Project Gutenberg's Altes und Neues ber Karl Stlpner, by Hermann Lungwitz

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Title: Altes und Neues ber Karl Stlpner
       mit Benutzung der Schnberg'schen Aufzeichnungen

Author: Hermann Lungwitz

Release Date: December 24, 2014 [EBook #47758]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALTES UND NEUES BER KARL STLPNER ***




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    Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_.

    Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.

    Weitere Anmerkungen finden sich am Ende des Buches.




    Altes und Neues

    ber

    Karl Stlpner

    mit Benutzung der Schnberg'schen Aufzeichnungen

    mitgeteilt von

    _Hermann Lungwitz_.


    Zweite Auflage.

    Ehrenfriedersdorf.

    _Druck und Verlag von E. Lseke._

    1887




Unter den verschiedenen Schriften, die im Laufe der Zeit ber den
berhmten und berchtigten Raubschtzen des Obererzgebirges Karl
Stlpner erschienen sind, kann, soviel mir bekannt ist, nur eine
einzige Schrift berechtigte Ansprche auf Glaubwrdigkeit machen,
das ist das Werk von Karl Heinrich Wilhelm Schnberg. Wie es auf
dem Titel heit, hat Stlpner selbst dem Verfasser seine Erlebnisse
der Wahrheit getreu mitgeteilt und sind dieselben von genanntem
Schnberg aufgezeichnet worden. Das Bchlein, welches im Jahre 1835
gedruckt wurde, ist gar nicht im Buchhandel erschienen, sondern auf
dem Wege der Subskription vertrieben worden, der Ertrag flo, wie aus
dem Vorwort hervorgeht, dem alten und erwerbsunfhigen Stlpner zu.
Die Schnbergsche Schrift ist uerst selten noch zu finden, in den
Bibliotheken der Nachbarstdte gar nicht vorhanden, ich habe sie nur
durch die Gte des Herrn Oberbibliothekar der Kniglichen ffentlichen
Bibliothek zu Dresden erhalten knnen. In folgenden Mitteilungen werde
ich mich hauptschlich an das Gegebene des erwhnten Bchleins halten
und gleichzeitig glaubhafte mndliche Ueberlieferungen mit verwerten.
Erwarte aber der freundliche Leser keinen Roman, in welchem doch
Wahrheit und Dichtung gemischt sind, es werden hier nur die Thatsachen
erzhlt, wie sie in der Wirklichkeit stattgefunden haben.

Dort, wo am Fue des steilen Schloberges zu Scharfenstein eine
verdeckte Brcke ber die wild dahinrauschende Zschopau fhrte,
stand vor noch nicht allzulanger Zeit ein bescheidenes Huschen, in
welchem Karl Stlpner am 30. September 1762 frh 4 Uhr, wie es im
Groolbersdorfer Kirchenbuche verzeichnet steht, das Licht der Welt
erblickte. Sein Vater war von Profession ein Mller, hatte als Soldat
im churfrstlich schsischen Leibkrassier-Regimente gedient und nach
erhaltenem ehrenvollen Abschied die Tochter des herrschaftlichen
Frsters Schubert geheiratet. Da der Vater Stlpners kein hinlngliches
Vermgen besa, selbst eine Mhle zu kaufen oder auch nur eine
erpachten zu knnen, so sah er sich gentigt, als Knappe in den Mhlen
der Umgegend sein tgliches Brot zu verdienen. Spter folgte er seiner
Neigung zur Grtnerei, kaufte das erwhnte Huschen und legte einen
Gemsegarten an.

Noch nicht 10 Tage alt, schwebte Karl in ernster Lebensgefahr. Es waren
die Zeiten des verhngnisvollen siebenjhrigen Krieges. Ein Trupp
preuischer schwarzer Husaren durchzog die Gegend, beim Anbruch der
Nacht drangen einige in Stlpners Wohnung ein und zwangen die Frau, da
ihr Mann auf Arbeit gegangen war, trotz ihres Flehens zum Fhrerdienst
nach Zschopau. Nicht einmal so viel Zeit lieen die Soldaten ihr,
um das Kind der Obhut einer Nachbarin whrend ihrer Abwesenheit
anvertrauen zu knnen. Mit klopfendem Herzen kehrte nach einigen
Stunden die besorgte Mutter von ihrem beschwerlichen Wege zurck, zum
Glck noch rechtzeitig genug, um ihren kleinen Karl vom Erstickungstod
zu erretten. In ihrer Abwesenheit hatte sich das zum Trocknen auf den
Ofen gelegte Reisholz entzndet und einen erstickenden Qualm in der
Stube verbreitet.

Karl wuchs im Laufe der Zeit gesund und krftig auf, mehr unter
der Aufsicht der Mutter als unter der des Vaters, welcher auswrts
arbeitend sich leider wenig um die Erziehung des Knaben kmmern
konnte. Als Karl schulpflichtig geworden war, besucht er, da damals
Scharfenstein noch keine eigene Schule besa, die ungefhr eine halbe
Stunde entfernte Schule zu Groolbersdorf. Schon damals soll er sich
durch Mut und tolle Streiche vor allen seinen Mitschlern ausgezeichnet
haben. Als er das achte Jahr erreicht hatte, starb sein Vater, noch
im besten Mannesalter stehend, an den Folgen einer Brustentzndung.
Karl war noch zu klein, um die Schwere des Verlustes zu empfinden; er
trstete sich bald wieder. Schon in diesem Alter konnte man an ihm
einen unwiderstehlichen Drang, in den dichten Waldungen der Umgegend
umherzustreifen, wahrnehmen; seine Jagdlust erstreckte sich auf das
Erbeuten von allerhand Vgeln, Eichhrnchen etc. Eine alte Flinte, die
er sich zu verschaffen gewut hatte, galt ihm geradezu als Heiligtum.
Er war neun Jahre alt, als ihn sein Anverwandter, der Frster Mller
in Ehrenfriedersdorf, zu sich nahm und ihm unter anderem auch die
Besorgung des Vogelherdes bertrug. Es wird berichtet, da er sich
dieses Auftrages mit grerer Gewissenhaftigkeit entledigte, als des
des Lsens seiner Schulaufgaben.

Eines Tages ging beim Frster der Auftrag ein, einen Rehbock in die
herrschaftliche Kche zu liefern, und da der Oheim gerade abwesend
war, bemchtigte sich Karl, trotz des strengen Verbotes, eines
Gewehres, ging in den Wald und scho, da er den Wechsel schon lngst
ausgekundschaftet hatte, das befohlene Wild. Ein Holzhacker mute auf
Bitten des jugendlichen Waidmannes die erlegte Beute zur Frsterwohnung
tragen. Unterdessen war der Frster zurckgekehrt und eine tchtige
Zchtigung sollte als Lohn dem Ungehorsam folgen, doch nahm sich
der ebenfalls anwesende Stollberger Frster des jungen Schtzen an.
Er belehrte Karl ber die Handhabung des Gewehres und schenkte ihm
obendrein einen Gulden, wodurch seine Jagdlust nur noch mehr angespornt
wurde.

Nach Verlauf einiger Zeit kehrte Karl auf dringenden Wunsch seiner
Mutter nach Scharfenstein zurck. In diese Zeit, das sind die Jahre
1771 und 1772, fllt die groe Teuerung, die namentlich unser
Erzgebirge hart traf. Whrend des Winters rckte der zehnjhrige
Bursche auf einem Handschlitten Holz an die Zschopau und verdiente
auf diese Weise einige Groschen, knapp genug jedoch mag es trotzdem
im Haushalte der Mutter Stlpner zugegangen sein. Auch nach seiner
Konfirmation, welche in der Kirche zu Groolbersdorf erfolgte, blieb
Karl in der Behausung seiner Mutter und suchte durch allerhand fr
ihn passende Arbeiten sich und seiner Mutter, an der er schon damals
mit wahrhaft kindlicher Liebe hing, den tglichen Unterhalt zu
erschwingen. Seine Jagdleidenschaft wuchs mit den Jahren und mit seiner
Krperstrke, im Schieen hatte er sich eine solche Treffsicherheit
angeeignet, da man ihn deshalb zu den Jagden, welche in den
umliegenden Forsten stattfanden, hinzuzog.

Inzwischen war der bayrische Erbfolgekrieg ausgebrochen, man
brauchte Soldaten und der noch nicht sechzehnjhrige Stlpner ward
als Trainsoldat ausgehoben, darauf nach Dresden zu seinem Regiment
beordert. Zwar schmerzte den jungen Rekruten der Abschied von den
heimatlichen Bergen, die Trennung von der geliebten Mutter, deren
Ernhrer er bisher gewesen war, doch sehnte sich auch sein reger Sinn
nach neuer Thtigkeit und hoffte er in seinem neuen Berufe hinlngliche
Befriedigung seiner Leidenschaft nach Gewehr und Jagd zu finden. In
seiner Garnison angelangt, lieen ihn Gewandtheit und Strke seines
wohlgebauten und abgehrteten Krpers bald alle Hindernisse des
Rekrutenstandes mit leichter Mhe berwinden, in kurzer Zeit war
er ein tchtiger Soldat. Ehrgefhl, Rechtschaffenheit und strenge
Ordnungsliebe gesellten sich zu Stlpners krperlichen Vorzgen,
wodurch er sich die Liebe und das Vertrauen seiner Kriegskameraden,
sowie das Lob seiner Vorgesetzten erwarb.

Nach dem Friedensschlu dieses unblutig verlaufenen Krieges entlieen
die Regimenter die berzhligen Mannschaften, auch Stlpner forderte
und erhielt namentlich auf Bitten seiner nach Dresden gekommenen
Mutter von seinem Rittmeister Zirkel den Abschied. Er kehrte nach
Scharfenstein zurck und suchte, wie schon frher, durch Handarbeiten
fr sich und seine Mutter das tgliche Brot zu verdienen. Aber auch
die Leidenschaft zur Jagd war in ihm nicht erloschen, er frhnte ihr
mehr denn zuvor und berschritt jetzt schon hufig die ihm angewiesenen
Grenzen.

Die Zeiten der gewaltsamen Werbungen waren zwar in Sachsen vorber,
an dessen Stelle jedoch eine Verordnung getreten, nach welcher
einer jeden Garnison ein gewisser Bezirk angewiesen war, woraus die
alljhrlich zu ergnzende Mannschaft ausgehoben werden sollte. Darber
ob die jungen Leute als entbehrlich oder unentbehrlich zu erachten
seien, hatte die obrigkeitliche Behrde zu entscheiden. Leider soll
es hufig vorgekommen sein, da ein goldner Hndedruck den Sohn
eines wohlhabenden Brgers oder Landmanns als unentbehrlich im Hause
erscheinen lie, whrend ein armer Schlucker zum Militrdienst gepret
wurde. Stlpner scheint mit dem damaligen Inspektor G. in Thum nicht
gerade auf freundschaftlichem Fue gestanden zu haben, denn kaum war
er ein Vierteljahr aus seiner Garnison zurckgekehrt, als er bei Nacht
und Nebel von einem Kommando des Regiments Prinz Maximilian in seiner
Wohnung aufgesucht und zu abermaliger Dienstleistung nach Chemnitz
abgeholt wurde. Stlpner wollte sich anfangs nicht fgen und als der
das Kommando befehligende Unteroffizier eine drohende Bewegung mit
seinem Haselstock machte, griff Karl nach seiner an der Wand hngenden
scharf geladenen Bchse und schrie mit donnernder Stimme: Den Stock
weg, oder ich werde mir Ruhe verschaffen. Auf wessen Befehl werde
ich als Rekrut abgeholt? Der Unteroffizier zeigte die schriftliche
Anweisung des Gerichtsdirektors vor, worauf Stlpner antwortete: Wenn
der Gerichtsdirektor mich fr entbehrlich hlt, mag er auch die Sorge
fr meine Mutter bernehmen. Schnell ordnete er so gut es ging die
huslichen Angelegenheiten, nahm von der jammernden Mutter Abschied
und folgte willig dem Kommando nach Chemnitz. Der Hauptmann der
Kompagnie von Gundermann war bald mit dem neuen Soldaten zufrieden, da
derselbe ebenfalls wie in Dresden durch strenge Pflichterfllung sich
die Freundschaft seiner Kameraden und die Gunst seiner Vorgesetzten
zu erwerben wute. Dem wilden Treiben der Soldaten in den Freistunden
blieb der jetzt achtzehnjhrige Stlpner fern, er durchstreifte
unterdessen die freie Natur und beschftigte sich mit seinem
Lieblingsgedanken der Jagd.

Graf Brhl, welcher das Chemnitzer Regiment kommandierte, sowie viele
seiner Offiziere waren leidenschaftliche Jger und hatten zu ihrem
Vergngen ein Revier in der Nhe der Stadt erpachtet. Bald wurde man
auf Stlpners Talent als eines vortrefflichen Schtzen aufmerksam, man
nahm ihn deshalb mit auf die Jagden, ja gab ihm den Auftrag, allein
das Revier zu begehen, um die Kchen der Herren Offiziere mit Wildpret
zu versorgen. Mit gewohnter Pnktlichkeit und was sich voraussetzen
lt, mit groer Lust und Liebe unterzog sich Stlpner dieses
Auftrages, es wird ihm nachgerhmt, da noch nie die Offizierstafeln
so reich mit Wild besetzt waren, als zu jener Zeit. Dabei achtete
unser Held gar wenig auf die Grenzen des Reviers, er scho einfach das
Wild, wo er es traf. Der Landmann erblickte in dem Verminderer des
auerordentlich reichen Wildstandes seinen Wohlthter, nur zu oft war
es ja vorgekommen, da in einer einzigen Nacht die anstehende Ernte von
einem Rudel Hirsche vollstndig vernichtet wurde. In dem wunderlichen
Kopf Stlpners hatten sich ber die Jagdgesetze schon damals ganz
eigene Prinzipien festgesetzt, von welchen er sich trotz seines
ausgesprochenen Gefhles fr Recht nicht hat abbringen lassen, er hielt
nmlich die in der freien Natur lebenden Tiere, da sie ihre Nahrung
selbst suchen und keine bestimmte Grenzen fr ihren Aufenthaltsort
haben, fr Eigentum eines jeden Menschen.

Stlpner befand sich als Soldat in Chemnitz besser als die Mehrzahl
seiner Waffenbrder, denn infolge der Ausbung seiner Jagdpflicht
wurden ihm mehr Freiheiten als den brigen Soldaten gestattet, auerdem
erhielt er manches schne Trinkgeld beim Abliefern des erlegten
Wildes. Getreulich teilte Karl die Brosamen, die von seines Oberen
Tische fielen mit seiner armen Mutter und berhob dieselbe so mancher
bitteren Nahrungssorge. Auch Urlaub zur Reise in die Heimat wurde ihm
fter gewhrt, und nie kehrte er in seine Garnison zurck, ohne irgend
ein erlegtes Wild abliefern zu knnen. Die Nachbarn und Bekannten
wuten wohl um Stlpners verbotenes Treiben, verrieten jedoch nichts,
er suberte ja die Fluren von dem lstigen Wild, auerdem war er ein
von Alt und Jung wohlgelittener Geselle. Selbst die Forstbediensteten
schienen anfnglich wenigstens von Stlpners Treiben keine Notiz zu
nehmen, nur als er immer dreister wurde, lie man ihm wohlgemeinte
Warnungen zugehen, die Stlpner jedoch verlachte. Schlau und
vorsichtig, wie er zu Werke ging, obendrein mit allen Schlupfwinkeln
der Gegend vertraut, war es keinem Frster bisher mglich gewesen,
irgend welchen greifbaren Beweis von Stlpners Jagdfrevel zu bekommen.
Doch die Klagen huften sich und drangen bis zu den Ohren der
Vorgesetzten seines Regiments, die, um allen unliebsamen Errterungen
aus dem Wege zu gehen, ihn nach Zschopau unter die daselbst stehenden
Grenadiere versetzten. Zwar war Stlpner versetzt, doch brachte dies
keine Aenderung in sein Treiben, nach wie vor betrachtete er es als
seine besondere Verpflichtung, seinen Herren Offizieren Wildpret zu
liefern.

An einem Dezembertage beging er wieder im Auftrag eines Vorgesetzten
sein Revier (er pflegte nmlich jedes Revier, wo er immer auch jagte,
als das seinige zu bezeichnen), als er zufllig auf Scharfensteiner
Flur mit dem Burschen des Zschopauer Oberforstmeisters, Ziegler mit
Namen, zusammentraf. Lngst hatte Ziegler geprahlt, er msse den
Wilderer Stlpner in seine Gewalt bekommen, wenn er ihn erblicke
und wre er auch in einer Entfernung von zwei Stunden. Der khne
Jgerbursche wollte sogleich Hand an ihn legen, doch in einem
Augenblick hatte ihn Stlpner, obgleich Ziegler kopfslnger war,
entwaffnet und schlug ihn so lange mit dem entrissenen Gewehr,
bis dasselbe in Stcke zersprang, auerdem drohte er noch, ihn zu
erschieen. Nur auf das Flehen und auf das Versprechen hin, den Vorfall
nicht weiter zu erzhlen, gab Stlpner, welcher Zivilkleidung trug, ihn
frei.

Ziegler hielt sein Versprechen schlecht, denn kaum waren drei Tage
vergangen, als Stlpner pltzlich von einem Unteroffizier und einem
Gemeinen bei seiner Mutter abgeholt und nach Zschopau auf die
Hauptwache in Arrest gebracht wurde. Am andern Tage fand das Verhr
statt, Stlpner wurde mit dem Jgerburschen konfrontiert und auf die
Aeuerung des letzteren, in Stlpner denjenigen zu erkennen, der ihn
neulich so jmmerlich durchgeblut htte, geschlossen und Neujahr 1784
in das Stabsquartier zu Chemnitz abgeliefert.

Zweiunddreiig Wochen sa hier Stlpner auf der Hauptwache in strenger
Verwahrung, whrend dieser Zeit zweiundzwanzig Mal verhrt, ohne etwas
von dem ihm angeschuldigten Verbrechen zu gestehen. Selbst dann, als
man ihm Milderung seiner Strafe zusicherte, wenn er freiwillig die
Abnehmer seiner erlegten Beute, sowie seine Teilnehmer nennen wrde,
konnte man kein Gestndnis von ihm erlangen.

Im Laufe des Sommers wurde die ganze schsische Armee in ein
Exerzierlager bei Mhlberg zusammengezogen. Auch das Regiment Prinz
Maximilian brach dahin auf und Stlpner, den man nicht eines groben
Verbrechens beschuldigte und darum nicht whrend der Zeit in der
Chemnitzer Frohnfeste zurcklassen wollte, wurde als Gefangener mit in
das Lager abgefhrt.

Wohlbewacht und mit Ketten belastet folgte Stlpner auf einem Wagen
seinen frhlichen Kameraden, die aufrichtig sein hartes Geschick
bedauerten. Nur die frische Luft, die er so lange entbehrt hatte
und die Hoffnung, whrend des Manvers Gelegenheit zu finden, seine
Freiheit durch die Flucht sich zu verschaffen, lieen ihn sein hartes
Los zeitweilig vergessen. Dazu wurde er whrend des Feldlagers von
einer schnen Handlung auf das freudigste berrascht.

Das gesamte Offizierkorps war bei einem frhlichen Frhstck vereinigt
und man kam im Laufe des Gesprches auf Stlpners herbes Geschick
zu sprechen, wohl mancher unter ihnen mochte fhlen, da er selbst
allerdings ohne Willen zu dieser beklagenswerten Wendung des Geschickes
unseres Gefangenen beigetragen habe. Sofort beschlo man, eine Sammlung
fr ihn zu veranstalten, dieselbe ergab einen Betrag von 20 Thalern,
die Stlpnern augenblicklich eingehndigt wurden. Derselbe fand
vor Rhrung kaum Worte um seinen Vorgesetzten fr ihre hochherzige
Teilnahme zu danken.

