den Strmungen anmutig hindurchgeflochten und der ^Aurea
australis^ gedacht als einer Ausstrahlung pulsierender, magnetischer
Krfte, bei welch unbeweisbarer Vorstellung er besonders liebevoll
verweilte, hatte des fteren mein lieber Kapitn gesagt, und zwar in
einem Ton aufmunternder Nachsicht, hatte auch schlielich
zusammenfassend seinen Rat fr den weiteren Verlauf der Unternehmung
gegeben, der auf eine schleunige Rckkehr in die lieblichen Gewsser der
Sdsee hinauslief, -- und bei alledem hatte er durchaus nicht bemerkt,
was George mit wachsendem Bangen sah, da nmlich Cooks Augen eine
gefhrlich kaltblaue Frbung angenommen hatten und aus dem gelben
Gesichte schienen wie nur irgendein Stck Polareis, da es um sein
hartes Kinn zuckte und da seine Hand eine Kartenrolle knackend
zusammenprete. Was dann kam, hatte unter vergifteter Hflichkeit
begonnen, -- gedmpfte Satzanfnge wie: Mein Herr, ich bin zwar von dem
Wert Ihrer Kenntnisse hinreichend berzeugt ... hafteten George spter
ebenso im Gedchtnis wie das Anschwellen der Stimme hinter dem aber, --
aber, aber! Mu Sie _aber_ ganz ausdrcklich bitten ... Nun was denn
etwa? -- Bitten, Ihre Befugnisse nicht zu berschreiten, -- geflligst
in Ihren Grenzen zu bleiben ... Dabei war Cook nicht sitzengeblieben,
sondern er stand am Tisch und krampfte die Hnde um die Kante, da die
Knchel wei anliefen. -- Wertester, ich kannte den ruhigen Mann nicht
wieder! bekannte Herr Forster spterhin unbefangen dem schaudernd
lauschenden Mr. Hodges. Cook, in der Tat, er stand da etwas
vornbergebeugt wie auf dem Sprunge und bleckte die Zhne, eine
Grimasse, die Mahaine, der ihn starr und staunend ansah, nachahmte und
sie durch eine krallende Gebrde der vorgestreckten Hnde verstrkte. In
solchen Fllen, dachte Herr Forster blitzschnell, gilt es, die uerste
Ruhe zu bewahren, -- laut uerte er aber unglcklicherweise: George,
weit _du_, was Mr. Cook meint? wozu er etwas unbehaglich lachte und
auf seinem Stuhl herumrckte, -- sich dann allerdings zurcklehnte und
die Arme hoheitsvoll kreuzte, indessen hatte er sich nun einmal die
Ble gegeben und einer innerlichen Erfahrung zuwidergehandelt, die da
besagt, da man gefhrlichen Tieren auch nicht einen Schatten innerer
Unsicherheit zeigen drfe, man gebe ihnen damit zugleich ein Gefhl
ihrer berlegenheit. Diese berlegenheit von seiten des Kapitns strzte
denn auch unmittelbar in die Bresche des Gegners und nahm Formen an, --
bediente sich Redewendungen ... nun, Mr. Forster blies sich auf,
dunkelrot, wie er allmhlich wurde, lie seine runden Augen vorquellen
und -- suchte vergeblich nach Worten, schnaubte, stie ein Unerhrt!
um das andere hervor, und: George, verlasse das Zimmer! -- worauf
George, der in tdlicher Verlegenheit in sein Heft gestarrt hatte, sich
bleich erhob, denn: -- Lassen Sie Ihren Sohn aus dem Spiel, er ist ein
braver, unglcklicher Jngling, dessen Flei und dessen Grndlichkeit
von Ihnen schamlos ausgebeutet werden ... hatte Cook vorher geschrien,
-- Mein Herr, Sie beleidigen in mir die Wrde der Wissenschaft! Mein
Herr, Sie selbst sind ein Hohn auf die Wrde der Wissenschaft!

Mein Herr, Sie, -- ja, bei Gott, Sie sind ja ein ganz anmaender
Poltron!

Mein Herr, Sie sind ein geschwtziger Charlatan! -- dies etwa waren
die Stze, die ihm noch in die Ohren gellten, whrend er aus der Kajte
glitt. Er warf sich in seine Koje, verzweifelt, blutleeren Herzens,
wagte nicht zu denken, sich des frchterlichen Erlebnisses klar bewut
zu werden, schluchzte wild gegen die Wand und lag, wie von einem Schlag
aufs Haupt betubt, regungslos still, als der Vater eintrat. Jedoch
suchte Herr Forster sein Lager merkwrdig lautlos auf und nahm keinen
Anla, sich durch eine Aussprache weiter ber seine Niederlage zu
erleichtern. Nachdem er seinen massigen Krper krachend hingeworfen und
mit umstndlichem Wlzen einigermaen ertrglich geordnet hatte, hrte
George ihn wohl noch ein paarmal: Unerhrt! murmeln, alsdann aber zu
seinem grenzenlosen Erstaunen bald tief und gesund atmen, gemigt und
anmutig wie nur je schnarchen, -- kein Zweifel, der groe Mann schlief,
schlief sanft in dem ihm von seinen Sternen verliehenen
unerschtterlichen Selbstgerechtigkeitsgefhl! Die geisterhaft helle
Polarnacht stand drauen vor den runden vereisten Fenstern und fllte
den Raum mit einem trben unwirklichen Licht, George sah seinen Atem
dampfen und zog Kleider und Decken schaudernd enger um sich zusammen.
Ununterbrochen krachte und drhnte der Schiffsrumpf im Kampf mit den
Schollen, sie scheuerten ihre harten rauhen Leiber schurrend an seinen
Flanken, sie zwangen seinen Bug, ber sie hinwegzusteigen oder ihre
Massen in Verzweiflung knirschend zu durchschneiden, sie drngten ihn
mit einem frchterlich klirrenden Getse der bermacht gegen den Wind
rckwrts ... Es schien George ausgemacht, da dies seine letzten
Stunden seien, da das Schiff nicht standhalten knnte, es chzte, es
schrie, es mute in jedem nchsten Augenblick dem Druck erliegen, sich
in seinen Fugen verschieben, als ein Haufen trmmerhaften Holzgebeins
mit ihnen allen zugrunde gehen! Er rhrte sich nicht, er lag auf dem
Rcken, die Hnde auf der Brust verkrampft, die Augen starr und blicklos
geffnet, mit heien zersprungenen Lippen sinnlos flsternd, Bruchstcke
von Gebeten, Abschiedsworte an die Mutter, an Riekchen, -- dennoch ohne
Furcht, nur mit steinerner Todesgewiheit, mit einem bittern, rasenden
Schmerz ber die Verchtlichkeit des Lebens im Herzen, -- dieses Lebens,
das jetzt eben noch in den Schiffsgngen und -rumen polternd torkelte,
viehisch brllte. Denn es war Weihnachten, die Matrosen hatten Rum,
soviel sie wollten, ja, es war Weihnachten, dachte George mit stumpfem
Hohn, die heulten ihre unfltigen Lieder und der Vater hatte sich mit
dem Kapitn auf Leben und Tod geschlagen, war es nicht so? Mit Degen,
mit Messern? Nein, der Kapitn hatte den Vater mit der neunschwnzigen
Katze gezchtigt wie einen verfluchten Meuterer und hatte vor ihm
ausgespien, aber der Vater hatte sich nichts daraus gemacht, nur er,
George allein, trug die Schande. Oh, ein Glck, -- ein Glck, da sie
untergingen! Der Kapitn hatte Recht gehabt, er war der liebe Gott,
kristallen rechtschaffen, wie ein lieber Gott zu sein hatte, sie waren
Gewrm, Gesindel, Zigeuner, ein Dreck zum Wegfegen. Er zog den Strich,
sein Leben, zwanzig Jahre, ergab eine Summe von Mhsal und Plackerei und
Demtigung. Ja, ja, und du bist schuld! flsterte er, in aller
Verwirrung zum erstenmal sein Schicksal ganz begreifend, vielleicht noch
unter dem Eindruck der Worte Cooks, den Sie schamlos ausbeuten ... --
er wandte sich ab von diesen Worten, wie seine Sohnespflicht es ihm zu
gebieten schien, und doch, sie flsterten von allen Seiten in seine
Ohren. In einer bohrenden Fiebervorstellung fhlte er sich auf dem
schnarchenden Atem des Vaters in der Koje unter ihm tanzen, wie eine
Seifenblase, abhngig von dem brutalen Blasebalg dieser ledernen Lunge.
Dazu orgelte der Matrose Friesleben drauen Vom Himmel hoch, da komm
ich her ..., ward von trunkenem Gelchter und dem Geheul englischer
Stimmen berschrien, die Mutter schien in der Kajte auf- und
niederzuschweben, eine brennende Wachskerze in der einen, ein
bluttropfendes Herz in der andern Hand ... Betubender Urweltslrm brach
wie eine Sturzsee ber ihm zusammen. -- -- --

Auch eine solche Nacht, -- auch Fiebertage gingen vorber. --

Cook berannte den Pol wie ein Stier. -- Aber Land wurde nicht gefunden.
--

Dies auszuhalten, diesen verbissenen Kampf des Willens gegen eine
gleichgltig und machtvoll widerstehende Natur, und nicht nur gegen die
Natur, mehr noch, stumm und zh, gegen die hohnvoll sich berlegen
dnkende, unausgesprochene berzeugung des Gelehrtentisches, gegen den
dumpfen, erbitterten Widerstand der Mannschaft, die nicht gewillt war,
oh, keineswegs gewillt, sich hier unten im Dienst einer Idee an den
Skorbut oder den Tod im Eise zu verkaufen, -- diesen Kampf mit
anzusehen, wre fr einen, der dem Kapitn so bedingungslos ergeben war,
wie George, und der sich doch nicht befhigt fhlte, ihn zu
untersttzen, unertrglich gewesen. Der Himmel half ihm mit einer
Lhmung seiner Empfindung, mit der Hlle ergebener Schwermut wie einst,
als die Mtterchen Elisabeth ihn und den Vater von Petersburg nach
London trug, -- als es nicht nachhause zur Mutter gegangen war, wie er
unzweifelhaft angenommen hatte, sondern nach London, -- nun ja, das
waren Erinnerungen. Er beherrschte berhaupt ein ungeheueres Aufgebot
von Erinnerungen, so stellte er in dieser Zeit fest, er hatte Mue genug
sie heraufzubeschwren, und fand eine Art von bitterem Behagen darin,
sie auf ihre Einheitlichkeit hin zu prfen, immer unter dem Leitwort:
... den Sie schamlos ausbeuten ... -- ausbeuten, jawohl! Er kam zu dem
Ergebnis, da des Kapitns Beobachtung richtig sei, er stellte es sich
als mathematische Aufgabe, den Satz zu beweisen, und, mit sonderbar
abgettetem Gefhl, bersah er seine Lage scharf und klar und -- fand
sich damit ab.

Dies, George Forster, waren entscheidende, nur allzu entscheidende
Wochen in deinem Leben. Dir war Erkenntnis aufgegangen, Erkenntnis,
George, die erste Bedingung, um handeln zu knnen! Indessen, -- du
begngtest dich. Du handeltest nicht. Wozu auch? Mit welchen Waffen
vorgehen gegen diesen Chronos? Nun, nun, wutest du nichts von leidendem
Widerstand, nichts von stillem Eigensinn, von unterirdisch whlenden
Plnen zur Entthronung des Tyrannen? Nichts? Wandtest dich nur ab von
ihm, gefat und bla, die Unterlippe ein wenig eingezogen, ja, wandtest
dich auch seelisch von ihm ab, da er von nun an nie wieder dein volles,
aufrichtiges Sohnesantlitz zu sehen bekam? So tatest du und -- gingest
weiter im Joch, -- George, George, du bist in der Tat sanftmtig und
freundlich, bist liebenswrdig, -- oh, jawohl, in der Tat, nur allzu
liebenswrdig, kleiner George! -- -- --

Ende Januar setzte Cook eine Sitzung an, zu der Offiziere und Gelehrte
am frhen Morgen zu erscheinen hatten, noch ungefrhstckt, was Herr
Forster ungeheuer bel nahm, so da er am Abend zuvor, nachdem Bligh den
Befehl mitgeteilt hatte, polternd verkndete: Fiele ihm gar nicht ein
...! Dchte auch gar nicht daran ...!! Er lag auch noch in der Koje, als
George bereits schattenhaft lautlos aufgestanden und entschwunden war,
dann erschien er aber doch in der Kajte, genau eine halbe Minute,
nachdem Cook seinen Platz an der Spitze der Tafel eingenommen hatte,
sagte: Na, guten Morgen! stellte gekrnkt fest, da auf seinem Stuhl
Wales se, und verankerte sich sodann umstndlich auf dem einzig
freigebliebenen Sitz, Cook gerade gegenber, von wo aus er sich
aufmunternden Blickes umsah und fragend uerte: Nun, und ... Cook,
der ihn vllig bersah und berhrte, -- freilich sah er niemand an, --
gab in gedmpftem Ton einen kurzen Bericht ber die bisherigen
Ergebnisse der zweiten Polarfahrt, lie diesen Bericht von Bligh, --
nicht etwa, wie das vorige Mal von einem der gelehrten Herren, nun, war
das nicht kennzeichnend?! -- um einige Zahlenangaben ergnzen, rusperte
sich sodann trocken und sagte, ohne seinem versteinerten gelben Gesicht
irgendeinen Ausdruck zu geben: Da unser Bemhen, in diesen Breiten Land
zu entdecken, bis dato keinen Erfolg gezeitigt hat, geben wir dies
Bemhen nunmehr auf, uns unsrer Verantwortung gegen Leben und Gesundheit
von Untertanen Seiner Majestt voll bewut. Und, nachdem er noch eine
knappe wissenschaftliche Begrndung seiner Handlungsweise gegeben hatte,
-- nichts von Erdblutstrmungen, nichts von magnetischen Strahlungen kam
darin vor, -- fgte er beilufig hinzu, da die Resolution den Kurs
seit einer Stunde nordstlich genommen habe. Hierauf hie es: Ich habe
die Ehre, meine Herren! und wahrhaftig und ohne auch nur von ferne
abzuwarten, ob nicht einer seiner ihm von der Regierung beigegebenen
Berater etwas zu uern habe, verlie er steif, doch eilfertig hinkend
den Raum, -- er litt seit Wochen bse an einem rheumatischen Anfall, --
gefolgt von seinen Offizieren, von denen Blandey, der zweite Leutnant,
alsbald zurckkehrte, und, in der Tafelrunde frhstckend, in
achtungsvoller Haltung taub gegen den erregten Meinungsaustausch seiner
Umgebung blieb.

George, -- er blieb nicht taub, -- George, er litt tief, ahnungsvoll
erfat habend, was diese Stunde Cook gekostet haben mochte. Ein Hat
er's endlich eingesehen, der Dickkopf? seines behaglich kauenden Papas
haftete wie die Nachempfindung eines Schlages an ihm in fast
krperhafter Erinnerung. --

So trieben sie nordwrts, -- nordwrts ohne den beschleunigten Rhythmus
freudiger Erwartung im Blut zu spren wie damals, als sie das erstemal
an den Rtseln des Poles abgeglitten waren, nordwrts, nur mit dumpfer
Befriedigung, mit der mrrischen Hoffnung auf wrmere Luft, auf eine
Nahrung, die nicht stank und von Wrmern wimmelte. Cook lag seit Wochen
in seiner Kabine, nicht imstande, ein Glied zu rhren, niemand auer dem
Doktor und Bligh bekamen ihn zu sehen und mit innerem Grauen nahm George
wahr, wie in diesen Wochen die Ausstrahlung des Geistes, die von der
Kapitns-Kajte ausging, schwcher und schwcher ward, gleichsam als
wrde diese Kraft von dem, der sie aussandte, wieder eingesogen, weil er
selbst ihrer bedurfte. Anfang Mrz, ja, da starrte das Schiff von
Schmutz, Abflle und gefrorener Unrat lagen berall in den Gngen, man
glitt darber aus und die Luft war verpestet. Kein Mensch beklagte sich
darber, -- waren sie denn nicht selber ...

^Now^, Lady George, sagte Patton eines Morgens, als er mit gewohnter
Todesverachtung zum ersten Frhstck seinen Haufen Sauerkohl
hinunterschlang, ohne ihn viel zu besehen. Dies war nun einmal seine
Pflicht, als rztliche Leuchte an Bord mit gutem Beispiel voranzugehen,
und sah man nicht den Erfolg? Er stopfte die langen Fden des heilsamen
Gemses mit Gabel und Messer nach in den Mund und blickte dabei mit
gerunzelter Stirn ber seine Hornbrille zu George hinber, -- wer war
der Gesundeste an Bord geblieben? Also, Master George, da ist ein
Bursche im Logis, er wird's nicht lange mehr machen, -- er wnscht Sie
zu sehen. Habe den Herrn Vater vorgeschlagen, als geistlichen Beistand
... er warf Forster einen schiefen Blick zu, -- indes, der Junge ist
nun einmal darauf versessen, gerade Sie ... ^Poor fellow!^ Der Rotkopf
ist's, mit dem breiten Maul, war immer fidel, -- jawohl, der Irlnder!

Larry! George tastete sich an den Wnden zum Mannschaftsraum hinber,
die Knie versagten ihm und eine wrgende belkeit stieg ihm im Halse
hoch, als die beiende Raubtierhhlenluft aus der Tiefe ihm
entgegenquoll. Da schaukelte ein qualmendes llmpchen irgendwo in der
Finsternis, er folgte dem Schein, der ber ein paar Hngematten hin und
her zuckte, in denen regungslose Gestalten lagen. Nun, wo war Larry?
George starrte schauernd in die gedunsenen Gesichter, deren Augen ihm
blicklos zugewandt waren, von einer trben Haut beschlagen wie tote
Fischaugen, -- o Gott, er kannte keine von diesen -- diesen Leichen!
Aber da ging eine schwache Bewegung ber das eine Gesicht, die
geborstenen schwrzlichen Lippen, von zahnlosen blauroten geschwollenen
Kiefern gesprengt, schienen sich noch ein wenig weiter zurckziehen zu
wollen, es war die verzerrte Spiegelung eines Lchelns, kein Zweifel,
dieser da, mit der Absicht des Lchelns, das war Larry und -- er hatte
Larrys Haare! Larry, -- ich -- ich hatte dich nicht vergessen!
stammelte George erschttert und neigte sich ber den Kranken. Dabei
fiel ihm qulend ein, -- was -- was war nur einmal so hnlich gewesen,
so als htte er dies schon einmal getrumt? Und auf einmal sah er sich
in einer hgeligen Sandwste, schmeckte heie salzige Luft, beugte sich
-- nun ja, ber den Janusch, der da heulte, der sich gehen lie wie ein
Tier, -- ach, das war es, dies Gefhl, sich nun -- auf alle Flle -- um
des anderen willen selbst berwinden, sich niederbeugen, ihn anrhren zu
mssen, obgleich dieser da -- sehr bel roch. Mensch, Bruder, --
Larry! dachte George in Verzweiflung und legte seine Hand auf den
schrecklichen Fleischklumpen, der aus dem Hemdsrmel hervorquoll.
Larry, was kann ich fr dich tun? fragte er leise und bekmmert.
Larrys Linke lag auf seiner Brust und schlug die grobe Decke mhsam
zurck, ohne da er in der erbarmungslosen Klte erschauert wre, -- er
fhlte wohl nicht viel Unterschied mehr zwischen dem Grad seiner
Blutwrme und dem dieser frchterlichen Grabesluft, -- und dann zerrte
er an einer Schnur, die ihm um den Hals hing, -- wo die Schlsselbeine
spitz hervortraten. Er ffnete die Hand ein wenig und zwei Amulette
wurden sichtbar, -- und nun wieder dieses Lcheln, dieses entsetzliche,
und zugleich ein heiserer, rauher Ton, -- nein, das war nicht die Stimme
der ^Rakes of Mallow^, jene vergngte Metallstimme von den Inseln her.
Toghiri! rchelte es da mhsam und noch einmal zupfte die Hand an der
Schnur.

George glaubte zu verstehen. Mit bebenden Fingern berhrte er die kalte,
schweiige Haut, knpfte die Schnur los. Toghiri bringen? fragte er
kopfnickend und hielt nun beide Heiligtmer dem Sterbenden vor die
Augen, -- ein Schutzstein aus grnem Jade war's und eine Mnze mit der
Mutter Gottes auf der einen und St. Patrick auf der anderen Seite. In
Larrys Augen trat ein Ausdruck beseligter Dankbarkeit und dann schlo er
sie, -- nicht um zu sterben, nein, nur zufrieden, verstanden zu sein, --
ja, das war nun erledigt, er brauchte sich nicht weiter abzumhen an dem
Bewutsein, da noch etwas geschehen msse, etwas, das ihm immer wieder
entglitt, -- was, -- was war es nur? Nun durfte er vergessen. Noch
einmal hob er die Augendeckel schwer, die Lippen zuckten, -- George
verstand, dies war der Abschied. ^Fare well^, Larry! sagte er stockend
und suchte seinen Weg hinaus, in der Dunkelheit stolpernd und ganz
stumpf vor Kummer.

brigens lebte Larry noch tagelang und sie waren lngst hinaus aus dem
Bereich der Treibschollen und Pinguine, ja, graue Meerschwalben, die um
die Masten strichen, schienen Land zu verknden, als sie eines Morgens
eine steife Puppe, in Segeltuch gehllt und mit einer Kanonenkugel
beschwert, vom Achterdeck aus versenkten. Bligh sprach ein eintniges
Vaterunser hinter der Leiche drein und George stand dabei und sah
Mahaine hinter einer Taurolle mit groen entsetzten Augen
hervorlauschen. Und nachher lehnte er an der Reeling, starrte
stundenlang in das Gewander der Wogen und pfiff die ^Rakes of Mallow^,
-- falsch, er wute es, -- aber dennoch, -- immer wieder. --

Die Osterinseln waren das erste Stck Land, das ihnen der freie Ozean
stumm darbot, wie er sie vor Jahrzehnten dem Jakob Roggewein hingehalten
hatte. Mahaine bemerkte in seinen rtselhaften Aufzeichnungen: das Volk
ist gut, aber die Insel sehr elend, whrend George sich unter anderen
Bemerkungen aufschrieb, da die groen Hte aus Flechtwerk, die in zwei
breiten Krempen auf die Schultern fielen, den Frauen ein
leichtfertiges, buhlerisches Aussehen gben. Dies schrieb er gleichsam
mit zusammengebissenen Zhnen nieder, irgendwelche verzweifelten
Absichten im Herzen, da, wenn sie nur erst wieder auf Tahiti wren ...
Jawohl, er war entschlossen, -- wenn anders sich sein Zustand von
bedingungsloser Verzweiflung und vorbehaltloser Gleichgltigkeit gegen
alles, was eine lange Kindheit ber ungestrt in ihm geblht hatte, --
wenn man dies als Entschlossenheit bezeichnen kann. Er trug einen
wtenden Ekel in sich herum, gegen das verschmutzte Schiff, in dessen
Planken man gezwungen war auszuharren, gegen dies ewige, ewige Wasser,
gegen das Essen, das er a, das Bett, in dem er schlief. Er hate alle
Fahrtgenossen und wute, da sie sich untereinander haten, da sie sich
nicht mehr sehen konnten, sich verachteten, im Geiste anspien, -- er
hrte das alles aus ihren fortwhrenden widerwrtigen Znkereien, ja,
diesen wissenschaftlichen Disputen! -- er hate den eigenen
ungepflegten, verkommenden Krper mit all den abscheulichen Merkmalen
des Skorbuts, er hate, -- oh, nicht zuletzt und am wenigsten, -- den
Vater, der infolge mangelnder Bewegung fett geworden war und so
unantastbar gesund blieb (was er auf das Pfeifenrauchen schob, er pries
tagaus, tagein seine Weisheit, sich so wohl mit Tabak versehen zu haben.
Wie hate aber George auch diesen slichen Qualm, in dem er Tag und
Nacht geruchert wurde!). In dieser Stimmung also fate George
Entschlsse, -- ja, Entschlsse, die im Grunde nichts anderes waren als
ein der Versuchung weinerlich Nachgeben und darauf ein tage- und
nchtelanges Umhertaumeln zwischen fieberhaften Vorstellungen. Jedoch
gengte es, da Cook wieder auftauchte, ausgemergelt wie ein Gespenst
seiner selbst, aber in der alten Straffheit und einen kalten
Willensglanz in den eingesunkenen Augen, einen Blick, unter dem die
Sauberkeit des Schiffes und die uere Regelmigkeit des Dienstes sich
hoben, ohne da es irgendwelcher Anschreierei bedurft htte, -- oh, man
wute wohl, was man Jimmy schuldig war, und erfllte es ohne weiteres,
eigene Wege an Land vorbehalten, -- es gengte fr George, diesen Blick
auf sich ruhen zu fhlen, um an schlechtem Gewissen fast zu sterben,
innerlich doch aufschluchzend vor Befriedigung in dem Gefhl, da dieser
Mann ihm rckhaltlos vertraute, ihn fr seinesgleichen hielt,
wahrhaftig, da er, George, auer den Offizieren der einzige war, mit
dem er unbefangen sprach, und der einzige an Bord berhaupt, mit dem er
scherzte. Cook war seine Rettung, jawohl. Und seine Aufmerksamkeit fr
den Kapitn bekam etwas Unruhiges, Fieberndes, er warf sein Inneres auf
ihn wie auf einen Felsen, um es aus dem anstrmenden Meer der
Versuchungen zu retten, -- ach, der Versuchungen zum Ha, zum Aufruhr
der Seele und des Krpers, die ihn so malos unglcklich machten, weil
ihre Anforderungen, er fhlte es wohl, eben ber seine Kraft gingen. Als
sie in der bsen See, in der Gegend der flachen Inseln, kreuzten, wo
Roggewein die afrikanische Galley eingebt hatte, bemerkte Bligh bei
Tisch, da diese Gewsser voller Untiefen das Labyrinth genannt
wrden, und schreckhaft sprang bei diesem Wort eine Erinnerung in George
auf, der er noch nachhing, whrend die anderen ber die Berechtigung
dieser Bezeichnung stritten. Auf Kreta aber, einer Insel mitten im
gischen Meer, hauste der Minotauros, eingeschlossen in die
Schneckengnge des Labyrinthes, und, -- o nein, -- er hatte sie nicht
vergessen, die Wanderungen vor dem Einschlafen, s und schaurig, denn
drinnen heulte der Minotauros, er selbst aber war sehr klein. Jetzt
aber, -- er horchte auf, Hodges bestritt, da etwas ein Labyrinth
genannt werden knne, dem eben dieser Minotauros fehle, und Dr.
Sparrmann spiete fein wie einen seltenen Schmetterling die Bemerkung
auf die Nadel, da man ja nie wissen knne, ob denn nicht doch ein
Minotauros vorhanden sei, da ja ein solcher Minotauros bis zuletzt eine
unbekannte Gre zu bleiben pflege. Allerdings, allerdings,
bertrumpfte ihn Wales, sein Kinn hastig reibend, es ist wie mit dem
Tode, teuerster Doktor, der in jedem Leben hockt ... Ihr werdet euch
wundern, sagte hier Mr. Forster und sagte auerdem h, h! was sein
ihm eigenes, nicht jedem durchaus angenehmes, etwas fettes Lachen war,
ihr werdet euch wundern, wiederholte er, indem er breitbeinig
aufstand, wenn ihr euer Labyrinth durchwandert habt! Was sitzt darin?
Was ist der Minotauros? Eine berraschung, ein Osterei, -- h, h -- du
_selbst_, mein teurer Freund, du selbsten sitzest drin, bereit dich zu
zerreien, hast dich vor dir selbst gefrchtet dein Leben lang ... und
nachdem Mr. Forster diese merkwrdige Erkenntnis mit einem sonderbar
vergngt ins Leere gerichteten Blick und ruckweise vorstoendem dicken
Zeigefinger stehend von sich gegeben hatte, verlie er die Kajte, nicht
ohne nochmals h, h gemacht zu haben, -- sehr zum rger von Mr.
Wales, der Nase und Mund vornehm-verchtlich hngen lie.

George aber war betroffen, -- war erschttert. -- --

Er wollte an Bord bleiben, als sie endlich wieder vor Tahiti lagen, er
schtzte Arbeit vor, die whrend der Fahrt zu lange geruht habe, er
schtzte Schmerzen in seinem immer noch geschwollenen Fu vor, er htte
sich am liebsten wie ein Tier verkrochen, -- indes sah Cook ihn mit
durchdringenden Augen an, die auch hier unter dem flammend blauen Himmel
nichts von ihrem Polarglanz verloren, und sagte: Sie gehen mit mir,
George! in einem Ton, der an Selbstverstndlichkeit nichts zu wnschen
brig lie. Und so ging er mit an Land und duldete, was ihn elend
machte, den Anblick dieses heien nackten Lebens, an dem er nicht
teilhaben zu drfen glaubte, denn hier war Cook, der durch das alles mit
verchtlich geschrzten Lippen hindurchging und der ihn schweigend
verworfen haben wrde, wenn er sich htte gehen lassen, -- und dies wre
unertrglich gewesen, denn er bewunderte, er liebte Cook. Liebte er ihn?
Oder -- hate er zuweilen auch diesen, hate ihn um seiner
unerschtterlichen hochmtigen Tugend willen, wegen jenes Auftrittes in
der Kajte, als Cook den Vater zchtigte und anspie, und damit ihn
selbst? Denn tief, tief fhlte sich George doch mit dem Vater verbunden
und wute es, ohne es sich einzugestehen, da er geringer war als
dieser, in irgendeinem Betracht geringer, und deshalb mit Recht abhngig
von ihm, und sei er zehnmal moralisch vorzglicher. Ja, -- _hate_ er
manchmal auch Cook? Oh, er wute es nicht, wute nichts mehr, als da er
grenzenlos unglcklich war. Er hatte keine Spielgefhrten mehr, um mit
ihnen den krperlichen berschu auszutoben, Larry war tot und Mahaine,
-- Mahaine hatte nichts Eiligeres zu tun gehabt als hinzugehen und zu
heiraten, natrlich, denn dieser Herr, weitgereist und im Besitze so
vieler roter Federn, war den stammverwandten Tahitianern unbeschreiblich
merkwrdig und begehrenswert. Gleich in einer der ersten Nchte ward er
zur Knigin Porea zur Aufwartung befohlen, und als er sich von dieser
Strapaze erholt hatte, warf er sein Auge auf eine unschne kleine
Insulanerin, die indessen die Tochter eines Eri war und ihm eine
erhebliche Mitgift an Land und Ansehen einbrachte, -- allein den
Tau-Tau, den Leibeigenen, der ihm von nun an folgen und ihn bedienen
mute! Mahaine also ward mit einem Schlage ansssig und brgerlich,
verzichtete auf alle weiteren Reisegelste und dachte nicht mehr daran,
mit nach England zu gehen. Er legte es George nahe, -- Teori nannte er
ihn und Teori sagte lockend das braune kindliche Mdchen, das er
mitbrachte, und lachte den Fremden mit breiten weien Zhnen an, --
seine Schwgerin Tehamai zu heiraten und sich ebenfalls auf Tahiti
niederzulassen, -- ja, im Eifer nahm er Georges Hand und fhrte sie ber
Tehamais feste warme Glieder, sprachlos verwundert, als der Freund sich
losri und ihn samt seiner vorzglichen Ware ohne ein Wort stehen lie.
Schlielich, schlielich ging ja alles vorber, vorber gingen auch die
Tage auf den Soziettsinseln, wo das Schiffsvolk sich noch einmal in
allen Freuden der Sdsee wlzte, vorber gingen wie Fiebertrume die
Erlebnisse der Tnze und Vorstellungen, die den Taumel immer noch
steigerten, vorber die Wochen, in denen jenes Mdchen aus Eimeo an Bord
war, dem sie Offizierskleider angezogen hatten und das auf Huahaine von
den Eingeborenen in einer wsten Pantomime verspottet wurde, -- alles
ging vorber und lie sich ertragen, wenn anders man es nur sachlich
betrachtete und sich Anmerkungen darber machte. Gesegnet die
Schreibtafel, die einen begleitete wie einen Talisman, gesegnet jedes
Blatt Papier, das sich zwischen ihn und die aufdringliche Wirklichkeit
der Dinge schieben lie! So berwand er die Sdsee, nahm Abschied von
den lachenden Inseln, ohne die Spur eines Brennens im Herzen, fuhr
vorber an den Pfingstinseln, an den Hebriden und an Neu-Caledonien, so
wie er einst in St. Petersburg durch die Museen gestolpert war,
grenzenlos ermdet und abgewandten Herzens, nur maschinenmig Eindrcke
aufnehmend und verarbeitend, -- so betrat er noch einmal Neuseeland,
fhlte eine schwache Wehmut, Larrys eingedenk, und versuchte es, Toghiri
aufzufinden, um sich seiner Botschaft zu entledigen, -- gab es indessen
auf, da Toghiri von ihrer alten Wohnsttte verschwunden war und sich
auch sonst nicht blicken lie, -- armer Larry in der eisigen See, so
schnell vergessen! -- und schlenderte tagelang einsam am Strande umher,
nach Osten sphend und im Winde etwas wie ein gemigtes Klima ahnend.
Ach, Europa! nun gab es nichts anderes mehr als _dieses_ Ziel der
Gedanken! Als ein Knabe war er hinausgefahren, hundertfach abhngig,
erwartungsvoll auf die Menschen blickend, und, wie oft auch schon
getuscht, doch ungebrochen im Vertrauen. Jetzt lag ein Zug
entsagungsvoller Erkenntnis in seinen Augen und um seinen Mund, der
seine zwanzig Jahre Lgen strafte, und hinter seinem unverndert
liebenswrdigen Auftreten, hinter der jungen Lady George, wohnte einer,
den sie alle nicht kannten, ein Einsamer, von zartem, schmerzlichen
Stolz, von einer entschlossenen Selbstgengsamkeit -- einstweilen! Denn
irgendwie hatten jene Eismeerwochen der Einsicht und Erkenntnis doch
Frchte gezeitigt, irgendwoher keimte eine trotzige Gleichgltigkeit in
ihm, irgendwann war es ihm aufgegangen, da er ja nicht fr alle
Zukunft, nicht sein Leben lang mit dem Vater zu rechnen habe ... Er und
das Schiff! das Schiff, das _seinem_ Willen zur Heimkehr diente! -- und
alles andere war gleichgltig, war Beiwerk, war Nebensache, Geschwtz im
Tauwerk und belangloses Geflgel. Er stand am Bug und starrte voraus auf
die unabsehbare graue, unheimlich von innen sich wlbende und atmende,
tobende und drohende graue Halbkreisflche, -- ach, Tag fr Tag, Woche
um Woche derselbe leere ghnende Osten! -- er packte, er ordnete wieder
und wieder, als msse er bereit sein, morgen von Bord zu gehen, -- Kap
Horn lag noch vor ihnen, -- er war zur Stelle, wenn der Vater, wenn Cook
ihn wnschten, -- alles in einer ungegenwrtigen Art und Weise und
innerlich mit nichts beschftigt, als sich sprungbereit fr die nchsten
Mglichkeiten in London zu halten und, -- wie sollte er anders, --
Projekte zu entwerfen, Projekte, in denen der Vater ganz und gar keine
Rolle mehr spielte. Er berwand, -- krperlich berwand er die Erde,
trat Feuerland hinter sich, entsetzliche Weihnachtstage auf Feuerland in
Schnee und Regen, unter tierhnlichen Geschpfen, die Pesserh! sagten
und weiter nichts, in allen Tonarten Pesserh, und hier verlor man
Zeit, so viel Zeit! Er jauchzte innerlich, als nach Staten-Island und
Georgia nun bis zum Kap keine verfluchte Insel mehr zu erwarten war, --
er schluchzte auf, -- brigens nicht als der einzige an Bord, -- als das
erste europische Schiff, ein hollndischer Segler, ihnen in einer
kalten Mondnacht in Rufweite gegenberlag und ihnen wie aus Geistermund
die Botschaft wurde, da ganz Europa Frieden habe!

Das war im Februar 1775. Acht Tage spter ankerten sie in der Tafelbai,
inmitten einer Flotte hollndischer Ostindienfahrer und franzsischer,
deutscher und dnischer Handelsschiffe, portugiesischer Kriegsschiffe
und spanischer Fregatten, ganz Europas Flaggen grten sie und sie
gingen an Land wie die Trumenden, europische Herren, den Dreispitz
unterm Arm, das Meerrohr in der Hand, anderen europischen Herren
ebenfalls mit dem Dreispitz unterm Arm begegnend, europischen Herren,
die gar nicht verwundert schienen, da sie einherspazierten und sogar
Damen mit sich fhrten, Damen in Kleidern aus Paris, zweifellos, -- mein
Gott, das gab es noch, Europa stand noch, war es denn so mglich?!
berdies gab es Speisen in unsagbar kstlicher, ganz vergessener
Zubereitung, an denen man sich notwendig beressen mute, -- Herr
Forster tat es, -- es gab Zeitungen, gab -- nach beinah drei Jahren, --
wieder Briefe von zu Hause! Ach, nicht nur hatte ganz Europa Frieden,
auch die Mutter, auch die Geschwister, sie lebten, sie tauchten wieder
auf aus dem Nebel der Unerreichbarkeit ... George lchelte, seit jener
Nacht im Polareis, als die Mutter ihr blutendes Herz an ihm
vorbergetragen hatte, hatte er sie tot geglaubt. Nun sah er so deutlich
ihr blasses Leidensgesicht, die durchsichtige, ein wenig vorspringende
Stirn ber den mden breiten Lidern vor sich, -- sah ihren Blick,
unendlicher Liebe und Mdigkeit voll. George prete die Hand aufs Herz:
nun kam er wieder, ein Mann, nun hatte ihr Leiden ein Ende. Er schwur es
sich, unbewut des bitteren Reuegiftes, das solche Schwre in sich
tragen.

Sie kosteten hier schon einen Vorschmack des Ruhmes, der ihrer in der
Heimat wartete, kosteten ihn auf den Festmahlen, die fremde Kapitne und
Offiziere ihnen gaben, waren aber nur halb bei der Sache, ungeduldig auf
die Weiterreise bedacht. Der kleine Dr. Sparrmann drckte sie
umschichtig an sein abschiedstrauriges Herz und stand mit dem
Schmetterlingsnetz winkend am Hafen, als das Boot sie berholte. Und nun
kam noch einmal das Schiff, Wochen um Wochen: das Schiff! Das Schiff,
ein Erdteil fr sich, im Raume, in der Wasserwste jagend, stampfend,
schlingernd, -- drohend, jetzt noch, ja jetzt noch, und mit Willen nicht
frher, mit ihnen allen in die Tiefe zu fahren, ihnen seine Macht
weisend in bsen quinoktialstrmen, -- das unbndige, das mtterliche,
das verhate und geliebte Schiff, das am 29. Juli mitternachts den
Leuchtturm von Eddystone tanzend grte und Tags darauf im Hafen von
Spithead schaukelte, vornehm und rtselhaft, sie alle entlassend, die
selig auseinanderstrebten, ganz ohne geheuchelte Schmerzlichkeit, denn
jetzt konnten sie einander entbehren, o ja, jetzt konnten sie wohl. --
-- --

                            [Illustration]




                            Zwischenspiel


                            [Illustration]

Ein Weg von vier Jahren und kein Weg durch die Rosenfelder der Jugend,
wie endlich anzunehmen wohl Berechtigung vorhanden gewesen wre, -- ein
Weg, wenn nicht mehr unterm Joche des vterlichen Willens, so doch unter
dem Zwange des eigenen unentrinnbaren Gewissens vor den Karren des
Familienunglcks geschirrt, -- genug, ein Kalvarienweg mit unzhligen
Leidensstationen, das war der Weg _vom Themsekai nach Cassel_ gewesen.
George Forster, in einiger Hast durch den dnnen Neuschnee auf dem
holprigen Pflaster der engen Gassen dem Hause des Ministers General von
Schlieffen am Knigsplatz zustrebend, noch ganz erfllt von all der
aufgewhlten Bitterkeit der letzten vierzehn Tage, von dem Wiedersehen
mit den Seinen in Halle, wo der Vater nun endlich als Professor der
Naturgeschichte installiert war, wie er selbst schon seit einem Jahre
hier am Carolinum zu Cassel, -- George, so ganz gegen seine Gewohnheit
dahinstrmend, die eine Hand an dem niedrigen englischen Hut, die andere
zwischen die Knpfe des Redingotes geschoben, er dachte voll
Schicksalstrotzes, jetzt, jetzt erst nach diesem ersten Jahre der
Niederlassung in Deutschland sei er endgltig angelangt in Cassel, als
in einem Ruheport und Friedenshafen. Jetzt erst, so dachte er voll
erzwungenen Freiheitsgefhls, das weiche Gesicht gegen den peitschenden
Schnee erhebend und angestrengt nach dem Turm der Martinskirche sphend,
von dem herab es eben fnf Uhr ber die Dcher sang, jetzt erst hatte es
sich vollendet, was damals in der eiskrachenden Christnacht am Pol in
seinem Herzen aufgesprungen war, um gegen den Stachel zu lcken. Oh, in
der Tat, jetzt war er los und ledig und es galt, dies Smmerring zu
erzhlen, es galt sich auszusprechen, das bervolle Herz in den Busen
des Freundes hinein zu entlasten, zu manifestieren die Einsetzung des
eigenen freien Willens als Daseinsfaktor. Indessen, es wrde kaum Zeit
sein, Smmerring noch vor der Sitzung allein zu sprechen, dachte George;
er hatte sich wieder einmal versptet, hatte sich in Jakobis Woldemar
verlesen, sich dann ber der Toilette versumt. Mit langen Schritten
nahm er die letzte Gasse. Jene Leidensstationen, jawohl, sie lagen nun
abgegrenzt in einem Bezirk der Erinnerung, das nicht in die Gegenwart
hineinreichte; dies schrieb er streng sich vor. Dahinten lagen die
demtigenden Verhandlungen mit dem Londoner Admiralittskollegium ber
die Verffentlichung der Reisebeschreibung Forsters, des lteren. Oh,
diese Verhandlungen, ber denen die ausgelaugte Maske Lord Sandwich'es
hing wie der kalte Mond einer Scheingerechtigkeit, in deren verwirrendem
Licht alle Begriffe zu schwanken begannen! Hier wurde blank
ausgefochten, was auf dem Schiff dumpf in Ha gebrtet hatte, -- und,
nun ja, -- wer fragte jetzt nach Lady George? Die Klingen kreuzten sich
ber das weiche Herz hinweg, und die sthlerne siegte ber die glserne!
Forster, der ltere, oder der Ruhm von England, Kapitn Cook? War das
eine Frage? George wnschte sich nicht zu erinnern. Vorber, dachte er
mit fieberndem Hirn, vorber, vorber. Vorber das Hungerleben in
London, das Schachern mit Naturalien und Kuriositten, an denen das Herz
doch irgendwie hing, -- George entsann sich im Fluge der geschnitzten
Frauenhand von der Osterinsel, -- hatte er sie nicht geliebt? Sie hatte
drei Guineen eingebracht, gewi! Vorber der Ansturm von Glubigern mit
Bulldoggengesichtern, von Gerichtsverhandlungen vor ungeheuern Percken,
vorber das Gespenst des Schuldturms zu Kingsbench, dessen Quadern das
Herz der Mutter zermalmten, oh, unertrgliche Qual! Hier sa Reinhold
Forster zwei Jahre lang und, Gott verzeihe mir, dachte George, aber ich
will das alles noch einmal erleiden, wenn ihm nicht wohl war im Gefhl
des bergroen Unrechtes, das ihm geschah. Ja, wahrhaftig, Gott verzeihe
mir, dachte George verzweifelnd, wie immer, wenn die Sure unterdrckter
Aufsssigkeit durch seine Gedanken fra. Und er brauchte nicht mehr
betteln zu gehen, -- vorber die Bittstellergnge an die Logen in Paris,
in Holland, -- an die deutschen Frstenhfe, wo er antichambriert hatte,
den Hut in der Hand, seine Reisebeschreibung gegens Herz gedrckt, ein
berhmter Weltumschiffer, blutjung und bettelarm!

Vorber, triumphierte er in gewolltem, inneren Jubel und flog ber den
breiten, geschweiften Absatz der schn sich windenden hlzernen Treppe
des Schlieffenschen Palais hinauf, drei, vier der niederen Stufen auf
einmal nehmend. Aus der Reihe von berkleidern, die im Vorzimmer hingen,
entnahm er mit einigem Schrecken den Grad seiner Versptung, erfuhr von
dem diensttuenden Lakaien, da Ihre Gnaden, die Frau Marquise von
Mombert noch nicht anwesend seien, atmete ein wenig auf und tupfte vor
dem Spiegel das schneefeuchte Gesicht mit dem Tuche ab. Er sah wohl aus,
stellte er in Eile befriedigt fest, die Wangen gertet, die Augen klar,
nichts von seiner gewhnlichen Stubenblsse.

Der Professor Mller gekommen? hrte er sich fragen, wie ihn dnkte,
ganz ohne seinen Willen, und ehe er die Antwort hrte, trat er schon an
dem Respektvollen vorber in die warme Kerzenhelle des Salons und
schritt in eiliger Verlegenheit auf den General zu, der dort vor dem
Marmorkamin in gedmpfter, phlegmatischer Unterhaltung mit einem groen
Herrn in Hofuniform stand, einem Herrn, der sein gepudertes Haupt und
den Oberkrper zurckwarf, als er Georges Namen hrte, und ihm beide
Hnde entgegenstreckte. Der Freiherr von Knigge? Nun ja, dies war ein
Herr mit blauen Emailleaugen. George, die Hand am Degengriff, machte die
Runde durch den Halbkreis der Gste, flsterte ein-, zweimal seinen
Namen vor unbekannten Erscheinungen, erfuhr, da es sich um die Herren
Richers und Greve handele, beide von den Hannoveranern in Hanau,
Leutnant Greve und Hauptmann Richers, zu dienen, -- schttelte Hnde,
sah liebenswrdig entzckt in andre liebenswrdig entzckte Augen und
erholte sich endlich, neben Smmerring verharrend, mit einem kleinen
Hsteln von dieser bung gesellschaftlicher Befhigung, die ihn stets
ein wenig Kraft kostete. Jetzt erst stellte er mit einem scheinbar
ziellos umherwandernden Blick fest: ja, Mller war anwesend. Er hatte
ihn begrt, ohne ihn zu erkennen. Jene kleine Unruhe am Herzen, die
eben nachlie und ausschwang, war die vielleicht entstanden, als er
Mllers Hand berhrt hatte? Er lchelte ein wenig bestrzt und wandte
sich Smmerring zu, -- was ging denn jener khle, glatte Mensch mit den
rtselhaft unzufriedenen Augen ihn an? Ach, sein Smmerring, der bebte
vor Wonne, ihn wiederzusehen nach der halbmonatlichen Trennung, klares
Wasser stand in seinen Augen, die sich voll Bewegung auf George
richteten. Nein, schn war Smmerring nicht, aber er wurde schn in
seinem Gefhl, und war nicht dies die Seele, die ihm den kalten, fremden
Ort zur Heimat gemacht hatte?

Unendliches habe ich zu erzhlen, Freund! flsterte George, die Hand
auf des anderen Arm, wandte sich aber im selben Augenblick der Flgeltr
zu, wie alle Anwesenden. Die acht Mnner verneigten sich, als brche
eine sonderbare Gewalt ihre Nacken. Und die Frau, die in dem apfelgrnen
Seidenkleide dort vor dem weigoldenen Hintergrund der Tre stand,
starrend in der Hoftracht einer schon halbverschollenen Mode von Paris,
mit den unbeweglich ber dem Scho zusammengelegten Hnden die goldene
Dose, das Geschenk des Landgrafen haltend, dem sie, wie es hie, eine
rhrende Zusammenkunft mit dem Geist seiner verklrten Ahnfrau, der
heiligen Elisabeth, verschafft hatte, -- diese Frau rhrte kaum die
halbgesenkten Lider, als sie nun dem schwerfllig auf sie zueilenden
General die Fingerspitzen reichte und mit schmerzlicher Hast halblaut
sagte: Beginnen wir, schnell! Sie haben alles vorbereitet?

George versprte ein Rieseln zwischen den Schulterblttern -- wie gut
kannte er das, diese Schauer des Labyrinthes! -- als er jetzt das
berpuderte Antlitz mit den zarten, emporgezogenen Brauen, den leicht
verzerrten Lippen und bebenden Nasenflgeln der sonderbar berhmten
Marquise von Mombert an sich vorbergleiten sah. Der General geleitete
die Dame mit befangenem Tnzelschritt, als ginge es zum Menuett, durch
den Saal zur Tre des Kabinetts. Ein buckliges Geschpf in
goldgesticktem Schorock mit einer bergroen Lockenpercke trippelte
hinter den beiden drein und brachte durch devoteste Bcklinge und
schadenfrohe Blicke jetzt erst seine Anwesenheit zum allgemeinen
Bewutsein. Aha, dachte George, dies war der Reisemarschall der
Marquise, war der Monsieur Touchet, der die empfindsamen Dramen schrieb
und berdies die Gabe besa, durch Handauflegen zu heilen, wie er von
sich zu verbreiten verstanden hatte. Sollte etwas Wahres daran sein? Was
wrde man heute erleben? Und nun wurde es ihm pltzlich wieder ganz
bewut: heute galt es mehr als einen geselligen Zeitvertreib, heute galt
es eine Probe anstellen auf Tod und Leben, einen Beweis erlangen, --
endlich vielleicht. Die Spannung, die den Tag ber in seinen Gliedern
gelegen hatte wie unterdrckte Krankheit, scho auf einmal zusammen und
straffte Geist und Krper zu unerhrter Aufmerksamkeit. Auf der Schwelle
ewiger Geheimnisse stehen, welcher Augenblick! fuhr es ihm durch den
Sinn. Freilich, ein Skeptiker, ein Mller ... dachte er sogleich
gergert weiter, wahrnehmend, wie dieser, einer Bitte des Generals
folgend, mit undurchdringlichem Lcheln die Kerzen in den Armleuchtern
lschte.

Die Marquise wnscht es so, hrte er den General im Ton gedmpfter
Erregung halblaut sagen. Indessen ist sie fr heute nicht disponiert,
uns, wie wir wnschten, einen Blick in die Geisterwelt tun zu lassen.
Sie wird uns jedoch, bertnte er die flsternde Enttuschung der
Gste, Zukunft und Vergangenheit auslegen, durch Betrachtung der Linien
unserer Hnde und durch Anwendung ihres bernatrlichen
Ahnungsvermgens. Ich, meine Herren, fgte er hinzu und bewegte
abwehrend die Hand, indem er sich mit halb verhaltenem chzen in einen
breiten, tiefen Armsessel niederlie, ich lege keinen Wert darauf, die
Grenzen meiner etwaigen Zukunft zu erfahren oder gar die Stunde meines
Todes. Dies Amsement scheint mir vllig eine Affaire junger Leute. Und
mit dem seltsam mitrauischen, rhrenden Forschen alter Menschen nach
den Mienen seiner Gste sphend, -- aus der offenstehenden Tr des
Kabinetts fiel eine breite Strae Lichtes in den Saal und verbreitete
eine schwache Helle, -- fragte er: Nun, wer ist encouragiert genug, den
Anfang zu machen? Und gleich darauf in gerafftem Ton: Meine Herren,
lassen wir die Dame doch nicht warten!

Stellen wir es doch auf die Probe, dies ausgezeichnete
Ahnungsvermgen! lie sich aus einer beschatteten Ecke Mllers Stimme
vernehmen und George ballte heimlich die Hand. Wei die Dame, wer hier
anwesend ist? Nicht? Kennt sie einen von uns schon von Angesicht? Nein?
Unmglich, da sie erst seit drei Tagen hier ist? Nun, -- so wollen wir
an ihr vorbeidefilieren und sie soll zunchst einmal den -- nun,
vielleicht den am weitesten Gereisten -- und den zugleich Berhmtesten
unter uns feststellen! Hatte ein heimliches Lachen in dieser ruhigen
Stimme gelegen? George war weit entfernt davon, in das Urteil Eine
sperbe Idee! einzustimmen, das Schlieffen ausstie; dieser Mensch
legte es darauf an, ihn zu demtigen, -- nun gleichviel. Welche Komdie!
Da ging man im Gnsemarsch hinber, Mller an der Spitze. Wohl dem, der
nicht wandelt im Rate der Gottlosen, noch sitzet da, wo die Sptter
sitzen ... ging es George bitter durch den Sinn. Aber, was lag daran?
Spielte dieser Mensch etwa auf Eitelkeiten an, die er bei ihm, George,
vermutete? Konnte er so mikannt werden? Oder kannte er sich selbst so
schlecht? Wie, ward er etwa unruhig bei dem Gedanken, die Marquise
knnte, -- knnte vielleicht den Schotten Richers bezeichnen, der in
Amerika gegen die Franzosen gekmpft hatte, -- er entsann sich
pltzlich, von diesem Fremden gehrt zu haben. Aber wrde er nicht
trotzdem Forster bleiben, Forster, der Jngere, mit einem Wort, der
junge Forster? Ah, welche Gedanken auf einem Weg von einer halben
Minute! Keine Gedanken, wrdig der Ewigkeit, die sich hier offenbaren
sollte! Galt es nicht, die Verbindung mit dem Herrn zu suchen in dieser
Stunde? Jetzt schritt Knigge, jetzt wandelte Prizier an der Seherin
vorber, sie rhrte sich nicht, ihre Hnde lagen regungslos auf dem
Buchsbaumtischchen, hinter dem sie sa; sie schien mit zurckgelehntem
Haupte und halbgeschlossenen Augen den Duft der Rucherkerzchen
einzuatmen, die Touchet dort ber der zngelnden Flamme des Leuchters
verbrannte. Jetzt Greve, -- jetzt -- Richers, -- zuckte etwas in den
Zgen der Frau? Vorber! Und George, ein paar Schritte hinter dem
Hauptmann, fhlte sich trichterweise erleichtert, zauderte, ging, von
Smmerring leise geschoben, vorwrts und ... Es war die Stimme Touchets,
die da pltzlich sagte: ^Restez ici, Monsieur, Madame a fait son
choix!^

Madame hatte gewhlt, in der Tat. Es war geschehen durch eine kaum
merkliche Bewegung des Hauptes, der linken Hand. George fhlte sich auf
einmal allein, hrte ein Gemurmel hinter sich ersterben, atmete den
slichen Kirchengeruch der Luft und sah verwirrt in diese blicklosen
Augen, Augen, die wie beschlagene Spiegel wirkten: die Iris war nach
oben gedreht, die Pupille nur halb sichtbar und das berwiegen des trb
gederten Augapfels gab dem farblosen Antlitz mit den scharfumrissenen,
hellroten Lippen einen blinden, einen bermig leidenden Ausdruck.

Man wei im Geisterreich von seinen Verdiensten, sagte jemand im
Nebenraum, Gelchter und Gemurmel quoll noch einmal auf, ein Stuhl ward
behutsam gerckt. Dann stand im Raum die atmende Stille der Erwartung.

Was wnscht Monsieur zu wissen? hrte George jetzt die Stimme Touchets
mit einer scharfen Slichkeit in Ton und Ausdruck. Die Vergangenheit
oder die Zukunft? Ah, -- die Zukunft, -- nicht wahr!?

Die Vergangenheit!

George stie es heftig hervor. Es galt eine Probe. Es war nicht ruchlose
Neugier, da er hier stand! Dies im Auge behalten, sich den Zweck nicht
trben lassen!

Die Vergangenheit! Erfahren, ob es mglich war, da Gott den Menschen
wrdigte ... Und mit einer ungeduldig heischenden Bewegung stie er der
Somnambule seine geffnete Linke hin und fhlte sie von schlaffen,
khlen Fingern umfat, -- Fingern, von denen doch eine bengstigend
saugende Kraft ausging. George dehnte den Brustkasten in einem seltsamen
Gefhl der Schwche. Wie, -- strzte all sein Blut in seine Hnde?

Und whrend er in diesem fremdartigen Taumel die Augen schlo, fhlend,
da der stumpfe Blick der Frau an ihm emportastete, -- war nicht damals
am Kap die groe Fledermaus so an seiner Brust hinaufgeklettert, die
sich in seinem Jabot verkrallt hatte ... da hrte er etwas wie einen
tnenden Seufzer, -- zwei, drei Worte ...

Nun, dies war wirklich zum Lachen!

Und er raffte sich zusammen und sah mit halbem Lcheln auf die Sitzende
nieder.

Nun, Madame, beliebt es? Die Vergangenheit, wenn ich bitten darf!

Eine Schleuse schien geffnet. Die Worte kamen unaufhaltsam.

Da ist eine Reise, wenige Tage zurck, -- oh, keine groe Reise fr
Monsieur, -- hundert Meilen ber Land zu fahren, was will das heien fr
Monsieur, der die ganze Erde kennt? Eine Reise zu Verwandten, Monsieur?
Die Verwandten sind lange in einem Land fern der Heimat gewesen. Ich
sehe -- Armut. Das ist vorbei. Monsieur hat gearbeitet fr seine alten
Eltern. Sind es die Eltern, Monsieur? Gut! Aber die Eltern sind nie
zufrieden mit Monsieurs Erfolgen. Ist es ^Madame Mre^? Nein. Aber der
alte Mann ... Ich sehe einen Berg. Ich sehe eine bittere Galle. Ich
fhle -- Neid. -- Ah, ^assez!^ Monsieur wnscht das nicht zu hren. Es
hat wenig Freude gegeben beim Wiedersehn. Streit, -- Kummer. ^Assez!^
Monsieur ist jetzt sehr allein. Da ist eine Frau, -- braune Augen.
^Prenez garde, monsieur!^ Monsieur hat Freunde, ah, sehr gute Freunde,
-- da sind _hohe_ Herren. Die letzten Jahre? Viel Arbeit, viel Reisen,
-- immer fr den alten Mann. Aber -- ist es nicht so? -- Monsieur hat
den alten Mann ...

George, der seine Hand an sich reien wollte, fhlte eine Lhmung,
fhlte Schwindel, fhlte sich wie unlslich an diese saugenden Finger
geschlossen.

Oh, wie der alte Mann wchst, je weiter es zurckgeht! Er macht den
Himmel dunkel. Viel Wasser, -- viel. Oh, welche Lnder ...

Hier legte Touchet seine Hand um das Gelenk der Frau und willenlos
ffnete sich ihr Griff um Georges Linke.

Gengt Ihnen dies, -- Monsieur? flsterte der Franzose von unten
herauf mit einem Entblen seiner Zhne, einem Hochziehen der Oberlippe,
das seinem zugespitzten Gesicht einen Ausdruck von Bosheit verlieh.

George nickte stumm. Er wandte sich, schwankte in den Saal zurck und
suchte seinen Stuhl. Und nun er endlich sa und seine Stirn mit dem
Taschentuch betupfte, seine linke Hand heimlich abrieb, um die
Erinnerung an jene schlangenhafte Berhrung los zu werden, kam er
allmhlich wieder zu sich, empfand die beruhigende Wrme, die von seinem
Nachbar Smmerring ausging, der fast Schulter an Schulter mit ihm sa,
seufzte auf und wute wieder: hier, dies war der Salon im Hause des
Ministers, dort auf dem Kamin blinkte in einem Lichtstrahl die glasierte
chinesische Vase, leise und geschwtzig pendelte von der Kommode her der
Gang der Boule-Uhr durch die Stille. Dies neben ihm, atmend und Leben
verratend, war Smmerring, ach, der _Freund_, und an seiner Rechten,
Mller, o, trotz allem, auch eine heimatliche Seele. Indessen, mein
Gott, gab es hier nicht einen kleinen Anhalt dafr, da er -- er selbst
war, -- oh, wollte niemand ihn anreden und diesem Kreiseln seines
Gehirns Einhalt tun? Da stand von Knigge nun vor dem Tisch im Kabinett,
das starke, rosige Gesicht unter dem gepuderten Toupet vom Kerzenlicht
angestrahlt und mit selbstgeflligem Lcheln dem lauschend, was Madame
ihm zu sagen hatte. In der fahlen Maske ihres Gesichts bewegte sich der
krankhaft rote Mund unaufhaltsam und quoll ber von jenem rauhen, tiefen
Geflster mit der rchelnden Betonung gewisser Worte, diesem Geflster,
das hier nicht zu verstehen war. Da war, durch einige Sthle von ihm
getrennt, der General, man hrte deutlich sein kurzes, mhsames Atmen
und das Klingeln seiner Berloques, mit denen er wie gewhnlich spielte.
Da war Prizier, er wippte mit dem Stuhl und trug Langeweile zur Schau;
freilich, dies hatte mit Alchemie wenig zu tun. Und da waren, ein wenig
nach Stall und Leder riechend, die beiden Herren Greve und Richers,
jawohl, von den Hannoveranern in Hanau, er hatte von ihnen gehrt, sie
waren zu Pferde herbergekommen, um die Seherin zu hren, -- Angehrige
brigens der Loge Friedrich von der Freundschaft, also nicht strikter
Observanz, noch nicht, -- diese waren ganz Andacht, saen vorgebeugt da,
hielten die Ellenbogen auf den Oberschenkeln, die Hnde gefaltet
zwischen den Knien, beobachteten starr den Eindruck, den die Worte der
Seherin auf den Zgen von Knigges hervorriefen, warfen sich zurck,
schttelten ratlos die Kpfe, griffen sich grbelnd ans Kinn ... Gute,
junge Leute das, der Hauptmann und der Leutnant, dachte George, einer
unbehaglichen Rhrung voll, der eigenen sechsundzwanzig Jahre nicht
eingedenk, -- und doch, -- was erinnerte ihn pltzlich daran? Jene
ersten Worte der Seherin, jener gehauchte Ausruf bei seinem Anblick, --
nein, -- lcherlich! Dennoch, was hatte sie gemeint! -- Gegenwrtiges?
Zuknftiges? Stand ihm etwas bevor, das jenen Seufzer rechtfertigte? War
es also noch nicht genug gewesen, -- das alles, was hinter ihm lag? Aber
er wollte sie nicht um die Zukunft befragen, nein, er hatte genug von
der Erfahrung, da zwischen ihm und jener Fremden dort am Tisch kein
Schleier waltete, da kein noch so dnnes Hutchen seine Erinnerung von
ihrer Seele schied, -- da hier, -- ja, da hier also in der Tat ein
seltsames Ineinanderwogen der unsichtbaren Wesenheiten verschiedener
Personen statthatte. Ein Ineinanderwogen, ein Verschmelzen nicht nur der
Seelen, -- auch die Zeitbegriffe waren aufgehoben, -- Vergangenheit,
Zukunft, das stand aufgerissen da in einer weiten, raumhaften Gegenwart,
in der alles nebeneinander ragte, was bestimmt war, ein Leben flieend
zu fllen. Welch ungeheurer Frieden, dachte George bestrzt, mte dort
wohnen hinter der niederen Stirn von Madame! Ja, dieses Wesen in dem
mitgenommenen Kleid aus verschlissener, grner Seide, in der Robe einer
halbverschollenen Mode von Paris, es war im Besitz der All-Einheit, es
mute strahlen von gesammeltem Lichte, -- es war -- -- seltsam, seltsam!
-- nichts als ein greifbarer Ausdruck gttlicher Allwissenheit. Ach,
aber es wohnte da kein Frieden; da war Qual. Qual sprach aus den
gereckten Zgen dieser Frau, aus ihrem blinden Tasten nach den Hnden
der Fremden, aus ihrem Zusammenzucken, wenn die Stimme Touchets in ihr
Hirn drang. Das war keine Herrscherin im Unsichtbaren, -- nur ein armes
Werkzeug, ein geknechteter Schalltrichter fr bermenschliche Stimmen.
Aber ich, dachte George weiter, gepeinigt, das Erlebnis bis ins Letzte
auszuschpfen, wenn es _mir_ gelnge, das Trennende auszulschen,
durchzustoen das Hutchen, zu zerreien den Schleier, -- wenn ich mich
nur hingebe, mich strmen lasse, -- es gelingt, -- es gelingt! Und
wieder empfand er das Kreiseln des Gehirns, das Aufgehobensein des
Selbstbewutseins, jene Ahnung des Schwebens, wie er sie erfahren hatte
in den Gebetsrasereien der vergangenen Monate. Gleich, -- gleich, --
dachte er krampfhaft, -- oh, schon hatte er aufgehrt, George Forster zu
sein, was war dieser Name, wen hatte er einmal bezeichnet? Einen
gefeierten, jungen Gelehrten? Einen Professor der Naturwissenschaften am
Carolinum zu Cassel? Einen Schtzling von Frsten? Einen Freund guter
Freunde? Ein Schwall von Erinnerungen strzte zwischen ihn und sein
Bemhen, auszulschen. Irgendeine Stimme, empfunden wie ein bohrender
Punkt glhenden Lichts, der die Dunkelheit nicht aufkommen lie,
wiederholte eigensinnig: Cassel! Carolinum! Collegium! Gold, Gold und
wiederum Gold! Landgraf und Konsorten! George, George, Forster, Freund!
Bruder Amadeus! und widerwillig gab er nach, lie ihn wachsen, den
Punkt, anschwellen das Licht, erkannte sich, jawohl, George Forster,
Professor der Naturwissenschaften am Carolinum zu Cassel, der
Gelehrtenschule des Landgrafen von Hessen, George Forster, Mitglied des
geheimen Rosenkreuzerzirkels, mit dem Bundesnamen Amadeus, der hier sa,
als htte er Zeit brig fr -- mige Charlatanerien, -- nicht wahr, so
wrde der Vater das nennen, -- als mte er nicht ber seiner Arbeit
brten, um Geld zu verdienen, Geld! _Viel_ Geld, denn was tat man ohne
Geld, ohne Bcher, Instrumente, gute Kleider, wie sie seine
Lebensstellung nun einmal ntig machte, also Geld fr sich und dann, --
aber, o mein Gott, immer noch und endlos, fr den Alten, der jetzt dort
in Halle sa, und sich mit Lust der Erkenntnis hingab, da die
Postverbindung zwischen ihm und dem Sohne nun auerordentlich viel
besser war, als zwischen London und Hessen-Cassel!

George rckte sich ein wenig zurecht und kam durchaus zu sich. Er
schauderte zusammen, es war khl im Saal, das Feuer im Kamin war
niedergesunken. Eben kehrte Smmerring von der Seherin zurck, das
Lcheln verlegener Ratlosigkeit um den Mund, das er fr unerklrliche
Flle vorrtig hatte. Rtselhaft! raunte er George zu, indem er sich
niederlie, sie hat mir mein ganzes Leben gesagt. Dinge, die niemand
wissen konnte. Ich bat um die Vergangenheit, -- wie du! Dieses wie du
stand als Motto ber Samuel Smmerrings Tagen, seit er George kannte.
Indessen ging eine Bewegung durch den Kreis und es ward festgestellt,
da niemand mehr da war, der Madame befragen wollte.

Nun, meine Herren, in der Tat? Sie sind befriedigt?

Der General sphte nach den Mienen seiner Gste und verweilte prfend
auf den ihm zunchst Sitzenden, Richers und Greve, die immer noch in den
Anblick der Pythia versunken waren. Zuweilen murmelte Greve etwas wie:
Unbertrefflich! worauf Richers, der ein Schotte war, regelmig aus
tiefster Seele ^Rather!^ antwortete. Dann, mit leisem chzen seine
schwerflligen Massen in Bewegung setzend und sich auf der Lichtstrae
nach dem Kabinett zu schiebend, nachdem er durch eine Glocke den Diener
hereingerufen hatte, gab er das Zeichen, sich zu erheben. George stand
ernchtert im Schein der wieder aufflammenden Kerzen. Er meinte, dort im
Kabinett einen Papierumschlag auf den Tisch flattern gesehen zu haben,
die Marquise, hochmtig und erschpft ins Leere blickend, beachtete ihn
nicht, aber Touchet griff gierig danach. Hier ward ein Handel
abgeschlossen, jene Frau dort lebte vom Verkauf ihrer Ewigkeitsnhe;
freilich, weder sie noch ihr Begleiter wirkten wie fleischgewordene
Gottesgre und es war ohne Zweifel eine ganz alltgliche Person, die
dort ein wenig mrrisch den Komplimenten des Generals lauschte. Wrde
sie der Gesellschaft noch einmal die Gunst ihrer Offenbarungen erweisen,
ihnen das Geisterreich auftun? -- oh, sie konnte ja sehen, da die
Herren erschttert waren wie Moses auf dem Sinai, hier befanden sich
weder Zweifler noch Sptter! Die letzten Worte, die Schlieffen halb in
den Salon hinein gewandt sprach, lsten unterdrcktes dankbares
Gemurmel, durch das die Marquise mit abwesendem Ausdruck
hindurchschritt, whrend Touchet eilig und widerlich freundlich
Verbeugungen erwiderte, die ihm nicht gegolten hatten. Nun, gehrte jene
Frau etwa diesem krummen Zwerg? War sie in seine Gewalt geraten und
trieb er Raubbau mit ihren Fhigkeiten? George erlag dieser Vorstellung
einen Augenblick, indem er nach der Tr starrte, hinter der die Fremde
verschwunden war. Dann begegnete er Mllers Blicken, in jenem
unbegreiflichen Lcheln auf sich gerichtet, das dieser Mann immer fr
ihn hatte. Er raffte sich zusammen. Ein wunderliches Schicksal, sprach
der andere ihn an, dies ist eine Frau von Welt, ihr sogenannter
Reisemarschall aber wirkt wie ein Jude. Wie dem auch sei, -- eine
interessante Demonstration!

_Eine_ Empfindung ist zehntausend Demonstrationen wert! gab George
kalt zurck. Wo war Smmerring? Man brach auf. Und ein Blick in den Saal
zurck zeigte ihm Schlieffen, den Arm auf das Kaminsims gesttzt, tief
nachdenklich vor sich niedersehend. Ein alter, schwerer und mder Mann.
Die Seelen werden ihrer Masken mde, wenn das Leben sich neigt, ging es
George schwermtig durch den Sinn.

Schweigsam schritt er hinter den anderen die Treppe hinunter, hob
aufatmend den Blick, als er ins Freie trat. Orion! dachte er wie ein
Gebet. Und nun, -- es schlug erst sieben vom Turm, es war noch Zeit zu
einem Spaziergang, ehe man sich zum Kammerherrn von Canitz begab, wohin
die Gesellschaft auf den Abend gebeten war, gewisser Besprechungen
halber. Er ergriff Smmerring beim Arm.

Ich versichere Ihnen, meine Herren, da sie dies alles nicht wissen
konnte, sie hatte nicht den geringsten Anhalt, hrte er hinter sich die
Stimme von Knigges, der zwischen Richers und Greve einherschritt. Es
ist ein Phnomen, ein unerhrtes Naturspiel ...

Was sagst du, George? murmelte Smmerring. Ich komme nicht darber
hinweg, da die Huren Allwissenheit haben sollen und die Augen reiner
Jungfrauen gebunden sind ...

Oh, mein Wertester! sagte Mller und wandte sein rtselvolles Gesicht
ber die Schulter zurck, George mit seinem traurigen Lcheln streifend,
sind Sie noch in dem Traum von der Vestalinnen Reinheit befangen?

Prizier lachte zischend. Schker! meckerte er, ein Schker, das, der
Professor!

Ich wei es nicht, sagte George, aus seinen Gedanken auftauchend und
sich Smmerring zuwendend. Vielleicht haben wir erleben sollen, da das
Gef gar nicht drftig und demtig genug sein kann, um das heilige
Leuchtl aufzunehmen. Diese Frau ist am Leben zerbrochen. Das Gef ist
nichts, der Inhalt alles. Selig, die am Geist Armen, ists nicht so? Sind
wir nicht einfach genug, Freunde?

   Wir treiben viele Knste
   Und kommen weiter ab vom Ziel ...

Er sprach es trumerisch und wie fr sich allein. Mller hatte sich
Prizier zugewandt. Ihre Schritte klangen dumpf auf der schneebedeckten
Strae. Der Flu dampfte zu ihrer Rechten, lichte Fenster sumten das
jenseitige Ufer wie Reihen riesiger Glhwrmer, im Nebel hob sich
gespenstisch geballt der Turm der Martinskirche.

Ja, ich habe meinen Beweis! raunte George und prete den Arm des
Freundes an sich, was mir noch fehlte zum vollen Glauben, es ist
gewonnen. Oh, freilich wohl: selig der Glauben, ohne gesehen zu haben.
Aber, -- selig auch, der gewrdigt wird, zu sehen!

Sie hatten ihre Schritte verlangsamt und blieben hinter den andern
zurck.

Es geht mir hnlich, wie dir, murmelte Smmerring erschttert.

Es ist unmglich, da sie meine letzten Jahre kannte, fuhr George
leidenschaftlich fort, die Plackerei und Mhsal fr den Vater seit der
Heimkehr aus der Sdsee, -- all die Reisen fr ihn, -- und nun sein
malcontentes Benehmen, seit er glcklich in Halle installiert ist. Nun,
aber du weit, ich frage nicht nach Dank!

Dies letzte gehrte nicht zur Sache. Er stie es hitzig heraus und
schttelte Smmerrings Arm.

Ich wei, Teuerster, ich wei ...

Oh, nichts weit du! Sprachen wir uns denn seit meiner Rckkehr aus
Halle? Den Abgrund hat dies Wiedersehn zwischen mir und ihm aufgerissen!
Aber wer ahnte das schon? Welche Seele htte ich auch nur ganz von ferne
einen Blick in meine tun lassen? Nun, diese Frau sagte es mir: Ihr hat
den alten Mann ... Smmerring, Smmerring, wie wurde mir da!

Er stie einen Ton aus, lachend, keuchend. Guter Gott! Smmerring
suchte vergeblich Worte. George beruhigte sich.

Du siehst mich exaltiert, sagte er, die Augen zum Firmament erhebend.
Oh, Freund, ich bin so ber die Maen glcklich, wieder hier zu sein!
Ich war in der Wste. Ich fand nicht die mindeste Rezeptivitt fr die
Begriffe, die unsere Glckseligkeit ausmachen. Vielleicht noch fr die
physikalische Seite der Sache. Gold machen knnen, -- o ja! Nicht bel!
Aber -- aber -- Nun, du verstehst mich. Ich hatte dort keinen Augenblick
der Sammlung, die Zeit, die ich unserm Herrn zu weihen pflegte, mute
ich mich in einfltiger Gesellschaft ennuyieren und ber ihre Spe und
Zoten lachen. Tagsber sortierte ich die Herbarien, wie als Junge. Der
Geist verhalf mir zu Demut, Geduld und Liebe. Meine Schwestern ...

Halt! flsterte Smmerring in diesem Augenblick und umkrampfte seine
Hand. Halt! Schweige!

Sie waren stehengeblieben. Georges Herzschlag setzte einmal aus. Eine
vermummte Gestalt, bermig gro, wie es schien, aber geduckt und den
Kopf zwischen hochgezogenen Schultern bergend, tat schleichende Schritte
an ihnen vorber, die vom steigenden Monde fahl beleuchtete Huserwand
entlang, ihren grotesk verkrzten Schatten mit sich fhrend wie einen
widerwillig gebndigten blen Geist. Sie berholte die Freunde, um
lautlos in die Schwrze eines Seitengchens zu tauchen.

Manegogus! flsterte George mit versagender Stimme. Sie schritten
weiter, die Arme voneinander gelst, die Kpfe gesenkt, wie ertappte
Snder. Einmal blickte Smmerring scheu zurck. Wie lange mag er hinter
uns gegangen sein? murmelte er, man hrt kaum einen Schritt in dem
frischen Schnee.

Du vergit, da es schwer zu verstehen ist, was vor einem Hergehende
sprechen! redete George hastig. Auerdem sprachen wir nicht laut. Wir
sprachen auch nicht von Ordensdingen. Oder, ich bitte dich! _sprachen_
wir von Angelegenheiten des Zirkels?

Nein, nein! stie Smmerring beteuernd hervor und wandte wieder den
Kopf zurck.

Du siehst es, du siehst es! George fate mit der Hand an den Kopf.
berall. Auf Schritt und Tritt! Wute er von dieser Sance? Natrlich,
er wute es! Mein Gott, aber dies ist mehr als natrlich.

Er blickte hinber nach dem Museum Fridericianum, dessen Fassade drben
neben der schwer gegliederten Masse des Schlosses in ihren edlen
Verhltnissen unwirklich dastand wie ein vom Monde geborener Traum.
Irgendein Sehnen nach jenen Kammern und Slen voller Realitten, nach
reinlich geordneten Sammlungen, nach fest umrissenen Arbeitsstunden
rhrte ihn in der Tiefe des Unbewuten an, -- ein junger Baum, der Zucht
des Grtners gewohnt, was _wei_ er viel, wenn der Stab ihm pltzlich
fehlt und er in jedem Winde schwankt? George Forster seufzte auf.

Sie stampften den Schnee von ihren Stiefeln und betraten das Haus des
Kammerherrn, dessen chzende Torflgel ein Bursche vor ihnen aufgerissen
hielt. --

Ah, auf ein paar Worte, meine Herren, -- mein teurer Freund ... der
Kammerherr war eilig und ein wenig erhitzt in das Vorzimmer
herausgekommen, wo George und Smmerring ablegten. Der Diener schien
beauftragt gewesen zu sein, ihr Eintreffen zu melden, jetzt zog er sich
zurck.

Ich bin untrstlich! fuhr Canitz aufgeregt und gleichwohl zerstreut
fort, indem er seine Erscheinung im Spiegel musterte und unzufrieden an
seinem Jabot nestelte, ich mu auch Sie bitten, heute abend alle
Angelegenheiten des Bundes, speziell unsres Zirkels, falls denn die Rede
daraufkommen _sollte_, nur in ganz allgemeiner Weise zu berhren. Wir
mssen davon absehen, die Herren Richers und Greve gerade heute zu
gewinnen. Mit einem Wort, -- wir sind nicht unter uns!

Er rannte mit kurzen Schrittchen zu einer Flgeltr, ffnete halb und
rief in das zarte Klappern und Klirren von Porzellan und Silber hinein:
^Mon dieu^, Emil. Er hat doch das Couvert fr den Herrn Grafen so
aufgelegt, da S. Gnaden zu meiner Rechten und zur Linken des Herrn
Professors Forster zu sitzen kommen? Ah, sehr gut so! Schlo die Tr
wieder und erklrte mit unbeteiligtem Schmunzeln:

Jawohl, lieben Freunde, -- ein junger Graf Puschkin aus St. Petersburg,
an mich rekommandiert durch die Frstin Gallizin, ja, durch die Charitin
Amalia! ... Er lchelte gerhrt und fgte hinzu: Ein _junger_ Herr!
Mit seinem Gouverneur auf Reisen. Er brennt darauf, von der Sdsee zu
hren, Allergelehrtester!

Indem er nun, als verge er sie vollkommen, die Freunde wieder verlie
und hinter der Tre verschwand, aus der er gekommen war, tauschten
George und Smmerring einen Blick, wobei einer von ihnen ^Damned!^
murmelte. George, sagte Smmerring in diesem Augenblick einer
pltzlichen Erinnerung nachgebend, -- die Marquise -- was sagte sie als
erstes Wort zu dir? Du fuhrst zusammen, ich sah es.

George lachte kurz auf. ^Nonsense!^ rief er aus, tat mit seinen
Handschuhen einen Schlag durch die Luft und ging dem andern voran in das
Empfangszimmer. --

Er hat Weihrauch auf den Lippen und Sure im Gemt, dachte er kurz
darauf etwas ergrimmt, als er ber die Schulter des jungen Russen
blickend und mitten in einem wohlgebauten Satz ber den Hofstaat des
Knigs O-Tu den Augen Mllers begegnete, der dort hinter dem Rcken des
Gastes lautlose Schritte auf und nieder machte, Wandleuchter, Bilder und
Spiegel gelangweilt musternd, die Hand in den Westenausschnitt geschoben
und mitunter einen der Anwesenden mit seinen schweifenden Augen
gleichgltig freundlich anblickend. George empfand Kritik in jedem
Auftreten dieses Mannes, jener nahm nichts ernst und hing an die
heiligsten Sentenzen sein skeptisches Fragezeichen. War es die
Beschftigung mit der Historie, die die Unbefangenheit zersetzte? Woher
nahm er das Recht, alles anzuzweifeln? Hielt er es fr ein Recht des
Philosophen? Indessen war er etwa allein Philosoph? Hier stand er,
George Forster, der die halbe Erde gesehen hatte, -- _gesehen_, meine
Herren, der nicht nur ein blasses Bcherwissen hatte wie Sie alle! --
hier stand er im blauen englischen Frack und unterrichtete einen
halbasiatischen Wrdentrger ber die Eigenschaften der Sdseeinsulaner,
entledigte sich dieser Aufgabe in dem weltmnnischen Plauderton, den ihm
die Gewohnheit des Umgangs mit hohen Herren verliehen hatte. War dies
ein Anla, ein Auge zuzukneifen und die Mundwinkel hngen zu lassen, oh,
nur fr eine Sekunde, und dann sah man wieder aus wie ein harmloser
Zuschauer des Lebens; aber George hatte es wohl bemerkt. Er fhlte
entrstet, da ihm der Faden der Rede entgleiten wollte, einfach ber
dem Gedanken, da er diesen pflaumenfarbenen Rock noch nie an Mller
bemerkt habe und da dies im Grunde eine sehr hbsche Farbe sei, nahm
erschrocken wahr, da die lichten Brauen des Knaben vor ihm sich leise
hoben, seine blassen Augen sich etwas weiteten, da Herr von Hippel, der
Gouverneur, wunderlich lchelte, -- wute, da er sich wiederholt habe,
stockte verwirrt, blickte vor sich nieder und vernahm in diesem
Augenblick dankbar die Aufforderung zu Tisch zu gehen.

Priziers Vortrag fllt also ins Wasser? fragte ihn Mller, zu seiner
Rechten sitzend, halblaut in das erste Aufrauschen der Unterhaltung
hinein, nachdem man sich um die runde Tafel herum niedergelassen hatte
und der Graf Puschkin fr Minuten vllig von Canitz in Anspruch genommen
wurde, der selig irgendwelche Erinnerungen an allerhchste Verwandte
Hchstdesselben auspackte.

^Mon dieu^, was fr ein verlorener Abend!

Ich halte es nicht fr Raub an meiner Arbeit, Stunden im Umgang mit
Menschen zuzubringen, gab George steif zurck, sich nicht bewut, da
seine Augen es verrieten, wie er selbst sich getroffen fhlte. Er sah
auch nicht, da der andere lchelte, denn er vermied es, ihn
anzublicken. Mag sein, da ich meine Arbeit nicht so hoch einschtze,
fgte er kampfbereit hinzu.

Wann werden Sie einmal einen Abend bei mir zubringen, Forster? fragte
Mller herzlich, den Ton der Antwort vllig berhrend. Ich denke doch,
wir wrden manches auszutauschen haben. Ich wrde sagen, bringen Sie
Smmerring mit, indessen es plaudert sich nun einmal zu zweien ungleich
leichter als zu dreien.

Haben Sie Neuigkeiten von Jakobi? fragte er nach einer Weile, als
George nichts erwiderte und ihn nur mit einem unsichern Blick gestreift
hatte.

Ich danke Ihnen, ja, sagte der Gefragte nun hastig. Er ist mit den
Seinen wohlauf. Ach, Pempelfort, -- ein Paradies der Freundschaft!

Er bediente sich mit Fisch, griff nach seinem Glase und lchelte Mller
nun freimtig an. Der Freundschaft Angedenken! sagte er und hob den
grnlichen Rmer mit einer schwrmerischen Gebrde, zugleich Smmerrings
Blick suchend, auf den er alsbald traf, denn Smmerring, dort drben
zwischen Richers und Greve, schien mit diesem Blick lngst in
Bereitschaft gelegen zu haben. Mller, der bedchtig getrunken hatte und
sich nun seinem Fisch in ausgesucht zierlicher und besonnener Weise
widmete, sagte langsam: Ich schtze den Menschen Jakobi ungemein. In
bezug auf seine Schriften aber bin ich ein wenig Goethes Meinung.

George fuhr auf.

Goethe, sagte er schnell, ist ein groes Genie und ein kaltes Herz,
ohne Hingabe und ohne Treue, unfhig, eine Seele wie Fritz Jakobi zu
umfassen. Goethes Geist gleicht der Pracht antarktischer Breiten, mein
Herr, und der Woldemar entsprang einem wrmeren Himmelsstrich.

Er sah Mller hochmtig an, seine Lippen bebten. Mller war ein wenig
erschrocken. Er machte Oh! und wandte sich Herrn von Hippel zu, gerade
als der Graf, von dem der Kammerherr endlich erschpft ablie, um mit
dem Ausdruck eines rosigen apoplektischen Mopses vor sich hinzustarren,
seine Hand behutsam auf Georges rmelaufschlag legte.

Bitte, Herr Professor, sagte er leise und zutraulich, wie ein
schmeichelndes Kind, unterrichten Sie mich ein wenig ber das Wesen der
Maonnerie und ... er lie einen geschwinden Blick zu seinem Gouverneur
wandern und senkte die Stimme noch mehr, -- und -- verwandte Dinge. Sie
sind Maurer, -- welcher Mann von Welt wre es nicht?

Sie befehlen, Graf -- George gedachte der Warnung des Kammerherrn und
war einen Augenblick verwirrt. Dann fate er sich. In der Tat, --
Maurer, -- wer war es heutzutage nicht?

Allerdings gehre ich einer Loge an, antwortete er zurckhaltend
soweit es die Artigkeit zulie, diese Dinge aber sind so allgemein, da
ich Sie nicht damit ennuyieren darf. Denn ohne Zweifel gehren Sie
selber der Verbindung aller Guten zum Guten an?

Der junge Mann, knabenhaft noch, bla ber seinem dunkelgrnen
goldbordierten Leibrock und unter dem Puder der Haartracht, senkte die
gewlbten Lider und schob die volle Unterlippe unzufrieden vor.
Irgendeine Erinnerung sang in George auf, -- ach, -- wo doch nur?
Richtig, -- jener vornehme Knabe in der Petersburger Eremitage, -- ihm
sah der Graf hnlich. Mein Gott, -- dies lag bald zwanzig Jahre zurck.
Er machte eine fast zrtliche Bewegung gegen seinen jungen Nachbarn:
Belieben Sie nur zu fragen, Graf, sagte er, meine Erfahrung steht
vllig zu Ihren Diensten!

Der Graf, ohne aufzusehen, die Hnde ungeduldig bewegend, sprach nun
schnell und leise: Ich bin Mitglied der Loge zu den drei Weltkugeln in
Berlin. Ich bin aber nur ein einziges Mal mit Hippel dort gewesen, eben,
als man mich aufnahm. Immerhin, ich bin im Bilde, was die Maurerei
angeht. Jedoch, mein Herr Professor, -- jetzt blickte er George fest an
und sprach lauter, als er wahrscheinlich beabsichtigte, -- was ist es
mit der strikten Observanz? Was ist es mit der Rosenkreuzerei? Wozu
dient die Alchemie? -- Dies alles wnsche ich zu erfahren, endete er in
scharfem Flsterton und behielt dabei Hippel im Auge, der jetzt von
Knigge verfallen war und seinem Zgling keinerlei Aufsicht schenken
konnte. Mller, von seinen beiden Nachbaren im Stich gelassen, sa mit
seinem gewhnlichen Lcheln unbeteiligt da, George versuchte, mit seiner
Person die Worte des Grafen aufzufangen, war aber berzeugt, da Mller
zuhrte und alles verstand. Sie setzen mich in Verlegenheit, brachte
er hervor, ich wte nicht, von welchem Belang diese Dinge fr Sie sein
knnten. Er berlegte, durchaus im unklaren darber, welche Art von
Aufklrung hier erlaubt und zulssig sein mchte.

Da unser Freund in Verlegenheit zu sein scheint, hrte er da zu seinem
Schrecken Mllers Stimme reden, machte eine Gebrde, als wollte er
Schweigen gebieten, lie mit einem hilflos emprten Blick zu Canitz
hinber aber die erhobene Hand wieder sinken, -- so gestatten Sie mir,
Graf, Sie ein wenig zu unterrichten.

Mller lchelte fast schalkhaft, er sa zurckgelehnt, nur den Kopf ein
wenig vorgebeugt und seitlich gewandt, seine schnen Hnde, die mit den
Flchen nach oben auf dem Tischtuch lagen, bewegten sich zuweilen
leicht.

Die Alchemie, Graf, nach der Sie fragten, wenn mein Ohr mich nicht
tuschte, ist eine Wissenschaft, deren Beherrschung jeder von uns sich
angelegen sein lassen mte, denn sie geht darauf aus, uns armen
Sterblichen alles zu verschaffen, wonach unsere innersten Wnsche
stehen, Gold nmlich im berflu und langes Leben durch die Erfindung
des ^Aurum potabile^, das einstweilen nachweislich nur Moses, Elias und
Esra besessen haben. Ist's nicht so, meine Herren?