Das Manver war beendet, die Regimenter zogen wieder in ihre Garnisonen
und noch hatte Stlpner keine Gelegenheit gefunden, seine Fesseln zu
brechen.

Auf dem Marsche hielt das Regiment Prinz Maximilian in dem Dorfe
Simselwitz bei Dbeln einen Rasttag, es war gerade am Johannisfeste.
Stlpner hatte sich bei der Ankunft im Dorfe genau von der Lage
seines Gewahrsams orientiert, die Mannschaften waren zur Wachtparade
versammelt, der Gefangene ging unter dem Vorwand ein Bedrfnis zu
befriedigen mit der sorglosen Wache in den Hof und bersprang mit
festangezogener Kette die das Haus umgebende Mauer; ehe sich die Wache
von ihrem Erstaunen erholte, befand sich Stlpner schon auerhalb
der Schuweite. Eine Stunde weit eilte der Befreite so schnell er
nur konnte fort und verbarg sich in einem groen Gewnde Korn, wo er
mit einer aus Vorsicht mitgenommenen Messergabel sich seiner Kette
entledigte.

Kaum war Stlpners Flucht bekannt, so wurde auch Alarm geblasen und
die Mannschaft aufgeboten, den Flchtling wieder zu ergreifen. Ein
furchtbares Gewitter entlud sich und begnstigte Stlpners Flucht,
auerdem mag die Verfolgung nicht so eifrig betrieben worden sein, am
Ende gnnte wohl ein Jeder dem Flchtigen seine Rettung.

Bis zum Einbruch der Nacht hielt sich Stlpner in seinem Versteck
verborgen, trat dann seine Heimreise an und gelangte nach drei
Tagen auf Umwegen in seine Heimat. Es war abends 10 Uhr, sein altes
Mtterchen sa im Sorgenstuhl, hatte das Gebetbuch aufgeschlagen und
las bei mattem Lampenschimmer den Abendsegen, gewi hat sie in ihr
Gebet ihren unglcklichen Karl eingeschlossen. Da pocht es pltzlich
am Fensterladen, eine wohlbekannte Stimme ruft: Mutter, macht auf!
Das Gebetbuch entsinkt der Alten, schwankenden Schritts naht sie der
Hausthr, die flackernde Oellampe in der Hand. Sie ffnet, fhrt
aber erschrocken wieder zurck, denn der langersehnte Sohn tritt mit
blutigem Gesicht und blutenden Hnden in zerrissene Kleider gehllt ihr
entgegen.

Aus Furcht entdeckt zu werden, hatte Stlpner die einsamsten Wege
gewhlt, war auch in keiner menschlichen Wohnung eingekehrt, er
hatte whrend der Zeit sich von Feldfrchten genhrt. Nachdem er
seinen groen Hunger und Durst so gut als mglich gestillt, warf er
seine ermatteten Glieder auf die Ofenbank, um einige Stunden von den
Beschwerden seiner Flucht auszuruhen; doch kaum graute der Morgen, als
er sich wieder von seinem Lager erhob, seine Mutter weckte und ihr
die Hlfte von der fr ihn gesammelten Kollekte einhndigte. Darauf
vertauschte er die abgerissenen und zerfetzten Ueberbleibsel seiner
Montur mit andern frher daselbst zurckgelassenen Zivilkleidern, und
trennte sich ohne seiner Mutter den Plan seiner nun zu beginnenden
Laufbahn mitzuteilen, jedoch mit der Bitte und dem Versprechen, da sie
knftig nur unbesorgt um ihn sein solle, wo er auch weile, wolle er
nach Krften fr sie sorgen.

Vorlufig bot ihm Sachsen kein sicheres Asyl, er wanderte noch
denselben Tag nach Bhmen, wo er sich nach dem Dorfe Grnau, eine
Stunde unter Sebastiansberg, wandte und daselbst in dem an der
Landstrae befindlichen Gasthofe als Hausknecht verdingte.

Nach zweijhriger Thtigkeit kam er durch die Verwendung eines
Gutsbesitzers dieser Gegend, der sein gutes Schtzentalent hatte kennen
lernen, nach Heinrichsgrn in die Dienste des Grafen von Nostiz, wo er
einem alten Frster als Forstadjunkt mit einem monatlichen Gehalt von 6
Thalern beigegeben wurde und daselbst drei Jahre unter treuer Erfllung
der ihm auferlegten Pflichten verweilte. Einst kam Graf Welini aus
Ungarn zu Besuch; ihm zu Ehren wurden mehrere Jagden veranstaltet,
wobei der Gast den trefflichen Schtzen Stlpner kennen lernte, er
gewann ihn lieb und wnschte ihn in seine Dienste zu nehmen, indem er
ihm das schne Gehalt von 300 Gulden jhrlich bot.

Stlpner zgerte nicht, von diesem vorteilhaften Anerbieten Gebrauch zu
machen und wanderte kurz darauf mit seinem neuen Herrn nach Ungarn, der
jenseit der Thei bei der Stadt Debreczin seine Gter hatte.

Trotz des herrlichen Tokayers wollte es Stlpner in Ungarn nicht
behagen, er konnte sich mit der anderen Dienerschaft des Grafen nicht
gut vertragen, sie sah als Katholiken in ihm immer den Ketzer, was sich
Stlpner nicht gefallen lie, und wenn er mit Worten seine Gegner nicht
mehr besnftigen konnte, dann zum Faustkampf seine Zuflucht nahm, wo es
dann gerade nicht zrtlich herging.

Nach Verlauf von 10 Monaten nahm er wieder seinen Abschied und wanderte
in die Welt hinaus. Zuerst begab er sich wieder ber Wien nach Bhmen,
dann nach Bayern und Untersterreich, bereiste darauf Tirol, wo er
in Innsbruck mit mehreren Grenzjgern zusammengeriet und in einer
derben Schlgerei zwar den Sieg davon trug, aber dafr 8 Tage lang als
Arrestant bei Wasser und Brot ben mute. Von Tirol wandte er sich
nach der Schweiz, von da ber Baden und Hessen nach Hannover.

Als er in dem letzteren Lande bei der Stadt Osterode ein
Dragonerregiment exerzieren sah, welches sich vorzglich durch seine
schnen Pferde und durch seine Uniformierung auszeichnete, so wurde er
durch den herrlichen Anblick und die schne Haltung der dahinjagenden
Reiter so sehr bezaubert, da er sich aus Liebe zu seinem frheren
Soldatenleben sogleich bei dem Regimentschef als Dragoner anwerben lie.

Nachdem er daselbst zur Zufriedenheit seiner Oberen ein Jahr und vier
Monate als Dragoner gedient hatte, lie ihm sein reger Geist auch hier
keine Ruhe und Rast mehr, er entfloh deshalb einst bei Nacht und Nebel
mit Pferd, Sattel und Zeug bis nach Hof, wo er sein Pferd mit allem
zusammen fr 100 Thaler verkaufte und sich fr einen Teil dieses daraus
gelsten Geldes wieder als schmucker Jger umkleidete. Hierauf kehrte
er nach einer Abwesenheit von beinahe acht Jahren, in der Meinung, man
habe whrend dieser langen Zeit seine Desertion vergessen, wieder in
seine Heimat zurck.

Seine Mutter von drckendem Alter und so manchem Kummer und mancher
Sorge niedergebeugt, war nicht wenig berrascht, als sie pltzlich
in ihrer rmlichen Wohnung ihren so lange vermiten Sohn als gut
gekleideten Jger gesund und wohl eintreten sah, und ihr Gesicht wurde
noch weit mehr mit Freude berstrahlt, als ihr Karl die von seinem
verkauften Dragonerpferd noch ziemlich gefllte Brse herauszog und ihr
10 blanke Kronthaler in die welke Hand drckte.

Obgleich Stlpner nur kurze Zeit und so verborgen als mglich in der
Behausung seiner Mutter verweilte, so wurde doch seine Anwesenheit
in Scharfenstein bekannt und verbreitete sich schnell in der
Umgegend. Die obrigkeitliche Behrde, die sogleich auch von seinem
Wiedererscheinen in Kenntnis gesetzt wurde, schien ihn ganz zu
ignorieren und duldete, so lange sie keine verdchtigte und unerlaubte
Handlung von ihm hrte, stillschweigend seine Gegenwart.

Stlpner blieb indessen nicht lange in seiner ungewohnten Unthtigkeit,
er suchte seine vertrauten und heimatlichen Waldungen wieder auf und
begann nun frmlich als Wildschtz zu leben. Er trieb sein unerlaubtes
Gewerbe bald so stark und dehnte es so weit aus, da er in kurzer Zeit
folgende Reviere zu seinem Wirkungskreis erwhlte: Zuerst besuchte er
die Marienberger, Steinbacher, Rbenauer, Reitzenhainer, Zblitzer,
Huthaer, Porstendorfer, Leubsdorfer, St. Michaelser Reviere, von da
beging er den deranischen Wald, dann die Plauener, Kleinolbersdorfer,
Augustusburger, Brnicher, Lengefelder und Zschopauer Reviere, dann
besuchte er den sogenannten Abtwald bei Gelenau, sowie die Thalheimer,
Stollberger und Geyerschen Forsten, und endlich versuchte er auch sein
Heil in Bhmen, indem er in den bedeutenden Rothenhuser Waldungen
ebenfalls sein Wesen trieb; so da er mit diesen 21 erwhnten Revieren
ziemlich das ganze Erzgebirge, sowie einen Teil von Bhmen als
Wildschtze durchstreifte.

Vertraut mit allen geheimen Schlupfwinkeln und Auswegen dieser Forsten,
erfahren im Auffinden der liebsten Aufenthaltspltze und gewhnlichen
Wechsel des Wildes, war es kein Wunder, da sich Stlpner sowohl den
aufmerksamen Blicken der Forstbeamten immer glcklich entzog, als auch
als vortrefflich gebter Schtze so manchen Hirsch, so manches Reh und
Wildpret aller Gattung mit glcklichem Erfolg erlegte.

Bald war es brigens kein Geheimnis mehr, da sich Stlpner in den
Waldungen des Erzgebirges herumtreibe, denn teils gelang es ihm doch
nicht immer, sich verborgen genug zu halten, um von Landleuten und
Holzarbeitern ganz unbemerkt zu bleiben, teils schien er sich auch ganz
sicher zu glauben, da es nichts Seltenes war, ihm auf ffentlicher
Strae zu begegnen, und er sich fters auf solchen Orten sehen lie,
wo er bemerkt werden mute. Obgleich es allgemein bekannt war, da
Stlpners Lebensart keine erlaubte sei, so fanden doch die Bewohner
der Gegend keinen Beruf dazu, sich seiner Person zu versichern, er
suberte ja ihre Saaten und Fluren von den Verwstungen des Wildes, und
auerdem schtzte er durch sein Umherstreifen gleichsam ihre Waldungen
und Feldfrchte, indem er Gesindel, welches auf Raub der Feldfrchte
ausging, nicht duldete. Bald war ein stillschweigender Vertrag
geschlossen, jedermann stellte sich, als ob er Stlpner gar nicht
bemerke und von seiner Existenz gar nicht unterrichtet wre. Selten
und nur bei strmischen Nchten besuchte er jetzt seine Mutter, welche
er dann immer von dem Ertrag des abgelieferten Wildpretes mit Geld
versah.

Die Mutter war anfangs von dem Treiben ihres Sohnes nicht unterrichtet,
da er sich in allen seinen Handlungen sehr verschwiegen gegen sie
zeigte, auch wich er allen ihren ngstlichen Fragen aus; doch mute sie
im Laufe der Zeit aus dem heimlichen Wesen und unstten Leben ihres
Karl auf sein unerlaubtes Gewerbe schlieen, was ihr viel Kummer und
Sorge verursachte.

Als er daher einst wieder bei strmischer und regnerischer Nacht bei
ihr eintrat und einiges Geld in ihre zitternde Hand drckte, konnte
sie den bisher unterdrckten stillen Kummer und die mtterliche
Besorgnis nicht lnger mehr verbergen. Flehentlich bat sie ihn, von
seinem bisher gefhrten unerlaubten Gewerbe abzustehen und zu einem
erlaubten Nahrungszweig zu greifen, lieber wolle sie fernerhin von dem
kmmerlichen Lohne ihres Spinnrades als von dem auf ungerechte Art
erworbenen Gelde leben.

Karl hrte sie an, ergriff ihre von Thrnen benetzte Hand und sagte:
Mutter, noch nie habe ich mir bisher eine schlechte Handlung zu
Schulden kommen lassen, und nie wird und soll, sobald ich nicht
gewaltsam gereizt werde, eine solche von mir geschehen; ich habe noch
keinem Menschen Leid oder Schaden zugefgt, sondern im Gegenteil so
manchem, der von andern gedrckt und gemihandelt wurde, beigestanden
und ihn davon befreit; zu meiner gegenwrtigen Lebensart bin ich
gleichsam gezwungen, da ich von der Heimat und der brgerlichen
Gesellschaft ausgestoen und verbannt wurde und mir der Weg, dahin
zurckzukehren, verschlossen ist. Deshalb erwhlte ich das Gewerbe
eines Wildschtzen, weil es mir, so streng es auch verboten ist,
durchaus nicht so widerrechtlich erscheint und ich das, was ich als
solcher thue, einst bei Gott und der Welt verantworten werde. -- Darum
beruhigt Euch, Mutter, und lat mich ruhig meinen Weg, wohin er mich
auch fhren mag und wird, ziehen. Nach diesen Worten schied er wieder
von ihr und kehrte in seine vertrauten Forsten zurck.

Die Forstbeamten hatten am allerwenigsten Ursache mit diesem auf ihren
Revieren ungebetenen Gast zufrieden zu sein, doch da er bis jetzt noch
keine bedeutenden Jagdexzesse verbt hatte, so wurde ihm von diesen
auch immer noch nicht so ernstlich nachgestellt. Stlpner wurde nun
aber durch diese Nachsicht in seinen Unternehmungen noch mehr gestrkt,
immer dreister, und mate sich ordentlich eine gewisse Autoritt an,
vermge welcher er diejenigen, die nach seinen Ansichten bedrckt
wrden, in seinen Schutz nahm und vorzglich dadurch bewirkte, da man
aufmerksamer auf ihn ward und ihn ernstlich verfolgte.

So zeichnete sich Stlpner schon damals durch einige Handlungen aus,
die seine Khnheit, seine Geistesgegenwart und Gefhl fr Recht
herrlich charakterisieren, indem er oft ein Schutz der Bedrckten und
Verfolger von Dieben und Vagabonden wurde und selbst auch hartherzige
und unmenschliche Forstbedienstete bestrafte, wovon folgende
Begebenheit eine treue Schilderung liefert.

Als eines Tages ein armes Weib sich im Walde einiges drres Leseholz
sammeln wollte, was auch an gewissen Tagen erlaubt war, kam der
Frster des Bezirks hinzu und forderte unter Androhung harter Strafe
mit ungestmen Worten ein Pfand. Unter lautem Wehklagen und Bitten
beteuerte das Weib ihre Armut und ihr Unvermgen, sein Verlangen zu
befriedigen. Doch der Frster, von Wut entbrannt, ri ihr mit Gewalt
den Korb vom Rcken und zertrat ihn fluchend und tobend in Stcke und
machte noch Miene, sich an der ber diese Ungerechtigkeit nach Hilfe
schreienden Frau thtlich zu vergreifen.

Stlpner, der in einem nahen Dickicht Zeuge dieses Vorfalles gewesen
war, stand jetzt wie aus der Erde herausgewachsen mit gespannter Bchse
vor dieser Gruppe und rief mit donnernder Stimme:

Wer giebt Ihnen, Herr Frster, das Recht, dieses arme, wehrlose Weib
so zu mihandeln?

Frster: Und wer hat das Recht, mich hier wegen meiner Handlung und
der Ausbung meiner Pflicht zur Rede zu stellen?

Stlpner: Jeder rechtliche Mensch ist verpflichtet, Mihandlungen
gegen alte, schwache Personen zu unterdrcken und die an ihnen
ausgebten Schndlichkeiten zu bestrafen. Das, was Sie jetzt thaten,
war schlecht und ich wrde mich an ihrer Stelle schmen, eine so alte
wehrlose Person, die noch dazu weiter gar nichts verbrochen hat, auf
hnliche Art zu behandeln. Der Frster, durch die khne Sprache nur
noch mehr in Wut gebracht, entgegnete mit trotzig aufbrausender Stimme:

Was soll das heien und wer ist er?

Stlpner: Wer ich bin, wird sich hernach ausweisen. Doch jetzt
bezahlen Sie im Augenblick der armen Frau 10 Groschen fr ihren
zertretenen Korb, wo -- nicht, so (eine Bewegung mit dem Gewehre nach
dem Frster machend), werde ich selber zahlen.

Der Frster, durch diese drohenden Worte und Stellung eingeschchtert,
sah wohl ein, da er es mit einem unerschrockenen Gegner zu thun hatte,
zog, im innern vor Furcht und Zorn glhend, mit zitternder Hand, immer
nach der Mndung des Gewehres schielend, seinen Beutel und zahlte
die billige Forderung von 10 Groschen, die Worte leise hinzufgend:
Wahrlich, das ist zu toll und mir noch nie vorgekommen.

Stlpner, den Hahn in Ruhe lassend, rief dem vor Wut und Scham
davonschleichenden Frster nach: Herr Frster, Sie wollten gern
wissen, wer ich sei? Ich bin Stlpner, vor welchem Sie sich knftig in
Acht nehmen mgen, denn wrde er Sie nochmals auf hnlicher Art wie
heute treffen, so mchten Sie dann wohl nicht mehr so leichten Kaufs
davon kommen, -- und nun Gott befohlen. Stlpner verschwand hierauf
wieder im Dickicht; fluchend und tobend eilte der Frster, froh dankend
das arme berraschte Weib nach Hause.

Auf seinen Streifzgen hatte Stlpner in den nahen Grenzwaldungen
mehrere Genossen kennen gelernt, mit welchen er hinsichtlich seines
Gewerbes zwar gemeinschaftliche Sache machte, aber wegen seiner
Gewandtheit, Krperstrke und praktischem Ueberblick immer eine gewisse
Autoritt ber sie sich vorbehielt. Mit diesen wagte er sich oft in die
Nhe von Ortschaften, wo er leicht bemerkt werden konnte.

Stlpner befand sich eines Morgens mit zwei solcher Kameraden auf einer
steilen Anhhe in der Nhe eines Dorfes und hatte sich mit diesen
bei einem Feuer gelagert, um ein frugales Frhstck einzunehmen.
Eine Gerichtsperson des Dorfes, welche sie bemerkt hatte, machte nun
schnell Lrm, es lieen sich verdchtige Mnner sehen. Sogleich machten
sich smtliche Gerichtspersonen und eine betrchtliche Anzahl der
Dorfbewohner auf den Weg, um mit alten Flinten, Sbeln, Heugabeln,
Dreschflegeln, etc. so gut als mglich bewaffnet, die Verdchtigen
aufzuheben. Stlpner, der mit seinen Genossen dieses kampflustige Heer
den steilen Fusteig heranklimmen sieht, schlgt erst ruhig Feuer an
und setzt seine Pfeife in Brand. Hierauf erhebt er sich mit seinen
Kameraden, als die Anstrmenden ungefhr noch hundert Schritte von ihm
entfernt sind, und nimmt die Bchse vor. Kleiner und zgernder wurden
jetzt die Schritte der feindlichen Dorfbewohner, als sie ihre Feinde
so furchtlos und gerstet vor sich sahen; doch als pltzlich die drei
Wildschtzen wie kommandiert neben einander standen, die Hhne spannten
und anschlugen, da ergriff die ganze Heldenschaar ein solch panischer
Schrecken, da alle unter dem schallenden Gelchter der Raubschtzen,
ohne Ansehen der Person, ber und unter einander die steile Hhe
hinunterpurzelten und die Flucht ergriffen. Stlpner schritt hierauf,
ohne die Fliehenden noch eines Blickes zu wrdigen, mit seinen
Kameraden langsam dem nahen Forste zu.

fter hatten Reisende Gelegenheit, Stlpnern zu begegnen, der nicht
die geringste Scheu uerte, freundlich und hflich grte und mit
manchem sogar ein Gesprch anknpfte. So traf er einst unterwegs im
Winter mit Pferd und Schlitten einen Rechtsgelehrten, der, Stlpnern
fr einen Jger haltend, ihn ersuchte, hinten mit aufzutreten, um
so sein Reiseziel schneller zu erreichen. Er trat auf und knpfte
zutraulich mit ihm ein Gesprch an. Der Rechtsgelehrte kam auch auf
Stlpnern zu sprechen, der in der dasigen Gegend hausen solle. Drollig
genug erzhlte Stlpner von sich selbst, doch mitten im Forste empfahl
er sich pltzlich, dankte und rief seinem Reisegefhrten nach: Sie
haben jetzt selber mit Stlpnern gesprochen; leben Sie wohl. Darauf
verschwand er im nchsten Gebsch.

Durch diese und andere hnliche khne Unternehmungen war es kein
Wunder, da Stlpner bald zum allgemeinen Gesprch der Umgegend wurde.
Niemand verheimlichte es, ihn gesehen zu haben und niemand erschrak
mehr, wenn er ihm unvermutet begegnete, da man immer mehr sich
berzeugte, da Stlpner kein gefhrlicher, bser Mensch sei. Aber
ebenso konnte es nicht fehlen, da durch seine khnen Streiche und
immer mehr um sich greifenden Wilddiebereien die Polizeibehrde durch
die sich hufenden Anzeigen der aufgebrachten Forstbediensteten nicht
nur aufmerksamer auf ihn wurde, sondern selbst ernstliche Anstalten
traf, ihn aufzuheben und in ihre Gewalt zu bekommen.

Diese ernstlich getroffenen Maregeln blieben Stlpnern nicht
unbekannt; er verlie deshalb seine erzgebirgischen waldigen
Behausungen, um seinen ihn immer mehr umlauernden Verfolgern einige
Ruhe zu gnnen, und wanderte wieder mit einer gut gefllten Brse
nach Bayern. Als er sich in der Gegend von Bayreuth einige Zeit
herumgetrieben hatte, trat er, versehen mit den von seinen frheren
Herrschaften erhaltenen Zeugnissen, wieder als Revierjger in die
Dienste eines Herrn von Reitzenstein auf Kunersreuth mit einem
monatlichen Gehalt von 7 Thalern und verblieb daselbst, ohne da sich
unterdessen etwas Besonderes fr ihn zutrug, beinahe 2 Jahre. Von hier
kam er ebenfalls wieder als Revierjger in die Dienste eines Herrn von
Pltz auf Zedtwitz in der Gegend von Hof, wo er 14 Monate aushielt,
dann, von seinem unruhigen Geiste fortgetrieben, wieder sein Bndel
schnallte und abermals nach Bayreuth wanderte.

Der Markgraf Karl Alexander hatte gerade zu dieser Zeit Ansbach und
Bayreuth an Preuen abgetreten; es hielten sich in dem Lndchen eine
Menge preuischer Werber auf, um junge, krftige Leute in ihr Garn zu
locken. Stlpner, der in den Schnken und anderen ffentlichen Orten
hufig mit diesen Werbern zusammenkam, ward als ein so schlanker,
krftiger Jger bald der Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit. Beim
Bierkrug traf Stlpner wiederum mit einem solchen Werber zusammen und
sogleich machte letzterer Anstalt, ihn unter dem Versprechen eines
schnen Handgeldes zum preuischen Soldaten anzuwerben. Stlpner blieb
standhaft; der Werber versuchte nun mit Gewalt ihn zum Dienst zu
zwingen, es entstand ein heftiger Streit und Stlpner schlug mit seinem
Hirschfnger so lange auf den brutalen Preuen, der nun ebenfalls
seinen Degen gezogen hatte, los, bis letzterer in Stcke zersprang.
Hierdurch entwaffnet, ri Stlpner, ehe der Werber weiter auf ihn
eindringen konnte, im Augenblick zwei Stuhlbeine heraus, mit welchen
er nun aufs Neue auf seinen Gegner eindrang, ihm die Klinge aus der
Hand schlug und so lange auf den wehrlosen Preuen loskeilte, bis
zuletzt an ein Aufkommen desselben nicht mehr zu denken war. Durch den
entstandenen Lrm kamen die anderen preuischen Werber ihrem Kameraden
zu Hilfe, Stlpner mute endlich der Uebermacht weichen und sich
gefangen geben.

Unter den Offizieren seines Regiments fand Stlpner vorzglich
an dem Hauptmann von Hopfgarten, auch ein Sachse von Geburt und
leidenschaftlicher Jger, einen Freund und Gnner, von welchem er
vorzglich in finanzieller Hinsicht so manche Wohlthat geno.

Nachdem Stlpner in Spandau, ohne da sich auer seiner milungenen
Flucht weiter etwas Wichtiges ereignete, gegen zwei Jahre als Musketier
gestanden, trat pltzlich eine Katastrophe ein, die ihn unvermutet aus
den lngst verwnschten Mauern seiner Garnison hinaus auf blutigen
Kampfplatz fhrte und ihn unter vielen sturmbewegten Tagen so manche
kriegerische Abenteuer bestehen lie.

Die franzsische Revolution war ausgebrochen; sie hatte das Knigstum
hinweggefegt und eine Republik an dessen Stelle gesetzt. Oesterreich
und Preuen erklrten der Republik den Krieg, infolgedessen auch
Stlpners Regiment Prinz Heinrich seine Garnison verlie, um dem
nach Frankreich ziehenden Heere zu folgen. Dem Herzog Ferdinand von
Braunschweig war der Oberbefehl ber smtliche Truppen bertragen
worden. Nach der Einnahme von Verdun geschah ein Ereignis, wodurch
Stlpner persnlich mit dem Herzog von Braunschweig in Berhrung kam.

Schon seit einiger Zeit hatte man von preuischer Seite eine Menge
Mannschaften vermit, ohne bisher auf den Grund und die Spur ihres
Verschwindens gekommen zu sein. Als Stlpner eines Morgens in der
Gegend von Grandpre, wo damals das Hauptlager der Preuen sich
befand, mit noch fnf anderen Kameraden nach dem zunchst gelegenen
Dorfe vom Hunger getrieben auf Plnderung ausging, trat er mit diesen
in einen groen Bauernhof ein, wo er auer einer schon bejahrten
Frau weiter niemand antraf. Diese erriet sogleich die Absicht der
hereinstrmenden sechs Preuen und gab ihnen, so gut es eben ging,
zu verstehen, da bei ihr nichts mehr zu haben sei, da alles schon
gewaltsam nach dem preuischen Lager abgefhrt wre.

Stlpner lie sich nicht zurckschrecken und durchsuchte mit seinen
Genossen das ganze Haus. Als er bei dieser Visitation auch in den Stall
trat, fand er diesen zwar leer, doch an der Mauer desselben erblickte
er einen groen Haufen Dnger, was ihm verdchtig vorkam. Sogleich ward
mit Hilfe der Kameraden der Haufe entfernt und dahinter eine zweite
Thr entdeckt, die zu einem Keller fhrte. Als auch diese mit Gewalt
geffnet war, drangen sie in eine unterirdische Vertiefung und fanden
hier, zu ihrem grten Schrecken, zwanzig halb im Sande verscharrte
Preuen, die noch grliche Spuren von Verwundungen an sich trugen
und nur durch die um sie hngenden Fetzen von der Uniform als solche
erkannt werden konnten.

Sogleich eilte Stlpner mit seinen Begleitern in die Wohnstube zurck,
um die erwhnte Frau wegen der ermordeten Preuen zur Rede zu stellen;
doch ob er gleich nochmals das ganze Haus durchsuchte, fand er weder
diese noch eine andere menschliche Seele. Er trat, nachdem er noch,
um seinen und der Kameraden Hunger zu stillen, einige Viktualien
aufgefunden, wieder den Rckzug ins Lager an.

Hier angekommen, ging Stlpner sogleich zu seinem Hauptmann, um ihn
von den zwanzig ermordet aufgefundenen Preuen zu benachrichtigen und
dadurch gleichsam das Rtsel der immer mehr verschwindenden Leute zu
lsen. Der Hauptmann teilte die Nachricht seinem Regimentschef und
dieser dem soeben anwesenden Herzog mit.

Nach Verlauf einiger Stunden wurde Stlpner selbst zum Herzog beordert,
um seine Aussage zu wiederholen. Ruhig und stolz seinem groen und
allverehrten General persnlich sein Abenteuer mitteilen zu knnen,
folgte er der ihn nach dem herzoglichen Zelte fhrenden Ordonnanz.
Nachdem er hier durch einen Adjutanten dem Frsten gemeldet, ward er
sogleich zu ihm hineingefhrt und fand denselben bei seinem Eintritt
daselbst auf einem alten Feldstuhl sitzend mit einer Menge Landkarten
beschftigt. -- Als ihn der Herzog bemerkte, winkte er ihm, nher zu
treten, und nachdem er zuerst Stlpnern nach seinem Namen, Vaterland
und Dienstzeit gefragt, mute er ber die zwanzig von ihm aufgefundenen
Preuen Rapport erstatten.

Nachdem er die ersten Fragen des Herzogs kurz und bndig beantwortet
hatte, referierte er mit aller Ruhe und der ihm angeborenen dreisten
Offenheit, doch ohne dabei den Anstand zu verletzen, den ganzen Hergang
der Sache, und schien eben durch seine Gewandtheit und Offenheit dem
aufmerksam zuhrenden Frsten gefallen zu haben, denn als Stlpner
geendet hatte, entlie er ihn mit den Worten: Es ist gut, mein
Sohn; hier (ihm einen Dukaten in die Hand drckend), trink auf meine
Gesundheit dafr.

Stlpner sumte nicht, seinen funkelnden Kremenzer dem Wunsche des
Herzogs gem anzuwenden, lud jedoch auch seine fnf Kameraden dazu ein.

Noch an demselben Tage wurde ein Kommando von hundert Mann mit einigen
Wagen nach dem von Stlpnern bezeichneten Dorfe abgesendet, um die
ermordeten Preuen herbeizuschaffen. Daselbst angelangt, luden sie ihre
unglcklichen Waffenbrder auf und kehrten in das Lager zurck, den
Kameraden ein ehrliches Begrbnis zu bereiten.

Tags darauf lie der Herzog, um fr die Zukunft ein exemplarisches
Beispiel zu geben, ein Korps von 2000 Mann und einer Batterie
ausrcken und das ganze Dorf umzingeln, welches, nachdem erst eine
Menge Pechkrnze hineingeworfen waren, so eingeschert wurde, da
nach Verlauf von vier Stunden das ganze Dorf in einen Schutthaufen
verwandelt war, und alles, Menschen und Tiere, die sich nicht zuvor
gerettet hatten, einen frchterlichen Tod fanden.

Der unglckliche Ausgang des Feldzuges ist dem freundlichen Leser
bekannt, das Heer wurde durch Krankheiten aufgerieben; Stlpner hatte
es nur seiner krftigen Natur zu verdanken, von den berhandnehmenden
Seuchen verschont zu bleiben. Da die Lage der Truppen mit jedem Tage
kritischer wurde und er dieses Leben schon lngst zum Ueberdru hatte,
so beschlo er, bei der ersten besten Gelegenheit zu desertieren und
seine heimatlichen, friedlichen Forsten im Erzgebirge, nach welchen er
sich schon lngst zurckgewnscht hatte, wieder aufzusuchen.

Schon frher hatte er sich zu diesem Behufe einen Pa zu verschaffen
gewut, worin er als ein nach der Heimat zurckkehrender preuischer
Invalide signalisiert war. Als Stlpner einst bei Weienburg, wo damals
die preuische Armee gegen Pichegru stand, an einem dstern, nebligen
Wintertage auf den uersten Vorposten als Feldwache ganz allein zu
stehen kam, glaubte er, hier von keiner Seele so leicht bemerkt, am
sichersten seine Flucht ergreifen zu knnen.

Nachdem er sich daselbst so viel wie mglich von der Lage der Gegend
orientiert hatte, desertierte er hier von seinem Posten und flchtete
sich in einen unfern gelegenen Wald, wo er Flinte, Seitengewehr und
Patronentasche wegwarf und dann, da es schon Nacht geworden, unter
einer Felsengrotte ein Obdach fand. Beim Grauen des Morgens setzte
er seine Flucht ber den Rhein nach Rheinbayern zu fort. Seine ganze
Barschaft bestand aus drei Kreuzern, mit welchen er wohl nicht weit
gekommen sein wrde, wenn er nicht folgende kluge Maregel zur
Fortsetzung seiner Flucht getroffen htte.

Stlpner kehrte nmlich meistenteils in Klstern, auf Rittergtern
und auch oft bei Landgeistlichen ein, wo er nach Angabe seines Passes
als ein aus dem Felde heimkehrender Invalide berall mit Speise und
Trank reichlich versorgt wurde. Von Rheinbayern nahm Stlpner seine
Marschroute nach Hessen-Darmstadt, von da ber Frankfurt a. M. nach
Fulda, wo er bei einem reichen Brger, dessen Sohn in der Schlacht bei
Pirmasens geblieben war, 14 Tage verweilen mute und daselbst herrlich
verpflegt, auer Geld noch mit Kleidungsstcken reichlich beschenkt
wurde. Von Fulda wanderte Stlpner ber Eisenach, Gotha, Weimar nach
Jena, wo er einen Bruder des frher erwhnten Hauptmanns von Hopfgarten
traf, der in Jena studierte, bei welchem er 4 Tage verweilte und mit
den Studenten daselbst um die Wette zechte. Von Jena setzte Stlpner
ber Gera, Altenburg nach Chemnitz seine Reise fort, wo er ungescheut
seinen frheren Gnner, den unterdessen zum Major avancierten Herrn
von Gundermann besuchte, von diesem wieder reichlich beschenkt wurde,
und nun, nach einer abermaligen Abwesenheit von beinahe sieben Jahren,
gerade zu den Osterfeiertagen 1794 in Scharfenstein wieder anlangte.

Seit dem Ausmarsch der Verbndeten nach Frankreich hatte Stlpners
Mutter keine Nachricht von ihrem Sohne erhalten; sie betrauerte ihn
schon lngst als tot und hatte sich unterdessen gentigt gesehen, ihr
Huschen zu verkaufen. Stlpner fand sie daher bei seiner Ankunft in
dem engen Hinterstbchen, das sie sich als Ausgeding vorbehalten hatte.

Als sie ihn jetzt unerwartet eintreten sah, war sie vor Furcht und
Schrecken nicht vermgend, ein Wort hervorzubringen; sie frchtete,
ein unglckliches Ereignis knnte ihn wieder herbeigefhrt haben.
Doch beruhigte sie Stlpner bald wieder, teilte ihr seine glcklich
berstandenen Schicksale und seine Flucht mit, und gab ihr von dem
gesammelten Gelde acht Thaler.

In Scharfenstein und der Umgegend erregte Stlpners pltzliches
Wiedersehen groes Aufsehen; man hatte ihn ebenfalls fr tot gehalten.
Er zeigte sich an ffentlichen Orten; Jung und Alt versammelte sich
um ihn und hrte ihm gern zu, wenn er von seinen berstandenen
Abenteuern erzhlte. Die Behrden und Forstbediensteten waren natrlich
auch gleich von Stlpners Rckkehr unterrichtet; sie duldeten
stillschweigend seine Anwesenheit, da sie hofften, da er nunmehr zu
einem erlaubten Broterwerb greifen wrde; doch hatten diese Herren sich
abermals gewaltig getuscht. Denn Stlpner, welchem einmal das frhere
wilde und zwanglose Leben zur zweiten Natur geworden war, konnte und
mochte sich auch jetzt nicht, da er weiter keine Profession gelernt
hatte und als Tagelhner nicht arbeiten wollte, von seinem frher
gefhrten Leben als Wildschtz losreien. Er besuchte kurz nach seiner
Rckkehr nach Scharfenstein, nachdem er sich wieder mit gutem Gewehr
versehen und sich als Jger umgekleidet hatte, seine alten vertrauten
Forsten wie vorher und lebte nun ganz als Wildschtz, da er knigliche
und herrschaftliche Reviere durchstrich und alles Wild, was ihm vorkam,
niederscho.

Es hatte sich bald berall das Gercht verbreitet, da Stlpner
wieder die Umgegend seiner Heimat zum Schauplatze seines khnen
Treibens gemacht habe, da er sich ohne Scheu an ffentlichen Orten
zeige, im Wirtshause seinen Krug Bier und seinen Schnaps ganz sorglos
trinke, doch ohne seine stets scharfgeladene Bchse sowie seinen
scharfgeschliffenen Hirschfnger abzulegen. Auch hatte er sich bald
wieder einige Genossen zugesellt, mit welchen er gemeinschaftlich sein
Wesen trieb, ber die er sich stets jedoch eine gewisse Obergewalt
vorbehielt.

Da vorzglich in dieser Periode Stlpners die merkwrdigsten Scenen
sich ereigneten, die seine Khnheit, Geistesgegenwart, Festigkeit
und seinen originellen Charakter so recht hervorheben, werden hier
dieselben folgen, wie sie der Wahrheit getreu sich mit ihm zugetragen
haben.

Als an einem schnen Oktoberabend der Oberfrster in der Gegend des
Frstenberges schon spt sein ansehnliches Revier durchstrich, um
auf einen Hirsch zu kommen, hrte er in einer ziemlichen Entfernung
einen Schu fallen. Sogleich eilte der Oberfrster nach der Gegend,
wo geschossen worden war, um zu sehen, was es gbe. Nach einigem
Hin- und Herirren tritt er endlich aus einem jungen Fichtendickicht
auf einen freien Platz und erstaunt nicht wenig, als er hier unter
einer schattigen Tanne den soeben geschossenen und schon verendeten
Hirsch liegen und daneben auf einem abgehauenen Stamme Stlpnern, die
Doppelbchse an die Tanne gelehnt, von zwei groen Jagdhunden umgeben,
sitzen sieht.

Der Oberfrster, der anfnglich stutzte und nher zu treten zgerte,
schritt hierauf auf Stlpnern zu und bot ihm einen guten Abend. Ohne
irgend ein Zeichen von Furcht und Ueberraschung zu verraten, blieb
Stlpner ruhig sitzen, dankte hflich und versicherte, da es ihm leid
thue, dem Herrn Oberfrster einen vergeblichen Gang gemacht zu haben,
da der Hirsch, nach welchem er vermutlich ausgegangen wre, schon
von ihm hier erlegt worden sei. Der Oberfrster uerte hierauf sein
Erstaunen ber diese Dreistigkeit und fing an unwillig zu werden. Doch
Stlpner bat ihn, sich zu beruhigen, da es doch nun einmal nicht zu
ndern sei. Hierauf setzte er noch hinzu: Wollen Sie nicht umsonst
gegangen sein, so will ich Ihnen dort unten an der Ecke einen Stand
anweisen, wo sie in kurzer Zeit zum Schu kommen werden. So,
erwiderte hierauf gleichgiltig der Oberfrster; doch wie wre es denn
(langsam nach Stlpners Bchse langend, die an der Tanne lehnte), wenn
ich mir diese Bchse hier ausbte? Stlpner: Sie steht Ihnen zu
Diensten, denn sehen Sie, dort habe ich noch zwei andere, die eben so
gut und sicher, wie die hier, treffen.