Er sah sich unbefangen-behaglich im Kreise um und schien sich dessen gar
nicht bewut zu werden, da ein verdrieliches Schweigen seinen Worten
folgte, whrend nun die Diener Teller wechselten und den neuen Gang
herumboten. Erst als sich die Tren hinter den Aufwartenden geschlossen
hatten, denn es gehrte zu den Gesetzen des engeren Zirkels im Hause des
Kammerherrn, da die Speisenden whrend der Tafel sich selbst bedienten,
brach Canitz in die Worte aus:

Ich bin auf das peinlichste berrascht, Sie, mein Wertester, dem ich
mit Fug eine gerechte Migung in allen Fragen der Wissenschaft meinte
zutrauen zu drfen, von einer so wichtigen Materie leichthin und nahezu
mit Frivolitt handeln zu hren!

Mit Sptterei! fiel der ehrliche Smmerring ber den Tisch hinber
ein.

Tja, tja ... keuchte der Kammerherr unter ruckweisem Vorstoen des
Kopfes und blickte Mller mit vorwurfsvoller Erwartung an.

Oh! machte Mller liebenswrdig erstaunt, richtete sich gerade auf und
wandte sich dem alten Herrn mit vollendeter Verbindlichkeit zu.
Verehrtester, ich bitte aufrichtig um Vergebung. Indessen, da weder
Moses, noch Elias, noch auch jener Esra, dessen Verdienste mir eben
nicht gegenwrtig sind, noch nachweislich unter uns weilen, glaubte ich
mich berechtigt, ihren Besitz der Tinktur anzuzweifeln und mithin
berhaupt das Vorhandensein jenes Lebenselixiers.

Niemand, fgte er unschuldig lchelnd hinzu, mchte das Geschenk
einer solchen Wunderessenz lebhafter begren als ich. Denn, -- meine
Freunde, -- ich liebe das Leben! Er hob sein Glas und trank dem
Freiherrn von Knigge zu, der ihm mit einem kaum merklichen Lcheln
Bescheid tat, einem Lcheln, das er nun mit der breiten weien Hand
gleichsam von seinen Zgen wegwischte, als er das Glas absetzte und mit
seiner etwas fetten Stimme bedchtig sprach:

Moses, Elias und Esra mgen zuversichtlich in der richtigen geistigen
Verfassung gewesen sein, die den wahren Adepten ausmacht, indessen waren
sie allem Anschein nach nicht darauf bedacht, den flchtigen Geist zu
materialisieren, und auch nicht im Besitz der Chimie, als eines Mittels,
^Lapis philosophorum^ zu kristallisieren und somit seine Bedingungen auf
den Krper anwendbar zu machen. Denn, meine Herren, und er wlzte
bedeutungsvolle Blicke von dem Hauptmann Richers zu dem Leutnant Greve,
zwischen denen er seinen Platz hatte und die mit dem sprungbereiten
Ausdruck begieriger Lehrlinge dasaen, 's ist der Geist, -- der
flchtige Geist, der in der wahren Chimie eingefangen wird. Der Geist
ist's, der lebendig macht ... er a nachdenklich und hingebungsvoll
einen Bissen, -- ja, ja, und das Fleisch ist schwach.

^Rather!^ bemerkte Richers zustimmend. Der kleine Graf richtete seine
schrg geschnittenen, etwas schwimmenden Augen wieder auf George, zu dem
er das meiste Vertrauen zu haben schien. Die Herren, sagte er in
seinem harten rollenden Franzsisch, scheinen der Ansicht zu sein, da
die Alchemie eine schwierige Wissenschaft sei, bitte, ^Monsieur le
Professeur^. Ist es Ihnen bereits gelungen, Gold herzustellen?

George hantierte hastig mit seinem Besteck. Graf, sagte er mit
unverhltnismiger Inbrunst, die Goldmacherei ist eine Nebenfrage fr
den wahrhaft Strebenden.

Oh! und ich denke es mir so hbsch. Haben Sie von dem Grafen Cagliostro
gehrt? Er soll in St. Petersburg gewesen sein ...

Der sogenannte Graf Cagliostro ist ein Nekromant und huldigt der
schwarzen Magie, -- ohne Zweifel ... rief Smmerring mit etwas
atemloser Stimme ber den Tisch hinber, sah errtend um sich und blieb
mit einem hilfesuchenden Blick an George hngen. Ich meine nmlich ...

George aber, in Erregung, dem Grafen zugewandt, aber Mller ins Auge
fassend, sprach hastig wie von einer sonderbaren Eingebung berflieend:
Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, -- so wird euch solches
alles zufallen. Den _Seinen_ gibt es der Herr schlafend. Alles ist euer,
-- ihr aber seid Christi!

Auf diese Worte, die eine ungeduldige junge Prophetenstimme in den Kreis
geschleudert zu haben schien und die fr eine Minute krperlos strahlend
von der Gewalt ihres Geistes im Raum hingen, war es still geworden, bis
Herr von Hippel von seinem Teller aufsah und mit einem gutmtigen
Lcheln sagte: Der Herr Professor ist bibelfester als man das
heutzutage bei den Herren von der reinen Wissenschaft anzutreffen
pflegt. Und, ber den Tisch gelegt, begann er, Smmerring, der ihm,
seiner westpreuischen Mundart wegen, als ein halber Landsmann
erscheinen mochte, eine breite Geschichte von einem kurlndischen
Pastoren und einem littauischen Bauern zu erzhlen, die auf einen derben
Scherz hinauslief.

Rosenkreuzerei, sagte er sodann zu von Knigge, indes die Bedienten
wieder um den Tisch gingen, -- wart', wart', Freund, -- was hab' ich
doch davon gehrt? Nichts Gutes, wie mir scheint!

Sie sind ohne Zweifel unterrichtet, gab Knigge gleichmtig
liebenswrdig zurck.

Bitte, mein Herr, sagte der kleine Graf, durch das Klappern der Teller
gedeckt, jetzt leise zu Mller, ihn aufmerksam mit glnzenden Augen
ansehend: Ich habe gehrt, da es in den Kreisen der Rosenkreuzer
Zauberei und Teufelsanbetung gebe ...

Ach, mein Graf, -- Mller schlug einen Ton herzlicher Ergebenheit an,
-- was hrt man nicht alles in dieser bsen Welt! Zauberei und
Teufelsanbetung! Ich wollte, ich htte einen Rosenkreuzer bei der Hand,
um Ihnen ganz seine Ungefhrlichkeit darzutun! Schauen Sie sich unsern
Forster an, werfen Sie einen Blick auf unsern liebenswrdigen Wirt! So
und nicht anders wrde ein Rosenkreuzer auch aussehen, -- oder etwa wie
der wackere Doktor Smmerring dort drben, wenn schon im ^Opus
mago-cabbalisticum^ zu lesen steht, da der ^doctor-Titul^ gleichfalls
ein Mahl-Zeichen des Tieres oder des Weibes Jesabel sei.

Ich verstehe nicht ganz, warf der Graf mit verklrtem Lcheln ein.

Ist auch nicht ntig, ist ganz und gar nicht ntig, Verehrter, denn das
^Mago-cabbalisticum^ kann kein Sterblicher verstehen, so wenig wie die
^Aurea catena Homeri^. Dies interessiert Sie aber gar nicht, Graf, Sie
wnschen ber die Rosenkreuzer ^in praxis^ zu hren, und da sage ich
Ihnen, wenn sich schon die heutigen Rosenkreuzer fr die Brder der
alten Pythagorer und Gnostiker zu halten belieben, so tun sie das ohne
Recht, denn es fehlt ihnen der Mut, Mysterien zu feiern, und wenn die
Templer Schafskleider umnahmen, wenn sie in die Welt gingen, so sind die
Rosenkreuzer von heute hchstens Schafe in Wolfskleidern, -- sie beien
nicht, Graf! Und da Ihnen dies alles wahrscheinlich orphische Worte
sind, so will ich mich zum Schlu ganz kurz und klar fassen: es ist zu
viel Wasser in diesen Wein geschttet, die Rosenkreuzerei von heute ist
ein ffentliches Geheimnis und eine Angelegenheit braver Brger.

Ich wei nicht, warum Sie einen Gegensatz zwischen der Rosenkreuzerei
und den Qualitten des Brgertums zu wnschen scheinen, mein Werter,
sagte Prizier verschnupft, als fhlte er sich persnlich getroffen.

Herr von Hippel trommelte mit den Fingern auf dem Tischtuch und bemerkte
von oben herab: Sie haben da recht beruhigende Observationen gemacht,
mein Herr. Mir sind bse Dinge zu Ohren gekommen, die in den
Rosenkreuzerlogen ihr Wesen haben sollen. Er hob die Hand vor den Mund
und raunte dem Freiherrn von Knigge ber den Tisch hinber ein Wort zu,
das mit Achselzucken aufgenommen ward. Mller wandte sich kalt ab.

Magie im hhern Sinne, Chimie und ein verborgener Staat, der die
Begebenheiten der Welt sehr dirigieret, sind mit der Hauptzweck dieser
segensreichen Verbindung, Graf. Lassen Sie sich nicht irre machen! Der
Kammerherr sprach bse und kurzatmig und sah mit gerteten Augen scheel
nach Mller hin, um dann unruhige Blicke ber seine Gste wandern zu
lassen.

Ich wei nicht, warum wir uns alle so exaltieren, sagte jetzt Mller,
irgendwie gelst durch die Wellen ausgesprochenen und verschwiegenen
Widerspruchs, die ihn trafen. Er gab seine lssige Haltung auf und fate
Smmerring lchelnd ins Auge, der ihn finster betrachtete, soweit seine
Gesichtsbildung diesen Ausdruck zulie. Wir sind auf dem Wege, ber
einer harmlosen Frage unseres wibegierigen Gastes einen Wortkrieg zu
entfesseln, als seien wir verschiedener Meinung ber das Wesen einer
Gesellschaft, whrend wir es tatschlich doch nur ber ihre
Erscheinungsformen sind.

Belieben Sie sich ein wenig deutlicher auszudrcken, Herr Professor,
sagte Herr von Hippel einigermaen mrrisch. Die Institution der
Maonnerie ist eine ehrwrdige, sanktioniert durch den Beitritt
allerhchster Herren und Souverne. Was darber ist, das -- soll vom
bel sein ...

Die Institution der Maonnerie, sagte Mller und blickte angestrengt
auf die Kerzen des Armleuchters vor sich, kleine goldene Funken standen
in seinen braunen Augen, die Institution der katholischen Kirche, die
Institution des Luthertums, -- und -- wie mich deucht, -- auch die der
Rosenkreuzerei sind Ordensbildungen, sind Kristallisationen innerhalb
des wogenden Ozeans von Geist, der sich nach Christi Tod aus seinen
Schranken befreit in die Welt ergossen hat. Der erste Orden, meine
Freunde, -- er sah sich mit einem seltsamen, nahezu schchternen
Lcheln im Kreise um und sprach sehr sanft, -- der erste Orden war der
Orden der Brder vom reinen Willen. Er war -- und er _ist_. Er hat keine
Gebruche und Statuten, es gibt keine Grade in ihm, weder blaue noch
rote. Dies ist die unsichtbare Bruderschaft. Wir werden in sie
hineingeboren, oder wir finden sie nie. Wer ihr angehrt, erkennt den
Bruder am Klang der Stimme oder am Lcheln des Herzens, -- ich wei
nicht, -- aber verbunden ber alle Grenzen und Weiten sind die Brder
vom reinen Willen ...

Schwrmerei eines Freigeistes! murrte Prizier.

Sie unterschtzen geflissentlich den Wert der festen Konventikel, mein
poetischer Freund! warf von Knigge mit einem rtselhaft hohnvollen
Ausdruck ber den Tisch, moralische bungen sind fr die Seele erfunden
wie der preuische Drill fr den Krper. Gesetzt den Fall, -- nun, aber
ich will ganz allgemein bleiben. Sagen Sie uns: ist jener -- reine Wille
ein Prservativ gegen die Versuchungen des Fleisches?

Wollen Sie mit jenen wie Nicolai und Lessing keine Christen mehr haben,
sondern nur Menschen, -- Menschen ohne Vorurteile, weder in Moral,
Religion noch Politik? Meinen Sie nicht, da Sie sich damit auf der
Suche nach der Wahrheit die Mittel abschneiden, sie zu finden?
Smmerring fragte es leidenschaftlich, seine Neigung zum Stottern
vergessend und berwindend. Und indem nicht Mller, sondern der
Kammerherr die Frage auffing und nachdrcklich ber den Wert der Demut,
der Notwendigkeit der Verachtung alles dessen, was die schnde Welt
hochachtet, zu dozieren begann, wandte sich Mller an George, der ihn
stumm anblickte, und sagte mit unterdrckter Stimme:

   Die unsichtbare Bruderschaft,
   Zu der ich auch gehre,
   Hebt Nacht fr Nacht zu neuer Kraft
   Mein Herz durch ihre Chre ...

Ist dieser Vers Ihnen irgendwo auf Ihren Fahrten begegnet, mein weit
gereister Freund. Wei Gott, woher er stammt ...

Beachten Sie dies, Graf, -- und -- zu Richers und Greve gewendet, --
auch Sie, meine Herren, wenn anders Sie ein Interesse an diesen Fragen
haben, -- bei der Rosenkreuzerei kommt es meines Wissens -- nun, meines
Wissens! ich habe -- Canitz lie seine Augen wandern, nehmen Sie an,
ich htte einmal jemand gekannt, der mich ein wenig eingeweiht htte, --
also, es kommt darauf an, Gott nahe zu kommen und in ihm konzentriert
alles zu bersehen, was in anscheinend unbegreiflicher Unordnung da vor
uns liegt.

Redend erhob er sich, die Linke auf den Tisch gesttzt und sich gegen
seine Gste verneigend. Man folgte seinem Beispiel.

Innige Vereinigung im Geiste mit diesem hheren Wesen, sprach der
Kammerherr weiter, die eine Hand auf der Schulter des jungen Russen, mit
der andern das eigene Kinn umspannend und angestrengt vor sich
hinblickend, das ist's, was der Jnger anzustreben htte. Und der Weg
dazu? Eine grenzenlose, eine seraphische Liebe zu Ihm, wie auch zu den
Brdern, bestndige asketische Gemeinschaft im Geist und in der Wahrheit
und -- hm, hm, -- er starrte nachdenklich ins Leere, -- endlich
kontemplative sowohl als auch praktisch experimentierende Erforschung
der Natur! schlo er triumphierend und sah sich nach Forster um, --
Nun, ist's nicht so, mein Freund?

In der Tat, George erkannte mit einigem Staunen eigene Wortreihen
wieder, einem Vortrag entstammend, den er vor nicht allzulanger Zeit im
vertrauten Kreise gehalten hatte.

Die Herren scheinen mir sonderbar unterrichtet, sagte Herr von Hippel,
der ein wenig hastig neben seinen Zgling getreten war. Der Kammerherr
meckerte vergngt.

Eine kleine Tabagie, meine Herren, rief er aus, wie wr's mit einer
kleinen Tabagie und einem Spielchen? Und begeben wir uns der groen
Fragen!

Bierkrge und Tonpfeifen, ein Kartentisch warteten im Nebenzimmer, einem
kahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite, zog Richers und
Greve heran und brachte das Gesprch auf Pferde. Canitz sa mit Knigge
und Prizier beim L'Hombre und fluchte gelegentlich unwirsch. George und
Smmerring bildeten stumme Zuschauer. Mller lehnte an der Wand unter
einem Bilde des preuischen Knigs und sah melancholisch und angewidert
aus. Wieder mute George an den Petersburger Knaben denken, -- warum
nur? War's die Vorstellung des Knigs, von dem jener Knabe damals zu ihm
gesprochen hatte, -- ja, und dies, da er damals so sehr gewnscht
hatte, der Knabe mchte zu ihm sprechen? Whrenddessen war von Hippel,
wohl in der berzeugung, seinen Zgling endgltig und wirksam in die
zulssigen Bahnen zurckgeleitet zu haben, an den Kartentisch
herangetreten, hatte sich einen Stuhl neben den des Kammerherrn gezogen,
rittlings darauf Platz genommen und begleitete das Spiel mit seinen
Bemerkungen. Wohl, dachte George, es mag nicht immer selig sein, einen
Erben zu hten. Und, indem er sich selbst, von Smmerring gefolgt, der
Ecke nherte, in der die jungen Leute saen, war er bemht, sich in der
berzeugung zu bestrken, da er seinen Platz aus Interesse fr den
Russen wechselte, -- und nicht etwa, weil Mller jetzt dort an dem
hollndischen Kachelofen lehnte, einer Erzhlung Greves zuhrend. Und,
-- oh, es war durchaus nicht immer noch die Beschreibung der Reitschule
in Hannover, der der Knabe mit glhenden Ohren lauschte! Nein, hier in
dieser Ecke unter dem trpfelnden Wandleuchter, wo es nach Tabak, Leder
und ein ganz klein wenig nach Stall roch, -- denn wie schon erwhnt, der
Hauptmann und der Leutnant, sie waren zu Pferde von Hanau
herbergekommen und saen nun einmal da, wie sie gekommen waren, in
Reithosen und hohen Stiefeln, -- hier war im gedmpften Ton der
Begeisterung die Rede von der Marquise, hier klang der Name Cagliostros
auf, hier ward die wunderbare Geschichte von dem Polen Sendivogius
erzhlt, der, ein Rosenkreuzer ohne Furcht und Tadel, im Besitz des
Steins der Weisen gewesen war.

Graf Puschkin, wieder mit Augen von dem Glanz derer eines Kindes, das
nie fr wahrscheinlich gehaltene Mrchen von Blutzeugen erhrtet hrt,
wandte sich an Mller: Und Sie, ^monsieur^, sagte er dringlich, --
ein Mann der Wissenschaft, -- Sie halten es auch fr mglich, Gold zu
machen?

Mein Gebiet, Graf, ist das der Weltgeschichte. Ich habe zu hren und --
aufzuzeichnen. Indessen, -- hier stehen zwei Mnner vom Fach, -- zwei
Naturforscher. Nehmen wir ihr Urteil an!

Ja, Mller lchelte. Und geqult wiederholte George oft gesprochene
Worte, deren Inhalt auf einmal einen seltsam schmalen Geschmack hatte
--: Die Wissenschaft in der Hand jenes Glaubens, der Berge versetzen
kann, -- was vermchte sie nicht, meine Herren?

                   *       *       *       *       *

Eine halbe Stunde spter unter den kalt funkelnden Januarsternen
zwischen Smmerring und Mller eilig durch die Gassen schreitend, sagte
George mit einem etwas gewaltsamem Atemholen: Die Brder vom reinen
Willen, -- ich habe nicht ganz verstanden, -- ist es eine Institution?

^Mon dieu^, -- nein, Freund, -- Sie haben nicht verstanden. Mller
lachte kurz auf.

Also, -- George tastete, -- eine Idee, -- ein Einfall -- ein Wunsch?

Es gibt Ideen mit dem Charakter von Tatsachen, sagte Mller, wieder
mit jenem ungeduldigen Auflachen, indem er den Kragen seines Mantels
hochschlug. Aber wenn Sie es denn gesagt haben wollen: die Brder vom
reinen Willen sind die Menschen, denen das Gesetz ihres Lebens in
Harmonie mit dem Gesetz des Universums eingeboren ist, -- und wenn es
Grade unter ihnen gibt, so mgen die unter ihnen die grten sein, die
dieses Gesetz in sich am reinsten vernehmen. Aber ich wei nicht, ob wir
uns verstehen ...

George und Smmerring schwiegen. Mller mochte Mitrauen fhlen und
seufzte ungeduldig auf. Diese drei Mnner, alle noch diesseits der
Grenze der Dreiiger, schritten miteinander durch die Nacht, von den
durch sie kreisenden Strmen verwandter Ideen und Leidenschaften mit
aller Heftigkeit der Jugend angezogen und abgestoen.

Sie wissen nichts vom Bunde und ahnen nicht, wie sehr Sie im Herzen der
Unsre sind! Georges Stimme schwankte ein wenig und klang werbender, als
er selbst es vielleicht wnschte.

Mller zgerte.

Ich empfinde die Schnheit des Bundes, sagte er vorsichtig, und
glaube, da ihm anzugehren die moralische Glckseligkeit strkt. Lassen
wir die Chimie beiseite, -- auf sie kommt es nicht an ...

Oh, ein wahres Wort! rief Smmerring begeistert.

Freund! George legte eine bebende Hand auf Mllers Arm. Sie werden
der Unsre! Ich ahnte es! Jetzt! In dieser Stunde! Kommen Sie mit uns!

Er nahm Schweigen fr Zustimmung. Er ging weiter im seltsamen Taumel,
die andern durch seinen Schritt zur Eile mitreiend. Sie erreichten das
Haus, in dem er wohnte. Er schlo auf und ohne weitere Verabredung
folgten ihm die beiden andern die dunkle steile Treppe hinauf, an der
Wand entlang tastend. In Georges Zimmer angelangt, wo die aufflammende
Kerze ihm die blasse gespannte Miene Smmerrings, die verschlossene
Mllers zeigte, entledigten sie sich ihrer Mntel. George rumte mit
fliegenden Hnden einen Tisch ab, holte zwei Bronzeleuchter und
entzndete feierlich die Wachskerzen, legte eine Bibel zwischen sie und
entnahm dem Schrank endlich einen eingewickelten Gegenstand, ein
Kruzifix aus Elfenbein, das er enthllte und aufstellte. Mit fremder
Stimme sprach er: Meine Freunde! Christus sagt: wo zwei oder drei
beisammen sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen ... Und
zwischen den beiden andern niederkniend, die gefalteten Hnde auf die
Kante des Tisches gesttzt, begann er zu beten.

Vom Flstern anschwellend zum gedmpften Schrei ri seine Stimme sein
Herz auf. Entsetzen quoll hervor, Angst, Not, Einsamkeit. Er beichtete.
Er enthielt sich keines Gestndnisses. Und sei es aus Scham, sei es aus
Hingerissenheit, -- flsternd fiel Smmerring, stammelnd fiel Mller
ein, die drei Stimmen, verborgenste Gedanken in Worte sammelnd und
ausstoend, stiegen nebeneinander auf und vereinigten sich in eine
steile Rauchsule des Opfers. Diese Drei, die Hupter zurckgeworfen,
die Augen verzckt aufgeschlagen, die Lippen verkrampft, wie sie dort
knieten, sich haltlos in den Hften wiegend im Sturm der Anbetung -- sie
wurden eins im Rausch. Ihre gefalteten Hnde lsten sich, tasteten
nacheinander. Sie umschlangen einer des andern Schultern,
aneinandergelehnt, Schlfe an Schlfe fhlten sie eine unfabare
Vermischung ihrer Wesenheit. Und wie der Sturz der Worte nachlie, wie
er mhlich in Seufzern verebbte, verharrten sie dennoch kniend, blieben
sie umschlungen, bis ihre Arme in Ermattung niedersanken und Forster
sich als erster wieder erhob, bebend und in den Knien wankend, die Augen
getrbt.

Und da, in diesem Augenblick, als er die beiden andern unsicher ansah,
war es ihm klar, da dies nicht der Weg gewesen war, Mller zu gewinnen,
Mller, der dort abgewandt stand und die Schnallen seiner Beinkleider
anzog, die sich beim Knien gelockert hatten. Verzweifelte Ernchterung
berkam ihn. Er verbarg sie hinter einem gleichmtig gesellschaftlichen
Auftreten, das seltsam von dem eben erlebten Taumel abstach.

Sie sprachen nicht mehr viel. Frstelnd, die Kerze in der Hand,
begleitete George die beiden die Treppe hinunter. Die Wnde glitzerten
von Eiskristallen, der Atem rauchte.

Noch eines war's, was ich fragen wollte, Freund, sagte Mller auf den
letzten Stufen stehen bleibend und zu George aufblickend. Die Seherin,
-- sie hatte ganz im Anfang ein Wort fr Sie, das Sie zusammenfahren
lie, -- was war es, -- darf ich es wissen?

Ach, Teuerster! George schritt an ihm vorbei und vollends hinunter,
vor sich hinlchelnd, whrend er an dem Schlosse der Haustr hantierte.
Was sie da sagte, war nicht gerade vom Geist eingegeben und im Grunde
ridikl.

Und was war es, -- wenn ich doch fragen darf?

George hielt die Tr auf und erschauerte in dem eisigen Luftzug, sein
schmales Gesicht leuchtete geisterhaft bla.

Sie sagte, -- nun, damit Sie etwas zum Lachen haben, -- sah mich an und
sagte -- zu mir: ^Mon pauvre ami, -- Au revoir  Paris!^

                   *       *       *       *       *

Wann war er nur je erwacht, _ohne_ diesen Druck zu spren, diesen
dumpfen, frchterlichen Druck auf seinem Herzen? Mochte es in seiner
frhesten Kindheit gewesen sein, vielleicht auch auf der Wolga, --
vielleicht in den ersten Wochen der Sdseereise, -- jene Morgen
jedenfalls, die er sorgenlos begrt, jung, froh und erwartungsvoll, ihr
Licht ward aufgetrunken von der grauen Winterschwermut, die nun einmal
das bliche zu sein schien.

Was fr Gestirne, dachte George an diesem Mrzmorgen verzweifelnd,
whrend er sich berstrzt ankleidete, was fr Gestirne mag ich ber mir
haben? Lag denn sein Leben ganz im bleiernen Schatten des Saturn? Was
aber das Schlimmste war, er empfand es heute wieder mit frchterlicher
Klarheit, das war dieses: sein Unglck kam nicht mehr von auen her!
Frher war es, -- nun ja, er sthnte auf und ri an seinen
Schnallenschuhen, -- frher war es eben der Vater gewesen, der diesen
Druck ausbte, der Vater und seine Unrast, der Vater und seine
Arbeitswut, die wie mit der Hetzpeitsche hinter ihm gestanden hatte.
Schlielich, in diesen letzten Jahren, der Vater -- und seine Schulden;
vielleicht auch -- der Vater und seine unverhllte Eifersucht auf die
Erfolge des Sohnes, obgleich es ein seltsamer geheimer Triumph war,
diesem nackten Neid immer wieder zu begegnen, -- eben noch, bei seiner
Anwesenheit in Halle, wie hatte der Alte es ihn immer wieder merken
lassen, da er, George, mit seiner Bearbeitung und Verffentlichung der
Sdseereise im Grunde schmarotzt habe -- schmarotzt! Ich habe die
Sdseereise beschrieben, murmelte George vor sich hin, knpfte an
seiner Weste und lief erregt in dem engen Alkoven auf und nieder, --
wohl, er wute ganz gut, da er sich scheute, sein Arbeitskabinett zu
betreten, weil eine Unordnung darin starrte, deren er kaum noch Herr zu
werden vermochte, ich habe sie beschrieben auf seinen eigenen,
hundertmal als Befehl ausgesprochenen Wunsch, weil die verfluchten
Englnder, -- Cook nehme ich aus, -- Herrgott, verzeihe mir den Fluch
...! (Er zog ein Notiztfelchen und bemerkte sich unter vielen
Aufzeichnungen hnlicher Art: den 28. Mrz frhe, geflucht.) Weil also
die Englnder ihm seine eigene Arbeit zu verffentlichen verboten. Ich
habe sie geschrieben, um ihn aus dem Schuldturm zu retten und uns alle
vor dem Verhungern. Ich habe ihm durch meinen Flei und meine
Konnexionen Unabhngigkeit und die gesicherte Position in Halle
verschafft. Macht alles nichts: ich habe schmarotzt, schmarotzt,
schmarotzt! So! Und wer hat denn auf der Reise das Material sammeln
drfen, wer hat Tagebuch gefhrt? Er lchelte bse und sah sich in dem
Spiegel.

Sie werden weiterhin fr Ihren Herrn Papa arbeiten drfen, Mr.
Forster, sagte er schneidend zu der graugekleideten, schlanken und
ebenmigen Figur da im Glase, die ihn so tdlich ernst aus kummervollen
grauen Augen anstarrte. Gestern war ein Brief aus Halle gekommen: der
Vater bat, o nein, der Vater _ersuchte_ um 150 Gulden. Es war nicht der
erste Brief dieser Art. Woher das Geld nehmen, schrie es in George,
woher?

Und nach einem Augenblick des Hndeballens, nach einem krampfhaften
Schtteln, das seinen ganzen Krper durchlief, zog er wiederum das
Notiztfelchen und machte unter demselben Datum eine weitere Eintragung:
Gehat!

Indessen, -- was ging der Vater ihn noch an? Hatte er kein Geld, so
wrde er eben keins hinschicken. Empfand er solche Briefe denn im Grunde
tiefer als Mckenstiche? Nein, nein, -- das Schlimmere war es eben, da
sein Leid nicht mehr durch uere Verhltnisse kam, da er stumpf
geworden war gegen das bestndige Rtteln des Schicksals, -- das
Schlimmere war, -- da er sich selbst zum Leid geworden war und -- das.
Er berschritt entschlossen die Schwelle zum Nebenzimmer und sah mit
trostlosem Blick auf das Durcheinander von Bchern, Schriften und
wissenschaftlichen Gerten, das Tische, Sthle, ja, den Fuboden
bedeckten. Keine innere Sammlung, kein Entschlu, keine zusammengeraffte
Arbeit war noch mglich in dieser Umgebung, und diese Umgebung war ein
Abbild seines Kopfes. So dnkte es ihn. Er blieb an der Tr stehen,
lehnte die Stirn an den Rahmen und berlie sich der Ratlosigkeit.

Die Sache war diese: George Forster, -- Forster der jngere, der
Forster, den lteren, an europischer Berhmtheit zweifellos berragte,
-- dieser Verfasser einer Reisebeschreibung, die ebensowohl in den
Bchereien ernsthafter Gelehrter, als in den Hnden von Frsten,
Weltleuten und Damen zu finden war, -- dieser liebenswrdige Mann,
dessen Jugend den Reiz seiner interessanten Persnlichkeit noch erhhte,
den man allenthalben, -- ach, in Paris, in Antwerpen, in Berlin, an
diesen und jenen kleinen Hfen, -- verwhnt und umworben hatte, diese
Freundesseele, die man mit Betrbnis scheiden sah, wo immer sie je ihr
sanftes Licht gespendet hatte, -- George, kurzum, dem Joche entronnen
und freier Herr seines Lebens, George sah sich nach drei, vier Jahren
dieser Freiheit auf einmal einer sonderbaren, einer erschreckenden
Erkenntnis gegenber. Wo war der Mann, fr den er sich gehalten hatte?
Wo war der Dalrymple Ebenbrtige, der geistige Sohn Cooks, straff, klar,
von jener biegsamen und sthlernen Schaffenskraft, von jener
durchsichtig arbeitenden Gehirnttigkeit, -- dieser, der in einer
Atmosphre strahlender Geistigkeit seine Bestimmung erfllte, jede
Viertelstunde ausnutzend fr den groen Zweck der eigenen
segenverbreitenden Vervollkommnung? Mein Gott, dieses dumpfe Geschpf
hier unter dem Trrahmen, das bleich aussah und trbe, umschattete Augen
mit gerteten Lidern hatte, wie der Spiegel es ihm soeben hhnisch
gezeigt, sich in diesem Augenblick kaum anderer Zustnde bewut, als
einer bedrckten, von ziehenden Schmerzen gepeinigten Krperlichkeit und
einer qulenden Schuldenlast, die ihm der Anblick der halb ausgepackten
Bcherkiste dort am Boden eindringlich ins Gedchtnis rief, -- dies
also, -- dies war der George Forster, von dem er sich einst unbedenklich
das Hchste versprochen hatte! Er war pnktlich auf die Minute, er war
reinlich, sparsam, akkurat bis zum Peniblen gewesen, solange er unter
dem Vater arbeitete, der das Gegenteil von alle diesem gewesen war. Und
nun? Er begann herumzuhinken und mit verzweifeltem Herzen Ordnung zu
machen; nun, hier sah es aus, wie bei einem Sufer, schlimmer als in der
Petersburger Wohnung des Vaters, wo er auch nie Herr ber die
Gegenstnde geworden war und den Vater dafr so verachtet hatte, -- aber
trank er denn, -- spielte er, -- hatte er irgend ein Laster? Hier lagen
unbezahlte Rechnungen, -- Rechnungen ber Landkarten, kolorierte Stiche,
Bcher, ber den blauen englischen Frack, der so hbsch war, ber einen
Degen zum Galakleid, -- zwischen den Manuskriptseiten angefangener
Arbeiten. Hier lag ein Spitzenjabot, -- er hatte es lngst vermit! --
in einen Folianten eingeklemmt und auf der Schreibkommode stand ein
einzelner Schuh. Sthnend sortierte er, schuf reinliche Anhufungen
gleichartiger Papiere, stellte Bcher auf und stubte sie ab; vergrub
zwischendurch den Kopf in den Hnden und tat das, was er sich
Rechenschaft ablegen nannte. Er hatte keine Laster, bei Gott! Er hatte
zu keiner Zeit seines Lebens so bewut gegen schlimme Anlagen gekmpft,
so meinte er, sich der selbstzerfleischenden Beichten im Kreise der
Logenbrder erinnernd und der unbarmherzigen Kritik, die sie aneinander
bten. Durfte er sich's nicht eingestehen, da Menschen ihn liebten, war
die Freundschaft, deren er geno, ihm nicht Brgschaft fr seine
moralischen Qualitten? Was war's denn mit dieser Unordnung, die er in
seine Lebensfhrung einreien sah, mit dieser Dmmerung, die nun schon
seit Monaten unbeweglich ber seiner Seele lagerte? Und standhaft sich
abwendend von der Einsicht in die eigentlichen Grnde seines Zustandes
(gekleidet in ein von grausam unbefangenem Gelchter begleitetes Wort
des Vaters aus den letzten Weihnachtstagen in Halle: Die Rosenkreuzerei
mitsamt der Alchemie ist eine Snde wider den heiligen Geist, mein
Sohn!) jene Klarheit von vorhin erfolgreich verdunkelnd, machte er eine
saubere Aufstellung. Schuld an seinem Unglck war einfach der
Geldmangel, die schlecht dotierte Stelle, die er innehatte, er, der
seinem Ruf und Rang doch ein einigermaen elegantes Auftreten schuldete
und der kostbare Arbeitsmittel ntig hatte. Ganz zu schweigen von den
Ansprchen, die der Vater immer noch an ihn stellte, und die er, er
wute es gut genug, trotz aller harten Vorstze immer wieder
bercksichtigen wrde, denn -- konnte er die _Mutter_ leiden lassen? Er
brauchte also Geld, mehr, als er je durch seine Arbeit verdienen konnte,
nun -- und Gott hatte ihm ja den Weg gezeigt, dachte er eigensinnig und
bltterte, ohne es zu wissen in der ^Aurea catena Homeri^, die vor ihm
auf dem Tisch lag. Gott, der die Seinen erhrte ber Bitten und
Verstehen und vor dem die wissenschaftliche Erfahrung nichts galt,
sondern das Wunder.

Hier rhrte ihn irgendeine Erinnerung an, kaum sprbar, wie der Schatten
eines vorberhuschenden Vogels. Er wurde unruhig, fate sich an die
Stirne, blickte um sich. Was war es nur? Wo hatte er doch etwas erlebt,
das sich zu seinem jetzigen Erleben verhielt wie der Keim zur Frucht,
ach, etwas Ungreifbares, -- da -- wo war es doch? Und pltzlich fiel
Licht auf einen Heckenweg der Vergangenheit wie aufflammender Blitz, und
da sah er sich stehen, einen blhenden Kirschbaum umschlingend,
geschttelt von einem Ausbruch des Gebetes, _eines Gebetes um Gold_, --
und _da war ihm Gold aus dem Schmutz der Strae geworden_!

Die Wirkung dieser Erinnerung war berwltigend. Er griff mit beiden
Hnden an die Schlfen, ffnete den Mund zu lautlosem Gelchter,
stammelte, schluchzte auf wie erlst. Ein Zeichen, ein Gleichnis, eine
Verheiung; ein Pfand fr Gottes Gte hatte er besessen, ach, aus so
frhen Tagen schon. Der Herr, der mich aus gypten gefhrt hat, dachte
er erschpft und beseligt. Ja, er war auf dem rechten Wege. Er senkte
das Haupt, er faltete die Hnde. Er dankte stumm.

Oh, aber da dieser Teufel nicht von ihm weichen wollte, auch jetzt
nicht, da er leichten Herzens an die Tagesarbeit gehen wollte. Da es
wiederum begann ihn anzugrinsen und ihn hhnte mit der fahrigen Hast der
eigenen Bewegungen, mit der unbestimmbaren Angst, die ihm am Herzen
hmmerte und ihn hetzte in der Erkenntnis, da er ausgeliefert sei an
eine dunkle Macht, ein Verirrter, ein Narr, ein -- woher kam ihm nur
dies Wort? -- ein herrenloser Hund! -- -- --

                   *       *       *       *       *

Der Professor zu Hause? Ist nicht zu Hause? Ist verreist? Schon wieder
verreist? Ist in Gttingen? Potztausend, -- in Gttingen! -- So, so, --
in Gttingen!

Diese Feststellungen, keinesweges in Wirklichkeit ausgesprochen und
belauscht, sondern lediglich hervorgebracht von der etwas berreizten
Gehirnttigkeit Georges, der, soeben der Postkutsche entstiegen, ber
das holprige Pflaster des Gttinger Marktplatzes eilte und in eine der
winkligen Straen einbog, die zur Universitt fhrten, bewirkten, da er
sich in bescheidener Weise erheitert fhlte. Wer mochte jetzt in Cassel
dem wackeren Mhlhausen, seinem Bedienten, solche Fragen vorlegen und
sich in Betrachtung versunken wieder von seiner Tre entfernen?
Vielleicht Runde, der Jurist? Die Herren von der Anatomie, Stein und
Bollinger? Nun, die wrden versuchen, Smmerring auszufragen. So, so,
-- in Gttingen! Schon wieder in Gttingen. Ja, doch, -- da war man
wieder einmal in Gttingen, hatte hinter sich den kleinen gestohlenen
Reiserausch einer Nachtfahrt und jetzt das Gefhl, weit weg von Cassel
in einer erstaunlich anderen Luft zu sein ... Zudem hatte man die Nacht
sehr seltsam verbracht, hatte einen Reisegefhrten gehabt, dessen
Bekanntschaft eine Acquisition von unschtzbarem Wert ergab, einen
jungen Mann, den George zunchst fr einen Herrn von Adel gehalten, der
sich alsdann freilich unter dem Namen Meyer vorgestellt hatte, jedoch,
was fr ein artiger, interessanter Herr Meyer! George blickte sich
einmal vorsichtig um, auch Herrn Meyers Reiseziel war Gttingen gewesen.
Indes Herr Meyer war verschwunden. Ja, also, da war man wieder einmal in
Gttingen und George fragte sich, ob diese kleinen Reisen, mit denen er
alle paar Wochen einmal aus Cassel ausbrach, etwas wie Fluchtcharakter
trgen? Atmete es sich nicht freier, sobald der Burgfriede jener Stadt
hinter einem lag, klrte sich einem nicht der Kopf, verga man nicht
dies und jenes, Zustnde, Gedankengnge, die aus der Ferne auf einmal
unwesentlich, ja lcherlich scheinen wollten, so bedrohlich sie einen
bis gestern umdrngt hatten? Oh, es gab Grnde genug nach Gttingen zu
fahren, bergenug! Hatte Cassel eine wissenschaftliche Bibliothek von
einigem Belang aufzuweisen? Reichten seine Sammlungen, seine Institute
auch nur entfernt an die der Universitt heran? Hatte Cassel Mnner wie
einen Heyne, einen Lichtenberg? Oh, also Grnde genug, und kein Vorwand
ntig, um diese hufigen Fahrten zu entschuldigen! Wenn nur nicht in
einem selber tief innerlich das lchelnde Bewutsein gelebt htte, da
alle diese triftigen Grnde eben eigentlich doch nur Vorwnde waren!
Denn letzten Endes gab es allein zwei Erklrungen fr die magnetische
Kraft von Gttingen, und die eine davon war, da diese Stadt auerhalb
jedes magischen Zirkels zu liegen schien, da die Luft hier dem
unerbittlichen Gedanken, der demtigen Arbeit, der exakten Forschung
dienlicher war. Da, -- George verhehlte es sich keineswegs -- die
Mnner, die er hier verehrte, gewissen geheimnisvollen Bemhungen, denen
man in Cassel mit leidenschaftlich verbohrtem Ernst oblag, gleichmtig
gegenberstanden, ohne Zustimmung, aber auch ohne Spott, ja, wie einer
ganz und gar belanglosen Angelegenheit. George war aber in dieser Stunde
der Ankunft, whrend er seinen Mantelsack im Knig von England abgab
und bald darauf an einem Pult im Gewlbe der Bibliothek lehnend sich
Notizen machte, in seinem Geiste weit weniger mit diesen Begrndungen
beschftigt, als mit der Erinnerung an jene ungewhnlichen
Nachtgesprche. Vor allem ward er nicht mde einen Satz hin und
herwendend auszuspinnen, den der elegante Fremde mit lssiger Schwermut
in die Mondesdmmerung hineingesprochen hatte, die Hnde zwischen den
Knien verschlungen, vorgebeugt und das schne Gesicht zu den Gestirnen
erhoben: Jedes Leben, mein Herr Professor, hat zwei Pole, die Geburt
und den Tod. Es entfernt sich von dem einen, um sich dem andern zu
nhern. Von einem bestimmten, immer individuellen Zeitpunkte an hrt die
anstoende Wirkung der Geburt auf -- und beginnt die Anziehung des Todes
... Und ich, -- dachte George aufgewhlt, -- und ich? In seiner
Einbildungskraft, die ihn mit ihrer sonderbaren Symbolik so gewaltttig
meisterte wie je zuvor, nahm die Vorstellung des abstoenden Pols die
Gestalt nicht der ihn Gebrenden, sondern die seines Erzeugers an: ha,
es war der alte Knig Minos, pausbackig und puderperckig, der ihn da
hinausschleuderte in die Bahn, ihm nachblickend, wie er dahinfuhr,
mrrischen Angesichts, unzufrieden, ihn aus der Hand gelassen zu haben.
George, zerstreut kritzelnd, und die Bltter der Bcher, die er fr
seine Arbeit ntig hatte, lssig wendend, lchelte vor sich hin bei
seinen Gedanken, und blickte nun, seitlich geneigten Hauptes, hinaus in
die grne Dmmerung der Kastanienbume. Ja, ich bin dir entronnen,
dachte er, heute frei von Bitterkeit und sommersen Blutes froh, dein
Ansto war nicht schlecht, aber du hast keine Gewalt ber mich. Ich
fahre nun dahin ... Er schrieb weiter. Siebenundzwanzig Jahre, dachte es
dabei in ihm fort, und er dehnte sich in den Schultern, -- ich bin noch
jung. Und whrend er, zum Abschlu gekommen seine Papiere ordnete und
die Bnde auf ihre Pltze zurckstellte, ging es ihm durch den Sinn:
wann wird mein Tod beginnen, mich zu locken -- und in welcher Gestalt
...?

Aber sein Herz, das heute so voll Lchelns war, lie auch diese Frage im
Licht untergehen. Er entzog sich diesen Gedanken, er hrte statt aller
Antwort den Namen: Therese, in sich aufklingen, -- Therese, -- und immer
wieder Therese ...

Es war Juni. In den Grtchen an der Leine blhten die Zentifolien.
George Forster ging, Therese Heyne aufzusuchen. -- -- --

Er, der die malaiischen Urwlder kannte bis in die verborgenste Blte
ihrer dampfenden Erdspalten, -- der sich den lauen Wassern der Sdsee
hingegeben hatte und vergeblich geworben um das starrende Geheimnis der
Antarktis, -- George Forster kannte nicht die Frau. Er hatte unter
Mnnern gelebt, so lange er denken konnte. Was hatte die Mutter, was
hatten die Schwestern bedeuten knnen in dem Ozean von Mnnlichkeit, den
Reinhold Forster darstellte? Verschlingt nicht das Meer das se Wasser
der Strme? Ja, im salzigen Wind mnnlicher Art hatte George gelebt,
Mnner hatten ihn erzogen, geknechtet und neben ihm gearbeitet, Mnner
hatte er bewundert und zu Freunden begehrt, -- mnnlich, geistig, hart
und herbe war sein Frhling gewesen. Es gab gewisse einsame Erlebnisse
seines Krpers, die er verga, sobald der Aufruhr der Nerven sich gelegt
hatte. Die frchterliche sinnliche Erregung der zweiten Polarfahrt war
eins dieser Erlebnisse gewesen, dies war der erste, und, wie ihm
geschienen hatte, der letzte Ausbruch von in ihm wallenden Gluten
gewesen. Der Herd war erschpft, jahrelang hatte er es nicht anders
annehmen knnen. Er war der Zrtlichkeit fhig und bedrftig, er trieb
die Freundschaft bis zur Schwrmerei. Frauen? O ja, mehr als eine hatte
sich ihm genhert, seit Europa ihn wieder hatte, mehr als eine,
angezogen von dem exotischen Duft seines jungen Ruhmes, von der Milde
seines Geistes, seiner brderlichen Freundlichkeit, -- diese und jene
vielleicht auch von dem Gercht, da er gelegentlich tahitianische
Kuriositten als Souvenir verschenkte. Dies, er wute es selbst genau,
waren angenehme Erfahrungen gewesen, aber ganz und gar ohne die tiefe
Magie seelischer Berhrung, wie sie seine Begegnungen mit Mnnern wie
Jakobi oder Smmerring, -- ohne den geheimen stachelnden Reiz einer aus
rtselhaften Grnden bekmpften gegenseitigen Anziehung, wie ihn sein
Verhltnis zu Mller hatte; frei endlich von dem Glck, -- ja, er
gestand es sich ein in Stunden zermalmter Demut, -- von dem Glck
sklavischer Abhngigkeit, da er trotz allem unter dem Joch des Vaters
empfunden. Diese Begegnungen waren, -- verwundert sann er manchmal
darber nach, -- ihm niemals mehr geworden wie die Erinnerung an Bume,
Blumen und Schmetterlinge. Und war es einmal mehr gewesen, so war es
begleitet gewesen von krperlicher Angst, die Flucht befahl, -- Angst,
die aus irgendwelchen Abgrnden das Bild der Starostschenka
heraufbeschwor und das der Tatarenfrau in Kasan, zugleich mit einem Duft
nach Patschouli, nach asiatischem Lack, Holzkohlenrauch und
irgendwelcher erstickenden menschlichen Ausdnstung. Hierher gehrten
auch die Trume von neuseelndischen Weibern, die ihn von Zeit zu Zeit
berfielen wie ein Alb. Kurz und gut, er hate diese Offenbarungen der
Natur. Vllig ohne Erfahrung, wie er war, ahnte er doch, da sie
Anforderungen an seinen zarten Krper stellten, denen er sich keineswegs
gewachsen fhlte.

Dennoch hatte er eines Tages die Grenze berschritten und jenes Land
betreten, unerforscht, und rtselvoller als alle Urwlder der Welt. Oh,
nicht von heut auf morgen, aber er entsann sich nicht der Stadien dieser
jahrelangen Reise, auf der er, sich selbst dessen kaum bewut, ein
junger Mann von einigen Ansprchen in bezug auf Kleidung, Bedienung und
Auftreten geworden war. Er wute deutlich nur um die letzte Erfahrung
auf diesem Wege: denn Karoline Michaelis, so meinte er, sei die Frau
gewesen, bei der er zum erstenmal eine Ahnung des Aufschwungs des Leibes
und der Seele gesprt habe, dessen er fhig war. Es mag dahingestellt
bleiben, inwieweit er sich irrte, wie wenig er imstande war, die Grade
zu ermessen, die sein Gefhl durchlaufen hatte, um zu reifen. Diese
Karoline jedenfalls, die ihn ein seltsam reizendes neues Gefhl
geistreichen Schmachtens gelehrt hatte, ein Glck, das einen leichten
Anhauch von Entsagung hatte: also _dies_ war es, -- nun ja, es _war_ ein
Glck, immerhin ... Diese Karoline war drauf und dran gewesen, ihn an
den Rosenketten ihrer achtzehn Jahre sanft triumphierend mit sich fort
zu fhren, als, -- ebenfalls achtzehnjhrig, mit ein paar kurzen
herrischen Schritten und bse funkelnden Augen, -- Therese dazwischen
getreten war, ihre Herzensfreundin Therese, und jene Rosenketten ganz
ohne alle Rcksichtnahme mit festen kleinen Hnden zerrissen hatte.

Gttingen, -- das war die einzige Stadt unter dem Himmel Europas, die
diesen bezaubernden Schimmer hatte, die diesen Rauschduft atmete, die
Erregungen ausstrahlte, jenes Fluidum, das einen geliebten Krper
umgibt. Eine kleine staubige Stadt an einem trge schleichenden Flchen
voll satter professoraler Brgerlichkeit, das mochte Gott wissen!
Dennoch, -- die Stadt der Grten voll Geiblattlauben und Rosen. Die
Stadt geheimer Dichtertrunkenheit und ffentlicher Tollheit, die Stadt
der Jnglinge, der Schwrmer, der Poeten. Genug! Gttingen, -- das war
die Stadt der Frau. -- -- --

George, an diesem Juninachmittag den Platz vor der Bibliothek eilig
berquerend, empfand einen sommerlichen Taumel, der ihm alle Gedanken
raubte. Jenes Gartenhuschen dort, das sein geschwungenes Dach mit der
Bekrnung des spitzen Pinienapfels ber die Mauer des Heyneschen Gartens
reckte, von blhenden Rosen umrankt, jene Taxushecken, auf deren starrem
dunkelgrnen Polster sich wuchernder Jasmin in der berflle seiner
weigoldenen Blumen wlzte, -- die Linden, weingelb berblht, -- diese
Luft, s, schwer und warm, -- hatte er das alles irgendwo auf Erden
erlebt? Er fhlte ein Stechen am Herzen, seufzte auf und ging langsamer.
Wohl, dachte er, und blickte sich um wie ein Trumender, dies alles ist
-- wie Karoline. Therese aber, -- wieder ging er schneller, der
Schmerzen in der Brust uneingedenk, -- Therese war inmitten seiner voll
aufgeblhten Empfindung wie eine zrtliche Knospe, die sich nicht
erschlieen wollte, war stachelnd wie die tahitianische Ananas, war --
wie dieser kurze warnende Schmerz in ihm, auf den er doch mit einer
seltsamen Neugier wartete. Er seufzte wieder, schlo die Augen einen
Atemzug lang und lchelte mit verzogenem Gesicht. Stellte er sich
Therese nicht immer vor, wenn er Schmerzen hatte? Therese _war_ ein
Schmerz. Doch dieser Schmerz tat wohl.

Er war der Mann, der Deutschland mit der andern Hlfte der Erdkugel
verband, -- einer von den paar Mnnern, die sich an den Fingern
herzhlen lieen. Wer immer es erreichte, ihm die Hand zu drcken, tat
es wohl zuweilen in dem Gefhl, einen Urwaldbaum anrhren zu drfen;
seine Augen, die so viele Wunder gesehen hatten, strahlten den Zauber
einer andern Sonne, heftigerer Sterne aus. Abenteuer umflackerte ihn in
der Vorstellung der Gesellschaft, der stete Glanz unerhrter Leistung
umgab ihn wie eine Gloriole. Zudem: er plauderte allerliebst, er hatte
eine beziehungsvolle Art in Frauenaugen zu blicken, er stand in
anmutiger Haltung an Trpfeiler gelehnt und ber Stuhllehnen geneigt,
und diente jedem Salon zur begehrten Zierde. Er war, mit einem Wort:
ach, -- der junge Forster! Ja, selbst in seinem eigenen Bewutsein
schaltete sich das Ich bisweilen vllig aus und seine Stelle nahm der
junge Forster ein, eine interessante Persnlichkeit von hohem Reiz, ein
Mann von groen Meriten, dessen Gesamteindruck es sicherlich vergessen
lie, da er pockennarbigen Antlitzes war und seine Zahnreihen vom
Skorbut bse mitgenommen. Der sonderbaren rauschartigen Glckseligkeit,
mit der ihn diese innere Verwechselung mit dem eigenen Spiegelbilde
erfllte, zum Trotz, kannte er einen Zustand entsetzlicher Mdigkeit, in
dem die Frage, ob denn kein Mensch um seine wahre Gestalt wisse, wie ein
Schrei war. Ein Mensch, -- oh ja, es gab einen solchen Menschen! Aber
mit Blindheit geschlagen, gleich allen, deren Gestirne ihnen Irregang
vorschreiben, -- geschlagen mit dieser erstaunlichen Unempfnglichkeit
fr das eigene Glck, legte George seine Hand in die von Karoline
Michaelis wie in die einer Schwester und ergriff die kleine brunliche
von Therese Heyne mit einem Zucken seines Herzens, das sich in einem
kurzen Laut, halb Sthnen, halb Gelchter, befreien mute. Ah, nun war
er da, -- nun, Gott sei Dank!

Die beiden Mdchen waren ihm Arm in Arm durch die Rabatten
entgegengekommen. Er wandelte neben ihnen zurck, dem kleinen Lusthause
an der Gartenmauer zu. Er begrte die Professorin, Theresens heitere
junge Stiefmutter, er begrte den Professor, lchelte, tat Ausrufe, gab
das Rtsel auf: mit wem er wohl heute nacht gefahren sei? -- denn Meyer
hatte ihm Gre an das Haus Heyne aufgetragen, -- empfand dunkel eine
unerklrliche Beunruhigung, als er die Wirkung des Namens seines
Reisegefhrten auf den Gesichtern der Mdchen sah, eine aufflammende
berraschung, die sogleich wieder von einer nicht ganz echten
Gleichgltigkeit niedergehalten wurde, -- verga das augenblicklich,
indem er eine Tasse Kaffee aus Theresens Hnden entgegennahm, und fand
ungesucht die zierliche Wendung, auf die er sich vorher mhsam besonnen
hatte, bittend, sie mge als Gegengabe fr diese Schale morgenlndischen
Rauschtranks dies Gewand der Insel aus dem Meere des Mittags
allergndigst aus seinen Hnden anzunehmen geruhen. Das Stck
schimmernden Aotobastes, das er bei diesen Worten aus dem mitgebrachten
Pckchen befreite und ber den Scho des Mdchens breitete, ward mit
einem kleinen Jauchzen begrt, und George hrte nichts als Freude aus
Theresens wortreichem Dank, den er mit einem Handku abzuwehren
trachtete, taub dafr, da hier und in der erregten Heiterkeit, die sich
ihrer in der Folge bemchtigte, ein Triumph mitschwang, denn, -- hatte
er es ganz vergessen, da er vor einem Jahr Karoline ein hnliches
Geschenk gemacht hatte? Karoline war nun nicht mehr die einzige
Besitzerin eines Ballkleides aus der Sdsee, -- oh, Therese war an
diesem Nachmittag ausgesucht zrtlich zu der etwas schweigsamen
Freundin, und die Professorin war ein wenig khl zu George und sehr
holdselig zu den beiden Mdchen, -- aber wer sollte das wohl beobachten?
Heyne nicht, der nahm seinen jungen Freund alsbald mit stiller
Grndlichkeit fr die Frage in Anspruch, inwieweit die Homer-bersetzung
des wackeren Vo die bis dato vorliegenden Versuche von Bodmer und
Stolberg berrage ... George selbst, -- oh, auf keinerlei Weise, -- so
innig zerstreut er durch das Gespinst der Philologenstze hindurch auf
das Geplauder der Damen lauschen mochte ... Gewi, jawohl, der gute Vo
war nicht gerade mit peinlichster Genauigkeit vorgegangen, hatte sich
gar getraut, in den Homer hineinzudichten ... Therese, dachte George
erschttert, ist gar nicht schn, -- ihr Kopf scheint zu schwer fr die
Zierlichkeit ihrer Gestalt. Was ist das, dachte er, Therese hat eine
brunliche Hautfarbe, ihre Nase ist zu kurz, ihr Mund nicht klein. Wenn
Therese nicht jung wre und ohne das Feuer ihres beweglichen Geistes in
den groen etwas vortretenden Augen, -- Therese wre hlich! Dennoch:
Therese! Oder gerade darum: Therese! Soeben kam sie mit ihren kleinen
festen Schritten den Gartenweg hinunter, sie hatte im Hause etwas zu
besorgen gehabt, und wie sie nun stehen blieb, die Gesellschaft
anblitzend und ihn vor allen andern, ausrufend, man werde jetzt zur
Weender Mhle aufbrechen und dort zur Nacht speisen, -- war da einer im
Zweifel, da es so geschehen msse, obgleich zuvor kein Mensch daran
gedacht hatte, dies zu unternehmen? Seufzte nicht die Professorin
ergeben, -- nun ja, sie wrde bei den Kindern bleiben, -- eilte nicht
Heyne, sich mit Hut und Stock zu versehen? Da George die heilige Sttte
noch nicht kannte, an der vor zehn Jahren der Hain sich begrndet
hatte, -- nein, das war unverzeihlich. Und so wurde hinausspaziert, das
Glck wollte es, da der Professor Lichtenberg auf seinem Abendgang
begriffen sich ihnen anschlo und Heyne mit Beschlag belegte. Die beiden
Mnner gingen voran, George, am rechten und linken Arm die jungen
Mdchen, hinterdrein. Die sanfte Landschaft, von dem stillen Gewsser
durchzogen, tat sich ihnen auf, der Himmel war weit, von silberrandigen
Wolken erfllt, -- sie schwiegen, und dann seufzte eines von ihnen den
Namen Klopstock. Die Herzen wurden ihnen gro, sie blickten sich in die
Augen, gewi, da kein Fhlender diesen Boden betreten konnte, ohne der
Jnglinge zu gedenken, die vor kaum einem Jahrzehnt im Angesicht dieser
Eichen fr Gott, Vaterland und Tugend erglht waren, -- so sprach
Therese es schwrmerisch aus und drckte des Freundes Arm gegen ihre
Brust, whrend Karoline sich von ihnen lste und Blumen und grne Zweige
brach, um sich und die Gefhrten zu bekrnzen. Oh, er war George nicht
fremd, dieser Ton, er fand einen Widerhall in seinem Herzen dort, wo im
Elysium seines Innern der Tempel fr Jakobi errichtet war; er kannte
diese sanfte Wollust des Gedankens, die gern in Trnen schmolz, und gab
sich ihr unbedenklich hin. Als der Hhepunkt des Gefhls erreicht war,
als sie wirklich im Schatten der Bume dort im Weender Talgrund standen,
die dem Schwur der Bundesbrder zugerauscht hatten, da wurden sie
freilich ein wenig ernchtert. Denn hier lagerte bereits eine kleine
Gesellschaft und bei nherem Zusehen blieb kein Zweifel, da es der
unglckselige Monsieur Brger war, der hier inmitten seiner beiden
Frauen des schnen Abends geno. Dieser Anblick, uerte Therese im
Weitergehen voller Wehmut, bringt einem die Hinflligkeit aller edlen
Vorstze und Schwre recht ins Bewutsein. Denn Brger, wenn schon kein
Mitglied des ursprnglichen Bundes, galt er nicht in Gttingen als der
letzte dort wohnende Vertreter jener Dichtergeneration? Und nun
entweihte er mit seinem Treiben selbst jenen Boden gttlichster
Erinnerung! brigens war Brger so bel nicht, darber waren Karoline
und Therese sich ganz einig. Die Frauen waren es, die ihn herabzogen,
diese schlechterzogenen Schwestern, selbstverstndlich. Der Arme!

Ei was! Der Arme! der Professor Lichtenberg hatte die letzten von
Therese in getragenem Ton ausgesprochenen Worte gehrt, denn jetzt lie
man sich im Grasgarten der Mhle um einen der langen rohen Brettertische
nieder. Lichtenberg zog sein seidenes Schnupftuch und begann eifrig
wedelnd die Mcken von seinem gerteten Antlitz abzuwehren. Ein Mann,
der auf den Hund oder auf das Frauenzimmer kommt, hat das immer sich
selbst zuzuschreiben, Demoiselle Thereschen, merk Sie sich das! Ist's
nicht an dem, mein weitgereister Freund? Die Bestie unter der dem Fu
halten, -- wie? Den Hund, den Hund, meine Lieben, -- oh kein
Echauffement! Exksieren Sie, Karolinchen! Er schlug derb auf
Karolinens vollen Arm.

   Ein Mckchen sog sich satt
   An Linchens sem Blut
   Es stirbt in Trunkenheit
   Wie sanft solch Tod wohl tut!

Freund! Freund! Heyne schwenkte entsetzt die Hand an sein Ohr.

Nun, das ist Brgers Dunstkreis, redete Lichtenberg unbekmmert, da
dichten auch die Steine. He, Mamsellchen, -- dies galt dem aufwartenden
Mdchen. Mir eine Milch -- und wenn Ihr ein wenig Beerenobst habt ...

Wir, die wir unsere Krfte in Geist umsetzen, und Ihr, Wesen gleich
Sylphen und Schmetterlingen, fuhr er fort, als die andern hnliche
Wnsche geuert hatten, mssen unseren Krper aus leichten Speisen,
flchtigen Essenzen aufbauen. Im Ernst, teure Freunde, -- er legte den
Goldknauf seines Stockes an die Nase und blickte Heyne und George
eindringlich beschwrend an, -- es helfen uns einige weiche Eier, eine
Tasse starken Kaffees, ein wenig Gallerte von Kalbfleisch meist eher zu
einem Gefhl der Sttigung und der Rekonvaleszenz als eine derbe
Mahlzeit. Oh, ich bin kein Kostverchter. Aber ich habe meine
Erfahrungen gemacht ...

In diesem Augenblick gab es einen kleinen Aufstand unter den jungen
Leuten, Therese rief halblaut: Karoline! und es war ersichtlich, da
sie unter dem Tisch der Freundin einen Sto mit dem Fu gab. George aber
hatte sich erhoben und blickte freudigst einem Herrn entgegen, der sich
dem Tische nherte, den Hut in der Hand und augenscheinlich berrascht,
aufs angenehmste berrascht, hier Bekannte anzutreffen.

Wer von uns beiden, mein Wertester, sagte er lchelnd zu George,
nachdem er die beiden lteren Herren begrt und den Damen seine
Reverenz bezeugt hatte, -- wer von uns beiden htte es vor zwlf
Stunden geahnt, da uns so bald ein freundlicher Gott die Gelegenheit
geben wrde, unsere zufllige Bekanntschaft fortzusetzen? George, der
einigermaen bezaubert auf seinen eleganten Reisegefhrten von heute
Nacht blickte, konnte nicht umhin, dessen Worten zuzustimmen. Wurde
Heyne schweigsam, seit Meyer neben ihm sa? Blickte Karoline mit khlem
Mitrauen auf die Freundin, als die Bemerkung vom Gott dieser
Gelegenheit fiel? Oh, George nahm dies durchaus nicht wahr. Angeregt
gleichermaen durch das Gegenber Theresens wie durch die Gegenwart des
neuen Bekannten, geriet er in einen leichten Rederausch, um, endlich zu
sich kommend, zu bemerken, da niemand auer Heyne und Karoline
Anteilnahme fr seine Pariser Erlebnisse aus dem Jahre 78 zu haben
schien, -- und hatte er nicht eben ganz charmant von dem alten Franklin
erzhlt? War denn Therese je in einer Gesellschaft in Paris gewesen,
zusammen mit dem groen Franklin, hatte sie schon gewut, was fr ein
umgnglicher alter Scherzbold das war, der sich Papa nennen lie und
von oben bis unten grau in grau gekleidet ging? Nein, gewi nicht!
Dennoch, sie mute whrend solcher interessanter Erzhlungen, -- ja --
und wre es nicht eben George gewesen, der erzhlte! -- sie mute sich
in ein Geflster mit Herrn Meyer vertiefen und Lichtenberg schien das
letzte Tageslicht zu bentzen, um auf seiner Schreibtafel etwas
auszurechnen. George sah sich unsicher um und verstummte; Unbehagen
berkam ihn, was half es, da Heyne ihn auf den Rcken klopfte und
trefflich, trefflich! ausrief? da Therese ihm jetzt pltzlich einen
tiefen Blick und ein Lcheln schenkte? da Meyer ihm aufs
Liebenswrdigste sein schnes festes rosig-blondes Gesicht mit den
khlen, spiegelnd blauen Augen zuwandte und etwas Scherzhaftes von
seinem Neid auf Georges Erinnerungen verlauten lie? Als aufgebrochen
wurde, reichte er ausdrcklich Karoline den Arm und schritt mit ihr
hinter den andern her, sah die Nebel ber den Wiesen wogen und den Mond
gro und rot aufsteigen. Das Mdchen an seiner Seite plauderte, -- der
junge Erzbischof von Osnabrck war krzlich in Gttingen gewesen, hatte
man in Cassel von ihm gehrt und wute man, was fr ein hinreiender
Kavalier dieser junge Kirchenfrst war? Er hatte drauen in Weende einen
veritabeln ^bal champtre^ gegeben und sich dabei belustigt wie ein
Knabe; ja, Karoline bereute es jetzt bitter, sich durch eine tugendhafte
Erwgung um den Besitz einer solchen Erinnerung gebracht zu haben; denn
sie war nicht zu diesem Fest gegangen, obgleich sie unter den geladenen
Damen gewesen war. Wie kommt es nur, mein Freund, sagte sie mit
allerliebstem, sinnendem Ernst, da es meist unsere Tugenden sind, die
uns hinterher Reue kosten?

George lchelte ein wenig bitter.

Es ntzt nichts, sich dergleichen vorzuhalten, teure Freundin, sagte
er, den Blick auf das vor ihnen herschreitende Paar, Meyer und Therese,
geheftet. Nehmen wir uns vor, bei zuknftigen Gelegenheiten weniger
gewissenhaft zu sein!

Karoline seufzte. George bemerkte es nicht. Vom Flu herber kam das
Quarren der Frsche und nun, -- zagend, wie stammelnde Sehnsucht, -- der
Ton einer kunstlosen Flte. Die Ebene klagte.

George schlug einen schnelleren Schritt an, um gleich wieder
einzuhalten. Seltsam! sagte er schwer aufatmend und drckte die Hand
auf seine Brust. Seltsam, da ich zu manchen Zeiten das Gefhl habe,
als hinge mein vergangenes Leben mit der Schwere eines Jahrhunderts an
mir. Als mte ich eilen, irgend etwas einzuholen ... Oh, Karoline, --
sollte dieser Abend Symbol meiner Zukunft sein?

Welch trbe Ahnungen, bester Freund!

Und nach einer Weile setzte das Mdchen wie gegen ihren Willen hinzu:
Meyer ist gewi ein unendlich liebenswrdiger Mensch von Geist und
Kenntnissen. Aber, glauben Sie mir, -- Therese wei zu unterscheiden ...

Sie wei es, so gut wie ich ...

Dies kam so verloren hintennach. Ach, George berhrte es vllig.
Therese wute, zu unterscheiden! War diese Versicherung nicht Grund
genug, Karolines Hand an die Lippen zu ziehen? --

                   *       *       *       *       *

Nein, ich trumte nicht, denn ich schlief ja noch gar nicht! dachte
George, gewaltsam die Augen ffnend und im Mondlicht jede Einzelheit
seines schlichten und dennoch komfortabeln Logierzimmers im Knig von
England wahrnehmend. Rechnet man denn im Traum? dachte er weiter.
Herrn Meyers Stimme hatte, -- dicht an seinem Ohr, -- soeben gesagt:
Nunmehr beginnt die Anziehung des Todes ... und Ich bin
siebenundzwanzig Jahre alt, hatte George hierauf erwogen, folglich
siebenundzwanzig und siebenundzwanzig macht vierundfnfzig ...

Bergab brauchen Sie nur die halbe Zeit, Herr Professor! hatte da
jemand anders gesagt, und George htte darauf schwren mgen, Therese
vernommen zu haben.

Von der Johanniskirche schlug es eins.

Natrlich habe ich getrumt, seufzte George schlaftrunken, und --
Therese wei zu unterscheiden!

Er lchelte in die Dunkelheit hinein und sank in Schlummer zurck, die
Hand ber die Augen gelegt zur Abwehr feindlicher Gewalten, wie einst,
als er ein sehr kleiner Knabe war. --

                   *       *       *       *       *

Ein Mann, der eine Familie begrnden will, bedarf der Mittel, um sie
standesgem zu erhalten, -- das steht auer aller Frage. Ein Mann, auf
dessen geistige Kundgebungen ganz Europa mit liebender Ehrfurcht
lauscht, und, -- innerhalb des eigenen Bewutseins ist ein solches
Zugestndnis wohl erlaubt? -- er _war_ ein solcher Mann! -- hatte die
Verpflichtung, das kostbare Triebwerk seiner Schaffenskraft
ununterbrochen zu speisen und in Gang zu halten. Er bedurfte also der
Bcher, der Kupfer, der Landkarten, der Instrumente, der Gesteinsproben,
der Kuriosa aller Art, -- bedurfte kurzum der Arbeitsmittel im weitesten
Ausma. Ein Mann, der sich in der Welt bewegt und der alle Tage gewrtig
sein kann, vor irgend einen hohen Herrn treten zu mssen, er darf sich
uerlich nicht vernachlssigen, er hat auf eine soignierte Erscheinung
zu achten, auf eine gewisse solide Eleganz, -- fr die das Leben in
England ohnehin den Grund gelegt hatte, -- er bedarf, da ihm selbst
seine Geschfte keine Zeit fr dergleichen Peinlichkeiten lassen, einer
geschulten Bedienung.

Dies alles zusammengefat und ruchlos nackt ausgedrckt: ein Mann von
solchen Ansprchen bedarf des Geldes. Wenn er kein Geld hat, wird er,
verlockt durch den Kredit, auf den er berall und ohne Anklopfen trifft,
Schulden machen. Schulden aber werden ihn, infolge bler Erfahrungen aus
frhen Tagen, nchtlich drcken wie ein Alp. Hat er gleich von frh auf
gelernt, da man, um seine Bedrfnisse zu befriedigen, eben Geld
bedrfe, komme es aus welcher Quelle es wolle, falls sie nur ehrlich
sei, so ist er doch durch Schaden so klug geworden, zu wissen, da
manche Quellen die Eigenschaft haben, sich selbstttig zu vergiften. Er
wird also andere untrgliche und ursprngliche Quellen suchen, und dies
tat George Forster, einer kindlichen, trotzigen Glubigkeit voll. In
diesem Gang des Labyrinthes hallte das Heulen des Minotauros sehr s,
ganz Gold und ganz Therese. Da sie nur wieder vernehmlich war, diese
Stimme der Gefahr, diese Lockung ins Ungewisse, der zu folgen ser
Schwindel war, ein Taumel Geistes und Blutes, der Rausch, der es erst
wert war, Leben zu heien! Da man nur wieder unter Projekten
einherging, Aussichten erwog, auf dem Schachbrett der Mglichkeiten
Verdienst und Beziehung gegen bestimmte armselige Figuren ausspielte!

Im Vertrauen, Freund, sagte George zu Smmerring, den Blick in
seltsamem Strahlen auf die Trme der Stadt gerichtet, die vor ihnen in
der Morgensonne blitzten, ich konnte von je nicht glcklich sein, ohne
die Vernderung vor Augen, den Aufstieg, die Wendung zum Guten. Eine
Unruhe ist mir angeboren, -- oder anerzogen.

Dies verdankst du deinem Herrn Papa, bemerkte Smmerring trocken.

Wie dem auch sei, gab George unberhrt zurck, in diesem Augenblick
der ungeheuern Spannung fhle ich meinen Fu nicht, der mich auf dem
Hinweg so unertrglich molestierte.

Er blieb stehen, lftete das Seidentuch, das ein irdenes Gef in seiner
Rechten verhllte, und blickte angelegentlichst hinein. Ohne Zweifel,
murmelte er, ohne allen Zweifel! ^Materia prima^, -- ^materia prima^
... Dies letzte flsterte er kopfschttelnd, verklrt, sah auf und
beeilte sich Smmerring einzuholen, der mit mrrischem Gesicht
weitergegangen war und seinen Stock auf eine betont unentwegte Art und
Weise durch die Luft schwenkte. Du bist verstimmt, sagte George
unwillig, nun, ich begreife dich nicht ... Jetzt auf der Schwelle der
Gebetserhrung ...

Smmerring blickte zur Seite. --

Sie waren beide in derben Kleidern, hatten vollstndig durchntes
Schuhwerk und sahen auch sonst mitgenommen aus wie Mnner, die vor Tau
und Tag zu irgendeiner harten Arbeit aufgebrochen waren. Sie hatten eine
Morgenwanderung hinter sich, eine Forschungsfahrt, eine kleine
wissenschaftliche Expedition, die von Erfolg begleitet gewesen war.

Im ^Opus mago-cabbalisticum^ steht geschrieben: Wenn der
nitrosulphurische Zunder, woraus Blitz und Donner entstehen, in unserem
Luftkreis keine wsserigen Dmpfe oder Wolken antrifft, die ihn
zusammentreiben und einschlieen knnen, so bleibt dieser auf die
sublimste Art gleichsam in einer geistlichen Gestalt in unserer
Luftregion hin und wieder zerteilet, dessen grobe Teile aber werden
durch ein schleimiges merkurialiches Wasser globulieret, und des Tages
ber durch die Sonnenstrahlen entzndet, da dieselben des Nachts bei
hell gestirntem Himmel den Fixsternen gleich scheinen, bis ihr Schwefel
verzehrt ist, da sie dann wieder auf die Erde fallen; und ein solches
Meteorum heit der Pbel Sternschnuppe.

Dieser Sternschnuppensubstanz, diesem geheimnisvollen Stoff voll
unabsehbarer Verwandlungskrfte waren sie auf der Spur gewesen, hatten
sie gesucht wie es angegeben war, an einem Frhlingsmorgen nach einem
nchtlichen warmen Gewitterregen, eh noch die Sonne ihre Strahlen darauf
geworfen hatte. Wie die Kraniche waren sie im hohen Gras einer sumpfigen
Wiese vor dem Drfchen Weckerhagen umhergestelzt in stoischer
Gleichgltigkeit gegen einen buerlichen Volksauflauf, der sich jenseits
des Rains auf der Landstrae ansammelte. Und es war geglckt!
Wasserblau, gallertartig und zhe, kugelig und wie von Fett strotzend
hatte es in Vertiefungen des Erdbodens gelegen, sie hatten sich
klopfenden Herzens darber hergemacht und die Gefe gefllt. Sagte ein
Bauernjunge, der, seine Neugierde nicht lnger beherrschen knnend,
herangekommen war, grinsend: Das mache die Frsch' ...? Das Volk war
roh! Und das war recht gut. Nur dem Eingeweihten, dem Magier lchelte
die Natur ohne Schleier ins wissende Auge.

Konnte jener Flegel dich in deinem Glauben wankend machen? fragte
George heftig, bist du der Gnade so wenig wert?

Smmerring wandte ihm die kleinen, ein wenig schrg gestellten Augen
bekmmert zu. Der Kerl sprach etwas aus, was ich lngst vermutete,
sagte er in klagendem Westpreuisch, diese Materie ist als die
Ablagerung gewisser Krten, Frsche oder Schnecken zu betrachten, mit
ihrem Fortpflanzungsgeschft zusammenhngend, wenn nicht alles tuscht.
Es entspricht dies Beobachtungen, die ich als Knabe auf den Wiesen an
der Weichsel gemacht habe. Man betrgt uns. Als ich uns dort im Grase
hocken sah und deines Weltruhmes gedachte, berkam mich Scham, -- ich
htte weinen knnen!

Schweig! herrschte George ihn an. Du hast keine Demut! Uns ziemt zu
glauben und zu gehorchen!

Er schritt strmisch vorwrts, die Lippen zusammengepret; Smmerring
folgte verkniffenen Gesichtes. Lerchen trufelten ihren Gesang ber die
jungen Saaten, am Wege lockten Ammern in den Apfelbumen. Lndliche
Fuhren berholten sie, von Bauern in blauen Kitteln gefhrt, Mdchen,
die kurzen, gefltelten Rcke wippend, Lasten auf den Kpfen tragend,
schritten schwatzend vorbei, in den Straen der Stadt empfing sie das
Gewimmel eines Markttages. Die Professoren Smmerring und Forster
rannten finster hindurch. Die ersten Worte, die einer von ihnen nach
jenem Gesprch auf der Landstrae hren lie, sagte George, sagte sie
ein wenig atemlos zu dem Hofrat Prizier, der ihnen schwarzbekittelt in
seinem Arbeitsgewlbe in den Kellern der Residenz entgegentrat. Wir
haben sie! sagte er in herausforderndem Ton und reckte die Hand mit dem
irdenen Tpfchen aus. Nun, war er etwa nicht von Glck berstrmt? Was
galt's nun noch, als aus jenem astralischen Subjekte die kostbare,
die unschtzbare ^tinctura universalissima^, den Stein der
Weisen auszuscheiden, sie von ihrem Fluch zu reinigen und zur
bervollkommenheit zu bringen?

George, erregt in dem weiten Gewlbe auf und nieder schreitend, und
blitzenden Auges ber Smmerring hinwegsehend, wiederholte sich
krampfhaft die Verheiungen des Annulus Platonis. Reichtum, -- Weisheit,
-- ein Leben ber Jahrhunderte hinaus ... war's nicht so? Prizier
hantierte mit Tiegeln und Retorten, auf dem Herd in der Ecke blakte ein
Feuer auf. Smmerring hatte einen schwarzen Kittel ber seine Kleider
gezogen und arbeitete auf einmal schweigsam und angespannt. Der Blasbalg
fauchte zwischen seinen Hnden. Ich sollte mehr von der Chemie
verstehen, dachte George trumerisch, seiner Ermdung nachgebend, an
einem der schieschartenhnlichen Fenster lehnend und den ganzen Aufwand
des Adepten betrachtend, Hunderte von Bchsen und Flschchen, von ihrem
Inhalt rubinen, smaragden, schwefelgelb glhend. Ich sollte die
einfachsten Grundlagen meiner Wissenschaft besser beherrschen, redete
jene unbeaufsichtigte Stimme noch einen Augenblick lautlos weiter, --
was bin ich mehr, als der vom Knig Minos dressierte Pudelhund? Den
Seinen gibt's der Herr schlafend! fiel sich George hier selbst heftig
ins Wort und dachte zugleich: ist's meine furchtbare Mdigkeit, die
mich immer wieder nach diesem Wort greifen lt, -- gerade nach diesem?
Er nherte sich Prizier, der mit fanatischem Gesicht und feierlichen
Gebrden an einem Tisch hantierte, Essenzen auf die grauweie
Sternschnuppensubstanz tropfte und ihre Wirkung mit fiebernden Augen
beobachtete. Seiner Verpflichtung endlich eingedenk, fuhr George nun
auch in ein Arbeitskleid und tat Handreichung, murmelte gewisse Sprche
und suchte mit Gewalt das zu bertnen, was seit Smmerrings Worten auf
der Landstrae unaufhaltsam in ihm reden wollte. Mein Gott, dieser
Smmerring, der jetzt so hingegeben auf Priziers Finger sah, als hinge
seine Seligkeit von dem Erfolg seiner Bemhungen ab! Was hatte er ihn
angerhrt, ihn, den so gern und glcklich Schlafwandelnden? George,
vergessend den Geist zur Sache zu zwingen, lie die Augen wiederum
wandern. Und da pltzlich, -- war's ein Wort, das gefallen war, ein
Gerusch, der flchtige Duft irgendeines Arkanums, eine kaum gesprte
Blutwallung in seinem Gehirn? -- pltzlich berkam ihn das rtselhafte
Behagen, das er einst in frhen Morgenstunden in des Vaters Kabinett
hatte empfinden knnen, ehe die Tagesarbeit begonnen hatte und wenn alle
Gegenstnde, Bcher, Papiere, Schreibgert, so sachgem und rstig
dagestanden hatten, als wrden sie sich sogleich selbstndig in
Ttigkeit setzen, -- das ihn einst wie ein Rausch berkommen hatte bei
dem Aufenthalt in Dalrymples Arbeitsraum und aus dem er auf der Reise
Kraft gesogen beim Anblick von Cooks rechteckig aufgestelltem und
blinkendem Gert. Nun, -- Prizier war kein Cook, er war kein Dalrymple.
Er war dem Vater in keiner Weise vergleichbar. Jedoch, er stand hier als
der Meister und Smmerring und er selbst als glubige Schler.
Handreichung tun und gehorchen, sich von der Stimmung dieses Raums,
diesem magisch-wissenschaftlichen Aufbau, dem ausgestopftem Krokodil an
der Decke, dem grinsenden Totenkopf dort auf der schweinsledernen Bibel
unter dem Kruzifix in das selig verantwortungslose Gefhl des
Zauberlehrlings hineinsteigern zu lassen, -- dies war das verlockende
Spiel einer Phantasie, die sich selber ernst zu nehmen liebte. George
war fr Minuten vllig glcklich. Verzckte Sammlung aller Strahlen des
Gefhls auf den einen Brennpunkt gelang ihm: so wie gttliche
Schpfungs- und Verwandlungskrfte sich niedergeschlagen hatten in
dieser kstlichen Masse, diesem wahren ^sperma astrale^, dem
Weltensamen, so meinte er einen bermenschlichen Grad aller Spannkrfte
des Gemts erreicht zu haben, -- als eine schroffe Bewegung Priziers,
der das Prfglschen gegens Licht erhoben hatte, ein unwilliger Laut,
ihn herausri. Nichts! stie Prizier hervor und warf das Glas klirrend
auf den Tisch. Und Nichts! wiederholte eine andere Stimme und eine
Gestalt trat mit lautlosem Schritt neben George, ihm die Schulter
berhrend, da er mit einem unwillkrlichen Schrei zurckfuhr. Woher war
sie gekommen, aus welchem Schatten des Gewlbes? Du hier, Bruder
Manegogus? murmelte George erschttert und blickte auf Smmerring,
dessen Hnde schlotterten.

Ich hier, -- jawohl, Bruder Amadeus! -- wann wre ich nicht um euch?

Eine entsetzliche Klte, ein Unlustgefhl sondergleichen berkroch
George, als er den Ankmmling anblickte, der nun an Priziers Stelle an
der Breitseite des Tisches lehnte, sich aufsttzend und seine lange
flache, bis zum Halse schwarz eingeknpfte Gestalt vornberschwanken
lie. Das im Gegensatz zu der niederen Stirn und der geringen Nase
schwere eckige Kinn schob sich hhnisch vor, die rechte Hand hob sich,
um geballt auf die Tischplatte zu fallen, da die Glser erklirrten.

Und ich sage euch, es fehlet am Glauben! sagte die verschleimte
Stimme, am Glauben fehlt es, -- ich wei nur noch nicht, bei welchem
von euch! Die breiten Kiefern mahlten, die uglein gingen lauernd
zwischen Smmerring und George hin und her. Wo das Gebet lau ist,
schlft der Glaube ein. Wachet und betet. Die Oberen sind unzufrieden
mit euch. Strafe droht. Hat einer von euch -- Geheimnisse verraten?

Und whrend Smmerring den Kopf hngen lie, wie ein gescholtener Knabe,
war in George auf einmal der Ekel stark genug, da er den Mann dort
hinterm Tisch nicht anders sah, als er war, die Enttuschung ber das
miglckte Experiment hatte ihn ernchtert wie ein Sturz kalten Wassers.

Was will mir der Schleicher, der verfluchte Pfaffe? dachte er in
kalter Emprung, indem er zurcktrat und sich des Arbeitskittels
entledigte, als sei er allein ...

Ich bin nunmehr doch der berzeugung, Herr Hofrat, sagte er zu
Prizier, der mit untergeschlagenen Armen und stieren Augen an der Wand
lehnte, den Mann, dem eine letzte Hoffnung fehlgeschlagen ist, mit der
mimischen Begabung seiner franzsischen Herkunft darstellend, -- sagte
es in leichtem Ton, als berhre er lngst Vermutetes, da es sich hier
nicht um eine Verdichtung des ^spiritus mundi^ oder der ^terra virginea^
handelt, sondern -- um den Laich von ^bufo vulgaris^, der gemeinen
Erdkrte. Darf ich mich fr heute empfehlen? Du kommst noch nicht,
Smmerring? Nun, auf ein ander Mal! Gehorsamster Diener allerseits! --
--

Der Bogen war berspannt worden.

                   *       *       *       *       *

Was europischer Ruhm und Frstenfreundschaft, Glanz der Wendekreise um
mein armes Haupt und sdliches Inselmeer zu meinen Fen! dachte George
Forster, und er dachte mit Pathos, der groen Stunde angemessen, --
wre ich ihr genaht, ein bescheidener junger Gelehrter, -- etwa ein
Smmerring, -- schaltete er ein, >beiseite< denkend, wie die Helden im
Schauspiel beiseite sprechen, -- unbekannten Namens, ohne einen andern
Ruhm als den meiner Redlichkeit und eines fhlenden Herzens, -- wre ihr
genaht an der Hand ihres wackeren Vaters etwa, die eigene Hand auf der
Brust und die Augen zu Boden geschlagen ... George verlor sich dermaen
in diese Vorstellung, da er sich selbst in der sparsam amblierten
Wohnstube des Hauses Heyne stehen sah vor Therese, die in einer
zuchtvollen Haltung nhend am Fenster sa, und den Alten
wohlwollengetrnkte Worte ber sich reden hrte, -- er blickte
trumerisch ber den Brief hinweg, in dem er gelesen hatte, und bewegte
ekstatisch den Kopf ... dann, -- ja dann knnte ich es glauben, dies
Glck! Oh, Gtter, aber warum zweifle ich?!

Er sprang auf und ging mit langen Schritten in dem Kabinett auf und
nieder, in dem alles zum Aufbruch gerstet stand, die Kisten dort, mit
seinen Bchern, Instrumenten, Sammlungen, -- die ledernen Reisekoffer,
der Mantelsack, noch nicht zugeschnallt, des letzten Eigentums harrend,
-- ach, dieser gute, treue Mantelsack, in London fr die Pariser Reise
gekauft und nun, mitgenommen und abgerieben wie er war, von all den
einsamen Fahrten der letzten Jahre erzhlend, letztlich von den
nchtlichen Ritten nach Gttingen! George berhrte ihn gedankenverloren
und zrtlich mit der Hand, -- o ja, es ging nun einmal Reiz und Zauber
ohnegleichen von den Dingen aus, die der Reise dienten!

Merkur mu ber mir stehen so gut wie Saturn, dachte er inbrnstig und
der Rausch des Reisefiebers lie ihn wieder lcheln, so haltlos, wie
sich ein Mensch nur in der Dunkelheit oder vlligen Einsamkeit dieser
seltsamen Grimasse berlt. Und, wohl empfindend, aus welcher Quelle
dieses unendliche Lcheln sich speiste, trat er ans Fenster, um im
letzten Schein des Aprilabends Theresens Brief von neuem durchzulesen.

Durch Jahre hindurch kannte er nun diese flchtigen, launisch bewegten
Schriftzge, kannte sie aus kurzen Billets, rasch hingeworfenen Gren,
spielerischen Fragen nach seinem Wohlergehen, Einladungen, -- kannte sie
aus langen, schwrmerischen Episteln, Antworten auf Ergsse seines
eigenen gepreten Herzens, aus einem Briefwechsel, bei dem es dem
Anschein nach um eine Vertiefung in Gott und Welt und um die wahre
Glckseligkeit des Herzens gegangen war, der ein behutsames Abtasten
seelischer Grenzgebiete, ein zartes Ausforschen von Wegen in die
rtselvollen Landschaften des fremden Ichs hatte bedeuten sollen und
der, -- George nahm vielleicht an, er allein sei sich dessen bewut
gewesen, Mann, der er war, mit einer Vorstellung von der
schmetterlingshaften Ziellosigkeit weiblichen Gemtslebens, geeignet,
ihn beliebig in Rhrung zu versetzen, -- der von Anfang an das gewesen
war, was Spiel und Tanz den Geschlechtern sein mu, Werbung von der
einen, Hinhalten auf der anderen Seite. Und nun, berrascht, ja,
berwltigt trotz aller Gewiheit seiner Hoffnung, in diesem Augenblick,
da er sich Gott bergeben hatte, um nach Litauen zu gehen, an die
Universitt Wilna, wohin sein Gnner, der Hofrat Czempinski in Warschau,
ihn an die Universitt empfohlen hatte, -- nun sah er sich am ersten
Ziele der Wnsche, auf die dieser Briefwechsel aufgebaut gewesen war: er
las, mit unglubigen Augen und zitterndem Herzen zum drittenmal den
Satz, da Therese Heyne demtigen Herzens geneigt sei, die zuknftigen
Schicksale ihres liebsten Freundes zu teilen, wie immer sie auch fallen
mchten. Er las diese fast allzu deutliche Antwort auf eine verhllte
Anfrage seines letzten Briefes, und endlich, endlich sprte er den
Schauer des Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der doch
eintreten mute, verga zu zweifeln, fhlte sein Blut hei und
gewaltttig steigen, wute, dies, -- ja, dies war eine Angelegenheit des
Blutes, und all die Jahre hindurch bei dem ganzen Aufwand von Geist,
Papier und Tinte hatte es sich zunchst um diesen einen Augenblick
gehandelt, -- drckte in einem kurzen Taumel oder aus Folgerichtigkeit,
oder, weil er sich diesen Augenblick der Erfllung nun einmal von jeher
so vorgestellt, den Brief erst an die Lippen und dann ans Herz, blickte
verzckt in die Wolken und bekmpfte bei alledem in sich die bittere
Enttuschung ber den Schlu des Briefes, der als Wunsch des alten Heyne
den Satz enthielt, da auf ein Wiedersehn, etwa jetzt auf der
Durchreise, zu verzichten sei. Der Vater meinte, da wir fernerhin
korrespondieren mchten und uns einstweilen im schriftlichen Austausch
unserer Seelen gengen lassen. Ich bin gewhnt, mich seinem Willen zu
fgen, auch dort, wo es mir schwer fllt, und ich bin berzeugt, der
beste Sohn der Welt, als den ich meinen Forster kennenlernen durfte, mu
mir hier recht geben ... so schrieb Therese und: Oh, ja, dachte
George bitter, der unaufhrlich zrtlich gehorsame Sohn, wie sollte er
nicht? Gewi, Therese war jung, -- aber wute Heyne denn nicht, wie er,
George, verzehrt von Glut und Einsamkeit war?

In einem Jahr, stand da noch, in einem Jahr, wenn er sich in Polen
eingelebt habe und zu Besuch nach Deutschland kommen wrde ...

Nun, wute dieser alte Mann mit seinem Schatz sicher erworbener
gleichwertiger Jahre auch, was ein Jahr mehr fr den hie, dem die Jahre
bisher Unrast, Qual und Heimatlosigkeit bedeutet hatten? Noch ein Jahr
der Verlassenheit, des Leids, des Verlangens, der Askese? Gut, gut, er
wrde sich fgen; aber dies war hart!

Auf dem Flur schepperte die Glocke, die Wirtin schlurfte drauen
vorber, um zu ffnen. Morgen bin ich fort, dachte George unbewut. Ach,
er wrde wenigstens die Alltglichkeit dieses Ortes abstreifen! Nun kam
Smmerring, der Teure, um den letzten Abend mit ihm zu verbringen. Und
indem er den Freund in der letzten Dmmerung umarmte, -- Bruder!
flsterten beide im Einklang ihrer Bewegung, -- fhlte er die Frische
des Frhlingsabends auf seinen Wangen und lie die Hnde niedergleiten
mit der wehen Empfindung, als msse er etwas Unwiederbringliches fahren
lassen. Was widersinnig war, -- indessen, -- wer war ihm in seinem Leben
bis jetzt das gewesen, was Samuel Smmerring war? Lassen wir das
Licht! sagte Smmerring mit belegter Stimme, Teufel auch, liegt denn
auf jedem Stuhl etwas? So. Und dies ist nun unser letzter Abend.

Ich habe dir etwas zu sagen, Bester! sagte George.

Ich dir auch. Smmerrings Stimme klang erregt. Ich habe sie nicht!
-- Was? Wen hast du nicht?

Guter Himmel! Da fragst du! Worauf warten wir denn? Die
Exemptuspatente!

Die Exemptuspatente! Gut, gut, murmelte George zerstreut, du bist
noch eine Weile hier, du wirst sie mir nachsenden.

Es handelte sich um die Besttigung ihres Austrittes aus jener geheimen
Gesellschaft, deren Mitglieder sie bis vor kurzem gewesen, deren Ziele
ihnen weltbewegend erschienen waren, so wie die Entdeckung, da ihr
Aufbau Scheinarchitektur und hohle Kulisse sei, sie erschttert hatte,
gleich dem Zusammenbruch eines Tempels. Indessen, -- dies alles sank ja
von George wie ein altes Kleid.

Verzeih mir, sagte er etwas lebhafter, ich gebe dem allem keine groe
Importance mehr. Die Exemptuspatente. Nun ja. Und wenn wir sie
schlielich auch nicht bekmen ...

So wrden wir aller Orten als wortbrchige Brder und Verrter unseren
Steckbrief haben und der Verfolgung und Rachsucht der Oberen ausgesetzt
sein! Du frchtest sie nicht mehr? Nun, du wrdest sie wieder frchten
lernen! Smmerring rang die groen Hnde. Unglckliche, Blinde, die
wir in dies Verhngnis rannten! Manegogus hat uns. Er wird uns Stein um
Stein in den Weg rollen.

Er ist ein Narr, sagte George ruhig, bleibe ja kalt und gelassen in
allem, was ihn betrifft! Hre mich an!

Er trat ans Fenster und legte einen Augenblick die Stirne an die khle
Scheibe. Messerscharf stand die Firstlinie des Daches gegenber gegen
den grnlich-klaren Himmel. Alte Dcher, dachte er, ich seh euch nicht
wieder im Sonnenlicht! Ach, die Orte, die er schon hinter sich hatte
versinken sehen!

Du kennst meinen Charakter, begann er, sich ins dunkle Zimmer
zurckwendend, es waren nicht Vorspiegelungen, Bestechungen mit
angenehmen Aussichten auf Wohlleben und dergleichen, die mich verfhrten
...

Nein, bei Gott, beruhigte er sich selber, denn die Hoffnung auf Gold,
sie war mir aus den edelsten Grnden teuer, -- war es nicht so?

... sondern Wahrheitsliebe, brennender Durst nach berzeugung von
gewissen Wahrheiten und der schwrmerische Hang, sie fr wahr zu halten,
-- das war's doch einzig, was mich die vier Jahre hier laborieren lie!
Darum habe ich an meiner vermeintlichen Geistesreinigung gearbeitet,
mich kasteit, allen unschuldigen Freuden des Lebens entsagt, habe voll
redlichem Enthusiasmus in unseren Versammlungen geredet, bin bei den
Bundesbrdern die Runde gegangen, habe sie ermahnt und angefeuert, habe
Geld und Ruhm in die Schanze geschlagen, kurz, alle Krfte aufgeboten,
um das Ziel zu erringen, welches man uns als erreichbar gezeigt hatte.
Und nun, da ich endlich eingesehen habe, da mich diese Verirrung nicht
nur jene 500 Taler bar gekostet hat, sondern gewi mehr als 1500 an
verschwendeter Zeit und unschtzbare Summen an Kenntnis, die ich mir in
den vier Jahren htte erwerben knnen, und so viel an Freuden des
Lebens, die meinen Kopf htten aufhellen, meinem Herzen htten Schwung
geben knnen, -- seitdem ich mich und auch dich als so betrogen erkannt
habe, seitdem -- und er stie den Stuhl, dessen Lehne seine Hnde
umfat hielten, heftig auf den Boden, -- seitdem erlaube ich es mir,
eine schlechte Sache schlecht zu nennen und ihre Vertreter zu verachten.
Ja, Smmerring, fr mein Leben fluche ich der Schwrmerei! Freimaurerei
und Rosenkreuzerei sind abgetan fr mich. Meine Natur ist dem Mystischen
entgegen. Es war nicht Frmmelei, die mich zum Betbruder machte. Es war
-- etwas anderes ...

Du meinst? fragte Smmerring zaghaft aus dem Dunkel.

Ach, genug! Ich habe viel entbehrt, Bruder. Bitterer, als andere. Ich
wei es jetzt.

Therese! dachte er, in einem pltzlichen Aufruhr des Herzens, --
Therese!

Gleich darauf lchelte etwas in seiner Stimme, als er abschlieend
sagte: Die Arbeit, Freund! Die Wissenschaft! Und -- die Brder vom
reinen Willen ber alle Welt verstreut! Oh, er hatte recht, jener
Mller!

Ein Treuloser! murrte Smmerring, wo mag er sein?

Gleichviel! sprach George. Mein teuerer, einziger Smmerring, was ich
dir zu sagen hatte, es war dies: ich bin mit Therese einig.

Nach diesen Worten blieb es sonderbar still. George, jetzt mit dem
Rcken am Fenster lehnend, erblickte drben im Spiegelglas seinen
Schatten von einem trben Abendrot umflossen und den Querbalken des
Fensterkreuzes zu seinen Hupten.

Du bist mit Therese einig, wiederholte Smmerring sodann. Es gab ein
Gerusch, als bewegte er ruhelos die Hnde, riebe sie aneinander, ein
trockenes aufreizendes Gerusch.

George, im tiefsten Herzen erkltet und von einer rtselhaften
ohnmchtigen Angst berfallen, raffte sich zusammen und rief in
erknstelt zornigem Ton: Das ist alles, was du mir zu sagen hast? Nun,
beim Himmel ...

Versteh mich richtig, versteh mich richtig! sagte die Stimme aus der
Dunkelheit hastig in hilflosem Ton. Ja, dein Glck liegt mir am Herzen,
wie mein eigenes, Bruder, -- heier noch, angelegentlicher. Und deshalb,
gerade deshalb ...

Smmerring! sagte George beschwrend. Oh, Forster! seufzte der
andere, Forster, -- ist sie denn deiner auch wert?

Therese? fragte George zurck, und der Ton seiner Stimme sagte, da er
lchelte, Therese?

Ja, -- Therese! Smmerring kam herber und legte mit einer
unbeholfenen Gebrde seine Hnde auf Georges Schultern, -- es war ja
dunkel. George, wir kennen sie beide, und es gab eine Zeit, da durfte
man noch in deiner Gegenwart ohne Rckhalt ber sie sprechen. Aus jener
Zeit mut du dich entsinnen, -- nun, -- sie galt fr eins von den
Mdchen, deren grte Freude es ist, wenn sie Sklaven an ihrem
Triumphwagen schleppen knnen. Und unter diesen Sklaven einen Frsten zu
haben, einen Forster --

Oh, schweige! George wandte sich ab.

Ich schweige nicht, sagte Smmerring mit verzweifelter
Rcksichtslosigkeit, ein wenig stotternd und mit dem Zeigefinger eifrig
unterstreichend. Diese Liaisons mit dem jungen Rougemont, mit Meyer,
haben die Sperlinge auf den Dchern beredet und du allein warst taub und
blind.

Was will das sagen? gab George hastig zurck, habe nicht auch ich --?
Denke an Philippine, an Karoline Michaelis -- nun, willst du mir nicht
auch sagen, ich sei Theresens nicht wrdig? Nun?

Oh, George! sagte Smmerring, vor so viel Harmlosigkeit verlegen.
Aber das waren Spielereien, schngeistige Korrespondenzen ...

Nun, und ...? Willst du etwa andeuten, da Theresens Beziehungen zu
jenen Mnnern weiter gingen? Und selbst wenn sie sich ihnen nher
attachiert gehabt htte, -- er redete lauter als ntig, wie einer, der
sich selbst bertnen will, -- was willst du ihr vorwerfen?

Nichts, als da sie gleichzeitig mit dir und jenen Hohlkpfen ihr Wesen
hatte!

Ach, du kennst sie nicht. Sie ist so jung. Sie ist beweglichen Geistes.
Du solltest ihre Briefe lesen, Freund, -- du wrdest zufrieden sein. Was
ich dir sagen knnte, es wrde mich beschmen, -- aber sei beruhigt, --
es ist kein Mann mehr fr sie vorhanden auer mir. Meyer ist mir Freund
und Bruder und sie, o Smmerring, sie wird mir einst Freundin und
Gehilfin sein, wie sie mir jetzt die einzig Begehrte und Geliebte ist.
Er sank dem Freunde an die Brust.

Vergib mir, vergib mir! stammelte der ergriffen. Ich wei, ihre
Qualitten sind auergewhnliche. Du bist der Mann, sie zu lenken. Sei
glckselig! Ich bin es mit dir. -- --

Es klopfte. Mhlhausen, der Bediente, kam herein, der Schein des
Leuchters in seiner Hand fiel auf ein verschnupftes, verweintes Gesicht.

Ja, ja, Mhlhausen! Sein guter Herr! Smmerring klopfte ihn auf die
Schulter, aber warum folgt Er ihm nicht?

O Herr! So in die finstere Polackei! Ja, wenn der arme Mhlhausen nicht
Weib und Kind htte!

Lassen wir die Sentiments! Seien wir Mnner! Forster trat aus dem
Nebenzimmer, eine triefende Flasche in der Hand; Mhlhausen, der den
einfachen Abendimbi auf den Tisch gesetzt hatte, entfernte sich.

Ich habe hier eine Bouteille Johannisberger, Freund, -- nun, 's ist
immerhin ein guter Tropfen zum Abschied, und einstweilen bist du den
Hochheimer ja noch nicht gewhnt, -- du Rheinlnder!

Smmerring war wie George im Begriff, Cassel zu verlassen. Er folgte
einem Ruf Sr. Eminenz des Kurfrsten an die Universitt Mainz. George
fllte die Glser. Smmerring sah ihm schmunzelnd zu.

Ich gedenke ein guter Preue und Lutheraner zu bleiben unter den
Verfhrungen Roms, sagte er. Der Hochheimer soll ein Reservat der
Herren Domdechants sein.

George setzte sich. Oh, du wirst Freunde unter ihnen gewinnen. Tritt
nicht zu schroff auf. Ein Mann von Welt betont seine berzeugungen
nicht. Er hat sie, -- das gengt.

Da wir beide unter die Pfaffen fallen mssen! Und warum nicht am
selben Ort! Oh, George, -- Wilna knnte mich nicht locken, du weit es,
-- aber ich werde alles daran setzen, dich an den Rhein zu bekommen!

Sie hoben die Glser. Tu es! sagte George angeregt. Auch ich werde
fr dich arbeiten. In Prag, -- in Wien, -- wo du willst. Bruder,
Connexionen und Connaissancen sind alles!

Du hast sie durch deinen Namen, Smmerring sah auf seinen Teller.
Woher sollte ein bescheidener Jnger skulaps sie haben, wenn nicht
durch seinen Freund und Bruder?

Oh, schweige! rief George, du bist eine Hoffnung deiner Wissenschaft,
du weit es. Weit du auch, wieviel Protektion wir dem Bunde verdanken?

Du magst recht haben, -- Smmerring sah sich unruhig um, -- indessen
wnschte ich dennoch ...

Du nimmst es zu tragisch. Ich werde es unterwegs zunchst nie
ableugnen, einer Loge anzugehren. Kenntnis von Geheimnissen gibt ein
Air. Und in Leipzig will ich dem Schrepferschen Zirkel nher treten.
Wissenschaftshalber, verstehst du.

In Leipzig, -- Smmerring lenkte ab, -- du wirst auch nach Halle
kommen?

Jawohl, erwiderte George verdstert, -- ich mu wohl. Die Gtter
mgen ber meinem Reisegeld wachen. Aber auch ohne das, ich werde fest
bleiben. Ich habe jetzt andere Rcksichten zu nehmen.

Du wirst den Deinen Mitteilung von deiner Liaison machen?

Um Gottes willen! Das geschieht erst in einem Jahr, -- wenn ich mir
Therese hole. Der Alte mchte mir Berge in den Weg legen. Freilich, fr
ihn ist der Packesel dann endgltig verloren! Er lachte kurz auf. Sie
tranken sich zu. Smmerring legte sich ber den Tisch und griff nach
Georges Hand.

Mein George, sagte er mhsam mit schwimmenden Augen, du bist die
beste, uneigenntzigste Seele der Welt. Du bist der wahre Amadeus.

Smmerring, Smmerring! George bedeckte die Augen mit der Hand. La
uns nicht weich werden!

Doch, doch! Samuel Smmerring schluchzte beinah. Du bist's! Und nun
bist du den Alten glcklich los -- und da kommt diese Frau ...

George richtete sich auf. Smmerring! rief er, deine Freundschaft
verfhrt dich! La mich annehmen, es ist der Wein! La mich annehmen, es
ist der Wein!

Smmerring verbarg das Gesicht in den Hnden. In der Tat, er vertrug
nicht mehr als ein Glas.

Schick mir einen Elenskopf aus Polen, Bruder, bat er klglich, das
Gehirn in Weingeist! Auch einen Brenkopf bes ich gern. Mein Gott,
mein Gott, du gehst ja in die Wildnis!

George kam um den Tisch herum. George streichelte den gefllten Riesen.
George trstete. Aber da war nichts zu machen.

Du -- du bist nun einmal zu gut dafr, um nichts zu sein als das weie
Tuch fr das Schattenspiel der andern! schluchzte Smmerring.

George sah mit sonderbar auflauschendem Ausdruck ber diese Worte hin
ins Leere.

                   *       *       *       *       *

George durchwachte diese Nacht; er hatte es nicht anders erwartet.
Hingegeben an das Rauschen seines Blutes lag er da, und _da_ es
rauschte, da es endlich wieder einmal mit Hochdruck durch seine Adern
strzte, ach, er wute es wohl, das war nicht Theresens Brief allein,
der das machte. Dieser Brief mit seinem hinhaltenden Schlu hatte eher
etwas in ihm zurckgestaut; ja, wenn er sich denn nun nicht sogleich von
dem vollen Aufstrom seiner Seligkeit an ihre Brust tragen lassen durfte,
so sollte dieser Strom wenigstens Mhlen treiben, gut, gut, -- Forster
war nicht der Mann sich haltlos einer Enttuschung zu berlassen. Und da
er denn nun in der frchterlichen Dunkelheit nicht weinte vor bitterer
maloser Enttuschung darber, da er sein Mdchen morgen abend in
Gttingen nicht sehen sollte, wie er mit zweifelloser Sicherheit
angenommen hatte, -- da er nicht, ehe er noch einmal in eine so
gramvolle Einsamkeit und Fremde ging, ein Wort, eine kleine Gebrde der
Zrtlichkeit mitnehmen wrde, nicht ihr Haar, nicht diese flaumige
brunliche Haut ihres Halses einmal berhren durfte, -- oh, seltsames
Verlangen, wunderliche Wnsche muten nun zurck in das stumme innerste
Herz! -- da kam dieser verzweifelte Trotz, dieses hohnvolle Lebensgefhl
ber ihn: _dennoch_ wollte er glcklich sein! Und nun stand ja diese
Reise bevor, dieser angenehme Umweg nach dem Ort der neuen Pflichten,
der ber den Harz, ber Dresden, Prag und Wien fhren wrde und
zwischendurch die freundliche Einschaltung eines Badeaufenthaltes in
Teplitz voraussah. Nein, sein Herz klopfte nicht allein unter dem Druck
jener bittersen Erfllung, es war der wohlbekannte Frhlingssturm der
Projekte und des Reisefiebers, der das Schiff an der Ankerkette tanzen
lie, diese verworrene glubige Erwartung grter Dinge und Ereignisse
hinter der nchsten Wegbiegung, zum erstenmal empfunden, als der Vater
damals mit der Wolgareise schwanger ging. Er wurde nun hellwach, fhlte
die letzte Neigung einzuschlafen, entweichen, wlzte sich herum, stemmte
den Kopf in die Hand und starrte mit leise brennenden Augen in die
Dunkelheit. Wohl, Cassel war erledigt. Oh, Gott im Himmel sei Dank,
diese Leidensstation lag hinter ihm, nie wieder betreten wrde er diesen
Gang des Labyrinthes. Und mit einer Art phantastischer Frhlichkeit der
alten Vorstellung erliegend, warf er sich zurck und lachte lautlos auf.
Ja, drinnen heulte der Minotauros und hier, -- hier ging er, George
Forster, der gemeint war, nicht mehr ein kleiner demtiger Knabe, nicht
mehr ein drftiger berarbeiteter Jngling, -- auch nicht der dumpfe
Schwrmer der letzten vier Jahre, -- nein, hier ging ein freier
zielbewuter, und nebenbei ein berhmter und ^ la mode^ gekleideter,
kurz, ging ein Mann, ein ganzer Mann seinen Weg hinein in neue lockende
Windungen der dunklen singenden Riesenmuschel. Sich selbst hellsichtig
aus dem Nichts erschaffend, gewahrte er sich, wie er in Klausthal mit
dem Berghauptmann von Trebra in die Bergwerke einfahren wrde, fhlte
seine Kenntnisse der praktischen Gesteinskunde mhelos durch Anschauung
um das vermehrt, was man von Polen aus fr die Anwendung auf dortige
noch zu hebende Bodenschtze von ihm verlangt hatte, -- sah sich diese
genureiche Art des Studiums in Freiberg bei dem berhmten Inspektor
Werner fortsetzen, zwischendurch in Leipzig und Dresden seinen Kreis
bedeutender Bekanntschaften und ergebener Freunde durch die einfache
Tatsache seines Auftretens erweitern, in Teplitz allerliebste
Beziehungen anknpfen und sodann durch verschiedentliche Triumphbgen in
sterreich eingehen. Besonders von Wien versprach er sich viel und, --
da er ja noch nicht gebunden war, -- so wrde er sich mit der Freiheit
des Weltmannes bewegen. So nahm er sich vor, fhlte aber sogleich aus
irgendeinem Winkel der Erinnerung Beschmung sich ankriechen, -- was war
das doch nur, -- war's jener Vorsatz auf die Schnen von Tahiti, den er
damals im Eise des Pols gefat -- und nie ausgefhrt hatte? Mit Ernst
gebot er derartigen strenden Erinnerungen Einhalt, legte sich auf die
andere Seite und berzhlte im Geiste die Empfehlungsbriefe und
Adressen, die er mit sich fhren wrde. Ein Wolkenbruch von Namen ergab
sich, das gesamte geistige Deutschland, soweit es an jenen Straen
ansssig war, hatte er sozusagen in der Tasche und das, was jetzt nicht
an seinem Wege lag, -- er schlo erschrocken die Augen, -- oh, nur nicht
diesen Hexensabbat von Erscheinungen heraufbeschwren, die seit der
Rckkehr aus der Sdsee an ihm vorbergezogen waren, -- gab es denn
_eine_ einigermaen hervorragende Existenz, von deren Bedingungen er
nicht einen Begriff hatte, wenn er sie nicht schon persnlich kannte
oder im Briefwechsel mit ihr gestanden hatte? Jetzt bin ich wie der
Vater war, damals in Nassenhuben, als er so viel korrespondierte, dachte
er mit kindlichem Vergngen und jener Unumwundenheit innerster
unbeobachteter Gedankengnge, -- nur, da ich jnger bin, als er damals,
und dennoch -- mehr!

^Pater meus major est me!^ fgte er freilich sofort hinzu, sich
gleichsam bekreuzigend aus alter Gewohnheit. Und, das schwere Federbett
von der Brust wegschiebend, dachte er aufseufzend und mit einem dumpfen
Gefhl in der Brust: Er hat die Gesundheit, er steht wie ein Baum, Gott
wei, wohin er es noch bringt, wenn er noch einmal anfngt. Ich aber ...

Aber das sollte ja in Teplitz besser werden. Sein armer Leib, immer
wieder von rheumatischen Schmerzen geplagt, von rtselhaften Schwren
verunziert, mit stndigem Kopfweh und chronischen Koliken geschlagen, er
sollte sich erneuern durch und durch. Und eingestandenermaen, sein
Geist schien abhngig von den Gezeiten jenes Giftes, das _seit den
Skorbuttagen im Sdmeer in seinem Blute auf- und niederstieg_: er
arbeitete besser, wenn es ihm nicht allzu gut ging, -- oh, er wute es
mit heimlich asketischer Inbrunst, -- zuviel Gesundheit vertrug sich
nicht mit seiner Einsamkeit! Spter vielleicht, -- in einem Jahr, wenn
er Therese besa.

Der Schwung der Erregung hatte nachgelassen, er fhlte es. Er fror
pltzlich, er zog die Decke ber sich. Er war doch mde.

Er wollte ja Therese nicht nur, um dies wahnsinnige Verlangen seiner
Sinne zu stillen, nicht nur zur Gefhrtin seiner Arbeit. Er brauchte
einen Menschen neben sich, endlich, endlich, wollte diese Verstoenheit,
diese krperliche Verlassenheit vergessen knnen, wie er es einst, --
ach, vor undenklichen Zeiten gekonnt hatte, wenn er des Nachts die
Atemzge der Schwester neben sich hrte. Er wollte jemand haben, der
still und zrtlich um ihn waltete, nichts von ihm verlangte als das, was
er in Einfalt geben konnte, ohne Aufwand von Geist und Willen. Es sollte
ihm geschenkt werden, da war dieser Brief, -- er tastete in der
Dunkelheit nach ihm und drckte ihn an sein Herz, -- nur noch ein klein
wenig Geduld, nein, er wollte nicht murren! Diese Menschen, diese
schrecklich emsigen, erwartungsvollen, klugen, geistreichen Leute, die
auf ihn blickten und vor denen man sich dauernd Haltung geben mute, --
ahnten sie, da Forster -- der jngere Forster, wohlgemerkt, der Ruhm
Deutschlands! -- hier in der Dunkelheit des Alkovens weinte wie ein
Kind? Oh, nichts weiter sein drfen, als das duldende, menschenliebende
Geschpf, als das Gott einen gewollt hatte, geliebt um seines Wesens,
nicht um seines Wissens, seines Namens willen, so sehr geliebt, da die
Leute den Forster nur allzu gern immer um sich gehabt htten, -- wie
selig mute es sein! Aber wenn es nur einen, einen solchen Menschen gab,
der ganz ihn kannte! Oh, er war freilich zu weich, sein eigener Herr zu
sein! War er vielleicht nicht glcklich gewesen als Sklave seines
Vaters? Und dies, was Smmerring da gesagt hatte, dies mit dem weien
Tuch und dem Schattenspiel, -- traf es nicht zu?

Er fuhr empor und griff sich mit den Hnden an den Kopf. Wie, sollte er
nicht lieber gleich die Pistole nehmen? Dies war Selbstmord. Es war die
Mdigkeit, nicht wahr, ach, nicht wahr, -- die Angst vor den Fhrnissen
der Reise, fr die er trotz aller inneren Unrast nicht geschaffen war,
Angst vor dem tagelangen Fahren auf schlechten Straen, den
Nachtherbergen voll Schmutz und Ungeziefer, vor Nsse und Klte. Es war,
-- ach, es war die Angst des im Labyrinthe Verirrten, des
Ausgelieferten, Verlorenen. Aber nun kam ja Ariadne, -- nun kam --
Ariadne ...

Entwirrung, -- Klrung, -- Vereinfachung! Er wrde arbeiten, sich
ausstrmen an die Welt. Zunchst kamen nun Briefe, Tagebcher, -- oh,
liebevoll, sorgsam, geduldig wollte er sein ...

Als Mhlhausen eine Stunde spter mit dem Leuchter in der Hand und dem
Reiserock ber dem Arm zum Wecken eintrat, fand er seinen Herrn fest
schlafend, die Linke ber die Augen gelegt, einen lchelnden Zug um den
armen hlichen Mund. -- -- --




                            Zweiter Teil.
                               Ariadne


                            [Illustration]

                            [Illustration]

Las dieser letzte Satz seines Briefes sich etwa so, als wollte er,
George, sich beklagen? Da sei Gott vor, -- nicht einmal vor sich selbst
tat er das, -- geschweige denn dem guten Smmerring gegenber! Ganz im
Gegenteil! Er berlas noch einmal die letzten Zeilen, -- malte er da
nicht ein Bild huslichen Glcks, da es dem armen Teufel, der immer
noch allein hauste, beim Lesen ganz verlassen zumute werden mute? Und
diese Worte, die er eben geschrieben hatte: Therese ist trotz ihres
Zustandes von unbegreiflicher Beweglichkeit des Krpers und des Geistes
... die fielen doch gar nicht aus dem Rahmen heraus, klangen doch nicht
anders als die Feststellungen ber seinen eigenen Gemtszustand, seinen
Tageslauf, seine Arbeiten! Es strte ihn doch auch gar nicht, strte ihn
nicht im geringsten, dachte er und horchte hinaus, da das Haus von frh
bis spt widerhallte von Theresens Geschftigkeit! Was tat sie jetzt
wieder? War es eigentlich mglich, da eine Frau mit zwei Mgden bei der
Ttigkeit des Wschenhens -- ja, es entstanden Hemden fr ihn, zwlf
neue Taghemden, fhlte er mit gebhrender Erschtterung, und die zwlf
alten waren ausgebessert worden! -- da sie bei dieser sitzenden
Ttigkeit einen derartigen Aufwand von Geruschen machte, die fr den
Auenstehenden nicht unmittelbar zur Sache gehrten? Da zunchst Lieder
gesungen worden waren, heimatliche deutsche Lieder, die Liese, die
Getreue, aus Gttingen in fhlender Erinnerung an den fernen Geliebten
anstimmte, nun, das mochte angehen. Indessen schien es ihm doch, als sei
Therese ein wenig unmusikalisch; wenn sie mit ihrer tiefen Stimme
einfiel, wurde die Melodie immer so seltsam unkenntlich. Dann gab es
einen zornigen Aufschrei und heftige Scheltworte, -- aha, Marischa, das
polnische Mensch, hatte wieder einmal etwas versehen! Wenn es, dachte er
ein wenig gepeinigt, nur nicht wieder zu Maulschellen kommt, die
hinterher gleich mit Kssen null und nichtig gemacht werden! Therese
handelte oft so -- unmittelbar. Nun fiel etwas Schweres dumpf hin, ein
Ballen Leinwand etwa, -- war das ein Grund, derartig zu kreischen? Und
warum wlzten sich jetzt mehrere erwachsene Menschen auf dem Fuboden
herum? Therese lachte und schimpfte, plattdeutsch und polnisch
durcheinander, -- nun kam auch noch Joseph, der Hausknecht, mit frischem
Holz fr den Kamin die Treppe hinaufgepoltert, das wrde einen neuen
Anla zur Heiterkeit geben. Joseph, der seine Pflichten fr acht Taler
Lohn, einen Schafpelz und ein Paar Stiefel jhrlich unvollkommen
erfllte, war von polnischem Adel und darum trotz seiner Schmutzkruste
in den Augen Liesens von Glorie umgeben. In den nchsten Minuten
steigerte der Lrm sich ins Ungeheure, der Joseph schien mit Jubel
aufgenommen worden zu sein, wie Merkur unter den Grazien, das Holz
krachte, der Joseph schien unglaublich scherzhaft und Therese leutselig,
jemand begann auf einem Kamm zu blasen und -- war es mglich? -- wurde
jetzt der neulich begonnene Unterricht Liesens im Mazurkatanzen
fortgesetzt? Nun fehlte nur noch Michael, der Bediente und Gemahl der
Marischa, um den Zirkus zu vervollstndigen. George wurde ein wenig
unruhig. Nun Therese -- Therese amsierte sich, Therese war zwanzig
Jahre alt, es fehlte Therese hier an einem passenden Umgang. Er wute,
jetzt sa sie da und hielt sich die Seiten vor Lachen. Warum auch nicht,
warum auch nicht, -- sie verlangte ja nicht, da er, George, dabei war.
Und es strte ihn nicht, o, es strte ihn nicht im geringsten, er
arbeitete doch eben nicht, er erledigte Korrespondenzen, -- nur, es war
ihm im Augenblick nicht mglich, seine Gedanken zu sammeln. Also:
Therese ist trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen
Beweglichkeit ... Freilich, wohl war sie das. Wenn sie nur um Himmels
willen nicht wieder selbst tanzen wollte, wie neulich, als sie den bsen
Fall tat! Ob er doch einmal hinberging? Nun kam der Michael wahrhaftig
... Er brachte jemanden mit, er geleitete einen Besuch ... Aber das ging
doch nicht! George sprang erregt auf, drben verstummte jh der Lrm,
und gleich darauf lie sich eine lachende Stimme in Wiener Mundart
vernehmen. Ach, die Langmayer! Da ging Therese plaudernd mit ihr ber
den Flur ins Wohnzimmer, die Mnner liefen die Treppe hinunter, Liese
fing wieder an, zu singen, schmachtend, langgedehnt: Wenn ich ein
Vglein wr ... Ja, nun war Ruhe, und nun konnte er weiter schreiben.
George starrte nach dem Fenster, vor dem in der grauenden Dmmerung die
Flocken tanzten. Gedmpft durch die Schneeluft klang das Angelusluten
von der Universittskirche herber. Sie schneiten ein. Meilen ber
Meilen, grenzenlose Flchen weit breitete es sich um Wilna wie
Leichentcher, und Deutschland lag auf einem anderen Stern. George
machte Licht. Es war gefhrlich, in der polnischen Winterdmmerung nach
Deutschland hinzudenken. Im Reich des Geistes gab es keine Trennung. Er
wollte korrespondieren, wollte weiter Smmerrings brderliche Seele
beschwren, sich an ihr erwrmen!

Therese ist von unbegreiflicher Beweglichkeit ...

                   *       *       *       *       *

Ob sie nun Hemden zuschnitt oder winzige Wschestcke fr das erwartete
Kind, -- den Jungen, natrlich, den Jungen! -- nhte ... Ob sie in der
Kche Fleischklmpe drehte und zugleich der Marischa aufklrende
Vortrge ber den Wert der Sauberkeit beim Zubereiten der Speisen hielt,
-- oho, Georgie, htte die Mi Therese nichts gelernt, so e die Panji
Forstrova und ihr ganzes Haus jetzt mit den Schweinen! Pfui Teufel,
selbst die Steckrben fraen diese Barbaren ungeschlt! -- Ob sie mit
ihren knospenden Hyazinthen am Fenster plauderte und ^Le Coeur aimable^
ermunterte, baldigst aufs ^aimableste^ zu duften und ^La Beaut blanche^
ein wenig anbetete, -- es waren auch Kchenkruter, Kerbel, Kresse und
Petersilie mit in die Tpfe gest, die Schnheit allein macht nicht
satt, Georgie! -- Ob sie mit des Bischofs Grtner, Feureien, einem
wackern Landsmann und gutem Hannoveraner, Plne machte fr die
Bestellung der Beete im Frhjahr und Betrachtungen ber die moralische
Minderwertigkeit des Katholizismus einflieen lie, -- Feureien wrde
doch sein Kind, das Kind, das seine Frau, eine katholische Ermlnderin,
erwartete, nicht etwa den Pfaffen in die Hnde fallen lassen (o,
Feureien!) -- und sich alsbald von der Weitherzigkeit Feureiens
berwltigt zeigte, der ihr treuherzig versicherte (o, liebe Madam!),
es kme ihm zunchst darauf an, sein Kind zu einem Ehrenmann zu erziehen
(auch er erwartete einen Jungen, natrlich!), alsdann wrde es jeder
Sekte Ehre machen ... Ob sie, mit riesigen berschuhen bewehrt, durch
den kniehohen Schnee watete, um irgendwo irgendein vorteilhaftes
Geschft abzuschlieen, das dem Haushalt zugute kam, in Holz, in lfarbe
fr die Wnde, in Fleisch, -- es mochte ein Edelmann seinen Wald
abgeholzt, mochte eine Jagd veranstaltet haben, woher aber wute Therese
dergleichen immer frher als andere Leute? George staunte. Ob sie ihre
Mbel, ihre allerliebsten, nagelneuen Mbel abrieb und blitzblank
putzte, ob sie eine Liste der Leute aufsetzte, die nun demnchst endlich
einmal eingeladen werden muten (schon wieder? dachte George), denn
freilich, die Menschen hier waren horribel, ohne Erziehung, ohne
Geschmack, indessen, was blieb einem brig ... Ob sie Journale las oder
einen neuen Roman, in die Ecke des grnen Kanapees gekuschelt, die Fe
unter den Rock gezogen, die Hnde ins Haar gewhlt, lachend und weinend,
Gott und Georgie anrufend, oder ob sie, an dem kleinen Mahagonibureau
sitzend, Korrespondenzen erledigte, ihre unbersehbaren Korrespondenzen
... Therese war trotz ihres Zustandes von einer unbegreiflichen
Beweglichkeit des Krpers und des Geistes!

Denn George begriff nicht. Er begriff nicht ganz. Er war so glcklich,
wenn es still um ihn her war, um ihn und um Therese. Er war im Geheimen
und unerachtet hufiger nachdrcklicher Seufzer ber die geistige
Einde, in die er verbannt sei, einverstanden mit Wilna, einverstanden
mit der Entfernung von den deutschen Freunden, sonderlich freilich von
den Gttinger Freunden Theresens, er nahm im innersten Herzen den
lcherlichen Zustand dieser Pseudo-Universitt leicht und leicht den
unvermeidlichen Umgang mit den Paters, den Exjesuiten, seinen Herren
Kollegen. Er war gerhrt und begeistert von seiner Wohnung, er liebte
den groen winkligen Gebudekasten des ehemaligen Klosters, in dem sie
sich befand wie der Kern in der Nu, er wollte von der Welt nichts
weiter, als eben dieses Asyl seiner Zrtlichkeit. Er hatte seinen
Briefwechsel einschlafen lassen, er hatte seit der Hochzeit im August
bis in den Winter hinein nur das Notwendigste an Arbeit erledigt,
ruhend, wie Langmayer frhlich behauptete, auf Amors Wolken und den
Lorbeeren des Erfolges, den sein Memoire an die Regierung zugunsten der
naturwissenschaftlichen Institute der Universitt gehabt hatte.

Diese Denkschrift hatte ihn im vorigen Winter beschftigt. Er hatte
seine ganze Enttuschung ber die vorgefundene Lotterwirtschaft und den
verrotteten Pfaffenbetrieb, ber den Mangel an Anschauungsmaterial und
den Zustand der geringen Sammlungen darin niedergelegt, hatte sich
stringenter Beweise bedient, war scharf, war deutlich gewesen wie einer,
der den Fu schon ber die Schwelle gesetzt hat, um wieder davonzugehen.
Was htte auch daran gelegen, wenn sie auf ihn verzichtet htten,
anstatt seine Ansprche zu erfllen, hatte er nicht noch jenes
Kaiserwort im Ohr, mit dem damals in Wien Joseph die Audienz
abgeschlossen hatte: Sie werden in Polen nicht bleiben ... O, Wien!
Oder auch Prag, -- selbst Budapest! Nun, das waren wieder Projekte
gewesen. Hingegeben an die negative Arbeit der Verurteilung der gesamten
Wilnaer Einrichtungen, eine Arbeit, die zugleich zur Begrndung eines
etwaigen Rcktritts htte dienen knnen, hatte er dem alten Laster des
Plnemachens gefrnt wie nur je und sich hinweggeholfen ber die tote
Zeit der Sehnsucht und Erwartung. Den berraschenden Erfolg seiner
Vorstellungen, die Bewilligung aller seiner Forderungen durch die
Regierung, hatte er auf der Hochzeitsreise in Warschau einheimsen
knnen. Und, nun wohl, -- jetzt gab es keine Plne mehr. Jetzt war nur
noch Therese und Therese bedeutete in den ersten Monaten des Besitzes
eine seltsame Auflsung aller Lebenskrfte, bedeutete, so hatte er
schwindelnd gedacht, die Mndung des Stromes in den Ozean und den
Untergang der Flamme in der Glut. ber sein Pult gebeugt, fhlte er
Theresens Atmen in dem toten Holz unter seinem Arme, fhlte die eigenen
Glieder wie den Krper seines Weibes. Manchmal sann er, irgendwo
hingelehnt, ein Buch in der Hand, die schwimmenden Augen ins Leere
gerichtet, seinem ganzen Leben nach. Dies war der Sinn, fhlte er
erschttert, der Sinn der Sinnlosigkeit. Alles hatte sein mssen, damit
dies eine sein konnte. Dies war das Ziel, die Erlsung aus allem Irrsal,
diese lebende, zur stummen Raserei gesteigerte Hingabe an ein anderes
Leben und das Hinnehmen dieses Lebens so natrlich wohlig, wie das Kind
die Muttermilch sog. Ach, Therese! da er sie hatte finden drfen, sie,
die einzig seinen Sinnen Antwort zu geben vermochte, sie, deren Blut ihm
die Essenz aller Sigkeit der Erde bedeutete. War er so weit, dann
merkte er, da er sein Kabinett verlie, und lchelte. Wo war Therese?
Er ging durch das ganze Haus, er suchte sie in der Kche, im Garten, bei
der Langmayer und wo er sie auch fand, sie verstand sein wortloses
Drngen, verstand es hinter seinen belanglosen Vorwnden. Sie lchelte.
Sie folgte ihm. Und da war dies grne Kanapee, und da war Therese an
seiner Seite, seinem Herzen nahe, sein Gesicht lag an ihrer Brust, er
atmete ihren Duft, -- da waren ihre Hnde, ihre Arme ... Sie wehrte ihm
nicht. Er hrte sie manchmal Georgie! flstern, er fhlte ihre kleine
unruhige Hand ber sein Haar gleiten. Er suchte ihre Augen und fand sie
voller Trnen, abgewandt, aus Fernen heimkehrend zu ihm. Du weinst?
stammelte er befremdet. Mein Freund! sagte sie sanft, und whrend er
nun aufschluchzte und meinte, es sei aus Seligkeit, weil er jenes Gefhl
grenzenloser unerklrlicher Angst und Fremdheit nicht wahr haben wollte,
das ihn berschauert hatte, trocknete sie ihre Trnen, und ihn
aufmerksam betrachtend, fragte sie spielerisch-ernsthaft, mit der Hand
ihm die Brauen glttend: Ist's auch mein Tod, an den du denken mut,
mein Freund, der Tod deiner Therese, du Armer?

Auch dies begriff er nicht. Therese dachte immer an ihren Tod. Therese
war des Morgens vor Tage auf, trillerte wie eine Lerche, -- und dachte
an den Tod. Therese hielt in aller Frhe eine Heerschau ber ihr Gesinde
ab, gab die Losung fr den Tag aus, verteilte die Arbeit, nicht ohne die
Marischa in scherzhaften Wendungen, die durchs ganze Haus schallten, von
ihrer Meinung ber ihren mangelnden Reinlichkeitssinn unterrichtet und
den Joseph ob seiner Trgheit bedroht zu haben, -- und dachte an den
Tod. Therese sa mit ihm am Frhstckstisch, ihre Hnde bewegten eine
Strickarbeit, ihre Augen hingen gebannt an den Seiten eines
franzsischen Buches, beim Umblttern fand sie Zeit einen Bissen, einen
Schluck zu nehmen, ihm einen Blick, ein Wort zu schenken, sei es
Forster, mein Engel! oder I, mein Georgie! -- und dachte an den
Tod. Therese tanzte treppauf, treppab durchs Haus, kramte in Schrnken,
klimperte auf dem Klavizymbel, sortierte Smereien, betrachtete ihre
Souvenirs und Silhouetten, ordnete ihre Schmucksachen, lief mit der
Langmayer in die Kirche, einem Hochamt beizuwohnen, brach in sein
Kabinett ein, um sich sowohl ber die Langmayer -- sie verpolackisiert,
Georgie, es ist eine Schande! -- als ber den Katholizismus auszuhalten
-- Pfaffenglanz, Affentanz! -- Therese rief: Ich stre dein Werk,
vergib mir!, eilte lachend hinaus -- und dachte an den Tod. Es mochte
ein Fest geben, eine der Assembleen, die ihn so schrecklich langweilten,
etwa fetierte ein Wrdentrger seinen Namenstag mit einer Schmauserei
und Musik. Therese machte aufs sorgfltigste Toilette, Therese putzte
ihn, -- George, -- aufs gewissenhafteste, da er auch nicht im Kleinsten
gegen die Mode verstie, Therese strahlte an seinem Arm durch die
Gemcher, war huldvoll, war grazis, funkelte vor Belustigung ber die
schwarzen Dohlen, die Herren Paters, die nun wahrhaftig in ihren langen
Weiberrcken zur Polonaise antraten, neben sich die schillernd sich
brstenden polnischen Damen. Therese kokettierte nichtsdestoweniger
wahllos, sowohl mit den Schwarzrcken als mit den polnischen Granden,
wanderte von einem Arm an den andern und bezauberte selbst Monseigneur,
den Bischof bis zu folgender Unterhaltung, an die sie sich in den
nchsten vier Wochen unter groem Gelchter alle paar Tage erinnern
mute, die, dies war nicht zu bezweifeln, in jeden ihrer zahlreichen
Briefe eingeflochten wurde:

^Mais en conscience, Madame^, hatte Se. Eminenz hinter der scherzhaft
vorgehaltenen Hand gefragt, ^Quel ge avez-vous donc?^

^En dix ans, mon Prince^ (nein, Georgie, dieser alte violette
Suitier!), ^je ne vous dirai plus la vrit. Aujord'hui j'ose la dire,
-- j'ai vingt et un ans pass.^

^Comment! Mais vous avez l'air d'un enfant de treize ans!^

Ha ha ha, Georgie, und das mir, einer Frau, die nchstens Mutter sein
wird. ^Grce  ma conduite folle, grce  ma conduite folle,
Monseigneur!^ hab ich gesagt, ha ha!!

Solche und hnliche Erlebnisse hatte Therese in Hlle und Flle, --
indes, sie dachte an ihren Tod. Sie litt zeitweise unter den
Widerstnden, die ihr Krper der Entwicklung seines neuen Zustandes
entgegensetzte, unter den Anfllen von belkeit, unter einer krankhaften
Abneigung gegen gewisse Speisen, sie beobachtete peinlich berhrt, da
Hals und Arme an Flle einbten, je schwerer die Last ihres Leibes
ward. Sie lie sich die Ader schlagen -- Unntzerweise, Freund, -- doch
es beruhigt sie und wird nicht schaden, sagte der wackre Langmayer zu
George, -- sie litt an Blutandrang zum Kopf, an Schwindel, an einem
Zittern der Knie. Sie litt nicht im Verborgenen, o nein, das Haus erfuhr
es, da sie litt, doch schien dies Leiden mehr oder weniger ebenso gut
ein Anla zum Bewutwerden der Daseinswonnen und eine Art von Genu zu
sein, als ihr niemals gebrochener Ttigkeitsdrang. Es war dies nicht der
Grund, da Therese an den Tod dachte, fhlte George, und da sie ihre
Briefe zu Abhandlungen ber die letzten Dinge werden lie, --
Abhandlungen, die sie ihm gelegentlich vorlesen mute, wenn sie
besonders wohlgelungen schienen. Da sa sie vor dem geliebten kleinen
Mahagonibureau, das er ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, samt all den
Erinnerungen bitterer und ser Arbeitsstunden unter allen
Himmelsstrichen, die es barg, -- sie hatte es ^The Resolution^ getauft,
um die Meere des Gefhls darauf zu befahren, -- da sa sie, die Fe auf
dem Kohlenbecken, vorgebeugt auf die Schreibplatte, den Blick schwimmend
zum Fenster erhoben, die Feder an den Lippen. Er ging behutsam durchs
Zimmer, oh, er hatte ja nicht herantreten wollen, es htte nicht dieser
Bewegung bedurft, als wollte sie das Geschriebene vor seinen Blicken
schtzen! Sie schrieb, sie korrespondierte, auch er tat das, gewi, wenn
schon nicht so -- pflichtgetreu wie sie. Da waren die Eltern, -- eine
Frau, eben noch selbst Kind in der Hut zrtlicher Eltern und nun in der
sarmatischen Wildnis, in dieser Lage, sie bedarf ihrer Mutter! -- da
waren die Freundinnen, Musen und Grazien auf dem Parna, der Gttingen
hie, und unter denen sie nicht die Letzte gewesen war, -- da war --
jener, der Assad genannt wurde. Jener, der in einer Mondnacht zwischen
Cassel und Gttingen einst das seltsame Wort von dem Pol der Geburt und
dem des Todes gefunden hatte, der sein schnes Gesicht so fern, so
beruhigend fern von Wilna durch die Welt trug und seine Bonmots immerhin
verschwenden mochte, wo es ihm beliebte, da er dann nicht darauf
versessen schien, sie Briefen anzuvertrauen, ^grce  Dieu^! Warum aber
bedurfte jener, der Assad genannt wurde, -- und warum wurde er so
genannt? O, Lieber, -- weil er so um sich werben lie, wie Lessings
Tempelritter, ehe er Zutrauen fate. -- Und das sagst du mir? --
Aber -- Georgie ...? Warum bedurfte jener so hufiger, so
ausfhrlicher Berichte ber das Leben, die Gefhle, die Todesnhe
Theresens, Berichte, unter deren Abfassung ^The Resolution^ schwankte
wie nur je im Sdwestpassat? Warum mute von ihm gesprochen werden,
abends, wenn George bei Therese auf dem grnen Kanapee sa und
Archenholtzs England und Italien, aus dem er vorgelesen hatte, sinken
lie, weil er schon seit einer Weile fhlte, da Theresens arbeitende
Hnde ruhten und sie ins Kerzenlicht sah? Er hatte vielleicht gedacht,
Therese she so still ins Kerzenlicht, weil sie mde sei und wnschte,
auch er, George, mchte bald ein wenig mde werden. Wollte er nicht
gerne mde sein, mde mit Therese? Aber da wandte sie ihm die Augen zu
und ihr Mund hatte jenes unbestimmte fortgleitende Lcheln, als sie
sagte: Georgie, -- ist das nicht zum Lachen? Assad spricht in seinem
Brief, -- dem Brief, weit du, vor vier Wochen, -- von meinen
zuknftigen Kindern, und in demselben Brief nennt er mich eine
Vestalin!

Was, so fragte sich George, nachdem er etwas von ^contradictio in
adjecto^ gemurmelt hatte, was gingen Assad, -- und zum Teufel, er hie
einfach Herr Meyer! -- was also gingen Herrn Meyer Theresens zuknftige
Kinder an, -- und meinte er etwa, sie kmen durch berschattung des
heiligen Geistes zustande? Ich kenne die Frauen nicht, erklrte George
sich selbst, jetzt erst erfahre ich, mit welcher Zrtlichkeit sie der
Freundschaft die Treue halten. Mochte denn das Wohnzimmer ein Tempel des
Gedenkens sein, er trug die Silhouetten seiner Eltern, seiner Freunde
herbei, um sie neben denen von Theresens Teueren aufzuhngen. Er war der
Letzte, das Glck des Erinnerns, des Sichversenkens in die Seelen der
fernen Geliebten zu verdammen, und gab es ein edleres Vergngen als mit
Therese in Wonne und Wehmut zu vergehen vor dem Bilde eines Jakobi, vor
den Zgen seines Smmerring, Trnen zu vergieen in den Gefhlen, wie
sie der Anblick des Pastells heraufbeschwor, das ein Abglanz war der vom
Tode berhrten Schnheit jener unglcklichen Auguste, die an Theresens
Herzen gestorben war? O, er wollte nicht ausgeschlossen sein von
Theresens Freundschaftstempel, wollte mit ihr anbeten, schwrmen, sich
entzcken, Balsam finden fr die Wunden der Vereinsamung unter diesen
bunten polnischen Tieren, wollte mit ihr vereinigt sich hinschwingen in
den Kreis der ihm verwandten Seelen. Hatte er nicht mehr als guten
Willen, sie zu begreifen, hatte er nicht dieselben Bedrfnisse des
Herzens, wie sie? Sie waren doch eins, -- eins auch in diesen Dingen?
Indessen, -- warum mute Meyers Schattenri dort allein in der
Fensternische hngen, wo Therese ihn vor Augen hatte, wenn sie an ihrem
Tischchen sa und ^The Resolution^ sie nach Deutschland trug? Warum
stand ein Topf mit Immergrn auf einem Brettchen darunter, warum
hauchten Hyazinthen, Goldlack und Tazetten den langen Winter und den
grauen zgernden Frhling hindurch ihren Duft zu Assads schnem,
hochmtigen Profil empor, wie Opferrauch? Wenn er mein Freund wre,
dachte George einmal, als er vor Tisch in das Zimmer gekommen war, und
es noch leer gefunden hatte, und betrachtete das Bild mit sehnschtiger
Erbitterung, -- aber er ist nicht mein Freund! Er wute es trotz aller
Gre und Komplimente, die ihm mit jenem unbegreiflichen Lcheln
ausgerichtet wurden, -- Meyer war nicht sein Freund. Nie war ein Mensch
von dieser gleitend geistreichen Art und dieser Selbstverstndlichkeit
des eleganten Auftretens, nie war so ein beneideter sorgloser Plauderer
sein Freund gewesen. Sie schienen Geheimnisse zu wissen, diese Menschen,
deren Erwerbung ihn seine zwangvolle Jugend hatte versumen lassen. Mit
Aufbietung aller Krfte konnte er ein paar Stunden, einen Abend lang
Schritt mit ihnen halten, -- immer aber fhlte er, da er Blcke wlzte,
wo sie mit Bllen spielten, -- ja, ihre Zustimmung, ihre Bewunderung,
empfand er sie nicht meist wie Heuchelei, wie Hohn? Waren sie nicht
Feinde, glatte, glnzende Feinde, die hinter der Maske des Gnners ihren
Neid auf den bitter erworbenen Ruhm verbargen? Nein, Meyer war nicht
sein Freund. Aber ich will ihn lieben, dachte George, mit einer
fanatischen Umschaltung des Willens, ich will ihn lieben, denn ich
gehre Theresen. Ich gehre Theresen, dachte er verzweifelt, und was
wre ich, wenn ich mein Herz nicht in ihres fgte, wohin es immer gehen
mge?

Assad also, morgens, mittags und abends. Assad um Mitternacht, in
Augenblicken, da die Welt vllig versunken zu sein schien vor dem Glck
der gegenseitigen Nhe. Ja, Assad selbst in solchen Augenblicken! Der
arme Assad, Georgie, er ist immer so allein!

Therese, hatte George bei Gelegenheit dieses Ausspruches sich selber
innerlich zugerufen, -- er mute etwas in sich berschreien; es war da
nichts zu jammern, fr sein Herz, o nein! -- Therese ist ein Kind,
wahrhaftig, sie ist ein Kind! Und sich herumwlzend, da er nahe neben
ihr lag, den Kopf in die Hand gesttzt und ihr eindringlich in die Augen
blickend, sagte er: Therese, Assad ist gar nicht allein. Du bist seine
Freundin, ja, wir lieben ihn, aber wir sind nicht die einzigen, die das
tun. Du weit es doch. Assad hat viele Freunde.

Assad hat viele Freundinnen, fuhr er fort, mit uneingestandener
Genugtuung bemerkend, da Theresens Augen sich weiteten und sie seinen
Worten entgegensah mit einem hilflosen Beben ihres Mundes, das ihm ein
sonderbares Gefhl der Macht ber ihr Herz gab, ein sehr seltenes,
berckendes Gefhl, -- du weit es doch, wie wir alle in Gttingen es
wuten: Assad fliegt von Blume zu Blume, er ist ein schner
Schmetterling.

Meinst du? fragte Therese tonlos und ihre Augen wanderten, -- ja, du
magst recht haben ...

Sie duldete seine Liebkosungen. Er fhlte mde kleine Hnde seinen
Nacken streicheln und berlie sich besinnungslos der Zrtlichkeit, die
aus seinem Herzen brach. Er lag, veratmend, neben ihr, die Stirn an
ihrer Schulter, fhlte sein Blut so sanft, wute: nun kommt Schlaf, --
da hrte er ihre Stimme:

George, flsterte sie, du und Langmayer, ihr glaubt es nicht, -- aber
wenn ich dennoch strbe ...

Therese!

Ich wei, Freund, ich wei, -- du ertrgest es nicht. Und ich mu
leben, deinetwegen. Aber dennoch, -- was ist unser Wille? Und _wenn_ ich
strbe und du gehst allein nach Deutschland zurck, -- geh zu Assad,
George, er wird dir wohltun, er wird um mich weinen, -- er kannte mich
gut, -- obschon ich wei, er hat viele Freundinnen ...

Therese dachte an ihren Tod. Therese dachte an Assad. Aber nun atmete
sie im Schlummer wie ein Kind, und George wachte und starrte ratlos in
die Nacht.

                   *       *       *       *       *

Des Morgens frhe mit der Sonne auf, einen Gang durch das Grtchen
getan, Zwiesprach gehalten mit den guten Geistern der Erde, den Teller
voll Obst mit Milch, seien's Himbeeren, seien's Erdbeeren geschluckt,
wie es der wackere Smmerring verordnet hatte zur Reinigung des
Gebltes; ausgeruhten Kopfes alsdann am Schreibpult gestanden und bis
zum Frhstck die bersetzung der Reisebeschreibung Cooks um ein paar
saubere Seiten gefrdert, das war der Auftakt zu jedem fruchtbaren
Arbeitstag, -- oh, nun seit Monaten schon! Das kurze Beisammensein mit
Therese am Tisch, von gutem Gesprch belebt, etwa ber die Frage, ob
Therese, die Tochter, -- da war sie, da schrie sie, da nte sie Windeln
nun fast schon ein Jahr lang und war kein Junge und doch so
unbegreiflich lieb, -- ob dieses annoch lallende Wrmchen wrde Polnisch
lernen mssen oder nicht. Und da Polnisch so viel hie wie Katholisch,
bewahre sie also der Himmel! Ja, die Pfaffen strichen ums Haus wie die
Aasgeier, fand Therese mit groen Augen streitbar, da war besonders so
ein langer, drrer mit spitzen Ohren und knolliger Nase, der versuchte
seit gestern die Liese in Gesprche zu verwickeln, wenn sie das Kind
spazieren trug, -- nherte sich ihr mit Blumen in der Hand ...

Es war der Pater Liborius, er brachte mir ein paar Zypressenzweige fr
die Raupen von ^Deilephila euphoribae^ und konnte unsere Wohnung nicht
finden, sagte George begtigend.

Gleichviel. Es sind alles Vorwnde! Wlfe in Schafskleidern! grollte
Therese. Nun, von solchen Gesprchen, die auch um die Politik der
Kaiserin gegen die Trken, oder um die Heiratsprojekte des guten
zgernden Smmerring oder um die Anmaung des Herrn Kant in Knigsberg,
ber die Verschiedenheit der Menschenrassen mitreden zu wollen, oder um
die Schlamperei der Langmayer, ein ergiebiges Thema! -- gehen mochten,
-- von solchen Gesprchen also erfrischt und gestrkt nach je einem
Kusse auf die Stirnen von Weib und Kind wieder das Kabinett aufgesucht,
Folianten gewlzt, Papier gefalzt, mit der Feder geraschelt, kurzum
betriebsam gewesen, Material zusammengetragen fr die Elementarlehre des
Naturreichs fr Schulen, zu der der groe Camper in Harlem ihn angeregt
hatte, an den Ausarbeitungen der Vorlesungen ber Mineralogie im
kommenden Semester geschrieben ... Zwischendurch auf und niederwandelnd
mit sich selbst ber Mendelssohns Morgenstunden deraisonniert, sich im
Geiste mit Lessing und Jakobi darber auseinandergesetzt und sich in der
Stille der eigenen Klarheit gefreut, -- auch sich Notizen gemacht fr
einen Brief darber an Smmerring; -- Lavatern abgetan, der ein
Schwrmer war und blieb, zu Cagliostro gehrte, zu Schrepfer, Ganer und
hnlichen; endlich noch vor Tische den Bisonskopf, den der junge
Studiosus von Howen am Morgen gebracht hatte, zum Versand an Smmerring
prpariert und mit Langmayer ein weniges ber die Struktur des
Wiederkuerschdels geschwatzt, -- ha, war das nicht exemplarisch der
Vormittag eines Mannes im Zenith seiner Kraft, auf der Hhe des
geistigen Schaffens? Im Sommer schien auch in Polen die Sonne und reifte
die Saat; ein Mann, mochte er in der Welt stehen, wo ihn das launische
Schicksal hinwarf, er fand seinen Wirkungskreis, und Befriedigung quoll
einzig aus dem stolzen Gefhl des eigenen Busens. Die Welt, die ihn eine
Weile vergessen zu haben schien, hatte sich seiner mit Heftigkeit wieder
erinnert, wie ihn dnkte, und wenn die Nachmittagsstunden nach kurzer
Ruhe der Abfassung populrer gelehrter Aufstze fr die deutschen
Journale, sei's fr die Gttinger Anzeigen, fr Bertuchs Journal fr
Luxus und Mode oder fr Lichtenbergs Kalender, und der Erledigung der
Korrespondenzen gewidmet waren, so war's eine knappe Zeit zu nennen,
gemessen an der berflle dieser Arbeiten. Immerhin, er beherrschte
jetzt die Materie, es war Methode in seiner Art, den Stoff zu
berschauen und zu gliedern, sein Stil war geschmeidig und ein
brauchbares Werkzeug, um die sprde Masse der Wissenschaft in Anschauung
umzusetzen. ^Industria lapis philosophorum!^ dachte er, mit einem
verlorenen Lcheln auf seine Niederschrift gebeugt, -- freilich, jetzt
wandelte er Blei in Gold! Therese, -- das Kind, -- sie wollten leben und
sollten es gut und sorglos. Therese brauchte nicht zu wissen, wie sehr
ihn die Ansprche des tglichen Verbrauches auf einmal berstrzten.
Therese sollte leben wie die Lilien auf dem Felde und die Vgel unter
dem Himmel! Eine Htte, ein Grtchen mit Bohnen, Erbsen, Kohl und
Spinat, eine Rosenlaube und Astern, ein Stckchen Feld, eine Ziege im
Stall, grobe Schuhe und ein kamelottenes Kittelchen, -- freilich, so
schwrmte sie, dachte er gerhrt, nicht besser wollte sie es haben,
arbeiten wollte sie Tag und Nacht fr ihn und das Kind! Wer aber kannte
das Idyll von der Htte und dem Stckchen Land und der Ziege im Stall
besser als er? Oh nein, er war nicht Reinhold Forster, der sein Weib
arbeiten lie wie eine Magd, oh nein, Wilna sollte kein zweites
Nassenhuben sein! Und dann, -- er lchelte ein wenig, -- eine Htte,
sprach sie, und: Georgie, der Michal frisiert wie ein Stallknecht, ich
kann seine Hnde nicht an mir ertragen, und die Marischa ist so
schrecklich katholisch und schmutzig, -- ob wir uns nicht doch den
Mhlhausen aus Cassel verschreiben? Und: Georgie, ich wollte es nur
gesagt haben, es steht eine Chaise zum Verkauf beim Starosten Rubinski,
-- sie, die Rubinska, lie es mir sagen, -- nun, ich will dir nicht
zureden, aber die groe Kutsche hngt so schlecht in den Federn, das
Rschen weint bei den Sten, wenn wir spazieren fahren ... Und:
Georgie, der Schwarz fhrt zur Messe nach Leipzig, ich gebe ihm Auftrag
fr ein Stck Bielefelder Leinen, du brauchst Nachtcamisle, Georgie.
Und, -- nun ja, meinst du nicht auch, man knnte eine neue
Kaninchenkatze fr mich brauchen?

Die Kaninchenkatze war Theresens Muff, sie hatte sich im vorigen Winter
immer die rudige Katze schelten lassen mssen, weil sie irgendwo einen
kleinen abgeschabten Fleck hatte. Die Langmayer besa einen Zobelmuff.

Man knnte mit der rudigen Katze einen herrlichen Fusack fttern,
sagte Therese nachdenklich, man kann nicht genug Fuscke haben! Und
pltzlich umschlang sie ihn von rckwrts, legte ihre Wange an seine,
lachte ein wenig und: Georgie, flsterte sie, darf die neue
Kaninchenkatze aus Zobel sein? --

George lie die Feder rascheln, rascheln, rascheln. George lchelte ber
seiner Arbeit, hustete, hielt inne, hob den Kopf und lauschte auf die
Gerusche im Hause. Rschen weinte, aber nur einen Augenblick. Dann ging
die Wiege, dann lachte Therese, dann jauchzte das Kind. George lchelte
wieder, er lchelte bewut und chzte gleich darauf ein wenig, ohne es
zu wissen, whrend er fortfuhr, zu schreiben. Der Affenbrotbaum, oh, ein
ergiebiges Thema! War es nicht verdienstlich, die deutsche Leserwelt
ber den Affenbrotbaum und seine Eigentmlichkeiten zu unterrichten, und
trug dann fr ihn dieser Wunderbaum nicht seltsame Frchte,
Nachtcamisle und eine Kaninchenkatze aus Zobel?

>Ich werde Spener um einen Vorschu bitten mssen, wohl oder bel,<
dachte George, whrend er aus der ihm mhelos gehorchenden Anschauung
heraus die Stze halb mechanisch entstehen lie; >er bot es mir ja
selber an.<

Spener war der Buchhndler in Berlin, in dessen Hand die Fden von
Georges wissenschaftlichen Arbeiten zusammenliefen; ein Mann, der wohl
wute, was er an seinem Forster hatte.

>Oh, mein Teurer,< dachte George weiter, >aber glauben Sie nicht, da
ich mich als Ihr Sklave in den Bergwerken der Wissenschaft zugrunde
arbeiten werde!<

Seitlich blickend hing er eine Minute der Erinnerung seiner Einfahrten
in die Harzer Bergwerke mit Trebra nach, damals auf der wunderschnen
Reise nach Wien -- seltsames Labyrinth im Bauch der Erde, oh, aber
still, -- so still! Erzadern blinkten, irgendwo tropfte Schlaf ...

Therese wute nicht, was Arbeit war, Therese hatte hundert
Handfertigkeiten, die sie bte wie Wandeln und Atemholen, Therese
pflegte ihr Kind unter Tanz und Gelchter, Therese hatte geistreiche
Einflle und lie sie spielen wie Schmetterlinge, Therese schwrmte und
weinte se Trnen und schrieb Briefe, -- Briefe -- Briefe ...

Nein, Speners Sklave war er nicht --, Speners Sklave nicht.

Aber was wurde eigentlich aus ihm, fragte er sich manchmal dumpf
staunend, aus ihm, der aus dem Reich der groen Geister, das Deutschland
bedeutete, verschwunden war in die polnische Nacht, unter ein Volk von
weniger als neuseelndischer Kultur, dessen geistige Gestirne bisher
Pfaffen, franzsische Vagabunden und italienische Taugenichtse gewesen
waren? Dessen Adel die unbedenklichste Roheit mit franzsischer
Superfeinheit verbrmt zur Lebensart erhoben hatte, in seinen
prunkstarrenden Assembleen das Pharao als einzige Motion der Kpfe
betrieb, von Konversation nichts ahnte, Kunst und Wissenschaft
verachtete, -- was wurde aus ihm in dieser Atmosphre, ohne geistig
ebenbrtige Freunde, ohne Austausch, -- was konnte aus ihm werden als
der Sklave einer Arbeit, die, er wute es wohl, nur zweiten Ranges war?

                   *       *       *       *       *

Ein Abendessen im kleinen Kreise guter Freunde, ein Zusammensein in
Heiterkeit und Herzlichkeit bei vorzglichem Essen und gutem Gesprch,
-- bis Mitternacht bei dampfendem Punsch um den summenden Samowar
gesessen, gelacht, gesungen, ein Spielchen getan, -- dies, sinnierte
George, als er an einem Januarabend Anfang 1787 bei Kerzenlicht noch
einmal an seinem Pult stand und Ordnung unter den Papieren machte, wozu
er vorhin in der Eile nicht mehr gekommen war --, dies ist's, was nach
einem angestrengten Tage wahrhaft Erholung und Harmonie des Gemtes
verschafft! Er pfiff mit vergngtem Gesicht ein wenig vor sich hin, er
hatte den Spleen gehabt und seine Satire gegen Polen spielen lassen,
trotz der Gegenwart von Rgnier und Strzecky, Langmayer hatte ihn grob
und ehrlich untersttzt und wahrhaftig, Rgnier hatte den frheren
Kammerdiener nicht verleugnet und war geschmeidig auf den Ton des
Gastgebers eingegangen, bis ihn ein Wort von Langmayer auf die Nase
traf, wie die Eichel den Bauern, der unter der Eiche schlief: Oh ja,
Land, miserabeles, wo es gengt, hohe Herren gut rasiert zu haben, um
Professor der Chirurgie zu werden! Rgnier, der ehemalige ^valet de
chambre^ des Frstbischofs und nun sein, eines Forster, Kollege an der
^Alma mater^, haha, er hatte zum ersten Mal seiner gascognischen
Schlagfertigkeit entraten und es hatte der ganzen Gewandtheit Theresens,
der ganzen erschrockenen Milde des Prsidenten bedurft, um die
Konversation wieder in harmlose Bahnen zu leiten, etwa, -- Himmel, wie
weit holte der gute alte Mann aus! -- zu den Sternen der sdlichen
Hemisphre und der ^Aurea australis^. Da war George nun freilich ins
Schwrmen geraten und dann hatte er wieder einmal des eigenen Wesens
Schatz versprt, aus dem heraus er unerschpflich geben konnte, hatte
wieder die Augen des ganzen Kreises glubig und hingerissen auf sich
gerichtet gesehen, besonders die der Langmayer und der Rgnier, die,
aufgeplustert nebeneinander auf dem grnen Kanapee sitzend, bisher
unermdlich miteinander geklatscht und gekakelt hatten und den
Zwischenfall berhaupt nicht bemerkt ... Lieber Gott, das waren doch
gute Kinder, die Langmayer in ihrer allerliebsten Rundlichkeit, die
immer so viel Heimweh nach Kipfeln und Backhhndeln hatte und ihn mit
ihrer Mundart und Molligkeit immer an die kleine Mimi Born denken lie
--, die Langmayer eben, mit der alle Unterhaltungen unfehlbar auf den
einen elegischen Schlu hinausliefen: Es gibt halt nur ein Wien, --
geltens, Herr Professor? Und die Rgnier, deren erstes Kind so alt war
wie das Rschen, schien schon wieder in der Erwartung, das rhrte ihn
heute so. Rgnier war ^au fond^ doch ein braver Kerl, wenn schon mehr
ein Feldscher als ein Mann der Wissenschaft, und er gnnte ihm sein
husliches Glck. Husliches Glck berhaupt, das war's, was einzig die
Erde zur Heimat machen konnte, mge diese Zufluchtssttte liegen, wo
immer sie wolle, meinetwegen auf Feuerland --, oh, nein, unterbrach er
sich selbst erschrocken, aber jedenfalls, auch in Polen lie es sich
leben und sterben, wenn einer in des andern Liebe den Schlssel zum
Paradiese besa. Seit Therese das Kind hatte, seit sie in der
krperlichen Prfung des Wochenbettes durchaus nicht gestorben, sondern
mit verdreifachten Lebenskrften daraus hervorgegangen war, war sie da
nicht durchstrmt von Zufriedenheit, schien sie nicht vllig aufzugehen
in dieser Verzckung fr das kleine Wesen, schwiegen nicht seit langer
Zeit alle Wnsche nach Deutschland zwischen ihnen? Das Kind, dachte er,
in Zrtlichkeit verloren, o ja, das Rschen! Freilich, es sollte nach
Deutschland, wohin es gehrte, sobald seine Seele erwacht war, sollte
nicht hier verkmmern zwischen Sarmaten und Rmlingen! Einstweilen war
ihm wohl, wo nur die Sonne schien, und -- auch in Polen schien die Sonne
und der Garten der Kindheit blieb hold und heimatlich im Schoe der
Erinnerung. War nicht ihm selbst sein drftiges Nassenhuben eine Insel
des Friedens und der Reinheit, trotz allem?

Der spten Stunde vergessend, begann er, mit den Hnden auf dem Rcken
auf und nieder zu schreiten. Wrme berkam ihn, Gefhl des Besitzes, der
Wurzelhaftigkeit. Er musterte die Bcherreihen, streichelte die Gerte,
die Mbel, die so schweigsam und bescheiden ihm dienten, mit den Augen.
Er liebte sie, er pflegte sie durch Ordnung, auch das kleinste Ding
hatte seinen festen Platz. Er hatte es erreicht, da sein Tag sich mit
federndem Rhythmus abspielte. Weit hinter ihm lag das Nebelmeer der
Schwrmerei mit seinen Untiefen, er war ein Mann geworden, er stand
fest, er breitete sich aus. In dieser sonderbaren Stunde fhlte er sich
jeder Arbeitslast gewachsen. Er wollte nun Ernst machen mit der Ausbung
der medizinischen Praxis, womit er in innerer Unsicherheit immer noch
gezaudert hatte, obgleich er sich schon vor zwei Jahren auf der
Hochzeitsreise in Halle den dazu ntigen Doktortitel geholt hatte.
Langmayer hatte ihm heute wieder zugeredet, es zu tun, vielleicht nur,
um Rgnier zu sekkieren, der der Vorstellung eines neuen Konkurrenten
mit suerlichem Schweigen begegnet war. Nun, ich werde ja nicht
begehren, zu operieren, mein Herr Professor und Bartscher, dachte George
vergngt, wohl wissend, welche Art der Praxis ihm in der Gesellschaft
von Stadt und Umgegend blhen wrde, -- Damenpraxis, leichte, aber
eintrgliche Flle! Zweihundert bis dreihundert Dukaten fr eine
glckliche Kur waren durchaus nichts Ungewhnliches, er wute es von
Langmayer; zwanzig bis fnfzig Dukaten waren gemeine Einnahmen. Oh, Gott
mge ihm verzeihen, wenn er's nicht rein aus Liebe tat, -- aber Polen
einst schuldenfrei verlassen zu knnen, war das nicht auch ein
gottgeflliges Ziel?

Ich mu es Therese erzhlen, da ich mich entschlossen habe, vielleicht,
da es sie freut, dachte er, die Kerzen lschend und in der Dunkelheit
den vertrauten Weg ins Schlafzimmer suchend. Ob sie noch wachte? Wie
charmant sie heute Abend wieder die Wirtin gemacht hatte, war nicht
Strzecky, dieser alte Abb, vllig verliebt in sie gewesen und hatten
nicht die Rgnier und die Langmayer neben ihr gesessen wie schwerfllige
Lummen neben einem blitzenden wippenden Strandlufer? Am Ende hatte sie
am Klavizymbel gesessen und bermtig trommelnd ihn und die ganze
Gesellschaft zu unauslschlichem Gelchter hingerissen, whrend die
Rgnier den Prsidenten in seinem langen Priesterrock nach dem Marsch
aus den Deux Avares durch's Zimmer fhrte, verschmt-feurig mit den
groen Kirschenaugen rollend, whrend der Alte so zierlich trat wie eine
Dohle im Schnee und zu seiner eigenen Entschuldigung etwas vom Wandel
der Sphren dozierte und den Knig David namhaft machte. Habens eine
Ahnung von ein Jesuitel! hatte die Langmayer atemlos gekreischt, -- ja,
Therese, sie war ein Genie der Geselligkeit, es machte ihr Plaisir, die
Leute durcheinander zu bringen, und da sie glcklich war, lag auf der
Hand. >Ich bin's, der sie glcklich macht,< dachte er noch gerade voll
Zufriedenheit, die Klinke schon niederdrckend, nachdem ein feiner
goldener Streifen am oberen Trrand ihn belehrt hatte, da drinnen noch
Licht brannte. Und, so dachte es in irgendeiner Unterstrmung seines
Wnschens, -- die Rgnier ist schon wieder in anderen Umstnden ...

Therese! rief er halblaut und erschrocken aus und war mit zwei
Schritten neben ihr, was ist dir, Kind?

Sie sa auf dem Bettrand, die Ellenbogen auf den Knien, das Gesicht in
die Hnde vergraben. Jetzt, da er, ratlos, den Arm zart um ihre zuckende
Schulter legte, wandte sie sich hastig ab, warf sich in die Kissen und
schluchzte weiter, schluchzte wie von Eruptionen einer krperlichen
Verzweiflung geschttelt, schluchzte wie ein Mensch, der sich nun einmal
auf Gnade und Ungnade einer dunkelen Gewalt berlassen hat, die er sonst
zu bndigen pflegt, ja, hingegeben schluchzte Therese, hingegeben an
diesen Ausbruch einer wilden Traurigkeit, darin rasend, taumelnd,
schreiend in einer Art bacchantischer Gelstheit, mit den Hnden
schlagend, den Kopf drehend und zurckwerfend, Laute ausstoend, hohl,
drohend, anklagend, als stnde sie nackt vor Gott und wiese ihm
ungeheures Elend, -- so schluchzte Therese, -- Therese, die ein Kind
war, lachend sonst, schwrmend, spielend, Therese, die glcklich war,
die er glcklich machte, Therese ...

George, in namenlosem Entsetzen, zurckgebogen nach dem Fuende des
Bettes, die Arme steif von sich gereckt, die Hnde ineinander gerungen,
erstarrt in der eisigen Strmung dieser frchterlichen Offenbarung,
George stammelte hilflos, mit kleiner Stimme, jammernd: Therese! Aber
Therese ...

Oh! rief Therese. Oh! Oh!

Irrsal. Verlassenheit. Beschwrung. --

Und dann weinte sie stiller.

George gewann Zeit, sich zu sammeln, aber er lie seine Augen wandern
und fhlte, da er nicht wute, was er hiervon halten sollte, da er
mde war, ja, und da ihn fror. Da stand sein Bett, schneewei,
einladend aufgedeckt, -- wie, wenn er sich geschwind auszge und die
Erklrung von Theresens Kummer unter der Federdecke liegend empfinge?
Unsicher indes, wie Therese dies aufnehmen wrde, drngte er solchen
Wunsch zurck und begann ganz leise den Rcken der Halbliegenden zu
streicheln, indem er in die Kerzenflamme starrte und mit dem Ghnen
kmpfte. Und fast erschrak er, als das Weinen pltzlich aussetzte und
Therese sich so schnell aufrichtete, da seine Hand von ihr abglitt, wie
abgeschttelt.

George! sagte Therese und ihre kleinen festen Fuste mihandelten
leidenschaftlich ein feuchtes winziges Taschentuch. George!
wiederholte sie tief atemholend und noch einmal aufschluchzend, er
suchte mit einem scheuen Blick ihr gertetes entstelltes Gesicht und sah
schnell wieder weg. George! rief sie zum dritten Mal und der Batist
zerri: Ich -- halte dies -- nicht mehr aus!

Aber was denn, Therese, -- komm doch nur! bat er verzweifelt und
suchte sie an sich zu ziehen. Aber sie stand auf, machte sich an der
Wiege des Kindes zu schaffen, stand dann am Nachtschrnkchen, putzte mit
bebenden Fingern das Licht und wiederholte: Ich halte es nicht mehr
aus! Und was doch nur? Was doch nur? Dieses Land, -- diese Stadt, --
diese Menschen! Und dies, da du dich hier behagst! Du! George Forster!

Ich? fragte George und fuhr sich mit der Hand ber das Gesicht, --
Ich -- oh -- ich ...

Oh, Georgie! rief Therese leidenschaftlich und auf einmal war sie zu
seinen Fen und umschlang seine Knie. Es geht nicht lnger! Oh
Georgie! La uns ...

Das Rschen rhrte sich in seiner Wiege und stie einen kleinen Laut
aus. Still! das Kind! machte George.

Das Kind! sagte Therese bse, stand mit einer sonderbar verchtlichen
Bewegung auf und trug geschftsmig das Licht in eine andere Ecke des
Zimmers. Dann trat sie an das Fuende des Bettes, auf dem er sa, soda
er sich zu ihr umwenden mute, und die Arme aufsttzend und ihn fest und
beobachtend anblickend sagte sie nun in leichtem und nchternem Ton: Es
geht nicht lnger, George. Wir mssen von hier fort. Du bist es dir
selber schuldig.

Therese, sagte George mde, du vergit, da ich fr sieben Jahre
verpflichtet bin. Therese, und -- wir sind doch jetzt ganz froh.

Froh! stie sie hervor, froh! Wenn ich mein besseres Selbst vergesse,
bin ich froh. Und da er schwieg und mit einer haltlosen Geste die Hnde
ffnete und schlo, den Blick von ihr abgewandt, fuhr sie fort: Wenn
ich vergesse, da ich einmal in einem Zirkel von Menschen gelebt habe,
in dem das Gesprch nicht einzig auf Dienstboten und Essen roulierte. In
dem die groen Geister unserer und anderer Nationen wie Hermen in einem
Tempel standen und tglich frisch bekrnzt wurden. Wo Seele die Seele
erkannte und verstand im Augenblick des Sichfindens ...

Jawohl, -- Assad! flsterte ein bser Geist George ins Ohr. Und als
ahnte sie seine Gedanken, schlo Therese ein wenig allzu emphatisch:
Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlzer und seine herrliche Tochter!
Wen soll ich noch nennen? Oh, George, du hast mit uns in Gttingen
gelebt, du kennst die Wonnen eines Umgangs mit Lichtenberg, mit -- mit
Assad ...

Und, fuhr sie nach einer kleinen atemlosen Pause hastig fort, als
wollte sie ihn hindern, zu antworten, du behagst dich hier mit einem
Langmayer, einem Rgnier beim L'hombre und bist es zufrieden, diese
polnischen Gnse in der Botanik zu unterrichten.

Dies letzte bezog sich auf einen Zyklus populr-wissenschaftlicher
Vortrge, den George in diesem Winter vor einem Kreise von Damen aus der
Gesellschaft hielt. Er errtete und sagte unwillig: Du vergit, da es
nicht mein eigener Wunsch war. Und ich habe Grnde, derartiges nicht von
der Hand zu weisen. Er stockte. Therese, ging es ihm durch den Sinn,
sollte leben wie die Blumen auf dem Felde ... Er hob den Kopf und sah
sie mit einem bittenden Lcheln an.

Therese, sagte er, hab' ein wenig Geduld! Die Jahre gehen schnell
herum, glaube mir!

Und deine Freunde vergessen dich! rief sie heftig. Die Welt stand dir
offen, vor zwei Jahren noch! Wer schreibt heute noch an dich?
Smmerring, -- Smmerring, -- wer sonst? Spener hchstens und die
Herausgeber der Journale, fr die du Fronarbeit tust ...

Smmerring freilich ist eine treue Seele, murmelte George bitter. Oh,
hatte Therese nicht recht?

Georgie, Georgie, flsterte Therese und war wieder zu seinen Fen,
die Arme auf seinen Knien, das Gesicht zu ihm erhoben, la uns
fortgehen von Wilna, Georgie!

Deine Locken ... er spielte mit ihrem Haar, er lchelte, s gelst
von ihrer warmen Nhe. Oh, Therese! Weine nie wieder so!

La uns fortgehen von Wilna! wiederholte sie eindringlich, die Augen
mit tdlich-ernstem Flehen in seine vertiefend, die ihnen auswichen.
Ich komme um in Wilna. Ich -- komme um in mir selbst.

Oh, Therese, -- und du warst doch immer so frhlich, seit das Rschen
...

Therese sah ihn eine Weile an, prfend, stumm. Dann sagte sie:
Frhlich, Georgie? Du sagst es, kein Zweifel, da du es auch glaubst.

Und gesenkten Hauptes, nach kurzem Schweigen, leise: Die Mutter sagte
manchmal zu mir:

   >Wenn dein Herz von Wunden blutet,
   Lgt oft deine Stirne Ruh' --<

Therese! rief George kummervoll.

Georgie? Sie hob den Kopf. Ihre Augen blickten bewegungslos, klar,
rtselhaft, Spiegel tiefer Brunnen. Ein nie bemerkter Zug von Qual
spannte die Brauen.

Therese, dachte George erschttert, war doch gestern noch ein Kind.
Bin ich denn blind gewesen?

Er zog sie empor, nahm sie in die Arme, bettete ihr Haupt an seine
Schulter. Geliebte, flsterte er angstvoll, Einzige, sage doch, --
ist es dies allein, was dich unglcklich macht, -- dies allein?

Therese hielt die Augen geschlossen.

Ja, Georgie. Dies -- allein ...

Wir wollen fort von Wilna, Therese, redete er leidenschaftlich, und
sein Atem bewegte ihr Haar, du hast recht, ich verkomme hier, du hast
recht, es ist ein bles Zeichen, wenn man anfngt, sich hier zu
goutieren. Du hast recht, du hast hundertmal recht, -- und ich dachte
nur, -- ich kalkulierte, -- aber gleichviel ...

Er starrte ber sie hinweg, seine Augen brannten, sein Herz hmmerte.
Ein Frsteln schttelte seinen Krper.

Du bist mde, Guter, murmelte Therese auf einmal schlfrig und
lchelte. Er kte zerstreut die kleinen Finger, die ihm das Jabot
lsten. Er war nachdenklich, entledigte sich der Kleider ohne es zu
wissen.

Therese, begann er wieder, als er neben ihr lag, und im Dunkeln zog er
sie an sich, -- es ist gut, da dies kam, oh, du hast mich geweckt. Es
war etwas eingeschlafen in mir, Therese, hrst du, und vielleicht war es
das, -- das, was mich deiner Liebe erst wrdig machte, -- machen konnte,
Geliebte, -- dies, da ich wagen und opfern konnte fr dich. Ist es so,
-- Therese ... bettelte er in der Dunkelheit und fhlte es wieder, dies
mde, beschwichtigende Streicheln kleiner Hnde, das alles andre tat,
als ihn beruhigen. Er stemmte sich auf den Ellenbogen und neigte sein
Gesicht auf ihres.

Vor zwei Jahren, kleines Mdchen, prahlte er mit leisem Lachen und
spielte zrtlich mit ihrem Stirnhaar, als ich so verzweifelt war, weil
ich nicht wute, woher das Geld nehmen, um dich aus Gttingen zu holen,
nicht wute, ob mir die Erziehungskommission den Vorschu bewilligen
wrde, -- da war ich noch ein Kerl, da hatt' ich noch Projekte! Ja, was
meinst du, wenn der Forster nicht gekommen wre, dich zu holen, wenn er
verschwunden wre wie die Maus im Heuhaufen ...

Ich wollte alles verkaufen, fuhr er trumerisch fort und warf sich
zurck, Bcher, Mineralien, Herbarien, und dann, unter dem Vorwand,
nach Deutschland zu gehen, wre ich geradenwegs nach Konstantinopel
gefahren und htte dort mein Glck versucht, als ein Kerl, der meist
alle europischen Sprachen spricht und just nicht auf den Kopf gefallen
ist.

Er verstummte einen Augenblick und -- ein Leuchtl, destilliert aus
Hammelfett ging es ihm unerklrlicherweise durch den Sinn, und man mu
es dem Grotrken anbieten ... jawohl, dies war der Studiosus Bezzel in
Petersburg gewesen!

Von Konstantinopel aus, sprach er langsamer, gleichsam behutsam, um
nicht auf Erinnerungen zu treten, wr' ich weitergegangen, nach
Persien, -- nach Indien, -- wr' unter einem warmen Himmel wieder
aufgetaut, lebendiger, geistiger, -- jnger geworden, und wre, entweder
ein Wiedergeborener mit frischem Ruhm bekrnzt oder gar nicht
zurckgekehrt -- zu dir ...

Georgie! -- Therese hatte sich nun ihrerseits halb aufgerichtet und
tastete nach seinem Gesicht. Georgie! sagte sie schmeichelnd, ach,
kenn ich dich wieder, mein Georgie? Und, ihre Arme um seinen Hals
werfend, leidenschaftlich: Du solltest nicht immer -- nur bersetzen,
Freund!

Nicht immer -- nur bersetzen, Therese? fragte George sanft, oh --
kleine Therese!

Nicht tagelhnern -- schaffen solltest du, George, die Welt erobern,
groe Projekte ausfhren ...

Groe Projekte, Therese? Er hielt sie gegen seine Brust gepret, er
fhlte ihr schnelles hpfendes Herz wie einen gefangenen Vogel gegen
seines stoen. Er lchelte schmerzlich, sie sah es ja nicht.

Ich werde, sagte er hastig atmend, mich bemhen, gib acht, -- ich --
habe Plne, habe Aussichten. Du sollst sehen, man hat den Forster nicht
so schnell vergessen, als du denkst. Therese, -- bist du mir auch gut?

Sie hatte sich zurckgleiten lassen, ach, und wieder waren da ihre
sanften kleinen Hnde.

Ja doch, Georgie, ja! sagte sie, als trste sie ein Kind, ja, ach
Georgie, -- und so mde ...

Sie ghnte leise. Sie zog die Decke bis ans Kinn hinauf. Gute Nacht!
murmelte sie, oh, es war gar kein Zweifel, da sie halb schon schlief.

                   *       *       *       *       *

Der harte Kern hatte endlich keimen, Wurzel schlagen wollen, -- er war
aus dem Erdreich gerissen, betastet und wie spielend fortgeworfen
worden. Kristalle wollten zusammenschieen in dampfender Mutterlauge;
eine achtlose Hand hatte die Lsung gerttelt und aufgerhrt. Und so
wrde es immer gehen, dachte George, und dachte es ohne Bitterkeit. Denn
war dies nicht eigentlich erst Leben, dies, da man nicht ausharrte in
einem dunklen Gang des Labyrinthes, sondern vorwrts strmte, einem halb
nur geahnten Lichtschein zu, der, -- Gott mochte es wissen, -- den
Ausweg in die Freiheit verhie? Nun, welchen Schwung verlieh nicht der
Entschlu, Wilna zu verlassen! Welche Pedanterie war es gewesen, sich an
einen Vertrag halten zu wollen, der ihn in seinen besten Jahren an eine
Galeere schmiedete! Therese war eine gute Tnzerin, sie wirbelte ihn
hinweg ber alle Bedenken, und oh, welche Stunden von Moquerie und
Ausgelassenheit hatten sie nun zusammen, wie verschworen und eines
Sinnes waren sie jetzt inmitten des ^vulgi stulti^, der sie fressend und
saufend in trger Geselligkeit umgab, wie eine Herde Khe, die
wiederkuend mit runden Augen auf das Schauspiel zweier von Geist und
Jugend beflgelter Menschen glotzte? Hatte er in dem letzten Jahr viel
gearbeitet, so arbeitete er jetzt mehr als je, aber es ging ihm von der
Hand als stnde er an einer gut gelten Maschine, und der Cook rckte
tglich einen Bogen vor. Dies war nun noch einmal eine bersetzung,
dachte er, wenn er nachts mit fiebernder Stirn und kalten Hnden am Pult
stand, -- aber auch die letzte. Oh, Therese sollte sehen, wie es war,
wenn er die Schatzkammern seines eigenen Geistes erst einmal auftat, --
erntete in den Grten, die nun endlich reife Frchte bieten muten.
Nicht zum Dozenten, zum freien Schriftsteller fhlte er sich berufen.
Scheermesser sind nicht gemacht, um damit Kltze zu schnitzen, schrieb
er an Smmerring, frohen Selbstgefhls voll.