Als der Oberfrster nach der Gegend hinsah, die ihm Stlpner bezeichnet
hatte, erblickte er hinter einigen jungen Fichten noch zwei andere
Wildschtzen, die sich mit den auf ihn angelegten Bchsen erhoben
hatten.

Verblfft und ohne ein Wort zu sagen legte er die Bchse wieder an
ihren Ort und machte Miene, sich zu entfernen. Stlpner aber erbat
sich, unter dem Vorwande seinen Schwamm verloren zu haben, noch ein
wenig Tabakfeuer aus und belustigte sich herzlich ber die ngstlichen
Gesichtszge, die der Oberfrster bei dem Anschlagen machte, indem es
ihm, da er immer nach den drohenden Mndungen schielte, nicht gelingen
wollte. Als es endlich brannte, bedankte sich Stlpner hflichst und
setzte hinzu: Ich stehe ein andermal wieder zu Diensten. -- Der
gute Oberfrster mahnte Stlpnern, nur nicht zu fleiig zu sein und
entfernte sich so schnell als mglich, ihm eine gute Nacht wnschend,
was Stlpner freundlich erwiderte.

Einst war der Bursche eines andern Frsters auf den Anstand gegangen,
und da es noch sehr zeitig war, hatte er sich unterdessen unter eine
Tanne gesetzt und war eingeschlafen. Einige Zeit darauf fhlte er
sich auf einmal etwas derb gerttelt und erwachte. Da stand Stlpner
mit gespannter Bchse vor ihm und begrte den Erstaunten mit einem:
Guten Morgen, Kamerad! welches dieser mit einem ngstlichen Gegengru
erwiderte. Hierauf sprach Stlpner zu ihm: Du hast einen guten Anstand
gewhlt, Kamerad, httest aber bald die Zeit verschlafen. Hier wechselt
ein Spieer und ich mu einen liefern; Du wirst also so gut sein und
mit mir den Platz wechseln. Stelle Dich bei der drren Fichte unten am
Bache an, wo Du nicht vergeblich warten wirst. Ich habe deshalb heute
meinen Kameraden dort nicht postiert, weil ich Dich schadlos halten
mchte; wenn Du einmal Lieferung hast, so stehe ich dann gern wieder zu
Diensten.

Was wollte der arme Teufel machen? -- Er stellte sich auf den
bezeichneten Ort, that einen glcklichen Schu und Stlpner bekam
seinen Spieer.

Als kurze Zeit darauf Stlpner sein Zblitzer Revier beging, bemerkte
er von seinem Anstande aus quer ber drei Bauergtern einen Hirsch, er
legte an, brannte los und der Hirsch brach zusammen. Hierauf, seine
Bchse ber die Schulter werfend, setzte Stlpner durch ein Gewnde
Getreide, um ihm beizukommen, und nachdem er ihn gefunden, kniete er
auf den Hirsch, um ihn zu genickfngen, kann aber seinen Genickfnger
nicht sogleich finden. Der Hirsch, der unterdessen zu verenden
scheint, springt auf einmal auf und nimmt Stlpner, der noch darauf
sa, gegen 1200 Schritte ber das freie Feld mit. Stlpner, der von
weitem sieht, ber welchen tiefen Abhang die Reise gehen soll, versucht
herunter zu kommen, sprengt aber bei dem Herunterspringen eine Stange
von dem Geweih des Hirsches ab, an welcher er sich whrend dieses
Parforcerittes angehalten hatte, und so entkam der Hirsch, ohne da
Stlpner eine zweite Ladung nachsenden konnte.

Vier Wochen darauf erblickte Stlpner auf Zschopauer Revier den
Hirsch, welcher ihn abgesattelt hatte, in Gesellschaft von noch fnf
andern wieder, da er ihn sogleich an der noch herabhngenden Stange
seines Geweihes erkannte; doch da er unter den fnf brigen einen
Achtzehnender gewahrte, so nimmt er diesen aufs Korn, erlegt ihn
glcklich und lt den andern freien Lauf.

Zur Winterszeit scho er in der Nhe der sogenannten Rtzer-Bretmhle
bei Marienberg ein Tier. Nachdem er dasselbe mit zwei seiner Kameraden
zerwirkt und in Scke gepackt, will er sich mit diesen auf den Weg
nach der bhmischen Grenze begeben. Als er so schwer belastet mit
seinen Genossen die Reise antrat, kamen ihm pltzlich sieben Jger
in den Weg, welche auf Hoflieferung ausgegangen und deshalb alle gut
bewaffnet waren. Sogleich wollten diese, Stlpner erkennend, Jagd
auf ihn machen, um ihn in ihre Gewalt zu bekommen. Stlpner, den
diese Khnheit verdro, legte jetzt seine Brde bei Seite, trat mit
angelegter scharfgeladener Bchse vor und rief mit donnernder Stimme:
Halt! was wollt Ihr hier? worauf ein Grenzschtze, namens Liebeskind,
antwortete: Wir glaubten, es wren Holzdiebe im Forste. Der lteste
Revierbursche Mller sagte hierauf, da er sie fr Pascher gehalten
htte, worauf Stlpner erwiderte: Also Ihr seid Tabaksbttel? Ich bin
weder Pascher, noch Holzdieb, habe weder Kaffee, noch Zucker, noch
Holz aufgeladen, sondern Wildpret, was Euch, da Ihr Tabaksbttel seid,
nichts angeht.

Hierauf machte Stlpner, whrend seine anderen Kameraden schufertig
dastanden, die smtlichen sieben Jger gewehrlos, nahm ihre Gewehre
alle auf die Schulter und lud ihnen dann das in Scke gepackte Wildpret
auf, welches er sie nun bis an die bhmische Grenze zu tragen ntigte.
Die sieben Jger, worunter sich freilich einige alte, kraftlose
Burschen befanden, folgten wirklich, durch Stlpners und seiner
Genossen drohende Stellung eingeschchtert, seinem Befehle.

Als sie an Ort und Stelle angekommen waren, gab ihnen Stlpner, ohne
jedoch die Steine davon abzuschrauben oder das Pulver aus der Pfanne zu
schtten, ihre Kugelbchsen zurck, lie sie fr ihre gehabte Bemhung
aus seiner stets gut gefllten Korbflasche einige krftige Zge thun
und entfernte sich von ihnen unter herzlichem Dank und Lebewohl.

In dem im Jahre 1835 erschienenen Buche von Schnberg heit es hierzu:
Nach Stlpners Angabe sollen gegenwrtig von den sieben oben erwhnten
Jgern noch zwei am Leben sein, nmlich der Amtskopist K. in W. und der
als Volontr gehende Jger M. in D.

Durch diese und andere dergleichen tollkhne Unternehmungen war es
kein Wunder, da Stlpner damals fast berall in der Umgegend der
Gegenstand des allgemeinen Tagesgesprchs, namentlich in der Schnke
beim Bierkruge wurde. Doch fiel nicht etwa das Urteil der groen Menge
fr ihn ungnstig aus, im Gegenteil that man sich darauf etwas zu gute,
ihn gesehen oder gesprochen zu haben, woraus gar kein Geheimnis gemacht
wurde. Noch weniger erschrak man bei einem unvermuteten Zusammentreffen
mit ihm, da man immer mehr zu der Ueberzeugung gelangte, da Stlpner
durchaus kein gefhrlicher oder bsartiger Mensch sei, da er, auer
seinem verbotenen Gewerbe als Wildschtz, sich nie etwas zu schulden
kommen lie, was ihn in den Augen seiner Mitmenschen htte verdchtig
machen knnen.

Stlpner ging stets nett und jgermig gekleidet und benahm sich
immer mit einem solchen Anstand, da er schon dadurch die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich zog. Ungescheut besuchte er die an der
Landstrae gelegenen Wirtshuser, wo er im Tone alter Bekanntschaft
ein Glschen forderte, seine Korbflasche behaglich aus der Jagdtasche
langte, sie fllen lie, seine Pfeife anbrannte, sich nicht selten in
das Gesprch der anwesenden Gste mischte und so zuletzt unter einem
traulichen Adieu sich wieder in die zunchst liegenden Forsten verlor.
Doch geschah alles dieses ohne seine Bchse und den Hirschfnger
abzulegen.

Kein Wunder war es aber auch, da Stlpner wegen seiner tollen
Streiche, die er vorzglich in Bezug auf die Forstbeamten ausbte,
durch deren immer sich mehrende Anzeigen ernstlich verfolgt und von
seiten der Obrigkeit alles aufgeboten wurde, um ihn aufzugreifen und
in Gewahrsam zu bringen. Es erschienen jetzt Reskripte und Befehle in
Menge, die seine Aufhebung anbefohlen; man durchstreifte mit Aufbietung
ganzer Dorfschaften diejenigen Wlder, wo man glaubte, da er sein
Wesen treibe und traf alle mglichen Anstalten, um seiner habhaft zu
werden.

Stlpner, mit allen Schlupfwinkeln genau bekannt und von seinen
Bekannten und Anhngern oft vor der ihm drohenden Gefahr gewarnt,
entging nicht nur bisher glcklich den Verfolgungen seiner ihm immer
mehr nachstrebenden Feinde, sondern wurde gleichsam, denselben Trotz
bietend, in seinen Handlungen nur noch khner und unternehmender, soda
sich die Regierung endlich gentigt sah, da alle bisher getroffenen
Anstalten, Stlpnern in die Gewalt zu bekommen, vergebens waren, noch
krftigere Maregeln zu ergreifen, um einem solchen Unwesen ein Ende zu
machen.

Karl Stlpners Signalement wurde daher vom Kopf bis zum Fu in allen
ffentlichen Blttern bekannt gemacht und er sowohl in diesen, als in
den gerichtlich angeschlagenen Aufforderungen fr vogelfrei erklrt und
demjenigen, der ihn lebendig, ein Preis von 80 Thalern, und wer ihn tot
an die Obrigkeit ausliefern wrde, 50 Thaler zugesichert.

Alle Forst- und Polizeibehrden wurden zu seiner Verhaftung
aufgefordert, ja selbst das Militr sollte ntigenfalls dazu requiriert
werden. Doch trotz diesen geschrften Befehlen und getroffenen
Maregeln hatte es doch lange Zeit das Ansehen, als ob dieselben nicht
mit der gehrigen Gewissenhaftigkeit befolgt wrden. Denn obgleich
manchen nach dem Preis gelsten mochte, so schien doch ein solches
Unternehmen, ihn anzugreifen, immer als ein sehr gewagtes, da alle nur
zu gut wuten, da, ehe sich Stlpner gefangen geben wrde, er alles
und selbst sein Leben aufs Spiel setzen und aufopfern werde, und daher
schon seine berall bekannte Krperstrke, seine Unerschrockenheit und
Gewandtheit, sein sicheres Treffen im Schieen jeden zurckschreckte,
einen ernsten Angriff auf ihn zu machen. Es blieb daher, ungeachtet
des streng ergangenen Befehles, beim Alten, indem Stlpner zwar etwas
vorsichtiger zu Werke ging, aber keineswegs von seiner Lebensweise als
Wildschtz sich lossagte.

Der Ruf von Stlpners Tollkhnheit hatte auf viele einen solchen
furchterregenden Eindruck gemacht, da auch diejenigen, welche sich
wirklich erfrechten, mit vereinigter Macht auf ihn Jagd zu machen,
schon bei seinem Erscheinen auf dem Kampfplatze wie Spreu auseinander
stoben und das Hasenpanier ergriffen, wovon folgende Szene ein treues
Bild liefert.

Die Freischtzen aus dem Stdtchen W. hatten gehrt, da Stlpner in
ihrer Nhe sein Wesen treibe; um sich einen unsterblichen Ruhm durch
sein Aufgreifen zu erwerben, hatten sie sich erkhnt, ~in pleno~ gegen
ihn auszurcken, mit dem festen Entschlu, ihn entweder tot oder
lebendig in ihre Gewalt zu bringen. Sie langten wirklich in der Gegend,
wo sich Stlpner damals aufhielt, an, nmlich in dem Forste unweit der
Zschopau, die seit einigen Tagen durch Regenwetter sehr angeschwollen
war. Der Anfhrer dieser Heldenschaar war ein kleiner Schneider, der
sich vorzglich, um seinen Leuten Mut einzuflen, durch sein mutiges
Voranschreiten und durch seine khne Zunge auszeichnete.

Als sie so schwatzend und gemtlich dem Walde zuzogen, trat pltzlich
Stlpner mit gespannter Bchse aus seinem Hinterhalte hervor und
rief mit donnernder Stimme: Wollt Ihr Euch packen, oder ich gebe
Feuer! Er schlug an, aber wie vom Winde zerstoben, flohen die
armen, erschrockenen Schtzen ber Hals und Kopf davon und setzten
zhneklappernd durch den angeschwollenen Flu, um dadurch schneller der
drohenden Gefahr zu entkommen. Nur ihr kurz vorher mit seinem Heldenmut
so prahlender Anfhrer, der arme Schneider, getraute sich nicht durch
den Flu und trippelte trostlos und schweitriefend am Ufer hin und
her. Stlpner, ihn persnlich kennend, lie ihn erst eine kleine Weile
in seiner Todesangst herumzappeln, warf dann seine Bchse ber die
Schulter, rief dem armen Teufel zu und trug ihn mit seinen krftigen
Armen an das jenseitige Ufer, wo er ihn mit den Worten entlie: Er
mag knftighin bei der Nhnadel bleiben und sich nie wieder in solche
unberufene Dinge mengen.

Stlpner verlie jetzt auf einige Zeit seine waldigen Behausungen, um
abermals seinen ihn immer schrfer verfolgenden Feinden einige Ruhe
zu gnnen, und trieb jenseit der bhmischen Grenze sein Gewerbe. Schon
fing man an, seiner weniger zu erwhnen, da man ihn seit lngerer Zeit
nicht mehr bemerkt hatte, und das Gercht immer mehr sich verbreitete,
er hause nicht mehr auf vaterlndischem Boden. Aber pltzlich erscholl
sein Name in der Umgegend wieder und verbreitete Furcht und Schrecken
unter die Bewohner.

Kurze Zeit nach seinem Wiedererscheinen ereignete sich ein Vorfall,
wobei Stlpner durch sein Gefhl fr Recht, Redlichkeit und Teilnahme,
welche er dabei an den Tag legte, in der allgemeinen Achtung sehr viel
gewann.

Schon seit lngerer Zeit war durch sterreichische Deserteurs und
anderes dergleichen liederliches Gesindel das Erzgebirge, vorzglich an
der Grenze, sehr beunruhigt worden. Unsicher waren Straen und Wlder
und nicht selten wurden Reisende daselbst gemihandelt, geplndert, ja
sogar Landleute berfallen und beraubt. Stlpner wurde beschuldigt,
an diesen Rubereien mit teilzunehmen. Dieser ihn schwer krnkende
Verdacht wrde sich gewi noch mehr bestrkt haben, wenn er sich nicht
durch folgende edle Handlung auf die beste Art gerechtfertigt htte.

Eine Zittauer Leinwandhndlerin hatte den Stollberger Markt bezogen
und da gute Geschfte gemacht, indem sie ihre ganze Leinwand sehr gut
verkauft und 300 Thaler daraus gelst hatte. Als sie nun froh ber
ihren Erls wieder in ihre Heimat zurckkehren wollte, gesellten sich
in dem Thale in der Nhe Stollbergs zwei Kerle zu ihr und suchten
mit ihr ein Gesprch anzuknpfen. Die Frau, nichts Bses ahnend,
erzhlte unklugerweise woher sie kme und da sie so viel auf dem Markt
gelst habe. Whrend des Gesprches gelangten sie an einen Seitenweg,
welcher in das nchste Dorfe fhrte, hier wollte sich die Frau von
ihren Begleitern verabschieden, als dieselben pltzlich ihr ein
frchterliches Halt geboten und mit drohenden Gebrden die 300 Thaler
von ihr forderten.

In dieser entsetzlichen Ueberraschung rief das erschrockene Weib um
Hilfe, doch sogleich schwangen die Ruber ihre Knittel, geboten ihr zu
schweigen und drohten bei der geringsten Verweigerung ihrer Forderung
mit Mihandlung und Tod.

Unter einem Strome von Thrnen flehte das bebende Weib um Mitleid und
Erbarmen und schwur bei dem Allmchtigen, da sie und ihre Familie
ohne dieses Geld dem schrecklichsten Elende preisgegeben sei. Die
schndlichen Bsewichter lieen sich nicht durch dieses flehentliche
Bitten der unglcklichen Frau zum Mitleid bewegen, sondern strmten
nur noch ungestmer auf sie ein, um sich nun mit Gewalt ihres Geldes
zu bemchtigen. In dieser hchsten Angst setzte sich das Weib gegen
die Straenruber zur Wehr, wurde aber sogleich von diesen zu Boden
geworfen, festgehalten und nun gewaltsam ihres Eigentums beraubt.

Eben wollten sich diese Schndlichen mit ihrem Raube davon machen, als
pltzlich ein Schu zwischen ihren Kpfen durchsauste, Stlpner vor
ihnen stand und sie mit seiner krftigen Stimme als Schurken begrte.
Die erschrockenen Ruber wollten erst ihre Beute wieder fahren lassen,
als sie aber sahen, da sie es blos mit einem zu thun hatten, machten
sie Miene, auch diesen mit ihren Prgeln zu berfallen. Da warf
Stlpner schnell seine Bchse ber die Schulter, und in jeder Hand
ein gespanntes Pistol haltend, schrie er ihnen zu: Wer einen Schritt
vorwrts thut, der kommt nicht lebendig von der Stelle. Ihr also seid
die Schandbuben, die auf meinen Namen Straenraub ausben! Wartet, ich
will Euch Mores lehren! Sogleich legt Ihr das der Frau geraubte Geld
hier vor mir nieder, ohne einen Pfennig zurckzubehalten, geht dann
auf diesem Wege hier, ohne Euch umzusehen, der Grenze zu, und wenn ich
einen von Euch Buben wieder auf schsischem Boden treffe, so fliegt ihm
eine Kugel durch den Kopf!

Ganz auer sich wollten die Ruber sich erst mit Stlpnern in eine
Kapitulation einlassen; als aber dieser mit den Worten: Nun so ist's
auch jetzt noch Zeit! seine Pistolen auf sie richtete und losbrennen
wollte, da warfen die Straenruber eiligst das Sckchen, worin die
geraubten 300 Thaler, teils in Speziesthalern, teils in Kassenbillets,
verwahrt waren, auf den Boden und eilten unter Fluchen und Toben auf
dem ihnen vorgeschriebenen Wege fort.

Durch den Schu war die Frau erst wieder zur Besinnung gekommen und
hatte vorzglich bei Stlpners nachdrcklichen Worten ihr volles
Bewutsein wieder erlangt. Auf den Knien dankte sie ihrem gromtigen
Retter, doch dieser hob sie auf, erkundigte sich teilnehmend nach ihr,
ob sie irgend eine Verletzung erhalten htte und hndigte ihr dann das
von der Erde aufgehobene Geldsckchen wieder ein. Hierauf begleitete er
sie bis an das nchste Dorf und entfernte sich dann von ihr, ohne eine
Belohnung, die ihm die Frau fr seine schne Handlung mit aller Mhe
aufdringen wollte, anzunehmen; nur darum bat er, da sie berall, wo
sie hinkomme, der Wahrheit getreu erzhlen mge, wie Stlpner gegen sie
gehandelt habe, damit man ihn nicht fr einen so schlechten Menschen
halten und unter die Kategorie der Straenruber zhlen mge.