Nein, er wollte nicht mehr Kraft und Zeit vergeuden. Aber freilich war
es gut, immer in Amt und Brot zu sein, gut, einem freigebigen Herrn zu
dienen ... Es galt, einen Gnner zu finden, dem es lohnend schien, ihn
hier loszukaufen, oder dessen Macht ausreichte, mit seinem Wunsch nach
Forsters Diensten allein diese verfluchte Last von nahezu 6000 Gulden
Vorschu zu lschen, die er der Erziehungskommission nun einmal
schuldete. Therese hatte Recht: hier mute er als Mann von Welt
politisch und mit khler berlegung seine Mglichkeiten und Vorteile
abschtzen und gegeneinander ausspielen. Therese setzte abends das
Schachbrett auf, wie sie diese Beschftigung bermtig nannte, hohe und
hchste Gnner aufmarschieren zu lassen und zu prfen. Da war, wenn man
die groe Zahl der ihm gndig gesinnten Frsten weglie, die hier nicht
in Betracht kamen, da sie hchstens Louisdors und Schnupftabaksdosen,
aber keine gut dotierten mter zu vergeben hatten, zunchst einmal der
Landgraf von Hessen, von Cassel her in unliebsamen Angedenken, -- indes
die Verleihung einer Professur der Naturwissenschaften an der
Universitt Marburg lag in seinen Hnden. Die ttige Liebe des wackeren
Smmerring war am Werk, hier sowohl als bei seinem eigenen Herrn, dem
Mainzer Kurfrsten, fr George zu arbeiten, und, -- so sagte Therese, --
beide Pltze hatten ihre Meriten, Mainz freilich ungleich grere, da es
sich unter dem Krummstab des Barons Erthal zu einem kleinen Musenhof,
vergleichbar dem von Weimar, entwickeln zu wollen schien und -- mein
Georgie! -- es lag linksrheinisch, es war fast schon Paris! In Berlin
war der vortreffliche Gleditsch verblichen, Friede seiner Asche! Gewi
war es opportun, dem Minister von Herzberg die ^Opera botanica^ zu
schicken und diesem Beschtzer von Kunst und Wissenschaft zu seiner
Erhebung in den Grafenstand zu gratulieren, -- oh, kein Wort von dem
erledigten Lehrstuhl, man rief sich in Erinnerung, weiter nichts. Die
grten Figuren aber, mit denen Therese agierte, saen im Norden und im
Sden auf den Thronen des deutschen Reiches und Rulands. Und es war
zweifellos, da es auf St. Petersburg ankam und auf St. Petersburg
allein! Denn, so meditierte diese erstaunliche kleine Person ihm
gegenber am Tisch ernsthaft, -- wo Frauen regieren, hat ein Mann von
Verdienst alle Chancen, und darum, von der groen Katharina ganz
abgesehen, -- kam es darauf an, die Aufmerksamkeit der Frstin Daschkow,
des weiblichen Direktors der Akademie der Wissenschaften, auf sich zu
lenken! In Therese, dachte George voll abgrndigen Staunens, als er sich
an einem dunklen Wintermorgen im Reisewagen auf der Fahrt nach Grodno
sah, wo es Gelegenheit gab, sich dem Ambassadeur der Kaiserin, Herrn von
Stakelberg, vorstellen zu lassen, -- in Therese steckt etwas von einer
Katharina, einer Daschkow und mehr von einem Diplomaten als in mir,
Smmerring, nun, und sagen wir einmal: dem Vater zusammengenommen! Und
dann dachte er daran, wie der Vater im mausgrauen Rock nach Danzig
gefahren war, mit der Absicht, den Vorgnger des Herrn von Stakelberg,
den weiland Herrn von Rehbinder, in die Tasche zu stecken, und wie er
heimgekommen war in der berzeugung, da ihm dies gelungen wre. Oh,
die, alten Zeiten und der Vater! Und jetzt kollidierte man mit ihm auf
Schritt und Tritt, denn nicht nur um Marburg bewarb sich der Alte
ebenfalls, auch in Berlin, wo, wie George jetzt durch Spener gehrt
hatte, er, der Sohn, auf die Liste der fr Gleditschens Stelle
Vorgeschlagenen gesetzt war, war Forster senior auf dem Plan erschienen
und hatte bei seiner Ernennung zum auswrtigen Mitglied der Akademie die
Erfahrung machen mssen, da George diese Ehre gleichzeitig widerfuhr! O
nein, ich triumphiere nicht, dachte George, sich erschrocken von seinen
Gedanken abwendend, und fhlte doch, da eine kalte Befriedigung sein
Herz vorbergehend hart und glnzend gemacht hatte. --

Es gibt Dinge, die einem niemals allein und losgelst, sondern immer nur
in der Verbindung mit anderen Gegenstnden einfallen, so konnte sich
George nicht an den Londoner Nebel erinnern, ohne an ein gewisses
kleines Federmesser zu denken, das ihm in jenen bsen Jahren vor der
Sdseereise ein zrtlich geliebter Besitz und ein Trost gewesen und
spter verlorengegangen war, -- er konnte auch den Namen Surinam nicht
hren, ohne die Erscheinung des Hofrats Kotelnikow vor sich zu sehen.
Ebenso gab es Menschen, die ihm nur paarweise oder gar in Gruppen ins
Gedchtnis traten, Larry und Porea etwa, Smmerring mit dem Hintergrund
des ganzen Casseler Kreises, der ihm einigermaen widerwrtige Nikolai
in Berlin mit seinem Gegenspiel, dem herzlich verachteten Schrepfer in
Leipzig, die Musiker Neumann und Naumann in Dresden und -- nun, Gott
mge ihn davor bewahren, dachte George, da er jetzt seine ganze
wimmelnd bevlkerte Erinnerung wachrief, um sich die ihn ein wenig
qulende Tatsache zu erklren, da er nicht an den Vater denken konnte,
ohne da Therese dies stattliche Gestirn umkreiste, -- nicht sich in das
Wesen seines Weibes versenken, ohne da die gleiche Konstellation sich
ungerufen einstellte. An diesem Junimorgen, da er wie gewhnlich mit
Sonnenaufgang erwacht war und nun auf der Seite ruhend, die Hand unter
die Wange geschoben, im gedmpften Licht die neben ihm Schlummernde
betrachtete, stieg irgendeine nchtige Woge in ihm und wahrnehmend, wie
ihre Brust sich hob und senkte und die Kante ihres Hemdes am Halse von
den zuckenden Schlgen des Pulses bewegt ward, dachte er sonderbar
erregt: wie wehrlos sie ist! Und sich selbst vortuschend, dieser
Gedanke stiege aus der Lust, sie an sich zu reien, fhlte er gleich
darauf erschrocken, da etwas wie gehssige Neugier in ihm sprach und
ihm zeigte, da Therese hlich sei, doppelt hlich jetzt in diesem
Augenblick des Schlafes mit dem haltlosen Unterkiefer und dem Ausdruck
unbedingter trotziger Hingabe an die Dumpfheit der Betubung. Sieh
keinen Toten und keinen Schlafenden an, sie knnen sich nicht
verstellen! dachte George, sich unruhig herumwlzend und die Hnde
hinter dem Haupte verschrnkend. Und da war's wieder. Erinnerung
arbeitete in ihm, deren er sich nicht bewut zu werden wnschte,
unwillig gab er ihr endlich Raum und erkannte, -- jawohl, so hatte er
oft, unzhlige Morgen der Vergangenheit gelegen und den schlafenden
Vater angesehen, hatte gedacht, -- oh, lcherliche Gedanken eines
Knaben! -- aber etwa so: Wenn ich nun aufstnde, leise, heimlich, -- das
kleine Federmesser vom Tisch holte, das kleine, blanke, liebe, und mit
seiner Spitze einen sauberen behutsamen Schnitt durch jenen tanzenden
Adamsapfel dort zge ... Aber dies mchte Wahnsinn heien, wenn es nicht
so lcherlich wre, sagte er sich, indem er sich nun pltzlich eilig
erhob, das Gesicht zu einer unbewuten Grimasse verzerrt, -- George
Forster mit der Erinnerung an Mordgedanken, -- George Forster mit der
Lust, -- und in einem letzten Nachgeben an jene dunkle Versuchung und
mit einem scheuen Blick auf die Schlafende gab er es sich verzweifelnd
zu, -- ja, George Forster mit der Lust, sein Weib, seine Therese zu
qulen. Ach, nicht zu tten! Aber einmal mit seinen Zrtlichkeiten den
Blick ergebenen Duldens, den Blick unbeteiligter, stiller, ja vielleicht
manchmal freundlicher Verwunderung wandeln zu knnen in einen
gebrochenen, schwimmenden, -- die in allen Lagen beherrschte Rede dieses
Mundes auflsen in ein hilfloses Stammeln, -- einmal Therese _fhlen_ zu
machen! Er dachte: _einmal_, das ist dann, als ob eine Tr endlich
aufspringt! Einmal, -- das heit dann, fr immer im Paradiese sein! Er
zog sich hastig, geruschlos und unglcklich an. Er verlie die Kammer
und durchschritt mit gesenktem Kopf den Vorraum. Mein Gott, er war ein
Narr, ein Undankbarer, sagte er sich, als er nun in seinem Kabinett
hastig den Teller auslffelte, den ihm Marischa gebracht hatte. Diese
morgendlichen Verstimmungen waren ebenso eine Folge skorbutischer
Schrfe in seinem Geblt, als die fortwhrenden Anflle ziehender
Schmerzen, als diese kleinen lstigen Ausschlge, die entzndeten Augen,
die peinigenden Koliken. Die Sfte reinigen! Das war der Schlssel auch
zur Harmonie der Seele. Hastig schluckte er seine Erdbeeren in Milch, --
Obst auf nchternen Magen, wie es ihm Smmerring verordnet hatte, und
das Therese nie versumte, ihm hinstellen zu lassen, in der Form, wie
die Jahreszeit es bot. Oh, sorgte sie nicht rhrend fr ihn? Ja, er
_war_ ein Narr! Wenn jetzt der Druck der Enttuschung auf ihr lastete,
da bisher alle Plne, von Wilna fortzukommen, gescheitert waren, --
wenn dieser Druck sie matt und teilnahmslos machte, -- war das nicht nur
natrlich? Was verlangte er denn von ihr? Er schob den Teller zurck.
Obst am frhen Morgen, mir zuwider wie nur je, dachte er angeekelt. Ach,
mein Gott, es verlangte ihn ja nur nach ein wenig Zrtlichkeit und
Wrme, schrie es verzweifelt in ihm auf. Trugen sie denn die
Enttuschung nicht gemeinsam? Litt er nicht wie sie unter dieser
Umgebung ohne Geist und Feuer, mute sie nicht endlich berzeugt sein,
da er Ruhe und Gesundheit dransetzte, um aus diesem stagnierenden
Froschteich herauszukommen, da die satte Zufriedenheit der Kollegen,
die kleinlichen Eiferschteleien und Kabalen ihn bis zur Verzweiflung
peinigten? Litt er denn immer noch nicht sichtbar genug, um der
Gemeinschaft _ihres_ Leidens endlich teilhaftig zu werden? Denn, --
nicht wahr, -- dies war's: er _wollte_ leiden, um ihrer wrdig zu sein,
um bei ihr zu sein, wohin ihr Herz sie immer trug, -- nur _bei_ ihr und
_mit_ ihr, -- und um den Dmon Lgen zu strafen, der ihm so den Spiegel
vorhielt und hmisch raunte: brchtest du selbst denn die Gre auf,
Freund, um so zu leiden wie sie, unmittelbar aus Gottes bitterer Hand?
-- sprang er verzweifelnd auf und rannte hinaus, fort von den schon
ausgebreiteten Bchern und Papieren, der still lockenden und drohenden
Welt der Arbeit, in der Vergessen und Zufriedenheit war.

Ein botanisches Grtchen von Qualitt! ging es ihm durch den Kopf, als
er in dem Schattenwinkel hinter dem Hause war, wo er die fr die
Demonstrationen in den Kollegien notwendigen selteneren Pflanzen ziehen
sollte und wo er nun zwischen den Rabatten auf und nieder ging, dumpf
eingedenk, da die unzhligen Fenster des weitlufigen Gebudes auf ihn
niederblickten und da hinter einem mglicherweise die Langmayer stand
und in der lieben Wiener Mundart sagte: Maria und Josef, -- der _arme_
Mann! Htte er nur gewut, warum sie ihn immer bedauerte, ihn, der vor
der Welt so glcklich war! Dies aber, was ihn jetzt qulte und ruhelos
machte, da er nun einmal wieder den Vater und Therese in seinen Gedanken
vermengt hatte, war eine Erinnerung von der Hochzeitsreise her, die ber
Halle hierher gegangen war. Selbst in dem Bewutsein, wieder in den
Bannkreis des Vaters zu treten, hatte er dieses Mal ohne inneres
Widerstreben, ja, mit einem gewissen Frohlocken die Schwelle des
Elternhauses berschritten, er kam ja nicht allein, wer konnte ihm jetzt
noch etwas anhaben? Die Erlebnisse der ersten Tage des Zusammenlebens
waren noch unentwirrt um ihn und Therese, sie bedeuteten einstweilen
noch die holde Unordnung zerrissener Krnze, die noch nicht verwelkt
waren, es war im gesicherten Besitz noch das atemlose Zittern
ungestillter Sehnsucht in ihm und sie war von jener brutlichen
Schmiegsamkeit gewesen, mit jenem weinenden Lcheln der Hingebung, der
Bereitschaft, das ihn rhrte und toll machte zugleich. Sie waren im
Gasthof abgestiegen, Therese machte sich schn, sie hatte das Kleid aus
jenem weien Aotobast hervorgeholt, den George ihr einst geschenkt,
hatte es angezogen, um, wie sie mit Munterkeit sagte, den alten Eroberer
von Tahiti zu ehren. George hatte ihr geholfen, hatte Hefteln und Bnder
geschlossen, die Handspiegel gehalten, damit Madame sich von allen
Seiten betrachten konnte, hatte zwischendurch vor ihr gekniet und diese
lieben, wunderlich kleinen Fe gestreichelt, -- muten sie nicht mde
sein von der Reise? Aber ja, sie muten doch, wenn man auch bestndig
gefahren war! Wie war es denn mglich, da ein Mensch sein Leben lang
auskam mit Fchen, nicht grer als eine gewhnliche Mnnerhand? --
kurzum, er hatte sich verliebt und ungeschickt betragen, bis Therese:
Aber, -- mein Freund! gesagt hatte, ja, das hatte sie schon damals
zuweilen getan. Am Ende hatte er mit ihr am Arm den Gasthof verlassen
und hatte sie ganz bermtig vor Stolz und Wichtigkeit durch die Straen
gefhrt, selbst elegant genug, wie er sich dnkte, im neuen blauen
Tuchrock nach englischem Schnitt, Hut unterm Arm und Hand am Degenknauf.
Blickten die Mutter und Fieken nicht schon am Fenster nach ihnen aus? Er
gab Theresen noch einige Verhaltungsmaregeln; sie sollte sich nur nicht
frchten, sagte er trstend, der alte Herr, nun ja, er habe seine
Wunderlichkeiten, aber er sei kein Menschenfresser, -- sei kein
Menschenfresser, wiederholte er sich selbst innerlich staunend, wer
hatte ihn denn je dafr gehalten, fr einen Menschenfresser? -- und man
brauche ja nicht mit ihm zu leben. In wenigen Tagen wrden sie wieder
allein miteinander sein, sagte er, nur, nicht wahr, ein paar Stunden
tglich whrend dieser kurzen Zeit mten der Piett zum Opfer gebracht
werden und die Mutter, ach, die Mutter wrde sich so freuen! Er redete
so viele Worte der Beruhigung und der Vorbereitung, da Therese endlich
ganz verwundert zu ihm aufsah und sagte: Aber, George, ich frchte mich
doch gar nicht! und er sich besann, freilich, er hatte nicht bedacht,
da Therese Heyne gewohnt war, mit den sonderbarsten alten Knaben zu
plaudern, da sie, -- und war das nicht einer der Zge, die er so
leidenschaftlich an ihr bewunderte? -- eine kleine Dame von Welt war,
gewohnt, sich in alle Situationen zu schicken. Kindlich genug
betrachtete er ihre Eigenschaften als eine Verstrkung, eine Erweiterung
der eigenen Person, -- nun, der Vater wrde sehen, der Vater wrde
staunen, was da endgltig aus ihm, George, geworden war, er wrde es
nicht mehr wagen ...

Was wrde er nicht mehr wagen? George wute es bald selbst nicht mehr,
was eigentlich er sich von diesem Besuch fr eine Wirkung versprochen
hatte, -- etwa die einer Parade vor dem Feind, einer friedlichen Parade
in voller Rstung mit Fahnen, Standarten und blitzend neuen Waffen: Hier
das Haus Forster junior auf immerdar? Da stand ein Riesenstrau bunter
Astern mitten auf dem runden Tisch und dahinter, rtlich wie der
herbstliche Mond, leuchtete Reinhold Forsters massiges Gesicht unter dem
schimmernden Toupet und selbstverstndlich! er hatte auch einen blauen
englischen Frack an und wie fllte er ihn aus mit Brust und Schultern!
Da sa er, lie seine groen Augen rollen, blies die Backen auf wie nur
je und spielte den ^galant-homme^, sich herabneigend zu der kleinen
zierlichen Schwiegertochter und seine gewaltige Hand auf ihre schmale
legend, -- und das schon in der ersten halben Stunde der Bekanntschaft!
George, an der anderen Seite des Tisches zwischen Mutter und Riekchen
sitzend, sich der Verpflichtung innerlichst bewut, sein neues Glck in
die erloschenen Augen der Mutter strahlen zu mssen, die an ihm hingen,
fhlte eine nie geahnte Erregung des Herzens. Plaudernd und lachend, als
htte er Wein getrunken, rief er Therese an, sie mge seine Erzhlung
von der Hochzeit ergnzen, was fr eine Robe hatte ihre Mama getragen,
wie waren die allerliebsten Carmina gegangen, die ihre kleinen
Stiefgeschwister rezitiert? Dies alles interessiere brennend die Damen.
Zugleich whlte er hastig, fieberhaft nach einer Frage, die er dem Vater
wie eine Schlinge umwerfen knne, -- ja, -- wie war das mit seiner
Promotion, was fr Visiten waren zu machen, welcher Anzug war
angebracht? Sonderbar bemht, der Mittelpunkt des Kreises zu werden,
kein Sondergesprch aufkommen zu lassen, redete er nach rechts und
links, was ihm gerade in den Sinn kam, die Augen immer wieder
beschwrend auf Therese gerichtet: einen Blick, ein kleines
Freimaurerzeichen des Verstndnisses, der Zusammengehrigkeit wollte er
haben, -- oh, aber nicht dies gleichmtige, abgleitende Lcheln!
Verzweifelt machte er Anspielungen auf kleine gemeinsame Erlebnisse der
letzten Tage: Weit du noch, in Weimar ...? sagte er, und Therese,
wie war die Aussicht aus unserem Fenster in Eisleben, du erinnerst dich,
haha! erreichte aber nichts, als da sie ihn erstaunt fragend und
nachdenklich anblickte und da Riekchen eifrig fragte: Wie war das
denn, erzhle doch! Allmhlich verstummte er, zerbrckelte seinen
Kuchen mit den Fingern und starrte vor sich hin aufs Tischtuch. Mein
Georgie, hrte er die Mutter neben sich und fhlte ihre leise Hand auf
dem rmelaufschlag, bist du nun froh?

Er wandte ihr die Augen zu.

Der Vater neckte Therese. Der Vater nannte sie: Frauenzimmerchen,
charmantes, durchtriebenes! Der Vater reichte ihr mit Grandezza den
Arm, um sie in den Garten zu fhren. Die andern folgten. Zwischen
diesen ehrwrdigen Zeugen des Geistes, sagte Reinhold Forster im
Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die Bcherborde
deutend, hat Ihr George seine ersten schchternen Schritte auf dem
Pfade der Wissenschaft getan! Alle waren stehengeblieben. Dort standen
der Vater und Therese. Hier stand George, den Kopf ein wenig gesenkt,
den Mund mit einem schmerzlichen Versuch zu lcheln halb geffnet, die
Augen schweifend; Mutter und Schwester hinter ihm in der demtigen
Haltung liebender Einfalt. Der Vater aber legte den Arm pltzlich mit
einer groen Gebrde um Therese, die mit einem gurrenden Lachen zu ihm
aufsah, und mit der Linken erst auf sich selbst, dann auf den Sohn
deutend, rief er mit dem alten wohlbekannten Drhnen des Brustkastens:
Gegngelt, gegngelt, gegngelt ist er gegangen! Frauchen, Frauchen,
nun kriegt Sie die Zgel in die Hand! -- hat Sie auch die Forsche dazu?

Versunken niederstarrend auf ein Beet mit Heilkrutern, sah er die
beiden wieder stehen, mit den Kpfen nickend. Hatte nicht auch Riekchen,
hatte nicht selbst die Mutter lachen mssen? Ein Scherz, mein Gott, ein
Scherz im Familienkreise!

Er ging ins Haus zurck, von neuem betubt durch diese Erinnerung, von
der frchterlichen Bedeutsamkeit, die sie in seinen Augen gewann, je
fter er sie hin- und herwandte: hier hatte er gestanden, allein, und
dort -- dort war Therese gewesen, -- Therese neben dem Vater. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Ein paar Stunden spter am Fenster stehend, unfhig zu arbeiten unter
dem frchterlichen Druck des seelischen Schweigens, das zwischen ihm und
Therese sich ausbreitete, einem ratlosen Zustand krperlicher Angst
hingegeben und mit einem Gefhl von Abneigung und Ekel das Treiben der
Gnse um den Tmpel auf dem weiten grasbewachsenen Platz zwischen seinem
Wohnhause, dem Universittsgebude und der blendenden Fassade der Kirche
gegenber beobachtend, -- in diesem Augenblick sah er durch die weie
Verdung der Mittagsstunde aus der Richtung der Posthalterei her einen
Mann stracks auf sein Haus zukommen, trat einen Schritt zurck, griff
sich an die Stirn, lachte glcklich auf und stammelte: Nun, endlich!
obgleich er sich sofort dessen ganz bewut war, da nicht der geringste
Anla vorlag, in diesem Manne den Schicksalsboten zu sehen. Als er eine
Stunde spter das Wohnzimmer betrat und sich Therese gegenber am
gedeckten Tische niederlie, war eine Frische und Straffheit in seinen
Bewegungen und lag, whrend sie die Suppe lffelten, ein nicht zu
bndigendes Lcheln auf seinem Antlitz, da Therese schlielich nicht
umhin konnte, die Lider zu heben. Was gibt's, Forster? fragte sie ein
wenig gereizt, -- freilich, buchte er heimlich, was hatte er auch
frhlich zu sein, wenn es ihr zu schmollen beliebte? -- und Was ist's
mit dem russischen Kapitn? Wieder einen Gast auf den Abend? Du weit,
ich habe nichts im Hause.

Spielerisch, als sei er gnzlich unberhrt von ihrem larmoyanten Ton,
gab George lchelnd zur Antwort: Oh, wie du willst, meine kleine
Therese! Es ist ein Kapitn Mulowsky aus Cherson von der Marine der
Kaiserin, und gewi ein etwas verwhnter Herr. Ich -- werde mit der
Langmayer sprechen, meinst du nicht? und zum Soupieren mit ihm
hinbergehen. Sie wird sich's zur Ehre anrechnen, denk ich.

Therese, die an ihm vorbeigesehen hatte, wie ein trotziges Kind, blickte
ihn pltzlich voll und mitrauisch an: Zur Langmayer? Aber geh du nur,
-- und verdirb dir wieder den Magen an ihrem fetten Zeug! Es ist eine
Sache des Geschmacks, ob man sich dabei behagt oder nicht. Und da das
milde Strahlen gar nicht aus Georges Augen weichen wollte, blickte sie
ihn noch einmal prfend und nicht begreifend an und sagte dann langsam,
mit einem Unterton unglubiger, zgernder Ahnung: Georgie, -- was --
wollte dieser Kapitn?

Oh -- nichts ...

George zerschnitt vergngt das Fleisch auf seinem Teller, -- gar nichts
weiter Besonderes. Er -- hat mir im Namen der Kaiserin -- nun etwa
dreitausend Rubel Gehalt versprochen und Deckung aller meiner hiesigen
Schulden ...

O George -- Georgie!

... wenn ich mich bereit erklre, eine Entdeckungsexpedition nach der
Sdsee mitzumachen. Er brachte einen schmelzenden Empfehlungsbrief vom
Ambassadeur mit. So ist es! Ja, Therese!

Glckselig lachend breitete er beide Arme aus. So ist es! rief er noch
einmal, so ist es! Oh, Therese, -- das Leben ist mir neu geschenkt!
Und im selben Atemzug neben ihr kniend, sie umschlingend: Oh, vergib!
Aber verstehe, verstehe! Dies, -- dies ist noch einmal eine Tr ins
Freie. Und ich komme wieder, ich komme wieder, Kleine, Geliebte, -- und
du wirst mich lieben und wir werden selig sein!

Therese, seltsam ber diese gestammelten Worte hinweglauschend, ihm
zugewandt, die Hand auf seiner Schulter, sagte langsam: Georgie, dies
ist mir wie ein Traum. Und nach einem Stocken, whrend er lchelnd zu
ihr aufsah: Wie sagtest du? Dreitausend Rubel Gehalt? Wie -- ist das zu
verstehn, mein Georgie?

Oh, sagte er ein wenig erstaunt, es war eine meiner Bedingungen, es
war ... Nun, ich werde jhrlich zweitausend Rubel unterwegs ausgezahlt
bekommen, -- Liebe, -- es ist eine Abwesenheit von drei bis vier Jahren
vorgesehen ... er legte mit zarter, ngstlicher Gebrde den Arm um sie.

Zweitausend, wiederholte sie ein wenig ungeduldig, nun, und -- und
...?

Tausend, sagte George irgendwie verwundert, wirst du jhrlich bei
einem noch nher zu bestimmenden deutschen Bankier fr deinen und
unseres Kindes Unterhalt erheben. Du wirst in Deutschland leben,
selbstverstndlich!

Ach! Therese beugte sich vor, um ihn zu streicheln, -- oder war's, um
ein sonderbares Lcheln zu verbergen, das haltlos um ihren Mund
flackerte? Wie gut von dir! Georgie, -- aber wirst du denn auch eine
Pension haben, wenn du zurckgekommen bist?

Ich werde mir die Hlfte meines Gehaltes auf Lebenszeit ausbedingen,
erwiderte er, bemht, ihren wandernden Blick zu fassen, und -- setzte
er langsam hinzu -- komme ich nicht wieder, Therese, so sollst du diese
Pension bis an dein Lebensende haben. So werde ich mich bemhen, es
durchzusetzen.

Oh, Georgie, Georgie! Wer spricht davon? rief sie nun und prete
seinen Kopf an ihre Brust mit einem Aufschluchzen, wie ihn dnkte. Oh,
wie kannst du an so etwas denken? Es ist nur -- der Vater, -- er ist
immer so penibel in derlei Fragen. Du weit ja, damals, als du um mich
angehalten hattest, eh du nach Wilna gingest, er wollte nicht, da wir
uns noch einmal shen. Erinnerst du dich?

Ich erinnere mich, sagte George, pltzlich von Bitterkeit bermocht.

Es war, flsterte Therese, da er meinte, du wrdest mich nicht
erhalten knnen. Er dachte, du wrdest es bald selber einsehen, und dann
wrde es gut sein, da wir uns nicht wiedergesehen htten, weit du.
Ach, er sprach so viel von Versorgung und Pension, da ist das so in
meinen trichten Kopf gekommen. Wie, Georgie, -- du weit doch, da
deine Therese keine Rechnerin ist?

Spielend, zrtlich, flocht sie ihre Finger in seine. Drei bis vier
Jahre? Ach, George! Aber es gilt deinen Ruhm und die Wissenschaft! Du
sollst sehen, wir werden tapfere Frauen sein, das Rschen und ich!

George hatte sich erhoben. Er sah auf sie nieder mit seinem unsichern
Blick gtevollen Staunens, er wandte sich ab, er schritt im Zimmer auf
und nieder.

Tapfer? Tapfer? dachte er ratlos, -- sie -- freut sich ja! Sie freut
sich -- da ich gehe ...

Sie freute sich nicht, da er ging, befahl George nach einer
Viertelstunde der Verzweiflung in seinem Kabinett seinem Herzen zu
glauben, nachdem er sich an der alten Vorspiegelung gestrkt hatte:
Therese ist ein Kind! Therese war ein Kind, und das Neue dieser
Aussichten, die unfabare Vernderung des Daseins, die bevorstand,
hatten sie verwirrt. Wie hatte er sich so tuschen knnen? Der Mut
meiner unvergleichlichen Therese untersttzt mich in allem, schrieb er
gleich darauf am Schlu eines in fliegender Eile an seinen
Schwiegervater hingeworfenen Briefes mit den Neuigkeiten dieses Tages
und fgte ein Erkleckliches an Beruhigungsstzen ber die Sicherung von
Gegenwart und Zukunft hinzu. Oh, wie sehr recht hatte ein Vater, sich um
das Glck seiner Tochter zu sorgen! Mein Rschen! dachte er in Bewegung.
Nur ein Vater konnte ein Vaterherz verstehen! Indes, nun die Rhrungen
beiseite geschoben, es galt, sogleich an Smmerring zu schreiben, den er
dem Kapitn als begleitenden Arzt vorgeschlagen hatte, galt, Jubel
auszustrmen in die Brust des Getreuen, der wie kein anderer begreifen
wrde, was dies hie, was dies zu bedeuten hatte, als wissenschaftlicher
Leiter mit unbeschrnkten Vollmachten einer Expedition vorzustehen, die
mit fnf Schiffen ausgerstet als eine Kriegsflotte der Aufklrung gegen
die Rtsel des Erdballs ziehen wrde. Rausch und Taumel berkamen ihn
bei der Versenkung in die Macht, die da auf einmal in seine Hnde gelegt
war. Einen Astronomen, Unterrzte, Zeichner, Jger, Ausstopfer,
Grtnerburschen, ja vielleicht auch Bergleute galt es anzuwerben, -- ha,
jetzt sollte manch einer es erleben, da er gut daran getan, dem Forster
Dienste zu erweisen, da der Forster sich zu erinnern verstand! Er
beschlo und notierte es sich, da er eine gehrige Summe fordern
wollte, um seinen Mitarbeiterstab durch Verleihung kleiner Geschenke und
Pensionen geschmeidig zu erhalten. Schlug er etwa den guten alten Wales
in London -- er wrde doch noch leben? -- als Astronomen, -- den jungen,
ihm so treu ergebenen Dr. Mayr in Prag als Botaniker vor? Und welche
Aussicht, dem Bruder Karl eine Stelle als ^surgeon's mate^ zu
verschaffen, konnte er als Smmerrings Gehilfe nicht Unschtzbares
profitieren!? Der Vater, dachte George, schier atemlos von dem Wirbel
seiner Gedanken, der Vater wird's nicht zugeben! Und wie ein
Wolkenschatten zog die finstere Gestalt des eiferschtigen Knig Minos
ber die Gefilde seines Glckes. Gleich darauf ri er Schiebladen auf
und begann, planlos Papiere herauszunehmen, durchzusehen, zu vernichten.
Aber dies hat Zeit! dachte er pltzlich beschmt und tat alles wieder an
seinen Ort. Besser war's, eine Liste der zur Fahrt ntigen Bcher und
Instrumente aufzustellen, oder mit allem Flei seine der russischen
Regierung vorzulegenden Bedingungen noch einmal durchzuarbeiten, oder
ein Verzeichnis der Gegenstnde zu machen, die vor der Abreise hier zu
verkaufen waren, -- denn natrlich dachte er nicht daran, unntigen
Ballast in die befreite Zukunft hineinzuschleppen, und was war nicht
alles Ballast in diesem Augenblick, -- die Hlfte seiner Bcher und
Sammlungen gewi, und der grte Teil des Ameublements! Das alles wrde
in den nchsten Monaten fr gutes Geld loszuschlagen sein, unter der
Hand und ganz ohne Aufsehen, denn er mute seine Vorbereitungen heimlich
betreiben, bis die russische Regierung mit der Erziehungskommission
abgerechnet und ihn losgekauft hatte, -- Himmel, Therese wrde doch
nicht etwa schon mit der Langmayer geschwatzt haben! Er rannte hinber,
auch in dem unbewuten Verlangen nach Rschens kleinem Apfelgesicht, --
wenn ich wiederkomme, dachte er mit jhem Erschrecken, ist mein Rschen
fast sechs Jahre alt! Nein, Therese hatte mit keiner Seele geschwatzt,
sie sa im Grtchen, das Kind an der Brust, den Blick ganz still auf ein
Beet voll blhenden Lavendels gerichtet. Ich _will_ doch nicht an den
Vater denken und an seine ridiklen Passionen! dachte George, den es
von jeher ein wenig verstimmt hatte, da Therese die Vorliebe fr dieses
Kraut mit dem Alten teilte und da denn dieser Duft der Duft aller guten
und bsen Tage zu sein schien.

Therese hob den Blick zu ihm und da sah er, da ihre Augen voll Trnen
standen: Wir kommen nach Deutschland, wir kommen heim! flsterte sie
gebrochen, und da war es auch um seine Fassung geschehen. Er kniete
neben ihr, er kte ihre Hnde, das Rschen jauchzte und griff in seine
Haare, sie lachten und weinten miteinander. Alles wird gut, alles wird
wieder gut! zog es befreiend durch sein Herz. Unendliches wollte
besprochen sein, im Umsehen war der Abend da, und mit ihm noch einmal
der Kapitn, zunchst zugeknpft wie ein Englnder. Aber der Tee schmolz
sein russisches Herz, er begann zu fabulieren; Katharina war seine
Himmelsknigin und er wollte ihr den Erdkreis erobern. Er sei ein
natrlicher Sohn des Frsten Czernitscheff, des Vizeprsidenten des
Admiralittskollegiums, -- oh, der Herr Geheime Rat sollte nur fordern,
fordern, fordern, es wrde alles unterschrieben werden. Drei Ksse
besiegelten den Bund, als die zuknftigen Weggesellen sich trennten.
Dieser Mann, sprach George noch vor dem Einschlafen in die Dunkelheit
hinein, von seinem aufgewhlten Herzen getrieben, wird mir Freund und
Bruder werden. Ihn und unseren Smmerring an meiner Seite wissend kannst
du getrost mich ziehen lassen, Therese. Therese, -- aber schlfst du
denn schon?

                   *       *       *       *       *

Nun, da er dem Abgott seiner Jugend geopfert hatte, in dem Augenblick,
da die bersetzung der Cookschen Reisebeschreibung als ein stattliches
Konvolut bereit lag, an Spener abgesandt zu werden einschlielich seines
Aufsatzes ber jenen Tapferen, der mehr war als eine bloe Wrdigung,
der eine Huldigung war und ein Dank des armen kleinen George aus den
fernen Tagen, -- einschlielich auch der allergndigst akzeptierten
Widmung an des Kaisers Majestt zu Wien, die Therese durchgesetzt hatte,
-- ja, als ob mit diesem Zeitpunkt das Schicksal freie Hand bekommen
htte, so hatte es ihn ergriffen und dorthin gestellt, wo sein Held
gestanden hatte, mitten in ein Leben der Tatbereitschaft und des
Wirkens. Er hatte so lange im Schweigen Gottes gelebt, da er mit
unglubigem Staunen wahrnahm, wie alles sich so glatt abwickelte, wie
die Kommission ihn, obschon mit unendlichen Ausdrcken des Bedauerns,
der Hflichkeit und Versicherungen seiner Unersetzlichkeit loslie und
das russische Geld einsteckte; da er es kaum fassen konnte, als er die
Kisten mit seinem persnlichen Eigentum, -- -- oh, welche
Wscheausstattung hatte Therese in den wenigen Wochen zustande gebracht!
-- nach Kopenhagen abfertigte, wo sie Mulowsky, mit seiner Flottille von
Petersburg kommend, gleich an Bord nehmen sollte; da ihm die Gedanken
stockten bei der Vorstellung, da, wenn er Therese nach Gttingen
gebracht hatte, wo sie bei den Eltern bleiben sollte, er dann im Oktober
zusammen mit Smmerring nach London gehen und dort die letzten,
wichtigsten Vorbereitungen treffen wrde. Er, nun so groer Dinge
gewrdigt, ward in diesen Wochen von einem blinden Triumphgefhl
getragen, als habe er dies alles hart erkmpft und nicht nur --
herangeduldet. Er verga alle seine krperlichen Leiden oder sie gingen
unter in dem Aufstrom von Kraft, der durch seine Adern brauste. Er sang
und pfiff bei der Arbeit, -- ach, ^The Rakes of Mallow^ und Larry droben
im Takelwerk! -- seine Phantasie spielte, er sprte bis ins Mark den
sthlenden Atem der Wogen, roch Salzwind und Teer und Kaffeescke und
fremde Hlzer, Gewrze und Tiere, sah vor Augen die wilden, schnen
Menschen der Inseln, sprte ihre erregende Ausdnstung, dachte an die
Starostin, an die Tatarin, lief zu Therese, um sie an sich zu pressen
und ihr etwas ganz und gar berflssiges von dem hlichen Kreischen der
Papageien in den Urwldern Surinams zu erzhlen, von Schlingpflanzen,
Affennestern, Giftschlangen und Vglein Kolibris, die aus Becherblten
Honig tranken, sagte trumerisch und unverstndlich: Also so, -- so war
es dem Vater zumut, damals, als ich nichts begriff ... und ward nur in
den Nchten manchmal von Zaghaftigkeit berfallen, in den Nchten, wenn
bei der sen, leisen Musik der Atemzge von Weib und Kind ihn die
Vorstellung berkam, da die groen Winde drauen ber den Meeren
tanzten und kein Erbarmen hatten und nicht wuten, da einer
zurckkommen mute zu Therese und zu dem kleinen, kleinen Kinde.

Dann wieder berkam ihn das Glck ausschlielich in Gestalt der
Vorstellung, da diese Hlle von Wilna nun zu seinen Fen lag, --
denn, sagte er in Langmayers runde Augen hinein, es _war_ eine Hlle
fr mich, Freund, und alle meine Anpassung an meine unwrdigen
Verhltnisse nur eine Form der Verzweiflung.

Langmayer, demtig zustimmend, wagte zu bemerken, da jede Hlle ihm
durch seine Miezi zum Paradiese werde, ein Argument, das George
berhrte. Da er nahe daran gewesen war, hier auch sein Paradies zu
finden, wennschon nur in seiner Phantasie, nun, wen ging das etwas an?
Er, der zurckgefunden hatte auf den harten mnnlichen Weg der Dalrymple
und Cook, er hatte sein Paradies im Reich der Ideen und nicht zwischen
Tisch und Bett. Er opferte sein Behagen der Wissenschaft, -- wute Herr
Langmayer, was es damit auf sich hatte? Zugleich empfand er es Tag und
Nacht mit einem Taumel des Entzckens, da Therese einen neuen Menschen
in ihm entdeckt zu haben schien, da sie seine rastlose, beschwingte
Ttigkeit mit einer heimlichen Bewunderung begleitete, die sich in
kleinen Zrtlichkeiten Luft machte. Da sie seine Plne ausbauen half
und sich nach seinem Sinne einrichtete, -- so verzichtete sie ohne
weiteres auf ihren Wunsch, die Jahre der Trennung in Gotha bei den
Freunden Reichardt zuzubringen, da es ihm lieber war, sie in Gttingen
zu wissen, -- und er ging unter in der seligen Tuschung einer endlich
erreichten, vollkommenen Vereinigung. Die Abschiedsvisiten lagen hinter
ihnen, auch die letzte, feierlichste beim Frsten Primas im Lustschlo
Werki, eine Stunde vor Wilna, -- sie verbrachten die letzte Nacht in den
Gastbetten der guten Langmayers, sie konnten nicht einschlafen und
zhlten sich die Wonnen des Wiedersehens, die auf dem Wege bis nach
Gttingen lagen, auf. Und hingerissen und verfhrt von der schelmischen
Anmut, die die unbndige Freude ihr gab, in der hellen nordischen
Sommernacht auf sie niederblickend, die in seinem Arm lag, sagte George
in irgendeiner unbedachten Eingebung, so wie man ein Spielzeug vor einem
Kinde tanzen lt: Nun, und Assad, -- Assad! Therese? und erschrak
gleich darauf vor dem Ernst, der auf ihre Zge fiel wie Reif.

Assad? fragte sie langsam, nun, -- liebst denn du ihn nicht, George?

Assad ist mein Freund und Bruder, Kind! sagte George und kte ihre
Schulter, ich wei es ja, wem du gehrst ...

Ich wei es ja, wiederholte er trstend und fragte sich zugleich, wen
eigentlich er trsten msse? -- wir beide lieben Assad, ja, wir beide!

                   *       *       *       *       *

Schwerlich, schwerlich! sagte George, denn ihm dnkte, dies msse eine
passende Antwort sein, auf das, was Lichtenberg soeben zu ihm gesagt
hatte, etwas, das zweifellos den Inhalt gehabt hatte, da die Familie
Forster keinen Zeitpunkt htte finden knnen, geeigneter zu
einer festlichen Heimkehr nach Gttingen, als diese Tage des
Universittsjubilums im September 1787 und des Taumels smtlicher
Fakultten. Denn dies war's doch, womit alle Menschen bisher ihre
Gesprche mit ihm eingeleitet hatten, und was sollte Lichtenberg denn
anders gesagt haben zu ihm, der hier an der Wand des Saales lehnte und
allem Anschein nach entzckt in das Getriebe des Tanzes sah?
Mglicherweise aber hatte Lichtenberg auch gefragt, warum er, George,
nicht teilnhme am Tanz, und mit erhobener Stimme, um sich durch das
Gefiedel der Musikanten hindurch verstndlich zu machen, setzte er
hinzu, whrend ein Lcheln an seinem Gesicht zerrte und er mit der Hand
zur Schlfe fuhr, hinter der dieser boshafte Schmerz wieder einmal
wtete: Ich bin durch meinen Aufenthalt unter den Wilden denn doch um
die Erwerbung einiger Vorzge gekommen, Verehrtester, in deren Besitz
der deutsche Europer sich glcklich fhlt. So bin ich niemals
konfirmiert worden und verstehe mich nicht auf die Kunst des Tanzens.

Ich stellte mir soeben vor, fuhr er einigermaen geschwtzig fort und
lie seine brennenden Augen unruhig durch die Reihen der Tanzenden
schweifen, was fr einen Effekt wohl der neuseelndische Hundetanz
machen mchte, ausgefhrt von den Greisen der vier Fakultten, haha! Er
nahm Lichtenberg am Arm und zog ihn mit sich fort. Vergebung, Freund,
ich habe heute abend ein wenig den ^spleen^ und meine Imagination ist
schon wieder so ganz in der Sdsee. Ich denke daran, da ich bald die
halbe Wlbung des Erdballs zwischen mein Weib und mich gelegt haben
werde, und bedaure es ein wenig, nicht mit ihr tanzen zu knnen. Nehmen
wir zusammen ein Glas Wein!

Nehmen wir ein Glas Wein! Nehmen wir es auf Georgia Augusta und auf
Ihren neuesten Ehrendoktor! Den Sie sich wahrlich verdient haben,
Freund, -- oh, nicht allein durch das Faszikel dieser sperben Prparate
magellanischer Pflanzen, um das Sie Ihre Sammlungen beraubt und die
unseren bereichert haben! -- auch nicht allein durch Ihren Vortrag, der
freilich ^magnifique^ wirkte nach dem langweiligen Blumenbach! Immerhin
danke ich den Gttern, da wir den offiziellen Teil hinter uns haben!
--

Ich fragte Sie, lieber Freund, soeben nach dem jungen Eluyar, mit dem
Sie, wie Therese mir erzhlte, in Dresden zusammengetroffen sind, und
Sie haben mir darauf >schwerlich, schwerlich< geantwortet, hub
Lichtenberg schmunzelnd von neuem an, als sie in einer Ecke des
Nebenraumes saen. Sie haben mir sodann ausfhrlich Ihr Bedauern
darber geuert, nicht tanzen zu knnen, und ich erwidere Ihnen
nunmehr, sachlicher als Sie, da ich dies Bedauern nicht teilen kann,
und es nur mit Beifall begre, Sie gleich andern vernnftigen Mnnern
ihre Lust beim Weine anstatt bei jenem wrdelosen Gehpfe suchen zu
sehen. Der Tanz steht unter den Belustigungen den triebhaften
Liebesspielen der Tiere am nchsten. Ihre Wilden bringen das zweifellos
noch unbefangener zum Ausdruck als wir.

Sie wackeln mit dem Stei und gehaben sich auch sonst sehr deutlich,
sagte George und sphte dster nach der offenen Tr, an der die Paare
bunt vorberwirbelten, aber unser Tanz ist im geheimen tausendmal
schamloser, glauben Sie mir!

Und wie war's mit dem jungen Eluyar? Lichtenberg blickte an ihm
vorber.

Der junge Eluyar ist ein edler Mensch und mein Freund! Oh, Sie erinnern
mich an gttliche Stunden, George wandte sich dem andern nun voll zu.
Er war bei unserer Rckkehr aus dem Exil der erste Gru eines geistigen
Europa an mein verschmachtetes Herz! Gebildet im schnsten Sinne, feurig
und dennoch gelassen. Ich hatte nicht erwartet, bei einem Spaniolen
diese Grndlichkeit der Kenntnisse anzutreffen, diese Beschlagenheit auf
allen Gebieten. Er war zudem in einer hnlichen Lebenslage, wie ich --
es krzlich war, sagte George nun zgernder und starrte wieder nach der
Tr, soeben verheiratet und in den ersten Erfahrungen der Seligkeit mit
einer geliebten Frau. Wir tauschten unsere Herzen aus ...

Ihre Fhigkeit zum Enthusiasmus hat in Polen nicht gelitten.

Oh, er ist dort geschont worden und hatte keine Gelegenheit, sich
abzunutzen, dieser Enthusiasmus. Freund, wie glauben Sie, da mir zumute
ist, wieder redliche Seelen um mich zu wissen und nicht mehr Jesuiten?

Ich wrde an Ihrer Stelle mich dieser Gewiheit nicht allzu
optimistisch berlassen, Lichtenberg kniff, seinen Wein kostend,
vergngt die Augen halb zu, der Jesuitismus ist trotz Herrn Nicolai
und der streitbaren Kurlnderin weniger eine ausrottbare
Ordensangelegenheit, als eine allgemeine Eigenschaft der menschlichen
Natur. Der Jesuitismus ist, sagte dieser Filou und bewegte schalkhaft
den Zeigefinger, sonderlich ein Grundbestandteil der weiblichen Natur
und ein verheirateter Mann ist dem nun einmal ausgeliefert. Der Weise
rechnet damit.

O, ich verkaufe meinen Glauben an das Herz nicht um Ihre
Menschenkenntnis! rief George voll Bitterkeit und fuhr im selben
Augenblick leicht zusammen. Wie von einer Woge der Musik hereingesplt
war aus dem Saal ein Paar in dies Kabinett geeilt und beim Anblick der
beiden einsamen Zecher in pltzlichem Zaudern stehengeblieben, als htte
es den Ort verlassen geglaubt.

Oh, Therese! sagte George sonderbar langsam und erhob sich
schwerfllig, du suchtest mich? Mein lieber Meyer, -- nehmt doch Platz.
Ihr -- seid erhitzt, -- Ihr wnscht etwas zu trinken?

Und stehend neben seinem Stuhl verharrend, blickte er in unschlssiger
Hilflosigkeit auf Therese nieder, die da schon gegenber von Lichtenberg
sa, mit unruhigen Hnden ihre Frisur ordnete und den leichten
silbergestickten Schal um die zarten Schultern zog.

Wir stren das erste Sichwiederfinden zweier schner Geister, ich
wette! rief sie aus und lie ihre Augen zwischen Lichtenberg und George
wandern.

Warum stehst du so gebrochen da, mein Freund? Und bemht, dieses
sonderbare Gesprch stummer Blicke zwischen George und Wilhelm Meyer zu
beenden, Meyern, der ebenfalls noch stand und sehr aufrecht mit einem
rtselhaften Erzengellcheln seiner blauen Augen auf den in sich
gebckten George sah, drngte sie: So setzt euch doch! Wie ist dein
Kopfweh, George? Ach, Assad, wenn du das Fenster schlieen wolltest,
dieser khle Luftzug tut unserm Freunde unmglich gut! Oh, unser
deutscher Walzer, George, -- was sind alle Mazurken dagegen! Du erlaubst
doch, Lieber?

Sie fhrte sein Glas an die Lippen, sie lchelte ihn an, ihre Hand
suchte seine. Eine Woge von Entzcken sprengte den Reifen, der um seine
Brust gelegen hatte; er lachte, er strzte den Rest des Weines hinunter
und setzte das Glas mit solchem Schwung und Nachdruck nieder, da es
zersprang. Er sa neben ihr, er hielt ihre Hand fest, er redete, eifrig,
demtig: Ich bin glcklich, dich hier zu wissen, Assad. Wenn der Ozean
um mich brandet, wird der Gedanke mich strken: Therese ruht im sicheren
Hafen, treue Freunde schtzen mein Weib und mein Kind.

Komm doch hufig zu uns, Teurer, sagte er in das seltsam ratlose
Schweigen der anderen hinein, sieh, wie wir leben, nimm dir ein
Beispiel an unserm Glck! Ich werde dir dankbar sein, wenn du
Therese auf ihren Spaziergngen begleitest, ich bin von meinen
Reisevorbereitungen bermig in Anspruch genommen, -- lies ihr vor, ich
werde dabei sein, wenn ich kann. Hre, Assad, -- aber du willst gehen,
-- warum geht er denn, Therese?

Mit einer kurzen Entschuldigung war Meyer aufgesprungen und
hinausgeeilt, in dem Augenblick, als die Musik aufhrte und die Menge
der Tanzenden plaudernd und lachend hereinstrmte. Er scheint da doch
irgendwo interessiert zu sein, sagte George, ihm nachblickend, was
meinst du, Therese, ist es eine von den Gatterers oder am Ende gar die
gelehrte Dorothea? Aber da nun der alte Heyne, am Arm die Professorin
Wrisbach, an den Tisch trat, den Schwiegersohn auf die Schulter schlug
mit dem Aufruf: Hier verbirgt sich das Turteltaubenpaar, ei, ei, da
kann man freilich lange suchen! und: So lob' ich mir's, Tchterchen,
hast dem ^petit matre^ den Laufpa gegeben und deinen Forster gesucht!
so ward Therese der Antwort vllig berhoben.

                   *       *       *       *       *

Er wollte nicht zu Professor Bttner gehen, wie er daheim zu Therese
gesagt hatte, er fhlte sich heute weder den Anforderungen einer
gelehrten Konversation, noch der Hundeatmosphre im Studio des Alten
gewachsen. Er ging auch nicht zu Heyne. Ihm war nicht nach
tabaksqualmumwlkten philologischen Errterungen zumute und er hatte
keine Lust, sich von jedem Besucher, -- und immer waren dort Besucher!
-- auf die Schulter klopfen und beglckwnschen zu lassen, zu seiner
Heimkehr aus Sarmatien, zu seinen Aussichten, zu -- seinem Weibe. Warum
berhaupt, meditierte er irgendwie erregt und weit ausschreitend, warum
fhlte sich jetzt jedermann nicht nur gedrungen, sondern auch
berechtigt, ihn auf die Schulter zu klopfen, sei's im Ton der Rede oder
mit der Gebrde? War er etwa jnger geworden, hatte er eingebt an
Verdienst, an Haltung, an Wrde? Warum hatte Karoline Michaelis, die nun
des wackeren Bhmer Gattin und aus ihrem Klausthal am Harz nur
vorbergehend nach Gttingen gekommen war, ihn gestern beim Wiedersehen
im Hause Gatterer so besorgt betrachtet, so aufmunternd zu ihm
gesprochen, als sei er mtterlicher Betreuung bedrftig? Und: Guter
Forster! hie es allenthalben, der gute Forster an allen Ecken und
Enden, und: Forster, mein Guter! rief ihn Therese ber den Tisch
hinber an, oh, hatte er sich denn je im Leben dieser Bezeichnung
weniger wert gefhlt, als gerade eben? Karoline freilich, schaltete er
mit einem Aufatmen in seine Gedanken ein, wird wohl jeden streicheln
und betreuen wollen, dem sie ein wenig gut ist, -- und ich glaube, sie
war mir ein wenig gut, einst, ehe ich ...

Seine Gedanken wurden zu Vorstellungen. Er sah einen Frhlingsgarten,
sah Therese, sah Karoline vor sich stehen. Zog er Vergleiche?
Lcherlich! Sie war die Doktorin Bhmer, er war Theresens Gatte. -- Was
bin ich noch? dachte er angestrengt, whrend seine Fe im Herbstlaub
rauschten und sein Blick unruhig den Himmel suchte zwischen den
entbltterten Wipfeln der Kastanien, und wute im Hintergrunde seines
Bewutseins ganz wohl, welche Antwort er von seinen Gedanken erwartete,
welches Spiegelbild er zu sehen wnschte. Den jungen Forster etwa, wie
einst, als diese Formel eine Vorstellung von Tapferkeit, Geist und Gunst
der Gtter ausdrckte, den Pionier der Kultur, gewi! und den
Bannertrger der Aufklrung in die Nacht der Barbarei. Indessen kam
nur eine Antwort mit der Aufdringlichkeit eines repetierenden Uhrwerkes
und seine eigene Einsicht lie nicht ab, ihm zu versichern, er sei
Theresens Gatte und Herrn Meyers Freund und Bruder.

Zu viel der Ehren, hhnte er sich selber und ri den Mantel am Halse
auf, denn er fhlte seine Stirne feucht werden in der dampfenden Schwle
des warmen Oktobernachmittages. Er nahm den Hut vom Kopf und gesenkten
Hauptes schritt er weiter. Es war die qulende Spannung, in der ihn die
Erwartung einer Nachricht aus St. Petersburg hielt, einer Nachricht ber
die endlich erfolgte Ausreise des Kapitns Mulowsky, die zugleich das
Signal fr seine und Smmerrings Abreise nach London sein sollte, --
diese qulende Spannung war es, an der sich seine Gedanken stauten. Nun
war Therese mit dem Kinde untergebracht in der hbschen kleinen Wohnung
bei Pastor Wagemann am Wall, seine Angelegenheiten waren geordnet, seine
Koffer standen gepackt, er konnte jeden Tag aufbrechen. Aber anstatt der
ersehnten Post kam bse Zeitung ber bse Zeitung, die Welt summte von
Kriegsgerchten, England hatte den Krieg an Frankreich deklariert und
hier, in dem sturmgeschtzten Gttingen, sa er nun, bebend vor
Ungeduld, und fhlte ohnmchtig die Verwicklungen europischer
Interessen, die alle Frstenplne wissenschaftlicher Art im Keime
erdrosseln muten. Wie, wenn Frankreich Anschlu an Ruland suchte, --
wenn Katharina diesen Augenblick zur berrumpelung der Pforte geeignet
finden sollte? Nein, er selbst war wohl nicht mehr als ein gelegentlich
nicht ohne Glck radotierender Kannegieer, aber hatte nicht ein Mann
von politischem Weltblick wie Schlzer gestern bedenklich geuert, es
sei augenblicklich die unglaublichste Konjunktur ^in politicis^, die je
gewesen, Frankreich sei ganz von beiden Kaiserhfen gewonnen, England
aber habe vernehmlich ausgerufen, es wrde nie zugeben, da die Trken
aus Europa vertrieben wrden? Was wrde dies alles ihn kmmern, wenn er
nicht gewut htte, da Katharina in Pallas mehr die Kriegsgttin als
die Beschirmerin der Wissenschaft ehrte, da -- nun kurz und bel, --
sie einen wissenschaftlichen Plan mit Achselzucken aufgeben wrde, wenn
die Mittel dafr einem militrischen zugute kommen konnten! Hier sa er
also, mute sich einen guten Forster heien lassen und htte am liebsten
jedem den Rcken gekehrt, der ihn fragte: Nun und wann brechen Sie auf,
wann reisen Sie, mein Bester? Der Betrachtungen anstellte ber sein,
des guten Forster, und ber Theresens Los ... Da hatte er nun um die
Vermittlung Zimmermanns in Hannover nachgesucht, des Leibmedikus und
stndigen Korrespondenten Katharinas, aber dieser Don Pomposo, wie ihn
Lichtenberg nannte, regte sich nicht und rhrte keine Feder. Ob er
einmal nach Hannover fuhr? Wenn ihn doch niemand mehr fragen wollte, --
wenn doch diese aufgeregten Briefe von Smmerring ausbleiben mchten!
Eine Arbeit, jawohl, das wre Rettung! Kollegien belegen, Anatomie und
Chemie treiben, jeder Minute abgewinnen, was sie nur bieten konnte! Doch
hier lief er auf den Wllen von Gttingen spazieren, hier lief er, weil
er es zu Hause nicht aushielt, weil da etwas Unsichtbares in der Luft
lag, eine bestndige Frage, eine Enttuschung, ein Warten, -- das
Warten, da er doch gehen mge, wenn nicht in die Sdsee, so doch
wenigstens auf die Wlle! War es nicht so? Oh, Therese sprach es nicht
aus, sie sprach es natrlich nicht aus, im Gegenteil ... Aber war die
einsame Wandrerin, die ihm dort entgegenkam, nicht die Doktorin Bhmer?
Und whrend er vor der im raschen Gange Stockenden stehenblieb und sich
verneigte, nicht wissend, da die bitteren Gedanken der letzten halben
Stunde sein Gesicht noch verzogen, erinnerte er sich, gestern empfunden
zu haben, Karoline habe die sanften warmen Hnde einer Schwester oder
einer Mutter, erinnerte sich eines irrenden Wunsches, diese Hnde auf
seiner Stirn zu fhlen. Karoline lchelte an ihm vorbei: So einsam,
Freund, -- und ohne ein Ziel? Oh, ich sah Sie von weitem kommen und Sie
gingen nicht wie einer, der ein Ziel, kaum wie einer, der einen
Ausgangspunkt hat.

Ich verstehe nicht ganz ...

Oh, grbeln Sie nicht, es ist Spielerei mit Worten. Sehen Sie, ich habe
einen Ausgangspunkt und ich habe ein Ziel, und mein Weg beschreibt den
Kreis der Schlange, die sich in den Schwanz beit: ich komme aus
Klausthal und ich gehe wieder nach Klausthal. Sie aber, -- Sie kommen
aus der weiten Welt und gehen wieder -- hinaus ...

Habe ich nicht auch mein Klausthal? fragte er, sonderbare Unruhe im
Herzen. Er hatte gewendet und schritt an ihrer Seite, langsamer nun, den
Weg zurck, den er gekommen war. Sie lie den Blick seitwrts gleiten.

Oh, nennen wir es Klausthal, gut! Klausthal, sagte sie mit
unerklrlichem Lcheln, Klausthal ist ein Ort von groen Meriten, denn
er betrachtet mich als sein Zentrum, sein schlagendes Herz. Klausthal,
verstehen Sie, -- mein Klausthal, -- kann nicht leben ohne mich, und das
ist's, was mich an -- Klausthal fesselt. Etwas, wie die
Verantwortlichkeit eines Frsten fr ein ihm ergebenes Land. Nein,
lieber Freund, -- ich glaube, -- ein Klausthal haben Sie nicht.

George hrte und dachte: Sanfte Stimme und Oh, wie die gelben Bltter
auf dem schwarzen Wasser schwimmen! Aber er antwortete nichts.

Der Ort, der Ihnen Klausthal sein knnte oder den Sie dafr halten ...
Verzeihen Sie mir, ich liebe es, ein wenig zu phantasieren und bin kein
gelehrtes Frauenzimmer wie Dortchen Schlzer, unterbrach sie sich
heiter und sah mit lachenden Augen auf in seine kummervoll forschenden.
Nun, ich habe etwas von den Ideen des Herrn Kant ber die Entstehung
des Kosmos gehrt und es hat mich amsiert. Also Ihr Klausthal ist kein
Granitfelsenort wie meins, sondern ein feuriger Stern, feurig und
flssig, noch nicht recht bewohnbar, ist's nicht so? Ein Ort voller
Eruptionen und Lavastrmen, -- fr einen Naturforscher recht
interessant.

Oh, Karoline, dies war malitis!

Lieber, Verehrter! Ich bin erschrocken. Es war nicht bse gemeint.
Forster! Eines Tages taucht ein Eiland aus den dampfenden Wassern, --
sanfte Matten ...

Pisangwlder, ich wei ...

Apfelbume, Blumen, heimische Wlder, oh, nichts Exotisches, Freund!
plauderte sie eifrig, als erzhlte sie einem Kinde von Weihnachten.

Ein Haus? fragte er bittend.

Ein Haus zwischen Hecken, es gehrt dem Forster allein! trstete sie
strahlend.

Ein Klausthal! murmelte er.

Klausthal! besttigte sie zgernd und ihre Augen gingen blicklos in
die Ferne. Und pltzlich fragte er wie erwachend:

Karoline, -- sind Sie glcklich in -- Klausthal?

Wie anders? sagte sie ruhig und unter der Tr ihres elterlichen Hauses
reichte sie ihm lchelnd die Hand, Forster, gibt es nicht fr uns eine
Verpflichtung zum Glck? -- -- --

Wohl, sie hatte ihm noch Abschiedsworte gesagt und dies, da sie
einander wiedersehen wrden, in Jahren, alte und weise Leute geworden,
wie es sich von selbst verstand. Was ihn aber bewegte, ihm, -- oh,
endlich, endlich einmal wieder! -- den federnden Schwung der Gedanken
gab, es war dies Wort von der Verpflichtung zum Glck. Er, ein Mensch
ohne die Fhigkeit, eine Melodie annhernd richtig wiederzugeben,
verdankte dennoch der Musik gelegentlich hnliche Wirkungen, wie sie ihm
jetzt durch dieses Wort geschehen waren: nach der Versenkung, ja nach
dem schwelgenden Untertauchen in die Wehmut der Erinnerung an erlittene
Unbill, das Aufstrmen schmerzlichen Trostes, des Lebenwollens,
_trotzalledem_. Oh, und welche Aufforderung zur ritterlichen Askese,
welch herausfordernder Widerspruch zwischen Zustand und Gebrde lag in
diesem Ausdruck, den die Freundin ihm spielend hingerollt hatte, wie
einen Ball! Nun, -- und sie selbst? Wie kam sie, die ewig Heitere, zu
solchen Erkenntnissen? Aber danach fragte er jetzt nicht viel in seinem
soldatischen Rausch der Leidens- und Sterbensbereitschaft unter blanker
Montur und bei erklingendem Marsch. Ach, George, der kleine Knabe von
dazumal, der das Spiel nie gekannt hatte und einen so sonderbaren
Aufwand mit den Werkzeugen seiner Fronarbeit am Schreibtisch trieb, aus
dem verzweifelten Hunger seiner Phantasie nach buntem Symbol heraus, --
George, der Mann, er brauchte das tnende Wort. George strmte vorwrts
durch die engen dmmrigen Gassen, in denen Kinder lrmten und Frauen
schwatzend vor den Haustren standen, George fhlte dies, da das
Bewutsein des eigenen Wertes allein zum Glck, zur Verachtung der
ueren Umstnde, zur Haltung verpflichte, und in diesem Gefhl schon
meinte er zu besitzen, was er wnschte.

Warum aber erlahmte sein Schritt, je nher er seiner Wohnung kam, warum
stieg er die Treppe so zgernd, warum verharrte er auf dem letzten
Absatz, den goldlackierten Knauf des Gelnders mit der Hand umklammernd,
und sagte sich: das Rschen freut sich, wenn ich komme, -- das Rschen
wird sich freuen ... --

                   *       *       *       *       *

Sollte sie bis zu seiner Abreise warten, um sich in der Gttinger
Gesellschaft einzuleben? Nun, war es nicht etwa freundlicher, er
begleitete sie in die Huser der Freunde und pflanzte sich Keime der
Erinnerung an den verschiedenen Teetischen, damit sie erblhen und
duften konnten, wenn er erst fort war? Sollten die Fakultten und ihre
Damen annehmen, er sei ein Tyrann und verlangte, sie sollte in der
Heimat freiwillig das geistige Hungerleben von Wilna fortsetzen? Gewi,
das war seine Absicht doch nicht! Liebte er seine Therese? Hier wurde:
Georgie! geflstert mit einem gewissen Lcheln, das lockte und verhie,
und das ihn wehrlos machte, er wute es wohl. Er glaubte diesem Lcheln.
Er hatte Grund, ihm zu glauben, -- aber warum war er denn nicht selig
unter diesem lauen Sturmwind des Gefhls, der so jh und stoweise aus
Therese aufgebrochen war und sein Blut fchelte? War es der nahende
Abschied, der ihr Herz endlich in Wallungen brachte? Oh, aber dieser
Abschied zog sich hin, kein Mensch konnte auch jetzt, zu Ende November,
sagen, ob bis Weihnachten, bis zum Frhling oder bis bers Jahr.
Katharina hatte den Trken den Krieg erklrt, dies war im Grunde so gut,
wie die Gewiheit, da dem wackern Mulowsky samt seinen fnf Schiffen
eine andere Verwendung blhen wrde, als jene Entdeckungsfahrt. Indessen
blieben bestimmende Nachrichten aus St. Petersburg immer noch aus, und
obwohl George in seiner verzweifelten Ungeduld bereits begonnen hatte,
mit dem jungen Eluyar Verhandlungen ber ein neues Projekt anzuknpfen
und sein Geist genureich mit der Ausarbeitung der Forderungen
beschftigt war, die er im Falle des Gelingens der spanischen Regierung
zu unterbreiten gedachte, so hing sein Herz doch immer noch mit
schmerzlicher Hoffnung an dem Auftrag der Kaiserin, dessen Erfllung ihm
seines Rufes wrdiger schien, als die Annahme einer hheren
Beamtenstelle unter spanischem Regiment. Denn darum handelte es sich. Er
sollte mit Weib und Kind als sachverstndiger Erforscher der
Bodenschtze nach den Philippinen gehen. Da er aber nun zu wissen
glaubte, was er wert war und welcher Summen eine Regierung fhig war,
die ihren Kopf auf einen bestimmten Mann gesetzt hatte, -- oh, ihn
konnte niemand mehr bervorteilen! -- so forderte er so raffiniert und
phantastisch, da der junge Eluyar erschrocken zurckwich und dieser
schne Plan sich sogleich als totgeboren erwies. Abschied und Trennung
also lagen im Nebel vor ihm, in ungewisser Entfernung, ja,
mglicherweise barg dieser Nebel nichts, als ein Zusammenleben unter
vernderten Umstnden. Warum aber dann dieser Aufwand des Gefhls bei
Therese? dachte George, unglubig und mitrauisch, reizbar geworden in
der kaum noch ertrglichen Erwartung einer Entscheidung. Warum dieser
Singsang vom Morgen bis zum Abend wie in der ersten Wilnaer Zeit, diese
heitere Geschftigkeit um ihn her, da er nicht mehr gewhnt war, da
nach seinen besonderen Wnschen gefragt wurde, -- warum dieser
angelegentliche Drang, sich mit ihm in Gesellschaft zu zeigen und,
womglich an seiner Seite sitzend, seine Hand festhaltend -- mit --
Meyer zu konversieren, der sich zu ihnen gesellte, ruhig, wie durch ein
Naturgesetz bestimmt? Er fhlte das wohlbekannte erregte Beben dieser
manchmal so hilflosen kleinen Hand, fhlte, wie die Pulse in ihr zuckten
und tanzten, blickte ratlos auf, sah Meyers undurchdringliche Augen auf
sich gerichtet, -- auf sich und nicht etwa auf Therese, -- und senkte
den Kopf in ratloser Bestrzung, in qulender Beschmung fr sie, die da
zwischen ihnen plauderte und lachte und nun nach Meyers herabhngender
Linken griff als wrde ihre Hand magnetisch hingerissen. Die Kette ist
gebildet, dachte George dumpf. Sprte sie denn nichts von den Strmen,
die nun durch ihre Hnde aufstiegen, hielt ihr Herz es aus, da in ihm
Ha gegen Ha zuckte? -- Oh, aber da war kein Ha, wute George, wieder
zu Meyer aufblickend und erkennend: da war Mitleid, und ein sehr khles
Mitleid, und nur in ihm selber war dieses bse drohende Gefhl, das ihn
jetzt hastig aufstehen lie und Therese veranlassen, ihm zu folgen.

So war es an dem Abend bei Professor Michaelis gewesen, in dem Hause,
das ihm lieb war durch irgendeine unbewute Erinnerung an die ferne
Karoline. Du bist bse, Georgie? hatte Therese in der Dunkelheit des
Heimwegs zaghaft gefragt, -- woher kam ihr dies auf einmal, diese
Zaghaftigkeit, ihr, die nie gezgert hatte ihn zu verletzen, weil eben
sie es bisher noch nie fr mglich gehalten hatte, da ein Wort von ihr
ihn verletzen _knnte_, so sicher war sie immer ihres guten Willens
gewesen? Therese, sagte George geqult, es ist dies, da du dich
auffallend viel mit Meyer abgibst. Kennst du denn nicht die Gttinger
Klatschmuler? Es ist nicht meinetwegen, bei Gott, -- ich wei ja, ich
bin ja sicher ... log er und dachte dabei: Therese ist ein Kind,
Therese wute nicht, aber jetzt ahnt sie, wie es um sie steht, und wenn
sie vllig zu sich kommt, was soll dann aus uns werden?

Und wie um es zu verhindern, da sie sich rechtfertigte, in tdlicher
Angst vor Auseinandersetzungen, sagte er heftig:

Ich bin um deinen Ruf besorgt, meine Teure, du verspielst mit ihm auch
den meinen. Und es ist meine Pflicht, dich zu warnen.

Die Stimme aus dem Dunkel neben ihm kam warm und s, -- so wie
Theresens Gesicht und ihr Krper in diesen letzten Monaten erblht waren
wie Rosenduft im Juni, warm und s: Du selbst hast ihm und mir das Du
vorgeschlagen und den geschwisterlichen Ku erlaubt, Georgie, damals, an
unserem Hochzeitsabend, erinnere dich. Und, oh, Georgie, -- er ist mir
wie ein Bruder und nennt mich seine Schwester, -- und du ludest ihn ein,
zu kommen, so oft er wollte, zum Essen tglich, und mir vorzulesen. Wo
ist denn da das Bse, Georgie, -- wo?

Er schwieg, denn er erstickte den Schrei, der in ihm aufstieg. Therese,
wute er zerbrochen, hat noch nie geliebt bis jetzt. Und Therese ist
dennoch mein Weib geworden, -- und ich liebe sie. -- --

                   *       *       *       *       *

Mulowsky schrieb so voll hflichen Bedauerns, Biedermann, der er war,
und beteuerte am Schlu seines Briefes den Gewinn, den er trotz des
Fehlschlagens dieser schnen Plne durch die Bekanntschaft mit dem
Begleiter und Freunde Cooks gehabt habe. George wrde einen hnlichen
Brief in gefatem Tone zurckschreiben, er entwarf ihn in Gedanken, als
er in der Dunkelheit des Dezemberabends den Weg nach Hause suchte, von
Heyne kommend, dem er das endgltige Scheitern seiner groen Aussichten
nun doch hatte mitteilen mssen, ehe dieser bse Tag ganz zu Ende ging.
Er entwarf den Brief, fieberhaft bemht, seinen Geist zu beschftigen
und nicht in der frchterlichen Leere der Zukunft zerflattern zu lassen
und einer Versuchung zur Emprung zu erliegen, auf die, er wute es
wohl, er kein Recht hatte, denn: wem wollte er denn diese Vorwrfe
machen, die aus ihm quollen wie schwarze Galle, wem die wahnsinnige
Verzweiflung seines Herzens vor die Fe werfen, da dies nun wieder
nichts sei, da man ihn wieder genarrt habe, -- der Kaiserin Katharina
etwa? Er war doch kein Kind, das den Stuhl schlug, an dem es sich
gestoen hatte, -- aber, oh, mein Gott, wer, wer hatte denn Schuld, da
er immer und immer auf Sandbnke fuhr, wenn er die Segel spannte? Denn
dies war nicht mehr begreiflich ohne Schuld, dies war Verhngnis,
Strafe, Gericht! Gott versagte sich ihm, Gott schwieg und setzte allen
seinen Hoffnungen, -- unschuldigen Hoffnungen gewi, aus dem Willen zur
Arbeit, zum Wirken, zur groen Tat geboren, -- ein stummes hartes Nein
entgegen, wie eine Mauer, an der er hin und her irrte, schreiend ein Tor
in die Gnade begehrend. Ich habe, dachte er mit bitterer
Unbarmherzigkeit gegen sich selbst, die Stimme berschrien, als sie
leise zu mir zu sprechen begann, damals in Wilna, als ich in demtiger
Handlangerarbeit anfing, mich glcklich zu fhlen. Denn dies ist's, was
er mir zugewiesen hat, Knechtschaft, und nicht Freiheit, leiden und
nicht herrschen. Und wer mich anders sieht, der ist mein Feind! rief er
halblaut, die geballte Faust gegen die Stirne pressend. Es gab keinen
Menschen, der ihn so geliebt hatte, wie er wirklich war, -- auer
vielleicht der Mutter. Ach, die Mutter! Er ging nun ganz langsam, ganz
gelst, hingegeben an die Erinnerung der einzigen, still atmenden Liebe,
die um ihn gewesen war, wie Frhlingssonne um den Baum. Du wolltest
nichts von mir, murmelte er, _du wolltest nichts, als geben drfen_
... Und wre dies nicht Glck? fragte er pltzlich, das Antlitz
lauschend erhebend, als habe er von irgendwoher Anruf und Botschaft
empfangen, -- wre -- dies -- vielleicht -- _das_ Glck? -- --

Ob er das Rschen nicht mit hinauf nehmen wollte, hrte er die Stimme
der Pastorin Wagemann in die sonderbare Stille seines Herzens hinein
fragen, kam zu sich und erkannte, da er schon im Treppenflur des Hauses
stand, auf dem Absatz vor der geffneten Tre der Wagemannschen Kche,
aus der heraus es festlich und schmalzkuchenhaft duftete. Die ganze
Familie, um den riesigen Backsteinherd versammelt, schien sich dem
Opferdienst der Zubereitung eines Silvestergebcks zu weihen, selbst der
Pastor stand da in Schlafrock und Pantoffeln und auf jedem Arm ein Kind,
von denen eins das Rschen war und schlief, den kleinen Kopf vertrauend
auf die Schulter des freundlichen Wrdentrgers gelegt. Oh, die
Demoiselle Tochter sei von der Liese heruntergebracht worden, die noch
einen Gang machen zu mssen vorgegeben hatte, und die Frau Geheimrtin
habe ja Besuch, kam die Erklrung der Pastorin, in der George irgend
etwas strte. Er machte sich klar, da es dies unntig eingeschobene
ja sei, -- die Frau Geheimrtin habe ja Besuch ... Aber was lag denn
nur in diesem unschuldigen Wrtchen, fragte er sich in der Erschpfung
seines Gehirns vergeblich, indem er, Dankesworte murmelnd, dem Pastor
das Rschen abnahm und sich auf einem hlzernen Stuhl niederlie. Oh,
hier ist es warm, sagte er und blickte um sich, und so wie zuhause,
wissen Sie, als ich ein Knabe war.

Ich denke an Nassenhuben, wo mein Vater Pfarrer war, erklrte er,
bemht, unausgesprochene Fragen zu beantworten, -- wenn man ihn doch nur
ein wenig verweilen lassen wollte, ein wenig Zeit gewinnen! Jener Besuch
dort oben mute doch gewi jetzt gehen und dann brauchte man ihm nicht
zu begegnen! -- Dort war die Kche auch so gro und niedrig und um den
Rauchfang herum hingen die kupfernen Pfannen. Auch so ein Dreifu stand
manchmal ber den Kohlen und der Schmalztiegel drauf, sagte er zu dem
ltesten Knaben, der an ihn herangetreten war und ihm ernsthaft zuhrte.
Nun, du bist schon gro und verstndig, du mut dem Herrn Papa wohl
schon gehrig assistieren? Exzerptieren, katalogisieren, Manuskriptlein
kopieren, -- haha, jaja, ich kenne es, mein Sohn, wir kennen es!

Seine Hand, die er hob, um den blonden Kopf zu streicheln, griff ins
Leere. Der Knabe war einen Schritt zurckgewichen.

Ich spiele lieber, erklrte er, mit groen Augen auf den Fremden
blickend. Der Vater hat mir einen hlzernen Degen gemacht und lehrt
mich exerzieren.

Der Vater gedenkt selbsten gern der entschwundenen Kindheit, redete
der Prediger verlegen und rieb die Hnde ineinander, wer ein Paradies
besessen hat, wnscht es seinen Kindern auch zu schaffen, wie der Herr
Geheimerat es unschwer verstehen werden.

Freilich, -- freilich wohl, murmelte George und sah in Rschens
schlummerndes Gesicht.

Der Herr Geheimerat sollte in dein Kabinett eintreten, Friedrich, du
solltest mit ihm hineingehen. Er sitzt hier so hart und die Kohlen
rauchen und die Lampe riecht so schlecht. Und ich und mein Schmalztopf,
-- lieber Himmel, der Herr Geheimerat ist bessere Gesellschaft gewhnt.
Es knnte eins von den Kindern hinaufgehen, es melden, wegen dem Rschen
und da es ins Bett mu. Die Frau Geheimertin hat ja Besuch ...

Ich mu hinauf! George erhob sich hastig. Was hatte er hier unter
Fremden Zuflucht gesucht? Und warum Zuflucht? Und warum ging er jetzt
die Treppe so zaudernd, und doch so leise, als beschleiche er ein Wild?
Und warum wankten seine Knie? Hatte Therese ihn nicht gekt, als er
ging? Und was -- was hatte sie doch gesagt:

Du bleibst zum Abendbrot bei den Eltern, George?

Therese -- erwartete ihn noch nicht zurck. --

                   *       *       *       *       *

Meyer hatte, den Pelz berwerfend, den Hut in der Hand das Zimmer
verlassen, in steif aufgerichteter Haltung, mit seinem starren Blick auf
ihn zutretend und sich sonderbar tief vor ihm verneigend, der
regungslos, das schlafende Kind in den Armen, unter der Tr stehen
geblieben war.

Therese, in dem erbarmungslosen Lichtkreis der beiden Armleuchter auf
dem Kanapee sitzend, hatte die Hnde vors Gesicht geschlagen und duckte
sich zusammen, als knnte sie so den Zustand ihrer aufgelsten Frisur,
den ganzen Zustand dieser selbstvergessenen Stunde verbergen.

Er war mit dem Rschen ins Nebenzimmer gegangen und hatte es auf sein
Bettchen gelegt, in seinem wahnsinnig triumphierenden Schmerzgefhl, da
er recht gehabt, ja, da er dies erwartet und gewut habe, doch noch
eine peinigende Beschmung fr sie empfindend und den Wunsch, ihr Zeit
zu lassen. Er hatte gemeint, entsetzlich ruhig zu sein. Er war zu ihr
zurckgekehrt, die nun mit angstvollen Augen zu ihm aufblickte, hatte
gesagt: Es ist nun genug. Ihr knnt euch haben. Ich fahre morgen mit
dem Postwagen nach Berlin. Du wirst dann von mir hren.

Oh, Georgie, -- oh! Ich wei nicht, was du willst! Verzeih mir doch!

Du hast die Ehe gebrochen vom ersten Tage an!

Ich wei nicht, was du willst!

Ich, -- o mein Gott! Ich war ein Narr, ein blinder Narr, weil ich
vertraute.

Es ist Freundschaft allein! --

Er war um den Tisch herumgekommen, hatte sein Gesicht dem ihren genhert
und, ein Lcheln zeigend, das er noch fhlte wie ein tierisches
Entblen der Zhne, hatte er in ihre entsetzten Augen hineingefragt:

Und -- war's also auch -- Freundschaft allein, da du mir das Rschen
geboren hast?

George! hatte sie aufgeschrien, jetzt vergit du dich!

Wer hat sich wohl vergessen, -- wer? Und geh du nur zu deinem Vater und
klage mich an! Ich werde ihm schreiben! --

                   *       *       *       *       *

Ich werde ihm schreiben, dachte er, whrend er Stunden um Stunden in der
Ecke des Postwagens hockte, die Fe auf dem treuen Mantelsack, in
Decken und Pelze gehllt, ein einsamer unseliger Reisender durch den
ringsum starrenden Winter. Ich werde ihm aufzhlen, was ich erduldet
habe, dachte er, heimgesucht und bermocht von all den Stunden
furchtbarer Ahnungen und Einsichten aus den letzten zwei Jahren, deren
Leiden er schweigend in sich abgetan und die er so gern verleugnet
htte. Ach, immer noch. Denn da war diese irrsinnige Sehnsucht, jetzt,
gerade jetzt, Therese in seinen Armen zu halten und im Gefhl ihrer Nhe
zu erblinden im berschwang der Zrtlichkeit, da war eine Bereitschaft,
zu verzeihen und zu vergessen, ja, die Schuld auf sich zu nehmen, gegen
die sein wunder Stolz vergeblich stritt, -- wenn nur ihre kleinen Hnde
sich um seinen Nacken klammern wollten, und er sie hilflos werden wute
vor ihm. Da war die weinende Erkenntnis, vorwrts zu mssen, immer noch,
die Gnge wurden enger und gewundener, ihre Wnde dnner und die Stimme
des Minotauros wirbelte schwirrend und drhnend, betubend und
unwiderstehlich, griff sausend nach seinem Herzen, lockte, sog,
ungeheure Leere war in seinem Gehirn. Ich bin ein nackter Mensch, -- o
nur ein nackter Mensch, dachte er, dachte es ohne Grauen, voll der
Wollust des Versinkens. Und Ariadne? lchelte er stier, -- sie kam,
aber ihre Hand glitt aus meiner. Ich finde hinein, -- sie findet hinaus,
-- sie findet hinaus ...

Die Rder der Diligence nahmen das Lied auf.

                   *       *       *       *       *

Zwei Monate spter fand er sich auf derselben Wegstrecke, Gttingen
wieder zugewandt. Gewaltsam hatte er seine Gedanken in diesen letzten
Stunden vor der Ankunft mit den Ergebnissen des Berliner Aufenthaltes
beschftigt, hatte Unterhaltungen von Wert und Inhalt, wie sie sein
Gedchtnis aufbewahrt hatte, memoriert und Betrachtungen daran geknpft,
hatte sich mit Biester und Nikolai in dem Handel gegen Starcke einig
gewut und in der Erinnerung an seine Besprechungen mit Spener alle
guten Krfte in sich lebendig werden gefhlt. Fuhr er nicht selbst nach
den Philippinen, o, so wrde er sich ungleich mheloser in diese Breiten
versetzen, indem er fr Spener die Geschichte vom Schiffbruch einiger
Englnder auf den Pelews-Inseln, erzhlt von Mr. Keates, ins Deutsche
bertrug. Aber nicht etwa, da er ausschlielich zu bersetzen gedachte!
Da waren botanische Kuriosa, die auf seine Feder warteten, um liebevoll
und sauber beschrieben zu werden; da war, in undeutlichen Umrissen zwar
noch, aber doch schon monumental am Horizont sich aufbauend, das Werk
ber die Geographie der Sdsee, ber alles Denkwrdige, was zwischen
China und Peru zu finden war, das er der Welt schuldete. Dies alles
hatte er vor und noch viel mehr. Ein freier Mann nunmehr, da die
Kaiserin in gromtiger Weise trotz ihres Verzichtes auf seine Dienste
ihn aus seinen polnischen Verpflichtungen gelst und ihn fr seine
Wartezeit entschdigt hatte, -- eine Anstellung in St. Petersburg, die
ihm angeboten worden war, hatte er abgelehnt --, ein Mann, dem keine
Kette mehr am Fu klirrte, hatte er seine Zukunft in der Hand und nie
wieder wrde er sich an die Galeere schmieden lassen. Die Stelle des
Universittsbibliothekars in Mainz war durch Mllers Aufstieg in das
Ministerium des Kurfrsten soeben frei geworden, Smmerring hatte ihn
sogleich davon benachrichtigt, Mller begnstigte ihn. Er gedachte sich
zu bewerben, gedachte im nchsten Monat nach Mainz zu reisen, um sich
dem Kurfrsten vorzustellen, gedachte ...

Ich will es ihr leicht machen, durchbrachen seine Gefhle hier endlich
die mhsam aufgeworfenen Dmme der nchternen berlegung, will sie in
meine Arme nehmen, will zu ihr sagen: Es ist alles gut, mein Liebling,
weine nicht, nichts soll uns wieder trennen.

Allein im Wagen, wie er auch diesmal wieder war, drckte er den Kopf in
die Fensterecke und berlie sich seinen Gefhlen.

Dies also war das Ergebnis eines mit tdlich bittrem Pathos gefhrten
Briefwechsels zwischen ihm und dem Schwiegervater und schlielich auch
zwischen ihm und Therese. Nicht nur, da er zurckkehrte zur Vershnung
bereit, bereit, selbst Meyern zu vergeben, wenn dieser nur zunchst
seinen Weg nicht kreuzen wollte, -- hier sa er wiederum wie auf der
Hinreise, gebrochen, nach Vershnung seufzend, lechzend nach der Wonne,
vergeben zu drfen. Hier sa er, trnenberstrmt, sein Herz taute wie
drauen die Erde, hier sa er, dem Augenblick entgegenbebend, da er sie
wieder sehen, hren und fhlen wrde ...

In den Gttinger Grten blhten die Veilchen. Er ahnte es, er atmete den
Duft, er ging an der Mauer entlang, ber die das Gartenhuschen sein
spitzes, mit dem Pinienapfel gekrntes Dach hob, ging und dachte,
dachte: Ach, noch ein paar Schritte ...

Sie sollten sich im Hause der Eltern wiedersehen. Nun kam die
Gartenpforte, der Pfad zwischen den Buchseinfassungen der Beete, die
Glasveranda, -- ach, der Klingelzug ...

Meine geliebten Kinder! sagte der alte Heyne und erhob segnende Hnde,
meine geliebten Kinder! O, wrde er denn nicht hinausgehen? Er ging
hinaus, im langen grnen Hausrock, ein wenig schwankend vor innerer
Bewegung, und nun, -- wo war Therese? Er hatte sie wohl beim Eintritt
gesehen, ihre schlanke kleine Silhouette mit dem ein wenig zu groen
Kopf gegen das helle Fenster gelehnt, jetzt erst kam sie auf ihn zu, und
er erkannte, sie trug das Kleid aus tabakfarbenem Kaschmir, mit den
weien Sumchen, das er nicht sehr liebte, eine gestickte Schrze und
ein Falbelhubchen auf den ^ la hrisson^ frisierten Haaren.

Dies alles nahm er seltsam deutlich wahr und bemerkte selbst, da die
rmel dieses, -- von ihm also nicht sehr geliebten, -- Kleides nach der
neusten Mode enger gemacht und verlngert worden waren, sah, da ihre
Gesichtsfarbe auffallend frisch, ihre Lippen sehr glnzend rot waren,
da da, indem sie mit einem unbegreiflichen schwebenden Tnzeln auf ihn
zukam, ein Zug von slichem Leiden, von irgend einem unaufrichtigen
Mrtyrertum in ihrem Gesicht war, so stark, da der Blick ihrer Augen
ein wenig verscho, wie das dem Blick ihres Vaters angeboren war, -- sah
dies alles mit einem Zurckbeben des Herzens, ahnte ber sich schwebend
den kommenden Schlag, machte eine Bewegung, ihrer Umarmung auszuweichen,
ihr zuvorzukommen, erkannte, es sei zu spt, ergab sich und empfing die
Worte: Ich habe dir verziehen, George! schweigend, auf ihre Hnde
gebeugt, einer Versuchung, auf seine Knie zu fallen, mhsam
widerstehend. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Er hatte sich, so meinte er, bei der Einrichtung dieser seiner beiden
Arbeitsrume in der neuen Wohnung zu _Mainz_ -- einem weitlufigen Hause
in der Klarengasse, nahe der Groen Bleiche und dem provisorischen
Bibliotheksgebude, der alten Bursche, -- recht eigentlich von dem
Grundsatz bestimmen lassen, da der uere Mensch ein Symbolum, ein
Ausdruck und ein Abbild des inneren sein sollte oder doch wenigstens von
dem Idealzustand dieses Unsichtbaren. Kleidete er sich in diesem Sinne
mit peinlicher Gewissenhaftigkeit tadellos bis ins kleinste und
unterschied zwischen Haus- und Arbeitsrock, zwischen Besuchs- und
Straenanzug, als sei er durch irgendwelche ihm allein bekannte
Dienstordnung an ein strenges Reglement in diesen Dingen gebunden, so
wollte er auch hier unter den zur Arbeit ntigen Gegenstnden die
Ausstrahlungen eines Geistes wirksam sehen, der so klar und exakt ttig
war wie ein segensreiches Gestirn. Er lchelte. Er ging mit gleitenden
Schritten zwischen den beiden Stuben hin und her und sah sich
um. Die tahitianischen Rindenmatten an den Wnden in allen
Abstufungen von Weigelb bis zu Braunschwarz mit ihrer seltsam
geometrisch-phantastischen Ornamentik taten ihm wohl. Die Ksten mit den
Mineralien, den Konchylien, den Insekten standen rechtwinklig
aufeinander getrmt mit Inhaltsvermerken versehen da. bersichtlich
geordnet lagen in ihren neuen Gestellen, die der Meister Hefele so
beraus sauber angefertigt hatte, die Mappen mit den Herbarien, den
Kartenwerken. Und whrend George vor seinem besten Schatz, dem groen
Kartenwerk von Dalrymple, ein wenig verweilte, erkannte er pltzlich und
wandte sich wiederum lchelnd aus der Tiefe des Raumes den Fenstern zu:
O, nun wute er, warum hier alles stand, wie es stand, warum dort der
lange Tisch vor die drei Fenster gerckt diese Einteilung trug, die
eines Schreibplatzes in der Mitte, eines Ortes fr die Zeichengerte,
fr Winkel und Zirkel, fr Stifte und Farbnpfchen zur Rechten, fr das
Mikroskop zur Linken ... O, er wute ganz gut, wen er selbst sich hier
vorspielte, er lchelte darber, er, der einzige Mitwisser dieses nicht
ungeschickten Darstellers der Rolle eines groen Menschen und
ausgezeichneten Gelehrten ...

Gleich darauf wandte er sich rgerlich von seinen eigenen Gedanken ab
und ging zu dem hlzernen Barometer an der Wand, befragte die
Quecksilbersule durch Beklopfen und stellte an ihrem ruckweisen Sinken
eine bereinstimmung mit der Bedeutung der ziehenden Schmerzen in seinem
Fu fest.

Es wurde Herbst. Es wurde Herbst und noch war es nicht erprobt, wie
seine Gesundheit dem Klima des Rheinlandes standhalten wrde. Das
Gerusch der Haustr, die Schritte eines Ankmmlings auf den
Steinfliesen des Flurs, enthoben ihn diesen sorgenvollen Betrachtungen
seines mden Kopfes. Auf einmal stand er nebenan am Pult, ber einen
angefangenen Brief an Jakobi gebeugt. Mller, falls denn er es sein
sollte, der ihn aufsuchte, nun endlich aufsuchte, durfte ihn nicht mig
antreffen. Indes, auch als Eindruck fr den jungen Huber, den die Magd
nun zu seiner leisen Enttuschung anmeldete, war es gnstiger, als
werkttiger Forster hier zu stehen, denn als trumender.

Ich bin enchantiert, mein lieber Freund, sagte George, dem Gast
entgegengehend und die tintennasse Feder von der Rechten in die Linke
wechseln lassend, um Hnde schtteln zu knnen, Sie stren mich ganz
und gar nicht, -- Sie erlauben nur, da ich eine Schluzeile ...

Diese Bcher werden noch anders geordnet, redete er, eilig schreibend,
Sand streuend, salzend, siegelnd, ich habe bestimmte Prinzipien der
Anordnung, die ich nun auch amtlich wirksam zur Geltung bringen kann.

Er trat neben den Besucher, zog ein Buch aus der Reihe und reichte es
ihm. Der junge Huber, schlank, von wenig guter Haltung, schwarz
gekleidet wie ein Abb, bltterte die Titelseite auf und richtete dann
sein blasses Gesicht mit dem Ausdruck liebenswrdiger Ratlosigkeit auf
Forster.

brigens sind mir einstweilen die Hnde vllig gebunden, fuhr dieser
fort. So lange die Entscheidung ber ein neues Bibliotheksgebude
hchsten Ortes nicht getroffen ist, lohnt es sich nicht, anzufangen.
Mein Gott, es verkommt alles in Staub, es ist nichts zu bersehen, es
existiert kein Katalog. Mller mu sich wahrhaftig kaum ... Aber lassen
wir das. Er hatte Besseres zu tun. In der Tat, wer htte das nicht? Was
ich Ihnen da in die Hand gab, mein Teurer, sagte er und nahm Huber das
Buch nachsichtig wieder ab, ist eine interessante Reisebeschreibung des
Englnders George Keate, die ich zu bersetzen gedenke. Ich wei, ich
wei, Ihre Neigungen gehren der schnen Literatur und mehr den
Franzosen als den Briten.

Soll, sprach er, soll mein Albion vergehen ... murmelte Huber und
strich sich mit der Hand verlegen ber die Stirne.

Sie meinen? Oh, Sie zitieren einmal wieder und vermutlich Ihren Abgott,
diesen Herrn Schiller, von dem ich noch so wenig wei. Nun, dem werden
Sie abhelfen. Aber, was ich sagen wollte, -- die schne Literatur samt
einer Tasse Tee finden wir drben bei meiner Frau. Und auerdem
vermutlich Demoiselle Dieze und den jungen Herrn von Humboldt aus
Berlin, hier durchreisend nach Paris.

Ich bin so dankbar, sagte Huber mit seiner bedeckten Stimme, so
namenlos dankbar fr dies Geschenk der Gtter, das Ihr Wohlwollen mir
bedeutet! Mainz war de fr mich, ich fand keinen Anschlu, weder bei
Hofe noch in den gelehrten Kreisen. Ich bin ein Schwrmer ... Er
lchelte inbrnstig vor sich hin und hob dann die schweren Lider zu
einem schnellen scheuen Blick in Forsters Gesicht. Gewrdigt des
Umgangs mit einem Krner, einem Schiller, kann ich den seichten
Frivolitten eines Heinse keinen Geschmack abgewinnen.

Und doch liebte ihn Fritz Jakobi!

Es wre unbegreiflich, fnden sich nicht im Woldemar Fingerzeige fr
gewisse Stationen des Geistes, die Jakobi durchlaufen hat. Er war nicht
immer, der er ist.

Nicht immer der tiefgrabende philosophische Kopf, als den ich ihn jetzt
kenne, -- oh, da haben Sie recht. Aber wollen wir nicht hinbergehen?

Ach, ein Gesprch zu zweien ist so unendlich viel fruchtbarer!

Sie sind wirklich ein Schwrmer! Und garnicht neugierig auf die Dame
des Hauses?

Ich werde mich glcklich preisen! sagte Huber und legte die Rechte
aufs Herz, indem er seine groe Gestalt sonderbar in den Schultern
fallen lie und Forster folgte, wie ein Verurteilter.

                   *       *       *       *       *

Nachdem der neue Gast der Hausfrau und der Demoiselle Dieze vorgestellt
worden war, verneigten sich der Legationssekretr der schsischen
Botschaft, Herr Huber, und der Doktor beider Rechte und der
Kameralwissenschaften, Herr von Humboldt aus Berlin, auf das artigste
vor einander und gerieten alsbald in ein hfliches Gesprch ber den
Wert des Reisens, sonderlich einer Reise nach Frankreich, dem Fiekchen
Dieze mit schief geneigtem Kopf und leicht geffnetem Munde andchtig
lauschte, whrend Therese sich an dem sausenden Samowar zu schaffen
machte, um frischen Tee zu bereiten, und George unruhig im Zimmer auf
und nieder wandelte. Da lehnten die Bildnisse der Groeltern Theresens
und sein eigenes, von Tischbein gemaltes, immer noch in einer Ecke an
der Wand. Die Gardinen waren glcklich aufgesteckt, Hammer, Ngel und
Schnre jedoch lagen noch auf Sthlen und am Fuboden herum. Die
Bcherkiste mit der schnen Literatur stand noch unausgepackt am
Fenster, aber es war darin gekramt worden und die letzten Gttinger
Almanache waren aufgeschlagen auf dem Tisch zwischen den Tassen. Das war
nun einmal Therese, -- er dachte es ergeben und wute es nicht, da
seine Blicke zwischen ihr und den jungen Mnnern, denen sie jetzt mit
ihren hastigen Bewegungen den Tee reichte, hin- und hergingen. Das war
nun einmal Therese und so wrde es auch noch morgen, auch noch in acht
Tagen hier aussehen. Denn, nicht wahr, Umzug war Umzug und gab ein Recht
auf Unordnung. Allerdings wrden wie von Anfang an in allen Ecken Glser
und Vasen mit buntem Laub, Herbstastern und Veilchen stehen, ^The
Resolution^, aufgeklappt und mit beschriebenen Bogen bedeckt, wrde von
Ttigkeit und Mitteilungsbedrfnis zeugen, wie die umhergestreuten
Bcher und Journale von Lesehunger, die angefangene Nharbeit dort von
huslichem Flei. Und ganz allmhlich und schonend wrde die
Umzugsunordnung eben von der gewohnten, alltglichen berwuchert und
abgelst werden, in der Therese sich nun einmal ^ son aise^ fhlte, --
nun, er hatte ja seine eigenen Rume. Der junge Humboldt sah brigens
vorzglich aus, auffallend viel besser als Huber, auf dessen weichem
Enthusiastengesicht irgend ein Zug von Unfertigkeit oder Kindlichkeit
lag. Dennoch, er fhlte sich zu Huber hingezogen, mehr als zu dem breit
und fest gebauten Jngling mit dem unerschtterlichen Blick der blauen
Augen und diesem starken runden Kinn. O, er hatte dieser Art von
Physiognomien mitrauen gelernt, Erinnerung dunstete durch seine
Gedanken wie Krankheit. Er rckte seinen Stuhl nahe an Hubers heran und
legte ihm die Hand auf den Arm. Ein wahrer ^petit matre^, ein ganzer
Mann von Welt, dieser Herr aus Preuen, nicht wahr? flsterte er ihm
kopfnickend, mit leicht verzerrtem Munde zu und besann sich sogleich
unter dem gutwilligen, aber leicht befremdeten Lcheln, dem er
begegnete. Wohin geriet er immer? Er war wahrhaftig krank in seiner
Seele, und nicht mehr imstande, einen Menschen rein zu genieen. Therese
unterhielt sich, Therese unterhielt sich gut, und sollte er nicht froh
sein, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen lachen zu hren? Was sa
er denn hier und grbelte darber nach, da ihr Lachen nicht mehr so war
wie frher, -- da da ein neuer Klang, ein pathetischer Ton in ihre Art
zu sprechen gekommen war?

Finden Sie Theresen verndert? fragte er Fiekchen halblaut. Hatte sie,
die als Kind, ehe ihr Vater nach Mainz berufen worden war, Theresens
Gespielin, die spter als junges Mdchen hufig mit ihr zusammen gewesen
war, dies auch bemerkt, dies, da da eben nicht Therese sa, nicht
Therese, die heitere, junge, lachende, glckliche, sondern ihr Haupt,
ihr Haar, ihr Antlitz, ihr Krper, ihre Kleider, hinter denen ein
fremder Wille, eine fremde Stimme, ein fremdes Gelchter gespenstisch
agierten? Oh mein Gott, was sollte denn dieser betrbte, ratlos
zustimmende Blick des guten Sophiechens, dies: Ich kann mir nicht
helfen, -- ja, -- ich finde es auch! Und George sagte laut, irgendeinem
Schicksal, wie ihn dnkte, frech unter die Augen lachend: Schner
geworden, nicht wahr, -- schner geworden, Mamsell Fiekchen!? Ja, ja,
die Ehe tut Wunder! Die Ehe tut Wunder, guter Freund, und Sie sollten
sich auch bald entschlieen zu heiraten, wandte er sich an Huber, ich
hre, da Sie mit der Demoiselle Stock verlobt sind. Ich lernte sie in
Dresden kennen, -- welch ein Mdchen, welche Qualitten an Kopf und
Herz! Sie sind sehr zu beglckwnschen, wissen Sie das auch?

Huber, dunkel errtet, lie einen hilflosen Blick zu Fiekchen und dann
zu Therese gleiten. Diese, obschon in einem Wortgefecht mit Humboldt,
schien gehrt zu haben, um was es sich handelte, und rief mit einem
sonderbar verchtlichen Ausdruck ber den Tisch hinber: Du mut einen
artigen Sklaven nicht an seine Ketten gemahnen, George!

Oh, oh, stammelte Huber, verzckt lchelnd, es ist nicht das, nicht
das!

Rosenketten also?

Ja ja! >Da band ich sie, da band sie mich mit Rosenketten< ...

Da der Alte je so amoureuse war!

Klopstock, -- Klopstock, nicht wahr? Fiekchen sah mit groen Augen
zwingend in Hubers hinein, dieser aber, seine Augen mit einer Art
stiller Standhaftigkeit auf Therese richtend, sagte langsam, von einem
Lcheln durchleuchtet:

   Weisheit mit dem Sonnenblick,
   Groe Gttin, tritt zurck,
   Weiche vor der Liebe!
   Nie Erobrern, Frsten nie,
   Beugtest du ein Sklavenknie,
   Beug es jetzt der Liebe!

Ach, das ist Ihr Schiller!

Therese griff ungeduldig nach einem der Almanache auf dem Tisch und
bltterte darin. Ich kann den Enthusiasmus fr ihn nicht teilen ...

Und doch ist er dem Geheimnis der Glckseligkeit so nahe, sagte George
vor sich hin. Er lt seine Liebe aufgehen in dem groen Brand seines
Herzens fr die Menschheit. Er vermag es.

Mein Freund?

Oh -- du meintest?

Ich meinte, ob du zu Ende wrest mit dieser Meditation und ob ich um
Gehr fr meinen wackren Brger bitten darf?

Sie las. Sie las die Elegie. Als Molly ihn verlassen hatte, erntete
ergriffenes Schweigen, einen lyrischen Seufzer Hubers, fhlte sich
offensichtlich gelst, bltterte, begehrte ein Licht, las weiter. George
sah auf sie hin, fhlte seine Brust unter ihrer Stimme erzittern wie den
Resonanzboden einer Geige, die Schrfe in ihm zerging, er atmete leicht
und glcklich, er staunte, da sie schn wirkte, einzig durch den jetzt
seelisch entzndeten Glanz ihrer Augen. Er sah es wohl, da sie sich
wieder und allen seinen Bitten entgegen geschminkt hatte, da ihr Anzug,
dies grne, weigestreifte Hauskleid, im Widerspruch zu jenem Aufwand
der Eitelkeit stand, -- er war nicht blind dafr. Dennoch, -- hier war
Therese, -- und hatte sie sich verndert, jetzt zeigte sie es nur im
Ausdruck einer Tiefe der Empfindung, deren sie erst fhig hatte werden
mssen. Und George in einem trichten Frohlocken dachte in diesen
Minuten nichts, als: Sie ist mein, ich modelte ihr Herz, -- und die
Blicke der beiden jungen Mnner, die, betroffen oder hingerissen,
verrieten, da nicht nur er allein dem rtselhaften Zauber dieser nicht
schnen Frau erlag, gaben ihm ein Triumphgefhl des Besitzes. Einer
jener verhngnisvollen Tuschungen nachgebend, die ihn in diesem
Abschnitt des Lebens zuweilen berstrzten wie Lichtstrme das Land an
einem wolkentreibenden Apriltag, meinte er sich eins mit ihr zu fhlen,
eins in einer reinen geistigen Luftschicht, in die sie durch den Dunst
niederer Ebenen hindurch gemeinsam sich empor gekmpft htten. Hier, nun
wohl, standen sie Hand in Hand auf der Schwelle eines neuen Lebens;
dieser Abend, der erste in Mainz, der ihnen Gste zugefhrt hatte, war
von der Musik unsichtbarer Genien umspielt, Musen und Grazien hatten ihr
Haus in ihre Hut genommen. In den Stand der Gebenden, Austeilenden,
berstrmenden eintreten drfen, ja, er war gewrdigt worden, es war nun
an der Zeit! Mochten Menschen wie Mller hochmtig oder abgewendet
fernbleiben! Hatte er auf ihren Umgang gehofft, er war der Enttuschung
wohl gewachsen. Wenn nur jene kamen, die noch nicht des eignen Geistes
satt waren, wenn sie nur kamen, bereit, ihm seine Flle abzunehmen, er
wollte sie wohl nhren und Theresens anmutiger und schner Geist sollte
sie laben, wie der Flor eines Gartens. Huber sollte den Freund an ihm
finden, den er suchte, gerhrt blickte er auf ihn, der dort mit einem
glubigen Ausdruck knabenhafter Begeisterung an der Vorlesenden hing.
Ihm war, als she er sich selbst, zehn Jahre zurck, und fast wollte es
ihn mit wehmtigem Neid berkommen: hatte denn je ber ihm so das
Gttergeschenk der Freundschaft eines lteren, Gereiften geschwebt,
hatte er sich nicht von je einsam seinen Weg suchen mssen, fhrerlos
und Gott allein verantwortlich? --

Da Therese nun zu lesen aufhrte, stand er auf und eilte in sein Zimmer,
von dem Bedrfnis berkommen, auch etwas zu geben, und sich erinnernd,
da Humboldt ihn nach seinen eigenen Arbeiten gefragt hatte. Er hatte
vorher in dem botanischen Kollegium geblttert, das er den Wilnaer Damen
gelesen hatte. Es waren doch recht artige Perioden darin, besonders in
den Vorlesungen, die von der Generationstheorie handelten, er traktierte
das Ding so aus dem Handgelenk, leicht, fast amsant, ohne doch im
geringsten aufzuhren, der Forster zu sein. Er kehrte zurck, das
Manuskript in der Hand, fand das Rschen, das inzwischen hereingebracht
worden war, auf Humboldts Knien sitzend und diesen bemht, den
ernsthaften kleinen Mund des Kindes zum Aussprechen seines Namens zu
bewegen: Wilhelm! sagte er ihm lchelnd vor, Wilhelm!

Wilhelm ... wiederholte Therese sich vorneigend, und, im Schatten der
Zimmertiefe verweilend, erkannte George im Innersten betroffen den
sphenden ruhelosen Blick ihrer Augen, den bebenden Ton ihrer Stimme,
und wute pltzlich, was da vorhin ihrem Lesen Klang und Zauber gegeben
hatte, es war ihr verborgenes Herz gewesen, das unablssig jenen Namen
anrief, unablssig, -- ihn, den er selbst so gewaltsam hinter sich in
die Vergessenheit getreten hatte. -- --

Er hatte nicht mehr vorgelesen. Er ging in seinem Zimmer auf und nieder,
im Schein der Kerzenflamme glitt sein Schatten an der Wand entlang, der
Schatten eines alten Mannes, von dem sein Auge mde abschweifte. Sein
Kopf schmerzte, seine Glieder waren schwer. Die anderen waren noch
hinaus in die klare Herbstnacht gegangen, um die Sterne sich im Rhein
spiegeln zu sehen. Er scheute die feuchte Luft, er war zurckgeblieben,
er ging hier zwischen seinen Bchern auf und ab in der Gesellschaft
eines mden, gebckten Schattens. O, -- du hast wieder Schmerzen,
lieber Freund? hatte Therese gleichmtig gesagt. Ja, -- glaubte sie ihm
nicht einmal die Schmerzen mehr?

                   *       *       *       *       *

Ich habe vielleicht allzuoft in meinem Leben unter derartiger
Gesellschaft sein drfen, um dies als ein besonderes Glck zu schtzen,
erwiderte George lchelnd auf die Frage Theresens, wie er es denn
ertragen knne, hier oben auf der Galerie unter den Geduldeten zu
sitzen. Er hatte den Arm auf die Brstung gesttzt und blickte von der
Seite in ihr Gesicht, das angeregt und unzufrieden zugleich auf die
glnzende Versammlung unten im Akademiesaal des Schlosses hinabsphte.
Das Scherzo einer Haydnschen Symphonie hub soeben mit den rasch sich
folgenden Einstzen der Streichinstrumente und Flten an, als begnne
ein lustiger Wettlauf leichter Kinderfe ber eine Frhlingswiese.
Therese hielt eine Antwort auf der Zunge zurck, seufzte ungeduldig auf
und schlo die Augen, gelangweilt oder genieend. George, musikmde, wie
stets gegen Ende eines Konzerts, sah zu Smmerring und Wedekind hinber,
die an ihrer anderen Seite saen, beobachtete ein wenig die amtlich
gesammelten Mienen, mit denen die beiden Mediziner den Genu dieser
kurfrstlichen Samstagsveranstaltung entgegennahmen, lie seine Augen
ber die andchtigen oder zerstreuten Mienen der hier oben sitzenden
brgerlichen Gesellschaft schweifen, nickte dem kleinen eleganten
Professor Dorsch zu, der auf seinem Stuhl wippend mit seiner Dose
spielte, tauschte mit Fiekchen Dieze einen Blick lchelnden
Einverstndnisses ber die neben ihr snftlich eingeschlummerte Frau
Mama, geriet selbst ein wenig ins Ghnen und starrte zum Plafond des
Saales empor, der, von den olympischen Ausgeburten Januarius Zickschen
Geistes bedeckt, ihn einlud zum Verweilen zwischen Wolkenhgeln und den
rosigen Nacktheiten unbefangener Gttinnen. Er fhlte sich irgendwie
bedrngt von dem atmenden Schweigen dieser orphisch gebannten
Menschheit, als sei er der einzige Wache unter lauter Bezauberten.
Dennoch wute er, da saen sie nun und enthielten sich der Worte, der
Bewegungen, schillerten in den Farben ihrer Kleider, ihrer Edelsteine,
im Glanz ihrer leuchtenden Haut, wie Frau von Coudenhoven dort unten an
der Seite des Kurfrsten und der Kreis ihrer Damen, -- hatten scheinbar
sich selbst und die Welt vergessen und verhielten sich in dem
strahlenden Licht der Kronleuchter reglos, als sei die Mainzer
Hofgesellschaft nichts als ein pflanzenhaftes Produkt der Natur von
pfauenhafter Buntheit, -- zuckten aber mit unzhligen Herzen, dachten
mit unzhligen Huptern, konnten den Augenblick der Entzauberung nicht
erwarten, da das Orchester verstummen wrde, brteten ber den Stzen,
mit denen sie sich selbst wieder vernehmen lassen und hren wrden: ganz
gut, Herr Haydn, ganz gut, aber Sie hatten allzulange das Wort!

Sieh, der Kurfrst beugte sich bereits zu seiner Freundin hinber und
flsterte ihr etwas zu. Die Symphonie, ohne Pause in das Rondo
hineinstrzend, verwirbelte in Kreiseltnzen wie ein lerchenhaft
enteilender Himmelsbote, von dem in Raserei verfallenden Kapellmeister
gejagt. berall bewegten sich die Kpfe, die Schultern, kam Leben in
starre Gesichter, wurde Beifall bereit gestellt. Der Coadjutor Dalberg
tauschte Kennerblicke mit Heinse, und Mller, der bis jetzt in sich
versunken, den ^chapeau bas^ unter dem Arm, an einem Fensterpfeiler
gelehnt hatte, hob pltzlich den Kopf und sah ohne umherzusuchen zu
George auf, der ihm mit einem grenden Lcheln begegnete. Nun, -- dies
war wieder etwas, wie die ab und zu gewechselten franzsischen Billets
sachlichen Inhaltes, etwa ber ein Buch aus der Bibliothek, die manchmal
so berraschend emphatisch schlossen, ^tout  vous, de coeur et
d'me^, oder geheimnisvoll verhalten mit dem lateinischen ^Tuus^,
^Totus tuus!^, das wie eine Schwurformel der Verbundenheit klang.
George, noch immer an der einsamen Gestalt dort unten hangend, die sich
lngst von ihm abgewandt hatte, gab sich mit einem unbewuten Seufzer
nach. Er verstand diesen Mann so wenig wie nur je. Er sah ihn ab und zu
im Fluge bei Frau von Coudenhoven, wenn er ins Schlo kam, um dem jungen
Coudenhoven das wchentliche Privatissimum zu lesen. Hier fand er Mller
zuweilen, plaudernd und anscheinend ganz ^ son aise^ in dieser
Atmosphre hfischer Geselligkeit, in der George nur beklommen atmete.
Im brigen lebte er einsiedlerhaft, amtlichen Geschften und
wissenschaftlichen Arbeiten hingegeben, lie jeden Besucher abweisen und
-- nun ja, er lchelte George zu und schrieb ihm Billets, aber er entzog
sich seinem Umgang und schien es nicht wissen zu wollen, da ungehobene
Schtze in dem Gebirge lagen, das zwischen ihnen beiden sich trmte. --

Wir werden, flsterte George Therese zu, mit Huber nach Hause gehen
mssen, er machte mir vorher ein Zeichen, er sieht auch jetzt hinauf.
Aber du sahest wohl schon? Und mit uneingestandenem Befremden bemerkte
er ein Lcheln in ihrem Gesicht, das dem Legationssekretr galt, der, im
schwarzen Hofkleid, die Hand am Degen, hinaufgrte.

Therese wandte sich an Wedekind. Wo ist Ihre Schwester, Hofrat? fragte
sie Smmerring ungeduldig, wenn schon mit lchelndem Kopfnicken den
Umhang abnehmend, den dieser mit umstndlicher Hflichkeit bemht war,
ihr um die Schultern zu legen. Wo ist Meta? Ich wnschte sie mir fr
den Heimweg, -- oh, wer kann immer unter Mnnern atmen?

Sie lachte kurz auf, George, Smmerring und Wedekind nacheinander mit
den Blicken streifend und nun Huber entgegensehend, der heraufgekommen
war und sich der abflutenden Menge entgegendrngend den Weg zu ihnen
suchte. In der Umrahmung des russischen Baschliks wirkte ihr Gesicht
zart, in den Augen lag noch das innerliche Lodern, das Musik hier stets
entfachte. Wedekind sagte in langsamem Hannoveranisch: Meta fhlt sich
nicht disponiert unter Menschen zu gehen. Sie hatte Briefe, die sie
aufgeregt haben, sie bekam Kongestionen. Ihre Affre zieht sich hin.

Herr Forkel ist ein Oger, sagte Therese leichthin, welcher redlich
Denkende besteht auf einem Besitz, der nur noch auf dem Papier Existenz
hat? Oh, ist er denn ein Sklavenhalter? Was meinen Sie, Huber?

Da unsere Freundin frivoler redet als sie denkt.

Ah, ^mon Dieu, -- comme il est crmonieux!^

Ich werde Meta heute abend noch zur Ader lassen, sagte Wedekind steif,
indem sie die Treppe hinunterschritten, es wird ihr den Kopf klren.
Forkel ist in seinem Recht.

Ich bin nicht dafr, den Weibern so viel Blut zu entziehen, gab
Smmerring den Auftakt zu einem medizinischen Gesprch, das auf der
Strae fortgesetzt wurde. Forster schritt stumm nebenher, von
unerklrlicher Traurigkeit befallen. Er dachte: mitunter steigen Worte
aus Abgrnden auf und verraten alle Schrecken der verborgenen Tiefe.
Sage auch ich zuweilen solche Worte? Er wnschte, stehen zu bleiben und
sich Therese und Huber zuzugesellen, die hinter den drei Herren gingen,
aber er tat es nicht. Er schritt gesenkten Hauptes, kraftlos. Smmerring
war bei seinem Lieblingsthema, der Schdlichkeit der Schnrbrste fr
den weiblichen Krper, angelangt. Huber dahinten sagte soeben in seiner
zgernden Sprechweise zu Therese:

Jeder Mann, er sei denn von Natur ein Mnch, wird der geliebten Frau
eher einen Fehler des Herzens oder ein Versagen des Kopfes nachsehen,
als einen krperlichen Defekt, der sich dem Bewutsein zu jeder Minute
aufdrngt.

Und wer ist jetzt eben frivol zu nennen? hrte George zu seiner
Befriedigung Therese fragen. In der Tat, durfte der Verlobte eines
kstlichen Mdchens, wie es die ein wenig bucklige Dora Stock war, so
sprechen?

Ich bin nicht frivol. Ich bin ein Unglcklicher.

Und warum erzhlen Sie mir das? Oh, ich verstehe. Ich scheine Ihnen
stark genug, um andere zu tragen. Aber ich warne Sie, mein Freund. Ich
bin weder stark noch mitleidig. Vielleicht, da ich es einmal war. Oh,
-- vielleicht ...

Warum sich immer eines kalten Herzens rhmen?

Werden einer Frau die Fehler des Herzens nicht leichter verziehen?
George blieb jh stehen.

Du solltest in der kalten Nachtluft nicht sprechen, meine Liebe, sagte
er und zog ihren Arm durch den seinen, der Hornung ist ein tckischer
Monat fr eine zarte Brust.

Er redete hastig, sich selber unbewut. Huber, Sie kommen mit uns. Sie
teilen unsern Abendtisch. Ich wei, Sie haben einen neuen Akt in der
Tasche, Sie brennen darauf, ihn uns mitzuteilen, wie wir es kaum
erwarten knnen, ihn zu hren. Ist's nicht so, Therese? Ich habe einen
herrlichen Brief von Jakobi, ich mu ihn Ihnen mitteilen, er rouliert
ganz auf den Begriffen des Wahren, Guten und Schnen ...

                   *       *       *       *       *

Denn dieser Huber war ein Mensch, dem man es nachsehen mute, da er den
Inhalt seines Busens zu Tage brachte, wie das Meer Muscheln, Schtze und
Leichen an den Strand schwemmt, sei dieser Strand nun inselhaft lieblich
umgrnt wie das Herz einer Frau oder eingedmmt und stark wie die Brust
des mnnlichen Freundes. Therese, meinte George zu fhlen, war ganz mit
ihm einig, da diesem Menschen geholfen werden msse, der seine Flle so
schlecht bndigen konnte und der weder in seiner Lebensfhrung noch in
seinen poetischen Versuchen irgendwelche Form besa. Freilich, Therese
machte absonderliche Erziehungsversuche an ihm, suchte durch Herbe und
Spott zu wirken, wie ihn dnkte, belohnte zuweilen mit Lcheln und der
Se eines Augenaufschlages, wie er beobachtet zu haben meinte, aber
hatte doch, dessen war er sich gewi, nicht den richtigen Weg
eingeschlagen, Wirkungen zu erreichen. Gte, Vertrauen und Hingabe waren
es, die hier zu gewinnen hatten. Leise, unmerklich, mit dem magischen
Fltenspiel eines freundlichen Hirten, war dieser Verirrte
herauszulocken aus der Wildnis. Begann er nicht schon, den Geschmack an
der wsten Gesellschaft zu verlieren, an die er verfallen gewesen war,
vermied er nicht neuerdings sein Wirtshausleben mit Schauspielern und
Dichterlingen und sa Abend fr Abend an Theresens Teetisch, ein
schweigsamer Gast, solange anderer Besuch anwesend war, beredt, sobald
man, selbdritt, das Gesprch auf ihn, auf sein Leben, seine Plne, seine
Arbeiten kommen lie? Oh, ihn nicht verspotten, nicht an ihm zerren, ihn
nicht mit ihrem raschen Witz vergrmen sollte Therese, dachte George
brderlich. Dieser da kam, um Wrme, und Rat, um Halt zu finden, und so
kam er zu ihm, zu George, so war er, endlich, endlich, die in
unsglicher Einsamkeit wortlos vom Schicksal erflehte Seele, die seiner
bedurfte, seiner ganz und gar. Er gab es sich selbst nicht zu, da die
eigentliche Befriedigung darin lag, vor Therese entfalten zu knnen,
wessen er fhig war, wenn denn ein Mensch kam, der seiner bedurfte. Gab
es sich nicht zu, da er diese Rolle des Hilfreichen, Geduldigen,
Unermdlichen so eifrig spielte, damit sie erkennen sollte, er war nicht
der, als den sie ihn mehr und mehr zu sehen beliebte, der unablssig
Fordernde, der, dessen Liebe nichts wute, als da der andere ihm
gehrte und ihm zu dienen hatte. Ahnte sie es, da sein Bemhen um
Fremde ein Werben um sie selber war, -- ahnte sie es und lie ihren
Spott deswegen spielen, wo es sich um Huber, ihre Gleichgltigkeit, wo
es sich um andere Hilfebedrftige handelte, denen er Beschftigung
vermittelte, denen seine Person, sein sanfter, ttiger Geist mhlich zur
wohlttigen Lebenssonne wurde, um die zu kreisen neugewonnene Ordnung
bedeutete? Verneinte sie diese Menschen, die ihn nicht anders wollten,
wie er war, die ihn gut hieen, weil _sie_ ihn anders wnschte und weil
sie im geheimen jede seiner uerungen und Taten entwertet sah in dem
Lichte des Verdachtes, da alles geschah, nicht nur, um vor ihr zu
bestehen, nein, um auch als der Bessere, der Grere, der von ihr
Geopferte zu erscheinen? Hatte sie es erkannt, da in diesem
Zusammenhalten aller Tugenden, in der unablssigen Ausbung von Treue,
Redlichkeit und Menschenliebe der letzte verzweifelte Widerstand seiner
Seele sich kundgab, gegen sie, von der er sich doch abhngig wute wie
vom tglichen Brot, in der sonderbaren, scheuen und whlerischen Not
seiner Sinne vor ihr so bedrftig, wie der Verschmachtende in der Wste
vor der einzigen Oase? Wute sie es, wie verzweifelt er sich an die
Besttigung seiner selbst klammerte, die ihm von anderen ward, weil er
sonst begonnen htte, sich mit ihren, mit Theresens Augen zu sehen, als
einen Wrdelosen, der bettelte oder sein Recht erzwang, wo es ihm nicht
frei und liebend gewhrt wurde? Und wie bte er ihn aus, diesen Zwang,
fragte er sich mit einiger Bitterkeit und starrte bse grbelnd zu ihr
hinber, die dort in der Schattenecke des Zimmers sa und mit diesen nie
ruhenden kleinen Hnden an ihrer langen Halskette zerrte und spielte,
whrend Huber die grotnende Phraseologie seines Dramas mit gaumiger
Stimme vorberwlzte. Hie das Zwang ausben, zrtlichen Wnschen nicht
Halt zu gebieten, wenn sie nicht auf Willkommen, nur auf -- Duldung
stieen?

Oh, ber die bestndigen Monologe, in denen er sich rechtfertigte, die
stummen Auseinandersetzungen, die kein Echo hatten, -- oh, ber die
nicht endende Apologie, dem Forum des eigenen Gewissens
gegenbergestellt, das ihn anklagte, weil er Glck nur nahm und immer
nur nahm! Und warum, warum blickte Huber, nun, da er geendet hatte und
nach der Anstrengung des Lesens im Stuhl zusammensank, mit einem
ngstlich heischenden Blick zu Therese hinber, deren Antlitz, jetzt
vorgebeugt ins Kerzenlicht, still war, als lauschte sie den letzten
Versen nach? George erhob sich, mit einem berstrzten: Vortrefflich,
lieber, teurer Freund, -- indessen ... die Aufmerksamkeit an sich
reiend, und, im Zimmer auf und nieder gehend, begann er eine Kritik des
Gehrten zu entwickeln. Diese Auftritte, meinte er, seien vorzglich
aufgebaut, jedoch so sehr vom Gefhl berwuchert, da der Gang der
Handlung unter Blumen, -- oh, und er mge nur verzeihen! -- auch unter
Unkraut, blhendem Unkraut verschwnde, -- da -- ist's nicht so,
Therese? Nicht wahr, da sehen Sie, sie gibt mir recht! -- nun, da den
Hrenden eine leise Ermdung berkme, da seine Gedanken abschweiften,
da -- redete er, verzweifelt wahrnehmend, wie Huber Therese unablssig
anblickte, und wie sie ihre Augen in seinen spielen lie -- da er,
wenigstens _er_, nicht htte folgen knnen.

Doch ist's nicht schn, sagte Therese, in diesem Augenblick ihn
ansehend mit einem Ausdruck bittender Demut, der ihn rtselhaft
erschtterte, -- ist's denn nicht schn, mein Freund, des Herzens
berflu zu sehen? Und, sich mit den Schultern windend, als spre sie
Schmerz oder Druck, eine Bewegung, die ihr in den letzten Monaten zur
Gewohnheit geworden war, fuhr sie fort, abgerissen, verlegen sprechend:
Das Herz, -- ach, nur das Herz einmal reden zu hren, George, -- ein
Herz zu sehen, golden, feurig -- ist das nicht besser, als Kunst?

Aber ich rede wie ein Kind, sagte sie, pltzlich sehr gefat, stand
auf und fllte die Tassen neu, -- hren Sie nicht auf mich, Huber,
hren Sie auf George, -- er -- wei viel besser, was not tut.

Sie stand neben ihm, die Hand auf seiner Schulter, er fhlte ihre Finger
hei und bebend an seinem Halse hingleiten. Den Arm um sie gelegt, von
irgendeinem Triumphgefhl durchschttert, das unvergleichlich viel
strker war als die Einsicht, es handele sich hier um die wirksame
Darstellung eines lebenden Bildes oder die Vorfhrung einer Parabel,
lchelte George in die mit dem Ausdruck seelischer Mhsal auf ihn
gerichteten Augen Hubers hinein und dozierte weiter. --

Du solltest, hrte er Therese nach einer halben Stunde leise und
leidenschaftlich sagen, als er das Wohnzimmer noch einmal betrat,
nachdem er den Gast hinausgeleitet und die Haustr hinter ihm
abgeschlossen hatte, -- du solltest diesen jungen Menschen nicht so oft
kommen lassen, mein Freund! Wenn nicht um deinetwillen, so seinetwegen.

Sie stand in der Fensterecke, als sei sie dorthin geflchtet, den Arm
auf ^The Resolution^ gesttzt und sah ihm bla und feindlich entgegen.
Er erkannte nur, da ein aufgeregtes Herz ihre Augen seltsam dunkel
leuchten lie, da sie noch in diesem weichen Kleid aus maisgelbem
Seidenmusseline war, das sie zum Konzert getragen hatte. Er tat ein paar
Schritte auf sie zu, blieb stehen, lchelte und sagte: Ich verstehe
dich nicht.

Du wirst nie zu sehen lernen! rief sie und schlug die Hnde vors
Gesicht. Dann, mit jenem unerklrlich schnellen bergang aus der
Erregung in die Ruhe, in den sie ihm gegenber jetzt so oft verfiel,
sagte sie wieder ganz leise und sehr gehalten: Du solltest ihn nicht so
oft ins Haus bringen. Siehst du denn nicht den Zustand seines Herzens?
Ich habe eine unselige Anziehung, ich ...

Sie stockte, blickte George, der sich ein wenig nherte und immer noch
lchelte, unsicher an und vollendete hastig: Ich habe nichts dazu
getan, George, bei Gott. Aber schaffe ihn fort, -- ja? Oh, schlo sie
ein wenig pathetisch und drngte die Hnde gegen seine Schultern, denn
nun war er bei ihr, George, George, liegt denn ein Fluch auf meinem
Leben?

Du siehst Gespenster, Therese. Er ist jung, seine Schwrmerei kennt
keine Grenzen. Wie dein Herz klopft!

Und berwltigt wie von einer endlichen Erfllung, blind, trunken, nicht
fhig, diesen Blick voll Schicksalsangst, der seinem auswich, zu deuten,
murmelte er, sie an sich ziehend: Was willst du doch? Er ist gebunden
und du -- du bist doch mein.

Therese, abgewendeten Antlitzes in seinen Armen hngend, die Brauen
verzerrt, flsterte: Ja. Ich bin dein. Und ich mte wohl noch Kinder
haben ...

In dem Schweigen, das folgte, war nichts, als das unstete Flackern der
beiden niedergebrannten Kerzen, das den Raum mit dem Tanz schwankender
Schatten fllte.

                   *       *       *       *       *

Sey doch jeder vergngt, wenn er sein kleines Pltzchen gefunden hat,
aus dem er in die Welt hinausgucken und ber sie lachen kann, so las
George in der zierlich behbigen Handschrift des alten Heyne, las diesen
Satz zum zweitenmal, nachdem er den kurzen Brief des Schwiegervaters,
datiert von einem Frhlingstag des Jahres 1789, beendigt hatte, las in
der Einsamkeit seines Kabinetts, versuchte zu lcheln und fhlte sich
zugleich dermaen geschttelt von Abwehr, berdru und Herzeleid, da er
das unschuldige Papier krampfhaft mit der Hand zerknitterte, es hinwarf,
das Gesicht in den Hnden begrub, -- und dann aufsprang, um, die Hnde
auf dem Rcken verschrnkt, im Zimmer auf und ab zu laufen. Oh, gewi,
-- oh, aber ohne jeden Zweifel: er hatte sein kleines Pltzchen
gefunden! Er besa ein Weib, ein gehorsames Weib, -- in zrtlichem
Gehorsam ihm ergeben, war's nicht so? -- das nun, da die Strme erster
Jugend besnftigt waren, sich anschickte, in allen Stcken dem Ideal
Salomonis hnlich zu werden und das ein zweites Pfand seiner Liebe unter
dem Herzen trug. Er besa das Rschen, das ihm an den Rockschen hing,
wenn er sich nur zeigte, und das soeben -- horch! -- sein Stimmchen
drauen mit dem Gurren der Tauben auf dem Dachfirst mischte, drauen, wo
im Vorgrtchen Narzissen und Tazetten unter der Maiensonne blhten, --
er besa ein Haus und nicht nur Narzissen, Tazetten, Goldlack und
dergleichen trichte Schnheit, sondern auch einen Garten vor dem Tor,
wohl fnfzig Schritt im Quadrat, wo er Salat zog und Erdbeeren, von Kohl
und Wurzeln ganz zu schweigen. Er besa Malchus, den Knecht, und
Mareiken, die Magd, mochten sie gleich andere Namen tragen, -- besa
Tauben, auch Hhner, der Ankauf einer Ziege war geplant, -- ei, hatte er
nicht wahrhaftig sein kleines Pltzchen, und was hinderte ihn denn, nun,
in die Welt hinauszugucken und ber sie zu lachen? Klausthal, dachte er,
von irgendeiner Erinnerung gestreift, -- das hiee wohl, mein Klausthal
gefunden haben, -- indessen ...

Er blieb am Fenster stehen und starrte schwermtig hinaus auf den
berschwenglich blhenden Kastanienbaum und den festlich schnen Bau des
Bassenheimer Hofes gegenber. Der Geist, der solche Formen schaffen
konnte, der die Quadern dem Gesetz der Schwere selig entfremdete und es
ihnen verlieh, da sie Rhythmik, heitere Ordnung, schwingende
Gelassenheit ausstrmten, dieser Geist, -- oh, dieser Geist! Er dachte
nicht ganz zu Ende. Er dachte nur mit einem verzweifelten Aufwand von
Pathos: Verflucht das kleine Pltzchen und die Zumutung ber eine Welt
zu lachen, die ich aus den Fugen reien mchte, um sie neu aufzubauen,
reinlicher, gerechter, weiser und -- beseelt von dem Glauben an mich, an
meines Herzens Kraft und Wrdigkeit! --

Nun, da der Andrang des Blutes zum Kopfe nachlie, sammelte er sich,
wandte sich ins Zimmer zurck und versuchte, sich selbst die Grnde der
Erregung klar zu machen, die ihn dermaen berwltigt hatte. Heyne war
ein alter Mann, sagte er sich begtigend, der sein Leben lang in den
geschtzten Niederungen der Philologie gehaust und keine anderen Strme
kennen gelernt hatte, als leidige Universittsintrigen und
kleinstdtische Familienkabalen. Er war, nun auf der Hhe seiner sechzig
Jahre, gelutert genug, sich ber diese Anfechtungen erhaben zu fhlen,
erfreute sich seines abgeklrten Zustandes, fr den er Gleichnisse fand,
angemessen dem Verhltnis des Gegensatzes, den er fr ihn bedeutete, --
ein kleines Pltzchen also, aus dem man herausguckte und lachte, -- und
wnschte, denen, die er liebte, die Annehmlichkeiten einer solchen
Gemtsverfassung nahe zu bringen. Aller Welt gut werden, schrieb er auch
wohl einmal, das sei die Basis des inneren Friedens, und dann tat er mit
ein paar lchelnden Greisenworten die Chimre ab, es mte jeder ins
Groe wirken. Oh, vor ein paar Jahren noch, in Wilna, da wre sein Wort
Musik fr mich gewesen, dachte George, damals, als wenigstens ein
Mensch, als Therese noch, das Groe von mir erwartete und mich ermdete
mit ihrer Ungeduld und ihrem ungestmen Fordern. Damals, als er,
sonderbar bersttigt von frhem Ruhm, bereit war auf Lorbeeren
auszuruhen, die nicht erstritten, sondern, wie es ihn jetzt dnkte,
tndelnd am Wege gepflckt waren. Heute aber, -- man hat sich mit mir
abgefunden, das ist entsetzlich! Das ist entsetzlich! hallte es in ihm
wider, whrend er von dem selbstttig in ihm arbeitenden
Pflichtbewutsein getrieben die zur bersetzungsarbeit ntigen Bcher
und Bogen auf dem Tisch anordnete und auf den letzten Satz im Manuskript
starrte. War es ihm nicht immer als das einzig mgliche Ziel erschienen,
ins Groe zu wirken, -- so oder so? Er hatte nie darber nachgedacht,
freilich; sein eigener Wille, so glaubte er zu erkennen, war immer
abgelst worden, in der Jugend durch den leidenschaftlichen
Ttigkeitstrieb des Vaters, in dem sein eigener aufging, wie die Kohle
in der Flamme, und dann durch dies zweischneidige Geschenk der Gtter,
durch den Ruhm in frhen Mannesjahren. Es war s, unter den
freundlichen Augen der Menschen zu leben, s nach so bitteren Jahren,
-- diese wehmtige Besttigung der Erinnerung flsterte er sich zu,
dieser Satz hob und senkte seine Flgel ber der Arbeit der nchsten
halben Stunde, in der er geschftsmig englischen Text in deutsche
Stze umbaute, bis er die Feder hinwarf und, verzweifelt den Kopf
hebend, der Frage ins Auge blickte, deren Gegenwart er in den letzten
Wochen unablssig gefhlt hatte, wie die einer unsichtbaren
erbarmungslosen Gottheit. Nicht lnger lie sie sich in Nebel bannen.
Was tat ich? schrie er auf, -- vernahm die eigene Stimme unselig
fremd, sah um sich und flsterte erschrocken, -- ja, was tat ich denn,
diesen Ruhm zu rechtfertigen, -- ja, was baute ich denn auf diesem
kolossalischen Fundament des Glcks? Mein Gott, mein Gott, -- ich
_sollte_ doch ins Groe wirken, -- war das denn nicht dein Ruf?

Oh, alter Mann auf deinem Bnkchen in der Gartenlaube! -- bist du je so
gerufen worden? War dir die Kindheit der Vorhof der Zucht und der
Entsagung, so da du, ein Knabe noch, geschulten Geistes und mnnlicher
Arbeit gewhnt dort schon standest, wo fr andere die Jugend gipfelt?
Wurden dir da die Tore der Welt auseinandergerissen und taumeltest du
hinein in die Flle der Erde, in das Sprachengewirr der Vlker,
umwirbelt vom Schall ihrer tausendfltigen Musikinstrumente, vom Staub
ihrer Herden, -- von ihren Gerchen umdampft, ihrer Buntheit geblendet,
von ihren Weibern verlockt, von ihren Gttern bedroht? Rollten Steppe
und Strom sich auf als Teppich deiner Fe, waren die groen Stdte
deine Herbergen, beugte das Meer gebndigt seinen Nacken, dich
sanftmtig zu tragen und dir seine Inseln zu schenken? Gingen dir Helden
voran und zur Seite, dir zu zeigen, wie sie gemeistert wird, die
erschreckliche, wonnevolle, bestrzende Flle, -- und mehr noch: ward es
dir gegeben, _die Helden zu erkennen und zu wissen, da ihnen gefolgt
werden mu_? -- Oh, alter Mann, -- dein Ziel war stets der nchste
Meilenstein! Wie solltest du die wahnsinnige Raserei der Reue kennen und
verstehen, die in der Brust eines Mannes tobt, wenn er sich an den
Grenzmarken der Jugend sieht und endlich wahrnimmt, da er aus allem
Reichtum, der ihm zu Fen lag, nichts errafft hat, als die Phantome der
Erinnerung? -- Dies war der Zustand des Herzens, in dem George Forster
sich seit einigen Monaten befand. Wie bin ich hierhergekommen, fragte er
sich verzweifelt, wenn er sich Tag fr Tag vor dem Chaos der Bibliothek
sah, das er ordnen sollte, fr dessen Unterbringung er Rume,
Repositorien, ja, womglich ein ganzes Gebude schaffen sollte, fr das
er rennen und laufen, mit den Universittsprofessoren konferieren,
Sitzungen anberaumen, beim Kurfrsten antichambrieren mute. In seiner
Vorstellung war ein Berg, der aus Bchern bestand und unaufhrlich von
innen heraus bcherquellend wuchs. Die Bcher rollten, rutschten,
wollten ihn erdrcken, er mute sich mit beiden Armen gegen sie stemmen,
sie polterten um ihn herum nieder, wlkten den Staub von Jahrhunderten,
drohten ihn mit ihrer Ausdnstung zu ersticken. Er griff hinein,
bltterte Titelseiten auf, schaffte irgendwo einen kleinen freien Raum,
stapelte die hier, jene dort auf, kam auf den Gedanken, da es sich
lohnen wrde, doppelte Exemplare auszuscheiden, um die Menge zu
verringern, suchte diese Absicht durchzufhren und geriet in einen
peinlichen, nagenden Kampf mit seinen Hilfskrften, mit diesem Heer der
Unverantwortlichen, der tckischen, trgen Zwerge, die ihn zwingen
wollten, nichts anderes in ihnen zu sehen, als die Teile einer Maschine,
die, hmisch, wie es seiner trostlosen berreizung dnkte, die Hnde
ruhen lieen, wenn sein Antrieb einmal aussetzte, die schlampig
arbeiteten, wieder zerstrten, wo er meinte, Grund gelegt zu haben,
Verzeichnisse anfertigten, die nichts taugten, nach Hause gingen, wenn
die Glocke schlug, und sich nicht weiter kmmerten ...

Whrend er bis in seine Trume hinein Bcher schmeckte, sah und fhlte,
Handschriften und Erstdrucke und Widmungsstcke an tote Kurfrsten und
Folianten und Elzevirs, -- und da wlzte sich ein neuer Haufe heran,
lebendig kriechend wie ein Heerwurm, die Bcher aus der Karthause, die
der Kurfrst angekauft hatte, und die nun auch noch untergebracht werden
muten. Und niemand war bereit, ihm Platz einzurumen, das Kuratorium
der Professoren schien sich gegen ihn verschworen zu haben, -- gegen den
Auslnder und Protestanten, natrlich! Sein Vorschlag, die ehemalige
Jesuitenkirche fr diesen Zweck auszubauen, ward verworfen wie ein
Angriff auf das Heiligtum, der Kurfrst bekannte seine Ohnmacht, Mller,
wenn er sich denn einmal sprechen lie, zuckte die Achseln, sagte: Ja,
mein teurer, lieber Freund ... und redete vom Stein des Sisyphus. Und
dieser Stein, er sank zurck auf seine Brust und war der Alp seiner
Nchte. Ich kenne ihn aber, dachte er chzend, ich kenne ihn doch seit
ich lebe, diesen Alp der Bcher, oh, ich kenne ihn, seit ich so klein
war und pltzlich lesen konnte und das Spielen aufhrte! Dennoch, -- war
es denn mglich, da dies das Ziel und Ende gewesen war, sollte er sich
darein ergeben, von diesem Gebirge tglich eine Handvoll abzutragen,
sollte er zufrieden sein mit der satten Selbsttrstung, sein Bestes
getan zu haben? Wer hatte denn sein Bestes getan, der nicht die Pfnder
einlste, die in der Jugend von Gott empfangen waren! Diese Pfnder, die
er besa in den unmittelbaren Erlebnissen der bunten glhenden Welt und
des frhen Ruhms, sie qulten ihn auf einmal, wie Verpflichtungen, fr
die noch aufzukommen war. Ein berhmter Jngling, und nur ein berhmter
_Jngling_, das ist wie eine schne Tnzerin, dachte er angeekelt. Aber
das leere Altern des Jnglings ist unverzeihlicher. Taube Blten,
Erlebnisse, die nicht Frucht und Leistung gezeugt hatten, -- mit
fnfunddreiig Jahren von den Zinsen einstmals mhelos oder zufllig
erworbener Gter leben und sich nur noch mit kleinen Handfertigkeiten
beschftigen, mit bersetzungen -- (-- o Therese! O jene Nacht in Wilna
und das Wort, damals belchelt: Nicht immer nur bersetzen, George
...!) -- und mit dem Registrieren von Bchern, -- diese Erkenntnisse,
pltzlich hereingebrochen, vielleicht, weil die de seines Herzens nun
dunkel genug war, nachdem die Hoffnung auf jenes unerhrte Einssein mit
Therese, die fast zehn Jahre alles andere berschienen hatte,
niedergebrannt und, wie er meinte, der dmmerhaften Dauerglut der
Gemeinsamkeit gewichen war, -- vielleicht auch nur, weil ihre Zeit
gekommen war, weil eben entbltterte Bume das Licht durchlassen, --
diese Erkenntnisse schufen ihm eine Qual der Unrast, die ihn auf sich
selbst zurckwarf, nun, nachdem er Jahre und Jahre die Magnetnadel
seines Herzens hatte abweichen und auf andere Menschen weisen sehen, so
da er den Kurs auf das Zentrum der eigenen Bestimmung hatte verlieren
mssen, -- wenn er ihn denn je schon besessen hatte. Was Wunder denn
aber, was Wunder! Oh, frchterlichster Gang des Labyrinths, nun
durchwandert, der nach zehn Jahren offenbarte, da er nicht vorwrts,
nicht etwa ins Freie, nein, da er den unseligen Wanderer nur im Bogen
zurckgefhrt hatte, an jenen Ort zurck, wo die Wege der hundert
Mglichkeiten abzweigten und wo der Nebel der Unschlssigkeit hing! --

                   *       *       *       *       *

Der Kreis der Freunde an Theresens Teetisch fand den Hausherrn am Abend
dieses Tages ungewhnlich gesprchig. Huber, der den dritten Akt seines
Heimlichen Gerichts vorgelesen hatte und nun, geduckt dasitzend, in
seiner Tasse rhrte, bekam alles andere zu hren, als die Kritik, die er
erwartete. Gott ist ein schlechter Schauspieldirektor! rief George
aus, sah Fiekchen Dieze erschrocken zusammenzucken, lchelte ihr
begtigend zu, fgte ein: Symbolisch gemeint! liebe Freundin, und fuhr
fort: Wann gibt er denn je eine Rolle dem Richtigen? Mir zum Exempel
gab er das Kostm und die Rolle des Pioniers der Aufklrung und ich
fhle nun einmal den Auftrag, sie unter allen Umstnden zu Ende zu
spielen. Ich spiele augenblicklich miserabel, ich wei es, ich fhle
mich der Aufgabe keineswegs gewachsen, -- indessen ich habe nun einmal
vor den Augen der Welt die Gestalt des Mannes zu agieren, in der die
Sdsee fr Deutschland ein Stck Wirklichkeit geworden ist.

Sollten Sie da nicht ein wenig die Importance jener antipodischen
Hemisphre fr Deutschland berschtzen? murmelte der Professor Dorsch,
der im brigen vllig durch die Betrachtung seines allerdings sehr
kleinen und sehr eleganten Schnallenschuhs in Anspruch genommen zu sein
schien.

Lieber Freund, agieren Sie doch getrost den guten Forster und weiter
nichts! warf die kleine Forkel ein und suchte vergebens einen Blick
spitzbbischen Einverstndnisses mit Therese auszutauschen.

Es handelt sich hier um den Ausdruck des geistigen Wertes der
Weltbefahrenheit! Dorsch wurde zornig angesehen und die Forkelin bekam
einen mitleidigen Blick. Ich habe also unbegrenzte Horizonte,
Weltweite, Gelassenheit und was wei ich zu verkrpern. Ich soll aus
diesem Seeleninhalt heraus entsprechend handeln, wirken, schreiben.
Nicht wahr? fragte er fast flehentlich und sah Therese langsam und
nachdenklich nicken. Hastig trank er ein paar Schlucke aus seinem
Teeglas, in das er nach polnischer Art einen Lffel Eingemachtes anstatt
des Zuckers getan hatte. Dann fuhr er nachdenklich fort: So hat der
Meister es sich gedacht. Aber nicht nur, da er den guten Forster, wie
eine Stimme aus dem Publikum soeben richtig anmerkte, auf den heroischen
Kothurn gestellt hat, anstatt ihn etwa fr das sentimentalische Fach
auszustatten, -- Gott ist auch ein schlechter Theaterdichter!

Aber bitte, meine Teure, so zucken Sie doch nicht immerfort! Dies sind
doch nicht Blasphemien, sondern die Resultate einer Auseinandersetzung
mit dem Schicksal!

Und was ist Schicksal? sagte Huber leise und eindringlich, wieviel
Quellen springen auf, um im Sande zu versickern! Drfen wir berall
Anlufe zu einem Ziel, Absichten einer hheren Macht vermuten? Hiee das
nicht Anmaung? Ach, und wenn wir einmal meinen, einer eigenen groen
und furchtbaren Bestimmung gewrdigt zu sein, wie bald mssen wir
erkennen, da wir -- nur in die Rder eines fremden Schicksals geraten
sind! Er blickte dster vor sich nieder.

Wir monologisieren da recht artig nebeneinander her, bemerkte George
trocken und fuhr fort:

Dieser schlechte Dichter also, -- ich meine den oben erwhnten Meister,
-- erwartet immer, da wir selbst die Rolle zu Ende fhren. Er schreibt
den ersten Akt, vielleicht auch noch den zweiten, ganz selten fhrt er
uns auf die Hhe des dritten, wie es doch unserm Freund hier mit seinen
Geschpfen nunmehr gelungen ist. Uns berlassen auf alle Flle bleibt
der Komdie Schlu, und wird das Stck dann ausgepfiffen, so macht er
die Akteurs verantwortlich ...

Warum sagst du Komdie? fragte Therese mit unbehaglichem Zgern.

Du meinst, da aus diesen Anfngen sich nur Tragdie entwickeln kann?
fragte er auflachend zurck.

Ich meine, sagte sie mit einer aufreizenden, unpersnlichen und
undurchdringlichen Gelassenheit, die er nicht zu deuten wute, da die
tragische Muse hhere und wrdigere Anforderungen stellt. Soll ich
whlen zwischen Minna und Emilia, so will ich lieber mit Emilia in der
Blte meiner Jahre den Tod willkommen heien als gleich Minna mich mit
einem mittleren Glck begngen.

Du vergit, warum Emilia so sterben darf. Du miverstehst dich selbst
-- und die dir zugeteilte Rolle!

George, gleich nach diesen Worten fhlend, da er sich von der
Bitterkeit der Erinnerung hatte hinreien lassen, wandte tdlich
betroffen von der Klte, mit der sie ihn anblickte, die Augen ab und
lie sie zur Seite gleiten mit dem Ausdruck eines, der den Boden unter
sich wanken fhlt. Da war Smmerrings breite Hand, beruhigend warm wie
nur je, die ihn auf die Schulter klopfte, und des Freundes Stimme, die
die Gesellschaft aufforderte, zuzugeben, da die Forkelin wahrhaftig
Recht habe und da der Forster nichts zu tun brauche, als sein Herz zu
leben, um des allgemeinsten, des innigsten Beifalls gewi zu sein, --
nun, er lchelte auch, er blickte unbefangen im Kreise herum, sah
Therese ebenso unbefangen den Pflichten der Wirtin gengen, zog Huber in
ein Gesprch ber den Fortschritt des Dramas und die Aussichten einer
Auffhrung unter Iffland in Mannheim, gab Theatererinnerungen aus
Berlin, Paris und Wien zum Besten, und sprte dabei unaufhrlich wie
eine von neuem blutende verjhrte Narbe dies entsetzte Erstaunen, weil
da ein Schleier gelftet worden war, ein Gorgonenhaupt ihn angestarrt,
ein Dolch ihn bedroht hatte. -- --

                   *       *       *       *       *

Da einmal erkannt worden war, worauf es ankam, war Aufschub nicht mehr
Zeitverlust. Denn, nicht wahr, -- das ganze Leben bis jetzt war
Vorbereitung gewesen. Da George Forster denn fnfunddreiig Jahre
gebraucht hatte, um einzusehen, da er letzten Endes von niemand auf der
Welt etwas zu erwarten habe, als von sich selber, da kein Vater, kein
Freund, keine Geliebte Dank wuten fr Demut, Treue, rckhaltlose
Hingabe, da er jetzt nach fnfunddreiig Jahren die Kraft in sich fhlte
oder den Gleichmut, auf jene Besttigung des eigenen Gemtes verzichten
zu knnen, wie er sie bisher unablssig bebenden Herzens von der
unbegrenzten Zuneigung des menschlichen Wesens gefordert hatte, das ihm
jeweilig das nchste gewesen war, -- da konnte er in diesem Zustand der
Erkenntnis wohl ein wenig verweilen und sich sammeln, indem er sich
vorsagte, das furchtbar glhende Gestirn, dessen Strahlen die Wste erst
zur Wste machten, habe den Zenith nun berschritten und wrde, mhlich
abwrts sinkend, bald sich mildern.

Warum also nicht auf vierzehn Tage zu Jakobi nach Dsseldorf fahren und
des Freundes wie des rheinischen Frhlings genieen? Warum nicht gegen
Ende Juni fr zwei Monate seinen Wohnsitz ins Rheingau verlegen, nach
dem heitern Eltville, wo der von Bcherdnsten, Stubenluft und
Krummsitzen erschpfte Krper sich in gelinder durchsonnter Luft und bei
regelmigen Bdern erholte, wirksam untersttzt durch Morikis
privilegierte Blutreinigungspillen, auf deren Verabreichung Therese
leidenschaftlich bestand? Warum nicht Zeit verschwenden an lange
philosophische Briefe, an Gesprche, warum nicht die glcklichen Stunden
wahrnehmen, die sich aus dem Aufenthalt durchreisender Freunde ergaben?
Ja, wahrlich, nicht umsonst lag Mainz an der Strae nach Paris, nicht
umsonst als Station der ^great tour^ an dem Wasserwege von England und
den Niederlanden nach Sden, -- und der Besuch von Mnnern wie Baggesen
und dem Grafen Moltke, von Wilhelm Humboldt und Campe, von Jger aus
Mitau, konnte der nicht dafr entschdigen, da Hof und Adel von Mainz
immer noch keine Anstalten machten, in ihm den zu ehren, der er fr die
gebildete Welt doch war? Warum nicht genieen, -- warum nicht lcheln?
Mochte der Kurfrst ihm gegenber denn immer den gndigen Herrn
herauskehren oder gelegentlich den Herrn ^de mauvaise grace^, wie
neulich, als er ihn von Dsseldorf zurckbefahl wegen einer Sitzung ber
die leidige Bibliotheksunterbringung, die dann gar nicht stattfand. Er
fhlte sich imstande, mit den Achseln zu zucken, -- was unterschied denn
die Groen der Erde in seinen Augen noch von andern Lebensfaktoren? Es
galt sie zu behandeln wie blinde Naturmchte, sie zu nutzen, sie
einzudmmen, wenn es nottat. Oh, Frankreich hatte das als Volk jetzt
eingesehen, was ihm als einzelnem auch viel zu spt ein ganzes Leben
voll Enttuschungen klargemacht hatte! Freund, sie sind verndert, --
mir ist, -- vergeben Sie! -- als seien Sie gealtert! hatte Mller bei
einem zuflligen Zusammentreffen neulich gesagt, den frmlichen Ton
seiner Rede jh unterbrechend und ihn einen Augenblick mit dem
schwermtigen Lcheln von einst prfend betrachtend. Auch hier gab er
nur stummes Achselzucken zur Antwort. Mller, bei dessen gefhrlicher
Erkrankung im Frhjahr er noch einmal die volle Macht der alten
Zuneigung in der ratlosen Erschtterung der Angst um sein Leben gefhlt
hatte, auch Mller war dorthin entrckt, wo sie alle nun fr ihn
standen, jene Gleichgltigen, von deren Affektion er seine Ruhe, sein
Glck, seinen Frieden abhngig gemacht hatte. Nun, er guckte zwar
nirgendwo heraus auf die Welt und lachte ber sie. Aber, er rechnete mit
ihr, so wie sie war. Und indem er sich stillschweigend schonungslos mit
den Menschen auseinandersetzte, reinliche Scheidungen vornahm, die
Ntzlichkeit jeder einzelnen Beziehung abwog und das, was dann an reiner
Freundschaft und geistigem Gewinn dazukam, hinnahm wie ein unerwartetes
Geschenk, das keine Dauer versprach, umging er in seinem Innern doch die
eine Frage, als sei sie nicht vorhanden, ja, er htete sich so sehr den
Bestand seines huslichen Glckes anzuzweifeln, da er sich ber Tisch
lieber die eingelaufenen Journale und Gazetten reichen lie und whrend
des Essens las, wenn er nur von ferne annehmen konnte, es lagerte irgend
ein Schatten auf Theresens Stimmung. Den Zustand der Gewohnheit
gegenseitiger Freundlichkeit, der Selbstverstndlichkeit ihrer Frsorge
und dessen, was sie sich an Hingabe abgewinnen konnte, -- oh, diesen
Zustand nur um jeden Preis erhalten!

_Damit_ er denn die Ruhe behielt, so zu arbeiten, wie es frs erste noch
ntig war, -- ehe der Augenblick erschien, geeignet, um endlich mit
diesem neuen gehrteten Herzen hervorzutreten und den groen Wurf zu
tun. _Damit_ er denn in tglichen kleinen Erregungen nicht die Kraft
einbte, so gebeugten Rckens dazusitzen, wie es einstweilen sein
mute, und die Feder rascheln zu lassen, rascheln, rascheln, rascheln,
auf da nicht der sprliche Zuflu der kleinen Einnahmen versiegte, mit
denen der unzureichende Strom des Gehalts stndig gespeist werden mute,
um nicht vor Quartalsschlu klglich erschpft zu sein! Auch war der
alte Satz noch in Kraft, obschon seine Begrndung gendert war, --
Therese, hie er, Therese sollte leben wie die Blumen auf dem Felde ...
Weil sie jung, s und heiter war, hatte George frher inbrnstig
hinzugedacht, -- weil es unbequem ist, ihr ber die Anwendung jedes
einzelnen Guldens Rechenschaft abzulegen, dachte er jetzt im geheimen
und vor sich selbst kaum eingestanden. Therese bestellte das Hauswesen
mit nahezu derselben Heiterkeit wie einst in Wilna, bestellte es mit
Hilfe dreier Dienstboten und war ununterbrochen in Ttigkeit, kein
Zweifel. Therese bat um Geld und eilte mit Luise auf den Fruchtmarkt,
ein bauchiger Marktkorb begleitete sie und ward heimgebracht beladen wie
ein Kauffahrteischiff von fernen Ksten. Therese, noch in Umhang und
Hut, ein wenig ermattet aussehend durch die neue Schwangerschaft, kam zu
ihm herein, seufzte: O diese Hitze, mein Freund! bat dann aber
instndig um noch ein wenig Geld, denn da waren Rosen auf dem Markt
gewesen, frhe Rosen, sie hatte nicht widerstehen knnen, und nun htten
sie kein Brot mehr mitbringen knnen und die Milch sei noch zu bezahlen
und -- so ein paar kleine Schulden beim Kaufmann Winterstein in der
Welschnonnengasse. Ich brauche ja die fnf Gulden natrlich nicht dafr
ausschlielich, Georgie, sagte Therese, und lie sich am Fenster
nieder, aber es kommen doch immer wieder Kleinigkeiten ...

Spezereiwaren, ging es George durch den Sinn, nach dem Text der
Anzeigen in der Privilegierten Mainzer Zeitung, Puder, gedrrte
Schinken, echtes Mannheimer Wasser in Krgen, veritable englische
Schuhwichse in Schopfenbouteillen, vielleicht auch Genueser Sardellen
oder Feigen, Krachmandeln und Traubenrosinen, alles zu haben beim
Handelsmann Schreck oder bei Sebastian Martin in seinem Gewlbe am Dom
... Oh, eine Stadt wie Mainz bot Gelegenheit Geld auszugeben!
Jedenfalls sagte er hflich etwas, wie Selbstverstndlich, meine
Teure, gab das Gewnschte mit der Gebrde, als griffe er in Fortunats
Sckel und schrieb sich selbst stillschweigend auch ein paar Gulden
zugute fr irgendein Buch, ja, in letzter Zeit hufig auch fr dies oder
jenes hbsche Mbel oder einen Gegenstand des Zimmerschmucks. Er hatte
sich eine Liebhaberei fr englisches Mahagoni und Hchster Porzellan
anerzogen und gab sich selbst kaum zu, da seine Aufmerksamkeit auf die
Kunstwerke Meister Melchiors erst durch ein Gesprch mit Mller geweckt
worden war, eins jener flchtigen Gesprche anllich eines
Zusammentreffens bei dem jungen Coudenhoven, die ihre Stoffe in Hast aus
der Anschauung der nchsten Umgebung nahmen. Immerhin gab er fr Bcher
und Karten aus eigenen Mitteln weniger aus als je, da sein Amt ihm
Gelegenheit gab, Werke von Wert und Neuerscheinungen aller Art aus dem
dafr bestimmten Fonds fr die Bibliothek anzuschaffen, -- und war es
nicht verzeihlich, da er von dieser Freiheit ausgiebigen Gebrauch
machte, mit dem Verdienst, alte Bestnde aufzuforsten, zuweilen die
heimliche Befriedigung langgehegter Wnsche verbindend? Im brigen,
lieber Freund, hatte Therese neulich ber den Teetisch hinbergesagt,
-- sie hatten nun endgltig diese sonderbare ^faon de parler^
angenommen, sich lieber Freund und teure Freundin zu nennen, -- also:
lieber Freund, der Kurfrst von Mainz hat die Laune, sich einen
Bibliothekar von mehr als europischer Berhmtheit zu halten. Stattet er
ihn nicht gengend aus, so wird er voraussetzen, da der Bibliothekar
nicht ausschlielich in seinen Geschften aufgeht, sondern Zeit auf den
eigenen Acker verwendet. Dies als Antwort auf laut geuerte
Selbstvorwrfe seinerseits, da er, anstatt seinen letzten
Schweitropfen fr die Bcherei zu vergieen, halbe Tage lang eigenen
Arbeiten nachhing. Und sie hatte Recht, wie meist. Nur da sie nie mehr
ein Wort fand, ihn wirklich zu _eigenen_ Arbeiten zu ermuntern, da sie
es unbewegt mit ansah, wie er bersetzte, und nur bersetzte, -- oder
vielleicht bisweilen ein Artikelchen schrieb, Aufstzchen fr Kalender,
fr Almanache, verruchtes kleines Zeug, zu dem er das Saatgut
ungeschriebener groer Werke vermahlte.

Jedoch konnte er sich mit Genugtuung sagen, da er nunmehr endlich die
einzig richtige Methode gefunden habe, die Aufgaben zu meistern, die ihm
von Herausgebern und Verlegern unerschpflich gestellt wurden. Er hatte
sich einen ganzen Stab von Hilfsarbeitern gebildet, er leitete die
Ausfhrung groer bersetzungen wie der Meister in der Werkstatt, Huber,
als sein erster Adjutant, hatte einen Teil der Briefe Dupatys ber
Italien unter der Feder, die kleine Forkel sa mit glhendem Eifer ber
den Abenteuern des Mr. Keates auf den Pelews-Inseln, drei oder vier
emsige Burschen, Studenten der Universitt, machten Auszge fr ihn,
trugen ihm Material zu.

Da du das Honorar mit ihnen teilen mut, eine etwas sonderbare
konomie, bemerkte Therese, als das neue System ihr durch das
bestndige Kommen und Gehen dieser Gehilfen klar geworden war.

Es wird sich rentieren, meine Teure, antwortete er kurz. Es war an
einem Sonntagabend, und der seltene Fall lag vor, da keine Gste
anwesend waren. George, der das Rschen auf den Knien hatte und dem
Kinde mit kleinen Muscheln Kreise und Figuren auf dem Tisch legte,
fhlte in erschrockener Ratlosigkeit eine Unlust, sich auszusprechen,
gleichsam das Versagen der Ausdrucksfhigkeit im Zwiegesprch. Er raffte
sich auf. Dies sei eine Sache, die Zukunft habe, sagte er. In kurzer
Zeit, -- nun, mge es auch noch ein, zwei Jahre dauern! wrde er alle
jene fremdsprachigen Bcher, die er als ein redlich besorgter
Volkserzieher in den Hnden der Deutschen wnschen mte, nicht mehr
selbst bersetzen, sondern diese Arbeiten denen anweisen, die er der
Beschdigung und der Untersttzung fr wrdig befunden htte, -- wrde
als Mittelpunkt in diesem Netz der Ttigen sitzen, alle Fden in der
Hand behalten und leiten und nicht nur des Dankes dieser wenigen,
sondern vor allem der ewigen Dankbarkeit der Nationen gewi sein,
zwischen denen er Schranken einreien, Grenzen auflsen wrde. Was ich
auf diesem Wege, fgte er mit einem kurzen Auflachen hinzu und fuhr
sich mit der Hand ber die brennenden Augen, nun ja, etwa seit
fnfundzwanzig Jahren tue, seit meinem elften Lebensjahr. Indessen
fehlte mir lange der Blick auf den groen Sinn der Sache, jawohl, ich
ermangelte des Ausblicks.

Er schwieg still. Nicht, als ob er eine Antwort erwartet htte. Er war
nur mde. Das Rschen schob die Muscheln hin und her, patschte darauf
und warf sie zu Boden. Er hob sie geduldig auf. Tu das nicht, Rschen,
die sind von Larry, sagte er und summte ein paar Takte vor sich hin.
Larry, Larry, plauderte das Kind und wirtschaftete mit den runden
Hndchen weiter. Dann sagte es: Der Onkel Ferdi kommt heut nicht, der
Onkel Ferdi kommt heut nicht ...

Nein, -- er ist in der Favorite, sagte Therese.

Drauen regnete es. Es war so dmmerig, da sie kaum ihre Gesichter
unterscheiden konnten. Theresens Gestalt, schon ein wenig unfrmig, in
dem weien weiten Sommerkleid leuchtete regungslos in dem tiefen Stuhl
am Fenster. Und was wirst du dann tun, -- wenn du nicht mehr
bersetzest? fragte sie pltzlich leise. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Er hatte sich wohl gesagt, da ein wenig frische Luft nach Abschlu
dieses heien Arbeitstages ihm noch gut tun wrde, und darum ging er
hier im Staube, den die Equipagen und Chaisen der spazierenfahrenden
groen Welt auf der Rheinallee aufwirbelten, ging dem frhlichen
Gedrnge heimkehrender Brger mit ihren Weibern und Kindern entgegen und
sah mit trocknen entzndeten Augen auf das Bootgewimmel des abendlich
belebten Stromes, in dem die Auen schwammen wie selig umbuschte Eilande,
voll Gesang und Tanz. Wohl, hier ging der Hofrat Forster eiligen
Schrittes durch das lustige Getmmel eines rheinischen Sommerabends,
lie seinen Schatten in den letzten schrgen Strahlen der Augustsonne
seitlich zu seiner Rechten unmig lang hinter sich drein schleifen und
zuweilen an den dicken Stmmen der alten Linden sich aufrichten, tupfte
nach je ein paar Schritten seine Stirn ab, wiederholte es sich: Ich
mache mir Bewegung, dies ist gut! und dachte uneingestandenermaen
fortwhrend Dinge wie: Jener Mann dort vorn, -- ach nein, Huber ist
grer ... oder: Dieses Paar dort, endlich, -- wieder nichts, -- wo
bleiben sie nur? so da er bei seinem unablssigen Sphen in die von
goldenem Staub erfllte Ferne der Allee fast an Therese und Huber
vorbeigelaufen wre, die, auf dem schmalen Pfad jenseits der Baumreihe
schreitend, nun stehenblieben, -- das heit, Therese blieb stehen und
rief ihn an, whrend Huber, verstrt um sich blickend, den Eindruck
eines jhlings erwachten Schlafwandlers machte. Therese, den langen
Kaschmirschal, der sie umhllte, ein wenig raffend, griff nach seinem
Arm, sie schien keine Erklrung fr sein unerwartetes Erscheinen zu
wnschen, und, indem sie gemeinsam die ersten Schritte nach der Stadt
zurck taten und er mit Beunruhigung das leise Beben ihres Armes empfand
und Erregung aus ihrem Krper zu sich herbergeleitet fhlte, sagte sie
mit einem leeren kleinen Gelchter und einem Seitenblick unter dem weit
vorspringenden Rand ihres italienischen Strohhutes hervor zu Huber hin:
Da kommt mein Forster gerade zur rechten Zeit, um teilzuhaben an Ihren
berraschenden Neuigkeiten, lieber Freund! Denn dies wurde doch nur
zufllig mir allein anvertraut? Hre doch, Georgie ...

George, an ihr vorberblickend, sah Huber mit einer unerklrlich
verzweifelten Gebrde die Hand erheben, wollte Schweigen gebieten,
unterlie es aber in dem eigenen Erschrecken ber Theresens vernderte
Stimme, ber die ganze befremdende Art, mit der sie weniger sprach, als
plapperte: Er will sein Verlbnis mit Dora lsen. Das arme Mdchen, wie
soll sie es ertragen? Deformierte sind so empfindlich. Sie kann daran
sterben. Ich denke mir, wenn so ein Brief ankommt, so ein grausamer
Brief ...

Aber ich verstehe nicht ...

Oh mein Freund! Du verstehst es nicht? Dieser junge Mann meint, von
einer Leidenschaft zu einer anderen Frau ergriffen zu sein. Er spricht
sich nicht deutlich aus. Vielleicht hat er mehr Vertrauen zu dir ...

Therese, wieder von diesem nervsen Gelchter befallen, das einem
Schluchzen glich, drngte George zu einer Bank, die am Wege stand. Sie
lie sich nieder, prete die Hand auf ihre Brust und blickte, die Augen
voll Trnen, zur Stadt hinber. George, in ratloser Verlegenheit, wandte
sich an den dster dastehenden Huber und sagte sanft: Wenn es Sie denn
entlasten sollte, sich auszusprechen, Freund, so vertrauen Sie sich uns
an. Sie haben an diesem Ort, ja vielleicht auf der ganzen Welt nicht
Herzen, die es aufrichtiger mit Ihnen meinen, als das meine und das
meines guten Weibes.

Sie sehen sie bermig exaltiert. Ihr Zustand erfordert Schonung. Er
lie sich neben Therese nieder, nahm ihre Hand, die ihm willenlos
berlassen wurde, und blickte vorwurfsvoll zu Huber auf, -- ein lebendes
Bild, o gewi, hier war zu sehen ein einiges Ehepaar, -- indessen, --
wovor zitterte sein Herz? Und Huber, dessen Zge zum erstenmal nicht
beherrscht waren von dem Ausdruck des Heiteren, Hflichen oder auch des
Harmlos-Treuherzigen, oder des Liebenswrdig-Schwrmenden, des
Selig-Traurigen, -- Huber, die Nasenflgel geblht, die Lippen und das
Kinn vorgeschoben, unkenntlich, er, der Sanfte, in dieser Maske des
Zrnenden, dem eine unverzeihliche Schmhung das Recht auf Zorn gab, er
stie hervor: Lasse man mich doch wenigstens mein Herz allein aus dem
Staube aufheben, in den es getreten wurde! -- Freundschaft, -- o
vorzglich! Aber auf dem schmalen Grat, ber den mein Leben jetzt fhrt,
kann ich keine anderen Begleiter mitnehmen, als jene, die in der Luft
ihren Pfad suchen, also etwa die Geister der Entschlossenheit und der
Entsagung zur Rechten und zur Linken! Mit einer brsken Bewegung sich
abwendend, tat er ein paar Schritte, kam zurck, beugte sich zu George
nieder, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte, und flsterte
rauh: Bruder! Die Frau, um derentwillen ich mein gutes Mdchen aufgeben
wollte, ist nicht nur eines anderen Weib, sondern auch eine infame
Kokette! Er strzte davon.

Therese weinte jetzt recht herzlich. George, von den neugierigen
Gesichtern der Vorbergehenden gepeinigt, murmelte: La uns gehen!

Sie nahm das Tuch vom Gesicht, lie mit berstrmenden Augen einen Blick
unnahbarer Wrde ber die Gaffer gleiten, erhob sich, raffte ihren Schal
und griff nach seinem Arm.

Du hast es gesehen, sagte sie, von Schluchzen unterbrochen, du hast
den Zustand seines Herzens gesehen. Weit du nun, warum ich dich bat,
ihn zu entfernen? Aber du wolltest ja nicht ...

Ich wollte nicht? Um Gottes willen, soll ich die Schuld haben an diesem
^dsastre^? Und warum weinst du dermaen, wenn ich fragen darf?

George! Ich kann nicht so schnell gehen!

Er migte seinen Schritt, senkte den Kopf und fhlte eine tdliche
Ermattung. Nach einer Weile sagte er:

Wir werden diesen Menschen nicht aufgeben. Kommt er wieder zu uns, --
und ich denke, er wird wiederkommen, -- so steht unser Haus ihm offen.

Therese war stehengeblieben, sie sah mit halbgeffnetem Munde zu ihm
auf, sie drckte die gerungenen Hnde gegen ihr Herz:

Aber begreifst du denn nicht? Aber bist du denn blind?

George sah zu den Trmen des Domes hin, die im letzten Licht brannten
und funkelten. Eine starre Falte stand zwischen seinen Brauen:

Ich werde nie aufhren, dir zu vertrauen, Therese.

                   *       *       *       *       *

Mller, an den George im Laufe des Sommers einige ausfhrliche
Schilderungen seiner Lage und seiner Geldschwierigkeiten gerichtet
hatte, hatte zwar weder eine Gehaltserhhung noch eine Zubilligung
freien Holzes beim Kurfrsten durchzusetzen vermocht, jedoch war es ohne
Zweifel sein Werk, da der Geheime Hofrat Forster eine neue, gerumigere
und schnere Dienstwohnung in den sogenannten Universittshusern an der
Tiermarktstrae angewiesen bekam. Im Herbst also gab es die erbauliche
Arbeit des Rumens und Wiedereinrichtens wie im vergangenen Jahr,
erbaulich, weil sie einen Bruch mit berlebten Zustnden vortuschte und
den Beginn eines neuen Lebens. An dem bsesten Tage des Umsturzes, als
kein Stuhl mehr zu finden war, um einen Augenblick auszuruhen, und die
Blusenmnner geliebte Besitztmer ohne Unterschied mit Eimern und Besen
zusammen verfrachteten und davonfhrten, -- in diesem Zeitraum der
wankenden Bodenstndigkeit erschien pltzlich Huber wie ein lautloser
Geist und fragte demtig an, ob er denn nicht den Tag ber mit Rschen
spazieren gehen drfe. Empfangen von einem Hausherrn, der im Begriff
stand, hinter einem Handwagen dreinzulaufen, der seine kostbarsten
Sammelksten entfhrte, -- die Konchylien, man denke, eine Anhufung
unwgbarer Werte, die in Deutschland vermutlich kein zweites Mal zu
finden war, es sei denn bei dem _anderen_ Bereiser des australischen
Meeres, Forster senior in Halle, -- begrt von einer Hausfrau, deren
Unbefangenheit untersttzt ward durch die Aufgabe, mit Hilfe der
Demoiselle Dieze die jungen Hhner einzufangen und in einem Korb
unterzubringen, gelang es ihm ganz ohne Widerstnde, das Ziel seines
Begehrens zu erreichen und mit einem verschmt strahlenden Rschen an
der Hand das Chaos zu verlassen, wobei sein Gesichtsausdruck dem seiner
Begleiterin nicht unhnlich war. Am Abend wurde ein guter Onkel Ferdi
von der kleinen Hand nicht losgelassen, ehe er sich mit am Tisch in der
neuen Kche niederlie und an dem Reisbrei teilnahm, der Herrschaft und
Gesinde um einen riesigen Topf vereinigte. Therese war von einer nicht
ganz natrlichen Munterkeit: ^ la guerre^, meine Freunde, ^tout comme
 la guerre!^ rief sie und bedrohte jeden mit dem Schpflffel, der
nach ihrer Meinung sich zierte, genug zu essen. Forster, das Rschen auf
den Knien, plauderte vergngt von der Weitlufigkeit der Wohnung, von
anderen Tapeten, neuen Mbelstcken, die ntig waren, -- Freilich, --
er hat es ja brig! warf Therese ein und nickte Huber hastig zu, -- und
er verstummte erst, als der wiedergewonnene Freund zum erstenmal sein
befangen-glckliches Schweigen brach und erklrte, auch er wrde wohl
bald umziehen mssen, aus diesen und jenen Grnden. George wurde
nachdenklich. Nach Tisch nahm er den andern mit hinauf, ihm im letzten
Tagesschein die Rume zu zeigen. Er mute sich seiner freudigen
Gespanntheit entladen, gesprchig, als htte er Wein getrunken,
entrollte er den Stoff, der sich seit dem letzten Zusammensein im Sommer
angesammelt hatte. Da waren die Besuche von Humboldt und Campe, -- und
der letztere bot Anla zu einem Exkurs ber die derzeitigen
Erziehungsknstler Deutschlands, die allesamt bel wegkamen, mochten sie
nun Campe, Salzmann oder Willaumez heien, -- da waren die jngsten
Schikanen des katholischen Universittskuratoriums gegen den
protestantischen Herrn Bibliothekar, der doch wei Gott an Toleranz
nichts zu wnschen brig lie, wie es sein Aufsatz in der Berliner
Monatsschrift bewies, der die Proselytenmacherei entschuldigte, wenn
nicht gar in Schutz nahm. Hatte Huber ihn gelesen? Und gehrte er etwa
zu den Leuten, die den Standpunkt des Verfassers nicht billigten? O, das
gab eine endlose Diskussion! Die Kerze war niedergebrannt und die
Mitternacht sang vom Dom, von St. Peter und allen ihren Schwestertrmen,
als Huber sich den Weg zwischen dem aufgestapelten Hausrat hindurch zur
Strae suchte.

Er ging wieder wie ein Schlafwandler, dachte George, und ich redete
wie ein Traumschwtzer, und hier wird Therese liegen, die Augen gro
offen, und wacher sein als wir alle ...

Er ffnete leise die Tr der Schlafkammer und wie er gedacht, fiel der
Schein seines Lichtes auf Theresens Gesicht, das ihm aus den Kissen mit
reglosem Lcheln entgegenblickte.

Er blieb ja so lange, sagte sie ohne sich zu rhren, als George neben
ihr lag.

Wir hatten hchst angenehme Konversation, -- er ist ganz der alte, du
kannst versichert sein. Iffland fhrt nun sein Stck auf, ich fahre mit
ihm nach Mannheim. Da keine Antwort kam: Du hast recht, -- ich wollte
in diesem Jahr nicht mehr reisen. Jedoch dieser Katzensprung, -- und es
ist Freundespflicht ...

Er drckte das Licht mit den Fingern aus, whlte sich wohlig in die
Kissen und sthnte behaglich. Sei es Reise, sei's Umzug, -- Vernderung
verjngte sein Herz. Er hustete ein wenig.

Ich habe ihm, -- ich habe Huber die beiden Mansardenzimmer oben
angeboten, von denen wir nicht wuten, wie sie verwenden ...

Dies tat ich, fhlte er unter dem rasenden Klopfen seines Herzens voll
Verzweiflung, weil mir nichts anderes brig bleibt. Weil es besser ist,
sich mit der Brust in ein Schicksal zu strzen, als das Zustoen des
zaudernden Schwertes abzuwarten. Dies tat ich vielleicht, um die Gtter
durch Demut zu vershnen ...

Er will es noch berlegen, fuhr er fort, die Hnde auf die Brust
gepret, als neben ihm kein Laut Antwort gab. Ich denke aber, er knnte
es gar nicht besser treffen. Er zahlt fr Kost und Logis, er rechnet
ganz zur Familie, es wird seinen Gewohnheiten gut tun und unsern
Mittagstisch beleben ... Nun, ich wrde mich freuen.

Du hast ihm die beiden Mansardenzimmer angeboten! Mein Gott, -- George!
-- mein Gott ...

Was denn, -- Therese?

Lachte sie in der Dunkelheit?

La nur gut sein, George, la gut sein.