Bei dieser Handlung legte der leidenschaftliche Wildschtz einen
schnen Beweis seines mnnlich redlichen Charakters, sowie seiner
Geistesgegenwart an den Tag. Es ward auch in kurzer Zeit berall davon
geredet und erregte ein allgemeines vorteilhaftes Interesse fr ihn;
denn ebenso auffallend als die Menge seiner Bewunderer und Freunde
zunahm, verminderte sich die Zahl seiner Feinde und Verfolger, da er
nicht nur dies einzige Mal dergleichen ruberisches Gesindel aus der
Gegend vertrieb, sondern auch die Wlder, in welchen er hauste, von
Landstreichern und Bsewichtern suberte.

Kurze Zeit darauf, nachdem Stlpner die Zittauer Leinwandfrau aus den
Hnden der Straenruber gerettet hatte, kam er gegen Abend in dem
groen Reitzenhainer Walde zu zwei Reisenden, welche sich daselbst
verirrt hatten. Da sie Stlpnern, der, wie schon erwhnt, als Jger
gekleidet ging, fr einen Forstbeamten hielten, so gestanden sie ihm,
weil sie viel Geld bei sich fhrten, ihre Besorgnis wegen Stlpnern.
Stlpner entgegnete ihnen, wenn sie sich ihm anvertrauen wollten, wrde
er sie an einen sicheren Ort bringen, wo sie ruhig bernachten knnten
und von wo aus er sie dann, da es heute doch schon zu spt sei, am
andern Morgen aus dem Forste auf die Landstrae bringen werde.

Nach einigem Besinnen nahmen die beiden Reisenden seinen Vorschlag an
und folgten ihm auf sein Gehei nun seitwrts durch Gebsch und Felsen
in abwechselnder Richtung bis an eine hgelfrmige Stelle, wo Stlpner
schnell eine verdeckte Thr ffnete.

Jetzt lud er die staunenden Wanderer ein, in die vor ihnen offene
Hhle hinabzusteigen, er versicherte hoch und teuer, da nicht das
Mindeste zu befrchten sei, da es ja sein gewhnliches Absteigequartier
im Forste wre. Obgleich dieser anscheinlich verdchtige Ort bei den
Fremden Argwohn erregen mute, so sahen sie sich doch gentigt, das
Abenteuer zu bestehen. Sie traten also in dieses unterirdische Gemach,
welches sie, nachdem Stlpner Licht angezndet hatte, sehr gerumig,
bequem und vorzglich mit einigen schnen Gewehren und Hirschgeweihen
ausgeschmckt fanden.

Ihr Wirt setzte ihnen Brot, kaltes Wildpret und einen krftigen Schnaps
vor und ntigte seine Gste zuzulangen, was sie auch nicht ausschlugen,
da sie selbst gestanden, da sie durch das lange Umherirren im Walde
Appetit bekommen htten.

Nachdem sie gemeinschaftlich unter gleichgltigem Gesprch ihr
Abendbrot verzehrt hatten, machte ihnen Stlpner nach altdeutscher
Sitte aus einer Menge Tierhuten ein weiches Lager zurecht, auf welchem
sie nun ausruhen sollten, und begab sich dann selbst in eine andere
Ecke der Hhle zur Ruhe.

Zwar wollte sich erst bei den Fremden kein Schlaf einstellen, sie
hegten gegen ihren Wirt immer noch Mitrauen, doch endlich siegte die
Natur ber ihren Argwohn und ihre Unruhe. Als der Morgen zu grauen
begann, weckte Stlpner die Reisenden, setzte ihnen ein frugales
Frhstck vor und begleitete sie aus dem Walde, von wo aus er ihnen
den zu nehmenden Weg zeigte. Als sie sich bei dem Scheiden fr die
freundschaftliche Aufnahme und Zurechtweisung bei ihm bedankten,
erwiderte er ihnen, da sie doch Stlpnern fr keinen schlechten und
gefhrlichen Menschen halten sollten, sie wren diese Nacht seine Gste
gewesen. Stumm vor Erstaunen standen die Wanderer, Stlpner verschwand
im nchsten Gebsch.

War diese, sowie die vorhergehende Handlung Stlpners geeignet, ein
allgemeines Interesse fr ihn zu erwecken, die Herzen vieler fr ihn
zu gewinnen und die Zahl seiner ernstlichen Verfolger zu vermindern,
so machte die nchstfolgende ebenfalls auch einen groen Eindruck auf
die Menge, welche sehr zu seinem Vorteil sprach, obgleich die Khnheit,
mit der er, als vogelfrei, sie unternahm, auch nicht geringes Staunen
erregte.

Der wrdige Pastor Schnherr in Thum sa behaglich in seiner
Studierstube, eben mit der Ausarbeitung der nchsten Sonntagspredigt
beschftigt, als ein lebhaftes Klopfen an der Thr ihn in seiner Arbeit
strte.

Ein freundliches Herein! lud zum Eintreten ein, und mit Bchse und
Hirschfnger bewaffnet, trat ein nettgekleideter Jger in das Zimmer,
welcher nach gegenseitigem freundlichen Gru folgende Worte anbrachte:

Verzeihen Sie, Herr Pastor, wenn ich als ungebetener Gast Sie so frh
durch meine Gegenwart belstige.

Pastor: Bei mir ist jeder willkommen, der freundlich einspricht. --
Wer ist er, mein Freund und womit kann ich dienen?

Fremder: Wer ich hin, knnen Sie blos auf ausdrckliches Verlangen
erfahren, und meine Bitte ist: in diesem Augenblicke meine Beichte zu
hren und mir Absolution zu erteilen.

Pastor: Sonderbarer Mann, dies ist eine eigene Zumutung, ich sehe ihn
heute zum ersten Male, kenne weder seinen Namen, noch sein Gewerbe,
noch seine Herkunft, wei nicht zu welchen Glauben er sich bekennt, und
soll eine so wichtige Religionshandlung mit ihm vornehmen?

Fremder: Auf diese Bedenklichkeiten wird es freilich notwendig sein,
mich zu nennen. Ich bin der Wildschtz Stlpner.

Ueberrascht trat der Pastor einige Schritte zurck, mute sich erst
einen Augenblick sammeln, und sprach darauf zu Stlpnern: Ich mu
ber die Khnheit erstaunen, mit welcher er so ffentlich bei mir
erscheinen kann, da er doch wissen wird, da es auch meine Pflicht ist,
den landesherrlichen Befehlen Gehorsam zu leisten, und da es daher
meine Schuldigkeit erfordert, seine Gegenwart sogleich der Obrigkeit
anzuzeigen.

Stlpner: Dies werden und knnen Sie nicht thun, Herr Pastor, denn,
wenn ich mich auch an Ihrer Person nicht vergreifen werde, so mchte
es doch keinem gut bekommen, der sich gegen mich rhren wrde. -- Ich
bin kein bser Mensch, Herr Pastor, traurige Umstnde haben mich in
meine jetzige Lage gebracht. Auf meinem Gewissen ruht keine Blutschuld;
aber ich stehe, wie jeder Mensch, in Gottes Hand, und in meinen
Verhltnissen ist Beruhigung das dringendste Bedrfnis, diese glaubte
ich bei Ihnen zu finden.

Pastor: Gern wollte und wrde ich seinen Wunsch befriedigen, wenn
nicht selbst die Ausbung der Religion den brgerlichen Gesetzen
untergeordnet wre. -- Kehre er zurck von seinem Irrwege, unterwerfe
er sich der Gnade seines Landesherrn und nur dann bin ich imstande,
seiner Seele Ruhe, Trost und Hoffnung auf Vergebung seiner Fehltritte
zuzufhren, und nur dann erst ist er wrdig und vorbereitet genug diese
heilge Handlung zu begehen.

Stlpner: Zwingen kann ich Sie nicht, meinen so herzlichen Wunsch zu
erfllen, mir den Trost der Religion zu geben; doch ich kann Ihnen
nochmals heilig versichern, da er aus wahrem Herzen kam. Also ist es
Ihnen nicht mglich, meine Bitte mir zu gewhren?

Pastor: Unter den jetzigen Verhltnissen unter keiner Bedingung.

Stlpner: Nun, so verzeihen Sie meine Freiheit und leben Sie wohl!

Schnell verlie er die Stube und das Haus des Pastors. -- Zwar zeigte
derselbe den Vorfall sogleich der Obrigkeit an, man sprte Stlpnern
einen ganzen Tag lang nach, allein abermals kehrten die Ausgesendeten
unverrichteter Sache zurck.

Als Stlpner kurz nach seinem Erscheinen beim Pastor in Thum im
Marienberger Walde sein Revier beging, wo damals der Hofjger Ptzhold
aus Wstenschlette seinen Jagdbezirk hatte, welcher mit unter die
eifrigsten Verfolger Stlpners gehrte, so trug es sich zu, da
Stlpner mit einem seiner Kameraden den Laut von Jagdhunden hrte.
Sogleich wendete er sich nach der Gegend hin und erblickte einen
Achtzehnender, welchen die Hunde scharf verfolgten. Stlpner legte an
und scho den Hirsch in vollem Jagen. Hierauf schleppte er ihn mit
Hilfe seines Kameraden in die Jugend, um ihn hier aufzubrechen.

Nachdem dies geschehen, begiebt sich Stlpner unter Zurcklassung
seines Gehlfen bei dem erlegten Hirsche auf eine Anhhe um sich hier
nach den Jgern, welche den nun von ihm geschossenen Achtzehnender
verfolgten, umzusehen. Als er einige Zeit hier gestanden und
unterdessen seine Bchse wieder geladen hatte, bemerkte er in noch
ziemlicher Ferne auf einem groen Gehau eine Menge Reiter von der in
Marienberg stehenden Krassier-Eskadron nebst einer groen Anzahl
Landleute, welche mit Hilfe der Forstbeamten aufgeboten waren, den
Wald zu durchstreifen und vorzglich Stlpnern daselbst aufzuheben.
Dieser verlie jetzt, als er die ihm drohende Gefahr bemerkte, schnell
seinen Posten, kehrte zu seinem Kameraden zurck und schaffte mit
demselben den Hirsch fnfzehn Schritte von dem Aufbruchplatze in ein
gut verwahrtes Versteck, worin er selbst mit seinem Genossen blieb.

Als dieses bedeutende Streifkorps durch den Schu von Stlpnern
aufmerksam gemacht, sich immer mehr der Gegend nherte, wo er den
Hirsch erlegt hatte und zuletzt dem Orte, wo er in seinem sichern
Gewahrsam weilte, so nahe kam, da er alles vernehmen konnte, was
gesprochen wurde, so hrte er unter anderem den Hofjger Torges aus
Steinbach, der ber den Aufbruch des Hirsches, welcher noch ganz warm
war, sowie ber das Verschwinden des Wilddiebes sehr aufgebracht wurde,
folgende Worte uern: Herr Hofjger Ptzhold, es ist doch kein Hase,
den einer schiet und steckt ihn in die Tasche und steigt damit auf den
Baum; Sie haben mich heute das achtzehnte Mal zur Streifung eingeladen,
ich komme nicht wieder dazu; den Kerl (Stlpnern) hat der lebendige
Teufel!

Hierauf nahm dieses ganze Streifkorps seine Richtung nach der
bhmischen Grenze zu, worauf Stlpner, sich nun sicher glaubend, mit
seinem Genossen wieder aus seinem Hinterhalte sich hervorwagte, den
erlegten Hirsch auf einem freien Platze zerwirkte und dann das Wildpret
in die stets bereit liegenden Scke packte und so schwer beladen mit
seinem Gefhrten ebenfalls seinen Weg der Grenze zu einschlug.

Auf der Landstrae angekommen, verweilte er in einem groen Steinbruch,
um einen Fuhrmann abzuwarten, der ihm sein Wildpret aufladen solle.
Nach Verlauf einiger Zeit kommt wirklich ein Vierspnner, welcher nach
Bhmen seinen Weg nimmt; sogleich geht Stlpner auf ihn zu, spricht
ihn an, ob er nicht fr ein gutes Trinkgeld sein Wildpret bis auf den
bhmischen Gasthof in Reitzenhain mitnehmen wolle? Der Fuhrmann weigert
sich erst, seinen Wunsch zu erfllen. Da greift Stlpner in die
Zgel der Pferde und droht dem Fuhrmann, wenn er nicht sogleich sein
Wildpret aufladen wolle, mit seinem Gehilfen den Wagen umzustrzen.

Eingeschchtert durch die drohenden Worte, ladet der Fuhrmann
schlielich das Wildpret auf und nun geht es vorwrts, der bhmischen
Grenze zu. Stlpner geht 200 Schritte vor und sein Kamerad 200 Schritte
als Bedeckung nach dem Wagen. So gelangten sie, ohne unterwegs noch
jemandem weiter zu begegnen oder angehalten zu werden, nachdem es
schon sehr dunkel geworden war und berall die Lichter brannten, nach
Reitzenhain.

Als sie sich dem schsischen Gasthof nherten, war das ganze Haus
voll von Militr, Forstbeamten und Landleuten, denselben, die zu
Stlpners Aufgreifung aufgeboten waren. Sogar der Hof, durch welchen
die Landstrae fhrte, war mit Menschen und Pferden angefllt, dessen
Passage jedoch beim Herannahen des schweren Frachtwagens jetzt so
viel als mglich freigemacht wurde. Stlpner passierte nun ruhig,
seine Bchse ber der Schulter hngend, ohne in der Dunkelheit erkannt
und angehalten zu werden, mitten durch seine Verfolger, und blieb,
glcklich bis an die Grenze gelangt, stehen, um zu sehen, ob auch der
Fuhrmann mit dem Wagen und sein Kamerad glcklich nachkmen, und da
auch diese nicht weiter aufgehalten wurden, so ging es ber die Grenze.

Hier angelangt, naht sich Stlpner dem Fuhrmanne mit folgenden Worten:
Nun, habe ich es nicht gesagt, da es gehen wird? Ja, erwiderte
derselbe, wenn es so abluft, da la ichs mir gefallen; nun kennen wir
einander schon. Wenn ich daher knftig wieder dienen kann, so drfen
Sie mir nur winken, ich werde gern und jederzeit zu Diensten stehen.
Als ihn Stlpner hierauf bezahlen wollte, nahm er durchaus nichts,
sondern war damit hinlnglich befriedigt, ihm dadurch eine Geflligkeit
erwiesen zu haben.

Htten damals die so zahlreich versammelten Feinde und Verfolger
Stlpners ahnen knnen, ihrem so eifrig verfolgten Ziele so nahe zu
sein, so htte er ihnen hier wohl schwerlich entwischen knnen und
wrde gewi seine Tollkhnheit schwer haben ben mssen.

Jetzt folgt eine Scene, die in Bezug auf Stlpners sptere Befreiung
und Aufhebung der ihm gedrohten Strafe einen groen Einflu hatte.

Als er einst gegen Abend in der Nhe der Heinzebank bei Marienberg
auf den Anstand ging, hrte er auf der Landstrae, noch unter der
Heinzebank, einen Wagen kommen und einen Postillon blasen, welcher aber
nur zwei Ste in das Horn that, worauf weder von ihm noch vom Fahren
des Wagens weiter etwas gehrt werden konnte. Stlpner glaubte daher,
es wre etwas mit dem Wagen vorgegangen und begab sich deshalb auf eine
Anhhe, von wo aus er die Landstrae eine groe Strecke berblicken
konnte.

Er bemerkte drei Straenruber, die den Postillon vom Pferde gerissen
hatten und eben im Begriff waren, ihm den Garaus zu machen. Sogleich
that Stlpner, da er die Ruber wegen der zu groen Entfernung nicht
erreichen konnte, einen Schreckschu. Sobald die Ruber den Schu
gehrt hatten, flchteten sie sich etwas tiefer in den Wald hinein,
wo sie aber wieder Posto faten, um zu sehen, was sich unterdessen
ereignen wrde. Stlpner eilte so schnell als mglich nach dem
Postwagen hin und feuerte, als er die drei Kerle in dem Gebsch
bemerkte, seine beiden scharfgeladen Pistolen auf sie ab, worauf sie
sich noch tiefer in den Wald hinein flchteten.

Hierauf nherte er sich dem Postwagen und half zuerst dem Postillon,
welcher nur einige leichte Verwundungen erhalten hatte, wieder auf
die Beine, dann untersuchte er den Postwagen, worin auer einem
Handwerksburschen, welchen der Postillon aus alter Bekanntschaft
blind mitgenommen hatte, weiter kein Passagier zugegen war. Uebrigens
enthielt die Post ein Fa mit Geld, welches wahrscheinlich der
Zielpunkt der Ruber gewesen war und ohne Stlpners Dazwischenkunft
und schnelle Hilfe ein Raub derselben geworden wre. Da der Postillon
noch eine groe Strecke Weges durch den Wald zu fahren hatte und aus
Furcht vor der Rckkehr der Ruber denselben nicht allein passieren
wollte, so erbot sich Stlpner, ihn als Bedeckung zu begleiten und fuhr
bis an Marienberg mit heran, wo er unter den herzlichsten Dank- und
Segenswnschen des Postillons sich wieder von ihm entfernte, denselben
aber bat, seinen Vorgesetzten das soeben Geschehene mitzuteilen, was
der Postillon auch versprach und treulich erfllte, da er berall diese
schne, uneigenntzige Handlung Stlpners erzhlte, welche von seiten
der hohen Behrde sehr zu seinen Gunsten aufgenommen wurde.

Schlo Scharfenstein war zu Stlpners Zeiten im Besitz der altadeligen
Familie von Einsiedel. Der derzeitige Herr von Scharfenstein hatte
ebenfalls wie seine Vorfahren sich dem Militrdienst gewidmet und
sterreichische Dienste genommen, als Major in einem ungarischen
Husarenregiment unter Laudons siegreichen Fahnen bei der Belagerung
von Belgrad mehrere Wunden empfangen, die ihn unfhig machten, seine
rhmliche Heldenbahn weiter fortzusetzen. Er nahm daher seinen
Abschied, welcher ihm auf die ehrenvollste Art erteilt wurde, und
hielt sich bis zur vlligen Heilung seiner Wunden erst in Ofen und
dann in Wien auf. Doch da ihm das Treiben und das Volksgewhl dieser
groen Residenz bald zum Ueberdru wurde, beschlo er, wieder nach
Sachsen zurckzukehren und in der lndlichen Stille seines Schlosses
die ihm noch vergnnte Lebenszeit zu genieen.

Whrend seiner langen Abwesenheit wurde das Rittergut Scharfenstein
von einem Pchter, Philipp mit Namen, verwaltet, der als wohlhabender,
rechtschaffener Mann die Achtung der ganzen Umgegend geno.

Gro war die Freude und der Jubel der Bewohner und smtlicher
Unterthanen von Scharfenstein, als sie aus der geschftigen Eile, womit
das Innere des Schlosses zu einem festlichen Empfang geschmackvoll
eingerichtet und vorbereitet wurde, nun auf die baldige Ankunft ihres
allverehrten Herrn schlieen konnten, und als er endlich pltzlich in
Scharfenstein eintraf, eilte Jung und Alt in den Schlohof, um ihn
nach so langer Abwesenheit wieder zu sehen und freundlich zu begren.
Liebreich trat der edle Major in ihre Mitte und versicherte seinen
treuen Unterthanen, sie nun nie wieder zu verlassen, und als Freund und
Vater fr sie fernerhin Sorge tragen zu wollen.

Da die Bewirtschaftung des Ritterguts wie frher dem Pchter anvertraut
blieb, so verwendete der Major, um sein gegebenes Versprechen treu
zu erfllen, meistenteils seine Muestunden dazu, sich von den
spezielleren Verhltnissen seiner Unterthanen in Kenntnis zu setzen.
Liebevoll nahm er an den Schicksalen armer, bedrngter Familien teil
und spendete berall gern Hilfe, wo es ntig war; auch in moralischer
Hinsicht trug er viel zum Wohle seiner Untergebenen bei.

Im Gerichtsarchiv fand er einen Sto Akten vor, die, Stlpnern
betreffend, seine Aufmerksamkeit auf letzteren lenkten; er hatte
brigens auch schon frher von ihm gehrt und beschlo, auch diesen
seine Teilnahme erregenden Menschen nher kennen zu lernen. Der Major
erkundigte sich in Scharfenstein und in der Nachbarschaft genau nach
Stlpners Erziehung, Charakter und Lebenswandel. Da nun das Resultat
der Meinungen gewhnlich immer darin bereinstimmte, da Stlpner
hinsichtlich seines Gewerbes allerdings wider die Gesetze gehandelt
und noch handle, er aber durchaus kein bsartiger und gefhrlicher
Mensch sei, sich auer seinem verbotenen Treiben als Wildschtz noch
nie eine schlechte Handlung habe zu Schulden kommen lassen und da er
wahrscheinlich ein sehr brauchbarer und ntzlicher Mensch geworden
wre, wenn er gleich von vorn herein eine bessere Erziehung erhalten
htte, so beschlo der Herr von Einsiedel, seiner traurigen Lage eine
bessere Wendung zu geben und womglich durch seinen Bekanntenkreis am
Hofe ihm eine Begnadigung des Landesherrn auszuwirken.

Doch konnte er nicht umhin, den schon frher erwhnten Inspektor G. in
Thum und damaligen Gerichtsverwalter zu Scharfenstein, als er kam, um
dem Major seine Aufwartung zu machen, ber das schnelle Verfahren gegen
Stlpner einige Verweise zu geben, indem er ihm zu verstehen gab, da
wohl mancher Mensch nicht zum Verbrecher herabsnke, wenn er oft anders
behandelt worden wre und da dies wohl auch der Fall bei Stlpnern
sein knne.

Der Gerichtsdirektor wollte entschuldigend einwenden, da er whrend
der Abwesenheit des Gerichtsherrn nicht habe anders handeln knnen,
doch lie dies der Major nicht gelten.

Mit dem Herrn von Einsiedel vereinigte sich unterdessen zur
Befreiung Stlpners auch der Rittmeister von Zinsky auf Hilmersdorf,
welcher ebenfalls die edlen Gesinnungen des Majors teilte und nun
gemeinschaftlich mit diesem fr seine Begnadigung wirkte.

Whrend dieser Zeit erhielt eines Tages der Pchter Philipp durch
unbekannte Hand ein Billet, worin er ersucht wurde, zu einer bestimmten
Stunde im nahen Walde allein zu erscheinen, ein alter Bekannter habe
etwas Notwendiges mit ihm zu besprechen. Der Pchter wunderte sich zwar
ber diese sonderbare Einladung, doch beschlo er, bei dem Bewutsein
seiner Rechtschaffenheit, ohne Bedenken zur festgesetzten Zeit an der
bezeichneten Stelle zu erscheinen.

Kaum war er daselbst angelangt, als Stlpner wie gewhnlich mit
gespannter Bchse aus den schattigen Bumen heraustrat, und da er
den Geladenen allein sah, den Hahn wieder in Ruhe setzend, mit einem
hflichen Gru auf den Pchter zuging. Mit bescheidenem, aber festem
Tone bat er hierauf denselben um Verzeihung, da er ihn hierher bemht
habe, legte seine Gesinnung und die Ursache seiner Handlungsweise
unumwunden dar und gestand nun ganz offenherzig, da er nicht geglaubt
htte, da sich seine Angelegenheiten auf eine so traurige Art
gestalten wrden. Zugleich bat er den Pchter, sich fr ihn bei dem
Major von Einsiedel zur Milderung seiner Lage zu verwenden.

Mit ernster Miene erwiderte hierauf der Pchter, da er am
allerwenigsten hier mit ihm zusammen zu kommen erwartet htte, es sei
doch eine groe Dreistigkeit, bei den seinetwegen ergangenen Befehlen
sich ihm hier noch zu zeigen.

Verzeihen Sie, Herr Pchter, entgegnete Stlpner, eben diese Befehle
veranlaten mich, Sie hierher einzuladen. In meiner Lage ist es leider
fast unmglich, auf direktem Wege mit einem rechtschaffenen Manne
ein Wort sprechen zu knnen, weshalb ich mich gentigt sah, diesen
einzuschlagen, um Sie wegen meiner Lage um Ihren guten Rat zu fragen.

Pchter: Ich mu gestehen, da Er mich in eine groe Verlegenheit
versetzt, da es mir sehr zum Nachteile gereichen kann, wenn ein Dritter
uns hier beisammen sieht; ein jeder ist ja verpflichtet, Ihn zu
verhaften.

Stlpner: Einem so rechtschaffenen Mann wie Sie kann dies keinen
Nachteil bringen, wie wollten Sie mich auch allein (lchelnd nach der
Bchse greifend) verhaften? Auerdem zwinge ich Sie ja nicht, mir Rede
zu stehen. Doch ich will Sie nicht lnger aufhalten, darum zur Sache:
Welche Strafe wrde mich wohl treffen, wenn man mich in die Gewalt
bekme?

Pchter: Das Entspringen aus dem Arrest wird fr doppelte Desertion
angerechnet werden, welche Strafe Ihm bekannt sein wird, und als
Wilddieb droht ihm Festungsbau.

Stlpner wurde bei den letzten Worten sehr bewegt. Festungsbau? rief
er erschttert. Also doch diese harte Strafe fr ein Vergehen, welches
ich durchaus nicht als ein so groes Verbrechen erachtet habe. Wenn es
da keinen Mittelweg giebt, dann mu es wohl beim Alten bleiben, und da
mag es kommen, wie es will.

Da ihm der Pchter entgegnete, da seine Begriffe in Bezug auf die
Wilddieberei sehr falsch wren, bei solch allgemeiner Willkr wrde das
Wild in kurzer Zeit ausgerottet sein, gestand es Stlpner zu und wollte
auch seinen gewhnlichen Grundsatz darin nicht weiter rechtfertigen.
Hierauf fragte er den Pchter, ob er wohl eine Milderung seiner Strafe
zu erwarten htte, wenn er sich freiwillig der Obrigkeit ausliefere.

Pchter: Dies hngt von der Gnade des Landesherren ab.

Stlpner: Ich wrde gern und augenblicklich zu meinem Regiment wieder
zurckkehren und mich der Strafe als Deserteur freiwillig unterwerfen,
wenn ich nur die Versicherung erhalten knnte, da ich nicht als
Wilddieb bestraft wrde.

Pchter: Diese Versicherung zu geben, steht nicht in meiner Gewalt,
doch kme es auf einen Versuch an.

Stlpner: Dieser Versuch mchte doch wohl zu gewagt sein. Ich
sehe wohl ein, da ich mich ferner, auch bei dem besten Willen,
zurckzukehren und meinem Gewerbe zu entsagen, unstt und flchtig
umhertreiben mu. Doch es sei. -- Nur noch eine Bitte habe ich wegen
meiner kranken Mutter an Sie, Herr Pchter, von deren Erfllung ich bei
Ihrem edlen Charakter berzeugt bin. Wenden Sie womglich ab, da sie
mit in mein trauriges Geschick verflochten wird; denn ich kann Ihnen
bei Gott versichern, da sie an meinen Unternehmungen keine Schuld hat,
und durchaus von meinem Aufenthalte nicht unterrichtet ist. Habe ich
mir bisher noch keine boshaften Handlungen zu schulden kommen lassen;
so knnte doch durch die Mihandlungen meiner Mutter dazu frchterlich
gereizt, sehr leicht die erste Mordthat auf meine Seele gebunden
werden.

Pchter: So wre es wohl seine heilige Pflicht, fr sie sich
aufzuopfern und hierdurch ihre Ruhe nicht ferner zu stren.

Stlpner: Wie gern wrde ich dies thun, wenn nur ein Mittel da wre,
mich von der schimpflichen Strafe zu befreien. Doch lnger will ich Sie
nicht mehr aufhalten, da wir sonst bemerkt werden knnten. Nur noch die
Versicherung wollte ich Ihnen geben, da ich mich ohne Erlassung der
mir drohenden Strafe auf keine Weise lebendig gefangen geben werde.
Knnen Sie brigens etwas fr mich thun, so werde ich es mit dem
dankbarsten Herzen anerkennen und Ihnen durch die That beweisen, da
Sie sich fr keinen so ganz Unwrdigen verwendet haben. Leben Sie wohl
und verzeihen Sie mir meine Ihnen verursachte Bemhung!

Mit diesen Worten verschwand Stlpner wieder in sein Versteck, der
Pchter kehrte nicht ohne Bewegung und Teilnahme in seine Wohnung
zurck.

Der Pchter, von der Teilnahme des Majors fr Stlpners Lage berzeugt,
konnte nicht umhin, seine Zusammenkunft mit demselben ihm mitzuteilen,
worber der Major sich wirklich zu freuen schien, indem er hieraus
ersah, da es Stlpners ernstlicher Wille sei, von seinem verbotenen
Lebenswandel abzustehen, was ihn noch mehr bewog, fr die Milderung
seiner Lage zu wirken.

Kurze Zeit darauf begegnete Stlpner auf einem einsamen Spaziergange
selbst dem Major von Einsiedel, der in Begleitung des Rittmeisters von
Zinsky war. Ruhig und hflich seinen Hut zum Grue ziehend, ging er
auf diese Herren zu, brachte in bescheidenen Worten die gewhnliche
Entschuldigung und Verteidigung seiner Lebensart vor und versicherte
aufrichtig, da er des wilden und jetzt sogar vogelfreien Lebens
herzlich mde sei und bat zugleich den Major sich seiner gndig
anzunehmen und sich fr ihn zu verwenden.

Ruhig und gleichsam wohlgefllig hatte der Major zugehrt und seine
Miene deutete an, da er die gute Meinung, welche er nach allem,
was ihm von Stlpner mitgeteilt worden war, fr ihn gefat hatte,
besttigt fand. Nachdem er ihm hierauf eine kurze Strafpredigt wegen
seines unerlaubten und strflichen Gewerbes gehalten und ihm das
Widerrechtliche seiner Handlungsweise nher auseinandergesetzt hatte,
versprach er, sich unter der Bedingung fr ihn zu verwenden, wenn er
von diesem Augenblicke an von seiner Lebensart als Wildschtz abstehe
und sich ganz ruhig verhalte.

Stlpner versprach hierauf mit Hand und Mund, da er sich ganz nach dem
Wunsche und Befehle des Herrn Majors verhalten wollte und versicherte
nochmals, da, wenn er nur als Wildschtz freigesprochen wrde, er
sich unbedingt bei seinem Regiment einstellen und sich der Strafe als
Deserteur unterwerfen wrde.

Als der Rittmeister von Zinsky, welcher bisher stillschweigend dieser
Verhandlung mit beigewohnt hatte, hierauf noch erwiderte, da es wohl
gut sei, wenn Stlpner von nun an seinem bisher gefhrten unerlaubten
Lebenswandel entsage und keine tollen Streiche mehr begehe, aber
wovon solle er denn unterdessen leben, da er sich ja unter seinen
gegenwrtigen Umstnden nichts verdienen knne? -- Nun so, entgegnete
der Major, verspreche ich ihm wchentlich bis zur Ausgleichung seiner
Sache, einen Laubthaler, und ich, sprach der Rittmeister, gebe ihm
alle vierzehn Tage ein Viertel Korn, das er sich bei mir abholen kann,
somit hat er Geld und auch Brot.

Stlpner, der wirklich ber die edle Teilnahme dieser beiden Herren
sehr berrascht und gerhrt wurde, gelobte nochmals, unter dem
aufrichtigsten Dank fr diese gndige Untersttzung, da er schon von
heute an sich ganz streng nach ihrem wohlgemeinten Rate verhalten und
seinem Leben als Wildschtz entsagen wolle, und bat und fragte den
Major, ob er sich wohl nun in der Behausung seiner Mutter aufhalten
drfe?

Gestatten kann ich dieses zwar nicht, erwiderte der Major, doch
es wird, wenn Du Dich ruhig verhltst, niemand etwas dagegen haben,
und so schied er, nach kurzem Abschiedsgru mit seinem Freunde nach
dem Schlo zurckkehrend, von Stlpnern, der noch lange in Gedanken
versunken diesen edlen Menschenfreunden nachblickte, und endlich den
Weg zu seiner Mutter einschlug, um diese von dem soeben Vorgefallenen
zu benachrichtigen, und gleich zu seinem gegenwrtigen Entschlu
Vorkehrungen zu treffen.

Seine Mutter war ber diese Botschaft ungemein erfreut, da ihr der
unstte und strafbare Lebenswandel ihres Sohnes schon so manchen
Kummer verursacht hatte, und bot alles auf, um ihn in seinem lblichen
Vorhaben mit ihren geringen Krften zu untersttzen.

Stlpner hielt auch der Verabredung mit dem Major gem streng sein
Versprechen, da er nicht nur seinem Gewerbe ganz entsagte, sondern sich
auch ganz ruhig bei seiner Mutter aufhielt und mit groem Verlangen
der Zeit entgegensah, wo er nicht mehr als ein aus der menschlichen
Gesellschaft Verbannter flchtig herum zu irren brauche; er hatte
wirklich das bisher gefhrte Leben herzlich satt und sehnte sich nach
Ruhe.

So waren mehrere Wochen verflossen und obgleich Stlpnern im Verlaufe
dieser Zeit keine bestimmten Aussichten auf Begnadigung erffnet
wurden, so war er doch auch nicht in seiner Zurckgezogenheit bei
seiner Mutter beunruhigt worden. Doch pltzlich zog sich ein so
heftiges Gewitter ber seinem Haupte zusammen, welches alle seine
schnen Hoffnungen zu zertrmmern drohte.

Der Gerichtsdirektor G., Stlpners unvershnlicher Feind, hatte es dem
Major von Einsiedel nicht vergessen knnen, da er ihm wegen seines zu
strengen Verfahrens gegen Stlpnern einige Vorwrfe gemacht hatte und
bot alles auf, um sich auf irgend eine Art an ihm zu rchen.

Als er durch seine Kundschafter in Erfahrung gebracht hatte, da sich
Stlpner schon seit einiger Zeit ganz ungescheut in der Behausung
seiner Mutter aufhalte, so glaubte er jetzt am besten seine Rache
befriedigen zu knnen, nur war ihm die Anwesenheit des Majors in
Scharfenstein noch im Wege, da er bei der Gegenwart desselben am
Gelingen seines Unternehmens zweifelte, doch auch dieses Hindernis
wurde bald zu seiner Freude beseitigt, der Major reiste auf einige
Zeit nach Glauchau zum Besuch. Kaum hatte der Gerichtsdirektor diese
Botschaft erhalten, als er auch die Forstbeamten der Umgegend, sowie
ein Militrkommando aufforderte, sich an einem bestimmten Abend, wo man
Stlpnern bei seiner Mutter gewi vermutete, in Scharfenstein zu seiner
Aufhebung sofort einzufinden.

Dem Befehle Folge leistend, stellten sich die Forstbeamten, sowie der
Gerichtsverwalter selbst nebst seinem treuen Diener, dem Gerichtsfrohn
W., zur festgesetzten Zeit auf dem Schlosse zu Scharfenstein ein,
wo man sichs bei dem gastfreien Pchter bis zum Einbruch der Nacht
wohlgefallen lie, ohne jedoch gegen denselben von dem wichtigen
Vorhaben etwas verlauten zu lassen, da man seine menschenfreundliche
Gesinnung kannte.

Nicht lange darauf traf auch nach eingebrochener Nacht ein Kommando
von 79 Mann unter Anfhrung des Premierlieutenant Oe. aus Annaberg,
wo ebenfalls ein Bataillon vom Regimente Prinz Maximilian stand, in
Scharfenstein in aller mglichen Stille ein.

Der Abend, es war gegen Ende des Novembers, war ganz zu diesem
Unternehmen geeignet; Rabenschwrze bedeckte die Erde, ein wilder Sturm
heulte durch den nahen Forst, zum Rauschen des Wehres gesellte sich das
Klappern der Schlomhle.

Wer in die Zurstung eingeweiht war, hielt Stlpnern fr verloren.
Mit einer so groen Vorsicht und Stille, da selbst der wachsamste
Kettenhund nicht einmal anschlug nahte man sich dem Hause und umringte
es so dicht als mglich.

Stlpner, von allen diesen ernsten Anstalten nichts ahnend, befand
sich wirklich, wie er seit der Verabredung mit dem Major zu thun
pflegte, bei der Ankunft dieser wohlbewaffneten Schar ganz sorglos in
der Behausung seiner Mutter und hatte sich soeben, da es schon 10 Uhr
war, auf die Ofenbank, seinem gewhnlichen Lager, niedergelegt, als er
pltzlich ein heftiges Pochen an der Hausthr vernimmt.

Sogleich springt er von seinem Lager auf, um zu sehen, was es giebt.
Als er die Hausflur so leise als mglich ffnet, bemerkt er, trotz der
groen Finsternis, eine groe Menge bewaffneter Menschen, und sofort
die ihm drohende Gefahr erkennend, verbirgt er sich schnell, ohne
weiter bemerkt zu werden, hinter der Hausthr. In aller Hast dringen
der Gerichtsdirektor mit seinen Helfershelfern, der Gerichtsdiener, der
Offizier und einige Unteroffiziere, die Jger und das Gerichtspersonal
von Scharfenstein, alle wohlbewaffnet, mit versteckten Laternen in
das Haus und in die Wohnstube Stlpners ein, um ihn so geschwind
wie thunlich in ihre Gewalt zu bekommen. Stlpner, der in seinem
Hinterhalte durch das ungestme Vordringen nicht bemerkt worden war,
nherte sich unterdessen schnell wieder der Hausflur und bahnt sich
nun durch einige krftige Stze und unsanft ausgeteilte Rippenste
einen Weg mitten durch die das Haus umzingelnde Besatzung, schlug sich
glcklich durch und eilte nach dem zunchst liegenden Dorfe Griebach,
wo er bei einem Bauern seine Doppelbchse in Verwahrung hatte, um damit
sogleich wieder nach Scharfenstein zurckzukehren.

Unterdessen wurde von den eingedrungenen Personen, die von Stlpners
Flucht sich immer noch nicht berzeugen wollten, das ganze Haus
durchsucht, alles umgestrzt und aufgebrochen, selbst die Dielen
aufgerissen und in die Feueresse geschossen, doch alles umsonst, kein
Stlpner war zu sehen, und der gehoffte Ruhm und die voreilige Freude
verwandelte sich in Mimut und Unwillen.

Man fand weiter nichts von ihm, als den auf dem Tisch liegenden scharf
geschliffenen Hirschfnger, die an der Wand hngende Jagdtasche und
einen Rock, welche Gegenstnde man mit Beschlag belegte.

Stlpners arme Mutter, die sich schon frher in ihre Kammer zur Ruhe
begeben hatte, wurde von dem tyrannischen Gerichtsdiener W. gewaltsam
aus dem Bette gerissen und in die Stube geschleppt, wo sie unter
Drohungen den Aufenthalt ihres Sohnes angeben sollte. Der Schreck, die
Verwirrung und die Angst der armen Frau waren so gro, da sie erst
lange nicht vermgend war, die an sie gerichteten strmischen Fragen
zu beantworten. Endlich, als sie unter den Anwesenden einige Bekannte
erblickte, kam sie wieder etwas zur Besinnung und gestand ganz offen,
da ihr Sohn Karl allerdings noch vor einer Stunde dagewesen wre,
da sie aber durchaus nicht wisse, wohin er sich geflchtet habe, da
sie sich schon frher niedergelegt und daher von seinem pltzlichen
Verschwinden gar nichts habe bemerken knnen.