Sie schwiegen. Sie rhrten sich nicht mehr. Die Zeit verging. Nach einer
bangen Stunde flsterte er: Therese! und noch einmal: Therese! --
Mde kam ein Ja, George -- was ist?

Ach, -- wenn ich noch ein wenig Baldrian htte ...

Sie machte Licht. Sie reichte ihm die Tropfen. Er sah ngstlich in ihr
Gesicht und fand es mde, still und khl. --

                   *       *       *       *       *

Der Professor Wedekind, sein Glas in der Rechten, die blauen Augen in
dem angenehm gerteten viereckigen Gesicht schiefgeneigten Hauptes und
schwimmenden Blickes empor zu dem neuen Kronleuchter erhoben, schlo
seine Tischrede: ... und da denn wir Hannoveraner und anderen
Auslnder, Protestanten und anderen Ketzer, Kosmopoliten und Freigeister
hier unter uns sind -- ich bitte denjenigen um Verzeihung, der sich
nicht zu uns zhlt ... Die alte Frau Wedekind, Madame Mre genannt,
wiegte mit vorgeschobenen Lippen den hochtoupierten Kopf, machte tadelnd
kleine Schnalztne und rollte die Augen nach seitwrts zu ihrem
Nachbarn, dem Professor Dorsch hin, -- allein Monsieur l'Abb schien
durchaus nicht anders als angenehm berhrt, sa zierlich aufgesttzt da,
meckerte ein wenig und spielte mit Brotkgelchen, -- da wir denn heut
zum erstenmal allhier versammelt sind, wo unser groer Freund und
Welteneroberer nun hoffentlich die bleibende Statt gefunden, so bitte
ich die geneigte Tafelrunde einzustimmen in meinen Ruf: diese Herberge
der Musen, dieser Hort der Aufklrung, -- das Haus Forster vivat hoch!

Die Glser klangen aneinander. Wedekind, der seiner Nachbarin Therese am
oberen Ende der kleinen ovalen Tafel die Hand gekt hatte, kam nun auf
halbem Wege George entgegen und ward in heller Rhrung umarmt.

Freunde, ihr wit, da ich mit einer schweren Zunge geschlagen bin,
redete George, ber seinen Teller gebeugt und den Fu seines Glases
drehend, als die Bewegung begeisterter Zustimmung sich gelegt hatte,
ihr seht es mir deswegen auch nach, wenn ich nicht in geziemender
Ansprache danke. Aber sagen mu ich es, da ich, -- ich und mein liebes
Weib, -- da wir nun nach dem ersten Jahr in Mainz das Gefhl einer
Heimat in uns keimen fhlen, und mich dnkt, das liegt weniger an der
Gunst des Ortes als an den freundlichen Herzen, die wir uns hier
bereitet fanden. Ein stilles Glas der Freundschaft!

Er suchte Hubers Augen, whrend er trank, allein Huber, in ein
kicherndes Geschwtz der Forkelin verflochten, blickte nicht herber und
George fand sich alsbald ein wenig beschmt von Smmerrings treuem
Hundeblick, in dem ein stiller Vorwurf zu stehen schien. ^For ever!^
rief er halblaut ber den Tisch, lchelte und nickte.

Man sollte dem Herrn Geheimenrat eine schwere Zunge gar nicht glauben!
lispelte die kleine Madame Dieze an seiner Linken und sah demtig zu ihm
auf.

George, ihr zugewandt und versichernd, freilich sei es an dem und auf
dem Katheder versagten ihm gar die Worte den Gehorsam, indessen, wenn er
das eine oder andere Glschen Liebfrauenmilch getrunken habe, wie soeben
...

Ei, so wrd' ich mir an des Herrn Geheimenrats Stelle des fteren ein
Glschen Liebfrauenmilch verschreiben! Der selige Dieze nannte das
medizinieren ...

George unter solchem Geplnkel der alten Dame dachte, da die geblmte
Tapete, da die neuen punktierten Mullgardinen samt den zwei schmalen
faettierten Pfeilerspiegeln und dem kleinen Kristallkronleuchter diesem
Zimmer wahrlich einen Anstrich festlicher Vornehmheit verliehen, --
dachte: Therese sieht heut abend so bleich ... dachte, die englische
Mahagonistanduhr will immer noch nicht wieder schlagen, sie mu auf der
Reise gelitten haben, sie mu einen andern Platz bekommen, -- dachte in
irgendeinem Zusammenhang: Unsinn, Spener wird den Vorschu schon
abgesandt haben ... und wieder: Therese sieht heut abend so bleich
...

Kann ich dir etwas besorgen, meine Liebe? rief er, sich halb erhebend,
denn er bemerkte pltzlich, da sie suchend umhersah. Aber da stand
schon Huber neben ihr, empfing lchelnd einen geflsterten Wunsch, glitt
hinaus, kehrte wieder, verbeugte sich von seinem Platz aus ein wenig,
bekam ein dankbares Lcheln, -- die Marie erschien, brachte der Frau
Rtin das Schnupftuch, das hastig bentzt wurde, -- oh, darum handelte
es sich! -- Huber bekam einen zweiten lchelnden Blick und er, George,
nun auch ein Nicken, das Tchlein verschwand im Brustausschnitt ...
George nahm ein paar Schlucke, dachte erschpft: Smmerring trinkt zu
viel, er ist schon ganz traurig geworden, und fhlte seinen Geist
pltzlich belebt wie von einem Sporenstich durch einen Satz ber Paris,
den Dorsch da unten sprach. Paris, -- o, freilich wohl, Paris!

Geht es Ihnen auch so, Freund, da Sie meinen, leichter atmen zu
knnen, seit die Spannung dort oben sich entladen hat?

Dorsch sphte mit seinem kleinen nackten Gesicht um den mchtigen Vorbau
von Madame Mre herum.

Ei, Verehrtester, tragen Sie ein so feines Instrument fr den Luftdruck
der Zeit in der Brust? Es lie sich dies alles voraussehen, ja, mit der
Uhr in der Hand vorausbestimmen. ^Mon dieu^, nein, ich kann nicht
behaupten, da ich vorher litt und nun leichter atme.

Oh, Sie meinen, ich affektiere den Geisterseher und Mesmeristen, aber
bei Gott, dies nicht! Ich war nie ein Politikus, mein Allerbester, ein
jeder, der mich kennt, wird es Ihnen bezeugen ... und George warf einen
lchelnden Blick hinber zu Smmerring, der die Augen zur Decke hob und
die Hand abwehrend bewegte, -- ich war also auch nie ein bewuter
Beobachter der Machtstrmungen und frstlichen Machenschaften. --

Aber was gibt es denn Interessanteres als mitzudichten an dem ^theatrum
mundi^?

Ah bah, mich langweilt das, so lange ich denken kann. Kein braverer
Untertan als ich, so lange die Sache meines Frsten die Sache der
Menschheit und der Menschlichkeit ist! Hrt sie auf das zu sein ...

Dann nimmt unser Forster den Stab in die Hand und sagt: ^ubi bene^, da
Vaterland, ho ho! rief Wedekind krftig, und von seinem Gelchter
klirrten die Glser auf dem Tisch. Therese bot erschrocken die Schale
mit Obst noch einmal an und sagte in unterdrcktem Tone zu Smmerring:
Wie kommen wir nur auf diese leidigen Themata? Der eine gert ins
Schwrmen, der andere verfllt auf Grobheiten.

Da sie jetzt auch immer auf den Frsten herumhacken mssen! schmollte
die Demoiselle Dieze und gebrauchte den Fcher.

Ich pflege mich nie politisch zu enragieren, sondern immer nur
menschlich, fuhr George mit einem kalten Blick in die Richtung des
selbstzufrieden schmunzelnden Wedekind fort, habe da freilich mehr als
mancher andere Anla gehabt, Despotismus und Ungerechtigkeit am eigenen
Leibe zu erfahren.

Mein Gott, Smmerring, so bringen Sie ihn doch auf etwas anderes!
Gleich wird er bei England angelangt sein! murmelte Therese, und ihre
Augen wanderten gleichzeitig hilfesuchend zu Huber hinber.

O, ein Europa ohne Frsten, -- welch eine Szene ohne Saft und Kraft,
ohne Farbe und Musik! rief dieser bereitwillig.

Nein doch, Huber! Sie sollen doch lieber von Stalaktiten oder Meteoren
reden als von Frsten! lachte Therese vorgebeugt halblaut, whrend
George, die Stimme erhebend, ohne irgend welchen Einwurf zu beachten,
fortdozierte:

Der Einzelne, meine Freunde, der hervorragende Einzelne, der sich
seiner symbolischen und stellvertretenden Bedeutung fr die Menschheit
bewut ist und an vorgeschobenem Posten heftiger unter dem Druck der
Knechtschaft leidet, als das arme dumpfe Volk, -- nun dieser Einzelne,
als der ich mich fhle, wie jeder unter uns im Namen der Menschheit sich
fhlen sollte, -- hat der nicht ein Recht, aufzuatmen, wenn irgendwo der
Wille zur Freiheit seine Ketten sprengt und hervorbricht, um sich
auszubreiten wie ein fressendes Feuer?

Aber was ist Freiheit?

Lieber Huber, Sie sind der Mann der skeptischen Seufzer! Was ist
Schicksal? fragten Sie neulich ...

Wir sollten, lie sich Dorsch, nunmehr ganz verborgen hinter dem
Bollwerk von Madame Mre, mit krhender Kathederstimme vernehmen, wir
sollten doch weniger ber den Willen zur Freiheit als ber die Freiheit
des Willens disputieren!

Wenn Sie nur Ihren Kant anbringen knnen! Hier handelt es sich nicht um
die Grundelemente der Vernunft ...

Dann freilich ...

Sondern um die Bedingungen, unter denen unsere Vernunft sich ihrer
gttlichen Natur erst bewut werden kann.

Ist sie gttlich, so ist sie unbedingt.

Mein Gott, Sie wollen mich nicht verstehen. Nehmen Sie einen Menschen
von guten Anlagen, man hat ihn von Jugend aus unterdrckt, seine Kraft
ausgenutzt, sein Blut gesogen, -- was sag ich? -- hat ihn mit Fen
getreten, ihm alle Bildungsmglichkeiten unterbunden, ihn nur zu
Fertigkeiten abgerichtet, die sich lohnten, um von der Hand in den Mund
zu leben, hat Belohnungen unterschlagen, die ihm zukamen, -- -- o, meine
Freunde, dies ist ein Gleichnis und ich spreche von dem franzsischen
Volke, das gewi nun bald dazu kommen wird, ber die Freiheit des
Willens nachzudenken, nachdem sein Wille zu dieser Freiheit sich einmal
manifestiert hat.

In das betretene Schweigen hinein, das auf diesen Ausbruch folgte, sagte
Madame Mre angstvoll:

Der Herr Geheimerat glaubt aber doch nicht, da wir in unserm
Deutschland hnliche ^horreurs^ erleben knnten wie in Paris?

Ach, ^chre maman^, dazu sind wir Deutschen doch viel zu geduldig und
langweilig!

Silence, Dorothe!

Frau Forkel lie eine unehrerbietige Zunge sehen, kicherte und knackte
weiter Nsse auf, mit denen sie ihre Nachbaren Huber und Dorsch
versorgte.

Therese, mit einem starren Gesichtsausdruck auf diese vergngte Gruppe
am Tischende ihr gegenber blickend, sagte langsam, als machte das
Sprechen ihr Mhe:

Und wir Deutschen lassen Worte das Handeln ersetzen und die Schwrmerei
ins Groe lst den Willen zur Tat ab ... Sie hob die Tafel auf. Im
Nebenzimmer, dem Zimmer des grnen Kanapees und des Mahagonibureaus,
stand die neue glserne Servante, deren Inhalt bewundert werden mute.
George schlo auf und holte mit zrtlichen Hnden die Figur der Chinesin
aus der Berliner Porzellanmanufaktur heraus.

Lassen Sie sehen, Freund! Dorsch, mit der Stielbrille vor den Augen,
tnzelte angeregt nher. -- Ah, diese satten Farben, dieser sanfte
Schmelz! Vortrefflich, exzellent! Eine kostspielige Liebhaberei! Aber
sehr schn! Sehr artig! -- >Sie haben Sauereien geschrieben, Heinse, --
aber sehr schn, sehr artig!< hat unsere Eminenz neulich zu dem
Verfasser des >Ardinghello< gesagt, -- ha ha! Er blickte
beifallsfreudig in die Runde. Huber machte ein hochmtiges Gesicht. Eine
dnne kleine Stimme wurde pltzlich hrbar und bertnte klagend die
Unterhaltung, die Professorin Dieze erhob lauschend den Zeigefinger und
Madame Mre, neben ihr auf dem grnen Kanapee, nickte gerhrt:

O, -- die jngste Demoiselle!

Ich sehe, was es gibt!

Huber hatte mit einem beruhigenden Lcheln ber die Schulter zurck das
Zimmer verlassen, noch ehe Therese sich hatte erheben knnen.

Ein brauchbarer Page, bemerkte Frau Forkel irgendwo in die Luft
hinein.

Sie haben wohl einen recht angenehmen Hausgenossen an ihm?

Madame Mre hatte Blick und Haltung eines Groinquisitors.

Er liebt die Kinder so, -- o, ich danke Ihnen, mein Lieber, -- Lise ist
in der Kammer, sagen Sie? Ja, ich danke Ihnen -- und -- wollten Sie
nicht mit Fiekchen noch ein wenig musizieren? --

George, mit Wedekind, Smmerring und Dorsch am Spieltisch sitzend, hob
den Kopf, als Huber begann, auf dem Spinett zu prludieren. Fiekchen
hielt den kleinen Gttinger Almanach in der Hand, das herausgetrennte
Notenblatt stand vor Huber. Und Fiekchen sang:

   O Jngling, warum liebst du mich?
   Wie gern, wie willig liebt' ich dich, --
   Doch, ach, du kennst mein Los!
   Ich fhl', obschon du mir's verhehlst,
   Nur allzu oft, wie du dich qulst,
   Und wein' in meinen Scho.

   Ach, ziehe nicht vor meinem Blick
   Den deinen so betrbt zurck
   Und schone meiner Ruh'!
   Oh, wre dieses Herz noch mein,
   Es sollte dein auf ewig sein
   Und meine Hand dazu.[1]

[Funote 1: Das Mitleiden von W. G. Becker, Gttinger Musenalmanach
1788.]

Hm, -- auch ein Seufzer nach Freiheit! meinte Wedekind und spielte
aus.

Zu dem die Demoiselle meines Wissens keinen Anla hat, -- ^au
contraire^, sie scheint mir eher der Freiheit mde zu sein, bemerkte
Dorsch mit einem pfiffigen Blick auf den mrrisch-teilnahmslosen
Smmerring.

George dachte zum drittenmal an diesem Abend: Therese sieht so bleich,
und dachte: das Wochenbett hat sie allzusehr angegriffen ... Er
brachte Verwirrung in das Spiel und verlor, weil er die Augen und seine
Gedanken immer wieder zu der kleinen Gestalt hinberwandern lie, die da
so hilflos in dem groen Lehnstuhl kauerte. -- --

                   *       *       *       *       *

Wann habe ich sie denn je genug geliebt? dachte George und ging leise
durchs Haus, als lge irgendwo ein Schlafender, der nicht geweckt werden
durfte. Seit dem Herbst, -- ja, seit die kleine Claire auf der Welt war,
versicherte er sich, -- war Therese verndert, war in ihrem Wesen etwas
Neues, das ihn ratlos machte und erschtterte, eine Geduld war da, eine
Sanftmut, eine Bereitschaft fr ihn, auf die zu hoffen er lngst
aufgegeben hatte, -- oh, und er begriff nicht ganz, aber er war namenlos
gerhrt, die Trnen kamen ihm zuweilen, wenn er ihr stilles Wirken
vernahm und die kleinen Lieder hrte, die sie vor sich hinsummte. Andere
singen aus Frhlichkeit, wute er, Therese singt wohl aus einer
unendlichen Wehmut des Herzens, und weil sie nicht weinen will, -- aber
er dachte nicht weiter, hchstens kam ihm die Erinnerung an die endlosen
Lieder der Wolgaschiffer. Er war sehr krank in diesem Winter, das alte
skorbutische bel war wieder da und durchwhlte seinen Krper,
ausbrechend in strmenden Katarrhen, schmerzhaften Anschwellungen aller
Gelenke und Migrnen, die ihn nahezu erblinden lieen in rasender Pein.
Aber war es nicht gut, sich pflegen zu lassen? Anerkennung zu ernten
dafr, da man trotz aller Bresthaftigkeit am Schreibtisch sa, dafr,
da man der Geplagte, der Unermdliche, der Tapfere war? Sie waren wohl
alle drei ein wenig krank, auch Huber, der so lautlos kam und ging und
so bla war und still wie der Mond, gar nicht mehr genialisch
hereinstrmte und trb und wild in den Ecken lehnte wie einst. Es war
fast unmglich zu denken, da er einmal bei den Mahlzeiten nicht
dabeigewesen war, fand George, denn es gab nun doch eine Art des
Ideenaustausches, der mit einer Frau nicht zu unterhalten war, so
anmutig und unentbehrlich Theresens Einflle auch waren. Es gab einen
aufmerksamen Hrer am Tisch, einen, dessen stumme, unbedingte
Bewunderung einstmaliger und gegenwrtiger Leistungen zu einem
Bestandteil der huslichen Atmosphre wurde, ohne die nicht mehr recht
zu leben war. Man hatte einen Berichterstatter vom Hof im Hause, der nun
wahrlich das ^theatrum mundi^ aus erster Hand geno und mit der
Wiedergabe seiner Eindrcke nicht sparsam war; man konnte also den
groen Herren ein wenig in die Karten sehen, und das war auerordentlich
lehrreich. Im brigen tauschte man seine schngeistigen Korrespondenzen
aus, und die Briefe Jakobis und Lichtenbergs, Krners und Schillers
boten Anla zu den erbaulichsten Gesprchen. Der Ablauf des Tages war
unerschpflich an Dingen, der Errterung wert; es war nicht ntig, von
sich selbst zu sprechen. Bisweilen geschah es wohl, da Huber schon am
Teetisch anwesend war, wenn George, vor Mdigkeit taumelnd, aus seinem
Kabinett herberkam. Doch da waren die Herren Thmmel und Hermes,
sonderlich aber der Herr Lafontaine mit seinen allerliebsten Erzhlungen
von der Gewalt der Liebe, oder die unschtzbare Madame Naubert mit
ihren lehrreichen und poesievollen Romanen, zum Exempel dem Alf von
Dulman. Dies waren die Herrschaften, die George immer antraf, wenn er
das Zimmer des grnen Kanapees betrat und Huber dort schon am Teetisch
bei Therese fand, und hrte er nicht schon vom Saal her, -- das Zimmer
des immer noch neuen und heimlich sehr geliebten Kronleuchters fhrte
den Namen eines Saals, -- die monotone Stimme des Vorlesers, so vernahm
er die Tne des Spinetts, an dem Huber sa und leise spielte. Ja, dieses
war gewi: man hatte sich untereinander wohl vieles zu erzhlen, man
hatte sich aber wenig zu sagen. Ein langes Schweigen lste sich zuweilen
in ein Lcheln auf, es lchelte Therese, die vielleicht lange ins Licht
gesehen hatte, und beugte sich wieder ber ihre Arbeit, es lchelte
Huber und sah aus wie ein ertappter Knabe, es lchelte dann auch George
vor sich hin. Dies alles war sehr gut, fand er. Denn was konnten
Menschen einander Besseres erweisen, als sich so zu schonen, wie sie es
gegenseitig taten, miteinander den Weg zu gehen, den weiten, weiten Weg,
und ber die Beschwerden des Tages hinweg nach dem verborgenen Ziel zu
sphen? --

So war der April gekommen, und sichtbar ber den Horizont stieg die
Verwirklichung eines Projektes, das seit Monaten in Briefen und
Unterhaltungen hin und her gewendet, nach allen Seiten erwogen und
vorbereitet worden war, des Planes einer Reise in die Niederlande, nach
England und nach Frankreich, auf der George als Mentor den jngeren
Bruder Wilhelm von Humboldts, Alexander, begleiten sollte. Es war
unmglich, die Vorzge einer solchen Reisemglichkeit fr ihn zu
bersehen, indessen ward George nicht mde, sie immer von neuem
aufzuzhlen, als mte er sich verteidigen, da er an solche
Unternehmungen dachte, allein und ohne die Absicht, Therese mitzunehmen.
Jedoch, die Kinder, -- nicht wahr? Und die in diesen Zeiten nicht wieder
einzubringenden Kosten, die den Luxus einer bloen Vergngungsreise
verboten. Er hingegen, er flog eben aus, wie die Biene, die Honig sucht,
Beobachtungen, die Stoffe zu ganzen Bchern enthielten, wrde er
einsammeln, an Ort und Stelle Eindrcke der groen franzsischen
Umwlzung einheimsen, in den Londoner naturhistorischen Kabinetten die
notwendigsten Studien zu dem groen Werk ber Pithekologie machen, das
er mit Smmerring dann alsbald in Angriff nehmen wrde, einem
epochemachenden Werk ber die Verwandtschaft des Menschen mit der
Tierwelt ...

Und das ^Descriptio Plantarum^? Und die Geschichte der Sdseeinseln?
hatte Therese bei der Erwhnung dieses Reisezweckes einmal ganz
beilufig gefragt.

Dafr wrde er Verleger und Untersttzung in London eher finden als in
Deutschland, und nur der Aussicht auf eine erfolgreiche Drucklegung
bedrfe es noch, um dieses Buch zur Kristallisierung zu bringen, da denn
sein Material lngst fertig dalge! Ob sie etwa geglaubt htte, er liee
dies Lieblingskind seines Geistes einfach fallen? O, sie hatte gar
nichts geglaubt, -- sie hatte nur so gefragt. Und warum dieser
Seufzer? Aber sie htte wirklich nicht geseufzt, ihres Wissens nicht,
-- sie htte nur an den alten Herrn, an seinen Vater denken mssen. Und
George, weit entfernt davon, den Gedankengngen nachzuspren, die von
seinen Projekten zu dem Knig Minos gefhrt hatten, sagte eifrig: Du
hast recht, -- auch um seinetwillen ist es von Wichtigkeit, da der Name
Forster in London wieder genannt wird und an die Gewissen schlgt!

Ja, hoffst du denn immer noch?

Mein Kind, der, der sich seines Rechtes bewut ist, hofft nicht, er
wei! -- -- --

                   *       *       *       *       *

Am Nachmittag des ersten Mai kam der kurfrstliche Leibarzt Geheimer Rat
Hofmann dem in Begleitung des Legationssekretrs Huber gemchlich die
Tiermarktstrae in der Richtung der Groen Bleiche hinaufschlendernden
Hofrat Forster entgegen, grte und sagte mit dem Pathos des ironischen
Plebejers: Ich bin gewrdigt worden des Anblicks von _Ihrer_ Eminenz,
der Baronin von Coudenhoven. Sie saen mit Erlaucht der Grfin Ingelheim
in einem karmoisinroten Staatswagen, wurden von vier fetten
Apfelschimmeln gezogen und geruhten nicht, den Staub zu ihren Fen zu
bemerken, welch selbiger doch eine gewisse Vertrautheit mit jedem
Hhnerauge dieser Fe nicht verleugnen kann. Ich bin gewrdigt worden
des Anblicks so vieler Schnborns, Bassenheims, Eltzens, Greiffenklaus,
Wolffs, Dnewalds, da meine geblendeten Augen schmerzen und ich nun
wahrlich berzeugt bin: der Frhling ist da -- denn ein hoher Adel fhrt
wieder spazieren!

Die erste Piroutchade! rief Huber mit hochgezogenen Augenbrauen
vergngt und sphte nach der Groen Bleiche hin, wo an der Mndung der
Tiermarktstrae vorber ein ungemein buntes Gedrnge von Menschen und
Wagen sich schob. Pnktlich mit dem ersten Mai nahm die Hofgesellschaft
den angenehmen Zeitvertreib der Korsofahrten wieder auf, und eine
schillernde Schlange von Karossen, Piroutchen und englischen Kutschen
wand sich die schnste und breiteste Strae der Stadt hinauf und
hinunter, whrend die promenierende Brgerlichkeit den Vorteil dieser
groen Modeschau und der Musik der beiden Kapellen geno, von denen die
eine im Schlogarten, die andere auf dem Mnsterplatz unverdrossen blies
und fiedelte. Die erste Piroutchade! sagte Forster mrrisch, also ist
die Groe Bleiche nicht passierbar! Er machte auf dem Absatz kehrt.

Ich meine doch, wir sollten versuchen, hindurchzukommen! Huber blickte
zgernd zurck. Wir vermeiden den Umweg und -- es ist ein so heiteres
Bild ...

Ersparen Sie es mir! Nehmen Sie an, das Gedrnge sei meinem
schmerzenden Kopf zu viel.

Nehmen Sie an, fuhr er fort, nachdem er den Stock heftig aufsetzend
ein paar Schritte getan hatte, ich ertrge diesen Anblick des
Miggangs im groen jetzt nicht. ^Vulgus stultum^ freilich betrachtet
so ein Schauspiel als sein gutes Recht, -- er ernhrt den Adel und will
das prchtige Tier, das er sich hlt, nun auch einmal in Freiheit
dressiert vorgefhrt haben.

Ihre Hypochondrie, Verehrter, lt Sie die Sache sehr schwarz sehen
oder schwerer nehmen, als sie es verdient. Reisen Sie! und reisen Sie
bald! Das ist mein Rezept fr Ihre Grillen.

Hofmann, den Bambus zwischen den auf dem Rcken gefalteten Hnden,
schritt breit, aufrecht und schmunzelnd neben dem Gebckten. Sie
berquerten den Tiermarkt und schlugen die Richtung zum Dom ein. Ich
kann gleich ein paar notwendige Kommissionen machen, sagte George
tonlos zu Huber, und wischte sich die Stirn ab, wenn man doch einmal
unterwegs ist ...

Unsere braven Kurmainzer zumal, drhnte Hofmann weiter, fassen die
Sache nicht anders als im wackeren Untertanenverstand auf und finden es
natrlich, da der Frst wie ein Frst lebt und der Brger als Brger.

Sie haben da eine recht moderierte Anschauung. Sollten Sie bei Ihrer
exponierten Stellung noch nie unter dem Undank der Groen gelitten
haben? Was sagten Sie soeben von -- Ihrer Eminenz, wie Sie so witzig
bemerkten? Und Seine Eminenz -- ^il a le besoin d'tre ingrat^, hrte
ich raunen. Denken Sie an Mller ...

Mller war nach einigen Auftritten mit dem Kurfrsten, die der
ffentlichkeit nicht entgangen waren, drauf und dran gewesen, aus dem
Kabinett auszutreten und nur mit Mhe bewogen worden, zu bleiben, -- wie
es verlautete, durch den Einflu seiner schnen Gnnerin von
Coudenhoven.

Hofmann, stirnrunzelnd, erwiderte nachlssig die Gre einer
Studentengruppe, um gleich darauf den Hut sehr tief und devot vor einem
Offizier in goldberladener Uniform zu ziehen, der mit einer kurzen
Gebrde abwinkte.

Der Baron Erthal hat, seit er den Kurhut errungen, der Welt nicht nur
zwei Gesichter gezeigt, wie der hochselige Janus, sondern mindestens
deren sechs. Als er antrat, nannte das Volk ihn nicht unbegrndet >das
fromme Herrchen<, sobald er aber fest im Sattel sa, fing er an, die
Masken nach Bedarf zu wechseln, und heut ist er imstande, Ihnen etwas
daherzufreigeistern, da einem Maul und Nase offenstehen bleiben. Der
alte Emmerenz Joseph, das war ein anderer Kerl ...

Der Geheime Rat Hofmann tat bei diesen Worten einen unerwarteten Schritt
zur Seite und war auf einmal nicht mehr vorhanden. Forster, verwirrt um
sich blickend, gewahrte einen knienden Mann, einen gebeugten breiten
Rcken, darauf der schwarz umwickelte Zopf lag, ein unbedecktes Haupt:
hinter vorangetragenem Kruzifix, von weihrauchfaschwenkenden Chorknaben
umgeben, war ein Priester mit dem Allerheiligsten aus einer Seitengasse
gebogen. Die Fugnger wichen zur Seite, Damen, Bauern neben ihren
Gemsekarren, Kinder, Soldaten, Brgersfrauen sanken am Straenrand hin
wie niedergemht.

Schabbesdeckel runner! Verfluchter Jud! rief ein Schusterjunge hinter
Huber und Forster drein.

Ich mu zum Buchbinder Chulmann, auch zum Sattler Hebensperger, sagte
George leise und nervs, was meinen Sie, Therese wird ungeduldig werden
im Grtchen? Wollen Sie vorangehen? Ach nein, verlassen Sie mich nicht,
allein bin ich den leibrztlichen Opinions nicht gewachsen.

Er nahm Hubers Arm, fast als wollte er sich sttzen.

Und da kommt sein Namensvetter ...

Sie tauschten eine zeremonielle Begrung mit dem Professor der
Geschichte Hofmann, der, im langen blauen Schorock und hohen
Schaftstiefeln, kurz, breit und stmmig, von einigen Schlern umgeben,
aus der Richtung der Universitt her ihnen entgegenkam.

Erthal, wollte ich nur sagen, ist von einem Kaliber mit dem starken
Mann von Lttich, fr den unsere braven Burschen sich nun bald die Kpfe
blutig schlagen lassen drfen, sagte der Leibarzt ein wenig schnaufend,
sie wieder einholend und auf einen Trupp Soldaten in feldmarschmiger
blauer Montur deutend, die, von einer bung auf den Schanzen kommend,
die Beine ungeheuer mutig gen Himmel warfen.

Haben Sie einmal preuisches Militr gesehen, -- Infanterie des alten
Fritz? Ich kenne nun doch die Soldateska aus mancher Herren Lnder, aber
das Bild, wenn die Wache unter den Linden in Berlin aufzieht, wird
nirgends annhernd erreicht. Fleischgewordene Kantsche Philosophie ...

Und doch schickt Preuen die Pfaffensoldaten gegen Lttich vor!

Hach, mein Lieber, das ist Politik! Zudem -- es ist nicht mehr das alte
Preuen! Denken Sie daran, wie die Liga Wllner und Bischofswerder den
Berliner Hof unterwhlt und reden Sie nur wieder vom Zauber der Kirche,
der erhalten bleiben mte, wie neulich!

Sie haben mich wieder einmal so grndlich miverstanden! Huber geriet
in sanfte Erregung.

Sie meinen, das wren keine Pfaffen? Oh, mein Freund! Ihnen fehlen da
Einblicke! Das sind die Pfaffen in der Potenz!

Mitten auf dem Fruchtmarkt blieb Huber stehen und rief mit einer
beschwrenden Bewegung: Hren Sie mich an! Lassen Sie es mich noch
einmal auseinandersetzen!

Die Herren mssen gestatten, da ich mich verabschiede! Ich habe
Dienst. Hofmann schwenkte den Hut und steuerte mit grozgiger
Eindeutigkeit auf ein kleines Kaffeehaus im Schatten des Domes zu. Huber
redete leidenschaftlich: Ich sprach davon, da wir in Tagen des
gestrten Gleichgewichtes leben, des gestrten Gleichgewichtes zwischen
Macht und Masse. Zwischen diesen beiden Schalen der Wage hat der Geist
den Ausschlag zu geben, und wir, wir freien Mnner vom Geist sind es,
die ebensowohl die Rechte des Volkes gegen die Machthabenden, als jene
Macht der Regierenden und der Kirche gegen die unverstndigen Anlufe
des Pbels in Schutz nehmen mten ...

Jawohl, -- und Sie sprachen vom Zauber der Kirche. Fabelei, mein
Lieber!

Lassen wir diesen Punkt. Immer, wo Macht und Masse einander glcklich
und gleichmig durchdrangen, hat der Geist vermittelt. Es gab solche
Zeiten. Ihr Niederschlag liegt in den Werken der Knste vor uns und
zeugt von dem gesunden Verhltnis der Volksschichten untereinander. Ich
wte nicht, wo das besser zu observieren wre, als in einer Stadt wie
Mainz!

Er lie seinen schwrmerischen Blick von dem zierlichen Tempelbau der
Domprobstei zrtlich hinberschweifen zum Dom, der rtlich angestrahlt
von der sinkenden Sonne war. Sie gingen weiter. Forster, nachdem er fr
eine Minute die Universittsbuchhandlung am Speisemarkt betreten hatte,
fand beim Herauskommen den Freund gleichsam mit neugeschwellter Brust
und bebend wie ein ungeduldiges Ro vor, seufzte ein wenig und ergab
sich in die Rolle des Zuhrers. Vorber an den Gemse- und Blumenstnden
des Marktes gingen sie durch die Schuster- und Quintinsgasse zum Brand,
unter den grauen und rtlichen Husern mit den geschweiften Giebeln hin.
ber den geschnitzten, messingbeschlagenen Haustren flammten
durchbohrte Herzen, glhten in Nischen hinter schmiedeeiserner
Vergitterung rubinrot die Geheimnisse der ewigen Lmpchen. Goldene
Heilige von aufgeregter Inbrunst rangen an den Eckhusern in der Hhe
des ersten Stockwerks Beterhnde unter kleinen Schutzdchern, -- da war
am Brand die Maria, berschattet von der Taube des Heiligen Geistes,
hingebend wie eine Leda, und doch anders, schmerzlicher, -- Gottvater
von oben sah so ruhevoll zu. George dachte fremd: Dies alles liee sich
beschreiben etwa wie die Szenerie einer Sdseeinsel und -- Wie, wenn
ich nun Bilder aus den Niederlanden, aus England und Frankreich so
schriebe, als stellte ich in Europa unerhrte Dinge dar, nie erblickte
Wunder, -- wir haben das Sehen verlernt, das ist wahr! und hrte
whrenddem Huber begeistert reden:

Auf diesem Boden haben alle Volksschichten die Denkmler ihres schnen
und gesunden Einvernehmens hinterlassen, -- in Krze gesagt: hier hat
das Volk als Begriff einer hchsten Einheit sich wundervoll und
allseitig manifestiert. Frsten und Geistlichkeit, -- oder drcken wir
es so aus: frstliche Geistlichkeit, es mag seine Vorzge haben, wenn
diese beiden zusammenfallen, -- Adel und Brgertum haben in ihren
Palsten und Wohnhusern, in Kirchen und Zunfthallen, in den schnen
Toren und Brunnen, in der geistvollen Anlage der Festungswerke die auf
lange Zeit hinausredenden Zeugnisse fr ein heiteres In- und
Miteinanderwirken niedergelegt. Dies alles ist freilich Vergangenheit
...

Sie meinen also ungefhr, es sei ein chemischer Proze im Gange, der
die Elemente von Macht, Masse und Geist voneinander schiede und sie
isolierte ...

So da der heutige Zustand das vergebliche Bemhen der drei Faktoren
bezeichnet, sich neu zu durchdringen, -- und die Irrwege des Geistes,
der fortwhrend Verbindungen eingeht, die das Gleichgewicht, anstatt es
wieder herzustellen, nur noch mehr stren. So meine ich es!

Sehr gut! Sehr gut, in der Tat! Denken wir uns diese Bemhungen des
Geistes in den Anstrengungen des edlen Mirabeau verkrpert, so ist Ihre
Theorie glcklich illustriert. -- Aber hier sind wir bei Hebensperger.
-- Nun, Meister, was ist mit meinem Mantelsack, ich brauche ihn in
wenigen Tagen!

Gehorsamer Diener den Herren, ganz gehorsamer Diener!

Im grnen Schurzfell, umwittert von herbem Ledergeruch und den Gerchen
nach Lack und Wagenschmiere, kam der Eifrige die Stufen von der Haustr
herunter.

Da steht man nun und sieht nach dem Himmel und freut sich ber das
Wetterle, Gnaden, Herr Hofrat, der Petrus ist halt ein guter Mann und
wei, da der neue Staatswagen vom Hebensperger in der Piroutchade
mitfahren tut. Mit Ihro Gnaden der Frau Grfin von Ingelheim, Herr
Hofrat! Auf englischen Federn, Herr Hofrat! Karmoisinlack und
vergoldetes Gestell, goldfarbener Samt auf den Polstern -- und karmoisin
Blmchen, -- man tut vor lauter Vergnge lache, wenn man den Wagen sehen
tut! Aber halten zu Gnaden, Herr Hofrat, wenn ich der Herr Hofrat wre,
mit dem Mantelsack tt ich doch keine Reise mehr tun! Da htt' ich
Auswahl auf Lager, -- englisches Leder, Herr Hofrat! Wenn der Herr
Hofrat sich einmal hereinbemhen tten ...

George sagte errtend und schnell: Gleichviel, wie das Ding aussieht,
Meister! Ich kann nicht ohne es reisen. Flick Er den Schaden aus und
schick Er mir auch den Koffer in zwei Tagen!

Wenn der Herr Hofrat befehlen ... Aber da hat der Lehrbub im Futter
etwas gefunden, vielleicht ein Souvenir, -- sieht freilich aus wie eine
geweihte Mnze ... Er lief ins Haus und kam mit einem kleinen
Gegenstand zurck, den er in Georges Hand gleiten lie, -- ein rundes
Metallplttchen mit verwischtem Geprge. Huber beugte sich interessiert
darber.

St. Patrick, ^ora pro nobis^! las er, -- wie kommen Sie zu Irlands
Heiligen? Ein zeitgemer Schutzpatron, allerdings, denn: die
Freiheitsliebe der Irlnder wird immer lauter, -- wo stand das doch
neulich gleich?

George, in tiefes Sinnen versunken, reichte Larrys Souvenir an Toghiri
dem Meister zurck: Lasse Er es wieder einnhen, Meister, sagte er
langsam, -- es gehrt wohl dazu ...

Der Wackere blickte ihm kopfschttelnd nach:

Irgendwo spinnen tun die Ketzer doch alle ...

Aber nun wollen wir eilen! George straffte seine Gestalt und schlug
eine schnellere Gangart an. Die spte Nachmittagsstunde uerte ihre
Wirkung in seinem Befinden, ohne da er sich klar darber wurde, er
pflegte erst gegen Abend vllig zu erwachen. Vom Rhein her kam ihnen der
Wind angenehm fchelnd entgegen, George konnte es auf einmal nicht
erwarten, Wasser zu sehen. Sie durchschritten das Tor beim eisernen Turm
und George nahm den Hut ab, als grte er die stille Majestt des
Stromes, die wimpelfrohe Fahrt der Schaluppen, Lastkhne und
Segelschiffe, die ernste Lieblichkeit der Auen und drben das
sehnschtige Blauen der Taunusberge. An die Brstung der
Raimondi-Schanze gelehnt sprach er zaudernd, als suche er die Worte in
seinem Gedchtnis zusammen: So sollte man wohnen, -- so, -- einen Strom
vor den Fenstern, den Tanz der Mwen, das Schwanken der Rahen vor Augen,
-- es wre ein Surrogat der Meeresferne, der Reise ...

Und Trume eine Ablsung des Handelns, wrde Therese sagen, -- nicht
ich, mein Teurer! ergnzte Huber, verlegen lachend.

Sie ist von ungeheurer Spannkraft, von rtselhafter Energie, Huber,
nicht wahr? Es ist nicht immer leicht, ihr zu gengen, aber geben Sie
acht! Lassen Sie mich nur erst zurck sein! Er schob den Arm wieder in
den des Freundes, sie gingen dem Gartenfeld zu, wo Therese mit den
Kindern sie in dem kleinen Mietgrtchen erwartete. George pfiff den Ruf
der Schiffer auf dem Strom nach, inbrnstig und falsch. Reiseunruhe
zuckte ihm im ganzen Krper.

Als sie in den Heckenweg einbogen, rusperte Huber sich. Sie wnschen
also nicht, lieber Forster, da ich mir fr die Monate Ihrer Abwesenheit
ein anderes Logis suche? Oh, mein Gott, Sie sehen mich erstaunt an, --
es knnte doch sein, nicht wahr, es wre doch mglich, da Ihre Gte es
nicht selbst fordern wollte, und dennoch, der Wunsch Ihres Herzens wre
mir Befehl ...

Er verwirrte sich unter dem stillen Blick des anderen.

Mein Freund, -- ich verstehe Sie nicht, sagte Forster langsam.

Das Rschen sprang ihnen jubelnd entgegen, die Magd kniete auf einem
Beet und schnitt Spinat, Therese sa in der frisch umgrnten
Bohnenlaube, die kleine Claire an der Brust, und lchelte ihnen zu. Ach,
dieser Abend lag im wehmtigen Lichte des Abschieds. Dies enge Grtchen,
sonst von ihm gering geschtzt und vernachlssigt, wie war es traut und
heimatlich, eben weil es eng war! Wie blhten die Apfelbume und wie
blaute der klare Himmel so rosig-wei umgittert durch ihr Gezweig! Wie
hatten Kirschen und Stachelbeeren so lobenswert angesetzt, und wie die
Erbsen keimten, wie die Salatstauden standen, -- es war doch ein Staat!
Der Vater wrde nun mit dem Schiff wegfahren, das groe Wasser entlang,
und in ferne, fremde Lnder, erzhlte George dem aufhorchenden Kinde,
die warme kleine Hand in seiner und auf den schmalen Pfaden zwischen den
Rabatten spazierend. Bis er wiederkme, wrden die Kirschen rot sein und
vielleicht auch schon aufgegessen. -- Ich hebe Ihnen welche auf, Papa,
die allergrten! beruhigte das Rschen, -- das kleine Clairchen wrde
ein viel dickeres Clairchen geworden sein und Rschen wrde den Papa am
Ende ganz vergessen haben und nicht wiedererkennen. Das Kind sah
ernsthaft zu ihm auf: Wird denn so schnell alles anders, Papa?

Zuweilen doch, Rschen, zuweilen ... Er wandte an der Gartenpforte um,
die Gedanken um all die Mglichkeiten pltzlicher Vernderungen
kreisend, die bevorstehen knnten, wenn es ihm denn gelingen sollte,
Gelegenheiten wahrzunehmen. Der Garten war eng, der Garten war traut, --
aber die Welt so weit und das Groe noch nicht getan. Und da blickte er
zu Therese hinber in die Laube und sah sie dort sitzen, das Kind in den
Armen und sah Huber an ihrer Seite und wute nicht, was er sah und was
ihn so erschreckte. Sie sehen so -- geborgen aus, dachte er ratlos und
kam zgernd nher, als Therese rief: Kommst du denn gar nicht zu uns,
Lieber? --

                   *       *       *       *       *

brigens war es nicht seine Art, einen solchen Augenblick ahnungsvoller
Erkenntnis grbelnd im Gedchtnis zu tragen. Er verga ihn in der
nchsten Stunde, und um so schneller und grndlicher, als die
Reisevorbereitungen umfangreich waren und ihn ganz in Anspruch nahmen.
Sein erstes Reiseziel war Aachen, dort bei Jakobi wrde er den jungen
Humboldt treffen. Und nun vllig von seiner nchsten Umgebung abgelenkt
im Gedanken an den liebenswrdigen Schler, der ihn erwartete, schon
empfindend, wie der leere Raum im Wissen und in der Erfahrung des andern
die eigene Flle, den eigenen berflu unwiderstehlich ansog, bereits in
der nchsten bunten wechselnden Zukunft lebend, nahm er es kaum wahr,
da Therese, stiller noch und sanfter, als sie es in den letzten Monaten
gewesen war, unter dem Abschied unverhltnismig litt. Ihr Weinen am
letzten Abend erschtterte ihn. Er sa am Schreibtisch, um noch einige
amtliche Briefe zu erledigen, und fhlte auf einmal, da sie, die sich
bisher im Hintergrunde des Zimmers mit dem Koffer beschftigt hatte,
neben ihm kniete. Weiter schreibend tastete er mit der Linken nach ihr,
legte die Hand auf ihren warmen Nacken, sprte das Beben ihres Krpers
und legte erschrocken die Feder hin.

Was ist dir, Kind?

Er versuchte ihren Kopf aufzurichten, sie aber prete die Stirn nur noch
fester gegen ihn, umschlang ihn mit beiden Armen und lie unter
fortwhrendem Weinen minutenlang keine Worte hren, als Georgie! --
Ach, Georgie! -- Bleibe doch bei mir, Georgie! so da er schlielich
ganz ratlos stammelte, es sei doch nun alles vorbereitet und
beschlossen, und er kme doch auch wieder, und sie sei doch hier auch
gar nicht so allein. Ehe er aber dazu kam, die Freunde aufzuzhlen, die
ihr in seiner Abwesenheit zur Seite stehen knnten, sagte sie stockend:
Lieber, lieber Georgie! La mich doch nach Gotha fahren mit den
Kindern, zu den guten Reichardts! Ich wei ja, nach Gttingen ist es zu
weit, und der Vater fand es selber zu teuer, -- aber Gotha, weit du,
Gotha, das ginge doch und Amalie wrde sich so freuen ...

Da er schwieg, hob sie endlich den Kopf und blickte scheu zu ihm auf. Er
sah geqult vor sich nieder. Das htte doch alles langer Hand
vorbereitet werden mssen, Therese. Nun kommst du so in elfter Stunde
... Die weite Reise mit dem kleinen Kind ... Und hier der Haushalt mit
den Dienstboten ... Nein, ich verstehe es nun doch nicht ganz.

Nicht, Georgie?

Du sollst dich ja auch hier nicht langweilen. Fahr mit Lise und den
Kindern nach Eltville und auf die Auen, so oft ihr wollt, geh einmal in
die Komdie, du vernachlssigst das Theater ja ganz. Lade dir fters
Leute ein! Ach, und gute teure Freundin, -- ich werde dir ja so viele
Briefe schreiben! Nun?

Er versuchte, sie lcheln zu machen. Trnen in den Wimpern und auf den
Wangen blickte sie ihn tief, ernst, zweifelnd an. Dann erhob sie sich
seufzend, indem sie sich auf sein Knie sttzte, legte den Arm um seinen
Nacken und blieb neben ihm stehen.

Ich soll also hier bleiben, Georgie, -- du willst es, -- ich soll?

Er schwieg. Er malte langsam an einer Adresse. Dann sagte er: Ich wei
dich hier im besten Schutz der Welt.

Etwa in Hubers? fragte sie schnell.

In deinem eigenen, Therese, in dem unserer Kinder, sagte er leise.

Sie sah ihn mit bebenden Lippen an und hob die Hnde mit einer hilflosen
beschwrenden Gebrde. Aber sie blieb stumm. --

                   *       *       *       *       *

Er flog also wie beabsichtigt einer Biene gleich durch Brabant und die
Niederlande, das heit, er war der Reisende mit den offenen Augen, dem
empfnglichen Herzen, das Notizbuch in der Linken, den Stift in der
Rechten. Zuweilen glaubte er wahrzunehmen, da die Empfnglichkeit des
Herzens vollkommen abgelst sei durch die Routine des Kopfes, Eindrcke
abzufangen, einzuordnen und zu verarbeiten. Zuweilen glaubte er zu
erkennen, da nicht eigener, sondern der Enthusiasmus des jungen
Humboldt ihn beflgelte und ihm kurze Stunden des Rausches verschaffte.
Indessen htete er sich wohl, der Sache auf den Grund zu gehen. In
London, wo man beinahe fnf Wochen verweilte, fhlte er sich auf Schritt
und Tritt begleitet von dem Schatten des Verfassers eines gewissen
Schriftchens, das den Titel eines ^Tableau d'Angleterre^ trug, in den
letzten Jahren auf dem Kontinent ziemlich viel gelesen worden war und
den Anspruch erhob, ein getreues Portrait der kniglichen Insel zu sein.
Es war nicht eben von Zuneigung, nicht einmal von Anerkennung, kaum von
Gerechtigkeitsliebe getragen, das Schriftchen, es war geradeheraus
gesagt, eine hmische Karikatur, und es war durchgesickert, sein
Verfasser sei ein Herr Forster, ein Deutscher mutmalich, und
wahrscheinlich einer von den Forsters, die mit auf der Resolution in
der Sdsee gewesen waren. Es half einem gar nichts, da man das bse
Schriftchen laut fr ein obskures Machwerk, ein elendes Pasquill
erklrte. In diesem Schatten also, den der Knig Minos von Halle aus zu
werfen verstanden hatte, war die Atmosphre in London trotz der
Junisonne frostig und kalt. Es war nicht ratsam, bei dieser Witterung
den Samen zrtlich gehegter Hoffnungen und Ansprche neu auszusen.
England schien Forster sen. und Forster jun. gegenber ein besseres
Gewissen zu haben als je, ja, es schien sich ungerechtfertigterweise in
dem Bewutsein zu wiegen, Nattern an seinem Busen genhrt zu haben. So
glaubte George durchzufhlen. Da er aber die ganze Zeit ber klglich an
seinem hinflligen Krper litt, so ist anzunehmen, da er
berempfindlich war und auch den Einflu des groen Sir Joe Banks
berschtzte, von dem er an Therese schrieb, da er die Sdsee gepachtet
habe und keinem Buchhndler erlaube, irgendein Werk ber diese Breiten
in Verlag zu nehmen, das nicht seinen Namen auf dem Titelblatt trage.
Jedenfalls bestand der Ertrag des Londoner Aufenthaltes in wenig mehr
als in einer Abmachung mit einem groen Bcherjuden, ihm die neuesten
Erscheinungen auf allen Gebieten des europischen Buchmarktes monatlich
zuzusenden, ein gewissermaen negativer Ertrag, der vielleicht in etwas
wett gemacht wurde durch die Gewinnung des jungen Mr. Thomas Brand zum
Schler und Pensionr. Dieser blonde Jngling mit der Aussicht auf den
Titel und die Wrden eines Lord Dacre wrde, solange seine Sehnsucht,
Deutsch zu lernen, anhielt, einen lieblichen Strom blanker Guineen durch
das Haus Forster leiten. Aber George war entsetzlich niedergeschlagen,
als er von Dover abreiste. Er ging auf dem Verdeck des Schiffes auf und
nieder, dankte dem Himmel, da Humboldt in der Kajte Korrespondenzen
erledigte und er nicht zu sprechen brauchte, und brtete ohne Aufhren
und ratlos und mit gelhmten Gedanken ber dieser unfalichen
Versteinerung des Herzens.

Italien, dachte er, -- Griechenland, -- Indien! Ja, der Sden knnte
ihn vielleicht noch einmal verjngen. Und da war doch ein kleines Glck,
eine wunderlich schne Perle, die er mitnahm aus England, das war die
Bekanntschaft mit den ^Asiatic Researches^ des William Jones, in denen
jene seltsamen Spekulationen ^On the Gods of Greece, Italy and India^
standen, verborgene Pforten entriegelnd in den glatten Mauern, die
seit Jahrtausenden die Vlker voneinander schieden. Uralte
Stammbaumgemeinschaft erschlo sich: wer zu den gleichen Gttern fleht,
stammt von den gleichen Vtern her. Und diese Offenbarung Deutschland
mitteilen zu drfen, war das nicht ein Ergebnis seiner Reise, besser als
Gold, -- war nicht jenes kleine Buch in seinem Mantelsack, die indische
Sacontala in der englischen bersetzung von Jones, die er ins Deutsche
bertragen wollte, ein Fenster in Weltweiten, da er berufen war
aufzustoen und so den Deutschen einen alten Horizont zu sprengen? Ach,
fr Minuten von Trbsal befreit, vom Aufflammen niedergesunkener Gluten
befeuert, dachte er doch gleich verchtlich und bitter: was fragt
Deutschland nach mir? Deutschland lagert trge am Rand seiner Meere, es
fhrt nur aus, um Schellfisch und Hering zu fangen. Noch nicht zu sich
selbst erwacht, ohne Kern und Kristall, will es auch nicht wachsen, sich
nicht dehnen, die Erde erobern und ihr seinen Geist aufprgen.
Deutschland ist froh, wenn es satt wird und Stoff zu Spekulationen hat.
Ob ich ihm den Stoff bringe oder ein Chinese, das ist gleich, sie nehmen
alles aus Gottes Hand. Ich bin kein Englnder, ich bin kein Franzose.
Nicht Volk noch Vaterland braucht mich als Waffe, als Pfeil, als
Handhabe einer Sehnsucht. Was ich tue, tue ich auf eigene Verantwortung,
ein Einzelner unter Vereinzelten. Die Hand am Hut, den flatternden
Mantel eng um sich zusammenraffend sah er zum Horizont. Gut, -- wer
keinen Dank erhlt, ist niemand etwas schuldig. Schiffsboden ist mein
Vaterland -- und ^the Rakes of Mallow for ever^! Ein Wandermnch der
Wissenschaft, ein Zigeuner der Forschung ... Er ging mit breit
gestellten Beinen umher und pfiff, das Herz voll Wehmut und Trotz. Auf
einmal sah er, da Humboldt vorn am Bug stand, die Arme vor der Brust
gekreuzt, den Kopf zurckgeworfen, das unbedeckte Haar dem Winde
preisgegeben. Der und sein Preuen, fhlte er vergrmt. Oh, war das
Neid? Und pltzlich war er ganz erweicht, er wandte sich ab, Entsagung
gab ein Lcheln. Jngling, flsterte er vor sich hin, -- oh, Jngling,
Bruder, Freund -- und Erbe! --

Er nahm aus Paris den Abglanz mit, den das groe Feuer der begeisterten
Vorbereitungen zum Fderationsfest in sein Herz geworfen hatte, er sah
von den Hhen von Chaillot aus auf dem Marsfeld ein Volk vom Knig herab
bis zum Bettler dieses Fest singend zursten, auf da es _schn_
gefeiert werden knne, und so nahm er die berzeugung mit, da dies Volk
wrdig sei, die Sache der Menschheit zu vertreten. Er sah es nicht, oder
er wollte es nicht sehen, da dies nicht mehr war, als eine Verkleidung
des alten monarchischen Schferspiels zu demokratischer
Fltenbegleitung. Er labte sich schwrmerisch an dieser ungeheuren
Idylle, er berhrte den schneidenden Rhythmus des ^a ira^ und
schttelte den Kopf ber den schweren Ernst, den er auf den Zgen des
vergtterten Mirabeau lagern sah. Im brigen hatte er seine Geschfte,
Besuche und Studienvorstze mhselig genug unter namenlosem Widerwillen
abgewickelt, gehemmt von Anfllen frchterlicher Zahnschmerzen und einer
Schwermut, die er ratlos halb mit der Sehnsucht nach dem Meer, von dem
er sich diesmal mit unerklrlichem Leid losgerissen hatte, teils mit dem
Heimweh erklrte, mit dem unstillbaren Bedrfnis nach Therese und den
Kindern, -- mit zwei einander widersprechenden Gefhlen also, durch die
ein Dmon seinen Busen zu spalten versuchte. Er hatte unter diesen
grauen Schieferdchern gelitten wie ein lebendig Begrabener und segnete
jeden Abend, der sich zwischen ihn und jene Stadt legte. In sechs Tagen
gelangte man nach Straburg. Von Speyer an waren sie nur noch zu Vieren
in der Postkutsche, Humboldt, er, ein Jude, der in Geschften reiste,
und ein Unbekannter im grauen Habit, der zumeist schlief und sein
Reiseziel nicht verriet.

Er gleicht dem Herrn Selten aus >Sophiens Reise<, sagte Humboldt
halblaut zu George, er sieht ebenso edel und geheimnisvoll aus. Den
Juden htten wir auch, fehlen nur noch ein paar artige Frauenzimmer, um
die Gesellschaft komplett zu machen.

Die Juliglut wogte glastend ber dem Land, die reifen Kornfelder
rauschten golden und schwer, die Obstbume, berladen mit Frucht, lieen
die ste bis zur Erde hngen. Der Jude, mit unermdlichen Mausaugen
alles abschtzend, was irgend Handelswert haben konnte, und
zwischendurch seine Reisegefhrten beobachtend, begann alsbald, den
Kurfrsten von Mainz ber die Hutschnur zu loben, ihn einen weisen
Herrn, einen gerechten Herrn, einen Herrn, der nicht verachtete die
Handlung und das Geschft, zu nennen und dabei George so listig
anzublinzeln, da dieser keinen Zweifel hatte, einen Mainzer Stadtjuden
vor sich zu haben. Gott Israels! Wie blht sein Land! Wie mehren sich
seine Gter! Da er nun von den Reichtmern des Domkapitels berging zum
Glanz des kurfrstlichen Hofes, sich erstaunlich vertraut mit allerhand
innerpolitischen Mainzer Vorgngen zeigte, zum Exempel mit der
Entlassung des Geheimen Hofrats Mller, zu der es ja nicht gekommen sei,
-- Gott sei's getrommelt und gepfiffen! Taugt er sich mehr, der Herr
von Mller, als alle Dalberg, Albini und Sickingen zusammen! -- da er
sodann anfing, die Universitt zu loben, die grausam graue
Gelehrtenschul und wieder sagte, der kurfrstliche Herr sei so
tolerant, beschtzte die Ketzer und Juden, so war George darauf gefat,
sich in jedem Augenblick bei Namen genannt zu hren und im Hinblick auf
den Reisenden in der Ecke, der soeben einmal erwacht war und rgerlich
den pulverigen Staub von seinem Rock abklopfte, erwartete er die Lftung
seines Inkognitos mit einer gewissen lustvollen Spannung. Denn Journale,
ja Journale las die ganze deutsche Welt, -- und wer war da noch nicht
auf den Namen George Forsters gestoen, -- wenn er ihn denn sonst nicht
kannte? Indes verlie der Jude sie pltzlich in einem greren Dorf, wo
sie kurze Rast machten, nicht ohne beim Abschied auf seinen Packen zu
klopfen und George zuzuraunen: Wenn die Frau Gemahlin einmal hat Bedarf
in feine und andre Tcher, einfrbig und meliert, in der Wolle gefrbt,
-- frage der Herr Hofrat nur nach dem Isaak Br aus Weisenau, -- kennt
ihn jedes Mainzer Kind und wei, der Br kauft ein mit Profit und
verkauft zum eigenen Schaden.

Der Fremde aber erwies sich bald als ein Armeelieferant aus Wien, ein
Pole, der in sterreichischen Diensten reiste, unzufrieden mit den
Zeitluften war und Krakau fr den besten Ort der Welt erklrte. Und
warum er nicht am besten Ort der Welt geblieben sei?

Was will man machen, ^messieurs^? Wir Polen haben kein Vaterland mehr
...

ber Wilna und Wien, -- nein, der Fremde las augenscheinlich keine
Journale und hatte keine Beziehungen zur Gelehrtenwelt! -- kam man im
Bogen zurck auf den Juden, da der junge Humboldt sein liebenswrdiges
Gesicht in schwere Falten legte und ernsthaft erwog, warum diese Nation
gleichzeitig solche Wunderblumen hervorbringe wie den Mendelssohn der
Morgenstunden und solche Knorze, wie den ausgestiegenen Reisegenossen.
Der Fremde wiegte den Kopf und meinte, hier liege der gleiche
Unterschied vor, wie zwischen den weisen Chassidim in Galizien und den
schmutzigen polnischen Pracherjuden, begann nun ein wenig von den
Chassidim zu erzhlen, und am Ende kam man in eine ganz lebhafte
Diskussion ber die Eigenschaften des auserwhlten Volkes, die den Weg
angenehm verkrzte.

Und schlielich, -- was will man ihnen vorwerfen, sagte Alexander von
Humboldt feurig, bleiben sie nicht Menschen wie wir auch? Sind sie
nicht die besten Untertanen, wo sie Wurzel schlagen drfen? Was wrde
aus uns, wenn man uns das Vaterland nhme, von Ort zu Ort jagte,
ausnutzte, verfolgte ...?

Der Pole lachte kurz auf. Wes Brot ich ess', des Lied ich sing'! Was
will man machen, ^messieurs^? _Jeder Heimatlose wird zum Juden!_

George Forster starrte in die untergehende Sonne. -- -- --

Die ersten khlenden Atemste des Abendwindes kamen vom Rhein her ber
die Felder. Es roch nach reifem Korn, nach Staub, nach Leder und
Pferden. Die Kutsche schwankte, das eintnige Gerusch der knirschenden
Federn, der chzenden Rder, der trottenden Hufe, war so einschlfernd.
Eine Stunde vor Mainz etwa raffte George sich zusammen, machte es sich
klar, da er nun nachhause kam und sich zu freuen hatte, -- rtselhafter
Druck auf seinem Herzen, der Freude nicht aufkommen lassen wollte! --
brstete an sich herum, erfrischte Gesicht und Hnde mit ^Eau de
lavande^ und sank schlielich wieder in hoffnungsloser Ermdung
vornbergebeugt auf seinem Sitz zusammen.

Auf einmal fuhr er auf, starrte auf die Strae, blickte verstrt um
sich, sprang auf, lehnte sich aus dem Wagenschlag, die Strecke
zurckblickend, die sie gekommen, setzte sich wieder, fuhr mit der Hand
ber das Gesicht und lachte.

Wie man so lebhaft trumen kann! Schlief ich denn berhaupt?

Ich wei es nicht sicher. Der junge Humboldt hielt mit Pflaumenessen
inne und betrachtete ihn interessiert. Trumten Sie denn schn?

George sagte langsam:

Es kam uns eine Kutsche entgegen. Therese sa darin -- und die Kinder.
Aber das Clairchen schon gro, wie zweijhrig. Und noch eine Frau fuhr
mit, die ich nicht erkannte. Ich dachte, wie schn, da sind sie mir
entgegen gefahren! Aber indem fuhr die Kutsche sehr schnell an uns
vorber, Therese sah geradeaus und niemand sah mich an ...

Er schttelte den Kopf und blickte tief beunruhigt auf Humboldt. Der
murmelte verlegen: Sonderbar? Nun, es war eben ein Traum und ... er
lchelte, -- unsere Sehnsucht beflgelt die Imagination.

Es war aber ganz anderes Wetter, es war Herbst, -- oder Winter ...

Der Postillon blies und durch das neue Tor rasselte der Wagen hinein auf
das Pflaster von Mainz.

                   *       *       *       *       *

Gewi, er wre auf keinen Fall diesen ersten Abend allein mit Therese
und den Kindern gewesen, auch wenn die biedere Gestalt Smmerrings im
braunen Schorock und die leichtgeschrzte der Madame Forkel in
berblmtem Mousseline da nicht seine Haustr flankiert htten, wie die
Penaten der Heiterkeit und des Fleies. Auf alle Flle wre Humboldt
zugegen gewesen, da er nun einmal bei ihnen logierte, -- _einen_ Fremden
htte es also unvermeidlich am Tisch gegeben, trotz des Fernbleibens des
guten Huber, der aus Delikatesse an der ^Table d'hte^ im Htel National
speiste, um das Wiedersehen nicht zu stren. Immerhin htte sich der
guterzogene Reisegenosse vielleicht frh zurckgezogen, und wenn dann
eben Smmerring und die Forkel nicht dagewesen wren ...

Aber warum verdarb er sich die erste Stunde der Heimkehr mit solchen
Reflexionen! Hatte Therese diese Gste zu seiner Begrung eingeladen,
so war es geschehen aus demselben Grunde, aus dem sie die Tren mit
Buchs bekrnzt und den Abendtisch im Saal mit Rosen geschmckt hatte,
aus dem sie im weien Kleide mit Blumen in den Haaren ihm
entgegengekommen war, aufgeregt frhlich und das winzige Clairchen ihm
hinhaltend wie ein Weihegeschenk. Therese freute sich, da er wiederkam,
Therese lachte, Therese tanzte, Therese feierte ein Fest, -- konnte ein
Fest von Therese ohne Gste sein? Er ging durch die Rume, das
glckliche Rschen an der Hand, das im gelben rotpunktierten Kleidchen
manierlich einherschritt wie eine junge Dame und zuweilen behutsam zu
ihm auflchelte, -- ja, er lchelte auch, aber warum fhlte er sein
Lcheln schmerzlich wie eine Grimasse? Es gab da kleine Vernderungen in
den Zimmern, die er mit dem Sprsinn seines berreizten Gehirns auf den
ersten Blick wahrnahm, wie die neue Anordnung von Bcherreihen in der
Wohnstube und dies, da sein Portrait, das von Tischbein gemalte, einen
anderen Platz bekommen hatte und im Saal hing, nicht mehr dem grnen
Kanapee gegenber. Ja, das mochte ganz gut sein, war es ihm nicht selbst
oft ridikl gewesen, da er da von der Wand herab sich selber zugesehen
hatte, wenn er hier mit Therese gesessen hatte, abends, auf dem grnen
Kanapee? Freilich, die letzten Monate, da htte Therese das Bild wohl
hngen lassen knnen, sich zur Gesellschaft, die Monate, die sie hier
allein gesessen hatte ... Er ging umher, ruhelos, trotz der
Reisemdigkeit. Waren es diese kleinen Vernderungen, die die Wohnung so
fremd erscheinen lieen? War er zu lange weg gewesen? Ach, die groe
englische Uhr im Saal war stehen geblieben, er ffnete die glserne Tr
und whrend er aufziehend die schweren Messinggewichte im Gehuse
emporleierte, fiel sein Blick auf die kleine Scheibe im Zifferblatt,
die, von Mond und Sternen umgeben, das Datum anzeigte. Sie stand auf dem
6. Mai, dem Tag nach seiner Abreise. Machte es ihn denn so mutlos, da
die Uhr hier geschwiegen hatte, die ganze lange Zeit ber, da er weg
gewesen war?

Lustig, lustig, Therese feierte ein Fest! Hatte er unterwegs etwa
gedacht, er wollte sich frh niederlegen, den schmerzenden Kopf auf
khle Kissen betten und dann sollte Therese in der dmmerigen
Sommernacht an seinem Bett sitzen und er wollte ihr erzhlen und fhlen,
da er wieder daheim war? Nun, das ging jetzt freilich nicht. Er mute
hier in guter Haltung den liebenswrdigen Hausherrn spielen, der Forkel
ein wenig die Cour machen und Smmerring in die rztlichen Forscheraugen
blicken, ihm Bericht erstatten von den Kollegen in Harlem, in Oxford. Er
hielt nicht still Theresens Hand. Jedoch es hielt Therese seine Hand,
das war ja wahr. In den Essenspausen und als abgespeist war, suchte ihre
fiebrige kleine Rechte seine Linke, die schlaff und mde auf dem
Tischtuch lag, und whrend Therese ber den Tisch hinber lachende Rede
und Gegenrede mit Humboldt tauschte und mitten darin die Funken ihrer
Heiterkeit in seine Unterhaltung mit Smmerring sprhen lie und der
Forkel eine Rose an den Kopf warf und der aufwartenden Marianne zurief:
Hurtig, Mdchen, der Herr ist wieder da! -- ja, whrend der ganzen
Zeit fhlte er sich geliebkost, hastig gestreichelt, hrte sich zum
Essen, zum Trinken ermuntert.

Bin ich denn auch ein Gast hier? dachte er in schrecklicher
Benommenheit, -- was ist dies nur? Was blickt mich Smmerring so an?

Er trank hastig hintereinander ein paar Glser Wein. O ja, nun war er
zuhause! Er legte den Arm um Therese, fhlte das Beben ihrer Schultern
und alle Mdigkeit war dahin. Eine reiende Beredsamkeit entfesseln, die
Hollnder loben, die Englnder schmhen, die Franzosen in alle Himmel
erheben, -- Ditters Gassenhauer zitieren und von der gttlichen Mi
Siddons schwrmen, -- aufspringen, die kleine Spieluhr aus Paris mit dem
eingelegten Rosenkrnzchen auf dem polierten Deckel herbeiholen, die dem
Rschen mitgebracht worden war, sie aufziehen und das kleine Menuett von
Rameau trnenden Auges mitsummen, -- dann von den indischen Shawls der
englischen Damen fabulieren und Therese anblinzeln, auch von einem
weien Kreppflor zum Kleide Andeutungen machen und von einem Teppich,
der unter ^The Resolution^ liegen sollte und kleinen Fen im Winter zur
Erwrmung dienen, -- kurzum, gesprchig sein, munter, munter, und
Humboldt zum Trinken ntigen! Smmerring, der vertrug das ja nicht, --
aber stand da nicht Huber unter der Tre? Endlich, endlich, teurer
Freund und Bruder! Redete ihm Huber zu, doch Platz zu behalten, fhrte
er ihn zu seinem Stuhl zurck, weil er ein wenig taumelte? Sa dieser
Huber in seinen prall anliegenden Escarpins und im bordeauxroten Frack
nun lchelnd an seiner Rechten und legte die Hand auf seine Schulter,
wie Therese es im gleichen Augenblick an seiner Linken tat, und sagte
sie da nicht mit berschlagender Stimme: Huber, Huber, wie ist Ihnen?
Da haben wir ihn wieder! Warum starrte die Forkel so tricht in ihren
Scho, warum sa Smmerring so dster da und Humboldt so ratlos? Er,
George, wrde jetzt einen Scherz machen, man gebe acht. Er hob den
Zeigefinger: Huber, Huber, Sie trugen sich doch sonst so dunkel, ei,
ei, sind Sie wie ein Vogelmnnchen in der Brunstzeit am schnsten
befiedert?

Es lacht ja niemand sehr, dachte er, mit schweren Augen in die Runde
sphend, und gleichzeitig: warum brigens eigentlich Brunstzeit? Und
singen Sie dann auch? fgte er zgernd hinzu. Er erwartete durchaus
keine Antwort, gab den Kreiselbewegungen seines Gehirns nach und versank
in ein leeres Vorsichhinbrten. Endlich wieder zu sich kommend erblickte
er Humboldt mit Smmerring in angelegentlicher Unterhaltung, sah die
Forkel schlfrig und vereinsamt und hrte ber sich weggehen ruhiges
Gesprch zwischen Therese und Huber. Wenn die Ehemnner des
Mittelalters auf Reisen gingen, legten sie ihren Frauen einen
Keuschheitsgrtel an, zu dem sie allein den Schlssel besaen ... Oh,
mein Gott, hatte er das eben laut ausgesprochen? Nein doch, nein doch,
auf welche Gedanken kam er! Er hatte es nicht gesagt, nein doch, sie
redeten ja alle ruhig fort, er sa da wie im Theater und hrte zu. Aber,
-- nochmals! -- mein Gott, mein Gott! Ich bin doch selber auf der Bhne,
und was ist denn hier nun _meine_ Rolle?

                   *       *       *       *       *

Es war eine Pantomime von frchterlicher Lautlosigkeit. Dergleichen
erleben wir in Trumen. Vorgnge alltglichster Art spielen sich um uns
her ab, es lachen Menschen, es trauern Menschen, es tanzen Menschen, sie
winken sich zu, sie gehen Hand in Hand und trennen sich wieder, --
vielleicht pflcken Kinder Blumen und gehen im Ringelreihen, vielleicht
steht irgendwo in einer rtselhaft engen Strae ein Haus in Flammen und
aus den Fenstern beugen sich in Todesangst Gestalten, die wir lieben,
und wir stehen gelhmt in der Ferne, -- holde und doch schreckliche
Masken, die wir nicht deuten knnen, wandeln an uns vorber. Es hat
alles eine Beziehung auf uns, eine geheime wahnwitzige Bedeutsamkeit,
auch die geringste Gebrde, das Fallen einer Apfelblte vom Baum und das
Zerbrechen eines Spielzeugs. Wir stehen und fhlen den Wirbel, der
unsere Ebene mit allem, was unser, ach, _unser_, von _unsern_ Augen,
_unserem_ Schicksalskreis allein bedingter Horizont umschliet,
ergriffen hat, einen Wirbel, so rasend, da wir ihn empfinden wie
Stillstand, und nur durch den Luftdruck, der uns dem Atem benimmt,
wissen, es geht abwrts, es -- geht unter. Wir stehen und warten auf das
Zeichen, warten auf den Fall der Apfelblte oder ein ruchloses Lcheln
oder das Nicken eines gigantischen Hauptes, -- auf das Zeichen, das wir
erkennen, auf das hin wir hineinschreiten werden in die stumme
schreckliche Handlung, um unsere Sendung zu erfllen. --

Durch die innersten Windungen des Labyrinthes fhrt uns der tdliche
Wirbel der Sinnlosigkeit. --

Riesenhaft und drohend in Unberechenbarkeit wankten die Lenker des
europischen Geschicks um den ueren Umkreis der Szene. Mirabeau
versank und mit ihm fiel Bourbon, an ihrer Stelle stieg apokalyptische
Ungestalt, die Souvernitt des Volkes. Preuen und sterreich ballten
ihre Macht zusammen. In der Affaire von Lttich gab es ein
Miniaturvorspiel, eine Ouvertre, in der alles enthalten war, was die
Zukunft bringen sollte. Die Atmosphre war mit ungeheurer Spannung
geladen, Funken zuckten hinber und herber, irrten ab, erschlugen in
Schweden den Knig, lieen hier und dort winzige Aufstnde aufprasseln
und im grnen gespenstischen Schein des Wetterleuchtens uralte Zustnde
fremd und verwest daliegen, wie Tote, die man verga zu begraben. Die
Flchtlinge von Westen mehrten sich und fanden im Kurfrsten von Mainz
einen ^cher pre et protecteur^, der seine Sonne aufgehen lie ber
Cond, Artois und allem, was zu ihnen schwur, und der es vllig
berhrte, da es auch die Bezeichnungen eines ^Abb de Mayence^ und
eines ^Gentilhomme parvenu^ fr ihn gab. Studenten und Znfte prgelten
sich und altgediente Professoren bekamen blutige Kopfe, die
Pfaffensoldaten, die auf das Volk von Lttich hatten schieen mssen,
kamen heim und nahmen ihren alten Dienst wieder auf, bei den
Prozessionen und Hoffesten Spalier zu stehen. Die Lesegesellschaft,
zusammengesetzt aus Beamten und Gelehrten, Schullehrern und Kaufleuten,
nhrte sich nicht mehr allein vom ^Belles-lettres^-Fach und den
Naturwissenschaften, sondern von Pariser Flugschriften, und im
Universitts-Kaffeehaus in der Quintinsgasse hob der Kellner Vespery,
der sich selbst gern als einen Polyhistor und Tausendsasa bezeichnete,
den ^Moniteur^ neuesten Datums fr seine Gnstlinge auf.

Sonst aber, -- noch kein Anla, sein Leben zu ndern! --

Es gab fr George eine neue, vorteilhafte und vielversprechende
Verbindung mit der Vossischen Buchhandlung in Berlin. Es gab neben der
Ausarbeitung seiner jngsten Reiseerinnerungen, die dem Publikum
allmhlich in drei Bndchen unter dem Titel Ansichten vom Niederrhein
dargeboten werden sollten, endlose Rezensionen, endlose
bersetzungen, endlose, endlose Lohn- und Frohnschreibereien. Es gab
literarisch-politische Erregungen, etwa ber Hohlkpfe und
Perckenstcke, die die Revolution angriffen, wie Herr Girtanner in
Gttingen oder ber einen englischen ^fat^, der sein Licht gegen ihre
Schattenseiten leuchten lie und gegen sie andeklamierte, wie Burke in
London, es gab zuweilen einmal Grund, sich selbst als den Migen,
Klugen, Gerechten zu empfinden, wenn ein Mann wie Schlosser -- oder ein
anderer, -- die Franzosen verdammte, -- gab Gelegenheit, sich als den
Sparsamen, Haushlterischen, Zurckhaltenden zu loben, wenn man
wahrnahm, wie ein Liebling des Publikums, der so vergtterte Goethe in
Weimar, ein Ding auf den Markt zu bringen wagte, wie den Gro-Kophta,
ein fades Machwerk ohne einen einzigen Gedanken darin! Nun wenigstens
war George Forster so ausgelaugt noch nicht, wenn schon noch kein
Liebling der Lesewelt. Dies wrde bald kommen. Mchten nur die Herren,
die fr ihre Mdchen, Lufer, Lakaien und Musikanten oder Poeten (siehe
den Herzog von Sachsen-Weimar!) tglich Hunderte ausgaben, mchten sie
doch nur erst endlich einsehen, da sie mehr Ruhm davon htten, wenn sie
einen Gelehrten, dessen Werk ihren Namen durch die Jahrhunderte tragen
wrde, dermaen untersttzten, da er vom Joch der Tagesschriftstellerei
befreit schreiben knnte, zum ersten: das ^Descriptio plantarum^ der
Sdsee, und zum zweiten: die Geschichte der Sdseeinseln. Weiteres wrde
sich einstellen. Auf der Suche nach solcher Frstengunst schrieb man
dann an Mller, an Dohm, an Vo, unter ausfhrlicher Darlegung aller
Schwierigkeiten, mit denen man zu kmpfen hatte, erntete verlegene
Gegenbriefe, Ratschlge und verhllte Ablehnungen und hatte Anla, sich
gegenber einer ausgearteten Hierarchie und Aristokratie als Glied einer
edleren und besseren Mittelklasse zu fhlen, -- keinen Anla, sein Leben
zu ndern.

Wollte der alte Heyne wieder erziehen? Stellte er warnende Beispiele von
verschwenderischen Herren aus Gttinger Universittskreisen auf, mit
denen es dann schief gegangen war? Von lauter Herren mit Vorliebe fr
englische Faons und englisches Mahagoni!? Rang er von ferne die Hnde
ber Georges politische Ansichten, die doch wei Gott, sich milde genug
uerten, und warnte er, warnte er?! Sprach er von dem Zentrum des
Studierstbchens, von dem aus er ohne zu staunen durch ein klein Fenster
oder einen Ritz das Narrenspiel der Welt mit anshe? Oh, wute denn
dieser alte Mann, was seine Frau Tochter bei ihrem Lilienleben auf dem
Felde verbrauchte und wer im Hause es eigentlich war, der den Ofen des
politischen Enragements nicht ausgehen lie? Ei, da hatte er Anla, vom
Geist hannverischer Teegesellschaften zu reden und von dem Geist
Englisch-Hannovers im allgemeinen, -- von wo aus sich unschwer der
bergang bot, auf den Geist Alt-Englands berhaupt zu kommen und auf
alte Geschichten, -- Anla somit, sich grndlich auszusprechen, keinen
Anla indessen, sein Leben zu ndern.

Gste kamen und gingen durchs Haus, durchreisende und die alten in Mainz
ansssigen Freunde. Zu dem Kreise um den abendlichen Teetisch gesellte
sich zuweilen August Lux, ein junger Rousseau-Schwrmer, der drauen in
Kostheim sein kleines Landgut bestellte, ein Kind nach dem andern zeugte
und es in seliger Freiheit mit seinen Klbern und Ferkeln aufwachsen
lie, -- zuweilen der Ingenieur Eikmeyer, der Ausbauer der
Festungswerke, -- es gab unendliches spekulatives Raisonnement, wozu die
Nachrichten und Gerchte des Tages mehr Stoff als gengend boten.

Und da war seit dem Frhjahr 1792 Karoline Bhmer, die verwitwete
Karoline, die mit ihrer kleinen Tochter einen Zufluchtsort gesucht hatte
und von Therese mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit nach Mainz
eingeladen worden war. Oh, Therese hatte ein so starkes
Menschenbedrfnis und besa in Mainz noch immer keine Freundin, denn
Frau Forkel kam nicht in Betracht. Was war also Wunderbares an dem
Wunsch, Karoline in der Nhe zu haben, Karoline, die nun tglich ins
Haus kam und mit der milden Heiterkeit ihres Geistes an allem teilnahm,
was die Freunde betraf?

Jedoch es kam auf alles dieses garnicht an. Auf dem Hintergrund der Tage
voll Arbeit, Krankheit, Mhsal, voller verschlungener Jahreszeiten mit
Blumensprieen, Ernte und Bltterfall, auf dem Hintergrund, in den die
Gestalten der Freunde hineingewebt waren wie wandelnde Gobelinfiguren
und auf den das europische Geschehen Widerschein und Schatten warf, auf
diesem Hintergrund spielte sich das Folgende ab. --

Es waren zwei zeitlich fast durch ein Jahr voneinander getrennte
husliche Ereignisse, aber fr George schmolzen sie seltsam in eins
zusammen und er vermochte sie spter in der Erinnerung nicht voneinander
zu trennen. Sie begannen damit, da seine Arbeitsruhe gestrt war durch
eine Beobachtung, die er sich zunchst nicht eingestehen, die er nicht
wahr haben wollte und vor der er sich in die Bibliothek zurckzog, um
sich dort wochenlang zu vergraben. Immerhin nutzte es nichts, dann bei
den Mahlzeiten und abends bis zum Einschlafen den Gesprchigen zu
spielen, ja den reiend Geschwtzigen, der sich Mitteilungen des anderen
in den kurzen Stunden des Beisammenseins weislich vom Leibe zu halten
wute, nutzte nichts, wenn man sich leidender gab, als man wirklich war,
und in Haltung und Gebrde die verzweifelte Bitte ausdrckte, einen mit
folgenschweren Mitteilungen zu verschonen. Dies alles lie sich
hchstens sechs bis acht Wochen durchfhren und dann, -- dann kam eben
doch der Abend, an dem es Hohn gewesen wre, sich dem Augenschein lnger
zu verschlieen, an dem er brigens pltzlich von Gewissensangst,
Pflichten versumt zu haben, tief beunruhigt fragen mute: Ist es an
dem, Therese, -- ist es denn wirklich an dem?

Das Besondere war, da Therese, die ihn in der Erwartung des Rschens
und der kleinen Claire immer von ihren Hoffnungen unterrichtet hatte,
fast noch ehe sie sich bestimmter Anzeichen erfreuen konnte, ihn bei
diesen beiden Kindern ganz seinen eigenen Ahnungen und Wahrnehmungen
berlie, da sie die krperliche Anflligkeit der ersten Monate in
keiner Weise zur Schau trug und ihr Mglichstes tat, durch eine passende
Kleidung den wachsenden Umfang ihres Leibes zu verbergen, so da er von
beiden Kindern erst erfuhr, als die Mutter ihr Leben schon fhlte und
auch dann erst auf jene Frage hin, die er nicht mehr unterdrcken zu
knnen glaubte. Dies, so stellte er ber seine Arbeit gebckt aber
stundenlang ohne fortzuarbeiten grbelnd fest, dies war Rcksichtnahme
von Therese, ohne Zweifel. Er bewegte den Kopf leise hin und her und
sthnte, begegnete seitlich blickend, als wollte er vor irgend etwas
ausweichen oder suchte etwas, seinem in der zurckgeschlagenen Scheibe
des offnen Fensters gespiegelten Bilde und starrte erschrocken hin. War
er denn das, der den Kopf so zwischen die Schultern zog, der so scharfe
Falten von der Nase zum Munde hatte, zu diesem in Qual verzerrten und
lautlos geffneten Munde? Hatte er diese Augen mit der zerknitterten
Stirn, den gewulsteten Brauen darber, diese Augen voll Abwehr, Argwohn
und Angst? Oh, abgewandt von diesem trben Spiegelbild richtete er sich
hastig auf, ordnete seine Zge durch ein Lcheln von innen heraus, wie
er meinte, und sagte sich von neuem: Rcksicht war es und Rcksicht
allein, der Wunsch, ihm Zukunftssorgen so lange wie mglich zu ersparen,
Liebe also, fr die er zu danken hatte, auf Knien zu danken! Rcksicht
jedoch, hatte er seit seiner Heimkehr aus England gelernt, konnte
frchterlich, konnte erstickend, konnte zum Fluch werden. Er begriff es
nicht, warum jetzt fortwhrend Rcksichten auf ihn genommen wurden, auf
seine Appetite, seine Launen, seine Zeiteinteilung, seine Wnsche ber
Kindererziehung, auf sein Befinden, seinen Geschmack in allen und jeden
Dingen, -- da er fortwhrend gefragt wurde, ob er zufrieden sei, ob
er's auch anders haben wollte? Da das Rschen angehalten wurde, auf den
Fuspitzen zu gehen und nicht zu plaudern, wenn er Kopfschmerzen hatte,
da das kleine trichte Clairchen dann wenn es schrie in das entlegenste
Zimmer verbannt wurde; da niemand mehr hinging und auf seinem
Schreibtisch Ordnung machte, was er sich frher zu hundert Malen umsonst
verbeten hatte; da bei Tisch Gesprche fallen gelassen wurden, wenn er
merken lie, da sie ihn verstimmten; da er so viel angelchelt wurde;
da die Umschlge, Einreibungen und Medikamente fr ihn immer vorhanden
waren. Alles, alles dieses, das er frher entbehrt hatte, bis er die
Entbehrung gewhnt gewesen war, er besa es jetzt im berflu, er ging
wie auf Watte, seine Wnde waren gepolstert, Therese pflegte ihn und
Huber schonte ihn und beide waren so einig darin, da er geliebt werden
msse. Sie blickten sich an, und dann kam ein Vorschlag, der ihm Freude
machen sollte, etwa, ob er nicht einmal wieder auf den Abend die Kupfer
zur Sdseereise ausbreiten und ihnen erklren wolle, oder die
australischen Muscheln zeigen oder aus den Ansichten vorlesen, -- sie
blickten sich an und dann zog sich Huber zurck, und er blieb mit
Therese allein, -- sie blickten sich an, und dann berredeten sie ihn
gemeinsam zu dem oder jenem, wozu er vorher keine Lust gehabt hatte. Und
mit der Zeit blickten sie sich auch garnicht mehr erst an, sondern was
der eine meinte, das sprach der andere aus, sie waren aufeinander
eingespielt, waren in einem Einverstndnis der Liebe zu ihm, wuten ihn
zu nehmen, -- oh, und er, anstatt dankbar zu sein, anstatt auf den Knien
zu lobpreisen fr das Himmelsgeschenk, das ihm da wurde, er knirschte,
er ballte heimlich die Fuste, er htte gerne um sich geschlagen und
Luft gemacht -- und wute doch, das wre wie ein Schlag ins Wasser
gewesen oder ein Versinken in Federkissen! Denn sie waren so
unangreifbar freundlich, die beiden, ihre Gelassenheit so unzerstrbar,
so ruhig der Glanz der Heiterkeit auf ihren Stirnen. Und da hatten sie
es nun fr gut befunden, ihm vorzuenthalten, da er wieder Vater werden
sollte, -- oder nein doch, Therese hatte es fr gut befunden, es ihm und
aller Welt und somit auch Huber so lange zu verbergen, als es immer nur
anging. Er erklrte es sich ja, er verstand, -- es waren diese beiden
jungen Mnner am Tisch, Huber und Mr. Brand mit seiner englischen
Prderie, da durfte selbst er es nicht wissen, ehe es nicht mehr zu
umgehen war, nur damit er durch Frsorge und Aufmerksamkeiten die Blicke
nicht auf sie zge. So war es, redete er sich ein, natrlich, so war es!
Was sollte es auch sonst ...

Oh, Huber war der beste, treueste Freund, er nahm wie ein Bruder an
allem teil, was seine Forsters anging! Er war es, der in den Nchten,
wenn die Entbindungen herannahten, kaum schlief, sich hchstens
angekleidet niederlegte oder stundenlang auf- und niederging, -- man
konnte seine leisen ruhelosen Schritte in der ehelichen Schlafkammer
vernehmen. Er war es, der dann zur Hebamme lief, den weiten Weg durch
die ganze Stadt zum Cstrich, den des Nachts keine Magd allein machen
wollte, whrend George am Bette der Leidenden sa, bereit, die erste
Hilfe zu leisten, halber Mediziner, der er einmal war.

Dann waren diese Stunden des Wartens, erfllt vom herben Duft des
schnell entfachten Holzfeuers im Ofen, das sausend brannte, vom Geruch
nach Fenchel und Baldrian, und unruhig gemacht von der aufgeregten
Geschftigkeit der Mgde. Da war das Stimmchen eines der Kinder, das, im
Schlaf gestrt, klagend weinte und mhlich wieder verstummte. Da war
Theresens Flstern: da nur Brand nicht geweckt wird, -- sie sollten
doch leiser gehen ... und wenn er dann auf den Fuspitzen auf den Flur
gegangen und zur Vorsicht gemahnt hatte, ihr dankbarer Blick und dann
wieder ihre Augen geradeaus gerichtet ohne Ziel oder mit einem Ziel im
Unsichtbaren, bis von neuem die ratlose Angst hindurchflackerte, um
gleich einem Ausbruch unbedingter Entschlossenheit zu weichen, bei dem
die kleinen Hnde sich ballten, der Kopf zurckgeworfen ward, der ganze
Krper sich straffte und so dem Krampf der Wehe begegnete. Sie griff
nicht nach seinen Hnden, o nein, -- aber warum wagte er es denn auch
nicht, die ihren zu fassen, warum redete er ihr nicht zu, sich
festzuhalten, warum sttzte er sie nicht, wie er doch so gern getan
htte, -- warum sa er hier und starrte aus einer entsetzlichen Ferne
des Herzens hinber in ihren Kampf? Warum konnte er nicht zu ihr, warum
lag diese undurchdringliche Einsamkeit des Stolzes und der Tapferkeit um
sie her?

Therese ... murmelte er erschttert, wenn es vorbei war, ja, und sie
lchelte ihn an mit einem vergehenden Lcheln von Gte, als sei er es,
der gelitten habe. Er legte die Hand ber die Augen.

Wie lange ist er schon fort? flsterte sie.

George sah auf seine Uhr: Eine Viertelstunde, -- noch ein wenig Geduld
...