Als man ihr hierauf die bittersten Vorwrfe machte, da sie ihren Sohn
bei seinem verbotenen Gewerbe noch beherberge und daher selbst groe
Strafe verdient habe, sagte sie: Ich wei wohl, da mein Karl einen
unerlaubten Lebenswandel gefhrt hat, allein ich kann es mit einem Eid
beschwren, da ich keine Schuld daran habe, sondern ihn im Gegenteil
oft flehentlich gebeten, davon abzustehen, da es doch endlich zu nichts
Gutem fhren knne, worauf er mir in der letzten Zeit versicherte,
da er sich fest vorgenommen, seinem Gewerbe zu entsagen und es auch
schon gethan habe. Von Seiten hochgestellter Herren wird fr seine
Begnadigung gearbeitet und bis zur Ausgleichung seiner Sache knnte
ich, wie mir gesagt wurde, meinen Sohn beherbergen.

Da man aus der Alten weiter nichts herausbringen konnte, wurde
beratschlagt, wie man mit ihr weiter verfahren solle. Einige schlugen
vor, sie in Gewahrsam zu nehmen, andere stimmten dahin, sie lieber auf
freiem Fu zu lassen, um so durch Verstellung und List von ihr ein
andermal zu erfahren, was man eben jetzt vergeblich wnschte.

Freundlicher sprach man daher jetzt mit ihr, schien ihren Worten vllig
Glauben zu schenken und uerte endlich die Gewiheit, da ihr Sohn
eine gelinde Strafe bekommen werde, wenn man ihn aufgreifen wrde
und beklagte nur, ihr heute diese Unruhe gemacht zu haben, was nicht
geschehen wre, wenn sie nicht auf hheren Befehl htten handeln mssen.

Unterdessen brach der Tag an und die Untersuchungen waren leider nicht
nach Wunsch beendigt.

Der Offizier, der Gerichtsverwalter und die Forstbeamten begaben
sich hierauf wieder auf das Schlo, um von den nchtlichen Strapazen
auszuruhen.

Das Militrkommando wurde in der Schenke und den zunchst liegenden
Husern einquartiert und beordert, sich um 8 Uhr morgens am Fue des
Schloberges zum Rckmarsch nach Annaberg zu versammeln.

Whrend dies alles hier vorging, war Stlpner in Griebach ebenfalls
nicht unthtig. Da er seine ganze Munition in seiner Jagdtasche
verwahrt hatte, welche er nebst seinem Hirschfnger wegen der Schnelle
seiner Flucht im Stiche hatte lassen mssen, so sah er sich jetzt
gentigt, aus Kommikugeln kleinere Kugeln fr die Mndung seines
Gewehrs mit dem Messer zu schnitzen, zu welch' saurer Arbeit er zwei
volle Stunden brauchte.

Als er damit fertig war, eilte er noch vor Tagesanbruch in der grten
Finsternis und bei schrecklichem Regenwetter wieder nach Scharfenstein
zurck, um zu sehen, wie die Sache inzwischen abgelaufen sei, und nahte
sich nun unerschrocken mit gespannter Bchse der Wohnung seiner Mutter.
Da die Besatzung kurz vor seinem Erscheinen wieder abgezogen war und
er niemand weiter gewahrte, klopfte er an den Fensterladen seines
Nachbars, um sich hier nher nach allem zu erkundigen.

Hier hrte Stlpner ausfhrlich sowohl die schndliche Behandlung
seiner schuldlosen Mutter als auch von der Beschlagnahme seiner
Utensilien, sowie berhaupt von der groen Verwstung, welche bei dem
Durchsuchen des Hauses verbt worden war, und alles dies versetzte ihn
in solche Wut, da er sogleich auf die Nachricht, der Gerichtsdirektor,
der Offizier und die Forstbeamten htten sich aufs Schlo begeben,
auch das Militr wre in der Schenke wie in deren Nhe einquartiert,
nach dem Schlosse zu strmte, sich gegen 6 Uhr frh mit seiner
scharfgeladenen Bchse unten vor das erste Thor des Schlosses stellte,
um hier auf die Heimkehr der genannten Herren zu warten und sie so
hflich als mglich zu begren.

Als er so einige Zeit, den Blick unverwandt auf das Schlo gerichtet,
dagestanden hatte, kamen die Lokalgerichtsbehrden von Scharfenstein
aus dem Schlosse, welche die mit Beschlag belegten Gegenstnde
Stlpners, seinen Rock, den Hirschfnger und die Jagdtasche trugen, um
sie auf Befehl des Gerichtsdirektors sogleich an das Amt Wolkenstein
abzuliefern.

Sobald diese Stlpner sahen, donnerte er sie mit den Worten an: Wo
wollt Ihr mit meinen Sachen hin? Sogleich legt Ihr sie hier vor mir
nieder oder (die Bchse auf sie anlegend) ich schiee Euch alle
zusammen!

Bestrzt und vor Angst zitternd, befolgten die Behrden seinen Befehl,
woraus er denselben noch anbefahl, sogleich in das Schlo wieder
zurckzukehren: und den Herren daselbst zu sagen, da sich Stlpner
selbst seines Eigentums wieder bemchtigt habe. Whrend diese froh,
ohne Schaden davon gekommen zu sein, auch hierin pnktlich Folge
leisteten und wieder in das Schlo zurckwanderten, zog unterdessen
Stlpner seinen Rock an, schnallte seinen Hirschfnger um, hing sich
seine Jagdtasche ber, worin sich noch unangetastet seine ganze
Munition befand, und war froh, so wohlbewaffnet seine Feinde erwarten
zu knnen.

Als er sich wieder auf seinen Posten gestellt hatte, sah er pltzlich
den Offizier, den Gerichtsdirektor und die Forstbeamten, alle beritten,
aus dem Schlothore herauskommen und rief ihnen ein frchterliches
Halt! entgegen. Als diese Stlpnern in seiner drohenden Stellung
sahen, wollten sie sofort in das Schlo zurckreiten; da fielen
pltzlich zwei Schsse, deren beide Kugeln das Hinterteil von dem
Braunen des Oberfrsters Pgner aus Geyer trafen.

Auf diese tollkhne That Stlpners ward sofort das Thor verrammelt und
aus den Schlofenstern auf das Wirtshaus hinabgerufen, da das daselbst
befindliche Militrkommando sogleich aufbrechen und auf Stlpnern, der
seinen Posten noch immer keck behauptete, Feuer geben solle.

Stlpner hrte den Befehl ruhig an, lud seine Bchse wieder und begab
sich von seinem Posten in den herrschaftlichen Bleichgarten, um hier
das Militr zu erwarten. Als das Militr in Sturmschritt anrckte,
schrie Stlpner mit donnernder Stimme ihnen zu:

Hat einer Lust, auf mich Feuer zu geben, so schie er in drei
Teufelsnamen, mich schiet keiner tot! (Dies sind seine eignen Worte,
bemerkt hierzu Schnberg und fgt noch hinzu, da Stlpner heute noch
die wahnsinnige Idee behaupte, kugelfest zu sein; im Stockbhmischen
habe ihm ein Mnch ein Prservativ gegeben, das allen Kugeln Trotz
biete).

Ohne nur im mindesten von den Musketen Gebrauch zu machen, eilte
smtliches Militr an Stlpner vorber und auf das Schlothor zu,
welches, nachdem alle in den Schlohof eingetreten waren, wieder
zugeschlossen und so fest wie mglich verrammelt wurde.

Stlpner, der frh 6 Uhr seinen Posten betrat, behauptete denselben
bis fast zum Einbruch der Nacht, ohne da die so zahlreiche und
wohlbewaffnete Besatzung im Schlosse einen Ausfall auf ihn zu machen
wagte, und begab sich hierauf, nachdem er erst bei seiner Mutter
eingekehrt war, wieder nach Griebach.

Als die Herren vom Schlosse aus Stlpnern endlich wieder abziehen
sahen, wagten sie erst ihre Heimkehr anzutreten, doch ohne sich wieder
zu Pferde zu setzen, sondern von dem Kommando als Schutzwache umgeben,
lieen sie ihre Pferde nachfhren.

So endete diese Szene, die unstreitig mit zu den tollkhnsten
Handlungen gehrt, die Stlpner verbte.

Viele der freundlichen Leser werden vielleicht selbst diese
Tollkhnheit Stlpners, die allerdings das Glaubhafte zu bersteigen
scheint, bezweifeln, doch lebten zu Schnbergs Zeiten in Scharfenstein
und Umgegend noch viele, die Augenzeuge dieses tollen Vorganges gewesen
waren; und dann mu man voraussetzen, da Stlpner berhaupt nichts zu
verlieren und zu gewinnen hatte, auch des unstten Umhertreibens hchst
berdrssig war; er scheute den Tod nicht und nur zu gut wute man,
da derjenige, welcher berhaupt Miene machte, auf ihn zu schieen,
mit ihm zugleich sein Grab gefunden haben wrde. Seine krperliche
Strke, seine Geistesgegenwart und seine Sicherheit im Schieen waren
allbekannt. Dazu kam noch, da das Militrkommando von Stlpners
frherem Regimente Prinz Maximilian war, unter welchem er noch viele
Anhnger und Bekannte hatte, welches daher nur im uersten Notfalle
den Befehl, welcher berhaupt damals in Scharfenstein nicht von dem
Offizier, sondern von dem Gerichtsdirektor ausgegangen war, auf ihn zu
schieen, wrde respektiert haben. Wenn man daher dieses alles erwgt,
wird man es gar nicht so unbegreiflich finden, da Stlpner seinen
so zahlreichen Verfolgern nicht nur glcklich entging, sondern sich
sogar keck genug ihnen, zum Kampfe gerstet, entgegen stellte und sie
gleichsam auf Leben und Tod herausforderte.

Zwei Tage nach diesem merkwrdigen Vorfall und milungenen Streifzug
gegen Stlpner begegnete ihm ein Mann aus Geyer, dem er auftrug, zum
Oberfrster Pgner zu gehen und ihm im Auftrage Stlpners zu sagen, da
der Oberfrster ja nicht glauben solle, jener Schu am Schloberge habe
seiner Person gegolten und die Kugel htte durch einen Fehlschu nur
sein Pferd getroffen. Stlpner htte ihm nur zeigen wollen, da er sich
in seiner Nhe befinde und da er berhaupt geladen htte. Wenn sich
aber knftig der Herr Oberfrster noch mehr um ihn bekmmern wrde,
dann gbe es Kugeln fr ihn selbst, und er wrde wohl wissen, da
Stlpner noch nie gefehlt habe.

Allgemeines Aufsehen mute natrlich dieser abenteuerliche Feldzug
gegen Stlpner erregen, zumal da die groe und wohlgerstete Anzahl
seiner Verfolger, trotz ihrer mit so vieler Vorsicht und Mhe
getroffenen Maregeln, anstatt ihn in ihre Gewalt zu bekommen, zuletzt
vor ihm selbst flchteten. Ueberall wurde Stlpners Bravour gerhmt und
verbreitet; nur der Gerichtsdirektor G., der als Urheber der ganzen
Sache mit seinem treuen Gerichtsdiener so unrhmlich wieder abziehen
mute, konnte der Schadenfreude, die ihm aus den meisten Gesichtern so
deutlich entgegenleuchtete, nicht entgehen, und war ber das Milingen
seines so gut ausgedachten Planes ganz niedergeschlagen und trostlos.

Er wurde es aber noch weit mehr, als Stlpner ebenfalls wie nach
Geyer zum Oberfrster Pgner ihm sagen lie, da er ihm zwar das
Wiedererscheinen in Scharfenstein nicht verwehre, aber er zweifle sehr,
ob er dasselbe mit gesunder Haut wieder verlassen wrde. Diese Drohung
schchterte den guten Mann so ein, da er eine Zeit lang nicht wagte,
seine Wohnung zu verlassen, noch viel weniger getraute er sich nach
Scharfenstein zu reisen, um daselbst Gerichtstag zu halten.

Die frchterlichste Rache aber schwur Stlpner dem Gerichtsdiener W.,
welchem er es nicht vergessen konnte, da er seine arme, schuldlose
Mutter bei jener Hausvisitation so schndlich gemihandelt und weil er
auch frher immer geuert hatte, wenn ihm nur Stlpner einmal in den
Weg kme, er wolle gewi mit ihm fertig werden. Wir werden bald hren,
wie Stlpner ihn fr seine Prahlerei und die Mihandlung seiner Mutter
bestraft.

Hinsichtlich des Militrkommandos that es Stlpnern leid, gestehen zu
mssen, da es sich nicht wie eine zivilisierte Truppe benommen htte,
bei der Hausdurchsuchung hatten sie von dem Boden seine smtliche
Wsche, bestehend in drei Dutzend Hemden, zwei Dutzend Strmpfen, einem
Dutzend Taschentchern und einem Paare neuen kalbledernen Stiefeln,
sowie aus der Vorratskammer alle Wrste, Schinken und dergleichen mit
sich genommen.

Als der Major von Einsiedel kurz darauf wieder nach Scharfenstein
kam und den ganzen Hergang der Sache, von welcher er brigens schon
in Glauchau Nachricht erhalten hatte, nher erfuhr, war er ber
den Gerichtshalter, der dieses alles whrend seiner Abwesenheit
unternommen, hchst unwillig und aufgebracht, zumal derselbe schon
lngere Zeit keinen Gerichtstag in Scharfenstein gehalten hatte.

Der Major und sein Pchter Philipp suchten Stlpnern persnlich bei
seiner Mutter auf, um ihm zu sagen, da er den Verlust der bei jener
Hausvisitation entwendeten oder zertrmmerten Gegenstnde angeben
solle, welche der Gerichtsverwalter gern unter der Bedingung ersetzen
werde, wenn er knftighin ihn ungehindert nach Scharfenstein passieren
lasse.

Stlpner lie sich endlich durch vieles Zureden dazu bewegen und
verlangte 50 Thaler Schadenersatz, indem er dem Major mit Handschlag
versprach, den Gerichtsdirektor nicht weiter zu beunruhigen, sobald er
dieses Geld erhalten htte; doch nur die einzige Bedingung noch, der
Gerichtsverwalter solle nie wieder seinen Gerichtsdiener mitbringen,
wenn dieses geschehe, knne er nicht dafr stehen, da er lebend
nach Thum zurckkehre. Der Major versprach ebenfalls Stlpnern, da,
so lange er leben wrde, kein Gerichtsfrohn bei dem zu haltenden
Gerichtstage Scharfenstein betreten solle.

Nach diesem geschlossenen Friedensvertrage wurde sogleich ein Bote
nach Thum abgesendet, um dem Gerichtsdirektor diese Botschaft zu
berbringen. Wer war froher als dieser, durch so leichten Kauf sein
Leben wieder gesichert zu sehen. Sogleich siegelte er die geforderte
Summe von 50 Thalern ein und bersendete dieselbe an den Pchter
Philipp, um sie Stlpnern einzuhndigen. Stlpner rgert sich heute
noch, bemerkt hierzu Schnberg, nicht 100 Thaler verlangt zu haben,
vielleicht htte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.

Drei Tage darauf kam schon der Gerichtsdirektor, um Gerichtstag
zu halten, doch dem Vertrage gewi, ohne seinen treuen Diener
mitzubringen. Allein nach Verlauf von einem halben Jahr, als der
Gerichtsdirektor eine Exekution in Scharfenstein hatte, brachte er
wirklich seinen Gerichtsfrohn wieder mit, wahrscheinlich hoffte er,
da entweder Stlpner nicht anwesend sei, oder da seine Wut gegen
denselben sich abgekhlt habe. Doch er tuschte sich, denn kaum hatte
Stlpner von seinem Wiedererscheinen in Scharfenstein gehrt, als er
sich sogleich aufmachte, um ihm aufzulauern und seine Drohung wahr zu
machen.

Als daher der Gerichtsdiener wieder nach Thum zurckkehren wollte,
erwischte ihn Stlpner ungefhr 300 Schritte vom Schlosse entfernt
und rief ihm mit seiner gewhnlich donnernden Stimme zu: Bist Du
der Bttel aus Thum? worauf dieser, seinen Todfeind erblickend,
mit stotternder Stimme Ja antwortete. Hierauf sprang Stlpner auf
ihn zu und richtete erst folgende krftige Worte an ihn: (Stlpners
eigene Worte) Du bist also der Schurke, der meine alte Mutter so
schndlich gemihandelt hat, und Du hast geprahlt, mich in Deine Gewalt
zu bekommen und sei ich in einer Entfernung von zwei Stunden! Hast
Du Teufelsknste, so zeige sie! Bei diesen letzten Worten strzte
der arme Diener der Themis auch schon von Stlpners krftiger Faust
getroffen, zusammen, raffte sich aber schnell wieder auf und entfloh
bis in die Nhe des Richters, wo ihn Stlpner wieder einholte, wie ein
Blitz ihm sein groes, spanisches Rohr entwandt und damit so lange auf
ihn losschlug, bis es zuletzt in Stcke zersprang, welche Ueberreste
seines stolzen Paniers er ihm mit den Worten ins Gesicht warf: Hier
Kerl, hast Du vollends den Dank fr Deine Prahlerei und fr die an
jenem Abende bei der Hausvisitation an meiner armen Mutter ausgebte
Mihandlung.

Der am ganzen Krper zerfetzte und auf dem Boden sich herumkrmmende
Gerichtsdiener richtete sich endlich mit vieler Mhe wieder auf
und wollte vor Scham und Wut knirschend wieder nach dem Schlosse
zurckkehren, um sich daselbst Hilfe zu verschaffen; allein Stlpner,
der seinen Plan sogleich erkannte, vertrat ihm den Weg mit den Worten:
Du gehst dorthin (ihm den Weg nach Thum zeigend) oder das Donnerwetter
soll Dich vollends zerschlagen. Willig und ohne ein Wort weiter
zu erwidern, eilte der fr seine Prahlerei so reichlich bezahlte
Gerichtsdiener seiner Heimat zu, ohne sich weiter umzusehen und
Scharfenstein je wieder zu betreten.

Der Major von Einsiedel, der Rittmeister von Zinsky, der
Gerichtsverwalter G., der Pchter Philipp, sowie noch mehrere anwesende
Gste sahen, durch das klgliche Geschrei des Gerichtsdieners und durch
das krftige Accompagnement Stlpners aufmerksam gemacht, diese Szene
vom Schlosse aus mit an, und alle, mit Ausnahme des Gerichtsdirektors,
der das Gesicht ungeheuer dabei verzog, aber seinem treuen Diener keine
Hilfe zu senden wagte, teils aus Furcht vor Stlpnern selbst, teils
weil er ihn trotz der dringenden Vorstellung des Majors mitgebracht
hatte, freuten sich herzlich, da der wegen seines brutalen,
habschtigen Benehmens allgemein verhate Gerichtsfrohn seine schon
lngst verdiente Strafe so reichlich hier erhielt.

So endeten denn alle diese Ereignisse, die, obgleich anfangs so drohend
und hinsichtlich der angewendeten Mittel so gefahrvoll fr Stlpnern
erscheinen muten, zuletzt doch zu seinem Ruhme und bezweckten endlich
fr ihn noch das Gute, da er seit der Zeit von seinen Feinden nicht
wieder beunruhigt wurde, da sie wohl einsahen, da Stlpner nicht mit
sich spaen lasse.

Ueberdies verhielt er sich auch in Bezug auf seine frhere Lebensart
seinem Versprechen gem ruhig und blieb wie zuvor grtenteils bei
seiner Mutter in Scharfenstein, wo er ganz sorglos umherging und von da
auch oft Ausflge in die Umgegend machte. So reiste er whrend dieser
Zeit in seinem Jgerkostme dreimal nach Chemnitz, wo er in der Regel
der Wachtparade seines frheren Regiments ganz nahe beiwohnte und
jedesmal seinen alten Gnner, den Major von Gundermann, mit besuchte,
von welchem er stets reichlich beschenkt (er erhielt bei jedem Besuch
vier Laubthaler) und gut bewirtet, wieder schied, ohne in dem so
volkreichen Chemnitz, obgleich er von allen erkannt, verfolgt zu werden.