Drauen schleuderte der Wind Regenschauer gegen die Fensterscheiben, --
immer waren dies Frhlingsnchte. Immer murmelte Therese dann etwas wie:
Da er nun so hinausgelaufen ist mitten in der Nacht und Ist er nicht
gut? Immer meinte George darauf antworten zu mssen wie auf einen
unausgesprochenen Vorwurf, da er ja doch auch gegangen sein wrde, aber
wer wre dann bei ihr gewesen? Immer war dann dies unbegreifliche
Lcheln der Gte wieder, die Hand, die seine streichelte und schnell
wieder fortging. Dann hastige kleine Worte ber husliche
Angelegenheiten, -- da man nicht vergessen mge, den Dachdecker kommen
zu lassen, es regnete oben an einer Stelle ins Haus, die Lise wrde
schon wissen. Da sein, Georges, englischer Castorhut zum Krschner
msse, er mge daran denken und keine Visiten mehr damit machen. Da in
der Bodenkammer im Bettkasten obenauf baumwollenes Zeug zu warmen
Unterrckchen fr die Kinder liege und auch Strickgarn fr neue
Winterstrmpfchen, -- ach, die Lise wisse ja Bescheid, an die Lise knne
er sich in allen Fllen halten. Whrend sie von einer neuen Wehe gepackt
verstummte, dachte er, er wisse wohl sehr gut, was sie damit meinte mit
diesem in allen Fllen, befand es aber fr gut, sich nichts merken zu
lassen. Sie, erschpft vom Schmerz, flsterte noch: Huber bat mich
gestern abend noch, an seinem roten Frack einen Knopf anzunhen,
erinnere doch Lise ... drehte den Kopf auf die Seite und gab sich
aufatmend einem leichten Schlummer hin, whrend er nun, die Wange in die
Hand gelegt, reglos in die flackernde Kerze sah. Die sonderbare
Abgelstheit dieser Stunde aus dem Alltag gab ihm eine Art von
Trunkenheit, ein Gefhl, berwach zu sein, gab ihm die Tuschung, vor
Entscheidungen gestellt zu sein, oh, endlich nackt vor Gott zu stehen,
vor Gott allein. In solchen Stunden schien das ganze Leben
gerechtfertigt und leicht und s, von heller weiser Lieblichkeit, wie
die Qulereien einer grausamen Geliebten in der Stunde, da sie sich
ergibt. In solchen Stunden war die Erinnerung an den Knig Minos
zrtlich und ganz ohne Bitterkeit, obgleich dieser Knig Minos eben in
diesen Jahren wieder begonnen hatte, sich alter Gewohnheiten zu
entsinnen und dem Sohn in jedem Briefe seine Einnahmen nachrechnete, um
sie mit den eigenen zu vergleichen. In solchen Stunden schaukelte George
auf dem Gartenpfrtchen zu Nassenhuben und sprte den alten Abendwind
der Kindheit vor der dunklen Nacht und alles, was an dem Wege von jenem
Garten bis zu dieser dunklen Frhlingsnacht gewesen war, lag in dem
verzaubernden Schein der Ahnung mehr noch als im verklrenden der
Erinnerung. Er trumte sich da einen fabelhaften Strom, Schiffe, von
heldenhaften Mnnern gefhrt, Meerwunder, unerhrte Vgel, Pisanghaine,
Trme, Palste, Tore, Sulen, Dome, Minaretts aus edelsteinblauem, von
Feuer durchglhtem Eis. Er war ein sonderbarer kleiner Knabe unter
anderen sonderbaren kleinen Knaben in Deutschland, sie wrden alle ihren
Weg machen und im Zauberwald des Lebens groe Taten tun und ihre kleinen
knospenhaften Namen wrden blhen. Sein Name unter den groen des
Zeitalters, -- er lchelte. ber das in seinen Krmpfen schwer atmende
Weib hinber dachte er an den Mann, der sich jetzt aus ihrer
Erdverbundenheit zum Lichte rang, -- dachte an einen Sohn aus seinem
Blut und Geist. -- Er schrak auf. Therese, lngst erwacht, mit bangen
wandernden Augen und in Bedrngung chzend, hatte geflstert: Da kommt
er, Gottlob! Hatte er die Haustr berhren knnen? Schritte kamen die
Treppe hinauf, da waren Stimmen ... Ja, sie ist es! sagte er erlst
und indem er der Wittib Schippel seinen Platz am Bett einrumte, gab er
sich selbst in Hubers Freundeshnde. Und Huber war der beste sorgende
Freund, er lie Kaffee bereiten, er machte fr den Todmden ein Lager
auf dem grnen Kanapee zurecht. George, nun wirklich in Halbschlaf
versinkend, erblickte in den Pausen seiner Betubung immer wieder den
langen gebeugten Schatten des andern, der lautlos durch das Zimmer
wanderte, stehen blieb, wenn das Jammern der Leidenden anschwellend
herberklang, -- diesen Schatten im Zwielicht der abgeblendeten Kerze,
der Seufzer ausstie, die Hand ber die Augen legte, sthnte. Mein
Huber hat ein weiches Herz, dachte George, flsterte es sich innerlich
eifrig und schnell zu, und beobachtete den andern durch halbgeschlossene
Lider unablssig, die Knchel der ganz verkrampften Hand gegen die Zhne
gepret. Mein Huber hat ein weiches Herz, das fremde Leiden rhrt ihn
allzusehr, -- mein Huber hat ein gar zu weiches Herz ...

Huber! Es ist eine Tochter! sprach er, gegen Morgen aus der
Wochenstube tretend, -- aber ser klang es ihm selbst im April 1792,
als er mit den Worten, -- nun, Worten, die er im berschwang des
Augenblicks nicht abgewogen hatte! -- an die Brust des Freundes sank:

Mein Huber! Wir haben einen Sohn!

Und Huber, -- oh ja, er hatte wohl ein weiches Herz, er hatte
mitgelitten, aber nun schluchzte er vor Freude und dann lachte er wie
geschttelt, die Arme um Georges Schultern gelegt, den Kopf abgewandt,
-- lachte und wurde mit einem Schlage wieder tiefernst. Er folgte George
an Theresens Bett, sie hatte den Wunsch ausgesprochen, ihm zu danken,
der so treu mitgewacht hatte, er stand von ferne, mit hngenden Armen
und gesenktem Kopf auf sie hinblickend, die, den Neugeborenen im Arm, zu
ihm auflchelte. Und da war kein Wort im Zimmer, aber etwas wie Frage
und Antwort, ausgedrckt in einer unhrbaren sen Musik, die auch
George mit einem verborgenen Organ der Seele vernehmen, die er aber
nicht deuten konnte, an der er herumrtselte, -- und da war es auch
schon vorbei, und Huber schlich auf den Zehenspitzen hinaus und er
folgte ihm, und da war ein neuer grauer Tag und da lag wartend die
Arbeit von gestern, -- nein, diese Nacht hatte nicht vermocht, das Leben
zu erneuern. -- --

                   *       *       *       *       *

An Christian Friedrich Vo, den Verleger, der zum Freunde geworden war,
schrieb George, -- und er tat dies, als die kleine Tochter Louise schon
seit sechs Monaten den guten Platz am Herzen liebender Eltern und
Geschwister wieder verlassen und ihn mit einem Bettchen unter dem Rasen
des St. Christoph-Friedhofes vertauscht hatte, -- George also schrieb am
Morgen des 24. April 1792 an den guten Vo in Berlin:

Ich bin am Sonnabend von meiner Frau mit einem jungen Sohn beschenkt
worden. Sie, mein gtiger Freund, werden Anteil an unseren Empfindungen
bei dieser Gelegenheit nehmen. Sie sind Empfindungen von gemischter Art;
Freude, da der kritische Zeitpunkt glcklich berstanden ist, da alles
gut geht, Mutter und Kind gesund sind; Freude, da der Mann, der einmal
den huslichen Kreis einem glnzenden Glck vorgezogen hat, nun auch die
Bestimmung nher vor sich sieht, gewisse Ideen- und Gedankenreihen, die
in einen weiblichen Kopf nie recht passen, dennoch einem seiner Kinder
bertragen zu knnen und zu sollen; aber dies gemischt mit den
Besorgnissen aller Schwierigkeiten, welche sich zwischen jenen Zeitpunkt
der vollendetsten Erziehung und diese Aussicht aus der Ferne noch hufen
und sie vereiteln knnen, mit dem Gefhl vervielfltigter Pflichten und
vermehrter Beschwerde auf dem Pfad des Lebens, -- vor allem mit dem
Gedanken, da das knftige Glck und die Zufriedenheit noch eines
Menschen nun wieder von unserm Handeln abhngen mu. -- Ich wollte
wirklich so ernsthaft nicht werden, lieber Freund, allein was sich jetzt
in Kopf und Herzen regt, drngt sich auch wider Willen hervor. Sie
halten mir diese Mitteilung meiner selbst zu gute. -- Und nun zu unseren
Geschften ...

                   *       *       *       *       *

Der Mann, der einmal den huslichen Kreis einem glnzenden Glck
vorgezogen hatte -- gleichviel, ob man jenes glnzende Glck zu keiner
Zeit seines Lebens enger htte umschreiben knnen, denn mit dem Begriff
einer Fata Morgana, dieser Mann fragte sich in den folgenden Monaten
zuweilen, ob es denn nun eingetreten sei, da Sorge und Mhsal ihn vor
der Zeit htten altern lassen, so da er Jugend und Frohsinn nicht mehr
verstnde. Denn er sa in seinem huslichen Kreis wie ein Fremder, wie
ein tagfremder Uhu, den Singvgel umlrmten, in diesem huslichen
Kreise, den ein unbegreiflicher Taumel beherrschte. Ein Glas Wein nach
Tagesschlu, gewi, er verschmhte es nicht, es erwrmte sein langsames
Blut, es belebte fr eine Stunde seinen ermdeten Geist, -- mute jedoch
Abend fr Abend Wein getrunken werden? Kam er nicht aus seinem eigenen
Keller, so hatten Huber oder Brand ein paar Bouteillen mitgebracht. Die
Fenster standen alle weit geffnet, milde, duftschwere Mailuft wogte
herein, blhende Obstbaumzweige oder Fliederstrue schmckten das
Zimmer und auf dem grnen Kanapee thronten Therese und Karoline und
hielten Hof. Wie einst fhlte er jene unerklrliche Wrme von Karoline
auf sich ausstrahlen, sah sie heiter, gelassen und anmutig, wo Therese
sprunghaft, ungeduldig und von einer sonderbaren Bitterkeit des
Ausdrucks war, versuchte zu vergleichen, -- und wute, da er Theresen
angehrte, Theresen allein und fr immer, mochte sie sanft und s sein,
wie sie es in jenem ersten Winter in dieser Wohnung gewesen, oder von
der geistig aufgeregten Heftigkeit, die sie jetzt ununterbrochen
schngeistern und politisieren lie und in Betrachtung der neusten
Ereignisse in Paris leidenschaftlich Partei ergreifen, -- fr Frankreich
natrlich, fr Frankreich und die Freiheit und gegen alle Despoten
Europas, den unglcklichen Ludwig eingeschlossen. Karoline lie dann
nicht von ihrem spielenden Lcheln, das jeden streifte und es nicht zu
begreifen schien, wieso man sich dermaen echauffieren knne, da denn
doch alles aufs Menschlichste zu erklren sei, -- Karoline sprach dann
zuweilen ein Wort, das erstaunlich klug und einfach den Gegenstand des
Gesprches auf einmal abtat, -- Karoline wandte sich manchmal ganz ihm
zu, wenn er still und mde dasa, sie lockte ihn aus sich heraus, sie
war geduldig lauschend, war freundlich, -- dennoch, in ihrer Gegenwart
sprte er strker als seit Jahren, da er Theresens bedurfte und
Theresens allein. Es war nicht recht von Therese, da sie die
Eiferschtige spielte, freilich, nur _spielte_, nur mit kleinen
Neckereien, mit verstelltem Schmollen, mit Redewendungen, wie: nun, sie
wolle das ^tte  tte^ nicht stren, wenn er einmal in ein Gesprch mit
der Freundin versenkt war. Es war nicht recht von ihr und entzckte ihn
doch und er mute dann nachher zu ihr kommen und sich mit vielen Worten
rechtfertigen, ungeschickten kleinen Worten, die sie ungern anhrte:
Aber ich bitte dich, lieber Freund, -- es war doch nur Scherz! und
ich gnne es dir doch wahrhaftig ... Oh, was miverstand sie nur? oder
wollte sie miverstehen? Sie lie ihn mit Karoline allein, tauschte
Blicke mit Huber, wenn er im allgemeinen Gesprch sich einmal ereiferte
und dann ohne es zu wollen, in diese aufmerksamsten und stillsten Augen
am Tisch hineinsprach, deren Ausdruck ganz allmhlich in Lcheln
berging. Er sprach von der Sakontala, er trumte redend den Traum von
Indien, feurig phantasierend, unerachtet Mr. Brands skeptischen Lchelns
ber den Rand des Glases hinber, -- ein Deutscher konnte den
Wundersamen freilich besser zum Keimen bringen als ein verkncherter
Englnder mit den Voraussetzungen des Warren-Hastings-Prozesses und den
gewinnschtigen Spekulationen der jungen ^East Indian Company^, die sich
gierig wie ein Geier auf jene unerhrte Beute gestrzt hatte.
_Deutschland_ war bestimmt, das tausendjhrige Herz des erstgeborenen
Bruders wieder zu erlsen! ber seinem Schwrmen wute er doch immer
jede Bewegung Theresens und da sie sich vom Tisch erhoben hatte und mit
ihren Schritten Huber nach sich ans Spinett zog, -- wute, da Huber
sich jetzt dort vor den Tasten niederlie und zu ihr aufblickte, die
ber den Deckel gelehnt, das Kinn in die Hand gesttzt, auf ihn
einsprach, und versuchte verzweifelt den Gegenstand jenes halb flsternd
gefhrten Gesprches zu erraten. Sprachen sie denn wieder von dem
kleinen Jungen, von seinem kleinen Jungen, mit dem so viel vor sich
ging, das er nicht erfuhr, oder nur, wenn man sich allein, ohne ihn aus
der Bibliothek, aus seinem Kabinett herbeizurufen, ber einen neuen
Krampfanfall gesorgt, mit Wedekind, dem Arzt, und mit Huber zur Seite,
-- aber ohne ihn, den Vater? Der Vater bedurfte der Schonung, der
Rcksicht, der Arbeitsruhe. Es gab Stunden, die kmpfte ein wackeres
Weib allein mit ihrem Gott durch. Nun ja, -- mchte sie doch nur allein
mit ihrem Gott und allenfalls mit Wedekind gewesen sein! Wenn der kleine
Junge so elend war und wachsbleich, -- warum mute dann abends hier Wein
getrunken, gesungen und getanzt werden? brigens fhlte er sich gar
nicht imstande, seinem dunkeln Widerstreben Ausdruck zu leihen. Wenn
sich die Unterhaltung um ihn her in Histrchen und Anekdoten auflste,
wenn Huber anfing, sich zu seinen Arien auf der Laute zu akkompagnieren,
wenn die Forkel sich erbitten lie, den einzigen Tanz zu spielen, den
sie beherrschte, dieses ewige Menuett von Gossec, zu dem Karoline dann
mit einem unsichtbaren Partner ihre Pas und Komplimente machte, -- was
hatte er also zu schaffen mit dieser tanzenden lchelnden Dame? --
fragte er sich, -- wenn dann um Mitternacht Wedekind auftrat, um den
Lustbarkeiten ein Ende zu machen, die Forkelin nachhause zu bringen und
den einmal angebrochenen Bouteillen auf den Grund zu sehen, wie er
sagte, -- oh, so sa George in einer Ecke des Kanapees bei der Kerze,
scheinbar ins ^Journal des Dbats^ oder den ^Moniteur^ vertieft, im
Herzen bitter entrstet und ratlos, weil sie alle spielen durften und
mochten und immer nur spielen, -- nur er nicht. Merkte es wohl ein
Mensch, nahm etwa Therese es wahr, wenn er aufstand, den einen Leuchter
ergriff und in die Kammer ging? Dort stand er an der Wiege, das Licht
mit der Hand schtzend, und starrte auf das winzige Gesicht, dessen
bluliche Lider sich beim Schlafen nie ganz schlossen, so da die Iris
reglos und erschreckend durch den Spalt schimmerte. Ein Zucken lief
mitunter ber die blassen Bckchen hin und durch diese mageren Hndchen,
die da auf dem Deckbett lagen, ausgestreckt und ergeben, wie die Hnde
eines leidenden Erwachsenen. Was suchte er denn in den alten faltigen
Zgen des Wrmchens, warum ging er nicht wieder, da er doch sah, hier
war alles in Ordnung? Der kleine George, dachte er langsam mit Erwgung
jedes einzelnen Wortes, sieht unter seinen Geschwistern nur der kleinen
Louise hnlich, der kleinen Louise, wie sie dalag und tot war. Warum
wurde drben gesungen, getrunken, gelacht, wenn der kleine George dalag
und aussah wie tot? Er tastete sich trotz seines Leuchters durch den
Saal zurck, als ginge er durch Dunkel. Pltzlich blieb er stehen,
reckte den Arm mit dem Licht hoch und starrte bse und grbelnd hinauf
zu seinem eigenen Bilde, zu diesem arglos liebenswrdigen Antlitz da
oben, das ber ihn wegsah, als htte es nie etwas mit ihm gemein gehabt.
--

Woher dies Feuer der Beredsamkeit? dachte jetzt George zuweilen am
Familientisch, -- nun, sa Therese neuerdings auf kassandrischem
Dreifu? Sie hatte einen Menschen mit der ^cocarde tricolore^ durch die
Gassen gehen sehen, hatte armes Volk untereinander auf die Reichen und
die Pfaffen schimpfen hren, hatte sich auf dem Markt ber die steigende
Teuerung aufgeregt und sich die Schandtaten irgendwelcher Emigranten
erzhlen lassen, die sich doch wahrhaftig immer mehr gebrdeten, wie die
Herren im Lande. Therese also, durch eine Belanglosigkeit angeregt,
Therese dozierte etwa so: Der Krieg, der sich da vorbereitete, der schon
im Gange war, er war eine interne Angelegenheit der Franzosen, -- kein
Zweifel bestand fr den Einsichtigen! Bruder gegen Bruder kmpfte
Frankreich verzweifelt um sein zerrissenes, blutendes, um sein heiliges
Herz.

Dies sei sehr richtig bemerkt, mochte Huber hier einfgen. Preuen und
sterreich schmeichelten sich zwar in dem Wahn fr die Ruhe Europas und
somit fr das eigene Interesse zu rsten, indessen ...

Indessen, dies lag auf der Hand, -- Therese reckte lebhaft ihre kleine
feste Hand mit gespreizten Fingern aus und zog sie hastig wieder zurck,
als htte sie ein Geheimnis enthllt, -- auf der Hand lag es, da
^l'ancien rgime^, da _Frankreich_ in Gestalt seines vertriebenen Adels
ein deutsches Heer aufgeboten hatte, um _Frankreich_, um jenes rabiate
Paris zu bewltigen! ^L'ancien rgime^, verachtens- und
verabscheuenswrdig, -- oh, was hatte Huber dagegen einzuwenden? Die
kleine Faust fiel leicht und krftig auf die Tischplatte nieder, denn
Huber hatte die breiten schn umrissenen Lippen ein wenig verzogen und
bewegte schmerzlich den Kopf, wie von einem krassen Forte peinlich
berhrt. Hatte der schsische ^charg d'affaires^ noch so viel
aristokratische Sympathien, da er kein wahres Wort hren konnte? Huber
hob nur abwehrend die Rechte: Ah, ^l'ancien rgime^! Es war nicht ohne
^charme^! Therese, sein verzcktes Gesicht aufmerksam, fast neugierig
betrachtend, streckte ihm pltzlich die Hand hin, zrtlich ausrufend:
Huber! Ich verstehe auch diesen ^point de vue^! Im Grunde aber sind Sie
_unserer_ Meinung! und fuhr dann fort, im Tone der Seherin
darzustellen, wie ^l'ancien rgime^ nun in der Pose unwiderstehlicher
Bravour dastehe, bereit, mit Strmen fremden Blutes jene ridikulen
Menschenrechte hinwegzuschwemmen, -- whrend das andere Frankreich in
Gestalt eines Heeres schlecht ausgersteter und mangelhaft bekleideter
Soldaten, deren zuverlssigste Waffe ihr Herz war ...

Eines Heeres begeisterter Kreuzfahrer, wie Huber nun von dem _anderen_
^point de vue^ aus schwrmend einschob, die die heiligen Grabsttten
einer groen Vergangenheit zu neuem Leben befreien wollten ...

Whrend dies _andere_ Frankreich im roten Westen unbeirrt seine Kolonnen
formierte. Fhlte denn nur sie allein den Boden schon zittern unter dem
Marschrhythmus der von Osten und Westen einander entgegenziehenden
Armeen, war nur sie allein so prickelnd erregt von der Spannung dieser
von Erwartung des Kommenden geladenen Luft, die jetzt ber dem Rheinland
lag? --

O nein, auch George fhlte diese Spannung. Er fhlte sie, als mndeten
alle Strahlen des drohenden Sommerhimmels in der Kuppel seines unseligen
Schdels, und hineingerissen in das unwiderstehliche Vibrieren des
Lebens, das von Paris ausging, -- mochte der Geist dort auch schon den
Mord heilig gesprochen haben, -- in dieser Stimmung schrieb George an
den Schwiegervater, gelassen, als sei er an der Urheberschaft dieser
Entwicklungen beteiligt: ^Jacta est alea!^ Wir wollen nun aufhren, von
Prinzipien zu sprechen. Die Appellation an das Recht des Strkeren ist
geschehen. Wir wollen sehen, wer der seyn wird. --

Der Wrfel war gefallen!

Dies war der Grund jener Erregung, die einstweilen zwecklos verlodern
mute. Der Wrfel war gefallen, -- deshalb, -- nun erkannte er es! --
galt es, die Nchte aufzusitzen, zu trinken, zu lachen, zynisch und
bizarr zu reden. Wenn die Staaten ins Wanken gerieten, so war nichts zu
tun, als die Hnde sinken zu lassen. Die Sache der Zukunft war es, der
man angehrte, einer noch vllig verschleierten, dunklen, ungewissen
Sache. Wieder einmal, wenn man sich prfte, sah man sich selber als den
nackten Menschen, dem Schicksal ausgeliefert, und es wrde sich darum
handeln, der Bestie gegenber das Ideal zu verteidigen. Indessen lag die
Bestie noch unttig da, den Kopf auf den Pranken, tckisch blinzelnd. In
einer solchen entsetzlichen Spannung hatte der kleine George vor dreiig
Jahren keinen anderen Ausweg gefunden, als den, seine Natur zu
vergewaltigen, mit dem Janusch umherzuwildern, pfel zu stehlen,
Heuschober anzustecken, Hunde und Katzen zu qulen. Oh, er erinnerte
sich seltsam deutlich!

Gste also ins Haus! und ein Oxhoft Nierensteiner im Pfandhaus
ersteigert! --

Viele kleine Kinder litten doch an Krmpfen und berstanden es. --

Es lohnte sich nicht, in diesen Wochen viel zu arbeiten, da doch
fortwhrend Besuch kam und auerdem mehrere Eisen im Feuer lagen,
Projekte, die sich auf die Untersttzung des Pflanzenwerkes durch den
Wiener Hof, auf eine Anstellung in Preuen, auf eine Reise mit Brand
nach dem Sden bezogen. Und es kamen wirklich unaufhrlich Menschen ins
Haus, Offiziere, rzte, Feldprediger der durchziehenden Truppenteile,
die an der Grenze Aufstellung nehmen sollten, -- alte Bekannte aus den
Casseler Jahren, mit denen man einst den ^lapis philosophorum^ gesucht
hatte und die Smmerring ungern wiedersah, -- Reisefreunde aus Berlin,
aus Dresden, aus Wien, aus Warschau, alles Leute von Welt und von
geschmeidiger politischer Einstellungsfhigkeit, keine bramarbasierenden
Preuen, Eisenfresser und Despotenbttel. Es gab ein ungeheuer lustiges
Politisieren um den Teetisch herum.

Hatte nun nicht die groe Katharina mit ihren Deklamationen gegen Paris
Preuen und sterreich endlich auf die Beine gebracht und so weit fort
auf die Hasenjagd geschickt, da sie selbst jetzt in Polen ungestrtes
Spiel hatte? Und was sickerte alles von Preuens und sterreichs
Absichten ber die Teilung der Beute durch, noch ehe der Braten erlegt
war? -- Es war besser, nicht zu dem kleinen Jungen hineinzugehen, wenn
er einmal eingeschlafen war, hatte Therese gesagt. Es strte den kleinen
Jungen, -- ja, Therese hatte natrlich Recht! --

Ein Glas Wein auf den Abend war gut; zwei Glser machten sogar heiter.
Hrte man auf, die Glser zu zhlen, so stellte sich ein Zustand von
Zufriedenheit ein, der auf der Fhigkeit leicht, elegant und interessant
zu demonstrieren basierte, einer ungewohnten Fhigkeit, die glcklich
machte. Er tat es den anderen gleich, war feurig in der Verteidigung der
Neufranken wie Therese, begrndete sein Urteil mhelos mit Belegen aus
der Historie, wie Huber, fand kleine Scherzworte, nicht wahr, war ein
wenig schalkhaft wie Karoline, -- spielte mit, kurzum, spielte mit und
stand nicht daneben.

Der kleine Junge begann ja auch zu gedeihen. Er hatte ihn heute heimlich
aus der Wiege genommen und ihn herumgetragen, als er schrie. Er war in
seinem Arm still geworden, er war so warm und s. Hatte er einmal etwas
besessen, was hnlich gewesen war, hnlich hilflos, zart, ganz auf ihn
angewiesen? Einen kleinen Vogel vielleicht? Sein kleiner Junge war sein
Freund, er hatte ihn angelchelt mit diesem bebenden zahnlosen kleinen
Munde. Wem glich sein kleiner Sohn doch, wenn er lchelte, -- wem glich
er doch? --

Archenholz kam auf der Durchreise und brachte mit seinen Berichten aus
Paris Hoffnungen auf einen gemigten und glcklichen Verlauf der
inneren Entwirrung, die jedoch bald von den Berichten neuer Greuel
vereitelt wurden. Die Teuerung in dem von Emigranten und Truppen
bervlkerten Rheingau wuchs von Tag zu Tag und mit ihr allgemeine rat-
und ziellose Erbitterung. Nebenher wurden die Zurstungen zu dem groen
^concert des puissances^, das nach der Krnung des neuen Kaisers zu
Frankfurt in Mainz stattfinden sollte, heiter und groartig betrieben,
als glte es schon ein Siegesfest. George fuhr in den Krnungstagen mit
Huber und Brand nach Frankfurt hinber, sah den jungen Franz, wie er so
gutartig und unschuldig aussehend, die Hauskrone auf dem Haupt zu Pferde
in die Kirche zog, und lie sich von diesem Anblick bis zu Trnen
rhren, was er seinem Herzen unbeschadet seiner despotenfeindlichen
Grundstze gnnen zu drfen glaubte. Dem Schauspiel der frstentrunkenen
Mainzer, der Ehrenpforten, Illuminationen, Feuerwerke, der
spalierbildenden Rotrcke, -- dem Lrm der Janitscharenmusiken und
feierlichen Hochmter indessen ging er aus dem Wege, indem er die guten
Freunde Reichardts aus Gotha nach ihrem Reiseziel Koblenz
weiterbegleitete, nachdem sie einige Tage unter seinem Dach geweilt
hatten. --

Er machte es sich klar, da er von einer frchterlichen Mdigkeit
befallen war, als er bei der Heimkehr vom Anlegeplatz des Schiffes vor
dem Raimonditor durch die Stadt nachhause ging, -- da die Julihitze ihn
krank gemacht habe, da diese entsetzliche Schwermut folglich nicht bse
Ahnung, sondern krperlich und im brigen gegenstandslos sei. Die
Straen waren wie ausgestorben. In Eltville fand ein Volksfest statt,
bekrnzte Schaluppen mit trkischer Musik waren ihm den Rhein hinunter
entgegengekommen. Die groe Welt mochte in den Grten der Favorite
feiern. Die fremden Truppen lagerten im Glacis. Wie er so schlaffen
Schrittes dahinschritt, den Hut in der Hand, den Kopf gesenkt und nichts
empfindend, als eine peinliche Unlust, nachhause zu kommen, eine Unlust,
die ihn trotz aller Ermdung nicht den nchsten Weg suchen lie, sondern
ihn immer wieder durch fremde Straen und Gchen trieb, stie er am
Karmeliterplatz fast mit einem Leichenzug zusammen, der zum St.
Christophs-Friedhof wollte, -- mit ein paar preuischen Grenadieren, die
einen kleinen weien Kindersarg trugen, der mit Rosenketten bekrnzt,
das traurig-prunkvolle Gefolge eines Priesters mit seinen Knaben und
einiger preuischer Offiziere in groer Uniform hatte. George erkannte
einen jungen Hauptmann von Eltz, einen geborenen Mainzer in preuischen
Diensten, der, wie er wute, auf dem Weg ins Feld seine Frau und deren
Schwester, Tchter eines Generals von Tracht, mit seinem kleinen Sohn
fr die Dauer der Campagne zu seiner hier lebenden Mutter gebracht
hatte. Betroffen verweilend und alles an sich vorberlassend, stand er
noch immer von der Ahnung eines Schicksals durchschauert da, als der Zug
und die kleine Schar von Frauen und Kindern, die ihm nachlief, lngst
verschwunden war, -- raffte sich dann pltzlich zusammen, blickte
verstrt um sich und prete die Hand auf die Brust. Dies, sagte er sich,
nun hastig in der Richtung auf die Groe Bleiche hinstrebend und diese
Strae hinauf und nachhause zu schreitend, dies war Wirklichkeit, kein
Spuk und keine Vision. Es hatte keine hnlichkeit mit irgend etwas schon
Erlebtem, denn, -- so trstete er sich sinnlos: als wir das Louischen
begruben, war es an einem nebeligen Novembermorgen und Huber und ich
auerdem nicht in preuischer Uniform. Dies also war nicht die
Spiegelung eines mir bevorstehenden Ereignisses. Hier gurren Tauben auf
dem Dach, diese Kinder spielen so vergngt, die Frau dort hngt so
friedlich Wsche auf. Die Leute knnten doch nicht alle so ruhig sein,
wenn ... Ich bin auer aller Contenance, fhlte er, und wischte sich den
Schwei von der Stirne. Einem Leichenzug zu begegnen, bedeutet auerdem
doch immer Glck. Nun bog er in die Tiermarktstrae ein, rannte fast die
letzten Schritte bis zu den Universittshusern, ging dann wieder
langsamer, drckte zgernd, zgernd die Haustr auf. Wie khl war doch
die Luft im Flur! Ach, natrlich, -- welche Einbildungen! Er atmete
erleichtert auf, wovor hatte er sich eigentlich gefrchtet. Er erinnerte
sich, da Therese und die Kinder nun in der Nachmittagshitze ruhten, da
die Mgde in der Kche beschftigt waren, da es deshalb so still, so
seltsam still im Hause sei. Auch schrie kein kleines Stimmchen, wie er
doch, -- er war sich dessen sicher, -- erwartet hatte. Um so besser,
dachte er. Wir werden einen belebten Abendzirkel haben, machte er sich
klar, indem er die Treppe hinaufstieg, und besann sich, da auch der
Besuch Herrn von Goethes aus Weimar, der seinen Herzog ins Feld
begleitete, in Aussicht stand. Das Gesprch darf nicht auf den
Gro-Kophta kommen, entschied er und drckte nun mit einem Gefhl der
Klte in Wangen und Lippen, mit einem Krampf in der Brust die Klinke der
Wohnstubentr hinunter.

Er sah: da stand der offene kleine Sarg. Da lag sein kleiner Junge tot.
Und da sa Therese vorgebeugt, den Ellbogen auf den Knien, den Kopf auf
die Hand gesttzt mit einem auf ihrem Antlitz erstarrten Ausdruck irrer
Fassungslosigkeit ber diesen Sarg ins Leere starrend, und da sa Huber
neben ihr, den Arm schlaff um sie gelegt, zusammengesunken, zerschlagen,
furchtsam vor sich niederblickend, Trnenspuren auf den Wangen, -- da
saen zwei Zusammengefesselte, zwei Miteinanderverurteilte ...

Therese hatte sich erhoben. Huber stand auf. Sie schienen beide noch
nicht ganz erfat zu haben, da er da war, obgleich sie ihn anblickten.
Pltzlich unter diesen Augen, die zwischen ihm und Therese hin- und
herglitten in stummer entsetzlicher Frage, legte Huber die Hand ber
sein Gesicht, machte eine taumelnde Bewegung auf George zu und ging
wankenden Schrittes zur Tr.

                   *       *       *       *       *

O nein, o nein, den Abgrund nicht! Den Abgrund zwischen ihnen beiden
nicht! War er noch zu fllen mit dem Schutt des Alltags? Reichten die
Brcken der groen Ereignisse noch von einem Rand zum anderen?

Wohnten sie denn nicht beieinander, hatten die Mahlzeiten, die Zimmer,
die Kinder, die Freunde gemeinsam, gemeinsam die lauten festlichen
Abende und die Nchte, Bett an Bett mit dem stundenlangen Belauschen des
anderen im Finstern? Oder lauschte Therese nicht so auf ihn, wie er auf
ihre Atemzge, die ihm verrieten, da auch sie nicht schlief, da sie
... Oh, wartete sie etwa darauf, da er -- nun endlich einschliefe? Aber
ihre Hand war sanft gegen ihn gewesen, er hatte alle Pflege gehabt,
deren sein kranker Leib bedurfte, er hatte das Lcheln ihrer Augen ber
sich gesehen und nichts war ihm verwehrt worden. Nicht wahr, jene
Stunde, jene furchtbare, am Sarg des kleinen Jungen, sie hatte im
hllischen falschen Lichte seiner Ermdung und berreizung gestanden,
und sie war doch vorbergegangen, wesenlos geworden wie das furchtbare
Wort, das er gesprochen hatte, -- oder hatte er es nicht gesprochen? Das
er hinter Huber drein gesprochen zu haben meinte, der die Tre so
entsetzlich sanft geschlossen hatte: Ihr werdet wohl nicht ruhen, bis
auch ich ... Oh, nein, nicht in seinem Herzen wohnten Worte mit solchen
Widerhaken! Sein Herz war sanft, geduldig, wollte tragen. Es tat sich
auf, sobald die Sonne wieder schien, und da war die geliebte Frau und da
war der Freund und sie beide so voll Milde und Kraft, bereit, ihn, den
Schwachen, zu sttzen, ihm alles zu verzeihen ...

Er war gefat. Er arbeitete wieder. Und was arbeitete er? Er fate die
Erinnerungen des glorreichen Jahres 1790 in Kalenderform zusammen,
machte aus jenen unvergelichen ^vnements^ und den Silhouetten der
groen Mnner ein allerliebstes Bchlein im Publikumsgeschmack, das mit
vorzglichen Kupfern geziert zur Michaelismesse bei Vo herauskommen
sollte. Im brigen fgte er Bild an Bild zum dritten Bndchen der
Ansichten, lie sich von Karolines klugem Zureden bewegen, etwas
geflliger und weniger pathetisch zu schreiben, sa mit dieser guten
Freundin und Zuhrerin ber neuen bersetzungsplnen und nahm sich
tglich in den Morgenstunden sein Rschen mit ihrem Augustchen zusammen
vor, um diesem kleinen Gesindel ein paar Anfangsgrnde der
Wissenschaften beizubringen. Sie waren keine Knaben, -- allerdings ...

Es war ihm, als mte er ganz leise und behutsam weitergehen. Als knnte
ein hastiger Schritt, eine heischende Gebrde, -- als knnte schon ein
ungeduldiger Gedanke die Schneeflocke lsen und mit ihr die Lawine, die
alles begraben wrde.

Lcheln also. Waren Therese und Huber nicht Kinder, liebenswrdige
Kinder? War es nicht gut, mit ihnen zu leben, zu fhlen, da sie ihn
trugen und dennoch seiner nicht entraten konnten, seiner Arbeit
bedurften, seiner Erfahrung, seines Rates? Lcheln, oh, und nicht
mitrauen, wenn sie auf den Spaziergngen zurckblieben, wenn sie dann
Hand in Hand wie die Trumenden herankamen, -- wenn sie in der
Abendstunde still zusammen am Fenster saen. War es nicht Unschuld, wenn
sich ihre Hnde nicht lsten? Wenn Huber den Blick nicht von Theresens
ber die Arbeit gesenkten Scheitel lie, auch jetzt nicht, da George
hinzugetreten war? -- Lcheln also! Lcheln auch ber den Klatsch, den
der um des Freundes Ehre so redlich besorgte Smmerring nicht unterlie,
ihm zu hinterbringen.

Ach, guter Smmerring, -- wir wollen lieber anderer Dinge gedenken! Die
Moral des Mainzer Professorenklngels in Ehren. Aber ich denke, fr uns
ist anderes mageblich ...

Lcheln also! Lcheln auch ber jenes Gedicht im letzten Gttinger
Almanach, der ihm im Oktober in der Universittsbuchhandlung in die Hand
kam, in dem er bltterte, verwundert, ihn nicht wie jedes Jahr gleich
bei seinem Erscheinen von Dietrich zugesandt bekommen zu haben. Er
stutzte beim Titel eines der Beitrge, der ^Huberulus Murzuphlos^ oder
der poetische Ku߫ berschrieben war, las weiter, las ein kleines,
infames Machwerk voller Anzglichkeiten, las den Verfassernamen Bajazzo
Romano, meinte sich zu erinnern, da Meyer gelegentlich unter diesem
Pseudonym verffentlichte, legte das Bndchen beiseite -- und lchelte.
Hatte man ihm zu Hause das Buch unterschlagen, um ihn zu schonen? Er
sprach mit Karoline darber, die er gleich darauf in ihrer Wohnung in
der Welschen Nonnengasse aufsuchte, um ihr einige Journale zu bringen.
Die gute Freundin errtete heftig, -- o ja, sie sei mit Therese
bereingekommen, den Almanach vor ihm nicht zu erwhnen, da er diesmal
durch und durch faul und wurmstichig sei, von pbelhaften, kleinen
Gemeinheiten wimmele, zu denen auch Brgers Epigramme zhlten. Der
^Huberulus Murzuphlos^ brigens, sprach sie nach einer Pause mit
verzweifelter Tapferkeit weiter, so wie man eine Wunde berhrt, um sie
zu heilen, dieser elende Angriff auf den guten Huber sei nun Gott sei
Dank durchaus nicht von Meyer, wie sie zuerst mit Entrstung htte
annehmen mssen, -- oh, dazu sei Meyer nicht fhig, sagte George sehr
ruhig und -- lchelte; er selbst wre nie auf diese Annahme verfallen,
sprach er, bckte sich und rckte an der Schnalle seines Schuhs, --
sondern von Bouterweck, der sich fr Hubers herbe Kritik seines
Donamar in der Jenaischen Literaturzeitung in dieser feinen Weise
rchte. Indem sie ihn ngstlich anblickte und -- er fhlte es, -- gern
nach seiner Hand gegriffen und sie gestreichelt htte, sagte sie ganz
zaghaft und leise: Lieber Forster, nicht wahr, es ist nun alles gut?
Und als er ihr darauf mit einem kraftlosen Heben und Senken der leeren
Hnde sein Antlitz zuwandte, bemerkte er Trnen in ihren Augen,
murmelte: Liebe Karoline ..., und wute es nicht, da es seine Gebrde
war und dieses arme Lcheln seines mden, gealterten Gesichtes, die jene
Trnen strzen lieen. --

Was bedeuteten brigens auch solche, im Bereich der ^Belles lettres^
hin- und hersausenden Giftpfeile in diesen Tagen, da Mainz mehr denn je
einem aufgestrten Ameisenhaufen glich, nachdem jener General Custine,
der, in Landau stehend, seine Soldaten aus purer Langeweile einmal ein
wenig ins Rheingau spazierengefhrt und so spazierengehenderweise Worms
und Speyer eingesteckt hatte, sich mit dem berhmten Appetit, der im
Essen wchst, Mainz zu nhern begann und gewillt schien, des heiligen
rmischen Reiches Schlssel seiner siegreichen Republik zu Fen zu
legen? Es mochte seinen besonderen Reiz haben, die Zurckwerfung der
deutschen Armeen, die seit dem fr die Koalitionstruppen so unseligen
Tage von Valmy eine vollkommene war, mit der Eroberung der Stadt zu
krnen, von der das renommistische Manifest des Braunschweigers
ausgegangen war. Wer sich fr den Geist jenes Manifestes irgendwie auch
nur im entferntesten mitverantwortlich fhlte, dem schien das
Heranziehen des Brgergenerals jedenfalls auerordentlich peinlich zu
sein und whrend wenige Meilen nrdlich das Zurckwandern der
geschlagenen deutschen Truppen ber den Rhein begann, setzte ber die
Schiffsbrcke von Mainz eine sonderbare Piroutchade sich in Bewegung und
auf einer unabsehbaren Kette von Wagen aller Art schaffte ein hoher Adel
sich selbst und sein bewegliches Eigentum so eilfertig aus der Stadt,
da schon vor dem 10. Oktober die Mainzer Brgerschaft ganz unter sich
war. Denn auch die obere Geistlichkeit und die Emigranten waren nicht
zurckgeblieben, beileibe, diese am allerwenigsten. Seine Eminenz hatte
die Stadt nchtlicherweise und durchaus unauffllig verlassen, wie es
hie in einem Wagen, an dessen Schlgen die Wappenschilder in aller Eile
abgekratzt worden waren, und hatte sich nach dem Eichsfeld begeben,
baldigst gefolgt von Ihrer Eminenz, die indessen das Tageslicht nicht
gescheut hatte und am frhen Morgen mit allem Pomp und groem Gepck,
gezogen von den vier Apfelschimmeln abgereist war. --

George stand am Morgen des nchsten Tages an der Brcke und sah dem
Schauspiel der abrollenden Berlinen und Kaleschen zu, unter denen
endlich das Kabriolett kam, in dem Huber mit dem Archiv seiner
Gesandtschaft nach Frankfurt fuhr, -- nicht aus Furcht, wie er zu
versichern kaum ntig gehabt htte, aber wegen dieser berflssigen
Kniglich Schsischen Staatspapiere, fr die er nun einmal
verantwortlich war. Da war er hingefahren, in unbegreiflicher Erregung
bleicher aussehend, als sich mit dem Anla dieses Abschieds vertrug, und
hatte fremd und ernst zu George hinbergegrt, als er ihn am
Brckenkopf stehen sah. George war dann zurckgegangen, als sei der
Zweck seines Ausgangs erfllt: er hatte Huber abfahren sehen.
Unerklrliche Befriedigung fllte schwankend sein Herz bis zum Rand.
Gewi, und er gab es sich zu: leichter war es zu lcheln, zu lcheln
auch in der Vorstellung, da nun die deutsche literarische Welt aus
jenen Bajazzo-Versen hmisch die Runen seines Schicksals zu deuten
suchen wrde, -- leichter war es zu lcheln, wenn Huber einmal fr Tage,
fr Wochen nicht mit am Tisch sa. Es war mglich, mit der Vorstellung
zu spielen, da die Flut politischen Geschehens ihn auf
Nimmerwiedersehen entfhren knnte, -- kamen doch schon wenige Tage nach
seiner Abreise kummervolle Briefe von ihm, des Inhaltes, da er Befehle
aus Dresden habe, den gefhrdeten Boden von Mainz nicht eher wieder zu
betreten, bis die alte Ordnung dort hergestellt, der Kurfrst
zurckgekehrt sei.

Therese nahm das so gelassen hin, sie uerte keine Vermutungen, keine
Hoffnungen fr die Zukunft, -- Therese war bla, aber heiter, von einer
Fassung, der er demtig begegnete. Sie folgte der Entwicklung seiner
Plne mit Aufmerksamkeit und nur mit geringen Einwnden, -- gewi, es
war kein bles Projekt, baldmglichst nach Paris berzusiedeln und dort
zunchst als freier ^homme de lettres^, spter im Dienst der
freiheitlichen Regierung zu leben. Sie hatte alle Auffassung dafr, da
es nun an der Zeit sei, mit einer langsam gereiften freiheitlichen
Anschauung Ernst zu machen, da es unmglich sein wrde, der alten
Mainzer Regierung, die sich so verchtlich gemacht hatte, weiter zu
dienen, -- falls sie denn wieder ans Ruder kommen sollte. Aber der
Hausstand hatte sich so vergrert in den letzten Jahren, -- wie dachte
er es sich denn mit dieser Menge beweglichen Eigentums? Die Mbel
sollten wieder verkauft werden? Nun ja, -- _ihr_ Herz hing nicht an
Gegenstnden. Immerhin mge er bedenken, da in irregulren Zeiten die
Konjunktur fr derartige Verkufe keine gnstige sei. Es war Abend und
sie saen zusammen auf dem grnen Kanapee, Therese unttig in einer
Sofaecke lehnend und ihr Armband am linken Handgelenk unablssig hin-
und herschiebend. Ihr Blick, nur zuweilen mit scheinbarer Sammlung in
seinen Augen ruhend, durchforschte unruhig die Dmmerung der
unbeleuchteten Zimmertiefe und hing dann wieder wie pltzlich gebannt in
nchster Nhe, an einer Fehlstelle in der Politur des Tisches, die sie
spielend berhrte, -- an einem kleinen braunen Fleck ihres Unterarms.

George, -- fragte sie pltzlich, als er schon seit einer Weile von
einer Bibliotheksangelegenheit sprach, -- knntest du denn daran
denken, zu den Franzosen berzugehen?

Sie sah ihn von der Seite an, -- fast lauernd. Er nahm den Anla wahr
und holte sehr weit aus. Er sei in Polnisch-Preuen geboren, habe diesen
Boden verlassen, noch ehe er wieder in preuische Hnde
bergegangen sei, und htte alsdann von seinem elften Jahre an
nacheinander, -- er zhlte es an den Fingern her, -- der russischen,
englischen, hessen-casselschen, polnischen und nun endlich der
kurfrstlich-mainzischen Regierung gedient. Htte als Gelehrter das
ungeheure russische Reich, fast alle Lnder Europas und die halbe Erde
bereist ... Hier flocht Therese ein: Zwischen deinem elften und
zwanzigsten Jahr, -- ach, Georgie, du Gelehrter! lachte ein kleines,
gurrendes Lachen und streichelte spielend seine Rechte. Jawohl, fuhr er
mit ernsthaftem Eifer fort, er habe eben auf diese Weise, wenn nicht die
ganze Erde, so doch Europa als sein Vaterland betrachten gelernt und die
Menschheit als sein Volk, sei zudem nie einer Kirche hrig gewesen,
sondern von frhester Jugend an durchdrungen und geleitet von der
kniglichen Kunst, mit dem Mastab der Wahrheit, mit dem Winkelma des
Rechtes und mit dem Zirkel der Pflicht in der erdumfassenden Vereinigung
aller Guten zum Guten zu wirken, deren Ziele nie andere gewesen wren,
als die, die nun auf den Fahnen der glcklichen Neufranken stnden ...

Mit dem Mastab der Wahrheit, mit dem Winkelma des Rechtes, mit dem
Zirkel der Pflicht ... wiederholte er sich lchelnd die alten
wohlgeflligen Symbole. Therese, die brigens keineswegs zugehrt hatte,
obgleich sie mit dem Ausdruck des Lauschens dagesessen hatte, aber dem
eines angestrengten Lauschens ber seine Ausfhrungen hinweg, zuckte
pltzlich auf, sagte: Horch! und Also doch! sank aber gleich wieder
in Gleichgltigkeit zurck, denn das war Smmerrings Stimme, die jetzt
nach dem Gerusch der sich schlieenden Haustre unten im Flur hrbar
ward, und Smmerrings schwerer Schritt, der da die Treppe hinauf kam.

Smmerring, murmelte George, nach der Tr blickend, von einer
unerklrlichen Unruhe berschauert, und dachte dabei, diese Tage seien
geeignet, einen zum Geisterseher zu machen, immer dchte man, es stnde
ein Schicksalsbote drauen oder auch -- Huber.

Da wren wir! sagte Smmerring ein wenig schnaufend, wie er nun im
Trrahmen stand, schwarz sich abhebend gegen das Licht des Lmpchens
drauen auf dem Flur, und da bringe ich die wandelnde Hieroglyphe.
Vollends eintretend lie er einen hohen, schmalen Schatten hinter sich
ins Zimmer gleiten und, -- ja, ich wute es! dachte George, -- dies
war Huber! Huber, der zgernd in den Lichtkreis des Armleuchters trat,
mit hngenden Schultern, den dunklen Blick aus fast weiem Antlitz auf
Therese geheftet, die ihn ansah, ja, die ihn ansah und lchelte, George
wute es, -- Huber, der nun murmelte: Ja, -- hier bin ich wieder. Ich
dachte, ihr knntet meiner bedrfen. Es braucht ja keiner zu wissen. Wem
sollte es auffallen? Ich will ein paar Tage verweilen, die Ereignisse
abwarten ...

War es mglich, alle diese Dinge zu sagen, als seien sie Zrtlichkeiten?
Smmerring, in seinen gewohnten Armstuhl niedergelassen, sagte mrrisch,
indem er seine groen Hnde ineinanderrieb: Was ist da viel abzuwarten?
Morgen oder bermorgen sind sie da.

Huber war in das Dmmer zurckgewichen und lehnte irgendwo an der Wand.
Er lachte nervs.

Fama geht in vieler Gestalt um. Gestern ein Weisenauer Marktweib, heute
ein betrunkener Weilheimer Husar. Und der Stephanstrmer stt ins Horn,
die Alarmschsse knallen, Kriegsrat wird abgehalten und wer ein
schlechtes Gewissen gegen die unterdrckte Majestt des Volkes hat,
luft, was er laufen kann. Und Custine ist lngst wieder in Landau.

Die Stadt ist entvlkert, sagte Smmerring dster, da! Er hob den
Finger. Unaufhrliches Wagenrollen kam fernher durch die Nacht.

Ah bah, -- der Adel geht auf Reisen und die Emigranten suchen andere
Weidepltze. George erhob sich und begann ungeduldig auf und ab zu
gehen. Custine ist nicht wieder in Landau! Warum sollte er auch?

Hoffst du, da er nicht wieder in Landau ist? Therese sa, das Kinn in
die Hand gesttzt, und zog die Augenbrauen hoch.

Ich hoffe gar nichts. Ich vertraue der Stokraft dieser Idee ...

Welcher Idee?

Wie kann man fragen? Der Idee der Freiheit!

Esterhazys Armee soll in der Bergstrae stehen, sagte Huber sanft,
dies drfte die Stokraft dmpfen.

So? Und wenn die Sansculotten morgen vor unsern Toren stehn? Was ntzen
uns da die Esterhazys in der Bergstrae? Sollen uns unsere dreihundert
Mainzer und Weilburger Kerls verteidigen? O Gott, o Gott! O Gott, o
Gott! Eine Festung wie Mainz und bei solchen Zeitluften von Truppen
evacuiert! Ist es zu glauben? Smmerring rang buchstblich die Hnde.

Frankfurt schickt Sukkurs.

Wie unterrichtet Sie sind! Dann lassen Sie sich nur sagen und erzhlen
Sie es den Frankfurtern, da man hier nicht an Verteidigung denkt, gar
nicht daran denkt! Eikmeyer ist imstande und geht Custine mit den
Schlsseln der Festung nach Weisenau entgegen und die Intelligenz der
Stadt schreit: ^Vive la nation!^

Nun, nun, mein Alter! Und du schreist nicht mit?

Oh, hier ist nichts zu scherzen! Ich wnsche meinen Hausstand nicht
whrend eines Erdbebens zu begrnden. Und du bist von Demagogen verfhrt
und hast das Gefhl fr Ma und Brgerwrde eingebt, -- la dir es
sagen, Freund!

Smmerring stand im Begriffe, sich zu verheiraten. George nickte ihm mit
schwermtiger Freundlichkeit zu. Seine Hand spielte mit dem kleinen
^globus terrae^ aus Kristall, den er wie auch Smmerring an der Uhrkette
trugen, einem rosenkreuzerischen Abzeichen aus der Casseler Zeit. Er
zitierte trumerisch die alte Formel: >Wenn die Hauptzahl erfllt sein
wird, so wird der Grte der Kleinste und der Herr der Diener seines
Dieners und der Knecht seines Knechtes sein ... Die Snden der Profanen
werden vor den Augen des Jehova die Wagschale berwerfen und ihr Ma
wird voll sein ... Ein Hirt und ein Schafstall, ein Herr und ein Knecht
-- und die Weisen werden gehen auf Rosen aus Eden,< -- oh, Bruder, war
das nicht auf _diese_ Zeit gesagt?

Willst du nicht auch wieder anfangen, Tote zu beschwren und den
Sternen zu gebieten, ihren Ort zu wechseln? Still, ich will nicht
erinnert werden. Der Teufel versucht dich, la dich warnen und weck den
Schwrmer Amadeus nicht auf!

Forster lchelte wehmtig.

Frchte nichts! sagte er. Amadeus ist tot.

Htte ich wieder einen Sohn, sagte Therese leise, er sollte Amadeus
heien, -- oder ^Aim^, -- Geliebter!

Das Wort zog bunte Kreise durch den Raum. Die drei Mnner lchelten.
Therese blickte unbefangen auf, fand Hubers Augen mit einem
leidenschaftlichen Triumphieren auf sich ruhn, lchelte verwirrt und sah
auf ihre Hnde. -- -- --

Den Prophezeiungen eines veritablen ^charg d'affaires^ zum Trotz hatte
die Idee der Freiheit in der Gestalt des Brgergenerals Adam Philippe de
Custine ihre Macht bewiesen und war am 21. Oktober ganz ohne besonderer
Stokraft zu bedrfen, in einem Tressenrock aus Scharlachtuch, einen
gewaltigen Federhut auf dem ^ la chien^ frisierten Haupte mit groem
Gefolge in Mainz eingezogen. So sieht er aus, der Wterich, -- ^mon
dieu^! sagte die kleine Forkel ganz enttuscht, neben Therese und
Karoline in einem Fenster der Bibliothek an der Groen Bleiche lehnend,
-- ein Mann mit Haar am Mund, -- ^fi donc^ und Philipopel! Ein
stumpfnasiger, ein undmonischer Mann, fand Therese, der wie im Traum
zum Ruf eines Attila gekommen sein msse; er gliche einem gutmtigen
Schlchterhund, der allzu reichlich von fettem Abfall lebte.

Meine Lieben, sagte Karoline erheitert, ich staune ber eure
^esprancen^! Seid ihr vielleicht auch enttuscht ber das ausgefallene
Bombardement? Lise soll ja gesagt haben: beigewohnt haben mchte ich dem
doch einmal, -- und so mag wohl auch der neugierige Goethe gedacht
haben, als er bei Valmy in den Kugelregen ritt!

Ich habe gar nichts erwartet, sagte Therese hochmtig und zog sich vom
Fenster zurck. Ein Edelmann, der sich dieser Zeit fgt, taugt nichts,
-- da waren die Emigranten mir lieber!

Potztausend! Dora Forkel war pikiert. Und Sie weinten doch vor
Entzcken beim Anblick der ersten ^cocardes tricolores^ in der
Schustergasse, -- wenn mich meine Erinnerung nicht tuscht, meine
Teure.

Und ich werde immer weinen, wo ich sie erblicke als Abzeichen einer
groen Gesinnung, einer freiheitsglubigen Seele ... Wir wollen gehen,
George, -- wir wollen ins Lager gehen und die echten Shne Frankreichs
und der Freiheit begren. Dies ist kein fhrender, -- dies ist ein
_geschobener_ Mann!

Sie lachte schrill. George bot ihr stumm den Arm.

                   *       *       *       *       *

Das Herz voll aufjubelnder Erinnerung an das Volk, das er vor zwei
Jahren auf den ^Champs d'Elyse^ sein groes Bruderfest hatte zursten
sehen, ja, mglicherweise in dem Gefhl, hier handele es sich um eine
Fortsetzung jenes Festes, in das nun auch er und was um ihn war,
einbegriffen sei, -- sie waren in grerer Gesellschaft dem Zuge der
vors Tor hinausstrmenden Brger gefolgt, -- in dieser nicht
gewhnlichen Stimmung also, einem Rausch der Menschenliebe, des
Freiheitsfrhlings, -- konnte sich George nicht enthalten, einem der
ersten Shne der Freiheit, die ihm in den Weg kamen, unter Schwenkung
des Hutes ein aufrichtiges: ^Vive la rpublique!^ zuzurufen. Der
Soldat, ein langer brauner Kerl, auf seine Flinte gelehnt und die
Vorbertreibenden nicht eben freundlich musternd, spuckte aus, strich
sich den Schnauzbart und rief herzlich: ^Sacr! Elle vivra bien sans
vous!^ worauf er sich abwandte. In der sonderbaren, ahnungsvollen
Bewegtheit seines Gemtes ging das Wort George tagelang nach. ^Elle
vivra bien sans vous!^ Oh, dies war eine Warnung des Schicksals! Nein,
er wrde nicht dem Klub, der Gesellschaft der Freunde der Freiheit und
Gleichheit beitreten, die sich schon am ersten Tage nach dem Einzug der
Franzosen um einige allgemein bekannte Revolutionsschwrmer zu
kristallisieren begann, um den Dr. Metternich etwa und den Professor
Blau, einen der lebenslustigen Priester, denen das Beispiel des Kollegen
Dorsch in die Augen stach, der vor einem Jahr in das freiheitliche
Straburg bergesiedelt war und dort die ihm nachfolgende Demoiselle
Strohmeier, zu der er allgemein bekannte, anstige Beziehungen
unterhalten hatte, nunmehr ehelichte. Der Kollege Dorsch brigens kam,
noch ehe der Oktober um war, wieder in Mainz an und brachte die
geehelichte Strohmeiern mit, desgleichen kam der Professor Bhmer
angereist, ebenfalls aus Straburg und nicht eben zum Entzcken seiner
Schwgerin Karoline. Niemand wute recht, hatte Custine diese Herren
wirklich herbeigerufen, wie sie in Umlauf zu setzen nicht unterlieen,
oder waren sie seinen Spuren gefolgt, kleine Schakale der Fhrte des
Lwen? Nun, jedenfalls, sie wuten ihr ^air^ zu behaupten, waren nicht
mehr Dilettanten der Sache der Freiheit gegenber, sondern verstanden es
von Grund aus, eine larmoyante und trge deutsche Brgerschaft, die am
Ende gar noch mit ihrem Despoten zufrieden gewesen war, zu
elektrisieren. Dergleichen Leute also, wie jener Metternich, wie der
dicke Blau mit Dorsch und Bhmer, zu denen sich etwa noch der Historiker
Hofmann und Wedekind gesellten, bildeten den Kern der Mainzer
Jakobinergesellschaft, -- und, wie gesagt, -- George verzichtete. Nicht
allein, weil Marianne in Gestalt jenes Getreuen ihm einen Korb gegeben
habe, sagte er lachend zu Therese und Karoline. Sei nicht der erste Korb
einer Sprden immer mit den Blumen der Hoffnung gefllt? Nein, -- er
verzog das Gesicht und schob die Schultern hin und her, -- diese
Gesellschaft war nicht sein Geschmack. Sie gebrdete sich allzu sehr wie
eine Schulklasse, die der Lehrer verlassen hat. Sie war nicht durchpulst
von dem ursprnglichen heien Quell der Emprung. Sie gefiel sich in
einer ffischen Nachahmung von Paris, war tollgewordnes Spiebrgertum.
Huber, der ihn aufmerksam ansah, meinte zgernd, als taste er im Dunkeln
nach der Klinke einer verschlossenen Tr, ob es denn nicht vielleicht
gerade aus diesen Grnden die Pflicht eines Mannes von wahrem
Weltbrgersinn sei, die groe Sache auf deutschem Boden wrdig zu
vertreten? Dies sagte Huber, indem er nun nicht mehr George, sondern
Therese ansah und Therese, den Blick unsicher und fragend erwidernd,
nickte pltzlich mit Heftigkeit Beifall: Freilich, George, -- hier
kommt es auf den Standpunkt an.

Ich bin kein fhrender Mann, sagte George gedankenverloren, Tags zuvor
gehrte Worte wiederholend, ohne es zu wissen, und nicht wahrnehmend,
da die Blicke Hubers und Theresens sich hastig kreuzten, um einander
wieder zu fliehen, whrend Karoline ihn voll Schwermut ansah.

                   *       *       *       *       *

Es war ein Herbst, so herbstlich wie noch nie. Der Nebel kam durch die
Haustren hinein und wallte still ber die Treppen; er quoll in die
Fenster, wie der Odem einer ungeheuren kranken Brust. Es roch nicht nach
Nebel allein, es war nicht nur jener fast se feuchte Geruch nach
frischen modrigen Blttern und berblhten Veilchen, den man an
Novemberabenden zwischen den Heckenwegen sprt, -- dieser Herbst war
Krankheit. Es lag Fulnis und Verwesung in der Luft, die Ausdnstungen
des Heeres, seiner Menschen und Tiere, -- es lag Lhmung, verzweifelte
Unentschlossenheit ber dem ffentlichen Leben, die den Brger
hinderten, die Stadt fr den neuen Herrn im alten Stand der gepflegten
Sauberkeit zu halten. Es war zu dem allen der sonderbar aufregende Duft
nach Leder, nach Pferden, nach Schnaps, nach hollndischem Tabak, nach
parfmiertem Puder, waren die Dnste ungewhnlicher Mahlzeiten, von
denen die Atmosphre durchwittert war. Es war das stndige Signalblasen
der Hrner, das durch den Nebel drang, der Marschtritt auf den Gassen,
die neuen Lieder und Tnze, die abends aus den Husern schollen, der
Wohlklang und Rhythmus der fremden aber geliebten Sprache an allen Ecken
und Enden. Es war der Zustand des Krieges, den George als qulend
herbstlich empfand, als spukhaft, als eine unertrgliche, laue, schlaffe
Entspannung der Nerven, diesen Zustand, in dem die Aufhebung allen
Rechtes zur Snde herauszufordern scheint, denn jede Handlung, die der
Mensch unternehmen knnte, um den frchterlichen Stillstand des Lebens
zu unterbrechen, hie noch eben Snde. Es war das lautlose Abbrckeln
der Welt von gestern mit ihren Gesetzen, es war dies furchtbare stille
Scheinen der gelben, tropfenden Lindenbume drauen vor den Fenstern,
das George fast rasend machte. --

Wnschte der General seine Dienste oder lag ihm nichts daran? Er hatte
sich berreden lassen als Wortfhrer einer Deputation von Professoren
dem Gewaltigen seine Aufwartung zu machen und hatte die Interessen der
Universitt erfolgreich vertreten. Custine jedenfalls erlie dem
Institut alle Zwangsabgaben und lie sich durch Bhmer, der sich mit
einem Individuum Namens Daniel Stumme in die Sekretrsdienste im
Schlosse teilte, die Rede des ^pp.^ Forster in der Niederschrift
ausbitten. Hier htten Sie hinterhaken mssen, mein Teurer, hehe! Sie
hatten den Fu im Bgel und sind nicht aufgesessen. Der General hatte
ein flchtiges Interesse fr Sie gefat, es htte leicht ein ^faible^
werden knnen, -- aber Sie nahmen den Augenblick ja nicht wahr. Ich
frchte, der General ist verstimmt. Bhmer, der George als Abschlu
eines kurzem Pflichtbesuches diese Mitteilung machte, sah ihn mit
widerlich offenstehendem Munde, hochgezogener Stirne und aufgerissenen
Augen an, indem er wichtig mit dem Finger drohte. Da er einem Schweigen
begegnete, sammelte er sein Gesicht, sagte: Es ist noch nichts
verloren, da ich Ihr aufrichtiger Freund bin, und verabschiedete sich.
Sein Besuch war einer unter den hunderten in diesen Tagen, die alle mehr
oder weniger deutlich Georges Eintritt in den Klub forderten. Dies war
geeignet, ihn nachdenklich und schwankend zu stimmen. Bhmer war ein
Hanswurst, ganz ohne alle Frage, aber dem General beliebte es nun
einmal, ihn zu seinem Sprachrohr zu machen, der General stellte die
republikanische Regierung dar, und war er, George, einmal auf die Gunst
dieser Regierung, deren Grundstze er als seine eigensten, innersten
fhlte, angewiesen, ging sein Herz in _einem_ Takt mit dem groen
heiligen Herzen der Republik und dachte er nicht daran, dem im Eichsfeld
hnderingenden Kurfrsten eine sentimentale Treue zu halten, -- nun
wohl, -- was hinderte ihn eigentlich, ausgesprochenen und
unausgesprochenen Wnschen Rechnung zu tragen? brigens war es von
eigentmlichem Reiz zu fhlen, da erschrockene Brgeraugen auf einen
sahen, als auf den Mann von Weltblick und Contenance; da kleine
Anregungen, die man unter der Hand gab, wohlttige Folgen zeitigten, so
wie etwa auf seine ursprngliche Veranlassung hin das Theater wieder zu
spielen anfing, damit die franzsischen Offiziere sich amsieren und das
Publikum sich wieder humanisieren mge. Es war von eigentmlichem Reiz
zu wissen, da Menschen auf einem ungewissen Wege nicht weiter gehen
wollten, ohne ihn, -- denn drinnen heulte der Minotauros. Es war fast
unwiderstehlich, zu denken, da eine Aufgabe wartete, die seines Kopfes
erst in zweiter Linie, vor allem aber seines Herzens, seiner
Menschlichkeit bedurfte. Es ist nicht der Ruhm, den ich suche, sondern
die Liebe meiner Brder, redete er inbrnstig in Brands groe blaue
Kinderaugen hinein, die glubig auf ihn gerichtet, in diesen Tagen
fortwhrend politische Unterweisung von ihm forderten und mit Monologen
privater Natur abgespeist wurden. Zudem scheint Preuen endgltig auf
mich zu verzichten ...

Oh, Preuen taumelte mit sehenden Augen in sein Verderben. Der Knig
lie den Herrn von Bischoffswerder unentwegt weiter Geister zitieren,
denen alle staatsmnnischen Knste des Grafen Herzberg nicht gewachsen
waren. Dem Knig fehlte, kurz und gut, ein Mann in seiner Umgebung,
dessen Grundstze, Charakter und Wandel bis ^dato^ fr die
Rechtschaffenheit seiner Absichten zeugten, dessen Laufbahn Gelegenheit
zur Entwicklung eines groen berblicks, einer gesunden Einschtzung der
Zeichen der Zeit geboten htte. Einen deutschen Frsten von weitem
Machtbereich jetzt leiten, einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes
jetzt durch vernnftige Reformationen ohne blutige Revolution zu einer
gesunden Staatsverfassung fhren zu drfen ...

Freilich, unterbrach Therese sein Schwrmen und bat durch einen Blick
um Brands Teller, den sie mit Suppe fllte, da indessen weder dein
Freund Vo noch der Minister einen Weg zu finden scheinen, den Knig auf
sein Glck aufmerksam zu machen, so hielte ich es fr ratsam, sich an
das Gegebene zu halten. Huber meinte noch mit dem Fu auf dem Wagentritt
du -- mchtest dir doch hier durch dein Zaudern keine Chancen entgehen
lassen.

Eine Estafette seiner Regierung mit einem krftigen Verweis hatte den
^charg d'affaires^ vor einigen Tagen wieder nach Frankfurt zu seinen
Staatspapieren zurckbeordert.

Meinte er das? George nickte grblerisch. Ich gebe so viel auf sein
Urteil in diesen Dingen. Er hat einen eminenten Scharfblick, trotz
seiner Jugend. Er fehlt mir doch unendlich. Was meinst du, Therese, --
fehlt er uns nicht? Er a hastig und in sich gekehrt. Brand starrte vor
sich hin. Er hatte verzweifelt viel Takt, obgleich er hier nur halb
begriff. ^Why^, -- hatte Mrs. Forster Kummer? Wozu jetzt diese Trnen?
Therese hatte ihr Gesicht einen Augenblick auf Clairchens Kopf gesenkt,
die sie auf dem Scho hielt und ftterte. Jetzt sagte sie mit etwas
rauher Stimme: Deine eigentlichen Gaben liegen auf dem Gebiet des
Menschlichen, Lieber, im Umgang und in der Behandlung der verschiedenen
Individuen. Sie stockte und blickte vor sich hin, als dchte sie selbst
erstaunt ber ihre Worte nach. Dann fuhr sie tastend, aber mit
wachsender Sicherheit fort und unterbrach sich kaum mit einem genickten
Gru, als Karoline whrend ihres Redens leise eintrat.

Du httest dies am Anfang deiner Laufbahn in Deutschland ins Auge
fassen sollen, George, sagte sie, das Kinn in die Hand gesttzt und die
Augen empor gerichtet, als lse sie eine nachtrgliche Weissagung von
der geblmten Tapete ab, -- du httest das diplomatische Fach ergreifen
sollen und dein Glck wre heute gemacht. Du httest berall Freunde und
Gnner, du httest Konnexionen an allen Hfen Europas, -- du hast so
charmante Umgangsformen, mein George!

Sie sah ihn mit spielender Zrtlichkeit an, vermochte es, da sein
blasses Gesicht kindhaft strahlte, berlie ihm ihre Hand und
phantasierte weiter:

Du httest die Naturwissenschaften immer als Liebhaberei nebenher
betreiben knnen, -- so wie der Goethe es auch tut, -- nicht wahr? Der
Landgraf in Cassel hatte eine Vorliebe fr dich, -- ich wei es. Konnte
er dich nicht in seinem Kabinett anstellen, ebensogut wie an dem
trichten Carolinum? Du httest dich fr die armen hessischen
Landeskinder verwenden knnen, die er nach Amerika verkaufte, -- sieh,
das wre gleich ein verdienstlicher Anfang gewesen! Hernach wre die
Sache schon weiter gegangen und wer wei, welchen Verlauf die
europische Politik genommen htte, wenn ...

Nun? Wenn was, meine geliebte Sibylle?

Ja, -- wenn George Forster in Wien oder Paris am Steuer gesessen htte.
Nicht wahr? Nun -- und fr Paris -- ist es ja noch nicht zu spt.

Ah bah, mein liebes Kind. Worauf willst du eigentlich hinaus? Was meint
sie wohl, Karoline?

Da -- du deine Chancen nicht wieder versumen sollst, -- George. --

Die Suppe war abgetragen worden, die Kinder hatten Gute Nacht gesagt.
George ging unruhig auf und nieder, die Hand gegen die schmerzende Stirn
gepret. Er murmelte: Ich dachte dieser Krise als Privatmann
beizuwohnen. Therese, ohne vom ^Moniteur^ aufzublicken, in dem sie las,
antwortete:

Du mut es selbst wissen, was du deinem Namen schuldig bist.

Mr. Forster wird mit mir fahren nach Italien als mein Mentor, wir
werden studieren der Urpflanz und fhren Mr. Goethe ^ad absurdum, -- is
it not, Mr. Forster^? erinnerte Brand, in eine Sofaecke gerekelt. ^He
is not made for politics, Madam, not at all. Not hard enough, you
know!^

So, -- und Huber, -- dieser sensible Mensch mit dem Herzen einer
Mimose? Oh, wir gehen alle an unsern wahren Bestimmungen vorber! Und
_das_ ist die Erbsnde!

Was wre denn Hubers Bestimmung gewesen? Oh, ich frage nur beilufig
... Karoline war damit beschftigt, kleine Puppen aus Stoffresten in
den franzsischen Farben zu machen.

Therese sah in ihren ^Moniteur^. Huber ist ein Dichter, sagte sie
leise. --

Ich habe gehrt, da Dora Stock schwer krnkeln soll, erzhlte
Karoline nach einer Weile unbefangen und hielt ein Pppchen gegen das
Licht. Schiller und Krner sind sehr schlecht auf Huber zu sprechen.

Da Dora schwer krnkeln soll, -- was heit das? wiederholte George.

Er hat ihr einen Scheidebrief geschrieben, -- Huber.

Huber -- hat Dora einen Scheidebrief geschrieben? Therese?

Oh -- was sagst du das so fassungslos? Ja. Hat er es nicht erzhlt?
Dora wrde auch nie einen Menschen an sich binden, der in Bezug auf sie
^dsinteress^ ist.

Was meint Scheidebrief? fragte Brand lernbegierig. ^Does it mean
separation?^

Freilich, Vortrefflicher, lobte Karoline und fgte hinzu: Es ist ein
Ausdruck aus der deutschen Bibel.

^Indeed!^

Er hatte Karoline durch die dampfende Nacht nach Hause begleitet und kam
hustend in das Schlafzimmer. Er zog sich hastig und leise aus. Therese
lag mit groen, wachen Augen, ohne sich zu rhren. Im Nachtanzug endlich
kniete er an ihrem Bette nieder, ergriff ihre Hand und kte sie
inbrnstig. Er flsterte: Ach Gott, du bist so traurig, mein
Herzenskind, -- ach, kannst du es mir nicht sagen?

Sie flsterte: Du weit es ja, George.

Ihre Trnen stiegen, fielen, tropften lautlos ber ihre Schlfen. Sie
rhrte sich nicht.

Der Schritt der Ronde klang auf der Strae. Der Ruf erscholl:

^Qui vive?^

Der Herbstregen klpfelte rasend ans Fenster.

George weinte heftig, lautlos und gebrochen mit Therese. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Der Geheime Staatsrat von Mller war whrend aller dieser Vorgnge
abwesend von Mainz und auf einer Reise nach Wien gewesen. Anfang
November kam er zurck, aber obgleich Custine sich angelegentlichst um
ihn bemhte, gelang es ihm nicht, diesen wertvollen Mann seinerseits vom
Wert der neuen ra zu berzeugen, und nachdem Mller einige harmlose
eigene Geschfte in aller ffentlichkeit und einige im Sinne der
Franzosen vielleicht weniger harmlose in aller Stille erledigt hatte,
reiste er wieder ab, nicht ohne dem Mainzer Publikum Migung und eine
kluge Fgung in die Absichten der Eroberer nahegelegt zu haben. Es war
George nicht gelungen, ihn zu sprechen. Allein die Meinung Mllers, da
die Mainzer gut tten, nicht wider diesen Stachel zu lcken, und seine
behutsamen Ratschlge an einige einflureiche Brger, dem Klub
beizutreten, sich in die provisorische Administration whlen zu lassen,
um dort den Leuten zu steuern, die beabsichtigten, im Trben zu fischen
und fr den Schutz des privaten und ffentlichen Eigentums zu sorgen, --
diese diplomatischen uerungen zur Sachlage kamen George zu Ohren und
erschienen ihm bald wie eine Rechtfertigung seiner langsam gereiften
Absichten. Dennoch erschien es ihm nicht anders wie eine berrumpelung
seines Geschmacks und seiner Willensfreiheit, als Blau ihm am Abend des
10. November nach einer Klubsitzung im Akademiesaal des Schlosses, der
er beigewohnt hatte, das in Blech gestanzte Abzeichen der Freunde der
Freiheit und Gleichheit auf die Brust heftete, wozu der behbige Riese
einigermaen schmunzelte.

Als wir den Freiheitsbaum setzten, erzhlte er und hielt George am
Rockaufschlag fest, hab ich gehrt, wie zwei Juden sich unterhielten.
>Gott der Gerechte!< sagte der eine, -- es war der Br Ingelheim aus der
Judengasse, der andere war der Isaak Br aus Weisenau, -- >Was heit F.
G.?<

Blau stie vergngt mit dem Zeigefinger auf diese geschmackvolle
Blechmarke mit den Initialen von Freiheit und Gleichheit. George,
betroffen von der pltzlichen Erkenntnis, da dies schicksalsvolle
Abzeichen eine Umstellung seiner eigenen Anfangsbuchstaben enthielt,
wandte sich unlustig zum Gehen, aber der andere nahm seinen Arm und kam
mit.

Sagt der Isaak Br, dieser Patriot, hoho! Gott der Gerechte, du fragst?
Heit sich Frau Grausin ...

Maria und Josef! Und Sie verstehen den Witz am Ende gar nicht, Herr
Hofrat! fuhr er fort, nachdem er sich von einem ausgiebigen
Heiterkeitsausbruch erholt hatte, -- haben nie fr ein Hundel eine
Marke bei der Grausin, der Wasenmeisterin, um zehn Kreuzer geholt?

Und auch sonst nie Beziehungen zu ihr unterhalten? sagte Dorsch an
Georges anderer Seite und hstelte.

Blau amsierte sich unverhltnismig. Der Jude ist eine witzige
Kreatur! Die Geschichte ging noch viel weiter. Am Schlu hatte Isaak
Br sich den Freiheitsbaum, der an Stelle des uralten Mainzer
Wahrzeichens, des eisernen Steins, auf dem Markt gesetzt worden war,
schief angesehen und seinen Eindruck von diesem mit der roten
Jakobinermtze gekrnten, bekrnzten und bewimpelten Mastbaum dahin
zusammengefat, da er sich hinter dem Ohr kratzte und sagte: Ei weih!
Ain Baum ohne Worzel, -- eine Kappe ohne Kopp!

Volksstimme! sagte Dorsch jetzt scharf. Ich bin auch berzeugt, meine
Herren, da die Sache hier keinen Boden fassen wird. Bhmer zieht uns
den Abschaum der Stadt auf den Hals und macht uns mit seinen Listen und
Deklamationen vor ganz Deutschland lcherlich.

Bhmer begann den Schreckensmann ^en miniature^ zu spielen. Er hatte
neuerdings im Klub das rote Buch der Freiheit und das schwarze Buch
der Sklaverei ausgelegt und forderte die Brgerschaft tglich unter
geheimnisvollen Androhungen oder ekstatischen Hinweisen auf unsern
Heiland, den Brger Custine auf, ihren Standpunkt durch Eintragung in
eins der Bcher darzutun. Er sprach die Absicht aus, die
Despotenknechte wie Staub vor sich herzujagen und alsdann die Brger
mit Gewalt zur Annahme der frnkischen Wohltaten zu zwingen. George, von
Widerwillen geschttelt, sagte zu Dorsch: Freund, -- jede groe Sache
hat ihre Affen und Narren. Sie lebt aber durch ihre Priester. Es steht
jedem frei, seinen Standpunkt zu whlen.

Er grte hochmtig und bog in die Tiermarktstrae ein. Seine Finger
nestelten an dem gelben Medaillon und lsten es ab. Er gehrte nun zu
ihnen, jawohl. Aber sie sollten ihn nicht hinunterziehen! Er, dem die
Freiheit ins Herz geboren war, bedurfte keinerlei Ausweise fr seine
Gesinnung, weder der Kokarde noch dieser verfluchten Hundemarke. Er
betrat sein Haus leise, er suchte sein Kabinett auf, er mute allein
sein, sich sammeln, seinen Weg in die Zukunft zu erkennen suchen. Und in
der reinen Atmosphre seiner Arbeitswelt, hier unter seinen Bchern, vor
seinen Manuskripten, unter all den Zeugen seines dem Geist geweihten
mhevollen und gebeugten Lebens, berkam ihn das Bedrfnis, sich vor
einem Gleichgestellten, einem Weggenossen zum ewigen Ziel, zu
rechtfertigen, sich zu reinigen in der Berhrung mit einer brderlichen
Seele, so heftig, da er den Armleuchter zum Stehpult trug und mit
fliegender Feder an Mller zu schreiben begann:

Da die Umstnde mich ntigen, an der provisorischen Organisation des
Mainzischen Landes, soweit es gegenwrtig in den Hnden der
franzsischen Republik ist, ttigen Anteil zu nehmen, so halte ich es
fr unumgnglich ntig, Ihnen, mein vortrefflicher Freund, die Grnde,
die mich bewogen haben, und die Grundstze, nach denen ich mein
Verhalten einzurichten willens bin, vorzulegen.

Sie wissen, da in meinen Augen die Freiheit immer das grte,
schtzbarste von allen Gtern gewesen ist und es immer sein wird. Ohne
sie gibt es nach meiner Meinung kein wahres Glck, kein ffentliches
Wohl.

Aber der Philosoph kennt eine moralische und innere Freiheit, die von
der politischen ueren sehr verschieden ist, die Freiheit, welche
Epiktet auch noch in Fesseln hatte, die Freiheit, welche man selbst
unter der Regierung von Tyrannen behlt, wenn man nur Kraft hat, es zu
wollen. Nun, _diese_ Freiheit mu der wahre Gegenstand unserer Verehrung
sein! Denn sie bleibt uns brig, wenn Klugheit uns zeigt, wie ohnmchtig
die in unserer Gewalt stehenden Mittel sind, um uns den Besitz der
politischen und brgerlichen Freiheit zu verschaffen.

Wer aber kann den Zeitpunkt bestimmen, wo es dem gerechten und denkenden
Mann zur Pflicht wird, die Erwerbung dieser politischen und
brgerlichen Freiheit zu versuchen, ohne welche der groe Haufe des
Menschengeschlechtes nie zur Vollkommenheit des intellektuellen und
moralischen Wesens, zu der _inneren Freiheit_, dem wahren Endzweck
seines Daseins, gelangen kann? Mich dnkt, man mu die Augenblicke
erwarten, wo der allgemeine Wille sich erklrt, erwarten und sogar
ergreifen, um hervorzubrechen und zu dem groen Werke des ffentlichen
Wohles mit beizutragen ...

Dieser Zeitpunkt war nunmehr eingetreten, kein Zweifel. George hob den
Blick und sann, fhlte sich feurig durchstrmt von Krften, die einem
neuen groen Gefhl der Verantwortung entsprangen, -- einem eben so
edlen als von ihm miverstandenen Verantwortungsgefhl, lchelte,
bestrzt vor Glck, setzte die Feder wieder an, zauderte einen
Augenblick und schrieb dann unaufhaltsam fort. Sein Gesicht brannte, als
er fertig war, wunderliche, nie gekannte Schwingen hielten ihn schwebend
ber dem Alltag. Er berlas das Geschriebene.

Der Weg, den er sich vorgezeichnet hatte, lag zum erstenmal in voller
Klarheit vor ihm, die Absichten und Ziele, deren er sich whrend des
Schreibens erst ganz bewut geworden zu sein glaubte, schienen ihm gro
und schn und aller Opfer wert. Er setzte seinen Namen unter den Brief
und verharrte in Versenkung, das Haupt geneigt. Diese Worte, an Mller
gerichtet, waren mehr als eine Auseinandersetzung seiner Ansichten, als
eine Rechtfertigung seines Eintrittes in den Klub. Sie entschieden ber
das Leben, das ihm noch blieb. Sie trennten ihn auf ewig von Deutschland
und der Vergangenheit. Er dachte es nicht aus, was alles sich ihm in
Mller verkrperte, den scheue leidenschaftliche Freundschaft trotz
allen heimlichen Werbens nie ganz zu gewinnen vermocht hatte. Er hatte
einen Scheidebrief geschrieben, er wute es, -- und wute es doch nicht.
-- -- --

                   *       *       *       *       *

Frauen brauchten immer lngere Zeit, um sich mit dem Neuen abzufinden,
er meinte sich dieser zgernden Haltung einer fertigen Entscheidung
gegenber von seiten Theresens als etwas ganz Gewohntem zu erinnern,
selbst wenn sie vorher zu dieser Entscheidung gedrngt hatte. War es
nicht immer so gewesen, da sie ein gedehntes Ach! sagte und dann
lange Zeit gar nichts und dann Einwnde hren lie und Zweifel
vorbrachte. Oh, er suchte ngstlich in seinem Gedchtnis nach hnlichen
Fllen und versicherte sich dann, ja, es sei immer so gewesen! Jedoch es
war diesmal nicht recht von ihr, seine Verantwortung mit ihrem halb
erschrockenen, halb nachdenklichen Hinnehmen seiner Entschlsse dermaen
zu belasten, und die betretene Stimmung, die auch Karoline und der gute
Brand, der ja nun freilich ganz und gar nicht mageblich war, an diesem
Abend zur Schau trugen, veranlaten ihn zu einer zornigen
Gesprchigkeit. Was der Vater in Gttingen sagen wrde? Wie, war dies
auf einmal ihre erste Sorge? Nun, der gute Alte habe ihm neulich, wie
sie sich wohl erinnern werde, geschrieben, da man diesseits und
jenseits der Leine in Frieden lebte, e, trnke und schliefe, -- daran
wrde auch der bertritt seines Schwiegersohnes auf ein ihm fremdes
Gebiet nichts ndern, obschon es gewi einige Lamentationen kosten
wrde. Sie mge nur entschuldigen, sie kenne seine Verehrung, seine
Liebe fr den alten Herrn, -- seit wann aber fordere sie, da er ihm
zuliebe seine Lebenswege in der hannverschen Tiefebene halte? Viel
peinlicher sei es ihm zumute in Erwartung eines Ausbruchs des
vterlichen Vulkans in Halle, und -- nun ja, er sei eben nicht in der
Lage, das Praktische ganz ber dem Ideal hintenan zu setzen, da er sie
und die Kinder nicht hungern lassen drfe: wrde der wackere Vo in
Berlin sich jetzt noch zur Gewhrleistung jenes Darlehns der 1500
Dukaten, deren er zur Deckung von allerlei Schulden -- du entsinnst
dich wohl, meine Teure! -- so dringend bedurfte, verstehen knnen? --
Karoline wagte es, mit sanfter Stimme einzuflechten, da es derlei
Bedenken ja auch sein mchten, die den Hofrat Heyne mglicherweise zu
Lamentationen veranlassen wrden und mit einigem Recht. Sie wurde jedoch
gar nicht beachtet, denn mit einer Bewegung, als striche sie etwas
Unsichtbares von der blanken Tischplatte hob Therese kummervolle Augen
zu George empor und sagte mit schwerer Betonung: Und dies hast du nicht
bedacht, mein Freund, da du nicht nur die Ehre deines Weibes, sondern
auch ihr und deiner Kinder Leben durch deinen Schritt gefhrdest? Oh,
wir werden alle vogelfrei sein, eines Tages ... Sie nickte
aufschluchzend vor sich hin. George blickte starr auf sie nieder.

Willst du mir nicht bitte sagen, woher dir dieser Pessimismus kommt?
Vor drei Tagen redetest du anders.

Oh, warum gehst du nicht mit Brand nach Italien?

Willst du mir bitte nicht erklren ...

George hielt inne. Er blickte zu Karoline hinber, die seinen Augen
auswich und sagte, von einer Erkenntnis berkommen, fast ohne es zu
wissen:

Huber ist hier gewesen!

Nach einer Weile, als niemand widersprach, wiederholte er diese
Mitteilung, die ihm seine eigene Stimme da eben gemacht hatte, und
setzte hinzu:

Und -- ich sollte es nicht wissen.

Ich wei nicht, warum ich es dir nicht erzhlt habe. Therese sprach
abgebrochen, in hastigen, kleinen Stzen. Er war vorgestern ein paar
Stunden hier. Du hattest die Sitzung wegen der kurfrstlichen
Privatbibliothek ...

Was du drei Tage wenigstens vorher gewut hast ...

Bitte, -- mein Freund?

Oh, -- nichts! --

Er sprach so berzeugt davon, da die Preuen Mainz wieder nehmen
wrden. Er ist doch immer aus erster Hand instruiert. Er hat mich ganz
kleinmtig gemacht. Er meinte, du drftest dich nicht kompromittieren.

Ich sollte meine berzeugung opfern?!

Lache nicht so schrecklich! Er sagte, du knntest auch in Deutschland
als Republikaner leben, in Altona oder Hamburg zum Exempel ...

Sie sah ihm scheu nach, der nun nach alter Gewohnheit im Zimmer auf und
abzugehen begann. Sie verfolgte sein mhseliges Wandern mit den Blicken
einer befremdlichen, fast havollen Gespanntheit. Karoline beugte den
Kopf ber ihre Stickerei. Der harmlose Brand ghnte ber dem
Brgerfreund, der neuen Zeitung des revolutionren Mainz. Therese
wartete. Aber George sagte nur:

Ich habe noch Schreibarbeit. Ich bitte mich zu entschuldigen. Willst du
dafr sorgen, da ich warme Mehlsckchen zum Umschlag vorfinde, -- mein
Knie ist wieder sehr schlecht.