Inzwischen wurde an seiner Begnadigung von seiten des Majors von
Einsiedel und des Rittmeisters von Zinsky, wozu sich noch ein dritter
Menschenfreund, der Kammerherr von Nostiz gesellte, thtig gearbeitet.
Doch obgleich schon sechzehn Bittgesuche nach Dresden an die Regierung
deshalb eingesandt worden waren, so schien doch immer das gehoffte
Resultat noch nicht zu erfolgen. Endlich wendete sich Stlpner noch
mit zwei Bittschreiben an den wrdigen Pater Herz, dem damaligen
Beichtvater unseres hchstseligen Knigs Friedrich August.

Der Pater Herz antwortete Stlpnern eigenhndig wieder, da er, was in
seinen Krften stnde, gern zur Erleichterung und Begnstigung seines
Geschickes thun wolle, nur msse er erst die dazu gnstige Gelegenheit
abwarten. Als daher einst bei der damals noch kurfrstlichen Tafel
Friedrich August gut gelaunt war, leitete Pater Herz absichtlich das
Gesprch auf Stlpnern und bat um dessen Begnadigung. Da smtliche
anwesende hohe Gste schon im voraus zu Gunsten Stlpners gestimmt,
sich ebenfalls mit fr ihn verwendeten und besonders hervorhoben, da
Stlpner durch Mangel an Erziehung, durch Unwissenheit und allerlei
Umstnde zu seiner unerlaubten Lebensart verleitet worden wre, er aber
durchaus kein gefhrlicher Mensch sei, sondern die schnsten Beweise
von dem Gegenteil an den Tag gelegt habe, so konnte der stets wahrhaft
gromtige und nachsichtsvolle Frst diesen Bitten nicht lnger mehr
widerstehen und gab sogleich nach aufgehobener Tafel Befehl, den ber
Stlpnern geschleuderten Bannfluch aufzuheben.

Wie ffentlich Stlpner frher fr vogelfrei erklrt worden war,
ebenso ffentlich wurde er aufgefordert, da er bei einer freiwilligen
Rckkehr zu seinem Regimente als Wilddieb nicht weiter bestraft werden
solle.

Welche Freude fr den Gechteten, als er sich von der Wahrheit dieser
Versicherung berzeugen durfte. Ihm war, als wenn sich eine drckende
Last von ihm gewlzt, als wenn Sklavenketten seinen Gliedern entfallen
wren, da er frei wieder in sein Vaterland zu seinen Verwandten und
Freunden zurckkehren durfte.

Ungesumt verlie Stlpner jetzt die Wohnung seiner Mutter, wo er sich
seit der neuen Gestaltung seines Schicksales aufgehalten hatte und
eilte in das Stabsquartier seines Regiments, um sich als freiwillig
zurckkehrender Deserteur zu melden. Daselbst angelangt, trat er, ohne
irgend eine Strafe weiter zu erhalten, wieder in die Reihe seiner
Musketiere ein. Mit Eifer und musterhafter Ordnungsliebe unterzog er
sich der ihm obliegenden Pflichten und gewann durch ein bescheidenes
und stilles Betragen in kurzer Zeit das Vertrauen und Wohlwollen seiner
Vorgesetzten, sowie die Liebe seiner Kameraden wieder.

Im gesellschaftlichen Umgange war er zurckhaltend und einsilbig, denn
er bemerkte nur zu oft, da er der Gegenstand der Neugierde war und
schlich sich fters aus der Gesellschaft fort, die um seinetwillen sich
versammelt hatte.

Er selbst schwieg stets von seinen Thaten, ob sie doch gleich so viel
Aufsehen erregt hatten und nur von seinen Oberen aufgefordert, brachte
er es ber sich, davon zu erzhlen. Weder prahlend noch furchtsam
sprach er dann, aber offen und wahr, und gab ber manche vorher
unbegreifliche Dinge Aufschlu. Vergeblich versuchte man von ihm etwas
von seinen Mitschuldigen und den Abnehmern seiner Beute zu erfahren,
worber er stets die grte Verschwiegenheit bewahrte und gewhnlich
mit den Worten das Gesprch abbrach: Ich habe sie nicht gekannt,
oder: Ich will und werde sie nicht nennen.

Ueberhaupt leuchtete aus seinem ganzen Benehmen hervor, da er einen
unerschtterlichen Ernst und eine nicht gewhnliche Gewalt ber sich
besa, sowie eine gewisse Abneigung gegen das Gewhnliche whrend
seines abenteuerlichen und verhngnisvollen Lebens gewonnen hatte.

Kurz nachdem Stlpner wieder zu seinem Regimente zurckgekehrt
war, verehelichte er sich mit der Tochter des Richters Wolf aus
Scharfenstein, mit welcher er schon seit mehreren Jahren in nherer
Verbindung gestanden, aber wegen seines frhern, unstten und
unerlaubten Lebenswandels die Einwilligung der Eltern zur Trauung nicht
erhalten hatte. Jetzt, da er wieder auf freien Fu gestellt war und
sich eifrig bestrebte, durch rege Thtigkeit und treue Pflichterfllung
seine begangenen Vergehen wieder gut zu machen, konnte der alte Wolf
(seine Gattin war kurz vorher gestorben) den wiederholten Bitten der
Tochter seine Genehmigung zur Verbindung mit ihrem Karl zu geben, nicht
lnger mehr widerstehen. Stlpners Gattin blieb in der Behausung ihres
Vaters, da das geringe Traktement in der Garnison nicht ausreichte, sie
hinlnglich versorgen zu knnen, und beschenkte ihn nicht lange darauf
mit einem munteren Knaben.

So schien sich denn das Schicksal, das Stlpnern zeither immer so
hart verfolgt hatte, wieder mit ihm auszushnen und ihm nach so vielen
sturmbewegten und gefahrvollen Tagen wieder heitere Stunden gewhren zu
wollen. Denn wenn er sich auch jetzt als Ehegatte und Familienvater oft
kmmerlich behelfen mute, da der geringe Sold kaum fr ihn hinlangte
und er auer seiner Dienstzeit sich allen mglichen Handarbeiten
unterzog, um seiner Familie einiges zuflieen zu lassen, so befand er
sich doch glcklich in seiner Lage und man hrte nie eine Klage ber
seine Lippen kommen.

Hierzu kam noch, da man ihm einige Hoffnung auf Erlangung einer
Frsterstelle in den weitlufigen Waldungen seines Gerichtsherren
unter der Bedingung gemacht hatte, da er zuvor noch einige Jahre im
Militrdienste ausharre und jeden auf ihm ruhenden Verdacht vertilge.
Diese fr ihn so gnstige Aussicht lie ihn daher jetzt gern alle
Mhseligkeiten seiner oft drckenden Lage berwinden.

So waren denn wieder einige Jahre fr Stlpner verflossen, ohne da
seine so sehnliche Hoffnung nach einem gewissen Brote sich erfllt
htte; denn so sehr man sich auch berzeugte, da Stlpner einen
solchen Posten am besten verwalten wrde und ganz dafr geeignet sei,
so sehr man hoffen konnte, was auch Stlpners ernstlicher Wille war,
seine begangenen Fehler durch treue und geschickte Verwaltung einer
solchen Stelle in etwas wieder gut zu machen, so blieb doch immer
dieser sein inniger Wunsch noch unerfllt. Denn wenn auch das hier und
da noch nicht erloschene Mitrauen ihm nicht die grten Hindernisse in
den Weg legte, so waren es doch die Forstbeamten, die ihn aus leicht zu
erratenden Grnden nicht gern auf diese Art angestellt sehen wollten.

Whrend so sich Stlpner immer noch der tuschenden Hoffnung hingab,
bald durch eine lebenslngliche Anstellung der kmmerlichen Sorge fr
seine Familie, die unterdessen durch die Geburt eines Mdchens vermehrt
worden war, berhoben zu werden, trmten sich auf einmal am sdlichen
Horizonte eine Menge schwarzer Gewitterwolken auf, die durch ihr
schnelles Herannahen und Herabstrzen auf unsern vaterlndischen Boden
so manche schne Hoffnungen zertrmmerten.

Das Jahr 1806 nmlich war es, wo der Welterstrmer Napoleon mit seinen
Siegesscharen auch unser Vaterland heimsuchte und in kurzer Zeit ganz
Deutschland damit berflutete.

Unter den 20000 Mann Sachsen, welche im September 1806 in Thringen
einmarschierten, um sich dem linken Flgel des preuischen Heeres
anzuschlieen, befand sich auch das Chemnitzer Regiment, und unter
ihm Stlpner. Auf der Flucht nach der unheilvollen Doppelschlacht
von Jena und Auerstdt ward Stlpner, der whrend der Schlacht als
Scharfschtze treue Dienste geleistet hatte, von seinem Regimente
versprengt und auf der Retirade nach Weimar gefangen genommen. Mit
einer Menge ebenfalls gefangener Preuen wurde er nun von franzsischen
Husaren nach Querfurt transportiert und daselbst auf dem Schlosse in
Verwahrung gebracht. Stlpner hatte schon mehrere Tage gehungert und
in Querfurt wurde ihm auch nur ein wenig Brot und Wasser verabreicht,
er beschlo deshalb auch hier durch die Flucht seiner Gefangenschaft
zu entgehen. Vermittelst einiger Stricke, die er sich zu verschaffen
gewut hatte, lie er sich zwei Tage nach seiner Ankunft in Querfurt
whrend einer strmischen Nacht mit noch vier anderen Kameraden drei
Stockwerk hoch von seinem Gewahrsam herunter und entkam mit seinen
Gefhrten glcklich bis nach Merseburg, inzwischen aber war die
Neutralitt Sachsens erklrt worden. Von hier aus nahm er in gerader
Richtung seinen Weg in die Heimat zu seiner Familie, die ihn zwar mit
groer Freude, aber zugleich auch in Trauer empfing. Acht Tage vor
seiner Ankunft in Scharfenstein war seine Mutter in einem Alter von 89
Jahren an Altersschwche gestorben, ihr innigster Wunsch, vor ihrem
Hinscheiden ihren Karl noch einmal zu sehen, war ihr nicht erfllt
worden. Stlpnern betrbte diese Nachricht sehr, hing er doch an der
Mutter mit groer Liebe; jetzt besuchte er ihren einfachen Grabeshgel
und weihte ihr Thrnen wahrer kindlicher Liebe.

Nachdem er sich einigermaen bei den Seinen in Scharfenstein von den
berstandenen Strapazen erholt hatte, ging er nach Chemnitz zu seinem
Regimente zurck, das nach der Jenaer Schlacht und nach der erklrten
Neutralitt Sachsens wieder sein Standquartier, leider sehr geschwcht,
bezogen hatte; viele von den braven Musketieren waren in der Schlacht
geblieben, viele tdlich verwundet worden.

Nach achtzehnjhriger Dienstzeit forderte Stlpner seinen Abschied, der
ihm jedoch nicht gewhrt wurde, weil man bei dem nahe bevorstehenden
Kriege solche tchtige Scharfschtzen und brave Leute nicht entbehren
konnte. Stlpner war hierber sehr unzufrieden, nahm auf sechs Wochen
Urlaub in seine Heimat und da man ihm das Versprechen, nach hchstens
vierjhriger Dienstzeit nach seiner freiwilligen Stellung ihn wieder zu
verabschieden, nicht gehalten hatte, so glaubte er nun auch nicht so
pflichtgetreu handeln zu mssen; er desertierte abermals nach Bhmen,
wo er sich in der Nhe von Sebastiansberg auf dem St. Christoph Hammer
eine Schenke pachtete und seine Familie dahin nachkommen lie.

Hier lebte Stlpner fnf Jahre lang in stiller Zurckgezogenheit
mit den Seinigen, deren Zahl sich unterdessen noch durch die Geburt
eines Knaben vermehrt hatte und befand sich ganz ertrglich.
Sein abenteuerliches Leben zog immer viele Gste herbei, die bei
dem Anhren seiner Thaten und seiner erlittenen Schicksale beim
Bierkruge so manchen Kreuzer sitzen lieen. Mit dem Jahre 1813
zogen die Oesterreicher nach Sachsen gegen Napoleon, Sachsen erlie
Generalpardon, was Stlpner veranlate mit seiner Familie in seine
Heimat Scharfenstein zurckzukehren und seinen Abschied zu fordern, der
ihm diesmal auch gewhrt wurde.

Im Sptherbste desselben Jahres durchstreiften eine Menge Kosaken,
spottweise Bauernkosaken genannt, unser Gebirge, die berall plndernd
eindrangen und einstmals auch wohl 200 Mann stark nach Scharfenstein
kamen, um alles, was sie fortbringen konnten, mit sich zu nehmen.
Auch Stlpners Familie blieb nicht verschont, das Raubgesindel trug
ihr smtliche Habseligkeiten weg. Enrstet ber diese Frechheit eilte
Stlpner zwei Nachzglern nach und warf sie, nach einigen unsanft
ausgeteilten Rippensten in die Zschopau, um ihnen hier ein russisches
Dampfbad zu bereiten. Kurz darauf befreite er das Dorf Griebach,
wo auch eine Menge Kosaken plnderten, mit Hilfe eines ungarischen
Husarenunteroffiziers, der auf dem Schlosse Scharfenstein als
Salvegarde lag, von diesen Rubern, und hatte sich durch seine lngst
anerkannte Bravour und Khnheit einen solchen Ruf erworben, da er
berall in der Umgegend, wo solche Plnderungen verbt wurden, zu Hilfe
herbeigerufen wurde und durch seine Geistesgegenwart und derben Fuste
so manche Mihandlung der armen Einwohner sowie den Verlust ihres
Eigentums verhinderte.

Im Jahre 1814 kaufte sich Stlpner ein Haus in Groolbersdorf,
welches spter seine Tochter besa, die an den Holzhndler Schnherr
verheiratet war. Nachkommen dieses Schnherr, also Enkelkinder und
Urenkel Stlpners, leben heute noch in Marienberg, in Lauterbach und in
Lauta.

In Groolbersdorf blieb Stlpner 5 Jahre, wanderte dann, von seinem
unruhigen Geist immer wieder fortgetrieben, abermals nach Bhmen, wo
er sich in Prenitz niederlie und mit glcklichem Erfolg Paschhandel
betrieb.

Stlpner blieb bis zum Jahre 1828 in Bhmen, wo ihn das groe Unglck
traf, durch den Staar ganz zu erblinden. In dieser fr ihn hchst
traurigen Lage brachte er bis 1831 zu, wo er sich in Mittweida einer
Operation unterwarf, aber nur auf dem linken Auge die Sehkraft wieder
erlangte.

Als er im 73. Lebensjahre stand, entwirft Schnberg ber seine
Persnlichkeit folgende Beschreibung: Stlpner ist zwar noch rstig und
gesund und bietet allen Elementen Trotz, doch seine Hand, vermittelst
welcher er sonst seine tdliche Kugel so sicher zu dem verfolgten
Ziele sendete, zittert, und seine Sehkraft ist so geschwcht, da er
stets einen Blendschirm tragen mu, und ist deshalb nicht vermgend,
durch irgend eine Handarbeit seine kmmerliche Existenz zu fristen.
Er besitzt noch alle Zhne, die wohl erhalten sind, und seine Sprache
ist, vorzglich wenn er bei dem Erzhlen seiner Thaten in jugendliche
Hitze gert, noch so krftig und donnernd, da oft die Fensterscheiben
davon erklirren mchten. Ebenso ist seine ganze Haltung noch
gravittisch genug, um mit einer spanischen Grandezza darin wetteifern
zu knnen. Seine Lnge betrgt 76 schsische Zoll und seine braune
mnnliche Physiognomie verrt sogleich das ihm angeborene treuherzige
Wesen, aber auch, wenn er gereizt wird, seine leicht aufbrausende
Hitze. Die Aussprache Stlpners gleicht dem hhern erzgebirgischen
Provinzialdialekt.

In seinem hohen Alter ist Stlpner, da er vollstndig erwerbsunfhig
geworden war und kein Vermgen besa, ganz und gar auf die
Untersttzung anderer Menschen angewiesen gewesen, doch ist es falsch,
wie man hier und da hrt, da er bettelnd umhergezogen und zuletzt im
Armenhaus gestorben sei. Unter den Jagdgenossenschaften hatte man an
verschiedenen Orten Sammlungen fr Stlpner veranstaltet. Herr Pastor
Maximilian Lindner in Groolbersdorf schreibt mir: Der Wilddieb
und Abendteurer Karl Stilpner (nicht Stlpner, wie sich jetzt die
Nachkommen seines Bruders, in Scharfenstein wohnhaft, schreiben), hatte
sich zwar gar nichts fr sein hohes Alter erspart, aber so oft er sich
bei seinem Schwiegersohne hier besuchsweise aufhielt und da schon halb
erblindet war, ist er nicht von fremden Leuten untersttzt worden. Sein
Lebensabend in Scharfenstein wurde ihm, dem ehemaligen herrschaftlichen
Holzwrter, von der immer sehr gndigen Familie von Einsiedel auf
Schlo Scharfenstein, einer stillen Beschtzerin, durch ansehnliche
Spenden dergestalt erleichtert, da es ihm an Nahrung und Kleidung
nicht mangelte.

Laut Kirchenbuch zu Groolbersdorf ist Karl Stlpner am 24. September
1841 in Scharfenstein an Entkrftung gestorben und am 27. desselben
Monats auf dem Gottesacker zu Groolbersdorf christlich beerdigt worden.

Ueber Stlpners Sohn teilt mir gtiger Weise Herr Pastor Lindner
weiter mit: Stlpners Sohn, in Bhmen geboren, diente als Jngling
von ungefhr 18 Jahren bei Fabrikdirektor Leonhardt in Scharfenstein.
Im Jahre 1845 habe ich mit Herrn Leonhardt diesen Stlpner als Soldat
in Theresienstadt gesehen. Im Jahre 1875 oder 1876 hat mich dieser
Stlpner hier besucht und befand sich in schlechtem Zustande. Wo er
sich jetzt aufhlt, ist mir unbekannt.


_Ende._




    Weitere Anmerkungen zur Transkription


    Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
    korrigiert.

    Der Begriff _aufzuheben_ statt _auszuheben_ wurde wie im Original
    beibehalten.

    Korrekturen:

    Titelseite: Lse e -> Lseke
      Druck und Verlag von E. _Lseke_

    S. 9: mitgenommen -> mitgenommenen
      mit einer aus Vorsicht _mitgenommenen_ Messergabel

    S. 10: Gutsbesitzer -> Gutsbesitzers
      Verwendung eines _Gutsbesitzers_ dieser Gegend,

    S. 14: Mensche -> Mensch
      Jeder rechtliche _Mensch_ ist verpflichtet,

    S. 17: letzterer logisch falsch: mu _ersterer_ sein
    (nicht gendert)
      bis _letzterer_ in Stcke zersprang.

    S. 22: Oberfrsterer -> Oberfrster
      Der gute _Oberfrster_ mahnte Stlpnern,

    S. 44: pnklich -> pnktlich
      auch hierin _pnktlich_ Folge leisteten

    S. 47 vielleich -> vielleicht
      _vielleicht_ htte er dieselben ebenso bereitwillig erhalten.

    S. 52: da -> das
      Regimente zurck, _das_ nach der Jenaer Schlacht





End of the Project Gutenberg EBook of Altes und Neues ber Karl Stlpner, by 
Hermann Lungwitz

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ALTES UND NEUES BER KARL STLPNER ***

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