Er nickte Gute Nacht und ging hinaus. -- -- --

Der rasende Ablauf der Tage vor einem groen Aufbruch ist bekannt. Es
sind Geschfte zu erledigen, unabsehbare Geschfte, deren Wichtigkeit
uns fast erdrckt und von denen wir nie zugeben wrden, wir wten, da
wir sie berschtzten. Sich mit ihnen abzugeben, scheint Aufschub zu
bedeuten, nicht wahr? Einer, der bisher gelebt hat wie der Mnch in
seiner Zelle, auf seine Pergamente gebckt, die Fe dem Lwen des
Geschicks fest auf den Nacken gestellt und nicht duldend, da er sich
erhebe, -- er rast auf einmal, da die Uhr ihm zu Hupten zum Schlage
schon ausholt, hinaus vor die Welt, reit sich das Gewand vor der Brust
auseinander und schreit: Hier bin ich, nehmt mich hin! whrend das
befreite Ungeheuer hinter ihm sich erhebt und ihm die Pranken auf die
Schultern legt. --

Beiseite also mit dem stillen Handwerkszeug der Wissenschaft! Und Waffen
zur Hand, bisher noch nicht gebt, deren Schrfe unerprobt, deren
Tragkraft unberechnet war. Erfahrungen, die bis dahin ungenutzt geruht,
hervorgeholt und formuliert, bis sie zum Wurfgescho brauchbar schienen;
eine Zeitung gegrndet, Artikel ohne Zahl geschrieben, Reden
ausgearbeitet und frei vom Blatt vorgetragen! Der Freiheit, der
Gleichheit, der Brderlichkeit, der Menschlichkeit Hymnen gesungen, der
Tyrannei das Urteil gesprochen, alle noch in der Nacht der Despotie
schmachtenden Vlker weidlich bedauert und einmal offen deklariert, da
der Rheinstrom die gegebene Grenze zwischen Frankreich und Deutschland
sei! Sich dem erhabenen Beruf des Menschenlehrers inbrnstig hingegeben
und die unglcklichen verblendeten Brger und Bauern nach Krften ber
ihren Zustand der Ausgesogenheit und Zertretenheit aufgeklrt, da sie
denn dermaen durch jahrhundertelangen Mibrauch abgestumpft waren, da
sie nur blde in die Sonne der Freiheit starrten und gar die alte Nacht
zurckverlangten. Die Emissarien des Kurfrsten schlichen im Dunkeln
umher und kderten das trichte Volk mit unverantwortlichen
Versprechungen, da war kein Zweifel. Aber die Wahrheit war auf dem
Marsche und man sollte nur erst die Wahlen kommen, sollte den freien
Mann sich frei zu seiner Gesinnung bekennen sehen!

George, in den Wirbel einer fremden Ttigkeit hineingerissen, vor die
Aufgabe gestellt, sich in Gebiete einzuleben, die er bisher kaum vom
Hrensagen kannte, in Fragen der stdtischen und lndlichen Verwaltung,
von frh bis spt von Klubgenossen, Offizieren, Brgern und
Landbewohnern berlaufen, durch seine Anstellung in der am 19. November
errichteten Administration zum Leitstern fr alle verzagten Seelen
seines Kreises geworden, -- George verlor vllig die Besinnung auf sein
eigenes Leben und wute es nicht mehr, da er hier auf der Bhne des
Weltgeschehens agierte, die Faust zum Himmel schttelte, Arme
ausbreitete und zum Besten des Mainzer Volkes weinte, lachte und
deklamierte, da er dies alles tat, um sich des Menschen nicht bewut zu
werden, jenes Menschen, der mit seinem Schicksal bekleidet wie mit
seiner Haut jetzt schreiend und keuchend durch die innersten kreiselnden
Gnge des Labyrinthes jagte ...

Von Huber kamen aufgeregte Briefe. Nun, Huber durfte nicht nach Mainz
kommen und nchstens wrde er nach Dresden zurckmssen. Warum sollte
Huber nicht ein letztes Wiedersehen gewhrt bekommen, warum ihm den
Wunsch nach einer Zusammenkunft in Hchst abschlagen, nach der er, --
und auch Therese, und auch Brand, und schlielich auch er selbst, ja,
auch George! -- verlangten?

Es war gar nicht ntig, da Brand ihm dermaen zuredete und seine
Berline zum Zweck dieser kleinen Reise zur Verfgung stellte. Er wrde
gewi selbst auf den Gedanken dieses Ausfluges gekommen sein, htte er
nur mehr Zeit gehabt. Als Vizeprsident der Administration hatte er
selbstverstndlich einen ^Passepartout^ durch alle Vorposten hindurch
und nun war es nach all den Tagen der Unrast und der ununterbrochenen
Arbeit fast eine Erholung, auf der kriegerisch belebten Landstrae
mainaufwrts zu rollen, die stille Heiterkeit einer milden Sonne nach
dem frostigen Nebel der Frhe zu spren, nicht reden, nicht denken zu
mssen. Da war Therese an seiner Seite und Brands festes rosiges
Knabengesicht ihm gegenber, das mit einem seltsamen Gemisch von
Verachtung und Neugier auf die marschierenden Nationalgarden sah, die
die Strae immer wieder sperrten, Lieder sangen und ihre gutlaunigen
Scherzworte zu den Reisenden hinberriefen. Sie halten uns fr Mainzer,
die >krnkelnder Umstnde halber< fr eine Weile verreisen, wiederholte
Therese erheitert die Wendung aus der Privilegierten Zeitung, mit der
jetzt dort tglich Personen ihrer bevorstehenden Abreise den Anschein
einer Flucht zu nehmen suchten. Dies waren, setzte sie ihre
Betrachtungen fort, zumeist Frauen mit ihren Kindern, die von ihren
Ehemnnern aus der gefhrdeten Stadt geschickt wurden. Billigte brigens
George ein solches Vorgehen von Ehemnnern? Ein nervses kleines
Gelchter folgte dieser Frage. Da George schwieg oder ber dem Gerusch
der Rder gar nicht verstanden hatte, fhlte sich der hfliche Brand
bewogen, zu bemerken, es sei die Pflicht jedes Gentlemans, seiner Lady
den Anblick der Szenen des Krieges zu ersparen, geschweige denn, sie vor
Schlimmerem zu beschtzen! George, wie aus einem Schlaf erwachend,
fragte: Ja, befrchten Sie denn noch Kriegsszenen in unserm guten
Mainz? Und als der Englnder stumm mit den Augen auf einen Trupp
Soldaten wies, der in dem Dorf, das soeben passiert wurde, am Brunnen
mit einer alten Buerin um ein paar Gnse handelte, und zwar in einer
Weise, die auch dem flchtigen Beobachter keinen Zweifel ber Form und
Ausgang dieses Handels lie, zuckte er die Achseln und rief: Das Volk
hat es selbst in der Hand, ob diese Soldaten mit der Pike oder mit dem
Palmenzweige in den Hnden zu ihm kommen. Es gibt eben Religionen, die
mssen mit Feuer und Schwert gest werden! Indem rasselte der Wagen
schon durch die Gassen von Hchst und unter der Tr des >Roten Ochsen<
auf dem Marktplatz stand Huber und trat nun, einen Ausdruck leidender
Spannung auf dem blassen Gesicht, heran, um die Freunde zu begren. Das
gemeinsame Mahl verlief ziemlich schweigsam. Therese erzhlte von
Haushalt und Kindern; hatte Huber noch die neuen roten Winterkleidchen
an den Mdchen gesehen? Sie sahen so allerliebst darin aus, besonders
das Clairchen. Und Rschen sei in die Mansardenstube gegangen, habe sich
dort auf einen Schemel gesetzt und gesagt: Ich will an den Onkel Ferdi
denken. Im Wagen brigens sei ein Paket mit Hemden und Strmpfen von
ihm, die noch aus der Wsche gekommen seien, sie seien auch schon
geflickt, -- ja, lieber Brand, das mssen Sie nun schon in Kauf nehmen,
da eine deutsche Hausfrau selbst bei Tisch von Hemden und Strmpfen
spricht! -- und da sei auerdem ein Pack aus Jena mit Druckschriften,
zum Rezensieren wahrscheinlich. Die Einquartierung im Hause wrde immer
lstiger. Sie htten nun bald eine halbe Kompagnie Soldaten in den
Rumen im Erdgescho, die allerlei Unfug trieben und neulich versucht
htten, ihre Suppe auf dem Kaminfeuer zu kochen, ein Balken hinter dem
Kamin sei in Brand geraten, man htte Maurer ins Haus holen und mit Mh
und Not lschen mssen. Die Offiziere seien chevalereske Leute, aber
recht anspruchsvoll, -- ja, die wohnten nun in der Mansardenstube ...
Ihr Geplauder versiegte allmhlich unter dem drckenden Schweigen der
Mnner. Das Essen war abgetragen. In dem engen, schlecht gereinigten
Zimmer, das der Wirt ihnen auf ihren Wunsch, allein sein zu knnen,
eingerumt hatte, dunstete das Kohlenbecken, ohne Wrme zu verbreiten;
von dem hochaufgetrmten Bett und den bekritzelten Wnden ging die
Vorstellung schlafloser Nchte aus, der unbehaglichen Nchte
Durchreisender und Heimatloser. Auf einmal prete Huber die Stirn in
beide Hnde, sthnte unwillig, sah dann auf und sagte entschlossen: Ich
war in so entsetzlicher Sorge um Euch, mein bester Freund, und dies
ist's, warum ich Euch hergerufen habe ...

George machte Ach! und: Htten Sie sich doch in Ihren Briefen
deutlicher ausgesprochen! Ich wre geflogen, Sie aus Ihrer Unruhe zu
reien!

Indessen wute er wohl, Worte bedeuteten jetzt keinen Aufschub mehr. Da
Huber verstummte und grbelnd vor sich hinstarrte, nahm er den
unsichtbaren Ball auf und warf ihn zurck: Ihre Sorge um uns kann kaum
grer gewesen sein, als die unsere um Sie. Oder sprechen wir von Mann
zu Mann und aufrichtig: es schmerzt mich, da Sie nicht imstande sind,
mit den politischen berzeugungen Ihres Kopfes und Herzens Ernst zu
machen. Wenn wir unsern Freund in einer unklaren Stellung sehen, wenn
er, -- vergeben Sie mir das Wort, -- Ideale ueren Verhltnissen
opfert, so weinen wir mit seinem Genius um ihn. Er stemmte die Knchel
der rechten Hand auf den Tisch und blickte Huber sanft strafend an. Der
wandte sich geqult ab. Therese, die ihren Hut gar nicht abgebunden
hatte, zog nun auch den weiten Mantel wieder frstelnd um ihre Schultern
zusammen und sah tief erblat von einem zum anderen.

Es handelt sich hier augenblicklich nicht um Politik, sagte Huber
endlich leise und nach Worten suchend. Ich bin als Jngling in eine
politische Laufbahn eingetreten, ohne zu wissen, was ich tat. Dieser
uere Beruf wird in kurzer Zeit von mir abfallen wie die Hlle, wenn
die reifende Frucht sie sprengt. Da ich kein ^enrag^ bin ...

Welcher Vernnftige wre es?

Da ich kein ^enrag^ bin, so mache ich aus der Tatsache meiner inneren
Entwicklung nicht den Auftakt zu einer Tragdie ...

Wer -- tut -- denn das?

Huber starrte dster vor sich hin. Dann raffte er sich auf:

Als ich Ihnen neulich zuredete, sich frei zu Ihrer berzeugung zu
bekennen ...

Oh, es bedurfte keines Zuredens! Wahrlich!

Um so besser! Oder um so schlimmer! Kurzum: nie war es meine Meinung,
Sie sollten sich in eine Rolle begeben, wie Ihre heutige in Mainz es
ist, sich dermaen blostellen, sich vor ganz Deutschland
kompromittieren. Wozu denn diese Reden auch noch drucken lassen? Wozu
denn nach Frankfurt hinberdrohen? Wissen Sie, wie man in Frankfurt ber
Sie spricht? Und da wir die Preuen vor unsern Toren haben?

Welche Sprache! Aber ich halte es Ihrer Erregung zugute!

Oh, ich bin auer mir! Ich sehe mein Teuerstes in Gefahr ... Er besann
sich, atmete tief und verbesserte:

Meine teuersten Freunde am Rande eines Abgrundes. Oh Gott, mein Freund!
Noch knnen Sie zurck!

Er streckte beschwrend beide Hnde aus und blickte George flehend an.
George sagte mit einem Gefhl, als rauchte der Eishauch seines jhlings
erstarrten Herzens aus seinem Munde: Wohin bin ich geraten? Dies ist
eine Verschwrung! _Was wollt ihr denn von mir?_

Er hatte sich erhoben und einen Schritt vom Tisch zurckweichend starrte
er mit erbitterter Befremdung in diese drei ihm zugewandten Gesichter.

George! bat Therese schmerzlich, du darfst ihn nicht so
miverstehen!

Ihr seid alle drei im Bunde gegen mich!

^Nonsense, Sir! It's your own best we intend!^ murmelte Brand
unbehaglich vor sich hin. Er drehte sich samt seinem Stuhl zum Fenster
um. Der frhe Abend begann den Westen trbe blutig zu frben. Dmmerung
schlich in die Kammer.

Wir wollten Sie, teuerster und edelster Mann, nicht bestrmen, von
Ihrer berzeugung zu lassen, sprach Huber nun sanft und nahezu demtig,
indem er auf George zutrat und ihn umfate. Wie drften wir das
unternehmen, die von Ihnen geleitet, den Weg dieser berzeugung selbst
betreten haben und gewillt sind, ihn niemals wieder zu verlassen!

Aber Georgie! Als ob wir nicht alle eines Sinnes wren!

Was ich Sie nur bitten mchte, -- wozu mich mein Gewissen drngt ...
Oh, Forster, war es denn ntig, gleich diesen vorgeschobenen Posten zu
whlen ...

Nicht ich whlte. Die Wahl fiel auf mich.

Gleichviel. Oder ihn anzunehmen? Sehen Sie, auch ich, -- auch ich ...
Ich werde mein Amt niederlegen, sobald gewisse einmal angefangene
Geschfte abgewickelt sind, sobald der schickliche Augenblick sich
findet. Ich werde dann als Privatmann leben, mich als freier ^homme de
lettres^ durchschlagen.

Sie haben nicht fr eine Familie zu sorgen, -- in der Tat!

Oh, Forster! Als ob mein Wohl und Wehe noch jemals von eurem zu trennen
wre! Wenn wir uns einen Platz in der Welt gesucht htten, wo wir
zusammen htten weiter leben knnen wie in Mainz ...

George war ans Fenster getreten. Er sttzte den Kopf in die Hand und
blickte in den traurigen Abendhimmel, als sei er allein.

Zusammen weiter leben wie in Mainz ... wiederholte er langsam und
nickte vor sich hin. Dann wandte er sich ins Zimmer zurck. Und warum
sollte das jetzt unmglich sein?

Weil, -- ums Himmels willen, Freund, sind Sie denn mit Blindheit
geschlagen? -- weil Frankfurt morgen oder bermorgen oder meinetwegen in
drei Tagen in preuischen Hnden sein wird und dann ist Mainz doch auch
in wenigen Tagen wieder frei!

Frei! Hahaha! Lieber Huber, Sie haben das Wesen der Freiheit begriffen!
Sie haben es begriffen!

Da Sie doch bei der Sache bleiben wollten! Man wird Ihnen mit hundert
andern den Proze machen, Sie einkerkern, fsilieren, was wei ich. Sie
meinen, Sie werden dann mit der franzsischen Armee ins Innere von
Frankreich fliehen, -- gut ...

Sie gehen ja von ganz falschen Voraussetzungen aus. Welche Meinung
haben Sie denn von Custine und diesen herrlichen Truppen! Frankfurt wird
nicht preuisch werden und Mainz erst recht nicht. Wir haben Kastel
befestigt. Wir halten eine zweijhrige Belagerung aus.

Huber ging auf ihn zu, als wollte er ihn bei der Gurgel packen. Nahe vor
ihm blieb er mit geballten Fusten stehn, blickte von unten heraus bse
in sein Gesicht, was er zuwege brachte, obgleich er grer war als
George, und schrie:

Und dem allen wollen Sie Ihre Frau aussetzen?

Gleich darauf fate er sich, kehrte sich ab und fgte mit schwacher
Stimme hinzu: Und Ihre Kinder ...

George sagte dumpf und blickte niemand an:

Therese kann ja fliehen.

Oh, was beschliet ihr ber mich!

George murmelte: Wer hat denn schon beschlossen?

Aber nun erhob sich Brand. Seine groe, etwas ungeschlachte Gestalt
verdunkelte das eine Fenster vllig, niemand konnte mehr die Gesichter
der andern erkennen. Brand redete mit vielen Handbewegungen, redete in
seinem ungeschickten Deutsch voll gutmtiger Heftigkeit. Er wollte Mr.
Forster in seine Berline packen und nach Italien entfhren, kurz und
gut. Er habe es auch satt, in Mainz der ^gentilhomme anglois^ zu sein,
der Spionage verdchtig und unter steter geheimer berwachung. Er wrde
aber nicht nach Gttingen gehen wie sein Oheim es wnschte, sondern auf
eigene Faust nach Italien, ber Mailand und Florenz nach Rom, wenn nur
Mr. Forster Vernunft annehmen und mit ihm gehen und die Franzosen ^to
their own damned affairs^ berlassen wollte! Ehe noch George ein Wort
sagen konnte, rief Huber emphatisch: Dies ist ein Wink der Gtter!

Und Therese -- und meine Kinder? murmelte George, die Hand an der
Stirn.

Oh, lassen Sie Ihre Freunde sorgen! Vertrauen Sie ihnen doch! Bis Sie
ungefhrdet zurckkehren knnen, tragen andre Ihre Pflichten!

Nur die Pflichten? sagte George tonlos und niemand vernahm ihn.

Und auerdem ist dir der Vorschu von Vo doch sicher, hrte er
Therese seltsam gelassen sagen. Als Brands Bedienter kmest du ohne
Gefahr aus Mainz heraus bis Basel.

Als Brands Bedienter, sagst du.

Es war dunkel geworden. Huber ging an die Tr und rief nach Licht.
Niemand sprach ein Wort. Als der Aufwrter mit der drftig scheinenden
Unschlittkerze eintrat, hob George ihm das Gesicht entgegen, ein
graubleiches verfallenes Gesicht, und befahl, er mge anspannen lassen.
Dann, sich Haltung gebend, in gefatem Plauderton, mit einem Lcheln zu
Therese hinber und dann, als er Theresens Augen ratlos ins Leere
gerichtet fand, Huber fest und freundlich ansehend, sagte er:
Vielleicht werden die nchsten Tage unsere Entschlsse reifen. Glauben
Sie nicht, lieber Freund, da ich von irgend jemand auf der Welt das
Opfer fordern werde, mit mir zu leben -- und zu sterben.

Therese schluchzte auf.

Oh, George! Welche groen Worte wieder!

Mein gutes Kind! Ich glaube, -- jetzt hab ich ein Recht auf sie. -- --
--

                   *       *       *       *       *

Der Pfeil war auf die Sehne gelegt. Der Schtze in den Sternen zielte.

Der Adventsreiter von Frankfurt war unterwegs. Sein grner Dolman fegte
hinter ihm drein, unter den Hufen seines Rappen stob der neue Schnee.
Kam er durch die Drfer, so ritt er langsamer und stie in die Trompete:
^Trahisson! Massacre! Vengeance!^ Die Preuen haben Frankfurt genommen!
Ver--rat!

In den sonnigen Nachmittagsstunden des 2. Dezember, eines Montags, stand
George mit Therese und Brand auf den Schanzen von Kastel. Diese kleine
Promenade hatte ihm gut tun, hatte die entsetzliche Unrast in ihm ein
wenig dmpfen sollen. Der bei ihnen einquartierte Artillerieoffizier an
seiner Seite machte aufs artigste den Fhrer durch die Verschanzungen
und erklrte die Arbeiten, mit denen Bauern aus der Umgegend und
Soldaten Schulter an Schulter beschftigt waren. Hier herrschte
brderliche Ttigkeit, ach, es war ein Bild, dessen sich das bebende
Herz getrsten konnte. George hrte Therese plaudern, hrte sie
ernsthafte kleine Fragen tun; er fhlte ihre Hand seinen Arm umspannen,
wie sie es zu tun pflegte, wenn sie in Eifer geriet, -- da lchelte er
und drckte diese kleine Hand an seine Brust. Brand kletterte mit
Rschen auf den berfrorenen Lehmhaufen herum, das Kind jauchzte und
rief den grabenden Soldaten sein winziges: ^Bon jour, citoyen!^ immer
wieder zu, vergngt ber die Heiterkeit, die ihm antwortete.
Schneegewlk quoll rings um den Horizont auf und erstickte die ohnehin
schon tief stehende Sonne. Ihre letzten Strahlen lagen mit seltsam
aufregendem Licht auf den hohen Trmen der Stadt dort drben, whrend
hier der kalte graue Schatten schon stand und der Strom matt und bleiern
durch wallenden Nebel glnzte.

In schwermtigem Gedankenspiel sagte sich George, da sein Haus jenseits
des Stromes im Land der untergehenden Sonne lge, und da er nicht ber
die Brcke zurck, sondern ostwrts gehen sollte, dem Lichte entgegen.
Er sagte sich dies, und in einem mechanischen Zwang die Allegorie weiter
fhrend, redete er sich ein, da der sinkenden Sonne folgen auch heien
knne, _wieder_ mit ihr aufzugehen, -- als er mit einem Male durch das
grelle Schmettern einer Trompete und eine durch die Kolonnen der
Arbeitenden zur Strae hinwogende Bewegung zum jhen Aufblicken
vermocht, den grnen Reiter, den Adventsreiter von Frankfurt erblickte,
wie er soeben nach kurzem Anhalten inmitten einer Gruppe von Offizieren
und Mannschaften weiterjagte, der Rheinbrcke zu, deren Bohlen alsbald
unter den Hufen drhnten, whrend die Worte: ^Francfort! Trahisson! Les
Prussiens! Massacre!^ durch die Reihen liefen wie fressendes Feuer,
Flche laut wurden, Fuste sich ballten und Bruchstcke einer blutigen
Geschichte, Raben eines frchterlichen Gerchtes durch die Luft
flatterten, schreiend und Rache heischend. Und pltzlich fand sich
George allein unter den fremden, wild redenden und gestikulierenden
Soldaten, sah Therese hinberlaufen zu Brand, der ihr entgegeneilte, sah
sie die Hnde auf seinen Arm legen und hrte sie rufen: Oh, Brand, da
sehen Sie, -- da sehen Sie! Er hatte recht! Er hatte wirklich recht! --
-- --

                   *       *       *       *       *

In der folgenden Nacht, -- einer furchtbaren, endlosen Nacht, -- machte
George es sich klar, da es nun nur noch ein Vorwrts fr ihn gbe, und
da er, traumwandelnd wie er zu seinem ffentlichen Bekenntnis zur Sache
der Freiheit gekommen war, nunmehr erwacht fr sie einstehen msse. Und
da die Freiheit keines Volkes Sache zu sein schien, als die Sache
Frankreichs, so mute er eben fr Frankreich eintreten, war sein Blut
und seinen Geist keiner irdischen Macht mehr schuldig, auer der
Souvernitt des freien Frankenvolkes und seinen Mitbrgern, insoweit
sie Frankreichs Sache zu der ihren gemacht hatten. Den letzten Funken
und den letzten Tropfen fr Mainz, wenn es feurig und heldenhaft fr die
Menschenrechte zu streiten und zu sterben begehrte! Den Staub dieser
Stadt von seinen Schuhen, wenn sie, gleichen Geistes wie Frankfurt, in
dem friedlichen Eroberer nichts sehen wollte als den alten Erbfeind im
Schafskleid, und die erste Gelegenheit wahrnahm, um die arglosen
Freiheitsshne zu berrumpeln, dem deutschen Heer die Tore zu ffnen und
sich mit Freudengewinsel unter den Fu der heimkehrenden Despotie zu
ducken! Und darum wohl von vornherein: den Staub von seinen Fen! Denn
da dieser Geist in Mainz umging, wer wollte daran zweifeln? Darber
wrde auch der tobende Klub nicht hinwegtuschen, der in seiner
Zusammensetzung immer mehr an ein Narrenhaus erinnerte und eine
Zufluchtssttte fr alle geworden war, die bis dahin im Leben zu kurz
gekommen waren und ihre unausgelebten Begierden nun zum Himmel schrien,
von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nein, nein, der deutsche Brger war
nicht reif fr die Freiheit der Selbstbestimmung! Fnfzig, ja hundert
Jahre der Entwicklung fehlten ihm noch! Welche Gnadenfrist fr
Deutschlands Frsten, dachte George von lngst begrabenen Wnschen noch
einmal spukhaft berhrt. Einem jener Frsten, denen Ludwigs Schicksal
jetzt wie der bse Traum einer bangen Nacht scheinen mochte, der Joseph
sein drfen, der diesen Traum ausdeutete, der seine Warnungen in klaren
Lettern an die Wand schrieb ... Da denn sein Leben doch unaufhaltsam der
ffentlichen, der politischen Rolle zugetrieben war, dem heien Drang
nach weiter Wirksamkeit folgend, diesem uneingestandenen Drang nach
sichtbarer, nach hrbarer, nach _ruhmvoller_ Wirkung, -- oh, warum dann
nicht jenen Weg, der doch vielleicht auch offen gestanden htte, den Weg
der aufgehenden Sonne entgegen? Indessen, sagte er sich in seinen heien
Kissen verzweifelnd und immer wieder auf das Marschieren drauen
lauschend, denn die von Frankfurt zurckgenommenen Truppen durchzogen
nchtlich die Stadt, alle diese Betrachtungen waren Versuchungen des
Dmons der Wankelmtigkeit und es galt nichts mehr als das ^Allons,
enfants de la patrie^ und den Rhythmus des ^a ira^ in seiner
wahnsinnigen Unbekmmertheit. In einer bangen Rhrung hatte er lngst
wahrgenommen, da auch Therese nicht schlief. Ihr Herz hlt sie wach,
dachte er, nun ganz an sich selber hingegeben und fhlend, da all das
unermdliche Raisonnement seines Verstandes nichts war, als eine bung,
um dieser innersten schrecklichsten Sorge zu entgehen. Ihr Herz hlt sie
wach, sagte er sich, ihr verzagtes Herz, das Herz eines Weibes und das
einer Mutter! Schreckensvoll abgewandt von der fratzenhaften Einbildung,
die ihm anderes einflstern wollte, die da wute, Therese will gehen und
-- Therese hat nun einen Anla gefunden, -- die Hand ber die Augen
legend, als knnte er sich so dem Aufflammen entsetzlicher Einsicht
verschlieen, sprach er sich die Grundstze vor, denen jetzt zu folgen
war, nmlich, da er handeln msse als sei er der einzige unbedingt
verlliche Mensch auf der Welt, der Opfernde, der fr sich kein Opfer
forderte. Und da kam der Schlummer ber ihn, der Schlummer mit der
khlen Schale des Vergessens.

                   *       *       *       *       *

Er hatte sie gefragt, -- und er hatte ein Lcheln dabei gehabt und eine
Liebkosung, --: Wie ist es denn nun, liebes Kind, wrest du bereit,
abzureisen, wenn nun die Preuen ... Er vollendete den Satz nicht, er
lchelte wieder. Nach den neuesten Berichten schien es so
ausgeschlossen, da die Preuen kmen. Custine hatte Frankfurt aus den
Hnden gelassen, das war Strategie. Er hatte die Truppen auf Mainz
zurckgezogen, Kastel war befestigt, die Stadt nach Eikmeyers Ansicht
auf eine zweijhrige Belagerung vorbereitet. Jedoch, so hatte wiederum
Eikmeyer, das militrische Orakel des Klubs, geuert, woher wollte der
General Kalkreuth jetzt die Armee aufbringen, die Festung
einzuschlieen? Es lag mithin kein Grund vor, Mainz als gefhrdeten
Boden zu verlassen, und wenn der Vizeprsident der Administration seine
Familie wegschickte, gab er damit nicht zu, da er, ein Vertreter der
Stadtverteidigung, anderer Ansicht war? Wrde das nicht heien, die
Brgerschaft beunruhigen, den Vorstzen also, mit denen er sein neues
Amt bernommen, untreu werden?

Nun, -- _diese_ Brgerschaft ... Therese wand ihre Schultern.

Sie ist keine Opfer wert in ihrer Lauigkeit, -- freilich, da hast du
recht. Aber vielleicht verlangt meine Ehre es doch, da ich ffentlich
erklre, da ich ...

Da du was erklrst, Georgie?

Nun, da ich mich von ihnen lossage, _weil_ sie nicht _fr_ die
Freiheit sind und also wider sie, da ich mich nur noch als frnkischer
Beamter fhle und mithin handele, wie es mich gut dnkt, -- und nicht,
wie die Rcksicht auf ein verstocktes Publikum es erfordert.

Therese blickte nachdenklich von ihm zu Karoline.

Und wenn dies, -- wenn diese Lossagung gerade den Erfolg hat, da die
Brgerschaft sich besinnt, -- um dich nicht zu verlieren? Nun, -- nimm
an, -- es wre alles mglich ...

George zgerte. Dann lchelte er und sagte auch seinerseits dem Anschein
nach zu Karoline:

Dann freilich wrest du wohl meiner Ehre das Opfer schuldig, noch ein
wenig zu verweilen. Vielleicht wrdest du dann auch erleben, da die
Preuen gar nicht ...

Therese sagte hastig: Sie kommen. Wir gehen greuelvollen Szenen
entgegen. Was willst du? Brand ist bereit, mich nach Straburg zu
bringen. Er hat die Unbeirrtheit des Unbeteiligten, er sieht klarer als
wir alle. Er dringt auf die Abreise!

Brand ist ein Knabe und glaubt alles, was Huber ihm vorspricht.
Karoline, die Schweigsame, war auf einmal so heftig. Mainz jetzt zu
verlassen, -- oh, meine Liebe, es fehlt mir an Ausdrcken ... Ich habe
auch ein Kind ...

Therese sah sie bla und hochmtig an: Und spielst ^va banque^ mit
seinem Leben!

Die beiden Frauen blickten sich in die Augen:

Und du, -- womit spielst du, Therese? -- --

                   *       *       *       *       *

Am Montag hatte er die Rede im Klub halten wollen, in der er dem
Publikum seinen Standpunkt deklarierte. Es war am Samstag abend, da
Therese, als die Kinder schliefen, zu ihm kam und bebend sagte: La
mich doch morgen mit den Kindern fahren, George. Weil doch auch Brand
nicht lnger warten kann ...

Allerdings hatte Brand fast tglich Mahnungen von dem aufgeregten Lord
Dacre, die unterminierte Stadt schleunigst zu verlassen. George
argwhnte nicht ohne Grund, da es nicht nur das vulkanische Mainz,
sondern ebenso das verfehmte Haus des Jakobiners Forster war, das Sr.
Lordschaft nicht mehr als Aufenthalt fr den Neffen behagte. Er sagte
langsam: Weil Brand nicht lnger warten kann, gewi.

George, -- ach, warum lchelst du jetzt nur?

Weil ich dich so gut verstehe, Therese. Nun, -- sieh mich nicht so an,
mein Liebling. Ist es nicht seltsam, Kind, da unsere eigensten
Verhltnisse so mit den groen Angelegenheiten der Zeit und der
Menschheit zusammenfallen?

George, -- ich verstehe dich nicht. Du schickst uns mit Brand nach
Straburg ...

George blickte still in sein Licht.

Ich schicke euch nach Straburg, -- nun gut, Therese, -- und ...

Oh, George, warum sprichst du jetzt so?

Sie ging weinend hinaus. --

                   *       *       *       *       *

Der Tag war frostig, nebelgrau und feucht. George hatte das Klrchen auf
dem Arm und das Rschen an der Hand. Sie standen auf den Stufen des
Hauses und sahen zu, wie der groe, eilig vollgepackte Koffer hinten auf
die Berline aufgeschnallt wurde.

Brand hatte sich schon verabschiedet und war gegangen. Er fuhr mit der
Postchaise nach Straburg, es vertrug sich nicht mit seinen
Anstandsbegriffen, im gleichen Wagen mit der Frau seines deutschen
Freundes abzureisen. Oh, Mr. Forster hatte keinen Grund, ihm zu danken.
Er erfllte nur seine Pflicht als ^gentleman^. Da denn Mr. Forster seine
Frau nicht selbst zu begleiten wnschte ...

Dies war Old England, das ihn da mit den Augen einer khlen
Selbstgerechtigkeit noch einmal musterte, wute George. Er wute es mit
Gelassenheit, wenn er es berhaupt empfand. Er fhlte die warmen kleinen
Hnde seiner Kinder und sonst nichts. Im Hintergrunde hrte er Theresens
Stimme, die der Magd Marianne Anweisungen gab, -- Lise fuhr mit nach
Straburg. Oh, beschwrende Anweisungen ohne Zahl. Und da Marianne am
Abend nur nie die warmen Umschlge fr den Herrn vergessen mge, die
warmen Mehlsckchen fr sein Knie! Die warmen Mehlsckchen, -- jawohl,
dachte George. Er hrte ihre Schritte hinter sich. Er ging die Stufen
hinunter und gab das Klrchen der Magd zu halten.

Warum weint Sie denn, Lise, warum denn? murmelte er und beugte sich zu
Rschen hinunter.

Warum kommen Sie denn nicht mit, guter Papa? Das Kind umklammerte
seine Hand. In das ngstliche kleine Gesicht hinein sagte George
lchelnd, da er noch ein wenig hier bleiben wolle, bei den guten
Soldaten, und da er sich dann auch in eine Kutsche setzen und dem
Rschen nachfahren wrde, zum Christfest, freilich doch, zum Christfest
schon! Einen Augenblick versucht, selbst zu glauben, was seine
berredende Stimme da sagte, so jammerte doch gleichzeitig sein Herz zu
Gott, da er ihm doch auch einen Trost geben mge, ein Versprechen, --
ach, und wenn schon ein unmgliches Versprechen! Aber da stand Therese
nun am Wagenschlag, in dem braunen Reisemantel mit den groen
perlmutternen Knpfen, -- dies war der Mantel der Abreise am
Hochzeitsabend in Gttingen gewesen! Torheit der Erinnerung! -- den
blauen Schleier fest um den hohen englischen Hut, um das weie Gesicht
geschlungen. Wie in einer wunderlichen Abwesenheit des Geistes tasteten
ihre Hnde am Gepck, befahl ihre Stimme Lise, mit den Kindern
einzusteigen, fragte nun tonlos: George, -- du fhrst doch noch mit uns
bis zum Tor? Und da er zauderte: Nein, nein, -- du darfst auch nicht
den Anschein erwecken, -- ich wei! Der Kutscher mge langsam durch die
Stadt fahren und am neuen Tor auf sie warten, rief sie, Dein Hut! rief
sie, dein Stock! eilte die Stufen hinauf, der verstrten Marianne
beides abzunehmen, kehrte noch einmal um, lief ins Haus und kam mit dem
wollenen Halstuch zurck. Er hrte indessen den Wagen anrcken, sah die
kleinen Gesichter der Kinder, ratlos, wie ihn dnkte, auf sich, auf das
Haus ihrer Heimat gerichtet, bis sie entschwanden, fhlte Theresens
Hnde, die ihm den Schal umknpften, bebende, kleine Hnde, gewi, er
kannte dies Beben, jawohl, und nun ging er, ging mit Therese am Arm die
Tiermarktstrae hinauf. Der Hofrat Forster, der Vizeprsident der
Administration, hier ging er durch Mainz, seine Gattin am Arm. Kein
Grund sich aufzuregen fr das Publikum, nicht wahr?

Du hast so eisige Hnde, Georgie, -- ich verga deine Handschuhe, --
ach verzeih!

Aber ich bitte dich, Liebe, -- das schadet doch nichts. Hast du auch
deinen Muff im Wagen, -- die Kaninchenkatze, Therese?

Oh, Georgie, -- oh! Ich habe alles, auch Fuscke und den groen Pelz
fr die Kinder.

Das Klrchen hat den Schnupfen ...

Du hast so schrecklich gehustet vergangene Nacht, Georgie. Vergi nie
den Eibischtee abends. Marianne stellt ihn dir hin, aber du mut ihn
auch trinken. Hei, Georgie, -- ganz hei!

Liebe, du mut dich nun gar nicht mehr sorgen um mich. Du wirst genug
mit euch selbst ... Wirst du mit dem Gelde auch reichen?

Ach, George!

Warum weinst du denn, Liebling? Sei mein tapferes Herz. Alles wird gut.
Wenn du dich je in bedrngter Lage siehst, wende dich an Schweighuser,
nicht an Zaukell. Zaukell ist ein guter Geschftsmann, aber ein zu guter
Geschftsmann.

Ach George, -- warum an Fremde? Du bist so nah. Denk doch, zwei
Tagreisen ...

Freilich doch, Therese. Ich bin ganz nah.

Und du schreibst mir tglich?

Ich schreibe dir tglich.

Sie bogen in die stille Weililiengasse ein und gingen unter der
Zitadelle hin. Sie gingen ganz langsam. Die Domglocken luteten und den
Nebel schwellend zu ungeheurer Klage fielen allmhlich alle Kirchen ein.
Trommeln rasselten aus den Schanzen.

Sie blieben stehen.

Oh, Georgie, -- du lchelst?

Warum soll ich -- nicht lcheln, Therese?

Oh, George, -- du hast das heiligste Herz auf der Welt.

Er drckte sie still an die Brust. Nach einer Weile zog er sein Tuch und
trocknete ihr sanft das Gesicht. Komm nun, Therese. Die Pferde ...

Sie schritten weiter. Therese sagte stockend:

George, ach, sei nicht so allein, jetzt, bis du nachkommst.

Ach, Therese, -- bei so viel Geschften -- und so viel guten Bekannten
...

Ich denke nur, -- Smmerring ist fort ...

Ja, Smmerring ist fort.

Und Mller ...

Ach, -- Mller -- Aber freilich, ihn hier zu wissen, wre ganz gut.

Aber der gute Lux, George. Wedekind kann dir nichts sein, aber Lux ist
so lauter gesinnt. Und George, Karoline, -- du sollst Karoline oft
sehen.

Soll ich das, kleine Therese?

Ach, George, -- ist sie dir denn gar nichts?

Er blickte in ihr Gesicht, in dem eine fordernde Frage stand. Brauchte
sie auch diesen Trost? Er sagte mitleidig: Karoline ist mir wohl sehr
viel, du Kind.

Da stand der Wagen unfrmig im Nebel. George sagte:

Therese ...

George?

Ich -- mchte dich noch einmal kssen, -- hier -- allein ...

Ihr weies khles Gesicht. Ihre geschlossenen Augen. Ihr ser, ser,
duldender Mund.

Hab ich dich oft -- ach oft -- geqult, mein Herz?

Oh, George ...

Der Kutscher ber seinen sieben Kragen fluchte schon. Der englische
Bereiter sprang vom Bock und ri den Schlag auf. Im Wagen war ein warmes
zwitscherndes Nest voller Kissen, Decken und Pelze, die Kinder
schmausten mitgenommenen Kuchen, die biedere Lise strickte. Da stieg
Therese nun hinein. George wagte es nicht mehr, nach den Kindern zu
greifen. Er stand. Er lchelte.

Therese drngte den Schlag, der zufallen wollte, noch einmal zurck,
Therese sprang heraus, sie warf sich an Georges Brust.

Vergib mir, -- o vergib!

Die Peitsche knallte, die Pferde zogen an. Mr. Brands Berline setzte
sich schwankend in Bewegung und schaukelte zum Neuen Tor hinaus, auf der
Strae nach Speyer, die George vor zwei Jahren heimkehrend von Paris
gekommen war. -- -- --

                   *       *       *       *       *

Wirbelnd hatte die Spindel getanzt; rasend rollte der Schicksalsfaden
ab.

Der Deputierte des Mainzer Konvents im Nationalkonvent zu Paris, George
Forster, wohnhaft in der ^Rue des Moulins, Maison des Patriots
hollandais^, war ein Freund der einsamen Spaziergnge. Dieser gewesene
Deputierte eines gewesenen Konvents, nach Paris gesandt vom Vertrauen
seiner Mitbrger, die ihren aufgezwungenen Freiheitstaumel seit dem Juli
in den Trmmern ihrer von den Preuen zusammengeschossenen Stadt bten,
George Forster, durchwanderte unablssig die Straen von Paris und
machte es mit sich aus, was es heien wolle, ein Sansculotte des Herzens
zu sein.

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Haus und Herd. Er hat sein
Zelt, sein Arbeitsgert, seine Waffe. Sein Lager und seine Feuerstelle
sind da, wo der Abend den Wandernden findet. Er ist nicht Patriot,
sondern Kosmopolit; er ist Weltbrger. Weiter:

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Freund und Gevatter, er
vergit, da er Eltern und Geschwister besa. Darum gleichviel, wer
hinter ihm drein flucht, gleichviel, ob es Lippen sind, die seinen Namen
einst in der Ergriffenheit von Zrtlichkeit und Zuneigung nannten! Er
gehrt zum heimlichen Orden der Brder vom reinen Willen. Letztlich:

Der Sansculotte des Herzens fragt nicht nach Weib und Kind. Er fragt nur
nach der Idee und dankt dem gttlichen Wesen, wenn es von irdischen
Banden ihn lste. --

Er hatte sich mit zwei Gefhrten, Lux und Patocki, Ende Mrz nach Paris
schicken lassen, um in Mainz nicht am Ekel vor dieser Pseudorevolution
zu ersticken, sich nicht den Tod zu holen bei dieser Orgie
geilgewordener Spiebrgertriebe. Er hatte sein entseeltes Haus
verlassen, den Schauplatz der frchterlichen Monate des Einsamseins, und
Aug in Auge mit einer Wirklichkeit, der nun nicht mehr auszuweichen
gewesen war, die nun endlich genommen werden wollte als das, was sie
war.

Ach, es war durchaus keine berraschung fr ihn gewesen, dies, da
Therese, kaum eine Woche in Straburg, in ihren Briefen von Feuillants
und Rolandisten zu schwrmen begann, charmanten Leuten, deren
berzeugungen ihr wohl taten und ihrem weiblichen Herzen entsprachen;
keine berraschung, da sie nach weiteren vier Wochen den Ratschlgen
dieser neuen einsichtigen Freunde nachgebend, wie sie versicherte, --
den brieflichen Lamentationen des alten Heyne, den Beschwrungen des
Freundes in Dresden folgend, wie George ohne alles Fragen wute, -- mit
den Kindern Straburg verlassen und sich nach Neufchtel, in die
neutrale Schweiz begeben hatte, in ihrer weiblichen Verwirrung scheinbar
ganz auer acht lassend, da sie nun unerreichbar fr einen
franzsischen Staatsbeamten und Brger geworden, dem das berschreiten
republikanischer Grenzen bei Todesstrafe verboten war! Es war keine
berraschung endlich, auch dies nicht, da sie, -- nicht unerreichbar
fr einen deutschen Untertan und schsischen ^charg d'affaires^ auer
Diensten, -- seit dem Mai unter Hubers Schutz in Neufchtel lebte, --
oh, in allen Ehren und nicht unter einem Dach, aber immerhin, Huber war
bei Therese in Neufchtel, Huber sah sie tglich, Huber unterrichtete
das Rschen, Huber sorgte fr Theresens Unterhalt, denn wie htte George
bei seinen achtzehn Livres Diten, die er einstweilen noch bezog, das
jetzt vermocht?

Endlich, noch nicht genug, -- und seltsam, wie gewappnet sein Herz diese
letzten Schlge erwartet hatte, -- keine berraschung war es, da sie
ihn baten, nur noch Theresens Freund zu sein, -- und Hubers Bruder, ja,
freilich! -- auch vor der Welt. Keine berraschung die grausamen
Enthllungen ber die letzten Jahre, die man nun aus der Ferne ihm zu
machen den Mut endlich fand! Diese Kinder -- oh, sie waren ja tot! Auch
der kleine Junge -- war tot. Konnten Tote denn zweimal sterben?

Keine berraschung, nicht wahr, im letzten Grunde keine berraschung,
kein Schreck, keine Erschtterung! Er hatte dies alles gewut. Er hatte
wissend daran vorbergelebt, wehrlos, in inbrnstiger Hoffnung
vertrauend, denn er war nicht geboren als ein Sansculotte des Herzens.
Indessen, er hatte gelernt. Und was sich da jetzt noch an Widerstand in
ihm regte, was sich das lange Jahr ber, -- denn wieder war es Dezember,
-- an unberwindlicher Sehnsucht, an unerfllbarer Hoffnung aufgebumt
und sich Luft gemacht hatte in endlosen Briefen voller Frsorge und
Zrtlichkeit, voller Projekte und Vorschlge fr ein gemeinsames Leben,
ein Leben zu dreien, -- schlielich voller Demut, voller Werbung, die an
Bettelei grenzte, -- dies alles, er tuschte sich nicht, sein eigener
Zuschauer, der er geworden war, dies alles waren die Todeszuckungen
einer sehr teuren Gewohnheit. Er wute: dies alles wrde noch eine
kleine Weile so fortgehen. Es wrde noch eine kleine Weile dauern und
dann wrde das Unverletzliche in ihm triumphieren. Und dann wrde nichts
sein als der reine Kristall, der voll entfaltete Lotos: die Seele nicht
des kmpfenden, aber des im Martyrium lchelnden Helden --

Die Todeszuckungen jedoch einer geliebten Selbsttuschung sind
gefhrlich fr den Organismus, in dem sie wten. Sie hatten einen
Sanften und Liebenswrdigen zeitweilig reizbar, ausfallend und bsartig
gemacht. Sie hatten fr Monate vielleicht einen politischen ^enrag^
gezeitigt, wo ein Friedensapostel gewesen war. George vermied es, sich
seiner politischen Ttigkeit bei den Wahlen in Mainz zu erinnern, die in
den Januar und Februar gefallen war. Dies war vorber. Seine Zge waren
nicht mehr verzerrt. Dieses letzte halbe Jahr ber starrend in das
enthllte Antlitz des unbedingt Bsen, schwer atmend im Blutdunst der
Guillotine, mhte sich George verzweifelt um sein Menschheitsideal, um
die hundertmal verstoene und hundertmal weinend wieder aufgesuchte
Gttin.

Er war fortwhrend krank gewesen; niemand pflegte ihn, und er schonte
sich nicht. Im Zustande einer sonderbaren Gleichgltigkeit gegen seinen
leidenden Krper, seine verschleimten, pfeifenden Lungen, sein
versagendes Herz, seine geschwollenen, schmerzenden Glieder, seinen
gebeugten Rcken, als gegen ein Kleidungsstck, das man bald abzulegen
gedenkt, und so lohnt es sich nicht mehr, daran herumzuflicken, -- in
dieser Gleichgltigkeit ging er auch heute am Abend vor Weihnachten
durch die Stadt, nach einem Besuch bei dem Buchhndler Onfroi den
Heimweg durch die nebeligen Straen suchend, ohne berrock und in jener
leisen sen Trunkenheit des Fiebers, die ihn nun seit einigen Wochen
Abend fr Abend befiel. brigens war ihm dabei durchaus nicht heiter
zumute. Wenn er in diesen Stunden in seinem einsamen Zimmer war, pflegte
er, von Hemmungen befreit, zu weinen. Wenn er in einer unerklrlichen
Angst vor solchen Ausbrchen einer sonst gebndigten Traurigkeit entfloh
und durch die Gassen streifte, standen zuweilen Gestalten an seinem Wege
und schlossen sich ihm an, die er kaum zu betrachten wagte, aus Furcht,
sie mchten allzu schnell wieder in Nebel zerrinnen.

Es war zwischen vier und fnf Uhr nachmittags. Als George den Pont Neuf
berschritt, stutzte er einen Augenblick, sah zur Seite, nickte vor sich
hin, murmelte ein Wort und ging weiter. Der Fremdling aber, den er dort
am Brckengelnder hatte lehnen sehen, ging mit und blieb ihm zur Seite.

Er trug weite pludrige Hosen aus englisch Leder, die unter den Knien
zusammengebunden waren, seine bloen Fe steckten in derben
Schnallenschuhen. Der Wind griff ihm in den Nacken, blhte den weiten,
rotgestreiften Kittel und machte, da der Mann bestndig nach seiner
Mtze griff, einer runden, abgeschabten Pelzmtze, die er tief in die
Stirn drckte. brigens war an diesem Abend kein Wind, der Nebel stand
unbewegt. George aber war nicht imstande, sich darber zu wundern, da
er seinen Begleiter stndig wie vom Wind getrieben sah. Dies war Larry.
Kein Zweifel! Oh, er war es! Ein rosiges, gebruntes Knabengesicht,
wassergraue Augen, die seltsam blicklos schienen, als sei alles
durchsichtig und dahinter unabsehbare Ferne, die kurze Tonpfeife im Mund
und die Hnde in den Hosentaschen, -- es war Larry, wie er gewesen war,
ehe George ihn zum letztenmal sah, in der Hngematte liegend, gelb und
ausgemergelt, zahnlos, mit verschwollenem Munde und mit vorquellenden,
angstvollen Augen.

Larry, der den Tod im Skorbut gefunden hatte, Larry nun hier an seiner
Seite im Nebel von Paris, getrieben oder getragen von seinem eigenen
sanften Segelwind, Larry begleitet von dem alten kecken Rhythmus:

   ^Beaning, belling, dancing, drinking,^
   ^Creaking windows, damning, sinking,^
   ^Ever raking, never thinking ...^

Ein Lcheln trat auf Georges Lippen und er versuchte zu pfeifen, --

   ^Live the rakes of Mallow!^

Larry an seiner Seite tat ihm gut. Er wrde ihn nicht anrufen, oh nein.
Hinter seiner Stirn war das se Gesumm vollstndiger Gedankenauflsung,
aber dies wute er, da es umsonst war, mit Boten von Larrys Art
anzubinden. Er wute wohl, da Larry als ein Bote kam. Es war gut, ihn
gesehen zu haben, -- aber er verga ihn auch wieder und vermite ihn
nicht, als er wieder verschwand. Er hatte Larry in den letzten Monaten
manchmal gesehen, -- oder war es nur, da er seiner gedacht hatte?
George blickte ber die gelbe Flut der Seine hinber zur Notre Dame, die
dort drben in einer Gloriole trben Abendgoldes, entheiligt, finster
und trauervoll ragte, und ging weiter, den Stock hart auf das Pflaster
setzend und in der dumpfen Erinnerung, da er jetzt wohl etwas essen
msse, denn Therese hatte ja geschrieben, er solle sich gut pflegen, --
er ging, vor sich hinsehend mit dem Blick jenes Kummers, der von sich
selbst nichts mehr wei, von Menschen gestoen, ohne da er es bemerkte,
-- ein Herr im tabakfarbenen Rock, der die linke Hand gegen die Brust
prete und dem der Hut sehr traurig ber den Augen sa. Die Laternen
wurden herabgelassen, angezndet und schaukelten nun droben im Nebel,
trbe herabglhend, wie blutige Augen eines Himmels, der keine Sterne
mehr hat. Willenlos emporblickend sah George jetzt einen Reigen um die
schwankenden Feuertulpen, lautlos geschwenkt, wie einen Tanz
riesenhafter Motten um das Licht: Leiber, so lang gerenkt, Wangen,
blulich gedunsen, Augen, vortretend, furchtbar, ins Nichts gerichtet.
Dem einen quoll die Zunge dick aus dem Munde, dem andern klaffte die
Stirn, -- alle aber waren hinschwindend, aus Dunst geboren, schattenhaft
und von dem armen Licht vollgeflossen, durchsichtige Gebilde, die in der
Finsternis zergehen wrden. Georges Nacken sank mit einem Ruck vornber,
wie unter einer pltzlich aufgelegten Last, und doch wute er: das da
hatte ber ihm gehangen Abend fr Abend, wenn er hier gegangen war,
dieser stumme, zuckende Tanz der Toten an den Laternen, -- er hatte ihn
geahnt, gefhlt, und da er ihn bis heute noch nicht mit Augen gesehen
hatte, was machte das fr einen Unterschied? Vielleicht sollte er sie
heute alle sehen in dieser ersten Nacht der heiligen Zwlf, sie, von
denen er wute, da sie in diesen Straen umgingen, die Fe rot vom
eigenen Blut, mit der grlichen Wunde im Nacken? Er hob den Kopf nicht
wieder und dennoch, er _sah_ sie, schleppenden Schrittes,
aneinandergelehnt oder einsam, Mnner und Frauen, wie er ihren Gang zum
Schaffot mitangesehen hatte, getrieben von einer unentrinnbaren
peinlichen Begierde zu erleben, wie denn das sei, wenn Menschen von
Menschenhand strben ... Er hatte an Agamemnon denken mssen, wie er im
Blute sich badete, -- sein Weib brigens war es, das ihn verriet, mit
ihrem Liebhaber, das Weib! -- an Polyphem, dem der glhende Pfahl im
Auge zischte, an die Schlachtung der Freier, -- Antinous, dem der Pfeil
in die gespannte Gurgel fuhr und der den trompetenden Todesschrei einer
Schlachtgans hren lie, -- er erinnerte sich, er erinnerte sich, er
kannte sie, diese wahnsinnige, prickelnde, kitzelnde, jagende Angst, in
die zu versinken uneingestandene Wollust war. Er kannte sie aus den
Phantasien seiner frhesten Kindertage und war jetzt leibhaftig von ihr
gepackt worden beim Anblick der Knigin im zerfetzten weien Mantel,
angesichts des Leichenzugs von Marat, dessen blulich fahle Brust mit
der schwarzroten Wunde entblt war, beim Vorberfahren der Charlotte
Corday und der unzhligen andern, die in seinem Gedchtnis namenlos
geworden waren und nichts als Masken des Todes. Er sah sie alle, ob er
aufblickte oder nicht, und erst als er nun schwindelnd nach der Mauer
eines Hauses tastete und mit verdetem Blick in die Wirklichkeit
zurckfindend, auf die vorberdrngende Menge starrte, kam er wieder zu
sich; mein Gott, waren sie das, die er als eine geifernde, heulende
Meute gesehen hatte, diese hier, lachend, singend, schwatzend und
pfeifend, -- gezhmt, gutartig, satt vom Blute fr heute und begierig
nach den unschuldigen Freuden des Daseins? Und gehrte er selbst zu
ihnen, konnte auch er morden und weiterleben im Dampf des Blutes wie im
Atem junger Frhlingswiesen?

Wieder vllig bei sich, hatte er also Larry gnzlich vergessen und Larry
war denn auch verschwunden. George stieg die Stufen des Speisehauses
hinauf, wo er zu essen pflegte, ging zwischen den unsauber gedeckten
runden Tischen hindurch bis in die hinterste Ecke des schlecht
beleuchteten Raumes, legte Hut und Stock ab, betastete mit unruhigen
Fingern sein zerknittertes Jabot und lie einen gehetzten Blick ber die
anwesenden Gste gleiten, ein oder zweimal mit einem mhsamen Lcheln
den Kopf zum Gru senkend. Obenhin wurde ihm gedankt, nur ein hageres
Mnnchen, ein verwilderter kleiner Abb von lumpiger Eleganz mit einer
Frisur ^ la^ Titus, die ihm den Stempel eines welken Knaben gab, hob
sein Glas und trank George mit bertriebener Hflichkeit zu: Ah, ^M. le
dput de Mayence^! Sein Gefhrte, ein dicker kurzhalsiger Mann in
Carmagnole und gestreiften Pantalons, lie nur einen verchtlichen Blick
hinberwandern, ohne seine gedmpfte Rede zu unterbrechen. ^Monsieur le
Dput de Mayence^, das war keine Empfehlung fr den Herrn im
tabakfarbenen Rock, welcher Rock, wie sein Besitzer es wohl wute, nicht
eben neu aussah, fadenscheinig und blank gescheuert, und der unter der
Achsel eine Wunde hatte, eine geplatzte Naht, die nicht mehr zu heilen
war, denn der Stoff war mrbe und faserte aus. ^Monsieur le Dput de
Mayence^ war in der ersten Auflage bereits zur Guillotine
emporgeklettert, und hatte seine unzeitgeme Begeisterung fr Charlotte
Corday mit dem Tode gebt; wer aber im Volk war sich wohl klar darber
geworden, fr welches Vergehen jener arme Lux seinen runden Schdel
hatte lassen mssen, fr was er so mit Freuden starb? Er war ein
^Dput de Mayence^ gewesen, einer Stadt, die Frankreich wieder
entrissen worden war, und wer konnte es wissen, vielleicht durch Verrat,
wie Francfort. Mancher Pariser Mutter Sohn lag auf den Wllen von Mainz
verscharrt, -- ^eh bien^, war das nicht Grund genug, einen ^Dput de
Mayence^ feindlich zu mustern? George argwhnte diese Feindseligkeit
auf Schritt und Tritt, indessen focht sie ihn kaum noch an, er war
ihrer, -- oder seiner Einbildung davon, -- so mde wie aller andern
Umstnde des uern Lebens. Er bestellte ein wenig zu essen, er
bestellte heies Wasser und Rum und whrend Brger Max, der Aufwrter,
ein fetter Gascogner, die Speisen majesttisch vor ihn hinstellte,
starrte er sonderbar betroffen auf eine Gruppe neuer Gste, die mit
einigem Nachdruck eingetreten war, die beflissen gegrt, der neugierig
und flsternd nachgeschaut wurde. Nun, da der Brger Robespierre hier
zuweilen soupierte, war auch George nichts Neues mehr, er sah auch nicht
auf den langen Mann, dessen kleines Haupt auf der hohen Halsbinde ruhte,
wie der Kopf eines Reptils, sah nicht auf seine Umgebung von bekannten
Journalisten und Montagnards, -- er sah auf die Dame im trikoloren
Taftkleid, die an seinem Arm ging, sah in dies Gesicht mit dem krankhaft
roten Mund, mit den Augen, deren Farbe wie ausgelaugt schien, -- und
wute. Es bedurfte nicht der getuschelten Erklrung des Brgers Max,
der, mit hochgezogenen Brauen den namenlos betroffenen Blicken des
Gastes folgend, ihm zuflsterte, dies sei die Prophetin, Madame Thos,
die geistige Mutter des groen Robespierre. Eine Ahnung hatte ihm gleich
gesagt, dies knne niemand anders sein, als die Seherin, von der es
hie, da ihre Inspirationen es seien, die ber Tod oder Leben
entschieden, -- ein miges Gercht brigens, dem Glauben schenken
mochte, wer da Lust hatte! Jedoch George hatte diese trikolore Kassandra
schon einmal gesehen und whrend er nun aufstand, um sich mit
sonderbarer Feierlichkeit sehr tief zu verneigen, ging es ihm durch den
Sinn, was jener mohnrote Mund damals in Cassel zu ihm gesagt hatte:

   ^Ah, mon pauvre ami,^
   ^Au revoir  Paris ...^

Er erinnerte sich, damals gelacht zu haben, und er lchelte jetzt. Das
Schicksal war eigentmlich scherzhaft, wenn es einmal eine Erfllung fr
ihn hatte. Das Schicksal war scherzhaft, darum mute man heiter sein,
besonders da der groe Robespierre so slich verwundert auf ihn
herabsah, Madame Thos vllig an ihm vorberblickte und nur ein
krummbeiniges Individuum aus dem Gefolge, das sich einer roten Mtze und
einer schwarzsamtnen Carmagnole rhmen konnte, vor ihm stehen blieb und
seine Courteoisie erwiderte, einmal, zweimal, dreimal, die Hand auf dem
Herzen, als sei es verantwortlich fr die Unhflichkeit der Dame, die am
Arme ihres Begleiters bereits in einem der Nebenrume verschwunden war.
Damals, dachte George sich einigermaen erschpft niederlassend,
spekulierte dieser auf die Gunst deutscher Frsten und trug Tressenrock
und Staatsperrcke. Wir sind mit der Zeit mitgegangen, Confrater! Er
blickte dem Geschpf nach und fuhr sich hohnvoll ber sein geschorenes
Haar, befhlte den bereits recht stattlichen ^moustache^. Von den
Leuten, die mit der Gesellschaft Robespierres hereingekommen waren,
blieben nun zwei an seinem Tische stehen, Kerner, der Berichterstatter
einer Hamburger Zeitung, und Couv, der Redakteur des ^Moniteur^. Der
junge Kerner, von diesen beiden George am nchsten verbunden durch die
Reinheit seiner Gesinnung, und seinem Beruf nach eigentlich Arzt,
blickte George prfend an und erklrte dann, an seinem Tisch essen zu
wollen, falls er nichts einzuwenden habe, welchem Vorhaben
Monsieur Couv nach einem gelangweilten Blick ber die andern
Anschlumglichkeiten des Lokals auch seinerseits zustimmte.

Unser Freund, erklrte Kerner liebenswrdig, als sie saen, scheint
mir heute Abend ein wenig der rztlichen Gesellschaft bedrftig! Mein
guter Forschter, fuhr er fort, aus dem Franzsischen in sein
heimatliches Schwbisch verfallend und mit den Fingern nach Georges Puls
tastend, -- Sie habe hohes Fieber und gehre heim ins Bett, samt Ihre
garschtige Huste!

George sah ihn freundlich an, aber wie aus einer fernen Fremdnis.
Heim, sagte er, -- ich gehre also heim? Jawohl. Ich will es Ihnen
erklren ...

Er wandte sich auf seinem Stuhl und sa nun halb dem Raume zugekehrt,
die linke Hand auf dem Tisch ruhend, die Rechte schwer und umstndlich
bewegend, whrend er weiter sprach. Um ihn her wurde es pltzlich still;
er achtete nicht darauf. Er schien keinen der Menschen zu sehen, die
sich mit lachenden, hhnischen und verchtlichen Gesichtern ihm
zuneigten, verstummten, andern Schweigen zuwinkten, aus entfernten Ecken
vorsichtig nher schlichen in der Erwartung eines ausgesucht komischen
Theaters. Dieser Deutsche da, -- oder war es ein verfluchter Englnder,
verstehen konnte man dies barbarische Idiom ja nicht! -- er hatte sich
bernommen und klagte nun Gott und die Welt an, wie es die Art dieser
traurigen Teufel war, die l anstatt Blut in den Adern hatten, das sich
nicht mit dem Wein zu einem neuen beseligenden Element vermischen
mochte! Denn da er klagte, -- nun das war klar, man brauchte nur dem
Tonfall seiner Worte zu lauschen, die in sich zusammengesunkene Gestalt
zu sehen, eines alten Mannes ausgehhlte Gestalt, auf deren hagerem Hals
der Kopf mit den blatternarbigen Zgen vornber hing wie eine unzeitig
verwelkte Frucht. Ja, er klagte, -- klagte, weil er betrunken war, das
war der Grund, nicht wahr, und darum konnte man darber lachen, sich
anstoen und diese Szene eines Lustspiels genieen wie etwa eine aus dem
gttlichen Eingebildeten Kranken! Jedoch war es denn wirklich amsant?
Die Heiterkeit erstarrte, das Lachen erschrak vor sich selbst, das
Lcheln gefror auf unbehaglichen Mienen. Denn irgend etwas, -- irgend
ein tdlicher Hauch ging von der Stimme dieses Mannes aus, die eintnig
auf- und abschwoll wie Herbstwind. Ja, er klagte, -- und er klagte
nicht, weil er betrunken war, alle fhlten es. Versuchten sie noch,
Blicke auszutauschen und sich im Spott zu bestrken? Sie versuchten es,
aber da war eine Fremdheit zwischen ihnen ausgebrochen, als sei jeder
berronnen von durchsichtigem Eis, sie konnten nicht mehr zueinander,
verlegen und ratlos wichen ihre Augen sich aus und sahen wieder auf den
redenden Mann. Was erzhlte er nur, was meinten diese schweren,
unverstndlichen Worte, an niemand gerichtet, als vielleicht an den
gerechten Gott allein, diesen Betrger, mit dem sie abzurechnen
schienen, -- leidenschaftslos, nur klagend, klagend!? Er hat Hunger
gelitten, wute auf einmal der Gast, der ihm zunchst in der Ecke sa
und sich mit schweigsamer Gier seinen Bohnen gewidmet hatte, bis Georges
Stimme ihn aufstrte und er erst ingrimmig wie ein beim Fra geneckter
Hund, allmhlich dann dumpf betroffen hinberstarrte. Seine Kinder haben
ihn mit Fen getreten, -- oh, er wei, wie es ist, -- fhlte ein alter
Mann. Man hat ihn auf die Strae gesetzt, weil er kein Geld fr die
Miete hatte. Er ist todkrank und sein Weib hat ihn verlassen. Er hatte
Haus und Hof, und man hat ihn ausgesogen, Beere fr Beere, nun ist
nichts von ihm brig als der kahle Stengel, von der Rebe losgerissen ...
Und wieder: Er hat Hunger gelitten! Er schlft des Nachts nicht, -- es
hat ihn einmal ein Mdchen schlecht behandelt, -- oder sein Bruder hat
ihn betrogen, -- oder sein Freund hat ihn ins Gesicht geschlagen. Er
htte einmal Knig werden knnen, aber er war zu feige dazu oder zu
schwach. Seine Eltern haben ihn betteln geschickt, als er klein war. Er
ist einer von denen aus der Bastille, -- das ist er, -- sie haben ihn
dort begraben, als er jung war, er hat es verlernt zu leben. Und wieder:
Er hat Hunger gelitten! -- Und abermals: Hunger gelitten! Der Fremde
wute jedermanns Leid und sagte es mit seiner eintnigen Stimme und
jedermann hrte sich selbst reden in der Sprache seines verborgenen
Herzens, die auch nie ein anderer verstanden hatte. Entsetzliche
Einsamkeit drang aus jeder Brust wie ein Schwert aus der Scheide und
bedrohte den Nchsten: Hebe dich weg, das ist _mein_ Schmerz! --

Und George redete. Er hatte Kerner vergessen, er wute nichts von seiner
Umgebung. Ach, er redete! Alles, alles lste sich auf einmal, was hart
wie Ureis in seiner Seele vergletschert gelegen hatte. Er redete noch,
als Kerner ihn unter den Arm gefat, ihm den Hut auf den Kopf gesetzt,
den eigenen berrock um die Schultern gelegt hatte und ihn nun
hinausfhrte, durch neugierige und mitleidige Blicke und Flsterworte
hindurch, hinaus auf die Strae. Er verstummte unter einem schrecklichen
Hustenanfall, als die nakalte Luft ihm in die Kehle drang, und als das
berstanden war, lehnte er sich auf den brderlichen Freund und uerte
nun weiter nichts mehr als ^Well, -- there he is again!^ Dies konnte
nun der Mann aus Schwaben freilich nicht verstehen. Es sollte aber
heien, da Larry wieder da sei, Larry, der doch den Tod im Skorbut
gefunden hatte. Da ging er vor ihnen her, ohne sich umzusehen, die Hnde
in den Taschen der pludrigen Hosen, vom eigenen sanften Segelwind
getrieben, schwebend und lautlos, wie ein Schiff ber Wasser gleitet. Er
glitt durch die Haustr der ^Maison des Patriots hollandais^, noch ehe
sie aufgeschlossen war, und im Schein des drftigen llmpchens konnte
George ihn voran die Treppe hinauf eilen sehen, als klmme er im
Takelwerk empor. Er stand auch wartend am Bett, solange Kerner sich um
George bemhte und ihm beim Auskleiden half, er verschwand erst, als
George sich niedergelegt hatte. Kerner schien ihn gar nicht zu bemerken,
-- nun, und George war ja auch so tdlich mde, er hrte es kaum noch,
da der Freund versprach, fr Krankenwrter zu sorgen. --

Von dem ueren Verlauf der nchsten Tage wute er spter nichts. Als er
am Abend des 27. Dezembers ohne Fieber war und man ihm auf sein Bitten
dazu verhalf, ein wenig aufrecht im Lehnstuhl zu sitzen, da er meinte
durch diese Vernderung etwas Erleichterung seiner in allen Gliedern
whlenden Schmerzen zu gewinnen, erzhlte man dem gebckt Dasitzenden,
der mit den schrecklich zitternden Hnden die Knufe der Armlehnen
umklammerte, wer alles an seinem Lager gestanden habe, -- Onfroi und der
gute schottische Freund Christie, Mr. Wollstonecraft, der auf dem Stuhl
neben dem Bett sitzend augenscheinlich gebetet habe, der groe Merlin de
Thionville, dieser mrrisch und unzufrieden, da jemand, mit dem er
hatte disputieren wollen, unzurechnungsfhig vor ihm lag und ganz
sinnlos flsterte, -- Monsieur le Professeur Dorsch endlich, der
freilich die Kammer schnell wieder verlassen habe, -- und dann, das
Vorzimmer fllend, die Vielen, die immer kamen, die nichts brachten,
nicht nach ihm fragen wollten, sondern seinen Rat, seine Hilfe suchten,
armes Volk von Literaten, emigrierte Mainzer, die ihn fr ihr Schicksal
zur Rechenschaft zogen, und dergleichen Leute.

George lchelte. Nein, er hatte von diesen allen nichts bemerkt. Er
hatte andere Besucher gehabt, er meinte, in den letzten Tagen an die
tausend Gesichter gesehen zu haben, sie hatten ihn angelchelt und
angefratzt, sie waren aus Nassenhuben in Polnisch-Preuen, aus
Petersburg, von der Wolga, aus England, aus Afrika und aus der Sdsee,
schlielich aus allen Stdten eines geistigen Europa gekommen, ein
summender Schwarm. Er hatte sie verzweifelt gebeten, nacheinander zu
kommen, sich in Gruppen zu teilen nach Jahren und Arten, -- umsonst, --
was je auf den Spiegel des Gedchtnisses gefallen war, jedes Bild quoll
hemmungslos hervor und der Wahnsinnsreigen der Erinnerung hatte um sein
armes Haupt getobt. Nach zwei Gestalten hatte er zuweilen mit den Hnden
geschlagen, er wute es; es waren Therese und der Vater gewesen. Sie
sollten sich trennen, nicht fortwhrend miteinander flstern, auf ihn
deuten, ber ihn lachen ...

Es war also viel Besuch dagewesen, oh, ja! Er blickte auf kleine
Geschenke, die Kerner ihm zeigte, Wein und Pastetchen, ein allerliebster
runder Schinken und eine gestickte Weste, die Christie als ein Geschenk
seiner Schwester auf das Tischchen am Bett gelegt hatte. Er sagte
unbeteiligt: Womit habe ich alles das verdient? Und dann fragte er
nach Briefen. Es waren aber keine gekommen. --

In den nchsten Tagen besserten sich die unertrglichen Schmerzen der
Gelenke und des Rckens ein wenig, dafr aber stellte sich die
peinlichste Form seines Leidens in Gestalt des skorbutischen
Speichelflusses mit seinen widerlichen Begleiterscheinungen ein, wie er
sie aus frheren Jahren kannte, und er war betrbt. Er sagte zu Herrn
Haupt, einem geflohenen Mainzer, dem er aus Mitleid mit seinem Alter und
seiner Ratlosigkeit den Schrecken von Paris gegenber, durch bertragung
von Schreibarbeiten ber schlimme Monate hinweggeholfen hatte und der
sich nun mit Kerner und einem jungen Polen in den Krankendienst bei ihm
teilte, -- zu Haupt also sagte er: Mute auch dies noch kommen? Oh, --
es ist nicht meinetwegen ... Ich wollte ja gern ... Oder jedenfalls: ich
kenne Schlimmeres. Aber es ist wegen meiner Umgebung. Meine arme Frau
litt hierunter mehr als ich selbst. Er hielt das Tuch vor den Mund und
sttzte seinen wankenden Kopf. Haupt erwiderte aufmunternd, er mge die
Sache doch nicht schwer nehmen, man sei ja hier unter Mnnern und die
Frau Hofrtin nicht anwesend. George starrte trbe nach der Tr und
murmelte geistesabwesend: Nun immerhin, -- es knnte doch sein ...

Er lie sich Papier und Tinte geben und mit Mirabeau's ^Correspondance
secrte^ als Unterlage auf den Knien schrieb er in hufigen Abstzen
einen mhsamen Brief. Sie mute doch wissen, wie es ihm ging, dachte er,
und fgte der enthaltsamen Schilderung seiner Leiden ngstlich die Worte
hinzu, da dies alles auf Tatsachen und nicht auf Einbildung beruhe.
Denn er wute wohl, -- sie nannten ihn einen Hypochonder.

brigens kamen schon am nchsten Tag mehrere Briefe von Therese auf
einmal, sie hatten sich durch irgend eine Poststrung verzgert und
enthielten, wie immer, heitere und gefate Berichte ber ihr Leben und
das Treiben der Kinder. Therese hatte begonnen, einen Roman zu schreiben
und Huber, der herzlich gren lie, versprach sich allerlei Erfolg von
dieser neuen Beschftigung. Nach dem Lesen dieser Briefe legte George
eine gewisse trichte Hoffnung beiseite, -- dorthin, wo schon viel
anderes Unbrauchbares lag, -- und erkannte auch sie als einen der
letzten Krmpfe jener teuren Gewohnheit des Herzens, von der er doch
eigentlich schon losgekommen war. Er hatte nmlich, da die Briefe
ausgeblieben waren, im stillen angenommen, Therese sei mit den Kindern
unterwegs nach Paris.

Der alte Haupt erklrte ihm, diese Krankheit beruhe hauptschlich auf
^Arthritis vaga^, der fliegenden Gicht, und predigte mit Behagen ber
die viererlei Mittel, die dagegen anzuwenden seien, nmlich Kampfer,
Salmiak, Opium und Balsam von Mekka. Der alte Haupt war ein
unertrglicher Firlefanz. War er einmal ausgegangen, so war es
wundervoll still in der Kammer. George lag auf dem Rcken, gerade
ausgestreckt, die Hnde auf dem Deckbett, gleichmtig hingegeben an die
Schmerzen, dankbar empfindend, da sein Kopf wenigstens frei war.
Indessen dachte er nicht viel. Er baute nicht mehr Projekte aus. Es war
ihm gleichgltig, ob er in Zukunft weiter in Paris leben wrde, oder in
England oder in Zrich oder am Ende doch in Altona, -- ob der Plan, nach
Indien zu gehen, zur Ausfhrung gelangen wrde. Er grmte sich nicht
mehr um seine Bcher und Sammlungen in Mainz, von denen ihm bisher kein
Mensch hatte sagen knnen, was nach der Beschieung aus ihnen geworden
sei. Er dachte sonderbarerweise manchmal an das kleine Mahagonibureau,
das Therese The Resolution getauft hatte, weil es mit in der Sdsee
gewesen war. Ja, The Resolution htte hier in der Kammer bei ihm
stehen sollen! The Resolution wre wohl voll Trost gewesen. Er
versuchte auch zuweilen an seine Arbeiten zu denken, -- nicht an
zuknftige, nur an vergangene. Aber dann wollte ihm immer nichts
einfallen, als dies, da er die Sakuntala bersetzt und den Deutschen
den Weg nach Indien gezeigt habe. Und wenn er so dachte, dann lchelte
er.

Er dachte an die Mutter, die nun alt war. Er dachte an seine Kinder. Er
wute, da er nicht an Therese und an den Vater zu denken brauchte, weil
Larry das nicht duldete. Larry war stets im Zimmer. Manchmal in der
Dmmerung lie er sich sehen, er arbeitete in unsichtbarem Takelwerk und
Wind war in seinen Haaren:

   ^Living short but merry lives;^
   ^Going, where the wind them drives;^
   ^Having sweethearts but no wives;^
      ^Live the rakes of Mallow ...^

Das Leben ebbte Tag fr Tag mehr von ihm zurck. Es kam nichts mehr
darauf an, was Paris da drauen tat, ob die Gegenrevolution Fortschritte
machte, was mit den Rebellen in der Vende geschah und ob Camille
Desmoulins oder sonst jemand neue Journale grndete. Es kam nichts
darauf an, da die Besucher ausblieben, je lnger sein Krankenlager
dauerte, da er in den ersten zehn Tagen des Jahres 1794 niemand mehr um
sich sah, als Kerner, Haupt und den braven kleinen Nagorsky. Alles war
von ihm abgefallen, alles war sehr vereinfacht. Er war beim Minotauros
in der Kammer; er war nackt und ganz allein.

George Forster lchelte. Er wute nun:

Durch die ueren Gnge des Labyrinthes begleiten uns Jugend und
Hoffnung. Wir fllen unser Herz mit Welt und wenn wir leiden mssen,
geschieht es unglubig, als hielten wir es fr einen Irrtum der
Vorsehung.

Vor den inneren Windungen des Labyrinthes erwartet uns der Schmerz. Er
nimmt uns in Empfang und bleibt bei uns, er heilt uns von der
Anschauung, da er ein Irrtum der Vorsehung sei und wir etwa gar nicht
gemeint. Er entkleidet uns aller unsrer Hoffnungen und jagt uns nackt
durch die entsetzlichen Irrgnge dem furchtbaren Rtsel zu, das da im
Herzen der Finsternis die groen Baalsgesnge heult und dem er uns
vorwerfen wird, -- wenn wir es nicht vorziehen, selbst bis in die letzte
Kammer zu gehen, freiwillig, und ohne nach des Opfers Zweck zu fragen.

_Wenn wir Geopferten werden zu Opfernden, so haben wir heimgefunden ins
Herz der Dinge und Gottes._

Das Labyrinth versinkt und wir sind frei. --

                   *       *       *       *       *

Am 12. Januar gegen vier Uhr nachmittags verlie Haupt den schlummernden
Kranken, um einigen eigenen Geschften nachzugehen. George erwachte eine
halbe Stunde spter unter einem furchtbaren Brustkrampf, dem er sich
chzend ergab. Mit dem Abklingen des Schmerzes kam eine wunderbare
Erleichterung und ein Frieden ber ihn und pltzlich sah er Larry am
Fuende des Bettes stehen, von geheimnisvollem Licht umflossen und die
Hand winkend erhoben. Und Larry sagte:

Georgie, -- komm nun mit!

George hob den Kopf, -- vielleicht glaubte er auch nur, es zu tun, -- er
streckte die Hand aus und flsterte: Ich komme, Larry, -- aber wohin?

Und Larry, der Leichtmatrose von The Resolution, wies nach Osten und
sang:

Nach Indien, George, -- nach Indien ...

                   *       *       *       *       *

Als Haupt nachhause kam, war des Kranken Schlummer ein anderer. Er hatte
die Hand ber die Augen gelegt und atmete leise aus.

                            [Illustration]




                                Inhalt


            Knig Minos Seite 3 / Zwischenspiel Seite 143
                          Ariadne Seite 205

   Buchausstattung von Alphons Wlfle / Gedruckt in der Spamerschen
                       Buchdruckerei in Leipzig

                            [Illustration]




Anmerkungen zur Transkription


Forsters Vorname wird in diesem Buch durchgngig George geschrieben.
Einige wenige, offensichtlich unbeabsichtigte Abweichungen als Georg
wurden zu George vereinheitlicht.

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im
Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_
gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind,
wurden ^so^ markiert.

Einfache Anfhrungszeichen wurden durch ">" und "<" ersetzt.

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   [S. 5]:
   ... einladende Geberde, eins war wie eine brennende Kerze und
       zwei ...
   ... einladende Gebrde, eins war wie eine brennende Kerze und
       zwei ...

   [S. 17]:
   ... starken Findern merkwrdig zart verpflanzte und umsetzte, er
       erbaute ...
   ... starken Fingern merkwrdig zart verpflanzte und umsetzte, er
       erbaute ...

   [S. 27]:
   ... Rebinder, dem Geschftstrger Ihrer Kaiserlichen Majestt,
       die Korrespondenz ...
   ... Rehbinder, dem Geschftstrger Ihrer Kaiserlichen Majestt,
       die Korrespondenz ...

   [S. 29]:
   ... schne waren das da oben auch nicht, sondern Wasservgel,
       Mven, ...
   ... schne waren das da oben auch nicht, sondern Wasservgel,
       Mwen, ...

   [S. 33]:
   ... den Segenswnschen des Iswotschick, -- ja, er wrde warten,
       bei ...
   ... den Segenswnschen des Iswotschik, -- ja, er wrde warten,
       bei ...

   [S. 43]:
   ... persnlichen Dreck, der sich jahrelag hielt und wrmte. Da
       roch es ...
   ... persnlichen Dreck, der sich jahrelang hielt und wrmte. Da
       roch es ...

   [S. 47]:
   ... sind Ritter des Wlodomirordens. A propos, hren Sie ein
       Epigramm ...
   ... sind Ritter des Wlodomirordens.  propos, hren Sie ein
       Epigramm ...

   [S. 53]:
   ... Pflichtgefhl, -- ein lstige, -- ein hchst lstige
       Krankheitserscheinung, ...
   ... Pflichtgefhl, -- eine lstige, -- eine hchst lstige
       Krankheitserscheinung, ...

   [S. 54]:
   ... der Vater manchmal Krhen geschossen und dieselben schmeckten
       gegebraten ...
   ... der Vater manchmal Krhen geschossen und dieselben schmeckten
       gebraten ...

   [S. 58]:
   ... zur Mutter zu kommen! Seine kleine Hnde wurden heute kaum
       mit ...
   ... zur Mutter zu kommen! Seine kleinen Hnde wurden heute kaum
       mit ...

   [S. 59]:
   ... stand er vergngten Herzens an der Reling neben Wanja, dem
       Koch, ...
   ... stand er vergngten Herzens an der Reeling neben Wanja, dem
       Koch, ...

   [S. 68]:
   ... und er wande sich dem Knaben mit einem geistreichen Lcheln
       und ...
   ... und er wandte sich dem Knaben mit einem geistreichen Lcheln
       und ...

   [S. 78]:
   ... funny! Don't call me Miss! J am Evelyn! und nun ward das
       sich ...
   ... funny! Don't call me Miss! I am Evelyn! und nun ward das
       sich ...

   [S. 97]:
   ... ob das Schiff durch die Finsternis sauste wie in einen
       gahnenden ...
   ... ob das Schiff durch die Finsternis sauste wie in einen
       ghnenden ...

   [S. 104]:
   ... Frische der ersten Reisemonate war erstaunlich schnell
       aufgebracht ...
   ... Frische der ersten Reisemonate war erstaunlich schnell
       aufgebraucht ...

   [S. 120]:
   ... gegenber, er schob seine Offiziere und Patton, den
       Wunderarzt, ...
   ... gegenber, er schob seine Offiziere und Patton, den Wundarzt, ...

   [S. 122]:
   ... Antlitz und dann geraudeaus auf die rastlos wandernde,
       schumende ...
   ... Antlitz und dann geradeaus auf die rastlos wandernde,
       schumende ...

   [S. 123]:
   ... in der Sdsee ihr Land der hheren Kultur lag, wie ihre arme
       Schilf- ...
   ... in der Sdsee ihr Land der hheren Kultur lag, wie ihre armen
       Schilf- ...

   [S. 125]:
   ... your tongne! sagte er und versorgte sich ausgiebig mit
       verdorbenem ...
   ... your tongue! sagte er und versorgte sich ausgiebig mit
       verdorbenem ...

   [S. 136]:
   ... Mnze mit der Mutter Gottes auf der einen und St. Patrik auf
       der ...
   ... Mnze mit der Mutter Gottes auf der einen und St. Patrick auf
       der ...

   [S. 151]:
   ... doch eine benstigend saugende Kraft ausging. George dehnte
       den ...
   ... doch eine bengstigend saugende Kraft ausging. George dehnte
       den ...

   [S. 151]:
   ... Ist es Madame mre? Nein. Aber der alte Mann ... Ich ...
   ... Ist es Madame Mre? Nein. Aber der alte Mann ... Ich ...

   [S. 156]:
   ... Was sagst du, George? murmelte Smmering. Ich komme ...
   ... Was sagst du, George? murmelte Smmerring. Ich komme ...

   [S. 161]:
   ... Maconnerie und ... er lie einen geschwinden Blick zu seinem
       Gouverneur ...
   ... Maonnerie und ... er lie einen geschwinden Blick zu seinem
       Gouverneur ...

   [S. 163]:
   ... Lcheln Bescheid tat, einem Lcheln, da er nun mit der
       breiten weien ...
   ... Lcheln Bescheid tat, einem Lcheln, das er nun mit der
       breiten weien ...

   [S. 168]:
   ... einem kahlem Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite,
       zog ...
   ... einem kahlen Raum. Von Hippel blieb seinem Grafen zur Seite,
       zog ...

   [S. 173]:
   ... Er lchelte bse und sah sich in den Spiegel. ...
   ... Er lchelte bse und sah sich in dem Spiegel. ...

   [S. 180]:
   ... Ahnung des Aufschwungs Leibes und der Seele gesprt habe,
       dessen ...
   ... Ahnung des Aufschwungs des Leibes und der Seele gesprt habe,
       dessen ...

   [S. 180]:
   ... doch mit der Bekrnung des spitzen Pinienapfels ber die
       Mauer des ...
   ... Dach mit der Bekrnung des spitzen Pinienapfels ber die
       Mauer des ...

   [S. 182]:
   ... sei? -- denn Meyer hatte ihm Gre an das Haus Heyne
       aufgegetragen, ...
   ... sei? -- denn Meyer hatte ihm Gre an das Haus Heyne
       aufgetragen, ...

   [S. 190]:
   ... blukte ein Feuer auf. Smmerring hatte einen schwarzen Kittel
       ber ...
   ... blakte ein Feuer auf. Smmerring hatte einen schwarzen Kittel
       ber ...

   [S. 191]:
   ... von Cook rechteckig aufgestelltem und blinkendem Gert. Nun,
       -- ...
   ... von Cooks rechteckig aufgestelltem und blinkendem Gert. Nun,
       -- ...

   [S. 193]:
   ... der gemeinen Erdkrte. Darf ich mich fr heute empfehen? Du
       kommst ...
   ... der gemeinen Erdkrte. Darf ich mich fr heute empfehlen? Du
       kommst ...

   [S. 195]:
   ... Schauer Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte, der
       doch ...
   ... Schauer des Leibes und der Seele, auf den er gewartet hatte,
       der doch ...

   [S. 202]:
   ... er sich, wie er in Clausthal mit dem Berghauptmann von ...
   ... er sich, wie er in Klausthal mit dem Berghauptmann von ...

   [S. 223]:
   ... er wute es von Langmayer; zwanzig bis fnzig Dukaten ...
   ... er wute es von Langmayer; zwanzig bis fnfzig Dukaten ...

   [S. 225]:
   ... Caroline! Philippine! Fiekchen! Schlzer und seine herrliche ...
   ... Karoline! Philippine! Fiekchen! Schlzer und seine herrliche ...

   [S. 236]:
   ... Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die
       Bcherborte ...
   ... Kabinett verweilend mit einer weiten Handbewegung auf die
       Bcherborde ...

   [S. 252]:
   ... dem letzen Absatz, den goldlackierten Knauf des Gelnders mit
       der ...
   ... dem letzten Absatz, den goldlackierten Knauf des Gelnders
       mit der ...

   [S. 258]:
   ... in der Ecke des Postwagens hockte, die Fen auf dem treuen
       Mantelsack, ...
   ... in der Ecke des Postwagens hockte, die Fe auf dem treuen
       Mantelsack, ...

   [S. 265]:
   ... und legte ihm die Hand auf den Arm. Ein wahrer petit mare,
       ein ...
   ... und legte ihm die Hand auf den Arm. Ein wahrer petit matre,
       ein ...

   [S. 265]:
   ... er nicht froh sei, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen
       lachen ...
   ... er nicht froh sein, sie nach Monaten wieder einmal unbefangen
       lachen ...

   [S. 274]:
   ... vieler strker war als die Einsicht, es handele sich hier um ...
   ... viel strker war als die Einsicht, es handele sich hier um ...

   [S. 292]:
   ... Campe, Salzmann oder Villaumez heien, -- da waren die
       jngsten ...
   ... Campe, Salzmann oder Willaumez heien, -- da waren die
       jngsten ...

   [S. 297]:
   ... nickte grhrt: ...
   ... nickte gerhrt: ...

   [S. 308]:
   ... Zuweilen doch, Rschen, zuweilen ... er wandte an der
       Gartenpforte ...
   ... Zuweilen doch, Rschen, zuweilen ... Er wandte an der
       Gartenpforte ...

   [S. 313]:
   ... legte. In sechs Tagen gelangte man nach Straburg. Von Speier ...
   ... legte. In sechs Tagen gelangte man nach Straburg. Von Speyer ...

   [S. 318]:
   ... einem Teppich, der unter the Resolution liegen sollte und
       kleinen ...
   ... einem Teppich, der unter The Resolution liegen sollte und
       kleinen ...

   [S. 318]:
   ... Er, George, wrde jetzt eine Scherz machen, man gebe acht. Er ...
   ... Er, George, wrde jetzt einen Scherz machen, man gebe acht.
       Er ...

   [S. 330]:
   ... die ber den Deckel gelehnt, da Kinn in die Hand gesttzt,
       auf ihn ...
   ... die ber den Deckel gelehnt, das Kinn in die Hand gesttzt,
       auf ihn ...

   [S. 336]:
   ... Tiermarkstrae ein, rannte fast die letzten Schritte bis zu
       den Universittshusern, ...
   ... Tiermarktstrae ein, rannte fast die letzten Schritte bis zu
       den Universittshusern, ...

   [S. 351]:
   ... Was meint Scheidebrief? fragte Brand lernbegierig. Does is ...
   ... Was meint Scheidebrief? fragte Brand lernbegierig. Does it ...

   [S. 360]:
   ... die wohnten nun in der Mansardenstube ... Ihr Geplauder
       verversiegte ...
   ... die wohnten nun in der Mansardenstube ... Ihr Geplauder
       versiegte ...

   [S. 380]:
   ... Ihnen erkren ... ...
   ... Ihnen erklren ... ...






End of the Project Gutenberg EBook of Das Labyrinth, by Ina Seidel

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LABYRINTH ***

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